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Title: Jüdisches Leben - in Wort und Bild
Author: Sacher-Masoch, Leopold von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Jüdisches Leben - in Wort und Bild" ***

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transcription was produced from images generously made
available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State
Library.)



    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrter Text ist +so dargestellt+.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



    Jüdisches Leben

    in

    Wort und Bild.

    Von

    Sacher-Masoch.

    Mit vielen Text-Illustrationen und Vignetten

    von

    Gérardin, Alphons Levy, Emil Levy, Heinrich Levy,
    Eduard Loevy, Schlesinger, Vogel, Worms.

    Dritte Auflage.

    [Illustration]

    MANNHEIM.

    DRUCK UND VERLAG VON J. BENSHEIMER.



Vorwort.


Man hat viel über die Juden geschrieben, aber erst seit einem
halben Jahrhundert hat man angefangen sie ohne Voreingenommenheit,
ja mit Interesse zu betrachten. Bis dahin waren ihre grossartigen
wechselvollen Schicksale im Alterthum und ihr langes Märtyrerthum nach
und während ihrer Zerstreuung nur von Gelehrten und Geschichtsforschern
in parteiischen, von Leidenschaft getränkten Werken gewürdigt worden,
die der jüdischen Rasse oft mehr feindlich als sympathisch gesinnt
waren.

Unter der Einwirkung der liberalen und humanitären Ideen, welche jetzt
die Welt beherrschen, werden die barbarischen Vorurtheile, welche die
Juden ausnahmslos als Parias betrachteten, bald gänzlich verschwunden
sein. Ueberall weichen diese Vorurtheile von den Fortschritten der
Freiheit und Zivilisation zurück; man findet sie nur noch und zwar
sehr abgeschwächt, in einigen Provinzen des östlichen Europas. Sonst
geniessen die Juden überall, wo Freiheit herrscht und besonders in den
westlichen Staaten in Frieden alle Vorrechte des freien Mannes, gerade
so wie sie dessen Rechte ausüben und dessen Pflichten erfüllen. Sie
hängen aufrichtig an dem Lande, in dem sie geboren wurden, ohne jedoch
im geringsten die Lebensfähigkeit ihrer Rasse einzubüssen, ohne ihre
traditionellen Gefühle zu verleugnen, ohne die Gemeinschaft mit den
über die ganze Erde zerstreuten Brüdern aufzuheben. Sie lieben ihr
Vaterland und dienen ihm treu.

Sobald es ihnen gestattet ist mit demselben Rechte wie ihre übrigen
Mitbrüder nach allen Berufsstellen, Ehren und Auszeichnungen zu
streben, wissen sie sich derselben auch würdig zu bezeigen und viele
unter ihnen erreichen sogar die höchsten Stellen. Dadurch haben die
Juden ihre Befähigung zur Litteratur, zu den Wissenschaften ebenso wie
zu den Gewerben und zum Handel bewiesen.

Seit aber Juden unter den gebildeten Nationen Bürger geworden sind wie
alle anderen, müssen sie sich dem Einflusse des Kreises, in dem sie
geboren wurden oder in dem sie leben, beugen. Allmählich und unmerklich
nehmen sie die äusseren Gewohnheiten und Sitten desselben an; die
intimen Gebräuche widerstehen länger, aber für viele unter ihnen ist
das alte jüdische Leben heute nur noch eine poetische Erinnerung wie
die an das Ghetto.

Um die alten jüdischen Sitten mit ihrem biblischen Charakter, ihrem
naiven Aberglauben, ihren poetischen Legenden und ihrem stark
ausgeprägten Gefühl für das patriarchalische Leben wiederzufinden, muss
man sie in den Dörfern und kleinen Städten des Ostens, im Elsass, im
östlichen Deutschland, in Oesterreich, Polen und sogar in England und
Spanien, das heisst so ziemlich überall mit Ausnahme der grossen Städte
aufsuchen.

In diesen verschiedenen Landschaften nun hat Sacher-Masoch, der
wohl bekannte Autor des »Vermächtniss Kains« und zahlreicher ebenso
origineller, entzückender Werke, Beobachtungen gesammelt, die er in dem
»Jüdischen Leben«, das heute veröffentlicht wird, niedergelegt hat. Auf
diese Weise hat er eine abwechslungsvolle Reihe kleiner Gedichte in
Prosa geschaffen, von dichterischem Schwung und Kraft, voll schlagender
Gegensätze, lebhafter bald scherzhafter, und komischer, bald ernster,
düsterer aber immer wahrheitsgetreuer Gestalten und Szenen.

Die Litteraturfreunde wissen in wie hohem Grade Sacher-Masoch es
versteht, seinen Schöpfungen Bewegung und Farbe zu verleihen, wie
man zuerst versucht ist zu glauben, dass alles auf einer Nadelspitze
erbaut ist, und wie es sich dann plötzlich zu einer weiten Szene
öffnet, in der sich Personen und Situationen in überraschender Weise
vervielfältigen. Man kennt die glänzenden Eigenschaften des Autors,
seinen humoristischen Geist, seine alles durchdringende Poesie, seine
heit're milde grossmüthige, wenn auch mit einem leichten Anflug von
Pessimismus gefärbte Philosophie, seinen kräftigen, massvollen Stil
voll Leben, Kraft, diesen so originellen, so ganz persönlichen Stil,
der im Geiste des Lesers zahllose Gedanken und Bilder wach ruft.

Der litterarische und moralische Werth dieser reizenden
Sittenschilderungen haben uns veranlasst eine reich illustrirte Ausgabe
zu veranstalten. Wir haben infolge dessen die berufensten Künstler,
die das jüdische Leben aus dem Grunde kennen, zur Mitarbeiterschaft
herangezogen. Nach unserer Meinung hätte der Text nicht geistvoller,
wahrheitsgetreuer, schöner interpretirt werden können, als es Gérardin,
Alphons Lévy, Emil Lévy, Henri Lévy, Eduard Loevy, Schlesinger, Wolf
und Worms gethan haben. Die zahlreichen im Text verstreuten Zeichnungen
tragen einen lebenswarmen Ausdruck.

Wir wagen desshalb zu hoffen, dass alle Leute von Urtheil und gutem
Geschmack uns das Zeugniss geben werden, dass das »Jüdische Leben«
zu den originellsten litterarischen und künstlerischen Erscheinungen
unserer Zeit gehört.



Inhalts-Verzeichniss.


                                                           Seite

    Vorwort.

    Einleitung (Israel)                                      III

    Bessure towe (Galizien)                                    1

    Lewana (Türkei)                                           11

    Der Buchbinder von Hort (Ungarn)                          25

    Rabbi Abdon (Russland)                                    41

    Das Mahl der Frommen (Norddeutschland)                    54

    David und Abigail (Dänemark)                              74

    Schimmel Knofeles (Galizien)                              87

    Galeb Jekarim (Jerusalem)                                103

    Wie Slobe ihre Schwester verheirathet (Belgien)          117

    Frau Leopard (Polen)                                     129

    Der schöne Kaleb (Böhmen)                                145

    Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben (Spanien)       159

    Schalem Alechem (Elsass)                                 169

    Machscheve (England)                                     183

    Der Todesengel (Italien)                                 195

    Haman und Esther (Polen)                                 209

    Die Erlösung (Ungarn)                                    223

    Das Trauerspiel im Rosengässchen (Holland)               239

    Kätzchen Petersil (Rumänien)                             253

    Der falsche Thaler (Süddeutschland)                      267

    Zwei Aerzte (Oesterreich)                                281

    Die Iliade von Pultoff (Russland)                        293

    Die Geschichte von der römischen Matrone (Schweden)      307

    Du sollst nicht tödten (Croatien)                        317

    Bär und Wolf (Schweiz)                                   325

    Zweierlei Adel (Frankreich)                              335



ISRAEL.


Goethe sagt: Das auserwählte unter den Völkern ist nicht das beste,
sondern das andauerndste.

In diesem wunderbaren Ausspruch ist die ganze Geschichte des
israelitischen Volkes enthalten, alle seine Schicksale, gute und
böse, spiegeln sich in demselben. Ja, es war unter allen Völkern,
die den Erdball bewohnen, das ausdauerndste und deshalb hat es viel
grössere und wichtigere, als es selbst war, überlebt und sah den
Ruhm, die lärmenden Thaten, den Glanz der Jahrhunderte vorüberziehen,
gleich Schemen. Es hat das üppige Babylon in den Staub sinken sehen
und das Reich der Pharaonen und Rom, der Sturm der Völker brauste an
ihm vorüber, Gothen, Vandalen und Hunnen, das römische Kaiserreich
Karl's des Grossen fiel in Trümmer, das geistliche Weltreich der
Päpste, die Monarchie Karl's V., in der die Sonne nicht unterging,
Holland, Schweden, Polen, traten vom Schauplatz ab, Spanien erntete die
traurigen Folgen seiner Verfolgungswuth, der Thron der Bourbonen wurde
umgestürzt, und der neue Cäsar fand in den Eiswüsten Russlands sein
Ende, doch Israel bestand noch immer. Es trotzte dem Mord, der Pest,
dem Scheiterhaufen und ging durch den Wechsel der Zeiten, ergeben und
geduldig, die heiligen Gesetzrollen im Arm.

Kein Volk ist so oft von Eroberern unterjocht, in die Sklaverei
geschleppt, getheilt und zerstreut, keines so mit Feuer und Schwert
verfolgt, unterdrückt, beraubt, geschmäht und gequält worden und es
lebte immer und lebt noch heute, frisch und kräftig, wie einst in den
gesegneten Thälern Kanaans.

Und doch ist heute wieder eine grosse Verfolgung gegen dasselbe im
Zuge, ein Kampf, der durch alle Länder Europas geht, bedroht die schwer
errungenen Rechte, die Bildung, das Eigenthum der Israeliten, ja ihre
Existenz.

Woher in unserer Zeit, genau ein Jahrhundert nach der grossen
Revolution, nach der Proklamation der Menschenrechte, dieser Hass,
dieser Rassenkrieg, dieser religiöse Verfolgungswahn?

Mögen sich auch starke, egoistische, zumeist ökonomische Interessen
unter der religiösen und nationalen Maske verbergen, es zeigt sich
trotzdem in dieser ganzen Bewegung unleugbar eine Leidenschaft, welche
nicht durch nüchterne Motive dieser Art erklärt werden kann.

Das jüdische Volk ist das älteste Kulturvolk Europa's. Das ist der
Grund. Andere Völker, welche eine gleich alte Kultur besitzen, sind
ohne Einfluss auf uns geblieben, wie die Chinesen und Inder, oder
vom Schauplatz verschwunden, wie die Egypter, Griechen, Römer. Hier
ist aber ein Volk, mitten unter uns, das eine geordnete, musterhafte
Staatsverfassung, das gute, vernünftige, humane Gesetze, eine reine
Religion, einen erhabenen Kultus, edle Sitten, die einzig richtige
Moral und eine grosse, herrliche Litteratur besass, zu einer Zeit, wo
unsere Voreltern noch in Höhlen oder Pfahlbauten wohnten, und im Kampfe
mit wilden Thieren selbst ein halbthierisches Dasein führten. Und diese
alte Kultur, dieser reine Glaube, diese herrliche Moral sind diesem
Volke nicht zu einer Vergangenheit geworden, mit der spätere Schicksale
und eine neue Civilisation jeden Zusammenhang zerrissen haben, sie
sind keine interessanten Antiquitäten geworden, oft nur mit dem Reiz
der Rarität, wie die Religion des Inkas, wie die altgermanische
Götterwelt der Edda oder der Perun und die Lada der alten Slaven, nein,
der Strom ihrer Bildung geht ununterbrochen, nur immer breiter und
mächtiger durch die Jahrhunderte von Palästina an, durch die Blüthezeit
griechischer Kunst und römischen Staatswesens, durch das finstere
Mittelalter mit seinem grossen Kampfe der Kaiser gegen die Päpste,
durch die kirchliche Revolution Luther's und die Umwälzung von 1789
hindurch bis in unsere Tage.

Das Volk Israel ist aber nicht nur das älteste Kulturvolk, sondern auch
heute in Europa mitten unter gebildeten Völkern, die eine hohe Stufe
der Gesittung erreicht haben, das gebildetste, jenes, das den reinsten
Gottesglauben, die beste Moral, die mildesten Sitten besitzt und auf
allen Gebieten menschlichen Wissens die regste Thätigkeit entwickelt.

Die alte Kultur ist nicht ohne Einfluss auf seine physische
Natur geblieben. Durch Jahrtausende mit grossen Ideen, erhabenen
Empfindungen, edlen Gesinnungen und guten, menschlichen Sitten
vertraut, hat es die thierischen Instinkte, die barbarischen
Atavismen, weit mehr überwunden, als jedes andere und übertrifft alle
an Humanität, das ist an Friedensliebe, Abscheu vor Gewaltthat und
Blutvergiessen, Sittlichkeit und Nächstenliebe.

Dies beweist die europäische Statistik und gegen die Sprache der Zahlen
gibt es keine Einwendung. Der Hass anderer Völker gegen das Volk
Israel's ist also nichts anderes, als der Hass des Indianers gegen den
Trapper, der Hass des Wilden gegen civilisirte Menschen.

Nie hat ein wahrhaft gebildeter Geist, ein wahrhaft edles Herz,
ein wahrhaft reiner Charakter die Juden gehasst oder verfolgt, im
Gegentheil, die erleuchteten Männer aller Zeiten, aller Nationen haben
sie vertheidigt und beschützt.

Diese Auserwählten liebten und lieben die Juden aus verschiedenen
Gründen.

Zuerst, weil in dem jüdischen Volke, wie in keinem anderen, der
+Familiensinn+ lebendig ist, welcher die wichtigste Grundlage einer
gesunden, sittlichen, politischen und sozialen Entwickelung ist.

In unseren Tagen wird viel und von verschiedenen Seiten gegen die
Familie agitirt; in Deutschland sind es die Sozialisten und die Poeten
der freien Bühne, in Frankreich die Kommunisten und die naturalistische
Schule, im Osten die Nihilisten, welche ihr den Untergang geschworen
haben.

Alle diese Feinde der Familie sind in dem merkwürdigen Irrthum
befangen, dass die Ehe, die Familie, eine rein jüdisch-christliche
Einrichtung ist und gegen die Gesetze der Natur verstösst.

Die Natur kennt allerdings in Bezug auf das Verhältniss von Mann und
Weib nur ein Ziel: Die Erhaltung der Gattung.

Es sieht so aus, als ob ihr die Eltern gleichgiltig, die Kinder alles
wären. Um die Gattung zu erhalten, hat sie den Eltern den Trieb gegeben
die Kinder gross zu ziehen, bis sie sich selbst erhalten können.

Wir sehen in Folge dessen bei den Thieren, dass die Gatten mit wenigen
Ausnahmen so lange beisammen bleiben, bis die Jungen gross gezogen sind.

Für die Menschen galt wohl im Urzustand ausschliesslich dasselbe
Naturgesetz.

Da aber kein Thier so viel Zeit zu seiner Entwickelung braucht wie der
Mensch, welcher -- sogar im Naturzustand -- nicht vor dem zehnten Jahre
im Stande ist, selbst seine Nahrung zu suchen, so musste es geschehen,
dass, während das erste Kind langsam heranwuchs, ein zweites, drittes
und viertes folgte, und so der Trieb, die Pflicht ihre Kinder
aufzuziehen, die Eltern gebieterisch zwang bis in ihr Alter zusammen zu
bleiben.

Auf diese Weise entstand die Ehe, die Familie, nicht durch religiöse
Satzungen oder politische Gesetze, sondern ausschliesslich infolge
eines Naturtriebes und vollständig den allgemeinen Naturgesetzen
entsprechend.

Wer gegen die Familie ist, ist also nicht allein gegen die Religion und
die Moral, sondern vor allem gegen die Natur, und jenes Volk, wo Mann
und Weib die Ehe scheuen und der Pflicht, Kinder zu erziehen aus dem
Wege gehen, sündigt gegen die Natur und befindet sich in der Phase des
Verfalls und der Auflösung.

Dass das israelitische Volk, als das älteste Kulturvolk den Sinn für
Ehe und Familie am kräftigsten bewahrt hat, dass Ehelose in demselben
eine seltene Ausnahme bilden, dass es mit Kindern reicher gesegnet ist,
als jedes andre, dass in ihm die Liebe zwischen den Gatten, die Liebe
der Eltern zu ihren Kindern und der Kinder zu ihren Eltern so lebendig
ist, beweist, dass die Kultur, welche es besitzt, die geistigen Vorzüge
nicht auf Kosten der physischen entwickelt hat, dass sie, statt den
Verfall der jüdischen Rasse herbeizuführen, dieselbe in einem blühenden
Zustand erhalten hat, somit, dass diese Kultur eine gesunde und
naturgemässe ist.

Ein zweites Moment des jüdischen Wesens, das ihm die Herzen gewinnt,
ist das +Mitleid+.

Schopenhauer, der Philosoph des Pessimismus, sieht im Mitleid die
edelste, schönste Blüthe des Menschenthums, die Ueberwindung des
Willens, der Selbstsucht.

Diese schönste Blüthe der Menschennatur, sie treibt nirgends so
reich wie an dem jüdischen Stamm, in keinem Volke ist das höchste
Moralgesetz, das Gesetz der Nächstenliebe so lebendig wie in dem
israelitischen.

Als die Judenbill im englischen Oberhause diskutirt wurde, fragte ein
Mitglied des Hauses den Erzbischof von Canterbury, den Primas der
englischen Hofkirche: Ist es wahr, dass die Juden eine andere Moral
haben als die Christen?

Da erwiderte der erleuchtete Oberhirt: Die Juden haben dieselbe Moral
wie wir, der Unterschied besteht nur darin, dass sie dieselbe befolgen
und wir nicht.

Kein Volk ist so mitleidig, so wohlthätig wie das jüdische, und es
fragt nicht erst lange, ob der Unglückliche die Hülfe auch verdient,
es fragt auch nicht, welchem Volke oder Glauben er angehört. Der Jude
sieht in dem Hilfsbedürftigen einen Menschen, einen Bruder und hilft
ihm, er kleidet den Blossen, speist den Hungrigen und pflegt den
Kranken.

Der Jude ist so glücklich, wenn er helfen kann, dass der jüdische
Bettler gar nicht gewohnt ist zu bitten, er verlangt und ist stolz auf
seine Armuth, denn indem er dem Wohlhabenden Gelegenheit gibt ein gutes
Werk zu verrichten, baut er ihm eine Stufe in das Himmelreich, welche
die Frommen sicherer dahin führt als Gebet und strenge Befolgung der
rituellen Vorschriften.

Eine weitere Tugend des jüdischen Stammes, welche derselbe aus seinen
ältesten Wohnsitzen mitgebracht und unter allen Verhältnissen bewahrt
hat, ist die +Achtung vor dem Geiste und dem Wissen+.

Der Jude als wahrhaft gebildeter Mensch, den die Bildung von allem
Erbtheil einer finsteren Zeit freimacht und bei dem sie die ganze
physische Konstitution verändert und verfeinert hat, verabscheut den
Krieg und alles was damit zusammenhängt. Der Kampf mit geistigen Waffen
sagt ihm besser zu und mit Recht, denn hier muss, welcher Theil auch
Sieger bleibt, das Ganze, die Menschheit, immer gewinnen, während
dort die Menschheit sich geschädigt, gestört in ihren friedlichen
Fortschritten unterbrochen sieht, gleichgiltig wer die blutigen
Lorbeeren davon trägt.

Mit dieser Achtung vor dem Geiste, vor dem Wissen geht Hand in Hand
die Liebe zur Freiheit und zum Fortschritt. Diese grosse, jüdische
Eigenschaft hat das Volk Israel zu einer ganz besonderen für die ganze
Menschheit segensreichen Rolle berufen. Zerstreut über den ganzen
Erdboden sind die Juden doch ein Volk, eine grosse Gemeinde geblieben,
und so wurden sie gleichsam die elektrischen Drähte, auf denen die
neuen Ideen und Tendenzen durch die Welt liefen, zugleich aber, gewohnt
in den Juden eines fernen Landes ebenso gut einen Bruder zu sehen
wie in jenem, der Thüre an Thüre mit ihnen wohnte, wurden sie erst
unbewusst, dann mehr und mehr mit der edelsten Absicht die Träger des
Kosmopolitismus.

Wenn die andren Völker von ihren nationalen Interessen beherrscht und
eingeengt wurden, blickte der Jude frei über die Grenzpfähle hinweg und
fühlte sich vor allem als Mensch. Sein Gesichtskreis war jederzeit ein
weiter, er umfasste die ganze gebildete Welt, ja, darüber hinaus die
Menschheit, und wenn die Andren sich befehdeten, beraubten, mit Feuer
und Schwert verfolgten, so erinnerte sie der Jude an jene höheren,
grösseren Ziele und Interessen, welche Allen gemeinsam sind und Allen
Segen bringen, während das Schwert dem Sieger ebenso gut Wunden schlägt
wie dem Besiegten.

Eine wahrhafte Geschichte der europäischen Zivilisation, nach den
einzig richtigen naturwissenschaftlichen Prinzipien eines Thomas Buckle
ist noch nicht geschrieben; wenn wir sie eines Tages haben werden,
wird sie zugleich eine ruhmreiche Geschichte des jüdischen Namens sein.

Indem ich es unternommen habe, die Juden in den verschiedenen
europäischen Ländern in einer Reihe kleiner Erzählungen vorzuführen,
hat sich von selbst eine Geschichte des jüdischen Volkes daraus ergeben.

Wir sehen in den östlichen Ländern die Juden vielfach auf einer
Stufe, die nicht weit von jener entfernt ist, die sie im Mittelalter
einnahmen, ja manchmal sogar an biblische Verhältnisse erinnert,
man sieht noch die Herrschaft des Aberglaubens, den Kampf, den
erleuchtete Geister gegen denselben führen, und langsam gegen Westen
ziehend, verfolgen wir die Fortschritte des Judenthums im Laufe der
Jahrhunderte, bis wir dasselbe in den westlichen Landen auf dem
Höhepunkt der Freiheit und der Gesittung finden, gleichberechtigt im
Staate wie in der Gesellschaft, und infolge der errungenen Rechte
doppelt eifrig in der Erfüllung aller nationalen und patriotischen
Pflichten.

Zugleich mit dieser Kulturgeschichte des jüdischen Volkes ziehen die
Sitten, die religiösen Lehren und Meinungen, die mit dem Glauben und
den Schicksalen Israels eng verbundenen, jährlich wiederkehrenden Feste
vorüber, und so fügt sich Bild zum Bilde und hilft das grosse Gemälde
vollenden, das ein Denkmal sein soll für Israel, seine Kämpfe und
Leiden, seine Befreiung und Erhebung.

            Leopold von Sacher-Masoch.



Bessure towe.

-- GALIZIEN. --

    Der Prosteck. -- Cheder. -- Chassidim. -- Masser.


Herz Maisel galt bei den Chassidim, den Zeloten, die in Sadagora
herrschten, als Prosteck. Es ist dies nicht etwa ein Mensch, der die
Gesetze verletzt, aber ein Simpel, der die Welt nicht versteht und
deshalb stets an der Schattenseite stehen bleibt. Und doch hatten ihn
die Chassidim sorgsam beschützt, als er zur Welt kam und während er
sich die Kinderschuhe ablief, sie hatten Alles gethan, um sein Glück
auf Erden und im Himmel zu sichern.

Kaum war Herz geboren, gab der Zadik, der weise wunderthätige Rabbi der
Chassidim, dem Himmel und Hölle gehorchten, seinem Vater einen Zettel.
Sein Vater hatte einen besonderen Eifer entwickelt, dem Zadik die Lulka
(Pfeife) zu stopfen, er hatte also ein Anrecht auf diesen Zettel,
welcher den Neugeborenen während der ersten acht Tage beschützen sollte.

In dieser Zeit umschwärmt nämlich Lillith, die schöne Teufelin, das
Haus im Bunde mit ihrem Gefolge von vierhundert und achtzig unreinen
Geistern. Der Pergamentstreifen mit den Namen der drei Engel Senoï,
Sansenoi und Sammangelef an den Thürpfosten genagelt, beschirmte den
kleinen Herz vor dieser Vorhut des höllischen Heeres.

Nun rückten aber andere Dämonen an, zu Tausenden, zu Millionen. Wieder
ging der Vater zum Zadik, und diesmal brachte er einen ganzen Stoss
kleiner Zettel mit, sorgsam in sein rothes Schnupftuch gewickelt. Auf
diesen Zettelchen standen die Namen der Erzväter und Erzmütter, der
Propheten und der grossen Talmudisten und Zadikim und noch verschiedene
kräftige Stellen aus der heiligen Schrift und dem Talmud.

Es galt nun dieselben richtig zu vertheilen. Abraham, Isaak und Jakob
wurden rechts vom Kinde postiert, Sarah, Rebekka, Lea und Rachel links,
Moses und der grosse Bescht, der Begründer des Chassidismus, kamen
unter den Kopfpolster. Mit den übrigen Zettelchen wurden die Fenster,
die Schlüssellöcher, der Rauchfang und die Ritzen in der Mauer besetzt.

[Illustration]

An die Thüre kamen die Namen der Engel Jehoel, Michael und Sangsagael,
welcher der Lehrer des Moses war und die Stelle aus dem Psalm 55: »Er
erlöst mein Leben, dass sie sich mir nicht nahen können.«

Trotzdem wollte der kleine Herz kein kaballistisches Genie werden,
ja er lernte in der Cheder nur mit Mühe hebräisch lesen. Aleph und
Beth waren für ihn zwei Dämonen, die ihn quälten, er verwechselte sie
unausgesetzt, und der Melamed (Lehrer) verschwendete vergeblich alle
seine Geduld an ihn, wenn der Unglückliche vor dem Sidur (Gebetbuch)
sass. Vergeblich zeigte er ihm immer wieder die Buchstaben mit dem
Deutel (Stäbchen), vergeblich versprach die hübsche, dunkeläugige
Rebezin (Frau des Lehrers) dem Chederjüngel Kuchen und Obst. Die
Hühner, welche in dem Schulzimmer umherliefen und gackerten,
beschäftigten ihn mehr als die Hieroglyphen, welche er entziffern
sollte. Da sagte der Melamed: »Höre, Herz, sobald Du Aleph und Beth
kannst, wird Dir ein Engel von der Decke einen Groschen herabwerfen.«

Das verstand der Bocher (Junge) und blickte nun mit Eifer statt nach
dem Buche, nach der Decke der Stube und erwartete den Groschen mit
offenem Munde. Der Melamed griff nun zu einem drastischeren Mittel, er
griff in die grosse Dose, die auf dem Tisch stand, schob dem kleinen
Herz eine Prise Schnupftabak in die Nase und jagte ihn unter den Tisch,
wo schon zwei andere Jüngel dieselbe Strafe erduldeten. Jedesmal,
wenn unten ein verzweifeltes Niesen ertönte, rief der Melamed: Zur
Gesundheit! und die ganze Cheder rief mit ihm: zur Gesundheit!

Doch Herz begriff noch immer nichts. Es währte lange Zeit, ehe er das
Alphabet erlernt hatte und der Melamed erklärte eines Tages, dass er
keinen Kopf zum Lernen habe und schickte ihn aus der Schule fort.

       *       *       *       *       *

So kam es, dass Herz im Geschäft seines Vaters mitzuhelfen begann,
dass der Zadik seine mächtige Hand von ihm zurückzog und dass er ein
Prosteck wurde.

Als echter Prosteck nahm er ein Weib ohne Mitgift, setzte ein Dutzend
Kinder in die Welt und kämpfte bei allem Fleiss, allem Geschäftsgeist,
den er besass, sein Leben lang mit Noth und Elend.

Es kümmerte ihn wenig, dass die Chassidim ihn einen Chamer (Esel)
und einen Schlemil (ungeschickten, unglücklichen Menschen) nannten,
wusste er sich doch keines Chilul hasthem (Vergehen gegen Gott oder das
Gesetz) schuldig, konnte er denn dafür, dass sich Riceh (Teufel) und
Dalles (Elend) bei ihm ein Stelldichein gegeben hatten?

Er wohnte mit seiner Familie in einem kleinen Hause, dessen Mauern von
aussen mit Balken gestützt waren. Eine grosse Stube war durch einen
Kreidestrich abgetheilt, wie die Staaten auf der Karte durch farbige
Grenzen von einander geschieden sind. Auf einer Seite wohnte Herz mit
seiner Frau Jüdke, seiner erwachsenen Tochter Riffke und seinen anderen
Kindern, jenseits des Striches hauste der Schneider Saduel Pjetruschka
mit seiner alten Mutter, seinem Sohne Gideon und seinem Schwager, dem
Talmudisten Reb Isaschar.

Herz ertrug alles geduldig, die Grenzstreitigkeiten mit Saduel, den
Rauch, mit dem der Ofen die Stube füllte, den Regen, der zu Zeiten
durch die Decke herabtropfte, die kärgliche Nahrung, den Mangel an
Kleidern, alles, nur eines schmerzte ihn, dass er für seine Riffke,
die so hübsch und klug war, keinen Mann fand und dass sie immer so
»verschmuddelt« (vernachlässigt) herumging.

Er hätte sie so gern wie eine Prinzessin oder doch mindestens wie eine
Schlachtzizenfrau angezogen.

Doch Riffke verlor deshalb ihre gute Laune nicht. Sie sang den ganzen
Tag, denn sie konnte nicht arbeiten ohne zu singen und sie arbeitete
den ganzen Tag. Während sie ihre grobe Wäsche nähte, sass jenseits
der Grenze Gideon auf seinem Tisch da wie ein Pascha mit gekreuzten
Beinen und liess gleichfalls die Nadel fliegen, nur dass es prächtige
Stoffe waren, Seide, Sammt, türkische Gewebe, die er zu Kunstwerken der
Toilette vereinte.

Allmählig begannen die jungen Leute ein Wort, eine Phrase zu wechseln,
und endlich fing Gideon an mit Riffke zu wetteifern. Sobald sie ihren
Gesang unterbrach, begann er zu erzählen und gab als wahre Geschichten
zum Besten, was er in den abgegriffenen Bänden der Leihbibliothek
zusammengelesen hatte, heute den Grafen von Monte-Christo, morgen die
Kapitänstochter, übermorgen die Geisterseher.

Und jedesmal, wenn irgend eine reiche Robe, eine prächtige Kazabaika,
ein königlicher Mantel fertig war, lud er Riffke ein, das Kunstwerk zu
probiren, und dann hoben alle die Köpfe um sie zu bewundern, und sogar
Reb Isaschar vergass für einen Augenblick seinen Talmud.

       *       *       *       *       *

»Wissen Sie etwas, Herz?« sagte dieser einmal plötzlich in der Nacht,
als Alle bereits zu Bette waren.

»Was? Ich weiss nichts.«

»Sie müssen versuchen Ihr Glück, um zu bekommen eine Mitgift für Ihre
Riffke.«

»Kann ich dafür,« rief Herz, »dass ich habe Unglück in Allem? Wenn
Jemand etwas Dummes thut in Sadagora, muss ich es gewesen sein, und
thut Jemand etwas Schlechtes, ist es wieder Herz Maisel, der Bösewicht,
gewesen. Soll ich denn das Kaporehändl sein für alle?«

»Sie haben recht, Herz,« gab der Alte zur Antwort, »und so will ich
Ihnen geben einen guten Rath. Heute ist die Hoschana-Raba-Nacht, wo ein
Jeder kann sein Schicksal befragen. Stehen Sie auf, wir wollen suchen
drei Nummern im Talmud. Geben Sie mir das Buch.«

Herz brachte das Buch, und Reb Isaschar, ohne sein elendes Lager zu
verlassen, die Augen geschlossen, schlug es auf.

»Sehen Sie die Seite nach.«

»Es ist einunddreissig.«

»Schreiben Sie einunddreissig.« Wieder schlug der Alte den Talmud auf.

»Und jetzt?«

»Sieben.«

»Schreiben Sie sieben, und jetzt?«

»Fünfundachtzig.«

»Schreiben Sie fünfundachtzig! Jetzt haben Sie drei Nummern 31, 7, 85.
Diese Nummern setzen Sie morgen in die Lotterie, secco terno und setzen
zehn Gulden darauf.«

»Wo hab' ich zehn Gulden?«

»Sie müssen leihen zehn Gulden, Herz, es muss geliehenes Geld sein, das
bringt Glück.«

Herz Maisel ging am Morgen über Land, brachte der Edelfrau Bistonizka
verschiedene Gegenstände, die sie bestellt hatte und bat sie ihm
zehn Gulden zu leihen. Mit diesen zehn Gulden ging er in die
Lotteriekollektion und setzte die drei Nummern, die ihm der Talmud
gegeben. Dann ging er auf den Friedhof auf das Grab seines Vaters, um
zu beten.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Sonntag, als beide Familien gerade den Mittagstisch
deckten, kam Reb Isaschar feierlich herein, die Zobelmütze kühn wie ein
Kosak auf dem Kopfe. Sein gutes Gesicht strahlte wie eine Sonne aus
Lebkuchen. »Bessure towe« (Gute Nachricht!) rief er, »Bessure towe!«

»Was ist geschehen?« fragten alle zugleich.

»Welch' ein Massel! (Glück!) Soll noch einer sagen, dass der Herz ist
ein Schlemil.«

»Reden Sie doch, Reb Isaschar.«

»Ich rede ja immerfort. Also -- aber setzen Sie sich Herz, sonst fallen
Sie um.«

Herz setzte sich.

»Hören Sie, Herz. Bessure towe! Sie haben gewonnen, Herz! Das grosse
Terno haben Sie gemacht, Herz, 48,000 Gulden haben Sie gewonnen, Herz!«

Herz blieb wie versteinert auf seinem Stuhle sitzen.

»Hören Sie, Herz, 48,000 Gulden!«

Das erste Wort, welches Herz aussprach, war »Riffke!«, dann fügte er
nach einiger Zeit hinzu: »Jetzt sollst Du haben einen Mann, mein Kind,
jeden, den Du willst.«

Dann stand er auf, ging langsam bis zu der Wand und, das Gesicht gegen
diese gekehrt, begann er laut zu beten und zu schluchzen.

       *       *       *       *       *

Als man sich etwas von dem Schrecken erholt hatte, denn eine grosse
Freude zermalmt uns ebenso wie ein grosses Unglück, sagte Herz: »Nun,
vor allem will ich geben Masser und dann erst soll Riffke einen Mann
haben.«

»Wenn Sie wollen geben Masser«, sagte Reb Isaschar, »das macht 4800
Gulden nach dem Gesetz.«

»So will ich geben die 4800 Gulden dem Saduel Pjetruschka«, sagte Herz,
»es ist besser zu helfen einem braven Menschen, als vielen geben eine
Kleinigkeit, das kann keinem dienen.«

Saduel sah Herz erstaunt an, dann nahm er ihn um den Hals und küsste
ihn.

»Danken Sie mir nicht«, sagte Herz, »es geschieht um meinetwillen. Und
Riffke? Hast Du etwa schon einen Bocher gefunden, der Dir gefällt?
Sprich, mein Kind, Du sollst ihn haben.«

»So will ich Gideon«, sagte sie rasch, »wenn er mich nämlich will.«

Gideon lächelte verlegen und reichte ihr die Hand. »Sagen Sie mir,
Riffke«, flüsterte er, »ist das alles ein Traum oder ist es wahr?«

[Illustration]



[Illustration]



Lewana.

-- TÜRKEI. --

    Das Mondheiligen. -- Befreiung aus der Sklaverei.


In einer jener engen dunklen Strassen des alten Belgrad, die zugleich
ein Bazar, ein Paradies Muhameds und ein Schlupfwinkel des Verbrechens
sind, befand sich ein kleines Kaffeehaus, das von einer Italienerin,
Frau Peregrino, gehalten wurde. Hier sass eines Abends ein junger Mann
in ein Wiener Journal vertieft, während ringsum Geschäfte aller Art
verhandelt wurden und im Hinterzimmer Zigeuner ihre wilden Weisen
spielten, gluthäugige Zigeunerinnen die Tambourine schwangen und
tanzten.

Plötzlich legte ihm die Wirthin die Hand auf die Schulter und
flüsterte: »Sie sind immer so traurig, Herr Bukarest, was haben Sie
denn eigentlich?«

»Ich möchte fort«, gab er zur Antwort.

»Weil Sie das Mädchen, das Sie lieben, nicht bekommen können.«

Nahum Bukarest zuckte die Achseln. »Mein Oheim ist Kaufmann in
Konstantinopel«, sagte er, »ich will zu ihm reisen. Können Sie mir
sagen, wie ich am billigsten hinkomme.«

»Oh! das trifft sich sehr gut«, erwiderte die Wirthin, »hier ist eine
Dame, die Sie schon mehrmals gesehen hat und Gefallen an Ihnen findet.
Ihr Vater ist Kapitän, er wird Sie auf sein Schiff nehmen. Kommen Sie.«

Frau Peregrino führte den jungen, hübschen Israeliten in ein kleines
Kabinet, in dem nur ein türkischer Divan stand. Auf diesem sass ein
schönes Weib in halborientalischer Tracht und begrüsste Nahum mit einem
koketten Lächeln. Die Wirthin sprach von seinen Plänen und liess ihn
dann mit der schlanken Schönen allein. Diese zog ihn zu sich auf die
schwellenden Kissen, und während sie heiter plauderte, fühlte Nahum
mehr und mehr die Macht ihrer fremdartigen Reize und befand sich
endlich in einer Art von Opiumrausch, von anmuthig phantastischen
Bildern umgaukelt.

Es wurde abgemacht, dass er mit Varsava, so hiess die Fremde, und ihrem
Vater, dem griechischen Kapitän Trifoniades, nach dem goldenen Horn
segeln sollte, und als die Schöne das Kaffeehaus verliess und Nahum sie
begleitete, schlang sie plötzlich auf der dunklen Strasse die Arme um
seinen Hals und küsste ihn.

Am folgenden Abend erschien der Kapitän in demselben Kaffeehaus und
vereinbarte mit Nahum das Reisegeld. Es war in der That sehr wenig, was
er verlangte, so dass Nahum von der Summe, die er zur Verfügung hatte,
noch einen beträchtlichen Theil in seiner Tasche behalten konnte.

Er fand diesmal Varsava in dem kleinen Kabinet in Gesellschaft von
drei jungen bildhübschen Mädchen, von denen zwei Ungarinnen waren,
während die Dritte aus Serbien stammte. Varsava hatte ihnen gute
Stellen in Konstantinopel zugesichert. Die eine sollte in einem
Konfektionsgeschäft, die zweite als Kassiererin in einem Kaffee, die
dritte als Kammerjungfer bei einer österreichischen Gräfin eintreten.

»Sehen Sie, mein Freund,« rief Varsava, »was Sie für eine reizende
Reisegesellschaft haben werden. Ich fürchte, dass Sie mir untreu
werden.«

Nahum erröthete und Varsava gab ihm einen leichten Schlag mit der Hand,
der beiläufig sagen wollte: Oh! ich bin Deiner vollkommen sicher.

Zwei Tage später bestiegen alle zusammen das Schiff des Kapitän
Trifoniades und fuhren die Donau hinab. Varsava beschäftigte
sich viel mit Nahum. Sie wechselte Blicke mit ihm, welche ihm
die kühnsten Hoffnungen erweckten und erlaubte sich eine Reihe
kleiner Vertraulichkeiten, welche den jungen, unerfahrenen Mann mit
unsichtbaren magischen Schlingen umgaben.

Es wurde Abend, als sie die Donaumündung verliessen. Mitten in der
Nacht, im offenen Meer, steuerte ein anderes Schiff auf sie zu. Die
beiden Kapitäne wechselten Zeichen, dann legten sich ihre Fahrzeuge
gegen einander, und der Grieche hiess Nahum und die drei Mädchen auf
das fremde Schiff übersteigen.

»Weshalb?« fragte Nahum erstaunt, »Was soll denn dies bedeuten?«

»Fragen Sie nicht erst lange,« rief Varsava, »kommen Sie.«

Sie ging voran über die Brücke, die man von Bord zu Bord gelegt hatte
und die Anderen folgten.

Während der Grieche weitersegelte, gab die seltsame Schöne Nahum einen
Wink ihr zu folgen und führte ihn in eine geräumige Kajüte, die einem
kleinen Harem glich, mit ihren türkischen Divans, ihren persischen
Teppichen und ihren weichen Pantherfellen. Varsava streckte sich auf
den goldgestickten Kissen aus, betrachtete den immer mehr verwunderten
Nahum mit einem spöttischen Lächeln und sprach: »Jetzt bist Du mein.«

Zugleich rauschte der Teppich, welcher den Eingang schloss, und ein
kräftiger hübscher Mann, in armenischer Tracht trat ein. Er stemmte die
Arme in die Seiten und lachte, dann stiess er einen leisen Pfiff aus,
und sofort drangen zwei Neger in die Kajüte, ergriffen Nahum, warfen
ihn zu Boden und fesselten ihn.

[Illustration]

»Du hast einen guten Fang gemacht«, sagte der Armenier, »die Mädchen
sind jung und schön, sie werden jedem Harem zur Zierde gereichen, was
willst Du aber mit diesem hier beginnen?« Er deutete auf Nahum.

»Wir werden ihn in Kleinasien verkaufen«, erwiderte Varsava, »weisse
Sklaven sind heute eine Seltenheit, es findet sich leicht ein Liebhaber
für solche Waare.«

Die Neger hoben jetzt den armen Nahum wie einen Sack auf, trugen ihn
hinaus und warfen ihn in einen dunklen Winkel, in dem Taue und Tonnen
lagen.

»Sagt mir doch, wo bin ich«, bat Nahum die Matrosen, »wer ist der Mann,
dem das Schiff gehört?«

»Der Herr heisst Sahag und ist ein armenischer Sklavenhändler.«

»Und Varsava?«

»Das ist seine Frau. Sie ist schlau wie eine Schlange und geschickt im
Vogelfang wie keine zweite. Du bist nicht der erste, den sie liefert.
Sie versteht sich auf Menschenwaare und auf den Sklavenhandel.«

Nahum fragte nicht weiter. Er sank zurück auf die Schiffstaue und
presste seine heisse Stirn gegen die feuchte Holzwand.

       *       *       *       *       *

Sahag landete in einem kleinen Hafen an der Küste von Kleinasien. Die
vier Opfer wurden jetzt geknebelt, in Säcke gesteckt und mit anderen
Waaren auf einen Wagen geladen. In dem von hohen Mauern umgebenen
kleinen Hofe des Hauses, das dem Armenier gehörte, befreite man sie von
ihren Fesseln.

»Meine Lieben«, sprach Varsava zu den Mädchen, die furchtsam vor ihr
standen, »Euch steht ein grosses Glück bevor, bald wird Euch Glück und
Reichthum umgeben, aber vorher müsst Ihr erst eine Schule bei mir
durchmachen, ich werde Euch die Kunst lehren Eurem künftigen Herrn
stets zu gefallen und ihn zu fesseln. Und Du«, -- wendete sie sich
an Nahum -- »Du musst erst Gehorsam und Demuth lernen. Ich gebe Dir
deshalb einen guten Rath. Ergieb Dich ruhig in Dein Schicksal. Du
wirst an Sahag einen trefflichen Lehrmeister haben, wenn Du Dich aber
wiederspenstig zeigen solltest ...«

»Dann gibt es Mittel«, sagte der Armenier ruhig, »die noch jeden zahm
gemacht haben.« Er nahm die grosse Sklavenpeitsche vom Nagel und liess
sie knallen, während die schöne Verrätherin in ein lautes brutales
Gelächter ausbrach.

Nahum senkte stumm das Haupt und ergab sich. Sahag liess ihn
verschiedene Arbeiten im Hause und Garten verrichten. Er zeigte sich
willig und gelehrig, so dass der Armenier mit ihm ausnehmend zufrieden
war und keinen Anstand nahm, ihn schon einen Monat später einer reichen
Wittwe vorzuführen, welche zu ihm kam, um einen Sklaven zu kaufen.

Nahum blickte scheu von der Seite auf die mittelgrosse schlanke
Gestalt, die in einem blauen, goldgestickten Burnus vor ihm stand und
deren schwarze Augen ihn aus dem dichten Schleier hervor neugierig
musterten.

»Das ist ein Prachtstück«, sprach Sahag, indem er Nahum auf die
Schulter klopfte, »jung, kräftig, aus gutem Hause, unterrichtet und
gelehrig. Sie werden einen vorzüglichen Diener an ihm haben, Zamira Ben
Oporte, und solch' ein Gesicht zu sehen, ist auch angenehmer als das
eines Negers.«

Zamira erwiderte nichts, sondern begnügte sich die angebotene Waare zu
prüfen. Sie untersuchte den Arm, sie besah, wie bei einem Pferde, die
Zähne und klopfte auf Nahum's Brust. Endlich nickte sie und verlangte
den Preis zu wissen. Nach langem Handeln wurden sie einig. Die Wittwe
bezahlte, und eine Stunde später wurde der neue Sklave in ihrem Hause
abgeliefert.

Zamira war die Wittwe eines reichen Kaufherrn. Sie handelte mit
orientalischen Stoffen, Pantoffeln, Schmuckgegenständen, Pfeifen und
Waffen, und besass drei Schiffe, die abwechselnd auf dem schwarzen
Meer, dem Mittelmeer und nach Indien segelten.

Es machte sie von Anfang ungeduldig, dass Nahum nur wenig arabisch
verstand, sie wollte ihn in ihrem Kaufladen beschäftigen und musste
sich vorläufig damit begnügen, ihn den Lastträgern beizugesellen,
welche die Waarenballen in ihrem Hause abluden und in den Magazinen
aufstapelten.

Es regte sich jedoch noch eine Empfindung in dem stolzen Herzen des
schönen Weibes, welche Zamira gegen Nahum aufbrachte. Sie war böse auf
sich selbst, weil sie mehr und mehr an ihrem Sklaven ein Wohlgefallen
fand, das ihr unwürdig und verächtlich erschien.

Und er? Er hatte nur einmal ihre schlanke, elastische Gestalt, ihr
edles, feingeschnittenes Gesicht unverhüllt gesehen, und seitdem
gehörte er ihr, auch ohne dass sie ihn gekauft hätte, seine Phantasie
beschäftigte sich Tag und Nacht mit ihr, und ihre Nähe versetzte ihn
jedesmal in eine unbeschreibliche Verwirrung.

       *       *       *       *       *

Eines Tages rief ihn Zamira in ihr Gemach und kündigte ihm an, dass er
fortan im Hause zu bleiben und sie selbst zu bedienen habe. Nahum sah
mit einem wollüstigen Schauer das schöne Weib, das in einem langen Pelz
von grünem, silberdurchwirkten persischen Stoff in den rothseidenen
Kissen ruhte und die schwarzen, bösen Augen auf ihn geheftet hatte. Sie
befahl ihm, ihr die kleinen, goldgestickten Pantoffel anzuziehen und
nachdem dies geschehen war, ihr den Kaffee zu bringen.

Nahum gehorchte, aber in seiner Verwirrung stolperte er auf dem Teppich
und vergoss den duftenden Mokka.

»Du bist ungeschickt«, rief Zamira zornig, »man muss Dich zuerst
abrichten, wie ich sehe.«

Sie erhob sich und ergriff die Peitsche, die stets für ungehorsame
Sklaven bereit lag. Nahum warf sich vor ihr auf die Knie nieder
und kreuzte die Arme auf der Brust, aber seine Demuth entwaffnete
sie nicht. Zamira schwang die Peitsche und traf ihn wiederholt mit
grausamer Energie.

Plötzlich warf sie dieselbe weg und hiess ihn gehen. Dann warf sie sich
unmuthig in die Kissen zurück und nagte an den Nägeln ihrer kleinen
Hand. Sie war unzufrieden mit sich selbst, sie schämte sich, während
er die Stelle an seinem Arm küsste, wo ihn ihre Peitsche getroffen
hatte.

       *       *       *       *       *

An demselben Abend war der Mond in sein erstes Viertel eingetreten. Als
es dunkel war, hüllte sich Zamira in Pelz und Schleier und ging hinaus
in den Garten. Die schöne Lewana schwebte bereits an dem tiefblauen
Himmel. Ihr holder tröstender Schimmer hatte auch Nahum herausgelockt.
Er sass unter einem Oelbaume, vor ihm war ein kleiner Grasplatz mit
Anemonen, Skabiosen und Schwertlilien bedeckt, weiter hinaus standen
Orangen- und Zitronenbäume und schimmerte das Meer. Um ihn war die
Stille der Nacht und der balsamische Duft des Orients. Nahum erinnerte
sich der schönen Mythe, welche der Talmud erzählt.

[Illustration]

»Als der Schöpfer die beiden Himmelslichter vollendet und eingesetzt
hatte, näherte sich ihm der Mond und sprach: »Herr! es ist doch nicht
schicklich, dass zwei Diener den gleichen Rang haben, lass mich um
etwas grösser und leuchtender sein als die Sonne.« Das erzürnte Gott
und er erwiderte: »Da Du Dich über Deinen Gesellen erheben willst,
sollst Du vielmehr erniedrigt werden. Du sollst von nun an kleiner sein
als er und Dein Licht soll dem seinen nachstehen.«

Der Mond erblich und ging bedrückt von dannen. Da erbarmte sich Gott
seiner und gab ihm das funkelnde Heer der Sterne zur Gesellschaft.«

Der fromme Jude aber vergisst keinen Monat den Mond zu segnen, wenn
dieser in seinem ersten Viertel steht und Nahum empfand hier in der
Fremde, im Unglück, in der Sklaverei noch mehr das Bedürfniss dieser
Pflicht zu genügen als daheim, im Kreise der Seinen.

Als Zamira sich der kleinen Wiese näherte, sah sie ihn mitten auf der
Wiese stehen, dort wo ein Cypressengebüsch sie seinen Blicken verbarg.
Sie hörte ihn den Segensspruch sprechen, den sie so lange nicht gehört:
Gelobt sei der, der den Mond erneuert! Sie sah ihn dreimal gegen die
leuchtende Sichel hüpfen und lauschte immer erregter den Worten, mit
denen er diese Bewegung begleitete: »So wie ich gegen Dich hüpfe und
Dich nicht berühren kann, sollen auch meine Feinde mir stets fern
bleiben.« Während Nahum noch die Zipfel seines Kaftans schüttelte und
ausrief: »Wie ich den Staub von mir schüttle, so sollen auch meine
Hasser und die bösen Geister von mir weichen«, trat Zamira rasch aus
dem Gebüsch.

Nahum erschrack und warf sich zu ihren Füssen nieder.

»Du bist ein Jude!« rief Zamira und da er keine Antwort gab, fuhr sie
fort, »warum hast Du mir das verschwiegen? Auch ich bin eine Jüdin.
Ich muss jedoch hier, wo nur Muhamedaner und Armenier wohnen, meinen
Glauben verbergen. Vergieb mir, was ich Dir gethan. Ich will es gut
machen, indem ich Dir die Freiheit schenke, und Dich mit dem nächsten
Schiff zu den Deinen zurücksende.«

»Nein Herrin«, erwiderte Nahum, »das wäre eine Strafe, grausamer als
die Peitsche. Lass mich bleiben, ich verlange nichts weiter, als immer
Dein Sklave zu sein. Setz' Deinen Fuss auf meinen Nacken und erlaube
mir ihn nur jedesmal zu küssen, wenn er mich getreten hat.«

Zamira sah ihn überrascht an. »Du hassest mich nicht?« fragte sie
verwirrt.

»Wer könnte Dich hassen?«

»Gut, Du bleibst bei mir«, entschied sie mit einer stolzen
Kopfbewegung, »aber nicht als mein Diener, das ginge nicht an.«

»Wie Du willst«, rief er, »schick mich nur nicht fort.«

Die schöne Wittwe begann leise zu lachen.

»Weisst Du, warum ich Dich geschlagen habe?« fragte sie schalkhaft.
»Weil ich gegen mich aufgebracht war. Ich schämte mich meinen Sklaven
zu lieben und einen Mann, der nicht meines Glaubens ist, dem ich
niemals meine Hand reichen könnte.«

»Zamira! Ist es möglich!« stammelte Nahum.

Statt zu antworten legte sie ihm die Arme um den Hals, neigte sich zu
ihm und küsste ihn.

[Illustration]



[Illustration]



Der Buchbinder von Hort.

-- UNGARN. --

    Das jüdische Handwerk. -- Liebe zum Vaterland. -- Wissensdrang.
    -- Der Liebessekretär.


Wenn man von der Höhe hinter Esced in die ungarische Ebene
hinausblickt, die sich hier vom Fusse der Matra bis Szolnok und weiter
bis zur Theiss ergiesst, erblickt man mitten unter Weinbergen und
Weizenfeldern eine grosse grüne Insel. Es ist weder ein Wald, noch
ein Park, noch ein grosser Obstgarten, der uns so freundlich anlacht,
sondern das stattliche Dorf Hort, dessen weisse Häuser sich hinter dem
üppigen Blattwerk verbergen.

