Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)
Author: Tobler, Titus
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.

THEIL (VON 2)***


Library Project (https://books.google.com) and generously made available
by HathiTrust Digital Library (http://www.hathitrust.org/digital_library)



Note: Images of the original pages are available through
      HathiTrust Digital Library. See
      https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.32044010412369;view=1up;seq=355

Anmerkungen zur Transkription

      Der vorliegende Text wurde anhand der 1839 erschienenen
      Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
      Ungewöhnliche, altertümliche und inkonsistente Schreibweisen
      wurden, auch bei Eigennamen, beibehalten, insbesondere wenn
      es sich um Übertragungen fremdsprachlicher Begriffe handelt
      oder diese im Text mehrfach auftreten. Zeichensetzung und
      offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
      korrigiert.

      Das gesamte Inhaltsverzeichnis beider Bände sowie die Liste
      der Verbesserungen befinden sich in der Originalausgabe
      lediglich am Ende des zweiten Buches. Der Übersichtlichkeit
      halber wurde das Verzeichnis des betreffenden Bandes an
      dessen Anfang gestellt, das Inhaltsverzeichnis des jeweils
      anderen Bandes dagegen an das Ende des Buches. Die
      Verbesserungen erscheinen am Ende des jeweiligen Bandes;
      diese sind, soweit sie vom Autor als relevant eingestuft
      wurden, bereits in das vorliegende Buch eingearbeitet worden.

      Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von
      der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in
      der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen
      gekennzeichnet:

         kursiv:   _Unterstriche_
         fett:     =Gleichheitszeichen=
         gesperrt: +Pluszeichen+
         Antiqua:  ~Tilden~



                       Lustreise ins Morgenland.



                               Lustreise

                                  ins

                              Morgenland.

                      Unternommen und geschildert

                                  von

                          ~Dr.~ Titus Tobler.

                            Zweiter Theil.

                                Zürich,
                    bei Orell, Füßli und Compagnie.
                                 1839.



Inhalt des zweiten Bandes.

                                                                   Seite


    Reise nach Jerusalem                                              1.

    Einige geographische Bemerkungen über Syrien                     13.

    Einige Bemerkungen über die verschiedenen
    Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien                     15.

    Gaza                                                             28.

    Fortsetzung der Reise nach Jerusalem                             30.

    Ende der Reise dahin                                             38.

    =Jerusalem.=

    Oertliche und klimatische Verhältnisse                           46.

    Gesundheitszustand und Bevölkerung                               52.

    Bauart der Stadt                                                 53.

    Die Kirche des Christusgrabes                                    56.

    Liegt das Grab +Christi+ in oder außer der jetzigen
    Stadt Jerusalem?                                                 63.

    Die Gräber der Könige                                            69.

    Die Grabhöhle der +Maria+                                        71.

    Die Grabmale +Absaloms+, +Josaphats+ und
    +Zachariassen+                                                   72.

    Der Brunnen Siloah                                               73.

    Die Felsanhöhe Zion                                              75.

    Der Oelberg                                                      79.

    Die übrigen Merkwürdigkeiten                                     81.

    Physiologischer Karakter der Einwohner                           82.

    Sitten und Gebräuche                                             83.

    Die Tracht                                                       84.

    Das Kriegsvolk                                                   87.

    Die Pilger                                                       94.

    Der Geist der Christen                                           97.

    Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche                        99.

    Der alte deutsche Pater und die große Apotheke                  102.

    Meine Zelle im Kloster des Erlösers                             104.

    Der Führer um und in Jerusalem                                  106.

    Rückblick auf Jerusalem                                         108.

    Ausflug nach Bethlehem                                          110.

    Die Beschiffung des Lothssees                                   115.

    Nach Jaffa am Mittelmeere                                       116.


    =Jaffa.=

    Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung                                121.

    Jaffa, wie es ehemals war                                       123.

    Die Tageslänge                                                  125.

    Witterungsbeschaffenheit                                        127.

    Der Meeressturm und der Schiffbruch                             128.

    Gesundheitszustand                                              132.

    Auf dem Hospizdache                                             136.

    Das Bauernhäuschen                                              138.

    Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth                         145.

    Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich                      147.

    Der Jaffaner                                                    149.

    Die Pilger                                                      150.

    Die arabische Knabenschule der Lateiner                         152.

    Der Gruß                                                        156.

    Die Brautwerbung und die Hochzeit                               159.

    Die Wöchnerin und das Kind                                      167.

    Wiegenlied und Kinderjucks                                      170.

    Die Verehrung der Todten                                        173.

    Die Rekruten oder die Konskribirten                             176.

    Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstage 1836                179.

    +Ibrahim-Pascha+                                                184.

    Kleine Petschaften oder Siegel                                  186.

    Der Hakim                                                       187.

    Die Fleischbank                                                 189.

    Der Zuckerrohrmarkt                                             191.

    Der Tabakschneider                                              193.

    Der Nargilebediente; die Rauchvirtuosität                       196.

    Der Kaffeeröster und Kaffeezerstößer                            197.

    Der Baumwollereiniger und Schilfdeckenweber                     199.

    Der wandernde Schiffer und Kinderspiele                         201.

    Spiel der älteren Leute                                         202.

    Meine Lebensart                                                 205.

    Ich lese die Bibel                                              209.

    Ein Pater sagt, ich werde des Teufels                           210.

    Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen
    Unschuldigen prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei         212.

    Der Konsul +Damiani+; mein Besuch in seinem Hause               217.

    Vorbereitung zur Abreise.                                       222.

    Nach Rhodos                                                     226.


    =Rhodos.=

    Lage, Himmel, Volkszahl                                         236.

    Die Stadt Rhodos                                                238.

    Das Leichenfeld                                                 241.

    Die Bewohner; das lateinische Hospiz;
    Knabenspiel; große Hähne                                        243.

    Der Abend im Schiffsraume                                       247.

    Spaziergang gegen Trianda                                       248.

    Nach Konstantinopel, Triest und heim                            251.

    Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem                     256.

    Schlußbetrachtungen                                             267.



Reise nach Jerusalem.

Gepurzel; Gelage; Kameelschädel als Verzierungen; die angebaute
Gegend entzückt; Grenzscheide zweier Welttheile; Raphia und Jenisus;
Schattenriß des Reisegesellschafters.


Dinstags gegen Abend des 24. Wintermonates, als am zwölften so heiß
ersehnten Kontumaztage, brachen wir fröhlich auf. Die wiedererlangte
Freiheit schmeckte süßer, als Honigseim. Mein hochbuckeliger
Kontumazist schien Eile zu haben. Kaum wollte ich auf ihn steigen, so
stand er auf. Ich konnte mich nicht mehr halten und purzelte, das Rad
schlagend, hinunter. Die Freude meines türkischen Nachbars, welcher
dem Gepurzel zusah, dauerte jedoch nicht lange; gleich saß ich auf
dem Dromedar fest und wir trabten von dannen. Echt morgenländisch
bewirthete uns der Quarantänedirektor, dessen Einladung in seine
Wohnung wir mit Geneigtheit entsprachen. Beim Anblicke der vielen
Trachten, die sich am Abendmahle folgten, hätte man nicht glauben
sollen, daß so viel Ueppigkeit an einem Orte anzutreffen wäre, wo uns
an den ersten Tagen die Lebensmittel zum Theile mangelten. Da weder
Messer, noch Gabel vorgelegt wurden, so mußten wir zum Gerichte die
Finger orientalisiren. Dieser patriarchalische Gebrauch ist wirklich
sehr bequem; nur wollte mir der Sitz auf dem Boden am kleinen,
niedrigen, runden Tische nicht behagen.

Ich könnte die Wonne nicht beschreiben, welche im Hause des
Pharmazisten mich, als Freigelassenen aus dem Zelte, beseelte. Ganz
komfortable fand ich das Gebäude mit einem einzigen Zimmer, mit blinden
Wänden, mit dem Boden von Erde, mit dem Dache von Palmstämmen, von
Reisern und Laub. Wieder einmal ordentlich stehen und herumgehen zu
können, ohne immer mit dem Kopfe karamboliren zu müssen, war ein
unaussprechliches Vergnügen. Nicht mehr plagte die Furcht vor den
Thränen des Himmels.

+El-Arysch+, das Dorf selbst, liegt etwa eine halbe Stunde südöstlich
von der Quarantäne. Von Aloe, Datteln und indischen Feigen umkränzt,
lacht es so traulich aus der Wüste entgegen. Eben blühten die Bohnen
und Alles athmete den Frühling. Der Ort, obwohl nicht groß, hat
einen Bassar. Ueber den Thüren der Häuser stehen als Verzierungen
Kameelschädel. Die Bevölkerung besteht größtentheils aus Weißen, und
gerne begegnet man dieser Menschenfarbe wieder, wenn man eine Zeitlang
fast lauter Halbschwarze gesehen hat.

Am Abende zeigte ich dem Pharmazisten einen Theil meiner wenigen,
aus Kairo mitgebrachten Alterthümer. Eine aus Stein gehauene Figur
faßte eben ein Araber recht ins Auge, als er bemerkte, daß er auch
schon Steine auf dem Wege gesehen, aber keine Lust gehabt hätte,
sie mitzunehmen. Weil ich nicht arabisch konnte, so hielt mich ein
arabischer Jüngling für erzdumm und verglich mich einem Kameele,
welches auch nicht reden könne. Während wir schon in unsern Betten
ruhten, wurden von arabischen Jünglingen einige Tänze aufgeführt.


+Den 25.+

Vor Tagesanbruch rief der Pharmazist seine jungen Burschen herein, um
die Pfeifen anzünden und einen schwarzen Kaffee bereiten zu lassen. Sie
brachten die glühende Kohle in der Zange auf die gestopfte Pfeife, und
wir rauchten; sie trugen den heißen Kaffee herbei, und wir tranken.
Unser Gastwirth hat die morgenländischen Sitten aufs gutherzigste
eingeschlürft, und oft pries er sie als echter Lebemann.

Der Hauptmann und ich ritten mit drei Dromedaren weg. Auch dieser Theil
der Wüste war hie und da mit Gewächsen bedeckt. Auf dem Wege erblickten
wir dann und wann eine Kameel-, Schaf- oder Ziegenherde. Mittags
gelangten wir zu einer Post, um welche ein zahlreiches Volk Hühner
wimmelte. Vor derselben erinnerte eine Strecke Salzboden an die Gegend
von Choanat. Bei der Post, wo wir nur kurz anhielten, begann angebautes
Feld inmitten wüster Ländereien zu meinem Entzücken; es übersiedelte
mich wieder nach Europa. Entbehrungen haben doch das Gute, daß sie
meistens mit erhöhtem Genusse enden.

In Egypten streift keine Ackerfurche durch Hügelabhänge. Neu waren
mir wieder die durchfurchten Abdachungen. Ein Kameel zog an zwei
Stricken mit den Schulterblättern den Pflug, welcher nur kleine,
etwa vier bis fünf Zoll von einander entfernte Gräben aufwühlte. Dem
Ackerfelde folgten Triften, worauf viele Schafe und Ziegen unter der
Hut von Mädchen weideten. Die Erde hatte ein anderes Kleid an. Die
unermüdlichen Vögel sangen ohne Unterlaß.

Der Weg strich gegen Nordost. Als ich einmal das Meer wahrnahm, lag
es gegen Abend. Es stieg in mir der Gedanke auf, daß ich nicht mehr
in Egypten, nicht mehr in Afrika, sondern in +Asien+ sei. Dieser
Gedanke versetzte meine Seele in angenehme Schwingung. Ich durfte
wohl die Grenze des asiatischen Bodens nicht überschreiten, ohne
lebhafte Begeisterung für die folgenreichen Thaten seiner längst
entschwundenen, ehrwürdigen Bewohner, welche jetzt noch bei uns zum
Vorbilde genommen werden. Staunend senkte sich mein Blick auf den alten
Welttheil, das Geburtsland von +Christus+ aus Nazareth, das Stromgebiet
religiöser Grundansichten, welche mir schon in früher Jugend am fernen
Alpengebirge Europens eingeflößt wurden. Ich möchte meine Gedanken
und meine Gefühle beim Betreten Asiens nicht näher bezeichnen, aus
Besorgniß, daß man sie als unzeitige Ergüsse mißdeuten könnte. Statt
alles Mehreren werfe ich bloß die schlichte Frage auf: Kann ein
Unterrichteter ohne eine Regung des Geistes und ohne eine Bewegung
des Gemüthes den Boden dieses Welttheils berühren? Ich erinnere mich
noch der Kinderjahre, in denen ich mir das biblische Asien, die Gegend
meiner Sehnsucht, als die Hälfte des Weges in die Ewigkeit vorstellte.
Die Träumereien der Jugend verdienen keinesweges die Verachtung, die
ihnen gemeiniglich widerfährt; sie haben allerdings nicht selten
Bedeutung und Werth; sie sind ein trüber Waldbach, der nur durch die
Seihe der reiferen Jahre fließen darf, um klar und genießbar zu werden.

+Rafa+, Raphia bei den Alten, ist fast ganz vergangen. Eine halb in
die Erde gestürzte Säule trauert am Wege in Gesellschaft von zwei
aufrecht stehenden. Jene soll die Grenzsäule zwischen Asien und Afrika
sein.

Wir kamen diesen Nachmittag neuerdings in die Wüste und über mehrere
Sandhügel. -- Einmal verlor ich den Hauptmann und unsern neuen Führer,
einen Mohren, völlig aus den Augen. Auf einem Scheidewege fiel die
Wahl mir schwer. Ich schlug den linken Weg ein, ungeachtet ich dazu
den Dromedar, der gerade vorwärts wollte, nur mit Mühe bewegen konnte.
Kaum aber war eine Anhöhe erstiegen, so verschwand der Weg und ringsum
verdüsterte die Wüste den Ausblick. Ich wendete mich wiederum rechts,
der Dromedar fand richtig den Weg und bald verkündigte fleißigerer
Bodenbau die Nähe einer Ortschaft. Wir waren schon im Städtchen
Kan-Yunos.

+Yunos+, Jenisus der Alten, ist in Feigen-, Dattel- und Oelbäume
gebettet. Im lebhaften Bassar lächelten den Wüsteentronnenen die Dinge
an, welche so verschiedene Bedürfnisse beschwichtigen. Erinnerungen an
mein Heimathland wurden beim Anblicke grüner Wiesen, des Viehes und der
weißen Bevölkerung aufgefrischt; sogar die Breter, als eine Seltenheit
in Egypten, erregten meine Aufmerksamkeit. Die große Moschee, von
sarazenischem Geschmacke, erhielt sich in gutem Zustande.

Wir mußten diesmal in einem Kân oder Karawanserai einkehren. Es hatte
ein Obdach, war aber von zwei Seiten offen. Auf der einen lag ein
korinthischer Knauf. Man trifft in Jenisus überhaupt manche Trümmer,
mehr oder minder versehrte Denkmäler des Alterthums. Im Karawanserai
befand sich eben der Stadtgouverneur. Die Herankommenden küßten ihm
den Saum des Kleides. Er ließ in gastfreundlicher Gesinnung durch
seinen Bedienten vorzüglich gute Brote und eine dicke Kräutersuppe uns
zureichen, die, von Farbe grün, Kaldaunenstücke und Fleischbröckchen
enthielt und mir nicht sonderlich schmeckte. Es war indeß mein Appetit
ein wenig verdorben; wir wollten den Rest der Butter in der Quarantäne
noch zu Rathe ziehen und buken in derselben Brotkuchen, welche zwar dem
Gaumen zusagten, allein dem Magen nicht wohl bekamen. Wir belohnten
unsern Gastfreund, nach morgenländischer Sitte, mit Stillschweigen.

Ein Kerl versuchte eine seltsame Betrügerei. Mein Reisegesellschafter
schickt ihn, ein Geldstück zu wechseln. Er bringt die Münze, aber nicht
vollständig. Vor Zorn wie rasend schilt der Hauptmann den Jungen aus,
und schon zuckt er die Peitsche gegen ihn. Er öffnet den Mund und das
Fehlende tritt unter der Zunge zum Vorscheine.

Mit Sonnenuntergang legte ich mich und schlief zwar fest ein, aber
nicht ruhig fort; denn einmal hörte ich undeutlich, daß ein Mann in
einem Streite lärmte, ein anderes Mal beschnüffelte ein Hund mein Bein,
und ein drittes Mal kam die Katze, sich einer Beute zu bemächtigen.


+Den 26.+

Gott sei Dank, die Wüste, die beschwerliche, die armselige, die
langweilige, ist am Rücken. Von jetzt an leitet der Weg durch lauter
besseres Land, bald gepflügtes, bald Weideland. Die Vögel schienen in
ihrem unaufhörlichen Geschwätze über die Gegend so hoch erfreut, als
ich. Selbst mein Reisegefährte sang in das Tutti, und gerne hätte ich
ihn in einen der nächsten Singvögel verwandeln mögen, so lieblich klang
seine Stimme. Das Gepräge des Winters auf ganz dürren, abgestorbenen
Pflanzen konnte hin und wieder nicht verkannt werden; hingegen war
dazwischen der frisch angeschossene, kurze, feine Grasteppich mit um so
größerem Zauber des Lenzes gewoben. Der schönste Frühlingsmorgen bei
uns kann den heutigen Wintermorgen gegen Gaza nicht übertreffen. Ueber
fließendes Wasser setzten wir nie, nur zweimal über tiefere Bachbetten,
wie über dasjenige des Besor, an dessen Mündung ins Mittelmeer das
alte Anthedon sich ausbreitete. Von Bethagla, zwischen Anthedon und
Jenisus, bemerkte ich nicht eine Spur.

Minarets glänzten gegen Norden in einem grünen Haine; es war +Gaza+,
die Hauptstadt der Philister, die Stadt des Starken, des +Samson+,
welcher, nach der Schrift, ein eisernes Thor auf den Berg getragen hat.
Wir durften nicht mehr weit, und dann einzig noch an der Menge von
stämmigen Kaktus vorbei, und wir ritten durch ein enges Thor in die
Stadt. Der Hauptmann begab sich in seine Herberge, und jetzt war der
Augenblick der Trennung da, nachdem wir mit einander drittehalb Wochen
verlebt hatten.

Nun ein Wort über den Reisegefährten. Eine solche persönliche
Seltsamkeit lernte ich noch niemals kennen, und darum lohnt es der
Mühe, von ihm einen Umriß zu liefern. Er ist aus Galizien und von Adel.
Ich weiß seinen Namen recht gut; ich will ihn aber verschweigen und
vergessen. Zuerst Kämpfer als Hauptmann in den Reihen der polnischen
Umwälzer, entfloh er dann nach Frankreich und schloß sich der Schaar
Polen an, welche aus dem „neuen Vaterlande“ in die Schweiz einbrach.
Er wußte sich später Mittel zu verschaffen, um von Marseille auf einem
französischen Kriegsschiffe nach Egypten zu kommen. Hier trat er in
Kriegsdienst unter dem Feldherrn +Abraham+ (+Ibrahim-Pascha+) als
Kavallerieinstruktor.

Ein Selbstling im wahrsten Sinne des Wortes, sucht er immer seine
+eigenen+ Zwecke. Er schmeichelt den Großen und verachtet die Kleinen,
damit die einen ihn befördern, und weil die andern ihm nichts nützen.
Er wählte sich überall das Beßte aus, so immer den beßten Dromedar, den
bequemsten Sattel, die leichteste Ladung, die schmackhafteste Speise
u. s. f., um das Uebrige mir zu überlassen. Wenn ich mich über das
Reiten beklagte, so tadelte er mich, daß ich nicht reiten könne, und
dennoch hielt ich, bei meinem kräftigern Körperbau, das Reiten besser
aus, als dieser Rittmeister.

Dabei hegt der Hauptmann wenig Liebe für Wahrheit. Was er erzählte,
mußte ich auf der Goldwage prüfen. Auf einer Lüge ertappt, hatte +er+
natürlich Recht, und würde gern in Schimpfungen auf mich losgebrochen
sein. Sonst besaß er eine Fülle von Lebensgewandtheit, und im Bezahlen
war er redlich; nie belog er mich in Geldangelegenheiten.

Weil mir die Kenntniß der arabischen Sprache abging, so leistete er mir
unläugbar wesentliche Dienste, und er übernahm in der Kontumazanstalt
fast das ganze Geschäft der Küche, indeß ich ruhig unter Zelt schrieb,
und am Ende lüstern in das gute Gericht biß. Mich tyrannisirte
übrigens noch kein Mensch so eigentlich, wie dieser polnische
Freiheitsmann. Meine Lage fing sich erst zu bessern an, als ich mit
dem Oberaufseher der Quarantäne auf freundlicherem Fuße stand und dem
Hauptmanne erklärte, daß ich nun sorgenlos sei; denn auch im Nothfalle
könnte ich recht gut weiter kommen, weil jener für meine Kameele sorgen
würde. Er sah seine Entbehrlichkeit jetzt selbst ein. Selbstständigkeit
und Unabhängigkeit, dieser Schwerpunkt des geistigen und sittlichen
Menschen, hängt an einem dünnen Faden, dessen Riß uns, wo nicht
augenblicklich, doch in seinen Folgen wehe thut.

Ich kann nicht umhin, noch zwei Dinge zu erwähnen. Zu Choanat wurde der
Reisegefährte von einer Krankheit heftig überfallen. Ich stand ihm mit
Rath und That bei, ich brachte ihm Reis u. dgl. Tags darauf befand er
sich wieder wohl. Der Dank war, daß er für meinen schlechten Dromedar
keine Geduld wußte. Einmal wollte ich absteigen, um ein Stückchen
Natursalz aufzuheben und mitzunehmen. Da regnete es zentnerschwere
Vorwürfe über Tändelwaare u. s. f. Es gibt Menschen, welche die Sterne
am Himmel gleichgültiger beschauen, als messingene Knöpfe an einem
Rocke.

Der Kapitän, mag er auch immer seiner sorgfältigen höhern Bildung
und seinem Adel keinen geringen Werth beilegen, ist ein Auswurf des
Menschengeschlechts. An der Spitze eines Volkes wäre er spröde, ohne
Mitleiden, ein Wütherich. Er hatte indeß, wie andere Tyrannenseelen,
bewegte Zeitpunkte, da das Herz aufthaute; er würde sich dann, der
männlichen Würde uneingedenk, wie ein Kind hingegeben haben. Er wäre
unzweifelhaft Muselmann; allein er muß es fühlen, daß der kindliche
Schmelz seines Gemüthes, in gewissen Augenblicken, nach der Abschwörung
des Glaubens ihm das Herz zum Bruche drängte.

Am Ende der Reise bat der Gefährte mich um Verzeihung, wenn er mich
etwa beleidigt haben sollte. Ich achte einen solchen Zug, und doch
empfand ich ein wahres Vergnügen bei der Scheidung von einem solchen
Menschen, dessen Gesellschaft eine Qual und Pein war, und zwar eine um
so größere in der Wüste und in einer spottschlechten Quarantäne.

Ehe ich Gaza näher beleuchte, schicke ich einige einleitende
Bemerkungen über Syrien nach seinen topographischen
Eigenthümlichkeiten, sowie über die Leute, die es bewohnen, nach den
Verschiedenheiten ihrer religiösen Grundansichten voraus. Zuerst


Einige geographische Bemerkungen über Syrien.

Das eigentliche +Syrien+ gränzt im Norden an Kleinasien, im Westen
ans Mittelmeer, im Süden an Egypten und im Osten an Arabien, also,
daß es mit letzterem umfangsreichen Lande gleichsam eine große Insel
bildet, welche vom mittelländischen und rothen Meere, dem Ozean, dem
persischen Meerbusen und dem Euphrat umspült wird.

Syrien sticht mehr oder minder schroff ab gegen das Egyptenland, nehme
man die Einwohner, den Himmelsstrich oder das Erdreich in Anschlag.
Egypten hat einen flachen Boden, der ein Thal mit einem der größten
Ströme unseres Erdenrundes vorstellt; Syrien dagegen wird von einer
Menge Thäler durchschnitten, woneben Hügel und Berge, am Maßstabe
fünf Sechstheile, sich erheben. Eine Gebirgskette zieht durch ganz
Syrien, Schritt für Schritt mit der Küste des Mittelmeeres, nur einige
Wegstunden davon. Der Libanon (der Weiße) und ihm gegenüber der
Antilibanon, der Thabor und der Karmel, der Oelberg und der Hebron,
wem sind diese Kuppen des Gebirges nicht bekannt? Der Orontes und
der Jordan (el-Arden), die Hauptflüsse Syriens, entspringen auf dem
Antilibanon. Denn +der+ und der Libanon schürzen den Knoten des
ganzen Gebirges. Von da fließt der Orontes gegen Mitternacht; ihm zur
Linken Berg an Berg, zur Rechten theilweise Arabien. So wälzt er seine
Gewässer über siebenzig Wegstunden fort und schüttet es in die See,
nahe an der Bucht von Antiochien. Der Jordan entquillt keine zwanzig
Wegstunden vom Orontes, richtet sich von Mitternacht gegen Mittag und
verliert sich im todten Meere oder asphaltischen See (Birket-Luth),
welcher von den Jordanquellen bei vierzig Wegstunden abliegt.

In manchen Gegenden von Syrien regnet es ungefähr wie in heißern
Gegenden Europas. Das Klima ist im Ganzen sehr gesund. Viele Lagen
des Landes sind reizend. In Menge gibt es Berge und Thäler mit
zahlreichen Weiden, worauf große Viehherden sich nähren. Man sieht
Bäume gar verschiedener Art, vor allem viel Oelbäume. Die christlichen
Dorfbewohner, auch die Drusen bereiten vorzüglichen Wein.

Die ganze Statthalterei zerfällt in vier Paschalik: dasjenige von
Tripolis und Akre, Aleppo und Damaskus. Zu letzterem gehört das alte
heilige Land. Alle Paschalik wurden im Jahre 1833 von +Ibrahim-Pascha+,
dem Stiefsohne des Vizekönigs von Egypten, erobert und demzufolge vom
türkischen Kaiser demselben abgetreten.

Haleb und Damask übertreffen an Größe und Wichtigkeit weit alle
übrigen Städte Syriens. Am Mittelmeere ist Beirut (~Berytus~) noch am
wichtigsten mit seinem ziemlich sichern und geräumigen Hafen, in den
europäische Kauffahrer nicht sehr selten einlaufen.

Beinahe von allen Kriegen des elften, zwölften und dreizehnten
Jahrhunderts, als den blutigen Begleitern der Kreuzzüge, wurde Syrien
heimgesucht; am drückendsten die drei Städte Jaffa und Akre und
Damaskus. Bis auf den heutigen Tag sind die Spuren von den Waffen
und dem Aufenthalte der alten Kreuzfahrer, welcher Jahrhunderte lang
dauerte, nicht verwischt.


Nun einige Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse der
Bewohner in Syrien.

I. Der +Mohammetanismus+ heißt auch +Islamismus+, nach dem arabischen
Worte +Islam+, welches +Ergebenheit in Gott+ bedeutet. Vom berühmten
+Mohammet+ gestiftet, begann er in Arabien gegen das Jahr 611 der
christlichen Zeitrechnung. Wie damals das Juden- und Christenthum unter
den Arabern große Fortschritte machte und der Stamm, dem +Mohammet+
angehörte, der Abkunft von +Abraham+ und +Ismael+ sich rühmte, so
glaubte der neue Prediger beiden Religionen einige Grundansichten
abborgen zu dürfen, um sie in diejenige Religion überzutragen, welche
er zu stiften im Begriffe war. Er nahm das alte und neue Testament
großentheils an, indem er +Moses+, +David+ und +Jesus+ als Gesandte
Gottes anerkannte. Er aber ging von der Ansicht aus, daß ihre Lehren
mit der Zeit verderbt worden seien, und behielt sich darum vor, der
wahren Verehrung des höchsten Wesens auf dem ganzen Erdkreise Bahn zu
brechen.

Die +Hauptglaubenslehren+ des Islams sind: Es ist nur +ein+ Gott (Allah
uhu) und außer Gott ist kein Gott, und +Mohammet+ ist sein Prophet
(Nabi). Es gibt böse und gute Engel. Jene verfolgen unablässig den
Menschen, damit er Böses thue; diese sind von Gott beauftragt, ihn auf
dem Wege der Versuchung im Guten zu unterstützen. Das Schicksal eines
Jeglichen, das Gute, wie das Böse, ist vorausbestimmt und erfolgt
unabänderlich, was man +Fatalismus+ heißt. Die Seele ist unsterblich,
und am jüngsten Gerichte wird Jeder den Lohn nach seinen Werken
empfangen. Unter dem heißen Himmel gleichsam glühend, suchen die Moslim
ihr größtes Gut in den sinnlichen Vergnügungen und glauben auch, daß
die Auserwählten des Himmels inmitten frischer Gebüsche, am Gestade
lauterer Bäche, am Rande reicher Brunnquellen ruhen, umgeben von den
verführerischen Huris mit ihren schönen, immerdar jugendlichen Augen,
umkoset von jenen Jungfrauen, welche nichts zu thun haben, als den
Seligen Genuß zu verschaffen.

Die +Hauptsittenlehren+ sind überhaupt Ehrerbietung, Vertrauen
und Gehorsam gegen Gott, Gerechtigkeit, Versöhnlichkeit und
Mildthätigkeit gegen die Menschen und Gehorsam der Kinder gegen
die Aeltern. Insbesondere aber wird den Gläubigen vorgeschrieben:
1) Die Reinlichkeit, zumal durch die Waschungen. 2) Das Gebet. Es
wird im Tage fünfmal verrichtet, allein oder mit Andern und wo? ist
freigestellt; nur am Freitage muß es in der Moschee oder in Versammlung
geschehen. Obgleich dieser Tag der eigentlich Gott geweihete Tag ist,
so können dennoch die Gläubigen an demselben die Zeit vor und nach dem
Gottesdienste mit Arbeiten zubringen, welche jeder Stand und Beruf
erfordert. Lediglich zwei Feste verlangen gänzliche Ruhe der Arbeit,
nämlich das große und kleine Bairam. 3) Das Fasten durch einen Monat
(Ramasan), während dessen man die ganze Tageszeit hindurch weder
Speisen, noch Getränke zu sich nehmen, selbst nicht Tabak rauchen darf.
4) Das Entrichten des Zehnten. 5) Die Wallfahrt nach dem Heiligthume
zu Mekka, welche jeder freie Mohammetaner wenigstens einmal in seinem
Leben unternehmen soll, insofern seine Gesundheit es zuläßt.

Das Beispiel der alten Araber und +Ismaels+, des Sohnes +Abrahams+,
befolgend, verrichten die Mohammetaner die Beschneidung. Sie
unterscheiden nach +Moses+ die unreinen Thiere. Der Islam verbietet
den Genuß des Weins und jedes andern berauschenden Getränkes. Hingegen
gestattet er dem Manne zur nämlichen Zeit vier Weiber und daneben so
viel Beischläferinnen (Sklavinnen), als er halten will oder kann.

Die Lehren und Vorschriften der Moslim stehen geschrieben in einem
Buche, welches man nach dem Arabischen +el-Koran+ nennt. Die Anhänger
geben vor, daß die verschiedenen Abschnitte dieses Buches von Zeit
zu Zeit +Mohammet+, ihrem Propheten, von dem Erzengel +Gabriel+
geoffenbaret worden seien. Ausgenommen die Lehrsätze des Glaubens,
handelt der Koran auch von der Sittenlehre, von der Ehe, von der
Scheidung, der Nachfolge. Mit einem Worte, er vertritt, in dem
religiösen Gewande, mehr oder minder ein Zivil- und Kriminalgesetzbuch.
Da er arabisch abgefaßt ist, so wurde diese Sprache die heilige der
Perser, Türken und anderer mohammetanischer Völker, welche sämmtlich
darin übereinstimmen, daß sie ihre Zeitrechnung mit der im Jahre
+Christi+ 622 erfolgten Flucht +Mohammets+ von Mekka nach Medina
beginnen. Diese Zeitrechnung nennen sie Hedschra, was +Auswanderung+
oder +Flucht+ bedeutet. Das Jahr der Mohammetaner ist übrigens ein
Mondenjahr, das heißt, es zählt elf Tage weniger, als das unsrige.

Unter den Mohammetanern gibt es ebenfalls Leute, welche ein frommes
Leben in der Zurückgezogenheit wählen. Diese Art von Mönchen wird mit
einem Namen belegt, welcher einen Dürftigen bezeichnet; im Arabischen
+Fakir+, im Türkischen und Persischen +Derwisch+. Diejenigen, welche
sich einem beschaulichen Leben überlassen, tragen den Namen +Ssûfi+.
Die mohammetanischen Mönche bilden verschiedene Orden, deren Alter auf
die ersten Khalife zurückreicht. Die meisten +Brüder+, wie sie sich
gegenseitig nennen, haben ein strenges Noviziat und lange Prüfungen
zu bestehen, bevor sie in den Orden aufgenommen werden. Viele leben
gemeinsam in einem Kloster; Andere führen ein Einsiedlerleben; noch
Andere lassen sich in einer Gegend nieder, oder ziehen Land auf Land
ab. Allen steht es frei, ihren Stand zu ändern und das Leben so
einzurichten, wie es ihnen am beßten gefällt. Die meisten Brüder,
welche einem beschaulichen Leben sich ergeben, befleißen sich einer
Weltüberwindung, die man nicht weiter treiben könnte, und beträchtlich
ist die Anzahl Bücher, worin ihre Hirngespinste verzeichnet sind. Die
anderen Brüder dagegen, welche die Welt lieben, leben zügellos, und man
vermag nichts so Ausschweifendes auszusprechen, das von ihnen nicht
begangen würde. Solche heißen +Kalendris+ und +Santone+.

Die mohammetanische Kirche war zu allen Zeiten in viele Sekten
gespalten, welche, nicht besser, als die Christen gegen einander, sich
grausam bekriegten. Der Krieg hob gleich nach dem Ableben +Mohammets+
das Haupt empor. Der Prophet vergaß, seinen Neffen und den Gemahl
seiner eigenen Tochter +Fatima+, mit Namen +Ali+, zu seinem Nachfolger
zu erklären. Als daher die Anhänger +Mohammets+ das Khalifat nach
einander +Abubeker+, +Omar+ und +Othman+ übertrugen, gab es damals
Rechtgläubige, welche wider die Ungerechtigkeit Lärm schlugen und sich
weigerten, einen andern für einen gesetzlichen Fürsten anzuerkennen,
als +Ali+. Wie dann später dieser zum Khalifen erhoben ward, warfen
sich viele von den Widersachern gegen ihn auf, und der Bürgerkrieg
tränkte mit Blut alle Gegenden, in welchen das neue Gesetz Eingang
fand. Dies ist der Ursprung der beiden Hauptsekten, in welche heute
noch die Anhänger +Mohammets+ zerfallen, und welche von diesen durch
die Namen +Sunniten+ und +Schiiten+ unterschieden werden.

II. Das +Judenthum+ zählt eine große Anzahl von Gläubigen fast im
ganzen Morgenlande, vorzüglich aber in Syrien, wo viele von ihnen
heilig gehaltene Denkmäler angetroffen werden. Diese Religion nimmt
keine andere Offenbarung an, als die Jehovas durch +Moses+ und die
Propheten für das auserwählte Volk. Die Juden, oder, wie man sie auch
heißt, die Hebräer oder Israeliten betrachten in Gott nur eine Person.
Ihre heiligen Bücher sind das +alte Testament+, zum größten Theile
in hebräischer Sprache geschrieben. Sie erwarten die Ankunft eines
Messias, welcher für die Gläubigen ein großes Reich gründen soll. Sie
nehmen die Beschneidung vor, haben viel Zeremonien und heiligen den
Sabbath. Als sie Judäa im Besitze hatten, standen ihnen Opferpriester
vor, genannt +Leviten+ nach dem Stamme +Levi+. Statt derselben lehren
nun Meister in der Schrift, unter dem Namen +Rabbiner+, in den
Synagogen oder in den jüdischen Tempeln das Gesetz. Auch diese Religion
zählt ihre Spaltungsgläubigen. Am meisten geltend machten sich die
+Talmudisten+ und +Rabbinisten+, letztere so geheißen wegen ihrer
Achtung für die Lehren der Rabbiner, erstere wegen ihrer Verehrung des
+Talmud+, eines Buches, das viel gute, mitunter aber auch wenig gesunde
Dinge enthält.

III. Mitten unter Mohammetanern und Maroniten leben die +Drusen+
auf den Bergen Libanon und Antilibanon. Sie machen aus ihrem
Glaubensbekenntnisse, einem bunten Gemische christlicher und
mohammetanischer Religionsvorschriften, ein großes Geheimniß. Sie
hassen die Mohammetaner, bekennen sich aber äußerlich doch zum Islam.
Sie wollen die Nachkommen jener Christen sein, welche in den ersten
Zeiten des Nazarenismus über den Jordan sich zurückgezogen hatten. Die
Akal sind eine Art Priester; selbst Weiber werden in den Orden der
Akal aufgenommen. Dieselben stehen dem Gottesdienste in den Kapellen
oder Khalue vor. Die Kinder werden bei den Drusen nicht beschnitten.
Gastfreundlichkeit wird an dieser Völkerschaft vor Allem gepriesen.

IV. Unter den eigentlichen +Christen+ versteht man solche, welche, ohne
an die Lehren +Moses+ und der Propheten sich ausschließlich und streng
zu binden, an die Offenbarung im neuen Testamente, an +Christus+,
an die Vergebung der Sünden und an die Auferstehung des Fleisches
glauben. Sie nehmen die Taufe vor und feiern den Sonntag. Von so vielen
Glaubensbekenntnissen, in die sich die Christen theilen, nimmt man in
Syrien neun wahr, welche sämmtlich einige Priester in Jerusalem und zum
Theil im großen Tempel des +Christus+-Grabes unterhalten.

1. Die +griechische+ oder morgenländische +Kirche+. Die
Hauptunterschiede derselben von der römisch-katholischen Kirche
betreffen die hierarchische Selbstständigkeit außer der Linie der
päpstlichen Oberherrschaft, die Lehre, wonach der heilige Geist nur vom
Vater ausgeht, das Abendmahl unter zwei Gestalten und die Priesterehe.
Die Griechen haben sieben Sakramente, welche sie +Geheimnisse+ nennen;
allein sie verknüpfen damit nicht den gleichen Begriff, wie die
Lateiner. Sie betrachten nur zwei als von Gott eingesetzt, nämlich die
Taufe und das Abendmahl. Die übrigen fünf Sakramente halten sie für
Anordnungen der Kirche. Sie verrichten die Firmelung zugleich mit der
Taufe, welche letztere in einer dreimaligen Eintauchung des ganzen
Körpers in Wasser besteht. Sie verwerfen die Unauflöslichkeit der Ehe,
z. B. bei Ehebruch, und sie verbieten das Heirathen zum vierten Male.
Sie unterwerfen sich den strengsten und den härtesten Bußübungen. Sie
halten an den Beschlüssen der ersten und zweiten nizänischen, der
ersten, zweiten und dritten konstantinopolitanischen, der ephesischen
und chalcedonischen ökumenischen (allgemeinen) Kirchenversammlung. Der
ökumenische Patriarch in Konstantinopel gilt als das Oberhaupt der
nicht-russischen Kirche.

2. Die +armenische Kirche+, welcher beinahe alle Armenier angehören.
Diese Christen begehen wenig Feste, und verwerfen die Verehrung der
Heiligen. Sie haben etliche Patriarchen. Der erste unter ihnen führt
den Titel: +Katholikos+, und hat seinen Sitz in Etschmiazim bei
Eriwan. Ihre Abweichungen von der lateinischen Kirche stimmen mit denen
der griechischen ungefähr überein. Viele Armenier traten in den Schooß
der römischen Kirche.

3. Die +Kopten+, die auch unter dem Namen der Christen von Egypten,
Nubien und Habesch bekannt sind. Diese Monophysiten haben die Verehrung
der Bilder angenommen, und zwei Sonderbarkeiten zeichnete sie aus: Sie
behielten, obschon sie die Taufe einführten, die Beschneidung bei,
welche indeß mehr als angeerbte alte Volkssitte, denn als religiöse
Zeremonie angesehen werden darf; sie heiligen den Sonntag und einen
Theil des Sabbaths. Ihr Patriarch, ziemlich arm, hat seinen Sitz in
Kairo, den Titel: +Patriarch von Alexandrien und Jerusalem+, und er
bestellt für Habesch einen Generalverweser, welcher +Abunak+ heißt.

4. Die +Kirche der Maroniten+, genannt nach +Maron+, ihrem Stifter,
der im fünften Jahrhunderte lebte, und welcher der Kirche eine eigene
Verfassung gab. Die meisten Maroniten halten sich am Berge Libanon
und in Zypern auf. Sie unterwerfen sich den Beschlüssen der vier
ersten ökumenischen Kirchenversammlungen, und erkennen in +Christus+
eine Person und zwei Naturen. Allein als +Monotheleten+ lassen sie
diesen zwei Naturen nur einen Willen zu. Ein großer Theil dieser
Glaubensbekenner schloß sich den Lateinern an, hielt jedoch beinahe an
allen Gebräuchen der morgenländischen Kirche fest. Diesen Maroniten
wird das Oberhaupt von Rom gegeben. Es führt den Titel: +Patriarch von
Antiochien+, und wohnt im Kloster auf dem Libanon.

5. Die +chaldäische+ (syrische) oder +Nestorianische Kirche+. Ihre
Anhänger verwerfen die Beschlüsse der dritten, zu Ephesus gehaltenen
ökumenischen Kirchenversammlung, wo ihre Lehre verdammt wurde. Sie
nehmen in +Christus+ zwei +Personen+ an, und weigern sich, +Marien+,
der Gattin +Josefs+, den Namen Gottesgebärerin zu verleihen. Sie
verabscheuen die Verehrung der Bilder. Seit dem Jahr 1599 vereinigten
sich viele +Nestorianer+ mit den römischen Katholiken, unter Vorbehalt
der Priesterehe und des Abendmahls in zwei Gestalten.

6. Die Kirche der +Eutychianer+ oder +Monophysiten+ heißt nur die drei
ersten ökumenischen Kirchenversammlungen gut, und nimmt in +Christus+
einzig die Mensch gewordene göttliche Natur an. Deswegen wird das
Zeichen mit einem Finger gemacht.

7. Die +Jakobiten+. Sie nennen sich also nach +Jakob Baradai+, einem
syrischen Mönche des sechsten Jahrhunderts, welcher in der Absicht
Syrien und Mesopotamien durchzog, um die Monophysiten in eine Kirche
zu vereinigen. Er brachte sie in der That unter eine kirchliche
Oberherrschaft. Sie stehen unter zwei Patriarchen, unter dem syrischen
zu Diarbeker oder Aleppo und unter dem mesopotamischen im Kloster
Saphran bei Medin. Die Jakobiten haben mit den koptischen Christen
die Gewohnheit der Beschneidung gemein, verehren die Bilder, und die
meisten traten zur lateinischen Kirche über, indem sie jedoch einigen
eigenthümlichen kirchlichen Gebräuchen forthuldigten.

8. Die alte abendländische, die lateinische oder +römisch-katholische
Kirche+. Alle Welt weiß, daß sie den römischen Papst als Statthalter
+Jesu Christi+ und ihr Oberhaupt anerkennt, welchem die meisten
Lateiner die Eigenschaft der Unfehlbarkeit in Glaubenssachen
ausschließlich zutrauen. Die Römischen haben sieben von Gott
eingesetzte Sakramente; sie verrichten die Taufe durch Begießung
mit Wasser; sie nehmen beim Abendmahle die Verwandlung an; sie
halten Ohrenbeichte, verehren Heilige, glauben an ein Fegfeuer, thun
Werke der Buße, empfangen Ablaß der Sünden, die Mönche werden durch
Gelübde gebunden, die Priester müssen im ledigen Stande leben. Die
Kirchenversammlungen sind unfehlbar, nicht bloß die allgemeinen,
welche vor der Trennung der morgenländischen und abendländischen
Kirche gehalten wurden, mit Ausnahme des ~Concilium Trullanum~ oder
~Quinisextum~, sondern auch viele andere. Die letzte Kirchenversammlung
war in Trient vom Jahre 1545 bis 1563.

9. Man darf sich nicht wundern, daß die abendländischen Christen ohne
ein sichtbares Oberhaupt der Kirche, nämlich die +Protestanten+, welche
für die Bekehrung der Heiden eine rastlose Thätigkeit entwickeln, auch
Geistliche aufweisen können, die, aus Religionsabsichten, in Jerusalem
festen Sitz genommen haben.

Die Mannigfaltigkeit der Religionsbekenntnisse fordert zur ernstesten
Betrachtung auf. Es ehren bis auf diesen Tag die Menschen Gott auf ihre
verschiedenen Weisen, trotz des Glaubenszwanges, trotz der Bannflüche,
trotz der Blutströme. Dem überstrengen Vater entläuft der Sohn im
Augenblicke seiner Ermannung. Die Sadduzäer, die abendländischen
Christen, die Protestanten waren nicht aus sich selbst erzeugt, sondern
sie hatten ihre rechtmäßigen Erzeuger in dem Pharisäismus, in der
morgenländischen Kirche, in dem römischen Papstthume. Wir feiern die
Männer, welche Duldsamkeit predigen. Wie todt muß die Wahrheit der
Geschichte sein. Die Duldsamkeit sollte sich wohl von selbst verstehen.

So viel als einleitende Bemerkungen.


Gaza.

+Gaza+, sprich Gâsa, liegt reizend auf einer kleinen Anhöhe, drei
Viertelstunden vom Meere (vom alten Hafen Majumas). Gegen Aufgang
stellt sich der Hebron. Bäume, Fruchtfelder und Wiesen wechseln in
der Umgegend, um das Auge zu ergötzen. Eben sah ich die Kühe im
Grünen friedlich weiden. Die Stadt ist nicht groß, und enthält, nach
den Versicherungen des Militärarztes daselbst, ~Dr.~ +Tarabra+,
eines durchaus kenntnißreichen und einsichtsvollen Mannes, sechs-
bis siebentausend Einwohner. Die Gassen sind schmal, krumm, uneben,
ungepflastert; die einen Häuser haben platte, andere dagegen
kuppelförmige Dächer. Die Moschee, einst eine griechische Kirche, ist
groß und schön. Man findet viele alte Ruinen, z. B. Säulen mit Knäufen,
und Nachgrabungen müßten Schätze aufdecken.

Die Bevölkerung ist weiß; viele Männer zeichnen sich durch Schönheit
aus; das verschleierte Antlitz der Frauenspersonen entzieht sich
der Beurtheilung; die Kinder sind blaß oder gelblich. Die Bassar
durchrauschet viel Leben. Unweit von denselben erblickte ich wieder die
Zelte unsers Kontumaznachbars +Mustafa-Bei+ und in ihren Sternen viel
Freundlichkeit.

Ich hatte eine Empfehlung an den ~Dr.~ +Tarabra+, welcher mich sehr
gastfreundlich aufnahm und behandelte. Ich verdanke ihm, außer den
Mittheilungen über die Größe der Bevölkerung, noch andere, welchen
ich hier zum Theile einen Platz anweisen werde. Die arabischen Weiber
empfangen in Gaza sehr leicht; sie gebären ohne Hebammen, selten
aber fünf bis sechs Male. Als die Pest ihre Verheerungen anrichtete,
mußte +Tarabra+, in der Eigenschaft eines Physikus der Provinz, alle
Todesfälle bewahrheiten, und da fand er das Verhältniß der gestorbenen
Kinder zu den gestorbenen Erwachsenen wie 5 zu 1. Dieses Verhältniß
beweiset eine schreckliche Sterblichkeit der Kinder, selbst wenn sich
dasselbe wie 3 zu 1 umwendet. Am meisten klagte +Tarabra+ über die
griechischen Weiber. Durch ihr unsinnig strenges Fasten, welches sich
beinahe einzig auf schlecht gekochte Linsen und Oliven beschränke,
bedingen sie die Absonderung einer schlechten Milch, welche den
Säugling bisweilen nicht zu ernähren vermöge. Er sah sich bewogen,
den griechischen Bischof deshalb um Dispensen anzugehen. Die Bewohner
von Gaza leiden vorzugsweise an Rheumatismen und Katarrh (nicht aber
an Lungenkatarrh). Oft verschlimmern sie letztere Krankheit durch die
landesüblichen Bäder. Auch kommt der Scharbock nicht selten vor. Die
Araber werfen sich am liebsten in die Arme unwissender Menschen. Eine
große Plage anderer Länder, nämlich die Lungenschwindsucht, geißelt
die Einwohner von Gaza sehr selten, und hier dürfte vielleicht der
Schwindsüchtige mehr Linderung hoffen, als in dem gepriesenen Nizza.



Fortsetzung der Reise nach Jerusalem.

Allee; Um- und Unfall; Ebene Sephela; Aushaltigkeit der Thiere;
verführerischer Weg; Nutzen des Hundegebells; Länge des
Philisterlandes; Freude über eine fränkische Herberge in Ramle.


+Den 27. Wintermonat.+

Ich faßte ungerne den Entschluß, das anmuthige Gaza so bald zu
verlassen.

In Egypten zauderte ich immer noch mit der Ausführung der Reise
nach Asien. Wäre sie unterblieben, ich würde einen unverzeihlichen
Unterlassungsfehler begangen haben.

~Dr.~ +Tarabra+ hatte die Güte, Alles für die Abreise zu veranstalten.
Die Regierung raffte für den Bedarf der nach Arabien beorderten Truppen
alle Kameele zusammen, und ohne die menschenfreundlichen Bemühungen
meines Kunstgenossen für die Auswirkung eines Regierungsbefehles
würde ich zuversichtlich keines sogleich bekommen haben. Ich nahm in
dankbaren Ausdrücken Abschied von meinem Gastfreunde, und schwang mich
auf das Kameel; mein ganzes Gepäcke lag neben und unter mir. Einen
Schritt vor Gaza wurde ich angehalten. Die Sonne ging immer höher, ohne
daß ich um die Ursache des Stillstandes wußte. Es sammelten sich immer
mehr Zuschauer um mich herum. Endlich verlor ich -- die Geduld. Ich
krächzte in der Sprache der Kameeltreiber ch ch, das Kameel fiel auf
die Kniee, und ich stieg ab, im Vorhaben, bei +Tarabra+ meine Klage
vorzubringen. Im Nu kam mein Treiber auf einem Esel dahergeritten.
Wahrscheinlich wollte man durch die Verzögerung ein Geschenk erzwingen,
oder der Treiber harrte auf der Lauer, um Zeit zu gewinnen, damit ich
heute nicht mehr in Ramle anlange. Kurz, jetzt ging es.

Der Weg zog durch einen Wald alter, in Menge zerklüfteter, in
regelmäßigen Reihen stehender Oelbäume. Gaza muß nach dem Zeugnisse
unserer Tage ehedem von großer Bedeutung gewesen sein.

Wenn man die ausgetretenen Wege besieht, so träumt man sich hinter
Jahrtausende zurück, da auf ihnen der Fuß der Menschen, um nur der
alten Kananäer, Philister und Juden zu gedenken, schon wandeln
mochte; überschaut man den Boden des Feldes, so wird man seine Güte
lobpreisen, daß er ohne Speisung fort und fort mit Ueppigkeit die
Früchte hervorbringt.

Beinahe mitten auf dem Wege nach Ramle hatte mein Thier einen
kerngesunden Einfall. Um den Reiter los zu werden, fiel es auf die
Kniee und legte sich auf die Seite. Ich kroch vom Sattel hinweg. Mit
bestaubten Kleidern setzte ich mich sogleich wieder auf das Kameel,
welches dann ohne weitere Umfälle den Weg fortsetzte.

Der Kalkstein senkt sich von Südwest nach Nordost, und guckt mit seinen
Höckern hie und da hervor. Die Erde ist fahl bis gegen Ramle, wo sie
röthlich zu werden beginnt.

Etwa an acht Dörfern auf der Ebene Sephelah kam ich vorüber. Wie nahe
ich an den alten Ortschaften Askolon, Astod, Gath, Jabueh und Ekron
vorüberritt, vermag ich freilich nicht zu bestimmen. So viel ist gewiß,
daß kein +fließender+ Bach, weder der Eschkol (Traubenbach), noch
der Jarkon, überschritten wurde, und die gerühmten Weinpflanzungen
entgingen meinem Auge. Die Häuser Sephelahs stehen alle städteartig
beisammen. Weil sie niedrig und die Dächer bauchig oder gewölbt sind,
so erkennt man von der Ferne ein Dorf mit einiger Schwierigkeit; anders
verhält es sich, wenn der Giebel hoch aufragt. Das palästinische
Dorf sieht häßlich aus. Die Häuser sind von unbearbeiteten Steinen
aufgeführt, die Dächer derselben sehr dick, mit einer feuerfesten
Rinde von Erde, so daß sich darauf hie und da ein geschlossenes Grün
ansetzt. Dieser Umstand vermehrt noch die Schwierigkeit, mit der man
ein Dorf aus der Ferne erkennt.

