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Title: Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 42: Im Todeskrater des neuen Planeten
Author: Anonymous
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 42: Im Todeskrater des neuen Planeten" ***

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          42. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen.
                       Preis 10 Pf. (15 Heller.)



              Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.



                   Im Todeskrater des neuen Planeten.


   [Illustration: Kapitän Mors und sein treuer Gefährte kämpften
             verzweifelt gegen die Ungeheuer der Vorzeit.]


                    Druck- und Verlags-Gesellschaft
                                 Berlin



                   Im Todeskrater des neuen Planeten.



                              1. Kapitel.
                       Die Fahrt ins Unbekannte.


Es war Nacht, unten rauschte das Südmeer, oben in den Lüften heulte der
Sturm, der die Wolkenmassen vor sich herjagte.

Was war das Seltsame, Ungeheure, was da mit fabelhafter Geschwindigkeit
emporschoß? Was sich unbekümmert um die Gewalt des Sturmes von der Erde
entfernte?

Menschenwerk war es, das Werk eines genialen Mannes, der seiner Zeit um
hunderte von Jahren vorausgeeilt war. Ein metallnes Fahrzeug war es, das
Weltenschiff des Kapitän Mors. Dies wunderbare Werk hatte wieder einmal
die geheimnisvolle Insel im Südmeer verlassen.

»Meteor« war der Name des seltsamen Fahrzeuges, welches den Elementen
trotzte. Der Riesenmagnet, der die Anziehungskraft des Erdballs aufhob,
war der Erde zugewendet und mit furchtbarer Schnelligkeit schoß das
mächtige Fahrzeug hinauf, den Luftozean durchkreuzend, dem Weltraume
zustrebend.

Kapitän Mors befand sich im sogenannten Lenkraum des Weltenfahrzeuges.

Ihn begleitete einer seiner Ingenieure, der treue Star, auch der
Professor, der obgleich Gefangener des Kapitän Mors, diese
Gefangenschaft doch als das größte Glück seines Lebens empfand. Sie ließ
ihn ja die Wunder der Sternenwelt schauen.

Kapitän Mors besaß noch andere europäische Gefährten, die ehemals zur
Besatzung eines Unterseebootes gehörten.

Sie hatten ihm Treue geschworen und wenn auch einige von ihnen, wie es
in einem früheren Bande dieser Schilderungen erzählt wurde, Meuterei
verübten, so waren doch die anderen unbedingt zuverlässig.

Dennoch hatte der Kapitän diesmal nur einen Teil der Europäer mit sich
genommen und dafür einigen seiner Inder auf deren dringendes Bitten die
Teilnahme an der Weltenfahrt gestattet.

Kapitän Mors tat das allerdings nicht gern, denn er hielt auf die Inder
große Stücke und da hatte er bemerkt, daß diese an ein tropisches Klima
gewöhnten Männer nach solchen abenteuerlichen Fahrten kränkelten.

Deshalb wählte er nur diejenigen, die aus den indischen Bergländern
stammten und an Kälte und Strapazen gewöhnt waren. Unter diesen Männern
befand sich auch der treue Lindo.

»Nun, Kapitän,« fragte Star, der neben dem berühmten Luftpiraten stehend
die Instrumente beobachtete. »Nicht wahr, diesmal geht es zum Monde?«

»Ich habe mir den Trabanten der Erde als Zielpunkt der Fahrt
ausersehen,« erwiderte Mors mit der gewohnten eisigen Ruhe. »Aber ich
klammere mich nie an etwas Bestimmtes. Ich rechne stets auf
Schwierigkeiten, auf Hindernisse und wenn auch der Mond das Endziel
unserer diesmaligen Fahrt sein soll, so will ich doch auf dem Wege dahin
ein anderes Rätsel zu lösen suchen. Darüber kann ja Professor van Halen
sprechen.«

Bei den letzten Worten wendete sich Kapitän Mors an den Astronomen,
dessen Gesicht eine gewisse Ungeduld verriet.

Die Ungeduld, neue, unbekannte Wunder zu schauen.

»Ja, so ist es,« bemerkte van Halen, als sich der Kapitän an ihn
wendete, »ich habe schon bei den letzten Fahrten eine eigenartige
Störung beobachtet und diese kleine Störung kann nur durch einen kleinen
Planeten bewirkt werden, der sich in einer höchst merkwürdigen Bahn
bewegt, dieser Planet muß sich von Zeit zu Zeit zwischen dem Monde und
der Erde befinden.«

»So,« meinte Star. »Da wundert es mich nur, daß man ihn nicht schon
längst entdeckt hat. Bei solcher Nähe müßten ihn doch unsere Astronomen
längst gefunden haben.«

Der Professor zuckte die Achseln.

»Das kann man nicht so ohne weiteres behaupten,« erwiderte er. »Man
sieht die Meteoriten auch nicht, als bis sie bei Nacht in den Luftkreis
der Erde zur Erhitzung gebracht als Feuerstreifen und Sternschnuppen
aufflammen. Jedenfalls ist dieser Weltkörper ein Liliputplanet, ein
winziges Ding, welches vielleicht das Sonnenlicht wenig reflektiert und
mit ungeheurer Geschwindigkeit durch den Weltenraum saust. Dieser kleine
Planet hat sicherlich eine ganz eigenartige Bahn, immerhin hat er
Störungen hervorgerufen, die ungemein feinwirkende Instrumente anzeigen.
Auf der Erde selbst konnte man diese Störungen nicht beobachten und
nicht feststellen. Das war erst möglich, wenn man sich im Weltenraum
befand. Da hat mir einer der Registrierapparate die Existenz eines
solchen noch unbekannten Planeten verraten, es ist vielleicht ein
verirrter Weltkörper, wer kann das alles wissen? Genug, ich habe Kapitän
Mors gebeten, diesmal nach diesem rätselhaften Wanderer im Weltenraum
Ausschau zu halten und der Kapitän will meinem Wunsch entsprechen.«

»Na gut,« erwiderte Star, »ich bin auch neugierig, da gibt es wieder ein
Abenteuer, denn das ist gewiß, bei unseren Weltfahrten ist allemal etwas
passiert und mehrmals sind wir zur schnellen Rückkehr gezwungen worden.
Hoffentlich ist es diesmal nicht schlimmer, als wie andere Male. Was
mich betrifft, Kapitän, so wißt Ihr es ja, ich gehe mit Euch, wenn
nötig, in die Hölle!«

Kapitän Mors drückte die Rechte seines treuen Gefährten und begab sich
dann mit dem Professor in den Beobachtungsraum des Weltenfahrzeuges.

Die beiden Schwestern, Anita und Lucy Long, nahmen diesmal nicht an der
wunderbaren Fahrt teil.

Anita hatte bei den letzten Abenteuern eine leichte Verletzung erlitten
und da sollte sie sich erst völlig erholen. Selbstverständlich war Lucy
bei ihrer Schwester zurückgeblieben.

Während Star den Riesenmagneten bediente, setzte sich der Professor an
seine Instrumente, wahren Wunderwerken menschlicher Technik, während
Kapitän Mors einige Berechnungen machte.

Das Weltenfahrzeug befand sich noch in der Luftzone, bei deren Passieren
stets die größte Vorsicht beobachtet werden mußte.

Da kam ja jedesmal die sogenannte elektrische Zone, aber Kapitän Mors
kannte jetzt schon die Gefahren, welche dort warteten, und es war ihm
ein Leichtes, diese Hindernisse zu überwinden.

Stunden vergingen, ohne daß ein Wort zwischen den beiden Männern
gewechselt wurde. Dann erhob sich Kapitän Mors und betrachtete die an
der Wand hängenden Instrumente.

»Wir haben diesmal recht schnelle und glatte Fahrt,« sprach er zu dem
Gelehrten, der sich Notizen machte. »Die Luftzone der Erde ist
überwunden. Wir befinden uns bereits im Weltenraum.«

Das Gesicht des Professors strahlte. Hastig arbeitete er an den Hebeln,
welche die großen Schieber vor den dicken Glasscheiben bewegten.

Der eine Schieber schob sich langsam seitwärts und da konnte der Blick
durch das dicke Glas in den Weltenraum hinausschweifen.

Schwarz war der Himmel, nachtschwarz, die Sterne funkelten nicht, sie
standen da wie weiße, schimmernde Punkte, seitwärts sah man die gelbe,
strahlenlose Scheibe der Sonne.

Es war ein wunderbares Bild und obwohl Professor van Halen es schon oft
gesehen, verriet er dennoch neues Entzücken.

Auch der Mann mit der Maske sah gedankenvoll in die Tiefen des
Weltenraumes.

»So, Kapitän,« sprach van Halen nach einer Weile, »jetzt möchte ich
darum bitten, daß das Weltenfahrzeug in dieser Zone kreuzt, treffen
meine Berechnungen zu, so müssen wir in dieser Gegend den neuen kleinen
Planeten entdecken.«

Mors griff sofort zum Telephon, welches den Beobachtungsraum mit dem
Lenkraum verband. Er läutete und gab Star, der sich dort befand, seine
Weisungen.

Das große Fahrzeug schien plötzlich zu zittern, aber dies geschah
dadurch, daß Star den pfeilschnellen Lauf des Weltenfahrzeuges
verlangsamte.

Nach kurzer Zeit fuhr es nur mit der Schnelligkeit eines mit vollster
Geschwindigkeit dahinsausenden Schnellzuges.

Hierauf wendete es wieder und fuhr in anderer Richtung zurück, um bald
danach eine neue Richtung einzuschlagen. Es kreuzte also im Weltenraum
wie ein Schiff auf offenem Meere.

Dieses eigenartige Manöver gelang durch die Art und Weise, wie der
Riesenmagnet bewegt wurde. Der wurde nach verschiedenen Richtungen
gedreht und gewendet und damit konnte man die Bewegungen des Fahrzeuges
regulieren.

»So ist es richtig,« sprach Mors, als er die Instrumente eine Weile
betrachtet hatte. »Ihr Wunsch ist erfüllt, Herr Professor, wir kreuzen
jetzt in der von Ihnen als verdächtig bezeichneten Zone. Ich will nur
wünschen, daß Ihre Beobachtungen zutreffen. Dann müssen wir ja den
eigentümlichen Wanderer treffen, hoffentlich ist er zur Stelle oder wird
doch bald erscheinen.«

»In der Tat,« erwiderte van Halen zuversichtlich. »Sonst müßte ich mich
in meinen Beobachtungen gewaltig irren. Bis jetzt habe ich mit meinen
Berechnungen selten Täuschungen erlebt. Sind aber meine Berechnungen
richtig, so müssen wir den unbekannten, geheimnisvollen Planeten binnen
kurzer Zeit in nächster Nähe erblicken.«

Daraufhin wurde die Aufmerksamkeit verdoppelt.

Kapitän Mors wußte ganz genau, mit welcher Schnelligkeit Weltenkörper
durch die unendlichen Räume dahinsausten.

Allerdings war das Weltenfahrzeug ausnehmend fest gebaut, aber es konnte
schließlich zertrümmert werden, wenn es mit vollster Schnelligkeit gegen
einen Weltenkörper sauste. Dann wäre dies Wunderwerk sicherlich in Atome
zersplittert worden.

Wenn man aber auf der Erde den hier vermuteten Planeten noch nicht
entdeckt hatte, mußte man ihn doch hier im Weltenraum sehen. Die Sonne
mußte diesen geheimnisvollen kleinen Planeten bestrahlen und da hatte
man auf dem Weltenfahrzeug Zeit genug, einem drohenden Zusammenstoß
auszuweichen.

Und wieder vergingen die Stunden.

Abwechselnd wurde Wache gehalten, Kapitän Mors begab sich manchmal nach
dem Lenkraum, um dort seinen getreuen Star abzulösen.

Es waren wohl acht Stunden vergangen, als Kapitän Mors, der gerade den
Lenkraum verließ, einen Ausruf des Professors vernahm.

Im Nu befand sich der Luftpirat bei dem Gelehrten.

»Er ist da, er ist da,« rief der Professor in förmlicher Ekstase,
während er mit beiden Händen nach der dicken Glasscheibe deutete. »Seht,
Kapitän, dort kommt der neue Planet in rasender Eile herangezogen. Noch
erscheint er erst wie ein mattes, flimmerndes Pünktchen. Aber er ist es,
er wird bereits von der Sonne beleuchtet. Er scheint tatsächlich wenig
Licht zu reflektieren.«

»Befinden wir uns in der Bahn des Weltkörpers?« fragte Kapitän Mors mit
großer Ruhe.

»Nein,« erwiderte Halen. »Er wird gewissermaßen unter uns vorüberlaufen,
wenn man das Wort unter uns überhaupt hier im Weltenraum gebrauchen
darf. Aber ich habe eine Bitte, können wir nicht eine Weile in der Nähe
des geheimnisvollen Weltenkörpers verweilen? Wird unsere eigene
Schnelligkeit das erlauben?«

»Das bezweifle ich,« erwiderte Mors. »Aber, es ist gar nicht nötig, daß
wir unsere Schnelligkeit aufbieten. Wir schalten einfach die Kraft
unseres Riesenmagneten aus und überlassen uns der Anziehungskraft dieses
so rätselhaften Weltenkörpers. Dann werden wir mit ihm zusammen durch
den Weltenraum dahinfliegen und dann können Sie ungestört Ihre
Beobachtungen ausführen.«

Der Professor war entzückt und wußte sich vor Freude gar nicht zu
lassen. Der Gedanke, eine noch unbekannte Welt schauen zu können,
brachte ihn in große Erregung.