In diesem Dorfe lebte ein jüdischer Buchbinder, Namens Simcha Kalimann,
welcher sich durch verschiedene Eigenheiten bemerkbar machte. Er war
zugleich ein Orakel und eine lebende Chronik der Gegend, des ganzen
Komitates.

In seinen Schicksalen spiegelten sich jene seines Volkes in Ungarn. Er
stammte noch aus der Zeit, wo der Jude rechtlos war, er hatte damals
manches ertragen müssen, manches erduldet und bewahrte mehr als eine
tragikomische Geschichte aus jenen Tagen in dem Schatzkästlein seiner
Erinnerungen auf. Dann war die grosse Bewegung der Geister gekommen,
deren Grenzstein das berühmte Buch: »Licht« des Grafen Szechenyi
bildet, den man den »grössten Ungar« nannte.

Die Revolution von 1848 brachte die neue ungarische Konstitution, das
Ende des Feudalstaates. Das Licht drang auch in die finsteren Gassen
des Ghetto, und durch die Fenster, die sich sonst nur beim Gewitter
geöffnet hatten, den Messias zu empfangen, zog der Erlöser ein, der den
fast zweitausend Jahre Verfolgten Freiheit und Gleichheit brachte. Und
das arme furchtsame jüdische Herz verstand sofort die grosse Botschaft.

Der ungarische Jude hatte ein Vaterland gefunden, und an demselben
Tage fand dieser ängstliche, bespöttelte Mensch auch den Muth, dieses
Vaterland zu vertheidigen.

Tausende verliessen das Ghetto und schaarten sich um die ungarische
Trikolore, unter ihnen auch Simcha Kalimann. Als einfacher Honved
folgte er der Trommel Koszuth's und focht bei Kapolna, bei Waitzen und
bei Temesvar.

Dem Aufschwung, der Begeisterung folgte die Niederlage, folgten
schwere Jahre des Stillstandes, des Druckes, aber der Jude hatte seine
Menschenrechte errungen, und er vergass nicht, wem er sie verdankte.

Als der Ausgleich Ungarn seinen König und seine Konstitution wiedergab,
da gab es nirgends so viele jubelnde, glückliche Herzen, als im Ghetto.
Diesmal zog die Freiheit nicht mit Schwerterklang ein, mit ihr kam der
Friede, die Versöhnung.

Damals begannen die Juden die ungarische Sprache und ungarische Namen
anzunehmen. Da diesmal mit den letzteren nicht jener schlimme Handel
getrieben wurde, wie zur Zeit Joseph's II., wo sich die Beamten die
Familien-Namen, welche die Juden annehmen mussten, je nach ihrer
Schönheit theuer und theurer bezahlen liessen, da diesmal ein schöner
Name nicht mehr kostete als ein hässlicher, so nahm Kalimann den
schönsten, den er nach seinen Begriffen in der Geschichte fand und
nannte sich Húniády Sándor.

Damals war es auch, wo er die Flinte und die Patronentasche ausgrub,
die er nach der Kapitulation von Vilagós in seinem Garten verscharrt
hatte, und seine Trophäen aus der Honvédzeit stolz über seinem Bette
aufhing.

Wo Freiheit ist, herrscht auch der religiöse Friede. Die gegenseitige
Achtung und Toleranz aber erzeugt wieder die Aufklärung und zerstört
die Vorurtheile.

Húniády oder Kalimann galt in Hort als Freigeist, und doch war er fromm
und beobachtete streng alle religiösen Vorschriften, aber er hatte sich
von verschiedenen Gebräuchen losgemacht, die ihm weder in der Lehre
begründet, noch mit dem Fortschritt vereinbar erschienen.

Er bedeckte sein Haupt nur im Tempel, er kümmerte sich wenig um die
minutiösen Speisegesetze des Talmud, er zog sich an, wie alle anderen,
er gestattete seiner Frau, das Haar wachsen zu lassen und verbot in
seinem Hause strenge jede Art von Aberglauben.

Seine Erscheinung war durchaus nicht die eines Helden. Er war klein,
hager, unansehnlich, hatte ein fahles Gesicht voll Sommersprossen,
blondes Haar, einen blonden Schnurrbart und zwinkerte stets mit den
kleinen grauen Augen. Kalimann war nämlich furchtbar kurzsichtig, und
da er seine grosse Brille nur dann aus dem rothen Futteral hervorzog,
wenn er an die Arbeit oder an das Lesen ging, so geschah es ihm
zuweilen, dass er auf der Landstrasse einen Meilenzeiger für den
Obergespan ansah und ehrfurchtsvoll grüsste, oder ohne von ihr Notiz zu
nehmen an Frau Barkany, seiner besten Kundin, vorüberging, weil er sie
in ihrem weissen Kleid für Wäsche ansah, die zum Trocknen vor dem Hause
aufgehängt war.

       *       *       *       *       *

Kalimann arbeitete allein, mit einem kleinen Lehrbuben, Hirsch, den
er mehr aus Mitleid zu sich genommen hatte, denn er hielt sich für
fähig, allein, ohne jede Hilfe, die gesammte europäische Litteratur
einzubinden. Er arbeitete fleissig und gut, er verbrachte meist den
ganzen Tag in der Werkstätte und, wenn es nöthig war, arbeitete er bis
in die Nacht hinein bei einem elenden Talglicht und später bei einer
kleinen Petroleumlampe.

Die Arbeit war sein Stolz und die Lektüre sein Glück. Wenn es in
dieser einfachen, braven Existenz einen Schatten gab, so kam dieser
ausschliesslich auf Rechnung der Frau Rachel Kalimann oder Rosa
Húniády, wie sie sich jetzt gern nannte. Nicht dass diese stattliche,
hübsche Frau, welche durch ihren Körperumfang für das Geschäft ihres
Mannes Reklame zu machen schien, irgend welche bösen Eigenschaften an
sich gehabt hätte, aber sie hatte absolut kein Verständniss für die
geistigen Interessen ihres Gatten, für das was sie seine Grillen nannte.

Vergebens versuchte Kalimann ihr durch Stellen aus der Schrift oder
dem Talmud zu imponiren, vergebens zitirte er das Buch Hiob, um den
Werth der Weisheit zu erläutern: »Nicht wird geläutertes Gold für sie
gegeben, und nicht wird Silber gewogen als ihr Kaufpreis. Nicht wird
sie aufgewogen gegen Ophir's Schätze, gegen kostbaren Onyx und Saphir.
Der Weisheit Schmelz ist mehr als der von Perlen.«

Frau Rosa erwiderte kurz und bündig: »Was kauf' ich mir für Deine
Weisheit? kann ich mich von ihr nähren? kann ich sie anziehen? Nein.
Folglich ist sie werthlos.«

Der gelehrte Buchbinder seufzte und schwieg, aber manchmal reizte ihn
diese Verachtung seiner heiligsten Gefühle doch, und dann gab es einen
Wortwechsel und Streit. Das Ende war aber immer eine Kapitulation
Kalimann's, denn er liebte seine Frau gar zu sehr, um ihren Zorn lange
ertragen zu können. Er suchte in der Regel Rosa zu täuschen, seine
Freuden vor ihr zu verbergen.

Einmal entdeckte sie ihn Abends im Gänsestall, wohin er sich mit
Shakespeares Hamlet und einer kleinen Laterne geflüchtet hatte, und
nachdem sie ihm eine Strafpredigt gehalten hatte, zwang sie ihn sofort
zu Bett zu gehen.

Kalimann gehorchte, aber nahm den Hamlet mit ins Bett. Doch kaum hatte
er ein paar Verse gelesen, so erhob sich Rosa in ihrer ganzen Majestät
und blies ihm das Licht aus.

Kalimann war verzweifelt, aber er wagte keinen Widerstand. In stummer
Ergebung legte er sein Haupt auf den Kopfpolster und schnarchte bald
mit Hirsch um die Wette. Nach einiger Zeit richtete er sich jedoch
vorsichtig auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, dass seine Frau
schlief, nahm er leise sein Buch und seine Brille, schlich hinaus und
las draussen auf der morschen Bank vor dem Hause, beim Licht des Mondes
die Tragödie des Dänenprinzen zu Ende.

[Illustration]

Ja, er liebte die Bücher zärtlich, leidenschaftlich, und da er nicht
genug Geld hatte um sie zu kaufen, so las er jedes Buch, das ihm
anvertraut wurde, ehe er dasselbe einband. Und da nicht er die Bücher
wählte, die sich bei ihm in der Werkstatt ein Stelldichein gaben, da
der Zufall ihm heute einen Roman, morgen ein medizinisches, übermorgen
gar ein theologisches Werk in die Hand spielte, so las er alles
durcheinander und es entstand in seinem armen Kopf ein unglaublicher
Wirrwarr der mannigfachsten Kenntnisse und Anschauungen. Je besser ihm
ein Buch gefiel, desto sicherer konnte der Eigenthümer sein, es erst
nach langer Zeit und nach wiederholten Mahnungen zurück zu erhalten.

In Bezug auf den Einband hatte Kalimann seine Nuancen. Natürlich gab
der Preis, den man ihm festsetzte, den Ausschlag in Bezug auf das
Material, aber Farbe und Verzierung wählte er, unbeirrt durch die
Wünsche und Forderungen seiner Kunden, stets nach dem Inhalt und Wesen
und dem Werth des Buches.

       *       *       *       *       *

Wenn er die gebundenen Bücher ablieferte, brachte er dieselben stets
in einem grossen farbigen Taschentuche eingeschlagen und benutzte die
Gelegenheit um sein Urtheil abzugeben.

Manchmal hatte er jedoch Meinungen, die ihm gefährlich schienen, die
er nicht auszusprechen wagte, und dann sagte er regelmässig: So lange
man lebt, darf man nicht reden, und wenn man todt ist, kann man nicht
reden.

Da war z. B. Frau Zoë Barkany, eine hübsche, reiche Jüdin, welche
eigentlich Sarah Lämmel hiess. Von ihr erhielt er Werke der klassischen
Litteratur und Romane zum Einbinden. Er nahm für den Deckel blau, grün
oder roth und als Zierrath eine goldene Lyra oder ein von einem Pfeil
durchbohrtes Herz.

Hier schwelgte er in Aesthetik und wagte manchmal Bemerkungen, welche
an ritterliche Galanterie streiften, denn alle Heldinnen der Stücke und
Romane, die er verschlang, nahmen für ihn die Gestalt und die Züge der
hübschen Frau Barkany an.

Als er sie einmal im Garten traf, im weissen Kleide, die Guitarre im
Arm, rief er aus: »Gott soll mich strafen! Die Prinzessin Eboli aus
Don Carlos von Schiller!« Ein anderes Mal, wo sie eine Morgenjacke
aus türkischem Stoff trug, verglich er sie mit der Rebekka aus Walter
Scott's Ivanhoe.

Später wusste Frau Barkany schon, was der Buchbinder auf dem Herzen
hatte, und rief jedesmal lachend: »Nicht wahr? die Esmeralda bin ich,
oder bei der Herzogin haben Sie natürlich wieder an mich gedacht.«

Dem Notar band er juristische Werke ein, da entwickelte er jedes Mal
seine eigenthümliche Rechtsphilosophie, beim Doktor stürzte er sich mit
Eifer in eine medizinische, bei dem in Ruhestand versetzten Professor
Harburg in eine historische oder geographische Diskussion. Und immer
fand er einen originellen, nicht selten spasshaften Gesichtspunkt. So
behauptete er steif und fest, schon Moses habe die Trichinen entdeckt
und deshalb den Genuss des Schweinefleisches verboten.

       *       *       *       *       *

Simcha Kalimann übte aber auch eine Art moralisches Richteramt aus.
Frau Barkany gab ihm eines Tages Zola's »Nana« in der Budapester
deutschen Ausgabe mit Illustrationen. In der Dämmerungsstunde ertappte
er Hirsch, der sich im Winkel beim Fenster an den Bildern ergötzte.
Er ergriff ihn beim Schopf, schüttelte ihn wie einen jungen Hund und
begann dann in dem Buch zu blättern. Er schüttelte den Kopf, dann
wischte er seine Brille ab, als traue er seinen Augen nicht und endlich
klappte er das Buch zu.

Frau Barkany wartete lange Zeit geduldig auf ihre »Nana«, dann sendete
sie ihre Köchin Gütel und bat um dasselbe, da aber Kalimann Ausflüchte
gebrauchte und wieder ein paar Wochen vergingen, ohne dass Zola's Roman
abgeliefert wurde, so erschien eines Tages die schöne Frau selbst in
Kalimann's Hause.

»Ich möchte doch endlich meine »Nana« haben«, sagte sie.

»So?« Kalimann fuhr fort zu arbeiten.

»Haben Sie das Buch noch nicht gebunden?«

»Nein.«

»Wann kann ich es also haben?«

»Das Buch bekommen Sie nicht zurück, Frau Barkany.«

»Wie? Sie sind wohl nicht gescheidt!«

    »Es ist besorgt und aufgehoben,
    Der Herr wird seine Diener loben«,

antwortete Kalimann mit den Versen aus Schiller's Gang nach dem
Eisenhammer, »die »Nana« habe ich einfach in den Ofen gesteckt.«

»Kalimann, das ist wirklich stark!«

»Das ist kein Buch für eine jüdische Frau.«

Frau Barkany war roth geworden, aber sie gab sich noch nicht für
besiegt. »Wenn Sie mir das Buch verbrannt haben«, sagte sie, »werden
Sie mir Schadenersatz dafür leisten.«

»Sehr gerne«, sagte der Buchbinder, nahm ein Bild von der Wand und gab
es ihr. Es war die Scene aus Schiller's Glocke, wo die Mutter von ihren
Kindern umgeben im Erker ihres Hauses thront. Unter dem Bilde waren die
Verse zu lesen:

    Im Hause waltet
    Die züchtige Hausfrau,
    Die Mutter der Kinder,
    Und herrschet weise
    Im häuslichen Kreise.

       *       *       *       *       *

Gelehrte, Dichter, Künstler verehrte der Buchbinder von Hort fanatisch,
ob sie Juden, Christen oder Türken waren. Als er das erste Mal bei Frau
Barkany das bekannte Bild sah, das Schiller zu Karlsbad auf einem Esel
sitzend, darstellt, begann Kalimann zu weinen.

»So ein Mann muss reiten auf einem Esel«, rief er aus, »während so
gewöhnliche Menschen, wie der Baron Fay oder der Herr von Mariassy
reiten stolz auf Pferden.«

Später erinnerte er sich aber, dass Bileam eine Eselin geritten hatte
und kam schliesslich zu dem Resultat, dass Schiller auch ein Prophet
war.

Vielleicht steckte auch in Kalimann ein Poet, ein Prophet.

Er trieb nämlich neben der Buchbinderei noch ein anderes Handwerk,
das unter den Juden im Osten nicht allzu selten ist und auch seinen
goldenen Boden hat.

Kalimann war nämlich Liebessekretär.

Das will sagen, er machte ein Geschäft daraus, Leuten, die weder lesen
noch schreiben konnten, Liebesbriefe zu verfassen. Hier zeigte er sich
als der Anakreon und Petrarca von Hort. Zahlreiche Kunden strömten ihm
zu und Kalimann sicherte sich durch seine zärtliche, gefühlvolle Feder
ein ganz hübsches Nebeneinkommen.

Eines Tages erschien auch Gütel Wolfram, die Köchin der Frau Barkany,
bei ihm und bestellte einen Liebesbrief an ihren Freund in Gyöngös.

»Also, mein Schatz, Sie hat auch Amor's Pfeil getroffen«, sagte
Kalimann schäkernd.

»Gott über die Welt!« rief Gütel, »er heisst doch nicht Amor, sondern
Mendel Sucher und mit Pfeilen schiesst er auch nicht.«

Nachdem die verliebte Köchin dem Buchbinder ihre Gefühle geoffenbart
hatte, verlangte sie den Preis zu wissen.

»Das hängt nicht von der Länge des Briefes ab«, erwiderte Kalimann,
»sondern ganz von der Qualität.«

    1. Ein freundlicher Brief                      10 Kreuzer
    2. Ein Brief, der liebenswürdig und ermunternd 15    "
    3. Ein zärtlicher Brief                        20    "
    4. Rührend                                     30    "
    5. Ein recht zum Herzen sprechender             ½ Gulden.

»Also für diesmal einen freundlichen«, sprach Gütel und legte 10
Kreuzer auf den Tisch.

»Für Sie«, sagte Kalimann galant, »soll er für denselben Preis
freundlich, liebenswürdig und ermunternd sein.«

Mendel Sucher bekam den nächsten Tag den Brief, und da er auch nicht
lesen konnte, so ging er zu Saul Wehl, der Schreiber bei einem
Advokaten in Gyöngös war und dasselbe erotische Metier betrieb.

Wehl las ihm den Brief Kalimann's mit solchem Pathos vor, dass Mendel
ganz ergriffen war und sofort einen Zwanziger auf den Tisch legte,
damit Saul ihm einen ebenso schönen an Gütel schreiben möge.

Saul erkannte sofort Kalimann's Schrift und dachte: »Ich will dem
Buchbinder einmal beweisen, dass man auch in Gyöngös Briefe schreiben
kann und die Klassiker liest«. Und er schrieb an Gütel einen Brief, der
vollständig gespickt war mit Zitaten aus dem hohen Lied, aus Goethe,
Petöfii, Heine und Chateaubriand, dass der armen, kleinen Köchin der
Kopf davon ganz wirblig wurde, als Kalimann ihr die Liebesepistel
vorlas und dass der Buchbinder selbst sich hinter dem Ohr kratzte und
murmelte: Er ist belesen, der Saul, und hat eine kräftige Feder; wer
hätte das gedacht!

In dieser Weise ging der Briefwechsel zwischen Gütel und Mendel, oder
eigentlich zwischen Kalimann und Saul fort.

Wenn Kalimann den Mendel »mein holder Freund« oder »mein Täubchen«
nannte, so prunkte wieder Saul mit Wendungen, wie: »Ihre Gazellenaugen,
Ihre Elfengestalt, Ihre Rosenlippen, Ihre Stimme, die wie Sphärenmusik
erklingt.«

Dem liebenswürdigen Brief hatte Kalimann mehrere zärtliche und zwei
rührende folgen lassen. Endlich kam der recht zu Herzen sprechende.
Gütel hatte sich entschlossen, den halben Gulden zu opfern und brachte
Kalimann überdies noch eine gute Flasche Wein. Der Buchbinder schenkte
ein, trank, schnalzte mit der Zunge und begann zu schreiben.

Plötzlich aber rief er aus: »Wissen Sie, Gütel, das war eine gute Idee
mit dem Wein, aber Hafis singt nicht vom Wein allein, auch frische
Mädchenlippen haben ihn begeistert.«

Diesmal verstand Gütel sofort: »Da ich schon einen halben Gulden
spendirt habe«, sagte sie verschämt, indem sie sich den Mund mit der
Schürze abwischte, »und die Flasche Wein, kommt es mir auf einen Kuss
auch nicht mehr an«, und sie gab dem glücklichen Buchbinder einen
kräftigen Schmatz. Nun flog die Feder über das Papier, und als Kalimann
Gütel den Brief vorlas, vergoss sie Thränen.

Mendel war vollständig geknickt, als Saul ihm den zum Herzen
sprechenden Brief noch überdies mit tremulirender Stimme vordeklamirte.
Er stürzte hinaus, lief geradenwegs zu Herrn Schönberg, in dessen
Fabrik er beschäftigt war und bat um seinen Abschied.

»Was haben Sie denn?« fragte der Fabrikant, »weshalb wollen Sie denn
fort? soll ich Ihnen den Gehalt aufbessern?«

»Nein, nein, Herr Schönberg, aber ich halte es nicht mehr in Gyöngös
aus, ich muss nach Hort.«

»Nach Hort? Weshalb?«

Stumm reichte ihm Mendel den Brief.

Der Fabrikant las und lächelte. »Ein Teufelskerl, der Kalimann!«
murmelte er, »an dem ist ein Romancier verdorben. Aber das wollen wir
anders machen, Mendel. Sie bleiben bei mir und heirathen die Gütel. Ich
gebe Ihnen eine kleine Wohnung im Fabriksgebäude, und Frau Barkany soll
das Mädchen ausstatten.«

Mendel strahlte, am Liebsten hätte er den guten Schönberg umarmt.
Dieser gab ihm gern Urlaub für einen Tag und der Glückliche eilte nach
Hort in die Arme Gütel's. Wirklich entschloss sich Frau Barkany,
ihre Köchin, die vom dreizehnten Jahre treu bei ihr gedient hatte,
auszustatten, und zur fröhlichen Zeit der Weinlese wurde in Hort die
Hochzeit gefeiert.

Oben an der Tafel, auf dem Ehrenplatz neben dem Rabbiner sass der
Buchbinder von Hort. War doch alles sein Werk und es war nicht das
erste Paar, das er vereint und das der Rabbiner gesegnet hatte.

Als die Reihe an ihn kam, einen Toast auf das Brautpaar auszubringen,
erhob er sich, das Glas mit dem perlenden Wein in der Hand und sprach
die Verse Schiller's:

    Ehret die Frauen, sie flechten und weben,
    Himmlische Rosen in's irdische Leben.

[Illustration]



[Illustration]



Rabbi Abdon.

-- RUSSLAND. --

    Die Kabbalah. -- Der Jude als Ackerbauer.


Die Sonne war untergegangen. Die Nebel des düsteren Winterabends
breiteten sich langsam um die Thürme und Dächer der kleinen Stadt,
welche tief im Süden Russlands zwischen wilden Waldrevieren, Sümpfen
und Steppen verloren war. Der Sturm hatte überdies hohe Schneewälle
aufgeführt, welche die Menschen in ihren kleinen hölzernen Häusern
gefangen hielten. Im letzten Abendstrahl schienen die Frostblumen
an den kleinen Fenstern noch einmal in den Farben des Frühlings
aufzublühen.

Dann erlosch auch dieser armselige Schimmer und graue eintönige
Dämmerung erfüllte das weite Gemach, in dem der greise Rabbi Abdon
sass, vertieft in seltsame Gedanken und Erinnerungen.

Die alte Magd kam leise herein, zündete die Lampe an und verschwand
wieder unbemerkt, wie sie gekommen. Der Rabbi regte sich keinen
Augenblick. Das flackernde Licht tauchte all' die heiligen und
geheimnissvollen Dinge, die ihn umgaben, die Gesetzrollen, die
Lederbände des Talmud, den Sochar, das Buch des Glanzes und den Ilan,
den Baum des Lebens, an der Wand in eine Art Verklärung, aber der Greis
sah sie heute nicht. Sein hagerer Körper, in sich zusammengesunken,
schien leblos, sein mit Runzeln bedecktes Antlitz erstarrt, nur die
grossen Augen verriethen, dass sein Geist noch nicht entflohen war.

Er fragte sich in diesem Augenblick, warum er noch lebe? Er hatte
ein gottesfürchtiges tadelloses Leben hinter sich, und er hatte alle
Geheimnisse der Kabbalah erschlossen, ihn erwartete die Seligkeit der
Frommen und der grosse Lohn, welcher jedem zugesagt ist, der sich mit
der Wissenschaft beschäftigt, die Gott selbst dem Adam überliefert
haben soll. Was half ihm aber seine Frömmigkeit? was half ihm sein
Wissen. Er war allein, einsam in einer Welt, die er nicht verstand,
und die ihn nicht verstand, verlassen, ohne Liebe, unter Menschen, die
ihm nur mit heiliger Scheu und Ehrfurcht nahten.

Was nützten ihm am Rande des Grabes Gematria, Notarikon und Themurah,
die Lehre, mit deren Hilfe man den geheimen Sinn entziffert, den Gott
in die heilige Schrift gelegt? Was nützte es ihm, dass er in stillen
Nächten den Urquell des Lichtes, des Geistes und des Lebens, den
Verborgendsten der Verborgenheiten wie hinter einem Schleier sah?
dass er im Menschen die Welt im Kleinen wie in einem Zauberspiegel
betrachten konnte? dass er mit den zehn Sephirot und den vier Welten
vertraut war, dass die Engel bei ihm aus- und eingingen? Wozu diente
ihm seine Macht über die Geister und Dämonen? Er konnte Samael und
Aschmadin bannen, wenn er wollte und die schöne Lillith zwingen seinen
Geboten zu gehorchen, aber er war machtlos gegen den Nebel, der sich um
ihn zu Gestalten zusammenballte, gegen die Stimmen, die in der Stille
des Abends heimlich zu flüstern begannen.

Ja, er war allein mit seinen todten Schätzen, und er hatte doch einst
ein geliebtes Weib gehabt, schön und tugendsam, und einen Sohn -- ja
dieser Sohn -- wo war er? lebte er noch? oder war er geschieden von der
Erde wie seine Mutter?

Sie war ein stilles, reizendes Geschöpf, diese kleine Frau, die
schlank und scheu wie ein Reh durch seine Zimmer schlüpfte, wenn er in
seine Folianten versunken war. Selten nur stahl sich ihr Lächeln wie
Mondlicht in seine Seele, meist beachtete er sie gar nicht. Vergebens
schmückte sie ihre anmuthigen Glieder, vergebens liess sie ihre helle
Stimme, ihr verschämtes Lachen in diesem finstern Raum ertönen, in dem
sich ein kleiner Menschengeist vermass die Pforten des Paradieses und
der Hölle aufzureissen.

Und sie hatte ihn dennoch geliebt, aber einsam, mit ihrem armen,
darbenden Herzen war sie zu früh dahingewelkt, und eines Tages lag sie
mit ihrem letzten Lächeln auf den kalten Lippen da.

Er hatte sie verloren für immer.

Und jetzt! jetzt hätte er den kleinen Sammtpantoffel an ihrem Fusse
küssen mögen, wenn er nur wieder einmal ihren leisen Schritt hätte
vernehmen können inmitten dieser mit Staub und Moder bedeckten Welt,
die ihn umgab.

       *       *       *       *       *

Aber sein Sohn! Er lebte vielleicht noch, nur weit von ihm, sehr weit
in der Ferne.

Er war sein ganzer Stolz gewesen. Er sollte nicht allein der Erbe
seines Namens, aller seiner Habe werden, ein ungleich kostbareres,
heiliges Vermächtniss wollte er ihm hinterlassen, seine ganze
Weisheit, das Gold der Wissenschaft, das er aufgespeichert, alle
Geheimnisse, die ihm die Zauberkraft der Kabbalah aufgeschlossen hatte,
und er hatte dies alles verschmäht um eines thörichten Mädchens, um
einiger grünen Bäume und um eines Feldes voll reifender Aehren willen.

Zum Rabbiner war er bestimmt, der kleine Simon, aber er liebte die
Stubenluft nicht. Wenn der erste Sonnenstrahl auf den Lederband fiel,
vor dem er sass, war es wie ein goldener Faden von Feenhand gewoben,
der ihn hinauszog und hatte er erst diese schwarze Erde betreten, die
der russische Bauer so zärtlich liebt, da fühlte er gleich diesem den
Athem der treuen unwandelbaren Freundin, der einzigen, die uns jede
Sorgfalt, jeden Dienst tausendfach zurückgiebt, da hörte er in den
säuselnden Halmen, in den rauschenden Blättern die geheimnissvolle
Stimme der ewigen Mutter.

»O! ich kenne ein schöneres Buch«, sprach er dann zu seinem Vater, auf
den Talmud deutend, »das hat Gott selbst geschrieben, darin ist der
grüne Wald zu sehen und Sonne, Mond und Sterne.«

Wenn die Bauern ackerten, folgte er von Ferne gleich den Krähen ihrem
Pfluge, und wenn die Sicheln zur Erntezeit erklangen, verbarg er sich
hinter den Garben und weinte.

Rabbi Abdon hatte ihn schon als Kind verlobt mit der Tochter eines
reichen Mannes, von gleich edlem Stamme, des Kaufherrn Jonathan Ben
Levy in Amsterdam, dessen Schiffe bis nach Indien segelten.

Als Simon aber herangewachsen war, nahm eine Andere sein Herz gefangen.

Es war ein armes Mädchen, Darka Bariloff. Ihre Eltern besassen eine
elende Schenke in der Vorstadt draussen und einen kleinen Acker.

[Illustration]

Auf diesem Acker hatte Simon das schöne kräftige Mädchen mit dem
Leib einer Judith und dem holden, von rothblonden Flechten gekrönten
Haupt einer Ruth, das erste Mal getroffen. Er war mit seinem Sohne
Luchot-Haberith hinausgegangen in die Felder, um sich in den Geist
der Kabbalah zu versenken und sah plötzlich das jüdische Mädchen, das
hinter dem Pfluge ging, vor den ein mageres kleines Pferd gespannt war.
Da warf er den kostbaren Band weit von sich, ergriff den Pflug und
setzte die Furche fort, welche Darka begonnen hatte, und als die Arbeit
gethan war, sassen sie auf dem Feldrain und sprachen zusammen ernst und
verständig, während sie aus Feldblumen einen Kranz wand, und zwischen
ihnen blühte unsichtbar eine Wunderblume auf, die Blume der Liebe.

Der alte Rabbi erinnerte sich auch des Tages, wo es zu der
verhängnissvollen Auseinandersetzung mit seinem Sohne kam. Er sah ihn
in diesem Augenblicke vor sich mit seinen leicht gerötheten Wangen und
seinen leuchtenden Augen. Jedes der harten Worte, die er damals im Zorn
herausgestossen, war noch in seinem Gedächtniss geblieben, und er hörte
in dieser einsamen Stunde der Verlassenheit noch einmal die Antwort
seines Simon, der ruhig und ehrerbietig, aber muthig und begeistert wie
ein Prophet sprach:

»Der Jude«, rief er zuletzt, »hat sich die unglückliche Lage, in der
er sich heute noch in den östlichen Ländern befindet, nicht selbst
geschaffen; er wurde durch seine Verfolger in die engen, finsteren
Strassen des Ghetto gesperrt und von jeder Arbeit, jedem anderen
Berufe ausgeschlossen, gezwungen sich ausschliesslich dem Handel
zu widmen. Es ist aber unsere Schuld, wenn wir heute diese zweite
babylonische Gefangenschaft verlängern, die Ketten sind gesprengt,
die Schranken gefallen. Wer es mit seinem Volk, seinem Glauben
ehrlich meint, der verlasse diese finstren Winkel, in denen nur ein
kleinlicher, engherziger Geschäftsgeist zu blühen vermag, oder eine
düstre, grillenhafte, unfruchtbare Wissenschaft. Heute liegt das
Feld der geistigen Arbeit offen vor uns, offen jede Art menschlicher
Thätigkeit. In Odessa haben erleuchtete Männer unseres Stammes sich
an die Spitze einer Bewegung gestellt, welche den Juden vor allem zu
der Landwirthschaft, zum Ackerbau zurückführen soll, welche das Volk
Israel im gelobten Lande glücklich und mächtig gemacht hat.

Ich will nicht mein Leben bei den Büchern versitzen, ich will nicht
handeln und feilschen in einem dunklen Gewölbe, ich brauche Luft und
Licht, und ich will selbst meinen Acker bestellen wie Boas.«

Der Vater blieb seinen Bitten verschlossen wie seinen Gründen, und als
der Sohn bei seinem Entschluss beharrte, hatte er schon den Fluch auf
den Lippen, aber er sprach ihn gottlob nicht aus.

Dieselbe Nacht hatte sein Sohn die Stadt verlassen, und Darka war mit
ihm entflohen.

Seither, seit mehr als zehn Jahren, hatte man nichts von ihm gehört.

       *       *       *       *       *

Die Lampen brannten trüber, der Nebel um ihn wurde dichter, seine Augen
schienen zu erlöschen. Der alte Rabbi barg sein Gesicht in den Händen
und heisse Thränen flossen seine Wangen herab.

Da ging leise, ganz leise die Thüre, ein Schritt liess sich vernehmen,
so sanft und zaghaft wie vormals jener seines Weibes, und dann zupfte
es am Aermel, erst furchtsam und dann immer dringender.

Rabbi Abdon liess die Hände sinken und hob den Kopf. Träumte er noch
weiter oder war es eine selige Vision? Vor ihm stand ein Knabe, gross
und schön -- Simon -- sein Sohn -- wie er in jenen Tagen gewesen war,
als der Greis sich abgemüht hatte ihn beim Talmud und der Kabbalah
festzuhalten. Langsam, immer von der Furcht geleitet, das schöne
Bild könnte zerfliessen wie der Nebel, wie die Phantome, die seine
Erinnerung ihm vorzauberte, hob Rabbi Abdon die zitternde Hand und
berührte den Knaben.

[Illustration]

Nein es war kein Schemen, er lebte. Der Greis, welcher die Arme nach
ihm ausbreitete, um ihn zu segnen, um ihn an sein Herz zu ziehen,
sprach feierlich den Namen des Ewigen aus, des Gottes Abrahams, Isaaks
und Jakobs und begann dann laut zu schluchzen.

Durch die offene Thür stürzte jetzt Simon herein und zu den Füssen
seines Vaters, der den verlorenen Sohn stumm an seine Brust drückte.
Darka folgte, ein kleines Mädchen an der Hand und ein zweites auf dem
Arme.

Als Simon aufstand, staunte ihn der Rabbi an, er stand so gross, so
kräftig vor ihm in seinen hohen Stiefeln, seinem rothen Hemde und
seinem langen Tuchrock, und wie schön kleidete das junge jüdische Weib
der gestickte Lammpelz und der Kokoschnik der russischen Bäuerin.

»Deine Kinder!« sprach Rabbi Abdon. Es waren die ersten Worte, die über
seine Lippen kamen.

»Ja, Vater, dies ist Simon, der älteste, er hilft mir schon säen und
führt die Pferde, wenn ich pflüge, und er liest auch schon die Thora
und den Talmud.«

»Ihr habt Land gekauft? womit?« fragte der Rabbi.

»Aus dem Erlös unserer Arbeit«, erwiderte Simon, »wir haben gepflügt,
gesäet, geerntet und gespart, und heute sind wir reiche Bauern.«

»Und es wird Dir nicht schwer, Dein Feld zu bestellen?« forschte der
Greis, »kann Dein Körper es aushalten?«

»Vater, ich war auch Soldat«, rief Simon stolz, »ich habe mich gegen
die Türken in Asien geschlagen und war dabei, als Grenadier, an dem Tag
der Ehren, wo wir Russen die Festung Kars mit Sturm nahmen.«

»Wir sind gekommen, um Dich zu holen, Vater«, sprach jetzt Darka mit
einem herzlichen Lächeln.

»Ja, Grossvater«, rief der Enkel, der zwischen seinen Knieen stand,
»ich habe schon eine Laube für Dich gebaut vor dem Hause, dort werden
wir zusammen die Haggadoths lesen, willst Du?«

»Ob ich will?« rief der Greis, »gewiss will ich, Simonchen.«

       *       *       *       *       *

Heute wohnt Rabbi Abdon bei seinen Kindern und mitten unter seinen
Enkeln. Die Gesetzrollen, der Talmud, der Sohar und der Ilan haben die
Reise mitgemacht, er sitzt aber lieber in der Laube vor dem Hause, die
der kleine Simon ihm erbaut hat und noch lieber in dem Haus aus Garben,
das der Knabe ihm aufrichtet jedesmal, wenn die Ernte begonnen hat.
Dann leuchtet der blaue Himmel über ihm, um ihn wehen die Halme und
Gräser, klingen die Sicheln, die Lieder der Schnitter, und er sitzt
mitten in dem Segen mit seinem Talmud, ein Patriarch.

[Illustration]



[Illustration]



Das Mahl der Frommen.

-- NORDDEUTSCHLAND. --

    Der Possenreisser.


Adolf Tigersohn war der offizielle Possenreisser der jüdischen Gemeinde
zu Lindenberg. Er war berühmt in Israel, so weit man eben in einer
kleinen Stadt, in einem verlorenen Winkel, zwischen Haide und Moor
berühmt sein kann.

Tigersohn war zur lustigen Person der göttlichen Komödie geboren. Alles
an ihm war komisch, seine hagere Gestalt mit den langen krummen Beinen,
sein galliges, bewegliches Gesicht mit der grossen Hakennase, seine
grossen blauen Rabenaugen, sein Gang, seine Bewegungen, seine Redeweise
und doch war er im Grunde ernster als Alle, die ein grämliches Gesicht
machten. Vielleicht war er nur verkappter Philosoph, dem die Welt aus
der Höhe, aus der er sie betrachtete, klein und lächerlich erschien,
aber sicher hatte er etwas von einem Narren Shakespeares und von dem
Knappen des Ritters von la Mancha an sich.

Seine Talente waren unerschöpflich. Er war zugleich Taschenspieler,
Sänger, Schauspieler, Akrobat, Musiker, Zeichner und Poet. Wenn er die
Anwesenden nachzuahmen, wenn er Karrikaturen zu zeichnen, Gedichte,
Lieder zu improvisiren begann, so nahm die Heiterkeit kein Ende. Alle
Welt liebte ihn, die Jugend vergötterte ihn. Wer Tigersohn in seinem
Glanz sehen wollte, musste einer Hochzeit in Lindenberg beiwohnen,
da gab er sein bestes nach dem Spruche des Talmud: »Wer Braut und
Bräutigam erfreut, der hat soviel gethan, als habe er eine der Ruinen
Jerusalems auferbaut.«

Auch seine Heirath war in der lustigsten Weise vor sich gegangen.

In Lindenberg lebte ein hübsches und kluges jüdisches Mädchen Fischele
Löwenhaupt, ein Muster von einem Mädchen, aber sehr mager. Diese gute
Seele hatte den unglücklichen Einfall, eines Tages zu behaupten, dass
ein so lächerlicher Mensch, wie Adolf Tigersohn, niemals eine Frau
bekommen könne.

»Wer hat das gesagt?« fragte der Possenreisser, als ihm dieses Urtheil
hinterbracht wurde.

»Fischele Löwenhaupt.«

»So -- gerade sie wird mich nehmen.«

Nicht lange darnach war Purim, der jüdische Karneval. Fischele
war zu ihrem Oheim, dem reichen Kaufmann Marderkopf, geladen, und
als die jungen Leute heiter zu werden begannen, erschien auch der
Possenreisser, denn was wäre Purim ohne Adolf Tigersohn gewesen.

Der heitere Weise war diesmal als Türke gekleidet, hatte eine riesige
Maskennase, eine grosse Brille und eine fuchsrote Perücke.

Ein von Frau Marderkopf wunderbar nach Art des Leviathan zubereiteter
Hecht gab dem Possenreisser Anlass, mit den Leberreimen zu beginnen,
in denen er besonders gross war. Nachdem er alle Anwesenden mehr oder
minder durchgehechelt hatte, wendete er sich an Fischele und sprach
unter köstlichen Grimassen:

    Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Bär,
    Wenn manches Mädchen schweigen könnt', es vielmals besser wär.
    Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Rochen,
    Man findet schwerlich einen Mann mit nichts als Haut und Knochen.

Während die Anderen in ein schallendes Gelächter ausbrachen, floh
die arme Fischele hinaus auf den Flur und als Tigersohn sich nun
gleichfalls aus dem Staube machte, sah er sie draussen in einem dunklen
Winkel stehen und weinen.

       *       *       *       *       *

Der Possenreisser liess erst ein paar Wochen in das Land gehen, dann
kam er eines Tages in das Haus des Tapezierers Löwenhaupt, und da er
ein helles Kleid hinter den Stachelbeerhecken erblickte, schlich er
vorsichtig in den Garten und sah richtig Fischele in der Laube mit
einem Buch und einem Strickstrumpf.

Sie sah ihn gar böse an, wie eine Katze, die sich zum Sprunge bereit
macht, aber er kehrte sich nicht daran.

»Na, das ist schon ein guter Anfang,« sprach er, »Sie lachen wenigstens
nicht mehr über mich.«

»Gehen Sie, Sie sind ein schlechter Mensch,« rief Fischele, »wenn ich
keinen Mann bekomme, so sind Sie daran schuld, Sie allein.«

»Einen Mann bekommen Sie schon,« erwiederte der Possenreisser, »aber
hier in der Gegend nimmt Sie keiner -- ausser mir. Das ist richtig.«

»Sie geben es zu.«

»Gewiss, aber ich nehme Sie.«

Fischele sah ihn starr an, dann begann sie laut zu lachen.

»Sie wollen mich zur Frau nehmen? Das ist doch gar zu komisch.«

Tigersohn setzte sich gelassen auf die Bank zu Fischele und suchte ihre
Hand zu erhaschen, aber sie versteckte sie und rückte von ihm fort.

»Hören Sie,« flüsterte er, »jetzt haben wir uns nichts mehr
vorzuwerfen. Ich bin lächerlich, Sie sind lächerlich, das stimmt.
Tigersohn und Löwenhaupt stimmt auch. Man kann einen Pfau und eine Gans
nicht zusammen einspannen, aber zwei reissende Thiere, wie wir, geben
ein herrliches Gespann.«

Fischele wendete sich ab und lachte in ihr Taschentuch hinein.

»Sind Sie noch böse?«

Sie antwortete nicht, aber er erhaschte ihre Hand und küsste sie.

»Ich werde aber immer über Sie lachen müssen, Adolf, wenn ich Ihre Frau
bin.«

»Es ist doch besser, als wenn Sie über mich weinen müssten.«

»Und ...«

»Was, meine einzige Fischele?«

»Sie lieben doch die mageren Frauen nicht?«

»Ich kenne einen kleinen Doktor, der wird Sie von Ihrer Magerkeit
kurieren.«

»Also, Sie wollen mich durchaus?«

»Durchaus.«

»Gut. Ich nehme Sie.«

Der Possenreisser klatschte jubelnd in die Hände, dann packte er das
hübsche Mädchen beim Kopf und küsste sie.

Im Herbste feierten sie ihre Hochzeit. Alle Welt wünschte ihnen Glück
und Segen, aber heimlich sagte ein Jeder:

Was soll das werden? Ein Narr und eine Närrin, denn wäre sie keine
Närrin, hätte sie ihn nicht genommen.

       *       *       *       *       *

Und was wurde es? Die beste Ehe, welche Lindenberg seit
Menschengedenken gesehen hatte.

Vor allem geschah ein Wunder, Fischele war mit einem Male nicht mehr
mager. Sie fragte wiederholt nach dem kleinen Doktor, der lange
auf sich warten liess, aber plötzlich war er da, es war der kleine
Possenreisser, der schreiend in der Wiege lag und komische Gesichter
schnitt, wie sein Vater, und zugleich war Fischele zu einem üppig
schönen Weibe erblüht, um das mehr als einer den lächerlichen Tigersohn
beneidete.

Sie lebten wie zwei Täubchen. Wenn es überall Zank gab, im Hause des
Possenreissers gab es keinen, ja nicht einmal eine Gardinenpredigt, die
doch in einem deutschen Hausstand unerlässlich scheint.

»Wie macht es doch dieser Narr,« sagte eines Tages der reiche Moritz
Weintraub, »dass ihm seine Frau niemals den Kopf wäscht. Er sitzt doch
oft länger im Gasthaus als wir und niemals hat er Verdruss mit ihr.«

Das war so einfach. Als die Honigwochen zu Ende waren, kam der
Possenreisser einmal spät in der Nacht aus dem Wirthshaus zurück. Die
junge Frau war schon zu Bett. Tigersohn kam in aller Hast herein und
rief: »Schnell, Fischele, steh' auf, aber recht schnell.«

»Brennt es denn?« fragte sie erschrocken, während ihr Mann ihr die
Hausschuhe anzog.

»Nein, nein, zieh' Dich nur an.«

Sie schlüpfte rasch in den blauen Morgenrock, welchen der Possenreisser
bereit hielt.

»So,« sagte er, »noch die kleine Haube, die Dir so gut steht.«

Sie lächelte und setzte auch die Haube mit den rothen Bändern auf.

»Nein, bist Du hübsch!« rief der Possenreisser, »wer hat solch' eine
Frau in Lindenberg? Niemand als Adolf Tigersohn. So, jetzt kann es
losgehen.«

Er kniete vor ihr nieder, faltete die Hände und bat: »Gieb mir eine
Maulschelle, Fischele.«

»Warum?«

»Weil ich eine Dummheit begangen habe.«

»Was für eine Dummheit?«

»Bin ich doch geblieben so lang in der Kneipe und hab' so ein Frauchen
zu Hause. Ist das nicht eine grosse Dummheit?«

[Illustration]

Fischele begann zu lachen; sie war nicht mehr böse.

»Also -- ich bitte Dich ...«

Sie gab ihm, noch immer lachend, eine Ohrfeige.

»Noch eine, Fischele.«

Sie gab ihm noch eine.

»Aber weisst Du, dass das eigentlich gar keine Strafe ist?« rief
Tigersohn, »das thut so gut, Dein kleines Patschhändchen. Ich habe Dich
nur deshalb so hübsch angezogen, weil ich mir die Strafe versüssen
wollte, aber ich sehe, dass es überflüssig war, eine Frau, wie Du, kann
thun was sie will, sie wird dem Manne immer ein Vergnügen bereiten.«

Er begann ihre kleinen Hände zu küssen und sie -- vergass die Vorwürfe,
die sie ihm machen wollte.

Und so geschah es jedesmal. Wenn der Possenreisser irgend etwas auf
dem Gewissen hatte, sagte er zu Fischele: »Ich bitte Dich, gieb mir
eine Maulschelle.« Und sie gab ihm lachend einen Streich auf die Backe
und ärgerte sich keinen Augenblick, wenn er auch wirklich einen Fehler
gemacht hatte.

       *       *       *       *       *

Ja, es war eine gute Ehe und eine lustige Wirthschaft. Der
Possenreisser spielte seine Schwänke vor keinem Publikum mit soviel
komischem Eifer als vor seiner Frau. Sie bekam alle seine Einfälle und
Schnurren aus erster Hand.

Eines Abends hatte sie nichts als Bohnen gekocht, die er nicht so
sonderlich liebte. Dagegen trank er gern ein Gläschen Branntwein.
Tigersohn setzte sich also an die dampfende Schüssel und bat Fischele,
die Branntweinflasche auf den Tisch zu stellen. Dann begann er:
»Adolfchen, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du ein grosses Glas
Branntwein.«

[Illustration]

Nachdem er einige Zeit tapfer zugegriffen hatte, sagte er wieder:
»Adolfchen, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du ein kleines Glas
Branntwein.«

Nun ging es wieder vorwärts. Endlich als der Teller vor ihm fast
geleert war: »Adolf, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du einen
Tropfen Branntwein.«

Eine letzte Anstrengung, und der Possenreisser hatte die Bohnen
gezwungen.

»So,« sprach er, sich den Bauch streichelnd, »jetzt bekommst Du erst
recht keinen Branntwein, Spatzenkopf, warum warst Du so dumm und hast
die Bohnen gegessen.«

Einmal, am Freitag, hatte Fischele eine Kugel gemacht und zum Bäcker
getragen. Die Kugel war klein und bescheiden, und als sie zurückkam,
war sie gross und duftete gar köstlich.

»Unsere Kugel ist vertauscht worden,« sagte Tigersohn, als sie sich zu
Tisch setzten.

»Was macht mir das?« erwiderte Fischele, »ich habe die Köchin des
reichen Moritz Weintraub im Hausthor getroffen, es wird ihn nicht
umbringen, wenn er einmal unsere kleine Kugel isst.«

»Du hast recht,« sagte der Possenreisser, aber mit einem Seufzer. Da
klopfte es, und ein Schnorrer trat herein und bat um Speise und Trank.
Vergnügt lud ihn Tigersohn ein, sich mit ihm an den Tisch zu setzen
und ging in seiner Gastfreundschaft sogar so weit, dem Bettler zuerst
die Kugel anzubieten. Als das Mahl zu Ende war und der Schnorrer sich
entfernt hatte, sprach Fischele: »Und Du verlangst keine Maulschelle?«

»Wofür?«

»Weil Du dem Schnorrer zuerst die Kugel angeboten.«

»Oh!« rief der Possenreisser, »das habe ich wohl überlegt. Wie der
reiche Weintraub unsere kleine Kugel aufgetischt bekommen hat, da hat
er gewiss ausgerufen: Ersticken soll der, der zuerst von meiner Kugel
isst. Darum habe ich sie zuerst dem Schnorrer angeboten und nicht Dir.«

Fischele lachte und war zufrieden.

Da ihr Mann jedesmal viel Zeit gebrauchte, um sich an- und auszuziehen,
stellte ihm Fischele vor, er möchte doch seine Kleider jedesmal
ordentlich der Reihe nach hinlegen.

»Du hast recht,« sagte der Possenreisser, und als er Abends nach
Hause kam, nahm er Tinte, Feder und Papier und schrieb, so wie er die
Gegenstände der Reihe nach ablegte:

    1. Den Hut auf den Tisch;
    2. Den Oberrock im Schrank;
    3. Den Rock gleichfalls;
    4. Die Weste auf dem Stuhl;
    5. Das Beinkleid auf dem Nagel an der Thür;
    6. Die Stiefel neben dem Bett;
    7. Die Socken unter dem Kopfkissen;
    8. Das Hemd auf der Bettlehne;
    9. Die Halsbinde auf dem Bilde neben dem Bett;
    10. Tigersohn liegt im Bett.

Als Fischele am Morgen ihren Mann weckte, rief er: »Nun sollst Du
sehen, wie alles am Schnürchen geht.« Hierauf begann er sich anzuziehen
und zwar fing er mit Nummer 1 an. Er setzte den Hut auf, zog den
Oberrock an, darüber den Rock, die Weste, das Hemd und endlich schrie
er: »Aber wo ist Adolf Tigersohn? -- hier steht: er liegt im Bett, Du
siehst, dass das Bett leer ist. Wo ist Adolf Tigersohn?« und er suchte
sich selbst in der ganzen Stube, während Fischele lachte, dass ihr die
Thränen herabliefen.

       *       *       *       *       *

Eines Tages kündigte der Possenreisser an: Morgen ist bei mir ein Pferd
zu sehen, das soviel Augen hat, als man Tage im Jahre zählt.

Ganz Lindenberg strömte am folgenden Tag zusammen, um das Wunderthier
zu sehen, und jeder bezahlte gern zehn Pfennig Eintritt.

Endlich führte der Possenreisser feierlich sein Pferd vor.

»Aber das Thier hat doch nur zwei Augen,« schrie Weintraub, »wie jedes
andere Pferd.«

»Ich habe gesagt, soviel Augen, als man Tage im Jahr zählt,« erwiderte
der Possenreisser würdevoll, »und heute ist der zweite Januar.«

[Illustration]

An einem kalten Herbstmorgen ging Tigersohn nach der Stadt. Fischele,
um seine Gesundheit besorgt, zwang ihn, seinen schweren Pelz
anzuziehen. Doch bald kam die Sonne heraus, es wurde heiss, und der
Possenreisser schleppte seinen Pelz keuchend, wie eine Last. Da holte
er bei einem Wirthshause den Krämer Nathan Formstecher ein, der
gleichfalls nach der Stadt ging.

Nachdem sie eine kurze Strecke gegangen, begann Tigersohn: »Nathan,
können Sie mir fünf Thaler borgen?«

»Ich borge nur auf Pfand,« sagte Nathan.

Der Possenreisser, der diese Antwort erwartet hatte, erwiderte:
»Natürlich, hier ist mein Pelz, ich verpfände ihn so lange, bis ich die
fünf Thaler abbezahlt habe.«

»Abgemacht,« sagte Nathan, zog die fünf Thaler aus der Tasche, gab sie
Tigersohn und zog dessen Pelz an.

Nun keuchte Nathan unter der Last, und der Possenreisser schritt leicht
und fröhlich neben ihm her, bis zu dem Stadtthor. Hier sagte er: »Hören
Sie, Nathan, ich habe mir die Sache überlegt, es könnte kalt werden bis
zum Abend. Ich brauche meinen Pelz, geben Sie mir ihn wieder, hier sind
die fünf Thaler.«

Nathan nahm das Geld und der Possenreisser seinen Pelz. Er hatte
erreicht, was er wollte, der einfältige Nathan hatte ihm den schweren
Pelz bis zur Stadt getragen und ihm Mühe und Schweiss erspart.

Ein Landjunker, der seinen Witz auch gern mit jenem des Possenreissers
zu messen liebte, stellte sich einmal durch einen Scherz Tigersohns
beleidigt und forderte ihn zum Zweikampf.

Tigersohn nahm ruhig an.

»Wir werden uns also schiessen,« rief der Landjunker.