Die Weiber auf dem Felde, deren Gesichter ich mit meinem Auge gleichsam
erhaschen konnte, waren hübsch. Andern sah ich nur einen Streifen
vom Antlitze, welches der Schleier in ein noch größeres Geheimniß
verhüllte, als bei den Egypzierinnen.

Bis Ramle sind zwölf Kameelstunden. Das Thier mußte diesen Weg
unaufhörlich gehen, ohne daß es Nahrung bekam. Selbst dem kleinen Esel
ward kein besseres Loos zu Theil, und durch den größten Theil des Weges
trug er den Führer. Die Thiere halten im Morgenlande mehr aus, als in
Europa. Sind sie etwa in diesem Welttheile verwöhnt oder verzärtelt?
Ich sah, erzählt +Wesling+, unter der heißen Sonne ziemlich locker
angebundene Pferde der Beduinen mit zwei oder vier Loth Wasser für
einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hinlänglich gelabt werden.

Zwei Männer zu Esel schloßen sich nicht weit von Gaza als
Reisegefährten an. Bei einem Dorfe wollte einer von ihnen links auf
einen kleinen Weg mich leiten, der mir ein verführerischer Feldweg
zu sein schien. Ich sagte: +Nein+, ritt rechts davon, und man folgte
mir auf dem wirklich richtigen Wege. Etwa drei Stunden von Ramle
verließen mich diese Leute, und lenkten in ein Dorf, wohin sie auch
mich locken wollten. Uebrigens darf ich nicht verschweigen, daß dieser
Reisegefährten einer mir eine Mütze einhändigte, die ich verloren
hatte. Es scheint der gute Eindruck noch nachgewirkt zu haben, den er
dadurch bekommen mochte, daß ihm ein wenig Speisen aus meinem Vorrathe
dargereicht wurden. Ich gab sie zwar nicht ihm selbst, sondern dem
Treiber; allein die Araber haben es im Brauche, die Speisen Andern
mitzutheilen, und dem Geber in aufrichtiger Gefälligkeit erkenntlich zu
sein.

Ich hätte wohl ein ganzes Register von Klagen über meinen Treiber. Er
war ein junger, unbärtiger Kerl, und wußte nicht einmal den Weg nach
Ramle. Darum fragte er oft darnach; darum wollte er das Uebernachten
in einem Dorfe erpochen. Die Sonne war untergegangen, und ich ritt
mit diesem unwissenden Jungen. Gegen acht Uhr hörte ich das Gebell
eines Hundes. Dasselbe gab mir die Gewißheit, daß ich von Hunden und
-- folglich auch von Leuten nicht mehr ferne sei. So unwillkommen das
Hundegebell sonst, so willkommen war es mir dieses Mal.

Schon zeugte der Boden von fleißigerem Anbaue; die indischen Feigen
begleiteten wie ein Geländer die breiter werdende Straße; nun
schon entdeckte ich Licht; das Minaret glänzte in der frei- und
festtäglichen Beleuchtung; es erscholl ein Chor von Hundegebell.
Völlig verschwanden meine Zweifel über die Nähe der Stadt. Unser Weg
aber kreuzte sich, und der unwissende Bursche fragte deutend mich um
Weisung. Ich war entschlossen, nach der Gegend, wo die Hunde bellten,
zu reiten, und winkte sogleich mit der Hand.

Noch sollte mir ein kleiner Unfall begegnen. Nahe schon am Orte meiner
Bestimmung trank ich gerade in vollen Zügen das süße Glück, als ein
niedriger Baumzweig mir ins Auge fuhr, daß ich im Augenblicke nichts,
als einige Funken sah, und daß ich wund und blau wurde. Endlich bin ich
in der Stadt Ramle.

Um den Umfang des Philisterlandes zu würdigen, darf ich nur daran
erinnern, daß ich es an einem Tage in seiner Länge durchritt; die
Breite desselben ist nur unbedeutend. Die Erzählung von den Kriegen,
welche die Juden mit den Philistern führten, ist geeignet, die
Vorstellung von der Größe des Philisterlandes irre zu leiten.

Müde, aber sehr müde, gleichsam wie zerschlagen stieg ich am Stadtthore
ab. Man versicherte mich, daß man beim Reiten auf einem Kameele oder
Dromedare ähnlichen Beschwerden ausgesetzt sei, wie auf dem Schiffe.
Dies war bei mir wenigstens nicht der Fall, ohne daß ich die Aussage
eines Deutschen bezweifeln möchte, welcher dieses Reiten glatterdings
nicht ertragen konnte, und daher mit dem Reitthiere zu Fuß ging. Als
ein gutes Vorbauungsmittel gegen die Beschwerden, welche das Reiten
etwa verursachen könnte, empfiehlt man allgemein das feste Gürten des
Unterleibes. Auch ich bediente mich dieses Mittels, das mir in der That
sehr behagte.

Ich hatte Empfehlungen an zwei im Dienste des Vizekönigs stehende
Franken. Wie sollte ich sie bei Nacht in den menschenleeren Gassen
aufsuchen? Ich ließ an einem Hause derb anklopfen. Die Stille in
demselben verkündigte die Ruhe aller Hausgenossen. Doch man ließ vom
Klopfen nicht ab. Zum Glücke endlich öffnete ein halb gekleideter Mann
die Thüre. Er wußte die Wohnungen der bezeichneten Franken. Der Antheil
nehmende, gute Mann war bald beredet, mir jene zu zeigen. Leider
verfehlte ich die Franken, die sich in Akre befanden. Mir blieb nichts
übrig, als in dem lateinischen Hospizium der Spanier, die man mir eben
nicht zu ihrem Vortheile schilderte, Herberge zu nehmen.

Dieser Tag war ein unsriger Sommertag. Die Wolken, durch welche die
Strahlen der Sonne in Strähnen brachen, arbeiteten an einem Schauer,
und der Regen drohte bei der schwülen Witterung. Tags lärmten in großer
Menge die Thiere der Luft, die Vögel, und Nachts die Thiere der Erde,
die Insekten. Alles, was da lebt auf und über der Erde, singt Tag und
Nacht das Hochzeitlied, zur Freude der Menschen.

Ach, wie war ich bei meiner Müdigkeit froh, in einer fränkischen
Herberge ausruhen zu können. Von den Patres freundlich begrüßt, ward
ich ins Refektorium eingeladen. Sie setzten mir Eier, Fische, Käse,
Brot und Wein vor, und ich sättigte mich mit Wohlgefallen.


+Den 28.+

Ueber Nacht rollte Sommerdonner.

Ich wollte nach Jerusalem abreisen; allein da der Eseltreiber noch
durch das Beladen der Esel mit Fischen (vom Hospizium, welches mir
es verheimlichte) mich zum Warten nöthigte, und da ich unter solchen
Umständen nicht glauben durfte, daß ich noch bei Tageszeit in Jerusalem
anlangen würde, so blieb ich, obwohl sehr ungerne, zurück. Bereits
nämlich verließ ich das Hospizium. Ich stand schon am Orte, wo die
Esel beladen wurden; das Felleisen war schon aufgepackt. Ich drängte
auf schnelle Abreise. Es half nichts, indem der Muchero (Eseltreiber)
wähnen mochte, daß ich weder selbst das Felleisen forttragen, noch bei
der schwachen Morgendämmerung das Hospiz finden werde. Der Mann aber
thäte sich verrechnen. Ich hob das Felleisen auf die Schulter und trug
es ins Hospiz.

+Rama+, +Ramla+ oder +Ramle+, ungewiß das Arimathia der Bibel, ist
weder hübsch, noch groß, aber in einer sehr fruchtbaren Gegend
und unter einem milden Himmel. Auch hier liegen Ueberbleibsel von
Alterthümern, z. B. Säulen, herum. Von der Stadt aus eröffnet sich eine
köstliche Aussicht ins Gebirge Juda bis zum Ephraim.

Der Bassar ist unansehnlich. Ich konnte der Anlockung nicht
widerstehen, Brot und einige Früchte zu kaufen, die ich mit Lust
verzehrte.

Zum Zeitvertreibe besuchte ich das griechische Kloster, welches
ebenfalls Pilger beherbergt. Der Erzpriester empfing mich mit vieler
Freundlichkeit, verstand aber keine der fränkischen Sprachen, und so
mußten wir uns begnügen, einander anzuschauen, was doch unstreitig viel
bequemer ist, als eine auf Nadeln setzende Anrede von Komplimenten zu
halten.


Ende der Reise nach Jerusalem.

Uebereinkunft unter den Augen der ~reverendissimi patres~; Abreise um
vier Uhr Morgens; Trümmerchroniken; St. Jeremias und sein Brunnen;
Terebinthenthal; Einförmigkeit des Judagebirges; ~si mira Gerusalemme~;
im Neuhause abgestiegen; vortrefflicher Wein; vor Freude fast Leid am
Moriah.


+Sonntags den 29. Wintermonat.+

Ich habe mich einen Abend vorher mit dem asiatischen Eseltreiber des
Hospiziums unter den Augen der Mönche abgefunden. Heute griff man der
gestrigen Vergeßlichkeit damit unter die Arme, daß man mein Gepäcke
ohne größere Bezahlung nicht mitnehmen wollte. Mit dem Hospizium
war kein Streit anzufangen. Froh, von nicht sehr würdigen Vätern
mich einmal entfernen zu können, gab ich nach, obgleich ich über das
Vorgefallene ein wenig schmollte. Weit mehr ärgerte mich, daß der roth-
und triefäugige Knecht des Hospiz mir die Flasche voll Rhum zerschlug
oder zerbrechen ließ.

Etwa um vier Uhr in der Frühe reiste ich einzig in Begleit eines jungen
Menschen ab. Ich durchritt eine Ebene, welche die Nacht mir verbarg.
Beim Grauen des Tages erreichte ich den Anfang des Gebirges von Juda.
Auf einem Hügel hart am Wege stand ein Dörfchen. Nun schlängelte sich
der Weg gegen Morgen durch ein Thal, dessen Hügel allmälig zu Bergen
sich aufthürmten. Der Paß ist nur eine kurze Strecke enge. Hie und
da unterbrechen den Boden Bäume und der Pflug. Ueberdies wird die
Gegend durch die lärmenden Hirten belebt. Bevor man den Scheitel
des nächsten Berges gewinnt, wo eine schöne Fernsicht bis auf das
Mittelmeer sich aufschließt, erblickt man rechter Hand, auf einem
Hügel, vom Wege unfern ein Dorf inmitten von Oelbäumen. Dort mag die
Hälfte des Weges von Ramle bis Jerusalem sein. Von dem Scheitel jenes
Berges läuft der Weg zuerst ziemlich eben, dann hinunter und hinauf.
Jetzt hinuntersteigend, kommt man an dem Dorfe St. Jeremias vorüber,
welches an die nördliche Abdachung eines Berges gebaut ist. Den heitern
Blick desselben erwiedern mit einem ernsten und finstern einige Ruinen
daneben, welche wohl aus den Zeiten der Kreuzzüge stammen. Diese, wie
andere Trümmer an verschiedenen Stellen im Gesichtskreise auf der
Bergreise sprechen wie Chroniken. In Jeremias ist das jüdische Gebirge
milde; der Feigenbaum trug noch die Blätter, während die Kälte sie in
höhern Gegenden gepflückt hat.

Gelangt man von St. Jeremias ins Thal, so zieht rechterseits ein
Brunnen die Aufmerksamkeit auf sich. Es liegen jetzt noch Stücke einer
Marmorsäule herum. Sie war vielleicht ein Bestandtheil der Verzierung
eines Brunnentempels. Weiter beginnt das Weinland. Die Rebe steht da
stämmig wie ein Baum, ohne Stütze, ohne Band. Der Blätter gelbe Farbe
feierte den Herbst. Auch anderwärts am Wege nach Jerusalem trifft man
Weinfeld.

Ich bestieg dann eine Bergspitze mit malerischer Aussicht -- auf den
wenigstens anderthalb Stunden offen liegenden Weg. Darauf kam ich
in eine tiefe Thalschlucht, ins Terebinthenthal, ehe ich aber sie
erreichte, an einem Brunnen vorüber, auf dem eine arabische Inschrift
steht. Die Sitte der alten Morgenländer befolgend, errichten die
Mohammetaner über den Quellen kleine Tempel. In der Thalschlucht
selbst, welche von dem Laub der Feigen- und Zitronenbäume beschattet
wird, weilt das Auge des Wanderers auf einem ziemlich freundlichen
kleinen Dorfe. Von dem Bollwerk einer Ruine herunter redete mich ein
Mann an, der vielleicht mich gastlich einladen wollte.

Jetzt ging es auf die letzte Bergkuppe, fast oben neben einer langen
Reihe von Kameelen langsamen Schrittes gegen Sonnenuntergang.

Der Weg auf dem Juda ist zwar ein wenig schmal, doch schwierig
nirgends, vielmehr überall deutlich, fest ausgetreten, in Summa
fürtrefflich für den, welcher die schweizerischen Berge bereiset hat.
Neben diesem Wege erhebt sich das Land hier und da stufenförmig, gleich
Weingärten, was unzweifelhaft läßt, daß der Anbau des Bodens einst weit
mehr geblühet hatte. Gleich am Eingange ins Gebirge erkennt man ohne
Mühe die Vierecke der Felder, nunmehr voll kleineren Steingerölles.
Auf Geschiebe stößt man im Gebirge ungemein häufig, und der Hauptzug
desselben ist Kahlheit. Zwischen den Steinen und Felsen gedeihen
wohl gewürzhafte Kräuter, grüne Gebüsche, lachende Bäume; allein
diese sind unvermögend, die Gegend im Ganzen lieblich und freundlich
zu kleiden. Im Uebrigen verdient der Juda wirklich den Namen eines
Gebirges, selbst nach dem Wörterbuche des Hochländers; nur mangeln
höhere Berge, die einen majestätischen Eindruck machen. Meist sind die
jüdischen abgerundet, und böschen sich gleichmäßig. Kein Bach wälzte
sich rauschend bergab durch die Schluchten und Thäler; nirgends tosete
der Berggeist in wildem Schaum über einen Felsabsturz; ich konnte im
Terebinthenthale höchstens über eine Brücke setzen, welche über einen
trockenen Bach sich wölbte.

Auf dem Wege über das Gebirge begegneten mir nicht selten Leute,
darunter unverschleierte, aber eben nicht schöne Frauen und
Mädchen, auch ein Weib auf einem Kameele. Mein Hut vor Allem schien
sie zu befremden. Einigen las man auf ihren Gesichtern: Ach wäre
nur die Polizei nicht so strenge, wie gerne wollte ich diesen
Menschen ausplündern. Möchten die leidenschaftlichsten Gegner
einen +Mehemet-Ali+ und +Ibrahim-Pascha+ nur als Urheber zahlloser
Ungerechtigkeiten und Verbrechen auslästern, so viel Unparteilichkeit
werden auch sie besitzen, um diesen Männern nachzurühmen, daß unter
ihrem mächtigen Arme die Abendländer eines unschätzbaren Gutes, nämlich
öffentlicher Sicherheit, sich erfreuen.

Wie ich auf dem letzten Bergscheitel stand, entschwebte mir der
Gedanke, daß ich von der Tochter Zions nicht mehr ferne sein
könne. Ich durfte eine kurze, nicht sehr merklich abschüssige
Strecke fortrücken, bis ich weißgraue Thürme und Streifen von Mauern
erblickte. Ich hielt sie für +Jerusalem+. Ich wurde in dieser Meinung
bestärkt, weil Weiber, nach Art der Marktleute, mit beladenen Köpfen
uns begegneten. Als ich zudem das Schmettern der Trompeten vernahm,
gerieth meine Seele in den Zustand der größten Spannung. Noch ein wenig
weiter, und der Führer, ein arabischer Jüngling, schlug auf einmal
meine Ungewißheit aus dem Felde, mit den fränkischen Worten: ~Si mira
Gerusalemme~ (Man sieht Jerusalem). Da ist denn die Schaubühne so
verschiedenartiger Auftritte, so schroffer Zerwürfnisse, so blutiger
Kriege, so mächtiger Umwälzungen, so harter Drangsale, so freudiger
Begeisterungen. Das ist die vielgenannte Stadt, wie keine auf dem
ganzen Erdballe so reich an Erinnerungen für den gläubigen Christen und
den Staub von Israel.

Glaubst du Jerusalem in einem Thale, wo es von oben her einen
köstlichen Anblick darbiete? Du lebst in der Täuschung. Es liegt
nur wenig tiefer, als der letzte Bergscheitel und von diesem in der
Entfernung etwa einer kleinen Stunde. Glaubst du Jerusalem in der
Mitte anmuthiger Fluren? Du wirst dir der lieblichen Trugbilder
aufs schmerzlichste bewußt. Der Weg leitete bloß durch steinigen
Boden, wie ihn +Strabo+ schon nannte, selbst bis zu den Mauern; das
seltene Grün zwischen den Felsen und Geschieben leistet wenig oder
keine Entschädigung. Als die Stadt ganz nahe vor mir lag, so erschien
sie ohne eigentliche Bedeutung und ohne Pracht. Eben übte sich das
egyptische Militär in den Waffen vor den Mauern am Berge Gihon, und
die Einsilbigkeit der Stadt ließ mir Muße übrig, das Kriegsvolk zu
durchmustern.

Ich kam etwa um zwei Uhr Nachmittags im Zickzack durch das Jaffathor,
und wenn auf dem ganzen Wege mein Auge in keinem einzigen murmelnden
Bächlein sich badete, so fiel mir gleich eine Pfütze auf, mitten
in der äußerst schlecht gepflasterten Gasse. Diese Pfütze, dieses
Straßenpflaster und elende Häuser, -- das ist, was in Jerusalem zuerst
meinen Blick fesselte. In die zweite Gasse links bogen wir ab. Bald
erreichten wir das Neuhaus (~casa nuova~), ein Gebäude, welches
dem Kloster der Franziskaner oder des Erlösers (S. Salvatore) angehört,
wiewohl ein Gäßchen jenes von letzterem trennt.

Mein Gepäcke wurde in den Hof des Neuhauses gelegt und, nachdem mir von
dem freundlichen Klosterverwalter der Aufenthalt bewilliget worden,
in ein Zimmer geschafft. Ich schnitt ein saures Gesicht, als ich
vergebens Fenster suchte. Auf meiner Wanderung über das Judengebirge
war es kühl, jetzt fing es mich an den Füßen ordentlich zu frieren an,
und später fror es mich so stark, daß ich Mühe hatte, mich zu erwärmen.

Da das Mittagessen schon vorüber war, so mußte ich mit übrig
gebliebenen Speisen mich begnügen. Der reichlich vorgesetzte Wein
schmeckte mir vortrefflich, und je mehr ich nippte, desto herrlicher
mundete mir der edle Saft der Rebe. Auch genoß ich seit meiner Abreise
von Kairo kein schöneres und besseres Brot.

Ich verspürte einige Müdigkeit, zwar nicht vom Gehen, obschon ich den
weitaus größten Theil des Gebirgsweges zu Fuß zurücklegte, sondern vom
Reiten wegen des unförmlich breiten Sattels. Darum unternahm ich diesen
Tag nur noch einen kleinen Spaziergang durch etliche Gassen der Stadt.
In meiner frohmüthigen Stimmung zu Jerusalem zwischen dem Gehinnon und
Josaphat, dem Zion und Oelberg und Golgatha sang ich mitten durch den
Bassar unter der Menge von Menschen. Mein Gesang aber hörte plötzlich
auf. Warum? Das will ich erzählen. Bei meinem Mangel der nähern
Kenntnisse von der Stadt schritt ich arglos durch das Thor an der
Vormauer der Omarsmoschee, welche auf der Stelle des Salomonstempels
erbaut sein soll. Die Mohammetaner liefen gegen mich drohend heran,
ich merkte, den Tempel im Angesichte, daß ich mich verging, und
unverzüglich kehrte ich um. Mein unsaumseliges Benehmen hatte jedoch
keine andere Folge, als die, daß der Gesang sich in Pausen auflöste.



Jerusalem.


Oertliche und klimatische Verhältnisse.

Jerusalem oder Soliman, bei den Arabern El-Kots (die Heilige),
liegt an einem ziemlich steilen Bergabhange. Der Berg beginnt eben
sich schroffer zu senken, und es erheben sich die Mauern der Stadt,
auf drei Seiten von einem tiefen und schmalen Thale, wie von einem
Festungsgraben, umgeben. Die Natur war so zuvorkommend, um die Stadt zu
befestigen, daß die Kunst aus Dankbarkeit ihren Theil beitragen sollte.
Beinahe in der Mitte der Abendseite der Stadtmauern steht das Jaffathor
(Bab-el-Kalil). Hier beginnt das Thal Gihon, streicht, den Berg Gihon
zur Rechten, eine kurze Strecke gegen Mittag, und läßt kaum einen zum
Theil verschütteten, zur Zeit wasserleeren Teich, den Teich Berseba
(nach +Jonas Korte+) oder Bethsabe (nach einem andern Schriftsteller),
zurück, als es sich gegen Morgen wendet, unter dem Namen Gehinnon etwa
eine halbe Viertelstunde weit, um links mit dem Thale Kidron oder
Josaphat zusammenzustoßen. Das letztere Thal, von der Brücke an keine
Viertelstunde lang, geht von Mitternacht gegen Mittag. In dem Thale
Gihon fließt der Bach Gihon, und in dem Thale Kidron der Bach Kidron.
Der Wasserüberfluß ergießt sich in den Lothssee (todte Meer). Also
auf drei Seiten ist Jerusalem von einer Thalschlucht umfangen: auf
der Bethlehem nähern Abendseite vom Gihon, auf der Mittagsseite vom
Gehinnon und auf der Morgenseite vom Kidron. Indeß ist vom Jaffathor an
gegen Mitternacht, wo die Stadtmauer gegen Sonnenaufgang umlenkt, gegen
Emaus und vor dem Damaskusthore kein Thal, sondern ziemlich ebenes,
aber rauhes Land.

Der Boden der Stadt ist uneben; im Allgemeinen neigt er sich nach der
aufgehenden Sonne. Eine Felsanhöhe und zwei Hügel sind deutlich zu
unterscheiden. Der Zion steigt von Mitternacht sehr sanft an. Desto
schroffer stürzt er gegen die Bergthäler Gihon und Gehinnon. Zion
nennen die heutigen Schriftsteller die Felsanhöhe im Winkel dieser
Thäler. Das Thor, welches auf den Zion sich öffnet, heißt Zions- oder
Davidsthor (Bab-el-Nabi-Daud), und man gelangt nicht geradenweges
über die Schlucht Gehinnon zu der gegenüberstehenden Schluchtlehne
Hinnon, über welche der Weg nach Bethlehem weiset, sondern man geht
durch das Zionsthor und das Jaffathor, bis man auf langem Umwege
dem Zion gegenüber sich befindet. -- Das Franziskanerkloster liegt
im Nordwest der Stadt. Beim Neuhause geht es steil hügelan. Wenn man
durch die Thüre von Mitternacht her zu ebener Erde eingeht, so muß
man mehrere Treppenstufen hinuntersteigen, bis man auf der Südseite
zu ebener Erde herauskommt. Selbst die Gasse südlich am Kloster fällt
gähe gegen Morgen. Ich will den Liebhabern alter Namen die Freude nicht
mißgönnen, diesen Hügel im Nordwest der Stadt +Akra+ zu benennen, ob
er gleich, darf ich meinen Augen trauen, an Höhe den Zion übertrifft,
welcher, wenn ich recht deute, einst die Oberstadt hieß. -- Unter dem
Akra, dem Josaphatsthale näher, im Nordwest der Stadt erhebt sich
ein anderer Hügel. Der Bequemlichkeit willen in der Beschreibung und
des geschichtlichen Anklanges wegen belege ich ihn mit dem Namen
+Bezetha+. Der Anfang der sogenannten Schmerzensgasse (~via dolorosa~)
richtet sich in ziemlicher Neigung von Morgen gegen Abend, und von
dort zieht eine andere Gasse auf der entgegengesetzten Seite und in
entgegengesetzter Neigung von Abend gegen Morgen, nämlich gegen das
Josaphatsthal. Unter den Stadtmauern durchgängig hat dieses Thal
besonders gähe Wände. -- Die Moschee +Omars+ soll auf der Felsnadel
+Moriah+ stehen, wo der weise König +Salomo+ die Baustelle für den
Tempel kaum groß genug fand, weil sie, „überall gähe, gegen das Thal
hing (+Flavius Josephus+)“. Die Felsnadel war längst abgetragen. Moriah
steht von Mittag dem Bezetha gegenüber, wie der Zion dem Akra. Und die
vier Anhöhen oder Hügel in Jerusalem heißen, nach den alten Urkunden,
Moriah und Bezetha, Zion und Akra. Ich aber unterschied mehr nicht, als
zwei Hügel; denn Zion ist eine Felsanhöhe, und der Name Berg verwirrt
in der Sprache der Deutschen den Sinn.

Ich ermangelte nicht, +Flavius Josephus+, welcher nicht lange nach
+Christus+ lebte, so genau, als möglich zu vergleichen. Aufrichtiges
Geständniß der Unzulänglichkeit im Verstehen fördert das Gedeihen
der Wahrheit mehr, als unklare, anmaßende Vielwisserei. Wie man mich
auch immer beurtheilen mag, ich gestehe frischweg, daß ich nicht im
Stande war, das Dunkel völlig zu verdrängen, welches einige Stellen
in der Lagebeschreibung des Jerusalemers +Josephus+ umschwebt. Mich
spornt keine Lust an, gesehen zu haben, was ich nicht gesehen hatte.
Denjenigen, welche sich mit der Erklärung behelfen, daß durch gewaltige
Naturereignisse der Boden Jerusalems eine andere Gestalt angenommen
habe, erwiedere ich mit den Worten: Warum ragen noch so merkwürdige
Ueberbleibsel des hohen Alterthums in unser Zeitalter herein, hier
der Brunnen in der Tiefe zwischen Moriah und Zion, jenseits am Kidron
die Grabmale, dort außer der Stadt gegen Mitternacht die Grabhöhlen?
Ich will allerdings die außerordentliche Zerstörung und Umwandlung
Jerusalems gerne zugeben, und in Kraft dessen selbst bemerken, daß
ich keinen einzigen von jenen +ganzen+ Steinen antraf, welche, nach
der Geschichte, zwanzig Ellen lang und zehn breit waren. Man fragt
mit Erstaunen: Wohin sind sie denn verschwunden? Wer hat sogar diese
schweren Massen entführt oder zerstört? So wenig oder schwer ich
+Flavius Josephus+ verstehe, so treu und faßlich finde ich dagegen die
Ortszeichnung des Pilgers +Hans Jakob Ammann+, welcher ihr mit den
Schweizer-Wörtern „Halden“ und, dem „Tobel“ Josaphat gleichsam eine
vaterländische Farbe auftrug.

Zur Zeit meines Aufenthaltes flossen in Jerusalem keine Bäche, weder
der Kidron, noch der Gihon. Jener ist ein wildes Wasser bei stärkerem
und anhaltenderem Regen.

Die Grundlage ist etwas röthlicher und so harter Kalkfelsen, daß er
die Politur nicht versagt. An vielen Orten tritt er nackt hervor, und
an andern überkleidet ihn eine dünne Schichte von Erde und vielen
kleinen Geröllen. Der Boden ist demnach weder gut zur Weide, noch
zum Anbaue. Mit Mühe sucht das Auge die Palmen, gleich wären sie aus
Egypten hieher verbannt. Oel- und Feigenbäume, fast die einzigen
Stammgewächse, verdichten sich nicht zu Wäldern wie bei Gaza und Ramle,
sondern stehen ziemlich einzeln. Von unausdauernden, wildwachsenden
Pflanzen verbreiten mehrere einen gar angenehmen Geruch. An wenigen
Stellen wird das Grün der Wiesen von den Steinen nicht unterbrochen.
Wo man es erblickt, wirkt seine Lebhaftigkeit wohlthuend, und wenn man
die Kühe darauf grasen sieht, möchte man in patriarchalischem Entzücken
die Steine und Gerölle der Wüste vergessen. Langsam gleitet der Pflug
an den Abhängen des Kidrons und Gehinnons. Derselbe ist einfach genug,
daß er die Steingeschiebe oder die Schuttsteine nicht scheuen darf. Ein
Eisen, das in die Erde wühlt, ein dünner Baum, welcher dieses Eisen
hält und den Zugstrick aufnimmt, noch eine Handhabe hinten für den
Ackermann, -- das ist der Pflug unter dem Moriah, auf welchem ehemals
der reiche Tempel des israelitischen Volkes stolz emporstrebte. In
den Thälern, worin einst so heilige Stimmen hinauf zum Throne Jehovas
erhallten, zittert jetzt die Luft von dem rohen Geschrei des Pflügers.
Nicht allein der Strich gegen Ramle, wohl aber die ganze Umgegend trägt
überhaupt das Gepräge der Unebenheit, der Zerrissenheit, der Kahlheit,
der Unergibigkeit. Was ist nachsichtiger, als die Vaterlandsliebem
welche die Häßlichkeit einer Gegend läugnen kann?

Der Himmel ist weit minder heiß, als in Kairo. Der Ostwind wehte
kalt. Während des Sommers regnet es äußerst selten, und die strengern
Wintermonate sind die eigentliche Regenzeit. In der regenreichern Zeit
herrscht nasse Kälte und fällt manchmal Schnee[1]. Mir dünkt, daß
die Einwohner, vorzüglich die Weiber, zu wenig gegen die Kälte sich
schützen. Auch sind die Fensterscheiben eine Seltenheit, während sie
doch zu Kairo in Menge vorgefunden werden.


Gesundheitszustand und Bevölkerung.

Jerusalems Lage und Himmelsstrich hält man für ungesund. Wechselfieber,
Durchfälle und Ruhren kommen häufig vor. Der in dieser Stadt
stazionirte egyptische Militärarzt, ein Italiener, machte mir die
Mittheilung, daß es gegenwärtig mehrere Ruhrfälle unter den Truppen
gebe. Selbst die Pest verschont die Stadt +Davids+ keinesweges und
im laufenden Jahre sah man sie übel haushalten. Die Egypzier sollen
in der Regel im ersten Monate ihres Aufenthaltes zu Jerusalem von
einer Unpäßlichkeit befallen werden, nach und nach aber sich gut
an die Gegend gewöhnen. Es gebrach mir an Zeit zur Einsicht in die
Todtenbücher, um über die Sterblichkeit ein haltbareres Urtheil zu
fällen. Ebenso wenig darf ich rühmen, etwas Zuverlässiges über die
Bevölkerung vorführen zu können. Den bisherigen Angaben mangelt es an
Gründlichkeit, und neue Vermuthungen, die meinige von 12,000 Seelen,
würden sich gerade mit dem gleichen Vorwurfe strafen.


Bauart der Stadt.

Die Stadt ist von zickzackigen, hohen, hin und wieder zu Thürmen
emporragenden, massiven, festen Mauern umringt. Außerhalb läuft neben
diesen ein Fußweg im ganzen Umfange. Die Stadt, immerhin nicht groß,
ist von Südwest nach Nordost am längsten. Wäre eine gerade und gute
Straße angelegt, so würde man sie in einer starken halben Viertelstunde
gehen.

Die Gassen sind krumm, dabei zwar gepflastert, aber ungemein schlecht.
Ein oder mehrere Pflastersteine fehlen häufig. Die Gasse hat zur Seite
einen unebenen, erhabenen Weg für die Fußgänger und eine tiefere,
hier und da sehr schmale Mitte für eine andere Art Fußgänger, -- für
die Thiere. Oft stockt hier übelriechendes Wasser, zum mindesten
in der Regenzeit, und der große Schmutz macht das Gehen zu einem
überaus lästigen Geschäfte. Die erhabenen Fußwege sind so schmal,
daß zwei Personen, die einander begegnen, sich, oft nicht ohne Mühe,
umdrehen müssen, um vorüberzuschreiten. Wie treffend wären +Ammanns+
Worte: +Jerusalem hat viele wüste, unsaubere Gassen+, für das heutige
Soliman. Man kann sich nicht verhehlen, Jerusalem eignet sich nicht am
schlechtesten zum Sitze einer gewissen weltweisen Schule.

Die Bassar sehen aus, wie in andern Städten, sind aber an
Unansehnlichkeit und Schmutzigkeit vielen überlegen. Einer ist gewölbt,
und das Gewölbe von einer Entfernung zur andern mit einer viereckigen
Oeffnung durchbrochen, wodurch das Licht der Sonne auf Gasse und Buden
strömt.

Die Stadt besitzt viele unterirdische Gänge zur Ableitung der
Unreinigkeiten und des Wassers. Eben grub man auf dem Hügel Bezetha, wo
jetzt eine Kaserne steht, und wo einst der Palast des Herodes gestanden
haben soll. Man stieß etwa zehn Fuß in der Tiefe der Gasse auf einen
alten Gang, dessen Mauerwerk man von einander riß, um daraus einen
neuen zu bauen.

Die Häuser haben entweder platte, oder kuppelförmige Dächer ohne
Ziegel, sind nicht hoch und durchwegs von Stein; viele altern und
weichen aus dem Senkel. Thüren und Läden scheinen zufällig durch den
Wind hingeweht. Im Abendlande würde man über die meisten Häuser als
Armseligkeiten die Achsel zucken und diejenigen bedauern, welche
darin wohnen müßten. Eine große Zahl europäischer Beuchhütten
verdiente im Vergleiche mit einer Menge Jerusalemer-Häuser den Namen
schöner Gebäude. Neben und mit so manchen bewohnten Häusern im
beßten Einvernehmen erhalten sich nicht selten Ruinen, wie: Gewölbe,
umgestürzte Marmorsäulen oder aufrecht stehende Säulenstümpfe. Von
Wehmuth ergriffen, wandelte ich unter diesen Siechen und Leichen,
welche in unsern Tagen den Dienst erfüllen, daß sie das Andenken an
die Größe und den Reichthum der Vorwelt auffrischen, während jetzt
Kleinliches und Armseliges den Blick ermüden und verdüstern. Aus
Jerusalem insbesondere ergeht der ernste Ruf, über den Wechsel der
Dinge Betrachtungen anzustellen. Vor zwei Jahrtausenden würden es gewiß
Wenige vom Volke Israel geglaubt haben, wenn man prophezeit hätte,
daß die aramäische Sprache im Fortschritte der Zeit innerhalb der
Markung Judäas die Herrschaft verlöre. Dafür wimmelt heute in der Stadt
ein Babylon von Sprachen: das Arabische, Griechische, Lateinische,
Italienische u. s. f., das Arabische selbst im Munde der Hebräer.
Eroberungen von Ländern und Völkern folgt immer zuletzt und am
zähesten die Eroberung des geistigen Volksschatzes, der Sprache.

Und da ich gerade von den Sprachen rede, so bemerke ich im Vorbeigehen,
daß in dem Theile des Morgenlandes, welchen ich bereisete, unter den
abendländischen Sprachen die italienische oder die sogenannte ~lingua
franca~ überwiegt. Man würde zwar mit der französischen Sprache in
Kairo recht gut, nicht aber an allen übrigen Frankenorten ausreichen.


Die Kirche des Christusgrabes.

Der Geist, in dem man die gefeierten Stellen besucht, darf weder zu
zweiflerisch, noch allzu gläubig sein. Es unterliegt keiner Frage,
daß mehrere große Ereignisse, deren die Schrift erwähnt, in Jerusalem
und seinem Weichbilde sich aufgerollt haben; aber: Wo? -- ob nun denn
beim Fuß und Zoll hier und nicht dort, hüben und nicht drüben, oben
und nicht unten, -- das stelle man doch, bei der Fülle allwissender
Ueberlieferungen und bei der Dürftigkeit an rein geschichtlichen
Haltpunkten, in den heiligen Zufluchtsort der Menschenseele, ohne zu
verunglimpfen oder -- zu verketzern. Zur Annahme der Wunder selbst sich
zu bekennen, gehört nicht einmal zur Recht- und Strenggläubigkeit im
engern Verstande, damit auch nicht zur Ketzerei, so man anders dieses
Wort hier gebrauchen darf.

Wenn der Anblick der Häuser für die Anstrengungen der Reise wenig
Entschädigung verspricht, so überrascht hingegen aufs angenehmste die
Kirche des Christusgrabes durch ihre Größe und den Adel ihres Baustyls.
Der majestätische Dom rührt den Christen, zieht ihn an, ladet ihn
ein. Die Kirche liegt unter dem Kloster des Erlösers und über der
Omarsmoschee, ungefähr in der Mitte des Dreiecks, wenn man eine Linie
vom Zion zum Bezetha, vom Bezetha zum Akra und vom Akra zum Zion zieht.

Es war an einem Montage, als ich den Tempel besuchen wollte. Ich
ging mehr, denn einmal vergeblich zur Thüre. Indeß öffneten die
Griechen dieselbe ebenso wenig ihren glaubensverwandten Pilgern,
welche sich vor der Kirche in ziemlicher Anzahl versammelten. Tages
darauf hatte ich die Freude, die Grabeskirche offen zu sehen. Ich
trat hinein, und siehe, da hockten zur Linken zwei Türken in aller
Bequemlichkeit auf dem Diwane, indem sie eine Pfeife rauchten und
ihre lebhaften, schwarzen Augen sehr weltlich herumdrehten. Ehemals
galt es als eine Art Begünstigung, wenn man gegen Erlegung eines
Kopfgeldes das Christusgrab besuchen durfte. Ohne Anstand wird jetzt
der Zutritt zu den Heiligthümern gestattet. Die Christen verdanken
die Abschaffung der mannigfachen Scherereien dem Bezwinger Syriens,
+Ibrahim-Pascha+.

Hier bin ich nun im Tempel, der, nach der Behauptung der Gläubigen,
sich über Golgatha und das Grab +Christi+ wölbt. Wer zählt die
Andächtigen, welche in dem Gotteshause schon Labsal tranken? Wer möchte
aber auch die abscheulichen Auftritte des Parteihasses unter den
verschiedenen Bekennern der christlichen Religion schildern? Gleich
beim Eintritt in die Kirche fallen marmorne Steinplatten, nahe in
der Mitte zwischen Golgatha und dem Grabe, auf. Dort soll +Christus+
gesalbet worden sein. Wendet man sich links, d. h., gegen Abend, so
sieht man eine über den Boden der Kirche und des Kirchenplatzes sich
erhebende kleine Kapelle, welcher die Merkzeichen des Felsens oder
der Felsenhöhle abgehen. Sie heißt Grabeskapelle. Wenn sie äußerlich
nicht dem Künstler genügt, so mag sie doch den Freund irdischen Glanzes
befriedigen. Der Eingang in das Innere ist so enge, daß nicht zwei
Menschen neben einander durchkommen könnten. Darin wird +das heilige
Grab+ oder das Grab +Jesu Christi+ verehrt. Dem Eintretenden steht zur
Rechten, als das Grabmal, ein platt gedeckter, etwa einen halben Fuß
hoher, von Morgen gegen Abend gerichteter Sarg, aus weißem Marmor,
worüber eine schwere Menge blendend funkelnder Goldleuchter hängt. Auf
der andern Seite der Kirche, gegen Morgen, führt, wie es heißt, +unter
dem Kalvarienfelsen+ eine Treppe in einen Keller, die Kapelle +Adams+.
Was ich aber von Golgatha und dem Grabe im wahren Grunde halte, werde
ich später mit Umständlichkeit erörtern.

An der Wandung der Kirche wechseln viele Altäre. Die Lateiner besitzen
eine besondere Kapelle. Lateinische Pilger weilen wohl auch drei Tage
und drei Nächte in dem Tempel. Man bringt dannzumal die Speisen aus
dem Kloster in die Küche der Kirche, um sie hier aufzuwärmen und zu
vertheilen.

Die Griechen können unmöglich verbergen, daß sie über das Christusgrab
den Meister spielen. Sie betragen sich sehr hochmüthig, und schauen
mit Verachtung auf die andersdenkenden Christen herab. Es ist in der
That eine wohlthätige Maßregel, daß die +Mohammetaner in der ersten
Kirche der Christenheit Polizei halten+. Unzweifelhaft wären sonst
die Zänkereien und Balgereien unter den Nazarenern des verschiedenen
Kirchengebrauches weit häufiger und ernster. -- Einige Gläubige konnten
sich nicht oft genug niederwerfen und bekreuzen.

Vor und in der Kirche schwärmen zudringliche Bettler herum, die
wahrhaft Aergerniß erregen. Neben denselben werden von Andern an der
Kirchenpforte Kreuze und andere ~sante cose~ (Heiligthümer), z. B.
der ausgeschnitzte +Christus+ am Kreuze, feil geboten. Die Christen
in Jerusalem sorgen gar wohl dafür, daß der Pilger, ehe er die
Schwelle der Grabeskirche überschreitet, das Einmaleins wiederhole,
und sich der vergänglichen Güter, des Geldes, erinnere. Es verdient
doch wohl die Beherzigung eines Jeglichen, daß um den Baum eines zwar
unerschütterlichen, aber nicht verdauten Glaubens an die Lehren aus
dem Munde der Priester und Gesetzkenner -- die Wucherpflanzen der
Weltbegierde gerne ihre Netze stricken, wenn diese Priester und diese
Gesetzkenner in ihrem Eifer vergessen, auf den Stamm des Glaubens die
Zweige der Tugend zu pfropfen.

Ich kann mich vom Grabe +Christi+ nicht entfernen, ohne einer
schaudervollen Begebenheit zu gedenken. Als um das Neujahr 1834 der
Feldherr +Ibrahim+ dasselbe besuchte, entstand ein solches Gedränge,
daß in der Kirche zweihundert Menschen vom Leben abgerufen wurden,
ohne diejenigen in Rechnung zu bringen, welche an der Pforte im
Gedränge sogleich oder später in Folge desselben starben. Ein Pater
erzählte mir, wie er über die Todten wandeln mußte, und einen andern
erschütterte das gräuelvolle Schauspiel so tief, daß er seither an
Schwermuth leidet.

Und nun halte ich stille, um auf die Schädel- und Grabstätte
zurückzublicken. Habe ich denn viel Lohnendes wahrgenommen? Wurden
meine Erwartungen erfüllt? Ich will meiner Antwort einige Worte
vorausschicken, in Erinnerung der Menge, von welcher die Jetztzeit
unbedenklich des Unglaubens beschuldiget wird. Ich will zuerst Männer
reden lassen, welche, nach der Volksmeinung, in der guten Vorzeit
des Glaubens lebten. Nachdem +Salomo Schweigger+, der Pilger des
sechszehnten Jahrhunderts, die Heiligthümer Jerusalems angeführt,
bricht er in das unumwundene Geständniß aus: Ich für meine Person
habe all’ dergleichen Heiligthümer anders nicht gesehen, sind mir
auch weniger zu Herzen gegangen, als das geringste Ding. Ich kann
auch +weniger davon sagen, als wenn ich nie wäre daselbst gewesen,
ausgenommen das heilig Grab+. So weit +Schweigger+, dem ich die
Unparteilichkeit schuldig bin, seine Worte über dieses Heiligthum
anzuführen. Das heilig Grab, spricht er, bedünkt mich aber kein
erdichtet Heilthum, sondern in Wahrheit das Grab +Christi+ zu sein,
in Ansehung, daß dasselbige ohne Schrecken und +ohn’ Entsetzen von
Niemand+, es seien Christen oder Türken, +mag gesehen werden+. Denn als
ich’s gesehen, ging ich nicht dergestalt hinein, als hielt’ ich’s für
das Grab +Christi+, sondern, wie alle anderen Heilthümer mir verdächtig
waren, als wenn es nur erdichtete Heilthümer wären oder Geldnetze, also
auch dies. Als ich aber hineinkam in das Gewölb, kam mich und auch die
Herren aus der Gesellschaft solche Furcht und Schrecken an, daß uns
alle Härlein gen Berg standen, und uns bedünkte, wir schwebten zwischen
Himmel und Erden, ja als wären wir von der Erden verzuckt. Es erweckt
auch eine solche herzliche Andacht und Eifer in uns gegen +Christo+
zum Gebet und christlicher Danksagung, daß’s über alle Maßen ist. Wie
man eben von +Schweigger+ vernimmt, unterlag er am Christusgrabe einem
so außerordentlichen Eindrucke, daß man seine Worte zwar nicht in
Abrede stellt, aber doch kaum begreift, weil so Manche heutzutage dahin
wallen, ohne über die Maßen ergriffen zu werden. +Hans Jakob Ammann+,
der im Jahre 1613 das Christusgrab besuchte, drückt sich so aus: Auf
jetzt beschriebene Weise wird das +heilig Grab+ gezeigt, und +siehet,
der dahin reiset, von dem Orte des Felses, da Christus begraben, ebenso
viel, als der, so gar nicht dahin kommt+........ Ob man schon die Leute
also bereden will, es sei das rechte in Felsen gehauene Grab, so hab
ich doch das Widerspiel augenscheinlich gefunden, da ich mit einem
Messer den Kalk zwischen den Fugen, da die marmelsteinernen Tafeln
zusammengestoßen, herausgestochen, und keinen Felsen, sondern nur
Mauern gefunden habe.

So sprachen vor Jahrhunderten +Schweigger+ und +Ammann+, der eine gegen
die Echtheit von Golgatha, der andere gegen die des Christusgrabes.
Jetzt werde ich mich selbst bestreben, eine der wichtigsten Fragen aus
der Ortsbeschreibung Jerusalems zu lösen.


Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem?

Es schiene im hohen Grade befremdend, wenn eine so wichtige Stätte,
wie das Christusgrab, von den Urchristen nicht genau ins Auge gefaßt,
und diese Ortskunde nicht von Geschlecht auf Geschlecht mündlich
überliefert worden wäre. Schenkt man, wird man entgegenhalten, so
vielen weltlichen Stellen Aufmerksamkeit und Glauben, so fordert die
Gerechtigkeit, daß man auch heiligen Stätten die Aufmerksamkeit nicht
entreiße, und den Glauben an sie nicht tödte. Dazu kommt noch, was die
Weltgeschichte erzählt. +Hadrianus+ ließ nämlich, zum Aergernisse der
Christen, am Orte, wo +Christus+ hingerichtet und begraben worden,
einen Götzentempel erbauen; allein schon im vierten Jahrhundert unserer
Zeitrechnung erhob sich unter +Helena+, der Mutter +Konstantins+ des
Großen, an der Stelle des im heiligen Eifer geschleiften Götzentempels
die Grabeskirche.

Offen lege ich das Geständnis ab, daß die mündlichen und diese
schriftlichen Ueberlieferungen für mich völlig genügend wären, um
die Echtheit der Schädel- und Grabstätte anzunehmen. Man darf indeß
nicht einseitig und nicht zu rasch vorgehen; es müssen nothwendig
und vor Allem die biblischen Urkunden geprüft und verglichen werden.
Schweigen sie über die Oertlichkeit, so ergänze ich die Lücke mit der
Weltgeschichte und den mündlichen Ueberlieferungen; reden sie, so
stelle ich auf ihren Entscheid ab.

Die vier Evangelisten +Matthäus+ und +Markus+, +Lukas+ und +Johannes+
erzählen, daß +Christus+ auf der Schädelstätte (~mons calvariæ~,
hebräisch Golgatha) gekreuziget, und dann daneben in dem Felsengrabe
eines Gartens beigesetzt worden sei.

Wo liegt Golgatha mit dem Grabe daneben? Nahe der Stadt Jerusalem
war der Ort, wo +Jesus+ gekreuziget worden, überliefert der Jünger
+Johannes+ (19, 20). Ist es von allem Zweifel ferne, daß Golgatha
außer, doch nahe bei der Stadt lag, so bleibt man gleichwohl bei
Ausmittelung der Stelle nahe um Jerusalem, d. h., in seinem ganzen
Umkreise, im Ungewissen, und diejenigen, welche die fragliche Nähe bei
der Stadt auf dem Gihon erblicken, haben, wenigstens meines Wissens,
nichts für sich, als Schlußfolgerungen.

Wo Gihon und die Grabeskirche liegen, darüber wurde früher Aufschluß
ertheilt, und +es leuchtet aus Allem aufs gewisseste hervor, daß die
jetzige Grabeskirche dem Gihon nicht angehört+. Ich urtheile nicht
bloß nach dem Augenmaße, sondern auch nach einem Grundrisse der
Stadt, welchen ein Ingenieur, +Failoni+, gezeichnet hat, und welcher
ganz besonders deutlich darlegt, daß das alte Jerusalem eine aller
Wahrscheinlichkeit widersprechende, beinahe krüpplichte, gleichsam
kerbthierförmige Lage oder Gestalt haben mußte, wenn man das heutige
Christusgrab außer die alte Stadt versetzte. Man wird genöthiget,
zwischen dem Zion und Akra von West einen tiefen Ausschnitt zu machen,
von welchem auch bei +Flavius Josephus+ überall nicht die Rede ist.
Wer auch nie das Glück hatte, in Jerusalems Mauern zu leben, wem bloß
vergönnt ist, eine treuere Abbildung von der Stadt zu sehen, der wird
beim ersten Anblicke der Grabeskirche gleich über der Omarsmoschee,
gleich über dem Moriah, die Bedenklichkeiten nicht unterdrücken können.

So lange mir nicht mehr Belege zu Gebote stehen, dürfte ich freilich
nicht geradezu mit unbiegsamer Hartnäckigkeit behaupten, daß das
von den christlichen Priestern gezeigte Golgatha und Christusgrab
eine geschichtliche Täuschung seien; ich habe aber hinlänglichen
Grund, zu neuem Denken und Forschen in dieser Sache aufzumuntern.
Wollte man sich denn in Erläuterungen einlassen, so mochte eine
solche Täuschung um so leichter Wurzel schlagen, je sehnlicher man
die Baustelle für den Grabestempel dort wünschen mußte, wo man vor
feindlichen oder räuberischen Ueberfällen sicherer sein konnte. Es
kann Niemanden entgehen, daß eben die Mauern der Stadt diese größere
Sicherheit gewähren. Schon die einzige Thatsache -- um auf andere
nicht zurückzukommen -- daß ein christliches Kloster auf dem Zion,
will heißen, außer den Stadtmauern, den Türken abgetreten werden
mußte, nimmt entschieden Partei für solche, die eine Täuschung für
wahrscheinlich halten, und hätte dieser Fall niemals sich ereignet, so
würde man vernünftigerweise zwischen einem armseligen Kloster und einer
Kirche mit ansehnlichen Schätzen eine Unterscheidungslinie durchführen.

Das +Grab selbst+ oder die +Kapelle+ desselben, +welche die Grabeshöhle
vorstellen soll+, ist überdies, sie kann nicht besser, zu Erregung von
Zweifeln geeignet. Nach der Erzählung der Evangelisten wickelte +Josef+
von Arimathia den Leichnam +Christi+ in Leinwand, legte ihn ins Grab
(κατέθηκεν), welches in Felsen gehauen war, und wälzte einen Stein
über die Grabesöffnung (ἐπὶ τὴν θύραν)[2]. Das ist ebenso einfach,
als gegründet in den morgenländischen Sitten. Man wickelt in unsern
Tagen den Leichnam in weiße Leinwand, und versenkt ihn uneingesargt
ins Grab. Im Evangelium geschieht des Umstandes keine Erwähnung, daß
+Christus+ in einen Sarg gebracht wurde. Es meldet vielmehr, ohne ein
Weiteres, daß derselbe eingewickelt ins Grab gelegt wurde, welches
dann ein Stein deckte. Wenn man in der Grabeskirche, an der Stätte,
da +Christus+ gekreuziget ward, einen Garten, und im Garten ein neues
Grab (+Johannes+ 19, 41) sucht, so lacht heute kein Garten, und es thut
sich kein Grab auf; aber das Auge überrascht ein Sarg, unzweifelhaft
die fromme Zugabe von Priestern. Allerdings wüßten Zweifler, wenn man
selbst die Todesgruft, selbst den Stein, selbst die Spezereien heute
noch auf das klarste sähe, einen Ausweg dahin, daß Alles nachgekünstelt
sei; allein die Einfalt hat vor ältern Zeiten viel zu wenig erwogen,
daß der treueste Befund nach dem Wortlaute der biblischen Urkunden vor
den Angriffen der Zweifelsucht weitaus am sichersten schützen würde.