Kapitän Mors aber gab wieder Befehle nach dem Lenkraum und nach wenigen
Augenblicken vernahm man ein eigentümliches Summen und Surren. Der
Riesenmagnet stellte seine Tätigkeit ein, fast im gleichen Augenblick,
wo der unbekannte Weltenkörper mit furchtbarer Schnelligkeit
vorübersauste.

Aber das Weltenfahrzeug riß er mit, das begleitete ihn jetzt durch seine
Anziehungskraft gehalten. Es schwebte scheinbar unbeweglich über diesem
rätselhaften Planeten.

»Können wir uns diesem Monde oder was es sonst sein mag, noch mehr
nähern?« fragte der Gelehrte, in dessen Augen das Fieber des
begeisterten Forschers glänzte.

»Warum nicht,« erwiderte der Kapitän. »Ich denke, wir werden uns
zunächst tausend Meter über der Oberfläche des Planeten schwebend
erhalten. Von da aus können wir ja auf die neue Wunderwelt
hinabschauen.«

Wieder arbeitete das Telephon, wieder vernahm man das seltsame Summen
und Surren. Die Instrumente verrieten, daß das Weltenfahrzeug sank, bis
es plötzlich wieder mit einem Ruck innehielt. Es schwebte jetzt tausend
Meter über der Oberfläche des neuentdeckten Weltkörpers.

Eigentlich schwebte es höher, den Kapitän Mors hatte die Entfernung von
den Berggipfeln des kleinen Planeten berechnet, die ziemlich hoch
emporragten. Der Professor schätzte die Berge teilweise auf fünf- bis
sechstausend Meter Höhe.

Dabei war der neuentdeckte Planet sehr klein, seine Oberfläche mochte
vielleicht die Größe von Irland besitzen, dennoch zeigte der kleine
Planet eine ungemein große Mannigfaltigkeit von Oberflächenformation.

Da gewahrte man Ringgebirge, ähnlich wie auf dem Monde, man sah Täler
und glänzende Wasserbecken, viele dunkle Flecken schienen auf eine
ungemein reiche Vegetation hinzudeuten.

Der Blick auf den Planeten war nicht klar. Es schien, als ob da alles
verschwommen sei, ein Beweis, daß der neuentdeckte Weltkörper eine
ungemein dichte Atmosphäre besitzen mußte.

Diese Atmosphäre schien ganz mit Wasserdampf gesättigt zu sein, man sah
große Wolkenmassen, die sich in heftiger Bewegung befanden. Auf diesem
kleinen Planeten, den man mit gutem Recht eine Miniaturwelt nennen
konnte, schienen ungemein starke Stürme zu herrschen.

Der Kapitän und der Professor standen hinter den dicken Glasscheiben und
betrachteten diese Wunderwelt, die sich ihren Blicken darbot.

»Sehen Sie, Kapitän, was ist das dort?« rief der Professor plötzlich,
indem er mit der Rechten auf eine Stelle des Weltenkörpers deutete.
»Täusche ich mich oder sehen Sie es auch? Die rötliche Stelle, die sich
immer mehr verbreitert und die schwarze Masse, welche die Wolkenhülle
unterbricht?«

»Ich sehe es auch,« erwiderte der Kapitän, »es ist zweifellos ein
ungeheurer Vulkan, der sich in voller Tätigkeit befindet. Wir bewegen
uns langsam darauf zu und werden binnen kurzer Zeit über dem
feuerspeienden Berge schweben.«



                              2. Kapitel.
                     Eine unerwartete Katastrophe.


Das Weltenfahrzeug bewegte sich jetzt auffallend langsam, es war kein
Wunder, es wurde ja doch in der Atmosphäre des neuentdeckten Planeten
schwebend von diesem auf seiner Bahn fortgerissen.

Kapitän Mors setzte jetzt das Telephon an den Mund.

»Nicht so nahe an den Vulkan heran,« rief er nach dem Lenkraum hindurch.
»Wir müssen uns in einiger Entfernung von dem feuerspeienden Berge
halten.«

Star gab keine Antwort, wohl aber ertönte jetzt das Schrillen einer
Glocke. Es war das Alarmsignal, welches aus dem Lenkraum ertönte.

Dieses Alarmsignal ließ sich nur dann vernehmen, wenn irgend eine
unvorhergesehene Schwierigkeit entstand. Kapitän Mors eilte sofort nach
dem Lenkraum und der Professor folgte ihm auf dem Fuße.

Star befand sich in voller Tätigkeit, riß hier und da an den Hebeln, er
drehte die Schwungräder, aber der Erfolg schien nicht den gehegten
Erwartungen zu entsprechen.

»Nun, was gibt es?« fragte Kapitän Mors, als er eintrat und den Eifer
seines treuen Gefährten gewahrte.

»Die vertrackten Maschinen gehorchen nicht, Kapitän,« erwiderte Star
grimmig. »Es ist gerade als wenn der Teufel dazwischen sitzt. Wir werden
immer mehr in den Bereich des Vulkans getrieben.«

Mors neigte den Kopf und sah den Professor von der Seite an.

»Das sind eben Naturkräfte,« sprach er, »und vielleicht unbekannte
Naturkräfte, die ihre Wirkung äußern. Da scheint eine besondere
Anziehungskraft stattzufinden, aber wir werden etwas höher steigen.«

Das gelang auch, aber die Anziehungskraft des unheimlichen Vulkans
dauerte fort und nach kurzer Zeit schwebte der »Meteor« über dem
donnernden Krater.

Dieser war nicht zu sehen, da ihn dichte Dampfwolken bedeckten, aber man
konnte hören, wie er sich in furchtbarer Tätigkeit befand.

Man hörte durch die dicken Wände des Weltenfahrzeuges das schreckliche
Prasseln und Krachen, man vernahm das Wüten der Naturgewalten, die da
drinnen in den Eingeweiden dieser kleinen Welt tobten.

»Was sagen Sie dazu, Professor?« fragte Kapitän Mors.

»Nun, ich sage, daß diese Welt hier noch um viele, viele tausend Jahre
in der Entwicklung zurück ist. Das beweist schon die dicke Luft, die man
hier bemerkt, und die gewiß stark mit Kohlensäure gesättigt ist. Dieser
kleine Planet befindet sich noch in den Entwicklungsstadien, ähnlich wie
in der Vorzeit der Erde. Daher sind wohl auch noch die Naturkräfte mit
solch furchtbarer Macht tätig.«

Plötzlich verdoppelte sich das Krachen, welches man dort unten vernahm
und unmittelbar darauf sah man glühende Massen durch die Dampfwolken
emporschießen.

Der Riesenkrater befand sich in voller Tätigkeit, es war ein furchtbarer
Ausbruch, der Vulkan schleuderte glühende Lavablöcke empor und zwar bis
in ungeheure Höhen, es schien, als ob da ein riesiges Geschütz kolossale
glühende Bomben in das Unendliche emporschleuderte.

»Hoffentlich werden wir von keinem dieser glühenden Blöcke getroffen,«
meinte der Professor. »Können wir nicht noch höher steigen, Kapitän?«

Mors wollte eben antworten, als das Krachen und Brüllen mit dreifacher
Stärke durch die Wände des Weltenfahrzeuges tönte.

Wieder schossen die glühenden Massen aus den Dampfwolken empor und
stiegen bis in ungeheure Höhen, jetzt sah man sie links und rechts am
Weltenfahrzeug vorbeisausen.

Da schien es, als würde das Fahrzeug von einem heftigen Schlag
getroffen, als zitterte es und unmittelbar danach schallten im
Verbindungsgang die hastigen Schritte eines herbeirennenden Mannes.

Es war Star.

»Kapitän,« rief er. »Der Riesenmagnet ist getroffen. Die
Verbindungsstange scheint demoliert zu sein. Das Fahrzeug beginnt rapide
zu sinken.«

Kapitän Mors rannte nach dem Lenkraum. Aber er fand dort die Angaben des
treuen Gefährten bestätigt. Die Hebel und Schwungräder versagten, tiefer
sank das Weltenfahrzeug, immer tiefer, es mußte auf dem neuen Planeten
landen.

Glücklicherweise war die Schnelligkeit keine allzu große und Kapitän
Mors bot all seinen Scharfsinn auf, um den Absturz zu mildern. Er setzte
eine jener furchtbaren Maschinen in Tätigkeit, die bei der letzten Fahrt
die Meuterer zu Asche verwandelt hatten.

Dies rettete das Weltenfahrzeug und die Kraft, welche die Maschine
entwickelte, bewirkte es auch, daß der Koloß eine große Strecke vom
Vulkan entfernt niederkam.

Rings umher sah man ein Gewirr von Steinblöcken, von Klüften,
Schluchten, Felsen, dann folgte ein harter Ruck, ein Stoß, das
Weltenfahrzeug hatte den Boden des neuen Planeten erreicht und blieb
dort in ziemlich schwieriger Lage hängen.

Das Hinterteil des Weltenfahrzeuges lag in einem ausgebrannten Krater,
das Vorderteil ragte schräg empor und lag auf zackigem Gestein, so ruhte
das Weltenfahrzeug des Kapitän Mors wie ein Schiff, welches auf dem Meer
zwischen Klippen gestrandet ist. Es schien in der Tat zum hilflosen
Wrack geworden zu sein.

Star zeigte jetzt jene Ruhe, die er im Verkehr mit dem Kapitän gelernt,
ebenso benahm sich der Professor.

Die Inder und die anderen europäischen Mannschaften des Weltenfahrzeuges
kamen jetzt herbeigerannt und schauten fragend auf Kapitän Mors. Sie
wollten in seinen Mienen lesen.

Aber die Ruhe des seltsamen Mannes teilte sich auch ihnen mit, und als
die Leute sahen, daß Kapitän Mors keine Miene verzog, und daß seine
Augen feurig wie immer blitzten, warteten sie ruhig ab, was der berühmte
Führer nunmehr beginnen würde.

»Untersucht zunächst die Innenräume des Weltenfahrzeuges,« klang die
Stimme des Luftpiraten. »Seht zu, ob Ihr irgend einen Schaden entdecken
könnt. Ich erwarte dann sofort Bericht. Vor allen Dingen aber darf
niemand das Fahrzeug ohne meine Erlaubnis verlassen.«

Dazu verspürten die Männer auch keine Lust, obwohl sie sahen, daß man
sich auf einem mit Luft versehenen Weltkörper befand. Die Atmosphäre war
sicherlich dichter als die auf der Erde.

Kapitän Mors besichtigte zunächst den Schaden im Lenkraum und
betrachtete durch ein Glasfenster die zerstörten Verbindungsteile.

»Das läßt sich alles wieder gut machen,« erklärte er nach kurzer
Betrachtung. »Reserveteile haben wir im Ueberfluß, aber, es wird
freilich einige Zeit vergehen, es ist gar nicht ausgeschlossen, daß wir
mehrere Tage, ja Wochen auf diesem unbekannten Planeten verweilen
müssen.«

Bald erschienen auch die übrigen Mannschaften, aber sie hatten nichts
Bedenkliches zu melden. In den unteren Räumen des Fahrzeuges war alles
in Ordnung, da hatte man keine Beule, kein Leck gesehen. Selbst die
Röhren, welche die flüssige Luft verteilten, waren unbeschädigt.

Somit blieb nur der Lenkapparat zu reparieren und das war gerade die
Hauptsache und mußte mit größter Sorgfalt geschehen. Kapitän Mors wollte
mit Star und Lindo diese Arbeit verrichten.

»Ich erforsche unterdessen den neuen Planeten,« rief der Professor
begeistert, als ihm Kapitän Mors seine Absicht mitteilte.

Der Luftpirat schien mit der Antwort zu zögern.

»O, ich laufe Ihnen gewiß nicht davon, Kapitän,« fuhr der Professor mit
einiger Bitterkeit fort, da er das Zögern des Kapitäns falsch deutete.
»Ich kehre schon wieder, mein Wort darauf! Ich will ja noch mehr Fahrten
in diesem wunderbaren Fahrzeug unternehmen.«

»Sie mißverstehen mich, Professor,« erwiderte Kapitän Mors. »Ich wollte
damit kein Mißtrauen äußern. Sie wissen ja, daß Sie der Umstände halber
immer bei mir bleiben müssen, aber andererseits denke ich nicht im
Traume daran, Ihnen diese Gefangenschaft zu zeigen oder Sie gar zu
quälen. Mein Zögern entspringt einzig und allein der Sorge um Sie, denn
Sie stehen mir nahe, und ich habe Sie sehr gern. Es gibt wenig Menschen
wie Sie auf der Erde, gäbe es viele solche, wäre ich vielleicht nicht
der Luftpirat geworden. Mein Zögern rührt einzig und allein davon her,
daß ich für Sie Sorge trage, denn hier können sich tausende von Gefahren
verbergen. Deshalb bitte ich Sie, einstweilen noch im Weltenfahrzeug zu
bleiben.«

»Verzeihen Sie, Kapitän,« erwiderte der Professor, indem er die Rechte
des Maskierten faßte. »Ich will nichts gesagt haben. Aber ich denke, mit
unseren Hilfsmitteln können wir jeden Gefahren Trotz bieten.«

»Nicht immer,« lautete die Antwort, »solche Gefahren kommen oft
blitzschnell und unerwartet, so daß selbst die Hilfsmittel der modernen
Technik versagen. Jedenfalls müssen wir unsere Umgebung beobachten. Dann
wird es sich zeigen, ob wir das Fahrzeug verlassen dürfen. Ist dies der
Fall, so können Sie Ihren Forschungen nachgehen. Sie haben ja auch das
Recht darauf. Sie sind ja gewissermaßen der Entdecker des neuen
Planeten.«

Der Professor drückte nochmals die Rechte des seltsamen Mannes. Dann
ging es an die Arbeit.

