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Title: Nachbarn - Erzählungen
Author: Hesse, Hermann
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Nachbarn - Erzählungen" ***

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Digital Library.



                                Nachbarn


                              Erzählungen
                                  von
                             Hermann Hesse

                             Vierte Auflage


                       S. Fischer, Verlag, Berlin
                                  1909


      Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

          Published, October 15, 1908. Privilege of copyright
          in the United States reserved under the act approved
              March 3, 1905 by S. Fischer, Verlag, Berlin.



                                 Inhalt


                        Seite
   Die Verlobung            9
   Karl Eugen Eiselein     49
   Garibaldi              109
   Walter Kömpff          137
   In der alten Sonne     227



                             Die Verlobung


In der Hirschengasse, die nur aus sieben Häusern besteht, gibt es einen
bescheidenen, doch anständigen Weißwarenladen, der gleich seiner
Nachbarschaft noch unberührt von den Veränderungen der neuen Zeit in
einer etwas kärglich gewordenen Wohlhabenheit dasteht und hinreichenden
Zuspruch hat. Man sagt dort noch beim Abschied zu jedem Kunden, auch
wenn er seit zwanzig Jahren regelmäßig kommt, die Worte: »Schenken Sie
mir die Ehre ein andermal wieder,« und es gehen dort noch zwei oder drei
alte Käuferinnen ab und zu, die ihren Bedarf an Band und Litzen in Ellen
verlangen und auch im Ellenmaß bedient werden. Die Bedienung wird von
einer ledig gebliebenen Tochter des Hauses und einer angestellten
Verkäuferin besorgt, der Besitzer selbst ist von früh bis spät im Laden
und stets geschäftig, doch redet er niemals ein Wort. Er kann nun gegen
siebzig alt sein, ist von sehr kleiner Statur, hat nette rosige Wangen
und einen kurz geschnittenen grauen Bart, auf dem vielleicht längst
kahlen Kopfe aber trägt er allezeit eine runde steife Mütze mit
stramingestickten Blumen und Mäandern. Er heißt Andreas Ohngelt und
gehört unbestritten zur echten, ehrwürdigen Altbürgerschaft der Stadt.

Dem schweigsamen Kaufmännlein sieht niemand etwas Besonderes an, es
sieht sich seit Jahrzehnten gleich und scheint ebensowenig älter zu
werden, als jemals jünger gewesen zu sein. Doch war auch Andreas Ohngelt
einmal ein Knabe und ein Jüngling, und wenn man alte Leute fragt, kann
man erfahren, daß er vorzeiten »der kleine Ohngelt« geheißen wurde und
eine gewisse Berühmtheit wider Willen genoß. Einmal, vor etwa
fünfunddreißig Jahren, hat er sogar eine »Geschichte« erlebt, die früher
jedem Gerbersauer geläufig war, wenn sie auch jetzt niemand mehr
erzählen und hören will. Das war die Geschichte seiner Verlobung.

Der kleine Ohngelt hatte seinen Übernamen von der geringen Höhe seines
Wuchses, doch hätte diese Eigenschaft nicht ganz hingereicht, ihn in den
Augen seiner Mitbürger zu einer interessanten und komischen Figur zu
machen. Diese Art von Beachtung verdankte er vielmehr seiner inwendigen
Natur, in welcher ein schüchtern sanftes Wesen sich mit einem ungemein
zärtlichen Gemüte hübsch und drollig verband.

Der junge Andreas war schon in der Schule aller Rede und Geselligkeit
abgeneigt, er fühlte sich überall überflüssig und von jedermann
beobachtet und war ängstlich und bescheiden genug, jedem andern im
voraus nachzugeben und das Feld zu räumen. Vor den Lehrern empfand er
einen abgründigen Respekt, vor den Kameraden eine mit Bewunderung
gemischte Furcht. Man sah ihn nie auf der Gasse und auf den
Spielplätzen, nur selten beim Bad im Fluß, und im Winter zuckte er
zusammen und duckte sich, sobald er einen Knaben eine Handvoll Schnee
aufheben sah. Dafür spielte er daheim vergnügt und zärtlich mit den
hinterbliebenen Puppen seiner älteren Schwester und mit einem Kaufladen,
auf dessen Wage er Mehl, Salz und Sand abwog und in kleine Gucken
verpackte, um sie später wieder gegeneinander zu vertauschen,
auszuleeren, umzupacken und wieder zu wägen. Auch half er seiner Mutter
gern bei leichter Hausarbeit, machte Einkäufe für sie oder suchte im
Gärtlein die Schnecken vom Salat.

Seine Schulkameraden plagten und hänselten ihn zwar häufig, aber da er
nie zornig wurde und fast nichts übelnahm, hatte er im ganzen doch ein
leichtes und ziemlich zufriedenes Leben. Was er an Freundschaft und
Gefühl bei seinesgleichen nicht fand und nicht weggeben durfte, das gab
er seinen Puppen. Den Vater hatte er früh verloren, er war ein Spätling
gewesen, und die Mutter hätte ihn wohl anders gewünscht, ließ ihn aber
gewähren und hatte für seine fügsame Anhänglichkeit eine etwas
mitleidige Liebe.

Dieser leidliche Zustand hielt jedoch nur so lange an, bis der kleine
Andreas aus der Schule und aus der Lehre war, die er am obern Markt im
Dierlamm'schen Geschäft abdiente. Um diese Zeit, etwa von seinem
siebzehnten Jahre an, fing sein nach Zärtlichkeiten dürstendes Gemüt
andere Wege zu gehen an. Der klein und schüchtern gebliebene Jüngling
begann mit immer größeren Augen nach den Mädchen zu schauen und
errichtete in seinem Herzen einen Altar der Frauenliebe, dessen Flamme
desto höher loderte, je trauriger seine Verliebtheiten verliefen.

Zum Kennenlernen und Beschauen von Mädchen jeden Alters war reichliche
Gelegenheit vorhanden, denn der junge Ohngelt war nach Ablauf seiner
Lehrzeit in den Weißwarenladen seiner Tante eingetreten, den er später
einmal übernehmen sollte. Da kamen Kinder, Schulmädchen, junge Fräulein
und alte Jungfern, Mägde und Frauen tagaus tagein, kramten in Bändern
und Linnen, wählten Besätze und Stickmuster aus, lobten und tadelten,
feilschten und wollten beraten sein, ohne doch auf Rat zu hören, kauften
und tauschten das Gekaufte wieder um. Alledem wohnte der Jüngling
höflich und schüchtern bei, er zog Schubladen heraus, stieg die
Bockleiter hinauf und herunter, legte vor und packte wieder ein,
notierte Bestellungen und gab über Preise Auskunft, und alle acht Tage
war er in eine andere von seinen Kundinnen verliebt. Errötend pries er
Litzen und Wolle an, zitternd quittierte er Rechnungen, mit Herzklopfen
hielt er die Ladentür und sagte den Spruch vom Wiederbeehren, wenn eine
schöne Junge hoffärtig das Geschäft verließ.

Um seinen Schönen recht gefällig und angenehm zu sein, gewöhnte Andreas
sich feine und sorgfältige Manieren an. Er frisierte sein hellblondes
Haar jeden Morgen auf das Nobelste, hielt seine Kleider und Leibwäsche
sehr sauber und sah dem allmählichen Erscheinen eines Schnurrbärtchens
mit leidenschaftlicher Ungeduld entgegen. Er lernte beim Empfange seiner
Kunden elegante Verneigungen machen, lernte beim Vorlegen der Zeuge sich
mit dem linken Handrücken auf den Ladentisch stützen und auf nur
anderthalb Beinen stehen, und brachte es zur Meisterschaft im Lächeln,
das er bald vom diskreten Schmunzeln bis zum innig glücklichen Strahlen
beherrschte. Außerdem war er stets auf der Jagd nach neuen schönen
Phrasen, die zumeist aus Umstandsworten bestanden und deren er immer
neue und köstlichere erlernte oder erfand. Da er von Hause aus im
Sprechen unbeholfen und ängstlich war und schon früher nur selten einen
vollkommenen Satz mit Subjekt und Prädikat ausgesprochen hatte, fand er
nun in diesem sonderbaren Wortschatz eine Hilfe und gewöhnte sich daran,
unter Verzicht auf Sinn und Verständlichkeit sich und andern eine Art
von Sprechvermögen vorzutäuschen.

Sagte jemand: »Heut ist aber ein Prachtswetter,« so antwortete der
kleine Ohngelt: »Gewiß -- o ja -- denn, mit Verlaub -- allerdings --.«
Fragte eine Käuferin, ob dieser Leinenstoff auch haltbar sei, so sagte
er: »O bitte, ja, ohne Zweifel, sozusagen, ganz gewiß.« Und erkundigte
sich jemand nach seinem Befinden, so erwiderte er: »Danke gehorsamst --
freilich wohl -- sehr angenehm --.« In besonders wichtigen
und ehrenvollen Lagen scheute er auch vor Ausdrücken wie
»nichtsdestoweniger, aber immerhin, keinesfalls hingegen« nicht zurück.
Dabei waren alle seine Glieder vom geneigten Kopf bis zur wippenden
Fußspitze ganz Aufmerksamkeit, Höflichkeit und Ausdruck. Am
ausdrucksvollsten aber sprach sein verhältnismäßig langer Hals, der
mager und sehnig und mit einem erstaunlich großen und beweglichen
Adamsapfel ausgestattet war. Wenn der kleine schmachtende Ladengehilfe
eine seiner Antworten im Staccato gab, hatte man neben dem Gefühl
unendlicher Hingabe vor allem den Eindruck, er bestehe zu einem Dritteil
aus Kehlkopf.

Die Natur verteilt ihre Gaben jedoch nicht ohne Sinn, und wenn der
bedeutende Hals des Ohngelt in einem Mißverhältnis zu dessen
Redefähigkeit stehen mochte, so war er als Eigentum und Wahrzeichen
eines leidenschaftlichen Sängers desto berechtigter. Andreas war in
hohem Grade ein Freund des Gesanges. Auch beim wohlgelungensten
Komplimente, bei der feinsten kaufmännischen Gebärde, beim gerührtesten
»Immerhin« und »Wennschon« war ihm vielleicht im Innersten der Seele
nicht so schmelzend wohl wie beim Singen. Dieses Talent war in den
Schulzeiten verborgen geblieben, kam aber nach vollendetem Stimmbruch zu
immer schönerer Entfaltung, wenn auch nur im Geheimen. Denn es hätte zu
der ängstlich scheuen Befangenheit Ohngelts nicht gepaßt, daß er seiner
heimlichen Lust und Kunst anders als in der sichersten Verborgenheit
froh geworden wäre.

Am Abend, wenn er zwischen Mahlzeit und Bettgehen ein Stündlein in
seiner Kammer verweilte, sang er im Dunkeln seine Lieder und schwelgte
in lyrischen Entzückungen. Seine Stimme war ein ziemlich hoher Tenor,
und was ihm an Schulung gebrach, suchte er durch Temperament zu
ersetzen. Sein Auge schwamm in feuchtem Schimmer, sein schön
gescheiteltes Haupt neigte sich rückwärts zum Nacken und sein Adamsapfel
stieg mit den Tönen auf und nieder. Sein Lieblingslied war »Wenn die
Schwalben heimwärts ziehn«. Bei der Strophe »Scheiden, ach Scheiden tut
weh« hielt er die Töne gar lang und zitternd aus und hatte manchmal
Tränen in den Augen.

In seiner geschäftlichen Laufbahn kam er mit schnellen Schritten
vorwärts. Es hatte der Plan bestanden, ihn noch einige Jahre nach einer
größeren Stadt, etwa Pforzheim oder Heilbronn zu schicken. Nun aber
machte er sich im Geschäft der Tante bald so unentbehrlich, daß diese
ihn nicht mehr fortlassen wollte, und da er später den Laden erblich
übernehmen sollte, war sein äußeres Wohlergehen für alle Zeiten
gesichert. Anders stand es mit der Sehnsucht seines Herzens. Er war für
alle Mädchen seines Alters, namentlich für die hübschen, trotz seiner
Blicke und Verbeugungen nichts als eine komische Figur. Der Reihe nach
war er in sie alle verliebt und er hätte jede genommen, die ihm nur
einen Schritt entgegen getan hätte. Aber den Schritt tat keine, obwohl
er nach und nach seine Sprache um die gebildetsten Phrasen und seine
Toilette um die angenehmsten Gegenstände bereicherte.

Eine Ausnahme gab es wohl, allein er bemerkte sie kaum. Das Fräulein
Paula Kircher, das Kircherspäule genannt, war immer nett gegen ihn und
schien ihn ernst zu nehmen. Sie war freilich weder jung noch hübsch,
vielmehr zwei Jahre älter als er und ziemlich unscheinbar, sonst aber
ein tüchtiges und geachtetes Mädchen aus einer anständigen und
wohlhabenden Handwerkerfamilie. Wenn Andreas sie auf der Straße grüßte,
dankte sie nett und ernsthaft, und wenn sie in den Laden kam, war sie
freundlich, einfach und bescheiden, machte ihm das Bedienen leicht und
nahm seine geschäftsmännischen Aufmerksamkeiten wie bare Münze hin.
Daher sah er sie nicht ungern und hatte Vertrauen zu ihr, im übrigen
aber war sie ihm recht gleichgültig und sie gehörte zu der geringen
Anzahl lediger Mädchen, für die er außerhalb seines Ladens keinen
Gedanken übrig hatte.

Bald setzte er seine Hoffnungen auf feine, neue Schuhe, bald auf ein
nettes Halstuch, ganz abgesehen vom Schnurrbart, der allmählich sproßte
und den er wie seinen Augapfel pflegte. Endlich kaufte er sich von einem
reisenden Handelsmanne auch noch einen Ring aus Gold mit einem großen
Opal daran und mußte es erleben, daß auch diese Verschönerung ohne
Einfluß auf die geringe Wertschätzung der Damenwelt für ihn blieb.
Damals war er sechsundzwanzig Jahre alt.

Als er aber dreißig wurde und noch immer den Hafen der Ehe nur in
sehnsüchtiger Ferne umsegelte, hielten Mutter und Tante es für
notwendig, fördernd einzugreifen. Die Tante, die schon recht hoch in den
Jahren war, machte den Anfang mit dem Angebot, sie wolle ihm noch zu
ihren Lebzeiten das Geschäft abtreten, jedoch nur am Tage seiner
Verheiratung mit einer unbescholtenen Gerbersauer Tochter. Dies war denn
auch für die Mutter das Signal zum Angriff. Nach manchen Überlegungen
kam sie zu dem Befinden, ihr Sohn müsse in einen Verein eintreten, um
mehr unter Leute zu kommen und den Umgang mit Frauen zu lernen. Und da
sie seine Liebe zur Sangeskunst wohl kannte, dachte sie ihn an dieser
Angel zu fangen und legte ihm nahe, sich beim Liederkranz als Mitglied
anzumelden.

Trotz seiner Scheu vor Geselligkeit war Andreas in der Hauptsache sofort
einverstanden. Doch schlug er statt des Liederkranzes den
Kirchengesangverein vor, weil ihm die ernstere Musik besser gefalle. Der
wahre Grund war aber der, daß dem Kirchengesangverein Margret Dierlamm
angehörte. Diese war die Tochter von Ohngelts früherem Lehrprinzipal,
ein sehr hübsches und fröhliches Mädchen von wenig mehr als zwanzig
Jahren, und in sie war Andreas seit neuestem verliebt, da es schon seit
geraumer Zeit keine ledigen Altersgenossinnen mehr für ihn gab,
wenigstens keine hübschen.

Die Mutter hatte gegen den Kirchengesangverein nichts Triftiges
einzuwenden. Zwar hatte dieser Verein nicht halb so viel gesellige
Abende und Festlichkeiten wie der Liederkranz, dafür war aber die
Mitgliedschaft hier viel wohlfeiler, und Mädchen aus guten Häusern, mit
denen Andreas bei Proben und Aufführungen zusammenkommen würde, gab es
auch hier genug. So ging sie denn ungesäumt mit dem Herrn Sohn zum
Vorstande, einem greisen Schullehrer, der sie freundlich empfing.

»So, Herr Ohngelt,« sagte er, »Sie wollen bei uns mitsingen?«

»Ja, gewiß, bitte --«

»Haben Sie denn schon früher gesungen?«

»O ja, das heißt, gewissermaßen --«

»Nun, machen wir eine Probe. Singen Sie irgend ein Lied, das Sie
auswendig können.«

Ohngelt wurde rot wie ein Knabe und wollte um alles nicht anfangen. Aber
der Lehrer bestand darauf und wurde schließlich fast böse, sodaß er am
Ende doch sein Bangen überwand und nach einem resignierten Blick auf die
ruhig dasitzende Mutter sein Leiblied anstimmte. Es riß ihn mit und er
sang den ersten Vers ohne Stocken.

Der Dirigent winkte, es sei genug. Er war wieder ganz höflich und sagte,
das sei allerdings sehr nett gesungen und man merke, daß es _con amore_
geschehe, allein vielleicht wäre er doch mehr für weltliche Musik
veranlagt, ob er es nicht etwa beim Liederkranz probieren wolle. Schon
wollte Herr Ohngelt eine verlegene Antwort stammeln, da legte seine
Mutter sich für ihn ins Zeug. Er singe wirklich schön, meinte sie, und
sei jetzt nur ein wenig verlegen gewesen, und es wäre ihr gar so lieb,
wenn er ihn aufnähme, der Liederkranz sei doch etwas ganz anderes und
nicht so fein, und sie gebe auch jedes Jahr für die Kinderbescherung,
und kurz, wenn der Herr Lehrer so gut sein wollte, wenigstens für eine
Probezeit, man werde ja alsdann schon sehen. Der alte Mann versuchte
noch zweimal begütigend davon zu reden, daß das Kirchensingen kein Spaß
sei, und daß es ohnehin schon so eng hergehe auf dem Orgelpodium, aber
die mütterliche Beredsamkeit siegte zuletzt doch. Es war dem bejahrten
Dirigenten noch nie vorgekommen, daß ein Mann von über dreißig Jahren
sich zum Mitsingen gemeldet und seine Mutter zum Beistand mitgebracht
hatte. So ungewohnt und eigentlich unbequem ihm dieser Zuwachs zu seinem
Chore war, machte ihm die Sache im stillen doch ein Vergnügen, wenn auch
nicht um der Musik willen. Er bestellte Andreas zur nächsten Probe und
ließ die beiden lächelnd ziehen.

Am Mittwoch Abend fand sich der kleine Ohngelt pünktlich in der
Schulstube ein, wo die Proben abgehalten wurden. Man übte einen Choral
für das Osterfest. Die allmählich ankommenden Sänger und Sängerinnen
begrüßten das neue Mitglied sehr freundlich und hatten alle ein so
aufgeräumtes und heiteres Wesen, daß Ohngelt sich selig fühlte. Auch
Margret Dierlamm war da und auch sie nickte dem Neuen mit freundlichem
Lächeln zu. Wohl hörte er manchmal hinter sich leise lachen, doch war er
ja gewöhnt, ein wenig komisch genommen zu werden, und ließ es sich nicht
anfechten. Was ihn hingegen befremdete, war das zurückhaltend ernste
Betragen des Kircherspäule, das ebenfalls anwesend war und, wie er bald
bemerkte, sogar zu den geschätzteren Sängerinnen gehörte. Sie hatte
sonst immer eine wohltuende Freundlichkeit gegen ihn gezeigt, und jetzt
war gerade sie merkwürdig kühl und schien beinahe Anstoß daran zu
nehmen, daß er hier eingedrungen war. Aber was ging ihn das
Kircherspäule an?

Beim Singen verhielt sich Ohngelt überaus vorsichtig. Wohl hatte er von
der Schule her noch eine leise Ahnung vom Notenwesen und manche Takte
sang er mit gedämpfter Stimme den andern nach, im ganzen aber fühlte er
sich seiner Kunst erbärmlich wenig sicher und hegte bange Zweifel daran,
ob das jemals anders werden würde. Der Dirigent, den seine Verlegenheit
lächerte und rührte, schonte ihn und sagte beim Abschied sogar: »Es wird
mit der Zeit schon gehen, wenn Sie sich dran halten.« Den ganzen Abend
aber hatte Andreas das Vergnügen, in Margrets Nähe sein und sie häufig
anschauen zu dürfen. Er dachte daran, daß bei dem öffentlichen Singen
vor und nach dem Gottesdienst auf der Orgel die Tenöre gerade hinter den
Mädchen aufgestellt waren und malte sich die Wonne aus, am Osterfest und
bei allen künftigen Anlässen so nahe bei Fräulein Dierlamm zu stehen und
sie ungescheut betrachten zu können. Da fiel ihm zu seinem Schmerze
wieder ein, wie klein und niedrig er gewachsen war und daß er zwischen
den andern Sängern stehend nichts würde sehen können. Mit großer Mühe
und vielem Stottern machte er einem der Mitsinger diese seine künftige
Notlage auf der Orgel klar, natürlich ohne den wahren Grund seines
Kummers zu nennen. Da beruhigte ihn der Kollege lachend und meinte, er
werde ihm schon zu einer ansehnlichen Aufstellung verhelfen können.

Nach dem Schluß der Probe lief alles davon, kaum daß man einander
grüßte. Einige Herren begleiteten Damen nach Hause, andere gingen
miteinander zu einem Glas Bier. Ohngelt blieb allein und kläglich auf
dem Platze vor dem finsteren Schulhause stehen, sah den andern und
namentlich der Margret beklommen nach und machte ein enttäuschtes
Gesicht, da kam das Kircherspäule an ihm vorbei und als er den Hut zog,
sagte sie: »Gehen Sie heim? Dann haben wir ja einen Weg und können
miteinander gehen.« Dankbar schloß er sich an und lief neben ihr her
durch die feuchten, märzkühlen Gassen heimwärts, ohne mehr Worte als den
Gutenachtgruß mit ihr zu tauschen.

Am nächsten Tag kam Margret Dierlamm in den Laden und er durfte sie
bedienen. Er faßte jeden Stoff an, als wäre er Seide, und bewegte den
Maßstab wie einen Fiedelbogen, er legte Gefühl und Anmut in jede kleine
Dienstleistung, und leise wagte er zu hoffen, sie würde ein Wort von
gestern und vom Verein und von der Probe sagen. Richtig tat sie das
auch. Gerade noch unter der Türe fragte sie: »Es war mir ganz neu, daß
Sie auch singen, Herr Ohngelt. Singen Sie denn schon lang?« Und während
er unter Herzklopfen hervorstieß: »Ja -- vielmehr nur so -- mit
Verlaub,« entschwand sie leicht nickend in die Gasse.

»Schau, schau!« dachte er bei sich und spann Zukunftsträume, ja er
verwechselte beim Einräumen zum ersten Male in seinem Leben die
halbwollenen Litzen mit den reinwollenen.

Indessen kam die Osterzeit immer näher, und da sowohl am Karfreitag wie
am Ostersonntag der Kirchenchor singen sollte, gab es mehrmals in der
Woche Proben. Ohngelt erschien stets pünktlich und gab sich alle Mühe,
nichts zu verderben, wurde auch von jedermann mit Wohlwollen behandelt.
Nur das Kircherspäule schien nicht recht mit ihm zufrieden zu sein und
das war ihm nicht lieb, denn sie war schließlich doch die einzige Dame,
zu der er ein volles Vertrauen hatte. Auch fügte es sich regelmäßig, daß
er an ihrer Seite nach Hause ging, denn der Margret seine Begleitung
anzutragen, war wohl stets sein stiller Wunsch und Entschluß, doch fand
er nie den Mut dazu. So ging er denn mit dem Päule. Die drei ersten Male
wurde auf diesem Heimgang kein Wort geredet. Das nächste Mal nahm die
Kircher ihn ins Gebet und fragte, warum er nur so wortkarg sei, ob er
sie denn fürchte.

»Nein,« stammelte er erschrocken, »das nicht -- vielmehr -- gewiß nicht
-- im Gegenteil.«

Sie lachte leise und fragte: »Und wie geht's denn mit dem Singen? Haben
Sie Freude dran?«

»Freilich ja -- sehr -- jawohl.«

Sie schüttelte den Kopf und sagte leiser: »Kann man denn mit Ihnen
wirklich nicht reden, Herr Ohngelt? Sie drücken sich auch um jede
Antwort herum.«

Er sah sie hilflos an und stotterte.

»Ich meine es doch gut,« fuhr sie fort. »Glauben Sie das nicht?«

Er nickte heftig.

»Also denn! Können Sie denn gar nichts reden als wieso und immerhin und
mit Verlaub und dergleichen Zeug?«

»Ja, schon, ich kann schon, obwohl -- allerdings.«

»Ja obwohl und allerdings. Sagen Sie, am Abend mit Ihrer Frau Mutter und
mit der Tante reden Sie doch auch deutsch, oder nicht? Dann tun Sie's
doch auch mit mir und mit andern Leuten. Man könnte dann doch ein
vernünftiges Gespräch führen. Wollen Sie nicht?«

»Doch ja, ich will schon -- gewiß --«

»Also gut, das ist gescheit von Ihnen. Jetzt kann ich doch mit Ihnen
reden. Ich hätte nämlich einiges zu sagen.«

Und nun sprach sie mit ihm, wie er es nicht gewöhnt war. Sie fragte, was
er denn im Kirchengesangverein suche, wenn er doch nicht singen könne
und wo fast nur Jüngere als er seien. Und ob er nicht merke, daß man
sich dort manchmal über ihn lustig mache und mehr von der Art. Aber je
mehr der Inhalt ihrer Rede ihn traurig machte, ja demütigte und
entrüstete, desto eindringlicher empfand er die gütige und wohlmeinende
Art ihres Zuredens. Etwas weinerlich schwankte er zwischen kühler
Ablehnung und gerührter Dankbarkeit. Da waren sie schon vor dem
Kircher'schen Hause. Paula gab ihm die Hand und sagte ernsthaft:

»Gute Nacht, Herr Ohngelt, und nichts für ungut. Nächstes Mal reden wir
weiter, gelt?«

Verwirrt ging er heim und so weh ihm war, wenn er an ihre Enthüllungen
dachte, so neu und tröstlich war es ihm, daß jemand so freundschaftlich
und ernst und wohlgesinnt mit ihm gesprochen hatte.

Auf dem Heimweg von der nächsten Probe gelang es ihm schon, in ziemlich
deutscher Sprache zu reden, etwa wie daheim mit der Mutter, und mit dem
Gelingen stieg sein Mut und sein Vertrauen. Am folgenden Abend war er
schon soweit, daß er ein Bekenntnis abzulegen versuchte, er war sogar
halb entschlossen, die Dierlamm mit Namen zu nennen, denn er versprach
sich Unmögliches von Päules Mitwisserschaft und Hilfe. Aber sie ließ ihn
nicht dazu kommen. Sie schnitt seine Geständnisse plötzlich ab und
sagte: »Sie wollen heiraten, nicht wahr? Das ist auch das Gescheiteste,
was Sie tun können. Das Alter haben Sie ja.«

»Das Alter, ja das schon,« sagte er traurig. Aber sie lachte nur und er
ging ungetröstet heim. Das nächste Mal kam er wieder auf diese
Angelegenheit zu sprechen. Das Päule entgegnete bloß, er müsse ja
wissen, wen er haben wolle; gewiß sei nur, daß die Rolle, die er im
Gesangverein spiele, ihm nicht förderlich sein könnte, denn junge
Mädchen nehmen schließlich bei einem Liebhaber alles in den Kauf, nur
nicht die Lächerlichkeit.

Die Bedenken und Seelenqualen, in welche ihn diese deutlichen Worte
versetzt hatten, wichen endlich der Aufregung und den Vorbereitungen zum
Karfreitag, an welchem Ohngelt zum ersten Mal im Chor auf der
Orgeltribüne sich zeigen sollte. Er kleidete sich an diesem Morgen mit
besonderer Sorgfalt an und kam mit gewichstem Zylinder frühzeitig in die
Kirche. Nachdem ihm sein Platz angewiesen worden war, wandte er sich
nochmals an jenen Kollegen, der ihm bei der Aufstellung behilflich zu
sein versprochen hatte. Wirklich schien dieser die Sache nicht vergessen
zu haben, er winkte dem Orgeltreter und dieser brachte schmunzelnd ein
kleines Kistlein, das wurde an Ohngelts Stehplatz hingesetzt und der
kleine Mann darauf gestellt, so daß er nun im Sehen und Gesehenwerden
dieselben Vorteile genoß wie die längsten Tenöre. Nur war das Stehen auf
diese Art mühevoll und gefährlich, er mußte sich genau im Gleichgewicht
halten und vergoß manchen Tropfen Schweiß bei dem Gedanken, er könnte
umfallen und mit gebrochenen Beinen unter die an der Brüstung postierten
Mädchen hinab stürzen, denn der Orgelvorbau neigte sich in schmalen,
stark abfallenden Terrassen niederwärts gegen das Kirchenschiff. Dafür
hatte er aber das Vergnügen, der schönen Margret Dierlamm aus
beklemmender Nähe in den Nacken schauen zu können, was ihn ebenfalls
nicht wenig mitnahm. Da der Gesang und der ganze Gottesdienst vorüber
war, fühlte er sich erschöpft und atmete tief auf, als die Türen
geöffnet und die Glocken gezogen wurden.

Tags darauf warf ihm das Kircherspäule vor, sein künstlich erhobener
Standpunkt sehe recht hochmütig aus und mache ihn lächerlich. Er
versprach, sich späterhin seines kurzen Leibes nicht mehr zu schämen,
doch wollte er morgen am Osterfeste noch ein letztes Mal das Kistlein
benutzen, schon um den Herrn, der es ihm angeboten, nicht zu beleidigen.
Sie wagte nicht zu sagen, ob er denn nicht sehe, daß jener die Kiste nur
hergebracht habe, um sich einen Spaß mit ihm zu machen. Kopfschüttelnd
ließ sie ihn gewähren und war über seine Dummheit so ärgerlich wie über
seine liebe Arglosigkeit gerührt.

Am Ostersonntage ging es im Kirchenchor noch um einen Grad feierlicher
zu als neulich. Es wurde eine schwierige Musik aufgeführt, und Ohngelt
balancierte tapfer und erfolgreich auf seinem Gerüste. Gegen den Schluß
des Chorals hin nahm er jedoch mit Entsetzen wahr, daß sein Standörtlein
unter seinen Sohlen zu wanken und unfest zu werden begann. Er konnte
nichts tun, als stillhalten und womöglich den Sturz über die Terrasse
vermeiden. Dieses gelang ihm auch und statt eines Skandals und Unglücks
ereignete sich nichts, als daß der Tenor Ohngelt unter leisem Krachen
sich langsam verkürzte und mit angsterfülltem Gesichte abwärts sinkend
aus der Sichtbarkeit verschwand. Der Dirigent, das Kirchenschiff, die
Emporen und der schöne Nacken der blonden Margret gingen nach einander
seinem Blick verloren, doch kam er heil zu Boden und in der Kirche hatte
außer den grinsenden Sangesbrüdern nur ein Teil der nahesitzenden
männlichen Schuljugend den Vorgang wahrgenommen. Über die Stätte seiner
Erniedrigung hinweg jubilierte und frohlockte der kunstreiche
Osterchoral, während der Versunkene reuig an die guten Ermahnungen der
Jungfer Kircher dachte.

Als unterm Kehraus des Organisten das Volk die Kirche verließ, blieb der
Verein auf seiner Tribüne noch auf ein paar Worte beinander, denn morgen
am Ostermontag sollte wie jedes Jahr ein festlicher Vereinsausflug
unternommen werden. Auf diesen Ausflug hatte Andreas Ohngelt von Anfang
an große Erwartungen gestellt. Er fand jetzt sogar den Mut, Fräulein
Dierlamm zu fragen, ob sie auch mitzukommen gedenke, und die Frage kam
ohne viel Anstoß über seine Lippen.

»Ja, gewiß gehe ich mit,« sagte das schöne Mädchen mit Ruhe, und dann
fügte sie hinzu: »Übrigens, haben Sie sich vorher nicht weh getan?«
Dabei stieß sie das verhaltene Lachen so, daß sie auf keine Antwort mehr
wartete und davonlief. In demselben Augenblick schaute das Päule
herüber, mit einem merkwürdig mitleidigen und ernsthaften Blick, der
Ohngelts trostlose Verwirrung noch steigerte. Sein flüchtig
aufgeloderter Mut war nicht minder eilig wieder umgeschlagen, und wenn
er von dem Ausflug nicht schon mit seiner Mama geredet und diese nicht
schon zum Mitgehen aufgefordert gehabt hätte, so wäre er jetzt am
liebsten vom Ausflug, vom Verein und von allen seinen Hoffnungen still
zurückgetreten.

Der Ostermontag war so blau und sonnig wie gemalt und um zwei Uhr kamen
fast alle Mitglieder des Gesangvereins mit mancherlei Gästen und
Verwandten oberhalb der Stadt in der Lärchenallee zusammen. Ohngelt
brachte seine Mutter mit. Er hatte ihr am vergangenen Abend gestanden,
daß er in Margret verliebt sei und zwar wenig Hoffnungen hege, dem
mütterlichen Beistande aber und dem Ausflugsnachmittage doch noch
einiges zutraue. So sehr sie ihrem Kleinen das beste gönnte, so schien
ihr doch Margret zu jung und zu hübsch für ihn zu sein. Man konnte es ja
versuchen; die Hauptsache war, daß Andreas bald eine Frau bekam, schon
des Ladens wegen.

Man rückte ohne Gesang aus, denn der Waldweg ging ziemlich steil und
beschwerlich bergauf. Frau Ohngelt fand trotzdem Sammlung und Atem
genug, um erstlich ihrem Sohn die letzten Verhaltungsmaßregeln für die
kommenden Stunden einzuschärfen und hernach ein aufgeräumtes Gespräch
mit Frau Dierlamm anzufangen. Margrets Mutter bekam, während sie Mühe
hatte im Bergansteigen Luft für die notwendigsten Antworten zu
erübrigen, eine Reihe angenehmer und interessanter Dinge zu hören. Frau
Ohngelt begann mit dem prächtigen Wetter, ging von da zu einer Würdigung
der Kirchenmusik, einem Lob für Frau Dierlamms rüstiges Aussehen und
einem Entzücken über das Frühlingskleid der Margret und ihre Schönheit
über, sie verweilte bei Angelegenheiten der Toilette und gab schließlich
eine Darstellung von dem erstaunlichen Aufschwung, den der
Weißwarenladen ihrer Schwägerin in den letzten Jahren genommen habe.
Frau Dierlamm konnte auf dieses hin nicht anders, als auch des jungen
Ohngelt lobend zu erwähnen, der so viel Geschmack und kaufmännische
Fähigkeiten zeige, was ihr Mann schon vor manchen Jahren während
Andreas' Lehrzeit bemerkt und anerkannt habe. Auf diese Schmeichelei
antwortete die entzückte Mutter mit einem halben Seufzer. Freilich, der
Andreas sei tüchtig und werde es noch weit bringen, auch sei der
prächtige Laden schon so gut wie sein Eigentum, ein Jammer aber sei es
mit seiner Schüchternheit gegen das Frauenzimmer. Seinerseits fehle es
weder an Lust noch an den wünschenswerten Tugenden für das Heiraten,
wohl aber an Zutrauen und Unternehmungsmut, und wenn schon dies ja in
einem gewissen Sinne für ihn spreche, so komme er doch auf diese Weise
in der erwähnten Hauptsache niemals vorwärts.

Frau Dierlamm, da die Gesellschaft mittlerweile die Hügelhöhe und einen
nahezu ebenen Pfad erreicht hatte, begann mit wiedergewonnenem Atem nun
die besorgte Mutter zu trösten und wenn sie dabei auch weit davon
entfernt war, an ihre Tochter zu denken, versicherte sie doch, daß eine
Verbindung mit Andreas für jede ledige Tochter der Stadt nur willkommen
sein könnte. Diese Worte sog die Ohngelt wie Honig ein und über ihr vom
Gehen warm gewordenes Gesicht leuchtete eine so reine Genugtuung, daß es
fast wie Schadenfreude anzusehen war.

Unterdessen war Margret mit anderen jungen Leuten der Gesellschaft weit
voran geeilt und diesem kleinen Kreise der Jüngsten und Lustigsten
schloß sich auch Ohngelt an, obwohl er alle Not hatte, mit seinen kurzen
Beinen nachzukommen.

Wieder waren alle ausnehmend freundlich gegen ihn, denn für diese
Spaßvögel war der ängstliche Kleine mit seinen verliebten Augen ein
gefundenes Fressen. Auch die hübsche Margret tat mit und zog den Anbeter
je und je mit scheinbarem Ernste ins Gespräch, so daß er vor glücklicher
Erregung und verschluckten Satzteilen ganz heiß wurde.

Allein das Vergnügen dauerte nicht lange. Allmählich merkte der arme
Teufel doch, daß er hinterrücks beständig ausgelacht wurde, und wenn er
sich auch darein zu schicken wußte, so ward er doch niedergeschlagen und
ließ alle Hoffnung wieder sinken. Äußerlich ließ er sich jedoch
möglichst wenig anmerken. Die Ausgelassenheit der jungen Leute stieg mit
jeder Viertelstunde und er lachte angestrengt desto lauter mit, je
deutlicher er alle Witze und Andeutungen als auf ihn selber gemünzt
erkannte. Schließlich endete der Keckste von den Jungen, ein baumlanger
Apothekergehilfe, die Neckereien durch einen recht groben Scherz.

Man kam gerade an einer schönen alten Eiche vorüber und der Apotheker
bot sich an zu versuchen, ob er den untersten Ast des hohen Baumes mit
den Händen erreichen könne. Er stellte sich auf und sprang mehrmals in
die Höhe, aber es reichte nicht ganz, und die im Halbkreise
umherstehenden Zuschauer begannen ihn auszulachen. Da kam er auf den
Einfall, sich durch einen Witz wieder in Ehren und einen andern an die
Stelle des Ausgelachten zu bringen. Plötzlich griff er den kleinen
Ohngelt um den Leib, hob ihn in die Höhe und forderte ihn auf, den Ast
zu fassen und sich daran zu halten. Der Überraschte war empört und wäre
gewiß nicht darauf eingegangen, hätte er nicht in seiner schwebenden
Lage Furcht vor einem Sturze gehabt. So packte er denn zu und klammerte
sich an; sobald sein Träger dies aber bemerkte, ließ er ihn los und
Ohngelt hing nun unter dem Gelächter der Jugend hilflos hoch am Aste,
mit den Beinen zappelnd und zornige Schreie ausstoßend.

»Herunter!« schrie er heftig. »Nehmen Sie mich sofort wieder herunter,
Sie!«

Seine Stimme überschlug sich, er fühlte sich vollkommen vernichtet und
ewiger Schande preisgegeben. Der Apotheker aber meinte, nun müsse er
sich loskaufen, und alle jubelten Beifall.

»Sie müssen sich loskaufen,« rief auch Margret Dierlamm.

Da konnte er doch nicht widerstehen.

»Ja, ja,« rief er, »aber schnell!«

Sein Peiniger hielt nun eine kleine Rede des Inhalts, daß Herr Ohngelt
schon seit drei Wochen Mitglied des Kirchengesangvereins wäre, ohne daß
jemand ihn habe singen hören. Nun könne er nicht eher aus seiner hohen
und gefährlichen Lage befreit werden, als bis er der Versammlung ein
Lied vorgesungen habe.

Kaum hatte er gesprochen, so begann Andreas auch schon zu singen, denn
er fühlte sich von seinen Kräften verlassen. Halb schluchzend fing er
an: »Gedenkst du noch der Stunde« -- und war noch nicht mit der ersten
Strophe fertig, so mußte er loslassen und stürzte mit einem Schrei
herab. Alle waren nun doch erschrocken und wenn er ein Bein gebrochen
hätte, wäre er gewiß eines reumütigen Mitleids sicher gewesen. Aber er
stand zwar blaß, doch unversehrt wieder auf, griff nach seinem Hute, der
neben ihm im Moose lag, setzte ihn sorgfältig wieder auf und ging
schweigend davon -- denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Hinter
der nächsten Wegbiegung setzte er sich am Straßenrande nieder und suchte
sich zu erholen.

Hier fand ihn der Apotheker, der ihm mit schlechtem Gewissen
nachgeschlichen war. Er bat um Verzeihung, ohne eine Antwort zu
erhalten.

»Es tut mir wirklich furchtbar leid,« sagte er nochmals bittend, »ich
hatte gewiß nichts Böses im Sinn. Bitte verzeihen Sie mir und kommen Sie
wieder mit!«

»Es ist schon gut«, sagte Ohngelt und winkte ab, und der andere ging
unbefriedigt davon.

Wenig später kam der zweite Teil der Gesellschaft mit den älteren Leuten
und den beiden Müttern dabei langsam angerückt. Ohngelt ging zu seiner
Mutter hin und sagte:

»Ich will heim.«

»Heim? Ja warum denn? Ist was passiert?«

»Nein. Aber es hat doch keinen Wert, ich weiß es jetzt gewiß.«

»So? Hast du einen Korb gekriegt?«

»Nein. Aber ich weiß doch --«

Sie unterbrach ihn und zog ihn mit.

»Jetzt keine Faxen! Du kommst mit und es wird schon recht werden. Beim
Kaffee setz' ich dich neben die Margret, paß auf.«

Er schüttelte bekümmert den Kopf, gehorchte aber und ging mit. Das
Kircherspäule versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzufangen und mußte
es wieder aufgeben, denn er blickte schweigend geradeaus und hatte ein
gereiztes und verbittertes Gesicht, wie es niemand an ihm je gesehen
hatte.

Nach einer halben Stunde erreichte die Gesellschaft das Ziel des
Ausflugs, ein kleines Walddorf, dessen Wirtshaus durch seinen guten
Kaffee bekannt war und in dessen Nähe die Ruinen einer kleinen
Raubritterburg lagen. Im Wirtsgarten war die schon länger angekommene
Jugend lebhaften Spielen hingegeben, Gelächter und laute Rufe klangen
hell durch die sonnige Frühlingsluft. Jetzt wurden Tische aus dem Hause
gebracht und zusammengerückt, die jungen Leute trugen Stühle und Bänke
herbei; frisches Tischzeug wurde aufgelegt und die Tafeln mit Tassen,
Kannen, Tellern und Backwerk bestellt. Frau Ohngelt gelang es richtig,
ihren Sohn an Margrets Seite zu bringen. Er aber nahm seines Vorteils
nicht wahr, sondern dämmerte im Gefühl seines Unglücks trostlos vor sich
hin, rührte gedankenlos mit dem Löffel im erkaltenden Kaffee und schwieg
hartnäckig trotz allen Blicken, die seine Mutter ihm sandte.
Gleichgiltig hörte er zu, wie Margret mit ihrem andern Tischnachbarn ein
lebhaftes Gespräch begann und weiterführte, und er nickte nur still vor
sich hin, als weiter unten an der Tafel im Gewirre der Unterhaltungen
auch Anspielungen auf sein Abenteuer laut wurden. Er hörte mehrmals
unter Kichern das Wort Zachäus aussprechen und wußte, wem es galt, und
dennoch war er nicht mehr zornig, sondern gab sich dem Gefühl eines
widerstandslosen Untersinkens in Schmach und Unglück mit einer Art von
Wollust hin.

Nach der zweiten Tasse beschlossen die Anführer der Jungen, einen Gang
nach der Burgruine zu tun und dort Spiele zu machen. Lärmend erhob sich
die Jungmannschaft samt den Mädchen. Auch Margret Dierlamm stand auf und
im Aufstehen übergab sie dem mutlos verharrenden Ohngelt ihr hübsches
perlengesticktes Handtäschlein mit den Worten:

»Bitte bewahren Sie mir das gut, Herr Ohngelt, wir gehen zum
Spielen.« Er nickte und nahm das Ding zu sich. Die grausame
Selbstverständlichkeit, mit der sie annahm, er werde bei den Alten
bleiben und sich nicht an den Spielen beteiligen, wunderte ihn nicht
mehr. Ihn wunderte nur noch, daß er das alles nicht von Anfang an
bemerkt hatte, die merkwürdige Freundlichkeit bei den Proben, die
Geschichte mit dem Kistlein und alles andere.

Als die fröhlichen jungen Leute gegangen waren und die Zurückgebliebenen
weiter Kaffee tranken und Gespräche spannen, verschwand Ohngelt
unvermerkt von seinem Platz und ging hinterm Garten übers Feld dem Walde
zu. Die hübsche Tasche, die er in der Hand trug, glitzerte freudig im
Sonnenlicht; er aber wußte nicht, sollte er das nette Spielzeug mit
Küssen bedecken oder weit in die Büsche schleudern. Vor einem frischen
Baumstrunk machte er Halt. Er zog sein Taschentuch heraus, breitete es
über das noch lichte, feuchte Holz und setzte sich darauf. Dann stützte
er den Kopf in die Hände und brütete über traurigen Gedanken und als
sein Blick wieder auf die bunte Tasche fiel und als zugleich mit einem
Windzug die Schreie und Freudenrufe der in der Burg Ballspielenden
herüberklangen, neigte er den schweren Kopf tiefer und begann lautlos
und kindlich zu weinen.

Wohl eine Stunde lang blieb er so sitzen. Seine Augen waren wieder
trocken und seine Erregung verflogen, aber das Traurige seines Zustandes
und die Hoffnungslosigkeit seiner sehnlichsten Bestrebungen waren ihm
jetzt noch klarer als zuvor. Da hörte er einen leichten Schritt sich
nähern, ein Kleid rauschen, und ehe er von seinem Sitze aufspringen
konnte, stand die Paula Kircher neben ihm.

»Ganz allein?« fragte sie scherzend. Und da er nicht antwortete und sie
ihn genauer anschaute, wurde sie plötzlich ernst und fragte mit
frauenhafter Güte: »Wo fehlt es denn? Ist Ihnen ein Unglück geschehen?«

»Nein,« sagte Ohngelt leise und ohne nach Phrasen zu suchen. »Nein. Ich
habe nur eingesehen, daß ich nicht unter die Leute passe. Und daß ich
ihr Hanswurst gewesen bin.«

»Nun, so schlimm wird es nicht sein --«

»Doch, gerade so. Ihr Hanswurst bin ich gewesen, und besonders noch den
Mädchen ihrer. Weil ich gutmütig gewesen bin und es redlich gemeint
habe. Sie haben recht gehabt, ich hätte nicht in den Verein gehen
sollen.«

»Sie können ja wieder austreten und dann ist alles gut.«

»Austreten kann ich schon, und ich tu es lieber heut als morgen. Aber
damit ist noch lange nicht alles gut.«

»Warum denn nicht?«

»Weil ich zum Spott für sie geworden bin. Und weil jetzt vollends keine
mehr --«

Das Schluchzen übernahm ihn beinahe. Sie fragte freundlich: »-- und weil
jetzt keine mehr --?«

Mit zitternder Stimme fuhr er fort: »Weil jetzt vollends kein Mädchen
mehr mich achtet und mich ernst nehmen will.«

»Herr Ohngelt,« sagte das Päule langsam, »sind Sie jetzt nicht
ungerecht? Oder meinen Sie, ich achte Sie nicht und nehme Sie nicht
ernst?«

»Ja, das wohl, das war nicht recht von mir. Aber das war auch eigentlich
nicht das, was ich gemeint habe. Ich glaube schon, daß Sie mich noch
achten. Aber das ist es nicht.«

»Ja, was ist es denn?«

»Ach Gott, ich sollte gar nicht davon reden. Aber ich werde ganz irr,
wenn ich denke, daß jeder andere es besser hat als ich, und ich bin doch
auch ein Mensch, nicht? Aber mich -- mich will -- mich will keine
heiraten!«

Es entstand eine längere Pause. Dann fing das Päule wieder an:

»Ja, haben Sie denn schon die eine oder andre gefragt, ob sie will oder
nicht?«

»Gefragt! Nein, das nicht. Zu was auch? Ich weiß ja vorher, daß keine
will.«

»Dann verlangen Sie also, daß die Mädchen zu Ihnen kommen und sagen: Ach
Herr Ohngelt, verzeihen Sie, aber ich möchte so schrecklich gern haben,
daß Sie mich heiraten! Ja, auf das werden Sie freilich noch lang warten
können.«

»Das weiß ich wohl,« seufzte Andreas. »Sie wissen schon, wie ich's
meine, Fräulein Päule. Wenn ich wüßte, daß eine es gut mit mir meint und
mich ein wenig gut leiden könnte, dann --«

»Dann würden Sie vielleicht so gnädig sein und ihr zublinzeln oder mit
dem Zeigfinger winken! Lieber Gott, Sie sind -- Sie sind --«

Damit lief sie davon, aber nicht etwa mit einem Gelächter, sondern mit
Tränen in den Augen. Ohngelt konnte das nicht sehen, doch hatte er etwas
Sonderbares in ihrer Stimme und in ihrem Davonlaufen bemerkt, darum
rannte er ihr nach und als er bei ihr war und beide keine Worte fanden,
hielten sie sich plötzlich umarmt und gaben sich einen Kuß. Da war der
kleine Ohngelt verlobt.