»Ja, schiessen,« sagte der Possenreisser, »bestimmen Sie nur Ort und
Stunde.«

»Also im Grafenwäldchen, morgen um sechs Uhr früh.«

»Sehr gut,« sagte der Possenreisser, »wenn ich aber etwas später kommen
sollte, genieren Sie sich gar nicht, fangen Sie nur an.«

       *       *       *       *       *

Es kam aber auch eine Zeit schwerer Prüfung für den lustigen
Philosophen von Lindenberg.

Der alte Rabbiner, der ihn stets begünstigte, starb und der neue war
ein Mann der modernen aufgeklärten Schule. Seine erste That war, den
Possenreisser, in dem er ein Stück altjüdischen Vorurtheils sah,
zu verbannen. Tigersohn war verzweifelt, er sollte nicht mehr den
Hochzeiten beiwohnen, nicht mehr beim Purimfeste seinen Geist leuchten
lassen, das war nicht zu ertragen.

Fischele weinte und der Possenreisser schwor dem Mann der neuen Schule
Rache.

Als wieder einmal eine Hochzeit gefeiert wurde, meldete der Diener
während der Mahlzeit, Tigersohn stehe draussen und bitte vorgelassen zu
werden, um eine wichtige, religiöse Frage vortragen zu dürfen.

Der Rabbiner wollte anfangs nicht, da aber die Gäste, welche einen
drastischen Scherz des Possenreissers erwarteten, für ihn baten, so gab
er endlich die Erlaubniss.

Tigersohn kam hierauf feierlich herein, neigte sich tief vor der
Tafelrunde und begann:

»Ich wollte den Herrn Rabbiner bitten, mich durch seine Weisheit zu
erleuchten und mir eine kitzliche Frage zu beantworten.«

Der Rabbiner gab ihm ein Zeichen, fortzufahren.

»Es steht geschrieben,« sprach der Possenreisser, »der Heilige, gelobt
sei Er! wird im Paradiese den Auserwählten ein Mahl zubereiten, das
Alles übertreffen wird, was die Einbildung eines Sterblichen ersinnen
könnte. Man wird Lendenbraten speisen von dem wilden Ochsen, dem der
Herr vierzig Hügel voll saftigen Grases eingeräumt hat, um ihn wohl
zu mästen. Man wird Ragout vom Leviathan haben in einer himmlischen
Sauce, ein Gericht, das alles übertrifft, was uns Erde und Wasser an
Leckerbissen liefern. Und vieles andere wird den Frommen vorgesetzt
werden, nur -- kein Geflügel.«

»Vom Geflügel ist bei dem Mahl der Frommen keine Rede.«

»Wie kommt dies? Es ist eine ernste Frage, deren Beantwortung ich von
dem weisen und gelehrten Rabbiner erwarte.«

Der Rabbiner zuckte mit den Achseln und sprach: »Ich wette, Du hast die
Antwort bereit, also lass' sie hören.«

»Werden Sie mir nicht böse sein, Herr Rabbiner,« sprach der
Possenreisser scheinheilig, »wenn ich spreche, wie ich denke?«

»Nein, nein!«

»Ich denke,« fuhr der Possenreisser fort, »die Sache verhält sich sehr
einfach. Bei allen anderen Thieren ist es leicht zu unterscheiden,
ob das Fleisch koscher ist oder nicht, beim Geflügel gibt es jedoch
grosse Schwierigkeiten, verwickelte Fälle, in denen nur ein Rabbiner
richtig entscheiden kann. Da aber niemals ein Rabbiner in das Paradies
kommt, müsste man das Geflügel in die Hölle schicken, und dort würde
es ohne Zweifel von den Verdammten aufgefressen werden. Deshalb, denke
ich, hat der Herr in seiner Weisheit das Geflügel vom Mahl der Frommen
ausgeschlossen.«

Der Rabbiner begann laut zu lachen und alle mit ihm, dann sprach er zu
Tigersohn:

»Ich sehe, Du bist kein gewöhnlicher Possenreisser, man kann sich den
Scherz auch in ernsten Momenten gefallen lassen, wenn sich ein edler
Kern, ein tiefer Gedanke in demselben verbirgt. Du sollst fortan frei
Deines heiteren Amtes walten und Deine Mitbürger belehren und ermahnen,
indem Du sie nur zu belustigen scheinst.«

Der Possenreisser verneigte sich tief und dankbar, und sofort rief es
von allen Seiten: »Setzen Sie sich zu uns, Tigersohn, und geben Sie uns
etwas zum Besten.«

Der Possenreisser leerte ein Glas Wein, das man ihm reichte, auf das
Wohl des Rabbiners und begann dann:

    Die Leber ist von einer Gans und nicht von einem Fisch,
    Unser Herr Rabbiner schien zu Anfang viel zu kritisch.
    Die Leber ist von einer Gans und nicht von einer Meise,
    Erst in der Folge sieht man es, wie gütig er und weise.

[Illustration]



[Illustration]



David und Abigail.

-- DÄNEMARK. --

    Ein jüdischer Soldat. -- Die Synagoge. -- Der Rabbiner. --
    Aufruf zur Thora. -- Schames. -- Das Benschen.


Der Krieg war zu Ende. Der Postillon hatte Nachmittags die Nachricht in
das Städtchen gebracht und hatte dazu das Horn geblasen, so fröhlich
und stolz, dass alle verstanden, er bringe eine grosse und glückliche
Botschaft. Die trug ein jeder rasch dem andern zu. Die Leute riefen
sich auf der Strasse und aus den Fenstern zu: Friede! und wohl nirgends
klang dieser Ruf so freudig, so aus dem Herzen in die Herzen hinein,
wie in der langen, engen, finstren Gasse, welche die Israeliten
bewohnten.

In einem kleinen Hause mit Giebel und Erker sass hier noch spät Abends
eine alte Frau, beschäftigt Hauswäsche zu flicken und betete. Wer
kannte sie nicht im Orte, die gute Rose Lilienkron, die Vertraute aller
Liebenden, die Beratherin aller verheiratheten Frauen, der Engel aller
Unglücklichen, Armen und Kranken.

Plötzlich klopfte es. Die Thüre ging leise auf, und die alte Rose,
welche ihre Brille auf die Stirn heraufgeschoben hatte, erblickte einen
jungen, hübschen Mädchenkopf, der mit leuchtenden, dunklen Augen in die
grosse Stube hereinblickte.

»Friede!« rief das Mädchen.

»Friede!« wiederholte die Alte.

Dann trat die niedliche Kleine herein, setzte sich auf den hölzernen
Schemel zu Roses Füssen, sah sie an und fragte: »Haben Sie keinen
Brief?«

»Nein.«

Die Kleine seufzte.

»Mach' Dir keine bösen Gedanken, Abigail,« fuhr Mutter Rose fort, »wenn
mein David nicht geschrieben hat, so ist es weil Gott ihn beschützt
hat. Wenn er krank oder verwundet wäre, hätten wir Nachricht.«

[Illustration]

»Und --« Abigail endete nicht. Sie neigte den Kopf, und an ihren
Wimpern hingen grosse Thränen.

»Wenn er gefallen wäre, hätte es einer seiner Kameraden geschrieben.«

Beide schwiegen einige Zeit, man hörte nur das Pochen des Windes an den
Scheiben und das sanfte Miauen der Katze, die langsam durch die Stube
schritt und jetzt mitten in derselben sitzen blieb und sich zu putzen
begann.

»Mieze macht Toilette,« rief Abigail oder wie ihre Eltern sie nannten
Adele Silberstern.

»Wir werden einen Gast bekommen,« sagte Rose.

Wieder war es einige Zeit stille, dann schlug unten der alte Hund an,
und jetzt begann er laut und freudig zu bellen. Schwere Schritte kamen
die Treppe herauf.

»Wer kann das sein? so spät?« murmelte Mutter Rose. Sie wagte nicht
auszusprechen was sie dachte und fühlte und hoffte, sie faltete
die Hände und begann zu beten. Und wieder pochte es an die alte
wurmstichige Thüre und zugleich kratzte der Hund an derselben und
begann von neuem zu bellen. Jetzt konnte sich das Mutterherz nicht mehr
halten.

»David!« rief die alte Frau und breitete ihre Arme aus.

Langsam ging die Thüre auf und ein Soldat erschien auf der Schwelle,
die Mütze auf dem Kopf, den Mantel um die Schultern.

»David!«

»Mutter!«

[Illustration]

Der gute Sohn stürzte herein in die Stube und zu den Füssen der alten
Mutter, die ihn mit zitternden Händen um den Hals nahm, ihn küsste und
segnete und wieder ansah, als wollte sie sich überzeugen, dass er es
wirklich sei, als könnte sie noch nicht an das Glück glauben, ihr Kind
unversehrt wieder zu haben. Neben ihr stand das Mädchen glücklich und
stolz, und als David ihr jetzt die Hand reichte, da rief sie aus:
»Ach, Mutter Rose! das Leben ist doch schön.«

David stand jetzt auf und schloss Abigail an seine Brust.

»Oh! wie Du von der Sonne verbrannt bist«, rief diese aus, indem sie
den Geliebten bewunderte, »und gross und stark, und ich bin so klein
gegen Dich.«

»Ich habe immer gehört,« erwiderte David, »es sei am Besten, wenn die
Frau nicht weiter reicht als bis zum Herzen des Mannes.«

»Willst Du etwas essen, mein Sohn«, begann die Mutter wieder, »oder
einen warmen Thee?«

»Und nimm doch Deinen Mantel ab«, fügte die Kleine hinzu, und schon
hatte sie ihm denselben abgenommen und an den grossen Nagel neben dem
Ofen gehängt. Wie sie sich aber wieder zu David wendete, stiess sie
einen leisen Schrei aus und wich fast erschreckt zurück. Zugleich hatte
sich Mutter Rosa erhoben und den jungen Soldaten bei den Schultern
genommen.

»David«, rief sie, »Du hast etwas Grosses gethan, das hättest Du doch
schreiben müssen. Dein König, der Herr segne ihn! war zufrieden mit
Dir. Er hat Dir ein Zeichen seiner Gunst gegeben, ein Zeugniss der
Tapferkeit, der Ehre!«

»Sprich, mein Held«, jubelte Abigail, »was hast Du gethan?«

»Nicht viel«, erwiderte David bescheiden, »meine Pflicht. Als die
Feinde die Schanzen von Düppel erstiegen, da war die Fahne meines
Regimentes in Gefahr. Wir haben sie gerettet, vier Kameraden und ich.«

»Oh! das war schön!« rief das Mädchen.

»Die ganze Khille (Gemeinde) wird stolz sein auf meinen David«, rief
die Mutter, und dann berührte ihre zitternde Hand leise das Kreuz auf
der Brust des Sohnes und fuhr rasch zurück, als hätte sie zu viel
gewagt.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Tage gingen sie alle zusammen in die Synagoge, um Gott zu
danken, Mutter Rose, David, Abigail und deren Eltern, der Weinhändler
Silberstern und seine Frau.

Es war Sabbath, und die ganze kleine Gemeinde war in dem Tempel
versammelt. Als David hereintrat, ging ein Murmeln durch die Reihen
der Männer und oben drückte sich mehr als ein schönes Frauengesicht,
mehr als ein liebliches Mädchenantlitz an das Gitter, um den prächtigen
Soldaten besser sehen zu können.

Das Haus Gottes strahlte in seinem hellsten Glanze, und all' dieser
Glanz schien in Abigails Augen heute nur dazu bestimmt, das
Ehrenzeichen auf der Brust des Geliebten noch leuchtender erscheinen zu
lassen. Der Rabbiner bestieg die Kanzel um seine Predigt zu halten. Er
hatte seinen Text gewählt und sich alles sorglich zurechtgelegt, als
aber der alte Mann den jüdischen Soldaten erblickte und das Kreuz, mit
dem sein König ihn geschmückt, da riss ihn die Begeisterung fort und
er predigte über eine Stelle aus den Sprüchen Salomos: Besser ist ein
guter Name als grosser Reichthum, guter Ruf besser als Silber und Gold.
Er predigte aus dem Stegreif, wie sein Herz es ihm eingab, und er hatte
niemals besser gepredigt.

Dann sang der Kantor. Auch er that sein Bestes. Er trillerte wie eine
Lerche, er tremolierte wie eine Nachtigall, er schüttelte das Haupt und
gestikulirte, breitete die Hände aus, beugte den Oberkörper und schlug
den Takt, Alles wie ein Künstler, der unter seinen Zuhörern irgend eine
erlesene Person weiss.

Dann ging man an das Vorlesen des Wochenabschnittes aus der Thora. Der
Erste, welcher aufgerufen wurde, war David. Schon stieg er die Stufen
hinan, um die grosse Pergamentrolle in Empfang zu nehmen, worauf die
fünf Bücher Moses geschrieben sind, als eine scharfe, näselnde Stimme
rief: »Kann ein Jude mit dem Kreuz auf der Brust zur Thora aufgerufen
werden?«

Diese hässliche Stimme gehörte Dankmar Bernstein, der sich gleichfalls
um die hübsche Abigail und wahrscheinlich noch mehr um ihre Mitgift
beworben hatte und die Gelegenheit benutzte, um sich an seinem
Nebenbuhler zu rächen.

David war bleich geworden. »Jeder gute Jude,« sprach er, »hat ein Recht
auf den Aufruf zur Thora. Dieses Rechtes verlustig erklärt werden ist
eine Strafe, eine Entehrung. Wer hat hier den Muth einem Soldaten, der
für Vaterland und König gefochten die Ehre abzusprechen?«

Alle schrieen durcheinander, aber Bernsteins Stimme übertönte Alle:
»Der Talmud verbietet Juden, die unter Heiden wohnen, deren Kleidung
anzunehmen.«

Oben, hinter dem Gitter hatte Mutter Rose die Hände vor das Gesicht
gepresst und weinte, während Abigail sich erhoben hatte, als wollte sie
den Geliebten vertheidigen.

       *       *       *       *       *

Endlich hatte der Schames, der kleine, wohlbeleibte Synagogendiener
die Ordnung und Ruhe so weit hergestellt, dass der Rabbiner, der schon
wiederholt gewinkt hatte, das Wort ergreifen konnte.

Voll Würde und Milde, neben dem Beleidigten stehend, die Arme
erhoben, begann der alte Mann: »Was musste ich hören? Kann Irrthum
so verblenden, dass der Irrgeführte im blinden Eifer Gott zu dienen,
dessen Tempel entheiligt?«

Ein beifälliges Gemurmel folgte diesen Worten.

»Was bedeutet das Kreuz auf der Brust dieses Mannes?« fuhr er fort.
»Es sagt uns: er ist ein +Jude+! und dieses Zeichen, das einst seine
Vorfahren zu Schmach und Verfolgung ausschied, zeichnet ihn heute mit
Ehren aus. Hallelujah! Preiset den Herrn.«[1]

»Hallelujah!« sang der Kantor.

»Hallelujah!« stimmte die ganze Gemeinde ein.

»Ja, gelobt sei der allmächtige Gott, der heilige Richter über Krieg
und Frieden, dass er uns in seiner gnädigen Führung zu einer Stufe
emporgeleitet hat, wo das Zeugniss der Treue, der erfüllten Pflicht
auch die Brust des Juden schmückt. Welch' eine Wandlung unserer
Geschicke! Vormals der gelbe Schandfleck auf unserem Rücken und jetzt
das Kreuz auf unserer Brust. Gottes Name sei gepriesen!«

Alle nickten zustimmend, viele erhoben die Hände, Einzelne begannen
laut zu weinen.

»Allerdings ist den Juden verboten, die Kleidung der Heiden zu tragen,
aber der Talmud gestattet ihnen, sobald sie mit hohen Personen anderen
Glaubens verkehren, deren Tracht anzunehmen. In diesem Sinne muss auch
dieses Ehrenzeichen als ein erlaubter Schmuck angesehen werden, und
dann ist das christliche Symbol kein heidnisches. Im Traktat Bechorath
Blatt 1 Seite 2, Abschnitt Schemmä heisst es: In unserer Zeit darf dem
Nichtjuden ein Schwur auferlegt werden, denn hier handelt es sich nicht
um die Anerkennung eines anderen Gottes, weil der Sinn der Schwörenden,
auch wenn sie dabei noch einer anderen Person erwähnen, dennoch auf den
Namen des Schöpfers des Himmels und der Erde gerichtet ist.

Das christliche Symbol ist kein heidnisches, und der Jude kann mit
demselben auf der Brust zur Thora aufgerufen werden. Ja, mir erscheint
dieses Symbol auf der Brust des jüdischen Mannes als eine Fügung des
Herrn, als eine erhebende Auszeichnung, als eine Verherrlichung des
göttlichen Namens Kiddusch-Haschem!«

Mit diesen Worten übergab der Greis die Thora dem Soldaten und dieser
begann laut aus derselben vorzulesen.

       *       *       *       *       *

Als der Gottesdienst zu Ende war, wendete sich der greise Rabbiner noch
einmal an David Lilienkron.

»Mein Sohn«, sprach er, »Du hast der Gemeinde, Du hast dem ganzen
jüdischen Volke, das über den Erdboden zerstreut ist, Ehre gemacht, ich
will Dich dafür »benschen.««

Er erhob die Hände und sprach: »Gott segne Dich und behüte Dich! Gott
lasse leuchten über Dich sein Angesicht und sei Dir gnädig! Gott wende
sich Dir zu und gebe Dir den Frieden!« --

[Illustration]

Als David mit den Seinen aus dem Tempel in den Hof trat, drängten sich
alle, Alt und Jung, an ihn heran, um ihm Glück zu wünschen, ihm die
Hände zu drücken und das Ehrenzeichen auf seiner Brust zu bewundern.
Zindel, der Schuster, von seiner lebhaften Phantasie hingerissen,
verstieg sich soweit, auszurufen: »Das hat ihm der König an die Brust
geheftet, mit eigener Hand, ja, mit eigener Hand!«

Am äusseren Thore aber stand der kleine Chames, umgeben von allen
Knaben, welche die Cheder besuchten, und als David, Mutter Rose am Arm,
herankam, stimmten hundert helle Stimmen das Lied an, das er und seine
Kameraden im Pulverrauch von Oversee und Düppel gesungen hatten: +Der
tappere Landsoldat+.



[Illustration]



Schimmel Knofeles.

-- GALIZIEN. --

    Der Handelsjude. -- Sabbath. -- Familienleben. -- Eheliche
    Treue.


Schon stand der Abendstern am Himmel, schon wurden in den hölzernen
Häusern der kleinen Stadt die Lichter auf den Kronleuchtern angezündet,
als sich Schimmel Knofeles endlich auf der Schwelle seines Hauses
zeigte. Zebedia, seine Frau, hatte bereits Angst, dass er, der Fromme,
Gewissenhafte, den Sabbath verletzen könnte, sie sah ihn noch mit
dem Bündel auf dem Rücken durch den Staub der Landstrasse waten,
während Israel bereits im Festglanz prangte, aber da war er schon,
Gott sei gedankt! und stand in der offenen Thüre mit seinem gutmüthig
schalkhaften Lächeln. Zebedia hatte schon die grosse Stube und den
Tisch hergerichtet, die Kinder angezogen und sich selbst mit dem
Ueberrock von dunkelrother Seide und der Stirnbinde geschmückt. Der
Rubinglanz ihres Gewandes und das Feuer der falschen Steine, die ihr
Haupt umgaben, stimmte trefflich zu ihrer südlichen Schönheit, welche
die Lieder des Hafis in das Gedächtniss zurückrief, zu ihrer üppigen
Gestalt, ihrem weissen Teint, ihren rothen Lippen und den grossen,
schwarzen Augen. Das dunkle Haar war am Hochzeitstage unter der
unerbittlichen Scheere gefallen.

Schimmel lächelte noch immer, zuerst in seiner herzlichen Freude
über das schöne, geliebte Weib und dann im Gefühl der Schätze, die
er brachte. Er stellte zuerst einen grossen Käfig zur Erde, in dem
bisher ein Geier gehaust hatte und den er als altes Eisen billig genug
erhandelt hatte und entfaltete dann eine prächtige Pelzjacke, diese
war aber vollkommen neu. Eine polnische Gräfin hatte sie spottwohlfeil
hergegeben, nur weil das Roth des Sammtes zu ihren mattgelben Möbeln
nicht stimmen wollte, und Schimmel Knofeles hatte die Gelegenheit
benutzt, seiner Frau ein fürstliches Geschenk zu machen.

Der kleine magere Jude, dessen Nase wie vom Sturm geknickt herabhing
und dessen Rücken gekrümmt war, als hätte ihn die Natur erschaffen,
Lasten zu tragen, lief die ganze Woche umher, von Stadt zu Stadt, von
Dorf zu Dorf, von Edelhof zu Edelhof, im Schneegestöber, im Regen, in
der glühenden Sonnenhitze, schwer beladen mit seinen Waaren. Er opferte
sich auf, nicht etwa, weil die Seinen sonst nichts zu Essen hatten,
nein, um seine Knaben studiren, seine Tochter Klavierspielen lernen zu
lassen und Zebedia mit aller Bequemlichkeit, ja selbst mit Luxus zu
umgeben.

Wenn er aber am Freitag zurückkehrte und wieder im Kreise der Seinen
beim Nachtessen sass, war er für alle Mühe, für alle Entbehrungen
reichlich belohnt.

So war es auch jetzt, als er die Pelzjacke ausbreitete und seine Frau,
nachdem sie dieselbe sattsam bewundert und geprüft hatte, lächelnd,
mit zwei behaglichen Bewegungen in das weiche Pelzwerk schlüpfte. Die
Kinder freuten sich indess nicht minder lebhaft über den grossen Käfig,
der in eine Ecke gestellt wurde und ein prächtiges Spielzeug zu werden
versprach.

Nachdem Schimmel sich gewaschen und das Wochenkleid mit dem seidenen
Talar vertauscht hatte, traten alle zusammen an den Tisch, über dem
die Sabbathlampe brannte und Schimmel begann das Sabbathgebet. Seine
Stimme klang erst gedrückt, wie wenn er noch den Wochenstaub im Halse
hätte, aber immer freier und mächtiger; der kleine Mann, der die Hände
erhoben hatte und den Gott Abraham's, Isaak's und Jakob's anrief,
schien mehr und mehr zu wachsen, und sein braunes Gesicht verklärte
sich, der Schacherjude wurde zum Priester, zum Fürsten, zum Patriarchen.

Als das Gebet zu Ende war, brach er das Brod und Zebedia trug den
Karpfen in der Rosinensauce auf, alle setzten sich an den Tisch und
assen und als Schimmel um sich blickte, stolz wie ein König, sah er,
dass die Sabbathlampe nur zufriedene, glückliche Gesichter beschien.

       *       *       *       *       *

Kaum hatte die Woche wieder angefangen, war Schimmel Knofeles auch
schon mit seinem Bündel aufgebrochen, und während die Kinder in der
düsteren Schulstube vor den hebräischen Hieroglyphen sassen, war
Zebedia allein in ihrem kleinen Gewölbe, allein mit ihren bunten
Waaren und ihren seltsamen Gedanken. Sie hatte manchmal ein Gefühl
der Einsamkeit in diesen Tagen, wo Schimmel wie ein Kameel der Wüste,
die galizische Ebene durchstrich, und hie und da fragte sie sich,
ob sie eigentlich glücklich war an der Seite dieses Mannes, der so
schwer arbeiten musste, um ihr Freude zu machen, und der nur zu sehr
den jüdischen Karrikaturen glich, die sie manchmal in den Wiener
Witzblättern sah.

So war es auch an diesem Abend. Sie hatte vergessen Licht zu machen, so
sehr war sie in ihre Pelzjacke und in ihre Träume versunken, und sie
bemerkte erst, dass es dunkel geworden, als ein fremder Mann hereintrat
und Zigarren verlangte.

Sie zündete rasch die Lampe an, und als das rothe Licht derselben über
ihr zugleich hartes und weiches, eine milde Leidenschaft athmendes
Antlitz fiel, sah der junge vornehme Mann, dem sie das Kistchen mit
den Zigarren liebenswürdig anbot, sie überrascht an. Sie erkannte
ihn jetzt, es war der Graf Gorewski, welcher ein Schloss in der Nähe
besass. Er war schon manchmal eingetreten, aber es war, als ob er sie
zum ersten Male sähe. Es währte geraume Zeit, ehe er sich für eine
Sorte Zigarren entschied, er liess sich alle Kistchen zeigen, um nur
recht lange das Vergnügen haben zu können, in die schönen, lebhaften
Augen Zebedia's zu blicken. Als er fortging, schüttelte sie den Kopf.
Sie war ein Weib. Sie wusste, dass sie ihm gefallen hatte, und sie fand
ihn gleichfalls hübsch. Wieder sass sie lange, die Hände in den Aermeln
ihrer Pelzjacke versteckt. Dann machte sie eine Bewegung mit dem Kopf,
als wollte sie eine Fliege verscheuchen, oder war es ein böser Gedanke?

[Illustration]

Der Graf kam nun öfter und sie war liebenswürdig gegen ihn, weil
sie klug war. Sie sagte sich, dass er nicht so viel bei ihr kaufen
würde, wenn sie ihm eine saure Miene machen würde. Es gehörte mit
zum Geschäft, liebenswürdig zu sein, zu lächeln, die Augen ein wenig
zu verdrehen und mit ihren Händen, die doppelt weiss aus dem dunklen
Pelzwerk hervorkamen, seine Zigarren anzuzünden. Aber warum zündete sie
den Bauern, die auch ihren Tabak bei ihr kauften, nicht auch die Pfeife
an?

Sie spielte eine Art Hazardspiel, aber sie kam nicht in die Gefahr, zu
verlieren, denn der Graf war leidenschaftlich, und sie war schlau und
kaltblütig.

Eines Abends zwang er sie dennoch, die Karten aufzulegen. Er fasste sie
bei der Hand und blickte ihr in die Augen.

»Ist es nicht schade, dass Sie hier, in diesem dumpfen Winkel,
verblühen, wie eine Rose in einem Kerker«, sprach er.

»Dies ist noch lange kein Kerker«, sagte sie ein wenig erschreckt und
ein wenig spöttisch, »und ich bin keine Rose.«

»O! Sie sind schön, Zebedia, Sie wissen nicht, wie schön Sie sind.«

»Ich bitte -- Herr Graf --«

»Was haben Sie auf einmal?«

»Ich bin eine ehrliche Frau ...«

»Wer zweifelt daran?«

»Sprechen Sie also nicht mehr in dieser Weise zu mir.«

»Welcher böse Geist ist denn mit einem Mal in Sie gefahren?«

»Ein guter Geist, Herr Graf, der Geist der Familie.«

Gorewski zuckte die Achseln. »Sie werden mir doch nicht sagen wollen,
dass Sie mit diesem krummbeinigen Moschku glücklich sind?«

[Illustration]

»Doch.«

»Sie? -- Die schönste Frau auf zehn Meilen im Umkreise und diese
Spatzenschrecke?«

»Ich weiss nicht, ob ich schön bin«, erwiderte Zebedia stolz und ruhig,
»aber mein Mann ist gar nicht so hässlich, wie Sie meinen. Für mich
ist er schön und ich liebe ihn. Sein Aeusseres mag noch so komisch
sein, sein Inneres ist nur um so schöner. Er hat ein Herz wie ein Engel
und einen Charakter wie pures Gold, und einen Geist! der kann einen
Rabbiner lehren!«

»Aber das alles hindert Sie doch nicht, sich ein wenig den Hof machen
zu lassen, schöne Frau.«

»Ein wenig?« erwiderte Zebedia schalkhaft, »warum nicht? Aber Sie sind
nicht der Mann, sich mit diesem Wenigen zufrieden zu stellen.«

»Oh! bei einer Frau, wie Sie, ist schon das Wenige viel.«

Er küsste rasch und feurig ihre Hand und verliess sie mit einer
ritterlichen Verneigung.

Sie blickte ihm nach und seufzte.

       *       *       *       *       *

Der Herbst meldete sich diesmal früh. Die Bäume prangten bereits im
Schmuck ihres rothen und gelben Laubes, ein kalter Wind fegte über die
Pappeln. Schaaren von Vögeln zogen nach dem Süden und die Meisen nahmen
ihren Platz ein. Man sah sie aller Orten und hörte ihren lustigen Pfiff.

Am Tage vor dem Beginn des Laubhüttenfestes trat jedoch die Sonne
wieder aus dem grauen Wolkenschleier hervor und Israel konnte sein
schönstes Fest mit Ruhe und Freude begehen. Auch Schimmel Knofeles
hatte aus hölzernen Latten und Tannenreisig eine Hütte in seinem Garten
errichtet. Zebedia fertigte indess aus Eiern, die sie geschickt geleert
hatte, und aus farbigem Papier kleine Vögel, und die Kinder klebten
Ketten aus Goldpapier. Als die Hütte fertig war, wurden alle diese
Dinge in den Zweigen befestigt und mit ihnen auch der +Lulaf+, die
seltsame Frucht und der Zweig, welche das Land der Verheissung, welche
das verlorene Paradies in das Gedächtniss zurückrufen sollten.

Dann standen Schimmel und die Seinen vergnügt in der kleinen Hütte, in
der sich eine Bank und ein Tischchen befanden und bewunderten das Werk
ihrer Hände.

Jedes Glied der Familie brachte täglich einige Stunden des Tages oder
der Nacht in der Hütte zu, wie einst das auserwählte Volk während
seiner Wanderung in der Wüste. Schimmel sprach hier seine Gebete und
las seinen Talmud, die Kinder spielten, Zebedia beschäftigte sich mit
einer Stickerei.

Einmal geschah es, dass sie unter Tags unausgesetzt im Gewölbe und in
der Küche beschäftigt war. Sie konnte erst ihre Pflicht erfüllen und
sich in die Laubhütte begeben, als es Nacht geworden war, und ihr Mann
und die Kinder schon schliefen. Die schöne Frau schlüpfte in ihre warme
Pelzjacke, setzte sich in das grüne Zelt, lehnte den müden Kopf an den
Pfosten und träumte. Es war eine Nacht zum Träumen. Der Mond stand
hinter den hohen Pappeln und tauchte das Haus, den Garten, die fernen
Felder in einen matten Silberglanz. Der Brunnen, welcher unablässig
murmelte, schien Diamanten auszuwerfen. Die Astern und Georginen im
Garten flüsterten leise im frischen Nachtwind und aus den Büschen stieg
ein feuchter, angenehmer Duft auf.

Plötzlich nahten Schritte auf dem Kieswege. Zebedia schrack zusammen,
und sie hatte alle Ursache, denn im nächsten Augenblicke stand der Graf
vor ihr.

»Ich muss bitten,« stammelte sie, »was suchen Sie hier -- zu dieser
Stunde -- wenn man Sie sähe ...«

»Ich suche Sie, schöne Frau«, sagte der Graf leise, »Ihre
Gazellenaugen, Ihre elfenbeinernen Arme, Braut des hohen Liedes.«

»Machen Sie mich nicht unglücklich«, gab die Jüdin bebend zur Antwort,
»verlassen Sie mich.«

Der Graf lachte. »Nein, so leicht werden Sie mich nicht los. Sie haben
nur die Wahl, meinem Flehen nachzugeben und ihren Ruf zu retten,
oder eine Eisstatue zu bleiben und in den Augen der Welt schuldig zu
erscheinen. Ich liebe Sie, ich muss Sie besitzen.«

Gorewski warf sich zu ihren Füssen nieder und legte langsam den Arm um
sie. Sie wehrte ihn nicht ab, sie lächelte sogar, denn in demselben
Augenblick war ihr ein schlauer und lustiger Gedanke gekommen, ein
Gedanke so drollig, wie aus den Novellen des Boccaccio oder der
galanten Chronik des Brantome.

»Gut«, sprach sie lauernd, »ich will Ihren Bitten nachgeben, wenn
Sie mir versprechen, alle Vorsicht zu beobachten, die ich von Ihnen
verlange, und mir Ihr Ehrenwort geben, mich unter keinen Umständen zu
kompromittiren.«

Der Graf, von der schönen Eroberung entzückt, versprach alles.

»Sobald ich zur Ruhe gegangen bin«, fuhr sie fort, »wird mein Mann noch
einmal die Runde durch das Haus machen und dann das Hausthor sperren.
Sie treten also mit mir ein, verbergen sich in dem Speisezimmer und
warten, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe.«

»Ich werde gern gehorchen,« sagte Gorewski.

Zebedia legte hierauf den Finger auf den Mund und gab ihm einen
Wink, ihr zu folgen. Sie führte ihn leise in das Haus und in das
Speisezimmer, in dem finstere Nacht herrschte. Hier hörte der Graf eine
Thüre knarren und dann hiess ihn die schöne Frau eintreten. Da er den
Weg nicht sofort fand, drückte sie ihm mit der Hand den Kopf nieder und
schob ihn mit der anderen vorwärts. Dann schloss sie eine Thür hinter
ihm, schloss sie zu und zog den Schlüssel ab.

Der Graf verhielt sich einige Zeit vollkommen ruhig. Er erwartete,
dass Schimmel die Runde machen werde, aber bald hörte er diesen im
Nebenzimmer laut schnarchen, und Zebedia kehrte nicht wieder. Leise
begann der Unglückliche umherzutasten und entdeckte bald, dass er
hinter eisernen Stäben gefangen war. Er wollte Lärm machen, aber das
Lächerliche seiner Lage zwang ihn, sich in sein Schicksal zu ergeben.
Die grausame Tugend hatte ihn überlistet, er war ihr auf Gnade und
Ungnade preisgegeben. Sie hatte offenbar die Absicht, ihn die ganze
Nacht eingesperrt zu halten, er liess sich also langsam nieder,
versuchte sich auszustrecken und fand endlich eine Stellung, in der ihn
schliesslich der Schlummer überraschte.

Es war heller Tag, als er erwachte. Er sah jetzt, dass er in einem
grossen eisernen Käfig sass. Seine Lage war einfach abscheulich.
Dennoch sagte er sich, dass er nichts thun könne, als geduldig
erwarten, was die neue Delila mit ihm beginnen werde.

Sie liess nicht lange auf sich warten. Schön und frisch wie der Morgen
kam sie in ihrem weissen Kopfputz und ihrer Pelzjacke herein, rief
ihren Mann und ihre Kinder und zeigte ihnen den seltenen Vogel.

[Illustration]

»Was hast Du gethan?« rief Schimmel, »eingesperrt den Herrn Grafen?«

»Ich habe ihm nicht unrecht gethan«, entgegnete Zebedia, »er hat mich
fangen wollen, und ich war ein wenig schlauer als er.«

»Bitte, kommen Sie heraus.«

Sie öffnete die Thüre. Der Graf kam aus dem Käfig, dehnte seine Glieder
und trat, ohne ein Wort zu sprechen, den Rückzug an, noch lange
verfolgt von dem grausamen Gelächter Zebedia's, welche, die Arme in die
Hüften gestemmt, auf der Schwelle ihres Hauses stand.

[Illustration]



[Illustration]



Galeb Jekarim.

-- JERUSALEM. --

    Der Schwärmer. -- Ein jüdischer Pilger. -- Die Mauer des
    Tempels.


        Nie vergess' ich dein, Jerusalem.

            +Jehuda Ben Halevy.+

Zweierlei Licht kämpfte in der kleinen düstern Dachkammer
gegeneinander, das Licht der Unschlittkerze, die zum Stümpfchen
herabgebrannt war, und das Licht des Morgens, das durch den grünen
Vorhang hereindrang. Es war hier wie das letzte Aufflackern eines
Sterbenden und dort wie der frische Athem eines Neugeborenen. Eine
scheidende Seele und eine zweite, welche erwachte.

Das fahle, unruhige Licht der Kerze spielte auf den vergilbten Blättern
des grossen Buches, das auf dem Tisch aufgeschlagen war, während der
röthliche Schimmer des jungen Tages die bleiche Stirne des jungen
Mannes beschien, der in seinem armseligen Lehnstuhl lag, in tiefes
Sinnen versunken.

Seine schlanke Gestalt war in einen fadenscheinigen Kaftan
eingewickelt, unter dem kleinen schwarzen Sammtkäppchen quoll schwarzes
Haar in wirren Locken hervor und fiel schwermüthig in ein Gesicht,
auf dem der Frühling der Jugend niemals aufgeblüht war, ein Gesicht,
in das Leiden, Entsagung und Studium ihre scharfen Linien gezeichnet
hatten, in dem nur die grossen Augen leuchteten, dunkle Augen, die den
Himmel suchten, die sich vom Leben abgewendet hatten, in eine andere
Welt, in jene Oede, in welcher jede Farbe erlischt, jeder Ton erstirbt,
in welcher die Hand in das Leere tastet und nur der Gedanke herrscht,
erhaben, einsam, unbeschränkt.

[Illustration]

Er war arm und krank, dieser bleiche Galeb Jekarim, welcher die Nächte
vor seinen Büchern durchgewacht hatte, und doch war er glücklich. Er
hatte keine Mutter und seine Lippen hatten noch niemals den rothen Mund
eines Weibes berührt, aber er hatte eine Geliebte gefunden, schöner
als alle Frauen der Erde, und reicher geschmückt als alle Sultaninnen.
Nichts war sein eigen, nicht einmal der Talmud, das heilige Buch, die
einzige Quelle seiner Freuden, aber wenn er sich in die vergilbten
Blätter versenkte, da war es, als ob ihm Fittiche wüchsen, die ihn
emportrügen, hoch, immer höher, bis er endlich in einem Meer von Licht
schwamm, tief unter sich den Qualm und das Gewimmel der Städte, die
engen, dunklen Thäler, die weiten Flächen, die der Pflug durchzieht,
die feuchte Wüste des Ozeans mit ihren segelnden Schiffen.

Da vergass er alles, seine Armuth, seine Einsamkeit, diese brennende
Sehnsucht nach Liebe in seinem Herzen, diese Traumgestalten der Freude,
die in stillen Nächten um ihn webten, er vergass die Schmerzen, das
schleichende Fieber, das ihn quälte, nur Eines vergass er nicht.

Wenn die Sonne leise durch den grünen Vorhang drang, und die elende
Wand vergoldete, da war es, als schriebe eine unsichtbare Hand mit
flammenden Lettern, an diese Wand, die Worte des grossen, jüdischen
Poeten, den einst Spanien gebar, den Vers Jehuda ben Halevy's: Nie
vergess' ich dein, Jerusalem!

Und wenn der Mond die kleine Stube mit seinem keuschen Licht erfüllte,
da schien ein silberner Finger dieselben Worte auf den rauchigen
Querbalken hinzuzaubern, und wenn er in der Dämmerung des Abends auf
dem Friedhof sass und träumte, da flüsterten Geisterstimmen in den
Wipfeln der Zypressen: »Nie vergess' ich dein, Jerusalem!«

Ein brennendes, verzehrendes Heimweh hatte sich seiner bemächtigt, ein
Heimweh nach dem Lande seiner Väter, das er niemals gesehen, das er nur
aus den Schilderungen der heiligen Schrift kannte. Dieses Heimweh war
endlich mächtiger als er, als sein Vaterland, als seine Familie, und es
bezwang sogar seine Schwäche und seine Armuth.

Er lebte von der Liebe seiner Schwester, die ihm ein kleines Stübchen
und Nahrung gegeben hatte, er hatte niemand, der ihm die Mittel zu
dieser grossen Reise gegeben hätte, aber er hatte sich dennoch in
dieser Nacht entschlossen aufzubrechen, und als der junge Tag die weite
Fläche mit seinem goldenen Licht übergoss, setzte er den Hut auf,
ergriff seinen Stock und ging ohne Abschied fort, hinaus in die Fremde,
in die weite, feindliche Welt, nach dem gelobten Lande, nach Jerusalem!

       *       *       *       *       *

Galeb schlich durch den Garten, trat durch das kleine Pförtchen heraus
in das Freie und setzte seinen Weg dann zwischen den schwankenden
Aehren auf dem schmalen Fusspfad fort.

Am Rande des Waldes stand eine kleine Hütte, in der Juden wohnten. Die
Männer bestellten das Feld, und Midatja, die Tochter des Schalmon, dem
das Bauerngut gehörte, weidete die Kühe in den Büschen.

Als sie Galeb erblickte, liess sie ihre Peitsche knallen und blickte
ihn mit ihren schwarzen Augen halb theilnehmend, halb spöttisch an.

»Du hast recht, einmal hinauszugehen«, sprach sie, »Deine Wangen sind
so bleich, Du lernst zu viel, Galeb, Du gehst zu Grunde zwischen Deinen
Büchern.«

Galeb schüttelte den Kopf, aber er blieb stehen. Er wusste, dass das
Mädchen ihm gut war und auch in seinem Herzen regte sich etwas für
dieses hübsche, gesunde Geschöpf mit dem verständigen Blick.

»Du verstehst mich nicht, Midatja«, sagte er, »mich treibt eine heilige
Pflicht.«

»Oh! ich weiss, was Dir fehlt«, rief sie, »eine Frau, eine Frau wie
ich. Ich wollte Dir schon den Kopf zurecht setzen.«

Galeb lächelte traurig, nickte ihr zu und ging hinein in den Wald.
Als er wieder aus dem Dickicht trat, hatte die Sonne das Gewölk
durchbrochen und ergoss ihre Strahlen in breiten leuchtenden Garben
über die weissen Nebelmassen. Es war ein erhabenes, wahrhaft biblisches
Schauspiel und dabei diese Stille in der Natur, diese Feier!

Galeb Jekarim sprach laut zu sich selbst: »Dort ist Gott!« und dann
erhob er die Arme und das bleiche Antlitz der Sonne zugewendet, begann
er zu beten.

       *       *       *       *       *

Galeb Jekarim wanderte zu Fuss, mit jenem Muthe und jener Ausdauer,
welche eine grosse Idee dem Menschen einflösst. Er folgte der Sonne.
Dort, wo sie zu Mittag stand, war das Meer und jenseits des Meeres
Jerusalem. Er durchzog Galizien, die Bukowina und betrat die Moldau.
Die heissen Strahlen versengten seinen Scheitel, der Regen, der Hagel
peitschte seinen Nacken, Blitze zuckten um ihn, Spott und Hass schlug
an sein Ohr, aber nichts konnte ihn aufhalten. Er wanderte unermüdlich.

Wenn die Nacht anbrach, bettelte er um Nachtquartier, um etwas Nahrung,
dort, wo er an der Pforte die kleine Rolle mit einem Talmudspruch
erblickte, und überall fand der arme jüdische Pilger offene Thüre und
offene Herzen.

Nicht selten übernachtete er auch in einem Busch oder in dem Versteck,
das ihm die Garben auf dem Felde boten.

In einem kleinen Karpathenthal fiel er in die Hände von Räubern. Er
dachte nicht daran, sich zu vertheidigen. Als er sich von den wilden
Gesellen umringt sah, sprach er ruhig: »Ich bin ein Pilger, der nach
Jerusalem wandert.«

Was war es in diesem bleichen Antlitz, was die Mordgesellen bewegte?

»Nach Jerusalem«, wiederholte der Hauptmann. Alle betrachteten ihn mit
einer Neugierde, in die eine Art Ehrfurcht gemischt war. Dann winkte
ihm der Hauptmann ihnen zu folgen.

In einer Felsenhöhle, vor der ein grosses Feuer loderte, boten ihm
diese Ausgestossenen ein Lager und luden ihn ein, mit ihnen zu essen.
Als er am Morgen weiterzog, sagte der Hauptmann: »Bete auch für uns,
wenn Du dort bist, es gibt doch nur einen Gott über uns allen.«

Endlich die Donau, das Meer. Da lag die feuchte Wüste vor ihm, mit
ihrem Silberschein, ihren wandernden Segeln, ihren Küsten, die sich in
der Ferne verloren.

Ein türkischer Kapitän nahm ihn auf sein Schiff. Da er nicht bezahlen
konnte, sollte er ihm als Matrose dienen. Doch schon in der zweiten
Nacht kam ein Sturm. Das Schiff verlor seine Maste und das Wrack wurde
von einem Korsaren aus Tripolis gekapert.

Galeb Jekarim wurde von dem Piraten als gute Prise betrachtet und in
einer kleinen Stadt an der Küste von Kleinasien auf den Sklavenmarkt
gebracht. Hier kaufte ihn ein reicher Muselmann, der ihn zum Gärtner
machte, ihn, der niemals eine andere Blume beachtet, als jene, die aus
den Versen der Bibel emporblühen oder zwischen den Legenden des Talmud.

       *       *       *       *       *

Der Garten war eine kleine Wildniss voll Zypressen und Blumen, mit
Duft erfüllt und von den blauen Meereswogen bespült. Jedesmal, wenn
Galeb Jekarim durch die Orangen- und Zitronenbäume den leuchtenden
Spiegel erblickte, auf dem irgend ein Segel schwamm, seufzte er auf:
»Nimmer vergess' ich dein, Jerusalem!« und heisse Thränen überströmten
seine eingesunkenen Wangen, wenn die holde Lewana, wenn der Mond an
dem blauen Himmel heraufzog und silberne Brücken baute über das Meer
hinüber.

[Illustration]

Mehr als einmal war Galeb nach Sonnenuntergang einer Frau begegnet,
die ganz in einen weissen Burnus und einen weissen Schleier gehüllt,
einem Geiste gleich, durch die Laubgänge schritt. Jedesmal blieben ihre
dunklen Augen auf dem Sklaven ruhen, der sich vor ihr niederwarf und
das Haupt zur Erde neigte.

In einer mondhellen Nacht, als er an dem Ufer des Meeres sass und
betete, legte die Türkin ihm plötzlich die kleine weisse Hand auf die
Schulter. »Still!« murmelte sie, »antworte rasch auf meine Fragen. Du
bist unglücklich. Hast Du ein Weib, eine Braut in Deinem Lande, die Du
liebst?«

Galeb Jekarim schüttelte den Kopf.

»Weshalb weinst Du also?«

»Ich war auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem,« gab er zur Antwort, »als
mich die Räuber gefangen nahmen, ich fühle, dass mir der Todesengel
nahe ist, und ich kann nicht sterben, ehe ich nicht die heilige Erde
geküsst habe, ehe ich nicht Gott angerufen habe, dort im Lande der
Verheissung.«

Die Türkin sah ihn staunend an, dann schlug sie langsam den Schleier
zurück und den goldgestickten Haremspelz auseinander.

»Bin ich nicht schön?« fragte sie.

»Ja, Du bist schön«, erwiderte Galeb.

»Dann schenk' mir Dein Herz, denn ich liebe Dich.«

Sie schlang die mit goldenen Reifen bedeckten Arme um ihn und küsste
ihn.

Galeb schauerte zusammen. »Verlange mein Leben«, murmelte er, »aber
nicht mein Herz. Es ist dort, wo die Mauer des Tempels gegen den
Himmel ragt und die Gläubigen an Jehovah mahnt. Ich darf Dich nicht
lieben.«

Die Türkin neigte traurig den Kopf, dann richtete sie sich plötzlich
auf, verhüllte ihr Antlitz und machte Galeb ein Zeichen, ihr zu folgen.
Im Dickicht zeigte sie ihm einen Kahn, in dem ein Ruder lag.

»Wenn Du muthig bist«, sprach sie, »fliehe, rette Dich.«

Galeb kniete vor ihr nieder, presste die Lippen auf ihren kleinen Fuss,
sprang in den Kahn und stiess ab.

Noch lange sah man die Türkin am Ufer stehen und mit ihrem Schleier
winken. Dann verschwamm alles in der silbernen Dämmerung des Mondes,
das schöne Weib, die Bäume, das Landhaus, und ringsum war nichts als
das Meer und der leuchtende Himmel.

       *       *       *       *       *

Ein englisches Schiff hatte den Pilger aufgenommen und in Jaffa an das
Land gesetzt.

Von neuem begann die Wanderung auf steinigen Wegen, auf denen die
heisse Sonne brütete, durch Kaktusgestrüpp, durch öde, kahle, traurige
Felsen, nur selten zeigte sich eine Ortschaft, von Zeit zu Zeit eine
Zisterne, an welcher der Pilger seinen Durst löschen konnte.

Das Fieber brannte in seinen Adern, seine Kräfte liessen nach, aber
er ging trotzdem vorwärts. Er hatte nicht den Muth, lange zu rasten,
er fürchtete einzuschlafen und nicht mehr zu erwachen, aber er hatte
den Muth, der Sonnengluth Trotz zu bieten, dem Hunger, dem Durst, der
Erschöpfung.

Nachts hörte er Stimmen, die ihm Trost zusprachen, und eine weisse
Gestalt schien vor ihm zu schweben, und ihm den Weg zu weisen, ein
Engel des Himmels.

Und endlich, am Morgen, die Mauern der heiligen Stadt.

Jerusalem!

Galeb Jekarim warf sich auf sein Antlitz nieder und küsste die geweihte
Erde, dann erhob er sich und schritt eilig vorwärts. Er fühlte keine
Mattigkeit mehr, keinen Hunger, keinen Durst. Goldene Kuppeln glänzten
im Morgenlicht. Auf seinem Wege waren jetzt Obstbäume, ein Wald von
Kakteen, rothe, flammende Blüthen und ein frisches Grün, hier eine Flur
von Anemonen, Skabiosen, Schwertlilien, dort ein Hain von grossen,
farbigen Disteln. Ueber ihm leuchtete der reine Himmel und um ihm war
diese balsamische Luft, der Duft der Rosen und Trauben von Kanaan.

Jerusalem!

Er blickte nicht rechts, nicht links, er eilte vorwärts.

Noch hundert Schritte!

Da war die heilige Mauer, ein Rest jener hohen, mächtigen Terrassen,
auf denen einst der Tempel gestanden hatte.

Am Fusse dieser Mauer sank der Pilger hin.

Er erhob sich noch einmal, um gegen die Steine gelehnt, mit lauter
Stimme sein Gebet zu sprechen, das wie ein Jubellied aus voller
Seele erklang, und glitt dann noch einmal zur Erde, um nicht wieder
aufzustehen.

Vor ihm stand leuchtend der Bote mit den weissen Flügeln, der ihn
geleitet hatte, und hoch oben ertönte Gesang ...

Galeb lehnte sich zurück an die heilige Mauer, und das letzte Wort,
das über seine Lippen kam, wie ein Hauch, ein seliger Seufzer, war:
Jerusalem!

[Illustration]



[Illustration]



Wie Slobe ihre Schwester verheirathet.

-- BELGIEN. --

    Werbung und Hochzeit.


Auf dem grossen Platze, wo das alte gothische Rathhaus stand,
befand sich auch das Haus der Familie Ohrenstein und deren Magazin
für Damentoilette. Man fand in demselben alles, vom Hut bis zum
Schuh herab, und ausserdem zwei bildhübsche Mädchen, die Töchter
Ohrenstein's, welche den Käufer anzogen. Die Frauen kauften lieber,
wenn sie die Sachen erst auf dem Kopfe oder an dem Körper der schlanken
schwarzen Slobe oder der üppigen blonden Bele gesehen hatten, und die
Männer traten ein, um die beiden Schönen zu bewundern.

Die jüngere, Slobe, liebte die Lektüre und kam manchmal selbst in die
Buchhandlung und Leihbibliothek des Louis Jadassohn, um neue Bücher zu
wählen. Jadassohn war ein junger, hübscher, eleganter Mann, gebildet,
nicht ohne Geist und Slobe sprach immer drei Sprachen zugleich, eine
verständige, nüchterne mit den rothen Lippen, eine schalkhafte,
mit ihren dunklen Augen und eine gleichfalls stumme aber kokette
Zeichensprache mit ihren reizenden, kleinen Händen, die unermüdlich in
den abgegriffenen Bänden blätterten, welche ihr der junge Buchhändler
vorlegte. Immer häufiger wurden die Besuche Slobe's im Buchladen und
sie selbst immer wählerischer in Bezug auf ihre Lektüre, während
Jadassohn sie immer zärtlicher anblickte.

Eines Abends flüsterte er ihr zu: »Die erlebten Romane sind doch
schöner als die gedruckten.«

»Oh gewiss!« erwiderte die schlaue Slobe, »aber ich mag nur Jene, wo
die Liebenden zuletzt heirathen.«

Am nächsten Tage kam Jadassohn im Frack und weisser Kravatte zu
Ohrenstein und bat um Slobe's Hand. Ohrenstein rief seine Tochter.
»Willst Du ihn?« fragte er lächelnd.

Slobe nickte.

»Gut, abgemacht«, sagte Ohrenstein und gab Jadassohn die Hand, »aber
geheirathet wird nicht, ehe nicht Bele unter der Haube ist.«

Das war nun eine schwere Bedingung, aber alle Bitten der Liebenden
waren nicht im Stande, Ohrenstein zu rühren, er blieb fest.

Slobe's ältere Schwester Bele, war früher viel umworben worden, aber
ihr böser Engel hatte eines Tages einen jungen Maler in das kleine
Städtchen am Fusse der Argonnen geführt, und dieser hatte sie als
Esther, auf üppigen Kissen ausgestreckt, gemalt. Seither war das
schöne Mädchen von masslosem Stolz erfüllt und zeigte sich so spröde
und wählerisch, dass endlich kein Mann mehr den Muth hatte, um sie zu
werben, und sie das fünfundzwanzigste Jahr erreicht hatte, ohne den
goldenen Reif am Finger.