Mors war nicht der Mann, der die Hände in den Schoß legte, er wollte vor
allen Dingen sein Weltenfahrzeug instand setzen.

Nun galt es, erst die Luft zu prüfen und sich zu vergewissern, ob man
diese ertragen konnte. War dies nicht der Fall, so mußte man eben die
Lufthelme benutzen.

Kapitän Mors unternahm wie gewöhnlich das Wagnis selbst.

Er begab sich nach den Doppeltüren, die den Einlaß in das Fahrzeug
vermittelten, öffnete die innere Tür und versuchte dann vorsichtig die
außen befindliche Luft zu proben.

Sie war dick, schwer, reichlich mit Kohlensäure gesättigt, aber sie ließ
sich immerhin atmen.

Man hatte nur, wenn man längere Zeit diese Luft atmete, das Gefühl eines
leichten Rausches, einer Beklemmung, aber diese wurde wieder durch
andere Vorteile aufgehoben.

Der Planet war ja klein, viel kleiner als der Mond, er war eine
Miniaturwelt und da mußten sich natürlich ganz andere Lebensbedingungen
ergeben.

Hier mußte man ungeheuer hoch springen können, hier wog ein schwerer
Mann nur so viel, wie ein kleines Kind auf der Erde. Das mußte dann die
Arbeitskraft verdoppeln und verdreifachen.

Von außen mußte man arbeiten, um den Riesenmagneten wieder in Funktion
treten zu lassen.

Kapitän Mors rief jetzt seine Leute herbei, die er nacheinander die Luft
atmen ließ.

Da zeigte sich denn, daß die ehemalige Mannschaft des Unterseebootes die
Luft absolut nicht vertragen konnte.

Die Leute taumelten umher, drehten sich im Kreise und benahmen sich wie
sinnlos Betrunkene.

Aehnliche Symptome zeigten auch die meisten Inder und selbst Star, dem
eisernen Mann, war die Luft höchst unangenehm, es überkam ihn ein
Schwindel.

Dagegen vertrug Lindo die Luft vortrefflich und da Kapitän Mors zur
Reparatur höchstens ein oder zwei Gehilfen gebrauchte, beschloß er, mit
Lindo die Arbeit zu vollenden und mit dieser auf der Stelle zu beginnen.

Der Schaden wurde zunächst besichtigt und die Reparaturteile aus dem
Innern des Fahrzeuges hervorgeholt.

Es war freilich ein recht unangenehmes Arbeiten, da man in die Kluft
hinuntersteigen mußte. Der Krater zog sich seitwärts noch ziemlich tief
in das Innere der Erde fort, dort, wo rabenschwarze Finsternis
herrschte.

»So,« sprach Kapitän Mors, als er sich mit Lindo zur Arbeit fertig
machte. »Wir beginnen. Auf der Galerie des Weltenfahrzeuges aber müssen
immer ein paar Wächter stehen, die die Umgebung im Auge behalten, damit
wir vor unliebsamen Ueberraschungen gesichert sind.«

»Was meint Ihr denn, was es hier gibt, Kapitän?« fragte Star, der diese
Worte vernommen. »Ich habe auch schon überall umhergesehen, aber
nirgends etwas Lebendes bemerkt. Der Weltenkörper ist ja so klein, hier
gibt es wohl gar kein tierisches Leben.«

»Hast Du nicht die reiche Vegetation auf verschiedenen Stellen des
Planeten gewahrt?« fragte Mors. »Eine üppige Vegetation ist es,
tropisch, wie in der Vorzeit der Erde. Wo sich solche Vegetation
befindet, gibt es auch Tierwelt. Es fragt sich nur, in welchem Stadium
sich dieser Planet befindet, aber das kann uns wohl der Professor sagen,
der wird schon seine Beobachtungen anstellen.«

»In der Umgebung scheint alles tot und starr zu sein,« meinte Star. »Da
gibt es keine Vegetation, da sieht man nur zackige Felsenspitzen,
ausgebrannte Krater, Klippen und Felsblöcke.«

Wenige Minuten später verließ Mors mit Lindo und einigen anderen Indern
die Galerie des Weltenfahrzeuges.

Man benutzte eine Leiter, um die nächsten Klippen zu erreichen. Hierauf
begann man die Umgebung des Absturzes zu erforschen.

Man sah nichts als Klüfte, ausgebrannte Krater, Steinmassen von den
wunderlichsten Formen.

In einiger Entfernung donnerte der Vulkan und schleuderte seine
glühenden Lavablöcke in die Höhe. Aber diese stürzten nicht in der Nähe
der Landungsstelle herunter, von dort brauchte man nichts zu befürchten.

Plötzlich deutete Lindo mit der Rechten in eine der Klüfte.

»Kapitän,« rief er. »Was liegt dort? Seht doch mal, das Weiße! Das Ding
sieht ja unheimlich aus. Wahrhaftig, Kapitän, das Ding müssen wir mal
genauer untersuchen!«

Der Kapitän schritt mit seinen Indern hinüber.

Da lag neben einem Steinblock das Ding, welches Lindo mit seinen
scharfen Augen erspäht. Ein weißgebleichter Schädel von wahrhaft
ungeheuren Formen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war es ein Tierschädel, aber niemand
konnte sagen, zu welcher Gattung dies Geschöpf gehört hatte. Neben
diesem Ueberrest sah man einige ungeheure Knochen.

Diese waren zerbrochen und Lindo beugte sich jetzt zu diesen
Ueberbleibseln nieder.

»Kapitän,« rief er. »Seht diesen zerschmetterten Knochen hier an. Das
ist aber kein Bruch, nein, seht die Eindrücke, wie zackig und spitz
dieselben sind. Kapitän, dieser Knochen ist zweifellos von den Zähnen
eines unbekannten riesigen Ungeheuers zerbissen worden.«



                              3. Kapitel.
                    Eine abenteuerliche Expedition.


Kapitän Mors konnte nur die Beobachtung seines getreuen Lindo
bestätigen.

Die Knochen, die hier lagen, rührten von einem Ungeheuer her, und sie
waren anscheinend von einem anderen Ungetüm zerbissen worden.

Man hoffte Auskunft von dem Professor, der jetzt eilend herbeikam, und
der ja nicht allein Kenntnisse in der Sternenkunde besaß, sondern auch,
wie es viele Astronomen zu tun pflegen, langjährigen geologischen
Studien obgelegen hatte.

Er betrachtete mit Erstaunen und Interesse diese Ueberreste.

»Der Schädel liegt noch nicht lange hier, Kapitän,« rief er endlich. »Er
ist rein abgenagt und solche Schädel habe ich oft genug in den Museen
der Erde gesehen. Es sind die Schädel von ungeheuren Tieren der Vorzeit,
aber dieses Tier hier ist mir völlig unbekannt. Doch möchte ich
annehmen, daß es zu den Sauriern gehört, zu jenen furchtbaren
Rieseneidechsen, die einst auch die Erde bewohnten.«

»Schöne Bescherung,« meinte Star, indem er forschend umherblickte. »Da
könnte plötzlich solch Beest auftauchen. Herrgott, hat das Ding einen
Rachen! Da wäre unsereiner nur ein Bissen als Frühstück, da müssen wir
uns höllisch in acht nehmen.«

Der Professor hörte diese Worte.

»Ich glaube aber nicht, daß wir jetzt etwas zu fürchten haben, es sieht
so aus, als hätte sich hier vor kurzer Zeit Wasser befunden, welches
durch irgend eine Ursache in die Tiefen der Erde abgeflossen ist. Diese
Rieseneidechsen aber hielten sich immer in der Nähe des Wassers auf.
Unmöglich ist es freilich nicht, daß sich da unten in den Felsenklüften
noch Wasseransammlungen befinden.«

»Gut,« sprach Kapitän Mors. »Da müssen wir eben wachsam sein und immer
die Augen offen halten. Es scheint mir aber, als wenn wir in dieser
trostlosen Gegend nichts zu fürchten hätten. Etwaige tierische Bewohner
des Planeten können sich drüben in den tropischen Wäldern aufhalten.«

Man sah es dem Professor an, daß er förmlich danach lechzte, diese
Seltsamkeiten kennen zu lernen. Er war befriedigt, daß es ihm vergönnt
war, einen Blick in die Vorzeit zu tun, daß er sich auf einem kleinen
Planeten befand, der noch um viele hunderttausend Jahre in der
Entwicklungsgeschichte zurück sein mußte.

Kapitän Mors aber sorgte für Vorsichtsmaßregeln.

Er begann mit Lindo sofort die Reparaturarbeiten vorzunehmen, während
einige Wächter auf der Galerie die Umgebung im Auge behielten.

Lange arbeiten konnte man freilich nicht, da die eigenartige Luft zu
öfterem Ausruhen mahnte. Selbst Kapitän Mors fühlte schon nach wenigen
Stunden eine Erschlaffung, die er kaum mit seiner eisernen Energie
besiegen konnte.

Unter diesen Umständen konnte der erzwungene Aufenthalt auf dem kleinen
Planeten längere Zeit in Anspruch nehmen.

Verdächtiges zeigte sich aber nicht, nichts Lebendes war zu erblicken,
die Wächter sahen keine befremdlichen Erscheinungen. Man hörte nur das
Donnern des Vulkans, der sich aber immer mehr zu beruhigen schien.

Als am dritten Tage der Professor seine Bitte wiederholte, gab Kapitän
Mors nach.

»Ich gehe selbst mit,« sprach er. »Lindo kann während meiner Abwesenheit
die Arbeit allein fortsetzen. Selbstverständlich nehmen wir unsere
elektrischen Waffen mit, auch wollen wir uns nicht allzu weit entfernen.
Unser Marsch geht nach dem Walde hinüber.«

Der Professor strahlte vor Entzücken, der sonst so ernste Mann wußte gar
nicht, wie er seine Freude beherrschen sollte. Er brannte vor Ungeduld,
einen Blick in diese Wunderwelt zu tun, während Kapitän Mors seine
gewohnte Ruhe und Geistesgegenwart zeigte.

Star sollte auch zurückbleiben. Kapitän Mors bestimmte drei Inder, die
ihn und den Professor begleiten sollten.

Hierauf versah man sich mit Lebensmitteln, mit Instrumenten, die ein
Verirren verhindern sollten, ferner mit den furchtbaren elektrischen
Waffen.

Der Planet besaß eine ungemein schnelle Umdrehung, und da er sehr klein
war, so dauerte der Tag wenig mehr als eine Stunde, ebenso war es mit
der Nacht, jedoch erleuchtete während der Finsternis zuweilen der Mond
die seltsame Umgebung.

Damit mußte man also von Anfang an rechnen, und Kapitän Mors beschloß,
während der Dunkelheit verdächtige Distrikte zu meiden. Er setzte sich
mit seinen vier Begleitern in Marsch und nun ging es über das unebene
Terrain nach der Vegetationszone hinüber.

Die eigenartige Luft täuschte und der Wald war ferner, als man geglaubt
hatte.

Durch die mitgenommenen Ferngläser konnte man schon unterscheiden, daß
sich dieser Wald von allem, was man auf der Erde gesehen, bei weitem
unterschied.

Anfangs konnte man die Waldbäume für Palmen halten, aber bei näherer
Betrachtung glichen sie eher riesigen Farren, alles hatte einen
unheimlichen, schier gespenstigen Anblick.

Man sah keinen Vogel, keinen Schmetterling, freilich waren hier noch
immer die kahlen, nackten Felsen. Drüben im Walde konnte es anders sein,
da konnte sich ein merkwürdiges Tierleben zeigen.

Aber jetzt veränderte sich die Formation des Bodens, das Felsgestein
verschwand allmählich, der Boden war weich und sumpfig.

»Acht geben,« klang Kapitän Mors' Stimme, die ganz eigentümlich in der
dicken Luft ertönte. »Acht geben, wir müssen im Gänsemarsch gehen. Einer
hinter dem anderen. Sonst versinken wir hier ins Bodenlose. Das ist ein
Sumpf der Urzeit. Ein Morast, in dem wir spurlos verschwinden können.
Aber hier geht eine Felsenrippe hindurch, die müssen wir benutzen.«

Es war in der Tat die größte Vorsicht geboten, um so mehr, als der
ausnehmend kurze Tag ja schon wieder zu Ende ging und die eben so kurze
Nacht herannahte.

Kapitän Mors und seine Begleiter aber hatten elektrische Laternen
mitgenommen und so konnten sie den steinernen Weg durch den Sumpf
verfolgen. Diese Felsenrippe war der einzige Pfad, welcher zu dem Wald
hinüberführte.