Als er mit seiner Braut verschämt und doch tapfer Arm in Arm in den
Wirtsgarten zurückkehrte, war alles schon zum Aufbruch bereit und hatte
nur noch auf die zwei gewartet. In dem allgemeinen Tumult, Erstaunen,
Kopfschütteln und Glückwünschen trat die schöne Margret vor Ohngelt und
fragte: »Ja, wo haben Sie denn meine Handtasche gelassen?«

Bestürzt gab der Bräutigam Auskunft und eilte in den Wald zurück, und
das Päule lief mit. An der Stelle, wo er so lang gesessen und geweint
hatte, lag im braunen Laube der schimmernde Beutel, und die Braut sagte:
»Es ist gut, daß wir noch einmal herüber sind. Da liegt ja auch noch
dein Sacktuch.«



                          Karl Eugen Eiselein


Schorsch Eiselein, Kolonialwarenhändler in Gerbersau, besaß einen
Kaufladen, von dem er anständig und bequem leben konnte und der ihm
wenig Sorgen machte, und eine kluge kleine Frau, mit der er überaus
zufrieden war, ferner einen kleinen Sohn, der vom Vater sowohl wie von
der Vorsehung zu Höherem bestimmt war und ihm darum viele Sorgen machte.

Dieser Sohn hieß Karl Eugen Eiselein, und es wollte etwas bedeuten, daß
er von klein auf nicht Karl oder Eugen, sondern stets mit dem
fürstlichen Doppelnamen Karleugen gerufen ward. Dementsprechend gab der
Kleine auch für zwei zu tun und zu sorgen, schrie für zwei und brauchte
Windeln und Kleider für zwei, bis er allmählich in das Alter trat, wo
die Erzeuger an ihren Sprößlingen eine gewisse Freude zu erleben
wünschen. Daran ließ es denn der Knabe auch nicht fehlen; es zeigte
sich, daß er nicht zu den Dummen gehöre und wohl einer höhern Ausbildung
fähig sei.

Herr Eiselein war sehr glücklich. Ihm selbst waren die Gefilde der
klassischen Bildung zu seinem Schmerze unerschlossen geblieben; desto
sehnlicher wünschte er, seinen Sohn in dieser fremden Welt sich tummeln
zu sehen. Er legte daher eines Tages einen Festrock, gestickte Weste und
reinen Hemdkragen an, strich dem Knäblein zärtlich über den glatten
blonden Scheitel und führte es zur Lateinschule, wo er es der Obhut des
Kollaborators Wurster übergab.

Von da an ging der junge Karl Eugen den gewohnten Weg eines Gerbersauer
Lateiners. Ein Jahr lang regierte ihn der Kollaborator Wurster, ein
sanfter lächelnder Mann mit altmodischen Löcklein und engen Hosen; dann
gab ihn dieser an den Präzeptor Dilger weiter, einen feisten Wüterich
mit langem Meerrohr und furchtbarer Stirnrunzel, und wieder nach einem
Jahr übernahm ihn Doktor Müller, ein eleganter Stutzer von feinen
Manieren.

Der Bub erwies sich als gescheit und kam glatt von einer Klasse in die
andere. Nicht so glatt und tadellos ging er aus manchen langwierigen
Affären und Untersuchungen hervor, welche Äpfeldiebstähle,
Unehrerbietigkeiten gegen die Lehrer, Schulschwänzereien und schlechtes
Betragen beim Kirchenbesuch zum Gegenstande hatten. Zwar verstand er die
Kunst, sich hinter andere zu bergen und einleuchtende mildernde Umstände
beizubringen, vortrefflich; trotzdem verbüßte er manchen sonnigen
Mittwoch nachmittag im Klassenarrest und kam oft genug geprügelt und
gescholten und jammervoll nach Hause, wo der Vater ihn mit Trost und
Teilnahme empfing und jedesmal schnell wieder einer freundlicheren
Betrachtung des Lebens entgegenführte.

Nichtsdestoweniger war Karl Eugen Eiselein in seinem elften Lebensjahre
eines Tages spurlos verschwunden, samt vier Talern aus seines Vaters
Ladenkasse, einem halben Zuckerhut und zwei Schulkameraden, deren
bestürzte Eltern ihre Klagen mit denen des Kolonialwarenhändlers
vereinigten.

Als die Knaben gegen Abend noch immer fehlten, wurden nach allen Seiten
Boten ausgesandt, der ganze Fluß ward mit Stangen abgestochen und bei
jedem Stiche schauderte die zuschauende Kinderschar zusammen, gewärtig,
im nächsten Augenblick einen der Ertrunkenen am Spieße zu sehen. Es kam
aber keiner zum Vorschein.

Herr Eiselein war in seiner Not den ganzen Abend herumgelaufen. Er
kehrte spät und trostlos heim und schob den Suppenteller, den die Frau
ihm warmgestellt hatte, traurig zurück. Aber die kleine Frau, so ruhig
und nachgiebig sie sonst war, stellte ihm den Teller sogleich wieder
hin, zwang ihm den Löffel in die Hand und sagte sehr bestimmt: »Für nix
will ich 's Essen nicht gewärmt haben, iß du jetzt nur. Der Lausbub wird
wohl wiederkommen, wenn er Hunger kriegt. Sei jetzt so gut und iß!« Und
der Vater war so gebrochen und widerstandslos, daß er nicht einmal
aufbegehrte, sondern ganz still den Löffel nahm und aß, bis nichts mehr
da war. Das hatte die Frau doch nicht erwartet, und da sie daraus seine
Verzweiflung ersah, wurde jetzt auch sie beklommen und angstvoll, und
beide saßen den ganzen Abend beisammen am Tisch, sagten nichts und gaben
sich düsteren Gedanken hin.

Nachts nach elf Uhr geschah ein kurzes schwaches Läuten an der
Hausglocke und gleich darauf ein stärkeres, kühneres, und an der Pforte
stand und wartete und schämte sich Karl Eugen. Nachdem man ihm abgefragt
hatte, daß auch seine Kameraden wieder da und noch am Leben seien, ließ
man ihn schlafen. Ehe der aufatmende Vater vom Bette aus nach dem
Kerzenlöscher griff, hustete seine kühn gewordene Frau und sagte:
»Schorsch, wenn du morgen dem Bub nicht eine gesalzene Portion gibst,
dann geb' sie ihm ich.« Er seufzte, löschte das Licht und konnte noch
lang nicht einschlafen.

Am anderen Tag kam alles sauber an das Licht und als Hauptverführer ward
der gefährliche Fennimore Cooper entdeckt. Die Knäblein hatten
beschlossen, miteinander die langweilige alte Welt zu verlassen und die
Heimat der Mohikaner aufzusuchen, wo statt Meerrohr und Grammatik
Skalpmesser, Kriegsbeil und Flinte die Begleiter der Jugend sind. Auch
wäre alles gut gegangen, aber die Nacht war so kalt und sie hatten im
Walde nimmer aus noch ein gewußt, obwohl der eine von ihnen Pfadfinder,
der zweite Falkenauge und der dritte Waldläufer hieß. Von den vier
Talern waren drei Batzen für eine Blechpistole und sieben für ein
grausam langes Sackmesser ausgegeben worden, der Rest fand sich
unversehrt vor und nur der Verbleib des Zuckerhutes blieb ein Rätsel.

Diesen ganzen Tag lief Karl Eugens Mutter in Spannung umher und als bis
zum Abendessen noch nichts geschehen war, ging sie zum Vater in den
Laden hinunter. »Eh' der Kleine seine Prügel nicht hat, kriegt er auch
nix zu essen,« sagte sie mit Nachdruck und der Gatte sah ein, daß es
Pflichten gibt, denen niemand sich entziehen kann, und Weltgesetze,
denen wir widerstandslos unterliegen. Gleich darauf machte das Söhnchen
dieselbe Erfahrung; während jedoch der Vater sich mit Seufzen begnügte,
ließ jener nach Art der Jugend seinen Gefühlen und Tränen freien Lauf,
ja erhob ein so erschütterndes Wehegeschrei, daß der Züchtiger schon
nach wenigen Streichen innehielt und froh war, als Karl Eugen nur wieder
aufstand und sich zum Essen bewegen ließ.

Dieses Abenteuer hatte zur Folge, daß in der Lateinschule über dreißig
Indianerbücher konfisziert wurden, daß die drei Amerikaner zuerst vom
Klassenlehrer eine angemessene Strafpredigt samt Arrest zugeteilt
erhielten und dann noch dem schonungslosen Spott der Schulkameraden
anheimfielen, und daß der kleine Eiselein für eine Weile in sich ging
und mehrere Wochen lang ein Musterschüler war. Allmählich wurden die
kassierten Bücher durch neue ersetzt, die Strafrede und der Arrest
verschmerzt, auch der Musterschüler verschwand wieder wie ein Nebelbild
und nur der Schülerspott hielt noch lange Zeiten vor.

Es kamen die Jahre heran, in welchen es sich zu zeigen pflegt, ob ein
Schüler Lust und Beruf zu den höheren Studien habe oder ob es geratener
sei, ihn sein Latein in einem Kaufladen oder in einer Schreibstube
vergessen zu lassen. Beim jungen Eiselein war es unzweifelhaft, daß er
zu ersterem bestimmt sei. Seine Hefte waren sauber und wiesen gute
Zeugnisse auf, seine Aufsätze hatten Schwung und Feuer, ebenso seine
Deklamationen, und bei der Entlassungsfeier der obersten Klasse trug er,
nun fünfzehnjährig, eine selbstgefertigte Rede vor, bei der dem Rektor
ein Schmunzeln auf die Lippen und dem andächtig zuhörenden
Kolonialwarenhändler eine Träne ins Vaterauge trat. Es war beschlossen,
ihn in die Residenz auf das Gymnasium zu tun.

Vorher waren noch ein paar Wochen Ferien, und in dieser Zeit legte Karl
Eugen die ersten Zeugnisse seiner Dichterbegabung ab. Es fand nämlich
der Geburtstag einer Großtante statt, die Familie Eiselein war
eingeladen und beim Kaffee trat der Jüngling mit einem Gedicht hervor,
dessen Schönheit und Länge die ganze Festgesellschaft in Erstaunen
setzte. Seinem Vater gab der Bengel auf Befragen zur Antwort, er habe
schon seit einem Jahr oder noch länger eine Masse Gedichte gemacht und
wisse schon längst, daß er zum Dichter und nur zum Dichter geboren sei.
Dies hörte der überraschte Papa mit ebensoviel Befremdung als Stolz.
Denn wenn er auch nie an den außerordentlichen Gaben seines Sohnes
gezweifelt hatte, so war doch dieser frühe und kühne Flug des jungen
Adlers ihm eigentümlich überraschend. Teils um ihn zu belohnen, teils
vielleicht auch um ihn in gute Bahnen zu lenken, kaufte und schenkte er
dem Jungen Theodor Körners Werke in rot Leinen gebunden und eine
ebenfalls schön gebundene, jedoch im Preise herabgesetzte ältere
Lebensbeschreibung Gotthold Ephraim Lessings.

Um die Zeit dieser Ereignisse hatte der inzwischen auch schon
konfirmierte Karl Eugen das Äußere eines Knaben vollkommen abgelegt,
Pausbacken sowohl wie kurze Hosen, und sich in einen schlanken, stillen
und wohlgekleideten Jüngling verwandelt, der etwas auf sich hielt und
jedem, der ihn etwa noch als Bub zu behandeln und mit du anzureden
wagte, eine ironische Haltung entgegenzusetzen wußte, deren Wirkung,
obwohl er selbst sie überschätzte, nicht zu leugnen war. Seine Schuhe
waren stets blank, sein Gang gemessen, sein Scheitel glatt und gepflegt.
Das hauptstädtische Gymnasium würde sich seiner nicht zu schämen
brauchen. Vorwegnehmend drang er auch schon in den Ferien tief in die
homerische Welt ein und las die halbe Odyssee, allerdings in der
Vossischen Übersetzung. Er hätte sie ganz gelesen, wenn nicht der
rotleinene Körner dazwischen gekommen wäre.

Die Ferienzeit erreichte ihr Ende, diesmal nicht zum Leidwesen Karl
Eugens, welcher vielmehr die Reise nach der Stadt und den Eintritt in
das Gymnasium mit freudigster Ungeduld erwartete. Während in den letzten
Tagen Herr Eiselein seinen Sohn mit verdoppelter Zärtlichkeit und
Sorgfalt behandelte und schon im voraus ein mit Stolz gemischtes
Abschiedsweh empfand, war die Mutter still und emsig mit dem Einkaufen
und Packen, Waschen und Glätten, Flicken und Bürsten des Notwendigen
beschäftigt. Am vorletzten Tage machte der Gymnasiast in seinem
schwarzen Konfirmandenrock eine Reihe von Abschiedsbesuchen bei
Verwandten, Gevattern, Lehrern und guten Freunden, nahm Ratschläge,
Geschenke und Glückwünsche, Händedrücke und Scherzworte mit manierlichem
Lächeln entgegen und trug die Gefühle eines in rühmliche Kriegsdienste
abgehenden jungen Fähnrichs in seiner Brust. Der feste Vorsatz, schon in
die ersten Ferien verändert, gealtert und vornehmer heimzukommen,
verlieh ihm dabei eine zurückhaltende Überlegenheit von delikater
Nuance.

Alsdann kam die Stunde des Abschieds und der Abreise. Der Vorsteher
einer Knabenpension in der Hauptstadt, in dessen Hause Karl Eugen
unterkommen sollte, war gekommen, um ihn abzuholen. Die Mutter lächelte,
gab noch einige gute Winke und Ratschläge, sah nach dem Gepäck und warf
prüfende Blicke auf den Pensionsherrn. Dieser benahm sich sehr gemessen,
sehr höflich und sehr fein. Der Vater hingegen war traurig, seinen
Liebling zu verlieren und doch aber auch stolz, ihn einer glänzenden
Laufbahn und Zukunft entgegenschreiten zu sehen, und die Mischung dieser
Gefühle arbeitete in seinen Zügen so heftig, daß sein Gesicht ganz
bläulich anlief und so mitgenommen aussah, als hätte der brave Herr die
unverantwortlichsten Ausschweifungen zu bereuen.

»Also, geehrter Herr, seien Sie ohne Sorgen, Ihr Sohn kommt in gute
Hände,« versicherte der fremde höfliche Herr des öftern, wobei Vater
Eiselein ihn mit einem Blicke ansah, als hätte jener ihm seine Teilnahme
bei einem Todesfall ausgesprochen.

Und der Fremde zog höflich den Hut, und ein letzter inbrünstiger
Händedruck machte den Sohn erbeben. Und der Zug hielt an und man stieg
ein, und der Zug pfiff und stank nach Rauch und Öl und lief wieder
davon, so schnell, daß er schon fast außer Sicht gerückt war, als
Eiselein sein farbiges Taschentuch gefunden, herausgezogen und
ausgebreitet hatte, um nachzuwinken. Nun flatterte das stattliche Tuch
wie ein Fähnlein in den Lüften und sah mit seinem goldgelben Grund und
weiß und roten Muster so fröhlich und erquicklich aus, als sei dem Hause
Eiselein heute eitel Freude widerfahren. Während sein Knabe im Wagen
nicht ohne peinliche Gefühle der Unterhaltung des Herrn standhielt,
dessen Höflichkeit und Lächeln auf dem verlassenen Bahnhof liegen
geblieben schienen, wandelten die Eltern langsam und in Gedanken, aber
in Gedanken verschiedener Art, in die Stadt und in ihren
Spezereiwarenladen zurück.

»Du, der Pensionsherr gefällt mir nicht übel,« sagte sie.

»Ja, ja, er war ja sehr freundlich. Jawohl,« sagte er.

Sie schwieg. Im stillen baute sie aber ihre Hoffnungen durchaus nicht
auf die Freundlichkeit jenes Herrn, sondern auf das, was sie von Strenge
und schneidiger Art an ihm bemerkt zu haben glaubte. Und als auch sie
nun einen Seufzer ausstieß, dachte sie dabei vorwiegend an das sündliche
Geld, das ihr Bub nun kosten würde, denn die Pension war nicht billig.

Nach der Abreise des Knaben trat im Hause eine große Ruhe ein und
zugleich ein Stillstand in der begonnenen langsamen Verschiebung der
Machtverteilung. Seit der Indianergeschichte nämlich hatte sich des
öftern der Fall wiederholt, daß Frau Eiselein den Buben männlicher
anfaßte als ihr Gemahl und eine Lanze zur Rettung der elterlichen
Autorität einlegte. Dabei war von den bis dahin unbestrittenen
hausherrlichen Machtbefugnissen jedesmal ein Körnlein der Wagschale
ihres Mannes entglitten und auf die ihrige gefallen, so daß das Zünglein
unmerklich, aber sicher nach ihrer Seite hinüberstrebte.

Nach acht Tagen kam der erste Brief aus der Hauptstadt. Er enthielt
vornehmlich eine Aufzählung der schönsten Straßen und Denkmäler, eine
etwas unklare Abhandlung über die Sprache Homers und die Bitte um etwas
mehr Taschengeld, da man so mancherlei Kleinigkeiten in und außer der
Schule brauche.

Die Mutter fand das unnötig, der Vater aber begriff den Wunsch
vollkommen und bestand darauf, daß dem Buben, da er jetzt unter fremden
Leuten leben müsse, nicht gleich die erste kleine Bitte abgeschlagen
werde. Doch verlangte dafür die Mutter, daß Karl Eugen ein Büchlein über
seine Ausgaben führe und monatlich darüber Bericht ablege. Sie schrieb
ihm das. Der Gymnasiast antwortete, es sei ihm unmöglich, seine Zeit an
eine solche Pfennigklauberei zu wenden, er sei doch kein Krämer. Die
Worte Krämer und Pfennigklauberei waren unterstrichen.

Da schrieb die Mama kurz und klar ohne Unterstreichungen zurück, unter
diesen Umständen müsse es eben beim alten Betrage bleiben. Es blieb aber
nicht dabei, sondern das Söhnlein führte nun sauber Buch und verfehlte
nicht, rechtzeitig seine Abrechnungen vorzulegen, deren Inhalt freilich
zuweilen Zweifel und Kopfschütteln erregte.

»Mit den Bleistiften und Linealen, die er da wieder gebraucht haben
will, könnte man ein Öfele heizen,« seufzte die Mutter.

Sie seufzte noch ganz anders, als im nächsten Frühjahr für den Sohn ein
neuer teurer Anzug zu bezahlen war, der das Doppelte von dem kostete,
was man zu Haus dafür hätte aufwenden müssen. Karl Eugen hatte ihn
ungefragt machen lassen und antwortete auf einen entrüsteten Brief der
Mutter sehr ruhig, Kleider seien in unserem nördlichen Klima nun eben
einmal etwas Notwendiges und er könnte nicht nackt und auch nicht wie
ein Strolch herumlaufen.

Wie ein Strolch sah er auch gar nicht aus, als er bald darauf in die
Osterferien heimkam. Den eleganten neuen Anzug vervollständigten ein
feiner weicher Hut, ein paar Manschetten und ein steifer Stehkragen. Als
die Mama über diese feinen teuren Sachen schalt und Rechenschaft
verlangte, zuckte der Schlingel die Achseln und machte ein ergebenes
Gesicht. »Was will man machen?« meinte er bedauernd. »Die Sachen sind ja
noch recht einfach. In meiner Pension ist einer, der zahlt achtzig und
neunzig Mark für jeden Anzug.« Es gelang dem Eleganten denn auch,
wenigstens den Papa so zu berücken, daß nicht weiter davon die Rede war.
Er führte sich zierlich auf, plauderte und erzählte sehr nett und hatte
ordentliche Zeugnisse mitgebracht. Einen großen Teil des Tages dichtete
er, jedoch insgeheim und ohne jemand seine Leistungen zu zeigen. Auf der
Straße grüßte er alle Bekannten mit einer fast herzlichen Höflichkeit
und sah Gassen, Häuser und Leute mit einem freundlich sorglosen
Interesse an, ganz wie ein Fremder, den der Zufall für eine kurze Zeit
in das altmodische kleine Nest geführt hat.

In diese Ostervakanz fiel auch Karl Eugens merkwürdige erste
Verliebtheit. Eines Tages erzählte ihm ein Schulkamerad, es sei bei
seiner Schwester ein sechzehnjähriges Mädchen aus Karlsruhe zu Besuch,
»was Feines, sag' ich dir, und kolossal schön.« Von da an trachtete er
danach, diese Augenweide selber zu erleben, und war schon im voraus ganz
bereit, sich in sie zu verlieben. Doch hatte er Pech und als die schöne
Karlsruherin nach einigen Tagen wieder abreiste, hatte er sie nicht zu
sehen bekommen. Aber sein Verlangen war nun einmal erwacht, seine
Gedanken hingen nun einmal an jener Fremden, verliebt sein schien ihm
ohnehin für einen jungen Dichter löblich und nützlich zu sein, und so
verliebte er sich in die Niegesehene nicht schlechter und nicht weniger
als andere Buben in ihre Mädchen. Die Versmappe schwoll wie ein
Alpenbach im Frühjahr, barst schließlich und mußte durch eine größere
ersetzt werden.

   Ich sah dich nicht und dennoch kenn' ich dich,
   Ich kenn' dich nicht und dennoch lieb' ich dich -- usw.

Einige Mal weinte er sogar beim Schreiben. Es war ein Elend. Das fand
auch Herr Eiselein, als einige von den Blättern ihm zufällig in die
Hände fielen. Zwei davon hatte er schon zum Einwickeln von Salami
verwendet, beim dritten fiel ihm die Handschrift auf, er erkannte _ex
ungue leonem_ und las die Liebesverse seines Sohnes mit steigendem
Entsetzen, denn Karl Eugen nannte sich darin einen unseliger
Leidenschaft rettungslos Verfallenen, einen tief im Tale des Elends
Wandelnden usw. Die Aussprache war für beide Teile peinlich. Der Vater
mußte bekennen, daß zwei von diesen Gedichten, wenn auch auf eine
seltsam schlichte Weise, den Weg ins Volk gefunden hätten; der Sohn
hingegen mußte sich stellen, als seien die feurigen und mit Tränen
benetzten Beweise seiner Leidenschaft nichts weiter als Stilübungen.
Frau Eiselein erfuhr nichts davon. Als der Dichter den ersten Schrecken
überstanden hatte, träumte er hold verschämt davon, wie es wäre, wenn
seine Salamigedichte nun doch ihren Weg zu irgend einer jungen Schönen
und Gnade bei ihr fänden, und wäre in diesem Falle sehr gerne bereit
gewesen, seine Gefühle auf selbige zu übertragen. Da dies ein Traum
blieb, war er froh, als die Ferien zu Ende gingen. Er packte seine
schwere Mappe sorgfältig ein und kehrte etwas stiller, als er gekommen
war, in die Stadt und Schule zurück.

Seine Briefe begannen in dieser Zeit eine großartige und manchmal schwer
verständliche Sprache anzunehmen. Zuzeiten ließen sie auch lange auf
sich warten, bis die Mutter mahnte.

Und wieder kam Karl Eugen in die Ferien. Er war jetzt ausgewachsen, trug
sich sehr elegant und hatte völlig erwachsene Manieren. Unter anderm kam
er gleich am zweiten Tage lächelnd in den Laden herunter, suchte sich
mit Umsicht eine Zigarre aus und zündete sie an. »Ja, seit wann rauchst
du denn?« fragte der Papa; da war Karl Eugen erstaunt und fast
entrüstet, daß man das nicht selbstverständlich fand. Leicht und
zierlich schenkte er sich, während der Vater mit ihm sprach, einen
Magenbitter aus der Flasche und setzte jenen dadurch vollends so in
Erstaunen, daß er verstummte. In seiner Stube lagen die Werke von
Heinrich Heine und ein paar moderne Romane herum, statt der dicken
Versmappe hatte er ein Heftlein mitgebracht mit dem Titel: »Schlamm. Ein
Schauspiel von K. E. Eiselein.« Auf der nächsten Seite stand ein
ellenlanges Personenverzeichnis.

Die Ferien verliefen still und heiter. Das folgende Schuljahr aber
brachte einen kleinen Sturm. Es kam ein Schreiben des Pensionsherrn --
des Inhalts, der Bursche sei auf schlimmen Wegen, habe sich wiederholt
nachts aus dem Hause entfernt, sei kürzlich in einer Kneipe getroffen
worden und stehe sogar im Verdacht, Umgang mit einer Kellnerin zu haben.
Und während die erschrockenen Eltern noch trostlos und ratlos über diese
Greuel nachdachten, kam ein Brieflein vom Sohn selber, liederlich auf
einen Fetzen gekritzelt, darin stand: »Ich brauche bis Mittwoch zwölf
Mark 50 Pf. Wenn Ihr mir's nicht geben könnt, erschieße ich mich. Karl
Eugen.«

Das war also der Schlamm. Doch verlief diese Sache ruhiger, als man
gedacht hätte. Die Mutter reiste in die Hauptstadt, die Kneipschulden
des Buben wurden bezahlt, er selber kam unter strenge Aufsicht, zeigte
echte Reue und legte eine Zeitlang eine musterhafte Bescheidenheit an
den Tag. Dann fing er allmählich wieder an, den Feinen zu spielen und
bezeichnete gelegentlich in Gesprächen und Briefen jene böse Affäre als
einen komischen und verzeihlichen Jugendstreich gleich jener
Amerikafahrt.

Je näher der Abschluß der Gymnasialjahre heranrückte, desto häufiger und
deutlicher erinnerte Karl Eugen daran, daß er zum Dichter geboren sei
und daher unmöglich ein Brotstudium ergreifen könne. Geschichte und
Philosophie waren die einzigen Fächer, denen er einen bedingungsweisen
Wert zugestehen konnte. Aber hier zeigte sich zum ersten Male der Vater
zäh, und auch nachdem er einige Gedichte seines Sohnes gelesen hatte,
beharrte er fest dabei, daß dieser ein solides Studium und einen
bestimmten Beruf erwähle. Als Karl Eugen sah, daß er diesmal in einen
lecken Kübel schöpfe, machte er eine entgegenkommende Schwenkung und
erklärte sich bereit, Philologie zu studieren unter der Bedingung, daß
er dann in eine Burschenschaft eintreten dürfe. Und obwohl jetzt die
Mutter in den Kampf eingriff und sich mächtig dagegen stemmte, drang er
dennoch durch. Die Eltern aber machten bekümmerte Gesichter. Das
Geschäft rentierte sich neuerdings schlechter als je, seit an jeder Ecke
irgend ein neues Lädchen aufgegangen war, und der Sohn hatte schon als
Schüler so stattlich verbraucht, daß die Eltern sich ziemlich hatten
einschränken müssen und mit Sorgen in die kommenden Zeiten blickten.

Das erste Semester mit Kollegiengeldern, Büchern, Burschenschaft,
Reitkurs und Hauboden wurde denn auch sträflich teuer. Aber stolz und
froh waren die Alten doch, auch die strenge Mutter, als der Student in
die ersten Ferien kam, schön und stark, heiter und ritterlich, mit
Schnurrbart und Reitstiefeln. Alle Mädchen der Stadt wurden unruhig, und
die Bürgergesellschaft, zu deren Kegelabend der Vater ihn mitbrachte,
empfing ihn mit Achtung und gratulierte dem Alten zu seinem stattlichen
Burschen. Einige schwere Seufzer konnten ihm freilich doch nicht erspart
werden, auch nicht eine peinliche, zögernd geführte Unterredung über den
starken Geldverbrauch. Ein so kostspieliges Semester durfte nicht wieder
kommen, die Geschäfte gingen schwach und es mußte doch auch für nachher
etwas übrig bleiben.

Überhaupt wurde im Verkehr mit den Eltern, mündlich und brieflich, das
leidige Geld mehr und mehr zum Kardinal- und Angelpunkt. Daß Herr
Eiselein sich stark verrechnet hatte, konnte bald jeder Beobachter
merken.

Es gibt kaum etwas so peinlich Rührendes, als wenn ein ehrenhafter
Bürger, der bislang zu den Wohlhabenden zählte, allmählich mehr und mehr
in ein armseliges Sparen hineingerät. Er könnte sehr gut einen neuen
schwarzen Rock brauchen, aber der alte muß weiter dienen und wird nach
und nach zum Sinnbild des ganzen rückwärtsgehenden Hauswesens. Er wird
immer ein wenig brauner, ein wenig fettiger, die Schulternähte werden
deutlicher und schärfer wie zunehmende Sorgenfalten, die Ärmel beginnen
auszufransen, bis eine aufgenähte Litze dem Verfall vorläufig Einhalt
tut und als erstes Notflickwerk entstellend in den Baustil des Kleides
eingreift.

Ganz so weit war es mit Eiselein noch nicht, aber die Vorzeichen häuften
sich. Für seinen Stand und sein Städtchen war er wohlhabend gewesen, der
Laden hätte auch noch ein paar Kinder bequemlich mit ernährt, aber der
in immer fremdere und großartigere Verhältnisse hineinwachsende Sohn
fraß alles auf. Es blieb nicht aus, daß er das stets häufiger zu hören
bekam und daß das Verhältnis zwischen Sohn und Eltern allmählich in
einen vorsichtigen, zähen, fast erbitterten Krieg ums Geld ausartete.

Unterdessen folgte dem ersten Semester das zweite, dazwischen Ferien
voll unbehaglich schwüler Stimmung, und das Geldausgeben nahm eher zu
statt ab. Im dritten Semester meldete aber der Sohn plötzlich, er sei
aus der Burschenschaft ausgetreten, deren geistloses Leben ihn seinen
literarischen Studien zu sehr entzogen und entfremdet habe. Die
Reitkurse, Dedikationen, Ausflüge, Mützen und Bänder und dergleichen
verschwanden vom Budget und machten starken Buchhändlerrechnungen Platz.
Und eines Tages kam unter Kreuzband die neueste Nummer einer
merkwürdigen Zeitschrift und enthielt ein langes Gedicht von Karl Eugen.
Das Blatt hieß »Der Abgrund«, erschien zweimal im Monat, kostete
jährlich zwanzig Mark und hatte sich die Aufgabe gestellt, bedeutenden
jungen Talenten der neuesten literarischen Richtung den Weg in die
Öffentlichkeit zu bahnen. Herr Eiselein verstand weder das Gedicht
seines Sohnes, noch die anderen Beiträge, freute sich aber doch dieses
ersten Erfolges und nahm an, daß eine so vornehme, fettgedruckte und
teure Zeitschrift jedenfalls ihre Mitarbeiter auch ordentlich bezahlen
werde. Er schrieb in diesem Sinne an den Studenten, bekam aber keine
Antwort.

Als dieser wieder einmal für ein paar Wochen heimkehrte, hatte er sich
erheblich verändert. Die Eleganz der Kleidung war verschwunden und statt
ihrer trat eine zwischen stromerhaft und künstlermäßig schwankende
geniale Nachlässigkeit zutage. Ein paar große Flecken auf den Rockärmeln
schienen ihn gar nicht zu stören, nur auf die Farben und Schlingung
seiner großen selbstgeknüpften Flatterschlipse legte er noch Wert. Sein
Hut war schwarz und weich und hatte Ränder von mehr als italienischer
Breite. Statt der Zigarren rauchte er jetzt grobe, kurze Pfeifchen aus
Holz oder Ton. Sein Benehmen war ironisch schlicht. Da auch seine
Rechnungen diesmal etwas schlichter waren, fanden die Eltern keinen
Grund, diese Veränderung zu tadeln, sondern hofften nun einen
bescheidenen und fleißigen Kandidaten aus ihm werden zu sehen. Er hütete
sich auch, diese Träume zu stören oder gar zu erzählen, welche Wege die
unter dem Titel von Kollegiengeldern bezogenen Summen gegangen waren.
Wenn etwa einmal von Examen und dergleichen Dingen die Rede war,
schmückte ein ernstes, schwermütiges Lächeln seine Lippen, welche jetzt
ein ungepflegter Stoppelbart umrahmte. Alle vierzehn Tage aber brachte
die Post den »Abgrund«, und mehrmals enthielt er Gedichte des Studenten.
Es war merkwürdig -- der junge Mann schien durchaus gesund, verständig
und harmlos zu sein, diese Gedichte aber waren zumeist krank,
unverständlich und todeselend, als wäre es wirklich ein Abgrund, der ihn
verschlungen hätte. Die andern waren nicht besser, alles klang wie ein
spukhaft idiotisches Gewinsel, dessen Sinn nur besonderen Eingeweihten
zugänglich war. Es tönte darin von Tempeln, Einsamkeiten, wüsten Meeren,
Zypressenhainen, welche stets von einem zagen Jüngling unter schweren
Seufzern besucht wurden. Man begriff wohl, daß es symbolisch gemeint
war, aber damit war wenig gewonnen.

In der Universitätsstadt verbrachte Karl Eugen die Abende, die ihm das
Dichten übrig ließ, meist in derselben kleinen Kneipe in der Nähe der
Reitschule, wo bei Wein und Knobelbecher einige fallit gegangene
Studentchen ihre Jugend vertrauerten. Es waren lauter geniale Kerle,
Leute, die einen ganzen Hörsaal voll Streber aufwogen, die auf Gott und
die Welt flöteten und dem Leben seine paar Geheimnisse längst
abgezwungen hatten. Eben darum taten sie auch nichts mehr als dasitzen,
trinken und knobeln, die Partie um zehn Pfennig.

Der Dichter stand im fünften Semester. Da kam einstmals ein schwüler Tag
-- Widersacher, Weiber, Schulden --, die Widersacher aber waren die
Professoren, denen Karl Eugens längeres Verweilen an der hohen Schule
weder notwendig noch erwünscht erschien. Und der Abgründige setzte sich
hin und schrieb an Herrn Georg Eiselein, Kolonialwarenhändler in
Gerbersau, einen Brief:

»Lieber Vater!

Dieser Tage -- ich bin schon am Packen -- komme ich zu Euch nach Hause
und denke längere Zeit zu bleiben. Es ist Zeit für mich, an ein ernstes
Schaffen zu gehen, dazu kommt man hier ja nie. Bitte räumt mir meine
Ferienstube ein. Führst du den feineren holländischen Tabak eigentlich
noch im Laden, oder muß ich von hier mitbringen? Alles weitere mündlich.
Dein Sohn K. E.«

Noch nie war ein so sanfter Brief von ihm gekommen, so entschlossen,
still und männlich. Der Vater war hoch erfreut, bestellte eine Sendung
von dem Tabak, den er nicht mehr hatte führen wollen, und bat Frau
Eiselein, die Stube für den Heimkehrenden bereit zu machen. Es wurde
gescheuert, gekratzt, gerückt und geklopft, der Lehnstuhl neu überzogen,
die Fenster gewaschen und mit frischen Vorhängen versehen. Man konnte
sich das jetzt leisten -- ein wohlig tiefes Aufatmen ging durch das
gedrückte Hauswesen, da seine Kräfte aufhören sollten, für den
Entfernten zu verbluten.

Es kam ein Koffer mit Kleidern und zwei schwere Bücherkisten, und am
nächsten Tage kam der Sohn selber. Der Alte war ganz gerührt, ihn zu
sehen, wie still und ernst er geworden war. Dankbar bezog jener die
behagliche Stube, stellte Bücher auf und hängte Pfeifen und Bilder an
die Wände, darunter das Porträt eines Dichters, dessen Werke für die
Jünger des »Abgrundes« eine Art Bibel waren. Es war ein Brustbild in
modernster Schwarzweißmanier, sichtlich gewaltig übertrieben, und
stellte einen jungen Mann mit bösartigen Augen, sorgenvoller Stirne und
ungemein hochmütigem Munde vor, Kragen und Binde von der
allermodischsten Fasson. Im Hintergrunde war man erstaunt die Abbildung
eines berühmten Reiterstandbildes aus der schönen wilden Kondottierizeit
zu erblicken, dessen kühle Kühnheit den vorne abgebildeten
Nervenkünstler zu verhöhnen schien. Die umfangreiche Büchersammlung
enthielt einige Griechen und Lateiner, ein paar Grammatiken und
Wörterbücher aus der Schulzeit her, Zellers Geschichte der griechischen
Philosophie und zwei Bände aus dem Handbuch für klassische Philologie,
alles andere war »schöne Literatur«. Hier sah man die Werke junger
Autoren, die aber schon viel geschrieben hatten, in Umschlägen von
dämonisch lodernder Farbe, mit geheimnisvollen Linearkünsten von ebenso
jungen und fleißigen Malern bedeckt, und wer die Sprache dieser Farben
und Linien nicht verstand, der konnte aus den Titeln auf die Fülle und
Tiefe des Inhaltes schließen. Das All. Eine Trilogie -- Violette Nächte
-- Mysterien der Seele -- Die vierzehn geheimen Tröstungen der
Schönheit. Das waren einige davon. Die meisten waren mit Widmungen des
einen Dichters an den andern versehen, eines aber war der Schlange
Zarathustras und ein anderes dem sechsten Erdteil gewidmet. Die paar
gewöhnlichen Schweinereien »aus der Demimonde« und dergleichen, die sich
irgendwie in diese stolzen Kreise verirrt hatten und deren Umschläge
minder schön, aber viel deutlicher als die der anderen waren, krochen
schmal und schamhaft zusammen. Ein teilweise aufgeschnittener Dante
lehnte sich an einen ganz aufgeschnittenen deutschen Boccaccio. Ein paar
Bände des Zürchers Meyer erweckten im Beschauer den Verdacht, es möchten
sich von den verstorbenen biederen und schlichten Poeten der vormodernen
Epoche noch mehrere vorfinden. Dies erwies sich jedoch als unbegründet.

Es war Hochsommer und Karl Eugen ging manchmal, mit einem Buch in der
Tasche, in den Tannenwald hinaus, um dort im Schatten zu lesen. Der Wald
selber interessierte ihn nicht. Die Freude an der rohen Natur, die von
jeher nicht sehr stark in ihm gewesen war, hatte ihm jener
Kondottiere-Dichter vollends abgewöhnt und in der feinen Schule des
Engländers Oskar Wilde hatte er gelernt, daß die Natur stets nur das
Mittelmäßige zu schaffen vermag, im Gegensatze zur Kunst, deren
neidische Feindin sie ist. Zu Hause hielt er sich stets beiseite in
seinem Zimmer; die Umgebung dort, namentlich der Laden mit seinen
Geräuschen und Gerüchen, war allzu stillos und vulgär. Er saß da,
rauchte, schrieb und las in jenen Büchern mit den sonderbaren Titeln und
Umschlägen. Mit Vorliebe las er die beiden Bücher von Oskar Wilde, die
er besaß. Sie waren übersetzt; englisch konnte er nicht. Das eine davon
hatte er noch als Burschenschafter kennen gelernt und gekauft, und einst
hatte es bittere Händel mit einem Bundesbruder gegeben, der das Buch
verrückt fand und den Verfasser eine Zeitlang den »wilden Oskar« nannte.
Es war nicht zu sagen, wie viel er diesem Engländer verdankte.

Es mochte von dieser Lektüre herrühren, daß seine eigene Arbeit nicht
recht gedeihen wollte. Er hatte die Absicht, ein ausbündig tiefes und
feines Buch zu schreiben in einer Art lyrischer Prosa, deren Vorbilder
die Lieder im Zarathustra waren. Aber die beständige Beschäftigung mit
so raffinierten Büchern machte ihn immer wieder unfähig, sie raubte ihm
Zeit und Kräfte und machte ihn manchmal ganz mutlos, da es ihm vorkam,
das Auserlesenste und Feinste sei alles längst von anderen gesagt. Es
fehlte ihm nicht an Gedanken, aber den einen hatte Nietzsche, den andern
Dehmel, den dritten Maeterlinck schon ausgesprochen. Und auch seine
Stimmungen, seine Leiden, seine Sehnsucht -- alles stand schon da und
dort in schönen Büchern, gesungen, geseufzt oder gestammelt. Und wenn er
sich selber ironisch betrachten wollte, worauf er gut eingeübt war, so
kam wieder ein Bild heraus, das auch schon -- sei es von Verlaine, sei
es von Bierbaum oder einem andern -- wiederholt und gut gezeichnet
längst vorhanden war. Vielleicht hätte er daraus den Schluß ziehen
sollen, daß er eben nichts Neues zu sagen wisse und darum besser tue,
das Papier zu sparen und sich auf anderes zu verlegen.

Aber das hatte allerdings einen Haken. Von einer Rückkehr zum
Brotstudium konnte wohl nicht die Rede sein, weil keinerlei Anfang da
war. Er hatte nie zu studieren begonnen. Und es fror ihn, wenn er an den
unentrinnbaren Tag dachte, an dem diese schmerzliche Wahrheit aufhören
würde sein Geheimnis zu sein. Bisher hatte er immer gehofft, eines Tages
plötzlich mit »seinem Werk« hervorzutreten und dadurch die verbummelten
Jahre zu rechtfertigen. Er hoffte es auch jetzt noch, aber mit weniger
Zuversicht. Zwar druckte »Der Abgrund« immer wieder Gedichte von ihm ab,
aber er zahlte nichts dafür und die Bedingung, daß nur von Abonnenten
unter Einsendung der Abonnementsquittung Beiträge aufgenommen wurden,
kam ihm neuestens nicht mehr so harmlos vor wie im Anfang. Andere
Zeitschriften, an die er sich wandte, gaben keine Antwort oder schickten
ihm seine Verse eiligst zurück, manchmal sogar mit höhnischen Glossen.

Wenn er hätte schreiben wollen wie diese altmodischen Romanfabrikanten
und derartige Leute, dachte er, würde der Erfolg nicht ausbleiben! Aber
wer nur das Eigenste, Innerste, Persönlichste darbot, wer seinen Stolz
in die Prägung neuer Formen, in die Pflege einer priesterlich reinen,
feiertäglichen Sprache setzte, mußte natürlich zum Märtyrer des Ideals
werden. Nein, wenn auch nie Erfolg und Ruhm ihn belohnte, er würde doch
niemals von etwas anderem reden und singen als von den erlesenen tiefen
Stimmungen und Visionen seiner innerlichsten Stunden.

Eines Tages tauchte eine neue Hoffnung in ihm auf. Er schrieb Briefe an
die beiden Dichter, die er am meisten verehrte. Darin schilderte er, wie
ihre Werke ihm Offenbarungen gewesen seien, drückte seine kniefällige
Verehrung aus und schloß mit der Bitte um Rat in seinen Dichternöten,
fügte auch eine »Abgrund«-Nummer und einige Gedichte bei.

Und siehe, beide Größen antworteten. Der eine schrieb im feierlichsten
Stil, die Kunst sei allerdings ein Martyrium, es sei aber Ehre, die
schwere Last tragen zu dürfen, und was heute keine Anerkennung finde,
werde vielleicht in einer späteren Epoche erkannt und zum gebührenden
Ruhm erhoben werden. Er ermahnte den Jünger, treu zu bleiben und niemals
das alte _ars longa, vita brevis_ zu vergessen.

Der zweite Dichter schrieb einen ganz gewöhnlichen Briefstil. Er danke
schön für die herrlichen Worte und sende die hübschen Verse anbei
zurück; übrigens scheine Herr Eiselein, wenn er nicht irre, in der
angenehmen Lage eines Privatmannes zu sein, der zu seinem Vergnügen
dichte und das Elend derer nicht kenne, die davon leben müssen. In
diesem Falle möchte er Herrn Eiselein, dessen Brief und Gedichte einen
so feinsinnigen Kunstfreund verraten, um ein Darlehen von zweihundert
Mark ersuchen, da er zurzeit sehr in der Klemme sei. Man könne sich das
Leben eines Dichters nicht traurig genug vorstellen; von dem von Herrn
Eiselein so enthusiastisch verehrten Buche »Das All, eine Trilogie« zum
Beispiel habe er in den drei Jahren seit seinem Erscheinen an Tantiemen
den baren Betrag von 24 Mark 75 Pfg. eingenommen, und wenn er nicht
nebenher die Sportsberichte für ein Tageblatt besorgen würde, wäre er
längst verhungert.

Der enttäuschte Karl Eugen legte beide Briefe zu unterst in die
Schublade. Oft hatte er schon früher darüber mitgeschimpft, daß das
deutsche Volk seine Dichter darben lasse, doch blickte er in diesen
Jammer jetzt zum ersten Mal so nah und klar hinein. Er hatte in seinem
Leben noch wenig anderes getan, als Gedichte gemacht -- woher hätte er
wissen sollen, daß die meisten Leute, auch wenn sie wirklich Bücher
lasen, Wichtigeres kannten und lesen wollten als die Träume und
schwankenden Stimmungen von ein paar Schwärmern? Freilich, er glaubte
das Leben zu kennen; er wußte nicht, daß er abseits desselben in einer
unfruchtbaren Wüste lebe und daß drüben, im wirklichen Leben, jeder Tag
Wunder gebar, neben denen die raffiniertesten Symbolistenkünste harmlos
und farblos waren.

Ohne daß er viel tat außer Lesen, flossen die Tage weg. Der Sommer wurde
braun und neigte zur Welke, Septemberregen wuschen den Staub vom Grünen,
es gab schon farbige Blätter, kühle Nächte und neblige Morgenfrühen. Und
mit dem fallenden Laube des großen Ahorns wehte ein Brief zur Türe des
Ladens herein, lag mit der übrigen Post auf der Tischecke, ward von
Herrn Eiselein mit ins Kontor hinein genommen, gelesen, wieder gelesen,
mit einem hoffnungslosen Seufzer weggelegt und schließlich vom Herrn
selber zur Mama hinaufgebracht. Der Brief kam von einem Kaufmann in der
Universitätsstadt und brachte die Enthüllung, daß Karl Eugen daselbst
noch viele Schulden habe, von denen der Vater keine Ahnung gehabt hatte.

Der Sohn war morgens im Laden gewesen, um seinen Tabaksbeutel zu füllen.
Er hatte den Brief dort liegen sehen und erkannt, und war stark in
Versuchung gekommen, ihn wegzunehmen. Aber schließlich mußte es doch
einmal an den Tag kommen und da hatte es ihm besser geschienen, den
Zusammenbruch jetzt zu erleben, als noch länger die Angst in sich
herumzutragen. Seither saß er in seiner Stube, von Augenblick zu
Augenblick das Eintreten der Eltern erwartend und fürchtend, und jede
Minute kam ihm so lang wie ein Wintersemester vor. In dieser Stunde
fühlte, erlebte und litt er mehr, als in allen seinen Gedichten stand,
und seine freie, heitere Künstlermoral schmolz zu einem wehmütigen und
gequälten Trotz zusammen. Es kam aber niemand. Es wurde Zeit zum
Mittagessen und nach einigem Zögern faßte er Mut und ging ins Eßzimmer
hinüber. Dort fand er nur seinen Vater, der schon an der Suppe saß und
nicht aufschaute. Die Suppe wurde abgetragen, das Rindfleisch und das
Gemüse wurde gebracht und schweigend verzehrt, und Karl Eugen verging
fast vor Angst und Spannung.

»Wo ist denn die Mutter?« fragte er schließlich beklommen.

»Verreist.«

»Wohin denn?«

»Wirst's dann schon hören.«

Er fragte nicht weiter. Aber er sah im Geist seine kleine, schneidige
Mutter durch die Gassen der Universitätsstadt laufen und seine
Versäumnisse, Schandtaten und Schulden aufspüren, eins ums andere. Sie
ging in seine ehemalige Wohnung, sie ging zu den Kaufleuten und
Gastwirten, zum Buchhändler und zum Juden Werzburger, und ach, sie ging
auch zu den Professoren, deren Ausspruch sein Schicksal vollends
besiegelte und ihm den Hals abdrehte.

Der arme Versmacher wußte nun, welche Stunde es geschlagen habe. Wenn
wenigstens der Vater hingereist wäre! Aber die Mutter! Sie würde nichts
vergessen, ihr würde nichts verborgen bleiben, sogar über die
vergessenen und vergebenen ersten Semester würden ihr blutrote Lichter
aufgehen.

Vier stille, scheue, bange Tage vergingen, voll Mißtrauen und Zweifel
für den Vater und voll Spannung und Qual für den Jungen. Sie sprachen
nicht miteinander, obwohl beide den Wunsch dazu in sich trugen. Der Sohn
mochte nichts sagen, ehe er wußte, wie viele seiner Sünden entdeckt
seien. Der Vater war zum ersten Mal unversöhnlich und tief empört, da er
auf die scheinbare Besserung Karl Eugens, die sich nun als Komödienspiel
erwies, heimlich schon wieder herrliche Hoffnungen gebaut hatte.

