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Title: Helianth. Band 1 - Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der - norddeutschen Tiefebene
Author: Schaeffer, Albrecht
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Helianth. Band 1 - Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der - norddeutschen Tiefebene" ***

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Digital Library.



                                HELIANTH


                                 Bilder
                             aus dem Leben
                       zweier Menschen von heute
                  und aus der norddeutschen Tiefebene
                      in neun Büchern dargestellt

                                  von
                           Albrecht Schaeffer


                         Der drei Bände erster


                       Im Insel-Verlag zu Leipzig
                                  1920



                                Widmung


              In Lebens leichter Unbeständigkeit
              Warst du der Sichre, der auch mich gefeit.

              Und wie das Sternheer strahlt, auch unsichtbar
              Am Tag: dein Bild mir dauernd' Sternbild war.

              So tritt vor dieses Werk auch hin im Geist,
              Das nun zu Nachfahrn und Geschlechtern reist.

              Ihr, teuren Namens Zeichen, flammt und seid
              Gewähr und Bürgen seiner Dankbarkeit!

                                        Kurt Albert Gerlach



                              Erstes Buch.
                             Hochsommertag
                                  oder
                               Die Kinder


                            Glanz und ruhm! so erwacht unsre welt
                            Heldengleich bannen wir berg und belt
                            Jung und groß schaut der geist ohne vogt
                            Auf die flur auf die flut die umwogt.

                                                         STEFAN GEORGE


                             Erstes Kapitel


                                 Wiese

Ununterbrochen feilten die Grillen.

Georg, zum Abgrunde des Sommers hinabgesunken, lag in der Tiefe des
Grillenmeers. Über ihm hoch, in einer schönen Ewigkeit gab es einen
Vormittag, Insel der Sonnenfriedlichkeit, und möglicherweise war es doch
dort, wo sein Leichnam angenehm ruhte, in jenen farbigen, brodelnden
Wiesen, von dem unzählbaren Zirpen des unsichtbaren Getiers dergestalt
überfüllt, daß alles von ihm zitterte und schwoll wie von einer
unsichtbaren, stampfenden Maschine, oder als brächten zehntausend
Sonnenstrahlen an den geschliffenen Spitzen der Gräser dies Geräusch
hervor, das fortebbte und erstarb und schon wieder von anderswo sich
erhob und überschwoll und wieder hinsank und in Ewigkeit nicht
verstummte -- grün, grün, grün -- und die flirrenden Stimmen. Georg
bemerkte, den Kopf hebend, daß er allerdings inmitten jener Wieseninsel
lag, sanft überflutet von Glut, und, geblendet vom Licht, gewahrte er
durch die Spalte der Lider unendlich fern seine Beine und Füße in
braunen Schnürstiefeln mit Messinghaken und Reitgamaschen, eine Art
braunen Gebirges, umringt von bebenden Zitterhalmen und roten
Sauerampferstauden wie von Zypressen und Kiefern, zu denen, klein
vogelgleich, unablässig die roten Fliegen und Perlmutterfalter
phantastisch heranflogen. Hummeln stimmten mit tiefem Geläut dazwischen.
Unermeßlich fern und fein sang eine gedengelte Sense. Kühe, die in der
Ewigkeit grasten, brüllten von dort herüber, selten nur und mit
Seelenruhe. Die See hinterm Deich war nicht zu hören.

Helenenruh, dachte Georg, ach Helenenruh! Wenn ich nur wüßte, ob es auch
so schön war, wie ich geboren wurde!

Er legte sich an die Seite und war an den Grund eines Urwalds geraten.
Alle Halme, die Margeriten, Federnelken und Sauerampfer -- Georg dachte:
Auersampfe, träumerisch -- waren zu einer sonnigen Lichtung geworden,
wärmedurchrieselt, bebendes Gold in der Himmelsbläue. Er wälzte sich auf
den Bauch herum und betrachtete die Stelle, wo sein Kopf das Gras
plattgedrückt hatte. Eine Ameise arbeitete sich schwierig daraus hervor,
kletterte, immer wieder einbrechend, aber nicht verzweifelnd, darüber
hinweg und verschwand. Hinter dem Gräserwald stand der Himmel wie blaues
Glas. Dahinter stiegen Käfer auf, schlugen einen Bogen, fielen, waren
fort. Grillen schnellten wie abgebrannte Schwärmer in die Höhe, fielen,
waren fort. Schön wärs, jetzt durch die blaue Glasscheibe zu greifen,
die da ins Gras gestellt war -- warum tat man sowas nur niemals? -- die
ja nicht zerbrechen würde, sondern im Gegenteil, sie würde ganz weich
sein, ungefähr wie warme Luft, aber die Hand würde gänzlich blau
dahinter aussehn. Jetzt wackelte ein Urwaldsbaum aufgeregt mit dem
Wipfel; an seiner Wurzel arbeiteten mit Stricken und Äxten wild
aussehende Kerle, mit Waffen bestarrt von oben bis unten, in befransten
Leggins, mit Schlapphüten, unter denen sie Tücher um den Kopf gewickelt
hatten; ihre Pferde knabberten in der Nähe, legten jeden Augenblick die
Ohren zurück, hatten böse Augen und mißhandelte Mäuler von den
pfundschweren Gebissen; ihre Sättel waren wie Kamelsättel, nämlich tief,
unbeschreiblich tief im kanadischen Urwald. Oder brasilianischen. Oder
wars vielleicht der Arkansas, der in der Nähe durch die Schnellen ging?
Von Arkansas kam man nach Tennessee und so weiter durch die Staaten, die
sich unerhört ausbreiteten. Wie das schon klang, wenn man sagte: Staaten
... Arkansas war auch ein fabelhaftes Wort, ebenso wie Rio de la Plata,
-- o grenzenlose, stille Wasserflächen! O Papageienschreie! Die Savanne,
die Savanne ... Welch unsterblich kolumbische Worte, durch Ferne und
Abenteuer zu strahlender Glasur gebrannt, Fayencen der Unsterblichkeit!
Womöglich bezaubernder, als wenn man Tasso sagte. -- Du siehst mich
lächelnd an, Eleonore. -- Wem es gelänge, einen solchen Anfang zu
erfinden! Sieh, Ameise, da bist du ja! Ist es dir gelungen? Warum jetzt
diese Sauerampferpappel ersteigen, Ameise? Indiana, das war auch so ein
entzückendes Staatenwort. Emma -- warum steht jetzt Emma ins Gras
geschnitten, so groß, so fett, so ausdrucksvoll? Die Möwen sehn alle
aus, als ob sie Emma hießen ... bewahre, das ist ja kein Grasboden, das
ist ja tintig und löcherig, das ist das alte Klassenpult unter dem Bilde
von Herkulanum. Ach, das wird nun wohl überhobelt sein, und die schön
gemalte Tulpe Pilsener ist verschwunden, ebenfalls der unsterbliche Vers
oben links in der Ecke unterm Lesevereinszirkel: Wer hier einschläft und
nicht erwacht -- Den hat der Daniel umgebracht. O Direx, o Daniel, o
Gewesenheit! O wie schön sie nun dasteht, aufrecht und echt und
dursterregend, die Tulpe Pilsener aus schönem Glase mit breitem
Goldrand, zur obern Hälfte mit Schnee, zur untern mit klarem Honig
gefüllt, und darunter, auf dem mit Zigarrenasche bestreuten Tischtuch
--, -- Georg las die mit Bleistift zierlich geschriebene Strophe
Platens: Wer wüßte je das Leben recht zu fassen ...

Ja, wer wüßte je? O schwierige Fragen. Der Ernst des Lebens trat nun an
einen heran. Man war ein Prinz, was hatte dies zu bedeuten,
insbesondere? Wie gings weiter?: Wer hat die Hälfte nicht davon verloren
... Ja, ein Viertel war schon hin, zwölf bittre, griechische Jahre und
noch sechs, dulde nur aus, mein Herz! »Im Spiel, im Fieber, im Gespräch
mit Toren.« Das kann stimmen, ach Gott, wie faul bin ich heute! Nur die
Ameisen müssen immer arbeiten. Nun wieder hinunter den Auer... »In
Liebesqual, in leerem Zeitverprassen ...« Verprassen ist ein wunderbarer
Ausdruck, das spritzt so! In Liebesqual ... in -- -- Liebes... was heißt
das? -- Wer hier einschläft und nicht ... Du siehst mich lächelnd an ...

Wieso ist auf einmal alles rot? Sonnenuntergang? Nein! O verschlafene
Tage! O Grillengezirp! O vergessene Geschichtszahlen! Ah, jetzt wird es
bunt, das kommt vom Schlafen, ich habe eine kleine halbe -- hu -- ah! --
halbe Stunde geschlafen, da liefen Ameisen in mir hin und her, ich
glaube, ich war ein ganzer Ameisberg, so warm und voll Geruch von Erde,
Kiefernadeln und kleinen Läusen, die gemelkt werden, es dampfte, es
kribbel-- es kribbelt noch immer, da am Ohr, wo sie ein und aus laufen
...

Georg faßte nach seinem linken Ohr, bekam einen Grashalm zwischen die
Finger, hörte das Lachen einer Göttin vom Zenit und wachte ganz auf.

Da saß sie! Bei Gott, da saß dieses Mädchen ganz stille bei ihm! -- Er
konnte mit tränenden, geblendeten Augen nichts wahrnehmen als einen
riesigen, weißen Kleidflecken, auf dem rote und grüne Scheiben
durcheinanderliefen. Sein Herz klopfte stark. Aufgerichtet, in seinen
Hemdsärmeln dasitzend, juckte er sich die Schultern, indem er das Hemd
darauf hin und her schob, gähnte riesig und dachte: Was zuckte ich eben?
Ich bin gezuckt, weil sie gekommen ist, weil sie nach mir gesucht hat,
weil sie ... Er gähnte noch einmal, um möglichst gleichgültig zu
erscheinen, und bemerkte, er sei so schlaftrunken. Da er keine Antwort
bekam, sagte er nach einer Weile: »Weißt du, Anna, wie mir zumut ist?
Als wär ich soeben geboren worden. Als hätt ich hier tausendundachtzehn
Jahre im Grillengezirp geschlafen, bloß die letzten zehn habe ich einen
schönen Unsinn geträumt. Weißt du, es giebt ein Bild, du wirst es nicht
kennen, es ist von -- von Philipp Otto Runge und heißt: Der Morgen. Ein
kleines Kind liegt in einem Rübenfeld und streckt die Arme nach oben. So
-- Gott bin ich müde! -- so komm ich mir auch vor!«

Während er sich in einem endlosen Gähnkrampf zusammenkrümmte, sah er
doch das zarte Lächeln in den Fältchen ihrer Augenwinkel, dazu die roten
Hitzeflecken über den fast brauenlosen Augenbuckeln, hörte sie auch
etwas sagen von seinem Gesicht, das wie eine Rübe aussähe, die ein
bißchen Wasser ausschwitzte, wo die Augen säßen, und es klebte eine
Mücke auf seiner linken Backe.

»Mücken«, sagte er, »sind gut.« Und dann dachte er, indem er sie sitzen
sah, auf der Seite nach weiblicher Art und mit angezogenen Füßen:
Kleines, weißes Mädchen! Kleines gesticktes Mädchen von siebenzehn! Du
lieber Gott, was kleine braune Schuhe! Und diese herrliche Stickerei,
die das halbe Kleid bedeckt! Und dieser weißliche Flaum auf den Armen,
die schon braun werden! Und diese großen, braunen Eleonorenaugen! Und
die breite, schöne Stirn! Und diese Biegung des großen Florentinerhuts,
und wie das Gesicht darunter im Schatten ist, und überhaupt alles! --
Zärtlichkeit zog sein Herz zusammen, ringsum waren die Wiesen, rote
Sümpfe von Sauerampfer, Gefilde weißer Sternblumen, und darüber dies
unablässige Geschwirre, auf und ab Fliegen und Schnellen und Schweben
von Flügeln, eine ungeheure Bewegung, und doch so still ...

Wieder lag er auf dem Rücken, starrte in die blendende Bläue, blinzelte
und dehnte sich innerlich, daß die Knochen knackten. Er hörte einen
trocknen Zweig taktmäßig gegen seine linke Gamasche schlagen. Die
Grillen feilten. Die Hummeln summten. In einer eigentümlichen
Ängstlichkeit bemüht, fortzukommen, war er wieder dabei, sich einen Weg
quer durch die Staaten zu bahnen, die Rifle in der Linken, das
Bowiemesser in der Rechten, den Tasso in der Revolvertasche (Reclam).

Plötzlich wagte ers und fragte, woher sie käme. Spazieren, sagte sie. Ob
sie ihn gesucht hätte. Gefunden, sagte sie. Und so redeten sie
vielleicht noch viele Worte, bis er kühn wurde und mit Herzklopfen
sagte: »Ich weiß jetzt! Du warst eine kleine Wolke, die vom Dent de la
Neige heruntergeflogen kam. Hast du wohl die himmlischen Kühe gesehn und
die Engel, die blaues Gras mähten?«

»O Georg,« sagte sie vorwurfsvoll, »darum bist du auch in Mathematik
durchgefallen. Schäm dich was! Ein Prinz und durchfallen!«

»Wenn er doch nie regieren braucht!«

»Wie hast du das bloß angestellt?«

»Angestellt? Der alte Kaffer fragte nach geometrischen Reihen, aber
Fischer hatte mir gesagt -- wir wurden an zwei Tagen geprüft, in zwei
Gruppen, weißt du --, die hätte er am ersten Tage gefragt gehabt, und
deshalb hatte ich bloß noch schnell die Formeln für die arithmetischen
Reihen übergelernt, und da sagte ich die her. Da setzte er mir eine
halbe Stunde auseinander, das wären die arithmetischen und nicht die
geometrischen, und was ich denn nun davon wüßte. Mehr nicht, sagte ich,
und da fragte er Dieckmann, und da war ich durchgefallen, und das war
vorauszusehn. Es war sehr bequem.«

Da saß sie und dachte. Was denkt so ein Mädchen, wenn es auf seiner
glatten Stirn mühselig eine kummervolle Falte erzeugt? Halb ist ihr
Kleid Tülldurchbruch -- wie kann man eigentlich sowas anziehn, wie muß
das wohl sein? -- und die Bluse ist halb Tülldurchbruch -- und halb ist
sie gar nicht; man kann sie in die Westentasche stecken, wie warm sie
sein muß! -- Da wurde ihm innerst heiß, unter der Sonnengluthaut, und er
dachte unbestimmt Zärtliches. Wenn ich nur wüßte, was sie jetzt denkt,
dachte er.

»Georg, woran denkst du jetzt?« fragte sie.

Ach, sie hatte an gar nichts gedacht! -- Er sagte, er hätte gedacht, was
sie jetzt dächte. »O, muß man immer denken?« antwortete sie seelenvoll.

»Wie wars denn nun«, fragte er, »an der Adria? Erzähle mal! Erzähle aus
Genf, aus Venedig! Warum seid ihr nicht bis Griechenland gekommen, ich
hätte euch alles gezeigt. Griechenland ist viel schöner. Sag, hast du in
Innsbruck auch immer morgens, wenn du auf die Straße kamst, gedacht, es
wäre schlecht Wetter, und dann warens die grauen Berge, und man mußte
sich den Kopf ausrenken, um den Himmel oben zu sehn? Berge sind so
scheußlich ...« Er ließ nachdenklich den Kopf zur Brust hängen, die
Hände links und rechts neben sich ins Gras gestützt. -- Wie spät es sei
... Er merkte, daß sie schon zum zweitenmal fragte, zog, ohne die
zugefallnen Augen zu öffnen, die Uhr an ihrem Lederriemchen aus der
Westentasche und hielt ihr die glatte Seite hin, die er für das
Zifferblatt hielt.

»Halb elf,« hörte er sie ganz fern sagen, »komm frühstücken!«

Georg nahm sich zusammen und hatte das bedrohliche Gefühl, daß auf
einmal Zeit da war. Halb elf, unweigerlich. Etwas hörte auf.

Er erhob sich umständlich, nahm die Jacke aus dem Grase, die dalag wie
ein schlafender Jagdhund, zog sie an, stülpte den Panama auf, klopfte
die Hose ab und stampfte mit dem rechten Fuß, daß etwas braune Erde vom
Spornrade fiel. Dann gingen sie über die Fenne, vor sich die riesig
aussehende, majestätische Wand des Wäldchens, zerklüftete und
durchrissene Wipfel, über ein Knicktor, wieder über eine Fenne, durchs
Gatter, und waren, von plötzlichem Brombeeraroma umwogt, in der dunklen,
schattigen Eichenallee, in deren entfernter, runder Öffnung lichtes
Grün, oben ein wenig Blau und dazwischen Weißes war vom Haus. Waren
hindurch und gingen über die ganz grüne, geschorene Wiesenfläche gerade
auf die Terrasse los, die glitzernd weiß zur linken Hälfte, zur rechten
dunkelgrau, vom Schatten des Südflügels bedeckt, mit Brüstungen und
großen, grauen, von rotem Geranium oder gelbroter Kapuzinerkresse
überwucherten Steinurnen vor dem blendendweißen Hause mit seinen weit
vorgreifenden Flügeln, den grünen Läden, schwarzen Dächern und zwei
Türmchen lag, an dessen einem die goldnen Uhrzeiger blitzten. Ach, in
dem wundervollen Grasboden unhörbar, das war eine Wonne zu gehn, so
schläfrig, hier und da stolpernd, in den heißen Hosentaschen die
glühenden Hände, den Kopf gegen die Sonne gesenkt, durch
halbgeschlossene Lider auf die braunen Stiefel hinuntersehend, die sich
da unten sonderbar selbständig vor und zurück bewegten, und links die
kleineren braunen Füße, die -- -- ach, es war zu schön!

Auf den Beetstreifen unterhalb der Terrasse blühten die Stockrosen
vielfarbig, und oben saß Papa unterm rot und weiß gestreiften
Leinenschirm am Tisch hinter der Brüstung zeitunglesend. Aus der Glastür
trat der Diener, eine Figur aus undurchsichtigem blauen Glase, der
gedrehte Flügel entsandte einen scharfen Goldblitz, er setzte einen
funkelnden Silberkorb und Gläser auf den Tisch, und plötzlich ergraute
alles und losch aus und schien verkleinert -- oben hatte eine kleine
Wolke sich vor die Sonne gestellt. Seltsam sachlich und wirklich
erschien von rechts her auf dem Weg unter der Terrasse ein Unbekannter
in einem grauen Anzug, blieb einen Augenblick vor einem Stock
weißrosiger Rosen -- Capitaine Christy? -- stehn, ging sachte weiter,
die zweimal vier Stufen hinauf, und wurde vom Herzog mit liebenswürdigem
Eifer begrüßt. Georg dachte: Wer ist das? -- Das Mädchen fragte
dasselbe. Da waren sie angelangt.


                                Terrasse

Anna Magdalena ging um den Tisch zu dem wie immer sitzenden Herzog, der
sie auf die Stirn küßte und nach den Träumen der ersten Nacht wieder im
Vaterhause fragte (doch gab es keine bestimmten, bloß ein Erröten) und
dann ihr und Georg den Fremden vorstellte, nämlich den Maler Benvenuto
Bogner, dessen Bild oben im Klaviersaal Georg kenne. »Er erweist uns die
Ehre seines Besuches und hat auch einen Freund mitgebracht, der aber
leider krank ist.«

»Ach, das schöne Bild mit dem (sonderbaren wollte er sagen) Vers
darunter!« sagte Georg erfreut, während er eine feste Hand zu fassen
bekam und in ein ziemlich langes, bartloses Gesicht mit fast
unsichtbaren hellen kleinen Augen in sehr großen Höhlen blickte.

Alsbald saßen sie um den runden Tisch und frühstückten Spiegeleier und
allerlei Köstliches. Der Herzog erinnerte den Maler an ihr erstes
Zusammentreffen in Paris, das war bald fünfzehn Jahre her.

»Ja, sieh, mein Sohn,« sagte er, »sieh dir diesen wohlwollenden Mann an.
Damals war das ein Bursch wie du, verschlossen, boshaft, mager wie ein
Hering, in seiner Dachkammer gedörrt, die mit den greulichsten
Bildstücken angefüllt war, und er wie ein ertappter Lustmörder mitten
drin sah aus, als ob er vor Hunger und Gewissensbissen umfallen wollte.
Und er verkaufte nichts, keinen --«

»Hat Papa Sie damals schon eingeladen?« redete Georg vergnügt
dazwischen. »Na, Sie haben sich Zeit genommen!«

Der Maler, sacht mitlächelnd, meinte, nein, er sei vielmehr gekommen, um
das Bild mit dem -- er machte genau Georgs eigne Pause vor dem Wort --
Vers abzumalen. Georg wollte überlegen, wie aus dem Lustmörder dieser
findige und vornehme Mensch geworden sein mochte, hörte seinen Vater
sagen: »Iß, Kleines, du ißt ja wie'n Vogel!« und sah sie langsam an. Sie
blickte, mit dem Rücken zur Hauswand sitzend, über die Brüstung und
sagte: »Da kommt Papa,« rot werdend. Jenseit des Rasenovals erschien im
lichtgrünen Loch des Eichenwäldchens ganz klein das weiße Pferd mit dem
Verwalter, kam rasch näher, sich vergrößernd, umtrabte den Rasenplatz
nach rechts hin. Der Maler hatte sich umgedreht. »Der große Chalybäus,«
bemerkte der Herzog halblaut wie zu sich selber und fügte hinzu: »mein
Verwalter.« Der war jetzt auf dem Seitenweg hinter Bäumen und Gebüsch
verschwunden, tauchte wieder auf in einer Lücke, grad vor der Tür des
halbverborgenen Verwalterhauses und stieg ab. Der Stallbursche war da
und führte den Schimmel weg, aus der Haustür kam ein Herr die Stufen
herunter, begrüßte sich mit dem Riesen, dem er kaum zur Brust reichte,
und verschwand wieder. Bald darauf erschien die gewaltige Gestalt auf
dem Wege unter der Terrasse, über deren Brüstung das schiefe grüne
Hütlein eben entlang schwebte, und wie er nun im langen Rock und
Stulpstiefeln die Treppe heraufkam, wurde er immer größer, so daß selbst
Georg wieder erstaunte. Ungeheuerlich über den Sitzenden ragend, lüpfte
er hoch oben das verschossene Hütlein von der hohen Stirn und den
grauweißen Schläfenbüscheln, dem auf ihn zutretenden Maler die Hand
reichend.

Ob er auch Besuch bekommen habe, erkundigte sich der Herzog, als er
neben seiner Tochter saß. Chalybäus, den dicken Schnurrbart mit beiden
Händen windend und drehend, daß die Spitze der schön gebogenen Nase sich
krümmte, lächelnd und nach allen Seiten blitzend mit Zähnen und blauen
Augen, bejahte mit herrlicher Tenorstimme, begrüßte zunächst Georg in
homerischer Sprache, weil der in Griechenland gewesen sei, im Lande der
Hellenen, vergaß völlig die Frage des Herzogs, die in Magdas ängstlich
unbestimmtem Blick brannte, und stürzte sich mit Feuereifer in seinen
Bericht über den Morgenritt, den Stand irgendwelcher Feldarbeit und
betrunkene Polen. Es hörte wohl niemand zu.

Georg träumte. Kleine Wolken wie Schmetterlinge, weiß und mit wunderbar
leichten Schatten, tauchten über den Eichenwipfeln auf. Er sah wieder
die Grasebenen und die Linie des Deiches, leer, wehend, blumenreich. Er
ging drüberhin, in der Ferne war etwas Weißes, Io vermutlich, die
jungfräuliche Kuh; er ging ungezählte Sommermittagsstunden darauf zu, es
war Anna, sie saß im Grase und ließ blutrote Spinnen, wie Punkte klein,
über ihre Hände laufen, die sie drehte, als wände sie einen Kranz.
Plötzlich war ihr Kleid über und über bedeckt mit roten Punkten, die
durcheinanderwimmelten wie ein Firmament, und sie sang leise: Spinn am
Mittag, Glück am dritten Tag ... unaufhörlich die gleichen Worte. Es
wehte über die Wiesen, es wehte; warm, zitternd kam die Luft, Heugeruch
war darin, ferne ging die Stimme des großen Chalybäus sonor auf und
nieder, zehntausend rote Spinnen wimmelten über das Mädchen hinweg, o
Gott, wie heiß es war! Deutlich hörte er ihren Vater sagen:
»Kinematograph ...«

Georg kam zu sich, begann zuzuhören und faßte den Maler ins Auge, der
ihm gegenüber Honig aus der Porzellandose schöpfte und auf Semmel
fließen ließ, indem er den Hornlöffel drehte. Er gefiel Georg überaus.
Das Gesicht war graubraun, weniger hager als fest; die Knochenränder der
großen Augenhöhlen waren unter der Haut erkennbar -- so wie bei manchen
Affen, ja, und auch dies Traurige wie bei ihnen war zwischen den Brauen
manchmal. Die ernste Nase, das Kinn, der schmale Mund mit einer scharf
gegrabenen Falte links und rechts, wie war all das ruhig und
geschlichtet -- geschlichtet ja, und das gescheitelte Haar war völlig
grau gesprenkelt, so daß er an Vierzig schien, aber vor fünfzehn Jahren
hatte Papa gesagt, war er so alt wie ich ... Georg dachte, er habe noch
nie einen so stillen Menschen gesehn, geschweige einen, der zugleich so
vielwissend aussah, ja so -- kostbar innerlich.

Der große Chalybäus erzählte tönend von seinem Besuch, einem Bekannten
von »_old times_«, einem Schauspieler, der jetzt für den Film mime.

»Alte Erinnerungen,« sagte er, »fünfzig Erinnerungen, die schleppt so
ein Mensch in seinen Taschen daher und merkts nicht. Auch ich war ein
Mime im lockigen Haar,« sagte er. »Er zieht sie mit dem Schnupftuch
heraus, daß sie wie eine Mottenwolke aufflattern, er schneuzt sich in
sie, er schenkt sie in sein Glas, er verschenkt sie gra--ties! Er
braucht sie nicht, ein Mensch, der lebt, was braucht der Erinnerungen,
ich aber muß danach schnappen, ich lebe nicht, ich zehre, ich habe meine
Zeit versäumt.«

»Wieso?« fragte der Herzog.

»O Durchlaucht dürfen nicht glauben, daß ich je Ihre Güte zu
unterschätzen vermöchte! Ja, ich lebe auch hier, habe Amt, nehme Anteil
an tausend Dingen, aber -- der hat nie auf den Brettern gestanden, der
sie jemals vergessen konnte, wie der Matrose seinen breiten Gang
beibehält -- ah Durchlaucht, jene Bretter sind schwankender als die
einer Brigg, die sich im Seegang um Kap Horn herumwirft.« Der große
Chalybäus war wundervoll im Fahrwasser. »Ich bin zu spät geboren,
Durchlauchten!« sagte er pompös.

Georg fragte: »Wieso?«

»Durchlaucht, Sie kennen mein Unglück. Ich verlor meine Stimme.« Er
räusperte sich, dankbar lächelnd mehrmals mit dem Kopf nickend, da er
Georg ungläubig dreinblicken sah. »Ah Durchlaucht, Sie hören mich reden
und bezweifeln meine Worte. Dies sind beschämende Überbleibsel. Einst
hätten Sie mich hören sollen, einst, als ich Tasso spielte, Tasso! und
den göttlichen Posa. Ich darf mich ja nun rühmen, des Verlorenen darf
man sich rühmen, und meine Stimme war ein Donner, Georg, ein Donner!
Ach, was ist sie jetzt! Aber hören Sie, was ich sagen wollte -- ich war
auch ein Mime. Mitterwurzer sah ich in der Loge sitzen und weinen, wenn
ich seine Rollen spielte, aber was half mir diese Gabe, als die Stimme
brach! Jetzt könnte ich sie verwenden, jetzt spielt man ohne Worte, Herr
Herzog, jetzt hat man den Kinematographen. Ich aber bin alt geworden
...«

Magda, wie früher auch in Verlegenheit bei den väterlichen Rodomontaden,
stand sacht auf, flüsterte Georg zu, daß sie ihr Reitkleid anziehn und
die Pferde bestellen wolle, und entlief, die Terrasse hinunter. Ihr
Vater unterbrach sich, sah ihr träumerisch nach, murmelte: »Wie eine
Elfe!« und fuhr fort:

»_Le théatre est mort, vive le cinéma!_ Man spielt nicht mehr zwischen
pappenen Kulissen, kaschierten Möbeln, flatternden Türen, gemalten
Bäumen und vor dem Souffleurkasten, sondern draußen in der herrlichen
Gottesnatur! Die Anforderungen der Phantasie wurden ungeheure und
sublime --«

Der Herzog fand und forderte den Maler zur Beistimmung auf, die
Phantasie sei ein unseliger Greis geworden, den man zur Lust reizen
müsse wie den König von Münster weiland.

Dies wollte der Chalybäus dahingestellt sein lassen, die Hauptsache
bleibe: Alles muß echt sein. »Wirklich muß es sein, freie Natur, echter,
windiger Wald, natürliche Zimmer und Pferde, vor allem Pferde. Ach, wer
möchte nicht einmal drei Millionen Schimmel sehn! Die ganze Welt, sehn
Sie her, ist zur Bühne geworden, Entfernungen? Wie? Der Raum schrumpft,
der D-Zug bringt den Schauspieler an jeden verlangten Ort,
Hotelvestibüle wechseln mit Ozeandampferpromenadendecks,
Hafeneinfahrten, Freiheitsstatue und Spreewaldlandschaften. Das Büro
eines Rechtsanwalts verwandelt sich, schneller als ich die Hand umdrehe,
in diese Terrasse, diese Treppen hinunter treten wir in ein Warenhaus,
Segelschiffe ziehn übers Meer, durch den Tubus eines Leuchtturmwächters
gesehn, der Spielsaal von Monte-Carlo, Zypressen, Vesuv, das Zimmer
einer Kokotte, Karlshorst vor den Tribünen, die Kulissen eines Va-- --
also die Steepler fliegen vorüber, alles, alles fliegt, saust,
verwandelt sich, reißt ab, setzt meilenfern an und ist in atemlosem
Endspurt vorbeigerast, abgewickelt, siebenhundert Meter Film in zehn
Minuten -- es muß eine Lust sein, darin zu leben!«

»Und das Ganze ist denn wie an die Wand gepißt,« sagte der Herzog mit
Nachdruck, fügte jedoch begütigend hinzu, daß er Chalybäus ja gern
entbinde; er wolle ihn nicht hindern zu leben. --

Georg schien sein Vater, wie stets, wallensteinischer auszusehn bei
einer derartigen Bewegung oder musketiermäßiger, mit dem beweglichen,
starken schwarzen Bartzapfen am scharf rasierten Kinn, und er
betrachtete gegen das des Malers dies bärtige Gesicht, die kupfrige
Haut, die über den schrecklich gesträubten Schnurrbart hängende schiefe
Nase, jenes Wahrzeichen der Trassenberge, das er selber entbehren mußte,
die kleinen, seltsam glühenden und durchdringenden Augen und das breit
und schräge Dach der Stirn; kugelrund der ganze Schädel und voll von
Haar, schwarzem, glanzlosem. Beim Maler -- freilich -- schien alles
Innere vor langer Zeit stille geworden, um sich nur zu rühren, wenn er
es wünschte; beim Vater schien alles gebändigt, dabei sich wehrend,
immerfort bereit, sich frei zu machen. Das war der Unterschied.

Der große Chalybäus fuhr derweil fort:

»Sehnsucht, Durchlaucht, ist besser als Erfüllung. Ich bin zu alt
geworden. Bedenken Durchlaucht die Anforderungen an den Körper bei
solcher Bühne. Zwar bin ich Offizier gewesen, Beuglenburger Dragoner,
Herr Bogner, aber das interessiert Sie nicht, und ich habe unter den
Augen von -- -- nun, was ich sagen wollte, da erzählt mir mein Freund,
wie er in einem Drama »Der Mann mit der eisernen Maske« (_l'homme au
masque de fer!_) -- mehrere Kilometer weit durch die Trassenheide hat
reiten müssen, und zwar reiten: in einer schweren eisernen
Plattenrüstung, mit geschlossenem Visier, rückwärts und mit auf den
Rücken gefesselten Händen aufs Pferd gebun--«

»Verdammt kompliziert!« meinte der Herzog und sah zu Georg auf, der sich
erhob.

»Ich möchte zu Mama gehn,« sagte er halb fragend, »sie ist doch schon
aufgestanden?«

»Geh nur -- ihr wollt reiten?« fragte sein Vater, allwissend wie immer.
»Ich möchte dich eine halbe Stunde vor dem Essen auf meinem Zimmer
sprechen, richtet euch bitte danach ein.«

Er nickte ihm zu; Georg grüßte den Maler und ging ins Haus.


                                  Saal

Georg durchschritt den Vogelsaal, stieg die breit und frei sich wendende
Treppe empor und betrat den Klaviersaal, dessen vier Fenster nach dem
Park weit offen standen, und es war wie im Freien. Nach rechts sich
wendend, sah er gleich überm hellbraunen Harmonium das große, farbig
leuchtende Gemälde, trat davor und las wieder den, auf eine
Messingplatte im untern Rahmen gravierten Zweizeiler:

   Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf, das Geliebte.
   Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter vollbrachtens durch
      ihn.

Die Tiefe des breiten Bildes, fast die ganze linke Hälfte, war mit
Landschaft erfüllt, entfernter, tief liegender Landschaft: sanft
fallenden Wiesen, einem Hain, dem Stück eines blauen Flusses am Grunde,
in der Ferne bläulichen Hügeln, von violetten Bergrücken überhöht, all
dies gelbgrünlich im hellsten Sonnendunst verschwimmend und gläsern.
Schräg über das Bild, diese Landschaft abschneidend, zog sich der obere
Teil einer Balustrade von gelbem Marmor, neben der, auf einer
lehnenlosen Bank von gleichem Stein, nahezu lebensgroß scheinend, ein
Mädchen saß, in der rechten Bildhälfte, den einen Arm auf der breiten
Platte der Brüstung. Ihr Antlitz lag, scheinbar aus dem Hinabschaun über
die Schulter in die Gegend, flach nach oben gewandt, das Haupt tief im
Nacken, die Züge fast unkenntlich durch die Verkürzung. Das, wonach sie
zu sehn schien, war selber nicht sichtbar, aber sein Schatten, der eines
Schmetterlings, lag bläulich und deutlich umrissen dicht vor ihrer Hand
auf dem Stein. Ihr Gewand nahm das leichte Violettblau der Berge mit
tieferem, röterem Ton wieder auf, durchsichtig, indem alle Stellen, die
am Körper fest anlagen, rötlich schimmerten, und das alles, ohne Schwarz
gemalt, glühte durchscheinend in blendender Hellfarbigkeit, wie von
innen erleuchtet.

Keinen Zusammenhang zwischen Bild und Vers bekam Georg heraus. Leise
angeweht von der allgemeinen Stille des Gemalten und dem unendlich in
sich gekehrten Zauber des Augenblicks -- so flüchtig und doch, als könne
sie durch Jahrhunderte so sitzen -- sah er irgendwo das fremde und
bedeutende Gesicht des Malers, über welcher Erscheinung er sich nun
genötigt sah, nach einer Jahreszahl zu spähn. In der rechten Bildecke
entdeckte er sie neben einem kleinen roten Rad in roten Ziffern, doch
war die letzte leider unleserlich, es schien 1897, und nun mußte er
lächeln, wie klein er noch gewesen war, als das Bild gemalt wurde,
worauf er sich losriß und augenblicks mit dem üblichen Herzklopfen zur
nächsten, offen stehenden Türe ging, dann weiterhin durch die geöffneten
Zimmer bis ins letzte, das dämmrig lag bei geschlossenen Vorhängen.
Dahinter wars, das schwarze Zimmer, der Turm ... Er schauderte, zauderte
leicht, nahm sich zusammen, trat zur verschlossenen Tür, klopfte an,
öffnete, trat, sich schmal machend, durch den Spalt und schloß hinter
sich.

Die Finsternis, in der er stand, traf ihn fast eisig nach der heißen
Luft vorher, er blickte hastig nach oben, um ein Raumgefühl zu erlangen,
sah den dünnen Lichtfaden weißlich aus der Laterne des Turms
herabrinnen, hörte den großen Ventilator summen und gleich darauf die
leise gleitenden Schritte seiner Mutter. Nun glaubte er auch ihren
Schatten, schwarz in der Schwärze des Raumes, zu sehn, der wie eine
Berghöhle tief und unterirdisch war. Der Schatten glitt näher, dort
mußte die Wand sein, der Schein eines weißen Gesichts dämmerte, schwand
plötzlich, und der Schatten glitt fort. Er hörte den Hauch eines
Seufzers, der Schatten kam wieder und hielt nach einer Weile in seiner
Nähe an. Georg drückte seine Stimme herunter:

»Wie geht es, Mutter?«

»Danke, schon besser«, antwortete sie kaum hörbar; dann fragte sie:

»Was giebt es Neues, mein Junge?«

»Es ist Besuch gekommen. Der Maler des Bildes im Klaviersaal, Bogner.
Vater läßt es dir sagen, und ob du ihn heut abend sehn könntest.«

»Ich hoffe. Ist es ein angenehmer Mensch?«

»Sehr, Mama. Er spricht nicht viel, aber sein Schweigen scheint so klug
und bedeutend. -- Es ist sehr warm heut. Magda und ich wollen etwas
reiten.«

»Heiße den Maler auch von mir willkommen. Ja, ich denke, ich werde heut
abend mit euch essen können. Wie geht es Papa?«

»Gut, Mama, wie immer. Vielleicht giebt es auch ein Gewitter, das wäre
doch schön für dich.«

»So, ein Gewitter? Ja, das wäre mir sehr gut. Nun, grüß Vater, mein
Junge! Und Magda. Geh, mein Junge.«

Der Schatten war dicht an ihn herangekommen, auf einmal sehr groß und
ganz weißlich; er ergriff eine eiskalte Hand, die aus der Dämmerung kam,
küßte sie schaudernd, als wäre es eine Pflanze, und tastete sich nach
der Tür. Er wartete wegen des einfallenden Lichts, bis der bleiche
Schatten ganz fern von ihm war, öffnete die Tür, schlüpfte durch die
Spalte und schloß sofort hinter sich wie vorhin. Draußen starrte er
geblendet gegen das Lichtviereck der gegenüberliegenden Tür, in dem er
nach einiger Zeit einen vergoldeten Sessel, dann unten den roten Zipfel
eines Teppichs und oben ein Stück eines unkenntlichen Bildnisses
erkannte, und nun ging er weiter bis vor die Saaltür, ohne Gefühl und
Gedanken, wie betäubt, wie entronnen.

Langsam tröstete ihn der friedliche Anblick der drei, vor der drüben
liegenden Schmalseite des Saales stehenden braunen Tafelklaviere, die
sich still verhielten wie gute Tiere, und nun erst, da er dachte, daß
eines von ihnen ein Geschenk des »flötespielenden Königs« war, wie seine
Mutter ihn einmal genannt hatte, tauchte aus allem Unbestimmten und
Verworrenen des Gefühls sie selber und wirklich wieder auf, er fühlte
sie an seiner Hand, fühlte den Druck ihres ewigen, wütenden
Kopfschmerzes auf der Stirn und trat hastig von der Tür zurück ans offne
Fenster. Wie warm es nur war! Er beugte sich hinaus.

Weit links saß sein Vater unter dem Sonnenschirm, seinen Stoß Zeitungen
auf dem Stuhl neben sich, selber verborgen hinter der papiernen Wand vom
»Manchester Guardian«, und nicht weit von ihm saß jetzt allein, den
Rücken zur Hauswand, Doktor Birnbaum, Onkel Salomon, und frühstückte.
Georg konnte die rechte, im Kauen auf- und niedergehende Hälfte des
hängenden braunen Schnurrbarts sehn, darüber die nicht minder hängende,
stark gebogene Nase, die rote, feste Wange und die eine der kräftigen,
hochgezogenen Brauen. Er hatte sein Glas Milch vor sich stehn, schnitt
auf dem Teller eine schinkenbelegte Brotscheibe in Streifen und Würfel
und steckte sie in den Mund.

Ach, dachte Georg, nun tief bekümmert, meine Eltern, meine armen Eltern!
Da sitzt nun Papa wie ein Riese, braun wie ein Seefahrer, und nach einer
Weile wird Egloffstein mit den Stöcken kommen, und auf vier
stelzendürren Beinen wird er weghumpeln, aber -- aber selbst dann ist er
wie ein Meermann auf dem Lande, der seinen Fischschwanz hinter sich
herschleppen muß, ja, so ist es, als gäbe es ein andres Element, in dem
er sich frei und herrscherlich ... und es giebt das ja auch, er hat
seinen Geist, aber da in ihrem Turm hinter vermauerten Fenstern läuft
meine Mutter in ihrer Finsternis auf und ab, von brennendem Feuer im
Kopf gejagt, tagaus tagein, und jahraus jahrein, sie kann nicht einmal
denken, vielleicht abends eine Stunde. Vater ist so gelehrt und klug, er
erfindet sich Flügel für die zerschmetterten Füße, aber meine Mutter,
sie hatte doch auch einmal eine schön fliegende Seele, oder ist sie noch
da, ist sie wirklich noch da? -- Schamvoll den Gedanken zerdrückend,
meinte er: Vielleicht fliegt sie um mich, wo ich bin, und trägt, wenn
ich schlafe, meine Träume zu den vollkommenen Sternen.

Unten wurde gesprochen. Georg setzte sich auf die Fensterbank, den
Rücken rechts gegen den Rahmen lehnend, doch konnte er von drunten
nichts verstehn, da Onkel Sal von ihm abgewandt sprach. Langsam drang
die Wärme wieder ganz in ihn ein, er dachte, hier zu warten, bis Anna
und die Pferde kämen, und nun hörte er plötzlich, während der obere
Zipfel der Zeitung langsam sank und dahinter das bärtige Gesicht seines
Vaters, ruhig mit ein wenig ironischem Blick auf den Sekretär gerichtet,
zum Vorschein kam, ihn sagen:

»Wenn es sich wirklich um politische Dinge dabei handelte. Sie sehen ja
nur die Anlässe, Bester. Die Gründe aber sind schon beinahe
metaphysisch.«

Wovon redet er denn? dachte Georg. Onkel Sals Antwort blieb
unverständlich, seines Vaters Gesicht verschwand wieder hinter der
Zeitung, und da er so weiterredete, war wieder nichts zu verstehn.
Übrigens genügte die Sonne, und Georg ließ langsam die Lider sinken.
Fern, aber deutlich hörte er die Stimme seines Vaters wieder:

»Es handelt sich um das Recht der Jugend, das ist das Ganze. Frankreich
ließ sich von Camille Desmoulins und den andern leider enthaupten ...«

»Napoleon --«, hörte Georg von der andern Stimme.

»Napoleon war kein Franzose,« tönte deutlicher die Stimme des Herzogs,
»war ein italienischer Abkomme von Condottieres und überdies eine jener
Gestalten --« Georg entging das Nächste, er versank tiefer in Wohlsein,
Magdas Gestalt erschien ihm.

»Aber das Recht, wo ist denn das Recht?« schrie Onkel Sal. »No -- nun
sagen Sie mir ...«

»Was für ein Recht meinen Sie? Das, zu sein -- aus dem sich als nächstes
ergiebt: vor und über den andern zu sein. Jenes Recht, das -- ich weiß
nicht, ob es moralisch ist, aber das jedenfalls den Römern bei Cannä,
den Griechen bei Marathon, den Ungarn vor Wien und den Preußen bei
Gravelotte half.«

Sie sprechen vom Kriege, dachte Georg im Halbschlaf,
neunzehnhundertund... es ist zu komisch! Halt, was sagte Onkel Salomon?
No, sagte er, er sagte immer no.

»No -- und das bestreite ich eben!« Die Stimme kreischte etwas wie
schlecht geölt. »Sind wir denn keine christliche Nation?«

»Das sind sie alle,« versetzte der Herzog auflachend, »was wollen Sie
daraus beweisen?« Außerdem ist er Jude, der gute Onkel, dachte Georg
schläfrig, aber was hat er für eine christliche Seele!

Eine Weile schien alles still, lange Zeit sprach jemand mit
unterdrückter Stimme. Georg wars, als ginge eine Tür, er fuhr plötzlich
auf, da seines Vaters Stimme unten ganz laut ertönte:

»Für jeden Alternden kommt einmal der Augenblick der großen Schlacht.
Der Augenblick, wo er angreifen muß, wenn der wirkliche Angreifer, der
Junge, auch zögert. Auch England ist in merkwürdiger Geschwindigkeit
gealtert und liegt jetzt -- ich habe immer diese etwas groteske
Vorstellung, mit einer Fußspitze auf England, mit der andern auf
Ägypten, mit einer Hand auf Indien, mit der andern auf Australien, und
so ist es, nur damit beschäftigt, sich in dieser scheußlichen Lage zu
halten, fett geworden, aber dies beiläufig, denn wenn es aufsteht, wird
es immer noch einen fürchterlichen Kerl abgeben, wenn wir einmal dran
glauben müssen, und das werden wir. Aus welchen Ursachen und wer dann
angreift, ist so gleichgültig wie -- na wie unser Gerede darüber. Die
andern sind die Alten, Jugend ist Angriff _eo ipso_, drehen Sies --.«
Ein dumpfer Hundelaut blaffte, Georg riß die Augen auf, es flimmerte
alles, er rieb heftig die Lider und sah endlich Magda im schwarzen
Reitrock und weißer Bluse über den Treppenstufen stehn und, eine Semmel
in der Hand bröckelnd, Krumen über die Stufen streuen, auf denen zwei
schillernde Tauben und ein paar Spatzen auf und ab hüpften. Unten lief
der weiße Pfau hin und her, suchte, was für ihn herunterkam, und vergaß
keinen Augenblick Anmut und die zierliche Würde von Kopf und Schleppe,
dieweil neben Doktor Birnbaum Benedikt stand, der hellrote Hühnerhund,
mit schiefer, erwartungsvoller Kopfhaltung, ganz still, nur das Ende der
gebogenen Rute ging leise hin und her, und Georg wußte, daß Onkel Sal
von Qualen zerrissen war, weil er doch selber auch was essen mußte.
Überdem zog die Erinnerung an seine Mutter schattenhaft schwermütig
durch Georgs Herz, er dachte wieder: Helenenruh, ach Helenenruh! -- und
die Zeit stand ihm still.

Plötzlich drehte Anna sich um, ließ die Blicke suchend über die Hauswand
gleiten und nickte herauf, sonderbarerweise aber nicht nach ihm, sondern
nach einem Fenster weiter links. Georg stand auf, trat in den Saal
hinein, und da sah er hinter dem Vorhang des letzten Fensters ein Stück
von einem Menschen, Bein und Knie, und da wars Maler Bogner, der
friedfertig auf der Fensterbank saß und eine kleine Pfeife rauchte, als
wäre er zu Hause. Nun sah er Georg still, ein wenig fremd, an und begann
langsam und auf unbeschreibliche Weise mit den Augen zu lächeln. Georg
trat zu ihm und sagte verlegen ein paar entzückte Worte über das Bild,
die der Maler nicht zu hören schien. -- Ob es hier Kühe gäbe, fragte er,
und ob es erlaubt sei, sie sich anzusehn. Georg versicherte, es wimmle
von Kühen überall und der Maler müßte sich hier wie zu Hause fühlen.
Schon im Forteilen, denn er hörte die Pferde, wurde ihm das Unpassende
seiner Zusammenstellung klar, er wurde rot, suchte eine Entschuldigung,
fand keine, glaubte, noch etwas sagen zu müssen, und fragte:

»Wo sind Sie daheim, wenn ich fragen darf?«

»Das ist auch verkehrt,« versetzte der Maler freundlich, »ich bin
nirgend daheim.«

Georg, dunkler errötend, fühlte sich wider Willen in eine neue Frage
verstrickt:

»Aber Ihre Eltern, wenn ich fragen darf, leben doch noch?«

Bogner versetzte, daß er es hoffe. Dies gab Georg den Rest, er glühte,
fand kaum die Tür und rannte die Treppe hinunter.

Als er die Terrasse wieder betrat, saß die Anna schon auf ihrem kleinen,
hellbraunen Pferde. Ihr Vater ging um den großen, schwarzbraunen Hunter
des Prinzen, zog am Sattelriemen und beschimpfte den Stallburschen, der
statt Vorderzeug Matingal aufgelegt hatte, ob er, Chalybäus, vielleicht
nebenher laufen solle, um den Sattel festzuhalten, ob er, Stallbursch,
immer noch nicht wisse, daß das Aas von Unkas den Sattel auf die
Hinterhand schöbe. Der Bursche sah wie eine Geraniumblüte aus, starrte
betäubt Magda an, wagte es aber, als Georg aufstieg und er sich an den
rechten Bügel hängen mußte, zu flüstern daß am Vorderzeug eine Schnalle
durchgerostet sei.

Georg nickte ihm zu. Am Frühstückstisch war niemand mehr. Sie trabten
nach Westen in den Park hinein. Der Sattel fing an zu rutschen.


                            Zweites Kapitel


                                 Deich

Georg, innerlich mit ihm selber kaum bewußten Dingen verworren
beschäftigt, schwieg lange Zeit, lachte endlich leicht auf und sagte:

»Weißt du, was mir einfällt? Einmal war Onkel Salomon auf einer
Dienstreise in Altenrepen, besuchte mich und brachte mich ein Stück
Weges zur Schule. Da kaufte er in einem Zigarrenladen eine besondere
Sorte, so ganz große, du kennst sie ja, sein einziger Luxus, und wie er
aus der Tür kam, hatte ich inzwischen irgendwen von den Jungens
getroffen, drei oder vier, ich weiß nicht mehr, der lange Fischbeck war
dabei, und schon gab er jedem dreie von seinen Kostbaren, eine einzige
behielt er in der Westentasche. Und erinnerst du dich, wie Papa mal
erzählte, wieviel Existenzen er schon mit seinem bißchen Gelde gegründet
hat, Leute, die jetzt Warenhäuser besitzen, und er bleibt der
unbekannte, kleine Sekretär, freilich, er wird mit keinem
Großsiegelbewahrer tauschen wollen -- Großsiegelbewahrer ist doch ein
enormes Wort, nicht? Aber -- was ich sagen wollte -- da redeten sie eben
vom nächsten Krieg zusammen, und Papa behauptete unchristlich, es gäbe
morgen wieder einen, er aber war fürchterlich dagegen, sagte: No! und
sprach von christlichen Nationen. Ich glaube, wenns einen richtigen
Christen giebt, dann ist ers. Aber wo sind wir denn eigentlich?«

Die Pferde standen still auf dem schmalen Fußweg am Weiher, der
leuchtend grün von Wasserpflanzen in der Sonne lag.

»Wohin wolltest du denn?« fragte Anna gleichmütig.

»In den Schatten«, sagte Georg, drehte sein Pferd um, und antrabend
ritten sie zurück, bogen nach links und traten alsbald in die schattige
Eichenallee neben dem Wäldchen ein, zur Linken die Wiesenflächen, zur
Rechten das undurchdringliche Dickicht von Unterholz, Farnen und
Brombeergestrüpp, aus dem hier und da der lichtgrüne fedrige Wipfel
einer Eberesche und die seltenen, riesigen und grauen Säulen der Eichen
aufragten. Lautlos gingen die Pferde, so langsam sie konnten, auf dem
weichen Erdboden. Georg, jetzt sehr wach, blinzelte insgeheim nach
links, allein Annas zartes Profil schien sehr für sich allein. Sie sah
vor sich hin. Angenehm beklommen war ihm um die Brust.

»Übrigens«, sagte er, »ein merkwürdiger Mensch dieser Maler.«

»Wieso?«

»Oben im Saal sprach ich mit ihm. Ob seine Eltern noch leben, weiß er
nicht. Wo er zu Haus ist, weiß er nicht. Ob er wohl weiß, was die Verse
unter seinem Bilde bedeuten? Warum kommt er auf einmal her und wills
abmalen?«

»Davon hat dein Papa etwas erzählt. Als er vor drei oder vier -- nein,
es war in dem Winter, wo ich Lungenentzündung hatte, also neunzehn-- na
egal! -- Drei Jahre müssens her sein, da wurde in Berlin der Nachlaß von
einem Bankier Oster -- Österheld oder so versteigert, und dein Papa fand
dies Bild darunter. Als er dann wieder auf Trassenberg war, bekam er
einen Brief von Bogner; er wäre zur Zeit der Auktion nicht in Berlin
gewesen, sonst würde er selber das Bild zurückerworben haben, woran ihm
aus gewissen Gründen besonders viel --«

»Na, deine gewissen Gründe!« höhnte Georg. »Weißt du nichts Genaueres?
Natürlich gewisse Gründe!«

»Dein Vater weiß auch nicht mehr.«

»Na, und denn?«

»In dem Brief erinnerte er deinen Vater an seine alte Einladung --«

»Also doch, der Schurke!«

»-- und bat um Erlaubnis, das Bild kopieren zu dürfen. Dein Vater
schrieb ihm dann, das Bild wäre hier, und er möge nur kommen, er ist
aber nicht gekommen und hat heute morgen erst aus Böhne plötzlich
telegraphiert, er habe auf der Durchreise mit einem kranken Freunde
Aufenthalt in Böhne nehmen müssen, und ob er wohl kommen dürfe. Und da
hat der Herzog zurücktelegraphiert, er schickte einen Wagen, und den
Freund solle er mitbringen. Domina hat ihn übrigens gesehn und sich vor
ihm gegrugt, ich weiß nicht warum.«

Wieder standen die Pferde, fünf Schritt vor ihnen lag das Gatter. Georg
faltete die Hände vor sich auf dem Sattel und sah über die Weideflächen
hin, die, von ihren Knicks durchzogen, nach links und rechts flach sich
ausdehnend, gegen Norden -- den Deich, das Meer -- langsam anstiegen,
und dort, mit der schnurgeraden Linie des Deichs, schien die Welt ein
für allemal zu Ende. Überall waren die weißen und schwarzen Flecken der
Rinder; Wolkenschatten wimmelten in sachter Schwebe darüber hin; links,
fern im Süden, wo der Deich tief ins Land hineingebogen schien, stand
der Schattenriß eines Fohlens einen Augenblick auf der Horizontlinie und
sprang wieder hinunter; ziegelrot leuchtete das Dach des Fohlenhofs, auf
den Himmelsrand gesetzt, in der Sonne. Georg atmete auf. O wie fern das
war! O wie weit! Norddeutsche Tiefebene, dachte er mit einem sondren
Gefühl von Sehnsucht, obwohl er mitten darin war. Er sah, nach Osten
blickend, die Windmühle als unbewegliches, schwarzes Kreuz auf Lüdersens
Deich; dann merkte er, wie aus dem unsichtbaren Meer die Wolken stiegen;
weiß und schattig, immer fetter schwellend, zogen sie schweigsam,
ungedrängt sich verschiebend, wie weidende Herden über die himmlischen
Auen; auf den untern Weiden ihre leichten Schatten; davon leuchteten
streckenweis die Wiesen sonnengelb; es wehte über den Norddeich,
unablässig, schwellend, singend; sonst wars still, der letzte Vogelruf
des Jahrs schon verstummt.

Georg zuckte zusammen. Anna mit ihrem Pferde schwebte im Sprung über das
Gatter hoch in der Luft, landete, und nach zwei, drei Sätzen hielt sie
drüben still und blickte ernsthaft herüber. Unkas stampfte, schien als
geübter Springer den Abstand zum Ansprung weit genug zu befinden und
sprang. Noch wurde der Sattel vom Matingal gehalten. Als sie dann
Schritt vor Schritt schweigsam über die Wiesen und den Deich
hinanritten, die Pferde die hangenden Köpfe schaukelten, zuweilen, das
Kinn vorstreckend, an den Zügeln ruckten, nur die Gebisse leise
klirrten, wurde die Beklemmung um Georgs Brust enger und süßer.

Da lag die See, herzbewegend immer wieder durch ihre plötzliche
Erscheinung, glatt, graublau mit silbrigen Streifen. Unten leckten
winzige Wellen gegen den gemauerten Fuß des Deichs, die letzten,
halbtoten Seesterne behutsam fortnehmend. Der Horizont war nah. Vor
Georgs Augen nahm die Bewegung der mächtig hochquellenden Wolken an
Heftigkeit und Gewalt zu; fast bescheiden in seiner Friedfertigkeit
verhielt sich der Meeresspiegel darunter. Unerschöpflich wogte es aus
der Tiefe, schwankte, entformte, wandelte, löste und verteilte sich
langsam und unaufhörlich, ein Segel erschien plötzlich, ein riesiger
Arm. Fern hinten und leise nur sangen die unermüdlichen Grillen.

Die Pferde waren bis an den Rand des Deichs herangetreten, senkten die
Häupter und machten lange Hälse, um Gras zu rupfen. Georg stieg ab, half
Anna aus dem Sattel, drängte die Pferde zurück und warf sich, die
Zügelriemen in der linken Hand, am Deichrande nieder; als er zu dem
Mädchen aufblickte, setzte sie sich -- erschreckend folgsam, mußte er
denken, und da er sie nun still, mit vergrößerten Augen über die See
gegen das Gewölk blicken sah, stieg ihm ein sonderbares Angstgefühl in
die Kehle, -- fast daß er fror. Dann störte ihn das Klappen der Gebisse
zwischen den Zähnen der fressenden Pferde, er sprang unwirsch auf, riß
ihnen die Kopfzeuge herunter und merkte zu spät, daß er dem Unkas wegen
des am Sattelgurt hängenden Matingals nun auch den Sattel abnehmen
mußte. Als er fertig war, hatte seine Angst zugenommen, und das Mädchen
lag der Länge nach auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, die Augen
geschlossen. Er setzte sich neben sie und fing eilfertig an zu reden.

»Hast du gehört, Anna, daß sie vom Krieg sprachen? Es giebt natürlich
keinen, aber mir ist etwas Merkwürdiges eingefallen. Höre, kannst du dir
etwas unter -- deutschem Geist vorstellen?«

Eine Weile verging; plötzlich lagen da ihre Augen ganz groß offen im
zarten Gesicht, den Blick weit von ihm fort gegen den Himmel gerichtet,
so daß sein Auge unwillkürlich dort hinging, doch war da nichts. Er
hörte sie leise: »ja« sagen, sammelte seine Gedanken und fuhr fort:

»So -- sieh mal --, so gab es einst einen hellenischen Geist, der --
aber erst weiter --, und einen römischen, jenen, der unsrer Welt die
bürgerlichen Staatsbegriffe und Gesetze gab, und einen Geist des
Humanismus, der schon eine Art Europa war, einen französischen Geist und
einen englischen, den Kaufmannsgeist und der äußeren Gesittung, und nun
-- ja, was wollte ich sagen?« Auf den rechten Arm gestützt, auf der
Seite neben ihr, fast über ihr liegend, fuhr er eifriger fort: »Ja, also
an dem hellenischen Geist war das Sonderbare, daß er allein von den
andern, abgesehen vom Humanismus, am stärksten dann glühte, als keine
äußere Macht mit ihm verbunden war, nämlich unter der Herrschaft Roms.«
Eine ganze Gedankenkette hastig überspringend, schloß er: »Ob mit ihm
der deutsche Geist das gemein haben soll, daß er die Welt von innen
beherrschen wird? Vater sagte so etwas wie, daß Deutschland an der Reihe
wäre, und deshalb dachte er an den Krieg, aber -- ob es wirklich nicht
ohne das ginge? Im Prometheus, in unserm Leseverein, weißt du, hatten
wir mal eine schöne Streiterei darüber, nach einem Vortrag von mir über
ein neues europäisches Reich deutschen Geistes, so wie »Römisches Reich
Deutscher Nation« weißt du, und ich erinnre mich noch --« Er verstummte.
Sie lag geschlossenen Auges nach wie vor. Hörte sie zu? »Ich rede von
Europa«, sagte er nach einem langen Schweigen kühl und innerst gekränkt.

Langsam ging ihr linker Fuß in die Höhe und senkte sich wieder; sie
bewegte den Kopf und sagte endlich sanft und abgeneigt:

»Ach, Georg, was geht mich Europa an!«

Das Verlangen, sich über sie zu legen und sie zu küssen, überfiel ihn
so, daß sein aufgestützter Arm heftig zitterte, allein gleichzeitig mit
diesem machte ein andrer, schon seit langem erfundener Drang sich
bemerkbar, und diesem, schien es, mußte durchaus und unabweislich
nachgegeben werden, allein -- es war peinlich. Georg legte sich
hintenüber ins Gras, jedoch da war nichts zu wollen, er stand auf, und
nach einer Weile schlenderte er davon, am Deichrand hin.

Wieder kehrte die Brustbeklemmung, doch erschien ihm nun plötzlich das
Klassenzimmer an jenem beklommensten aller Wintermorgen, am Examenstag,
grau, kalt, düster, passend für Leichenbegängnisse. Diese blassen,
krampfhaften Gesichter, diese Unruhe, dies innerliche Zerspringenwollen,
und warum wird geflüstert? Und keiner hält es nur eine Minute am selben
Platz aus, sie wandern alle umher, sitzen, stehn, sehn aus dem Fenster,
und zwischen alldem sitzt auf dem Katheder Barkhausen über hundert
Notizenzetteln aus allen Fächern, den Kopf zwischen den Fäusten und
lernt und murmelt und sieht auf, die Lippen bewegend, verglast und
verloren wie ein Delinquent ...

Georg wandte sich zurück. Von Anna war nichts zu sehn als ein kleiner,
weißer Fleck, sie mußte noch immer liegen -- aber er hielt es doch für
besser, die schräge Mauerwand ein Stück hinabzuklettern; um Halt zu
haben, mußte er die linke Hand aufgestützt lassen und die Fußspitzen in
die Ritzen der Quadern stellen, als in welcher verfluchten Stellung er
denn tat, was zu tun war, dieweil er immerfort unsinnig dachte: _Nil
humanum, nil humanum_ ... Unterweil erblickte er unten am Mauerfuß einen
angeklebten großen Seestern, der noch einen Zacken bewegte, zögerte und
stieg großherzig und behutsam zu ihm in die Tiefe, machte ihn, der sich
noch anklammerte, los und schleuderte ihn kräftig in die Flut. Dann
sprang er auch das letzte Stück auf den Streifen wasserfreien Sandes
hinunter und schlenderte langsam zurück. Bruchstücke von
Erinnerungsbildern, andre Wintermorgen schwammen zuckend durch sein
Gedächtnis, er sah das Gaslicht im Klassenzimmer, das in die Augen
brannte, die Bankreihen, die verschlafenen, gedankenlosen, verheimlicht
grinsenden, roten Gesichter, er hörte die Stille und die entsetzliche
Eintönigkeit der Stimme, die an der Übersetzung herumnagt, und an den
Wänden die alten Bilder! Das graugrüne Amphitheater von Verona bei
Mondschein mit dem schattenwerfenden Einsamen in der Mitte, die
olympischen Gipsbüsten, ganz schwarz von Staub -- aber nun war er auf
einmal auf dem Tennisplatz, nicht dem in Athen unter Ölbäumen und mit
Prinzessinnen und Hofdamen, sondern dem am Waldrand, unter dem großen
Plankenzaun, hinter dem die Motorräder der tränierenden Steher in Pausen
herumknatterten, und sie saßen zu vieren auf einer Bank, Löbell und die
Mädchen, und die Altenreperinnen, die auf den Plätzen vor ihnen
umhersprangen, hatten alle so große Füße, bloß Iris Runge nicht, die ihn
heimlich liebte, aber wer hätte sich das träumen lassen, und da kam
schon das Examen. Ach, und die Nachtstunden mit stillem Lampenlicht und
schauerlichen Aufsatzdispositionen -- -- wie ist das Verhalten Egmonts
gegen Albanien im zweiten Aufzuge -- oder wars der vierte? -- und die
unendlichen Thukydidesperioden, die Cosinuszeichen und völlig
unbegreiflichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen -- ach, aber auch Stunden
gab es immerhin über herrlichen Blättern, auf die man schreiben konnte,
was das Herz wollte, skandierte Dinge, die unermeßliche Geschehnisse zum
Ausdruck brachten ...

Wie mittelländisch es heute aussieht, dachte Georg, gegen das Meer
gewandt stehenbleibend. In Sizilien, das war wunderbar, die vier Frauen,
wie sie mit antiken Krügen auf den Köpfen an der Felswand den Weg
schräge emporstiegen, wie Mädchen aus Olympia, aus Lokris, aus Äolien.
Und die Bark mit dem schiefen rostbraunen Segel, bis zum Sinken
überlastet mit Bergen goldgelber Limonen, und die Männer darin, wie von
Feuerbach gemalt, braun und in Hosen halbnackt, trugen die rote,
phrygische Mütze.

Georg kletterte vorsichtig den Deich wieder hinauf und sah sich um.
Richtig, da lag sie, etwas zu weit war er gegangen, sie lag wie zuvor.
Er stand auf, sie wandte den Kopf zu ihm hin und lächelte schmelzend.

»Da liegst du,« sagte er, »und ich vollbringe Lebensrettungen.«

»Wen hast du denn --?« fragte sie leicht erschreckt.

»Einen Seestern«, sagte er und legte sich hin.

Als er eine Minute später vorsichtig nach ihr hinspähte, lag sie, die
Augen wieder zu, auf der Seite. Wie das doch seltsam war, ein
schlafendes Mädchen! Schlief sie tatsächlich? Wie rührend schutzlos sie
aussah! Die dünne Bluse spannte sich über der sanften Brust; darunter
senkte und hob sichs und straffte den Batist in langsamen Pausen,
peinigend geheimnisvoll. Warum, fragte er sich, warum nur so süß, so
schaurig auf einmal, nachdem ich sie seit meinen ersten Lebenstagen
kenne? Es ist doch nur ein Mädchen. Oder würde es anders sein als jetzt,
wo er es nur sah, doch es war zum Fühlen, er wußte es, woher? Er kannte
es nicht. Alle Mädchen kannte er nur so. War das >kennenin< Trassenberg, und das
ist nun zufällig richtig. Das >in< ist richtig, denn es bezeichnet den
Kern, und die Herzöge sind richtig. Wie unsre Ahnen vor dem Heerbann
einherzogen, so laß uns Führer sein in der Zeit, Neuerer, Eroberer
schöner, ewiger Bezirke, vorn auf der Lokomotive.«

Georg fühlte mit zitterndem Kinn, daß ihm plötzlich Tränen in die Augen
traten. »Uns« hatte er gesagt, dieser herrliche Mensch, »laß uns Führer«
sein, -- und Georg wandte den verschleierten Blick von jenem dunklen,
geliebten, bärtigen Gesicht ab, dessen nahstehende Augen ihn
durchglühten, und ihm erschien das gläserne Zifferblatt der Standuhr,
undeutlich Zeiger und Ziffern, doch erkannte er nun, daß es erst
zwischen halb und dreiviertel drei war, und -- und ja, ein ganzes
Gewitter, ein andres als jenes wirkliche draußen, war um ihn
niedergegangen in dieser halben Stunde. Liebe und Segen und ...

»Ich wünsche keine Antwort von dir,« sagte sein Vater, da er eine
Bewegung machte und den Mund sprachlos öffnete, »ich wünsche, daß du
eine gute Erinnerung an diese Stunde behältst. Hier ist eine alte
Ausgabe des Benvenuto Cellini --« Der Herzog holte zwei kleine Bände
neben sich aus dem Sitz hervor, stieß sie ihm in die Hand, während Georg
aufsprang, und fuhr fort: »die dich auch äußerlich freuen wird. Lies
darin die Geschichte von der Ohrfeige, die der alte Cellini dem jungen
gab, damit er sich an ein bedeutendes Ereignis erinnere. Setz dich, ich
schenke sie dir, die Ohrfeige, du bekommst noch genug. Du hast noch
alles vor dir, nimmst dir alles vor, du bist ja herrlich jung. Versuche
aber, zu denken, daß alles Zinsen trägt, was du nützest, alles Zinsen
von dir fordert, was du vergeudest, -- allerdings scheinst du dich ja
mit allem Mathematischen nicht in wünschenswerter Weise beschäftigt zu
haben, der Durchfall war unnötig, immerhin habe ich auch darüber meine
besonderen Gedanken.« Er lächelte.

Georg setzte sich, die beiden Bände verlegen auf- und wieder zuklappend,
wieder in den Drehstuhl und behielt sie im Schoß. Sein Vater sprach
weiter:

»Nachdem du ... Ich habe dir Gelegenheit gegeben, ein wenig von der Welt
zu sehn. Du hast Landschaft, Leute und Sitten, hast Gastlichkeit und
Freundschaft, Autorität und -- vermutlich -- ihr Widerpart, Schönheit,
Wissen und Aufgeblasenheit und Schablone im Klassenzimmer kennengelernt,
im ganzen ein kleines und oberflächliches Abbild der großen Welt. Nun
habe ich dir ein paar Monate Zeit gegeben, gründlich zu faulenzen,
meinetwegen zu vergessen, zu reisen, Ballast abzuwerfen, Verse zu
machen. Außerdem riet ich dir, dich um die Gutswirtschaft zu bekümmern,
und ich hoffe, du hast wenigstens so viel begriffen, daß nicht so wenig
dazu gehört, nur ein kleines Gut instand zu halten das Jahr über,
geschweige ein Herzogtum. Ich habe nun die Absicht, dich auf meine
diesjährige Aufsichtsreise mitzunehmen, mit der ich wie stets Anfang
August beginnen werde. Dann kommt so langsam das Semester heran. Bist du
einverstanden?«

Georg dachte: Anna -- Abschied -- Briefschreiben -- Heimweh --
Wiederkommen -- und dankte lebhaft aus gepreßtem Herzen. Sein Vater
erklärte, die Reise würde die allgemeinen Kenntnisse Georgs erweitern,
dann wäre über die Universität zu reden. Übrigens wisse er ja, daß
Fakultät oder Disziplin ihm gleich sei; ein bestimmter, einfacher Weg
aber sei nötig, sonst gebe es Zersplitterungen. Ein Examen brauche er
nicht zu machen, es handle sich um die Sache. Titel und Würden seien für
Alberne, und zu weiter sei ein Examen in diesem Falle ja nichts nütze.
Er würde sehen. -- Der Herzog blickte auf die Uhr und sagte:

»In einer Viertelstunde wird gegessen, und du mußt dich noch anziehn.
Noch eins zum Abschied.

»Daß ich einen tüchtigen Menschen an dir haben will, versteht sich von
selbst. Aber ich möchte, daß du einsiehst, was die Menschen treibt,
erhält und stürzt, und ich möchte deshalb, daß du dir deinen Umgang
nicht unter den Müßiggängern und Sorglosen suchst, sondern unter denen,
die sich bemühn. Schwer haben wirs alle; die Kunst ist, oder vielmehr
verlangt wird: es sich schwer zu machen.«

Der Herzog nahm seine Stöcke, die neben ihm lehnten, und stand auf,
ergriff dann beide Stöcke mit der Linken, winkte Georg zu sich, ergriff
dessen Rechte und sagte, aufgestützt und ein wenig gebückt über ihm
stehend und ihn fest anblickend:

»Mein letztes Wort ist: Begieb dich in Gefahr. Das Gegenteil im
Sprüchwort hat deinen Vätern und deinem Vater nie gefallen. Begieb dich
wissend in Gefahr, du entgehst ihr doch nicht. Wahrhaftigen Gott, es ist
mir auch lieber, du kommst eines Tages zerbrochen und entsetzt nach
Hause, als daß du über alles hinwegsäuselst, nicht weißt, was gut und
böse ist, nur verekelt bist und fürs ganze Treiben kein andres Wort
weißt, als: alles ist käuflich. Nichts ist käuflich, Junge, ich werde
dich doch noch ohrfeigen müssen. Nichts von Wert war je käuflich, außer
für Schweiß und Blut. Wenn dein Vater selber irgend etwas auf der Welt
besitzt, so bedenke, daß ers zuvor bezahlte mit zwei zerschmetterten
Füßen. Das Leben ist keine Hure und keine rollende Kugel, das Leben ist
die Gefahr. Das Leben -- es giebt das gar nicht, Begriffe sind das, es
giebt nur: dich. Du bist das Leben und bist die Gefahr. Nun hole dich
der Teufel, wenn du dir die Syphilis holst. Von der Liebe mag ich nichts
reden, du wirst das alles selber sehn, sie ist ein Teil vom Ganzen, der
schönste, kostbarste, wenn du willst; nicht das Ganze. Leidenschaft ist
zu allen Dingen das Tor, den Hüter kennst du noch nicht, der heißt
Selbstzucht; er ist genau so schwer, wie er auszusprechen ist, denn
immer wird Selbstsucht daraus. Solltest du ihn verfehlen, giebt es
Frauen. Weiber kenne ich nicht. Das Dasein ist kein Heiligtum und kein
Ballhaus, aber es giebt Heilige so gut darin wie Zuhälter. Ich sagte
schon im Anfang: gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne.
Denk an deinen Vater, der --« Der Herzog, der zuletzt mit fürchterlichen
Augen geschrien hatte, verstummte, stieß noch keuchend hervor: »Mit
Gott, mein Sohn, feire fröhlich und sorglos deinen Geburtstag. Ich hatte
keinen Vater, der -- -- schau, daß d' weiterkimmst!« drehte ihn herum
und schob ihn weg.

Georg, noch von seinen Händen umklammert, blieb stehn und wiederholte
willenlos noch einmal, was er die ganze letzte Minute lang bei jedem
Absatz geflüstert hatte: »Ja, Papa! Ja, Papa!« Er hatte, während die
Sätze an sein Ohr schlugen, Satzglieder, Wortbilder, Gestalten
erschienen und verschwanden vor neuen, die sich in aber neue wandelten,
doch nichts gehört, sondern allein gesehen. Gesehen nahe über ihm das
aufgeregte, mühsam gebändigte Gesicht, so nahe und genau zu erkennen wie
vielleicht nie zuvor. Und haftend, hineingeflochten mit beiden Blicken
seiner Augen in die auf ihn niederglimmenden Blicke der dunkelbraunen
Pupillen, gewahrte er doch mit unablässigen, geringsten Schwankungen und
Kreiswindungen des Schauns all das Kleine und Kleinste umher. Er
gewahrte den beweglichen Adamsapfel unten im Schatten des Kinns, in der
weiten Öffnung des Kragens, und dessen breit umgeschlagene Klappen, und
eine winzige weiße Faser an einer der Klappen; den blaugrünen Knoten des
Schlipses und das Schillern in den Falten, den helleren Glanz der
besonnten dunkelblauen Schultern und das beschattete rechte Ohr; den
Bartzapfen am Kinn, der mit ihm auf und nieder ging, und das eine weiße
Haar darin, die auseinandergesträubten dicken Haare des Schnurrbarts und
unter ihnen die innerlich gedrehten, die an Lockenhaarnadeln erinnerten,
und die grauen darunter und jenes, das an der Wurzel schwarz war und
dann weiß wurde. Und er sah die Umrißlinien des geschwungenen Mundes,
und wie sie sich bewegten, und durch die Barthaare die beschattete Haut;
die Haut am Kinn, wo sie schwärzlich war vom Wegrasierten, und wo sie
rötlich war, und braun, und heller, und die schief hängende Nase, den
glänzenden Höcker und die Poren, und das bräunliche Mal an der linken
Nüster; sah die goldenen Tupfe und Linien im Braun der Pupillen, ihre
bläulichen Ränder so genau, und im gelblichen Weiß die gesprungenen
roten Adernäste, und das bläulich Verschleierte der schwarzen
Mittelpunkte, und sah in diesem und in jenem Auge winzig und gebogen
sein eigenes Spiegelbild. Sah die Falten der Stirn, die Einsenkungen der
Schläfen, die Runzeln, die sich bewegten, die Haare der Brauen, schwarze
und graue, krumme und grade borstige, das Haar ... Und nicht dies im
einzelnen, nein, sondern immer auf einmal alles, und er sah es nicht, o
nein, er fühlte, er fühlte es, fühlte, daß es alles zitterte und sich
bewegte und zusammengerissen war von einer unsichtbaren Gewalt im
Inneren dieses fremden Körpers vor ihm, und daß diese Gewalt ihn
anströmte, sich über ihn ergoß, Leben, Leben immerfort, Atem und Blick
und Bewegung und Wort, und doch nicht dieses, nein, sondern zusammen all
dieses und mehr: Unsichtbares, Fühlbares, immer Lebendigkeit, die
außerhalb seiner selbst war, aber an der er hing, die ihn fesselte, ihn
umflutete, und aus der immer wieder, um noch einmal, noch deutlicher
sich kenntlich zu machen, daß ers nicht vergaß, dies Einzelne auftauchte
gleich Wellen und Tropfen der Welle, Perlen und Blasen, Durchsichtigkeit
und Glanz und Farbe und Tiefe und Kontur einer Welle: Augapfel und
Braue, Kinn und Barthaar, Mund --, und jählings wieder dieser ganze, ihm
zugewandte, wie ein Bild vor seine Augen gedrängte Kopf eines
Reiterführers aus dem Dreißigjährigen Kriege, -- welcher Ausdruck, den
nicht er erfunden, sich ihm zeigte und öfters hervorwinkte aus allem
übrigen des Sichtbaren und Fühlbaren, dem er auf eine Minute ausgesetzt
war wie einem stetig sausenden Sturm ...

»Ja, Papa!« sagte Georg, aufs tiefste und höchste verwirrt, entzückt und
gedemütigt, küßte ihm hastig die Hand und ging hinaus.


                                Spiegel

Leer lag der weite Flur, und Georg konnte sich das Übermaß seiner Wonne
durch eine Geste erleichtern, indem er die Arme von sich stieß, sich auf
die Zehenspitzen erhob und nach ungeheurem Dehnen vornüber
zusammensinken ließ, wobei ihm einer der reizenden kleinen Cellinibände
entfiel, so daß ein halb Dutzend Eselsohren in die Seiten kamen. Indem
er ihn beschämt aufhob, sah und fühlte er plötzlich die Befreitheit
seiner rechten Hand vom väterlichen Griff, und indem er sie verwirrt
anblickte und die roten und weißen Striemen daran vom krampfhaften Druck
gewahrte, erschien ihm das Antlitz seines Vaters, so daß es ihm war, als
habe er während der letzten Minute das Gesicht gar nicht gesehn, sondern
nur es gefühlt durch die Hand, um die sich die andre Hand und mit ihr
ihr ganzes Dasein, sein Wille und Leben gepreßt hatten. Und jetzt erst
wußte er, was dies alles bedeutet hatte. Daß es Liebe gewesen war, ja
daß er an einen gewaltigen Starkstrom von Liebe angeschlossen gewesen
war, der noch nachzuckte in ihm und ihn betäubte, so daß er im selben
Augenblick, wo er selig und verträumt den Kopf hängen lassen wollte, im
Gegenteil davonlief, wie ein Tertianer mit der Palme von Marathon, am
Treppenhaus vorüber den Flur hinab durch das Billardzimmer im Turm, und
wieder ein Stück Flur hinunter in sein Schlafzimmer.

Der Diener wartete, hatte glücklicherweise schon den Schoßrock
zurechtgelegt, auch einen Schlips dazu, der aber Georg nicht gefiel, und
er fand einen lavendelblauen von hinreißender Schönheit und Paßlichkeit
zu der sahnefarbenen Weste, schickte den Diener fort, zog sich aus,
stand minutenlang in Unterhosen, sich besinnend, was in aller Welt nun
vor sich gehen solle, kam endlich auf den Einfall: Waschen! tats, fand
lange kein Handtuch, zog Hosen, Weste, Stiefel, Rock an, und nun hatte
er Kragen und Schlips vergessen, zog alles wieder aus, Hose aus, einen
Stiefel aus, es war unerhört, er dachte an tausend Dinge, aber das mit
dem Wiederausziehn wie zum Schlafengehn, das war symbolisch, denn:

   »Wir aber wollen uns zur Ruh
   Hinlegen, dieser unser Tag ist voll --«

sagte Vollmöller im -- nein, nicht im Parzival, da stand vielmehr:
»Meine Mutter heißt Herzeleide ...« Tränen traten ihm plötzlich in die
Augen, aber er beherrschte sich, da er vor den Spiegel trat, um den
Schlips zu knüpfen, und auf einmal sah er sein Gesicht.

Über einem männlichen Körper in graugestreiften Beinkleidern mit
Hosenträgern überm weißen Hemde sahen ihn fremde Augen so absonderlich
bestimmt und bedeutsam an, daß er, um ihrem Blick zu entgehn, sich näher
zum Spiegelglas beugte, um das ganze Gesicht zu sehn, mit dem Gedanken,
es auf seine Verwandtschaft mit dem väterlichen zu prüfen, aber er fand
es so anders, daß es ihm beklagenswert schien. Es war schmal und noch
ganz zart und erschreckend bartlos -- obwohl er nie einen Bart zu tragen
gedachte -- die Augen blaugrau, das linke um einen Hauch kleiner als das
rechte, die Brauen kaum erst angedeutet, die Stirne rund, das
gescheitelte Haar, wohl von Mama, braun und ein wenig glänzend, nur der
Mund -- er verzog ihn ein wenig -- war wohl dem des Vaters ähnlich, und
die Nase -- sie war völlig entartet, da sie -- zu schweigen von Schiefe
und Krummheit -- vielmehr einfältig herunter und am Ende eher ein wenig
nach oben ging, und das Ganze ... Versstücke Rilkes fielen ihm ein:

   ... als Zusammenhang nur erst geahnt ...
   ... als wäre mit zerstreuten Dingen
   Von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant ...

so hieß es ja wohl, und so war es. Da fühlte er wieder den eigenen Blick
auf sich geheftet, prüfend und auf eine unbegreifliche Weise völlig
unverständlich, -- ein fremder Mensch, von dem er nicht wußte, was er
wollte, und der nichts äußerte, sondern ihn einfach ansah, und schwieg,
und jetzt anfing zu lächeln, und die ganze Zeit mit zwei Händen unterm
Kinn zwei blaue Schlipsstreifen übereinanderhielt. Noch einen Augenblick
wie gelähmt, als wolle ers drauf ankommen lassen, was der im Spiegel
jetzt anfinge, halb entschlossen, nicht mitzutun, schüttelte er die
Hände, knotete eilfertig und an sich vorbeisehend und wandte sich ab.

Ans Fenster tretend, sah er lange hinaus, ohne etwas zu gewahren, und
sammelte einige Gedanken.

Wird es wirklich so schwer sein? dachte er bescheiden. Schuld an allem
ist, fürcht ich, nur der Größenwahn und die Begrifflichkeit. Ja, wie
Vater sagte: _das_ Leben sagt man und: _die_ Welt, und man denkt, man
hätte die Alpen und alle Millionen Europas und Asiens vor und gegen
sich, und all die riesenhaften und blendenden Vorbilder, deren jedem man
etwas nachtun möchte -- wie soll man da sich selber finden, sich und den
kleinen, schmalen Weg, den man in Wirklichkeit zur Verfügung hat! Und
dabei begegnet uns ein halbes Hundert Menschen auf der ganzen Strecke,
und Dreien oder Vieren davon kommt man ein wenig näher, vielleicht bis
ans Herz, ach, nur Einem ans Herz. Warum also solche Furcht, solche
Anspannungen, so ungeheuerliche Erwartungen? Die erzeugten nur diese
Enttäuschungen, die verbittern, erzeugten diese Menschen wie Annas Vater
und seine alten Lehrer und Professor Prager. Der arme Benno, ob heute
endlich der Brief kam? Und wie gut waren sie doch alle zu ihm! Der Maler
hatte ordentlich zu reden angefangen, dieser Schweigsame, dieser
Unbekümmerte, was ging er den an? Zwar war er nicht verschwiegen mit
Absicht, -- er war mehr sparsam, wörtlich: wort-karg, -- ob ich das auch
einmal werde? -- -- Dies schien ihm erstrebenswert, und so ging er
hinunter.