Es wurde schnell dunkel, aber das elektrische Licht zeigte den Weg. An
einer Stelle, wo sich der Felsenpfad verbreiterte, wurde kurze Rast
gemacht. Nach anderthalb Stunden wurde es schon wieder Tag, da sich der
Planet mit riesiger Geschwindigkeit um sich selbst drehte. Links und
rechts war der Morast, aber dort war alles still. Kein Laut unterbrach
das unheimliche Schweigen.

Endlich war man am Walde angelangt, aber Kapitän Mors machte vorläufig
keine Anstalten, hineinzugehen. Der kurze Tag war schon wieder zu Ende.

»Sollen wir nicht ein Feuer anzünden, Kapitän?« fragte Lindo.

»Es würde schwerlich brennen,« erwiderte Kapitän Mors, »denn Du siehst
ja, hier ist alles mit Feuchtigkeit förmlich gesättigt und dann glaube
nur nicht, daß sich die Wesen, die hier leben, durch das Feuer
abschrecken lassen. Im Gegenteil, sie möchten neugierig hinzukommen.«

Bald wurde es wieder dunkel, aber nun hörten die fünf Männer, die am
Rande des Waldes harrten, seltsame Töne, die aus dem scheinbar
undurchdringlichen Dickicht herüberschallten.

Furchtbare Töne waren es. Man hörte ein Schnaufen, ein Aechzen, als wenn
der Sturmwind wehte. Dann krachte es und brach es zwischen den
farrenartigen Bäumen, als ob sich massige Körper hindurchwälzten.

Auch in den Lüften ließen sich sonderbare, schreckliche Laute vernehmen,
ein Klatschen und Flattern, ab und zu hörte man ein durchdringendes
schrilles Pfeifen, einige Male war es den Männern auch, als ob ein
großer schwarzer Schatten durch die Luft und Finsternis segelte.

Als es aber nach anderthalb Stunden hell wurde, war alles ruhig, da war
nichts zu hören und nichts zu sehen.

»Also gibt es auch hier ein Nachtleben,« sprach der Professor zu Mors.
»Eine nächtliche Tierwelt. Die lebt da drinnen in dem Dickicht und
sicherlich war es ein Urvogel oder eine riesengroße Fledermaus, die
während der Dunkelheit über unseren Häuptern dahinflatterte.«

Jetzt versuchte man in das unheimliche Dickicht einzudringen, aber das
erwies sich als unmöglich. Der Boden war weich, durchlässig, wie ein
Schwamm, beim ersten Schritt in das Dickicht mußte man bis an den Leib
einsinken.

Als Lindo es dennoch versuchte, krachte und prasselte es neben ihm in
dem undurchdringlichen Gebüsch, der Inder prallte zurück, aber er
glaubte noch etwas unheimlich Großes gesehen zu haben, welches sich
durch das Dickicht fortwälzte, dunkel, schleimig, ein Untier, welches
offenbar sein Heil in der Flucht suchte.

»Sicherlich ist das eine der Rieseneidechsen gewesen,« sprach der
Professor. »Die hausen hier in dem undurchdringlichen Farrenwalde.
Merkwürdig, daß uns der Koloß nicht angegriffen hat. Das ist ein Beweis,
daß selbst diese Giganten vor dem Anblick der Menschen erschrecken. Wir
mögen dem Riesentier allerdings sonderbar genug vorgekommen sein.«

Einer der übrigen Inder war inzwischen auf einer anderen Stelle in den
Wald gedrungen, aber auch nur wenige Schritte vorwärts gekommen.

Er kehrte rasch zurück und erzählte, daß er ein schlangenartiges Ungetüm
gesehen hätte, welches von einem der Farrenbäume herabglitt und dann
spurlos in dem undurchdringlichen Unterholz verschwand.

»Nun, Professor?« fragte der Kapitän. »Was sagen Sie dazu? Wollen wir
wirklich in den Wald eindringen? Wir müßten allerdings schon wie die
Affen von Baum zu Baum klettern. Aber wenn Sie Lust haben, ich bin dazu
bereit.«

Der Professor bewunderte den kühnen Mann, der so kaltblütig in das
furchtbare Dickicht hineinblickte. Er wußte, daß Kapitän Mors nicht
scherzte, daß dieser mit ihm ging, wenn er den Wunsch aussprach, den
schrecklichen Wald näher untersuchen zu wollen.

»Nein, ich denke, wir lassen es lieber,« erwiderte der Professor. »Das
hieße direkt mit dem Tode spielen. Ja, wenn der Tag länger dauerte, aber
bei dieser kurzen Zeit würde uns ja wieder die freilich kurze Nacht
überraschen. In der Nacht möchten wir den Ungetümen, die den Wald
bewohnen, fast wehrlos gegenüberstehen. Auch weiß ich bereits genug.
Dieser Planet befindet sich in einem Zustand, wie ihn die Erde auch
durchgemacht hat, nämlich zur Zeit der großen Saurier und schließlich
wird auch für diese Miniaturwelt die Zeit kommen, wo sich das allgemeine
Lebensprinzip erfüllt, wo intelligente Wesen anstelle der Ungeheuer hier
treten. Wer weiß, vielleicht ist der Keim zu menschenähnlichen Wesen in
dieser kleinen Welt schon verborgen, vielleicht lebt schon ein Wesen in
diesem Dickicht, aus dem sich dereinst ein vernunftbegabter Bewohner
dieses kleinen Planeten entwickelt. Es gibt hier noch andere Dinge, die
man erforschen kann, daher ist es besser, wenn wir umkehren.«

Kapitän Mors gab seine Einwilligung zu erkennen, es hatte ja auch nicht
den geringsten Zweck, daß man vordrang. Die Farrenbäume wuchsen in einem
Morast, dort liefen die kühnen Eindringlinge Gefahr, spurlos im Sumpf zu
verschwinden.

Nun ging es wieder über die Felsenklippe zurück, wo die Dunkelheit die
Wanderer überraschte. Da hörte man vom Walde her wieder die
schrecklichen Töne, das Aechzen, das Rauschen und Prasseln, den
durchdringenden Schrei und das Flattern des Riesenvogels oder der
ungeheuren Fledermaus, welche durch die Lüfte flog.

Dann kehrte man, als es hell wurde, wieder in die Steinwildnis zurück,
wo der »Meteor« in dem erloschenen Vulkan lag.

Man sah Lindo und Star, die von einigen Indern unterstützt, an dem
Riesenmagneten hantierten.

Die Männer winkten eifrigst, als sie Kapitän Mors und dessen Begleiter
erblickten. Die Rückkehrenden glaubten schon, daß ihre Gefährten in
Besorgnis gewesen seien.

Lindo kam dem Kapitän mit großen Sprüngen entgegen.

Es sah sonderbar aus, wie er mit der Leichtigkeit eines Federballs über
ziemlich hohe Felsblöcke hinwegsprang, aber das war ja kein Wunder, auf
diesem kleinen Weltkörper konnte der um so vieles leichtere
Menschenkörper auch höhere Sprünge unternehmen, ohne sich im mindesten
zu verletzen.

»Was gibt's?« fragte Mors. »Ist etwas Besonderes vorgefallen?«



                              4. Kapitel.
                    Die Geheimnisse des Feuerberges.


»Da unten in dem ausgebrannten Vulkan ist es nicht ganz richtig,« meinte
Lindo. »Der ist wohl bloß scheinbar erloschen. Wir haben schon mehrmals
sonderbare Töne vernommen, ein Zischen und Fauchen und zwar als es
dunkel war. Das ist ja hier eine merkwürdige Geschichte. Tag und Nacht
ist so rasch, daß man kaum zur Besinnung kommt. Da unten in dem Krater
sind vielleicht die unterirdischen Gewalten tätig. Genug, da könnte es
leicht sein, daß uns plötzlich ein Lavastrom überraschte. Das wäre doch
eine bedenkliche Sache.«

Kapitän Mors ging sofort nach der Stelle, wo der »Meteor« halb aus dem
Krater hervorragte.

Er bog sich hinab und lauschte nach der Oeffnung hin, die seitwärts in
das Innere des Planeten hineinführte, denn dort waren wohl ehemals die
Lavaströme hervorgekommen.

Es blieb aber alles ruhig, es ließ sich nichts Besonderes vernehmen.

»Es war sicherlich siedende Lava,« sprach Lindo, »es brauste und
zischte, wie in einem Höllenkessel. Da links aber, wo sich die große
Höhlung befindet, da war es auch nicht richtig. Da hinter den
Felsblöcken haben wir auch ein sonderbares Geräusch vernommen, was
freilich ganz anders klang. Ich sage Euch, Kapitän, die unterirdischen
Gewalten ruhen nicht, die können bei der ersten Gelegenheit
hervorbrechen. Da wäre es mit unserem »Meteor« vorbei, da könnten wir
unser Leben auf dem unheimlichen Planeten beschließen.«

Diese Erklärung Lindos brachte Kapitän Mors auf den Gedanken, vorerst
weitere Wanderungen auf dem merkwürdigen Weltkörper zu unterlassen und
seine ganze Energie der Wiederherstellung des Weltenfahrzeuges
zuzuwenden.

Der Professor freilich schwärmte noch immer von diesen Wundern einer
Welt, die für den Erdenkörper seit hunderttausenden von Jahren
verschollen waren. Er glühte vor Forschereifer, er wollte auch die
Geheimnisse des großen Feuerberges erforschen.

Da gab es allerdings Geheimnisse genug, denn dieser Ausbruch war ganz
anders, als eine Katastrophe auf dem Erdball.

Man konnte diese Vulkanausbrüche mit den regelmäßigen Atemzügen eines
schlummernden Riesen vergleichen.

Zeitweise war alles still, diese Ruhe dauerte manchmal eine viertel oder
gar eine halbe Stunde. Da lag der ungeheure Vulkan so ruhig, als wäre
das unterirdische Feuer vollständig erloschen.

Dann aber hörte man ein dumpfes, langanhaltendes Grollen, dem ein
merkwürdiges Aechzen und Schnauben folgte. Es war, als ob das riesige
Ungeheuer, welches in der Tiefe zu ruhen schien, Atem holte und so zu
einer gewaltigen Kraftanstrengung Luft schöpfte.

Dann tönte das Grollen von neuem, unmittelbar darauf folgte eine Art
schreckliches Gebrüll, aus dem hochragenden Gipfel stieg eine
fürchterliche Dampfwolke empor, gleichzeitig sah man durch diese
ungeheuer große Lavastücke in die Lüfte fliegen.

Sie wurden mit einer solchen Gewalt emporgeschleudert, als ob sie aus
der Mündung eines kolossalen Geschützes ausgestoßen würden.

Das war ein großartiger Anblick, noch großartiger aber war es, wenn
dieser Ausbruch in der Dunkelheit erfolgte, wenn diese riesigen
glühenden Lavablöcke auf den Abhängen des Vulkans niederschmetterten,
zerplatzten und einen Feuerregen umherschleuderten.

Es war ein natürliches Feuerwerk, welches aller menschlichen Begriffe
spottete.

Die Leute im Weltenfahrzeug wurden nicht müde, diese entfesselten
Naturgewalten anzustaunen, aber Kapitän Mors winkte jetzt seinem treuen
Lindo, daß er sich beeilen sollte, denn es galt nun, die schwierigste
Arbeit zu verrichten. Die metallnen Gelenke mußten wieder auf den
Diamanten montiert werden und da war die größte Vorsicht geboten.

Die beiden Männer mußten mit Gummihandschuhen arbeiten, damit nicht etwa
ein plötzlich auftretender elektrischer Strom sie zu Boden schleuderte
oder gar tödlich verletzte. Solche Entladungen aber waren in der mit
Elektrizität gesättigten Atmosphäre des kleinen Planeten keine
Seltenheit.

Unablässig bildeten sich Wolken, aus denen der Donner grollte und
furchtbare breite Blitze herniederzuckten. Dann brachte auch wohl eine
vorüberschwebende schwarze Wolke einen fürchterlichen Regenguß, sodaß
der Kapitän und Lindo ins Weltenfahrzeug flüchten mußten.

Da niemand den beiden Männern helfen konnte und nur Mors und Lindo diese
Reparatur herzustellen vermochten, entschloß sich der Professor, mit
Star und einigen Indern nach dem Vulkan zu gehen, um dort die Ausbrüche
zu betrachten.

Kapitän Mors ermahnte sie zur größten Vorsicht und empfahl ihnen, sich
nicht in die Nähe der herabstürzenden Lavablöcke zu wagen, sonst war
nichts dort zu befürchten. In der Nähe des Vulkans gab es kein
Tierleben. Dort hätte selbst eins der Ungeheuer des Waldes dem Wüten der
Naturgewalten erliegen müssen.

Der Professor war sehr froh, daß er den Vulkan untersuchen konnte und
nahm einige Instrumente mit, die ihm zu verschiedenen Beobachtungen
dienen sollten. Gleichzeitig wollte er die Anziehungskraft und
verschiedene andere Eigentümlichkeiten dieses Miniaturplaneten messen.

Die ehemaligen Mannschaften des Unterseebootes aber verließen das
Weltenfahrzeug nicht, da sie sich absolut nicht an die dicke Luft
gewöhnen konnten. Sie blieben also lieber in den Mannschaftsräumen, wo
man mit Leichtigkeit eine Luft herstellte, die der der Erde gleichkam.

Mors und Lindo arbeiteten aber unentwegt an dem Riesenmagneten weiter.