Am fünften Tage kam Frau Eiselein zurück und jede verschwiegene kleine
Hoffnung, die der Alte und der Junge etwa noch genährt hatten, sank in
Staub und Trümmer. Sie wußte nicht nur genau, wie viel Schulden ihr Sohn
noch hatte, sie wußte auch alles andere. Daß es mit dem Studium aus und
vorbei und das Geld für all die Semester weggeworfen und verloren war.
Daß der Studiosus aus der Burschenschaft nicht ausgetreten, sondern
gewimmelt worden war. Daß er sein Zimmer mit einer japanischen Tapete
und unzüchtigen Bildwerken geschmückt, daß er Verhältnisse mit schlimmen
Weibern gehabt und für eine vom Theater eine Brosche gekauft hatte. Und
vieles andere von dieser Art.

Nachdem sie vor dem betretenen Sünder und dem gebrochenen Vater alles
sachlich und geläufig berichtet und hergezählt hatte, setzte sich die
Mutter auf einen Stuhl, blickte ihren Sohn durch und durch und sagte:
»So, was sagst du dazu? Ist's wahr oder nicht?«

»Es ist wahr,« bestätigte er leise.

»Bist du ein Lump oder nicht?«

»Mama --«

»Ja oder nein!«

»Ja,« flüsterte er und wurde fuchsrot.

»Jetzt kannst du mit ihm reden, Schorsch,« sagte sie zum Papa, dessen
Entrüstung nun verzweifelt losbrach. Alle Kraftworte, die er früher an
dem Buben gespart hatte, stürzten nun verspätet und hitzig hervor, so
daß der Malefikant seinen Vater kaum mehr kannte, während zu seinem
Erstaunen die Mutter ruhig sitzen blieb und mit merkwürdigem Mienenspiel
das Losheulen, Wüten und Verrollen des großen Donnerwetters beobachtete.

»Du kannst uns jetzt allein lassen,« sagte sie ruhig zu Karl Eugen, als
der Vater verstummte, in seinen Sessel sank und mit dem Ersticken rang.
Wieder hatte sich das Zünglein der Wage bewegt und von diesem Tage an
hatte die kluge, entschlossene Frau den Schwerpunkt der häuslichen Macht
auf ihre Seite gebracht. Es wurden keine Worte darüber verloren, aber
Eiselein senior tat nun vollends gar nichts mehr, ohne sie vorher mit
stummer Frage anzublicken, und der junior witterte und begriff, daß er
von nun an seinen Wandel allein vor den Augen der Mutter zu führen und
zu rechtfertigen haben werde. Darum fügte er sich ihr schweigend und
wartete lautlos, bis die Reihe an ihn käme, mit ihr zu reden.

Das geschah denn auch bald und gründlich. Er bekam nichts geschenkt, vom
Indianerzug bis zur japanischen Tapete fand er seine Vergehen und Laster
treu gezählt und gebucht, und die Abrechnung schloß für ihn mit einem
bodenlosen Minus. Zugleich hielt die Mutter es jetzt für angezeigt, ihm
die verschlimmerte Lage des väterlichen Handels und Vermögens zu
eröffnen, versteht sich nicht ohne nachdrücklich darauf hinzuweisen, wie
erheblich er, der Sohn, an diesem Rückgange mitschuldig war.

»So stehen die Sachen,« schloß sie endlich, »und an deinen Schulden
haben wir mindestens noch vier, fünf Jahre zu büßen. Was soll jetzt mit
dir werden?«

Karl Eugen hatte mehrmals Miene gemacht, die lebhafte, aber sachliche
Darlegung seiner Mutter zu unterbrechen, war aber streng zur Ruhe
verwiesen worden. Nun saß er da, geschlagen und vernichtet, und sollte
Antwort geben. Mit finsterer Miene erhob er sich, rückte den Stuhl und
sagte: »Ich weiß nichts zu sagen, du würdest mich doch nicht verstehen.
Es ist besser, ich gehe jetzt fort; wenn ich mein Ziel erreiche, höret
ihr wieder von mir, im andern Falle bin ich nicht der erste, der so
zugrunde gegangen ist.«

Und schon näherte er sich der Türe, fast stolz auf sein Elend und auf
den tragischen Ton, in dem er seine Worte vorgebracht hatte. Aber die
Mutter rief ihn zurück.

»Du bleibst gefälligst sitzen,« sagte sie, »bis ich fertig bin.«

Er nahm leise wieder Platz. Sie lachte vor sich hin.

»Soll denn die Theaterspielerei gar nicht aufhören, dummer Bub? Wo
willst du denn hin? Hast du denn Geld? Du bist gar nicht der Mann, mir
was vorzuspielen, und für das Verzweifelttun geb' ich dir keinen
Kreuzer. Oder willst du dir etwa das Leben nehmen? O du! Tust's ja doch
nicht, ich kenn' dich schon. Nun, du bist nun einmal leider Gottes unser
Bub und wir müssen sehen, daß noch was aus dir wird. Fortgereist wird
jetzt nimmer, also mach' keine Komödie und sag', was du zu sagen hast.
Ob ich's dann versteh' oder nicht versteh', ist meine Sache. Warum soll
ich dich durchaus nicht verstehen? Du hast doch meiner Seel' nicht so
viel studiert. Also los!«

Im Herzen war der Jüngling froh, daß sie ihn nicht hatte laufen lassen,
und trotz der Beschämung begann er ein wenig Vertrauen zu ihr zu fassen.
Er hustete also ein bißchen, seufzte und schnitt die vorbereitenden
Grimassen, und dann begann er zu erzählen und zu erklären, daß er von
jeher ein Dichter habe werden wollen. Er habe, man möge es glauben oder
nicht, genug Studien gemacht und viel gelernt, und er sei jetzt auf dem
Sprung, sein erstes Werk zu schaffen. Wenn er jetzt davon ablassen
müsse, so wäre all die schöne Zeit doppelt verloren; vielleicht glücke
es ihm damit und dann sei alles wettgemacht. Er begann von
Schriftstellern zu erzählen, die Landhäuser besitzen und erster Klasse
reisen; von den Briefen der beiden Symbolisten sagte er nichts. Sie
unterbrach ihn und meinte, er könne schon zufrieden sein, wenn es
hinreiche, seine Schulden zu zahlen. Bis wann er denn sein Werk fertig
machen wolle, wenn es in all den Semestern nicht fertig geworden sei? Da
wurde er wieder lebhaft und erklärte ihr, welche Reife so etwas
erfordere. »Reife!« lächelte sie. Jetzt aber sei er so weit; wenn er nur
noch diesen Winter zur Arbeit frei habe, würde er fertig.

»Ich will noch drüber schlafen,« sagte sie, »es kommt jetzt vollends auf
einen Tag nimmer an. Wir reden morgen weiter. Daß du Tabak und Schnaps
nach Belieben aus dem Laden holst, muß aber schon heut ein Ende haben,
denk' dran!«

Als der junge Mensch in seiner Stube saß und die Sache überdachte, kam
er sich zwar erbärmlich klein und gedemütigt vor und schämte sich fast
vor den stolzen Büchertiteln an der Wand; aber froh war er doch, die
Angst vom Halse und wieder Boden unter seinen Füßen zu haben. Er zog das
dicke Heft hervor, in welchem die paar ersten Zeilen seiner großen
Dichtung standen. »Das Tal der bleichen Seelen« stand auf dem Umschlag,
und der Titel schien ihm gut, ein kleines Meisterwerkchen. Er war eine
Offenbarung und ihm vor einem Vierteljahr auf dem Heimweg von einer
einsamen Kneiperei eingefallen, und seither glaubte er an sein Werk und
hatte ein Gefühl, als sei das Schwerste, Entscheidende daran schon
getan. Auch die Widmung war schon fertig. Sie war an jenen Dichter, der
ihm den Märtyrerbrief geschrieben hatte, gerichtet, kurz und schön, in
feiner Mischung von Stolz und Demut, das ehrerbietige Sichneigen vor dem
auserwählten Geiste ausdrückend.

Herr Eiselein hatte noch am selben Abend eine zweite Unterredung mit
seiner Frau. Er wußte durchaus keinen Rat, stöhnte und fluchte
abwechselnd und wurde desto elender, je lebhafter die Frau ihn um
Vorschläge drängte.

»Du weißt also nichts?« sagte sie dann am Ende freundlich.

Wütend sprang er auf und lief in der Stube hin und her wie ein
Eingesperrter.

»Nach Amerika schick ich ihn, den Gutedel!« schrie er zornig.

»Damit er vollends ein Lump wird? Und meinst du, die Reise kostet
nichts? Nein, er soll schön dableiben, bis er seine Streiche abverdienen
kann. Man hat schon Schlimmere wieder zuwege gebracht.«

»Ja, aber wie denn?«

»Wenn dir's recht ist, will ich sehen, was zu machen ist. Geduld wird's
schon brauchen. Überlaß ihn nur mir!«

Dabei blieb es, denn der Hausherr wehrte sich nicht. Er fühlte, ohne daß
sie etwas weiteres sagte, den Sinn dieses Abkommens wohl heraus. »Du
hast ihn verlottern lassen,« meinte sie, »ich will ihn wieder kurieren,
du aber laß die Finger davon.«

Folgenden Tages rief sie den bange harrenden Sohn zu sich und gab ihm
ihre Entschlüsse kund.

»Ich habe mit Papa über dich beraten,« sagte sie. »An deine Dichterei
hab ich keinen rechten Glauben. Damit du aber nicht sagen kannst, wir
hätten dich mit Gewalt von deinem Glück abgehalten, sollst du deinen
Willen noch einmal haben, aber zum letzten Mal. Du kannst also diesen
Winter dichten so viel du willst. Wir sind jetzt im Oktober, da kannst
du bis zum Frühjahr schon was hinter dich bringen. Aber wenn es dann
nichts damit ist, hat das Bummeln ein Ende und du mußt dann endlich
daran glauben und eine solide Arbeit anfangen. Ist's dir so recht?«

Es war ihm recht und er ließ es nicht an Dankesworten fehlen. Das Herz
schlug ihm vor Lust, daß er nun nicht mehr heimlich, sondern erlaubter-
und anerkannterweise das Leben eines Dichters führen sollte. Der Druck
der Angst und des bösen Gewissens war von ihm genommen, er atmete wieder
legitime Lebensluft, nachdem er so lang auf dem dünnen Glasboden einer
rechtlosen Scheinexistenz gewandelt war. Nun hoffte er einen neuen
Aufschwung und freute sich darauf, tüchtig zu arbeiten. Denn von
Arbeiten redet ja niemand lieber als Dichter, Künstler und dergleichen
Müßiggänger. Freudig stieg er die schmale Stiege zu seiner Stube hinauf,
warf sich aufatmend in den Lehnsessel, steckte eine Pfeife an und griff
nach den »Violetten Nächten«, einem seiner Lieblingsbücher, in dessen
dunkle, reimlose Verse er sich mit Wollust vertiefte.

Das Tal der bleichen Seelen war einstweilen immer noch ein dickes
Quartheft mit weißen Blättern. Der Dichter hütete sich wohl, diese
harrende unbeschriebene Fläche zu entweihen. Auf ihr sollte nur etwas
Kostbares, Delikates Platz finden, Züge bleicher Seelen sollten über sie
hinweg schauern wie Herbstwolken, zart und düster, abwechselnd mit
tieftönigen, farbig lodernden Träumen im Stile des Gabriele d'Annunzio,
der seit einiger Zeit für Karl Eugen die Rolle des Vermittlers
romanischer Kultur spielte. Selber hatte er nie das Glück gehabt,
Italien oder italienische Kunstwerke zu sehen, doch hatte die Lektüre
dieses Italieners ihn so erzogen, daß er mühelos Vergleiche und Bilder
anwenden konnte wie »vornehm gleich den Gesten einer Madonna des Karlo
Crivelli« oder »kühn wie eine Form des göttlichen Benvenuto Cellini«
oder »ein Lächeln von lionardesker Lieblichkeit«. So häufte er spielend
die Schönheiten alter und fremder Kulturen; er gab seinem Stil bald die
Glut des d'Annunzio, bald die welke Reife von Huysmans, bald die
träumerische Märchenfarbe Maeterlincks oder die weiche Süßigkeit
Hofmannsthals. Noch ein wenig Zeit, ein wenig Reife, und es mußte daraus
etwas berückend Köstliches entstehen.

Er wartete ab, las in seinen Büchern, liebkoste das leere Papier und
setzte sich in Bereitschaft, die bleichen Seelen würdig und feierlich
durch symbolische Traumländer zu geleiten. Sie sollten von allem reden,
was schön und fern und seltsam ist, und an alles erinnern, was in
einsamen Nächten die schauernde Seele eines Ästheten berührt und
entzückt und traurig gemacht hat. Von den Wänden schauten erwartungsvoll
und segnend die Bücherreihen, die Tabakspfeifen und das Bildnis des
Dichters mit dem Kondottiere herab. Zuweilen schien es ihm, als seien
dies alles Dinge, welche überwunden oder doch überboten werden könnten.
Dann strich er sich leise mit der Rechten übers Haar, blickte sinnend
und lächelnd vor sich nieder und träumte von den wunderbaren, reichen,
schöpferischen Stunden, in denen er im Sinnbilde der bleichen Seelen
alles Wunderbare und Unerhörte aus dem Reich der Schönheit erfassen und
in adlige Formen schöpfen würde.

Nach einer solchen Stunde war es ihm immer doppelt peinlich, wenn er im
Laden, wo er sich mit irgend einer Stärkung versehen wollte, dem
strafenden Blick des Vaters oder gar der Mutter begegnete und
unverrichteter Dinge wieder abziehen oder ein paar Zigarren und
dergleichen durch lange, demütige Bitten und Reden erkämpfen mußte. Doch
wußte er sich in diese Mißlichkeiten fast immer mit Ergebung und
freundlicher Ruhe zu finden oder für die Stillung seiner Bedürfnisse
unbewachte Minuten zu benützen.

Der November brachte noch eine Reihe von sonnig blauen Tagen und am
Rande der Tannenwälder leuchtete noch immer rot und gelbes Laubgebüsch.
Um diese Zeit begann der »Abgrund« seine Leser zur schleunigen
Erneuerung ihres Abonnements aufzufordern, was eine Zwiesprache zwischen
Mutter und Sohn zur Folge hatte, worin er den kürzeren zog, so daß er
sich darein schicken mußte, die Tröstung, sich je und je gedruckt zu
sehen, künftig zu entbehren.

Dann kam ein tagelanger schwerer Regen, und eines Morgens lag auf den
völlig entblätterten Büschen im Garten der erste leichte Reif.

Kaum hatte den der Dichter erblickt, so stieg er in den Keller und holte
sich ein Becken voll Kohlen und einen Arm voll Holz herauf. Das
wiederholte er am Nachmittag und acht Tage lang täglich zweimal, bis an
einem Abend, während es im Ofen knallte und krachte, Frau Eiselein in
die Stube trat.

»Du bist wohl verrückt,« sagte sie und deutete auf den glühenden Ofen.
»So heizen kann man zur Not bei zehn Grad Frost. Das ist auch so eine
Studentenmode. Du weißt wahrscheinlich nicht, was die Kohlen kosten?
Drunten müssen wir jeden Pfennig sauer verdienen und du verbrennst das
Zeug da gleich zentnerweise.«

Karl Eugen war aufgestanden und blickte scheu herüber.

»Ungesund ist die übertriebene Heizerei auch noch,« fuhr sie fort.
»Frieren sollst du nicht, aber auch nicht das Dreifache verbrennen wie
andere Leute. Künftig findest du jeden Morgen ein Becken voll Kohlen und
das nötige Holz dazu parat gemacht. Damit kommst du aus, wenn du
Vernunft hast. Das Selberholen muß aber aufhören.«

Des Sohnes Vorstellungen waren erfolglos und er blieb schmollend in
seiner Stube. Vierzehn Tage lang behalf er sich mit dem zugemessenen
Vorrat; da er aber die Gewohnheit hatte, zu überheizen und weit in die
Nacht hinein lesend aufzubleiben, reichte er bald damit nimmer aus.
Morgens einmal, als er noch das ganze Haus schlafend glaubte, stand er
fröstelnd auf und schlich in den Keller, fand aber zu seinem nicht
geringen Ärger und Schrecken den Kohlenverschlag wohlverschlossen. Noch
größer war seine Verlegenheit, als er beim Hinaufsteigen in der Türe die
Mutter stehen sah, die ihm guten Morgen wünschte.

»Machst dir ein bißchen Bewegung?« rief sie lächelnd. »Ja, ja,
Frühaufstehen ist gesund.«

»Du, Mutter,« sagte er flehend, »mit dem bißchen komm' ich nicht aus.
Leg' ein paar Schaufeln zu!«

»Tut mir leid,« war die Antwort, »tut mir leid, junger Herr. Wer nichts
verdient, muß wenigstens sparen können. Wenn du aber durchaus mehr
brauchst, so weißt du ja den Weg in den Wald, wo du als Bub schon oft
genug Tannenzapfen aufgelesen hast. Wenn du jeden Morgen so zeitig
aufstehst wie heute und statt in den Keller in den Wald gehst, kannst du
leicht einen Korb voll oder zwei zusammenbringen. Arme Leute heizen mit
nichts anderem.«

Am nächsten Morgen blieb er zum Trotz recht lang im Bett liegen. Am
übernächsten stand er in der Frühe leise auf, nahm einen Sack mit und
ging in den Wald. Das Lesen kam ihm schrecklich mühsam vor, nach einer
guten Stunde war der Sack aber voll und er konnte ihn noch heimtragen,
eh' die Gassen sich belebten. Von da an ging er täglich und die Mutter
tat, als nehme sie keine Notiz davon. Bald kannte er im Walde die guten
Reviere, vermied die Kiefernwälder und die jungen Bestände und hielt
sich an den alten Tannenforst, wo das dichte Moos voll Zapfen lag. Dabei
wurde er immer so warm, daß er nachher kaum mehr zu heizen brauchte. Die
harsche Herbstmorgenluft tat ihm sichtlich gut und allmählich lernte er,
zum ersten Mal seit seiner Schulbubenzeit, auch wieder ein Auge auf das
Waldleben haben. Er sah die Sonne aus dem Nebel steigen, gewöhnte sich
dran aufs Wetter zu achten, jagte bald einen Hasen, bald ein Wildhuhn
aus dem Schlaf und da er doch einmal mit den verdammten Zapfen zu tun
hatte, lernte er sie allmählich nach Form und Herkunft kennen und die
dunklen harzreichen von den leichten und dürren, die der Weißtannen von
den rottannenen unterscheiden. Anfangs verbarg er sich, so oft ein armes
Weiblein, ein Forsthüter oder Bauer daherkam, nach und nach wurde er
weniger scheu und schließlich trug er im Notfall, wenn auch ungern,
seinen Sack vor jedermanns Augen heim.

Es kam ein Tag, noch im November, da gab er seinen letzten, aus den
üppigen Zeiten her übrig gebliebenen Batzen aus. Zaghaft wandte er sich
an die Mutter um ein wenig Taschengeld.

»Was brauchst du denn?« fragte sie. »Du hast doch alles Nötige.«

Nun ja, er brauchte eigentlich nichts, aber man mußte doch für alle
Fälle ein paar Groschen im Sack haben.

»Ach so.« Die Mutter nickte. »Zu einem Glas Bier oder so, nicht wahr?
Ist ganz recht. Leider hab' ich für solche Sachen gar nichts übrig --
aber wenn dir neben dem Dichten etwa eine Stunde übrig bleibt, kannst du
dir ja leicht ein bißchen was verdienen. Für den Sack Tannenzapfen, den
du mir bringst, geb' ich fünfzig Pfennig. Oder wenn du morgen vormittag
mit dem Vater Kisten packen willst, kannst du auch eine Mark verdienen.«

Er war einverstanden und wenn er künftig für sein wohlverdientes Geld im
Adler oder Sternen einen Schoppen trank oder eine Kegelpartie mitmachte,
schmeckte es ihm besser als früher bei manchem Kommers.

Kurz vor Weihnachten fiel ein wenig Schnee und gleich darauf trat Frost
ein, so daß es mit der Waldarbeit plötzlich ein Ende hatte. Dem Dichter
tat es fast leid um die gewohnte Morgenbeschäftigung, als aber
Weihnachten kam und vorüberging, fiel es ihm plötzlich auf die Seele,
wie schnell die Zeit verstrich und wie notwendig es nun war, seine
Dichtung ernstlich vorwärts zu bringen. Säcke holen, Kisten packen, Holz
spalten und dergleichen hatte ihn in der letzten Zeit ganz davon
abgebracht.

Als er zum ersten Mal das Tal der bleichen Seelen wieder zur Hand nahm,
gefiel der Titel ihm nicht mehr so ganz und er suchte einen neuen zu
finden, aber es fiel ihm keiner ein. Mißmutig lief er eine Zeitlang
herum, ging öfter als sonst zu einem Bier und Billard und sah sich daher
bald wieder ohne Taschengeld. Diesmal half er beim Ausschreiben der
Neujahrsrechnungen und saß drei Tage beim Papa im Kontor. Er bekam ein
paar Mark dafür, aber seine Dichtung wurde davon nicht fett. Vielmehr
war es merkwürdig, wie nach jeder solchen Arbeit die Gedanken
ausblieben, statt zu kommen. Während er das Widmungsblatt nochmals
überlas und sich daran begeistern wollte, geschah es, daß er plötzlich
daran denken mußte, daß der reiche Direktor Selbiger seinem Vater die
letzte Halbjahrsrechnung noch immer schuldig geblieben war. Ob es wohl
anging, den Mann zu mahnen? Bei Tische sprach er mit dem Alten darüber,
aber der war entschieden fürs Abwarten.

Und immer öfter nahm Karl Eugen mit Verzweiflung wahr, daß er mit jedem
Schritt, den er im tätigen Leben machte, seiner Dichtung ferner kam und
Abbruch tat. Er zwang sich nun gewaltsam und schrieb ein paar Seiten,
die ihn aber nicht befriedigten. Die Sprache war gequält und steif, es
kam kein Leben hinein. Ärgerlich warf er das Heft dann in die Schublade
und ging zu einem Kartenspiel im »Hecht«, verlor ziemlich und bot sich
wieder für zwei Tage zum Mithelfen im Laden an.

Dann suchte er bei seinen Büchern Trost, die er in letzter Zeit
vernachlässigt hatte. Und nun erlebte er es zum ersten Mal, daß sie ihn
im Stich ließen, ihm keine Stimmung gaben und ihm sogar fast langweilig
vorkamen. Er hätte jetzt ein Dichterwerk gebraucht, das seine
gegenwärtige Not erfaßt und ausgesprochen und tröstlich verklärt hätte.
Aber d'Annunzio betrachtete griechische Gemmen und streichelte die
Schultern schöner Baronessen, Oskar Wilde roch an exotischen Blumen und
analysierte sein Nervenleben, und der Kondottiere-Dichter besang eine
»blaue Stunde« und einen leierspielenden Knaben.

Eine leise erste Ahnung stieg bitter in ihm auf, daß alle diese schönen
Bücher vielleicht eben nur Bücher, nur ein Luxus für Glückliche und
Reiche und Zufriedene seien, mit dem Leben und seiner Not aber keine
Berührung hatten und haben wollten -- Olympier an goldenen Tischen,
welche von unten her, aus dem Wirrsal des Menschlichen, kein Klagelaut
erreichte. Sie waren schön gewesen, als er sie in üppigen, faulen Zeiten
genossen hatte. Und jetzt, da das Leben seine Hände nach ihm
ausstreckte, schwiegen sie und wollten nichts von ihm wissen. Der
Dichter des »All« fiel ihm ein, der keine Trilogien mehr, sondern
Sportsberichte für ein Tageblatt schrieb. Und er warf das Buch, das er
gerade in der Hand hielt, zornig und traurig an die Wand.

Im Februar tat Frau Eiselein die erste behutsame Frage nach dem Gedeihen
der Dichtung. Karl Eugen hatte gerade ein Faß Petroleum hereingerollt.
Er drückte sich um die Antwort. Und als sie neugierig war, wenigstens
den Titel zu erfahren, rückte und schob er unmutig an dem Faß herum und
brummte: »Den Titel macht man immer zuletzt.« Doch wurde er rot dabei.

Ende März klopfte die Mama wieder an, trat zu dem Dichter an den
Schreibtisch und verlangte sein Werk zu sehen.

»Es ist nicht fertig,« sagte er in unbehaglichem Ton.

»Dann ist's eben halbfertig,« beharrte sie. »Ich gehe nicht aus der
Stube, bis ich's gesehen habe. Sei vernünftig, du kennst mich doch.«

O ja, er kannte sie. Dennoch zögerte er noch eine ganze Weile, ehe er
die Lade herauszog und sein Heft vorlegte.

»Das Tal der bleichen Seelen! Schau, jetzt ist ja doch der Titel da,
freilich ein komischer.«

Es folgten etwa zehn beschriebene Blätter, auf denen aber das meiste
wieder durchgestrichen war.

»Ist das alles?« fragte sie ruhig.

»Das ist alles .... Ich wollte -- --«

»Laß nur, 's ist schon gut.«

Da die Frau das schmerzliche Gesicht ihres Sohnes sah, hielt sie an sich
und brach erst nachher auf der Treppe in ein kräftiges Gelächter aus.

Als sie später den Dichter auf den Kopf fragte, bis wann sein Werk wohl
Hoffnung habe, fertig zu werden, senkte er den Kopf und gestand: »Ich
glaube nie.«

                   *       *       *       *       *

Im April trat Karl Eugen in das Geschäft seines Vaters ein. Im nächsten
Jahre ging er als Volontär in ein auswärtiges Kaufhaus, von wo er mit
guten Zeugnissen zurückkam, und als nach einigen weitern Jahren der alte
Herr anfing kränklich zu werden, übernahm er den Laden allein und
überließ dem Vater nur noch die Korrespondenzen.

Während dieser Jahre fiel das Geniewesen in aller Stille vollends von
ihm ab wie eine Schlangenhaut, und es zeigte sich, daß unter der Hülle
recht viele väterliche und mütterliche Erbstücke unverloren geschlummert
hatten. Die erstarkten nun und traten bald auch äußerlich zutage. Wie
mit dem Lesen und Dichten der Weltschmerz, so war mit dem Schlips und
den Geniemanieren auch die falsche Bedeutsamkeit und Wichtigkeit des
Auftretens verschwunden und der absonderliche Apfel also doch nahe beim
Stamm gefallen. Und der vom milden Stachel täglicher Arbeit aus dem
Traum geweckte Jüngling sah allmählich ein, daß seine vermeintliche
Frühreife weit eher ein ungewöhnlich langes Kapriolenmachen der
Jugendlichkeit gewesen war. Aber desto gründlicher faßte er die Arbeit
und Umkehr an.

Die Zeit ging hin, er heiratete und wurde Vater, das Geschäft ging nicht
übel und seine Schulden waren alle längst bezahlt. Zuweilen nahm er etwa
einmal abends eines der Bücher von damals in die Hand, blätterte darin
hin und her, schüttelte nachdenklich den Kopf und stellte es an seinen
Ort zurück. Das Dichterbildnis aber hing noch immer an der Wand: der
Jüngling im modischen Kragen blickte stolz und verachtend aus dem Rahmen
und hinter ihm saß unerschüttert der kühne Kondottiere auf seinem
ehernen Roß.



                               Garibaldi


Dieser Tage fuhr ich in der Eisenbahn von Steckborn nach Konstanz. Durch
Obstbäume glänzte mattrot der abendliche Untersee, Bauerngärten mit
Geranien, Fuchsien und Georginen leuchteten durch braun und grüne
Lattenzäune, jenseits des Wassers lag die Reichenau und über Ried und
Rebbergen das hohe Horner Kirchlein goldig umleuchtet in der milden
Abendklarheit. Es war noch heiß und ich hatte streng rudern müssen, um
den Zug noch zu erreichen. Nun saß ich müde und gedankenlos allein in
der Wagenecke und sah durchs offene Fenster die wohlbekannten Berge,
Matten und Wasser im roten Abenddunst verglühen.

Der Wagen war fast leer. Ein paar Bänke weiter saßen zwei grauhaarige
Herren in lebhaftem Gespräch beisammen. Ich war zu müd und teilnahmlos,
um etwas davon zu verstehen; ich hörte nur die einzelnen Worte und nahm
wahr, daß der eine von den Redenden ein Thurgauer vom See, der andere
aber ein Zürcher sein müsse, der Sprache nach zu urteilen. Dann
interessierte mich auch das nicht mehr, ich lehnte mich träg in die Ecke
und begann zu gähnen.

Da hörte ich in dem benachbarten Gespräch plötzlich mehrmals den Namen
Garibaldi nennen und war verwundert, daß dieses Wort mich so merkwürdig
erregte. Was ging mich Garibaldi an?

»Ja wohl, der Garibaldi!« rief da wieder der Thurgauer laut, und die
Betonung, mit der er den Namen aussprach, weckte mich aus meiner
Stumpfheit und zwang mich, dem lang nicht mehr gehörten Klange folgend
lange Erinnerungswege zu wandern, zurück und weiter zurück bis in die
Zeiten, in denen jener Name mir vertraut und wichtig gewesen war. Aus
kühlen Brunnentiefen ferner Kinderjahre wehte mich ein fremder, starker
Heimwehzauber an. Und als ich spät am Abend von Konstanz zurück war und
dann langsam durch die bleiche Seenacht meinem Dorfe entgegen fuhr, als
der leise laue Wind im Segel sang und seltene Rufe aus entfernten
Fischerbooten übers Wasser wehten, stand ein Stück Kinderzeit und
halbvergessenes, glückliches Ehemals neu und lebendig vor mir auf.

                   *       *       *       *       *

Garibaldi war ein Märchen, ein Phantasiebild, eine Dichtung.

Eigentlich hieß er Schorsch Großjohann, wohnte jenseits unseres
gepflasterten Hofes und trieb das dunkle Gewerbe eines Winkelreinigers,
das ihn kümmerlich ernährte. Ich wurde aber zehn Jahre alt, ehe ich
seinen eigentlichen Namen erfuhr; bis dahin hörte ich ihn nie anders als
den Garibaldi nennen und wußte nicht, daß schon dieser Name, der mir so
wohl gefiel, eine Dichtung war. Ihn hatte meine Mutter erfunden, und da
ich ohne meine Mutter nie zum Träumespinner und Fabulierer geworden
wäre, war es billig, daß sie auch bei jenem Kindermärchen Pate stand.
Sie hatte das Bedürfnis und auch die Gabe, ihre ganze Umgebung beständig
nach ihrem eigenen, lebhaften Geist zu gestalten und zu benennen, und
ich darf von dieser ihrer Zauberkunst nicht zu reden anfangen, da ich
sonst kein Ende fände.

So hatte sie auch, schon lang vor meiner Geburt, mit dem alten
Winkelreiniger Großjohann, den man täglich mehrmals über unsern Hof
gehen sah und mit dem man doch kaum alle Jahr einmal ein Wörtlein
sprach, nichts anzufangen gewußt. Dem schmierigen Winkelreiniger half es
nichts, daß er eine mächtige, wetterfeste Figur, breite Schultern und
ein abenteuerlich kriegerisches Gesicht mit greisem, langem Doppelbart
besaß; an ihm war das nur lächerlich. Aber sobald man ihn Garibaldi
nannte, war er seines stolzen Äußeren würdig, dann umwitterte ihn statt
des Winkelgestankes eine heroische Luft und war es jedesmal ein Erlebnis
und eine Freude, ihm zu begegnen. Meine Mutter wünschte stets unter
Menschen und Sachen zu leben, deren Anblick ihr jedesmal ein Erlebnis
und eine Freude war. So nannte sie den alten Nachbar Garibaldi.

Ich kleiner Bub wußte vom wahren, historischen Garibaldi, dessen Bild
und Taten meiner Mutter wohlbekannt waren, damals noch kein Wort. Aber
der stattliche welsche Name machte mir großen Eindruck und hüllte den
Schorsch Großjohann wie eine sagenhafte Wunderwolke ein.

Soweit war Garibaldi die Schöpfung meiner Mutter. Ohne davon eine Ahnung
zu haben, dichtete ich nun an ihm weiter und machte ihn zu einem
seltsamen Helden, dessen Leben ich mitlebte und dessen Schicksale mich
wie eigene Schicksale bewegten, ohne daß ich je ein Wort mit ihm
gesprochen hätte. Fast jeden Tag sah ich ihn ein oder zweimal in seiner
Tätigkeit, außerdem abends im Hof oder hinter den niederen Fensterchen
seiner Wohnung.

Er war damals schon bald siebzig und, wenn man auf Kleidung und
Reinlichkeit nicht allzu streng achten wollte, ein schöner Greis. Das
Kriegerische, das er an sich hatte, bestand neben der großen sehnigen
Gestalt hauptsächlich in der braunen Gesichtsfarbe und in dem langen,
gelblichgrauen, stark verwilderten Haar und Bart. Wenn man das Gesicht
genauer aufschaute und mit dem äußeren Wesen und Lebenswandel des alten
Mannes zusammenhielt, kam eher ein milder Charakter heraus. Mund und
Nase zwar waren fest, scharf und schneidig geformt, aber die große
stille Stirn wies weder Narben noch tiefe Falten auf, sondern glich etwa
einer abendlichen Straße, auf welcher das Leben vollends eindämmert oder
wo Wanderer, Wagen und Rosse, das sind Gedanken, Hoffnungen und
Leidenschaften schon so lange vorübergebraust und gefahren sind, daß
ihre Spuren sich wieder zu glätten beginnen. Dies bestätigten auch die
hellgrauen Augen. Sie waren noch klar und scharf und saßen klein und
wachsam über der braunen Hakennase, aber der Blick zeigte eine etwas
müde Ruhe, als suche er in diesen späten Tagen auf Erden keine Ziele
mehr.

Schön und merkwürdig war in diesem gefestigten und stillgewordenen
Angesicht ein manchmal auftauchendes, ganz schwaches Lächeln der Ruhe
und leidlosen Resignation, wenn der alte Schorsch etwa einem Festzug,
einem Kinderauflauf, einer Prügelei oder dergleichen zuschaute. Wenn
hinter diesem Lächeln irgend ein bewußter Gedanke stand, so war es der
eines ironisch zuschauenden, überlegen Unbeteiligten, dem die
Wichtigkeit dieser kleinen menschlichen Händel schon lange lächerlich
und kindlich vorkam.

»Hauet einander nur,« sagte dieses Lächeln, »hauet nur zu! Und
meinetwegen könnt ihr ja Feste feiern, wenn's euch Spaß macht. Was
kümmert's mich?«

Mein Verstand war noch viel zu klein, um diese Züge zu lesen und sich
einen Reim darauf zu machen. Aber meine Phantasie nahm von dem stillen
Alten Besitz und ließ ihn nicht los, sie liebte ihn und schuf ihn zu
einem Wesen um, das mir viel ferner und fremder war als er selber und
das doch zu mir gehörte und zum Helden meiner Gedanken wurde, während
der Schorsch selber jahraus jahrein mir vorüberging und unbekannt blieb.
Und wenn ich nun vom alten Garibaldi erzähle, ist es mehr Geträumtes als
Gesehenes, aber lauter Erlebtes, und vielleicht ist das Erfundene so
wahr wie das Gesehene; vielleicht erlebte meine Phantasie nichts anderes
als was der Alte hätte erleben können und sollen, wenn er nur dazu
gekommen wäre.

                   *       *       *       *       *

Vom Hofe aus führte eine kaum fußbreite, schadhafte und überhängende
steinerne Treppe, ein richtiger Halsbrecher, an der alten, weit
ausgebauchten Bergmauer hin in ein winziges Gärtchen hinauf, das dem
Nachbar Staudenmeyer gehörte. Gärtchen ist eigentlich schon viel gesagt,
denn das zwischen zwei in den Berg hinein gebauten Hinterhäusern und
einer jähen Terrassenmauer eingeklemmte Stück abschüssigen Bodens war
nicht größer als eine tüchtige Stube. Vom Berge her schwemmte jeder
Regen eine Menge Sand herab und nahm dafür die gute schwarze Erde mit,
und auf der einen Seite stand das Dach des daraufstoßenden Hauses so
weit über, daß man dort in Wirklichkeit kaum das Gefühl haben konnte, im
Freien zu sein. Die Nachbarin hatte, noch außer der Witterung und dem
Unkraut, um den Besitz ihres Fleckchens Erde ohne Unterlaß mit einer
großen Schar von verwilderten Katzen und mit einer nicht kleineren Horde
strohblonder Kinder zu kämpfen. Beide, Kinder und Katzen, entstammten
der benachbarten, steilen und finsteren Armutgasse, wilderten üppig in
dem Winkel dort herum, waren nicht auseinander zu kennen und so wenig
mit Erfolg zu bekriegen wie ein Mückenschwarm. Allmählich wurde also
Frau Staudenmeyer des Kämpfens müde und das Gärtlein fiel ganz den
ungebetenen Gästen anheim. Es wucherten nun auf dem verwahrlosten Platze
alte Stachelbeerstauden mit einem geilen, niemals Früchte reifenden
Erdbeergeschlinge samt vielerlei Unkräutern zu einem grünen Wirrwarr
zusammen, aus welchem hier und dort ein Rest der ehemaligen
Gartenherrlichkeit, etwa ein himmelhoch aufgeschossener Salatstock oder
eine faustgroße Zwiebelblüte hervorragte.

Im Sommer und Herbst, wenn an schönen Tagen abends noch Sonne dort
hinunter kam und die feuchten Mauern erwärmte, dann erschien gegen
sieben Uhr der greise Garibaldi im Hof, stieg langsam die schmalen
Steinstaffeln zum Gärtchen hinauf und setzte sich auf den ausgetretenen
obersten Treppenstein. Dort ruhte er schweigend in der schwachen
Spätsonne, tat seltene Züge aus einer schwarzgebrannten, kurzen
Holzpfeife und gab nur, wenn etwa ein Nachbar ihn vom Fenster aus
anrief, ein kurzes Wort zurück. Sonst redete er keinen Ton, sondern saß
regungslos auf dem schmalen Stein und ruhte und rauchte, bis es dunkelte
und kühl wurde. Über und unter ihm rumorten die Kinder, rauften und
zankten miteinander, fraßen unreife Beeren und erfüllten die goldige
Abendluft mit Gelächter, Geschrei und Gewimmer. Sie hieben einander die
Köpfe blutig, stahlen einander das Vesperbrot, fielen über die Mauer
herab und schrien Mordio. Den Alten berührte es nicht, obwohl er
ungezählte Enkel und Großneffen unter der Horde hatte. Wenn einmal etwas
Besonderes los war und das Geschrei zum Gebrüll anwuchs, drehte er den
verwitterten Kopf vielleicht ein wenig danach hinüber und auf seine
schmalen Lippen trat für einen flüchtigen Augenblick das kühle,
gleichgültige Lächeln, mit welchem er den Lauf der Ereignisse zu
betrachten gewohnt war.

Er hatte an anderes zu denken als an das kleine Zeug um ihn herum.
Während sein brauner Daumen die Glut in die Holzpfeife zurück stopfte,
verweilte seine Erinnerung weit von hier, in alten Zeiten und fremden
Ländern, in wilden Feldzügen und auf weiten, abenteuerlichen Raub- und
Wanderfahrten.

Er sah Höfe und Dörfer in Brand stehen und mit langen, unwilligen
Flammen durch die Nacht gen Himmel klagen. Er sah auf verlassenen
Straßen und auf den Türschwellen verlassener Häuser Erschlagene in
schmutzigen Blutlachen liegen, krepierte Pferde und zertrümmerte Wagen,
dazwischen herrenlos umherirrendes Vieh und verlaufene, weinende Knaben
und Mädchen.

Kam dann etwa eins von seinen strohblonden, verwahrlosten Enkelkindern
hergelaufen und bettelte: »Großvater, schenk' mir was!«, dann streifte
er es mit flüchtigem Blick und setzte, ohne eine Antwort zu geben, sein
spöttisch stilles Lächeln auf, und das Kind lief wieder weg. Er aber
hörte schnell wieder auf zu lächeln, zog die Kniee ein wenig höher,
neigte den grauen Kopf ein wenig weiter vor und blickte wieder in die
Länder der Erinnerung, der Abenteuer, mit demselben unverwandten,
glühenden und auch verschleierten Blick, welchen die in Käfige
gesperrten Raubvögel haben. Über seine hohe, braune Stirne fiel in
fahlen Strängen das lange Haar und nichts an der ganzen Gestalt hatte
Leben und bewegte sich als der schmale, alte Mund, der zuweilen eine
dünne Rauchfahne hinaus blies, und als sein hagerer Schatten, der über
die Mauer hinab und langsam über den ganzen Hof wanderte, immer länger
und phantastischer und immer wesenloser werdend, bis er in die
allgemeine Dämmerung untertauchte.

So im Dunkelwerden war es mir eine grausige Lust, vom Fenster meiner
Knabenkammer aus den Garibaldi dasitzen zu sehen, von Haar und Bart
umfilzt, aufrecht und bewegungslos, mit geisterhaft undeutlichen Zügen,
bis sein Gesicht vollständig in das Dunkel versank und nur noch die
Silhouette eines sitzenden Riesen übrig blieb, hin und wieder von einer
spärlichen Rauchwolke umflogen. Die vielen Kinder waren um diese Zeit
nicht mehr da, von der überdachten Gartenseite her wuchs die Finsternis
heran, die uraltmodisch geschweiften Giebel und krummen Dächer all der
Armenhäuser standen schwarz in den noch lichten Himmel, da und dort
glühte ein Fensterlein gleich einem trüben roten Auge auf, und damitten
kauerte rastend der alte Abenteurer, bis ihn fröstelte, dann verschwand
er still in den finsteren Torweg hinein wie in eine unzugänglich fremde
Welt.

                   *       *       *       *       *

Der alte Garibaldi hatte zwei Söhne gehabt, junge stramme Riesen von
gewaltiger Erscheinung und vom übelsten Ruf, aber beide waren eines
Tages ohne Abschied verschwunden und man brachte sogleich alle in den
letzten Jahren am Ort begangenen und unaufgeklärt gebliebenen Verbrechen
mit ihrem Flüchtigwerden in Verbindung. Fast ein Jahr später kam Bericht
aus Brasilien, daß beide nicht mehr am Leben seien. Der eine war schon
unterwegs auf dem Schiff am Fieber gestorben, der andere nachher in Rio,
offenbar im bittersten Elend. Zusammen mit dem dazu beauftragten
Polizeidiener besuchte mein Vater den Alten, um ihm die Todesnachricht
zu bringen.

»Ihren Söhnen ist's drüben nicht gut gegangen,« fing mein Vater an.

»Wo drüben denn?« fragte der Garibaldi.

»In Brasilien, 's ist ihnen nicht gut gegangen.«

»Wieso?«

»Wieso? Tot und gestorben sind sie,« schrie der Büttel, dem es nicht
wohl war, bis er es herausgesagt hatte.

»So so?« machte der Garibaldi und schüttelte den Kopf. Und:

»Alle beide?« fragte er nach einer Weile.

»Ja wohl, alle beide,« sagte mein Vater.

»So so. -- So so.«

Und als jetzt mein Vater sich anschickte einen Anfang mit dem Trösten zu
machen, winkte er ab und lächelte verachtungsvoll. Da ging denn mein
Vater mit dem Polizeidiener wieder fort und Garibaldi machte sich wie
sonst an seine Arbeit.

Am Abend dieses Tages, da jedermann die Nachricht schon wußte, saß er
wieder auf seiner Staffel und alle Nachbarn schauten ihn an und alle
paar Minuten rief ihn einer vom Fenster oder von der Gasse herüber an:
»Mein Beileid auch, du!«

Und er sagte jedesmal »_merci_«. Da kam der Stadtpfarrer auch noch
gegangen und gab ihm die Hand und sagte freundlich: »Wir wollen in Ihre
Stube hinein gehen, kommen Sie!«

Aber Garibaldi schüttelte den Kopf. »'s ist gut,« sagte er, »und ich sag
meinen _merci_«, und blieb sitzen, und die vielen Herumsteher drückten
sich hintereinander und kicherten. Der Stadtpfarrer schien betrübt und
es sah aus, wie wenn er noch einiges zu sagen hätte, aber er zog nur den
Hut und grüßte wieder freundlich und ging langsam aus dem Hof und fort,
und der Garibaldi blies eine große Rauchwolke hinter ihm her.

Von da an, wenn ich ihn des Abends wieder rasten sah, schien mir sein
Gesicht ein wenig tiefer gefurcht und noch abwehrender und einsamer als
sonst, und ich betrachtete ihn, der zwei starke Söhne im fremden Land
verloren hatte, mit vermehrter Scheu.

Außer jenen untergegangenen Söhnen hatte Garibaldi noch drei
verheiratete Töchter, deren älteste verwitwet war. Dies war die Lene
Voßler, ein wildes und berüchtigtes Weib, groß von Wuchs und von einer
seltsam ungelenken, aber längst verwilderten Schönheit. Diese war von
allen seinen Kindern das einzige, das zu ihm paßte, und auch das
einzige, das in Verkehr und Freundschaft mit ihm stand. Sie kam den
Winter über fast jeden Abend zu ihm in seine Hinterhausstube, dort saß
sie neben dem Alten, oft bis es spät wurde, und redete kaum ein Wort mit
ihm, der seine kleine Pfeife im Munde hielt und ebenfalls schwieg. Ich
besann mich oft genug, was die zwei wohl mit einander anstellen möchten,
aber sie saßen hinter den alten großblumigen Gardinen aus Wolle und man
konnte im Schimmer der schlechten Ölfunzel nur zuweilen ihre ernsten
Köpfe sehen.

Und häufig kam zu diesen beiden merkwürdigen, geheimnisvollen Menschen
noch eine dritte Fabelgestalt. Dies war der alte Penzler, ein gewesener
und verarmter Mühlenbauer, der aus Bayern stammte und den schon seine
Herkunft und sein seltenes Handwerk zu etwas besonderem machten. Seit
Jahren lebte er einsam und vielbesprochen in der finsteren
Hengstettergasse ein ärmliches Sonderlingsleben, drehte ewig an seinem
ungeheuren Schnauzbart, redete in alttestamentlichen Wendungen und
betrank sich alle paar Wochen einmal, was meistens zu Nachtskandal und
schlimmen Szenen führte. Der einzige Mensch, dem er Achtung zeigte und
mit dem er eine Freundschaft unterhielt, war Garibaldi. Als dessen Söhne
totgesagt wurden, kam Penzler zu ihm, schlug ihm auf die Schulter und
rief mit gewaltiger Trösterstimme: »So geht's, alter Prophete! Wir sind
allesamt wie Gras und wie des Grases Blüte. Na, die Lausbuben haben
jetzt keine Sorgen mehr.«

Winterabends kam der Mühlenbauer sehr oft zum Garibaldi und saß mit ihm
und seiner Tochter, der Lene Voßler, in der niedrigen, trüb erhellten
Stube, die sich allmählich ganz mit Tabaksrauch füllte. Ich schaute
immer hinüber und lief manchesmal noch spät Nachts von meinem Bett ans
Fenster, schaute nach ob drüben noch Licht sei und stierte das einsame
rote Fenster ahnungsvoll und begierig an, bis mich fror und ich ins Bett
zurück mußte.

An einem Abend, es ging schon gegen den April und man brauchte fast
nimmer zu heizen, wurde meine Neugierde belohnt und das eigentliche
Treiben und Wesen des Alten ward mir klarer. Es fehlte nämlich diesmal
der wollene Vorhang hinter seiner Scheibe und ich sah den Garibaldi mit
der Lene und dem Penzler am Tische sitzen. Es mochte neun Uhr oder
später sein. Eine Blechlampe gab trübes Licht, die beiden grauhaarigen
Männer bliesen Rauch aus ihren Pfeifchen und saßen still und vorgebeugt
auf ihren Hockern, die Lene Voßler aber hatte über den ganzen Tisch im
Viereck ein Kartenspiel ausgebreitet, ein Blatt dicht am andern. Auf
diese Karten starrten alle drei. Bald nahm die Lene, bald ihr Vater eine
Karte in die Hand und legte sie nachdenklich und zögernd an einen
anderen Platz; der Mühlenbauer sah mit scharfem Gesichte zu, deutete mit
dem Pfeifenstiel hierhin und dorthin, schnitt ernste Grimassen,
schüttelte den Kopf oder zuckte mächtig mit den gewaltigen Augenbrauen,
die so stark wie Schnurrbärte waren. Gesprochen wurde nichts. Über den
drei gebeugten Köpfen wölkte der dichte Rauch und stieg über der
Lampenflamme in einer ununterbrochenen Säule in die Höhe.

Zwei Stunden lang schaute ich zu. Penzler schnitt immer schärfere
Grimassen, die Lene ordnete ihre Karten immer leidenschaftlicher und
legte sie hastig aus, der alte Garibaldi aber saß mir gerade gegenüber
und so oft er den Kopf erhob, floh ich in meine Stube zurück, obwohl er
mich am dunklen Fenster nicht hätte sehen können. Seine Augen waren auf
die Karten gerichtet und brannten in dem braunverwelkten Gesicht mit
leiser Glut.