                            Fünftes Kapitel


                              Mittagstafel

Beim Betreten des Speisezimmers stand Georg einen Augenblick geblendet
vom Licht, sah bei zusammengekniffenen Lidern die hohe Glastür drüben
stehn, empfand die Schönheit des gerundeten, großen Raums mit den matten
Färbungen und Figuren seiner gewebten Wandmalereien und sah nun, daß die
runde Tafel bis auf zwei Stühle schon besetzt war. Aber sieh, gegenüber,
in der zum Vogelsaal führenden Tür stand Anna, und von ihrem blaßroten
Leinenkleid schien das sonderbare Licht auszugehn, ihre Gestalt
leuchtete über und über, ihr Gesicht war völlig beruhigt, die Augen
schimmerten dunkel wie gebadete Juwelen. Nun gewahrte er auch, durch die
Glastür blickend, durch die man im Winkel auf die Terrasse hinaustrat,
die Wetterwand überm Park, von der das Sonnenlicht grell und flammend
abprallte und den Raum so stark erfüllte; von allem Farbigen wurde es,
von Magdas Kleid, den Gesichtern, dem Tafeltuch und Silber, dem Grün und
Gelb und Rot des Fruchtaufsatzes fest eingesogen, und alles schien zu
leuchten von innen.

Überdem sah er Magdas Vater und einen mittelgroßen Fremden im Frack mit
breitem, rasiertem Gesicht aufstehn und auf sich zukommen; er reichte
ihm die Hand; der große Chalybäus sagte vorstellend: Oberregisseur und
einen russisch klingenden Namen. -- So, das war der Besuch, den sein
Vater, gastlich wie immer, eingeladen hatte. -- Georg saß nun zwischen
ihm und dem Maler, an den sich der Herzog anschloß, und weiterhin Anna
neben ihrem beiderseitigen Nennonkel Salomon, dem sie im Niedersitzen
leicht einen Arm um die Schulter gleiten ließ, worauf er mit seinem
königlich staunenden Lächeln sich herumwandte, zuletzt ihr Vater wieder
neben seinem Freund. Ihm gefielen sie im Augenblick alle, um so mehr, da
er Anna gegenüber und abgewandt vom Licht saß, darin sie thronte wie das
Glück. Während sie den Tafelaufsatz ein wenig nach links, eine
Kristallvase mit gelben Rosen ein wenig nach rechts rückte, um ihm durch
die Lücke himmlisch zuzunicken, hörte er den Mimen sagen:

»Mit gnädigster Erlaubnis, Durchlaucht und schönstes Fräulein, fahre ich
fort, ich --«

»Basch, Theurer,« unterbrach der große Chalybäus, reizend mit Augen und
Zähnen umherlächelnd, seinen Freund mit nachsichtiger aber tönender
Stimme, »du bist ja grade angekommen!« Worauf über alle Gesichter im
Kreise sich jenes Lächeln bewegte, das Georg an seinen Gesichtsmuskeln
zerren fühlte, und das sich merkwürdigerweise nicht abschütteln ließ,
sondern -- wie überall -- eine Weile stehenblieb.

Der Mime indessen war perplex. Niemals sah Georg eine solche
Perplexität. Eben noch über seine Suppe geneigt, sah er jetzt den großen
Chalybäus von unten an, und sein kahles Gesicht war eine Platte
geworden, aus der die Nase einsam vorsprang wie ein stehengebliebener
Springer auf dem Brett, dieweil die Augen dasaßen wie zwei blindgeborene
Hunde, hülflos miefzend in sich selbst gerollt, und was völlig
verschwunden war zwischen zwei Granitblöcken von Kinn und Oberlippe, das
war der Mund. Nun aber entfaltete er sich wie eine Qualle, aufblühend zu
nicht endenwollender Größe, formte sich zu einer feinsinnigen Spitze,
öffnete sich wieder und, jählings zwei durchbohrende Blickblitze in
Georgs Augen schleudernd -- baff! -- raunte er geheimnisvoll:

»Auch ich, Durchlaucht, beginne von vorn.«

Georg, verwirrt wie in der Tragödie, stammelte etwas, auf das hin der
Mime sich verneigte, hastig einen Löffel Suppe verschluckte und begann:

»Ich erzählte, Durchlaucht, von Matkowsky eine kleine Schnurre ...«

Dieser Oberregisseur steckte wahrhaftig voll von kleinen, feinen
Überraschungen. Schnurre -- dies mußte das geheimnisvollste Wort von der
Welt sein; Georg klang es, als habe er es nie gehört, so beladen war es
mit seiner Bedeutung, wie denn niemand gerechter gegen die deutsche
Sprache verfahren konnte, als dieser ihr Oberregisseur. Dies war ein
Diphthong, habt acht: kloine ... dieses dagegen ein Vokal, ein e, ein
gerechtes, unverfälschtes e, nicht ä wie in >erzählte<, was ein völlig
neuer Begriff ist, die Konsonanten aber waren in preußischen
Kasernenstuben gedrillt und so akkurat wie ein Präsentiergriff vor
Majestät über die Regimentsfront. Georg hatte nie so etwas gesehn; es
schien ihm erstaunlich.

Matkowsky also sollte als Gast an einer kleinen Provinzbühne den Kean
spielen und nahm vorm Beginn den Darsteller eines gewissen vorkommenden
Barbiers beiseite, um ihm zu erklären, an einer Stelle im Stück, da habe
er, Matkowsky, eine kleine Nuance ...

Der große Chalybäus bemerkte hier kaltlächelnd, dies wäre eine uralte
Geschichte, es wäre aber nicht Matkowsky, sondern Döring, der berühmte
Schauspieler Döring gewesen und dessen Kollege Pape, übrigens nicht
Kean, sondern Othello und Jago. Daraufhin legte der Schauspieler, der
unterweil hurtig seine Suppe verschlungen hatte, den Löffel hin, ergriff
sein Rotweinglas, trank daraus und bemerkte sorglos: »Chlupp, erzähl
du!«

Sie führen zusammen etwas auf, dachte Georg und versuchte Annas Augen zu
erhaschen, die indes hingerissen am Munde des Mimen hingen. Dieser
sprang nach der Unterbrechung kaltblütig mitten in die Szene hinein.

»Da nehme er nämlich, sagte Mattkoffskü, den Barbier beim Kragen und
werfe ihn über die dastehende Chaiselongue in die nächste Kulisse
hinein. -- Sehr wohl, Herr Mattkowffskü, erwiderte darauf jener Barbier,
das ist enne äußerst feine Nüangse. Nun sähn Se, da will ich Sie nur
gleich sagen, da hab ich Sie nemlich ooch enne gleene Nüangse. Da gomm
ich neemlich wieder herein aus der Gulisse und --« Pause -- »und --«
weitausholend -- »und haue Ihnen eene herunder!« -- -- Schluß, Tableau,
große Apotheke, sagte der Erzähler und trank aus. Deutlich rauschte
ringsum der innere Beifall.

Der Oberregisseur begann lebhaft den Untergang des alten
echten Komödiantentumes zu beklagen. Wo gebe es noch richtige
Komödiantennaturen, wo sei die entzückende Zeit geblieben, wo die Frauen
im Dorf, wenn der Thespiskarren auftauchte, einander zuschrien: Nehmt
die Wäsche weg, die Komödianten kommen! -- »Heutzutage«, sagte er, »ist
jeder ein Hausbesitzer, Steuerzahler und Familienvater, mit Ausnahme
allerdings der zwanzigtausend im Deutschen Reich, die brotlos sind.«

Die Zahl erregte Verblüffung.

»Sehen Sie,« flüsterte Georg Bogner zu, »das hier ist Ihre gesteigerte
Subjektivität, da haben wirs, ja prost die Mahlzeit!«

Bogner lächelte, und zwar, deutlich zu bemerken, mit dem Munde und nicht
mit den Augen, und gerührt dachte Georg: Er hat zwei Lächeln, eins auf
Verlangen und eins für seine liebe Seele, und das erinnerte -- woran
erinnerte es nur? -- an etwas Blühendes, ja, an eine schöne atmende
Meduse in einem sonnigen Aquarium, -- so quoll und dehnte sichs aus den
lichten Augentiefen, während sich hundert Fältchen ringsum
zusammenzogen. Indem hob der Schauspieler sein Glas gegen ihn und sagte
fein:

»Durchlaucht konnten meinen Namen nicht verstehn, das bekümmert mich. Er
lautet: Baschkirtseff!« Herr du meines Lebens, wie das pfiff und
schmetterte! »Früher«, fuhr Herr Baschkirtseff fort, »hatte ich zwar
einen andern, auch sehr guten Namen, aber den hat jetzt mein Vater.«

Was das wohl bedeute, fragte Anna, worauf Baschkirtseff melancholisch
wurde und erzählte, wie er sich durch Ausziehn des schönen
Beuglenburgischen Dragonerkollers den Fluch seines Vaters und den
Verlust des Namens zugezogen habe. -- War das Schwindel? Nein, Chalybäus
selber war Königsulan und Schauspieler gewesen. Baschkirtseff wollte
nunmehr zu vertrauteren Familienszenen übergehen, ließ sich jedoch vom
Herzog auf kinematographisches Gebiet hinüberziehn und begann sogleich,
sich, soweit es ging, zum Herzog hinüberlegend, so daß seine vereinsamte
weiße Frackhemdbrust krachte, ihm zu erklären, er habe eine entzückende
Idee für einen Film, das heißt, gehabt habe er sie schon lange, jetzt
aber beim Anblick dieses reizvollen Landsitzes habe sie Gestalt
gewonnen, -- ja, ob es wohl möglich sei, vom Herzog die Erlaubnis zu
erlangen, diese Gegend für den Film, der eine Vollkommenheit der
Illusion gestatten ...

»No!« schnob, weit aufrecht zurück sich lehnend, der König Saul, feurige
Blicke des nicht begreifenden Staunens schießend, »Vollkommenheit der
Illusion, was das schon heißen soll. Ich nenne das -- verzeihen Sie
meine Spracharmut -- aber ich nenne das einen großen Schwindel fürs
Publikum, jawohl, so nenne ich es, und ich hoffe, Sie pflichten mir
bei.« Onkel Salm hatte immer naive Vorstellungen von der Nachgiebigkeit
der Menschen.

»Nanu?« sagte Baschkirtseff, in einem Ansatz zur Perplexität verbindlich
steckenbleibend.

»Soll ichs Ihnen beweisen? -- Photographieren Sie doch mal ein kleines
Zimmer von der Tür aus, was wirds? Ein Saal wirds. Photographieren Sie
einen Platz, wird er meilenlang, und ich verpflichte mich, jawohl --« er
schoß empörte und beteuernde Blicke auf den Herzog, »ich verpflichte
mich, von dem kleinen Weiher im Park zwanzig verschiedene Aufnahmen zu
machen, so daß Sie denken, es wären zwanzig Seen in allen Erdteilen und
die reinste Urwaldvegetation -- no -- ich kenn doch die Welt! Mit einem
Stück Binsenwald und Artaxerxes allein erzeuge ich Ihnen ganz Australien
-- ich weiß doch, was ich --«

Während dem unterbrechenden Baschkirtseff erklärt wurde, was Artaxerxes
sei, war Georg zusammengefahren und suchte heimlich Annas Gesicht.
Richtig, sie war blaß geworden und führte mechanisch die Gabel zum
Munde, vergaß dann das Kauen. Georg, für Augenblicke gedankenstarr,
hörte langsam die Stimme des Mimen näher kommen und verständlich werden.

»... und das eben ist der Kniff! Mit den geringsten Mitteln die
fabelhafteste Illusion, und ich sehe mich nun genötigt, meine Filmidee
zu entwickeln oder vielmehr die kleine Anekdote mitzuteilen, die ich
zugrunde legen möchte.« Dann erzählte er mit angenehmer Schlichtheit:

»Dr. Young, ein englischer Geistlicher, der berühmte Verfasser der
>Nachtgedanken<, spielte vortrefflich auf der Flöte. Als er einmal mit
einigen Damen, die er ins Vauxhall führen wollte, über die Themse fuhr,
wurde er wegen seines schönen Spieles von einem andern Fahrzeug, das
voller junger Offiziere war, verfolgt. Es war ihm peinlich, und er
steckte seine Flöte wieder ein. Einer von den jungen Leuten fragte ihn
darauf: >Warum hören Sie zu spielen auf?< -- >Aus eben der Ursache,<
antwortete Young, >warum ich zu spielen anfing.< -- >Und welche war
das?< -- >Weil es mir so gefiel.< >Gut denn,< antwortete der Offizier,
>spielen Sie fort, oder ich werfe Sie in die Themse.< Young gab nach,
verlor seinen Beleidiger aber nicht aus den Augen, und da er ihn abends
in einer Allee allein fand, so stellte er ihn in einem festen und
ruhigen Tone: >Mein Herr, aus Furcht, Ihre und meine Gesellschaft zu
beunruhigen, habe ich Ihrer Impertinenz nachgegeben; aber um Ihnen zu
beweisen, daß Herzhaftigkeit ebensogut unter einem schwarzen wie unter
einem roten Kleide wohnen können, ersuche ich Sie, sich morgen vormittag
um zehn Uhr im Hydepark einzufinden. Sekundanten brauchen wir nicht, der
Streit geht bloß uns an, und es wäre unnötig, Fremde hineinzumischen. Da
wollen wir uns auf den Degen schlagen.< Der junge Kriegsmann nahm die
Forderung an. Sie fanden sich beide zur bestimmten Stunde ein. Der
Offizier zog seinen Degen und setzte sich in Positur, Young aber setzte
ihm eine Pistole auf die Brust. >Wollen Sie mich umbringen?< schrie der
Offizier. >Nein,< antwortete Young ganz kalt, >aber Sie müssen so gütig
sein, Ihren Degen auf der Stelle einzustecken! Dann sollen Sie ein
Menuett tanzen, oder Sie sind auf der Stelle des Todes.< Der Offizier
machte einige Umstände, aber die Kaltblütigkeit und der Ton seines
Gegners wirkten, so daß er gehorchte. Nach beendigtem Menuett sagte
Young: >Sie zwangen mich gestern wider meinen Willen Flöte zu spielen,
ich habe Sie heute wider Ihren Willen tanzen lassen, wir sind quitt.
Sind Sie indessen noch nicht zufrieden, so will ich Ihnen alle
Genugtuung geben, die Sie verlangen.< Statt aller Antwort fiel ihm der
Offizier um den Hals und bat um seine Freundschaft.«

»Sehr fein!« lobte der Herzog, »sehr amüsant und vollkommen. Darf ich
auf Ihr Wohlsein --« Auch Georg hob sein Glas, alle, sogar König Saul,
wieder versöhnt, tranken dem nach allen Seiten verbindlich dankenden
Erzähler zu, während Georg es endlich glückte, Annas Augen zu erhaschen.
Sie nickte und winkte mit ihrem Glase, und unterweil hörte er den Mimen:

»Und daraus,« sagte er, »daraus mache ich den Herrschaften die
entzückendste Idylle. Ich verlege den Schauplatz von der Themse auf
einen englischen Landsitz, das heißt -- mit Erlaubnis -- hierher. Nun
fehlt natürlich die Hauptsache ...«

Onkel Salomon schnaubte. »Gott soll mich bewahren, Herr, wenn Sie an
dieser Geschichte etwas ändern, begehen Sie ein Verbrechen. Sie hat so
was -- no -- so was Mustergültiges möcht ich sagen, nicht wahr, Georg,
nicht wahr, Magda? Diese Sparsamkeit, diese -- -- beinah grandios ist ja
das! Ich weiß doch --«

»Natürlich fehlt etwas«, sagte Magda hinterlistig. »Eine Dame.«

»Selbstverständlich!« schloß der Baschkirtseff kurz ab. »Das ist ja
klar. Es fehlt das belebende Element. Es fehlt ein Ingredienz der Luft,
ohne welches das Publikum sie nicht atmen kann. Es fehlt das erotische
--«

»Die Kientoppluft«, sagte Onkel Salomon. Nach dem kleinen Gelächter der
Andern setzte der Schauspieler in die Stille hinein mit Nachdruck die
Worte:

»Wenn Sie glauben, daß ich eine Type bin, dann irren Sie sich.«

»Ich?« schrie der Doktor tief empört. »Ich glaube Ihnen überhaupt
nichts!«

Die Bratenteller verschwanden, die Diener reichten Butter und Käse. Der
große Chalybäus sagte mit leiser sittlicher Entrüstung gegen seinen
Freund gespitzt, er finde es doch zu merkwürdig, daß es nie und nirgend
ohne Liebe abginge. Onkel Salomon ereiferte sich. Chalybäus läse zu viel
Romane. Im wirklichen Leben spiele diese Liebe nicht im entferntesten
die Rolle wie in Ullsteinbüchern und so. Es werde alles gräßlich
übertrieben ...

»Lieber Doktor,« meinte der Herzog zu Georgs Staunen, »da muß ich Ihnen
widersprechen. Ich finde, grade weil die Liebe im Lebensgefüge und zumal
unter den kleinen Menschen im Werkeltag das einzige Wunder ist, das
Seltene, das so unbegreiflich ist und insofern nur mit dem Tode zu
vergleichen und ein Gegengewicht gegen ihn, deshalb haben die Poeten sie
mit Recht sich -- wie soll ich sagen -- als die Flamme ausgesucht, die
Sonne ist wohl der richtigste Ausdruck, in deren Schein alles andre erst
sichtbar wird und Schatten, Leben und Wirklichkeit bek--«

»Aber gern, gnädiger Herr, sollen sie ja, sollen sie! Bloß -- in Romanen
ist sie leider nicht das Einmalige, Besondere, Seltene, sondern ist das
Ganze von Anfang bis Ende und -- wie soll man das sagen? -- No, ich
meine eben: immer und immer das ewige Liebesgequassel, es ist ja zu
langweilig ist es ja, seit Jahrhunderten nun schon!«

Georg suchte Annas Augen, bekam sie aber nicht. Der Baschkirtseff
meinte, der Doktor sei bloß ein öder Misogyne. Der große Chalybäus stieß
mit ihm an und meinte, mit einmal völlig andern Sinnes als zuvor, er sei
total übergeschnappt. Magda verspottete ihn: das solle Tante Flora
hören.

»Shakespeare und Dickens«, sagte er funkelnd wie ein Löwe, »behandelten
sie nach Gebühr.«

»Romeo und Julia«, sagte Magda leise.

»Also no! da haben wirs, mein Kind! Als der Engländer einmal ein großes
Lied von ihr singen wollte, verlegte er den Schauplatz in den Süden, in
romanisches Gebiet. Das Feuer, dessen er bedurfte, gab es in England
denn doch nicht. Übrigens halte ich mich nach wie vor an die Pick--«

»Nu redt er vom Feuer,« sagte der Baschkirtseff hoch erstaunt, »und eben
behauptet' er, es wär eine Tranfunzel!«

Onkel Salomon lachte verlegen. Georg dachte: Dennoch! Wo ist das
allumfassende Gefühl, das mich fühlen macht, fühlen die Sonne und die
Sterne, die Ebene und die Brandung und -- -- Überdem fing er einen Blick
Annas auf, sah sie zögernd ihr Glas heben -- es war nichts darin --, ihm
zulächeln und die Neige trinken, während ihre Blicke in den seinen
haften blieben und sie langsam errötete. Der Herzog sagte leise: »Nun,
Magda?«

Sie verstand und hob verwirrt und anmutig die Tafel auf.


                                Pelikan

Georg war ungestüm entschlossen, irgend etwas Einsames mit Anna zu
verabreden; während sie aber in den Vogelsaal voranging, um sich dort
mit dem Kaffee zu beschäftigen, mußte er als letzter zurückbleiben und
betrübt, hinter seinem Vater gehend, dessen kraftlos und kümmerlich nach
oben stehende Füße -- wie Entenfüße -- sehn, während die Stöcke sich
unter der Last des schweren Mannes bogen. Die Sonne war inzwischen in
Fülle hervorgekommen, die Wetterwand verschwunden, der Saal schwamm in
reichem Nachmittagslicht, die hundert bunten Flügel in den Nischen
glitzerten und auf den kleinen Tischen das Silber der Kannen,
Likörflaschen und Kuchenkörbe. Die Diener verschwanden. Wie sie alle
umherstanden -- nur der Herzog saß am nächsten Fenster -- in ihren
Schoßröcken, fühlte Georg sich für einen Augenblick nach Somerset
versetzt und wunderte sich, daß Magda umherging, um den Herren kleine
Tassen zu überreichen, anstatt daß im Gegenteil sie bedient wurde.
Zuletzt kam sie zu ihm, aber nun hatte er natürlich seine eigenen
Pflichten vergessen, denn da stand der Maler und betrachtete die
Zigarettenkästen. Baschkirtseff nahm eine lange Zigarre; in seinem,
allzusehr mit seidenen Aufschlägen und Samtkragen strahlenden Frack sah
er aus, als ob er etwas deklamieren sollte. Georg nahm eine Zigarre für
seinen Vater, schnitt die Spitze ab und brachte sie ihm, der leise mit
dem neben ihm stehenden Sekretär etwas besprach. Nun saß Anna auf einem
Stuhl, und der Baschkirtseff, zierlich über die Lehne geneigt, setzte
ihr auseinander, wie er die Dame in seine Filmidee hineinpraktiziere,
das heißt natürlich da, wo das Menuett getanzt würde. Dazwischen hörte
Georg den großen Chalybäus bedeutsam »die grüne« sagen und sah ihn
riesig über den Maler ragend, in der linken Hand eine Kristallflasche
mit gelber, in der rechten eine mit grüner Chartreuse, die er mit
strahlenden blauen Augen verglich.

»Und nun kommt es natürlich darauf an,« raunte der Baschkirtseff, als ob
er mit Magda über die Schlafzimmereinrichtung in ihrem demnächst zu
begründenden Haushalt spräche, »ob die Geschichte komisch oder tragisch
werden soll. Nehmen wir eine Frau des Pfarrers oder eine Tochter, das
ist die Frage.« Er blickte sie, prüfend ins Tiefste ihres Gewissens, von
oben an.

Indem sah Georg, jetzt schläfrig vom Weingenuß und der reichlichen
Mahlzeit, daß Egloffstein sich drüben ihm gegenüber in wartender Haltung
aufgestellt hatte, dessen eine schwarzseidene Hosenseite, den Fenstern
zugekehrt, weiß glänzte, und daneben blitzte ein silbernes Brettchen,
das er nun, auf Georgs Augenwink herantretend, ihm hinhielt. Richtig,
ein Brief mit Bennos Handschrift. Georg sah sich um, ob er wohl
beiseitetreten dürfe, und gewahrte Anna, die in eigentümlicher Weise,
aufrecht stehend, durch das Fenster nach oben blickte.

»O seht mal, was ist das?« rief sie im nächsten Augenblick. Ein Schatten
glitt von oben über das Zimmer, und Georg sah hinaus. Siehe da, auf dem
weiten Rasenoval hatte sich ein weißes Ungetüm aufgestellt, es hüpfte
noch vorwärts und stand, -- riesenhafte Leinwandflächen in Stockwerken
übereinander, zwischen denen es schattig war, viele Schnüre und
Metallgestänge, vorn eine mächtige, braunhölzerne Schiffsschraube,
dahinter ein gewaltiger schwarzer Stern von Motorzylindern. Eine
schwarzlederne Gestalt erhob sich jetzt im schattigen Innern, und ein
Arm schwenkte eine lederne Mütze. Das Ganze stand auf dünnen Beinen wie
eine Wasserspinne; kleine Räder waren darunter.

»Tausend!« sagte der Herzog in das schweigsame Staunen der andern, die
sich alle den Fenstern zugewandt hatten, »tausend, das ist mein
Pelikan!« nahm seine Stöcke und humpelte, so schnell er konnte, auf die
Terrasse hinaus. Georg, dicht hinter ihm, besorgt, ihn im Notfall zu
stützen, verlor für Augenblicke alle Schläfrigkeit aus den Gliedern,
trotz Hirn und Augen blendender Mittagsglut, die sich hinter dem
Gewitter geschlossen hatte, als sei es nicht gewesen.

Während sie allesamt die Treppe hinuntergingen, kletterten zwei Lederne
aus dem Flugzeug heraus, von denen der eine über die Wiese heransprang.

»Glatt gelandet, Durchlaucht!« rief er, »wunderbare Überfahrt, einmal
mitten durchs Gewitter, aber schnell wieder jetrocknet!«

Nun gab es einen Wirrwarr von Beglückwünschungen. Der Leutnant stand wie
ein heruntergefallener Mondbewohner, überschlank und völlig von Leder,
im Kreise der andern, lachte mit blitzenden Raffzähnen, hatte eine
hakige Nase, langes Kinn und lange Oberlippe, beide schwarzblau vom
Rasieren, schien also mit Onkel Salomon und doch auch wieder mit dem
Herzog verwandt. Das ist so eine moderne Mischung, dachte Georg und
erinnerte sich an seines Vaters »neue Legierung«. Der Leutnant führte
nun die Gesellschaft um den Apparat und erklärte alles. Bescheiden, ganz
still und blaß abseit, der Techniker bekam eine Handvoll Gold vom Herzog
und sagte vor Schreck kein Wort.

Ja, nun sollte geflogen werden. Der Apparat war für große Lasten
bestimmt, dafür aber noch nicht geprüft, doch konnte an Stelle des
Monteurs jemand mitfahren. Georg zuckte, aber ein stilles Lächeln und
wehmütiges Kopfschütteln seines Vaters erinnerte ihn an die Mutter und
an sein eigenes Schweigen, eine Stunde zuvor im Arbeitszimmer, nachdem
er gesagt hatte: »Die Menschheit?« und bezwang sich. Der Leutnant
verbürgte sich großmütig für unbedingte Sicherheit. »Überhaupt,« sagte
er, »man bindet einen Motor unter eine alte Küchentür und fliegt, gar
nichts zu machen, meine Herrn!« -- Allein der Baschkirtseff fragte, ob
er sich auch für das Fortkommen seiner Witwe und Waisen verbürgte, und
das wollte der Leutnant nicht. Der große Chalybäus trug seinen
Riesenleib staunend immer im Kreise um den Apparat. Bogner war gern
bereit, wenn kein andrer sich melde. Georg sah Anna dastehn und ihren
Vater mit den Augen verfolgen, die Stirn runzelnd, als ob sie erwarte,
daß er ihr die Fahrt schenke. Dann entlief sie plötzlich in der Richtung
des Verwalterhauses.

Der Herzog, Chalybäus und Baschkirtseff mit Onkel Salomon stiegen die
Treppe wieder hinauf, um die Abfahrt von oben zu genießen; der Gärtner
und ein paar Knechte, die sich in der Nähe aufgestellt hatten, wurden
herangerufen und mußten helfen, den Pelikan umzudrehn und dicht an die
Terrasse zu schieben, damit der Anlauf groß genug würde. Pelikan, dachte
Georg faul und fast schon wieder zufrieden, unten bleiben zu müssen,
Pelikan ist ein schöner Name für dies Ungetüm, -- und gähnte heftig,
indem er sich in den Schatten des Giganten stellte; der Leutnant holte
ihm einen kleinen Koffer aus dem Magen.

Schon saß der Maler, mit Lederjoppe und Mütze des Monteurs bekleidet,
hinter dem Leutnant, als Magda über die Wiese gelaufen kam, mit den
Ärmeln eines Mantels kämpfend, den sie im Laufen anzog, ein Tuch fest um
den Kopf gewickelt. Bogner mußte wieder heraus, sie beschwor ihn
flehentlich, sie käme im ganzen Leben nicht wieder dazu, und er sollte
bloß schnell machen, damit ihr Vater es nicht zu früh merkte. Der kam
mit Baschkirtseff und frischen Zigarren aus dem Saal, grade als sie im
Apparat verschwunden war, aber der Herzog, der auf der Terrasse saß,
verriet nichts.

Der Monteur warf die Schraube an. Sie flog ein paarmal schwankend im
Kreis und war verschwunden.

»Deubel,« sagte Georg, »wo ist die Schraube hingeflogen?« worauf der
Monteur sanft lachte und von der ungeheuren Geschwindigkeit der Drehung
sprach, was Georg inzwischen selber eingefallen war, auch wurde ein
Glitzern sichtbar, und am Boden wehten und verbogen sich die Halme tief
und in heftiger Aufregung. Da brauste der Motor stürmisch auf, die
Männer sprangen weit zurück, langsam rollte der weiße Kasten über die
grüne Wiese, schien ins Wäldchen zu wollen, erhob sich jedoch unvermerkt
und -- ein wenig nach links geneigt -- schwang er sich mit plötzlichem
Willen über die Wipfel empor, steuerte der Ferne zu, beschrieb einen
langen Bogen, so schön und leichtgemut sich umlegend, daß Georgs
Zwerchfell zitterte und er lachen mußte, nach oben blinzelnd mit
geblendeten Augen, -- kehrte zurück, schwebte drohend und riesenhaft
über den unten Stehenden, senkte sich, zog einen Kreis von wunderbarster
Ruhe und Genauigkeit über Dach und Türmen von Helenenruh, prächtig
donnerte der Motor, -- stieg in langen, herrlichen Schraubengängen
höher, plötzlich blitzte der ganze Kasten von der Sonne getroffen auf,
eine mächtige, schneeweiße Masse, schwenkte wieder herum, erlosch und
zog von neuem dicht über den Parkwipfeln hin, dann in schnurgerader
Bahn, schräg gegen den strahlend blauen Himmel hinan, schimmernd und
seelenvoll dem Unendlichen zu. Als er über den Baumkronen fortgeglitten
war, hatte es Georg geschienen, als ob eine schwarze Gestalt daraus
emporgetaumelt und von der Schraube zurückgeworfen sei, ein paar Dohlen
wohl.

Ja -- -- nun -- --, da war sie fortgeflogen. An ihn, der unten bleiben
mußte, hatte sie nicht gedacht, ihm nicht einmal zugenickt, oder hätte
die Zeit wirklich nicht dazu gereicht? Nein, das war keine Liebe,
sicherlich nicht! Ein Kind war sie, spielte bloß und tat, was ihr
einfiel, und vielleicht fiel es ihr ab und zu ein, daß sie ihn liebte,
das heißt, wenn sie jemand haben wollte, um ihn verführerisch
anzulächeln. Und sein Gedicht, was war aus seinem Gedicht geworden? Sie
machte sich wohl doch nichts daraus. Das war ein herber Schmerz, eine
giftige Enttäuschung, und Georg beeilte sich, sein ganzes Wesen damit zu
tränken, bis es überfloß, bis die Welt im Trüben schwamm und er ein
Märtyrer wurde, der mit Wonne zu leiden begann. Sollte er auf sie
warten? In dieser unangenehmen Sonnenhitze? -- Nein, sagte er, ich werde
Bogner Gedichte vorlesen und ihr nicht. Lieber wäre er freilich einsam
gewesen, um sich ganz seiner Galle zu überlassen, -- und am liebsten
hätte er sich irgendwo in den Schatten gelegt, um zu schlafen -- aber
dies war noch herber, und also fragte er den Maler, der gern bereit war,
nur noch einmal nach al Manach sehen wollte, worauf sie denn
verabredeten -- da Georg plötzlich Bennos Brief einfiel --, daß der
Maler in einer halben Stunde auf Georgs Zimmer kommen wolle. Georg
überlegte noch, ob er den Gärtner beauftragen solle, dem Pelikan
aufzupassen und Anna Bescheid zu sagen, wo er wäre, unterließ es aber
aus Bosheit.

Auf dem Wege in sein Zimmer tauchte wieder und wieder Annas Gesicht vor
ihm auf, wie er es sah, als sie sich im Flugzeug zurechtsetzte und
voraus blickte, absonderlich ernst, erregt und entschlossen. Vorher war
es ihm ein süßer, goldener Spiegel gewesen; jetzt war er plötzlich
daraus fort, und sie spiegelte Land und Meer selig aus der Vogelschau.
Freilich, sollte er ihr das nicht gönnen? -- Angst preßte jählings
seinen Brustkasten zusammen --, ja, hatte er denn alles vergessen, was
mit ihr war? Das Gespräch mit seinem Vater, ja, diese brennende Stunde
hatte alles verzehrt, was vorher war. Und doch -- war seine Liebe nicht
gewachsen unterweil, sie, die keiner Zuführung bedurfte, die eigenwillig
war und ... vielleicht steckte sein Gedicht doch noch im Schuh. Oder
hatte sie es beim Anziehn der weißen Schuh an ihrer Brust verborgen?
Welch himmlischer Gedanke! Aber wie war er doch verlassen! Wie war alles
öde auf einmal und abgeblaßt! Und die Zeit -- die Zeit stand entsetzlich
still.


                               Ein Brief

In seinem zweifenstrigen kleinen Zimmer angelangt, ergriff Georg vom
Schreibtisch unter den Fenstern das elfenbeinene Briefmesser und setzte
sich im Winkel neben dem Schreibtisch in den alten, großväterlichen
Wangenstuhl mit Roßhaarbezug und Säumen weißer Knopfreihen, nachdem er
den darauf liegenden Band des Grünen Heinrich aufgenommen und auf den
Schreibtisch gelegt hatte. Dann saß er minutenlang mit geschlossenen
Augen, innerlich rieselnd von Schlaf, bis er sich wieder ermunterte, die
Augen aufriß, sich gähnend reckte, den Brief öffnete und las:

                                               Altenrepen, am 29. Juli

   Mein lieber Georg:

   Die drei Wochen Frist, die Deine liebevolle Weisheit mir ließ,
   sind verstrichen, und ich zweifle fast, daß ich Dir geschrieben
   hätte, wenn nicht --

Also nichts! schnob Georg. Es ist ein Elend, ein Elend! -- Die rechte
Hand geballt, las er verbissen weiter:

   -- wenn nicht heute auf dem Mittagsheimweg Iris Runge mir in der
   Langenlaube begegnet wäre und sich sofort -- hocherrötend, des
   darfst Du gewiß sein! --

Georg, inmitten seiner Erzürntheit leise geschmeichelt, dachte unwirsch:
Ach, was geht mich Iris Runge und die ganze Altenrepener Sippschaft an!
--

   -- gewiß sein! -- auf mich gestürzt hätte mit Fragen: »Wo ist
   Georg? Ist er wieder in Deutschland? Haben Sie Nachricht? Wann?«
   usw. -- Ja, Georg, Du hasts doch gut! Hätte sichs um einen von
   uns gehandelt, da würde ihre Mädchenscheu sich wohl gehütet
   haben, nur eine Andeutung von Wißbegier sichtbar werden zu
   lassen, Du aber genießest diese schöne Vogelfreiheit, daß jeder
   sich von Herzen mit Dir beschäftigen darf, und ich sonne mich
   bescheiden in diesem Glanz, der oft genug die Menschen mit ihren
   zutraulichen und unschuldigen Fragen an mich lockt ...

Guter Benno, welch holde Seele bist du doch!

   Und nun -- muß ich nach diesem Eingang erst wirklich noch von mir
   sprechen, Gründe, die alten Gründe -- denn was sollte sich
   verändert haben in diesem halben Jahr? -- von neuem aufzählen?
   Ich bin doch recht müde von diesem letzten Kampf, er war schlimm.
   Nicht, daß ich zu meinen Eltern noch einmal ein Wort geäußert
   hätte, wozu? Der letzte Kampf war der, ob ich gegen ihren Willen
   handeln sollte und -- ich habe gesiegt. Nun bin ich freilich
   müde.

   Wir müssen die Menschen verstehen, Georg. Wenn Vater selber das
   Geld hätte, glaubst Du, er würde mir nicht meine Musik lassen?
   Ja, wenn ers mit doppelter Arbeit und mit noch mehr Entbehrung
   schaffen könnte, daß er nicht alles auf sich nehmen würde? Er hat
   einmal in seinem Leben ein Opfer gebracht, einmal im Leben
   gezeigt, daß Stolz und Festigkeit ihm mehr galten als
   Vorgesetzte, Amt und Brot. Die Folge war das jahrzehntelange
   Elend des kleinen Beamten, Sorgen und Sorgen, dann Zerwürfnisse
   mit Mama, Feindschaft und all die Unerträglichkeit, die Du zum
   Teil mit erlebtest, dazu die langsame Verknöcherung,
   Verbitterung, und nun, von aller einstigen Mannhaftigkeit nun
   als letzter Rest der Stolz, daß der Sohn eines beuglenburgschen
   Beamten nicht auf fremder Menschen Kosten, nein, warum den Ton
   auf Kosten legen? -- durch fremder Menschen Güte das bekommen
   soll, was er selber ihm nicht schaffen kann. Er glaubt ja an
   nichts mehr, wie soll er an die Zukunft einer so unsicheren
   und obendrein ihm innerst so fremden Sache wie meine musikalische
   Begabung glauben? Er denkt, Dein Vater wird sein Geld an mich
   wegwerfen, und auch das läßt sein Stolz nicht zu ...

Georg knirschte. Stolz und immer Stolz, und der demütige Benno, der ihn
und alles immer begreift! Daß die Dummheit der Aufgeblasenen auch immer
die Dummheit der Edelmütigen neben sich haben muß, an der sie sich
auslassen können! Ja, wenns sich doch um Vernageltheit handelte, um pure
Boshaftigkeit eines verrückten und vertrockneten Alten, dann solltest du
mir mal kommen, mein Benno! Aber überall nur Schwachheit und
Schwächlichkeit hüben und drüben, die zu einem elenden Brei
zusammenfließt. Der eine läßt aus Schwächlichkeit das Böse zu, der andre
unterläßt aus Schwäche das Gute. Nun wird er mir noch einen langen
Sermon schreiben über seine arme Mama, die natürlich auch liebend gerne
den größten Kapellmeister in ihm sehn würde, die aber keinen eigenen
Willen hat, und die krank ist, so daß er ihr nicht das Leid antun darf,
gegen ihren vermeintlichen, das heißt gegen den Willen ihres Mannes zu
handeln. Und daß dieser ein elender Tyrann ist, der jenes einstige Opfer
längst durch Knechtung und Erstickung alles Blühenden und Zarten und
Liebevollen um sich herum längst doppelt und dreifach wettgemacht hat,
davon natürlich kein Wort! Ja, was hilft mir denn nun mein riesenhaftes
Erbe und alle Ahnen und alle Fabriken des Herzogtums, was hilft einem
denn das Geld, wenn man der Dummheit nicht mit ihm den Schlund stopfen
kann! Es ist nicht zu sagen, nicht zu sagen ist es ja!

Georg war aufgesprungen, lief mit schwingenden Armen und mächtigen
Schritten im Zimmer hin und her und blieb mit plötzlicher Rührung vor
der, über dem Lehnstuhl schwebenden kleinen Alabasterschale mit
goldgrünem Mispelkranz, an einem Dreieck von Ketten hängend, stehen.
Armer Benno, dachte er, so schwebt deine zarte, blasse, durchscheinende
Seele mit ihrem immer grünen Kranz in ... Die Fortsetzung des
Gleichnisses blieb ihm aus, er bückte sich, hob den zu Boden gefallenen
Brief auf, zauderte, ob er weiterlesen solle, legte den ersten Bogen auf
den Schreibtisch und begann den zweiten.

   So hab Dank, Georg, noch einmal innigsten Dank Dir und Deinem
   edlen Vater für diesen letzten Versuch, und haltet mich nicht für
   undankbar, bitte nur das nicht!

Ja, auch das noch! murrte Georg. Er trieft natürlich von Seele und
Edelmut. Immer am unrechten Platze. Undankbarkeit! Der Alte ist ein
undankbarer Schurke! Warum hab ich denn vier Jahre das Gejammer und
Geunke und die Nörgeleien und Streitereien ausgehalten? Laß sehen,
schrieb er nicht davon auch was? -- Georg nahm den ersten Bogen wieder
vor, suchte und fand die noch nicht gelesene Stelle:

   Für ihn wars nur ein Zeichen seiner Verlorenheit vorm Schicksal,
   daß mit dem Augenblick, wo durch Dich endlich ein wenig
   Erleichterung des Lebens und Aufhören der schlimmsten Geldsorgen
   ins Haus kommen sollte, Mama sich mit der Krankheit niederlegen
   mußte, die alles Überschüssige wieder einschlang, -- ach auch das
   weißt Du ja alles, aber weil ich Dich bitten möchte, gerecht zu
   sein, sage ich es Dir noch einmal.

Freilich weiß ichs, knurrte Georg, und ich habe durch die Wand und halbe
Türen oft genug die Vorwürfe und die schlecht unterdrückten Anspielungen
auf die Last dieser offenbar halb geheuchelten Krankheit gehört, -- ach,
was für Menschen es giebt, was für Menschen! -- Seufzend griff Georg
wieder nach dem zweiten Bogen und las weiter:

   Es ist ja auch noch nicht alles verloren. Sowie ich ausgelernt
   hab in der Bank -- zu studieren in Altenrepen hatte ja wirklich
   keinen Zweck, da mir an keiner Art Studien etwas liegt, und ich
   so auf die erste Weise zur Brotstellung komme -- dann darf ich ja
   wohl wieder auf die Güte Deines Vaters rechnen, der mir eine
   Stellung wird verschaffen können, die mir Zeit für mich läßt.
   Daran laß uns denken und hoffen.

Schöne Hoffnungen! Bis mittags um drei Diskonto- und Lombardgeschäft und
dann Kontrapunkt und Harmonielehre und was weiß ich in der Hochschule,
und außerdem vier bis sieben Stunden Klavierüben am Tag und die halbe
Nacht Komponieren, -- ja, es wird reizend werden!

   Die Tage sind ja nun so wunderbar, und für was tröstet nicht die
   Natur zumal im Sommer! Leider bin ich ja kein guter Mensch, ich
   bin voll von gemeinen und schwarzen Gedanken, und Blume, Wolke
   und Vogel müssen ihre ganze übernatürliche Langmut und Süße
   manchmal aufwenden, um nur einen Tropfen Honig in die Galle
   gelangen zu lassen. Ich bin viel gewandert an allen freien Tagen,
   in die Haide hinaus, die schon linde anfängt, sich zu färben, in
   die grüne und gelbe Ebene, und ich glaube, ich habe ihn gesehn,
   den alten Atlas, wie er mit riesigen, erdenen Schultern das
   Himmelsgewölbe trägt. O die Ebene, Georg, die Ebene! Sie ist doch
   der Inbegriff, die große Mütterlichkeit, Schoß und Reichtum, und
   o ich liebe sie, diese norddeutsche Tiefebene, so daß schon diese
   beiden Worte einen delphischen Brodem um mich aushauchen können,
   ich fange an, Noten zu lallen, es tönt ... Eine Symphonie soll es
   werden, Georg -- da ist es verraten! -- und sie wird: die Ebene
   heißen, -- keine Programmusik natürlich mit Waldesrauschen und
   Grillengezirp, sondern es wird die Ebene sein, wie -- _sit venia
   verbo!_ -- die Eroica ein Heldenleben ist. Ja, der schönen Pläne
   sind viel! Ich habe die alte F-Dur-Sonate wieder vorgenommen --
   erinnerst Du das langsame Thema mit dem Schluchzen? und die alten
   Bruchstücke klirrten metallisch süß und leise, -- bald sollen sie
   mir wieder schmelzen. Dann sind auch Deine Lieder, ich höre oft
   die allerzartesten Stimmen wie ein Geflüster von Wolken in
   unendlicher Bläue einsam, -- halten ließ sich noch nichts. Genug
   davon!

   Die Jungens sind nun alle in den ersten Ferien wieder hier,
   Löbell schon mit Schmissen, Barkhausen, Veit, Spiegelberg, Haman,
   alle fragten nach Dir, und ob Du nicht zum Schulfest im August
   herüber kämest. Auch Fräulein Runge fragte natürlich!

   Ich schließe, meine Grüße durch die ihren beflügelnd. Empfiehl
   mich von Herzen Deinem Vater! Das Beste in meinem Leben war und
   wird doch immer die Freundschaft mit Dir bleiben, und ihrer
   gedenkend fühlt sich -- wie wäre er sonst schlecht! -- beglückt
   und im Frieden Dein alter

                                                         Benno Prager.

Das Ende klingt wie Abschied vom Leben, seufzte Georg gerührt, legte den
Bogen zusammen, saß einen Augenblick trübsinnig nach vorn gebeugt, erhob
sich und legte den Brief auf den Schreibtisch, der auf seiner
grünüberzogenen Fläche nur eine Schreibunterlage mit Löschpapier, ein
altes messingnes Tintenzeug, eine viereckige Aschenschale aus Kristall
und ein gerahmtes Bild von Stefan George trug. Dastehend, die Hände auf
der Platte, sah Georg zum linken Fenster hinaus, und der Anblick des
Himmels erinnerte ihn mit leisem Schmerz an eine Entflogene.

Ganz rein war der Himmel und leuchtete. Das tiefe und starke
Nachmittagslicht ergoß sich nun schräg von oben; stärker grünte der
erfrischte Rasen, von dessen gewaltigem Oval Georg nicht mehr als den
letzten Rundabschnitt sehen konnte. Gegenüber schimmerte mit Läden und
Fensterreihen die weiße Wand des Nordflügels, altersschwarzes Dach und
die flachen Vorwölbungen der Ochsenaugen, links daneben die Gesträuche
und Bäume, die das Verwalterhaus teilweise verdeckten. Aber nun wurde
von rechts, von der unsichtbaren Terrasse her, die Rückseite des, wie
ein Schirm hochaufgespannten weißen Pfauenschweifs sichtbar, die
Beinkeulen darunter, aufgeregt hoch und nieder und rückwärts tretend,
und Georg gewahrte, sich vorbeugend, oben auf der Treppenbreite eine
kleine schwarze Katze, in sich zusammengeduckt, den Kopf hin und her
wendend, als sei der Vogel unten gar nicht vorhanden. Georg hörte ihn
aufschreien, während er das Fenster öffnete, -- die langen und biegsamen
Federn schwankten, die Katze war plötzlich auf der Brüstung, strich
flachangedrückt darüberhin, verschwand hinterm grünen und roten Gerank
einer Urne und kam nicht wieder zum Vorschein. Alsbald drehte der Pfau
sich langsam um und zeigte, über den Rasen davongehend, die kostbare
Majestät seiner Vorderseite, schön verjüngten Hals und gekrönten kleinen
Kopf im Riesenrad der schimmernd weißen Augen, darauf in eleganter
Verwandlung mit dem langsamen Sinkenlassen des zusammenrauschenden
Schweifs das neue Bild des ruhigen Vogels, der, ein wenig töricht, mit
kleinen pickenden Schrittrucken, die wagerecht hingestreckte Schleppe
zierlich und würdig davontrug.

Lau und süß und weich in die Lungen flutete die Nachmittagsluft. Weißes
blitzte oben in der Bläue, eine weiße Taube schwang sich ausgebreitet
zum First des Daches und nahm hastig ihr rundliches und albumhaftes
Taubenaussehen an, während sie auf den scharfumrissenen, mit langer
schwarzer Spitze auf der Ecke des Gebäudes stehenden weißgetünchten Turm
zuschritt. Das goldene Licht triefte, alles war still und leer, ein
wenig öde wie Sonntagnachmittag und mit einem Hauch von Bangigkeit.
Georg fielen plötzlich die Augen zu. Er zog die Mittellade auf, nahm
sein, in schweres, schöngemasertes Leder gebundenes Versbuch heraus,
blätterte eine Weile darin, ließ es, da die Lider wieder sanken, offen
liegen und sich selbst mit einer trägen Drehung wieder in den
Ohrensessel fallen.


                            Sechstes Kapitel


                               Al Manach

Georg erwachte. Ohne gleich zu wissen, was war, konnte er doch stracks
und munter die Augen öffnen, fand sich erquickt vom kurzen Trunk
traumlosen Schlafs, erinnerte sich aber jetzt, daß es geklopft hatte.
Indem ertönte das Pochen wieder von der Tür her, Georg, sich erhebend,
rief: »Herein!« die Tür öffnete sich, und es stand eine Gestalt von eben
mittlerer Größe unerwartet darin, in einem feinen schwarzen Anzug; fast
erschreckend aber war im ungemein zarten und weißen kleinen Antlitz die
Erscheinung zweier Augen von tiefstem Kohlschwarz, deren Blick Georg
erst Sekunden später auf sich ruhen fühlte, -- linde, kam es ihm vor,
überaus linde. Dahinter sah er nun auch den Maler.

»Ah Herr al Manach,« rief Georg erfreut und verwirrt, »wie schön von
Ihnen! Treten Sie näher!«

Selber vorgehend, streckte er die Hand aus, fühlte sie von einer
merklich kleinen, sehr glatten und weichen Hand kaum einen Augenblick
ergriffen und fest umschlossen, und im nächsten schon sich selbst
zurückgedrängt, ganz wie er war, auf fast unbegreifliche Weise
unkörperlich, gleich als habe sein Wesen vom ganzen Wesen des Fremden
einen magischen Druck erhalten, der ihn zurückwies.

»Welch angenehmer Aufenthalt!« erklang es jetzt melodisch. Der al Manach
blickte sich freundlich um. »So schöne Gegenstände!« sagte er und
umfaßte mit rundem, gleitendem Blick alles umher von der Alabasterschale
hinter Georg über den grauen Rupfenvorhang der Bücherwand rechts zum
kleinen Rundtisch, dicht neben dem Eingetretenen, -- von gelber Kirsche
mit eingelegtem Stern -- vor dem breiten Mahagonisofa mit grüner
Ripsbespannung, und wieder links hinüber zur Servante zwischen den
beiden schwarzgoldenen, mit rötlichen Stricken umknoteten japanischen
Reisekoffern am Boden. Und diese Dinge -- Georg zu gewohnt, als daß er
sie noch zu sehen pflegte -- richteten sich nacheinander vor ihm auf und
präsentierten sich freundlich und frisch.

»Nehmen Sie doch Platz«, bat Georg ein wenig verlegen, und der Fremdling
ging mit leichter Bewegung durch die leere Zimmermitte zum Schreibtisch,
wo er einen Augenblick durch das Fenster blickte, sagte: »Auch draußen,
alles freundlich! Ein roter Hund kommt die Treppe hinab und geht über
die Wiese ...« und begann, einen Arm auf die Platte gestützt, in dem
offen daliegenden Handschriftbuche zu lesen. -- Ja, Verse waren wohl
Allgemeingut ...

Der Maler trat unterweil näher zur Servante und besah stillschweigend
die schwarzen Widderköpfe mit vergoldeten Hörnern an den oberen Ecken,
danach auf den zwei Brettern übereinander die kleine Sammlung von ein
paar Frankenthaler und Höchster Gruppen, römischen Perlmuttgläsern,
Ludwigsburger und Meißener Figuren, einer Mündener Terrine und einer
großen himmelblauen Perlbörse mit Silberfransen, dieweil Georg erklärte,
das wären so Dinge, die er im Hause zusammengeräubert habe. Nachdem er
dem Maler eine kleine Gemüseverkäuferin mit buntgeblümtem Rock in die
Hand gegeben hatte, zog der sich in das Sofa zurück, die Figur vor sich
auf die blanke Tischplatte stellend.

Georg holte eine Zigarettenschachtel hinter dem Rupfen hervor nebst
Streichhölzern; er und Bogner begannen zu rauchen, der al Manach winkte
lächelnd ab.

Noch immer war es still.

Um etwas zu äußern, sagte endlich Georg, an den Büchervorhang gelehnt
mit dem Gefühl, al Manach sei nun der Eigentümer dieses Zimmers und er
selber nur Gast darin, -- sagte, gleichsam vor sich hin, in bezug auf
die Sachen umher: »Es ist ja nichts Besonderes, gar nichts Besonderes.«

»Ererbte Dinge sind schön«, hörte er einen Augenblick später die sehr
melodische Stimme. »Ist es nicht so? Die Gegenstände, solange sie jung
sind, haben alle den mehr leiblichen Glanz des Gemachten, und Jahrzehnte
des Gebrauches erst, des Geliebtseins und liebenden Betrachtetwerdens
fördern langsam die liebliche Seele an die Oberfläche und breiten ihr
edles Leuchten darüber aus. Sehr arm ist die alterslose Marktware; ihre
Seele stirbt, ehe sie sich auswuchs, und oft ist die beklagenswerte in
ihrer Gebrochenheit traurig zu sehn.«

So ruhig und völlig zufriedenstellend klang das Gesagte, daß Georg kein
Wort darauf wußte.

»Und dann,« fuhr die sachte Stimme fort, »dann giebt es wohl solche
Augenblicke, wie den des Hereinkommens für mich, wo einem unvermutet und
schön die Idee aufgeht und zuwinkt. Das schöne Wunder des Seins an sich
-- an all unsern Dingen --, das wir niemals ausbegreifen, und die
einzelnen selber, die Ideen der Sachen, -- auch Seelen dürfen Sie sagen
--, stellen sich gern einmal dar, durchaus nicht zu reden von
Kostbarkeiten, nein vom Gewöhnlichsten, von Fenster und Tisch, Sofa,
Schrank und dem Bett. Von alledem wird ja niemals gesprochen, wer hätte
es je bedacht, -- und doch würde eine Naturgeschichte der Gegenstände
soviel liebenswürdiger zu lesen sein als ein Cuvier oder Brehm. Das
Wunder des Naturgewachsenen, nicht wahr, erklärt sich immer wieder als
Wunder eben aus sich selbst, -- die Dinge jedoch --, bedenken Sie
gütigst: ein Tisch ... was mochte nötig sein vom ersten Beginn bis zu
dem dort! War es nicht ein Baumstumpf zuerst, vom Blitz zersplittert,
mühsam mit der Steinaxt geglättet? Und dann war es ein Klotz, ein
plumper Würfel endlich, aber wo, ja wo war der edle Erfinder, der -- wie
jener andre aus der Scheibe des Rades die Speichen schnitt -- den
unsterblichen Gedanken erfaßte, das ganze Innere einfach wegzunehmen,
die Beine der Herumsitzenden bequem und traulich unterhalb zu vereinen
und deshalb den ganzen Tisch gleichsam fortzunehmen bis auf sein
Äußerstes, Gehöhltes, die vierbeinige Platte! Bis dann ein feiner
Spätling am Ende das Ganze verdrehte und jene glänzende Blume mit flach
entfaltetem Kelch auf ihrem einzigen Stiel bildete ...«

»Ach«, sagte Georg und blickte betroffen seinen Tisch an. -- Unangelehnt
vor der graden Rückwand seines Sessels aufrecht sitzend, machte der
Sprecher eine Pause, die Hände gefaltet um das eine, übergelegte Knie.
Er hatte, dieweil er sprach, unablässig dahin und dorthin geschaut, auf
die Wände, ein Bild, auf Georg und den Maler, ein wenig unruhvoll und
doch unruhig eigentlich nicht, und Georg, der die Augen nicht von ihm
wenden konnte, nicht von diesem verschwindend schmalen und zarten
blaßroten Mund, der sich bewegte, -- Georg hatte nun bemerkt, daß die
außerordentliche Schwärze seiner Augen vor allem daher rührte, daß die
Pupillen, fast wie bei Tieren übergroß, das Weiße im Auge nahezu
verdeckten. Die sehr weiße Haut des Gesichts war gleichwohl nicht
bleich, sondern in der, dem Licht zugewandten Wange schimmerte innerlich
ein zartes Blut. Fein wie Seide war das schwarze, gescheitelte Haar über
der schrecklich schweren, rund gebuckelten Stirn, wie nach vorn gehöhlt
vom unablässigen Nagen anwogender Gedanken. Georg bemerkte noch, daß die
schwarzen Beinkleider nicht wie sein eignes sich zum Knöchel hinunter
verengten, sondern im Gegenteil weit auseinander fielen, vom Knie erst
ab -- Georg hatte es entdeckt, als al Manach durchs Zimmer ging --, so
daß nun die weiten Trichter über den feinen Knöcheln und schwarzlackenen
Halbschuhn sich wölbten. Unsommerlich war das alles und ging doch ein
Hauch von Kühle fast erfrischend davon aus.

»Fahren Sie doch fort«, hörte er sich selber unbewußt sagen.

»Gewiß, gern«, war die lächelnde Antwort. »Von den Sachen, ja? wovon
mögen Sie hören? Allein ich glaube, der Herr Maler kam, um Gedichte zu
hören? Nun, wie Sie wollen, denn da ließe sich ja manches vom Fenster
erzählen, oder wäre es nicht verwunderlich, daß höchste Kulturen kamen
und gingen, die babylonische und ägyptische, die jüdische, griechische
und die römische, ohne gewußt zu haben, daß man Öffnungen ins Haus zu
anderm Zweck schneiden könne, als um das Licht hereinzulassen und Rauch
hinaus? Und er sogar, der das gläserne Fenster, der das Geheimnis des
Aus- und Einsehens entdeckte, was bewog ihn, warum trübte er künstlich
die seelenvolle Scheidewand, als sei es verwehrt, das traute Heiligtum
der Familie fremdem Außenblick auszusetzen oder die Vorübergehenden auf
der Straße der Belästigung geheimer Augen im Haus? Wann lebte er, wo
ward er geboren, der den Traum vom gläsernen Glase träumte, den Menschen
die gebrechliche Wand vor das Antlitz setzte, die doch keine war für den
Blick, er, der Augen gab, ja ein ganzes Antlitz dem blicklos umdüsterten
Haus? Welch ein Beglücker, nicht wahr? -- Und nun könnten wir ja vom
Bett reden, auf das noch niemand die erhabene Epopöe dichtete, von jener
sichersten aller Galeeren, jenem vorzüglich bewährten Tauchboot im
gewaltigen Atlant unsrer Träume. Warum befragte noch niemand das Wunder
dieser einzigen und wahren Herberge auf Erden, wo die einzig göttlichen
Gäste uns aufsuchen, in Händen die drei Gastgaben tiefster
Lebensvorgänge: Geburt, verhüllt und blutig und schön mit der noch
unangezündeten Fackel, Tod, verhüllt und ernst mit der erloschenen, und
Liebe, hüllenlos mit der brennenden neben dem Vorhang?«

»Ja, nun ist es wohl an der Zeit, in Versen zu reden«, sagte er nach
einer kleinen Pause und begann zu des staunenden Georg erschrockenerem
Staunen eines seiner Gedichte, das im Buch aufgeschlagene vermutlich,
auswendig herzusagen:

                              Der Heilige

   Er war schon der Vollendung fast ganz nah,
   Sein Blick entrückt und schon wie abgetan;
   Schon trugen Fluten ihn, und er war Schwan.
   Sie lauschten, wann sein Sterbesang geschah.

   Fast war er nur noch Lied. Sein Körper glich
   Der Fackel, die von innen sich verzehrt;
   Und sichtlich war er auch von Gott geehrt,
   Der Nägel Male duldend und den Stich.

   Dann, sagt man, sei sein Leib hinweggenommen
   Von Gott, denn daß ein Weib ihn nächtig stieß
   Von Ihrer Pforte, keiner wußte dies,
   Und daß sein Leichnam nach dem Meer geschwommen.

   Keiner gewahrte ja das rote Glühen
   Am letzten Tag im dunklen Fensterglas.
   Er sah allein im heiligen Gelaß
   In der Madonna Bild die Lippen blühen.

Georg war hingerissen, so wundervoll klang es, -- nicht das Gedicht --
Georg verstand, ja hörte nicht einmal ein einziges Wort, -- sondern der
Strom der Sprache, der unsäglich mühelos, ohne die leisesten Erhebungen,
von zartester Melodik in sich selbst, dahinfloß und verhallte.

»Ja, aber,« fragte er nun verstört, »woher können Sie das?«

»Mein Gedächtnis wünscht es so«, sagte al Manach ein wenig
entschuldigend. »Ich las es vorhin, und nun -- was ich auch lese, ich
behalte es immer gleich auswendig, wenn Sie wollen auch andersherum,«
und er fing an: »Blühen Lippen die Bild Madonne der in Gelaß heiligen
--«

»Um Gottes willen,« schrie Georg, »das ist ja entsetzlich!«

»Nicht wahr? Und nun werde ich Ihren verwirrten Anmutston nicht eher
wieder los als im Grabe.«

»Sie Ärmster!« klagte Georg, »aber was heißt verwirrter Anmutston?«

»Das ist der Ton, in dem Sie dichten. Ihre Gedichte sind köstlich,
allein man versteht sie nicht.«

Die Selbstverständlichkeit, mit der das gesagt wurde, verhinderte Georg,
sich gekränkt zu fühlen; immerhin fragte er: »Verstehen Sies auch nicht,
Herr Bogner?«

Ehe aber der in seiner wüsten Schweigsamkeit die Oase eines Sprüchleins
entdeckt hatte, hörte Georg den al Manach wieder:

»Gewiß, Sie und ich, wir verstehens, aber -- das ist ja nicht: man.«

Georg lächelte schwach. Dieser sanfte Türke war scharf wie die
Damaszenerklinge Sultan Aladdins, mit der er vor den Augen des
löwenherzigen Richard ein seidenes Kissen spaltete.

»Ich will ja gern zugeben,« sagte er, »daß manches in diesem Gedicht
anfangs dunkel bleibt, aber ...«

»Dunkel? Sollten Sie nicht: unklar meinen oder deutlicher: konfus? Sie
können ja soviel! Die schmeichelnde Rilkeweis', Hofmannsthals
Schwermutston, und Georges Tempelton haben Sie auch gut gehört.«

»Ja, das Gedächtnis!« seufzte Georg beschämt, »aber davon wissen Sie ja
mehr als ich! Nein, sagen Sie mir, was verstehen denn Sie unter
poetischer Dunkelheit, denn die ich meine, deckt sich eigentlich nicht
mit Konfusion. Aber ich fürchte, Herrn Bogner wird das Theoretisieren
kaum gefallen?«

»Theoretisieren ist schön«, sagte al Manach. »Theorien, nicht
aufgestellt als richtende Götzen, sondern gezogen als Essenzen,
formulierte Erfahrungen ...«

»Sie haben es gut ausgedrückt,« sagte Georg eifrig, »ich meinte immer
--« Ein Blick der sanften Augen ließ ihn schweigen.

»Ich drücke alles gut aus«, sagte al Manach.


                        König, Dame, Aß und Bube

Es klopfte leise, Georg rief: »Herein!« Anna stand in du Tür. Er hatte
sie vergessen.

Mein Gott, wie sah sie aus! Sie hatte sich umgezogen, trug ein Kleid aus
schilfgrünem Tüllüberwurf über Weißem, ein weißes Fichu über der Brust
gekreuzt, und ihr rosiges Gesicht mit den dunkelbraunen Augen war
erleuchtet von innerer Seligkeit.

»Verzeihen Sie, wenn ich störe«, sagte sie, zog dann ein wenig
kurzsichtig die Augen zusammen und erkannte al Manach, der sich erhoben
hatte. Da lächelte sie, tief errötend, und ging mit leicht befangenen
Bewegungen der Arme auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, fast größer als
er, sah Georg, daß er ihre Augen mit den seinen ergriffen hatte, daß er
durch die Augen mit ihr redete, überaus leise, ganz ernst. Sie legte
beide Arme um seinen Nacken und die Stirn auf seine Schulter. Er
lächelte still vor sich hin. Georg mußte sich räuspern und empfand
Scheu.

»Nun,« sagte al Manach, als sie sich sacht wieder von ihm entfernt
hatte, von einem zum andern blickend, »da sind wir ja alle vier wie
König, Dame, Aß und Bube im Kartenspiel.«

Georg zerbrach sich einen Augenblick den Kopf, wer nun hier König und
wer der Bube war, denn al Manach -- kein Zweifel -- war das Aß, und zwar
Treff, wie es Georg vorkam.

»Nun?« wiederholte al Manach indessen schon, Magda anblickend, »wie war
es denn?«

»Ach, himmlisch!« Sie ging und lehnte sich wie Georg, der von seinem
Rupfen nicht loskam, an den Vorhang. »Nein, Georg, das kann man nicht
sagen! Nur mußte ich immer denken, daß du unten bleiben mußtest! (Georg
hatte es ja immer gewußt, sie war ein Seraph!) und denk dir nur, als wir
überm Wäldchen hinflogen, fuhr auf einmal der arme Artaxerxes daraus
hervor, -- er war doch nicht fortgekommen -- und da traf ihn die
Schraube und --«

»Also hatte ich doch recht gesehn!« rief Georg, »was ist aus ihm
geworden?«

»Ich weiß nicht; er stürzte, mehr konnt ich nicht sehn, und ich war so
traurig, daß ich gar keine Lust mehr hatte, aber dann wars doch zu
schön, und wir sind aufs Meer hinausgewesen, aber dann bat ich den
Leutnant, zu landen. In der Nähe des Wäldchens in den Wiesen gingen wir
nieder, ach das war eigentlich greulich, wie im Lift, weißt du, wenn man
so durch seinen eigenen Leib herunterfällt ... Und dann hat er mir noch
geholfen, Artaxerxes zu suchen, aber wir haben ihn nirgend mehr gesehn.
Gewiß ist ein Flügel gebrochen, und Papa wird ihn erschießen, er kann ja
nichts Krankes leiden ...«

Georg versprach, sich ins Mittel legen zu wollen. Wie hübsch sie nun in
seiner Nähe stand, die Hände hinterm Rücken, genau wie er.

»Oh,« sagte sie jetzt, das offene Gedichtbuch entdeckend, »hast du
Gedichte gelesen? Und ich war nicht dabei ...«

Ihr Blick fiel ab, irrte am Boden, da schob sie den linken Fuß im weißen
Schuh vor und rief: »Ach, Georg, mein Schuhband ist auf!«

Georg, jeden Zusammenhang glückselig erratend, war froh, für sein
dunkles Erröten das lange Bücken beim Zubinden verschieben zu können,
als er aber schließlich aufsah, stand die Anna und blickte dem wieder
sitzenden al Manach tief und süß in die Augen. War sie nicht eine
Teufelin?

Sie fragte al Manach, ob die Gedichte ihm gefallen hätten. -- Eins,
sagte er, könnte er auswendig, und das wäre herrlich schön. Ja, jedes
Wort wäre ganz ausgezeichnet, und wie sie so alle zusammengeraten wären,
das sei nun gar fabelhaft. -- Jetzt mache er sich lustig über ihn,
schalt Georg, er aber widersprach. Da sei Gott vor, er habe sich in
seinem ganzen Leben noch niemals lustig gemacht, und Georg sah es ein.

»Ach,« sagte er, »da fällt mir unser Tischgespräch ein, um von etwas
andrem zu reden, -- Sie können mich gewiß aufklären über etwas, worüber
...«

»Ja, das kann ich.«

»Reizend!« lachte Georg bei solch engelhafter Zuversicht. »Wir sprachen
nämlich von der Liebe, und Onkel Salm, unser, Annas und mein
Kindheitsonkel, Papas Sekretär, war so ungehalten, daß die ganze
Literatur bloß von ihr handle, was Papa -- und auch ich -- wieder für
ganz berechtigt hielt, -- nur weiß ich im Grunde nicht recht, warum.«

Der al Manach hub an.

»Giebt es denn etwas Andres als Liebe? Zwei Irrtümer, Durchlaucht. Ihr
Hintergrund -- wäre unser dualistisches Wesen, allein das führt zu weit.
Die lesende Bevölkerung nun ist des Glaubens, der Dichter, der ihr etwas
erzählen wolle, nehme einen Stoff, tue ihn als Inhalt in eine Form, die
er sich herlange, und sie trinke ihn -- lesend -- wieder heraus. Dem
Dichter dagegen handelt es sich um die Form allein, die nicht er hat,
sondern von der er weiß, daß sie dem Stoff innewohnt, wie die Wärme etwa
in der Kerze. Der Stoffe wiederum giebt es nicht soviel, dieweil sie
alle beim Durchforschen in einen Grundstoff übergehen, nämlich das Leid,
das die Erde ist. Die Glut endlich, die Flammenkraft, welche den Stoff
verzehrt und im Verzehren schmilzt und seine Form herausschmilzt, die
ist das Liebesempfinden. Ein Liebesempfinden, das im Daseinsganzen so
ist wie das Blut in Ihrem Körper: wo Sie ihn auch ritzen mögen, tritt es
hervor; als Kraft und im Wesen einzig, in Erscheinungen tausendfältig,
ist es das Ursprüngliche, alles Erfüllende, bei allem Mitwirkende, alles
Beherrschende, immer und immer wieder aber am wundervollsten kenntlich,
wie die Winternacht am Orion, an den wandellosen Gestalten des Liebenden
und der Geliebten.«

Er schien eine Pause zu machen. Georg sah Anna -- und es verwunderte ihn
-- nicht mit Augen an dem redenden Munde haften, sondern still vor ihre
Füße niederblicken, mit so gesammelten Zügen jedoch, daß sie ihm so von
oben und von der Seite -- da sie den Kopf gesenkt hielt -- wie
zusammengezogen schienen von innerer Gespanntheit.

Al Manach fuhr fort, von neuem, wie ein Zauberkünstler ein meilenlanges
Band aus dem Ärmel, den unendlich scheinenden Faden sanft gleitender
Rede aus der Brust hervorzuziehen.

»Sie, Durchlaucht, haben alles gelesen, haben daher, wenn Sie >die
Welt<, wie man zu sagen pflegt, betrachten, nicht die wirkliche vor
sich, sondern die in der Literatur beschriebene, und zwar die Europas.
Da leuchtet Ihnen nun die romanische Art oder Form besonders ins Auge,
weil sie die der Sensation und Affekte, oder sagen wir, der Schreckungen
und Erregtheiten ist, die der Gipfelungen, die theatralische, die
in nichts einen so flammenden Ausdruck finden kann als in
Liebesleidenschaft. Ja, da ist alles einmalig und abgeschlossen,
diesseits nichts noch jenseits, das Leben spült nicht hindurch, sondern
fängt damit an und endet. Romeo und Julia; Tristan und Isolde. Ja, wäre
der Deutsche aber nicht der große Mannigfaltige? Dann könnte auch ihm
die einzige Gestalt des Paolo-und-Francescischen, ewig umschlungen
dahinwirbelnden Liebespaares genügen, aber das tut es freilich nicht,
denn er weiß, dieser hundertfältige Deutsche, was ich bereits sagte: die
Einzigkeit, aber Tausendförmigkeit unserer Liebe. Darum hat er auch die
epische Art -- wo nicht die lyrische -- hat die Ebene, das Schweigen,
das Unendliche. Dieser seltsame Hebbel, nicht wahr, dieser Ebenensohn,
da mußte er nun seine gesteigerten Ideen in Griechen und Juden
verkörpern, wir aber leben ja wohl wie die Menschen des geliebten
Theodor Storm, einsam, schweigsam, immer unterdrückend, was uns am
feurigsten zur Eröffnung treibt, nicht aufbrausend, sondern alternd,
nicht erkämpfend, sondern verzichtend, -- und immer geht es weiter,
keine Welle erstarrt zur bleibenden Form, es sei denn Erinnerung, -- ja,
wir sind die Menschen der Erinnerung, das breite Volk, das wie ein
Meergreis aus ungeheurer Sage stieg. Nun wächst es in der Ewigkeit
langsam und blüht wie die Aloe einmal alle hundert Jahr. Ach, nichts hör
ich doch so gern wie die einzigen süßen Zeilen des armen Schlemihl, der
ein Deutscher sein wollte und nicht durfte: »Ich denk als Kind mich
zurücke -- Und schüttle mein greises Haupt ...«

Er schloß verhallend, ein wenig verwirrt, schien es Georg, schon gegen
Ende seiner Rede, aber jetzt, während Georg innerlich an die Stelle von
der Ebene in Bennos Brief geraten war, hörte er den al Manach wieder
sprechen, hörte eine Weile zu und erschrak. Es war ein sinnloses
Durcheinander von halben Sätzen und Worten, und er selbst saß schief da,
der Kopf hing, die Augen starrten schräg an den Boden, die Lippen
bewegten sich unaufhörlich. Anna trat vor und streckte die Arme aus. Er
schien dies zu bemerken, fuhr mit einem Ruck in sich zusammen und empor,
lallte etwas, sah lächelnd umher und sagte leise und ganz schnell, als
ob es eile:

»Es war sehr töricht von mir, Gedichte zu lesen und Verse zu sagen, nun
kommt das Zitieren, ja, ich habe das so, es kommt vom Gedächtnis, es ist
ein Anfall, ein Katarrh, eine Cholera, es ist nicht so schlimm, es kommt
zuweilen, dann will alles wieder heraus, wo soll es auch alles bleiben,
bitte, haben Sie wohl ein Lexikon?«

Aussehend, als ob er niesen oder sich übergeben müsse, stand er auf,
trat zur Bücherwand, raffte den Vorhang auf, nahm ein großes Buch unten
heraus und sagte: »Das Homerlexikon von Seiler-Kapelle für den
Schulgebrauch, das ist sehr gut, ich lerne es auswendig, wenden Sie sich
später bitte an mich, wenn Sie es verlieren sollten«, und lief zur Tür.
Klein, schwarz und geduckt stand er dort einen Augenblick, den Türgriff
in der Hand, drehte sich um, kam auf Georg zu, krampfhaft beflissen,
ohne aufzuschaun, faßte seinen obersten Westenknopf, und es war, als ob
seine Augen aus ihren Höhlen kriechen und dort hinein wollten, während
er eilfertig flüsterte:

»Poetische Dunkelheit, daß ichs nicht zu sagen unterlasse, sonst plagt
es mich in die Ewigkeit, wird auch von sonst klugen Köpfen häufig
mißverstanden, nämlich sie, die wirkliche, ruht hinter den dargestellten
Dingen als der mystische Grund, die mißverstandene dagegen ist vor sie
gehängt als verwirrender Schleier. Unter poetischer Dunkelheit also
verstehe ich die Kunst, ahnen zu lassen, anstatt zu sagen, die Andeutung
des Tieferen, Eigentlichen, die Kunst, den Schein zu setzen an Stelle
--«

Georg, recht verzweifelt, suchte den Strom zu unterbrechen, indem er
sagte: »Natürlich, natürlich, ich verstehe Sie recht gut, nur meine ich,
grade das auch erreicht, ich meine bezweckt --«

»Nein, dann haben Sie mich nicht verstanden«, ging es unaufhaltsam
weiter. »Sie haben die Absicht gehabt, den Leser im Ungewissen, im
Halbklaren zu lassen, ihn selbst erraten zu lassen, was mit Ihren
Heiligen geschieht, Sie mochten das nicht deutlich sagen, und das ist
das Konfuse, denn das hätten Sie eben grade einfach erzählen sollen, und
das wäre hier die Sache selbst gewesen, hinter der Sie das Geheimnis,
das Mystische, die Seelenzustände, die Metaphysik, die Symbolik, die
poetischen Schauer, die Ahnungen, die Ahnfrau und das Kloster von
Sendomir hintenrum, _postume, eheu fugaces_!« Er schluchzte jammervoll
und schlich, die Knie gekrümmt, mit hängenden Armen und Kopf, das
schwere Buch unten an der linken Hand hangen lassend, hinaus.

Magda stand und sah ihm nach. Einen Augenblick später begann sie heftig
zu zittern, wandte sich von Georg, der die Arme hob, ab, warf die ihren
hoch und gegen den Büchervorhang und legte das Gesicht dagegen. Selbst
Bogner saß und betrachtete das bunte Figürchen in seiner Hand überm
Tisch auf absonderlich vertiefte Art. Georg drehte sich um, trat an den
Schreibtisch und sah hinaus. Niemand sprach.

Auf einmal sah er, zufällig sich überbeugend, den kleinen schwarzen
Jason ganz rechts aus der hohen Glastür des Speisesaals im Winkel der
Terrasse heraustreten, die Tür sorglich hinter sich schließen und --
nicht anders zusammengesunken und hangend als eben durchs Zimmer -- über
die Steinfliesen zur Treppe und schräge hinunterschlürfen. Wie ein
großer Affe sah er aus, ja, so grauenvoll war er, der wie ein zarter
Cherub ins Zimmer getreten war, zurückverwandelt worden. Da war er ein
Stück in den Rasen hineingelaufen, blieb, als dürfe er das nicht,
plötzlich stehn, drehte um, ging zum Wege zurück und mitsamt seinem
Schatten im Bogen unter dem Nordflügel her bis ans Ende, wo er um die
Ecke verschwand.

Georg hörte Magdas Stimme hinter sich, sehr leise und innig verzweifelt:

»Wie ist das wohl zu verstehn? Als ich vor seinem Bett stand am Mittag,
da dacht ich, es wäre ein Kind. Als ich vorhin hereinkam und er mich
ansah, das war -- als wenn er vor Jahrhunderten schon gelebt hätte ...
Und -- nun ist es aus ...«

Überdem war Jason die Wendeltreppe heraufgestiegen -- Georg hatte seinen
Schatten in der Fensterscharte wohl gesehn -- und erschien nun, hinter
dem ersten Fenster vorüberschleichend, hinter dem zweiten -- -- Georg
atmete auf. Er hatte in sein Zimmer gefunden.


                                 Musik

Georg zerbrach sich vergebens den Kopf, gleichzeitig um zu erfahren, was
alles jetzt in Annas Innern vor sich gehn mochte, und etwas zu erfinden,
um sie davon abzulösen und zu erleichtern. Alles mögliche kreuzte durch
sein Hirn hin und her. Wie dichterisch dieser seltsame Eindringling doch
zu Anfang gesprochen hatte und wie lehrhaft am Ende, Bennos Brief und
die Worte vom himmeltragenden Atlas, Iris Runges überschlanke
Erscheinung im Tanzkleid, Ballgetümmel, und auf einmal der Name
Angelika, fern, fremdartig, dann der andre Jason al Manach, diese
merkwürdige Mischung von türkisch und griechisch -- während er selber
doch von sich als Norddeutschem gesprochen hatte --, war es ein
Pseudonym? -- und jetzt sah er den Umschlag des dicken Romans Jettchen
Gebert mit der Biedermeiergestalt der Henriette -- ihr Onkel hieß ja
doch Jason ... Ja, konnte denn Bogner nicht etwas sagen?

Als Georg endlich wagte, sich umzudrehn, sah er Anna erst gar nicht,
dann hinter der Bücherwand einen Streif des lichtgrünen Kleiderrocks;
sie war in den Rahmen der Tür zum Schlafzimmer zurückgewichen und
blickte unbestimmt auf das Porzellanfigürchen, das Bogner noch immer in
der Hand drehte und betrachtete.

Er sah aber jetzt auf, räusperte sich, stellte die Figur nieder, klopfte
mit der rechten Hand gegen die Brusttasche und sagte:

»Ich möchte wohl, wenn es Ihnen recht wäre, Ihnen etwas vorlesen.« Er
lächelte. »Keine Gedichte, nein, nur einen --« er holte seine
Brieftasche hervor und schlug sie auf, »-- einen Brief.« Und er nahm
einige bläuliche, zusammengelegte Bogen hervor, öffnete, sah hinein und
legte sie vor sich.

Magda glitt in die andre Ecke des Sofas neben der Tür, legte die Hände
zwischen den Knien zusammen, die Arme fest andrückend, und sagte mit
zusammengezogenem Munde leise: »Ach bitte!«

Georg hatte sich kaum in dem Lehnstuhl niedergelassen, als Bogner,
Erklärungen augenscheinlich vergessend, zu lesen begann.

»Ich denke oft, für die Menschen, die keine Kunst hervorbringen, sondern
nur empfangen können, ist die Musik soviel, wie der Himmel mit Wolken
und Sternen, ein Vergleich, den ich heut einmal weiter ausführen möchte.

»Die verschiedenen Künste bauen uns, möcht ich sagen, eine wunderbare
Stadt. Architektur natürlich baut die Häuser darin, legt Brücken,
Alleen, die Plätze und Kanäle an. Der Bildhauer schmückt die Fassaden,
die Plätze mit springenden Brunnen und nackten Statuen, fahrende Sänger
ziehn durch die Tore ein und versammeln das Volk auf den Plätzen, in den
Theatern dröhnen die Stimmen des tragischen Chors, die Malerei ziert
Säle und Gemächer, und es ist Handel und Wandel, Schiffe legen an den
Kais an, ein unaufhörliches, fruchtbares und eiferndes Getriebe
herrscht, soviel Leben, köstliche Unrast, Genuß, Arbeit und tausend
Freuden. Länder dienen der Stadt wie Fürsten, an den fernsten Küsten
denkt man an sie, sehnt sich nach ihr, sie ist die Heimat. Sie ist im
Ganzen eine richtige Menschenstadt, eine schöne wie Hamburg oder
Kopenhagen oder Budapest. Eine Stadt aber ohne Himmel.

»Ach, es giebt keinen Himmel in Berlin, lieber Freund! Jetzt, wo ich ein
paar Wochen heraus bin, weiß ich es ganz. Liebster, haben Sie je, wenn
Sie in eine kleine Stadt irgendwo tief im Land gewandert waren, Lüneburg
oder Braunschweig oder auch Maulbronn, haben Sie auch bemerkt, wie
wundervoll es ist, in allen Fenstern den verdunkelten Widerschein des
Himmels mit den Wolken zu sehn, entzückend, wie sie sich durch die
Gardinen bewegen? weil die Häuser niedrig sind, die Straßen breiter
scheinen. Und über allen Dächern sehn wir ihn ja stehn, den Himmel, und
die Wolken sieht man, ohne erst den Kopf danach verdrehen zu müssen. Und
bei Nacht, die kein Lichtergewimmel zu einem lügnerischen Tage macht,
hat man in den Bäumen seines Gartens die wirklichen Sterne, die im
Gezweige stehn und einem so gut gehören wie der liebe Baum. Dann geht
man nur auf die Straße, so steht der Sternenhimmel mit allen vier Ecken
auf der Erde -- das ist die einzig wunderbare Kuppel der Musik, der
göttliche Bau in ewig unbegreiflichen, in unbegreiflich ewigen Gesetzen.

»In einer solchen Stadt atmet sichs! Das Bewußtsein, daß der Himmel da
ist, erwärmt das Blut, wir werden leicht. Ach, ich habe nie begriffen,
was Kant damit will: die Gestirne über sich und -- --. Nun, was kann da
noch für irgendein Und kommen, wenn er schon das über sich hat!

»Schön, schön ist ja auch das Andre, Bilder -- weiß ichs nicht, mein
Freund? --, die uns nur staunen lassen, daß ein Mensch dies gemacht hat,
aber dennoch meine ich -- zürnen Sie mir nicht, es ist ja doch nur
Armut, die das meint -- die Musik macht uns schweben. Nicht schweben, es
ist mehr, es ist -- -- denken Sie einmal an das, was sogar Sie rührte,
an die ersten, aus der Ewigkeit fallenden Tropfen der letzten Symphonie!
-- sie sind ja wie der Beginn der Schöpfung. Nicht das: Es werde Licht!
nein, viel früher, das erste, verträumte Aufwachen Gottes aus dem langen
Schlaf, in dem er alles träumte, was werden sollte. Denken Sie daran,
und sogar Sie werden fühlen: es ist, als ob die Erde unter uns wegsinkt,
als würde der Boden sanft unter uns --«

»Ja, ja, um Gottes willen!« schrie Magda auf, sich vorwerfend, »so wars!
so war es, als wir flogen, ich konnt es ja nicht beschreiben! Bitte,
lesen Sie weiter!«

»-- als würde der Boden sanft unter uns, es weicht und giebt sich uns
zugleich hin wie ein Frühling, es ist, als ob die alte harte Erde die
Anziehungskraft leise wegnähme, so daß wir leicht werden wie die Tauben,
als hätten wir Luft um alle Glieder gehüllt, und wir denken doch nicht
an Fliegen, eher wir sinken, und alles, alles schmilzt.«

Magda saß mit gefalteten Händen, tief atmend, mit den Augen erregte
Kreise ziehend auf der Platte des Tisches.

»Die beseligende Leichtigkeit verbreitet wunderbare Heiterkeit, in
Unendlichkeit mögen Gut und Böse liegen und alle moralischen Begriffe,
wir sehn unter uns ewige Länder in der Tiefe hinschwimmen, die schöne
Stadt vielleicht in der Sonne, mit wandelnden Wolkenschatten bedeckt,
das blaue Meer in Meilentiefe mit winzigen Segeln, bald nur noch
marmornes Blau und der Gesang der Engel, die in Scharen durch alle
Fernen ziehn.

»Verstehen Sie mich, lieber Freund: unendlichen Reichtum geben uns alle
Künste, doch ist er noch schwer; wir müssen ihn tragen, wie der Herbst,
wie alles Irdische getragen sein will. Der Himmel läßt sich nicht
tragen, er hebt, er trägt uns. Leicht sein ist alles.«

»So weit«, sagte Bogner, faltete seine Briefblätter zusammen, nahm die
Brieftasche wieder hervor, legte die Blätter hinein und steckte sie
fort. Magda sah ihn dankbar an und wagte zu fragen, wer das geschrieben
habe.