Der Professor und Star aber brachen mit den übrigen Indern auf und
turnten binnen kurzem mit unglaublicher Gewandtheit über das spitze
Felsengestein nach dem Vulkan hinüber.

Hier waren ja die Körper so leicht, hier konnte man scheinbar
unüberwindliche Strapazen mit unglaublicher Schnelligkeit überwinden. Es
sah ordentlich drollig aus, wie die Männer, die noch dazu die
Instrumente trugen, wie die Gemsen von Stein zu Stein hüpften und breite
Spalten ohne Anstrengung übersprangen.

Es schadete nicht einmal etwas, wenn man stürzte, wenn man nur nicht zu
tief fiel, denn bei der Leichtigkeit des Körpers war der Aufschlag ein
so geringer, daß man sich bei solchen Fällen nicht weh tat.

Das einzig Unangenehme war nur der kurze Tag, denn man mußte nach
Verlauf von ein bis einundeinhalb Stunden anhalten, da man trotz der
elektrischen Laternen in der kurzen, aber dunklen Nacht leicht in eine
unbekannte Tiefe stürzen konnte.

Je näher man dem Vulkan kam, desto mehr zeigten sich die unterirdischen
Gewalten. Da hörte man ein Brodeln, ein Zischen und Kochen. Es waren die
Lavabecken, die da unten brodelten, siedeten und kochten.

Mitunter leuchtete auch der Feuerschein herauf und zwar ganz seltsam, es
waren blaue, grüne, gelbe und rote Flammen, im buntesten Gemisch. Diese
sonderbaren Flammen verrieten, daß es ganz eigentümliche Elemente sein
mußten, die sich hier im glühenden Zustande in der flüssigen Materie
befanden.

Weiter drangen die Männer vor, bis sie endlich den kolossalen Vulkan
erreichten. Dort hatte eins der emporgeschleuderten Lavastücke den
Riesenmagneten des Weltenfahrzeuges getroffen und dies wunderbare Werk
des Kapitän Mors zum Absturz gebracht.

Beim Aufstieg mußte man den Vulkan sorgfältig vermeiden.

Das war nicht leicht, denn es schien, als ob eine besondere
Anziehungskraft in diesem Vulkan wohnte, als ob diese das Metall aus
welchem der Rumpf des Weltenfahrzeuges bestand, beherrschte. Man mußte
also die äußerste Vorsicht walten lassen.

Daran hatte auch der Professor gedacht und er freute sich jetzt, daß er
dem Kapitän einen Dienst leisten konnte. Er wollte die Anziehungskraft
des Feuerberges untersuchen, dann würde man schon Mittel und Wege
finden, um das Weltenfahrzeug aus der gefährlichen Nähe des Kraters
bringen zu können.

Dann konnte man auch diese Miniaturwelt wieder verlassen.

Die Inder zeigten sich hier recht tollkühn, aber das war kein Wunder,
Feuerberge waren ihnen nicht fremd und in ihrer Heimat befanden sich die
Riesen der indischen Bergwelt, die weit über die Wolken hinausragten.

Star und der Professor mußten die Ungeduld der Inder sogar zügeln, denn
die waren jetzt sehr unternehmungslustig. Sie stießen sogar noch
glühende Lavablöcke an den Abhängen des Vulkans hinunter, damit sie der
Professor besser untersuchen konnte.

Der Professor hatte alle Hände voll zu tun, er schüttelte wiederholt
verwundert mit dem Kopf. Das Gestein, aus welchem der Feuerberg bestand,
war ganz eigenartig. Es enthielt ein Metall, welches auf der Erde
unbekannt war, aber sicherlich hohen Wert besitzen mußte.

Die Instrumente wurden aufgestellt und an verschiedenen Stellen des
Feuerberges angebracht. Professor van Halen war unermüdlich und da
machte er die absonderlichsten Beobachtungen.

Hier auf dieser kleinen Welt gab es eine Menge Wasser, aber das war wohl
meist in dampfförmigem Zustande, die feuchte Hitze, welche hier
herrschte, bewirkte eine unvergleichlich schnelle Verdunstung.

Der Professor glaubte auch die Wahrnehmung zu machen, daß nach den
fürchterlichen Regengüssen, die von Zeit zu Zeit eintrafen, die
Ausbrüche des Vulkans häufiger wurden.

Es war sicherlich noch der alte Kreislauf der Dinge, wie ehedem in der
Urzeit, hier folgten die Naturgewalten unmittelbar und erschienen
deshalb um so schrecklicher. In der Nähe des Feuerberges war die
Atmosphäre so dunstig und trübe, daß man nur selten einen Ausblick
erhielt, das Weltenfahrzeug konnte man nie sehen, obwohl es gar nicht
weit entfernt war.

Der Professor überließ sich ganz seinen Beobachtungen, aber Star empfand
eine innere Unruhe, es war ihm immer, als ob sich in der Nähe des
Weltenfahrzeuges etwas Absonderliches zugetragen haben müsse.

Er lachte zwar über diese Gedanken und verbarg sie vor dem Professor,
aber er konnte doch nicht hindern, daß er immer und immer wieder an die
Zurückgebliebenen mit Besorgnis zurückdachte.

Aber auch der Professor hatte Bedenken, die freilich etwas anderes
betrafen. Seine Beobachtungen brachten ein Resultat, welches ihn mit
großen Befürchtungen erfüllte.

Die Instrumente verrieten nämlich plötzlich eine ungemeine Spannung, die
immer mehr und mehr zunahm und zwar in einer Weise, daß man irgend eine
Naturkatastrophe erwarten konnte.

Ob sie bald eintreten würde, stand freilich noch dahin, aber dem
Professor war es, als müßte demnächst auf dem kleinen Planeten ein
Aufruhr der Elemente stattfinden, der alles bisher Gesehene bei weitem
übertreffen müßte.

Da stand wohl ein furchtbarer, vulkanischer Ausbruch bevor und da konnte
der Feuerberg in die fürchterlichste Tätigkeit treten.

Aber der Professor dachte noch an etwas anderes, an die Möglichkeit, daß
die Lavamassen aus dem scheinbar erloschenen Krater, wo das
Weltenfahrzeug lag, hervorbrechen würden, dann konnte dort ebenfalls
eine fürchterliche Katastrophe erfolgen.

Jedenfalls näherte sich der kleine Planet der Sonne und dieser Umstand
war es wohl, der eine gigantische Anstrengung der noch immer
entfesselten Naturkräfte drohen ließ. Van Halen hielt es daher für das
beste, wenn er jetzt zurückkehrte und den Luftpiraten warnte.

Sowie es hell wurde, brach man auf, aber der Professor ließ einige
seiner Instrumente zurück, in der Ueberzeugung, daß er noch einmal
zurückkehren würde.

Am Weltenfahrzeug fand man alles unverändert, die europäischen
Mannschaften verbrachten ihre Zeit meist mit Nichtstun oder Reinigen der
Maschinen. Lindo und Mors waren unablässig mit der Reparatur des
Riesenmagneten beschäftigt.

Der Luftpirat kam dem Gelehrten entgegen.

»Haben Sie das Brausen und Zischen wieder vernommen, Kapitän?« fragte
Halen, als er einen Händedruck mit dem Maskierten getauscht.

»In der Tat,« lautete die Antwort. »Es scheint immer drohender und
unheimlicher zu werden. Auch will Lindo andere unheimliche Töne gehört
haben, aber davon habe ich nichts vernommen.«

Der Professor dachte nur an das Brausen und Zischen, das waren
zweifellos die glühenden Lavamassen. Er begab sich nach der dunklen
Kluft und richtig, dort machte sich eine außerordentliche Wärme
bemerkbar.

Dann teilte er Kapitän Mors seine Beobachtungen am Feuerberg mit.

»Das ist in der Tat bedenklich,« meinte Kapitän Mors. »Da müssen wir uns
beeilen und noch eifriger arbeiten. Uebrigens eine Frage, bester
Professor, können Ihre Instrumente den bevorstehenden Ausbruch genauer
anzeigen?«

»Sicherlich,« rief der Gelehrte. »Wenigstens dreißig Stunden vorher. Für
die Zeit von vierundzwanzig Stunden könnte ich mich geradezu verbürgen.«

»Das ist gut,« erwiderte Kapitän Mors. »Da möchte ich Ihnen einen
Vorschlag machen. Sie sagen ja selbst, daß Sie in den Klüften des
Feuerberges ein ganz bequemes Unterkommen fanden. Kehren Sie also mit
Star und den Indern zu Ihren Instrumenten zurück und signalisieren Sie
mir, wenn Gefahr droht. Sie brauchen ja nur einen Eisenstab mitnehmen
und daran eine blutrote Fahne aufziehen, die könnte ich von hier aus
gewahren. Im äußersten Falle der Not würde ich meine Reservemaschinen in
Tätigkeit setzen. Es ist zwar gefährlich, aber in der Not könnte ich
mein Weltenfahrzeug von dieser gefährlichen Stelle hinwegbringen. Aber,
wie gesagt, es ist nur für den Notfall.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden, denn dieser Ausweg war der beste.

Man versah sich also mit neuen Vorräten, die in reicher Menge vorhanden
waren. Auf dem Weltenfahrzeug befanden sich Lebensmittel, die für einige
Jahre reichen konnten.

Das Wasser auf dem kleinen Planeten war, wenn auch an manchen Stellen
stark metallhaltig, doch an verschiedenen Stellen trinkbar. So brauchte
man für den Bedarf an dem wertvollsten Lebenselement nicht in Sorge zu
sein.

Star, van Halen und die Inder kehrten also nach dem Feuerberg zurück, um
dort die Beobachtungen fortzusetzen.

Der Kapitän sollte im entscheidenden Moment gewarnt werden.

Dann war ja immer Zeit genug, das Weltenfahrzeug durch Anwendung der
Reservemaschinen nach einer anderen Stätte zu versetzen, freilich war
ein solches Gewaltmittel immer gefährlich.

War es aber dunkel, so sollte eine blutrote Laterne die Stelle der roten
Fahne ersetzen.

Kapitän Mors und sein getreuer Lindo arbeiteten also unablässig weiter.
Sie strengten alle Kräfte an, sie arbeiteten sogar beim Schein der
elektrischen Laternen, wobei ihnen noch der Mond behilflich war, der
jetzt des Nachts sein strahlendes Licht verbreitete.

Die Atmosphäre war klarer geworden, in der Nacht sah man häufig die
Sterne funkeln. Die Wolken hatten sich teilweise nach den Wäldern
zurückgezogen.

Aber es war noch etwas, was Lindo beunruhigte. Die sonderbaren Töne, die
er zuweilen aus der Kluft vernahm.

Der Kapitän hielt es für Täuschung, aber Lindo hegte Bedenken, er meinte
immer, daß in dieser dunklen Kluft sich irgend etwas verbergen könnte,
etwas Gefährliches, was es aber war, wußte er nicht und konnte es auch
nicht wissen.

Kapitän Mors kümmerte sich nicht darum und meinte, es wäre nur eine
Täuschung. Lindo aber warf während der Arbeit oft einen Blick nach der
Gegend, wo die Felsblöcke lagen. Er glaubte, dort sei etwas
Rätselhaftes, etwas Unheimliches verborgen. Dort aus der Kluft könnte
plötzlich das Verderben hervorbrechen.



                              5. Kapitel.
                        Die Ungeheuer der Tiefe.


So vergingen die Tage und die ebenso langen Nächte rasch dahin, Mors und
Lindo gönnten sich nur die notwendigste Ruhe.

Die in dem Weltenfahrzeug befindlichen Leute mußten fortwährend nach dem
Feuerberg Ausguck halten und nachsehen, ob sich nicht etwa die rote
Laterne oder die rote Flagge zeigte.

Bis jetzt war aber nichts zu sehen gewesen. Die Gefahr lag also noch
fern. Noch hatte der Professor das Warnungssignal nicht gegeben.

Inzwischen näherten sich die Reparaturarbeiten ihrem Ende. Die
Verbindungen waren schon wieder hergestellt, aber nun kam die
schwierigste Arbeit. Man mußte die neuen Gelenkstangen auf die in dem
Weltenfahrzeug angebrachten riesigen Diamanten montieren.

Das geschah auch außerhalb des Fahrzeuges, dort waren sogar die
wichtigsten Arbeiten zu verrichten, und die beiden Männer versahen ihre
Aufgabe mit wahrem Feuereifer.

So lange die Sonne schien, brauchten sie kein künstliches Licht, aber
sobald die Dunkelheit kam, arbeiteten sie mit ihren elektrischen
Laternen.

Die Warnungssignale am Berge aber waren immer noch nicht erschienen.

Kapitän Mors glaubte schon, daß gar keine Gefahr drohe und daß das
Ungewitter wieder vorübergezogen sei, vielleicht hatten die Spannungen,
die der Professor an den Instrumenten beobachtet, schon wieder
nachgelassen.

So war wieder einmal die kurze Nacht gekommen.

Der Himmel war klar, die Sterne funkelten, der Mond schien so hell, daß
die beiden Männer kaum der elektrischen Laternen bedurften.

Da vernahm man das Zischen und Brausen, welches zeitweise in den
Eingeweiden dieser Miniaturwelt hörbar wurde.

»Es sind die Lavamassen,« meinte Lindo. »Heute ist es stärker, als
sonst, aber der Professor scheint noch keine Gefahr zu befürchten, sonst
würde er das Signal zeigen.«

Das Brausen und Zischen dauerte fort, da man es aber so oft gehört,
kümmerte man sich nicht weiter darum. Jedenfalls kamen die Lavamassen
noch nicht hervor, die tobten noch tief unter der Erde.