Sie taten also Karten legen und wahrsagen, und es wunderte mich nicht.
Aber wer wahrsagen kann, der muß auch zaubern können. Vom Bayern, dem
Penzler, wußte man ja schon immer, daß er mit Geistern umging und viele
geheime Heilmittel kannte. Ich paßte auf wie ein Jagdhund und brannte
vor banger Begierde. Und als die Tage wärmer und die Abende lang und
mild wurden, sah ich öftere Male wie Garibaldi, sobald es zu dunkeln
begann, an seinem Staffelplatz vom Penzler abgeholt wurde und mit ihm
die Gasse hinab verschwand. Ich wußte genau, daß er nicht ins Wirtshaus
ging, dafür hatte ihn meine Mutter oft gerühmt; daß man aber in diesen
lauen, stichdunkeln Frühjahrsnächten viel Zauber treiben konnte, war
gewiß.

Ich sah in meinen Gedanken die zwei alten Hexenmeister die Stadt
verlassen, im finstern Walde Kräuter suchen, ein Feuer anfachen und
Beschwörungen ausüben. Ich sah sie unter moosigen Felsen beim Lichte
kleiner Diebslaternen Schätze aus der feuchten Erde graben. Ich sah sie
Wetter machen und Krankheiten beschwören.

Ob wohl die Lene Voßler auch mitging? Nein, sie ging nicht mit. Eines
Abends konnte ich der Neugier nicht widerstehen. Sobald ich den
Mühlenbauer im Hof erscheinen sah, verließ ich still das Haus durchs
Gartentor und schlich mich zwischen den Gärten hindurch auf die Gasse.
Garibaldi und Penzler gingen miteinander straßabwärts. Der eine hatte
etwas unter dem Arm, was wie ein aufgerollter langer Strick aussah, der
andere trug eine Art Kachel oder Kanne. Ich folgte ihnen mit großem
Herzklopfen die Gasse hinunter, über den Balkensteg und bis auf den
Brühel, wo das letzte Haus der Stadt, ein alter Gasthof steht und wo der
Weg sich teilt. Es führt von dort aus ein Sträßlein eben den Fluß
entlang, das andere stark ansteigend bergan in den Wald hinein.

Weiter wagte ich nicht hinterher zu gehen, der Gasthof war schon
geschlossen, ringsum brannte keine Laterne, von der Stadt hörte man
nichts mehr als vielleicht ein fernes Wagenrollen; vor mir lag
kirchenstill der Brühel mit seinen riesigen Linden und Kastanien und
durch die alten Kronen stöhnte der feuchte, stürmische Frühlingswind.
Und die beiden dunklen Männer, die unter den hohen Bäumen auf einmal
klein erschienen, wandelten in die schwarze Stille hinein, gleichmäßig
im Schritt und ohne miteinander zu reden, ihre Geräte tragend. Ich sah
sie schwer und stille schreiten, der Nacht entgegen, mitten in das sich
auftuende Reich der Finsternis und der schrecklichen Wunder, wo sie
heimisch waren.

Mir wurde todesangst, als der Penzler einmal hinter sich schaute; ich
blieb am Brühel stehen und sah nur noch, daß die beiden den Talweg
flußabwärts einschlugen. Dann lief ich im Galopp zurück, kam ungesehen
wieder durch die Hintertüre ins Haus und als ich dann geborgen im Bette
lag, konnte ich noch lang nicht einschlafen, weil mein Herz vom
schnellen Laufen und vor Angst nicht aufhören wollte gewaltig zu
schlagen.

                   *       *       *       *       *

Von da an wagte ich dem Garibaldi kaum mehr zu begegnen und wich ihm und
dem Penzler auf der Straße ängstlich aus. Und daran tat ich wohl, denn
es zeigte sich nicht allzu lange darauf, daß sie gefährliche Wege
gegangen seien.

An einem Morgen im Sommer -- ich hatte Ferien -- sprach es sich in der
Stadt herum, es sei zu Nacht ein Unglück passiert. Nach einer Stunde
erfuhr man, der Mühlenbauer Penzler sei in aller Gottesfrühe tot aus dem
Wasser gezogen worden und liege drunten im Gutleuthaus. Alles strömte in
großer Aufregung und Neugierde dorthin. Auf den steinernen Korridor des
Gutleuthauses waren ein paar Bündel leinene Säcke und darüber eine rote
Wolldecke gelegt, darauf lag halb entkleidet eine Gestalt, das war der
Mühlenbauer. Aus der Nähe betrachten durfte man ihn nicht, ein Landjäger
stand dabei, und mir war es recht, denn das Grausen hätte mich
umgebracht.

Der Garibaldi war auch da, ging aber bald wieder weg und hatte sein
gleichmütiges Gesicht aufgesetzt, so als gehe die Geschichte ihn nichts
an. Als er wegging und die vielen Leute immer noch neugierig
herumstanden und die Mäuler offen hatten, lächelte er auf seine stille,
verächtliche Art. Und der Penzler war sein einziger Freund gewesen.

Wahrscheinlich war er nachts dabei gewesen, als der andere ins Wasser
fiel. Warum hatte er dann nicht sogleich Leute geholt?

-- Oder war der Bayer vielleicht mit seinem Wissen und durch seine
Schuld ertrunken? Hatten sie Streit gehabt, vielleicht bei der Teilung
eines Schatzes?

                   *       *       *       *       *

Man hörte auf von dem Unglück zu reden. Garibaldi tat wie immer seine
Arbeit in der Stadt herum und rastete bei gutem Wetter jeden Abend auf
der Treppenstaffel über unserem Hof, wo die Kinder lärmten. Der dem
Zauberwesen zum Opfer gefallene Mühlenbauer fand keinen Nachfolger.
Garibaldis Gesicht wurde je älter desto undurchschaulicher und ich, der
einen Teil seiner Geheimnisse kannte, sah hinter seiner gleichmütigen
Stirn und hinter seinem ruhig überlegenen Blick eine Welt von dunklen
Schicksalen träumen.

Im folgenden Herbst geschah es, daß ihm bei der Arbeit die hohe Leiter
eines Gipsers auf die Schulter fiel und ihn beinah erschlagen hätte. Er
lag vier Wochen krank im Spittel. Als er von dort wiederkam, war in
seinem Wesen eine gewisse Veränderung wahrzunehmen. Er lebte wie sonst,
tat seine Arbeit und sprach womöglich noch weniger als früher, aber er
hatte jetzt die Gewohnheit, leise mit sich selber zu reden und zuweilen
zu lachen, wie wenn ihm alte lustige Geschichten einfielen. An stillen
Abenden, wenn die Kinder gerade anderswo tobten oder einem
Kunstreiterwagen oder Kamelführer oder Orgelmann nachliefen, hörte man
ihn im Höfchen ohne Unterlaß murmeln. Auch saß er nie mehr lange Zeit
auf seinem Steine still, sondern ging öfters unruhig auf und ab, was
zusammen mit dem Murmeln und Kichern etwas Unheimliches hatte.

Ich fühlte damals zum ersten Mal Mitleid mit dem alten Hexenmeister,
ohne ihn aber deswegen weniger zu fürchten. Sein neuerliches Gebaren
schien mir bald auf Gewissensbisse, bald auf neue schlimme
Unternehmungen zu deuten.

»Der Garibaldi will auch anfangen altwerden,« sagte einmal meine Mutter
beim Nachtessen. Ich verstand das im Augenblick nicht, denn ich hatte
ihn nie anders als grau und alt gesehen. Aber ich vergaß das Wörtlein
nicht und merkte nach und nach selber, daß Garibaldi wirklich jetzt erst
zu altern begann.

Noch einmal machte er von sich reden. Eines Abends war, nach langem
Ausbleiben, seine Tochter Lene wieder einmal zu ihm gekommen. Sie waren
in der Stube beieinander und ich glaube, die Lene wollte auswandern.
Darüber kamen sie in Streit, bis das Weib mit der Faust auf den Tisch
schlug und ihm Schimpfworte sagte. Da hub der alte Mann seine Tochter,
so groß und stark sie war, jämmerlich zu hauen an und warf sie die
Stiege hinunter, daß das Geländer krachte und das Weib nur mit Mühe und
Schmerzen davonhinken konnte.

Von da an blieb Garibaldi ganz einsam und nun brach das Alter plötzlich
vollends über ihn herein. Die Pfeife begann ihm im Munde zu wackeln und
häufig auszugehen, die Selbstgespräche nahmen kein Ende, die Arbeit
wurde ihm sauer. Schließlich gab er sie auf und war fast über Nacht zu
einem gebückten und zittrigen Kerlchen geworden.

Für mich hörte er darum nicht auf wichtig und rätselhaft zu sein. Ich
fürchtete ihn mehr als je und konnte es doch nicht lassen, ihm halbe
Stunden lang vom sicheren Fenster aus zuzuschauen. Beim Rauchen stützte
er jetzt den Ellenbogen aufs Knie und hielt die Pfeife mit der Hand
fest, aber auch die war zittrig und hatte keine Kräfte mehr.

Die Tage waren noch kühl und im Walde lag noch ein wenig Schnee, da war
eines Tages der Garibaldi gestorben.

Mein Vater bürstete seinen Schwarzen und ging zur Leiche. Ich durfte
nicht im Zug gehen (wenn man das Dutzend Nachbarn einen Zug heißen
will), aber ich stieg auf die Kirchhofmauer und hörte zu und erfuhr
dabei zum ersten Mal, daß der Tote nicht Garibaldi, sondern Schorsch
Großjohann geheißen hatte, was mich in lange Zweifel stürzte, denn
fragen mochte ich niemand.

Nachher sagte mein Vater zur Mutter: »Unser Garibaldi war doch ein
sonderbarer Mensch, fast unheimlich; weiß Gott, wie er so geworden ist.«

Darüber hätte ich nun mancherlei mitteilen können. Aber ich behielt
alles für mich -- das Wahrsagen, das Zaubern, die Nachtgänge flußabwärts
und das, was ich über den Tod des bayerischen Mühlenbauers vermutete.



                             Walter Kömpff


Die Leute von Gerbersau, die da auf den Straßen laufen, unter ihren
Ladentüren stehen, ihr Handwerk und Geschäft besorgen und fast alle so
zufrieden sind, obwohl sie beständig über die schlechten Zeiten zu
klagen haben, alle diese Leute haben den Walter Kömpff noch gut gekannt.
Sie sind mit ihm in die Schule gegangen, sie sind mit ihm Soldat
gewesen, sie haben Geschäfte mit ihm gehabt und früher oft abends ein
Bier mit ihm getrunken. Und dann machte er plötzlich so viel von sich
reden, eine Zeitlang!

Aber alle diese Leute sprechen nimmer von ihm und haben ihn vergessen.
Es gab eine Zeit, da hätte man meinen sollen, sie würden von Walter
Kömpff noch als weißhaarige Großväter zu reden haben und mit keinem
auswärtigen Geschäftsfreund über den Marktplatz gehen können, ohne ihm
das vormals Kömpffsche Haus zu zeigen und ihm nachher im Adler oder
Hirschen die Geschichte dazu zu erzählen, der Länge und Breite nach.

Und wenn auch gar nichts zu verwundern und zu erzählen gewesen wäre, wie
war es möglich, diesen Mann so ganz zu vergessen? Hätte noch vor zehn
Jahren irgend ein Gerbersauer sich den Marktplatz vorstellen können ohne
den Kömpffschen Laden und das Schild darüber und den mit seinem Namen
bemalten grauen Pritschenwagen und ohne ihn selber, wie er unter der Tür
stand oder über den Platz schritt oder auf dem grünen Feierabendbänklein
saß? Oder hätte jemand sich einen Jahrmarkt denken können, ohne daß er
in seiner Ladentüre stand und die vielen Dutzende von auswärtigen
Bekannten begrüßte?

Beispielsweise gesprochen, stelle man sich jetzt einmal den jüngeren
Giebenrath vor, den Tuchhändler! Nicht wahr, da läuft er gaßauf, gaßab,
ruft hier »Guten Morgen!« und dort »Grüß Gott!«, langt da an den Hut und
macht dort ein Kompliment, und dann geht er in sein Haus, und man weiß,
da ist er jetzt drin und verkauft Tuch, und überm Laden steht mit Gold
auf Schwarz sein Name. Es ist niemand in der Stadt, der ihn nicht kennt
und der nicht weiß, wie er spricht und wie er lacht und was er im Winter
für einen Mantel hat und mit wem er verwandt ist und was er für
Geschäfte macht und daß er zu den Demokraten gehört. Also, wieder
beispielsweise, der jüngere Giebenrath stirbt jetzt -- oder, um niemand
weh zu tun, sagen wir, er geht weg, vielleicht nach Stuttgart oder nach
Pforzheim.

Ja, wenn ich das nur sage, da lachen sie alle und winken mir mit dem
ganzen Arm ab: »Wo denkst hin! Der bleibt, wo er ist! Der und
wegziehen!«

Also gut, aber vielleicht zieht er doch weg, und niemand begreift's, und
man schüttelt den Kopf, und sein Firmenschild wird heruntergenommen und
die Kinder sehen zu. Am Morgen vermißt ihn der Friseur und am Abend der
Ankerwirt und untertags vermißt ihn da einer und dort einer in der
Stadt, und seine Nachbarn mögen gar nimmer ans Fenster, weil er doch
nimmer vorbeikommt und hereingrüßt und einen kleinen Spaß macht, oder
wenn er's eilig hatte, konnte man ihm nachsehen und sich besinnen,
wohin's ihm denn so eilig pressierte. Und ich würde dann sagen: Ihr
Leute, sei's um eine kleine Weile, so redet kein Mensch mehr vom
jüngeren Giebenrath, außer er hätte Schulden. -- Ja, da würde man wieder
abwinken und lachen und den Kopf schütteln und mich heimschicken!

Und doch ist es mit dem Kömpff um kein Haar anders gewesen. Kaum daß man
jetzt seinen Namen noch etwa einmal hört. Nun, ich erzähle, wie es mir
damit gegangen ist.

Wie es die jungen Leute im Brauch haben, war ich auf der Wanderschaft,
und wohin ich kam, schien mir's kein schlechtes Leben in der Fremde; ich
kam mir extra gescheit vor und wollte gar nicht begreifen, wieso man
eigentlich gerade immer in Gerbersau leben müsse. Da war zum Beispiel
Cannstatt, ein wohlhabender Ort, und dann Tübingen, auch nicht übel, und
dann Basel und Zürich, und wiederum München, alles angenehme Plätze, wo
auch Leute wohnen und wo man so gut seine Batzen verdienen und wieder
verjucken kann wie irgendwo in der Welt. Also kam mir, aus der Ferne
gesehen, die Stadt Gerbersau immer kleiner und unnötiger und sogar
ziemlich lächerlich vor, und ich bin länger draußen geblieben, als es
der Brauch ist. Zwischenein höre ich, der Kömpff am Marktplatz fange an,
sonderbare Geschichten zu machen, das und jenes. Dann hör' ich, er sei
übergeschnappt, und nicht lang darauf von einem andern, er sei
vortrefflich bei Verstand und überhaupt viel zu gut und edel für seinen
Ort, und er werde auch wahrscheinlich fortgehen. Und so durcheinander,
wenig Gutes und viel Böses, bis ich gar nichts mehr glaubte. Ich dachte:
wenn ich zufällig einmal wieder besuchsweise heimkomme, will ich den und
jenen darum fragen und etwas Sicheres zu erfahren suchen.

Die Zeit verging und ich war nachgerade nimmer ganz jung. Daheim dachten
sie kaum mehr daran, daß ich am Ende auch wieder einmal heimkommen
könnte, und ich selber dachte es am wenigsten.

Wie es gegangen ist, daß ich jetzt doch wieder in Gerbersau sitze,
anfangs nicht ohne Unbehagen und Beschämung, und daß ich jetzt wieder
hier so zu Hause bin wie nur je in den Bubenzeiten, das wäre eine lange
Geschichte. Aber davon ist diesmal nicht die Rede. -- Also ich komme
wieder heim, lasse mich begrüßen und begutachten, anschielen und
auslachen, finde die alten Gassen und Winkel und einige neue dazu, und
kaum habe ich nach ein paar Tagen mir die alte Mundart wieder recht
angewöhnt, so frage ich rechts und links nach dem Herrn Walter Kömpff.
Ich meine, jeder müsse gleich vor lauter Geschichten und Erklärungen
überlaufen und herzensfroh sein, daß er einen Neuen findet, der's ihm
abhört.

Aber wie ich den ersten frage: »Du, wie war's denn eigentlich damit?«,
da besinnt er sich ein bißchen, klopft die Zigarre ab, zieht, bläst eine
Verlegenheitswolke hinaus, und schließlich meint er: »Ja, das sind
Sachen, da schwätzt jetzt kein Mensch mehr davon. Frag einmal den
Köberle.« Also abends, wie ich ihn bei der Metzelsuppe im Rößle treffe,
frage ich den Köberle. Er behält den Wein ein Weilchen im Mund, macht
Telleraugen, schluckt dann und runzelt, so gut er kann, die glatte Stirn
und sagt: »Ja, weißt du, das ist eigentlich schon recht lang her. Liebe
Zeit, der Kömpff! Ja ja, ich kann mir's noch gut denken. Na, wir sehen
uns ja bald einmal wieder, da reden wir dann. Am Donnerstag schenkt der
Kronenwirt den ersten Neuen aus, du kommst doch auch?«

So allmählich ist das Nötigste ja auch zusammengetröpfelt. Ich wollte
nun einmal alles wissen, da redete und fragte und horchte ich's so
zusammen, das eine bei einem Voressen im Waldhorn, das andere bei einer
Kindsleiche unterwegs zum Kirchhof, da etwas in einer Schusterwerkstatt
und dort etwas im Kaufladen. Was eigentlich damals Merkwürdiges passiert
sei, bekam ich denn auch allmählich heraus, aber keinerlei Schlüssel
dazu, denn darum hatte sich niemand gekümmert.

Bis mir die Holderlies einfiel. Die war ja in alten Zeiten im
Kömpffschen Haus Magd gewesen. Richtig lebte sie auch noch und wohnte
droben in der allerobersten Vorstadt, wohin es ein schweißtreibendes
Klettern ist und wo trotzdem fast lauter alte, gebrechliche Leute
hausen. Wenn ich an meine Bubenzeit dachte, konnte ich mir die Lies
wieder vorstellen, die schon damals nimmer auffallend jung war. Ich
stieg denn in die Vorstadt hinauf, und so oft ich meinte, jetzt sei es
erreicht, ging es noch ein Gäßlein und einen schmalen Gartensteig und
eine böse Mauerstiege hinauf, bis ich ganz bei den letzten Häuschen war;
da lag die Stadt senkrecht mit ineinander verwirrten Dächern so
verschoben und seltsam unter mir, als sei sie betrunken oder ich. Dann
ging es noch eine steinerne Gartentreppe, für die ich fast zu breit war,
und zwei hölzerne stichdunkle Stiegen hinauf. Und dann klopfte ich und
es tat eine Türe sich auf, und ich stand in einem lichten, stillen
Altenstübchen und hätte nie geglaubt, daß es in unserm engen Bergtal so
viel Luftraum gebe, wie ich hier über die Geranien weg vor den kleinen
klaren Fenstern liegen sah.

Die Holderlies kannte mich natürlich nimmer, denn ich war in den zwanzig
Jahren groß und breit geworden, und ich kannte auch sie nicht mehr, die
unglaublich eingegangen und klein geworden war. Aber es gab sich schon,
und wie ich nach dem langen Steigen erst wieder Atem hatte, fingen wir
mit dem besten Humor von den alten Zeiten an, die für sie freilich noch
lange nicht die wirklich alten waren.

Später kam ich wieder, fünfmal, zehnmal, und ich erfuhr alles, was die
Alte von meinem Kömpff wußte und vermutete. Bald darauf starb sie, und
ich ging bei dem sonderbaren Leichenzug durch die steilen Gärtchen und
über alle die Steige und Treppchen mit. -- Und nun will ich die
Geschichte des Walter Kömpff erzählen, soweit sie mir klar geworden ist.

                   *       *       *       *       *

Über den alten Hugo Kömpff ist wenig zu sagen, als daß er in allem ein
echter Gerbersauer von der guten Sorte war. Das alte, feste und große
Haus am Marktplatz mit dem niedrigen und finsteren Kaufladen, der aber
für eine Goldgrube galt, hatte er von Vater und Großvater überkommen und
führte es im alten Sinne fort. Nur darin war er einen eignen Weg
gegangen, daß er seine Braut von auswärts geholt hatte. Sie hieß
Kornelie und war eine Pfarrerstochter vom oberen Schwarzwald, eine
hübsche und ernste Dame ohne das geringste bare Vermögen. Das Erstaunen
und Reden darüber dauerte seine Weile, und wenn man die Frau auch später
noch ein wenig seltsam fand, gewöhnte man sich doch zur Not an sie oder
ließ wenigstens den Mann darum ungeschoren. Der lebte auch in einer sehr
stillen Ehe und bei guten Geschäftszeiten unauffällig nach der
väterlichen Art dahin, war gutmütig und wohlangesehen, dabei ein
vortrefflicher Kaufmann, so daß es ihm an nichts fehlte, was hierorts
zum Glück und Wohlsein gehört. Zur rechten Zeit stellte sich ein
Söhnlein ein und wurde Walter getauft; er hatte das Gesicht und den
Gliederbau der Kömpffe, aber keine graublauen, sondern von der Mutter
her braune Augen. Nun war ein Kömpff mit braunen Augen freilich noch nie
gesehen worden, aber genau betrachtet schien das dem Vater kein großes
Unglück, und der Bub ließ sich auch nicht an wie ein aus der Art
Geschlagener. Es lief alles seinen leisen, gesunden Gang, das Geschäft
ging vortrefflich, die Frau war zwar immer noch ein wenig anders, als
man gewohnt war, aber das war kein Schade, und der Kleine wuchs und
gedieh und kam in die Schule, wo er zu den Besten gehörte. Nun fehlte
dem Kaufmann noch, daß er in den Gemeinderat kam, aber auch das konnte
nimmer lang auf sich warten lassen, und dann wäre seine Höhe erreicht
und alles wie beim Vater und Großvater gewesen.

Es kam aber nicht dazu. Ganz wider die Kömpffsche Tradition legte sich
der Hausherr schon mit vierundvierzig Jahren zum Sterben nieder. Es nahm
ihn ohne zu viel Schmerzen und doch langsam genug hinweg, daß er alles
Notwendige noch in Ruhe bestimmen und ordnen konnte. Und so saß denn
eines Tages die hübsche dunkle Frau an seinem Bette, und sie besprachen
dies und jenes, was zu geschehen habe und was die Zukunft etwa bringen
könnte. Vor allem war natürlich von dem Buben Walter die Rede, und in
diesem Punkte waren sie, was sie beide nicht überraschte, keineswegs
derselben Gesinnung und gerieten darüber in einen stillen, doch zähen
Kampf. Freilich, wenn jemand an der Stubentüre gehorcht hätte, der hätte
nichts von einem Streit gemerkt.

Die Frau hatte nämlich vom ersten Tag der Ehe an darauf gehalten, daß
auch an unguten Tagen Höflichkeit und sanfte Rede herrsche. Mehr als
einmal war der Mann, wenn er bei irgend welchem Vorschlag oder
Entschlusse ihren stillen, aber festen Widerstand spürte, in Zorn
geraten. Aber dann verstand sie ihn beim ersten scharfen Wort auf eine
Art anzusehen, daß er schnell einzog und seinen Groll wenn nicht abtat,
so doch in den Laden oder auf die Gasse trug und die Frau damit
verschonte, deren Wille dann meistens ohne weitere Worte bestehen blieb
und erfüllt wurde. So ging auch jetzt, da er schon nah am Tode war und
seinem letzten und stärksten Wunsch ihr ruhiges Andersmeinen
gegenüberstand, das Gespräch in Maß und Zucht seine Bahn. Doch sah das
Gesicht des Kranken so aus, als wäre es mühsam gebändigt und könne von
Augenblick zu Augenblick die Haltung verlieren und Zorn oder
Verzweiflung zeigen.

»Ich bin an mancherlei gewöhnt, Kornelie,« sagte er, »und du hast ja
gewiß auch manchmal gegen mich recht gehabt, aber du siehst doch, daß es
sich diesmal um eine andre Sache handelt. Was ich dir sage, ist mein
fester Wunsch und Wille, der mir seit Jahren feststeht, und ich muß ihn
jetzt deutlich und bestimmt aussprechen und darauf bestehen. Du weißt,
daß es sich hier nicht um eine Laune handelt und daß ich den Tod vor
Augen habe. Wovon ich sprach, das ist ein Stück von meinem Testament,
und es wäre besser, du würdest es in Güte hinnehmen.«

»Es hilft nichts,« erwiderte sie, »soviel drüber zu reden. Du hast mich
um etwas gebeten, was ich nicht gewähren kann. Das tut mir leid, aber zu
ändern ist nichts daran.«

»Kornelie, es ist die letzte Bitte eines Sterbenden. Denkst du daran
nicht auch?«

»Ja, ich denke schon. Aber ich denke noch mehr daran, daß ich über das
ganze Leben des Buben entscheiden soll, und das darf ich so wenig, wie
du es darfst.«

»Warum nicht? Es ist etwas, was jeden Tag vorkommt. Wenn ich gesund
geblieben wäre, hätte ich aus Walter doch auch gemacht, was mir recht
geschienen hätte. Jetzt will ich wenigstens dafür sorgen, daß er auch
ohne mich Weg und Ziel vor sich hat und zu seinem Besten kommt.«

»Du vergißt nur, daß er uns beiden gehört. Wenn du gesund geblieben
wärest, hätten wir beide ihn angeleitet, und wir hätten es abgewartet,
was sich als das Beste für ihn gezeigt hätte.«

Der kranke Herr verzog den Mund und schwieg. Er schloß die Augen und
besann sich auf Wege, doch noch in Güte zum Ziel zu kommen. Allein er
fand keine, und da er Schmerzen hatte und nicht sicher sein konnte, ob
er morgen noch das Bewußtsein haben werde, entschloß er sich zum
letzten.

»Sei so gut und bring ihn her,« sagte er ruhig.

»Den Walter?«

»Ja, aber sogleich.«

Frau Kornelie ging langsam bis an die Tür. Dann kehrte sie um.

»Tu es lieber nicht!« sagte sie bittend.

»Was denn?«

»Das, was du tun willst, Hugo. Es ist gewiß nicht das Rechte.«

Er hatte die Augen wieder zugemacht und sagte nur noch müde: »Bring ihn
her!«

Da ging sie hinaus und in die große, helle Vorderstube hinüber, wo
Walter über seinen Schulaufgaben saß. Er war zwischen zwölf und
dreizehn, nicht sehr groß, aber gesund, ein ruhiger und gutwilliger
Knabe. Im Augenblick war er freilich verscheucht und aus dem
Gleichgewicht, denn man hatte für besser gehalten, ihm nicht zu
verheimlichen, daß es mit dem Vater zu Ende gehe. So folgte er der
Mutter verstört und mit einem inneren Widerstreben kämpfend in die
Krankenstube, wo der Vater ihn einlud, neben ihm auf dem Bettrand zu
sitzen.

Der kranke Mann streichelte die warme, kleine Hand des Knaben und sah
ihn gütig an.

»Ich muß etwas Wichtiges mit dir sprechen, Walter. Du bist ja schon groß
genug, also hör gut zu und versteh mich recht. In der Stube da ist mein
Vater und mein Großvater gestorben, im gleichen Bett, aber sie sind viel
älter geworden als ich, und jeder hat schon einen erwachsenen Sohn
gehabt, dem er das Haus und den Laden und alles hat ruhig übergeben
können. Das ist nämlich eine wichtige Sache, mußt du wissen. Stell dir
vor, daß dein Urgroßvater und dann der Großvater und dann dein Vater
jeder viele Jahre lang hier geschafft hat und Sorgen gehabt hat, damit
das Geschäft auch in gutem Stand an den Sohn komme. Und jetzt soll ich
sterben und weiß nicht einmal, was aus allem werden und wer nach mir der
Herr im Hause sein soll. Überleg dir das einmal. Was meinst du dazu?«

Der Junge blickte verwirrt und traurig vor sich nieder; er konnte nichts
sagen und konnte auch nicht nachdenken, der ganze Ernst und die
feierliche Befangenheit dieser sonderbaren Stunde in dem dämmernden
Zimmer umgab ihn wie eine schwere, dicke Luft. Er schluckte, weil ihm
das Weinen nahe war, und blieb in Trauer und Verlegenheit still.

»Du verstehst mich schon,« fuhr nun der Vater fort und streichelte
wieder seine Hand. »Mir wär' es sehr lieb, wenn ich nun ganz gewiß
wissen könnte, daß du, wenn du einmal groß genug bist, unser altes
Geschäft weiterführst. Wenn du mir also versprechen würdest, daß du
Kaufmann werden und später da drunten alles übernehmen willst, dann wäre
mir eine große Sorge abgenommen und ich könnte viel leichter und froher
sterben. Die Mutter meint --«

»Ja, Walter,« fiel die Frau Kornelie ein, »du hast gehört, was der Vater
gesagt hat, nicht wahr? Es kommt jetzt ganz auf dich an, was du sagen
willst. Du mußt es dir nur gut überlegen. Wenn du denkst, es wäre
vielleicht besser, daß du kein Kaufmann wirst, so sag es nur ruhig; es
will dich niemand zwingen.«

Eine kleine Weile schwiegen alle drei.

»Wenn du willst, kannst du hinübergehen und es noch bedenken, dann ruf'
ich dich nachher,« sagte die Mutter. Der Vater heftete die Blicke fest
und fragend auf Walter, der Knabe war aufgestanden und wußte nichts zu
sagen. Er fühlte, daß die Mutter nicht dasselbe wolle wie der Vater,
dessen Bitte ihm nicht gar so groß und wichtig schien. Eben wollte er
sich abwenden, um hinauszugehen, da griff der Leidende noch einmal nach
seiner Hand, konnte sie aber nicht erreichen. Walter sah es und wandte
sich ihm zu, da sah er in des Kranken Blick die Frage und die Bitte und
fast eine Angst, und er fühlte plötzlich mit Mitleid und Schrecken, daß
er es in der Hand habe, seinem sterbenden Vater weh oder wohl zu tun.
Dies Gefühl von ungewohnter Verantwortung drückte ihn wie ein
Schuldbewußtsein, er zögerte, und in einer plötzlichen Regung gab er dem
Vater die Hand und sagte leise unter hervorbrechenden Tränen: »Ja, ich
verspreche es ganz gewiß.«

Dann führte ihn die Mutter still ins große Zimmer zurück, wo es nun auch
zu dunkeln begann; sie zündete die Lampe an, gab dem Knaben einen Kuß
auf die Stirn und suchte ihn zu beruhigen. Darauf ging sie zu dem
Kranken zurück, der nun erschöpft tief in den Kissen lag und in einen
leichten Schlummer sank. Die großgewachsene, schöne Frau setzte sich in
einen Armstuhl am Fenster und suchte mit müden Augen in die Dämmerung
hinaus, über den Hof und die unregelmäßigen, spitzigen Dächer der
Hinterhäuser hinweg an den bleichen Himmel blickend. Sie war noch in
guten Jahren und war noch eine Schönheit, nur daß an den Schläfen die
blasse Haut gleichsam ermüdet war. Und nun, da sie den Kopf mit
halbgeschlossenen Augen senkte und ruhend saß, erschien sie älter, als
sie war.

Sie hätte wohl auch einen Schlummer nötig gehabt, doch schlief sie nicht
ein, obwohl alles an ihr ruhte. Sie dachte nach. Es war ihr eigen, daß
sie entscheidende, wichtige Zeiten ungeteilt bis auf die Neige
durchleben mußte, sie mochte wollen oder nicht. So hielt es sie auch
jetzt, der Ermattung zum Trotz, mitten in dem unheimlich stillerregten,
überreizten Lebendigsein dieser Stunden fest, in denen alles wichtig und
ernst und unabsehbar war. Sie mußte an den Knaben denken und ihn in
Gedanken trösten, und sie mußte auf das Atmen ihres Mannes horchen, der
dort lag und schlummerte und noch da war und doch eigentlich schon nicht
mehr hierher gehörte. Am meisten aber mußte sie an diese vergangene
Stunde denken.

Das war nun ihr letzter Kampf mit dem Mann gewesen, und sie hatte ihn
wieder verloren, obwohl sie im Recht war und es besser wußte. Alle diese
Jahre hatte sie den Gatten überschaut und ihm ins Herz gesehen in Liebe
und in Streit, und hatte es durchgeführt, daß es ein stilles und
reinliches Miteinanderleben war. Sie hatte ihn lieb, heute noch wie
immer, und doch war sie immer allein geblieben. Sie hatte es verstanden,
in seiner Seele zu lesen, aber er hatte die ihre nicht verstehen können,
auch in Liebe nicht, und war seine gewohnten Wege hingegangen, bald
dankbar und bald grollend und schnell wieder versöhnt. Er war immer an
der Oberfläche geblieben mit dem Verstand wie mit der Seele, und wenn es
Dinge gab, in denen es ihr nicht erlaubt und möglich war, sich ihm zu
fügen, hatte er nachgegeben und gelächelt, aber ohne sie zu verstehen.

Und nun war das Schlimmste doch geschehen. Sie hatte über das Kind mit
ihm nie ernstlich reden können, und was hätte sie ihm auch sagen sollen?
Er sah ja nicht ins Wesen hinein. Er war überzeugt, der Kleine habe von
der Mutter die braunen Augen und alles andere von ihm. Und sie wußte
seit Jahren jeden Tag, daß das Kind die Seele von ihr habe, und daß in
dieser Seele etwas lebe, was dem väterlichen Geist und Wesen
widersprach, unbewußt und mit unverstandenem Schmerze widersprach.
Gewiß, er hatte viel vom Vater, er war ihm fast in allem ähnlich. Aber
den innersten Nerv, dasjenige, was eines Menschen wahres Wesen ausmacht
und geheimnisvoll seine Geschicke schafft, diesen feinen, schönen
Lebensfunken hatte das Kind von ihr, und wer in den innersten Spiegel
seines Herzens hätte sehen können, in die leise wogende, zarte Quelle
des Persönlichsten und Eigensten, hätte dort die Seele der Mutter
gespiegelt gefunden.

                   *       *       *       *       *

Behutsam stand Frau Kömpff auf und trat ans Bett, sie bückte sich zu dem
Schlafenden und sah ihn an mit halbem Bewußtsein, daß sein Gesicht zum
letzten Mal unentstellt das alte sei, das sie so lang gekannt hatte. Sie
hatte es lieb, wenn es auch nicht schön war. Sie wünschte sich noch
einen Tag, noch ein paar gute Stunden für ihn, um ihn noch einmal recht
zu sehen. Er hatte sie nie ganz verstanden, aber ohne seine Schuld, und
eben die Beschränktheit seiner kräftigen und klaren Natur, die auch ohne
inneres Verstehen sich ihr so oft gefügt hatte, erschien ihr liebenswert
und ritterlich. Überschaut hatte sie ihn schon in der Brautzeit, damals
nicht ohne einen feinen Schmerz. Aber er war ihr in herzlicher und
mannhafter Liebe entgegengekommen, und so fein und überlegen sie war,
hatte sie nicht gezögert, mit ihm zu gehen. Es hatte ihr besser
geschienen, sich einem echten und treuen Liebhaber anzuvertrauen, als
auf den Auserlesenen, Unwahrscheinlichen zu warten, dem sie auch ihr
Innerstes hätte zeigen und hingeben können; und sie hatte recht gehabt.

Später war der Mann in seinen Geschäften und unter seinen Kameraden
freilich um ein weniges derber, gewöhnlicher und spießbürgerlich
beschränkter geworden, als ihr lieb war, aber der Grund seiner ehrenhaft
festen Natur war doch geblieben, und sie hatten ein gutes und tüchtiges
Leben miteinander geführt, an dem nichts zu bereuen war. Nur hatte sie
gedacht, den Knaben unmerklich seine Wege gehen zu lassen und es so zu
leiten, daß er frei bleibe und seiner eingeborenen Art unbehindert
folgen könne. Und jetzt ging ihr vielleicht mit dem Vater auch das Kind
verloren.

Der Kranke konnte bis spät in die Nacht hinein schlafen. Dann erwachte
er mit Schmerzen, und gegen den Morgen hin war es deutlich zu sehen, daß
er abnahm und die letzten Kräfte rasch verlor. Doch gab es dazwischen
noch einen Augenblick, wo er ruhig und klar zu reden vermochte. Die
Nachtlampe brannte schwach und rot hinter der Bettstatt, vor den
Fenstern war es noch nächtig und im Hause alles still. Die Frau ruhte
angekleidet im niederen Liegesessel und war durch ihren leisen Schlummer
hindurch beständig gegenwärtig und aufmerksam. Dann begann er zu reden.

»Du,« sagte er. »Du hast doch gehört, daß er es mir versprochen hat?«

»Ja, freilich. Er hat es versprochen.«

»Dann kann ich darüber ganz ruhig sein?«

»Ja, das kannst du.«

»Das ist gut. -- Du, Kornelie, bist du mir böse?«

»Warum?«

»Wegen Walter.«

»Nein, du, gar nicht.«

»Wirklich?«

»Ganz gewiß. Und du mir auch nicht, nicht wahr?«

»Nein, nein. O du! Ich dank' dir auch.«

Sie war aufgestanden und hielt seine Hand. Die Schmerzen kamen und er
stöhnte leise, eine Stunde um die andere, bis er am Morgen erschöpft und
still mit halb offenen Augen lag.

Er starb erst zwanzig Stunden später.

                   *       *       *       *       *

Die schöne Frau trug nun schwarze Kleider und der Knabe ein schwarzes
Florband um den Arm. Sie blieben im Hause wohnen, der Laden aber wurde
verpachtet. Der Pächter hieß Herr Leipolt und war ein kleines,
geschmeidiges Männlein von einer etwas aufdringlichen Höflichkeit. Zu
Walters Vormund war ein gutmütiger Kamerad seines Vaters bestimmt, der
sich selten im Hause zeigte und vor der strengen und scharfblickenden
Witwe einige Angst hatte, die er unter unsicher vorgebrachten Witzen zu
verbergen bestrebt war. Übrigens galt er für einen vorzüglichen
Geschäftsmann. So war fürs erste alles nach Möglichkeit wohlbestellt,
und das Leben im Hause Kömpff ging ohne Störungen weiter, nur etwas
stiller als zu Lebzeiten des Herrn.

Nur mit den Mägden, mit denen schon zuvor eine ewige Not gewesen war,
haperte es wieder mehr als je, und die feine schöne Witwe mußte
zwischenhinein sogar einmal drei Wochen lang selber kochen und das Haus
besorgen. Zwar gab sie nicht weniger Lohn als andere Leute, sparte auch
am Essen der Dienstboten und an Geschenken zu Neujahr keineswegs,
dennoch hatte sie selten eine Magd lang im Hause. Denn während sie in
vielem fast zu freundlich war und namentlich nie ein grobes Wort hören
ließ, zeigte sie in manchen Kleinigkeiten eine kaum begreifliche
Strenge. Vor kurzem hatte sie ein fleißiges, anstelliges Mädchen, an der
sie sehr froh gewesen war, wegen einer winzigen Notlüge entlassen. Das
Mädchen bat und weinte, doch war alles umsonst. Der Frau Kömpff war die
allergeringste Ausrede oder Unoffenheit unerträglicher als zwanzig
zerbrochene Teller oder verbrannte Suppen.

Da fügte es sich, daß die Holderlies nach Gerbersau heimkehrte. Die war
längere Jahre auswärts in Diensten gewesen, brachte ein ansehnliches
Erspartes mit und war hauptsächlich gekommen, um sich nach einem
stattlichen Vorarbeiter aus der Deckenfabrik umzusehen, mit dem sie
vorzeiten ein ehrenhaftes Verhältnis gehabt und der seit langem nicht
mehr geschrieben hatte. Leider kam sie zu spät und fand den Ungetreuen
frisch verheiratet, was ihr so nahe ging, daß sie sogleich wieder
abreisen wollte. Da fiel sie durch Zufall der Frau Kömpff in die Hände,
ließ sich trösten und zum Dableiben überreden und ist von da an volle
dreißig Jahre im Hause geblieben.

Ihr Verhältnis zu Frau Kornelie war etwas Merkwürdiges. Einige Monate
war sie als fleißige und stille Magd in Stube und Küche tätig. Ihr
Gehorsam ließ nichts zu wünschen übrig, doch scheute sie sich auch
gelegentlich nicht, einen Rat unbefolgt zu lassen oder einen erhaltenen
Auftrag sanft zu tadeln. Da sie es in verständiger und gebührlicher
Weise und immer mit voller Offenheit tat, ließ die Frau sich darauf ein,
rechtfertigte sich und ließ sich belehren, und so kam es allmählich, daß
unter Wahrung der herrschaftlichen Autorität die Magd zu einer
Mitsorgerin und Mitarbeiterin herangedieh. Dabei blieb es jedoch nicht.
Sondern eines Abends, nach einer besonders lebhaften und versöhnlich
abgeschlossenen Aussprache über Küchenangelegenheiten, kam es wie von
selber, daß die Lies ihrer Herrin am Tisch bei der Lampe und
feierabendlichen Handarbeit ihre ganze sehr ehrbare, aber nicht sehr
fröhliche Vergangenheit erzählte, worauf Frau Kömpff eine solche Achtung
und Teilnahme für das ältliche Mädchen faßte, daß sie ihre
Offenherzigkeit erwiderte und ihr selber manche von ihren streng
behüteten Erinnerungen mitteilte. Und bald war es beiden zur Gewohnheit
geworden, miteinander über ihre Gedanken und Ansichten zu reden, und die
einsame Frau sprach schließlich mit der Holderlies ohne Scheu sogar über
manche Dinge, auf die einst zwischen ihr und ihrem Manne nie die Rede
gekommen war.

Dabei geschah es, daß unvermerkt vieles von der Denkart der Frau auf die
Magd überging. Namentlich in religiösen Dingen nahm sie viele Ansichten
von ihr an, nicht durch Bekehrung, sondern unbewußt, aus Gewohnheit und
Freundschaft. Frau Kömpff war zwar eine Pfarrerstochter, aber keine ganz
orthodoxe, wenigstens galt ihr die Bibel und ihr angeborenes Gefühl weit
mehr als die Norm der Kirche. Sie wäre möglicherweise längst eine
eifrige Pietistin geworden, wäre sie nicht so ungesellig und scheu
gewesen. Auch waren ihr Bibelauslegung und Gebet kein sehr starkes
Bedürfnis. Desto peinlicher achtete sie darauf, ihr tägliches Tun und
Leben stets im Einklang mit ihrer Ehrfurcht vor Gott und den ihr
gefühlsmäßig innewohnenden Gesetzen zu halten. Dabei sparte sie aber das
Grübeln und auch das Reden und entzog sich den natürlichen Ergebnissen
und Forderungen des Tages nicht, nur bewahrte sie sich ein stilles
Gebiet im Innern, wohin Begebnisse und Worte nicht reichen durften und
wo sie in sich selbst ausruhen oder in unsicheren Lagen Festigung und
Gleichgewicht suchen konnte.

Es konnte nicht ausbleiben, daß von den beiden Frauen und der Art ihres
Zusammenhausens auch der kleine Walter hier und dort beeinflußt wurde.
Doch nahm ihn fürs erste die Schule zu sehr in Anspruch, als daß er viel
für sonstige Gespräche und Belehrungen übrig gehabt hätte. Auch ließ ihn
die Mutter gern in Ruhe, und je sicherer sie seines innersten Wesens
war, desto unbefangener und froher beobachtete sie, wie viele
Eigenschaften und Eigentümlichkeiten des Vaters nach und nach in dem
Kinde zum Vorschein kamen. Namentlich in der äußeren Gestalt wurde er
ihm immer ähnlicher.

Aber wenn auch keine Mißstände zutage traten und niemand etwas
Besonderes an ihm fand, war der Knabe doch von ungewöhnlicher und
vielleicht allzu zwiespältiger Natur. So wenig die braunen Augen in sein
Kömpffsches Familiengesicht paßten, so unverschmelzbar schienen in
seinem Gemüt väterliches und mütterliches Erbteil nebeneinander zu
liegen, so daß es schien, er werde Mühe haben, es zu einem gefestigten
eignen Wesen zu bringen.

Einstweilen spürte selbst die Mutter nur selten etwas davon. Doch war
Walter nun schon in die späteren Knabenjahre getreten, in welchen
allerlei Gärungen und seltsame Rösselsprünge vorkommen und wo die jungen
Leute sich beständig zwischen empfindlicher Schamhaftigkeit und derberem
Wildtun possierlich hin und wieder bewegen. Da war es immerhin
gelegentlich auffallend, wie schnell oft seine Erregungen wechselten und
wie leicht seine Gemütsart umschlagen konnte. Ganz wie sein Vater fühlte
er nämlich das Bedürfnis, sich dem Durchschnitt und herrschenden Ton
anzupassen, war also ein guter Klassenkamerad und Mitschüler, dabei auch
von den Lehrern gern gesehen. Herzensfreunde hatte er nicht, stand aber
fast mit allen vertraulich. Und doch schienen daneben andre Bedürfnisse
in ihm mächtig zu sein. Wenigstens war es manchmal, als besänne er sich
auf sich selbst und lege eine Maske ab, wenn er sich von einem tobenden
Spiel beiseite schlich und sich entweder einsam in seine Dachbodenkammer
setzte oder mit ungewohnter, stummer Zärtlichkeit zur Mutter kam. Gab
sie ihm dann gütig nach und erwiderte sein Liebkosen, so war er
unknabenhaft gerührt und weinte sogar zuweilen. Auch hatte er einst an
einer kleinen Rachehandlung der Klasse gegen den Lehrer teilgenommen und
fühlte sich, nachdem er sich zuvor laut des Streiches gerühmt hatte,
nachher plötzlich so zerknirscht, daß er aus eignem Antrieb hinging und
um Verzeihung bat.

Das alles war erklärlich und sah recht harmlos aus. Es zeigte sich dabei
zwar eine gewisse Schwäche, aber auch das gute Herz Walters, und niemand
hatte Schaden davon. So verlief die Zeit bis zu seinem fünfzehnten Jahr
in Stille und Zufriedenheit für Mutter, Magd und Sohn. Auch Herr Leipolt
gab sich um Walter Mühe, suchte wenigstens seine Freundschaft durch
öfteres Überreichen von kleinen, für Knaben erfreulichen Ladenartikeln
zu erwerben. Dennoch und obwohl Walter die Sachen annahm, liebte er den
allzu höflichen Ladenmann gar nicht und wich ihm nach Kräften aus.

Am Ende des letzten Schuljahrs hatte die Mutter eine Unterredung mit dem
Söhnlein, wobei sie zu erkunden suchte, ob er auch wirklich entschlossen
und ohne Widerstreben damit einverstanden sei, nun Kaufmann zu werden.
Sie traute ihm eher Neigung zu weiteren Schul- und Studienjahren zu.
Aber der Jüngling hatte gar nichts einzuwenden und nahm es für recht und
selbstverständlich hin, daß er jetzt ein Ladenlehrling werde. So sehr
sie im Grunde darüber erfreut sein mußte und auch war, kam es ihr doch
fast wie eine Art von Enttäuschung vor. Doch überwog das Gefühl der
Beruhigung in ihr und sie sah Walters weiterer Zukunft ohne große Sorgen
entgegen. Zwar gab es noch einen ganz unerwarteten Widerstand und
ziemlich herben Streit, indem der Junge sich hartnäckig weigerte, seine
Lehrzeit im eignen Hause unter Herrn Leipolt abzudienen, was das
einfachste und für ihn auch weitaus das leichteste gewesen wäre und bei
Mutter und Vormund längst für selbstverständlich gegolten hatte. Doch
war das nur eine leichte Trübung. Die Mutter fühlte nicht ungern in
diesem festen Widerstand etwas von ihrer eignen Art, sie gab am Ende
nach und es wurde in einem andern Kaufhaus eine Lehrstelle für den
Knaben gefunden.

Walter begann seine neue Tätigkeit mit dem üblichen Stolz und Eifer,
wußte täglich viel davon zu erzählen und gewöhnte sich schon in der
ersten Zeit einige bei den Gerbersauer Geschäftsleuten übliche
Redensarten und Gesten an, die ihm vom Vater her im Blut lagen und zu
denen die Mutter freundlich lächelte. Allein dieser fröhliche Anfang
dauerte nicht sehr lange.

Schon nach kurzer Zeit wurde der Lehrling, der anfangs nur geringe
Handlangerdienste tun oder zusehen durfte, zum Bedienen und Verkaufen am
Ladentisch herangezogen, was ihn zunächst sehr froh und stolz machte,
bald aber in einen schweren Konflikt führte. Kaum hatte er nämlich ein
paarmal selbständig einige Kunden bedient, so deutete sein Lehrherr ihm
an, er möge vorsichtiger mit der Wage umgehen. Walter war sich keines
Versäumnisses bewußt und bat um eine genauere Anweisung.