Slobe kam noch denselben Abend in die Buchhandlung und die Liebenden
beriethen.

»Wir müssen Bele verheirathen«, entschied Slobe, »ich nehme meine
Schwester auf mich, und Sie müssen den Bräutigam zur Stelle schaffen.«

»Das wird nicht so leicht sein«, sagte Jadassohn seufzend.

Nachdem Slobe ihn verlassen, dachte er nach, aber er fand unter allen
seinen Bekannten niemand, den er Bele zu präsentiren gewagt hätte.

Da kehrte eines Tages der Sohn seiner Hausfrau aus Genf zurück, wo
er in einer Uhrenfabrik gearbeitet hatte. Die Wittwe Schnick, seine
Mutter, war wohlhabend und gab ihm das Geld, um sich zu etabliren, und
Simon Schnick war ein junger Mann von zweiunddreissig Jahren, der die
Welt gesehen hatte und der einem Mädchen wohl gefallen konnte.

Das Opfer war also gefunden, und sofort begannen Slobe und ihr
Bräutigam zu operiren.

Bei der nächsten Sabbathpromenade machte Jadassohn den Uhrmacher auf
Bele aufmerksam. Schnick fand sie superb. Slobe wieder flüsterte der
Schwester zu: »Wer mag denn der feine hübsche Mann sein, der mit
Jadassohn geht?«

»Ein Fremder«, sagte Bele, »unsere Herren sind nicht so distinguirt.«

Den nächsten Tag, beim Mittagessen, begann Jadassohn den jungen Schnick
zu necken. »Sie sind ja ein wahrer Fraueneroberer«, sagte er, »Sie
haben Glück bei den Damen. Erinnern Sie sich des schönen Mädchens von
gestern?«

»Bele Ohrenstein?«

»Ja, sie ist entzückt von Ihnen.«

Und Slobe flüsterte ihrer Schwester zu: »Bele, Du hast schon wieder
einen Sklaven an Deinen Triumphwagen gespannt.«

»Wen denn?«

»Den schönen, eleganten jungen Mann, den Du für einen Fremden angesehen
hast. Es ist Simon Schnick. Er schwärmt für Dich.«

»Wenn Sie sich etabliren wollen, müssen Sie unbedingt eine Frau
nehmen«, sprach wieder der Buchhändler zum Uhrmacher. »Eine reiche
Frau und eine schöne Frau, welche die Kunden anzieht. Sie können keine
bessere Wahl treffen, als Bele.«

»Aber sie soll sehr stolz sein«, erwiderte Schnick, »sie wird mich
nicht nehmen.«

»Ich sage Ihnen ja, dass sie sterblich in Sie verliebt ist.«

Den nächsten Tag führte Jadassohn den Uhrmacher bei Ohrenstein ein.
Slobe hatte alles prächtig in Scene gesetzt. Frau Porges, die Gattin
des reichen Wechslers kam einige Minuten vorher in das Geschäft
Ohrenstein's. Sie spielte Slobe zu lieb in der Komödie mit und
verlangte eine kostbare neue Toilette zu sehen, welche eben von Paris
angekommen war. Auf Vorschlag Slobe's probirte Bele dieselbe, und die
beiden Herren kamen eben an, als Bele, strahlend vor Schönheit, in die
eleganteste Pariser Weltdame verwandelt, mitten im Laden stand.

Schnick war mit allen seinen Bedenken zu Ende, er ergab sich und machte
Bele feurig den Hof. Diese zeigte sich wider Erwarten liebenswürdig und
schenkte ihm sogar ein paar ermunternde Blicke.

Trotzdem zweifelte der Uhrmacher noch an seinem Sieg. Und nun entstand
eine neue Schwierigkeit. Frau Schnick hatte bereits eine Braut für
ihren Sohn erwählt, Clara ben Schoren, die Tochter eines reichen
Kürschners in Gent.

»Oh! Das ist lächerlich«, rief der Buchhändler, »einem Manne wie Sie
ein solches Mädchen vorzuschlagen.«

»Wie das?«

»Erstens schielt sie auf einem Auge. Dann hat sie einen Klumpfuss, und
endlich -- die Motten, die sie aus ihrem Geschäfte mitbringen muss.«

»Sie haben recht, ich nehme sie nicht.«

Denselben Tag noch hielt Simon Schnick um Bele an und erhielt ihr
Jawort und den Segen der Eltern. Es gab zwei glückliche Paare im
Städtchen und alles rüstete sich zur Hochzeit.

Von Nah und Fern kamen die Verwandten, die Gäste herbei, nicht etwa
nur aus Brüssel, Antwerpen und Amsterdam, sogar aus London, Paris,
Genua, Frankfurt, Warschau und Prag. Man sah die merkwürdigsten Typen,
vom Börsenmakler bis zum Dorfjuden, von der eleganten Weltdame bis
zur simplen Gänsehändlerin herab, Herren im Frack mit Dekorationen und
alte, langbärtige Männer im langen Kaftan den Hut auf dem Kopf, Frauen
in kostbaren Brokatroben, mit Diamanten bedeckt und alte Tanten im
verblichenen Seidenüberrock mit antidiluvianischen Roben, und alle,
schön oder lächerlich, einflussreich oder unbedeutend, reich oder arm,
wurden mit derselben Liebe und Achtung aufgenommen.

[Illustration]

Da Grossvater Ohrenstein und Grossvater Jadassohn ziemlich orthodox
waren, so beobachtete man bei dieser Hochzeit mehr von den alten
Bräuchen, als es sonst noch im Lande Mode war.

Man feierte deshalb die Hochzeit am Abend. Nachdem die beiden Bräute
von ihrer Mutter und ihren Cousinen angezogen worden waren, traten sie
beide in den Salon hinaus, beide in schleppender weisser Atlasrobe,
einen Orangenblüthenkranz auf dem Kopf, einen kleinen Strauss in der
Hand. Sofort wurden sie von ihren Freundinnen und den Mädchen aus ihrer
Verwandtschaft umringt und nahmen von ihnen Abschied unter Küssen und
Thränen. Zuletzt nahm Bele ihren Brautkranz ab und gab ihn der jüngsten
unter den Mädchen, Sorl van Ruben, und Slobe den ihren Katalin Meerboom.

Dann begaben sich die beiden Bräute in das Nebenzimmer, wo die älteren
Verwandten versammelt waren. Sie knieten eine nach der anderen vor
ihren Eltern nieder, baten sie um Vergebung und empfingen deren Segen.

Hierauf beteten sie einige Zeit aus der Thina.

Nach beendetem Gebet erschienen wieder die jungen Mädchen und führten
die beiden Bräute zu dem Bedeckstuhl. Nachdem die Schwestern auf dem
erhöhten Sitz, wie auf einem Throne Platz genommen hatten, trat der
Rabbiner ein. Er warf zuerst Bele ein mit Gold verbrämtes Seidentuch,
das sogenannte Decktuch über den Kopf und sprach: »Gelobt seist Du,
Gott, unser Herr, Herr der Welt, der Du gebildet den Menschen nach
Deinem Ebenbild, Du hast aus ihm geschaffen einen Bau für die Ewigkeit.
Und so sei denn die Pessula (Jungfrau) Bele geweiht dem Ehestande.
Werde wie eine Rebe, blühend in Deinem Hause, und Deine Kinder mögen
Dich umgeben wie Oelzweige. So behüte Dich Gott und segne Dich. Gott
gebe Dir den Frieden. Amen!«

Dieselbe Zeremonie wiederholte sich bei Slobe, dann banden die
Brautjungfern beiden das Tuch in Form eines Turbans und während alle
Verwandten und Gäste sie umgaben, trat der Narr vor und begann sein
Lied.

Er sang eine Art Chronik aller drei betheiligten Familien und zugleich
einen Lobgesang auf die Eltern, dann schilderte er das Leben der beiden
Bräute und pries ihre Schönheit und Geistesgaben. Er verglich die
schöne Bele mit der goldhaarigen Sulamith des hohen Liedes, die sich
wie Morgenroth aus den Wolken erhebt und Slobe mit der Königin Esther,
zu deren Füssen der mächtigste Herrscher lag. Er sprach von der Ehe,
ihren Freuden und Pflichten und pries zuletzt die Frauen, indem er
Sprüche des Talmud in seine Reime verwob.

    Drei Dinge erheitern das Herz im Leib,
    Eines davon ist das schöne Weib.

    Wer ohne Weib lebt auf Erden,
    Verdient nicht Mensch genannt zu werden.

    Bereite Deinem Weib Vergnügen,
    Sie hilft Dir ernten und pflügen.

    Des Weibes Tugend, so gross und hoch,
    Macht uns leichter Egyptens Joch.

    Fiel ein gutes Weib zum Lohne Dir,
    Was brauchst Du noch auf Erden hier.

Als der Narr geendet hatte, meldete der Schames, dass im Tempel alles
bereit sei, die Wagen fuhren vor, und die ganze zahlreiche Gesellschaft
setzte sich in Bewegung.

In der glänzend erleuchteten Synagoge erwartete der Rabbiner die
beiden Paare. Nachdem die Ketuba, die Heirathsurkunde, verlesen war,
wurde zuerst Bele ihrem Chassan (Bräutigam) unter dem seidenen Chupo
(Trauhimmel) verschleiert zugeführt. Der Rabbiner gab Simon den Ring,
den dieser Bele mit den Worten an den Finger steckte: »Ich gelobe mich
Dir für die Ewigkeit, ich gelobe Dich mir in Tugend und Gerechtigkeit,
in Treue und Wahrheit, auf dass Du Gott erkennst.«

Hierauf empfing Simon aus den Händen des Rabbiners einen Becher mit
Wein, den er zur Erde warf. Wie der Becher nicht wieder ganz werden
kann, so soll die Ehe niemals getrennt werden.

Nachdem der Rabbiner das Paar gesegnet hatte, sprach er: »Erfreue
Gott diese, die im treuen Bunde der Liebe zusammenhalten, wie Du die
ersten Menschen erfreut hast im Paradiese. Gelobt seist Du, Gott, der
erschaffen Braut und Bräutigam zur Freude, zur Einigkeit und Liebe.
Halte ferne von ihnen Schmerz und Gram und geleite sie zum Heil, Amen!«

Damit war die Ehe geschlossen.

In gleicher Weise wurde die schwarzäugige Slobe mit Jadassohn vereint.

[Illustration]

Dann drängten sich alle an die beiden neuvermählten Paare heran, um
Glück zu wünschen und jeder von den Gästen bekam einen Splitter von dem
zerbrochenen Becher als Andenken.

Eine Rede des Rabbiners voll von orientalischer Weisheit und
Bilderpracht schloss die Feier.

Alle kehrten in das Haus Ohrenstein's zurück, und hier begann jetzt das
Hochzeitsmahl. Während desselben unterhielt der Narr die Gesellschaft,
und als man sich erhob, erschienen die Sänger des Tempels und sangen
die schönen alten Hochzeitsweisen.

Den Schluss bildete ein Ball. Grossvater Ohrenstein und Grossvater
Jadassohn wurden schliesslich heiter, und da zu ihrer Zeit bei den
Juden nur Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen durften,
tanzten die beiden alten Herren unter allgemeinem Jubel zusammen.

»Wie sich alles ändert«, sagte zuletzt Grossvater Jadassohn, »da haben
wir zwei Hochzeiten auf einmal, ohne Schadchen.«

»Oh! doch nicht!« rief Bele lachend, »der Schadchen war Slobe.«

[Illustration]



[Illustration]



Frau Leopard.

-- POLEN. --

    Jüdische Justiz. -- Beschdin. -- Der Rosche.


Die kleine Stadt Zamosta an der Weichsel war vorwiegend von Juden
bewohnt. Die wenigen Christen lebten in bester Eintracht mit denselben,
nur einer unter ihnen war ein grimmiger Judenfeind, was die polnischen
Juden einen »Rosche« nennen. Er war ein Beamter des Magistrats Agenor
Koscieloski. Er neckte und verfolgte die Juden, wo sich nur eine
Gelegenheit dazu ergab und wurde von allen gefürchtet und gehasst.

Begegnete er einem jungen Elegant im schwarzen Atlastalar, der sich
seiner schönen Schmachtlöckchen freute, fragte er ihn ernsthaft, ob er
Korkzieher zu verkaufen habe.

Nie konnte er einer Butka, einem jener mit Leinwand gedeckten
langen Wagen begegnen, in denen die polnischen Juden wie Heringe
zusammengepfercht sitzen, ohne dass er die Insassen derselben laut,
mit dem Finger auf sie deutend, zu zählen begann. Vergebens jammerten
die Unglücklichen, welche sich bereits sämmtlich dem Schwerte des
Todesengels verfallen sahen[2], vergebens schrieen sie ihm die
lächerlichsten Schimpfworte, die schrecklichsten Flüche zu, er hörte
nicht auf, ehe er nicht seine Unthat vollendet hatte.

Traf er auf der Strasse einen Handelsjuden, Schnorrer oder Fuhrmann,
der neben seinen Pferden herging, so richtete er gewiss an ihn die
freundliche Frage: »Was thut sich in Pintschew?« und der Jude spuckte
wüthend aus, antwortete aber gewissenhaft: »Es tugt.«[3]

Diese Scherze waren am Ende noch unschuldig, aber er that andere Dinge,
die weniger unschuldig waren.

Niemand liebte den Rosche, aber mehr als alle hasste ihn Frau Leopard,
eine junge hübsche Wittwe, die gut erzogen, gebildet und ziemlich
aufgeklärt, aber trotzdem eine gute Jüdin war und jede Beleidigung
ihres Stammes zugleich als eine persönliche auffasste. Sie hatte ihm
Rache geschworen und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit um
Koscieloski empfindlich zu bestrafen.

Ein junger, hübscher Kaufmann, David Zadokin, bewarb sich schon seit
längerer Zeit um ihre Hand. Sie begünstigte ihn unter allen ihren
Bewerbern, aber zögerte noch, das entscheidende Wort auszusprechen.

Um sie vollends zu besiegen, sprach Zadokin die Absicht aus, den Rosche
herauszufordern, doch als Frau Leopard es erfuhr, verbot sie ihm das
Duell. »Ich selbst will ihn züchtigen«, sagte sie, »und in einer Weise,
die ihn für immer unschädlich macht.«

Koscieloski wohnte bei einem jüdischen Schneider, Oser Weinstock, der
auch für Frau Leopard arbeitete. Die hübsche Wittwe hatte den Schneider
stets zu sich beschieden, kam aber jetzt jedesmal, wenn es etwas Neues
zu bestellen oder anzuprobiren gab, zu ihm. Sie berechnete schlau die
Wirkung ihrer Reize auf den Judenfeind. Als dieser ihr das erste mal
auf der Treppe begegnete, sah er sie starr an, das zweite mal, wo er
sie im Hausthor traf, grüsste er sie bereits, das dritte mal kam sie,
um ein Kleid zu probiren.

»Ich wette, Herr Koscieloski blickt durch das Schlüsselloch«, flüsterte
der Schneider, indem er pfiffig mit den Augen zwinkerte, »er sagte mir
erst gestern, Sie wären die schönste Dame in Zamosta.«

»Um so besser«, erwiderte Frau Leopard und beeilte sich ihre Jacke
und Taille abzulegen. Als sie dann Büste und Arme entblösst, vor
Weinstock stand, der die neue Taille probirte und mit Nadeln und Kreide
arrangirte, blickte sie unwillkürlich nach der Thüre, hinter der in
der That Koscieloski stand, und ein boshaftes Lächeln spielte um ihre
rothen Lippen.

Als sie fort war, nahm der Rosche seinen Hut und rannte hinaus in das
Freie. Die Waldluft, die Ruhe der Felder, besänftigte etwas sein Blut,
als er aber in die Stadt zurückkehrte, zog es ihn doch wieder zu dem
Hause der hübschen Jüdin hin. Er stand lange auf der Strasse in einem
dunklen Winkel und war zufrieden, als er einmal ihre Hände über die
Tasten des Pianos hingleiten hörte und zweimal ihren Schatten an der
hellen Gardine vorüberschweben sah.

Nachdem er einige Zeit gekämpft hatte, sagte er sich eines Tages,
dass er sterblich in dieses Weib, die Tochter einer verhassten Rasse,
verliebt sei, und dass ihm nichts übrig bleibe, als sich eine Kugel
durch den Kopf zu jagen, oder sich dem schönen Satan zu ergeben.

Koscieloski zog das letztere vor.

Frau Leopard hatte in ihrem Hause einen kleinen Juwelenladen. Als
Koscieloski sie eines Abends in demselben allein sah, trat er ein, bat
sie, ihm einige Ringe vorzulegen und sagte plötzlich, indem er ihre
Hand ergriff: »Welche Hand! ein Kunstwerk aus Elfenbein.«

»Die Hand einer Jüdin, Herr Koscieloski«, erwiderte Frau Leopard
spöttisch, ohne jedoch ihre Hand zurückzuziehen.

»Das Weib bleibt schön unter jedem Himmelsstrich und in jeder Sphäre«,
sagte der Rosche. »Sie könnten ebenso gut als Gräfin oder Sultanin
geboren sein.«

»Wie galant mit einem Male!«

»Sie strafen mich, schöne Frau, indem Sie mich an meine Abneigung gegen
die Juden erinnern. Ich gebe dieselbe zu, aber sie macht ja Ihren Sieg
um so grösser.«

»Sie sind sehr ungeduldig, Herr Koscieloski, wir sind ja bereits bei
der Liebeserklärung angelangt.«

»Wozu verbergen«, murmelte er, »was Sie ja doch auf den ersten Blick
errathen haben. Ja, Frau Leopard, ich bin rasend verliebt in Sie.«

»Und was weiter?«

»Erlauben Sie mir, mich um Ihre Hand zu bewerben.«

»Ich bin doch eine Jüdin, Herr Koscieloski.«

»Das ist kein Hinderniss, sobald Sie meinen Wünschen Gehör schenken.«

»Wir wollen sehen«, sprach sie immer liebenswürdig und kokett, »aber
ich muss Sie doch erst kennen lernen.«

»Gestatten Sie mir also, Sie zu besuchen?«

»Gewiss, mit Vergnügen.«

Koscieloski küsste der hübschen Jüdin galant die Hand und verliess sie
für diesmal, kam aber schon am folgenden Vormittag, um ihr seine erste
Visite zu machen und erschien dann jeden Abend in ihrem Laden oder in
ihrem kleinen Salon, um mit ihr zu plaudern und ihr feurig den Hof zu
machen.

Es gab jedesmal eine lebhafte Diskussion zwischen ihnen. Frau Leopard
warf ihm seine Feindschaft gegen die Juden vor und er vertheidigte
sich so gut er konnte, musste aber jedesmal vor der geistreichen und
schlagfertigen Jüdin die Waffen strecken.

Als letzte Karte spielte er Shakespeares Shylock aus.

Frau Leopard begann laut zu lachen: »Sie wissen also nicht«, rief
sie, »was der italienische Historiker Lotti in seinem Leben Syxtus V.
erzählt? Im 16. Jahrhundert fand in Rom zwischen einem Christen, Namens
Secchi, und einem Juden, Sansone Ceneda, eine Wette statt. Der Christ
setzte hundert Scudi ein und verlangte vom Juden als Einsatz ein Pfund
von dessen Fleische. Der Christ gewann die Wette und forderte sein
Fleisch, aber der erleuchtete Papst gab ihm unrecht und verwies Beide
aus Rom. Es gab also wirklich einen Shylock, aber er war ein Christ und
hiess Paolo Marini Secchi.«

Koscieloski war vollständig besiegt, er ergab sich und bat um Gnade,
die ihm zum Schein von dem schlauen Weibe gewährt wurde. Sie versprach,
sich taufen zu lassen und ihm ihre Hand zu reichen, wogegen der Rosche
sein Ehrenwort gab, die ganze Sache vorläufig mit dem strengsten
Stillschweigen zu behandeln, um nicht vorzeitig die ganze Familie der
Frau Leopard gegen dieselbe aufzuregen. Im Rausche des Liebesglückes
sank Koscieloski zu den Füssen der reizenden Jüdin und empfing den
ersten Kuss von ihren duftigen Lippen. Dann hiess sie ihn gehen,
und als er draussen war, drohte sie ihm mit der geballten Faust und
murmelte: »Jetzt habe ich Dich und will Dich belohnen, wie Du es
verdienst, verliebter Thor!«

       *       *       *       *       *

Ein heiterer Zufall kam dem Racheplan der hübschen Wittwe zur Hülfe.
Der Schneider Oser Weinstock hatte den Kredit seiner Mitbürger bis
auf das Aeusserste missbraucht, ihre Geduld war zu Ende, und da der
polnische Jude den Glaubensgenossen ungern vor Gericht belangt, so
verklagten die Gläubiger des Schneiders denselben bei dem Rabbiner und
dieser lud den kleinen Schneider Weinstock vor den Beschdin.

An dem Verhandlungstage hatte der Schames, der Gemeindediener,
Mühe, die Kläger an der Thüre des Saales im Zaum zu halten, und als
endlich die Rabbiner Rabbi Lewensohn, Reb Baruch und Reb Krakier an
der mit einem grünen Tuch bedeckten Tafel Platz genommen, stürzten
alle zugleich schreiend herein, allen voran Haim Mojsewitsch,
der Schlächter, ein Goliath an Gestalt und Lidde Fiebisch, die
Mehlhändlerin.

Zuletzt erschien verlegen und lächelnd der arme Schneider.

[Illustration]

Nachdem einige Zeit alle zugleich geschrieen, gejammert, gedroht und
gestikulirt hatten, gelang es der Stimme des Rabbiners und den Fäusten
des Schames, einigermassen die Ordnung herzustellen, so dass Einer nach
dem Andern vortreten und seine Klage anbringen konnte. Der Kaufmann
Hirsch Glückskind schwor, dass Weinstock seit Jahren bei ihm Seide,
Sammt und andere Stoffe für genau 861 Rubel genommen und bis nun nicht
mehr als 11 Rubel bezahlt habe, der Kürschner Eisig Iserles hatte gar
1250 Rubel zu fordern, der Kurzwaarenhändler Just Fassel hatte für
230 Rubel Waare geliefert und 114 Rubel erhalten. Der Fleischer Haim
forderte 62 Rubel ein, der Bäcker Fantes 34 Rubel, die alte, zahnlose
Gänsehändlerin Chave Krendel 17 Rubel und die kleine erboste Lidde 12
Rubel für Mehl. Die letztere schrie am meisten, wahrscheinlich weil
sie am wenigsten zu fordern hatte und hielt nach jedem Satz, den sie
sprach, dem zitternden Schneider die geballte Faust, als eine Art
Schlusspunkt unter die Nase.

Der Geklagte erklärte mit einer jämmerlichen Miene, er habe kein Geld
und könne deshalb nicht zahlen.

»Aber Sie haben doch immer verdient«, warf der Rabbiner ein.

»Nicht mehr, als was nöthig war, um nicht Hungers zu sterben.«

»Wozu haben Sie denn immer wieder Stoff genommen und Band und Knöpfe
und Fischbein?« fragte Reb Krakier.

»Gott hat die Welt erschaffen aus Nichts«, erwiderte Weinstock. »Das
ist wahr, aber Gott selbst hat müssen Felle nehmen, um Adam und Eva
Röcke anzufertigen, nachdem er sie aus dem Paradies verjagt hatte. Und
ich soll Kleider machen aus Nichts? Ich kann nicht eine Robe machen aus
Feigenblättern und einen Pelz aus Spinnweben fertigen.«

»So bezahlen Sie Jedem etwas in Raten«, schlug Reb Baruch vor.

»Es ist doch alles eins«, erwiderte Weinstock, »ob ich die Raten
schuldig bleibe oder das Ganze.«

Der Beschdin erwies sich diesem furchtsamen, demüthigen Menschen
gegenüber, der keiner Frage, keinem Vorwurf, keinem Vorschlag Stand
hielt, ohnmächtig und begnügte sich schliesslich damit, die Forderungen
anzuerkennen und Oser Weinstock zu verurtheilen, als dieser sich aber
durch ein Hinterpförtchen verloren hatte, sprach Rabbi Lewensohn: »Ihr
bekommt doch alle zusammen keine Kopeke von ihm, und da Ihr doch nicht
das Herz haben werdet, einen Juden bei Gericht zu verklagen, ihn zu
pfänden, ihm das Letzte zu nehmen ...«

»Nein, nein«, riefen alle.

»So gebe ich Euch einen Rath. -- Prügelt ihn einmal tüchtig durch, das
ist noch das Beste, aber so, dass die Behörde nichts davon erfährt und
nicht gegen Euch einschreiten kann.«

»Ja, ja!« rief der Chor und alle zusammen zogen in die Schenke des
Strohsack, wo sie sich Muth tranken und Kriegsrath hielten.

Nun lauerten jeden Abend an der Strassenecke sieben dunkle Gestalten,
aber die hübsche, derbe Lidde schwang umsonst ihren Ochsenziemer mit
wilder Grazie, Oser Weinstock war schlau wie ein Fuchs, und seine
Gläubiger gaben endlich alle Hoffnung auf, ihm jemals den Pelz bläuen
zu können.

       *       *       *       *       *

Da hörte Frau Leopard von dem homerischen Streit und sofort entwickelte
sie ihrem Anbeter, dem jungen Kaufmann Zadokin, einen schlauen,
köstlichen Plan, welcher sie endlich zum Ziele führen und den
ahnungslosen Rosche ihrer Rache preisgeben sollte.

Sie kam noch denselben Tag zu Oser Weinstock und bestellte eine neue
Kazabaika. Als dieselbe fertig war, schrieb sie Koscieloski und bat
ihn, sie Abends um 8 Uhr, wo in Zamosta keine Katze mehr auf der
Strasse war, hinter der katholischen Kirche zu erwarten.

Es war ein frostiger Februartag, trotzdem erschien der Pole pünktlich
und bald kam auch die hübsche Jüdin in einen grossen Pelz gehüllt und
dicht verschleiert.

»Ich komme nur für zwei Minuten«, sagte sie, »man hat unser Verhältniss
entdeckt und bewacht mich. Es bleibt nichts übrig, als dass Sie mich
entführen, Herr Koscieloski, ich bin sonst meines Lebens nicht sicher,
sobald ich mich taufen lassen will.«

»Sie machen mich zum Glücklichsten der Sterblichen«, rief Koscieloski
und bedeckte ihre Hände mit Küssen.

»Ich muss Sie jedoch vorher sprechen«, fuhr die schlaue Wittwe fort,
»alles muss genau verabredet werden.«

»Natürlich.«

»Sie werden also heute Abend um neun Uhr in den Kleidern Weinstock's,
mit einem falschen Bart und falschen Peisselöckchen zu mir kommen und
mir die Pelzjacke bringen, die er für mich gemacht hat.«

»Ausgezeichnet«, rief Koscieloski, »ich eile, Ihrem Befehl Folge zu
leisten.«

Beide entfernten sich nach verschiedenen Richtungen.

Koscieloski erlangte für fünf Rubel leicht ein vollständiges
Einverständniss mit Weinstock. Dieser gab ihm seine Kleider und Punkt
neun Uhr trat der Rosche im jüdischen Kaftan, die Jarmurka auf dem
Kopfe, das Gesicht durch einen röthlichen Bart und Löckchen entstellt,
die Kazabaika auf dem Arme, in das Ankleidezimmer der hübschen Jüdin.

Indess hatte Zadokin sich gleichfalls vermummt und den Gläubigern des
Schneiders im Vertrauen mitgetheilt, dass Oser Weinstock um neun Uhr
bei Frau Leopard sein werde.

Die hübsche Jüdin war so vorsichtig gewesen, zwei Freundinnen, Frau
Salon und Frau Abrahamowitsch, einzuladen. Ihre Anwesenheit zwang
Koscieloski, in der Rolle zu bleiben. Die beiden Frauen bewunderten
erst einige Zeit die prächtige Pelzjacke, dann schlüpfte Frau Leopard
mit Hilfe Koscieloski's in dieselbe und trat vor den grossen Spiegel.
Oh! sie war schön in dieser Kazabaika von purpurrothem Sammt,
ausgeschlagen und gefüttert mit Hermelin, der sich so weich an ihren
schlanken Leib schmiegte. Koscieloski sah nur den Hals, um den die
zarten Härchen spielten, die Hüften, die sich in dem schwellenden
Pelzwerk abzeichneten, und bemerkte nicht, was hinter ihm vorging.
Zadokin hatte leise die Thüre geöffnet und die Gläubiger des Schneiders
waren auf den Fussspitzen hereingeschlichen.

Plötzlich fasste Haim den Rosche beim Kragen und zugleich traf ihn die
kräftige Lidde mit dem Ochsenziemer. Alle schrieen zugleich: »Haben
wir Dich endlich, Schneiderseele!« und Lidde fügte hinzu: »Da Du nicht
bezahlen willst, wollen wir Dir auf dem Rücken quittiren!« Während es
von allen Seiten Hiebe auf den verrathenen und betrogenen Koscieloski
regnete, stand Frau Leopard, den Rücken an den grossen Ofen gelehnt,
die Hände in den pelzgefütterten Aermeln versteckt, ruhig und behaglich
da.

Sie sah mit grausamem Vergnügen zu, wie sich der Unglückliche unter
der Hundepeitsche ihres Anbeters, unter dem Ochsenziemer der erbosten
Lidde, dem rothen Regenschirm der alten Chave, unter den Stöcken
des Fleischers, des Bäckers, des Kaufmanns, des Kürschners und des
Kurzwaarenhändlers wand. Ja, von Zeit zu Zeit rief sie: »Schont ihn
nicht, besser! besser! keine Gnade!«

Zuletzt flog der arme Rosche die Treppe hinab und zur Hausthüre, bis
auf die Strasse hinaus, von ihrem spöttischen Lachen verfolgt.

       *       *       *       *       *

Koscieloski hatte sofort begriffen, dass die schlaue Jüdin ihn in eine
Falle gelockt hatte, aber er hatte sich in demselben Augenblick gesagt,
dass er die Rolle des Schneiders zu Ende spielen müsse, wenn er nicht
vor der ganzen Stadt lächerlich werden, ja sogar sein Amt verlieren
wolle.

Er liess sich geduldig durchbläuen und die Treppe hinabwerfen, blieb
einen Tag im Bett und ging dann wieder in das Bureau, als ob nichts
geschehen wäre. Alle an diesem grausamen Spass Betheiligten hatten
Ursache, darüber zu schweigen, umsomehr, als Koscieloski von seinem
Judenhass geheilt schien und fortan den Juden, noch mehr aber den
Jüdinnen aus dem Wege ging.

Frau Leopard wollte jedoch die Wollust gesättigter Rache bis zur Neige
geniessen. Eines Tages bekam Koscieloski ein parfümirtes Billet. Es war
die Einladung zu der Hochzeit der reizenden Wittwe mit David Zadokin.

[Illustration]



[Illustration]



Der schöne Kaleb.

-- BÖHMEN. --

    Der Schadchen. -- Meschugge. -- Der Gaulim.


In einer kleinen Strasse der finsteren Judenstadt, die sich um die
berühmte Alt-Nai-Schul zusammendrängt, stand das Haus der Familie
Schmelkes, welche unter den Israeliten der alten Königsstadt Prag
grosse Achtung genoss und im ganzen Königreich Böhmen bekannt war.

Das Haupt der Familie, welche eine Wechselstube besass, war seit Jahren
aus der Welt geschieden und dessen Wittwe, Frau Eugenie Schmelkes,
regierte allein das Haus und erzog ihre Söhne so gut sie konnte.

Bei dem älteren, Nathan, der von Haus aus ernst und nüchtern war,
genügte die sanfte Hand der Mutter. Er wurde ein tüchtiger Mensch,
heirathete und übernahm die Leitung des Geschäftes. Dagegen wurde
der jüngere, Kaleb, durch seine Mutter und ein halbes Dutzend Tanten
verzärtelt und verzogen, sodass schliesslich, nach jüdischen Begriffen,
ein ganz unnützer Mensch aus ihm wurde.

Kaleb hatte keine bösen Eigenschaften, er hatte nur einen Fehler: er
war unglaublich eitel auf sein Aeusseres, und auch das war vielleicht
nicht sein Fehler. Man hatte ihm unablässig gesagt, dass er schön sei,
man hatte ihn erst wie ein Mädchen, dann wie einen Prinzen angezogen,
man fand keine noch so schöne und prächtige Rose des Prager Ghettos
würdig, seine Hand zu besitzen, und so war er endlich geworden, was
er war: der schöne Kaleb, wie ihn spöttisch die gebildeten Juden
nannten, ein »Purez«, ein Geck, nach den Begriffen der armen Hebräer im
schäbigen Kaftan.

Der schöne Kaleb hatte weder etwas gelernt, noch betrieb er irgend ein
Geschäft, er spazierte den ganzen Tag in den Strassen von Prag herum
und erwartete die schöne und reiche Braut, die eines Tages vom Himmel,
wo die Ehen nach Ansicht der Talmudisten geschlossen werden, vor seine
Füsse fallen sollte, wie eine reife Frucht.

[Illustration]

Aber die Jahre verstrichen und Kaleb hatte noch immer keine Stellung,
kein eigenes Einkommen und keine Frau.

Da erschien eines Tages Treitel, der berühmte Schadchen, bei ihm und
bot ihm seinen Beistand an, den Kaleb mit einem spöttischen Lächeln
ablehnte. Dies war dem kleinen Treitel noch nie geschehen. Er richtete
sich in seiner ganzen Grösse auf den Fussspitzen auf, erhob drohend den
Finger und sprach: »Junger Mensch! ohne Schadchen bekommen Sie keine
Frau, so wahr ich Treitel heisse, der liebe Gott kennt mich und weiss,
was er von mir zu halten hat, sonst hätt' er mir nicht anvertraut das
Geschäft hier auf Erden. Aber wenn Sie schon wollen suchen eine Frau
ohne Treitel, so geb' ich Ihnen einen Rath: Verstecken Sie doch vor
allem Ihre krummen Beine.«

Treitel verschwand und Kaleb blieb versteinert mitten in der Stube
stehen. Hatte er wirklich krumme Beine? Noch wollte er es nicht
glauben. Zögernd trat er vor den grossen Spiegel und betrachtete sein
Ebenbild, dann sank er vernichtet auf einen Stuhl.

Ja, er hatte krumme Beine, er, der Adonis der Prager Judenstadt,
er, der sich für schön und unwiderstehlich hielt, dem das beste
jüdische Mädchen zu gering war, der seine Hand nach den Komtessen
und Prinzessinnen des böhmischen Adels ausstreckte, es war einfach
schrecklich.

Wieder trat er an den Spiegel und prüfte sich und dachte nach, und
endlich fand er, wie eine eitle Frau, die sich die ersten Runzeln mit
Hilfe der Schminke wegzaubert, ein Mittel, den Fehler, der ihn so
namenlos unglücklich machte, zu verbergen.

Er begab sich zu seinem Schneider, machte verschiedene Bestellungen und
kehrte dann beruhigt zurück. Seine Freunde staunten, als er sich wieder
unter ihnen zeigte, denn er trug fortan nur noch ganz lange Röcke, die
fast bis zu den Knöcheln reichten und einen langen, faltigen Paletot
von schwarzem Tuch, der ihm im Verein mit einem breitkrämpigen Hut, das
Ansehen eines Künstlers gab. Zu Hause fanden ihn Mutter, Tanten und
Cousinen jetzt noch schöner und poetischer, denn hier hüllte er sich
im Sommer in eine Art weissen arabischen Burnus und im Winter in einen
langen Schlafpelz im Style des Doktor Faust.

       *       *       *       *       *

Nun glaubte er wieder an seinen Stern, nun war er wieder überzeugt,
dass alle Frauen ihm entgegen schmachteten, dass alle Mädchen von
ihm träumten, und dass alle Eltern ihn mit Sehnsucht als Freier
erwarteten. In jedem Zufall sah er einen Wink des Schicksals, in dem
unbedeutendsten Vorfalle geheimnissvolle Zeichen, die er stets mit der
Dame, für die er gerade schwärmte, in Beziehung brachte. Er hatte schon
eine ganze Reihe von Romanen erlebt, aber alle nur in seiner Phantasie,
er war glücklich ohne Grund, er kämpfte ohne Grund, und er litt und
trauerte ohne Grund.

Jeden Sonntag stand er an der Thüre der katholischen Domkirche und
liess nach der Messe die aristokratischen Damen Revue passiren. Einmal,
ein einziges mal, sah ihn die Tochter des Generals Rothfeld an,
vielleicht weil er wirklich einen schönen Kopf hatte. Sofort war er
überzeugt, dass sie ihn liebe und verfolgte sie auf Schritt und Tritt.
So oft er dem General begegnete, grüsste er ihn respektvoll.

Als eines Tages der General seine Cigarre anzünden wollte und ihn
um Feuer bat, schloss er sich ihm an, und begann ein Gespräch über
Theater, Litteratur, Politik, das kein Ende nahm.

Der General wurde endlich ungeduldig. Kaleb empfahl sich, erzählte
aber den Vorfall seiner Mutter, mit der Bemerkung: »Jetzt ist alles
verloren, der General ist beleidigt, weil ich mich nicht erklärt habe.«

Einige Tage später las er in der »Bohemia«, dass die schöne Tochter des
Generals mit einem Obersten verlobt sei. »Ich wusste es«, murmelte er,
»ich habe sie unglücklich gemacht. Oh! meine Unentschlossenheit.«

In einer Loge des deutschen Theaters sah er die reizende Comtesse
Waldstein. Neben ihm sass ein junger Offizier, den die Comtesse durch
das Opernglas ansah. Natürlich galt dies ihm, dem schönen Kaleb.

Er war nun überall zu sehen, wo die Comtesse erschien, in jedem
Concert, auf jedem öffentlichen Ball, auf dem Eisplatz und in der
Kirche. Eines Tages sah er ihren Vater, den Grafen, der von der Jagd
heimkehrte und einen grünen Tannenzweig auf dem Hute trug. »Er wollte
mir damit andeuten«, sagte er zu einem seiner vertrauten Freunde, »dass
ich hoffen dürfe.«

Doch die »Bohemia« schnitt wieder mit einer grausamen Notiz den
Faden seiner Einbildungen ab. Die Comtesse Waldstein verlobte sich
gleichfalls. In einem Kaffeehause erzählten die Freunde des schönen
Kaleb, dass die Comtesse nur gezwungen ihre Einwilligung gegeben habe
und dass sie ihr Herz einem armen Baron geschenkt habe, den ihre Eltern
nicht zum Eidam haben wollten.

Da richtete sich der schöne Kaleb stolz auf und sprach mit leuchtenden
Augen: »Der arme Baron bin ich.«

Jedes Inserat, das Liebende, das galante Frauen mit ihren Anbetern
wechselten, wie es in Oesterreich Mode ist, bezog Kaleb auf sich.
Er antwortete jedesmal, rief unglaubliche Verwirrungen hervor und
gab diese Art von Sport erst auf, als eines Tages eine verschleierte
Dame zu ihm kam und ihn mit der Reitpeitsche bedrohte und ein
Husarenoffizier ihn im Kaffeehause bei den Ohren nehmen wollte.

Die Dame war die Baronin Divin, welche er durch seine Inserate fast mit
ihrem Anbeter, dem Rittmeister Legedy, entzweit hatte.

Da er selbst nichts verdiente, nahm er bald seine Mutter, bald eine
seiner Tanten, bald seinen Bruder Nathan in Anspruch. Wenn der Letztere
ihm Vorstellungen machte, gab er verächtlich zur Antwort: »Ich werde
alles zurückzahlen, sobald ich eine reiche Heirath mache.«

Diese reiche Heirath war seine fixe Idee, und es war natürlich,
dass die Leute des Ghetto endlich die Köpfe schüttelten und sich
zuflüsterten: »Er ist meschugge.«

       *       *       *       *       *

Mehr und mehr wurde der schöne Kaleb von seinen Gläubigern bedrängt und
gequält, denn er lebte wirklich wie ein Baron, und endlich konnte die
Mutter nichts mehr geben und der Bruder wollte nichts mehr geben.

Da erschien wieder Treitel, der Schadchen auf dem Schauplatz.

Das kam so. In der Prager Judenstadt lebte damals ein alter Mann,
Pesach Wolf, der eine Buchhandlung besass. Er war reich und in Folge
seiner Orthodoxie geachtet und gefürchtet. Wolf hatte seine Frau
und seine Kinder begraben und hatte nur noch eine Enkelin, Jenta,
die sein Stolz und seine Freude war. Diese wollte er um jeden Preis
verheirathen, aber es fand sich kein Mann, trotz der reichen Mitgift.

Endlich gab Wolf jede Hoffnung auf, und da er den Kopf voll Mystizismus
und Aberglauben hatte, so umschlich er eines Abends die Alt-Nai-Schule,
in der Absicht, einen gelehrten polnischen Talmudisten zu finden, der
ihm helfen sollte, denn nur zu einem Kabbalisten des Ostens hatte er
Zutrauen.

Hier traf ihn Treitel und liess ihn nicht mehr los. Endlich begann
Pesach Wolf: »Sagen Sie mir, Treitel, auf dem Boden der Alt-Nai-Schule
soll der Gaulim des berühmten Rabbi Löb aufbewahrt sein.«

»Ja, so sagt man.«

»Könnte man diesen Gaulim nicht bekommen?«

»Zu welchem Zweck? Aber Sie wissen doch, dass sich Niemand auf den
Boden wagt. Wahrscheinlich haben in früheren Zeiten die Rabbiner
allerhand unheimliche Geschichten über die Alt-Nai-Schule verbreitet,
um die Christen abzuschrecken und sind dort heute noch Schätze und
Geheimnisse aller Art verborgen.«

»Kennen Sie Jemand, Treitel«, fuhr Pesach Wolf leise fort, »der ein
Kabbalist ist, wie Rabbi Löb einer war, der einen Gaulim bilden kann
und ihn zu beleben versteht durch Einhauchen heiliger Namen?«

»Das sind doch Märchen!« rief Treitel lachend. »Rabbi Löb mag einen
Automaten gehabt haben, der Anlass zu der Sage gab. Aber wozu wollen
Sie denn solch einen Gaulim haben?«

»Für meine arme Jenta«, sagte der Greis seufzend, »da sie schon keinen
Mann haben soll, möchte ich ihr einen schönen Gaulim zum Spielzeug
geben.«

Treitel legte den Finger an die Nase. »Einen schönen Gaulim? Sollen Sie
haben.«

Und so klopfte der Schadchen wieder an die Thüre des schönen Kaleb.

Diesmal war die Aufnahme ungleich besser, und als Treitel von einer
reichen Erbin sprach, wurde Kaleb sogar liebenswürdig.

»Aber die Sache ist nicht so leicht«, sagte der Schadchen, »trotz Ihrer
Schönheit, Sie müssen klug sein und dem Treitel folgen, blind folgen.«

Kaleb versprach es und begann damit, dass er ein Zimmer bezog, das
Treitel in dem Hause gegenüber von Pesach Wolf gemiethet hatte. »Zeigen
Sie sich am Fenster«, sagte der Schadchen, »wenn Sie sehen das Mädchen
gegenüber, meinetwegen als Türke, aber zeigen Sie nur nicht voreilig
Ihre Beine.«

Der schöne Kaleb blickte also mit einem Opernglas den ganzen Tag
hinüber, und wenn Jenta sich an das Fenster setzte, öffnete er das
seine und lehnte sich hinaus.

»Ein schöner Mann!« sagte Jenta, als sie ihn das erste Mal in seinem
prächtigen Schlafpelz mit dem Fez auf dem Kopfe erblickte.

Treitel hatte im Hause Pesach Wolf's dieselben Vorsichtsmassregeln
ergriffen. Er brachte eine Büchse mit Schminke und lehrte Jenta ihr
kleines grüngelbes Gesichtchen mit Hilfe derselben in einen niedlichen
Puppenkopf zu verwandeln, er lehrte sie mit einem über dem Licht
geschwärzten Kork die Augenbrauen zu malen, und bestimmte den alten
Wolf, ihr einen Schlafrock von rothem Atlas zu kaufen, in dem sie aus
der Entfernung einen ganz guten Effekt machte. Kaleb fand sie hübsch
und erklärte sich bereit, um ihre Hand anzuhalten, während Jenta ihn
bereits mit offenen Armen erwartete.

Nun begann Treitel den schönen Kaleb auf die wirkliche Jenta
vorzubereiten.

»Gewiss ist sie hübsch«, sagte er, »sie schielt zwar ein Bischen, aber
das gibt ihr gerade einen besonderen Reiz. Auch ist sie sehr gross und
sehr schlank, doch das macht sie um so majestätischer und endlich ...«

»Was denn noch?« fragte Kaleb ängstlich.

»Na, erschrecken Sie nur nicht gleich«, rief der Schadchen, »ein
Mädchen, das einem 200,000 Gulden zubringt, darf man nicht so genau
ansehen, endlich -- ja -- sie hat auch ein paar falsche Zähne, aber
Zähne wie Perlen, sag' ich Ihnen.«

[Illustration]

»Und wirklich 200,000 Gulden?«

»Ja, das ist sicher.«

So ging denn der schöne Kaleb mit Treitel hin und hielt feierlich bei
dem alten Pesach Wolf um Jenta's Hand an. Nachdem alles abgemacht war,
erschien die reiche Erbin. Kaleb erschrack ein wenig, als er entdeckte,
dass sie um einen halben Kopf grösser war als er und mager, wie ein
Windhund. Aber er konnte nicht mehr zurück. Er tröstete sich mit ihrer
Bildung, ihrem Gelde und fand schliesslich, dass das Schielen sie
pikant mache.

So war denn Beiden geholfen. Der schöne Kaleb hatte endlich die reiche
Frau gefunden, die er seit fünfzehn Jahren erwartet hatte und Jenta
bekam ihr Spielzeug, ihren Gaulim.

Ihr war es Ernst, sie bewunderte ihren Mann, sie betete ihn an, sie
putzte ihn, wie man ein Kind aufputzt und bediente ihn, wie eine
Sklavin ihren Herrn bedient, und so fand sich der schöne Kaleb mehr und
mehr in sein Loos und fühlte sich endlich vollkommen glücklich.

Nur eines beunruhigte ihn, dass seine Frau grösser war als er.

Aber auch dafür fand er eines Tages ein Remedium, wie einst für seine
krummen Beine.

Jenta durfte nur ganz kleine Hüte und Schuhe ohne Absätze tragen,
während er auf einer Art Kothurn einherschritt und stets hohe Hüte
trug. Zu Hause aber sass er immer, wie ein kleiner Junge, auf einem
Polster und trennte sich niemals von seinem Fez, der ihn allein schon
um ein paar Zoll grösser machte.

Der Gaulim des Rabbi Löb ruht aber nach wie vor auf dem Boden der
geheimnisvollen Alt-Nai-Schule und um das Grab des grossen Kabbalisten,
der einen Tycho de Brahe und einen Kaiser Rudolf zu seinen Freunden
zählen durfte, rauschen die düsteren Weiden des alten Prager
Judenkirchhofs und weben noch heute wunderbare Sagen, die immer wieder
vom Grossvater auf den Enkel kommen, ein theures Vermächtniss aus
längstvergangenen, finsteren, grausamen Zeiten.

[Illustration]



[Illustration]



Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben!

-- SPANIEN. --

    Das Haus des Lebens. -- Tod und Begräbniss.


Das Haus des Lebens, wie die Juden den Friedhof nennen, lag in einem
kleinen Thal, das von zwei Hügeln eingeschlossen war. Uralte Bäume
füllten den ganzen Raum und breiteten ihre Aeste wie ein grünes
Dach über die aufrecht stehenden Leichensteine, über verwitterte
Mausoleen und von hohem Gras und wilden Blumen überwucherten Grüfte.
Seit der Zerstörung des Tempels begruben die Kinder Israels hier
ihre Todten. Das Reich der Römer war gefallen, wie das der Gothen,
von der maurischen Herrlichkeit waren nur noch stolze, schwermüthige
Ruinen da, die spanische Weltmonarchie, in der die Sonne nicht mehr
unterging, hatte dasselbe Schicksal ereilt, aber sie, die Vertriebenen,
Heimathlosen, hatten alles überdauert, sogar die Inquisition und die
Scheiterhaufen.

Während oben, auf dem Plateau, in der kleinen, spanischen Stadt
und unten im Hafen der Lärm und die Unruhe der Arbeit, des Handels
herrschten, war hier die Stille und der Frieden.

Alles lag im Schatten und kein Laut drang von aussen herein. Nur selten
glitt ein warmer Sonnenstrahl durch das düstere Blattwerk und beschien
kurze Zeit eine hebräische, halb erloschene Inschrift, nur selten sang
ein Vogel hier. Nur die Bienen summten unablässig in dieser von Blumen
in allen Farben und von einem schweren Duft erfüllten Wildniss.

In einem Winkel des Friedhofs, von zwei Zypressen beschattet, lag
ein kleines Grab und auf diesem Grabe sass ein Greis. Er sass immer
hier, zu jeder Jahreszeit, Tag und Nacht. Mit seinem langen weissen
Sterbgewand, seinem weissen Haar, seinem Bart, der wie Schnee über
seine Brust niederwallte, glich er selbst einem Denkmal von Stein.
Er sass unbeweglich, in Gedanken, in Erinnerungen oder in sein Gebet
versunken und schien niemand zu sehen, wer auch vorüber kam.

Ihn aber kannte ein Jeder, den Vater Menachem, der hundert Jahre alt
geworden war und noch immer rüstig, mit frischem Geist unter einem
neuen Geschlecht wandelte, ein Patriarch voll Güte und Würde.

Während der Greis sann und träumte, hatte sich ein Falter unmittelbar
vor ihm auf eine Rose gesetzt, und jetzt kam ein grosser, schöner Knabe
gelaufen um ihn zu fangen.

Menachem erhob das Haupt, sah dem Kinde in das edelgeschnittene
Antlitz, das von blondem Haar umrahmt war, und aus dem ihn zwei grosse
blaue Augen anlächelten und murmelte: »Ghiron!«

»Nein, Vater Menachem«, sagte der Knabe, »ich heisse Schamai und bin
der Sohn der Kive Castallio.«

»Du hast aber die Gestalt, die Züge und den Blick meines Sohnes, den
ich verlor, als er zehn Jahre zählte. Es ist lange her. Ein halbes
Jahrhundert. Mein Gott, wie rasch die Zeit vergeht und wie langsam.«

»Dies ist sein Grab?« fragte Schamai.

Der Greis nickte, strich ihm die Haare aus der Stirn und lächelte.
»Was thust Du hier, mein Kind?« sprach er dann, »dies ist kein Ort
für Dich. Du kannst es noch nicht fassen, warum dieser friedliche
Platz das Haus des Lebens genannt wird. Bleib draussen, Schamai, wo
die Sonne scheint, wo die Meereswogen singen, wo der Pflug die Erde
durchzieht, wo die weissen Segel irdische Schätze herbeiführen, lebe,
lebe mein Kind, dann, eines Tages, wirst Du hierher kommen, und Du
wirst verstehen. Du wirst hier den Frieden finden und das Glück, das Du
vergebens gesucht im Strome der Zeiten.«

»Vater Menachem«, sagte der Knabe, indem er sich neben dem Greise
niederliess und sich sanft an ihn schmiegte, »man sagt, dass Du alle
Haggadoths kennst, erzähle mir ein Märchen.«

»Ein Märchen?« Menachem nickte mit dem Kopfe. »Ja, ein Märchen oder ein
Traum, was wäre es sonst?« Er strich mit der Hand über die Stirne und
begann:

»Es war einmal ein Mann, nicht besser, nicht gerechter, nicht klüger,
als die anderen. Er verehrte Gott und liebte die Menschen. Er suchte
die Wahrheit, und fand den Irrthum, er wollte recht handeln und
beging Fehler, er unterrichtete sich, er dürstete nach Weisheit
und sah endlich, dass ein Mensch ist wie der andere und dass ein
Menschenschicksal dem anderen gleicht. Er nährte Hoffnungen, Wünsche,
Träume, die niemals in Erfüllung gingen, er strebte nach Dingen, die
er niemals erreichte. Er begnügte sich zuletzt damit, für sich und die
Seinen zu sorgen und lebte dahin, wie alle anderen. Er nahm ein Weib,
schön, wie eine junge Rose, er liebte sie. Sie schenkte ihm ihr ganzes
Herz, und sie schenkte ihm auch Kinder, die er liebte. Er war nicht
reich und nicht arm, er konnte den Seinen geben, was sie brauchten und
war zufrieden.