Mit einemmal hielt Lindo in der Arbeit inne.

»Hört, Kapitän, hört,« rief er stutzend, »hört Ihr nicht die seltsamen
Laute? Das ist etwas ganz anderes, das ist das, was Ihr immer nicht
glauben wolltet. Es kommt von jener verdächtigen Kluft her, es ist ein
richtiges Schnarchen und Röcheln!«

In der Tat hörte Kapitän Mors jetzt selbst die Töne, von denen Lindo
mehrmals erzählt und die er für Täuschung gehalten.

Der Eingang der Kluft war von dem Ort, wo die beiden Männer hantierten,
durch einige emporragende Felsen verdeckt.

Bald schien auch das Röcheln und Schnarchen zu verstummen.

Kapitän Mors wendete sich wieder seiner Arbeit zu, als Lindo von neuem
aufschrie:

»Kapitän, da seht -- da, eine Schlange! Eine ganz seltsame Schlange!«

Der Luftpirat fuhr herum.

Richtig, dort über der Klippe, hinter der die Kluft lag, ragte etwas
hervor, was wie der Hals einer riesigen Schlange aussah.

An diesem Hals aber hing ein sonderbarer Kopf, von ganz merkwürdiger
Form, der war nicht schlangenartig, sondern fast eckig, aus diesem Kopf
ragte eine lange, gelbe Zunge heraus, der Rachen war geöffnet und in
diesem sah man geradezu grauenvolle Zähne.

Aber am fürchterlichsten waren die Augen an diesem Kopf, denn die
standen wie auf Sockeln, sie waren so groß wie Fäuste und flimmerten wie
Karfunkel.

Dieser Kopf betrachtete die beiden Männer, dann kam das seltsame Röcheln
und Schnarchen aus dem geöffneten dampfenden Rachen hervor.

Der erste Gedanke Kapitän Mors' war, die elektrischen Waffen zu holen,
aber die befanden sich im Innern des Fahrzeuges. Das Ungetüm aber,
welches da hinter dem Felsen emporragte, befand sich der Tür, welche in
das Innere des Weltenfahrzeuges führte, viel näher, als die beiden
Männer und konnte sie daher bei einem Rückzug mit Leichtigkeit abfangen.

»Kapitän, da ist noch solch Ding!« schrie Lindo, indem er nach dem
Felsen deutete. »Das sieht ebenso fürchterlich aus. Nehmt Euch in Acht
Kapitän, die Beester schnappen!«

In diesem Augenblick fuhren die langen Schlangenhälse auf die Männer zu.
Kapitän Mors und Lindo aber wichen gewandt aus und sprangen seitwärts,
indem sie unwillkürlich hinter einem anderen Felsblock Schutz suchten.

Jetzt konnten sie seitwärts auf die Ungetüme schauen, aber da gewahrten
sie etwas ganz Merkwürdiges.

Das waren keine Schlangen, sondern die langen Hälse saßen an einem
plumpen, fürchterlichen Körper, der so dick wie der eines Elefanten war,
dieser Riesenkörper war graubraun und schleimig, das Tier mit dem langen
Schlangenhals und den funkelnden Augen war ein Vierfüßler und an den
plumpen Füßen schienen sich mächtige Krallen zu befinden.

Zwei dieser Bestien waren da, und sie rutschten jetzt mit ziemlicher
Geschwindigkeit heran. Sie suchten die beiden Männer anzugreifen.

Kapitän Mors war jetzt alles klar.

Diese bisher unbekannten Untiere, welche sicherlich zu den
Riesensauriern gehörten, hausten dort in der Kluft und kamen nur von
Zeit zu Zeit an die Oberwelt, um Beutezüge anzutreten.

Sie waren es sicherlich, welche die großen Knochen, die da auf dem Stein
lagen, durchgebissen hatten. Das konnte man diesen fürchterlichen Zähnen
schon zutrauen.

Nun galt es, sich zu verteidigen, denn die Ungetüme schienen sich
merkwürdig schnell zu bewegen, so plump sie auch aussahen, waren die
Bewegungen doch rasch und verhältnismäßig gewandt. Es war etwas
Eidechsenartiges, Bewegliches in der Art und Weise, wie sich diese
plumpen Massen vorwärtsschoben.

Die beiden Männer waren mit ungenügenden Waffen ausgestattet. Kapitän
Mors besaß ein wohl fußlanges, haarscharfes Dolchmesser und Lindo hatte
eine schwere gleichfalls haarscharf geschliffene Axt aufgegriffen.

»Kapitän, sie werden uns einholen,« rief der treue Inder ganz
verzweifelt. »Die Bestien bewegen sich so gewandt wie die Aale.«

»Ja, ich sehe es, Lindo,« sprach Mors, der mit seinem treuen Begleiter
von Stein zu Stein sprang. »Es wird uns nichts übrig bleiben, wir müssen
kämpfen, wir müssen uns so gut es geht gegen die Ungeheuer der Tiefe
verteidigen.«

Lindo biß die Zähne zusammen, aber er verlor die Geistesgegenwart nicht.
Treu wie er war, wollte er sogar Mors die Axt als die bessere Waffe
einhändigen und dafür das Messer nehmen.

Der Luftpirat wies dies edelmütige Anerbieten zurück.

»Nimm nur die Axt, treue Seele,« sprach er. »Das Messer genügt mir. Nun
will ich Dir einen Rat geben. Du siehst, daß diese Ungetüme sehr lange
und dünne Hälse haben, die scheinbar gar nicht zu den massiven Körpern
passen. Haue mit Deiner Axt nach der Stelle, wo sich dieser lange
Schlangenhals mit dem Körper vereinigt und suche dort die Halswirbel zu
durchhauen. Nun paß auf. Da kommen sie angeglitten.«

Die beiden Ungeheuer schnarchten entsetzlich, man hörte, wie ihr
furchtbares Gebiß zusammenklappte. Jedenfalls waren es Fleischfresser
und die Bestien lechzten nach Beute.

Freilich mochten ihnen diese seltsamen Geschöpfe, die Menschen, höchst
absonderlich vorkommen. Aber es waren Lebewesen, und die Kolosse
vertrauten auf ihre ungeheure Stärke. Sie waren auch wohl hungrig und
nun kamen sie herangeglitten, mit aalartigen Bewegungen, unheimlich
schnell, man konnte diesen Ungetümen nicht entrinnen.

Der Rückweg zu dem Weltenfahrzeug war den beiden Männern abgeschnitten.
Es half nichts, sie mußten das Abenteuer bestehen.

Kapitän Mors wandte sich gegen das größte Ungetüm, während Lindo beherzt
den Angriff des zweiten, kleineren Ungeheuers erwartete.

Im Moment, als Kapitän Mors sich gegen das schnarchende Ungetüm wendete,
warf er einen flüchtigen Blick auf die Kluft, aus der die Ungetüme
hervorgestiegen sein mußten.

Da gewahrte er noch etwas Bewegliches, da kam ein dritter Schlangenhals
zum Vorschein, ein drittes Ungetüm kam röchelnd und schnarchend aus der
Kluft hervorgekrochen.

Aber Kapitän Mors hatte keine Zeit, sich mit weiteren Beobachtungen
abzugeben, er mußte handeln, die Gefahr drohte, sie war sogar aufs
äußerste gestiegen.

Das riesige Ungetüm vor ihm richtete sich halb auf, der Schlangenhals
schwebte hoch über Kapitän Mors' Kopf, die Augen glühten und
schillerten, das Tier selbst war vom Mond grell beleuchtet.

Jetzt hockte das Tier in einer sitzenden Stellung und suchte Kapitän
Mors mit den viel kürzeren Vordertatzen zu fassen.

Aber Kapitän Mors war auf seiner Hut und es kam ihm zu statten, daß er
sich auf dem kleinen Planeten mit größter Leichtigkeit bewegen konnte.

Blitzschnell wich er den Hieben der drohenden Tatze aus und sprang zur
Seite. Dann blitzte das lange Messer, Kapitän Mors stieß es in den
langen Schlangenhals des Tieres und zog den Griff der Waffe mit
kräftigem Schnitt nach der Mitte der Brust hinunter.

Dunkelrotes Blut spritzte hervor, es war eine furchtbare Wunde, aber das
Tier schien sich wenig darum zu kümmern.

Es schnarchte greulich, der lange Kopf auf dem Schlangenhals fuhr herab
und wieder sah Kapitän Mors das fürchterliche Gebiß mit den drohenden
Zähnen.

Das Ungeheuer schien jedoch seine Beute weniger mit dem Gebiß packen,
als mit den Krallen erhaschen zu wollen, dabei hüpfte es auf den
Hinterbeinen sitzend, auf Mors zu, sodaß seine Bewegungen an die eines
riesigen Kängurus erinnerten.

Jedenfalls war das Tier mit den sogenannten Lälaps verwandt, ein Tier
der Vorwelt auf Erden, welches einem riesigen Känguru ähnelte, nur, daß
dieses Tier den langen Schlangenhals besaß, der ihm das schlangenartige
Aussehen sicherte.

Kapitän Mors konnte sich jetzt nicht um Lindo bekümmern und gewahrte nur
bei einem gedankenschnellen Blick, daß sein treuer Gefährte mit dem
zweiten Ungeheuer kämpfte.

Jetzt kam der Riese wieder herangehüpft, schnarchte laut und suchte mit
seinen beiden gewaltigen Tatzen Kapitän Mors zu packen.

Diesmal bückte sich der Luftpirat nur und führte einen furchtbaren Stoß
nach der Stelle, wo er das Herz des riesigen Ungeheuers vermutete.

Ein gewaltiger Blutstrahl sprudelte hervor, fast wie aus einem
Springbrunnen. Kapitän Mors duckte sich schnell und entwischte gerade
noch aus den Krallen des Ungeheuers, die ihn zu packen drohten.

Wieder tönte das Schnarchen, gräßliche Wut malte sich in den weiß
leuchtenden Augen des Ungetüms, aber seine Bewegungen waren nicht mehr
so schnell wie vorhin, es schien die Wirkung der blanken Waffe zu
spüren.

Das Blut schoß wie eine Fontäne aus der Wunde in der Brust und es war
möglich, daß der Stich das Herz verletzt hatte. Die Bestie warf
schreckliche Blicke auf den Menschen, der jetzt mit Befriedigung die
entschwindenden Kräfte des Angreifers bemerkte.

Inzwischen war Lindo auch nicht müßig gewesen und hatte mit der Axt auf
die von Mors bezeichnete Stelle losgehauen.

Der Brave hieb zu, als wollte er einen Baumstamm fällen, aber das war
sein Glück. Es gelang ihm, mit der haarscharf geschliffenen Axt den
Halswirbel des Ungeheuers zu durchschneiden und das Rückgrat an der
Stelle zu trennen, wo der Schlangenhals mit dem massigen Leibe verbunden
war.

Auch dieses Ungeheuer stieß ein fürchterliches Schnarchen aus, welches
aber fast einem Gebrüll ähnelte, dann drehte es sich ein paar Mal rund
herum, fiel auf den Rücken und begann im Todeskampf schrecklich zu
zappeln.

Da sah Kapitän Mors, der eben noch seine Aufmerksamkeit seinem Gegner
zugewendet, das dritte Ungeheuer lautlos herangleiten. Kein Zweifel, es
wollte Lindo von hinten packen.

»Drehe Dich um Lindo,« schrie der Luftpirat mit furchtbarer Stimme. »Es
ist noch eins hinter Dir! Rasch, rasch, es will Dich fassen!«

Der Inder sprang blitzschnell bei Seite und das war sein Glück, da im
selben Moment das Ungetüm an der Stelle, wo er gestanden, anlangte.

Es röchelte und schnarchte und drehte den langen Schlangenhals bald nach
rechts, bald nach links, indem es die beiden Männer mit den fürchterlich
leuchtenden Augen anstarrte.

Aber jetzt wurde es von den beiden Männern angegriffen. Bald von links,
bald von rechts, sodaß die Bestie gar nicht wußte, wohin sie sich zuerst
wenden sollte.

Lindo hieb mit der Axt auf die Halswirbel der Bestie los, Kapitän Mors
aber bohrte ihm das fußlange Dolchmesser in die Seite.

Jedesmal schnarchte das Tier laut und fuhr herum, um seinen Gegner zu
packen, der aber sprang alsdann gewandt zurück, während sein Gefährte
den Angriff erneuerte.

Immer lauter wurde das Schnarchen, das Röcheln; aber jetzt spritzte auch
das schwarzrote Blut von allen Seiten hervor, das Ungeheuer taumelte.
Kapitän Mors hatte sicherlich das Herz getroffen. Lindo aber hatte ihm
mit einem furchtbaren Axthieb den Halswirbel fast ganz durchgeschlagen.

Inzwischen waren auch die beiden anderen Ungetüme verendet, und nun
sahen die zwei Männer auf die Kampfstätte, auf die drei Riesen der
Tierwelt, auf die Lachen geronnenen, schwarzroten Blutes.

Aber da kam auch schon wieder der Tag heran, die kurze Nacht ging zu
Ende, die Sterne verblichen, die Sonne erschien und beleuchtete die
massigen Gestalten der erlegten Ungetüme.