»Die mit dem Schatten des Falters -- dort!« sagte er, in der Richtung
des Klaviersaals deutend. Dabei schien Magda, die eben den Mund öffnete,
etwas einzufallen, sie erschrak leicht und fragte: »Bitte, wie spät
ists, Georg! Deine Mama bat mich, gegen fünf etwas Harmonium zu
spielen.«

Es sei eben fünf Uhr gewesen, sagte Georg, und sie stand auf und ging,
jedem der beiden zulächelnd, schneller hinaus, als daß Georg hätte
fragen können, ob sie nicht mitkommen dürften.

Nun war es noch stiller geworden. -- Eine Frau hatte das geschrieben?
Welch sonderbarer Geist! Nun saß sie für ewig dort und sah empor, wo der
unsichtbare Falter flog. Aber wie dieser Bogner das wieder heilsam
getroffen hatte mit seinem Vorlesen! -- Überdem sah Georg, der sich im
Sitzen nach dem Fenster, nach dem Klaviersaal hinübergewandt hatte, wo
alle Vorhänge gegen die Sonne geschlossen waren, den äußersten linken
sich bewegen, er teilte sich und glitt auseinander, Anna erschien, das
Fenster aufriegelnd und draußen einhakend. Sie schwand, und gleich
darauf wurde das Brausen des Harmoniums in der stillen Leere hörbar.

»Sie sind wohl nicht musikalisch?« fragte Georg den Maler. Der
verneinte, erklärte aber, Musik gern zu hören.

»Dann«, sagte Georg erleichtert, »können wir ja auch hinübergehn. Anna
hat viel gelernt, und voraussichtlich wird es Bach sein; Mama liebt ihn
besonders, er ordne ihre Gedanken, sagt sie, Sie wissen ja, wie krank
sie ist.«

Bogner erwiderte nichts, und so gingen sie stillschweigend über Flure
und Billardzimmer hinüber.


                           Siebentes Kapitel


                               Erzählung

Magda wandte, als sie den Saal betraten, den Kopf nach ihnen, lächelte
und spielte weiter. Bogner setzte sich auf den Klaviersessel vor dem
mittleren der drei Flügel drüben. Alle Türen zur Herzogin standen offen
wie stets; in den verhangenen Gemächern herrschte goldener Schatten mit
etwas einfallendem Sonnenlicht am Boden hier und da und güldenen
Streifen Sonnenstaubes. Georg nahm einen Stuhl und setzte sich neben das
geöffnete Fenster, wo es hell war, während die jenseitige Hälfte des
Saals mit den Klavieren in der Dämmerung der goldgelben Vorhänge blieb.

Magda spielte eine kleine halbe Stunde mit geringen Pausen zwischen den
einzelnen, sehr einfachen alten Stücken. Endlich nahm sie die Hände von
den Tasten, und eine Weile herrschte Stille. Fern wurde eine Tür
geschlossen.

Georg, Annas Augen folgend, die zu dem Bilde über ihr emporblickten,
fragte, in unbestimmte Gedanken verloren, zum Maler hinüber:

»Warum sind Sie eigentlich nicht musikalisch?«

Eine törichte Frage! -- Allein der Maler öffnete nach einer Weile den
Mund und gab, ebenfalls zu seinem Bilde schauend, eine ganz richtige
Antwort.

»Sie«, sagte er, »hat mich einmal genau so gefragt. Ich wußte es
natürlich nicht, aber sie hat es mir dann selbst erklärt. Ich wäre
zentripetal, sagte sie, und das wären alle Dichter. Die Musik und die
Tondichter dagegen wären zentrifugal (Zentrifugalisch, verbesserte Georg
im stillen.) Nämlich die andern Künste drängten den Menschen auf seinen
Kern zusammen, die Musik dagegen löste auf. Sie fand es ja nun schön,
daß ich unmusikalisch bin. Es wäre so reinlich, sagte sie. Dann klagte
sie über sich selbst, daß sie von allen Künsten was verstehe, aber von
keiner was Rechtes, und keine ausüben könne, abgesehn von ihrem bißchen
Klavierspiel. Ihre Fertigkeit war ja nun glänzend, aber ihr Spiel ließ
kalt. Die Leute sagten, es wäre sehr geistreich, aber sie hätte kein
Gefühl. Sie hatte schon Gefühl, aber sie konnte es nicht anbringen, das
wars.«

Bogner legte langsam ein Bein über das andre, faltete die Hände und
stützte einen Ellbogen auf den Klavierdeckel, doch erwies sich der als
zu hoch, da das alte Klavier bis vorn geschlossen war; er öffnete es,
legte den Deckel leise zurück und nun den Ellbogen auf den vorderen Rand
vor die vergilbten Tasten.

»Sah sie so aus wie auf diesem Bilde?« fragte Magda, die sich mit dem
Drehsessel umgewandt hatte.

Nein, die Ähnlichkeit wäre sehr gering, entgegnete der Maler zerstreut.

Eine Minute verging mit Schweigen. Im Augenblick dann, wo Georg dachte,
nun würde er wohl anfangen, etwas zu erzählen, begann Bogner.

»Judith Österreicher hieß sie und war das einzige Kind eines verwitweten
Bankiers in Berlin. Sie war schmal und mager, ihre Hand empfindsam und
beweglich, nicht schön, zu dünn. Ihr Kinn stand vor. Es und die Stirn
und die flach aufliegende Nase bildeten eine schräge Fläche. Im Profil
sah sie besonders jüdisch aus. Die Augen lagen tief und waren grau, die
Haut gelblich, die Brauen schwarz und hart, das Haar orientalisch schön,
schwarz, fest und reich. So sah sie aus. Sie war fünfundzwanzig Jahre
alt, als ich sie kennen lernte. Ich war etwas über zwanzig.

»Ihren Charakter kennen Sie ein wenig aus dem Brief. Sie hatte alles
mögliche studiert, Kunstgeschichte, Bibliothekswissenschaft, Literatur,
auch Sozialistisches, und Musik. Immer hörte sie Vorträge und
Vorlesungen. Ins Theater ging sie nicht, außer zur großen Oper. Sie
haßte das Theater. Sie haßte stark, zu lieben hatte sie nie viel. Dann
wurde sie weicher, später. Ihr Verstand war unmäßig scharf, sie sagte
nie etwas Unlogisches, im Gespräch blieb sie bei der Stange wie ein
Mann, ihr Geist wurde durch nichts Weibliches beeinträchtigt. Oder
gemildert. Sie war unweiblich. Zum Beispiel las sie nie Aufsätze und
dergleichen, was über etwas handelt. Sie haßte Briefsammlungen und
Biographien. Das läsen die Menschen nur aus einem idealischen
Klatschbedürfnis. Ein Künstler war für sie kein Mensch. Der Mann ist
tot, sagte sie, ihm ist nicht mehr zu helfen. Sein Leben war natürlich
schwer, alle sind schwer, und großes Wachstum will harte Arbeit. Aber
die innern Kämpfe waren schwerer als die äußern, sagte sie, und die
lerne ich aus den Werken besser kennen, wo Schönheit und Klarheit daraus
geworden ist. So etwas klang aber sanfter, wenn sie es sagte. Sie hatte
eine schöne, melodische und tiefe Stimme. Am liebsten waren ihr
Radierungen, Stiche, Schwarzweißsachen und Holzschnitte, in die sie sich
mit der Lupe stundenlang, unermüdlich vertiefte. Dann die Japaner, die
festen, gesparten Linien und die genährten, unumstößlichen Farben. Über
einen schwarzen Flecken, ein schwarzes Kleid mitten in einer
Teehausszene von Hieroshige oder Utamaro geriet sie außer sich vor
Wonnen. Dann war sie wohl wie ein Kind, ganz ausgelassen. Sie
beherrschte alle Fachausdrücke, sah einer Radierung von Vogeler an, der
wievielte Abzug es sei, und einem Buch, wer die Type gezeichnet hatte.
Ihre Kleider machte eine Schneiderin, und sie saßen, das war alles. Mit
sich selbst wußte sie nichts anzufangen. Ihr Gehaben war so weiblich,
wie der Verstand männisch. Sie war launisch, oft mißgelaunt,
überschwänglich bald und bald kalt. Vor allem aber wußte sie selber
immer und jeden Augenblick, wie sie war und was sie war, also, was sie
nicht war. Immer sah sie sich im Spiegel und gefiel sich durchaus nicht.
Von sich selber beobachtet Tag und Nacht, alles verstehend, alles
zersetzend, auflösend, immer unzufrieden mit sich selbst, weil alles in
Fetzen ging, zu weiblich, um es sammeln zu können, immer das Fehlende,
das Negative sehend, sich selbst verachtend und doch sich selber liebend
-- das Leben ist ihr eine böse Qual gewesen.«

Bogner schwieg. Georg, ins Hören emsig verloren, die Augen auf den
Wandstreifen zwischen den beiden Klavieren rechts geheftet, sah dort
undeutlich die Gestalt der Fremden erscheinen; wie ihm schien, war es
ein Samtkleid, was sie anhatte und das ihm sonderlicherweise deutlicher
war als ihr Gesicht, denn da störten ihn die hellen Farben und die
Undeutlichkeit der Züge auf dem Bilde. Die langsamen Worte des Malers,
der eine Pause ließ hinter jedem seiner kurzen Sätze, banden ihn
seltsam. Nun, da er schwieg, seinen Bleistift wieder aus der
Westentasche holte und darauf niedersah, wie er ihn vorm Schoß in seiner
Hülse hin und her schob, merkte Georg, daß er sprach, wie wenn er malte
oder zeichnete: eine Linie zog -- und einen Bogen daran setzte, eine
andre Linie an ganz andrer Stelle des Blattes, und ganz von unten herauf
eine dritte, langsam hin und her gebogene, und plötzlich alle drei noch
zusammenhanglosen und unkenntlichen zusammengriff mit einer vierten, und
absonderlich war aus drei und vier Unverständlichkeiten eine Klarheit,
ein Bild und ein Sinn geworden; ja, ein Gesicht -- auf einen Augenblitz
erschien es Georg in seiner dunklen Abgeschlossenheit -- ein Leben,
Blick und Gebärde, und Erinnerung schon, Gewordensein und Vergangenheit.
Georg sah deutlich das Blatt, auf dem der Maler zeichnete; es lag auf
seinem rechten Knie, er sah darauf nieder und sprach und zeichnete
gleichzeitig, und das war nun merkwürdig, daß seine Worte und seine
Zeichnung aneinander hinliefen, unverbunden ... Georg, da der Maler noch
immer schwieg, hätte gern den Mund geöffnet und gesagt, wenn er es hätte
sagen können, wie ihm soeben klar geworden sei, daß alles Gedachte,
aller Sinn gar nicht in den Worten bestehe, in denen er gefaßt wurde,
sondern ganz fern dahinter sich selbst gestalte -- denn diese
Wahrnehmung schien ihm bedeutsam zu dem zu passen, was er vor Stunden
mit dem Maler gesprochen hatte, weil das Bild, das der Maler im Innern
hatte, und das, welches Georg sich selber herstellte aus des Malers
Worten, gewiß einander ungemein fremd waren, lose zusammenhangend, o so
lose nur in der Schilderung ...

In diesem Augenblick hob Bogner das Gesicht, sein Blick traf auf Georgs
Gesicht von ferne, glitt wie von einer leeren Fläche davon ab und zu dem
Gemälde überm Harmonium, wo er einen Augenblick anhielt, und der Maler
sprach weiter.

»Nun muß ich sagen, wie ich sie kennenlernte. Irgendwie war ich von
Paris nach Berlin verschlagen -- so -- mein Vater war Sanitätsrat und
ist es wohl noch; ich mußte mit siebzehn Jahren das Haus verlassen. Ein
Freund unterstützte mich eine Weile, nun -- das tut nichts zur Sache,
jedenfalls -- -- es kam jener Winter in Berlin, wo ich Schnee geschippt
habe. Ein gefallenes Pferd, dem wir aufhalfen, warf mich gegen einen
Laternenpfahl. Mit Frühlingsanfang kam ich aus der Klinik und hatte nun
nichts mehr. Nun ... Nun war ich sehr schwach, irgendwie vergingen noch
ein paar Tage, an die ich mich nicht erinnern kann. Eines Tages bekam
ich auf einer Bank im Tiergarten einen Schwächeanfall, und als ich
erwachte, hatte ich zwei Taler in der Tasche. Der eine reichte eine
Zeitlang für Essen, für den andern gab ich eine Anzeige auf, ganz dumm,
eine Heiratsannonce. Junger Künstler, dicht am Verhungern. Wie man so
ist. Ich bekam drei Briefe. Einer war Ulk, in einem war ein
Hundertmarkschein, den dritten bringe ich wohl noch zusammen ... Ihre
Annonce im Anzeiger ist so eigenartig, daß ich nicht weiß, ob ich mehr
über sie staune oder über mich, die sie beantwortet. Sollte sie die
Wahrheit enthalten, so scheint mir Eile das Notwendigste zu sein, das
heißt, Ihnen muß geholfen werden. Ich bitte Sie deshalb, mir zu
schreiben ... hier kam ein Postamt und eine Chiffre ... wo ich Sie
kennenlernen kann. Drunten standen die Initialen Jot O und eine
Nachschrift: Vielleicht eilt es wirklich, ich werde deshalb morgen
vormittag um elf Uhr in der Nähe des Luisendenkmals im Tiergarten sein.
Ich zweifle nicht, daß wir uns erkennen werden.

»Sie erkennen Judith Österreicher. Ich war ja nun ein Stockfisch, ich
wollte mir nicht helfen lassen, ich wollte heiraten und das Vermögen der
Frau mit Ruhm bezahlen, und nun hatte ich doch hundert Mark. Aber ich
ging hin. Sie hatte ein braunes Samtkleid an, und ich erkannte sie
gleich. Sie stand, auf ihren Sonnenschirm gestützt, vor einem
Rhododendrongebüsch mit dicken Knospen. Welches Mädchen stellt sich wohl
auf, wenn es bei einem Stelldichein wartet! Nun ging ich auf sie zu,
nahm den Hut ab und sagte steif, ich wäre es, es wäre aber ein Irrtum,
und ich wollte nun nicht mehr heiraten, wobei sie mich entgeistert
anstarrte. Sie können sich ja vielleicht vorstellen, wie ich ausgesehn
haben mag. Dann wurde sie aber wütend und sagte, ich sollte sofort still
sein, sonst liefen die Leute zusammen, packte mich beim Schlafittchen,
zog mich in eine Allee und fing an, dergestalt auf mich einzureden, daß
ich weinte. Da tröstete sie mich.

»Ihr Vater war reich und sehr kunstliebend, ein kleiner, dicker,
jüdischer Mann mit einer schönen hohen Stirn und schwermütigen Augen. Er
besaß eine kleine Galerie mit damals unbeachteten Sachen von Leibl,
Schuch und Hagemeister. Nun wurde mir ein Atelier eingerichtet, und sie
erzog mich. Immer hatte ich übers Handwerk gegrübelt, über die neuen
Wege, wie man tut, wenn man ganz jung ist. Nun bekam ich Bücher zu
lesen, mußte meine Meinung von ihnen ausformen, womöglich schriftlich,
wurde im allgemeinen wie ein Genesender und im besondern wie ein gutes
Kind behandelt, das durch Krankheit geistig zurückgeblieben ist.

»Sie war nur gütig zu mir, hartnäckig im Verfolgen ihres Planes, aber
milde und freundlich. Sie lehrte mich Erfahrungen erkennen und schrieb
jeden Tag das große Warum auf die Tafel. Schwerfällig war ich sehr, ich
konnte begreifen, aber nur langsam. Was ich dann hatte, hielt ich fest.
Zum Beispiel Manieren, daraus machte ich mir gar nichts, aber sie bewies
mir, daß jede einen kleinen feinen Sinn hatte, und das gefiel mir.
Gemalt hab ich lange Zeit gar nicht. Also ich wurde gereinigt, gelüftet,
leer geblasen und ordentlich >renoviert<. Judith durchschaute mich
vollständig, und alles, was sie tat, war richtig. So bin ich wohl
einigermaßen ein Mensch geworden.

»Nun ... Nun, das übrige ist gleichgültig.

»Nun der Schluß.

»Ich weiß nicht, wer von uns dem Andern damals mehr gewesen ist. Da ich
weniger war, werde ich ihr wohl mehr gewesen sein. Dies ist so. Früher
war sie ein Mädchen gewesen, ihr Vater war ihr alles, hatte sie
unterrichtet, erzogen und gebildet, sie hatte nie einen andern Freund
gehabt als ihn. Ihm zuliebe wahrte sie die alten Gebräuche und liebte
sie. An den Freitag Abenden brannten die Kerzen, lag das weiße Brot
unter der roten Samtdecke, das Glas Wein ging herum, und ich habe keinen
Freitag erlebt, an dem sie nicht zu Hause gewesen wäre.

»Nun bekam sie mich, wie einen Sohn, gewiß. Sie war ein weiblicher
Hieronymus. Das dacht ich oft, wenn ich in ihr Zimmer kam, abends, wenn
sie bei der Stehlampe saß, umschlossen von den beschatteten Wänden hoher
Bücherregale. Ihr Leben war ohne Schmerz und ohne Sorge verlaufen, nie
hatte es fremde Willkür gelenkt, sondern väterliche Zartheit und die
eigne klare Absicht. Sie liebte es wie ein hübsches Kunstwerk, und sie
haßte es, weil es unfruchtbar sei. Eine Zeitlang täuschte ich sie
darüber hinweg, ich meine, es tröstete sie, mir geben zu können. Dann
wurde sie mißtrauisch und fing davon zu reden an, daß ich über kurz oder
lang meiner Wege gehn werde. Das war richtig, daran war nichts zu
ändern. Der Tag mußte kommen, wo sie mir alles gegeben hatte. Sie hatte
ja nur Wissen für mich. Freilich auch Güte, wie Mütter, aber immer
wollen die Söhne allein gehn und suchen sich ihre Wege.

»Nun, vorläufig lebten wir miteinander wie Pallas Athene und Odysseus,
und wenn sie einmal schlechte Reden führte, versprach ich ihr, sie zu
malen als jenes Mädchen, das der Dulder im Phäakenlande am Brunnen traf
und das ihm den Weg zeigte. Es war ein schöner Abend in den Wiesen, und
sie trug den vollen Krug auf der Achsel, gab ihm zu trinken und wies ihm
den Weg in die Stadt und zu den Männern, die ihn heimbrachten. -- Ja, so
wäre es, sagte sie, sie könnte mir den Weg nach Hause zeigen, aber sie
käme nicht hinein.

»Ach, Kinder, sie war gut, sie war gut. Sie war bescheiden, sie lehrte
mich und ließ es mich nicht merken, sie wußte es immer so darzustellen,
als ob sie beschenkt würde, als ob sie alles erst durch mich recht von
Grunde kennenlernte. Ich erinnere mich an schöne Abende bei der Lampe.
Schon als Junge hatte ich Silhouettenschneiden geliebt, und sie stellte
mir Aufgaben. Sie trennte beliebige Stücke, große und kleine, aus dem
schwarzen Bogen, dachte sich etwas aus, und dann mußte ich es
herausschneiden, damit ich lernte den Raum ausnutzen wie ein Japaner.

»Nun das Malen ...«

Bogner war still. Er schien nachzudenken; auf einmal holte er, vor sich
hinblickend, seine Pfeife aus der Tasche, dazu einen Beutel aus rotem
Gummi, stopfte sie langsam, tat den Beutel fort, nahm Streichhölzer und
rauchte. Schließlich fing er an:

»Also ich wollte sie malen ...«

Georg kam es vor, als ob er etwas ganz andres, das er sich unterweil im
stillen vorgesagt und das von ihm selber und der Malkunst handelte,
verschwiege.

»Als wir eines Tages«, sagte er, »am geöffneten Fenster saßen -- sie
hatte einen Arm auf der Fensterbank und sprach zu mir ins Zimmer hinein
und dann wieder zum Fenster hinaus --, hielt sie auf einmal inne und
sagte: Da! indem sie den Kopf wandte, nach oben, so wie dort. Ich sah
aber nur den Schatten des Schmetterlings auf der Fensterbank, ihn selber
erst später, wie er im Garten herumschaukelte, ein weißes Stückchen. Ich
weiß nun nicht, wie sehr ihr Wesen in dem gewesen sein muß, was sie
grade sagte, so daß es dann plötzlich ganz in diese Bewegung
hineinschlug, mit der sie sich unterbrach. Jedenfalls -- dies blieb aber
hängen, nur wurde lange Zeit gar nichts daraus. Es kam der Sommer, der
zweite, seit wir uns kannten. Judith verreiste, sie mußte eine erkrankte
Schwester ihres Vaters nach der Riviera bringen. Ich war einige Wochen
auf Sylt, aber lange vor ihr wieder in Berlin.«

Der Maler hatte ein paar neue Briefbogen hervorgenommen. »In jener
Zeit«, sagte er, »bekam ich den Brief, den ich Ihnen vorlas, und unter
andern auch den folgenden:

»Heute möchte ich einen Rat von Ihnen, lieber Freund. Das heißt, es wird
wohl darauf hinauskommen, daß ich mir Rat schreibe, statt ihn zu
bekommen. Ich habe einen Brief erhalten von einem Mann in Transvaal, der
mich zur Frau haben will. Schon vor einem Jahr, als er fortging, fragte
er an, ich habe aber um Bedenkzeit gebeten bis jetzt. Er schreibt nun,
seine Aufgabe -- er ist Ingenieur -- sei beendet, er habe es in der
Hand, nach Europa zurückzukehren oder einen Bau in einem andern Weltteil
zu leiten, was er von mir abhängig macht. Was schreibe ich ihm?

»Nein, Sie können mir natürlich nicht helfen. O wie traurig das macht,
nicht zu wissen, was gut für uns sein wird! Wissen Sie, was mein Leben
bisher gewesen ist? Gut war es, reich, liebevoll und angefüllt mit
tausend schönen Dingen. Klingt es nicht lächerlich, zu sagen, daß ich
oft sehr unglücklich bin und darbe? Mein Leben ist wie ein blaues
Wässerlein hingeflossen, wohin rinnt es? Muß es nicht irgendwo
hinlaufen, all seine kleinen Schätze zusammenraffen und sagen: Da!? --
Niemals wird es das können. Ich habe ja nichts, ich habe alles ja nur
für mich, es bleibt in mir und bringt weiter nichts hervor. Das bißchen
Gutsein mit Uto (das bin ich) meinen Sie, das gilt? Nichts kann ich
ordentlich. Ein bißchen zeichnen, ein bißchen malen, ein bißchen
schreiben und ein bißchen Klavier spielen. Dafür weiß ich freilich
entsetzlich viel, was hilft mir das? Ich bin doch eine Frau, und die
will, was sie auch habe, immer nur drei Dinge, das Allereinfachste:
einen Menschen liebhaben, für ihn sorgen -- da hab ich ja nun Uto -- und
so viel Kinder haben, wie sie kriegen kann. Ich werde niemals Kinder
haben können, weil ich als Mädchen einmal krank gewesen bin und operiert
werden mußte. So hab ich denn mein Leben nur für mich allein. Mit keinem
andern Leben kann ich es verbinden und weitergeben, ich kann hier nicht
bleiben, wenn meine Zeit um ist, ich gehe ganz fort, wie ich allein
gewesen bin. Nur die Erinnerung bleibt vielleicht eine Weile.

»Hier,« sagte der Maler, »legte ich damals den Brief fort. Ich hatte
inzwischen das Bild dort angefangen und saß davor, als ich den Brief
las, und an dieser Stelle fing ich wieder an zu malen, als ob irgend
etwas mich antriebe, fertigzumachen. Ich arbeitete auch einige Tage,
mußte aber wieder aufhören, weil ...«

Er unterbrach sich: »Ich will eben zu Ende lesen.«

»Nun, schreibt sie, bin ich also bei diesem Briefe aus Afrika angelangt.
Mein Vater ist ja so reich, daß schon früher, so unglaublich es scheint,
Leute gekommen sind, die mich mit in Kauf nehmen wollten. Als Juden
waren sie aber patriarchalisch gesinnt, wollten also Erben haben, und
wenn mein Vater ihnen in meinem Auftrage sagte, daß sie darauf bei mir
nicht zu hoffen hätten, gingen sie wieder. Ich glaube auch, daß kein
ordentlicher Mann, der eben nicht eine Frau über alles liebt, sie
heiraten wird bei der Gewißheit, daß die Ehe kinderlos bleiben wird. Nur
dieser Christ hier ist standhaft geblieben. Er ist ein guter, ernster,
tüchtiger Mensch, er teilt auch meine Neigungen in seiner Art, wir
würden uns gewiß vertragen.

»Denken Sie, mein guter Junge, das ist nun das erstemal, daß man mich
vor einen Entschluß gestellt hat. Ja, und hier, wo es einmal aufs Leben
ankommt, habe ich also nichts gelernt. Was werde ich ihm schreiben? Noch
nie habe ich einem Menschen etwas geschrieben, das ihn traurig machen
konnte. Es muß aber wohl sein ... Nun und so weiter.«

Der Maler faltete den Brief, steckte ihn ein und schwieg.

Überdem ward Georg inne, daß seine Gedanken, wie seine Augen, schon seit
geraumer Zeit an Anna hafteten. Ob sie wohl ganz verstand, was der Maler
gelesen hatte, ob sie es empfunden hatte? -- Er sah ihren am Boden
stehenden linken Fuß im weißen Schuh und das sichtbare Stück des sanft
gerundeten weißen Beins, wie es im hellen Schatten des Rockes
verschwand, und er fröstelte leicht, auf einmal, da seine Augen höher
gingen, im Unsichtbaren, denn er konnte sich keine rechte Vorstellung
machen von dem Bein und seiner Bekleidung, nur daß dort alles süß und
süßer und atembeklemmend wurde, empfand er. Abgleitend, verwirrt, sah er
mit kälterem Schauder ihr liebliches Gesicht, gesenkt, Schatten der
Lider unter den unsichtbaren Augen, den blassen, zarten Mund und das
seltsam lebendige Haar, in dem ein Hauch, ein Gold und ein Wesen war,
das Sehnsucht erregte, das es so anders machte als jedes andre Haar, als
sein eignes vor allem, dergestalt daß es sinnlos schien, es mit ein und
demselben Namen zu nennen. War nicht -- ja, war nicht seines nur
gewachsen, um den Kopf zu bedecken, -- aber das ihre war Verlockung über
und über. Seine Haut im Nacken krauste sich, es durchloderte ihn, sie an
sich zu drücken, ganz und gar, ihren Leib zusammenzudrücken, alles zu
wissen, alles ... Und sie? dachte er, dies abschüttelnd. Ach, was dachte
sie, was dachte sie nun? Flog sie vielleicht -- nur scheinbar, nur mit
ihrer Haltung lauschend -- über Meer und Inseln, Wolken zu, von Wolken
beschattet, unbegreiflich hoch über der festen Erde? Dachte sie an ihn?
fühlte sie ihn? --

Magda hob langsam die Lider, langsam das Gesicht, und plötzlich waren da
ihre Augen, dunkel und fremd, auf ihn gerichtet -- und dann lächelte sie
-- und wurde wieder ernst -- und jetzt -- jetzt errötete sie ganz
langsam, aber immer tiefer ...

Georg hörte die Stimme des Malers, zwang sich fortzusehn und zu hören,
erinnerte sich der Judith, sah einen fernen, unbestimmten Frauenkopf in
einer Dämmrung, -- was hatte sie geschrieben? »... mich in Kauf nehmen
wollten, so unglaublich es scheint ...« O, das war hart wie eine
Stahlfeder! -- Der Maler sagte:

»Nun also das Ende. Ende September ... So, ich muß erst noch sagen, daß
ich inzwischen ein Atelier in der Nähe von Judiths Wohnung bezogen
hatte. Ende September also schrieb sie mir den Tag ihrer Ankunft aus
München. Am Tage vor dem für ihr Kommen angesetzten wurde ich durch
einen Boten zu ihr gerufen. Sie war schon da, war zwei Tage eher
gekommen. Nun war ein Unglück geschehn, sie war überfahren worden, sie
lag im Sterben.

»Wie das zugegangen war, klärte sich eigentümlich auf. Ein Augenzeuge
des Unfalls war ein Bekannter des Hauses. Er hatte, besonders von
weitem, eine gewisse Ähnlichkeit mit mir in Gang und Haltung. Judith war
kurzsichtig. Nun hatte dieser Herr Judith an einer Straßenkreuzung auf
dem jenseitigen Gehsteig herankommen sehn -- zwischen ihrer und meiner
Wohnung. Er hatte gesehn, daß sie ihn bemerkte und ihm lebhaft zuwinkte,
was ihn verwunderte -- es galt aber mir --, und sie war dann, ohne
achtzugeben, über den Damm gelaufen und von einer Straßenbahn zu Boden
geschleudert.

»Sie konnte noch ein paar Tage leben. Am Morgen des folgenden Tages kam
sie zu Bewußtsein, sprach mit ihrem Vater, schickte ihn hinaus und blieb
mit mir allein. Sie wußte, wie es mit ihr stand, und sprach ruhig davon.
Ich habe Papa beauftragt, dafür zu sorgen, daß du nie wieder Mangel
leidest, sagte sie. Es fiel uns nicht auf, daß sie mich du nannte. Dann
kam ein Augenblick der Schwäche, wo sie die Hand über die Augen legte,
etwas weinte und gestand, das Sterben sei so bitter. Nun sterbe ich aber
doch durch eine gute Torheit, sagte sie, ich, die ich so viel
nichtsnutzige Klugheiten konnte. Um deinetwillen bin ich auf einen
fremden Menschen zugelaufen, aber wir laufen immer auf fremde Menschen
zu, und dann liegen wir unter den Rädern. Sonderbar geht es zu im Leben
... Und sie fand es sehr gut, daß ich noch viel törichter gewesen sei
und nicht gemerkt hatte, daß eine Frau einen Mann über alles lieben muß,
für den sie das tut, was sie für mich getan hatte. Sie wußte alles, und
alles --« Bogner lächelte fremdartig vor sich hin -- »alles konnte sie
ausdrücken wie der al Manach. -- --

»Was sie sonst sagte, war nur für mich.

»Nun fragte sie nach ihrem Bilde. Als ich sagte, es sei unterlegt,
verlangte sie, daß ich es fertig machte. Sie wollte vor ihrem Tode noch
wissen, sagte sie, daß doch ein Hauch von ihr hier oben bliebe, wo es
hell und warm sei. -- Ihr Schlafzimmer war groß und licht, das Bild
wurde hereingeschafft, ich fing auch gleich an ...

»Aber vorwärts kam ich nicht. Das Fenster war offen, ich hörte die
Bienen und Käfer unter den Kronen der Bäume summen und konnte nichts
sehn, bis ich fühlte, wie die Zeit fortrann. Vom Bett her hörte ich sie
mehrmals etwas sagen, -- ich sollte doch rauchen, sonst würde es wohl
nie etwas werden. So ward es denn alltäglicher.

»Sie starb, aber daran durfte nicht gedacht werden. Nicht gedacht, das
ist es. Aber das Sterben war im Zimmer, es war in meinen Augen und
meiner Hand, und es ist auf die Leinwand gekommen, und -- und so sieht
es nun aus. -- --

»Die Nacht wurde schlimm, nun -- alles das braucht nicht gesagt zu
werden. Ich begann zu malen am andern Morgen, als sie noch schlief,
malte bis zum Nachmittag, und dann wurde ich lahm. Nur ihr Gesicht
fehlte. Ich konnte es nicht mehr finden. Das war schlimm.

»Sie selbst war schon sehr verändert, ihr Gesicht sah kindlicher aus und
ganz klein, die Augen wollten sich nicht mehr öffnen. Nebenan hörte ich
ihren Vater über den Teppichen auf und ab laufen. Wenn ich ihr Gesicht
in der Dämmrung hinter den Bambusrohren und fliegenden Reihern ihres
japanischen Wandschirms betrachtete, konnte ich sehn, wie das Leben
gleich dünnen Schalen davon weggenommen wurde. Als sollte überhaupt
nichts übrigbleiben. Einmal faßte ich mir ein Herz und redete sie an, in
der Hoffnung, sie möchte noch einmal die Augen öffnen, aber sie konnte
nicht. Die Zeit verging, und dann half es ja nichts, ich ging zur
Staffelei und öffnete ihre Augen.

»Das wurde es, was Sie da sehn. Sie ist es nicht. Ich weiß nicht, was es
ist. Es ist das, was ich gemacht habe.

»Gegen Abend wars fertig. Ich trug es in die Nähe ihres Bettes, sie
erwachte, sagte, es sei so bunt, -- und schlief noch einmal für eine
Stunde ein.

»Später sprach sie noch mit uns, aber -- -- nun, das reichte für viele
Jahre. Sie schwieg, wir warteten noch auf ein letztes Wort, aber es kam
nur das langsame Kaltwerden.«

Der Maler war still. Es war dunkler geworden, und Georg sah, daß die
Sonne hinter einem riesigen Gemäuer von weiß und grauem Gewölke stand,
gerade in der Öffnung der Allee durch das Wäldchen. Magda hatte sich mit
ihrem Stuhl wieder herumgedreht und sah zu dem Bilde auf. Bogner erhob
sich, kam langsam durch den Saal bis zu Georgs Fenster und klopfte seine
Pfeife aus auf dem äußeren Sims. Eine Weile später sagte er,
hinausschauend:

»Sie war so dunkel und traurig innen. Aber das Bild, das von ihr gemalt
wurde, ist Sonne, Wärme und kein Schatten als der eines Falters, der
vorüberfliegt. Ich habe es nicht gemalt; durch mich wurde es gemalt. Sie
war der Gottheit lieb. Ihr Sterbliches liegt auf irgendeinem Friedhof
bei irgendeiner wilden Stadt. Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit in
der Welt, -- sie hat keinen Namen. Sie war in ihr und in dem, der dies
gemacht hat. Das genügt.«

Georg hatte vor verdunkelten Augen undeutlich die Schrift auf dem
Bilderrahmen, und es zog ihm, seltsam einschnürend, durch die Brust:
Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf ... Vorgebeugt sah
er von weitem einen Schein des Gemalten. Es leuchtete selbsteigen und
zeigte geheimnisvoll sein unsterbliches Eigentum, den Schmelz von Dauer
und Vergängnis auf einem Gesicht, das die goldene Luft berührt.

Augenblicke später merkte er, daß ein überstarker Seufzer seine Brust
anfüllte, er mußte sich zurücklehnen und ihn langsam und vorsichtig
entlassen, damit er nicht hörbar würde.

Im gleichen Augenblick gewahrte er, daß der Maler neben ihm sich
zusammenraffte, einen Schritt zurücktrat und sich tief verbeugte. Georg
wandte sich. Seine Mutter stand in der Tür.


                              Die Herzogin

Für Georg ging von der Erscheinung seiner Mutter ein Licht aus --
Schreck und Staunen --, das er im ersten Augenblick kaum begriff. Sie
stand da, voll in einem tiefen Sonnenglanz, gekleidet in ein gelbliches
Gewölk, das an ihr rieselte, schlank, unverhofft groß, jedoch zierlich,
und über dem sehr schlanken, freien Halse schwebte das schmale und
zarte, hagre Gesicht mit gebogener Nase, zu deren Seiten, unter starken,
schmerzlichen Brauen, die unbeschreiblich klugen und dunklen, braunen
Augen leuchteten, -- und aus dem dunkelbraunen Haupt kurzgeschnittener
Locken fiel hinter der linken Ohrmuschel hervor die eine, kostbar lang
und schwer gewundene bis hinunter am Hals in den Ausschnitt des Kleides.
Ja, so stand sie, schwebend; Georg erinnerte sich nicht, sie je so
gesehen zu haben, -- freilich -- wie oft hatte er sie gesehn in den
letzten Jahren? keine sechsmal, und das letzte war Monate her. --
Überdem streckte sie nun lächelnd den rechten Arm nach Bogner hin aus,
und während der sich zum Kuß auf diese plötzlich erschienene kleine
Anmutslinie, diese Welle von Fingern, Fingergliedern und Knöcheln,
Handrücken, Handgelenk und Arm beugte, eilte Magda von der Seite heran,
um an ihrer linken Hand zusammenzusinken, die vom leicht und schräg
emporgestützten Unterarm so leicht herabwehte wie ein Blatt, worauf sie
das Mädchen an sich zog, mütterlich mit dem Arm umschloß und küßte.

»Wie schön, Herr Bogner, daß ich Sie gleich zuerst treffe!« sagte sie,
»nicht wahr, Sie sind der Maler?« Und, wieder zu Magda gewandt: »Nun,
mein Kleines, was giebt es denn Gutes?«

»Ach, Tante Helene, etwas Herrliches! Ich bin geflogen, denke dir, mit
einem Flugapparat, den Onkel Woldemar erfunden hat, er ist hier, ja, du
kannst ihn sehn, wenn du magst, er steht gleich hinterm Wäldchen auf der
Wiese!«

»Aber natürlich, den muß ich sehn. Stiefeln wir los!« sagte sie munter,
»ist noch Zeit vor dem Abendessen?«

Georg blickte auf die Uhr, fand, daß es halb acht war, und sagte, es sei
noch eine halbe Stunde. Seine Mutter nahm Magdas Arm und wandte sich zum
Gehn, indem sie, den Maler mit einem zweiten, womöglich noch
köstlicheren Lächeln beschenkend, zu ihm sagte, sie liebe sein Bild
sehr, weil auf ihm das Allervergänglichste zu so viel Stille und Ruhe
geworden sei; immer sei es wie der tröstliche Wink eines holden Geistes,
sooft sie daran vorübergehe.

»Und nun,« sagte sie, über die Schulter den Kopf zu dem Bilde hinwendend
und wieder zurück, »nun müssen Sie mir gleich etwas erklären. Wie ist
das mit der Kontur? Darüber wird doch heut so viel gestritten, und die
einen sagen, es gebe gar keine ...«

So ist sie nun ... dachte Georg. Einmal alle hundert Jahr kommt sie zum
Vorschein und weiß alles --, aber was sagte denn dieser Maler da, dieser
unglaubliche Mensch?

»Hoheit,« sagte der Maler, »wenn ich bei meiner Malerei je einen
Grundsatz befolgt habe, so weiß ich von diesem Augenblick an, daß er
recht war ...«

»Ach,« meinte sie lächelnd, »von diesem Augenblick? das ist reizend! Und
nun den Grundsatz!«

»Alles, was lebt, Hoheit, leuchtet -- wie es beleuchtet von außen wird
-- von innen, und wo das äußere Licht mit dem inneren sich mischt, da
ist die Kontur. Sie ist sehr flüchtig, sie ist der Augenblick, in dem
Gegenwart aus Vergangenheit und Zukunft besteht, die Ruhe auf der
Flucht. Bin ich zu verstehn, Hoheit? Die Linie, wo das äußere Licht
Seele wird und die innere Seele zu Licht, das ist die Kontur.«

Sie sah ihn ernsthaft an. »-- wo das äußere Licht Seele wird?«
antwortete sie. »Aber wie wird es Seele?«

»Ja,« sagte er nicht minder ernst, »und wie wird die innere Seele zu
Licht?«

»Das war eine schöne Antwort«, nickte sie, im langsamen Vorwärtsgehn
mittlerweil an der Saaltüre angelangt, die der Maler öffnete. Georg
wollte folgen, als ihn plötzlich ein Zufallsblick auf Bogners Gemälde
zurückhielt. Er ging rasch darauf zu, trat darunter und spähte
angestrengt zu ihm empor.

Nein, sagte er bei sich selber, sie sieht doch nicht wie Mama aus, wie
kam ich nur darauf?

Ihm war auf einmal sonderbar ängstlich zumut. Er suchte, weshalb das so
war; vor seinen wieder gesenkten Augen flimmerten die auf dem Tapet
liegenden Noten, er setzte sich auf den Drehstuhl, drückte
gefühlsverloren eine Taste nieder, und minutenlang verging ihm alles in
Leere.

Ja, nun weiß ich schon, sagte er aufschreckend und aufatmend. Hoheit,
sagte er, und sie war nur ein Freifräulein aus Schleswig, und wie hatte
er doch recht! Einen Tropfen königlichen Abenzerragenbluts soll sie
freilich haben, ja einen Hauch womöglich von Boabdil el Chico her, aber
--, den Zusammenhang einen Augenblick über phantastischen Vorstellungen
versunkener, alhambrischer Herrlichkeiten verlierend, glühte er wieder
auf. So sieht sie aus, so tritt sie hervor aus ihrem Dunkel, und dies
Dunkel ist ihr Leben, da muß sie begraben sein, und es ist kaum einer,
der es weiß und danach fragt. Ein Tier kann sich klaglos verkriechen und
untergehn, aber mit ihr -- -- es ist doch --, ja, sollte man nicht
meinen, daß mit dem Augenblick ihres Untergangs ein ganzer Hofstaat mit
Damen und Rittern und Trabanten und Sklaven versinken sollte? Aber wie
komm ich darauf? Ach! Boabdil el Chico, er zog ja wohl mit dem Untergang
seines Reiches in den Berg ein, wo sie alle mit ihm schlafen, um in
Mondnächten einmal zu geisterhaftem Leben zu erwachen ...

Wieder emporsehend aus seiner Beklemmung, gewahrte er noch immer und
unwandelbar die leuchtende Fremde über sich sitzen.

Ja und du, sprach er vor sich hin, dich hatten wir gleich wieder
vergessen, und ich weiß nicht einmal: ist das, was er von dir erzählte,
wirklich gewesen oder nur erfunden, als könnte ich es in einem Buch
gelesen haben? Nein, nein, es ist nur so mit dir: sprechen kann man
nicht mehr von dir, kein noch so gutes Wort macht dich lebendig, alles,
was von dir übrigblieb und lebt, das bist du dort oben. Wäre das dein
Leben gewesen, was er erzählte? Begriffe warens doch, Auszüge,
erklärende Exzerpte aus dem Lebensbuch, nicht das Leben selbst. Nicht
Feuer des Auges und Luft beim Gang und Eintreten ins Zimmer, nicht die
schlaflosen Nächte selbst und das Ankleiden am Morgen, wenn alles fremd
scheint, und man weiß nicht, wozu. Die Stimme nicht, nur ein paar
Gedanken, eine Flaumfeder des Daseins, -- es war ja nur Bogners Stimme,
war nur sein Ohr, sein Auge und Herz, die von alledem einen Abdruck
genommen hatten und uns nun fühlen ließen mit schlecht empfindendem
Finger. Was fehlte nicht alles an Wirklichkeit! All das unwichtig
Scheinende grade, das doch das Allerwichtigste ist! -- daß -- ja was?
Man vergißt es ja, so leicht ist es, aber daß, wenn sie sagte: Wir
wollen zum Garten gehn, -- sie eben davon nichts sagte, oder etwas
sagte, das gar nichts galt, denn da war die Gebärde, in der schon der
Garten war, an der man schon erriet, was sie wollte, eine Wendung des
Halses, zu der sie vielleicht sagte: Wie wärs ... Oder: es ist ganz klar
geworden, wir können am Ende ... Ach, und so war ihr Hauch fern an ihm
vorübergezogen, lebend und sterbend, aber ihr Leben und ihr Sterben, die
hatten ihn nicht getroffen, die waren ja lange abgetan, sondern daß der
Maler sagte: Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit ... Nein, nicht einmal
das, sondern: Das genügt ... Oder -- auch dies nicht, sondern wie er es
sagte, wie er die Pfeife ausklopfte und dann dastand und aus dem Fenster
sah, und wie zu fühlen war, daß wieder in ihm lebte, was er einst getan
und litt, und wie er das nun am Ende alles, alles zusammengriff und
knotete in diese zwei Worte: Das genügt ... Und dann? Ja dann stand Mama
in der Tür ... Lieber Gott, wie furchtbar, wie seltsam ist nur das Leben
...

Plötzlich fiel Georg ein, daß er sich ja zum Essen anzukleiden hatte, er
schrak zusammen und lief hinaus.

Wie er aber den Flur hinunter am Treppenhaus vorübereilte, gewahrte er
plötzlich unterhalb, in der ersten Biegung des Geländers Maler Bogner,
der sein Skizzenbuch darauf gelegt hatte und darin zeichnete. Georg trat
einen Schritt näher und blieb stehn, gleich darauf hob der Maler unten
den Kopf, sagte: »Sie sinds«, machte wieder einen Strich und rief auf
einmal, erwacht und emporsehend: »Achtunddreißig Jahre, nicht wahr,
Durchlaucht?«

»Wie?« fragte Georg unverstehend.

Der Maler richtete sich auf, schlug sich mit der Hand auf die Stirn und
sagte: »Welch abscheuliche Taktlosigkeit! Ich fragte nach dem Alter der
Herzogin.«

Georg lachte. »Ja, das kann stimmen, sie ist drei oder vier Jahre jünger
als Papa, und der ist im Februar --«

»Ich wußte es ja«, sagte Bogner, der ganz heiß und rot aussah, wie Georg
jetzt entdeckte. »Eine Frau von achtunddreißig Jahren, wenn sie schön
ist, ist der Inbegriff.«

»Ist Mama denn schön?« fragte Georg, nicht weil er es nicht glaubte,
sondern um es zu hören. Der Maler zog die Brauen hoch und lächelte.

»Dummheiten«, sagte er. »Schönheit ist das einzige, was es nie gegeben
hat!«

»Nanu?« -- Ihre Stimmen hallten im Treppenhaus. »Was ist denn Schönheit,
bitte?«

»Sie giebts ja nicht, sag ich doch. Oder -- -- ich will Ihnen sagen --
-- es steht im Faust. Wissen Sie die Stelle? Wie fängt es gleich an?

   Wie alles sich zum Ganzen webt,
   Eins in dem andern wirkt und lebt ...

»Hören Sie wohl, junger Mensch? Eins in dem andern wirkt und lebt!

   Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
   Und sich die goldnen Eimer reichen!
   Mit segenduftenden Schwingen
   Harmonisch all das All durchklingen!

»Harmonisch, haben Sie es gehört? Vollendung in sich selbst, Ordnung,
Harmonie, etwas andres hat es nie gegeben. Warum giebt es uns denn,
Maler, Dichter und so weiter? Damit wir sie herstellen. Wir sehen sie,
und wir stellen sie her, indem wir das eine weglassen und das andre
betonen, jene Teile betonen, welche die Harmonie ergeben. Wir breiten
das Kleid der Muttergottes und ordnen die Engel herum, wir ziehen aus
einem Bündel Suppenkraut, einem Tontopf und einer gewürgten Ente drei
Tupfen von erlauchtem Grün, und da fühlen Sie sich wohlgetan an Ihrer
plötzlich sehenden Seele! Was aber schön ist, leuchtet aus ihm selbst!
Haben Sie das nie gelesen? Unglaublich! Achtunddreißig Jahre alt und die
Mutter dieses Knaben!«

Er lachte, aber merkwürdig verwirrt. Georg lachte mit, an seiner ganzen
Seele geschmeichelt und getröstet, daß die Mama einen solchen Feuerbrand
in diesen Maler geworfen, vielmehr Wasser aus dem Felsen geschlagen
hatte, denn wie strahlte er auf einmal von Beredsamkeit. Jetzt, da er
sich schon zum Tiefersteigen gewendet hatte, kam der Maler hingegen die
zehn Stufen heraufgelaufen, blieb unter Georg stehn und sagte:

»Haben Sie das eigentlich gesehn? Die rechte Hand, mit dem Arm, wie ich
sie bekam, und wie das floß! Und die linke erst, wie der Oberarm nach
unten ging, und der Unterarm wieder nach oben, und dann die Hand und die
Finger herabflatterten wie ein Weinblatt, und wie all das floß aus der
Gestalt und wieder zurück, und dann die Locke, haben Sie vielleicht die
Locke überhaupt gesehn? Ach, sieh an, waren Sie das nicht, der mich heut
fragte, was eine Seele wäre? Haben Sie sie nun gesehn, diese Seele eines
Armes und einer Hand? Herzogtümer!« rief er, »und ich werde es malen!«

»Wenn sie nicht so leidend wäre ...« sagte Georg traurig und leise.

»Ach,« meinte Bogner, der sich um das Leiden nicht zu kümmern schien,
»es brauchten ja keine endlosen Sitzungen sein! Eine gute Photographie
täte es auch, und wenn ich die Herzogin nur noch dreimal, nur noch
einmal sehn könnte ...«

Georg nickte lebhaft. »Bitten jedenfalls müssen Sie darum! Es wird sie
ja so freuen! Wir müssen uns hinter Papa stecken, wissen Sie! Er muß
sich das Bild als Geschenk ausbitten, aber es wird höchste Zeit, wir
sind beide noch nicht im Frack, entschuldigen Sie, und auf Wiedersehn!«

Aufgeregt und entzückt und beklommen entlief er.

Nach dem Waschen, nötiger Befriedigung sonstiger Bedürfnisse und dem
Ankleiden, womit er, vom Diener unterstützt, in Minuten fertig wurde,
fand Georg, daß seine Erregtheit einen hohen Grad von Kälte und
seltsamer Starrheit angenommen hatte. Er mußte die Brust dehnen und tief
atmen, allein es half nichts, die Pressung, die Atemnot blieb, die
Hände, obwohl blank und trocken, schienen ihm feucht, seine Gedanken
irrten, er dachte fortwährend, in solchen Bruchstücken jedoch, daß ihm
selber nichts mehr bewußt wurde, doch dachte er an Anna. Die Uhr
einsteckend, bemerkte er, daß noch ein paar Minuten an acht fehlten, und
trat, um sich zu sammeln, noch einmal in sein Zimmer und am Schreibtisch
vorüber vor das rechte Fenster, das er öffnete. Die Hände flogen ihm
plötzlich dabei, sein ganzer Oberkörper zitterte nach, in heftigster
Angst neigte er sich vor, um nach ihr zu sehn ...

Aus den vielen Schatten umher war unterweil alles Schatten und Abend
geworden. Ringsum standen die Wipfel in schöner Glut, die sie von Westen
durchbrach; das Geräusch des Meers war in der Ferne hörbar, die Luft war
kaum bewegt und schon kühl. Auf der Terrasse war der Abendtisch gedeckt.
An der Brüstung lehnte Onkel Salomon mit einer Zeitung und las.
Egloffstein, alt, rasiert und gebückt, ging lautlos um die Tafel, rückte
an den Stühlen und drückte eine gefaltete Serviette zusammen; plötzlich
glänzte der Atlas seiner Kniehosen ganz rot auf der einen Seite. --
Sonst war niemand zu sehn.

Wie einsam bin ich auf einmal! dachte Georg. Ja -- bin ich es nicht
immer, wir alle? Aber der Abend! Es ist so fremd und verworren alles,
aber der Abend dringt so einfach und so sanft in das Blut. -- Wieder von
innerem Frost geschüttelt, grub er sich heftiger ins Gedachte. -- Das
Wirkliche, ja -- wie ist es immer so fern und wie verschollen,
unbegreiflich wie die Toten und ihre Erinnerung, wie diese Judith, die
gewiß allen glücklich schien, -- so wie Mama, wenn sie einmal erscheint,
-- und die lebte, damit ihre scheidende Seele in die Farbe eines
glückseligen Bildes schmelze, ach, eines Bildes, das tröstet und belebt,
wie Mama doch sagte. So über alle Maßen stark ist das einfach Sichtbare
und das Leuchtende, das Schöne! --

Georg sah die rote Sonnenscheibe plötzlich durch die alten Baumwipfel
glühn. Gereinigt lag alles da, atmete sanften Eifers und ward dunkel.

Ach, da gehen die Beiden! -- Hinausgebeugt sah Georg weit zur Linken ein
paar ganz goldene Stämme am Rande des Hains, ein Busch daneben stand in
feurig roter Lohe, unbegreiflich stille brennend und unverzehrt. Wohl
von der äußeren Allee her, die Georg nicht mehr sehen konnte, kamen die
beiden Frauengestalten langsam Arm in Arm, auf den Busch zu und vorüber,
die weißlichgelbe und die lichtgrüne, und jetzt, da sie vor die Lichtung
der Mittelallee gekommen waren und stehenblieben, flammten sie,
glutübergossen, rötlich und golden auf; dann bewegten sie sich wieder,
erloschen und wanderten im Bogen um den riesigen grünen Platz unter dem
Nordflügel einher, so daß Georg nun auch die Gesichter sehen konnte.
Hoch darüber, in seliger Lautlosigkeit brannte ein feuerdurchronnener
Wipfel. Der Himmel war nun weit aufgetan und nur Licht. Georg hörte die
Tauben auf dem Dache unsichtbar, dort, wo es noch ganz hell war; unten
der Schatten ... Geliebte und Mutter, beide wie fremd, wie schön, wie
verzaubert! Da schien ihm der Garten unten ein magischer Garten, eine
Gegend, wo Abgeschiedene sich ergehn, die mehr still als glücklich sind,
obgleich von vieler Schwere befreit. Er, oben darüber, konnte nicht
hinein, -- und wollte er vielleicht?

Ach, das war der Schein, das war der Abend! Nun war sie für eine Stunde
von den gröbsten Qualen befreit, für eine Stunde ... Du lieber Gott, es
gab ja viel Ärmere, immer noch Ärmere! solche, die unter Brückenbogen
schliefen, und Zuchthäusler und Sibirien und entsetzliches
Menschendasein, zu Dutzenden in einem Zimmer, mit allem Schmutz und
allen Verrichtungen zusammengepfercht, und dies war der Grund der Welt,
abgründig in immer tieferes Leiden hinunter, und er hier oben, nach
Thronen und Kronen lüstern, wie rechtlos!

Da erinnerte er sich. Ja, habe ich das denn ganz vergessen? fragte er
sich fast entsetzt. Warum vergaß ich denn das so? -- Überdem aber
erschien ihm das Gesicht seines Vaters während der letzten Minute ihres
Beisammenseins, erschien ihm Zug um Zug, wie eingebrannt in die Luft,
und plötzlich mußte er denken: Aber wie sonderbar, daß er immer nur von
mir sprach! Das bedachte ich ja gar nicht! Von meiner Großjährigkeit
sprach er, und daß dann die Jahrhundertfrist abgelaufen sein würde, --
und übrigens, warum lächelte er fortwährend so geheimnisvoll? Und warum
will er selber, er ist doch kein alter Mann, warum also will er selber
nicht zur Regierung? Er hielt ja freilich vom Ganzen nicht viel, aber
mich wollte er doch, scheints, dazu haben! Seine Lahmheit? Oder ist es
der Kummer um Mama, die an nichts mehr teilnehmen kann? Ja, würde es
anders sein, wenn er, wenn sie Beide gesund wären -- --?

Indem erschienen der große Chalybäus und Baschkirtseff vom
Verwalterhause her und trafen mit den Frauen, die sich umgewandt hatten,
zusammen. Der Mime verneigte sich vielmals. Er wird sie belustigen,
dachte Georg, und sie wird ihn am Halfter haben wie ein Maultier. Jetzt
wurde in der weit offenen Tür zum Vogelsaal der Herzog sichtbar, wankte,
mit den Stöcken vorausfußend, eilig zum Tisch und setzte sich;
Egloffstein trug die Stöcke ins Haus.

Georg, Anna mit einem Blick streifend, mußte plötzlich die Augen
schließen. Es brandete rot, grüne Kreise erschienen, und während sie
sich vor und zurück dehnten, zwang er Anna, zu erscheinen, sie kam,
nein, sie lag an ihm, er spürte ihren ganzen Leib, Brust und Knie, ihr
Kopf lag an seiner Schulter, von übermäßigem Durst erfüllt, beugte er
sich darauf, es zerging ...

Der Leutnant, grün und rot in Jägeruniform, kam mit Bogner um die Ecke
des Nordflügels, Magda ging ihnen entgegen, Georgs Mutter stieg eben die
Terrasse hinauf; an Doktor Birnbaum, ihm zunickend, vorüber ging sie um
den Tisch zu ihrem Mann und küßte seine Stirn, während er sich halb
erhob. Nun haben sie Beide Mitleid miteinander, dachte Georg und konnte
sich, verschwimmenden Auges, nicht losreißen vom Hinsehn. Ist das Leid,
fragte er sich, vielleicht noch trauriger, wenn es so schön ist? -- Ach,
du, du, du, herrschte er sich an, du siehst ja immer nur zu, und was zum
Teufel liegt daran, wie etwas aussieht, oder was es bedeutet, da doch
ganz blind ist, wer leidet, und nichts sieht als die Qual, tage- und
jahrelang!

So entschloß er sich, aufzustehen, und ging hinaus.


                               Abendtisch

Also darum? Merkwürdig! dachte Georg, als er, anstatt durch das Haus zu
gehn und vom Vogelsaal her die Terrasse zu betreten, um die Ecke des
Flügels kommend, Magda allein zur Seite der Treppe bei den Rosenstöcken
stehn sah, in der Absicht scheinbar, eine zu pflücken, derweil oben über
der Brüstung eben die Andern sich um den Tisch niederließen, so daß von
ihnen alles verschwand, während Georg näher ging, bis auf Köpfe und
Schultern. Eiskalt, von Schaudern Zitterns innerlich mehr als äußerlich
fortwährend überlaufen, klopfte ihm stärker das Herz bei dem Gedanken,
daß sie und er jetzt von keinem gesehen wurden. Als er den Weg von der
Seite her auf sie zuging, blickte sie um, errötete sonderbar und
lächelte. Georg, nach einem Einfalle jagend für eine Verabredung nach
dem Essen, fand nichts und sagte schließlich stockend, auch von einer
plötzlichen und süßen Reue ergriffen: »Du mußt mir noch von deinem Fluge
erzählen, ja?«

Da hatte sie sich wieder dem weißen Rosenstock zugewandt, der etwas
niedriger war als die andern; das Gras um ihn her war wie bei den andern
mit abgefallenen Blättern bedeckt, und von den Blüten am Strauch waren
nur wenige noch vollkommen, auch diese, weit offen, zeigten ihre gelben
Staubgefäße. Er sah das alles, neben ihr stehend, während sie nur leise,
ohne zu antworten, den Kopf hin und her bewegte, dann, vom Wege sich
etwas überbeugend, den Stamm erfaßte und leicht schüttelte, so daß noch
Regentropfen und eine Menge Blätter abflatterten; gleichzeitig, als ob
sie allein wäre, sah sie nach oben, wo Stimmengewirr und Gelächter tönte
und ganz rechts der Kopf von Georgs Vater im Profil sichtbar war, links
von ihm Kopf und grüner Rücken des Leutnants. -- Sie wollte nun eine
noch halb geschlossene Rose ablösen, aber der Stiel war zäh, Georg sah
versunken zu, wie sie heftiger zerrte, -- Blätter über Blätter
entflatterten beständig, er dachte, sie macht Schmetterlinge ... endlich
hatte sie die weiße Blüte in der Hand, nahm sie in die andre, bemerkte
einen roten Tropfen am Mittelfinger der rechten, drehte sich langsam zu
Georg und streckte ihm lächelnd den Finger entgegen, sanft damit über
seine Lippen streichend, so daß der Tropfen sich vermischte. Ihr Kopf
sank allgemach auf die Brust ...

»Anna! -- Ist dir etwas? -- Anna!« brachte er heiser hervor.

Sie sah verwirrt auf, schien plötzlich zu begreifen, wo sie war, lachte
hell auf.

»Nachher! Nachher!« rief sie ihm zu, während sie den Weg hinab, um die
Ecke und die Treppe hinauflief. Georg begriff nichts und sprang
hinterdrein; die letzten Stufen ersteigend, sah er, wie sie die Rose, um
den Tisch laufend, vor Bogner auf den Teller warf. Georgs Mutter neben
ihm sah auf, lächelte und nickte erst Magda, dann ihm selber zu, und er
setzte sich auf den freien Stuhl ihr gegenüber zwischen den Leutnant und
Magdas Vater. Noch sah er, wie sie, links von seiner Mutter sich
setzend, sich vorneigte, um dem Maler zuzunicken, dann glitt ihr Blick
zu ihm herüber, und als er ihn traf, versüßte ihr ganzes Gesicht mit
einem innern Erschrecken sich dergestalt, daß ihm das Herz stillstand.
Sie schlug die Augen nieder. Nun wußte er alles, alles! Einen Augenblick
war alle Angst verflogen, das Süße, das er bekommen hatte, durchsickerte
ihn, langsam kehrte die Angst, und heftiger nur, zurück, aber nun
lauerten Ahnungen, überwältigend schon von fern, in der Tiefe, Triumphe,
von denen er den Blick wegwenden mußte, um alles aufzusparen, und so saß
er denn in sich selbst wie in einem schütteren Gehäus von Gluten und
Frost, aß derweil, nahm von Schüsseln und Platten, die links von ihm
erschienen, und aß Salat, oder Mayonnaise, kalten Braten, oder was es
nun war, saß und brauste, und war umbraust von vor- und rückwärts
bewegten Gesichtern, Augen, die ihn streiften, lachenden Mündern,
Gabeln, die auf und nieder gingen, Gläsern, sah dazwischen plötzlich das
Gesicht von Franz, der, eine Schüssel reichend, mit unerschüttertem
Ernst und teilnahmslos darauf niederblickte, und schon war alles
vergangen, eine Wasserfläche schien vor ihm zu sein, in die beständig
kleine Steine geworfen wurden, so daß es Ringe gab, die sich ausdehnten,
einander kreuzten, aufhörten und wieder begannen, bis das Wasser
schaukelte und Wellen schlug. Tief unten darin war vielleicht Annas
Gesicht oder ein Rosenstrauch und ein durchdringendes Auge in ihm.

Einmal hörte er lauter Gelächter aus dem Wirrwarr, jedes einzeln, Annas
leichtes, reines, Baschkirtseffs prächtiges, schön abgedämpftes
Bühnengelächter und das helle, ehrliche des Leutnants. Einmal war da
Bogners Gesicht, einsam, irgendwie dunkler als die andern und wie aus
Erz. Einmal dachte er, sie schössen unablässig mit kleinen Pfeilen
aufeinander über den Tisch, und eine Weile später merkte er, dies
Pfeileschießen war die Unterhaltung. Richtig, wie Federbälle,
ungefährlicher als Pfeile, flogen die Reden hin und her, wurden
aufgefangen und zurückgeschlagen, wobei der Auffangende sich mitunter
weit hintenüberlegen mußte, und übrigens schienen mehr Bälle im Spiel zu
sein, als verwandt werden konnten, denn nicht selten kam es vor, daß
einer ganz unbeachtet blieb und irgendwo auf die Tischkante fiel und
hinunter, wobei nur der, welcher ihn geschlagen hatte, ihm nichtssagend
nachlachte. Ja, was war das nun eigentlich?

Da sah er sie alle um den Tisch sitzen, aus der ganzen Windrose schienen
sie zusammengeweht: Leutnant und Mime, junges Mädchen und Maler, Papa,
Mama, Onkel Salomon und der große Chalybäus, und doch war dies ein
schönes und glattes Hin und Her, und war ein Wetteifer dabei, so wars
der, möglichst sicher zu werfen, nicht zu gewinnen, sondern im Gegenteil
es dem Mitspieler leicht zu machen, aber wie brachten sie das fertig bei
ihrer Verschiedenartigkeit, und wie hatten sie sich mittags gestritten,
wo es doch noch weniger waren?

»Warum so still, mein Junge?« hörte er indem seine Mutter sagen und sah
sie auf einmal zu ihm herübernicken.

Freilich, natürlich! Sie war das Ganze. Mittags waren es ja lauter
Männer gewesen -- unter denen Anna kaum gelten konnte. Dies aber war ein
Gewebe, und seine Mutter war die Meisterin davon. Sie hatte den Aufzug
unsichtbar bereitet, sie hielt alle Fäden des Einschlags in der Hand und
ließ sie hineingleiten, ohne daß jemand es merkte, als hätte sie sich in
alle verteilt und lenkte sie von innen, in jedem erratend, was paßte,
und mochte sie sich einmal geirrt haben, so war sie es wieder, die es
mit unmerklichem Griff veränderte, so daß es paßte und im Gewebe
verschwand. Sogar der Baschkirtseff hatte alle Selbständigkeit
aufgegeben; zwar glaubte Georg sich zu erinnern, daß er eine Schnurre
von Kainz und ihm selber erzählt hatte, aber sie war ganz klein, und ein
Anekdotenerzähler mit Maßen durfte in einer richtigen Gesellschaft ja so
wenig fehlen wie der Narr im mittelalterlichen Hofstaat. -- Und bei
alledem hatte sie es noch fertiggebracht, seine Schweigsamkeit zu
bemerken ...

»Mein Sohn Georg«, sagte sie jetzt, »war gewiß sehr traurig, daß er
nicht mit Ihnen fliegen konnte, Herr Leutnant! Meine kleine Magda war ja
außer sich vor Entzücken. War denn das aber nicht zu gefährlich, auf die
See hinaus ...«

»Ach,« sagte der Leutnant, »das Meer war immer vorne, weil ich aber doch
mit geistigem Auge immer hinter mir war, hab ichs gar nicht gesehn.«

»So, sie saß hinter Ihnen«, bemerkte die Herzogin leicht, wie zur
Erklärung für sich selber, während der Leutnant Magda anlachte, die
dunkelrot wurde, aber tapfer erwiderte, davon hätte sie nichts gemerkt,
er hätte ihr bloß die Aussicht weggenommen mit seinem Lederrücken und
außerdem ihren Schwan überfahren.

»O, war das Ihrer, Gnädigste? Ich lasse sofort einen neuen kommen. Wo
bekommt man die?«

Die Herzogin wies ihn an Doktor Birnbaum, der wisse alles, und er sagte
gleich: »No -- in Alfeld, oder jedenfalls bei Hagenbeck.«

»Hagenbeck?« sagte der Baschkirtseff, von der Herzogin angesehn, »der
hat ja bloß Apen und Boren, und auf einem Pappfelsen hat er einen Kondor
angebunden, ich hab mal 'n Plakat --«

»Wer war bei Hagenbeck?« fragte die Herzogin. »Ich muß wissen, ob er
Pinguine hat. Die sollen ja die klügsten Tiere sein, und seit mein Mann
das Buch von Anatol France gelesen hat, wünscht er sich immer Pinguine
zu Weihnachten.«

Sie blickte auf Chalybäus, und richtig, der hatte sie gesehn. Sie gingen
hin und her, sagte er, und wackelten mit dem Kopf. Sie sähen wie Dekane
aus und könnten nicht mal fliegen.

»Man wird es ihnen beibringen«, erklärte der Leutnant Georg großmütig,
während seine Mutter sagte:

»Ich fürchte, Woldemar, Herr Leutnant Kaspar wird beim Fortfliegen noch
die Wetterfahne von Helenenruh mitnehmen oder ...«

»Die Wetterfahne, Helene? Ein Leutnant und Wetterfahnen? So was mußt du
nicht sagen. Wenn noch --« Georg hörte den Baschkirtseff einen Vers
aufsagen, in dem sich Mensch auf wetterwendsch und »äußerst wenig
vaterländsch« reimte, während der Herzog zu Ende sprach: »-- der alte
Stechlin lebte, der sammelte ja welche, da könnte er sie hinbringen.«

»Also, Chalybäus, da müssen Sie aufpassen!« mahnte die Herzogin.

»Ums Himmels willen, Durchlaucht! Ich habe eine erwachsene Tochter, man
wird sie mir über Nacht entführen, samt Wetterfahne und allem!«

»Was für Zeiten!« klagte sie. »Früher kamen Götter in Schwanengestalt,
heute werden Schwäne überfahren, wobei mir die Leda von Klinger
einfällt. Hat er nicht jetzt ein Wandbild in Leipzig gemalt? Kennen Sie
es, Herr Bogner?«

Bogner war seines Wissens nie in Leipzig gewesen.

Dann mußte Georg es wissen, und, von seiner Mutter lächelnd angeblickt,
merkte er sich schon den Mund öffnen und erklären, es wäre eigentlich
kein Bild, sondern mehr eine große Illustration.

»Was für einen klugen Sohn ich doch habe«, sagte seine Mutter und hob
die Tafel auf. -- --

Zu Georg sagte sie dann, als er zum Handkuß zu ihr kam, er dürfe jetzt
einmal eine Weile verschwinden, sie habe mit seinem Papa ein paar Worte
zu reden, und er merkte an ihrem Lächeln tief gerührt, daß es sich um
seinen Geburtstag handle, -- auch daran dachte sie. Anna, die plötzlich
neben ihm stand, meinte leichthin, sie könnten vielleicht noch ein
Stückchen gegen den Deich gehn, zu Lornsens Mühle, und sehn, wie der
Mond aufginge.

»Schieß Mäuse! Georg!« rief sein Vater, »bleibt aber nicht zu lange,
sonst trinken wir die Bowle allein!«

Georg nickte und lachte, sich erinnernd, daß von einer »Pelikanbowle«
die Rede gewesen war, und hörte im Enteilen noch seine Mutter ihm
nachrufen, er solle Stiefel anziehn, da es gewiß noch naß in den Wiesen
sei.

Über Treppen und Flure gestürmt, schöpfte Georg Atem auf einem Stuhl im
Ankleidezimmer. Jetzt kam es, jetzt, jetzt! Alles stand in ihm
still, Leere war, furchtbare Beklommenheit, die selig machte.
Aufspringend, wühlte er sich in den Kleiderschrank und fand einen
pfefferundsalzfarbenen Rock mit Taschen, Klappen, Riegeln und
Hornknöpfen, den er anzog, während er mit dem Fuß die Türen zum
Stiefelschrank öffnete. Eine Minute später stand er völlig besinnungslos
auf dem Flur und suchte in allen Abgründen seines Gedächtnisses, was er
vergessen hatte. Endlich fiel ihm das Teschin ein, er lief die Treppe
hinab und durchs Billardzimmer in die Gewehrkammer, wo er sich dreimal
im Kreise drehte, ahnungslos, was er hier wollte, das kleine Jagdgewehr
in der Ecke stehn sah, einen Schrank aufriß, eine Handvoll
Schrotpatronen heraus, und sie in die Tasche stopfte. Den Flur ging er
langsam hinunter, jetzt in großer Furcht. Er merkte, daß er, das Gewehr
in der Linken, eine Patrone in der Rechten, beständig beide miteinander
verglich, ohne ihren Zusammenhang zu erraten, doch ging er ihm nun auf,
er schob die Patrone in den Lauf, sicherte und hörte sich halblaut und
zitternd murmeln, was er innerlich schon die ganze Zeit gemurmelt hatte:
»Warum gabst du uns die tiefen Blicke ...«


                             Achtes Kapitel


                            Sonnenuntergang

In der Haustür am Ende des Flügels blieb Georg stehn; er mußte Atem
schöpfen. Sieh, es dämmerte schon ... Still zog von rechts, vom Rasen
her, der Sandweg vorüber, nach links zu den leeren Wiesen mit wenigen
Baumgruppen hin. Gegenüber lag das Wäldchen stille und dämmrig; im
Innern dunkelte es und wurde schon farblos. Hoch oben grünten noch die
Wipfel, umrieselt, selbst verrieselnd, vom Licht. Georg ging nun
vorsichtig um die Büsche und den Rasenstreif am Haus nach rechts, sah
Annas lichtes Kleid drüben in der Dämmerung der Gebüsche, und von der
Terrasse her den Maler über den Rasen kommen. Also tat Georg, als habe
er es überaus eilig und fragte den Maler, vor ihm vorüberlaufend, zu
seinem eignen Entsetzen, ob er auch mitwolle; er hörte ihn etwas von
Kühen und »im Dunkeln ansehn« murmeln, rief ihm albernerweise zu, er
möchte die Kühe von ihm grüßen, und lief weiter, doch hatte ihn durch
diesen seinen Zuruf eine bodenlose Lustigkeit und ein teufelsmäßiger Mut
überfallen, die ganze Welt zu umarmen, -- was verschlug darin ein
kleines Mädchen wie Anna! -- Die sagte, als er herankam: »Da kommt der
Mäusemörder!« und war scheinbar ebenso fidel wie er.

Während sie nun Seite an Seite die Allee hinabschlenderten, zerbrach
Georg sich den Kopf, wie er es anstellen könne, sie -- so ganz
unauffällig, aus irgendeinem triftigen Grunde -- beim Arm oder
unterzufassen. Er mußte so tun, als ob irgendein Einfall ihn dergestalt
erregte, daß er ihn herausschleudern und sie dabei zu fassen kriegen
mußte, wie man so tut im Eifer des Gefechts, aber aus dem Nachdenken
geriet er nur an die Frage, wie wunderlich das sei, daß er heute und
jetzt einen Grund brauche, sie anzurühren, während früher ... Da riß er
sich zusammen, wollte eben hervorstoßen -- und ihren linken Ellbogen,
der schon fast seine Brust berührte, so dicht ging er hinter ihr,
erfassen --: Weißt du eigentlich, Anna, daß ich Herzog werden kann?
Allein, im letzten Augenblick noch besann er sich und dachte, er behalte
es besser für sich, bis sie ihm ganz gehöre, -- und außerdem -- dies
alles schien ihm im Augenblick so unglaubhaft, so entlegen und auch so
nebensächlich, daß er schwieg.

»Warum hast du denn eigentlich diesem Maler eine Rose geschenkt, he?«
fragte er plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen. Welch verfängliche
Frage!

Sie blieb stehn und sah ihn an. Den Ausdruck ihres Gesichts verstand er
nicht. Er schien so, als sei er nicht fertig geworden, Ansatz nur zu
allem möglichen, liebevoller Vorwurf vielleicht, oder auch Spott ... Sie
schwieg aber, warf die Schultern ein wenig und ging weiter, ja -- und
nun war der Frost und die Angst, -- alles war wieder da.

»Hast du ihn denn nicht auch gern?« hörte er sie jetzt fragen und
erschrak süß über die Verschleiertheit ihrer Stimme, über die Abbitte
darin und die Demut, -- was alles ihn anduftete aus ihrem unsichtbaren
Gesicht, das sie abgewandt hatte von ihm, ohne es dabei aus seiner
graden Richtung nach vorn zu bewegen ...

»Gern?« fragte er mit rauher Stimme. »Ach Anna --«

Jetzt, da wars! Er packte ihren Ellenbogen, den sie augenblicks krümmte,
um die Hand an den Halsausschnitt zu legen, so daß sie im selben Nu
untergefaßt gingen, während er eifrig und erregt redete:

»Weißt du, Anna, was ich an Bogner gelernt habe? Sag, hast du ihn wohl
lächeln gesehn? Ja, aber hast du auch gesehn, daß er zwei Lächeln hat?«
Sie schüttelte sacht den Kopf. »Eins mit dem Munde und eins mit den
Augen, und das eine ist für die Leute, das andre für -- also für seine
eigene Seele, wenn sie lächeln muß, aber wie schön das ist, das hast du
doch gesehn?« Sie nickte.

Da waren sie am Gatter und blieben stehn. Vor ihnen lagen die
ansteigenden Wiesen dunkel, ergraut, im Zwielicht, hinter dem der
durchsichtige goldene Westhimmel stand, höher in brennendes Weiß und
Gelb und langsam über Weiß und himmlisches Grün in lichtes Blau
überschmelzend, und Georg sahs und trank den Geruch der feuchten Wiesen
und Blumen, während er weiterhastete mit Worten, Leib und Seele
durchströmt vom Gefühl ihres Beieinanderstehns in der Einsamkeit und
Enge des Wiesenlandes, in dessen breites Fenster diese sanfte
Unsterblichkeit verglühender Farben hingelagert war.

»Nun höre«, sagte er. »Ja Jensens -- Johannes Vau, nicht Wilhelm! --
also in Jensens Gletscher kommt das vor, wie der Mensch, der Urmensch
zum ersten Mal lächelt. Er jagt eine Frau -- sie sind noch ganz wild,
weißt du, und fressen sich -- und wie er sie niederwirft und schon den
Mund aufreißt, sie zu beißen, da läßt er den Mund offen stehn, weil er
auf einmal sieht, daß sie ein Weib ist und so schön, -- und das, sagt
Jensen, war das erste Lächeln, das dann beibehalten wurde: er zeigt die
Zähne, zum Zeichen, daß er nicht beißt, nicht beißt, verstehst du,
ungefähr so, wie man sagt: Hunde, die bellen, beißen nicht ...«

Da ging ihm der Atem aus. Hätte er nicht den Mund geschlossen, würden
die Zähne aufeinander geschlagen sein, und auch von dem, was er noch
sagen wollte, war keine Spur mehr zugegen, nur eine eisige Leere im
Gehirn, während er merkte, daß sie sich von ihm losmachte, an das Gatter
trat und die Arme darauf legte. Er wußte nichts, als ebenso zu tun, und
konnte nach einer Weile fortfahren.

»Und siehst du nun, dies erste Lächeln, dies mit den Zähnen, das ist --
sagen wir Zivilisation, der erste Anfang des Menschen. Das Lächeln in
den Augen aber, das ja nicht er allein hat, sondern wir alle, -- wir
sind ja nur gewohnt, auch gleichzeitig mit dem Munde zu lächeln, ja --«
er trat näher zu ihr, -- wie duftete auf einmal ihr Haar! -- »ja, denke
einmal nach, versuche einmal, wirklich zu lächeln, etwas Schönes zu
denken und zu lächeln, dann tust du nicht wie auf der Straße, wenn
jemand grüßt, der dich nichts angeht, daß du die Zähne zeigst, sondern
es fängt in den Augen an, und sie ziehn sich zusammen, tus mal, tus doch
mal ...«

Sie wandte langsam den Kopf herum, sah ihn an und lächelte. Ihre Lider
zitterten, nun hoben sich bebend die Mundwinkel, schon wollte er sich
darüber herstürzen, als sie plötzlich in helles Lachen ausbrach.

»Ja, du kannst bloß lachen!« sagte er trotzig, warf die Flinte am Riemen
von der Schulter und hängte sie mit Nachdruck über den Pfosten, indem er
sich von Anna abwandte. Und so blieb er stehn.

»Bist du böse?« hörte er sie nach einer Weile leise bitten.
Erbarmungswürdiges Mitleid schnürte ihm die Kehle zu, aber er schwieg.
Das Herz klopfte ihm im Halse. Was sie jetzt sagte, darauf kams an! --
noch konnte er nicht, noch konnte er ...

»Soll sie da hängenbleiben?« hörte er sie nach einer endlosen Minute mit
gewöhnlicher Stimme fragen.

»Ja!« sagte er.

»Ist sie geladen?«

»Ja!«

»Wenn sie nun wer findet, und sie geht los? Nein, nimm sie mal
gefälligst mit!« befahl sie und schrie im selben Augenblick leicht auf:
»Hu, da kommt schon was!«

Georg fuhr herum. Aus dem Buschwerk, links vom Wege kroch raschelnd ein
schwarzes Untier hervor, eine schwarze Kröte, groß wie ein Hund, und
schleppte sich mühselig, von einem Fuß sich auf den andern werfend,
dahin, -- Artaxerxes, der schwarze Schwan; der eine Flügel schleifte am
Boden nach.

»Ach Gott, ach Gott, das arme Tier!« jammerte Anna und näherte sich ihm,
aber er reckte sich sofort auf, blähte sich, schlug mit dem gesunden
Flügel, sperrte den blutroten Schnabel auf und fauchte.

»Früher fraß er mir aus der Hand,« klagte sie, »wenn die Leute krank
werden, werden sie bösartig, Tante Irmintrut war auch so. Meinst du, daß
er am Leben bleiben kann? Er wird sich doch erholen, und Futter bekommt
er ja von uns. Versprich mir, Georg, daß er leben bleibt!«

Georg tat es gern, dem unseligen Tier nachblickend, das inzwischen
weitergewatschelt war, hin und wieder zornig nach dem herunterhängenden
Flügel hackend, wobei er dann vornüberfiel, bis er die Allee überquert
hatte und ins Dickicht eintauchte und rauschend verschwand.

»Komm, laß uns gehn«, flüsterte Magda. Er nahm schweigsam seine Flinte
wieder, öffnete das Gatter, und sie gingen wortlos durch das hohe Gras
bis ans nächste Knicktor, einem aufrechten Brett über drei Stufen. Georg
half ihr die schmale Treppe empor; oben blieb sie stehn, noch auf seine
Hand gestützt, und rief: »O, ich kann die Sonne noch sehn! Gleich
verschwindet sie im Dunst! Ach, welch herrliche Farben!«

Georg, emporblickend, sah ihren Kopf, der allein in das Licht ragte,
hell gerötet Antlitz und Haar unter einer feinen Aureole goldener
Härchen.

»Ach, Georg!« seufzte sie nach einer Weile aus tiefstem Herzen, »es ist
himmlisch!«

»Was denn, mein Kind?« fragte er väterlich aus seiner Schattentiefe nach
oben.

»Ach -- alles!« sagte sie überzeugt, ließ seine Hand los und legte die
freigewordene ihre auf seine Schulter, um drüben hinabzuspringen. Er
folgte, ergriff einfach ihre Hand, und so schlenderten sie weiter, die
Hände ab und zu im Gehen schwingend, wortlos; nur als sie die letzte
Deichschrägung hinaufkletterten, meinte Georg, es würde Flecke geben.

Nun waren sie oben. Violetter Rauch lagerte über der See, die sie
anatmete mit ihrer ganzen, riesigen Weite, darüber rötliches Gewölk,
dann lange, feuergoldene und scharlachne Streifen, dazwischen ganz
ferne, grüne, wie ewige Wiesen. Spiegelblank war die See, eine
durchsichtige Glasplatte über einem milchigen, bläulichen Etwas, -- doch
nein, es war nicht die See, die war weit draußen, der rosige Streifen,
das war die kleine Brandung, die rauschte, -- und dies war nur der nasse
Ebbeschlamm, der graue Schlick, der glitzerte, an vielen Stellen mit
Lachen Wassers bedeckt.

Die unendliche Farbigkeit und die Stille verstärkten Georgs
Beklommenheit. Leise sagte er: »Anna!« hörte ein schwaches: »Ja ...« und
sah, daß sie das Gesicht ein wenig zu ihm wandte, ohne ihn anzusehn.

»Du hast so schöne Gedanken,« sagte sie auf einmal vor sich hin. -- Sie
meinte wohl das, was er von Bogner ...

Sie machte ihre Hand aus der seinen los. Die Sonne war verschwunden,
überm Horizont ergrauten die Farben, aber seliger noch und tiefer und
stiller schwelgten die andern ihre purpurne und lichtgelbe und
silbergrüne Seele aus in die himmlische Leere. Es wehte stärker aus
Nordwesten.

Und nun standen sie am Rande der Welt. Nur Farben, die sich wandelten,
sich auslebten in Stille. Sie waren die einzigen Menschen, und dies war
für sie eine ewige Aussicht in die andere Welt, die sich dort erging in
Wesen der Farbe, die lächelnd ewige Spiele übten, nur leise lächelnd,
weil sie wußten, es sahen zwei ihnen zu.

Georg empfand noch dies. Dann fragte er, süß fühlend, wie das Reuegefühl
sein Herz umkrampfte:

»Bist du mir noch böse?«

»Böse?« fragte sie sinnlos und hob die Achseln. Auch ihre Stimme war
halb erstickt. Und, o Gott, diese Bewegung der Schultern! Es übermannte
ihn, -- und wie sie atmete, so tief, so schwer, so unregelmäßig! Ach,
noch nicht, noch nicht, noch diese Ewigkeit des Herankommens, des
Zögerns, des Ahnens! Ihr Haar zu sehn, ihren Mund, in dem es zuckte,
ihre Augen so von der Seite, den Blick darin, ihre Nase, ihre Wangen, in
denen das Licht erlosch! -- Da erfaßte er leise wieder ihre Hand, sie
ließ sie ihm, sie drückte sogar seine Finger, und er hätte die Besinnung
verloren, wenn er nicht hätte bemerken müssen, daß er dachte: Jetzt! --
wie Bogner beim Eisenbahnunglück, aber die Sekunden verrannen,
verrannen, und nichts geschah, bis endlich sein Kopf vornübersank und
die Lippen auf ihrer Schulter ein Ende fanden.