»Ja, weißt du denn das nicht schon von deinem Vater her?« fragte der
Kaufmann.

»Was denn? Nein, ich weiß nichts,« sagte Walter verwundert.

Nun zeigte ihm der Prinzipal, wie man beim Zuwägen von Salz, Kaffee,
Zucker und dergleichen durch ein nachdrückliches letztes Zuschütten die
Wage scheinbar zugunsten des Käufers niederdrücken müsse, indessen
tatsächlich noch etwas am Gewicht fehle. Das sei schon deshalb
notwendig, da man zum Beispiel am Zucker ohnehin fast nichts verdiene.
Auch merke es ja niemand.

Walter war ganz bestürzt.

»Aber das ist ja unrecht,« sagte er schüchtern.

Der Kaufmann belehrte ihn eindringlich, aber er hörte kaum zu, so
überwältigend war ihm die Sache gekommen. Und plötzlich fiel ihm die
vorige Frage des Prinzipals wieder ein. Mit rotem Kopf unterbrach er
zornig dessen Rede und rief: »Und mein Vater hat das nie getan, ganz
gewiß nicht.«

Der Herr war unangenehm erstaunt, unterdrückte aber klüglich eine
heftige Zurechtweisung und sagte mit Achselzucken: »Das weiß ich besser,
du Naseweis. Es gibt keinen vernünftigen Laden, wo man das nicht tut.«

Der Junge war aber schon an der Tür und hörte nicht mehr auf den Mann,
der ihn scheltend und drohend zurückrief, sondern ging im hellen Zorn
und Schmerz nach Hause, wo er durch sein Erlebnis und seine Klagen die
Mutter in nicht geringe Bestürzung und Verlegenheit brachte. Sie wußte,
mit welcher gewissenhaften Ehrerbietung er seinen Lehrherrn betrachtet
hatte und wie sehr es seiner Art widerstrebte, Auffallendes zu tun und
Szenen zu machen. Aber sie verstand Walter diesmal sehr gut und freute
sich trotz aller augenblicklichen Sorge, daß sein empfindliches Gewissen
stärker als Gewohnheit und Rücksicht gewesen war. Sie suchte nun
zunächst selbst den Kaufmann auf und sprach beruhigend mit ihm, obwohl
es ihr sauer wurde; dann mußte der Vormund zu Rate gezogen werden, dem
nun wieder Walters Auflehnung und Entrüstung unbegreiflich war und der
durchaus nicht verstand, daß ihm die Mutter auch noch recht gebe. Auch
er ging zum Prinzipal und sprach mit ihm. Dann schlug er der Mutter vor,
den Jungen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, was auch geschah. Doch war
dieser auch nach drei und nach vier und nach acht Tagen nicht zu
bewegen, wieder in jenen Laden zu gehen. Und wenn wirklich jeder
Kaufmann es nötig habe, zu betrügen, sagte er, so wolle er auch keiner
werden.

Nun hatte der Vormund in einem etwas weiter talaufwärts gelegenen
Städtchen einen Bekannten, der ein kleines Ladengeschäft betrieb und für
einen Frömmler und Stundenbruder galt, als welchen auch er ihn gering
geschätzt hatte. Diesem schrieb er in seiner Ratlosigkeit, und der Mann
antwortete in Bälde, er halte zwar sonst keinen Lehrling, sei aber
bereit, Walter einmal versuchsweise bei sich aufzunehmen. So ungern die
Mutter den Jungen jetzt schon von Hause weggab, konnte sie doch nichts
Ernstliches einwenden, und so wurde Walter nach Deltingen gebracht und
jenem Kaufmann übergeben.

Der hieß Leckle und wurde in der Stadt »der Schlotzer« geheißen, weil er
in nachdenklichen Augenblicken seine Gedanken und Entschlüsse aus dem
linken Daumen zu saugen pflegte. Davon abgesehen, war er zwar wirklich
sehr fromm und Mitglied einer kleinen Sekte, aber darum kein
schlechterer Kaufmann. Er machte sogar in seinem Lädchen vorzügliche
Geschäfte und stand trotz seinem stets schäbigen Äußeren im Geruch eines
sehr wohlhabenden Mannes. Er nahm Walter ganz zu sich ins Haus, und
dieser fuhr dabei nicht übel; denn war der Schlotzer etwas knapp und
krittlig, so war Frau Leckle eine sanfte Seele voll unnötigen Mitleids
und suchte, soweit es in der Stille geschehen konnte, den Lehrling durch
Trostworte und Tätscheln und gute Bissen nach Kräften zu verwöhnen.
Vielleicht hätte er das lieber abgewiesen, aber dazu war er zu jung,
auch machte ihn in der ersten Zeit das Heimweh schmiegsam und dankbar
für ihre Zärtlichkeiten.

Im Leckleschen Laden ging es zwar genau und sparsam zu, aber nicht auf
Kosten der Kunden, denen Zucker und Kaffee gut und vollwichtig zugewogen
wurden. Walter Kömpff begann daran zu glauben, daß man auch als Kaufmann
ehrlich sein und bleiben könne, und da es ihm an Geschick zu seinem
Beruf nicht fehlte, kam er rasch vorwärts und war selten einem Verweis
seines strengen Lehrpatrons ausgesetzt. Doch war die Kaufmannschaft
nicht das einzige, was er in Deltingen zu lernen bekam. Der Schlotzer
nahm ihn fleißig in die »Stunden« mit, die manchmal sogar in seinem
Hause stattfanden. Da saßen Bauern, Schneider, Bäcker, Schuster
beisammen, bald mit, bald ohne Weiber, und suchten den Hunger ihres
Geistes und ihrer Gemüter an Gebet, Laienpredigt und gemeinschaftlicher
Bibelauslegung zu stillen. Zu diesem Treiben steckt im
schwarzwälderischen Volk ein starker Zug, und es sind meistens die
besseren und höher angelegten Naturen, die sich ihm anschließen. Außer
gelegentlichen harmlosen Unfreundlichkeiten gegen Kirche und Pfarrer ist
dabei auch noch selten etwas Schlimmes herausgekommen, und das mit den
Fabriken um sich greifende moderne Übel der Verflachung und
Seelenlosigkeit hat am Pietismus einen kräftigen und ehrenwerten Feind.
Gerade in den Fabriken gibt es manche solche Fromme, die unter Spott und
Mißachtung fest bleiben und täglich zu Helden und Märtyrern werden,
wovor die aufgeklärten Großmäuler und Schwindelidealisten billig Respekt
haben dürften.

Daß es unter diesen wacker strebenden Hungrigen des Geistes nicht an
seltsamen und auch närrischen Brüdern fehlt, ist natürlich und schadet
der Sache nichts. Immerhin gewann der junge Walter an einigen solchen
Käuzen einen zweifelhaften Eindruck. Im ganzen war er, ob ihm auch das
Bibelerklären manchmal zu viel wurde, diesem Wesen von Natur nicht
abgeneigt und brachte es öfters zu wirklicher Andacht. Aber er war nicht
nur sehr jung, sondern auch ein Gerbersauer Kömpff; als ihm daher nach
und nach auch einiges Lächerliche an der Sache aufstieß und als er immer
öfter Gelegenheit hatte, andre junge Leute sich über sie lustig machen
zu hören, da wurde er mißtrauisch und hielt sich möglichst zurück. Wenn
es auffällig und gar lächerlich war, zu den Stundenbrüdern zu gehören,
so war das nichts für ihn, dem trotz allen widerstrebenden Regungen das
Verharren im Üblichen und bürgerlich Hergebrachten ein unbewußtes, aber
desto tieferes Bedürfnis war. Immerhin blieb von dem Stundenwesen und
vom Geist des Leckleschen Hauses genug an ihm hängen.

Er hatte sich schließlich sogar so eingewöhnt, daß er nach Abschluß
seiner Lehrzeit sich scheute, fortzugehen und trotz allen Mahnungen des
Vormundes noch zwei volle Jahre bei dem Schlotzer blieb. Viel trug es
auch zu seinem dortigen Wohlsein bei, daß er von Deltingen aus
mindestens einmal im Monat für einen Sonntag heimfahren und bei der
Mutter sein konnte.

Endlich nach zwei Jahren gelang es dem Vormund, ihn zu überzeugen, daß
er notwendig noch ein Stück Welt und Handelschaft kennen lernen müsse,
um später einmal sein eigenes Geschäft führen zu können. So ging denn
Walter am Ende in die Fremde, ungern und zweifelnd, nachdem er zuvor
seine Militärzeit abgedient hatte. Ohne diese rauhe Vorschule hätte er
es vermutlich nicht lange im fremden Leben draußen ausgehalten. Auch so
ging es ihm noch kunterbunt genug und fiel es ihm nicht leicht, sich
durchzubringen. An sogenannten guten Stellen fehlte es ihm freilich
nicht, da er überall mit guten Empfehlungen ankam. Aber innerlich hatte
er viel zu schlucken und zu flicken, um sich oben zu halten und nicht
davonzulaufen. Zwar mutete ihm niemand mehr zu, beim Wägen zu mogeln,
denn er war nun meist in den Kontors großer Geschäfte tätig, aber wenn
auch keine beweisbaren Unredlichkeiten geschahen, kam ihm doch der ganze
Umtrieb und Wettbewerb ums Geld oft unleidlich roh und grausam und
nüchtern vor, besonders da er nun keinen Umgang mehr mit Leuten von des
Schlotzers Art hatte und nicht wußte, wo er die unklaren Bedürfnisse
seiner Phantasie befriedigen sollte.

Trotzdem biß er sich durch, arbeitete treulich und lernte viel, und fand
sich allmählich mit müde gewordener Ergebung darein, daß es nun einmal
so sein müsse, daß auch sein Vater es nicht besser gehabt habe und daß
alles mit Gottes Willen geschehe. Die geheime, sich selber nicht
verstehende Sehnsucht nach der Freiheit eines klaren, in sich
begründeten und befriedigten Lebens starb allerdings niemals ganz in ihm
ab, nur wurde sie stiller und glich ganz jenem seinen, stetigen
Schmerze, mit dem jeder tiefer veranlagte Mensch am Ende der
Jünglingsjahre sich in die Ungenüge des Lebens findet und in dem die
reifende Manneswürde oft ihre tiefsten Wurzeln stecken hat.

Seltsam war es nun, daß es wieder die größte Mühe kostete, ihn nach
Gerbersau zurückzubringen. Anfänglich hatte ihn zwar in Köln, wo er
damals lebte, eine Verliebtheit festgehalten. Allein das Mädchen, um das
er sich Mühe gab, wollte nichts von ihm wissen und hätte wohl auch
schlecht zu ihm gepaßt. Sie verlobte sich mit einem Einheimischen, und
Kömpff hätte allen Grund gehabt, sich jetzt zur Mutter und in die Heimat
zu flüchten, da es um seine innere Festigkeit und Lebensfreude übel
bestellt war. Dennoch und obwohl er einsah, daß es sein Schade sei, das
heimische Geschäft länger als nötig in fremder Pacht zu lassen, wollte
er durchaus nicht heimkommen. Es war nämlich, je näher diese
Notwendigkeit ihm rückte, eine wachsende und zuletzt fast verzweifelte
Angst in ihn gefahren. Wenn er erst einmal im eignen Haus und Laden saß,
sagte er sich, dann gab es vollends kein Entrinnen mehr. Es graute ihm
davor, nun auf eigne Rechnung Geschäfte zu treiben, da er zu wissen
glaubte, daß das die Leute schlecht mache. Wohl kannte er manche große
und kleine Handelsleute, die durch Rechtlichkeit und edle Gesinnung
ihrem Stand Ehre machten und ihm verehrte Vorbilder waren; aber das
waren sämtlich kräftige, scharfe Persönlichkeiten, denen Achtung und
Erfolg von selbst entgegenzukommen schienen, und soweit kannte sich
Kömpff, daß er wußte, diese Kraft und Einheitlichkeit gehe ihm völlig
ab.

Fast ein Jahr lang zog er die Sache hin. Dann mußte er wohl oder übel
kommen, denn Leipolts schon einmal verlängerte Pachtzeit war nächstens
wieder abgelaufen, und dieser Termin konnte ohne erheblichen Verlust
nicht versäumt werden.

Er gehörte schon nicht mehr ganz zu den Jungen, als er gegen
Wintersanfang mit seinem Koffer in der Heimat anlangte und das Haus
seiner Väter in Besitz nahm. Äußerlich glich er nun fast ganz seinem
Vater, wie derselbe zur Zeit seiner Verheiratung ausgesehen hatte. In
Gerbersau wußte auch außer seiner Mutter niemand, wie es nun bei ihm
aussah, und so nahm man ihn überall mit der ihm zukommenden freundlichen
Achtung als den heimkehrenden Erben und Herrn eines respektabeln Hauses
und Vermögens auf, und Kömpff fand sich leichter, als er gedacht hatte,
in die Rolle eines wohlgeschätzten und ehrenwerten Jungbürgers. Die
Freunde seines Vaters gönnten ihm wohlwollende Grüße und hielten darauf,
daß er sich ihren Söhnen anschließe. Die ehemaligen Schulkameraden
schüttelten ihm die Hand, wünschten ihm Glück und führten ihn an die
Stammtische im Hirschen und im Anker ein. Überall fand er durch das
Vorbild und Gedächtnis seines Vaters nicht nur einen Platz offen,
sondern auch einen unausweichlichen Weg vorgezeichnet und wunderte sich
nur zuweilen, daß ihm ganz dieselbe Wertschätzung wie einst dem Vater
zufiel, während er fest überzeugt war, daß jener ein ganz andrer Kerl
gewesen sei und sich seiner vielleicht jetzt schämen würde.

Da Herrn Leipolts Pachtzeit schon in sechs Wochen abgelaufen war, hatte
Kömpff in dieser ersten Zeit vollauf zu tun, sich mit den Büchern und
dem Inventar bekannt zu machen, mit Leipolt abzurechnen und sich bei
Lieferanten und Kunden einzuführen. Er konnte nachrechnen, daß der
Pächter sich in all den Jahren ein kleines Vermögen erworben habe, das
er ihm aber gönnte denn er fand das Geschäft in guter Ordnung und
leidlicher Blüte. Er saß oft nachts noch über den Büchern und war im
stillen froh, gleich so viel Arbeit angetroffen zu haben, denn er vergaß
darüber zunächst die tiefersitzenden Sorgen und konnte sich, ohne daß es
auffiel, noch eine Zeitlang den Fragen der Mutter entziehen. Er fühlte
wohl, daß für ihn wie für sie ein gründliches Aussprechen notwendig sei,
und das schob er gern noch hinaus. Im übrigen begegnete er ihr mit einer
ehrlichen, etwas verlegenen Zärtlichkeit, denn es war ihm plötzlich
wieder klar geworden, daß sie doch der einzige Mensch in der Welt sei,
der zu ihm passe und ihn verstehe und in der rechten Weise liebhabe.

Als endlich alles im Gange und der Pächter abgezogen war, als Walter die
meisten Abende und auch den Tag über manche halbe Stunde bei der Mutter
saß, erzählte und sich erzählen ließ, da kam ganz ungesucht und
ungerufen auch die Stunde, in der Frau Kornelie sich das Herz ihres
Sohnes erschloß und wieder wie zu seinen Knabenzeiten seine etwas scheue
und unstete Seele offen vor sich sah. Mit wunderlichen Empfindungen fand
sie ihre alte Ahnung bestätigt: ihr Sohn war, allem Anschein zum Trotz,
im Herzen kein Kömpff und kein Kaufmann geworden, er stak nur, innerlich
ein Kind geblieben, in der aufgenötigten Rolle und ließ sich verwundert
treiben, ohne daß er lebendig mit dabei war. Er konnte rechnen,
buchführen, einkaufen und verkaufen wie ein andrer, aber es war eine
erlernte, unwesentliche Fertigkeit. Und nun hatte er die doppelte Angst,
entweder seine Rolle schlecht zu spielen und dem väterlichen Namen
Unehre zu machen, oder am Ende in ihr zu versinken und schlecht zu
werden und seine Seele ans Geld zu verlieren.

                   *       *       *       *       *

Es kam nun eine lange Reihe von stillen Jahren. Herr Kömpff merkte
allmählich, daß die ehrenvolle Aufnahme, die er in der Heimatstadt
gefunden hatte, zu einem Teil auch seinem ledigen Stande galt. Daß er
trotz vielen Verlockungen älter und älter wurde, ohne zu heiraten, war
-- wie er selbst mit schlechtem Gewissen fühlte -- ein entschiedener
Abfall von den hergebrachten Regeln der Stadt und des Hauses. Doch
vermochte er nichts dawider zu tun. Auch nachdem der Schmerz um jene
frühere Liebe still geworden und eingeschlafen war, ging es nicht
besser. Denn nun ergriff ihn mehr und mehr eine peinliche Scheu vor
allen wichtigen Entschlüssen. Er mußte fast lachen, wenn er bedachte,
daß er eigentlich nun heiraten sollte. Er hatte zu sorgen genug, wie
sollte er auch noch ein Familienherr und Vater werden mögen! Wie hätte
er seine Frau und gar die Kinder behandeln sollen, er, der sich selber
oft wie ein Knabe vorkam mit seiner Herzensunruhe und seinem mangelnden
Zutrauen zu sich selber? Manchmal, wenn er am Stammtisch in der
Honoratiorenstube seine Altersgenossen sah, wie sie auftraten und sich
selber und einer den andern ernst nahmen, wollte es ihn wundern, ob
diese wirklich alle in ihrem Innern sich so sicher und männlich
gefestigt vorkamen, wie es den Anschein hatte. Und wenn das war, warum
nahmen sie ihn dann ernst und warum merkten sie nicht, daß es mit ihm
ganz anders stand?

Solche Fragen kamen ihm zuweilen. Aber es dachte kein Mensch daran, ihn
etwa nicht für voll zu nehmen und seinem bürgerlich biederen Aussehen
und Auftreten irgend zu mißtrauen. Und doch war er in vielem geradezu
ein Kind. Obwohl vielleicht in sechs, acht Jahren man ihn gewiß in den
Gemeinderat wählen würde, schien ihm das doch unmöglich und lächerlich
und kam ihm diese Ehre immer ebenso seltsam, großartig und entlegen vor
wie damals, als er noch in die Schule ging und mit Ehrerbietung und
Erstaunen davon reden hörte, sein Vater käme vielleicht das nächste Jahr
in den Gemeinderat -- lieber Gott! Sie hätten ihn ebensogut zum Papst
machen können. Es schien ihm, als spielten alle Leute Komödie.

So hätte er das seltsame Schauspiel eines geachteten, wohlhabenden
Bürgers gewährt, dem auf der Welt nichts mangelt als die Hauptsache,
nämlich das Zutrauen zu sich selber. Doch sah das niemand, kein Kunde im
Laden und kein Kollege und Kamerad auf dem Markt oder beim Schoppen,
außer der Mutter. Diese mußte ihn freilich genau kennen, denn bei ihr
saß das große Kind immer wieder, klagend, Rat haltend und fragend, und
sie beruhigte ihn und beherrschte ihn, ohne es zu wollen. Die Holderlies
aber nahm bescheiden daran teil. Die drei merkwürdigen Leute, wenn sie
abends beisammen waren, sprachen ungewöhnliche Dinge miteinander. Sein
immerfort unruhiges Gewissen trieb den Kaufmann auf neue und wieder neue
Fragen und Gedanken, über die man zu Rate saß und aus der Erfahrung und
aus der Bibel Aufschlüsse suchte und Anmerkungen machte. Der Mittelpunkt
aller Fragen war der Übelstand, daß Herr Kömpff nicht glücklich war und
es gern gewesen wäre.

Ja, wenn er eben geheiratet hätte, meinte die Lies seufzend. O nein,
bewies aber der Herr, wenn er geheiratet hätte, wäre es eher noch
schlimmer; er wußte viele Gründe dafür. Aber wenn er etwa studiert
hätte, oder er wäre Schreiber oder ein Handwerker geworden. Da wäre es
so und so gegangen. Und der Herr bewies, daß er dann wahrscheinlich erst
recht im Pech wäre. Man probierte es mit dem Schreiner, Schullehrer,
Pfarrer, Arzt, aber es kam auch nichts dabei heraus.

»Und wenn es auch vielleicht ganz gut gewesen wäre,« schloß er traurig,
»es ist ja doch alles anders und ich bin Kaufmann wie der Vater.«

Zuweilen erzählte Frau Kornelie vom Vater. Davon hörte er immer gern.
>Ja, wenn ich ein Mann wäre, wie der einer gewesen ist!< dachte er dabei
und sagte es auch bisweilen. Darauf lasen sie ein Bibelkapitel oder auch
irgend eine Geschichte, die man aus der Bürgervereinsbibliothek da
hatte. Und die Mutter zog Schlüsse aus dem Gelesenen und sagte: »Man
sieht, die wenigsten Leute treffen es im Leben gerade so, wie es gut für
sie wäre. Es muß jeder genug durchmachen und leiden, auch wenn man's ihm
nicht ansieht. Der liebe Gott wird es schon wissen, zu was es gut ist,
und einstweilen muß man es eben auf sich nehmen und Geduld haben.«

Dazwischen trieb Walter Kömpff seinen Handel, rechnete und schrieb
Briefe, erschien als ruhiger Gast an den regelmäßigen Wochenabenden,
machte da und dort einen Besuch und ging in die Kirche, alles pünktlich
und ordentlich, wie es das Herkommen erforderte. Im Lauf der Jahre
schläferte ihn das auch ein wenig ein, doch niemals ganz; in seinem
Gesicht stand immer etwas, das einem verwunderten und bekümmerten
Sichbesinnen ähnlich sah.

Seiner Mutter war anfangs dies Wesen ein wenig beängstigend. Sie hatte
gedacht, er würde vielleicht noch weniger zufrieden, aber mannhafter und
entschiedener werden. Dafür rührte sie wieder die gläubige Zuversicht,
mit der er an ihr hing und nicht müde wurde, alles mit ihr zu teilen und
gemeinsam zu haben. Und wie die Zeiten dahinliefen und alles im Gleichen
blieb, gewöhnte sie sich völlig daran und fand nicht viel Besonderes und
Beunruhigendes mehr an seinem bekümmerten und ziellosen Wesen.

                   *       *       *       *       *

So stand es und so blieb es. Walter Kömpff war nun nahe an vierzig und
hatte nicht geheiratet und sich wenig verändert. In der Stadt ließ man
sein etwas zurückgezogenes Leben als eine Junggesellenschrulle hingehen
und wußte glücklicherweise nicht, wie eigentümlich es in der großen
Vorderstube seines Hauses an den stillen Abenden aussah, an denen er mit
den beiden alten Frauen seine ernsten Beratungen hielt und auf die
Mutter hörte wie ein Zehnjähriger. Daß in dies resignierte Leben noch
eine Änderung kommen könnte, hatte er nie gedacht.

Sie kam aber plötzlich, indem Frau Kornelie, deren langsames Altern man
kaum bemerkt hatte, auf einem kurzen Krankenlager vollends ganz weiß
wurde, sich wieder aufraffte und wieder erkrankte, um nun schnell und
still zu sterben. Am Totenbette, von dem der Herr Stadtpfarrer eben
weggegangen war, standen der Sohn und die alte Magd.

»Lies, geh hinaus,« sagte Herr Kömpff.

»Ach, aber lieber Herr --!«

»Geh hinaus, sei so gut!«

Sie ging hinaus und saß ratlos in der Küche. Nach einer Stunde klopfte
sie, bekam keine Antwort und ging wieder. Und wieder kam sie nach einer
Stunde und klopfte vergebens. Sie klopfte noch einmal.

»Herr Kömpff! O Herr!«

»Sei still, Lies!« rief es von drinnen.

»Und mit dem Nachtessen?«

»Sei still, Lies. Iß du nur!«

»Und Sie nicht?«

»Ich nicht. Laß jetzt gut sein! Gute Nacht!«

»Ja, darf ich denn gar nimmer hinein?«

»Morgen dann, Lies.«

Sie mußte davon abstehen. Aber nach einer schlaflosen Kummernacht stand
sie morgens schon um fünf Uhr wieder da.

»Herr Kömpff!«

»Ja, was ist?«

»Soll ich gleich Kaffee machen?«

»Wie du meinst.«

»Und dann, darf ich dann hinein?«

»Ja, Lies.«

Sie kochte ihr Wasser und nahm die zwei Löffel gemahlenen Kaffee und
Zichorie, ließ das Wasser durchlaufen, trug Tassen auf und schenkte ein.
Dann kam sie wieder.

Er schloß auf und ließ sie hereinkommen. Sie kniete ans Bett und sah die
Tote an und rückte ihr die Tücher zurecht. Dann stand sie auf und sah
nach dem Herrn und besann sich, wie sie ihn anreden solle. Aber wie sie
ihn ansah, kannte sie ihn kaum wieder. Er war blaß und hatte ein
schmales Gesicht und machte große merkwürdige Augen, als wollte er einen
durch und durch schauen, was sonst gar nicht in seiner Art war.

»Sie sind gewiß nicht wohl, Herr --«

»Ich bin ganz wohl. Wir können ja jetzt Kaffee trinken.«

Das taten sie, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Aber der Lies schien
es durchaus nötig, daß das große Unglück auch beredet werde, schon weil
es ihr mißfiel und gefährlich vorkam, daß ihr Herr seinen ganzen Schmerz
und Schrecken in sich verschloß. Also fing sie nach einigem Warten
wieder an:

»Unsere liebe, arme Frau! Ja, Herr Kömpff, das ist ein schwerer Schlag
für uns.«

Sie sagte erst seit gestern »Herr Kömpff« zu ihm, bisher hatte er für
sie »Herr Walter« geheißen.

Er gab keine Antwort.

»Lieber Gott,« fing sie nochmals an, »und so schnell ist es gegangen,
kein Mensch hat daran gedacht. Es ist ja gut für sie. Wenn sie auch noch
lang hätte leiden müssen! Aber für uns ist es doch schrecklich traurig.«

»Ja, Lies.«

»Nicht wahr? Und sie war auch noch gar nicht so besonders alt. Du liebe
Zeit, vierundsechzig! Das ist doch noch lang kein hohes Alter, Herr
Kömpff.«

Er blickte sie mit seinen großen, veränderten Augen an.

»Jesus, was fehlt Ihnen?« rief sie bestürzt.

»Nichts, Lies. Aber du gehst jetzt hinaus und läßt mich in Ruhe.«

Den ganzen Tag, während die Leichenfrau da war und die Tote besorgte,
saß er allein in der Stube. Es kamen ein paar Trauerbesuche, die er sehr
ruhig empfing und sehr bald und kühl wieder verabschiedete, ohne daß er
jemand die Tote sehen ließ. Nachts wollte er wieder bei ihr wachen,
schlief aber auf dem Stuhle ein und wachte erst gegen Morgen auf. Erst
jetzt fiel es ihm ein, daß er sich schwarz anziehen müsse. Er holte
selber den Gehrock aus dem Kasten. Abends war die Beerdigung, wobei er
nicht weinte und sich sehr ruhig benahm. Desto aufgeregter war die
Holderlies, die in ihrem weiten Staatskleid und mit rotgeweintem Gesicht
den Zug der Weiber anführte. Über das nasse Sacktuch weg äugte sie
fortwährend, vor Tränen blinzelnd, nach ihrem Herrlein hinüber, um das
sie Angst hatte. Sie fühlte gut, daß dieses kalte und ruhige Gebaren
nicht aus seinem inneren Wesen kam und daß die trotzige Verschlossenheit
und Einsiedlerei ihn verzehren müsse.

Doch gab sie sich vergebens Mühe, ihn seiner Erstarrung zu entreißen. Er
saß daheim am Fenster oder lief ruhelos durch die Zimmer. An der
Ladentür verkündete ein Zettel, daß das Geschäft für drei Tage
geschlossen sei. Es blieb aber auch am vierten und fünften Tag zu, bis
einige Bekannte ihn dringend mahnten.

Kömpff stand nun wieder hinter dem Ladentisch, wog, rechnete und nahm
Geld ein, aber er tat es, ohne dabei zu sein. An den Abenden der
Bürgergesellschaft und der Hirschengäste erschien er nicht mehr und man
ließ ihn gewähren, da er ja in Trauer war. In seiner Seele war es leer
und still. In der ersten Verzweiflung nach dem Tod der Mutter hatte es
ihn stark gelüstet, sich in einer dunkeln Bodenkammer aufzuhängen. Denn
wie sollte er nun leben? Eine tödliche Ratlosigkeit hielt ihn wie ein
Krampf bestrickt, er konnte nicht stehen noch fallen, sondern fühlte
sich ohne Boden im Leeren schweben. Daß er die Kammer mied und den
Strick unberührt ließ, geschah ohne Überlegung aus einer verborgen
fortwirkenden Gewissenhaftigkeit, über die er nicht Herr war.

Nach einiger Zeit begann es ihn unruhig zu treiben; er fühlte, daß
irgend etwas geschehen müsse, nicht von außen her, sondern aus ihm
selbst heraus, um ihn zu befreien. Damals fingen nun auch die Leute an,
etwas zu merken, und die Zeit begann, in der Walter Kömpff zum
bekanntesten und meistbesprochenen Mann in Gerbersau wurde.

                   *       *       *       *       *

Wie es scheint, hatte der sonderbare Kaufmann in diesen Zeiten, da er
sein Leben erobern wollte und sein Schicksal der Reife nahe fühlte, ein
starkes Bedürfnis nach Einsamkeit und ein Mißtrauen gegen sich selbst,
das ihm gebot, sich von gewohnten Einflüssen zu befreien und sich
gewissermaßen eine eigne, abschließende Atmosphäre zu schaffen.
Wenigstens fing er nun an, die beiden Wirtshausabende zu meiden;
anfänglich entschuldigte er sich noch bei seinen Herren Freunden, dann
hörte auch dieses auf, und man begann ihn für einen unfeinen Bruder zu
halten. Schlimmer war, daß er um dieselbe Zeit die treue Holderlies zu
entfernen suchte.

»Vielleicht kann ich dann die selige Mutter eher vergessen,« sagte er
und bot der Lies ein beträchtliches Geschenk an, daß sie in Frieden
abgehe. Die alte Dienerin lachte jedoch nur und erklärte, sie gehöre nun
einmal ins Haus und werde auch bleiben. Sie wußte gut, daß ihm nicht
daran gelegen war, seine Mutter zu vergessen, daß er vielmehr ihrem
Andenken stündlich nachhing und keinen geringsten Gegenstand vermissen
mochte, der ihn an sie erinnerte. Und vielleicht verstand die Holderlies
ihres Herrn Gemütszustände ahnungsweise schon damals; jedenfalls verließ
sie ihn nicht, sondern sorgte mütterlich für sein verwaistes Hauswesen
und half ihm auch das Gedächtnis der Hingegangenen redlich pflegen.

Es muß nicht leicht für sie gewesen sein, in jenen Tagen bei dem
Sonderling auszuharren. Walter Kömpff begann damals zu fühlen, daß er zu
lange das Kind seiner Mutter geblieben war. Stürme, die ihn nun
bedrängten, waren schon jahrelang in ihm gewesen, und er hatte sie
dankbar von der Mutterhand beschwören und besänftigen lassen. Jetzt
schien ihm aber, es wäre besser gewesen, beizeiten zu scheitern und neu
zu beginnen, statt erst jetzt, da er nicht mehr bei Jugendkräften und
durch jahrelange Gewohnheit hundertfach gefesselt und gelähmt war. Seine
Seele verlangte so leidenschaftlich wie jemals nach Freiheit und
Gleichgewicht, aber sein Kopf war der eines Kaufmanns und sein ganzes
Leben lief eine feste, glatte Bahn abwärts und er wußte keinen Weg, aus
diesem sicheren Gleiten sich auf neue, bergan führende Pfade zu retten.

Und während er mit zärtlicher Trauer jede Erinnerung an die gestorbene
Mutter wach erhielt und innig am Herzen hegte, schämte er sich dieser
Treue und hielt sich täglich vor, wie notwendig es ihm sei, von heute an
ein eignes Leben zu führen und keine Stimme mehr zu lieben und zu hören
als das Schreien seines vereinsamten Herzens nach Rast und Erlösung.

In seiner Not besuchte er mehrmals die abendlichen Versammlungen der
Pietisten. Eine Ahnung des Trostes und der Erbauung wachte dort zwar in
ihm auf, doch mißtraute er heimlich der inneren Wahrhaftigkeit dieser
Männer, die oft ganze Abende mit unendlich kleinlichen Versuchen einer
untheologischen Bibelauslegung verbrachten, viel verbissenen
Autodidaktenstolz an den Tag legten und selten recht einig untereinander
waren. Es mußte eine Quelle des Vertrauens und der Gottesfreude geben,
eine Möglichkeit der Heimkehr zur Kindeseinfalt und in Gottes Arme; aber
hier, meinte er, war sie nicht. Die Redner und Gäste dieser
Versammlungen waren alle ehrenwerte, redliche Menschen, aber sie hatten
doch alle, schien ihm, irgend einmal einen Kompromiß geschlossen und
hielten in ihrem Leben eine irgend einmal angenommene Grenze zwischen
Geistlichem und Weltlichem inne. Eben das hatte Kömpff selber sein Leben
lang getan, und eben das hatte ihn müde und traurig gemacht und ohne
Trost gelassen.

Das Leben, das er sich dachte, müßte in allen kleinsten Regungen Gott
hingegeben und von herzlichem Vertrauen erleuchtet sein. Er wollte keine
noch so geringe Tätigkeit mehr verrichten, ohne dabei mit sich und mit
Gott einig zu sein. Und er wußte genau, daß dies süße und heilige Gefühl
ihm bei Rechnungsbuch und Ladenkasse niemals zuteil werden könne. In
seinem Sonntagsblättlein las er zuweilen von großen Laienpredigern und
gewaltigen Erweckungen in Amerika, in Schweden oder Schottland, von
Versammlungen, in denen Dutzende und Hunderte, vom Blitz der Erkenntnis
getroffen, sich gelobten, fortan ein neues Leben im Geist und in der
Wahrheit zu führen. Bei solchen Berichten, die er mit Sehnsucht
verschlang, hatte Kömpff ein Gefühl, als steige Gott selber zuzeiten auf
die Erde herab und wandle unter den Menschen, da oder dort, in manchen
Ländern, aber niemals hier, aber niemals in seiner Nähe.

Die Holderlies erzählte, er habe damals jämmerlich ausgesehen. Sein
gutes, ein wenig kindliches Gesicht wurde mager und scharf, die Falten
tiefer und härter. Auch ließ er, der bisher das Gesicht glatt getragen
hatte, jetzt den Bart ohne Pflege stehen, einen dünnen, farblos blonden
Bart, um den ihn die Buben auslachten. Nicht weniger vernachlässigte er
seine Kleidung, und ohne die zähe Fürsorge der bekümmerten Magd wäre er
schnell vollends zum Kindergespött geworden. Den ölfleckigen alten
Ladenrock trug er meistens auch bei Tisch und auch abends, wenn er auf
seine langen Spaziergänge ausging, von denen er oft erst gegen
Mitternacht heimkam.

Nur den Laden ließ er nicht verkommen. Das war das letzte, was ihn mit
der früheren Zeit und mit dem Althergebrachten verband, und er führte
seine Bücher peinlich weiter, stand selber den ganzen Tag im Geschäft
und bediente. Freude hatte er nicht daran, obwohl die Geschäfte
erfreulich gingen. Aber er mußte eine Arbeit haben, er mußte sein
Gewissen und seine Kraft an eine feste, immerwährende Pflicht binden,
sonst hätte ihn das planlose Suchen und Sehnsuchtleiden verzehrt. Auch
wußte er genau, daß mit dem Aufgeben seiner gewohnten Tätigkeit ihm die
letzte Stütze entgleiten und er rettungslos den Mächten verfallen würde,
die er nicht weniger fürchtete als verehrte.

                   *       *       *       *       *

In kleinen Städtlein gibt es immer irgendeinen armen, entgleisten
Bettler und Tunichtgut, einen alten Säufer oder entlassenen
Zuchthäusler, der jedermann zum Spott und Ärgernis dient und als Entgelt
für die spärliche Wohltätigkeit der Stadt den Kinderschreck und
verachteten Auswürfling abgeben muß. Als solcher diente zu jenen Zeiten
ein Alois Beckeler, genannt Göckeler, ein schnurriger, alter Taugenichts
und weltkundiger Herumtreiber, der nach langen Landstreicherjahren hier
hängen geblieben war. Sobald er etwas zu beißen und zu trinken
hatte, tat er großartig und gab in den Kneipen eine drollige
Faulpelzphilosophie zum besten, nannte sich Fürst von Ohnegeld und
Erbprinz von Schlaraffia, bemitleidete jedermann, der von seiner Hände
Arbeit lebte, und fand immer ein paar Zuhörer, die ihn halb heimlich
bewunderten, halb verachtend protegierten und ihm manchen Schoppen
zahlten.

Eines Abends, als Herr Walter Kömpff einen seiner langen, einsamen und
hoffnungslosen Spaziergänge unternahm, stieß er auf diesen Göckeler,
welcher der Quere nach in der Straße lag und einen kleinen
Nachmittagsrausch soeben ausgeschlafen hatte.

Kömpff erschrak zuerst, als er unvermutet den Daliegenden zu Gesicht
bekam, auf den er im Halbdunkel beinahe getreten wäre. Doch erkannte er
rasch den Vagabunden und rief ihn vorwurfsvoll an:

»He, Beckeler, was machet Ihr da?«

Der Alte richtete sich halb auf, blinzelte vergnügt und meinte: »Ja, und
Ihr, Kömpff, was machet denn Ihr da, he?«

Dem so Angeredeten wollte es mißfallen, daß der Lump ihn weder mit Herr
noch mit Sie titulierte.

»Könnet Ihr nicht höflicher sein, Beckeler?« fragte er gekränkt.

»Nein, Kömpff,« grinste der Alte, »das kann ich nicht, so leid mir's
tut.«

»Und warum denn nicht?«

»Weil mir niemand was dafür gibt, und umsonst ist der Tod. Hat mir
vielleicht der hochgeehrte Herr von Kömpff irgend einmal was geschenkt
oder zugewendet? O nein, der reiche Herr von Kömpff hat das noch nie
getan, der ist viel zu fein und zu stolz, als daß er ein Aug' auf einen
armen Teufel könnte haben. Ist's so oder ist's nicht so?«

»Ihr wisset gut, warum. Was fanget Ihr an mit einem Almosen? Vertrinken,
weiter nichts, und zum Vertrinken hab' ich kein Geld und geb' auch
keins.«

»So, so. Na, denn gute Nacht und angenehme Ruhe, Bruderherz.«

»Wieso Bruderherz?«

»Sind nicht alle Menschen Brüder, Kömpff? He? Ist vielleicht der Heiland
für dich gestorben und für mich nicht?«

»Redet nicht so, mit diesen Sachen treibt man keinen Spaß.«

»Hab' ich Spaß getrieben?«

Kömpff besann sich. Die Worte des Lumpen trafen mit seinen grüblerischen
Gedanken zusammen und regten ihn wunderlich auf.

»Gut denn,« sagte er freundlich, »stehet einmal auf. Ich will Euch gern
etwas geben.«

»Ei, schau!«

»Ja, aber Ihr müsset mir versprechen, daß Ihr's nicht vertrinket. Ja?«

Beckeler zuckte die Achseln. Er war heute in seiner freimütigen Laune.

»Versprechen kann ich's schon, aber Halten steht auf einem andern Blatt.
Geld, wenn ich's nicht verbrauchen darf, wie ich will, ist so gut wie
kein Geld.«

»Es ist zu Eurem Besten, was ich sage, Ihr dürft mir glauben!«

Der Trinker lachte.

»Ich bin jetzt vierundsechzig Jahre alt. Glaubt Ihr wirklich, daß Ihr
besser wißt, was mir gut ist, als ich selber? Glaubt Ihr?«

Mit dem schon hervorgezogenen Geldbeutel in der Hand stand Kömpff
verlegen da. Er war im Reden und Antwortenkönnen nie stark gewesen und
fühlte sich diesem vogelfreien Menschen gegenüber, der ihn Bruderherz
nannte und sein Wohlwollen verschmähte, hilflos und unterlegen. Schnell
und fast ängstlich nahm er einen Taler heraus und streckte ihn dem
Beckeler hin.

»Nehmet also ...«

Erstaunt nahm Alois Beckeler das große Geldstück hin, hielt es vors Auge
und schüttelte den struppigen Kopf. Dann begann er, sich demütig,
umständlich und beredt zu bedanken. Kömpff war über die Höflichkeit und
Selbsterniedrigung, zu der ein Stück Geld den Philosophen vermocht
hatte, beschämt und traurig und lief schnell davon.

Dennoch empfand er eine heimliche Erleichterung und kam sich vor, als
hätte er eine Tat vollbracht. Daß er dem Beckeler einen Taler zum
Vertrinken geschenkt hatte, war für ihn eine abenteuerliche Extravaganz,
mindestens so kühn und unerhört, als wenn er selber das Geld verlüdert
hätte. Er kehrte an diesem Abend so zeitig und zufrieden heim wie seit
Wochen nicht mehr.

Für den Göckeler brach jetzt eine gesegnete Zeit an. Alle paar Tage gab
ihm Walter Kömpff ein Stück Geld, bald eine Mark, bald einen Fünfziger,
so daß das Wohlleben kein Ende nahm. Einmal, als er am Kömpffschen Laden
vorüberkam, rief ihn der Herr herein und schenkte ihm ein Dutzend gute
Zigarren. Die Holderlies war zufällig dabei und trat dazwischen.

»Aber Sie werden doch dem Lump nicht von den teuren Zigarren geben!«

»Sei ruhig,« sagte der Herr, »warum soll er's nicht auch einmal gut
haben?«

Und der alte Taugenichts blieb nicht der einzige Beschenkte. Den
einsamen Grübler befiel eine zunehmende Lust am Weggeben und
Freudemachen. Armen Weibern gab er im Laden das doppelte Gewicht oder
nahm kein Geld von ihnen, den Fuhrleuten gab er am Markttag überreiche
Trinkgelder und den Bauernfrauen legte er gern bei ihren Einkäufen ein
Extrapäckchen Zichorie oder eine gute Handvoll Korinthen in den Korb.

Das konnte nicht lange dauern, ohne aufzufallen. Zuerst bemerkte es die
Holderlies, und sie machte dem Herrn schwere, unablässige Vorwürfe, die
zwar erfolglos blieben, ihn aber nicht wenig beschämten und quälten, so
daß er allmählich seine Verschwendungslust vor ihr verstecken lernte.
Darüber wurde die treue Seele mißtrauisch und begann sich aufs
Spionieren zu legen, und das alles brachte in Bälde den Hausfrieden
bedenklich ins Wanken.

Nächst der Lies und dem Göckeler waren es die Kinder, denen des
Kaufmanns sonderbare Freigebigkeit auffiel. Sie kamen immer öfter mit
einem Pfennig daher, verlangten Zucker, Süßholz oder Johannisbrot und
bekamen davon soviel sie wollten. Und wenn die Lies aus Scham und der
Beckeler aus Klugheit schwiegen, die Kinder taten es nicht, sondern
verbreiteten die Kunde von Kömpffs großartiger Laune bald in der ganzen
Stadt.

Merkwürdig war es, daß er selber wider diese Freigebigkeit kämpfte und
sich vor ihr fürchtete. Nachdem er tagsüber Pfunde verschenkt und
verschwendet hatte, befiel ihn abends beim Geldzählen und beim
Buchführen Entsetzen über diese liederliche, unkaufmännische Wirtschaft.
Angstvoll rechnete er nach und versuchte seinen Schaden zu berechnen,
sparte beim Bestellen und Einkaufen, forschte nach wohlfeilen Quellen,
und alles nur, um andern Tages von neuem zu geuden und seine Freude am
Geben zu haben. Die Kinder jagte er bald scheltend fort, bald belud er
sie mit guten Sachen. Nur sich selber gönnte er nichts, er sparte am
Haushalte und an der Kleidung, gewöhnte sich den Nachmittagskaffee ab
und ließ das Weinfäßchen im Keller, als es leer war, nimmer füllen.

Die mißlichen Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Kaufleute
beschwerten sich mündlich und in groben Briefen bei ihm, daß er ihnen
mit seinem sinnlosen Dreingeben und Schenken die Kunden weglocke. Manche
solide Bürger und auch schon mehrere seiner Kunden vom Lande, die an
seinem veränderten Wesen Anstoß nahmen, mieden seinen Laden und
begegneten ihm, wo sie ihm nicht ausweichen konnten, mit unverhohlenem
Mißtrauen. Auch stellten ihn die Eltern einiger Kinder, denen er
Leckereien und Feuerwerk gegeben hatte, ärgerlich zur Rede. Sein Ansehen
unter den Honoratioren, mit dem es schon einige Zeit her nicht glänzend
mehr ausgesehen hatte, schwand dahin und ward ihm durch eine
zweifelhafte Beliebtheit bei den Geringen und Armen doch nicht ersetzt.
Ohne diese Veränderungen im einzelnen allzu schwer zu nehmen, hatte
Kömpff doch das Gefühl eines unaufhaltsamen Gleitens ins Ungewisse. Es
kam immer häufiger vor, daß er von Bekannten mit spöttischer oder
mitleidiger Gebärde begrüßt wurde, daß auf der Straße hinter ihm
gesprochen und gelacht ward, daß Spaßvögel ihm mit umständlicher
Herzlichkeit die Hand drückten und ernste Leute ihm mit Unbehagen
auswichen. Die paar alten Herren, die zur Freundschaft seines Vaters
gehört hatten und einigemal mit Vorwürfen, Rat und Zuspruch zu ihm
gekommen waren, blieben bald aus und wandten sich ärgerlich von ihm ab.
Und immer mehr verbreitete sich in der Stadt die Ansicht, Walter Kömpff
sei im Kopf nimmer recht und gehöre bald ins Narrenhaus.

                   *       *       *       *       *

Mit der Kaufmannschaft war es jetzt zu Ende, das sah der gequälte Mann
selber am besten ein. Aber ehe er die Bude endgültig zumachte, beging er
noch eine Tat unkluger Großmut, die ihm viele Feinde machte.

Eines Montags verkündigte er durch eine Anzeige im Wochenblatt, von
heute an gebe er jede Ware zu dem Preis, den sie ihn selber koste.

Einen Tag lang war sein Laden voll wie noch nie. Die feinen Leute
blieben aus, sonst aber kam jedermann, um von dem offenbar
übergeschnappten Händler seinen Vorteil zu ziehen. Die Wage kam den
ganzen Tag nicht zum Stillstehen und das Ladenglöcklein schellte sich
heiser. Körbe und Säcke voll spottbillig erworbener Sachen wurden
fortgetragen. Die Holderlies war außer sich. Da ihr Herr nicht auf sie
hörte und sie aus dem Laden verwies, stellte sie sich in der Haustür auf
und sagte jedem Käufer, der aus dem Laden kam, ihre Meinung. Es gab
einen Skandal über den andern, aber die verbitterte Alte hielt aus und
suchte jedem, der nicht ganz dickfellig war, seinen wohlfeilen Einkauf
ordentlich zu versalzen.

»Willst nicht auch noch zwei Pfennig geschenkt haben?« fragte sie den
einen, und zum andern sagte sie: »Das ist nett, daß Ihr wenigstens den
Ladentisch habt stehen lassen.«

Aber zwei Stunden vor Feierabend erschien der Bürgermeister in
Begleitung des Amtsdieners und befahl, daß der Laden geschlossen werde.
Kömpff weigerte sich nicht und machte sogleich die Fensterläden zu. Tags
darauf mußte er aufs Rathaus und wurde nur auf seine schriftliche
Erklärung, daß er sein Geschäft aufzugeben entschlossen sei, mit
Kopfschütteln wieder laufen gelassen.

Den Laden war er nun los. Er ließ seine Firma aus dem Handelsregister
streichen, da er sein Geschäft weder verpachten noch verkaufen wollte.
Die noch vorhandenen Vorräte, soweit sie dazu paßten, verschenkte er
wahllos an arme Leute. Die Lies wehrte sich um jedes Stück und brachte
Kaffeesäcke und Zuckerhüte und alles, wofür sie irgend Raum fand, für
den Haushalt beiseite.

Ein entfernter Verwandter stellte den Antrag, Walter Kömpff zu
entmündigen, doch sah man nach längeren Verhandlungen davon ab, teils
weil nahverwandte, namentlich minderjährige Erbberechtigte nicht
vorhanden waren, teils weil Kömpff nach der Aufgabe seines Geschäfts
unschädlich und der Bevogtung nicht bedürftig erschien.