Aber die Jahre zogen dahin und mit ihnen die Menschen, sie fielen wie
die Blätter im Herbste und kehrten nicht wieder, andere traten an ihre
Stelle und wieder andere, und endlich war der Mann allein.

Er hatte alle begraben, Eltern und Geschwister, Weib und Kinder,
Verwandte und Freunde, alle, alle, aber an ihm ging der Todesengel
vorüber Jahr für Jahr, und er blieb Jahre und Jahre allein, einsam,
verlassen, in einer Welt, die ihm fremd geworden war, unter Menschen,
die er nicht verstand und die ihn nicht verstanden.

Er hatte gelebt, Glück und Unglück, Freud und Schmerz waren an
ihm vorüber gegangen, die Welt bot ihm nichts Neues mehr, keine
Ueberraschung, keine Freude, nicht einmal einen neuen Schmerz, eine
neue Sorge.

Und so begann der Mann, sich nach dem Tode zu sehnen, den alle
fürchten, und wenn er zu seinem Gotte betete, rief er aus der Tiefe
seiner Seele: Herr, nimm mich hinweg aus diesem Thal der Schatten und
lass mich endlich sehen Dein ewiges Licht.«

Der Knabe schwieg einige Zeit, dann sprach er: »Der Mann bist Du, Vater
Menachem.«

»Ja, der Mann bin ich.«

»Und Du willst sterben?«

»Ja, mein Kind, für mich ist der Tod, was für Dich das Leben ist.« Der
Greis erhob sich und nahm den Knaben bei der Hand. »Komm. Dir stehen
noch die goldenen Pforten des irdischen Paradieses offen, Dir lacht die
Jugend entgegen, das Glück, die Schönheit, Ehre und Ruhm, komm.«

Sie schritten zusammen durch die Reihen der Gräber zur Pforte hinaus
und dann den Abhang hinauf. Oben, vor dem Thore der Stadt, wies der
Greis auf die maurischen Kuppeln, die im Abendlicht glänzten, und auf
das blaue, sonnige Meer. Dann geleitete er das Kind bis zu dem kleinen
Hause, vor dem seine Mutter, die schöne Kive, stand, ihr jüngstes Kind
an der Brust, und nahm mit einem gütigen Lächeln Abschied.

       *       *       *       *       *

Drei Tage später lief der Knabe eilig durch die jüdische Gasse, er
kam vom Friedhof. Vater Menachem hatte ihn gesendet, zehn Männer der
Chebura Kdischa zu suchen, er fühlte die Stunde nahen, die er so lange
mit geduldiger Sehnsucht erwartet hatte.

Langsam erklomm der Greis den Abhang, warf noch einen letzten Blick auf
Meer und Land und trat dann durch das düstere Thor in die Stadt. Als er
auf der Schwelle seines Hauses Athem holte, kam schon Schamai mit den
zehn Männern.

»Was wollt Ihr, Vater Menachem?« fragte der Aelteste unter ihnen
erstaunt.

»Sterben«, erwiderte der Greis. Langsam trat er in das Haus, in die
grosse Stube des Erdgeschosses, mit der Hand an der Wand tastend und
sank, wie er war, im weissen Sterbgewande, auf sein einfaches Lager.

»Wollt Ihr einen Arzt?«

»Ich will sterben«, erwiderte Menachem. In die Kissen zurückgelegt, den
Blick erhoben, die Hände auf der Brust gefaltet, begann er schwerer und
schwerer zu athmen.

Die zehn Männer bildeten einen Halbkreis um ihn, und der Sterbende
betete das Schema, das Sterbegebet, und sprach die dreizehn
Glaubensartikel.

Als er zu Ende war, begannen die zehn Männer einen Psalm zu beten.

[Illustration]

Plötzlich richtete sich der Greis auf. Sein Antlitz war verklärt. Er
hatte die Hände erhoben und murmelte: »Gelobt sei Gott, der uns den Tod
gegeben!« Dann sank er in die Kissen zurück und lag da, ein Lächeln um
die Lippen.

Nachdem eine Viertelstunde verstrichen war, hoben die Männer den
Todten auf und legten ihn mitten in die Stube auf den Boden. Die Arme
lagen straff zu beiden Seiten, und die geballten Fäuste bildeten ein
hebräisches Sch -- Schadai.

Nachdem ein Leintuch über die Leiche gebreitet war und das Lämpchen zu
Häupten derselben angezündet, wurde das Fenster geöffnet. Die Seele zog
in ihre Heimath.

Im Hause war es stille und stille draussen unter dem Abendhimmel, an
dem sich die ersten Sterne zeigten.

       *       *       *       *       *

An dem Tage, wo man Menachem begrub, waren alle Läden geschlossen,
Niemand blieb zu Hause, alle gaben ihm das Geleite, alle.

Schon lag er im Leichenhemd, im Talar mit den Schaufäden, die weisse
Kappe auf dem Kopf, auf dem Brett.

Einer nach dem andern trat heran, berührte die grosse Zehe des Todten
und bat ihn leise um Vergebung.

Dann stimmten die Männer das herzzerreissende »Joschef besseser«, das
Geleitgebet an.

Die schluchzenden Frauen hielt man ferne, um die Ruhe des Todten nicht
zu stören und langsam trug man die Leiche auf dem Brett hinaus, mit den
Füssen voran.

Auf dem Friedhof angelangt, bildeten alle, die dem Todten gefolgt
waren, einen Kreis um das Grab, das man ihm neben dem seines Sohnes
gegraben hatte.

Die Wenigen, welche entfernt mit ihm verwandt waren, traten vor und
sprachen: »Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen, der Name Gottes
sei gelobt!«

Dann zerrissen sie ihr Gewand an der linken Seite.

Nun trat der Rabbiner an den Todten heran und sprach: »Wir gedenken,
Gott, vor Dir, des geschiedenen Menachem Ben Joseph und beten für das
Heil seiner Seele. Nimm ihn auf, lass' seine Seele einziehen zur ewigen
Ruhe, zur ewigen Freude, zur ewigen Seligkeit, lass' ihn theilhaftig
werden der Segnungen, die Du den Frommen und Gerechten verheissen hast,
als Lohn für alles irdische Leid, für all' ihre Sorgen, ihr Ringen und
Mühen dahier. Der Allerbarmende vergibt. Ja, Menachem, Du bist schon im
Lichte und wir sind noch in der Finsterniss. Du bist in der Wahrheit
und wir sind noch im Irrthum, Du bist im Frieden und wir im Kampfe und
in der Zerstörung.

Gib uns, o Gott, dass auch wir den Kampf zu Ende kämpfen und in Frieden
eingehen in Dein Reich.

Gesegnet sei das Angedenken des Gerechten. Amen.«

Langsam wurde der Todte in das Grab gesenkt, sitzend das Antlitz gegen
Sonnenaufgang.

Dann fielen die Schollen hinab in die Tiefe, und die Menge verliess
ernst und schweigend den Friedhof. Ein Jeder riss, ehe er heraustrat,
eine Handvoll Gras aus, warf es hinter sich ohne umzublicken und
sprach: »Gedenke, dass Du Staub bist!«

Zuletzt war Niemand da, als der Todtengräber und der Knabe. Als der
Hügel aufgeworfen war, legte das Kind einen grossen Strauss aus Blumen,
die er auf dem Friedhof gepflückt, auf denselben. »Schlafe sanft, Vater
Menachem!« sprach er. Dann ging er hinaus in das Licht, wo die Aehren
wogten, und die Meereswellen rauschten.

[Illustration]



[Illustration]



Schalem Alechem.

-- ELSASS. --

    Der Dalles. -- Kindesliebe. -- Passahfest. -- Der Prophet Elias.


Nicht alle Menschen tragen Schuld an ihrem Schicksal. Es gibt brave,
fleissige Leute, die alles aufbieten, um dem Unglück, das sie verfolgt,
die Spitze zu bieten und dennoch scheitern.

Bei solchen Leuten hat sich der »Dalles« eingerichtet. Ein böser Geist,
das Elend in Person. Je grösser das Ungemach, das die Armen zu erdulden
haben, je grösser die Noth, um so wohler befindet sich der Dalles. Er
mästet sich, während alle um ihn abmagern.

Ein solcher Dalles schien auch bei Mutter Jette Goldenblum eingekehrt.
Sie war als eine treffliche Frau bekannt in dem elsässischen Städtchen,
und vordem war ihr kleiner Kramladen eine ausgiebige Einnahmsquelle
für sie gewesen, aber sie hatte Unglück seit einiger Zeit, und ihr
kleines Haus war jetzt vollständig verschuldet. Ihr Vater, Beer Taubes,
war zu gut gewesen, er hatte allen seinen Verwandten, seinen Freunden
geholfen, hatte sein kleines Vermögen auf diese Weise verzettelt und
jetzt dachte Niemand daran, ihm zu helfen und er war froh, einen alten
Lehnstuhl bei seiner Tochter zu haben und ein Gedeck an ihrem Tische.

Jette's Sohn, der begabte, arbeitsame Fritz, wurde in gleicher Weise
vom Dalles verfolgt. Trat er in ein Geschäft ein, so machte sein Herr
bald bankerott oder die Tochter verliebte sich in ihn und er musste
fort, weil er seiner Braut, der hübschen, verständigen Sarah Meier,
nicht die Treue brechen wollte.

Wieder war er einmal zu Hause bei seiner Mutter, ohne Arbeit, ohne
Verdienst, und alle zusammen liessen einige Zeit geduldig Armuth,
Kummer, Entbehrung über sich ergehen.

[Illustration]

Endlich hatte Fritz einen Entschluss gefasst. German Kugel, der ihn
kannte und ihm Vertrauen schenkte, hatte ihm das Reisegeld nach
Amerika vorgestreckt, Fritz wollte über den Ocean segeln und drüben
sein Glück versuchen.

Alle hörten ihn traurig und seufzend an, aber sie gaben ihm recht, und
Mutter Jette traf sofort alle Vorbereitungen.

Fritz sass diesen Abend mit Sarah auf der Bank beim Ofen. Sie sprachen
wenig, sie hatten sich bei der Hand und verstanden sich.

»Ich werde auf Dich warten«, sagte endlich die arme Sarah, »und kommst
Du nicht zurück, so nehme ich doch keinen Anderen.«

Am nächsten Morgen nahm Fritz Abschied. Der Grossvater segnete
ihn, Mutter und Braut gaben ihm das Geleite bis zur nächsten
Eisenbahnstation.

Es währte nicht einen Monat, so kam der erste Brief mit Geld. Fritz
hatte in Milwaukee Arbeit gefunden, wurde gut bezahlt, und versprach,
jede Woche sein Erspartes zu senden. Und er hielt Wort. Dieser Sohn,
der seine Familie, seine Braut verlassen hatte, um jenseits des Meeres
für seine Mutter zu arbeiten, er verstand das Gebot Gottes: Ehre Vater
und Mutter, damit es Dir wohl gehe auf Erden.

Und es erging ihm wirklich gut. Fünf Jahre war er schon fort, fünf
Jahre erwartete ihn schon Sarah in Geduld, ohne Klage, schon fünf
Jahre arbeitete er für die Seinen und jede Woche kam der Brief mit
demselben Gelde.

Die Leute im Städtchen wussten es und grüssten Mutter Jette noch
achtungsvoller als sonst, aber eigentlich nahmen sie den Hut vor dem
Sohne ab, eigentlich galt der Gruss dem braven Fritz in Amerika.

       *       *       *       *       *

Es war Passahfest. Ein dicker Brief war aus Milwaukee gekommen mit
vielem, vielem Gelde, und alle waren guter Dinge. Sarah hatte Mutter
Jette geholfen das Geschirr zu reinigen, das vorerst über dem Feuer
ausgebrannt worden war, und das Haus zu säubern vom Dache bis in den
Keller hinab.

Denn das Passahfest feiert die Erinnerung an den Auszug aus Egypten
und es heisst in Bezug darauf im Exodus: Ihr werdet sieben Tage
ungesäuertes Brod essen und in den ersten Tagen alles Gesäuerte aus
Euren Häusern entfernen. Den ersten Monat, den vierzehnten Tag vom
Abend, werdet Ihr ungesäuertes Brod essen bis zum einundzwanzigsten
Tage den Abend. Während sieben Tage werdet Ihr nichts Gesäuertes im
Hause haben.

Vordem hatte man das ganze Geschirr erneuert und alles verkauft, was
als gesäuert angesehen werden konnte, jetzt wird dieser Verkauf nur zum
Schein ausgeführt. Alles wird einem befreundeten Christen übergeben,
der es bezahlt und nach Ostern das Geld zurück erhält und den ganzen
Kram zurück erstattet.

Auch Mutter Jette hatte diese Comödie aufgeführt, und jetzt war alles
in Ordnung, alles glänzte, in dem frischgescheuerten Speisesaal
war die Diele mit rothem und gelbem Sand bestreut, blüthenweisse
Vorhänge prangten an den Fenstern, am Ende der Tafel stand der »Lahne«
(Lehnstuhl) für das Familienhaupt, und der ganze Raum war von dem Duft
der Märzveilchen erfüllt, welche Sarah im Wäldchen gepflückt hatte.

Die beiden Frauen hatten nun auch das Matze, das ungesäuerte Brod
bereitet und gebacken, und jetzt war Mutter Jette's erster Gedanke, die
Geschenke zu versenden und das Almosen zu spenden, die jeder Jude zu
dieser Zeit gibt.

Mit einem grossen Korbe, der mit Weinflaschen und ungesäuerten Broden
gefüllt war, ging Sarah durch den Ort und brachte die Gaben zu dem
Rabbiner, dem Kantor, dem Schames, dem Lehrer, zu dem armen Talmudisten
und zu einigen dürftigen Juden und Christen, denn der wahrhaft fromme
Jude kennt für seine Wohlthätigkeit keinerlei Schranken.

Schon nahte der erste Abend des Festes. Grossvater Taubes sass vor dem
Hause und erwartete den Stern, der den Anbruch des 14. Nissan und den
Beginn der Passahwoche verkündigt.

Der Schulklopfer ging durch die Strassen und klopfte an jede jüdische
Thüre dreimal, das Zeichen, dass es Zeit sei zum Gebet.

Da entstand eine fröhliche Bewegung, man hörte Rufe und laute Grüsse in
der Ferne, und jetzt kam ein Mann, den Tornister auf dem Rücken, den
Stock in der Hand, heran, umringt von der jubelnden Jugend. Er blieb
auf der Strasse stehen, und zugleich steckten Mutter Jette und Sarah
die Köpfe zum Fenster heraus.

»Schalem Alechem!« (Der Friede sei mit Euch!) sprach der Mann, den sie
alle für einen Fremden hielten.

»Alechem Schalem!« (Der Friede sei auch mit Dir!) antworteten die
anderen, zugleich riefen aber auch schon die Kinder: »Frau Goldenblum,
kennen Sie denn Ihren Fritz nicht?«

Ja, es war Fritz, in grossen Juchtenstiefeln und mit einem langen Bart,
und jetzt hatte die Freude keine Grenzen. Nachdem ihn alle sattsam
angesehen und umarmt, gingen sie zur Synagoge, und als der Gottesdienst
beendet war, auf dem Wege nach Hause, begann Fritz von seinem Schicksal
zu erzählen.

Der Dalles war wirklich daheim geblieben, Fritz hatte Glück gehabt in
Amerika, hatte viel verdient, viel erspart, ein Geschäft begründet
und wieder vortheilhaft verkauft und kam zurück mit mehr als
dreissigtausend Franken in seinem Tornister.

[Illustration]

Sein erster Gang war zu German Kugel gewesen. Ihm das vorgeschossene
Reisegeld zurückzuerstatten, schien ihm die vornehmste Pflicht, dann
erst war er zu seiner Mutter, seiner Braut geeilt.

       *       *       *       *       *

Die Sterne waren indess am Himmel heraufgezogen und ganz Israel ging an
die Feier des ersten Passahabends, des Seder.

Grossvater Taubes nahm im grossen Lehnstuhl am Tische Platz, über dem
die siebenarmige Lampe brannte, neben ihm Mutter Jette und Sarah, ihm
gegenüber Fritz. Vor jedem lag auf dem weissen Tischtuch die Haggada,
das hebräische Buch der Gebete und Gesänge für diesen Abend.

Beide Männer hatten das Haupt bedeckt. In der Mitte der Tafel lagen
drei grosse Brode, jedes von dem anderen durch ein weisses Tuch
getrennt. Um sie herum befanden sich verschiedene Symbole. Eine
Marmelade, welche den Thon und Kalk darstellte, mit dem die Israeliten
in Egypten gearbeitet hatten, Essig, hartes Ei, Meerrettig zum Andenken
an das Elend der Sklaverei, ein mit etwas Fleisch bedeckter Knochen
stellte das Osterlamm und der rothe Wein das Blut der hebräischen
Kinder dar, in dem sich die Pharaonen badeten.

Der Grossvater sprach das Gebet, den Segen, der die Feier eröffnet,
dann stand Fritz auf, nahm einen kleinen Krug und goss Wasser über die
Hände Beer's und dann standen alle auf und berührten die Schüssel, auf
der die drei Brode lagen.

»Dies ist das Brod des Elends«, sprachen alle zugleich, »das unsere
Väter in Egypten gegessen haben. Jeder, der Hunger hat, der komme mit
uns, zu essen, Jeder, der dürstet, er komme, Ostern mit uns zu feiern.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Thüre, und ein Bettler, ein
Schnorrer aus Polen, trat herein und nahm, nachdem man sich gegenseitig
begrüsst hatte, an dem Tische Platz.

Nun begann Fritz, die Haggada vor sich, in hebräischer Sprache: »Zu
welchem Zwecke diese Feier?«

»Wir waren Sklaven in Egypten«, erwiderte der Greis, »und der Ewige,
unser Gott, hat uns befreit mit seiner mächtigen Hand.«

Nachdem man noch die Leiden in der Sklaverei und des Auszugs aus
Egypten vorgelesen hatte, kostete jeder von den symbolischen Speisen,
der Greis füllte indess einen grossen Becher, der vor ihm stand und der
für den Propheten Elias, den heiligen Beschützer des jüdischen Volkes
bestimmt war.

Das Mahl begann. Fritz erzählte von dem fernen Amerika und der
polnische Schnorrer gab einige Anekdoten zum Besten. Dann theilte Beer
das Brod als Symbol des Durchgangs durch das rothe Meer, gab jedem ein
Stück davon und schloss das Mahl mit dem Tischgebet.

»Fritz«, sagte er endlich, »öffne die Thüre.«

Fritz stand auf, öffnete weit die Thüre und trat bei Seite. Während
Alle ein feierliches Schweigen beobachteten, trat unsichtbar der
Prophet Elias herein. Nachdem Fritz wieder die Thüre geschlossen und
der Heilige den für ihn bestimmten Becher mit den Lippen berührt hatte,
stimmten Alle zusammen den 115. Psalm an. Andere Gesänge folgten.

Es war spät, als man zur Ruhe ging und zwar ohne das Nachtgebet zu
sprechen. Denn in dieser Nacht wacht Gott selbst über jedem jüdischen
Hause, wie einst in Egypten.

       *       *       *       *       *

Am folgenden Tage nach dem Essen, während noch alle bei Tisch sassen,
kam fast die ganze Gemeinde zum Besuch in das Haus der Frau Goldenblum.
Da war der Rabbiner, der gerne etwas Neues aus Amerika hören wollte,
der Lehrer, der Schames, der Kantor, die Nachbarn und Nachbarinnen,
alle, und ein Lärm war in dem kleinen Speisesaale, dass man kaum sein
eigen Wort verstehen konnte.

Nur wenn Fritz auf verschiedene Fragen antwortend zu erzählen begann,
trat sofort tiefe Stille ein, und der gemüthliche Kreis lauschte mit
naiver Neugier, bis es Zeit war, zur Minha, zum Nachmittagsgebet.

Am ersten Tage der Halhammad (Halbfesttage) ging Fritz mit Sarah hinaus
in die Felder. Allerorten sah man die grünenden Wintersaaten zwischen
den frisch gepflügten, schwarzen Aeckern, an jedem Rain sprossen
Blumen, die Bäume knospeten und über diesem kleinen Paradiese lachte
der blaue Himmel und leuchtete die Sonne warm und fröhlich.

Die jungen Leute hielten sich an der Hand und sprachen kein Wort, sie
konnten nicht, ihre Herzen waren so voll von Glück und von Dankbarkeit
gegen den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Aber endlich fand Fritz doch Worte. »Sarah, wir werden uns jetzt
niederlassen und Hochzeit feiern, sag' mir, mein Leben, mein Kleinod,
willst Du lieber Land haben und Vieh und Geflügel oder ein Geschäft?«

»Wie Du willst, Fritz«, erwiderte sie lächelnd, »was Dir recht ist, ist
mir auch recht, denn Dein Schmerz ist mein Schmerz und Deine Freude
meine Freude.«

»Dann will ich den Hof des François Schnegans kaufen«, sagte Fritz,
»ich kann ihn haben. Es ist der Mutter wegen, es wird ihr das Leben
verlängern.«

»Du guter Fritz!« rief Sarah, »ja, thu' es, es wird uns Segen bringen.
Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohl ergehe auf Erden.«

[Illustration]



[Illustration]



Machscheve.

-- ENGLAND. --

    Omer. -- Jüdischer Aberglaube. -- Lillith.


Schalom Raphaeli war einer der reichsten Handelsherren in England.
Vordem, in jungen Jahren, hatte er mit Zündhölzchen gehandelt, jetzt
besass er ein Waarenhaus in Bath und ein Palais im italienischen
Stil. Seine Schiffe segelten nach Amerika, nach Indien und Japan.
Sein ältester Sohn, Moses stand an der Spitze des Geschäftes. Schalom
selbst war bequem geworden, er bewohnte mit seiner Familie ein kleines
Schloss in der Nähe. Hier trieb jedes Glied der Familie irgend eine
Liebhaberei, Schalom zog Blumen und Fruchtbäume, seine Frau Edith war
für schöne Pferde und die Hetzjagd passionirt, seine Tochter Noëmi zog
Tauben, und sein jüngster Sohn, Juda, trieb philologische Studien.

Dieser Juda, den sein Vater geradezu abgöttisch liebte, bereitete ihm
auch die meisten Sorgen. Zuerst, weil er keine Lust zum Handel hatte,
und sich in hebräischen, griechischen und lateinischen Folianten
vergrub, dann, weil er jede Braut, die seine Eltern für ihn erwählt
hatten, zurückwies und sich nicht verheirathen wollte.

Schalom Raphaeli war endlich überzeugt, dass sein Sohn behext sei.

Unternehmend als Kaufmann, kühn als Schiffsherr, war Schalom für seine
Person unglaublich furchtsam und abergläubisch. Wenn er im Sommer einen
Besuch bei Nachbarn machte und entdeckte, dass sich kein Blitzableiter
auf dem Dache befand, liess er die Pferde niemals ausspannen und
beeilte sich, wieder den Rückweg anzutreten. Schlief er einmal in einem
fremden Hause, so untersuchte er sofort, ob wohl Gitter an den Fenstern
seien. Begegnete er einem Hunde, der die Zunge heraushängen liess,
war er im Stande, sich über den nächsten Zaun zu schwingen und die
Flucht zu ergreifen. Eine besondere Angst hatte er vor dem Petroleum.
In seinem Hause durfte keines gebrannt werden. Er schnitt aus den
Journalen alle Notizen aus, wo von Unglücksfällen durch Petroleum die
Rede war und legte sie seinen Bekannten vor, sobald diese den Heroismus
besassen, Petroleum zu brennen.

[Illustration]

Wenn die Passahwoche vorüber war, begann eine Zeit immerwährender
Aufregung für Schalom. Der Zwischenraum zwischen Passah und Schebuoth
(Ostern und Pfingsten) nach dem Maass Gerste, das man vordem in
Jerusalem zu opfern pflegte, Omer genannt, galt ihm, der noch ganz in
den alten Traditionen des Ghetto befangen war, als eine Zeit der Gefahr
und des Unglücks.

Während des Omer haben die bösen Geister und Dämonen, die Schaïdim und
Masikim, welche Luft und Erde erfüllen, einen besonderen Einfluss und
auch die Machscheves, die Hexen, treiben ihr Unwesen. In dieser Zeit
ist die grösste Vorsicht geboten und Schalom Raphaeli war nicht der
Mann, es an Vorsicht fehlen zu lassen.

Gleich am ersten Abend des Omer schlug er selbst an dem Thürpfosten den
schönen Psalm: »Erhebe ich meine Augen zu den Bergen, woher kommt mir
Hülfe? Meine Hülfe kommt von Adonai, der gemacht Himmel und Erde.«

In dieser gefährlichen Zeit achtete Schalom ängstlich darauf, dass
Niemand die abgeschnittenen Nägel oder Haare wegwarf, sie mussten vor
ihm verbrannt werden, er gestattete weder zu pfeifen, noch Steine zu
werfen, noch eine Feuerwaffe abzuschiessen, noch zu Pferde zu steigen
oder auszufahren. Sogar den Dienern war es strenge verboten, in
Hemdärmeln herumzugehen, verboten Jedermann, einen Kahn zu besteigen,
verboten, Nachts in den Spiegel zu sehen.

Da Schalom ein seelensguter Mensch, da er der Sklave seiner Frau, der
Diener seiner Tochter und der gute Kamerad seines Sohnes war, so
fügten sich alle, aber es gab stets verdriessliche Gesichter, denn
Edith entsagte mit schwerem Herzen dem Sattel, Noëmi vergoss jedesmal
Thränen, wenn ein Habicht ihr ein Täubchen entführte und sie ihre
kleine Flinte nicht von der Wand nehmen durfte, und Juda war noch
stiller und ernster als sonst vor seinen Büchern, seitdem der Kahn
nicht von der Kette gelöst werden durfte.

       *       *       *       *       *

Als Schalom eines Tages in die Stadt ging, um seine Geschäfte zu
besorgen, athmeten alle befreit auf. Frau Edith liess ihren Rappen
satteln, und Noëmi lud ihre Flinte. Juda liess zwar den Kahn an der
Kette, aber Nachmittags bestieg er gleichfalls ein Pferd und ritt davon.

Als Schalom Abends heimkehrte, sass Edith bereits wieder in ihrem
Salon, und Noëmi stöberte in der Bibliothek umher, aber Juda war noch
nicht zurück.

Schalom ging an den Ort, wo der Kahn lag, dann in den Stall und zählte
die Pferde. Als er in den Salon zurück kam, war er bleich und ging
aufgeregt auf und ab.

»Wo ist Juda?« fragte er endlich.

»Nicht weit«, erwiderte Noëmi, »er muss jeden Augenblick kommen.«

»Muss!« rief Schalom, »wenn er aber nicht kommt?«

»Juda ist doch kein Kind,« bemerkte Edith, »wenn ich ruhig bin,
brauchst Du doch auch keine Angst zu haben.«

»Brauchen?« rief Schalom, »wenn ich aber doch habe? Niemand kann mir
verbieten, Angst zu haben. Wenn er nur nicht zu Cooks ist, dort brennen
sie Petroleum.«

Schalom kämpfte einen schweren Kampf. Aber endlich siegte die Liebe
zu seinem Sohne über seine Furchtsamkeit und er ging hinab, liess ein
Pferd satteln, fragte, in welcher Richtung Juda fortgeritten wäre und
schlug denselben Weg ein.

Es war indess dunkel geworden und zum Ueberfluss stieg noch dichter
Nebel aus den Wiesen und Gehölzen empor. Schalom war es recht
unheimlich zu Muthe, aber er trieb sein Pferd an und sprach sich
Trost zu. »Du hast täglich Deine Gebete verrichtet«, sagte er, »Du
hast strenge alle Vorschriften beobachtet, Du hast reichlich Almosen
gegeben, Gott wird Dich nicht verlassen.«

Doch in demselben Augenblick tauchte aus Nacht und Nebel eine weisse
Gestalt, die ihm zu winken schien. Das Pferd fiel in Schritt, während
Schalom, am ganzen Leibe bebend, zu beten begann. Eine zweite Gestalt,
vom Monde geisterhaft beschienen, der langsam aus den Wolken trat!
Schon wollte Schalom umkehren, da erinnerte er sich, dass hier der
Friedhof lag. Er näherte sich der Mauer und erblickte jetzt die Reihen
der Gräber und die Grabdenkmäler von Cypressen umgeben.

Wieder trabte er vorwärts, als plötzlich vor ihm ein schreckliches
Getöse entstand, das rasch auf ihn zukam. Er trieb sein Pferd über den
Graben, in das Feld, diesmal waren es ohne Zweifel Schaïdim oder gar
Lillith selbst mit ihrem Gefolge.

Vor diesem weiblichen Teufel hatte Schalom einen besonderen Respekt.
Aus dem Unflath der Erde erschaffen, war sie Adam's erste Frau gewesen
und von Gott verflucht, jagte sie Nachts, von einem Heer von Dämonen
begleitet durch die Luft. Alle tausend Jahre versucht sie einen Mann zu
verführen, um von dem Fluche, der auf ihr lastet, erlöst zu werden.

Wenn sie Juda antraf? Wenn er in ihre Netze fiel?

Schon stürmte ein kleiner Wagen heran, an den zehn schwarze Ponnis
gespannt waren. Die Funken stoben unter dem wilden Gefährte, das im Nu
vorüberraste und sofort im Nebel verschwand.

Wenige Minuten später ertönte der Hufschlag eines Pferdes, und ein
junges, schönes Weib sprengte heran und hielt vor Schalom. Sie war
phantastisch gekleidet. Man hätte sie für eine Zigeunerin halten
können, wenn sie nicht so blendend weiss gewesen wäre, und wenn ihr
Haar nicht goldroth wie eine Flamme um ihre Schultern gespielt hätte.

Es war Lillith, die Verführerin, kein Zweifel. Schalom hatte Lust, die
Flucht zu ergreifen, aber sie fragte ihn in gutem Englisch: »Ist dies
der Weg nach Bath?« und das beruhigte ihn ein Wenig.

»Es ist etwas spät, um einen Spazierritt zu machen«, sagte er,
»fürchten Sie sich nicht, Madame?«

»Oh! ich bin auf dem Pferde geboren,« rief die Schöne lachend. »Haben
Sie nicht von Miss Cornills gehört? Gesellschaft ist auf dem Wege nach
Bath, wo wir einige Zeit Vorstellungen geben werden.«

»Sie sind also?«

»Eine Kunstreiterin«, erwiderte Miss Cornills und gab ihrem Pferde
einen Schlag mit der Gerte. Während sie im Nebel verschwand und Schalom
seinen Weg fortsetzte, dachte er: »Wenn es auch nicht Lillith ist, eine
Teufelin ist es doch, und ich bin froh, dass Juda ihr nicht begegnet
ist.«

       *       *       *       *       *

In demselben Augenblick strauchelte sein Pferd, und Schalom fiel in den
Strassengraben.

»Da haben wir's«, rief er laut. Als er sich wieder erhoben und sich
überzeugt hatte, dass er weder Hals noch Arm gebrochen, entdeckte er,
dass das rechte Bein ihn schmerzte. »Habe ich nicht gesagt«, murmelte
er, »dass man zu Omer nicht reiten soll.«

Indess hatte der Nebel sich etwas verzogen, und Schalom sah, dass
er sich nur hundert Schritte von dem Landhaus befand, das die ihm
befreundete jüdische Familie Cook bewohnte. Als er sein Pferd beim
Zügel führend sich dem Thor des Parkes näherte, gewahrte er einen
Reiter, der an der Mauer hielt, und eine weibliche Gestalt, die sich
von derselben zu ihm herüberneigte.

[Illustration]

Schalom band sein Pferd an und schlich durch die Gebüsche an das
verliebte Pärchen heran. Ja, es war sein Juda, wie er gleich vermuthet
hatte, und die Dame war Lea Meborah, die Erzieherin der Kinder Cook's.
Ein hübsches Mädchen aus achtbarer jüdischer Familie und sehr gebildet,
ja gelehrt, denn sie verstand ebenso gut Griechisch, wie Latein,
Hebräisch und Arabisch.

»Das ist also die Machscheve«, dachte Schalom, »diese hübsche Hexe ist
es, die ihn behext hat. Darum ist ihm keine Braut vornehm genug.«

»Ich muss nun fort«, sprach Juda, »mein Vater könnte zurückkehren und
ich will ihm keinen Kummer bereiten.«

»Sie haben recht,« erwiderte Lea, »Sie bereiten ihm ohnehin Kummer
genug, da Sie sich nicht verheirathen wollen.«

»Ich werde niemals verlangen, dass er uns seinen Segen gibt«, sagte
Juda, »aber ebenso wenig werde ich jemals eine Andere zur Frau nehmen,
als Sie, Lea. Sie, Sie sind mein Alles, nichts kann uns trennen.«

»Ich warte jetzt schon drei Jahre«, gab Lea zur Antwort, »ich kann noch
länger warten, mein ganzes Leben, wenn Sie nur Ihr Herz keiner Anderen
schenken.«

Schalom hatte genug gehört.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Morgen sagte Schalom lächelnd zu Juda: »Ich habe wieder
eine Braut für Dich.«

»Ich danke«, erwiderte Juda, »ich bleibe lieber unverheirathet.«

»Aber diesmal ist es eine Gelehrte.«

»Ich will keine Gelehrte und keine Ungelehrte.«

»Auch Lea Meborah nicht?«

»Vater scherzen Sie nicht«, rief Juda erregt.

»Ich scherze nicht«, gab Schalom zur Antwort, »Du sollst Lea haben,
aber unter einer Bedingung.«

»Oh! ich nehme jede an.«

»Also unter der Bedingung, dass Du nie wieder zu Omer ein Pferd
besteigst, und dass Du in Deinem Hause kein Petroleum brennst.«

[Illustration]



[Illustration]



Der Todesengel.

-- ITALIEN. --

    Der Schnorrer. -- Galoth. -- Jüdische Askese.


Es war in einer frostigen Dezembernacht. Der Winter hatte die Appeninen
in schimmernde Eiswälle verwandelt und alle Thäler mit Schnee gefüllt.
Ein eisiger Wind blies durch die Wipfel der Bäume und schüttelte die
Eiszapfen gleich tausend klingender Schellen. Das Heer der Sterne
bedeckte den weiten Himmel. Weisse Gestalten standen am Wege,
geheimnissvoll, gespensterhaft. Und ringsum war die Stille des Todes.

Trotzdem wanderte ein Mann durch diese wilde Gegend, durch diese
Nacht voll Schrecken. In ein härenes Gewand gehüllt, barhaupt, auf
einen Stock gestützt, schleppte sich Zeruja Nebusch nur noch mit Mühe
vorwärts; aber er fürchtete weder Frost, noch Ermattung, noch die
Lawinen, die von den Bergen stürzten, noch die Abgründe, die sich
von Zeit zu Zeit am Rande seines Weges öffneten. Er befand sich auf
jener grauenhaften Wanderung, die der Jude Galoth nennt und welche den
Menschen zum Gefährten des Wolfes und des Raubvogels macht.

Drei Tage und drei Nächte hatte er ununterbrochen gefastet, nicht
einmal ein Tropfen Wasser war über seine Lippen gekommen und ebenso
lange hatte er unter keinem menschlichen Dache geruht. Noch trugen
ihn seine Füsse vorwärts, aber er fühlte, dass seine Kräfte zu Ende
waren. Der Frost peinigte seinen erschöpften Körper, der weiche Schnee
lud ihn zum Schlafen ein. Er wusste, dass er erfrieren würde, sobald
er nur einen Augenblick ruhen wollte, und so ging er vorwärts, obwohl
eine Art sanft betäubender Musik in seine Ohren klang und um ihn ein
überirdischer Glanz war, wie vor den brechenden Augen eines Sterbenden.

Endlich ertönte Hundegebell und wurde ein Dach sichtbar, aus dem blauer
Rauch emporstieg.

Zeruja konnte nicht mehr weiter. Er näherte sich dem Gebäude, einem
stattlichen Bauernhof, fand das Thor einer Scheune offen, trat ein und
warf sich auf das Stroh.

[Illustration]

Noch immer war der seltsame Glanz um ihn, noch immer klang es ihm in
die Ohren. Er sagte sich, dass sein Ende nahe sei, zog den Sohar, das
heilige Buch der Kabbalisten, aus der Brust und erwartete betend den
Tod.

Plötzlich ging die Thüre auf und auf der Schwelle zeigte sich eine
herrliche Erscheinung. Ein Weib von biblischer Schönheit, im weissen
Gewande, die schwarzen Haare über die Schulter niederwallend, einen
krummen Säbel in der Rechten.

»Sei mir gegrüsst, Engel des Todes!« rief Zeruja und sank zurück. Seine
Sinne schwanden.

       *       *       *       *       *

Als der wandernde Büsser wieder die Augen öffnete, befand er sich auf
einem weichen Lager in einer grossen Stube. Vor ihm stand ein Mann im
besten Alter, eine kleine Lampe in der Hand, und das schöne Weib, das
er für den Todesengel gehalten hatte, war damit beschäftigt ihn mit
Hülfe verschiedener Essenzen in das Leben zurückzurufen.

»Wo bin ich?« fragte Zeruja.

»In einem frommen, jüdischen Hause«, erwiderte der Mann hebräisch.
Er hiess Salamone Bologna und besass im Dorfe ein Haus, einen Acker
und eine Schenke. Sulamith, seine Tochter, war durch das Hundegebell
aufmerksam geworden, hörte das Thor der Scheune knarren, und da sie
meinte, ein Dieb habe sich eingeschlichen, eilte sie mit einem alten
Säbel in der Hand hinaus und fand den zu Tode erschöpften Pilgrimm.

»Woher kommt Ihr?« fragte das Mädchen.

»Aus Polen.«

»Und wohin geht Ihr?«

»Weiss ein Mensch, wohin er geht?« erwiderte Zeruja. »Ich suche Gott,
wer weiss, ob ich ihn finden werde.« Er sank zurück in die Kissen und
schlief ein.

Es war Mittag, am anderen Tage, als er wieder erwachte. Er kleidete
sich rasch an, ergriff seinen Stock und wollte fort. Doch das Mädchen
hielt ihn zurück.

»Ich darf nicht länger als eine Nacht unter einem Dache weilen«, sagte
Zeruja.

»Bist Du wahnsinnig?«

»Hat nicht Gott zu Kain gesagt: Du sollst unstät und flüchtig auf der
Erde sein?«

»Hast Du Deinen Bruder ermordet, wie Kain?«

»Nein, aber jeder Mensch ist sündhaft, und habe ich meine Sünden
abgebüsst, so büsse ich für die Sünden der Anderen.«

»Du kannst nicht fort«, erwiderte Sulamith, »es sind Lawinen
herabgestürzt diese Nacht, und die Brücken sind allerorten zerstört.«

Zeruja seufzte.

»Und heute Abend ist Sabbathanfang, Du kannst nicht am Sabbath wandern.«

Der Pilger ergab sich in sein Schicksal. Er liess sich auf einen
Schemel bei dem grossen Kamin nieder, in dem ein riesiger Holzblock
verglühte und starrte in die Flammen. Sulamith füllte aus einer dicken
Flasche eine röthliche Flüssigkeit in ein kleines Glas und reichte es
dem Pilger.

»Was soll ich damit?« fragte er.

»Trinken -- es ist Arznei.«

»Wer zu Gott nach rechter Art zu beten versteht, der bedarf weder des
Arztes noch der Arznei«, sagte der polnische Schnorrer.

»Wenn Gott wollte, dass Du zu Grunde gehst«, entgegnete das Mädchen,
»so hätte er Dich in dieser Nacht verderben lassen. Er hat Dich aber
unter unser Dach geführt, damit wir Dich retten. Hier nimm.« Sie sah
ihn an und vielleicht war es mehr ihr dunkles Auge, geheimnissvoll, wie
die Kabbalah, das ihn zwang, als dass ihre Worte ihn überredeten. Er
nahm das Glas und leerte es.

»Und nun sollst Du essen.«

»Heute Abend, zum Sabbath, ja.«

»Nein, auf der Stelle. Du willst für fremde Sünden büssen«, rief
Sulamith, »nimm Dich in acht vor allem, dass nicht Andere um
Deinetwillen sündigen.«

»Wie?«

»Du willst uns hindern, das Gebot Gottes zu erfüllen, den Hungrigen zu
speisen, den Durst des Verschmachtenden zu löschen.«

»Gib mir also zu essen.«

       *       *       *       *       *

Eine Woche war vergangen und Zeruja hatte seine Wanderung nicht
fortgesetzt. Die Ruhe und die Pflege hatten ihm wohl gethan, das
unheimliche Feuer in seinen Augen war gewichen, die Blässe des Todes
auf seinen eingesunkenen Wangen hatte einer gesunden Farbe Platz
gemacht.

»Ich bin mit Dir zufrieden,« sagte eines Tages Sulamith, »Dein Körper
erholt sich langsam, hoffentlich wird Dein Geist gesunden.«

»Ich bin nicht wahnsinnig«, antwortete der Büsser.

»Deine Seele ist krank,« sagte das Mädchen, »weil Du im Irrthum
befangen bist.«

»Ich weiss, was ich thue«, sagte Zeruja, »es ist nicht genug, Gottes
Gebote zu erfüllen, man muss aus Liebe zu Gott mehr thun, als er
von uns verlangt, man muss sich sogar das Erlaubte versagen, nichts
Weltliches darf den wahrhaft Eifrigen in Anspruch nehmen, kein
Geschäft, keine Arbeit, kein Vergnügen. Er soll auch kein Weib haben.
Ja, er muss seinen Körper tödten, um das Thier in sich zu bezwingen.«

Sulamith schüttelte den Kopf. »Und zu welchem Zweck dies alles? Dieser
Eifer? Diese Qual?«

»Damit sich die Pforten der Geisterwelt öffnen, damit die Seele sich
mit Gott vereinigen kann.«

»Gibt es nicht andere Mittel, Gott zu gefallen?«

»Es giebt nur eines«, erklärte der Schnorrer feierlich, »die Busse:
Beten, Nachtwachen, Fasten, Geisseln, Qualen erdulden und immerfort
wandern.«

»Und Du hast in dieser Weise Busse gethan?«

»Ja, ich habe mich im Winter im Schnee gewälzt und im Sommer auf
Dornen, ich habe mich geisseln lassen, bis mein Blut floss, ich bin auf
der Schwelle der Synagoge gelegen, damit mich ein Jeder mit dem Fusse
tritt, der in den Tempel Gottes eingeht.«

»Zeruja, Du bist doch ein Narr!«

»Ich bin auch gewohnt Spott zu erdulden.«

»Wer sagt Dir, dass ich über Dich lache«, versetzte das Mädchen, »im
Gegentheil, ich habe Mitleid mit Dir. Ich möchte Dich heilen.«

       *       *       *       *       *

In derselben Nacht hörte Sulamith die Thüre gehen. Es war Mitternacht,
als sie sich erhob, rasch ankleidete und hinaus eilte. Ihr erster
Gedanke war, dass Zeruja heimlich das Haus verlassen, und seine
Wanderung fortsetzen wolle.

Sie fand ihn vor dem kleinen Teich, der dem Hause gegenüber lag, damit
beschäftigt, das Eis aufzuhacken.

»Was willst Du hier?« fragte sie erstaunt.

»Mich in das Wasser tauchen.«

»Zu welchem Zweck?«

»Um Busse zu thun. Ich sündige, indem ich meine Wanderung unterbreche,
ich muss etwas thun, um Gott zu versöhnen.«

Sulamith nahm ihm die Haue aus der Hand und wies mit einer
gebieterischen Bewegung auf die Thüre des Hauses. »Geh' hinein,
sofort«, rief sie.

Zeruja sah sie an und gehorchte. Sie folgte ihm in die grosse Stube,
sperrte die Thüre und liess sich dann beim Kamin nieder.

[Illustration]

»Du willst Gott dienen«, sprach sie mit einem Ton voll Strenge und
Erbarmen zugleich, »Wahnsinniger! Du kennst Gott nicht. Du kennst nur
einen Gott des Hasses und der Rache, den Du versöhnen willst, ich kenne
einen anderen Gott, den Gott der Liebe und des Erbarmens, den Gott,
der den Regenbogen ausgespannt hat nach der Sündfluth als Zeichen des
Friedens, den Gott, der sein Volk Israel aus Egypten geführt hat, und
der uns in der babylonischen Gefangenschaft beschützt hat, und der uns
auch heute nicht verlassen hat, wo wir zur Strafe unserer Sünden über
den Erdboden zerstreut sind.«

Zeruja blickte zu Boden und schwieg.

»Thue nicht mehr, als Dein Gott von Dir verlangt«, fuhr das Mädchen
fort, »was massest Du Dir an, den Willen Deines Schöpfers besser zu
kennen, als er selbst, der ihn ausgesprochen hat auf dem Berge Sinai
und durch den Mund des Propheten.«

»Ich muss etwas thun, um Gott zu versöhnen,« murmelte Zeruja, »wenn Du
Mitleid mit mir hast, so hilf mir Busse thun. Lege mir schwere Ketten
an Hände und Füsse.« Er warf sich mit dem Antlitz zur Erde vor ihr
nieder, wie vor seinem Richter und erwartete sein Urtheil.

»Nein«, sagte Sulamith, »Gott will nicht, dass der Mensch sich selbst
Leiden auferlegt, er hat jedem sein Theil zugemessen in diesem Leben.
Arbeit, Kummer, Schmerz, verlange nicht Prüfungen, die er Dir nicht
zugedacht, erwarte alles von Gott und nimm geduldig hin, was er über
Dich beschliesst. Suche nicht frömmer zu sein als die Anderen und nicht
eifriger als Jene, denen Gott sich geoffenbart hat.«

Zeruja richtete sich auf und blickte das Mädchen an, auf den Knien
vor ihr, die Hände gefaltet, wie ein Betender: »Ich glaube, Du hast
recht«, murmelte er, »ich verstehe jetzt, wenn es im Traktat Nidah
heisst: Gott hat dem Weibe einen schärferen Verstand gegeben, als dem
Manne.«

»Gott sei gelobt, der Dich erleuchtet hat.«

»Er hat mich zugleich gestraft.«

»Wie?«

»Weil ich die Qual gesucht habe, hat er mich heimgesucht mit
Höllenpein.«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Er hat mich unter dieses Dach geführt, um mich für meinen Uebereifer
zu strafen.«

»Welche Einbildungen!« sprach Sulamith. »Du bist bei guten Menschen,
die Dich retten wollen.«

»Dich, Sulamith, hat der Herr ausersehen, mich zu züchtigen«, fuhr der
Schnorrer fort, »Du bedarfst keiner Ketten um mich zu fesseln, und Du
geisselst mich, ohne die Geissel zu schwingen. Quäle mich, reiss' mir
das Herz aus dem Leibe, Gottes Wille geschehe!«

Sulamith lächelte. »Es ist eine Fügung«, sprach sie, »aber eine
glückliche. Nicht zu Deiner Qual hat mich Gott erschaffen, sondern zu
Deiner Freude.«

Zeruja warf sich nochmals vor ihr nieder und presste seine Lippen auf
ihren Fuss.

»Du liebst mich«, fuhr Sulamith fort, indem sie, die schönen Augen voll
Thränen, auf ihn herabblickte, »auch mein Herz gehört Dir, es hat
Dir vom ersten Augenblick an gehört, als ich Dich erstarrt und halb
verschmachtet in jener Nacht in der Scheune fand. Steh' auf!«

Zeruja regte sich nicht, da neigte sie sich leise zu ihm herab, hob ihn
auf und schloss seinen Kopf mit den wirren blonden Locken sanft an ihre
Brust.

[Illustration]



[Illustration]



Haman und Esther.

-- POLEN. --

    Schuschan-Purim. -- Hamanspiel.


Es war zur Zeit des Schuschan-Purim, die ganze Stadt Sandomir war
in heiterer Aufregung und ein Jeder nach Kräften bemüht, die Nacht
in hellen Tag zu wandeln. Alle Fenster waren erleuchtet, hie und
da die Häuser mit farbigen Lämpchen und Ballons geschmückt, an
den Fenstern sassen schöne jüdische Frauen und Mädchen in üppige
Pelzjacken geschmiegt und lachten und assen Backwerk, und die Strassen
durchzogen fröhliche Menschen in langen Kaftanen und die Maskerade
war in vollem Zug. Hier kam ein Trupp jüdischer Jünglinge, die als
kleinrussische Bauern gekleidet waren, und vor jedem Hause Halt
machten und kleinrussische Volkslieder sangen, wobei sie sich mit
Geigen, Bassgeigen und Flöten begleiteten. Andere kamen als Bären
und schreckten die Mädchen, die in den Thüren standen. Wieder andere
führten das Ahasverusspiel auf. Da war Esther, die, in Seide, Sammt
und Hermelin gekleidet, eine Krone von Goldpapier auf dem Kopfe, von
vier Sklaven getragen wurde, König Ahasverus mit seinem rothen Mantel,
Monderich (Mardochai) mit seinem grossen Turban und endlich Haman,
die Hauptperson, der mit einem schäbigen Kastorhut auf dem Kopfe, in
weisse zusammengenähte Leintücher gehüllt, auf Stelzen einherging,
wie ein Riese die Menge überragte und seine grosse Nase mit den drei
gigantischen Karfunkelwarzen bald hier, bald dort an einem Fenster des
ersten Stockes der kleinen, niederen Häuser erscheinen liess, so dass
die Schönen erschreckt zurückfuhren und das Necken und Lachen kein Ende
nahm.

Haman war natürlich Laktef Wilna. Wer hätte auch in Sandomir gewagt,
den Haman darzustellen, als Laktef Wilna, der hübscheste, kräftigste,
keckste und lustigste jüdische Bursche der ganzen Kreisstadt, der es
wahrlich an Juden in keiner Weise fehlte. Wo der echt türkische Lärm
der grossen Trommel, der Blechdeckel und einer heiseren Trompete das
Herannahen der Personen des Ahasverusspieles ankündigte, wurden trotz
der grimmigen Kälte die Fenster ganz oder doch ein wenig geöffnet und
rosige Mädchengesichter und dunkle Frauenaugen blickten in die Strasse
und schnell war Laktef Wilna zur Stelle und spielte den Neugierigen
irgend einen Possen.

Der Madame Pflaumenbaum, die nur einen Augenblick das Guckfenster
handbreit öffnete, warf er einen alten Pantoffel hinein, der schönen
Frau Zuckerspitz, die in ihrer mit Zobel ausgeschlagenen und
gefütterten Kazabaika im Fenster lag, denn sie wollte gesehen werden,
überreichte er einen grossen vergoldeten Husaren aus Lebkuchen und
machte sie erröthen und blitzschnell verschwinden. Der etwas allzu
schlanken Tochter Grünwald schwor er, dass er einen sehr passenden Mann
für sie gefunden habe und gab ihr einen Hering. Bei Jonathan Schmeikes,
dem Kaufmann, wo ein halbes Dutzend junger Mädchen versammelt war,
liess er eine Maus in das Zimmer und ergötzte sich an der wilden
Jagd, die nun folgte, an dem Zetergeschrei, mit dem Alles, was lange
Röcke trug, auf Stühle und Tische sprang, bis der kleine Störenfried
glücklich in ein Mauerloch geschlüpft war.

       *       *       *       *       *

Auf diese Weise kam Laktef Wilna auch zu einem ganz kleinen Hause
in der langen Gasse, dessen Mauern sich wie die Blätter eines
Kartenhauses nach innen neigten, und in dem, hinter mit Papier
zusammengeklebten zerbrochenen Scheiben und morschen Thüren, in zwei
Stockwerken und zwölf Zimmern bei dreissig dürftige, jüdische Familien
wohnten. Er blickte durch ein Fenster, dessen Scheibe ein grosses Loch
hatte, das nicht mehr durch bunte Papierstreifen unschädlich gemacht
werden konnte und daher mit verschiedenen alten Strümpfen verstopft
war, und sah in einem Stübchen, nicht grösser als ein Hühnerstall, ein
Mädchen in einem schlechten, geflickten Kattunkleidchen sitzen und
bitterlich weinen. Das verdarb Laktef Wilna den ganzen Schuschan-Purim,
denn er hatte, wie alle leichtsinnigen Menschen, das beste Herz und
konnte vor allem keine Thränen sehen. Er verhielt sich also vollkommen
stille, legte seine Riesennase an die Scheibe und horchte. In dem
Stübchen brannte in einem ausgehöhlten Erdapfel ein Stümpfchen
Talglicht und sass in einem alten Lehnstuhl, dem ein Bein fehlte, ein
Mann in einem zerrissenen Kaftan, die Jarmurka auf dem ergrauten Kopfe,
die Hände gefalten und starrte in das Leere.

Es war der blinde Flickschneider Tobia Fischthran und das Mädchen seine
Tochter Esther. Laktef Wilna kannte sie jetzt.