Warm, -- wie warm war das! Nun? -- nichts! Ach, nur so liegen, so müde,
so zum Einschlafen müde ... Bewegte sichs? Das Warme, Feste unter seinen
Lippen bewegte sich leise -- für einen Nu durchzuckte ihn die Seligkeit,
daß er sie küßte, und daß sie es geschehen ließ, daß sie sich küssen
ließ von ihm! -- die geschlossenen Lider zitterten ihm, er fühlte ihre
Schulter steigen, fühlte jetzt auch an seiner rechten Schläfe eine
Berührung, ein leises Kitzeln, einen Hauch, ihr Haar ... und nun drückte
es sich zusammen, nun fühlte er ihre Schläfe, sie ruhte auf der seinen,
ach, ach! Sie hatte den Kopf auf seinen herabsinken lassen! Da nahm er
ihre linke Hand, die er mit der rechten hielt, in die Linke, suchte ihre
rechte Hand hinter ihrem Rücken, fand sie, legte sie langsam auf ihre
Hüfte, vorsichtig und voll rasender Angst, hob endlich ihren Kopf mit
dem seinen behutsam empor und ließ ihn an seiner Wange vorüber auf seine
Schulter sinken ...

Ach! -- -- da war es nun! Ihr Gesicht, da lag es an seiner Schulter,
ganz nah dem seinen, ihm zugewandt, mit geschlossenen Augen und nichts,
nichts auf der Welt, das solchen Duft ausströmte, solch einen Odem von
Süße aus seiner Kühle, die sich betrachten ließ, -- die süßesten aller
Wimpern, die herabgesenkten Lider, alles, so nah, so nah!

Und furchtbar zusammenzuckend preßte er sie mit aller Kraft an sich und
fühlte ihren Mund mit den Lippen, fest und ganz kalt, einen fremden
Mund, den er küßte, so daß sein lange schon steigendes Geschlecht sich
bäumte, während die fremden Lippen warm wurden und weich und schmelzend
und sich lösten und wieder kamen und in die seinen vergingen und er
darin versank und nichts mehr dachte.


                              Mondaufgang

Georg merkte, daß Arme um seinen Nacken geschlungen waren, und tauchte
aus der Versunkenheit nach oben und in die Umarmung eines weiblichen
Wesens. Also dies war die Ewigkeit ... Er fühlte ihre Glieder, die an
ihm hingen, ihre Brust, ihre Knie, welche an die seinen rührten. Er
konnte seine Augen wieder aufbringen, er küßte ihr ganzes Gesicht
trunken hundertmal, aber keines war wie das erste. Plötzlich fühlte er
sein Gesicht von festen Händen umgriffen, ihre Augen gruben sich in die
seinen, überschütteten ihn mit einem Strom von Liebe, sie stammelte, die
Lider sanken ihr, sie murmelte etwas von »fliegen« und ruhte aus. Die
Augen waren wieder zu im stillen Gesicht, Georg blickte darauf nieder,
als ginge drinnen etwas vor, das er sehen könnte, und nun bewegte sich
etwas unter den Lidern hervor, drängte die Wimpern empor, glitzerte und
rann, ein Tropfen, und ebenso jetzt aus dem andern Auge, und schneller
kamen immer mehr unaufhaltsam geflossen. Sie weinte ja ... Als aber
Georg sich wunderte, warum das so glänzte und blitzte, und das Gesicht
nach der See hinaus wandte, erschrak er vor einem ungeheuer großen,
dunkelgelben Monde, dessen runde, vollkommene Scheibe aus dem
schwarzblauen, unsichtbaren Grunde in die mattblaue Luft rollte, aber
still hielt, als er hinsah. -- Wieder wandte er sich zu Annas Gesicht
und sah in einem runden Tropfen, der an der Wimper hing, deutlich des
Mondes winziges Spiegelbild.

Sie ließen sich los.

»Gieb mir dein Taschentuch,« sagte sie leise, »ich hab keins.«

Sie lächelte, als ers ihr reichte. Ja, da hatten sie auf einmal die
Gebrauchsgegenstände gemeinsam. Waren sie so eines geworden, oder war es
nur wie früher? ... Sie trocknete ihre Tränen, schneuzte sich und gab es
zurück.

»Sieh, da ist ja der Mond«, sagte sie. --

»Und die Fledermäuse«, meinte er, da er einen Schatten durch den Mond
huschen sah. Sie schaute ihn mit einem langen Blick an, warf sich
ungestüm an seine Brust und brach in ein unendliches, schüttelndes
Schluchzen aus.

Das ist so ... das ist so ... dachte Georg gerührt, ohne es ganz zu
begreifen, streichelte leise ihr Haar und wunderte sich über den
fleißigen Lornsen, der so spät noch die Mühle gehn ließ, die unfern im
Norden stand, groß und schwarz in ihren riesig ausholenden Armen;
gleichmäßig und eisern hieben sie im Kreis herum nach dem Monde, der
sanft und ahnungslos oder jedenfalls unbekümmert dicht unter ihr
heraufrückte und langsam golden und glänzend ward.

Annas Weinen ward ebenso langsam ruhiger und hörte endlich ganz auf.

»Frag nicht, warum ich weine,« bat sie nachschluchzend, »ich weiß es
selber nicht. Komm, wir müssen gehn.«

Er war nicht dieser Ansicht, widersprach aber nicht, trocknete ihr
Gesicht selber mit dem Tuch, küßte sie, und dann gingen sie umschlungen
als ein Liebespaar, das sie nun waren, in der Richtung der Mühle,
rutschten zusammen den Deich landeinwärts hinunter, küßten sich, gingen
weiter, krochen durch eine Hecke und küßten sich lange. Auch wenn einer
von ihnen etwas gesagt hatte, küßten sie sich, aber als sie wieder durch
eine Hecke gekrochen waren und sich, im Aufrichten stecken bleibend,
geküßt hatten, fanden sie sich drei Schritte hinter Maler Bogner, der
dort in der Dunkelheit ganz still saß, glücklicherweise mit dem Rücken
nach ihnen, auf einem Stuhlstock, der Betrachtung von zwei Kühen
hingegeben, von denen die schwarze mit dem breiten Rücken nach ihm hin
im Grase lag, während über ihren Beinen die andre stand, mit großen,
geisterbleichen Placken, die Kinnbacken in mahlender Bewegung, den
großen, töricht hochfahrenden Blick des dunklen Auges auf den Maler
richtend, ohne zu merken, daß der Mond es sich auf ihrem Rücken breit
machte. Welch seltsame Erscheinung im Dunkel der Wiesen! Rechts dahinter
schwang die große Mühle auf ihrer Anhöhe in mächtiger Lautlosigkeit die
Arme herum.

Georg, einen Augenblick betroffen anhaltend, wollte Anna stillschweigend
davonziehn, aber da lachte sie leise, der Maler sah sich um, -- oder er
wollte es tun, doch sah Georg, daß sein Gesicht nach rechts gewandt
stehenblieb, wo die Pappelreihe nach der Mühle hin führte, und dorthin
blickend gewahrte Georg vor den Bäumen in den Wiesen eine Gestalt, die
sich bewegte, schwarzweiß, oben mit einem Hemd, unten mit schwarzen
Hosen bekleidet. Sie warf die Arme, als ob sie der Windmühle nachahmte,
lief und --

»Wer ist denn das?« sagte Georg halb belustigt, »ist der verrückt?«

Der Maler stand auf und sagte: »Das ist doch al Manach.«

Indem stieß die Gestalt einen brüllenden Schrei aus, während
gleichzeitig Georg sich am Arm ergriffen fühlte. Mit rudernden Armen, an
denen die breitoffenen Manschettärmel flatterten, stürzte der Mensch auf
die Mühle zu, laut schreiend und wahnsinnig. Der Maler setzte sich in
Bewegung und lief, um ihm den Weg abzuschneiden, war aber ersichtlich zu
weit entfernt, um zu verhindern -- -- ja, was denn, was denn? Wollte er
in die Mühlflügel ...? Georg, noch immer verständnislos, starrte hin,
der Maler lief wie ein Wiesel die Anhöhe empor, aber der Andre sprang in
langen flatternden Sätzen gegen die Flügel hin, Georg erschrak, sie
sausten wie schwarze Keulen herunter. Indem zerrte eine Hand an seinem
Gewehrriemen, Annas Hand, die schon den Flintenkolben an die Schulter
setzte, zielte und abdrückte. Klein und scharf peitschte der Knall und
zerstiebte, oben warf die Gestalt im Rennen die Arme in die Höhe und
brach zusammen, vornüber schlagend, während der eben heruntersausende
Flügel mit sichtbarer Erleichterung an der andern Seite wieder
hochschwang. Georg starrte das Mädchen an. Sie stand todblaß,
schauderte, schwankte, schloß die Augen und fiel um. Er fing sie auf,
ließ sie ins Gras gleiten, zog seinen Rock aus und bettete sie darauf.
Sie lag still; wie eine abgebrochene Blume sah sie aus.

Georg blickte beklommen auf sie herunter. Er dachte, man müsse ihr Kleid
öffnen, kniete neben ihr ins Gras, hielt aber inne, als seine Hand ihre
warme Brust am Kleiderausschnitt berührte, -- fast hätte er
hineingegriffen. -- Nun fing er langsam an zu verstehn. Sich umwendend,
sah er oben undeutlich eine gebückte Gestalt, wohl den Maler. Was hatte
sie denn getan? Geschossen, -- aber wohl -- -- in die Beine geschossen
... Es war Schrot. Hatte sie das bedacht? Im einen Augenblick alles
bedacht und ... Jählings entsetzt, sprang er auf und drehte sich
schwindelnd. Etwas entfernt standen die beiden Rinder weit voneinander,
drehten die Schwänze her und sahen sich um. Dann hob eine das Maul, ein
dumpfer, klagender Laut kam hervor mit einem Stoß weißen Dampfs. Georg
sah die Mühlenflügel groß und abgestorben herunterkommen und aufsteigen;
sie begannen, vor seinen Augen sich zu vervielfältigen und zu flimmern,
die Mondscheibe zog sich zu einer Reihe von ineinandergeschobenen,
silberblanken Monden auseinander, und sein Blick fiel wieder auf die
Liegende, die in ihrem blaßgrünen Kleid auf der dunklen Fläche lag, als
sei sie vom Himmel gestürzt und er habe, zufällig des Weges kommend, sie
hier gefunden.

Es ist ja wahr, schrie er innerlich, es ist wahr, sie hat es tun müssen,
es ist ein Wahnsinn, was soll das heißen, wie kommt man auf so etwas,
auf einen Menschen schießen, um ihn zu retten, und ich immer dabei, --
aber sie mußte, sie mußte, es gab nichts andres, warum bin nicht ich
darauf gekommen? Eben weil nicht ich verlangt wurde, sondern --
verlangt? Ihm wurde unheimlich zumut, das Grauen schüttelte ihn jetzt,
er warf bei erstickter Kehle den Kopf gegen den Himmel oben zurück und
sah in der milchigen Blässe oben die Sterne, ein paar verlorene,
weißlich flimmernde Tropfen. Er stammelte: »Anna! Um Gottes willen,
Anna!«

Da schlug sie langsam die Augen auf, sah ihn seltsam erwacht und lange
an, bewegte die Hand und hauchte: »Ist er tot?«

Georg warf sich neben ihr auf die Knie und schrie: »Nein! nein!« Legte
den Kopf in ihr Kleid und glaubte, weinen zu müssen. Dann kam er zur
Besinnung, sprang auf und sagte, so fest er konnte:

»Sei ganz ruhig, mein Herz, ich trage dich nach Haus.«

Sie lächelte schwach, er richtete ihren Oberkörper ein wenig auf, nahm
seinen Rock vom Boden, zog ihn an, bückte sich und nahm sie auf die
Arme. Einen Augenblick verwundert, daß solch ein Mädchenleib so schwer
war, merkte er doch gleich, daß er ganz leicht zu tragen war, und eine
Sekunde empfand er seine Körperkraft tröstlich. Also trug er sie über
die Wiese davon auf den Sandweg zu, den die Pappeln bis auf den Hof des
Verwalterhauses geleiteten, kaum drei Minuten zu gehn. Unterwegs rührte
sie sich einmal, legte die Arme um seinen Nacken und das Gesicht gegen
seine Brust. Einmal mußte er sich mit dem Rücken an einen Stamm lehnen
und eine halbe Minute ruhn. So erreichte er das Haus.

Auf der Bank neben der Tür saß die alte Domina, glatthaarig, stand
wortkarg wie immer in derartigen Fällen auf und ging ins Haus und die
Treppe voran in Magdas Zimmer, wo Georg sie auf das schon zur Nacht
aufgedeckte Bett legte. Sie ergriff seine Hand und küßte sie schnell und
leise, plötzlich flammte die kleine Stehlampe mit grünem Schirm neben
Georg auf dem Nachttischchen auf, sie schloß geblendet die Augen,
während Georgs Blick auf das große alte Bild an der Wand fiel, einen
grauen Stahlstich, -- er hatte ihn lange nicht gesehn, diesen Engel, der
ein totes Kind zum Himmel trug. Die Erinnerung an Magdas Mutter, die ein
halbes Jahr nach der Geburt eines Knaben fast mit ihm zusammen gestorben
war, zog durch ihn hin, während er sie flüstern hörte, er möchte zur
Mühle gehn und ihr Bescheid bringen. Seltsam, dies kleine Zimmer in der
Dämmerung ... das große, weißlackierte Metallbett mit dem langen
Nachthemd schräg darüber, auf das er das Mädchen gelegt hatte.

Draußen vor der Tür im Dunkel stand er noch eine Minute, angeatmet vom
Reinen, Duftlosen dieses Raumes hinter ihm, der anders war, sonderbar
anders als jedes Zimmer, das er je betreten hatte.


                             Rheinweinbowle

Auf dem offenen, nur von Gebüschen und ein paar Bäumen umringten
Hofplatz blieb Georg stehn, trocknete sich die Stirn und bemühte sich,
etwas zu denken. Der Mond, von hier aus gesehn, stand hinter der Mühle,
die gewaltig schwarz, mit zwei stillstehenden Flügeln wie ein
riesenmäßiger Hase in weißlichem Glanze saß, der hinter ihr vom Monde
ausstrahlte; schwarz stieg die lange Pappelreihe, sehr ernste Gestalten,
von der Anhöhe den Weg herab.

Also es trifft ein, eins nach dem andern trifft ein, sogar an einem
Tage, -- ja, wird es nun noch eine Feuersbrunst geben? dachte er
beklommen. Und sogar zum zweitenmal dieser al Manach! -- Da setzte das
Denken wieder aus, es war totenstill umher, in den Bäumen oben raschelte
es, als bewegten sich dort Vögel. Georg ging durch die helle
Mondesdämmerung auf die Mühle zu und die eiserne, schwarze Linie des
Horizonts, über der weißer Flimmer in gelbliche und rötliche Hauche
verging, und bei der Wegbiegung sah er wieder den Mond dicht neben dem
Mühlkörper, klein und reinsilbern. Am Fuße der Anhöhe wurden auf einmal
zwei schattenhafte Gestalten sichtbar, eine kleinere, dunkle, jetzt mit
weißer Brust, daneben eine lange, graue, die langsam weißlich wurde, der
Müllerknecht, der den al Manach auf den Armen trug wie eben er die Anna;
Bogner daneben im Frack. Als sie sich begegneten, blieben sie stehn, der
Christian grinste verlegen und sagte: »Da bringen wir ihn gebracht!« die
Bürde wie ein Kind in den Armen höher rückend. Al Manachs Gesicht war
wieder geschlossen und klein geworden. -- Sie gingen nach Helenenruh
zurück, schweigsam, nachdem der Maler erklärt hatte, der Schuß hätte
sich über beide Unterschenkel ausgestreut, aber es sei wohl ganz
ungefährlich und habe kaum geblutet.

Während die beiden Andern zum Gastflügel abbogen, ging Georg wieder zum
Verwalterhaus, traf die Domina im Flur und trug ihr, da sie sagte, Magda
schlafe, auf -- falls sie erwachen sollte --, daß alles gut sei.

Auf die Terrasse zugehend, sah er ihre rechte Hälfte erleuchtet.
Schatten mit beleuchteten Gesichtern saßen um den runden Tisch, in
dessen Mitte eine Lampe mit buntgeblümtem Schirm brannte; ringsum war
tiefe Nacht. Die Steinstufen hinansteigend, machte er seinen Schritt
leise, um erst nachzusehn, ob seine Mutter noch da sei, doch entdeckte
er nur das Gesicht seines Vaters hinter dem Tisch, der seitwärts saß,
wie er pflegte, rechts von ihm den Leutnant in Grün und Rot, dann --
nach einem leeren Stuhl -- Annas Vater, der rauchend und verträumt in
die Lampe blickte, die Oberlippe über den Zähnen wie stets etwas
angezogen, so daß sie im Lampenlicht farbig blitzten; dann den
Baschkirtseff, der weit im Stuhl zurücklag und mit gedämpfter Stimme
etwas zu deklamieren schien. Georg, über das Geländer der Treppe
emporgereckt, blieb eine Weile stehn, willenlos versinkend in diese
friedliche Gesellschaft. Auch den Rücken von Onkel Salomon entdeckte er
nun dicht hinter der Brüstung; er saß, Georgs Vater zugewandt, gebückt,
schräge zum Tisch. Dunkelgrüne Römer standen vor jedem, jeder leise an
einer Stelle der Wölbung und der Riffelung des Fußes blitzend, noch im
Schatten; der bunte Schirm ließ nur einen kleinen Kreis in der Mitte des
Tafeltuches hell. Gläserne Aschenschalen glänzten farbig hier und da;
seltsam rötlich waren alle Gesichter. Sekundenlang festgebannt, schien
es Georg unmöglich, nur eine Bewegung zu machen oder das Gesicht
abzuwenden. Erst als er den Mimen mit steigender Stimme sagen hörte:
»Unchristlich oder christlich!« und weiter:

   »Ist doch die Welt, die schöne Welt
   So gänzlich unverwüstlich!«

ergriff ihn der Ärger, daß sie hier saßen und Verse deklamierten,
dieweil ... Also scharrte er mit den Füßen, um sich hörbar zu machen,
und stieg die letzten vier Stufen hinan.

Alle wandten die Gesichter ihm zu, der Leutnant stand auf.

»Na endlich!« sagte sein Vater und, ein wenig ironisch: »Es ist wohl
nicht besonders ersprießlich, im Düstern zu jagen!«

Der Schuß war also gehört worden ... Einen Augenblick unfähig, etwas zu
sagen, fühlte Georg das eben Vorgefallene auf einmal verschwinden, ihm
entgleiten, als habe er es geträumt, und er mußte sich wahrhaftig
besinnen, ob es gültig sei, um davon zu reden. Wieder von dem Gleichmut
und der Ahnungslosigkeit der Dasitzenden geärgert, fing er an: »Es ist
etwas sehr Seltsames geschehn ...« merkte jedoch, daß eben diese Worte
nun gänzlich alles Erschütternde und Fremde und Unheimliche fortnahmen.
Wenn es sich schon erzählen ließ, was war es denn? Allein -- ließ es
sich denn erzählen? -- Nun fuhr er geärgerter fort:

»Dieser al Manach -- -- er wollte in die Windmühle laufen, oben,
Lornsens Mühle, und weil wir zu weit weg waren, hat Anna, Magda, ihn in
die Beine geschossen, mit meiner Flinte.«

Er schloß, die Zähne zusammenbeißend, weil er fühlte, daß er lachen
wollte, unweigerlich lachen, o, war es nicht zum Tollwerden! Und da
saßen sie alle und lächelten.

»Bitte, Chalybäus,« sagte er kalt, »ich habe sie in ihr Zimmer gebracht,
sie wurde ohnmächtig hinterher, stören Sie sie aber nicht, sie schläft
jetzt.« Ja, da konnten sie ernst werden! »Wollen Sie so gut sein und
Doktor Reiß telephonieren, damit er nach Herrn al Manach sieht.«

Nun fing Chalybäus an zu lamentieren, war drauf und dran, dem Herzog
Vorwürfe zu machen, daß er Verrückte beherberge, besann sich und
jammerte über seine Tochter, die auch verrückt geworden wäre. Einen
erwachsenen Menschen in die Beine zu schießen! Und was zum Teufel sie
sich um fremde Selbstmörder zu kümmern hätte, worauf ihn ihre Ohnmacht
bis zu Tränen rührte, und er bedauerte das mutterlose Kind, dem er die
Hüterin nicht ersetzen könne ... Dann wollte er sich von keiner Macht
auf Erden abhalten lassen, an ihrem Bett zu sitzen und ihre Hand zu
halten. -- Onkel Salomon war unterweil schon im Haus verschwunden, Georg
sah im Schreibzimmer das Licht aufflammen, dann ihn selber zum
Schreibtisch gehn und den Telephonhörer abheben. Der große Chalybäus
trank sein Glas aus und ging mit großen Schritten davon. Georg rief ihm
nach, Doktor Birnbaum telephoniere bereits, und dann wurde es still. Der
Leutnant füllte leise ein Glas aus dem, neben der Tür auf einem
Tischchen stehenden Bowlenkübel und setzte es vor Georg auf den Tisch,
der selber gedankenverloren auf den Stuhl davor glitt. Indem er trank,
hörte er die hellen, rasselnden Schläge der Uhr im Turm, zählte zehn und
dachte erschreckt: Erst zehn Uhr? Eine Stunde seit dem Essen? Was war
denn alles seitdem? Ach, ich habe sie geküßt, sie liebt mich, wir lieben
uns, das ist nun alles vorbei ... Sein Vater fragte einiges, er
antwortete und trank in kleinen Schlucken das süße und eiskalte
Weingetränk, allein plötzlich ertrug er das Dasitzen nicht, stammelte
eine Entschuldigung, sprang auf, lief die Treppe hinunter und in den
Park in der Richtung des Weihers.


                            Neuntes Kapitel


                                 Dunkel

Die Nacht war warm, und nun, erhitzt nach dem langen Frieren zuvor,
bewegte Georg sich in einem heißen Branden von Gedanken, die zergingen,
ehe er sie faßte. Als er aber neben dem Ende des Nordflügels vorüber
wollte, raschelte es rechts im Wäldchen, rauschte, ein schwarzer,
fallender Klumpen schleppte sich, ungetüm und schauerlich anzusehn, in
das halbe Licht und auf den Weg, Artaxerxes. Verflucht, da ist der
schwarze Bote schon wieder! schnob Georg ergrimmt, besänftigte sich
aber, indem er gerührt denken mußte: So weit ist er inzwischen gekommen,
geradeswegs auf seinen Weiher zu! Der Hals züngelte hervor, unbekümmert
um Georg zog er seine Straße beschwerlich, arbeitete sich den Weg
hinunter und verschwand im Dunkel der Wiese vor dem Weiher. -- Und wenn
er uns da oben nicht begegnet wäre, dachte Georg, hätte ich die Flinte
vielleicht hängen lassen! »Verdammtes Vieh,« schrie er ihm nach, »mußt
du einem denn überall in die Quere kommen!« -- Ach, auch er tat, wozu es
ihn trieb, da lag sein Weiher, -- in einer graden Linie, wie ein Pferd,
das nach Hause geht, war er darauf zugegangen, -- was für eine
Dämonszähigkeit! Und Georg ging weiter, lachte wütend und dachte: Der
Schwan ist bei Gott der bewegende Teufel in alledem! Sie scheuchte ihn
auf, als sie in den Teich ritt, und dann brach sie ihm den Flügel in der
Luft, und dafür erschien er uns und zwang mich, die Satansflinte
mitzunehmen. Sie ist also selber dran schuld, warum wollte sie fliegen!
--

Plötzlich stand er am Teich, durch einen meterbreiten Grasstreifen nur
vom Wasser getrennt, das er roch, schlug sich mit der Faust vor die
Stirn, verfluchte sich und knirschte sich an, ob er denn zu nichts fähig
sei als zu diesen Jämmerlichkeiten! Zu keinem guten, graden Gefühl!
Immer Mißmut statt Demut, Ärger statt Traurigkeit, Wut statt Schmerz. Da
lag sie nun oben! Wachte sie? Was ging in ihr vor? War ihr angst? Ach,
wie sollte ers wissen, war sie nicht ein fremdes, unbegreifliches Wesen?
Und er hatte sie geküßt!

Da war, im Dunkel absonderlich geisterhaft, die kleine Brücke zur Insel,
deren schwarze, gewaltige Baumkronen in den großen und finstren,
gestirnten Himmel ragten. Einen Augenblick dachte Georg, hinüberzugehn,
jedoch -- was sollte er dort? Anna -- womöglich wurde sie krank, und sie
konnten nicht zusammen in dem halbverfallenen Liebespavillon der Insel
sitzen ... Da rannte er um den Teich in das kleine, niedre
Fichtengehölz, zwängte sich mühsam durch Nadeläste und Spinneweben,
innerlich sich beschimpfend, verteidigend, stolperte in einen trocknen
Graben und ins Freie, ins helle Mondlicht auf die Chaussee, nach Böhne.

Hier war Totenstille; in weiter Ferne rollte ein Wagen. Auf der andern
Seite der Landstraße standen die Garben im vollen Silberglanz auf den
Stoppelfeldern, weithin grenzenlos dahinter lag schlafendes Land,
weitfern, im silbrigen Dunst, waren graue Schatten von Bäumen, kleinen
Gehölzen. Unfern zur Linken stand die scharf silberne Mondscheibe kaum
haushoch über der Fläche und dem Dorf, dessen weiße Häuserwände,
schwarze Dächer und weißer Kirchturm mit schwarzer Haube allmählich
deutlicher zum Vorschein kamen. Kein Licht war mehr dort. Wogen der
Stille, Wogen der Nachtwärme, der Nachtkühle kamen und verhauchten. Das
Wagenrollen ward ein wenig lauter, -- gewiß war es schon der Doktor aus
Böhne. Georg wußte eine Bank in der Nähe am Waldrand und suchte sie auf.
Und dort saß er, erschlafft und gedankenmatt, bis das Wagenrollen nahe
kam, die Laternenlichter erschienen und der Sandschneider vorüberrollte
mit dem kleinen, krummen Doktor auf dem Rücksitz hinter dem kerzengraden
Kutscher. Georg hörte ihn eine Minute später von der Landstraße auf den
Kies vor der Helenenruher Rampe einbiegen und auf dem Fahrweg um das
Haus verhallen.

O wie still es war! Wie sanft, wie arglos diese schlafende Welt! -- --
--

Ob sie schlief? Ob er -- --

Erinnerungsbilder des Tages begannen einen zuckenden, zerrissenen
Vorübertanz. Auf einmal war der grüne Teich da mit Anna darin zu Pferd,
die silberne Wasserbahn, die der schwarze Vogel aufriß, Gewitterregen
strömte, der Schwan schrie, am Fenster war Bogners Gesicht, Bogner saß
im Dunkel vor zwei Kühen, da lag Anna, in ihrem Zimmer, der graue Engel
schwebte mit Blumen und dem Kind, da stand seine Mutter fürstlich in der
Tür, Judith stand in braunem Samt vor einem Gebüsch, Jason al Manach
saß, liebreizend anzusehn, und sprach über Gedichte, Onkel Salomon, der
Baschkirtseff, Georgs Vater -- im Zickzack hin und wider durchfuhr er
den Tag, stand auf einmal unwollend auf, ging in der Richtung des
Schlosses, unter der Rampe her, dachte, er müßte doch einmal nach ihr
sehn, vielleicht hatte sie Licht, womöglich konnte er leise rufen und
fragen, bei welchem Gedanken er einen ganz andern Wunsch als unziemlich
zerdrückte, es trieb ihn vorwärts, er sehnte sich, verlangte nach ihrem
Mund, ihren Gliedern, sein Kopf brannte ... wie fremd, fest, wie kühl
ihr Mund zuerst gewesen war!

Nun stand er unterhalb des langen Gastflügels im Heckengang und blickte
empor. Drei Fenster waren erleuchtet im Oberstock, -- vielleicht sollte
er auch nach al Manach sehn und vom Arzt hören ... Aber da tönte die
Angel der Haustür, Schritte knirschten über Stufen, er hörte die
überschnappende wohlbekannte Stimme des Doktors nach dem Kutscher rufen,
stand und rührte sich nicht. Es dauerte endlos, bis er die Wagenräder im
Sande knirschen hörte, er erschrak, der Wagen würde ja den Heckengang
herunterkommen! und so diebisch und unwürdig er sich vorkam, mußte er
durch das altbekannte Loch in der Hecke kriechen, und da er einmal im
Bücken war, schlich er so weiter, während innerhalb der Wagen ihm
entgegen und vorüber rollte, das Licht der Laterne ihn streifte.

Einen Augenblick später öffnete er die kleine Lattentür an der Ecke des
Verwalterhauses, ging zwischen den hohen Stockrosen und Sonnenblumen den
Gang hinunter, unhörbar im Gras, und stand an der Hinterseite des Hauses
im Grasboden des Obstgartens eine Minute still, ohne zu atmen. Endlich
entfernte er sich noch ein paar Schritte vom Hause unter die kleinen
Bäume und sah, daß in allen Stockwerken alle Fenster mit Läden oder
weißen Rouleaus verschlossen waren, bis auf das Annas, dessen gläserne
Flügel nach außen offen standen; dazwischen bewegte sich das
heruntergelassene weiße Rouleau leise im Luftzug.


                                 Rausch

Lange Zeit verging. Georgs Herz klopfte schwere, dicke, langsame
Schläge. Hin und wieder hielt er den Atem an. Die Nacht war hell. Die
geweißten Stämme glänzten. Manchmal drehte der Nachtwind ein paar
Blätter hin und her, erst hier, dann dort, als suche er etwas darunter.
Georg starrte verschwimmenden Auges auf das weiße Rechteck des Vorhangs,
hin und wieder zitternd, wenn er sich bewegte, geheimnisvoll, als müsse
jemand dahinter stehn. Wenn er emporsah, flackerten zwei kleine, weiße
Sterne im Laubwerk und verschwanden auf ein Weilchen, von Blättern
verdeckt. Er bebte heftiger in angstvoller Erwartung, flüsterte ihren
Namen, wünschte sie herbei, doch nichts kam, nichts, als daß nach einer
Zeit ein sehr natürlicher Wunsch seines Körpers sich bemerkbar machte,
und so entfernte er sich leise in die Tiefe des Gartens, bis er den
Lattenzaun erkennen konnte, -- sich verwünschend: muß einem das denn
immer dazwischen kommen! -- wagte aber nicht, sich umzudrehn, als könne
grade in dieser Minute sich etwas ereignen, fuhr, sein Geschäft
verrichtend, fort, nach dem Hause zu spähn, und richtig, kaum daß er
hinter seinem Baum wieder vortrat, sah er den Vorhang sich nach oben
bewegen, hörte er deutlich das Quietschen der Rolle unter der laufenden
Vorhangschnur. Lautlos trat er näher und näher. Sie stand im Fenster,
weiß, da verschwand sie wieder ... nein, sie hatte sich auf die
Fensterbank gesetzt, den Rücken an den Rahmen lehnend. Nun sah er das
Dunkle ihres Haars und eine Flechte, die über Schulter und Brust vorn
herunterhing. Sie löste sie auf bis oben hin, legte den Kopf zurück,
bewegte ihn leise hin und her und begann die Strähnen neu zu flechten.

Sie konnte nicht schlafen! -- Warum? -- Seinetwegen oder ... Ach, sie
war es wirklich, kein Geist, kein Traum, sie flocht ihr Haar, sie hatte
nichts an als ihr langes Nachthemd, und sein Herz begann wild und
regellos zu hämmern in einer schrecklichen Angst, während Gedanken sich
in ihm herumstießen. Im Obstgarten mußte doch irgendwo eine Leiter ...
Ja, und dann? Plötzlich war alles leer in ihm, und auf einmal war er ins
Freie vorgetreten und hatte ihren Namen geflüstert.

Er sah, daß sie die Hände auf das steinerne Sims stützte und sich
herunterbeugte; dann hörte er seinen Namen durch das Sausen in seinem
Gehör. Da stand ja die Leiter am Baum! Er holte sie und legte sie an;
sie reichte bis unter das Fenstersims, und er stieg hinauf. Nun sah er
ihre Augen, dunkle Flecke mit einem unkenntlichen Blick darin. Oben
empfing sie ihn, legte die Arme um seinen Nacken, küßte ihn, o, wie
küßte sie ihn denn? Wollte sie ihn verzehren? Sie stammelte etwas, das
er nicht verstand, er fühlte ihre Schlankheit, ihre Schultern, die sich
bewegten, und daß sie ganz nackt unter dem Hemd war, ihre linke Brust,
-- und er packte mit der einen Hand ihr eines Knie und preßte es. Da lag
sie still, ihr Kopf sank langsam zurück, er dachte, eilig zu fliehn, wie
er sich aber zurückbewegte, fühlte er die Festigkeit der Arme, die ihn
umschlossen, und riß sie an sich, legte das Knie innen auf die
Fensterbank und stieg, so behutsam er konnte, hinein. Ihm war eiskalt.
Wie er noch stand und sie hielt, flog Erinnerung vorüber an Pappeln und
den Sandweg, -- zum zweitenmal trug er sie zu ihrem Bett, nun war es
unordentlich, die Steppdecke zurückgeschlagen, und er legte sie hinein
und deckte sie zu.

O Gott, wie entsetzlich langsam ging das Auskleiden vor sich! Er
krampfte sein Hirn zusammen, um nur ja nichts zu denken, und was an
gräßlichen Gedankenstücken von wüst unpassender Art hindurchschoß,
zerdrückte er, wie mit den zusammengepreßten Augenlidern. Endlich war er
fertig, hörte seine nackten Sohlen tappen, als er zu ihr schlich, und
dann lag er in der Wärme neben ihr, umschlang sie und war, so heftig
sein Herz klopfte, ruhig und beinah kühl, so daß es ihm im nächsten
Augenblick schon zu heiß unter der Decke war und er sie fortstieß.

»Frierst du nicht!« fragte er leise, sich aufstützend. Die Dämmerung war
schon so hell vor seinen Augen, daß er die ihren deutlich in dem unter
ihm liegenden Gesicht erkannte. Da mußte er wieder denken, daß dies Anna
war, seine Kindheitsschwester, und, gewaltsam den Gedanken zerpressend,
warf er sich über sie, fühlte sich umschlungen, noch vergingen
schauerliche Minuten des Tastens und Suchens nach dem Eingang, er hörte
sie leise aufstöhnen, fühlte selber Schmerz, war ratlos, aber da kam die
anschluchzende Sekunde, und jählings fühlte er sich von der unsichtbaren
Riesenfaust zu rasenden Zuckungen der Lust schlotternd und schlagend
zusammengerüttelt in sich selbst und verging sich im magischen Krampf.

Aus völliger Leere und Schlaffheit sich aufrichtend, küßte er leise ihre
linke Achsel aus einer Art Pflichtgefühl und mit dem verdrückten
Gedanken, daß sie ihm gleichgültig war. Neben ihr liegend, gelang es
ihm, einen Tropfen Mitgefühls, den er Liebe nannte, zu sammeln, sie an
sich zu ziehn und zu streicheln, allein er wußte nicht, was er hier noch
sollte, und zudem fing ein heftiges Verlangen nach einer Zigarette an,
ihn immer wütender zu peinigen.

»Ja -- ich muß nun wohl gehn ...« flüsterte er. Sie richtete sich auf,
strich das Haar aus der Stirn, stützte dann eine Hand neben sich auf und
sah auf ihn herunter. Auf einmal merkte er, daß sie ganz wenig lächelte,
und als er fragte, warum, warf sie sich über ihn und flüsterte unter
lauter kleinen Küssen auf Nase, Kinn, Wangen und Hals, er sähe so süß
aus, wie er daliege. Dies erleichterte ihn freilich sehr, er lachte
leise und sagte: »Was fürn Unsinn, Anna!« innerst höchlich erstaunt: wie
sie sich gleich hineingefunden hat ... Dann küßte er sie wieder, schob
sie dann leise von sich, stand auf, ging zu seinen Kleidern und zog sie
eilig an. Danach trat er noch einmal an ihr Bett, wo sie noch so lag wie
zuvor, ohne sich nur bewegt zu haben, die Arme ausgebreitet, so daß die
eine Hand über den Bettrand hing, die unterwärts mit Leinen bespannte
Steppdecke bis zu den Knien nur heraufgezogen. Als er sich über sie
beugte, küßte sie ihn leidenschaftlich, er ließ es eine Weile über sich
ergehn, machte sich sanft los und verließ das Zimmer, wie er gekommen
war. Aus dem Obstgarten entkam er über den Zaun und gelangte so auf
einen engen Gang im Dickicht des Wäldchens, wo er hastig Zigaretten und
Streichhölzer hervorzog und rauchte.


                              Tagesanbruch

Georg stand am Gatter der Mittelallee, die Arme auf dem obersten dünnen
Balken, und sah über die grauen Wiesen hin in die helle, weißgestirnte
Sommernacht. Ihm war so absonderlich leicht in allen Gliedern, daß er es
kaum begriff, doch meinte er, das sei wohl so ... Irgend etwas, schien
ihm, war fort aus ihm, fortgenommen, -- eine Wärme, -- oder er aus der
Wärme, -- und ihm war seltsam kalt. Er wußte nicht, was es war ...
Heiter war er nicht, auch nicht unfroh, eher ernst, vielleicht
schwermütig, -- doch auch Gefühle und Gedanken hatten diese flüchtige
Leichte, und eigentlich war er ganz und gar leer. Wenn er an Anna
dachte, empfand er einen kleinen Stich Mitleid und Dankbarkeit, und
nachdem er den Gedanken, warum er sie eigentlich liebe, und ob er es
überhaupt tue, einmal gedacht hatte, so hütete er sich, ihn noch einmal
zu denken. Die Nacht war ja sehr schön, wundervoll still und lau.
Schläfrig war er gar nicht, er dachte, noch einmal auf den Deich zu gehn
und nach der Flut auszuschaun, dann dachte er, es müsse schön sein, im
Wiesenpark auf einer Bank zu sitzen, in der Mondhelle die Schattenzacken
der Fledermausflügel zu sehn und einzudämmern, -- jedoch Lust hatte er
zu nichts, stand nur und stand, bald zu keiner Bewegung mehr fähig.

»O du Kindermund, o du Kindermund ... unbewußter Weisheit froh ...« Es
summte in ihm, eine ganze Weile schon, ferne und wehmutvoll. Wie kam er
nur darauf? -- --

Dies war es nun gewesen? War das wirklich alles? Er hatte Lust, daran zu
zweifeln, doch lauerte hier wieder die Frage nach der Tiefe oder
Wirklichkeit seiner Liebe zu ihr, und er bog von diesem Gedankenweg ab,
fand aber keinen neuen, stand auf einmal im Ungewissen und gab nun dem
Verlangen nach, auf der Erde zu liegen. Er öffnete das Gatter, ging zwei
Schritt in die Wiese hinein und legte sich hin.

Ach, das war wundervoll! Ach, war das wunderbar! Die Erde, diese Erde,
wie sie ihn trug! Wie über alle Maßen köstlich das war, sie zu fühlen am
ganzen Rücken, am Hinterkopf, an den Schenkeln und Fersen! Er breitete
die Arme und fühlte mehr und kräftiger sich getragen, ganz wie wenn er
auf dem gewaltigsten Riesen läge. Diese Ruhe, o, endlich einmal nicht
mehr dies immer Aufrechtsein und wagerecht sehen! Liegen und doch das
ganze ungeheure Oben, den Nachthimmel, die Sterne voll in den Augen zu
haben, einmal in andrer Richtung zu leben, einmal nach oben die Brust zu
dehnen, statt immer nach vorn, und tiefer im Genießen, ließ er sich noch
einmal die ganze Unlust des Aufrechtseins empfinden, alles Hängende der
Beine und Arme, die Schwierigkeit des dünngestützten und so schweren
Kopfs, der vornüber wollte, und nun -- -- da lag er, da lag er! Da war
die Natur, die gute, starke, mächtige, die ihn wortlos in Empfang nahm,
ihr breites Lager auftat und -- -- da liege ich, ach! da liege ich, --
da liege ich, -- da liege ich ...

Endlich merkte er doch, daß er naß wurde, daß alle Halme trieften, und
er setzte sich auf. Sieh, was war denn das für ein Lichtschein? War noch
jemand auf der Terrasse? Es war ein buntfarbiges Licht, es mußte der
Lampenschirm sein. Er zog die Uhr und las auf das Haar genau Mitternacht
von dem gläsern in der Nacht blinkenden Zifferblatt. Ja, später konnte
es auch wohl noch nicht sein.

Georg stand auf und ging durch das Gatter die Allee hinunter. Das
Rosenoval erschien mondhell, graugestreift von Tau; der Mond selber hoch
oben am Himmel zwischen den Helenenruher Türmen, die er, wie das Dach,
mit Silberglanz belegte. Aber der Lampenschirm schien völlig mit sich
allein zu sein und war also wohl nur vergessen. Georg überschritt die
Wiese, ging die Treppe hinan, und siehe da -- Maler Bogner! ganz einsam
saß er, tief in einen Peddigrohrsessel hineingesunken neben dem Tisch,
die Beine übergeschlagen, sein Skizzenbuch auf dem Schenkel, malte darin
und hatte seine kleine, leise qualmende Pfeife im Mundwinkel stecken.
Als Georg näher trat, hob er das nachdenklich gesenkte Gesicht, blickte
ihm entgegen, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, steckte sie in den
andern und sagte durchaus nichts.

»Ganz allein?« fragte Georg heiser und hatte das unbehagliche Gefühl,
Bogner wisse alles. -- Der Maler nickte, griff, sich etwas hochrückend,
nach dem neben ihm stehenden Römer, bemerkte, daß er leer war, und sah
sich um. Georg entdeckte auf dem Tischchen an der Tür das Bowlengefäß
nebst einem Brett voller Gläser, ging hin, nahm ein abseit stehendes,
das ihm unbenutzt schien, und schenkte es aus dem Bowlenrest voll,
danach auch das Glas des Malers. Sie hoben die Gläser gegeneinander und
tranken, Georg im Stehen.

Ah, dies war nun wieder herrlich! Diese eiskalte, nach wenig, aber
kostbar schmeckende Flüssigkeit, die in ihn hinabstürzte wie ein weißer
Gebirgsquell. Er trank das ganze Glas aus, holte das Bowlengefäß und
stellte es auf den Tisch, füllte sein Glas abermals und dachte, daß es
wunderbar sein müsse, hier den Rest der Nacht zu versitzen in ernsten
und tiefen Gesprächen. Aber ob dieser Maler dazu zu bringen war? Georg
setzte sich mit dem Blick über die Wiese.

»Zeichnen Sie?« fragte er.

»Nein,« sagte Bogner, »ich mache bloß so Krickelkrackel.«

So, er machte Krickelkrackel. Er ließ sich auch nicht stören, rauchte,
schwieg und trank. Georg füllte die Gläser mehrere Male. Es ward kühler,
es ging langsam auf Morgen. Auf einmal kam es ihm vor, als müsse die Uhr
seit Stunden aufgehört haben, zu schlagen, die Augen fielen ihm zu, er
bekam plötzlich einen Ruck und merkte, daß sein Kopf im Einschlafen nach
vorn gekippt war.

O, er liebte sie doch, gewiß liebte er sie! Nun war sie ihm ja wieder
süß und er sehnte sich nach ihr, träumte wieder, bei ihr zu liegen, ihre
Schulter zu küssen und jene weichste Stelle an der Achsel. Alles kam
noch einmal und war doch sehr schön gewesen und erlosch nun, losch hin
wie Nacht und Mond ins Morgengrau und die umherschaudernde Kühle. Ach,
dieser ganze Tag, wie er und alles nun gewesen, alles sich nun gleich
war, alles gleich, alles traumhaft und wallend und vergehend! O, stille
sein, nichts denken, dieser Tag ist aus! Alles wird sich finden, alles
wird kommen, wie es muß, die Zeit verrinnt, auch diese Stunde, sie
verrinnt, der Maler trank allein allen Wein aus, Georg sah plötzlich
einen Schatten hoch über der Lampe, die Bowle bewegte sich, Georg
versuchte die Augen zu öffnen, da sie zufielen, er vermochte es nicht.

In einer nachtfinstren Gasse traf er Bogner, der dort umhersuchte.
Georg, um ihm zu helfen, fragte, was er suche. Meinen Bleistift, fluchte
Bogner, Gott solle ihn verdammen, sein Bleistift wäre fort. Dies schien
Georg ein unseliger Verlust, und so suchten sie zusammen, bis Georg an
eine Tür geriet, ein großes Vestibül, das von innen strahlend erleuchtet
war, eine Menge Menschen ging Treppen hinauf, und auf einer Estrade
stand Onkel Salomon und winkte und zeigte den Bleistift, so groß wie ein
Spazierstock. Nun aber war da ein Theaterparkett und Georg wußte, er
gehörte zu den Aufführenden, er mußte hier hindurch zum Bühneneingang,
Frauen und Offiziere standen in Gruppen zusammen, keine Sitze waren da,
und dazwischen ging Georgs Vater herum und teilte Händedrücke aus. Also
kann er doch gehen! dachte Georg, ich wußte ja, daß es ein Irrtum war.
Er wollte zu ihm hin, aber das Menschengedränge war merkwürdig zäh, er
zwängte sich nur mit größter Mühe hindurch, und auf einmal wars finster.
Es war ein Lichtspieltheater, die Leinwand flammte grell auf, es
erschien der Maskenzug aus Kellers Grünem Heinrich, aber Georg wußte,
daß es nur scheinbar ein Lichtbild war; in Wirklichkeit war die Leinwand
durchsichtig, und die Menschen zogen körperlich dahinter vorbei, es
wurde nun aber höchste Zeit für ihn, an seinen Platz zu kommen, jedoch
hielt Onkel Salomon ihn am Ärmel fest, er erschrak, nein, das war ja der
große Chalybäus, der ihn für irgend etwas zur Rechenschaft ziehen wollte
und immerfort wiederholte: Der Kientopp ist das große Hurra! und das
erschien Georg eine unerhörte Weisheit. Aber ich komme nicht hinein,
schrie er aufgeregt, und zum Donnerwetter, lassen Sie doch meinen Arm
los! Nun spaltete er das finstre Getümmel, daß es krachte, doch wurde es
ein schwarzes Meer von Schultern und beleuchteten Gesichtern, die sich
alle nach ihm umwandten und sagten: Er hats schuld! er hats schuld! Nun
kämpfte er mit den Menschen, sie verdeckten ihm etwas, wollten ihn nicht
durchlassen, er schlug wüst um sich, da lag in einem gläsernen Sarge
Anna in ihrem blaßroten Kleide, das Gesicht zur Seite geneigt, und war
tot. Entsetzen packte Georg, er schluchzte, warf die Hände empor und sah
sie, schaudervoll erschrocken, die sich losgerissen hatten und über ihm
in der grellen Lichtstraße, die gegen die Leinwand strömte, sich
krümmten, riesengroß und kalkbleich, und er erwachte.

Erwachend erschrak er wiederum, denn vor ihm war wirklich eine bleiche
Hand, seine eigene im Schoß, auf die sein Kopf hinabgesunken war.
Verstört sich aufrichtend, bemerkte er, daß die Luft grau war, dann
rasselte es in der Höhe, der Glockenhammer fiel einmal, der Schall
verhallte, -- nach ein paar Sekunden sagte Bogners Stimme: »Halb drei;
es wird Tag ...«

Der Maler lehnte ihm gegenüber mit dem Rücken an der Terrassenbrüstung;
es kam Georg vor, als habe er ihn beobachtet, während er schlief. Der
Maler stopfte seine Pfeife aus dem roten Gummibeutel, gleich darauf
flammte eine Streichholzflamme grell und blendend auf, Georg erhob sich,
fühlte sich zerschlagen, seine eine Wange glühte, ihn fror. Sich
streckend und gähnend, trat er an den Treppenrand und sah, daß die Wiese
im Morgennebel schwamm; nur hoch oben ragten schwarz die Wipfelspitzen
heraus. Ihn fröstelte heftiger, die Lider fielen zu, Bogner stand neben
ihm, streckte ihm die Hand hin und sagte:

»Gratuliere zum neuen Lebensjahre, Prinz!«

Gedankenlos die Hand ergreifend, fragte Georg: »Wieso?« besann sich auf
seinen Geburtstag, dankte und fühlte ein unbegreifliches Schamgefühl in
sich aufsteigen. Zum Umfallen müde, nahm er sich zusammen und sagte
spöttisch verlegen:

»Also fangen wir das neue Jahr mit Schlafen an, Herr Bogner! Guten
Morgen.«

Ferne, heiser, krähte ein Hahn. Einer der Helenenruher Hähne antwortete
nahebei, verschlafen und krächzend. Der Maler ging die Stufen hinunter,
bog aber nicht ab nach rechts, sondern schritt geradeswegs über die
Wiese, in deren Nebelsee er eine schnurgerade, dunkle Furche zog. Ich
glaube, der will baden, murmelte Georg, als die Gestalt im Nebel
verschwand.

Er drehte sich um. Da war der bunte Lampenschirm, aber er leuchtete
nicht mehr, war gedrucktes Zeug mit Farben und türkischen Arabesken,
sehr kalt, erloschen und trocken. Und Georg wandte sich ab von ihm und
ging die Stufen hinunter.

Er fand, daß ein meilenlanger Weg und hundert Treppenstufen bis zu
seinem Zimmer zurückzulegen waren, entkleidete sich irgendwo und
irgendwie, sank in die Kissen und schlief im Augenblick ein, während die
Hähne häufiger und lauter krähten, der Nebel sich verdichtete, die Sonne
heraufstieg, den Nebel wegschmolz, Starenkehlen weckte und auf allen
Wiesen die Grillen, die wieder zu feilen begannen, tausendstimmig und
ununterbrochen.


    Hier enden des ersten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele
                                Stunden.



                             Zweites Buch.
                             Haus Montfort
                                  oder
                        Die Brücken des Herzens


                         Erstes Kapitel: August


                 Renate von Montfort an Magda Chalybäus

                                        Waldhausen bei A., am 29. Juli

Liebste und (vorläufig noch!) Einzige!

Haus Montfort steht in goldenen Lettern über dem Eingang des kleinen
grauen Barockpalastes, in den ich soeben eingezogen bin, -- dreieckige
und jene, in der Mitte zerstückten Bogensimse über den Fenstern,
Erdgeschoß und zwei Stockwerke, kleine Figuren auf dem Dachrand, ein
schmaler Garten davor, ein großer dahinter. In einer halben Stunde soll
gegessen werden, ich habe den Reisestaub abgebadet und sitze, wie ich
der grünen Fliesenwanne entstieg -- das heißt: getrocknet! -- aber
herrlich unbekleidet nieder, um Dir mit fliegender Feder zu sagen, daß
ich Dich liebe und wie und wo ich mich befinde.

Wie und wo? Es kann nur Beides in Einem gelten. Aber wo fang ich an?
Beim Schreibtisch? Er ist schwarz, ein ebenhölzerner Mohr mit
perlmutternen Schloßmäulern. Beim Fenster links neben mir, das -- der
Schreibtisch steht über Eck -- weit offen Julibläue, Sonne, Wipfelgrün
und sanften Wind über meinen Rücken rieseln läßt, so daß die ganze
hellbraune Mähne meines Haars, auf dessen Spitzen ich sitze, sich hinter
mir bauscht, und ach, wie das kitzelt! (Gott behüte, hereinsehn kann
niemand als die Sonne, wir befinden uns im ersten Stock, und kein
Gegenüber ist nirgend!) Oder beim Sofa rechter Hand? Es ist
tiefdunkelblau und von glatter Seidenbespannung mit graden Lehnen. Oder
bei den schilfgrünen Wänden? Oder bei den zwei Tänzen von Hofmann in
weißen Leisten, große, weiße Rechtecke überm Sofa? Oder beim hellgrauen
Teppich am Boden mit erdbeerfarbenen Girlanden? Oder den sonstigen
Möbeln -- grauahorn? Oder bei mir, die außer sich ist -- teils wegen
dieser unverhofften Kleinode um sie herum, teils weil sie soeben von
einem überlebensgroßen, dreiteiligen Kurtisanenspiegel herkam, der mir
Dinge sagte, Dinge ... Solche Spiegel gab es in Genf freilich nicht,
auch in keinem Bacharacher Pastorenhause, und so weiß ich wahrhaftig
erst seit heute richtig, daß ich von oben bis unten so rosig und weiß
bin wie eine einzige Magnolienblüte! Und ferner, daß ich darunter noch
braun bin, braun wie ein Fell vom göttlichen Hauche der Adria -- Magda,
ist es erst vier Tage her, daß wir in ihr herumschwammen? -- und abermal
darunter ganz golden, ja, als wäre ich eine goldene Statue innen, ich
hab es gesehen und kann es beschwören! Und ich weiß, daß ich einen
ganzen Mantel von Haar habe, wie dürres Buchenlaub braun, und daß ich
Augen habe wie Meerwasser und Flammen blau, welche aber -- ohne es grad
heute gesehen zu haben, weiß ichs -- auch blau sein können wie Türkise,
wenn ich die Sonne auf eine gewisse Art durch die Wimpern fallen lasse,
und auch schwarz, nämlich bei elektrischem Licht, und auch grün wie
Wiesen, wenn ich die Sonne grade hineinscheinen lasse, -- Magda, kleine
Schwesterseele, dies ist nun ein Augenblick des Entzückens, wie sie das
Leben mitunter beschert --, wo die Welt so vollkommen scheint wie eine
goldene Kugel, so daß man stundenlang Fangens mit ihr spielen möchte,
und da weiß ich nun wie noch nie, daß ich jung bin und gesund und
gesegnet mit Verstand und unbändig schön, ja unbändig, und voll Kunst
der Schönheit, die ich zu brauchen gedenke, nicht heute noch morgen,
aber in allen großen Lagen des Lebens -- -- es klopft! Mittagessen, und
noch muß ich mich anziehn, und noch schrieb ich kein Wort von der
erstaunlichen Herme dieses Hauses, meinem bisher noch völlig unbekannten
Vetter Josef, aber Geduld, ich komme gleich wieder!

                                                    Eine Stunde später

Siehst Du, Liebste, anstatt daß ich mich, wieder zur Ariadne verwandelt,
in die blaue Himmelshöhle meines Sofas schlafen lege, wende ich mich
wieder zum Papier, heiß wie ich bin von Sommerwärme, von ein ganz wenig
Bacchus, und von meines Vetters Josef überwältigender Erscheinung.
(Beiläufig, Du erinnerst Dich vermutlich, daß mein Papa, bis zum Tode
seines Vaters vor ein paar Jahren, ausgeschlossen war aus seinem Hause,
daß ich also Onkel Augustin nur vor einem Jahre, bei Papas Begräbnis
einmal sah und damals auch Vetter Erasmus; Josef war damals auf Reisen.)
Nun -- Du kennst Onkel Augustin, rosige und weißhaarige Miniatüre in
goldener Brilleneinfassung; denke sie weg, denke sie weit weg ins
Imaginäre, wenn Du eine Vorstellung von seinem Sohne Josef bekommen
willst, Josef, dem großen Hexenmeister -- ja höre!

Josef, von seinem Vater beauftragt, einen Trinkspruch auf mich oder ein
Teil von mir zu erdichten, dachte nicht erst nach, strich mit flacher
Hand -- seine Geste -- übers ganze Gesicht hinunter bis zur Oberlippe,
so daß es darunter hervorkam, unkenntlich verwandelt zur bleichen Maske
mit runden, nachdenklich mich anstaunenden Augen, worauf er diese ganze
Maske wegschleuderte, um, triumphierend er selber, zu sprechen:

   Dies Auge -- unbestritten --
   Ist geschnitten --
   Aus dunklem -- blauen --
   Klaren Nordseewogenhügel -- --
   Seele blitzt heraus, zu schauen
   Tief im Spiegel,
   Wie geschwungner Möwenflügel -- --
   In kristallner Wasserfrische
   Tummeln sich phantastsche Fische,
   Ziehn beschattet, ziehn in Scharen
   Tiefer -- nach dem Wunderbaren ...

Ei ja, herrlich, nicht wahr? Aber es ist noch keineswegs alles! Denn da
ich -- Notzeichen fürcht ich von mir gebend wie ein brennendes Schiff
auf hoher See -- ihn bat, mir diese Verse aufzuschreiben, so schrieb er
sie -- wir saßen zu dritt am runden Speisetisch auf der Veranda --
zwischen sich und mich auf das weiße Tafeltuch mit leichtester Hand, und
dann malte er zwei Fabeltiere herum, Delphine, unterhalb zusammenstoßend
mit dicken Köpfen, links und rechts nach oben steigend mit den
verjüngten, glatten Leibern, mit tief gespaltener Schwanzflosse, und nun
auf einmal war das Ganze, durchspannt von dünnen Verszeilen -- eine
Leier ...

Hierzu aber, hierzu denke ihn, Gesicht und Gestalt, freilich von
keineswegs arionischer Zartheit, vielmehr: Groß, so groß wie alle Männer
sein sollten, dann wäre es ein Geschlecht! doch dies beiläufig, --
ferner: breit in den Schultern, groß auch von Gesicht, die Haut
bräunlich, der ganze Ausdruck sehr beeinflußt von einer kleinen
schwarzen Bartfliege am Kinn -- schwarzes, kräftig gelocktes Haar -- so
wie Feuerbachs, an den auch die Bartfliege erinnert -- schräge, breite
Stirn, nach oben geschwungene Brauen, Nase von der Seite krumm, Augen
schwarzbräunlich, nicht eben groß und so erstaunlich weit voneinander
gesetzt, daß es mitunter scheint, als blickte jedes allein dich an, --
Nachtmaren und dergleichen müssen solche Augen haben, -- der Mund ein
wenig zu breit, die Lippen geschwungen dünnschalig, beim Sprechen leicht
sich vorwölbend und krümmend wie die halb offen aufeinander liegenden
Ränder einer Muschel. Und dazu Haltung und Gebärden, die sich kaum
abschildern lassen, aber jedenfalls: unendlich gepflegt, leicht
herablassend, immer gebändigt, ruhig, überaus ruhig, auch die verhaltene
Stimme, übrigens verwegen; nicht prahlerisch -- und doch prahlerisch;
ohne eine Spur von Roheit und ohne eine Spur von Herz, -- alles in
allem: Alcibiades, wie er leibt und lebt! Wer hätte gedacht, ihm hier zu
begegnen im norddeutschen Altenrepen, zweihunderttausend norddeutsche
Einwohner, Häuser rot, gelb und allesamt rußig von Hunderten von
Fabriken im Westen, übrigens eine muntere, betriebsame Stadt, aber
norddeutsch ganz und gar, so daß mein ganzes mütterlich rheinisches Blut
und der Rest vom französischen sich kräftig bemerkbar macht, um so mehr
angesichts dieses üppigen Josef. Denn es ist sehr wundervoll und
tröstlich, einmal einen Menschen zu sehn, der in seiner ganzen Gestalt
hin _lebt_, wie man die Griechen sich gelebt haben denkt, oder die
Heroen, Hektor, oder Pentheus oder Perseus, -- der eine gewisse Angst
einzuflößen imstande ist, die schöne Angst des Meeres oder der
Stromschnellen, den Schwindel nur reißend sich verströmenden Lebens, der
es, was mich anbelangt, freilich an sich hat, mich so sicher und kühl
aufrauschen zu lassen wie einen Zederbaum.

Noch fällt mir ein: erinnerst Du Dich aus meiner Monographie einer
Studienzeichnung Feuerbachs, eigentlich wohl nur Gewandstudie: eine
stehende Iphigenie in sinnender Haltung? Josef und sein Vater schworen,
ich sei gemeint, die sinnende Haltung jedenfalls, -- na, Du weißt
vielleicht besser als ich, ob ich es liebe, so dazustehn, die rechte
Hand am Kinn, den Ellbogen in der Linken, und so schreibe ich es Dir --
weshalb? Ach, weshalb! -- Zwei ganze Bogen sind voll, ich muß den Rand
zu Hülfe nehmen, um Dir -- trotzdem aus innerstem Herzen -- tausend
innige Grüße zu sagen. Leb wohl, leb wohl! Vier Stunden von Dir getrennt
und doch heitern Herzens, o pfui! Schreibe gleich! Vom Vater, von Georg,
Herzog und Herzogin, Kühe, Hühner, Schweine, alles. In Liebe

                                                                Renate


                            Renate an Magda

                                             (Telegramm auf 5. August)

Liebste, ich bin sehr beunruhigt durch Dein Schweigen, bitte
telegraphiere gleich. Liebevoll besorgt

                                                                Renate


                            Magda an Renate

                                              (Telegramm am 5. August)

Brief unterwegs

                                                                 Magda


                            Renate an Magda

                                                             5. August

Nun, Mädchen, was hat dies zu bedeuten? Acht Tage kein Brief, kein
Zeichen, ich verzehre mich in Ahnungslosigkeit und Ungeduld, ich
telegraphiere und bekomme diese Antwort? Ich hüte mich zu fragen, warte
geduldig oder ungeduldig auf den versprochenen Brief und begnüge mich
mit der kümmerlichen Versicherung meines innigsten Gedenkens! Ach, wäre
nur der Brief schon da! Anbei schicke ich Dir die Zeilen, die ich vor
ein paar Tagen für Dich schrieb, gebe Gott, daß Du sie wieder sichern
Herzens lesen kannst! In unendlicher Liebe und Sorge Deine

                                                                Renate

                                                            Am 2. Aug.

Liebste und -- trotz Josefs immer noch Einzige!

Nun muß ich Dir vom Schönsten schreiben. Zuvor aber muß ich versuchen,
Dir die Wohnung und alles Drumherum zu schildern. Male mir ebenso
Helenenruh, ich erwarte es gewiß; Deine Erzählungen -- ich merke jetzt
erst, welche unbestimmte Vorstellungen sie ergeben haben, wo ich Dich in
der Ferne suche und nichts sehe als Meer und Wiesen, und nicht weiß, ob,
was ich in der Ferne gewahre, eine weiße Kuh ist oder dein weißes Kleid,
und warum nicht weiße Kuh? Sie haben den Vorzug der Seltenheit, und ich
kann mir kaum Schöneres vorstellen als Io, die jungfräuliche Geliebte
des Zeus.

Meine Zimmer kennst Du, -- das heißt, das Schlafzimmer ist weiß, sieht
wenigstens so aus, da die weiße Decke fast ein Drittel Wandhöhe
herabgezogen ist; die Bespannung ist hellgrauer Seidenstoff mit
einzelnen, silbernen, dünn- und langstieligen Mohnblumen, die Schränke
grauer Ahorn mit Perlmutter, Spiegel weiß und das Bett -- Himmel, das
Bett ist ja kein Bett, sondern eine flache und in die Länge gezogene
Muschel mit welligem Rand, von dunkelbraunem Mahagoni und ruhend auf
goldnen Delphinen; das sieht nach Empire aus, aber da man dergleichen
früher denn doch nicht machte, verdächtige ich Josef ... Von hoch oben
darüber fällt im Dreieck ein Sturz von wasserblauem und weißem Flor, --
nie sahst Du so Kühles! -- Dazu gehört noch ein Badezimmer mit
Fliesenwanne im Boden, in die Stufen hinabführen -- o Allermädchentraum!
-- Das ganze Haus wurde in den achtziger Jahren gebaut und eingerichtet,
und da das Kunstgewerbe damals auf gichtischen Beinen stand, war Onkel
Augustin fein genug, um ein entzückendes Durcheinander von Empire,
Biedermeier und ein wenig Régence herzustellen, das sich nicht näher
beschreiben läßt. In der Mitte ist eine große Halle mit Kamin, im Sommer
düster, da die große Veranda davor -- mit breiter Treppe zum Garten --
rundum von wildem Weinlaub zugewachsen und auch davon bedacht ist. Vor
der Veranda ist ein schöner, großer Rasenplatz mit einer sandsteinernen
Sonnenuhr nicht weit von der Treppe, rundum dichte Gebüsche und allerlei
Bäume, lustig anzusehn. Ein Zaun trennt unsern Garten von dem hintern
Teil eines großen Bier- und Kaffeegartens, der nach einem alten
Festungsturm, der noch zu sehn, der Döhrenerturm heißt und links sich
ins Freie senkt in Gestalt einer Wiese, die auf unsrer Seite von einem
Wässerlein, gegenüber von einem schönen alten Friedhof mit seiner
türmchengekrönten Mauer begrenzt ist. Zwischen beiden, nämlich Bach und
Kirchhofsmauer, ist ein Zaun ausgespannt, und von da aus strecken sich
weite, weite Wiesen, die »Maschwiesen« heißen, und ganz hinten sieht man
Eisenbahnbrücken und noch ferner die Türme und die Fabrikschornsteine
und den Rauch von Altenrepen.

Und nun höre das Einzige! Am Nachmittag nach meiner Ankunft führten
Onkel und Vetter Josef mich im Garten herum, und auf einmal standen wir
vor einem altertümlichen Gebäude, einer Kapelle mit drei hohen gotischen
Fenstern. Da zog der Onkel einen zierlichen Schlüssel aus der Tasche,
übergab ihn mir mit Feierlichkeit und dem Bemerken, dies sei mein
Allerheiligstes, das er für mich erbaut habe. Gott, flogen mir die
Hände, ich glaubte schon zu ahnen, ich schloß auf, so gut ich konnte,
und richtig! Es war eine Orgel!

Kind! Liebstes! Magda! Mädel! Eine Orgel! Denke nur, eine richtige,
große, herrliche Orgel, und ein wundervolles Instrument. Ach, es ist
doch zu wunderschön, wenn man eine Art Nabob ist!

Und ist es nicht rührend von meinem Onkel? Nun siehst Du, wie schlecht
ich gewesen bin, wieviel ich ihm abzubitten habe, denn Du erinnerst Dich
gewiß, wie böse ich war damals, als er mich gleich nach Papas Tode in
eine Pension steckte, weil ich mir schon viel zu alt und erwachsen und
gelehrt vorkam und auch gedacht hatte, nicht grade unter ganz fremde
Menschen mit meinem Schmerz gehn zu müssen. Daß Onkel seine Gründe haben
müsse, daß er viel zu viel zu tun hat, um sich um meine Ausbildung
kümmern zu können, daß es besser für mich war, den Schmerz
zurückzudrängen und im Innern rein und schön zu erhalten, daran dachte
meine damals siebzehneinhalbjährige Erwachsenheit natürlich nicht. Er
aber, der doch in den paar Tagen beim Begräbnis eigentlich nichts an mir
entdecken konnte als ein verweintes, unbedarftes Pastorentöchterlein,
hat sich mein bißchen Orgelspiel auf meiner lieben alten, heisern
Dorforgel so zu Herzen genommen, daß er, anstatt sich ein Landgut oder
ein Automobil zu kaufen, ein geradezu unchristliches Geld für eine Orgel
zum Fenster hinauswirft.

Also mein Entzücken! Natürlich war ich den ganzen Tag nicht aus der
Kapelle zu bringen, nachdem ich unter reichlichen Tränen mit Papas
Lieblingslied »Mein gläubiges Herze, frohlocke, sing, scherze« begonnen
hatte. Außerdem besitzt Josef unter seinen vielen Talenten auch das, ein
musikalisches Genie zu sein, das heißt, er spielt Klavier, Geige und
Cello gleichmäßig, wenn auch nicht gleichmäßig gut. Herrlich ist nur
sein Vortrag, aber die Läufe kommen meist gewischt oder so
andeutungsvoll, bloß Triller kann er schlagen wie eine Lerche. Immerhin
brachte er die große Cellosonate, die ich gleich aufs Tapet legte, mit
Anstand zu Ende.


                            Magda an Renate

                                              Helenenruh, am 5. August

Meine einzige Renate!

Warum ich so lange geschwiegen habe, höre ich Dich schon lange fragen;
-- ich war krank. Ja, sechs Tage hab ich gelegen und recht gelitten. Es
kam grade an dem Tage, wo ich Dir schreiben wollte, daher das lange
Schweigen. O bitte, erschrick nicht, es ist nun alles vorüber und still
geworden. Aber Geduld mußt Du haben und lange zuhören, ich habe Dir
soviel zu sagen -- und auch zu fragen. Am liebsten wäre ich ja zu Dir
gefahren, aber ich kann hier nicht fort, Du sollst gleich hören,
weshalb.

Ja, nun ist es doch eingetroffen -- nein, so kann ich nicht anfangen,
also von vorn. Nein, eine Frage muß ich gleich erst noch an Dich
richten: Kennst Du oder Deine Familie in Altenrepen die Familie eines
Sanitätsrats Bogner? Ein Sohn von ihnen muß schon vor langer Zeit sein
Vaterhaus verlassen haben, um Maler zu werden. Du mußt mich nicht
auslachen, ich weiß, wie groß Altenrepen ist, aber es wäre doch möglich,
daß Du sie kennst, und ich habe das Gefühl, als könnte es mich trösten,
wenn Du -- nein, nun will ich anfangen.

Einen Tag nach meiner Ankunft hier bekam der Herzog Besuch von einem
Maler Benvenuto Bogner. Ach, Renate, der würde Dir gewiß gefallen, und
Ihr würdet Freunde werden, wenn Ihr Euch kenntet. Ich bin ja solch ein
unbedeutendes Wesen. Man meint, wenn man ihn reden hört, das, was er
sagt, sei gewiß das Letzte, was man über eine Sache sagen kann. Ach, und
dann hat er uns etwas aus seinem Leben erzählt -- aber das kann ich
nicht wiedergeben. Ich habe aber gleich solches Zutrauen zu ihm
gewonnen, daß ich -- ach Gott, wovon rede ich?

Eben habe ich ein Weilchen am Fenster gestanden und die Stare im
Obstgarten beobachtet; sie machen einen furchtbaren Lärm. Gott, wer bald
mit ihnen fliegen könnte, wie Däumelinchen auf der Schwalbe, weißt Du?
nach Süden, nach Altenrepen. Ach, Du weißt ja noch gar nicht, daß ich
geflogen bin, richtig geflogen, mit einem Flugapparat, den der Herzog
erfunden hat. Es war ganz sicher, o ein Riesentier wars, und das ging!!
Nein, ich kanns nicht beschreiben, wärst Du mit gewesen! Und denke Dir
nur, unser schwarzer Schwan -- ach Gott!

Nun merkst Du schon, daß ich Angst habe. Ich komme und komme nicht dazu,
Dir das zu schreiben, was ich will. Wenn ich nur nicht wieder einen
Weinkrampf bekomme. Ja, Rena, acht Tage habe ich immerlos geweint und
geweint, ich bin ganz entstellt. Als Kind hab ichs schon mal gehabt --
nein, nun mußt Du Dich ja schrecklich sorgen bei meinen fortwährenden
Andeutungen.

Der Maler war mit einem Bekannten gekommen, der sich aber nicht sehn
ließ; er hatte ihn auch eigentlich nicht mitbringen wollen, denn er war
gemütskrank, wie wir später hörten, aber Du weißt ja, wie gastfreundlich
unser Herzog ist. Nun waren Georg und ich nach dem Frühstück ans Meer
geritten, und als wir zurückkehrten, ich weiß nicht, wie es kam, war ich
weit vorauf, und ob ich schon unruhig wurde, oder -- jedenfalls fing ich
auf einmal an zu galoppieren, durch das Wäldchen nach dem Weiher
(vielleicht erinnerst Du Dich nach meinen Beschreibungen), und dadrin
schwamm ein Mensch. Nun ging alles so furchtbar schnell, daß ichs kaum
noch weiß, Rottraut flog ganz von selber in den See hinein, und ich
kriegte einen Ärmel zu fassen und schrie, und dann kam auch Georg, und
so brachten wir ihn ans Land. Er lebte und ist leben geblieben, und der
Maler, der dazu kam, erkannte seinen Bekannten. Er heißt sonderbar,
nämlich: Jason al Manach, und er ist auch aus Altenrepen.

Renate, weißt Du, was das bedeutet? Denkst Du noch an die Zigeunerin in
Ayres-au-Mont? An die Prophezeiung? O lächle nicht, es tut mir so weh,
wenn Du lächelst, Du weißt ja nicht, was noch alles kam.

Verzeih, siehst Du, da sind die Tränen wieder, sie laufen so von selbst,
aber ich muß jetzt weiterschreiben, ich habe ja niemanden auf der Welt
als Dich.

Das Wasser hat erst nicht geschadet, es war ja so warm, ich hab mich nur
umziehn brauchen. Nur Deine schöne Stickerei ist hin; ich hatte die
Bluse an mit dem Kreuzstichmuster, das ich Dir abgebettelt hatte; der
eine Ärmelbesatz ist zerrissen, ich weiß nicht, wie es gekommen ist. Am
andern Tage war dann die Erkältung da. --

Von dem, was noch am Tage passierte, kann ich weiter nichts sagen. Daß
ich geflogen bin, weißt Du, es war nachmittags. Ich war so in Erregung,
und alles war so seltsam, ein Gewitter gab es -- es geht mir jetzt alles
durchhin, und es ist ja auch gleichgültig. Nur von Artaxerxes muß ich
noch schreiben. Er ist nämlich aufgeflogen, als ich in den See
hineinplantschte. Später, beim Gewitter, kreiste er noch über Helenenruh
und schrie dabei, und es war so sonderbar, als ob irgendein Zusammenhang
zwischen mir und ihm -- -- ach, liebe Renate, Du mußt Dich nicht
wundern, daß ich so verrückte Sachen denke, es ist alles in mir so
verstört, die ganze Welt ist anders geworden. Und der Schwan ist doch
nicht fortgeflogen, und das war sein Unglück, denn als wir über das
Wäldchen flogen, wurde er von der Schraube getroffen, brach einen Flügel
und stürzte hinunter. Wie schrecklich, nicht, Renate? Nun konnte er
fliegen, und da warfen wir ihn wieder hinunter. Papa hat ihn richtig
erschießen wollen, weil er sich doch nur quälen müßte, und Papa ist ja
so, -- aber Georg -- ich hatte ihn gebeten -- hat es erreicht, daß er
leben bleiben durfte, und er scheint sich wieder zu erholen, und
verhungern wird er schon nicht.

Ich kann nicht mehr schreiben. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht.

                                                             6. August

Und nun wurde es Abend. Georg und ich gingen noch einmal an das Meer.
Vor Dunkelwerden kamen wir in die Gegend von Lüdersens Deich und der
Windmühle, die dort steht, und wir hatten grade den Maler getroffen, da
ereignete sich das Schreckliche. In der Nähe der Mühle, auf dem Weg von
Helenenruh erschien auf einmal al Manach, der den ganzen Tag im Bett
gelegen hatte, er machte ganz wahnsinnige Gebärden, und dann stürzte er
sich auf die Mühle zu, es war ganz klar, daß er in die Flügel
hineinlaufen wollte, um sich umzubringen, und Bogner lief gleich hin,
wäre aber viel zu spät gekommen, und da habe ich Georg sein Teschin
weggenommen und habe al Manach in die Beine geschossen -- o, ich kann
schießen! -- und dicht vor den Flügeln ist er zusammengebrochen. Da bin
ich ohnmächtig geworden.

Und doch, doch, eh ich anlegte, und so schnell alles wieder ging, hörte
ich deutlich eine Stimme in mir rufen: Tus nicht, es ist das zweite Mal!
Aber da ging der Schuß los. Geschadet hat er nicht viel, es war ja
Schrot. Und siehst Du, am folgenden Tage sagte Papa immer, es wäre doch
hahnebüchen, einem lebendigen Menschen eine ganze Schrotladung in die
Beine zu geben, und das war so komisch, daß ich furchtbar an zu lachen
fing; ich konnte gar nicht aufhören, und dann ist ein Weinkrampf draus
geworden. Nun ist es endlich still.

Tausend, tausend Dinge hätt ich Dir noch zu sagen, aber ich komme nicht
weiter, und Du verstehst ja auch alles. O die Gedanken, die Gedanken! Es
muß noch stiller, viel stiller werden. Schreibe mir bald und viel und
von Dir! Vergieb, daß ich gar nicht nach Dir und den Deinen fragte, aber
was Du schriebst, überstrahlt ja alle Fragen. Davon mußt Du mir mehr
erzählen, und es wird mich mehr beruhigen als alles andere. Tausend
innige Gutenachtküsse von Deiner

                                                                 Magda


                             Magda an Georg

                                                 Helenenruh, 7. August

Liebster Georg!

Für Deine lieben, lieben Zeilen sei tausendmal bedankt! Ja, ich bin ganz
wiederhergestellt, nur noch ein wenig schwach, aber das wird bald
vorübergehn. Nein, ich schelte nicht, daß Du das Bild gestohlen hast,
Papa hat es bei meinem Kranksein wohl gar nicht gemerkt, gesagt hat er
jedenfalls nichts, und ich habe ihm jetzt ein andres aus demselben
Dutzend hingestellt. Behalte es lieb, mein Bild, Du mußt Dich nicht
wundern, daß ich das sage, denn, mein lieber Junge, Du darfst mir nicht
mehr schreiben, und ich werde es auch nicht tun. Papa würde es nicht
gern sehn -- aber das ist freilich nicht der Grund.

O Georg, zürne mir nicht, wenn ich Dir jetzt kalt und herzlos scheine!
Glaube immer, daß ich Dich lieb habe, daß ich keinen Menschen in der
Welt so liebe wie Dich, aber Du darfst nicht mehr an mich denken. Nein,
schreibe mir nicht, frage nicht, sei still, o versuche so still zu sein,
wie ich es werden muß, damit ich das Leben ertragen kann, -- auch wenn
Du mich nicht verstehen kannst. Dir wird es ja gewiß auch leichter
fallen, Du bist unter den vielen Menschen und siehst soviel und erlebst
soviel, was mehr Raum in Deinem Leben beansprucht, was Du auch mehr
brauchst und was Dir viel mehr geben wird, als ein kleines, armes
Mädchen, wie ich, Dir geben kann, und -- und das Beste hast Du ja schon
bekommen.

Nein, Georg, Du darfst nicht fragen. Du würdest mich nicht verstehn, was
nützt es, Dir zu sagen, daß es mit der Prophezeiung zusammenhängt. Du
würdest versuchen, mir solche Gedanken auszureden, und das, siehst Du,
das würde mir doch weh tun. Tragen helfen kannst Du mir doch nicht, ich
würde Dir nur eine Last sein, das kann auch kein andrer Mensch, ich muß
es ganz allein versuchen. O lieber Georg, ich muß manchmal denken, wie
gut es ist, daß wir uns so fremd sind. Als ich zu Bett lag, hab ich das
immer denken müssen. Es klingt vielleicht sonderbar, daß ich mit meinen
siebzehn Jahren das sage, aber die Gedanken sind wohl da und kümmern
sich nicht viel darum, von wem sie gedacht werden. Du weißt ja auch
nicht, was ich in dieser letzten Zeit erlebt habe. Mir ist, als wäre ich
viele Jahre älter geworden, und Du bist jung und hast unendlich viel
Schönes vor Dir. Ich aber, Georg, ich darf an nichts mehr denken. O es
war schön, als wir zwei auf dem Deich standen! Die Sonne sank, und der
Mond kam herauf, wie die beiden Eimer in einem Brunnen, und mir war, als
stünden wir am Rande der Welt, als wären wir weit aus dem Leben
herausgetreten. Und siehst Du, Liebster, nur Du bist wieder
zurückgegangen, ich bin draußen geblieben. Ich muß nun alles mit andern
Augen ansehn, mir ist, als gehörte ich nicht mehr dazu, und wenn ich
auch noch eine kleine Weile unter den Andern zu sein scheine, so bin ich
es doch nicht mehr. Ich habe vielleicht noch ein wenig zu tun ... da ist
der arme al Manach, der recht krank geworden ist und gepflegt sein will,
das muß ich doch nun verantworten. Du bist gesund und jung und stark und
kannst allein gehn und Dich wehren; ich muß mich nach denen umsehn, die
leiden und traurig sind, die alles verstehn und alles kennen und nur
Schlimmes erfahren haben.

Ach, laß mich aufhören, ich finde die Worte nicht! Mein Bild sollst Du
liebbehalten und zuweilen ansehn, so als wäre ich gestorben, weißt Du,
und das will ich auch sein für Dich. Nun geh, mein lieber, lieber Junge,
vielleicht wirst Du mich einmal verstehn und nicht mehr mit Kummer
denken an Deine Dich immer, immer liebende

                                                                  Anna

Und nicht schreiben, nicht antworten, wenn Du mich lieb hast!


                            Renate an Magda

                                              Altenrepen, am 9. August

Mein gutes Mädchen,

daß ich alles verstehe, daß und wie sehr ich mit Dir fühle und leide,
das braucht Dir Deine Renate nicht erst zu versichern, denn das hast Du
schon gespürt, als Du mir schriebst, nicht wahr? Es schmerzt mich sehr,
daß ich nicht bei Dir sein kann, ich werde auch ganz gewiß versuchen,
mich auf ein paar Tage loszumachen, aber Onkel hat in meiner Erwartung
bereits die Haushälterin entlassen, und nun habe ich das ganze Haus um
die Ohren. Dazu erwarten wir jeden Tag meinen Vetter Erasmus aus Marburg
-- es tut mir so schrecklich leid! Denn ich weiß ja, wie wenig mit dem
Schreiben getan ist. Wenn man trösten will, macht das Papier alles kalt,
und die Worte sinds ja auch nicht, ich müßte Dich ansehn, und Du müßtest
mir glauben.

Ich stelle mir Deine Gedanken vor -- denn wir müssen doch versuchen,
tapfer zu sein, und der Sache ins Auge sehn -- und versuche, zu denken
wie Du. Nun schreibst Du von Eurem Schwan, der sich den Flügel gebrochen
habe und erschossen werden sollte, Du aber hast für sein Leben gebeten
und es auch erhalten. Ja, hör mal, was heißt das anders, als daß Deine
Prophezeiung schon ganz erfüllt ist, nur die letzte Folgerung, die sich
auf Dich selbst bezieht, die ist ausgeblieben. Nein, Kind, Du darfst
durchaus nicht glauben, daß ich die Sache so ins Leichte und
Oberflächliche ziehn will. Sieh mal, es kann doch für vernünftige
Menschen (und das sind wir doch!) nur zwei Möglichkeiten geben. Entweder
man glaubt nicht daran und sieht alles für Zufall an -- nun, dann gehört
auch der Schwan dazu, und die Prophezeiung war eben gelogen. Oder man
glaubt, und ich selbst bin weit entfernt davon, irgendwelche
Zusammenhänge zu leugnen, für die uns vielleicht nur ein Gefühl abgeht,
das andre Menschen, wie die Zigeunerin, doch haben können. Oder also,
man glaubt daran, ganz ernsthaft und überzeugt -- dann gehört wieder der
Schwan dazu, denn dann ist nichts geringfügig, ein Tier ist so gut wie
ein Mensch. Und kennen wir nicht aus der Schule eine Menge Weissagungen
und Orakel, die eintrafen, aber in einem ganz andern Sinne, als sie
aufgenommen wurden? Wie war doch das mit Xerxes, oder wie er hieß, dem
geweissagt wurde, er würde ein großes Reich zerstören, wenn er über
einen gewissen Fluß ginge, und hernach wars sein eignes Reich, das er
zerstörte. -- Du wirst es genauer wissen, Du hattest ja immer ein Faible
für Geschichte.

Liebling! Mein Vater sagte bei jeder Gelegenheit, wo es paßte, das Beste
in der ganzen Welt wäre die Logik. Ich lasse das dahingestellt sein,
habe aber jedenfalls versucht, der Sache auf möglichst natürliche Weise
auf den Grund zu kommen. Du siehst, was herauskam: es ist eingetroffen
und ist nicht eingetroffen. Da ich beinah anderthalb Jahre älter bin als
Du, so habe ich natürlich recht. Das Rechthaben allein nützt freilich
nichts, aber sollte ich Dich nicht ein bißchen überzeugt haben?

Vorläufig bitte ich Dich, über das, was ich sagte, hübsch weise
nachzudenken. Du bist immer ein braves Kind gewesen und folgsam, und
damit Dirs leichter wird, schicke ich Dir ein sehr ehrbares Bild von
mir, das Onkel Augustin gleich nach meiner Ankunft hat machen lassen.
Das mußt Du fleißig dabei ansehn.