Vom Weltenfahrzeug herüber hörte man die Schreie der Männer, welche die
Besatzung bildeten. Aber die waren über den Anblick dieser unheimlichen
Riesentiere so entsetzt gewesen, daß sie gar nicht wußten, was sie tun
sollten.

Jetzt aber erschienen sie auf der Galerie und wollten ihren Augen nicht
trauen, als sie die beiden Helden noch lebend sahen.

»Na, Ihr habt uns schön im Stich gelassen,« rief Lindo ärgerlich. »Da
seht mal, was der Kapitän wieder mal geleistet hat.«

»Laß es nur gut sein,« erwiderte Mors. »Du hast Dein redliches Teil dazu
beigetragen. Ich bin stolz auf Dich. Du hast gekämpft, wie ich es
erwartete. Wir sind Sieger geblieben.«

»Hoffentlich kommen nicht mehr heraus,« meinte Lindo, indem er nach der
Kluft hinblickte. »Am Ende befindet sich eine ganze Herde darinnen.«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte Kapitän Mors. »Das halte ich für
ausgeschlossen. Diese Tiere leben sicherlich nicht in größerer Menge,
und ich glaube wohl, daß wir ein Pärchen dieser Kolosse mit einem
ausgewachsenen Jungen bekämpfen mußten. Genug, das Abenteuer ist vorüber
und wir sind die Sieger geblieben.«

Da deutete Lindo nach dem Vulkan hinüber, der von der Sonne beleuchtet
wurde.

»Kapitän,« schrie er. »Das Zeichen, das Signal! Kapitän, da weht die
rote Fahne! Jetzt droht uns Gefahr von den Elementen der Tiefe! Da
zischt es, da braust es schon wieder! Da will die Lava aus den
Eingeweiden der Erde hervorquellen!«



                              6. Kapitel.
                            Im Todeskrater.


In der Tat hatte der Professor mit seinen Gefährten das Warnungssignal
erteilt.

»Geschwind, Lindo,« rief Mors, für den das furchtbare Abenteuer schon
vergessen zu sein schien. »Jetzt ist jeder Augenblick Zeit kostbar. Wir
müssen die Arbeit am Riesenmagnet beenden. Ich denke, Star wird bald zur
Unterstützung herbeikommen.«

Darin sollten sich die beiden Männer nicht täuschen.

Bald kam die kurze Nacht, aber die Ungeheuer der Tiefe ließen sich nicht
mehr blicken, als es aber wieder hell wurde, kamen die Inder, Star und
der Professor vom Vulkan herüber.

Die staunten nicht wenig, als man ihnen das Abenteuer erzählte und als
sie die Körper der getöteten Ungetüme gewahrten. Der Professor vergaß
sogar die Nachricht, die er brachte und mußte erst von Kapitän Mors
daran erinnert werden.

Dann erstattete er seinen Bericht und deutete auf die Instrumente, die
man wieder mit zurückgebracht.

»Die Katastrophe droht,« sprach der Professor. »In spätestens
vierundzwanzig Stunden werden die Lavamassen aus dem Innern der Erde
hervorbrechen, und wenn wir bis dahin nicht das Weltenfahrzeug aus dem
Krater befreit haben, ist alles verloren. Die Lavamassen würden das
Fahrzeug mit einem hunderttausende von Zentnern schweren feurigen Mantel
bedecken.«

»Ich weiß,« erwiderte Mors. »Star, hierher, Du bist der einzige, der uns
jetzt helfen kann. Wir arbeiten jetzt, so lange wir können. Wenn die
Gefahr nahe rückt, muß ich zum letzten Mittel greifen, wenn es auch noch
so gefährlich ist, es geht eben auf Tod und Leben.«

Da wurde kein Augenblick verloren.

Auch der Professor bot seine Hilfe an, aber Mors konnte nur Star und
Lindo zu der Arbeit verwenden. Diese beiden waren die einzigen, die bei
der Herstellung des Riesenmagneten und der Fertigstellung der
Gelenkverbindungen Hand anlegen konnten.

Diese Männer mußten sich jetzt die Lufthelme mit den dazu gehörigen
Apparaten aus dem Weltenfahrzeug holen, denn die Luft wurde dermaßen
dick und schwer, daß sie kaum noch zum Atmen geeignet schien. Sie war
jetzt nicht nur von Kohlensäure, sondern auch von Gasen gesättigt. Der
blaue Himmel verschwand und an seine Stelle traten ungeheure dicke
Wolken die ein schreckliches Aussehen hatten.

Zuweilen krachte der Donner und dann zuckten Blitze von einer solchen
Helligkeit und solch enormer Ausdehnung, wie es die so viel gereisten
Männer noch nie gesehen hatten. Es war ein Aufruhr der Elemente, der
geradezu fürchterlich erschien und alles rührte, wie der Professor
behauptete, nur von den unterirdischen Gewalten her, die sich zu einem
geradezu fürchterlichen Ausbruch vorbereiteten.

Von dem mächtigen Vulkan war nichts mehr zu sehen, diesen bedeckten die
ungeheuren Wolken, aber es krachte und prasselte unablässig in diesen
dichten Massen. Man hörte ein greuliches Rollen und Poltern, ein Beweis,
daß der riesige Vulkan sich bereits in voller Tätigkeit befand, daß sein
Krater glühende Lavamassen emporschleuderte.

Aber nun begann es sich auch in der Nähe des Weltenfahrzeuges zu regen.

Lindo blickte zuweilen nach der Kluft hin, aus der die Saurier
hervorgekommen waren, befanden sich dort noch mehr, so mußte sie der
Aufruhr der Elemente aus ihren Schlupfwinkeln hervortreiben.

Aber das geschah nicht, die drei Tiere, welche dort gelebt, waren von
Lindo und dem Kapitän getötet worden. Von den Bestien dieser neuen Welt
war jetzt nichts mehr zu fürchten, wohl aber von den Elementargewalten.

Die unheimlichen Töne kamen aus dem alten Krater, in welchen das
Weltenfahrzeug gestürzt war. Dort rauschte und zischte und brodelte es,
das war ein richtiger Höllenkessel geworden.

Dort kam die Lava langsam empor, die feurige Masse, welche so lange in
der Tiefe geschlummert hatte.

Man vernahm die unheimlichen Töne, welche diese siedenden Massen
hervorbrachten. Die Hitze nahm zu, zuweilen glaubte Lindo schon, die
glühenden Massen leuchten zu sehen.

So arbeiteten die drei Männer mit fieberhafter Hast an der Herstellung
des Weltenfahrzeuges.

Es war aber vorauszusehen, daß die Elemente schneller arbeiteten, als
die Menschenhand. Die Lava mußte hervorbrechen und das Weltenfahrzeug
erreichen. Geschah dies, so wurde das geniale Wunderwerk in die
glühenden Massen eingebettet und dann war es für alle Zeiten verloren.

Kapitän Mors holte jetzt den Professor, nicht um ihn arbeiten zu lassen,
sondern damit van Halen die langsam empordringende Lava beobachtete.

Der Astronom konnte die Arbeitenden noch rechtzeitig warnen, damit sie
sich mit ihm in das Weltenfahrzeug flüchteten.

War aber dann die Arbeit noch nicht getan, so mußte eben Kapitän Mors
zum äußersten Mittel greifen, zu dem letzten Ausweg, der noch eine
Rettung versprach, obwohl diese Hilfe das Fahrzeug und seine Insassen in
die höchste Gefahr brachte.

Der Professor versah sich ebenfalls mit dem Lufthelm, und begab sich zu
der schrecklichen Kluft.

Dort war bereits alles rötlich erleuchtet, der Widerschein der glühenden
Lava, die langsam, aber unaufhörlich höher und immer höher drang, die
zuletzt den unheimlichen Todeskrater überfluten mußte.

Dazu donnerte der Vulkan, man hörte sein Brüllen, man sah, wie die
Lavablöcke durch die Dunstmassen heruntersausten. Man hörte das
Aufprasseln der gewaltigen Massen, die auf dem steinigen Boden in
tausend Stücke zersprangen.

Aber niemand hatte Zeit, einen Blick auf dies ebenso grausige, wie
wunderbare Bild zu werfen. Die Sorge für das Weltenfahrzeug nahm alle
Sinne in Anspruch.

Plötzlich kam der Professor zurückgerannt.

Seine Stimme klang dumpf und hohl in dem aus Metall und Glas bestehenden
Helm. Er deutete mit der Rechten nach der Kraterkluft hinüber.

Es war gar nicht nötig, daß er sprach und die drei arbeitenden Männer
auf die Gefahr aufmerksam machte. Diese sahen bereits, wo die Gefahr
nahte.

Dort bei dem Kraterkessel war ja alles in wilder Bewegung, da stieg eine
leuchtende, rote Masse hervor, rotglühender Brei floß zwischen den
schwarzen Steinen hindurch, es war die glühende Lava, die einen Weg nach
außen suchte.

Noch lag das Weltenfahrzeug höher, als die feurige Masse, aber es durfte
keinen Augenblick Zeit verloren werden.

Diesmal klang Kapitän Mors' Stimme dumpf und hohl, aber jedem
verständlich.

Er forderte seine Begleiter auf, daß sie sich auf der Stelle nach dem
Weltenfahrzeug begeben sollten.

Der Professor eilte hinüber, Lindo und Star folgten, nachdem sie die
Werkzeuge zusammengerafft hatten.

Sie warfen dabei bedauernde Blicke auf den Lenkapparat, der noch immer
nicht ganz in Ordnung war. Der Riesenmagnet konnte noch nicht in
Tätigkeit treten.

Der Kapitän folgte als letzter und schloß hastig die beiden metallnen
Türen.

Dann kam er nach dem Maschinenraum, wo Star, Lindo und der Professor auf
ihn warteten.

»Wir hätten uns ohnehin zum letzten Mittel entschließen müssen,« sprach
der Luftpirat, als er den Lufthelm abgenommen. »Die Instrumente sind ja
alle in wildester Verwirrung, wie es bei solchem Ausbruch elementarer
Naturgewalten nicht anders sein kann. Da wäre es sehr fraglich gewesen,
ob der Riesenmagnet gearbeitet hätte. Selbst wenn er sich in gutem
Zustande befand, hätte also doch die Maschine, die hier für den Notfall
aufgestellt ist, in Tätigkeit treten müssen. So, jetzt ist es Zeit,
Professor, gehen Sie nach dem Mittelraum, damit Sie keinen Schaden
nehmen. Wir wissen schon, wie wir uns hier schützen können. Lindo, Star,
Ihr beide tretet hinter die Panzerwand, jetzt kommt die Entscheidung.«

Wenige Minuten später befand sich Kapitän Mors mit Star und Lindo allein
im Maschinenraum.

Der Ingenieur und der Inder waren hinter die Panzerwand getreten, welche
die Männer gegen die Wirkungen der Maschinengewalt schützte. Kapitän
Mors aber hantierte an jenem eigenartigen Apparat, welcher bei einer
früheren Fahrt die beiden Meuterer zu Asche verwandelt hatte.

Er zog an Hebeln, er drehte Schwungräder und bald erschallte ein Lärm,
der die Sinne betäuben konnte.

Die seltsame Maschine war in voller Bewegung, die Schwungräder wirbelten
mit fürchterlicher Schnelligkeit herum, man sah leuchtende Strahlen und
zuckende Blitze, die zuweilen im Innern der Maschine entstanden, die
sich gleich elementaren Blitzen kreuzten.

Die Maschine war eine Erfindung des Kapitän Mors, er hatte über ihre
Konstruktion stets den Schleier des Geheimnisses gebreitet. Die
Beschreibung dieser Maschine und ihre Wirkung war in der Bibliothek
verwahrt und lag dort in einem stählernen Kasten, dessen Schlüssel
Kapitän Mors niemals von sich ließ.

Er war auch der einzige, der diese gefährliche Maschine in Tätigkeit
setzen konnte und imstande war, bis zum letzten Augenblick in der Nähe
der herumwirbelnden Schwungräder auszuhalten.

Plötzlich sprang der Luftpirat mit mächtigem Satz hinter die Panzerwand,
welche Lindo und Star schützte.

»Nun kommt die Entscheidung,« sprach Mors, während seine feurigen Augen
nach der Maschine hinüberblickten. »Entweder kommen wir jetzt aus dem
Krater heraus, oder wir werden samt dem Weltenfahrzeug in Atome
zerschmettert. Menschliche Kraft und menschliches Wissen sind
aufgeboten, aber jetzt stehe ich an der Grenze des Erreichbaren.«

Im Maschinenraum tobte jetzt ein wahrer Höllenlärm, das rätselhafte Werk
des Kapitän Mors arbeitete, als würde es von bösen Geistern bedient und
getrieben. Es war ein Sausen und Brausen, ein Knattern und Krachen, ein
Zischen und Summen, daß Lindo und Star sich die Ohren zuhielten.

Plötzlich ging ein Ruck durch das Weltenfahrzeug, dem bald darauf ein
zweiter und dritter folgte.

Nun geschah etwas anderes, schier Unheimliches, Star und Lindo hatten
die Empfindung, als ob das Weltenfahrzeug emporgehoben würde.

»Die Lava ist unter unserem Fahrzeug,« rief Star, als sich der Stoß
wiederholte.