Es war zwar die Grabeskapelle früherhin nicht ganz so, wie jetzt,
aber doch im Wesentlichen gleich: stets enge, wenig zugänglich, mit
brennenden Leuchtern. Vormals mußte man sogar, um zum Grabmale zu
gelangen, durch eine kleine viereckige Oeffnung, als eine seltsame
Grabesöffnung, schlüpfen, wovon +Salomo Schweigger+ in seiner alten
Treuherzigkeit eine Abbildung lieferte. Ich werde mich jedoch wohl
hüten, die Abbildung von diesem Schlüpfen in Worten ausführlich
auszudrücken, weil ich besorgen müßte, den Besuch des Grabes ins
Lächerliche herabzuziehen. Man war, wie es scheint, schon beim Bau
der Kapelle beflissen, die Wirkung hervorzubringen, daß das Gefühl
vorherrsche, und der überall beengte Geist vor demselben erstumme.

Dem übertriebenen Eiferer widerfährt oft das Loos des Lügners,
welchem man zuletzt die Wahrheit nicht mehr glaubt. Es bedarf keines
Beweises, daß, zumal im Streite für die Religion, der überspannte
Eiferer in seinen Seitensprüngen gerne die einfachsten Dinge mit
Wundern vergoldet, und so kann er auch in der Regel auf den Beifall
der Männer mit nüchterner Urtheilskraft wenig rechnen, +wie willig
und gerne sie immer die Wahrheit vernehmen und glauben+. Die Menschen,
in deren Brust die Flamme maßloser Leidenschaft auflodert, haben die
Schuld offenbar sich selbst zuzumessen, wenn ihnen der unwissende oder
wenig unterrichtete Haufe mehr glaubt und vertraut, als Leute, die mit
einem größeren Vorrathe an Kenntnissen ausgerüstet sind. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß überhaupt der religiöse Glaube besser und fester
stände, wenn nur nicht die Verkündiger und Verbreiter desselben über
die Schale (die Form) den Kern (das Wesen) zu oft übersehen hätten.


Die Gräber der Könige.

Außerhalb des Thores von Damaskus (Bab-el-Scham) liegt gleich zur
rechten Hand die gegen die Stadt schauende Felsenhöhle, in welcher
+Jeremias+ seine Klagelieder gesungen haben soll, und ungefähr in einer
halben Viertelstunde davon erreicht man die sogenannten Gräber der
Könige. Der Boden zwischen der Stadt und den Gräbern ist mit vielen
Steinen übersäet. Darunter zeichnen sich hin und wieder Mosaiksteine
aus, an welchen ich den festen Mörtel deutlich unterscheiden konnte.
Will man die Gräber besehen, so tritt man durch ein mit Schutt mehr,
als bis zur Hälfte gefülltes Thor in einen großen, unbedeckten Raum,
welcher, wie dieses, aus dem Kalkfelsen gehauen ist. Der Grund war
grün, und diente den Kühen zur Weidung. An der Abendseite dieses Raumes
öffnet sich der Eingang zu den Grabhöhlen. Ihn zieren halb erhabene
Arbeiten, welche von einem so einfachen, als edeln Geschmacke zeugen.
Man kommt, nicht ohne Komplimente zu schneiden, durch den theilweise
verwitterten Eingang in einen Vorsaal. Dieser führt in vier Kammern,
die sich hinwieder in Nebenkammern verzweigen. Alle sind Hauwerke im
Felsen ohne Schmuck und Inschrift. Dagegen tragen die Grabdeckel, hohle
Halbwalzen von Stein, auf der einen Seite Verblümungen als Zierath. Die
dicken Thüren der Todtenkammern von gleichem Felsen haben auf der einen
Fläche einfache Zeichnungen von Vierecken, wie Täfelthüren. Man findet
sowohl ganze Thüren, als auch Bruchstücke, keine aber eingehängt. Vor
zwei Jahrhunderten liefen dieselben noch in ihren Angeln.

Die Aushöhlung des harten Felsens muß ein mühsames, kostspieliges Werk
gewesen und jedenfalls von Vielvermögenden des Landes angeordnet worden
sein. Man schreibt jetzt die Todtenkammern den Römern zu. In frühern
Zeiten hielt man sie für die Gräber der Könige von Juda.


Die Grabhöhle der Maria.

Hinweg durch das Stephansthor, vorbei am Stephansplatze, vorwärts über
die kleine, steinerne Brücke des Kidrons, -- und man sieht gleich
linker Hand den Eingang in eine Höhle. Siebenundvierzig Stufen von
glattem Marmor leiten in ihre Tiefe. Es ist die Grabhöhle unserer
lieben Frau, ihres Gemahls und ihrer Mutter. Eine Menge Blendwerk,
Goldleuchter, geschliffene Steine der Kapelle verkümmern den Gedanken
an eine natürliche Höhle. Eben lasen die griechischen Priester ihre
Messe. Das Näselnde der Stimme widerte mich in hohem Grade an. Noch
am widerlichsten näselte ein Knabe das +Kyrie+ (Herr). Ich habe am
Gottesdienste wenig Ernst, wenig Würdigkeit zu rühmen.

Hart an +Mariens+ Grabhöhle stößt eine Höhle der Lateiner, worin die
Apostel geschlafen haben sollen. Sie bildet den schroffesten Gegensatz
der erstern: +einfach+ und +glanzlos+.

Ueber der Marienhöhle stand in ältern Zeiten eine Kirche, bekannt unter
dem Namen Marienkirche.


Die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen.

Ueberschreitet man die Kidronbrücke, und hält man am Fuße des Oelberges
stille, so wird man staunend den Blick gegen Morgen auf Denkmale
heften, die sich aus der grauen Vorzeit so gut erhalten haben, als die
Pyramiden und Obelisken Egyptens. Es sind die Grabmale +Absaloms+,
+Josaphats+ und +Zachariassen+.

Das Grabmal +Absaloms+ ist zum Theil aus dem Felsen gehauen; der
thurmähnliche Aufsatz dagegen besteht aus Mauerwerk. Im Widerspruche
mit der Ueberlieferung aber wurde, nach +Flavius Josephus+, zwei
Stadien von Jerusalem dem +Absalom+ eine marmorene Säule errichtet.
Das Grabmal +Josaphats+, ein einziger, aus dem Felsen gehauener Stein,
stellt ein kleines Häuschen vor. Schutt füllt fast das ganze Innere,
welcher mit einem so geringen Aufwande wegzuschaffen wäre, und der
mehr ein Denkmal auf die Trägheit der Zeitgenossen, als das Denkmal
eines Verstorbenen zu sein scheint. Unverantwortlicherweise hält man
es nicht einmal der Mühe werth, dasjenige recht zu betrachten, was die
Urväter mit Anstrengung und Sorgfalt ausgearbeitet hatten. Nahe dem
Grabmale +Josaphats+ liegt jenes des +Zacharias+ und an der westlichen
Abdachung des Oelberges überhaupt eine Menge gehauener Grabhöhlen und
jüdischer Grabsteine. Diese sind unförmliche Grabdeckel, höchstens an
ihrer Oberseite glatt gemeißelt und mit einer hebräischen Grabschrift
versehen.

Kenner stimmen mit einander nicht überein, ob die Grabmale +Absaloms+,
+Josaphats+ und +Zachariassen+ wirklich jüdische seien. So lange dieser
Hauptstreit nicht geschlichtet ist, bleibt es unerheblich, das erste,
zweite oder dritte Denkmal nach +Absalom+, +Josaphat+ oder +Zacharias+
zu nennen. Niemand aber bezweifelt ihr hohes Alterthum.


Der Brunnen Siloah.

Geht man vom Zionsthore links hinunter, steigt man an der Südostseite
Jerusalems, gegenüber dem Dorfe Siloah, nicht hoch über dem Kidron
einige Stufen in die Tiefe, schreitet man vorüber an dem baufälligen,
kleinen, steinernen, einst von Säulen überragten Wasserbehälter, die
vielleicht den Siloahthurm getragen haben; so bemüht man sich dann
noch eine Treppe hinunter, und wen gelüstet oder dürstet, der darf nur
sich neigen, um aus dem unverschlossenen, gänzlich in den Kalkfelsen
greifenden Brunnen Siloah zu schöpfen und zu trinken. Ein Gang von
zwei Fuß Breite, durchläuft er eine Ebene von dreihundertundsiebenzehn
Schritten. Anfangs ist er zwei Mann hoch; nach zweihundert Schritten
aber nimmt die Höhe ab, bis man zuletzt nicht anders, als auf
beschwerliche Weise, mit geducktem Leibe, sich vorwärts bewegen
kann. Schutt verhindert das weitere Vordringen gegen den Moriah. Das
Wasser hat überall die gleiche Höhe von etwas mehr als einem Fuß. Die
auftretende Sohle fühlt Sand und unter diesem den Stein. Der Gang
wendet sich rechts. So erzählte mir der sonst nicht sehr verläßliche
Führer, welchen ich zu diesem unterirdischen Spaziergange bewog.

Der über fünfhundert Fuß in den Kalkfelsen eingehauene Brunnen ist
unstreitig ein ungeheures Werk. Der Tiefe und Breite nach verdient
er kaum Erwähnung; allein wegen seiner beträchtlichen Länge enthält
er einen Reichthum an süßem Wasser, das wohl auch vor Alters zu
Bewässerung naher Gartenanlagen benützt worden sein mag. Wäre von den
Alten ein solcher Gang unter dem Felsenbette eines Stromes getrieben
worden, so würde er ein denkwürdiger Vorgänger des Londoner-Tunnel sein.

+Ammann+ gedachte des Siloah-Brunnens mit mehr Bestimmtheit, als
andere, die nach ihm denselben beschrieben haben: Unten an dem Berg
Zion fleußt ein ziemlicher Bach aus dem Felsen heraus. Der Wege oder
Gang dieses Wassers ist in den Felsen künstlich gehauen, daß man weit
dem Wasser nach in den Felsen schliefen kann. Und fleußt dieses Wasser
in den Felsen vom Tempel und der Stadt Jerusalem hinab. Auf der Höhe
dieses Felsens soll auch der Thurm Siloah gestanden sein. Und gleich
vor diesem Felsen gibt es ein klein Teichlein. Darinnen soll sich der
Blinde im Evangelio gewaschen haben, da +Christus+ zu ihm gesagt: Gehe
hin, und wasche dich im Teich Siloah. So weit +Ammann+.

Zwischen dem Stephansplatze und dem Siloahbrunnen zeigte man mir
noch eine Quelle unter dem Namen +Marienquelle+, vielleicht den
Drachenbrunnen +Nehemias+.


Die Felsanhöhe Zion.

Am Jaffathore gegen Mittag erhebt sich ein großer, alter Thurm, ehemals
das Pisaner-Schloß, jetzt aber von den Wegweisern +Davidsthurm+
genannt. Man verdeutete mir sogar das Fenster, durch welches der König
+David+ seine Augenweide an der sich badenden +Bath Seba+ fand, obschon
der Verfasser der Bücher +Samuels+ (2, 11, 2) erzählt: +Von dem Dache+
des königlichen Palastes sah +David+ ein schönes Weib sich baden.

Nähert man sich von da dem Zion, so liegt links an der Gasse +das
Kloster der Armenier+. Es gibt beinahe nichts Glänzenderes, als die
Kirche desselben. Niemand unterbrach darin die feierliche Stille, kein
Sterblicher war da, meine Aufmerksamkeit abzulenken, und so konnte man
um so ungestörter sich ergehen an dem morgenländischen Prunke, an den
edeln Steinen und Metallen, die überall zur Schau gelegt sind, und das
Auge schier blenden. Es mag für die Morgenländer tief berechnet sein,
daß die Priester ihre heiligen Stellen mit Dingen ausschmücken, welche
einen mächtigen Eindruck auf die Sinne erregen. Dem kalt forschenden
Verstande des Abendländers ist damit freilich wenig gedient, welcher
auf höherem Standpunkte die Beschaulichkeit gerade von der Sinnlichkeit
unabhängig machen möchte. Die Kirche soll über dem Orte aufgeführt
sein, wo der Apostel +Jakob+ enthauptet worden war. Man öffnete sie mir
ohne alle Schwierigkeit.

Außer dem Zionsthore, gegen den Brunnen Siloah, sieht man einen
Theil der alten Wasserleitung von Bethlehem, welche die Stadtmauer
durchdringt. Von dem Thore kommt man +beinahe eben+ bis zur Moschee
und zum Spitale auf dem Zion. Man wird vielleicht diesen Worten mit
Mühe Glauben schenken, und ich möchte nicht zürnen. Der Wegweiser mußte
mir selbst an Ort und Stelle mehrmal betheuern, daß Zion der Zion sei,
weil meine Einbildungskraft so ungerne von einem Berge lassen wollte.
Auch der ehrliche +Ammann+, welcher aufs allernaiveste die Risse des
Kalvarienfelsens beschreibt, ging „fast eben hinaus auf den Berg Zion.“

Man will auf der Felsanhöhe die Hausstelle des jüdischen Hohenpriesters
+Kaiphas+ gleich vor dem Zionsthore noch wissen. Beinahe blindes
Mauerwerk, ein armenisches Bruderhaus, sichert ihr bei den Gläubigen
ein bleibendes Andenken. Einige Schritte weiter vorne und links
gegen den Blutacker, näher der Gehinnonschlucht, steht eine Moschee
und ein Spital, nach der dragomanischen Sage, am Platze, welchen
die Burg +Davids+ eingenommen und auf welchem +Jesus+ das Abendmahl
eingesetzt habe. Andere verlegen die alte Burg in die Mitte oben auf
der Felsanhöhe, wo der Finger einiger Mauertrümmer in die inhaltschwere
Vergangenheit hinaufzeigt. Gewiß ist, daß die Moschee und das Spital
ein Kloster der Barfüßermönche war, woraus sie vor zwei Jahrhunderten
von den Türken verjagt wurden. Wenig erquicken Grabsteine den ziemlich
kleinen und eher öden Scheitel des Zions.

Mit gerührter Seele begrüßte ich den Ort, wo, nach den
Ueberlieferungen, jene Psalmen gesungen wurden, die, voll religiöser
Wärme, durch Jahrtausende tönten bis auf heute, und fortwährend noch
so viele Gemüther mit Begeisterung für die Gottheit erfüllen. Wie
denn, dürfte man fragen, konnte man in einer Gegend, welche im ganzen
Umkreise das felsichte Trauerkleid trägt, zum Dichten der erhabenen
Psalmen bewegt, wie angefeuert werden? Das Geräusch und der Glanz der
großen Stadt in der Nähe mochten das Herz des königlichen Sängers, in
welchem die Eindrücke des frühern Hirtenlebens noch nicht erloschen
waren, zur kindlichen Einfalt und Frömmigkeit stimmen. Gihon und
Gehinnon und Josaphat ziehen das Auge in die Tiefe; auf den Oelberg
und den Berg des bösen Rathes muß es aufwärts im Fluge; es schwebt
in der Furche von Mitternacht gegen Mittag, um darin vergebens nach
dem Jordan zu spähen; es ruht auf dem fernen, bläulichen Gebirge des
ostjordanischen Landes; jetzt steigt es in den azurblauen Himmel,
ins Unendliche empor. Empfängt das Auge denn in der That nicht ein
großes und großartiges Bild, dessen ganze Farbenfrische in ein
reicheres Gemüth zurückgeworfen werden muß? Wenn in der Nähe die
vielen Steine dem düstern Gefühle rufen, so leiht ihnen die Ferne eine
gefällige Gestalt und Farbe, und in der weitesten Ferne, welche an
den Himmel streift, träumt man sich gar schon die Herrlichkeiten des
Ueberirdischen.


Der Oelberg.

In der Stadt, links am Wege zur Stephanspforte und in der Nähe der
letztern bemerkte ich einen ausgemauerten Wasserbehälter. Man nennt
ihn den Teich +Bethesda+. Er stand einsam, und es sind um ihn die
Kranken verschwunden, welche in demselben einst ihr Heil suchten.
Kein Engel durchfächelt mehr den Spiegel des Wassers. Es scheinen die
Bethesdaengel ins Abendland, zu den Priestern +Aeskulaps+ entflohen zu
sein. Durch die Stephanspforte und über den Stephansplatz erreichte
ich bald +Mariens+ Grabhöhle. Von da an aber ging es ziemlich gähe
hinan, auf einem breiten Fußwege, kaum eine Viertelstunde lang bis zum
Gipfel des Oelberges, welcher über ganz Jerusalem emporragt. Nicht die
günstigste Stimmung bewirkt auf der Höhe ein arabisches Dorf elender
Häuser mit Kothdächern. Ich sah am Wege ein Weib, wie es Mist in die
Hand nahm, um damit eine Einfriedigung von Steinen zu beklecksen oder,
wie es meinte, zu bemörteln.

Auf dem Oelberge verwahrt der Moslim den Schlüssel zu der Stelle,
welche der Christ verehrt, nämlich zu der kleinen Moschee, welche über
jene sich wölbt. Man erblickt in der Mitte derselben das Stück eines
nackten Felsens, von dem aus +Jesus+ in den Himmel gefahren sein soll.
Vertiefungen des Steines gibt man für Eindrücke der Fußtritte aus.

Ich bestieg den Thurm der Moschee, um die Aussicht freier zu genießen.
Ich brannte vor Begierde, Jerusalem, in der Tiefe gegenüber, zu
überschauen. Von hier aus gewährt die Stadt einen angenehmen,
merkwürdigen Anblick. Der Prachttempel +Omars+, groß und buntfarbig,
unten grün, daneben gegen Mittag der Tempel der Präsentazion, nunmehr
eine Moschee, und die Dome des Grabes +Christi+ zeichnen sich
vortheilhaft aus. Nördlich thürmt sich das Gebirge Ephraim auf, so die
Berge Garizim und Ebal in Samaria; östlich zunächst liegt Bethanien
weiter weg die Ebene von Jericho, dann die Senkung, welche das Thal
des Jordans andeutet, und selbst ein kurzer, glänzender Streif
dieses Flusses, so wie auch das obere Ende des Lothssees, im fernen
Hintergrunde Peräa, ein Theil des Gebirges Gilead; südlich erheben
sich die Anhöhen von Bethlehem, südlich und westlich das Hochland
Juda. Wären auch die Gegenstände, über die man in wenig Augenblicken
dahineilt, nicht voll hehrer Erinnerungen, so würde man die Aussicht
köstlich heißen, und man scheidet ungerne von dem wahrhaft fesselnden
Standpunkte. Der Oelberg, wiewohl er nicht eigentlich hoch ist,
übertraf weitaus meine Erwartungen.

Unten am Wege auf den Oelhügel stehen acht +ungemein alt aussehende
Oelbäume+, wie man versichert, im Garten Gethsemane. Es wachsen
übrigens am Oelberge auch andere Oelbäume und auch Feigenbäume, aber in
dünner Zerstreutheit, und die Steine maßen sich daneben so viel an, daß
der Hügel eher über Unfruchtbarkeit klagt.


Die übrigen Merkwürdigkeiten,

welche in Jerusalem und seiner Nähe gezeigt werden, will ich hier, nach
den Mittheilungen der Führer, bloß in Kürze berühren. Der eine Dragoman
weiß wohl auch etwas mehr, als der andere, und der dritte und vierte zu
viel oder zu wenig.

Das zugemauerte goldene Thor unter der Omarsmoschee in der Stadtmauer;
der Palast des +Pilatus+; die Häuser der heiligen Frauen, des +Markus+,
+Thomas+, +Jakob+; der Bogen des Ecce Homo, der verfluchte Feigenbaum,
die Schweißhöhle, der Jeremiasbrunnen; die Stellen, wo +Jesus+ das
Unser Vater lehrte, sein Todesurtheil voraussagte, wo er gefangen
genommen wurde, wo er seiner Mutter, wo er den heiligen Frauen
begegnete, wo er das Schicksal Jerusalems beweinte, wo er fiel oder
sich auflehnte, und dadurch Gepräge auf dem Steine zurückließ, wo
+Petrus+ seine Sünden beweinte, dem +Malchus+ ein Ohr abschnitt, und
wo er gegeißelt ward, wo +Simon+ genöthiget, das Kreuz aufzunehmen, wo
Judas sich erhängte, wo +Stephan+ gesteiniget wurde (der Stephansplatz
zwischen dem Damaskusthor und der Kidronbrücke); das Lager der
römischen Armee, als +Titus+ Jerusalem belagerte, das Lager des Grafen
der Normandie, das Quartier des Grafen von +Flandern+, +di Paolo+,
+Eustach Tankred+, des +Gottfried von Bouillon+ und des Grafen von
+Toulouse+, u. dgl.


Physiologischer Karakter der Einwohner.

Wenn ich mich befleißigen werde, den Jerusalemer nach seinen
körperlichen Eigenschaften hervorzuheben, so verstehe ich unter
demselben hauptsächlich die Bauersleute der Umgebung, weil sie wohl
das Bild der Vorältern treuer bewahrt haben werden, als der städtische
Mischmasch.

Die Haarfarbe ist schwarz, die Hautfarbe weiß oder bräunlich;
insbesondere macht sich ein schöner Anflug eines zarten Wangenroths
bemerkbar. Rothe, blauäugige und blonde Leute gibt es selten. Der
Körper eher groß, dabei gut und fest gebaut; das Zellgewebe mit
ziemlich viel Fett. Die Stirne nicht sehr hoch und mäßig breit. Die
Nase lang, gebogen, mit herabstehender Spitze und dünnen Flügeln, im
Ganzen ziemlich groß. Die Lippen eher dünn und der Mund groß. Die Zähne
schön. Das Gesicht spitzt sich, nach dem Umrisse eines Eies, von der
Stirne nach dem Kinne zu. Das Ohr von mittelmäßiger Größe schließt sich
dem Haupte an. Der Gang und überhaupt die Bewegung ist lebhaft, die
Haltung des Leibes gerade. Die Weiber stehen den Männern an Schönheit
nach. Vielleicht waren aber die schönen weiblichen Schätzbarkeiten
verschleiert oder zu Hause. Aus den Augen der Männer, worunter
bildschöne, strahlt eine ruhige Gluth. Ich sah nicht leicht etwas
Ausdruckloseres, als den Blick und namentlich den halboffenen Mund der
Frauen und Mädchen, welche sich vor dem Denken ordentlich zu fürchten
scheinen.


Sitten und Gebräuche.

Sie herrschen im Allgemeinen ungefähr so, wie in Alexandrien, wo sie
bei meiner Ankunft aus Europa mich beinahe betäubten. Wenn ich in
+Alexanders+ Pflanzstadt über die Gasse ging, so überraschte mein Ohr
eine Art Gerassel. Ich trat näher; es war eine Mühle; ein Thier mit
verbundenen Augen trieb im Zuge das Mühlerad. Also traf ich es auch
in Jerusalem. Ein Mann, in den Gassen Großkairos herumziehend, bemüht
sich, mit einem Kruge unter dem Arme, die Aufmerksamkeit der Menschen
dadurch zu wecken, daß er, zwei Schüsselchen auf einander schlagend,
ein hohes Geklingel verursacht. Es ist ein Meth- oder Sorbetverkäufer.
Also sah ich es auch in Jerusalem. Auch hier hockt man bei Arbeiten.
Lange Reihen von Kameelen, eines oder zwei mit einer Klingel, schreiten
gleichsam als lebendige Alterthümer durch die Stadt.

Eine besondere Würdigung verdient


Die Tracht.

Ich will die Kleidung des Weibes voranschicken; denn da dieses
überhaupt so viel Werth auf sie setzt, so gebührt ihm doch wohl der
Vorrang.

Das +Weib+ trägt ein blaues Hemde (Leibrock), das bis auf die
Fersen flattert, und dessen Aermel in ein langes, spitzes, frei
herumfliegendes Band enden. Dieser Leibrock, welcher durch einen
Brustschlitz angezogen und mit einer Binde um die Lenden gegürtet wird,
ist die einfachste Kleidung. Zu der zusammengesetztern gehört ein
gestreiftes Ueberhemde (Ueberrock), welches bloß bis an die Knie und
mit den Aermeln bis an die Ellbogen reicht, so daß der Leibrock die
Vorderarme und Unterschenkel allein deckt. Vorne gespalten, kann das
Ueberhemde wie eine Jacke angezogen werden. Die Leibkleidung wird der
Morgenländer nicht als unzüchtig bezeichnen, welcher kaum beachtet,
daß sie einen Theil des Busens den Blicken nicht entzieht. Den Kopf
verhüllt ein weißer Schleier, ein lumpiger bei der armen Klasse, ein
grober und schmutziger bei der mittlern, ein feiner und zierlicher
bei der reichen. Die Schleier bei der letztern sind ungemein groß,
fallen über die Schultern, die Brust und den Rücken, und verlaufen
in Spitzen über den Fersen. Dieser Kopfschleier vertritt die Hauben
und Hüte der Europäerinnen. Die Christinnen tragen im Durchschnitte
keinen Gesichtsschleier. Die Mehrzahl der Weiber geht barfuß. Sogar
an ziemlich kalten Tagen des Christmonats sah ich viele über die
schmutzige Gasse barfuß ziehen. Die Uebrigen gehen in Schuhen von
verschiedener Form, die meisten in rothen mit langem Ueberleder. Dabei
fiel mir das Schuhgestelle außerordentlich auf. Um nämlich die Schuhe,
die im Morgenlande auf die Dauer nicht wasserdicht sind, trocken zu
erhalten, befestiget man auf jede Sohle querüber zwei etwa vier Zoll
hohe Bretchen, und man wandelt mit einer solchen Vorrichtung trocken
des Weges. Allein dieses Gehen kostet Mühe, zumal auf den glatten und
nassen Steinen der unebenen Gasse. Ein Weib ging so langsam auf den
Schuhbretchen einher, daß es mir verleidet und ich beinahe lieber bis
auf die Haut durchnäßt worden wäre.


Ohren- und Fingerringe nahm ich nicht wahr, wohl aber silberne oder
messingene Spangen am Vorderarme. Für jene Ringe tragen indeß die
Frauensleute andere Zierden, die so recht in den wilden Kram noch
taugen. Gleich unter den Nasenöffnungen wird ein Fleck des Gesichtes
auf jeder Seite blau gefärbt, und, die Wahrheit gestanden, es würde
sich dies ohne weitere Zugabe nicht einmal sehr übel ausnehmen. Dann
sitzt ein solcher Fleck auf der Stirne zwischen den Augenbraunen;
oder zur Seite des Kinns die Figur ÷÷ oder mitten im Kinne ⸬; oder
zur Seite der Mundwinkel ⁛ Eines oder Mehreres, wo nicht Alles
zusammen, befremdet den Abendländer bald bei dieser, bald bei jener
Frauensperson. Andere Beobachter könnten, wie ich nicht zweifle, noch
mehr erzählen. Mir schien schon das Gegebene zu viel, selbst wenn die
Punktirung eine sinnige Schrift vorstellen sollte. Es wäre für die
Abendländer ein neuer Quell des Gewerbefleißes geöffnet, geriethen sie
je auf den Einfall, Bücher an sich abzutatowiren oder auf Menschen
Büchersäle zu bauen.

Der +Mann+ trägt ein langes, vorne in der Länge gespaltenes, um
die Lenden zugegürtetes Hemde meist von blauer Farbe. Das kürzere
Ueberhemde steht am Vordertheile der Länge nach offen, und hat, wie
dasjenige der Weiber, ebenfalls breite Streifen, z. B. von rother
Farbe. Ich durfte mich ordentlich zusammenfassen, um die Tracht der
Jerusalemer festzuhalten; denn in einer Stadt, wo so viel Trachten
durch einander wimmeln, wird die Aufmerksamkeit gar leicht zerstreut.
Bald ein polnischer Jude, bald ein russischer Edelmann, bald ein
Grieche, bald ein Franke etc. mischen sich in das dem Landeseingebornen
Eigenthümliche. Die Tracht europäischer Juden hat viel Gemeinsames
mit derjenigen der Eingebornen; sie gewinnt unstreitig geschichtliche
Bedeutsamkeit, und keinen Augenblick schwebe ich im Zweifel, daß die
Israeliten des alten Testamentes sich ähnlich kleideten, wie die
neuen Rabbinisten oder Talmudisten. Der Bauer des Landes trägt seinen
üppigen Bart ungeschoren; hingegen lassen die meisten Städter bloß den
Schnurrbart stehen und scheren den übrigen Bart, alle aber den Kopf.
Der morgenländische Christ bedeckt sein Haupt mit einem Turban gleich
andern Morgenländern. Man sieht rothe, grüne, weiße, blaue, bunte
Turbane. Viele Mohammetaner haben, wie in Egypten, eine rothe Mütze
(Fes) auf ohne Bund.


Das Kriegsvolk.

Seit Syrien unter egyptische Botmäßigkeit gebracht ist, wird es von
Kriegern überschwemmt. Einzig und allein mit einer zahlreichen,
bewaffneten Mannschaft vermag der Statthalter Egyptens die Syrier zu
zügeln, auf daß sie ihm nicht abtrünnig werden. Es ist eine ausgemachte
Sache, daß das Land unter der Last Pflastertreter schwer leidet. Es
drängt sich die beherzigenswerthe Frage auf: Würde der Vizekönig nicht
mehr besitzen, wenn er mit Egypten sich begnügt hätte?

Man kann sich auch in Jerusalem nicht bergen, daß die neue Ordnung der
Dinge +in Bezug auf Polizei+ sich aufs herrlichste bewährt. Ob aber
das Alles sich halten werde, wenn einmal die Menge achtunggebietender
und furchteinflößender, fremder Wehrmänner das unterjochte Land
räume, liegt unenthüllt im Schoße der Zukunft. Freilich verheißt die
Art und Weise, wie die Verbesserungen eingeführt wurden, nicht die
sicherste Gewähr. Denn der neue Verwalter begann sie nicht von Grund
und Wurzel aus; er trachtete nicht, die Hauptsache, in der eigentlichen
Volksschule die Landeskinder in Kenntnissen vom Guten und Nützlichen
mehr unterrichten zu lassen. Nur durch eine Schreckenherrschaft,
vor der jedwedes menschliche Gefühl zurückbebt, verscheuchte er die
Weglagerer, die Räuber, die Mörder. Diese unterlassen Frevel, Raub und
Mord nicht, weil sie von Gott und dem Fürsten verbotene Handlungen
sind, sondern weil sie vor der unausbleiblichen strengen Strafe
zittern. Beseelte die feigen Syrier ein Gran Muthes, so würde die
schöne Polizei des neuen Gebieters wie eine Seifenblase zerplatzen.

+Strabo+ nennt die Bewohner der Gegend, woher ich gebürtig bin, Räuber,
Streifhorden, und schildert in Beziehung auf Geistesbildung die alten
Syrier zu ihrem Vortheile. Ich wandere nun in Palästina, und kann hier
erzählen, daß bei uns die Sicherheit der Person und des Eigenthums auf
einer sittlichen Grundlage, dem gewissen Zeichen der Entwachsenheit aus
dem barbarischen oder rohen Zustande, ruht. Was würde der Kappadozier
heute dazu sagen?

Um zu den Verbesserungen +Mehemet-Ali’s+ zurückzukehren, so will ich
nicht verhehlen, daß er eine neue medizinische Schule in Damaskus
gündete. Man müßte indessen eine Binde vor den Augen haben, wofern
man nicht die blutige Richtung selbst in dieser so menschenfreundlich
scheinenden Maßregel erblickte. Zum Kriegen braucht man Leute, und
sobald man Leute braucht, so muß es Einem daran liegen, daß sie am
Leben erhalten werden.

Die Regierung +Mehemet-Ali’s+ reibt sich an so manchen Gegensätzen:
Ernst neben Spiel, Geschäftigkeit neben Faulenzerei, Geizen neben
Verschwenden. Es verdient Erwähnung, daß selten einer der europäischen
Angestellten die Regierung aufrichtig lobt. Wenn einige unbestritten
vom edeln Triebe zu Vermehrung der Kenntnisse in Künsten und
Wissenschaften geleitet werden, womit sie einmal ihrem Vaterlande zu
nützen hoffen; so verrichten dagegen die meisten ihre Geschäfte nicht
aus Liebe zum Fortschritte auf dem geistigen Gebiete, sondern aus
Liebe zu einer guten Bezahlung, nicht aus Liebe zur Regierung, sondern
aus Liebe zu Ehr und Ansehen, zu einem bequemen und üppigen Leben vor
einer reich besetzten Tafel, bei Weibern und auf der Jagd. Hat einmal
der Mensch seine sittliche Spannkraft verloren, so bleibt er bloß noch
ein sieches Schattengewächs. Ich kann nicht aussprechen, wie sehr mein
Herz beklommen ward, wenn ich dem kalten, lahmen, maschinenmäßigen,
selbstsüchtigen Gange der Regierung zusah.

So viel als allgemeine Bemerkungen über die egyptische Regierung. Sie
sind kurz, wie die Prüfungszeit selbst war.

Begeben wir uns wieder zu den Heerschaaren, so führt der Faden der
Beschreibung zur Bemerkung, daß ebenfalls Jerusalem von der egyptischen
Plage, dem Militär, heimgesucht wird.

Ich hätte schon an andern Orten, voraus in Kairo, Gelegenheit gefunden,
über die egyptischen Truppen ein einläßlicheres Wort fallen zu lassen.
Ich bin dem Militär von jeher fremde geblieben, und was man am
wenigsten versteht, berührt man am ungernsten.

Ich schilderte früherhin, daß, bei meinem wenig feierlichen Einzuge in
Jerusalem auf dem müden, fast kniefälligen Esel, vor den Mauern der
Stadt Truppen meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die Gewandtheit und
Regelmäßigkeit bei ihren Waffenübungen überstiegen alle Erwartung. Wie
der Künstler seine Bildsäulen in einer geraden Reihe aufstellt, so
stehen die Wehrmänner neben einander, nur darnach schauend, was sie
ablernen sollen, und darnach horchend, was man ihnen befahl.

Die Bewaffnung des Soldaten besteht in einem wohlgeputzten Gewehre,
wozu ein Säbel und eine kleine Patrontasche gehören. Letztere trägt der
Soldat an einem gelbledernen Riemen über dem Rücken, auf welchem er
zugleich in einem Habersacke die nöthigsten Bedürfnisse nachschleppt.

Die Kleidung ist bald von weißem, bald von rothem, bald von
anderfarbigem Zeuge. Pumphosen umgeben enge die Unterschenkel, und
enden innen und außen halbmondförmig, dergestalt, daß die Bogenlinie
nach unten gekehrt ist. Den Oberleib und den Hals umschließt genau
eine vorne zugeknüpfte Weste, und von den Aermeln derselben werden die
Arme klamm umspannt. Eine Bauchbinde hält die Hosen und deckt ihre
Verbindung mit der Weste. Die Kopfbedeckung ist eine rothe (Fẻs) und
darunter eine weiße Mütze (Tarbusch), welche letztere gewaschen wird.
Strümpfe fehlen. Der Schuh hat ein sehr langes Ueberleder. Der Soldat
bewegt sich in der ganzen Kleidung mit Leichtigkeit, nur in den Schuhen
nicht. Niemand wird abredig sein, daß man in der Montur die fränkische
und morgenländische Tracht mit Klugheit zu vereinigen wußte. Die
egyptische Soldatenkleidung von grünem oder blauem Tuche nimmt, etwas
Plumpes abgerechnet, sich recht gut aus. Indeß vermochten die Europäer
ihren Einfluß noch keinesweges in dem Grade geltend zu machen, daß das
Pfeifen und Trommeln nicht etwas Wildes, Türkisches verriethe. Noch
mehr aber fällt auf, wenn der wachhaltende Soldat mit dem Gewehre im
Arme niederhockt u. dgl.

Zur Nahrung erhält der Soldat für zehn Tage das Quantum Reis, Bohnen,
Linsen und Butter. Fleisch bekommt er zweimal in der Woche, im
Fastenmonat aber alle Tage nach Untergang der Sonne. Die Speisen kocht
der Soldat sich selbst, und das Getränke mag er holen, wo er will.

Was die Ausrüstung anbelangt, so gibt die Regierung dem Gemeinen alle
sechs Monate ein Paar Schuhe und Hosen, eine Weste (Jacke) und ein
Hemde, alle Jahre dagegen die rothe Mütze, einen Kaputrock und einen
Teppich zum Lager oder als Bettung. Die weiße Mütze, die Bauchbinde und
etwa Strümpfe schafft er sich selbst an. Beim Eintritte in den Dienst
wird er sogleich vollständig bewaffnet; er ist jedoch gehalten, die
Waffen auf eigene Kosten auszubessern.

Der monatliche Sold des Gemeinen beträgt 14½ Piaster; es fallen somit
auf einen Tag nicht einmal 4 Kreuzer R. W. Ueberdies wird der Sold auch
in Syrien sehr nachlässig ausbezahlt. Zur Zeit war er schon vierzehn
Monate im Rückstande. Und wenn noch die Bezahlung erfolgt, so macht sie
nicht reinen Tisch, sondern sie tilgt bloß einen Theil der Schulden.
Ueber nachlässige Zahlung wird allgemein Klage geführt, und mit ihr
vorzüglich ist der Leichtsinn oder vielleicht gar die Nothwendigkeit
des Schuldenmachens eingerissen. Einmal über das andere langweilt
man sich mit der Frage: Wann wird der rückständige Sold ausbezahlt?
+Ich hörte übrigens nie, daß die Zahlung, mag sie auch noch so spät
geleistet werden, je ausblieb.+

Je geringer der Lohn ist, welchen der gemeine Söldner empfängt, desto
glänzender werden die Offiziere besoldet. Ohne den +Taib+ (gut,
Vergütung, Entschädigung) zu rechnen, steigt die monatliche Besoldung
eines Obersten auf 16 Beutel (Seckel); den Beutel zu 500 Piaster.
Er kann somit täglich etwa 34 Gulden R. W. verzehren. Der General
erhält monatlich 24 Beutel. Die Verleihung des Generalstitels hatte
für +Clot+ auch besonders in Beziehung auf das Einkommen eine
vortheilhafte Seite. Dem Bataillonsarzte (~medico maggiore~) sind
für den Monat 750 Piaster Sold, 140 Piaster Taib und überdies jährlich
1000 Piaster für die Ausrüstung ausgesetzt. Die Anstellung gewährt
wenigstens das Bequeme, daß sie nicht bindet, weil zu jeder beliebigen
Zeit die Entlassung angenommen werden muß, sobald man sie einreicht.


Die Pilger.

Die griechische Kirche liefert am meisten Pilger, nicht nur viel
Griechen, sondern auch viel Russen, und die verschiedenen Trachten
vergönnen einen ergötzlichen Anblick. Wenn der russische Krieger sein
Blut in den Schlachten nicht gespart hat, wenn er schon nicht mehr
fähig ist, die Waffe zu tragen; er kehrt doch nicht zur Ruhe zurück,
es erwacht in ihm, statt des weltlichen, der religiöse Kampf, und er
wallfahrtet nach Jerusalem, um mit seinen Heiligthümern einen Frieden,
nicht für das Hienieden, aber für die Ewigkeit abzuschließen. Die
Griechen, sogar arme, verlassen ihren heimathlichen Herd, um Gott
ihre Dienste anzubieten. Würden sie sonst das Leben mit Kargheit
dahinbringen, so scheuen sie die Auslagen für die Wallfahrt und den
Aufenthalt nicht. Ich sage ausdrücklich: den +Aufenthalt+; denn die
griechischen Priester reichen ihren Pilgern die Nahrung nicht auf
Kosten des Klosters. Die Pilgrime müssen, wie verlautet, vielmehr froh
sein, wenn ihre Seelsorger sich nicht von ihnen bereichern.

Lateinische Christen unternehmen die Pilgerfahrt ungemein selten.
Zu ihrer Beherbergung ist das Kloster des Erlösers bestimmt. +Freie
Bewirthung, selbst auch für Protestanten, ward großmüthig vom Papste
geboten.+ Unter den abendländischen Pilgern gibt es nicht lauter
fromme, sondern auch solche, die von Kloster zu Kloster herumstreifen,
und darin gut essen und trinken, damit die auf solche Weise
zurückgelegte Prachtreise ihnen am Ende daheim zur Fundgrube eines
müßigen Glückes werde. Ich kannte einen solchen Pilger, der durch ganz
Palästina ohne einen Reisegefährten zu Fuß herumwandelte. Einen Andern
traf ich in Ramle, später auch in Jerusalem. Ein Schlesier, sprach er
deutsch. Ich erinnere mich kaum einer schmutzigern Kleidung, als dieser
deutsche Gärtner trug. Man muß die Beweggründe zu seiner Reise hören,
um den Gehalt des Mannes zu prüfen. Zweimal sei er auf den Tod krank
gewesen, und habe zuletzt das Gelübde gethan, das heilige Land einmal
zu besuchen. Mit nichts, als mit dem schmutzigen Hemde am Leibe, mit
Hosen, einem Rocke, Hute, Halstuch und mit schlechten Schuhen, mit
wenigen in Tücher verpackten Habseligkeiten, die er an einem Stocke
auf der Schulter trug, durchstrich er das jüdische Land bis auf den
Libanon, und zwar ohne Kenntniß des Arabischen oder Türkischen, des
Griechischen oder Lateinischen, des Französischen oder Italienischen.
Drei Tage hielt er sich in Damaskus auf, ohne den Namen der Stadt zu
wissen. Heuchlerisch suchte er mich zu überreden, daß er auf einer
abenteuerlichen Nachtreise das Zeugniß vom Kloster des Erlösers
verloren habe. Weil ihm die Sprache abging, um sich den Mönchen
verständlich zu machen, konnte er mich bewegen, daß ich mich für ihn
als Dolmetscher verwendete, und die Patres waren gutmüthig genug, ein
zweites Zeugniß auszufertigen. Mich erfüllte ein seltsam Erstaunen,
als er mir später erzählte, daß er Alles erlogen habe. Es ist der
Nämliche, welcher, nach eigenem Geständnisse, einen österreichischen
Reisepaß sich zu erschleichen wußte. Ein Franzose ohne Habe, aber mit
einer reichen Lügenzunge, ebenfalls ein Pilger, verwendete all’ seinen
Witz, um mich zu betrügen. Der Umstand, daß ich immer schußfertig auf
dem Anstande war, machte ihn gegen mich unmuthig und bitter. Solches
Gesindel betet unter Kniebeugungen und Bekreuzungen an den heiligen
Stellen, wo, nach den biblischen Urkunden, +Christus+ für die Menschen
sein Blut vergoß, und wo sein Leichnam ins Grab gelegt wurde.

Es ist zudem merkwürdig, daß derlei geldentblößte Leute, die sich gegen
den Gastfreund mit einem Geschenke nicht erkenntlich zeigen können, am
lautesten aufbegehren und die Unverschämtheit am weitesten treiben.

Die Speisen und Getränke sollen in den Klöstern des jüdischen Landes
durchgängig sehr gut sein. Vorzüglich rühmt man die Freundlichkeit der
Klosterleute auf dem Libanon und ihren köstlichen Wein.


Der Geist der Christen.

Die heilige Stadt -- welcher Wortmißbrauch. Man tadelt allgemein
den Geist der Christen zu Jerusalem. Hier, wo man zum reinsten
Christussinne aufgefordert werden sollte, wächst so viel Unkraut unter
so wenig Waizen. Schlaffheit vertritt lebendiges Streben nach Wahrheit,
Formenwesen geläuterte Begriffe, Pharisäismus religiöse Wärme. Man
räumt dem Mohammetaner den Vorzug ein, ich glaube, mit Recht. Viele der
verschiedenen christlichen Glaubensbekenner benehmen sich so unwürdig,
daß man sich beinahe schämen möchte, ein Christ zu heißen. Eine weite
Kluft unauslöschlichen Hasses gähnt zwischen den vielfarbigen Bekennern
des Christenthums.

Die Griechen verdienen zuerst den Tadel. Um zu einem Zwecke zu
gelangen, lassen sie keine Mittel unversucht. Man weiß kaum, wie
man von Leuten denken soll, welche, wie die griechischen Priester,
ausdrücklich berufen sind, Heiligthümer zu verehren, und an
ihrem eigenen Heile zu arbeiten, und welche gleichwohl so viele
Heillosigkeiten begehen. Daß sie vom Glauben an einen vergeltenden
Gott durchdrungen sind, hält zu begreifen schwer, und wenn sie diesen
Glauben noch hegen, so ist er ein schlechter, weil er mit der Annahme
gepaart sein muß, daß +der Glaube ohne Tugend selig mache+. Ich
will zwar nicht behaupten, daß es unter den griechischen Priestern
nicht auch wackere Männer gebe; nur sind diese, nach übereinstimmenden
Aeußerungen, nicht häufig.

Die lateinischen Priester sehen im Allgemeinen ziemlich alltäglich
aus. Wenige liebten das lateinische Gespräche, und doch lesen alle
die +Messe in lateinischer Zunge+. Freilich begnügen sich manche
Menschen dieses Schlages, ~in majorem Dei gloriam~ auf der Oberfläche
herumzuschwimmen, ohne daß ihnen der Gedanke beifällt, in der
Taucherglocke vom Grunde die Schätze heraufzuholen. Ich darf kaum
bemerken, daß die lateinischen Mönche gemeiniglich alle Andersgläubige
bemitleiden, weswegen man mir wohlmeinend rieth, ja nirgends den
Protestantismus durchblicken zu lassen. Der rothbäckige Verwalter
rühmte eines Abends die Gastfreundschaft des Klosters mit den Worten,
daß es alle Franken beherberge, klopfe ein Katholik oder ein -- -- --
an. Ich verzeihe dem guten Pater eine solche wenig würdige Sprache,
für die ich Gedankenstriche, als die geeignetesten Schriftzeichen
in unserer Zeit, wählte. Vom Pater Superior, unter dem Titel
+Reverendissimus+, spricht Jedermann mit Achtung.

Es befinden sich jetzt, wie man mich versicherte, zwei protestantische
Missionarien, ein englischer und amerikanischer, in Jerusalem. Man lobt
sie, und die protestantischen Fremden, wenigstens die Engländer, ziehen
größtentheils ins Missionariat. Ich besuchte weder den einen, noch den
andern. Hätte ich mich aber in der Stadt länger aufgehalten, so würde
ich ihre Bekanntschaft gerne gemacht haben. Sie stehen, meines Wissens,
mit den übrigen Christen in kaltem, jedoch in keinem feindlichen
Verhältnisse.


Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche.

1) +Gänzlichen Sündenablaß+ erhält man:

    a) beim Betreten des heiligen Landes, wenn man sieben Vater unser
    und Ave Maria betet; denn die Mühseligkeiten und Gefahren, welche
    mit der langen Reise verbunden sind, werden als eine Buße für die
    eigenen Sünden betrachtet;

    b) beim Eintritte ins Thor von Jerusalem, nach Verrichtung von
    ebensoviel Gebeten;

    c) in der Franziskanerkirche zum Erlöser in Jerusalem, und zwar am
    Altare der Verkündigung sowohl, als des Abendmahls von +Christus+
    und seiner Erscheinung vor +Thomas+;

    d) in der Kirche des Christusgrabes, nämlich an den Altären der
    Kreuzerhöhung und Kreuzigung, am Steine der Salbung, an der Säule
    der Geißelung, in der Kapelle des Christusgrabes und der +Helena+,
    am Orte der Kreuzerfindung;

    e) in Jerusalem an den Plätzen, wo +Maria+, die Mutter des
    +Christus+, empfangen und geboren ward, am Bogen des Ecce Homo, im
    Palaste des +Pilatus+, nahe am Orte der Geißelung;

    f) in der Umgegend vor Jerusalem, nämlich bei der Ankunft auf
    dem Zion, im Besondern im Hause des Hohenpriesters +Kaiphas+,
    am Bächlein Kidron, auf der Brücke, wo +Christus+ seine Kniee
    eindrückte, am Grabe seiner Mutter +Maria+ und des +Lazarus+ in
    Bethanien, auf der Burg von Magdalo, an der goldenen Pforte;

    g) in Bethlehem, und zwar am Altare, wo +Christus+ geboren ward,
    am Altare der Krippe, so wie der Anbetung der Weisen aus dem
    Morgenlande;

    h) in der Umgebung Bethlehems, im Lande der Hirten, wie am Orte der
    jetzt verlassenen Kapelle, wo denselben der Engel erschien;

    i) in +St. Johannes+ auf dem Berge, am Altare seiner Geburt, in der
    Wüste, wo er das Evangelium predigte;

    k) in Nazareth, nach dem Eintritte in die Stadt und am Altare der
    Empfängniß;

    l) in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa und zwar auf dem
    Berge Thabor, in der Stadt Nain, in Sephoris (Szaffad), wo die
    Aeltern +Marias+ geboren wurden, in Kana, am Geburtsorte der drei
    Apostel +Bartholomäus+, +Matthäus+ und +Simon+, am Jordan.


2) +Ablaß auf sieben Jahre und zweihundertundachtzig Tage:+

    a) zu Jerusalem in der Grabeskirche, am Altare der
    Kleidervertheilung, an der Kleidersäule, ferner im Gefängnisse auf
    dem Bezetha und am Orte, wo +Christus Magdalenen+ erschien;

    b) in Bethlehem, am Grabe der Unschuldigen, im Oratorium des
    +Hieronymus+, an seinem Grabe, am Grabe der +Paula+, ihrer Tochter
    +Eustochia+ und des +Eusebius+, in der Schule des +Hieronymus+;

    c) in der Umgegend von Bethlehem, am Grabe der +Rahel+, im
    griechischen Eliaskloster, auf dem Felde, wo der Engel den
    +Habakuk+ wegtrug, in der Zisterne der heiligen drei Könige, am
    Terebinthenbaume, in St. Saba;

    d) in +St. Johannes+ auf dem Berge, an der sogenannten
    Marienquelle, am Orte, wo die zwei Basen einander begegneten, an
    dem Orte, wo +Philip+ den Eunuchen der Königin von Aethiopien
    taufte;

    e) in Nazareth, im Hause +Josefs+, am Tische des Herrn, an der
    Quelle der Jungfrau;

    f) in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa, bei der +Maria+
    der Furcht, auf dem Seligkeitsberge, dem Aehrenfelde, am Orte der
    Speisung mit Broten und Fischen, am See Genesareth, in Bethsaida
    und Kapernaum.

Ich glaubte irrig die Ablaßstellen, wovon ich mehrere besuchte,
wenigstens durch Kreuze bezeichnet. Ohne einen Führer würde man, im
Geiste des Ablasses, sehr wichtige Stellen unbeachtet überschreiten.


Der alte deutsche Pater und die große Apotheke.

Im Kloster des Erlösers lebt ein grauer Achtziger aus Mähren, Pater
+Vital+. Mich verlangte, den Greis zu sehen. Ein schöner Mann mit
blauen Augen, rosigem Wangenschimmer und gebeugtem Körper begrüßte mich
mit der einnehmendsten Herzlichkeit. Mir wollte Jerusalem und seine
Umgebung nicht gefallen, und ich fragte ihn um seine Meinung über das
Leben in diesem Lande. „Ja, was ist es?“ antwortete er. „Man ist nun
einmal da. Es muß gut sein.“ Der Sinn der Worte war leicht zu deuten.

Ich traf den Pater gerade in der Werkstätte. Er treibt im Kloster das
Geschäft eines Apothekers und Arztes. Dazu ist er also noch Pater. Alle
gute Dinge sind drei. Von der Werkstätte gingen wir in die Apotheke.
Wenn nur das Halbe wahr ist, was an den Büchsen und Gläsern geschrieben
steht, so besitzt sie einen reichen Schatz von Arzneistoffen, daß man
sich in der That verwundern muß, wenn man die Lage Jerusalems in einer
bildungsarmen Gegend berücksichtigt.

Die herrschende widrige Witterung machte mich ein wenig unpäßlich. Ich
ermangelte nicht, dies dem Pater +Vital+ zu eröffnen, zugleich aber die
Bemerkung beifügend, daß ich ein Arzt sei. Ohne irgend zu untersuchen,
trug mir der Mann Gottes einen Schnapps Rosoli aus der Apotheke mit
einer Schnelligkeit und Zuversicht an, daß ich unwillkürlich auf die
Vermuthung geführt wurde, es mögen hin und wieder die Klagen eines
Preßhaften mit diesem leckern Safte beschwichtiget werden. Ich
verbat mir dieses Mittel darum, weil es mein Uebelbefinden nothwendig
verschlimmern würde. So mag denn hier die Arzneigeberei beschaffen
sein. Schnappskuren wären gar zu schmackhaft[3].


Meine Zelle im Kloster des Erlösers.

