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Title: Die Pharisäer - Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung
Author: Wirth, Michael
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Pharisäer - Ein Beitrag zum leichern Verstehen der Evangelien und zur Selbstprüfung" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1824 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Rechtschreibvarianten
    wurden nicht vereinheitlicht; ungewöhliche und altertümliche
    Wortformen wurden unverändert übernommen, sofern die
    Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.

    Umlaute in Großbuchstaben (Ä und Ö) werden in ihrer Umschreibung
    wiedergegeben (Ae und Oe). Die Verwendung des ‚scharfen s‘ (ß)
    wurde nicht vereinheitlicht und entspricht auch nicht in allen
    Belangen den heutigen Rechtschreibregeln.

    Die im Verzeichnis der Druckfehler erwähnten Korrekturen wurden
    bereits in den Text eingearbeitet.

    Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
    den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      gesperrt:        +Pluszeichen+
      Antiqua:         _Unterstriche_
      größere Schrift: ~Tilden~

  ####################################################################



                                  Die
                              Pharisäer.

                              Ein Beitrag

                                  zum

                leichtern Verstehen der Evangelien und
                           zur Selbstprüfung

                                  von

                            Michael Wirth,

               K. B. Professor am Lyceum zu Regensburg.


                              Ulm, 1824.

                 In der +Stettin+’schen Buchhandlung.



Ich sage euch, wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist, als die der
Schriftgelehrten und Pharisäer, so könnet ihr nicht eingehen in das
Himmelreich.

    +Matth.+ V, 20.



Vorrede.


Schatten erhöhet die Wirkung des Lichtes. Unser verherrlichter Erlöser
strahlt uns noch unendlich milder und menschenfreundlicher aus den
Evangelien entgegen, wenn wir ihn den düstern Schatten des Reiches der
Finsterniß gegenüberstellen.

Diese Schatten, welche die Glorie unseres Herrn erhöhen, sind die
+Pharisäer+. In ihnen wird aber auch uns ein zurückschreckendes +Bild+
aufgestellt, welches vor +Heuchelei+, die in Gottes Augen ein Greuel
ist, kräftig warnt.

Lassen wir uns von +Christus+ erleuchten und beleben, von den
+Pharisäern+ Abscheu vor Heuchelei einflößen, dann singen Gottes Boten
wieder: „Ehre sei Gott in der Höhe, Frieden auf Erden!“

Dieß ist der hohe Zweck, zu dessen Erreichung der Verfasser
vorliegender Schrift sein Scherflein beitragen möchte.

In einer Zeit, in welcher Selbstsucht, Eigennutz, Falschheit, Tücke,
Frömmelei mehr als je zum tiefsten Schmerz und Schrecken der Freunde
thatenreicher Religiosität kühn ihr Haupt erheben, thut es wahrlich
noth, darauf aufmerksam zu machen, daß[1] „die +Menschen+ auf das
sehen, was +in die Augen fällt+, daß aber der +Herr+ das +Herz+
ansieht.“

+Geschichte+ belehret am besten, und beleidiget am wenigsten, besonders
+heilige+ Geschichte. Darum machte der Verfasser es sich zur Aufgabe,
nur die +Gesinnungen+, +Lehren+ und +Thaten+ der +Pharisäer+ nach
seinen Kräften deutlich darzustellen, ohne alle Rück- und Seitenblicke,
welche anstößig werden könnten.

Sollten deß ungeachtet dem Verfasser hämische Absichten angedichtet
oder gar aufgezwungen werden, so ist seine einzige Waffe gegen solche
Zumuthungen -- +sein Bewußtsein vor Gott, daß er keinen Stand und keine
Person ansah, sondern nur auf Belehrung und Besserung ~jedes Einzelnen
Bedürftigen~ bedacht war+.

Einzig aus dieser Absicht muß man es erklären, wenn hie und da eine
starke Sprache geführt, oder an Satyre streifende Züge angebracht
werden. Alles sollte angewendet werden, was die Heuchelei in ihrer
ganzen Abscheulichkeit darstellen konnte.

Gelehrter Prunk von Citaten, zu denen es an Gelegenheit nicht fehlte,
wurde vorsätzlich vermieden, weil dem Kenner die Quellen nicht
verborgen sind, aus denen geschöpft wird, und weil dem Nichtkenner, der
es unschuldig sein kann, nichts damit geholfen ist. Wahrheitsliebe war
mein Leitstern; absichtlich trat ich nicht aus der geraden Bahn.

Der, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, gebe seinen Segen
zu der schwachen Bemühung

    +des Verfassers+.

    Den 29. Nov. 1823.



Inhalt.


                                                                   Seite

    Vorrede                                                          III

    Einleitung      1

    I.     Johannes, der Täufer, den Pharisäern gegenüber             27

    II.    Nathanael                                                  35

    III.   Jesus stellt pharisäischen Unfug im Tempel ab              37

    IV.    Gespräch mit einem Pharisäer besserer Art                  40

    V.     Jesus in der Synagoge zu Nazareth                          46

    VI.    Die Bergpredigt                                            49

    VII.   Die Heilung des Schlagflüßigen                             71

    VIII.  Die Berufung des Matthäus; Beantwortung von zwei
             Fragen                                                   74

    IX.    Ueber Heiligung und Entweihung des Sabbates                83

    X.     Jesus, Simon, der Pharisäer, und die Sünderin              94

    XI.    Heilung eines Besessenen, der blind und stumm war.
             Urteil der Pharisäer. Antwort Jesu                       98

    XII.   Ueber die Lehre von gesetzlichen Reinigungen              102

    XIII.  Jesus auf dem Laubhüttenfeste zu Jerusalem                111

    XIV.   Die Pharisäer und die Ehebrecherin vor Jesus              129

    XV.    Die Pharisäer untersuchen gerichtlich die wunderbare
             Heilung des Blindgebornen                               134

    XVI.   Beantwortung der Frage eines Schriftgelehrten über
             die Liebe                                               150

    XVII.  Ueber Heuchelei im Urtheilen                              154

    XVIII. Verhalten der Pharisäer vor, bei und nach dem
             Einzuge Jesu zu Jerusalem                               157

    XIX.   Letzte Rede Jesu gegen die Lehre und gegen das
             Leben der Pharisäer                                     184

    XX.    Jesus wird von den Pharisäern an das Kreuz gebracht       210



Einleitung.


+Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteige, welchen ein Weib nahm und
in drei Schäffel Mehl verbarg, bis es ganz durchsäuert war.+ (Matth.
XIII. 33.)

+Vor Allem hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer, das ist, vor
Heuchelei.+ (Luc. XII. 1.)

Also das +Evangelium+ wirket wie ein Sauerteig, und die +Heuchelei+
wirket wie ein Sauerteig! Zwei so verschiedene Dinge unter Einem Bilde;
und doch so natürlich! Das Evangelium ist von Gott dazu bestimmt,
die ganze Menschheit und jeden einzelnen Menschen zu durchdringen
zur Sinnesänderung und Heiligung, wie der Sauerteig die ganze Masse
durchwirket. Wer dem Evangelium kein Gehör giebt, in dem bringen die
verderblichen Lehren des Weltgeistes in umgekehrter Ordnung dieselbe
Wirkung hervor. Alle Theile des geistigen Lebens werden vom sündhaften
Sauerteige erfüllt und verdorben. Dazu ist nichts mehr geeignet, als
+Heuchelei+. Mit Recht bezeichnet daher Jesus die Lehren und Thaten
derselben als das wahre Anti-Evangelium, indem er für beide dasselbe
Bild beibehält, aber einmal die Licht- und dann die Nachtseite
desselben zeigt. Sollte +sein+ Zeugniß uns nicht aufmerksam machen, daß
wir uns in Acht nehmen vor den Besuchen eines so gefährlichen Gastes,
der anfangs nur einen kleinen Winkel im Hause sich erbittet, bald aber
die ganze Wohnung verpestet? Oder wenn er unser Herz bereits in Besitz
genommen hat, sollten wir uns nicht beeilen, ihn so schnell als möglich
zu vertreiben, und die Wohnung wieder zu reinigen?

Da bedürfen wir aber vor Allem einer eben so tiefen, als genauen
Kenntniß der Heuchelei. Wir müßen zuerst das +Wesen+ und den
+Grundcharakter+ derselben zu erfassen suchen; dann kann eine +genaue
Beschreibung+ ihrer Gestalt, ihrer Mienen, Gebehrden, Reden, Thaten,
Wendungen und Krümmungen uns in den Stand setzen, die leisesten Spuren
dieses Krebsschadens des Christenthums zu entdecken, zu verfolgen und
zu vertilgen.

Woher sollen wir diese Einsicht in das Wesen der Heuchelei nehmen? Der
+Geist des göttlichen Wortes+ wird uns auch hier auf dem sichersten und
kürzesten Wege zum erwünschten Ziele leiten. Folgen wir mit Demuth und
Vertrauen diesem besten Führer!

       *       *       *       *       *

In der heiligen Schrift wird +Gott+ überall dargestellt als der
+Lebendige+ -- in sich selbst und für alle Wesen.

Dieses Leben offenbart sich auf eine doppelte Weise -- als +Wahrheit+
und +Liebe+ in unendlicher Vollkommenheit und Einheit. In Gott ist
Wahrheit auch zugleich Leben und Liebe, und umgekehrt. Nur der
menschlichen Schwäche zeigt er sich bald in +vorwaltender+ Wahrheit,
bald in +überwiegender+ Liebe.

+Gottes Wort+ ist +das Leben, welches von Anfang beim Vater war, und
uns erschienen ist+, aber auch vor, bei und nach seiner Erscheinung
sich +ausgesprochen+ -- durch +göttliche Lehre+ den Menschen sich
geoffenbart, durch +göttliche Thaten+ sich erwiesen hat.

„+Dein Wort ist die Wahrheit+,“ sagt Christus betend zum Vater. Gottes
Wort, wie es die heilige Schrift enthält, ist kein Menschenwort, d.i.
„kein Licht ohne Wärme.“ „+Das Wort Gottes ist lebendig+,“ und beweiset
sein Leben an allen Glaubigen durch +Belebung+. Durch Auge und Ohr
dringt es zum Herzen, erregt und öffnet dasselbe höhern Einflüssen, die
vom „Lebendigen“ ausgehen, und Licht und Leben mittheilen.

Darum wird auch in der heiligen Schrift +Erkennen+ und +Lieben+ als
gleichbedeutend genommen. Von der innigsten Verschmelzung zweier
Menschen in +einer Liebe+ des +ehelichen Bundes+ eben so, wie von der
geistigsten Vereinigung in Liebe mit +Gott+ wird derselbe Ausdruck
gebraucht. (Matth. I., 25. Joh. X., 14-15.) Doch wohl ein sprechender
Beweis, daß nach Gottes Sinn Erkennen und Wollen, Wissen und Thun,
Wahrheit und Liebe +Ein Leben+ bilden.

In und vor Gott giebt es also keine Wahrheit, die bloß Gedanke,
bloßes Erkennen ist, und ohne Einfluß auf das Leben bleibt. Deßwegen
spricht Christus vom +Thun+, d. i. vom Ausüben der +Wahrheit+; vom
+Leuchtenlassen des Lichtes+, damit die Menschen unsere +guten Werke+
sehen. In der That ein gottähnliches Verhältniß der Wahrheit und Liebe
im Menschen!

Wer sich auf diesen Standpunct erhoben hat, den wird es nicht mehr
befremden, daß durch göttliche Wahrheit im Menschen sich eine
Seelenstimmung, ein Charakter ausbilde, den wir nicht besser bezeichnen
können, als mit +Wahrhaftigkeit+. Diese ist der unverwandte Blick des
Geistes nach der Erkenntniß der Wahrheit, die gerade, unverrückbare
Richtung des liebenden Herzens nach Verwirklichung derselben, der
getreue Abdruck derselben im Leben des Menschen.

Ein Leben in Wahrheit durch Liebe ist „+ewiges Leben+“, und macht das
Innerste und Tiefste und Höchste im Menschen aus -- sein eigentliches
Wesen, seine Gottähnlichkeit.

Darum werden auch bei einem Menschen, in welchem sich Wahrheit mit
Liebe gepaart und zur Wahrhaftigkeit ausgebildet hat, alle Handlungen
+natürlich+; denn aus der wahren Erkenntnis, welche zugleich Liebe
ist, geht eine Handlungsweise hervor, welcher der Mensch +gerne+,
+immer+ und unter +allen Umständen+ getreu bleibt; welcher der nicht
zuwider handeln +kann+, weil er nicht +will+; von welcher endlich
alle +Nebenabsichten+, alles +Gepränge+, alle +Ziererei+, alle fromm
sein sollenden +Schnörkel+, alle +Einseitigkeit+, +Engherzigkeit+,
+Sonderbarkeit+ &c. schlechthin ausgeschlossen ist und bleibt.

„Der +gute Mensch+ bringt aus dem +guten Schatz+ seines Herzens nur
+Gutes+ hervor“ -- nicht halb Gutes, nicht verblümtes verkleistertes,
vergoldetes Gutes, noch weniger Böses; denn von alle diesem ist +nichts
darin+.

„Ein +guter+ Baum +kann+ nur +gute+ Früchte bringen;“ es wirkt kein
schlechter Saft in ihm. Aber er thut dabei nur, was seine Natur mit
sich bringt; und er thut es stille, geräuschlos, ohne besonderes
Aufsehen. So auch der gute, der in Liebe wahrhaftige Mensch! Ihm ist
es eben so natürlich, mit Freiheit die Wahrheit zu thun, als es dem
Lichte natürlich ist, zu leuchten. Beide verfahren dabei kunstlos; das
Licht thut es, weil es nicht anders kann; der gute Mensch +kann+ nicht
anders, weil er nicht anders +will+.

+Selig sind, die eines solchen reinen Herzens sind!+

Aber es giebt auch eine +Kehrseite+ dieser Sache. Nicht selten trifft
man Menschen, welche „+einen bösen Schatz+ in ihrem Herzen“ tragen;
Menschen, welche Jesus mit +schlechten Bäumen+ vergleicht. Sie +können+
keine gute Früchte bringen, weil sie nicht +wollen+. Woher dieses? --

Wahrhaft und wirklich entgegengesetzt ist der Wahrheit weder der +bloße
Mangel+ derselben, noch der +Irrthum+ oder Schein das Wahren, sondern
die +Lüge+, als positive, wirkliche, freiwillig erzeugte Unwahrheit.

Mit dem Geiste der Lüge ist der Geist der Wahrheit schlechterdings
unvereinbar; beide sind und bleiben ewige Feinde.

Wenn sich aber +Wahrheit+ mit +Liebe+ paart, so fordert es die Natur
der Sache, daß mit der +Lüge+ nur der +Haß+ einen innigen, treuen Bund
schliessen könne.

Ein Leben in Lüge durch Haß ist „+ewiger Tod+“, ist +satanische
Existenz+. -- Auch diesem Zustande kann der Mensch sich +nähern+.

Doch treten die Gegensätze der wahrhaftigen Liebe und der gehässigen
Lüge nicht immer so +rein+ ins Leben. Vielmehr berühren sich auch hier
die Extreme, und es entsteht eine +Mischung+ ungleichartiger Dinge, so
daß

    _a_) Wahrheit und Wahrhaftigkeit in ihrer Reinheit getrübt und
           durch einen +Zusatz von Lüge entstellt+ werden;

    _b_) Lüge und Lügenhaftigkeit dagegen ihre Natur zu verändern
           scheinen, und einen täuschenden +Anstrich von Wahrheit+
           erhalten.

Bei der ersten Art von Mischung liegt offenbar +Schwäche+ des Geistes
zum Grunde, die sich durch falsche Ansichten und unreine Beweggründe
irre leiten läßt. Nicht so bei der zweiten Art; da lauert die +Tücke+
im Hintergrunde, welche gar wohl fühlt, daß das Böse, welches im
Innern hauset, sich nicht so geradezu in seiner Nacktheit und grellen
Farbe zeigen dürfe, sondern daß es sich klug und gewandt in die
einnehmende Maske des Guten hüllen müsse, um nicht sogleich beim ersten
Anblicke zurückzustoßen.

Beide Arten bezeichnet unser Erlöser mit Einem Worte, und nennt sie
+Heuchelei+.

Diese hat also +zwei Hauptseiten+, nach welchen sie sich in tausend
Gestalten ausbildet. Es liegt eben so sehr in ihrer Natur,

    das Wahre und Gute aus +lügenhaften Gründen+ und +bösen Absichten+,
    als die Lüge und Bosheit unter dem +Scheine+ der Wahrheit und Liebe
    auszuüben.

Eine unausbleibliche Wirkung dieses Geistes der Heuchelei ist es, daß
+das Aeußere zur Hauptsache, das Innere zur Nebensache wird+. Religion
und Tugend verwandeln sich in eitles Gepränge, das weder vom Herzen
kommt, noch zu demselben dringt.

+Anbetung+ des Vaters, der Geist ist, in +Wahrheit und Liebe+ des
+Geistes+ kann also mit Heuchelei schlechterdings nicht bestehen; eben
so wenig +ächte, lebendige+ Nächstenliebe. Damit fällt aber auch das
+Evangelium+ und der wahre Glauben an dasselbe. Wo die Wucherpflanze
der Gleißnerei den Boden bedeckt, da kann der +Glauben+, die Pflanze
des himmlischen Vaters, nicht gedeihen; „+ohne Glauben aber ist es
unmöglich; Gott zu gefallen+.“ Glauben ist der Grund- und Eckstein des
Tempels der Liebe, in welchem Seligkeit thronet und ewiges Leben.

       *       *       *       *       *

Schon +David+ eifert gegen heuchlerischen Gottesdienst. Aber schwerlich
ist dieses Uebel erst zu seiner Zeit entstanden; es ist die giftige
Frucht des Saamens, welchen der „Vater der Lüge und des Mordes“ schon
im Anfang ausstreute. Ueber dieses Gewächs spricht sich Gott so aus:
„Höre mein Volk! Ich rede, ich zeuge selbst an dich, Israel! Gott bin
ich, dein Gott. Nicht deiner Opfer wegen straf’ ich dich; mir wallt
ja stets hinauf der Opfer Rauch. -- Ess’ ich denn Fleisch der Stiere?
Trink’ ich der Böcke Blut? Opfere du nur Dank der Gottheit; erfülle
nur, was du dem Herrn gelobt! Rufe mich an in deiner Noth; ich errette
dich, und du sollst mich preisen!“

Warum tadelt Gott die Opfer, für die er den Ort und die Weise selbst
bestimmt, die er aber nicht als nothwendig verlangt hatte? Warum
dringt er so sehr auf Religion des Herzens? Man höre: „Zum Gottlosen
spricht der Herr: Was schwätzest du von meiner Lehre; führest meinen
Bund in deinem Munde, da du doch Belehrung hassest, und meinen
Ausspruch wegwirfst? Siehest du einen Dieb, sogleich bist du sein
Freund; mit Ehebrechern hast du Umgang. Du lässest Bosheit nur aus
deinem Munde; Arglist schmiedet deine Zunge. Du sitzest zu Gericht, und
bist selbst ein Verläumder deines Bruders; bist bereit, insgeheim zu
fällen deiner Mutter Sohn. Dieß thust du. Schwieg’ ich nun, so dächtest
du, Ich sei wie Du!“ (Psalm L.)

Wie mußte Jehova die fetten Opfer solcher Menschen ansehen, an denen
sie es gewiß nicht fehlen ließen? -- --

Noch schärfer ist die Rüge der Heuchelei, welche der Herr durch den
Mund des Propheten +Jesajas+ ergehen ließ: „Aus voller Kehle rufe! Halt
dich nicht zurück! Erhebe, der Trompete gleich, die Stimme! Thue meinem
Volke seine Missethat, und Jakobs Hause seine Sünde kund! -- Zwar
suchen sie mich Tag für Tag, und zeigen Lust, zu kennen meine Wege;
gleich einem Volke, das recht gehandelt, und seines Gottes Vorschrift
nicht verletzt, verlangen sie von mir Gerechtigkeit, und nähern sich
der Gottheit dreist. +Wir fasten, und warum siehst du es nicht? Warum
merkest du es nicht, daß wir uns quälen?+ -- Sehet! da ihr fastet,
folgt ihr euerm Willen, und dränget alle eure Schuldner. Ihr fastet
nur zum Streit und Hader, um euch mit ungerechter Faust zu schlagen. O
fastet forthin so nicht mehr! Laßt nicht mehr Himmelan erschallen eure
Stimme! Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, wenn einen Tag der Mensch
sich quälet; wenn er sein Haupt, wie Schilfrohr, senkt, und sich auf
Sack und Asche legt? Dieß nennest du ein Fasten; dieß einen Tag, Jehova
angenehm? +Das ist ein Fasten, wie ich es liebe+: Der Bosheit Ketten
lösen, befreien von der Bürde Last, loslassen die Gefesselten und jedes
Joch zertrümmern. Brich Hungerigen dein Brod! Die armen Flüchtlinge
nimm auf ins Haus! Den Nackten, den du siehst, bekleide, und dem, der
deines Fleisches ist, entziehe dich nicht! Dann bricht dein Licht wie
Morgenrot hervor.“ (Jes. LVIII, 1-8.).

Alle Wahrheit wird nach der heiligen Schrift bestätiget durch zweier
oder dreier Zeugen Aussage; darum soll +Jeremias+ die Reihe der Zeugen
Gottes gegen die Heuchler schliessen. Bei ihm steht geschrieben: „Höre,
Erde! Ich will über dieses Volk Unglück bringen, die Frucht seiner
Rathschläge, weil es auf meine Worte nicht gemerket, und mein Gesetz
verschmähet hat. Wozu mir der Weihrauch, der von Saba, und der beste
Kalmus, der aus fernem Lande kommt? Eure Brandopfer gefallen mir nicht,
und eure Opfer sind mir nicht angenehm. -- Verlasset euch nicht auf die
lügenhafte Rede derer, die sprechen: Jehova’s Tempel, Jehova’s Tempel,
Jehova’s Tempel sind diese (Gebäude)! -- Sehet! ihr verlasset euch auf
lügenhafte Reden, die euch nicht helfen werden. Wollet ihr stehlen,
morden, ehebrechen, falsch schwören, dem Baal räuchern, andern Göttern,
die ihr nicht kennet, nachlaufen, und dann kommen, und in diesem
Tempel, der meinen Namen führet, vor mein Angesicht treten, und sagen:
Wir werden gerettet werden -- damit ihr alle diese Greuel fortsetzet?
Ist denn dieser Tempel, der meinen Namen führt, in euren Augen eine
Mördergrube? -- Wie könnet ihr sprechen: Wir sind weise? haben das
Gesetz Jehova’s! Fürwahr, in Lügen hat es der trügerische Griffel der
Schriftgelehrten verwandelt. Die Weisen werden beschämt, bestürzt und
gefangen werden. Das Wort Jehova’s haben sie verschmähet, und welche
Art Weisheit bleibt ihnen übrig?“ (Jerem. VI, 19-20. VII, 4. 8-11.
VIII, 8-9.).

       *       *       *       *       *

Es gab also schon Heuchler vor den +Pharisäern+, so wie sie mit dem
Erlöschen dieser Secte nicht ausgestorben sind. Aber wie entstunden die
Pharisäer? Ihr Wesen ist Symbol ihrer Geschichte; diese liegt so im
Dunkeln, daß man nicht einmal den Ursprung und Anlaß ihrer Benennung
weiß, obwohl sich dieser Orden erst in dem Zeitraum zwischen der
Wiedererbauung der Stadt und des Tempels und der Ankunft unseres Herrn
bildete.

Die ersten Anläße mögen noch unschuldig genug gewesen sein. Sie
scheinen in der bis zur Aengstlichkeit gestiegenen Strenge in
Beobachtung und Einschärfung aller auch der kleinsten Dinge des
Gesetzes ihren Grund zu haben. Je trauriger die Erfahrungen waren,
welche man in dem Exil gemacht hatte, desto sorgfältiger war man
darauf bedacht, der Nachlässigkeit in der Gesetzeserfüllung und der
Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, als den Hauptursachen alles
Unglückes, entgegen zu arbeiten. +Esra+ und +Nehemia+ waren hierin mit
rühmlichem Eifer vorangegangen; allein in ihrem Geiste wurde nicht
fortgefahren. Immer pünktlicher und schärfer bestimmte kleingeistige
Aengstlichkeit alle Formen, Gebräuche, Tage und Stunden &c. nur zu
bald und zu leicht übersah man bei dieser gesetzlichen Frömmigkeit die
Besserung des Herzens, die Mitwirkung reiner, heiliger Gesinnungen;
man war mit dem Aeußern zufrieden, und kümmerte sich wenig um das
Innere. Dazu trug die Art von Schriftauslegung, welche eben um diese
Zeit aufkam, nicht wenig bei. Freilich, wer wird es tadelhaft finden,
daß die Lehrer der wiederhergestellten Nation auf alle Weise und
durch alle tauglichen Mittel das Ansehen der heiligen Schriften zu
sichern, ihren Sinn genau zu bestimmen bemühet waren? Wer wird es
ihnen zunächst verargen, wenn sie alte Sagen, Ueberlieferungen von
Gebräuchen und Auslegungen zu diesem Behufe sammelten? Allein dabei
blieben die Nachfolger nicht stehen; diese erhoben die +Mischna+ --
Sammlung von Lehren und Ueberlieferungen der Alten -- zu gleichem
Ansehen mit den heiligen Schriften, wollten alle Schrifterklärung nach
diesem Maaßstabe geregelt wissen, und verbanden dann, um das Verderben
zu vollenden, auch noch chaldäisch-babylonische und andere asiatische
Lehren von guten und bösen Geistern, von Seelenwanderung, von
Engeldienst, magischen Künsten &c. damit. Unmöglich war es, Entstellung
und Verfälschung des wahren Sinnes bei der Schriftauslegung unter
solchen Umständen zu vermeiden; und welche Folgen hatte dieß wieder für
Religion und Sittlichkeit?

Allerdings fand das strenge Bestehen auf dem äussern und öffentlichen
Bekenntnisse des Judenthumes einen wichtigen Entschuldigungsgrund
in den grausamen Verfolgungen des Antiochus und in dem schändlichen
Hange vieler Schwachen und Verkehrten in Israel zu griechischem
Götzendienste. Allein diese Zeiten und Umstände dauerten nicht immer,
und konnten es nicht rechtfertigen, wenn man dann aus Abneigung und
Haß gegen Heidenthum und Heiden schon in der blossen äusserlichen
Gesetzerfüllung etwas Verdienstliches sah, und sich vor dem Heiden
glücklich pries, obwohl das Innere um nichts besser war.

Aus solchen Elementen entwickelte sich der +Pharisäismus+ allmählich
im Laufe der Zeit. Endlich erstarkte er so, daß er sich absondern,
als eigene Secte darstellen und durch Kleidung und ihre Verzierung
selbst dem Auge kenntlich machen konnte. Von jetzt an war der Einfluss
dieser Parthei mächtig, und nur die +Sadducäer+ konnten denselben
beschränken, doch nur im Politischen. Auf Religiosität und Sittlichkeit
des großen Haufens wirkte die blendende Außenseite dieser Frömmler
über alle Vorstellung. Zwar fanden sich noch edle Männer unter ihnen;
die Evangelisten nennen Nikodemus und Joseph; allein sie vermochten
den Strom nicht aufzuhalten, um so weniger, da sie als Mitglieder des
Ordens in den meisten Dingen den Uebrigen sich gleich stellen mußten.

Wundern wird man sich also nicht mehr, warum +Jesus+ gegen die
+Pharisäer+ so schonungslos verfuhr; warum sein göttlicher Eifer
entbrannte ihren Lehren und Thaten gegenüber, wenn man auch nur das
reif und besonnen überlegt, was die heilige Schrift vom Wesen der
Heuchelei uns gelehret hat. Aber staunen muß man über die langmüthige
Liebe und über den hohen Ernst, womit unser Erlöser unabläßig daran
arbeitete, den verborgenen Krebsschaden dieser Leute, wo möglich noch
zu heilen oder wenn dieses durch ihre eigene Schuld nicht mehr angieng,
denselben zur Warnung für Mit- und Nachwelt unverholen aufzudecken.
Möge das Werk des Herrn an uns nicht verloren gehen!



I.

Johannes der Täufer, den Pharisäern gegenüber.[2]


„+Gottes Wort+ ergieng an Johannes, Zacharias Sohn, in der Wüste“ --
und er trat auf, plötzlich, unerwartet, kräftig, wie sein Vorbild,
Elias.

Das Volk strömt an den Jordan, sieht, höret, bewundert, staunet, wird
erschüttert von dem Donner des nahen Gottesgerichtes, läßt sich taufen
zur Sinnesänderung.

Der Ruf von ihm dringt in die Hauptstadt, erregt die Neugierde, wird
Tagsgespräch. Viele machen sich auf, eilen an den nicht zu entfernten
Fluß, um die neue Erscheinung mit eigenen Augen zu sehen. Manche kommen
gerührt und gebessert zurück, Andere nicht; Alle erzählen von einem
Manne -- „angethan mit einem Kleide aus Kameelhaaren, einem ledernen
Gürtel um seine Lenden; von einem Manne, der Heuschrecken und wilden
Honig genießt.“ Der Inhalt seiner Predigt sey: „Aendert euern Sinn;
denn das Himmelreich ist nahe!“

„Und das römische noch näher!“ -- so mochte mancher eifrige Pharisäer
dem Erzähler antworten -- „Wozu ein +himmlisches+ Reich, so lange
das +Volk Gottes+ unter dem römischen Joche schmachtet? +Buße ist
unnöthig+; denn wir dienen weder Baal noch Astaroth, wie unsere Väter.
+Frei+ sollen wir sein; wer uns Befreiung verkündiget, oder noch
lieber, bringt, der ist +unser+ Prophet.“

Für Leute von solchem Sinne hatte Johannes zu wenig +politisches+
Interesse, um gleich Anfangs ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zu
dem war man in diesen unruhigen Zeiten an sonderbare Auftritte ziemlich
gewöhnt.

Bei Vielen unter dem Volke hatte aber doch der Gott dieser Welt die
Herzen noch nicht so verdüstert, daß sie unfähig gewesen wären,
einzusehen, der Täufer habe Gottes Wort und das Zeugniß ihres Gewissens
für sich, wenn er sie um ihrer +Lieblosigkeit+, +Habsucht+ und
+Ungerechtigkeit+ willen als zur Strafe reif betrachte. Er selbst war
über jeden Tadel dieser Art erhaben, und bestätigte seine Lehre mit
seinem +Beispiele+. Daher die großen Wirkungen seines +Wortes+.

       *       *       *       *       *

Darin zeichnen sich alle Männer Gottes vor den Menschenkindern so sehr
aus, daß sie hohe +Würde+ mit reiner +Demuth+ so unvergleichlich in
sich vereinigen. Auch Johannes trägt dieses Siegel Gottes an sich.

Als eine heilsame Furcht vor einem nahen Gerichte die Nation
durchdrungen, und die freudige Hoffnung des kommenden Gottesreiches in
Vielen einen bessern Sinn angeregt hatte; als das Volk Schaarenweise an
den Jordan strömte, um sich taufen zu lassen: da fanden es +Pharisäer+
und +Sadducäer+ rathsam, den Gang dahin ebenfalls zu thun. Was bewog
sie denn dazu? Ohne Zweifel hatte +Neugierde+ großen Antheil an
diesem Schritte. Doch eben so viel wenigstens mochte die +Sucht,
beym Volke etwas zu gelten+, beitragen; sie wollten, wenigstens die
Pharisäer, nicht die Letzten seyn, die sich bei dem neuen Propheten
einfanden. Im Hintergrunde aber lag noch eine +geheime Furcht+ vor
göttlichen Strafen, die sich ihrer bei der allgemeinen Erschütterung
unwillkührlich bemächtigte, weil ihr Gewissen gegen sie zeugte. Endlich
trieb sie +Neid+ und +Eifersucht+ an, die Absicht des neuen Lehrers
kennen zu lernen, der so viel Aufsehen erregte, und so großen, für sie
kränkenden Beifall fand.

Wer sieht sie nicht kommen? Mit gemessenem Schritte in Achtung
gebietender Haltung, das Gesicht in frömmelnde Falten verzogen,
im Blicke eine Mischung von Kriecherey und Stolz -- so schreiten
die Herren durch das Volk, und treten vor den Täufer. Dieser aber
entdeckte bald die Wölfe, welche sich in Schaafspelze verkrochen
hatten. Ohne sich durch ihre Gegenwart und durch ihre hohen Mienen
im geringsten schrecken zu lassen, behauptete er sein +Ansehen+ als
Prophet und machte von dem +Rechte+, das ihm der göttliche Auftrag
gab, einen so nachdrücklichen Gebrauch, daß sie das ganze Gewicht
seiner beschämenden Strafrede unangenehm genug zu fühlen bekamen. Er
zeichnet ihren Charakter von der schlimmsten Seite mit Einem Zuge:
„Natternbrut!“ Damit deutet er auf das Gift ihrer Lehre, auf die Tücke
ihres Herzens, auf die Gefahr für gute Menschen von ihrer Seite, auf
ihre schlaue Furchtsamkeit, welche er sogleich noch besonders, aber
gar nicht zu ihrer Empfehlung heraushebt. Mit Gottes Allmacht schlägt
er ihre falschen Schlüsse: „+Wir haben Abraham zum Vater+;“ also
sind wir +Gottes Volk+, und folglich +Erben+ des +Reiches+ mit dem
+Messias+. Die Hauptsache war in ihren Augen, als +Jude geboren+ --
+beschnitten+ -- +erzogen+ zu sein; der +Zustand des Herzens+ wurde
wenig berücksichtiget. Sie pochten auf Aeußerlichkeiten und auf einen
religiösen Ahnenstolz, ohne eigenen Werth zu haben. War dieß nicht die
gefährlichste, verderblichste Heuchelei?

Mit dieser gewaltigen Kraft, mit diesem überwiegenden Ansehen, eines
Elias würdig, steht in wunderbarem Kontraste die +Bescheidenheit+
und +Demuth+, mit welcher er vor dem Volke, das ihn für den Messias
zu halten geneigt war, unaufgefordert erklärte: Zum Messias verhalte
er sich wie der geringste Sklave zu seinem Herrn; seine Kraft reiche
an die des Stärkern nach ihm so wenig, als reinigendes Wasser an
läuterndes und belebendes Feuer.

Vergleiche den großen, demüthigen, edeln +Johannes+ mit den
hochfahrenden, kriechenden, listigen +Pharisäern+ -- und +lerne+!

       *       *       *       *       *

Mit nichts kann man den Heuchler gewisser zur unversöhnlichsten
Rache aufreizen, als durch Aufdeckung seines Innern. Dieß erfuhr
auch der Täufer. Er hatte den geheimen Stolz der Pharisäer aufs
empfindlichste gekränkt; denn sie bildeten sich auf ihre Frömmigkeit
und Gottseligkeit nicht wenig ein. Darum sannen sie darauf, wie sie ihm
die erlittene Schmach siebenfach vergelten könnten. Leidenschaft macht
scharfsinnig; und so fanden sie bald ein treffliches Mittel, ihren
Zweck zu erreichen. +Johannes hatte sein Amt ohne Wissen und Wollen des
Synedriums angetreten; er handelte und lehrte eigenmächtig, wie ein
Prophet, ohne seine göttliche Sendung durch ein Wunder zu beweisen+;
konnten die Väter des Volkes da nicht mit vollem Rechte die Frage
aufwerfen: +Ob Johannes auch nur ein Prophet sey?+ Schwerlich war ihnen
in diesem Augenblicke eine Vorschrift des Gesetzes erwünschter, als
die, welche ihnen das Recht gab die Ansprüche auf die Prophetenwürde zu
untersuchen. Welch’ ein blendendes Aushängeschild für ihren Racheplan!
Dabei nahmen sie ihre Maaßregeln so, daß es weder an +gesetzlichen
Formen+, noch an +feierlichem Pompe+ fehlen sollte. Sie beschlossen,
eine +förmliche Deputation+ von +Priestern+ und +Leviten+ -- an den
Jordan zu schicken, und dem Täufer +öffentlich+ eine kurze und
bestimmte +Erklärung+ über sein Vorhaben und Benehmen abzufordern.

Man müßte für Johannes zittern, wenn die Pharisäer an ihm ihres
Gleichen vor sich gehabt hätten. Allein wer seiner guten Sache gewiß
ist; wer mit reinem Herzen der Wahrheit aus Gottes Munde huldiget; wer
mit redlichem Sinne den Menschen zugethan ist, der vereitelt solche
Ränke entweder geradezu durch sein einfaches, schlichtes Reden und
Thun, oder wenn er unterliegt, so ist selbst sein Tod ein neuer Sieg
für die Wahrheit, welche triumphierend aus seinem Grabe aufersteht.
Der Täufer gerieth nicht in ihre Schlinge. Vielmehr setzte er ihrer
Schlauheit wahre Klugheit, ihrer Verstellung arglose Aufrichtigkeit,
ihrem Stolze ungekünstelte Demuth entgegen; er behandelte sie, als
Gesandte des Synedriums, mit der ihrem Range gebührenden Achtung;
machte ihnen nicht den leisesten Vorwurf; antwortete auf jede Frage
bescheiden, kurz und wahr; rechtfertigte seine Predigt und Taufe mit
einer Stelle des Jesaias, fügte eine eigene Weissagung dazu -- und ließ
sie unverrichteter Dinge mit einem Stachel im Herzen abziehen, ohne daß
sie Scham oder Verdruß sich durften ansehen lassen.

Wer es beherzigen will, wird hier lehrreiche Winke darüber finden,
theils wohin Heuchelei führe, theils wie man derselben am besten
begegnen könne und soll.

       *       *       *       *       *

Was werden sich die abgeschickten Priester und Leviten nicht
eingebildet haben auf dem Wege? Wer sie gekannt hätte, der hätte den
gewissen Sieg schon auf ihren Gesichtern lesen können. An ernster
Amtsmiene und an imponirendem Tone ließen sie es wohl auch nicht
fehlen; +die heilige Sache forderte es so+.

Aber der Ausgang der Sendung belehrte sie eines Andern. Welche Gefühle
regten sich in ihren Herzen auf dem Rückwege? Was sagten die Alten
zu Jerusalem? Welch’ ein Schlag, sich in ihren süßesten Erwartungen
so getäuscht zu sehen! Und doch war es nicht zu ändern! Was blieb
ihnen nun noch übrig? Immer noch ein ächtes und kräftiges, solcher
Scheinheiligen würdiges Mittel -- +den Täufer zu lästern und zu
verläumden+. Sie, die auf öffentliche Selbstkasteiung sonst so viel
hielten, schämten sich jetzt nicht, mit sich selbst in Widerspruch
zu gerathen, und gerade das an Johannes zu tadeln, was ihm als
Bußprediger so gut anstund. „+Er hat einen Teufel!+“ d. h. er ist ein
Narr, ein Schwärmer, ein gefährlicher Mensch. Dieß bewiesen sie aus
seinem Aufenthalte in der Wüste mit seiner Kleidung und Kost, durch
seine mit den Erblehren nicht harmonirende Sittenlehre u. s. w. Man
denke sich dazu eine warnende Miene, frömmelnde Gebehrden, eifriges
Amtsgesicht, breite Gelehrsamkeit und Redekünste; und man wird sehr
leicht berechnen, daß es Manchen irre machen mußte, der gewohnt war,
den weisen und frommen Vätern Alles auf ihr Wort zu glauben. (Matth.
XI, 18).