»Nein, sonst wäre alles vorüber,« erwiderte der Kapitän. »Die Maschine
hat jetzt ihre volle Kraft entwickelt und diese Kraft ist es, die uns
emporhebt und uns ein Stück von der gefährlichen Stelle hinwegtragen
soll. Gelingt dies nicht, so kann auch ich nicht mehr helfen.«

Eine unheimliche Ruhe lag in diesen Worten des Kapitän Mors, ein Beweis,
daß diesem Manne der Tod gleichgiltig war. Der Ruck aber wiederholte
sich und wieder hatten Star und Lindo die Empfindung, als wenn eine
unheimliche Gewalt das Fahrzeug emporhebe und es gewaltsam hin- und
herschüttelte.

»Wir schweben,« erwiderte Kapitän Mors. »Ich habe den Kurs des
Fahrzeuges nach Osten gerichtet, denn dort war eine ebene, wenn auch
steinige Fläche. Aber dort droht kein vulkanischer Ausbruch.«

Das Weltenfahrzeug schwankte hin und her, aber es schwebte offenbar.

Sicherlich flog es nicht hoch und Star fürchtete, daß es jeden Moment
gegen eine der nahen Klippen rennen möchte, zumal sich diese oft mehrere
hundert Meter hoch erhoben.

Aber Kapitän Mors hatte den Kurs des Fahrzeuges aufs Genaueste berechnet
und die Richtung des Fahrzeuges so bestimmt, daß es zwischen den
drohenden Felsen hindurchfuhr.

Wieder schwankte der Koloß hin und her, dann erhielt es plötzlich einen
Stoß, noch einen und das Weltenfahrzeug stand unbeweglich.

»Ich glaube, wir sind gerettet,« rief der Luftpirat.

Star wollte hinter der Panzerwand hervorkommen, aber Kapitän Mors hielt
ihn krampfhaft fest.

»Stürze Dich nicht ins Verderben,« sprach er ernst. »Du siehst doch, daß
die Maschine noch immer in Tätigkeit ist. Es dauert noch eine Weile, ehe
sich die gigantische Kraft beruhigt.«

Diese Warnung war notwendig, denn im Maschinenraum leuchtete es zuweilen
unheimlich auf. Es waren bläuliche und grünliche Blitze, welche die
Maschine schleuderte, und jeden Menschen, der sich in ihren Bereich
wagte, mit Verderben bedrohten.

Diese Entladungen ließen allmählich nach, auch die Schwungräder
arbeiteten nicht mehr so wild wie erst. Sie drehten sich langsamer,
immer langsamer, bis sie endlich unbeweglich stehen blieben.

Der Kapitän aber betrachtete mit stolzen Blicken dieses Werk, das sein
Genie geschaffen.

»Ich habe viel von dieser Maschine erwartet,« sprach er halb für sich,
halb zu seinen Leuten. »Aber, sie hat meine Erwartungen übertroffen.
Jetzt, Star, kannst Du einen der Schieber vor dem Glasfenster öffnen.«

Der Ingenieur tat, wie ihm geheißen, der schwere Schieber bewegte sich
seitwärts, ein roter Schimmer drang in das Innere des Maschinenraumes.

Star stieß einen Ausruf des höchsten Staunens aus, als er ein nie
geschautes Bild erblickte. Lindo und Kapitän Mors waren sofort an seiner
Seite.

Das Weltenfahrzeug lag auf einer steinernen Hochfläche, wenigstens
tausend Meter vom Todeskrater entfernt, aus dem es das Geschick und das
Genie seines Erbauers emporgehoben hatte.

Dort aber war jetzt der Tod und das Verderben entfesselt, deutlich sah
man von diesem hochgelegenen Standpunkt aus die Lavaströme aus dem
scheinbar erloschenen Krater hervorbrechen und allgemach die Umgebung
überschwemmen.

Man sah, wie die glühenden Lavamassen die Körper der drei getöteten
Rieseneidechsen umspülten und wie die Kolosse unter der Lava zu Asche
verbrannten. Dann bildeten die glühenden Massen einen kleinen See, aus
dem nur die höheren Felsen aus der Nähe des Todeskraters hervorragten.

Dazu kam noch das Gebrüll des Vulkans, den man aber noch immer nicht zu
sehen vermochte. In der Nähe des Feuerberges wirbelten jetzt
dicke Mengen von Dampf und Qualm, die nur zuweilen durch die
herniederprasselnden, glühenden Steine erleuchtet wurden.

Star betrachtete dieses großartige Bild, er sah, daß auch weiterhin
Ausbrüche stattfanden. Die Oberfläche des kleinen Planeten schien jetzt
ein Bild des Grauens und der Verwüstung zu bieten.

»Es scheint, als ob der ganze Weltkörper auseinander gehen wollte,«
sprach der Ingenieur endlich zum Kapitän, der mit eiserner Ruhe das
großartige Bild betrachtete.

»O nein,« lautete die Antwort, »das mag hier öfters vorkommen, und so
ist es auch früher auf der Erde gewesen. Das sind eben noch die
entfesselten Naturgewalten, die in der Erde nur noch in der Tiefe
schlummern. Hier ist die Kruste, welche diese Erde bedeckt, noch nicht
stark genug, um die tobenden Elemente zu bändigen, aber mit der Zeit
wird auch hier die Erstarrung eintreten.«

Damit sah Kapitän Mors nach rechts und links, um die Umgebung des
Weltenfahrzeuges in Augenschein zu nehmen.

Er war offenbar befriedigt.

All seine Berechnungen waren in Erfüllung gegangen, der »Meteor« lag an
einer Stelle, wo ihm keine Gefahr drohte. Hier konnte man, wenn die Luft
wieder reiner geworden war, die Reparatur des Lenkapparates beenden und
den unheimlichen, kleinen Planeten verlassen.

Nicht weit von der Fläche sah man Wald, der ebenfalls von Sumpf umgeben
war. Der Wald schien sich überhaupt nur an Stellen zu befinden, wo der
Sumpf die tieferen Stellen des Planeten bedeckte.

In diesem Walde war alles in Bewegung, die tierischen Bewohner schienen
sich zu flüchten. Man sah zuweilen große graue Massen, die am Rande des
Gehölzes sichtbar wurden, aber sofort wieder in dem undurchdringlichen
Unterholz verschwanden.

Am wunderbarsten aber sahen jene fledermausartigen Geschöpfe aus, die
jetzt durch das Toben der Elemente aufgestört, zuweilen über den Kronen
der Palmen oder der Riesenfarren auftauchten und mit sonderbaren
gaukelnden Bewegungen hin- und herflatterten.

Es war jetzt gerade der kurze Tag und da konnte man diese Tiere durch
Ferngläser genauer betrachten. Sie waren halb Vögel, halb Eidechsen und
besaßen Flughäute wie die Fledermäuse, sowie große mit spitzen Zähnen
besetzte Rachen.

Man konnte sogar im Weltenfahrzeug die schrillen Laute hören, welche die
flatternden Ungetüme ausstießen. Sie wußten offenbar nicht, wohin sie
sich wenden sollten und waren auch wohl durch das Licht der Sonne
geblendet.

Dann aber verschwand wieder alles und es war, als ob sich ein dichter
Schleier auf diese Landschaft legte. Aschenwolken verhüllten die
Landschaft, sie senkten sich vom Vulkan herab und die Asche bedeckte die
ganze Umgegend mit einer silbergrauen Schicht, die sich zuletzt zollhoch
anhäufte.

Aber das war ein gutes Zeichen.

Kapitän Mors wußte, daß große Vulkanausbrüche gewöhnlich mit einem
Aschenregen zu enden pflegen. So war es auf der Erde, so war es auch
höchstwahrscheinlich auf dem neuen Planeten.

Er täuschte sich nicht, denn das fürchterliche Donnern ließ allmählich
nach, das Krachen und Prasseln verstummte, der Boden zitterte nicht mehr
so wie bisher, der Vulkan ging zur Ruhe.

Noch mußte man stundenlang ausharren und es wurde abwechselnd Nacht und
Tag, aber dann konnte man das Weltenfahrzeug verlassen und sogar die
Lufthelme zur Seite legen.

Freilich war die Luft noch immer dick und schwer, aber viel reiner als
vor dem Vulkanausbruch, die ungeheuren Naturgewalten schienen die
Wirkung eines Gewitters gehabt zu haben. Sie hatten die Luft gereinigt.

Dort aber am Todeskrater, wo das Fahrzeug gelegen, brodelte und kochte
ein Feuersee, dort war die Lava hoch emporgestiegen, der Krater war
vollständig ausgefüllt, später mußte dann diese brodelnde Masse
erstarren.

Mit Bewunderung betrachteten die Mannschaften des Weltenfahrzeuges den
genialen Führer, der sie alle vom Tode rettete und der jetzt, als wäre
nichts geschehen, mit Star und Lindo die Arbeit am Lenkapparat
fortsetzte.

Freilich hatte das Fahrzeug andere Beschädigungen erlitten.

Als es durch die unheimliche Maschine emporgehoben den Todeskrater
verließ, war es ziemlich schwer, ja unsanft auf die Steine gestoßen. Die
Röhren, welche die flüssige Luft im Fahrzeug verteilten, waren zum Teil
verbogen, gequetscht, auch die Einrichtung für die Luftversorgung hatte
gelitten.

Freilich reichte der Vorrat der verwendbaren Luft noch einige Zeit, aber
eine Fortsetzung der großen Fahrt konnte vorerst nicht unternommen
werden. Man mußte die vorhandenen Vorräte benutzen, um zunächst nach der
Erde zurückzukehren. Die Fahrt nach dem Monde mußte von neuem
unternommen werden.

Aber Kapitän Mors gehörte ja zu jenen Männern, die nie die Geduld
verlieren, er wußte, daß dies, was er unternommen, von niemand anders
auf der Erde geleistet werden konnte. Er hatte auch keine Veranlassung,
alles, einem verzweifelten Spieler gleich, auf eine Karte zu setzen.

»Sowie der Lenkapparat in Tätigkeit gesetzt ist, nehmen wir Kurs nach
der Erde,« sprach der Kapitän, indem er auf die kleine, seltsam
leuchtende Scheibe zeigte, die jetzt wieder am Himmel sichtbar wurde.
Das war die Erde, dorthin ging der Lauf, nach dem irdischen Planeten
zurück, dessen Beobachter nichts von dem Vorhandensein des kleinen
Planeten ahnten.

Nach harter Arbeit war das Werk vollendet, der Riesenmagnet konnte
wieder in Tätigkeit treten, der Lenkapparat gehorchte der Hand des
Meisters und als wieder eine der kurzen Nächte vorüber war, erhob sich
der »Meteor« stolz von der Oberfläche des kleinen Planeten.

Durch die dicken Glasfenster aber sahen die Männer herunter auf den
kleinen Planeten, auf dem sie so viele Abenteuer erlebt hatten. Sie
sahen den Todeskrater oder vielmehr die Stelle, wo sich derselbe
befunden. Sie sahen den glühenden Lavasee und den Vulkan, aus dessen
Krater noch immer dicke schwarze Dampfwolken stoßweise emporfuhren.

Sie sahen die Wassermengen in den tiefen Tälern, die Sümpfe, die
unheimlichen Wälder, welche eine noch unheimlichere Tierwelt bargen,
aber das alles entschwand in wenigen Minuten.

Kleiner, immer kleiner wurde der seltsame Planet, jetzt zeigte er schon
die Kugelgestalt, dann schrumpfte er allmählich zum Stern zusammen, ein
winziges Teilchen des Weltalls wurde der kleine Planet, während das
Weltenfahrzeug mit furchtbarer Schnelligkeit zurück nach der Mutter Erde
sauste.



   Das Weltenfahrzeug schwebt im Weltenraum. Links unten sieht man
   die Oberfläche des Mondes mit seinen Ringgebirgen; rechts den
   Planeten Saturn mit seinen eigenartigen Ringen, die den Planeten
                               umkreisen.

    1.  Der Metallrumpf des Weltenfahrzeuges.
    2.  Fenster aus stärkstem Glas, durch Gitter geschützt und durch
           Metallschieber verschließbar.
    3.  Die Tür zur Außengalerie, luftdicht verschließbar.
    4.  Treppe zur oberen Galerie.
    5.  Der Ausguck.
    6.  Obere Galerie.
    7.  Der Scheinwerfer.
    8.  Der Riesenmagnet.
    9.  Die Leitungen für den Riesenmagneten, mit ungeheuren Diamanten.
   10.  Lenkapparat.
   11.  Die Kraftzentrale.
   12.  Einrichtung für die Luftversorgung.
   13.  Elektrizitätsbehälter.
   14.  Metallbehälter.
   15.  Röhren für flüssige Luft.
   16.  Apparat für Gegenwirkung des Riesenmagneten, auf Diamanten
           montiert.
   17.  Beweglicher Metallring.
   18.  Klappen, zu luftleeren Räumen führend.
   19.  Das »Gelenk« des Riesenmagneten.
   20.  Der elektrische Lichtkegel.



Anmerkungen zur Transkription


Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz
J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter
von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 123-160. Moderne Zusätze und Anmerkungen
wurden nicht übernommen.

Eine Ungereimtheit findet sich in Kapitel 3: Lindo, der eigentlich
die Arbeiten am Weltenfahrzeug fortsetzten sollte, ist plötzlich
doch unter den Teilnehmern der Expedition anzutreffen.

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert.
Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 42: Im Todeskrater des neuen Planeten" ***

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