Ich hatte eben kein fürstliches Aussehen, und ich kann mir es wohl
erklären, wenn man mir nicht aller Orten die beßten Zimmer anwies.

Ich habe früher die freundliche Aufnahme von Seite des
Klosterverwalters erwähnt, und diesmal bloß nachzutragen, daß er dem
Klosterbedienten +Elias+ zu verstehen gab, er solle mir ein kleines,
doch gutes Kämmerlein einräumen, weil man die andern Zimmer für die
hohen Personen, die man eben erwarte, bereit halten müsse.

Mein Zimmer, mit einem Bette, Tisch und Sessel, war durchaus schlecht,
ohne Fenster, nicht einmal mit gut schließenden Läden, und eine
Oeffnung über der Thüre hatte gar keine Vorrichtung zum Sperren. Lustig
pfiff der gefällige Wind, die zum Theil schlaflosen Nächte mir zu
vertreiben. Es scheint allenthalben dafür gesorgt, daß die Welt zum
Himmel hinauf lacht. Wäre es nur nicht ziemlich kalt gewesen, ich würde
die Orgeltöne des Windes noch süßer gefunden haben. Beim Schreiben war
ich in einen Mantel, die Füße in eine wollene Decke gewickelt, und
dennoch konnte ich mich auf diese Art mit genauer Noth wärmen. Die
Ueberzeugung wurzelte in mir fest, daß ich in einem solchen Zimmer von
meiner Unpäßlichkeit nicht genesen könne, und daß ich daher auf die
Abreise dringen müsse, wenn mir anders die Gesundheit am Herzen liege.

Die Schattenseite des Lebens bietet doch ungemein viel Abstufungen dar.

Auf dem Meere dachte ich: Wenn ich nur zu Lande wäre, ich wollte
zufrieden sein.

Bei den Pyramiden von Memphis dachte ich: Wenn ich nur wieder unter
Franken wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in Kairo dachte ich: Wenn ich nur wieder in einem kältern
Himmelsstriche wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in der Wüste dachte ich: Wenn ich nur wieder auf bewohnten Boden
meinen Fuß setzen könnte, ich wollte zufrieden sein.

Und in dem Gefängnisse unter dem Zelte dachte ich: Wenn ich nur wieder
ein vor dem Regen schützendes Zimmer und die Freiheit hätte, ich wollte
zufrieden sein.

Und beim beschwerlichen Ritte von Gaza dachte ich: Wenn ich nur einmal
wieder Ramle erreichte, oder wenn mir nur wieder die Bequemlichkeiten
des Schiffes auf der See vergönnt wären, ich wollte zufrieden sein.

Wie vielmal wollte ich zufrieden sein, und wie vielmal war ich
es nicht? Das kann sich so fügen: Im Augenblicke, da man eine
Widerwärtigkeit fühlt, erscheint sie am größten; die vergangene tritt
in dem Grade kleiner vor die Seele, als ein Gegenstand vor das Auge,
der sich immer weiter entfernt.

Billig stimme ich in das allgemeine Lob auf die gute Bewirthung des
Klosters. Die Speisen waren alle schmackhaft. Mir that es wehe, daß
ich die in einem zinnernen Becher mir zugereichte Porzion weißen Wein
wegen meiner eine strengere Lebensweise gebietenden Unpäßlichkeit nicht
ganz trinken durfte. Ich kostete noch keinen edlern Wein, und ich nahm
davon sogar als Arznei auf die Reise mit. Nach der Versicherung des
Klosterbedienten wächst er in Bethlehem.


Der Führer um und in Jerusalem.

Zu den Sehenswürdigkeiten ist ein Führer vonnöthen. Wendet man sich --
das Vorzüglichste, das man thun kann -- ans lateinische Kloster, so
wird es für einen Dragoman sorgen.

Die Kirche des Christusgrabes ist nicht immer offen. Deswegen muß man
im Kloster darnach fragen, wann sie aufgeschlossen werde, um nicht
vergeblich sich hin- und herzutreiben. +Diese Kirche zu sehen, soll
das erste Augenmerk sein.+ Zu ihrer Aufsuchung wird kein Führer gerade
nothwendig. Es weiß den Tempel Jedermann. Viele auf der Gasse verstehen
italienisch. Doch in der Grabeskirche selbst bedarf man einiger
Anleitung.

Man schlägt mit dem Führer folgende Wege ein:

1) +Um die Stadt.+ Durch das Thor von Damaskus zur Jeremiasgrotte.
Dann zu den Gräbern der Könige. Nun richtet man sich gegen das
Josaphatsthal; man überschreitet die Kidronbrücke. Jetzt nach einander
die Grabhöhle +Mariens+ und der Apostel, sowie der Garten Gethsemane.
Hernach auf den Oelberg. Herab zu den Gräbern +Absaloms+, +Josaphats+
und +Zachariassen+. Zurück über den Kidron. Unter dem Moriah (Moschee
+Omars+) die Brunnen, insbesondere derjenige Siloahs. Auf letzterem
Wege lasse man sich das blinde Thor des, wie man vorgibt, ehemaligen
Salomonstempels zeigen. Jetzt ersteige man den Zion; die Hausstelle
des +Kaiphas+ und die Stelle der Davidsburg. Das Alles wird man ohne
Hinderniß besuchen können; einzig die Mariengruft ist meist gesperrt.
Es genügt, daß der Führer sie einmal weise. Man fragt, wann sie
offen sei, und man macht allein einen Spaziergang dahin, da sie sehr
leicht zu finden ist. In das Dunkel der königlichen Gräber und des
Siloahbrunnens muß man sich leuchten.

2) +In der Stadt.+ Wir waren schon in der Kirche des Christusgrabes.
Unweit von hier glaubt man den Palast des +Pilatus+; man gehe durch die
sogenannte Schmerzensgasse bis zum vorgeblichen Palast des +Herodes+
und zum sogeheißenen Kerker +Christi+. Von da begibt man sich in die
Nähe der Omarskirche, die man doch von außen ein wenig besehen kann.

Der Führer wird nicht umhin können, mannigfaltige Erinnerungen und
Erzählungen, z. B. von heiligen Eindrücken in Steinen, von Häusern
heiliger Weiber und Männer, an die Wege zu knüpfen. Ich geleitete bloß
zum Sehenswürdigsten.

Bei guter Witterung wird man in einem Tage, bei schlechter in zwei
Tagen zuversichtlich allenthalben herumkommen.


Rückblick auf Jerusalem.

So wenig der erste Anblick der Stadt meiner Erwartung entsprach, so
tief, ich muß es laut gestehen, wurde sie beschämt, als ich anfing,
die Denkwürdige mit Aufmerksamkeit zu zergliedern. Wenn auch nicht
der Buchstabengläubige und der ungestüme Zweifler, so kehrt doch der
ruhige Prüfer aus der gefeierten Stadt zurück. Jerusalem verdient mit
vollem Rechte von dem Alterthumsforscher, zumal aber von dem Israeliten
und Christen, besucht zu werden. Es erscheint nicht wenig auffallend,
daß hier die Nachgrabungen, um Alterthümer zu entdecken, nicht nach
einem durchgreifenden Plane, wie an so manchen andern, geschichtlich
vielleicht weniger wichtigen Orten veranstaltet werden. Es liegt über
allen Zweifel hinaus, daß der Nachgrabende in Jerusalem mannigfaltige
Schätze der Vorwelt hervorziehen würde, die zu Erklärung des alten und
neuen Testamentes ungefähr so viel beitragen könnten, als das ganze
Heer von Stuben- und Schriftgelehrten seit Jahrhunderten wirklich
dazu beigetragen haben. Es versteht sich wohl von selbst, daß, um
so zu sagen, keinerlei heilige oder unheilige Besorgnisse von den
Nachgrabungen abhalten dürfen. Die Wahrheit ist in der That heiliger
zu achten, als daß es erlaubt wäre, auf das Erforschen derselben zu
verzichten, weder den Einen, weil sie etwa fürchten, daß der neue Fund
den bisherigen Glauben schwäche, noch den Andern, weil sie besorgen,
daß er ihn stärke.



Ausflug nach Bethlehem.

Holperiger Weg; das unscheinbare +Elias+ mit einer reizenden
Aussicht nach Jerusalem und Bethlehem; +Rahels+ Grab; in Bethlehem
Pfützenreichthum, das Franziskanerkloster, der Stall und die Krippe;
die Bethlehemiten und Bethlehemitinnen; zu Fuß nach Jerusalem zurück.


Durch die Erzählung der Unannehmlichkeiten mit einem Eseltreiber will
ich Niemand belästigen; man hat manchmal mit solchen Leuten so viel
Mißliches, daß man beinahe das alte Gebot zurückwünschen möchte, nach
welchem den Christen untersagt war, in und um Jerusalem zu reiten.

Ich ging durch das Jaffathor, wendete mich links über das Thal Gihon,
und bald war ich auf der Thallehne Hinnon, Jerusalem gegenüber und mit
diesem ungefähr in gleicher Höhe. Der Anblick der Stadt verheißt von
hier aus nicht viel; kaum zeichnet sich der Zion aus.

Der holperige Weg gleicht unsern Bergwegen. Die Leute lassen sich die
Mühe reuen, ein kleines Sträßchen anzulegen, so leicht es wäre. Man hat
nicht ganz Unrecht, vom Zustande der Straßen auf die Bildungsstufe der
umwohnenden Menschen zu schließen.

Jetzt bekam ich über dem Hinnon einen Esel. Ich ritt durch eine
Ebene in der Richtung gegen Mittag. Wo dieselbe zu einem langen,
von Abend gegen Morgen oder gegen das uneigentlich sogenannte todte
Meer streichenden Hügel aufschwillt, liegt in der Mitte und auf dem
Rücken selbst das griechische Kloster des +Elias+: wenig vorstellende
Mauern, welche schwerlich ein Abendländer für ein Gotteshaus ansähe.
Das reizlose Aeußere mag der Lüsternheit des Beduinengesindels am
beßten wehren. An dem +Eliaskloster+ vorüber, und auf dem Scheitel
des Hügels erweitert sich die Aussicht nach Mittag und Mitternacht.
Rückwärts nimmt man Abschied von Jerusalem, und vorwärts gegen Mittag
begrüßt man Bethlehem, welches wie an einen Abhang gekleibt ist. Im
Glanze der Abendsonne fiel dasselbe vortheilhaft ins Auge. Es scheint
hier sehr nahe, und doch haben wir erst die Hälfte des Weges am Rücken.
Vom Lothssee erblickt man nur ein kleines Silberdreieck, welches
von Gebirgen des ostjordanischen Landes majestätisch überragt wird.
Zwischen dem Eliaskloster und Bethlehem steht an dem, von +Elias+ aus,
sehr unebenen Wege rechts, nach der Ueberlieferung, +Rahels+ Grab unter
einer mohammetanischen Kuppel.

Man kommt vor Bethlehem gerne aus der steinichten, mehr oder minder
öden Gegend in eine gewächsreichere, worin wenigstens Rebe und Feige
und Kohl gedeihen. Unter einem Gewölbe hindurch tritt man ins Dorf.
Kaum weiß man vor Wasser und Schlamm, wo man den Fuß hinstellen darf.

Bethlehem, an der nördlichen Abdachung eines Hügels, gewährt keine
erhebende Aussicht. Den zwar gut gemauerten Häusern mangeln Fenster.

Im Franziskanerkloster stieg ich ab. Der Pater Guardianus, ein
einsichtiger und kenntnißreicher Mann, empfing mich mit Freundlichkeit,
und es wurde mir ein gutes, großes Zimmer angewiesen. Abends ereilte
mich das Mißgeschick, von der Prozession, mit brennender Kerze in
der Hand, gleichsam fortgerissen zu werden. So gerne würde ich mit
einem Führer allein und in der Stille den Ort, wo, der Ueberlieferung
zufolge, +Christus+ geboren ward, besucht haben. Es ist diese Stelle,
unmittelbar unter der Kirche, von einer köstlich gezierten Kapelle
überwölbt. Als die Patres in diese herabgestiegen waren, sanken sie
in Demuth auf die Kniee, und erhoben die Stimmen des Gebetes. Der
Guardian schenkte mir die Aufmerksamkeit, daß er mir ein gedrucktes
lateinisches Büchlein mit den Gebeten einhändigte, welche vor jedem
Altare verrichtet werden. Wer würde auf dieser Stätte sich nicht in
ernste Betrachtungen vertiefen? Welche große Eröffnungen sind, nach dem
Glauben der Christen, von dem Manne ausgegangen, dessen Geburtsstätte
vor meinen Augen lag („~hic de virgine _Maria Jesus Christus_ natus
est~“). Aber auch welches Unheil erzeugte der Aberwitz, welcher mit
Herrschsucht im Reiche der Meinungen sich in den Sinn der Worte unsers
großen Meisters hinaufwagte? Wie lange noch bleibt es bloß frommer
Wunsch, daß nur +einen+ Hirten +eine+ Heerde umgeben möchte? Man zeigt
auch die Krippe, welche zum Lager des neugebornen Kindes gewählt worden
sein soll. Außer der Geburtskapelle wallt man in mehrere Höhlen,
worin die fromme Erinnerung Altäre und Grabmale gebaut hat, einen
z. B. auf +Hieronymus+, einen hochwürdigen Mann. Es ist von einem
Engländer behauptet worden, daß, im Widerspruche mit den Urkunden, die
Geburtskapelle unterirdisch sei. Ich möchte dieser Behauptung aus guten
Gründen nicht beipflichten. An der Baustelle des Klosters schießt der
Boden der Erde gähe ab, und wenn der Boden der Kirche in ebener Linie
durchgeführt wurde, so konnte der Stall den Raum zwischen dem Erd- und
Kirchenboden einnehmen.

Das Kloster ist ziemlich groß; seine Mauern sind so dick und massiv,
wie die einer Festung. Großen Schaden litt es letztes Jahr durch ein
Erdbeben, und eben war man mit Verbessern des Gebäudes beschäftiget.
Mehrere Mädchen gingen aus und ein, um die Maurer zu bedienen. Diese,
wie andere Bethlehemitinnen gewannen in meinen Augen nicht den Preis
der Schönheit, welchen Reisende ihnen zudachten.

Die Bethlehemiten sind lauter Christen, und zwar beinahe alle
lateinische, nur in geringer Zahl griechische. Aus ihren Gesichtern
sprechen die Züge von Schlaffheit, Schlauheit, von Niederträchtigkeit.
Ich verdanke dem Pfarrer des Klosters, einem Spanier, die Mittheilung,
daß im verwichenen Jahr 122 (lateinische) Kinder geboren wurden.
Die ganze Gemeinde von Bethlehem nähert sich der Zahl von 4000. Im
laufenden Jahre starben binnen fünfzehn Tagen über 40 Kinder an den
wahren Menschenpocken und bloß +eine+ erwachsene Person.

Es werden in Bethlehem sehr viel heilige Dinge, meist aus Perlmutter,
gearbeitet. Kurz nach meiner Ankunft begab sich zu mir ins Zimmer ein
Bethlehemit mit einer Menge Kruzifixe, Marienbilder, Rosenkränze
u. s. f., wovon ich mehreres einkaufte.

Zu spät in Bethlehem, das zwei leichte Wegstunden von Jerusalem
entfernt ist, eingetroffen, blieb ich daselbst über Nacht. Ich rühme
billigermaßen die freundliche Bewirthung und den guten Wein; nur war es
mir unangenehm, daß ich, in Berücksichtigung meiner Gesundheit, nicht
nach allen aufgetragenen Speisen langen durfte.

Am folgenden Morgen wollte ich zu Fuß zurückkehren; allein man -- --
--. Ich wußte zum Glücke noch, daß ich nicht weit von meinem Kopfe Füße
habe, und ohne Worte zu machen, trat ich den Rückweg an. Meine kurze
Fußreise war ein Lustwandel, während dessen ich die Gegend mehr genoß,
als es bei einem Ritte hätte der Fall sein können. Und Gewinn war
schon der lebendigere Gedanke, daß Tausende und Tausende von Menschen
vor längst verflossenen Jahrhunderten von Bethlehem nach Jerusalem
zu Fuße einherwandelten, wie ich nun dahin ziehe. Verläßt man das
Dorf Bethlehem, so schaut linker Hand oben das Kloster Johannes auf
uns herab. Ungefähr auf der Hälfte Weges holte ich Gesellschaft ein,
nämlich einige Marktweiber, welche auf dem Kopfe Holzreiser trugen.
Nicht sehr lange aber hielten sie Schritt mit mir; es war eine Strecke
über +Elias+, als ich sie verließ. In dem ungestörten Besitze meiner
Gedankenwelt, in der frohen Vergegenwärtigung der Vorzeit, welche der
alte Boden unter meinen Füßen heraufbeschwor, ging ich wieder meines
Weges allein, wie vor Bethlehem, und ohne irgend ein unangenehmes
Begebniß erreichte ich Jerusalem.


Die Beschiffung des Lothssees.

Obgleich ich den Lothssee, in den sich der Jordan ergießt, ohne daß er
einen sichtbaren Ausfluß hat, nicht selbst besuchte, so scheint es mir
doch am Platze, mitzutheilen, was ich zu wiederholten Malen erfuhr,
daß dieses gefürchtete Wasser, in dessen Nähe +Tacitus+ ein großes
Naturereigniß (Kräuter der Wiesen und Saaten des Feldes verwandelten
sich gleichsam in Asche) verlegte, im Sommer des Jahres 1834 von einem
Engländer (vielleicht vom Irländer +Carnagan+) beschifft wurde. Er
ließ von Jaffa einen Kahn hinüberschaffen, und mit einem Bedienten
beschiffte er den See. Der Unternehmer starb nach der Seefahrt; der
Bediente aber lebt noch. Die übrigen Mähren zu erzählen, will ich am
liebsten schuldig bleiben.



Nach Jaffa am Mittelmeer.

Abermals allein gereist; der Regen des heiligen Landes behagt mir
nicht; Beschwerden vom Reiten her; ein Araber, der ein Huhn verloren,
redet mich auf italienisch an; Nachts in Ramle; ~Clausura per le donne,
quoique~ und ~parceque~; durch die Ebene Saron mit nassem Sack und
Pack; bald in Jaffa.


Freitags den vierten Christmonat schied ich von Jerusalem. Den Rückweg
bis Ramle kennen wir. Ich bemerke bloß ein paar Dinge:

Ich reiste abermals allein, nach der goldenen Regel: Lieber keine, als
eine schlechte Gesellschaft. Ein Franzose, dem ich mich anheischig
machte, die Reise nach Jaffa zu bezahlen, wenn er die Merkwürdigkeiten
Jerusalems mir zeige[4], sollte zwar mitreisen; weil er aber ein
Trunkenbold und ohnehin ein unzuverlässiger Mann war, so zog ich vor,
ihn vorangehen zu lassen. Daher kam es, daß ich über das Gebirge bloß
einen Araber, den Führer, zum Gefährten hatte.

Erst gegen eilf Uhr Mittags verließ ich das Neuhaus, nachdem ich den
Führer lange umsonst erwartet hatte. Daraus erwuchs mir der Nachtheil,
daß gerade schlimme Witterung sich einstellte, die sich während
des ganzen Zuges über das Judengebirge wirklich sehr unordentlich
aufführte. Der Regen goß in Strömen hernieder, indeß dann und wann der
Nebel in seiner gespenstergrauen Farbe herumschlich. Einmal wollte
ich mich gerade in einer tiefen Gebirgsschlucht trocken decken. Ich
entfaltete den Polster, auf dem ich saß, um mich in denselben, wie in
einen Mantel, zu hüllen. Naß, müde, ja halb krumm unter der Regentraufe
und für den Augenblick der Besinnung gleichsam bar, legte ich den
durchnäßten Deckmantel, den ich bisher trug, auf den Sattel. Nun wurde
ich natürlich auch da, wo ich bis jetzt trocken blieb, benäßt. Um das
Maß der Unannehmlichkeiten zu füllen, trat noch ein anderer übler
Umstand hinzu. Der Sattel des Thieres war ungebührlich breit und
überhaupt schlecht, so daß mein rechtes Bein roth und blau sich rieb[5].

Von der Bergreise will ich noch eine Begebenheit berühren. Es kamen
Araber entgegen, welche mit Hühnern beladene Esel vor sich hin trieben.
Einer derselben fragte mich auf italienisch, wie viel Uhr es sei. Ohne
anzuhalten, antwortete ich: ~Non sò~ (ich weiß es nicht). Ich möchte
mich für den Verdacht nicht bestimmt erklären, daß der Fragesteller
gerne meine Uhr gesehen und als gelegene Beute mitgenommen hätte.
Verdacht wäre sonst um so gegründeter, als die Uhren oder die Werkzeuge
zur Zeitmessung unter den Arabern, insbesondere unter den Beduinen,
als eine große Seltenheit gelten, weil sie das Bedürfniß künstlicher
Zeitmessung in ihrem, dem Naturzustande nahe stehenden Leben bereits
gar nicht fühlen. Schon waren die Araber wenige Schußweiten von uns
entfernt, als ich ein Huhn, unzweifelhaft einen verlorenen Theil der
Ladung, am Wege daliegen sah. Ich war im Begriffe, die Araber, als
die höchst wahrscheinlichen Eigenthümer, zu rufen; allein der Grund
überwog, den verdächtigen Burschen nicht gleichsam die Hand zur
Rückkehr zu bieten, und mein Führer unterließ beides, zu rufen und das
Huhn für sich aufzuheben.

Kaum recht aus dem Gebirge, kaum die Ebene von Ramle vor den Augen,
und die Nacht ließ ihren dunkeln Vorhang vor mir, dem bis auf die Haut
Durchnäßten, fallen. Mich fror es inzwischen nicht eigentlich; denn
die Witterung, auf den Bergen und dem Niederlande so verschieden, wie
dort Tag und hier Nacht, war jetzt lieblich, gleich dem milden Blicke
unschuldiger Kinder. Ein Regenbogen beim Mondesscheine (erstes Viertel)
entzückte mich zum ersten Male.

Ich langte wiederum Nachts in Ramle an. Ich nahm schon deswegen die
Einkehr im lateinischen Hospiz, weil ein Theil meines Gepäckes dort
zurückblieb. Es wäre ungerecht, wenn ich das Nachtessen tadeln wollte;
aber zur Schmeichelei werde ich ebenso wenig hinunterkriechen, daß im
Hospiz Reinlichkeit an der Tagesordnung sei. Bei uns speiset mancher
Bettler mit einem saubern Löffel, mit einem reinern Messer und einer
gefälligern Gabel, als der Reisende in diesem mönchischen Gasthause.
Ueber einem Gange steht, wie im Erlöserkloster zu Jerusalem, in
italienischer Sprache geschrieben (~clausura per le donne~), daß den
Frauen der Eintritt verboten sei. Ganz wohl; denn die unreinlichen
Männer müßten sich vor den Weibern schämen, die in der Küche nach einem
bessern Geschmacke sich einzurichten wissen.


+Den 5.+

Mit nassen Hand- und Druckschriften im Felleisen und selber noch
nicht in trockenen Kleidern, setzte ich, bei guter Witterung und in
Gesellschaft eines Militärinstruktors, eines italienischen politischen
Flüchtlings, den Weg fort nach Jaffa durch eine ausgedehnte Ebene,
die Saron, welche mit dem Brautgewande des Lenzes geschmückt war.
Man erblickt die Küstenstadt schon in einer Stunde Entfernung von
einer sanften Anhöhe aus, wodurch die Saronebene beinahe nichts
Nennenswerthes an ihrer Einförmigkeit verliert. Gleichsam zur
Entschädigung dafür belebt vor den Mauern der Stadt den Ankömmling der
angenehme Geruch üppiger Gärten, worin Goldäpfel die Bäume beschweren.
Vor Mittag schon ritt ich durch das Thor von Jaffa.

Von Gaza bis Ramle sind zwölf Stunden zu Fuß, von Jerusalem bis Ramle
ebenso neun Stunden und von hier bis Jaffa viertehalb Stunden.



Jaffa.


Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung.

Das heutige Jaffa, das Joppe der Bibel, ist größer, als eine
Abbildung es mir vorstellte. Es liegt am Meere auf einem Hügel, den
es vollständig umhüllt. Von Mitternacht aus, auf dem mohammetanischen
Gottesacker, genießt man den günstigsten An- und Ueberblick, und die
vielen Kugeldächer rufen Gaza ins Gedächtniß zurück. An die Stadtmauern
sind inwendig die elendesten Hütten gebaut.

Die Mohammetaner haben zwei Moscheen. Die eine, mit einem niedrigen
Thurme, steht unten am Meere, einige Schritte vom armenischen Kloster;
die andere, größere oben im nördlichen Stadtviertel. Daneben in Mitte
des Doppelthores, welches auf das Land führt, spendet ein prächtiger
Brunnen sein erfrischend Wasser, wovon auch die christlichen Pilger
fleißig holen. Die Gassen sind unregelmäßig, enge, löcherig, in
der Regenzeit schmutzig. Die Hauptgasse streicht einerseits an dem
griechischen, lateinischen und armenischen Hospizium, andererseits an
dem Hafen als Kai vorbei, und gegen Mitternacht eben davon bis zur
kleinen Moschee. Hier biegt sie sich um, und steigt neben Handwerks-
und Kaufbuden ein wenig gähe hinan, um sich in einen kleinen, ziemlich
ebenen Platz zu öffnen. Hier herrscht besonders viel Regsamkeit, schon
der Fleischbänke willen. Von diesem Marktplatze ziehen gegen Morgen
drei Gassen: die eine zu den Getreideläden, einem großen Kaffeehause
und zur großen Moschee; die andere und mittlere zum Thore auf das Land;
die dritte als Nebengäßchen zur Stadtmauer. Neben der Hauptgasse, deren
Richtung dem lateinischen ~S~ am nächsten kommt, öffnet sich eine enge
Gasse in den Marktplatz, welche erst gähe zu dem auf der Höhe der Stadt
oder des Stadthügels liegenden Festungsschlosse hinauf-, von diesem
aber herabsteigt. Die Gassen auf dem Gipfel und im südlichen Theile der
Stadt sind, mit Ausnahme der letztern Gasse, ziemlich menschenleer, und
verdienen auch keine nähere Würdigung.

Der Hafen, wenig Rührigkeit darbietend, ist eher eine Rhede, schlecht
und klein, von Klippen umfangen, für größere Schiffe unzugänglich. In
der Rhede lagen bei meiner Ankunft fünf Schiffe vor Anker; auf offener
See in viertelstündiger Entfernung eine griechische Brigg[6].

Wie soll ich muthmaßen, daß die Stadt von 5000 Menschen bevölkert sei?
Ich bin, wie in Jerusalem, so auch hier mit nackten Muthmaßungen
über die Zahl der Bevölkerung, ohne über sichere Angaben gebieten zu
können, selber vielleicht am meisten unzufrieden, und ich würde diese
mit großem Vergnügen verzeichnen, wären sie nur erhältlich gewesen.
Haben die ungefähren Ansichten von der Volkszahl weiter keinen Werth,
so mögen sie doch als Wink dienen, andern Angaben nicht sicher zu
vertrauen. Die Anzahl der Christen ist nicht geringe; die Lateiner
und Maroniten zählen aber bloß 340 Seelen. Die Christen bewohnen den
untern oder Hafentheil der Stadt, in welchem am Sonntage viele Läden
geschlossen waren.


Jaffa, wie es ehemals war.

Ich will keine Geschichte von Jaffa liefern; nur kann ich mich nicht
enthalten, drei Schriften aus der jüngern Vergangenheit Auszüge zu
entheben.

„Jetziger Zeit“ (1581), sagt +Salomo Schweigger+, „ist keine Behausung
mehr vorhanden, denn auf einem nicht gar hohen Berge zwei Gebäu, groß
und weit, ziemlich stark. Darinnen eine türkische Besatzung etlicher
Araber von wegen der Anlände aus Egypten. Sonst sieht man am Berge
etliche alte Gewölbe. Die meiste Waare, so dahin gebracht wird aus
Egypten, ist Salz und Reis. Dagegen ladet man Oel. Haben derhalb keine
Herberg funden, sondern mußten unterm freien Himmel für gut nehmen im
Sande zunächst am Meere.“

Vernehmen wir +de la Mottraye+: „Nach einer Fahrt von sechszehn Tagen
und nach verschiedenem Ungemach kamen wir den 19. Merz 1697 auf der
Rhede vor Jaffa an. Dieser Ort ist von so vielen Reisenden beschrieben,
daß ich mich der Mühe überheben kann, eine neue Beschreibung davon
zu geben, zumal da derselbe jetzt kaum mehr den Namen eines Dorfes
verdient. Von dieser uralten Stadt ist nichts mehr übrig, als ein
großer, halb eingefallener Thurm, und zwei kleinere, die noch ganz
sind, auf dem Gipfel eines benachbarten Berges, und einige in den Berg
gegrabene Höhlen; denn Häuser sind es wahrlich nicht. Nur eine Herberge
für den Fremden, welche den Namen eines Hauses verdient, steht am Ufer
des Meeres. Der Hafen ist nicht sonderlich, und wird, aus Mangel der
Unterhaltung, von Tage zu Tage schlechter. Einige Spuren von dicken,
wohl zämentirten Mauern, die nicht weit vom Ufer aus dem Wasser
hervorragen, scheinen die Ueberbleibsel eines Dammes oder Molo zu
sein, der noch heutzutage sehr nützlich sein würde, um den Nordostwind
abzuhalten, welcher die Gebäude hier ziemlich in Gefahr setzt, wenn er
heftig weht.“

+Jonas Korte+ fand vor bald einem Jahrhunderte (1738) in Jaffa
ein Haus, Hospiz genannt, worin beständig ein Pater und Frater vom
Franziskanerorden sei, und sagt dann weiter: „Das Hospizium, darin
ich war, gehört auch den ~Patribus de Terra Sancta~. Es liegt just am
Meere, und man steigt nur etliche Stufen dazu hinauf, und ist an einen
Berg, worauf die Stadt meist liegt, angebauet. Die Kapelle und ein
paar Kammern waren auch in den Felsen oder Berg hineingemacht und also
schön kühl. Die Herren Patres behaupten, dieses Haus stehe an derselben
Stätte, wo +Simon+, der Gerber, gewohnt, und wo +Petrus+ das Gesicht
oder Offenbarung gehabt, wiewohl man mit Augen sehen kann, daß die See
viel von dem Berge abgerissen, und Stücke von den alten Stadtmauern und
Thürmen über zwei Steinwurf in der See liegen.“


Die Tageslänge.

Wenn man einmal Reisender ist, so richtet man die Aufmerksamkeit
auf alle Verschiedenheiten, notabene auf alle, die Einem nicht
entschlüpfen. Außer den Temperatur- und Witterungsverschiedenheiten
wird man in Syrien unter dem 32. Grade nördlicher Erdbreite einen
bedeutenden Abstand in Bezug auf die Tageslänge wahrnehmen. Ich hielt
mich während des kürzesten Tages in Jaffa auf, und sieben Uhr Morgens
schon und noch fünf Uhr Abends konnte man an einem hellern Orte leicht
lesen.

Für die Klöster im jüdischen Lande (~Tabula secunda pro Conventibus
Judaeæ sub elevato Polo per gradus 32~) liegt eine gedruckte Tabelle
vor mir, worauf in der Regel von sechs zu sechs Tagen die Zeit des
Sonnenauf- und Untergangs durch das ganze Jahr angegeben ist. Ich
will am liebsten die Tabelle selbst redend einführen, da sie, längst
ansäßig in Syrien, mir aus einer Verlegenheit helfen und auch Auskunft
ertheilen kann, wie weit der längste Tag seine Flügel von einander
ausspanne. Am kürzesten Tage schläft die Sonne allerdings nicht so
lange, wie bei uns; denn sie steht um sieben Uhr und drei Minuten auf,
und sie legt sich um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten nieder.
Dafür läßt sich die Sonne am längsten Tage zum Aufstehen mehr Zeit,
indem sie um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten aufgeht; und als
wenn sie durch ihren heißen Schein leichter sich erschöpfte, sie nimmt
schon um sieben Uhr und drei Minuten Reiß -- unter.

Und nun denn den ersten beßten Kalender zur Hand, ist eine Vergleichung
der Tageslänge in dem jüdischen und dem Abendlande nicht ebenso
belehrend, als die Betrachtung des Aderlaßmännchens, dem man wohl
Blut, aber den Geist nicht, der auf dem Blute schwimmt, nämlich die
Vorurtheile, opfert?


Witterungsbeschaffenheit.

Während meines Aufenthaltes in Jaffa ließ sich die Witterung im Ganzen
milde an. Viele Leute gingen barfuß; andere badeten sich im Meere. Das
Bedürfniß des Heizens machte sich nicht fühlbar. Die Regentage waren,
nach dem Gefühle zu urtheilen, nicht kälter, als bei uns manche des
Sommers, und zudem nicht so eigentliche, wie die unserigen zu sein
pflegen. Nach kurzem Regen oder Schauer blickte die Sonne zwischen den
Wolkenklößen freundlich hervor. Bei dieser veränderlichen Witterung
wechselte fast jeden Tag das Schauspiel des Sonnenscheins und Regens;
bloß an einem einzigen Tage war die Sonne vom Gewölke allenthalben
verhüllt. Zur Seltenheit sollen Schneeflocken fallen. Ich sah reichlich
schloßen.

Die Regenzeit dieses Landes ist unsere Schneezeit, die Zeit der
Regenlosigkeit unsere Regenzeit. Gott gab uns also zwei Dinge mehr, im
Sommer den Regen und im Winter den Schnee.

Zur Zeit der Regenlosigkeit wird das Erdreich ungemein trocken, und
klafft an vielen Stellen breit und tief von einander. Die Pflanzenwelt
verliert dann das fröhliche Aussehen, welches ihr die Regenzeit, der
eigentliche Frühling, verleiht. Diese Zeit beginnt Ende Wintermonats,
dauert über den Christmonat und Jenner, und der Hornung mag etwa vier
bis fünf Regentage zählen.


Der Meeressturm und der Schiffbruch.

    Nun aber hatte Joppe von Natur aus keinen Hafen und keine Anfurt;
    denn das Ufer war hoch und gähe, auch beiderseits mit krummen und
    rauhen Felsen, daran das Meer heftig schlägt und brauset, wohl
    verwahret.

    +Flavius Josephus.+

    Zu beiden Seiten der Stadt Joppe liegen große Steine und Felsen,
    die aus dem Meere hervorgucken. Die Lage des Ortes und die Gestalt
    der Sachen zeigen an, daß +Andromeda+ hier gewesen und dem
    Wallfische sei vorgeworfen worden, wie die alten Fabeln glaubwürdig
    sagen. Wenn der Nordwind gegen das Ufer geht, so treibt er das
    Wasser über sich, und schlägt es an die Felsen, daß es ein groß
    Getöse gibt, und daß das Meer davon gar ungestüm wird, wenn die
    Wasserwellen zurückfallen. Daher ist es viel gefährlicher am
    selbigen Orte als in den Wüsten.

    +Egesippus.+

Vor meinem Fenster tauchen Klippen aus dem Meere. Schäumend brechen
sich die Wellen an den Felsen, selbst bei anscheinender Meeresstille.

In der Nacht des 28. Christmondes weckte mich so lauter Donner, daß der
Blitz in der Nähe niedergezuckt sein muß. Den Donner begleitete ein
Chor von Geheul der erzürnten See. Wenn die Wogen über die Wehrmauer
platschten, bebte unser Gotteshaus. Ich konnte den Schlaf nicht leicht
wieder finden.

Endlich leuchtete mir der Tag auf das furchtbar schöne Schauspiel.
Der Nordwind wühlte in den Wassern. Wäre von dem Meere, wie von einem
Kochkessel, Dampf emporgestiegen, so hätte man sich nicht täuschen
können, daß es in Sud gerathen sei. Die Wogen spritzten ihren
schaumigen Bogen über Mauer und Gasse, über Schiffe und Häuser. Ich
wohnte im Hospiz durch Mauer und Gasse vom Ufer getrennt und über dem
Erdgeschoße im zweiten Stockwerke, und selbst am Fenster ereilte mich
der Sprengwisch des Meeres.

Auf der Gasse schaukelten die Fässer im Meerwasser. Die griechischen
Pilger, sonst jederzeit ziemlich langfingerige Holzaufleser,
rafften abgesprungene Reife im Vorbeigehen zusammen. Mußte doch
den Christusdurstigen selbst der Sturm behilflich sein. Pflaster-
und Mauersteine löseten sich vor der Gewalt. Die Gasse bildete ein
Wassergerinne im Augenblicke, da die Woge überschlug. Wer vorüberging,
war unsicherer, als unter dem Platzregen. Ehe er sich versah, stand er
unter der Meerestraufe. Weiße Flocken flogen zierlich umher -- etwa
Schneeflocken? Es waren vom Winde zerzettelte Bäuschchen schneeichter
Baumwolle. Von einem Hause am Hafen, über dessen Zinne die Wellen
gleichsam scherzend hüpften, flüchtete man Waaren. Schon schwamm Wrack.
Es war der Fingerzeig, daß es Ernst gelte. Richtig wälzten die Fluthen
ein unbemanntes Schiff mit zerknicktem Fockmaste daher. Das Fahrzeug,
gleichsam unwillig über die treulose Rhede, riß sich von den Tauen los.
Dem Beherrscher der Meere, dem Sturme, zu wohlfeilem Preise überlassen,
wippte es sich zuerst unsicher umher, bis es, gegen Mitternacht gleich
an der Stadt, am halbmondigen Strande scheiterte. Im Ausfahren aus der
Rhede riß indeß dieses Schiff das Tau eines andern ab, welches ohnehin
mit genauer Noth sich hielt. Und so kam es, daß bald auch dieses
Schiff flott war, nackt, gleich einem entblätterten Baume, doch noch
mit einiger Bemannung. Grausig, wie der Anblick einer menschenleeren
Brandstätte, war derjenige des erstern entvölkerten Schiffes;
beängstigend ist der Anblick eines der Menschengewalt entzogenen und
der Willkühr des Windes und Wassers dienstbar gewordenen, unstät
umherwiegenden Fahrzeuges, wie der Anblick eines kleinen Kindes, das
mit einem scharfen Messer spielt. Die Mannschaft, welche dem zweiten
Schiffe vertraute, schien ihre Hoffnung auf den Nordwind zu bauen,
welcher nur gegen das Land treiben werde. Wirklich rannte es sich bei
der Stadtmauer fest, ohne den größten Schaden zu erleiden, und gerettet
waren die Schiffleute.

Auf der Stelle bewegte sich eine Last Leute nach den losgerissenen
Schiffen. Eilends mischte ich mich unter die Menge. Ich sah viel Augen
und lauter trockene; die meisten drückten weit mehr Neugierde, als
Theilnahme an dem Unglücke aus.

Abends und in der darauf folgenden Nacht wichen der Macht des Sturmes
noch drei andere Schiffe. Eines ward mit Wuth ans Land geworfen, und
in viele Stücke zerschmettert. Nur +ein+ Schiff trotzte standhaft im
sogenannten Hafen. Der Meeressturm soll seit einem Jahrzehn nie mehr so
heftig geworden sein.

Vor einem Jahre ereigneten sich hier ähnliche Unfälle. Ich sprach in
Jerusalem eine Deutsche, die, wie sie sagte, einzig durch Zufall ihr
Leben davon brachte; manche Habseligkeiten gingen über dem Schiffbruche
zu Grunde.

Es wäre vielleicht unschwer, in Jaffa einen Hafen anzulegen. Die Araber
kennen freilich den Gemeinsinn, der solche nützliche Einrichtungen ins
Dasein rufen würde, nicht mehr, und laufen lieber alle Jahre Gefahr,
Schiffe und Leute zu verlieren. Die Reisenden erzählen einstimmig,
daß die Menge gescheiterter Fahrzeuge an der phönizischen Küste in
Erstaunen und Grausen setze. Wer aber gleichgültig genug ist, für die
Gesundheit seines Beines keine Sorge zu tragen, klage denn auch nicht,
wenn dasselbe, wegen der Unheilbarkeit, abgeschnitten und mit einem
hölzernen vertauscht wird.


Gesundheitszustand.

Die Witterung übt im Ganzen keinen ungünstigen Einfluß auf die
Bewohner. Man sieht viele Graubärte und alte Weiber. Spaß bei Seite, je
mehr es alte Weiber in einem Lande gibt, desto gesunder ist es.

Um in den Gesundheitszustand der Jaffaner einzutreten, so sah ich im
Todtenbuche der Lateiner und Maroniten nach. Die Kopfzahl der Gemeinde
beträgt, wie ich oben anführte, in runder Summe 340. Die Pfarrkinder,
unter der Seelsorge des Hospiz, sind beinahe lauter Eingeborne mit all’
der morgenländischen Tracht, Sitten, Gebräuchen, Gewohnheiten, der
geistigen und sittlichen Erschlaffung. Obschon das Todtenbuch Manches
zu wünschen übrig ließ, indem, statt genauer Verzeichnung des Alters,
meist nur eine runde Zahl mit den Worten „~plus minusve, circiter~“
(mehr oder minder, ungefähr) oder „~plus~“ (darüber) genannt war, so
verdiente es in der Hauptsache doch Vertrauen. Aus der Gesammtzahl
der Verstorbenen ließ ich, bei der Berechnung der wahrscheinlichen
und durchschnittlichen Lebensdauer, zwei „~peregrini~“, Fremde oder
Pilger, und ebenso einen Erwachsenen weg, dessen Alter nicht angemerkt
war. In den 9 Jahren 1824 bis und mit 1827[7] und 1829 bis und mit
1833 starben 123 Personen, im jährlichen Durchschnitte 13, und im
gleichen neunjährigen Zeitraum wurden 155, im jährlichen Durchschnitte
16 geboren. Das wahrscheinliche Leben fällt zwischen 5 und 6 Jahre,
und wenn einige, vermuthlich übergangene, Todtgeburten hinzugerechnet
werden, so müßte es noch niedriger stehen.

    Unter 5 Jahren starben           56
    Zwischen 5 und 10 Jahren starben  9
      „     10  „  20    „      „     5
      „     20  „  30    „      „     7
      „     30  „  40    „      „     3
      „     40  „  50    „      „    14
      „     50  „  60    „      „    14
      „     60  „  70    „      „     9
      „     70  „  80    „      „     3
      „     80  „  90    „      „     3
                            ---------------
                                    123

Das höchste Alter (einer Frau) ging auf 84 Jahre. Der lateinische
Schullehrer, ein geborner Palästiner, der mich durch verschiedene
Mittheilungen über die Sitten und Gebräuche des Landes zu steter
Erkenntlichkeit verpflichtete, ist mein Gewährsmann für die Angabe,
daß unlängst ein mehr denn hundertjähriger Grieche gestorben sei, und
es sollen auch Mohammetaner 120 Jahre alt geworden sein. In diesem
Punkte aber darf man nicht schlechthin glauben; denn Verzeichnisse der
Todtenbücher gehen ab, und man knüpft die Geburtszeit etwa an eine
merkwürdige Begebenheit. Ließ ich in Egypten nach dem Alter eines
Kranken fragen, so erhielt ich meist zur Antwort, daß man es nicht
wisse.

Die 123 Verstorbenen besaßen zusammen ein Alter von 2873 Jahren, 3
Monaten und 5 Tagen, was einen Durchschnitt von 23 Jahren gibt.

Folgendes ist das Verhältniß der Verstorbenen nach den Monaten:

a) in den 16 Jahren 1808 bis 1823:

Jenner 3; Hornung 14; Merz 2; April 8; Mai 9; Juni 8; Juli 7; August
5; September 11; Oktober 15; November 11; Dezember 7. Summa 100.
Jährlicher Durchschnitt 6.

b) in den 10 Jahren 1824 bis 1833 (nebst den zwei Pilgern und dem
Erwachsenen ohne Altersangabe):

       ----------+----------+-----+------+----+-----+
       Jahre.    |Jan.|Febr.|Merz.|April.|Mai.|Juni.|
       ----------+----------+-----+------+----+-----+
       1824      |  0 |   0 |   1 |    1 |  0 |   2 |
       1825      |  0 |   0 |   1 |    0 |  1 |   2 |
       1826      |  1 |   0 |   4 |    0 |  1 |   0 |
       1827      |  3 |   0 |   1 |    1 |  4 |   3 |
       1828      |  1 |   0 |   2 |   12 |  6 |   0 |
       1829      |  1 |   0 |   1 |    1 |  0 |   0 |
       1830      |  0 |   1 |   6 |    0 |  2 |   0 |
       1831      |  2 |   0 |   0 |    0 |  1 |   3 |
       1832      |  0 |   2 |   0 |    0 |  2 |   2 |
       1833      |  3 |   0 |   1 |    1 |  2 |   1 |
       ----------+----+-----+-----+------+----+-----+
       Mit 1828  | 11 |   3 |  17 |   16 | 19 |  13 |
       ----------+----+-----+-----+------+----+-----+
       Ohne 1828 | 10 |   3 |  15 |    4 | 13 |  13 |
       Und obige |  3 |  14 |   2 |    8 |  9 |   8 |
       ----------+----+-----+-----+------+----+-----+
       Zusammen  | 13 |  17 |  17 |   12 | 22 |  21 |
       ----------+----+-----+-----+------+----+-----+

    ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+
    Jahre.    |Juli.|Augst.|Sept.|Okt.|Nov.|Dez.|Summa.|
    ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+
    1824      |   1 |    2 |   0 |  1 |  2 |  1 |  11  |
    1825      |   0 |    0 |   2 |  0 |  1 |  0 |   7  |
    1826      |   1 |    3 |   0 |  0 |  3 |  2 |  15  |
    1827      |   1 |    1 |   0 |  0 |  2 |  0 |  16  |
    1828      |   0 |    0 |   0 |  0 |  0 |  1 |  22  |
    1829      |   0 |    0 |   1 |  1 |  3 |  2 |  10  |
    1830      |   0 |    1 |   2 |  1 |  3 |  8 |  24  |
    1831      |   1 |    3 |   5 |  3 |  0 |  0 |  18  |
    1832      |   1 |    1 |   0 |  0 |  0 |  1 |   9  |
    1833      |   1 |    2 |   0 |  0 |  1 |  4 |  16  |
    ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+
    Mit 1828  |   6 |   13 |  10 |  6 | 15 | 19 | 148  |
    ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+
    Ohne 1828 |   6 |   13 |  10 |  6 | 15 | 18 | 126  |
    Und obige |   7 |    5 |  11 | 15 | 11 |  7 | 100  |
    ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+
    Zusammen  |  13 |   18 |  21 | 21 | 26 | 25 | 226  |
    ----------+-----+------+-----+----+----+----+------+

Die heißesten Monate zeichnen sich in Jaffa durch die Menge der
Todesfälle keineswegs aus. Der Jenner erscheint am unschuldigsten;
nach ihm der April. Dagegen sind die vier letzten Monate des Jahres
die reichsten an Todten; vor allen der Wintermonat, in welchem der
Uebergang zu einer kältern Jahreszeit sich besonders merklich macht,
und welcher der erste ganze Regenmonat ist.

Im verwichenen Weinmonate herrschte, wie in Gaza, auch hier die
indische Cholera, doch richtete sie keine große Verheerungen an,
indem ihr bloß 40 bis 50 Opfer fielen. Indeß aber die Pest Jerusalem
heimsuchte, litt Joppe nichts von dieser Seuche.


Auf dem Hospizdache.

In mehreren Stufen erheben sich die Plattdächer des lateinischen
Hospiz. Sie sind mit einer Brustwehr versehen, und weißer, beinahe
glänzender, sehr fester Mörtel überkleidet dieselben, auf daß der Regen
nicht durchdringe. Die Fußböden der Häuser haben im Morgenlande nicht
selten einen Ueberzug von Pflaster (~pavimentum~), welches mit kleinen
Steinchen von verschiedener Farbe durchsprengt ist. Wenn es hart
geworden, so werden diese Steinchen abgeschliffen und der Boden bekommt
dann ein schön glattes, lebhaft marmorartiges Aussehen.

Die Plattdächer sind zugleich ein angenehmer Spazierplatz. Mit
Entzücken betrachtete ich auf dem Hospizsöller in Ramle den Gebirgszug
von Juda bis zum Ephraim, die fruchtbare Ebene im Umkreise und
die Tempel und Wohnungen der Stadt. Oft weilte ich in Jaffa auf
dem Söller des Hospiz, einmal in singender Gesellschaft, manchmal
neben einem Ordensmanne in seiner röthlichen, groben Kutte und mit
dem herunterbammelnden Kreuze, andere Male allein, bis ich den Ruf
zum ~mangiare~ (Essen) vernahm; oft rollte ich mein Auge auf das
Gebirge, insbesondere gegen Mitternacht auf den Ausläufer ins Meer,
den man mir als den Karmel bezeichnete; oft sah ich dem Getriebe der
griechischen Pilger und dem Spiele der Meereswellen zu; oft suchte ich
mit vergebener Sehnsucht das Fahrzeug meines Hauptmannes, mit dem ich,
man verzeihe mir die Wortwendung, das heilige Land verlassen könne.
Ich möchte Niemand glauben machen, daß die Sonne schöner unterging,
als in unserer Gegend während der Sommermonde; jedenfalls schloß ich
mit herzlicher Freude den Tag vor den letzten Blicken der himmlischen
Tochter. Wenn diese in die hohe See sank, so sank auch ich ins Meer --
meiner Gedanken, Gefühle und Entschließungen. Vergäße ich Alles von
Palästina, so bliebe mir der Lieblingsort auf dem Hospiz zu Jaffa in
süßer Erinnerung.

Es wäre Undank, wenn ich die Wohlthätigkeit der Klöster und Hospizien
in Judäa nicht anerkennen würde. Sie sind die willkommtnen Herbergen
und Zufluchtsorte der Reisenden und Pilger, ohne behaupten zu wollen,
daß das Leben in den arabischen Khan nicht leicht erträglich wäre. Die
Hospizien aber und die Klöster sorgen für eine Menge Bequemlichkeiten,
welche sonst der Europäer entbehren müßte. Ueberdies bringe ich noch
die Sprache in Anschlag, die Gelegenheit, die Gedanken auszutauschen,
weil den wenigsten fränkischen Reisenden das Arabische geläufig ist.


Das Bauernhäuschen.

Nachdem ich meinen Mittagstisch zu mir genommen hatte, ergriff ich
meine Peitsche, die gewöhnliche Waffe des fränkischen Fußgängers, um zu
lustwandeln.

Wenn ich durch das lange Thor der Stadt ziehe, so sehe ich fast jedes
Mal etwas Neues. Diesmal ergötzte mich die über meinem Wege grün
emporrankende Rebe. Noch einen Tag, und es beginnt das Weihnachtsfest
und für den Mann des Nordens war dieses grüne Ding etwas Einziges.

Die Blumen schillerten im Grün der Au; die Schwalben und andere
Vögel des Himmels lobten in angenehmen Weisen den Herrn; ein weißer
Schmetterling schwenkte im bebernden Fluge ab. Ach, dachte ich bei
mir selber, so viel Herrlichkeiten der Natur, womit sie den Lenz
ausschmückt, umgaukeln deine Sinne. Wie magst du in der Klosterzelle
dich länger abhärmen? Gehe öfter hinaus in das Freie, und verschließe
dich nicht vor dem köstlichen Genusse, welchen die gütige Natur so
gerne einem Jeglichen darbietet.

Indem ich den Weg nach Gaza einschlug, erblickte ich links mehrere
Schilfhütten. Ihre Gestalt glich einer Halbkugel, und sie waren
nicht höher, als anderthalb Mann. Ich guckte nur ein wenig in eine
der Hütten. Da hockte ein Weib inmitten der Hausgeräthe auf dem
Boden in einem so engen Loche, daß für Jemand anders wenig Raum mehr
gewesen wäre. Ich warf zuletzt der von Stroh geflochtenen Thüre einen
flüchtigen Blick zu, und setzte meinen Spaziergang fort.