»Weine nicht«, sprach Tobia milde, »vom Weinen verliert man das
Augenlicht. Was soll werden, wenn auch Du nicht mehr kannst, Esterka.«

»Was hilft es, zu arbeiten, Tate«, erwiderte das Mädchen seufzend,
»wenn man verlassen von Gott?«

»Kein Mensch ist von Gott verlassen«, versetzte Tobia, »keiner, nur
geprüft wird man von Gott, nicht verlassen.«

[Illustration]

»Wir werden aber mehr geprüft als alle Anderen zusammen«, gab Esther
zur Antwort, »und doch haben wir nicht mehr gesündigt als sie. Bin ich
nicht fleissig vom Anbruch des Tages bis tief in die Nacht hinein,
Tate, und kann nicht einmal meinem blinden Vater das Stübchen heizen
und Kuchen backen, die doch der Aermste hat zum Schuschan-Purim.«

»Was brauchen wir Kuchen, wir hören doch die Musik und hören die Leute
lachen«, sagte Vater Fischthran.

»Mir thut es von Herzen weh, wenn sie lachen«, murmelte das arme
Mädchen und begann wieder zu weinen, aber ganz leise, damit es ihr
alter Vater nicht höre, denn sehen konnte er es ja nicht, wie sie
die kleinen mageren Hände vor die Augen presste, aber Haman sah es,
Laktef Wilna sah es und eilte auf seinen Stelzen rasch davon. Er
war der Sohn wohlhabender Eltern, er hätte können Geld in Esther's
Fenster werfen und der Armen wäre geholfen gewesen, aber das hätte ihm
keine Freude gemacht, er war nur dann zufrieden, wenn er den Leuten
irgend einen Schabernack anthun konnte, und so war er auch jetzt
entschlossen, hier den Armen einen liebenswürdigen und anderswo den
Reichen einen ärgerlichen Possen zu spielen. Er ging zuerst zu dem
Hause des Holzhändlers Jainkef Jeiteles, lehnte sich an die Hofmauer
und begann von dem jenseits hoch aufgeschichteten Holze ein Scheit
nach dem anderen herüber zu ziehen und dem untenstehenden Monderisch,
seinem Freunde Teitel Silberbach, zuzuwerfen. Dann kehrten sie rasch zu
dem Hause, wo Esther wohnte, zurück, Laktef stieg von seinen Stelzen
herab, und Beide schlichen bis vor Fischthrans Thüre und schichteten
das Holz vor derselben auf. Als dies geglückt war, eilte Haman rasch
durch die Strassen und blickte in alle Fenster, und richtig, bei
Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, hatten sie auf das Küchenfenster
zwei grosse Schüsseln mit dampfenden Kuchen gestellt und die Köchin
war eben beim Herde beschäftigt und kehrte den Rücken. Schnell hatte
sich Haman der Kuchen bemächtigt und wie mit Siebenmeilenstiefeln ging
es wieder zurück zu der kleinen Esther. Jetzt schlich Monderisch mit
seinem grossen Turban hinauf, klopfte dreimal laut an die Thüre und
entfloh. In dem Augenblick, da Esther aufstand und öffnete, zog Laktef
Wilna eilig die Strümpfe heraus, warf die Kuchen durch das Loch in der
Scheibe hinein, verstopfte dasselbe wieder und versteckte sich dann
hinter der Dachrinne.

Als Esther die Thüre öffnete, rief sie: »Tate, wir haben Holz, wer hat
uns das gebracht?«

»Holz?« sprach Tobia staunend, »wer sollte uns Holz bringen?«

»Es hat doch dreimal geklopft«, fuhr Esther fort, »und als ich öffne,
liegt das Holz da, und was für ein prächtiges Holz! Darf ich das
nehmen?«

»Frage nicht lange, mein Kind.«

»Aber es ist wie ein Zauber.« Sie schichtete das Holz hinter dem Ofen
auf, zerhackte eines der grossen Scheiter, machte Spähne, und bald
prasselte im Ofen ein herrliches Feuer und die kleine Stube erwärmte
sich behaglich. Esther trocknete ihre Thränen. »Und hier! was soll das
bedeuten. Tate«, schrie sie auf, »das ganze Fenster voll Kuchen!«

»Kuchen?« wiederholte der Blinde ungläubig, vor Freude bebend.

Esther reichte ihm einen und Beide begannen zu essen.

»Noch ganz warm«, sprach sie, »aber das ist ja alles wie ein Wunder.«

»Siehst Du, Esterka, Gott hat uns nicht verlassen«, sprach der Blinde,
»das ist der Prophet Elias, der hat gesehen Deine Thränen und ist
gekommen uns zu beschenken zum Schuschan-Purim.«

»Ja, Tate, niemand als der Prophet Elias.«

Beide begannen zu beten.

»Wenn er aber da ist bei uns und sieht unsere Noth«, begann wieder
Esterka, »warum bringt er mir nicht auch warme Kleider und Schuhe, zu
kleiden meinen blinden Vater?«

»Was brauche ich warme Kleider«, rief Tobia lächelnd, »hab' ich doch
jetzt ein warmes Stübchen, aber Du, mein Kind, Du thust laufen eppes
zu die Leute durch Frost und Schnee in Deinen zerrissenen Schuhen und
Deinem dünnen Kleidchen.«

»Verlange nicht zu viel, Tate«, beschwichtigte ihn Esther, »hab' ich
doch auch ein warmes Tuch.«

»Wenn der Prophet Elias will«, entgegnete der Blinde ärgerlich, »so
kann er Dich kleiden wie eine Prinzessin, er kann Dich kleiden in einen
Zobelpelz, wenn er nur will.«

»Aber Tate --«

»Und ja, wenn man schon bittet, soll man ordentlich bitten, und so
bitte ich ihn um einen Zobelpelz für Dich.«

»Tate, er wird böse werden, und es wird verschwinden das Holz.«

»So soll es nicht Zobel sein, aber Du sollst haben einen Pelz.«

»Wozu? bedenke doch.«

»So soll es nur eine Jacke sein, gefüttert mit Pelz, dass Du nicht mehr
frierst.«

       *       *       *       *       *

Laktef Wilna hörte alles und lachte heimlich in sein gutes, mitleidiges
Herz hinein, und wieder eilten die Stelzen hin und her, und Haman's
grosse Nase blickte in alle Fenster und sein Arm langte hinein, wo
es nur anging und bemächtigte sich der Sachen, die der Prophet Elias
nöthig hatte. Vor dem Laden des Trödlers Winkelfeld hingen ein paar
rothe Hausstiefel, die er von einem Edelmann erhandelt, Haman nahm
sie, ohne viel zu fragen, mit. Bei dem reichen Sprintze Veigelstock
entlehnte er einen schwarzen Atlaskaftan, bei den Töchtern des
Freudenthal ein Paar neue Schuhe und ein Kleid. Aber die Pelzjacke?
Richtig, bei Frau Zuckerspitz waren die maskirten jungen Leute
eingedrungen und sie tranken jetzt Tscha und tanzten, und die schöne,
kokette Frau hatte ihre mit Zobelpelz ausgeschlagene und gefütterte
Kazabaika abgeworfen, und da das Fenster nur zugelehnt war, öffnete es
Laktef Wilna leise und nahm die Kazabaika vom Stuhl.

Mehrere Minuten später klopfte es an Esther's Fenster.

»Das ist er«, flüsterte Tobia, »thu' ihm auf.«

Esther öffnete das Fenster und lief dann hinter den Ofen und schloss
die Augen. Als sie dieselben wieder öffnete, lagen der Kaftan da und
die Kazabaika, das Kleid und die Schuhe und Stiefel. »Tate«, rief
sie, »er hat uns gebracht alles, was wir haben erbeten.« Sie schloss
das Fenster und zog dem blinden Vater die warmen Stiefel an und
den seidenen Kaftan und zog selbst die Schuhe an und das Kleid und
schlüpfte in die prächtige Kazabaika der Frau Zuckerspitz.

»Was für ein Glück!« rief der Blinde, »gewiss stehst Du jetzt da,
Esterka, wie eine Prinzessin. Komm' doch zu mir.« Und da er sie nicht
sehen konnte, so strich er mit der zitternden Hand, sie zitterte jetzt
vor Freude, über den Sammt der Kazabaika und das schwellende Pelzwerk.
»Das ist Zobel, mein Kind«, sprach er fast erschreckt, »der gute
Prophet Elias hat mich gehört und hat Dir gebracht zum Schuschan-Purim
eine Jacke mit Zobelpelz. Siehst Du, wie uns Gott liebt? Und da der
Prophet Elias uns hat geschenkt so viel, soll er auch bringen meinem
Kinde einen braven, schönen und jungen Mann.«

Esther hielt ihm den Mund zu. »Sei ruhig, Tate, sonst verschwindet noch
alles, so wunderlich, wie es gekommen ist.«

[Illustration]

Laktef Wilna aber blickte durch das Fenster in das Stübchen, und als
er Esther so stehen sah in dem hübschen Kleide und der prächtigen
Pelzjacke, da dachte er: was für ein schönes Mädchen, und so brav und
klug, und so reinen Herzens, warum soll sie nicht finden einen Mann?
Sie aber lächelte und sprach: »Tate, wer sollte mich nehmen, die keinen
Groschen hat?«

»Weisst Du was?« flüsterte Tobia, »Du sollst versuchen Dein Glück,
Esterka, und am Schuschan-Purim legen eine Schlinge.«

»Warum nicht?« rief Esther lachend, »ich will gehen auf die Strasse,
und will legen einem Manne eine Schlinge, aber wenn ein Alter schreitet
über die Schlinge und fängt sich, oder Einer, der einen Buckel hat?«
Sie lachte und lachend riss sie sich drei ihrer glänzenden, schwarzen
Haare aus und knüpfte sie zu einer Schlinge, während ihre rothen Lippen
kabbalistische Worte murmelten und Laktef Wilna sah sie die Schlinge
knüpfen und lachte und dachte: »Warte nur, Du sollst den losesten Vogel
der ganzen Khille fangen in Deiner Schlinge.«

Und als Esther vorsichtig aus dem Hause trat, war Haman von seinen
Stelzen herabgestiegen, hatte Hut und Gewand und Nase seinem Freunde
übergeben und in dem Augenblicke, wo sie die Schlinge gelegt hatte und
sich scheu in das Hausthor zurückzog, kam Laktef Wilna daher, schritt
über die Schlinge hinweg und war gefangen und Esther mit ihm, denn er
erhaschte sie im Hausthor, schlang die kräftigen Arme um die schlanke,
bebende Gestalt und küsste sie auf die rothen Lippen. Sie aber machte
sich los und floh die Treppe hinauf.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Morgen beklagte Frau Zuckerspitz ihre Kazabaika und
Veigelstock seinen Kaftan und der Trödler seine Stiefel, und Laktef
Wilna erschien und klärte alles auf. »Ich habe genommen Ihre Kazabaika
und habe sie gegeben einem armen Mädchen«, sprach er zu der schönen
Kokette, »und sie glaubt, dass der Prophet Elias sie hat beschenkt,
aber Sie sollen die Kazabaika wieder haben.«

»Nein, nein«, rief die Schöne, »sie war so nicht mehr ganz neu. Sie
haben gethan ein gutes Werk für mich, und mein Mann soll mir kaufen
eine neue.« Und genau so erging es ihm bei den Anderen, denn einen
Armen beschenken, ist für den gläubigen Juden stets nur eine Freude.

An demselben Vormittag erschien aber der alte Wilna bei Tobia
Fischthran und hielt bei ihm, für seinen Sohn, um die schöne Esther an.

[Illustration]



[Illustration]



Die Erlösung.

-- UNGARN. --

    Col-Nidre. -- Kapores.


Es war Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage. Die sonnige
Heiterkeit des Herbstes lag wie süsser Duft auf den buntfarbigen
Bäumen des Waldes, den weiten, stillen Fluren und den kleinen, mit
rauchigen Schindeln gedeckten Häusern des ungarischen Städtchens.
Ein letzter warmer Lichtstrahl stahl sich fast verschämt durch die
halb erblindeten Fensterscheiben in das Haus des Kaufmanns Teller
Herschmann und zitterte auf der Diele der grossen Stube, gerade als die
beiden Männer hier eintraten, von deren Antlitz gleichfalls Licht, der
Sonnenschein des Geistes und der Wissenschaft, in diesen dunklen Raum
strahlte, in dem die Seelen ebenso dunkel waren, wie die zahlreichen
Winkel und Winkelchen, welche die alten, massiven Möbel bildeten.

Der zuerst hereinkam, war der Arzt Jonas Bienenfeld, der Bruder der
Frau Herschmann. Er kam, um ihr und den Ihren Glück zu wünschen,
und es war nur an diesem Tage, dass er kam, denn er galt als arger
Freigeist in der frommen strenggläubigen Gemeinde und war deshalb
halb ausgestossen, einer von Jenen, denen die Zeloten der Synagoge
von ganzem Herzen wünschen, »dass sie die Erde verschlinge«, und wenn
ihn die Erde noch nicht verschlungen hatte, so war es wahrlich nicht
die Schuld der Eiferer, die an den Wänden des Tempels zu stehen und
dieselben anzurufen pflegten.

Mit Jonas Bienenfeld war diesmal ein junger Mann gekommen, dessen
schlanke Gestalt, dessen feines, ein wenig bleiches Gesicht bei all'
seiner Jugend den Denker, den ernst und entschlossen nach Erkenntniss,
nach Wahrheit Ringenden verriethen. Es war dies der Liebling des
geistvollen, jovialen Arztes, der Student der Medizin, Abner Barach,
den der Erstere mitgebracht hatte, damit er seine Nichten kennen lerne.

[Illustration]

Als die Beiden erschienen, hatte Frau Maecha Herschmann eben mit den am
Col-Nidre üblichen, seltsamen, jüdischen Zeremonien begonnen. Während
die übrigen Kinder, festlich gekleidet, feierlich im Halbkreise um
sie standen und eine Anzahl Hühner, die Kapores (Opfer) gleichfalls
geschmückt und die Füsse mit farbigen Bändern zusammengebunden,
auf dem Boden lag, sass mitten in der Stube, auf einem Stuhl, mit
gesenktem Haupte ein Mädchen, ihre älteste Tochter Mathele. Von
dem einfachen weissen Kleid, das sie trug, hob sich ihr leicht
geröthetes, unschuldiges Gesicht mit den dunklen Flechten reizvoll und
herzgewinnend ab.

Abner's Blick ruhte überrascht auf dieser keuschen, schönen
Erscheinung, die geboren schien, um zu dienen, zu gehorchen, zu leiden,
und jetzt schlug auch sie die Augen auf, zwei grosse, dunkle, sanfte
Augen, in denen ein schwermüthiger Glanz war, der Glanz der Thränen.
Sie sahen sich zum erstenmal, der junge Arzt und die Tochter des
Zeloten, aber sie blickten einander an, als wären sie sich schon einmal
auf einem anderen Sterne begegnet, ja, als wären ihre Seelen seit
Ewigkeit mit einander vereint.

Frau Maecha Herschmann sprach indess mit einem vielsagenden Blick auf
ihren halb verlorenen Bruder das uralte, wundersame Eingangsgebet:
»Menschenkinder, welche in Finsterniss sitzen, sie sind gefesselt in
Armuth und Eisen. Er soll sie aus der Finsterniss herausführen und
ihre Bande zerreissen. Sie sind bethört von ihrem frevelhaften Wesen,
von ihren Sünden sind sie gequält. Jede Speise verabscheut ihre Seele
und sie gelangen bis zur Pforte des Todes, sie flehen zum Ewigen in
ihrer Noth. Von ihren Drangsalen hilft er ihnen, er schickt seine Worte
und rettet sie von ihrem Verderben. Sie danken dem Ewigen für seine
Gnade und seine Wunderthaten. Wenn er einen Engel zum Vorsprecher hat,
der von des Menschen Redlichkeit zu sagen weiss, dann wird er ihn
begnadigen und wird ihn erretten vom Untergange, von der Gruft, und er
wird sagen: Ich habe Erlösung gefunden.«

Als dies Gebet zu Ende war, schwang die Mutter den ängstlich
flatternden und schreienden, jungen Hahn, den sie in der Hand hielt,
dreimal um das Haupt Matheles und fuhr fort: »Das ist meine Umwandlung,
das ist mein Tausch, das ist meine Vergebung. Dieser Hahn soll dem Tode
geweiht sein, und ich soll langes Wohlleben und Freude erlangen.«

Nachdem die Sühnezeremonie auch an den anderen Kindern vollzogen war,
wurden die armen Opfer, die Kapores den armen Leuten geschenkt, welche
bereits freudig erregt in der Flur den willkommenen Braten erwarteten.

Die Familie sass dann um den grossen Tisch herum, und während
Bienenfeld seinen gutmüthigen Witz an den Zeloten des Städtchens übte,
Teller Herschmann beharrlich schwieg und Frau Maecha entrüstet seufzte,
wechselten Abner und Mathele von Zeit zu Zeit einen Blick oder ein paar
Worte, die, so gewöhnlich sie auch klangen, für diese Beiden süsse
Musik waren.

Der lange Tag, so genannt, weil das strenge Fasten und Dürsten von
Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang auch dem Frömmsten schwer wird, ging
glücklich vorüber. Alles nahm wieder fröhliche Miene in Israel an, und
Abner, der bei Bienenfeld wohnte, und sich zu seinem Doktorexamen
vorbereitete, begann in seinen freien Stunden das dunkle Haus des
strengen finsteren Teller Herschmann fleissig und immer fleissiger zu
besuchen.

Als er wieder eines Nachmittags kam, fand er die schönen Augen
Mathele's in der That mit echtem Thränenglanz gefüllt.

»Was ist denn geschehen?« fragte er erschreckt.

Das schöne Mädchen deutete auf ihre Katze, die unter dem Ofen lag und
schwer athmete.

»Ich glaube, sie stirbt.«

»Wer?«

»Meine Lili.«

»Oh! man stirbt nicht so schnell,« versetzte Abner lächelnd, »und die
Katzen insbesondere haben ein zähes Leben. Machen Sie mich also nur
getrost zu Ihrem Hofmedikus, und lassen Sie mich Ihre kleine Freundin
sehen.«

Mathele lächelte verlegen, nahm Lili auf den Arm und der zukünftige
Doktor begann das niedliche Thier zu untersuchen.

»Das hat nicht viel zu bedeuten,« sagte er dann, »ein Katarrh, weiter
nichts. Lili ist meine erste Patientin, und ich will es als ein gutes
Omen nehmen, wenn ich sie heilen kann. Aber, um Sie zu beruhigen,
Fräulein, will ich sofort Arznei holen.«

Abner ging und kehrte rasch mit einem homöopathischen Mittel zurück.
Während jetzt Mathele das niedliche Thierchen festhielt, öffnete
der junge Mediziner demselben mit einem kleinen Löffel die Zähne
und flösste demselben die Medizin ein. Das Kätzchen wehrte sich
heldenmüthig mit den beiden Sammtpfötchen, indem es zugleich miaute,
aber trotz seines Widerstandes wurde die Kur glücklich begonnen und zu
Ende geführt, und als Lili zum erstenmal, ihr schneeweisses Fell an der
Sonne wärmend, behaglich zu schnurren begann, da blickten Mathele's
grosse Kinderaugen mit heiterer Dankbarkeit auf Abner, sie hätten nicht
dankbarer blicken können, wenn er sie selbst vom Tode errettet hätte.

Fortan bekam der Mediziner jedesmal ein freundliches, gutes Lächeln zum
Gruss, und wenn er unter den Kindern sass und ihnen von den Wundern des
menschlichen Organismus erzählte, da hingen die grossen Augen Mathele's
mit fast zärtlicher Bewunderung an seinem geistvollen Gesicht, seinen
feurigen Lippen.

Und so geschah es, dass er einmal zur Dämmerstunde in das
Verkaufsgewölbe Herrn Teller Herschmann's trat, und während die Mutter
mit den Kleinbürgern und Bauern schacherte, die Tochter in dem kleinen,
mit allerhand bunten Bildern beklebten Verschlag vor dem Hauptbuch
sitzend und emsig rechnend fand. Sie sah zu ihm auf, steckte die Feder
hinter das Ohr und bot ihm die Hand.

»Guten Abend, Herr Barach.«

»Guten Abend, mein Fräulein.«

»Ich bitte Sie, sich nur einige Minuten zu gedulden«, fuhr sie fast
flehend fort, »ich bin gleich fertig.«

»Oh! ich kann warten.«

Er setzte sich auf einen Ballen, der in der Ecke lag, und wurde nicht
müde, der kleinen weissen Hand zu folgen, die eilig auf dem Papier hin
und her flog, oder das feine gute Gesicht zu betrachten, das sich mit
kindischem Ernst über das grosse Buch neigte, während die vollen rothen
Lippen sich zählend bewegten.

Endlich legte das Mädchen die Feder hin, und als Abner aufstand, sah
er, dass ihre niedlichen Finger ganz schwarz von Tinte waren. Sie hob
sie in die Höhe und blickte rathlos empor.

»Erlauben Sie mir, Mathele, von diesen reizenden, kleinen Fingern die
garstige Tinte wegzuküssen«, sprach Abner, und ehe noch die Erlaubniss
ertheilt war, hatte er die Hand des süssen Mädchens ergriffen und seine
Lippen auf ihre Finger gedrückt.

»Was thun Sie?« flüsterte Mathele, »wenn die Mutter ...«

»Ich thue, was ich muss«, murmelte Abner.

»Und was müssen Sie?« fragte Mathele schalkhaft, »doch nicht mir die
garstige Hand ...«

»Ich muss Sie lieben, Mathele«, fiel Abner ein, »ich kann nicht anders,
ich liebte Sie vom ersten Augenblicke an, wo ich Sie gesehen. Es ist
wie ein Märchen.«

»Oh! ich kann Ihnen ein Märchen erzählen«, erwiderte Mathele selig
lachend, »das ebenso schön ist, von einem thörichten Mädchen, dessen
armes Herz auch beim ersten Blick erobert wurde von einem jungen Manne,
der sehr gescheidt ist und gelehrt. Ach, Abner! ich liebe Sie ja auch.
Aber was soll daraus werden?«

»Etwas Gutes, Mathele«, rief der Mediziner, »denn wo zwei Herzen sich
in Treue begegnen, da wachen Gottes Engel, und kein Dämon hat Macht
über sie.«

Aber der Dämon war doch nicht so leicht zu besiegen, der Dämon der
Finsterniss, des Zelotismus, vereint mit jenem der Habsucht.

Maecha sah die Besuche Abner's in ihrem Hause von allem Anfang
mit misstrauischen Blicken an, und mit der Zeit wurde auch Teller
Herschmann aufmerksam. Er hatte eine gute Partie für seine Tochter,
einen Mann, »wie Gold«, und nun sollte ihm dieser »Bettler«, dieser
Amcharetz (Ketzer), wie er ihn nannte, seine Fäden zerreissen. Nein,
das duldete er nicht, er war Herr des Hauses und auch seiner Tochter.
Sie musste gehorchen, das war eine religiöse Pflicht in seinen Augen.

Es kam der Tag, wo Teller Herschmann unerwartet den reichen Kornhändler
Mark Leiser aus Kaschau seiner Frau und Tochter als den Bräutigam der
letzteren vorstellte. So sanft und folgsam Mathele war, diesmal fand
sie doch Worte des Widerspruches, ja sie setzte sich sogar muthig zur
Wehre.

»Du machst mich unglücklich, Tate«, sprach sie, als sie mit ihrem Vater
allein war, »ich will nicht, ich kann nicht Mark Leiser's Frau werden,
Du brichst mir das Herz, denn ich liebe Abner Barach, ich kann keinen
Anderen lieben.«

Teller Herschmann aber kehrte sich nicht an ihre Vorstellungen, ihre
Bitten rührten ihn ebenso wenig, wie ihre Thränen, wie ihre von Tag zu
Tag bleicher werdenden Wangen. Vergebens kam Jonas Bienenfeld, um zu
ihren Gunsten zu sprechen.

»Soll ich mein Kind geben, meine Mathele«, schrie Teller Herschmann,
»einem Manne, der verachtet die Gesetze, einem Menschen, der kein eigen
Haus hat und keinen Kreuzer in der Tasche!«

»Abner hat mehr als ein eigen Haus und mehr als Geld«, erwiderte
Bienenfeld, »er hat einen guten Kopf und er hat etwas Rechtes
gelernt, er trägt seinen Schatz mit sich herum, und kann ihn deshalb
niemals verlieren, weder durch eine Feuersbrunst noch durch verfehlte
Spekulationen. Er wird aber Geld verdienen und wird sich bauen ein
eigen Haus, denn er wird ein Arzt werden, den man wird bezahlen mit
vollen Händen.«

»Mag sein, aber ich will ihn nicht zum Schwiegersohne haben,« gab
Herschmann erbost zur Antwort, »ich will nicht, Jonas, hörst Du, ich
will nicht.«

»Auch ich will ihn nicht«, sagte Maecha.

»Ihr wollt Euer Kind opfern«, entgegnete jetzt Bienenfeld gleichfalls
gereizt, »Eurer Thorheit, Eurer Geldgier wollt Ihr es opfern, denn ich
sage Euch, als Arzt sage ich es Euch, Mathele wird sterben, wenn man
sie von Abner trennt, wie die Blume stirbt, die man ausreisst. Eure
Kinder werden dahinsterben, eines wie das andere, und Ihr werdet allein
stehen im Alter, einsam, ungeliebt und verlassen, denn alle Eure Kinder
sind nur die Kapores Eurer Habsucht.«

»Gott wird uns beschützen.«

»Gott hat mit Euresgleichen nichts zu schaffen. Guten Morgen.«

Seitdem durfte Abner das Haus Herschmann's nicht mehr betreten, aber
Mathele entfloh, so oft es nur anging, den finsteren Räumen, in denen
der Wahn und die Selbstsucht regierte und schlich heimlich zu ihrem
Oheim Jonas Bienenfeld und sprach dort mit dem Geliebten.

Das währte einige Zeit. Dann musste Abner nach Wien, sein Examen zu
machen, und die Liebenden sahen sich lange Zeit nicht, aber Dank dem
guten Onkel konnten sie sich wenigstens schreiben, er nahm Abner's
Briefe für Mathele in Empfang und sendete die ihren an ihn.

Nachdem er sich das Doktordiplom errungen hatte, liess sich Abner in
der Hauptstadt Budapest nieder und begann seine Praxis, und jetzt
lächelte ihm das Glück. Ein paar glückliche Kuren machten ihn bekannt,
und bald war er ein gesuchter Arzt in der Hauptstadt. Indess wurde
Mathele von Tag zu Tag bleicher, sie sehnte sich nach dem Geliebten,
sie kränkelte, ihre Augen glühten unheimlich und auf ihren Wangen
zeigten sich von Zeit zu Zeit die traurigen Rosen des schleichenden
Fiebers.

[Illustration]

Zum Ueberfluss entdeckte die Mutter auch noch ihren Briefwechsel mit
Abner, und der Vater drohte sie zu verfluchen, wenn sie noch eine Zeile
an Abner schreibe oder von ihm empfange. Mathele ergab sich, aber sie
welkte dahin, wie ein Mairöslein im Wasserglase.

Und wieder war es Col-Nidre, der Abend vor dem Versöhnungstage, und als
Maecha die Kinder in die grosse Stube berief, um die Kapores zu opfern,
da fehlte Mathele. Sie war nicht mehr im Stande, ihr Zimmer, den
Lehnstuhl, in dem sie sass, zu verlassen. Als die Mutter, einen jungen,
mit blauen Bändern aufgeputzten Hahn in der Hand, bei ihr eintrat,
streckte sie ihr abwehrend beide Hände entgegen.

»Kein Kapores für mich«, stammelte sie, von heisser Fiebergluth
geröthet, »ich werde dennoch sterben. Der Tate soll zu mir kommen auf
der Stelle.«

Teller Herschmann kam, noch immer hart und trotzig, aber der Anblick
seines Kindes erweichte sein steinernes Herz.

»Ich will also die Hochzeit feiern mit Mark Leiser«, sprach Mathele,
»aber Du musst Dich damit beeilen, Tate. Wenn ich schon das Kapores
bin, so will ich doch nicht zwecklos geopfert sein. Hast Du Mark
Leiser's Geld in Dein Geschäft gezogen, dann darf ich ja wohl sterben,
und ich werde sterben. Mach' es rasch ab, Tate, denn Du kannst doch
nicht dem Mark Leiser eine Todte zum Weibe geben.«

Teller Herschmann nahm sich mit beiden Händen beim Kopf und rannte
fort, er rannte geradeaus zu Jonas Bienenfeld.

»Mathele stirbt,« schrie er und raufte sich den Bart, »rette sie,
Jonas. Ich bezahle, was Du willst.«

»Ich bin nicht der Arzt, um Mathele zu heilen.«

»Also keine Hülfe? keine?«

»Doch -- aber der sie heilen kann -- ist nur Einer -- Abner Barach.«

»Er soll kommen«, schrie Teller Herschmann, »wenn er Mathele rettet,
geb' ich sie ihm zur Frau, Gott soll mich strafen, die Erde soll sich
aufthun, und das Feuer der Hölle soll mich verschlingen, wenn ich es
nicht thue; wenn er sie aber nicht rettet, dann bekommt er sie nicht.«

»Du kluger Mensch«, erwiderte Bienenfeld bitter lächelnd, »wenn er
Mathele nicht rettet, wenn sie stirbt, wird sie Abner so nicht zum
Weibe nehmen können.«

»Ich bin schon ganz verwirrt«, seufzte Teller Herschmann.

Bienenfeld sendete sofort eine Depesche an Abner, und als der
Abendstern die tröstliche Botschaft brachte, dass der »lange Tag« zu
Ende sei, dass Gott sich mit dem Volke Israel versöhnt habe, trat er
mit Abner in Mathele's Stübchen.

»Nun, Mathele,« rief Bienenfeld lachend, »willst Du auf der Stelle
gesund werden?«

»Du willst nicht?« fuhr der Arzt fort, »warte nur, ich will Dir schon
eine Medizin verschreiben, die sofort hilft, und die Du gerne nehmen
wirst.«

Er setzte sich an den kleinen Schreibtisch, an dem sonst Mathele ihre
Briefe an Abner und ihr wehmüthiges Tagebuch geschrieben hatte, und
warf auf einen Streifen Papier ein Rezept hin: »da!«

Mathele las: »Recipe den Abner Barach von früh bis abends Dein ganzes
Leben lang.« Jetzt lächelte sie wieder, aber nicht mehr schmerzlich,
sondern froh und glücklich.

»Er soll Dein Mann werden«, rief Teller Herschmann, »aber nur, wenn er
Dich retten kann.«

»Siehst Du, dass Du gesund werden musst«, fügte Bienenfeld hinzu,
»willst Du also, oder bleibst Du halsstarrig, Du ungerathenes Kind?«

»Oh! ich bin schon gesund«, flüsterte Mathele und blickte so selig auf
Abner, der vor ihr kniete und ihre Hände küsste. Und sie wurde wirklich
gesund, Dank der Kunst der beiden Aerzte und Dank jener süssen, alles
heilenden Arznei der Liebe, welche den Balsam des Lebens in todtkranke
Herzen träufelt.

Als es wieder Frühling wurde, blühte das holde Mädchen mit den Blumen
um die Wette auf, und ehe es Sommer ward, war sie Abner's Frau und
baute sich ihr kleines, liebes Nest in Budapest, mitten unter seinen
Skeletten, Spirituspräparaten und Instrumenten.

[Illustration]



[Illustration]



Das Trauerspiel im Rosengässchen.

-- HOLLAND. --

    Jüdische Liebe. -- Purim. -- Handel.


Das Rosengässchen der kleinen holländischen Stadt Waarnam verdankte
seinen Namen wohl einer Ironie des Schicksals. Man fand hier eher
jeden anderen Geruch als den einer Rosenflur. Das Gässchen war so
eng, dass man sich aus den gegenüberliegenden Häusern beinahe die
Hände reichen konnte, und alle die alten Häuser waren so hoch, dass
kein Sonnenstrahl in die Strassen drang. Zu beiden Seiten gab es nur
kleine, düstere Gewölbe, in denen alles Erdenkliche verkauft wurde,
und die Waaren breiteten sich bis in die Gasse hinein aus. Alle diese
Ballen und Tonnen erfüllten die Luft mit einem abscheulichen Geruch von
Feuchtigkeit und Moder, von Fett, Heringen, Fischen, Leder und Fellen.

Seit hundert Jahren waren hier zwei kleine Geschäfte eines dem anderen
gegenüber. In jedem handelte man mit denselben Waaren, mit Stoffen
aller Art, und so war es begreiflich, dass die beiden Familien sich
niemals sonderlich liebten. Doch seit einiger Zeit war der Neid und die
Eifersucht der beiden Kaufleute Joseph van Markus und Abraham Honigmann
in Hass und Feindschaft ausgeartet.

Bei Beiden sah man so recht den Unterschied der Sabbathseele und der
Wochenseele.

Einmal in der Woche, wenn sie im Kreise der Ihren den letzten
Schöpfungstag feierten, waren sie beide Patriarchen, Könige, edel,
weise, gütig, erleuchtet, aber in der Woche waren sie Handelsleute
der schlimmsten Art, bornirte, ungebildete Kleinstädter, egoistisch,
habgierig und abergläubisch.

Wenn ein Käufer nahte, suchten sie sich ihn beide streitig zu machen,
und nicht Markus und Honigmann allein, beide Familien stürzten sich
vollzählig auf ihn, wie Raubvögel auf ein Aas. Von der einen Seite Frau
Markus, ihre Töchter, Löwy, der Bruder der Frau Markus und dessen Frau
und Kinder, von der anderen Seite Abraham, Frau Honigmann, Jonas, ihr
Sohn und dessen Frau und Kinder.

[Illustration]

Ein wahrhaft homerischer Kampf entstand.

Hewa Markus z. B. hielt den Mann, der einen rothen Sammt suchte,
beim linken Arm und Ovadia Honigmann beim rechten, die kleine Lise
Markus und die kleine Mirza Honigmann hingen sich an die Rockschösse,
Frau Markus verbarrikadirte ihm den Weg mit ihrem grossen Busen und
Frau Honigmann schnitt ihm mit ihren riesigen Hüften den Rückzug ab.
Während Markus und Löwy von der einen Seite die Ballen auf die Strasse
herausschleppten und den Sammt ausbreiteten, liessen Honigmann und
Jonas von der anderen Seite den königlichen Purpur in dem bischen Licht
spielen, das sich in das Rosengässchen stahl.

Und hatte der Käufer gewählt, begleiteten ihn Segenswünsche von der
einen Seite und von der anderen Flüche wie: Steine sollen ihm wachsen
im Bauch und Ribisel (Johannisbeeren) auf der Nase.

       *       *       *       *       *

Wo es nur anging, neckten sich die beiden Familien und suchten einander
Aerger zu bereiten. Heute goss z. B. Markus dem Honigmann, während
sie Beide an einer Hochzeit theilnahmen, Wein in die Tasche seines
Sabbathrockes, morgen schmierte Honigmann dem Markus die Thürklinke mit
Honigleim ein, so dass er fast an derselben kleben blieb, als er aus
der Taverne zurückkehrte.

Markus sendete dem Honigmann einen polnischen Schnorrer, den dieser für
einen Amerikaner ansah, und der Schnorrer bestellte einen Mantel für
den Admiral Tom Pouce, der sich gerade in Waardam produzierte.

Honigmann fertigte mit vieler Sorgfalt einen kleinen, niedlichen Mantel
für den Zwerg, den er im Theater gesehen hatte, denn der Schnorrer
hatte ihm erklärt, dass der Admiral keine Zeit habe sich erst Maass
nehmen zu lassen.

Als der Mantel fertig war, erschien der Schnorrer in Gesellschaft
eines grossen, dicken Mannes, der mit Mühe durch die Thüre des kleinen
Gewölbes eintreten konnte, und sprach: »Hier ist der Admiral!«

Honigmann sah ihn verblüfft an und breitete sein kleines Mäntelchen
aus: »Der Herr ist ja ein Riese, und Sie haben bestellt einen Mantel
für einen Zwerg.«

»Ja mein Lieber«, sagte der Admiral, »ich bin nur so klein, wenn ich
auftrete, ausserhalb des Theaters mach' ich mir's bequem.«

Damit verliessen die Beiden den Laden und liessen den armen Honigmann
sprachlos stehen.

Doch Honigmann blieb dem Markus nichts schuldig. Eines Tages begegnete
er der kleinen Lise Markus, die um den Arzt lief. Er schickte sie nach
Hause und versprach, selbst den Schüler Aeskulaps zu benachrichtigen.
Wirklich erschien wenige Zeit hernach ein Freund Honigmann's unter der
Maske eines Doktors.

»Was fehlt Ihnen?« fragte er barsch den Markus, den er allein in seinem
Laden traf.

»Ach Herr Doktor«, antwortete dieser kläglich, »ich glaube, ich habe
mir gestern den Magen verdorben.«

»Gut«, sprach der falsche Arzt, »setzen Sie sich auf diesen Stuhl,
mitten in den Laden, schliessen Sie die Augen und zeigen Sie mir die
Zunge. Ich werde Ihnen schon sagen, wenn es genug ist.«

Markus that, wie ihm geheissen und wartete so lange auf das Zeichen des
Arztes, bis ein lautes Gelächter ihn veranlasste, die Augen zu öffnen.
Der Doktor war verschwunden, dagegen war das kleine Gewölbe vollständig
von Neugierigen angefüllt, und die Gasse war gleichfalls durch eine
gaffende Menge gesperrt.

[Illustration]

»Nun gottlob!« rief der Fleischer Schmul, sein Nachbar, »wir haben
schon alle geglaubt, dass Sie verrückt geworden sind, Herr Markus.«

       *       *       *       *       *

Mitten in diesem kriegerischen Zustand der Dinge kehrte eines Tages
Honigmann's jüngerer Sohn Baruch zurück, der sich dem Studium der
Rechte gewidmet und an verschiedenen Universitäten des Auslandes
studirt hatte. Er bereitete sich jetzt zu seinem Examen vor und brachte
fast den ganzen Tag zu Hause zu.

Sein Stübchen lag hoch oben unter dem Dache. Jedesmal, wenn er von
seinem Corpus juris aufblickte, sah er an dem Fenster gegenüber,
hinter Blumentöpfen ein allerliebstes Mädchen, kaum den Kinderschuhen
entwachsen, das emsig mit der Nadel arbeitete.

Es war Jessika, die jüngste Tochter des Markus. Sie hatten Beide die
Fenster offen, denn es war im Monat August, wo die linde Sommerluft
sogar in das Rosengässchen drang und so kam es, dass Jessika
verstohlen hinüberblickte, wenn Baruch's feines, etwas bleiches Gesicht
über den Lederband gebeugt war, und dass er durch die Blumentöpfe
nach ihrem weissen Hals, ihren blonden Zöpfen, ihrem kleinen Näschen
spähete, wenn sie sich über den Sammt oder die Seide neigte, die auf
ihren Knieen schimmerte.

Jessika hatte eine kleine Freundin, ein reizendes, weisses Kätzchen,
Mimi genannt, das auf dem Fensterbrett schlief, wenn sie arbeitete.
Eines Abends, im Mondlicht, spazierte sie auf dem Dache herum und,
da ihr die beiden Dachrinnen, welche in Gestalt von Drachenköpfen in
die Strasse hinaussprangen und sich in die Augen zu blicken schienen,
eine Art lustiger Brücke bauten, schlich sie leise herüber und blickte
plötzlich in Baruch's Fenster. Dieser verschwendete alle seine
Schmeichelworte an sie und nachdem er ihr erst einmal das weisse Fell
gestreichelt hatte, war Jessika's Freundin auch die seine geworden.
Baruch riss von dem Stock, der auf seinem Fenster stand, eine Rose ab,
befestigte sie an Mimi's blauem Halsband, und diese entledigte sich
ihrer delikaten Mission in bester Weise.

Am folgenden Morgen sah Baruch seine Rose an Jessika's Brust.

Einige Tage später brachte ihm Mimi in derselben Weise ein Lesezeichen,
das Jessika für ihn gestickt hatte.

Das gab ihm Muth, ein paar Zeilen auf ein Rosenpapier zu werfen und
sie der kleinen Botin anzuvertrauen. Den folgenden Tag brachte Mimi
die liebliche Antwort. So entstand ein unschuldiger und zugleich
vertraulicher Briefwechsel und die Kinder der beiden feindlichen
Väter lernten sich kennen und lieben, ohne je ein Wort mit einander
gewechselt zu haben.

Doch die Blätter begannen zu fallen, es kam die Regenzeit und dem Regen
folgte der Schnee, der Winter, die Fenster mussten geschlossen bleiben,
und auch die kleine Botin kam nicht mehr.

Doch die Liebe macht erfinderisch. Jessika hauchte die Scheiben an, um
durch die Frostblumen Baruch erblicken zu können, und er thaute das
Eis mit Hülfe seiner brennenden Studentenpfeife an. An die Stelle des
Briefwechsels trat die Zeichen- und die Blumensprache. Der Orient zog
in das kleine, holländische Gässchen ein, und mitten im Eise blühten
die Rosen von Sharon auf.

       *       *       *       *       *

Da geschah eines Tages etwas Schreckliches. Honigmann rief dem Markus,
neben dem gerade sein Schwager Löwy vier Ellen Sammt abmass, zu:
»Wissen Sie, dass Venedig eine jüdische Stadt ist?«

»Sie wissen immer mehr als die anderen«, erwiderte Markus.

»Doch«, sagte Honigmann, »denn sie haben dort einen Markusplatz und
zwei geflügelte Löwy's.«

Das war zu viel. Markus stürzte über die Strasse, auf Honigmann los,
um ihm eine Ohrfeige zu geben, doch die Frauen warfen sich von beiden
Seiten dazwischen und trennten die Todfeinde.

An diesem Abend rief Pinkele, der Spassmacher, aus: »Das ist ja schon
das reine Trauerspiel, nächstens wird es Mord und Todschlag geben.«

Markus aber schwor, dass er sich nicht zufrieden geben werde, ehe nicht
Honigmann sein Theuerstes verloren habe.

»Was gibst Du mir«, rief in diesem Augenblick Jessika, »wenn ich Dein
Wort wahr mache, wenn ich dem Honigmann sein Theuerstes nehme, so dass
er sich die Haare rauft?«

»Was Du willst, Jessika, Alles, das Kostbarste.«

»Gut, aber gib es mir schriftlich.«

Markus schrieb, was sie ihm diktirte, und sie steckte die Schrift
lächelnd an ihre Brust.

Vierzehn Tage später war Purim, der jüdische Carneval.

Mit Anbruch der Dämmerung strahlte das Viertel der Juden in einem Meere
von Glanz. Alle Thüren waren offen. Die jungen Leute durchzogen maskirt
die Strassen und traten in die befreundeten Häuser ein, um allerhand
Possen zu treiben. Hier und da wurde getanzt. Bei Markus führten sie
die Geschichte der Esther auf. Natürlich stellte die reizende Jessika
die schöne Königin dar. Die Familie hatte sich zum Nachtessen um den
langen Tisch versammelt, als man draussen Lärm und Stimmen hörte.

Hewa, die ältere Schwester Jessika's, deren Vertraute und
Bundesgenossin, stürzte herein und meldete, dass Baruch Honigmann an
der Thüre sei und durchaus hereindringen wolle.

»Baruch?« rief Esther, »das trifft sich gut. Ich werde ihn bedienen,
wie es ihm gebührt.«

Sie eilte hinaus und die Treppe hinab. Bald liess sich ein wildes
Brummen vernehmen, und Esther kehrte triumphirend zurück, einen grossen
Bären an der Kette führend und einen Karbatsch in der Hand.

»Hier«, rief sie, »Baruch! Ich habe ihn in einen Bären verwandelt.«

Markus zweifelte keinen Augenblick, dass sein Kind die Wahrheit
sprach, hatte ihm doch vor Kurzem erst ein polnischer Jude erzählt,
dass eine Gans in seinem Orte, als man sie schlachtete, Schma Israel!
(Wehe Israel!) gerufen und dass man hierauf grossen Missbrauch in der
Gemeinde entdeckt habe. Auch der Talmud erzählte ja ähnliche Fälle.

»Wie hast Du ihn aber verwandelt?« fragte die Mutter starr vor
Schrecken.

»Ich habe ihm Wasser in das Gesicht gespritzt«, gab Jessika zur
Antwort, »und habe dreimal gerufen: Werde ein Thier! werde ein Bär!
durch Jehuel, den Vorsteher der Thiere und dessen Gehilfen Passiel,
Gasiel und Chosiel.«

Indess war Hewa mit der Schreckensbotschaft zu Honigmann
hinübergelaufen, und dieser stürzte jetzt von seiner ganzen Familie
gefolgt in den Speisesaal des Markus. Sie fanden Jessika stolz auf
einem Lehnstuhl thronend, ihre Füsse ruhten auf dem Bären, der auf dem
Teppich vor ihr ausgestreckt lag und sich in dieser Lage ganz wohl zu
fühlen schien.

»O mein Sohn!« schrie Honigmann, »mein unglücklicher Sohn!«

Jessika aber erhob sich, schwang den Karbatsch und liess den Bären
tanzen.

»Sehen Sie, Honigmann,« sprach Markus, »das ist das Gericht Gottes.«

»Wenn Sie ihn verzaubert haben, Jessika«, rief Honigmann, »so können
Sie ihm auch wieder die Menschengestalt zurückgeben.«

»Gewiss«, sagte sie lächelnd, »aber unter einer Bedingung. Baruch
gehört mir, ich gebe ihn nicht mehr her. Mein Vater hat geschworen,
dass er sich nicht zufrieden gibt, ehe Sie nicht das Theuerste verloren
haben. Dies ist geschehen. Sie haben Baruch verloren. Ich kann jetzt
von meinem Vater verlangen, was ich will, ich habe es schriftlich. Ich
bin also des Segens meines Vaters sicher und werde Baruch nur dann
seine Menschengestalt zurückgeben, wenn auch Sie, Herr Honigmann, uns
Ihren Segen geben.«

»Meinetwegen,« sagte dieser.

»Und die Hochzeit wird auf der Stelle gefeiert?«

»Auf der Stelle«, sagten beide Väter.

Jessika berührte Baruch mit der Hand und murmelte eine kabbalistische
Formel. Baruch nahm hierauf den Kopf des Bären wie einen Hut ab und
grüsste die Anwesenden spöttisch.

»Oh!« schrien Markus und Honigmann zugleich, »man hat uns zum Besten
gehabt.«

»Vergessen Sie nicht, dass heute Purim ist«, rief Jessika, »heute ist
jeder Scherz erlaubt.«

»Also dies alles war nur ein Scherz?« fragte Honigmann.

»Alles«, antwortete Baruch, »nur unsere Liebe nicht.« Und er zog die
reizende Jessika an sein Herz.

[Illustration]



[Illustration]



Kätzchen Petersil.

-- RUMÄNIEN. --

    Chochmad Jad. -- Industrie. -- Judenverfolgung.


Eigentlich hiess sie Fradel Levi und Kätzchen Petersil war nur ihr
Spitzname. Sie wurde so genannt, weil sie stets wie ein kleines
Kätzchen zusammengerollt schlief, und weil sie stets eine Flasche mit
Petersilien-Aufguss hinter dem Fenster stehen hatte. Sie führte mit
Hülfe desselben einen erbitterten Krieg gegen die kleinen garstigen
Flecken, mit denen ihr hübsches feines Gesicht übersäet war. Es war ein
armes, aber braves, kluges und fleissiges Mädchen, das ihrem Vater, dem
Trödler Schawa Levi und ihrer Mutter Händel Tag und Nacht kaufen und
verkaufen und die alten Sachen aufbessern half.

Dennoch konnte Kätzchen die Sorgen nicht bannen, die sie unablässig
quälten und vergebens sehnte sie sich nach dem Tage, wo sie sagen
konnte: Heute kann ich ausruhen.

Für Leute, die so unglücklich sind wie die Levi's, gibt es nicht einmal
einen Sabbath. Mehr als ein junger Mann in der kleinen moldaischen
Stadt sah das kleine, schlanke Kätzchen mit Wohlgefallen an, aber wer
konnte daran denken, sie zur Frau zu nehmen? Nur ein reicher Mann und
dessen Eltern zogen wiederum eine reiche Braut vor. So hatten denn
Vater und Mutter die Hoffnung aufgegeben, die Kleine zu verheirathen.

Kätzchen hatte ihrerseits gar keine Zeit, an einen Mann zu denken,
ihr einziger Traum war ein Pelz. Kein kostbarer, wie ihn die schönen
Bojarinnen trugen, nein, nur eine Hausjacke mit Kaninchenfellen besetzt
und gefüttert. Kätzchen war nervös, wenn sie im Winter in dem kleinen
Gewölbe arbeitete, schüttelte sie der Frost, und selbst im Sommer
erbebte sie manchmal, als ob sie fröre und so erschien es ihr als die
höchste Seligkeit, sich in weiche, warme Felle zu schmiegen.

Als sie wieder eines Abends in dem kleinen, mit allerhand Kram
vollgestopften Gewölbchen sass und eine Gardinenstange vergoldete,
schlüpfte ein kleines langbärtiges Männchen herein, grüsste sie
lächelnd und bot sich an, ihr wahrzusagen. Es war Chas Messing,
der die Gabe der Chochmad Jad besass und als Prophet sein bischen
Lebensunterhalt verdiente.

Kätzchen dankte. Sie konnte nichts für eine so unnütze Sache ausgeben.
Aber Chas gab nicht nach. »Geben Sie mir eine Birkendose«, sagte er,
»und ich bin zufrieden.« »Gut.« Sie gab ihm die Dose und er blickte in
ihre Hand.

»Glück!« rief er, »und was für ein Glück! Der Reichthum steht Ihnen
nahe und was für ein Reichthum! und ein Mann, was für ein Mann.«

Kätzchen lächelte ungläubig, aber keine Woche verging und Barom, ein
Schadchen aus Jassy kam zu Schawa Levi, und nachdem er dessen Tochter
gesehen und gesprochen, sagte er: »Das Mädchen ist hübsch, klug und
brav. So eine Frau will der reiche Paschallas für seinen Sohn haben.
Es ist eine grosse Familie, die im ganzen Königreich nicht ihres
Gleichen hat, die Braut muss aus dem Stamme Levi sein, und Gott war mir
behülflich, dass ich dieses Mädchen gefunden habe, so tadellos und aus
so edlem Geschlechte.«

Nach einigen Tagen kam der junge Modruch Paschallas mit Barom zur
Brautschau, einen Monat später war die Hochzeit und am folgenden Tage
zog Kätzchen als Herrin in das Haus ihres Gatten in Jassy ein.

[Illustration]

Sie glaubte zu träumen und fürchtete, dass sie jeden Augenblick
erwachen würde, aber nein, sie träumte nicht. Diese Wollust, die sie
empfand, als sie das erstemal in den grossen Pelz schlüpfte, den ihr
Gatte ihr gebracht, als sie in den weichen Fellen sass, sie empfand sie
wirklich und fort und fort, während der Fahrt im Eisenbahnkupee und als
sie in Jassy an der Seite Modruch's durch die Strassen fuhr, es waren
wirklich Pferde vor den Wagen gespannt, sie wurden nicht scheu, und die
Marmortreppe in dem kleinen Palast stürzte nicht ein, als sie dieselbe
hinaufstieg. Nein, sie träumte nicht, das Glück, das Chas Messing ihr
prophezeit hatte, es war da, sie konnte es mit Händen greifen, und sie
wurde nicht satt, die Damastvorhänge ihres Schlafzimmers durch die
Finger gleiten zu lassen, den Sammt der Möbel zu streicheln und vor
allem den goldigen Zobel, mit dem ihre rothsammtne Hausjacke gefüttert
und ausgeschlagen war.

       *       *       *       *       *

Das währte einige Zeit. Die Sorgen schienen verbannt für immer, sie
schienen vor dem mit Gypsabgüssen antiker Bildwerke und mit exotischen
Pflanzen geschmückten Vestibule zurückzuscheuen, aber nach und nach
schlichen sie sich durch Mauerritzen und Schlüssellöcher ein.

Kätzchen Petersil sass im Ueberfluss, wie die Frau eines Nabob, sie
fröstelte nicht mehr und sie brauchte nur den Finger auf einen der
Elfenbeinknöpfe zu legen, die allerorten angebracht waren, und der
elektrische Funke trug ihre Befehle durch das Haus, durch die Stadt
oder setzte ein Heer von Dienern in Bewegung.

Ihr Gatte war nur der erste ihrer Sklaven. Und sie war auch schön
geworden, nachdem sie ihm das erste Kind, einen Knaben, geboren hatte.
Ihre schlanke Gestalt blühte immer üppiger auf und sogar die garstigen
Flecken schienen verschwunden.