Doch fanden diese Verläumdungen nicht überall so leicht Eingang; denn
beim Volke hatte die Ueberzeugung, Johannes sey ein Prophet, zu festen
Fuß gefaßt. Sobald sie daher merkten, daß sie den großen Haufen, das
„Erdenvolk“ in ihrer Sprache, unwillig machen würden, so zogen sie sich
zurück, verstummten, sprachen zweideutig von dem Täufer, und verbargen
ihren Ingrimm. (Matth. XX, 26. Luk. XX, 6.)

Ein solches Betragen bedarf doch wohl keines Commentars!



II.

Nathanael.[3]


Dieser ist ja kein Pharisäer, wird man sagen! Wohl wahr; aber Blick
kann er uns geben in das, was Pharisäismus ist, durch den Gegensatz,
den er mit demselben bildet.

Jesus selbst drückt seine Freude über Nathanael sehr lebhaft aus:
„+Siehe da, ein wahrhaftiger Israelite in dem kein Falsch ist!+“ So
freuet sich ein biederer Mann, wenn er einen Redlichgesinnten findet.
Unserm Herrn wallet das Herz auf bei einem solchen Anblicke, und aus
der Fülle seines Herzens fließt ein seltner Lobspruch. Wie menschlich
schön erscheint hier Jesus!

„Aber Nathanael hegte ja ein Vorurtheil gegen Nazareth!“ Was schadet
dieses seinem antipharisäischen Charakter? +Wer sein Vorurtheil so
offenherzig gesteht, und so bereitwillig ablegt, sobald sich ihm die
Wahrheit zeigt, der ist das gerade Gegentheil eines Heuchlers+, und so
war es bei Nathanael! Ein leichter Morgennebel kann nicht schneller von
der hervorbrechenden Sonne zerstreuet werden, als Nathanaels Vorurtheil
gegen den Zimmermannssohn aus Nazareth bei den Worten Jesu. Deutlich
bewies er, daß dieser dunkle Flecken nur an der Oberfläche haftete, der
Grund seiner Seele aber von Wahrheitsliebe glühte.

+Wahrheit galt bei ihm, nicht Person, nicht Ort, nicht Zeit+ -- -- und
Jesus sah dieß, und belohnte es überschwenglich. +Dieser Jesus lebt
noch+; möchte er recht Viele zu belohnen finden!



III.

Jesus stellt pharisäischen Unfug im Tempel ab.[4]


Der Heuchler kann immer mehr, als andere Leute; er besitzt das gewiß
seltene Geheimniß, +Widersprüche zu vereinigen+. Ist es möglich? Die
+That+ beweiset es. Wer war frömmer in den Augen der Menschen; wer
pünktlicher in der Gottesverehrung als ein Pharisäer? Sie galten für
Muster in diesem Punkte. Und doch +duldeten+ sie zur Zeit der großen
Feste einen +Unfug im Tempel+, daß Jesus gleich im Anfange seines
Lehramtes sich für verpflichtet hielt, demselben mit allem Eifer und
Nachdrucke zu steuern. Wäre dieß von ihrer Seite möglich, und von Seite
Jesu nothwendig gewesen, wenn sie sich an den +Geist+, und nicht bloß
an die +Form+ der Religiosität gehalten hätten? So aber gieng ihnen
Opfergepränge und herrliches Ceremoniel über Alles. Darum mußte für
die Festpilgrimme jeder Schritt erleichtert werden, damit ja kein Opfer
zurückblieb. +Ihr Gott war wie sie; er ließ sich durch Gaben und fettes
Opfervieh seine Gunst abkaufen, und sah wenig oder gar nicht auf das
Herz des Gebers.+

Einen solchen Gott hatten sie um so nöthiger, da sie schlau genug
waren, mit seiner +Verherrlichung+ ihren eigenen +Vortheil+ recht
enge zu verbinden. Man wird der Ehre dieser Leute kaum zu nahe
treten, wenn man annimmt, daß mancher Denar als Budenzins, von den
Opfervieh-Händlern und Geldwechslern den Priestern und Leviten in den
Beutel fiel. Sollten sie nicht auch diese Sümmchen zur Ehre Gottes
recht genau eingetrieben haben? Gewiß, ohne Interesse wären sie nicht
so nachsichtig gewesen.

Ueber dieß war es ja nur der +Vorhof der Heiden+, in welchem der
Unfug getrieben wurde. An den +Unbeschnittenen+ aber konnte man sich,
nach pharisäischer Lehre so leicht nicht versündigen; +Beschneidung+
und +Rechtgläubigkeit+ ertheilten in solchen Fällen ein eigenes
Privilegium. +Solche Unterscheidungen sind in dem Wesen der Heuchelei
gegründet.+

Je verkehrter das +Herz+ dieser Leute war, desto sinnreicher wurde der
+Kopf+ in Erfindung von Schutzmitteln für ihre Werke der Finsterniß.
Unrecht konnten sie Jesus geradezu nicht vorwerfen; denn die Unordnung
war zu auffallend, und die muthige Handlung unseres Herrn fand bei
Bessergesinnten ohne Zweifel lauten Beifall. Wie sollten sie nun ihre
+Amtsehre+ retten? Sie versuchten es auf eine feine Weise, indem sie
der Sache eine andere Wendung gaben, und Jesus beschuldigten, +er habe
einen Eingriff in fremde Rechte gethan+. Eine solche unbefugte Handlung
konnte er, nach ihrer Meinung, nur durch ein +Wunder+ rechtfertigen.
Dazu hielten sie ihn für unfähig, und so waren sie des Sieges gewiß.
Schade nur, daß eine +Weissagung+, also Vertagung ihres Prozesses,
Alles verdarb!

+Wie traurig sieht es im Innern des Heuchlers aus! Pflanzen der
schlechtesten Art -- Frömmelei, Eigennutz, Verachtung Anderer --
wuchern ungestört. Will Jemand dieses Unkraut ausreuten, so begeht er
ein Verbrechen.+



IV.

Gespräch mit einem Pharisäer besserer Art.[5]


+Jesus und Nikodemus!+ Ein vielfach behandelter Stoff. Wir wollen hier
einzig den Gesichtspunkt da nehmen, wo ihn uns die Worte anweisen: „+Es
war ein Mann unter den Pharisäern, Nikodemus mit Namen ein Vornehmer
unter den Juden; dieser kam in der Nacht zu Jesus.+“ --

Also Nikodemus war ein +Pharisäer+; dieser +kam+ zu Jesus, aber des
+Nachts+! Schon der letzte Umstand ist auffallend; wie viel mehr die
erstern? Nikodemus hätte doch wohl auch +bei Tag+ zu Jesus kommen
können -- wenn er nur die Mitglieder seines Ordens nicht gefürchtet
hätte. Wirklich war auch ihr Haß gegen den neuen Propheten aus Nazareth
schon in den ersten Tagen seines öffentlichen Lebens so weit gestiegen,
daß Nikodemus nicht wenig hätte wagen müßen, wenn er bei Jesus
öffentlich einen Besuch gemacht hätte. Noch ließe sich freilich auch
denken, die weise Zurückhaltung, welche Jesus schon damals beobachtete
(Joh. II, 23-25.) habe es ihm erschwert, ihn am Tage zu sprechen. Auf
jeden Fall ist es lehrreich, daß Jesus den nächtlichen Besuch annahm
-- ohne die +geringste Bemerkung über heuchlerische Menschenfurcht zu
machen+, oder sich zu entschuldigen &c. Wie viel hätte ein blinder
Eiferer schon daran auszusetzen, oder scheinheilig zu loben gefunden?!

Jesus freute sich darüber, daß Nikodemus zu ihm kam. Zeugte es nicht
von Wißbegierde besserer Art, daß er Jesus aufsuchte? Ließ es nicht ein
gutes, empfängliches, Wahrheit suchendes Herz vermuthen? und +giebt
der Edle nicht gerne einer solchen Vermuthung Platz+? +Gewiß eben so
schnell, als der Heuchler dem Argwohn+, weil in +seinem+ Innern ein
Schelm wohnet.

Aber Nikodemus war ja ein +Pharisäer+! -- Als er hingieng, allerdings;
als er zurückkam, nicht mehr (Joh. VII, 50-52. XIX, 39.) Er ward
ergriffen von der Wahrheit aus Gott, und wurde +wiedergeboren+, so
wenig er sich auch Anfangs darein finden wollte. Doch gar so leicht
mag es nicht abgegangen seyn; „der Mann war schon alt“ -- und mit ihm
der Pharisäer. Dieser wich schwerlich so schnell von seiner Stelle.
Vergegenwärtigen wir uns nur seine erste Nacht! --

Nikodemus kommt nach Hause; die Seinigen sind schon in sanften Schlaf
gesunken; Er -- Kopf und Herz voll Gedanken und Gefühle ganz neuer Art
-- wirft sich auf sein Lager, und überdenkt noch einmal das äußerst
merkwürdige Gespräch:

„Dieß war der wichtigste Gang in meinem Leben! -- Vieles und Großes
hatte ich von diesem Jesus erwartet; aber unendlich mehr habe ich
gefunden. -- Wie einfach, wie offen, wie zwanglos war gleich der erste
Zusammentritt! Schon dieß gewann mein Herz, spannte meine Erwartung. --
Aber noch staune ich, noch kann ich mich nicht recht finden in das, was
er vom +Reiche Gottes+ und von der +Bedingung der Aufnahme+ in dasselbe
sagte -- nur sagte? Nein! mit einem Ernste und mit einem Nachdrucke
festsetzte, daß er unwiderstehlich war, so sehr sich auch mein Kopf
dagegen setzte -- noch setzet. Wie so gar nichts von Allem, was +unsere
Schule+ vom Reiche des Messias als wesentlich lehret, liegt in seinem
einfachen Begriffe vom +Reiche Gottes+! Nicht das Land der Verheißung,
nicht die große Stadt, nicht die Unterjochung der Völker, nicht die
Pracht und Größe des Königs, nicht die Herrlichkeit seines Volkes --
nur +Gott und seine Regierung+ hebt er heraus. Es ist so wahr, so
geistig, so erhaben -- aber wie sieht es mit der +Lehre unserer Alten+
aus? -- -- +Wiedergeboren werden!+ Sonderbar! Leiblich kann und will
er es nicht verstanden wissen -- und geistig --, welchen Sinn, welchen
Zweck hat es? -- +Was vom Fleische geboren ist, ist Fleisch; was vom
Geiste geboren wird, ist Geist!+ Was will er damit sagen? Soll uns etwa
leibliche Geburt -- Abstammung -- selbst von Abraham nichts nützen?
Keinen Anspruch auf das Reich des Messias geben? -- Eine ganz neue,
unerhörte Lehre! -- -- Aber warum dringt er denn so auf Wiedergeburt
aus +Wasser+ und +Geist+? Wie hängt dieß mit +Gottes Reich+ zusammen?
-- Nikodemus! du bist grau geworden als Lehrer; aber darin wirst du
dich nicht leicht zurecht finden -- doch jetzt will es Licht werden!
Sollte die geistige Wiedergeburt nicht auf Gottes +Geistigkeit+ Bezug
haben? Kann Gott andere als +geistige Kinder+ an den Menschen haben?
Sind wir dieß? Sind wir es von Abraham her? Wie können wir es anders
werden, als durch geistige Umwandlung, durch Aenderung des irdischen
Sinnes und Herzens? -- nun wird mir auch +das Wasser+ begreiflich;
sollte er damit nicht gar auf den Johannes am Jordan anspielen? -- Aber
diesen hat ja das Synedrium verworfen! Ferner ist es eine Hauptlehre:
+Jeder Nachkömmling Abrahams sei Erbe des Reiches Davids!+ Wozu also
Sinnesänderung, Wiedergeburt, Erneuerung des Israeliten? Hier liegt der
Knoten; hier der Stein des Anstoßes an dem entweder mein System, oder
mein Glauben an Jesus sich zerschellen muß. -- Lehrer Israels? alter,
allgemein verehrter Rabbi! jetzt stehest du auf dem Punkte, Alles,
was du bisher für wahr und gut und rühmlich hieltest, fahren lassen
zu müssen, um der +Wahrheit, wie sie von Gott kommt+, zu huldigen! --
Ist es aber auch göttliche Wahrheit, was Rabbi Jesus mir vortrug? Eine
stille, innige Ahnung davon steigt in mir auf; ein tiefes Gefühl im
Innersten sträubt sich gegen alle Zweifel. -- +Unbegreiflich+ war und
ist mir freilich die Wiedergeburt! Das ist es aber gerade, was Jesus
behauptet. Sein Bild vom Winde -- wie passend, wie wahr, wie tief! Wer
will +Gott+ auf der That ertappen, +ihm+ den Weg ausspähen, +seine+
Gedanken errathen? Daran hat er recht. -- -- Ewig, ewig kann ich die
Worte nicht vergessen: +Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Ich rede,
was ich weiß, und bezeuge, was ich gesehen habe.+ Dieß ist das Siegel
auf alles Sonderbare, Neue, Unbegreifliche, was er sagte. Mit welcher
Zuversicht und Bescheidenheit, mit welcher Würde und Milde sprach er
dieß. Nein! ein solcher Mann kann nicht lügen -- Nein! seine +Thaten+
auf dem Feste verkündigen diese Hoheit. Ihm glaube ich es, daß er vom
Himmel kommt; daß er dort war -- daß er -- der +Messias+ ist! -- -- Ja,
wenn er nur vom Hause +Davids+ wäre! Wenn man sein +Geschlecht+, wenn
man +Bethlehem+, als Geburtsort, nachweisen könnte! Wenn auch nur eine
Spur der +Königlichen Würde und Herrlichkeit+ sich zeigte! Aber Wunder
und hohe Lehren machen ihn noch nicht zum +Sohne Davids+, zum +Retter+
des +Volkes Gottes+ aus der +Gewalt seiner Feinde+. Er sieht auch gar
nicht so aus, daß er das Schwerdt ziehen und führen könnte. Für Gott
eifert er; das sahen wir; aber sonst ist er lauter Friede, Güte und
Liebe. -- Doch nennet er sich +den Sohn+, welchen +Gott+ in die Welt
gesandt habe! Also will er doch der Messias sein!? Und noch dazu für
die +ganze Welt+! Immer räthselhafter, immer dunkler! Wo bleiben denn
die +Vorrechte+ des +Volkes Gottes+, wenn er sogleich auf Ein Mal auch
alle +Heiden+ samt den +Juden+ selig machen will? -- Da liegt meine
ganze Lehre vom Messias am Boden! Da rathe mir, wer da kann! Der muß
aber dann auch das noch dunklere Räthsel von +Moses’ Schlange+ lösen.
-- -- -- O Gott meiner Väter! siehe herab auf deinen armen Knecht, der
dich und deine Wahrheit suchet! Meine Seele ringet in mir, mein Herz
schmachtet dahin, zu +glauben an den+, der sich deinen +Eingebornen+
nennet, der so +große Werke+ thut. Erlöse mich aus der Nacht der
Zweifel! Laß mich nicht länger in der Finsterniß wohnen, die das Herz
verderbet! Führe mich dem heitern Tage der Wahrheit entgegen damit dir
meine Werke gefallen! Erhöre mein heißes Flehen, Jehova!“ -- --

So betete Nikodemus, fiel erschöpft in tiefen Schlaf, erwachte gestärkt
und froh, und wandelte in der Stille nach dem Geiste der Lehre Jesu.



V.

Jesus in der Synagoge zu Nazareth.[6]


Nichts verfinstert die Köpfe so sehr; Nichts erzeugt mehr
Einseitigkeit und Unduldsamkeit im Denken; Nichts vertilgt die Liebe
unausbleiblicher -- als +Heuchelei+. Gilt dieß schon bei Gebildeten, so
werden die Folgen noch verderblicher für die Menschheit, die Ausbrüche
noch scheußlicher für Einzelne, wenn das +Volk+, von heuchlerischen
Lehren angesteckt, die Religion und Wahrheit bloß nach Aeußerlichkeiten
beurtheilt und schätzt; nur an Formen und Worten klebt; +Glauben+
von +Liebe+ trennt -- und im Gotteshause heilige Komödie spielt. Die
+Nazarethaner liefern ein anschauliches Beispiel+.

Jesus hatte sein öffentliches Lehramt begonnen; er trat in den
Synagogen auf, hielt Vorträge, die ungemeinen Beifall fanden,
und bestätigte in und außer den Synagogen seine Lehre mit
Wundern. Allgemein und laut erscholl der Ruf von dem neuen Lehrer
und Wunderthäter. Endlich kam er nach Nazareth. Als armer und
unbescholtener, aber sonst wenig bekannter, +Zimmermannssohn+ hatte
er das Städtchen vor wenigen Wochen verlassen -- und jetzt kam er als
+Prophet+ zurück. Welch’ ein Abstand! Wie muß dieß die Kleinstädtische
Neugierde gespannt haben?! -- Es ist Sabbat; Jesus besucht die
Synagoge; Alle drängen sich herbei; er deutet eine der geistreichsten
Weissagungen vom Messias mit eben so viel Bescheidenheit als Nachdruck
auf sich. Man lobt, man bewundert den +trefflichen Redner+; übersieht
aber die +große Wahrheit+. Noch sind Alle von Erstaunen ergriffen
-- und schon fangen sie an, sich an seiner +geringen Herkunft+ zu
ärgern. Wie schnell und leicht doch die Nazarethaner die +Sache+ über
der +Person+ vergessen! „+Ist er nicht der Sohn Josephs?+“ -- Allein
hinter der schon an und für sich engherzigen Rede lag noch etwas ganz
Anderes versteckt; und darauf antwortete eigentlich der Herzenskenner.
+Beleidigter Stolz+ war es, was ihnen den „Zimmermannssohn“ ins
Gedächtniß rief. Jesus hatte es groß übersehen, daß er die Fülle
seiner Gotteskräfte nicht +zuerst+ in Nazareth +auskramte+ -- mehr
+verlangten+ sie auch nicht; denn +belehrt+ und +gebessert+ wollten
sie nicht werden, aber +gekitzelt+ und +unterhalten+. -- Noch größer
war das Versehen, daß Jesus +auch jetzt+, da er so spät eintraf, noch
keine Anstalt machte, Wunderdinge zu verrichten. „War er mit Einem
Male so vornehm geworden? Achtete er seine Landsleute weniger, als
Fremde? Sollte er ihnen nicht gerade die stärksten Proben seiner
Wunderkraft vorlegen?“ -- +Und er that es nicht -- der Sohn Josephs!+
-- -- Noch mehr! Er hatte die Kühnheit, ihr +Verlangen+ zu +tadeln+,
und ihr +Betragen+ so +verwerflich+ zu nennen, wie das der Israeliten
zu den Zeiten Elias und Elisa. Er gab zu verstehen, daß er ihnen
weniger Glauben an Gottes Wort und Kraft zutraue, als den Heiden.
+Bewiesen sie es nicht durch ihr Betragen?+ Allein welchen Sturm
erregte diese ernstliche und wohlgemeinte Zurechtweisung! +Sie wollten
einen Gegenbeweis führen, wie ihn alle Mal derjenige führet, welcher
der Wahrheit bei einem bösen Gewissen mit triftigen Gründen nicht
widerstehen kann, und doch Recht behalten will.+ (Luk. IV, 14-29.)



VI.

Die Bergpredigt.[7]


Rein +antipharisäisch+ ist der Geist und Ton dieser unübertrefflichen
Rede. Vorzüglich geben einige Stellen Anlaß, der Heuchelei so
eigentlich von mehr als Einer Seite auf den Grund zu sehen, und
allgemein wichtige Bemerkungen zu machen; wie denn auch Jesus gewiß
eben so gut die künftigen, als das damalige ehebrecherische Geschlecht
im Auge hatte.

Schon die erste Stelle (Matth. V, 19-20.), in welcher er die
+Pharisäer+ und +Schriftgelehrten+ ausdrücklich nennt, enthält eine
tief gehende Lection. Die Pharisäer +lehrten+ wohl das Gesetz Moses
recht genau; aber sie +übertraten+ es leichtsinnig. Bei ihnen war
also Wissen und Thun +getrennt+, Kopf und Herz +entzweiet+; darin
erkannte Jesus das charackteristische Merkmal der Heuchelei. Er gab
aber diesem Ausspruche eine für alle Zeiten passende Form, +weil dieser
Doppelsinn ein Grundzug des menschlichen Verderbens ist+. Nichts wird
uns leichter, als schön, sittlich, fromm zu reden, zu ermahnen, zu
trösten; Nichts schwerer, als edel, uneigennützig, gottesfürchtig zu
handeln. Wir dünken uns noch dazu, etwas Großes zu sein, wenn wir einen
so hohen Ton anstimmen; dabei sind wir erfinderisch, unsere Vergehen zu
verkleinern oder gar wegzuvernünfteln. Wie +klein+ müssen wir in den
Augen unseres Erlösers sein, der nur diejenigen +wahrhaft groß+ nennt,
welche +Wort+ und +That+ mit einander verbinden! Möchten wir uns doch
nie den Vorwurf machen dürfen, daß +unsere+ „Gerechtigkeit nicht besser
sei, als die der Pharisäer!“

       *       *       *       *       *

Ueberall trennt der Heuchler, was Eines sein soll; nicht nur Lehre und
Thun setzt er in Widerspruch; auch in die Lehre trägt er die Spaltung,
welche sein Inneres zerreißt, hinein. Er klebt am +Buchstaben+, und
vernachläßiget den +Geist+, wenn er +Gottes Wort+ deutet; uneingedenk,
daß der Urheber desselben +Geist+ und +Leben+ ist. Dabei hält er sich
noch für +weise+, und beruft sich mit vielsagender Miene auf „die
Alten.“

„Du sollst nicht tödten!“ -- so betete der Schriftgelehrte Moses nach,
und blieb beim +leiblichen+ Morde stehen. Fremd, unverständlich, ja
ärgerlich kam ihnen darum gewiß die Auslegung vor, welche Jesus von
diesem Verbote machte -- und welchem schriftgelehrten Silbenstecher ist
sie es nicht noch heut zu Tage?

Jesus drang auf die +Gesinnung+ ein, welche bei einem Menschenmörder
+herrschend+ werden muß, bevor er zu der gräßlichen That schreitet.
Diese bösartige Stimmung des Gemüthes, diese verkehrte Richtung des
Willens fand Er schon in ihren ersten Anfängen so strafbar, und in
ihren Fortschritten noch strafbarer als die Gesetzerklärer seiner Zeit
den Mord. +Dieß lag in dem Geiste des Gesetzes.+

Nur so wird es begreiflich, warum er es als genauere Erklärung und
schärfere Bestimmung des den Alten bekannten: „Du sollst nicht tödten,“
angeben konnte, wenn Er sprach: „+Wer über seinen Bruder zürnt ohne
Ursache+“ &c.

Nicht das Zürnen überhaupt verbietet Jesus; denn erkannte das Wesen und
das Verhältniß menschlicher Kräfte des Herzens und Willens zu gut, als
daß er +Widernatürliches+ gebieten, und die +Kraft+ und den +Eifer+
des für das +Wahre und Gute begeisterten Mannes+ hätte lähmen können.
Zürnte doch Er selbst! (Mark. III, 5. Joh. II, 15-16. Mark. VIII,
17-18. Matth. XXIII &c.) Nur +grundlos+, +unbegränzt+, +unangemessen+
sollte der Unwille nicht sein; dieß wird er aber, sobald der Mensch
der +Eigenliebe+, der +Sinnlichkeit+, und dem +Bösen+ auf irgend eine,
wenn auch die feinste Weise huldiget. Solchen Zorn setzt Jesus einem
schweren Vergehen gleich, und hatte er daran Unrecht? Freilich die
Pharisäer werden darüber bittere Glossen gemacht, wohl auch gespottet
haben. Heut zu Tage haben die Meister in Israel zu viel Achtung vor
dem Sohne Gottes, um sich so zu vermessen; sie beugen ihr Haupt tief
-- und +verkehren seine göttliche und rein menschliche Lehre in eine
erschlaffende Heuchellehre läppischer Sanftmuth+ -- oder besser,
charackterloser Schwäche. -- Wer von den sogenannten +Asceten+ viele
gelesen hat, wird dieß bestätigen.

Nicht umsonst vergleicht +David+ so oft die +Zunge+ mit „Dolchen und
Pfeilen;“ er hatte dieses gefährliche Werkzeug mehr als Ein Mal durch
traurige Erfahrung kennen gelernet. +Die Zunge eines feindlichen
Heuchlers ist ein wahres Mordinstrument.+ Darum erklärte Jesus einen
solchen Gebrauch der Zunge für ein dem Todtschlage gleiches Verbrechen.
Wie werden die Pharisäer über diese neue Auslegung des Gesetzes in
Erstaunen und Aerger gerathen sein! Sie machten sich wenig daraus,
ihren Nebenmenschen um Ehre und Zutrauen zu bringen, sobald er ihren
Planen und Vorurtheilen oder ihrem Eigennutzen im Wege stund. Johannes
und Jesus sind sprechende Beispiele. -- Aber darum segne sich nicht so
leicht Jemand! Diese Verirrung liegt dem menschlichen Herzen näher,
als man glaubt. Unerschöpflich ist die Sophistik der Eigenliebe an
Gründen, warum man die Ehre Anderer nicht schonen dürfe; und nicht
selten schmückt sie sich -- empörend genug -- mit +Liebe Gottes und des
Nächsten+!!!

Eitler Stolz auf die einzig wahre Gotteserkenntniß blähte die Juden
damals auf; und so sehr sie den Namen des Gottes Israels mit ihren
Thaten schändeten, so waren sie doch stets bereit, Heiden, Samariter
und anders Denkende überhaupt, selbst Abkömmlinge Abrahams auf die
empfindlichste Weise zu verunglimpfen. Gewiß ein ächter Zug eines
festsinnigen und lieblosen Rechtglaubigen! -- -- So Etwas zu billigen,
wie die Pharisäer, war Jesus so weit entfernt, daß er sich auf eine
wahrhaft furchtbare Weise dagegen erklärte. Wer ohne die vollgültigsten
Gründe, aus Verdammungssucht, bei eigener Kälte gegen Gott, seinen
Nächsten für einen +Thoren+, d. h. für einen Gottesleugner, Ketzer &c.
erklärt, der ist dem menschenfreundlichen Erlöser ein größerer Greuel,
als jeder Mörder -- +Jesus findet ihn so verwerflich, wie die dem
Moloch verbrannten Menschenopfer+. Ein schreckliches Wort!

       *       *       *       *       *

„+Gehe hin, und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder!+“ --

Wie doch Jesus allen Rechtglaubigen so geradezu widersprechen, und eine
so ärgerliche Lehre unumwunden vortragen kann! Gelten also ihm Menschen
mehr, als Gott? Müssen die Pflichten der Nächstenliebe der Liebe zu
Gott vorgezogen werden? Ist Versöhnung mit Sündern besser, als Opfer?
Welche neue Lehre! welche nachtheilige Folgen wird sie haben für
+Priester+ und +Leviten+, welche doch +Gott eingesetzt hat+? -- Solche
Rede war einem Pharisäer +damals+ natürlich; und eben so natürlich die
Seligpreisung, daß er diese gefährliche Lehre durchschaute.

„Wie täuschte er sich in seiner Heuchelei!“ höre ich rufen. Ja wohl!
Wenn nur diese Täuschung, und mit ihr auch die Ursache, +jetzt+
verschwunden wäre! Zwar hat +Christus+ unter denen, die sich nach
seinem Namen nennen, so viel Ansehen, daß sie ihn nicht tadeln, wenn er
von Opfern nichts wissen will, welche mit unversöhntem Herzen gebracht
werden; aber der +Prediger+ soll „diese harte Lehre“ nicht zu +oft+,
nicht zu +eindringend+, nicht zu +genau+ einschärfen. Die Zuhörer
fühlen sich gestört in ihrer bequemen Gottseligkeit, welche dem „Herrn
Himmels und der Erde“ huldiget mit reichen Gaben, um seine Unterthanen
ungestraft quälen zu können, um ihre Rachsucht zu kühlen, um ihre
Habsucht zu befriedigen u. s. w. u. s. w. Noch andere Leute finden
solche Lehren für ihr Amt, für ihre Existenz, also für die Religion
gefährlich und höchst bedenklich -- -- +Hat denn Jesus zu allen Zeiten
Pharisäer, mit und ohne diesen Namen, gegen sich und sein Wort?+

       *       *       *       *       *

Man darf im alten Testamente nicht sehr bewandert sein, um zu wissen,
daß trotz allen gesetzlichen Vorschriften doch häufig und ernstlich
genug auch auf das +Herz+ gewirket, auf +heilige Gesinnung+ gedrungen
wird. Desto mehr befremdet es, wenn man sieht, wie die Schriftgelehrten
und Pharisäer gar so Geistesarm waren und sklavisch am Buchstaben
hiengen. Es war dieß die natürliche Folge und wohlverdiente Strafe
ihres der reinen Wahrheit aus Gott nicht empfänglichen Herzens. Der
+Kopf allein+, wenn er noch so tief- und scharfsinnig, noch so sehr
mit allem Rüstzeuge theologischer Gelehrtheit versehen ist, +schließt
die heilige Schrift nicht auf+. „Sohn, gieb mir dein Herz!“ Dieß ist
die +erste+ und +unerläßliche+ Bedingung. -- Moses hatte es als Gebot
Gottes aufgezeichnet: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Die Pharisäer
bestimmten den Fall; setzten Strafen fest; wachten über die +äußere,
grobe+ That, und liessen das Herz leer ausgehen. Wie ganz anders
geht Jesus zu Werke! Er will jede unerlaubte, wenn auch noch so
unentbehrlich scheinende +Begierde+ schon im Keime erstickt wissen.
Ein lüsterner +Blick+ ist nach seiner Lehre -- +und diese ist ewige
Wahrheit+ -- so strafbar vor Gott, als die +That+.

Sicherer und fester kann der Heuchelei der Weg kaum versperret werden,
als auf diese Weise. Es ist aber kaum irgendwo nothwendiger, als in
diesem Stücke; denn kein Trieb liegt tiefer, keiner wirkt mächtiger,
keiner nimmt mehrere und feinere Gestalten an, als sinnliche Liebe.
Nichts wird leichter übersehen, gewissenloser und sophistischer
entschuldiget. Nirgends erlaubt sich der Mensch in und ausser der Ehe
mehr, als hierin -- zu allen Zeiten! daher das durchgreifende strenge
Gebot unseres Erlösers.

       *       *       *       *       *

Ein wahrer Schlangenzug im Charakter der Heuchelei ist dieser, daß
sie es so trefflich versteht, die Gebote Gottes zur Entschuldigung
ihrer gröbsten Verbrechen zu benützen. Wie fein war nicht die Wendung,
mit welcher gleißende Wohllüstlinge die göttliche Nachsicht in dem
Gebote: „Wer sein Weib entläßt, gebe ihr einen Scheidebrief“, für
sich anwandten, und eine Erlaubniß, sein Weib aus +jeder beliebigen
Ursache+ zu entlassen, herauserklärten? Wenn irgend einmal, so verräth
sich gewiß hier das arglistige Herz, welches seine bösen Lüste hinter
religiöser Maske verbirgt. Möchte doch dieß die letzte Schrifterklärung
dieser Art gewesen sein!

       *       *       *       *       *

+Beim Himmel!+ -- +Bei der Erde!+ -- +Bei Jerusalem!+ -- +Bei
meinem Haupte!+ -- so schwur der +Jude+ dem +Heiden+. Dieser, nur
einigermaaßen gewissenhaft, traute jenem; denn er hatte Ehrfurcht vor
diesen Gegenständen. Jener hielt sein Wort nicht, weil der Rabbi ihn
lehrte: „Es steht geschrieben: Du sollst +Jehova+ deinen Eid halten!“
Also ist kein Eid verbindlich, als der „bei Jehova.“ Welche Stelle
des alten Testamentes konnten diese Lehrer für sich anführen? -- Doch
wozu sollten sie Schriftstellen aufsuchen, mühsam ihren göttlichen
Geist wegerklären, kunstreich sie drehen und wenden? Sie hatten ja
eine entscheidende Autorität für sich -- „+die Lehre der Alten+.“ Seit
Menschengedenken haben alle weisen Rabbi diese Stelle so verstanden und
erklärt; also +hat+ sie keinen andern Sinn; +kann+ keinen andern haben.
Was fehlt diesem Schlusse, als Wahrheit? -- --

Es ist schwer zu begreifen, wie derjenige, welcher solchen Lehren
Eingang in sein Herz gestattet, noch die so hochwichtige Pflicht der
Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ausüben kann. Wenn solche Grundsätze
herrschend würden, so müßte alles Zutrauen und aller Verkehr unter den
Menschen aufhören. Wohin führt nicht Heuchelei? Eben deswegen stellte
Jesus seine Lehre in so scharfen Gegensatz gegen den Rabbinismus
seiner Zeit. Unbegränzte Wahrhaftigkeit, felsenfesten Biedersinn macht
er uns zur theursten Pflicht. Das einfache Ja eines Christen soll an
Eides Statt gelten. Goldene Zeit, wenn erscheinest du? -- Nicht zu
übersehen ist, wie treffend und unwiderstehlich Jesus die falschen
Eidesformeln der Pharisäer aus dem +Geiste der heiligen Schrift+
widerlegt.

       *       *       *       *       *

Nur gar zu gerne verkleidet sich unerbittliche +Rachsucht+ in
hehre Gestalt der +Gerechtigkeit+; und es fehlt zu keiner Zeit an
dienstfertigen Auslegern göttlicher und menschlicher Gesetze, welche
die gröbsten Verletzungen aller Menschlichkeit zu beschönigen wissen.
In den Tagen unseres Herrn hatten die pharisäischen Schriftgelehrten
den beliebten Dienst auf sich genommen, Ungerechtigkeit durch
Verdrehung des Gottes-Wortes zur Gerechtigkeit zu machen. Sie beriefen
sich auf „die Alten,“ welche gelehrt haben sollten, daß „Aug um Auge,
Zahn um Zahn“ nicht eine +gesetzliche+, +richterliche+ und darum
+billige+ Genugthuung für Beleidigungen gewähre, sondern das Recht
ertheile, Rache nach Belieben selbst zu nehmen. „Die guten Alten!“ was
mußten und müssen sie nicht Alles gelehrt haben?

Bei dieser Stelle dürfen wir aber nicht vergessen, daß Jeder von uns
einen solchen pharisäischen Schriftausleger und Rechtsgelehrten in
seinem Herzen sitzen hat, der als Affekt oder Leidenschaft sehr fertig
und beredt Aussprüche von sich giebt, denen wir nur zu oft Gehör
verleihen. Um so sorgfältiger sollen wir die Lehre unseres Erlösers zu
Gemüthe ziehen, welche +unbegränzte Billigkeit+ als ein zwar herbes,
aber zuverläßiges Gegenmittel empfiehlt.

       *       *       *       *       *

„+Liebet eure Feinde!+“ Dieß ist der wahre Todesstoß für die
+Scheinliebe+, welche +Gränzen+ aussteckt, auf +Bedingungen+
unterhandelt, nach +Rück-+ und +Nebenabsichten+ schielt, +Personen+
ansieht &c. Gewiß haben auch die Pharisäer diesen Stoß schmerzlich
genug empfunden; denn die Wunde blutet heut zu Tage noch bei ihren
Geisteskindern, die mit ihren Vätern sich bitter beklagen, daß
die fruchtbringende Lehre: „Liebe deinen Freund, (d. i. deinen
Kirchen-Zunft-Standes-Staatsgenossen) und hasse deinen Feind,“ mit
dem Ausspruche Jesu umgestürzt werde; und zwar ohne Hoffnung, da der
göttliche Lehrer so weise Rücksicht auf die menschliche Natur nahm,
nicht Unmögliches forderte, keine süssen, freudigen Gefühle, keine
freundschaftliche, innige Zuneigung, sondern ein +racheloses Herz+
und +Thaten+ des +Wohlwollens+ -- des +Wohlthuns+ -- der +Fürbitte+,
wenn sonst nichts möglich ist, zur edeln Pflicht macht, und das
unverwerflichste Muster an dem +Vater im Himmel+ aufstellt.

       *       *       *       *       *

„+Hütet euch, daß ihr euer Gutes nicht vor den Menschen thut, um von
ihnen gesehen zu werden!+“

Mit diesen Worten beginnt ein neuer Gedankenkreis. Nicht
Schriftverdrehungen und Herzverderbende Auslegungen werden gerügt,
sondern die +Thaten+ der Pharisäer nach göttlichem Maaßstabe bestimmt,
ihr Werth oder Unwerth ausgesprochen. Wie denn? Einfach, daß ein Kind
es fassen; kunstlos, daß der Ungeübteste es thun; unfehlbar, daß
der Zweifelvollste sicher gehen kann. In das +Innere+ weiset Jesus
hinein; auf die Quelle alles Guten und Bösen, auf das +Herz+, auf
die +Gesinnung+ macht er aufmerksam. Hier soll nur +Liebe Gottes+
und des +Nächsten+ herrschen; alles Andere ist vom Argen. In diesem
Heiligthum darf kein Götzenbild der Eigenliebe aufgestellt werden; mit
der Wachsamkeit des Eifersüchtigen muß jede leise Regung belauscht
werden, wenn der Heuchelei der Eingang verschlossen bleiben soll.
Streben nach Menschenlob ist Todesduft für Christentugend. -- Wer kennt
das menschliche Herz, d. i. sein eigenes, und findet dieß nicht wahr,
nicht wichtig, nicht nothwendig? Wer weiß nicht, welche Wendungen und
Krümmungen die alte Schlange in uns macht? Unerläßlich, aber schwer ist
es, in diesem Stücke den Pharisäer auszuziehen, und Christus anzuziehen.

Doch unser Herr erleichtert die Bürde durch +Beispiele+, die ins Große
gehen. Lernen wir zu seinen Füßen!

Wenn ein Pharisäer +Almosen+ gab, so mußte es alle Welt wissen. Die
hochtönende +Trompete+ erklang lieblich für das Ohr des Dürftigen, und
lud ihn stolz zur Gabe; sie verkündete prahlerisch der Nachbarschaft,
was auf der Gasse vorgieng; und was wird die Eitelkeit des Gebers
empfunden haben? -- Einer solchen Art von Wohlthätigkeit sprach
Jesus allen Werth ab; ja, er nannte sie geradezu Heuchelei. Nicht
menschliches Mitgefühl, nicht Linderung der Noth, nicht Erquickung
des Leidenden war Beweggrund; sondern eigenes Lob, lauter Beifall,
Flittergold des Namens eines Wohlthäters. Sollte es weniger gleißende
Menschenliebe sein, wenn die Trompete nicht von Metall, sondern von
+Fleisch+ oder gar nur aus +Papier+ gebildet ist?? -- --

Das muß man gestehen, trefflich haben die Pharisäer ihr religiöses
Handwerk verstanden. Sie wußten recht gut, was dazu gehört, die
Menschen zu blenden, und mit ihrer Frömmigkeit recht viel Aufsehen
zu machen. Wenn der Eifer des Gebetes so weit reicht, daß man laut
und öffentlich an den Strassenecken betet; wer soll diese Muster
der Heiligkeit nicht anstaunen? Wer nicht den Schluß ziehen, daß zu
Hause noch weit mehr geschehen müße? Und Jesus nennt solche Leute --
+Heuchler!+ Wie Vielen wird er die Augen geöffnet haben über den wahren
Geist des Gebetes mit seiner unübertrefflichen, Vernunft und Herz
befriedigenden, den Geist zum Himmel erhebenden Lehre?