Nun zur Beantwortung Deiner Fragen. Über eine Familie al Manach gibt der
Adreßkalender (verzeih das Wortspiel, ich lerne so was von Onkel, der
freilich mit etwas feinerem Witz begabt ist als ich) keine Auskunft. Den
Sanitätsrat Bogner habe ich nicht nur im Adreßbuch gefunden (er wohnt
übrigens in Waldhausen wie wir, zwei Straßen von uns), sondern auch von
zwei Menschen etwas über ihn gehört, von Onkel und noch jemand (davon
gleich!). Onkel erinnerte sich, daß Dein entlaufener Maler mit meinem
Vetter Erasmus in die Schule gegangen ist, er schien auch mehr zu
wissen, sagte aber nichts. Der alte Bogner übt übrigens, wie ich
erfahren habe, keine Praxis mehr aus, er leidet selbst an den Augen und
droht zu erblinden, das sag nur Deinem Maler. Und nun muß ich Dir von
einer kleinen Freundin erzählen, die ich schon bekommen habe. Wirst Du
auch eifersüchtig?

Am Abend hatte ich mich noch mal zu meiner Orgel geschlichen und so
recht in Phantasien und Wehmut geschwelgt und war, als ich noch ganz
fromm und trübe zurückging, in den Gemüsegarten geraten, da sehe ich
über den Zaun aus dem Nachbargarten zwei unmenschlich große Kinderaugen
auf mich gerichtet. Kinderaugen, dachte ich erst, aber das kleine Wesen
ist schon achtzehn Jahr alt, wie ich nun weiß, und ziemlich groß, auch
entzückend ausgewachsen; es trägt aber die Haare kurzgeschnitten, wie
Deine Herzogin, aber in den reizendsten rotgoldenen Löckchen, und ein
Gesichtlein saß darin, nein, so etwas Liebliches, Ängstliches und so
etwas von Verweintheit -- kannst Du Ärmste gewiß sehn, wenn Du in den
Spiegel schaust, aber das mußt Du nicht. Das tat nun gleich ein
zitterndes Mündlein auf und sagte recht innig und freundlich aus seinem
grünen Buschwerk heraus: »Ach verzeihen Sie nur, haben Sie eben so
wunderschön gespielt?« Ich bekannte mich dazu, und da hat mich die
Kleine gebeten, zuweilen so am Zaun stehn zu dürfen und zuzuhören. Gott,
diese Unschuld, die sogar um Erlaubnis bittet, nassauern zu dürfen. Eh
ich dann noch weiter mit ihr reden konnte, war sie entwischt, und ich
sah nur noch, daß sie ein sehr schlecht sitzendes schwarzes Kleid und
statt eines Gürtels einen -- Rosenkranz trug, dessen Kreuz ihr nachflog.
-- Ein paar Tage später fiel mir mitten im Üben ein, die Kleine möchte
wieder am Zaun stehn, ich brach sofort ab, lief hin, und richtig, da
stand sie, hatte ihren Rosenkranz in der Hand und sah wie eine kleine
Heilige aus. Da half nun kein Widerstreben, ich nahm einen Gartenstuhl,
schwang ihn über den Zaun zu ihr hinüber und befahl ihr bei Todesstrafe,
zu mir herüberzuklettern, und siehe da, sie machte es viel geschickter
und natürlicher, als ich gedacht hätte.

Nun scheint es einmal so, daß ich für alle Menschen die Beichtmutter
abgeben muß, in der Pension kamen sie ja auch immer alle zu mir. Die
Kleine jedenfalls schmolz zu Tränen in meinem Schoß und flehte mich
himmelhoch an, ich sollte ihr helfen, ihr raten, sie könnte das Leben
nicht ertragen.

Sie heißt Irene von Herzbruch, aber die Geschichte erzähle ich Dir ein
andermal, mein Herzekind, heut nur noch eins. Wie ich jetzt aus Deinem
Briefe sehe, war es zu derselben Stunde, wo sich die Kleine bei mir
ausweinte und mich auch ein wenig getröstet und hoffnungsvoll verließ,
daß Du meiner bedurft hättest und gewiß an mich gedacht hast. Nun siehst
Du, sollte es Dich nicht ein wenig freuen können, daß die kleine Irene
das bekommen hat, was Dir fehlte? Ich denke wenigstens, so gleicht sich
alles ein wenig aus. Ahnen könnte man ja freilich immer, daß es so ist,
aber das gilt nicht viel, und hier kannst Dus einmal wissen. Ich habe es
Irene schon gesagt, und sie schickt Dir einen schönen Gruß, und sie
hätte es an Deiner Statt angenommen, wenn Du es erlaubtest. Erlaubst Du?

Nun genug, mein Liebling, Du mußt ja diesen Brief morgen noch haben.
Schreibe bald, wie es Dir geht, versuche bitte! ich weiß, wie schwer es
ist, aber versuche, das Heilsame zu denken und nicht das Giftige! Ich
spiele die Orgel für Dich, mein Kind, und habe Dich von ganzem Herzen
lieber als alle Andern!

                                                          Deine Renate

Es kommt ein Nachwort: Vergiß nicht, mir von Deinem Prinzen zu
schreiben, er scheint ja gar nicht vorhanden zu sein. Übrigens muß ich
Dir ja noch sagen, daß mir Irene erzählt hat, sie habe als kleines
Mädchen mit einer Schwester Deines Malers gespielt, die aber schon früh
gestorben ist. Er war damals schon davongelaufen.


                            Magda an Renate

                                                            20. August

Ach, Renate, Du hast gewiß recht, wenn Du sagst, daß er auf und davon
gegangen ist, und so wird es damals auch gewesen sein, aber es ist doch
nicht das rechte Wort. Und wenn er seinen Eltern damit auch Schlimmes
angetan hat, so hat er dafür auch jahrelang das Schlimmste erduldet,
Hunger und alle Entbehrungen und dann die Verlassenheit und tausend
Zweifel, und die Sorge, ob er auch das Rechte tat, und keine
Anerkennung, nicht einmal bei sich selber. Und sie hatten doch auch noch
andre Kinder. Du mußt nicht denken, daß er sich dessen nun rühmt oder
überhaupt davon spricht, aber man sieht ihm an, was er gelitten hat, und
woher die Ruhe stammt, die jetzt in ihm wohnt. Nicht an seinem grauen
Haar und nicht an den hundert Falten um seine Augen, sondern, so
sonderbar das klingen mag, an seinem Lächeln. Hast Du einmal beobachtet,
wie Menschen lächeln? Wie Du selbst lächelst, wenn Du liebenswürdig sein
willst? Dann hebst Du die Oberlippe, daß man die Zähne sieht, und ziehst
die Augen zusammen. Bei ihm aber kommt es ganz von innen, die Mundwinkel
bewegen sich kaum, aber in den Augen fängt es förmlich an zu rieseln, es
ist ganz unbeschreiblich. Das sieht freilich nicht jeder, Papa zum
Beispiel sprach neulich von seinem »malitiösen Lächeln«, das kommt eben,
weil er nur die Mundwinkel gesehn hat. Ich habe auch gewagt, ihn zu
fragen, wie er nun jetzt über sein Davonlaufen denkt (Du mußt wissen:
der Herzog und Georg sind Anfang des Monats abgereist, Georg macht die
Aufsichtsreise seines Vaters mit, die er in jedem Jahr um diese Zeit
unternimmt, und wird dann nach München gehn, um Nationalökonomie zu
studieren; der Maler aber und al Manach sind hier geblieben, der Herzog
hat sie gebeten, seine Gäste zu sein, solange es ihnen gefällt, und
Bogner will jetzt die Herzogin malen). Also, da lächelte er so, wie ich
es eben beschrieb, und sagte: Kein Mensch könne bei irgend etwas, das er
tue, ganz abmessen, welche Wirkung es haben würde, und am wenigsten die
Wirkung auf sich selbst, und er habe damals, als er sich zum Davonlaufen
entschloß, nur mit einer Abwesenheit von ein paar Jahren gerechnet. So
schnell, sagte er, dachte ich damals ein fertiger Mensch zu werden, aber
nun habe ich freilich nur gelernt einzusehn, daß ich tausend Jahre alt
werden kann, um das zu erreichen. -- Ja, Renate, ich glaube, man wird
hart bei solchem Leben, hart, wenn man auf sich allein angewiesen ist,
und am härtesten gegen sich selbst. Kannst Du begreifen, wie
fürchterlich es sein muß, sich ganz allein zu lieben? O Schwester,
Schwester, mich graut vor dem Leben!

                                                            24. August

Drei Tage lang habe ich den Brief liegen lassen, ich fürchtete mich vor
dem Weiterschreiben. Nun wird es immer stiller in mir. Ich lese Deinen
Brief immer wieder, er ist so lieb, so ganz Du, so klug und gut, und das
Schönste steht zwischen den Zeilen wie in Geschichten von Storm. Ja, es
hat mich ein wenig getröstet, von Deiner neuen Freundin zu hören, aber
nicht viel, und ich habe recht weinen müssen, es ist damit aber das
letztemal gewesen, und sage ihr nur, wie herzlich ich ihre Grüße
erwidere. Vergiß auch ja nicht, mir mehr von ihr zu erzählen.

Ach ja, Orgelspiel! Du mußt nun denken, daß ich so heimlich wie die
kleine Irene am Baum stehe und zuhöre. Ich habe ja hier das Meer, mit
der Orgel kannst Du doch nicht wetteifern.

                                                                später

Ich weiß nun, wie ich dazu gekommen bin, mich mit dem Schwan zu
vergleichen. Vielleicht sag ichs Dir bald. Er hat sich übrigens selbst
zu seinem Weiher zurückgefunden, er scheint sich zu erholen, ich füttere
ihn täglich selber, Du solltest nur sehn, er ist ganz sonderbar
geworden. Er versucht immer wieder zu schwimmen, aber sein gebrochener
Flügel hängt schwer im Wasser und hindert ihn, dann wird er plötzlich
ganz wild und hackt mit dem roten Schnabel in den Flügel, so grausam,
daß die Federn fliegen, er wird schon ganz kahl. Nein, nein, nein,
Renate, ich glaube nicht an _Deinen_ Schwan, ich habe eine Angst, eine
Angst! O, mein Gott, ich fürchte mich wahnsinnig! Hilf mir, Schwester,
hilf mir! Was soll aus mir werden? Ich dachte, ich sei schon ganz ruhig
geworden, ganz ergeben, aber ich habe nur gegrübelt und bin klüger
geworden, o, lieber Gott, so klug, daß es mich graut vor meiner
Klugheit. Sieh, da ist der Schwan, dem ist es gegangen wie mir. O, nun
muß ich Dir endlich das Schreckliche beichten.

                                                                nachts

So, nun ist es still; nun endlich ist es still geworden. Heute
nachmittag konnte ich -- Gott sei Dank! -- nicht weiterschreiben, die
Herzogin bat mich, Harmonium zu spielen, und das war mir recht gut.

Du weißt wohl, daß ich Georg immer liebgehabt habe, wenn wir auch nie
davon sprachen, aber ich habe ihn wohl schon geliebt, als ich noch ganz
klein war. Nun habe ich an demselben Tage, wo das mit al Manach
passierte, gemerkt, daß er anders zu mir war als früher. Das machte mich
so glücklich, und dann bin ich ihm entgegengekommen. Weißt Du aber auch,
weshalb? Das erste Unglück war schon geschehen, und ich habe gedacht,
ich weiß gar nicht mehr, wie ich es fertiggebracht habe, so
ungeheuerlich scheint es mir jetzt, -- ja, ich habe einfach gedacht:
wenn denn die Prophezeiung in Erfüllung gehen sollte, so wollte ich doch
noch ein klein wenig von der Welt vorher haben. Nur wissen wollte ich,
ob er mich auch lieb hätte, und da habe ich es so eingerichtet, daß wir
noch abends allein auf den Deich gegangen sind. Nun, und da ist es so
gekommen, wie ich hoffte, das kann man nicht schreiben, nicht? Du weißt
es auch so, und nun, siehst Du, einen Augenblick durfte ich alles
vergessen und nur selig sein, aber einen Augenblick später kam das mit
der Windmühle, und da wußte ich, ich hatte es nicht tun dürfen, ich
hatte schon kein Recht mehr auf mich und erst gar nicht auf ihn. Nein,
kein Recht mehr auf mich, ich konnte ihm alles geben -- Gott, was
schreibe ich denn? -- Ach, das zu denken, das war eine Last!

Ich habe versucht, es wieder gutzumachen. Ich war ja klug geworden und
konnte so viel mehr denken, auch, daß es Georg nicht so schwer werden
würde, mich zu vergessen, weil ich ihm doch eigentlich ganz fremd bin,
und so habe ich ihm geschrieben.

Ja, damals war ich noch stark und glaubte, alles ertragen zu können,
jetzt kommt nun die böse Sehnsucht, jetzt muß ich nur denken, daß ich
wie der Schwan auf meinem kleinen, bescheidenen Weiher herumgeschwommen
bin, und wie den Schwan hat mich der Schrecken aufgescheucht, daß ich zu
fliegen wagte; ja, ich bin geflogen, und es brauste mich fort über das
Meer, aus dem der Mond kam, und in das die Sonne versank. Da zerbrach
mir der Flügel, und ich habe nicht einmal meinen Teich wiedergefunden,
mit meinem lahmen Flügel, den ich nicht abhauen kann, denn mein Herz ist
darin, und ohne Herz kann man doch nicht leben, oder kann man?

Es wird mir doch noch das Herz abdrücken. Das Sagen erleichtert mich
zwar ein wenig, und die Nacht ist so still -- ich habe früher nie
gewußt, wie still die Nacht sein kann. Ich habe immer nur mich selbst
gefühlt, und wenn ich zufrieden war, so wars gut. Meine kleine Lampe
brennt, ich glaube, ich kann sehn, daß sie es gut mit mir meint, und
auch die Wände sind freundlich, sind hell und so nah um mich, daß ich
mich fast sicher fühle. Und Du bist ja auch da. Georg ist fort, ich habe
ihn vor seiner Abreise nicht mehr gesehn, das wird für uns Beide nur gut
gewesen sein.

Das mit dem Maler, daß er sich selbst geliebt habe, wie ich mirs dachte,
das ist nun auch falsch gewesen, oder ich weiß nicht ... Man hört etwas
von einem Menschen, und dann macht man sich eine Vorstellung, aber für
ihn selber ist es doch ganz, ganz anders gewesen. Ich fragte ihn
nämlich, wie man es anfangen könnte, sich selbst zu lieben, aber das
verstand er gar nicht. Ja, wie man denn das könnte ... Wie ich nun
verlegen wurde und ungefähr zusammenbrachte, was ich von ihm gedacht
hatte, da meinte er, ich hätte wohl recht, denn er hätte immer nur für
sich allein gelebt und gearbeitet, und nun könnte ich es mir ja so
vorstellen, daß er der Kunst wie einer Göttin gedient und geopfert habe,
und indem er sie genährt und vollendet habe, habe er sich selber
gedient. Aber siehst Du, das ist es ja, er selbst hat es doch nicht
gewußt, hat es nie bedacht! Er hat es einfach getan, -- ach, Renate, wie
himmlisch muß das sein, das Rechte einfach tun zu können! Aber ich bin
nun ganz durchhin, und er selber sagte noch beinah hart zu mir: An ihn
dürfte ich auf keinen Fall denken, er hätte es leicht gehabt, und
überhaupt dürfte man nichts verallgemeinern. Ja, was soll ich nun tun?
Ich muß doch lernen, muß doch erkennen, und ja -- einen kurzen
Augenblick war mir himmlisch zuversichtlich ums Herz. Weißt Du, wie es
war? Wie bei einem Gewitter des Nachts, wenn man aus dem Fenster sieht.
Da, bei einem Blitz, leuchtet der Garten draußen und die Bäume und Wege
und Büsche hell auf, daß man sie alle erkennt, nur seltsam fremd und
verändert sehen sie aus. Das weiß man aber: daß am andern Morgen, wo es
hell und sonnig ist, der alte Garten wie neu und frischgebadet und
funkelnd unter dem Fenster liegen wird, und man wird hineingehen können,
er wird einem gehören, und man wird in ihm zu Hause sein.

Gute Nacht, liebe, liebe Renate! Ich bin so müde! Schreibe mir gleich,
von Dir, von Irene, erzähle mir viel, ich denke immer an Dich und bin
für Dich immer Deine alte

                                                                 Magda


                       Zweites Kapitel: September


                            Renate an Magda
                    (mit einer Schachtel voll Rosen)

                                                       Am 3. September

Liebste Magda,

diese Rosen hat Onkel Augustin mir für Dich gegeben. Er züchtet sie
selber; dies sind wohl die letzten vom Jahr, Souvenir de la Malmaison
heißen sie, und Onkel meinte, sie sähen aus, wie blasse kleine Mädchen.
Hoffentlich kommen sie frisch an.

Mein geliebtes Kind! Ich habe gesucht und gesucht nach einem Wort für
Dich, aber immer wieder, wenn ich nur an Deinen Brief denke, wird alles
wertlos und kleinlich, selbst das, was ich Dir doch sagen will, ein Wort
meines guten Vaters. Du weißt, daß ich erst zehn Jahre alt war, als
meine liebe Mama starb, ich konnte aber doch verstehen, was mir genommen
war, und ich war sehr zornig auf Gott, denn ihn verstand ich nicht. Da
sprach Vater mir zu, mit Worten, die für ein Kind paßten, und ich habe
es wohl behalten, und dies war der Sinn:

Zuerst fragte er mich, wie das letzte Gebet des Menschensohns hieße, und
ich sagte: Nicht mein Wille geschehe, mein Vater, sondern der deine. Ja,
sagte er, das war es, und dies Gebet ist von vielen Menschen, die sich
für rechte Christen hielten, arg mißbraucht worden, als ob es hieße, man
solle auf eignen Willen verzichten und alles Gott überlassen. Das heiße
es aber durchaus nicht, sondern: Mach, Gott, daß ich deinen Willen
erkenne! daß ich wollen kann, was du willst, daß dein Wille in mir ist.
Das, sagte ich damals einfach, das kann ich nicht.

Ich habe vergessen, wie er mich damals zurechtgewiesen hat, und auch Du
wirst sagen, Du kannst nicht, und dies sei das Allerschwerste.

Nein, mein Herz, ich will es Dir nicht leicht machen. Ich will nur, daß
Du nicht in diesen schrecklichen Grübeleien versinkst, und ich weiß aus
mir selber: es ist besser, an Gott zu rütteln wie an einem Felsen, als
in sich selber hinabzustürzen. Er ist freilich überall, Leid aber macht
blind, und das ist das Furchtbare daran.

Ach, Briefe sind unselige Zugbrücken! Wenn man sie aus dem Schlosse des
Herzens über den Abgrund tastend hinabsinken läßt, weiß man doch nie, ob
sie drüben den Rand wirklich erreichen oder nicht, und sich selber sieht
man mit ihnen ganz schief überm Bodenlosen schweben und -- genug des
Gleichnisses! Du weißt, wie ichs meine ...

Nun lebe für heute wohl! Schreibe nur, wenn Du magst, und nimm einen
innigen Kuß von Deiner armseligen

                                                                Renate

Ich lege Dir ein, was ich von Irene Herzbruch für Dich geschrieben habe.
Es ist eine Art Geschichte geworden; als ich anfing zu schreiben, fiel
mir so allerlei ein, ich habe ja auch von jeher einen fabelhaften Ruhm
als Märchen- und Geschichtenerzählerin genossen, auch bekanntlich als
Dreijähriges schon Verse gemacht von dieser Art:

   Die Fledermaus fliegt um die Häuser
   Und sucht sich ihre Fledermäuser.

         Irenes Geschichte nebst einer historischen Einführung

In der Entwicklung des Geschlechts derer von Herzbruch, deren letztes
Zweiglein unsre Irene darstellt, läßt sich eine ähnliche Linie verfolgen
wie in dem der Montforts. Beide sind von ältestem Adel, beide mußten aus
ihrer Heimat auswandern, die Herzbruchs aus Salzburg als Protestanten,
die Montforts aus der Ile de Paris als Hugenotten. (N. b. Ich erzählte
Dir wohl von unserm Stammsitz Montfort l'Amaury bei Rambouillet, nicht
weit von Paris, den ich mit meinem Papa kurz vor seinem Tode besuchte,
und daß zwei aus unserm Geschlecht Connetables von Frankreich waren,
einer Kreuzfahrer und einer, Simon, Graf von Leicester, Schwager
Heinrichs III. und Regent und Protektor von England. Das ist lange Jahre
her, aber nun -- -- Vetter Josef hätte weder der Engländerin, noch dem
Kreuz, noch der Oriflamme Schande gemacht.) Die Herzbruchs hielten sich
längere Zeit auf der sogenannten Höhe des Daseins, als Soldaten,
Marschälle, Kämmerer, Kommandanten und dergleichen, verarmten aber mit
der Zeit, und der Rest ist nun ein mit dem Majorstitel pensionierter
Hauptmann nebst Gattin und Tochter. Diesem Schicksal entging allerdings
ein Zweig der Familie, indem ein Ottokar von Herzbruch seine eigene
Schuldenlast und die allgemeine Last Deutschlands, nämlich Napoleons
Regime, hinter sich ließ und nach den Vereinigten Staaten ging, das
heißt als loyaler Mann in englischen Diensten. Er focht dann siegreich
gegen die Union in verschiedenen Schlachten, zuletzt aber mußten die
Engländer bekanntlich doch Frieden machen, die Union anerkennen, und er
ging nach dem Königreich, machte eine reiche Heirat und kehrte Anfang
der zwanziger Jahre nach Deutschland zurück, wo es ihm als englischem
Untertan leicht wurde, in Hannover den Verlag und die Hofbuchhandlung
(des Herzogs von Cambridge), die damals ein Schotte namens Max Grew
besaß, zu kaufen. Demnach scheinen seine kriegerischen Gelüste mit der
Zeit nachgelassen zu haben. Sein Sohn trat in die jetzige
Verlagsbuchhandlung hier in Altenrepen, heiratete die Tochter des
damaligen Besitzers, übernahm das Geschäft später, und dessen Enkel
namens Otto ist jetzt Inhaber des Verlags. Der Großvater Ottokar hatte
seinen Adel eingebüßt, war aber protestantisch geblieben, während der
adlig gebliebene Zweig mittlerweile katholisch geworden war, seit ein
andrer Herzbruch, der gegen Napoleon mit der deutschen Legion in Spanien
gefochten hatte, dort dies Bekenntnis angenommen hatte, nämlich einer
wunderschönen Andalusierin zuliebe, die Dolores hieß, wie alle
Spanierinnen, die nicht Carmen heißen.

Nun zu den Montforts. Die hatten das Leben anders angreifen müssen,
wurden gleich nach der Auswanderung Händler und Kaufleute und haben
schon seit über hundert Jahren an ihre adlige Vergangenheit keine andere
Erinnerung mehr als ihren Nachnamen nebst einer Vorliebe, ihm zuweilen
einen französischen Vornamen zuzugesellen, und deshalb heißt mein Onkel
Augustin. In ihm scheint freilich mit diesem Vornamen eine Nachdämmerung
des alten Glanzes mit heraufgekommen zu sein. Seine Tätigkeit als
Eigentümer der chemischen Werke scheint er nur notgedrungen als einziger
Sohn auf sich genommen zu haben; dies erbte er vom Vater; von den Vätern
dagegen waren ihm von früh auf zu eigen: eine Neigung zu galanter
Lebensführung, zu schönen Frauen (seine zweite Frau war ganz herrlich,
leider hat nur sie, eine Jüdin, ihre Schönheit vererbt), zu
schöngeistigen Studien, zu Rosenzucht und zur Musik, welche
Eigenschaften sämtlich nie übertrieben, sondern immer durch natürliches
Pflichtgefühl in schönen Maßen gehalten, gewürzt mit einer feinen Dosis
gallischen Witzes, den echten Franzosen darstellen würden, wäre nicht
infolge eines sonderbaren Zufalles sein Aussehen, das heißt seine Züge,
bei alledem so deutsch wie nur möglich, und deutsch war wohl auch die
gewisse Trägheit oder Passivität, die ihn wohl noch mehr als kindliche
Pietät verhinderte, einen Bruch herbeizuführen und sich ganz seinen
Neigungen zu widmen. Du siehst, daß er auch ein Verschwender sein kann;
für sich ist ers freilich nie gewesen. Jetzt ist er längst ein stiller,
alternder Mann und lebt allein in seiner Arbeit. --

Aber was rede ich eigentlich von den Montforts? So -- ich kam darauf,
weil in meinem Onkel Augustin ebenso wie in Irene von Herzbruch ein
Tropfen alten Blutes wieder zum Vorschein kam. Bei ihm die französische
Haltung, bei ihr die Flamme der Religiosität, um deretwillen einst das
Geschlecht in die Verbannung ging. Sonderbar spielt freilich das
Schicksal. Denn wie gesagt sind die Herzbruchs katholisch geworden, und
um dieses Glaubens willen hat jetzt die kleine Irene zu leiden, während
damals die Härte des Protestantismus das Schicksal des Hauses
veränderte.

Bei ihrer Geburt, die sehr schwer war, besann sich ihr Vater, als die
Mutter bereits in Todesenden lag, auf seinen mit der Zeit recht lau
gewordenen katholischen Glauben und verfiel darauf, den Sohn, der
naturgemäß erwartet wurde, der Kirche zu geloben, und das war, so Gott
mir helfe, eine ordentliche Tat, denn damit mußte das adlige Haus
Herzbruch erlöschen. Nun wurde es eine Tochter, und das erleichterte die
Sache, sollte man meinen; mit der Zeit kam es anders. Die Verzweiflung
war in Wonne umgeschlagen, die Mutter war genesen, das Kind wuchs auf,
wurde reizend, die einstige Verzweiflung verschwand gänzlich hinter den
Horizont der Zeit, und von Jahr zu Jahr dachten die Eltern weniger an
das Gelübde, schließlich vergaßen sie es ganz. Anders Irene. Sie wuchs
mit dem Gelübde auf, das sie früh durch die gut katholische Kinderfrau
erfahren hatte, die Eltern wußten gegen ein bißchen Frömmigkeit gewiß
nichts einzuwenden, besonders da nichts reizender war als die kleine
Irene an ihrem kleinen Betpult, über ihren Katechismus gebeugt, oder den
Rosenkranz zwischen den Fingern, oder wenn sie mit zarter Stimme sang,
neben der Mutter am Flügel stehend, wie auf einem Bilde von Whistler.
Gleichwohl ging sie nun nicht in Frömmigkeit auf, obgleich auch ihre
Spiele, solang sie klein war, frommen Geschichten und Legenden entnommen
wurden; besonders beliebt war das Fronleichnamsspiel, wobei Mamas
Nähtischthron, das Sofa im Salon, Papas Schreibtisch und das Kinderbett
die verschiedenen Stationen abgeben mußten. Trotz Singen und Beten aber
war sie ein ungebärdiges, weil leicht erregbares Kind, das freilich mit
ebenso großer Wonne Buße tat und sich zerknirschte, mit der sie das
verbotene Eingemachte vertilgt oder die neuen Frühjahrsbeete zertrampelt
hatte. Mit zwölf, dreizehn Jahren stieg die Weltlust am höchsten, die
Gebete beschränkten sich auf den Morgen und Abend, und die Spiele waren
jetzt folgender Art: sie begab sich mit einer Freundin Arm in Arm auf
die Straße, wo das geistvolle Paar versuchte, vor möglichst vornehm
aussehenden erwachsenen Personen einherzugehn und etwa diese
Unterhaltung anzuspinnen: »Reitest du heut?« »Ach, ich weiß noch nicht
recht ... den Fuchs hab ich gestern etwas überanstrengt, der muß heute
etwas Ruhe haben, und der Schimmel ...« »Na, der Schimmel ist nun auch
nicht mehr sehr schön.« »Ja, wir wollen ihn ja auch verkaufen,
vielleicht bekomme ich ein paar Jucker dafür.« »Wahrhaftig? Habe ich dir
übrigens schon erzählt, daß mir mein Cousin eine Reitpeitsche mit
Silbergriff geschenkt hat? Ich will ihn aber vergolden lassen, es sieht
doch entschieden vornehmer aus.« Na, und so weiter ...

So wurde sie denn allmählich fünfzehn Jahre alt, die Zeit der Firmung
kam und mit ihr die Backfischzeit, die der Schwärmerei, der holden
Extreme, der Vergötterung von Personen, gleichviel welchen Alters und
Geschlechts. Nun hatte Irene, zumal von dem elterlichen Gelübde seit
langem nicht mehr gesprochen war, niemals einen andern Gedanken gehabt,
als sei es selbstverständlich und gar nicht der Rede wert, daß sie den
Schleier nehme, und ich glaube wirklich, daß sie sich ihre weltlichen
Albernheiten heimlich immer selbst erlaubte mit der Absicht, später
redlich für diese vergeudeten Weltjahre Buße zu tun. Damals nun kam es
zu den ersten Kämpfen. Sie sprach mit ihrem Pfarrer über ihren Eintritt
in ein Kloster. Der, welcher der Meinung war, daß dies mit dem
Einverständnis der Eltern geschehen solle, bestärkte sie anfangs, nach
einer Unterredung mit den Eltern aber, wo diese, ich weiß nicht unter
welcher Begründung, die Erfüllung ihres Gelübdes durchaus ablehnten,
wurde auch er anderer Meinung, denn er war oder gab vor, ein
weltmännischer Mensch zu sein, wollte natürlich hier oben, in dem
kleinen katholischen Sprengel, wo es darauf ankam sich zu vertragen,
keinen Lärm erregen und es überhaupt mit den Eltern halten. So begann er
denn, dem Kinde das vierte Gebot vorzuhalten, aber nun brach alles, was
an Eigenwillen, Widerspruchsgeist, wahrer Frömmigkeit und Inbrunst in
ihr war, hervor, sie hielt ihm Christi eignes Gebot von der Nachfolge
entgegen, es gab Jammer und Tränen, sie, wenn die Eltern es nicht taten,
wollte deren Gelübde halten, und ich kann mir die Verzweiflung der
Kleinen wirklich denken, die sich aller menschlichen Obrigkeit ganz
allein zu widersetzen getraute und an den himmlischen Geboten festhielt.

Eines Tages war sie verschwunden. Still, ohne Abschiedswort, was zuerst
Verzweiflung, später den heftigen Groll der Eltern erregte, aber sie hat
mir gestanden, wie es ihr unmöglich gewesen wäre, ein Wort des Grußes zu
finden oder eine Bitte um Verzeihung, -- sie war schon ganz ekstatisch
und dem Himmel näher als der Erde. Durch polizeiliche Nachforschungen
ergab es sich dann, daß sie nach Prag und zum Nonnenkloster Mariabrunn
gelangt war, man setzte ihr nach, aber sie war dort nicht mehr, es
schien, sie war wirklich verschwunden, und die Nonnen verweigerten die
Auskunft. Sie hatten die Kleine mit Frohlocken aufgenommen, -- nun,
damals erregte die Geschichte viel Aufsehn, es kam heraus, daß Irene
nach Italien gebracht war, schließlich mußte unsre Gesandtschaft und der
Papst selber zu Hülfe geholt werden, -- plötzlich war Irene wieder in
Prag, und nun gaben die ganz verstörten Eltern nach und erlaubten ihr,
vorläufig dort zu bleiben. Ich kann nicht beurteilen, ob das der rechte
Weg war, es war ja möglich, daß sie ruhiger wurde; den Eltern wurde
versichert, daß die frommen Schwestern nichts tun würden, um sie an sich
zu locken ... Schließlich, als dann das Noviziat beendet war, half
nichts als Gewalt. Die Eltern -- nun, man weiß, wie solche im Grunde
lauen Menschen bei so fremdartigen Vorkommnissen sich zeigen. Ich habe
den Major gesehen, einen langen, hagern, knochigen Mann mit weißem
Schnurrbart und stark beschränkter Stirn; die Mutter war wohl einmal
hübsch und zierlich, muß aber früh vertrocknet sein und kennt, wie es
beim Bürgertum üblich, keinen Willen als den ihres Mannes. Beide haben
wahrscheinlich während der langen Dauer des Streites dessen ganze Gründe
vergessen, sahen nur noch eine widerspenstige Tochter und nannten das
eigene Verlangen, die Hartnäckigkeit des Kindes zu brechen, nicht beim
richtigen Namen, sondern hatten dafür alle möglichen andern, wie
Elternliebe, Pflicht und dergleichen; indem sie vorgaben, ihr Kind vorm
klösterlichen Absterben zu retten, folgten sie halt ihrer Selbstsucht,
die nicht kinderlos werden wollte. Irene kam zurück und glaubte, vor
Jammer sterben zu müssen. So weit sind wir nun.

Dies alles erfuhr ich natürlich nicht von ihr allein, besonders über die
Vorgänge während ihres Aufenthaltes in Mariabrunn und Italien hat sie
nichts erfahren, da aber, wie ich sagte, die Sache damals viel Staub
aufgewirbelt hat, hörte ich alles Nähere von Onkel und Josef. Wenn Du
mich aber fragst, wie ich selber mich zu der ganzen Geschichte verhalte,
und was ich der armen Irene gesagt habe, als sie mich zur Beichtmutter
erkor, so bin ich durchaus in Verlegenheit. Ich bin sicherlich
überzeugt, daß man Gott auch in Kirchen und Klöstern dienen kann -- -- o
weh! Das ist ja ein wildes, unchristliches Paradox, aber so gehts, wenn
man sich recht präzis ausdrücken will und obendrein einen Vater gehabt
hat, der die Natur für Gottes einzigen Tempel ansah, und zwar in rein
gotischem Stile erbaut, wie er mir mehr als einmal auseinandersetzte.
Irenes Wesen ist mir gar nicht klar. Das Kindliche, ja Kindische darin
scheint ihrer Verständigkeit -- sie hat einen geradezu scharfen Geist --
zu widersprechen, und diese wieder ihrer so empfindsamen
Heilandsverehrung; zurzeit ist sie noch ein rechtes Chaos, aus dem alles
werden kann, ob aber eine Nonne oder eine Mutter, das zu entdecken,
reicht mein Scharfsinn nicht aus. Und als sie mich so flehentlich um Rat
bat, da hab ich, meine Verlegenheit mit Mühe bemäntelnd und anstatt ihr
irgend Tatsächliches vorzuschlagen, gedacht, mit meiner eigenen,
bescheidenen Persönlichkeit auf sie zu wirken; habe sie gebeten, sich zu
beruhigen, etwas Zeit hingehen zu lassen, mich recht oft zu besuchen,
die Orgel zu hören, eine Weile einfach und beschränkt hinzuleben und
dabei ein bißchen in sich selbst hinabzuhorchen. Den himmlischen
Stimmen, die, wie sie behauptet, beständig nach ihr riefen, das Ohr zu
verschließen, sich die gute Erde anzusehn und zu warten, ob es nicht
ganz allmählich stiller in ihr würde, lauter simple Dinge, mein
Magdakind, bei denen ich, glaub ich, mehr an Dich gedacht habe als an
sie.

Als ich aber das getan hatte und allein war, da mußte ich das tun, was
ich auch eben wieder lange Zeit getan habe. Ans Fenster gehn, den Himmel
ansehn und denken: Wer bin denn ich? Wer bin denn eigentlich ich, die
andern Leuten Dinge vorredet? Was habe ich schon geleistet, welche
Erfahrungen berechtigen mich? Was, ja was berechtigt mich zu dem Dasein,
das ich führe, und das mir einfach gegeben ist? Trug ich auch nur das
Geringste dazu bei? Und wenn ichs nicht tat, -- ja, wer bin ich denn?
Wer bin ich, Magda, wer bin ich?

Gute Nacht, mein Herz! Schlafe gesund! Gute Nacht!

                                                                Renate


                            Magda an Renate

                                                         12. September

Liebste!

Ich kann Dir noch nicht schreiben. O tausend, tausend Dank Dir und
Deinem lieben Onkel für die wunderbaren Rosen! Wie gut seid Ihr alle zu
mir! So viele Menschen sind jetzt gut zu mir. Die Rosen waren nur ganz
wenig erschlafft und haben sich herrlich erholt. Wenn ich in mein Zimmer
komme, ist es ganz voll Duft, und des Nachts, wenn ich aufwache,
schimmern sie im Dunkel so feierlich, daß ich ordentlich beruhigt wieder
einschlafe, als ob jemand im Zimmer sei, der Wache hält. Bald schreibe
ich mehr. Grüße Irene! Die Arme, wie mag man sie gequält haben! Ach, ich
weiß schon, wir sind so selbstsüchtig im Schmerz, als wären wir es ganz
allein, die zu leiden haben, und doch ist es so: es ist Schmerz in der
Welt, und jeder muß seinen Zoll bezahlen, und jeder muß vor allem ihn
aus sich zu läutern versuchen, das ist das einzige Mittel, ihn aus der
Welt zu schaffen.

Eben bekomme ich dies von Georg. Ich schreibe es Dir ab. Nun sieh nur,
wie gut er ist, wie er mich versteht, ohne zu fragen. Ach, ich bin wohl
weit entfernt davon, so zu sein, aber es hat mich etwas tapfrer gemacht,
zu denken, daß ich einmal so sein könnte, und ich will mir das Gedicht
als Wegweiser aufheben.

Viele, viele innige Grüße von Deiner

                                                                 Magda

                                 Für A.

   Sie trägt ihr Herz nun offen in der Hand
   Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,
   Seitdem sie weiß: durchstochen und verbrannt,
   Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Händen.

   Jedoch das Leuchten, das tief innen blieb,
   Mag viele blinde Pilger noch erquicken,
   Daß sie sich sanfter in ihr Schicksal schicken,
   Das ihre Stirn mit dunkler Pflicht beschrieb.

   Und manchmal, wenn sie lange mit dem Wind
   Geflüstert, großen Auges nachgelenkt
   Den Wolkenfahnen, die er droben schwenkt,
   Blüht ein Gefühl, als trüge sie ein Kind:
   Ein süß Gereiftes regt sich leis mit Lallen,
   Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen.


                            Renate an Magda

                                                      am 21. September

Meine liebe Magda!

Gestern ist nun auch mein Vetter Erasmus gekommen. Er ist Privatdozent
für physikalische Chemie -- der Himmel mag wissen, was das ist! -- in
Marburg und ist so fleißig, daß er die ganzen Ferien bis jetzt
gearbeitet hat. Das ist gewiß ein guter, tüchtiger Mensch, aber es ist
schade für ihn, wenn er sich mit seinem Bruder zusammen zeigt. Den habe
ich Dir ja ungefähr beschrieben, -- er ist sieben oder acht Jahre
jünger, Erasmus bald Mitte Dreißig. Von ihm hatte ich von Papas
Begräbnis her nur eine sehr dunkle Ahnung, wie an eine Art Fabelriesen,
und er ist unendlich lang, mager, aber schwer gebaut; seine Stirn ist
kolossal, besonders weil das Haar weit auf den Kopf zurückgewichen ist,
die Augen sind sehr groß, von unbestimmt heller Farbe und überquellend;
er ist bartlos und sieht für gewöhnlich finster aus; unbeholfen ist er
nicht, obgleich zu jeder Eleganz, auch in der Kleidung, ungeeignet; sein
Auftreten ist vielmehr von einer Art Kühnheit, er hat etwas von diesen
ritterlichen Bergschotten, weißt Du, wie Allan M'Aulay in Scotts Sage
von Montrose, an den er mich lebhaft erinnert. Bei unsrer Begrüßung
küßte er mich einfach auf die Stirn; sein Mund war kühl, aber es brannte
doch unangenehm, dieweil ich, wie Du weißt, die Angewohnheit habe, mich
nicht von fremden Männern anrühren zu lassen. Mit seinem Bruder spricht
er nicht, ist überhaupt verschlossen und schweigsam, als ob ihm
irgendetwas am Herzen säße und es zuhielte, und wenn er einmal etwas
sagt, so ist der Gegenstand damit für ihn abgetan, was nicht grade zur
Gemütlichkeit beiträgt. Sein Vater giebt sich Mühe, ihm zu zeigen, daß
er ihn achtet und hochhält, wie man eben einen Menschen ehrt, der nichts
tut als seine Pflicht und sich ruhig verhält. Josef hat natürlich seines
Vaters ganze Liebe, denn in ihm kann er sich verjüngt sehn und verschönt
obenein. Und nun will ich Dir gleich etwas erzählen, das ich gradezu ein
Abenteuer nennen möchte, und wenigstens wars ein abenteuerlicher
Vorgang. Da wirst Du sehn, zwischen was für Menschen ich lebe.

Übrigens genießt Josef, der alles zu wissen scheint, das Vorrecht, auch
alles sagen zu dürfen, denn er sagt es geschickt. Man nimmts nicht
ernst, nimmt die hübsche Form zu sich und freut sich, aber dem
zweckmäßigen Erasmus scheint so etwas nichtsnutzig. (Er würde mir leid
tun, wenn ich nicht ganz gut wüßte, daß man auf die Dauer -- also etwa
angenommen, man wäre genötigt, einen von beiden zum Ehegemahl zu
erwählen -- auf die Dauer eher mit Erasmus leben könnte als mit seinem
Bruder.)

Es war also am Abend nach der Ankunft des Erasmus; er hatte mich
gebeten, Orgel zu spielen, wir waren alle vier in der Kapelle, und
nachdem ich ein schönes Ungewitter aller tönenden Stimmen hatte über sie
hinsausen lassen, fiel Josef mit dem Cello ein und zwang mich mit
Zauberei, ihn zu den wilden Phantasien oder Harlekinaden zu begleiten,
die er aus seinem ächzenden Instrument hervorholte, übrigens unter einem
erbärmlichen Gesichterschneiden, als obs er selber wäre, den die Teufel
quälten -- jene, die nachher in die Säuherde hinunterpfiffen, weißt Du
--, und Onkel entfloh alsbald. Als ich gleichfalls genug hatte, war auch
Erasmus nicht mehr zu sehn, Josef seufzte auf, als ob er aus Ohnmacht
und grausigen Gesichtern zu sich käme, sah sich dann hinter sich um wie
der Intrigant in der Tragödie und bemerkte trübe: Armer hölzerner
Erasmus! -- Warum hölzern? sage ich unwirsch. -- Deswegen, sagt er, weil
er so gemacht ist. Hast dus nicht gesehn? Man kanns doch deutlich sehn,
wie er gemacht worden ist, wiederholt er hartnäckig. Aus einem kräftigen
Pfahl Eibenholz, nicht trocknem, sondern vielmehr ganz frischem, ist er
herausgeschnitten, Leib, Arme, Kopf, Nase und alles samt den gläsernen
Augen. Ja, wie muß das wohl geblutet haben! sagt er ganz vertieft. Und
das Schlimmste, fährt er nachdenklich fort, das Schlimmste ist, daß es
noch immer blutet, wenn er sich einmal richtig bewegen will wie wir
Andern, denn -- -- Allein hier gebot ich ihm Schweigen und pustete zum
Zeichen der Verabschiedung das eine meiner beiden Lichter aus. Da beugt
er sich plötzlich in seinem Stuhl zu mir vor, äugt mich satanisch von
unten an -- alles Schauspielerei natürlich! -- und flüstert wie eine
Warnung vor den Iden: »Laß brennen, liebe Seele, laß ja brennen! Du
wirst es noch brauchen.« -- Das klang so unsinnig geheimnisvoll, daß ich
ganz kindisch sagte: Nun grade! das andre Licht ausblies und die Stufen
vom Podium hinunter gegen das Zwielicht der Tür lief. Er blieb mir aber
wie ein Teufel an der Schleppe hängen, und als wir draußen im Garten
standen, hielt er mich am Arm fest und sagte: »Sieh mich doch einmal an,
Renate!« »Ja,« sagte ich, »ich weiß schon, du bist ein Adonis.« »Genau
das wollte ich hören«, versetzte er. »Sehe ich nicht aus wie ein Gott
gegen meinen Bruder? Ha!« sagte er, wie die Menschen bei E. T. A.
Hoffmann, während ich ihn entgeistert anstarrte, »ha! dazu sind die
Götter von diesen Sklavenseelen erfunden, daß sie sie mit allen
Eigenschaften behängen, die ihnen fehlen, mit Leichtigkeit, mit
Heiterkeit, mit Atmosphäre, -- mit reinem Gelächter, mit Spott und
nichtsnutzigen Spielen. Es giebt aber Kaine darunter, die bringen Götter
um. Du mußt nicht alles so wörtlich nehmen, Kleine«, sagte er auf einmal
ganz ruhig, und ich fiel ein: »Nein, Gott soll mich bewahren, daß ich
dich jemals wörtlich nehme!« »So meine ich es auch wieder nicht«,
erklärte er unerschütterlich und überreichte mir eine große, schwarzrote
Georgine, die ich nun verwundert in der Hand hielt, und deshalb mußte
ich fragen, ohne es zu wollen: »Wie meinst du es denn?« »Lassen wirs,
Herze,« sagte er nun, »aber eins will ich dir sagen. Ich weiß nicht, wo
ich meinen Ursprung habe, hier aber ist er nicht, nicht bei diesen
Menschen und nicht in diesem Lande. Ich pflege das für mich zu
behalten, aber du dauerst mich, weil du --« Nun, die folgenden
Schmeichelhaftigkeiten schenke ich mir, sie waren aber hübsch anzuhören,
das kann ich Dir sagen, denn er hat eine unwiderstehliche Art, ehrlich
zu scheinen. »Ich daure dich?« frage ich nur wie benommen, und er
versetzt: »Es ist in diesem Hause (ich wiederhole seinen Satzbau) etwas
Unterirdisches im Gange, das ich ahne vermöge meines eben angedeuteten
Ursprungs, und ich möchte nicht, daß es dich ungewarnt träfe. Nein,«
sagte er eilig -- ich möchte wohl wissen, wie ich ihn angesehn haben muß
-- »ich weiß nichts Bestimmtes, ich empfinde nur, ich habe eine
Wünschelrute, die schlägt aus, sowie ich einen Menschen berühre, und
dann ahne ich freilich nur Unangenehmes, das haben die Propheten
bekanntlich so an sich. Du aber kannst dich beruhigen, denn es steht
geschrieben, daß du mich niemals heiraten wirst. Komm ins Haus,« schloß
er befehlerisch, »es ist Nacht.« Ich sah, daß es finster geworden war,
und mußte, während ich auf dem schmalen Wege vor ihm herging, beständig
denken, wie hell und weiß ich mit meinem weißen Kleide in dieser
Dunkelheit schien, dazu die schwarze Blume, die ich vor mir her trug wie
-- ich weiß nicht was, und überdies, daß er das so eingerichtet habe,
hinter mir zu gehn und die Wirkung des Ganzen zu beobachten. Auf einmal
schauderte michs, ich warf die Blume fort und lief wie gejagt ins Haus.

Ist das nicht ein horribles Abenteuer? Du siehst, wie kühl und humorvoll
ich jetzt daran denke, sonst hätte ich es Dir ja nicht geschrieben, und
es ist auch kaum ein Hauch Wirklichkeit davon in mir zurückgeblieben,
außer daß ich ab und an die Menschen betrachten muß, besonders Erasmus,
aber auch Andre, und mich dann schämen, als sähe ich verbotenerweise in
ein Fenster. Und sind das nicht höchst unwahrscheinliche, oder wie
Hoffmann sagen würde, skurrile Sachen von Deiner sonst so vernünftigen

                                                               Renate?


                            Magda an Renate

                                                         30. September

Nun fallen die Blätter. Es wird hier so früh und eilig Herbst. Der
Schwan schwimmt nun längst wieder umher; wie eine schwarze Trauergondel
sieht er aus mit seiner schwarzen Flügelschleppe unter den bunten
Bäumen. Ich bin unruhig und verstört, ich kann die Gedanken nicht mehr
halten und binden, es ist so windig in mir, oft fühle ich es, wie der
Wind mich durchstreicht, als wäre ich durchlässig, und die Blätter, die
auf den Wegen an mir vorüber und weit auf die Wiesen fliegen, taumeln so
dahin, als wären sie von mir abgefallen.

Oft stehe ich am Fenster und höre das Meer und das Brüllen der Kühe,
wenn der Wind es herübertreibt -- das klingt so bang und öde! -- und
sehe den vielen Wolken so lange nach, bis mich schwindelt. Ach, Gott ist
so hoch, Renate, ich kann ihn nicht mehr erreichen, jetzt, wo ich
gefallen bin und nicht mehr fliegen kann. Ich kann nicht beten: dein
Wille geschehe! Ich habe nicht in den Garten zurückgefunden, wie ich
dachte, es ist ja auf einmal Herbst geworden. Der Garten ist ein
Fremder, der an mich nicht denkt; er läßt gleichgültig seine Blätter
fallen, vielleicht ein wenig nachdenklich, aber wenn sie am Boden
liegen, hat er sie schon vergessen und sieht den andern nach und vergißt
sie.

Bogner hat nun ganz mit seinem Bilde zu tun, spricht nicht mehr, er
sieht uns überhaupt nicht mehr; malen tut er nicht viel, er sitzt und
raucht, das Essen muß man ihm beinah einfüttern, er läuft viel allein
umher. Papa fing einmal von Georg an; er ist doch in München, das
Wintersemester fängt ja nun bald an, ich kann mir also denken, daß er
viel Zerstreuungen hat. Die Herzogin ist seit acht Tagen fort. Der al
Manach sitzt meist auf seinem Zimmer, ich weiß nicht, was er dort macht;
sonst ist er mit Bogner zusammen, sitzt bei ihm, läuft neben ihm her. Er
hat gar keinen Blick in den Augen, man könnte sich fürchten, aber man
gewöhnt sich ja an alles. Papa schimpft allerdings, daß der Herzog ihn
uns aufgehalst habe, und er fiele ihm entsetzlich auf die Nerven,
obgleich er ihn kaum einmal am Tage zu sehn bekommt. In den nächsten
Tagen will Papa wie immer nach Beendigung der Ernten nach Gastein; ich
habe ihn gebeten, hierbleiben zu dürfen, er widersprach kaum und wird
wohl froh sein, mal allein sein zu können. Bald wird alles kahl, dann
kommt der Winter, und meinen Garten finde ich niemals mehr.

Wenn ich auch manchmal denke, ich weiß es wieder, was ich vor kurzem so
hell, so blitzend gesehn habe, so hat das doch nun keinen Wert mehr,
denn es sieht nun belanglos und so kümmerlich aus, daß ich nicht
begreife, wie ich jemals hab drüber staunen können.

Sieh, das ists: Warum habe ich nicht damals schon, als ich die
Prophezeiung bekam, glauben und sie verstehen können? Andern als Retter
dienen -- was bedeutet denn das andres, als daß ich mich nach solchen
umsehn sollte! Wäre nicht die schönste, die einzige Erfüllung die
gewesen, die ich selber herbeigeführt hätte? Hätte ich nicht hingehen
sollen, wo Kranke und Trostbedürftige, wo die am Leben Verzweifelnden
sich quälen, um sie zu heilen, zu erquicken, zurückzuführen? Andre
retten, hieß es, ich aber dachte nur an mich. O mein Himmel, ja, das
heißt zu Gott gehn, das heißt, Gott an sein Herz nehmen, wie im
Evangelium: Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht ... Der
Gott da oben ist weit weg über den eiligen Wolken, der aber hier unten,
der ist, wo das leidende Leben wohnt. Ich selber leide, wir alle leiden,
Gott ist im Leiden, und Gott ist in der Tröstung, o wie schlecht, wie
gedankenlos, wie gewissenlos bin ich gewesen, denn ich bin
vorübergegangen, wie soll er nun jemals in mein Herz einkehren? Ach, es
ist zu spät, viel zu spät geworden!

Nicht, daß ich dächte, der Mensch, dem ich schon zweimal geholfen habe,
al Manach ist hier geblieben, und wir müssen Beide auf das dritte Mal
warten! O nein, ich denke vielmehr: Was soll denn das nun eigentlich,
wozu denn diese Anstrengung? Er lebt ja gar nicht, nur im Dasein habe
ich ihn festgehalten. Renate, Renate, wenn ich das könnte! Wenn ich ihn
auch dem Leben wiederschenken, wenn ich ihn ganz heilen könnte, wie gern
würde ich dafür mein Leben hingeben. Ich bin so schrecklich müde.

                                                                nachts

Damals hätte ich die Wahrheit hören sollen, aber ich habe sie verlacht.
Ach, meinst Du, Schwester, daß Gott mir verzeihen wird, weil ich ja noch
jung war und nichts gelernt hatte? War ich wirklich noch ein Kind? Wie
lange muß das her sein! War ich ein Kind? Durfte ich ungehorsam sein?
Ja, sag mir, o bitte, sag mir, dürfen Kinder ungehorsam sein?

Auch Du schreibst so anders. Ich habe mehrmals gelesen, was Du ein
Abenteuer nennst. Es klingt mir nicht gut, wie Du schreibst, ich kann
nicht sagen wie, aber ich ängstige mich um Dich.

Bogner zeigte mir eine Menge Studienköpfe von der Herzogin. Das ist
wieder so seltsam. Jeder scheint ein ganz andrer Kopf, manchmal ist die
Ähnlichkeit kaum erkennbar, und gleich darauf scheint sie grade dort am
geheimnisvollsten hervorzudämmern. Kannst Du das verstehn? O Renate, wer
sind wir? Wer sind wir, daß ein Andrer tausend Bilder von uns machen
könnte! Lach nicht, ich mußte eben dran denken, wie mir vor einiger Zeit
die kinematographischen Bilder erklärt wurden, wo eine einzige Bewegung
aus einer Kette von Bildchen besteht, und so denke ich, sind wir
Menschen auch, und wenn man sich eine Vorstellung von einem machen
wollte, so würde es eine unendliche Reihe von Bildern sein, die sich
beständig auseinander- und wieder zusammenziehn, mich schwindelt, wenn
ichs ausdenke. Bogner hat auch die Hände der Herzogin gemalt, so daß man
darüber weinen möchte; sie sehen aus wie gefrorene Blumen, man möchte
sie auftauen mit Tränen und Küssen.

Nun muß ich Dir noch schreiben, daß die Obsternte in diesem Jahr nicht
besonders ausgefallen ist. Papa wird Euch einen Korb Schöner von Bosko
und Parmänen schicken, vielleicht auch ein paar Gravensteiner, aber sie
sind gar nicht schön. Reinetten giebts kaum, und die Kaiserbirnen kann
man am Baum zählen. Kochäpfel sollt Ihr auch haben, Papa rät Euch aber,
die andern nicht mit ihnen zu verwechseln, sie würden wohl alle
gleichmäßig nach gar nichts schmecken. Wenn Ihr trotzdem mehr haben
wollt, so schreibe mirs bitte, aber Ihr bekommt vielleicht anderswo
bessere. Vor ein paar Tagen war ein heftiger Sturm, der Obstgarten sieht
traurig aus, es soll übrigens einen stürmischen Herbst und Winter ohne
Schnee geben. Die letzten Rosen sind zerstört, so daß ich Dein Geschenk
leider nicht erwidern kann, nach Astern fragst Du wohl nicht viel. Von
wem ist das:

   Wenn die Rosen deiner Wangen,
   Liebste, lieblich blühn,
   Denk ich, wie mein Lenz vergangen,
   Seh den Herbst verglühn.
   Deine Rosen, deine Blüten,
   Ach, ich kann sie nicht behüten,
   Alles ...

Das Ende weiß ich nicht, und ich meinte auch nur den Anfang. Wenn die
Rosen deiner Wangen ... Das klingt so freundlich, ich denke an Dich
dabei und freue mich leise.

Bleibe gut Deiner

                                                                     M


                        Drittes Kapitel: Oktober


                            Renate an Magda

                                                            am dritten

Gleich, gleich, gleich muß ich Dir schreiben, mit Dir sprechen, Dich an
mein Herz drücken, o Du Liebe, Du Arme, Du Törichte, Du Verstörte! Ich
habe ja immer gewußt, daß das kommen mußte, ich habe so darum gebetet,
ein wenig anders hatte ich es mir wohl gedacht, aber warte nur, es geht
vorüber, dies geht vorüber, und alles wird gut werden. Ja, Kind, es ist
gekommen, und Du hast es nicht erkannt, wäre ich nur bei Dir, könnte ich
Dir Dein Gärtlein zeigen, wie ich es sehe, Gott schenke Dir nur einen
einzigen schönen, feierlichen Herbsttag, mit flatterndem Gold in
reinblauer Luft, mit leuchtenden, starken Farben, mit mildtätiger Sonne,
daß Du den rechten Herbst erkennst. Du törichtes Kind! fragst, ob Du
hast Kind sein dürfen, Du, die so früh herausgerissen wurde. Jetzt aber
frage Dich einmal, ehrlich und tapfer, denn ich will Dich tapfer haben,
mein Kind, und an Deine Müdigkeit glaube ich nicht, -- frage Dich:
Besitzest Du Dein Leben noch, das frühere, das kindische, leichte,
gottgläubige? Du sagst, Du habest den Weg in Deinen Garten verloren, und
gestehst zugleich, daß nur der Garten verwandelt sei. Das Leben ist Dir
freilich nicht verloren, aber das, welches Dir das einzige schien, hat
sich in ein andres verwandelt, in ein besseres, das sollst Du mir wohl
glauben! Achtzehn und ein halbes Jahr bist Du alt, der Frühling, den die
Leute an Dir sehn und Du selber, wenn Du in den Spiegel schaust, ist
noch lang nicht vorüber, fühle aber im Herzen Früchtezeit und bitte nur
Gott, sie kräftig zu gesegnen, und der Himmel verzeih mir, wenn ich
jetzt an spärliche Reinettenernte denke.

Liebste! Nur um Dirs zu sagen, schreibe ich all das auf. Ich bin nicht
täppisch genug, um Dich schnurstracks überzeugen zu wollen. Ich bitte
Dich nur, es anzuhören, Dich darum zu bemühn, und ohne daß Du es merkst,
wird es eingezogen und Beherzigung geworden sein.

Magda! Ich würde so nicht mit Dir reden, wenn ich nur im entferntesten
glaubte, Deine Verstörtheit könnte anhalten, sich gar in Schwermut
verwandeln; dazu glaube ich Dich zu gut zu kennen, und wie ich Dich
kenne, bist Du gesund im Kern. Darum glaube ich felsenfest, dies ist
eine von den Krankheiten, die zur Reinigung nötig sind. Das ist mein
letztes Wort. Man muß nicht alles wissen wollen. Denn was heißt: alles?
Nichts, heißt es, nur sagt man immer zu dem, was man grad haben will,
»alles« und möchte an der ganzen Welt verzweifeln, von der man nicht das
geringste weiß außer der Winzigkeit, an die man sich grad klammert. Das
Notwendige ist nicht das, was man in dem und jenen Augenblick dafür
hält, und ich sage Dir (Du weißt, auch ich habe schon mein, wenn auch
bescheidenes Päcklein zu tragen bekommen) --: solange der Mensch nur
imstand ist, über sich nachzudenken, solang er nicht über sich hinweg
denken kann, solang ist er bloß ein grüner Frosch, der bei schlecht
Wetter unten auf der Leiter hockt und wartet, bis er das Gutwetter in
sich steigen fühlt. Sela.

                                                            4. Oktober

Gestern ließ ich den Brief liegen, um ihn mir heut noch einmal anzusehn.
Ich merke nun freilich, daß ich alles bedeutend besser hätte ausdrücken
können, aber lassen wirs schon so. Aus einem andern Grunde ist mirs
lieb, den Brief heute noch dazuhaben; ich kann nun etwas von Irene
hinzufügen, das so seltsam und schön ist, daß es, denk ich, auch Dir
wohltun wird, es zu hören.

Gestern abend noch spät kam sie zu mir; sonderbar feierlich waren ihre
Augen; ihr Wesen ließe sich musikalisch etwa darstellen: Portamento im
Viervierteltakt. Sie zog mich hinüber in die Kapelle, blieb in der Mitte
stehn, sah sich andächtig um und sagte: Ja, hier war es. Hier erschien
sie. Dort, wo die Orgel steht, -- die aber war nicht da, sondern ein
goldenes, dunkles Wasser, in dem es sich bewegte wie von kleinen
Gesichtern. Ich spreche von der Mutter Maria, sagte sie einfach (immer
sagt sie Mutter, nicht anders). Letzte Nacht erschien sie mir im Traum,
Lilien im Haar, aber sie war Ihnen ganz ähnlich. Und ich kniete hier an
einem Betpult. Nun zog sie einen Vorhang zur Seite, und da wurde ein
schlafender Mensch sichtbar. Ich konnte sein Gesicht nicht sehn, wußte
nur, daß er krank war. Gleich wars finster, ich glaubte noch Orgelgetön
zu hören, aber da wacht ich schon und wußte gleich, was dieser Traum
bedeutete: ich sollte hingehn und den kranken Mann pflegen. Es war schon
spät am Morgen, die ganze Nacht hatte ich gebetet, nun war mir so
leicht, und dann hörte ich auch das Orgelspiel aus dem Traum ganz fern,
-- Sie warens, nicht wahr? -- Ich nickte nur, so wunderbar schien mirs,
daß sie, die von allen religiösen Dingen sonst immer mit soviel
mystischer Schwärmerei gesprochen hatte, jetzt mit der natürlichsten
Schlichtheit redete. Und wie das Natürlichste auf der Welt setzte sie
hinzu: Mein Vetter Otto Herzbruch ist krank, Mama sagte es heut morgen
beim Kaffee, es soll Lungenentzündung sein. Ich bin schon dort gewesen,
seine Eltern sind tot, er wohnt bei seiner verheirateten Schwester; ihr
Mann ist Arzt und sehr gut, ich darf dableiben.

Ja, was soll man dazu sagen? Es giebt natürlich zehntausend Kranke in
der Welt, und ebenso natürlich ists, daß sie diesen einen zu pflegen
hat, in Gottes Namen, ich habe ihr viele Küsse auf den Weg gegeben. Es
wird schon gut für sie werden.

Darf ich Dir noch einen Rat geben, Kleines? Ich vermute, daß Du ziemlich
untätig dahinlebst, es ist aber durchaus notwendig, daß Du Dich
beschäftigst. Wie ist es nun mit Deiner Stimme? Sie muß kräftig genug
sein, um die Anfänge der Ausbildung vertragen zu können, und gewiß giebt
es in Böhne eine pensionierte Sängerin oder einen Kantor, der sie prüft,
und bei dem Du anfangen kannst, atmen zu lernen. Willst Dus nicht
versuchen? Mir zuliebe? Du weißt, wieviel ich von Deiner Stimme halte!

Daß wir Äpfel bekommen sollen, freut uns sehr, ich bitte um einen
schönen Gruß und vielen Dank für Deinen Papa!

Leb wohl für heute! Sei geduldig und getrost!

                                                                Renate


                            Magda an Renate

                                               Helenenruh, 10. Oktober

Liebe Renate!

Mir fällt ein, daß ich mich niemals für Dein schönes Bild bedankt habe.
Das kam wohl, weil es mir gleich so vertraut war, nachdem es nur einen
halben Tag auf meinem Schreibtisch gestanden hatte. Heut habe ich es
Bogner gezeigt, und er sagte: Ach, du lieber Gott! -- Du hättest es
hören sollen! Als wenn das größte Unglück passiert wäre. Dann strich er
immerzu mit der flachen Hand über das Glas, aber es wollte
augenscheinlich nicht weggehn. Schön? fragte ich nur. Schön? sagte er.
Schön wie Maria Stuart. -- Warum denn die? frage ich erstaunt. Ein
Stümper, sagt er, kann sie malen, und es wird immer ein Wunder bleiben.
Dann fragte er, wie Deine Augen wären, und ich sagte, blau und auch grün
und mit goldenen Tupfen. Und das Haar? Wie die Mähne von Rottraut, sage
ich, -- das ist mein kleines Pferd, ein Hellfuchs, aber Du würdest
sagen, ein Brauner. Ach, du lieber Gott! seufzte er da nur wieder, mit
dem Ton auf lieber, weißt Du! -- -- --

Ich will geduldig sein, Renate. Ja, das kann ich Dir versprechen, wie
ich es Maler Bogner heut versprochen habe. Sein Bild von der Herzogin
ist nun fertig. Als ich heut nachmittag in den Saal kam, wo er malt, um
etwas Harmonium zu spielen -- das mag er gern --, hatte er keinen Kittel
an, und die Malsachen lagen alle so sauber und in feierlicher Ordnung
wie heilige Geräte, mir aber gab er einen in rote Farbe getauchten
Pinsel in die Hand und befahl mir ganz ernst, unten in die rechte Ecke,
wo schon ein rotes Datum stand, ein Rad hinzumalen, das heißt, einen
kleinen Kreis mit vier Speichen, was ich mit Herzklopfen tat, und er
erklärte mir, das wäre sein Zeichen, eigentlich zwei B mit dem Rücken
gegeneinander, ich aber dachte an das Rad im Angelus Silesius und sagte
ihm den Vers:

   Nichts ist, was dich bewegt, du selber bist das Rad,
   Das aus sich selbsten läuft und keine Ruhe hat.

Und er sagte, das wäre ein guter Spruch, und ich sollte ihn beherzigen.
Ich will doch versuchen, Dir das Bild zu beschreiben, denn es hat mich
so -- ich weiß nicht, eben wollte ich >erschreckt< schreiben, aber es
war fast: enttäuscht. Denke Dir ein ganz gelbes Bild, lauter Gelb, auch
Braun und bräunliches Gelb, und denke Dir ein sehr breites Fenster, das
niedrig scheint, weil der obere Rahmen nicht sichtbar ist; in der Mitte
steht eine Säule aus gelbem Stein, und die Fensterbank ist auch
dunkelgelb. Draußen sieht man ein Stück unseres Parkes, wie vom Fenster
des Saales aus, hellgelbe Herbstwiesen und rotgelbe Bäume wie die
verdorrten Eichenblätter im November und schweren, graugelben Himmel,
und nun erst auf einmal sieht man den Kopf der Herzogin, der in der
rechten Hälfte des Bildes dicht über der Fensterbank ist -- als wenn das
Fenster hoch in der Wand säße, und es scheint, als wäre sie plötzlich
von der Seite ganz still herangetreten, um hinauszusehn, so daß man nur
das dunkelbraune Haar und den Hauch vom Profil und ein Auge sieht, und
ihr Kopf ist so groß und fremd geformt, und doch alles von so
wunderbarer Ähnlichkeit, daß ich wohl deshalb so erschrocken bin. In der
andern Fensterhälfte steht noch ein Blumentopf mit Goldlack; der ist so
schön, daß man gar nicht wegsehn mag, wenn man ihn erst entdeckt hat.

O, und es ist ein solches Schweigen in dem Bild, solche Totenstille,
obgleich jedes Einzelne so lebt und atmet, als wäre niemals eine
Bewegung dort, kein Luftzug im Park, kein Windhauch an den samtenen
Blättern vom Goldlack; als käme nie ein Mensch dorthin, als könnte
nichts diese grenzenlose Einsamkeit stören, in die sie hineingetreten
ist, die nun nie wieder zurück kann. Keine Zeit ist da, auch kein Licht,
das wir kennen, es kommt aus den Dingen selbst wie auf ganz alten
Bildern. Den ganzen Nachmittag habe ich davorgesessen und kaum noch
gewußt, daß ich lebe.

Bogner war fortgegangen. Später hörte ich ihn wieder hinter mich treten
und sah, daß er sein Skizzenbuch in der Hand hatte. Dann mußte ich eine
halbe Stunde still sitzen, und er ging um mich herum und zeichnete mich
von allen Seiten. Ich war recht ärgerlich, denn er sah so abgefallen
aus, und nun wollte er womöglich schon wieder was Neues anfangen, als
ich ihm aber etwas sagte, hörte er gar nichts. Hinterdrein stellte ich
ihn dann, aber er meinte nur, das wäre so eine Angewohnheit, wenn etwas
fertig wäre, gleich einen Grund für ein Neues zu legen. Es würde einem
ja angst und bange, setzte er mit einem Blick nach dem Bilde hinzu, wie
so etwas fertig und immer nichts als fertig wäre, das sollte der Teufel
aushalten. Da schien mir auch das Bild auf einmal ungeheuer ernst und
ganz drohend, und ich kann mir wohl denken, daß es schwer zu ertragen
sein muß, so etwas gemacht zu haben.

Und nun denke Dir, von meinem Gesicht hatte er eine Unmenge Zeichnungen
gemacht, manche so zart wie die Linien einer Meereswelle im Schlick, die
flüchtigsten Neigungen und Verkürzungen, und andres wieder so hart und
übertrieben, fast wie Karikatur; ein Stück Nase hier mit der Augenbraue
daran so deutlich, daß ich vor mir selber erschrak, als wäre es aus
meinem Gesicht fortgenommen, und dann wieder nur ein Ausdruck an einem
ganz fremden Mund, von dem ich nie etwas gewußt habe ...

O Renate, Renate, was ist das mit der Kunst, ist sie wirklich so
entsetzlich? Haben wir nicht auch etwas davon zu verstehn geglaubt mit
unserm bißchen Zeichnen und Aquarellieren? Und dann erst die Menschen,
die von den größten Dingen so reden, als ob sie sich von selbst
verstünden, wie Papa, der bloß fragte -- freilich war Bogner nicht dabei
--, was denn wohl der Blumentopf da sollte, und warum man die Herzogin
von hinten sähe, und der Kopf wäre ganz verzeichnet. Ach, und da greift
solch ein Mensch in die Herzen hinein wie in Staub und macht wie der
liebe Gott mit etwas Wasser ein Ding daraus, daß man sich nicht zu
fassen weiß. Wie kommt er dazu, sage mirs nur, wie kommt er dazu, von
mir solche Dinge zu wissen, und wo nimmt er denn nur das Recht her, dies
alles von einem abzunehmen und hinzulegen wie -- wie eine Apfelschale?
Das ganze Schicksal, und ich glaube, er kennt die Kindheit der Herzogin
wie seine eigne.

Ich aber komme mir doch wieder recht beschützt vor in seiner Nähe, denn
er selber ist einfach, groß und stark, und ich muß dran denken, wie ich
als Kind, wenn ich so allein war, mir nichts Schöneres vorstellen
konnte, als beim fürchterlichsten Regenwetter in dem Schilderhaus
gegenüber zu stehn und nur durch das kleine Guckloch zu sehn, wie der
große Posten draußen auf und nieder ging, Gewehr über und den
Mantelkragen hoch geschlagen.

Gute Nacht! Dank für Irenes Geschichte, schreibe mir ja, was weiter aus
ihr wird. Und grüße Deinen Onkel!

                                                           Deine Magda


                            Renate an Magda

                                                        am 15. Oktober

Liebstes Herz,

das hat mich sonderbar betroffen, was Du da von Deinem Maler, dem Bilde
und von der Kunst geschrieben hast, und nun ist mir auf einmal die
Bedeutung dieser unheimlichen Kälte aufgegangen, mit der C. F. Meyers
seltsames Gedicht »Nach einem Niederländer« schließt. Hier hab ichs,
erinnerst Du Dich? Zu einem holländischen Maler kommt ein Junker mit
seiner geputzten Tochter, um sie malen zu lassen. Der Meister malt
gerade »ein kleines zartes Bild«, und so schließt das Gedicht:

   Sie treten lustig vor die Staffelei:
   Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt
   Ein feiner Mädchenkopf. Der Meister setzt
   Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch
   Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand.

-- »Nach der Natur?« -- »Nach der Natur. Mein Kind. Gestern beerdigt.
Herr, ich bin zu Dienst.«

>Mit leichter Hand ...< Ja, begreifst Du nun schon, weshalb Du so
erschrocken bist vor dem Bilde der Herzogin? Das war das Mitleidlose.
Das wars, daß Du einmal gesehn hast: der Mensch -- im Dichter oder
Künstler -- mag schaudern vor dem, was er darzustellen hat, ob es nun
fremdes oder eignes Leid sein mag; der Künstler bleibt ungerührt, der
kennt kein Mitleid, der ist herzlos, der malt »mit leichter Hand«. Sonst
sehn wir ja immer nur das Kunstwerk und nicht die Lebenswurzel, aus der
es kam; nun spürtest Du einmal den sichern Griff der Hand, die ein
Unbekanntes aus Deinem eigenen Antlitz nahm, -- o nein, darüber sollten
wir nicht erschrecken, sondern schön ist es, rein und wunderbar, weil es
diesen Sinn hat, daß es Dinge giebt, ja, daß der Mensch wie ein Gott
Dinge machen kann, die so voll Unschuld und Unwissenheit sind wie der
Baum, der aus einem Grabe wächst, wie der Vogel, der im Baume singt.
Ach, woher denn sonst diese Magie unsrer Musik, die uns nimmt und
wegführt, ganz fort, von allem fort, weit hinaus über Frohsinn und
Traurigkeit, über Gut und über Böse in ein Unschuldsland, wo das Herz
allein glücklich ist. Wir können uns erlösen, siehst Du, wir können es,
denn wir können -- ach, braucht es denn immer Kunst zu sein? -- wir
können reine Taten tun, die von nichts wissen, vom Schicksal, vom Blut,
vom Schmerz nichts wissen, und dies sind wohl die ewigen Gebete, die bis
in Gottes Herz gelangen und ihm immer wieder sagen, daß wir Menschen es
doch wert sind, daß er uns gemacht hat.

Nun ist tiefer Herbst; ein goldener Tag. Ich sitze am offenen Fenster,
manchmal dreht ein kleiner Lufthauch die Blätter des aufgeschlagenen
Buches um, draußen im Garten sind alle jubelnden Farben versammelt, mir
ist so wohl, ich wünschte von ganzem Herzen, Dir abgeben zu können! Nun,
wenigstens kann ich Dir so lange schreiben, wie ich will, und da ich
nicht immer schön weise Reden halten kann, will ich Dir ein bißchen was
erzählen.

Da bin ich gestern nachmittag in einem Jungmädchentee gewesen, und es
war nicht besonders, bis ein Menschenkind sich an das Klavier setzte,
das ich schon vorher heimlich beobachtet hatte, denn sie hatte Haltung
und eine äußerst liebliche Sicherheit, hatte wundervolles, dunkelrotes
Haar, porzellanene Haut und die kräftigsten Brauen. Setzt sich hin und
spielt die Aquarellen von Gade, Gott bewahre uns! Und wie hat sie
gespielt! Wie ein Dämon. Nicht etwa »seelenvoll«, oder mit dem, was man
so »Temperament« nennt, sondern einfach mit einer unerhörten Rhythmik,
die mich geradeswegs zittern machte. Dann das erste Präludium von
Chopin, -- wie ein Wassersturz. Hinterher sollte ich spielen, wagte aber
natürlich nicht, die Tasten anzurühren. Und denke Dir, wie wir
aufbrechen, kommt sie zu mir und fragt, ob wir nicht zusammen gehn
wollten. Nun muß ich erst noch sagen, daß sie Ulrika Tregiorni heißt,
das heißt, eigentlich heißt sie wie ihr Mann -- ich hätte geschworen,
sie sei unverheiratet -- nämlich Hoeck, aber da sie sich beim Auftreten
-- sie ist Pianistin -- mit beiden Namen nennt, so lassen ihre Bekannten
meist den »Höcker« fallen, wie mir die Mädchen sagten. Lange spielt sie
übrigens noch nicht öffentlich, sonst würde ich sie ja auch kennen.

Nun, wir kamen denn bald vom Hundertsten ins Tausendste. Sie sagte mir
einfach, sie hätte von meiner Orgel gehört, und nun werde ich ihr heut
nachmittag vorspielen (auf der Orgel hab ich ja Mut!). Vielleicht
arbeiten wir dann miteinander und lehren uns alle Geheimnisse. Kannst Du
Dir denken, wie ich mich freue?

Nun was Romantisches!

Ich steh mit dem Gärtner heut früh im Vorgarten, da kommt eine Droschke,
hält, heraus steigt ein Riese mit einem weißen Turban als Kopf, dahinter
mein Vetter Josef. Wer ist der Riese? Mein Vetter Erasmus. Und der
Turban ist ein Verband; ein Auge zwinkert grad heraus, selbst das völlig
verschwollen! Gott bewahre mich! Josef hinter seinem Rücken will sich
totlachen. Ich, brennend vor Neubegier, will ihn ausfragen, da tut er
entsetzlich geheimnisvoll: das könnte er mir nur in seinem Zimmer
erzählen, -- also was halfs? Ich mußte mit hinauf -- hatt es ihm auch
schon lange versprochen -- und nun gehts nicht anders, nun mußt Du erst
die Beschreibung hören.

Stelle Dir vor, Du öffnest die oberste Tür in einem Treppenhaus und
siehst Dich einem großen, gotischen Fenster gegenüber, das entfernt von
Dir steht, und das eine einzige, spitzgewölbte Fläche von
unbeschreiblich milde leuchtendem, grünlichem Glase ist, in kleine,
quadratische Felder geteilt und vom Fußboden bis nahe unter die Decke
steigend. Ja, da stehst Du und staunst. -- Das Zimmer nun liegt der
Länge nach vor Dir, das Fenster steht in einem Erker: es scheint
dämmrig, obwohl es in Wirklichkeit, wenigstens an lichten Tagen wie
heute, schön hell ist, und da siehst Du in Deiner Nähe eine Vitrine,
angefüllt mit den köstlichsten Porzellanen, und an den langen Wänden
links und rechts sind Büchergestelle mit grünseidenen Vorhängen, die bis
zu Schulterhöhe etwa emporreichen, und einen Fußbreit darüber hängen
nebeneinander viele japanische Holzschnitte, uralte, von den erlesensten
Tönungen. Ein großer, niedriger Tisch, rund und mit grüner,
langzipfeliger Decke steht noch im Zimmer, ein paar tiefe Sessel darum
und im Erker ein Lehnstuhl mit hoher und steifer Rückwand, grau bespannt
voll Silberstickerei. Dahinein darfst Du Dich setzen und eins von den
kleinen Quadraten in der schönen Fensterwiese aufmachen, dann siehst Du
weit ins Land hinein, siehst weit hinten die Stadt mit Kuppel und Türmen
in ihrem Rauch, siehst unten die großen Wiesenflächen und den Bahndamm
und den ganzen, großen Herbsthimmel mit allen Wolken!

Du magst aber gehn oder stehn im Zimmer, wo Du willst, immer ist das
unsagbare Grün, diese weite Fläche im gotischen Rahmen um Dich her, als
wärest Du in einer Wolke, und wenn Du längst wieder draußen bist unter
den gewöhnlichen Dingen, merkst Du es plötzlich an Deinen Augen und mußt
mit der Hand darüber fahren, und es kommt Dir vor, als wäre alles milder
geworden.

Das ist dieser Josef ... Nun aber höre Erasmus dagegen -- das heißt, ich
muß ganz von vorn anfangen.

Ein paar Meilen von hier wohnt auf ihrem Gute die steinalte Frau Rüdiger
nebst ihrer Adoptivtochter Virgo. Onkel Augustin steht mit ihr in
Verbindung wegen ihrer Rosenzucht, und wir sind einmal hingefahren. Der
Gutshof ist ein schönes, altes Schloß, und sie kam uns in der Torfahrt
entgegen, völlig unkenntlich freilich, denn sie trug Kniehosen, einen
Jägerrock, uralt wie sie selber -- klein aber sehnig -- ein grünes
Hütlein auf dem Kopf und rauchte eine kleine Pfeife. In ihrem Wesen war
von alledem nun keine Spur, sie war eine richtige alte Frau, hat aber
ihr Leben lang die eigentümlichsten Marotten gepflegt, wovon die
eigentümlichste wohl die sein dürfte, daß sie Waisenkinder aufzog, und
zwar nicht bloß so gewöhnliche, sondern gewissermaßen exquisite, nämlich
Kinder von Verbrechern, Trunkenbolden, Hingerichteten und
Gottwasweißich. Das letzte Kind war Ulla Steinbrech, die wurde selber
umgebracht, denn sie war mannstoll, kriegte mit sechzehn Jahren ein
Kind, ihre Pflegemutter zwang sie, dessen Vater zu heiraten, da gab sie
ihm ein schleichendes Gift, und die Pflegemutter bestand darauf: sie
mußte auf das Schafott. Ja, so war sie, nun ist sie sanfter geworden,
die alte Rüdiger. Ihr jetziges Kind, die kleine Virgo, ist ein kleines,
zartes Wesen von achtzehn Jahren mit den allergrößten schwarzen Augen
und einem schwarzen Tituskopf, denn die alte Rüdiger kann lange Haare
nicht leiden.

Nun aber hat sie sich -- Virgo -- vor einiger Zeit in einen Studenten,
einen Italiener, einen Conte oder Marchese, verliebt (italienischer
Adel, sagt Josef, wäre >maulichtAdvent!Psychologische<, wo sich denn bei allen derartigen
Erzeugnissen das Wort Psychologie mit »Seelenforschung ohne
Menschenliebe« wohl übersetzen ließe. Und mit dem Überhandnehmen des
Psychologischen scheint mir auch der demokratische Zug in die Literatur
eingedrungen zu sein und der, freilich lange blaß und vielfach
abgeschmackt gewordene aristokratische daraus sich entfernt zu haben.

Du erinnerst Dich vielleicht eines Reisegespräches aus unsern
Augustfahrten über aristokratisches und demokratisches Wesen; und
erinnerst Dich auch, daß wir im Kern des Aristokraten ein Beruhen, in
dem des Demokraten die Bewegung fanden. Wir einigten uns auf die
demokratische Tendenz alles Geistigen und kamen zu dem Schluß, daß, wenn
es den Vorzug des Aristokraten bilde, vertrauensvoll auf eine Tradition,
auf das gesicherte Gewordene zurückzublicken, der des Demokraten eine
unbegrenzte Gläubigkeit an das Kommende sein müsse. So könne also,
meinten wir, wenn ein Charakter von annähernder Vollkommenheit sich
bilden solle, eines das andre niemals ausschließen, sintemal
verharrender Blick auf das Vergangene sinnlos und albern wäre ohne den
Blick darüber hinweg in eine, das Aufgespeicherte nützende und
fortbildende Zukunft, ebenso wie für das Zukunftsvertrauen unerläßlich
sei der Glaube an einen, von Vergangenheit wohlvorbereiteten und
gesicherten Boden. Aristokratischer im Kerne vielleicht -- nur
vorsichtiger Demokrat -- glaubten wir, solle der Mensch sein unter
Menschen, der Tätige; demokratischer der Geist, beweglicher,
leichtherziger gegen den Boden als gegen seine Flügel und Flüge.

Ich würde mich freuen, wenn wir mit neuem Anlaß und in neuen Richtungen
das alte Gespräch zu Weihnachten wieder aufleben lassen könnten. Nun,
jedenfalls, die Bestätigung für alles eben Gesagte fand ich im Knoop und
in ihm den wahren, inneren Aristokraten in vorzüglicher Reinheit. Da
fällt mir das ausgezeichnete Wort ein: »Die eigentlichen, inneren
Aristokraten werden von den Weltbegebenheiten selten zur Macht geführt;
sie wünschen es auch gar nicht, halten sich zart und hochgemut
beiseite.« Wohin, mein Sohn, schreiben wir uns dieses? Hinter die Ohren
schreiben wir es uns. Und dann das andre Wort -- wahrhaftig, wenn ich an
jenem Tage, wo ich, nach alter Väterweise, versuchte, etliche eigene
Erfahrungen in nicht allzu lehrhaften Lehren für Dich zu
kristallisieren, dies Buch gekannt hätte, so würde ich nicht unterlassen
haben, Dir das vollkommene Wort vorn in den Cellini hineinzuschreiben,
jene wahrhaft erstaunliche Erklärung des Begriffes Freiheit, als welche
sei: Gebunden sein an sich selber und an die höheren Mächte; nur nicht
an seinesgleichen! -- Nun immerhin -- was jene Stunde anlangt, so halfen
da ja keine Worte, und ihre Bestandteile waren, wenn nicht der Zustand,
in den sie als Ganzes Dich versetzte, Dir eine untilgbare Narbe
einbrannte, sicherlich nichtswürdig.

Womit es genug sei für diese Nacht. Allein noch eins. Doktor Birnbaum
stellte fest, daß Knoop in München lebt. Suche ihn auf; ich hoffe, er
wird Dich nicht abweisen. Man weiß ja nicht, in welchen Verhältnissen er
lebt. Vielleicht ließen sich aus der Bekanntschaft mit ihm Vorteile von
hohem geistigen, oder sei es auch von tatsächlichem Werte ziehn;
vielleicht gehts ihm schlecht, und ihm muß geholfen werden. Kennst Du
niemand, der Dich einführte? Ich denke, auch nur ein Besuch bei ihm
müßte für Dich höchst gewinnbringend sein.