Aber die Sorgen, an die sie ihre Kindheit, ihre Jugend durch gewöhnt
war, nisteten sich mehr und mehr bei ihr ein und quälten sie bald noch
grausamer und schrecklicher als vordem im Trödelladen ihrer Eltern. Das
arme Kätzchen, das einige Tage selig, ein paar Monate glücklich und ein
Jahr zufrieden war, hatte wieder keine ruhige Stunde. Eine Art Fieber
trieb sie aus einem Raum des Hauses in den anderen, aus dem Hause in
die Fabrik, in die Stadt und wieder zurück und quälte sie in Traum und
Wachen. Sie erwachte nachts und dachte: »Wenn jetzt Feuer entstände?«
Rasch zog sie ihre seidenen Strümpfe, ihre türkischen Pantoffel an,
schlüpfte in den Schlafpelz von gelber, goldgestickter Seide, der mit
blendendem Hermelin gefüttert und ausgeschlagen war, hüllte ihren
zierlichen Kopf in einen rothen persischen Schleier und schlich dann
durch die Zimmer, um zu sehen, ob man nicht eine Lampe, eine Kerze
auszulöschen vergessen habe, bis in die Küche, wo sie Wasser in die
Gluth goss.

[Illustration]

Im Theater, während man eine lustige Operette gab, wurde sie von dem
Gedanken erfasst: »Wenn mein Mann plötzlich arm würde!« und verliess
rasch ihre Loge, um Modruch in seinem Comptoir aufzusuchen und aus
seinen Büchern Beruhigung zu schöpfen.

Sie stand mitten in einem Diner, das sie den Freunden ihres Gatten gab,
auf und stürzte an die Wiege ihres Kindes, um sich zu überzeugen, dass
es nicht gestorben sei.

Modruch begann endlich auch unter dieser Seelenfolter seiner Frau zu
leiden. Vergebens stellte er ihr vor, dass dies Einbildungen seien,
dass sie sich selbst quäle, dass sie sich und ihrer ganzen Umgebung
das Leben schwer mache durch einen krankhaften Wahn, sie antwortete
jedesmal nur mit einem traurigen Lächeln. Als er ihr aber einmal ihr
Kind brachte und vorwurfsvoll sprach: »Auch dies macht Dich nicht
glücklich?« da murmelte sie: »Sei mir nicht böse, es ist ja alles gut,
aber das Glück ist zu spät gekommen.«

       *       *       *       *       *

An einem milden Herbstmorgen ging Kätzchen allein durch die entlaubten
Baumgänge ihres Gartens. Die Sonne schien, aber sie zog trotzdem
ihre Pelzjacke auf der Brust zusammen und verbarg die kleinen Hände
in den weiten Aermeln. Sie fröstelte, und sie fühlte sich namenlos
unglücklich, das Weinen war ihr nahe.

Da kam ein grosser Mann durch den Garten gelaufen, Assur Menderson,
den sie alle den Riesen nannten. Er war aus Galizien gekommen, und
Paschallas zog ihn allen seinen Arbeitern vor, denn Assur war Soldat
gewesen, hatte sich bei Jagel die Tapferkeitsmedaille verdient, und
war ebenso pflichttreu als intelligent.

»Gnädige Frau«, rief er schon von weitem, »wo ist der Herr? er ist
nicht in der Fabrik.«

Kätzchen war zu Tode erschrocken, sie fühlte, dass Assur eine
Hiobsnachricht brachte. »Was ist geschehen?« rief sie, bleich bis in
die Lippen.

»Es geht los«, sagte Assur ernst, »diese Schurken, die seit langer Zeit
gegen uns Juden hetzen, haben es endlich erreicht. Der Pöbel ist in
Bewegung. Verschiedene Läden sind schon in der Stadt geplündert worden.
Die Polizei sieht zu, ohne einzuschreiten. Sie werden auch zu uns
kommen. Es heisst bei Zeiten Massregeln zu treffen.«

In diesem Augenblick kam Modruch, er brachte eine zweite schlimme
Nachricht. Die Arbeiter in der Fabrik hatten Erhöhung ihres Lohnes
verlangt, und da diese nicht gewährt worden, hatten sie die Arbeit
eingestellt.

Kätzchen sah ihren Mann an, und als sie ihn kalt und ruhig fand, war
sie mit einem Male ruhig. Sie sagte mit einem Tone, der ihm an ihr
ganz neu war: »Du wirst Deine Anstalten in der Fabrik treffen, nicht
wahr? Ich nehme das Haus auf mich.« Sie reichte ihm die Hand, die er
erstaunt nahm, und ging dann rasch in das Haus. Hier ertheilte sie die
nöthigen Befehle, ruhig, klug und umsichtig. Sie brachte zuerst ihr
Kind in Sicherheit, dann die Kasse und ihre Juwelen. Zuletzt nahm sie
den kleinen Revolver von der Wand herab, lud ihn und liess ihn in die
Tasche ihrer Pelzjacke gleiten.

Plötzlich entstand im Hofe Lärm. Eine Bande betrunkener Strolche war
eingedrungen und begann die Arbeiter zu haranguiren. Der Anführer
der Streikenden, Borescu, rief: »Sie haben Recht, man muss alle
Juden vertreiben«, und bewaffnete sich mit einer Eisenstange. Andere
folgten seinem Beispiel, und jetzt begannen sie mit wildem Geschrei
das Thor der Fabrik, das auf Modruch's Befehl geschlossen worden war,
einzurennen.

Andere versuchten in das Haus zu dringen. Doch mit einem Male trat
Modruch unter die Wüthenden, und sie wichen vor ihm scheu zurück. Er
begann ihnen zuzureden, und seine verständigen Worte schienen eine gute
Wirkung zu üben, aber Borescu unterbrach ihn heftig und fasste ihn bei
der Brust.

»Das Geld oder das Leben, Jude!« schrie er.

Andere fassten ihn bei den Armen. Er schien verloren.

Da warf sich seine Frau mitten unter die Arbeiter und stiess Borescu
zurück. »Was wollt Ihr?« fragte sie und ihre blitzenden Augen schienen
jeden durchbohren zu wollen, der ihrem Mann zu nahe kam, »Räuber,
Mörder!«

»Euer Geld wollen wir«, erwiderte der Anführer und fasste wieder den
Fabriksherrn bei der Brust.

»Zurück!« gebot Kätzchen ein letztes Mal.

»Fort mit ihr!« schrie Borescu, und die Anderen hoben die Eisenstangen.

Doch Kätzchen hatte zugleich den Revolver aus der Tasche gerissen
und feuerte ihn auf Borescu ab. Er wankte, liess ihren Mann los und
stürzte dann auf das Gesicht vor ihr nieder, wie ein Sklave vor seiner
Gebieterin.

Sie stand jetzt vor ihrem Gatten mit flammenden Augen, den Revolver in
der Rechten und zeigte den Arbeitern, die erschreckt zurückgewichen
waren, die Zähne, wie ein Raubthier, das zum Sprunge bereit ist.

Sie wäre aber trotz ihrem Muthe mit ihrem Manne verloren gewesen, wenn
nicht Assur, einen schweren Hammer in der Faust, herbeigeeilt wäre. An
ihn wagte sich keiner. Er deckte den Rückzug, und der Fabrikant und
seine Frau konnten glücklich das Haus erreichen.

Hier verbarrikadirten sie sich, Modruch, Kätzchen und ein paar jüdische
Arbeiter und Diener, besetzten die Fenster und drohten zu schiessen,
sobald die Streikenden Miene machen würden, einzudringen. Diese
berathschlagten einige Zeit und zogen sich dann zurück, jedoch nur,
um die Fabrik an allen Ecken anzuzünden. Bald schlugen die Flammen
allerorten auf und ergriffen das Haus, das die rauflustige Menge
bewachte.

»Wir müssen uns einen Ausweg suchen,« sagte Modruch, »wenn wir nicht
hier im Qualm ersticken wollen.«

Kätzchen nahm ihr Kind auf die Arme, und die jüdischen Männer, alle
bewaffnet, umgaben sie. So stiegen sie langsam die Treppe hinab. Der
Riese begann die Thüre freizumachen.

Da ertönten Trompeten und der Hufschlag der Pferde. Eine Eskadron
Cavallerie kam an und trieb den Pöbel und die streikenden Arbeiter mit
der flachen Klinge auseinander.

Modruch machte noch einen Versuch, das Haus zu retten, aber er gab es
bald auf und sah finster, die Zähne aufeinandergepresst, sein Hab und
Gut in den Flammen enden.

Da legte sich eine kleine Hand auf seine Schulter und eine Stimme voll
Liebe und Energie sprach: »Mann! Geliebter! verzweifle nicht. Wir
werden das Haus aufbauen und die Fabrik. Ich habe Dich, Du hast Dein
Weib und Dein Kind, und was verloren ist, können wir entbehren.«

       *       *       *       *       *

Und die kleine Frau hielt Wort. Sie hatte mit einem Male ihre ganze
Energie, ihre ganze Kraft wiedergewonnen, das Unglück fand sie besonnen
und kaltblütig.

Kaum war die Ordnung hergestellt, Leben und Eigenthum der Juden
gesichert, so erschien sie schon bei dem Minister, nicht um zu bitten,
nein, um anzuklagen und zu verlangen. Sie machte die Regierung für
den Schaden, den ihr Mann erlitten, verantwortlich, und sie erlangte
die Hülfe, welche sie forderte. Dann eilte sie von Land zu Land, von
Stadt zu Stadt, überall, wo ihr Mann Geld zu fordern hatte, erschien
sie und bestimmte seine Geschäftsfreunde, früher zu zahlen, als sie
verpflichtet waren. Sie ging von Bessarabien nach der Bukowina und
Galizien, von hier nach Ungarn und Siebenbürgen.

Als sie zurückkehrte, begann man sofort den Schutt wegzuräumen und auf
den Trümmern erhob sich rasch ein neuer Bau. Kätzchen Petersil hatte
das Schicksal bezwungen, und zugleich war der Bann gebrochen, der ihre
Seele gefangen hielt.

Als der Tannenbaum mit Bändern geschmückt auf dem neuen Dachstuhl
aufgepflanzt wurde und der Aelteste der Maurer, in der Hand einen mit
Wein gefüllten Becher, von oben den Bauherrn grüsste, der mit den
Seinen im Hofe stand, da kamen leise die kleinen Hände der hübschen
Frau aus den weichen Aermeln ihrer Pelzjacke hervor und legten sich
gleich einer magischen Schlinge um Modruch's Hals.

»Wir haben viel verloren,« sprach sie, die leuchtenden Augen zu ihrem
Manne erhoben, »aber ich habe alles gewonnen.«

»Bist Du endlich mit mir zufrieden?« fragte Modruch lächelnd.

»Ach! ich bin so glücklich,« rief sie. »Gott hat mich gestraft, aber
seine Hand hat mich geführt, wie einst sein Volk aus Egypten, aus der
Sklaverei zur Freiheit, aus der Finsterniss zum Licht.«

[Illustration]



[Illustration]



Der falsche Thaler.

-- SÜDDEUTSCHLAND. --

    Das Laubhüttenfest.


Es war um die Mitte September, als Martin Friedlieb nach langer
Abwesenheit in seine Heimath, eine grössere Stadt Süddeutschlands,
zurückkehrte.

Man sprach denselben Abend in allen israelitischen Familien von ihm und
auch bei Sindel, dem reichsten Juden am Platze, der eine bedeutende
Spielwaarenfabrik besass.

»Was hat er jetzt davon,« sagte Sindel, »hat sein ganzes Geld
verstudirt und verreisst, der Martin, und ist heute gekommen ohne einen
Pfennig in der Tasche. Was wird er nun anfangen? Der Gemeinde zur Last
fallen.«

»Das hat er wohl nicht nöthig,« erwiderte Frau Leonore Sindel,
welche der weibliche Schöngeist der Stadt war, »er hat an den ersten
Universitäten studirt, in München, Berlin, Heidelberg, Prag und Wien,
er hat Italien, Frankreich und die Niederlande bereist, alle Gallerien
gesehen, alle die herrlichen Kunstschätze des Alterthums und der
Neuzeit.«

»Was kauft er sich jetzt dafür?« fragte Sindel spöttisch.

»Er ist Kunsthistoriker,« sagte Leonore, »er schreibt jetzt ein Buch
und wird dann Professor werden.«

»Das kann doch nichts einbringen.«

»Oh! es gibt Professoren, die zehntausend Mark das Jahr bekommen und
mehr.«

»Nun wir werden ja sehen.«

Deborah, die Tochter Sindel's, hatte kein Wort gesagt, sondern stille
an der Puppe weiter gearbeitet, die sie anzog, aber alles, was sie
gehört hatte, hatte sofort Theilnahme und Interesse für den jungen
Gelehrten bei ihr erregt, und als Martin am folgenden Vormittag seinen
Besuch machte, trat sie mit klopfendem Herzen in den Salon.

Martin liess von Zeit zu Zeit seinen Blick mit Wohlgefallen an der
schlanken Gestalt, dem reinen, jungfräulichen Antlitz Deborah's haften,
und sie fand ihn überaus männlich und geistvoll. Als Martin sich
erhob, war das geheimnissvolle Band zwischen Beiden geschlungen. Die
Mutter fühlte es sofort, und da sie von dem jungen Professor, wie sie
Martin nannte, bezaubert war, lud sie ihn zum Essen ein und schlug
ihm zugleich vor, da er weder Vater noch Mutter hatte, mit ihnen die
Laubhütte zu bauen, denn das Fest war vor der Thüre. Martin nahm
dankbar an, und Deborah erröthete, als sie ihm zum Abschied die Hand
drückte.

Am nächsten Tage, beim Essen, fand Martin Gelegenheit, Sindel eine
gewisse Achtung abzunöthigen. Man sprach vom kommenden Fest, und Martin
erklärte in seiner liebenswürdigen, bescheidenen Weise die Bedeutung
desselben. Er setzte auseinander, wie es zugleich zum Andenken an den
Aufenthalt in der Wüste gefeiert wurde und als eine Art Erntefest,
da im gelobten Lande um diese Zeit alle Früchte eingebracht und die
Weinlese beendet war. »Sieben Tage sollst Du unter Zelten wohnen,
schreibt das Gesetz vor, zur Erinnerung an das Nomadenleben in der
Wüste, aber die Früchte, die man in der Laubhütte aufhängt, sind
vielmehr Symbole jenes palästinischen Erntefestes.«

[Illustration]

Schon drei Tage vor dem Feste begann überall der Bau der Laubhütten,
und alle nahmen daran Theil, Alt und Jung, jeder trug sein Scherflein
bei. Hinter der Fabrik lag das stattliche Haus Sindel's im altdeutschen
Stil und hinter diesem der Garten. Hier, auf einer kleinen Wiese,
schlug Martin die vier Pflöcke ein, welche den ganzen Bau tragen
sollten. Die Pfeiler wurden durch Latten verbunden, welche eine Art
Wand bildeten. Sindel und sein Sohn Zelias verkleideten die Suka von
aussen mit Tannenzweigen und Moos, während die Frauen das Innere mit
weissem Stoff überzogen. Martin hatte die Herstellung der Decke
übernommen. Nachdem er ein Dach aus Holzstäben gefertigt, deckte er es
mit Tannenzweigen, aber so, dass kleine Lücken offen blieben, durch
welche der Himmel und die Sterne hereinblicken konnten. Als dies
geschehen war, trat er in das Innere der Suka ein, um den Aufputz
anzubringen, den Eleonore und Deborah vorbereitet hatten. Das reizende
Mädchen liess es sich nicht nehmen, ihm dabei zu helfen. Sie reichte
ihm die Ketten aus farbigem Papier, die Vogelbeerzweige, deren rothe
Früchte freundlich aus dem kräftigen Grün herausblickten, die Birnen,
Aepfel, Trauben, die vergoldeten Nüsse, die er an der Decke aufhing,
und die kleinen Vögel aus geleerten Eiern mit Schnäbeln und Flügeln aus
Goldpapier. Wiederholt berührten sich ihre Hände und jedesmal wurde das
hübsche Mädchen roth.

Nachdem auch der Palmenzweig Lulaf und der Zedruch, der Paradiesapfel
im grünen Reissig untergebracht waren, wurde in der Mitte der Decke der
Mogan Doved, der Schild David's, mit kleinen Nägeln befestigt.

Aus vergoldeten Stäbchen bildete Martin eine Triangel und schlug dann
in der Mitte desselben einen Haken ein, an dem die siebenarmige Lampe
aufgehängt wurde.

»Nun das Letzte,« sprach Deborah und lachte ihn mit ihren Kinderaugen
an.

»Was meinen Sie?« fragte Martin.

Deborah, welche bisher die Hände auf dem Rücken verborgen hatte, hielt
ihm plötzlich eine grosse rothe Zwiebel unter die Nase, die mit
Hahnenfedern bespickt war.

»Richtig!« rief Martin, »den Zauber gegen alle bösen Geister dürfen wir
ja nicht vergessen.«

Sie hingen die Zwiebel an die Thüre auf und nun waren alle Schaïdim und
Massekim von der Schwelle der Laubhütte gebannt.

»Sie müssen uns für recht beschränkt halten,« sagte Deborah, »Sie, der
Sie die halbe Welt gesehen haben.«

»Glauben Sie nicht, dass man dort, wo die grossen Wogen des Volkslebens
branden, aufgeklärter und glücklicher ist. Der Aberglaube ist
unsterblich. Er nimmt immer neue Gestalten an, aber er schwindet
niemals. Heute ist er ein religiöser Wahn, morgen ein politischer,
übermorgen ein wissenschaftlicher, aber ohne Thorheit kann die
Menschheit nicht bestehen.«

»Also thöricht sind wir doch!« rief Deborah und machte eine muthwillige
Bewegung, so dass ihr dicker, schwarzer Zopf, mit dem sie spielte,
Martin auf die Wange traf. Er zuckte zusammen.

»Habe ich Ihnen wehe gethan?« fragte sie.

»Nein, Sie haben nur eine Art Zauberstab geschwungen,« sagte er
lächelnd, »und wenn ich jetzt eine grosse rothe Zwiebel vor mein Herz
hängen wollte, dürfte es zu spät sein.«

»Sie Schalk!« rief das Mädchen lachend und traf ihn noch einmal mit dem
Zopf, diesmal auf die Nase.

       *       *       *       *       *

Am ersten Halbfeiertage war Sindel zu einer Whistparthie geladen,
und Frau Leonore vertiefte sich in einen Roman von Spielhagen, denn
es war ein langweiliger Regentag mit einem bleiernen Himmel, grauen
Nebelschleiern und rieselnden Bächen in den Strassen.

Doch Deborah wollte ungestört träumen und hatte sich trotz dem
schlechten Wetter in der kleinen Laubhütte ganz behaglich eingerichtet.
Sie hatte Bretter über das Dach gelegt und einen Teppich vor die Thüre
gehängt, die Lampe angezündet, sich einen Sitz aus Kissen gebildet
und sass nun da, die kleinen Füsse auf einem Schemel, in einen Shawl
gewickelt und hörte die Tropfen klatschen, sah die kleinen Vögel
und Nüsse in der bewegten Luft schaukeln und athmete den feuchten
Harzgeruch der Tannenzweige.

Sie erschrak ein wenig, als der Teppich zurückgeschlagen wurde und
Martin hereinblickte, aber es war ein freudiger Schreck, der ihre
jungen Glieder erbeben machte und sie streckte ihm so herzlich die
Hände entgegen, dass auch ein minder Gelehrter verstanden hätte, dass
er willkommen war und mehr als das.

»Vergeben Sie meine Kühnheit, Deborah,« begann Martin, indem er
eintrat, »aber ich wollte aus Regen, Whist und Spielhagen Vortheil
ziehen und ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen.«

»Sprechen Sie also.«

»Deborah, ich kann nicht schöne Phrasen machen,« fuhr Martin fort,
»wozu auch? Wenn Sie mir gut sind, brauche ich sie nicht, und wenn Sie
mich nicht wollen, nutzen sie mir nichts. Ich habe Sie lieb, von Herzen
lieb.«

»Und ich ... ich will keinen anderen Mann als Sie,« erwiderte Deborah
rasch. »Mein Vater wird Schwierigkeiten machen, aber ich habe auch
meinen Kopf und ich gebe nicht nach, ehe ich nicht ...«

»Ehe Sie nicht Frau Professor sind.«

»Ja,« rief sie, »hier meine Hand, sie gehört Ihnen.«

Sie sprachen noch manches zusammen, während der Regen auf das Dach
schlug und die Musik des Herbstwindes durch die Tannenzweige zog, und
wie sich ihre Herzen gefunden, so fanden sich auch ihre Hände, ihre
Lippen.

       *       *       *       *       *

Deborah hatte sich der Mutter anvertraut, und diese hatte ihre Wahl
vollständig gebilligt. Als Martin am folgenden Vormittag erschien, um
feierlich zu werben, nahm Leonore lebhaft seine Partei, aber Sindel zog
die Augenbrauen zusammen und sagte kurz und trocken:

»Ich habe nichts gegen Sie, Herr Friedlieb, aber womit wollen Sie Ihre
Frau ernähren?«

»Ich trage meinen Schatz mit mir,« erwiderte der junge Gelehrte.

[Illustration]

»Mag sein, aber so lange kann das Mädchen nicht warten, bis Sie
Professor sind,« entgegnete der Fabrikant. »Auch muss ich einen
Schwiegersohn haben, der in das Geschäft treten kann, und endlich sind
Sie ein Verschwender, das ist das Schlimmste an der ganzen Sache, ich
kann mein Kind nicht dem sicheren Elend preisgeben.«

Vergebens entwickelte Leonore ihre ganze Beredsamkeit, vergebens
vergoss Deborah Thränen, Sindel blieb fest.

Am folgenden Tage kam Aaron Bierkopf, das Faktotum Sindel's, zu Martin.

»Ich bringe einen Vorschlag zur Güte,« sprach er, mit seinem ganzen
dicken rothen Gesichte lachend, »da Sie nun einmal dem Mädchen den Kopf
verdreht haben, so müssen Sie ihn wieder zurechtsetzen. Deshalb will
Herr Sindel Ihnen zehntausend Mark geben unter der Bedingung, dass Sie
auf seine Tochter verzichten.«

»Niemals!«

»Warum niemals? Das Mädchen bekommen Sie doch nicht und zehntausend
Mark ist ein schönes Stück Geld.«

»Mag sein. Ich liebe Deborah und verkaufe mein Lebensglück nicht für
zehntausend Millionen.«

Bierkopf zog kopfschüttelnd ab.

Martin nahm seinen Hut und ging zu Sindel, er wollte Deborah noch
einmal sprechen und dann die Stadt verlassen. Als er die Treppe
emporstieg, flog sie ihm entgegen.

»Nehmen Sie doch das Geld an,« sagte sie rasch, »mit dieser Summe
werden Sie sich eine Stellung machen und wenn Sie erst Professor sind,
wird mein Vater schon einwilligen. Ich heirathe doch keinen Anderen.«

Martin überlegte, dann nickte er mit dem Kopf, führte Deborah's Hand an
seine Lippen und kehrte nach Hause zurück, wo er einen kurzen Brief an
Sindel schrieb.

Eine Stunde später erschien Bierkopf pustend und brachte ihm, begleitet
von mehreren Arbeitern aus der Fabrik, zehn Säcke, von denen jeder
tausend Mark enthielt.

       *       *       *       *       *

Und wieder eine Stunde später klopfte Martin Friedlieb an Sindel's
Thüre.

»Was wollen Sie denn noch?« fragte Sindel, »haben Sie Ihre zehntausend
Mark nicht bekommen?«

»Nein,« erwiderte Martin und warf einen Thaler auf Sindel's Tisch, der
einen dumpfen Klang gab.

»Dieser Thaler ist falsch.«

Sindel nahm den Thaler, musterte ihn mit Hülfe seines Glases, liess ihn
auf dem Tische klingen und sagte endlich: »Ja, der Thaler ist falsch.«
Dann sah er Martin lange an, ohne ein Wort zu sprechen.

»Herr Sindel, meine Zeit ist kostbar.«

»Meine auch,« sagte der Fabrikant, »damit imponiren Sie mir gar nicht,
aber was mich vollständig umgeworfen hat, das ist dieser Thaler. Hören
Sie, ein so arger Verschwender sind Sie doch nicht, sonst hätten Sie
das Geld ungezählt genommen, und da ich nun einmal keine rothgeweinten
Augen sehen mag, so sollen Sie den Thaler haben und das Mädchen dazu.«

[Illustration]

»Herr Sindel, Sie sind ein Prachtmensch,« rief Martin.

»Umarmen Sie mich, Herr Schwiegersohn,« sagte Sindel feierlich, »ich
gestatte es Ihnen.«

Martin schloss ihn herzlich in seine Arme.

»Sie können mich auch küssen, wenn Sie wollen,« fuhr Sindel fort, »wenn
ich auch nicht so hübsch bin, wie die Deborah.«

[Illustration]



[Illustration]



Zwei Aerzte.

-- ÖSTERREICH. --

    Der Talmud. -- Zweierlei Medizin.


Mitten im österreichischen Waldland, nahe der böhmischen Grenze,
zwischen mächtigen Forsten, rauschenden Wassern und grünen Bergen, auf
denen die Trümmer stolzer Burgen gegen den Himmel ragen, liegt ein
freundlicher Ort mit weissgetünchten Häusern und rothen Ziegeldächern.

Hier lebte seit undenklicher Zeit eine kleine, jüdische Gemeinde, die
ferne der Strasse, welche der Welthandel nimmt und auf der die Heere
ziehen, ihr Wesen und ihre Bräuche ziemlich unverfälscht erhalten hatte.

Das grosse Licht, der Ilau dieser Gemeinde, war Mebus Kohn, der
Talmudist. Er war ihr Lehrer, ihr Rathgeber, ihr Orakel und ihr Arzt.

Mebus lebte mit seiner Tochter Perle sehr still und glücklich unter
dem Dache des kleinen mit Weinlaub umrankten Hauses, das dem jüdischen
Fleischer Berthold Zimmermann gehörte, bis zu dem Tage, wo sich ein
junger, jüdischer Arzt, Leopold Pfeffermann, mit seiner Schwester in
dem kleinen Waldort niederliess.

Nun war es um seine Ruhe geschehen. Bisher hatten die Juden in diesem
stillen Winkel keine andere Arznei gekannt, als den Talmud. Mit Hülfe
dieses heiligen Buches heilte Mebus jede Art von Leiden und Gebrechen
oder er heilte sie nicht, je nachdem die guten oder bösen Geister die
Oberhand gewannen.

Nun machte ihm plötzlich ein Fremder, ein junger Mensch, ein Purez
(Geck), seinen wohlerworbenen Ruhm streitig.

Der alte Talmudist hasste diesen Doktor von Anbeginn, ehe er ihn
noch gesehen hatte, und seine Abneigung wurde allmählig noch durch
das Gebahren der Schwester Pfeffermann's gesteigert. Diese, eine
junge, anmuthige, gebildete Dame, zeichnete sich durch eine elegante
Toilette und einen freien Geist aus, der alles Gute und Vernünftige
im Judenthume mit Feuer vertheidigte, sich aber von allen veralteten
Vorurtheilen und Gebräuchen losgemacht hatte. Schon dass sie Bücher
las, die nicht in Folio gedruckt und nicht hebräisch waren, genügte, um
sie in den Augen des Talmudisten zu einer Ketzerin zu machen. Nun kam
noch dazu, dass der Doktor einen Todtenkopf auf seinem Schreibtisch und
ein menschliches Gerippe in einem Winkel seines Studirzimmers stehen
hatte.

Dies war geradezu eine Verletzung des Gesetzes nach der Ansicht des
Talmudisten.

Doch sein frommer Eifer half ihm wenig. Der Doktor machte einige
glückliche Kuren, und seine Schwester scheute keine Mühe, keine Gefahr,
wo es zu helfen, zu retten galt. Sie ging in die Hütten der Armen, um
in einer verpesteten Luft die Kranken zu pflegen, den Dürftigen die
nöthige Nahrung zu bringen und mehr und mehr blieben die Patienten bei
Mebus aus und erholten sich Raths bei dem jungen, gelehrten Doktor, der
vielleicht nicht koscher ass, aber ein echtes, jüdisches Herz besass.

Kam ein Kranker zu Mebus, so fragte er ihn aus, ob er vielleicht beim
Abschneiden der Fingernägel einen Fehler begangen habe, ob er nicht
Speisen gegessen habe, die verboten seien, ob er nicht eine Ruine
betreten habe, in der die Massikim hausen, und dergleichen mehr. Dann
schlug er den Talmud auf, sprach Gebete, legte dem Patienten die Hände
auf und im besten Falle gab er ihm einen Abguss von Kräutern, die er
selbst im Walde gesucht hatte.

[Illustration]

Der Doktor dagegen sah dem Kranken, der über Halsweh klagte, in den
Hals, klopfte und horchte demjenigen, der sich über Schmerzen in der
Brust beklagte, die Brust ab, fühlte den Puls, verschrieb eine Arznei
und ordnete eine entsprechende Diät an.

Das war schon ganz anders und nun gar die Elektrisirmaschine, die
er manchmal anwendete, die verschiedenen Instrumente, deren er
sich bediente. Alle diese Geheimnisse seiner Kunst wirkten auf die
abergläubische Bevölkerung noch kräftiger als die Kabbalisten-Formeln
des alten Mebus.

       *       *       *       *       *

So sah sich denn dieser eines Tages vollständig entthront und dachte
bereits daran, die Gegend zu verlassen, als ihm, wie er glaubte, Gott
Hülfe sendete und ihm plötzlich bei seinem Hausherrn, dem Fleischer,
eine wahre Wunderkur gelang.

Der junge Doktor wollte der Sache auf den Grund kommen und begab sich
ohne weiteres zu Mebus, der ihn mit einem grimmigen Blick empfing,
während die reizende Perle, die Hand auf den alten Lehnstuhl ihres
Vaters gestützt, die Augen zu Boden gesenkt, ein Bild der Unschuld und
Anmuth, dastand.

»Erklären Sie mir, Herr Mebus Kohn,« begann Pfeffermann, »wie
Sie diesen Zimmermann behandelt haben. Da Sie doch nicht Medizin
studirt haben, so setzt mich Ihr Erfolg in Erstaunen, und da ich
jede Erscheinung zu verstehen suche, bitte ich, mir Ihre Methode zu
erläutern.«

»Glauben Sie denn,« erwiderte Mebus, »dass man Leichen zerschneiden
muss, um den menschlichen Körper kennen zu lernen? Ich kenne ihn besser
als Sie und habe niemals sezirt. Und dann -- wer sagt Ihnen, dass man
jede Krankheit heilen soll? Wenn Gott eine Krankheit sendet, darf man
zu ihm beten, um den Tod abzuwenden, nicht aber gegen den Willen des
Schöpfers Krieg führen.«

»Ich bitte, Herr Kohn, ich möchte Ihre Methode kennen lernen,« sagte
der Doktor ruhig, »das hat mich zu Ihnen geführt.«

»Meine Methode?« murmelte Mebus und zog die Augenbrauen zusammen, »Sie
werden sie doch niemals verstehen, Sie haben nicht den Geist dazu,
Ihnen fehlt die wahre Gottesfurcht. Um einen Kranken zu heilen, darf
man sein Leiden nicht von der körperlichen Seite betrachten, man muss
seinen geistigen Zustand kennen. Der Traktat Makoth sagt uns, dass es
im Menschen 248 Glieder und 365 Adern gibt. Dagegen findet man in der
Thora 248 Gebote und 365 Verbote. Begeht der Mensch eine Sünde, sei
es, indem er ein Gebot nicht befolgt oder ein Verbot überschreitet, so
erkrankt das Glied oder die Ader, die mit diesem Gebot oder Verbot in
Zusammenhang steht.«

Pfeffermann sah den Alten erstaunt an, er meinte, wie Faust in der
Hexenküche, einen Chor von hunderttausend Narren sprechen zu hören.

»Je mehr der Mensch sündigt,« fuhr der Talmudist fort, »umsomehr wird
sein Körper zerstört, und wenn er nicht endlich Busse thut, kann ihn
kein Arzt retten. Eine genügende Busse ist allein im Stande, den Tod
abzuwenden, denn Gott hat uns durch den Mund des Propheten Ezehiel
gesagt: Ich begehre nicht den Tod des Sünders, sondern dass er Busse
thue.«

»Und Sie haben auch Zimmermann in der Weise geheilt?« fragte der Arzt
immer verwunderter.

Mebus nickte. »Er hat mir seine Sünden gebeichtet«, sprach er, »und
Busse gelobt. Ich betete zu Gott und verbürgte mich für die Busse des
Zimmermann, und Sie sehen, er wurde gesund.«

       *       *       *       *       *

Aber dem Tage des Triumphes folgte ein Tag der Niederlage für den armen
Mebus Kohn.

Seine geliebte Perle erkrankte und diesmal half weder das Gelöbniss
der Busse, noch das Gebet, noch der Talmud. Das liebliche Kind welkte
dahin, und Mebus war der Verzweiflung nahe, als er sich endlich
entschloss, den Arzt zu berufen.

Er kam vollständig gebrochen zu Pfeffermann, wie ein besiegter König
des Orients, der seinem Gegner den Nacken darbietet, damit er den Fuss
auf ihn setzen kann.

Doch Pfeffermann zeigte sich edel. Er verrieth mit keiner Miene die
Genugthuung, die er empfand, er begab sich, ohne viele Worte zu
verlieren, zu der Kranken, untersuchte sie gewissenhaft, verordnete was
nöthig war und sendete dann seine Schwester, welche mit allem Eifer und
aller Liebe die Pflege übernahm.

[Illustration]

Der junge Arzt kam täglich zweimal und manchmal brachte er sogar die
Nacht bei der Kranken zu. Wenn er dann an dem bescheidenen Bett sass,
in dem das Mädchen, die Wangen von der Fiebergluth geröthet, fast
theilnahmslos lag, wenn er mit einer Unruhe, die ihm sonst fremd war,
die Körperwärme mit dem Thermometer mass, wenn er bei jedem Symptom,
das ihm ungünstig schien, fühlte, wie sich sein Herz zusammenzog, da
sagte er sich wohl, dass er hier, auch um seinetwillen um ein Leben
ringe, das ihm lieb, das ihm theuer war, und dann, als der schwere Sieg
errungen war, als allmählig das Bewusstsein, die Kräfte wiederkehrten,
welche innige, namenlose Freude empfand er, wenn er eintrat, wenn die
schwarzen Augen Perle's ihn schon von Weitem grüssten.

Schon konnte das liebliche Mädchen die Stube verlassen und im Gärtchen
in der sonnigen Laube sitzen, und der Doktor kam noch immer.

»Ich kann mir nicht vorstellen«, sagte Perle eines Tages mit einem
holden Lächeln, »dass Sie nicht mehr kommen sollten. Ich möchte --«,
sie hielt inne und blickte zu Boden.

»Was möchten Sie, einzige Perle?«

»Ich möchte immer krank sein, damit Sie immer kommen.«

Der junge Arzt nahm sie bei den Händen und sah sie treuherzig an.

»Nein, Perle, krank dürfen Sie mir nicht mehr werden, ich habe zu viel
Angst um Sie ausgestanden, aber wenn Sie mich ein wenig lieb haben, ich
bete Sie an, ich kenne nur noch ein Glück auf Erden, Sie als Hausfrau
in mein Heim einzuführen.«

»Wäre das möglich!« Perle presste die Hand an das Herz und begann am
ganzen Leibe zu beben.

»Wollen Sie, Perle?«

»Und ob ich will!«

»Aber Ihr Vater?«

»Er wird sich schon bekehren lassen.«

       *       *       *       *       *

Eines Tages hatte der Förster einen Hund erschossen, der herrenlos im
Walde herumlief und das Wild aufstörte. Pfeffermann bemächtigte sich
des Kadavers und liess ihn zu Mebus schaffen.

Als der Talmudist, ein Bündel Kräuter in der Hand, aus dem Walde
heimkehrte, fand er den jungen Arzt mit Perle in der Laube. Pfeffermann
sezirte den todten Hund und erklärte dem mit einer Art Andacht
lauschenden Mädchen den Bau des thierischen Organismus.

Mebus that erst, als bemerke er es nicht, dann sah er von Weitem hin,
allmählig näherte er sich auf den Fussspitzen und schliesslich stand er
sprachlos vor dem offenen Körper, und es war ihm, als habe der junge
Arzt eine geheimnissvolle Pforte vor ihm aufgethan, durch die er in die
Werkstatt Gottes blicken konnte.

»Welches Wunder!« rief er plötzlich, die Hände zum Himmel erhebend.
»Das Wort des Propheten Joel ist wahr geworden: Einst werde ich meinen
Geist über alles Fleisch ergiessen und Eure Söhne und Töchter werden
weissagen. -- Meine Hand, Herr Pfeffermann, ich werde mir auch nicht
mehr anmassen, einen Menschen heilen zu wollen.«

»Doch, Herr Kohn«, sagte der Arzt, »aber wir wollen theilen, ich nehme
die Leiber auf mich und Sie die Seelen. Sie sehen, ich gebe Ihnen den
besseren Theil, denn es gibt auch kranke Seelen, und für diese sind
Schrift und Talmud eine oft erprobte Medizin.«

»Sie haben recht. Wir wollen Freunde sein und bleiben, Herr
Pfeffermann.«

»Das ist mir zu wenig, Herr Mebus Kohn«, rief der junge Arzt.

»Ja, was wollen Sie denn noch?«

»Ihre Tochter, Herr Kohn.«

»Perle?«

Das liebe Mädchen sah ihn verschämt an und nickte mit dem Kopfe.

»Ihr liebt Euch?«

»Ja, mein Vater.«

»Und der Herr Doktor ist nicht zu stolz, die Tochter des armen Kohn zum
Weibe zu nehmen?«

»Herr Kohn, Sie beschämen mich.«

»Nein, nein, ich bin stolz auf solch einen Schwiegersohn,« rief Mebus,
»sagt doch schon Salomon: Wenn mein Sohn weise ist, so freut sich mein
Herz.«

[Illustration]



[Illustration]



Die Iliade von Pultoff.

-- RUSSLAND. --

    Der Zadik. -- Theologischer Streit. -- Hairem. -- Ein Wunder.


Bendavid Kaftan und Mordahil Grünspan waren Nachbarn. Beide waren
Kaufleute und verkehrten in Freundschaft zusammen, ebenso wie ihre
Frauen, Vögele und Veigele.

Da aber nichts in der Welt Bestand hat, so kam eines Tages ein
Ereigniss, das sie veruneinigte und verfeindete.

Bendavid und Mordahil reisten zusammen zu der grossen Messe nach
Novgorod. Bendavid dachte im Sinne des Talmud: »Wer sein Weib liebt wie
sich selbst, und sie noch mehr ehrt als sich selbst, dessen Zelt ist
der Friede.«

Beim Abschied gab er Vögele eine grosse Summe Geldes und bat sie, sich
während seiner Abwesenheit nichts abgehen zu lassen, ja sich alles
zu gestatten, wonach ihr Herz begehren würde. Mordahil folgte seinem
Beispiel und gab Veigele eine gleiche Summe.

Als nun die beiden Männer von Novgorod heimkehrten, da empfing Veigele
ihren Gatten mit einem grossen Sack voll Geldes in der Hand. Sie hatte
gespart und glaubte Mordahil eine grosse Freude zu bereiten, aber
dieser sah ihre bleichen Wangen, er sah, dass sie mager geworden war,
dass sie schlecht und unsauber angezogen war und verbarg mit Mühe
seinen Aerger.

Dagegen hatte Vögele keinen Rubel erspart, aber sie stand auf der
Schwelle ihres Hauses, schön wie ein Leben, ein Häubchen mit rothen
Bändern auf dem schwarzen Haar, Hals und Arme mit Juwelen bedeckt,
die mit ihren schönen Augen um die Wette funkelten, den üppigen Leib
in eine prächtige Pelzjacke geschmiegt. Und schöner als alles war ihr
Lächeln.

Ihr Mann war glücklich, sie so zu sehen, er zog sie an sein Herz und
fragte wenig darnach, ob sie etwas gespart habe oder nicht. Wusste er
doch, dass sie sich für ihn gepflegt, für ihn geschmückt hatte. »Endlos
ist die Bosheit des bösen, endlos die Güte des guten Weibes«, rief er,
den Midrasch zitirend, während Mordahil seine Frau kaum eines Blickes
würdigte.

Veigele setzte sich in einen Winkel und weinte, während Vögele
die Hände auf die Schultern ihres Mannes legte und ihn schalkhaft
anlächelte.

»Was hast Du?« fragte Bendavid.

»Weisst Du, welchen Rath der Talmud der Frau ertheilt?« sagte sie.

»Nun?«

»Er lässt die Mutter zu ihr sprechen: Meine Tochter, stehe vor dem
Gatten wie vor einem Könige und diene ihm, indem Du ihm dienst, machst
Du ihn zu Deinem Sklaven und wirst seine Herrin.«

»Und Du meinst, dass ich schon ganz und gar Dein Sklave bin?« rief
Bendavid lachend.

Vögele nickte und schloss ihm den Mund mit ihren duftigen Lippen.

Sie verstand es aber nicht nur, ihren schönen Leib für ihren Gatten
zu schmücken, sondern auch ihren Geist. Sie las viel und da Bendavid
wenig Zeit hatte, sich mit Büchern zu beschäftigen, so erzählte sie
ihm, wenn sie abends bei dem warmen Ofen sassen, oder im Sommer auf der
Bank vor dem Hause, alles, was sie Schönes oder Merkwürdiges in ihren
Büchern gefunden hatte, sie erzählte ihm Romane, wie man einem Kinde
Märchen erzählt, und sie belehrte ihn zugleich über die Wunder des
Sternenhimmels, über Thiere, Pflanzen und Steine, über die Entstehung
des Erdballs, über fremde Länder und Völker und ihre Schicksale im Buch
der Geschichte.

So kam es, dass Bendavid nach und nach eine Art Freigeist wurde,
während Mordahil die Befriedigung, die er daheim nicht fand, ausser dem
Hause suchend, in die Hände der Chassidim gerieth und ein Zelot wurde.

       *       *       *       *       *

Die ganze Stadt stand unter der Herrschaft, ja unter der Tyrannei des
Zadik, des Frommen und Gerechten, den die Chassidim als ihr Oberhaupt
abgöttisch verehrten. Der Rabbiner Mayer Gorwitz, ein gelehrter Mann
von tadellosem Charakter, war diesem Papst der jüdischen Ketzer
gegenüber machtlos und war zufrieden, dass er noch eine kleine Gemeinde
verständiger Menschen um sich versammelt sah, die den wahren Glauben
festhielten und vertheidigten.

Veigele, welche mehr und mehr von einem hässlichen Neid, einer
verzehrenden Eifersucht gegen Vögele erfasst wurde, hetzte ihren Mann
gegen sie, und Mordahil wieder hetzte den Zadik auf.

Eines Abends, als der Mächtige in seinem Empfangszimmer auf dem Divan
sass, von seinen Getreuen und Scholaren umgeben, die bewundernd an
seinen Lippen hingen, bemerkte Mordahil, dass dem Zadik die lange,
türkische Pfeife ausgegangen war. Er stopfte sie, reichte sie ihm,
zündete sie an und flüsterte ihm zugleich in das Ohr: »Vögele Kaftan
lässt sich das Haar wachsen, Rabbi, nun wird sie wohl Dein Blitzstrahl
treffen!«

Der Zadik, Lewi Jaffa Löwenstamm, verzog keine Miene. Er war in
seinem Kaftan von dunkelrothem Atlas, der mit Zobelpelz besetzt und
gefüttert war, das rothe, seidene Käppchen auf dem schwarzen Haar, auf
den weichen Kissen ruhend, vollkommen das Bild des heiligen Mannes,
welcher nach Ansicht der Chassidim der Ruhesitz der Schechinach, der
personifizirten Gottheit ist. Aber er glich auch einem Sultan, von
Sklaven umgeben und bedient.

Mit kaum fünfzig Jahren übte er eine Macht aus, welche andere erst im
hohen Alter erreicht hatten, und man begriff diese Macht, sobald man
seine gedrungene, kräftige Gestalt sah, sein ausdrucksvolles, schönes
Gesicht und seinen gebietenden Blick, der Jeden erzittern machte, auf
den er sich zürnend oder strafend richtete.

»Sie liest auch profane Bücher,« fuhr Mordahil fort.

»Für den Sünder gibt es nur ein einziges Mittel, sich mit Gott
auszusöhnen«, sprach der Lieblingsschüler des Zadik, Ruben Nesselblatt,
»dieses Mittel ist zu Folge dem Sophar Hamidoth (ein Werk des Bescht,
des Stifters der Sekte der Chassidim), wenn er sich stets befleissigt,
das Einkommen des Zadik zu vermehren.«

Der Zadik nickte zustimmend.

Schames Mäckler, der Dorfgeher, ging aber noch denselben Abend zu
Bendavid und rieth diesem, Gott und den Zadik durch ein Geschenk zu
versöhnen.

       *       *       *       *       *

Als das Geschenk auf sich warten liess, kam wieder Schames Mäckler zu
Vögele und drohte ihr und ihrem Manne mit dem grossen Bann.

Vögele begab sich sofort zum Rabbiner.

»Kehren Sie sich nicht an diese Drohungen«, sagte dieser, »ich werde
Sie beschützen, falls es nöthig sein sollte.«

Die schöne Frau kehrte beruhigt nach Hause zurück, und da der Zadik
ihr den Krieg erklärt hatte, beschloss sie ihrerseits die Offensive zu
ergreifen.

Es ergab sich sofort eine köstliche Gelegenheit.

Der strenge Winter hatte die Wölfe bis in die Nähe der Stadt getrieben.
Als Schames Mäckler eines Tages über Land gehen sollte, hatte er Angst
und bat den Zadik um seinen Beistand.

»Du hast doch einen Stock«, sprach Lewi Jaffa, »wenn Gott will, kann
auch der Stock losgehen, und wenn er nicht will, wird Dir auch die
Pistole versagen.«

Mäckler trat beruhigt seine Wanderung an und als er im Walde einen
grossen Wolf auf sich zukommen sah, zielte er mit dem Stocke nach ihm.
Da fiel ein Schuss und das Raubthier sank in den Schnee.

Erschreckt gab Mäckler Fersengeld, als er sich aber wieder gefasst
hatte, rief er: »So lange habe ich diesen Stock und wusste nicht, dass
er geladen ist.«

Die Schüler des Zadik aber priesen dessen Macht und seinen Einfluss
im himmlischen Reiche. Mitten in dem allgemeinen Jubel aber erschien
Vögele und verlangte Lewi Jaffa zu sprechen. Die Thürhüter wollten
sie nicht einlassen, aber Ruben rief: »Das blose Ansehen des Zadik
verscheucht die Laster (Sophar Hamidoth § 14), sie soll eintreten.«

Vögele überschritt also die Schwelle, vor der die Dämonen
zurückschrecken und stand jetzt in ihrem weissen, goldgestickten
Scharafan und ihrer Pelzjacke vor dem Zadik.

»Was willst Du?« fragte dieser, das schöne Weib mit Wohlgefallen
musternd.

»Dir erklären, dass Du entweder ein Narr oder ein Betrüger bist«, rief
Vögele.

Ein wilder Tumult entstand unter den Chassidim, welche Miene machten,
die Ketzerin zu zerreissen. Doch Vögele kannte keine Furcht.

»Du behauptest, dass Schames Mäckler von Dir unterstützt einen Wolf mit
seinem Stocke erschossen hat. Das ist eine Lüge.«

»Sie ist vom Teufel besessen«, sagte der Zadik.

In diesem Augenblick trat der Förster ein, welcher an der Thür gewartet
hatte.

»Ich habe den Wolf erschossen«, sprach er.

Doch nichts vermag den Geist eines Zadik zu verwirren.

»Ich weiss es«, sprach Lewi Jaffa, »aber ich habe Dich gesendet.«

Der Förster zuckte die Achseln.

»Du machst die Worte des Rabbi Bechai wahr«, fuhr der Zadik zu Vögele
gewendet fort, »dass mit dem Weibe der Satan zur Welt gekommen ist.«

»Beweise es mir.«

»Es ist bewiesen«, gab Lewi Jaffa zur Antwort. »Bis zur Schöpfung
des Weibes kommt in der Schrift der Buchstabe Sameih -- der
Anfangsbuchstabe des Wortes Satan -- nicht vor, aber sofort nach der
Schöpfung des Weibes heisst es: Er schloss das Fleisch, und da kommt
der Buchstabe Sameih das erste Mal vor.«

»Dein Rabbi Bechai ist ein Tropf«, rief Vögele, »und Jene, die den
Zadik die Krone des Weltalls nennen, sind gleichfalls Tröpfe. Die Krone
der Schöpfung ist das Weib.«

»Beweise es mir.«

»An jedem Tage hat Gott etwas Besseres, Vollkommeneres geschaffen«,
sprach Vögele, »und am letzten Tage den Menschen als den Herrn der
Erde. Ist das wahr?«

»Ja.«

»Also. Und da er zuletzt nach dem Manne das Weib erschaffen hat, so ist
das Weib sein vollkommenstes Geschöpf, sie ist die Herrin des Mannes.«

»Ich sehe, Du bist klüger als ich dachte«, erwiderte der Zadik, »und so
will ich mir die Mühe nicht verdriessen lassen, Dich zu bekehren.«

»Sieh' zu, dass ich Dich nicht bekehre«, rief Vögele, indem sie den
weissen Arm auf die mit Sammt und Pelz bedeckte üppige Hüfte stemmte,
»wo hat jemals ein Mann eine Frau bekehrt? Der Talmud erzählt uns,
dass sich eines Tages ein edles Ehepaar aus unbekannten Gründen
getrennt und Jedes wieder sich verheirathet hat, wobei Mann und Frau
leider eine gleich unglückliche Wahl trafen. Was geschah nun? Die
edle Frau verwandelte ihren zweiten schlechten Mann in kurzer Zeit in
einen vorzüglichen Menschen, während der edle Mann durch seine zweite
lasterhafte Frau ebenso rasch zum Bösewicht wurde. Du siehst also, dass
das Weib aus dem Manne macht, was es nur will, und wenn ich nur wollte,
würde ich aus Dir, die Krone des Weltalls, meinen Diener, meinen
Knecht, meinen Sklaven machen.«

Mit diesen Worten verliess Vögele stolz das Haus des Zadik und liess
die Chassidim sprachlos und versteinert zurück. Ruben sah das Unheil,
welches sie angerichtet hatte, und um der Verwirrung der Geister ein
Ende zu machen, stimmte er das mystische Lied Rabbi Luria's an:

    Die Kinder des Palastes, welche sich scheuen,
    Den Sair Anphin (Mikrokosmus) anzusehen,
    Mögen hier erscheinen, wo der König in seinem Bilde gegenwärtig ist.

       *       *       *       *       *

Nicht lange nach dem ersten Triumph Vögele's bereitete ihr der Zufall
einen zweiten, noch glorreicheren.

In einer stürmischen Frühlingsnacht brach in dem Judenviertel Feuer aus
und griff rasch um sich, da die Gemeinde keinerlei Löschanstalten, ja
nicht einmal eine Spritze besass.

Man hatte allerdings eine Feuerwehr errichtet, aber diese erschien dem
Zadik als ein Eingriff in die göttliche Macht und seine Rechte und
wurde auf seinen Befehl wieder aufgelöst.

Als nun die Flammen das ganze Judenviertel zu verschlingen drohten,
trat Vögele unter die Verzweifelten, welche den Marktplatz füllten
und rief: »Seht Ihr jetzt, wie weit die Macht des Zadik reicht und
was sein Einfluss bei Gott werth ist? Der Zadik hat Euch gesagt, dass
Eure Löschanstalten Gott herausfordern. Er hat die Stadt gesegnet und
hat erklärt, dass er einen Vertrag mit Gott abgeschlossen habe, dem
zu Folge jährlich nur ein Dach vom Feuer verzehrt werden dürfte. Und
jetzt sind es schon elf Häuser, welche brennen und wenn uns nicht die
Christen retten, wird unser ganzer Stadttheil in dieser Nacht ein Raub
der Flammen.«

»Sie hat recht,« rief Tait Feintuch und Wohl Krakow und viele Andere
stimmten bei.

Zum Glück erschien jetzt die christliche Feuerwehr und rettete, was
noch zu retten war.

Das Ansehen Lewi Jaffa's hatte aber einen neuen Stoss bekommen, und
der Zadik sah sich das Scepter der Allmacht mehr und mehr durch die
schwache Hand eines Weibes entwunden.