Das dringendste und wärmste Gebet ist +Herzensergießung+ vor Gott in
unsern +geheimen Anliegen+; wer will, wer kann mit Fug diese vor der
Menschen Ohren bringen? Nur ein Schwärmer oder ein Betrüger; Jesus
spricht keinem das Wort. „Wenn du betest, so gehe in deine Kammer“ &c.
Wer die Weisheit und das Naturgemäße dieser Vorschrift einsehen will,
muß die Pharisäer -- aller Zeiten -- vor Augen haben.

Wo es an Aufrichtigkeit und Zutrauen fehlt, dort werden gewöhnlich die
meisten Worte gemacht. So betrugen sich auch die Pharisäer gegen Gott;
sie waren ihm, menschlich zu reden, überlästig mit ihrem „heidnischen
Geplapper.“ -- Um so ärgerlicher kam ihnen die Lehre Jesu vor, welcher
eine so einfache, kindlich zutrauliche, kurze Anweisung zum Beten
gab; der Gott in einem so milden Lichte, als Vater, zeigte; der ihm
zarte Theilnahme an den Bedürfnissen seiner Kinder beilegte. Welch’
ein Absprung von dem steifen, hofmäßigen, Geschenksüchtigen, Worte
zählenden, kalten, überhohen Gotte der Heuchler! Welch’ ein Abstand
von ihren Gebetsformeln! Besonders ist Ein Punkt antipharisäisch --
+Versöhnlichkeit und Liebe des Nächsten+, ohne welche Jesus alle Gebete
verwirft. -- Was würde er heut zu Tage sagen über die Wortreichen,
Geistarmen, Glaubensleeren, Selbstsuchtsvollen Gebete, welche häufig,
mit Thränen eingebildeter Gottesliebe, mit Herzen voll Menschenhaß, in
kriechender Stellung, mit stolzirendem Nacken, laut gesprochen werden?!
O, wie oft kreuzen wir uns vor Pharisäern, und sind zwei Mal ärger,
als sie -- bei unsern Einsichten!! Beinahe ans Komische streift die
Schilderung eines +fastenden Heuchlers+. So sehr verabscheute Jesus
eine solche Handlungsweise, daß sein hoher, göttlicher Ernst bis zum
beißenden Tone hingerissen wurde. Ein merkwürdiger Zug! Doch kann man
ihn auch schon beim Almosen und Gebete des Pharisäers wahrnehmen.
Fasten ist aber nur Beispiel für +religiöse, besondere Uebungen jeder
Art+. Wenn frömmelnde Eitelkeit, Geruch der Heiligkeit, Menschenlob
oder Tadel, elende Schmeichelei, charakterlose Aefferei u. d. gl. uns
zu solchen +außerordentlichen, nicht gebotenen, nicht unumgänglich
nothwendigen+ Dingen treibt; was soll man dazu sagen? „Machet es so,
wie die Heuchler?“ -- --

Sonderbar! wird Mancher denken; hier dringt Jesus so strenge auf das
Handeln „+im Verborgenen+“, und früher hatte er mit Nachdruck gelehrt:
„+Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen!+“ Das will sich ja
nicht zusammenreimen. -- O recht gut, wenn man nicht an Worten klebt,
sondern den Geist der Rede auffaßt. Das Gute +deßwegen+ thun, damit
es die Menschen sehen, und uns loben; dieß nennt Jesus Heuchelei. Und
daran hat er vollkommen Recht, weil eine irdische, gemeine, schlechte
Absicht einen schönen Anstrich bekommen soll. Die +Gesinnung+, das
+Herz+ ist unserm Herrn immer die Hauptsache; da fordert er nun, daß
der Mensch die Tugend nicht +seiner Person+ zu lieb, sondern einzig
um des +unsichtbaren Gottes+ willen ausüben soll. Dabei verlangt er
aber keinesweges, daß man mit seinen edeln Handlungen geheim thue, und
gleichsam Verstecken spiele. Nein, offen, vor Aller Augen, an hellen
Tage soll unser Gutes geschehen. Wir haben uns dessen nicht zu schämen,
noch uns, aus falscher Demuth, vor Menschen zu scheuen. Das Licht
leuchtet Allen im Hause; +aber mehr thut es auch nicht+, weil es gegen
seine Natur wäre. So soll es auch bei uns sein. +Das Gute sollen wir
thun+ -- vor Gott und Menschen; aber weiter nichts dazu setzen, was
Künstelei, Gepränge, Prahlerei, Selbstsucht u. s. w. heissen könnte;
Solche selbstgewählte, ausserwesentliche Verzierungen sind Dünste und
Nebel, welche den reinen Glanz des Lichtes verhüllen, und um Wahrheit
und Liebe täuschende Farbenringe der Lüge bilden, welche schimmern und
blenden, aber vor Gott und vor seinen ächten Kindern Nichts sind.

+Licht+ will Jesus in und an den Seinigen sehen -- +Licht von Gott+;
nicht selbstgemachte +Fackeln+. Von diesen sagt der Prophet: „Sehet,
Alle schlagt ihr Feuer, Fackeln anzuzünden! Geht hin beim Scheine euers
Feuers, bei eurer Fackeln Licht! Von meiner Hand geschieht euch dieß,
mit Schmerzen ringend liegt ihr da!“ (Jes. L, 11.)

       *       *       *       *       *

Die vom stürmenden Winde gepeitschte Meereswoge ist unstät; der Fels
am Ufer trotzt unwandelbar ihren Schlägen: so schwankt der Heuchler im
Mißtrauen auf Gott; der Glaubige hält sich unverrückt an dem Anker der
Hoffnung auf den, „der da ist, und den er nicht sieht.“ So schildert
Jesus die Pharisäer seiner Zeit, wenn er spricht: „+Niemand kann zwei
Herren dienen. -- Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.+“

Wer verabscheuet nicht diese Zwittergeschöpfe des Mundglaubens und
thätigen Mißtrauens? Wer lobt nicht den schönen, erhabenen Ausspruch
„der göttlichen Weisheit, die wußte, was im Menschen war?“ -- +Weiß
Er es jetzt nicht mehr+, wenn wir Tag und Nacht rastlos daran sind,
sinnen und sorgen, uns mühen und quälen, Geld und Gut zu erwerben --
-- um für die ungewisse Zukunft uns sicher zu stellen, um das Wohl der
Unserigen zu gründen, u. s. w. u. s. w. dabei aber das Reich Gottes
in uns aus Augen und Sinn verlieren? +Weiß Er es jetzt nicht mehr+,
wenn wir der Vaterliebe unseres Gottes nur halb trauen, nirgends
Ruhe finden, unser armes Herz mit tausend widersprechenden Gedanken,
Hoffnungen, Besorgnissen, Planen, Gewinn- und Verlustrechnungen foltern
und zerreißen -- und dann doch in Angst und Unglauben +beten+ -- +um
Nahrung und Kleidung+, wie Heiden, die keinen Gott kennen? +Weiß Er da
nichts mehr+ von getheilten Herzen, von gespaltenen Schlangenzungen,
von schielenden Augen, von studierten Hofmanieren &c. der Betenden?
Möchte doch dieses Alles nur von den alten Pharisäern gegolten haben!
-- --

       *       *       *       *       *

„+Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge!+“ Wer unter den
Christen kennt diese Stelle nicht? Wer führt sie nicht an mit Beziehung
auf Diesen und Jenen? Würde aber die Frage aufgeworfen: +Warum+ hat
Jesus die Pharisäer und Splitterrichter seiner Zeit +Heuchler+ genannt?
Wie Mancher würde verstummen? Und doch giebt gerade diese Stelle großen
Aufschluß über das +Wesen+ der Heuchelei, und über ihren +ausgedehnten
Wirkungskreis+. Den Hang, seine eigenen großen Fehler zu übersehen,
und fremde kleinere Versehen schonungslos zu tadeln; die tückische
Wendung, seine Gebrechen durch scharfsichtige Rüge der Schwachheiten
Anderer zu decken; die niedrige Kunst, auf Kosten des Nächsten als
Vorbild der Tugend zu glänzen, würden wir mit ganz andern Namen
belegen, als unser Herr, der dieses Alles mit Einem Worte +Heuchelei+
nennt. Wie treffend! um tugendhaft, um fromm zu scheinen, wenn sie es
schon nicht waren, tadelten die Pharisäer Alle, die nicht Ihresgleichen
waren, mit liebloser Strenge; sie sprachen gerne Verdammungsurtheile
aus, mit denen sie tiefe Einsicht in die Religion an den Tag legen
wollten; sie verwarfen Andere um ihrer Meinungen und Lehren willen
u. s. w. -- --

       *       *       *       *       *

Hatte Jesus Unrecht, wenn er vor solchen Leuten warnte, als „+vor
falschen Propheten+?“ Freilich gab er ein Kennzeichen an, welches nur
der Geist Gottes mit solcher Bestimmtheit aufstellen konnte. „An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Wenn ein offenherziger Zuhörer diese
vielsagenden Worte auffaßte, und den Maaßstab Jesu an eine solche
heilige Figur genauer anlegte; mußte er nicht oft zu seinem nicht
geringen Befremden eher einen verwundenden Dorn, als eine erquickende
Traube, eher eine geschmacklose, als eine milde Feige an manchem
Meister in Israel finden? Zum größten Aerger reichte der Schaafpelz --
die rabbinische Amtstracht -- nicht hin, die Wolfsgestalt zu bedecken.
--

       *       *       *       *       *

Auf nichts waren die Pharisäer so eifersüchtig, als auf den Vorzug,
viele Schüler zu haben, und von ihnen recht tief, recht demüthig, recht
sklavisch verehrt zu werden. Ein Hauptpunkt dabei war die ängstlichste
und unverbrüchlichste Anhänglichkeit an Worte, Buchstaben und Jota
ihrer Satzungen und Erblehren. Als zweite, höchst wichtige Vorschrift
galt äußerliche Gesetzlichkeit, pünktliches Ceremoniell, wobei eben
für innere Heiligung nicht die strengsten Forderungen gemacht wurden.
Kann man sich eine bessere Schule der Heuchelei denken? Giebt es einen
kürzeren Weg, nach Grundsätzen junge Gleißner zu bilden?

„+Nicht Jeder, der sagt: Herr! Herr! wird in das Reich Gottes eingehen;
sondern der den Willen meines Vaters im Himmel thut.+“ Welch’ eine
ganz andere Sprache! Jesus stellte den +heiligen Willen Gottes+ als
erste Vorschrift für seine Jünger auf; +Ehrfurcht+, +Gehorsam+, +Liebe+
gegen den Vater im Himmel machte er zur unerläßlichen Bedingung der
Aufnahme. Wer sich dazu nicht verstehen wollte, der konnte ihn mit
allen Ehrentiteln und Bücklingen, mit dem täuschendsten Scheine, mit
dem ausgesonnensten Schönthun, mit dem schnellfüßigsten Diensteifer
gegen seine Person nicht bestechen; er wurde weggewiesen aus seiner
Schule, d. i. aus dem Reiche Gottes. -- +Ob Jesus wohl seine Gesinnung
seit seiner Himmelfahrt geändert hat?!+ -- -- --



VII.

Die Heilung des Schlagflüßigen.[8]


Gewöhnlich leihet man der eifersüchtigen Liebe Argusaugen und
Adlersblicke; aber der Heuchelei fehlen sie auch nicht. Der Unterschied
ist nur der, daß die Liebe den geraden Weg zur Selbsttäuschung wandelt,
die Heuchelei aber etwas Anderes thut, und etwas Anderes will. Wie oft
eifert sie für Gott, Religion und Tugend, während sie +innerlich+ nur
von +Abneigung+, wohl gar von +Haß gegen eine gewisse Person, oder
gegen ihre Meinungen+ getrieben wird! Jesus war noch gar nicht lange
als Lehrer und göttlicher Gesandter aufgetreten, als es die Pharisäer
und Schriftgelehrten schon für nöthig fanden, „aus allen Ortschaften
von Galiläa und Judäa, und von Jerusalem zusammenzukommen“, um seine
Lehren und Thaten in der Nähe zu beobachten. Die neuen, mit den ihrigen
so sehr contrastirenden Lehren des von ihnen nicht begutachteten
Propheten beunruhigten sie ausserordentlich. Allein diese Unruhe, so
wie der Neid über den schnell und allgemein wachsenden Beifall des
Nazareners, wußten sie künstlich genug unter frömmelnder Gebehrde zu
verstecken, daß wohl Mancher sie noch gelobt haben mag wegen ihres
Eifers, mit welchem die treuen Hirten Israels über der Religion der
Väter hielten, und sich keine Mühe zu groß, keine Reise zu weit sein
liessen, um gefährlichen Lehren heilsam den Weg zu versperren. --

So finden wir sie jetzt beisammen in dem Hofraume eines Hauses zu
Kapernaum, wo sich Jesus, wenn er nicht umherzog, gewöhnlich aufhielt.
In der Mitte ist Jesus; um ihn her bilden die Pharisäer einen Kreis,
mit Ansehen den ersten Platz behauptend; hinter ihnen das Volk in dicht
gedrängter Masse. Jesus lehrt; sie horchen und lauern auf jedes Wort.
Umsonst; er spricht lautere Wahrheit. Geheimer Verdruß beschlich schon
die Herzen, daß Zeit und Mühe dießmal verloren sei. Doch unerwartet
ereignet sich Etwas, wodurch die Hoffnung, ihm beizukommen, wieder
belebt wird. Ein Schlagflüßiger wird unter sonderbaren Umständen unserm
Herrn zu Füßen gelegt: „da er ihren +Glauben+ sah +sprach er+: +Mensch,
dir sind deine Sünden vergeben!+“ -- -- Gott sei gedankt! Jetzt wird
den Herren leichter um das Herz; sie haben -- +eine Gotteslästerung+
(!?) gehört. Das Innere geräth bereits in Aufruhr, d. h. in gerechten,
heiligen Eifer; Rachegedanken durchkreuzen sich wie Blitze in der
geistigen Nacht der Heuchelei; Alles drohet nahen Ausbruch -- -- als
Jesus ihre Bosheit in ihren Herzen las, sie ans Licht zog, und mit
einer +wundervollen That beschämte+. Zur Vollendung ihrer Niederlage
brach das Volk in laute Lobpreisung Gottes aus, und in Erstaunen über
die hohe Macht unseres Herrn. Heiliger Schauer hatte Alle durchdrungen;
verbissene Wuth kochte in den Pharisäern -- bei +einem und demselben
Werke Gottes+. Läßt sich Wahrheitssinn und Herzenseinfalt, dem
Vorurtheile und der Tücke gegenüber, lebendiger malen? --



VIII.

Die Berufung des Matthäus; Beantwortung von zwei Fragen.[9]


Vom Standpunckte göttlicher Wahrheit und Liebe, und darum so rein,
frei und milde beurtheilte und behandelte Jesus die Menschen und ihre
Verhältnisse. Kein Wunder, daß er mit den einseitigen, herzlosen,
selbstsüchtigen Maximen der Pharisäer und Schriftgelehrten so oft
in Gegenstoß kam. Eitler Stolz auf die Vorrechte des Volkes Gottes
hatte sie vermocht, die +Zolleinnehmer+ ihrer Tage für +öffentliche
Sünder+ zu erklären, und so eine Art Bann über sie auszusprechen, weil
sie von den Römern, als Heiden und Feinden der Nation, ihre Stellen
pachteten. Niedriger Eigennutz von Seite vieler Zöllner verschaffte
ihnen einen gültigen Vorwand, dieses Urtheil zu rechtfertigen, und die
Scheidewand zwischen den Rechtschaffenen und Sündern immer länger und
höher zu führen, so daß kein eifriger Pharisäer mit einem Zöllner auf
irgend eine Weise vertraut umgieng. Er hätte dadurch seine gesetzliche
Reinigkeit verletzet.

Ganz anders dachte und handelte Jesus. Er sah in den Zöllnern
unglückliche Menschen, verirrte Kinder seines himmlischen Vaters;
er fand nicht alle unverbesserlich und durchaus verwerflich; darum
entsetzte sich sein menschenfreundliches Herz über die gefühllose
Kälte und Härte, mit welcher die Pharisäer diesen Menschen den Weg
zur Besserung versperrten; sein himmlisch hoher Geist schwang sich
über diese finstern Vorurtheile der Meister Israels empor; edel und
freisinnig wandelte er den Pfad der Erbarmungen Gottes um die verirrten
Schaafe aufzusuchen -- und nicht vergeblich. Er fand mehr als Einen,
über den er sich mit dem ganzen Himmel freuen konnte. +Matthäus+ wird
als der Erste genannt; Mancher wird wohl noch einst im Buche des Lebens
angeschrieben stehen, den die Menschen nicht kennen.

Welch’ ein entzückender Anblick! Jesus geht an der Zollbank vorbei,
sieht den Matthäus, fordert ihn auf, sein Jünger zu werden; dieser
erhebt sich mit raschem Entschlusse, verläßt freudig sein einträgliches
Gewerbe, und wird Schüler des armen Propheten. Wo sind da die feinen
Ueberredungskünste, wo die lockenden Versprechungen von der einen,
wo die wegwerfenden Manieren, wo die sklavische Erniedrigung von der
andern Seite, wie Beides bei den Pharisäern Statt fand? Wie kurz, wie
natürlich, wie zwanglos, wie +thatenreich+ ist der ganze Hergang! Wie
edelmüthig, frei und doch voll Anstand und Würde ist das wechselseitige
Betragen! Welch’ ein Ausdruck hoher Freude liegt in der Veranstaltung
des Gastmahls bei Matthäus! Welche hinreißende Herablassung in der
Theilnahme Jesu daran! Ohne Bedenken aßen seine unverdorbenen Jünger
mit dem reuigen Sünder; Matthäus und seine Genossen dachten nicht an
den harten Richterspruch der Pharisäer; sie sahen nur den Propheten,
fühlten Wonne im Herzen und Kraft zur Besserung.

+Gott und seine Engel freuten sich des herrlichen Anblickes.+ -- --

+Die scheinheiligen Pharisäer murrten, zürnten, tadelten laut unsern
Herrn!!!+ -- Wer vermag das Abscheuliche, Niederträchtige, Empörende
einer solchen Denk- und Handlungsweise zu schildern?

Muth ist nicht Sache des Heuchlers, wenigstens nicht offener Muth; das
böse Gewissen schlägt ihn. Darum zieht er Seitenangriffe vor; er tritt
dem Gegner nicht leicht vor die Augen. Dieser Zug schändet auch hier
die Pharisäer. Sie wagten es nur nicht, Jesus unmittelbar selbst zu
tadeln; nur an seine Jünger stellten sie im religiösen, strafenden
Tone die Frage: „Warum esset und trinket ihr und euer Meister mit
den Zöllnern und Sündern?“ Vielleicht hatten sie dabei noch die
hinterlistige Absicht, durch ihr Ansehen und durch die öffentliche Rüge
die Jünger von Jesus abwendig zu machen.

Aber schnell nahm Jesus das Wort, und vertheidigte +sich+, nicht die
Jünger; denn er wußte zu gut, +wem+ der Vorwurf gelten sollte. Und
welche Vertheidigung? In drei Innhaltsschweren Sätzen rechtfertigte er
seinen Besuch bei Matthäus, enthüllte die Schande seiner Gegner, und
schilderte die göttliche Milde seines Berufes.

Man durfte nur ein wenig mehr, als gewöhnlich Pharisäer, mit dem
Geiste des alten Testamentes vertraut sein, um aus den Psalmen und
Propheten zu wissen, wie zärtlich Gott um die Bekehrung der Sünder
sich gleichsam bekümmerte; wie väterlich er für Menschenwohl sorgte;
wie oft gerade von dieser menschenfreundlichen Seite auch der Messias
geschildert wurde. Darum konnte Jesus nicht +Schriftgemäßer+ sich
als Retter Israels ankündigen, als dadurch, daß er als +Seelenarzt+
auftrat. Allein eben dieß war es, wovon die damaligen Lehrbücher
nach den Erblehren der Alten nichts enthielten; und von den Psalmen
und Propheten wußten die Pharisäer wenig. Wie konnten sie also das
Benehmen und die Lehre unseres Herrn verstehen?

Desto geübter und bewanderter waren sie im Ceremoniell des
Gottesdienstes jeder Art und Gattung. Opfer waren die Hauptsache der
Religion; denn wenn sie selbst opferten, so glaubten sie, Gott damit
für sich zu gewinnen; opferten aber Andere, so war dieß für Priester
und Leviten einträglich. Daß diese Art von Religiosität nur verkappter
Eigennutz war, bewies ihre +Lieblosigkeit gegen alle Menschen+, und
ihre +an Grausamkeit gränzende Härte gegen Sünder und Irrende+. --
Der natürliche Grund davon lag in dem Mangel an Kenntniß der heiligen
Schrift, in der geringen Vertrautheit mit ihrem Geiste, in blinder
Anhänglichkeit an alte Lehrer und an selbstgewählten Gottesdienst.
Daher war die Antwort unseres Herrn so eindringend und unwiderstehlich:
„+Gehet hin und lernet, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, und
nicht Opfer!+“ Wie menschlich, wie milde und freundlich ist doch die
von +Gott selbst+ ausgesprochene Religion! Wie hart, wie starr und
ertödtend das von +Heuchlern+ mit diesem ehrwürdigen Namen ausstaffirte
Gespenst! Menschenliebe und Eigennutz -- welche Gegensätze!!

Ganz im Geiste des Allerbarmers trat Jesus auf, und munterte +alle
Sünder+ zur Besserung auf. „Gerechte“, d. h. in sich selbst Fromme,
maschinenmäßig Heilige, daher Unverbesserliche, wie die Pharisäer,
konnte er nicht zur Sinnesänderung einladen. Wahrhaft Gute schlossen
sich von selbst an ihn an.

So mußten seine tadelsüchtigen Gegner, kräftig widerlegt, nachdrücklich
zurechtgewiesen, fein angestochen, ruhmlos abziehen, und ihren Verdruß
wiederkauen.

       *       *       *       *       *

Einstimmig lassen drei Evangelisten einen Vorfall folgen, der
selbst der Zeit nach, nicht bloß wegen seines Innhaltes, mit dem
Vorhergehenden zusammenzuhängen scheint. Die Pharisäer konnten es,
trotz ihrer Frömmigkeit, doch nicht so leicht verzeihen, daß Jesus sie
vor +Zöllnern und Sündern+ zu Schanden gemacht hatte. Sie sannen auf
Rache; und diese wird solchen Leuten nicht schwer. Dießmal verfielen
sie aber auf ein fein und listig erdachtes Mittel. Jesus und Johannes
sollten im Widerspruche begriffen dargestellt, die Jünger des Täufers
als Werkzeuge benützt, die Schüler unseres Herrn von ihm abgewandt
werden. Ein trefflicher, der gewandtesten Heuchler würdiger Plan!

Aber wie kam es, daß Johannes Jünger sich von ihnen so leicht
mißbrauchen ließen, da der Täufer so dringend vor Pharisäern gewarnt
hatte? Dazu mußten mehrere Triebfedern künstlich in Bewegung gesetzt
werden. Aus einem frühern Vorfalle (Joh. III., 26.) ergiebt sich
ungezwungen, daß einige Schüler des Täufers +eifersüchtig+ waren auf
das schnell wachsende Ansehen unseres Herrn; diese leidenschaftliche
Stimmung konnte seit der Gefangennehmung des Täufers nicht abgenommen,
vielmehr durch Schmerzgefühl über den Verlust ihres Lehrers nur
zugenommen haben. Von einer andern Seite hiengen diese Schüler
noch sehr an einem äußerlich strengen Leben, wie es ihr Lehrer,
+seinem Berufe+ und +Zwecke gemäß+, geführt, und wozu er sie, als
+Vorbereitung+ zum Reiche Gottes, ebenfalls angewiesen hatte. Da
nun nicht leicht Jemand scharfsichtiger ist in der Entdeckung der
Schwachheiten Anderer, als der Heuchler, weil er selbst viele Blößen zu
decken hat; und da eben solche Menschen fremde Fehler am schlauesten
zu benützen wissen, weil sie aus der Kurzsichtigkeit der Menschen für
sich selbst täglich und stündlich Vortheil ziehen müßen: so konnte es
den Pharisäern gewiß nicht schwer werden, einige Johannes-Jünger in
ihr Interesse zu ziehen. Je +tiefer+ und +stiller+ aber eben darum
+freier+ und +zwangloser+ die Religiosität unseres Herrn war, desto
leichter war es, unter den gegebenen Umständen, sie verdächtig zu
machen. Ohne viele Mühe und mit täuschendem Scheine ließ sich zeigen,
daß Jesus, der mehr sein wolle, als der +große+ Johannes -- schwerlich
werden die Pharisäer erheucheltes Lob gespaart haben -- nicht einmal
die +Kennzeichen+ alltäglicher Frömmigkeit an sich habe. Solche Dinge
von Männern vorgetragen, welche im +Geruche+ der Heiligkeit stunden;
wie verführerisch mußte es sein! um aber das schöne Vorhaben von
allen Seiten zu befördern, und jedes mögliche Hinderniß bedachtsam
zu entfernen, mußten sich Einige der eifrigsten Pharisäer-Schüler
zu denen des Johannes gesellen. Auf diese Weise bildeten sie eine
zusammengesetzte, gar nicht verächtliche Gesandtschaft, welche unsern
Herrn +öffentlich über den Mangel an Gebetstunden und Fasttagen für
seine Jünger+ zur Rede stellen sollte. In welchem Lichte mußte Jesus
vor den Augen der beschränkten kurzsichtigen Menge erscheinen, wenn
er diesen Angriff nicht kräftig und ganz von sich ablenken konnte?
+Wahrlich, wer sich in Ränken und Verfolgungskunstgriffen üben will,
darf nur zu Pharisäern in die Schule gehen!+

Es hatte die Feinde Jesu nicht wenig Nachdenken, Scharfsinn, Kunst und
Mühe gekostet, diesen Angriff auf die tadellose Frömmigkeit zu Stande
zu bringen. Jesus arbeitete indessen unbesorgt und rastlos an Besserung
und Beseligung der Sünder; und als sie den Schlag ausführen wollten,
waren sie mit Einem Allmachtsworte der unüberwindlichen Wahrheit
besiegt. Der Gott vertrauende, Menschen liebende Fromme besteht fest
und ungebeugt, wie Libanons Ceder, den Sturm, während der Boshafte mit
Wurzel und Stamm verderbt wird.

Ueber das +Gebet+ gab Jesus merkwürdig genug gar keine nähere Antwort.
Dieses Stillschweigen beweist wohl mehr, als alle scheinheiligen
Schutzreden, daß Jesus dem +Geiste des Gebetes+ keinen Zwang angethan
wissen wollte durch Formeln und Zeiten und Orte. Bei ihm und seinen
Jüngern war es nicht so, wie bei den Pharisäern. Die geistlose
Anhänglichkeit an bloße äußere Gebräuche und Selbstquälungen hätte
gar nicht sinnreicher und tiefer verglichen werden können, als mit
+Trauergebräuchen zur Zeit der Freude+, mit +neuen Lappen auf alte
Kleider+. Wie mußte dieß die Heuchler ärgern, wenn sie den Werth ihrer
mühsamen und hart errungenen Heiligkeit so herabgesetzt sahen! Wer
freuet sich nicht, daß wir einen Bräutigam und keinen Todtengräber zum
Stifter unserer Religion haben? -- Junger herber Wein, der dem Gaumen
nicht behagt, und den Schläuchen schadet, ist ein sinnvolles Bild der
sauertöpfischen Frömmigkeit dressirter Heuchler.



IX.

Ueber Heiligung und Entweihung des Sabbates[10]


Der wahre Gottesverehrer und der Heuchler verhalten sich zu einander
wie Geist und Buchstabe, wie Sache und Form, wie Wirklichkeit und
Schein. Wer kennt Moses und die Propheten, und weiß es nicht, daß
die +Feier des Sabbates+ ein Grundgesetz der israelitischen Religion
war? Der Glauben an den Einen wahren Gott, als Weltschöpfer und
Weltregenten, hieng an der Beobachtung oder Vernachlässigung dieses
Gebotes; Israel fiel oder stund jederzeit mit dem Sabbate. Seit
der Wiederherstellung eines großen Theiles der Nation nach dem
babylonischen Exil wurde mit ausserordentlicher Strenge über diesem
Gesetze gehalten, weil man, nachdem der Rausch des Götzendienstes
verrauchet war, die Wichtigkeit dieser Feier einsah. Allein Esra’s und
Nehemia’s Geist lebte nicht fort in ihren Nachkommen; diese blieben
bald häufig nur bei der Form stehen, und trieben Abgötterei damit.
Besonders die Pharisäer entwarfen ein Bild von der Heiligkeit des
Sabbates, das an Personification gränzte, und zu den abentheuerlichsten
Vorschriften verleitete, von denen die heil. Schrift durchaus nichts
wußte. Sie trieben es so weit, daß die Feier dieses Tages zur
Hauptsache und zum Zwecke, der Mensch zur Nebensache und zum Mittel
wurde. Daher überluden sie die Menschen mit kleinlichen Regeln,
Gesetzen und Bestimmungen darüber, welche körperliche Verrichtungen
man vornehmen dürfe, um „nicht zu arbeiten.“ Alles wurde wieder nur
auf Gebräuche, Ceremonien, Wortformen, Schritte, Bewegungen -- bis zur
Anwendung von Arzneimitteln eingeschränkt; das Herz gieng leer aus
dabei; der Geist mußte Hunger leiden; das Gewissen kam in die Noth --
wie überall bei der Heuchelei.

Jesus war Israelite im ächten Sinne des Wortes, und eben darum nichts
weniger als ein Verächter des Sabbates, wohl aber der pharisäischen
Lehre über den Sabbat. Diese mit Lehre und That zu bestreiten, war
sein hoher und fester Entschluß. Daher ließ er es gerne geschehen,
daß seine wenigstens in diesem Punkte unpharisäischen Jünger an einem
Sabbate Aehren abrupften, sie mit den Händen zerrieben, und aßen --
zum nicht geringen Aerger der Pharisäer. Diese waren nämlich ihm
und seinen Jüngern auch hier nachgeschlichen, oder hatten sich mit
verstellter Miene der Freundschaft zu Begleitern aufgedrungen. Blinder
Religionseifer treibt zu Allem, und erlaubt sich Alles; ist ja der
Zweck heilig; warum nicht auch jedes Mittel? Wie werden sie sich in
+ihrem+ Gott gefreuet haben, als sie diesen Fehler entdeckten? Nun
lag ja die Sündhaftigkeit und die verführerische Lehre des verhaßten
Propheten zu Tage; nicht nur Er selbst hielt nichts auf göttliche
Einsetzungen, sondern gestattete auch bereits seinen Jüngern,
ungescheuet den Sabbat zu schänden.

Womit wollte Jesus sich rechtfertigen gegen so scheinbar wichtige und
gegründete Vorwürfe? Wenn es mit Gründen aus der pharisäischen +Schule+
hätte geschehen müßen, wäre er freilich in die dringendste Verlegenheit
gerathen; denn er hätte weder einen alten noch einen neuen berühmten
Rabbi für sich anführen können. Allein Jesus hielt sich vorerst an
die +heil. Schrift selbst+; und da war das Recht auf seiner Seite.
Im +Gesetze Moses+ war das, was die Jünger gethan hatten, den Armen
ausdrücklich erlaubt, und am Sabbate wenigstens nicht verboten. Von
dieser Seite konnten ihm seine Feinde nicht beikommen. Aber er war im
Stande, noch weiter zu gehen, und ein +unverwerfliches Beispiel aus
Gottes Wort+ anzuführen, daß selbst bestimmte göttliche Vorschriften
für äußere Gebräuche im Falle eines dringenden Bedürfnisses ihre
verbindende Kraft verlieren. Was ließ sich dagegen sagen, wenn der
+Hohepriester Achimelech+ und +David+ so gehandelt hatten? Warum
tadelten denn die Pharisäer nicht auch das +Gesetz Gottes+, welches den
Priestern Arbeit zum Behufe des Opferns am Sabbate gestattete?

Höchst merkwürdig und lehrreich bleibt es, wie unser Herr stets den
+Menschensatzungen+ und +Erblehren+ seiner Feinde +Gottes Wort+ und
+That+ entgegengesetzt, und sie damit verstummen machte. In welchem
Lichte ihre Kenntniß göttlicher Dinge dabei erschien, darf wohl nicht
erst gezeigt werden.

Obwohl das bisher Gesagte mehr als hinreichend war, die Handlung der
Jünger und dadurch auch Jesus selbst zu rechtfertigen: so fügte er
doch noch +besondere Gründe+ bei, welche unsere ganze Aufmerksamkeit
verdienen, weil sie den Charackter der Wahrheit und Liebe, so wie der
Heuchelei ins hellste Licht setzen.

Die Pharisäer fanden es untadelhaft, daß die Priester und Leviten die
Sabbatsruhe brachen; denn es geschah +im Tempel+ und folglich +zur Ehre
Gottes+. Jesus erklärte, daß seine Jünger noch mehr Recht dazu hätten,
als jene, da „+Er größer sei, als der Tempel+.“ Damit gab er sich
deutlich genug zu erkennen, als den +Sohn Gottes+, als die +lebendige
Wohnung, in welcher die Fülle der Gottheit thronte+. Es ist ein
trauriges Zeichen der tiefen Verblendung, in welche geistlose Systeme
die Menschen stürzen, daß die Pharisäer diesen starken Fingerzeig weder
gut noch böse aufnahmen; ja, gar nicht vernommen zu haben scheinen.

Auch bei dieser Gelegenheit führte Jesus wieder den Spruch des
Propheten an: „Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer.“ Damit
deutet er auf die +eigentliche Quelle+, aus welcher der Vorwurf der
Sabbatsschändung geflossen war. Lieblosigkeit, Verdammungssucht,
Partheihaß war es, was sie bestimmt hatte, unserm Herrn auf dem
einsamen Pfade durch Saatfelder nachzuschleichen, und die unschuldigen
Jünger zu tadeln. Welch’ einen Begriff von Frömmigkeit hatten diese
Heuchler? Was ließ sich mit ihrer Religiosität nicht Alles reimen? Wie
listig wußten sie ihre Leidenschaften mit Gottes Sache zu vermischen!
Aber Jesus durchschaute die Tücke ihres Herzens, und enthüllte sie --
+zu unserer Belehrung und Warnung+.

„+Der Sabbat ist um des Menschen willen, nicht der Mensch um des
Sabbats willen da.+“ So kehrte Jesus mit kühner Freimüthigkeit, wie sie
nur der Wahrheit eigen ist, die Lehre der Pharisäer um, und stellte
das ursprüngliche, alte Verhältniß wieder her. Man muß sich ganz in
die damalige Heuchlerische Lehre hineindenken, um das Neue, Treffende,
Wahre, aber für die Rabbinen höchst Aergerliche -- und +für alle Zeiten
Anwendbare+ recht tief und innig zu fühlen.

Aus dem eben aufgestellten Grundsatze leitete Jesus eine eben so
wichtige als damals anstößige Folge ab: „+Also ist der Sohn des
Menschen Herr auch des Sabbates!+“ Mit bewunderungswürdiger Feinheit
hat er hier sich und seine Jünger zugleich vertheidiget. Menschensohn
bezeichnet den +Menschen überhaupt+, und insbesondere den +Messias+.
Beides konnte er mit vollem Rechte von sich sagen; aber auch für seine
Jünger galt es, daß sie über dem Sabbat, nicht der Sabbat über ihnen
stehe. Keine äußere Feier des Sabbates wollte Jesus so verstanden
wissen, daß der Mensch, wenn ihn ein unausweichliches Bedürfniß
drängte, nicht das Ceremoniel des Sabbates umgehen dürfe, um den Geist
dieser Feier zu behalten -- nämlich +Ruhe, frohen Genuß vor Gott,
Andenken an die Schöpfung durch Gott, Dank gegen den Geber alles Guten,
Erneuerung und Befestigung des Glaubens und der Liebe+. Solche reine
und freie Ansichten finden an den Pharisäern aller Zeiten Gegner.

Jetzt noch einen Blick auf die Jünger! Was wird sich in den biedern,
für einfache, zwanglose Frömmigkeit und Wahrheit vielfach empfänglichen
Herzen geregt haben, als sich ihr Meister ihrer so annahm? Welche neue
Gedanken werden aufgestiegen seyn? Welche Freude werden sie empfunden
haben, daß Jesus ihnen kein so schweres Joch auflegte? Welcher Redliche
freuet sich nicht mit ihnen?

       *       *       *       *       *

Der wirklich glänzende Sieg, welchen Jesus über die Pharisäer davon
getragen hatte, verschaffte ihm von ihrer Seite so wenig Ruhe, daß sie
ihn vielmehr rachsüchtiger verfolgten, als vorher. Ist dieß nicht das
Schicksal des Gerechten, so oft er den schweren Kampf gegen Bosheit
wagt? Läßt sich nicht natürlich noch Schlimmeres von der Heuchelei, als
von einfacher, offener Verkehrtheit des Herzens erwarten? Je weniger
die Pharisäer in sich selbst hineinsehen wollten, desto sorgfältiger
belauschten sie Andere, besonders den ihrem Ansehen so gefährlichen
Jesus. Sie rechneten sich dieses Spionenwesen sogar zum Verdienste vor
Gott an; denn sie sorgten ja dadurch für Erhaltung und Beförderung der
Ehre Gottes -- wenigstens vor den Augen der Menschen. Daher umspannen
sie Jesus überall mit den Netzen ihres Argwohnes; nirgends aber
lauerten sie sorgfältiger, als im Tempel, und in den Synagogen. Sehr
begreiflich; denn dieß waren die eigentlichen Tummelplätze ihres faden
gelehrten Krames und ihres prahlerischen Gottesdienstes.

Dießmal gab ein +Mann mit einer lahmen Hand+ Anlaß zu einem
merkwürdigen Vorfalle. Es war +Sabbat+; die Synagoge hatte sich gefüllt
mit Menschen; vermuthlich auch darum, weil man wußte, daß Jesus komme.
Der Lahmhändige stellte sich so hin, daß Jedermann sehen konnte, er
suche Hülfe bei Jesus. Auf den Gesichtern der Pharisäer drückte sich
der fromme Unwillen aus, den sie schon bei dem Gedanken empfanden, daß
der Festtag durch die Heilung dieses Mannes entweihet werden könnte.
Wirklich zeigte sich Jesus geneigt. Um aber die Falschheit ihrer Lehre
und die Verkehrtheit ihres Willens selbst dem gemeinen Manne lebhaft
genug vor die Augen zu stellen, fragte er sie zuvor öffentlich: +Ob
es erlaubt sei, am Sabbate Gutes oder Böses zu thun?+ -- Was sollten
sie thun? Ihm erlauben, dem Unglücklichen eine Wohlthat zu erweisen?
Dieß gestattete weder ihr System noch ihr liebloses Herz. Sagen, er
sollte Böses thun? Dieß durften sie um des Volkes willen nicht. --
„+Sie schwiegen+,“ und warteten den Erfolg ab, um daraus Stoff für
ihre religiöse Rachsucht zu sammeln. -- „+Sie schwiegen+,“ damit die
geheime Bosheit ihres Herzens nicht öffentlich bekannt würde. --
„+Sie schwiegen+“ -- wie tief läßt uns dieß in die heillose Kunst und
Gewandtheit der Heuchelei blicken, die so reich an Ausflüchten und
Schleichwegen ist, auf welchen sie bei aller Scheinheiligkeit die
niederträchtigsten Ränke schmiedet!!