Dieser Brief erheischt naturgemäß, freiwillig, wie er sich einstellt,
keinerlei Erwiderung. Du wirst genug mit Dir zu tun haben. Bleibe
gesund, mein Junge, vor allem gesund, in diesem Wunsche gipfeln all
meine Besorgnisse auch um Deine seelische Erhaltung. Eben kommt Mama
herein und will ihren Namen darunter kritzeln -- der Blinde zum Lahmen!
Jagt mich ins Bett und ist selber nicht drin! Gute Nacht, Junge!

                                                                  Dein
                                                                 Vater

Papa und Birnbaum >wetteifern seit einiger Zeit einmal wieder in
Nokturnos<, wie Dein Freund Morgenstern sagt. Gute Nacht, mein Freund!
Deine

                                                                Helene


                         Georg an seinen Vater

                                               München am 19. November

Mein guter Papa:

Die Mama setzt einen doch immer wieder in Erstaunen! Ein einziges Mal im
Leben habe ich ihr nun eine halbe Stunde lang Morgenstern vorgelesen --
zu ihrem höchsten Vergnügen, kannst Du Dir denken! -- und wie es
scheint, hat sie ihn auswendig behalten und tritt glänzend damit hervor.
Lieber Gott, was seid Ihr doch für zwei Menschen! Ich weiß, Papa, ich
weiß, daß derlei Ausrufe die natürlichen, den Gefühlen gesetzten
Schranken durchaus überschreiten, aber mögen sie einmal!

Erlaube im übrigen, daß ich mit einer leichten Verlegenheit die Feder
ergreife. Auch sie ist, wie der Grund Deines vereinsamten und um so
freudiger begrüßten Schreibens, aus mannigfachen Anlässen
zusammengestückt, von denen ich ein paar herzählen zu dürfen bitte:
Verbundener Kopf mit 37 Nadeln und einem Knochensplitter von drei
Zentimetern (innerlich gleichwohl schon wieder klar; es war am
Samstag!); ferner nicht unerheblich Deine Auslassungen über Korps usw.
Alsdann ein Gewisses, eben schon Erwähntes, wovon gemeinhin unter uns
nicht die Rede zu sein pflegt, -- ich meine -- Gefühle, und zwar sowohl
solche Deines Briefes selbst -- in und zwischen den Zeilen -- als auch
solche, mit denen ich ihn las. Und von diesen gestatte noch ein Wort,
das anstands- und vorsichtshalber in der Bildersprache geredet sei.
Nämlich:

Zwei Erinnerungsbilder erschienen mir während des Lesens mit besonderer
Deutlichkeit nacheinander. Das eine aus dem ersten Jahr meines
Altenrepener Lebens und aus dem Pragerschen Hause, -- kurz: Benno bekam
eine Ohrfeige von seinem Vater; Obertertianer waren wir; den Grund
vergaß ich. Es war die erste dergleichen, die ich sah, und ich weiß noch
genau, in welche Freundschaftsängste mich die zuversichtliche Einbildung
versetzte, Benno scheide mit diesem Augenblick entweder für immerdar aus
dem väterlichen Hause, oder aber jedes Gefühlsband zwischen ihm und dem
Alten sei unheilbar zerrissen. Freilich -- keines von beiden; es war nur
meine erste -- nicht Bennos erste Ohrfeige. Die letzte allerdings; ich
glaube, mein Gesicht, als ich sie bekam, hat der Alte nicht vergessen.

Das andere Bild stellt Caligula dar, nicht den Kaiser, sondern
Oberlehrer Karlchen Müller, den wir so nannten, weil Caligula
Stiefelchen bedeutet, und so sah er aus. Im übrigen ehrten wir ihn
äußerst, aus weiter keinem Grunde, als weil er, wenn er einmal etwas
nicht wußte, die Gewohnheit hatte, zu sagen: Tscha, das weiß ich nu mal
gleich nich; das muß ich erscht nachschlo'n. -- Dies Zugeständnis der
Unwissenheit machte immer von neuem tiefsten Eindruck auf uns.

Guter und großherziger Papa, muß ich noch Beziehungen aufdecken?
Verwandtschaften und Gegensätze? Denn nicht umsonst bist Du ja der kluge
Vater eines so begabten Sohnes und weißt, daß nichts den Glanz des
Wissens derart zu vertiefen imstande ist wie die gelegentlichen und
spärlichen Eingeständnisse des Nichtwissens; und weißt, daß kein Kaiser
seinen Nachkommen tiefer in Beschämung zusammenrütteln kann, als wenn er
ihn -- als Kaiser, den kommenden, behandelt; als seinesgleichen.

Nun erst zum Besten, ja zu einer der kostbarsten Stunden meines Lebens,
als die ich sie immer zu bewahren hoffe. Ich war bei Knoop. Es traf
sich, daß ich bereits von Dr. Bödeker, dem Redakteur des Altenrepener
Kurier, eine Empfehlung an ihn bekommen hatte. Ich zögerte noch, ihn zu
behelligen, da kam Dein Brief, und ich ging.

Nein, leider, ihn uns zu verbinden, wird auf keine Weise gelingen. Ich
fand -- in einer schönen Bürgerwohnung -- einen kranken Mann mittleren
Alters, klein, gebrechlich aussehend, mit einem hängenden,
schwarzgerandeten Kneifer, schlichtem, dunklem Haar, -- und irgend etwas
an ihm mutete mich japanisch an, was, kann ich nicht sagen. In seinem
Gesicht aber fand ich -- wenn es in seinen Augen zu rieseln begann und
die Lippen sich über den sehr schlechten Zähnen verzogen -- etwas
Herrliches wieder: das Lächeln Maler Bogners. Hast Dus gesehen, Papa? Du
mußt es gesehen haben! Ach, es war vielleicht noch kostbarer bei Knoop,
denn -- es war schmerzlich, und es war, als ob der tief aus innen
quellende Glanz der vollkommenen Leidensgüte mich ganz überrieselte,
wenn dieser kleine, kranke Mensch hinter seiner Stuhllehne stand -- er
bat gleich, seines Leidens wegen stehen zu dürfen -- und hin und wieder
zu seinen Worten lächelte. -- Ja, der kann nun wieder nicht sitzen, --
und ich hockte da in meiner Gesundheit und pries mich glücklich und
dachte an Mama und an Dich, und daß irgendein furchtbarer Riß von
Verkehrtheit in der Welt sein muß -- -- ja.

Er führte mich bald ins Nebenzimmer, wo ein großer, häuslicher Tisch war
mit einem Samowar und großen russischen Teegläsern in schweren
Silbereinsätzen, und am Tisch seine Frau, ein junges Mädchen, deren
Zugehörigkeit mir dunkel blieb, und ein Gast, wie es schien ein Kaufmann
aus Rußland. Auch seine Frau war verehrungswürdig, mit fabelhaft
lebensvollen, klugen und guten braunen Augen in einem blassen, nicht
eben schönen Gesicht, das aber ganz leuchtend war von prachtvoller
Frauenhaftigkeit und tiefem Leben, -- wohl hoch in den Dreißigern alt.
An irgend etwas, über das wir sprachen, kann ich mich nicht mehr
erinnern. Nur an sein Lächeln. Und so gewiß es ist, daß es Lebensstunden
des Übermaßes giebt, des Glückes, der Freude, die unvergeßlich bleiben
müssen, so gewiß glaube ich zu fühlen, daß keine sich tiefer einbrennen
kann, ja vor allem keine in späteren Jahren eine so leuchtende und
herztröstliche Wiederkehr feiern kann wie diese stille, in nichts
faßliche, die ich neben dem armen kranken Manne Gerhard Ouckama Knoop
verleben durfte.

Deine Erinnerungen an unser, mir freilich höchst gewärtiges
Reisegespräch haben ein zweites zutage gefördert, das ich aus Anlaß
Deiner Briefäußerungen mit einem reizenden Menschen hatte: Ernesto von
Riesa, bei uns i. a. C. B. -- leider bereits! -- studiert
Literaturgeschichte vorwiegend, vollendet eben eine dickleibige
Doktorarbeit über ein Thema aus der Theatergeschichte und hat vor,
Intendant zu werden. Geruhe vielleicht, Dir den Namen zu merken. Einige
aphoristische, oder besser fragmentarische Auslassungen, die unser
Gespräch abwarf, und die ich zu Papier brachte -- ohne mehr genau sagen
zu können, auf wessen Kosten von uns Beiden dieses oder jenes darin
kommt -- füge ich bei.

Der Eintritt ins Korps war -- seis gestanden! -- soweit sich das heute
schon übersehen läßt, nicht viel mehr als eine Eselei. Zwar bin ich zu
Ausschweifungen äußerlicher Art höchstens nur in sehr sporadischer Form
geneigt, und so hat es in diesem Betracht keine Gefahr, zumal, trotz
Trinkzwang, wer sich in Ausschweifungen stürzt, dies auf eignen Trieb
hin tut, -- allein Zeitvergeudung ist auch ein Fehler, und hier haben
wir ihn. Mich bestrickte der Anschein eines gewählten Kreises von
gutgewachsenen, freundlichen und gesitteten jungen Leuten, die meine
Lebensneigungen -- in freilich so überraschender Weise zu teilen
schienen, daß es mich hätte stutzig machen sollen. Nicht daß sie logen,
natürlich! Vielmehr verfügen diejenigen, die den meinen entsprechende,
also vorwiegend literarische Neigungen betonten, wirklich über etwas
derart. (Es giebt ja heutzutage so viel gute Bücher, daß schon etwas
dazugehört, niemals einem begegnet zu sein und diese Bekanntschaft am
passenden Ort zu erwähnen!) Und da sie mich keilen wollten, holten sie
alles hervor, was sie hatten, dieweil sie selber und zur Zeit besonders
ganz andre Bahnen wandeln. Immerhin -- Menschen fehlen -- siehe Ernesto
Riesa -- nicht völlig, und Wert oder Unwert steckt, wie ja in keiner
Sache selber, so auch nicht in dieser, sondern wird sich an mir zeigen,
wenn ausgelöffelt ist, das heißt -- nächste Ostern.

Der Schädel aber macht sich nun doch mit ein wenig Hitze bemerkbar.
_Nota bene_ meine zweite Mensur, da ich ja schon in A. gut fechten
gelernt habe, was mir nun zugute kommen wird, dieweil ich so eher C. B.
werde. Die erste endigte mit Abfuhr auf Gegenseite nach dreieinviertel
Minute; dafür bekam ich diesmal einen härteren Gegner, alle Hiebe
glücklicherweise auf den Kopf.

Nun innige Grüße an die arme Helene! In Ehrfurcht, Begeisterung und
Liebe wie stets Dein Sohn

                                                                 Georg

   Einige Feststellungen über den Unterschied von aristokratischem und
                           demokratischem Wesen

Der Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen liegt im
Besitz.

Besitz verleiht Macht, Macht verleiht Freiheit, Freiheit Sicherheit,
Sicherheit Haltung und Haltung Adel. Besitz von Ämtern, Würden, Ahnen
(von Vergangenheit), von besonderen, vereinzelten oder seltenen
Eigenschaften, etwa ritterlichen Tugenden, von Menschen und von Erde.

Besitz von Erde: der schlichteste, weil natürliche; der tiefste, weil
voll Geheimnis; der schönste, weil unendlich reich an Pflichten. Knoops
Seebald Soeker: >Am adeligsten aber ist Bauernadel.< Denn das Leben des
Bauern ist Beschäftigung mit dem >lebendigen Kleide der Gottheit<. Durch
seine Hände fließt alljährlich das goldene, mit dem Worte Gottes
tausendmal eng bestickte Band des ausgesäeten Kornes.

Gleichwohl fand Bauernadel nur selten einen Ausdruck in Vornehmheit, in
adliger Erscheinung und Gehaben, und zwar dies aus unterschiedlichen
Ursachen, darunter vorzüglich: Abwesenheit einer hervorragend
aristokratischen Eigenschaft, des Vertrauens. Der Adlige, sicher seiner
selbst, verlangt, daß man sich auf ihn, auf sein Wort, seine Ehre
verläßt. Sein Wort ward Eid. Er weiß, daß der Herr, dem er dient, dies
tut, bringt daher das gleiche Vertrauen auch denen entgegen, die ihm
dienen, bis zur Torheit, bis zur Tollheit. Auch hier Überlieferung, Wert
des Gealterten, Vererbten: wie schon seine Ahnen dem Fürsten dienten, so
dienten die Väter seiner Knechte seinen Ahnen, so wäre Mißtrauen
entehrend. Beschützertum und Dienstpflicht sind beide undenkbar ohne
Vertrauen. (Hartmann von Siebeneichen; Volksballade vom Knecht, der den
Herrn erschlug.)

Aber der Bauer -- solang er leibeigen war, übrigens ohne Besitz -- ist
zu doppeltem Mißtrauen genötigt. Mißtrauen gegen die Natur, durch die er
lebt, deren Gunst oder Ungunst er niemals sicher ist, die ihn tausendmal
enttäuschte, zu hintergehen schien; und Mißtrauen gegen den Menschen,
Knecht und Magd, die nicht besitzenden Unfreien, die widerwillig
schaffen, weil für den Herrn, nicht für sich selber, die deshalb
unablässige Überwachung, unablässiges Mißtrauen erfordern. Mißtrauen ist
ein Charakterzug aller Köpfe alter Bauern.

                   *       *       *       *       *

Der einzige Besitz, der nie und nirgend Adel verlieh, ist Geld.

Noch hat der Mensch nicht vergessen, daß zum Begriff des Besitzes Dauer
und daher Eigentum, das Persönliche, unerläßlich sind, um ihn vollkommen
zu machen. Folglich ist Besitz nur möglich im Geistigen und im
Gegenständlichen, Irdischen. Geld gehört jedermann und wechselt unter
jedermann beständig. Patrizieradel hat in andern Besitztümern seine
Ursprünge, auch er zuerst in dem von Geschlechtsalter.

                   *       *       *       *       *

Zum Wesen des Nichtbesitzenden, des Demokraten, gehört das Streben, das
Verlangen nach Besitz, also die Ansicht von unrechter oder ungerechter
Verteilung -- um der eigenen Rechtfertigung willen --, also Mißtrauen.
Immer haftet ein Schatten demokratischen Wesens den Allzugeistigen an,
jenen, die zwar erwerben, aber nichts besitzen, weil sie nichts
schaffen.

Wurzel jeglichen Denkens allerdings ist der Zweifel. Was ich glaube,
brauche ich nicht zu prüfen, zu untersuchen, zu durchforschen. Jegliche
geistige Durchforschung aber ist gelenkt vom Streben nach irgendeiner
Handgreiflichkeit, einem Bodensatz, einem Ende, einer Verwirklichung,
einer endlichen Undurchlässigkeit für den rastlos bohrenden Gedanken.
Der Allzugeistige nun findet immer Möglichkeiten, immer andre Sehwinkel
und Aussichten, nirgendwo ein Aufhören, einen Halt, verwickelt in ein
Gewebe unendlichen Mißtrauens.

Aristokratisches Wesen ist undenkbar ohne einen festen Zug von
Beschränkung (Beschränktheit). Beschränkung = das Freiwillige; ich
_will_ nicht weiter. Beschränktheit = das Unfreiwillige; ich _kann_
nicht weiter.

Wo aber andrerseits ein Geist nach geistigen Besitztümern unablässig
strebt, tief bewußt des eigentlichen Eigentumes, nämlich des Strebens,
da entstehen innerhalb so demokratischen Verfließens Ruhe, Freiheit,
Vertrauen, Haltung, Sicherheit, Einsamkeit und Stolz, die alle vornehme
Dinge sind. Wer nun der Meinung ist: im Anfang war der Geist, -- der
kann hierin den adeligsten Adel erblicken.

                   *       *       *       *       *

Zum Wesen des Aristokraten gehört Stolz, das ist das Empfinden der
eigenen Seltenheit, der Vereinzelung, der Einsamkeit oder aber der
Notwendigkeit für Andre. Die Welt muß aristokratischer gewesen sein vor
der Zeit der Städte, als der Menschen noch weniger waren. Die
Unsicherheit, die vielfache Not des Daseins schuf gleichzeitig Mißtrauen
und Vertrauen. Mißtrauen so lange, bis eine Treue sich erprobt, eine
Macht sich als verläßlich erwies. Dann vertraute der Bauer seinem
adeligen Schirmherrn, dieser seinem fürstlichen Oberhaupt, ein für
allemal, sein Vertrauen beweisend, indem er es auch auf Nachkommen und
Erben fraglos übertrug, bis etwa deren Schwächung, deren verminderte
Persönlichkeit ebenso wie zunehmende Macht des freiwillig Unterworfenen
zum Mißtrauen zurückführten. Freiwillig -- dies war und bleibt
notwendig, denn Zwang in jedem Betracht ist die Wurzel des Zweifels.

Mißtrauen ist die Ursache der politischen Demokratie, des Verlangens
nach Republik und Präsidentschaft. (Abgesehen von der Entartung, vom
Verfall des Adels in Frankreich, hat deshalb auch nur dessen Fehlen --
wie in Amerika -- zur Gründung von Republiken führen können.) Vielzahl
mißtraut der Kraft des Einzelnen oder der Wenigen, der Fähigkeit des
Einzelnen, das allgemeine Gute und Nützliche zu erkennen und zu wollen.
Vielzahl fühlt sich als Majorität, als überlegen.

Die französische Republik endete an demselben Tage, wo Der erschien, der
stärker war als die Massen, weil er ihnen die Empfindung einzuflößen
verstand, es sei für sie das Beste und Nützlichste, ihm zu gehorchen,
wobei es in seinem Wesen lag, daß er ihre Neigungen nach Freiheit und
Gleichheit -- Emporkommen des Tüchtigen -- aufnahm. Das französische
Kaiserreich bestünde noch heute, wenn die Nachkommen Napoleons lauter
Bonapartes gewesen wären. Denn das Volk ist nur dumpf; ihm ist die Form
gleich, es will den Gehalt; gleichviel wie -- es will gut regiert
werden.

Der Deutsche, von Natur für Treue und Vertrauen gleichermaßen veranlagt
(es sei erinnert an den übermäßigen Hang romanischer Völker zur
Eifersucht), Treue auch in der Neigung zum Beharren, zum
Konservativismus, zur Erhaltung des Überlieferten, das er lieber fünfzig
Male verändert, ehe er es vernichtet, -- der Deutsche haftet noch immer
ganz und gar am dynastischen Gedanken.

Zudem glaubt er wohl, an geistiger Freiheit ein zu strahlendes und alle
andern überwiegendes Besitztum zu haben, um nicht auf den Schein der
politischen zu verzichten zugunsten des eingeborenen Vertrauens auf den
angestammten, einst von Gott eingesetzten Herrscher.

                   *       *       *       *       *

Humor finden wir eher als Eigenschaft des Aristokraten als des
Demokraten.

Schopenhauer legte als Ursache des Lachens (nicht des Humors)
einleuchtend die Inkongruenz fest; Inkongruenz einer Tatsache oder
Erscheinung mit dem Begriff, den wir, ob unbegründet oder begründet, von
ihr haben. (Eulenspiegels Streiche.)

Humor ist die schwierige Kunst des vom Schicksal, von Not, von
irgendeinem Unglück Heimgesuchten, zu lachen über die Inkongruenz seiner
wirklichen Lage mit der, die er eigentlich für seiner angemessen, oder
für ihn bestimmt, oder erhofft, oder erwartet hielt. So liegt Verzicht
im Humor. Gelächter beendet, immerhin fürs erste.

Abenteurer, Vagabunden, leichte Vögel, die auf alles verzichteten mit
Ausnahme des Rechtes über alles zu lachen, vornehmlich über sich selber,
gewinnen in dieser letzten (Vogel-) Freiheit der auf nichts gestellten
Sache, der Sicherheit des Nichts-zu-verlieren-Habens, stets einen Schein
von Vornehmheit, von erlauchter Lebensführung, jedenfalls von, noch so
lumpigen, aristokratischen Allüren. Aus der Erkenntnis des »Alles ist
eitel«, der »_vanitas vanitatum_«, der Wertlosigkeit irdischer Güter
sowie aller Bemühungen um sie, entsprang im Volke jene, mit Verachtung
und Grauen ebenso wie mit geheimer Ehrfurcht gemischte Vorliebe für
dergleichen Typen.

Je mehr einer wahrhaft zu besitzen glaubt, auf desto mehr darf er
verzichten und den Verlust, sollte er ihn dennoch schmerzen, verlachen.
So spotten ihrer selber humorige Adlige, die im Laufe der Zeit alles
Reale ihres Standes verloren -- bis auf das Bewußtsein ihres Alters,
ihrer Würde. Aber der immer beschäftigte, an alles gebundene, unfreie,
begehrliche, immer strebende Geistesdemokrat gelangte nicht zum Humor,
weil nie zum Verzicht.

Der Demokrat Freiligrath begriff nicht die Inkongruenz seines bärtig
deutschen Wesens mit seiner Löwenrittsphantasie, die uns heute so
lächerlich vorkommt. Andrerseits sah der Revolutionär Friedrich Reuter
sich genötigt, die Tragik seines Lebens in humoristischen Fabeln und
Figuren zu gestalten -- mit Hülfe der Bauernsprache.

Wenn gar nichts andres, so macht der Humor zum Herrn der Lage.

Ein Lord in einer adligen Tischgesellschaft bekam einen zu heißen Bissen
in den Mund und sagte, genötigt, ihn auf den Teller zurück zu speien, zu
den entsetzten Umsitzenden mit vollkommener Seelenruhe: »_A fool, who
would swallowed it._« Herr der Lage.

                   *       *       *       *       *

Um näher auf das Wesen des Humors eingehen zu können, wäre zuvörderst
eine Entwickelung des Wesens von Tragik vonnöten, die nicht gegeben
werden kann. Soviel sei gesagt:

Humoristen in diesem, im tragischen Sinne gab es: Jean Paul, Dickens,
Wilhelm Raabe, Thackeray, Gottfried Keller, Wilhelm Busch, Christian
Morgenstern, Sterne.

Humor ist eine germanische Angelegenheit.

Auch Tragik ist -- seit den Griechen -- eine germanische Angelegenheit.

Die Welt ist nunmehr eine germanische Angelegenheit.

                               _Schluß!_

Privates Nachwort für meinen Papa:

Solange ich dergleichen Dinge denken kann, ist mir nie etwas natürlicher
erschienen als der Umstand, daß, da Du schon ein Herzog bist,
demokratischen Neigungen huldigst.

Folgerichtige Erweiterung aus diesem:

Der Natur-Aristokrat habe demokratische Neigungen; der Natur-Demokrat,
der Geistmensch, der Dichter habe aristokratischen Kern.


                            Renate an Magda

                                                           Am 24. Nov.

Mein Krankes:

Dein Vater sagte mir heut am Telephon, daß Deine Augen angegriffen
seien. So darf ich Dir wohl nur ein paar Zeilen und alle liebenden
Wünsche schicken. Onkel Augustin fügt die seinen und seine letzten Rosen
hinzu. Alles Gute, mein Herz! Ich rufe jeden Tag an und frage, wie Dirs
geht. Mir ist schon wieder ganz wohl, aber ich muß noch mehrere Tage das
Haus hüten. Soll ich dann kommen? -- Immer zärtlich bei Dir Deine

                                                                Renate

P. S. Weißt Du, daß ich Deinen Maler kenne? Nach einem abscheulichen,
mißverständlichen Telephongespräch hatten wir neulich ein andres am
Abend, und das war schön. Ich mußte daran denken, wie Du neulich Dein
Zimmer mit einer Schiffskajüte verglichen hattest; auch ich in meinem
kleinen, leuchtenden Raum kam mir so viel tiefer in der Nacht vor als
sonst; als säße ich auf einem Leuchtturm und hätte Verbindung mit solch
einem dauerhaften, alten Segler, der nach der Einfahrt zum Hafen fragte.
Was hat er doch für eine ruhige, gedämpfte Stimme! Heute abend ist
Verlobung bei Herzbruchs, da werde ich seine Mutter kennenlernen. Nun
adieu!

                                                                    R.

Noch eine Nachschrift? -- --

Sage mir -- --

Ich weiß nicht, soll ich weiter schreiben oder nicht?

Also sage mir, ob Bogner vielleicht die Gewohnheit hat, lautlos zu
lachen, indem er das Kinn anhebt und den Mund leicht öffnet ...

Hör zu! Das, wovon ich Dir früher einmal erzählte, ohne es Dir beweisen
zu können, -- es hat sich wieder gezeigt: mein phantastisches Gesicht.
Ganz schwach schon einmal -- so daß ich darüber hinglitt -- in den
ersten Tagen meines Hierseins, wo ich an einem Abend, anstatt daß ich,
wie ich glaubte, mein Zimmer betrat, aus einer Waldöffnung über ein
düstres, abenddämmriges Tal von ungeheurer Größe hinaustrat, in dessen
Ferne grauschwarze Berge sich zusammenschoben, zwischen denen ein
erschreckendes Rot, ein trübes, qualmiges, wahres Weltuntergangsrot
brannte; am Grunde des Tals tanzten undeutliche Gestalten -- sonderbar
blitzten die Goldschellen in den Rändern ihrer Tamburine, während im
blaugrauen Himmel ein völlig grüner Stern aufleuchtete, mit Josefs Augen
lächelte und entschwand samt der Landschaft.

Nun heute wieder, es macht mich doch nachdenklich ...

Denn wenn ich denke, daß ich diese Gesichte immer nur daheim, im Haus
oder Garten hatte, nie auf einer Reise, in keiner noch so geringen Ferne
-- darum auch in der ganzen Zeit unseres Zusammenseins nicht -- und nun
hier im Hause von meines Vaters Bruder wieder, -- welche Vernietung des
Blutes! -- Da fällt mir auch ein, daß ich nach Papas Begräbnis sieben
Tage, ohne Lebenszeichen, wie ein Steinbild auf meinem Bett gelegen
habe, während meine Seele -- -- nun, erwachend wußte ich freilich nicht
mehr, wo sie gewesen war, doch waren es wohl die Toten.

Gute Na-- nein, da sehe ich ja, daß ich die heutige Erscheinung zu
beschreiben vergaß!

Ich kam am Nachmittag in mein Zimmer und fand einen schönen, mächtig
großen Adler darin, der ganz goldenbraun war. Er saß auf der Lehne eines
Sessels, seine kleinen Augen waren blau mit goldenen Linien wie
Lapislazuli. Ich trete sehr erfreut auf ihn zu und schiebe gleich meine
rechte Hand zwischen seinen Leib und die linke Flügelschulter tief ins
warme Gefieder, indem ich denke, das wird er gern haben ... Ah
wie das lebte, warm war und so -- mehlig! Wie die weich
übereinandergeschichteten Federn sich zusammendrücken ließen! Indem aber
fühle ich schon, den Kopf langsam senkend, daß wir fliegen. Ich hebe
wieder den Kopf und sehe ihn über mir fliegen, -- ah wie das wundervoll
war, einen großen Vogel einmal so nahe fliegen zu sehen, wie die
gewaltigen Fittiche nach vorn ausgreifen und sich spannen, Feder um
Feder, wie sie krachend und knatternd, in immer demselben langen, steten
Schwunge ausholend, nach hinten schlagen, die biegsamen Schwingenenden
peitschend ganz an seinen Leib sich anpressen, daß er wie flügellos
vorwärts schießt! Und ich dicht unter ihm, sitze in starken Seilen, die
seine Krallen halten, in den Tiefen unter mir rollen goldene Länder, von
Wolkenschatten, von den Hieben der Goldspeichen am Sonnenrade riesig
durchfegt, und wie ich jetzt, ganz lusterfüllt, zu dem Adler aufsehe,
öffnet er den Schnabel und lacht lautlos. Ich senke das Gesicht, denke
an Bogner, und darüber vergeht alles.

                                                                Renate


                Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

                    Waldhausen bei Altenrepen, Güntherstr. 5, 24. Nov.

Lieber Herr Bogner,

Hier sind Magdas Briefe. Sie dürfen annehmen, daß mein Vertrauen zu
Ihnen nicht geringer ist als das Magdas, wie Sie es in diesen Briefen
erkennen werden.

Ein gar nicht unfeiner Mensch, nämlich mein Vetter Josef, sagte einmal
zu mir, meine Erscheinung sei von solcher Art, daß alles andre vor ihr
seine Gültigkeit verlöre. Das mag Sinn haben oder Unsinn: es gesagt zu
hören reizt, und das Gleichgewicht wird gestört. Daher, seit ich wußte,
daß ich einmal so mit Ihnen zu reden haben würde, wie ich es tat, bin
ich seelenfroh, diesen Telephonausweg gefunden zu haben und Ihnen in
Unsichtbarkeit gegenübertreten zu können. Ich fand, wir waren Beide
unangreifbar in jener Stunde, außer dort, wo wir selber es zuließen.

Aber Sie erinnern mich an den einzigen Mann, der mich einmal angerührt
hat. Es war in Tirol, und der Mann war ein Kardinal, ein schöner, weißer
Schädel mit funkelnden, braunen Augen. Er legte mir zwei Finger unter
das Kinn und sagte etwas von einer holden Alpenrose. Damals mußte ich
mich so zusammenreißen wie vor Ihnen am Telephon. Soll ich Ihnen sagen,
wie ich damals triumphierte? O königlich! Indem ich einen Ring vom
Finger zog, ihn fest und mit tiefster Verneigung in seine Hand drückte
und auf seinen höchlich erstaunten Blick in meiner bescheidensten
Haltung antwortete: »Umsonst, Eminenz, pflegen Diener Ihrer Kirche doch
nie ihre segnende Hand aufzulegen!«

Gestern abend sprach ich mit Ihrer Mutter, sah auch Ihren Vater, ohne
daß er mich hätte sehen können freilich, denn nach einem jahrelangen
Augenleiden ist er nun am Erblinden. In einiger Zeit soll noch eine
Operation versucht werden, auf die aber -- es ist grüner Star -- niemand
Hoffnung setzt.

Ihre Mutter soll sich seit vielen Jahren kaum verändert haben, so
brauche ich sie nicht zu beschreiben. Ihr Haar ist fast weiß geworden
freilich, dafür hat sie aber die lebhaftesten braunen Augen und scheint
sich eine unaufhörliche Bereitschaft zur Heiterkeit zugeschworen zu
haben. Ich konnte sie allein sprechen und Ihre Grüße ausrichten. Sie
erschrak ein wenig, schwieg aber und ließ mich erklären, auf welche
Weise ich Sie kennenlernte. Als ich sagte, Sie dächten daran, im
Frühjahr zu kommen, sagte sie nur: »So? Ja, es ist ja nun spät
geworden.« -- Ich blickte nach Ihrem Vater hin und fragte, es sei wohl
höchste Zeit. -- »Ach,« meinte sie ruhig, »vor zehn Jahren wäre es Zeit
gewesen. Nun hat man sich ja daran gewöhnt.« -- Ich habe natürlich nicht
all ihre Worte behalten, erinnere mich aber, daß sie auf mein Befragen
anfing zu erzählen und bald sagte, daß es für sie nur in den ersten
Jahren hart gewesen sei. »Er war doch noch ein Junge, der nichts von der
Welt wußte, und sicher hat er gehungert,« sagte sie, »und das war wohl
das Schrecklichste für mich, neben seinem Vater wach liegen zu müssen
und zu hören, wie er selber wach lag und oft stöhnte, und nicht weinen
zu dürfen. Dann gewöhnte man sich schon daran, und dann starb unsere
kleine Erika -- die Nachricht erhielten Sie wohl? -- und da fing alles
wieder von vorn an, und als dann auch Herbert sein Examen gemacht hatte
und fortging, waren wir ganz allein.« Aber dann, sagte sie, hätte sie ja
wohl merken müssen, daß zwischen Ihnen und Ihrem Bruder gar kein
Unterschied sei, denn der sei die ersten Jahre wohl noch in den Ferien
gekommen, dann aber immer seltner und zuletzt nur noch Weihnachten, und
so sei es wohl mit den Söhnen. Freilich hätte sie für Herbert ja immer
noch sorgen können, seine Wäsche besorgen und ihm das und jenes
schicken, auch hätte er ja immer fleißig geschrieben. Nein, sie dürfe
sich gar nicht beklagen, nur ihr Mann wäre zu bemitleiden, weil er von
hartem Charakter wäre, alles in sich verschlossen hätte und nur immer
stiller geworden sei. »Wer hätte auch gedacht, daß er ganz fortbleiben
würde, Vater hätte ihn ja gerne wieder aufgenommen, wenn er ihm nur
gezeigt hätte, daß es ihm Ernst war mit dem Malen.« Nein, sie selber
habe gewiß am wenigsten gelitten, und schließlich sagte sie, »wenn man
weiß, er ist am Leben und kommt vorwärts und ist zufrieden mit seinem
Dasein, -- was kann man denn mehr wünschen?« Übrigens habe sie auch
Nachforschungen nach Ihnen angestellt, gestand sie; sie lachte herzlich,
als sie erzählte, wie sie sich das Geld dafür von ihrem Haushaltsgeld
habe absparen müssen.

Ach, Bogner, glauben Sie, ich wollte Sie rühren mit alledem? Sie haben
aber wohl recht mit Ihren >romantischen Vorstellungen<, denn wenn man
eine alte Frau sagen hört: »Das Leben hat es wohl immer anders mit uns
vor, als man so träumt, und wenn man sie herumlaufen sieht, wenn sie
klein sind und nach allem fragen müssen und schreien, wenn sie sich
gestoßen haben, dann meint man ja, es bliebe ewig so und man müßte immer
hinterher sein, aber das wollen sie freilich gar nicht.« Wenn man sie
dann lachen hört, so ist allerdings alles nur einfach und gut und etwas
kümmerlich, und so natürlich sieht es aus, daß man es fast nicht
begreifen kann, wenn dieselbe Stimme nach einem Schweigen sagt:
»Manchmal muß ich allerdings jetzt noch mitten in der Nacht aufwachen
und denken, er steht vielleicht am Zaun draußen, oder man glaubt, seinen
Schritt zu hören, aber es ist nur sein Vater, der noch ein Glas Bier
getrunken hat, und nun muß man aufpassen und darf doch nicht aufstehen,
weil er kaum noch sieht und doch nicht will, daß ihm jemand hilft.«

Ihre Mutter läßt Sie wieder grüßen, und Sie sollten kommen, wann Sie es
für richtig hielten; Ihr Bett stünde auf dem Boden und könnte jeden
Augenblick heruntergeholt werden.

Ich hab Ihnen dieses aufgeschrieben, weil ich viel zu gut weiß, wie sehr
Sie schuldlos sind. Wenn hier Fehler sind, so liegen sie in der
menschlichen Natur, die will, daß alles Leidende sich in sich selbst
verhärtet. Da Sie einen einsamen Weg gingen, so schadete Ihre
Selbstverhärtung niemandem sonst, und Ihnen selber war sie ja notwendig.
Wenn aber Ihr Vater hier die Schuld tragen sollte, so trug er auch die
ganze Last, da er zu einfach war, um nicht nur nach innen zu wachsen,
und Ihre Mutter hatte es zu leiden. Dies sollten Sie wissen. Gott
befohlen!

                                                       Renate Montfort


                Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

                                              Helenenruh, 29. November

Liebes gnädiges Fräulein!

Freiwillig und gerne gestehe ich Ihnen ein, daß ich Ihnen nicht durchaus
wohlgesinnt bin. Nicht durchaus. Können Sie folgenden Unterschied
machen: Sie hören, daß ein fremder Mensch dies und jenes über Sie
geäußert hat. Nichts, das vielleicht ungünstig wäre. Aber Sie hören, daß
ein andrer sich eine Meinung über Sie gebildet hat. Auf Grund seiner
vollständigen Unkenntnis. Sie würden ihm nicht wohlgesinnt sein.

Dagegen ich, ich kenne Ihre Züge, hörte Ihre sanfte Stimme und vernahm
Wohlmeinendes. Ihr kluger Vetter übrigens scheint mir so sehr recht zu
haben, daß auch die telephonische Unsichtbarkeit die Richtigkeit seines
Satzes nur erhärten konnte. Übrigens vergaßen Sie, daß ich Ihr Bild
kenne, wie unsre Kleine Ihnen schrieb. Es steht fest, daß Ihnen kaum zu
widerstehn ist, und so verlasse ich meine Zehnjahrsschweigsamkeit und
rüste mich, zu reden.

Sie kamen mit einer fertigen Meinung. Ein solcher Mensch mußte einmal
kommen, einer, gewissermaßen, der mich zur letzten Nachprüfung meiner
selbst zu bewegen wußte. Jedem Fragenden hätte ich Auskunft gegeben.
Meine Natur ist friedlich. Sie kamen mit Müttern und unzählbaren
Erinnerungen.

Haben Sie unrecht? Habe ich unrecht? Sie nötigen mich, alles von vorn zu
bedenken. Dies aber scheint mir nicht notwendig. Sie meinen, von dem,
was Sie über meine Mutter aussagten, hätte ich nichts gewußt? Wohlan!

Sie erinnern mich an einen Tag, kurz bevor ich ins Kadettenkorps
abmarschieren sollte, weil ich Ostern um Ostern meiner Versetzung den
heftigsten Widerstand leistete. In seinem Zimmer zwischen den Apparaten
und Glasschränken mit ärztlichem Handwerkszeug hatte mein Vater den
schönsten Kasten mit Ölfarben, die herrlichsten Pinsel und die größte,
braunglänzende Holzpalette ausgebreitet. Meine unwahrscheinlichsten
Träume funkelten da. Er sprach liebreich und gütig zu mir. Am Ende bat
er mich um mein Ehrenwort, daß ich diese Gegenstände nur an Sonntagen
berühren würde.

Früher hatte ich doch kein Gewissen vor ihm gehabt und ihn hundertmal
hintergangen und belogen. Warum stand es nun auf und sagte: Er will dich
verlocken! und verweigerte das Versprechen? Warum diese Ehrlichkeit, da
ich doch entschlossen war, aus dem Korps zu entspringen?

Hatte er unrecht? Er verfuhr wie der liebe Gott, sagte: von diesem Baum
darfst du nur Sonntags essen, wollte aus mir einen ruhigen Bürger
machen, der sich zu bezähmen weiß.

Da erinnern Sie mich nun an die Stunde, Jahre danach, wo das Bild dieser
sich wiederum aufstellte, Arztzimmer, Malgerät und der schwere,
grauhaarige Mann mit ausgestreckten Händen, aber nun heißt es nicht: er
will dich verlocken, sondern: er hat dir doch eine Freude machen wollen
... So heißt es nun.

Was denken Sie sich dabei: »Er hätte ihn ja gern wieder aufgenommen,
wenn er nur gesehen hätte, daß es ihm Ernst war mit der Malerei«? Sie
denken, was mein Vater dachte -- nun weiß ich es freilich längst --, daß
Ernst nicht von einem Menschen unter zwanzig Jahren zu erwarten ist,
denn dies ist bürgerliche Meinung; nicht von einem Siebzehnjährigen, der
seit seinem ersten Weihnachtsfarbenkasten, den er mit sieben Jahren
bekam, nicht von ihm wegzubringen war, nicht mit Prügeln, nicht mit
Hunger, nicht mit Einsperren, nicht mit Taschengeldentziehung, da er
vielmehr hinging und die Kasse seiner Mutter bestahl. Armes Kind, vor
zehn Jahren hab ich es wirklich nicht besser gewußt.

Am Telephon sagte ich Ihnen Dank für eine schöne Stunde. Bin ich nun
erzürnt auf Sie? -- Ich bin verwundert. Herzlich sehr verwundert.

Vielleicht wünschen Sie, fünfzehn Jahre wie eine Kugel zurückzurollen,
hin woher sie kam. Mädchen, was für Gedanken! Gut und weich ist Ihr
Herz, Sie denken, alles hätte auf andre Weise auch geschehen können.

Ja, Sie haben ein Herz für Andre, sind gut und hülfreich. Wer wollte das
nicht sehn? Es ist zu sehn, wie ein angenehmer Wind, wenn er im Fernen
durch ein Kornfeld geht. Man empfindet ihn nicht am eignen Leibe. Den
trug man fünfzehn Jahre für sich alleine umher. Kein Wind kam.

Aus Ihnen redet das Mütterliche. Sie sorgen schon um eigene Kinder.

Zweiunddreißig Jahre bin ich nun alt geworden, ohne heut zu wissen, ob
ich gerecht gehandelt habe. Mit Neunzigen werde ich es nicht sichrer
wissen. Denn unser Recht und unser Unrecht liegt nicht in unsrer
Meinung, und wenn wir sie dem Teufel abgekämpft hätten. Aber in uns
brennt eine riesige Notwendigkeit, die uns das Einzige vorschreibt, und
vor der keine Meinungen gelten. In Menschenleben wie in dem meines
Vaters gilt der Zufall und Zwang, sich zurechtzufinden, es sich leicht
zu machen, den Platz zu finden, wo am wenigsten Kümmernisse zu hausen
scheinen. All dies umgekehrt trifft auf mich zu.

Herzlich grüßend der Ihrige

                                                                Bogner


                       Fünftes Kapitel: Dezember


                Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

                                                  den 8. Dezember 1911

Was tat ich Ihnen, Fremder? Niemals werde ich mich hindern lassen, bei
einem Menschen einzudringen, wenn mein wahrhaftiges Herz mich dazu
treibt. Beschämt und verwundet, schweige ich auch heute nicht still,
sondern wehre mich kräftig. Sollte ich mich so leicht enttäuschen
lassen, möchte ich nicht lange mehr leben. Da wir uns fremd sind, wie
sollte es ohne Irrwege abgehn? Auch nach dem ersten Telephongespräch war
ich es, die es zum zweiten Mal versuchte. Freilich ist es beklagenswert!
Unser jeder weiß um die Stelle, wo alles einfach ist und verständlich,
aber wir haben uns zugeschworen, sie nicht preiszugeben ohne die
sonderbarsten Ehrenhändel. Man muß Mitleid haben mit Ihnen, denn Sie
sind der Ungeschicktere, als Mann, und weil Sie immer allein waren.

Ich will Ihnen sagen, was Sie vergaßen.

Dort lebten Sie, Ihre Eltern hier. Als Sie fortgingen, fingen Sie das
Labyrinth an, die viel hundert Verwandlungen. Alltäglich ein neues
Gesicht, eine neue Haut, ein neuer Blick, eine neue Welt. Immer stand
Ihnen das Auge einwärts gerichtet in die Schar der unzählbaren Visionen,
Möglichkeiten, Aufgaben. Sie lebten unter Gottes Augen. Sie schlugen
sich mit unzählbaren Verwirrungen. Sie schliefen in einem Hammerwerk.
Sie wälzten den Block, Sie hatten um sich Luft vom Tartarus, Sie
zwängten sich in sich selbst wie einen Keil in einen Baum, Sie vergaßen
Ihr eigenes Aussehn hinter zehntausend Vermummungen, Sie waren sich
immer rätselhaft, immer unvollkommen, immer widerspänstig, immer
wunderbar. Sie lernten Unschätzbares kennen. Den Hunger und die
Ohnmacht, die Schlaflosigkeit und das Auge des Gottes im Finstern. Sie
erledigten Tausendfaches. Sie hafteten am Einen.

Nein, Sie konnten nicht an Andre denken. Habe ich ein Bild von Ihnen
oder habe ich nicht? -- Nun eines von Ihren Eltern.

Sie hafteten am Einen: an Ihrem unhörbaren Schritt. Sie lernten die
Schlaflosigkeit mit dem ewigen Nachtgebet: Auch heut ist er nicht
gekommen. Sie litten die unaufhörliche Ohnmacht, nicht zurücknehmen zu
können. Und sonst? --

Alltäglich ein altes Gesicht, ein altes Tun, eine alte Sorge, eine alte
Bitterkeit. Alltäglich ein unveränderliches Ich, ein vollkommenes,
fertiges, unverstandenes und doch einfachstes, immer gleiches. Sie
wurden alt, sonst nichts. Sie blieben auf ihrer Stelle wie sanfte Tiere
und hatten nichts als ihr Älterwerden. Sie hofften jahrlang und hofften
dann nicht mehr. Sie vergaßen am Ende. Sie hatten nur das endlose
Einschlafen, sie wurden immer schläfriger wach, sie konnten sich an
nichts messen, sie waren die Einsamsten. Sie hatten ja noch einen Sohn,
sie hatten Arbeit, Sorge, Freuden, das tägliche Leben. Ist es nicht
elend, Freund, entsetzlich elend, nichts zu haben als das eigene Leben?
-- Sie hatten die Stille, wo nichts laut ist als das eigene Atemholen.
Sie hatten auch den Zorn vielleicht, die Bitterkeit, denn: sie waren
immer die Unterlegenen. Oh sie hatten das Allerschlimmste: sie konnten
nicht verstehn. Sie wußten von sich selber nur wenig, und wenn sie
einmal nach oben fragten, so gab es immer nur die eine Frage: warum ist
dies so? Warum ist es denn nicht anders? Wäre es anders nicht besser? --
Ihnen war es nicht gegeben, sich selbst zu bezwingen, denn -- oh Ihre
Weisheit! -- sie kannten das Auge der Notwendigkeit nicht! Sie hatten
nur gelernt, daß alte Menschen erfahrener sind als junge. Daß man sich
nach ihnen richten müßte. Sie hatten einfache Dinge gelernt. Nie hatten
sie gehört, was Ausnahmen sind, wie sollten sie eine erkennen, wie
sollten sie einwilligen? Unter ihren Lehrsätzen war der kostbarste der:
Wenn du einmal so alt bist wie wir, dann wirst du uns recht geben.

Mache ich Ihnen Vorwürfe? Klage ich an? Ach, ich wollte, ich könnte es,
ich wollte, ich könnte Ihnen vorwerfen, warum Sie nicht _noch_ besser
geworden sind, warum Sie niemals das Eine bedacht haben, daß Sie in sich
selber alles besitzen, daß Sie mit Leichtigkeit der Unterlegene hätten
_scheinen_ und nachgeben können, da es Ihnen nichts verschlug, ob Ihre
Eltern glaubten, recht und gesiegt zu haben! Wieviel größer wären Sie,
wenn Sie das Unrecht an sich gerissen hätten!

Nun vergeben Sie mir! Heute nur, heute sage ich Ihnen all dies, damit
Sie wissen, zu wem Sie kommen, wenn Sie heimgehn, wen Sie zurückließen
und wen Sie wiederfinden. Alte Menschen, augenlose, die arme und
eingelernte Worte murmeln, die mit zwanzig Jahren alles auswendig
wußten, die immer nur die paar alten Bücher in neuen Auflagen, in ihrer
armen Blindenschrift jahraus jahrein nachtasten, und da stehn Sie nun in
Ihrer Sonne und sind nicht zufrieden.

Weiß ich zuviel? Jedes meiner Worte stand im Gesicht Ihrer Mutter
leserlich. Ich habe, auch ich, nur gelesen mit meinen >sehenden Augen<,
die -- nach Ihnen -- eine Gabe sind -- und ein Gesetz.

Gott befohlen!

                                                       Renate Montfort


                Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

                                              Helenenruh, 14. Dezember

Liebes fremdes Fräulein:

Immer ist mir die Gestalt jenes Mädchens rührend gewesen, der Pallas
Athene, die um Odysseus am Ufer den Nebel zerteilte und ihm seine Insel
zeigte, die er nicht erkannte. Vor vielen Jahren kannte ich eine Frau,
die ich mit der Göttin verglich; damals stand ich im Anfang, und es war
ein andres Land, in das sie mich hineinführen wollte. Meine richtige
Heimat wars. Dem Odysseus war die Göttin immer unsichtbar geblieben,
obwohl sie ihm half; erst, als die Mühsal beendet, als er anlangte, gab
sie sich zu erkennen. Ich freilich, ich gehe nicht meinetwegen heim,
denn ich bin dort nicht zuhause, aber am heutigen Tage und angesichts
Ihrer schönen, glühenden Bewegung will es mir wohl scheinen, als ob nur
dieses der Grund war, weshalb ich nicht lange schon dorthin ging: es
fehlte nur jemand, der es mir sagte, der mich bedenken hieß, der mich
verlockte.

So schön ist dies an euch, ihr sonderbaren Geschöpfe, so schön ist eure
ewige Bereitwilligkeit. Von euch selber seht ihr gerne ab, aber immer
steht ihr vor einem Tor, das ihr jemandem aufschlagen wollt. Immer zu
irgend etwas wollt ihr verlocken, immer helfen, immer alles öffnen,
immer einladen, immer begütigen. Unbedenklich greift ihr das Schwerste
an, als sei eben dieses das Allerleichteste; als sei es das Einzige
jedenfalls, was in diesem Augenblick zu geschehen habe, und als ob ihr
über göttliche Kräfte verfügtet. Denn immer seid ihr stark für Andre,
die ihr für euch selber meist hülflos, unwissend und von vornherein
unterlegen seid.

Muß ich noch mehr sagen? Ihre Worte haben mir alle wohlgetan, und ich
mache das Zugeständnis, das ich bisher nur mir selber abgelegt habe, mit
Freuden auch Ihnen: daß ich bedächtiger hätte sein können. Das nützt ja
nichts, aber ich glaube, es macht Ihnen Freude, es zu hören.

Nun muß ich einiges über Magda schreiben.

Die Briefe sind hier mit vielem Dank zurück. Von allem, was die arme
Kleine betroffen hat, wußte ich ja Einiges --, die Geschichte der
Wahrsagung, ohne freilich die letzten Folgerungen Magdas auf den al
Manach. (Der schüttet sich noch immer aus, es ist eine ziemliche Qual,
das anzusehn, man hat die Vorstellung, daß er auch die Nächte nicht
anders herbringt, und dabei wird er dünn wie ein weißer Faden. Und all
das nicht ganz ohne Komik ...) Nein, es ist am besten, ich schweige über
alles; wir müssen warten.

Es geht ihr herzlich schlecht, das muß ich gestehn. Die Krankheit ist
behoben, sie ist seit ein paar Tagen fieberfrei, aber matt wie ein
verregneter Kohlweißling, mag nicht aufstehn und nicht liegen, ist
mißlaunig geworden, kann das Licht nicht vertragen und ist immer müde.
Als ich hierherkam, war sie das reine Kind, kindlich weise und
lerchenhaft, jetzt sieht sie altjüngferlich aus, gelb und hat grausame
Falten um den Mund. Die einzige Kraftanstrengung merkte ich ihr an, als
sie mir auftrug, Ihnen auf das bestimmteste zu verbieten, daß Sie kämen.
Dazu muß ich selber sagen, daß ich Ihrem Kommen zurzeit wenig Einfluß
zutraue. Vieles in ihr mag nur körperliche Mattheit der kaum
überwältigten Krankheit sein, deshalb dürften Sie zu einer späteren
Stunde gelegener kommen, wenn nicht gar eine andre notwendiger sein
wird. Sie spricht oft von Ihnen.

Folgendes trug sich gestern zu:

Ich hatte ein Weilchen an ihrem Bett gesessen und Silhouetten von Rosen
geschnitten bei halber Dämmerung; dem sieht sie gern zu. Als ich dann am
Fenster stand, hörte ich sie plötzlich ganz laut sagen: Georg! -- Ich
wartete eine halbe Minute und sagte dann: Nun? mit meiner gewöhnlichen
Stimme, worauf ich sie ein wenig später mit einem leisen Seufzer
antworten hörte: Weißt du, Georg, es ist doch schwerer, als man so
denkt. -- Nun ging ich zu ihr und sagte möglichst freundlich: Georg ist
nicht hier, mein Kind, möchtest du ihm etwas sagen? -- Sie sah mich
lange und zweifelnd an und fragte: Meinst du nicht, Maler Bogner, daß
der Prinz ein guter Mensch ist? -- Gewiß, sagte ich, und nun rief sie
mit einem triumphierenden Blick, als ob sie mich jetzt erwischt hätte:
Warum ist er denn nicht hier und hilft mir? -- Danach besann sie sich
und setzte altklug hinzu: Aber er muß ja fleißig sein und Herzog werden,
da kann er natürlich nicht kommen, nicht? Ich bestätigte ihr das, und
nun sagte sie nichts mehr.

Dies hat mich aber auf den Gedanken gebracht, ob es vielleicht nützlich
sein könnte, daß ich dem Prinzen schreibe und ihm nahelege, Magda ein
Zeichen von sich zu geben. Was meinen Sie dazu?

Noch dies, daß ich glaube, die Jahreszeit ist an Vielem schuld. Sie
schrieb ja, daß sie sich vor dem Garten fürchtet, deshalb wehrt sie sich
auch so gegen das Fenster, hinter dem es stürmt und wirbelt. Es wird das
Beste sein, wir lassen Weihnachten noch vorübergehn; danach ist meine
Zeit in Helenenruh abgelaufen, und Sie versuchen dann, was zu tun sein
wird. Wenn es Ihnen möglich sein wird, mit ihr nach Italien zu gehn, so
wird es Ihnen auch besser als mir gelingen, ihren Vater von der
Notwendigkeit einer solchen Reise zu überzeugen, da er sie zurzeit dicht
am Gesunden glaubt, jeden Tag eine Minute an ihrem Bett steht und meint:
Es wird schon werden!

Ihnen herzlich dankbar und wieder »durchaus wohlgesinnt«

                                                                Bogner


                            Renate an Bogner

                                                       Am 22. Dezember

Lieber Freund,

Ihre beiden Skizzenblätter von Magda haben mich mehr erschreckt, als Sie
sich denken können. Das ist aus ihr geworden? Man möchte ja verzweifeln,
wenn einem nichts einfällt, um das wieder gutzumachen. Und was haben Sie
für eine Hand! Erinnern Sie sich an das, was Magda schrieb, wie sie
erschrocken sei über einen gezeichneten Zug ihres Gesichts: als sei er
daraus fortgenommen? Das kann ich nun begreifen, denn diese beiden
Gesichter sehen so wirklich aus, als könnten sie nur hier, auf diesem
Papier sein, als hätten Sie sie von dem ihren abgenommen, -- ach, wollte
Gott, Sie hätten es wirklich getan und sie wäre ihrer ledig für immer!

Zu Ihrer Idee mit dem Prinzen kann ich nicht ja und nicht nein sagen. Da
ist dies Gedicht, das er ihr damals schickte ... Nun, ich kann mich ja
irren und bin gerne bereit dazu, -- aber liebevoller als dies
bereitwillige, sozusagen postwendende Verstehen und Einverständnis, dies
aufs Geratewohl prophezein (oder ist soviel Ahnungsvermögen glaublich?)
würde mir weniger Verständnis und mehr Schmerz, weniger Entsagungsfreude
und mehr Widerstreben erscheinen. Überhaupt dies hurtige Umsetzen von
Gefühl in Klang und Beweis, dies Vergleichefinden und so weiter, --
dichterisch mag es ja wohl sein, und glauben Sie auch nicht, daß ich es
menschlich unwürdig finde! Es macht mich nur an seinen Gefühlen für
Magda zweifeln, für die er durchaus niemandem, auch ihr selber nicht,
verantwortlich zu sein hat, da bekanntlich, wo nichts ist, der Jude sein
Recht verloren hat, aber --. Aber. Punkt.

Viel Mühe habe ich mir gegeben, aus Ihrer Darstellung von Magdas
Zustande herauszulesen, daß sie auch des Grübelns müde geworden ist,
doch bin ich nicht ganz überzeugt. Da mußte ich bedenken: Aus unsrer
Kindheit in das Reich der Seele zu gelangen, aus Kindern Gotteskinder zu
werden, oder wie man es ausdrücken will, das ist doch wohl unsre
Aufgabe. Da giebt es nun unter uns Viele, die können derlei Aufgaben nur
in schrecklich harten Stufungen erledigen, und deren einer ist unsre
Magda, die aus dem unwillkürlichen Jugendland, wo das leicht bewölkte
Gemüt über allem blaut und sich bescheinen läßt, nur über diese
Messerbrücke des Gedankens, des grübelnden Erleidens gehen konnte, --
wohin? In das eiserne Haus, das Arsenal, wo die Seelen ausgeteilt werden
wie Kleider? Unsre Vorstellungskraft reicht ja für seelische Dinge
niemals aus, und es klingt wohl absurd, was ich sage. Ich hätte
Saint-Georges vorher fragen sollen. (Das ist ein neuer Freund von mir,
der sich dadurch auszeichnet, daß er alles weiß.) Sie sind ja auch ein
weiser Herr und begreifen vielleicht, was ich sagen wollte.

Morgen ist Heiligabend. Da ist mir einigermaßen bänglich ums Herz, denn
kurz vor dem vorjährigen starb mein Vater. Was Weihnachten ist, werden
Sie kaum wissen, mir aber vielleicht doch erlauben, Ihrer herzlich zu
gedenken und einer alten Frau eine Blume zu bringen.

Wann kommen Sie?

                                                       Renate Montfort


                            Renate an Magda

                                                          22. Dezember

Meine liebe, liebe Magda!

Einen Weinachtsbrief bekommst Du, obgleich Du, wie es scheint,
geschworen hast, mir nicht zu schreiben. Freilich in Eile, denn es giebt
unbeschreiblich viel zu tun. Alle Angestellten werden beschenkt und
haben Feiern und haben unzählbare Kindlein, die Geschenke und Feiern
haben wollen, und dann sind noch die Armen und die Kinder der Armen, und
allesamt wollen mir den Kopf ausreißen. Ich bin froh, daß Du nun
wenigstens wieder außer Bett bist. Wenn Du morgen nicht selber ans
Telephon kommst, wird es das letzte Mal gewesen sein, daß ich angerufen
habe, hörst Du?

Die Heidermappe vom Kunstanwärter (Josefs Bonmot!) wird vielleicht den
Groll des Malers erregen, aber da ich sie im Buchladen fand, schien sie
mir sehr schön, und Du wirst eine kleine Hirtin darin finden, die genau
so aussieht wie Du, als Du in Genf einzogst.

Ach, Liebste, Gott gebe nur, daß Du empfinden kannst, daß Weihnachten
ist! Ich habe Dir närrisches Zeug geschrieben, nur um zu verhindern, daß
mir die Augen wieder naß werden, wie immer, wenn ich an Dich denke. Ich
weiß auch nicht, was das mit mir ist. Ich habe ein seltsames Angstgefühl
schon seit vielen Tagen, mitten in allem Getriebe und den
Vorbereitungen, um Dich natürlich, warum sonst, und unbeschreibliche
Sehnsucht nach Dir und Deinen armen bekümmerten Augen. Bogner soll Dir
einen Rahmen für das Hirtinnenbild verschaffen, damit Du es jeden Tag
vor Dir hast und lernst, wie Du aussehn mußt, wenn nicht gar zu traurig
sein soll Deine Dich tausendmal zärtlich küssende

                                                                Renate

Die Handschuh sind sämtlich von Onkel mit einem Kuß >auf die zierlichste
Hand<; hoffentlich habe ich die Nummer richtig behalten.


                            Bogner an Georg

                                            Helenenruh am 22. Dezember

Lieber Prinz:

Ich möchte Ihnen schreiben, daß Magda Chalybäus einige Zeit krank
gewesen ist und hiervon, und mehr von mancherlei seelischen
Erschütterungen der letzten Zeit, so angegriffen und ermattet scheint,
als wolle sie sich weigern, noch weiter am Dasein teilzuhaben. Sie
kennen mich ein wenig und können wissen, was es zu bedeuten hat, wenn
ich Sie darauf aufmerksam mache, daß ein Wort, ein Lebenszeichen von
Ihnen, vielleicht nicht heilsam, aber doch wohltätig wirken könnte,
wobei Sie zu ermessen haben, ob Sie in der Lage zu dergleichen sind.

Sehe ich Sie auf der Trassenburg? Ich denke, in der Zeit zwischen
Weihnachten und Neujahr ein paar Tage dort zu sein, dann in Trassenberg
die Aula des neuen Genesungsheims auszumalen.

Herzlich grüßt Sie, Ihnen wohlgewogen

                                                                Bogner


                            Magda an Renate

                                                               Freitag

Ja, Renate, von mir bekommst Du diesmal nichts. Meine Arbeit ist nicht
fertig geworden, es ist wohl schlecht von mir, aber Du mußt schon
entschuldigen, ich bin gar zu müde. Der gute Jason schläfert einen so
schön ein, seit gestern haben wir auch Schnee und stillen Wind, ich bin
immer dicht vor dem Einschlafen und tu es bloß nicht, weil ich Angst vor
dem Aufwachen habe.

Also verzeih, wenn Du kannst, meine Nachlässigkeit.

Aber ich habe Dich doch lieb.

Hast Du den Maler gern? Ihr schreibt Euch ja wohl täglich, oh ich bin
nicht eifersüchtig, Ihr seid ja Beide viel klüger als ich und paßt
zueinander. Wenn Ihr dann heiraten wollt, kann die Hochzeit ja gleich
mit Irenes zusammen sein.

Ich muß aufhören. Papa hat seinen Toddy fertig und ist begierig, die
Fortsetzung von >Jettchen Gebert< zu hören. Er hat es fertig gekriegt,
daß Jason nur noch Romane aufsagt, und läßt grüßen. Grüße auch Deinen
Onkel! In Liebe küßt Dich Deine Freundin

                                                                    M.


                            Bogner an Renate

                                            Helenenruh am 24. Dezember

Heiligabend. Heiligabend? Heiligabend. Komisch.

Es wurden Äpfel gegessen. Es wurde Marzipan gegessen. Ein großer Baum
brannte voller Lichter. Es wurden Mürbekuchchen gegessen. Es wurden
Makronen gegessen. Es lag alles voll von Geschenken. Großäugige
Dienstboten in Verlegenheit. Es wurde Spekulatius gegessen. Es wurde
Schokolade gegessen. Herr du meines Lebens! Es wurde Heringssalat
gegessen. Es wurden abermal Äpfel, Marzipan, Spekulatius, braune Kuchen,
Nüsse, Datteln und Pfefferkuchen gegessen, und jemand in einem
himmlischen silbergrauen Kimono sang sehr leise: Es -- -- ist -- -- ein
Ros -- -- ent -- -- spru -- u -- -- gen -- --

Ich erinnere mich, dies ist ein Fest der Mägen und der Kindheit. Es läßt
sich nicht umgehn. Es stimmt die Seele freundlich. Da sitze ich in einem
angenehm erleuchteten Zimmer voll vieler kleiner Pferdeporträte, es
schlägt elf Uhr, ich mache mein viertes Glas heißen Toddy zurecht, ich
sehe den Jason al Manach in der Sofaecke sitzen und daß er glänzende
Augen hat und wie ein Schlot raucht. Ich glaube, er hat einen schönen
Charakter. Ich esse Pfeffernüsse, nie im Leben aß ich soviel
verschiedene Dinge hintereinander. Ich muß ein glücklicher Mensch sein.
Ich fragte den Almanach nach einem Zitat mit Kindheit! »O Kindheit! O
entgleitende Vergleiche!«

Jemand packte mit schwachen Fingern eine ungeheure Kiste aus; die
Papiere nahmen kein Ende. Schließlich fiel doch etwas großes Graues an
die Erde. Bald darauf stand jemand unter dem Kronleuchter, drehte sich
und suchte an einem riesigen Lichterbaum vorbei sein Abbild im großen
Pfeilerspiegel zu erhaschen, wo es ganz fern und seltsam hinter
demselben gespiegelten Lichterbaum sichtbar wurde, bekleidet mit einem
silbergrauen Kimono, auf dessen Rücken ein lebensgroßer weißer Pfau in
Silber und Weiß gestickt war dergestalt, daß sein Kopf zwischen den
Schultern des Gewands, der ausgebreitete Schweif mit hundert Federn und
schneeweißen Augen über die weiten Ärmel und bis zum Kleidsaum
hinunterhingen. Geschenk vom Maler Bogner; aus eigenem Besitz; extra aus
Berlin geholt.

Auch Maler Bogner besitzt einen nicht unschönen Charakter. Er traf das
Richtige. Auch ein längeres Telegramm vom Prinzen Georg war sein Werk
und wirkte bedeutend. Ich bin doch geneigt, die Hauptwirkung dem Kimono
zuzuschreiben. Derselbe war unwiderstehlich. Er ließ sich nur glatt
streichen. Dies war seine unübertreffliche Eigenschaft. Damit erledigte
sich alles. Wir kehrten allesamt freudestrahlend zur Kindheit zurück und
sangen völlig falsch, aber liebevoll: Sti -- ille -- Nacht! Hei -- lige
Nacht! -- Ach, du liebe Zeit!

Sie hätten es sehen sollen! Wie der Kimono sich langsam in B. Bogners
Händen entfaltete. Wie zwei schlecht gelaunte Augen und ein weinerlicher
Mund aufmerksam wurden und stillstanden. Wie unter einer Reisedecke eine
Hand hervorkam und zaghaft zufaßte. Wie der völlig in Andacht verlorene
Mund das eine, beseligte Wort: Seide! hervorbrachte. Wie die Augen um
Gnade baten, aber der Mund nicht wollte. Wie der Mund nicht mehr
widerstehen konnte, und die Augen widerspänstig waren. Wie der weiße
Pfau strahlte. Wie auf Stirn, Mund und Wangen das Wort Kindheit aufbrach
wie ein Zimmer voll Kerzen und Geschenke. Wie die Reisedecke fortflog,
und viel Gram und Kümmernis hinschwand vor einem weißen Pfauenschweif.

Es ist lieblich, Feste zu feiern, wenn die Gelegenheit es mit sich
bringt. Weihnachten ist mir erinnerlich, wo ich bei einem Talglicht über
Kupferplatten gesessen habe tränenden Auges, ohne etwas von den
Möglichkeiten des Abends zu wissen; Weihnachten, wo ich mit angezogenem
Paletot im Bett lag und beim Licht einer Straßenlaterne Käfer auf der
hellen Wand über mir herumlaufen sah; Weihnachten in einer Waschküche,
gehüllt in weiße Dünste, einen Kaffeetopf in der Hand; Weihnachten in
einem angenehmen Frauengemach neben einer Stehlampe und einem
dunkelhaarigen Mädchenkopf, der sich über Holzschnitte von Schongauer
und Dürer, über Schwarzweißblätter von Beardsley beugt, -- sie liegt nun
zwölf Jahre schon still und beruhigt in Weißensee unter einem prächtigen
Monument, aber ich vergesse sie deshalb nicht. Auch Weihnachten im
blauweiß karierten Aschinger vor einem Paar Bierwürste mit Salat, und
Weihnachten mit einem Handköfferchen in der Hand in einem schönen
Geschäftszimmer vor einem zornigen alten weißbärtigen Herrn neben einem
offenen Geldschrank. Ja, da stehe ich im siebenzehnten Jahre meines
Lebens, bei mir mein Kamerad, der Sohn des zornigen Kaufmanns, der mir
eine ungeheure, donnernde Rede gehalten hat, ob ich mir einbildete, daß
er meine verrückten Streiche hinter dem Rücken meiner Eltern
unterstützte, worauf er den Geldschrank aufschloß, seinem Sohn
bedeutete, daß er auf denselben achtgeben solle, bis er wiederkäme, und
verschwand. Da bestahl nun der Sohn den eigenen Vater, und B. Bogner
fuhr in dieser Nacht in die Welt, um ein Maler zu werden.

Ich sehe, man kann Weihnachten auf so vielerlei Arten begehn, wie es
Dinge an diesem Tage zu essen giebt.

Dies glaubte ich Ihnen sagen zu müssen. Nehmen Sie es freundlich auf! In
den nächsten Tagen fahre ich zum Herzog. Je nachdem wie die Arbeit
vonstatten geht, komme ich im April oder Mai nach Altenrepen.

Gute Nacht, freundliches Wesen!

                                                                Bogner


                             Georg an Magda
                              (Telegramm)

                                                          24. Dezember

Hier ist Georg, Anna, steht draußen vor der Tür und weiß nicht, ob
jemand drinnen ist. Erlaubst Du ihm, ganz leise anzuklopfen, weil
Weihnachten ist? Ich bin in Trassenberg, diese Hälfte des Semesters war
schrecklich. Mama und Papa wünschen Dir und Deinem Vater ein schönes
Fest, ebenfalls Dein einsamer alter Georg.


                            Magda an Renate

                                                    Am ersten Feiertag

Renate, es liegt Schnee! Über Nacht ist er leise heruntergefallen,
während ich fest und warm schlief, und am Morgen schien er durch einen
Spalt im Vorhang so hell herein, daß ich gleich hinlief, und da war
draußen alles weiß und still, weithin, und kein Unterschied mehr
zwischen unserm Obstgarten und dem Park; überall standen die schwarzen
Bäume mit dicken weißen Pelzen, und ich hatte die größte Lust, gleich in
die Weihnachtsstube hinunterzulaufen, -- hast Du das auch getan? damals
als man noch klein war? um nachzusehn, ob auch alles noch da war? -- um
nach meinem himmlischen Feepelz zu sehn und vor allem nach dem Kimono.
Aber davon mußt Du Dir von Bogner erzählen lassen. Nämlich, ich bin heut
zum ersten Mal draußen gewesen, nur ins Schlößchen hinüber, um ihn zu
besuchen, und da war er grade dabei, einen Brief für Dich in den
Umschlag zu tun. Den nahm ich ihm weg, und schließlich erlaubte er mir,
ihn zu lesen. Geheimnisse standen ja wahrhaftig nicht drin. Nein, was er
für ulkige Briefe schreiben kann!

Weißt Du, Renate, wir wollen ihn ja ruhig dabei lassen, daß ich seiner
Kimonoidee alles verdanke, und wirklich, -- ein wenig schäme ich mich
sogar, daß er mich so überlistet hat. Ich wußte ja selber nicht, wie
gern und wie lange schon ich wieder _ganz_ gesund werden wollte, aber
schon die letzten Tage war mir so sonderbar! Auf einmal war es so schön,
müde zu sein, und dann konnte ich mich auf nichts mehr besinnen. Alles
war hingeschwunden oder so fremd geworden, daß es mit mir gar nichts
mehr zu tun zu haben schien; es war alles wie zugedeckt, ja, wie das
Land von der Schneedecke, und ach, ich möchte ja so innig, so innig
möcht ich hoffen, daß es im Frühjahr, wenn die Decke schwindet, alles
neu und anders geworden ist!

Ich kann gar keine Gedanken mehr fassen. Es kommt mir vor, als ob ich
die ganze Welt durchgedacht hätte, und Jahre um Jahre hätte es gedauert,
aber nun stehe ich am andern Ausgang und weiß kaum, wie ich dahin
gekommen bin. Hilf mir nun, Du Gute, hilf mir, daß ich nicht wieder
anfangen muß, immer nur das Düstere und Beklemmende zu denken! Hilf mir,
daß ich so einfach und gläubig sein kann wie Du, ich bin ja schwach und
einsam, und es geht sich so schwer unter solcher Last von Gedanken, --
möchtest Du nicht, daß ich für ein paar Wochen zu Euch käme? Am liebsten
käm ich ja morgen schon, aber vor Neujahr leidets Vater nicht; später
wird er mich wohl ganz gern entbehren. Wüßt ich nur, was aus dem armen
Jason werden soll! Vielleicht läßt er sich mitnehmen, ich muß ihn einmal
fragen, wo er eigentlich zu Hause ist. Bogner ist über Nacht
eingefallen, wie er mich malen muß; er hats freilich wieder vergessen,
aber das sei keine Frage, sagt er, daß er es wieder fände. Dazu braucht
er aber mich nicht mehr, und nun will er in den nächsten Tagen nach
Trassenberg zum Herzog. Denk Dir nur, wie rührend er ist! Er hat mir
einen herrlichen Lampenschirm gemacht aus lichtgrünem Papier mit einer
Menge Kreise und darin schwarze Silhouetten von lauter lustigen
Personen: Harlekine und Pantalons und Kolombinen, phantastische Vögel
und Affen, und das hat er alles selbst geschnitten und aufgeklebt. Sonst
hab ich natürlich eine Unmenge Sachen bekommen, die wirst Du alle zu
sehn kriegen.

Ja, -- ein Telegramm ist auch gekommen, ein langes von Georg. Der liebe,
er hat mich also doch nicht ganz vergessen. Es scheint ihm nicht gut
gegangen zu sein, ich hörte von Papa, daß er in einem Korps aktiv
geworden ist, und das ist wohl nichts für ihn. -- Ach, das ist nun auch
alles so weit entfernt, und ich weiß nicht einmal, ob ich wünschen darf,
daß ich einmal wieder hin finde.

Deinem lieben Onkel laß ich viel, vielmals danken für die wunderbaren
Handschuh! Sie passen genau.

Und nimm zum neuen Jahr tausend Wünsche für alles Gute und Liebe und
Schöne, alle Erfüllung und viel, viel Freude! Von Deiner

                                             bald wieder ganz gesunden
                                                                 Magda


                            Renate an Magda

                                                          28. Dezember

Mein Liebstes,

ja, ja, natürlich kommst Du, sobald Du kannst oder willst! Es läßt sich
ja gar nicht beschreiben, wie unendlich glücklich Dein Brief mich macht,
und ich kann die Zeit nicht abwarten bis zum Wiedersehn! Vergiß weder
Tanz- noch Schlittschuh, ich laufe den ganzen Tag auf einem schönen
Teich, anzusehn wie ein Komet mit einem _so_ langen Schweif Männer
hinterdrein.

Ein Wörtlein, mein Kleines! Dein vorletzter Brief hat eine kleine
Stelle, in deren Licht ich etwas, von dem ich bisher nichts wußte, und
das doch da und wunderbar schön war, plötzlich erkannt habe, und nun ist
es aus damit. Ich schreibe Dir das, nicht weil ich Dir böse bin, sondern
damit Du es weißt und niemals -- hörst Du? -- niemals wieder daran
rührst!

Auf Wiedersehn, Herzlein! Komm hoffnungsvoll und dankbar ins neue Jahr!
Innige Küsse und Gedanken Deiner alten

                                                                Renate

Nein! nein, er ist zu schön! gar zu schön! Immer wenn ich schreibe,
steht er nun vor mir und sieht über mich hin mit seinem ewigen Blick!
Ech-en-Aton heißt er, ein ägyptischer König vor 2500 Jahren, der zur
Sonne betete, und es ist der Gipsabguß einer kleinen Büste von ihm --
nur Kopf, Hals und die Ansätze der Achseln -- den ich von Georges bekam,
meinem Freund Saint-Georges. Stelle Dir nur vor: ein Gesicht nicht
größer als meine Hand, so zart wie der frische Schnee, mit -- seltsam zu
sehen für mich! -- mit Georges eigenen, flachsitzenden, länglich
geschnittenen Augen, auch seiner Nase -- die hier so klein ist und zart
wie die eines jungen Tiers, und auch der Mund ist wie Georges',
vorgewölbt, und bei meinem König so wie der eines Seraphs, auf dem immer
der Name der Dreieinigkeit ruht wie ein Kuß. Ernst ist er sehr, und nur
in den äußersten Winkeln der Augen glänzt manchmal die Allwissenheit wie
der Hauch eines Lächelns. Und schön ist er, schön -- ach atemberaubend
schön! Bald 3000 Jahr alt soll dies sein, diese Blüte von Frische, diese
Narzisse des Himmels! es ist nicht zu glauben! So komme nur, komm und
sieh, und Du wirst heil sein im Augenblick!

                                                                    R.


                            Renate an Bogner

                            am 31. Dezember

                   Ein gesegnetes neues Jahr wünscht
                          Renate von Montfort
              So hat sich doch alles zum Besten gewendet.


                        Sechstes Kapitel: Januar


                             Zwiegespräche:
                               Das eine.

Georg lag, im verbundenen, wunden Kopf einen ganzen Pechkessel voller
Lohe, auf seinem, schräg ins Zimmer gestellten Diwan. Aus dem brodelnden
Pech spritzten und fielen des öfteren brennende Tropfen in sein
Gewissen, wo sie dann abscheuliche Verheerungen anrichteten, -- ohne
sein Verschulden, wie er schwermütig festhielt, denn so schlapp meinte
er eigentlich nicht zu sein, daß er sich von Verzweiflung über seine
verkehrte Lebensart einschlucken ließ in einer Stunde leiblicher
Peinigung, und so mühte er sich ab, irgendwo in seinem Innern eine
Stelle leer zu halten, allwo er selber lag und sich nichts anfechten
ließ.

Aber wäre nur nicht das schändliche Glockenläuten gewesen! Dieses
immerwährende, weit ferne musikalische Rumoren in der Stille des
Sonntagnachmittags -- wo nur einmal eine unbekannte Türe ging, ein
Schleifen von Schritten unter den Fenstern vorüber --, es bohrte -- wie
ein Zahnschmerz -- nun grade in dieser letzten, leer gehaltenen Stelle
herum, und aber und abermal mußte er die Augen öffnen, um durch
schmerzliche Lider einen durchbohrenden Blick oben ins kalte Grau der
Fensterhelle zu heften, als müßte er sie dort hängen sehn können und
ihnen zudrohen, diesen Glocken im öden Winterhimmel. Derweil verdunkelte
es sich allgemach im Zimmer, die Möbel wurden mit den Wänden zu
schweren, finstren Massen, dumpf und weich erschütterten Schritte über
ihm die Zimmerdecke, -- es war trostlos zum Sterben.

   Hamburg, du schöne Stadt,
   _Eh tu mon dieu, mon dieu_!
   Hätt ich dich --

O vermaledeit, nun auch diese plärrende Melodie noch! Weg damit! Weg da
--

             -- nimmer doch gesehn,
   Dann wär mein -- -- Beutel noch nicht leer!
   _Sacre di bleu!_

So, nun wars aus! Nein, es begann vielmehr im Augenblick von vorne:
Hamburg, du -- schöne Stadt ...

Georg war im Begriff, den Kopf durch die nächste Fensterscheibe zu
rennen, als die Flurglocke schrillte. Cora! zuckte es augenblicks darauf
durch ihn hin. Unsinn! fuhr er sich hinwieder an, aber er saß
aufgerichtet, eine Hand am Verbande vor der Stirn, in der es nun mit
verdoppelter Wut zuckte und kochte, und springenden Herzens. Stimmen ...
Schritte ... Nein, eine männliche! -- Stille ... Wieder Schritte ... zu
seiner Tür. Es klopfte, enttäuscht fühlte Georg sein Herz mit Schlagen
aussetzen, während er hereinrief und sich erhob.

Im Türspalt erschien das eirunde, in der kalkigen Helle graubleich
scheinende Gesicht des Inaktiven Riesa und seine rundliche, sehr
gepflegte Gestalt, in einen zugeknöpften braunen Anzug fest eingepackt.
Mit seinen zierlichen Schritten, etwas vorgebeugt, um den Sofatisch
kommend, streckte er nach seiner Art die lange Rechte, bei knapp an den
Leib geschlossenen Ellenbogen, nach vorne aus, Georg entgegen, der, sie
ergreifend, sie eisigkalt und knochig fühlte in seiner heißen.

»Nun, nicht mit nach dem Geiselgasteig?« fragte er gedehnt und erfreut.
»Aber wie schön, daß du kommst!«

Riesa, hinter den ungefaßten, sehr dicken Kneifergläsern und mit
schiefgezogenem Mundwinkel lächelnd, daß die kahle Oberlippe Falten
bekam, drückte ihn mit behutsamen kleinen Handbewegungen auf den Diwan
nieder, was Georg sich gern gefallen ließ, denn nach dem Schreck und
hastigen Sichaufrichten wars, als ob sich eiserne Kugeln in seinem
Schädel stießen. Dann sah er blinzelnd dem Andern zu, der sein
Augenglas, den Bügel in der Mitte fassend, vom Nasenrücken löste, es
zwinkernd mit weißblonden Wimpern gegen das Licht emporhielt, dann mit
der andern Hand aus der äußern Brusttasche sein Tuch hervorzog und
sorgsam zu putzen begann. Langsam, so daß Georg zu frösteln begann,
verbreitete sich die Winterkälte von seiner Gestalt aus. Dann verschwamm
für eine Weile alles vor Georgs Augen, er hörte sich fernher gefragt:
»Wieviel Nadeln?« erwiderte matt: »Dreiundvierzig«, und: »Alle auf dem
Kopf«, und gewahrte nun wieder das unbestimmte Lächeln des
schiefgezogenen Mundwinkels, auch die große und dunkle Zahnlücke darin,
die das Schiefziehn eigentlich verbergen sollte. -- Georg dachte, ohne
es zu merken, wie jedesmal: Er sollte sich doch einen Stiftzahn
einsetzen lassen ... Riesa trat langsam bis zum Fenster, das der über
Eck stehende Schreibtisch halb verstellte, und sah auf die Straße, als
wollte er versuchen, ob er auch sehen könnte durch den wieder
aufgesetzten Kneifer.

Wie fremd ist einem doch so ein ganz naher Mensch! meinte Georg dumpf im
stillen. In seiner andern Körperlichkeit so seltsam fremd! Als ob man
gar nichts miteinander zu schaffen hätte. Was wird er nun sagen?

Allein der Andre sah vielleicht etwas auf der Straße drunten oder im
Park drüben; er sagte jedenfalls beharrlich nichts.

»Wenn du rauchen willst,« begann also Georg, »Zigaretten stehn da
irgendwo ...«

»Danke schön! Du weißt, ich rauche nur meine Zigarren.« Und nach eines
Augenblicks Pause, während Georg sich noch abmühte, wieder zu finden,
was er noch eben gedacht hatte und weiter hatte denken wollen, setzte er
hinzu, sich halb herwendend und mit seinen kleinen Betonungen bestimmter
Worte: »Übrigens wäre es nicht _zu_ liebenswürdig gewesen, -- wenn du
schon _wolltest_, daß ich rauche, -- wenn du sie mir eigenhändig
angeboten hättest.«

Das klang ganz liebenswürdig, er lächelte auch, und Georg lachte, aber
unaufrichtig. Was war das für eine sonderbare Mahnung zur Höflichkeit?

Sie schwiegen. Riesa begann, die Hände mit fest angedrückten Ellbogen in
den Jackentaschen, hin und her zu gehn, und Georg folgte mit dumpfen
Augen den grauen Gamaschen hin ins Dunkel der andern Zimmerhälfte.
Hörbar ward wieder das unwandelbar eintönige, ferne Geläut. Dann
plötzlich Riesas Stimme:

»Übrigens ... grade heraus, mein Lieber: ich wäre zwar aus eigenem
Antrieb zu dir gekommen, leider kann ich dir aber _nicht_ verhehlen, daß
auch noch ein andrer vorliegt.«

Da er verstummte, mußte Georg »Nun?« fragen, beklommen, nach einer
Weile.

»Nämlich aus dem des _Korps_«, sagte Riesa kurz, lüpfte den Zipfel
seines Tuches aus der Tasche, so weit, daß er ihn an den Mund drücken
konnte, hüstelte hinein, stopfte ihn wieder zurück.

Georg richtete sich aus der halb liegenden Stellung auf. »Habe ich mir
irgend etwas ...«

»Zuschulden kommen lassen?« Riesa blickte mit schief gehaltenem Kopf,
die Achseln schmal anhebend, die Ellbogen abspreizend, gegen den
Teppich. »Realiter nicht, lieber Georg, a--ber ... man ist _des_
ungeachtet und _trotz_ der so befriedigend verlaufenen ersten Mensur
nicht völlig zufrieden mit dir.«

Also haben sies doch gemerkt, dachte Georg, indem er fragte: »Wieso?«

»Du nimmst den Korpsbetrieb nicht ernst.« -- Nein, hole ihn der Teufel,
meinte Georg innerlich, er nahm ihn nicht ernst, den Firlefanz. »Habe
ich recht, Georg?« Er machte ein ganz ernstes Gesicht, tadelnd: »Du
scheinst dich zu langweilen. Du langweilst dich bei den Mensuren. Du
langweilst dich noch mehr im Fuxunterricht. Du singst manchmal nicht mit
am Spielabend ...«

Die Zotenlieder! hohnlachte Georg im Herzen.