Am dritten Morgen nach dem Brande fand Vögele vor ihrer Thür das Wort
»Hairem« geschrieben. Es war der grosse Bann des Zadik. Sie nahm ruhig
einen Küchenlappen, wischte das schreckliche Wort aus und ging ihren
Geschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.

[Illustration]

Es war ein schöner sonniger Tag. Die Bäume blühten, die Felder grünten
und die Vögel sangen in den Hainen.

Der Zadik ging hinaus mit seinen Schülern, um ihnen, wie er es liebte,
unter freiem Himmel einen Vortrag zu halten.

Kaum sass er unter einer Linde, die ihren Duft in die milde Maienluft
strömte, kaum hatten sich seine Schüler um ihn gelagert, da kam eine
Frau durch die Felder geschritten.

Es war Vögele.

Als sie vor dem Zadik stehen blieb, in ihrer blausammtenen mit
silbergrauem Pelzwerk ausgeschlagenen Jacke, das schwarze Haar mit
einem gelbseidenen Tuche umwunden, schien sie eine prächtige Blume
mehr, die der Lenz der Erde entlockt hatte.

»Wer hat das Hairem an meine Thür geschrieben?« fragte sie
herausfordernd.

»Ich habe es angeordnet«, gab der Zadik zur Antwort.

»Welche Macht massest Du Dir an?« rief Vögele, »bist Du ein Rabbi? Und
nicht einmal ein Rabbiner kann den Bann aussprechen, nur der Beschdin
hat das Recht dazu.«

»Ich frage wenig nach dem Beschdin«, sagte Lewi Jaffa.

»Der Zadik ist die Krone, die Zierde und das Licht des Weltalls«, rief
sein treuer Schüler Ruben.

»Wenn Du dies wirklich bist«, fuhr Vögele fort, »so zeige jetzt Deine
Macht, zermalme mich, lass ein Wunder geschehen.«

Allmählig hatte sich eine neugierig lauschende Menge um Vögele und den
Zadik versammelt. »Ja, gib uns ein Wunder!« riefen mehrere Stimmen.

»Dieses Weib verstumme auf der Stelle!« rief Lewi Jaffa in dem Ton
eines strafenden Richters.

Doch Vögele verstummte nicht. »Ich habe es Dir schon einmal gesagt«,
rief sie, »Du bist ein Narr oder ein Betrüger.«

»Die Erde soll sich aufthun und Dich verschlingen!« rief der Zadik
immer aufgebrachter.

Aber die Erde verschlang Vögele nicht und jetzt wirkte diese ein Wunder.

»Du bist gerichtet«, sprach sie lachend, »Gott hat Dich vor mir
niedergeworfen, komm hierher zu mir, damit ich den Fuss auf Deinen
Nacken setzen kann, denn Du bist vom Saamen der Schlange.«

Wüthend sprang der Zadik auf und schritt auf sie zu, um ihr seinen
Fluch in das Gesicht zu schleudern, aber sein böser Engel wollte, dass
er über einen Feldstein stolperte und der Länge nach zu den Füssen der
schönen Frau hinstürzte.

Mit einem lauten, grausamen Lachen setzte Vögele rasch den kleinen Fuss
auf den Nacken des besiegten Feindes und stand jetzt über ihm, schön
und triumphirend, wie ein Racheengel.

»Gott ist mit ihr!« rief die Menge.

Einige Fanatiker sanken vor Vögele auf die Kniee, andere rissen grüne
Reiser ab und schwangen sie um ihr Haupt, gleich Palmenzweigen.

Als sie endlich den Fuss zurückzog, erhob sich Lewi Jaffa, bleich und
vernichtet und wankte der Stadt zu, ein geschlagener Feldherr ohne
Armee.

[Illustration]



[Illustration]



Die Geschichte von der römischen Matrone.

-- SCHWEDEN. --

    Hanuka.


Während der Wind im Kamin sang und die Schneeflocken an die Scheiben
pochten, sass in einem eleganten Boudoir eine junge, hübsche Frau, den
Kopf mit den bleichen Wangen und den grossen dunklen Augen auf beide
Hände gestützt und schien in die weite Ferne zu blicken.

Und es lag auch im Nebel hinter ihr, was sie sah, gleich einem Traum,
gleich einem Märchen.

Karola hatte geliebt, als sie fast noch ein Kind war. Ein junger Arzt
kam in das Haus ihres Vaters, des Bankiers Rubenborg. Siegfried
Förenskjöld war in der reichen, jüdischen Gesellschaft von Stockholm
gut aufgenommen, obwohl er kein Vermögen besass, weil Jeder in ihm den
ehrlichen Mann, den begabten Gelehrten schätzte.

Rubenborg selbst pflegte zu sagen: »Siegfried wird seinen Weg machen«,
als er aber eines Tages entdeckte, dass Karola dem jungen Arzt ihr
Herz geschenkt hatte, beeilte er sich doch, sie mit dem Schiffsherrn
Skandorff zu verheirathen.

Karola widerstand einige Zeit, aber ihr eitles Herz liess sich
endlich von dem Glanze blenden, der ihr an der Seite Skandorff's
winkte, und sie zeigte selbst in einem Briefe, der in seiner falschen
Sentimentalität noch um vieles grausamer war, Förenskjöld ihre
Verlobung an. Dieser gab ihr keine Antwort, sondern verliess einige
Tage später die schwedische Hauptstadt, um sich einer Expedition
anzuschliessen, die nach dem nördlichen Polarmeer segelte.

Seither war er verschollen.

Karola hatte indess das Leben der Residenz in vollen Zügen genossen,
man hatte sie bewundert, gefeiert, angebetet, bis sie endlich nichts
mehr zu erreichen hatte, bis ihre Eitelkeit übersättigt war und der
Eckel kam.

Dann starb ihr Mann, und sie zog sich plötzlich aus den Kreisen, in
denen sie als Königin, als Despotin geherrscht hatte, zurück. Den
Jahren des Taumels war eine Zeit der Sammlung, der Entsagung, der
Wehmuth gefolgt. Karola fühlte sich einsam, unbefriedigt, und mehr und
mehr stieg Siegfried's Bild aus dem Nebel der Erinnerung empor, und
der Verrathene, für immer Verschollene wurde von Neuem ihr Idol.

Was war dieses Leben ohne Gatten, ohne Kinder, ohne Freunde, ohne
Liebe, fragte sie sich an jenem Abend wieder und immer wieder. Sie
hatte das Glück frevelhaft von sich gestossen, um einem Phantom zu
folgen.

[Illustration]

Ja, wenn Förenskjöld noch lebte! aber sie empörte sich gegen den
Gedanken, jetzt, wo sie keine Illusionen hatte, einem Anderen zu
gehören.

Sie zog es vor, um ihn zu trauern, wie um einen Todten, allein mit
ihrer Reue und ihrer Sehnsucht.

Und nun sollte sie hinaus in die frostige Dezembernacht, in das
glänzende Haus ihrer Eltern.

Es war der erste Abend der Hanuka, sie durfte nicht fehlen.

Seufzend erhob sie sich, um Toilette zu machen. »Ganz Israel wird heute
die Hanukalichter anzünden«, murmelte sie, »aber in Deiner Seele ist
das Licht erloschen für immer.«

       *       *       *       *       *

»Heute will ich kein trauriges Gesicht sehen«, sprach Rubenborg, als
Karola eintrat, »heute muss alles heiter sein. Uebrigens bekommen wir
einen interessanten Gast, der Dich zerstreuen wird.«

Karola zuckte verächtlich die Achseln.

Alle Räume des väterlichen Hauses waren glänzend geschmückt und
erleuchtet. Feierte man doch den grossen Tag, wo Judas Makkabäus nach
seinem Siege über die Syrer den Tempel gereinigt und beim Klang der
Instrumente und Sang der Leviten die heiligen Lampen wieder angezündet
hatte.

Auf dem Kamin stand die alte, siebenarmige Lampe aus getriebenem Silber
mit herrlichen Figuren, biblische Scenen darstellend. Acht Lichter
waren auf diesem Familienkleinod aufgesteckt, denn das Fest währt acht
Tage, und jeden Tag wird eine Kerze mehr angezündet.

Rubenborg, von seiner ganzen Familie umgeben, näherte sich jetzt der
Lampe, sprach laut das Gebet und zündete die erste Kerze an.

In diesem Augenblick ging die Thür auf, und Karola meinte eine
Erscheinung zu sehen.

Es war Siegfried Förenskjöld, der Geliebte ihrer Jugend, der eintrat.
Es war noch sein verständiges, gutes Gesicht mit den treuen, blauen
Augen, aber männlicher, ernster und von Sonne und Wetter mit einer Art
Bronce bedeckt.

Die junge Wittwe blieb wie versteinert in der Nähe des Kamins stehen.
Nachdem Förenskjöld ihre Eltern begrüsst hatte, verneigte er sich stumm
vor ihr.

Sie klammerte sich an den Kaminsims und sah ihn flehend an, da er aber
keinen Schritt vorwärts that, streckte sie ihm die Hand entgegen, und
als er diese schöne vielbegehrte Hand nicht nahm, sprach sie mit einer
Stimme, die leise bebte: »Siegfried, geben Sie mir die Hand.«

Förenskjöld trat auf sie zu, und sie ergriff rasch seine beiden Hände.

»Haben Sie mir vergeben?«

»Man vergibt nur, wenn man vergisst.«

»Sie haben mich also nicht vergessen,« murmelte sie, und ein
schmerzliches Lächeln überflog ihr bleiches Gesicht.

Während man bei Tische sass, erzählte Förenskjöld seine Schicksale.
Das Schiff, auf dem er gegen Norden segelte, war gescheitert. Er hatte
einige Monate in der Eiswüste der Polargegend zugebracht und war dann
durch einen amerikanischen Schoner gerettet worden. In New-York gut
aufgenommen, hatte er dort rasch eine gute Praxis als Arzt gefunden und
war vor wenigen Tagen zurückgekehrt, um seine Verwandten zu sehen.

Als die Tafel aufgehoben war, tanzten die Kinder um die Lichter und
kamen dann zu den Eltern, um das Hanukageld in Empfang zu nehmen.

Nun kamen noch verschiedene alte Freunde des Hauses an, und bald war
alle Welt, Alt und Jung, mit dem Spiel beschäftigt, wie es an diesem
Abend Sitte ist. Die Kinder würfelten einige Zeit, dann kam Gustav,
der Jüngste, zu Förenskjöld gesprungen und bat ihn, eine Geschichte
zu erzählen, eine recht schreckliche von dem endlosen Eismeer, von
schwimmenden Gletschern, Eisbären und Nordlicht.

»Wohl ist es Sitte«, sprach Förenskjöld, »an diesem Abend Geschichten
zu erzählen, aber nur jüdische Geschichten.«

Gustav bat also um eine solche. Förenskjöld setzte sich zum Kamin,
die Kinder umgaben ihn, und Karola trat leise hinter seinen Stuhl und
stützte sich auf die Lehne desselben.

       *       *       *       *       *

Einst fragte eine römische Matrone den Rabbi José be Chalafta, in wie
viel Tagen Gott die Welt erschaffen habe?

»In sechs Tagen«, war die Antwort.

Auf eine zweite Frage, was Gott seitdem thue, erwiderte Rabbi José,
seine Hauptbeschäftigung bestehe darin, die Menschen durch das Band
der Ehe zu vereinen und glücklich zu machen.

Die römische Matrone fand diese Antwort spasshaft und sprach: »Dies
soll eine Beschäftigung für einen Gott sein? Ehen zu schliessen ist
leicht, ich wette, dass ich das eben so gut kann, wie Dein Gott. Ich
habe eine grosse Zahl Sklaven und Sklavinnen und will sie alle in einer
Stunde verheirathen, dazu bedarf man keiner göttlichen Macht.«

»Mag sein«, erwiderte der Rabbi, »aber unserem Gott ist es gerade so
schwer, wie jedes andere Wunder.«

Die römische Matrone nahm hierauf tausend ihrer Sklaven und ebenso viel
Sklavinnen und vermählte sie alle an einem Abend.

Was aber war die Folge dieser so rasch, ohne Ueberlegung, ohne Liebe
geschlossenen Bündnisse?

Schon am anderen Morgen kamen sie alle im kläglichsten Zustande und
warfen sich ihrer Herrin zu Füssen. Die einen hatten zerschlagene
Köpfe, die Anderen wunde Augen, andere Striemen auf dem Rücken und
alle, alle flehten um Scheidung ihrer Ehe.

Die römische Matrone gewährte ihre Bitte, und als sie wieder dem Rabbi
begegnete, sprach sie: »Du hast recht. Meine Gottheit kann sich mit der
Deinen nicht messen, unsere Gesetze stehen den Euren nach. Eure Lehre
ist auf Wahrheit gegründet.«

Doch Rabbi José lächelte und erwiderte: »Habe ich Dir nicht gleich
gesagt, dass eine Ehe zu stiften zu den schwierigsten Dingen gehört?«

       *       *       *       *       *

»Und die Moral?« rief Rubenborg von seinem Whisttisch herüber.

»Vordem wurden die Ehen im Himmel geschlossen«, antwortete Förenskjöld,
»heute ist das anders, und die römische Matrone würde diesmal recht
behalten. Heute gelten nur noch die schönen Worte des Horaz:

    Geld ist die Königin
    Der Welt, schafft alles Dir, ein reiches Weib,
    Kredit und Freunde, Schönheit, Adel, Alles!«

»Nein, alles nicht«, sprach Karola leise, »die Liebe nicht und nicht
das Glück.«

Förenskjöld stand auf, und während er sich an den Kamin lehnte, trat
die arme, bleiche Frau vor ihn hin und ergriff von neuem seine Hände.

»Siegfried, vergeben Sie mir«, murmelte sie, »auch ich könnte Ihnen
eine Geschichte erzählen von einer Frau, die der Reichthum, die der
Luxus geblendet hat und die inmitten rauschender Feste wie eine Todte
wandelte mit ihrem Herzen. Sie hat Unrecht gethan, diese Frau, auch
sich, sich am meisten, aber sie hat auch gebüsst, an der Seite eines
ungeliebten Gatten, umgeben von den Nichtigkeiten der Gesellschaft und
dann in der freudenlosen Einsamkeit ihrer Wittwenjahre.

Das Licht ihrer Nächte war die Erinnerung, die Hoffnung.

Wenn Sie finden, Siegfried, dass sie nicht genug bereut, nicht genug
gebüsst hat, sprechen Sie es aus, sie wird fortfahren, zu entsagen und
zu lieben, aber nehmen Sie ihr die Hoffnung nicht.«

»Was verlangen Sie von mir, Karola?«

»Vergebung.«

»Ich soll Sie also vergessen?«

»Nein, nein,« rief die junge Frau; sie machte eine Bewegung, als wollte
sie ihm zu Füssen fallen, »ich gehöre Ihnen, ich habe immer Ihnen
gehört, nur Ihnen, stossen Sie mich nicht zurück, rauben Sie mir nicht
die Hoffnung.«

»Und was hoffen Sie noch, Karola?«

»O! mein Freund!« fuhr sie fort, »heute ist Hanuka! Es ist der Tag, wo
Judas Makkabäus die falschen Götter gestürzt und den Altar des wahren
Gottes aufgerichtet hat. Lassen Sie auch uns diese Götter zertrümmern,
denen wir geopfert haben, die Eitelkeit, der Hang zum Reichthum, zum
Genuss, die Hoffart und auch den Hass und die Rache.«

»Ich habe Sie niemals gehasst«, erwiderte Förenskjöld.

»Lassen Sie uns also zu unserem Gotte zurückkehren, zu dem einzig
wahren.«

»Und dieser Gott wäre?«

»Sie fragen noch?« rief sie und warf sich an seine Brust, »die Liebe,
Siegfried.«

Förenskjöld hielt sie in seinen Armen, während sie mit ihren schönen,
lächelnden und weinenden Augen zu ihm emporblickte.

[Illustration]



[Illustration]



Du sollst nicht tödten.

-- CROATIEN. --

    Jüdische Ehre. -- Das Duell.


Die Gräfin Mara Barowic war in einer Person die Circe, Omphale und
Semiramis des kroatischen Berglandes Zagorien. Alle Männer, jung und
alt, lagen zu ihren Füssen und doch war sie eher hässlich als hübsch zu
nennen.

Aber sie besass jene Hässlichkeit, welche frappirt, fesselt und reizt.
Dann hatte sie eine Geschichte hinter sich, welche sie interessant
machte.

Man behauptete, dass sie ihren Mann durch einen ihrer Günstlinge auf
der Jagd erschiessen liess, als dieser kroatische Ninus ihr lästig zu
werden begann.

Und sie war originell!

Wenn das Weib ein Kunstwerk ist, wie ein berühmter Dichter gesagt
hat, so darf man nicht vergessen, dass heute die Zeit des Gefälligen,
Anmuthigen in der Kunst vorüber ist, man zieht die grausame Wahrheit
der liebenswürdigen Schönheit vor, in der Kunst und ebenso in der Liebe.

Die Gräfin war ein Weib in diesem Geschmack. Von ihren beiden
glühendsten Verehrern nannte sie der eine, Baron Kronenfels,
»décadente«, und der andere, Herr von Broda, »naturalistisch«.

Sie ritt wie ein Husar, sie kutschirte, sie hetzte Hasen und Füchse,
sie liebte es, in der malerischen Tracht einer kroatischen Bäuerin die
Felder und die Forste zu durchstreifen und traktirte ihre Gläubiger mit
der Hundepeitsche, wenn sie ihr Geld haben wollten.

Die Gräfin war nämlich vollständig verschuldet, nicht nur, dass auf
ihrem Gute Granic kein Nagel mehr ihr gehörte, nicht einmal der falsche
Zopf, den sie trug, war ihr Eigenthum.

Die jungen Cavaliere, welche sich um ihre Gunst bewarben, erklärten
sich desshalb die Vorliebe der zagorischen Circe für die beiden »Weisen
aus dem Morgenlande«, wie sie Broda und Kronenfels nannten, durch die
glänzende materielle Lage dieser jüdischen Edelleute.

Baron Kronenfels war von etwas älterem Adel und genoss daher ein
gewisses Ansehen, Herr von Broda dagegen war erst selbst geadelt worden
und diente umsomehr als Stichblatt aller schlechten Spässe, als er
einen geradezu lächerlichen Kultus mit seinem Wappen trieb. Es gab
keinen Ort, wo er dasselbe nicht anbrachte, es glänzte sogar auf dem
Halsband seines Hundes und auf den Cigaretten, die er sich apart bei
Laferme fabriziren liess.

Kronenfels und Broda waren gute Freunde und Kameraden, denn Beide
waren Offiziere in der Reserve, aber wie lange hält Männerfreundschaft
gegenüber einer Frau Stand?

Ihre gegenseitige Eifersucht steigerte sich von Tag zu Tag und nahm
endlich jenen akuten Charakter an, wo man sich jeden Augenblick auf
einen Conflict gefasst machen muss.

       *       *       *       *       *

Eines Abends beim Spiel und beim schäumenden Champagner fand die von
ihren Freunden längst erwartete Explosion statt.

Baron Rukawina gab eine lustige Geschichte aus dem bewegten Leben der
Gräfin zum Besten.

Sie sollte wegen der seit Jahren rückständigen Steuer exequirt werden
und setzte daher Himmel und Erde in Bewegung, um das drohende Unheil
abzuwenden. Sie reiste nach Agram und von da nach Budapest. Hier
bestürmte sie den Minister, die einflussreichen Deputirten, ja sie
erbat sogar eine Audienz beim König. Ueberall gab man ihr Hoffnung,
aber die Gefahr wurde trotzdem immer dringender.

Da stellte sich ihr der Baron Meyerbach vor, und bot sich an, die Sache
zu arrangiren.

Meyerbach war ein intelligenter Mensch mit einem guten Herzen und einer
offenen Börse, aber die ungarische Aristokratie nahm ihn dennoch nicht
in ihre intimen Kreise auf, aus dem einfachen Grunde, weil er Jude war.

»Haben Sie denn wirklich so viel Einfluss?« fragte die Gräfin erstaunt.

»Fragen Sie mich nicht, wie ich verfahren werde, Gräfin«, erwiderte der
Baron, »genug, ich bin des Erfolges vollkommen sicher.«

»Und was verlangen Sie von mir für diesen Dienst?«

»Nichts, als dass Sie während zweier Wochen täglich eine Stunde mit
mir in der Waitzner Gasse promeniren, täglich eine Stunde in meiner
Gesellschaft auf dem Eisplatz im Stadtwäldchen zubringen und sich jeden
Abend an meiner Seite in einem anderen Theater sehen lassen.«

»Das ist alles?«

»Alles.«

Die Gräfin that alles, was der Baron verlangt hatte.

Vierzehn Tage später erhielt sie die Quittung über die bezahlten
Steuern -- 32,000 Gulden -- und Baron Meyerbach fand die Thüren der
ungarischen Aristokratie nicht mehr verschlossen. Die Gräfin hatte ihn,
wie man sagt, lancirt.

Man lachte und liess den schlauen Meyerbach leben, nur Broda machte ein
trauriges Gesicht. Seufzend murmelte er die Worte Goethe's vor sich
hin: »Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles.«

Baron Kronenfels legte die Karten mit Ostentation auf den Tisch und sah
ihn an.

»Wollen Sie damit sagen, dass eine Dame, wie die Gräfin Maria Barowic,
sich durch Geld oder Reichthum blenden lässt?«

Broda zuckte die Achseln.

Da erhob sich Kronenfels entrüstet und rief: »Sie sind ein +Jude+!«

Einen Augenblick blieben alle starr, dann sprang Broda gleichfalls auf
und erwiderte vor Wuth bebend: »+Sie+ sind ein +Jude+!«

Die Folge dieses Wortwechsels war eine Herausforderung. Beide
Herren wählten auf der Stelle ihre Sekundanten. Man entschied sich
für Pistolen, und das Rendezvous sollte am nächsten Morgen in dem
Eichenwalde von Granic stattfinden.

       *       *       *       *       *

Broda war nicht lange nach Hause zurückgekehrt und hatte kaum begonnen,
seine Papiere zu ordnen, als der Rabbiner Salomon Zuckermandel bei ihm
erschien.

»Sie wollen sich duelliren?« waren die ersten Worte des weisen gütigen
Alten.

»Ja.«

»Und noch dazu mit einem Juden? Nein, Herr von Broda, Sie können, Sie
dürfen, Sie werden nicht auf einen Menschen schiessen.«

»Verzeihen Sie, Rabbi Salomon, aber von Ehrensachen verstehe ich mehr
als Sie.«

»Glauben Sie?« erwiderte der Rabbiner lächelnd, »nun, wir werden sehen.
Sie glauben, die Ehre kann nur durch Blut reingewaschen werden? Mein
lieber Herr von Broda, eine Ehre, die makellos ist, braucht überhaupt
nicht erst gewaschen zu werden, und eine Ehre, die einen Makel hat,
kann auch durch Blut nicht reingewaschen werden. Der Baron hat Sie
einen Juden genannt. Ist das eine Beleidigung?«

»In dem Sinne, in dem er das Wort gebraucht hat, ja.«

»Nein, weder in diesem noch in einem anderen Sinne«, fuhr der Rabbiner
fort, »sollte der Name Soldat zu einem Schimpfwort werden, weil es
Soldaten gibt, die ihre Fahne verlassen haben? Diese Juden, die man
meint, wenn man den Namen Jude als Schimpfwort ausspricht, haben auch
ihre Fahne verlassen, es sind keine Juden mehr. Das Judenthum ist die
Ehrfurcht vor Gott, die Liebe zur Freiheit, die Liebe zur Familie,
die Menschenliebe, und die jüdische Ehre besteht nicht darin, Blut zu
vergiessen, sondern recht zu handeln und Gutes zu thun.«

»Sie haben recht, aber --«

»Nein, nein, kein Aber. Als Gott auf dem Sinai in Donner und Blitz dem
Moses die Gesetztafeln gab, da gab es kein Aber, da sprach er: »+Du
sollst nicht tödten.+« -- Sie sind ein Jude, Herr von Broda, das heisst
ein Mensch, Sie werden nicht tödten.«

Der junge Edelmann trat an das Fenster, um seine Thränen zu verbergen,
das jüdische Herz war bewegt, der alte Mann im schlichten Talar hatte
das glänzende Wappen aus dem Felde geschlagen.

       *       *       *       *       *

Es war Mitternacht, als Rabbi Salomon bei dem Baron ankam und demselben
einen Brief seines Gegners übergab. Kronenfels las:

        Mein Herr!

    Sie haben mich schwer beleidigt, indem Sie mich in einer
    Gesellschaft von Cavalieren einen Juden genannt haben und dies
    zu einer Zeit, wo Herr von Treitschke in Berlin die Juden
    das »Schlamassel«, das Unglück des deutschen Volkes genannt
    hat. Allein Sie sind der einzige Sohn, die Hoffnung Ihrer
    Familie, und es würde mir leid thun, wenn ich Sie treffen
    würde. Sie haben mich mehr als einmal das Herz aus dem Asse
    schiessen sehen, Sie wissen, dass ich keine Redensarten mache.
    Ich schlage Ihnen desshalb vor, dass wir beide in die Luft
    schiessen und dass wir uns gegenseitig das Ehrenwort geben,
    dieses Uebereinkommen niemals zu verrathen.

            +Broda.+

Kronenfels zeigte dem Rabbiner den Brief.

»Was ist da zu thun?« fragte er lächelnd.

»Herr von Broda hat bewiesen, dass er ein Jude ist«, sagte
Zuckermandel, »bleiben Sie nicht zurück, beweisen Sie gleichfalls, dass
Sie der Sohn eines Stammes sind, der als das älteste Kulturvolk alle
anderen an Menschlichkeit übertrifft.«

Kronenfels warf einige Zeilen auf das Papier, welche Rabbi Salomon bei
Tagesanbruch überbrachte. Die Antwort des Barons lautete:

        Mein Herr!

    Ich war eben im Begriff an Sie zu schreiben, als ich Ihren
    Brief erhielt.

    Auch ich würde es bereuen, einen so hoffnungsvollen, jungen
    Mann zu tödten.

    Uebrigens -- entre nous soit dit -- sind wir doch wirklich
    Juden, d. h. Nachkommen von Ahnen, welche älter als die
    Lichtenstein und Auersperg sind und von denen wir zwei
    Eigenschaften ererbt haben, die Herr von Treitschke, als der
    Sohn eines spät civillisirten Volkes wahrscheinlich nicht
    besitzt. Ich meine die Scheu vor Blutvergiessen und das
    jüdische Herz voll +Rachmonus+.

            +Kronenfels.+

Um sechs Uhr morgens fand das Rencontre im schönen Eichenwald von
Granic statt. Die beiden Gegner hielten Wort und schossen in die Luft.

Als die Sekundanten erklärt hatten, dass der Ehre Genüge geschehen sei,
trat plötzlich Rabbi Salomon aus dem Gebüsch hervor, in dem er sich
verborgen gehalten hatte und während Kronenfels und Broda sich versöhnt
die Hände reichten, erhob der Greis segnend die Arme und sprach: »Meine
Herren, Sie sind Juden!«



[Illustration]



Bär und Wolf.

-- SCHWEIZ. --

    Rosch haschonnah. -- Jom Kipur.


Herta Bär und Selma Wolf galten als die hübschesten Frauen in Basel,
nicht allein unter den Jüdinnen. Man sah sie immer zusammen, und es gab
Leute, welche behaupteten, dass Beide sehr gut wussten, dass sie sich
gegenseitig als Folie dienten.

Herta war blendend weiss, üppig, blond, und Selma hatte jenen warmen
Teint, der an den Orient mahnte, die schlanken Glieder der Braut des
hohen Liedes und schwarze Haare, die in das Blaue schimmerten.

Ihre Männer, der Weinhändler Wolf und der Kaufmann Bär waren
gleichfalls Freunde.

Da kam ein jugendlicher Dichter auf den unglücklichen Gedanken, Selma
in einem kleinen Journal zu besingen und fortan war die Rivalität unter
den beiden Frauen geweckt. Sie kämpften um die Palme auf Kosten ihrer
Männer, sie überboten sich in Bezug auf Toiletten und Schmuck, in Bezug
auf die Einrichtung ihrer Wohnungen, jede wollte die andere durch die
Kunst der Küche in Schatten stellen und jede pries die Intelligenz, die
Talente, die Schönheit ihrer Kinder auf Kosten jener der Anderen.

So entstand aus Neigung Widerwillen, und endlich sogar Hass.

Herta, welche gleich jeder jüdischen Frau für Litteratur und Kunst
schwärmte, wurde zu unrechter Zeit von einer etwas übertriebenen
Begeisterung für einen Schauspieler erfasst, den sie als Faust, Egmont,
Karl Moor, Marquis Posa und Tempelherr in Lessing's Nathan bewundert
hatte, und eines Abends, als er den Romeo spielte, warf sie ihm einen
Kranz auf die Bühne.

Selma machte sich über sie lustig und gab ihr den Spitznamen Julia,
den die bösen Zungen von Basel bereitwillig annahmen und verbreiteten.
Herta vergoss zahllose Thränen und Bär brach alle Beziehungen mit Wolf
ab.

Einige Zeit wich man sich gegenseitig aus, dann begann die scheinbare
Gleichgültigkeit in Feindseligkeit auszuarten.

Bär erzählte in seinen Kreisen, dass Wolf seinen Wein verfälsche, dass
er seinen Kunden ein langsam aber sicher wirkendes Gift gebe, und
Wolf blieb die Antwort nicht schuldig. Er verbreitete seinerseits,
dass Bär geknetetes Brod als Kaffee verkaufe und Nussbaumblätter als
chinesischen Thee, dass er gestossene Ziegel unter den Zimmt mische und
Kreide unter das Mehl.

Man glaubte Beiden, und Beide litten unter der gehässigen Verläumdung,
welche immer weiter um sich griff, und die Reihen ihrer Kunden mehr und
mehr lichtete.

       *       *       *       *       *

In diesem gegenseitigen Hasse war fast ein Jahr vergangen und wieder
nahte Rosch haschonnah, das jüdische Neujahr.

An einem trüben Herbsttage fanden sich die jüdischen Männer bei
Tagesanbruch im Tempel zusammen und beteten hier bis zehn Uhr morgens.
Jetzt erschien der Rabbiner Goldschmidt, öffnete die Lade, nahm die
Thora heraus, bestieg die Estrade, rollte das geheiligte Pergament auf,
und der Sänger begann in hebräischer Sprache die Geschichte Abrahams
und das Opfer Isaak's vorzutragen.

In einer bilderreichen Predigt erinnerte der Rabbiner daran, dass an
diesem Tage das erwählte Volk einen Bund mit Gott geschlossen habe und
rief dann den frommen Nathan auf, mit dem Sophar, dem Widderhorn zu
blasen.

Nathan bestieg langsam die Estrade. Nachdem er und der Rabbiner ihr
Haupt mit dem Thaleth verhüllt hatten und das Gebet gesprochen war,
senkten alle den Blick zur Erde, denn Niemand darf es sehen, wenn das
heilige Horn geblasen wird.

Mit einer wahrhaft erhabenen Bewegung setzte Nathan dasselbe an den
Mund und jedesmal, auf die rituelle Aufforderung des Rabbiners liess er
dasselbe laut ertönen.

Nachdem der letzte schauerliche Ton, an die Posaune des jüngsten
Gerichts mahnend, verklungen war, wurde die Thora in die Lade
zurückgebracht, und der Sänger erhob von Neuem seine Stimme, die
Versammlung warf sich zur Erde nieder, die Barmherzigkeit Gottes zu
erflehen.

Die Kaduscha schloss die erhebende Feier, das dreimalige Hosannah!

Als Bär aus der Synagoge trat, erwartete ihn der Schames und bat ihn,
zu dem Rabbiner zu kommen.

Dieser empfing ihn wohlwollend, fragte nach dem Befinden seiner Frau
und seiner Kinder und sagte endlich: »Sie wissen, mein lieber Bär, dass
wir in zehn Tagen den Versöhnungstag feiern.«

Bär nickte.

»Haben Sie bereits daran gedacht, diese kindische Feindschaft mit Wolf
zu beenden?«

»Ich kann nicht den ersten Schritt thun«, sagte Bär, »Selma Wolf hat
meine Frau beleidigt.«

»Und Sie haben zuerst Wolf verleumdet.«

Bär schwieg und betrachtete verlegen seine glänzenden Stiefel.

»Sie wissen«, fuhr der Rabbiner fort, »dass Gott am Jom Kipur nur
jene Sünden vergibt, welche wir gegen ihn, nicht aber jene, die wir
gegeneinander begangen haben. Sie müssen am Col Nidre zu Wolf gehen und
ihn um Vergebung bitten, und Selma Wolf wird zu Ihrer Frau kommen.«

       *       *       *       *       *

Die neun Tage der Einkehr und Busse, die dem Jom Kipur vorangehen,
hatten Bär mürbe gemacht.

Als die Männer um zwei Uhr im Tempel erschienen, um das Gebet
zu sprechen, war er bereits entschlossen, zu seinem Feinde zu
gehen. Vorher that er noch reumüthig Busse. Vor dem Tempeldiener
niedergekauert, empfing er die traditionellen neununddreissig Streiche
mit der Geissel auf den Rücken und kehrte dann still und ernst nach
Hause zurück.

Nach dem Abendessen segnete er die Seinen, zog sich an und ging
wieder zur Synagoge. Es war schon dunkel in den Strassen und überall
sah man durch den Herbstnebel gespensterhafte Gestalten schreiten,
ernste Männer mit gesenktem Haupt, mit dem weissen, silbergeränderten
Sterbegewand und der weissen Kappe angethan. Wenn zwei sich
begegneten, baten sie sich gegenseitig um Vergebung.

Die Schritte Bär's wurden langsamer, dort an der Ecke glänzte das
Weinfass Noah's, dort war das Haus seines Feindes.

Noch einmal hielt Bär inne, dann aber beschleunigte er seine Schritte
umsomehr und trat in das Haus.

Wolf kam eben die Treppe hinab.

»Ich bin gekommen!! ...« begann Bär, er konnte nicht weiter, Thränen
erstickten seine Stimme.

»Ich bitte Dich um Vergebung«, rief Wolf, »ich bin der Schuldige --
meine Frau ...«

»Nein, ich habe Dir Unrecht gethan«, sagte Bär und schon lag Wolf in
seinen Armen.

Als die beiden Freunde Hand in Hand in den Tempel traten, lief ein
beifälliges Murmeln durch die Versammlung.

Der grosse Tag begann, wo Israel zerknirscht vor seinem Gott im Staube
liegt und zu dem Allerbarmer fleht, wo keine Speise, nicht einmal ein
Tropfen Wasser über die Lippe des frommen Juden kommt, wo Handel und
Arbeit ruhen, und ein Jeder nur seiner Sünden gedenkt und der Stunde,
wo er vor dem Throne des Ewigen erscheinen wird.

       *       *       *       *       *

Während die Männer noch büssten und beteten, kehrten die Frauen langsam
aus dem Tempel nach Hause zurück.

Herta Bär brachte ihre Kinder zu Bett und setzte sich dann in eine
kleine Stube, die neben ihrem Schlafzimmer lag und in der sie zu
arbeiten und zu lesen pflegte. Heute weihte sie die Abendstunden der
Betrachtung und der Andacht.

Der kleine Raum war nur durch das Feuer, das in dem grossen, grünen
Kachelofen loderte, erhellt. Herta's Augen hafteten an dem rothen
Widerschein, der um die exotischen Pflanzen der Tapete an der Wand
gaukelte, und ihre Lippen bewegte ein leises Murmeln. Da klopfte es
furchtsam an die Thüre.

Wer konnte es sein?

Herta erhob sich und öffnete. Eine tief verhüllte, weibliche Gestalt
trat über die Schwelle, und als sie langsam den Schleier fallen liess,
blickte Herta erstaunt und verwirrt in das schöne, vor Aufregung und
Scham geröthete Gesicht Selma's.

»Ich komme, Dich um Vergebung zu bitten«, begann die Arme.

»Du hättest Dir diese Demüthigung ersparen können«, erwiderte Herta
mit einem Blick voll Härte und Hohn, »Du hast meine Ehre angegriffen,
Du hast mich, ein treues, tugendhaftes, jüdisches Weib, der schwersten
Sünde verdächtigt, nein, ich kann Dir nicht vergeben, ich kann nicht.«

»Ich habe bereut ...«

»Phrasen!«

»Ich will jede Busse auf mich nehmen, die Du mir auferlegst.«

Herta sah sie an und schien zu überlegen.

»Strafe mich«, murmelte Selma, indem sie sich zu den Füssen ihrer
Feindin niederwarf, »ich darf nicht unter das Dach meines Gatten
zurückkehren, ohne Deine Vergebung. Tritt mich mit Füssen, aber nimm
die Sünde von mir.«

»Ja, Selma«, erwiderte Herta mit vor Rachlust bebenden Lippen, »ja ich
will Dich treten, ich will Dich geisseln, vielleicht kann ich Dir dann
vergeben.«

Stumm warf sich die Unglückliche vor ihr nieder, wie vor einer
zürnenden Gottheit, und Herta setzte den kleinen Fuss auf sie, ohne
Erbarmen, und nachdem sie sich an der Erniedrigung ihrer Feindin
genügend geweidet hatte, ergriff sie die Peitsche, mit der sie die
grosse Dogge ihres Mannes zu strafen pflegte. Ruhig, stumm entblösste
Selma ihre schönen Schultern und neigte das Haupt vor Herta, und diese
hatte wirklich den Muth, sie zu schlagen.

Die Peitsche zog einen glühenden Strich über Selma's Rücken und dieses
Mal brachte Hertha zur Besinnung. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen
und begann laut zu schluchzen. »Was habe ich gethan!« rief sie, »ich
Wahnsinnige! am Tage der Reue und Versöhnung.«

Selma hatte sich erhoben, sie schlang die Arme um Herta und suchte sie
zu trösten. »Ich habe verlangt, dass Du mich strafen sollst«, sagte sie
sanft, »Du hast mir nicht zu viel gethan.«

»Nicht zu viel?« erwiderte Herta, »gut, dann wirst Du mich aber
gleichfalls strafen, Selma, denn ich bedarf der Busse mehr als Du, Du
gute, grossmüthige, einzige Frau.«

Sie riss mit einer fieberhaften Hast den türkischen Schlafrock, den sie
trug, herab, und das Hemd und kniete vor Selma nieder.

»Strafe mich«, bat sie, »schone mich nicht.«

Selma nahm die Peitsche und gab ihr drei sanfte Streiche, nicht anders,
als wenn sie ihre Schultern mit einer Blume berühren würde.

»Selma!« rief Herta aus, »Du hast mich mehr gedemüthigt, als ich Dich.
Kannst Du mir vergeben?«

Statt ihr zu antworten, zog Selma die Knieende an sich und küsste sie,
Herta aber machte sich los, ergriff Selmas Fuss und presste ihre Lippen
auf denselben.

       *       *       *       *       *

Der Tag verrann, der lange Tag, der kein Ende zu nehmen scheint und
wieder waren die jüdischen Männer im Tempel vereint, das letzte Gebet
zu dem Throne des ewigen Richters emporzusenden.

Während die Nehila erklang, flackerten die Kerzen zu Ende, mehr als
eine erlosch, der geheiligte Raum wurde düsterer und düsterer.

Endlich sprach der Rabbiner die erlösenden Worte, dieselben, welche der
fromme Jude angesichts des Todes spricht.

»Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott! es ist nur ein Gott!«

Nachdem er diese heiligen Worte siebenmal ausgesprochen, erklang zum
letzten Mal das Widderhorn, und dann verliessen die Männer still und
ernst den Tempel.

Vor dem maurischen Thor der Synagoge trafen sich Bär und Wolf.
Schweigend gingen sie nebeneinander dem Hause zu. Ueber ihnen erglänzte
milde der schöne Stern, Bote des Sabbath, der Bote des Friedens und der
Versöhnung.

[Illustration]



Zweierlei Adel.

-- FRANKREICH. --

    Jüdische Aristokratie. -- Wissenschaft, Kunst und Litteratur.
    -- Schebuth.


Sie waren von Frankfurt nach Paris gekommen. Ihr Ahnherr hatte sich
grosse Verdienste erworben und war Baron geworden, der erste Jude, der
seinen Platz unter den Enkeln der Ritter und Minnesängern einnahm, ohne
seinen Glauben zu wechseln.

Eigentlich hatten sie es gar nicht nöthig, geadelt zu werden, sie
stammten aus einer edlen, vornehmen Familie Israel's, die älter war
als die Habsburg und Hohenzollern, und sie besassen seit Jahrhunderten
jenen Seelenadel, dessen Wappen die Thräne des Mitleids ist.

Der Baron protegirte die Wissenschaften und die Künste und die Baronin
übte die grossherzige jüdische Wohlthätigkeit in einem Massstab,
welcher alle die schönen Feenmärchen unserer Kindheit wahr machte.

Die liebenswürdige, geistreiche Frau hatte aber auch noch eine
Leidenschaft, welche sie mit der grossen Kaiserin Maria Theresia gemein
hatte, sie liebte es, Ehen zu stiften.

Eines Tages entdeckte die gütige Fee, welche gleich dem Chalifen Harum
al Raschid nicht selten verkleidet, unkenntlich die Viertel der Armen
durchstreifte, um das Elend aufzusuchen, und wo sie nur konnte, Noth
und Krankheit zu lindern, einen jungen, jüdischen Gelehrten, von dem
die Nachbarschaft merkwürdige Dinge erzählte.

Oskar Stein war Naturforscher. Mit jenem heiligen Drang nach Wahrheit,
jenem glühenden Eifer, welcher den Israeliten bei jeder geistigen
Arbeit auszeichnet, forschte und studirte er seit Jahren. Niemand
wusste, wovon er eigentlich lebte. Wahrscheinlich hatte er irgend eine
Nebenbeschäftigung, wie Spinoza Gläser schliff, um sein grossartiges,
philosophisches System ungestört ausspinnen zu können, wie Adolf Kaftan
Schnupftabak fabrizirte, um Jahr für Jahr Hunderttausende von Rubeln
für die Dürftigen sammeln zu können.

Sicherlich trug diese Nebenbeschäftigung nicht viel ein, denn Stein
bewohnte in einer engen finsteren Gasse ein kleines Stübchen unter dem
Dach, und es gab Tage, wo er sich nur von Brod und Früchten nährte.

Die Baronin schrieb einige Zeilen an den jungen Gelehrten und lud ihn
zu sich, aber der Arme besass nicht einmal einen Rock, in dem er sich
hätte vorstellen können und entschuldigte sich durch einen ebenso
rührenden als ungeschickten Brief.

Doch die Fee liess sich nicht so leicht abschrecken. Eines Tages
stieg sie, von einer gleichgesinnten Freundin begleitet, die steile,
finstere Treppe empor und klopfte an Stein's Thüre.

Der arme Stein wäre glücklich gewesen, wenn sich in diesem
Augenblick, wie auf dem Theater, eine Versenkung geöffnet hätte,
und er hätte verschwinden können. Er hüllte sich verzweifelt in
seinen fadenscheinigen Schlafrock, wie Cäsar in seine Toga, als die
Verschworenen sich mit gezücktem Dolch auf ihn stürzten, stolperte über
seine eigenen Füsse, erröthete wie ein junges Mädchen und stammelte wie
ein Schulknabe, der seine Lektion vergessen hat.

Die Güte der Baronin half ihm aber endlich über alle diese
Schwierigkeiten hinweg, man sprach sich gegenseitig aus und
entschlossen, Stein zu helfen, ohne ihm ein Almosen anzubieten, das
er nicht angenommen hätte, machte ihm die liebenswürdige Frau den
Vorschlag, ihre Kinder in der Naturgeschichte zu unterrichten. Stein
nahm an. Sofort fand sich ein Schneider, der ihm auf diese glänzende
Aussicht hin einen Anzug machte, und der schüchterne Gelehrte war bald
ein täglicher Gast in dem schönen Palais mit dem herrlichen Garten,
dessen alte Bäume mitten in Paris an die Zedern des Libanon mahnen.

       *       *       *       *       *

Fast zu gleicher Zeit hatte der Baron eine junge Malerin Lazarine
Decamps, entdeckt.

Diese reich begabte Künstlerin war genau das Gegentheil des armen,
unbeholfenen Gelehrten. Sie stammte aus einer wohlhabenden, jüdischen
Familie in Lyon, verdiente ausserdem viel Geld, war hübsch und elegant
und voll Selbstvertrauen, ja sogar ein wenig emanzipirt, so dass man
sie häufig für eine Studentin der Medizin oder eine Nihilistin hielt.

Eines Abends, im Theater Français, sagte der Baron zu seiner reizenden
Frau: »Dein Gelehrter und meine Malerin sind wie geschaffen, sich
gegenseitig zu ergänzen. Jedes für sich ist einseitig, zusammen
werden sie das vollkommenste Wesen bilden. Wie wäre es, wenn wir sie
verheirathen würden?«

»Warum nicht?« erwiderte die Baronin lächelnd. »Da die Ehen im Himmel
geschlossen werden, brauchen wir ja nicht zu fürchten, dass wir irgend
ein Unheil anrichten.«

Einige Tage darauf waren Fräulein Decamps und Stein bei der Baronin
zum Thee geladen. Die Baronin bestellte bei der Malerin zwei kleine
Genrebilder aus dem jüdischen Leben im Style der holländischen
Cabinetsbilder. Das eine sollte ein jüdisches Mädchen darstellen,
mit dem Winden der Kränze für Schebuoth (Pfingsten) beschäftigt, das
Gegenstück einen jungen Talmudisten vor seinem Lederbande.

Für diesen Letzteren schlug der Baron Stein als Modell vor, und da sich
der Naturforscher in den fernsten Winkel des Salons, zwischen einigen
soliden Deputirten versteckt hatte, führte die Baronin Lazarine zu ihm.

Vergebens verschanzte sich Stein hinter seine Studien, vergebens hielt
er das Werk, an dem er arbeitete, und auf das er alle seine Hoffnungen
setzte, der Malerin als Schild entgegen, sein Kopf interessirte sie,
und sie bestand darauf, ihn zu malen.

»Da Sie nicht in mein Atelier kommen wollen«, sagte sie, »so werde
ich zu Ihnen kommen und Sie malen, während Sie vor Ihren Büchern und
Manuskripten sitzen.«

       *       *       *       *       *

Schon am nächsten Morgen erschien der Diener der Malerin, ein
Neger, stellte in Stein's Stube die Staffelei auf stapelte allerlei
Malergeräth auf, und eine halbe Stunde später kam Lazarine selbst. Sie
benahm sich, als wäre sie bei Stein zu Hause, sie hing ihren Hut an das
Fenster, warf ihre Jacke über seinen Stuhl und machte sich sofort an
die Arbeit.

Während sie zeichnete und malte, sass der junge Gelehrte vor seinem
mit Büchern, Papieren, Instrumenten und Präparaten bedeckten Tisch
und arbeitete, aber mehr und mehr begann er das hübsche, resolute
Mädchen von der Seite anzusehen, ein paar Worte an sie zu richten, ihr
kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen und ehe eine Woche vergangen war,
verkehrten Stein und Lazarine bereits als gute Kameraden.

Als das Bild fertig war, und Lazarine sich verabschiedet hatte, fühlte
sich Stein namenlos unglücklich. Gewohnt, alles mit der Luppe zu
untersuchen, prüfte er jetzt seine eigenen Gefühle und gestand sich
endlich, dass er Lazarine liebe.

Niemals hätte er jedoch den Muth gehabt, ihr ein Geständniss zu machen.
So adressirte er denn seine Liebeserklärung an die Baronin, welche
sie lächelnd anhörte und noch denselben Abend an die richtige Adresse
beförderte.

Am folgenden Tage stürmte Lazarine in Stein's Studirzimmer.

»O! Sie unverbesserlicher Schlemil!« rief sie lachend, »warum haben
Sie mir denn nicht gleich gesagt, dass Sie mich lieben? Hier ist meine
Hand.«

Stein ergriff sie und küsste sie.

»Nun lassen Sie uns aber vernünftig reden,« fuhr Lazarine fort, nachdem
sie sich ihm gegenüber gesetzt hatte, »Sie müssen vor allem Ihr Werk
vollenden.«

»Ganz richtig.«

»Wenn dasselbe erschienen ist, wird es Ihnen leicht werden, sich eine
Stellung zu machen und dann heirathen wir.«

»Ja, dann heirathen wir.«

       *       *       *       *       *

Stein's Buch machte in den wissenschaftlichen Kreisen Aufsehen. Er fand
mit einem Male Freunde und Beschützer und wurde einige Monate später
zum Professor ernannt.

Lazarine kaufte ein kleines Haus mit einem Garten in dem Bois de
Boulogne, wo sie vor allem ein Studirzimmer für Stein und ein Atelier
für sich einrichtete.

Für Schebuoth waren sie beide bei der Baronin geladen. Die Thore
und Treppen des schönen Palais waren reich mit grünen Zweigen und
Blumenguirlanden geschmückt und Nachmittags, wo man an diesem Tage
seine Freunde zu besuchen pflegt, war in dem herrlichen Garten unter
einem Zelt eine auserwählte Gesellschaft versammelt.

Die reichen und vielseitigen Gaben des jüdischen Geistes zeigten
sich hier wie in einem Brennpunkt vereinigt, Gäste aus allen Ländern
Europas waren gekommen, um dem hochsinnigen Paare, das hier waltete, zu
huldigen. Man sah neben dem weisen und gelehrten Pariser Rabbiner, den
berühmten deutschen Philologen und den ausgezeichneten Geologen aus
Oesterreich, die neue Rachel bildete den Mittelpunkt einer glänzenden
Gruppe, in der man vor allem den ungarischen Geigerkönig und den
holländischen Meister der Palette bemerkte.

Der glänzende Wiener Operncomponist promenirte an der Seite
des genialen russischen Pianisten und ein Kreis von jüdischen
Schriftstellern, deren Werke alle gebildeten Idiome Europas
repräsentirten, umgab die Baronin, welche wie immer durch ihr gesundes,
treffendes Urtheil anzog und anregte.

Nach dem Gouter verkündete der Baron seinen Freunden die Verlobung der
Malerin Decamps mit dem Professor Stein. Alle umringten das junge Paar
und brachten demselben ihre Glückwünsche dar.

Der gelehrte Rabbiner stand seitwärts und blickte lächelnd und
zufrieden in das fröhliche Getriebe.

»Was denken Sie in diesem Augenblick?« fragte der Baron.

»Ich denke«, antwortete der Rabbiner, »dass wir doch ein auserwähltes
Volk sind, trotz dem Geschrei unserer Feinde. Wir sind es, weil wir den
Geist und das Talent ehren, wie kein zweites, und weil wir zu einer
Zeit, wo die alte Aristokratie ihre Wappenschilder zerbröckeln sieht,
eine neue erzeugt haben, welche den Adel des Geistes mit jenem der
Geburt zu vereinen versteht. Ich denke auch an die Worte des Koheleth:
Denn welchem Menschen Gott Reichthum und Güter gegeben und ihm die
Macht verliehen hat, davon zu geniessen und sein Theil hinzunehmen und
froh zu werden seiner Mühe, siehe, das ist eine Gabe Gottes.«

[Illustration]



Fußnoten:


  [1] Ich berufe mich hier auf ein Gutachten und eine Rede meines
      verewigten Freundes, des weisen Rabbiners Stein.

  [2] Die Furcht vor der Zählung rührt noch von Egypten her.

  [3] In dem Städtchen Pintschew trat zuerst jener Jakob Frank auf,
      welcher eine weit verbreitete Sekte begründete und von vielen
      für den Messias gehalten wurde. Er war ein Gegner der Chassidim
      (Eiferer). Diese erkennen sich heute noch an der Frage: Was thut
      sich in Pintschew? und der Antwort: Es tugt. (Der Teufel ist los.)



    Weitere Anmerkungen zur Transkription

    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Unterschiedliche
    Schreibweisen wurden beibehalten.

    Korrekturen:

    S. iv: jäh → ja
      das Eigenthum der Israeliten, {ja} ihre Existenz

    S. 18: Lasstträgern → Lastträgern
      ihn den {Lastträgern} beizugesellen

    S. 32: Einkand → Einband
      In Bezug auf den {Einband} hatte Kalimann

    S. 54: Talmud → des Talmud
      gab er sein bestes nach dem Spruche {des Talmud}

    S. 113: Himmel → den Himmel
      Mauer des Tempels gegen {den Himmel} ragt

    S. 170: vor dem → vordem
      und {vordem} war ihr kleiner Kramladen

    S. 173: Ungesäuertes → Gesäuertes
      werdet Ihr nichts {Gesäuertes} im Hause haben

    S. 302: aber aber → aber
      eine Feuerwehr errichtet, {aber} diese erschien dem Zadik





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