„+Jesus aber sah sie alle umher an mit Unwillen.+“ Der göttliche
Erlöser zürnt; er fühlt bittern Schmerz über die Verblendung ihres
Herzens, mit welcher sie die Augen vor den eindringenden Lichtstrahlen
der Wahrheit gewaltsam schlossen. Wie ganz anders zürnten die
Pharisäer!

Unser Herr ließ sich nicht irre machen; er heilte die Hand, entheiligte
den Sabbat nach dem Urtheilsspruche der Pharisäer, und heiligte ihn
nach dem Sinne und Willen seines Vaters. Wie lehrreich für alle
Jahrhunderte!!!

       *       *       *       *       *

„+Mein Vater wirket bis jetzt, und so wirke auch ich.+“ Mit diesen
Worten zeigt uns Jesus die sogenannten Sabbatschändungen von einer
neuen Seite. Er deutet damit auf das ganz eigenthümliche Verhältniß
hin, in welchem er, als +Sohn+, mit dem +Vater+ steht, und leitet
daraus das Recht ab, am Sabbate Gutes zu thun. +Gott+ entweihet den
Sabbat nicht dadurch, daß er für das Wohl der Menschen thätig und
wirksam ist; eben so wenig kann man es seinem Sohne verargen, wenn er
dem erhabenen Beispiele des Vaters folgt. Wahrlich! eine gründlichere
und Gottes würdigere Schutzrede für die +Heilung des 38jährigen Kranken
am Sabbate+ läßt sich gar nicht denken. Die Feinde Jesu wollten sie mit
+Steinwürfen+ beantworten -- das gewöhnliche Werkzeug des Beweisens
für beschämte und besiegte Heuchler. Welche Herzen mußten das sein,
die eine solche göttliche Sprache nicht verstunden; von solchen Thaten
nicht gerührt wurden? Eine solche widrige Erscheinung war nur bei
Menschen möglich, welchen +Ehre bei Menschen+, die glänzte und in die
Augen fiel, mehr galt, als +die Ehre bei dem unsichtbaren Gotte+;
welche sich zum Beweise ihrer Rechtglaubigkeit auf +Moses Ansehen+ und
+Schriften+ beriefen, während sie im Leben seine +Lehre+ und seinen
+Geist+ verleugneten; welche der Weissagung Moses vom Messias +nicht
glaubten+, weil sie ihrem +Interesse+ widersprach. War es für solche
Menschen nicht noch eine Ehre, wenn man sie +Heuchler+ nannte? nicht
umsonst bezeugte Jesus, daß es seinen Gegnern an +Wahrheitssinn+ fehle,
daß das +Wort Gottes+ und die +Liebe Gottes+ nicht in ihren Herzen
+wohne+ -- --

Die Lehre, daß Religion nicht +bloße+ Aeußerlichkeit der Gebräuche,
daß +Menschenliebe+ ihre schönste Krone sei, daß +Gott selbst+ sich
als +Muster+ dafür aufstelle -- diese Lehre war lebensgefährlich für
unsern Herrn; wird dieß jetzt weniger der Fall sein, wenn Jemand mit
diesem Ernste diesen Geist gegen manchen Buchstaben geltend machen, und
das, was Jesus vom Sohne Gottes sagt, verhältnißmäßig auf Gottes Kinder
anwenden wollte? Ist wirklich der Pharisäismus so ganz aus unsern
Herzen gewichen? --



X.

Jesus, Simon, der Pharisäer, und die Sünderin.[11]


Schon damals scheinen Einladungen zu Mahlzeiten nicht immer Beweise
vertrauter Freundschaft, sondern öfter auch Complimente und Hofsitte
schlauer Füchse gewesen zu sein. Wer wundert sich nicht? Jesus wurde
von dem Pharisäer Simon zur Tafel geladen. Doch wohl ein Beweis, daß
er den Propheten zu schätzen wußte! So mochte, so sollte es vielleicht
+scheinen+; allein es +war+ nicht so. Das +Betragen+ Simon’s ist Bürge
dafür, daß die Einladung nur geschah, entweder um den seltsamen Lehrer
auch ein Mal in der Nähe zu sehen, oder damit manche Verehrer Jesu gut
von Simon denken möchten u. s. w. Das, was die Leute sahen und hörten
-- die Einladung; und das, was im Verborgenen des Hauses vorgieng --
die Behandlung des Gastes; welch’ ein Contrast! Aber unstreitig ächt
pharisäisch.

Aber nun erst der Hauptauftritt! die +Sünderin+ tritt in das
Speisezimmer, nähert sich Jesus, weint Thränen einer reuevollen,
dankbaren Liebe, küßt und salbt die Füße ihres Erretters vom ewigen
Tode. Kalter Schauder überläuft die fromme Haut des +reinen Pharisäers+
bei diesem Anblick. „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er wissen,
wer und was für ein Weib es ist, welche ihn anrühret“ -- so spricht
er im Herzen sein Gewissenrichterisches Urtheil. Allemal glaubt der
Heuchler, in dem Innern Anderer richtig zu lesen, was sein verkehrter
Sinn ihm eingiebt. Er ist immer auf Reinerhaltung der Ehre und des
Gewissens seiner Nebenmenschen bedacht, und vergißt darüber sich
selbst. Der Sohn Gottes las richtiger im Herzen Simon’s, und gab ihm
davon einen Beweis, der ihn auf ernste und heilsame Gedanken hätte
führen können, wenn er nicht von Selbstsucht zu sehr verblendet gewesen
wäre. Widerlegte Jesus nicht recht gründlich und schonend zugleich
durch die +That+ den Zweifel Simon’s an seiner Prophetenwürde?

Es läßt sich gar nicht sagen, wie viel Zurückstossendes, zarte
Herzen Empörendes in der Gesinnung des Pharisäers gegen Jesus und
gegen die Sünderin liegt. Ganz versenkt in die Vorstellung seiner
+gesetzlichen+ Heiligkeit; trunken von Freude über seine Sittenreinheit
+vor den Augen der Menschen+ blickt er Jesus und die Sünderin mit
verachtendem Widerwillen und Eckel an. Es wäre wirklich lehrreich
für den Menschenkenner, Stirne, Augen, Mund und Gebehrden des treuen
Sklaven eines heilig sein sollenden Buchstabens zu sehen. Aber kaum
würde er seinen Unwillen unterdrücken können beim Anblicke der
grinsenden Lieblosigkeit des aufgeblasenen Heuchlers, der gefühllosen
Härte des unbekannten Sünders, des undankbaren Herzens gegen seinen
wohlthätigen Schöpfer. Aus dieser bittern Quelle floß die geläufige
Sophistik, welche blitzschnell beweisen konnte, daß +Jesus kein
Prophet+ sei, +weil+ er sich von einem +solchen+ Weibe berühren ließ.
Das Verdammungsurtheil war +systematisch+ und +rabbinisch+ vollkommen
consequent; also +mußte+ es wahr sein, +so sehr es auch allem Geiste
der Lehren und Thaten Gottes widersprach+.

Zwischen der Sünderin und dem scheinheiligen Simon befand sich der
+göttliche Mittler+. Konnte er gleichgültig oder auch nur geduldig die
schonungslose Verachtung ansehen, mit welcher die bessere Sünderin
von dem schlechtern Frömmler behandelt wurde? Unmöglich! Er müßte die
verlornen Schaafe Israels weniger geliebt haben, wenn er geschwiegen
hätte. Aber er machte die Rüge dadurch ausserordentlich eindringend
und scharf, daß er durch eine treffliche Parabel den sich weise
dünkenden Simon zuerst dahin brachte, über sich selbst das Urtheil zu
fällen, und dann die aufrichtige Reue, die flammende Gottesliebe, den
unbegränzten Dank, das felsenfeste Vertrauen der berüchtigten Sünderin
+verglich+ mit der eingebildeten Heiligkeit des kleinen Schuldners,
der aber so wenig als die große Schuldnerin bezahlen konnte; mit der
starrenden Kälte des frommen Stolzes gegen den Allerbarmer; mit der
unhöflichen Aufnahme des hohen Gastes; mit dem mißtrauischen Sinne des
selbstgerechten Gottesgelehrten, der nur auf sich bauete.

Je länger man dieses herrliche Sittengemälde betrachtet, desto
mehr gewinnt es an Bedeutung und Anwendbarkeit für Kopf und Herz.
Durchsuchen wir doch die geheimsten Gänge und Falten unseres Busens,
schütteln wir ihn ganz aus! Denn wir haben einen Herrn und Richter,
der alle stolzen Ansprüche selbstgerechter Heiligkeit kräftig
niederschlägt, der äußere Frömmigkeit ohne innere in ihrer ganzen
Nacktheit darstellt, der die Liebe nach Thaten wäget, nicht nach Worten
und Gefühlen, der auf ein gebessertes, reines Leben mehr hält als auf
schulgerechte Lehrformen u. s. w.



XI.

Heilung eines Besessenen, der blind und stumm war. Urtheil der
Pharisäer. Antwort Jesu.[12]


Mit einem Worte seiner Allmacht hob Jesus ein dreifaches Uebel
vollkommen. Konnte er eine That verrichten, die seine Sendung von
Gott stärker bewies? +Auf die Herzen des Volkes+ machte sie auch
wirklich einen solchen Eindruck. Verwunderung, Staunen, heiliger
Schauer ergriff die Zuschauer, sie fühlten die Nähe Gottes, weil sie
unbefangen und geradsinnig die That ansahen, und gar wohl begriffen,
daß etwas geschah, was kein Mensch so zu thun vermochte. So stieg dann
in ihren unverdorbenen Herzen der Gedanke auf: „Sollte dieser nicht der
Messias sein?“ Richtig zog ihr gesunder Verstand den Schluß, daß dem,
der Macht hat, solche Dinge zu thun, wohl auch die Rettung der Nation
für Zeit und Ewigkeit nicht unmöglich sei. Das Wunder führte also die
+unpartheiischen+ Menschen dahin, wo Jesus sie haben wollte -- an die
enge Pforte des Glaubens an ihn, als den Sohn David’s und Gottes.

Noch jetzt wird man lebhaft ergriffen, wenn man sich diese wahrhaft
beseligende Scene vergegenwärtiget; welche Wirkung muß sie erst an
Ort und Stelle hervorgebracht haben! Wer konnte ungerührt bleiben?
Niemand blieb es -- als +die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche
von Jerusalem gekommen waren+. Ist es möglich? Sollten +sie+ bei ihrer
gelehrten Bildung nicht früher und besser als das Volk, die göttliche
That bemerkt und bewundert haben? Nicht nur dieses nicht, sondern noch
unglaublich mehr. Sie fällten über dieses offenbare und allgemein dafür
anerkannte Wunder ein Urtheil, welches an ruchlosem Unsinne kaum seines
Gleichen in der Geschichte findet. „+Jesus+“, sagten sie, „+treibt
die Teufel anders nicht aus, als durch Beelzebub, den Obersten der
Teufel+.“ Damit glaubten sie das dumme Volk eines Bessern zu belehren,
das Erstaunen über die göttliche Heilung niederzuschlagen, den Glauben
an Jesus im Keime zu ersticken, und seiner Lehre vorsichtig und
wohlweise den Weg zu versperren. Und der Beweis für diese sinnlose,
empörende Wundererklärung? Sie hatten keinen andern, als +ihr Ansehen+,
von dessen Allgewalt sie mächtigere Wirkungen sich versprochen,
als von Gottes Wort und That. Ihnen sollte das Volk ohne Beweis und
Siegel glauben; bei Jesus sollte Gottes Siegel ungültig sein -- +eben
weil es Jesus war+, der verhaßte Neuerer, der fluchwürdige sogenannte
Prophet, der sie um ihren Kredit beim Volke, um ihre Bequemlichkeit im
Sorgenstuhle des religiösen Ceremonielles, um den Ruhm der Schrift- und
Satzungsgelehrtheit, um ihr selbstgeschaffenes Ideal vom Sohne David’s
und von seinem Reiche -- um alle geliebten Scheindinge zu bringen
drohte. Ein solcher Mensch +konnte+ nichts Gutes thun, weil er es
nicht thun +sollte+, und nach +ihrem+ Sinne nicht thun +wollte+. Eher
mußte der +Teufel+ ihm zur Seite stehen, als Gott, so entschieden auch
Letzteres war. Bei Jedem aus ihrer Kaste hätten sie Jehova gepriesen
für den Sieg über den Satan; nur bei Jesus nehmen sie zum Wahnsinne
Zuflucht, +weil sie von Leidenschaft gegen ihn an Kopf und Herz
gefesselt waren+.

Allein diese giftige Schlange verbargen sie tief im Busen; überfüllt
von ihrem Geifer im Innersten, färbten sie den Ausbruch desselben
mit religiöser Schminke. Daher sollte die wüthendste Lästerung für
Beförderung der Ehre Gottes, die ungemessenste Verfolgungssucht
für Bewachung des Seelenheiles der Israeliten, die unersättlichste
Rachsucht für gerechten Unwillen angesehen werden, weil sie von
+Jerusalem, der Stadt Gottes+, gekommen waren.

Unser Herr breitet sich nicht leicht über eine Sache aus; aber dießmal
that er es mit aller Kraft seiner himmlischen Beredsamkeit. Er wollte
unstreitig die Scheußlichkeit und Strafbarkeit dieser Art von Heuchelei
ins hellste Licht setzen, um die Menschen -- seine bis in den Tod
geliebten Brüder -- dringend zu warnen. Zuerst zeigt er das Ungereimte,
Widersprechende in ihrer Behauptung, also das innerlich Unmögliche.
Dann widerlegt er sie durch die Werke ihrer eigenen Kinder, und durch
den wahren Begriff vom Reiche Gottes, als Gegensatz der Herrschaft
des Satans. Hierauf macht er auf das äußerlich Unmögliche der Sache
in einer Parabel aufmerksam. Endlich stellt er sich selbst geradezu
als Gegner des Satans auf, und erklärt feierlich, daß man zu Einer von
beiden Partheien sich schlagen müsse -- zu Gott oder zum Satan. Dabei
unterscheidet er genau sein +damaliges+, leicht verkennbares Verhältniß
zu Gott, und vergiebt es daher gerne, wenn man +ihn+ lästert; aber
unverzeihlich für Zeit und Ewigkeit nennt er es, wenn man die +Werke+
des +Geistes Gottes+, der in ihm wirkt, dem +Teufel+ zuschrieb,
+bloß um nicht an Jesus glauben zu dürfen+. Solche Menschen findet er
unheilbar und unverbesserlich, so fromm sie scheinen mochten. Endlich
deckt er das Brandmal ihres Herzens auf, aus dem nichts Gutes kommen
konnte. Er weiset nach, daß ihre gleißenden Worte nur Ausgeburten der
alten Schlange seien. Sogar auf das furchtbare Gericht Gottes lenket er
den Blick hin, um die zu schrecken, welche er nicht rühren konnte.

Wären die Pharisäer noch einer Besserung fähig gewesen; hätten sie
sich nicht verkriechen müßen vor Reue und Scham über die höhnische,
absprechende, scheinbar warnende und wohlmeinende Gebehrde und Sprache,
mit der sie Jesus verläumdet hatten? Welche Gründe der Wahrheit, welche
Thatsachen stritten für ihn! Was mußte ein redlicher Zuhörer denken?
Was sollen +wir+ dabei denken, daraus lernen?? --



XII.

Ueber die Lehre von den gesetzlichen Reinigungen.[13]


„+Warum übertreten deine Jünger die Erblehre der Alten? Denn sie
waschen die Hände nicht, wenn sie das Brod essen.+“ -- So stellten die
Pharisäer unsern Herrn zur Rede, und forderten ihn zur Verantwortung
auf. Sie thaten es um so dreister und zudringlicher, weil sie von dem
Hauptsitze der Religion und Gottesgelehrtheit -- von Jerusalem gekommen
waren, um das Treiben des Nazareners in Galiläa mit eigenen hohen
Augen wahrzunehmen, und bei guter Gelegenheit ihm zu Leibe zu gehen.
Ueberhaupt mußte es diesen argwöhnischen und eifersüchtigen Rabbinen
schon verdächtig vorkommen, daß Jesus, als vorgeblicher Verbesserer
der Religion, das Licht der hierosolymitanischen Wahrheit und die
scharfen Blicke des Synedriums zu scheuen und sich und sein Unwesen in
dem fernen Galiläa zu verbergen schien. Ueberdieß waren die Galiläer
in Jerusalem als unwissende Menschen in Betreff der Religion verachtet
und vernachläßiget; die Leviten und Gesetzgelehrten gaben sich nur
keine Mühe, sie besser zu unterrichten; um so bedenklicher mußten die
Herren an der Tempelschule es finden, daß der neue Lehrer sich um
„die verlornen und verlassenen Schaafe Israels“ annahm; da konnten
seine gefährlichen Grundsätze im Volkstone vorgetragen den raschesten
Fortgang machen. So selten daher die Pharisäer Galiläa mit ihren
Besuchen beehrten, so begierig ergriffen sie jetzt diese Gelegenheit,
ihre väterliche Sorgfalt für die Erhaltung der reinen Lehre in Galiläa
mit allem Nachdrucke zu bethätigen.

Wenn man nicht unbemerkt von dem Gedanken beschlichen wird, Jesus habe
als Sohn Gottes, ein Privilegium gehabt, sich über religiöse Gebräuche
seines Volkes wegzusetzen, da er sie doch als Israelite beobachten
sollte: so kann es nicht anders als sehr auffallend sein, daß er in
manchen Fällen stracks und geflissentlich das Gegentheil von dem that,
was die Pharisäer als gesetzliche Vorschrift lehrten und übten. Da er
in andern Fällen so nachgiebig und schonend war, u. z. B. den geheilten
Aussätzigen zu den Priestern sandte, die Tempelsteuer bezahlte, das
Fest der Tempelweihe besuchte: so kann man mit Recht fragen: +Warum
war er gerade gegen die Erblehre der Alten so eingenommen?+ Sollte
der Grund nicht darin liegen, +weil sie der Heuchelei Thür und Thor
öffnete+?

Es gehört mit zu dem Verderben von Adam’s Söhnen, daß sie sich mit
dem +Worte Gottes+ selten begnügen, sondern von jeher diesen alten,
milden Wein mit ihrem neuen, rauhen Säuerling genießbarer zu machen
glaubten, und sich nicht wenig darauf einbildeten. An diesem Erbübel
litten auch die Pharisäer. +Moses+ Gesetz war ihrem Kleinigkeitsgeiste
nicht scharf genug in seinen Bestimmungen; +David’s+ Psalmen fand ihr
an Glauben und Liebe armes Herz zu kurz und zu trocken; die +Propheten+
-- -- -- kurz, +Gottes Geist+ hatte sich nicht deutlich, nicht breit,
nicht ängstlich genug ausgesprochen; die +Rabbi+ späterer Jahrhunderte
sahen ernst die Punkte auf dem Jota und alle Beistrichgen recht genau,
gaben Alles haarklein an, entschieden mit frommem Scharfsinne alle
+möglichen+ Fälle, zogen einen Zaun um das Gesetz Gottes, daß man
von demselben nichts mehr sah, sondern den Zaun für das Hauptgebäude
beinahe ansehen mußte. Allein +Moses+, +David’s+, +Jesaias+ Geist
wehte nicht in den Lehren der Alten; die +wahre, innige, herzliche,
lebendige, thatenreiche Frömmigkeit gewann nicht nur nichts, sie verlor
alles+. Darum trat Jesus diese Satzungen der Alten kühn mit Füßen.

Zur unwiderleglichen Rechtfertigung solcher Schritte gaben die
Pharisäer unserm Herrn die Mittel selbst an die Hand. Noch immer
ließen sie die heilige Schrift als Gottes Wort gelten, bezeugten
mit schönen Reden die tiefste Verehrung, obwohl sie in der That sie
aus ihrem Lehrgebäude verdrängten. Um so kräftiger zeugten dann die
Männer Gottes gegen sie, daß sie verstummen mußten; Dießmal war es
wieder +Jesaias+, den Jesus anführte, um die Rüge seiner Feinde zu
Schanden zu machen. Durch diesen geistreichen Seher eiferte Jehova
gegen Lippendienst, an dem das Herz keinen Theil nahm; er tadelte es
scharf, daß +sein+ Wort und +sein+ Gesetz durch +Menschenlehren+ und
+Menschensatzungen+ verdrängt wurde. Darum verwarf auch Gott die hohle,
leere, eitle Frömmigkeit Israels; denn sie war Heuchelei. Waren die
Pharisäer nicht in demselben Falle? „Es ist +Korban+!“ Dieses heilige
Zauberwort setzte an die Stelle liebevollen dankbarer Elternpflege +ein
für die Priester und Leviten einträgliches Opfer+. Gott hatte also
Unrecht, wenn er +Liebe+ forderte und nicht Opfer; Gott hatte Unrecht,
wenn er ein +reines Herz+ verlangte, +und nicht bloß gewaschene Hände,
Schüsseln+ und +Stühle+ u. s. w. Dieß sagten freilich die Pharisäer
nicht mit dürren Worten; wie hätten sie es wagen dürfen? Aber auf fein
ersonnenen Umwegen gelangten sie zu demselben Resultate. Sie priesen
den Werth der Opfer; schilderten die Pracht und Freude der heiligen
Gebräuche; strichen die göttliche Einsetzung derselben heraus; rühmten
den Eifer und die Weisheit der Alten in diesen Dingen; schärften den
Buchstaben der Reinigungsgesetze ein -- schwiegen dagegen, oder
sprachen doch wenig und schwach von Glauben, Liebe, Treue, Redlichkeit,
Barmherzigkeit, Keuschheit, Versöhnlichkeit, Wohlthätigkeit,
Uneigennützigkeit &c.; und was blieb? +Eine schöne Larve ohne Kopf und
Geist!+

Wir versetzen uns viel zu selten recht lebendig in die +Zeit+ und
+Lage+ unseres Herrn, um es tief und ganz zu fühlen, wie erhaben über
Vorurtheile, wie rein von Zusätzen, wie neu und unerhört das Evangelium
damals war. Darum verliert so mancher Ausspruch sein Anziehendes;
es fehlt ihm an Klarheit und Bedeutsamkeit; man weiß ihn nicht zu
brauchen. Wie ganz anders wird dieses Alles bei Zeit gemäßer Ansicht!
Wer erkennt dieß nicht bei dem Schritte, den Jesus eben jetzt that,
indem „+er das Volk zusammenrief+“ und ihm +seine+ Lehre von Rein
und Unrein im grellsten Gegensatze gegen die Lehre der Pharisäer
vortrug. Dabei fordert er zum richtigen Verstehen derselben nichts, als
unbefangene Anwendung von Aufmerksamkeit und gewöhnlicher Einsicht.
„Höret und denket nach! -- Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ Dieß
ist alles, was er verlangt; es war aber auch nicht mehr nothwendig, um
die Wahrheit und Milde seiner Lehre zu erkennen, und das abergläubisch
Abgeschmackte und läppisch Uebertriebene der Schriftgelehrten
zu finden. Freilich mochte es vielen an offenem, ungebundenem,
reinem Sinne für diese schöne Lehre fehlen, und dann konnte sie den
heuchlerischen Geist nicht austreiben. Doch ganz fruchtlos blieb gewiß
auch dieser Versuch unseres Herrn nicht.

Wundern wird man sich eben auch nicht, daß dieses Verfahren unseres
Herrn sowohl als seine Grundsätze den Pharisäern ärgerlich, empörend
und gottlos vorkam. Hieß das nicht ihr Ansehen beim Volke zernichten,
wenn Jeder selbst entscheiden sollte? Drohte nicht ihrem Lehramte
mit dieser Anrede an das Volk der Untergang? Stund nicht ihr ganzes
System in der dringendsten Gefahr, wenn diese neue Lehre Eingang fand?
Wer war Pharisäer, und mußte nicht so denken? Sie gaben es auch laut
genug zu verstehen, wie entsetzlich anstößig ihnen die Begriffe Jesu
über Rein und Unrein seien; +nur wußten sie nichts Gründliches dagegen
beizubringen+, und zogen deßwegen voll Unwillen ab, den sie mit frommem
Abscheu artig zu maskieren wußten.

Wirklich ließen sich selbst die Jünger täuschen, und ihre bedenkliche
Frage an Jesus scheint darauf hinzudeuten, daß sie wenigstens in
Zweifel geriethen, ob ihr Lehrer, wenn auch +wahr+, doch nicht zu
+stark+ gesprochen habe. Dieß konnte um so leichter geschehen, da
sie selbst den Sinn der Rede Jesu nicht ganz gefaßt und verstanden
hatten. Unerwartet genug für sie blieb Jesus fest auf seinem Satze,
und erklärte geradezu die Lehre und Handlungsweise der Pharisäer für
so verwerflich, daß man sie ohne Schonung widerlegen, aus den Herzen
und Augen der Menschen entfernen und gänzlich zernichten müße, weil
sie unfehlbar ins Verderben stürze. Dieses strenge Urtheil ist um so
merkwürdiger, je liebreicher, nachsichtiger und erbarmender sonst Jesus
die Fehler der Menschen ansah und behandelte. +Allein gegen Heuchler
kannte er keine Milde+; diese +will+ er ärgern; ihnen +soll+ seine
Lehre ein Todesgeruch sein; ihr Gottesdienst muß gestürzt werden, wenn
wahre Religion aufkeimen soll. Faßt man dabei +Zeit+, +Ort+, +Personen+
gehörig ins Auge, so spricht sich in Jesus eine Reinheit der Gesinnung,
eine Höhe der Frömmigkeit, eine Festigkeit des Geistes aus, welche man
nie genug bewundern kann.

Die nähere Erklärung für die Jünger ist eine sichere, unüberwindliche
Vormauer gegen Heuchelei für alle Jahrhunderte. Zwei Punkte sind es,
auf welche wir unser Augenmerk richten müßen:

    1.) „Alles +Aeußere+, wenn es in den Menschen +hineinkommt+, kann
          ihn +nicht unrein machen+; denn es geht nicht in das +Herz+,
    sondern in den +Magen+.“

    2.) „Was aber aus dem Munde +herauskommt+, das kommt aus dem
          +Herzen+, und +das+ verunreiniget den Menschen.“

Ist es möglich, daß auch nur der leiseste Zweifel entstehe über die
Fragen: Wann ist der Mensch rein vor Gott? Was macht ihn mißfällig vor
Gott? Der +Geist+ des alten Testaments konnte nicht herrlicher gegen
den Tod des Buchstabens gerettet und +allgemein anwendbar+ gemacht
werden, als auf diese Weise. Die Reinigungsgebräuche sollten kein
religiöses Handwerk werden, wodurch man bei Gott etwas auf Rechnung
bringen könnte; sondern erinnern, hinweisen sollten sie auf Reinigung
des Herzens. Wer diese Sprache nicht versteht; wer von solchen starken
Winken die +Anwendung auf sich+ nicht zu machen weiß; was soll dem das
+neue+ Testament? Er hat noch nicht einmal das +alte+ erreicht!

„+Seid auch ihr noch so unverständig?+“ So sprach Jesus damals zu
seinen Jüngern; was würde er jetzt sagen?? --



XIII.

Jesus auf dem Laubhüttenfeste zu Jerusalem.[14]


Für seine Zeitgenossen -- und nur für diese? -- war das Leben unseres
Erlösers ein wahres, schwer zu lösendes Räthsel. Auf einer Seite
war er genau in Beobachtung aller +göttlichen+ Vorschriften über
Glauben und Liebe; auf der andern Seite handelte er frei in Bezug auf
+menschliche+, den göttlichen gleich sein sollende, Gesetze: bald war
er strenger Israelite, bald schien er unreiner Heide zu sein; jetzt
besuchte er ein nicht gebotenes Fest, dann schändete er wieder in
vieler Augen den Sabbat; einmal sprach er holdselige, trostreiche,
göttlich erhabene Worte, ein anderesmal ärgerte er viele durch
unerhörte, schneidende, gegen alle Schullehren verstoßende Vorträge u.
s. w. Bei ihm waren dieß freilich keine Widersprüche mit sich selbst;
alle diese scheinbar so entgegengesetzte Handlungen waren Ein Erguß
eines sich ewig gleichen, unerschütterlichen Charakters, der allen
Umständen gebot, und doch auch sich in alle Lagen zu fügen wußte, ohne
sich selbst zu verlieren. Freunde und Feinde, Gute und Böse, Starke und
Schwache am Geiste, Geradsinnige und Tückische, Zeiten, Orte &c. gaben
dem Einen Leben so mannigfaltige Farben. Aber welch’ ein reiner und
tiefer Blick gehörte dazu; welche Einfalt und Güte des Herzens wurde
erfordert, „sich nicht zu ärgern an dem Sohne des Menschen!“

Wundern kann es uns also nicht, wenn seine Zeitgenossen
+widersprechende+ Urtheile über ihn fällten; vielmehr müßte es
befremden, wenn dieß nicht geschehen wäre. „Die Einen sagten: Er
ist rechtschaffen. Die Andern sprachen: Nein! sondern er verführet
das Volk.“ Wer hatte Recht? Unstreitig die Erstern; sie bewiesen
ein uneingenommenes Gemüth, einen reinen Willen, der fähig war, auf
die Wahrheit aufmerksam zu sein, und Erkenntniß derselben dadurch
herbeizuführen. So sahen sie, trotz aller Hindernisse, ungeachtet
alles widrigen Anscheines das Gute, das Göttliche in Jesus Lehren
und Thaten. Aber die Andern; wie kamen diese zu ihrem Urtheile?
Hier zeigten sich unläugbar die Früchte pharisäischer Bearbeitung
des Volkes. Die Pharisäer müßten weniger schlau und scharfsinnig in
Besorgung ihres eigenen Vortheiles gewesen seyn, wenn sie es nicht
frühzeitig hätten merken sollen, in Jesus sei ein Mann aufgetreten,
der ihrem Wesen und Treiben ein Ende zu machen drohe; denn er hielt
sich in Wort und That so an Gottes Wort, daß ihre selbst erfundenen
Lehren, mit denen sie das göttliche Gesetz verunstalteten, in ihrer
ganzen Grund- und Werthlosigkeit erschienen. Selbst der gemeine
Mann fieng an, dieses einzusehen. Welche Gefahr für das +damalige
Synedrium+, und in demselben natürlich für die +Religion der Väter
selbst+! In solchen Fällen erlaubt sich der gleißende Religionseifer
jedes Mittel, um mit dem Scheine der Gottesfurcht seine vortheilhafte
Sache zu retten. Reichen Gründe nicht aus -- wie es hier der Fall war
-- so nimmt man zu Lästerungen seine Zuflucht. Daher warfen sie häufig
mit +Sabbatschänder+ und +Volksverführer+ um sich, und erreichten so
bei manchem Kurzsichtigen ihren Zweck schneller und sicherer, als mit
Beweisen, die sie nicht liefern konnten oder mit wahrhaft frommen
Thaten, die sie nicht ausüben wollten. Viele im Volke, besonders die
Bewohner der Hauptstadt, sprachen den weisen und eifrigen Lehrern nach,
und lästerten, „was sie nicht verstunden.“ +So leisteten gehässige
Namen, mit denen man eine gute Sache brandmarkte, schon damals den
Heuchlern treffliche Dienste!!+

       *       *       *       *       *

„+Wie versteht denn dieser die Schrift, da er sie doch nicht gelernet
hat?+“ Diese Frage würde unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln, wenn wir
es nicht zu sehr gewohnt wären, Alles, was die Feinde unseres Herrn
sagen und thun, ungereimt und böse zu finden, ohne weiter über den
Grund der Sache nachzudenken und in unser eigenes Herz zu blicken. Wir
selbst werden an den Pharisäern gar oft auch zu Pharisäern.

Schon mit zwölf Jahren hatte der Sohn des Zimmermannes die Alten
in der Tempelschule durch Fragen und Antworten in Verlegenheit und
Staunen gesetzt; und später hatte er es niemals nöthig gefunden, zu
den Füßen eines Rabbi zu sitzen, um Weisheit zu lernen; und doch
war er ihnen in der Blüthe des männlichen Alters an Schriftkenntniß
unendlich überlegen. Sie führten den prangenden Titul; Er hatte
die wichtige Sache. Daher spricht ihre Frage eben so viel Neid und
Verkleinerungssucht als Befremdung und Verwunderung aus. Den meisten
Antheil daran hatte aber offenbar ihr gleißender Charakter, vermöge
welchem sie es nur nicht begreifen konnten, daß Jesus außer ihrer
+Schule+, ohne ihre +Formen+, frei von ihren +Erblehren+ die Wahrheit
sollte gefunden haben. Es liegt in der Natur des Heuchlers, daß er vor
allem fragt, +wie+, +wo+, bei +wem+ Jemand etwas gelernet habe, nicht
+was+ er wisse, und welche +Gründe+ er dafür gelten mache. Auch in
dieser Beziehung wird Aeußeres für Inneres, Form für Sache genommen;
wie wichtig ist aber dieß bei Religionswahrheiten!

In der Antwort auf die hämische Frage der Juden bekennet sich Jesus zu
einer ganz andern und höhern Schule, als die Tempelschule zu Jerusalem
war, welche so häufig als die einzig ächte Quelle der Wahrheit und
Weisheit gepriesen wurde. +Er hatte seine Lehre unmittelbar von Gott
empfangen+; kein Wunder, wenn sie von dem menschlichen Machwerke
seiner und aller Zeit so himmelweit verschieden war. Dagegen gab er
aber auch ein +Kennzeichen+ seiner Lehre an, auf welches die Pharisäer
unmöglich verfallen konnten, und welches sie eben so unbrauchbar finden
mußten. Um die +Wahrheit+ und +Göttlichkeit+ seiner Lehre zu erproben,
forderte er einen +praktischen Versuch+, und versprach als +unfehlbaren
Erfolg+, die lebendigste und festeste Ueberzeugung. Wie natürlich! Wer
den Willen Gottes nach dem Evangelium zu befolgen sich bestrebt, dem
erweiset sich diese Lehre in seinem +Herzen+ durch +Erfahrung+ als eine
solche, welche das Reich Gottes und mit demselben die ganze Fülle alles
Friedens und aller Seligkeit bringt. Wie könnte sich da Jemand noch um
künstliche Schlüsse für und wider das Evangelium kümmern; er hat ja
schon den +Thatbeweis+; wozu noch +Worte+ und +Zeichen+? Diese können
doch mehr nicht thun, als ihn +von Außen+ anregen, aufmerksam, geneigt
machen, die Probe im Leben zu unternehmen, ohne welche jeder andere
Beweis nicht wahrhaft und fest im Innern wurzelt, weil die Erfahrung
fehlt.

Aber wie sollten sich die Pharisäer zu einer +solchen+ Prüfung der
Lehre Jesu verstehen! Bei ihnen mußte ja der Meister sein Werk loben;
von Gott aber heißt es nur: „Die Himmel verkündigen die Ehre Gottes.“
Dieses galt auch von Jesus und von seiner Lehre.

Wahrhaftigkeit und Heuchelei werden daher von unserm Herrn auch noch
in einer andern Beziehung einander entgegengesetzt. Die Pharisäer
gaben sich alle erdenkliche Mühe, das von Gott gegebene Gesetz mit
recht vielen, fein ersonnenen, Geräusch der Frömmigkeit erregenden
Zusätzen zu vermehren, die Gebote Gottes und ihre eigenen sorgfältig
zu vermengen, aus beiden ein kunstvolles Gewebe oder System zu machen,
und so sich den Ruhm der Schriftgelehrtheit zu erwerben. Dieses ganze
Unternehmen war offenbar nichts anderes, als ein Bestreben, ihre eigene
schlechte Waare unter göttlicher Firma einzuschwärzen in das Reich
Gottes, und als Erfinder neuer Wahrheiten zu glänzen, wohl auch guten
Gewinn daraus zu ziehen. Sie suchten daher bei ihren Religionsvorträgen
nur sich, nicht Wahrheit, noch weniger das Wohl ihrer Mitmenschen, noch
weniger Gott und seine Ehre. Wie ganz anders dachte und handelte Jesus,
„der Wahrhaftige, in dem kein Unrecht war, weil er nur die Ehre dessen
suchte, der ihn gesandt hatte!“

Ist diese Selbstverläugnung bei Verkündigung der Wahrheit und besonders
des Wortes Gottes, ist diese Demuth und Bescheidenheit, ist diese
Uneigennützigkeit von unserm Erlöser nur den Pharisäern gegenüber
geübt und angedrungen worden, oder drang sein allsehender Blick auch
in künftige Jahrhunderte? Gab er auch ihnen eine solche Anweisung? Wer
zweifelt daran? Und doch -- --

       *       *       *       *       *

Von der Vertheidigung seiner Lehre nahm Jesus natürlichen Anlaß, auch
seine Handlungsweise zu rechtfertigen, +weil bei ihm Wort und That
nie getrennt war+. Man hatte ihm bei seiner letzten Anwesenheit zu
Jerusalem die Heilung des 38jährigen Kranken als Sabbatsschändung
gedeutet, und gesetzlich eifrige Juden wollten ihn schon damals
steinigen -- um einer Wohlthat willen! Zwar entgieng er ihren
Händen, aber nicht ihren Racheplanen; sie brüteten jetzt noch auf
Mordanschlägen; und die Frage: „Wo ist er?“ mag in dem Munde manches
Eiferers nichts anderes gewesen sein, als ein ungeduldiger Ausbruch des
ungesättigten Durstes nach dem Blute des verhaßten Nazareners. Jesus
wußte dieß gar wohl; hatten die Pharisäer doch schon in Galiläa, wo
Jesus seine meisten Anhänger hatte, bei der Heilung des Lahmhändigen
mit den Herodianern Rath gepflogen, wie sie ihn umbringen könnten, da
sie ihn nicht mit geistigen Waffen zu besiegen im Stande waren. Um so
gefährlicher war diese gleißende Parthei für ihn zu Jerusalem; darum
gieng er ganz in der Stille und erst nach dem Beginnen des Festes
dahin, damit sein unvermuthetes Erscheinen die Plane seiner Feinde
schon größtentheils vereitelte. Sie konnten nämlich keine sichern
Anstalten treffen, und als er durch seinen Vortrag alle Zuhörer
in Erstaunen setzte, war für sie der günstige Augenblick verloren,
aber für ihn war die Stunde gekommen, wo er die gute Stimmung der
Zuhörer benützen und eine für seine Würde wie für sein Leben höchst
nachtheilige Beschuldigung widerlegen konnte. +Welche Klugheit
und Vorsicht! -- Aber mit Taubeneinfalt, nicht mit pharisäischer
Schlangenlist gepaart!+

Wie vertheidigte sich nun Jesus? So, daß er seine Feinde mit ihren
eigenen Waffen schlug; denn es kostete wenig Mühe, ihnen Widersprüche
ihres eigenen Betragens mit ihrem Urtheile über die Heilung des
Kranken augenscheinlich zu zeigen. Moses hatte ihnen das strengste
Gebot gegeben, den Sabbat zu heiligen; sie rühmten sich dessen und der
pünktlichen Erfüllung dieses Gesetzes; und doch verrichteten sie die
Beschneidung -- eine mühsame und schmerzhafte Operation, also eine
Arbeit am Sabbate, weil ein anderes Gebot diese Ceremonie auf den
achten Tag nach der Geburt unerläßlich festsetzte. War hier das Gesetz
oder die Menschen mit sich selbst im Widerspruch? Keines von beiden;
sondern da die Beschneidung schon von Abraham eingeführt war, so mußte
der später eingesetzte Sabbat der ältern göttlichen Verordnung weichen;
und man glaubte sich keine Verletzung seiner Feier zu Schulden
kommen zu lassen, wenn man nach Gottes Vorschrift die Beschneidung
vornahm. Wer findet dieß nicht natürlich? Ist es aber nicht höchst
widernatürlich, wenn man nun bei Beurtheilung der Thaten Jesu die
Pharisäer gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen sieht? Kann man
in diesem Zuge die doppelsinnige Gleißnerei verkennen? +Wie Gott alle
Tage den Menschen Gutes thut, so machte es Jesus auch am Sabbate+; er
heilte Kranke, die sich ihm eben anboten. Die Pharisäer nannten ihn
+deßwegen+ einen Sabbatschänder, und wollten ihn ermorden. War etwa
+Gottes+ eigenes +Beispiel+ noch kein gültiger Grund? Lag nicht die
+reinste+ und +erhabenste Idee+ des menschlichen Lebens darin? War es
nicht die +älteste+ und +höchste+ Vorschrift, Gutes zu thun wie Gott?
Mußte also der Sabbat hier nicht noch mehr zurückstehen, als bei der
Beschneidung?