Am Wege nach Gaza, ungefähr eine kleine Viertelstunde von Jaffa, kommt
man zu einem Weiler von gemauerten Bauernhütten. Das freundliche
Dörfchen umringten Mandelbäume, die eben in Blüthe gingen. Zwischen den
Häuschen arbeitete ein Bauer auf dem Felde. Er behieb mit einer Axt die
blätterlosen Feigenbäume. Die Axt war wie die unsrige, nur schlanker
gegen das Oehr. Diese Beilart fiel mir hier auf, weil ich eine solche
auf meinen Wanderungen im Morgenlande nie wahrgenommen hatte. Das
Schlichtbeil des Zimmermannes z. B. sieht aus wie unser Hammer, mit
dem Unterschiede, daß der abgeplattete breite Theil scharf, und das
ganze Werkzeug größer ist. Muß denn ein Baum geschlichtet werden, so
darf man, wegen der vor dem Stiele queren Richtung der Schärfe, den
Baum nicht aufheben, und ihn somit in einiger Höhe bearbeiten, sondern
er kann mit diesem Werkzeuge aus dem Boden bequem behauen werden.
Desgleichen braucht der Holzhacker kein anderes Werkzeug, als diesen
Hauhammer, richtet aber viel minder aus, als ein abendländischer. Dabei
ist freilich nicht zu vergessen, daß stämmiges Holz hier zwar weniger,
wie in Egypten, doch immerhin zur Seltenheit gehört.

Ich wußte nicht recht, wie ich es anfangen solle, damit ich in eine
Hütte gelassen werde. Die Frage nach Milch führte mich nicht zum
Zwecke, weil keine zu erhalten war. Oft bringt das stumme Geld Rath,
wenn man sich keinen mehr weiß. Ich zeigte dem Bauer, welcher die Bäume
behieb, eine kleine Münze, und fügte in meiner Geberdensprache bei,
daß ich in seine Wohnung eingehen möchte. Eine grüne Hecke verbot mir
den geraden Weg dahin; derselbe aber deutete mir den Umweg, den ich
unschwer fand.

Das Häuschen bildete ein Viereck. Die Mauern, theils von Stein und
Mörtel, theils bloß von einer Art Mörtel und viel besser, als in San
Pietro di Nembo, halten Wind und Regen ab, und ihre Höhe mochte etwa
zehn Fuß messen. Der Eingang, oben abgerundet, öffnete sich gegen
Südost und so hoch, daß er dem Eintretenden die Bücklinge ersparte.
Das etwa einen Fuß dicke Dach gestaltete sich nur insofern zu einer
Wölbung, als die obern Kanten der Dachdicke fehlten. Um zur Bauart des
Daches überzugehen, so liefen Stützbalken und Sparren wagerecht von
einer Mauer zur andern. Die Zwischenräume, welche das Balkengerippe
übrig ließ, waren von kleinern Baumästen und von Heckengesträuche
ausgekleidet. Darüber lag eine Schichte von Erde. Daher kommt es, daß
die Dächer, wie die Wiesen, grünen, und so eben keimte das zarte Gras
auf dem Hausdache. Ich nahm es sinnbildlich und las: „Mögen immer
Friede und Freude in dem Hause grünen“, und mir schien es ungefähr so
sinnig, als wenn darauf der alte Satz der aufrichtigen, guten Schwaben
und Schweizer geschrieben gewesen wäre: „Dieses Haus steht in Gottes
Hand.“ Eigentliche Dachrinnen sind an dem palästinischen Häuschen
nicht angebracht, wohl aber gegen Morgen und Mittag etwa drei kurze,
röhrenförmige Ziegel, welche dem Regen leichtern Abfluß verschaffen
sollten. Die Wandung neben der Thüre war recht einladend. Auf rothem
Grunde figurirten weißfarbige Händeabdrücke: eine Malerei, die an einem
arabischen Bauernhäuschen etwas heißen will.

Ich betrat dann das Innere der Wohnung durch eine von Holz nicht übel
gezimmerte Thüre, die mit einem hölzernen Riegel gesperrt wird, und
nach innen sich aufschließt. Jene bestand aus einem einzigen Raume oder
Gemache. Ungefähr drei Fuß von der Thüre erhob sich der Boden in einem
Absatze etwa um einen halben Fuß. Der Boden war durchaus von Erde, aber
fest gestampft. Weder Mauer, noch Dach hatten eine Oeffnung für Licht
oder Rauch. Dazu hilft die Thüröffnung aus. Die Wand der Mauer war
mit einer rothen Farbe überzogen, in der ebenfalls die weißen Flecken
vom Andrücken der Handflächen, eines neumodischen Pinsels, spielten.
Den Raum wollen wir, der Bequemlichkeit willen für abendländische
Anschauung, in Stube, Kammer, Küche, Holzschuppen, Getreidehalle
und Mühle eintheilen. Jeder übrige Platz wird benützt, um sich da
aufzuhalten, da zu essen, da zu arbeiten.

An der einen Mauerwand ragte ein kleines, aufgemauertes, hohles
Gestelle hervor. Darin saß als Lampe ein schalenförmiges Gefäß mit
einer Schnauze für den Docht. Daneben stand, ebenfalls auf einem
Mauergestelle, ein Oelkrug. An einer andern Wand war ein Gestelle
gemauert, worin Nähzeug stak. Weder ein Tisch, noch Stühle oder Bänke,
nichts dergleichen, versteht sich, fand sich vor.

Ich schaute nach der Stelle, wo die Leute sich schlafen legen. Sie
war durch nichts angedeutet. Alte Kleider und diejenigen, welche die
Leute tragen, dienen zur Bettung; der Boden in der Nähe einer Wand,
wo am meisten Platz ist, ersetzt die Bettstelle. Jammern ja nicht
die Verweichlichten über eine solche Armseligkeit. Von Kindheit an
auf keinem andern Lager, würden diese Leute auf dem erhitzenden und
kitzelnden Polster der Federn mit Schwierigkeit zum Schlafe gelangen.

Fast mitten in der Wohnung ist ein kleiner Raum auf drei Seiten, vom
Boden an, nicht hoch ummauert, selbst etwas zierartig, indem die Ränder
in Zähne sich endeten, -- das war der Kochofen, rings die Küche.

In einem Winkel neben der Thüre lag dürres Buschwerk. Vor diesem
bläheten sich ungeheure, faßartige Töpfe auf, zwei an der Zahl.
Meine Neugierde wollte wissen, was der Inhalt derselben sein möchte.
Der Hauswirth, ohne Mißtrauen gegen mich, nahm daraus gereinigtes,
geschältes Getreide. Wenn die Bauern hier solche Vorräthe besitzen, so
stehen sie nicht hinter manchen schweizerischen Webern zurück, welche
vom Arbeitsherrn zum Voraus einen Theil des Lohnes beziehen, damit sie
die Kosten für ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dieser Bauer,
welcher das schönste Häuschen im Dörfchen bewohnte, schien indessen
einer der wohlhabendern. Meine Beschreibung darf daher nicht strenge
als Maßstab zu Beurtheilung der Bauernhäuschen gelten.

Wir lassen ja nicht unberücksichtiget den letzten Bestandtheil der
Wohnung, einen Theil, der auch in andern Häusern selten fehlen wird:
die Mühle. Gleich wenn man zur Thüre eintritt, liegen die Mühlsteine,
ähnlich jenen in Lossin piccolo, vor den Füßen und nur ein paar Ellen
weit von dem Kochofen.

Ich traf in dem Häuschen bloß den Bauer, ein Weib und ein Kind. Der
Gebieter machte eine etwas saure Miene, schien jedoch guten Gemüthes
zu sein. Das Weib trug einen Schleier. Nach dem, was ich vom Gesichte
erblicken konnte, und dafür zeugten auch die Hände und Arme, hielt
ich die Frau für jung und für nicht häßlich. Ein Knabe, von etwa
zehn Jahren, mit Schmutz bedeckt, der ihm vielleicht von Geburt an
anhänglich blieb, überdies aufgedunsen wie ein geschlachtetes --
Zicklein, stand neben der Mutter. Die Kinder fürchten in der Regel
die Franken ärger, als Vögel die Scheuchen. Ging ich auf der Straße,
so wichen sie oft auf die Seite, etwa hinter einen Baum, wie der
Furchtsame, welcher unter das Laubwerk flieht, um nicht vom Blitze
berührt zu werden. Sind denn aber unsere Kinder, obwohl unter dem
steten Einflusse der Gesittung und Weltaufklärung, in diesem Stücke
besser? Es sollte ein Türke in einem Bergdorfe sich herumtreiben, wie
sehr würden sie von Furcht ergriffen. Mich wunderte, daß der Knabe im
Bauernhäuschen seinen Mund noch nicht verzerrte. Ich liebkosete ihn an
den Wangen, und der Himmel war immer noch heiter. Da zogen sich auf
einmal Regenwolken über dem Antlitze zusammen, und ich merkte bald auch
am Knaben, daß die Regenzeit herrscht. Die lang dauernde gute Witterung
durfte ich wohl dem Schutzgeiste der daneben hockenden Mutter, welche
Kräuter zur Nahrung zerschnitt, beimessen. Daß ich nirgends ein
Kochfeuer, nirgends einen Geruch von Speisen wahrnahm, leitete mich
auf die Vermuthung, daß die Leute das Fastengesetz +Mohammets+ strenge
beobachten; denn schon vor etlichen Tagen verkündigte der Donner der
Kanonen den Anfang des Fastenmonates.

Der palästinische Bauer scheint mir wohler zu stehen, als der
egyptische. In der Saronebene trägt der Boden unermüdlich Früchte, ohne
gedüngt zu werden. Diese sind Eigenthum des Anbauers, welcher selbst
sie an den Mann bringt.


Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth.

So eben baut man über den Ruinen an der Küste und bei den Mauern
von Jaffa, gegen Mittag, eine Kontumazanstalt. Sie zerfällt in zwei
Abtheilungen. Die obere enthält vierzehn Zimmer oder Häuschen.
Jedes Zimmer, geräumig und hoch, hat Läden für das Licht und zwei
Thüren, die eine gegen den Hof (Mitternacht) und die andere gegen
die Einfangsmauern (Mittag). Es wäre nicht am Platze, die Anstalt
weitläufig zu beschreiben. Ich bin überzeugt, daß sie, unter übrigens
günstigen Umständen, ihren Zweck nicht verfehlen wird, obschon an ihr
Mehreres ausgestellt werden dürfte. So wurde ein Theil des griechischen
Leichenackers in den Umfang des Gebäudes gezogen, in welchem
wirklich einige Leichensteine hervorragen. Für die Unreinigkeiten
sind einige, aber ungenügende Einrichtungen getroffen. Unten besitzt
die sonst ziemlich hohe Einfangsmauer Stufen, daß man sie leicht
überklimmen kann, wenn man von innen aus Hilfe bekommt. Will man das
Quarantänegebäude gleichsam vollpfropfen, so wird es 500 bis 600
Bewohner zählen.

Dir Anstalt soll vorzüglich für die christlichen Pilger bestimmt sein.
Ich hörte aus mehr, als einem Munde, daß in Beirut, wohin dieselben
sich begeben mußten, die Kontumazirenden sehr schlecht gehalten und
himmelschreiend geprellt wurden, und man betheuerte sogar, daß mehrere
Pilger in der dasigen Quarantäneanstalt wegen schlechter Verpflegung
eine Beute des Todes wurden.

Gott behüte Jeden davor, daß er einen Lebensabschnitt in einem
Pestlazareth vergähnen muß. Wirft aber Jemand das unerbittliche
Schicksal in +dieses+ Gefängniß, so genießt er doch die Aussicht auf
die Stadt und das Meer, und er wird von frischer Luft angeweht. In
El-Arysch wäre ich über eine Unterbringung, wie man sie hier erwarten
darf, überaus froh gewesen. Das Lazareth wird vorzugsweise demjenigen
willkommen sein, der von Egypten aus nach Jaffa zu reisen gedenkt; denn
seit der Errichtung einer Quarantäne in Beirut mußte er sich den Umweg
über diese Stadt gefallen lassen.

Die pfiffigen Egypzier wußten die noch nicht völlig ausgebaute
Quarantäne schon zu einem Nebenzwecke zu benützen. Es rückte ein
Bataillon Fußsoldaten, auf ihrem Zuge nach Egypten, in Jaffa ein, und
man war nicht verlegen, so viel Mannschaft, als nur thunlich, in der
Quarantäne Obdach anzuweisen.


Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich...; der Jaffaner.

Die Kirche des Hospizium steht im zweiten Stockwerke, und von Morgen
dem Zimmer des Pater Superior gegenüber. Obwohl klein, ist sie doch ein
artiger Bau mit einigen schönen Gemälden. Ich wohnte in derselben dem
Gottesdienste mehrere Male bei, und ich mußte mich über die geringe
Anzahl der Anwesenden, im Verhältnisse zur Bevölkerung der Gemeinde,
verwundern. Wenig feierlich schien mir die gottesdienstliche Handlung
wegen des Marktgeschreies einer Handorgel, wenn man mir diesen Ausdruck
erlaubt. Der Araber, welcher zwischen den Tönen verschiedener Orgeln
kaum unterscheidet, und die Gassenorgeln unserer Straßensänger nicht
kennt, wird mit mir den übeln Eindruck schwerlich theilen. Lieber hörte
ich das Klosterglöckchen, welches mit bescheiden hellem Klange die
Gläubigen zur Andacht aufforderte.

Als ich einmal die Kirche besuchte, sah ich zwei Levantinerinnen
kommuniziren. Sie waren in einen großen, weißen Schleier gehüllt. Der
Priester reichte in seiner feierlichen Amtskleidung ihnen die Hostie.
Wie sehr befremdete mich, unter dem großen Kopfschleier einen schwarzen
Schleier vor dem Gesichte der Morgenländerinnen gewahr zu werden,
den sie doch beim Kommuniziren lüften mußten. Mühsam langten andere
in die Kirche tretende Frauen unter dem Schleier hervor, um sich mit
Weihwasser zu besprengen.

Auf der Gasse begegnete ich ebenfalls weißen Damen, die in einen
Schleier völlig verhüllt waren. An diese Maskerade war ich freilich
gewöhnt, aber nicht daran, daß es an derselben rasselte. Ich spähte
zuerst immer umher, und nichts gab Stoff, das Gerassel zu erklären.
Endlich glückte mir der Aufschluß: Es rasselten die unsichtbaren
Goldstücke, welche um das Haupt angelegt waren. Wird unsern
Jaffanerinnen, unsern Araberinnen die belebende Hoffnung, mit den
unverhüllten Gesichtchen die Männer zu bezaubern, so grausam geraubt,
-- billig läßt man ihnen doch den Geschmeidekram und +den+ Ersatz, daß
sie +frei+ durch den Schleier sehen und schmarotzen, während umgekehrt
die züchtige und ziererische Abendländerin mit dem +offenen+ Auge
im Freien nur spärliche Blickchen sich erlaubt. Hinwieder erdenken
die Schönen Europas, wer möchte es leugnen? auch Manches, um sich
bei den Männern einzuschmeicheln, und es erschließt sich ihnen ein
um so weiteres Feld, als sie mit letztern die unschätzbare Freiheit
und Gleichheit der Gesichts -- öffentlichkeit genießen. Und nicht
zufrieden, nur das Auge zu entzücken, sie suchen auch das Ohr zu
fesseln, und geben sich gar viel Mühe, mit Wohlgerüchen zu berauschen.

Die morgenländischen Christenmänner, welche der Bauernklasse nicht
angehören, sind durch Schönheit ausgezeichnet. Ruhig brennet das
schwarze Auge; auf dem ganzen Antlitze liegt der Ausdruck der Ruhe,
der Bedächtlichkeit, der Unterwürfigkeit, der Schlenderei. Groß von
Leibe, haben sie etwas Stattliches in ihren faltigen Gewändern, und
mir schien, als wären sie auf ihren hochwulstigen, schief um das Haupt
gewundenen Turban stolz. Sogar während des Gottesdienstes tragen sie
auf dem Boden hockend den Turban, und bloß bei der Wandelung heben die
Wenigsten ihn ab, wodann man ihre häßlichen Schurköpfe erblickt. Dafür
werfen sie sich gottesfürchtig nieder, indem sie selbst mit der Stirne
den Boden berühren.

Auch in Jaffa hält man den morgenländischen Christen für schlimmer,
wenigstens für unredlicher, als den Türken. Bei einem Schneider, einem
morgenländischen Christen, ließ ich an einem Kleide umändern. Er
entwendete von meinem Tuche so viel, als er nur konnte, was schwerlich
ein Kleidermacher im Lande des Niederganges gethan haben würde. Dabei
stellte jener für die äußerst schlechte Arbeit eine unverschämte
Forderung, und ich darf versichern, daß ich selten einen verstocktern
Schuft antraf. Andere Züge will ich auf einen andern Ort versparen.


Die Pilger.

Die Bombarda (eine Art Fahrzeug), worauf ich mich begeben sollte,
brachte christliche Pilgrime. Auch auf andern Schiffen langten solche
in Jaffa an, und eines Tages zählte ich zwölf Schiffe, theils in,
theils außer dem sogenannten Hafen. Die Menge christlicher Pilger
belebte den Kai. Man ergötzt sich an ihren verschiedenen Trachten,
welche der französischen schon ein wenig ähneln. So nenne ich die
häufigen Schürzen oder Halbröcke, welche diesen Gegenden fremde sind.
Einige tragen Regenschirme, die ich in Egypten nie und zum ersten Male
wieder in Jerusalem zu Gesichte bekam. Die Pilger schleppen ungemein
viel Gepäcke, auch einen beträchtlichen Mundvorrath mit sich. Es
wird dasselbe in dieser Hafenstadt, manchmal nicht ohne Zänkereien
der Pilger sowohl unter sich, als mit dem Kameel- oder Eseltreiber,
auf Kameele, Esel oder Maulthiere geladen, um es nach Jerusalem,
dem Wallfahrtsorte, zu befördern. Die Pilger, der größten Zahl nach
Christen aus der europäischen Türkei, werden bis auf 10,000 geschätzt,
die alljährlich durch Jaffa ziehen, und hier im griechischen oder
armenischen Kloster mehr oder minder lange beherbergt werden[8]. Das
Wallfahrten der griechischen Christen dauert bis Ostern, nicht ohne
Meeresgefahren[9]. Ein Mönch aus Krakau, welcher nach mir in Jaffa
eintraf, erzählte mit Schrecken von seinen Erlebnissen, und freute sich
mit kindlichem Herzen, daß er nun auf festem Boden fußen könne.


Die arabische Knabenschule der Lateiner.

Oefter besuchte ich die Schule am Hospizium. Das Zimmer ist ziemlich
dunkel und eher enge, aber ein hohes Gewölbe. Vorne, der Thüre
gegenüber, hing an der Wand ein Frauenbild. Zur einen Seite desselben
las man das mit großen lateinischen Buchstaben geschriebene ~ROMA~ und
zur andern ~Carta GO~ (wahrscheinlich Landkarte). Den Raum schmälerte
kein Tisch, außer dem für den Schulmeister; zu beiden Seiten des
Zimmers war eine niedrige Wandbank angebracht, auf welcher die Schüler,
beiläufig zwanzig, lauter Knaben, unordentlich saßen oder hockten.
Sie hatten an der Hand oder auf den Knieen Blätter oder Bücher vor
sich, aus denen sie mit schaukelndem Leibe nach einer eigenthümlichen
morgenländischen Weise (Melodie) laut schreiend oder leiernd im Takte
lasen. Das Geschrei oder Geleier war so wild, daß man weiter nichts
hörte, als bisweilen das Klopfen mit einem Stocke. Die Unterrichtsart
wurde mir nicht ganz klar. Ich glaube, sie beschränke sich lediglich
auf das Lesen und Auswendiglernen. Einmal las ein Schüler in Gegenwart
des Lehrers und Meisters, welcher verbessernd nachhalf.

Bei meinem ersten Besuche war der Schulmeister nicht gegenwärtig. Ein
älterer Knabe mit übergroßen Stiefeln leitete das Unterrichtsgeschäft.
Eine kleine Ruthe schwang er so häufig über die Kinder, als wären sie
Reitthiere. Am Schlusse des Unterrichtes stellten sich alle Schüler vor
das Frauenbild und hoben einen wilden Gesang an. Ich ging und sagte
den neben der Schulstubenthüre gelagerten Weibern einen Gruß, den sie
wahrscheinlich nicht verstanden.

Die Schulzucht ist ziemlich roh. Wenn ein Knabe durch seine
Fortschritte sich auszeichnet, so wird ihm eine steife Mütze
aufgesetzt. Führt er sich schlimm auf, so wird er auf drei Hauptarten
gezüchtiget. Man legt ihm das Zerrbild eines Esels um den Hals und
nennt ihn +Eselführer+ (~muchero~). Oder man ertheilt ihm Klappse auf
die flache Hand mit einer hölzernen, gestielten, fein durchlöcherten,
kleinen, doch derben Scheibe. Ein Knabe schien mir nicht übel und
unfleißig in Gegenwart des Schulmeisters zu lesen. Nach hergelesener
Aufgabe bekam der Schüler von dem Lehrer ohne weitere Umständlichkeit
eine Anzahl Schläge, indem letzterer die Worte hinzusetzte: ~Così si
impara~ (So lernt man). Oder auch man mißt Fußsohlenstreiche auf. Das
Bändigungsmittel dazu war an einem Nagel des Schulzimmers aufgehängt.
Es besteht aus einem Knüttel, durch dessen Mitte zwei Oeffnungen in
gegenseitiger Entfernung von etwa zwei Handbreiten gebohrt sind. Die
Bohrlöcher nehmen einen Strick auf, den aber Knoten hindern, damit er
nicht durch dieselben ausschlüpfe. Dieses Mittel wendet man so an: Die
Füße der Knaben werden zwischen den Knüttel und den Strick geschoben.
Jenen ergreifen zwei Gehilfen, jeder ihn an einem Ende. Jetzt drehen
sie den Knüttel um seine Achse, und wickeln den übrigen Theil des
Strickes um ihn herum, so lange, bis der Knebel die Knöchel oder Beine
zusammenklemmt. Nachdem die Knaben solchergestalt die Beine nicht mehr
rühren können, erhalten sie die Tracht Schläge auf die Fußsohlen.

Das Essen wird in der Schule nicht geahndet. Ein Knabe brachte kleine
Rettiche, wovon er auch verschenkte. Einem andern trug man etwas
Gekochtes zu. Er aß es im Vorzimmer des Schulgewölbes, in welchem eben
Schule gehalten wurde.

Die Vergleichung mit dem, was +Salomo Schweigger+ von den Kinderschulen
Konstantinopels aus dem sechszehnten Jahrhunderte überliefert, hat
zu viel Prickelndes, als daß ich es nicht hier beifügen sollte: Die
Kinder, sagt +Schweigger+, werden nicht in solcher harten Zucht und
großen Furcht gehalten, wie die Deutschen, die mit Pochen, Poltern,
Schlagen und Stoßen den Kindern alle Lust zum Lernen nehmen. Die
Schulmeister strafen zwar die Kinder auch, aber mit Bescheidenheit, und
können mit ihnen Geduld haben, welches denn die fürnehmste Tugend an
einem Schulmeister ist. Wenn sie die Kinder schlagen, so schmeißen sie
dieselben auf die bloßen Schuhsohlen mit einem Stäblein und brauchen
die Ruthen nicht, wie bei den Christen bräuchig. Die Knaben haben
eine feindselige Gewohnheit, daß sie durch einander das Lesen laut
verrichten, davon sie sollten toll werden und einander irre machen.
Dabei sitzen sie nicht still, sondern wanken von einer Seite stets auf
die andere wie ein Schlafender oder Trunkener.

Damit stimmt aber nicht völlig überein, was die „Hoffhaltung Des
Türckhischen Keysers“ (1596) von den Knaben des Serai erzählt: Die
Meister und Lehrer haben einen Befelch von dem Türken, daß sie keinen
Knaben mehr, als des Tages einmal schlagen und strafen dörfen, und
mögen keinem mehr, als zehen Streich mit einer kleinen subtilen Ruthen
geben, und wann sie die Jugend mit Ruthen stäupen, geht es also zu:
Sie legen den Knaben nach der Länge auf die Erden nieder, stoßen ihm
die Füß durch einen Stock oder Bret, welches durchgebohrt, und dazu
gemacht, daß sie fest und still liegen müssen. Alsdann geben sie ihm
mit der Ruthen unten auf der Sohlen des Fußes zehen Schläge über die
+Borzachinlein+, das ist, kleine Stiefeln, die sie tragen. Nach dem
lassen sie ihn wieder aus. Und wo der Meister oder Präzeptor einem
mehr, dann zehen Streich gäbe, oder sie ohne des Kaisers Willen und
Befelch stäupte oder schlüge, wird ihm alsbald die Hand abgelöst.


Der Gruß.

Im aufgeklärteren Theile der Welt waltet die Mode, daß man beim
Gruße als Zeichen der Aufmerksamkeit oder Achtung den Hut oder die
Mütze rückt oder, mit einem Worte, das Haupt entblößt. Im Lande der
Turbane wäre diese Mode glücklicherweise eine wahre Pein. Es gäbe
den Morgenländern, wenn sie ihren Turban oder den zusammengedrehten,
in vielen Gängen quer um den Kopf gewundenen Schleier auflösen und
wieder umbinden oder auch nur mit den unsteifen Mützen, die er unten
umfängt, ab- und aufheben müßten, ebensoviel zu schaffen, als den
abendländischen Frauenzimmern, bis ihre zarte Haube über Flechte
und Kamm sich gehörig fügt. Es ist übrigens erstaunlich, daß die
Frauenzimmer, die doch mit keiner Mütze und mit keinem Hute sich und
Andere bekomplimentiren, noch existiren und bei den Männern Gnade
finden.

Wenn hier zwei Männer im Freien zusammenkommen, so legen sie sich
die rechte Hand auf Mund und Stirne. Sind sie einander nahe, so sagt
der Eine, wenn er ein Christ ist: „Gott mit euch“, und der Andere
erwiedert: „Gott erhalte euch.“ Des Mohammetaners Gruß aber lautet:
„Friede sei mit euch,“ und der Gegengruß: „Mit euch sei Friede.“ So
zu grüßen, war früher den Christen verboten. Der Mohammetaner nährte
den Wahn, daß die Nazarener nicht würdig wären, über die Lippen die
erhabenen Worte fallen zu lassen, welche vom Propheten +Mohammet+
verkündiget worden seien. Wiewohl dieser Gruß unter +Mehemet-Ali+ und
+Ibrahim+ geduldet ist, so hören ihn doch die Mohammetaner aus dem
Munde der Christen noch jetzt mit Murren.

Stattet ein Christ dem innigen Freunde einen Besuch ab, so umarmen sich
beide, und küssen einander einmal die Schultern. Ebenso umarmen sich
die Mohammetaner, versetzen aber den Kuß auf die Wangen. Ist man nicht
in vorzüglichem Grade befreundet, so bietet man einander schlichtweg
die Hände, wobei man eine besondere Rücksicht beobachtet. Es behält
nämlich die Person höhern Ranges die Hand oberhalb, so daß der Rücken
derselben aufwärts schaut. Stehen beide auf der gleichen Stufe des
Ranges, so nehmen die Hände eine senkrechte Stellung neben einander
an, daß also weder die eine, noch die andere Hand nach oben kommt.
Wenn anders der Gruß die verschiedene Stellung in der bürgerlichen
Gesellschaft ausdrücken soll, so gewinnt in der That die verschiedene
Richtung der Hände, zumal die Oberhand und die Unterhand, ungleich mehr
Sinnigkeit, als alle Abstufungen beim Entblößen des Kopfes unter den
Abendländern.

Die bisher berührten Grußweisen der Palästiner umfassen bloß das
alltägliche Leben.

Auf Sitzen zur Rechten oder Linken wird nicht geachtet.

Nach Empfang dargereichter Speisen und Getränke bezeugt man in der
Regel keinen Dank. Nur nach dem Kaffee hallen die Worte des Dankes:
„Möget ihr euch immer erhalten.“ Trinkt der Gast Wasser aus dem Kruge
(Bardaka), was allezeit ohne Absetzen geschieht, so rufen sämmtliche
Anwesende: „Wohl bekomme es“, und jener erwiedert: „Ich sage Dank.“
Also bei Mohammetanern und Christen. Beim Lebenswasser (Aquavit)
verhält man sich stumm.

Begegnen sich die Frauen außer den Häusern, so sind sie still und
rühren sich nicht. Macht eine Frau einen Besuch, so entschleiert sie
sich beim Eintritte in das Zimmer, und eröffnet das Gespräche mit
den Worten: „Ich komme, euch zu sehen.“ Die Frau, welche den Besuch
annimmt, lüftet auch ihrerseits den weißen Gesichtsschleier und
antwortet: „Willkommen.“ Da wird denn nach dem Befinden, nach den
Kindern und nach Andrem gefragt, obendrein viel eitel Zeug geplaudert,
etwas Süßes, etwa Konfekt, genascht oder auch eine Pfeife geraucht.
Kürzer, als drei oder vier Stunden dauern die Frauenbesuche nicht. Die
Mohammetanerinnen besuchen einander seltener, als die Christinnen.


Die Brautwerbung und die Hochzeit.

Will der Jüngling oder Mann heirathen, so geht sein Vater, seine
Mutter, sein Bruder, seine Schwester oder ein anderer Verwandter oder
ein Freund zum Pfarrer, diesem das Vorhaben zu offenbaren, unter
Bezeichnung des Mädchens, welches zu heirathen gewünscht wird.

Darauf begibt sich der Pfarrer zu den Aeltern des Mädchens, den
Heirathsantrag zu hinterbringen, und Auskunft zu verlangen, ob man ihn
annehmen wolle oder nicht, und sucht dann den Brautwerber in seinem
Hause auf, um demselben die Antwort zu vermelden. Im bejahenden Falle
schickt die Familie desjenigen, welcher den Heirathsantrag stellte,
sich jetzt an, einen Gesichtsschleier (zu 30 bis 35 Piaster) oder
auch zwei Schleier nebst einem goldenen Fingerringe zu kaufen. Die
weiblichen Mitglieder der Familie des Brautwerbers gehen, in Begleitung
vieler Frauen, mit den eingekauften Kostbarkeiten zu der Familie des
Mädchens, um sie diesem als Geschenk einzuhändigen. Bei dem Besuche
benimmt sich die Holdselige ungemein schüchtern, sanftmüthig wie ein
Lamm; keinen Laut läßt sie hören; sie ist rein wie ein Engel. Um so
munterer sind die Frauen, welche auf Besuch kommen; sie lachen und
scherzen und singen wohl auch.

Danach veranstalten die Aeltern des Mädchens einen Gegenbesuch in das
Haus des Brautwerbers. Der Vater ladet Männer und die Mutter Frauen,
nie aber unverheirathete Frauenzimmer ein. Im Hause des Brautwerbers
treten die Männer in ein besonderes Gemach, und so die Frauen. Grüßend
sagt man zu ihm: „Gesegnet,“ und diejenigen Frauen, welche sich nicht
enthüllen, sagen es auch seiner Mutter. Das Mädchen bleibt eingezogen
zu Hause. Die Gäste, wenigstens die Männer, vertreiben die Zeit mit
Rauchen und Kaffeetrinken, mit Konfektnaschen und Plaudern.

Nach dem Gegenbesuche geschehen zwei Monate hindurch keine weitere
Schritte, und zudem wartet man auf ein großes Fest, um der Braut ein
Geschenk zu überbringen. Dieser Besuch, der dritte und letzte vor der
Hochzeit, heißt auf arabisch +schỏfe+ (die Sicht), und ist der Vorbote
baldiger Vermählung. Das Geschenk hält an Werth von einigen hundert
bis auf einige tausend Piaster. Es besteht aus ungeschnittenem und
ungenähtem Kleidungsstoffe, so wie aus einem Kleinode zur Zierung der
Stirne oder anderer Gebilde des Körpers. Die Reichsten ergreifen diesen
Anlaß, um den Glanz ihrer Diamanten zu verbreiten. Es ist die Mutter
des Bräutigams, welche, am erwarteten großen Feste selbst, das Geschenk
der Braut überreicht und zwar so, daß sie unter spaßhaften Bemerkungen
das Kleinod der Braut auf der gehörigen Stelle anlegt. Das +schỏfe+
dauert etwa zwei Stunden.

Nun bereitet man sich zur Hochzeit vor. Die Aeltern des Bräutigams und
der Braut besprechen den festlichen Tag. Vom Heirathsantrage bis zum
Hochzeitstage verfließt gemeinhin ein Jahr, selten nur ein Vierteljahr.
Dreimal kündigt der Pfarrer die Hochzeit ab. Am Sonnabende vor dem
Vermählungstage wird die Reinigung durch die Bäder vorgenommen. Die
Braut sendet, zum Zeichen der Einladung, an jede Frau ein Stück
Seife. Bei Männern ist dieses Zeichen eine Kerze, umhüllt von einem
Zettelchen, worauf der Karakter des Gastes (z. B. französischer Konsul,
Schulmeister) geschrieben steht. Die Braut besucht mit den Frauen, der
Bräutigam mit den Männern, die einen und die andern in gesönderten
Schaaren, ein öffentliches Bad. An diesem glücklichen Orte bekommt die
Mutter oder die Schwester des Bräutigams die +Entschleierte+ zu sehen,
und sie mögen dann zu Hause dem Sehnsuchtsvollen die Entdeckung der
Schönheit oder Häßlichkeit mittheilen. Darauf am Sonntagsabende gehen
die einen Männer in das Haus des Bräutigams, die andern und die Frauen
in dasjenige der Braut, wo sie sich in das +Frauenzimmer+ scheiden. Die
Nacht wird in gespannter Erwartung hingebracht.

Um vier Uhr in der Frühe des Montag eröffnen Bräutigam und Braut, jener
ein wenig voran, den großen hochzeitlichen Zug nach der Kirche unter
dem Jubel von Schalmeien und Tambur und Pauken, selten von Geigen.
Der Bräutigam sieht sich in dem Tempel zum ersten Male neben der
künftigen Lebensgefährtin; noch aber ist ihr Antlitz dem forschenden
Blicke ebenso unzugänglich, als von Anfang der Bekanntschaft oder,
besser gesagt, der Unbekanntschaft an. Das ganze Gepränge der
römisch-morgenländischen Kirche mag das Seinige beitragen, das Gefühl
des Geheimnißvollen und des Ehrwürdigen zu steigern. Fragt der
Priester am Altare die Braut um ihren Willen, so verbietet ihr die
Schamhaftigkeit, ihn zu benicken. Wie gut ist, daß es in Fällen der
Verzweiflung eine Erbarmung auf Erden gibt. Die Gevatterin, deren
Wohlthätigkeit erst jetzt sich auf das glänzendste bewährt, leiht den
unentbehrlichen Arm der Hilfe; sie steht hinter der Braut und stößt
das bräutlich geschmückte Haupt nach vorne, -- -- nur ja, weil einmal
genickt werden muß, sei es aus freien Stücken oder aus Zwang. Williger
entschließt sich der Bräutigam zum Jaworte, aber für kein ordentliches
Weib, sondern für eine vermummte Gestalt, für ein Larvengesicht. Er
erschaut vor sich einen mit einem rothen Schleier bedeckten Kopf und
einen in ein weißes Gewand gehüllten Leib; der Reichthum an Gold
mag etwa sein Auge blenden: aber kein Auge der Liebe strahlt ihm
entgegen, kein Mund der Freude lächelt ihm zu. Ich möchte indessen den
bescheidenen Zweifel äußern, daß eine solche beharrliche Strenge der
Vermummung +oft+ beobachtet werde. Ich weiß selbst zu erzählen, daß
ich, als ich ohne Anmeldung in das Haus des Konsuls +Damiani+ trat,
seine Tochter unverschleiert antraf, die sich dann freilich schnell
entfernte. Wie ich einmal durch ein Gäßchen spazierte, begegnete ich
einem verschleierten Frauenzimmer, welches im Augenblicke, da sie sich
von Niemanden bemerkt glaubte, den Schleier auf die Seite schwenkte, um
ihr schönes Gesichtchen zu zeigen.

Nach empfangenem Priestersegen ziehen die Neuverlobten ins Haus des
Bräutigams, dieser zuerst. Sie und das Gefolge von Gästen genießen
dort das Frühstück; reich wird das Hochzeitpaar von den Zeugen der
Hochzeitlichkeit mit Worten gesegnet. Schon aber verläßt ein Theil der
Gäste die Gesellschaft, es bleiben bloß noch die Verwandten, endlich
nur die Frauen. Nun sitzt die Braut auf einem thronartigen Polster
in einem besondern Zimmer, in welches die neugierigen Frauen treten.
Derlei Dinge schmecken für sie viel zu süß, als daß sie nicht davon
kosten sollten. Bis zum Throne der Unsichtbaren machen die Frauen eine
Gasse. Schwere Augenblicke harren des Bräutigams. Man muß sich an ihm
abmühen, daß er allen Muth zusammenfasse[10]. Da schreitet er mit
kochendem Herzen durch die Gasse, und gleichsam in der Wuth streift er
den Schleier von einer unschuldigen Jungfrau hinweg. Zum ersten Male
erblickt der +Ehemann+ das Antlitz eines jungfräulichen Weibes, dem er
für die guten und bösen Tage des Lebens Treue geschworen hat. Mag ihn
jetzt die Erwartung betrogen haben, es ist zu spät, er bekümmert sich
nur umsonst; wurde seine Hoffnung erfüllt, desto glücklicher für ihn
der Wurf des Spiels.

Wie der Schleier der Braut sich lüftet, fliegen alle Schleier der
Zuschauerinnen auf die Seite. Es erhebt sich die enthüllte Braut, sie
küßt eine Hand des Gemahls, beide lassen sich neben einander auf den
Polster nieder und beobachten einige Minuten ein tiefes Stillschweigen,
indeß der Bräutigam die Verheißene gleichsam ins Auge verschlingt.
Damit endet das Fest für die neugierigen Frauen, welche sofort das
Zimmer räumen. Die Verwandten dagegen bleiben bis Mittag, und erst nach
dem Mittagsmahle kehren sie in ihre Wohnungen zurück. Jedermann gönnt
dem Bräutigam und der Braut, daß sie sich von der schlaflosen Nacht
erholen.

Nachdem der Mann seine Frau erkennt hat, thut er sich mit einem weißen
und sie mit einem rosenrothen Gewande an.

Auf den siebenten Tag nach der Hochzeit wird der Schlußbesuch in das
Haus des Ehegemahls veranstaltet. Die Frauen werden vom älterlichen
Hause des neuverlobten Weibes eingeladen; die Männer gehen diesmal
uneingeladen. Der Besuch ist den Geschenken für das neue Ehepaar
gewidmet. Wenn z. B. die Frau A der Frau B das Geschenk P verehrt
hat, und heirathet dann C, die Tochter der A, so gibt B das P zurück.
Und kann man nicht mehr das Gleiche zurückerstatten, so zielt man auf
ein solches Geschenk ab, welches dem Werthe eines der Familie früher
verliehenen möglichst nahe kommt.

Die Schilderung trifft eigentlich die hiesigen eingebornen Christen,
in den meisten Theilen aber überhaupt die christlichen Palästiner, in
manchen sogar die Mohammetaner.

Das geheimnißreiche Vorgehen in der Heirath kann schwerlich auf den
Beifall des Abendländers hoffen. Die Sitte der Verhüllung reihe ich
unter die sonderbarsten Dinge, so fest sie eingewurzelt und so alt sie
sein mag. +Rebekka+ verhüllte sich zwar vor +Isaak+ (1. Buch +Moses+
24, 65), doch nicht vor dem Liebhaber. Wenn der strengen Verhüllung,
welcher das Mädchen vom reifern Alter bis zur Verheirathung wie einem
Gesetze sich unterwirft, ein Lobesspruch gespendet werden soll, so kann
man ihr oder doch der Vereinzelung der genau beaufsichtigten Jungfrau
nachrühmen, daß Fehltritte beinahe bis zur Unmöglichkeit erschwert
werden.

Noch besitzen die Aeltern in Palästina die erzväterliche Gewalt über
ihre Kinder bei der Verlobung, wobei letztern der Athem des freien
Willens fast gänzlich gehemmt ist. Doch mangelt es aus den Zeiten der
Erzväter nicht an Beispielen, welche für eine gelindere Gesinnung
sprechen. So fragten die Aeltern der +Rebekka+ in milder Weise, ob sie
mit dem Knechte +Abrahams+ ziehen wolle (1. Buch +Moses+ 24, 57 und
58). Zur Schließung des Ehevertrages gehört vor Allen dem Bräutigam und
der Braut entscheidende Stimme.


Die Wöchnerin und das Kind.

Im zwölften Jahre verheirathen sich die Mädchen sehr selten, selten
noch im dreizehnten, nicht mehr selten aber im vierzehnten Jahre. Es
ist daher keine Seltenheit, daß das Weib im fünfzehnten Lebensjahre
gebiert.

Nachdem die Frau geboren, ißt sie die ersten drei Tage nichts, als
Hühnerbrühe ohne Salz und Schmalz. Zum Getränke erhält sie mit
Zimmet versetztes Wasser oder auch ein wenig Wein, welchen jedoch
die Mohammetanerinnen, in Gemäßheit ihrer Religionsbegriffe, nicht
bekommen. Nach Verfluß der drei ersten Wochentage geht die Kindbetterin
zu einer kräftigern Nahrung über. Sie genießt dann nicht bloß die
Brühe, sondern auch das Fleisch vom Huhn; Andere essen wohl abwechselnd
das Halsfleisch des Lammes.

In den ersten sieben Tagen wäscht die Wöchnerin ihre Hände nach dem
Essen nie mit Wasser, aber mit Wein. Gehört sie der Mittelklasse, so
steht sie am siebenten Tage vom Bette auf, die reiche nach vierzehn
Tagen. Der Reichthum ist da nicht zu beneiden, wo er den Menschen
länger in Fesseln schlägt. Allgemein herrscht die Sitte, daß die
Wöchnerin nach dem Aufstehen das öffentliche Bad, und unter den
Christen zugleich, daß sie die Kirche besucht. In jenem reibt man, zu
Stärkung, in den Körper ein scharfes Mittel. Im vierzigsten Tage wird
das Bad wiederholt.

Sobald das Kind ans Licht der Welt gelangt, wird seine Nabelschnur
mit einem Faden unterbunden, abgeschnitten und die Schnittfläche auf
der Kindesseite mit einer Wachskerze gebrennt. Darauf badet man es
im lauen Wasser, um es zu reinigen. Hat das Kind drei Tage seines
Lebens zurückgelegt, so wäscht man das Zahnfleisch und die allgemeinen
Hautbedeckungen mit Salzwasser oder mit Wein, der mit Wasser verdünnt
wurde, um einen guten Geruch mitzutheilen. Sonst wird bloß alle Wochen
einmal das Gesicht und der Körper vom Nabel bis zu den Füßen gewaschen.
Ja es gibt Mütter, welche ihr Kind ein halbes Jahr ungewaschen lassen.

Zur Bekleidung dient eine Binde, in welche der Körper so gewickelt
wird, daß die Arme an der Seite des Körpers in ausgestreckter
Richtung bleiben. Ein Schleier deckt das Gesicht. Die Einwickelung
(Einfatschung) dauert vier Monate. Sodann flattern die Röckchen um
das Kind, und manchen Knaben schmückt bei Zeiten über der kleinen,
anschließenden Mütze der Turban. Als eine ausgezeichnete Zierde sah ich
um den Fußknöcheln eines Kleinen rothe Bändchen mit mehreren Schellen.

Zur Nahrung erhalten die Kinder die Milch ihrer Mutter, manche zwei
bis drei Jahre hindurch. Es ist bemerkenswerth, daß die Jaffanerin das
Schnüren des Oberleibes nicht kennt. Solches mögen die gepriesenen,
geschnürten Zierfräulein Europens beherzigen, welche ihr besseres
Gefühl nicht befragen, ob sie Hoffahrt mit demjenigen treiben dürfen,
was Gott zu einem ganz andern Zwecke erschuf. Wenn die Jaffanerin außer
Stande ist, Milch von der Mutterbrust darzureichen, so behilft man sich
wohl auch mit einer Amme, oder man streicht das Honig- und Granatsüß in
den Mund des Kindes. Sogenannte künstliche Nährung aber, wie mit Kuh-
oder Ziegenmilch, findet nicht statt. Daraus allein schon ließe sich
die große Sterblichkeit der Kinder erklären.

Zum Sauglappen, als Beschwichtigungsmittel, nimmt keine Mutter die
Zuflucht; im beßten Falle flößt sie ein wenig Honig in den weinenden
Mund. Hingegen scheint die Wiege im Ansehen von etwas Unentbehrlichem
zu stehen. Die Reichen haben eine eigentliche +Wiege+, wie bei
uns. Die Mittelklasse spannt zwei Schnüre unter der Zimmerdecke aus,
welche ein Leintuch aufnehmen. Auf dieses wird das Kind, wie auf eine
Hängmatte, gelegt, und will man es schaukeln, so setzt man die eine
Schnur, die durch ein Zwischenstäbchen von der andern ferne gehalten
wird, in Bewegung. Die arme Klasse bedient sich einer Vorrichtung, die
einer großen, ebenen Wagschale gleicht. Sie wird, wie ein Käfich, an
der Decke des Zimmers oder sonst in der Höhe aufgehängt.

Mit Säftchen führt man das Kind nicht ab, noch schneidet man dessen
Zungenbändchen ein. Der Schulmeister am Hospiz stutzte gewaltig, als er
inne wurde, daß wir gelöste Zungen hätten. Das Zahngeschäft geht nicht
sehr leicht von statten. Zur Erleichterung desselben wird gar nichts
vorgekehrt, und viele Kinder sterben während dieser Lebenszeit. Die
fratt gewordenen Stellen wäscht man nicht ab, sondern man behandelt
sie mit einem Stoffe, welcher im Arabischen serakûn heißt, mir
aber nicht genauer bezeichnet wurde. Bei der hinkenden Reinlichkeit
darf man sich wundern, daß diese Krankheit nicht viel hartnäckiger
und qualvoller auftritt. Gegen die Mundschwämmchen gebraucht man die
Asche von einem Knochen so, daß der mit Speichel benetzte Finger sie
auffängt, und damit die kranken Stellen im Munde reibt.


Wiegenlied und Kinderjucks.

Das Wiegenlied singt die Mutter nach einer ganz eigenthümlichen Weise,
und ich bedaure nur, daß ich kein Tonsetzer bin, um sie beifügen zu
können. Die Worte zum Einlullen lauten so: „O mein Kind, schlafe; mein
Auge, ich hoffe, daß ich dich nie aus dem Auge verlieren werde.“ Zum
schon schlafenden Kinde singt die Mutter: „Meine Taube, dein Auge ist
verschlossen; aber das Auge Gottes ist aufgeschlossen, und daß kein
Leid dir wiederfahren kann, hat Gott den Menschen nicht auf immer
verhärtet.“ Die Worte sind gemüthlich und erhaben zugleich.

Bei aller meiner Unbekanntschaft mit der Sprache und dem Bücherthume
der Araber genieße ich vielleicht das Vergnügen, den Abendländern einen
ihnen unbekannten Lappen arabischer Dichtungen überbringen zu können.
Es fiel mir in Jaffa nicht wenig auf, als ich beim Einbruche der Nacht
eben heimgekehrte Kinder anredend und antwortend in geregelten Weisen
lärmen hörte. Auf meine Nachfrage darüber wurde sogleich von der
Gasse ein Kind geholt; es sagte in Anwesenheit mehrerer Eingebornen
das Gespräche her; einer davon übersetzte es ins Italienische, und
ich schrieb dieses deutsch nieder. So viel zur Rechtfertigung meines
Botengeschäftes.

Das Zweigespräch, wovon die Rede ist, halten übrigens nicht bloß
fünfjährige und ältere Kinder als Nachtgruß, wenn sie sich trennen,
sondern auch türkische Knaben, indem sie von Hause zu Hause ziehen, um
etwas zu verdienen.

    A. O Gott.

    B. O Gott.

    A. Möge es uns hier wohl ergehen.

    B. O Gott.

    A. Was haben wir?

    B. Maria (denn es muß immer Jemand genannt werden) --, eine Braut
    wie der Mond.

    A. Gott gebe es.

    B. Unter der Veste sahe ich sie in zierlichem Gewande.

    A. Gott gebe es.

    B. Ich erblickte sie abwärts vom Diwane, die in Seide Gehüllte.

    A. Gott gebe es.

    B. Ich sah sie abwärts vom Gemache ein Papier mit Zügen füllen,
    welche rühren das Herz.

    A. Gott gebe es.

    B. -- -- -- abwärts von einer Urne.

    A. Ach, wie schön.

Das Zweigespräch, wahrscheinlich nur ein Bruchstück, behandelt die
Liebe auf eine nicht sehr schickliche Weise für Kinder. Bei diesen
scheint jedoch Alles bloßes Lippenwerk geworden zu sein.


Die Verehrung der Todten.

Stirbt eine Person, so hüllt man sie in ein gewöhnliches Gewand;
nur muß es ein besseres und weißes sein. Bei Nacht stellt man zwei
brennende Kerzen neben die Leiche. Reichere legen ihre Verstorbenen
in einen viereckigen Sarg; die Armen oder die weniger Vermöglichen
deckt die Erde unmittelbar. Der Sarg oder die Leiche wird auf einer
Bahre in den Gottesacker getragen. Ihr folgen im Zuge Männer und
Weiber, jene aber voran, diese ihr Klagegeschrei erhebend und ein Tuch
drehend. Alle nahe Anverwandte sind mit einem schwarzen Trauerkleide
angethan. Wenn ein Ehemann stirbt, so geht die Wittwe, welche sich in
der Hoffnung glaubt, am Grabe einmal unter der Bahre des Todten durch,
jetzt ausnahmsweise ohne Schleier. Sie will damit alle Anwesende zu
Zeugen der Reinigkeit ihres Wandels auffordern. Ehe die Leiche noch
im Grabe liegt, wird sie, zumal an der Hand, geküßt; der Ehemann küßt
auch das Gesicht und das Kleid der verblichenen Geliebten; -- sogar des
Pestopfers?

Von der Todesstunde an bis zum Begräbnisse dauern meist nur zwei oder
drei Stunden. Erfolgt indeß der Tod spät Abends oder vor Mitternacht,
so wird mit der Beerdigung bis morgen in der Frühe zugewartet.

Ich sah die Beerdigung einer mohammetanischen Leiche bei Jaffa. Das
Grab war etwa vier Fuß tief bis zur Stelle, wo es sich in zwei Absätzen
verengerte, und von hier noch einen starken Fuß tief, aber gemauert.
Nachdem auf den Grund des gemauerten Grabes ein Pulver gestreut war,
wurden die in ein schönes und weißes Tuch gehüllten sterblichen
Ueberreste seitlings, das Gesicht gegen Mekka gewendet, mit Schonung
in die Tiefe versenkt, und dann darüber Steinplatten, die zur Seite
auf den Maueransätzen ruhten, gelegt, so daß die Erde den Todten nicht
drückte. Während des Beerdigens heulten die Weiber, das eine stehend,
das andere hockend. Den Männern schien meine Gegenwart ein Dorn zu
sein; indeß fügten sie mir nicht das mindeste Leid zu. Die ganze
Beerdigungsweise verrieth nichts Rohes.

Zum Andenken des Gestorbenen werden in dessen Hause die ersten drei
Abende nach einander gemeinschaftliche Gebete verrichtet. Am Ende
dieser religiösen Handlung wird allen Beiwesenden, manchmal bis hundert
an der Zahl, ein Todtenmahl gegeben. Die Reichsten sprechen dabei
ungerne oder gar nicht zu, um so lieber aber die Armen. Desgleichen
besuchen die Weiber drei Tage hinter einander in der Morgenstunde das
Grab, und sie vergessen nicht, sich mit einem Mundbedarf zu versehen,
auf daß sie im Felde der Leichen mit Kaffee sich laben können.

Dem Vater oder der Mutter, dem Bruder oder der Schwester, dem Manne
oder der Männin wird ein Jahr hindurch Trauer getragen. Während dieser
Zeit hüten sich die Trauernden vor Leckerbissen und dem Spiele, sie
besuchen weder die öffentlichen Bäder, noch heirathen Wittwer und
Wittwe.

Von den eben geschilderten Sitten der römisch-maronitischen Christen
zu Jaffa weichen diejenigen der Nazarener und Bethlehemiten mehr oder
minder ab. Im Hause des Leichnams und später in der Nähe des Grabes
stellen sich zwei Weiber, wie Fechtkämpferinnen, und schlagen die
klirrenden Degen an einander. Dann antwortet ein Chor Weiber singend
und heulend, händeklatschend und tanzend. Darauf neues Degengeklirre
der zwei Weiber; ihm nach der entsetzliche Lärm. Das ist die wilde,
verwegene Todesjagd -- in Nazareth und Bethlehem.