Es sah aus, als kümmere sich keine Seele um den entgleisten Mann. Zwar
redete man in der ganzen Gegend von ihm, meistens mit Hohn und
Mißfallen, manchmal auch mit Bedauern; in sein Haus aber kam niemand,
etwa nach ihm zu sehen, einen Rat zu geben, oder ein wenig Gesellschaft
zu leisten. Es kamen nur mit großer Schnelligkeit alle Rechnungen, die
noch offen standen, denn man fürchtete, hinter der ganzen Geschichte
stecke am Ende ein ungeschickt eingeleiteter Bankrott. Doch brachte
Kömpff seine Bücher richtig und notariell zum Abschluß, zahlte alle
baren Schulden ohne Abzüge und wurde, als alles erledigt war, amtlich
entlastet. Freilich nahm dieses übereilte Abschließen nicht nur seine
Börse, sondern noch mehr seine Kräfte unmäßig in Anspruch, und als er
fertig war, fühlte er sich elend und dem Zusammenbrechen nahe.

In diesen bösen Tagen, als er nach einer überhitzten Arbeitszeit
plötzlich vereinsamt und unbeschäftigt sich selber überlassen blieb, kam
wenigstens einer, um ihm zuzusprechen, das war der Schlotzer, Kömpffs
ehemaliger Lehrherr aus Deltingen. Der fromme Handelsmann, den Walter
früher noch einigemal besucht, nun aber seit Jahren nicht mehr gesehen
hatte, war alt und weiß geworden und es war eine Heldentat von ihm, daß
er noch die Reise nach Gerbersau gemacht hatte.

Er trug einen langschößigen braunen Gehrock und führte ein ungeheures,
blau und gelb gemustertes Schnupftuch bei sich, auf dessen breitem Saum
Landschaften, Häuser und Tiere abgebildet waren.

»Darf man einmal reinsehen?« fragte er beim Eintritt in die Wohnstube,
wo der Einsame gerade müd und ratlos in der großen Bibel blätterte. Dann
nahm er Platz, legte den Hut und das Schnupftuch auf den Tisch, zog die
Rockschöße über den Knieen zusammen und schaute seinem alten Lehrling
prüfend in das blasse, unsichere Gesicht.

»Also Sie sind jetzt Privatier, hört man sagen?«

»Ich habe das Geschäft aufgegeben, ja.«

»So, so. Und darf man fragen, was Sie jetzt vorhaben? Sie sind ja,
vergleichsweise gesprochen, noch ein junger Mann.«

»Ich wär' froh, wenn ich's wüßte. Ich weiß nur, daß ich nie ein rechter
Kaufmann gewesen bin, drum hab' ich aufgehört. Ich will jetzt sehen, was
sich noch gut machen läßt an mir.«

»Wenn ich sagen darf, was ich meine, so scheint mir, das sei zu spät.«

»Kann es zum Guten auch zu spät sein?«

»Wenn man das Gute kennt, nicht. Aber so ins Ungewisse den Beruf
aufgeben, den man gelernt hat, ohne daß man weiß, was nun anfangen, das
ist unrecht. Ja, wenn Sie das als junger Bursch getan hätten!«

»Es hat eben lang gebraucht, bis ich zum Entschluß gekommen bin.«

»Es scheint so. Aber ich meine, für so langsame Entschlüsse ist das
Leben zu kurz. Sehen Sie, ich kenne Sie doch ein wenig und ich weiß gut,
daß Sie es schwer gehabt haben und nicht ganz ins Leben hinein passen.
Es gibt mehr solche Naturen. Sie sind Kaufmann geworden Ihrem Vater
zulieb, nicht wahr? Jetzt haben Sie Ihr Leben verpfuscht und haben das,
was Ihr Vater wollte, doch nicht getan.«

»Was wollte ich machen?«

»Was? Auf die Zähne beißen und aufrecht bleiben. Ihr Leben schien Ihnen
verfehlt und war es vielleicht, aber ist es jetzt im Gleis? Sie haben
ein Schicksal, das Sie auf sich genommen hatten, von sich geworfen, und
das war feig und unklug. Sie sind unglücklich gewesen, aber Ihr Unglück
war anständig und hat Ihnen Ehre gemacht. Auf das haben Sie verzichtet,
nicht etwas Besserem zulieb, sondern bloß, weil Sie es müde waren. Ist
es nicht so?«

»Vielleicht wohl.«

»Also. Und darum bin ich hergereist und sage Ihnen: Sie sind untreu
geworden. Aber bloß zum Schelten hätte ich mit meinen alten Beinen den
Weg hierher doch nicht gemacht. Drum sage ich, machen Sie's wieder gut
so bald wie möglich.«

»Wie soll ich das?«

»Hier in Gerbersau können Sie nicht wieder anfangen, das sehe ich ein.
Aber anderswo, warum nicht? Übernehmen Sie wieder ein Geschäft, es
braucht ja kein großes zu sein, und machen Sie Ihres Vaters Namen wieder
Ehre. Von heut auf morgen geht's ja nicht, aber wenn Sie wollen, helfe
ich suchen. Soll ich?«

»Danke vielmal, Herr Leckle. Ich will mir's bedenken.«

»Aber bald, nicht? Und dann kommen Sie oder schreiben mir gleich?«

»Ja, gern. Und schönen Dank! Sie sind so gut gewesen.«

Der Schlotzer nahm weder Trank noch Essen an und fuhr mit dem nächsten
Zug wieder heim.

Kömpff war ihm dankbar, aber er konnte seinen Rat nicht annehmen.

                   *       *       *       *       *

In einer Muße, an die er nicht gewöhnt war und die er nur schwer ertrug,
machte der Exkaufmann zuweilen melancholische Gänge durch die Stadt.
Dabei war es ihm jedesmal wunderlich und bedrückend zu sehen, wie
Handwerker und Kaufleute, Arbeiter und Dienstboten ihren Geschäften
nachgingen, wie jeder seinen Platz und seine Geltung und jeder sein Ziel
hatte, während er allein ziellos und unberechtigt umherging.

Der Arzt, den er wegen Schlafmangels um Rat fragte, fand seine
Untätigkeit verhängnisvoll. Er riet ihm, sich ein Stückchen Land vor der
Stadt draußen zu kaufen und dort Gartenarbeit zu tun. Der Vorschlag
gefiel ihm und er erwarb an der Leimengrube ein kleines Gut, schaffte
sich Geräte an und begann eifrig zu graben und zu hacken. Treulich stach
er seinen Spaten in die Erde und fühlte, während er sich in Schweiß und
Ermüdung arbeitete, seinen verwirrten Kopf leichter werden. Aber bei
schlechtem Wetter und an den langen Abenden saß er wieder grübelnd
daheim, las in der Bibel und gab sich erfolglosen Gedanken über die
unbegreiflich eingerichtete Welt und über sein elendes Leben hin. Daß er
mit der Aufgabe seiner Geschäfte Gott nicht näher gekommen sei, spürte
er wohl, und in verzweifelten Stunden kam es ihm vor, als sei Gott
unerreichbar fern und sehe auf sein törichtes Gebaren mit Strenge und
Spott herab.

Bei seiner Gartenarbeit fand er meistens einen zuschauenden
Gesellschafter. Das war Alois Beckeler. Der alte Taugenichts hatte seine
Freude daran, wie ein so reicher Mann sich plagte und abschaffte,
während er, der Bettler, zuschaute und nichts tat. Zwischenein, wenn
Kömpff ausruhte, hatten sie Diskurs über alle möglichen Dinge
miteinander. Dabei spielte Beckeler je nach Umständen bald den
Großartigen und Alleswisser, bald war er kriechend höflich.

»Wollt Ihr nicht mithelfen?« fragte Kömpff etwa.

»Nein, Herr, lieber nicht. Sehen Sie, ich vertrage das nicht gut. Es
macht einen dummen Kopf.«

»Mir nicht, Beckeler.«

»Freilich, Ihnen nicht. Und warum? Weil Sie zu Ihrem Vergnügen arbeiten.
Das ist Herrengeschäft und tut nicht weh. Außerdem sind Sie noch in
guten Jahren und ich bin ein Siebziger. Da hat man seine Ruhe wohl
verdient.«

»Aber neulich habt Ihr gesagt, Ihr wäret vierundsechzig, nicht siebzig.«

»Hab' ich vierundsechzig gesagt? Ja, das war im Dusel gesprochen. Wenn
ich ordentlich getrunken hab', komm' ich mir immer viel jünger vor.«

»Also seid Ihr wirklich siebzig?«

»Wenn ich's nicht bin, so kann wenig daran fehlen. Nachgezählt hab' ich
nicht.«

»Daß Ihr auch das Trinken nicht lassen könnt! Liegt's Euch denn nicht
auf dem Gewissen?«

»Nein. Was das Gewissen anlangt, das ist bei mir gesund und mag was
aushalten. Wenn mir sonst nichts fehlte, möcht' ich leicht nochmal so
alt werden.«

Kömpff hatte einen Widerwillen gegen diesen leichtfertigen Ton,
bewunderte und beneidete aber im geheimen den Strolch um seine
ungebeugte Lebensfreude. Auch war Beckeler jetzt sein einziger Umgang,
und wenn er einmal zwei Tage ausblieb, konnte er sicher auf ein kleines
Geschenk rechnen. Und er rechnete auch darauf.

Es gab auch Tage, an denen Kömpff finster, elend und ungesprächig war.
Der Göckeler hatte dafür eine feine Witterung und merkte schon beim
Herankommen, wie es mit dem närrischen Lustgärtner stehe. Dann blieb er,
ohne hereinzutreten, am Zaune stehen und wartete etwa eine halbe Stunde,
eine Art schweigender Anstandsvisite. Er lehnte stillvergnügt am
Gartenzaun, sprach keinen Ton und betrachtete sich seinen sonderbaren
Gönner, der seufzend hackte, grub, Wasser schleppte oder junge Bäume
pflanzte. Und schweigend ging er wieder, spuckte aus, steckte die Hände
in die Hosensäcke und grinste und zwinkerte lustig vor sich hin.

Schwere Zeiten hatte jetzt die Holderlies. Sie war allein in dem
unbehaglich gewordenen Hause geblieben, besorgte die Stuben, wusch und
kochte. Anfangs hatte sie dem neuen Wesen ihres Herrn böse Gesichter und
grobe Worte entgegengesetzt. Dann war sie davon abgekommen und hatte
beschlossen, den übel Beratenen eine Weile machen und laufen zu lassen,
bis er müde wäre und wieder auf sie hören würde. So war es ein paar
Wochen gegangen.

Am meisten ärgerte sie sein kameradschaftlicher Umgang mit dem Göckeler,
dem sie die feinen Zigarren von damals nicht vergessen hatte. Aber gegen
den Herbst hin, als wochenlang Regenwetter war und Kömpff nicht in den
Garten konnte, kam ihre Stunde. Ihr Herr war trübsinniger als je.

Da kam sie eines Abends in die Stube, hatte ihren Flickkorb mit und
setzte sich unten an den Tisch, an dem der Hausherr beim Lampenlicht
seine Monatsrechnung studierte.

»Was willst, Lies?« fragte er erstaunt.

»Dasitzen will ich und flicken, jetzt wo man wieder die Lampe braucht.
Oder darf ich nicht?«

»Du darfst schon.«

»So, ich darf? Früher, wie die Frau selig noch da war, hab' ich immer
meinen Platz hier gehabt, ungefragt.«

»Ja, ja.«

»Freilich, es ist ja seither manches anders worden. Mit den Fingern
zeigen die Leute auf einen.«

»Wieso, Lies?«

»Soll ich Ihnen was erzählen?«

»Ja, also.«

»Gut. Der Göckeler, wissen Sie, was der tut? Am Abend sitzt er in den
Wirtshäusern herum und verschwätzt Sie.«

»Mich? Wie denn?«

»Er macht Sie nach, wie Sie im Garten schaffen, und macht sich lustig
darüber und erzählt, was Sie allemal mit ihm für Gespräche führen.«

»Ist das auch wahr, Lies?«

»Ob's wahr ist! Mit Lügen geb' ich mich nicht ab, ich nicht. So macht's
der Göckeler also, und dann gibt es Leute, die sitzen dabei und lachen
und stacheln ihn an und zahlen ihm Bier dafür, daß er so von Ihnen
redet.«

Kömpff hatte aufmerksam und traurig zugehört. Dann hatte er die Lampe
von sich weggeschoben, so weit sein Arm reichte, und als die Lies nun
aufschaute und auf eine Antwort wartete, sah sie mit wunderlichem
Schrecken, daß er die Augen voll Tränen hatte.

Sie wußte, daß ihr Herr krank war, aber diese widerstandslose Schwäche
hätte sie ihm nicht zugetraut. Sie sah nun auch plötzlich, wie gealtert
und elend er aussah. Schweigend machte sie an ihrer Flickarbeit weiter
und wagte, gerührt und bestürzt, nicht mehr aufzublicken, und er saß da
und die Tränen liefen ihm über die Wangen und durch den dünnen Bart. Die
Magd mußte selber schlucken, um Herr über ihre Bewegung zu bleiben.
Bisher hatte sie den Herrn für ein wenig überarbeitet, für launisch und
kurios gehalten. Jetzt sah sie, daß er hilflos, seelenkrank und im
Herzen wund war.

Die beiden sprachen an diesem Abend nicht weiter. Kömpff nahm nach einer
Weile seine Rechnung wieder vor, die Holderlies strickte und stopfte,
schraubte ein paar Mal am Lampendocht und ging zeitig mit leisem Gruß
hinaus.

Seit sie wußte, daß er so elend und hilflos war, verschwand der ganze
eifersüchtige Groll aus ihrem guten Herzen. Sie war froh, ihn pflegen
und sanft anfassen zu dürfen, sie sah ihn auf einmal wieder wie ein Kind
an, sorgte für ihn und nahm ihm nichts mehr übel.

Als Walter bei schönem Wetter wieder einmal in seinem Garten
herumbosselte, erschien mit freudigem Gruß Alois Beckeler. Er kam durch
die Einfahrt herein, grüßte nochmals und stellte sich am Rand der Beete
auf.

»Grüß Gott,« sagte Kömpff, »was wollet Ihr?«

»Nichts, nur einen Besuch machen. Man hat Sie lang nimmer draußen
gesehen.«

»Wollet Ihr sonst etwas von mir?«

»Nein. Ja, wie meinen Sie das? Ich bin doch sonst auch schon dagewesen.«

»Es ist aber nicht nötig, daß Ihr wiederkommt.«

»Ja, Herr Kömpff, warum denn aber?«

»Es ist besser, wir reden darüber nicht. Gehet nur, Beckeler, und laßt
mir meine Ruhe.«

Der Göckeler nahm eine beleidigte Miene an.

»So, dann kann ich ja gehen, wenn ich nimmer gut genug bin. Das wird
wohl auch in der Bibel stehen, daß man so mit alten Freunden umgehen
soll.«

Kömpff war betrübt.

»Nicht so, Beckeler!« sagte er freundlich. »Wir wollen im Guten
voneinander, 's ist immer besser. Nehmt das noch mit, gelt.«

Er gab ihm einen Taler, den jener verwundert nahm und einsteckte.

»Also meinen Dank, und nichts für ungut! Ich bedank mich schön. Adieu
denn, Herr Kömpff, adieu denn!«

Damit ging er fort, vergnügter als je. Als er jedoch nach wenigen Tagen
wiederkam und diesmal entschieden verabschiedet wurde, ohne ein Geschenk
zu bekommen, ging er zornig weg und schimpfte draußen noch über den Zaun
herein: »Sie großer Herr, Sie, wissen Sie, wo Sie hingehören? Nach
Tübingen gehören Sie, dort steht das Narrenhaus, damit Sie's wissen.«

                   *       *       *       *       *

Leider hatte der Göckeler nicht unrecht. Kömpff, der schon jahrelang in
ungesundem Grüblertum lebte, war in den Monaten seiner Vereinsamung
immer weiter in die Sackgasse seiner selbstquälerischen religiösen
Spekulationen hineingeraten und hatte sich in seiner Verlassenheit in
fruchtlosem Nachdenken aufgerieben. Als nun mit dem Einbrechen des
Winters seine einzige gesunde Arbeit und Ablenkung, das Gartengeschäft,
ein Ende hatte, kam er vollends nicht mehr aus dem engen, trostlosen
Kreislauf seiner kränkelnden Gedanken heraus. Von jetzt an ging es
schnell mit ihm bergab, wenn auch seine Krankheit noch Sprünge machte
und mit ihm spielte.

Zunächst brachte das Müßigsein und Alleinleben ihn darauf, daß er immer
wieder sein vergangenes Leben durchstöberte. Er verzehrte sich in Reue
über vermeintliche Sünden früherer Jahre. Dann wieder klagte er sich
verzweifelnd an, seinem Vater nicht Wort gehalten zu haben. Oft stieß er
in der Bibel auf Stellen, von denen er sich wie ein Verbrecher getroffen
fühlte.

In dieser qualvollen Zeit war er gegen die Holderlies weich und fügsam
wie ein schuldbewußtes Kind. Er gewöhnte sich an, sie wegen
Kleinigkeiten flehentlich um Verzeihung zu bitten, und brachte sie damit
nicht wenig in Angst. Sie fühlte, daß sein Verstand am Erlöschen sei,
und doch wagte sie es nicht, jemand davon zu sagen.

Eine Weile hielt sich Kömpff ganz zu Hause. Gegen Weihnachten hin wurde
er unruhig, erzählte viel aus alten Zeiten und von seiner Mutter, und da
die innere Ruhelosigkeit ihn wieder oft aus dem Hause trieb, fingen
jetzt manche Unzuträglichkeiten an. Denn inzwischen hatte der arme Mann
seine Unbefangenheit den Menschen gegenüber verloren. Er merkte, daß er
auffiel, daß man von ihm sprach und auf ihn zeigte, daß Kinder ihm
nachliefen und ernste Leute ihm auswichen.

Nun fing er an, sich unsicher zu fühlen. Manchmal zog er vor Leuten,
denen er begegnete, den Hut übertrieben tief. Auf andre trat er zu, bot
ihnen die Hand und bat herzlich um Entschuldigung, ohne zu sagen wofür.
Und einem Knaben, der ihn durch Nachahmung seines Ganges verhöhnte,
schenkte er seinen schönen Spazierstock mit elfenbeinernem Griff.

Einem seiner früheren Bekannten und Kunden, der damals auf seine ersten
kaufmännischen Torheiten hin sich von ihm entfernt hatte, machte er
einen Besuch und sagte, es tue ihm leid, bitter leid, er möge ihm doch
vergeben und ihn wieder freundlich ansehen.

Eines Abends, kurz vor Neujahr, ging er -- seit mehr als einem Jahr zum
ersten Mal -- in den Hirschen und setzte sich an den Honoratiorentisch.
Er war früh gekommen und der erste Abendgast. Allmählich trafen die
andern ein, und jeder sah ihn mit Erstaunen an und nickte verlegen, und
einer um den andern kam und mehrere Tische wurden besetzt. Nur der
Tisch, an dem Kömpff saß, blieb leer, obwohl es der Stammtisch war. Da
bezahlte er den Wein, den er nicht getrunken hatte, grüßte traurig und
ging heim.

Ein tiefes Schuldbewußtsein machte ihn gegen jedermann unterwürfig. Er
nahm jetzt sogar vor Alois Beckeler den Hut ab, und wenn Kinder ihn aus
Mutwillen anstießen, sagte er Pardon. Viele hatten jetzt Mitleid mit
ihm, aber er war der Narr und das Kindergespött der Stadt.

                   *       *       *       *       *

Man hatte Kömpff vom Arzt untersuchen lassen. Der hatte seinen Zustand
als primäre Verrücktheit bezeichnet, ihn übrigens für harmlos erklärt
und befürwortet, daß man den Kranken daheim und bei seinem gewohnten
Leben lasse.

Seit dieser Untersuchung war der arme Kerl mißtrauisch geworden. Auch
hatte er sich gegen die Entmündigung, die nun doch über ihn verfügt
werden mußte, verzweifelt gesträubt. Von da an nahm seine Krankheit eine
andre Form an.

»Lies,« sagte er eines Tages zur Haushälterin, »Lies, ich bin doch ein
Esel gewesen. Aber jetzt weiß ich, wo ich dran bin.«

»Ja, und wie denn auf einmal?« fragte sie ängstlich, denn sein Ton
gefiel ihr nicht.

»Paß auf, Lies, du kannst was lernen. Also nicht wahr, ein Esel hab' ich
gesagt. Da bin ich mein Leben lang gelaufen und hab' mich abgehetzt und
mein Glück versäumt um etwas, was es gar nicht gibt!«

»Das versteh' ich nun wieder nicht.«

»Stell dir vor, einer hat von einer schönen, prächtigen Stadt in der
Ferne gehört. Er hat ein großes Verlangen, dorthin zu kommen, wenn es
auch noch so weit und teuer ist. Schließlich läßt er alles liegen, gibt
weg, was er hat, sagt allen guten Freunden Adieu und geht fort, immer
fort und fort, tagelang und monatelang, durch dick und dünn, so lang er
noch Kräfte hat. Und dann, wie er so weit ist, daß er nimmer zurück
kann, da fängt er an zu merken, daß das von der prächtigen Stadt in der
Ferne ein Lug und Märchen war. Die Stadt ist gar nicht da und ist
niemals da gewesen.«

»Das ist traurig. Aber das tut ja niemand, so was.«

»Ich, Lies, ich doch! Ich bin so einer gewesen, das kannst du sagen, wem
du willst. Mein Leben lang, Lies.«

»Ist nicht möglich, Herr! Was ist denn das für eine Stadt?«

»Keine Stadt, das war nur so ein Vergleich, weißt du. Ich bin ja immer
hier geblieben. Aber ich habe auch ein Verlangen gehabt und darüber
alles versäumt und verloren. Ich habe ein Verlangen nach Gott gehabt --
nach dem Herrgott, Lies. Den hab' ich finden wollen, dem bin ich
nachgelaufen, und jetzt bin ich so weit, daß ich nimmer zurück kann --
verstehst du? Nimmer zurück. Und alles ist ein Lug gewesen.«

»Was denn? Was ist ein Lug gewesen?«

»Der liebe Gott, du. Er ist nirgends, es gibt keinen.«

»Herr, Herr, sagen Sie keine solchen Sachen! Das darf man nicht, wissen
Sie. Das ist Todsünde.«

»Laß mich reden. -- Nein, still! Oder bist du dein Leben lang ihm
nachgelaufen? Hast du hundert und hundert Nächte in der Bibel gelesen?
Hast du Gott tausendmal auf den Knieen gebeten, daß er dich höre, daß er
deine Opfer annehme und dir ein klein wenig Licht und Frieden dafür
gebe? Hast du das? Und hast du deine Freunde verloren -- um Gott näher
zu kommen, und deinen Beruf und deine Ehre hingeworfen, um Gott zu
sehen? -- Ich habe das getan, alles das und viel mehr, und wenn Gott
lebendig wäre und hätte auch nur so viel Herz und Gerechtigkeit wie der
alte Beckeler, so hätte er mich angeblickt.«

»Er hat Sie prüfen wollen.«

»Das hat er getan, das hat er. Und dann hätte er sehen müssen, daß ich
nichts wollte als ihn. Aber er hat nichts gesehen. Nicht er hat mich
geprüft, sondern ich ihn, und ich habe gefunden, daß er ein Märlein ist.
Eine Kinderfabel, weißt du.«

Von diesem Thema kam Walter Kömpff nicht mehr los. Er fand beinahe einen
Trost darin, daß er nun eine Erklärung für sein verunglücktes Leben
hatte. Und doch war er seiner neuen Erkenntnis keineswegs sicher. So oft
er Gott leugnete, empfand er ebensoviel Hoffnung wie Furcht bei dem
Gedanken, der Geleugnete könnte gerade jetzt ins Zimmer treten und seine
Allgegenwart beweisen. Und manchmal lästerte er sogar, nur um vielleicht
Gott antworten zu hören, wie ein Kind vor dem Hoftor Wauwau ruft, um zu
erfahren, ob drinnen ein Hund ist oder nicht.

Das war die letzte Entwicklung in seinem Leben. Sein Gott war ihm zum
Götzen geworden, den er reizte und dem er fluchte, um ihn zum Reden zu
zwingen. Damit war der Sinn seines Daseins verloren und in seiner
kranken Seele trieben zwar noch schillernde Blasen und Traumgebilde,
aber keine lebendigen Keime mehr. Sein Licht war ausgebrannt und es
erlosch schnell und traurig.

Eines Nachts hörte ihn die Holderlies noch spät reden und hin und wieder
gehen, ehe es in seiner Schlafstube ruhig wurde. Am Morgen blieb er viel
länger als sonst liegen und gab auf kein Klopfen Antwort. Und als die
Magd endlich leis die Tür aufmachte und auf den Zehen in sein Zimmer
schlich, schrie sie plötzlich auf und rannte verstört davon, denn sie
hatte ihren Herrn an einem Kofferriemen erhängt gefunden.

                   *       *       *       *       *

Eine Zeitlang machte sein Ende die Leute noch viel reden. Daß es
verbrecherisch war, verzieh man seinem Irrsinn. Aber wenige empfanden
etwas von dem, was sein Schicksal gewesen war. Und wenige dachten daran,
wie nahe wir alle bei dem Dunkel wohnen, in dessen Schatten der arme
Walter Kömpff sich verirrt hatte.



                           In der alten Sonne


Wenn im Frühling oder Sommer oder auch noch im Frühherbst ein linder Tag
ist und eine angenehme, auch wieder nicht zu heftige Wärme den
Aufenthalt im Freien zu einem Vergnügen macht, dann ist die
ausschweifend gebogene halbrunde Straßenkehle am Allpacher Weg, vor den
letzten hochgelegenen Häusern der Stadt, ein prächtiger Winkel. Auf der
berghinan sich schlängelnden Straße sammelt sich die schöne Sonnenwärme
stetig an, die Lage ist vor jedem Winde wohl beschützt, ein paar krumme
alte Obstbäume spenden wenn auch kein Obst, so doch ein wenig Schatten,
und der Straßenrand, ein breiter, sanfter, rasiger Rain, verlockt mit
seiner wohlig sich schmiegenden Krümmung freundlich zum Sitzen oder
Liegen. Das weiße Sträßlein glänzt im Lichte und hebt sich schön langsam
bergan, schickt jedem Bauernwagen oder Landauer oder Postkarren ein
dünnes Stäublein nach, so viel es vermag, und schaut über eine schiefe,
von Baumkronen da und dort unterbrochene Flucht von schwärzlichen
Dächern hinweg gerade ins Herz der Stadt, auf den Marktplatz, der von
hier aus gesehen freilich an Stattlichkeit stark verliert und nur als
ein sonderbar verschobenes Viereck mit krummen Häusern und drollig
herausspringenden Vortreppen und Kellerhälsen erscheint.

An solchen sonnig milden Tagen ist der wohlige Rain jener hohen
Bergstraßenkrümmung unwandelbar stets von einer kleinen Schar
ausruhender Männer besetzt, deren kühne und verwitterte Gesichter nicht
recht zu ihren zahmen und trägen Gebärden passen und von denen der
Jüngste mindestens ein hoher Fünfziger ist. Sie sitzen und liegen bequem
in der Wärme, schweigen oder führen kurze, brummende und knurrende
Gespräche untereinander, rauchen kleine schwarze Pfeifenstrünke und
spucken häufig weltverächterisch in kühnem Bogen bergabwärts. Die etwa
vorübertapernden Handwerksburschen werden von ihnen scharf betrachtet
und peinlich begutachtet und je nach Befund mit einem wohlwollend
zugenickten »Servus, Kunde!« begrüßt oder schweigend verachtet.

Der Fremdling, der die alten Männlein so hocken sah und sich in der
nächsten Gasse über das seltsame Häuflein grauer Bärenhäuter erkundigte,
konnte von jedem Kinde erfahren, daß dieses die Sonnenbrüder seien, und
mancher schaute dann noch einmal zurück, sah die müde Schar träg in die
Sonne blinzeln und wunderte sich, woher ihr wohl ein so hoher,
wohllautender und dichterischer Name gekommen sei. Etwaige reisende
Enthusiasten empfanden mythische Schauer dabei und machten aus dem
Halbdutzend grauer Faulpelze die überbliebenen Reste einer aussterbenden
uralten Gemeinschaft von Verehrern des Tagesgestirns. Das Gestirn aber,
nach welchem die Sonnenbrüder genannt wurden, stand längst an keinem
Himmel mehr, sondern war nur der Schildname eines ärmlichen und schon
vor manchen Jahren eingegangenen Wirtshauses gewesen, dessen Schild und
Glanz dahin waren, denn das Haus diente neuerdings als Spittel, das
heißt als städtisches Armenasyl, und beherbergte freilich manche Gäste,
die das Abendrot der vom Schild genommenen Sonne noch erlebt und sich
hinter dem Schenktisch derselben die Anwartschaft auf ihre Bevormundung
und jetzige Unterkunft erschöppelt hatten.

Das Häuschen stand, als vorletztes der steilen Gasse und der Stadt,
zunächst jenem sonnigen Straßenrand, bot ein windschiefes und ermüdetes
Ansehen, als mache das beständige Aufrechtstehen ihm viele Beschwerde,
und ließ sich nichts mehr davon anmerken, wie viel Lust und Gläserklang,
Witz und Gelächter und flotte Freinächte es erlebt hatte, die fröhlichen
Raufereien und Messergeschichten gar nicht zu rechnen. Seit der alte
rosenrote Verputz der Vorderseite vollends erblaßt und in rissigen
Feldern abgeblättert war, entsprach die alte Lotterfalle in ihrem
Äußeren vollkommen ihrer Bestimmung, was bei städtischen Bauten unserer
Zeit immerhin eine Seltenheit ist. Ehrlich und deutlich, ja sogar fast
beredt gab sie zu erkennen, daß sie ein Unterschlupf und Notdächlein für
Schiffbrüchige und Zurückgebliebene war, das betrübliche Ende einer
geringen Sackgasse, von wo aus keine Pläne und verborgenen Kräfte mehr
ins Leben zurückstreben mögen.

Von der Melancholie solcher Betrachtungen war glücklicherweise im Kreis
der Sonnenbrüder meistens nur wenig zu finden. Vielmehr lebten sie fast
alle nach Menschenart ihre späten Tage hin als ginge es noch immer aus
dem Vollen, bliesen ihre kleinen Gezänke und Lustbarkeiten und
Spielereien, Brüderschaften und Eifersüchteleien nach Kräften zu
wichtigen Angelegenheiten und Staatsaktionen auf und nahmen zwar nicht
einander, aber doch jeder sich selber so ernst wie möglich. Ja sie
taten, als fange jetzt, da sie sich aus den geräuschvollen Gassen des
tätigen Lebens beiseite gedrückt hatten, der Hallo erst recht an, und
betrieben ihre jetzigen unbedeutenden Affären mit einer Wucht und
Zähigkeit, welche sie in ihren früheren Betätigungen leider meist hatten
vermissen lassen. Gleich manchem anderen Völklein glaubten sie, obwohl
sie vom Spittelvater absolut monarchisch und als rechtlose
Scheinexistenzen regiert wurden, eine kleine Republik zu sein, in
welcher jeder freie Bürger den andern genau um Rang und Stellung ansah
und emsig darauf bedacht war, ja nirgends um ein Haarbreit zu wenig
ästimiert zu werden.

Auch das hatten die Sonnenbrüder mit anderen Leuten gemein, daß sie die
Mehrzahl ihrer Schicksale, Befriedigungen, Freuden und Schmerzen mehr im
Gemüt oder in der Einbildung als in greifbarer Wirklichkeit erlebten.
Ein frivoler Mensch könnte ja überhaupt den Unterschied zwischen dem
Dasein dieser Ausrangierten und Steckengebliebenen und demjenigen der
tätigen Bürger als lediglich in der Einbildung begründet hinstellen,
indem diese wie jene ihre großen und kleinen Geschäfte und Taten mit
derselben emsigen Wichtigkeit verrichten und schließlich doch vor Gottes
Augen so ein armer Spittelgast möglicherweise nicht viel schlechter
dasteht als mancher große und geehrte Herr. Aber auch ohne so weit zu
gehen, kann man wohl finden, daß für den behaglichen Zuschauer das Leben
dieser Sonnenbrüder kein unwürdiger Gegenstand der Betrachtung sei, da
das Menschenleben auch auf einer geringen Bühne immer noch ein amüsantes
und nachdenkliches Schauspiel darbietet.

Je näher die Zeiten heranrücken, da das jetzt aufwachsende Geschlecht
den Namen der ehemaligen Sonne und der Sonnenbrüder vergessen und seine
Armen und Auswürflinge anders und in anderen Räumen versorgen wird,
desto wünschenswerter wäre es, eine Geschichte des alten Hauses und
seiner Gäste zu haben. Als chronistischer Beitrag zu einer solchen soll
auf diesen Blättern einiges vom Leben der ersten Sonnenbrüder berichtet
werden.

                   *       *       *       *       *

In den Zeiten, da die heutigen Jungbürger von Gerbersau noch kurze Hosen
oder gar noch Röckchen trugen, und da über der Haustüre des nachmaligen
Spittels noch aus der rosenroten Fassade ein schmiedeiserner Schildarm
mit der blechernen Sonne in die Gasse hinaus prangte, kehrte an einem
Tage spät im Herbste Karl Hürlin, ein Sohn des vor vielen Jahren
verstorbenen Schlossers Hürlin in der Senfgasse, in seine Heimatstadt
zurück. Er war etwas über die Vierzig hinaus, und niemand kannte ihn
mehr, da er seinerzeit als ein blutjunges Bürschlein weggewandert und
seither nie mehr in der Stadt erblickt worden war. Nun trug er einen
sehr guten und reinen Anzug, Knebelbart und kurzgeschnittenes Haar, eine
silberne Uhrkette, einen steifen Hut und hohe saubere Hemdkragen. Er
besuchte einige von den ehemaligen Bekannten seiner Familie, ein paar
alte Schulkameraden und Kollegen, und trat überall als ein fremd und
vornehm gewordener Mann auf, der seines Wertes ohne Überhebung bewußt
ist. Dann ging er aufs Rathaus, wies seine Papiere vor und erklärte,
sich hierorts niederlassen zu wollen. Als das Nötige eingeleitet worden
war, entfaltete Herr Hürlin eine emsige und geheimnisvolle Tätigkeit und
Korrespondenz, unternahm öftere kleine Reisen, kaufte ein Grundstück im
Talgrunde und begann daselbst an Stelle einer abgebrannten Ölmühle ein
neues Haus aus Backsteinen zu erbauen und neben dem Hause einen Schuppen
und Remise und zwischen Haus und Schuppen einen gewaltigen
backsteinernen Schlot. Zwischendrein sah man ihn in der Stadt
gelegentlich bei einem Abendschoppen, wobei er zwar anfangs still und
vornehm tat, nach wenigen Gläsern aber laut und mächtig redete und nicht
damit hinterm Berge hielt, wie er zwar Geld genug im Sack habe, um sich
ein schönes Herrenleben zu gönnen, doch sei der eine ein Faulpelz und
Dickkopf, ein anderer aber ein Genie und Geschäftsgeist, und was ihn
betreffe, so gehöre er zur letzteren Sorte und habe nicht im Sinn, sich
zur Ruhe zu setzen, ehe er sechs Nullen hinter die Ziffer seines
Vermögens setzen könne.

Geschäftsleute, bei denen er Kredit zu genießen wünschte, taten sich
nach seiner Vergangenheit um und brachten in Erfahrung, daß Hürlin zwar
bisher nirgends eine erhebliche Rolle gespielt hatte, sondern da und
dort in Werkstätten und Fabriken, zuletzt als Aufseher, gearbeitet, vor
kurzem hingegen eine erkleckliche Erbschaft gemacht hatte. Also ließ man
ihn gewähren und gönnte ihm ein bestimmtes Maß von Respekt, einige
unternehmende Leute steckten auch noch Geld in seine Sache, so daß bald
eine mäßig große, schmucke Fabrik samt Wohnhäuschen im Tale erstand, in
welcher Hürlin gewisse für die Wollwebeindustrie notwendige Walzen und
Maschinenteile herzustellen gedachte.

Kaum war der Betrieb eröffnet, so wurde der Unternehmer von jener selben
Fabrik, deren Aufseher er früher gewesen war, gerichtlich belangt, indem
er gewisse technische Geheimnisse, die er sich dort angeeignet,
widerrechtlich als eigene Erfindung ausgeben und ausnützen sollte. Aus
dem endlosen Prozeß zog er sich schließlich, wenn auch ohne Schande, so
doch mit erheblichen Kosten, betrieb aber nun sein Geschäft mit
doppeltem Eifer, indem er seine Preise etwas niedriger ansetzte und die
Welt mit Anpreisungen überschwemmte. Die Aufträge blieben nicht aus, der
große Schlot rauchte Tag und Nacht, und ein paar Jahre lang florierte
Hürlin und seine Fabrik auf das erfreulichste und genoß Ansehen und
ausgiebigen Kredit.

Damit war sein Ideal erreicht und sein alter Lieblingstraum in Erfüllung
gegangen. Wohl hatte er schon in jüngeren Jahren des öfteren Anläufe zum
Reichwerden gemacht, aber erst jene ihm fast unerwartet zugefallene
Erbschaft hatte ihn flott gemacht und ihm erlaubt, seine alten kühnen
Pläne auszuführen. Übrigens war der Reichtum nicht sein einziges Sehnen
gewesen, sondern seine heißesten Wünsche hatten zeitlebens dahin
gezielt, eine gebietende und große Stellung einzunehmen. Er wäre als
Indianerhäuptling oder als Regierungsrat oder auch etwa als berittener
Landjäger ganz ebenso in seinem Element gewesen, doch schien ihm nun das
Leben eines Fabrikbesitzers sowohl bequemer als selbstherrlicher. Eine
Zigarre im Mundwinkel und ein sorgenvoll gewichtiges Lächeln im Gesicht,
am Fenster stehend oder am Schreibtisch sitzend allerlei Befehle zu
erteilen, Verträge zu unterzeichnen, Vorschläge und Bitten anzuhören,
mit der faltigen Miene des Vielbeschäftigten eine gelassene
Behaglichkeit zu vereinigen, bald unnahbar streng, bald gutmütig
herablassend zu sein und bei allem stets zu fühlen, daß er ein Hauptkerl
sei und daß viel in der Welt auf ihn ankomme, das war seine leider erst
spät zu ihrem vollen Recht gekommene Gabe. Aber nun hatte er das alles
reichlich, konnte tun, was er mochte, Leute anstellen und entlassen,
wohlige Seufzer des sorgenschweren Reichtums ausstoßen und sich von
vielen beneiden lassen. Das alles genoß und übte er auch mit
Kennerschaft und Hingabe, er wiegte sich weich im Glücke und fühlte sich
endlich vom Schicksal an den ihm gebührenden Platz gestellt.

Inzwischen hatte aber jener geschädigte Konkurrent, auf dessen Kosten
Hürlin groß geworden war, eine neue Erfindung gemacht, nach deren
Einführung mehrere der früheren Artikel teils ganz entbehrlich, teils
viel wohlfeiler wurden, und da Hürlin trotz seines Glaubens und seiner
Versicherungen eben kein Genie war und nur das Äußerliche seines
Geschäftes verstand, sank er anfänglich langsam, dann aber immer
schneller von seiner Höhe und konnte am Ende nicht verbergen, daß er
abgewirtschaftet habe. Er versuchte es in der Verzweiflung noch mit ein
paar waghalsigen Finanzkünsten, durch welche er sich selber und mit ihm
eine Reihe von Kreditoren schließlich in einen gewaltigen und unsauberen
Bankrott hineinritt. Er entfloh, wurde aber eingebracht, verurteilt und
ins Loch gesteckt, und als er nach mehreren Jahren wieder in der Stadt
erschien, war er ein entwerteter und lahmer Mensch, mit dem nichts mehr
anzufangen war.

Eine Zeitlang drückte er sich in unbedeutenden Stellungen herum; doch
hatte er schon in den schwülen Zeiten, da er den Krach herankommen sah,
sich zum heimlichen Trinker entwickelt, und was damals heimlich gewesen
und wenig beachtet worden war, wurde nun öffentlich und zu einem
Ärgernis. Aus einer mageren Schreibersstelle wegen Unzuverlässigkeit
entlassen, ward er Agent einer Versicherungsgesellschaft, trieb sich als
solcher in allen Schenken der Gegend herum, wurde auch da wieder
entlassen und fiel, als auch ein Hausierhandel mit Zündhölzern und
Bleistiften nichts abwerfen wollte, am Ende der Stadt zur Last. Er war
in diesen Jahren schnell vollends alt und elend geworden, hatte aber aus
seiner fallitgegangenen Herrlichkeit einen Vorrat kleiner Künste und
Äußerlichkeiten herübergerettet, die ihm über das Gröbste hinweghalfen
und in geringeren Wirtshäusern noch immer einige Wirkung taten. Er
brachte gewisse schwungvoll großartige Gesten und nicht wenige
wohltönende Redensarten in die Kneipen mit, die ihm längst nur noch
äußerlich anhafteten, auf Grund derer er aber doch noch immer eine
Schätzung unter den Lumpen der Stadt genoß.

Damals gab es in Gerbersau noch kein Armenhaus, sondern die
Unbrauchbaren wurden gegen eine geringe Entschädigung aus dem
Stadtsäckel da und dort in Familien als Kostgänger gegeben, wo man sie
mit dem Notwendigsten versah und nach Möglichkeit zu kleinen häuslichen
Arbeiten anhielt. Da nun hieraus in letzter Zeit allerlei
Unzuträglichkeiten entstanden waren und da den verkommenen Fabrikanten,
der den Haß der Bevölkerung genoß, durchaus niemand aufnehmen wollte,
sah sich die Gemeinde genötigt, ein besonderes Haus als Asyl zu
beschaffen. Und da gerade das ärmliche alte Wirtshäuslein zur Sonne
unter den Hammer kam, erwarb es die Stadt und setzte nebst einem
Hausvater als ersten Gast den Karl Hürlin hinein, dem in Kürze mehrere
andere folgten. Diese nannte man die Sonnenbrüder.

Nun hatte Hürlin schon lange zur Sonne nahe Beziehungen gehabt, denn
seit seinem Niedergang war er nach und nach in immer kleinere und ärmere
Schenken gelaufen und schließlich am meisten in die Sonne, wo er zu den
täglichen Gästen gehörte und beim Abendschnaps mit manchen Kumpanen am
selben Tische saß, die ihm später, als auch ihre Zeit gekommen war, als
Spittelbrüder und verachtete Stadtarme in eben dasselbe Haus nachfolgen
sollten. Ihn freute es, gerade dorthin zu wohnen zu kommen, und in den
Tagen nach der Gant, als Zimmermann und Schreiner das alte Schankhaus
für seinen neuen Zweck eilig und bescheiden zurichteten, stand er von
früh bis spät dabei und hatte Maulaffen feil.

Eines Morgens, da es schön mild und sonnig war, hatte er sich wieder
daselbst eingefunden, stellte sich neben die Haustüre und sah dem
Hantieren der Arbeiter im Innern zu. Es wurde ein Dielenboden
ausgebrochen und neu gelegt, die ausgetretene Stiege geflickt und mit
einer festen Brüstung versehen, ein paar dünne Wände eingezogen, der
Stadtbaumeister schimpfte hinter den Meistern her, die Gesellen
heuchelten großen Fleiß, und die Lehrbuben drückten sich von Wand zu
Wand. Dieser Umtrieb gefiel dem alten Hürlin wohl, er guckte hingerissen
und freudig zu und überhörte gern die bösartigen Bemerkungen der
Arbeiter, hielt die Fäuste in den tiefen Taschen seines schmierigen
Rockes und warf mit seinen geschenkten, viel zu langen und zu weiten
Beinkleidern spiralförmige Falten, in denen seine Beine wie Zapfenzieher
aussahen. Daneben sog er emsig an einem defekten Tonpfeifchen, das zwar
nicht brannte, aber doch nach Tabak roch. Der bevorstehende Einzug in
die neue Bude, von dem er sich ein bequemes und schöneres Leben
versprach, erfüllte den alten Tropf mit glücklicher Neugierde und
Unruhe.

Indem er dem Legen der neuen Stiegenbretter zuschaute und
stillschweigend die dünnen tannenen Dielen auf ihre Güte und mutmaßliche
Haltbarkeit abschätzte, fühlte er sich plötzlich beiseite geschoben, und
als er sich gegen die Straße umkehrte, stand da ein Schlossergeselle mit
einer großen Bockleiter, die er mit großer Mühe und vielen untergelegten
Bretterstücken auf dem abschüssigen Straßenboden aufzustellen versuchte.
Hürlin verfügte sich auf die andere Seite der Gasse hinüber, lehnte sich
an den Prellstein und verfolgte die Tätigkeit des Schlossers mit großer
Aufmerksamkeit. Dieser hatte nun seine Leiter aufgerichtet und
gesichert, stieg hinauf und begann über der Haustüre am Mörtel
herumzukratzen um das alte Wirtsschild hinwegzunehmen. Seine Bemühungen
erfüllten den Exfabrikanten mit Spannung und auch mit Wehmut, indem er
der vergangenen Tage gedachte, der vielen unter dem jetzt fallenden
Wahrzeichen genossenen Schoppen und Schnäpse und der früheren Zeiten
überhaupt. Es bereitete ihm keine kleine Freude, daß der schmiedeeiserne
Schildarm so fest in der Wand saß, und daß der Schlossergesell sich so
damit abmühen mußte, ihn herunterzubringen. Es war doch unter dem armen
alten Schilde oft heillos munter zugegangen! Als der Schlosser zu
fluchen begann, schmunzelte der Alte, und als jener wieder daran zog und
bog und wand und zerrte, in Schweiß geriet und fast von der Leiter
stürzte, empfand der Zuschauer eine nicht geringe Genugtuung. Da ging
der Geselle fort und kam nach einer Viertelstunde mit einer Eisensäge
wieder. Hürlin sah wohl, daß es nun um den ehrwürdigen Zierrat geschehen
sei. Die Säge pfiff klingend in dem guten Eisen und nach wenig
Augenblicken bog sich der eiserne Arm klagend ein wenig abwärts und fiel
gleich darauf klingelnd und rasselnd aufs Pflaster.

Da kam Hürlin herüber. »Du, Schlosser,« bat er demütig, »gib mir das
Ding! 's hat ja keinen Wert mehr.«

»Warum auch? Wer bist du denn?« schnauzte der Bursch.

»Ich bin doch von der gleichen Religion,« flehte Hürlin, »mein Alter war
Schlosser, und ich bin auch einer gewesen. Gelt gib's her!«

Der Geselle hatte indessen das Schild aufgehoben und betrachtet.

»Der Arm ist noch gut,« entschied er, »das war zu seiner Zeit keine
schlechte Arbeit. Aber wenn du das Blechzeug willst, das hat keinen Wert
mehr.«

Er riß den grün bemalten, blechernen Blätterkranz, in welchem mit
kupferig gewordenen und verbeulten Strahlen die goldene Sonne hing,
herunter und gab ihn her. Der Alte bedankte sich und machte sich eilig
mit seiner Beute davon, um sie weiter oben im dicken Holdergebüsche vor
fremder Habgier und Schaulust zu verbergen. So verbirgt nach verlorener
Schlacht ein Paladin die Insignien der Herrschaft, um sie für bessere
Tage und neue Glorien zu retten. Als er wiederkam, um von neuem die
Arbeiten der Zimmerleute zu inspizieren, kam ihm das Haus so sonderbar
anders und verödet vor, lediglich, weil die Sonne fehlte und statt ihrer
ob der Tür nur noch ein brüchiges Loch im Verputz zu sehen war.

Wenige Tage darauf fand ohne viel Sang und Klang die Einweihung des
dürftig hergerichteten neuen Armenhauses statt. Es waren ein paar Betten
beschafft worden, der übrige Haushalt stammte noch aus der Wirtsgant
her, außerdem hatte ein Gönner in jedes der drei Schlafstüblein einen
von gemalten Blumengewinden umgebenen Bibelspruch auf Pappdeckel
gestiftet. Zu der ausgeschriebenen Hausvaterstelle hatten sich nicht
eben sehr viele Bewerber gemeldet, und die Wahl war sogleich auf Herrn
Andreas Sauberle gefallen, einen verwitweten Wollenstricker von gutem
Leumund, der seinen Strickstuhl mitbrachte und sein Gewerbe weiter
betrieb, denn die Stelle reichte knapp zum Leben aus und er hatte keine
Lust, auf seine alten Tage einmal selber ein Sonnenbruder zu werden.