Was wollten, was konnten die Feinde Jesu gegen diese Beweisführung
sagen? Sie verstummten, von ihrem Gewissen zwar unsichtbar, aber desto
unwiderstehlicher geschlagen. Um so nachdrücklicher wirkte dann ein
anderer Vertheidigungsgrund, vermöge welchem Jesus seiner Heilung einen
unbestreitbaren Vorzug vor der Beschneidung beilegte. Diese bezog
sich nur auf einen Theil des Menschen, und machte ihn auch nur in so
ferne und wegen dieses Zeichens fähig, an den Wohlthaten des Volkes
Gottes Theil zu nehmen; aber die Heilung am Sabbate stellte den ganzen
Menschen wieder her zum frohen Genusse der Rechte eines Kindes Gottes.
Welch’ ein Uebergewicht fällt bei dieser Vergleichung auf die Seite
unseres Herrn? Wie wollten seine Feinde jetzt den Schluß entkräften:
also durfte ich ohne Sünde am Sabbate heilen? Hätten sie nicht selbst
und laut diesen Schluß ziehen und die That Jesu loben sollen, wenn sie
aufrichtig vor Gott gewesen wären? +So aber fanden sie das an Jesus
todeswürdig, was sie sich selbst zum Verdienste vor Gott anrechneten!+

Wie voll tiefen Sinnes müssen uns jetzt die Worte sein: „+Urtheilet
nicht nach dem äußern Ansehen; sondern fället ein gerechtes Urtheil!+“
Wahrheitsliebend, rücksichtslos, unpartheiisch, rein von Eigenliebe,
frei von Vorurtheil, abgewandt vom Scheine, auf die Sache gerichtet
soll das Auge unseres Geistes sein, wenn wir Reden und Thaten Anderer
beurtheilen, besonders in religiöser Beziehung. Prüfen wir uns selbst,
und zwar genau! -- -- -- Oder wollen wir noch nach 18 Jahrhunderten
die Parabel vom Splitter und Balken in und an uns selbst wiederholen??

       *       *       *       *       *

Lehrreich im hohen Grade ist es immer, so oft die Zeitgenossen unseres
Herrn über die Erwartung des +Messias+ ihre Meinung abgeben. Da zeigt
es sich recht klar, welchen schädlichen Einfluß die verkehrten Lehren
der Pharisäer auf die Auslegung der eben so einfachen als erhabenen
Weissagungen der Propheten hatten. Anstatt die auf den Messias Bezug
habenden Stellen zusammenzutragen, mit Sorgfalt, Umsicht und Ehrfurcht
zu vergleichen, und daraus das Bild des Sohnes David’s und seines
Reiches zu entwerfen, giengen sie mit +vorgefaßten Meinungen+ an dieses
wichtige Unternehmen, +und suchten diese aus der heiligen Schrift zu
bestätigen+. Schielende, halb wahre, auf selbst ersonnene Ansichten
sich stützende Schullehren, der damaligen unangenehmen politischen
Lage nachgebildete Ansichten, eitle Wünsche ihres verdorbenen Herzens
-- dieß waren die Grundlagen dessen, was sie vom Messias lehrten,
und mit Schriftstellen, wie mit Purpurlappen, umhängt, dem Volke als
einzige und ewige Wahrheit anpriesen und einprägten. Je sinnlicher,
dem Eigennutzen und Nationalstolze schmeichelnder diese Lehre war,
desto lieber hörte man sie, desto mehr Eingang in Kopf und Herz fand
sie, weil der eigene innere Zustand vollkommen damit harmonirte.
Unerträglich aber, irrig, ärgerlich und gefährlich schien die Art
und Weise, wie Johannes und Jesus die Lehre vom Messias behandelten.
Welch’ ein Gegenstoß zwischen Gott und den Menschen in ihren Ansichten!
Allein reine Wahrheit und gleißende Lüge können unmöglich anders sich
verhalten.

Wenn man nun Einwohner von Jerusalem, bei denen sich solche Vorurtheile
aus sehr begreiflichen Ursachen am meisten festsetzten, so sprechen
hört: „+Von diesem wissen wir, woher er ist; wenn aber Christus
kommt, weiß Niemand, woher er ist+;“ zu welchen Betrachtungen wird
man da nicht veranlasset? Wer erkennt nicht auf den ersten Blick das
menschliche Machwerk dieser Lehre? Wo hatten die Propheten so ins
Blaue hineingesprochen? Freilich gaben sie Fingerzeige auf eine mehr
als irdische Abkunft und Größe des Messias; aber nicht auf eine solche
vieldeutige Art. --

       *       *       *       *       *

Simon, als er das Kind Jesus in seinen Armen hielt, hatte weissagend
gesprochen: „Dieser ist gesetzt zum Zeichen, dem widersprochen wird“
-- „damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“ Man vergleiche
mit diesen Worten des von Gott begeisterten Greisen die Erzählung des
Evangelisten: „Viele aus dem Volke glaubten an ihn, und sprachen:
Christus, wenn er kommt, kann er wohl mehr Zeichen thun, als dieser
gethan hat? Die Pharisäer hörten, daß das Volk dieses von ihm murmele;
da schickten die Pharisäer und Hohenpriester Gerichtsdiener ab, daß
sie ihn ergreifen sollten.“ War es möglich, den Widerspruch gegen
Jesus und gegen sich selbst weiter zu treiben? Ein Theil des Volkes,
welcher noch am Geiste nicht verkrüppelt und im Herzen von Heuchelei
nicht angesteckt war, verehrte in Jesus nicht nur den Propheten,
sondern den Messias selbst, +weil er mit göttlicher Lehre göttliche
Thaten verband+. Allein eben darin erkannten die Vorsteher und Führer
der Nation einen Grund, ihn zum Tode zu bringen, als Betrüger und
Volksverführer. Wer von beiden hatte nun den Balken im Auge? Die
Pharisäer konnten das Sonnenlicht der Wahrheit und Liebe, welches
von dem Sohne Gottes segenreich sich über Israel verbreitete, nicht
ertragen, weil es den düstern Kerzentag ihrer irdischen Weisheit
überstralte. Sie selbst glaubten die Sonne zu sein, um welche sich
Erde, Mond und Sterne in demüthiger Entfernung bewegen sollten. Neid,
Furcht und Erbitterung mußten daher den höchsten Grad erreichen, als
sie sahen und hörten, daß viele Menschen bereits anders dachten, und
den Zimmermannssohn über ihre alten, verordneten Lehrer erhoben. Wie
hätten sie sich da anders helfen können, als mit Gefangenschaft und Tod
des gefährlichen Mannes? Wenn er den Augen des Volkes entrissen ist,
dachten sie, wird er bald vergessen sein, und unser Ansehen wird sich
dann von neuem befestigen.

Als aber der Anschlag mißlang; als die Gerichtsdiener mit leeren
Händen zurückkamen; als sie sich mit der unwiderstehlichen Kraft der
Wahrheit, die von seinem Munde floß, entschuldigten; wie scheußlich
öffnete sich da der böse Schatz ihres tückischen Herzens? Was sprachen
sie aus der Fülle desselben? -- „+Habt auch ihr euch verführen lassen?
Glaubt auch Jemand von den Vorstehern oder von den Pharisäern an ihn?
Sondern dieser Pöbel da, der das Gesetz nicht kennt -- -- verflucht
sind sie!+“ -- Entsetzliche Worte! Eine solche Sprache führen die
+Richter+ Israels, da sie Lehren und Thaten eines göttlichen Mannes
nach Wahrheit unpartheiisch prüfen sollten?! Solche wilde Ausbrüche
der niedrigsten Leidenschaft erlauben sich die +Meister+ Israels,
die vor den Augen des Volkes als Muster der Einsicht, Frömmigkeit und
Heiligkeit glänzten und schimmerten?! Weil Jesus +ihren+ Ansichten,
+ihren+ Erwartungen, +ihren+ Wünschen nicht entsprach; weil er sein
Ansehen nicht von +ihnen+ borgte; weil er anders lehrte und handelte,
als +sie+ es wollten: so wird er nur geradezu für einen „+Verführer+“
erklärt, mochte auch das innigste Wahrheitsgefühl und der ganze Himmel
göttlicher Kräfte für ihn zeugen. Wer kann das Maaß des Stolzes und
der Herrschsucht bestimmen, welche aus der Anmaßung sprechen, daß das
Volk nicht anders glauben dürfe, als die „+Vorsteher+ und +Pharisäer+?“
Welch’ ein Gewissenszwang! Welch’ ein eisernes Joch! Nicht Wahrheit
der Lehre, nicht Göttlichkeit des Lebens und der Wunder, nicht
unwiderstehliche Ueberzeugungsfülle des Kopfes und Herzens redlicher
Menschen -- Nichts von allem -- +ihr Ansehen, ihr Wille, ihre Meinung+
entschied, obgleich +sie+ beinahe die leibhaftige Lüge selbst waren.
Wem schaudert nicht? -- --

Armes, unglückliches Volk! du mußt dir deine +Unwissenheit im Gesetze+
zum Vorwurfe machen lassen; und von wem? Von denen, welche sich deine
Hirten, Führer und Lehrer nannten; von denen, welche vor deinen Augen
und Ohren mit ihrer Schrift- und Schulgelehrtheit sich breit machten,
und dir von ihrer, wie sie behaupteten, reich besetzten Tafel geistiger
Gerichte so wenig zukommen ließen, als jener reiche Mann dem armen
Lazarus. Welch’ ein Grad von Bosheit und Heuchelei gehörte dazu, es dir
für ein Verbrechen anzurechnen, wenn du hungerig und durstig anderswo
Sättigung fandest -- und zwar „Brod aus dem Himmel“ und lebendiges
„Wasser“ -- bei Jesus von Nazareth?! Aber eben deßwegen trifft
dich der +Fluch+ deiner Lehrer und Vorsteher, weil du nicht länger
ihre unverdaulichen Speisen verschlingen oder gar darben wolltest.
Welche tiefe, herzzerreißende Wahrheit liegt in den Worten des
Evangelisten[15]: „Jesus ward innigst gerührt über sie; denn sie waren
verschmachtet und zerstreuet, wie Schaafe, die keinen Hirten haben!“

Nikodemus, der sonst so schüchtern war, konnte den empörenden Auftritt
nicht mehr aushalten; das lebendige Gefühl für Wahrheit und Recht,
welches ihn beseelte, gab ihm Muth, die hohe Versammlung auf ihre
übereilte Hitze und Partheilichkeit aufmerksam zu machen. Wahrlich
ein Licht am finstern Orte, dessen reiner Strahl für das Geistesauge
um so lieblicher und willkommener ist, je tiefer und stürmischer die
Nacht der Leidenschaften den Zuschauer umhüllt! Allein sein edler Sinn,
sein besonnenes Wort, seine schonende, kluge Warnung macht nur die
Verkehrtheit der Andern noch bemerklicher. Nicht nur richtete Nikodemus
nichts aus; er selbst wurde mit dem brandmarkenden Sektennamen des
„+Galiläers+“ belegt, und wie sie wähnten, widerlegt. Zuletzt schloß
sich die Scene, wie sie eröffnet worden war -- mit Scheingründen,
welche der bitterste Haß angab: „+Aus Galiläa ist noch kein Prophet
aufgestanden+“ -- also +wird+ keiner auferstehen; also +kann+ Jesus
kein Prophet sein! Eine Schlußart, die solcher Meister im Heucheln und
Verfolgen würdig ist!

War denn Jesus ein +geborner+ Galiläer? Hielt es gar so schwer, der
Wahrheit durch Nachfrage auf die Spur zu kommen? Oder ließ es die
schriftgelehrte Erbitterung und der beleidigte Stolz nicht zu? Auf
jeden Fall bleibt es merkwürdig, wie Gott auch diesen Umstand der
verkannten Geburt seines Sohnes zur Probe der reinen Wahrheitsliebe,
die nicht an Zeit und Ort hängt, machte, und zur Erreichung seines
göttlichen Planes benützte.

„Und ein Jeder gieng in sein Haus.“ Lassen wir uns dieses sein Symbol
geistiger Einkehr bei und in uns selbst sein, um über diese wichtigen
Vorfälle vor Gott nachzudenken -- +um unser selbst willen+!



XIV.

Die Pharisäer und die Ehebrecherin vor Jesus.[16]


Was der heilige Sänger von der Sonne mit frohem Jubel ausspricht:
„Sie stralt hervor, wie ein Bräutigam aus seinem Zimmer, und freudig,
wie ein Held, durchläuft sie ihre Bahn;“ dasselbe gilt in einem noch
viel höhern Sinne von Jesus, bei der rastlosen Vollendung seines
Erlösungswerkes. Jeden Morgen gieng er mit unerschöpfter Kraft,
mit nie zu ermüdender Beharrlichkeit, mit dem heitersten Eifer an
seinen Beruf, den Menschenkindern den „Willen seines Vaters bekannt
zu machen“ „und Gutes zu thun.“ So fand er sich auch an dem Tage
nach dem Laubhüttenfeste mit Tagesanbruch im Tempel ein; denn sehr
wahrscheinlich hielten sich noch viele Festpilgrimme zu Jerusalem auf,
und traten erst an diesem oder dem folgenden Tage ihre Rückreise an.
Diesen wollte er noch durch Lehren eine göttliche Wohlthat erweisen.
Sonst war es eben nicht seine Gewohnheit, lange in der Hauptstadt zu
verweilen.

Aber auch seine Feinde schliefen und schlummerten nicht. Jesus konnte
kaum thätiger auf Menschenwohl bedacht sein, als sie auf seinen
Untergang. Heute waren die Pharisäer schon sehr frühe daran, ihn
endlich einmal in ihr Todesnetz zu verstricken. Daß es nicht gelang,
war gewiß nicht ihre Schuld; sie thaten alles, was teuflische List und
Bosheit im Gewande des Gesetzeseifers vermochte.

Eine Frau wurde auf frischer That als Ehebrecherin ertappet. Die
Pharisäer liessen sie sogleich ergreifen, und führten sie nicht vor
den Richter, sondern zu Jesus; denn blitzschnell hatten sie in ihr
ein Mittel entdeckt, unserm Herrn eine Falle zu legen, die beinahe
unvermeidlich und doch so trefflich verkleidet war, daß Niemand, der
nicht tiefer sah, daran das Werk der niederträchtigsten Leidenschaft
erkennen konnte.

Moses hatte auf den Ehebruch den Tod durch Steinigung als Strafe
gesetzt. Dieß galt auch noch zu den Zeiten Jesu; nur durften die
Richter die Todesstrafe nicht mehr vollziehen, ohne die Genehmigung
des römischen Landpflegers, weil der Kaiser sich als Landesherrn
betrachtete. Hätte nun Jesus den Ausspruch gethan, sie sollten nur ohne
weitere Umstände die im Gesetze bestimmte Strafe vollziehen, so wären
sie zu Pilatus gelaufen, und hätten ihn als Empörer gegen des Kaisers
Gebot angeklagt, während sie dieselbe Erklärung an jedem Andern als
ächten Patriotismus, als heiligen Eifer für Gottes Gesetz, als gerechte
Verachtung der heidnischen Herrschaft über das Volk Gottes gerühmt
und sich eines solchen Helden gefreuet haben würden. Die Geschichte
bestätiget dieß auf mehr als Einem Blatte. Gemäß der bekannten Strenge
in sittlicher Hinsicht hatten sie auch wahrscheinlich keine andere
Entscheidung von Jesus erwartet. Wurden sie aber auch in dieser schönen
Hoffnung getäuschet, so stund ihnen doch noch ein Weg der Verfolgung
gegen den Galiläer offen. Hätte nämlich Jesus sich dahin geäußert, daß
sie die Ehebrecherin zwar steinigen, aber zuvor die Bestätigung des
Pilatus einholen sollten, so würden sie ihn unter dem Volke als einen
von dem väterlichen Glauben und Gesetze Abtrünnigen, als einen Freund
und Beschützer aller Sünder und Aergernisse, als einen Schmeichler und
Partheigänger der Römer verschrieen haben. Wie fein war also nicht das
Netz gestellt!

Betrachtet man aber die Sache von einer andern Seite; wie viel Schein
des Guten hatten die Pharisäer für sich? Verdiente nicht vor allem
ihre Wachsamkeit gebührendes Lob, durch welche es ihnen gelungen war,
diese schändliche That zu entdecken? Gaben sie dem Volke nicht einen
sprechenden Beweis, daß sie seinen Lieblingslehrer selbst hochschätzen,
da sie ihm einen so wichtigen Fall zur Entscheidung vorlegten? Legten
sie nicht Eifer, Muth und Beharrlichkeit an den Tag, dadurch daß sie
Moses Gesetz selbst in den Tagen der Unterdrückung aufrecht zu erhalten
strebten? Wer kann zweifeln, daß sie nicht auch das Aeußere -- Worte,
Mienen, Stellung -- so abgemessen und einstudirt hatten, daß nicht so
leicht Jemand ihre Tücke ahnen konnte?

„Jesus aber bückte sich nieder, und schrieb auf die Erde.“ -- Ein
Zeichen der Unaufmerksamkeit auf ihre vorgelegte Frage, wodurch er
zu verstehen gab, daß er weder von dieser Sache etwas wissen, noch
sie entlarven und beschämen wollte. Allein sie verstunden ihn nicht,
und mochten dieses sonderbare Benehmen für Unentschlossenheit und
Verlegenheit halten; um so mehr fühlten sie sich in ihrer geheimen
Freude aufgemuntert, auf eine entscheidende Antwort zu dringen. Diese
ward ihnen: „+Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe zuerst den Stein
auf sie!+“ -- Das traf, wie ein Blitz vom heitern Himmel. Betäubt,
stumm und starr vor Schrecken, Schaam und Zorn stunden jetzt die
Musterbilder der Heiligkeit da; ihre geheime Schande lag vor Aller
Augen enthüllet; aufgedecket war die tückische Bosheit bei Vorlegung
der Frage; entschieden hatte Jesus, daß sie nicht die Sünderin
strafen, sondern ihm eine Falle legen wollten; darum zeigt er, +daß
sie im gleichen Falle mit der Ehebrecherin seien; daß sie zuerst sich
selbst steinigen müßten+. Wider alle Erwartung und Wünsche drang ihnen
Jesus dieses Mal einen Beweis seiner göttlichen Sendung auf, der nun
so unwiderleglicher war, da er in +ihrem Gewissen+ einen lauten,
unabweislichen, unfehlbaren Zeugen fand. Es war nicht nöthig, ihre
Sünden auf den Boden zu schreiben[17]; sie waren mit unauslöschlichen
Zügen in die Tafel ihres Herzens gegraben; und da ließ sie Jesus
lesen, was sie nicht wollten, und was Niemand wissen konnte, als der
Herzenskenner. Läugnen und widersprechen gieng bei aller sonstigen
Dreistigkeit nicht an; sie waren zu gut getroffen, zu tief verwundet;
+sie schlichen sich Einer nach dem Andern davon+ -- und hinterließen
den Heuchlern aller Zeiten ein warnendes Beispiel, was sie von dem,
der „die Wahrheit ist“, und der „Herz und Nieren prüfet“, zu erwarten
haben, wenn sie auch ihre schwachen Brüder -- die Menschen täuschen.



XV.

Die Pharisäer untersuchen gerichtlich die wunderbare Heilung des
Blindgebornen.[18]


Licht und Finsterniß, Wahrheit und Lüge treten dießmal in einem
wunderbaren Kampfe auf; kaum läßt uns eine andere Begebenheit des
Evangeliums tiefer und deutlicher in das Labyrinth heuchlerischer
Verblendung und Verkehrtheit blicken; aber kaum zeigt uns auch eine
Geschichte der Zeit Jesu auffallender die unbesiegbare Kraft der reinen
Liebe zur Wahrheit. Daher muß jeder Zug dieses herrlichen Gemähldes
unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln.

„Wer hat gesündiget? Dieser oder seine Aeltern, daß er blind geboren
wurde?“ Welche Frage? Wer hätte sie von den Jüngern unseres Herrn
erwartet? Es war noch pharisäischer Sauerteig, der in ihrem Herzen
gährte; in der Synagoge war er hineingelegt worden. So licht- und
lieblos konnten nur Pharisäer urtheilen; sie lehrten, daß alles Uebel
von besonderer Art wohlverdiente Strafe früher begangener Sünden
sei; ja, daß an Kindern die Vergehungen der Aeltern bestraft würden;
noch mehr, daß Jemand schon vor seiner Geburt, in einem frühern
Lebenszustande, könne gesündiget haben, und jetzt dafür leiden müße.
Damit war nun der +Gewissensrichterei+ ein weites Thor geöffnet; das
gemeine Volk lernte diese empörende Sprache nur zu bald führen, weil
sie den kürzesten Aufschluß in jedem Falle gab. Ueber der Heuchellehre
anmaßender Selbsterfinder vergaß man +Gottes Wort+, welches laut
bezeugte, daß +Hiob+, +Joseph+, +David+, +Jeremias+, viele Andere,
gelitten hatten -- nicht, weil sie in jedem Falle Sünder waren, sondern
weil Gott sie liebte und prüfte. Unter dem Lärm gelehrter Schreier
verscholl fruchtlos die Stimme +Ezechiels+, durch welchen Jehova
gesprochen hatte[19]: „+Die Seele, welche sündiget, soll sterben.
Der Sohn soll nicht tragen die Missethat des Vaters.+“ War es nicht
gerechte Strafe von Gott, wenn er solche „blinde Führer“ in die Irre
gehen ließ, daß sie eher eine Art +heidnischer Seelenwanderung+ zur
Erklärung des Uebels zu Hülfe nahmen, als Belehrung aus +ihres Gottes
Wort+ und +That+ schöpften?

In himmlischer Verklärung trit auch hier das Evangelium mit seinem
reinen Gottesglauben der doppelherzigen Heuchelei gegenüber. „Weder
dieser hat gesündiget, noch seine Aeltern; sondern +Gottes Werke
sollten an ihm offenbar werden+.“ Freilich eine ganz andere Auflösung
des Knotens, als die pharisäische! Gott ließ diesen Mann blind geboren
werden, damit er durch die Heilung desselben mittelst seines Sohnes
verherrlichet würde. Der Vater im Himmel behandelt seine Kinder nicht
nach dem erträumten Strafcodex sauertöpfischer Heuchler, sondern er
leitet sie in unendlicher Liebe zu seines Namens Ehre. Wenn anders die
Worte unsers Erlösers zu unserer Belehrung und Anweisung gesprochen
sind: so dürfen wir es als unbezweifelten Grundsatz der göttlichen
Regierung auch heute noch annehmen, daß Unglückliche in der Welt
sind, damit der +Sohn+ des Vaters Werke -- Erbarmung, Rettung, Liebe
-- an ihnen mit göttlicher Macht und Weisheit thue, und damit die,
+welche dem Sohne angehören+, in ihrem Kreise und nach ihren Kräften
+deßgleichen thun+. Welch’ ein Trost für den Elenden! Welch’ eine
Aufmunterung für den Glücklichen! Welch’ eine Schande für den Heuchler!
--

Diese Schande muß bis zum Erblassen und Erstarren, so wie jener Trost
bis zum Frohlocken und Jubel steigen, wenn man den Sohn Gottes sein
+Werk Gottes am Sabbate+ schon zum voraus rechtfertigen höret. Die
Aufträge der Liebe seines Vaters gegen seine Kinder gestatten keinen
Sabbat, sondern müßen an jedem Tage, zu jeder Stunde, wo es seyn
kann, vollzogen werden. Die Sonne erquicket und erfreuet nach ihres
Schöpfers Willen alle Tage die ganze Natur; so handelt auch Jesus,
die Sonne der Gerechtigkeit für die Geisterwelt. Es wäre Entheiligung
seiner Bestimmung auf Erden, wenn er im pharisäischen Sinne Sabbatsruhe
halten, frömmelnde Gebete sprechen, und die Unglücklichen schmachten
lassen würde. -- -- Haben nicht auch die Menschen Werke Gottes in Liebe
jeder in seinem Kreise zu verrichten? Sind nicht alle zu Lichtern der
Welt berufen? Sollen, dürfen sie da ausruhen vom Gutesthun? Dürfen sie
der Welt je ihr Licht entziehen? Heuchler! könnet ihr es vergessen, daß
„+eine Nacht kommt, wo Niemand wirken kann+?“ -- --

Der Blindgeborne wandelt ohne Führer frohlockend durch die Straßen
Jerusalems. Viele Menschen bemerken ihn, staunen, zweifeln, lassen sich
die Wahrheit seines Sehens von ihm selbst bestätigen -- und gerathen
in wilden Eifer, als sie hören, daß und wie ihn +Jesus+ am +Sabbate+
sehend gemacht habe. „Wo ist der --?“ fragten die pharisäisch gesinnten
Frommen mit drohender Gebehrde, die zu verstehen gab, daß er von ihnen
nichts geringeres als Steinwürfe für diese Wohlthat zu erwarten habe.
Steinwürfe als Belohnung eines Wunders? -- Warum denn nicht? Welche
Feier des Sabbates war wohl solcher Leute würdiger, als die durch
tumultuarischen Menschenmord zur Ehre ihres entstellten und verkannten
Gesetzes? +Kinder des Vaters der Lüge und des Mordes+ -- dafür
hatte sie die ewige Wahrheit selbst erklärt -- prahlten sie mit den
prunkenden Tituln: „+Kinder Abrahams+, Kinder Gottes“, und verleugneten
diesen und jenen im Leben durch Wort und That. Hatten sie doch kurz
zuvor an +eben diesem Sabbate+ Jesus +im Tempel steinigen+ wollen,
weil er sich für den ewigen Sohn Gottes etwas räthselhaft erklärt.
Kaum entgieng er ihren gesetzeseifrigen Händen[20]. Jetzt sollte er
nicht mehr entkommen, weil er himmlische Wahrheit der Lehre noch durch
eine wunderbare Wohlthat zu besiegeln und zu verstärken sich erkühnte.
Welche tiefe Bedeutung erhält nun ihre Frage: „Wo ist der --?“

Leidenschaft macht blind; Einseitigkeit religiöser Ansichten mit
unerleuchtetem Eifer erzeugt Ungerechtigkeit, die man für Gottesdienst
hält. Einen Beleg dazu liefert das, was jetzt mit dem Blindgebornen
erfolgte. Da er nicht angeben konnte, wo Jesus sei, so nahmen die
Fragesteller dieses für bösen Willen und für geheimes Einverständniß
mit dem verhaßten Lehrer; sie fanden daher ihn wegen seiner
Anhänglichkeit an Jesus eben so schuldig, als diesen selbst, und
führten ihn vor ein Gericht schriftgelehrter Pharisäer, um Untersuchung
wegen Sabbatsverletzung über ihn zu veranlassen. Sollten sie für diesen
kräftigen Beweis ihrer Anhänglichkeit an das Gesetz so ganz ohne
wortreiche Lob- und Segenssprüche entlassen worden sein? -- --

Der arme Blindgeborne! Kaum hat er durch ein Wunder das Tageslicht
erblickt; kaum der schönen Welt seines Gottes einige Augenblicke sich
gefreuet; noch ist sein gutes Herz trunken von Jubeldank und Liebe;
noch haben seine Augen den Retter nicht gesehen -- und schon wird er
angefeindet, verfolgt, vor Gericht gezogen um Jesus willen! Noch vor
wenigen Stunden hatte ihn wohl mancher Pharisäer als einen wegen seiner
Sünden von Gott Geplagten verachtet; jetzt wird er eben von solchen
Menschen des größten Verbrechens beschuldiget, weil Gott ihm durch
Jesus geholfen hat! Welche Gefühle und Gedanken fliegen in ihm auf, als
er das erstemal eine Versammlung von Menschen, und in ihnen bereits
seine Feinde erblickte? Doch ein edles Gemüth, innig und lebendig von
Wahrheit und Liebe ergriffen, findet sich überall zu recht. Einfach und
bescheiden, aber auch bestimmt und fest beantwortet er die erste Frage
über seine Heilung.

Wie der Blitz in einer grauenvollen Gewitternacht die Gegend in ein
klares, aber zu plötzliches und schauerliches Licht versetzt: so
wirkte der Geradsinn und die Wahrheit in der Antwort dieses Mannes
auf die düstern Herzen der Heuchler. In einem Nu verwandelt sich die
Scene; nicht mehr der Sabbat und seine Heiligkeit, noch weniger der
Blindgeborne und das an ihm geschehene Wunder, sondern +Jesus einzig
und allein+ ist jetzt der Gegenstand, der ihren Geist und ihr Gemüth
fesselt; entschieden, obwohl unbewußt, trit es hervor, das nicht
die Sache, sondern seine Person in Untersuchung kommen soll; der
böse Schatz des Herzens thut sich auf: „+Dieser Mensch ist nicht von
Gott, weil er den Sabbat nicht hält.+“ Jesus hat Erde mit Speichel
gemischet, die Augen des Blinden damit bestrichen, diesem noch einen
weiten Gang und eine Waschung aufgebürdet -- also hat er +gearbeitet+
und Arbeit +befohlen+; also den +Sabbat geschändet+; folglich ist
er ein Sünder, mithin +kein göttlicher Gesandte+! Eine treffliche
Schlußreihe! Zuerst macht man eine beliebige Auslegung der Heil.
Schrift zur Grundlage; dann zieht man eben so willkürliche Schlüsse aus
entstellten Thatsachen, schmiedet diese mit Schriftworten zusammen, und
verurtheilt den Heiligsten und Gerechtesten als den größten Verbrecher
und Betrüger! Das von Neid, Haß und geistiger Herrschsucht kranke
Auge schielt weg über die Kraft Gottes auf Umstände und Nebendinge,
ärgert sich ohne Grund der Wahrheit an diesen, und verabscheuet die
That und den Mann, weil dieser sich keine von Menschen erfundene Form
aufzwängen läßt, sondern ein natürliches Gewächs in Gottes Garten sein
will.

Doch nicht Allen gefiel dieses Urtheil. Bei Manchen regten sich
Bedenklichkeiten und Zweifel an der Wahrheit desselben. Es klang ihnen
gar zu sonderbar, das Wunder als wirklich geschehen dahingestellt sein
zu lassen, und den Urheber einer göttlichen That für einen gottlosen
Menschen zu erklären. Die Sprache leidenschaftlicher Uebereilung war
hier zu kennbar. Sie machten daher auf das Unzusammenhängende und
Widersprechende aufmerksam. Dieß hatte eine Theilung der Meinungen
zur Folge, welche die Versammlung zu einem höchst sonderbaren
Schritte verleitete. Der Blindgeborne sollte sein Urtheil über Jesus
abgeben, und sich darüber aussprechen, daß Jesus diese Heilung eben
am Sabbate vorgenommen habe. Die brennende Begierde unsern Herrn auf
irgend eine Weise in eine Schuld zu verwickeln, ließ die guten Männer
ihren gelehrten Stolz, ihre richterliche Würde und ihre erkünstelte
Rechtschaffenheit auf einige Augenblicke so ganz vergessen, daß sie
von einem gemeinen Manne Belehrung über eine so wichtige Sache, von
einem Angeklagten ein Urtheil, von einem wunderbar Geheilten Undank
gegen seinen Retter erwarteten. Dieß thaten die frommen Lehrer Israels
-- am Sabbate!! Wie mußten sie sich im Stillen schämen, als der
biedersinnige Mann mit edler Haltung sprach: „Er ist ein Prophet?“ Als
er darauf unbeweglich bestund, Jesus habe ein Wunder an ihm verrichtet,
also den Sabbat nicht verletzet, also nicht gesündiget; folglich habe
Gott ihn gesandt? Da lag ihre schlaue Sophistik, durch das reine
Wahrheitsgefühl und durch die innige, dankbare Liebe zu der Wahrheit
und zu ihrem Urheber von einem blind gewesenen Bettler besiegt,
schimpflich am Boden.

„Nun glaubten die Juden nicht, daß er blind gewesen und sehend geworden
war.“ Ein seltsamer Sprung! Nachdem sie mit ihren hochfahrenden
Urtheilen, mit scheinheiligen Verdrehungen und Verläumdungen, selbst
mit aller Niederträchtigkeit an der redlichen Standhaftigkeit des
Geheilten gescheitert waren, verwandelten sie sich plötzlich in
scharfsinnige Zweifler; jetzt erst fanden sie für nothwendig, sich zu
erkundigen, ob dieser Mensch auch wirklich blind geboren, ob nicht das
Ganze ein feiner Betrug sei. Anfangs war ihnen die That willkommen,
weil sie hofften, auf irgend eine Weise dieselbe zur Sabbatschändung
zu stempeln; als dieses nicht angieng, läugneten sie das Wunder. So
wechselt das heuchlerische Chamäleon alle Farben!

Die Aeltern des Blindgebornen wurden gerufen; der Sohn mußte abtreten;
jene kamen in die Versammlung, wurden gefragt, bestätigten vor Gericht
die Thatsache, daß dieser ihr Sohn blind geboren sei. Mehr wollten
sie nicht wissen. Gar erbaulich ist der Grund, welchen Johannes
für diese geflissentliche Unwahrheit angiebt -- +Furcht vor dem
Kirchenbanne+. Das Synedrium hatte nämlich einen Beschluß bekannt
gemacht, daß Jeder, welcher Jesus für den Messias bekennen würde, von
der Synagoge ausgeschlossen werden sollte. Mit Recht fürchteten daher
diese gemeinen Leute die Auslegungskunst dieser gelehrten Herren;
denn wie leicht war es, jede Sylbe die sie zu seiner Gunst auch nur
zu sprechen +schienen+, dahin zu +deuten+, daß sie dem Nazarener von
Herzen zugethan, ihn +äußerlich+ wenigstens für einen Propheten,
innerlich aber Zweifels ohne für den Messias hielten, also in den
Bann verfallen seien? Schelmisches Lächeln würde die Lippen des
Schriftgelehrten unausstehlich verzogen haben, wenn es ihm gelungen
wäre, an dem sichtbar mit Bedacht zweideutig abgefaßten Beschlusse
ein solches Pröbchen seiner Kunst zu geben. Fein und listig bleibt
die Wendung alle Mal, daß sie bloß verboten, „ihn für den Messias zu
erkennen.“ Daß er seine Lehren mit Wundern bestätigte, folglich ein
Prophet sei, war zu offenkundig, als daß sie es läugnen durften; daß
er für den Messias gehalten sein wolle, davon glaubten sie viele Spuren
entdeckt zu haben; endlich hatten sie schon öfter bemerkt, wie geneigt
die erstaunten und begeisterten Schaaren seien, ihm diese höchste
Würde beizulegen. Es blieb also keine bessere Auskunft übrig, als bei
harter Strafe einen solchen entscheidenden Schritt jedem Einzelnen zu
verbieten, und sich die Hinterthür offen zu lassen, entweder diese
Entscheidung selbst zu geben, wenn +ihre+ Erwartungen vom Messias an
ihm in Erfüllung giengen, oder seinen und des Volkes Plan wo möglich zu
vereiteln. Im ersten Falle hätte man ihre weise Vorsicht -- eigentlich
schön verkleidete Gewissensherrschaft, loben müßen; im zweiten wollten
sie jeden Widerspenstigen ihren starken Arm fühlen lassen, d. h. Gott
widerstreiten. Die Schlauen wurden aber in ihrer eigenen List gefangen;
und dieß ist vom Herrn geschehen!!

Das Verhör mit den Aeltern war eben so fruchtlos, wie das mit dem
Sohne. Bei diesem konnten die Pharisäer ihr verläumderisches,
voreiliges Urtheil nicht durchsetzen, weil sie selbst nicht einig
waren; bei jenem fanden sie eine Bestätigung, statt einer Widerlegung
des Wunders. Wenn ein Sterblicher in dieser Stunde das Innere dieser
Unglücklichen hätte durchschauen können, wie würde er sich entsetzt
haben über dem wilden, ungestümmen, greulichen Kampfe des in den Banden
der Sophistik schmachtenden Wahrheitsgefühles und des mit Gewalt
unterdrückten Gewissens mit der in Schlangenkrümmungen sich windenden
Heuchelei und mit zügellosem Hasse, Neide und Stolze? und doch war
der letzte Auftritt noch nicht erfolgt; noch stund Aergeres bevor.
Jesus konnte, durfte und sollte das Wunder nun einmal nicht verrichtet
haben; es war unannehmbar, unglaublich, unmöglich, +weil er nicht ihr
Mann war+. In solchen Fällen ist +Gott zu Ehren+ das Schlimmste zu
vermuthen, zu behaupten, zu thun erlaubt in den Augen des Heuchlers.
Folgen wir der Geschichte, damit diese beweise, daß man den Pharisäern
nicht leicht zu viel Böses zutrauen könne!

Das zweite Verhör begann mit den Worten: „+Gieb Gott die Ehre!+“ --
Was soll diese heilige Formel an der Spitze? Mehr nicht, aber auch
nicht weniger, als: Du bist bisher nicht ganz aufrichtig gegen uns
gewesen: noch hast du uns manchen Nebenumstand von Bedeutung verborgen;
denke, du stehest vor Gott, dem Allwissenden; darum sage die Wahrheit,
d. h. mache durch eine wohlangebrachte Lüge Jesus zu Schanden, um
unsere Ehre zu retten. Empörend; aber noch nicht genug! „+Wir wissen,
daß dieser Mensch ein Sünder ist.+“ -- +Wir!?+ Also auf +ihr Wort+
sollte der Blindgeborne seine auf +Gottes Kraft und Geist+ gegründete
Ueberzeugung aufgeben? Hatte ihr bisheriges Betragen ihm so viel
Zutrauen einflößen können? Warum gaben sie Jesus für einen Sünder
d. h. für einen Irrlehrer und Betrüger aus? Weil er nicht zu ihren
Füßen saß, und die Lehren der Alten hörte; weil er den Sabbat nicht
heiligte, wie sie, sondern wie Gott, sein Vater; weil er den Buchstaben
des Gesetzes übertrat, um den Geist zu befolgen. -- Von gerechtem
Unwillen ergriffen, gab der biedere Mann ihnen ihre Lieblosigkeit
deutlich genug, aber doch mit seltener Mäßigung zu verstehen. Ueber die
beleidigende Ansicht seiner persönlichen Gesinnung gieng er edelmüthig
weg; zeigte ihnen mit feiner, satyrischer Anwendung auf sich, wie sie
Jesus hätten beurtheilen sollen, und blieb unbeweglich dabei, daß er
blind gewesen, und durch den Propheten sehend geworden sei.