Zwei Dinge verdienen vor allen eine nähere Betrachtung: Das Durchgehen
unter der Bahre und die frühe Beerdigung des Todten. Dem Falle
vorzubeugen, daß für einen lebenden Lüstling der hingeschiedene Ehemann
als Vater unterschoben werde, strengte sich in Europa die ganze
Weisheit der Gesetzgeber, wie der Gerichtsärzte an, ohne daß es ihnen
gelang, dem Betruge einen festen Riegel zu stoßen. Vielleicht versteige
ich mich nicht, wenn ich behaupte, daß die Sitte der Jaffaner einem in
diesen Punkt einschlagenden europäischen Gesetze den Vorrang ablaufe.
Drücken wir die Sitte in Form eines Gesetzes aus: „Jede Wittwe ist
gehalten, innerhalb drei Stunden vom Ableben ihres Ehemannes an (beim
gehörigen Orte) anzuzeigen, ob sie sich von ihm schwanger glaube oder
nicht.“ Einem so klar ausgesprochenen Gesetze müßte jede Erläuterung
beschwerlich fallen. Doch Eines will ich berühren. Man kann dasselbe
der Grausamkeit zeihen. Wie dem auch immer sei, nur beherzige man bei
dieser Gelegenheit, daß die Sitten, die freiwilligen Gesetze (ohne
förmlichen Vertrag), worüber die Wenigsten klagen, oft minder milde
sind, als die Zwangsgesetze (laut förmlichen Vertrages), welche beinahe
aus Aller Munde mit Klagen überschüttet werden.

Die frühen Leichenbestattungen verlieren sich unzweifelhaft in das
graueste Alterthum. Sie gründen sich wohl auf die Ansicht, daß sie ein
nothwendiges Gebot des heißen Himmelsstriches seien.


Die Rekruten oder die Konskribirten.

Eines Abends überraschte mich nicht wenig ein Schauspiel. Einem
Vortrabe zu Pferde folgte eine geschlossene Menge Männer. Es waren für
den Kriegsdienst eingeschriebene Leute, schwarze, halbschwarze und
weiße, paarweise so an einander gebunden, daß allemal die Rechte des
Einen und die Linke des Andern in einer Art Hamen staken. Eine hölzerne
Spange nahm in Kerben die Handwurzeln auf und, so viel ich erblicken
konnte, war jene seitlich mit eisernen Schrauben versehen, wodurch zwei
Spangen, als Handklemmen, festgeschlossen wurden. Ueberdies war mit
einem Stricke ein Mann hinter den andern, wie ein Kameel hinter das
andere, gebunden. Einmal führte ein Soldat einen Bauer am Gürtel des
Bauches in die Stadt. Hinter ihm ging ein wehklagend Weib. In einem
Hause von Jaffa war ein anderes Mal eine bedeutende Anzahl Ausgehobener
einquartirt, und etwa fünfzig Weiber heulten und schluchzten vor
demselben, die einen mit dem Säugling an der Brust. Noch nie drangen so
viel und so trübe Wehklagen in mein Ohr.

Die Regierung machte mir einen langen Strich durch die Rechnung. Um
größere Schiffe hier zu laden, muß man, wegen des unsichern Hafens,
Meeresstille oder leisen Wind abwarten, wodann sie auf offener See
von Kähnen aus befrachtet werden. Eben trat günstige Witterung zum
Laden ein. Da hieß es, daß die Regierung zwei Schiffe befrachte,
und alle Kähne in Anspruch nehme. Mein Schiffshauptmann mochte sich
verwenden, wie er wollte, er durfte am Ende nur müßig zuschauen,
wie nach Alexandrette Rekruten eingeschifft wurden. Unvergeßlich
bleibt mir dabei ein rührender Auftritt. Ein Weib, in einem blauen
Hemde voll Löcher und Lappen, kauerte am Hafen in einem Winkel; es
weinte bitterlich und schluchzte bitterlich; es deutete, daß ein ihr
Theurer, vielleicht ihr Sohn, zu Wasser weggeschleppt werde. Und andere
Weiber standen da und weinten bitterlich über das Schicksal einiger
Eingeschifften, bis die Polizei sie unschonlich verjagte. Ich konnte
bei diesem Auftritte den Gedanken nicht daniederhalten: Es muß unter
den häßlichen Lumpen auch noch zartes Gefühl sich regen; ein Mutterherz
bleibt Mutterherz -- bei einer Christin oder Mohammetanerin; unter
den unscheinbarsten Lumpen pocht manchmal ein wärmeres Mutterherz,
als unter Atlas und Sammet. Diese Wahrnehmung freute mich um so mehr,
da ich bei den arabischen Mannsleuten eine ungemeine Gefühllosigkeit,
zumal gegen die Thiere, zu bemerken glaubte.

Ich möchte das Gesagte durch Thatsachen erhärten. Als ich auf meinem
Ausfluge nach den Pyramiden am Wasser lange warten mußte, hatte der
Esel mit angelegtem Zaume unter den Hufen gutes Gras, das, wie mir
däuchte, keinem Einzelnen, sondern aller Welt gehörte. Dem Treiber
fiel es nicht ein, das Gebiß abzunehmen, bis ich ihn dazu ermunterte.
Als ich ein Kameel ritt, welches von einem Insekte am Bauche gequält
wurde, wollte ich dem Führer zu verstehen geben, daß er jenes von der
Plage befreie; allein ich konnte ihn glatterdings nicht dahin bewegen.
Wie ich von Ramle nach Jerusalem wanderte, überließ ich am Fuße des
Juda dem Treiber das Maulthier sammt dem belästigenden Felleisen, und
ich ritt den Esel, welcher keine Ladung weiter trug. Theils um dem
Thiere Erleichterung zu verschaffen, ging ich sehr oft zu Fuß, und
kam schneller davon. Ich dachte immer, der Führer werde mein Beispiel
nachahmen. Es mochte der Weg noch so steil sein, der Stumpfsinnige
saß auf dem langsamen Läufer, und ließ mich eher aus den Augen. So
gefühllos können Araber sein, während die gemüthreichen Türken mit der
herzlichsten Freude einen Vogel in seinem Käfich kaufen, um ihn von der
Gefangenschaft zu erlösen.


Fortsetzung: Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstag 1836.

Das Weinen ist der Ausbruch der Freude oder Traurigkeit bei Gescheiden
und -- Narren.

Bei uns will die Züchtigkeit der Sitte oder der Anstand, daß man im
Weinen sich mäßige, daß die Gefühle nicht ohne Rückhalt entströmen.
Das eigentliche Choralweinen nach dem Laufe der Natur scheint man bei
uns kaum zu kennen. Bei uns weint man ~piano~ oder ~pianissimo~, in
Jaffa ~forte~ oder ~fortissimo~. In den Landen der Gesittung hält man
es für besonders schön und rührend, wenn etwa eine Thränenperle aus dem
unumwölkten Himmel herabfällt.

Als ich nach Tische die andere Hälfte des Neujahrstages von 1836
verlustwandeln wollte, da hörte ich von einer Gasse her ein
wildes, klägliches Geschrei. Ich rückte näher. Vor der Thüre einer
Truppenherberge harrte eine Menge Weiber, diesmal nur die wenigsten mit
einem Schleier, und die entschleierten Gesichter verbreiteten einen
solchen Zauber, daß Jedem die ungelegenen Heirathsgedanken verschwunden
wären. Ich sah und hörte kaum jemals etwas Wilderes. Die Einen standen,
die Andern kauerten. Die Einen konnten nicht genug ihre Hände um
einander kreisen lassen, ohne daß diese sich berührten. Andere schlugen
die Hand auf die Stirne oder auf die Brust, oder sie klatschten mit den
Händen, indem abwechselnd bald die Rechte, bald die Linke die Oberhand
war, und während der Oberleib vor- und rückwärts geschaukelt wurde. Die
Meisten drehten unaufhörlich einen Zipfel des Kopftuches. Wieder Andere
nahmen das kleine Kopftuch herunter, welches sonst den Kopf kronförmig
umgibt, und das große Kopftuch befestiget; mit jeder Hand faßten sie
ein Ende des heruntergenommenen Tuches, drehten es, und hielten es
bisweilen in die Höhe. Auch eine alte Frau mit zahnlosem Kiefer und
vorspringendem Kinne und gebeugtem Leibe und wogenden Schultern hob
ein solches Tuch empor, lärmend und herumtrippelnd; es mangelte der
Rolle einer europäischen Tänzerin nichts, als die fröhliche Miene. Das
schlug unverkennbar auf die erzkomische Seite. Ein Theil wimpelte mit
den Händen, wie unsere Prediger auf den Kanzeln. Die meisten Augen
schwammen in Thränen. Dabei war der Mund angelweit aufgesperrt. Die
Einen begnügten sich fast einzig mit lautem Rufen. Andere gefielen
sich darin, Empfindungslaute, manchmal quieksende, auszustoßen. Es gab
auch solche Doppelsingspiele, indem unter schaukelnden Bewegungen die
Eine der Andern auf die Schulter klopfte, oder ein Stück des Kleides
packte. Nur die Kinder, von ihren Müttern getragen, waren alle --
ohne Sauglappen ruhig und still. Sie schienen vielmehr an dem wilden
Leben sich zu belustigen, und sie hätten, wie ich glaube, unfehlbar
geweint, wenn die erwachsenen Leute in den Zustand der Beschwichtigung
zurückgekehrt wären. Das ganze Schauspiel bot dem Europäer das Bild
einer Raserei. Es war das Weinen in seiner Zügellosigkeit und unter
allen Eingebungen der Traurigkeit.

Es ist nicht in Ferne meine Absicht, das Gefühl der Theilnahme mit
meiner Schilderung zu beleidigen. In dem Rührenden fand ich, vom
Hause aus mit andern Sitten, so viel Possirliches, daß ich mich hin
und wieder des Lachens nicht erwehren konnte. Es verfehlt auch nicht
die Feuersbrunst, ungeachtet ihrer betrübendsten Folgen, auf das
Gemüth einige angenehme Eindrücke +im Augenblicke+ hervorzubringen,
da das Element in aller Pracht seiner Farbe und in seiner siegreichen
Ungebundenheit gegen den Himmel emporlechzet.

Weiber, seid ihr nun die Erbinnen der uralten Sitten? fragte ich sie im
Gedanken. Das Schauspiel dürfte vielleicht alterthümlicher sein, als
der Sphinx, jener Riese bei Memphis. Die Verfasser der alten heiligen
Urkunden mochten so oft Zeugen ähnlicher Auftritte gewesen sein.

Zuerst wußte ich das Klageschrei nicht zu deuten; später aber erfuhr
ich, daß Mütter ihre Söhne, Weiber ihre Männer, Schwestern ihre Brüder
beklagten, weil die dem Familienschooße Entrissenen sich auf die
Laufbahn des Kriegers werfen mußten. Ich besorge inzwischen, langweilig
zu werden, weil ich das alte Trauerlied auf die Kriegsknechte wieder
anstimmte. Ich verspreche mir jedoch durch das Langeweilen den
Nutzen, daß die wiederholten bösen Einschreibungen neuen Kriegsvolkes
sich um so lebhafter vor die Seele stellen, und daß die nunmehrige
peinliche Lage der Syrier um so ernster sich vergegenwärtige. Die
Mannschaftsaushebungen befleckt eine Grausamkeit, die Ihresgleichen
sucht. Manchmal werden alle Mehrjährigen männlichen Geschlechtes aus
einem Hause weggeräumt. Wer wird hinter dem Pfluge gehen? Wer wird die
Stütze einer alten Mutter sein? Was für eine Zukunft thut sich vor
der militärischen Gewaltherrschaft auf? Die Mütter und Schwestern,
denen die Anhänglichkeit an die Ihrigen zur Ehre gereicht, klagen
nicht umsonst so laut, so rasend; denn ist der Ausgehobene einmal
Soldat, so bleibt er es sein Lebenlang, wofern ihn nicht eine Laune
des Gewalthabers entläßt. Auch die Weiber werden mit Recht klagen,
wenn ihnen die Hoffnung abgeschnitten wird, den Mann begleiten zu
können, mit welchem nicht mehr, als +ein+ Weib ziehen darf. Das ist
freilich nach christlichen Begriffen genug, und hierin erscheint die
Unbarmherzigkeit wirklich in einer viel mildern Gestalt. Uebrigens
gestattet der Herrscher offenbar nicht aus edeln Beweggründen dem
Krieger sein Weib, sondern aus dem frostigen Grunde, damit aus altem
Militär junges werde. Bereits schon bei einem andern Anlasse wurde
darauf aufmerksam gemacht.


Ibrahim-Pascha.

Er ist unstreitig der größte jetztlebende Feldherr unter den Osmanen.
Das Schicksal verlieh mir die Gunst nicht, ihn zu sehen, obschon er
sich in Syrien aufhielt. Ich beschränke mich darauf, Einiges aus
ziemlich glaubwürdiger Quelle nachzuerzählen.

+Ibrahim+ besitzt ein sehr fröhliches Gemüth. Er lacht beinahe
an Einem fort. Die Franken hat er lieb; wenigstens überhäuft er
sie mit Beweisen von Freundlichkeit. Gründliche Kenntnisse im
Militärfache gehen ihm gänzlich ab, und Unterrichtetere schreiben
das Kriegsglück hauptsächlich dem französischen Abtrünnigen +Seve+
oder +Soliman-Pascha+ zu, welcher selbst von +Mehemet-Ali+ vorgezogen
werden soll. Immerhin zeichnen +Ibrahim+ Geistesgegenwart, kluge
Benützung der Umstände und persönlicher Muth aus. Voran in Anführung
der Schlachten, befeuert er durch seine Erscheinung den Soldaten,
an den ihn das Band gegenseitiger Liebe knüpft. Indessen wußte der
Feldherr dieses Band bisher nicht so fest zu schürzen, daß er dem
Araber höhere Offiziersstellen anvertrauen dürfte, die hinfort von
Türken oder Ausländern besetzt werden. Als auf einem Feldzuge eine
ziemliche Anzahl Soldaten vor Durst starb, und als ihm dann der Fund
jenes unentbehrlichen Lebensmittels glückte, das man beim Mangel nicht
minder hochschätzt, als beim Ueberflusse geringschätzt oder verwünscht,
so reichte er persönlich den Uebriggebliebenen den Labungstrank.

Diesem milden Zuge reihe ich zwei grausame gegenüber. In Alexandrien
erhob sich ein Sturm mit seltener Macht. Eine dort vor Anker liegende
Fregatte litt Noth. Der Hauptmann, in der Voraussicht, daß sie auf der
Rhede zu Grunde gehen würde, steuerte in den Hafen. +Ibrahim+ beschied
den Fregattenhauptmann vor sich. Erst wälzte er den Vorwurf auf ihn,
daß er ohne Befehl von der angewiesenen Stelle sich entfernte, dann
fügte er hinzu, daß er sich dem Schiffbruche und der Lebensgefahr hätte
preisgeben sollen, und auf das hin schlug er sogleich dem Offiziere mit
höchsteigener Hand den Kopf ab. Im Abendlande würde freilich Jemand
wenig Herzen erobern, wenn man ihm nachsagen müßte, daß er oberster
Feldherr und Henker zugleich sei.

Eine andere Handlung legt kein geringeres Gewicht auf den grausamen
Karakter +Ibrahims+. Ein Engländer zeigte ihm in Syrien eine
ausgezeichnet schöne Flinte. +Ibrahim+ wollte ihre Güte erproben. Er
ließ sie laden, und da eben ein Araber am Hause vorüberging, so trug
er kein Bedenken, auf ihn zu zielen. Puff! der Unglückliche fiel todt
nieder, und der Pascha ermangelte nicht, die Flinte zu preisen.


Kleine Petschaften oder Siegel.

Kleine Männer haben gerne große Schriftzüge und große Petschaften
oder Siegel. Sie wollen ihre Neigung, größer zu werden, auch darin
nicht verleugnen, daß sie ein hohes I-Tüpfel auf den Kopf und eine
lange Semikolonkurve unter die Füße hinmalen. Die Beobachtung ist mit
nichten gesucht. Sie wird sogar ohne den Scharfsinn möglich, welchen
ein Ornithologe, wie ich neulich las, im Ernste an diesem und jenem
Vogel hervorhob. Und ich? -- wußte noch niemals, daß ich Scharfsinn
besitze. Jetzt freue ich mich natürlich der glücklichen Entdeckung,
den Fall vorausgesetzt, daß die Herren Ornithologen einen Menschen den
gefiederten Thieren nicht unterordnen.

Lasset uns aber die Beobachtung einmal näher würdigen. Wir drückten
vielleicht das Petschaft oder Sigill zu stark auf. ~Quod valet de
toto, valet quoque de singulo~, sagt die Universitätsfibel. In Egypten
und Palästina fand ich +durchwegs+ auffallend kleine Petschaften
oder Siegel, wovon zwei etwa ein abendländisches geben würden. Also
gilt mein allgemein aufgestellter Satz nicht von diesen Ländern
insbesondere. Wie ich zum ersten Male in Alexandrien den kleinen
Fleck auf dem Amtspapiere erblickte, glaubte ich, es wäre ein Spaß,
und ich schmunzelte bei mir selber, so viel man immer über etwas
Amtliches schmunzeln darf. Bisher hielt ich, als guter Abendländer,
das amtliche Ansehen für unzertrennlich mit einem großen Siegel oder
einem grandiösen Stempel, und in der Erste schien mir die egyptische
Regierung gerade um das minder werth, als das Siegel, gegen einem
europäischen Amtssiegel, kleiner war. Auch mit solchen Begriffen
verläßt man das gescheute Franken-Land.

Noch mehr. Sogar das kleine egyptische Regierungssiegel hatte eine
unnütze Größe. Wie kann das sein? Ich bekam in Großkairo einen
gestempelten Thorschein; allein keine Zunge bekümmerte sich darum,
weder am Thore, noch in und über der Wüste, und, außer dem meinigen,
sah kein Auge den Stempel. Sollten etwa die Europäer auch so unnütze
stempeln, es ginge bei ihnen so gewiß, als zweimal zwei vier machen,
mehr verlustig, und der Vortheil fiele offenbar auf die Seite der
Egypzier; man versteht mich -- der Vortheil oder Gewinn, weniger zu
verlieren.


Der Hakim.

Mehrmals las ich, daß die Palästiner sich von den Europäern den Puls
fühlen lassen, in der Meinung, alle Franken wären +Hakim+ (Aerzte).
Letzteres kann ich bestätigen, nicht aber ersteres; denn selten
begehrte man in Palästina von mir ärztlichen Rath oder Beistand. Um
aber doch ein Beispiel anzuführen, so traten einmal in Jerusalem
drei bis vier verschleierte Frauenzimmer in meine Klosterzelle und
verlangten den Arzt. Ich hatte eben Besuch, und sie wurden von meinem
Gaste ziemlich derbe hinausgewiesen. Seit Syrien von egyptischen
Truppen besetzt ist, zählt es mehr europäische Aerzte, und es bleiben,
meines Wissens, die reisenden Franken so ziemlich ungeschoren.

In Jaffa weilte ein herumziehender Arzt, ein Grieche. Vergebens
wollte ich mit ihm ein ärztliches Gespräche anbinden. Wahrscheinlich
hat der Mann Arzneiwissenschaft gar nie studirt. Ich rühme an ihm,
als etwas Ausgezeichnetes, einen goldenen Uhrschlüssel, den er mit
Selbstgefälligkeit recht tüchtig auf dem Bauche bammeln ließ. Um die
Höhe seiner wissenschaftlichen Bildung muthmaßlich und unmaßgeblich
zu bezeichnen, will ich ihm den Glauben in das Herz legen, welchen
das alte Wörterbuch ~Gemma gemmarum~ (Ausgabe von 1508) über das
~Nolimetangere~, auf deutsch: Rühre mich nicht an oder Krebs,
ausspricht: „Es ist eine gewisse Krankheit, welche am Gesicht ~ex
mictura glirium entsteht~.“ Das heißt, firm gesprochen. Damals wußte
man also die Ursache vollkommen gut; jetzt zweifelt man. Oft werden
wir weiser, wenn wir weniger wissen wollen. Unser griechischer Arzt
verfügte sich, nach Verrichtung gelungener und mißlungener Kuren, sowie
auch guter Geldgeschäfte, in die Stadt Jerusalem. Solche herumirrende
Kurirer erinnern mich an die italienischen Zinngießer und die
französischen Scherenschleifer, welche das Schweizer-Land durchkreuzen.
Sind sie in einem Dorfe fertig, alsbald in einem andern zünden sie
das Kohlenfeuer an und stellen den Schleifstuhl auf, um die Kunden zu
befriedigen.


Die Fleischbank.

In der Absicht, meinen faden Reistisch zu verbessern, ging ich zur
Fleischbank am Marktplatze. Ausgezogene Schafe hingen an Haken. Die
herumstehende Menge war so groß, daß man sich, wie bei uns zu den
Osterrindern, ordentlich durchdrängen mußte. Endlich öffnete sich eine
Lücke am hölzernen Geländer, und ich füllte sie auf der Stelle, von
allen Seiten gedrückt, nur von der Bank her nicht. Ein sauertöpfischer
Fleischer konnte nicht genug abschneiden und abhauen, so sehr rissen
sich die Leute um das Fleisch. Ein Wohlgenährter saß auf seinen Beinen
und nahm die Zahlung an. Ein Anderer war damit beschäftigt, die
sonderbar geformten Gewichte in die Wagschale zu werfen und daraus
zu nehmen. Bereit lag ein Schreibzeug, eine lange metallene Büchse,
welche sonst der Schriftgelehrte vor der Brust zwischen das Oberkleid
schiebt, und nicht ohne einigen Stolz einen Theil davon hervorschauen
läßt. Man sieht, daß der Fleischverkauf ja auf eine großartige Weise
betrieben ward. Schon harrte ich längere Zeit; jetzt wurde ich aber des
Wartens überdrüssig. Man hat mich als Fremden und Franken doch zu wenig
beachtet. Ich verließ die Schlachtbank.

Um meiner Mißstimmung mit einem Balsam zu begegnen, spazirte ich die
Stadt hinaus. Besser, als das saure Gesicht des Schlächters gefiel mir
das üppige Grün im Mauergraben, welcher die Stadt in einen Halbzirkel
sperrt. Indessen wollte es mir auf dem mohammetanischen Leichenacker
auch nicht behagen. Meine Gedanken richteten sich noch immer nach dem
übelriechenden Aas, welches in demselben eine Woche früher ein Rudel
Hunde mit einer Begierde aufzehrte, daß der Fraß mit Raufhändeln
gewürzt wurde. Heute war Alles aufgefressen bis an die größern
Knochen; nicht mehr verpestete das Aas den lieblichen Ort, -- Dank der
einsichtigen, wohllöblichen Gesundheitspolizei -- der Hunde.

Ich kehrte um. Vor mir schritt ein Offizier durch das Thor. Die Wache,
ein alter Kerl mit einem magern Gesichte, präsentirte unverzüglich
das Gewehr. Kaum aber hatte er es zur Seite genommen, als er mit
der rechten Hand buckelmachend die Lenden rieb, wahrscheinlich aus
Ehrerbietigkeit gegen seine Leibwache.

Umsonst war ich Willens, im Rückwege gegen meinen Fleischer eine recht
mürrische Miene aufzupflanzen. Es stand eine andere Fleischbank offen,
und ich säumte nicht, mein Glück hier zu versuchen. Ich rief aus voller
Kehle, und es half. Unter dem Nachrufe von +haidi+ entfernte ich mich
mit meinem Fleische in fröhlicher Stimmung.

Die Araber, diese klugen Leute, glauben, daß der Fremde ein Strohkopf
sei, sofern er, in Beobachtung der Bescheidenheit und des Anstandes,
nicht spreche oder, um es genauer auszudrücken, nicht maule. Wenn er
nur den Mund spaltet, gleich viel, was er donnere, er wird sogleich ein
Gegenstand der Ehrfurcht. Ich machte diese Erfahrung nicht nur dieses,
sondern auch andere Male. Kurz und gut, im Nu ward, auf meinen Lärm,
mir Fleisch zugewogen.


Der Zuckerrohrmarkt.

Niemand in Europa hat die absterbenden Zähne gerne; doch hätschelt
man dort die Dinge, welche ihnen das frische Weiß rauben. Oder sind
sie, mit Erlaubniß zu fragen, liebenswürdig, die Zähne von der Farbe
-- geräucherter Schinken und mit den Höhlen, worin die Schmerzen mit
Vorliebe wüthen? Ach, wären nur die Zähne durch und durch Schinken, so
könnte man sie anschneiden, und mit dem speckweißen Liebreize das ganze
Menschengeschlecht entzücken. Allein selbst die Aeuglerin kann sich im
dienstfertigsten Spiegel nicht ganz zurecht gucken die tintenen Zähne
mit deren malerischen Schluchten, in welchen die balsamischen Quellen
der Schmätze entspringen. Es thut mir leid; aber ich kann es nicht
ändern.

Es ist zwar nicht der daumensdicke, manneshohe Pflanzenhalm, nicht
die binsenartigen, langen Blätter, welche zu drei Fingerbreiten
über einander um denselben sich ansetzen, nein, nicht dieses Gras,
dieses Zuckergras, dieses Zuckerrohr ist es, welches den Zähnen so
viel Verderben bringt, sondern der Saft dieses Gewächses, nachdem er
durch Kochen eingedickt und dann geläutert oder raffinirt worden: der
+Zucker+.

Sehnlichst verlangte mich, den Vater eines so raffinirten Kopfes und
Verwüsters der schönen Welt näher kennen zu lernen. Außer dem Thore der
Stadt ist eine Menge frisches Zuckerrohr an einer Reihe ausgebreitet,
worum Verkäufer und Käufer wimmeln, unter welch’ letztern ich
namentlich Soldaten mit ihren halbschwarzen Gesichtern bemerkte. Ich
wollte mich zuerst satt +sehen+; allein das Sehen nur verschafft nicht
sehr viel Vergnügen, weil -- es nichts kostet. Dachte ich doch, ich
werde den Saft des Rohrs im Munde auch ausziehen können, wenn es Andere
mit so vieler Lust thun. Ist man einmal draußen in der weiten Welt, so
muß man etwas mitmachen, damit man daheim etwas erzählen kann, hört’
ich so oft schon sagen. Ich kaufte ein Zuckerrohr. Ich biß wohl oben;
aber das Süßsalzige mundete mir nicht. Der Zuckerrohrhändler, meinen
Fehler gewahrend, warf den obern Theil des Halmes gleich weg, und ich
biß in den untern, der besser schmeckte. Ganz rein schmeckte das Süß
hart über der Wurzel. Wie aber oben das Rohr weniger rein schmeckt,
so schmeckt das unterste, zum Theil in der Erde steckende Glied nach
Wurzeligem. Die grüne Pflanze enthält bedeutend viel Saft, welcher,
wie im eingedickten und geläuterten, so auch im frischen Zustande, die
angenehme, reine Zuckersüßigkeit besitzt. Das Rohr wird so genossen,
daß man rohe Stücke in den Mund nimmt, und sie zerbeißt, um daraus den
Saft zu verschlingen. Die faserigen Theile werden weggespieen.


Der Tabakschneider.

+Roman Pane+, welcher die alte Welt mit dem Tabak bescherte, geschieht
fürwahr in alle Zeiten Unrecht, daß er nicht wenigstens zur Linken
+Mohammets+ von den Moslim verehrt wird; denn wer möchte in Abrede
stellen, daß diese den Tabak minder leicht entübrigen könnten, als den
Koran?

Hätte ein Bursche nicht so lächerlich gelacht, als er an der Hand einen
türkischen Pfeifenkopf drechselte, nach den Gedanken der alten Zeit
umwendend, schier gedankenlos modelte, durchstach und in wenig Zeit
fertig hudelte, ich würde eher zum Tabakschneider geeilt sein.

Hinter dem Handwerksmanne jene drei Wände von Mauer mit der offenen
Seite und dem Thürverschlusse gegen die Gasse, mit dem platten
Dache von Holz müssen ja das Audienzzimmer sein, welches er nur
zur Seltenheit betritt. Denn -- er hockt mit diesem Raume zwar
auf gleicher Höhe, aber auf einem Mauervorsprunge und unter einem
Vordache, vielleicht auch damit er mit seinen Kunden leichter verkehren
könne. Wie mag den Glücklichen ein Anderer beneiden, dem bloß von
außen an einer Bude ein kleiner obdachloser Winkel zu Verrichtung
seiner Kunst vergönnt ist. Zu einem buchstäblichen Winkelhandwerke
verurtheilt, begrenzt sich die Handthierung des armen Teufels einzig
auf Zerschneidung und Zerschnitzelung des kundschaftsweise anvertrauten
Rauchtabaks, und für einen Piaster schneidet er ein ordentlich Schock.

Wenden wir uns wieder zu dem Tabakschneider in der Bude. Es sind bei
ihm so wenig Artikel ausgekramt, daß er sein Gedächtniß damit nicht
überladen darf. Haufen von unzerschnittenem und zerschnittenem Tabak
liegen unordentlich herum. Eine Wage mit messingenen Schalen und einem
hölzernen Balken lauert auf den Käufer. Damit aber den Verkäufer selbst
das Warten nicht verdrieße, schneidet er für sich -- und Andere Tabak
in gar hübschen Nadeln. Ein der Länge nach gespaltenes, ziemlich großes
Rohr oder Halbrohr dient zur Aufnahme des Tabaks. Jenes ist mit Eisen
gerändert, wo das Schneidemesser hart vorbeifährt. Letzteres, auf einer
Seite so befestiget, daß es mit geringer Mühe herab- und hinaufläuft,
ähnelt in den wesentlichsten Beziehungen unserem Schneidemesser mit
der Vorrichtung dazu, wie selbes die Apotheker zu Zerschneidung von
Arzneien, z. B. von Wurzeln, und die Liebhaber des Tabaks zu anderem
Behufe gebrauchen. Noch ähnlicher, als unserm Schneidemesser der
Apotheker ist es dem Schneidestuhle, mittelst dessen der Häckerling
bereitet wird. Drückt der morgenländische Tabakschneider mit der
Hand das ungeschnittene Kraut im Halbstiefel wohl zusammen und ein
wenig über den Rand, so schiert er mit dem herunterschwirrenden
Messer gleichsam eine Scheibe ab, die, sogleich in viele Schnitzel
zerzottelnd, auf eine Schilfdecke zu Boden fällt.


Der Nargilebediente; die Rauchvirtuosität.

Von den vielen Handwerkern, welche dem Abendlande angehören, dagegen im
Morgenlande vergebens gesucht werden, will ich bloß den Kunstgärtner
(im strengeren Sinne des Wortes) nennen. Ein Deutscher, dessen erwähnt
ward, that sich für einen Gärtner aus, und kannte wirklich einige
Gewächse nach ihren lateinischen Namen. Hier aber beklagte er seinen
Beruf, weil die Natur ohne Kunsthilfe Alles viel schöner hervortreibe,
als es der erfahrungsreiche Gärtner Europas den dortigen Anlagen und
Treibhäusern abdringe.

Dem abendländischen Kunstgärtner hält indessen der Morgenländer
einen andern Berufsmann entgegen, welchen gerade das Abendland
nicht aufzuweisen vermag; ich meine den +Nargilebedienten+, den
Nargileträger. Argile oder Nargile heißt eine Tabakspfeife mit einer
Tasche voll Wasser, durch welches der Rauch gesogen wird. Mit drei bis
vier Nargilen geht der Gewinnlustige auf der Gasse umher, und erhascht
er einen Liebhaber, so stopft er ihm die Pfeife mit Tabak und setzt
überhaupt Alles so in Bereitschaft, daß der Rauchlüstling bloß das
Mundstück der Pfeife zwischen die Lippen und die Hand in den Geldbeutel
schieben darf.

Kaum sättiget man sich an diesem Auftritte, so schreitet ein
wohlhabender Morgenländer stattlich daher; schweigsam und treu wie der
Schatten folgt ihm ein schwarzer Sklave, welcher die lange, brennende
Pfeife seines Herrn trägt. Nun mache ich einen Besuch. Alsbald füllt
der Diener oder gar die Dame des Hauses die mit einem bernsteinernen
Mundstücke versehene Pfeife und raucht sie an, um sie mir darzubieten.
Ich wische das Mundstück hübsch fein ab, und rauche mit der größten
Bequemlichkeit. So reicht auch der Diener seinem Herrn immer die
angerauchte Pfeife.

Im Rauchen sind die abendländischen Christen, im Vergleiche mit den
Morgenländern, gleichsam Stümper. Es ist übrigens für den Reisenden
eben nicht unumgängliche Nothwendigkeit, daß er mitrauche. Ich lernte
zwar das Rauchen erst auf der Reise, verzichtete darauf jedoch öfter
längere Zeit.


Der Kaffeeröster und Kaffeezerstößer.

Ich trete in ein großes Gewölbe. An der Wand brennt es in einer Höhle.
Ueber dem Feuer steht schief ein irdenes, großbäuchiges und ziemlich
enghälsiges Gefäß zur Röstung des Kaffees. Dieser wird von einem Manne
mit einem Stäbchen fleißig umgerührt, bis er gar ist. In einer offenen
Pfanne würden während des Röstens offenbar mehr kräftige Bestandtheile
sich verflüchtigen.

Neben dem Herde nimmt der Mörser seine Stelle ein. Eine runde, tiefe
Aushöhlung des Fußwerkes von einer alten Marmorsäule ist er -- fest
ummauert. Ein Mann beschäftigt sich eigens mit dem Zerstoßen oder
Zermörsern des Kaffees. Er handhabt eine große, eiserne Mörserkeule,
die durch ihren schweren Fall zermalmt. Dazu musizirt der Arbeiter
stöhnend auf echt arabisch bei jedem Plumps. Hat der Kaffee eine
mehlichte Beschaffenheit erreicht, so wird er durch ein Sieb gebeutelt.
Das Seihsel fällt auf einen platten, großen, fein geflochtenen
Strohteller; das Ueberbleibsel im Siebe wird in den Mörser geschüttet,
um es aufs neue zu zermalmen. Den letzten Ueberrest betrachtet der
Araber als Auswurf; allein leicht kann man hier übervortheilt werden.
Der betrügerische Araber rechnet zu jenem gerne solchen Kaffee, den er
noch gar wohl benützen kann.

Ein Italiener von meiner Bekanntschaft kauft, um Einiges zu ersparen,
unzerstoßenen Mokkakaffee. Er bringt ihn in die Werkstätte. Er muß
warten; denn so eben wird für einen andern schon Dastehenden Kaffee
geröstet. Nun geht es an den seinigen. Es faßt das irdene Gefäß und
bald der Mörser den Kaffee, und für die Röstung und Pülverung bezahlt
er eine Kleinigkeit. Fein wie Mehl ist der zermörserte Kaffee.


Der Baumwollereiniger und der Schilfdeckenweber.

Die Baumwolle wird in der Nähe von Jaffa, aber nicht auf einem Baume,
wie das deutsche Wort zu allgemein sich ausdrückt, obschon es auch
Baumwolle gibt, sondern an einem wenige Fuß hohen, strauchartigen
Gewächse gewonnen. Genug, daß sie gedeiht, und zu den nützlichsten
Erzeugnissen des Erdbodens gezählt werden darf.

Die Baumwolle beschäftigt manche Hände, bis sie gereiniget ist.
In einer Werkstätte setzte Einer ein größeres Rad mittelst eines
Tretschemels und ein kleineres mit der einen Hand an der Kurbel in
Bewegung. Diese zwei Räder trieben zwei Walzen, die nahe über einander
und in ungleicher Richtung liefen. Wird die durchsämte Baumwolle mit
der noch freien Hand in die Walzenfuge gehalten, so erschnappt diese
den wollenen Theil und läßt ihn auf der andern Seite fallen; auf der
nähern Seite bleiben die Samenkörner zurück. Selbst auf der Neige des
Wintermonates verrichteten in Ramle das Geschäft der Samenabklappsung
beinahe nackte Männer.

Ich entfernte mich vom Baumwollereiniger, und wollte lieber dem
Schilfdeckenweber zuschauen. Der Webstuhl ist sehr niedrig, kaum
über einen halben Fuß hoch vom Boden, und von Baum zu Baum sind als
Kette Schnüre angestreckt. Abwechselnd stehen zwei Schnüre sich nahe,
um einen Zwischenraum von beiläufig drei Zoll offen zu lassen. Der
hölzerne Kamm mit so viel Bohrlöchern, als Kettenschnüre sind, hängt
nicht, sondern lastet auf den letztern, nachdem die Schnüre durch den
Kamm gezogen worden. Da das Gewebe, nämlich die Decke, in der Breite
etwa fünf Fuß mißt, so weben zwei Burschen einträchtig neben einander,
ein jeder die Hälfte der Breite, während jedoch der eine allein den
Eintrag mit dem Kamme zuschlägt. Beide hocken vor diesem Werkzeuge
auf dem Gewebe, und in dem Maße, daß sie weiter weben, rutschen sie
vorwärts, wie unsere Kinder, welche noch nicht gehen können. In der
Nähe der Weber liegt der Schilf, bei dem einen unter den Füßen. Behende
spalten sie ihn mit dem bereit gehaltenen Messer. Das Schilfband ziehen
sie mit den drollig davon hüpfenden Händen abwechselnd über und unter
zwei Schnüre des Aufzuges durch, auf gleiche Weise das nächste Band,
nur gegenüber und schließend, u. s. f. Von den Schilfbändern werden die
Schnüre ebenso umschlungen, wie beim Flechten der Körbe von den Weiden
die Stäbchen. Die Burschen weben mit großer Fertigkeit, und haben
sie zugewoben, so müssen die Schnüre durchschnitten, und allemal die
zwei näher stehenden zusammengeknüpft werden, damit sie den Schilf da
festhalten, wo er im Weben sich kreuzt.

Man macht von den Schilfdecken ungemein viel Gebrauch. Unter Zelten,
in Häusern und Kirchen deckt er die Erde oder Steine. Der Betende
zieht zuerst seine Schuhe aus, und dann wirft er sich in dem Tempel
auf einer Schilf- oder Strohdecke nieder. Betet unter freiem Himmel
der Mohammetaner, sein Antlitz gegen Mekka gewendet, und hat er gerade
eine Schilf- oder Strohdecke bei der Hand, so breitet er sie, oft unter
seinen nackten Füßen, aus.


Der wandernde Schiffer und Kinderspiele.

Ich konnte zuerst nicht klug werden, als ich etwas erblickte, das aus
Schwarzem herausragte und im Meere herumzappelte. Es war ein bis an
die Lenden entblößter Schiffer. Er saß in einem so kleinen Kahne, daß
dieser dem Manne mit ausgestreckten Beinen kümmerlich Platz gestattete.
Er ruderte mit keinen eigentlichen Rudern, sondern mit kleinen
Plattschaufeln. Er hielt diese in den Händen fest, je eine Schaufel in
einer Hand, und platschte damit in das Wasser, wie, man wird mir die
Vergleichung erlauben, der schwimmende Hund mit den Vorderpfoten. Das
Schiffchen fuhr ziemlich schnell von einem größern Schiffe zum andern,
von Riff zu Riff, und wenn es in den Grund lief, so trug der Schiffer
es gleich weiter, bis er es wieder flott machen konnte.

Um ja Alles auszuplaudern: Ein noch kleineres Schiffchen ließen die
Knaben vor dem lateinischen Hospize auf der Gassenpfütze herumfahren.
Ich lobe an diesen Schiffchen, ich darf wohl sagen, die treffliche
Eigenschaft, daß es keine Kameelfüße hatte; denn wenn die Buckeligen
mit ihren schweren, breiten Füßen durch die große Pfütze trabeten, so
entstieg dieser ein sehr unangenehmer Geruch bis in meine Zelle. Außer
der kindischen Schifffahrt nahm ich bei den Kleinen sonst keine andere
Spiele wahr, als eine Art Wettlauf und das Gleiten auf einer geneigten
Fläche, z. B. indem ein Kind, Kopf voran, sich von einem andern an den
Armen herunterschleifen ließ.


Spiel der älteren Leute.

Die Araber überlassen sich nicht sehr häufig dem Spiele. Karten trifft
man allerdings bei ihnen, allein ziemlich selten. In Kaffeehäusern zu
Kairo spielten Araber Schach, aber mit possenhaft plumpen Figuren.

An der kleinen Meeresbucht bei Jaffa sah ich ebenfalls beim Spiele
Morgenländer, welche das Schachbret in den Sand gezeichnet hatten.

Eines Tages bemerkte ich am Hafen von Jaffa zwei im Spiele begriffene
Soldaten. Schnell trat ich näher. In ein Bret waren vierzehn
schalenförmige Vertiefungen gearbeitet, wovon je sieben eine Reihe
bildeten. Eine ziemliche Anzahl Ziegelbröckchen legten sie in die
mittlern sechs Gruben. Mir wurde der Zusammenhang des Spieles nicht
völlig deutlich; doch so viel nahm ich wahr, daß aus einer Grube die
Steine gehoben und davon einer allemal in eine Vertiefung um die
andere gesetzt wurde. Wenn dann der letzte Stein in eine leere Grube
fällt oder nicht, so bringt es dem Spielenden Verlust oder Gewinn. Das
Spiel ist wohl kein anderes, als das von +Niebuhr+ und +Burckhardt+
beschriebene +Mangal+.

Der eine der spielenden Soldaten war der am Hafenthore wachehaltende
Soldat. Mit der linken Hand hielt er das Feuergewehr, und mit der
rechten spielte er. Da gesellte sich ein dritter Soldat hinzu. Er
hatte nichts Eiligeres vor, als seinen Mantel hart am Spielbrete
niederzuwerfen und, nach Ablegung der Schuhe, sich aus denselben
barfuß zu stellen; denn nach solcher Vorbereitung verrichten viele
Mohammetaner das Gebet. Dieser Soldat mochte im Beten stehen oder
hocken, oder auf das Gesicht niederfallen, die Spielenden ließen
sich nicht im mindesten stören. Der Eine lachte unterdessen manchmal
mit aller Herzlichkeit, andere Male kicherte er. Es ist eine
bemerkenswerthe Sache, daß, so viele Sprachen auch in der Welt den
Tausch der Gedanken und Gefühle vermitteln, dennoch das Lachen,
welches vom leisen Schmunzeln bis zum schallenden Gelächter so viele
Gemüthszustände ausdrückt, meines Wissens -- allenthalben gleich
ist sowohl in Beziehung auf die Beschaffenheit, als auf das Maß der
Töne. Das gilt im Wesentlichen auch vom Weinen. Die afrikanischen
und asiatischen Kinder können so unharmonisch weinen, wie die
unserigen. Die Erscheinung erklärt sich dadurch, daß die Lach- und
Weinlaute Naturlaute sind, welchen die Kunst weder Mark abbettelte,
noch andichtete. Kehren wir zu den lachenden Spielern zurück. Der
Neuangekommene näherte sich, nach vollendeter +Andacht+ (Asser),
alsogleich dem Spielbrete, und ohne Umständlichkeit schob er einen der
Spielenden weg. Jetzt betrachtete ich erst mit mehr Aufmerksamkeit eine
große Narbe am Vorderarme des neuen Spielers, und wirklich glaubte ich
dieselbe als ein Ordenszeichen kriegerischer Tapferkeit mit seinem
herrischen Benehmen in Einklang bringen zu sollen.


Meine Lebensart.

Meine Lebensart würde nicht jeder Europäer gepriesen haben. Ich kam in
die römische Fastenzeit. Die lateinischen Mönche aßen nichts, als Brot,
Kräutersuppen, Hülsenfrüchte, Gemüse, Fische, Oelbeeren u. dgl. Zudem
dürfen diese Speisen nicht mit Butter oder Schmalz, sondern sie müssen
mit Oel abgekocht werden. Das wäre allerdings eine engherzige und harte
Vorschrift für Bewohner von Ländern, wo das Oel selten und theuer, die
Butter hingegen im Ueberflusse und zu wohlfeilem Preise zu haben ist.
Uebrigens wird von Kundigen die Thatsache nicht bestritten, daß das
Pflanzenfett weniger reizende Eigenschaften besitzt, als das Thierfett,
wie: die Butter.

Die magere oder Fastenkost (~il magro~) eignet sich, beim Lichte
betrachtet, in der That, die sinnlichen, d. h., die thierischen
Gelüste des Menschen abzutödten, mithin die Weltüberwindung eher in
den Kreis der Möglichkeit hereinzuziehen. Wundern muß man aber sich,
daß der gemeine Genuß des Weins, welchen die strengste Diät, wie die
mohammetanische Rechtgläubigkeit verbietet, und welcher schon so
manche Sünde veranlaßte, im römischen Fastenspeisezettel einen Platz
behauptet. Gibt man nun auch zu, daß man mit dem Fasten den Zweck der
Weltüberwindung näher oder minder nahe erstrebt, so darf man darum auf
der andern Seite das Nachtheilige nicht verschweigen, daß es hier und
da den Zunder zu Krankheiten legt, nicht bloß, wenn auch vorzüglich bei
den Griechen, wie wir schon oben in Gaza vernommen haben, sondern auch
bei den Lateinern.

Da ich von einer Unpäßlichkeit immer nicht hergestellt ward, so
unterwarf ich meine Ernährungsweise der ernstesten Prüfung, deren
Ergebniß war, daß ich anfing, die Ursache meiner Nichtwiedergenesung in
der Fastenspeise zu suchen. Ich sann auf Abhilfe der magern Kost. Auf
meine der Gesundheit geltenden Gründe erlaubte mir der Pater Superior
mit aller Bereitwilligkeit, was ich wollte; bloß eine Kleinigkeit
fehlte, nämlich der Koch vollführte nicht. Ich wünschte unter Anderem
Milch. Ich wendete mich deswegen an den Pater Superior, an den Koch,
an den Konsul +Damiani+, an den Schulmeister der Maroniten, an einen
Italiener, dem ich empfohlen war, und der sie täglich trank, -- ich
goß nur Wasser ins Meer. Schienen die Einen vergeßlich zu sein, so war
die Vergeßlichkeit in der That eine milde und tröstliche im Gegenhalte
derjenigen des Kaisers +Klaudius+, der Viele dem Tode überlieferte und
einen Tag nach der Hinrichtung sie wieder zu Tische und zum Spiele
einlud.

Zwei Tage aß ich freiwillig nichts, als Brot und im Wasser gekochten
Reiß, ohne Oel, ohne Butter, ohne Salz, kurz, ohne eine Zugabe; Wasser
diente als Getränke. Besorgt endlich für meine bevorstehende Seereise
bei dieser entkräftenden Nahrung, ging ich zu Markte, verschaffte mir
ein Huhn, und so wurde mir nach Belieben gekocht. Ueberdies kaufte ich
Butter und Honig, -- und Brot, Butter und Honig auf einander schmeckten
mir eben so köstlich, als einst auf den Kindsbeinen, wenn ich diesen
Leckerbissen aus der freigebigen Hand meiner alten Großmutter empfing.

Indessen würde man sich um die jaffanische Butter, neben der
vorarlbergischen und schweizerischen in der Gebirgsgegend, schwerlich
reißen. Wer leicht Ekel empfindet, isset sie nicht. Sie sieht schmutzig
aus, und die Haare sind in solcher Menge in sie geflochten, als wäre
es mit Fleiß geschehen, damit sie nicht von einander falle. Dessen
ungeachtet schmeckt die Butter nicht übel, einzig etwas säuerlich,
keineswegs aber ranzicht. Sie wird auf dem Markte feil geboten. Ein
Verkäufer hatte einen hohen, unordentlich gekneteten Haufen auf dem
Teller. Zum Zeichen meiner Kauflust streckte ich ihm einen Piaster
dar. Gleich ergriff er die kupferne Schalenwage, krabbelte mit den
ausgebreiteten Fingern flink von der Butter, wog ab und ich bekam,
nackt von Hand zu Hand, mehr, als ich erwartete. Ich vergesse nicht,
beizufügen, daß der Verkäufer ein Mohammetaner war. Wäre er ein
morgenländischer Christ gewesen, ich würde wahrscheinlich minder
erhalten haben. Ich muß dieser Vermuthung an der Fackel einer neuen
Thatsache leuchten. Beim Einkaufe des Mundvorraths sah ich mich um
Zwieback um. Der käufliche aus Zypern ist sehr gut: kleine, runde, etwa
zwei Daumen dicke Brote, oben mit fünf Punktirungen. In einer Bude, in
die ich zufällig trat, machte man das Anerbieten, mir sogleich Zwieback
zu holen. Die Leute in der Bude benahmen sich mit so vieler Artigkeit,
daß sie mir Zutrauen einflößten; sie bezeugten auch Freude darüber,
daß ich ein Christ, und zwar kein griechischer sei. Sie forderten für
eine Ocke drei Piaster. Wirklich kaufte ich sieben Ocken. Nach dem
Kaufe fragte ich gelegentlich vor den mohammetanischen Buden. +Keiner
verlangte mehr, als drittehalb Piaster.+ Der Abendländer erzählt mit
Schmerz eine solche Thatsache, die einen so auffallenden Unterschied
zwischen Christen und Moslim herausstellt.

Honig findet man in einigen Buden. Man bewahrt ihn in einem enghälsigen
Kruge, schöpft ihn mit einem hölzernen Löffel, und wägt ihn auf der
Schalenwage. Zuerst, um eines kleinen Versuches willen, legte ich
ein Kohlblatt auf meine Hand, und begehrte für wenige Kreuzer. Ein
Mohammetaner wies mich ab. Ein Anderer weigerte sich Anfangs, später
aber deutete er mir, daß ich, weil ich mit keinem Gefäße versehen war,
die Hand recht hohl machen solle. Als in der Folge für sieben bis
acht Kreuzer (R. V.) eine Achtelsmaß (ein halber Schoppen) Honig in
mein Trinkglas gewogen wurde, konnte ich mir leicht erklären, warum
der erste Mohammetaner an mich keinen verkaufen wollte; denn für das
Geldstück, das ich ihm zeigte, würde mir mehr gehört haben, als ich
hätte versorgen können. Der Honig, wenn auch ein wenig trübe, schmeckt
gut.


Ich lese die Bibel.

Was mir ein hohes Vergnügen gewährte, war das Lesen in der Bibel,
während ich eben auf dem Schauplatze stand, worauf dieselbe so
oft führt; denn Joppe ward zu Judäa gezählt. Die Patres gaben mir
eine Vulgata ohne irgend einen Anstand. Ich würde zwar +Luthers+
ausgezeichneter, kraftdeutschen Uebersetzung den Vorzug eingeräumt
haben; allein eine solche war nicht aufzubringen, und unter den
lateinischen Uebersetzungen verdient die Vulgata gewiß eine
Ehrenstelle. Das Latein des ehrwürdigen +Hieronymus+ erhebt sich weit
über das Mittelmäßige.

Das alte Testament enthält einen so großen Reichthum an
Eigenthümlichem aus dem Leben der Israeliten, daß es ein wahres
jüdisches Volksbuch ist. Es überrascht insbesondere mit der Schilderung
von Sitten und Gebräuchen. Hier, wo ich als Reisender die Aufgabe,
diejenigen der heutigen Einwohner im alten Lande der Juden zu
beobachten, nach Maßgabe meiner Zeit und Kräfte löste, fühlte ich in
mir gleichsam einen Drang, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart
Vergleichungen anzustellen, wofür mir der süße Lohn zu Theil ward, in
der Bibel so treuen Zeichnungen zu begegnen.


Ein Pater sagt, ich werde des Teufels.

Der Umstand, daß ich nicht in die Messe ging, schien die sechs Mönche,
welche das Hospiz bewohnen, unangenehm zu berühren. Die Stimmung
derselben war mir bald nicht mehr zweifelhaft. Es fragte mich nämlich
eines Mittags der Koch, Frater +Emanuel+, ob ich die Messe angehört
hätte. Ich antwortete: Nein. Der Eifer wimmelte in seinen Händen,
und ich merkte ihm an, daß er es darauf anlegen wollte, mich recht
auszuholen. Ich fertigte ihn kurz mit den Worten ab, daß ich nur auf
lateinisch in religiöse Gegenstände mich tiefer einlassen würde.

Im Nu schritt der Pfarrer (~padre curato~) mit zwei Mönchen daher.
Der Meinungskampf begann in der Kirchensprache der Katholiken. Jener
stolperte unglücklich genug über seine lateinischen Fehlbrocken. Um
aber doch seinen Worten einen salbungsvollen Nachdruck zu verleihen,
schlug er mit der Faust auf dem Tische den Takt, und glühender Eifer
rollte seine Augen. Der ganze Rüstzeug von Verstand und Vernunft
würde dem Menschen wahrlich wenig mehr nützen, wenn das Gepolter
einer Faust Beweiskraft hätte. Der Pfarrer trieb sich auf dem Boden
der faden Jesuitenlogik herum, und ich merkte, daß mit ihm kein Satz
ordentlich durchzuführen sei. Ich erklärte geradezu, daß ich mich
zum Protestantismus bekenne. Auf diese Erklärung suchte man mir
den bekannten Satz ins Herz zu prägen, daß einzig und allein die
römisch-katholische Kirche selig mache; ich sei verdammt, hieß es,
und laut rief ein Mönch mit einem buntscheckigen Barte, daß ich in
die Hölle fahren werde[11]. Ich sei mit meinem religiösen Schatze
zufrieden, erwiederte ich; ich wolle den Frieden meiner Seele wahren;
ich könne glatterdings nicht bekehrt werden. Sofort erloschen die
Flammen der Patres, und ich wurde nimmermehr mit derlei Zwisten gequält.