Als der alte Hürlin seine Stube angewiesen bekam, unterzog er sie
sogleich einer genauen Besichtigung. Er fand ein gegen das Höflein
gehendes Fenster, zwei Türen, ein Bett, eine Truhe, zwei Stühle, einen
Nachttopf, einen Kehrbesen und einen Staubwischlappen vor, ferner ein
mit Wachstuch bezogenes Eckbrett, auf welchem ein Wasserglas, ein
blechernes Waschbecken, eine Kleiderbürste und ein Neues Testament lagen
und standen. Er befühlte das solide Bettzeug, probierte die Bürste an
seinem Hut, hielt Glas und Becken prüfend gegen das Tageslicht, setzte
sich versuchsweise auf beide Stühle und fand, es sei alles befriedigend
und in Ordnung. Nur der stattliche Wandspruch mit den Blumen wurde von
ihm mißbilligt. Er sah ihn eine Weile höhnisch an, las die Worte:
»Kindlein liebet euch untereinander!« und schüttelte unzufrieden den
struppigen Kopf. Dann riß er das Ding herunter und hängte mit vieler
Sorgfalt an dessen Stelle das alte Sonnenschild auf, das er als einziges
Wertstück in die neue Wohnung mitgebracht hatte. Aber da kam gerade der
Hausvater wieder herein und gebot ihm scheltend, den Spruch wieder an
seinen Platz zu hängen. Die Sonne wollte er mitnehmen und wegwerfen,
aber Karl Hürlin klammerte sich ingrimmig daran, trotzte zeternd auf
sein Eigentumsrecht und verbarg nachher die Trophäe schimpfend unter der
Bettstatt.

Das Leben, das mit dem folgenden Tage seinen Anfang nahm, entsprach
nicht ganz seinen Erwartungen und gefiel ihm zunächst keineswegs. Er
mußte des Morgens um sieben Uhr aufstehen und zum Kaffee in die Stube
des Strickers kommen, dann sollte das Bett gemacht, das Waschbecken
gereinigt, die Stiefel geputzt und die Stube sauber aufgeräumt werden.
Um zehn Uhr gab es ein Stück Schwarzbrot und dann sollte die gefürchtete
Spittelarbeit losgehen. Es war im Hof eine große Beuge buchenes Holz
angefahren und das sollte gesägt und gespalten werden.

Da es noch weit hin bis zum Winter war, hatte es Hürlin mit dem Holz
nicht eben eilig. Langsam und vorsichtig legte er ein Buchenscheit auf
den Bock, rückte es sorgfältig und umständlich zurecht und besann sich
eine Weile, wo er es zuerst ansägen solle, rechts oder links oder in der
Mitte. Dann setzte er behutsam die Säge an, stellte sie noch einmal weg,
spuckte in die Hände und nahm dann die Säge wieder vor. Nun tat er drei,
vier Striche, etwa eine Fingerbreite tief ins Holz, zog aber sogleich
die Säge wieder weg und prüfte sie aufs peinlichste, drehte am Strick,
befühlte das Sägeblatt, stellte es etwas schiefer, hielt es lange
blinzelnd vors Auge, seufzte alsdann tief auf und rastete ein wenig.
Hierauf begann er von neuem und sägte einen halben Zoll tief, aber da
wurde es ihm unerträglich warm und er mußte seinen Rock ausziehen. Das
vollführte er langsam und mit Bedacht, suchte auch eine gute Weile nach
einem sauberen und sicheren Ort, um den Rock dahin zu legen. Als dies
doch endlich geschehen war, fing er wieder an zu sägen, jedoch nicht
lange, denn nun war die Sonne übers Dach gestiegen und schien ihm gerade
ins Gesicht. Also mußte er den Bock und das Scheit und die Säge, jedes
Stück einzeln, an einen anderen Platz tragen, wo noch Schatten war; dies
brachte ihn in Schweiß und nun brauchte er sein Sacktuch, um sich die
Stirne abzuwischen. Das Tuch war aber in keiner Tasche, und da fiel ihm
ein, er habe es ja im Rock gehabt, und so ging er denn dort hinüber, wo
der Rock lag, breitete ihn säuberlich auseinander, suchte und fand das
farbige Nastuch, wischte den Schweiß ab und schneuzte auch gleich,
brachte das Tuch wieder unter, legte den Rock mit Aufmerksamkeit
zusammen und kehrte erfrischt zum Sägebock zurück. Hier fand er nun
bald, er habe vorher das Sägeblatt vielleicht doch allzuschräg gestellt,
daher operierte er von neuem lange daran herum und sägte schließlich
unter großem Stöhnen das Scheit vollends durch. Aber nun war es Mittag
geworden und läutete vom Turm, und eilig zog er den Rock an, stellte die
Säge beiseite und verfügte sich ins Haus zum Essen.

»Pünktlich seid Ihr, das muß man Euch lassen,« sagte der Stricker. Die
Lauffrau trug die Suppe herein, danach gab es noch Wirsing und eine
Scheibe Speck und Hürlin langte fleißig zu. Nach Tisch sollte das Sägen
wieder losgehen, aber da weigerte er sich entschieden.

»Das bin ich nicht gewöhnt,« sagte er entrüstet und blieb dabei. »Ich
bin jetzt todesmüd und muß nun auch eine Ruhe haben.«

Der Stricker zuckte die Achseln und meinte: »Tut was Ihr möget, aber wer
nichts arbeitet, bekommt auch kein Vesper. Um vier Uhr gibt's Most und
Brot, wenn Ihr gesägt habet, im anderen Fall nichts mehr bis zur
Abendsuppe.«

Most und Brot, dachte Hürlin und besann sich in schweren Zweifeln. Er
ging auch hinunter und holte die Säge wieder hervor, aber da graute ihm
doch vor der heißen mittäglichen Arbeit und er ließ das Holz liegen,
ging auf die Gasse hinaus, fand gleich einen Zigarrenstumpen auf dem
Pflaster, steckte ihn zu sich und stieg langsam die fünfzig Schritte bis
zur Wegebiegung hinan. Dort hielt er veratmend an, setzte sich abseits
der Straße an den schön erwärmten Rain, sah auf die vielen Dächer und
auf den Marktplatz hinunter, konnte im Talgrund auch seine ehemalige
Fabrik liegen sehen und weihte also diesen Platz als erster Sonnenbruder
ein, an welchem seither bis auf heute so viele von seinen Kameraden und
Nachfolgern ihre Sommernachmittage, und oft auch die Vormittage und
Abende, versessen und verduselt haben.

Die wohltuend sanfte Beschaulichkeit eines von Sorgen und Plagen
befreiten Alters, die er sich vom Aufenthalt im Spittel versprochen
hatte, und die ihm am Morgen bei der sauren Arbeit wie ein schönes
Trugbild zerronnen war, fand sich nun allmählich ein. Die Gefühle eines
für Lebzeiten vor Sorge, Hunger und Obdachlosigkeit gesicherten
Pensionärs im Busen, beharrte er mollig faul im Rasen, fühlte auf seiner
welken Haut die schöne Sonnenwärme, überschaute weithin den Schauplatz
seiner früheren Umtriebe, Arbeit und Leiden und wartete ohne Ungeduld
bis jemand käme, den er um Feuer für seinen Zigarrenstumpen bitten
könnte. Das schrille Blechgehämmer einer Spenglerwerkstatt, das ferne
Amboßgeläut einer Schmiede, das leise Knarren entfernter Lastwagen
stieg, mit einigem Straßenstaub und dünnem Rauch aus großen und kleinen
Schornsteinen vermischt, zur Höhe herauf und zeigte an, daß drunten in
der Stadt brav gehämmert, gefeilt, gearbeitet und geschwitzt würde,
während Karl Hürlin still und ungeplagt in vornehmer Entrücktheit
darüber thronte.

Um vier Uhr trat er leise in die Stube des Hausvaters, der den Hebel
seiner kleinen Strickmaschine taktmäßig hin und her bewegte. Er wartete
eine Weile, ob es nicht doch am Ende Most und Brot gäbe, aber der
Stricker lachte ihn aus und schickte ihn weg. Da ging er enttäuscht an
seinen Ruheplatz zurück, brummte vor sich hin, verbrachte eine Stunde
oder mehr im Halbschlaf und schaute dann dem Abendwerden im engen Tale
zu. Es war droben noch so warm und behaglich wie zuvor, aber seine gute
Stimmung ließ mehr und mehr nach, denn trotz seiner Trägheit überfiel
ihn eine gewaltige Langweile, auch kehrten seine Gedanken unaufhörlich
zu dem entgangenen Vesper zurück. Er sah ein hohes Schoppenglas voll
Most vor sich stehen, gelb und glänzend und mit süßer Herbe duftend. Er
stellte sich vor, wie er es in die Hand nähme, das kühle runde Glas, und
wie er es ansetzte, und wie er zuerst einen vollen starken Schluck
nehmen, dann aber langsam sparend schlürfen würde. Wütend seufzte er
auf, so oft er aus dem schönen Traum erwachte, und sein ganzer Zorn
richtete sich gegen den unbarmherzigen Hausvater, den Stricker, den
elenden Knauser, Knorzer, Schinder, Seelenverkäufer und Giftjuden.
Nachdem er genug getobt hatte, fing er an sich selber leid zu tun und
wurde weinerlich, schließlich aber beschloß er, morgen zu arbeiten.

Er sah nicht, wie das Tal bleicher und von zarten Schatten erfüllt und
wie die Wolken rosig wurden, noch die abendmilde, süße Färbung des
Himmels und das heimliche Blauwerden der entfernteren Berge; er sah nur
das ihm entgangene Glas Most, die morgen unabwendbar seiner harrende
Arbeit und die Härte seines Schicksals. Denn in derartige Betrachtungen
verfiel er jedesmal, wenn er einen Tag lang nichts zu trinken bekommen
hatte. Wie es wäre, jetzt einen Schnaps zu haben, daran durfte er gar
nicht denken.

Gebeugt und verdrossen stieg er zur Abendessenszeit ins Haus hinunter
und setzte sich mürrisch an den Tisch. Es gab Suppe, Brot und Zwiebeln,
und er aß grimmig, so lange etwas in der Schüssel war, aber zu trinken
gab es nichts. Und nach dem Essen saß er verlassen da und wußte nicht
was anfangen. Nichts zu trinken, nichts zu rauchen, nichts zu schwätzen!
Der Stricker nämlich arbeitete bei Lampenlicht geschäftig weiter, um
Hürlin unbekümmert.

Dieser saß eine halbe Stunde lang am leeren Tische, horchte auf
Sauberles klappende Maschine, starrte in die gelbe Flamme der Hängelampe
und versank in Abgründe von Unzufriedenheit, Selbstbedauern, Neid, Zorn
und Bosheit, aus denen er keinen Ausweg fand noch suchte. Endlich
überwältigte ihn die stille Wut und Hoffnungslosigkeit. Hoch ausholend
hieb er mit der Faust auf die Tischplatte, daß es knallte, und rief:
»Himmelsternkreuzteufelsludernoch'nmal!«

»Holla,« rief der Stricker und kam herüber, »was ist denn wieder los?
Geflucht wird bei mir fein nicht!«

»Ja, was ins heiligs Teufels Namen soll man denn anfangen?«

»Ja so, Langweile? Ihr dürfet ins Bett.«

»So, auch noch? Um die Zeit schickt man kleine Buben ins Bett, nicht
mich.«

»Dann will ich Euch eine kleine Arbeit holen.«

»Arbeit? Danke für die Schinderei, Ihr Sklavenhändler, Ihr!«

»Oha, nur kalt Blut! Aber da, leset was!«

Er legte ihm ein paar Bände aus dem dürftig besetzten Wandregal hin und
ging wieder an sein Geschäft. Hürlin hatte durchaus keine Lust zum
Lesen, nahm aber doch eins von den Büchern in die Hand und machte es
auf. Es war ein Kalender, und er begann die Bilder darin anzusehen. Auf
dem ersten Blatte war irgend eine phantastisch gekleidete ideale Frauen-
oder Mädchengestalt als Titelfigur abgebildet, mit bloßen Füßen und
offenen Locken. Hürlin erinnerte sich sogleich an ein Restlein
Bleistift, das er besaß. Er zog es aus der Tasche, machte es naß und
malte dem Frauenzimmer zwei große runde Brüste aufs Mieder, die er so
lange mit immer wieder benetztem Bleistift nachfuhr und ausmalte, bis
das Papier mürb war und zu reißen drohte. Er wendete das Blatt um und
sah mit Befriedigung, daß der Abdruck seiner Zeichnung durch viele
Seiten sichtbar war. Das nächste Bild, auf das er stieß, gehörte zu
einem Märchen und stellte einen Kobold oder Wüterich mit bösen Augen,
gefährlich kriegerischem Schnauzbart und aufgesperrtem Riesenmaul vor.
Begierig netzte der Alte seinen Bleistift an der Lippe und schrieb mit
großen deutlichen Buchstaben neben den Unhold die Worte: »Das ist der
Stricker Sauberle, Hausvater.«

Er beschloß, womöglich das ganze Buch so zu vermalen und
verschweinigeln. Aber die folgende Abbildung fesselte ihn stark, und er
vergaß sich darüber. Sie zeigte die Explosion einer Fabrik und bestand
fast nur aus einem mächtigen Dampf- und Feuerkegel, um welchen und über
welchem halbe und ganze Menschenleiber, Mauerstücke, Ziegel, Stühle,
Balken und Latten durch die Lüfte sausten. Das zog ihn an und zwang ihn,
sich die ganze Geschichte dazu auszudenken und sich namentlich
vorzustellen, wie es den Emporgeschleuderten wohl im Augenblick des
Ausbruches zu Mut gewesen sein möchte. Darin lag ein Reiz und eine
Befriedigung, die ihn lange in Atem hielten, denn bei aller Selbstsucht
gehörte er zu den vielen Menschen, denen anderer Leute Schicksale,
namentlich wenn sie gehörig illustriert erscheinen, viel mehr
nachzudenken und innerlich zu erleben geben als ihre eigenen.

Als er seine Einbildungskraft an diesem aufregenden Bilde erschöpft und
gesättigt hatte, fuhr er fort zu blättern und stieß bald auf ein
Bildlein, das ihn wieder festhielt, aber auf eine ganz andere Art. Es
war ein lichter, freundlicher Holzschnitt: eine schöne Laube, an deren
äußerstem Zweige ein Schenkenstern aushing, und über dem Sterne saß mit
geschwelltem Hals und offenem Schnäblein und sang ein kleiner Vogel. In
der Laube aber erblickte man um einen rohen Gartentisch eine kleine
Gesellschaft junger Männer, Studenten oder Wanderburschen, die
plauderten und tranken aus heiteren Glasflaschen einen guten Wein.
Seitwärts sah man am Rande des Bildchens eine zerfallene Feste mit Tor
und Türmen in den Himmel stehen, und in den Hintergrund hinein verlor
sich eine schöne Landschaft, etwa das Rheintal, mit Strom und Schiffen
und fernhin entschwindenden Höhenzügen. Die Zecher waren lauter junge,
hübsche Leute, glatt oder mit jugendlichen Bärten, liebenswürdige und
heitere Burschen, welche offenbar bei ihrem Wein die Freundschaft und
die Liebe, den alten Rhein und Gottes blauen Sommerhimmel priesen.

Zunächst erinnerte dieser Holzschnitt den einsamen und mürrischen
Betrachter an seine besseren Zeiten, da er sich noch Wein hatte leisten
können und an die zahlreichen Gläser und Becher guten Getränkes, die er
damals genossen hatte. Dann aber wollte es ihm vorkommen, so vergnügt
und herzlich heiter wie diese jungen Zecher sei er doch niemals gewesen,
selbst nicht vor Zeiten in den leichtblütigen Wanderjahren, da er noch
als junger Schlossergeselle unterwegs gewesen war. Diese sommerliche
Fröhlichkeit in der Laube, diese hellen, guten und freudigen
Jünglingsgesichter machten ihn traurig und zornig; er zweifelte, ob
alles nur die Erfindung eines Malers sei, verschönert und verlogen, oder
ob es auch in Wirklichkeit etwa irgendwo solche Lauben und so hübsche,
frohe und sorgenlose junge Leute gebe. Ihr heiterer Anblick erfüllte ihn
mit Neid und Sehnsucht und je länger er sie anschaute, desto mehr hatte
er die Empfindung, er blicke durch ein schmales Fensterlein für
Augenblicke in eine andere Welt, in ein schöneres Land und zu freieren
und gütigeren Menschen hinüber als ihm jemals im Leben begegnet waren.
Er wußte nicht, in was für ein fremdes Reich er hineinschaue, und daß er
dieselbe Art von Gefühlen habe wie Leute, die in Dichtungen lesen, indem
ihre Freude an der Schönheit des Dargestellten durch die Überlegung, wie
viel geringer die alltägliche Wirklichkeit sei, zu einer leichten, süßen
Trauer und Sehnsucht wird. Diese Art Trauer und Heimweh als etwas Süßes
auszukosten, verstand er vollends nicht, also klappte er das Büchlein
zu, schmiß es zornig auf den Tisch, brummte unwillig Gutnacht und begab
sich in seine Stube hinüber, wo über Bett und Diele und Truhe das
Mondzwielicht hingebreitet lag und in dem gefüllten Waschbecken leise
leuchtete. Die große Stille zu der noch frühen Stunde, das ruhige
Mondlicht und das leere, für eine bloße Schlafstelle fast zu große
Zimmer riefen in dem alten Rauhbein ein Gefühl von unerträglicher
Vereinsamung hervor, dem er leise murmelnd und fluchend erst spät in das
stille Land des Schlummers entrann.

Es kamen nun Tage, an denen er Holz sägte und Most und Brot bekam,
wechselnd mit Tagen, an denen er faulenzte und ohne Vesper blieb. Oft
saß er oben am Straßenrain, giftig und ganz mit Bosheit geladen, spuckte
auf die Stadt hinab und trug Groll und Verbitterung in seinem zuchtlosen
Herzen. Das ersehnte Gefühl, bequem in einem sicheren Hafen zu liegen,
blieb aus und statt dessen kam er sich verkauft und verraten vor, führte
Gewaltszenen mit dem Stricker auf oder fraß das Gefühl der Zurücksetzung
und Unlust und Langeweile still in sich hinein.

Mittlerweile lief der Pensionstermin eines der in Privathäusern
versorgten Stadtarmen ab, und eines Tages rückte in der Sonne als
zweiter Gast der frühere Seilermeister Lukas Heller ein.

Wenn die schlechten Geschäfte aus Hürlin einen Trinker gemacht hatten,
war es mit diesem Heller umgekehrt gegangen. Auch war er nicht wie jener
plötzlich aus Pracht und Reichtum herabgestürzt, sondern hatte sich
langsam und stetig, mit den nötigen Pausen und Zwischenstufen, vom
bescheidenen Handwerksmann zum unbescheidenen Lumpen heruntergesüffelt,
wovor ihn auch sein tüchtiges und energisches Weib nicht hatte retten
können. Vielmehr war sie, die ihm an Kräften weit überlegen schien, dem
nutzlosen Kampf erlegen und längst gestorben, während ihr nichtsnutziger
Mann sich einer zähen Gesundheit erfreute, noch einige Jahre
weiterlumpte und dann, nachdem er ruiniert und bevormundet war, träg und
ungeschwächt einem höheren Alter entgegenbummelte. Natürlich war er
überzeugt, daß er mit dem Weib so gut wie mit der Seilerei ein
unbegreifliches Pech gehabt und nach seinen Gaben und Leistungen ein
ganz anderes Schicksal verdient habe.

Hürlin hatte die Ankunft dieses Mannes mit der sehnlichsten Spannung
erwartet, denn er war nachgerade des Alleinseins unsäglich müd geworden.
Als Heller aber anrückte, tat der Fabrikant vornehm und machte sich kaum
mit ihm zu schaffen. Er schimpfte sogar darüber, daß Hellers Bett in
seine Stube gestellt wurde, obwohl er heimlich froh daran war.

Nach der Abendsuppe griff der Seiler, da sein Kamerad so störrisch
schweigsam war, zu einem Buch und fing zu lesen an. Hürlin saß ihm
gegenüber und warf ihm mißtrauisch beobachtende Blicke zu. Einmal, als
der Lesende über irgend etwas Witziges lachen mußte, hatte der andere
große Lust, ihn danach zu fragen. Als aber Heller im gleichen Augenblick
vom Buch aufschaute, offenbar bereit, den Witz zu erzählen, schnitt
Hürlin sofort ein finsteres Gesicht und tat, als sei er ganz in die
Betrachtung einer über den Tisch hinwegkriechenden Mücke versunken.

So blieben sie hocken, den ganzen langen Abend. Der eine las und blickte
zuweilen plaudersüchtig auf, der andere beobachtete ihn ohne Pause,
wandte aber den Blick stolz zur Seite, so oft jener herüberschaute. Der
Hausvater strickte unverdrossen in die Nacht hinein. Hürlins Mienenspiel
wurde immer verbissener und feindseliger, obwohl er eigentlich
seelenfroh war, nun nicht mehr allein in der Schlafstube liegen zu
müssen. Als es zehn Uhr schlug, sagte der Hausvater: »Jetzt könntet ihr
auch ins Bett gehen, ihr zwei.« Beide standen auf und gingen hinüber.

Während die beiden Männlein in der halbdunkeln Stube sich langsam und
steif entkleideten, schien Hürlin die rechte Zeit gekommen, um ein
prüfendes Gespräch anzubinden und über den lang ersehnten Haus- und
Leidensgenossen ins klare zu kommen.

»Also jetzt sind wir zu zweit,« fing er an und warf seine Weste auf den
Stuhl.

»Ja,« sagte Heller.

»Eine Saubude ist's,« fuhr der andere fort.

»So? Weißt's gewiß?«

»Ob ich's weiß! -- Aber jetzt muß ein Leben reinkommen, sag' ich, jetzt!
Jawohl.«

»Du,« fragte Heller, »ziehst du 's Hemd aus in der Nacht oder behältst's
an?«

»Im Sommer zieh ich's aus.«

Auch Heller zog sein Hemd aus und legte sich nackt ins krachende Bett.
Er begann laut zu schnaufen. Aber Hürlin wollte noch mehr erfahren.

»Schlafst schon, Heller?«

»Nein.«

»Pressiert auch nicht so. -- Gelt, du bist 'n Seiler?«

»Gewesen, ja. Meister bin ich gewesen.«

»Und jetzt?«

»Und jetzt -- kannst du mich gern haben, wenn du dumme Fragen tust.«

»Jerum, so spritzig! Narr, du bist wohl Meister gewesen, aber das ist
noch lange nichts. Ich bin Fabrikant gewesen. Fabrikant, verstanden?«

»Mußt nicht so schreien, ich weiß schon lang. Und nachher, was hast denn
nachher fabriziert?«

»Wieso nachher?«

»Frag auch noch! Im Zuchthaus mein' ich.«

Hürlin meckerte belustigt.

»Du bist wohl 'n Frommer, was. So ein Hallelujazapfen?«

»Ich? Das fehlt gerad noch! Fromm bin ich nicht, aber im Zuchthaus bin
ich auch noch nicht gewesen.«

»Hättest auch nicht hineingepaßt. Da sind meistens ganz feine Herren.«

»O jegerle, so feine Herren wie du einer bist? Freilich, da hätt' ich
mich geniert.«

»'s redet ein jeder, wie er's versteht oder nicht versteht.«

»Ja, das mein' ich auch.«

»Also sei gescheit, du! Warum hast du die Seilerei aufgesteckt?«

»Ach, laß mich in Ruh! Die Seilerei war schon recht, der Teufel ist aber
ganz wo anderst gesessen. Das Weib war schuld.«

»Das Weib? -- Hat sie gesoffen?«

»Das hätte noch gefehlt! Nein, gesoffen hab ich, wie's der Brauch ist,
und nicht das Weib. Aber sie ist schuld gewesen.«

»So? Was hat sie denn angestellt?«

»Frag nicht so viel!«

»Hast auch Kinder?«

»Ein Bub. In Amerika.«

»Der hat recht. Dem geht's besser als uns.«

»Ja, wenn's nur wahr wär. Um Geld schreibt er, der Dackel! Hat auch
geheiratet. Wie er fortgegangen ist, sag ich zu ihm: Frieder, sag ich,
mach's gut und bleib gesund; hantier, was du magst, aber wenn du
heiratest, geht's Elend los. -- Jetzt hockt er drin. Gelt, du hast kein
Weib gehabt?«

»Nein. Siehst, man kann auch ohne Weib ins Pech kommen. Was meinst?«

»Danach man einer ist. Ich wäre heut noch Meister, wenn die Dundersfrau
nicht gewesen wär.«

»Na ja!«

»Hast du was gesagt?«

Hürlin schwieg still und tat so, als wäre er eingeschlafen. Eine
warnende Ahnung sagte ihm, daß der Seiler, wenn er erst einmal recht
angefangen habe, über sein Weib loszuziehen, kein Ende finden würde.

»Schlaf nur, Dickkopf!« rief Heller herüber. Er ließ sich aber nimmer
reizen, sondern stieß noch eine Weile künstliche große Atemzüge aus, bis
er wirklich schlief.

Der Seiler, der mit seinen sechzig Jahren schon einen kürzeren Schlummer
hatte, wachte am folgenden Morgen zuerst auf. Eine halbe Stunde blieb er
liegen und starrte die weiße Stubendecke an. Dann stieg er, der sonst
schwerfällig und steif von Gliedern erschien, leicht und leise wie ein
Morgenlüftchen aus seinem Bette, lief barfuß und unhörbar zu Hürlins
Lagerstatt hinüber und machte sich an dessen über den Stuhl gebreiteten
Kleidern zu schaffen. Er durchsuchte sie mit Vorsicht, fand aber nichts
darin als das Bleistiftstümpchen in der Westentasche, das er herausnahm
und für sich behielt. Ein Loch im linken Strumpf seines Schlafkameraden
vergrößerte er mit Hilfe beider Daumen um ein beträchtliches. Sodann
kehrte er sachte in sein warmes Bett zurück und regte sich erst wieder,
als Hürlin schon erwacht und aufgestanden war und ihm ein paar
Wassertropfen ins Gesicht spritzte, da sprang er hurtig auf, kroch in
die Hosen und sagte guten Morgen. Mit dem Ankleiden hatte er es gar
nicht eilig, und als der Fabrikant ihn antrieb, vorwärts zu machen, rief
er behaglich: »Ja, geh nur einstweilen hinüber, ich komm schon auch
bald.« Der andere ging und Heller atmete erleichtert auf. Er griff
behende zum Waschbecken und leerte das klare Wasser zum Fenster in den
Hof hinaus, denn vor dem Waschen hatte er ein tiefes Grauen. Als er sich
dieser ihm widerstrebenden Handlung entzogen hatte, war er im Umsehen
mit dem Ankleiden fertig und hatte es eilig zum Kaffee zu kommen.

Bettmachen, Zimmeraufräumen und Stiefelputzen ward besorgt, natürlich
ohne Hast und mit reichlichen Plauderpausen. Dem Fabrikanten schien das
alles zu zweien doch viel freundlicher und bequemer zu gehen als früher
allein, und er fing an, dem Kameraden die freundschaftlichsten Gefühle
entgegenzubringen und sich auf ein ersprießliches und fröhliches
Zusammenleben zu freuen. Sogar die unentrinnbar bevorstehende Arbeit
flößte ihm heute etwas weniger Schrecken ein als sonst, und er ging,
wenn auch zögernd, mit fast heiterer Miene auf die Mahnung des
Hausvaters mit dem Seiler ins Höflein hinunter.

Trotz heftiger Entrüstungsausbrüche des Strickers und trotz seines zähen
Kampfes mit der Unlust des Pfleglings war in den vergangenen paar Wochen
an dem Holzvorrat kaum eine wahrnehmbare Veränderung vor sich gegangen.
Die Beuge schien noch so groß und so hoch wie je, als hätte sie die
gesegnete Haltbarkeit jenes Ölkrugs und Kades der Witwe, und das in
einer Ecke liegende Häuflein zersägter Rollen, kaum zwei Dutzend,
erinnerte etwa an die in einer Laune begonnene und in einer neuen Laune
liegengelassene spielerische Arbeit eines Kindes.

Nun sollten also die beiden Grauköpfe zu zweien daran arbeiten; es galt,
sich ineinander zu finden und einander in die Hände zu schaffen, denn es
war nur ein einziger Sägbock und auch nur eine Säge vorhanden. Nach
einigen vorbereitenden Gebärden, Seufzern und Redensarten überwanden die
Leutlein denn auch ihr inneres Sträuben und schickten sich an, das
Geschäft in die Hand zu nehmen. Und nun zeigte sich leider, daß Karl
Hürlins frohe Hoffnungen eitel Träume gewesen waren, denn sogleich trat
in der Arbeitsweise der zwei Tröpfe ein tiefer Wesensunterschied zutage.

Jeder von ihnen hatte seine besondere Art, tätig zu sein. In beider
Seelen mahnte nämlich, neben der eingebornen übermächtigen Trägheit, ein
Rest von Gewissen schüchtern zum Fleißigsein; wenigstens wollten beide
zwar nicht wirklich arbeiten, aber doch vor sich selber den Anschein
gewinnen, als seien sie etwas nütze. Dies erstrebten sie nun auf
durchaus verschiedene Weise und es trat hier in diesen abgenützten,
verwischten und scheinbar vom Schicksal zu Brüdern gemachten Männern ein
unerwarteter Zwiespalt der Anlagen und Neigungen hervor.

Hürlin hatte die Methode, zwar so gut wie nichts zu leisten, aber doch
fortwährend sehr beschäftigt zu sein oder zu scheinen. Ein einfacher
Handgriff wurde bei ihm zu einem höchst verwickelten Manöver, indem mit
jeder noch so kleinen Bewegung ein sparsam zähes Ritardando
verschwistert war; überdies erfand und übte er zwischen zwei einfachen
Bewegungen, beispielsweise zwischen dem Ergreifen und dem Ansetzen der
Säge, beständig ganze Reihen von wertlosen und mühelosen
Zwischentätigkeiten und war immer vollauf beschäftigt, sich durch solche
unnütze Plempereien die eigentliche Arbeit möglichst noch ein wenig vom
Leibe zu halten. Darin glich er einem Verurteilten, der dies und das und
immer noch etwas ausheckt, was noch geschehen und stattfinden und getan
und besorgt werden muß, ehe es ans Erleiden des Unvermeidlichen geht.
Und so gelang es ihm wirklich, die vorgeschriebenen Stunden mit einer
ununterbrochenen Geschäftigkeit auszufüllen und es zu einem Schimmer von
ehrlichem Schweiß zu bringen, ohne sich doch anzugreifen und eine
nennenswerte Arbeit zu tun.

In diesem eigentümlichen, jedoch praktischen System hatte er gehofft von
Heller verstanden und unterstützt zu werden, und fand sich nun völlig
enttäuscht. Der Seiler nämlich befolgte, seinem inneren Wesen
entsprechend, eine entgegengesetzte Methode. Er steigerte sich durch
krampfhaften Entschluß in einen schäumenden Furor hinein, stürzte sich
mit Todesverachtung in die Arbeit und wütete, daß der Schweiß rann und
die Späne flogen. Aber das hielt nur Minuten an, dann war er erschöpft,
hatte sein Gewissen befriedigt und rastete tatenlos zusammengesunken,
bis nach geraumer Zeit der Raptus wieder kam und wieder wütete und
verrauchte. Die Resultate dieser Arbeitsart übertrafen die des
Fabrikanten nicht erheblich.

Unter solchen Umständen mußte von den beiden jeder dem andern zum
schweren Hindernis und Ärgernis werden. Die gewaltsame und hastige,
ruckweise einsetzende Art des Heller war dem Fabrikanten im Innersten
zuwider, während dessen stetig träges Schäffeln wieder jenem ein Greuel
war. Wenn der Seiler einen seiner wütenden Anfälle von Fleiß bekam, zog
sich der erschreckte Hürlin einige Schritte weit zurück und schaute
verächtlich zu, indessen jener keuchend und schwitzend sich abmühte und
doch noch einen Rest von Atem übrig behielt, um Hürlin seine Faulenzerei
vorzuwerfen.

»Guck nur,« schrie er ihn an, »guck nur, faules Luder, Tagdieb du! Gelt,
das gefällt dir, wenn sich andere Leut für dich abschinden? Natürlich,
der Herr ist ja Fabrikant! Ich glaub, du wärst imstand und tätest vier
Wochen am gleichen Scheit herumsägen.«

Weder die Ehrenrührigkeit noch die Wahrheit dieser Vorwürfe regte Hürlin
stark auf, dennoch blieb er dem Seiler nichts schuldig. Sobald Heller
ermattet beiseite hockte, gab er ihm sein Schimpfen heim. Er nannte ihn
Dickkopf, Ladstock, Hauderer, Seilersdackel, Turmspitzenvergolder,
Kartoffelkönig, Allerweltsdreckler, Schoote, Schlangenfanger,
Mohrenhäuptling, alte Schnapsbouteille, und erbot sich mit
herausfordernden Gesten ihm so lang auf seinen Wasserkopf zu hauen, bis
er die Welt für ein Erdäpfelgemüs und die zwölf Apostel für eine
Räuberbande ansähe. Zur Ausführung solcher Drohungen kam es natürlich
nie, sie waren rein oratorische Leistungen und wurden auch vom Gegner
als nichts anderes betrachtet. Ein paar Mal verklagten sie einander beim
Hausvater, aber Sauberle war gescheit genug, sich das gründlich zu
verbitten.

»Kerle,« sagte er ärgerlich, »ihr seid doch bigost keine Schulbuben
mehr. Auf so Stänkereien laß ich mich nicht ein; fertig, basta!«

Trotzdem kamen beide wieder, jeder für sich, um einander zu verklagen.
Da bekam beim Mittagessen der Fabrikant kein Fleisch und als er trotzig
aufbegehrte, meinte der Stricker: »Reget Euch nicht so auf, Hürlin,
Strafe muß sein. Der Heller hat mir erzählt, was Ihr heut wieder für
Reden verführt habt.« Der Seiler triumphierte über diesen unerwarteten
Erfolg nicht wenig. Aber abends ging es umgekehrt, Heller bekam keine
Suppe und die zwei Schlaumeier merkten, daß sie überlistet waren. Von da
an hatte die Angeberei ein Ende.

Untereinander aber ließen sie sich keine Ruhe. Nur selten einmal, wenn
sie nebeneinander am Rain droben kauerten und den Vorübergehenden ihre
faltigen Hälse nachstreckten, spann sich vielleicht für eine Stunde eine
flüchtige Seelengemeinschaft zwischen ihnen an, indem sie miteinander
über den Lauf der Welt, über den Stricker, über die Armenpflege und über
den dünnen Kaffee im Spittel räsonierten oder ihre kleinen idealen Güter
austauschten, welche bei dem Seiler in einer bündigen Psychologie der
Weiber, bei Hürlin hingegen aus Wandererinnerungen und phantastischen
Plänen zu Finanzspekulationen großen Stils bestanden.

»Siehst du, wenn halt einer heiratet --« fing es bei Heller allemal an.
Und Hürlin, wenn an ihm die Reihe war, begann stets: »Tausend Mark wenn
mir einer lehnte --« oder: »Wie ich dazumal in Solingen drunten war.«
Drei Monate hatte er vor Jahren einmal dort gearbeitet, aber es war
erstaunlich, was ihm alles gerade in Solingen passiert und zu Gesicht
gekommen war.

Wenn sie sich müdgesprochen hatten, nagten sie schweigend an ihren
meistens kalten Pfeifen, legten die Arme auf die spitzen Kniee, spuckten
in ungleichen Zwischenräumen auf die Straße und stierten an den krummen
alten Apfelbaumstämmen vorüber in die Stadt hinunter, deren Auswürflinge
sie waren und der sie in ihrer Torheit schuld an ihrem Unglück gaben. Da
wurden sie wehmütig, seufzten, machten mutlose Handbewegungen und
fühlten, daß sie alt und erloschen seien. Dieses dauerte stets solange,
bis die Wehmut wieder in Bosheit umschlug, wozu meistens eine halbe
Stunde hinreichte. Dann war es gewöhnlich Lukas Heller, der den Reigen
eröffnete, zuerst mit irgendeiner Neckerei.

»Sieh einmal da drunten!« rief er und deutete talwärts.

»Was denn?« brummte der andere.

»Mußt auch noch fragen! Ich weiß was ich sehe.«

»Also was, zum Deihenker?«

»Ich sehe die sogenannte Walzenfabrik von weiland Hürlin und
Schwindelmeier, jetzt Dallas und Kompagnie. Reiche Leute das, reiche
Leute!«

»Kannst mich im Adler treffen!« murrte Hürlin.

»So? Danke schön.«

»Willst mich falsch machen?«

»Tut gar nicht not, bist's schon.«

»Dreckiger Seilersknorze, du!«

»Zuchthäusler!«

»Schnapslump!«

»Selber einer! Du hast's grad nötig, daß du ordentliche Leute
schimpfst.«

»Ich schlag dir sieben Zähne ein.«

»Und ich hau dich lahm, du Bankröttler, du naseweiser!«

Damit war das Gefecht eröffnet. Nach Erschöpfung der ortsüblichen
Schimpfnamen und Schandwörter erging sich die Phantasie der beiden
Hanswürste in üppigen Neubildungen von verwegenem Klange, bis auch dies
Kapital aufgebraucht war und die zwei Kampfhähne erschöpft und erbittert
hintereinander her ins Haus zurückzottelten.

Jeder hatte keinen anderen Wunsch, als den Kameraden möglichst
unterzukriegen und sich ihm überlegen zu fühlen, aber wenn Hürlin der
Gescheitere war, so war Heller der Schlauere, und da der Stricker keine
Partei nahm, wollte keinem ein rechter Trumpf gelingen. Die geachtetere
und angenehmere Stellung im Spittel einzunehmen, war beider sehnliches
Verlangen; sie verwandten darauf so viel Energie, Mißtrauen, Nachdenken
und geheime Zähigkeit, daß mit der Hälfte davon ein jeder, wenn er sie
seinerzeit nicht gespart hätte, sein Schifflein hätte flott erhalten
können, anstatt ein Sonnenbruder zu werden.

                   *       *       *       *       *

Unterdessen war die große Holzladung im Hof langsam kleiner geworden.
Den Rest hatte man für später liegen lassen und einstweilen andere
Geschäfte vorgenommen. Heller arbeitete tagweise in des
Stadtschultheißen Garten, und Hürlin war unter hausväterlicher Aufsicht
mit friedlichen Tätigkeiten wie Salatputzen, Linsenlesen,
Bohnenschnitzeln und dergleichen beschäftigt, wobei er sich nicht zu
übernehmen brauchte und doch etwas nütze sein konnte. Darüber schien die
Feindschaft der Spittelbrüder langsam heilen zu wollen, denn da sie
nimmer den ganzen Tag beisammen waren, hatte jeder in den Mußestunden
genug zu klagen und zu berichten. Auch bildete jeder sich ein, man habe
ihm gerade diese Arbeit seiner besonderen Vorzüge wegen zugeteilt und
ihm damit über den andern einen Vorrang zugestanden. So zog sich der
Sommer hin, bis schon das Laub braun anzulaufen begann und die Abende,
an denen man bis neun Uhr ohne Licht sein konnte, ein Ende nahmen.

Da begegnete es dem Fabrikanten, als er eines Nachmittags allein im
Torgang saß und sich schläfrig die Welt betrachtete, daß ein fremder
junger Mensch den Berg herunterkam, vor der Sonne stehen blieb und ihn
fragte, wo es denn zum Rathaus gehe. Hürlin war aus Langeweile höflich,
lief zwei Gassen weit mit, stand dem Fremden Rede und bekam für seine
Mühe zwei Zigarren geschenkt. Er bat den nächsten Fuhrmann um Feuer,
steckte eine an und kehrte an seinen Schattenplatz bei der Haustüre
zurück, wo er mit überschwenglichen Lustgefühlen sich dem lang
entbehrten Genusse der guten Zigarre hingab, deren letzten Rest er
schließlich noch im Pfeiflein aufrauchte, bis nur noch Asche und ein
paar braune Tropfen übrig waren. Am Abend, da der Seiler vom
Schulzengarten kam und wie gewöhnlich viel davon zu erzählen wußte, was
für feinen Birnenmost und Weißbrot und Rettiche er zum Vesper gekriegt
und wie nobel man ihn behandelt hatte, da berichtete Hürlin auch sein
Abenteuer mit ausführlicher Beredsamkeit, zu Hellers großem Neide.

»Und wo hast denn jetzt die Zigarren?« fragte dieser alsbald mit
Interesse.

»Geraucht hab' ich sie,« lachte Hürlin protzig.

»Alle beide?«

»Jawohl, alter Schwed, alle beide.«

»Auf einmal?«

»Nein, du Narr, sondern auf zweimal, eine hinter der anderen.«

»Ist's wahr?«

»Was soll's nicht wahr sein?«

»So,« meinte der Seiler, der es nicht glaubte, listig; »dann will ich
dir was sagen. Dann bist du nämlich ein Rindvieh und das kein kleines.«

»So? Warum denn?«

»Hättest eine aufgehebt, dann hättest morgen auch was gehabt. Was hast
jetzt davon?«

Das hielt der Fabrikant nicht aus. Grinsend zog er die noch übrige
Zigarre aus der Brusttasche und hielt sie dem neidischen Seiler vors
Auge, um ihn vollends recht zu ärgern.

»Siehst was? Ja gelt, so gottverlassen dumm bin ich auch nicht, wie du
meinst.«

»So so. Also da ist noch eine. Zeig einmal!«

»Halt da, wenn ich nur müßte!«

»Ach was, bloß ansehen! Ich versteh' mich darauf, ob's eine feine ist.
Du kriegst sie gleich wieder.«

Da gab ihm Hürlin die Zigarre hin, er drehte sie in den Fingern herum,
hielt sie an die Nase, roch ein wenig daran und sagte, indem er sie
ungern zurückgab, mitleidig: »Da, nimm sie nur wieder. Das ist vom
allergeringsten Kraut, von der Sorte bekommt man zwei für den Kreuzer.«

Es entspann sich nun ein Streiten um die Güte und den Preis der Zigarre,
das bis zum Bettgehen dauerte. Beim Auskleiden legte Hürlin den Schatz
auf sein Kopfkissen und bewachte ihn ängstlich. Heller höhnte: »Ja, nimm
sie nur mit ins Bett! Vielleicht kriegt sie Junge.« Der Fabrikant gab
keine Antwort, und als jener im Bett lag, legte er die Zigarre behutsam
auf den Fenstersimsen und stieg dann gleichfalls zu Nest. Wohlig
streckte er sich aus und durchkostete vor dem Einschlafen noch einmal in
der Erinnerung den Genuß vom Nachmittag, wo er den feinen Rauch so stolz
und prahlend in die Sonne geblasen hatte und wo mit dem guten Dufte ein
Rest seiner früheren Herrlichkeit und Großmannsgefühle in ihm aufgewacht
war. So hatte er früher zwischen Bureau und Fabriksaal am feinen Stengel
gesogen und sorglose, herrschaftliche, großkaufmännische Wolken
hinausgeblasen! Und dann schlief er ein und während der Traum ihm das
Bild jener versunkenen Glanzzeit vollends in aller Glorie
zurückbeschwor, streckte er schlafend seine gerötete und aus dem
Richtmaß geratene Nase mit der ganzen vornehm stolzen Weltverachtung
seiner besten Zeiten in die Lüfte.

Allein mitten in der Nacht wachte er ganz wider alle Gewohnheit
plötzlich auf, und da sah er im halben Licht den Seilersmann zu Häupten
seines Bettes stehen und die magere Hand nach der auf dem Simsen
liegenden Zigarre ausstrecken.

Mit einem Wutschrei warf er sich aus dem Bette und versperrte dem
Missetäter den Rückweg. Eine Weile wurde kein Wort gesprochen, sondern
die beiden Feinde standen einander regungslos und faselnackend
gegenüber, musterten sich mit durchbohrenden Zornblicken und wußten
selber nicht, war es Angst oder Übermaß der Überraschung, daß sie
einander nicht schon an den Haaren hatten.

»Leg die Zigarre weg!« rief endlich Hürlin keuchend.

Der Seiler rührte sich nicht.

»Weg legst sie!« schrie der andere noch einmal, und als Heller wieder
nicht folgte, holte er aus und hätte ihm ohne Zweifel eine saftige
Ohrfeige gegeben, wenn der Seiler sich nicht beizeiten gebückt hätte.
Dabei entfiel demselben aber die Zigarre, Hürlin wollte eiligst nach ihr
langen, da trat Heller mit der Ferse drauf, daß sie mit leisem Knistern
in Stücke ging. Jetzt bekam er vom Fabrikanten einen Puff in die Rippen,
und es begann eine gelinde Balgerei. Es war zum ersten Mal, daß die
beiden handgemein wurden, aber die Feigheit wog den Zorn so ziemlich
auf, und es kam nichts Erkleckliches dabei heraus. Bald trat der eine
einen Schritt vor und bald der andere, so schoben die nackten Alten ohne
viel Geräusch in der Stube herum, als übten sie einen antiken Tanz, und
jeder war ein Held und keiner bekam Hiebe. Das ging so lange, bis in
einem günstigen Augenblick dem Fabrikanten seine leere Waschschüssel in
die Hand geriet; er schwang sie wild über sich durch die Luft und ließ
sie machtvoll auf den Schädel seines unbewaffneten Feindes herabsausen.
Sonderlich weh tat es gewiß nicht, aber dieser Hauptschlag mit der
Blechschüssel gab einen so kriegerisch schmetternden Klang durchs ganze
Haus, daß sogleich die Türe ging, der Hausvater im Hemde hereintrat und
mit Schimpfen und Lachen vor den Zweikämpfern stehen blieb.

»Ihr seid doch die reinen Lausbuben,« rief er scharf, »boxet euch da
splitternackt in der Bude herum, so zwei alte Geißböcke! Packet euch ins
Bett, und wenn ich noch einen Ton hör', könnt ihr euch gratulieren.«

»Gestohlen hat er« -- schrie Hürlin, vor Zorn und Beleidigung fast
heulend. Er ward aber sofort unterbrochen und zur Ruhe verwiesen. Die
Geißböcke zogen sich murrend in ihre Betten zurück, der Stricker horchte
noch eine kleine Weile vor der Türe und auch als er fort war, blieb in
der Stube alles still. Neben dem Waschbecken lagen die Trümmer der
Zigarre am Boden, durchs Fenster sah die blasse Spätsommernacht herein
und über den beiden tödlich ergrimmten Taugenichtsen hing an der Wand
von Blumen umrankt der Spruch: »Kindlein, liebet euch untereinander!«

Wenigstens einen kleinen Triumph trug Hürlin am andern Tage aus dieser
Affäre davon. Er weigerte sich standhaft, fernerhin mit dem Seiler
nachts die Stube zu teilen, und nach hartnäckigem Widerstand mußte der
Stricker sich dazu verstehen, jenem das andere Stübchen anzuweisen. So
war der Fabrikant wieder zum Einsiedler geworden, und so gerne er die
Gesellschaft des Seilermeisters los war, machte es ihn doch schwermütig,
so daß er zum ersten Mal deutlich spürte, in was für eine hoffnungslose
Sackgasse ihn das Schicksal auf seine alten Tage gestoßen hatte.

Das waren keine fröhlichen Vorstellungen für den armen Alten. Früher war
er, ging es wie es mochte, doch wenigstens frei gewesen, hatte auch in
den elendsten Zeiten je und je noch ein paar Batzen fürs Wirtshaus
gehabt und konnte, wenn er nur wollte, jeden Tag wieder auf die
Wanderschaft gehen. Jetzt aber saß er da, rechtlos und bevogtet, bekam
niemals einen blutigen Batzen zu sehen und hatte in der Welt nichts mehr
vor sich als vollends alt und mürb zu werden und zu seiner Zeit sich
hinzulegen.

Er begann, was er sonst nie getan hatte, von einer hohen Warte am
Allpacher Straßenrain über die Stadt hinweg das Tal hinab- und
hinaufzuäugen, die weißen Landstraßen mit dem Blick zu messen und den
fliegenden Vögeln und Wolken, den vorbeifahrenden Wagen und den ab- und
zugehenden Fußwanderern mit Sehnsucht nachzublicken, als ein trauernder
Ausgeschlossener und Liegengebliebener, der nimmer mitkann. Für die
Abende gewöhnte er sich nun sogar das Lesen an, aber aus den erbaulichen
Geschichten der Kalender und frommen Zeitschriften heraus hob er oft
fremd und bedrückt den Blick, empfand, daß er mit diesen Leuten und
Begebenheiten nichts gemein und nichts zu tun habe, erinnerte sich an
seine jungen Jahre, an Solingen, an seine Fabrik, ans Zuchthaus, an die
Abende in der ehemaligen Sonne und dachte immer wieder daran, daß er nun
allein sei, hoffnungslos allein.

Der Seiler Heller musterte ihn mit bösartigen Seitenblicken, versuchte
aber nach einiger Zeit doch den Verkehr wieder ins Geleise zu bringen.
So daß er etwa gelegentlich, wenn er den Fabrikanten draußen am
Ruheplatz antraf, ein freundliches Gesicht schnitt und ihm zurief:
»Schönes Wetter, Hürlin! Das gibt einen guten Herbst, was meinst?« Aber
Hürlin sah ihn nur an, nickte träg und gab keinen Ton von sich.