Diese Zurechtweisung wäre stark genug gewesen, um Menschen, welche
weniger erboßt und nicht so ganz an innere Schande gewöhnt waren,
verstummen zu machen; die Pharisäer aber wurden nur noch schamloser
und zudringlicher mit Fragen: „+Was hat er dir gethan? Wie hat er
deine Augen aufgethan?+“ Auf diesem Wege hofften sie wenigstens der
äußerlichen Schande zu entgehen, und ihre Ehre vor Menschen zu retten,
wenn der Blindgeborne bei so oft wiederholter Erzählung etwas weglassen
oder hinzusetzen würde, was ihnen Anlaß gäbe, die That und ihren
Urheber verdächtig zu machen. Welche Niederträchtigkeit!

Diese Bemerkung entgieng auch dem armen Manne nicht. Es ist wirklich
ein anziehendes Schauspiel, das Lamm mitten unter Wölfen mit so viel
Ruhe, Besonnenheit, Muth und Geistesgegenwart reden und handeln zu
sehen. Je schlichter sein Verstand, je unverdorbener sein Herz war,
desto tiefer und schmerzlicher empfand er die Tücke seiner Gegner.
Entschlossen weigerte er sich, die Erzählung zu wiederholen, und schloß
mit einer beißenden Gegenfrage: „Oder wollet etwa auch ihr seine Jünger
werden?“

Das gieng ihnen durch das Herz; sie sahen, daß der Mann ihre Arglist
durchschauet habe, und ergrimmten. Allein es war ein ohnmächtiger
Grimm, der sich höchstens in +Schimpfwörtern+ Luft machen konnte.
So sehr vergaßen sich die Meister Israels, die Vorbilder der
Rechtglaubigkeit und Frömmigkeit, die Richter über göttliche Thaten und
göttliches Leben!!! Moses Sendung von Jehova war jetzt ihr letzter
Anhaltspunkt; Moses Jüngerschaft ihr einziger Wunsch, ihr Stolz --
wer hätte dieses von den unumschränkten Vertheidigern der Satzungen
der Alten erwarten sollen? An Jesus können sie nur keine Spur einer
göttlichen Sendung finden.

„Eben darin liegt das Sonderbare, daß +ihr+ nicht wisset, woher er
ist &c.“ gab unvergleichlich schön und treffend der Blindgeborne zur
Antwort. Schärfer hätte er ihre Eitelkeit nicht züchtigen, tiefer
ihren schriftgelehrten Stolz nicht beugen können, als dadurch, daß er
das prunkende: „+Wir+ wissen“ mit einem solchen „+Ihr+ wisset nicht“
erwiederte. Sein mit allem Grunde empörtes Gefühl legte ihm einen eben
so kräftigen als kurzen und gehaltenen Verweis auf die Zunge. Wer
bewundert nicht die Herrschaft über sich selbst in solcher Lage? Wer
möchte ihm nicht um den Hals fallen für die Schutzrede, welche er so
bündig, so nachdrücklich, so unerschrocken seinem Wohlthäter hielt? Wer
verabscheuet nicht die Pharisäer, welche aufhörten, wie sie angefangen
hatten, indem sie auch ihn für „geboren in Sünden“ erklärten, während
sie allein die Reinen -- in +ihren+ Augen, -- waren und blieben? Wer
läßt sich nicht freudig mit dem Blindgebornen aus der Synagoge stoßen,
wo solche Versammlungen von solchen Menschen sind?

Evangelium! du Gottes Wort! Was für ein Strom von Licht, welche
Allmacht der Kraft, welcher Himmel von Seligkeit liegt in Dir! Was
hast du, Erlöser! mit Einer That aus diesem Blinden gemacht! Wie
bieder, wie gerade, wie bescheiden, wie mäßig, wie entschlossen, wie
gottbegeistert steht er da unter schlauen, verkehrten, unverschämten,
leidenschaftlichen, lichtscheuen, von der Hölle entflammten Heuchlern!
-- Und noch hatte der Verbannte seinen Retter -- den Sohn Gottes nicht
gesehen. Er sah ihn, fiel nieder, betete an -- +wir mit ihm+!!



XVI.

Beantwortung der Frage eines Schriftgelehrten über die Liebe.[21]


Schon der königliche Sänger spricht von Leuten, welche „segnen mit dem
Munde, und doch im Herzen fluchen,“ deren „Worte glatt, wie Oel, unter
deren Zunge Dolche sind.“ David lernte sie als seine furchtbarsten
Gegner kennen. Dieselbe Erfahrung machte unser Herr. Er hatte Menschen
um sich, welche seine Denk- und Redeweise einstudirten, sich ihm
mit verstellter Lernbegierde näherten, zur Verstärkung des Scheines
wohl gar ernstliche Sorgen für ihr Seelenheil blicken ließen, gar
demüthig um Belehrung über die wichtigsten Gegenstände baten -- alles
bloß in der boshaften Absicht, ihn bei solcher Gelegenheit in die
damals geführten Streitfragen zu verwickeln, und durch freimüthige
Entscheidung derselben verhaßt zu machen. So schlich sich einmal ein
Gesetzgelehrter an ihn heran, und trug die Frage vor: „Lehrer! was muß
ich thun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Schon die Ausdrücke sind
hier mit Sorgfalt und Bedacht gewählt. Jesus sprach gerne von +ewigem
Leben+, und bezeichnete damit den höchsten, vollkommensten Zustand,
welchen der Mensch in sittlicher und religiöser Hinsicht für Zeit und
Ewigkeit erreichen kann. Die heiligen Schriften des A. B. hatten sich
derselben Sprache schon bedient; aber aus den Schulen der geistlosen
Rabbinen war sie verbannt worden oder doch verdrehet. Sie stritten sich
lieber, selbst in ihren erbaulich sein sollenden Vorträgen an das Volk,
darüber, ob die Sitten- oder die Ceremonialgesetze den Hauptpunkt der
Gottes-Verehrung ausmachten; und die Zahl derer, welche sich für Opfer
und Gebräuche entschieden, war aus sehr nahe liegenden Gründen nicht
die kleinere, bei dem großen Haufen aber die beliebtere. Stellte der
Schriftgelehrte die Frage in der gewöhnlicher Schulform, so konnte er
nicht hoffen, Jesus in die Falle zu bringen; darum heuchelte er die
Sprache unseres Herrn, und glaubte nun, seiner Sache gewiß zu sein.
Ueberdieß war der Punct, wie man wohl sieht, von höchster Bedeutung; es
handelte sich um das Wesen der Religion. Die Frage selbst lautete so
allgemein und unbestimmt, daß die entgegengesetztesten Antworten statt
finden konnten.

Dazu wurde auch dem Gesetzgelehrten freier Spielraum gegeben. Er
mußte sich selbst in seiner Schlinge fangen. „Was steht im Gesetze
geschrieben? Wie liesest du vor“ -- in der Synagoge oder im Tempel?
Mit dieser Gegenfrage nöthigte ihn die göttliche Weisheit, die Antwort
selbst zu geben, und zwar aus dem +Gesetze+, nicht nach Lehrmeinungen
der Schule. Ganz im Sinne Jesu berief er sich auf die geistreichste
Schriftstelle, welche hier beizubringen war. Er hatte die Lehrart
unseres Herrn gut und richtig gefaßt, und wußte sich fein genug zu
wenden. Allein alle Schlauheit half nichts. „Du hast recht geantwortet;
thue das, so wirst du leben,“ hieß es, und damit hatte +Gottes Wort+
entschieden. Einwenden ließ sich nun eigentlich so geradezu nichts; das
fühlte der Schriftgelehrte nur zu gut. Für das Gegentheil stunden ihm
keine Schriftstellen zu Gebote. Aber er war nun in eine ärgerliche
Verlegenheit gerathen. Entweder mußte er den Verdacht auf sich ruhen
lassen, daß er gleiche Gesinnung mit dem Lehrer von Nazareth hege,
oder er gab sich auf einer andern Seite bloß, als uneingeweihter und
ungeschickter Vertheidiger seiner Schule. Doch half er sich noch
einiger Maaßen heraus durch eine neue spitzfindige Schulfrage: „+Wer
ist mein Nächster?+“ -- Spitzköpfige, engherzige Rabbinen hatten
auch da den hohen, reichen Sinn der heiligen Schrift sich und andern
verkümmert, dadurch daß sie unter dem Nächsten +nur den Juden+
verstanden wissen wollten. Dieser Lehre der Alten mit dürren Worten zu
widersprechen, war eben nicht ganz rathsam, schon um einen langen und
heftigen Streit zu vermeiden. Da stund unserm Herrn ein unfehlbares
Mittel zu Gebote -- die +Parabel+. In dieser lag die Antwort und der
Beweis, beide durch eine Geschichte anschaulich gemacht, so klar
und unwiderleglich, daß sie dem überraschten Schriftgelehrten das
Geständnis abzwang, „der, welcher Barmherzigkeit an ihm gethan hat“, d.
i. der +Samarite+ sei der +Nächste+ des +Juden+ gewesen. Nun konnte er
auch nicht mehr läugnen, daß die Liebe ächter Art weder an eine Nation,
noch an eine Religionsform, noch an einen Stand gebunden sei, sondern
dort walte, wo ein edles Herz sich finde, welches dem göttlichen Zuge
folgt. Schwer mag es allerdings den Rabbi angekommen sein, solche Dinge
einzuräumen, die mit seiner Lehre in geradem Widerspruche stunden; und
wohl wurde es ihm noch sauerer darum, weil seine Glaubensgenossen,
ein +Priester+ und ein +Levite+, die Gott und sein Gesetz so genau im
Kopfe hatten, eine gar schlechte Rolle spielten neben dem hochherzigen,
menschenfreundlichen Samariten.



XVII.

Ueber Heuchelei im Urtheilen.[22]


„+Heuchler! Das Ansehen des Himmels wisset ihr zu beurtheilen, aber bei
den Zeichen der Zeit vermöget ihr es nicht?+“ -- Auch bei dieser Stelle
glaubt man es unserm Herrn gewöhnlich auf sein Wort, daß et seinen
guten Grund gehabt habe, die Pharisäer Heuchler zu nennen; aber selten
bekümmert man sich darum, zu seiner eigenen Warnung und Belehrung, die
Ursache dieses Vorwurfes zu erforschen. Und doch liegt sie so nahe!

So viele und so große Wunder hatte Jesus bereits gethan vor den Augen
Israels. Waren dieß nicht kennbare und leicht verständliche +Zeichen
Gottes+ zu +ihrer Zeit+, die ihnen sagten, was jetzt geschehe, und
was bald kommen werde -- +das Reich Gottes mit seinem Sohne+? Gehörte
dazu mehr Schärfe und Tiefe des Verstandes, als zu den alltäglichsten
Wetterprophezeihungen? Wo fehlte es denn? Im +Herzen+; an +gutem
Willen+; an +reiner Liebe zur Wahrheit+. Die Natur sahen die Pharisäer
nicht als ihren Feind an; von ihr befürchteten sie nichts für ihr
System, für ihre Ehre oder für ihren Beutel. Ganz anders verhielt es
sich mit Jesus. Darum wurde ihr Geistesauge böse, neidisch, trübe; sie
sahen nicht an Jesu Lehren und Thaten, was sie am Himmel wahrnahmen --
+weil sie nicht wollten+. Obwohl die Zeichen so deutlich waren, als
Wolken, Farbe, Wind im Luftkreise, so verstunden sie doch davon so
wenig, daß sie von Jesus ein „Zeichen vom Himmel“ verlangten, d. h. ein
ungewöhnliches, recht viel Lärm und Aufsehen erregendes Spektakel. Ihr
triefäugiger Sinn und Verstand erblickte in den göttlich wohlthätigen
Heilungen Jesu nur etwas Gemeines, Alltägliches; sie argwöhnten sogar
-- wie in unsern Tagen -- nur Täuschung und Betrug. Ein klarer Beweis,
daß sie an Jesus ihren Mann nicht gefunden hatten, daß er bisher noch
gar nicht nach ihrem Sinn und Geiste gehandelt hatte; darum waren sie
auch nicht aufgelegt, ihn zu verstehen und anzuerkennen. Fand nun hier
nicht Tücke des Herzens, Krümmung der Seele statt? Entwickelte sich
nicht daraus nothwendig Verdüsterung der Erkenntniß? --

Doppelsinn im Herzen, getheilt zwischen Gott und der Welt, hinkend auf
beiden Seiten, ist der Heuchler nie im Stande, jede Sache in ihrem
natürlichen und wahren Gesichtspunkte zu fassen, und ein richtiges
Urtheil zu fällen. Diese Verkehrtheit im Urtheilen ist es auch, was
Jesus hier vorzüglich bestimmte, die Pharisäer der Heuchelei zu
beschuldigen. Davon überzeugt uns am besten die Verbindung, in welcher
die eben behandelte Stelle bei Lukas vorkommt. Das unserm Herrn
aufgedrungene Schiedsrichteramt, welches die unübertrefflichen Lehren
über Reichthum, Vertrauen auf Gott und Wachsamkeit veranlaßte; dann die
tiefen Bemerkungen über die entgegengesetzten Wirkungen der Stiftung
seines Reiches im Vorhergehenden geben mit dem folgenden Licht genug,
um uns zu zeigen, worinn nach dem Sinne Jesu Heuchelei des Urtheiles
bestehe. Wie lehrreich sind in dieser Beziehung die Erzählungen von den
hingerichteten Galiläern und von der Heilung der Frau am Sabbate[23]!
Man kann durch Vergleichung und Nachdenken daraus lernen, wie groß das
Gebiet der Heuchelei sei, wie tief ihre Wurzeln in das Innerste unseres
Herzens dringe, wie mannigfaltig sich ihre Erscheinung gestalte. Wer
soll sich zu Betrachtungen dieser Art nicht hingezogen fühlen, da
dieselben mit unserm Heile in so naher Verbindung stehen?



XVIII.

Verhalten der Pharisäer vor, bei und nach dem Einzuge Jesu zu
Jerusalem.[24]


In den letzten Tagen unseres Herrn nahm alles einen weit höhern
Schwung, einen viel raschern Gang; Thaten drängten sich auf Thaten,
Reden auf Reden. Noch ein Mal durchbrach die untergehende Sonne der
Gerechtigkeit die düstern Wolken des Hasses und der Verfolgung, und
leuchtete in ihrer ganzen Kraft und Herrlichkeit, um die Herzen der
Menschen für Wahrheit und Liebe zu entzünden. Aber auch die Werkzeuge
des Fürsten der Finsterniß verdoppelten ihre Kräfte, ließen boshafte
Ränke, tückische Arglist, offenen Haß und verbissenen Grimm in allen
höllischen Farben der Heuchelei spielen, und erhöhten dadurch die
Majestät des Glanzes, der vom Sohne Gottes ausgieng.

Zu Bethanien erscholl das Allmachtswort: „+Lazarus, komm heraus!+“
Und der Verstorbene kam heraus. Wer vermag den Eindruck dieser
erstaunlichen That zu beschreiben? Was mußte sich in den Herzen der
Maria und Martha und gleichgesinnter Zuschauer regen? Wie demüthigend
und erhebend zugleich werden sie die Nähe Gottes gefühlt haben? „Viele
von den Juden, die zu Maria gekommen waren, und sahen, was er that,
+glaubten an ihn+.“ Dieß waren keine gemeinen Leute, sondern angesehene
Männer aus der Hauptstadt. Bisher hatten sie sich nicht zu recht
finden können in Bezug auf die göttliche Sendung Jesu; aber dieser
außerordentliche Thatbeweis überwog alle Zweifel und Bedenklichkeiten;
sie wurden überzeugt, und bekannten ihre Ueberzeugung laut am Grabe.
An ihnen erfüllte sich das, was Jesus in seinem Dankgebete gesprochen
hatte.

Aber wer hätte es glauben sollen? Einige blieben ungerührt bei der
erhabenen, wahrhaft göttlichen That. Es waren wohl dieselben, welche
die unschätzbaren Thränen Jesu am Grabe seines Freundes mit ihrer
Lästerzunge begeiferten, und die lieblichen Worte bewegter Seelen:
„Siehe! wie lieb er ihn hatte!“ mit unmenschlicher Gefühllosigkeit als
Zeichen der schmerzlich gefühlten Ohnmacht des vorgeblichen Propheten
deuteten. „Konnte der, welcher die Augen des Blinden aufthat, nicht
machen, daß dieser nicht starb?“ -- Welche Herzen! Welche Gesinnungen!
Das war die fromme Bildung, welche die Pharisäer den ihrigen gaben! Wem
schaudert nicht vor dieser pharisäischen Gerechtigkeit, welche taub
gegen die Stimme der Natur, unempfindlich gegen die zartesten Rührungen
der trauernden Liebe, ausgelernt in boshafter Verdrehungskunst wüthende
Schlangenbisse des unversöhnlichsten Religionshasses in die Unschuld
der reinsten Menschlichkeit thut? Befremden kann es da freilich nicht
mehr, aber Entsetzen über den Abgrund der Verkehrtheit und Verhärtung
erregt es, wenn man lieset: „+Einige aber aus ihnen giengen hin zu
den Pharisäern, und sagten ihnen, was Jesus gethan hatte+.“ Wie mit
der erfreulichen Nachricht eines unerwartet entdeckten Verbrechens
eilten sie in die Hauptstadt, um anzusagen, der verhaßte Nazarener
sei plötzlich in Bethanien erschienen, und habe da schon wieder einen
Todten erwecket. Waren es gutmüthig dumme Werkzeuge der Pharisäer,
oder wußten sie, was sie thaten, und warum? In beiden Fällen bebt
der wahrhaft Gute zurück -- ein Mal vor der schrecklichen List und
Gewalt heuchlerischer Gottesgelehrter, und dann vor der furchtbaren
Selbstverblendung befangener, herzloser Systematiker, wie sie damals in
Judäa waren.

Welch’ ein großes Gewicht die Pharisäer zu Jerusalem auf diese Anzeige
legten, läßt sich daraus abnehmen, daß sogleich der hohe Rath sich
versammelte, um in seiner Weisheit zweckmäßige Maaßregeln zu ergreifen
gegen den kühnen Volksverführer. Dieß war wirklich der Standpunkt,
auf welchen sie ihre Leidenschaft gestellt hatte. Johannes lüftet
den Schleier, und läßt uns mehr als Einen Blick in das Geheimniß der
Bosheit thun. In ihre Berathungssaale legten sie, weil sie unter sich
und einander gleich waren, die Maske der Heiligkeit ab, und äußerten
ihre Gesinnungen unverholen: „+Was thun wir? Denn dieser Mensch thut
viele Zeichen.+“ Eine ganz andere Sprache, als die, welche · sie
vor den Ohren des Volkes führten: „Er treibt die Teufel nur durch
den Obersten der Teufel aus.“ -- „Was hat er dir gethan? Wie hat er
deine Augen aufgethan?“ Da leugneten sie die Wunder, oder wollten
wenigstens den Schein gründlicher und redlicher Zweifler haben. Jetzt
können und wollen sie nicht mehr läugnen, aber auch nicht glauben.
Sie gerathen in Verlegenheit; denn es liegt am Tage, daß Jesus Wunder
thut, Wunder sind aber nach ihrer eigenen Lehre Beweise göttlicher
Sendung; warum erkennen sie Jesus nicht als Propheten? Hat er etwa nur
Scheinwunder verrichtet? Auf denn! Entdecket den Betrug, entlarvet
den Verführer, und weiset das Volk zu recht! Fehlt es euch doch nicht
an kritischem Scharfsinn und feiner Verdrehungskunst; die Geschichte
des Blindgebornen beurkundet, daß ihr Sterne der ersten Größe am
allerneuesten exegetischen Himmel sein könntet --

„+Wenn+ wir +ihn gehen lassen, werden alle an ihn glauben+.“ Das war
ein Mal aufrichtig gesprochen; nicht die Lehre, nicht die Wunder
stunden ihnen im Wege, sondern die +Person+ Jesu und das allgemeine
große +Ansehen+, welches er sich ohne ihr Zuthun, ja gegen ihr Wollen
und Sträuben erworben hatte. Sich glaubten sie zurückgesetzt zu sehen,
ihr Ansehen zernichtet, ihre Lehrstühle entbehrlich gemacht, wenn
der Nazarener so viele Anhänger finde. Jesus hätte nicht nur ihre
Menschensatzungen, er hätte Moses und die Propheten angreifen und
umstürzen dürfen, wenn er nur Befreiung vom römischen Joche geprediget,
den Pharisäern geschmeichelt, ihnen hohe, einträgliche Stellen in
seinem Reiche versprochen hätte. Da er aber nur von Besserung, von
einem himmlischen Reiche, von Freiheit durch lebendige Wahrheit, von
Demuth und Selbstverleugnung, von reiner Liebe sprach, und dieß Alles,
ohne von ihnen dazu autorisirt zu sein: so konnte Gott mit dem ganzen
Himmel wohlthätiger Kräfte und Thaten an diesen selbstsüchtigen Frommen
nichts ausrichten; sie drückten die Augen zu vor dem Glanze seiner
Herrlichkeit; sie verhärteten ihr Herz gegen seine Vaterstimme; sie
stritten gegen Gott, um +ihre+ Religion zu vertheidigen.

Aber mit welchen Waffen wollen sie sich in diesen entsetzlichen Kampf
wagen? Mit geistigen nicht: diese haben sie nicht; sondern mit dem
Rüstzeuge dieser Welt. „+Dann werden die Römer kommen und uns Land
und Leute nehmen.+“ Höret ihr die staatsklugen Väter des Volkes? Da
sie unsern Herrn von sittlicher und religiöser Seite nicht mit Grund
anklagen, da sie seine Wunderthaten nicht leugnen oder widerlegen
konnten, so liehen sie seinem göttlichen Plane der Menschenerlösung
eine +politische+ Wendung. Durch den Glauben an Jesus war der Staat
bedroht. Eigentlich aber drückten sie sich nur zweideutig aus; denn
der +Staat+ -- das waren +sie+. -- -- Die Geschichte bestätiget es
unwiderleglich, daß nach dem Tode unseres Herrn die fanatischen
Pharisäer sich von den schlechtesten Betrügern, als vorgeblichen
Messiassen (Joh. V, 43), zu allen Greueln der Empörung hinreißen
ließen; worauf dann wirklich die Römer kamen, und ihnen Land und Leute
nahmen. Diejenigen aber, welche an Jesus glaubten, entgiengen diesem
Grausen erregenden Untergange des jüdischen Staates. -- Es bleibt aber
ein für alle Jahrhunderte merkwürdiger Zug des Verfolgungsgeistes
scheinheiliger Heuchler, daß die Pharisäer die Sache der Religion so
listig mit der Politik zu vermischen wußten.

Wie Bileam wider seinen Willen Israel segnete, so weissagte Kajaphas
das größte Heil für das Menschengeschlecht, da er Tod und Verderben
über Jesus schnaubte. „+Besser ist es, Ein Mensch sterbe für das
Volk, als daß das ganze Volk zu Grunde gehe.+“ Wie wahr im Sinne
Gottes, und wie entsetzlich im Munde des staatsklugen Oberpriesters!
Der Mann war würdig in dem Rathe der Pharisäer oben an zu sitzen,
obwohl er selbst nicht zu diesem Orden gehörte, sondern Sadducäer war.
Aber in listiger Verstellung und vermummter Ungerechtigkeit gab er
dem wüthendsten Pharisäer nichts nach. Ohnehin haßten die Sadducäer
Jesus so sehr, als die Pharisäer. -- Das rasche, blutige Wort riß die
erbitterten, aber unschlüssigen Pharisäer aus ihrer Verlegenheit. Ob
Jesus schuldig oder unschuldig sei, kam jetzt nicht mehr in die Frage;
sondern ob er noch länger geduldet werden könne, oder nicht. Sie fanden
ihn unerträglich für ihre Lehre und mehr noch für ihre Lebensweise;
also war er gefährlich, staatsverderblich -- +todeswürdig+. Von nun an
dachten sie ernstlich auf seinen Untergang und auf die Mittel dazu. Um
aber doch auch die Form des Rechtes zu beobachten, machten sie einen
Befehl bekannt, daß jeder eifrige Jude gehalten und verbunden sei, den
geheimen Aufenthaltsort Jesu anzuzeigen, damit man ihn ergreifen könne.

Woher ist denn diesen weisen Vätern der Muth auf ein Mal so sehr
gewachsen, daß sie es wagten, öffentlich die Hand nach Jesus
auszustrecken? Diese Kühnheit ist so groß nicht, als sie beim ersten
Anblicke zu sein scheint. Sie hatten ja schon einen vorbereitenden
Schritt gethan durch das Verbot, Jesus für den Messias zu erkennen. Da
er sich dadurch von seinem Lehren und Wirken nicht abschrecken ließ;
da es vielmehr von seiner Messiaswürde immer lauter wurde: so schien
dieser zweite Befehl nicht übereilt zu sein. Ueberdieß durften sie
auf ihr priesterliches Ansehen doch auch etwas rechnen, besonders zu
Jerusalem und in Judäa; und für diese Gegend scheint die Aufforderung
besonders gegolten zu haben wegen dem Aufenthalte Jesu während der
Festzeit. Endlich war ihr Anhang unter dem vornehmen und niedrigen
Pöbel immer noch groß und stark genug, um die sich erst bildende
Parthei unseres Herrn zu überwältigen, da sich ohnehin nur gute, stille
Menschen an ihn anschlossen. Man vermißt also auch bei diesem offenen
Mordanschlage die Fuchsnatur der Heuchler nicht.

       *       *       *       *       *

Einen schönen Contrast mit der im Finstern schleichenden Bosheit der
Pharisäer bildet die +ächte Klugheit+ und der +wahre Muth+, welchen
Jesus in seiner immer schwieriger werdenden Lage bewies.

Er wollte sterben zum Wohle der Menschen, aber nicht früher und nicht
anders, als es der Wille seines Vaters war. Darum wich er mit der
besonnensten Vorsicht der Verfolgungswuth seiner erboßten Feinde
aus, und zog sich nach Ephraim zurück, einem Städtchen, welches nahe
an der Wüste lag, und ihm einen sichern Zufluchtsort gewährte. In
dem Charakter unseres Herrn lag also weder die unüberlegte Hitze
des Fanatikers, der sich blindlings in Gefahr und Tod stürzet, noch
die schwachherzige Feigheit des Heuchlers, der Wahrheit und Tugend
menschlichen Rücksichten opfert. Durch weise Mäßigung ward er uns
Muster der Nachahmung. --

Als seine Stunde gekommen war, legte er einen Muth und eine
Entschlossenheit an den Tag, welche seine Freunde in die höchste
Begeisterung versetzte, und alle Feinde in die schrecklichste
Verlegenheit stürzte. Wer hätte es erwartet, daß er sich sobald wieder
nach Bethanien wagen würde? Ja, er ließ sich von Maria als den Retter
ihres Bruders auf eine ausgezeichnete Weise verehren, billigte nicht
nur ihre dankbare Gesinnung, sondern nahm sie sogar gegen pharisäische
Seitenbemerkungen des Judas und der von ihm verleiteten Jünger in
Schutz.

Niemals trug Jesus seine Wunderthaten zur Schau; aber eben so wenig
verbarg er sie ohne Noth. Dießmal wollte er die Erweckung des Lazarus
so laut und öffentlich bekannt gemacht wissen, als es möglich war; denn
diese That war entscheidend.

Was werden die Hohenpriester von diesen scheinbaren Widersprüchen der
Schüchternheit und Kühnheit in dem Betragen Jesu gedacht und gefaselt
haben? Ungefähr dasselbe, was noch heute sadducäische Feinde und
pharisäische Freunde von seinen Lehren und Thaten träumen und schwätzen.

       *       *       *       *       *

An der heiligen Flamme des Gottbegeisterten Führers entzünden sich
die Herzen Aller, die mit frommem Vertrauen um ihn sind. Dieß war der
Fall bei Maria, Martha und Lazarus. Unverholen bekannten sie sich zu
dem verfolgten, geächteten Lehrer von Nazareth, liebten und verehrten
ihn als ihren Freund und Retter vor den Augen Aller, in der Nähe der
Hauptstadt, in dem Angesichte seiner Todfeinde, die mächtig, angesehen
und gewissenlos genug waren, um alles Böse fürchten zu lassen.

Das Volk -- war es anders gesinnet, als die hochherzigen
Geschwisterte? Schaarenweise zog es nach Bethanien, sahe Lazarus,
und glaubte an Jesus, gegen das scharfe Verbot der Hohenpriester: Die
Wahrheit sprach zu laut zum Herzen des gemeinen Mannes, daß er nicht
Gott mehr hätte gehorchen sollen, als den Menschen.

Anstatt durch solche auffallende Zeichen auf Gottes Wege aufmerksam
zu werden, „giengen die Hohenpriester damit um, auch den Lazarus zu
tödten.“ War es möglich, die Verblendung weiter zu treiben? Konnte
verhärtete Bosheit und Heuchelei schrecklicher wüthen? Gottes Werke
wollte menschliche Tücke widerlegen -- +durch doppelten Mord+!!!

Unserm Herrn blieb von allen diesen Planen gewiß nichts verborgen;
deßungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, festen Sinnes den letzten
Schritt zu thun, und seinen feierlichen Einzug zu Jerusalem als Messias
zu halten. Welch’ ein Muth! Welche unerschütterliche Ergebung in den
Willen seines Vaters! Aber auch andererseits welche Reinheit, welche
Demuth, welche göttliche Hoheit! -- Da zieht er den Oelberg heran
-- David’s und Gottes Sohn -- auf dem Füllen einer Eselin, das mit
Kleidern seiner Jünger gepolstert ist.

Schaaren seiner Jünger und Verehrer begleiten ihn mit frohen Gefühlen.
Jetzt kommt er auf die Spitze des Berges; Jerusalem, die prächtige,
die sündhafte liegt zu seinen Füßen; ihr Anblick entflammt seine
Begleiter zum lauten Triumphgeschrei -- +Jesus zerfließt in Thränen
der Wehmuth und Erbarmung+. -- Kleider bedecken die Straße, Palmzweige
wehen in den Händen, Freudenruf erfüllet die Luft -- Ihm glänzt die
Thräne im Auge. +So ist er seinen Feinden furchtbar und unbezwinglich!+
--

Hier lernet Heuchelei und Wahrhaftigkeit, beide in ihrer Siegeshöhe,
kennen; jene fliehen, diese nachahmen!!

       *       *       *       *       *

Der Einzug unseres Erlösers zu Jerusalem giebt uns noch Gelegenheit
zu mehr als Einer interessanten Vergleichung der Pharisäer mit andern
geradsinnigen Menschen.

„+Meister, verbiete es doch deinen Jüngern!+“ So fuhren die Pharisäer
unsern Herrn an, als die Schaaren seiner Verehrer ein lautes Hosianna
dem Sohne Davids erschallen ließen. Die Jünger und die Volkshaufen,
welche nach Bethanien gekommen waren, wurden durch die wechselseitig
erregte Erinnerung an die großen Thaten Jesu ganz begeistert; sie
waren jetzt gewiß, daß er und kein Anderer der Messias sei; darum
gaben sie dem mächtigen Drange ihrer überzeugten Herzen nach, und
drückten sich lebhaft und stark genug aus. Jesus ließ es geschehen,
weil dieser ehrende Zuruf nur volle und reine Wahrheit enthielt. Die
Sache so angesehen, gehörte doch nicht wenig freche Tadelsucht und
schamlose Eigenliebe dazu, Jesus öffentlich darüber Vorwürfe zu machen.
Aber hatten denn die Pharisäer auch hier wiederum gar so Unrecht? War
Jesus nicht vom Synedrium förmlich als falscher Prophet und Messias
erklärt worden? Wie konnten die alten, frommen Väter Israels sich so
ganz an ihm versehen, wenn er der Sohn Gottes wirklich gewesen wäre?
Was bedurfte es da noch einer eigenen Untersuchung jedes Einzelnen, wo
die Vorsteher schon so bestimmt entschieden hatten? Diese unberufenen
Tadler handelten im Geiste ihrer Sekte, und konnten sich in ihren Augen
an einem Menschen, wie Jesus war, unmöglich versündigen.

Die Wahrheit dieser Erklärung wird unwiderleglich bestätiget durch
den Ausbruch pharisäischen Unwillens, welchen Johannes erzählt: „+Ihr
sehet, daß ihr nichts ausrichtet; sehet, die ganze Welt läuft ihm
nach!+“ Sie hatten also schon gegen Jesus entschieden; einer nähern
Prüfung wollten und konnten sie weder gemeinschaftlich noch für sich
selbst seine Lehren und Thaten nicht mehr unterwerfen. Ihr ganzes
Bemühen war nur dahin gerichtet, ihn um das Zutrauen des Volkes zu
bringen, oder, wenn dieß nicht möglich wäre, aus dem Wege zu räumen.
Daher der niederträchtige, feigherzige Zorn, als keines von beiden
gelingen wollte. Und doch bildeten sie sich dabei ein, die Stützen der
Wahrheit und Religion zu sein. Wie liebenswürdig erscheint hier der
gemeine Jude, der sein redliches Herz dem Zuge des himmlischen Vaters
folgen ließ, und Jesus als Messias bekannte, ohne einen Pharisäer zu
fragen!

Als Jesus nach seinem Einzuge im Tempel verweilte, kamen Blinde
und Lahme zu ihm, um geheilt zu werden. Der laute Ruf seiner
Thaten, besonders der wiederbelebte Lazarus, hatte sie ohne Zweifel
zu diesem Schritte ermuntert -- und zu ihrem Besten. Sie wurden
wieder hergestellet. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten waren
+Augenzeugen+ dieser göttlichen Thaten, die doch wohl laut genug
für seine Messiaswürde sprachen; sie sahen und hörten die Freude,
den Jubel und Dank der Geheilten gegen Gott und seinen Sohn -- und
+blieben ungerührt+! Aber noch mehr! Knaben fanden sich auch dabei
ein; diese hatten es schon in den Straßen gehört, und hörten es jetzt
von den Geretteten wahrscheinlich wieder mit Enthusiasmus ausrufen,
daß Jesus der Sohn David’s sei; was war daher natürlicher, als daß sie
mit jugendlicher Unschuld und Freude nachriefen: Hosianna dem Sohne
David’s?! Dieß brachte die Pharisäer außer sich. „+Hörest du, was diese
sagen?+“ Wie herzlos, wie empörend, und doch auch lächerlich klingen
diese Worte im Munde der Meister Israels!! Jünger, Kinder -- Steine
verkündigten die Ehre unseres Herrn; die Heuchler fluchten ihm, und
segneten sich dabei -- Jehova zu Ehren! --

Kein Wunder! Jesus hatte sie auch zu arg gereizet. Zum zweiten Male
nahm er ihnen ihr frommes Gewerbe im Tempel, indem er die Verkäufer
austrieb. Dieß war in ihren Augen offenbar nur Rachsucht gegen sie,
die er unter dem Schutze des mit ihm eingezogenen Volkes verübte. Da
es schon Abend war, mußten sie es geschehen lassen; aber sie sannen
wüthend auf Wiedervergeltung. Wie mancher Pharisäer wird sich in der
folgenden Nacht wie ein getretener Wurm auf seinem Lager gewälzet und
auf Racheplane gedacht haben!

Der Tag brach an; Jesus kam in den Tempel; das Volk strömte herbei;
Jesus lehrte, wie gewöhnlich; die Hohenpriester und die Aeltesten
des Volkes stellten sich auch ein; sie hatten schon ein Mittel
ausgesonnen, sich für die Schmach des vorigen Tages empfindlich an ihm
zu rächen. Todeshaß im Herzen, Brandmale im Gewissen, Ruhe im Gesicht,
Wahrheit und Recht im Munde, Amteswürde im Gange -- so traten sie zu
Jesus, unterbrachen seinen Vortrag und stellten feierlich die Frage:
„Sage uns, aus welcher Vollmacht hast du das gethan? Und wer hat dir
die Macht gegeben?“ -- Es war nicht so leicht, auf diese listige,
unerwartet vorgelegte amtliche Frage auf der Stelle eine genügende
Antwort zu geben. Wer Mißbräuche abstellen will, muß dazu befugt sein;
Jesus hatte dieß gethan, und zwar auf eine für den Priester- und
Levitenstand gar nicht ehrenvolle Weise. Sie hatten ihm dazu keine
Erlaubniß gegeben; und er würde wohl auch vergeblich darum nachgesucht
haben. Mit gutem Grunde konnten sie also ihm Verletzung der bestehenden
Ordnung, Kränkung ihrer Ehre und Verminderung ihres Ansehens vorwerfen.
-- Aber Jesus war ja als Messias in die Stadt eingezogen, und hatte
mithin als solcher gehandelt! Eben dieß war es, worauf sie lauerten.
Wie geschwinde würden sie ihm Beweise seiner Messiaswürde abgefordert,
diese ungültig und nichtig befunden und ihm, als Betrüger, den Prozeß
gemacht haben! Die Heuchler maßen unsern Herrn nach ihnen selbst;
darum verrechneten sie sich so sehr. Reinheit des Herzens, Heiligkeit
des Lebens, Wahrheit der Lehre, Weisheit und Kraft Gottes -- dieß
waren die Waffen, mit denen er den großen Kampf für uns kämpfte. Er
war bereit, sich zu verantworten, und öffentlich sich als Messias zu
bekennen, sobald die Hohenpriester eine vorläufige Frage öffentlich
beantworten würden; nämlich, ob Johannes, der Täufer, ein Prophet
gewesen sei, oder nicht? Bejaheten sie die Frage, so hatte Jesus einen
göttlichen Gesandten zum Zeugen, daß er Gottes Sohn sei; ein für Juden
unwidersprechlicher Beweis! Leugneten sie die Sendung des Täufers,
so mußten sie Beweisgründe anführen; woher wollten sie aber diese
nehmen? Jesus war also auf jeden Fall gesichert -- durch Wahrheit;
sie geriethen in die schrecklichste Verlegenheit. Welche Hölle mit
allen Aengsten der Verzweifelung und Ohnmacht werden diese Elenden
empfunden haben! Da stunden sie vor den Augen des Volkes; sagten sie
ja, so mußten sie mit Schande abziehen; sagten sie nein, so drohten
die gemeinen Leute, ihnen mit Steinwürfen den Gegenbeweis ihrer Lüge
zu machen. Ihre Fuchsnatur fand noch einen Schleichweg -- +sie wußten
es gar nicht+, ob Johannes von Gott oder Menschen gekommen sei. Nun
blieb auch Jesus seine Antwort schuldig. Aber lieber wollten sie die
Sache unentschieden lassen und mit Schande bedeckt abziehen, als dem
verhaßten Nazarener Recht geben. --

Winkelzüge dieser scheußlichen Art, Verleugnung der Wahrheit und
Anhänglichkeit an die Lüge unter der Maske des Guten mit solcher Tücke
und Verhärtung -- welche Warnung für uns Alle! Wie sehr sollen wir uns
hüten vor den Anfängen und leisesten Spuren der Heuchelei um nicht so
zu enden!