Ich warne, aus dieser einzelnen Vorfallenheit allgemeine Sätze
herauszufolgern. Die Patres haben höhern Auftrag, ihren Glauben zu
verbreiten, und der Bekehrungsversuch darf wohl nicht befremden. Ich
meine sogar, daß mein Tagebuch dadurch eher gewonnen, als verloren habe.


Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen Unschuldigen
prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei.

Der Franzose, einer meiner Wegweiser in Jerusalem, machte eines Abends
in seiner Trunkenheit nicht wenig Spektakel in und vor meiner Zelle.
Weil mit einem Berauschten nichts anzufangen war, so stieg ich hinunter
zum Pater Superior. Mir nach eilte der Franzose bis zur Kirche, worin
die Mönche beteten. Dies hinderte jedoch den Zornentbrannten nicht, vor
der geweihten Stätte so ungestüm zu lärmen, daß jene die Kirchenthüre
zuschlossen. Und sich nicht begnügend mit bloßem Lärmen, schlug er mich
mit der Hand und versetzte mir mit seinen Reitstiefeln einen Fußtritt.
Gegen die Ueberfälle vertheidigte ich mich mit genauer Noth, in der
Ueberzeugung, daß eine ernste Gegenwehr mit Händen und eine kräftige
Vertheidigung mit Worten Anlaß darböten, einer falschen Anklage Gewicht
zu geben, und mich nicht minder zu beschuldigen, als den Angreifenden.
Eben drohte der Franzose mit dem Messer, als endlich die Patres
herzutraten, denselben beschwichtigten und mir beistanden. Der Pater
Superior mußte wohl einsehen, daß unser von den Mönchszellen ziemlich
gesondertes Wohnen zur Seite hoch oben in den Pilgerkämmerlein den
Unfrieden allzu sehr begünstigen würde. Er befahl Trennung; da ich aber
mein Gepäcke holen wollte, spektakelte der Franzose von neuem auf dem
Dache, und hob, unter Drohungen gegen mich, einen Stein. Indeß hatte
das rohe Benehmen die gute Folge, daß ich +neben den Patres+ eine
weit bessere Zelle bekam.

Tages darauf war es mein erstes Geschäft, den Schutz des
österreichischen Konsuls anzuflehen. Diesen Vorfall zuerst tief
bedauernd, äußerte er sich dann, daß er nicht einschreiten könne, und
daß ich mich mit den Worten zufrieden geben sollte: ~Questo è finito~
(die Sache ist abgethan), indem wir einander die Hand reichen und
umarmen würden. Hiezu konnte ich mich deswegen um so weniger verstehen,
weil der eben anwesende Franzose seine im Rausche ausgestoßenen
Beschimpfungen jetzt im nüchternen Zustande wiederholte, und weil er
noch aus dem Grunde Recht haben wollte, +daß ich kein Christ sei+.
Mit dieser Gleißnerei hat er auch die Mönche zu berücken gesucht.
+Der Pater Superior bemerkte inzwischen ganz wohl, daß Schimpfen
und Schlagen von seiner (des Franzosen) Seite nimmer angehe, welcher
Religion ich auch zugethan sein möge.+ Ich verlangte beim Konsulate
förmliche Genugthuung und Sicherheitserklärung, die ich denn auch mit
Zähigkeit erhielt.

Der Konsul scheint dasjenige zu glauben, was der erste ihm vormalt.
Die Dreieinigkeit theilte er ein in Gott, als Obersten, in unsere
liebe Frau (Madonna) und in +Jesus Christus+. War der Konsul sich der
Zeitfolge bewußt, so soll vor der Hand keine Einwendung geschehen,
besonders dann, wenn er, ein öfterer Fall, in gewisser irdischer
Begeisterung sprach. Der Konsul erregte erst meinen großen Unwillen
gegen ihn, als hart neben seinen Ohren ein Mann mir erzählte, daß der
Franzose den Vater desselben am gleichen Abende mit Stockschlägen
mißhandeln wollte. Still, still, lispelte der etwas verlegene Konsul,
welcher die Sache zu vertuschen suchte, und als er sie nicht mehr
leugnen konnte, beschönigte er den Franzosen damit, daß dieser, in
der Wuth über mich, auch einen andern Handel angesponnen habe. Es
war erdichtet; denn das Hospiz wird gleich nach Einbruch der Nacht
gesperrt, in welcher ich unter die unsanften Hände gerathen bin. Viel
vermag fürwahr bei einem Morgenländer die glatte Zunge und die rothen,
unten mit Leder überschlagenen Reitknechthosen eines Franzosen, solche
mit einer weiter gediehenen Bildung natürlich unzertrennliche herrliche
Erscheinungen des Abendlandes.

Doch die Sicherheitserklärung ist da nur Schein, wo man straflos
schimpfen und schlagen darf. Mit persönlicher Sicherheit wanderte ich
bisher unter der arabischen Polizei, aber nicht unter der fränkischen.
Im Unwillen über die Lauheit oder Machtlosigkeit des Konsuls, welcher
österreichischer und französischer zugleich ist, entschlüpften
mir einige Worte, welche den Mann stachelten und in etwelche
Bestürzung brachten. Vater und Sohn, welcher letztere eigentlich die
Konsulatsgeschäfte besorgt, arbeiteten von nun an, in Verbindung mit
dem Superior, angelegentlich an der Herstellung des Friedens. Im Zimmer
des Paters bat der Franzose kniefällig ab, und, die Hand auf ein Buch
haltend, schwor er bei einem Heiligenbilde und legte das Handgelübde
ab, daß er mir nie etwas Leides zufügen wolle. Diese plötzliche Demuth
des Kerls mußte mich neuerdings mißtrauisch machen.

In einer solchen Lage war kaum ein anderer, ehrenhafter Entschluß mehr
möglich, als der, die Abreise nach Beirut in Gesellschaft des Franzosen
auf das bestimmteste abzulehnen. Einem Menschen, der sich mehr, als
viermal treulos zeigte, darf man nicht trauen. Mein Entschluß wurde
noch dadurch befestigt, daß der Vater des Rais, mit welchem wir nach
Beirut übersetzen sollten, und der kein fränkisches Wort verstand,
in +Gegenwart des Konsuls+ für die Ueberfahrt zweimal mehr forderte,
als man gewöhnlich bezahlt. Ich glaubte die Falle zu erkennen.
Wahrscheinlich war verabredet, die Ueberfahrtskosten für den Franzosen
und Deutschen auf mich zu wälzen. Immer lebhafter überzeugte ich mich,
daß es hohe Zeit sei, diese zwei besitzlosen Leute, die wahrsten
Abenteurer auf Erden, vom Halse zu schütteln. Nach einem siebentägigen
Aufenthalte in Jaffa begaben sie sich an Bord.

Wie sind doch die Verhältnisse so eigenartig, welche die Furchen der
Stirne auszuebnen vermögen? Unter andern Umständen wäre das längere
Warten auf eine Reisegelegenheit für mich eine Pein gewesen, während
ich es unter diesen leicht erträglich fand. Ich miethete mich in eine
Bombarda des Hauptmanns +Kiriako Bagsîno+, eines Hydrioten, bis in die
Nähe (sechs Stunden) von Smyrna. Das Schiff war nach Konstantinopel
bestimmt; ich glaubte aber den Weg nach Smyrna wählen zu müssen,
weil ich eine kleine Geldanweisung +für den Nothfall+ an das Haus
+Sturzenegger+ und +Prélat+ in Smyrna bei mir hatte. Das größere
Kreditschreiben lautete auf den österreichischen Konsul in Beirut,
Herrn +Laurella+, bei welchem das Geld wirklich bereit lag, ohne daß
ich es der angeführten Verumständigungen wegen wirklich bezog.


Der Konsul Damiani; mein Besuch in seinem Hause.

Nach der Ankunft in Jaffa stieg ich beim Herrn Konsul +Damiani+ ab.
Heute noch trägt er im morgenländischen Gewande den Militärhut aus den
Zeiten +Napoleons+. Der Hut geht zur morgenländischen Tracht gerade so
gut, als zur europäischen; denn das häßlichste Kleidungsstück, das man
erdenken konnte, steht nirgends gut.

Der ehrwürdig aussehende Greis nahm mich freundlich auf. Sein Sohn
geleitete mich sogleich in eine Zelle des Gastgebäudes (~ospizio della
Terra Santa~).

Ich sah den Konsul bisher nur in seinem Waarenlager am Kai, gleich
neben dem armenischen Kloster. Ich wurde von Andern in sein Haus
geführt, ohne daß ich den Besuch beabsichtigte. Täusche man sich nicht
über die Wohnung des Konsuls. Sie ist sehr unansehnlich, so daß unsere
Bauern in schönern Häusern wohnen. Der Konsul saß unten im Hofe. Den
Hut vertrat diesmal eine abgeblichen rothe Mütze, und um den Kopf über
die Ohren war ein Tuch gebunden; denn die Zähne litten Schmerzen.
Man prangt immer mit der Weltweisheit, man verehrt die Seele als das
Ewigwährende am Menschen, man schmäht auf den vergänglichen Staub
des Körpers, man lehrt Verachtung der Kleiderpracht, und doch vermag
man nur mit Mühe den widerlichen Eindruck zu besiegen, den man beim
Anblick einer mit häßlichen Kleidern bedeckten, höher gestellten Person
empfängt, selbst wenn noch so hoch deren Seelenadel emporflackerte.
Hätte ich nicht schon gewußt, daß +Damiani+ Konsul wäre, ich würde
ihn schwerlich beachtet haben. Er pflegte sonst seinen langen, grauen
Schnurrbart hinauszustreichen und zu zwirnen. Diesmal ließ er ihn fein
in Ruhe, weil er überzeugt sein durfte, daß zwischen dem unreinen Tuche
um dem Kopfe keine Hoffahrt mehr möglich sei.

Nicht die köstlichsten Treppen leiteten hinauf ins Gastzimmer. Darin
hing eben die Wäsche an zwei Reihen von der Linne herab. Der Christ
beging seinen Sonntag und die Wäsche deswillen doch keinen Fehler,
weil -- das Trockenwerden keine Hände erfordert. Zuerst wurde ich
im Zimmer Niemand gewahr; bald dann erschien der Sohn des Konsuls
hinter der Wäsche, so ganz theatermäßig, wie der Schauspieler hinter
der Blendewand. Nach den theilweise erzählten Vorgängen durfte ich
auf keine andere, als auf eine kalte Aufnahme rechnen. Nach der
Begrüßung setzte sich der junge Mann wieder auf den Strohteppich,
von Papier und Siebensachen umgeben, die alle kreuz und quer durch
einander lagen, wie ein Nest voll junger Kaninchen. Es wurde durch
einen schwarzen Sklaven mit Tabak und Kaffee aufgewartet. Mehr, als
dies interessirte mich die Ausstattung des Zimmers mit Hausgeräthen.
Fratzen aus Europa, z. B. Gipsfiguren, schämten sich vor reich
gestickten morgenländischen Gewändern. Um das christliche Europa noch
feierlicher herüberzubeschwören, stand an einem Orte der ans Kreuz
genagelte +Christus+. Der Sohn war nicht wenig bemüht, mit den Schätzen
des Hauses die Bewunderung des Zuschauers zu erwecken. Es wurde
angeblich ein Gegengift in Form eines Steines, das Horn einer Schlange,
Alterthümer, ein massiver Klumpen Silber u. s. f. vorgewiesen. Ich
wurde dabei, zu meinem Leidwesen, nicht im mindesten gerührt.

Dem gutmüthigen und gesprächigen Konsul, der schon eine hohe Stufe des
Alters erklommen hat, horchte ich mit gespannter Aufmerksamkeit zu.
Freilich sichern nicht gerade die Jahre, nicht die Silberlocken (die
im Morgenlande dem Barbier und Turban gehören), nicht der höhere Rang,
nicht die größere Macht als Familienhaupt dem Greise Aufmerksamkeit
und Liebe, Ehrfurcht und Vertrauen, sondern die reichern und reifern
Kenntnisse und Erfahrungen, die weisen Sprüche und Warnungen,
ja die lebendige Geschichte eines Menschenalters, die er auf der
Zunge herumträgt. +Damiani+ erzählte eine breite Historia von
einem Mylord, und als ich gelegentlich die Bemerkung einwob, daß im
Abendlande Manche nicht rauchen, daß hier dagegen das Rauchen den
Hauptgenuß verschaffe, so erwiederte er: In Jerusalem ist es wieder
anders; dort schnupfen sie mehr; schon kleine Dingerchen (er deutete
die Höhe mit der Hand) fangen das Schnupfen an. Es war ein Wunder, daß
der Herr Sohn nicht immer in unser Gespräch einfiel. Sonst kann er sich
des Plauderns mitten hinein so wenig enthalten, als hin und wieder eine
mit seltenen Rednertalenten begabte Jungfer Köchin, wenn man mit dem
geistlichen Herrn ein paar Worte reden möchte.

Mein Besuch währte länger, als dem Konsularschutze angemessen war, und
wie ich mich vom Sitze erhob, im Begriffe, zur Thüre hinauszugehen,
duckte ich mich recht höflich, um nicht an der Wäsche anzustreifen, die
ich, den Spuren ihrer irdischen Vergänglichkeit zum Trotze, wegen der
Schönnähtereien bereits angestaunt hatte.

Ich besuchte schon früher den griechischen Konsul. +Der+ ist ganz nach
europäischem Geschmacke gekleidet, dazu sehr gewandt und gefällig. Die
abendländische Kleidung flößt dermalen hier zu Lande Achtung ein.
Der Konsul kredenzte mir Punsch. Ich lächelte über mein gutes Europa,
dem in manchen Dingen mehr Ehre widerfährt, als es verdient. +Echte+
Bildung ist dort keineswegs so heimisch, wie man gemeiniglich glaubt.
Bei Vielen beschränkt sie sich darauf, nach der Mode sich zu kleiden,
die Komplimente gehörig zu schneiden, die Formeln der Begrüßung und
Unterhaltung sich geläufig eingetrichtert zu haben, über Konzerte,
Theater und Dichter ein wenig zu plaudern, wo nicht französisch zu
sprechen, doch die Kinder oder Verwandten, das Möpschen, einige
Geräthschaften, Kleidungsstücke, Speisen oder Getränke französisch zu
nennen, wenn man nicht gerne einen Besuch annimmt, zu Hause zu sagen,
daß man nicht zu Hause sei, oder auf dem Gipfel der Gesundheit zu
erklären, daß man sich unwohl befinde, etwa zu einer Zither zu singen,
niedlich zu spielen und zu tanzen u. dgl. Ich bitt’ um Vergebung. Diese
~Toilette -- serviteur -- souffleur -- charade -- Jeannette -- nièce
-- joli -- secrétaire -- corsette -- côtelette -- liqueur -- excuse
-- guittare -- dames -- écossaise~ -- Bildung, wenigstens ein sehr
honnetes Wort, klingt doch allerlieblichst ins Ohr.

Auch die Russen haben einen Konsul, in der Person eines Griechen. An
den Festtagen wehen die Flaggen der verschiedenen Konsuln ganz zierlich
über Jaffa, und so stolz, als wären hier die Christen Meister. -- --
Ich fand die Festtage üb er an diesen Flaggen doch Freude.


Vorbereitung zur Abreise.

In Jaffa hatte ich zwei Stunden früher Tag, als die Leute in meiner
Heimath. Ich saß oft am hellen Morgen mit der Feder am Tische, indeß
sie im finstern Zimmer -- zweifelsohne schliefen. Ungeachtet dieses
heitern Glückes wollte ich nicht länger im alten Kanaan weilen; ich
sehnte mich immer heißer nach -- der Morgennacht meines Vaterlandes.

Es war nun meine Abreise gewiß. Man zimmerte, freilich erzlangsam, mehr
und mehr sturmbeschädigte Kähne zurecht, um die Befrachtung unseres
Schiffes zu fördern. O freudige Aussicht für mich, der ich länger denn
fünf Wochen auf günstige Witterung für die Abfahrt hoffte und harrte.
Wiewohl in Jaffa, Kaifa, Akre, Said und Beirut achtzehn Schiffe durch
den letzten Sturm losgerissen oder zerschmettert wurden, so bemächtigte
sich dennoch meiner nicht die mindeste Bedenklichkeit, dem Winde
und Wasser mich anzuvertrauen. Mein Hauptmann hatte ja sein Schiff
gerettet, und wie hätte ich zu ihm nicht Zuversicht fassen sollen. Auch
rechnet heiße Sehnsucht nicht mit dem Griffel der Aengstlichkeit.

Ohne Zahlung zu leisten, konnte und wollte ich billigerweise nicht
abreisen. Ich darf versichern, daß die Patres nichts weniger, als
unfreundlich wurden, so oft sich mein Geldbeutel öffnete. Ich hielt
für gerathener, kurze Zeit nach meiner Ankunft mich mit denselben zum
Voraus über Kost und Wohnung förmlich einzuverstehen. Die Zahlung dafür
war, nach der Versicherung +Damianis+, ziemlich stark; ich habe indeß
keine Ursache zur Unzufriedenheit. Es mag aber vielleicht befremden,
daß noch Keiner mit größerer Strenge meine Goldstücke untersuchte und
erlas, als der Präsident (Pater Superior) +Martin+; fast alle von ihm
ausgeworfene Stücke brachte ich an, die einen vollzählig, die wenigen
mit sehr geringem Verlust. Mehr noch stutzte ich, als nach der Räumung
meiner Zelle, gleich vor der Abreise, der Superior mit dem langfädenen
Kohlenbarte sogleich spähend in dieselbe trat, vielleicht in Kraft des
von ihm unter dem 11. Jenner mir ausgestellten Zeugnisses, „daß ich
musterhaft gelebt habe.“ Ich erwähne solches nicht, um meinem Herzen
gegen Ordensleute, als solche, Luft zu machen. Ich liefere nachgerade
den schlagendsten Beweis dadurch, daß ich Alles nachtragen werde, was
ich von den Patres Rühmliches weiß. Ich setze dabei voraus, daß man
die Vorurtheile, welche die Spanier in ihrem Vaterlande einsaugen,
kenne, und daß man Niemanden ein gewisses Mißtrauen gegen die Franken
im Allgemeinen verübele, weil durchschnittlich lockere Abendländer vom
Schlage der Glücksritter in Syrien sich herumtummeln. Der Deutsche,
dessen ich oben gedachte, wurde weit schlimmer behandelt, als ich,
ob er gleich sich für einen guten Katholiken ausgab, und die Messe
alle Tage barfuß anhörte. Er bewohnte ein schlechtes Zimmer, welches
dem Winde und Regen nicht ganz zu wehren vermochte. Seine Bettdecke
war feucht und schmutzig. Es ist der Welt Brauch, die Leute so zu
empfangen, wie sie entgegenkommen. Auch reichte man ihm schlechtere
Nahrung, als mir. Diese Behandlung wirft zwar allerdings im Grunde
kein vortheilhaftes Licht auf die Patres; allein es erhellt daraus
doch +das+ Günstige, daß dieselben hier gar keinen Unterschied der
Glaubensbekenntnisse berücksichtigten. Ueberdies legte man mir seit dem
oben berührten Strauße nicht das geringste Hinderniß in den Weg. Als
ich mich, zum Zeichen, daß ich den Sonntag der Christen ehre, gegen
den Pater Superior äußerte, ich wolle während der Messe mich in die
Kirche begeben, erwiederte er: Thun Sie, was Sie wollen. Mit dem Frater
+Emanuel+ lustwandelte ich nach jenem Wortwechsel mehr, als einmal,
und half ihm für unsere Küche Spargeln suchen, die in der Umgegend
von Jaffa wild wachsen. Ich kann zum Ueberflusse beifügen, daß die
Ordensmänner sehr viel Zeit mit Beten hinbringen und, so viel ich
bemerkte, ein durchaus sittliches, eingezogenes Leben führen.

Den Reisepaß holte ich, ohne ihn unterschreiben zu lassen. Von
einem Konsulate, das mich nicht schützen konnte, wollte ich keine
Unterschrift.

Mit dem Schiffshauptmanne war die Uebereinkunft getroffen, daß ich die
Lebensmittel selbst mir anschaffen müsse. Ich kaufte einen Vorrath
von Aquavit, Kaffee, Zwieback, Reis, Zucker, Zitronen, Pomeranzen,
Fleisch, Hühnern und Durra, letzteren zur Fütterung dieser Hausthiere.
Schon aber im Hospiz aß ich wegen der schmalen Fastenbrocken oft vom
Zwieback. Weil der Hauptmann auf Einschiffung drang, so übertrug ich
den Ankauf von Hühnern einem fränkischen Knaben, welchen ich dazu mit
dem nöthigen Gelde versah. Er kehrte nicht wieder, und ich mußte selber
zu Markte gehen. Auf dem Rückwege erwischte ich den losen Jungen in
der lateinisch-maronitischen Schule; meine Piaster waren unter den
Aermeln verborgen. Fast zu oberst am Kai besitzt die Stadt das einzige
Schenkhaus, wo man Aquavit, Wein und kalte Speisen bekommen kann.



Nach Rhodos.

    Griechische Stille; das Meer raset; Reiseerfahrungen; das herrliche
    Zypern; der Taurus; der Spiegel meiner Reisegefährten; Wolken
    von Weihrauch; der griechische Fasttag war für mich ein Fetttag;
    der griechische Koch; im östlichen Hafen der Kolosser vor Anker
    gegangen.


+Dinstags den 12. Jenner 1836.+

Abends beim Einbruche der Nacht kam der Hauptmann +Bagsino+ an Bord.
Die Schaluppe wurde schnell eingehoben, die Anker gelichtet, die Segel
ausgespannt -- Alles mit so wenig Kommandiren und Geräusche, daß der
italienische Lärm einen grellen Gegensatz zu dieser griechischen Stille
bildete. Heftig brauste der Nordwind.


+Den 13.+

Seit vor San Pietro di Nembo das Meer mit mir Schmollis machte, könnte
ich es dann und wann ordentlich liebherzen. Ich betrachtete die
rauschenden Wogen als lauter scherzende Kinder, welche nur daseien, um
den Griesgram des Alters zu verscheuchen. Die Natur meint es gar nicht
so böse, wie man oft ihr wildes Aeußeres mißdeutet. Uebrigens tobte in
der Nacht gewaltiger Sturm. Wäre man Rahm gewesen, man würde ohnfehlbar
bis morgen Butter geworden sein.

Allerdings muß man auch das Reisen lernen. Anfangs war ich gar
linkisch. Auf der Fahrt von Alexandrien nach Bulak verwahrte ich den
Reis so schlecht, daß dieser, vielleicht aus langer Weile, zu dem
darunter liegenden Holze hinabspazierte. Der Kaffee wußte aus dem
Papiere Auswege zu finden. Auf der Reise von Kairo nach El-Arysch
sorgte ich so nachlässig für den Zucker, daß ich ihn schaben mußte,
bevor er zum Gebrauche sich eignete. Der Rhum floß zur Hälfte weg, weil
ich die Flasche schlecht verstopft hatte. Durch Schaden gewitziget,
verwahrte ich nun einmal meine Lebensmittel mit besonderer Sorgfalt.
Ich mußte aber auch darüber wachen, daß nichts davon entwendet werde;
denn man weiß, daß sich in manchen Menschen die wunderliche Begierde
regt, mehr zu nehmen, als ihnen gehört. Ich stellte den Mundbedarf in
meine Nähe. Da langte einmal in der Nacht ein knöpfiger Arm in meinen
Brotkorb. Ich ergriff und erkannte ihn. Nur +ein+ Reisegefährte, ein
Maure, trug Aermel mit Knöpfen. Ich wurde gerade zur rechten Zeit
erinnert, wie ich mich gegen ihn verhalten müsse. Kaum aber war der
fremde Arm aus dem Brotkorbe entwichen, so wurde dieser von einer Welle
geneckt, weswegen ich ihn alles Ernstes in die Sicherheit flüchtete.

Das Meer hat mir +Ibrahim+, +Ali+, +Mansur+, +Mustafa+ und all’ die
Namen der Moslim verrauscht, die ich auf Gassen und Wegen so oft hörte.
Anders tönt es jetzt in meinen Ohren; im Schiffe gilt es dem +Mitri+
oder +Dimitri+ (~Demetrius~), +Kiriako+ (~Ciriacus~) u. s. f. Ach,
beurkundeten christliche Namen nur immer christlichen Sinn.

Mittags wurde mir eine Suppe mit rothem, lebendigem Gewürze vorgesetzt.
Auf der Reise ißt man, und man murmelt höchstens mit saurer Miene
einige für den Koch unvortheilhafte Bemerkungen.


+Den 14.+

Nie werde ich das herrliche Schauspiel vergessen. Wir lagen auf der
Höhe der Insel +Zypern+. Hoch streckte der beschneite H. Kreuzberg
(~monte di Santa Croce~, der Olymp der Alten) sein Haupt empor. Diese
schweizerische Gebirgswelt wühlte in mir beinahe das Heimweh herauf.
Den Tag über erfreute mich das beßte Befinden; bloß gestern fühlte ich
ein wenig Unbehagen im Kopfe wegen der stark bewegten See.


+Den 15.+

Ich sah einen Küstenstrich von Karamanien. Veränderlicher Wind und
Wetter trübten hin und wieder meine gute Laune.


+Den 16.+

Wir segelten einem Vorsprunge des Taurusgebirges, dem Kap Chelidonium,
nahe, und verloren die Küste von Kleinasien nie aus den Augen. Die
Fahrt ist von nun an mehr derjenigen auf einem Landsee zu vergleichen.
Schon sind wir von Jaffa gegen den Nordpol vier Grade vorgerückt, und
man konnte auch wirklich einige klimatische Verschiedenheit wahrnehmen.


+Sonntags den 17.+

Wir segelten vorüber an Castelori und andern Ortschaften von
Natolien. Vor dem nahen, hohen Gebirge der alten Lykier träumte ich
mich auf einige Stellen des Vierwaldstätter-Sees in der Schweiz, so
ähnlich war der Ausblick. Die Fahrt gewährt in der That recht viel
Unterhaltung. Die Umrisse der schweizerischen, wie dieser Berge sind
mit ausnehmender Kühnheit gezeichnet. Wir bewundern einen solchen Zug
auch an Kunstwerken, -- wie einen vorhängenden Fels, so den Thurm von
Pisa. Hingegen sind die Berge um Jerusalem träge Massen, Kegel oder
Halbkugeln, gleichsam nur gut zum Faulenzen für das Auge.

Ein frischer Wind jagte uns so muthig vorwärts, daß wir schon vor der
Mitte des Tages im pamphylischen Meere ein Korn, +Rhodos+, erblickten,
und bis zum Eintritte der Nacht steuerten wir diesem Eilande ziemlich
nahe. Ein Berg hatte eben einen Wolkenhut auf, als die Sonne unterging.

Ich halte nun einen Augenblick an, um meine Reisegesellschaft zu
zergliedern. Ein Engländer und ein Grieche, ein Maure und ein Jude, so
wie ein griechischer, schiffbrüchiger Hauptmann und seine Matrosen, das
waren meine Reisegefährten.

Der Engländer, ein Geistlicher, besaß einen edeln, gutmüthigen
Karakter. Ich schätzte mich glücklich, in Jaffa seine Bekanntschaft zu
machen, wo er bei dem englischen Konsul, einem Morgenländer, einkehrte,
allein die morgenländische Kräuter- und Hühnerküche nicht besonders
rühmte. Das Französische sprach er als guter Englishman. Wenn er in
der fremden Sprache redete, war mit ihm so schwer nachzukommen, als
mit einer schlechten Tänzerin. Ich erzähle von ihm zwei echt britische
Züge. Er wanderte durch die Wüste bis in die Nähe von El-Arysch. Jetzt
vernahm er, daß er der Quarantäne sich unterwerfen müsse. Alsbald
entschloß er sich zum Rückfluge nach Kairo, um über Alexandrien und
Beirut nach Jerusalem zu reisen. Ein paar Male des Morgens rief ich
den Geistlichen, wenn sich ein merkwürdiges Schauspiel darbot. Er
hatte die Artigkeit, zu antworten, und seine Nichttheilnahme damit
zu entschuldigen, daß es bei ihm Gesetz sei, in der Frühe so und so
lange zu lesen oder zu schreiben. Die Gottheit hat dem Menschen ein
bestimmt abgegrenztes Gebiet angewiesen, worüber er Herr und Meister
ist. Man frage indessen nicht nach der geographischen Länge und Breite
desselben; denn es erscheint sehr klein am Maßstabe. Es ist nun gut,
wenn der Mensch in diesem seinem Gebiete, d. h., sich gewisse Gesetze
vorschreibt; es ist aber nicht gut, wenn er solche in untergeordneten
Dingen mit eigensinniger Strenge vollstreckt und so zum Sklaven seiner
selbst hinabsinkt. Ich sah unsern Reisegenossen nicht sehr oft, weil er
in das Zimmer des Schiffsherrn und ich in den Schiffsraum eingemiethet
war. Letzteren Platz hatte ich einzig dem Pater Präsidenten des
lateinischen Hospizium in Jaffa zu danken, weil er sich mit einem
ungewöhnlichen Eifer in die Abschließung des Vertrages mischte, und
jene so sehr beschleunigte, daß es mir an Zeit gebrach, zu fragen, wo
ich wohl im Schiffe untergebracht würde. Doch, außer der Kehrseite,
wendete die Sache auch diesmal ihre Lichtseite zu. Ich lernte so dem
Schiffsraumleben auf den Puls fühlen. Hier liefere ich denn eine
flüchtige Zeichnung meiner Gefährten im Schiffsraume.

+Demetrius+, aus Chios (Scio) und Handelsmann, hatte eine schöne
Gesichtsbildung und sprach griechisch, arabisch und türkisch. Seine
Umgänglichkeit ließ mich wünschen, in einer seiner Sprachen meine
Gedanken mit ihm auszutauschen.

Der Maure aus Algier, ein Hadschi (Mekkapilger), mit einem gemeinen
Gesichtsausdrucke, einem langen Barte und einem Turban, ließ keinen
edlern Zug seiner überaus lockeren Seele durchblicken. Er plauderte zum
Arabischen das Wenige fränkisch, womit er zwischen +Demetrius+
und mir kümmerlich den Dolmetscher spielte. Während unserer Fahrt
von Jaffa nach Rhodos endete der mohammetanische Fastenmonat; allein
dieser Anhänger des Islam nahm es nicht sehr genau, und er aß manchmal
Kleinigkeiten bei Tage während der Fastenzeit. In Jaffa verletzten
auch andere Mohammetaner vor meinen Augen das Fastengebot. Der Hadschi
trank Wein und Branntewein. Dem Kleinhandel obliegend, kaufte er
in Jerusalem Rosenkränze, um sie in Konstantinopel zu verkaufen.
Es ist überhaupt bei den Morgenländern Sitte, die selbst von den
protestantischen Franken nachgeahmt wurde, mit einem Rosenkranze müßige
Stunden zu vertreiben, indem sie eine Perle nach der andern von ihrer
Stelle verschieben. Wenn die Leute des Niederganges bei ihren Besuchen
nicht selten kaum wissen, welche schickliche Haltung sie ihren Händen
geben sollen, um so weniger verlegen ist der Morgenländer, welcher
mit Bequemlichkeit auf dem Diwane hockt, und mit den Händen anständig
den Rosenkranz durchtändelt. Der Algierer hatte, als französischer
Unterthan, einen französischen Paß bei sich. Er schien die Franzosen zu
hassen. In Alexandrien besuchte er seinen alten Fürsten, den Dei.

Der Jude, ein Konstantinopler und Rentner, begleitete seine Frau nach
Jerusalem, um in der heiligen Gegend mit ihr die Tage des Lebens zu
beschließen. Sie starb ihm weg, und darum war er auf der Rückreise
nach Konstantinopel begriffen, um vielleicht für den schmerzlichen
Verlust der alten Geliebten bei einer jungen -- Trost zu schöpfen.
Viele Israeliten folgen bekanntlich einem religiösen Berufe, sich
in der alten Königsstadt anzusiedeln, wenn sie sich bis zu einem
gewissen Grade von ökonomischer Unabhängigkeit emporgearbeitet haben.
Der Mann war hochbetagt und grau. Ich gewahrte an ihm keine einzige
Untugend; nur war er schmutzig und voll Ungeziefer, das selbst seinen
ehrwürdigen Bart zu einem Parke für die komischen Jagden mit der
Brille -- auserkohr. Die schönen Gesichtszüge und das ganze Benehmen,
mit Vorbehalt einiger seltsamen Liebhabereien, gewannen dem Greise
Zuneigung und Vertrauen. Das Beten verstand er aus dem Fundamente.
Während des Gebetes konnte er sich die Kaffeeporzion zutheilen
und andere Arbeiten unter fast krampfhaften Zuckungen der Lippen
verrichten. Seine Augen strahlten hinauf zu Jehova demüthig aus den
Lumpen, in die er sich genistet hatte, und aus den, irgendwo mit einem
Tuchanschrote zugeschnürten Lumpensäcken, die ihn umschanzten. Das
+Schallah+ (wenn es Gott gefällt, so Gottes Wille) wiederholte er oft
und kräftig im Flusse der Rede. Von fröhlichem Gemüthe, stimmte unser
Konstantinopler bisweilen ein Lied oder gar die „~Cara Cascatella~“ an.
Und siehe, da tanzte er einmal mit seinen krummen, vor Alter unwilligen
Beinen, mit seinem gebogenen, steifen Rücken und mit seinen Eisschollen
am Kinne. Man hätte dabei herzlich lachen müssen, wenn man selbst von
keinem kleineren Unmuthe gebeugt gewesen wäre, als bei +Hans Sachs+ die
Bäurin wegen der saubern Wirthschaft ihres tölpischen Mannes:

    Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt,
    Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt,
    Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.

Die Regungen der Freude sind verschieden und groß bei Jung und Alt.
Tanzte doch +David+ aus allen Kräften und jauchzend, als er die
Bundeslade holte.

Nachdem ich einige Zeit in Mitte der Mohammetaner gelebt hatte, war die
Gelegenheit mir recht erwünscht, die griechischen Christen in der Nähe
ein wenig kennen zu lernen. Morgends und Abends zog der Schiffsjunge
(Friandol) mit einem brennenden Weihrauchfasse von Mann zu Mann, und an
dem emporwirbelnden, angenehmen Rauche bekreuzte man sich gar vielmal
und schnell über einander, unter leisem und kurzem Gebete. Damit der
Weihrauch ja nicht verfehle, wehte man ihn mit der Hand gegen das
Gesicht. Der Koch war eine drollige Fettmasse auf Kosten Anderer, und
ein Muster von kleiner Spitzbüberei. Das Fleisch kochte er gleichsam zu
dürren Holzfasern aus, damit er die Brühe schlürfen könne. Glücklich
trat ein griechischer Fasttag ein, da mir doch eine natürliche Suppe
bereitet ward. Das erste Mal zwackte der Koch mir Reis. Beim zweiten
Male, als er ein größeres Quantum wollte, erklärte ich ihm, ich kenne
das Reiskochen zu gut, als daß er mehr benöthige. Wie er dann einsah,
daß er mich nicht belugsen könne, meinte er: Etwas für die Herren in
dem Zimmer des Hauptmanns. O nein, antwortete ich. Aber etwas für den
Koch. Da war es ausgeplappert. Sogar Pappenstiele, wie diese, welche
beinahe nicht die Tinte werth sind, können ins Innere des Menschen
zeigen.


+Montags den 18. Jenner.+

Erwacht, aufgestanden, und die Stadt +Rhodos+ schwebte im Schleier
der Morgendämmerung vor den Blicken. Mit Ungeduld wollte ich denselben
lüften; doch bald entschwand er von selbst, und deutlich erschienen
die Umrisse der Stadt. Auf eine niedrige Anhöhe gepflanzt, fiel sie
lieblich ins Auge. Neben dem freudigen Grün der Wiesen, welche die
Stadt halb umkränzen, streben die düsteren Festungsthürme empor. Wir
ließen die Quarantäneanstalt, ein schloßartiges Gebäude, rechter Hand,
und legten im östlichen Hafen an; ein Tannicht von Masten deutete auf
den westlichen.

Billig konnte ich nicht ans Land steigen -- ohne Ehrfurcht und
Dankbarkeit gegen die alten Hellenen, welche, der Ruhm des
Menschengeschlechtes, Denkmäler eines so nützlichen und edeln Daseins
aufrichteten; hier insbesondere pries ich die Kolosser.


Rhodos.


Lage, Himmel, Volkszahl.

Diese einst der Sonne geweihte Insel der Rosen, nach Kandia die größte
des griechischen Archipels und die berühmteste der Sporaden, erstreckt
sich von Nordwest nach Südost in die Länge, und erhebt den Atabyris
(Artamit) zum höchsten Berge. Die Fruchtbarkeit des Eilandes auf dem
glücklichen Erdstriche sucht Ihresgleichen. Der Himmel in Syrakus
und Rhodos, rühmte schon +Plinius+, wird nie so bewölkt, daß die
Sonne nicht an einer Stunde des Tages herabblicke. In die Sommerhitze
fächeln unermüdliche Winde angenehme Kühlung, und milde fließt der
Winter dahin. Der gegenwärtige aber war ein wenig strenger: selbst das
Wasser wurde von Eis überschossen, was freilich mit außerordentlicher
Seltenheit sich ereignet. Jedoch begrüßten mich auf einem Spaziergange
im Freien die Auen im schweizerischen Maiengewande. In Jaffa, wo zwar
die Blöker auch in der kältesten Zeit graseten, ward das Grün durch den
Frost ein wenig erschreckt und bleich. Hier, vier Grade weiter gegen
Norden, scheint es minder gelitten zu haben.

Die Bewohner des Eilandes theilen sich, wie der Sohn des
österreichischen Konsuls in Rhodos, des Herrn +Josef Anton Giulianich+,
mir bezeugte, in beiläufig 26,000 Griechen, 11,000 Türken und 2000
Juden. Gering sind an der Zahl die Lateiner, noch viel geringer die
Protestanten. Man darf gar nicht zweifeln, daß die Insel eine weit
größere Bevölkerung ertragen würde, wäre der Boden besser angebaut.
Sie wird von einem türkischen Pascha regiert. Griechen beklagen den
jetzigen als einen Wütherich.


Die Stadt Rhodos.

Kaum war ich angelandet, als ich einen Scioten traf, der mir in einem
Athem seine Schicksale, seine Leiden schilderte. Leidensgefährten
leihen einander gerne das Ohr. Er erzählte, daß er, den 5. Christmonat
des vergangenen Jahres von Beirut abgereist, wegen der entsetzlichen
Stürme erst vor acht Tagen hier anlangte. So schlimm diese Nachricht
an und für sich lautete, so sehr durfte ich nun froh sein, daß ich
über das böse Wetter in Jaffa verblieb. Ich war doch auf festem Boden
und unter trockenem Obdache, und, wenn man so sagen will, auch bei
trockenen Mönchen.

Rhodos sprach mich sogleich freundlich an. Ich brachte Gott meinen Dank
dar, daß ich den häßlichen Städten Palästinens entronnen war. Die Stadt
nebst den einen Büchsenschuß abliegenden, städtisch gebauten Dörfern
ist von nicht ganz unbedeutender Größe, und steht dem Umfange nach dem
schweizerischen St. Gallen nicht nach.

Die Häuser, mit meistens platten Dächern, sind ziemlich hoch, ihre
Mauern gerade, davon manche mit Kalk übertüncht. Die Vorderseite vieler
Wohnungen, gleich über den Pforten, schmücken die Wappen der alten
Johanniter. Man freut sich hier ordentlich wieder der Glasfenster,
von denen Wohnlichkeit entgegenglänzt. Die Kamine ragen als kleine
Thürmchen hinauf, die eine Pyramidenspitze und auf dieser etwas
Spießartiges tragen. Mehr, als neun runde, dünne Moscheethürme steigen
empor, und, Abends beleuchtet, goßen sie goldene Säulen über den
schwarzen Wasserspiegel des Hafens bis zum -- vergangenen Riesenbilde.

    +Anmerkung.+ Bekanntlich soll als eines von den sieben Wundern
    der alten Welt eine eherne Riesensäule des +Helios Phöbus+ am
    Eingange des Hafens gestanden und als Leuchtthurm gedient haben.
    Dieser Koloß, woher die Rhodier Kolosser genannt wurden, war
    nach +Plinius+ siebenzig, nach Andern achtzig Ellen hoch; allein
    sechsundfünfzig Jahre nach der Aufstellung des Riesen stürzte der
    Stolz menschlicher Unternehmungen durch ein Erdbeben zusammen. So
    baut der Mensch mit Zuversicht in die Gegenwart, damit die Nachwelt
    staune, doch weniger über seine größten Werke, als vielmehr über
    das Wunder, womit eine andere Hand, als die seinige die Zukunft
    leitet. Noch die Trümmer wurden bewundert. Wenige vermochten den
    Daumen des Riesenbildes mit den Armen zu umspannen. Die Trümmer
    blieben bis zum Jahre 656 n. Chr., da sie an einen jüdischen
    Handelsmann verkauft wurden, welcher damit neunhundert Kameele
    belud.

Die Gassen sind enge und krumm. Ueber denselben wölbt sich an manchen
Stellen von einer Häuserreihe zur andern eine schmale Bogenbrücke, jene
zu verbinden, und so eher den Schaden der Erdbeben zu verhüten, die,
wie sie in den alten Zeiten, z. B. beim Sturze der Riesensäule, ihre
Stärke durch Verheerungen ankündigten, so bis auf den heutigen Tag von
den Rhodiern gefürchtet werden.

Der Kai ergötzte mich mit seinem feinen Straßenpflaster, das überhaupt
in der Stadt sehr schön ist, selbst mit seinen wohlgemeinten Zierereien
nicht überall in den Hauptstädten Europens Nebenbuhler findet. Es
drängt sich das schneidende Gegentheil auf: In Syrien die elendesten
Gassen, in Rhodos reine und zierliche. Die Pflaster sind wohl eine der
Hauptzierden und ein Ehrenpunkt bei den Rhodiern. Man betritt sogar
hübsch gepflasterte Landwege. Man hat Ursache, das Lob, das +Salomo
Schweigger+ vor drittehalb Jahrhunderten dem Pflaster spendete,
vollkommen zu bestätigen. Die Bassar sind schön, gewiß schöner, als
viele der unsrigen, aber nicht sehr belebt. In einigen Gassen frohlockt
als ein Siegeszeichen der Christenfeinde eine Gruppe sehr großer
Steinkugeln, die von den türkischen Erobern hereingeschleudert worden.

Die Stadt wird von einer mehrfachen Mauer und einem doppelten
Wallgraben umzingelt. An den sehr starken Thoren, wie an andern Theilen
des Festungswerkes, sind die Spuren der alten christlichen Machthaber,
der Johanniter-Ritter, noch nicht ausgelöscht. So erblickt man über den
Thoren Kreuze, welche den Verehrern des Halbmondes wenig Anstößiges
darzubieten schienen. Wie bald würden manche Christen Mond und Sterne
zerstören, sobald sie ein Mond- und Sternland unter ihre Botmäßigkeit
gebracht hätten. Ich sah über einem Thore, selbst in halb erhabener
Arbeit, das Bild eines Mannes, wenn ich nicht irre, des Apostels
+Paulus+. Ich verwunderte mich um so lebhafter darüber, als bekanntlich
sonst der Islam die Erzeugnisse der bildenden Künste nicht duldet.

In und bei der Stadt bewegen sich mehrere Windmühlen; eine neben einer
großen, in den Felsen geteuften uralten Zisterne.


Das Leichenfeld.

Rings um die Stadt von Meer zu Meer streicht der Leichenacker. Den
Leichen räumen die Mohammetaner ungemein viel Feld ein, weil sie
ungerne ein altes Grab ruhestörerisch aufzubrechen scheinen. Das
steppenartige Weichbild bewirkt daher wegen der vielen Steine einen
unangenehmen Eindruck. Es würde dieser allenfalls leidlich gemildert,
wenn die Grabsteine, wie die Gebäude, zu Rathe gehalten und vom
Zerfalle gerettet würden; allein deswillen ladet man keine Sorge sich
auf. Der eine Leichenstein steht gerade aufrecht und schön erhalten
mit einem wohlausgehauenen und hohen Turbane, der andere ist halb,
der dritte ganz umgestürzt, ein vierter zertrümmert, und zwischen
den in frommer Erinnerung an die Verstorbenen gesetzten Zeichen
lockt wucherndes Gras das Vieh zur Weidung daher. Soll in der wilden
Zerfallenheit der Grabmäler etwa das Sinnbild sich abspiegeln, daß eben
noch hinfälliger und vergänglicher die Hülle des Menschen sei, als
der fallende und zerbrechliche Stein? Eine solche Betrachtung dürfte
indessen über dem Gesichtskreise des gemeinen Muselmannes hinausliegen.
Auch die Kinder, mehr oder minder der Wiederhall der Erwachsenen,
beweisen, wie wenig man sich um die Leichensteine bekümmere. Zwei Buben
warfen nach einem Ziele, und dieses war ein Turban auf dem Grabe. Es
wäre schade, wenn die Menschen nicht stürben; sonst könnten die Rosse
nicht nach Lust in den Todtenkammern zu Alexandrien ein Freudenlied
wiehern, noch die Rhodier-Buben die Turbane der Gräber zur Zielscheibe
der Vergnügungen nehmen.

Im Uebrigen wird in Rhodos für die Stiftung von Grabmälern weit
mehr gethan, als in Jaffa, von dessen Leichenacker man das Auge am
liebsten wegwendet, weil es darin vergebens sich erbauen würde; in
Joppe sogar zerschneidet die Grabhügel ein Weg, als ein gepflasterter
da, wo Denksteine mit Füßen getreten werden. In Rhodos gibt es auch,
mitten im großen Leichenfelde, mehrere kleinere Leichenhöfe, in deren
Einfangsmauer an der Außenseite dreieckige Ziegelbröckchen eingesprengt
sind.

Das heilige Feld (~Campo Santo~) erhält das Andenken der einst für den
Schiffsbau im Dienste des Großherrn gestandenen Schweden.


Die Bewohner; das lateinische Hospiz; ein Knabenspiel; große Hähne.

Die Bewohner zeichnen sich durch Schönheit aus. Ich begegnete
auffallend hübschen Frauenzimmern. Die Griechinnen verschleierten sich
vor mir nicht; sie sollen sich jedoch vor dem Mohammetaner verhüllen.
Es mag ersprießlich sein, daß die Schwärmerei den Gesichtsschleier
befängt. Hinwieder sind die Türkinnen um kein Haar besser. Ich ging
durch eine Gasse, worin mohammetanische Weiber einen kleinen Kreis,
wie es schien, zu Disputirübungen bildeten; ein großer Knabe daneben
ergriff ängstlich und lärmend sogleich den Schleier eines Weibes, um
dessen Gesicht vor mir zu verbergen. Ich brach in Lachen aus, und
kehrte den närrischen Leuten den Rücken. In der höflichern Manier ist
der Rücken der abendländische Schleier des Gesichtes.

Nunmehr in dem Lande, wo der Sultan unmittelbarer herrscht,
durchmusterte ich mit Verwunderung die Kleidung des Militärs. Sieht man
einen Theil desselben, so glaubt man sich kaum mehr unter den Türken.
Auch gibt es, außer den Kriegsleuten, nicht wenig fränkisch gekleidete
Personen, und da ich in Syrien von den Weltneuigkeiten beinahe ganz
abgeschieden war, so lebte ich gleichsam neu auf, als ich wieder so
Manches erfuhr; denn Rhodos zählt immer eine beträchtliche Anzahl
Schiffe in seinen Häfen, weil es die Straße von Konstantinopel und
Smyrna nach Alexandrien und aufwärts nach der ganzen Küste bis hin zu
dem gegenüber Himmel und Meer trennenden Streifen Natoliens berührt,
und weil viele Schiffe vor der Insel sich mit frischem Mundvorrathe
versehen, letzteres um so gewisser, als die Lebensmittel in sehr
billigem Preise stehen. Ich bekam für zwei Kreuzer so viel Pomeranzen,
daß ich geflissentlich kleinere auslas, um sie in den Taschen bequem
tragen zu können. Eine kleine Maß (Ocke) vortrefflicher Wein kostet
sechs Kreuzer R. W. Leute, wie die Bewohner dieses Landes, die sich
besser ausfinden, wissen ihn noch um die Hälfte wohlfeiler zu kaufen.
Eine Ocke Honig kostet sechszig bis achtzig Para (12 bis 16 Kreuzer).
Nur das Brot ist theuer und schlecht; denn der Pascha, welcher sich
mit Alleinhandel befaßt, zog die Bäckereien an sich. Sollte man etwa
bedauern, daß nicht auch die höhern und edlern Güter des Menschen in
den Bereich des Handels, des Alleinhandels fallen? Gewaltige der Erde
fänden doch eine viel mächtigere Quelle zu Vermehrung ihrer Schätze,
und ohne Widerrede wäre es für einzelne Begüterte ein herrlicher
Gewinn, wenn sie auf dem Ruhepolster das, worüber sie noch nicht
verfügten, nämlich einen hellern Verstand und ein lautereres Gemüth,
durch Geld sich aneignen könnten.

Die Konsuln wohnen in einem griechischen Dorfe gegen West außerhalb der
Stadt. In demselben besitzen die Lateiner auch ein Hospiz, welches von
zwei Patres bedient wird. Die lateinische Gemeinde ist etwa 120 Seelen
stark. Der eine Pater, ein gar freundlicher und gefälliger Mann, zeigte
mir in der Kirche ein Frauenbild von gehauenem und gemaltem Marmor,
welches sehr alt sein soll. Der Pater erzählte: In einem Grundstücke
des Eilandes ward von einem Sklaven umgegraben. Da vernahm dieser eine
Stimme: „Laß mich gehen.“ Als er tiefer drang, stieß er auf etwas
Hartes, und siehe, es war ein Frauenbild, ein sehr wunderthätiges
(~molto miracolosa~).

Griechische Knaben belustigten sich, indem sie unter scherzenden
Bewegungen über den Weg sangen, und türkische --, indem sie spielten.
Diese übten sich in einem Spiele, welches einem in der Schweiz unter
verschiedenen Namen bekannten durchaus ähnelt. Ein Knabe stellt sich
vorne, der andere hinten. Der vordere setzt ein Pflöckchen vor eine
Grube, in welche er ein kleines Stäbchen steckt. Treibt er dieses nach
vornen und aufwärts, so fliegt das von ihm getroffene Pflöckchen gegen
den hintern Knaben. Wenn der letztere mit der Hand das noch fliegende
Pflöckchen erhaschen kann, so ist der vordere besiegt, und beide
wechseln ihre Rollen; wo nicht, so wirft der hintere nach der Grube.
Bleibt das Pflöckchen in einer gewissen Nähe von derselben liegen, so
ist es Gewinn; kommt es nicht nahe genug, so schlägt der vordere Knabe
mit einem Stäbchen darauf, damit es aufhüpfe, und damit er es sodann
im Fluge -- fortschlage. Fliegt das Pflöckchen jetzt nur so weit, daß
der hintere Knabe die Grube von jenem an erspringen kann, so ist er
verloren, sonst aber nicht. Gleichermaßen darf der vordere Knabe nur
bestimmte Male auf das Pflöckchen schlagen, um es flügge zu machen.
Schlägt er diese Male erfolglos, so ist er überwunden. Ich möchte den
Alterthumsforscher mit nichten tadeln, wenn er sogar Staub und Moder
ausbeutet; er darf aber auch mir nicht verargen, wenn ich in manchen
Kinderspielen nichts minder, als Kinderspiele für den Freund der alten
Welt erblicke. Ueberlieferungen von Munde zu Munde können sich so rein
bewahren, als Ueberbleibsel von Werken der Menschenhand.

Es würde der, im Vergleiche selbst mit palästinischen, auffallend
großen Hähne keine Erwähnung geschehen, wenn nicht schon die Alten die
großen und streithaften Hähne von Rhodos gepriesen hätten.