Vermutlich hätte sich allmählich trotzdem wieder irgendein Fädlein
zwischen den Trutzköpfen angesponnen, denn aus seinem verstockten
Tiefsinn und Gram heraus hätte Hürlin doch ums Leben gern nach dem
nächsten besten Menschenwesen gegriffen, um nur das elende Gefühl der
Vereinsamung und Leere zeitweise loszuwerden. Der Hausvater, dem des
Fabrikanten stilles Schwermüteln gar nicht gefiel, tat auch, was er
konnte, um seine beiden Pfleglinge wieder aneinander zu bringen. Da kam
endlich allen dreien eine Erlösung, wenn schon eine zweifelhafte.

Es rückten kurz hintereinander im Laufe des September zwei neue
Ankömmlinge ein und zwar zwei sehr verschiedene.

Der eine hieß Louis Kellerhals, doch kannte kein Mensch in der Stadt
diesen Namen, da Louis schon seit Jahrzehnten den Beinamen Holdria trug,
dessen Ursprung unerfindlich ist. Er war, da er schon viele Jahre her
der Stadt zur Last fiel, bei einem freundlichen Handwerker untergebracht
gewesen, wo er es gut hatte und mit zur Familie zählte. Dieser
Handwerker war nun aber unvermutet schnell gestorben, und da der
Pflegling nicht zur Erbschaft mitgerechnet werden konnte, mußte ihn
jetzt der Spittel übernehmen. Er hielt seinen Einzug mit einem
wohlgefüllten Leinwandsäcklein, einem ungeheuren blauen Regenschirm und
einem grünbemalten Holzkäfig, darin saß ein sehr feister gewöhnlicher
Sperling und ließ sich durch den Umzug wenig aufregen. Der Holdria kam
lächelnd, herzlich und strahlend, schüttelte jedermann innig die Hand,
sprach kein Wort und fragte nach nichts, glänzte vor Wonne und
Herzensgüte, so oft jemand ihn anredete oder ansah und hätte, auch wenn
er nicht schon längst eine überall bekannte Figur gewesen wäre, es keine
Viertelstunde lang verbergen können, daß er ein gutwilliger und
ungefährlicher Schwachsinniger war.

Der zweite, der etwa eine Woche später seinen Einzug hielt, kam nicht
minder lebensfroh und wohlwollend daher, war aber keineswegs schwach im
Kopfe, sondern ein zwar harmloser, aber durchtriebener Pfiffikus. Er
hieß Stefan Finkenbein und stammte aus der in der ganzen Stadt und
Gegend von alters her wohlbekannten Landstreicher- und Bettlerdynastie
der Finkenbeine, deren komplizierte Familie in vielerlei Zweigen in
Gerbersau ansässig und anhängig war und viele Dutzende von Mitgliedern
zählte. Die Finkenbeine waren alle fast ohne Ausnahme helle und lebhafte
Köpfe, dennoch hatte es von jeher niemals einer von ihnen irgend zu
etwas Nennenswertem gebracht, denn von ihrem ganzen Wesen und Dasein war
die Vogelfreiheit und der Humor des Nichtshabens ganz unzertrennlich.

Besagter Stefan war noch keine sechzig alt und erfreute sich einer
fehlerlosen Gesundheit. Zwar war er etwas mager und fast zart von
Gliedern, aber zäh und stets wohlauf und rüstig, und auf welche schlaue
Weise es ihm gelungen war, sich bei der Gemeinde als Anwärter auf einen
Spittelsitz einzuschmuggeln und durchzusetzen, war rätselhaft. Es gab
Ältere, Elendere und sogar Ärmere genug in der Stadt. Allein seit der
Gründung dieser Anstalt hatte es ihm keine Ruhe gelassen, er fühlte sich
zum Sonnenbruder geboren und wollte und mußte einer werden. Und nun war
er da, ebenso lächelnd und liebenswürdig wie der treffliche Holdria,
aber mit wesentlich leichterem Gepäck, denn außer dem, was er am Leibe
trug, brachte er einzig einen zwar nicht in der Farbe, aber doch in der
Form wohlerhaltenen steifen Sonntagshut von altväterisch biederer
Eleganz mit. Wenn er ihn aufsetzte und ein wenig nach hinten rückte, war
Stefan Finkenbein ein klassischer Vertreter des Typus Bruder
Straubinger.

Er führte sich als einen weltgewandten, spaßhaften Gesellschafter ein
und wurde, da der Holdria schon in Hürlins Stube gesteckt worden war,
beim Seiler Heller untergebracht. Alles schien ihm gut und lobenswert zu
sein, nur die Schweigsamkeit seiner Kameraden gefiel ihm nicht. Eine
Stunde vor dem Abendessen, als alle viere beisammen draußen im Freien
saßen, fing der Finkenbein plötzlich an: »Hör' du, Herr Fabrikant, ist
das bei euch denn alleweil so trübselig? Ihr seid ja lauter
Trauerwedel.«

»Ach laß mich.«

»Na, wo fehlt's denn bei dir? Überhaupt, warum hocken wir alle so fad da
herum? Man könnte doch wenigstens einen Schnaps trinken, oder nicht?«

Hürlin horchte einen Augenblick entzückt auf und ließ seine müden
Äuglein glänzen, aber dann schüttelte er verzweifelt den Kopf, drehte
seine leeren Hosentaschen um und machte ein leidendes Gesicht.

»Ach so, hast kein Moos?« rief Finkenbein lachend. »Lieber Gott, ich
hab' immer gedacht, so ein Fabrikant, der hat's alleweil so im Sack
herumklimpern. Aber heut ist doch mein Antrittsfest, das darf nicht so
trocken vorbeigehen. Kommt nur ihr Leute, der Finkenbein hat zur Not
schon noch ein paar Kapitalien im Ziehamlederle.«

Da sprangen die beiden Trauerwedel behend auf die Füße. Den
Schwachsinnigen ließen sie sitzen, die drei anderen stolperten im
Eilmarsch nach dem Sternen und saßen bald auf der Wandbank jeder vor
einem Glas Korn. Hürlin, der seit Wochen und Monaten keine Wirtsstube
mehr von innen gesehen hatte, kam in die freudigste Aufregung. Er atmete
in tiefen Zügen den lang entbehrten Dunst des Ortes ein und genoß den
Kornschnaps in kleinen, sparsamen, scheuen Schlücken. Wie einer, der aus
schweren Träumen erwacht ist, fühlte er sich dem Leben wiedergeschenkt
und von der wohlbekannten Umgebung heimatlich angezogen. Er holte die
vergessenen kühnen Gesten seiner ehemaligen Kneipenzeit eine um die
andere wieder hervor, schlug mordsmäßig auf den Tisch, schnippte mit den
Fingern, spuckte vor sich hin auf die Diele und scharrte tönend mit der
Sohle darüber. Auch seine Redeweise nahm einen plötzlichen Aufschwung
und die volltönenden Kraftausdrücke aus den Jahren seiner Herrlichkeit
klangen noch einmal fast mit der alten brutalen Sicherheit von seinen
blauen Lippen.

Während der Fabrikant sich diesermaßen verjüngte und im Nachglanze
seines einstigen Virtuosentums und Glück sonnte, blinzelte Lukas Heller
nachdenklich in sein Gläschen und hielt die Zeit für gekommen, wo er dem
Stolzen seine Beleidigungen und den entehrenden Blechhieb aus jener
Nacht heimzahlen könnte. Er hielt sich still und wartete aufmerksam, bis
der rechte Augenblick da wäre.

Inzwischen hatte Hürlin, wie es früher seine Art gewesen war, beim
zweiten Glase angefangen ein Ohr auf die Gespräche der Leute am
Nebentisch zu haben, mit Kopfnicken, Räuspern und Mienenspiel daran
teilzunehmen und schließlich auch zwischenein ein freundschaftliches
Jaja oder Soso dareinzugeben. Er fühlte sich ganz in das schöne Ehemals
zurückversetzt und als nun das Gespräch nebenan lebhafter wurde, drehte
er sich mehr und mehr dort hinüber und nach seiner alten Leidenschaft
stürzte er sich bald mit Feuer in das Wogen und Aneinanderbranden der
Meinungen. Die Redenden achteten im Anfang nicht darauf, bis einer von
ihnen, ein Fuhrknecht, plötzlich rief: »Jeses, der Fabrikant! Ja, was
willst denn du da, alter Lump? Sei so gut und halt du deinen Schnabel,
sonst schwätz ich deutsch mit dir.«

Betrübt wendete der Angeschnauzte sich ab, aber da gab ihm der Seiler
einen Ellbogenstoß und flüsterte eifrig: »Laß dir doch von dem Jockel
das Maul nicht verbieten! Sag's ihm, dem Drallewatsch!«

Diese ehrenvolle Ermunterung entflammte sogleich das Ehrgefühl des
Fabrikanten zu neuem Bewußtsein. Trotzig hieb er auf den Tisch, rückte
noch mehr gegen die Sprecher hinüber, warf kühne Blicke um sich und rief
mit tiefem Brustton: »Nur etwas manierlicher, du, bitt ich mir aus! Du
weißt scheint's nicht, was der Brauch ist.«

Einige lachten. Der Fuhrknecht drohte noch einmal gutmütig: »Paß
Achtung, Fabrikantle! Dein Maul wenn du nicht hältst, kannst was
erleben.«

»Ich brauch nichts zu erleben,« sagte Hürlin, von Heller wieder durch
einen Stoß angefeuert, mit Würde und Nachdruck, »ich bin so gut da und
kann mitreden wie ein anderer. So, jetzt weißt du's.«

Der Knecht, der seinem Tisch eine Runde bezahlt hatte und dort den Herrn
spielte, stand auf und kam herüber. Er war der Kläfferei müde. »Geh heim
ins Spittel, wo du hingehörst!« schrie er Hürlin an, nahm den
Erschrockenen am Kragen, schleppte ihn zur Stubentüre und half ihm mit
einem Tritt hinaus. Die Leute lachten, sahen belustigt zu und fanden, es
geschehe dem Spektakler recht. Damit war der kleine Zwischenfall abgetan
und sie fuhren mit Schwören und Schreien in ihren wichtigen Gesprächen
fort.

Der Seilermeister war selig. Er veranlaßte Finkenbein, noch ein letztes
Gläschen zu spenden. Und da er den Wert dieses neuen Genossen erkannt
hatte, bemühte er sich nach Kräften, sich mit ihm anzufreunden, was
Finkenbein sich ruhig und lächelnd gefallen ließ. Dieser war vorzeiten
einmal im Hürlinschen Anwesen betteln gegangen und von dem Herrn
Fabrikanten streng hinausgewiesen worden. Trotzdem hatte er nichts gegen
ihn und stimmte den Beschimpfungen, die Heller dem Abwesenden jetzt
antat, mit keinem Worte bei. Er war besser als diese aus glücklicheren
Umständen Herabgesunkenen daran gewöhnt, der Welt ihren Lauf zu lassen
und an den Besonderheiten der Leute seinen Spaß zu haben.

»Laß nur, Seiler,« sagte er abwehrend. »Der Hürlin ist freilich ein
Narr, aber noch lang keiner von den übelsten. Da dank ich doch schön
dafür, daß wir da droben auch noch dumme Händel miteinander haben
sollen.«

Heller merkte sich das und ging gefügig auf diesen versöhnlichen Ton
ein. Es war nun auch Zeit zum Aufbrechen, so gingen sie denn und kamen
gerade recht zum Nachtessen heim. Der Tisch, an dem nunmehr fünf Leute
saßen, bot einen ganz stattlichen Anblick. Obenan saß der Stricker, dann
kam auf der einen Seite der rotwangige Holdria neben dem hageren,
verfallen und grämlich aussehenden Hürlin, ihnen gegenüber der dünn
behaarte, pfiffige Seiler neben dem fidelen, helläugigen Finkenbein.
Dieser unterhielt den Hausvater vortrefflich und brachte ihn in gute
Laune, zwischenein machte er ein paar Späße mit dem Blöden, der
geschmeichelt grinste, und als der Tisch abgeräumt und abgewaschen war,
zog er Spielkarten heraus und schlug eine Partie vor. Der Stricker
wollte es verbieten, gab es aber am Ende unter der Bedingung zu, daß »um
nichts« gespielt werde. Finkenbein lachte laut.

»Natürlich um nichts, Herr Sauberle. Um was denn sonst? Ich bin ja
freilich von Haus aus Millionär, aber das ist alles in Hürlinischen
Aktien draufgegangen -- nichts für ungut, Herr Fabrikant!«

Sie begannen denn und das Spiel ging auch eine Weile ganz fröhlich
seinen Gang, durch zahlreiche Kartenwitze des Finkenbein und durch einen
von demselben Finkenbein entdeckten und vereitelten Mogelversuch des
Seilermeisters anregend unterbrochen. Aber da stach den Seiler der
Haber, daß er mit geheimnisvollen Andeutungen immer wieder des
Abenteuers im Sternen gedenken mußte. Hürlin überhörte es zuerst, dann
winkte er ärgerlich ab. Da lachte der Seiler auf eine schadenfrohe Art
dem Finkenbein zu. Hürlin blickte auf, sah das unangenehme Lachen und
Blinzeln, und plötzlich wurde ihm klar, daß dieser an der Hinauswerferei
schuld war und sich auf seine Kosten lustig mache. Das ging ihm durch
und durch. Er verzog den Mund, warf mitten im Spiel seine Karten auf den
Tisch und war nicht zum Weiterspielen zu bewegen. Heller merkte sofort,
was los war, er hielt sich vorsichtig still und gab sich nun doppelt
Mühe, auf einem recht brüderlichen Fuß mit Finkenbein zu bleiben.

Es war nun also zwischen den beiden alten Gegnern wieder alles
verschüttet, und desto schlimmer, weil Hürlin überzeugt war, Finkenbein
habe um den Streich gewußt und ihn anstiften helfen. Dieser benahm sich
unverändert lustig und kameradschaftlich, da aber Hürlin ihn nun einmal
beargwöhnte und seine Späße und Titulaturen wie Kommerzienrat, Herr von
Hürlin usw. ruppig aufnahm, zerfiel in Bälde die Sonnenbrüderschaft in
zwei Parteien. Denn der Fabrikant hatte sich als Schlafkamerad schnell
an den blöden Holdria gewöhnt und ihn zu seinem Freund gemacht.

Von Zeit zu Zeit brachte Finkenbein, der aus irgend welchen verborgenen
Quellen her immer wieder ein bißchen kleines Geld im Sack hatte, wieder
einen gemeinsamen Kneipengang in Vorschlag. Aber Hürlin, so gewaltig die
Verlockung für ihn war, hielt sich stramm und ging niemals mehr mit,
obwohl es ihn empörte zu denken, daß Heller desto besser dabei wegkomme.
Statt dessen hockte er beim Holdria, der ihm mit verklärtem Lächeln oder
mit ängstlich großen Augen zuhörte, wenn er klagte und schimpfte oder
darüber phantasierte, was er tun würde, wenn ihm jemand tausend Mark
liehe.

Lukas Heller dagegen hielt es klüglich mit dem Finkenbein. Freilich
hatte er gleich im Anfang die neue Freundschaft in Gefahr gebracht. Er
war des Nachts einmal nach seiner Gewohnheit über den Kleidern seines
Schlafkameraden gewesen und hatte dreißig Pfennige darin gefunden und an
sich gebracht. Der Beraubte aber, der nicht schlief, sah ruhig durch
halbgeschlossene Lider zu. Am Morgen gratulierte er dem Seiler zu seiner
Fingerfertigkeit, die er höchlich lobte, forderte ihm das Geld wieder ab
und tat, als wäre es nur ein guter Scherz gewesen. Damit hatte er
vollends Macht über Heller gewonnen, und wenn dieser an ihm einen guten
und lustigen Kameraden hatte, konnte er ihm doch nicht so unverwehrt
seine Klagelieder vorsingen wie Hürlin dem seinigen. Namentlich seine
Reden über die Weiber wurden dem Finkenbein bald langweilig.

»'s ist gut, sag ich, Seilersmann, 's ist gut. Du bist auch so eine
Drehorgel mit einer ewigen Leier, hast keine Reservewalze. Was die
Weiber angeht, hast du meinetwegen recht. Aber was zuviel ist, ist
zuviel. Mußt dir eine Reservewalze anschaffen -- mal was anderes, weißt
du, sonst kannst du mir gestohlen werden.«

Vor solchen Erklärungen war der Fabrikant sicher. Und das war zwar
bequem, aber es tat ihm nicht gut. Je geduldiger sein Zuhörer war, desto
tiefer wühlte er in seinem Elend. Noch ein paarmal steckte ihn die
souveräne Lustigkeit des Taugenichts Finkenbein für eine halbe Stunde
an, daß er nochmals die großartigen Handbewegungen und Kernworte seiner
goldenen Zeit hervorlangte und übte, aber seine Hände waren doch
allmählich ziemlich steif geworden, und es kam ihm nimmer von innen
heraus. In den letzten sonnigen Herbsttagen saß er zuweilen noch unter
den welkenden Apfelbäumen, aber er schaute auf Stadt und Tal nimmer mit
Neid oder mit Verlangen, sondern fremd, wie wenn all dieses ihn nichts
mehr anginge und ihm fernläge. Es ging ihn auch nichts mehr an, denn er
war sichtlich am Abrüsten und hatte hinter sich nichts mehr zu suchen.

Das war merkwürdig schnell über ihn gekommen. Zwar war er schon bald
nach seinem Sturze, in den dürftigen Zeiten, da die »Sonne« ihm vertraut
zu werden begann, grau geworden und hatte angefangen, die Beweglichkeit
zu verlieren. Aber er hätte sich noch jahrelang herumschlagen und
manchen Schoppen trinken und manchesmal das große Wort am Wirtstisch
oder auf der Gasse führen können. Es war nur der Spittel, der ihm in die
Knie geschlagen hatte. Als er damals froh gewesen war, ins Asyl zu
kommen, hatte er nicht bedacht, daß er sich damit selber seinen besten
Faden abschneide. Denn ohne Projekte und ohne Aussicht auf allerlei
Umtrieb und Spektakel zu leben, dazu hatte er keine Gabe, und daß er
damals der Müdigkeit und dem Hunger nachgegeben und sich zur Ruhe
gesetzt hatte, das war erst sein eigentlicher Bankrott gewesen. Nun
blieb ihm nichts mehr als sein Zeitlein vollends abzuleben.

Es kam dazu, daß Hürlin allzulange eine Wirtshausexistenz geführt hatte.
Alte Gewohnheiten, auch wenn sie Laster sind, legt ein Grauhaariger
nicht ohne Schaden ab. Die Einsamkeit und die Händel mit Heller halfen
mit, ihn vollends still zu machen, und wenn ein alter Blagueur und
Schreier einmal still wird, so ist das schon der halbe Weg zum Kirchhof.

Es ist unerquicklich anzusehen, wie ein in Nichtigkeiten, Prahlerei und
Selbstsucht alt gewordener Lebenskünstler geringer Art, statt in dem ihm
zukommenden Stil etwa bei einer Schlägerei oder bei einem nächtlichen
Heimwandel von der Kneipe hinzufallen und zu verschwinden, aufs letzte
noch trübsinnig wird und als Pfuscher auf dem ihm zeitlebens fremd
gewesenen Gebiet des Sentimentalen endigt. Allein da das tägliche Leben
doch unbestreitbar ein gewaltiger Dichter ist und also keine sinnlose
Willkür üben kann, bleibt einem nichts übrig als zuzuschauen, sich zu
verwundern und sich das beste dabei zu denken. Und schließlich hat das
ja auch seine Tragik und Schönheit, wenn solch ein lebenslang
verwahrlostes und roh gebliebenes und vergewaltigtes Gemüt ganz am Ende
noch rebelliert und sein Recht haben will, mit ungelenken Flügelschlägen
taumelt und sich, da ihm nichts anderes bleibt, wenigstens noch an
Schwermut und Klage ersättigen will.

Es war vielerlei, was jetzt an dieser rüden und übel erzogenen Seele zu
rütteln und zu nagen kam, und es zeigte sich, daß sie ungeachtet ihrer
früheren Starrheit und Selbstherrlichkeit recht wenig befestigt war. Der
Hausvater war der erste, der seinen Zustand erkannte. Zum Stadtpfarrer,
als dieser einmal seinen Besuch machte, sagte er achselzuckend: »Der
Hürlin kann einem schier leid tun. Seit er so drunten ist, zwing ich ihn
ja zu keiner Arbeit mehr, aber was hilft's, das sitzt bei ihm
anderwärts. Er sinniert und studiert zu viel, und wenn ich diese Sorte
nicht kennen täte, würd ich sagen, 's ist das schlechte Gewissen und
geschieht ihm recht. Aber weit gefehlt! Es frißt ihn von innen, das
ist's, und das hält einer in dem Alter nicht lang aus, wir werden's
sehen.« Auf das hin saß der Stadtpfarrer ein paarmal beim Fabrikanten
auf seiner Stube neben dem grünen Spatzenkäfig des Holdria und sprach
mit ihm vom Leben und Sterben und versuchte irgend ein Licht in seine
Finsternis zu bringen, aber vergebens. Hürlin hörte zu oder hörte nicht
zu, nickte oder brummte, sprach aber nichts und wurde immer fahriger und
wunderlicher. Von den Witzen des Finkenbein tat ihm zuzeiten einer gut,
dann lachte er leis und trocken, schlug auf den Tisch und nickte
billigend, um gleich darauf wieder in sich hinein auf die verworrenen
Stimmen zu horchen, die ihn beschäftigten und quälten, und die er nicht
verstand.

Nach außen zeigte er nur ein stilleres und weinerlich gewordenes Wesen
und jedermann ging mit ihm um wie sonst. Nur dem Schwachsinnigen, wenn
er eben nicht ohne Verstand gewesen wäre, hätte ein Licht über Hürlins
Zustand und Verfall aufgehen können und zugleich ein Grauen. Denn dieser
ewig freundliche und friedfertige Holdria war des Fabrikanten
Gesellschafter und Freund geworden. Sie hockten zusammen vor dem
Holzkäfig, streckten dem fetten Spatzen die Finger hinein und ließen
sich picken, lehnten morgens bei dem jetzt langsam herankommenden
Winterwetter am leicht geheizten Ofen und sahen einander so
verständnisvoll in die Augen, als wären sie zwei Weise und nicht zwei
arme hoffnungslose Narren gewesen. Man sieht manchmal, daß zwei
gemeinsam eingesperrte Waldestiere einander so anblicken -- je nachdem
man will und gestimmt ist, kann man ihren Blick stumpfsinnig, drollig
oder erschreckend seelenvoll finden.

Was am heftigsten an Hürlin zehrte, das war die auf Hellers Anstiften im
Sternen erfahrene Demütigung und Schande. An dem Wirtstisch, wo er lange
Zeiten fast täglich gesessen war, wo er seine letzten Heller hatte
liegen lassen, wo er ein guter Gast, Hausfreund und Wortführer gewesen
war, da hatten Wirt und Gäste ruhig und mit Gelächter zugesehen, wie er
hinausgeworfen wurde. Er hatte es an den eigenen Knochen erfahren und
spüren müssen, daß er nimmer dorthin gehöre, nimmer mitzähle, daß er
vergessen und ausgestrichen war und keinen Schatten von Recht mehr
besaß.

Für jeden anderen bösen Streich hätte er gewiß an Heller bei der ersten
Gelegenheit Rache genommen. Aber diesmal brachte er nicht einmal die
gewohnten Schimpfworte, die ihm so locker in der Gurgel saßen, heraus.
Was sollte er ihm sagen? Der Seiler war ja ganz im Recht. Wenn er noch
der alte Kerl und noch irgend etwas wert wäre, hätte man nicht gewagt
ihn im Sternen an die Luft zu setzen. Er war fertig und konnte
einpacken.

Und nun schaute er vorwärts, die ihm bestimmte schmale und gerade
Straße, an ungezählten Reihen von leeren, dunklen, toten Tagen vorbei
dem Sterben entgegen, an das er bald fast mit Sehnsucht, bald mit
zornigem Grausen dachte. Da war alles festgesetzt, angenagelt und
vorgeschrieben, selbstverständlich und unerbittlich. Da war nicht die
Möglichkeit, eine Bilanz und ein Papierchen zu fälschen, sich in eine
Aktiengesellschaft zu verwandeln oder in Gottes Namen sich durch
Bankrott und Zuchthaus auf Umwegen wieder ins Leben hineinzuschleichen.
Denn er war jetzt keine Firma und kein Name mehr, sondern lediglich ein
mürber alter Mensch, vor dem der Abgrund des Unendlichen sich grauenhaft
geöffnet hatte und dem der dürre Rippenmann still und grinsend den
Rückzug versperrte. Und wenn der Fabrikant auf vielerlei Umstände und
Lebenslagen eingerichtet war und sich in sie zu finden wußte, so war er
doch auf diese nicht eingerichtet und wußte sich nicht in sie zu finden,
sondern bald schlug er ungebärdig abwehrend mit schwachen Greisenarmen
um sich, bald steckte er den Kopf in die Hände, machte die Augen zu und
zitterte in Angst vor der unentrinnbaren Faust, die er beständig seinem
Nacken nahe fühlte.

Der gute Finkenbein, da er allmählich ahnte, daß es bei dem Fabrikanten
erheblich spuke, gab ihm nicht selten ein ermunterndes Wort oder klopfte
ihm mit gutmütig tröstendem Lachen auf die Schulter.

»Du, Oberkommerzienrat, studier nicht so viel, du bist allweg gescheit
genug, hast so viel reiche und gescheite Leut seinerzeit eingeseift,
oder nicht? -- Nicht brummen, Herr Millionär, 's ist nicht bös gemeint.
Ist das ein Spritzigtun -- Mann Gottes, denk' doch an den heiligen Vers
über deiner Bettlade.«

Und er breitete mit pastoraler Würde die Arme aus wie zum Segnen und
sprach mit Salbung: »Kindlein, liebet euch untereinander!«

»Oder paß auf, wir fangen jetzt eine Sparkasse an und wenn sie voll ist,
kaufen wir der Stadt ihren schäbigen Spittel ab und tun das Schild raus
und machen die alte Sonne wieder auf, daß Öl in die kranke Maschine
kommt. Was meinst?«

»Fünftausend Mark wenn wir hätten --« fing Hürlin zu rechnen an, aber da
lachten die anderen; er brach ab, seufzte und fiel in sein Brüten und
Stieren zurück.

Während es vollends Winter wurde, sah man ihn stiller und ruheloser
werden. Er hatte die Gewohnheit angenommen, tagaus tagein in der Stube
hin und wieder zu traben, einmal grimmig, einmal angstvoll, ein andermal
lauernd und tückisch. Sonst aber störte er niemand. Der Holdria leistete
ihm häufig Gesellschaft, schloß sich in gleichem Tritt seinen
Dauerläufen durchs Zimmer an und beantwortete nach Kräften die Blicke,
Gestikulationen und Seufzer des unruhigen Wanderers, der beständig vor
dem bösen Geiste auf der Flucht war, den er doch in sich trug. Wenn er
sein Leben lang schwindelhafte Rollen geliebt und mit wechselndem Glücke
gespielt hatte, so war er nun dazu verurteilt, ein verzweifelt trauriges
Ende mit seinen hanswurstmäßigen Manieren durchspielen zu müssen. Er
spielte denn auch miserabel und lächerlich genug, aber wenigstens war
die Rolle echt und der frühere Poseur trat nun zum ersten Mal und nicht
zu seinem Vorteil ohne Maske auf. Die Ahnung des Ewigen und der Durst
nach dem Unaussprechlichen, der auch dieser Seele eingeboren und ein
ganzes Leben lang vergessen und vernachlässigt worden war, fand nun, da
er überquoll, nach keiner Seite hin seinen Ausdruck und gebärdete sich
in Grimassen, Bewegungen und Tönen seltsamster Art absurd und lächerlich
genug. Aber er war doch eine echte Kraft, und dieses sich selber nicht
verstehende Sterbenwollen war gewiß seit Jahrzehnten die erste
großartige und im höheren Sinn vernünftige Regung dieser geringen Seele.

Zu den Sprüngen und Kapriolen des aus dem Geleise Gekommenen gehörte es,
daß er neuerdings mehrmals am Tage unter seine Bettstatt kroch, das alte
Sonnenschild hervorholte und einen sehnsüchtig närrischen Kultus damit
trieb, indem er es bald feierlich vor sich hertrug wie ein heiliges
Schaustück, bald vor sich aufpflanzte und mit verzückten Augen
betrachtete, bald wütend mit Fäusten schlug, um es dann sogleich wieder
sorglich zu wiegen, zu liebkosen und endlich an seinen verborgenen Ort
zurück zu bringen. Als er diese symbolischen Possen anfing, verlor er
seinen Rest von Kredit bei den Sonnenbrüdern und wurde gleich seinem
Freunde Holdria als völliger Narr behandelt und besprochen. Namentlich
der Seiler sah ihn mit unverhohlener Verachtung an, hänselte und
demütigte ihn wo er konnte und ärgerte sich, daß Hürlin das kaum zu
merken schien.

Einmal nahm er ihm sein Sonnenschild und versteckte es in einer anderen
Stube. Als Hürlin es holen wollte und nicht fand, irrte er eine Zeit im
Haus umher, dann suchte er wiederholt am alten Orte danach, dann
bedrohte er der Reihe nach alle Hausgenossen, den Stricker nicht
ausgenommen, mit machtlos wütenden Reden und Lufthieben, und als alles
das nichts half, setzte er sich an den Tisch, legte den Kopf in die
Hände und brach in ein jammervolles Heulen aus, das eine halbe Stunde
dauerte. Das war dem mitleidigen Finkenbein zu viel. Er gab dem zu Tod
erschreckenden Seiler einen mächtigen Fausthieb und zwang ihn, das
versteckte Kleinod sogleich herbeizubringen.

Der zähe Fabrikant hätte trotz seiner fast weiß gewordenen Haare noch
manche Jahre leben können. Aber der Wille zum Sterben, der wenn auch
unverstanden in ihm arbeitete, fand bald einen Ausweg und machte der
unschönen tragischen Komödie ein erwünschtes Ende. In einer
Dezembernacht konnte der alte Mann zufällig nicht schlafen. Im Bett
aufsitzend gab er sich seinen öden Gedanken hin, stierte über die
dunklen Wände hin und kam sich verlassener vor als je. In Langeweile,
Angst und Trostlosigkeit stand er schließlich auf, ohne recht zu wissen
was er tue, nestelte seinen hanfenen Hosenträger los und hängte sich
damit geräuschlos an der Türangel auf. So fand ihn am Morgen der Holdria
und der auf des Narren ängstliches Geschrei herübergekommene Hausvater.
Das Gesicht war ein wenig bläulicher geworden, sonst war wenig daran zu
entstellen gewesen.

Schrecken und Überraschung waren nicht klein, aber von sehr kurzer
Dauer. Nur der Schwachsinnige flennte leise in seinen Kaffeetopf hinein,
alle anderen wußten oder fühlten, daß dieses Ende des Fabrikanten nicht
zur unrechten Zeit gekommen war, und daß es weder zur Klage noch zur
Entrüstung hinreichende Veranlassung biete. Auch hatte ihn ja niemand
lieb gehabt.

Natürlich stürzten sich auch ein paar Winkelredakteure auf den
interessanten Fall und teilten in ihren Schundblättlein den Lesern nebst
den nötigen moralischen Posthaltern die Tatsache mit, daß der einst
nicht unbekannte Bankrotteur Karl Hürlin nunmehr verdientermaßen im
Armenhaus als Selbstmörder geendet habe.

                   *       *       *       *       *

Wie seinerzeit der Finkenbein als vierter Gast in den Spittel gekommen
war, hatte man in der Stadt einige Klagen darüber vernommen, daß das
kaum gegründete Asyl sich so ungehörig rasch bevölkere. Nun war schon
einer von den Überzähligen verschwunden. Und wenn es wahr ist, daß die
Armenhäusler meistens merkwürdig gedeihen und zu hohen Jahren kommen, so
ist es doch ebenso wahr, daß selten ein Loch bleibt wie es ist, sondern
um sich fressen muß. So ging es auch hier; in der kaum erblühten
Lumpenkolonie war nun einmal der Schwund ausgebrochen und wirkte weiter.

Zunächst schien freilich der Fabrikant vergessen und sonst alles beim
alten zu sein. Lukas Heller führte, soweit Finkenbein es zuließ, das
große Wort, machte dem Stricker das Leben sauer und wußte von seinem
bißchen Arbeit noch die Hälfte dem willigen Holdria aufzuhalsen. So
fühlte er sich sehr wohl und heiter, begann sich im Neste warm zu sitzen
und beschloß, unter so behaglichen Umständen sich keine Sorgen zu machen
und jedenfalls noch reichliche Jahre in diesem Wohlleben zu verweilen,
der Gemeinde zum Ärger und sich zum Pläsier. Er war nun, nach Hürlins
Tode, der älteste von den Sonnenbrüdern, fühlte sich ganz heimisch und
hatte nie in seinem Leben sich so im Einklang mit seiner Umgebung und
Lebensstellung befunden, deren ob auch ärmliche, doch sturmsichere Ruhe
und Trägheit ihm Zeit ließ, sich zu dehnen und zu fühlen und sich als
ein achtungswerter und nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft, der
Stadt und des Weltganzen vorzukommen. Ihm war es seelenwohl dabei, den
Umtrieb hinter sich und vor sich die Aussicht in träge, sorgenlose Jahre
zu haben.

Anders erging es dem Finkenbein. Das ideale Bild, das seine lebhafte
Phantasie sich einst vom Leben eines Sonnenbruders erdacht und herrlich
ausgemalt hatte, war ganz anders gewesen als was er in Wirklichkeit hier
gefunden und gesehen hatte. Zwar blieb er dem Ansehen nach ganz der alte
Leichtfuß und Spaßmacher, genoß freudig das gute Bett, den warmen Ofen
und die solide, reichliche Kost und schien keinen Mangel zu empfinden.
Er brachte auch immer wieder von geheimnisvollen Ausflügen in die Stadt
ein paar Nickel für Schnaps und Tabak mit, an welchen Gütern er den
Seiler ohne Geiz teilhaben ließ. Auch fehlte es ihm selten an einem
Zeitvertreib, da er gaßauf gaßab jedes Gesicht kannte und wohlgelitten
war, so daß er in jedem Torgang und vor jeder Ladentüre, auf Brücke und
Steg, neben Lastfuhren und Schiebkarren her, sowie im Sternen, im Leuen
und im scharfen Eck jederzeit mit jedermann sich des Plauderns erfreuen
konnte.

Trotzdem aber war ihm nicht recht wohl in seiner Haut. Denn einmal waren
Heller und Holdria als tägliche Kameraden von geringem Wert für ihn, der
mit flotteren und ergiebigeren Leuten umgehen konnte, und dann drückte
ihn je länger je mehr die Regelmäßigkeit dieses Lebens, das für
Aufstehen, Essen, Arbeiten und Zubettgehen feste Stunden vorschrieb.
Schließlich, und das war die Hauptsache, war dies Leben zu gut und zu
bequem für ihn. Er war gewohnt, Hungertage mit Schlemmertagen zu
wechseln, bald auf Linnen und bald auf Stroh zu schlafen, bald bewundert
und bald angeschnauzt zu werden. Er war gewohnt, nach Belieben
umherzustreifen, die Polizei zu fürchten, kleine Geschäfte und Streiche
an der Kunkel zu haben und von jedem lieben Tag etwas Neues zu erwarten.
Diese Freiheit, Armut, Beweglichkeit und beständige Spannung fehlte ihm
hier vollkommen und bald sah er ein, daß der mit vielen Listen und
Schikanen ermöglichte Eintritt in den Spittel nicht, wie er gemeint
hatte, sein Meisterstück, sondern ein dummer Streich mit betrüblichen
und lebenslangen Folgen gewesen war.

Freilich, wenn es in dieser Hinsicht dem Finkenbein wenig anders erging
als vorher dem Fabrikanten, so war er in allem übrigen dessen fertiges
Gegenteil. Vor allem ließ er den Kopf nicht hängen wie jener und ließ
die Gedanken nicht ewig auf demselben leeren Felde der Trauer und
Ungenüge grasen, sondern hielt sich munter, ließ die Zukunft möglichst
außer Augen und tändelte sich leichtfüßig von einem Tag in den andern.
Er gewann dem Stricker, dem Simpel, dem Seiler Heller, dem fetten
Sperling und der ganzen Sachlage nach Möglichkeit die fidele Seite ab
und hatte aus seinem früheren Leben die bequeme Virtuosengewohnheit
herübergebracht, niemals über die gegenwärtige Lage hinaus Pläne zu
machen und Wünsche und Hoffnungen zu verankern. Damit gelang es ihm auch
jetzt noch, da er doch für allezeit versorgt und versichert war, das
Leben der Vöglein und Fliegen zu führen, und das tat nicht ihm allein,
sondern dem ganzen Hause gut, dessen tägliches Leben durch ihn einen
Hauch von Freisinn und zierlicher Heiterkeit bekam. Den konnte es
freilich nötig brauchen, denn zur Erheiterung und Verschönerung der
gleichförmigen Tage hatten Sauberle und Heller aus eigenen Mitteln
ungefähr so wenig wie der gute Wasserkopf Holdria beizusteuern.

Es liefen also die Tage und Wochen so leidlich hin, und wenn es nicht
immer fröhlich herging, gab es doch auch keine Händel und Ärgernisse.
Der Hausvater schaffte und sorgte sich müd und mager, der Seiler genoß
eifersüchtig sein billiges Wohlsein, der Finkenbein drückte ein Auge zu
und hielt sich an der Oberfläche, der Holdria blühte in ewigem
Seelenfrieden und nahm an Liebenswürdigkeit, gutem Appetit und
Beleibtheit täglich zu. Das Idyll wäre fertig gewesen. Allein es ging
inmitten dieses nahrhaften Friedens der hagere Geist des toten
Fabrikanten um. Das Loch mußte um sich fressen.

Und so geschah es an einem Mittwoch im Februar, daß Lukas Heller morgens
eine Arbeit im Holzstall zu tun hatte, und da er noch immer nicht anders
als ruckweise und mit langen Pausen fleißig sein konnte, kam er in
Schweiß, ruhte unter der Türe aus und bekam Husten und Kopfweh. Zu
Mittag aß er kaum die Hälfte wie sonst, nachmittags blieb er beim Ofen
und zankte, hustete und fluchte gewaltig, und abends legte er sich schon
um acht ins Bett. Am andern Morgen holte man den Doktor. Diesmal aß
Heller um Mittag gar nichts, etwas später ging das Fieber los, in der
Nacht mußten der Finkenbein und der Hausvater abwechselnd bei ihm
wachen. Tags darauf starb der Seiler, widerwillig, neidisch und
keineswegs geduldig und lärmlos, und die Stadt war wieder einen
Kostgänger los geworden, was niemand zu Verdruß gereichte.

Sie sollte es aber bald noch besser bekommen. Es brach nämlich im März
ein ungewöhnlich frühes Sommerwetter und Wachstum an. Die großen Berge
und die kleinen Straßengräben wurden grün und jung, die Straße war von
plötzlich aufgetauchten Hühnern, Enten und Handwerksburschen fröhlich
bevölkert und durch die Lüfte stürzten sich mit freudigem Schwunge große
und kleine Vögel.

Dem Finkenbein war es in der zunehmenden Vereinsamung und Stille des
Hauses immer enger und bänglicher ums Herz geworden. Die beiden
Sterbefälle schienen ihm bedenklich und er kam sich immer mehr wie einer
vor, der auf einem untersinkenden Schiffe als Letzter am Leben blieb.
Nun roch und lugte er stündlich zum Fenster hinaus in die Wärme und
milde Frühjahrsbläue hinein. Es gärte ihm in allen Gliedern und sein
jung gebliebenes Herz, da es den lieben Frühling witterte, gedachte
alter Zeiten und begann zu überlegen, ob nicht auch ihm bei diesem
allgemeinen Quellen, Sprossen und Wohlergehen vielleicht ein Lenz
beschieden sei.

Eines Tages brachte er aus der Stadt nicht nur ein Päcklein Tabak und
einige neueste Neuigkeiten, sondern auch in einem schäbig alten
Wachstüchlein zwei neue Papiere mit, welche zwar schöne Schnörkel und
feierliche blaue Amtsstempel trugen, aber nicht vom Rathaus geholt
waren. Wie sollte auch ein so alter und kühner Landfahrer und
Türklinkenputzer die zarte und geheimnisvolle Kunst nicht verstehen, auf
sauber geschriebene Papiere beliebige alte oder neue Stempel zu
übertragen. Nicht jeder kann und weiß es, und es gehören feine Finger
und eine gute Übung dazu, von einem frischen Ei die dünne innere Haut zu
lösen und makellos auszubreiten, die Stempel eines alten Heimatscheins
und Wanderpasses darauf abzudrücken und reinlich von der feuchten Haut
aufs neue Papier zu übertragen.

Und wieder eines Tages war Stefan Finkenbein ohne Sang und Klang aus
Stadt und Gegend verschwunden. Er hatte auf die Reise seinen hohen,
steifen Straubingerhut mitgenommen und seine in völliger Auflösung
begriffene alte Wollenkappe als einziges Andenken zurückgelassen. Die
Behörde stellte eine kleine vorsichtige Untersuchung an. Da man aber
bald gerüchtweise vernahm, er sei in einem benachbarten Oberamt lebendig
und vergnügt in einer beliebten Kundenherberge erblickt worden, und da
man kein Interesse daran hatte, ihn ohne Not zurückzuholen, seinem
etwaigen Glücke im Weg zu stehen und ihn auf Stadtkosten weiter zu
füttern, wurde auf fernere Nachforschungen klug verzichtet und man ließ
den losen Vogel mit den besten Wünschen fliegen wohin er mochte. Es kam
auch nach sechs Wochen eine Postkarte von ihm aus dem Bayrischen, worin
er dem Stricker schrieb: »Geehrter Herr Sauberle, ich bin in Bayern. Es
ist hier ziemlich kälter. Wissen Sie was? Nehmen Sie den Holdria und
seinen Spatz und lassen sie für Geld sehen. Wir können dann mitnander
drauf reisen. Wir hängen dann dem Hürlin selig sein Schild raus. Ihr
getreuer Stefan Finkenbein, Turmspitzenvergolder.«

Vielleicht hätte in dem fast geleerten Neste das Verhängnis noch weiter
gewütet, aber der dermalige letzte Sonnenbruder Holdria war allzu
schuldlos und allzu seßhaft. Es sind seit Hellers Tode und Finkenbeins
Auszug fünfzehn Jahre vergangen und der Blöde haust noch immer feist und
rotbackig in der ehemaligen Sonne. Er ist zuerst eine Zeitlang allein
geblieben. Die zahlreichen Aspiranten hielten sich eine gute Weile
bescheiden und ängstlich zurück, denn der schauervolle Tod des
Fabrikanten, das schnelle Wegsterben des zähen Seilers und die Flucht
Finkenbeins hatten sich zur allbekannten Moritat gestaltet und umgaben
etwa ein halbes Jahr lang den Wohnsitz des Blödsinnigen mit
blutrünstigen Sagen und Schreckensgeschichten. Allein nach dieser Zeit
trieb die Not und die Trägheit wieder manche Gäste in die alte Sonne
hinauf und der Holdria ist von da an nie mehr allein dort gesessen.
Kuriose und langweilige Brüder hat er kommen, mitessen und sterben sehen
und ist zurzeit der Senior einer Hausgenossenschaft von sieben Kumpanen,
den Hausvater nicht mitgerechnet. An warmen, angenehmen Tagen sieht man
sie häufig vollzählig am Rain des Bergsträßleins hocken, kleine
Stummelpfeifen rauchen und mit verwitterten Gesichtern und
verschiedenartigen Gefühlen auf die inzwischen talauf und talabwärts
etwas größer gewordene Stadt hinunterblicken.

                                  Ende


           Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.



                        Werke von Hermann Hesse
                      (S. Fischer, Verlag, Berlin)


   Peter Camenzind

   Roman. 50. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark.

   Es ist ein köstliches lebensstarkes Buch, eines von den Büchern,
   die, nachdem wir sie gelesen, eine stille Gewalt über unsere
   Seele üben. Diese Schöpfung von Hesse ist so reich und meist auch
   von so reifer Kunst, daß sie dem Besten, was seine Landsleute
   Keller und Meyer geschaffen haben, an die Seite gestellt werden
   darf.

                                                  (Der Tag, Berlin)

   Ein Buch für die Verträumten im Lande. Von allerlei Liebe und
   Freundschaft, von sonderbaren Menschen, von schneeweißen Wolken,
   die am kornblauen Himmel stehen, und von den Schatten der Bäume
   wird erzählt. Die Beichte einer Jugend, böser Bangigkeiten voll
   und arm an schmalen Freuden, durchaus nicht immer gewandt, aber
   immer in Worten, die von einer köstlichen Innigkeit und
   Innerlichkeit überleuchtet sind: Abendröte der Seele, duftende
   Keuschheiten.

                        (Tagesbote aus Mähren und Schlesien, Brünn)


   Unterm Rad

   Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

   Hier ist etwas Freies, Unkünstliches, Naturgewachsenes. Immer
   wenn ich ein Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, daß
   sich über mir der blaue Himmel wölbt, daß Bäume ringsum grünen
   und frische Luft weht.

                                                   (Die Zeit, Wien)

   Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geläuterter
   noch als der »Camenzind«, von einer tüchtigen Männlichkeit
   durchweht, eine Wohltat für den, der ihn liest, treuherzig,
   überzeugend, von lebhaftem, heißem Natursinn kündend, frei von
   ästhetischer Kränkelei -- ein klares Schwabenbuch, ein durch und
   durch deutscher Roman.

                                    (Münchener Neueste Nachrichten)

   Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und
   mit der Anwartschaft auf Ruhm und Glück ins Leben eintritt und
   unters Rad kommt und überfahren wird; ein Buch voll Schwermut und
   heimlicher leiser Klage und auch ein Buch voll Anklage. Schwer
   und gewichtig in seiner Einfachheit, die um so tiefer wirkt, als
   sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen Meisterschaft
   und stilistischen Adels ist.

                                                (Münchener Zeitung)


   Diesseits

   Erzählungen. 16. Aufl. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

   Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem
   stillen, schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder
   Alltäglichkeit weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der
   leise schaffenden Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung
   sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband »Diesseits« lesen.

                                             (Neue Zürcher Zeitung)

   Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen!
   Eine erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in
   Zeitschriften lagen, in einem Bande gesammelt in Händen zu
   halten, zu eigen zu haben wie Hausschwalben, die ihr Nest an
   unserem Dache sich bauen. Es ist ein stilles, vornehmes und
   unsäglich schönes Buch geworden, das man ehrfürchtig in die Hand
   nimmt, ehrfürchtig aus der Hand legt, still, ergriffen,
   nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so
   starkes, reines Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse
   bedeutet einen Gipfelpunkt deutscher Erzählerkunst.

                                                (Münchener Zeitung)



Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   [S. 25]:
   ... machte er einen der Mitsinger diese seine künftige ...
   ... machte er einem der Mitsinger diese seine künftige ...

   [S. 65]:
   ... merkwürdige erste Verliebheit. Eines Tages erzählte ...
   ... merkwürdige erste Verliebtheit. Eines Tages erzählte ...

   [S. 179]:
   ... fest überzeugt wur, daß jener ein ganz andrer Kerl ...
   ... fest überzeugt war, daß jener ein ganz andrer Kerl ...

   [S. 194]:
   ... Gefühl ihm bei Rechnungsbuch uud Ladenkasse ...
   ... Gefühl ihm bei Rechnungsbuch und Ladenkasse ...

   [S. 210]:
   ... zuweilen melancholiche Gänge durch die ...
   ... zuweilen melancholische Gänge durch die ...

   [S. 224]:
   ... und hätte auch nur so viel Herz uud Gerechtigkeit ...
   ... und hätte auch nur so viel Herz und Gerechtigkeit ...

   [S. 239]:
   ... Versicherungen eben keine Genie war und nur das ...
   ... Versicherungen eben kein Genie war und nur das ...

   [S. 240]:
   ... auf Grund deren er aber doch noch immer ...
   ... auf Grund derer er aber doch noch immer ...

   [S. 244]:
   ... und rasselnd aufs Plaster. ...
   ... und rasselnd aufs Pflaster. ...

   [S. 251]:
   ... könnte. Die schrille Blechgehämmer einer Spenglerwerkstatt, ...
   ... könnte. Das schrille Blechgehämmer einer Spenglerwerkstatt, ...

   [S. 252]:
   ... würde. Wütend seuzte er auf, so oft er aus ...
   ... würde. Wütend seufzte er auf, so oft er aus ...

   [S. 255]:
   ... dem ersten Blatte war irgend eine phantastisch gegekleidete ...
   ... dem ersten Blatte war irgend eine phantastisch gekleidete ...

   [S. 272]:
   ... Psychologie der Weiber, bei Hürlein hingegen ...
   ... Psychologie der Weiber, bei Hürlin hingegen ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Nachbarn - Erzählungen" ***

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