Jesus ließ Manches der Art ohne besondere Bemerkung an sich
vorübergehen; aber dieser Vorfall ergriff ihn selbst zu lebhaft,
regte gerechten Unwillen und tiefes Mitleid zu sehr in ihm auf, als
daß er den Pharisäern ihr Unrecht nicht hätte zu verstehen geben und
noch einen Versuch zu ihrer Besserung machen sollen. In malerischen
Gegensätzen schilderte er ihr Betragen gegen Gott und seine Gesandten,
und brachte sie auch dießmal dahin, sich selbst das Urtheil zu
sprechen. Ein gewaltiger Stich aber mußte ihnen durch ihr Herz gehen,
da Jesus vor allem Volke den Täufer für einen Propheten erklärte, und
ihre erheuchelte Unwissenheit beschämte. Kränkender konnte überdieß
kaum etwas sein, als daß er Huren und Zöllner mehr bei Gott gelten
ließ als sie, die angepriesenen Musterbilder ächter Frömmigkeit. Ein
ernster, wohl zu beherzigender Wink, daß Gott Sünder, die +offenen+
Ungehorsam verüben, aber denselben +innig+ und +thätig+ bereuen,
liebevoll aufnimmt, während er Frömmler, die +scheinbar+ seinen Willen
thun, +im Geheimen+ aber seinen Namen schänden, und +keine Reue+
fühlen, wohl gar auf +Belohnung+ Anspruch machen, mit richterlichem
Unwillen verwirft! Der gewöhnliche Sünder spricht: „Ich will nicht,“
und thut zuletzt doch noch den Willen des Vaters; der schlaue Heuchler
sagt mit schmeichelnder Miene: „Ja, Herr!“ und thut das Gegentheil. Mit
welchem haltet ihr es lieber, Menschenkinder?! -- --

Doch unser Herr war damit noch nicht zufrieden, bloß überhaupt das
Betragen dieser Leute gerüget, und die göttliche Sendung Johannes
in Schutz genommen zu haben; sie hatten in seinen Augen -- und bei
wem nicht? -- eine noch schärfere Ahndung in Bezug auf ihr Verhalten
gegen seine eigene Person verdient. Aber er kleidete diesen äußerst
eingreifenden Verweis in Parabeln ein -- von den +Pächtern des
Weinberges+ und von der +königlichen Mahlzeit+.

Sie faßten auch den Sinn so richtig und ganz, wenigstens so weit er
sie betraf, daß sie schon nach der ersten Parabel fest entschlossen
waren, sich seiner zu bemächtigen, und ihm für die Zukunft Gelegenheit
und Macht zu solchen Angriffen zu nehmen. Nur eines hielt sie ab --
Heuchelei. Mit dem Volke wollten sie es nicht verderben; denn dieses
hielt Jesus für einen Propheten, und entschiedene, öffentliche,
formwidrige Prophetenmörder wollten sie doch nicht sein. Listiger waren
sie doch, als -- ihre Väter.

Als aber Jesus auch die zweite Parabel mit gleicher Unbefangenheit und
Unerschrockenheit vortrug, riß ihre Geduld, die Furcht ward überwunden
auf einer Seite, auf der andern waren sie noch gefesselt davon; darum
„+giengen sie hin, und hielten einen Rath, wie sie ihn fienqen in
seiner Rede+.“

In diesem Rathe ward ein Projekt beliebt, ihn sagen zu machen, daß dem
Kaiser der Zins nicht gebühre. Eigentlich waren die Pharisäer wider den
Kaiser, hatten ihm auch keinen Eid schwören wollen; aber der König der
Wahrheit war +ihnen+ noch mehr zuwider, weil sie bei dem noch mehr zu
verlieren hatten. Und so schickten sie sich in die Zeit, und machten
Allianz mit dem Kaiser, um sich durch den geringern Feind den größern
vom Halse zu schaffen. Christus sollte sagen; es sei nicht recht, daß
man dem Kaiser Zins gebe; und dann war er verloren -- meinten sie.

Aber wie macht man ihn das sagen? -- Die schlauen Füchse kannten
sich, und wußten, daß eine Wanne mit Wasser eher überfließt, wenn sie
in Bewegung gesetzt ist. Deßwegen beschloßen sie weiter, ihm durch
verstelltes Lob und durch Anerkennung seiner Competenz das Herz vorher
groß zu machen, seine Wahrhaftigkeit, seinen geraden Sinn und sein
Nichtachten der Person vor dem Volke zu loben, damit er geneigt würde,
gleich eine Probe davon gegen den Kaiser zu geben.

Das Alles war hier nun freilich nicht angebracht; aber sie verstunden
das nicht besser, und so sandten sie denn ihre Jünger -- Und Herodis
Diener mußten gleich mitgehen, damit es bei dem Zeugenverhör desto
weniger Weitläufigkeit gäbe, oder als gute Freunde, die den Sieg mit
ansehen und ausbreiten helfen sollten. Ja oder Nein! und in beiden
Fällen siegten die Pharisäer. Denn sollte Christus den Zins gut heißen,
und also dem Hauptprojekte ausweichen, so verdarb er es beim Volke, das
den Zins ungern bezahlte, und von seinem Messias Befreiung von allem
fremden Joch erwartete.

Die Sache war sehr klug angelegt, und wäre unter gleichen Umständen
gewiß Zehn- gegen Einmal durchgegangen. Hier, wie gesagt, gieng’s
nicht.

„Da nun Jesus ihre Schalkheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was
versuchet ihr mich?“

Das war der freimüthige, gerade Sinn &c. den sie aus Schalkheit gelobt
hatten, wahrhaftig; aber anders, als sie erwarteten.

Mathematisch gewiß waren wohl die Pharisäer des guten Ausganges nicht;
denn sonst wären sie selbst gekommen, und hätten nicht ihre Jünger
geschickt. Indessen hatten sie doch ohne Zweifel, gute Erwartungen, und
sie haben ohne Zweifel den Deputirten Jüngern in einem nicht geringen
Tone von ihrer klugen Anlage und Erfindung gesprochen, und diese hatten
gewiß ihre heimliche Freude, daß Christus von dem allem nichts wisse,
und ihrem ehrbaren Gesichte nicht ansehen werde, was hinter ihrer Frage
stecke. Da kann man denken, wie sie erschrocken sind, als unser Herr
Christus anfieng zu sprechen, und seiner Gewohnheit nach nicht dem
Gesichte, sondern dem Herzen antwortete.

„Wessen ist das Bild und die Ueberschrift?“ Fühlst du nicht den
+feinen+ Sinn? -- Ueber das Ebenbild Gottes hatten die Eiferer für die
Religion nichts zu fragen, wohl aber über das silberne Ebenbild des
Kaisers. -- Die Zinsmünze und das Geben oder Nichtgeben derselben war
im Grunde eine kleine und unbedeutende Angelegenheit, die über ihre
Glückseligkeit nichts entschied. -- Ueberhaupt war die ganze Frage
über das Recht und Unrecht der Zinsmünze eine sehr alberne Frage, und
gerade soviel, als wenn ein Ehebrecher fragen wollte, ob es recht sei,
die auf den Ehebruch gesetzte Strafe zu bezahlen? -- Man sieht, wie
die Pharisäer eigentlich stunden, und was von allen Seiten für Anlaß
und Raum zu bitterer Antwort war; und Gott weiß, daß sie hier nicht
unverdient gegeben wäre. Aber Er war zu +gut+, bitter zu sein. Auch war
er nicht gekommen, das letzte Wort zu behalten, und über die Künste der
Pharisäer und +Welt+-Weisen zu triumphieren, sondern die Künstler selig
zu machen.[25]

       *       *       *       *       *

Die Antwort unseres Herrn war entscheidend und beschämend; der Sieg
vollkommen. Erstaunt über seine Weisheit und Scharfsichtigkeit
schlichen sich die jungen Männer davon, welche als Werkzeuge boshafter
Tücke gedient hatten. Sollte sich nicht Mancher darüber geschämt
haben? Sollte nicht bei Manchem ein Zweifel an der Redlichkeit und
Wahrheitsliebe der Meister in Israel aufgestiegen sein? Wenn wir in
ihren Herzen hätten lesen können! Was mag Jesus darin gesehen haben! --
Wie unglücklich macht doch Heuchelei!

Aber auch wie unheilbar! Wer hätte es erwartet, daß die Pharisäer nach
so vielen, schmachvollen Niederlagen die Angriffe auf Jesus nicht
aufgeben würden? Und doch war es so. Kaum waren die albernen Einwürfe
leichtsinniger Sadducäer gegen die Auferstehung mit Würde und Nachdruck
beantwortet, als schon wieder eine Parthie zusammentrat, und die alte
Streitfrage über das +wichtigste Gebot+ im Gesetze wieder auf die Bahn
brachte. In Galiläa und Judäa blieb sich diese Secte gleich; engherzig,
streitsüchtig und eigenliebig drehte sie sich stets im Kreise um
denselben Punct und verwarf und verfolgte Jeden, der diesen Kopf und
Herz betäubenden Kreisgang nicht mitmachte. Was half es, daß Jesus sie
auch in Jerusalem in diesem Stücke zurecht wies? Sie hörten, wandten
sich weg, warfen seine Antwort weg -- aber nicht ihren Haß gegen ihn.
Bewundern muß man in solcher Lage die Langmuth und die Liebe Christi,
der nicht müde wurde, seine Todfeinde zu retten, noch weniger müde, als
sie, ihn zu verderben.

       *       *       *       *       *

Ein höchst demüthigendes Beispiel von der tiefen Geistesarmuth der
in ihrer Einbildung an Gotteskenntniß überreichen Pharisäer liefert
die +letzte Frage+, welche Jesus ihnen vorlegte. „Was dünket euch
von Christus? Wessen Sohn ist er?“ -- „+David’s+“ war die fertige
Antwort, die sie mit schülerhafter Hast und wohl nicht ohne hämischen
Seitenblick über die Leichtigkeit der Frage gaben. Allein sie hatten
nur halb die Wahrheit getroffen. Sobald daher Jesus auch die andere
Hälfte verlangte, und sie mit David’s eigenen Worten darauf hinwies,
verstummten sie, und „konnten ihm nichts antworten.“ War es möglich?
Sogar nothwendig. Die Heuchler suchten nicht Gott, sondern unter
einem heiligen Namen nur sich; sie forschten nicht nach Wahrheit,
sondern unter gutem Vorwande nach eigenem Vortheile; daher wollten
sie als Messias zunächst einen Sohn David’s, groß, mächtig, reich,
angesehen, kriegerisch, allenfalls auch gesetzlich fromm und den Heiden
feindlich. Dabei fanden sie ihre Rechnung. Wie hätten sie da an eine
höhere -- göttliche Natur und Würde des Messias denken, wie die Frage
unseres Herrn auch nur verstehen können! Gottes Sohn war ihnen etwas
Unbedeutendes gegen einen Helden, der die Römer schlug, und ihre Beutel
und Bäuche füllte. Unter seiner milden Regierung hätten sie wohl auch
Jehova -- und sich Wolken von Weihrauch aufsteigen und fette Opfer
bluten lassen.

Schmerzlich wird es den hochgelehrten Rabbinen doch gefallen sein,
daß sie mit der Antwort auf eine so wichtige, und wie man allgemein
vermuthen mußte, ihnen wohl bekannte Frage ins Stocken geriethen; und
dieß dem neuen Lehrer gegenüber, auf den sie gewiß nicht selten mit
Verachtung herabsahen, weil er in ihren Erblehren und Zusätzen zu Moses
nicht bewandert war, ja nicht einmal Werth darauf legte. Was dachte
wohl das umstehende Volk? Ein neuer Grund, sich zu schämen und zu
ärgern. So stößt der Heuchler am Ende überall an.



XIX.

Letzte Rede Jesu gegen die Lehre und gegen das Leben der Pharisäer.[26]


Paulus gehörte einst auch selbst zu der angesehenen Secte der
Pharisäer. Allein er riß sich davon los, nachdem er die Allgewalt
des Wortes Gottes auf die erschütterndste und ergreifendste Weise an
sich selbst erfahren hatte. Niemand konnte daher die Kraft göttlicher
Aussprüche besser und zuverläßiger schildern, als er; Keiner hat es
auch nachdrücklicher gethan, als er in seinem Briefe an die Hebräer
IV, 12-13, wo er den Unglauben und Ungehorsam bedroht: „+Lebendig
ist Gottes Wort und kräftig, und schärfer als jedes zweischneidige
Schwerdt; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von
Mark und Bein; und es richtet Gedanken und Anschläge des Herzens; und
kein Geschöpf ist verborgen vor ihm, sondern Alles ist enthüllt und
aufgedeckt vor den Augen dessen, von dem wir reden+“ -- nämlich vor
Jesus von Nazareth, dem Sohne Gottes und der Menschen. Durch ihn
haben sich auch „diese Worte vor unsern Ohren erfüllet,“ da er wenige
Tage vor seinem Welterlösenden Tode eine Charakterschilderung der
Heuchler seiner Zeit entwarf, wie es nur der „Herzenskenner“ vermochte.
Wäre an diesen Menschen noch etwas zu bessern gewesen, so hätte sie
diese gewaltige prophetische Strafrede unfehlbar aus scheinheiligem
Sündenschlafe aufgeschreckt. Doch dieß gieng nicht mehr an. Indeß
konnte es Jesus auch nicht ärger mit ihnen verderben, als es bisher
durch Lehre und That geschehen war. Auf jeden Fall lernte sie das
Volk kennen, wenn er ihnen die Heuchlerlarve abriß, und sie in ihrer
häßlichen Naturgestalt unverhüllt sehen ließ. Seine Jünger konnte er
nicht kräftiger vor Heuchelei warnen, als wenn er ihnen das Bild dieses
scheußlichen Lasters so lebendig vor Augen stellte. --

Bei dem verzehrenden Feuereifer, von dem unser Herr bei dieser
Rede ergriffen war; bei dem grimmigen Hasse seiner erbosten,
niederträchtigen Feinde; bei dem gewaltigen Einflusse auf die Herzen
des Volkes; bei dem mehr als menschlichen Ansehen und Berufe, den
er hatte, bleibt es -- menschlich betrachtet -- immer eine eben so
bewunderungswürdige, als nachahmungswerthe Erscheinung, daß er in
seinem Vortrage sogar nichts Ueberspanntes zeigte, so weit von
schwärmischer Hitze entfernt war. Mit der ruhigsten Besonnenheit und
billigsten Schonung räumt er den Pharisäern die Würde und die Rechte
ein, die ihnen gebührten. Mit dem Priester, mit dem Leviten hatte
er nichts zu thun, aber an dem Heuchler in beiden hatte er vieles
zu tadeln. Er that dieses, ohne jenem die seinem Amte gebührende
Achtung zu versagen. „+Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und
Pharisäer &c.+“ damit erkennet er ihr Recht, Gottes Wort vorzulesen
und auszulegen -- wie es ehedem +Moses+ gethan hatte -- aber freilich
in Moses +Sinn+ und +Geiste+! Was sie so gebieten würden, sollten alle
Juden halten. Man übersehe es nicht, +wie Jesus das Volk anweiset, den
wahren Lehren der ordentlichen Vorgesetzten sich anzuschließen! Er
billigte es nicht, daß Jeder seinen eigenen Weg gieng, und sich selbst
sein Gesetz machte.+

„+Aber nach ihren Werken sollet ihr nicht thun; denn sie sagen es
wohl, aber thun es nicht.+“ Welche Wendung! Was für Lehrer waren die,
deren Thaten ihren schönen Worten widersprachen? Gaben sie damit nicht
selbst Jesus die Waffen in die Hand? Glichen sie nicht Giftpflanzen mit
lockenden Blüthen? Ihrem Lehramte ließ Jesus volles Recht widerfahren;
allein um so schärfer und schonungsloser mußte er nach Allem, was er
von ihnen sah und hörte, ihr Leben angreifen. +Sagen+ und +nicht thun+.
Andern strenge gebieten, und selbst übertreten -- Darin fand Jesus den
charakteristischen Zug der Heuchelei, und diesen hob er ohne Rücksicht
hervor.

Nun folgen +Beispiele+ von Reden und Thaten der Pharisäer, denen
man +nicht+ folgen soll. -- Das Erste, was Jesus rügte, war ihre
+Schriftauslegung+. Sie machten Gottes Wort zu einer unerträglichen
Last. Nicht nur zerstückelten und zerschnitten sie den Text so lange,
bis alles Leben und aller Geist verschwunden war, sondern sie gaben
jedem Gesetze die ungemessenste Ausdehnung, wollten triefäugigen
Sinnes alle möglichen Fälle vorhersehen, und ersäuften auf diese Weise
Gottes hohe und reine Gedanken in dem todten Meere rabbinischer Noten
und Glossen. Die gesetzlichen Vorschriften häuften sich daher durch den
gelehrten Eifer und durch die scharfsichtige Frömmigkeit der Meister
Israels so sehr, daß man sie kaum fassen, viel weniger ausüben konnte.
Desto unbarmherziger bestunden die Pharisäer auf der pünktlichsten
Beobachtung eines jeden Jota und Striches. Nur Eines vergaßen sie
dabei -- das +eigene gute Beispiel+. Dazu wollten sie sich so wenig
verstehen, daß sie alle verschmitzten Kunstgriffe aufboten, um sich,
wenigstens im Stillen, die Last des Gesetzes vom Halse zu schaffen.
Sinnreich erfanden sie tausend Gründe, mit denen sie ihr Gewissen
über die gröbsten Gesetzesverletzungen zu beruhigen wußten. Aber die
Leute durften das nicht wissen, viel weniger sehen. Vor den Augen der
Menschen thaten sie selbst den übertriebensten Forderungen Genüge,
damit sie bewundert und gelobt wurden -- die guten, großen Geister!

„Kommet Alle zu mir, die ihr müheselig und beladen seid, und ich will
euch erquicken! Nehmet +mein+ Joch auf euch! -- Denn mein Joch ist
milde, und meine Bürde ist leicht.“ So rief Jesus seinen Zeitgenossen
zu. Welchen Nachdruck, wie viel Wahrheit gewannen diese Worte in seinem
Munde den Pharisäern gegenüber? War es dem Volke zu verargen, wenn es
dem Propheten von Nazareth in großen Schaaren nachzog? Und doch thaten
es die Lehrer und Vorsteher der Nation nicht, fluchten dem Volke,
wütheten gegen Jesus -- aber die verkehrte Lehre und den vor Gottes
Augen greuelhaften Wandel zu ändern, daran dachten sie nicht.

Thaten denn die Pharisäer gar nichts Gutes? Vieles, recht Vieles, +wenn
es nur die Menschen sahen, und sie dafür lobten als fromme, gottselige
Männer+. Diese schnöde Religiosität ist daher das Zweite, was Jesus
nicht ohne satyrische Züge diesen Helden der Verstellung vorwirft.
Gottesverehrung und Eigenliebe, gutes Beispiel und Gefallsucht,
Frömmigkeit und Eitelkeit wollten diese armseligen Kleingeister mit
einander verbinden.

Das Lamm sollte beim Wolfe wohnen, ohne daß +Gott+ diesen Bund
gestiftet hatte. Wohl mag es diese selbstsüchtigen Frömmler so recht
eigentlich gekitzelt haben an dem Herzflecken der Heuchelei, wenn sie
mit ihren heiligen Zierrathen die Augen der staunenden Leute auf sich
zogen, bewundernden Blicken begegneten, süßes Lob flüstern hörten. Wie
wird sich da der Götze im Herzen groß gefühlt haben! Und worauf denn? --

Vor allem auf recht +breite Denkzettel+! -- So lautete Gottes Wort
durch Moses an Israel: „Es soll dir ein Zeichen an deiner Hand, und
ein Denkmal zwischen deinen Augen sein, auf daß des Herrn Gesetz sei
in deinem Munde; daß der Herr mit mächtiger Hand dich aus Aegypten
geführet hat.“[27] Unwiderstehlich dringt sich Jedem der Sinn
auf: Gottes Wohlthat, die Befreiung Israels aus Aegypten, soll den
Israeliten so unvergeßlich sein, als ein auf die Hand eingeätztes
Merkmal, als eine Streife von Linnen oder Pergament, welche man zur
Erinnerung an die Stirne hängt.[28] Die Juden nahmen dieß buchstäblich,
und machten sich wirklich solche Denkzettel. Auch gut, wenn dankbare
Liebe und unverfälschter Glauben die Triebfedern waren. Allein dieß
war bei den Pharisäern der Fall nicht; sondern sie wollten sich nur
+auszeichnen+ als die Eifrigsten in Erfüllung des Gesetzes; sie
wollten den Buchstaben +zur Schau+ tragen, um den Geist des Gesetzes
zu zernichten in Wort und That. Daher ließen sie Sprüche der heiligen
Schrift auf sehr breite Pergamentstreifen schreiben, wohl gar in
Kapseln fassen, und trugen sie an Stirn und Armen. Welch’ eine
ausgebreitete Frömmigkeit! --

Noch mehr! Sie +vergrößerten die Quasten an ihren Oberkleidern+. Ein
neuer Beweis der Tiefe und Länge ihrer Religiosität; den aber Jesus,
sonderbar genug, nicht gelten lassen wollte. Gott hatte geboten: „Rede
mit den Kindern Israel, und sprich zu ihnen, daß sie sich Quasten
machen an den Flügeln ihrer Kleider, unter allen ihren Nachkommen, und
an die Quaste jedes Flügels eine himmelblaue Schnur machen. Und diese
Quasten sollen euch dazu dienen, daß ihr sie ansehet und gedenket
aller Gebote des Herrn, und thut sie, und nicht wandelt nach eures
Herzens Dünken, noch nach euren Augen, daß ihr ihnen nachhuret.“[29]
Also ein neuer Anlaß, an Gottes Willen und Gebot zu denken, und
dasselbe zu +thun+, aber nicht bloß, wie die Pharisäer, schön und viel
davon zu +reden+, und mit langen, zottigen Klöppeln zu +prahlen+, um
frömmer zu scheinen, als Andere. Wer kann es Jesus verargen, wenn
er diesen wollichten Maaßstab der Gottseligkeit mit scharfer Satyre
verwarf? -- Offenbar ist in den Worten der heiligen Schrift auch
darauf hingedeutet, daß das Tragen solcher Schnüre die Juden von den
Heiden unterscheiden, und erstere zur Verabscheuung des Götzendienstes
der letztern antreiben sollte. Mußte dieses nicht lächerlich und
herzverderbend zugleich werden, wenn man die Entfernung des Sinnes
vom Heidenthume nach der Länge und Dicke der Quasten am Oberkleide
bestimmen wollte? Wer war schlechter daran, der Heide mit seinen
Götzen von Stein und Holz, oder der Pharisäer mit großen Trodeln,
welche den abgöttischen Sinn austreiben sollten? -- Allein so tief und
scharf konnte nur Jesus in das dunkle Gewebe der Gleißnerei blicken.
Wohl uns, daß er es gethan und ausgesprochen hat, was er sah!

„Wer sich selbst erhöhet, wird erniedriget werden, und wer sich
selbst erniedriget wird erhöhet werden“[30]; dieß war ein Wahlspruch
unseres Herrn, den er oft im Munde führte, und schon einmal mit
einer nachdrucksvollen Parabel den Pharisäern ans Herz gelegt
hatte, da er sah, wie ängstlich sie bei der Wahl ihrer Sitze an der
Tafel zu Werke giengen, um ja nicht zu weit hinabzurücken. Doch die
treffliche Erinnerung war ohne Erfolg geblieben; sie fuhren fort,
mit ihrer +Frömmigkeit, Rangsucht und Stolz zu paaren+. Allerdings
ein sonderbares Gemische unvereinbarer Dinge! Aber es war nun einmal
so; die Pharisäer wollten durchaus an der Tafel in der Mitte oder an
dem Ehrenplatze sitzen; in den Synagogen forderten sie nicht nur,
vor den gemeinen Leuten zu sitzen -- das verstund sich von selbst
bei so reinen Personen -- sondern schlechterdings die ersten Plätze
nahmen sie ein, wenn auch die Vornehmsten der Stadt oder des Ortes
sich einfanden. Der Geist der Religion Jesu war ächte, lebendige
Gottes- und Menschenliebe. Auch bei den Pharisäern wirkte Liebe --
aber nur Eigenliebe. Je saurer ihnen also ihr Frommthun wurde; je
mehr Anstrengung, Aufwand und Zeit es kostete, bis sie sich in Engel
des Lichtes umgestalteten, desto mehr wollten sie natürlich auch von
der Arbeit ihres Tagewerkes erndten; desto größere Vorzüge verlangten
sie vor denen, welche sich zu keinen so schweren Opfern entschlossen
hatten. Daraus mag man abnehmen, wie tief ihnen Jesus ins Herz griff
mit diesem Zuge ihrer Charakteristik.

Gruß und Rangauszeichnung waren von jeher im gesellschaftlichen
Leben keine ganz gleichgültige Sache; und zwar mit Recht. „Ehre, wem
Ehre gebühret.“ Jesus selbst hielt sich an diesen Grundsatz, und
ließ es nicht ungeahndet hingehen, wenn Jemand aus ungegründeter
Geringschätzung die herkömmlichen Höflichkeitsbezeugungen ihm versagte.
Simon, der Pharisäer, erfuhr dieß zu seiner schmerzlichsten Beschämung,
welche er um so mehr verdiente, da die Pharisäer gerade in diesem
Stücke gegen Andere sich so ungemessene Forderungen erlaubten. Wer
sich bei ihnen empfehlen wollte, mußte sie zuvorkommend und demüthig
grüßen, und nicht nur so schlechthin Rabbi tituliren, sondern im höhern
Style mit doppeltem Rabbi! Rabbi! ehrfurchtsvoll anreden. Denkt man
sich nun noch die orientalischen Umständlichkeiten hinzu, so wird es
gewiß begreiflich, wie viel Nahrung Eitelkeit und Stolz bei solchen
Complimenten fanden. Aber eben so fällt es in die Augen, wie weit diese
Heuchler hinter dem wahren Ehrgefühle und hinter der ungekünstelten
Bescheidenheit unseres Herrn zurück waren. Daher mußten sie auch bei
seinem gerechten Tadel verstummen.

Als +Lehrer+ und +Vorsteher+ des Volkes, die auf Moses Stuhl saßen,
erschienen die Pharisäer nach der Schilderung Jesu im schlechtesten
Lichte. Uebertreibung der Forderungen des Gesetzes und eigene
Uebertretung, Scheinheiligkeit und verkappter Stolz waren die Hauptzüge
dieses garstigen Naturgemäldes. Dabei hatte Jesus vorzüglich +seine
Jünger+ -- im Auge. Daher die Regeln der +Demuth+ und +Bescheidenheit+,
welche er folgen ließ. -- +Wir alle+, welche auf Christus getauft sind,
+nennen+ uns seine Jünger; +sind+ wir es auch, so lange nur noch Ein
Zug der Heuchelei der so sehr verabscheuten Pharisäer in und an uns
ist? Schaffe +Jeder+ nur diesen schädlichen Sauerteig aus +seinem+
Herzen -- und Alles wird gut werden!!

       *       *       *       *       *

Schon in der Bergpredigt hatte Jesus auf den +pharisäischen Geist
des Gebetes+ aufmerksam gemacht. +Lange+ und vor +Jedermannes+ Augen
zu beten, war ihr Lieblingsgeschäft (Matth. VI, 5-7); an pünktlich
festgesetzten und eingehaltenen +Stunden+ ließen sie es auch nicht
fehlen (Luk. V, 33). Es möchte überhaupt schon befremden, wie Menschen,
welche weder wahres +Vertrauen+ noch reine +Liebe+ zu Gott im Herzen
trugen (Matth. VI, 19-34. Joh. V, 42.), nur auf den Gedanken fielen,
sich so anhaltend auf das Gebet zu verlegen. Allein so widernatürlich
dieß jedem Geradsinnigen vorkommen muß, eben so natürlich war es an
diesen +Heuchlern+. Sie beteten nicht zu Gott, sondern für ihren
+Beutel+. Das lange, mit ausstudirten Förmlichkeiten getriebene,
fleißig wiederholte Gebet war bei ihnen eine einträgliche Speculation
auf die Schwachherzigkeit, Leichtglaubigkeit und Freigebigkeit
alternder Wittwen. Dieß war der Köder, mit dem sie die Weiblein an sich
lockten, durch tausend fromme Betrügereien ihr Vermögen erschlichen,
ihre milde Hand anpriesen, wieder beteten, um neuerdings sich bezahlen
zu lassen -- und so ganze „Häuser verschlangen.“ -- Ein fluchwürdiges
Kunststückchen, wofür sie Jesus hart bedrohte! -- --

Wem fällt bei diesem Anlasse nicht unwillkührlich der +betende
Pharisäer und Zöllner+ (Luk. XVIII, 9-14.) ein? -- Unübertreffliche
Schilderung des stolzen Frömmlers und Schönwörtlers vor Gott,
der reumüthige, zerknirschte Sünder neben sich -- dem Heiligen
-- verachtet! Wie eine Käsmade unter dem Vergrößerungsglase, so
durchschaut man in dieser Parabel die Seele des Heuchlers in ihrer
ganzen Häßlichkeit und Verkehrtheit. Nur der Herzenskenner vermochte
es, uns diesen Anblick zur Belehrung und Warnung zu gewähren.
Wohlthuend ruht das betrübte Geistesauge auf dem reinen Herzen des
Zöllners!

Wessen Herz zerfließt nicht in Wonne, wenn er bedenkt, wie und was
+Jesus+ vom Gebete lehrte? So kurz, so gehaltvoll, so kindlich, so
herzlich, so zuversichtlich, so kühn, so demüthig, so anhaltend (Matth.
VI, 9-15. XXVI, 39. Luk. XI, 5-13. XVIII, 1-8. Mark. XI, 22-26.)!! --
Doch vor den Pharisäern galt dieß nichts; denn es war Geist und Leben,
und sie fanden nur Behagen am Todtendufte des Leichnames.

       *       *       *       *       *

Der gelehrte Stand hatte auch in Palästina, wie überall, seine
Auszeichnung. Die Schriftgelehrten bildeten einen großen Theil
desselben, und trugen Schlüssel, an Riemen befestiget, als Zeichen
ihrer Würde. Darauf waren nun die Schriftgelehrten der pharisäischen
Parthei nicht wenig stolz, daß sie das Recht zum Oeffnen und Schließen
der Pforte der Wahrheit hatten. Ein schönes Sinnbild, und ein
herrliches, großes Vorrecht! Aber welchen schnöden Gebrauch machten
sie davon?! Der, welcher „+der Weg, die Wahrheit und das Leben ist+,“
war gekommen, bot sich an, lud die Menschen zu sich ein; allein die
Pharisäer giengen nicht zu ihm, und liessen, so viel an ihnen lag, auch
Andere nicht zu ihm gehen. Sie wollten durchaus nicht, daß Jemand an
Jesus glauben sollte, weil sie aus leidenschaftlicher Verblendung nicht
an ihn glaubten. Unglauben an Jesus war ihr erster und wichtigster
Zweck, den sie zu erreichen strebten. Dabei waren die sonst so
zartfühlenden Gewissen dieser guten Leute wenig verlegen in der Wahl
der Mittel. Lästerung, Verläumdung, Verdrehung der Worte, Verfälschung
der Aussage, Drohungen, Verrath, Mordanschläge -- Alles war ihnen
willkommen, wenn es nur dem Zimmermannssohne Verderben brachte. Wer hat
das Evangelium gelesen, und kennt die Belege zu dieser Wahrheit nicht?
Wer fühlt aber auch nicht ohne weitere Erklärung die Gerechtigkeit und
Vollwichtigkeit des Vorwurfes, den Jesus den Pharisäern machte? -- --

Wahre Schlangenpolitik im schlimmsten Sinne lag in dem Verfahren der
Pharisäer gegen unsern Herrn und gegen sich selbst. Ihm arbeiteten
sie aus allen Kräften entgegen; sie wandten unermüdet Alles an, den
Eingang in Gottes Reich, welches er begründete, zu versperren, oder
wenigstens sehr gefährlich zu machen; und für ihre Schule -- wie
väterlich waren sie besorgt! Wie weit stund die Pforte offen! Wie breit
und eben war der Weg! So fanden sie nicht einmal genug zu thun in
Israel; denn da rechneten sie Alle zu ihrer Parthei, welche ihre Lehren
und Vorschriften äußerlich annahmen. Die wenigen einsiedlerischen
+Essäer+, die reichen, leichtsinnigen +Sadducäer+ kamen beinahe in
keine Berechnung. Darum machten eifrige Pharisäer, als wahre Lichter
der Welt Reisen zu Wasser und zu Land, um unter +Heiden+ Proselyten
zu machen, und das Volk Gottes zu vermehren. Dafür nennet sie Jesus
+Heuchler+, ihre Neubekehrten +zweimal ärgere Höllenkinder, als sie
selbst+. Ein hartes Urtheil! Womit konnte er es rechtfertigen? Mit
unwiderleglichen Thatsachen; nämlich mit der tiefen Unwissenheit, mit
der ungeheuren Sittenlosigkeit, mit dem schrecklichen Verfalle des
lebendigen Glaubens, der reinen Liebe und thätigen Gottseligkeit unter
dem Volke Gottes -- bei allem äußerlichen Gepränge und Treiben in
religiösen Gebräuchen. Bei den Proselyten war die Hauptsache, welche
Pharisäer betrieben, +Beschneidung+ und +Opfer+, nicht Vertrauen auf
den Einen Gott, nicht herzliche Liebe zum Vater und zu seinen Kindern,
nicht Umänderung des ganzen Sinnes und Wandels. Was war also eine
solche Bekehrung? Ein Ceremonien- und Kleiderwechsel, der den Neuling
noch stolz und übermüthig machte, weil er innen Heide, außen Jude war
-- also viel schlimmer, als der pharisäische Jude. -- Vergleiche man
damit +Nikodemus+, die +Samariterin+, +Matthäus+, die +Sünderin+,
den +Schlagflüssigen+, den +acht und dreißigjährigen Kranken+,
den +Blindgebornen+, +Zachäus+, den +Hauptmann+, das +Kananäische
Weib+![31] -- -- --

       *       *       *       *       *

Ohne Schauder und Entsetzen kann man unmöglich das lesen, was Jesus
den Pharisäern in Hinsicht der +Eidschwüre+ zum Vorwurfe macht. Wer
nur noch ein wenig Zartgefühl des Gewissens hat, bebt zurück bei dem
Gedanken an die vielen und schrecklichen Ungerechtigkeiten, welche die
Folge von +solchen Auslegungen des Gesetzes+ waren.

Die pharisäischen Schriftgelehrten machten einen genauen Unterschied
zwischen +strenge+ verbindenden und +leicht+ verbindenden Eidschwüren.
Schon an und für sich eine sonderbare Theilung, gleichsam als wenn
es Fälle geben könnte, wo man mit Freiheit und Bewußtseyn Gott zum
Zeugen anrufen, und doch sein Wort nicht halten, die Wahrheit nicht
sagen dürfe. Allein noch greuelhafter wird die Sache, wenn man hört,
aus +welchem Grunde+ sie diesen Unterschied ableiteten. Das +Gold+
des Tempels, die +Gabe+ auf dem Altare legte dem Schwörenden strenge
Verbindlichkeit auf; ein Schwur beim +bloßen+ Tempel oder Altare
durfte nicht gehalten werden. Man sollte es für unmöglich halten, daß
Vorsteher und Lehrer des Volkes die niederträchtigste Habsucht so zur
Schau tragen möchten; und doch war es so! Durch solche goldene und
fette Schwüre mehrten sich der Schatz und die Opfer im Tempel; dabei
fanden die eigennützigen Gesetzausleger ihre gute Rechnung. Daß der
unwissende Mitbruder im Volke auf diese Weise Vermögen, Ehre und Leben
einbüßen konnte; was gieng das sie an? +Thaten+ sie es doch nicht,
wenigstens nicht öffentlich, sie +lehrten+ ja nur so. Wenn aber ein
Heide gewissenlos geprellt wurde, so war dieß in ihren Augen eher
Verdienst, als Sünde. Die Schätze dieser „unreinen Hunde“ sollten
ohnehin dem „Volke Gottes“ d. h. ihnen heimfallen; folglich nahmen sie
nur, was ihnen schon gehörte.

Versetzen wir uns in die damalige Zeit, und vergegenwärtigen wir
uns die verheerenden Wirkungen dieser Lehren für Leib und Seele! --
Wahrlich! unser Herr bewies auch hier wieder, daß „er nicht gekommen
war, zu richten, sondern selig zu machen;“ er hätte sonst mit Elias
Blitze auf die scheinheiligen Bösewichter fallen lassen müßen. Doch so
sprach seine Anrede: „Ihr blinden Wegweiser! Ihr Thoren!“ mehr Bedauern
und Mitleid aus, als Richterernst. Es war der Ton des strafenden und
bessernden Ernstes, der aber doch zugleich dem Volke einen Fingerzeig
gab, wie weit es mit gutem Gewissen solchen Männern trauen und folgen
dürfte.

Jetzt wird es Jedermann erst ganz begreifen, warum die Pharisäer unsern
Erlöser +ausspotteten+, als er sprach: „Ihr könnet nicht Gott und dem
Mamon dienen.“ Ihre Frömmigkeit war nur Götzendienst, weil sie nur auf
Ehre und Gewinn berechnet war; eine solche Herzensreinheit, wie Jesus
forderte, konnten sie sich nicht einmal denken, vielweniger war ihnen
dieselbe aus Erfahrung bekannt; also kam sie ihnen belachenswerth vor!
-- welche Blindheit!

Aber dem Hohngelächter derer, die nicht wußten, und nicht wissen
wollten, was es heiße, „reich bei Gott sein,“ trat die Parabel vom
+reichen und armen Manne+ mit furchtbarem Ernst in den Weg (Luk. XVI,
13-31). Sollten wir dabei nicht nachdenkend werden, und uns vor den
schrecklichen Folgen der Heuchelei, welche frommen Schein mit Geiz
verbinden will, zu verwahren suchen?

Ueberhaupt waren die Ansichten unseres Herrn über Opfer und Gaben
+ganz antipharisäisch+. Er konnte mit ihnen unmöglich zu recht kommen.
Sie zählten das Geld, wogen das Fleisch, schätzten das Mehl, welches
geopfert wurde, weil sie davon genoßen; Er sah auf das +Herz+, nicht
auf die +Hand+ des Opfernden. Rührend ist daher das Lob, welches er der
+Wittwe+ spricht, die einen Heller -- ihr ganzes Vermögen! -- opferte
(Mark. XIII, 41-44. Luk. XXI, 1-4).

       *       *       *       *       *

+Den Zehnten zu geben+, war für jeden Israeliten heilige Pflicht, weil
das Heiligthum und seine Diener davon unterhalten wurden. Eigennutz
mochte Viele verleiten, wenig oder doch Schlechtes zu liefern. Die
Pharisäer machten aber hierin eine ehrenvolle Ausnahme. Niemand gab
den Zehnten pünktlicher, als sie; ja sie entrichteten denselben
sogar von den kleinsten Gartengewächsen, deren keine Erwähnung im
Gesetze geschah. Legten sie da nicht eine handgreifliche Probe ihrer
Gewissenhaftigkeit und ihres gesetzlichen Eifers an den Tag? Jesus will
nichts davon wissen; er sieht auch hier nur wieder Heuchelei, weil sie
die +Hauptsache+ -- „Gerechtigkeit, Liebe Gottes, Barmherzigkeit und
Treue“ vernachläßigten. Diese erklärt er für +unumgänglich nothwendig+;
den Zehnten „von Münze, Till und Kümmel“ +sollten+ sie geben. Er
legte also den Nachdruck gerade wieder auf Etwas, wovon die Heuchler
nichts hören wollten. Bei ihm war Gottesfurcht und Frömmigkeit nicht
so leichten Preises zu erkaufen, wie bei ihnen; da reichten ein paar
Kräuter hin, den Ruf der Heiligkeit zu gründen; Er forderte Thaten der
Gottes- und Menschenliebe.