Der Abend im Schiffsraume.

Man führte mich in ein jüdisches Haus, wo ein ausnehmend guter Wein
ausgeschenkt werde. Ich kaufte einen großen Krug mit herrlichem rothen
Rhodier.

Der Rhodier-Wein, zu meinen Füßen gestellt, schwänkt mir den Zwieback.
Der Krug mahnt mich an die Weinkrüge, welche untreue Weiber oder
Mägde in irgend einen Winkel verbergen, um daraus gelegentlich Muth
zu Verblendung der Männer oder Meister zu schöpfen. Ich sitze auf
Wrack, einer niedrigen Windenscheibe, die mit einem großen Damenbrete
ausgemalt war. Unter mir breitet sich ein Strohteppich aus, neben mir
das Bett mit einer Pomeranze darauf, damit sie den Wein mir kühle,
-- dann meine Habseligkeiten, vor allen der Spender des Segens, der
Brotkorb. Gegenüber lagert der unsäuberliche Jude mit einem Graubarte,
der schmutzig auf die Brust herunterkräuselt. Nahe über ihm steht eine
Katze, deren Augen von der Begierde nach Beute glänzen. Würde der
lauernde Vierfüßer ein wenig abwärts gerückt sein, -- der Judenkopf
wäre das segelnde Schiff unter der ehernen Riesensäule der -- Katze
gewesen. Der Mann des Hebrons schläft fest und schnarcht, daß die
Nasenflügel zittern wie Espenlaub. Vielleicht hörte das hebräische
Schnarchen selbst der Maure, welcher, voll Freude über das eingetretene
mohammetanische Jubelfest (das große Beiram), in der Stadt sich gütlich
that, und einmal eine ganze Nacht im Kaffeehause zubrachte. So hängt
man gemeinhin an die Fasten ein Gegengewicht: Man enthält sich kürzer
oder länger, mehr oder minder der Speisen und Getränke, man sammelt die
Eßlust, und man leert nach der Hand um so leckerer größere Schüsseln
und Becher. Bloß drei Fuß über der Schiffsladung von Sesam hängt vom
Verdecke ein Laternchen herunter, welches die Höhle erleuchtet.

All’ diese Armseligkeiten betrachtend, bin ich doch zufrieden, und
nun blicke ich durch die Oeffnung des Verdeckes gen Himmel zu Gott
empor, dem ich mit gerührter Seele meinen Dank für die goldene Gabe der
Gesundheit darbringe. Sie war mehrmals auf der Neige, und ich lernte
sie schätzen, die mich von so manchem Joche befreite; unbesorgt genieße
ich jetzt die frische Luft der Nacht, die grünen Früchte des Südens und
seine glühenden Weine.


Spaziergang gegen Trianda.

Mich gelüstete, eine griechische Dorfschaft in einiger Entfernung von
der Stadt zu besehen. Ich erstieg zuerst den Hügel gleich über Rhodos;
der Weg durchstach einmal einen Felsen. Jener soll heute +Smiths+ Höhe
heißen, weil der englische Admiral +Sidney Smith+ auf demselben wohnte,
ehe seine Flotte nach Egypten absegelte. Auf der Höhe eröffnet sich die
köstliche Aussicht über die Stadt und einen Theil der Insel, auf andere
Eiländer und an die Küste des alten Karien. Von den schneebedeckten,
kühn in den blauen Aether tauchenden Ausläufern des Taurus schwang sich
mein Gedanke beinahe unwillkührlich in die Gegend des Bodensees; denn
das Meer, in engen Schranken zwischen Kleinasien und den Eiländern,
glich einem See. Ich ging sofort eine Strecke weit auf dem Scheitel
des Hügels, und lenkte dann rechts hinunter zum Meeresstrande, wo mir
mehrere Marktleute mit Eseln und Maulthieren begegneten; Kameele traf
ich nicht. Vor dem Siechenhause (~casa dei leprosi~) saßen einige
Menschen, die bettelnd ihre Hand schüsselförmig hervorstreckten;
eben ruhte auf ihren Gesichtern die erwärmende Sonne, von dem kalten
Nordwinde sich erholend. Eine starke Stunde im Westen von Rhodos liegt
eine sehr weitläufig gebaute Dorfschaft mit fest gemauerten Häusern,
die in Höfe eingesperrt sind. Eine Menge Oelbäume trägt dazu bei, daß
die Häuser noch mehr in der Verborgenheit erscheinen. Die alte Stadt
Rhodos soll in der bedeutenden Länge vom Vorgebirge Bovo, dem gleich
nördlich die neue Stadt Rhodos sich anschließt, die nach Trianda sich
ausgedehnt haben.

Die Männer auf dem Lande waren mit einem Turbane bedeckt. Die meisten
von denjenigen, welche an mir vorübergingen, hatten eine wilde,
unfreundliche Miene. Ein Mann, der viele Jahre auf der Insel verlebte,
versicherte mich, daß die rhodischen Griechen durchaus wackere Leute
seien, und daß man unter ihnen völlig sicher reise, bei Tag und Nacht,
über Berg und Thal. Nach dem Aeussern würde ich in der That ein
ungünstiges Urtheil gefällt haben. Damit nicht dem Irrthume der Fang
gelinge, soll Niemand verkündigen, daß er Fische gefangen habe, sobald
er die Schwere des Netzes in der Tiefe des trüben Wassers verspürt,
sondern erst dann, wenn er die Fische fühlt oder sieht.

Auf dem Rückwege, immer am Meere vorbei, hörte ich, seit ich Triest
verlassen habe, wieder zum ersten Male einen Brunnen plätschern, zum
ersten Male sah ich wieder den lautern Wasserstrahl mit den Perlen
scherzen. Man nennt die Insel sehr reich an Brunnquellen, welche auf
wohlthätige Weise in der wolkenlosen oder wolkenarmen Jahreszeit die
Stelle des Regens übernehmen, um, durch die Hand des berechnenden
Landmannes geleitet, das Feld zu berieseln und zu befruchten.


Nach Konstantinopel, Triest und heim.

Wir gingen am 20. Jenner schon unter Segel; allein ein heftiger
Gegenwind jagte uns gegen die nun öden Feuerschlünde zurück, die zu
Ehren des Beiram so laut gedonnert haben, er verbannte uns in den
Hafen von Rhodos. Ich benützte diesmal die Zeit, meinen Reisepaß bei
dem österreichischen Konsul, Herrn +Giulianich+, unterschreiben zu
lassen. Die Hausfrau ist eine Deutsche, und mit einem innigen Vergnügen
sprach ich wieder einmal mit deutscher Zunge. Die freundliche Aufnahme
im Schoße einer europäisch gebildeten Familie erquickte mich wie ein
Frühlingslüftchen.

Die Rückreise über Konstantinopel werde ich nicht ausführlich
schildern. Die Sehnsucht nach dem Abendlande, wirkliche Reisesattheit,
ungewöhnlich ungünstige Umstände machten mich nachlässiger im
Beobachten und im Aufzeichnen des Beobachteten, obschon ich mein
Tagebuch fortsetzte.

Am 24. Jenner steuerten wir endlich von Rhodos weg. Links erhoben
sich die Sporaden, rechts bald das Vorgebirge Krio (Knidus der Alten)
und linker Hand vorwärts die Insel +Kos+. Mit ehrfurchtsvollen
Erinnerungen heftete ich auf dieselbe meinen Blick; denn Kos ist
das Geburtsland von +Hippokrates+. An der Morgenseite spielte das
Halbgrün der Weiden bis an den Gipfel des Berges in der Sonne,
welche von Karien lieblich herüberleuchtete. Wie vor Jahrtausenden
kreiset noch die gleiche Sonne, noch umschweben das gleiche Land die
Lüfte, noch bespülen das gleiche die Fluthen des Meeres, ach, muß
es denn unabänderlicher Wille sein, daß der gleiche Sterbliche dort
nicht umherwandle, und lehre, wie Andere, gleich ihm, die Krone der
Unsterblichkeit verdienen? Der Theil der Morgenseite, welcher, gegen
Mitternacht, völlig in die Nähe trat, war unbewohnt. Als wir umbogen,
kam die Stadt +Kos+ zum Vorscheine, großartig in der Schminke der
Ferne. Die Thürme trugen sich schlank über den Moscheedom, und die
vielen weißen Landhäuser verliehen dem schönen Landschaftsbilde einen
besondern Reiz. Nahe der Stadt belebten die Küste mehrere Windmühlen,
auf welche das Schloß Putrun (das alte Halikarnaß) von Kleinasien
herabschaute. Eben trieb ein Kahn die Meerstraße querein, schief in
den Wind, gegen Kos. Ich beneidete die Leute in dem Fahrzeuge, in
das ich hätte hinüberhüpfen mögen, um in die gefeierte Stadt der
Aerzte zu wallfahrten; ich zürnte dem Winde, vor dem unsere Segel so
bereitwillig sich blähten, damit mein Auge an dem Lande der Koer um so
minder sich weiden könne. Es ist wohl verzeihlich, wenn ein Arzt, vor
der Insel Kos vom Strome seiner Gefühle hingerissen, die Fesseln der
Kürze in der Beschreibung ausnahmsweise abwirft.

Wir segelten vorüber an den Inseln Kalmino (Kalymna), Leros und
Pathmos, Samos und Ikaria (Nikarie) nach Tschesme, wo ich mich mit
dem Hauptmanne +Bagsîno+ über die Mitfahrt nach Konstantinopel
verständigte. Chios lag herrlich vor den Blicken und nahe; ringsum
Ionier-Land. In Tschesme wechselte ich ein freundlich Wort mit dem
wackern österreichischen Konsul. Ipsara, Metelino, (das alte Lesbos);
das sigrische Vorgebirge doublirt; Blitz und Donner begleitete den
Regen auf dem ägäischen Meere vor +Tenedos+ (Bogdscha), gegenüber
von Troas. Ich setzte meinen Fuß auf den Boden dieses Eilandes. Der
thrazische Chersonesus gewährte wieder den ersten Anblick Europens;
die Dardanellen (Hellespont), ihre Schlösser; die Flüsse Simois und
Rhodius; Abydos und Gallipolis; wir ankerten vor dem asiatischen
Dorfe Kamares, dem Lande der Mysier; dann schwamm unser Fahrzeug im
Marmarameere (Propontis) an der Marmarainsel (Prokonnesus) vorüber.
Donnerstags den 4. Hornung Morgens liefen wir beim Mondesscheine in
den Bospor und, vorbei an Skutari, mit Tagesanbruch in den Hafen von
+Konstantinopel+ (Stambul). +Einzig war das Schauspiel.+ In der großen
Kaiserstadt, welche meine nicht geringen Erwartungen sogar überbot,
weilte ich bis zum 17. Hornung. Auf dem Dampfschiffe reiste ich ab;
der Olympus thronte vor den Augen; es entzückte mich die Fahrt längs
des trojischen Feldes, vor dem Kap Baba (~promontorium Lectum~),
neben dem Ida, zwischen Lesbos und Äolien; und deutlich sah ich die
Stadt Metelino (Mitylene). Spät Abends den 18. Hornung erreichten wir
den Hafen von Smyrna (Ismir). Mich durchströmte die seltene Freude,
einen Landsmann, Herrn +Sturzenegger+ von Trogen, so wie früher
in Konstantinopel einen andern Schweizer-Bürger, Herrn +Morelli+,
Handelsmann aus Bern, zu treffen.

Am 23. Hornung reisete ich am Bord der Brigg Macacco, Kapitän
+Radonicich+, mit dem Sohne des österreichischen Konsuls in Rhodos
von Smyrna ab. Das Ankertau hielt uns später im Meerbusen, dessen
Hafen wir verlassen haben; wir fuhren durch die Seestraße von Chios;
zwischen den Inseln Tino (Tenos) und Mykone, zwischen Syra (Syros) und
Delos, zwischen Paros und Thermia (Cythnus), zwischen Serfo (Seriphus)
und Sifanto (Siphnus); ein Sturm zwang uns zurück gegen Hydrea vor
Argolis; vorwärts segelten wir dann gegen Cerigo -- rechts das Gebiet
der alten Spartaner, links die Cykladen -- und vorüber am Kap St.
Angelo (Vorgebirge Malea der alten Lakedemonier). Statt die Meerenge
nach der Bucht von Kolokythia (~Laconicus sinus~) zwischen Lakonien und
dem englischen Cerigo (Cythera) zu wählen, umsteuerten wir diese Insel;
dort das Kap Matapan (tänarische Vorgebirge) und das Mainagebirge
(Taygetus); die Küste von Messene (Navarin sehr deutlich); weiter
Zante, Cephalonia, Santa Maura, Antipaxos und Paxos; durch die Straße
der Insel Korfu und nahe der freundlichen Stadt gleichen Namens; zum
letzten Male erblickte ich einen Moscheethurm im Epirus; wegen eines
stürmischen Windes warfen wir die Anker aus im Hafen von Arcangelo der
Dalmazier.

Dinstags den 15. Merz langte ich mit einem Herzen voll Wonne zu Triest
an. Schon waren die Bäume auf dem Felde mit ihrem Blüthenstrauße
geschmückt. Der jugendliche Lenz erwies mir die Gefälligkeit, das
harte, +vierzigtägige+ Gefängniß im Theresienlazarethe wenigstens
einigermaßen zu lindern. Unbeschreibliche Freude athmete meine Brust,
als ich mit dem neubesiegelten Freibriefe am 23. April aus der
Quarantäneanstalt trat. Ich berührte einige Städte Oberitaliens, in
denen die indische Cholera wüthete; in Tirol, +von Meran bis Mals
ging ich zu Fuß+; am 1. und 2. Mai +fuhr ich über Schnee+, selbst am
3. noch im Schlitten, und am 4. schüttelte ich, im vollen Besitze der
Gesundheit, zu Hause die Hand der Meinigen.


Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem.

Es würden vielleicht mehr Abendländer nach Palästina pilgern, wenn
ihnen eine umfassende Anleitung zur Reise bekannt wäre. Ich will
trachten, dieselbe so zu geben, daß ich eine Antwort auf Fragen über
wesentliche Dinge nicht schuldig bleibe.

+Was für polizeiliche Schriften werden erfordert?+ Um in der Türkei, in
Syrien und Egypten zu reisen, bedarf man keines Passes der herrschenden
Landesbehörde. Ein +Reisepaß+ aus der Heimath genügt, sofern er von
der Gesandtschaft desjenigen Staates beglaubigt ist, durch den man zu
wandern vorhat. In der Türkei, in Syrien und Egypten wendet der Pilgrim
sich an den Konsul, unter dessen Schutz er sich stellen will.

+Wie versieht man sich am beßten in Beziehung auf die
Geldangelegenheiten?+ Außer dem Reisescheine ist denn freilich der Nerv
der Unternehmungen nöthig. Den Vorzug verdient ein Kreditschreiben
oder auch, an dessen Statt, mehrere Wechsel an Handelshäuser der
Hauptstädte, durch die man reiset. Es wäre aus einleuchtenden Gründen
unrathsam, viel Geld mitzuschleppen. Bis an den Ort, wo man sich
einschifft, weiß ein Jeder den Kurs des Geldes. Hier aber räth am
beßten das Handelshaus, an welches man addressirt ist. Zu meiner Zeit
kursirten in der Türkei, in Syrien und Egypten z. B. die levantischen
Thaler (~tallero~, österreichische Münze am Werthe von beiläufig 2
Gl. 24 Kr. R. W.). Auch Goldmünzen gehen, als: die österreichischen
und holländischen Dukaten, die venezianische Zechine. Das ist
zuverlässig. Für Syrien nehme man bares Geld mit sich wegen der wenig
häufigen Geldgeschäfte mit diesem Lande und wegen vorauszusehender
Unannehmlichkeiten oder Schwierigkeiten, welche ein an ein syrisches
Haus addressirtes Kreditschreiben oder Wechsel verursachen könnte.
Bezieht man in Alexandrien oder sonst wo egyptische Münze, so läuft sie
in Syrien; von Konstantinopel gehen dort wenigstens die Silbermünzen,
z. B. die Beschlik (Fünfpiasterstücke). Faßt man die Sache fest und
klar auf, so wird man nicht leicht in Geldverlegenheit gerathen. Ich,
für meinen Theil, wählte am liebsten Goldmünzen, und verwahrte sie in
einem Papiere so, daß sie weder bemerkt, noch bei einiger Vorsicht
verloren werden konnten, noch auch im mindesten mich belästigten.

+Mit welcher Sprache kommt man am beßten aus?+ Ich wiederhole, daß die
italienische schon seit Jahrhunderten die herrschende unter den Franken
im Morgenlande ist.

+Welches ist der kürzeste und beßte Weg nach Jerusalem und wieder nach
Hause zurück?+ Ich rathe, zuerst nach Marseille, Livorno oder Triest
zu reisen. Letzterer Hafen dürfte der beachtenswertheste sein, weil
die Gelegenheiten zur Abfahrt sich häufiger darbieten, wenigstens
öfter, als in demjenigen von Livorno[12]. In Triest kann man manchmal
schon am Tage der Ankunft auf einem Segelschiffe abreisen, und selten
muß man nur eine Woche lang auf ein solches warten. Der gerade Weg
führte allerdings nach Jaffa; allein hieher findet man, meines
Wissens, keine, nach Beirut selten eine Gelegenheit, welche übrigens
schon deswillen vorzüglicher wäre, weil man eine Quarantäne ersparen
würde. Von Beirut nach Jaffa und umgekehrt sind in der regenfreien
Zeit, nach Versicherung des Konsuls +Damiani+, die Gelegenheiten,
wenigstens auf arabischen Fahrzeugen, häufig. Sonst schiffe man sich
nach Alexandrien in Egypten ein. Es mag auch dem Umstande, daß man
meist nur auf Umwegen zum Ziele gelangt, der seltene Besuch Jerusalems
durch die Abendländer zugeschrieben werden. +Der römische Hof+, in
manchen andern Dingen doch wohl über das Maß eifrig, +thut nichts oder
wenig zu stärkerer Bevölkerung der Hospizien im verheißenen Lande
und zu Belebung der Wallfahrt nach dem wichtigsten Wallfahrtsorte+,
und sie könnte nur so leicht, zum mindesten alle Jahre einmal, auf
eigene Rechnung ein Dampfschiff nach Jaffa ausrüsten, nachdem die
Gläubigen vom Orte und von der Zeit der Abreise gehörig in Kenntniß
gesetzt worden wären. Oder warum sorgt in unserm unternehmenden
Zeitalter nicht eine Dampfschiffahrtsgesellschaft, wie diejenige in
Triest, +einmal+ für eine +direkte+ Fahrt nach Jaffa? Wie angenehm
müßte es für Manche sein, wenn sie, selbst in der Mitte Deutschlands,
voraussagen könnten: In drei Wochen werde ich die Ostern in Jerusalem
feiern. Von Alexandrien nach Jaffa legte ich den Seeweg zwar nicht
zurück; allein nach einem Gewährsmanne, +Failoni+, segeln täglich
arabische, zwar nicht reinliche, aber sichere Küstenfahrer dahin
ab. Ich glaube auf das Wort; ich denke bloß hinzu: +außer der
Regenzeit+, da der Himmel heller ist, und sollte noch ein heftiger
Wind die Sicherheit bedrohen, so ersteuert der Küstenfahrer bald das
Land. Als ich +Failonis+ Angabe las, wurmten in mir zuerst manche
Bedenklichkeiten; die Worte +arabisch+, +Barke+, +Meer+ waren mir
anstößig, und ich würde mich einem arabischen Seemanne mit Widerwillen
und Besorgniß anvertraut haben: seit ich aber den nachgibigen Araber,
die bedachtsame Küstenfahrt und die stillere, bessere Jahreszeit,
theilweise aus eigener Erfahrung, kenne, so wollte ich mit einem
arabischen Küstenfahrer unbedenklich reisen. -- Von Jaffa erreicht man
bald Jerusalem. Dann kehre man nach Jaffa zurück. Hier miethe man sich
an Bord eines griechischen, nach Konstantinopel laufenden Schiffes.
Von Stambul bis Wien wird das Boot vom Dampfe getrieben. Ich überlasse
nun einem Jeglichen selbst, den Weg nach Hause zu suchen. An der
türkisch-österreichischen Grenze währt die Quarantäne kürzere Zeit, als
in Triest; auch soll sie nicht so theuer sein. Von Alexandrien nach
Jaffa fährt man mit und ohne Dragoman, mit einem solchen schon darum
angenehmer und bequemer, weil ihm zugleich auch das Geschäft eines
Koches übertragen wird.

+Wann soll man die Reise antreten?+ Der Pilger will in Jerusalem ein
bedeutendes Fest feiern. An Ostern mögen bei 10,000 griechische
und armenische Pilgrime die Stadt besuchen, und wegen dieses Festes
warten Schiffe auf der Rhede von Jaffa, welche ihre Bestimmung nach
Konstantinopel haben. Darauf muß man durchaus das Augenmerk richten,
wenn man nicht gleichsam an Jaffa gefesselt sein will, wie +Andromeda+
an die Felsen. Im Hornung oder Merz in die See zu stechen, darf
Niemanden bangen. Vor Korfu schon koset ein blauer Himmel, und der
Merz und April Palästinas, noch mehr des Egyptenlandes gehören zu der
warmen, regenfreien Jahreszeit, in welcher die Küstenfahrt gewöhnlich
mit keinen, selten mit einigen Gefahren kämpft. Ich ertheile den Rath,
die Reise, wo möglich, so zu veranstalten, daß man inmitten des Monates
Hornung die Seefahrt beginnt.

+Wie lange dauert die Reise?+ Ich will nun die Dauer annähernd
berechnen, und lieber zu lang, als zu kurz.

    Von Triest nach Alexandrien                     20 Tage.
    Aufenthalt in Alexandrien                        3  „
    Seefahrt von Alexandrien nach Jaffa              4  „
    Quarantäne in Jaffa                             19  „
    Wanderung von Jaffa nach Jerusalem               2  „
    Aufenthalt in Jerusalem, den Ausflug nach
      Bethlehem inbegriffen                          8  „
      ~Nb.~ Kürze oder Länge des Aufenthalts
          würde hauptsächlich vom Erwarten
          des Festes bestimmt.
    Zurück nach Jaffa                                1  „
      ~Nb.~ Die Rückreise, auf der man sich
          nicht, wie auf der Hinreise nach
          Jerusalem, in Arimathia aufhält, wird
          deswegen einen Tag kürzer angegeben,
          als letztere.
    Abwarten eines Schiffes                          4  „
    Reise nach Konstantinopel                       20  „
    Aufenthalt in Konstantinopel                    14  „
    Wasserreise nach Wien mit Einschluß der
      Quarantäne (kürzestens 30 Tage)               41  „
                                                 ----------
                                       Zusammen    136 Tage.

Man könnte bis Ende Brachmonates wieder zu Hause eintreffen, nach einer
Abwesenheit von etwa fünftehalb Monaten.

+Wie lebt man?+ Man kauft in Triest zwei Leintücher, eine Wollendecke,
eine Matratze und ein Kissen: die Schiffsbettung, deren man, wenn
auch nicht auf dem Dampfschiffe, doch auf der Küstenfahrt nach Joppe
und später bedarf. In jenem Schiffe kann man auf eine Beköstigung
zählen, wie in einem Gasthofe. Alexandrien besitzt Wirthshäuser nach
fränkischer Einrichtung. Hier versehe man sich für die Fahrt nach
Jaffa mit Nahrungsmitteln, z. B. mit gewöhnlichem Brote (Zwieback
ist für die kleine Reise kaum nöthig), das acht Tage gut bleibt, mit
frischem Fleische, mit Hühnern, mit Reis, Kartoffeln, Zucker, Kaffee,
mit Zitronen und einer Flasche Aquavit, und man schaue vor der Abfahrt
besonders nach, ob der Rais süßes Wasser in gehöriger Menge gefaßt
habe. Ohnehin wird man nicht vergessen, eine kleine Kaffeekanne von
Weißblech, eine eiserne Kasserole (zum Kochen des Fleisches u. dgl.)
mit einem schüsselförmigen, als Teller dienenden Deckel, so wie
Messer, Gabel und Löffel, einen Becher und Holzkohlen zu kaufen. Es
gibt Araber, die sich so gerne auf Andere stützen, daß man wohl thut,
selbst an Salz und Feuerzeug sich nicht mangeln zu lassen. Nimmt man
gleich von Hause aus etwas mit, um wenigstens den Zucker, Kaffee und
Reis gehörig aufzubewahren, so wird man es nicht bereuen. Für den
Mundbedarf schafft man sich zugleich einen Korb nach egyptischer
Art an[13]. Im jüdischen Lande spricht man bei den Bewohnern der
Klöster oder Hospizien zu. In Jaffa trifft man zweifelsohne einen
+griechischen+ Schiffshauptmann; seine Kost ist eher schlecht.
Beköstiget man sich selbst, so lebt man besser und freier, während
man zugleich um ein Bedeutendes wohlfeiler durchkommt. Man kaufe also
einen Vorrath an Lebensmitteln etwa auf zwanzig Tage, Zwieback aber
etwa auf dreißig Tage, auf längere Zeit ja nicht, da die Griechen
bei schlimmer Witterung gerne in einen Hafen steuern, wo man wieder
frischen Mundbedarf aufkaufen kann. Beim Abschlusse der Uebereinkunft
mit dem Schiffshauptmanne muß das Kochen und das hiezu nöthige Holz
wohl bedungen werden. Wenn man sich recht deutlich erklärt, so ist
vom griechischen Hauptmanne, welcher wenig zu schreiben pflegt, ein
schriftlicher Aufsatz nicht geradezu erforderlich. Meine Uebereinkunft
mit dem Hydrioten geschah mündlich; ich schrieb sie bloß in meine
Brieftasche, worauf ich sie noch dem griechischen Konsul anzeigte. Zu
Konstantinopel, nämlich in Galata und Pera, laden den Reisenden, neben
einem ~ospizio della Terra Santa~, fränkische Wirthshäuser ein. Auf
allen Dampfschiffen sorgt die Küche für ein üppiges Leben. Ich müßte
eine recht saure Mühe mir aufbürden, wenn ich, nach dem Beispiele der
abendländischen Reisehandbücher, angeben sollte, welches das beßte
Wirthshaus in Wien sei. Der Ankömmling aus dem Lande des Aufganges
kennt mehr Genügsamkeit.

+Wie viel kostet die Reise?+ Es wäre leicht, zu antworten, würden
nur die Preise zu verschiedenen Zeiten nicht schwanken. So waren
die Lebensmittel zu meiner Zeit in Jaffa mindestens um ein Drittel
kostspieliger, als vor der Besetzung Palästinas mit egyptischen
Truppen. Und davon abgesehen, läßt sich der Voranschlag der Kosten
nur beiläufig bestimmen. Wer gesonnen ist, den Reiseplan geradenweges
zu verfolgen, und nirgends sich längere Zeit aufzuhalten, wer weder
wissenschaftliche Forschungen anstellen, noch durch großen Aufwand
Aufsehen erregen will, immer und überall aber für die Gesundheit,
als eine unschätzbare Juwele, Sorge trägt, und in steter Rücksicht
auf dieselbe die verschiedenartigen Vergnügungen der Reise genießt:
der wird diese mit 600 Gl. R. W. bestreiten können. Es fiele nicht
schwer, in die Einzelnheiten einzugehen. Jeder, welcher die Reise zu
unternehmen Willens ist, wird übrigens leichter durch Erfahrung das
Nähere finden, als durch die Uebung des Gedächtnisses in Angaben aus
dem todten Munde eines Buches.



Schlußbetrachtungen.


Hier an meinem Ziele, wo ein weites Feld von Rückerinnerungen sich
schließt, kann ich nicht umhin, darüber Rechenschaft abzulegen, +wie+
ich die Reise in den gegenwärtigen Blättern erzählte.

Alles Wesentliche schrieb ich auf der Reise zwischen Triest und Afrika,
in Alexandrien und in Kairo, in El-Arysch und in Ramle, in Jerusalem
und in Jaffa, in Rhodos und Tschesme (auf dem Meere zwischen Ionien
und dem thrazischen Bospor, in Konstantinopel und in Smyrna, auf dem
Seewege nach Triest) und im Theresienlazarethe, am meisten jedoch in
Kairo, El-Arysch, Jaffa und Triest, und selten blieb ich in bedeutendem
Rückstande. Mit dieser Arbeit, ich gestehe es, raubte ich mir
manchen ruhigen Genuß; hingegen auch würzte ich damit, zu reichlicher
Vergeltung, viele Stunden, zumal von denjenigen, welche in den
Quarantäneanstalten vergingen. Im Garten bereitet man dem Rosenstrauche
ein Beetchen, und er treibt Blätter und Dornen; aber man pflanzt ihn
nicht wegen der Blätter und Dornen, sondern in der Hoffnung, daß mit
der Zeit noch duftende Blumen aufquellen, womit die Freude sich einen
Kranz winde.

Ich fühle wohl, daß ich hätte zwei Dinge thun können: erstens
das Geschichtliche einweben, und zweitens mit Auszügen neuerer
Reisebeschreibungen meine ergänzen. Ich wollte weder das Eine, noch das
Andere; das Eine nicht, weil auf der Reise zur Seltenheit eine kleine
Garbe geerntet wird, sondern weil jeder Unterrichtete die Hauptsache am
Schreibpulte ausbeuten kann; das Andere nicht, weil ich die Rolle eines
Plünderers verabscheue, und weil ich vermuthe, daß Manche ebenso gerne
einen Rundreisenden begleiten, als den Zusammenstoppeler und Erklärer
inmitten eines Bücherhaufens. Ich behaupte zwar nicht, daß ich die eben
bezeichnete Bahn aufs allerstrengste verfolgte, ohne ausnahmsweise in
einen Seitenweg abzuweichen, indem ich glaubte, wenigstens einige,
vielleicht nicht mit Gebühr gewürdigte Männer des sechszehnten
und siebenzehnten Jahrhundertes, wie sie mir gerade in meiner
literarischen Einsamkeit begegneten, in diesen Sprechsaal einladen zu
dürfen[14].

Als Lustreisender hätte ich denn auch nicht dem Schulzwange gehorchen
mögen, um ein Ebenmaß zu beobachten. Bald ernst, bald scherzhaft, jetzt
ausführlich und vielleicht gar gedehnt, dann kurz und abgebrochen,
-- so schrieb ich je nach meinen Lagen und Launen. Das Wanderbuch
ist ein Spiegel verschiedener Gemüthsstimmungen. Wie sollte ich nun
am Ende meiner Fahrten, etwa zu Gunsten untergeordneter Rücksichten,
das Tagebuch anders zuschneiden, damit das Bild meines Reiselebens
erbleiche? Es wäre ein wenig zu hart, wenn man stets nach den Geboten
der Schule leben müßte, wie der Karthäuser nach seiner Klosterregel.

Nicht die Städte der Welt sind das Ziel einer Reise, sondern die
Wahrheit. Mit Andern will ich in nichts wetteifern, als in dem
aufrichtigen Streben, der Wahrheit zu dienen. Das letzte Reiseziel
aber ist viel schwieriger zu erreichen, als Alexandrien und Kairo,
Jerusalem und Bethlehem. Man gibt wieder, was ein Eingeborener oder
ein schon längere Zeit im Morgenlande weilender Franke erzählte;
allein es hält nicht immer leicht, den rechten Mann zu finden. Man ist
das Werkzeug der öffentlichen Meinung unter den Franken; allein man
kann die Ansichten Einzelner mit derselben verwechseln. Man verfaßt
es in Schrift, was man selbst durch die Sinne wahrnahm; allein diese
werden gerne von Täuschungen getrübt. Mehrmals stellte ich mich vom
Schreibpulte aufmerksam auf die Gasse, auf daß ich dann wieder an jenem
die Feder sicherer handhabe. Um die körperlichen Eigenthümlichkeiten,
so wie die Tracht der Jerusalemer mit möglichster Genauigkeit zu
schildern, setzte ich mich im Bassar auf eine steinerne Bank, und
schrieb, von den Leuten ungestört, gleich nieder, was mein Auge
erspähte. Wenn ich auch nicht die leiseste Neigung hege, den Zweifel
deshalb mundtodt zu erklären, so brachte ich nun einmal, was ich
vermochte, treulich und ohne Gefährde.

Nützt meine Reisebeschreibung Niemanden, so nützte sie doch mir, mehr
aber noch die Reise selbst. Als Wanderer lernte ich Welt und Menschen
an einem größeren Maßstabe kennen.

Oft beschmollte ich unsern Schnee, und träumte mich mit Wonnegefühl
unter einen lindern, lachenden Himmel. Ich konnte im Egyptenlande
während des Wintermonats ahnen, welche Gluth die Sonne des Sommers
auf dasselbe aussprühe. Uebrigens frieren die Leute im Winter auch
an andern Orten, wie in dem gar sommerheißen Konstantinopel, obschon
kürzere Zeit, ohne daß sie durchgängig die bequemen Heizeinrichtungen
besitzen, die uns, den von Eis Umringten, jenen lieblichen künstlichen
Sommer in die Stube zaubern. Wahrlich, wir stehen nicht schlimmer.

Ich sah jenseit des Mittelmeeres fruchtbarere Gegenden, als in der
Schweiz und in Teutschland, als selbst in Frankreich und Italien.
Was frommt jedoch dem Bauer die Ergibigkeit der Fluren, wenn er die
Bodenerzeugnisse zusammt dem daran klebenden Schweiße dem Machthaber
unter die Füße legen muß? Ich sah aber auch viel unfruchtbarere
Gegenden, wie in der Nähe von Jerusalem, wo die Menschen Zähne haben
müßten, um die Steine zu zermalmen, einen Magen, um sie zu verdauen,
eine Werkstätte, um sie in Blut zu verwandeln, falls jene in +der+
Nacktheit ihnen viel nützlicher werden sollten. Wir stehen nicht
schlimmer mit unsern grünen Hochweiden, vor denen viele Berge Syriens
und Kleinasiens, Thraziens und des peloponnesischen Archipels ihre
Häupter ehrerbietig senken würden.

Ich traf tugendsame Menschen, aber auch den schlimmen, den feigen
Araber, den schlauen, den treulosen Griechen. Bei uns versüßen mein
Leben viel wackere Leute, die zugleich die Träger einer umfassenderen
Bildung und Weltaufklärung sind, nicht zu gedenken, daß ich durch die
Bande der Sprache, wie der Sitten, der Religion, wie des Vaterlandes
und, ich will noch beifügen, der Vorurtheile an sie geknüpft bin. Und
wer möchte vom Bande der Familie schweigen? Wir stehen einmal nicht
schlimmer.

Ich reisete durch gesunde Gegenden, so Jaffa und Gaza in der pestfreien
Zeit, aber auch durch solche, welche, außer der Pest, noch von andern
schrecklichen Geißeln der Menschheit geplagt werden. Bei uns fallen
wohl zahlreiche Opfer der langsam tödtenden Schwindsucht, aber seit
Menschenaltern nimmermehr jenem Ungeheuer. Wir stehen in der That nicht
schlimmer.

Nein, +wir stehen nicht schlimmer, aber besser+. Nichts trug zur
Aussöhnung mit den heimathlichen Verhältnissen williger bei, als meine
Reise und gerade diese mittlerweile gewonnene Wahrheit. Der Gedanke,
daß das Schicksal gegen uns mehr Milde erzeigt, als gegen die Einen,
hat jederzeit etwas Tröstliches, mag auch sonst ein herberes Schicksal
uns beugen, als Andere. Ich darf die volleste Zufriedenheit mit der
Entwerfung und Ausführung meines Reiseplanes ausdrücken.

Soll ich nun Andern die gleiche Reise, insonderheit die Pilgerfahrt
nach Jerusalem, wie ich sie angab, rathen? Wem die Wanderlust beinahe
im gebieterischen Tone zuspricht, und wem gleichzeitig es nicht an
Mitteln ermangelt, dieselbe zu befriedigen, der trete die Reise an mit
heiterer Entschlossenheit. Wenn er einerseits freilich einen Kelch voll
Bitterkeiten an die Lippen setzt, wenn er vielleicht der Gefahr sich in
die offenen Arme stürzt; so werden ihm andererseits der angenehmsten
Augenblicke manche vergönnt, und mit einem güldenen Schatze neuer
Kenntnisse und Erfahrungen wird er sich bereichern. Geht auch ein
kleiner Weltschatz verlustig, dieser wird von den Kleinoden, welche man
für Kopf und Herz sammelt, weit aufgewogen.

Ich bin kein Schwärmer. Ich möchte die Erneuerung der Kreuzzüge nach
dem jüdischen Lande nicht herbeiwünschen. Es taucht inzwischen aus
dem Meere der Weltereignisse die merkwürdige Erscheinung, daß die
meisten Gemüther der abendländischen Christen für Jerusalem in seiner
örtlichen Bedeutung gleichsam erstorben sind, und daß seit länger, denn
einem halben Jahrtausende kein zweiter +Petrus von Amiens+ sich erhob,
die Abendwelt für das gelobte Land zu entflammen. Der Mensch liebt
bisweilen die Hindernisse, um sich im Kampfe gegen sie zu messen. Je
zahlreicher dieselben aus dem Wege geräumt wurden, desto mehr lenkten
in der Folge die Abendländer ihre Aufmerksamkeit von Palästina ab.
Man möchte bereits beklagen, daß, nach Beseitigung aller Hindernisse,
nunmehr der Entschuldigung oder Beschönigung jede Ausflucht
abgeschnitten ist.

Immerhin glaube ich, daß die Pilgerfahrt nicht nutzlos wäre für einen
Schriftgelehrten. Derjenige, welcher daheim in seinem Stübchen sich an
einer Beschreibung von Jerusalem schier preßhaft zerarbeitet, indem
er staubbedeckte Schriften gleichsam hungerig durchwühlt, und mit
mühsam erborgten Stellen das magere Buch kaum genug ausspicken kann,
würde doch nicht übel thun, wenn er hinginge, die Brust in Jerusalem
zu durchlüften, und das Auge auf der Wache Zions im Buche der Natur zu
erfrischen.

Ich glaube nicht, daß die Pilgerfahrt nutzlos wäre für den Bibelfreund.
Sogar der beßte denkgläubige Christ kann die Bibel, zum wenigsten
ihren Einschlag örtlicher Beziehungen, weder mit der Klarheit und
Lebendigkeit der Vorstellungen, noch mit der Fülle und Tiefe der
Gefühle erfassen, wie der Pilgrim, welchem insbesondere das Lesen
der Urkunden einen Vollgenuß verheißen muß. Die unübertreffliche
Schilderung, wie jener fromme und treue Knecht zu +Rebekka+ kam, wie
die holdselige Jungfrau, mit ihrem Wassergefäße auf den Schultern,
heranschreitet, wie sie dem Ankömmlinge einen Trunk Wassers anbietet,
wie sie für seine Kameele aus dem Brunnen schöpft u. dgl. --,
solche Züge mögen Jedermann anmuthen; allein sie erregen wohl einen
ganz eigenthümlichen Eindruck im schauenden Pilger, welcher in der
seelenvollen Schilderung die heutigen Sitten des Morgenländers als eine
Verjüngung der alten bewundert.

Auch glaube ich nicht, daß die Pilgerfahrt nutzlos wäre für manche
Mühselige und Beladene, Leichtsinnige und Welttrunkene. In Gaza weht
gesunde, eine milde, die herrlichste Luft. Dort und in Jaffa fühlte ich
mich, so zu sagen, noch einmal so leicht auf der Brust. Beide Städte
befällt die Lungenschwindsucht als eine große Seltenheit. Man darf
ebenfalls von der Seereise Heil erwarten, bei gehöriger Behutsamkeit,
z. B. vor dem Zuge des Windes. +Nach der Rückkehr ins Vaterland
stand meine Gesundheit auf besserem Fuße, als vor dem Anbeginne
der Reise.+ Beleuchten wir jetzt die andere Seite. Unsere gnädigen
Frauen und Fräulein, so wie ihre ergebenen Herren und Jünkerlein
unternehmen im Laufe der günstigeren Jahreszeit glänzende Badereisen
zu Wiederherstellung der Gesundheit, viele aber aus Lust zu einem
üppigeren Leben, zu Liebe und Spiel, zu Tafel und Tanz, und mehrere von
den üppig lebenden, liebenden und spielenden, tafel- und tanzfreudigen
Kurgästen wallfahrten vielleicht später reumüthig und bußfertig
nach einem winzigen Gnadenorte; nur wollen sie diesen Glanz ihres
Ueberflusses an irdischen Gütern und diesen Schatten ihrer Hoffnung
auf himmlische Schätze nicht nach ihrem Gnadenorte aller Gnadenorte,
nach Golgatha, tragen. Sei es, daß die gewöhnlichen Wallfahrten des
Abendländers, selbst im Schoße der Kirche, die sie anordnet, einen
übeln Klang haben, es will die Pilgerreise in ein so entferntes Land,
wie diejenige nach Jerusalem, wenigstens zum Theile von einem ganz
andern Standpunkte aus beurtheilt werden. Große Luftveränderungen sind
ein kräftiger Balsam für verzärtelte oder siechende Geschlechter; große
Wanderungen sind ein starker Hebel der Kultur und Zivilisazion.



Verbesserungen im zweiten Bande.


    S.  50 Z.  1 von oben  lies  +in der Tiefe zwischen Moriah+
                                 +und Zion+; +jenseits+ am.
    „   64 „   3  „   „     „    +wären+ für +waren+.
    „   80 „  11  „  unten lösche das ; vor +weiter+.
    „  125 statt 152.
    „  156 Z.  4 von unten lies  +heben+ für +haben+.
    „  159 „   8  „   „     „    +heirathen+ für +heitathen+.
    „  161 „  10  „  oben   „   +schỏfe+ für +schṓfe+.

Nicht sinnstörende Druckfehler (z. B. 1, 19 Schemmel st. +Schemel+,
1, 103 Letze st. +Letzte+, 1, 123 faullenzt st. +faulenzt+, 1, 181
schlossen st. +schloßen+, 1, 211 pauckte st. +paukte+, 1, 303 Regen st.
+Regnen+, 2, 162 Montag st. +Montags+), insbesondere der Interpunkzion,
wenigstens im ersten Bande (z. B. S. 8, 26, 28), so wie auch die
Ungleichheit in der Rechtschreibung (z. B. +Kroazien+ neben +Kroatien+,
+lange Weile+ neben +Langeweile+, +Pfennige+ neben +Pfenninge+, +Bogen+
neben +Bögen+, +Reiß+ neben +Reis+) wolle der Leser selbst verbessern.



Inhalt des ersten Bandes.


                                                                   Seite

    Reise nach Triest                                                 1.

    Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero               10.

    Fahrt nach Alexandrien                                           25.


    =Alexandrien.=

    Lage                                                             58.

    Gebäude                                                          59.

    Krankenhäuser                                                    67.

    Auch das Observazionsspital oder die Observazionshütten          70.

    Die Katakomben und der Pferdestall                               78.

    Die Nadeln der +Kleopatra+ und der Flohfänger                    80.

    Die Pompejussäule und die Schandsäule                            82.

    Die Nachgrabungen                                                85.

    Leute. Bevölkerung                                               88.

    Der Ritt zur Beschneidung                                        91.

    Primarschule                                                     92.

    Die Zeichenschule                                                93.

    Weiberhändel                                                     95.

    Geld und Geldnoth                                                97.

    Das Schiff der Wüste                                             99.

    Anleitung für den Reisenden                                     100.

    Die Nilfahrt nach Kairo                                         104.


    =Kairo.=

    Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand
    der Menschen                                                    134.

    Die Stadt nach ihrer Bauart                                     140.

    Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von
    Kâyd-Bei                                                        148.

    Das Militärkrankenhaus                                          155.

    Die Narrenmenagerie                                             157.

    Die Stadt der Einäugigen und der Blinden                        162.

    Das öffentliche Bad                                             163.

    Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhundert die Bäder
    gebrauchten                                                     168.

    Der Sklavenmarkt                                                173.

    Das Katzenstift                                                 177.

    Gärten                                                          181.

    Die Esbekieh                                                    183.

    Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner      184.

    Tracht                                                          194.

    Speisen und Getränke                                            198.

    Kaffeehäuser                                                    204.

    Schneller Justizgang                                            208.

    Der egyptische Tanz                                             210.

    Der Brautzug                                                    213.

    Der Leichenzug                                                  216.

    Der Straßensänger                                               218.

    Der Versteigerer                                                219.

    Der Barbier                                                     220.

    Der Lagerstellenmacher                                          221.

    Der Glaser                                                      222.

    Der Schuhmacher                                                 223.

    Der Töpferwaarenflicker                                         224.

    Die Missionarien                                                226.

    Die Renegaten                                                   228.

    Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt
    über Kairo aus Europa                                           230.

    Undank für treue Liebe                                          233.

    Unter österreichischer Protekzion                               235.

    Meine Wohnung                                                   236.

    Meine Nahrung und Getränke                                      238.

    Umgebung von Kairo:

    Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim                                 242.

    Die Wasserleitung                                               244.

    Altkairo und das armenische Kloster                             246.

    Das griechische Kloster und der Altar der h. Frau im
    koptischen Kloster                                              247.

    Der Tempel +A’mrus+                                             250.

    Der Garten +Ibrahim-Paschas+ und der Nilometer auf
    der Insel Ruda                                                  253.

    Ausflug nach Heliopolis und Abusabel                            258.

    Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh                         280.

    Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh               281.

    Wegweiser in und um Kairo                                       295.

    Rückblick auf Kairo                                             297.

    Reise durch die Wüste nach El-Arysch                            297.

    Die Quarantäne in El-Arysch                                     321.



Nützlichstes und wohlfeiles Geschenk für die Jugend.


                          Hand- und Hausbuch
                          für jeden Schweizer
                                  und
                       zweckmäßigste Anleitung,
                       die Schweiz zu bereisen.


Bei +Orell+, +Füßli+ und +Comp.+ ist erschienen und durch alle
Buchhandlungen zu beziehen:

                   Die zweite, umgearbeitete Ausgabe
                                  der

                               Erdkunde
                                  der
                  Schweizerischen Eidgenossenschaft.

                                  Von

                       Gerold Meyer von Knonau.

              1ster Band. gr. 8. 872 Seiten, in Umschlag.
                    1 Rthlr. 16 Gr. -- 2 fl. 30 kr.

Der 2te Band, Schluß des Werkes, erscheint Ende Juni 1839.

Herr +v. Meyer+ hat sich schon als Leiter der ausgezeichneten „+Gemälde
der Schweiz+“, die in 22 Bänden die Schweiz schildern sollen, und
als Verfasser der Schilderungen der Kantone Zürich und Schwyz einen
bleibenden Ruf gesichert.



FUSSNOTEN:

[1] Es kam später ein Engländer von Jerusalem über die reißenden
Waldströme des Gebirges Juda mit Lebensgefahr nach Jaffa, und er
erzählte mir, daß in jener Stadt ein knietiefer Schnee sich legte,
welcher ihm den Besuch mancher Stellen erschwerte.

[2] +Markus+ 15 K. 46 V. Es scheint diese Stelle für ein senkrecht
eingehauenes Felsengrab zu sprechen, während andere Stellen und die
drei übrigen Evangelisten nicht eigentlich dagegen aussagen. Man bückte
sich, um genauer nachzusehen, und man ging ins Grab. Man würde heute
noch in ein gewöhnliches Grab steigen, wenn ein Leichnam fehlte, um
sich der erstaunlichen Erscheinung recht zu vergewissern.

[3] Es macht mir Mühe, alles Obige stehen zu lassen. Nicht lange
nach meiner Abreise, nämlich am Vorabende der Weihnachten, starb der
liebens- und ehrwürdige Greis.

[4] Zu einem Theile davon führte er mich in Begleitung eines
eingebornen Ortskundigen.

[5] Das Wadengeschwür, welches in Folge dieses Rittes über das Gebirge
entstand, heilte erst nach Verlauf von zwei oder drei Wochen.

[6] Ich besprach schon vorläufig den Vertrag mit dem Schiffshauptmanne.
Er wäre unerfüllt geblieben, weil das Schiff in Kaifa Bruch litt.

[7] Ich übersprang das Jahr 1828, in welchem die Pest herrschte. Sie
allein raffte vom 24. Merz bis zum 30. Mai 19 Menschen hinweg.

[8] Neben dem lateinischen Hospiz gegen Mittag steht, nur durch eine
schmale Stiegengasse getrennt, das griechische Kloster. Von unserm
Dache sah ich auf dasjenige dieses Klosters hinunter. Ich konnte die
Pilger täglich beobachten, wollte sie aber zuerst nicht für Mitchristen
halten, weil sie auch des Sonntags arbeiteten. Die Pilgerinnen putzten
sich auf dem Dache, als sähe sie Niemand, und als hätten sie einem
Lustanlasse beizuwohnen. Eine junge Griechin wollte nicht einmal so
viel Rücksicht nehmen, wie die halbschwarze Egypzierin.

[9] Viele wurden ehedem auf dem Landwege nach Jerusalem
meuchelmörderisch überfallen. Eine Menge fand schon in dem Abgrunde des
Meeres den Tod. In der letzten Sturmeszeit sollen in einem Nachbarhafen
140 Pilger um das Leben gekommen sein.

[10] Es gibt benachbarte Gegenden, wo der schüchterne Jüngling mit
Stockprügeln zur Lüftung des Schleiers getrieben werden muß. ~Risum
teneatis, amici.~ Wie weit weg vom ritterlichen Heldenmuthe.

[11] Diese Männer Gottes verdammen wahrscheinlich nach der Lehre der
Schrift: ~Nolite judicare, ut non judicemini~ (Urtheilet nicht, damit
ihr nicht beurtheilet werdet.)

[12] Wenn man nicht lieber auf dem Dampfboote des österreichischen
Lloyd reisen will, welches allemal im Anfange und in der Mitte eines
Monats von Triest abfährt (1839).

[13] Wer bequemer reisen will, dem kann ich nicht nachdrücklich genug
empfehlen, daß er auf irgend eine Vorrichtung zum Schutze vor den
+Stechfliegen+, den Schlafräubern, denke. Ich verbrachte die erste
Nacht in Alexandrien wegen der Stechfliegen sehr unangenehm. Ich
betrachtete den Bettvorhang mit nordischen Augen, und glaubte, er
sollte das Bett umhüllen. Ich erzählte meine Widerwärtigkeit, und da
vernahm ich, daß er ein +Fliegenvorhang+ (Mosquetière) sei. Ich solle,
hieß es, vor dem Schlafengehen nur alle Fliegen hinausjagen, und
dann das Bett mit dem Vorhang umschließen. Ich that es, und schlief
ungestört. In meinem Zimmer brumsete eine solche Menge Fliegen, daß
sie meinen Zucker buchstäblich schwärzte. Eine Limonade zu bereiten,
kostete viel Mühe, und bei aller Vorsicht konnte ich nicht hindern, daß
nicht einige Fliegen in das Getränke fielen. In Abusabel bettete man
mir vortrefflich auf dem Diwane; es fehlte aber ein Fliegenvorhang;
ich deckte das Gesicht mit einem Tuche; dieses hielt zu warm, und
ich mußte es entfernen. Die Fliegenqual gestattete mir wenig Schlaf.
Ehe ich bei meinem Freunde in Kairo einzog, machte ich darum auch
Schwierigkeiten, weil er keinen Fliegenvorhang besitze. In seinem Hause
seien wenig Fliegen, erwiederte er. In der That beunruhigte mich nur
selten eine Fliege. Man unterscheidet in Kairo die Häuser in solche,
worin es viel, und in andere, worin es wenig oder keine Fliegen gibt,
je nachdem ohne Zweifel die Häuser von der Sonne mehr oder minder
beschienen werden, und für jene mehr oder minder Köder enthalten. Die
letzten, doch nicht viele, Stechfliegen plagten mich in Ramle. In Jaffa
sollen sie selbst in der Mitte des Sommers sehr selten schwärmen. Die
Bücher englischer Reisender sind überaus erbaulich, wenn sie über die
Stechfliegen so gewaltig Lärm schlagen. Von Leuten, die auf eine Reise
+viel+ verwenden, sich aber wegen der +wichtigen Kleinigkeit+ nicht
vorsehen, wie leicht man sich auch vor den Fliegen schützen könnte, muß
man beinahe glauben, daß sie Stoff zu Klagen lieben und suchen.

[14] Die Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse
der Bewohner in Syrien +übersetzte+ ich während meiner Wanderung
größtentheils aus der vorne [S. 5 des 1. Bandes] genannten
italienischen Schrift von +Failoni+.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home