»Du langweilst dich im Café, bei der Kneipe und beim Exbummel. Du
langweilst dich immer und überall, -- und nur --« Riesa sprach immer
heftiger und scheltender -- »wenn es der Durchlaucht gefällt, einmal
guter Laune zu sein, ist sie bei der Sache und wird dann leicht
ausfallend in einer sehr unbeliebten, ironischen Art. Ja, entschuldige
schon,« schnitt er Georg das Wort ab, »daß grade ich es bin, der dir das
sagt, aber da dein Leibbursch leider zur p. p. Suite abwesend ist ...
Und vielleicht ists dir doch lieber, _ich_ bin es, als ein _Andrer_.
Unsre Gesellschaft,« schloß der kleine, friedliche Mensch aufatmend,
aber mit Entschlossenheit, »scheint dir nicht zu genügen.«

Georg war überaus verwundert. Was für eine Seite kehrte ihm denn auf
einmal dieser sonst so geistreiche Mensch zu? -- Er kam freilich im
Auftrag ... Aber nahm ihn doch ernst! Irgendwo hat jeder seine
Beschränktheit, dachte Georg enttäuscht und entschloß sich endlich zu
einer matten Entgegnung, indem er bemerkte, »unsre« sei doch mindestens
übertrieben.

»Darauf,« war die nur gereiztere Antwort, »darauf, Georg, laß ich mich
nun _nicht_ ein. Ich stehe hier nicht allein, sondern für das Korps.
Bitte aber, wenn du dich verteidigen willst ...«

Georg saß, die Ellbogen auf den Knien, die Hände gefaltet, mit
schmerzenden Augen in die letzte Helle oben starrend. Da Riesa darauf
bestand, das Korps zu verkörpern, was war zu antworten? -- Endlich wagte
er es:

»Ich glaube allerdings, daß ich ... nicht hierher --, wie soll ich
sagen? -- Ich meine, nicht wahr, es war wohl ein Irrtum, daß ich aktiv
wurde«, schloß er, das Gesicht zu Riesa herumdrehend.

»Irrtümer, Georg?« fragte der bestimmt. »_Die_ bist du wohl so gut, mit
dir allein abzumachen!« Er kehrte sich zum Fenster herum.

Georg fühlte den Schweiß aus seinen Händen brechen und die Brust
eingezwängt von Widerstand und Angst. Sie schwiegen wieder. -- Wovor
fürcht ich mich denn? fragte Georg sich, immer verdumpfter. Es war jetzt
ganz finster im Raum. Georg fragte müde, ob er Licht machen solle, aber
der Andre wehrte, wieder ganz liebenswürdig, ab: wenn es seinen Augen
unangenehm wäre, dann nicht. -- Wieder wars still. Dann begann im
Hausflur unten gedämpft das kläffende Bellen eines Hundes, das Haustor
wurde polternd aufgeschlagen, das Kläffen jubelte hell auf, Georg
glaubte einen kleinen weißen Hund zu sehn, der mit dem rasch in die
Ferne verhallenden Gebelfer der Freiheit die Straße hinabschoß. Öde
dehnte sich in seiner Brust. Er schloß die Augen. Als er sie wieder
öffnete, war es plötzlich hell geworden: durch die Fenster fiel von
unten der Schein einer Straßenlaterne quer durch den Raum bis an die
Decke.

Georg stand auf und begann, die ganz feuchten Hände auf dem Rücken, auf
und nieder zu gehn. Sein Denken setzte aus. Was er hätte sagen können,
ließ dem Vertreter des Korps gegenüber sich nicht fassen. Gern hätte er
sich entladen, geklagt und getobt. War nicht alles ein einziger großer
Brei von Stumpfsinn unter Alkohol? Jeder Einzelne ein irgendwie netter,
ja reizender Mensch, wenn man ihn allein hatte, aber zusammen ... da
wars, als ob die gegenseitige Berührung sie zu Kreide verwandelte.

»Darf ich eine Frage zur Faktischen tun?« fragte er schließlich.

»Bitte sehr!«

»Wie bist du eigentlich hier herein -- geraten! Wie hast du es hier
ausgehalten?«

Riesa schien des trocknen Tones nun satt, schien zu lächeln und meinte,
inwiefern das wohl zur Faktischen gefragt sein sollte. Ȇbrigens ... wie
ich hereingeriet? Mein Vater war alter Herr hier, ich stand allein,
suchte Menschen, Verbindungen. Wie ich es ausgehalten habe? Ja, Georg,
wie haltens die Andern denn aus?«

»Du giebst also zu, daß es schwer ist?«

»Daß es mitunter nicht leicht ist, wer wollte _das_ verhehlen? Ich
glaube, es giebt Wenige -- und es dürften kaum die Besten sein --, die
nicht einmal einen Besuch empfingen wie du zurzeit. Das Korps ist doch
kein Kinderspiel.«

Georg hörte kaum die letzten Worte. Pompös, allerdings nur in seinem
Innern, erwiderte er: Ich will dir was sagen, Riesa! Obgleich du mir
vorhin schon Standesallüren vorgehalten hast, erkläre ich dir rund und
schlicht: Das Ganze ist ein Stumpfsinn zum Kotzen! --

Warum sage ich das nicht laut? dachte er erhitzt. Ah, wenn ich einmal
Herzog bin! Er fühlte seine Hände naß, aber eiskalt jetzt, plötzlich
schlugen seine Zähne aufeinander, ein Frostschauer überflutete ihn, in
der Kopfhaut liefen siedende Schlangen. Ich habe Fieber, dachte er und
streckte sich, ein Ächzen unterdrückend, auf den Diwan. Ach, wie war das
alles widerlich und belanglos!

»Und übrigens,« hörte er Riesas Stimme in weiter Ferne fortfahren, »ich
habe ja meine kleine Medizin. Du hast wohl nicht mehr davon gehört, da
sie allgemein bekannt ist. Ich bin als Junge, mit vierzehn Jahren, mal
von einer Kreuzotter gebissen und mußte eine halbe Flasche Rum
austrinken. Seitdem bin ich immun gegen Alkohol. Höchstens giebt es
einen kleinen Nebel, a--ber ... als es alle wußten, verloren sie die
Lust, mich viel trinken zu lassen. Es hätte ja doch keinen Zweck ...«

»Ja doch keinen Zweck!« Nun brauste Georg hochspringend doch auf. »Das,
ja das ist der ganze Zweck: besoffen zu werden! Menschenkinder, wo habt
ihr eigentlich eure Jugend sitzen? Jugend, ja Jugend, das ists, was ich
vermisse. Wir sitzen beieinander wie die Greise, steigen herum wie die
Greise, fechten steif wie die Greise, und --«

Er stockte, da Riesa sich mit einer aufhorchenden Bewegung zur Tür
umwandte. »Hat es geklopft?«

Gleich darauf pochte es wieder. Georg rief: »Herein!« In der Tür
erschien das Hausmädchen mit einem Brief. Ein Bote habe ihn gebracht.
Sie verschwand wieder. Georg, eine fremde Frauenhand auf dem
mattvioletten Umschlag erkennend, trat mit fragendem »Du erlaubst?« zum
Schreibtisch und ließ unbedacht die elektrische Lampe aufflammen, die
zwei blendende Schwerter in seine Augen stieß. Es dauerte eine Weile,
bis er auf dem Briefbogen die dünnen und runden Schriftzüge dämmern sah,
endlich die Unterschrift: Ihre Cora. Aber er konnte sich nicht einmal
recht freuen in seinem gereizten Zustand. Er entzifferte:

   Aber was ist das, Georg? Sie kommen nicht? Ein Brief auf
   köstlichem Papier? Ein Unfall? Georg, an Unfälle glaube ich
   prinzipiell nicht! Der Mann meiner Freundin sagt, es würde wohl
   ein Duell gewesen sein. War es, Georg? (Sie erlauben doch, daß
   ich Georg schreibe, Durchlaucht finde ich gräßlich!) Etwa
   meinetwegen?!? Sich einer Frau wegen duellieren, fände ich schön,
   obschon es an sich abscheulich ist. Ich bin furchtbar in Sorge,
   Georg! Ich glaube, ich werde heut nachmittag, wenn mich mein
   Weg in die Nähe Ihrer Wohnung führen sollte, auf eine Minute bei
   Ihnen hineinsehn. Nur um mich zu überzeugen. Oder schickt es sich
   nicht? Ich habe keine Ahnung! Erwarten Sie mich jedenfalls
   _nicht_! Wenn ich es nur aushalte vor Unruhe! Georg, wissen Sie,
   daß ich _sehr_ erschrocken bin? Hieraus bitte ich aber keine
   falschen Folgerungen zu ziehn! Also ich komme bestimmt nicht!!!

   Es sei denn, die Tante, die ich besuchen muß, ist gar zu
   langweilig.

   Ach Gott, da fällt mir ein, daß ich ja morgen abreise. Sehe ich
   Sie denn noch? 8 Uhr 30 geht der Zug. Für alle Fälle also gute
   Besserung und auf Wiedersehn in einer schöneren Welt! Sind Sie
   traurig?

                                                                  Ihre
                                                                  Cora

Georg hatte, als er gelesen, neben der Erregtheit der augenblicklichen
Erwartung ein unbestimmtes Gefühl von Schmetterlingen oder Motten oder
Raupen; vielleicht geflügelten Raupen. Immerhin -- solch ein Wirrwarr es
war, schien es doch entzückend in seiner Art. Eigentlich war nichts zu
unterscheiden, jeder Satz meinte etwas Andres, als er sagte. Sicher
kommt sie, dachte er triumphierend, erinnerte sich nun Riesas und wandte
sich zu ihm, unschlüssig, was er sagen sollte. Zum Glück fiel ihm Bogner
ein, von dem sich leicht eine Überleitung finden ließ, und er fragte,
das Briefblatt in den Händen drehend:

»Sag mal ... was ich schon lange fragen wollte ... erinnerst du dich,
einmal Bilder von einem Maler Bogner gesehen zu haben, Benvenuto?«

»Bogner? Ja, ich denke. In Berlin bei Cassirer, nicht wahr? Eine
Landschaft?«

»Möglich. Er ist nämlich --«

»Ja, jetzt erinnere ich mich. Ein Blick in ein Flußtal, beim ersten
Hinsehn ganz konventionell anscheinend, aber in Wirklichkeit war alles
auf eine sehr besondre Weise vereinfacht, und die Farben hatten ihr
Geheimnis. Es erinnerte mich an gewisse Zeichnungen von Kokoschka; es
giebt da einen weiblichen Kopf -- erinnerst du? -- in den dicken
Konturen nahezu akademisch anmutend --«

»Die aber in Wirklichkeit Schnüre aus hundert zitternd lebendigen
Strichen waren, -- oh natürlich, Kokoschka!« fiel Georg ein. Und nun
mußte er auf Riesa zutreten und in bittendem Tone sagen:

»Nun hör einmal, Lieber, findest du es nicht auch schöner, von Kokoschka
und dergleichen zu sprechen, anstatt ...« Er versuchte, dem vor ihm
Stehenden eine Hand auf die Schulter zu legen und sie zu streicheln, der
aber tat, als ob Georg nach ihm schlagen wollte, duckte sich lächelnd
und abwehrend und rief, während Georg nun tätlicher auf ihn eindrang:
»Jedes zu seiner Zeit! Schaff dir eine Kreuzotter an, Georg!«

»Es giebt ja keinen Zoologischen hier!« lachte Georg, Riesa gegen die
Tür pressend, allein jetzt kam ihm über der Vorstellung einer Kobra Cora
wieder ins Gedächtnis, und er sagte, von dem Andern ablassend:

»Die Sache ist nämlich die: ich kenne diesen Bogner, von früher her, ja,
und nun habe ich vor ein paar Wochen eine Schwägerin von ihm kennen
gelernt, durch Zufall. Sie ist hier zu Besuch, und sie schreibt mir
eben, es wäre nicht unmöglich, daß sie heut nachmittag ...«

Riesa lächelte mit schiefem Mund. »Im Augenblick bin ich verschwunden.«
Er griff nach der Türklinke. »Auf Wiedersehn, Durchlaucht! Vergiß nicht,
weshalb ich kam!« Schon auf dem Flur und beim Mantelanziehn sprach er
weiter von Pflichtbewußtsein, und was Irrtümer betreffe, die Georg
angedeutet habe, so sei das seine Sache. Mißlaunen an seiner Umgebung
auszulassen, sei entschieden inferior ...

Dann fiel die Flurtür hinter ihm ins Schloß, Georg ging, frierend vom
Kältehauch des Treppenhauses, in sein Zimmer zurück, raffte Coras Brief
wieder an sich, allein das Licht schmerzte empfindlich, er glaubte, nun
wirklich zu fiebern, löschte die Lampe und streckte sich auf den Diwan.

Bald erschien ihm Coras Gesicht, das flattrige, braune, rötliche Haar,
die mattblauen Augen unter dem sonderbaren Gürtel brauner
Sommersprossen, der blasse Mund mit zu dicken Lippen ... Wie mag ihr
Mann wohl sein? Eigentlich war es doch peinlich -- gerade Bogner
gegenüber. Peinlich? Es war doch nichts geschehn! Aber sie war wohl kaum
ganz echt. Freilich: für ihren Mann war sies doch. Sie kam! -- Sein Herz
pochte wieder mit Nachdruck. Er wartete. Er wußte die Zeit nicht, wollte
sie auch nicht wissen, um das Warten nicht durch Berechnungen peinlicher
zu machen. Und dann taumelte ein Mänadenschwarm von Vorstellungen durch
sein Gehirn. Er hörte ihr Klopfen an seiner Zimmertür, sie war da, er
öffnete, er sah deutlich ihren Schattenriß, den großen, schwarzen Hut
... allein auf diesem Punkt erlosch alle Vision: er konnte keine
Vorstellung für ihre Haltung finden in diesem Augenblick, für ihr Wesen,
ihr schillerndes Wesen. Auf der Suche nach einer leibhaften Erscheinung
von ihr, kam alsbald der Saal in der Schackgalerie hervor, das große
Tizianbild in der Lenbachschen Kopie, davor -- ihm selber den Rücken
zuwendend -- jene, noch ganz fremde, sehr schmale Gestalt, im
übergroßen, flachen Hut, eine Pelzjacke überm Arm, in grauem Kleidrock
und violetter Seidenbluse mit leicht angerissener Rückenschnalle. Und
die hellweiche, unsichre Stimme fragte ein unscheinbares Weibwesen neben
ihr mit etwas klagendem Tonfall und prätenziös: »Tizian? Aber das ist
doch ganz Lenbachs Technik!« wobei sie plötzlich das Gesicht zu Georg
herumwandte, ihn voll anblickend aus blassen Augen. Und er -- mit ihm
selber unbegreiflicher Gefaßtheit -- fing gleich an zu erklären: Eine
Kopie ... es seien lauter Kopien ...

Die Stuckornamente an der Decke über Georg, vom Laternenschein hell
beleuchtet und schattenwerfend, verschwammen langsam. Er vernahm die
tiefe Regungslosigkeit der sonntäglichen Stille im Haus. Die Glocken
waren verstummt. Sie kam noch immer nicht ...


                               Das andre

Georg fuhr mit einem Schreck in die Höhe, am Erwachen merkend, daß er
geschlafen hatte. Er lauschte wild. Sein Herz sprang und jagte. Alles
war still. Nach wie vor teilte das einfallende Laternenlicht den Raum in
zwei schiefe Hälften von Glanz und Düsternis. Hatte es geklopft?
geklingelt? Wie lange hatte er geschlafen? -- Totenstille. -- Nein, die
Glocken! Kaum hörbar fern bewegte sich wieder das wogende Durcheinander
von Tönen, jetzt vergehend unter dem wütenden Sausen seines beim
Hochfahren in den Kopf geschossenen Blutes, dessen folterndes Brodeln
ihm nun eine fast unerträgliche Gier erregte, die heiße Bindenlast
abzureißen, und schon spürte er im Loszerren und -wickeln, wie es
leichter wurde, kühler, ganz kühl ... dann wieder die Glut, denn er saß
unbeweglich, die Hände an den Schläfen, die Brust übervoll von
namenlosen Befürchtungen. War sie nicht gekommen? Und kam sie noch --
was konnte es für Wert haben, bei diesem, seinem Zustand? Er war zum
Unglück geboren. Er tat Falsches; dann kam das Rechte zur falschen Zeit.

Endlich zog er die Uhr aus der Weste und mußte, das Zifferblatt ins
Licht haltend, erkennen, daß es bereits halb sieben war. Sie war
ausgeblieben.

Elend im Herzen stand Georg auf und schlich zum Fenster. Vor der Laterne
unten, jenseits des Fahrdamms, der glänzend schwarz war, wehte ein
feiner, glitzernder Schleier von nassem Schnee herunter. Über ihre
grünliche Helle hinweg sah er die bläuliche Schneedecke am Boden des
Parks unter dem schwarzen Netz von Astgewirr, eine weiße Wiesenfläche in
der Ferne, darüber die Wand des Himmels, ganz violett. Lange,
gedankenlos, starrte er hin, und sein ganzes Innres füllte sich, sog
sich voll derweil mit einer Trostlosigkeit ungeheuer.

Ihm schien alles unentrinnbar geworden. Die tiefe Öde seines Korpslebens
hielt ihn gepackt wie ein Polyp mit hundert weichen, geisterhaften
Armen; er wußte nicht, wie entkommen, wußte nicht, wie es ertragen nur
bis ans Ende des Semesters. Und dabei, dachte er hochfahrend, wenn sie
wüßten, wen sie vor sich haben! Ah, wenn ich Herzog bin, werde ich dafür
sorgen, daß dieser Stumpfsinn ein Ende nimmt! Wenn sies nur schon
wüßten! Dann würden sie brav ihren Kotau machen und -- aber was hilft
mir das! -- Er fühlte sich wieder umzingelt, und die Zeit stand still.
Cora -- das war doch eine Oase gewesen; so anfänglich, wie es war, so
reich an Möglichkeiten, an Phantasie, an Gefahren! Morgen reiste sie ab.
Morgen, dachte Georg, kann ich schlafen, solange ich will, da ich nicht
zum Fechtboden zu gehn brauche, -- das ist ein Trost!

Da gedachte er Annas. Er gewahrte mit einer kleinen Drehung des Kopfes
zur Rechten ihre Photographie im Dunkel auf dem Schreibtisch; die Fläche
glänzte gläsern, die Züge blieben unsichtbar. Ja, unsichtbar, denn dies
war aus. Sie wollte es ja! Traurig immerhin, daß er sie so schnell
vergessen hatte. Nein, nein, es war klar: das war in Wahrheit keine
Liebe gewesen, und so hatte sie mit ihrer Forderung an ihn unbewußt das
Rechte getroffen. Wenn nur das Telegramm zu Weihnachten nicht wieder
Hoffnungen in ihr erregt hatte ... Aber was war zu machen?

Plötzlich wehte es ihn von dem Bilde her an, Rührung, Zärtlichkeit, ein
mattes Verlangen, und die Vereinsamung. Er ging hin, beugte sich über
den Tisch, suchte nach ihren Zügen, und als er die lieblichen dämmern
sah, schienen freundliche Erinnerungen leise zu erwachen. Er seufzte,
griff in die Tasche nach seinem Schlüsselbund, schloß die Mittellade des
Schreibtisches auf, zog sie vor, und da lag gleich Annas Brief, der
Scheidebrief, auf den er, übergebeugt mit aufgestützten Händen,
hinabstarrte, minutenlang ohne Gedanken.

Das Schrillen der Flurglocke sauste so gefährlich durch ihn hin, daß er
nahezu schlotterte. Da! da! das war sie! Er warf die Lade zu, sie wollte
nicht schließen, seine Hand zitterte, er warf das hinderliche
Schlüsselbund links herum und rechts, riß endlich den Schlüssel heraus
und stand und horchte derweil wie ein Einbrecher nach draußen, wo es
jedoch so still blieb wie zuvor. War er allein in der Wohnung? Mußte er
selber ...? Ah ja, und wenn er hinging und öffnete, so stand da ein
Dienstmädchen oder dergleichen, so wie bei Pragers an totenhaften
Sonntagnachmittagen, und fragte schüchtern nach Fräulein Lina.

Nein, nun mußte er doch gehn. Und angehaltenen Atems, im Wirrwarr von
Zuversicht und Erwartung des Enttäuschtwerdens, schritt er zur Tür, über
den Flur zum Glastor und öffnete. Da stand sie.

»Also doch noch!« sagte er, unendlich befreit.

Sie stand, zurückgewichen bis ans Treppengeländer, die Unterarme in
einer großen, grauen Feemuff, die, wie ihre Jacke aus gleichem Pelz,
verklebte nasse Haare hatte, das blasse Gesicht, halb im Schatten der
breit geschweiften Hutkrempen, aufgehoben mit unbestimmtem Ausdruck, und
auch an Nase und Kinn glitzerte es leise von Tropfen.

»Prinz, wie sehen Sie aus!« sagte sie endlich schwach.

»Ich! seh ich aus?« Er faßte sich an den Kopf. »Ach, das macht nichts!
Bitte, kommen Sie doch herein!«

Aber sie beharrte in ihrer Haltung. »Sie sind ja ein furchtbarer Mensch!
Also wirklich so ein gräßliches Duell! Wie kann man nur! -- Soll ich
wirklich hereinkommen?« fragte sie dann, seine ausgestreckte Hand
erfassend, und ließ sich hineinziehn, wobei sie so dicht aneinander
gerieten, daß er seine Hand in ihren Arm schob. Sie sagte halblaut: »Ich
fürchte mich aber!« So führte er sie den Gang hinunter.

Als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, rief sie laut: »Oh Gott, wie
riecht es hier! Sind Sie das, Prinz? Jodoform oder so. Ach,
entschuldigen Sie nur, das durft ich wohl nicht sagen? Hab ich nun Ihre
Ehre gekränkt? Dann müssen wir uns auch duellieren.«

Georg befand sich in einem Wortschwall. »Nein,« sagte sie, als er nach
ihrem Muff griff, »ich will nicht ablegen, auf keinen Fall, Durchlaucht!
Den Muff, o ja, den können Sie haben. Gott, wie entzückend Sie wohnen!
Da haben Sie ja den ganzen Park vor dem Fenster! Lieben Sie den
Englischen Garten auch so? Überhaupt München! Oh, ich liebe München!
Eine himmlische Stadt! Kennen Sie Magdeburg? Magdeburg ist der Tod.
Nein, daß ich nun wirklich hier bin! Prinz, das dürfen Sie mir nie
vergessen! Werden Sie? Schwören Sie es! Ich hätte wirklich nicht
gedacht, daß ich kommen würde! Auf der Treppe bin ich dreimal umgekehrt.
Glauben Sies nicht? Nein, wie entzückend Sie eingerichtet sind! -- Kein
Licht!« antwortete sie auf Georgs Frage, »dann muß ich mich zu sehr
schämen.« Sie lachte. Vor ihn tretend, fragte sie dann sehr besorgt, wie
es ihm eigentlich gehe. »Ach, Sie haben sicher Schmerzen, und ich rede
in einem fort. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Nun
bin ich gleich still, Sie legen sich schön auf den Diwan, und ich setze
mich zu Ihnen. Aber nicht dicht!« Sie lachte wieder, Georg ließ sich zum
Diwan drängen, setzte sich auch, stand aber gleich auf, da sie an ihrer
Jacke knöpfte, half ihr sie öffnen und ausziehn und hängte sie über
einen Stuhl. Unterweil redete sie fort:

»Sie wissen doch, daß ich morgen reise? Sonst wäre ich ja auch nicht
gekommen. Bestimmt reise ich, Georg.« Sie drehte den Armstuhl vorm
Schreibtisch herum, nicht ohne einen Blick auf Annas Bild, und setzte
sich, während Georg sich halbliegend über den Diwan streckte. »Meine
Tante war entsetzlich eben. Kanarienvogel, Sofaschoner, sittliche
Entrüstung, es war alles da. Georg, Sie sagen ja gar nichts! Nun sagen
Sie bloß, warum fechten Sie eigentlich? Es ist doch so unzeitgemäß!
Sport ist viel gesünder. Im Sommer besuchen Sie mich einmal, und wir
rudern zusammen. Ich rudre leidenschaftlich. Sie?«

Georg versicherte, gleichfalls mit Leidenschaft zu rudern, worauf sie
erklärte, sie käme um vor Durst. -- Ob sie einen Likör trinken möge?

»Likör? Aber Durchlaucht! Was haben Sie denn für welchen? Ich trinke nur
süßen. Oh ich liebe Likör! Finden Sie das gräßlich? Ja, ich bin ein
lasterhaftes Weib ...«

Ihre Stimme flatterte im Raum umher so unsicher wie eine Fledermaus,
eine blaßgelbe Fledermaus, dachte Georg, indem er eine Flasche Sherry
Brandy und zwei Gläser aus dem Schrank holte, die er füllte. Sie stießen
mit dem kleinen Finger an, Georg konnte nichts trinken und stellte sein
Glas wieder hin, während sie das ihre in kleinen Schlucken leertrank.

Dann, nachdem er einiges gesagt hatte, von seiner Freude über ihr
Kommen, seiner Einsamkeit und einem unangenehmen Besuch, den er gehabt
habe, saß sie still da, nachdenklich, wie es schien, und Georg geriet
wieder in die Erinnerung an Riesas steifes Geschwätz und seine eigene
unterbrochene Anklagerede. Ohne sein Zutun ballte die sich wieder in ihm
zusammen; jetzt konnte er sie zu Ende bringen und sich erleichtern.

»Sie wundern sich über mein Fechten,« fing er an, »aber das ist noch das
Netteste vom Ganzen. Ach, darüber sprachen wir ja schon! Heut kommt
einer, ganz steif, im Auftrage des Korps: Ja! -- und: kurz und gut: mein
Benehmen ist ihnen aufgefallen, und er warnte mich. Er war steif wie von
Pappe, bloß mit einer Vorderansicht bemalt. Hier ist einer immer steifer
als der Andre. Das ist die studentische Jugend! Achtzehnhundertdreizehn,
da hätte man leben sollen! Da war Jugend noch Feuergeist. Ja, wenn man
noch unbändig wäre, Bande sprengte, die des Ich und somit die
bürgerlichen; über die Stränge schlüge und etwas übte, das -- das
Wirkung hätte, das -- wenn auch nur Erstaunen und Entsetzen meinetwegen
von irgendwem hervorriefe! Daß doch wenigstens der Bürger das stumpfe
Bewußtsein hätte von einer andern, einer leichtern, freiern, kühnern,
jüngern Welt!« Wie schön sie dasaß und lauschte! Georg fühlte sich fast
schmerzlos im Weiterreden. Ihm kamen bunte Einfälle. »Wenn man -- also
meinetwegen auf lauter Schimmeln in roten Badehosen hellmittäglich durch
die Stadt ritte und am Stachus Gaudeamus sänge. Wenn man Serenaden
brächte, eine vergötterte Sängerin unter Bergen von Sträußen begrübe ...
Was meinen Sie? Wenn man zum Beispiel alle Hebammen der Stadt
mitternachts zum Zentralfriedhof bestellte, um die Toten des Todes zu
entbinden.« Georg mußte auflachen über eine neue Vorstellung, die er vor
Lachen kaum über die Lippen brachte: seine sämtlichen Korpsbrüder, die
mit umflorten Zylindern und Kerzen in den Händen einem Sarge folgten, in
dem ein toter Hund lag, und den sie unter Musik feierlich begrüben, bloß
um aufs Grab schreiben zu können, daß hier >der< Hund begraben läge.

»Entzückend, Georg,« sagte sie nun, »aber warum tun Sies nicht? Machen
Sie den Anführer!«

Georg warf sich herum und stand auf, nicht ohne Verwirrung. »Ja,« sagte
er, »da stehe ich und denke mir was, aber ich führe es ja auch nicht
aus. Ja, und glauben Sie vielleicht, ich würde Gefolgschaft haben?
Erstens bin ich ein krummer Fux, der den Mund zu halten hat, und
zweitens ... Ich sagte es ja schon: vor hundert Jahren gab es
dergleichen vielleicht. Aus Übermaß der Gefühle, aus Jugend, nur aus
Jugend, könnte dergleichen ja doch nur losbrechen, aber wo giebts die
heutzutage? Sie müssen sich ja voll Bier schütten bis zum Hals, um nur
munter zu werden, und was herauskommt, ist bloß Radau oder -- wieder
Bier.«

Cora hob die Achseln. »Gott, Georg,« sagte sie spitz und verzichtend,
»Sie brauchen sich doch eigentlich nicht zu beklagen. Sie sind doch
frei! Sie sind ein Mann. Aber sehen Sie mich an! Ich bin gebunden. Ach,
und die bürgerliche Atmosphäre, in der ich sitze -- -- Georg, glauben
Sie mir, ich kann nächtelang liegen und weinen vor lauter Verzweiflung.
Die Ehe ist -- ich will Ihnen sagen, was sie ist! Ein Verbrechen gegen
das keimende Leben. Man ermordet sich gegenseitig, auch wenn mans noch
so gut machen will. Mein Mann ist _sehr_ gut, Georg! Aber was hilft das?
Die beständige Reibung. Und ich bin so ganz unbürgerlich. Ich bin zu
amüsant. Mein jüdisches Blut, wissen Sie! Mein Großvater war Jude, ein
Prachtmensch, oh ich liebe ihn, unbeschreiblich! Daher das Kritische an
mir. Immer Widerspruch, -- das ist doch das einzig Gute am Judentum: der
Sauerteig der Nationen. Ich hätte Schauspielerin werden sollen. Als Kind
wollte ich immer. Auch später noch. Ich habe sogar Unterricht gehabt,
aber dann verliebte sich mein Lehrer in mich, und es nahm ein Ende mit
Schrecken.« Sie lachte, seufzte dann schmerzlich.

»Aber Sie konnten doch einen andern Lehrer nehmen?« meinte Georg
widersprechen zu müssen, brennend erregt von ihren Aufschlüssen.

»Gott, Sie wissen doch, Georg,« erwiderte sie matt, »ich heiratete
eben.«

»Ja, aber weshalb denn?«

»Weshalb? Einmal muß man doch. Und Herbert wollte es ja durchaus. Er war
so rührend! Sie machen sich keine Vorstellung, wie rührend er war! Da
giebt man denn schließlich nach. Übrigens müßten Sie mich einmal
deklamieren hören und Ihr Urteil sagen, ganz ehrlich! Kennen Sie Werfel?
Oh wie ich den liebe! Er ist so ausschweifend. Kennen Sie das:

   Wenn abends Heimkehr endlos durch die Gassen geht,
   Erhebt ihr euch von eurem täglichen Gerät ...

>Lesbierinnen< heißt es.«

»Wollen Sie es nicht sagen?«

Sie stand auf. »Aber wie spät ist es denn? Georg, ich muß spätestens um
acht in der Schellingstraße sein. Meinen Sie, daß noch Zeit ist? Also
hören Sie zu!«

Sie hatte sich drüben im Schatten vor dem Bücherschrank aufgestellt, so
daß Georg von ihrem Gesicht nur den Schein sehn konnte. Dann begann ihre
unsichere Stimme, die sie möglichst geheimnisvoll zu machen suchte,
halblaut und mit pathetischer Eindringlichkeit:

   »Wenn abends Heimkehr endlos durch die Gassen geht,
   Erhebt ihr euch von eurem täglichen Gerät.
   Zwei süße Näherinnen, noch vom Radgesang umspült,
   Jetzt wandelt ihr, von Wind und Müdigkeit gekühlt.

   Entfacht daheim, ihr Kinder, euren Samowar
   Und löst das leichte, luftverspielte Haar ...«

Georg, der das Gedicht kannte, benutzte die Gelegenheit, sich zu sammeln
und sich für Minuten ganz der Folter seines Kopfes zu überlassen.
Fiebernd, schweißbedeckt am ganzen Leib, hörte er ihre Stimme ferner und
ferner verhallen, endlich wieder lauter mit den Schlußzeilen:

   »Doch ist auf jeder Lippe Tod und Rache da,
   (Ha, der verruchten Küsse angeklagte Kette!)
   Schlaft ein,
   Schlaft ein in eurem Bette!
   Dem tausendfachen Geist der Liebe seid ihr nah.«

Als sie dann schwieg, hielt er Schweigen für den zartesten Ausdruck der
Bewunderung und bemerkte erst nach einer Weile achtungsvoll, das Gedicht
fände er eigentlich weniger schön als ...

»Pervers, nicht wahr?« sagte sie flott, »aber schön!« und kam langsam
durch das Zimmer zu ihm, Bangnis seltsam aushauchend mit einmal.
Trotzdem wagte er es, ihre Hände zu fassen. Hatte er daran gezogen? Sie
war plötzlich auf seine Knie nieder geglitten und wäre gefallen, wenn er
nicht den Arm um ihren Rücken gelegt hätte.

»Georg, was tun wir?« sagte sie heftig atmend. »Nein, ich bin Ihnen ja
viel zu schwer!« lachte sie dann. -- Sie war wirklich schwer.

Plötzlich -- -- was war denn nun das gewesen? Eine heiße, feuchte
Berührung an seinem Ohr, und sie war aufgesprungen. Hatte sie wirklich
die Zunge in sein Ohr ...? Er wollte auf und ihr nach, doch durchschnitt
in diesem Augenblick der grelle Schein der aufflammenden
Schreibtischlampe seine Augen, und geblendet sah er ihren Schattenriß,
über die Lampe gebeugt, neben die sie Annas Bild hielt. Dann hörte er
ihre Stimme:

»Prinz, wer ist das? Welch ein entzückendes Gesicht! Wie zart ist es!
Lieben Sie sie? Ich weiß, daß Sie sie lieben! Erzählen Sie mir von ihr!«

Sie stellte das Bild wieder hin und ging an das Fenster. Was mochte sich
nun in ihr bewegen? fragte sich Georg, noch schweigend und nach Worten
suchend. War sie eifersüchtig? -- Mit leiser Stimme brachte er vor, er
habe dies Mädchen wohl geliebt, aber es sei längst aus, sie habe es
nicht gewollt, -- und mehr dergleichen, was ihm selber plump und trivial
vorkam. Sich schämend, senkte er den Kopf und schloß die Augen, mußte
aber nun denken, daß, wenn sie ihn so sitzen sah, er ihr von Erinnerung
übermannt scheinen mußte, und daß dies ihm nicht eben zuwider war.
Gleich darauf hörte er das Rauschen ihres Kleides, sah auf und sah sie
verschwommen in der Dunkelheit über sich, und der Hutschatten verdeckte
das ganze Fenster mit der Laternenhelle. Wieder nahm er ihre Hände. Sie
beugte sich herab und küßte schonend seine Stirn oder vielmehr den
Verband darüber, und dann saß sie, weich hingeschmolzen, auf seinem
Schenkel, er küßte ihre Wange einmal und noch einmal, suchte ihren Mund,
erreichte ihn, aber kaum daß er ihre Lippen gefühlt hatte, ganz kalt und
fleischig, war sie aufgesprungen und von ihm fort. Ohne ein Wort zu
sagen, nahm sie ihre Jacke und zog sie an, ging durch den Raum zu dem
Sessel, auf dem ihre Muffe lag, nahm sie an sich, kam wieder bis zu ihm,
der aufgestanden war, hielt ihm die Hand hin und sagte: »Adieu!«

Er fand nichts als ein kümmerliches: »Wollen Sie wirklich gehn?«

»Wie spät ists denn?« fragte sie in gleichgültigem Ton. Er sah auf die
Uhr, fand, daß es drei Minuten vor acht war, log aber, es sei
dreiviertel.

»Um Gottes willen, dann ists aber allerhöchste Zeit!« Sie lief fort von
ihm zur Tür. Als er sie eingeholt hatte, öffnete sie, schritt dann mit
gemachter Gelassenheit den Gang hinunter und wandte sich vor der Glastür
mit der Bemerkung: »Schöne Bilder!« indem sie sich nach den Wänden
umsah. Ihm wieder die Hand hinstreckend, die andre auf der Türklinke,
lächelte sie, in den zusammengezogenen Augen einen Hauch von -- wars
Ironie, Verachtung? -- Es reizte jedenfalls Georg dermaßen, daß er sie
umschlang, sie an sich drückte und heftig auf den Mund küßte. Lange
Sekunden hielt sie hingegeben still, riß sich dann los, riß die Tür auf,
war hindurch und hatte sie hinter sich ins Schloß geworfen.

Dastehend, die Glastür vor Augen, merkte Georg nach einer Weile, daß er
schmunzelte, worauf er augenblicks ernst wurde, zumal ihm einfiel, daß
sie am nächsten Morgen abgereist sein würde. Alsbald fror er in der
Kühle des Flurs und ging in sein Zimmer zurück.

Das ist das Leben! dachte er zähneklappernd im Auf- und Niedergehn.
Morgen ist sie fort, und ich habe es gerade bis zum Anfang gebracht.
Wenn sie nicht wirklich nach Hause gemußt hätte, fragte er sich frivol,
ob es dann bei der Jacke geblieben wäre? Da fühlte er wieder die
Berührung ihrer Lippen, die so fremd gewesen war. Fremde Menschen,
dachte er, was soll das alles? An Riesa fiel mir auch die Fremdheit auf.
Oh Gott, mein Kopf, das ist ja, um in die Luft zu gehn! -- Fremde
Menschen, murmelte er betäubt, fremde Menschen ... Sie freilich hatte er
geküßt, aber dadurch war sie ihm nicht bekannter geworden. -- Nein,
erklärte er sich fest, dies ist das Leben nicht, das du zu führen
gedachtest. -- Es war ja alles falsch und sinnlos. Das Korps war
verkehrt, auch Riesa verkehrt, und Cora? Cora ...

Wenn ich einmal Herzog bin ... ging es durch das Zacken in seinem
Gehirn; und dann: ob Papa -- in seiner Jugend -- auch solche Dinge ...

Frierend, fiebernd, ganz erschöpft, stand er vornüber und kam sich
unecht vor an Leib und an Seele.


                       Siebentes Kapitel: Februar


                          Georg an Cora Bogner

                                                München, am 1. Februar

Herrin:

Entschwunden? Gänzlich verschwunden? Allerdings, ich erinnere mich: wir
hatten beschlossen, die flüchtige Zartheit unsrer Berührung so
falterhaft sein zu lassen, wie sie war; ihr nicht die Bleigewichte von
Briefen anzuhängen und so weiter, Sie wissen schon. Aber -- was alles
beschließt nicht der Mensch! Es ist groß zu verzichten für den Reichen,
aber nun bin ich verarmt und so einsam wie der letzte Wolf in Polen.
Groß ist auch Einsamkeit, wo sie ganz ist und echt; ich aber bin niemals
allein, -- Sie kennen mein hiesiges Dasein, das nicht den Namen Leben
verdient. Leben Sie? In dem Rohrdommelnest Beuglenburg zwischen den
ewigen Mooren? Dann gewähren Sie mir ein gnädiges Zeichen!

Ihrer Huld mich empfehlend, gebeugt, ehrfürchtig

                                                              der Ihre
                                                     Georg Trassenberg


                          Cora Bogner an Georg

                                         Beuglenburg, am Amtsgericht 2

Lieber Prinz!

Bin ich Ihnen aufrichtig genug, wenn ich sage, daß Ihre Zeilen mich sehr
gerührt haben? Wie recht Sie haben! Wir beschließen so Vieles im Glück
und können später noch froh sein, daß Beschlüsse keine Taten sind und
sich zurücknehmen lassen. Ach, armer Georg, Sie rufen nach mir wie ein
Schiff in Seenot nach dem Ufer -- alles las ich zwischen den Zeilen! --
aber bin ich denn am Lande? Taten, die sich nicht rückgängig machen
lassen usw., und ich könnte Sie selber zitieren: »Sie kennen mein
hiesiges Dasein ...« Aber nun bin ich nicht ganz aufrichtig, denn ich
habe erstens den besten Mann von der Welt und zweitens ein süßes kleines
Geschöpf, das Sie kennen, und mit der sich, wie Sie wissen, nicht
konkurrieren läßt. Oder wagen Sies? Prinz, ich warne Sie!! Also hier
haben Sie einen Brief! Freuen Sie sich? Dann sagen Sies Ihrer Sie
vielmals grüßenden

                                                           Cora Bogner


                             Georg an Cora

                                                           10. Februar

Verehrungswürdige:

_Mon verre est petit, mais je bois dans mon verre_ heißt auf Deutsch:
Ihr Brief ist klein, aber ich trinke aus Ihrem Brief! Nämlich so wie der
berühmte heiße Stein den Tropfen: völlig aufgesogen! Und nun bitte:
mehr! Meine Verzweiflung ist am Siedepunkt. Wozu davon reden.
Erleichterung, die ich für Augenblicke in dem mit Recht so beliebten
Spiel der Takte und Reime fand, ging so geschwinde vorüber wie ein
Falterschatten. Schatten eines Falters, von dessen Flügeldecken Ihr
Augenpaar glänzte wie das des Pfauenauges. Was kanns Ihnen bedeuten?

Wobei Ihr großer Schwager mir einfällt, von dessen Bild ich Ihnen
erzählte. Soll ich ihm eigentlich schreiben, daß er Sie besucht, wenn er
Trassenberg verläßt? Wir kamen damals darüberhin. Wie ich ihn kenne,
kann ich mir nicht denken, daß er dem Ansinnen, zu seinen Eltern zu
gehn, Widerstand leisten würde, zumal wenn Sie ihn bezauberten wie mich.

Übrigens haben wir jetzt hier Karneval, ich bin jede dritte Nacht in
einen andern Domino verliebt -- o süßer Dunst, der sich manchmal im
Morgengraun phantastisch zu Versen kristallisiert wie der Niederschlag
der Ofenwärme an der Fensterscheibe, Lilien und Palmen! -- aber im
ganzen bin ich wohl zu norddeutsch schwer und treibe in der
alkoholischen Flut wie ein Stück eisenbeschlagenes Holz, zu schwer zum
Schwimmen, zu leicht zum Versinken, ein Holzklotz in Seenot, überhören
Sie seinen Anruf! Mann und Kind und geliebt, Sie sind glücklich, was
wollen Sie mehr? Sie haben Wärme, ich Hitze, Sie Licht, ich das Dunkel.
Ich will versuchen, zu träumen. Sommerwiesen und ein goldenes
Pfauenauge, -- seien Sie gnädiger dem Träumenden, als Sie es dem
Wachenden sein dürfen, eheu!

                                                            Trübsinnig
                                                           Trassenberg


                             Cora an Georg

Euer Liebden!

Sehr behaglich, obwohl verrenkten Fußes, sitze ich in meinem Sofa und
schreibe Ihnen einen Gruß. Mein Kind Susanne versucht eifrigst, mich
daran zu hindern, indem es mir den Bleistift aus der Hand reißt, ich muß
sie mit Klapsen abwehren wie eine Brummfliege -- da, jetzt wieder!
Entschuldigen Sie den Krakel, den es gegeben hat!

Da ich im übrigen annehme, daß Sie ein Mann und gesonnen sind, das Übel
wie ein solcher zu tragen, interessiert mich in Ihrem Brief vor allem
das geheimnisvolle Pfauenauge aus Takten und Reimen. Warum lassen Sie es
nicht her zu mir flattern? Ach, Sie wollen nur, daß ich darum bitte,
aber -- herrje! Diesmal kam der Klaps zu scharf, und es hat Tränen
gesetzt. Die Spuren finden Sie auf dem Papier, -- daß Sie nicht etwa
glauben, sie wären von mir! O Himmel, da habe ich ja auch gereimt! Ist
es immer so leicht? Aber ich höre nun doch lieber auf und grüße Sie!

                                                          Leichtsinnig
                                                               Cora B.


                             Magda an Georg

                                Altenrepen, Güntherstr. 5, 19. Februar

Mein lieber Georg!

Wir saßen am Kaminfeuer, den Nachmittag und den ganzen Abend. Es war,
als säßen wir in einer kleinen, feurig rot erleuchteten Höhle in dem
finstern Berg der großen Halle, die wieder in der großen Dunkelheit lag,
die draußen ist, und es war schauerlich behaglich! Renate las ihrem
Onkel und mir und Josefs -- ihr Vetter! -- Kater -- groß und gelb saß er
mit steifen, grüngelben Augen dicht vor den Flammen, und sein dicker,
buschiger Angoraschweif stand wie eine Straußfeder hinter seinem Rücken
-- ihren geliebten Hoffmann vor, den >goldenen Topf<, der so wunderbar
gruselig ist! -- Aber ich mußte immer an Helenenruh denken, an die
langen, einsamen Nachmittage nach Mutters Tode, und dann an die
Weihnachtsferien einmal, wo Ihr alle da waret, und Deiner Mutter ging es
so gut damals, daß sie uns Geschichten erzählte, weißt Du das noch? Wie
alt mögen wir damals gewesen sein? Wir waren Kinder jedenfalls, und es
ist schrecklich, o schrecklich lange her!

Der Winter dauert auch so endlos lange, und ich kann mir kaum
vorstellen, daß einmal Sommer werden wird, wenn ich an den letzten
denke. Soviel, soviel ist geschehen inzwischen, das ich vergessen habe,
nur daß es furchtbar war, das habe ich behalten, und noch schaudert mich
oft, wenn ich daran denke.

Oft denke ich an Dich, und was Du wohl für ein Leben haben magst, das
glaub mir nur, wenn ich auch Dein liebes Weihnachtstelegramm nicht
beantwortet habe. Ich weiß nicht einmal, wie ich dazu komme, Dir heut zu
schreiben, aber auf einmal hatte ich die Feder in der Hand, und nun
stehn da schon viele Worte.

Bald bin ich nun schon sieben Wochen bei meiner Freundin Renate; ich
fürchte mich ein wenig vor Helenenruh, und da ich Papa kenne, so weiß
ich, daß er mich nicht vermißt, wenn er mich immer wieder ermahnt, hier
zu bleiben. Ich habe auch meine Stimme prüfen lassen und seit einiger
Zeit Unterricht. Sie soll sehr schön sein, -- ja, ich wundere mich
manchmal selbst über ihren Klang, so tief und stark ist er -- Alt, weißt
Du --, als wäre gar nicht ich das, die da singt, denn es klingt traurig,
und ich bin eigentlich immer vergnügt. Wir machen den halben Tag Musik;
Renate, mußt Du wissen, hat eine Orgel, eine richtige, in einer
richtigen kleinen Kapelle, die im Garten steht, und es ist so wunderbar,
in der dunklen Kälte draußen zu stehn, wenn die drei hohen gotischen
Fenster milde gelblich leuchten, und drinnen das seltsame Brausen
umgeht, als wäre eine dunkle, summende Geisterversammlung dort, und
tönende, lichte Engel gingen umher und verteilten köstliche Speise. Die
meiste übrige Zeit verbringen wir bei der Schneiderin, denn ich brauche
eine Unmenge Sachen, und immer giebt es Zank mit der Schneiderin wegen
der allzu engen Röcke, die sie einem am liebsten um die Füße
zusammenschnürte. Da giebts viel Gelächter, und das kann ich wohl
brauchen.

Jason al Manach, denke Dir, ist noch immer in Helenenruh. Papa hat ihn
sogar aufgefordert, ins Verwalterhaus zu übersiedeln, und er läßt sich
ja alles gefallen. Papa schreibt, er wäre ja totsicher verrückt, aber es
wäre eine angenehme Art -- er erzählt nämlich immerzu Geschichten, --
ach, Du weißt ja von alledem nichts, aber wenn ich anfange zu erzählen,
dann ist es soviel, und tausend schwere Dinge stehn wieder auf, so daß
ich lieber still schweige.

Hast Du Maler Bogner gesprochen? Hast Du seine Bilder gesehn? Vor
einigen Tagen kam meines; es ist so wunderbar, daß ichs gar nicht
begreifen kann. Ich bins ja nicht, die er da gemalt hat, obgleich es
mein Gesicht ist. Du wirst es selber sehn, denn ich muß es ihm
zurückschicken, weil er es kopieren will.

Nun leb wohl, lieber Georg! Viel liebe Grüße von Deiner

                                                                  Anna


                             Georg an Magda

                            München, Schwabenkorpshaus, Aschermittwoch

Liebe Anna:

Es steht eine heilige Wand in dieser Stadt, eine heilige, selig
machende, sündenvergebende Wand. Ein Haus ist um sie gebaut mit andern,
ähnlichen Wänden, aber keine von ihnen hat die Kraft der einen, -- man
nennts: alte Pinakothek. Vier Bilder sind an ihr zu sehn, zwischen denen
Auge und Seele schwankt und, von einem Entzücken ins andre stürzend,
nicht weiß wohin vor grenzenloser Wonne. Die Madonna im Rosenhag von
Francesco Francia ist das erste rechter Hand; daneben das zweite ist
Raffaels heilige Familie (aus dem Hause Canigiani); das dritte ist
Peruginos heilige Jungfrau, das Christkind verehrend, zwischen dem
Evangelisten Johannes und St. Nikolaus -- alle drei stehen --; und das
vierte linkerhand ist Peruginos Madonna, die dem heiligen Bernhard
erscheint. Das ist der vierarmige Leuchter der dreieinigen Gottheit:
Schönheit, Frömmigkeit, Reinheit. Da erlischt die Welt, ganz leer wird
das Herz, die Zeit steht still, der Geist Gottes schwebt über den
Tiefen. Wenn ich nur daran zurückdenke, jetzt, jederzeit, zittert mir
das Herz.

Raffael sah ich zuerst, damals als ich kam vor Monaten, vom weiten
schon, und erschrak, noch ohne zu wissen, was ich sah, so sehr, daß
meine Augen wegirrten. Da trafen sie auf Peruginos Madonna zwischen den
Heiligen. Mir stand das Herz still. Ich weiß nicht, wie lange ich
hinsah; schließlich merkte ich, daß ich schon lange das Bild von Francia
betrachtete. Nun begriff ich nichts mehr; es war, als ob, wohin ich die
Augen wandte, immer der eine Gott vor mir stünde, unweigerlich,
allgegenwärtig. Und da mußte ich die Madonna sehn, wie sie dem heiligen
Bernhard erscheint. Da lächelte derselbe ernste Gott, und ich wußte: er
ist unendlich.

Ich saß dann still vor der heiligen Wand, und auf einmal merkte ich, daß
ich an Dich dachte. Ich kann Dir die Bilder leider nicht beschreiben,
vielleicht aber bekomme ich eine gute Nachbildung des Bernhardbildes,
denn an Dich erinnerte mich die Madonna, was Du freilich nicht wirst
begreifen wollen, weil sie dunkel ist, bräunlich wie alle Madonnen und
Heiligen Peruginos (es war immer das gleiche Mädchen, das er malte), und
doch mußte ich an Dich denken.

Ach, ich muß noch mehr von den Bildern reden. Von den andern ist mir
wohl der zweite Perugino der liebste, vielleicht deshalb, weil es ein
unglückliches Bild ist. Wie die Figuren äußerlich unverbunden
nebeneinander stehn, so haben sie auch jeder ein eigenes inneres Leben,
jeder für sich, und es klafft da etwas, besonders wenn man Raffaels, wie
immer in ein Dreieck komponierte heilige Familie daneben sieht, in der
eine so unsagbar liebevolle Einigkeit von Zueinanderbeugen und
Ineinanderschmelzen vor sich geht, daß es wie der sanfteste Wirbel ist,
der in die tiefste Andacht hinunterzieht.

Nein, nun nichts mehr von den andern Wunderdingen in diesem Hause,
nichts von Dürers Selbstbildnis, nichts von seiner Beweinung Christi,
dieser Glorie seliger Farben um die Leichenfarbe des Gekreuzigten,
nichts von der Madonna Tempi, von der andern Peruginos, von der
Francias, von Altdorfers Geburt Mariä -- Kircheninneres mit einem
mächtigen, um drei Pfeiler geschwungenen, dunkelfarbenen Engelskranz --,
von Sebastiano del Piombo, von Stefan Lochner und Dierick Bouts, von den
alten deutschen Meistern, von Rembrandt und Ruysdael, Pacchia und
Holbein, -- denn in einer Stunde geht mein Zug nach Wien.

Nämlich Aschermittwoch ist heute, -- o glückliche Seele, die nicht ahnt,
was das bedeutet! Und als ich, ein wenig getröstet, aus der Pinakothek
heimkam, so lag Dein Brief auf dem Tisch, und da: konnte ich einfach
nicht mehr, beschloß auszureißen, erinnerte mich Giorgiones in Wien und
fahre kurzerhand dorthin. Warum solche Verzweiflung? Ach, das erzähle
ich Dir vielleicht mündlich, es lohnt sich nicht, davon zu schreiben,
und in zwei Monaten hats ja ein Ende. Du hast wohl gehört, daß ich aktiv
geworden bin. Nun, das ist alles. Falls Dir zufällig ein -- literarisch
unbeschreibliches -- Buch namens >Hellmut Harringa< in die Finger
geraten sollte, so wirst Du darin die Beschreibung einer Kneipszene
finden, die Dir genug sagen wird.

Lebe wohl, ich schreibe bald wieder! Hab tausend Dank, daß Du schriebst,
ich bin heilig froh, daß es Dir nun gut geht! Nichts von mir! ich wußte
Dir nicht besser zu danken, als daß ich Dir von den Bildern schrieb. Von
Herzen Dein

                                                                 Georg

Ja, noch etwas in Eile. Du erinnerst Dich an Pragers, bei denen ich
wohnte, und an meinen Schulkameraden Benno, den Komponisten. Sein Vater
hat es tatsächlich fertigbekommen, den armen Jungen in eine Bank zu
stecken, da er zu keinem Studium Neigung hatte, und das der Musik verbot
der Alte. Nun sitzt er unglücklich und allein in Altenrepen, und da ich
höre, daß Ihr viel musiziert, so möchte ich Dich und Deine Freundin
bitten, ihn bei sich aufzunehmen. Ich schreibe ihm sofort, daß er Besuch
machen soll. Er ist das schüchternste, gütigste, reinste Wesen von der
Welt, zum Sterben menschenängstlich, aber wenn man ihn zwingt, so giebt
er nach, es ist ihm nicht gegeben, zu widerstehn, er würde dem Teufel
aus reinem Mitleid mit seiner Teuflischkeit seine Seele schenken. Sei
gut zu ihm, als ob ich es wäre! Ich und auch Papa haben ihn vergebens
halb tot geschlagen, daß er seiner Wege geht und auf Papas Kosten Musik
studiert, aber seine Mutter ist krank, eine armselige, törichte Frau,
und solange sie lebt, will er nicht gegen ihren Willen handeln. Hab
tausend Dank!

                                                                    G.

                                           Wien, abends am 22. Februar

Natürlich! da habe ich in der Hast der Abreise richtig vergessen, den
Brief in den Kasten zu werfen, und nun ist er mit nach Wien gekommen.
Mir nicht ganz unlieb, denn nun kann ich Dir zum Triumph Peruginos noch
den Triumph Giorgiones hinzufügen, und zwar in spannendster Steigerung
über Tizian, van Dyck, Velasquez, Moretto und Breughel (!!!).

Du fragst gewiß, warum ich nicht lieber nach Altenrepen gekommen bin,
aber siehst Du, Kind, von den abscheulichen Dingen, mit denen ich
zurzeit belastet bin, wird am besten geschwiegen, denn all das ist meine
eigene Schuld, und am besten beißt man die Zähne zusammen und lauert
aufs Ende. Dann hat man eher ein Recht, es sich auch von der Seele zu
reden, nachdem man es schon heruntergehoben hat.

Nichts von dieser Stadt. Von ihr läßt sich alle Tage reden. Das Ewige
dagegen bleibt immer unwahrscheinlich, man muß ihm Hymnen wie Ketten und
Netze überwerfen, um es zu halten, um es zu glauben. Nur in unsern
Gebeten leben die heiligen Dinge, nur in der heiligen Handlung wird das
Brot Gottesleib. Nur wenn ich fühle, atmet der Gott, der um mich ist.

Und doch, wie ich nun anfangen will, -- was kann ich sagen? Soll ich
wieder aufzählen: Catena und Lorenzo Lotto, Amberger und Memling?
Rubens, den ich nicht leiden konnte, überwältigt vollkommen mit
leuchtenden Massen von Gliedern, -- o Venusfeier! O unsagbare Hand des
Prinzen Ruprecht, gemalt von van Dyck! O heilige Justina Morettos da
Brescia! Ach, es ist noch schlimmer als in München: man sinkt nicht mehr
in die Knie, man geht, man schleicht mit gedemütigten Knien durch die
Säle und wagt nicht, sich aufzurichten. Unbeschreiblicher Breughel! Das
sind gar keine Bilder, das sind -- oh -- Unwahrscheinlichkeiten! Justina
wäre der Inbegriff -- ihre Haltung verzaubert! -- wenn nicht -- --

Ja, wenn nicht das Wunder da wäre, das Unfaßliche, der innerste
Inbegriff, das Überallemaßen, Natur und doch mehr als Natur, das Letzte,
wo Bewunderung, Staunen, Ehrfurcht, Liebe einfach -- abprallen, nichts
mehr gelten, weil nichts mehr reicht; das man einfach zu empfangen hat,
wie Baum und Berg, Himmel und Tau im Gras -- -- -- Giorgione.

Klingt denn Dir auch schon der Name so geheimnisvoll, so riesenhaft und
feierlich? Giorgione. Giorgione! Michelangelo klingt bloß üppig daneben.
Das Bild heißt >die drei Magier<; mir scheinen es ein Feldmesser, ein
Kaufmann und ein Astronom zu sein, die sich irgendwie im Ausgang eines
Waldes zusammengefunden haben. Einer sitzt und hat ein grünes Kleid an
und weiße Ärmel; von den beiden Stehenden trägt einer einen violetten
Kragen auf rotem Gewand; einer ist ein Greis, dessen Kleidfarbe ich
vergaß; herum ist Wald, schwarzbraun, pelzig, im Hintergrund ists offen,
liegt hinter seltsam verbogenen, braunschwarzen Bäumen eine
Abendlandschaft. Das ist alles. Nein, es sind nicht Farben, es ist nicht
Leinwand, es ist nicht gemalt, es ist -- Magie, Herrgott, merkst Du
nicht, wie mir alles versagt! Ich möchte stundenlang davon reden und
finde die erbärmlichen Worte nicht. Als er das Bild machte, muß er
alles, was sich darüber sagen läßt, versteckt haben, oder vielleicht hat
ers hineingemalt, und dies ist das Geheimnis. Er muß den Pinsel in
Gottesblut getaucht haben, in reinen Äther, in Essenz von Natur und
Seligkeit, in den Teich in Elysium, in den Atem zweier Liebenden, in die
Seele einer Staude Heliothrop, in die Nacht, in den Nachtwind. Und dann
hat er damit gemalt, lieber Gott, gemalt!

Oh kein Wort weiter! Die Stunde, wo ich dies schrieb, soll stehn bleiben
um mich und um Dich. Ich habe die Uhr abgestellt, die im Zimmer ist. Ich
denke nicht an morgen. Ich sage Dir nicht lebewohl! Ich sage nur ganz
leise Dank, daß ich dies mit Dir teilen durfte.

                                                                 Georg


   Schau, wir waren doch so traurig,
   Und nun sind wir oft so froh.
   Dieses Leben, hart und schaurig,
   Quält uns doch nicht immer so.

   Seit wir uns bei Namen nennen,
   Ward auch vieles Andre hold,
   Und die Herzen müssen brennen
   Wieder still und wieder Gold.

   Wenn das Lager spät die kranke
   Stirne gar nicht kühlen will, --
   Nur ein leuchtender Gedanke,
   So wirds friedlich schon und still.

   Was wir auch verloren haben,
   Immer wieder kommts zurück,
   In den Blicken, in den Gaben,
   Und es heißt auch dieses Glück.

                                                                 Georg


                         Georg an Benno Prager

                                                  Wien, am 23. Februar

Im Leben der Liebe, teuerster Benno, giebt es Augenblicke von seltener
Fragwürdigkeit, -- wie zum Beispiel den, wenn die Geliebte in einem
kurzen Hemde von seltsamer Birnenform dasteht, die seltsam gespaltene
Hose wie einen Danaidensack vor sich offen hält, zuerst mit dem linken
Bein hineintappt -- bzw. mit dem rechten, je nach der Drehung ihres
lieben Charakters -- alsdann mit dem andern, hierauf das Ganze vorn
hochzieht und mit einer seltsamen Gebärde hinter sich das Hemde
hineinwischt ...

Erschrick nicht, mein Benno, dies ist eine Beobachtung und kein
Kynismus. Frauen haben seltsame Obliegenheiten zu erfüllen. Ich würde
aber ins Uferlose geraten, wollte ich fortfahren, da mir eben männliche
Unterhosen einfallen, in denen man wie ein Peijaz aussieht. Du, Benno,
wirst vorgeben, daß niemand da wäre, den Peijaz zu sehn, aber es könnte
doch Feuer auskommen! Trage deshalb lieber wie ich kurze weiße
Leinenhosen mit langen schwarzen Strümpfen! Gleichwohl war es nicht
dies, was ich Dir mitzuteilen gedachte, vielmehr das folgende: Von
meiner Freundin Anna Magdalena, genannt Magda Chalybäus, höre ich, daß
sie sich seit einiger Zeit in Altenrepen bei einer Freundin aufhält.
Damit Du sie kennen lernst, und besonders weil ich vermute, daß Du Deine
Tage verbringst in künstlicher Igelform, mein altes liebes Lamm, das Du
bist, wirst Du Dich -- bei meiner Ungnade! -- stracks mit Deinem
schwarzen Examensgehrock bekleiden, Dich in die Güntherstraße 5 in
Waldhausen begeben und nach meiner Freundin fragen. Du bist bereits
gemeldet. Die Leute heißen Montfort, und Magdas Freundin soll eine
musikalische Leuchte sein. Also! --

Womit von Rechts wegen der Zweck dieses Briefes erledigt wäre. --

Vorwurfslos, wie es die angeborene Christlichkeit Deiner Seele bedingt,
hast Du mein langes Schweigen und die kargen Kartenrufe ertragen. Ohne
Scherz, lieber Freund, mein eigenes Verhalten hat mich genugsam
geschmerzt, und doch war es nicht zu ändern. Der alberne Schlamassel, in
den ich hineingeriet, machte mich unwirsch im Anfang, setzte mir Zotteln
an die Seele, die ich nicht abzuschlenkern verstand, und so ward aus
Wochen und abermals Wochen bald ein halbes Jahr, ohne daß ich Dir
gegenüber treten konnte, wie sichs ziemt, reinlich, -- ach, Du verstehst
es ja! Nun sitze ich an einem nassen Winterabend in einem öden
Hotelzimmer dieser Stadt von steinernen Schluchten (sogar die
hineingehauenen Häuser behielten innerlich ein Skelett von steinernen
Treppen!), die, wie mir scheint, bei ihrer Begründung nicht mit dem
Winter rechnete, -- sitze ich, wie gesagt, plötzlich unfähig, mich zu
bewegen, nur einen Schritt nach außerhalb zu tun, z. B. ins Burgtheater,
um die Musik zum Egmont zu hören. So kam denn der Augenblick, wo ich
mich an Deine treue Brust stürzen muß, um männliche Tränen zu weinen.

Ja, nun -- --

Nimm an, ich sei im vollen Zuge dabei, und da fragst Du nun mit
erbarmender Stimme: Ja, was ist denn eigentlich los? -- Ich weiß es
nicht, Benno, ich weiß es bei Gott nicht, denn zu sehen ist nichts, gar
nichts, geschehen ist auch nichts, bloß daß ich für den Augenblick nicht
mehr konnte, das steht fest.

Wie wärs mit der Beschreibung eines Tageslaufs aus meiner derzeitigen
Daseinsepoche? Laß sehn:

Aufstehen morgens gegen acht, in eine wartende Droschke hinein, bloß mit
Nachthemd, Hose und Überzieher bekleidet, und zum Paukboden. Daselbst
eine Stunde Arbeit mit Schläger und Säbel bis zum Schweißtriefen, und
der bis dahin dumpfe Schädel ist licht und frei. Droschke, nach Hause,
Bad usw. Um elf Uhr, das mittlerweile herankam, Frühschoppen, der sich
hinzieht unter Wiederholung der nämlichen drei bis sieben Redensarten
wie: Prost! Saufs doppelt! Päng päng! Das kann man wohl sagen! (Auch:
das kann man _wohl_ sagen!) Weils gleich ist! und: In die Kanne! --
hinzieht, wie bemerkt, bis zum Mittagessen, an das sich die
Kaffeehaussitzung anschließt -- bis gegen drei, auch vier Uhr. Am
Nachmittag giebts eine Ehrenratssitzung, oder einen Besuch, oder
Schlittschuhlauf, oder eine Spazierfahrt. Oder ich lese. Ich habe so
viel gelesen, daß ich krank davon bin. Vom ganzen Dostojewsky fehlt mir
nun bloß noch der >Jüngling<. Alles bisher noch Unbekannte liegt nun
hinter mir, viele Bände Balzac, Titan, Hesperus und die erhabenen
Flegeljahre, viele Bände Strindberg, die Studien Stifters, Fielding,
Thackeray, Stendhals Chartreuse, Jakob Wassermann, Salambo und Bovary
und noch drei Mal soviel. Ich habe festgestellt, daß meine
Durchschnittsgeschwindigkeit, die, wie Du weißt, immer bedeutend war,
nunmehr genau hundert Seiten in der Stunde beträgt, also einen
Durchschnittsroman am Nachmittag. Meist freilich, das heißt die letzten
Wochen verbrachte ich die Nachmittage im Sofa mit nichts als der
treuesten holden Freundin des Daseins, der Zigarette. Selten ein Gedicht
und kein gutes. Nun der Abend. Das ist verschieden. Montags Konvent,
Dienstags Spielkneipe (Filzlaus und andre Würfelspiele, da der Anblick
von Spielkarten mich in tödliche Langweile versetzt, dazu schweigsames
Anhören des Absingens der, an diesem Abend offiziellen Zotenlieder, es
geschieht von wegen der Abhärtung, weißt Du). Mittwoch frei, Donnerstag
Augustinerbräu, Freitag irgendein andres Bräu, Samstags große Kneipe.
Und an jedem Samstag von früh bis tief in den Nachmittag hinein eine
Mensur nach der andern, zum Verrecken, wäre nicht ab und an das
fragwürdige Zwischenspiel einer Säbelkontrahage. Ich selbst habe meine
fünf Mensuren hinter mir, davon zweimal p. p., und bin zum a. C. B.
rezipiert. Anmerkung: die Bräuabende verlaufen wie der Frühschoppen; der
Nachttopf vom Ganzen ist der Konventabend, (beiläufig: hast Du auch so
eine Abneigung gegen Nachttöpfe? Ich schmeiße sie raus, wo ich sie
finde!) das heißt die Beratungen über innere und äußere
Korpsangelegenheiten, Stiftebiere, Rechnungsablage, Dechargierungen,
Mensurbeurteilungen usw. Ausschweifungen Notabene verüben sich auf eigne
Faust, im Plan liegen sie nicht. Nur an Samstagen ist die Duhne
offiziell, sonst verlädt man seine fünf Liter im Leibe in ein Droschkon
und zockelt heim. Fünf Liter von diesem leichten Bier trinken sich
angenehm. Ich habe zehn Kilo zugenommen. Wirds einem mal zuviel, geht
man ans Becken und speit sie von sich.

Ecco, wie Knallfred Err sagen würde, ich habe es bis hierher gelöffelt
und werde es auf die Neige löffeln. Nur ein einziges Mal schlug der
Betrieb mir überm Kopfe zusammen, nämlich als ein Korpsbruder die
Benediktinerflasche über einige, eben von mir erworbene Luxusdrucke
ausleerte unter der Begründung, er fühle sich dadurch angeödet, worauf
ich ihm eine hineinknallte, die meinem lieben Herzen wohltat. Es waren
unersetzliche Sachen darunter, jedoch nicht deswegen! Es war mir bei
Gott ein Schwert durch die Seele gefahren, -- kurz, es war mein Leben,
was das Schwein besudelte. Nun, die Geschichte ließ sich beilegen, ich
befinde mich -- oh schöne Folgeerscheinung! -- für vierzehn Tage >im
Schwarzwald< und entfloh nach Wien, -- freilich höchst verbotener Weise,
doch kann das die Dimission höchstens um zwei Wochen verlängern.

Ich will doch zur Schlußmusik vom Egmont gehen, Benno, und hören, wie er
sagt: >Kind, Kind, die Sonnenpferde der Zeit ...< Meine Seele grinst
mich nun von diesen Blättern an, leider nicht wie ein abgelegter
Schlangenbalg, sondern nur wie eine Maskenfratze, die ich wieder
vornehmen muß. Aber für eine Weile spürte ich doch die Erleichterung vom
schmerzlichen Druck der Gummibänder hinter den Ohren. Habe Dank, lieber
Geduldiger, daß Du die Maske so lange hieltest! Weine nicht und gieb sie
wieder her! Grüße die Anna und freue Dich mit mir auf Ostern und das
nächste Semester Altenrepen. Ich habe wahrhaftig Heimweh nach den alten
Straßen. Lege mich zu Füßen der Frau Mama sowie des Fräuleins Schwester
und verbleibe mein Freund!

                                                                 Georg


                             Georg an Cora

                                                Am 24. Februar in Wien

Schaumgeborene!

Aus Wien, wohin ich gefahren bin, melde ich mich bei Ihnen mit der
Versicherung meiner vollkommenen Untröstlichkeit über die Verrenkung
Ihres Fußes!

Und nun sagen Sie bitte: Können Sie noch schnöder? Freilich ist zu
merken, daß Ihr letztes Anschreiben unter Verteilung von Klapsen verfaßt
wurde. Danke bestens! Mit Geduld und Spucke lassen vielleicht Mucken
sich fangen, niemals aber Schmetterlinge mit Klapsen. Teuerste Bürgerin
im Kanapee, Ihr Behagen möge so unendlich sein wie zwischen uns die
vorhandene Ferne! Sollten Sie Wert darauf legen, es zu wissen, so will
ich festzustellen versuchen, ob der Vorhang, den Ihr zufriedener Genius
zwischen uns zog, aus Fries besteht, aus Kattun oder vielleicht einer
Wäscheleine voll Barchentröcke.

                                                   Untertänig der Ihre
                                                              Georg T.

Wenn Sie sich entschlössen, ein Datum über Ihre Briefe zu malen, wie
wäre das?


                             Cora an Georg

Lieber Georg!

Aber was ist das für eine Art, über mich, die ich wehrlos im Bett liege,
mit einem derartigen Feuerbrand von Brief herzufallen! Sind Sie immer so
wild? Liebe Durchlauchtigkeit, bedenken Sie, daß ich meinen
Bleistiftbrief unter beständiger Bewachung Molles verfaßt habe, die, wie
Sie selber wissen, schwerer zu hüten ist als ein Sack Flöhe. Sonst
hätten Sie noch länger auf einen Brief warten müssen, und wenn ich Ihnen
nicht mein Morgenstündchen opfere, wo ich so liebe, im Wachen zu
träumen, ist mein Tag für eingehende Briefe zu unruhig. Heut aber bin
ich vor Schrecken gleich aus dem geliebten Bett gesprungen. Aber muß man
denn immer so gründlich sein? Sie haben vielleicht kein Verständnis für
die gallische -- ich sollte sagen: semitische -- Leichtigkeit, die ich
im Blute habe, dennoch könnte Ihnen eine Spur davon nicht schaden.
Müssen Sie immer so teutonisch _furieux_, so >voll und ganz< und
>unentwegt< sein? Nehmen Sie mich doch, wie ich bin, leicht, leicht,
leicht, immer tanzen, das ist viel schöner, und nach Ihrem Karneval
trage ich das heftigste Verlangen! Ihre freundlichen Belehrungen über
die Gründe häufigen Verliebtseins und die Erhebung des Gegenstandes
derselben zum gelinden Berauschungsmittel -- also besserem Fusel --
waren mir lehrreich. Ähnliches habe ich als selbstverständliches
_sousentendu_ innig in meiner Seele gehegt. Um so weniger dürfen Sie
Bedenken hegen, die geheimnisvollen unsichtbaren Schmetterlinge
vertrauensvoll auf meine hingehaltene Nadel zu spießen. Ich werde die
poetische Freiheit zu würdigen wissen und nie vergessen, daß ich nur das
Mittel zum Zweck bin. _Faute de mieux on couche avec sa femme_ heißt ein
schönes altes Wort.

Und da haben Sie -- zum Köder? -- ein Bild von mir. Wie gefällt es
Ihnen? Sie wollten zu träumen versuchen. Haben Sie? Was? Ich konnte noch
nicht träumen, Herbert ließ mich nicht. Warum Sie traurig sind, möchte
ich wirklich wissen, frage mich im Gegenteil, warum Sie nicht
himmelhochjauchzend sind. Dies wäre wenigstens schmeichelhaft für Ihre

                                                                  Cora

Seien Sie lieb und geben Sie mir die Unsichtbaren! Bitte, bitte! Ich
weiß keinen Grund, warum Sie sie mir vorenthalten. Ich muß sie haben. Es
giebt keinen Grund. Erbarmen Sie sich!

Datum setz ich nur über formelle Briefe, prinzipiell.


                          Achtes Kapitel: März


                             Magda an Georg

                                                               1. März

Mein lieber Georg!

Wunderbar ist das, was Du von den Bildern schreibst, ganz einzig! und
dank des Riesenpakets von Abbildungen, das Du Lieber mir geschickt hast,
kann ich mir schon eine Vorstellung von diesen Herrlichkeiten machen,
wenn auch die Farben fehlen. Trotzdem -- darf ich das sagen? -- hat Dein
Brief mich doch mehr erschreckt als erfreut. Es ist ja vielleicht nur,
daß ich nur diesen bekommen habe, und daß mir deshalb Deine Begeisterung
so -- ja, ich finde nur das Wort >verzweifelt< erscheint. Ich sehe immer
nur den Hintergrund von Leiden, den Du andeutest, und Du weißt ja wohl,
daß Geahntes viel mehr ängstigt als Gewißheit, und deshalb möcht ich
Dich so sehr bitten, daß Du mir schreibst, was das eigentlich ist,
worunter Du zu leiden hast. Das Buch, von dem Du schriebst, hat ein
Freund von Renate mir geliehen. Sie selber kannte es -- was kennt die
nicht? --, und sie und er sagten Beide, das Buch habe unendlich
Tüchtiges gewirkt, wenn es auch für Leute mit künstlerischem Geschmack
unlesbar sei. Mich hat es traurig gemacht, o so traurig! Renate und ich
und auch ihr Freund -- er heißt Saint-Georges, ein feiner, stiller
Mensch -- haben viel darüber gesprochen. Darf ich mich denn gar nicht
sorgen um Dich? Und es erleichtert Dich doch vielleicht, wenn Du davon
sprechen kannst.

Denke Dir, mit Deinem Freunde Benno P. hat es mit einem so komischen
Malör angefangen! Als er uns besuchte, waren wir nicht zuhause, wie das
so geht, dann schrieb ich ihm gleich und bat ihn auf gestern nachmittag.
Um vier kam eine Freundin von Renate, die ihn auch gern kennen lernen
wollte -- sie ist Pianistin und spielt himmlisch! -- da gingen wir in
die Orgelkapelle, und Renate trug dem Diener auf, Herrn Prager dorthin
zu führen, wenn er käme. Wir fingen dann an, Musik zu machen, und er kam
nicht, und wie es gewöhnlich geht, vergaßen wir in der Musik alles
andre, und auf einmal war es nach sechs Uhr, und Renates Freundin wollte
fort. Wir gehn ins Haus, durch die dunkle Halle, Renate macht Licht, --
da steht da ein Mensch, lang und mager mit ganz geblendeten Augen ...
Denke Dir, da hat der Diener statt Kapelle Halle verstanden, und der
arme Mensch hat zwei Stunden im Finstern verbracht und glaub ich nicht
mal gewagt, sich hinzusetzen. Lieber Gott, war er verstört, und nun auf
einmal Renate vor ihm, und noch zwei Mädchen, und Renate, die an und für
sich schon das Schönste auf der Welt ist, in einem erdbeerfarbenen,
weiten Atlasrock und enger, schwarzer Samttaille mit halben Ärmeln! Er
hat die Augen kaum aufgeschlagen. Schließlich ists uns aber doch
gelungen, ihn in die Kapelle zu ziehn, -- ja, und wie er dann vor der
Orgel saß und Mut schöpfte in einer Fuge, und dann ganz leise anfing zu
phantasieren -- ganz leise, aber, wie Frau Tregiorni sagte: sichtbarlich
erdbeerfarben -- ja, da konnten nun wir still werden und die Augen
niederschlagen, und er saß mit verklärtem Gesicht wie ein Heiliger vor
den großen Pfeifen.

Leb wohl, Georg! Ich würde so gern Dein Herz leise streicheln oder Dein
Haar, wenn ichs dürfte.

                                                                 Deine
                                                                  Anna


                             Benno an Georg

                                                Altenrepen, am 1. März

Mein lieber Georg!

Ein Brief! Ein wirklicher Brief von Dir! Und wie Du Edelmütiger mich
wieder darin beschämst! Nicht nur mit Worten, indem Du Dein langes,
meiner Selbstsucht freilich schmerzliches Schweigen entschuldigst,
sondern vor allem wieder mit Taten, da Du doch trotz Deiner traurigen
Lage Zeit fandest, an mich zu denken und für mich zu sorgen! Ich bin nun
sehr traurig, Georg, daß Du so fremde Dinge durchzumachen hast, -- auch
in Liebesdingen scheinst Du ja merkwürdige Abenteuer erlebt zu haben --,
ich denke aber, Dir selber wird es das liebste sein, wenn ich auf all
das schweige. Womöglich könntest Du Dich bemitleidet fühlen, was, wie
ich Dich kenne, das Allerschlimmste für Dich wäre. Dafür erzähle ich Dir
lieber von dem Wundervollen, das ich Dir verdanke, dem Märchen, in das
ich mich durch Dich nun versetzt glaube, denn noch immer scheint es mir,
als wäre alles ein Traum, das Erste und alles Folgende, daß ich nun in
dies kostbare Haus zu Deiner Freundin und der ihren zugelassen bin,
diese edlen Frauen selber, deren Umgang ich genießen darf, -- aber nein,
höre nur den Anfang, er sagt alles!

Ja, acht Tage hat es freilich doch gedauert, bis ich die angeborene
Furchtsamkeit, an der ich nun einmal leide, und die Menschenscheu und
Vereinsamung, die sie seit langer, ach, so langer Zeit nun schon
vermehren, abzuschütteln vermochte und mich nach der Güntherstraße auf
den Weg machte. Als ich dann das prächtige Patrizierhaus in seiner
ehrfurchtgebietenden Zurückhaltung hinter den verschneiten Zweigen
seines Vorgartens liegen sah, entsank mir doch wieder der Mut; die Hand
auf der Klinke des hohen Eisenportals stand ich lange, bis ich
erschreckt meiner eigenen Körperlänge inne wurde, deren Schmalheit
andrerseits doch nicht genügte, mich hinter den eisernen Lilien des
Tores zu verbergen, und so ging ich den Gartenweg bis zur Haustür, um
dort -- zu meiner rechten Erleichterung -- von einem lieben, alten
Diener zu hören, die Damen seien nicht anwesend. Er bat mich aber um
meine Adresse, und siehe da, schon am andern Morgen brachte meine
Schwester triumphierend ein Brieflein, von zierlicher Mädchenhand mit
meinem Namen beschrieben. >Lieber Herr Prager< schrieb Deine Freundin,
und ich war wieder einmal erstaunt und entzückt von dieser Schlichtheit
der Vornehmen, die sich nicht mit >sehr geehrten Herren< usw. das Leben
steif und sauer machen. Und wieviel zuversichtlicher ich drei
Nachmittage später, wohin ich >zu einer Tasse Tee< bestellt wurde, die
Klingel zog, kannst Du Dir denken. Diesmal wars ein weibliches Wesen,
das mir öffnete, ich ließ ihr meinen Mantel und wurde von ihr in eine
weiße Tür hineingelassen.

Und da begann nun das Wundersame! Es dämmerte bereits, als ich kam, und
nun befand ich mich in einer mächtigen Halle, verdunkelt durch eine
breite Veranda, die durch eine Glastür und die Fenster zu sehen war, und
draußen lag ein großer und schöner Garten in weißer Winterstille. Ein
helles Feuer brannte aber von gewaltigen Buchenscheiten im breiten
Kamin, an der Wand den Fenstern gegenüber, und davor saß eine große,
gelbe Katze, ganz unbeweglich, hatte ihren buschigen Schweif hinter sich
stehn, streifte mich nur mit einem glimmenden Blick und fuhr fort, ganz
steif die glühenden Augen in das Feuer zu richten. Ihr Schatten, ganz
groß, bewegte sich so merkwürdig hinter ihr, -- ich dachte wahrhaftig,
es sei eigentlich ein Mensch! Es war wie bei E. T. A. Hoffmann. Schöne,
tiefe Sessel standen überall umher, an den Wänden hingen altertümliche
Gemälde mit Jagden und Nymphen, soviel ich im Dunkel dort oben erkennen
konnte, es blieb ganz still, und überall waren Türen zu dunklen und
warmen Gemächern offen.

Wie ich aber noch stehe und nicht weiß, ob ich mich vor dem großen Tier
nicht doch lieber verneigen soll, so beginnt auf einmal die wunderbarste
Musik. Ein Harmonium schiens, gedämpft und von fern, aber die Töne waren
so voll und brausend, die Stimmen so zahlreich, daß ich doch an eine
Orgel zu glauben anfing. (Es war auch eine!) Da trete ich unabsichtlich
der Glastür näher, und was sehe ich? Etwas links im Garten sind drei
geheimnisvolle, hohe und schmale Bogenfenster erleuchtet; eine gotische
kleine Kapelle ists! Wie mir da war! Ich glaubte ja verzaubert zu sein!
Ich stand und lauschte nur, ich kam gar nicht auf die Frage, weshalb man
mich hier allein ließ, der schöne Name Montfort, den ich überm
Hauseingang las, flügelte so durch mich hin, auf einmal stand das
magische Tier auf, kam zu mir und strich leise murrend an meinem
Schienbein her, wobei es den Kopf zu mir hochhob und sein Rücken so hoch
und krumm wurde wie ein Bogen. Kein Ende nahm die rauschende Orgelflut,
und gab es einmal eine Pause, so knisterte das Feuer und die Stille, und
die drei edlen Fenster leuchteten durch das Dunkel und den Schnee --
ganz so wie es bei einem lieben, alten Lampenschirm war, den ich als
Junge einmal für meine Mutter zu Weihnachten klebte ...

Wie lange es gedauert hat, wußte ich nicht. Nun, mir ward die Zeit nicht
lang ... Auf einmal aber, wie die Musik wieder schweigt, erlöschen mit
einem Zauberschlage alle drei Fenster, der Garten liegt still und dunkel
im Schneelicht, dann höre ich weibliche Stimmen und Lachen draußen,
Gestalten erscheinen im Dunkel, es bewegt sich die Glastür, und es
kommen drei herrliche Frauen herein! Ach, Georg, mir stand ja das Herz
still, als ich die eine sah! Denke Dir, sie trug ein ganz großes, weites
Kleid von erdbeerfarbener, glänzender Seide, die Taille war schwarzer
Samt, die halben Arme bloß, -- aber nun erst ihre Züge! -- Es war eine
erschreckende Schönheit darin, ja, nur so läßt es sich nennen, eine
erschreckende Schönheit. Sie ist sehr groß -- oder schien es wenigstens
zuerst -- nein, ich kann sie nicht beschreiben. Ihre Haut war von
solcher süßen Zartheit und wie golden innerlich, das Haar -- von einer
seltsamen, hellbraunen Farbe mit rötlichen und goldenen Hauchen -- trug
sie über der Stirne gescheitelt, so daß diese frei blieb in ihrem ganzen
Adel, dann nicht einfach zu den Ohren gelegt, sondern rund um die Stirne
und, an den wundervollsten, langen, gebogenen Brauen vorüber, ganz tief
nach unten und nun erst zurück, wie auf alten Bildern aus der Mitte des
vergangenen Jahrhunderts. Und erst der Mund! Und wie sie nun stehn blieb
und ihre tiefschwarzen, strahlenden Augen auf mich richtet und
gleichzeitig erstaunt die eine Hand an das Kinn legt und den Ellbogen in
die andre und so sinnend steht und mich lächelnd betrachtet -- kannst Du
Dir denken, wie mir da war?