Nur gar zu gerne fühlen wir uns um so viel besser, als die allgemein
verhaßten Pharisäer, weil wir nicht eben denselben Fehler begehen
-- mit Zehnten; aber sind wir denn immer so frei von dem Vorwurfe,
daß wir auf Kleinigkeiten großen Werth legen, und wichtige Dinge oft
leichtsinnig übersehen? „Blinde Wegweiser! die ihr Mücken seihet, und
Kameele verschlucket!“

       *       *       *       *       *

Die +gesetzlichen Reinigungen lagen+ zur Zeit unseres Herrn allen Juden
sehr am Herzen; Niemand aber war in diesem Stücke ängstlicher, als die
Pharisäer. Ihre Genauigkeit gieng bis zur Quaal für sich und Andere.
Dabei hatte aber ihr Geist eine Richtung genommen, welche dem ächten
und tiefen Schriftsinne ganz entgegen war. Lüge unter dem Scheine der
Wahrheit charakterisirte sie durchaus, doch kaum irgendwo stärker,
als hier. Da aber eben diese scheinbare Sorgfalt für das Gesetz den
großen Haufen ungemein blendete, und in den Pharisäern etwas Großes
und Heiliges erblicken ließ; so deckte Jesus den heiligen Betrug
schonungslos auf, und stellte ihre innere Häßlichkeit zur Schau dar.
Er zeigte, wie sie beim +Aeußern+ stehen blieben, und das +Innere+
vernachläßigten; als wenn Gott nur jenes, nicht auch dieses geschaffen
hätte, und nur jenes, nicht auch dieses, und zwar vor jenem rein
erhalten haben wollte. Wie grell treten nun die Gegensätze hervor! Die
Heuchler reinigten und fegten die Schüsseln, und die Speisen darin
waren geraubtes Gut; sie wuschen die Hände, und das Herz sann auf
Ungerechtigkeit; sie machten vor Gott Bücklinge, und unterdrückten
seine Kinder. Ihre Religion klebte also an Tellern, Tischen, Sesseln,
Kleidern und Füßen -- überall; nur das Herz gieng leer aus. Gott war
ihr Herr über den Leib, aber die Seele hatte kein Verhältniß zu ihm.

+Bequem+ war eine solche Gottesverehrung unstreitig auch wieder, so
sehr sie sonst beengte. Sie kroch mit dem Leibe vor Gott, blendete die
kurzsichtigen Sterblichen, und unterstützte alle Ränke der niedrigsten
Leidenschaft. Drei Zwecke mit Einem Mittel! Welch’ ein Meisterstück in
der Kunst zu leben!

Jesus schlug eine ganz andere Art, die Speisen zu reinigen vor. „+Gebet
von dem, was darin ist Almosen; und sehet, Alles ist rein für euch!+“
Er wußte gar wohl, daß die Pharisäer hartherzig und lieblos waren, und
doch keinen Fehler an sich sahen, weil sie Gott äußerlich so viele
Ehre erwiesen, und wohl noch etwas +über sein Gesetz hinaus+ thaten,
um sich für ihre Lieblingsneigungen ein Privilegium zu erschleichen;
denn sie liebten nicht Gott, nur sich selbst. Darum sagte Jesus: Das
Reinigen der Schüssel ist gut und gesetzlich; aber euren Händen könntet
ihr eure überspannte Mühe ersparen, und sie zu etwas Besserm anwenden,
als zu ewigem Fegen und Waschen. Theilet den Armen von euern Speisen
mit! Machet auch diesen einen frohen Tag! So werden eure Speisen Gott
wohlgefälliger, als durch die pünktlichste Reinigung. Wie weise, wie
göttlich -- aber wie ärgerlich und anstößig!

       *       *       *       *       *

Es ist bekannt, daß Berührung eines Todten gesetzlich
verunreinigte.[32] Daher flohen die Juden selbst Grabstäten, damit
sie dem Gesetze nicht zu nahe traten. Wer unwissend an einen solchen
Platz kam, und es hintennach entdeckte, war allemal in seinem Herzen
unruhig, ob er nicht unrein sei; und er nahm es lieber an, als daß er
das Gesetz verletzte. Daraus wird es denn auch begreiflich, daß das
Tünchen und Einfassen der Grabmäler nicht bloß eine Ehrenbezeugung für
die Verstorbenen, sondern auch eine Warnung für die Lebenden war.

Treffend benützte Jesus diese Sitte in beiden Rücksichten, um den
Charackter der Heuchler bis zum Leben ähnlich zu zeichnen. Einmal
galten die Pharisäer wegen ihrer Gesetzlichkeit in den Augen der
Meisten für Leute, von denen für Tugend, Ehre und Gut nicht nur nichts
zu fürchten, sondern wohl noch Gewinn zu erwarten war. Deß ungeachtet
waren sie Ehebrecher, Verläumder und Geizhälse. Es gieng also den
Leuten mit ihnen, wie mit unbekannten Grabstäten. -- Wer aber wie
Jesus, den Lügengeist dieser Menschen kannte, ließ sich durch kein
tugendhaftes und religiöses Gepränge täuschen; ein böses und verkehrtes
Herz grinsete als Schreckgestalt aus der Larve der Heiligkeit. Auch
die schönste Grabstätte betrat der Jude nicht ohne Noth, weil Aas und
Knochen darin waren. Vielmehr machte ihn eben die weise Farbe des
Grabes noch aufmerksamer. So ergieng es auch Jesus mit den Heuchlern
seiner Zeit! -- --

Sichtbar wurde Jesus zu diesem charackterischen Zuge der Pharisäer
hingeleitet durch den unmittelbar vorhergehenden Gedanken von der
übertriebenen und verkehrten Sorgfalt für Reinigung der Schüsseln &c.
Aber eben durch diesen Zusammenhang springt die innere, sittliche
Unreinigkeit und die gleißnerische Denk- und Handlungsweise der
Pharisäer um so mehr in die Augen; so wie sich im Verfolge die Rede von
den Grabstäten der Propheten höchst natürlich anschließt.

Die Pharisäer setzten ein großes Verdienst darein, die +Grabmäler der
Propheten+ mit frommer Spende zu schmücken. Daß sie dabei lange Gebete
sprachen, die Tugenden und den hohen Glaubensmuth der Männer Gottes
anpriesen, zu ihrer Nachahmung nach +ihrer+ Art ermunterten, versteht
sich von selbst. Wer sollte es von solchen heiligen Sprachmaschinen
anders erwarten? Nicht genug; sie tadelten noch die früher verstorbenen
Israeliten -- „ihre Väter“ --, daß diese die Propheten gemordet hatten.
Auch dieser fromme Unwille wurde gewiß mit allem äußerlichen Ernste
und Abscheu ausgesprochen. Allein Jesus fand gerade in alle diesem
Machwerke das wahre Kennzeichen, daß sie „Söhne der Prophetenmörder
seien“, d. h. nicht nur +leibliche+ Nachkommen, sondern auch Erben
ihres +Sinnes+ und +Nachahmer+ ihrer Thaten -- an +Jesus+ und seinen
+Jüngern+!!! -- Diese neuen göttliche Gesandten waren ihnen eben so
unwillkommen, als ihren Vätern die frühern; denn sie widersprachen
ihren Lehren und Thaten zu laut und zu stark, als daß ihre versteckten
Leidenschaften nicht hätten hervorbrechen und die giftigste Rache an
diesen „Söhnen Gottes“ nehmen sollen.

Furchtbar ertönt von da an die Stimme des Weltrichters; Donner Gottes
sprechen aus seinem Munde, um die Frevler heilsam zu erschüttern, und
von blutigen Thaten zurückzuschrecken -- umsonst! wie konnte ihnen der
verachtete Galiläer mit Drohung göttlicher Gerichte etwas abgewinnen,
da sie seine göttlichen Thaten verworfen hatten!

Jesus wußte das; nur wollte er auch dieses letzte Mittel der innigsten
und thätigsten Feindesliebe nicht unversucht lassen. Sie ließ er nun
ihren Weg zum Verderben ziehen; allein sie rissen Stadt und Land
mit sich hinein. Dieser Gedanke gab dem Affekte unseres Herrn eine
ganz entgegengesetzte Richtung. Statt der Richtersprüche ertönte die
wehmüthige, mitleidsvolle Stimme der zärtlichsten Vaterlandsliebe,
welche die Ihrigen blind und taub dem Untergang entgegeneilen sah. Wie
rührend klagt er! Wer preßte dem göttlichen Herzen solche Trauertöne
ab? +Heuchelei!+ -- O, laßt uns fliehen vor dieser giftigsten aller
Ausgeburten der alten Schlange! Lassen wenigstens wir uns warnen, da
es die Zeitgenossen nicht thaten! Jesus spricht so deutlich, so ernst,
so liebevoll zu uns; hören wir ihn doch, da es noch Heute ist!! --



XX.

Jesus wird von den Pharisäern an das Kreuz gebracht.[33]


Kaum dürfte Jemand im Stande sein, sich eine deutliche Vorstellung von
dem zu machen, was die Pharisäer bei dieser Strafpredigt empfunden,
gedacht und gewünschet haben. +Scham+ über ihre entlarvte Gleißnerei,
+Selbstanklage+ des Gewissens, welches gebrandmarket war, +Ingrimm+
über ihr vermindertes Ansehen, +Rachsucht+ bis zur +Mordlust+,
peinliche +Verlegenheit+ über die Mittel und Wege, diesen gefährlichen
Mann wegzuräumen, +Furcht+ vor dem Volke, +ängstliches Ringen+, die
fromme Haltung nicht zu verlieren, und dem Galiläer den Sieg zu lassen
-- und wie manche andere Gefühle, Gedanken und Begierden mögen in ihren
Herzen gewechselt haben! --

Jesus hingegen verließ in der ruhigsten Fassung den Tempel. So scheidet
die sinkende Sonne im sanften Abendschimmer, wenn sie die Gewitter des
Tages besiegt hat. Düster entfliehen die verheerenden Wolken in das
Dunkel der Nacht.

Tag war es, wo Jesus sich aufhielt, Nacht, wo die Schriftgelehrten
und Aeltesten des Volkes sich versammelten. Er saß auf dem Oelberge,
Jerusalem gegenüber, warf tiefe Blicke in die Zukunft, gab hohe Lehren,
sprach von seiner Wiederkunft mit seinen Jüngern -- „und als er alle
diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wisset,
daß nach zwei Tagen Ostern ist, und daß der Sohn des Menschen übergeben
wird, um gekreuziget zu werden.“ -- „Die Hohenpriester und die
Schriftgelehrten und die Aeltesten des Volkes versammelten sich in dem
Pallaste des Hohenpriesters, der Kajaphas hieß. Und sie hielten Rath,
wie sie ihn mit List ergreifen und tödten könnten.“ (Matth. XXVI, 1-4.)

Lebendiger ließen sich wohl die Gegensätze nicht schildern, aber
auch richtiger die Stimmung beider Theile nicht darstellen, als es
der Evangelist hier mit wenigen Zügen thut. Jesus wußte, was er zu
erwarten hatte -- den Tod. Die Pharisäer waren gewiß, was sie ihm
anthun wollten -- den Tod. So kamen sie einander entgegen; er gieng
hin, wie +sein+ Vater es wollte; sie suchten zu vollbringen, was +ihr+
Vater liebte. Er hatte seinen Angriff offen gethan; sie sannen auf
Hinterlist. So geziemte es der Wahrheit und der Lüge.

„Ja nicht an dem Feste, damit kein Auflauf unter dem Volke entsteht!“
-- Sehet da die Helden des Tages der jüdischen Welt! Sehet die
Häupter Israels! wie sie zittern vor dem kräftigen Wahrheitssinne des
„Erdenvolkes“, wie sie es nannten! Wäre Christus der große Verbrecher
gewesen, für den sie ihn, von ihrer Leidenschaft gezwungen, hielten,
so hätten sie ihn ohne Bedenken am hellen Tage ergreifen, und zum
warnenden Beispiele für Alle am Feste hinrichten dürfen. Allein ihr
eigenes Gewissen bezeugte ihnen das Gegentheil; daher die nur zu
gegründete Furcht, als Prophetenmörder betrachtet und behandelt zu
werden. +Charakterlose Menschenscheue ist wesentliches Kennzeichen der
Heuchelei.+ --

Und doch konnten sie es nicht über sich gewinnen, in ihren Herzen von
den Mordanschlägen abzustehen. +Ihre+ Religiosität forderte blutige
Rache. Aber wie sollten sie zum Zwecke kommen bei der Vorsicht und
Klugheit Jesu? Dieser Verlegenheit wurden sie unerwartet entrissen --
durch +Judas+. Teuflischer Verrath des Jüngers an seinem Meister, des
Freundes am Freunde! Wer wird ein solches Anerbieten nicht mit Abscheu
von sich stoßen? Die Pharisäer -- „+sie freuten sich+!!“ (Matth.
XXVI, 14-16. Mark. XIV, 10-11.). -- Göttlicher Erlöser! was wird
dein Herz voll gränzenloser Menschenliebe empfunden haben, als Du im
Geiste sahest, wie süßes, gräßliches Entzücken altväterlicher Lust am
Prophetenmorde die rabbinischen Herzen deiner Feinde durchbebte! -- --

Wäre Judas nicht von Neid und Geiz geblendet gewesen; er hätte in
den funkelnden Augen, in den freundlich grinsenden Mienen, in der
gebrochenen, gehaltenen Sprache, selbst in erkünstelten Lobsprüchen der
Hohenpriester ihr böses Herz und ihre frömmelnde Gottlosigkeit deutlich
lesen können. Aber so fesselten ihn die „dreißig Silberlinge“ um so
mehr, je feiner sie ihn als den einzigen Redlichen, Wahrheitsliebenden
unter der verruchten Schaar herausstrichen, je schmeichelhafter sie
den gehorsamen Sohn rühmten, der den Vätern des Volkes getreu die
Hand bot, den verderblichsten Betrüger wegzuräumen. Auch ohne Satans
eigenste Verführung waren solche Ausdrücke hoher Freude, die noch dazu
-- freilich sehr dünne -- versilbert wurden, beinahe hinreichend, den
+Judas+ zum entsetzlichsten Verbrechen fortzureißen.

       *       *       *       *       *

Judas hielt genau sein Wort. Vielleicht wäre Jesus schon beim letzten
Mahle überfallen worden; allein dieß hatte er dem Judas unmöglich
gemacht, weil er den Petrus und Johannes in die Stadt vorausschickte,
ohne das Haus und den Eigenthümer näher zu bezeichnen, als durch
Umstände, die nur ein mehr als menschlicher Blick ihm entdecken konnte.
In Gethsemane +wollte+ er seine Gefangennehmung nicht mehr verhindern;
„denn seine Stunde war gekommen.“ Da verrieth Judas, als würdiger
Schüler der Pharisäer, den Sohn Gottes und des Menschen durch einen
+Kuß+ -- das schönste Zeichen der innigsten Liebe und Freundschaft!

       *       *       *       *       *

Scharf bezeichnend ist die Anrede unseres Herrn an die Schaar, welche
ihn überfallen hatte: „Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit
Schwerdtern und Stangen. Obwohl ich täglich bei euch im Tempel war,
habt ihr doch die Hände nicht nach mir ausgestrecket. +Doch dieß ist
eure Stunde, und die Macht der Finsterniß.+“ Das graußenhafte Dunkel
der Nacht war das beste Sinnbild ihrer Denkart, ihrer Plane, ihres
getreuesten Verbündeten -- des Vaters der Lüge und des Mordes. Wie tief
läßt uns Jesus in die Abgründe des Lasters der Heuchelei blicken!!

       *       *       *       *       *

+Annas+, der Schwiegervater des Kajaphas, war der Erste, vor welchen
Jesus gebunden, als Verbrecher, gestellt wurde. Wer schaudert nicht
zurück? „Der Allerheiligste“ steht vor dem Sünder zu Gericht. Der alte
Hohepriester fühlte sich geschmeichelt und hochgeehret, daß man den
Todfeind aller Gleißner so geraden Weges im Triumphe zu ihm führte. Ihm
schwoll das vom Göttlichen leere Herz; sein lüsternes Auge weidete sich
an dem gefesselten Nazarener; seine Miene verkündete Sieg und Tod; in
Haltung und Ton ein Richter „fragte er Jesus über seine Jünger und über
seine Lehre.“ Der Schlaukopf! Ueber etwas, wovon er selbst Augen- und
Ohrenzeuge war, was Jedermann in Jerusalem wußte, legte er gerichtliche
Fragen vor -- damit Jesus sich selbst verstricken sollte. So waren
diejenigen beschaffen, zu welchen die Schrift sagte: „Ihr seid Götter,“
d. h. als Richter Gottes Stellvertreter! Was soll man erst noch zu
der Handlung des Schergen sagen, der Jesus in das Gesicht schlug?
Nicht falsche Demuth, sondern tiefes Gefühl seiner menschlichen und
göttlichen Würde leitete unsern Herrn; bei Niederträchtigkeiten, die
man sich gegen ihn erlaubte, +schwieg Er nicht; aber sein Richter, der
Hohepriester, schwieg+!! --

       *       *       *       *       *

Annas war jetzt schon befriediget; er schickte Jesus zu +Kajaphas+. Ein
neuer, merkwürdiger Auftritt! Hier fanden sich gewesene Hohepriester,
Aelteste des Volkes und Schriftgelehrte zahlreich noch am späten
Abend ein. Wie sehr sich doch diese Herren Gottes Sache angelegen
seyn ließen! Sogar die Ruhe der Nacht opferten sie ihrem heiligen
Mordgeschäfte auf!

„Das +ganze+ Synedrium suchte falsche Zeugen gegen Jesus.“ Bestund
denn das Synedrium nur aus Pharisäern? Unstreitig befanden sich auch
viele +Sadducäer+ darunter, da die Reichen und Vornehmen häufig dieser
Sekte zugethan waren. Und mit diesen Unglaubigen vereinigten sich die
Pharisäer? Warum denn nicht, wenn es den Tod des Nazareners galt, der
beiden Partheien gleich verhaßt war? Ein höchst merkwürdiger Zug in dem
Charakter dieser Heuchler!

„Sie suchten falsche Zeugen gegen Jesus, +um ihn zum Tode zu bringen+.“
Die höchste Gerichtsstelle des Landes hielt feierliches Verhör, nicht
um über die Schuld oder Unschuld unseres Herrn genaue Erkundigung
einzuziehen, sondern um ihn unter dem Schutze von +gerichtlichen
Formen+ zu morden. So glaubten sie ihr eigenes Gewissen belügen und
Gott und Menschen über und um sich täuschen zu können.

Allein der fein ausgedachte Plan scheiterte; die Zeugen widersprachen
sich oder wichen wenigstens in ihren Aussagen zu weit von einander
ab. Sie vermochten damit nicht einmal scheinbar den Forderungen
des oft so leicht zu befriedigenden Rechtes zu genügen. Was die
schlimme Sache noch mehr verdarb, war das unerwartete, entschlossene,
würdevolle Stillschweigen des Beklagten, der, selbst vom Hohenpriester
aufgefordert, nicht eine Sylbe zur Widerlegung der lügenhaften Zeugen
vernehmen ließ. So war es unmöglich, ihn ins Garn zu bringen. Was
blieb ihnen nun übrig? Nur ein +verzweifelter Schritt+, wenn sie
anders zum sehnlichst erwünschten Ziele gelangen wollten. +Kajaphas+
trat in eigener hoher Person auf, und nahm unserm Herrn unter einer
+Eidesformul+ das Geständniß ab, +daß er der Messias+ sei. Mit welchem
Rechte, nach welchem Gesetze konnte er den +Beklagten+ seine eigene
+Anklage+ mit einem +Schwure+ vor Gott +bekräftigen+ lassen?! Welch’
ein ungeheurer Mißbrauch richterlicher Gewalt und Würde! +So gründete
Heuchelei ihr Unrecht auf die Gewissenhaftigkeit des Angeklagten!!+

Jesus ließ sich dieses aus Gehorsam gegen den heiligen Willen seines
Vaters und aus Liebe zu uns gefallen; er „bekannte das schöne
Bekenntniß“, der Hohepriester zerriß im heiligen Zorn darüber sein
Kleid, das Synedrium, von ihm aufgerufen, fand den Sohn Joseph’s des
+Todes schuldig+. Darin nun waren sie keine Heuchler; denn Kajaphas und
seine Genossen waren wohl fest überzeugt, daß Jesus der Messias nicht
sein +könne+. Nur in der Art und Weise, wie sie zu diesem Schlusse
kamen, lag Heuchelei.

       *       *       *       *       *

Den eifervollen Wächtern über das Gesetz, welches oft so
menschenfreundlich und milde den Schwachheiten der Menschen begegnet,
macht es unstreitig alle Ehre vor den Augen Gottes und der Menschen,
daß sie den verurtheilten Lehrer dem niederträchtigsten Muthwillen
der rohesten Henkersknechte die ganze Nacht hindurch Preis gaben. Ein
ächtes Kennzeichen ihrer rabbinischen Menschenliebe, die sich wohl an
einem Gotteslästerer nicht versündigen konnte, wenn sie ihn auch noch
so sehr mißhandelte!

       *       *       *       *       *

Der Tag brach an; noch einmal versammelte sich das Synedrium,
wahrscheinlich, weil am Abende vorher in der Eile nicht alle Mitglieder
erschienen waren. Dazu kam noch, daß eine wiederholte Untersuchung
der Sache des Gefangenen, einen großen Schein der Bedachtsamkeit,
Unpartheilichkeit und Gewissenhaftigkeit auf sie warf.

Jesus wurde vorgeführet, neuerdings gefragt, ob er der Messias sei?
Er blieb seiner Aussage getreu, so wie dem Beisatze, daß er bald
zur Rechten Gottes sitzen, d. h. sich in seiner Herrlichkeit als
Welterlöser befinden und durch Thaten beweisen werde. Wie hätten seine
Richter es über sich vermocht, ihm dieses Wort zu glauben! Widersprach
nicht sein ganzer gegenwärtiger Zustand gerade zu dieser Erklärung? Ja,
sie trug nur dazu bei, sie vollends irre zu machen; denn Wahrheit und
Gottes Wege waren nun einmal ihre Sache nicht.

Wirklich nahmen sie auch darauf so gar keine Rücksicht, daß sie nur
hastig wieder die Frage stellten: „Du bist also der Sohn Gottes?“
-- Wer greift es nicht mit Händen, was sie eigentlich wollten? Jesus
sollte rund heraus und einfach bekennen: „Ja, ich bin es;“ dann hatten
sie, was sie suchten -- Gelegenheit und Recht ihn zu verurtheilen. Er
that es, und sie fanden ihn todeswürdig. Falsche Zeugen waren jetzt
nicht mehr nöthig; dieses ehrenvolle Amt übernahmen sie selbst; denn
sie hatten es mit eigenen frommen Ohren vernommen, wie er sich für den
Messias ausgab, da er es doch nicht war, nicht sein konnte.

       *       *       *       *       *

+Rachsucht+ und +Mordlust+ verunreinigte keinen Pharisäer, aber der
+Pallast+ des Pilatus hätte unfehlbar so etwas bewirkt, wenn sie
denselben am frühen Morgen des festlichen Tages betreten hätten. Damit
sie also mit +gutem Gewissen+ „das Passamahl essen konnten“, ließen sie
Pilatus zu sich herauskommen, als sie Jesus gebunden zu ihm führten.

Der Römer mochte schon durch die frühe Zudringlichkeit und durch die
Bitte, heraus zu kommen aus dem Pallaste gereizt sein; die Feinde
Jesu waren es nicht weniger dadurch, daß sie sich gezwungen sahen,
das Todesurtheil durch Pilatus bestätigen zu lassen, weil sie ihre
Unabhängigkeit an die Römer verloren hatten. Daraus erklärt sich die
allgemeine, unbestimmte, stolze Anklage: „Wenn er nicht ein Verbrecher
wäre, so hätten wir ihn dir nicht überliefert.“ Pilatus sollte also
Jesus zum Tode verurtheilen, bloß weil der hohe Rath es wollte. Welche
Leidenschaftlichkeit! Da erwachte aber der Stolz des Welteroberers in
dem Römer, und er ließ die trotzigen Ohnmächtigen ihre ganzes Schwäche
in beißendem Spotte seiner Antwort fühlen: „Nehmet ihr ihn, und richtet
ihn nach eurem Gesetze.“

Jetzt mußten sie ihr Unvermögen, Jesus ohne Mitwirken des Pilatus zu
morden, eingestehen, und zugleich den eigentlichen Klagepunkt genauer
angeben. Dieß war kein anderer, als: „Er wolle König -- Messias der
Juden sein.“ -- Die Hohenpriester machten bei Jesus ein Todesverbrechen
-- vor dem Ausländer, Pilatus -- aus dem, was sie an Jedem gelobt und
verschwiegen hätten, +der nach ihrem Sinne Messias hätte sein wollen,
der vom Vater versiegelte sollte am Kreuze verbluten+!!! --

Uebersehen dürfen wir es dabei nicht, welche Kunstgriffe sie anwandten,
der Klage eine Gestalt zu geben, die auch den Römer in ihr Interesse
ziehen sollte, „Wir finden, daß er das +Volk verführt+, und es
+abhält+, dem +Kaiser den Tribut+ zu +geben+, indem er sagt, Er sei der
Gesalbte, der König.“ Ein herrliches Probestückchen, wie viel sie schon
von „ihrem Lügenvater“ gelernt hatten!

+Jesus schwieg+ -- aber so würdevoll, so mit allem Bewußtsein der
Unschuld, daß der Scharfblick des Richters es leicht entdecken konnte,
um so mehr, da es dem Pilatus nicht unbekannt war, „daß ihn die
Hohenpriester aus +Neid+ ausgeliefert hatten.“ Er nahm mit Jesus ein
geheimes Verhör in dem Richthause vor, und überzeugte sich vollkommen
von seiner Unschuld. +Diese Ueberzeugung sprach er auch öffentlich
aus.+ Welche Ehre für unsern Herrn! Welche Schande für seine Kläger!

Was wollten sie nun weiter thun? Wie ihren Racheplan durchsetzen? Der
wüthendste Haß, die grimmigste Verfolgungssucht, gewissenloser Ehrgeiz
ließ die frommen Väter alle Folgerichtigkeit der Gedanken, geschweige
die Gerechtigkeit und Wahrheit, vergessen. Sie gaben die erste Anklage
auf, und brachten eine +ganz neue+ vor; „Er wiegelt das Volk auf,
+indem er in ganz Judäa umherlehret+, angefangen von +Galiläa+ bis
hieher.“ Gewiß ein neues und bis auf diesen Tag unerhörtes Verbrechen!
Jesus +lehrte+, also hat er den +Tod+ verdient; so lautet die
Schlußweise der Heuchler. Außer der Kürze fehlt nichts, als -- Wahrheit.

Pilatus mußte die Verlegenheit und verhaltene Wuth der Elenden
bemerken; doch wollte er es mit ihnen nicht ganz verderben. Daher
faßte er das Wort: Galiläa, auf, um diesen Prozeß an +Herodes+
hinüberzuweisen. Wie mußte sie dieser Aufschub ärgern! -- Wer
fände aber schwarze Galle und herbe Worte genug, um den Ingrimm
dieser Menschen zu schildern, +als auch Herodes, ihr Landsmann und
Glaubensgenosse, nicht auf Tod erkannte+! Und sie hatten sich so viele
Mühe gegeben, Jesus recht kräftig zu verklagen bei dem Könige, der aber
doch die +schweigende Unschuld+ beredter fand als die klatschende Lüge!

       *       *       *       *       *

Als die Juden unsern Herrn von Herodes zu Pilatus zurückbrachten,
erklärte dieser +neuerdings+, daß er ihn nicht verurtheilen könne.
Geißeln wollte er ihn lassen -- den Unschuldigen! -- nur um den
Blutdurst der Hohenpriester einiger Maaßen zu befriedigen.

Diese Gesinnungen des römischen Richters trieben den Todeshaß bis zur
gränzenlosen Wuth. Nicht einmal falsche Anklagen, keine Scheingründe
stunden ihnen zu Gebote; sie mußten beinahe verzweifeln, als ihnen
die erfinderische Leidenschaft doch noch ein Mittel an die Hand gab --
+Geschrei des Aufruhres+.

Glücklicher Weise bot ihnen Pilatus, zum Theil auf Verlangen des
Volkes, die Loslassung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers
an, als Zeichen, daß ehemals sie selbst das Recht über Leben und
Tod gehabt hatten. Die Zeit, welche verstrich, bis +Barabbas+
herbeigebracht wurde, und bis Pilatus die Nachricht vom Traume seiner
Frau beantwortete, benützten die erbosten Schlauköpfe meisterhaft;
sie vertheilten sich unter die Haufen des Volkes, erhitzten durch
alle Mittel, welche ihnen als Aeltesten, Priestern, Gesetzgelehrten,
Scheinheiligen zahlreich zu Gebote stunden, die beweglichen Gemüther,
besonders der Einwohner der Hauptstadt, und brüllten nun in immer
steigendem Ungestümme dem vermittelnden Richter ihr entsetzliches
„+Kreuzige!+“ entgegen. Dieses unsinnige +Geschrei+ mußte jetzt alle
+Gründe+ ersetzen, alle Stimmen des +Gewissens+ übertäuben, die
natürlich für den wohlthätigen Lehrer gegen den verderblichen Mörder
entschieden hätten. Unglaublich wäre diese Verblendung der Heuchler
selbst und ihrer Verführten, wenn nicht die heilige Geschichte sie
bestätigte.

       *       *       *       *       *

Noch machte Pilatus einen letzten Versuch, Jesus wenigstens am Leben zu
erhalten. Er ließ ihn die grausame römische Geißelung bestehen, um so
das +Mitleiden+ gegen den mißhandelten Unschuldigen zu erregen. Allein
theils die zwecklose, muthwillige Verspottung der Königlichen Würde des
Messias, theils die unermüdliche Geschäftigkeit der Vornehmen, für die
väterliche Religion scheinbar eifernden Volksverführer erstickte alles
menschliche Gefühl. Gräßlich donnerte die Schaar der Hohenpriester und
ihrer Geistessklaven dem Pilatus ihr Todesgeschrei entgegen.

Wiederholt bezeugte der Richter die Schuldlosigkeit unseres Herrn. Da
trieb sie verzweifelte Rachsucht wieder auf die +erste+ Anklage zurück.
Sie beriefen sich auf ihr göttliches Gesetz, welches Jesum zum Tode
verurtheile, „+weil er sich selbst zum Sohne Gottes gemacht habe+.“ --
Dieses Mal aber sprach wieder der heuchlerische Lügengeist laut aus
ihnen. Das +Gesetz+ belegte den +Gotteslästerer+ und den +falschen+
Propheten mit dem Tode der +Steinigung+[34]; mit welchem Rechte konnten
sie diese Stellen auf +Jesus+ anwenden? Hatten sie unpartheiisch
geprüft? Waren sie mit Gottesfurcht dabei zu Werke gegangen? Man
frage die Geschichte! Den wahren Grund dieser trügerischen Berufung
auf das Gesetz geben sie mit zwei Worten an: „+Er selbst+,“ +d. h.
nicht durch uns+ hat er sich zum Messias aufgeworfen. Die wahrhaft
göttlichen Lehren und Thaten Jesu waren kein Beweis seiner Sendung von
Gott, weil +sie+ ihn nicht gesandt, +sie+ ihn nicht anerkannt, +sie+
ihn nicht bestätiget hatten. +Unmittelbar+ von Gott +konnte+ eine
solche Sendung nicht geschehen; die Häupter der Nation hatten dabei
+auch+ und +vorzüglich+ mitzusprechen, ob der Messias die in +ihren+
Schulen festgesetzten Kennzeichen an sich habe. Nur +sie+ wußten die
Propheten recht auszulegen. Daher schlossen sie nach den Regeln ihres
heuchlerischen Verstandes: „ein Gotteslästerer und falscher Prophet muß
gesteiniget werden -- also Jesus, als falscher Messias, gekreuziget
werden.“ --

Dieses Gewebe von Bosheit, Egoismus, Lüge und Neid konnte Pilatus
unmöglich durchschauen. Aber auf ihn machte etwas anderes tiefen
Eindruck, das Wort: „Sohn Gottes.“ Auch Heiden glaubten an Göttersöhne,
freilich von sehr menschlicher Art;[35] an einem solchen wollte er
sich nun doch nicht versündigen.[36] Daher stellte er Jesus darüber
zur Rede. Die Erklärung, welche er erhielt, flößte ihm Hochachtung und
Furcht ein. Jetzt war er gar nicht mehr geneigt, das Todesurtheil der
Hohenpriester zu bestätigen. -- -- Menschenkinder! wendet euren Blick
ab! Lasset Thränen der bittersten Wehmuth fließen! -- -- ~Die Heuchelei
vollendet ihr teuflisches Werk.~

    „+Wenn du diesen losläßest, so bist du kein Freund des Kaisers.+“

Noch mehr:

    „+Wir haben keinen König, als den Kaiser+.“

-- „Da übergab ihn Pilatus ihnen, daß er gekreuziget würde -- -- --!“

       *       *       *       *       *

Triumph! -- Sie sehen ihn bluten! Sie weiden ihr mordsüchtiges Auge
an dem Gekreuzigten! Eine ganze Hölle von wilder Lust befriedigter
Rachsucht durchwühlt die laut pochenden Herzen der scheinheiligen
Frevler! Wer findet dieß nicht +natürlich+?

Aber +widernatürlich+ war es, des Unglücklichen, des Verfolgten,
des Besiegten, des Gekreuzigten -- +spotten+. So etwas konnten nur
+freiwillige Werkzeuge des Satans in Gestalt heiliger Gesetzlichkeit+
thun.

       *       *       *       *       *

+Jesus stirbt+ -- Ruhe seiner Asche! Unter Menschen wohl, aber nicht
bei Heuchlern! Das +Grab+ „des Betrügers“ wird mit Wachen umgeben,
damit er in drei Tagen nicht „gestohlen“ werde. Nach dem Tode noch
wüthen sie gegen den +Leichnam+ und gegen das +Andenken+ unseres
Erlösers. Entsetzlich -- aber ganz nach ihres Herzens Tücke!

       *       *       *       *       *

+Jesus ist erstanden!+ -- Die Hohenpriester +erkaufen+ von der Wache
die +Lüge+, „sein Leichnam sei, während sie schliefen, gestohlen
worden.“ Doch wohl ein eben so gewissenhafter und heiliger Gebrauch
des „Tempelschatzes,“ als der, da sie mit Judas „Blutgeld“ des Töpfers
Acker zum frommen Zwecke „einer Fremdenbegräbniß“ erhandelten.

       *       *       *       *       *

+Hosianna in der Höhe! Jesus lebt und siegt! Mit ihm Wahrheit und
Liebe! Satan und die Heuchler liegen bestürzt, zernichtet in Schmach
und Elend! Weg mit der Heuchelei aus unsern Herzen! Wahrheit und Liebe,
wie sie Jesus Christus ist, herrsche in uns -- zum ewigen Leben! Amen!+



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     17     10    Bosheit Ketten                Bosheitketten
     23      6    Hange                         Gange
     29     20    denn                          dann
     32     12    Synedrium                     Synodrium,
                                           (welches noch öfter steht.)
     44     28    ich sage dir                  sage dir
     48      9    hinter der                    hinter
     60     13    aber                          als
     66      6    thue                          thun
     74     21    immer                         über
     79     10    ruhmlos                       rühmlos
     99     24    Erstaunen                     Erstannen
    103     12    es diesen                     diesen
    104     11    Fällen stracks                stracks
    118     14    Eiferers                      Eifrers
            16    ungesättigten                 unbesättigten
    121      4    Volkes Gottes                 Volkes
    131     29    einen                         ein
    140      1    hat er                        er
    144     14    war es                        war
    148      3    diesem Wege                   diesem
    149     19    bewundert nicht               bewundert
            26    auch ihn                      auch
    153      2    ließ sich                     ließ
    161      7    Was hat er                    Was er
    164     22    Von nun an                    Von nun
    175     18    Unrecht nicht hätte           Unrecht hätte
    187     19    ungemessenste                 ungemessendste
    188     24    Nation nicht                  Nation
    207     19    Verkehrtes Herz               Verkehrtes
    220      9    sie                           die



Neue Verlagsbücher

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Fußnoten:

[1] I. Sam. XVI, 7.

[2] Matth. III, 1-11. Luk. III, 1-18. Joh. I, 19-28.

[3] Johannes I, 46-51.

[4] Joh. II, 13-22.

[5] Joh. III, 1-21.

[6] Luk. IV. 14-29.

[7] Matth. V. VI. VII.

[8] Matth. IX, 1-8. Mark. II, 1-12. Luk. V, 17-26.

[9] Matth. IX, 9-17. Mark. II, 13-22. Luk. V, 27-39.

[10] Matth. XII, 1-15. Mark. II, 23-28. III, 1-6. Luk. VI, 1-11. Joh. V.

[11] Luk. VII, 36-50.

[12] Matth. XII, 22-38. Mark. III, 22-30. Luk. XI, 14-27.

[13] Matth. XV, 1-20. Mark. VII, 1-23.

[14] Joh. VII. und VIII.

[15] Matth. IX, 36.

[16] Joh. VIII, 1-11.

[17] Eine geistlose und den Sinn verfehlende Variante gab einigen
Auslegern zu dieser Erklärung Anlaß.

[18] Joh. IX ganz.

[19] Ezech. XVIII, 20.

[20] Joh. VIII, 33. 44. 58-59.

[21] Luk. X, 25-37.

[22] Matth. XVI, 1-4. Luk. XII, 54-56.

[23] Luk. XIII, 1-17.

[24] Joh. XI, 43-51. Matth. XXI und XXII. Luk. XIX, 29-40 und XX.

[25] Treffenderes, als diese Anmerkungen des Matth. +Claudius+, ließe
sich über diese Stelle wohl kaum sagen. Asmus Werke IV. Theil S.
137-141. Hamb. 1819.

[26] Matth. XXIII. Vergl. Luk. XI, 39-52.

[27] II. Mos. XIII, 9. 16.

[28] Im Morgenlande häufige Sitte.

[29] IV. Mos. XV, 38. 39.

[30] Luk. XIV, 7-12.

[31] Joh. III, 1-21. Joh. IV, 7-42. Matth. IX, 9-13. Luk. VII, 36-50.
Matth. IX, 2-8. Joh. V, 1-14. Joh. IX. Luk. XIX, 1-10. Luk. VII, 2-10.
Matth. XV, 21-28.

[32] IV. Mos. XIX, 11-16.

[33] Matth. XXVI, 36 &c. XXVII. Mark. XIV, 26 &c. XV. Luk. XXII, 29.
&c. XXIII. Joh. XVIII-XIX.

[34] III. Mos. XXIV, 16. -- V. Mos. XIII, 1-5.

[35] Ungefähr wie unsere +neuern+ Schriftausleger!

[36] In unsern Tagen ist man so ängstlich nicht mehr -- selbst in
Betreff des +einzigen+ und +wahren Gottessohnes+.





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