Es war Fräulein Renate von Montfort, die Freundin der Deinen. Ja, die
ist nun sehr lieb und auch schön und so anmutig, vor allem aber gewiß
herzensgut. Sie kam gleich auf mich zu und lachte und fragte mich alles
Mögliche, was ich gar nicht verstand, dann mußte der Diener kommen und
das Mädchen, es schwirrte alles um mich herum, irgendein Mißverständnis
war geschehn, die Damen entschuldigten sich, daß ich hatte warten
müssen, -- du lieber Gott, ich war ja froh darüber, wie es gekommen war.
Die dritte war eine Freundin des Fräuleins, ihr Name wurde mir nicht
gesagt, doch nannte das Fräulein sie Ulrika, und sie hatte
wunderschönes, dunkelrotes Haar und ein klares, ernstes Gesicht mit ganz
prachtvollen Brauen. Sie ist Klavierkünstlerin. Ja, nun gingen sie alle
wieder mit mir in die Kapelle, und es war wirklich eine Orgel darin, ich
habe auch ein wenig gespielt, und das Fräulein spielte, und wie sie da
wieder vor den großen grauen Pfeifen saß in ihrem ausgebreiteten Kleid
und mit leicht zurückgelegtem Antlitz -- -- ganz im Rausch fand ich mich
wieder in der Straße und mußte noch lange im dunklen Wald umherlaufen,
bis ich zu Eltern und Geschwistern zurückfinden konnte. Oh dieses
Antlitz! Oh diese Gebärden voll Anmut und Würde! Ungemein stolz ist ihr
Wesen in der Ruhe; sobald freilich die Züge sich bewegen in der Rede und
zum Lächeln, -- so strahlt Dir ein Sternenhimmel von Seele, Tiefen tuen
sich auf, in denen singende Seraphim mit klingenden Saitenspielen auf
und nieder schweben, da greift Dir das Lächeln einer Göttin in die Brust
mit unsterblicher Hand, und Du fragst Dich, warum Dir je gebangt ...

Lebe wohl, Georg, Du Guter, nimm diese Zeilen als Dank für das Kleinod,
das ich aus Deiner Freundeshand nahm. Ich kann nun nichts andres mehr
schreiben, was wäre auch von mir zu sagen! Und ich darf ja nun wieder
dorthin kommen, sooft ich will, haben sie gesagt, -- ob ich es wage? Ich
_werde_ es wagen!

Mit allen guten Wünschen und Hoffnungen bin ich in Dankbarkeit immer
Dein treuer

                                                                 Benno


                             Georg an Magda

                                                  München, den 9. März

Meine gute Anna:

Hier, ich begehe eine teuflische Indiskretion und überreiche Dir einen
an mich gerichteten Brief jenes Benno P. Es ist mir schlechterdings
unmöglich, ihn Dir vorzuenthalten.

Hast Du gelesen?

Ja, da siehst Du, was Ihr angerichtet habt! Lege mich dem Fabelwesen
Renate gütigst ganz gehorsam und untertänig zu Füßen, und sie habe mich
ihr auf das tiefste verpflichtet durch die wunderbarliche Verwirrung,
die sie im Herzen meines lieben Freundes angerichtet habe!

So aber ist er nun, und immer sieht man doch wieder, daß man sich
täuscht in diesen guten Bennoleuten. Im siebenten Jahr kenne ich ihn
nun, kenne ihn wie gewiß niemand sonst, und wie keine steht mir seine
lange und magre Gestalt, dies magre Gesicht mit den schwermütigen Augen,
der langen, schwermutvoll herabgekrümmten Nase über dem früh
gewachsenen, hängenden rötlichbraunen Schnurrbart vor Augen in ihrer
ganzen Unbedarftheit, Hülflosigkeit und Seelenfülle, und so vergaß ich
darüber denn völlig den Glanz seiner hohen, fliegenden Stirn unter dem
zurückgestrichenen, langfallenden Haar und diesen, doch so oft gesehenen
Schillerischen Zug von Kühnheit, Schwung und Adel, wenn er den Kopf
zurückwarf und das Haar, um von Kostbarkeiten des Lebens zu schwärmen.
Vergaß es und dachte, als ich Deinen Brief, der vor dem seinen kam, las:
es muß sie doch immer frieren an ihrer Seele, diese armen Bennoleute.
Sie zittern bei jedem Lufthauch wie die geschorenen Lämmerlein, sie sind
so unendlich kostbar in unserer windigen Welt, und man sollte sie hüten
wie die allerzerbrechlichsten Ziergläser, weil sie so selten sind. Und
nun, wenn man sie selber hört, so verhält sich alles ganz anders. Wo
unsereiner sie in der allerpeinlichsten Verlegenheit und in Todesnöten
glaubt, da stehen sie mitten im Wunder! Ach, man sollte sie in Kirchen
hüten wie Reliquien und sie verehren, -- aber nun ist es so, daß sie
einem immer zuvorkommen. Du möchtest ihrer einem etwas recht Dankbares
und Liebes sagen, so hörst Du sie im selben Augenblick sprechen: Wie
edel bist du doch! -- Hat er nicht von mir gesagt: Georg, -- das ist
solch ein edler Mensch! -- Hat er nicht? Ich sehe ihn ja, wie er seine
schwermütigen Dichteraugen aufschlägt und sich krümmt in seiner
Magerkeit und seinem schlechten Rock und seiner übergroßen Inbrunst! --
Und dennoch sieh: obgleich sie immer zittern und immer ängstlich sind,
so sind sie doch die Behüteten. Es sind immer nur Möglichkeiten, vor
denen sie schaudern, Wirkliches aber, wirklich Gemeines und Böses kann
gar nicht an sie heran, weil sie es einfach nicht sehen; es fehlt ihnen
das Organ dafür, -- versteh mich wohl, ein Mensch wie Benno ist ja nicht
dumm und weiß vom Hörensagen immerhin, wie es in der Welt aussieht, und
Du wirst ihn schon bald einmal über die Boshaftigkeit der Welt in eine
furchtbare Standrede ausbrechen sehn, aber gieb acht, wie er hinterdrein
alles zurücknimmt und für alles einen Entschuldigungsgrund findet; und
diese Verzeihung hat er schon _zuvor_ bei der Hand, wenn etwas Gemeines
sich gegen ihn richtet, denn diese Menschen sind magnetisch für Gutes
und Edles, und durch eine chinesische Mauer von Schmutz und Niedrigkeit
lassen sie sich von einem eingebildeten Sandkorn der Güte anziehn, das
ihnen alle Verzeihung birgt, denn dies ist die Pflicht, die ihnen
auferlegt ist. Weißt Du, was sie sind, kleine Anna? Christen sind sie.
Wirklich, es giebt etliche in Europa.

Genug! Von mir nichts! Kehre zum Eingang dieses Briefes zurück und
erfreue Dich an der daraus sprechenden schönen Wallung meiner betrübten
Seele. Sei gut zu Benno, ich lege ihn Dir ans Herz -- Deiner Renate mich
bitte zu Füßen! -- Vergiß mich nicht, sei ohne Sorge, schreib aber
lieber nicht mehr, es würde mir nur das Herz schwerer machen, denn jetzt
kommen >die alertesten Tage< vom Semesterende, die müssen durchgehalten
werden.

Leb wohl!

                                                                  Dein
                                                                 Georg


                             Georg an Cora

                                                              14. März

Teuerste:

Das Semester geht zu Ende, Ende des Monats fahre ich heim, und im
nächsten Semester sieht München mich nicht wieder, -- sondern?
Altenrepen nahe Beuglenburg! Nein, sehen Sie: das, worunter ich hier
leide, sind nicht eigentlich Leiden der Seele und des Herzens, sondern
des Geistes, nicht Schmerz ists, sondern Empörung, Wut und Ohnmacht über
die schändliche Vergeudung, die unsre Jugend mit ihren besten Kräften
treibt, da sie sich zwar zur Erziehung zwingt, aber nur zu der
allerrohesten und gemeinsten einer -- beiläufig vollständig sinnlosen
und illusorischen -- Abhärtung durch Saufen und Stumpfsinn, so daß man
wirklich in Verzweiflung geraten möchte, wenn man dies ihr Ideal eines
glattgehobelten Pfahles betrachtet und dagegen die blühende Möglichkeit
geistigen Wachstums, Adels und der Reinheit, zu der sie erzogen werden
könnten! Ist es nicht haarsträubend, wenn man es sich sagt: zum
Stumpfsinn, zum Toben, zum tiefsten Elend der Betrunkenheit darf ich
mich erziehen lassen, nicht aber zur Arbeit, zum Lesen guter Bücher, zum
Begreifen aller Schönheit in Kunst und Natur! Daß _ein_ Begriff wie
völlig nicht vorhanden in der Welt scheint, nämlich der Begriff eines
>noch mehr<, das ist das Elend. Adel haben sie ja --, arbeiten müssen
sie das ganze Leben, also giebt es in den sogenannten >freien< Jahren
keine seligere Freiheit, als auf den Tisch zu hauen und den
triumphierenden Vers zu brüllen:

   Über den erzieherischen Wert des Korps sprach der A. H.
   Stürzbesoffen waren sie allda.

Na, da hab ich nun glücklich doch davon geschrieben. Also Sie haben nun
eine Vorstellung meines seelischen Zustandes. Übrigens habe ich einige
schöne, fast möcht ich sagen, glückliche Wochen hinter mir und mich in
einem wahren Sturzbad von Natur, Theater, Konzerten und abermal Natur
etwas gereinigt. Das dummste ist, daß ich versehentlich an ein
Säbelduell geraten bin, -- ein törichter Abschluß des Semesters. Bisher
ist mein Gesicht ja Gott sei Dank verschont geblieben. Wenn ich mich
aber mit dem schweren Säbel nicht sehr gut vorbereite, kann das niedlich
werden. Es scheint zwar, als ob sie auch für mich die sonst nur für
königliches Geblüt geltende Instruktion durchgeführt hätten: mich nur
auf den Kopf zu schlagen, aber mit dem Säbel wird sich das schwer
durchführen lassen, und da bin ich auch so, daß, sobald ich dergleichen
merke, losgehe wie der Satan.

Ach Kind, ach Kind, was ist das alles! Und geht es Sie etwas an? Doch
Ihr Brief tat mir wohl; obgleich ich so lange Zeit verstreichen ließ,
ehe ich ihn beantworte, werden Sie es mir glauben. Aber verstehen Sie
dies Gefühl der seelischen Unsauberkeit, das nun seit geraumer Zeit
schon keinen Augenblick von mir weicht und mich fast unfähig macht, das
zu berühren, was man eine Seele nennt? Wie würde es Ihnen gefallen, wenn
ich Ihren Salon beträte, nachdem ich soeben einen großen Morast
durchwatete? Sollten unsre Seelen weniger auf Anstand halten? Aber ich
brauche Sie und -- -- aber lassen Sie die Gedichte für mich reden! In
ihnen bin ich reinlich. Sehen Sie sie für Kerzen an, ich bitte, stellen
Sie sie rund um Ihren Spiegel auf, setzen sich schön davor und erkennen
sich glitzernd beschienen wie eine Madonna von Botticelli. Mögen Sie?

Ihnen im Herzen ergeben

                                                                 Georg

                            An die Entfernte

   Zwischen dir und mir
   Liegt so vieler Schlaf.
   Drin vergaßen wir
   Beide, was uns traf.

   Gleichwie graue Hand
   Goldgewebe trennt,
   So entschwand, entschwand
   Unser Firmament.

   Stern um Stern bei Nacht
   Fiel, -- noch einer mehr,
   Und ich seh erwacht
   Unsern Himmel leer.

   Ach, ich seh es kaum!
   Schlummernd fremd und fern,
   Sehe ich im Traum
   Immer Stern bei Stern.

                               Mondstunde

   Blaugrau der Himmel; gelb und rund und groß
   Erschien der Mond, der so dem Rätselschoß
   Des Irdischen entstieg als eine Leuchte.
   Und es wird langsam dunkler in der Welt.
   An deinem Haupt, o Fremdling, leise fällt
   Die Tür ins Schloß, die längst geschlossen deuchte.

   Noch hallen Stimmen fern im offenen Feld,
   Wie Pfähle schwarz sind Menschen aufgestellt
   Am Ufer, schauend droben in das Schweigen.
   Sie schwinden seltsam hinnen mit der Zeit,
   Und alles wird, als wär es Ewigkeit,
   Und keine Uhr wird dir die Stunde zeigen.

   Wenn eine Seele jetzt den Strom befährt,
   Den du nicht siehst, vom hohen Licht verklärt,
   So schaut sie auf wie du und ist nicht bange.
   Sie gleitet weiter in die dunkle Welt,
   Sie stützt die Hand, die still das Ruder hält,
   Und an des Ruders Holz die warme Wange.

   So lehnt am Kreuz des Fensters dein Gesicht,
   So glänzt dein Antlitz in dem vollen Licht,
   So füllt dein dunkles Aug das große Glänzen.
   Die tiefe Einsamkeit der Nacht beginnt.
   Zu dir ans Fenster tritt ein kühler Wind,
   Und du vergehst in seinen kühlen Kränzen.


   O kehre wieder, süße Angst,
   Du süßes Gift, vergifte mehr!
   Laß all mich sein, was du verlangst,
   Dein Spielgebild, dein Spielbegehr!

   Daß eines Scheitels Linie weiß
   Im braunen Haar und krausen Bausch
   Von fern mich zieht und quält mich heiß --
   O banges Glück! O Duft und Rausch!

   Ja, daß ich hingehangen such
   Entäußrung schwach aus blinder Kraft --
   Und wie ein schweres Fahnentuch
   In Wind sich legt und sehnt vom Schaft ...

                      Auf ein Bild in meiner Stube

   Schönes Antlitz eines toten Traumes,
   Wie du dennoch zu verklären weißt!
   Wie auf allen Dingen meines Raumes
   Dein betrügerisches Lächeln gleißt!

   Still! ich weiß es ja! du mußt betrügen,
   Weil erloschen du zu leben scheinst
   In der zärtlichsten der süßen Lügen,
   In der Wehmut eines schönen Einst.

   Das Vergangene, ob unlebendig,
   Deutlich füllt es die verarmte Brust,
   Und du spürst im Dunkel hunderthändig
   Geistergriff, den du erdulden mußt.

   Ach, das Leben selbst mit Dolch und Feuer
   So gewaltig nicht das Herz umspannt
   Wie das Augenpaar, das einst dir teuer,
   Wie, die liebreich war, die liebe Hand.


                             Georg an Benno

                                                 München, den 15. März

Mein lieber Benno:

Nein, nicht zum Freundesbusen, wie so trefflich die Alten sagten, ein
tränenreiches Herz darein zu ergießen, komme ich, obwohl es mir beim
Hunde elendiglicher geht als je. Davon sei nicht die Rede, das Elend
meiner Seele bad ich schon noch alleine aus. Aber dies, dies eine kann
ich nicht ertragen, daß ich in Wochen und Wochen nicht ein Mal ein
vernünftiges Männerwort über des Nachdenkens werte Dinge über die Lippen
bringen soll. Die Gedanken haben sie mir denn doch nicht unter Alkohol
und Stumpfsinn setzen können, schwimmen wie die Korken obenauf vielmehr
und sind -- munter? nein, das nun eigentlich nicht, aber wir werden ja
sehn. Zwar verdiene ich es nicht, daß ich wieder zu Dir komme (still,
Benno, ich weiß schon! bei meiner Seele, mache mich heute nicht
unwirsch!), aber nun liegt die Sache einmal so, daß es sich um Dinge
handelt, über die ich mit dem ältesten und lange Zeit einzigen Freunde
meines Lebens, meinem Vater nämlich, nicht reden kann; also tu mir die
Liebe, Freund, und höre ein wenig zu!

Nun eben, wie ich zu schreiben beginnen will, fällt mir aus dem übrigen
Zusammenhang eine neue Frage heraus, nämlich: Was hältst Du von
geschlechtlicher Aufklärung? Sieh mich nicht so mißtrauisch an, ich
frage im Ernst! Ist es nicht die große Frage jetzt? -- Gut, versuchen
wir, sie zu beantworten.

Nach meinen persönlichen Erfahrungen wird dabei ständig eben derjenige
Haken, an dem die ganze Sache eigentlich hängt, außer acht gelassen und
so die ganze Sache verdreht. Eltern, heißt es, können und sollen ihre
Kinder, um trübe und gefahrenvolle Irrgänge, Abstürze womöglich ihrer
Seelen zu verhüten, aufklären -- worüber? Über die Geheimnisse von
Geburt, Fortpflanzung, Zeugung. Wirklich, handelt es sich darum?
Keineswegs, sondern dieses ist nur der Punkt, an dem die kindliche
Unwissenheit einzusetzen pflegt, indem sie -- die von Zeugung nicht die
geringste Ahnung hat -- sich fragen muß, wo die Kinder herkommen. Um was
es sich aber, was die Gefahren usw. anlangt, _in realibus_ ganz allein
handelt, das ist etwas völlig andres, nämlich der Zeugungsvorgang
allein, der Liebesakt. _Woher_ die Kinder kommen, wer sie gebiert, das
kann -- und soll auch -- jedem Kinde frühzeitig klargemacht werden, aber
in Unkenntnis auf diesem Gebiet -- was läge da für ein Unheil verborgen?
_Wie_ aber und von wem die Kinder _gemacht_ werden, das ist das
eigentliche Geheimnis, und dies -- meines Willens! -- kann und soll
ihnen von keinem Vater und keiner Mutter gelüftet werden, denn
Enthüllungen, Selbstentblößungen würde das bedeuten, die kein Vater vor
seinem Sohne vorzunehmen imstande ist; und es würde -- allgemein
menschlich -- eine Schamlosigkeit bedeuten, die allen uralten
Erfahrungen widerspricht und auf das heftigste meinem Privatgefühl. Dies
sage ich, mit dem sein Vater von früh auf alles verhandelte, alles --
bis auf dies eine. Keine Gefahr aber kann so arg, so vernichtend sein,
die ich nicht einer solchen Entartung der natürlichsten Anstandsgefühle
vorzöge.

Also wäre in dieser Angelegenheit überhaupt nichts zu tun? Nicht
eigentlich. Besteht hier eine Gefahr, so ist sie geheiligt durch Alter
und so wenig zu beseitigen wie der Schmerz des Gebärens. Eins freilich
kann geschehn: Vorbereitung; und an dieser Stelle treffen wir wieder in
den Kern der Sache.

Denn -- diese Frage erhebt sich nun: woher stammt sie denn, ursächlich,
diese Gefahr? Fragen wir zunächst, wie sie sich zeigt. Darin, daß, wie
gemeinhin gesagt wird, dem Knaben oder Jüngling von Altersgenossen die
Sache auf schmutzige und gemeine Art klargemacht wird, daß ihn vor dem
Schmutz und der Gemeinheit der Sache ein Entsetzen packt. Hier also
sitzt es. Sind denn etwa diese Dinge gemein und schmutzig? Ja, sagt der
Eine; der Andre: Nein! sie sind vielmehr die reinsten und erlesensten.
Und dabei wollen wir bleiben. Wir halten uns nun nicht erst bei der
Herkunft dieses Gedankens von der Gemeinheit auf -- ich beargwöhne das
Christentum --, sondern schließen kurz ab: Hier ist der Haken, der
Übelstand und die Lasterhaftigkeit. Hier muß und kann Änderung
geschaffen werden, allerdings nur durch Generationen der Selbsterziehung
von Erwachsenen einerseits, andrerseits durch das, was ich erwähnte:
Vorbereitung, die wiederum bei den Vorgängen der Geburt und ihrer
Erklärung einzusetzen hat. Wenn nämlich diese schon und die Mittlerin
vor allem, die Mutter, dem Kinde als etwas Reines, Heiliges, als das
schmerzvolle Wunder, das es ist, hingestellt würden -- sollte da nicht
von ihnen auch ein Glanz auf das Andere fallen, wieder rein werden, was
rein war? Und wo bliebe dann Erschrecken und Gefahr?

Und nun endlich diese beiden Dinge selbst. Sind sie so ausgemacht, so
unbedingt? Ja, da kenne ich nur meine eigenen Erfahrungen, und wenn ich
da sagen muß, daß ich zwar Nöte, Ängste und Gefahren in diesem
Zusammenhange genug durchgemacht habe, aber keine in eben diesem, unserm
Betracht, so war ich vielleicht allerdings absonderlich veranlagt. Ich
war -- sprachen wir nie davon? -- ein schlechthin stumpfsinniges Kind,
bis tief in die Jünglingsanfänge hinein, und ich weiß heute noch nicht
zu sagen, wann mein Gehirn aus jener Denkträgheit, die nie nach etwas
fragte, alles hinnahm und sich einverleibte, ohne es nur anzusehn,
Weihnachtsmann wie Klapperstorch, und alles so lange benutzte und für
gut hielt, bis irgendwie und irgendwoher etwas andres kam, -- in meine
jetzige Denkrastlosigkeit umgeschlagen ist, die nicht den winzigsten
Vorgang unbeobachtet lassen kann und ohne womöglich eine Meilenkette von
verknüpften Folgerungen daran zu hängen.

                                              Eine halbe Stunde später

Als ich eben Ausruhens halber die Feder hinlegte und das Geschriebene
überlas, sah ich, daß ich an Dinge geraten bin, die nicht im
entferntesten in meiner Absicht lagen, aber das schadet ja nichts, im
Gegenteil, denn wie ich nun weiter an diese seltsamen und ungeheuren
Dinge denke, mich zu erinnern versuche und in meine Kindheit wieder
einzudringen, an die ich -- infolge jener Stumpfheit vermutlich -- keine
einzige, deutliche Einzelerinnerung habe -- es sei denn an Örtliches --,
sondern nur die süßdumpfe, unbestimmte einer unendlichen Zeit der
vollkommenen und durch nichts unterbrochenen Seligkeit --, da, gerade
noch, wie ich dies denke, leuchtet eine farbige Insel auf. Ich greife zu
und -- halte diese merkwürdigen Blüten und Strünke, die sich dann mit
einigen Verstandesfäden der Auslegung und des Hinzudenkens zu einem
seltsamen kleinen Strauß zusammenbinden ließen, und hier ist er.

Der Anfang ist ein wenig grob, doch läßt er sich nicht ersparen. -- Da
ists gegen Abend, schon ganz dunkel, ich bin -- ein kleiner Knabe,
übrigens in Helenenruh vermut ich -- irgendwo herumgestrichen, und wie
ich eben um irgendeine finstre Ecke von Haus oder Gebüschen will, höre
ich die breite Stimme eines Knechtes -- ich höre sie jetzt noch! -- mit
unterdrücktem Flehen der Inbrunst zu jemand sagen: Lat meck doch man
oinmal vögeln! bloß oinmal! -- (Ein Satz, der mir nie aus dem Gedächtnis
kam, obwohl ich ihn erst Jahre später begriff.) -- Ich erschrak, so
wenig ich damals die Worte verstand.

Diese mir völlig unverständlichen Worte blieben in mir hängen, das
heißt: bloß so, denn, wie schon gesagt, zerbrach ich mir über nichts den
Kopf und fragte auch deshalb nicht. In jener Zeit aber muß es gewesen
sein, daß mein Vater, aus eignem Antrieb, mich darüber aufklärte, wo die
Kinder herkommen. Ich erfuhr, daß sie in der Mutter wachsen sollen, und
erklärt wurden mir auch an Blumen, Bienen und Faltern die Vorgänge der
Befruchtung. Sicherlich -- das heißt, dies errate ich nur aus dem ganzen
Zusammenhang -- fragte ich mich damals, wenn auch nur unbewußt: Wer
bringt den Samen zur Mutter, die doch so groß ist?

In jener Zeit ferner wohl zum ersten Mal träumte ich einen später
wiederkehrenden Traum von einer großen Zahl bekannter und unbekannter
Menschen in einem Garten, auf denen eine Menge bunter Vögel sitzen und
herumfliegen. -- Wie kam ich darauf? Daß ich unbewußt also doch
nachgedacht habe, das ist klar, wie aber kam ich auf dieses? Folgendes
fällt mir ein:

Oft hörte ich und liebte sehr, besonders abends im Schlafzimmer vor dem
Einschlafen, den Gesang der schwarzen Amsel, der noch jetzt mein
liebster Vogelgesang ist. Ich konnte den Vogel, der ja immer sehr hoch
sitzt, niemals zu sehen bekommen, und da ich damals nun ein Märchen zu
hören bekam, vom Paradiesvogel, den man wohl singen hören könnte, aber
niemals sehn, so --

-- ja, so haben wir nun den ganzen wunderlichen Zusammenhang von Knecht
und Traum und der Einbildung, auf die ich mich wohl besinne, daß dieser
Vogel es sei, der unsichtbare Paradiesvogel, der den Samen zur Mutter
bringt. Und ich rate am Ende wohl nicht falsch, wenn ich glaube, daß mir
damals auch gesagt wurde, daß nur Menschen, die sich lieb haben, Kinder
bekommen können.

So also verhielt sich meine Vernunft, meine Phantasie. Wie es bei der
wirklichen Aufklärung späterhin sich abspielte, das ist mir unbekannt;
zu jener Zeit war die kindliche Phantasie allerdings schon verloren
gegangen, und so wird wohl mein Verstand die Geschichte mit der
gewohnten Bereitwilligkeit als natürlich hingenommen haben.

Schluß, Benno! aber es war eine Wohltat, ach, einfach eine Wollust war
es, einmal wieder den Geist zu gebrauchen! Mit mir stehts elend. Mein
einziger Freund, ein Literarhistoriker, hat längst den Doktor gemacht
und ist fort. Die letzte Mensur kostete mich die bisher heil gebliebene
Hälfte meines Schädels, die überdies so zugerichtet wurde mit
Lappenschmissen und Knochensplittern, daß ich mich schon langsam darauf
gefaßt mache, mit der Kompresse in die Ferien einzuziehn. Und was das
schlimmste ist, die Schurken haben meine Abgeneigtheit gegen den Betrieb
und mein Korpsverhältnis gemerkt, es gab schon Rügen, Drohung mit
Aufhebung der Duldungen wie: meines Nichtmitsingens bei den Kneipabenden
--, ach, Benno, Benno, weißt Du, daß ich in Lagen geraten bin!? In
Lagen, die ich schlechterdings nicht geträumt hätte? Daß ich meines
Standes als Fürstensohn wegen Rücksichten auf mich nehmen lasse? wer
hätte das geahnt! Aber mir scheint, ich zerbrach einen Satz. Ja, also
das schlimmste ist, daß man mich zur Strafe für meine Flucht nach Wien
auf neuerdings vier Wochen hinausgehängt hat, jedoch -- für die Ferien.
Also bleibe ich über das Semester hinaus im Korps; die ersten
Schwierigkeiten für meinen beschlossenen Austritt, -- aber genug,
zehntausendmal genug! Ostern komme ich! Auf Wiedersehn, Benno, auf
Wiedersehn!

                                                                 Georg

Nun, da haben wir es! Ich schließe, und nicht ein Wort von Deinem Brief!
Ist schon solch ein Lump aus mir geworden? Glaubs nicht, Benno, er
vergißt sich mitunter, aber meints doch ganz gut, und Du darfst schon
glauben, wie seelenfroh, ja, wie glücklich Dein Brief ihn gemacht hat!
Ja, diese Renate! Zwar ist mir Deine holde Übertreiblichkeit, zumal bei
Weiblichkeit, ja bekannt, aber es stehen doch einige Dinge in Deiner
Beschreibung, die absonderlich real anmuten, wie z. B. das Kleid und die
Haartracht und vor allem die sinnende Haltung -- die mich merkwürdig an
eine Feuerbachsche Iphigenienstudie erinnerte -- --. Nun, ich hoffe, Du
hast inzwischen noch so viel des Wunderbaren dort im Hause erlebt, daß
Dein nächster Brief Grimms Kinder- und Hausmärchen in mindestens zwei
Bänden werden! In diesem Sinne -- lebe wohl!

                                                                    G.


                             Cora an Georg

Lieber Prinz!

Sie waren in jenem Brief nach Nietzscheschem Rezept mit Peitsche und
Zuckerbrot zu mir gekommen; ich gehöre nicht zu den Frauen, die darauf
reagieren. Ich reagiere überhaupt nur auf Anbetung, daß Sie's wissen.
Also im Ernst, Sie haben mich geschlagen, getreten, mit Hohn und Spott
überschüttet, und um Ihnen das zu sagen, schreib ich heut, ohne einen
neuen Brief von Ihnen abzuwarten, und nicht etwa deshalb, weil ich nicht
warten könnte, mein lieber Junge! Und warum haben Sie mich so
mißhandelt? Mein Brief war wohl nicht sehr gemütvoll, aber doch lieb und
kokett und tändelnd, ein Andrer hätte mir Hände und Füße dafür geküßt.
Bessern Sie sich bald, und um etwas nachzuhelfen, will ich diesen Brief
fortsetzen, obwohl Sie es nicht verdient haben!

Also lassen Sie sich erzählen, was in der vergangenen Woche alles war.
Montag: Die blaue Maus (Stadttheater) durch Erregung befreienden
Gelächters höchst wohltätig. Dienstag: Taufe des armen Rudolf, eines
Neffen, arm, weil er getauft wurde, eines köstlichen Bengels übrigens
von zehn Monaten, empfing stehend die heilige Taufe und versuchte, den
Pastor energisch am Ärmel zurückzuhalten, was aber nicht gelang. Ja,
konnte er nun nicht Jude bleiben? Ach so, pardon, Germane, Arier. Diese
Ansicht sprach auch mein Schwiegervater aus -- der war trotz eines
Augenleidens von Altenrepen herübergekommen, um Pate zu stehn, ist das
nicht nett von einem alten Herrn? Ach, die Alten sind viel besser und
eifriger als ihr Jungen! Ich liebe meinen Schwiegerpapa unbeschreiblich.
-- Also in seiner Rede, in der er sich ungemein über die Pfaffen
aufregte, schlug er an Stelle der Taufe eine feierliche Aufnahme in den
Bund der Familie vor. Aber ich glaube, die Familie ist jetzt aus der
Mode gekommen, seit man auch nicht mehr Kanapee sagt. Jetzt haben wir
Chaiselonguen und Individuen und sind Staatsangehörige, und die
polizeiliche Abstempelung genügt für alles.

Wir hatten dann noch eine angeregte Unterhaltung über Gott und die Welt,
männliche und weibliche Schönheit, ihre Unterschiede, und welcher wohl
der Preis zuzuerkennen sei (meine Kusine Mausi erteilte ihn der
männlichen, von ihrem Standpunkt aus hat sie sicher recht. Ach, Sie
kennen die Dame ja nicht! Seien Sie froh!). Insofern und indirekt wurde
häufig von Ihnen gesprochen, als ich aus alter Gewohnheit beständig alle
Herren mit Georg anredete. Sie sehen, wie intensiv Sie mir gewärtig
sind. Im übrigen wurde die Unterhaltung sowohl durch Pfirsichbowle wie
durch meine stets anderen Ansichten vorteilhaft beeinflußt.

Adieu!

                                                                  Ihre
                                                                  Cora

Bekomme ich die unsichtbaren, kriegen Sie einen schönen Tantenkuß ohne
Liebe geschickt.

                     (An den Rändern geschrieben:)

Was macht meine liebe Locke? Hat sie ein Bändchen bekommen?

Eventuell auch einen mit Liebe, den keiner wissen soll.


                             Benno an Georg

                                               Altenrepen, am 23. März

Mein lieber Georg!

Ach, welch ein Magier ist sie doch, ja welch ein unerhörter Magier muß
sie sein, die kindliche Seele! Geht sie nicht mit ihren kleinen
Schritten so unerschütterlich ihres Weges, ihn vor sich her mit Blumen
bedeckend, als käme ein ganzer Hochzeitszug hinterdrein? Was Du mir
schriebst, jenes Erlebnis mit dem unsichtbaren Paradiesvogel und dem
herrlichen Traum -- ich kann nicht sagen, wie mich das ergriff! Zum
ersten Male wieder seit langer, langer Zeit wurde das verstaubte
Saitenspiel in meiner Brust wieder angerührt und murrte süß und leise.
Nun, es wird ja doch alles erstickt. Aber ich habe es jetzt ja
unverhofft gut bekommen! Schon zweimal durfte ich wieder in der
Güntherstraße sein, einen herrlichen Flügel spielen, das Fräulein
bewundern, -- ach, spotte Du nur, Du wirst noch Deinen Tag erleben!
[Griechisch: Essetai hêmar]! ... Und an einem köstlichen Vormittage --
von jenen einer, die schon tief im Frühling sind, wo gelöste Lüfte wie
trunken irrende Vögel in trägen und hingebenden Wellenflügen
umherschweifen und ein tausendäugiger Himmel der Verheißung über die
wolkigen Schneegebirge schaut -- an solch einem hatte ich einen
herrlichen Waldgang mit Deiner Freundin. Wie immer sprachen wir fast nur
von Dir! Lieber Freund, was hast Du für ein Kleinod an ihr! So kindlich
oft und dabei so klug, -- und nun, wo sie ihre Klugheit auf einen lieben
Menschen anwenden kann, ergeht ihrs wie allen edlen Frauen, und die
Klugheit entfaltet sich, ihr selber unvermerkt, zum feinsten und
zartesten Verstehn. Sie ist wohl sehr in Sorge Deinetwegen, wir sind es
Beide, aber nun -- es wäre ja noch schöner, zu jammern und den Kopf zu
verlieren, zumal Du ja schon sagst, daß diese gräßlichen Dinge um Ostern
ein Ende haben werden.

Gerne schriebe ich mehr, lieber Georg, aber Du mußt wissen -- ich bin in
einer großen Unruhe wegen meiner Mutter. Die jahrelang gleichgebliebene
Krankheit hat unversehens eine Wendung zum Schlimmeren genommen, und je
mehr wir uns in Sicherheit gewiegt haben, um so erschrockener stehen wir
nun, obgleich ja noch nicht das Böseste befürchtet zu werden braucht.
Aber ach, wie wandelt sich doch alles, sobald des Todes Name nur von
weitem erklingt! wie wird alles unsicher gleich, alles dünn und
durchlässig und fremd, jede Hantierung, jeder gewohnte Gegenstand, die
allesamt Unruhe ausströmen, sich nicht mehr halten lassen wollen, man
legt sie aus der Hand, als würden sie glühend darin, denn nun drängt auf
einmal die Zeit, alte Versäumnisse stehen drohend auf, immer wieder
fühlt man sich dorthin gezogen, wo das liebe Leidenshaupt die Kissen
drückt, eine Handreichung nur zu tun, eine Frage nur, einen Blick, -- um
am Ende dann doch wieder am Fenster zu stehn in der wachsenden Angst,
dies arme Antlitz noch ja zu sehen, recht zu sehen, ehe es sich
verwandelt und sich jählings entzieht.

So lebe wohl, Georg! Ich freue mich unaussprechlich auf Dein Kommen und
zähle die Tage! Von Herzen Dein

                                                                 Benno


                            Magda an Renate

                                                   Berlin, am 28. März

Ach, Renate! Renate, ich wollte, wir wären nur erst wieder zu Hause!
Papa ist ja zu sonderbar geworden! Weißt Du -- ich mag es kaum schreiben
--, aber weißt Du, daß er trinkt! Er trinkt den ganzen Tag, offen, und,
was noch schlimmer ist, heimlich, Liköre und die schwersten Weine.
Und diese ganze plötzliche Reise überhaupt! mitten aus der
Frühjahrsbestellung, und wozu? Zu Besprechungen mit Leuten, die ich
nicht zu sehen bekomme ... Zu mir ist er ja so gut und lieb wie immer,
ja wenn das möglich ist, eher noch mehr, aber -- ach, ich will lieber
stille sein! Jeden Abend gehts ins Theater -- da werde ich zu erzählen
haben! -- es ist wundervoll, und in dieser Beziehung ist er ja wieder
rührend in seiner Geduld, bei den längsten und ernstesten Stücken
meinetwegen auszuhalten. Wenn Du sehr lieb sein willst, schreibe doch
noch hierher, wir bleiben noch einige Tage, Papa meint, ich müßte alles
sehn, was Berlin zu bieten hätte. Es ist ja eine reißende Stadt, wie
lauter Stromschnellen -- ach, ich kann nicht schreiben, vergieb,
hoffentlich sind all meine Ängste nur dummes Zeug! In Liebe tausend
innige Grüße von Deiner

                                                                 Magda


                            Renate an Magda

                                                           Am 30. März

Mein liebes Herz!

Aber das war ein böser Schrecken, den ich da bekommen hab! Nach Deiner
Abreise war es wunderlich still im Hause geworden, ich wartete gespannt
auf den heitersten, lebensvollsten Brief, freute mich endlich des
Anblicks Deiner Handschrift -- -- und nun dieser Inhalt! Kaum hat man
sich ein bißchen in Sicherheit gewähnt nach den wochenlangen Ängsten um
mein armes Kind, -- da fängt alles wieder an zu zittern. So kann ich nur
innig hoffen, daß es in Wirklichkeit die alten Besorgnisse sind, die in
dieser neuen noch einmal mitschwingen und sie ungebührlich verstärken!
Ich weiß ja nicht einmal, was ich aus dem, was Du schreibst, machen
soll, -- es klingt so unbestimmt -- und grad darum wohl so gespenstisch.
An dem einen Abend bei uns war Deinem Vater ja eigentlich nichts
anzumerken; sein Gesicht schien mir etwas geschwollen, doch weiß ich ja
nicht, wie es früher ausgesehen hat, da Du in Genf nur dies fabelhaft
prächtige Jugendbildnis von ihm hattest.

Von mir ist nichts zu berichten, was Wert hätte, so sehr ich wünschte,
es gäbe etwas, das Dich ein wenig auf andre Gedanken brächte.

Doch -- -- nimm dies ... Es kam gestern nachmittag.

Ich sitze vor meiner Orgel und spiele und merke während des Spielens,
daß hinter meinem Rücken eine Veränderung eingetreten ist, kann mich
aber nicht umwenden, sondern muß den Satz zu Ende spielen. Langsam drehe
ich mich nun mit dem Sessel, und da sehe ich, daß ich mich oben auf der
Orgelempore eines romanischen Domes befinde, dessen gewaltig breites und
langes Schiff unter mir liegt, in mittlerer Höhe von einer schönen
Galerie kurzstämmiger Säulen und Rundbogen umzogen. Das Licht fällt von
rechts durch wundersam farbige Fenster in schrägen und breiten Streifen,
die von blutendem Rot, von tiefem Blau und von Goldlicht leuchten. Fern
drüben, sehr fern ist der Altar, kahl bis auf ein lebensgroßes Kreuz mit
dem Heiland daran, doch muß ich plötzlich erkennen, daß es Erasmus ist,
der dort an den Nägeln hängt. Er hebt langsam den Kopf, ich sehe in die
hervorquellenden Augen und daß die Lippen sich bewegen und Worte formen.
Indem sie aber laut werden wollen, schwindet alles. Ich sitze mit dem
Rücken zur Orgel.

Die Worte, glaub ich, hießen: Mich dürstet ...

Ja und dies sonderbare Theater fällt mir noch ein, das es vorgestern
nach dem Abendbrot gab. Beim Hinaustreten auf die Veranda geriet ich
zwischen diese beiden Großen, Josef und Erasmus, am Tage nach Deiner
Abreise traf er ein! -- Und da kam es so, daß ich sie fragte: Wer von
euch Zweien ist wohl der Stärkere? Sie blinzelten sich ein wenig an,
dann griff Josef in die Tasche, holte ein Fünfmarkstück hervor, und nach
einigen Magiergesten hielt er mir auf jeder Handfläche eine Hälfte hin.
-- Taschenspielerei! sagte da sein Bruder, kommandierte darauf:
Stillgehalten! packte ihn mit der Rechten unterm Rock beim Hosenbund,
mit der Linken unten bei den Füßen und -- denke Dir nur! -- schwang ihn
so über seinem Kopf empor und trug ihn die Treppe hinunter in den Garten
und weiter, während Josef steif und still mit hängenden Armen wagerecht
lag, rund um den Rasenplatz mit langsamen, hahnentrittartigen Schritten.
Mich ergriff doch ein seltsamer Schauder, wie der Riese da so stumm
durch die Schattendämmerung mit seiner hoch erhobenen Last einherkam,
als sähe ich einen riesigen Sklaven den Leichnam seines Königs
heimtragen, und ich war froh, als er ihn wieder auf den Boden stellte
...

Aufrichtig, mein Herz: es hat mit diesen Dingen zwar kaum etwas zu tun,
zumal ich von Erasmus seit seinem Herbstaufenthalt bei uns nichts
gesehen und kaum etwas gehört habe, -- aber: auch in diesem Hause
scheint mir nicht alles zu sein, wie es -- zu sein scheint. Onkel ist so
unruhig und oft geistesabwesend, -- hast Du es nicht bemerkt? Josef, den
ich fragte, zuckte die Achseln und tat hocherstaunt.

Komm bald zurück! Briefe, diese Brücken des Herzens, sind schön, doch
mir ist ängstlich: sie lassen uns glauben, daß wir leichten Herzens wie
auf breiter, gemauerter Bogenstraße über einen Strom hinüber gehen zu
dem, dem wir schreiben, und hinterdrein wird uns klar, daß wir auf
haardünner Schneide über einen Abgrund dahingeschwebt sind, und dann
erbebt uns das Herz wie weiland dem Reiter über den Bodensee. Also komm
bald zurück, mein Armes, ich küsse Dich innig mit ganzer Seele! Deine

                                                                Renate


                         Neuntes Kapitel: April


                            Bogner an Renate

                                               Altenrepen, am 7. April

Gute Freundin:

Zwei Dinge hatte ich gleichzeitig zu bemerken, als ich vorgestern in der
Arbeit stecken blieb: Erstlich, daß ich plötzlich keine Briefe mehr von
Ihnen bekommen habe seit Dezember, -- glaubten Sie, Ihre Schuldigkeit
getan zu haben, oder wars ein Ärgernis, daß ich über Ihr letztes >Wann
kommen Sie?< stillschweigend hinwegging? Zweitens, daß kein Grund mehr
vorlag, weshalb ich nicht die Arbeitsstockung zu einer Reise nach
Altenrepen benutzen sollte. Da sitze ich nun am alten Schreibtisch
meines Vaters in der alten Nacht, auf dem Sofa hinter mir ist mir ein
Bett bereitet, und schreibe Ihnen, in Ihre Schweigsamkeit hinein, nach
dem einfachen Gefühl, Ihnen irgend etwas schuldig zu sein, das ich mit
der folgenden Beschreibung abstatten will. Morgen vormittag fahre ich
zurück, sonst könnte es mündlich geschehn.

Ich kam mit dem Nachtzuge frühmorgens an und ging den ganzen Tag in der
Stadt umher. Trotz hundertfacher Veränderung war alles wie dazumal.
Davon ist nicht zu reden. Zu sagen höchstens, daß ich selbst als ein so
völlig Fremder hier herumgelaufen bin, daß ich kaum noch begriff,
weshalb ich kam, und welches Ziel ich hatte. So stand ich erst kurz vor
neun Uhr am Abend unter der Gaslampe und vor dem tausendmal gelesenen
Porzellanschild tief unten an der Tür, mit dem Namen und Titel meines
Vaters. Das Schild: Sprechstunde ... war entfernt, nur die
Schraubenlöcher waren noch da und der helle Fleck im Holz, wo es
gesessen hatte. Auf mein Klingeln kam lange Zeit niemand. Es war
sonderbar, da zu stehn. Endlich hörte ich weiche Sohlen, ein
Dienstmädchen auf Strümpfen; ihr Schatten hinterm Glas wurde sichtbar,
ein Schlüssel wurde zweimal herumgedreht, eine Kette fiel, die Tür ging
auf, ein blondes Mädchen sah mich schläfrig an. Ich sagte meinen Namen,
und ob meine Eltern da seien, worauf sich das Mädchen zu der, für alle
Fälle geeigneten Antwort entschloß, Herr Sanitätsrat wäre mit Herrn
Professor Arnold fortgegangen, aber die gnädige Frau wäre zu Hause. Da
trat ich denn -- mit Herzklopfen -- in den schmalen Flur, hängte Mantel
und Hut an die alte Kleiderablage und klopfte an die nächste Tür, vom
Eßzimmer. Ich hörte die Stimme meiner Mutter Herein sagen und öffnete.
Meine Mutter saß am Tisch, sah mir entgegen; links unter der Hängelampe
saß sie, hatte ihr Haushaltsbuch vor sich, eine Hand aufgestützt, in der
andern solch einen ganz dünnen, kniffligen Bleistift mit einem kleinen
weißen Hornknopf.

Und da war dann doch das, was ich nicht berechnet hatte. Denn meine
Mutter war, als ich fortging, 43 Jahre alt, ein ganz blühender Mensch.
Nun saß da am Tisch unter der Hängelampe eine alte Frau, grauhaarig, mit
verwischten Zügen; eine fremde, eine ganz unbekannte Frau. Das war
schrecklich.

Da stand ich und sagte wohl, sie solle nicht erschrecken, ich wär es.
Dann schrie sie leicht auf, und ich trat zu ihr und legte einen Arm um
ihre Schulter. Es war wie vor fünfzehn Jahren: mehr brachte ich auch als
Junge niemals fertig.

Dann saß ich auf dem Stuhl vor der schmaleren Kante des Tisches, wo ich
als Junge beim Mittagessen saß, ließ meine Hände streicheln und mich mit
geröteten Augen ansehn. Sie fragte und fragte. Dann antwortete ich. Was
fragte sie doch?

Ach, du siehst nicht gut aus, sagte sie. Hast du soviel gearbeitet?

Grade zuletzt, sagte ich.

Mein guter Junge!

Ja, Mutter.

Es wird dich niemand mehr erkennen.

Ich bin wohl sehr verändert.

Nur die Augen sind dieselben. Dein Haar ist ja ganz glatt geworden, und
-- mein Gott, es ist ja ganz grau!

Das kommt wohl mit der Zeit.

Und was für Falten du hast! an den Augen und da am Mund! Gott, eben
sahst du genau aus wie Herbert! Und ich mußte den Kopf etwas drehen,
damit sie sehen konnte, daß ich genau aussah wie Herbert, mein Bruder.
Und dann fragte sie erschreckt, ob ich keinen Hunger hätte, ob ich
allein gekommen sei, und ob der Herzog nett sei. Ja, hier würde ich viel
verändert finden, seufzte sie dann, und ich fragte nach meinem Vater.
Ach, sagte sie, er hat sich ja so wunderbar hineingefunden! -- Aber da
brach sie in Tränen aus und war lange nicht zu beruhigen. -- Es habe
wohl so kommen müssen, sagte sie. Die Operation hätte nichts mehr
genützt, er sähe fast gar nichts mehr, nur auf dem rechten Auge noch
einen Lichtschein. Professor Arnold -- ein Universitätsfreund -- komme
abends zuweilen, und sie tränken ein Glas Bier im Döhrener Turm. Eins
hätte der Arzt erlaubt. Er müsse jeden Augenblick zurückkommen. -- Nun
bemerkte sie, daß meine Augen herumgingen, und sagte, ja, hier hätte
sich viel verändert, und sie zeigte mir ein Bild an der Wand, das die
Frau meines Bruders gemalt hätte.

Glauben Sie mir, ich habe es doch nicht recht begriffen. Keine
Veränderung durch ungeheure fünfzehn Jahre. Da war das Büfett mit seinen
gedrehten Säulen und Muscheln, Zinnteller darauf, die waren früher nicht
dagewesen, aber sie gehörten doch schon lange dazu, und die Stühle
hatten Ledersitze bekommen. Ich ging durch die breit offne Flügeltür ins
dunkle Wohnzimmer; mit geschlossenen Augen hätte ich hinten am Fenster
auf dem dünnbeinigen Schreibtisch voller Sächelchen die winzige
Porzellanbüste von Goethe finden können, -- Schiller war immer entzwei.
Das Laternenlicht fiel von der Straße durch die Vorhänge herein, und ich
nahm einen großen Einsteckrahmen mit Photographien, trug ihn zu meiner
Mutter und fragte, und ich höre sie noch erklären:

Das? wer ist das? Erkennst du Herbert? Etwas ernst, nicht? Aber so war
er immer. Das daneben ist Cora, findest du sie auch so hübsch? Vater
konnte die vielen Sommersprossen nicht leiden, -- aber nun sieht er sie
ja nicht mehr. Das ist ein Bild vom Vater, das letzte, als er noch sehen
konnte. Er hat sich ja nie verändert. Nur der Schnurrbart ist weiß
geworden. Tante Agnes kennst du, sie ist jetzt in Göttingen. Das da ist
Coras Mutter, etwas aufgeschwemmt, nicht? Ja, daß er grade eine Jüdin
heiraten mußte, wo Vater ... den hat es doch recht gekränkt, aber die
Kinder wollen nun mal ihre eigenen Wege gehn; und er scheint ja sehr
glücklich mit ihr zu sein. Das sind Kränzchenfreundinnen von mir, wir
haben ein sehr nettes Kränzchen; sonst -- Und nun fiel ihr plötzlich
ein, wo sie mich die Nacht hintun solle, und ich müßte auf Vaters Sofa
schlafen, und da stand sie schon auf. Ich will gleich dem Mädchen sagen,
daß sie es bezieht, sagte sie, und ich könnte ihre Steppdecke bekommen;
sie hätten noch geheizt heute, es wollte dies Jahr ja gar nicht warm
werden. Sie nahm ihr Schlüsselbund und lief hinaus. Sie ist
sechsundfünfzig Jahre alt und noch ganz behende.

Hat sie diese Stunde, diese eine Stunde nun so oft vor sich gesehn, daß
sie deshalb nicht ein einziges Mal sagte: Du bist ja da! Oder war es
wirklich so einfach, einzutreten und da zu sein, daß alle andern Dinge
gleich ebenso wichtig waren, ja, das Bett, in dem ich schlafen sollte,
wichtiger, als daß ich überhaupt wieder darin schlief?

Während ich sie nun draußen wirtschaften und mit dem Mädchen verhandeln
hörte, Türen gingen, Schranktüren geöffnet und geschlossen wurden, ging
ich in den drei, durch offne Flügeltüren verbundenen Zimmern hin und her
und dachte wohl dies:

Kindheit, die ich wiedererkenne. Bin ich nun hier zuhause? Bin ich
zuhaus? Da ist der alte Geruch, der sich nicht beschreiben läßt, den
kein Mensch behalten kann, kein Fremder, aber ich habe ihn wiedererkannt
und lieblich gefunden. Was hab ich gemeinsam mit diesen Sesseln und
Bildern und Schränken? die Kindheit, die ich wiedererkenne. Es steht wie
damals, läßt sich rücken wie damals, -- kein Fremder, der sein Gewicht
nicht kennt wie ich, würde das so können wie ich. Ein wenig schien mir
alles aufgewacht, wie einer, der krank war, nun lange gut schlief und
mit halb geöffneten Augen jemand vor sich stehn sieht, ihn halb erkennt
und weiterschläft. Mein Vater würde nun kommen und mich nicht sehn,
dachte ich, und daß meine Mutter nicht merkte, welch ein Fremder ich
hier drinnen war, denn für sie bin ich noch immer der Junge, nur wagt
sie nicht recht, es zu zeigen. Bei ihr wäre ich überall zu Hause. Sie
aber würde sich nirgend glücklich fühlen, ohne diese Möbel, ohne den
Himmel, den sie allabendlich ansieht -- ob es auch sternenklar geworden
ist --, ohne ihre Küche, den täglichen Mädchenärger, die Einkäufe und
kleinen Freuden. Wenn sie vierzehn Tage in einer Stadt, zwei Stunden
entfernt, war, wird sie ins Zimmer laufen und sagen: Na, Gott sei
gelobt, daß ich wieder da bin! Ach, was ist das für eine sonderbare
Güte, die solche Dinge am Herzen hält, die nichts sind, die nie etwas
für sie taten, was nicht jeder ähnliche Gegenstand besorgen könnte, die
nur durch ihren Gebrauch etwas geworden sind, etwas einziges. Die
Erinnerungen freilich ... In diesem Stuhl hatte sie gesessen voll Angst
und Unruhe, während mein Vater in der Klinik lag, an diesem Fenster
hatte sie gestanden, als der kleine Sarg mit Schwester hinausgetragen
wurde, an demselben Fenster hat sie an den Zeugnissonnabenden auf ihre
Jungens gewartet, niemals recht erfreut in Herberts Erwartung, weil
immer in Sorge, in Hoffnung wieder und immer enttäuscht durch den
Andern. Auf diesem Sofa hatte sie ihre Schwiegertochter erwartet, mit
dem geheimen Gefühl: Vater mag sie nicht. Aus diesem Fenster hat sie die
Jahre lang hinausgesehn, ob keiner die Straße herauf käme, ein
ungelenker, ruppiger Bursch, in sich verbissen, kalt und ohne
Zärtlichkeit. Hier drinnen ist ihr alles geschehn. Hier hat sie alle
Mahlzeiten gerichtet und den Mädchen ihren Lohn gezahlt, auf diesem
einen Tisch hat sie ihre Briefe geschrieben, ihre Rechnungen gemacht,
ihre kleinen Notizen im Kalender, ihre abendlichen Patiencen gelegt,
ihre Wäsche gestopft und Stickereien gearbeitet. Auf diesem Tisch liegen
ihre sechsunddreißig Ehejahre aufgehäuft, tausend und tausend
mittelgroße Sorgen, Ärgernisse, Widerspänstigkeiten, Hoffnungen,
Wünsche, Ergebungen, Tränen, Bangnisse, Sorgen und Sorgen. Wieviel große
Schmerzen? Und keine einzige Seligkeit. Sie hat nie Großes empfinden
dürfen, sie hatte immer zuviel zu tun! -- In drei bis sieben Zimmern,
vor acht Fenstern, vor einer Straße.

Am Ende aber von alledem wird sie gerne sagen: Es war nichts Einzelnes,
freilich, aber es war doch viel; so viel, daß es gut war, schön war und
so, wie es sein muß. -- Es hätte alles anders sein können und wäre das
gleiche gewesen. Nur ein Mensch war nötig, für den sie sorgen konnte;
dann war sie zuhaus.

Das wars wohl, was ich dachte, als ich einen Schlüssel in der
Korridortür hörte. Schritte wurden laut, Stimmen zweier Männer, die sich
verabschiedeten, dann kam meine Mutter eilfertig, im Eßzimmer -- ich
stand grade im Wohnzimmer -- ging die Tür auf, meine Mutter kam
rückwärts herein, meinen Vater führend, und die fünfzehn Jahre und die
Feindschaft waren zu Ende.

Gestalt und Haltung war die gleiche wie damals -- er ist groß und stark
-- aber nun hielt er einen Stock vor sich, und das Gesicht war fast
unkenntlich durch die grüne Brille; der Schädel war kahl und blank. Es
war einen Augenblick still, und sie sprach wohl so feierlich, um die
Worte nur herauszubringen: Vater, dein Sohn ist heute wieder gekommen.
Dann setzte sie sich eilig an den Tisch, um zu weinen. --

Gewiß, Kind, dein >Sohn< sagte sie.

Ich bin auf ihn zugegangen, habe nach seinen Händen gefaßt und glaube
wohl gesagt zu haben, was ich sagen wollte: Verzeih mir, Vater. Er
sagte: Benvenuto. Und da ist es wohl dies Wort gewesen, das er sich
einmal an einem glücklichen Tage ausgedacht hatte, das ihn jetzt
übermannte, so daß er den Stock fallen ließ und den umfaßte, der da vor
ihm stand, und den Kopf an seine Schulter legte und so krampfhaft
schluchzte, daß meine Mutter hastig ihre Augen trocknete und sich
erstaunt umsah. Als er ruhig wurde und die Brille abnahm, ergriff sie
sie sogleich und trocknete sie im Taschentuch, während ich ihn um den
Tisch führte und er sich setzte.

Dann saßen wir alle Drei beisammen und unterhielten uns. Später fing
meine Mutter an zu gähnen und ging in ihr Schlafzimmer, um sich für die
Nacht zurecht zu machen. Eine Viertelstunde später holte sie meinen
Vater.

Nun, wir sprachen diesen Abend wie alte Freunde und Schlachtkameraden
miteinander, die vor langer Zeit zusammen Gefechte, Märsche und
Strapazen durchgemacht haben, jeden Wink verstehen und alles aus eigener
Erinnerung ergänzen. Er ging auf alles ein, fragte, bejahte fand für
alles eine Erklärung, fand alles richtig, erzählt kleine Anekdoten und
Züge von Bekannten, erinnerte an historische Männer, die ähnliches
durchgemacht, -- am Ende wurde er stiller, fast bescheiden, tat noch ein
paar Fragen, und dann ging er. Nur einmal kam die alte Sorge zum
Vorschein, als er fragte, ob ich auch ordentlich verdiente und zu leben
hätte. Ich mußte wohl an meine vier Hungerjahre denken, aber die Summen,
die mir bevorstehn, konnte ich ihm doch nicht nennen. Der Name des
Herzogs genügte auch, um ihn zu beruhigen. Ja, ja, mein Sohn, sagte er,
dafür hast du denn auch jahrelang nichts zu brechen und zu beißen
gehabt. Dem Verdienste seine Kronen. Ja, mein Junge, dann können wir
wohl schlafen gehn. --

Nun sitze ich an seinem Schreibtisch. -- Wenn es gar nicht gehen wollte,
dann mußte ich hier meine Aufsätze machen, er stand hinter mir und
diktierte, und meine Hand zitterte schon, wenn ich mich hinsetzte, und
die Gedanken waren wie weggeblasen.

Was aber ist nun die reinliche Summe? Weib und Kind, das kenne ich
nicht, ein Haus brauche ich nicht, kaum daß ich einen Freund habe; ich
kann hier oder dort schlafen gehn, ich schlafe gut oder schlecht, und es
hängt allein von mir ab. Das Geld liegt dann da, mit dem ich als
Siebenzehnjähriger klirren wollte. Die Eltern brauchen es nicht, ich
brauche es auch nicht. Und alles das, um hundert oder fünfhundert Jahre
länger bei Namen genannt zu werden, als die Andern? Sehen Sie, da fiel
mir eine Stelle vom Ruhm ein in Platons Gastmahl; ich fand auch eines
zwischen den Büchern meines Vaters, aber es war ein griechisches, und
ich konnte es nicht mehr lesen. Ja, so verhält es sich mit dem Ruhm.

Es kommt darauf an, daß einer die gegebenen Kräfte verbraucht, wie es in
den soldatischen Befehlen heißt: Es wird verfolgt bis zum letzten Hauch
von Mann und Roß. Wer das tut, hat meinen Ruhm und kann überall
getröstet schlafen gehn.

Meine Mutter ist nun getröstet, und das macht mir Freude, oh, das macht
mir Freude. Fünfzehn Jahre zurück höre ich die Stimme meines Vaters,
aufgebracht und zornig: Hast du denn gar keinen Ehrgeiz, Junge? -- Nein,
Vater, kann ich noch heute sagen, und somit wäre alles in Ordnung.

                                              Trassenberg, am 9. April

Als ich so weit geschrieben hatte, ereignete sich etwas, das ich Ihnen
vielleicht mündlich einmal erzähle. Zum Schreiben ist nun keine Zeit
mehr, auch möchte ich, daß das Geschriebene vorläufig für Sie so bleibt,
wie es ist. In vierzehn Tagen hoffe ich, fertig zu sein und Sie in
Altenrepen sehen zu dürfen. Nehmen Sie diese Blätter als ein Zeichen der
Dankbarkeit und der Ehrfurcht, die Ihnen immer bewahren wird Ihr

                                                                Bogner


      Hier enden des zweiten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
                                Monate.



                             Drittes Buch.
                                Apriltag
                                  oder
                               Verwirrung


                            Da am weg bricht ein schein fliegt ein bild
                            Und der rausch mit der qual schüttelt wild.
                            Der gebot weint und sinnt beugt sich gern
                            »Du mir heil du mir ruhm du mir stern.«


                             Erstes Kapitel


                              Speisewagen

Unaufhörlich stampften die Achsen.

Georg, ein Stockwerk gleichsam über dem Rasseln, Klirren und Stoßen,
hörte die Ringe zum Festhalten der Gläser und Flaschen unter den
Fenstern des Speisewagens klappern, deutlich durch das übrige Getöse.
Der Zug jagte mit allen Bremsen talwärts. Jedesmal wenn die offenen
Flügeltüren fern drüben in ihrer Langmut hin und her wankten, so wurde
das sachte Dehnen und Knirschen in den Lederfalten der Harmonikas
vernehmlich, und da sich die Täler nun erleichtert öffneten nach dem
Durchstoß des zornigen Kolosses von verketteten Wagen, der sich in die
Ferne stürzte, so blickte Georg in die tiefe, grüne Heiterkeit der schon
abendlichen Landschaft, vor deren Wiesen und Äckern und Wäldchen
durchsichtige Stücke des Wagens schwammen, gläsern gespiegelt, auch die
linke Hälfte von Maler Bogner, der ihm gegenüber saß, die Unterarme auf
der Tischplatte, und manchmal erschien eine Andeutung seines Profils,
sonderbar fremd wie eines Unbekannten, dort draußen.

Auf dieser Seite des Zuges war es hell; auf der andern waren die
wachstuchenen Vorhänge gegen die tief stehende Abendsonne herabgelassen,
und immer sah Georg beim Hinausblicken den Schatten des Zuges in
rasender Eile mitgeschleift, in fegenden Wellenlinien über Böschungen
oder Plankenzäune, über die Telegraphenpfähle, in Gräben tief hinunter,
Anhöhen hinauf und in ungeheurem Sturze wieder hinunter in tiefes
Wiesenland, über das der Bahndamm hoch oben den Zug hinwegführte wie
einen fortsprengenden Hippogryph. Es war ein wenig aufregend anzusehn
auf die Dauer. Georg erholte sich an der Dämmerung hinter den
Wachstuchvorhängen, deren Stäbe unten hin und wieder mit leichtem
Klappen gegen die Fensterleisten schlugen; sekundenlang hingen sie
leblos, je nach der Neigung des Wagens. Alle Tische waren von Gästen
leer; ein Kellner, lautlos, kam ab und zu heran, ordnete auf den weißen
Tafeltüchern die Gläser in Gruppen, setzte Teller mit Nienburger
Bärentatzen, in Pergament gewickelt, und kleine bunte Pakete mit Kakes
darauf.

Es war so wohltuend alles; anzusehn alles und nichts dabei zu denken.
Der Zug beruhigte sich ein wenig. Das dumpf donnernde Rollen der Räder
sank langsam tiefer unter Georg, ein musikalisches Getöse, das die Fahrt
eher zu begleiten schien, als daß es durch sie entstand, und der Zug
wiegte sich gleichmäßig und zufrieden. Draußen zog die Landschaft, schön
in weiten Tiefen zur Ansicht ausgebreitet, stark leuchtend, mit vielen
und langen Schatten, Felder, Haidestrecken, kleine schwarze Baumschläge
mit rot glühenden Stämmen, nahe Tümpel, Bachläufe, Rinder, schwarze und
weiße, glühend in der Abendsonne mit ihren Schatten im glühenden
Wiesengrün, ein Bahnwärterhäuschen, rot wie lebendige Glut, mit
Gärtchen, Hund, Kind und Mann an der Fahne, grell beleuchtet über und
über. Rosige Landstraßen mit ihren Reihen Obstbäumen oder Pappeln
hielten sich lange Zeit unveränderlich in der Ferne, bogen sich langsam,
näherten sich, schweiften plötzlich wie auf einen Wink in die Weite,
oder sie kamen unvorsichtig heran und wurden jählings abgeschnitten.
Dann war da ein kleines Bild zusammengestellt im Schatten des Zuges:
eine Schranke, zu der Kinder heranliefen, oder es wartete ein
bäuerliches Leiterwagengespann, und all das wiederholte sich mühelos,
immer ein wenig anders. Einmal erschienen die weißen Rauchballen aus der
Lokomotive, wie sie munter und sorglos über hellgrüne Saatfelder
dahinsprangen, nun langsamer schwebten, zurückblieben, sich gestalten
wollten, aber eh sie's gedacht sich auflösten, erstaunt über ihr frühes
Ende.

Georg, alles wahrnehmend obenhin -- auch den richtigen Maler zuweilen
gegenüber, nicht den gespiegelten, der wie er selber hinausschaute, als
wärs eine Aufgabe; auch den grün und gelben Kopf Dostojewskis auf dem
dicken Bande, der vor ihm lag, und noch dies und jenes --, hörte und sah
es doch kaum, nach innen träumend, wo aus einer selbst handelnden Tiefe
der haltlos schwebende Filmstreifen des Gedächtnisses Bilder
emporschickte, so unordentlich und schlecht aneinandergereiht wie die
von Träumen, immerfort auseinanderreißend wie aus Seidenpapier, dann
unterbrochen von den gegenwärtigen Erscheinungen, erhellt, verdunkelt,
beleuchtet, beschattet, Gesichter, Straßenteile, Bewegungen, Gruppen,
Zimmer, Restaurants, Marmortische, rote Samtsofas, Säle, Galeriestücke
und Gärten, -- und die Augenlider senkten sich zuweilen, dem
Unterdrücken von diesem oder jenem mit äußerlicher Bewegung
nachzuhelfen; oder er wurde sich der Härte der Stuhllehne im Rücken
bewußt und rutschte tiefer; oder er zog die weit ausgestreckten Beine an
sich und legte das linke über das rechte, oder umgekehrt.

Georg hatte das dünne Gefühl einer unsicheren Behaglichkeit. Er sagte
sichs mit diesen Worten und fragte sich daraufhin: Warum dünn? warum
unsicher? Dünn ließ er fallen und untersuchte das Unsicher. Da fand er
denn, es sei wie an einem dieser öden Sonntagnachmittage letzter Zeit in
München, wenn in der Ferne die Glocken läuteten. Es ist still, es ist
beunruhigend ruhig, es fehlen alle Wochentagsgeräusche, es ist warm und
friedlich, aber die Öde, oh die Öde, wie sie mit lautloser Woge an den
Wänden hochgeht und niederrieselt von oben! Daran schuld aber scheinen
die Glocken. -- Es läutet in meiner Tiefe, dachte Georg, meine
Behaglichkeit ist bloß äußerlich, ich bin wohl schon entronnen --
gottlob, ich bin entronnen! -- aber irgendwo läuten noch immer diese
beklemmenden Sonntagnachmittagglocken. Sind das wohl diese Erinnerungen?
Ja, sie sind es. Sie taugen wohl nichts? Nein, sie taugen nicht das
geringste! Allesamt? -- Aber vor allem ist es das, daß sie bloß da sind,
weiter nichts; sie sind so wertlos und so kraftlos wie jenes Geläut, das
für irgendwelche Leute Bedeutung haben mochte, aber nicht für mich. Ich
erinnere mich -- und kann mich doch nicht erinnern. Der Saft ist heraus.
Wie geisterhaft ist doch alles Gewesene! Kann man überhaupt etwas
_hören_ in der Erinnerung? --

Georg horchte. Um eine lange Tafel unter umqualmten Lampen saßen
Gestalten, Mützen, blaue, auf den Köpfen und blau-weiß-schwarze Bänder
um die Brust unterm Rock; am obern Ende stand einer, in schwarzer
Pekesche, blauweißschwarzer Schärpe und Cerevis, der mit einem farbigen
Schläger auf den Tisch hieb; aber Georg hörte den Knall nicht und hörte
das Lied nicht -- obgleich die Melodie --, das aber zweifellos rauh und
mit Klavierbegleitung gesungen wurde. Eher vernehmbar schon war die
kontormäßige Stille des riesigen Billardsaals, mit dem leis knackenden
Aneinanderprallen der Bälle, den grünen, sanften und leuchtenden
Rechteckflächen unter tief hängenden, dicht umschatteten Lampen. Daraus
entfaltete sich alsbald, wie eine Handvoll Spielkarten gefächert, eine
Bilderwand der Schackgalerie, Hafis am Brunnen ... und jene Römerin
Feuerbachs mit der unbeschreiblichen Hand, und die kleinen, dämmerigen,
klösterlichen Gewölbe mit Schwinds liebevollen, bezaubernden Bildchen.
Nun, das war doch eine angenehme, eine fühlbare und eine wertvolle
Erinnerung, -- möglicherweise aber war es doch die einzige ihrer Art,
das fiel ihm aufs Herz! Nein, siehe da, wie zart, wie unirdisch, diese
rosenleichte und sanfte Alpenkette! Er selber freilich war unversehens
auf jene brüllende Terrasse voller Menschen im Isartal geraten und ins
Gedränge von langen Biertischen mit grauen Maßkrügen und gehäuften
Brotkörben, von Münchener Spießern, Studenten und Kellnerinnen, alt und
stämmig, -- Pullach hieß es, und war eine Exkneipe in Zivil am Sonntag.
Die Alpenkette schwebte unsäglich ferne darüber und lächelte abgewandt.
Da kam sie ein wenig näher, da war der Starnberger See, der Herbstpark,
an dieser Stelle brachten sie den toten König ans Land, und dort drüben
war die Bretterwand vom Wellenbade. Weiter, -- was noch? Nachtstunden,
oh schauerliche Nachtstunden! Prostgeschrei, Lieder, Anödereien,
Bierjungen und tiefe Betrunkenheit. Endlich die mitternächtigen Heimwege
in künstlicher Haltung, wenn durch die halbe Bewußtlosigkeit plötzlich
der Riesenschatten der Frauenkirche dunkelte, -- und Schlaf, Schlaf und
stumpfes, besinnungsloses Erwachen, halbes Ankleiden, schweißige Stunde
auf dem Paukboden ... »Die Faust nach links! Höher! Noch höher! Links
heraus! so! links heraus!« Und es prasselte, klirrte und klappte dumpf
von zwanzig Stellen des Schuppens, und irgendwo sprang gellend eine
Klinge ... Jetzt der erste, eisig kalte Schluck beim Frühschoppen, die
Promenade, Musik und auffliegende Taubenschwärme ums mistbesudelte
Gesims der Theatinerkirche, und ach nun jene ödesten Stunden der niemals
endenden Samstage auf dem Mensurboden -- -- entronnen, oh gottlob
endlich entronnen.

Georg schlug zum Abschluß Dostojewskis >Jüngling< auf und las mit den
Augen, innerlich unaufhaltsam weiterdenkend: Da bin ich doch auch in
Nymphenburg gewesen, das war schön, der letzte Farbentag im November,
die langen, schlichten Fronten, die großen, gemauerten Becken und der
kleine wilde Teich im Park mit der einsamen bunten Ente. Dann war Cora,
dies Wesen ... und Fliddridd, dies -- ja, dies Wesen ...

Und Annas Briefe, ach mein Gott, hätte ich ihr doch nie geantwortet ...

Und der Karneval, eine lichterdurchblitzte Wolke von Staub und
Konfettigestöber und Patschuligeruch, durchtobt von rosigen Beinen,
nackten Schultern und Rücken, Fräcken, Hemdbrüsten, Riesenhüten und
diesen entsetzlichen Pailettenkleidern, ein tanzendes Geheul, immer
rundum, rundum um ein großes Himmelbett, in das sich ein
ununterbrochener Regen von Gold- und Silberstücken senkt, während im
Hintergrunde durchdringend ein uneheliches Kindergeschrei ertönt, -- von
wem stammte dies Wort? -- Georg sah auf.

Ah, die Sonne! Der Zug fuhr mitten hinein. Georg sah ein Stück scharfen
Goldes der gewaltigen Scheibe, der offene, gläserne Wagen glühte rot
übergossen, der Maler gegenüber war farblos, doch sein Hinterhaar schön
vergoldet. Wie alles blitzte! und der Zug schien freudiger und
ruhmvoller dahinzurauschen.

Einen Augenblick versuchte Georg, im Gedanken an die Vergeudung eines
halben Lebensjahres sich großartig vorzukommen. Einen Augenblick
überlegte er, ob herzhafte Reue nicht angemessener sei. Aber das ist es
nicht wert, dachte er wiederum und ertappte sich über dem Widerspruch,
daß er die selbe Sache, auf deren Vergeudung er hatte stolz sein wollen,
der Reue nicht für wert hielt. Flugs erschien ihm die Anna; sie stand
vor einem Rosenstrauch und hielt ihm den Finger hin, an dem ein
Blutstropfen hing, worauf er mit dem Verwischen des Tropfens die ganze
Erscheinung auslöschte und bekümmert zu sich sagte: Das wird es sein,
ja, daß all dieses, dies Biertrinken, Nichtstun, Tanzen, Fechten und die
Herzensschlamperein -- daß ich all das nicht mit Willen unternommen
habe, nicht aus Lust, sondern nur, weil ich so hineingeriet, und
ebensogut hätte ich es lassen können. Gelegenheit machte es, nicht ich,
und darum kann ichs nicht bereun, noch überhaupt richtig empfinden, weil
Tat so wertlos ist wie Traum, wenn Willen und Meinung fehlten. Ja, ist
es nicht so: wenn ich nachtwandelnd vom Dachesrand stürze -- wäre das
Selbstmord? Wenn ich im Traum meinen Schlafgenossen erwürge, -- wäre das
Mord? Der Gedanke macht die Tat, -- wie eigen, da doch ebenso gewiß der
Gedanke die Tat nicht _ist_! Ja, und nun? Nun kann ich all das nur als
geschehen betrachten, und das glaube ich, das ist an allem, was je war,
das Häßlichste, wenn man hinterdrein sagen muß: Es kam so ...

Nun also eine andre Stadt, ein andres Leben. Jenes laß ich fallen, und
was ich jetzt anfange -- -- ach, du lieber Gott, warum muß man sich denn
nur über alles so entsetzlich klar sein! Zumal, setzte er
beschwichtigend hinzu, da diese Klarheit immer bloß nachträglich ist,
nichts bessert, gar nichts ändert, noch auslöscht, sondern höchstens den
schwachen Bodensatz der Erinnerung ... Er verlor das Ende des Gedankens,
indem er sich gezwungen fühlte, Maler Bogner zu fragen, ob er
Dostojewski kenne.

»Übrigens, wie spät mags sein?« setzte er hinzu.

Während der Maler seine Haltung löste, die Uhr zog und langsam sagte:
»Bald acht, -- noch eine Stunde ...«, sah Georg ihn mit einem Male im
Billardzimmer in Trassenberg und mußte sich Gewalt antun, das an allen
Gesichtsmuskeln zerrende Lachen zurückzuhalten, indem er sich erinnerte,
wie dieser Bogner sich mitunter stundenlang mit dem Billard unterhielt.
Er hatte keine Ahnung vom Spiel, wußte aber ungefähr, worauf es ankam,
und so machte er hier und da einen nachdenklichen Stoß und verbrachte
lange Minuten in tiefer Betrachtung darüber, wie das nun wohl zugegangen
sei, daß die Bälle sich nicht so gelegt hatten, wie er sich das gedacht
hatte. Dies sei fabelhaft fesselnd, hatte er gemeint. -- Georg gelang es
endlich, sich von diesem Bilde ab und zu den richtigen des Malers zu
wenden, die er in Trassenberg gemalt hatte. Ja, welch ein Glanz im
Schweigen, welch eine Riesenanspannung legendenhafter Kräfte, jedoch am
Ende geäußert in so schlichter Form, wie wenn am letzten Kraftende eines
Katarakts fünf dünne Sägen, langsam und sorgfältig, eine Fichte in
Bretter zerlegen. -- Das gelbe, traurige Bild seiner Mutter erschien, so
überströmend von ihrem ganzen Lebensleid, eingeschlossen in ungeheure
Stille, -- o diese nun ewige, betrübte Vision gelber, verschwiegener
Landschaft, in die der Frauenkopf sich hineinhob; verlangend und
ergebungsvoll ... Ja, und -- ach ja, Annas Bild, Annas, die er einen
Sommertag lang geliebt hatte und ...

Der Maler sagte, ordentlich antwortend wie stets, er habe die
Karamasoffs, Raskolnikoff und das Totenhaus gelesen.

Georg blickte insgeheim in diese hellen Augen, die vor kristallisiertem
Licht die Farbe entbehren zu können schienen. Und darin wars gewesen,
diese tiefe, grüne Wiese, die das ganze Bild zudeckte von oben bis unten
wie ein vom Himmel hängender Teppich, und davor das schwebende
maihimmelblaue Kleid mit tanzenden, geschweiften Rocksäumen, und die
schneeweißen, ausgestreckten Arme, und das flüchtige, vergehende, nach
oben fort verlangende Antlitz unter der Last von gelben Rosen, die das
Haar unsichtbar machten, -- und im Gesicht die Stille der großen Augen,
und elysische Vergessenheit im Blick ... Ich aber -- habe ich diese Anna
je gekannt? Geliebt habe ich sie nie, dachte Georg tief seufzend und
folgte mit Augen dem Kellner, der die Rulos eines nach dem andern
emporschnellen ließ, -- bis auf eines, das durchaus nicht wollte, worauf
der Kellner ab von ihm ließ, als wäre es ungezogen. Plötzlich befanden
sie sich, der verschwindenden Sonne groß ausgesetzt, in dem offenen
Glaskasten mitten in der Landschaft, durch die sie flogen.

Georg warf sich mit Heftigkeit ins Gespräch.

»Er schreibt den geschwindesten Stil in der Welt, nicht wahr?« sagte er.

Der Maler nickte.

»Es ist wie Stromschnellen,« fuhr Georg fort, »beiläufig, haben Sie je
eine Stromschnelle gesehn? -- Man wirbelt dahin, und diese Lebendigkeit,
dies tausendfach atemlose, leidenschaftliche Leben, mit dem sie samt und
sonders durcheinander taumeln, diese Figuren! Im Augenblick -- nicht
wahr -- ist man mitten darunter.«

Der Maler lächelte beipflichtend.

»Dabei,« sagte Georg, »fehlt eigentlich alle Glut, etwa jene Balzacs,
sondern alles ist auf eine Weise nüchtern und -- unabänderlich und
notwendig, die es gleichsam abkühlt. Dann sind es ja auch Russen ...«

»Mir,« sagte Bogner aus dem Fenster blickend bedächtig, »mir kam es, als
ich den Raskolnikoff las, vor, als säße ich festgebunden auf einem Stuhl
in einem dieser grausamen Zimmer ... Eine Kerze am Rand eines dünnen
Tisches, und kein Fenster. Der Kalk fällt von den Wänden, und irgendwo
raschelt Ungeziefer. Da kommen sie denn einer nach dem andern herein und
sagen ihr Leben auf.«

»So ists! Und sie haben gar nichts Gemeinsames! Jeder ist wie mit Wänden
abgeschlossen von den Andern, und sie stoßen nur aufeinander, nicht
wahr, umschlingen sich, taumeln anderswohin, und es will ein jeder nur
das Seine. Sie reißen sich ineinander herein, jetzt aus Haß, und jetzt
in Anbetung, -- und sie stoßen sich von sich, -- es sind Tataren!«

»Ja den Städten!« sagte Bogner und setzte langsam hinzu: »In den Dörfern
hausen lauter Dienende und haben tiefe Gebärden. Seltsame Kinder Gottes
...« Georg zuckte leicht zusammen, da der Maler ihn plötzlich ins Auge
faßte, und hörte ihn sagen: »Übrigens ... sagte nicht Oscar Wilde, daß
Hekuba einen so unübertrefflichen Gegenstand der Kunst abgebe, weil ihre
Leiden niemanden etwas angingen? Mir sind diese Russen immer fremd
geblieben -- Dostojewskis --, und daher war das Lesen so angenehm. Auch
moralisch steht man völlig abseit, man erstaunt wohl im Miterleben, aber
da die moralische Beteiligung fehlt, so wird man auch nicht zum
Urteilen, zum Bejahen oder Verneinen, zum Loben oder Tadeln gezwungen.«

Georg, während er Balzac erwähnte, der hingegen stets moralisch sei und
noch mehr den Leser nötige, es zu sein, hörte den Maler seinen eigenen
Worten hinzufügen, es sei im Grunde nur ein Irrtum ...

»Was?«

»Diese Fremdheit des russischen Charakters. Ursächlich sind wir nicht
anders. Die Menschen hierzuland, aus Büchern geschaut -- und wir kennen
sie ja nur aus Büchern, im Leben haben wir doch nur Freunde oder solche,
die wir verachten --, scheinen uns bloß entweder gut, oder aber -- nicht
böse meinetwegen, tätig schlecht, Böses ersinnend, und betreibend,
sondern -- nichtswürdig, unedel, niedrig denkend. So scheinen sie uns;
der Russe dagegen scheint ein Gemisch von beidem, Engel und Teufel in
eins, im Augenblick tiefedel, im Augenblick von lustmörderischer
Niedertracht, weil er nämlich jedem Reiz zu diesem und jenem nachgibt.
Wir aber --«

»Wir haben Hemmungen!« fuhr Georg hinein. Bogner lächelte.

»Das ist das neue Wort. Schlagworte passen für den Augenblick.«

»Nun, und etwas noch vor allem,« fuhr Georg eilfertig fort, um den
Anschein der Oberflächlichkeit auszutilgen, »ein Wort, das der Held
dieses Buches hier sagt: >Ich liebe es, mich vor mir selber schuldig zu
fühlen.< Ist es nicht grauenhaft? Und das ist das Russische. Aus diesem
Grunde begehen sie ihre Schändlichkeiten. Sie sind Lüstlinge der Reue,
nicht wahr? -- aber was wollten Sie sagen?«

»Ich wollte sagen ...« Während dieser Worte sah Georg neben dem
Hinterkopf des Zahlkellners in dem Spiegel der Tür die Gesichter von
zwei Damen dicht übereinander, ein ältliches, schiefes und kränkliches
unter einem schwarzen Hut, und ein sehr zartes, junges unter einem
grünen Jagdhut, und irgend etwas war rot daran. Auch Bogner blickte
dorthin, an Georg vorüber, der selber stracks unfrei geworden war, sich
genötigt fühlte, im Stuhl aufzusitzen, unauffällig die Weste abzuklopfen
und sie straff zu ziehn. Er hörte weibliche Stimmen hinter sich, der
Spiegel war jetzt leer, -- warum kommen sie nicht vorüber? Sie schienen
in der Hälfte des Wagens hinter ihm sich niedergelassen zu haben. Georg
sah den Blick des Malers von ihnen ab und zum Fenster hinaus gleiten,
während er sagte:

»Ich wollte sagen, daß all das auch in uns sei als Keim, als Trieb, als
Gedanke; wir können ja nichts denken, wir können immer nur wünschen oder
befürchten, und so sind jene Art Russen Zerrbilder von uns, die das
Unsrige übertrieben darstellen, -- doch eigentlich nicht unwahrhaftig,«
schloß er.

Nein, wollte Georg sagen und widersprechen in der Erinnerung an seine
eigene Überlegung vorhin über den Unterschied von Tat und Gedanke, aber
da hörte er den Maler halblaut und wie zu sich selber sagen:

»Die Menschen sind alle gut. Es will sich nur niemand hindern lassen.«

Das Wort fuhr durch Georg hin mit großem Erschrecken, wie wenn ein Tier
im Weg aufspringt und die Augen hineinreißt in seine vielgliedrige
Flucht. Indem brauste der Zug, lärmte, die Bremsen schrien überlaut, und
sie hielten gleich darauf in einem kleinen, offenen Bahnhof.

»Ungütig sind sie, Bogner,« sagte Georg entschlossen. »Sie tun, diese
Russen, das Edle nicht aus Güte -- denn dann würden sie das Gemeine
verachten und lassen -- sondern weil es sie gerade dazu treibt, es zu
tun, oder auch, um übles Tun wettzumachen. Güte aber,« setzte er
triumphierend hinzu, »Güte ist der Orgelpunkt der Kultur.«

Hiernach gab die Leistung seiner Rede ihm die Berechtigung, sich
umzuwenden, und er traf mit seinen Augen voll gegen das jüngere Gesicht
-- sie saß in der gleichen Richtung wie er, nur einen Tisch zurück, an
der andern Wagenseite -- in dessen ungemein schönen und klaren Augen er
las, daß sie ihn erkannte, -- vermutlich nach einer seiner
Photographien. Zudem hatte er nun die, aus Grün und dunklem Rot
gemischte Aureole von Haar und grünen Falten des über die Stirne
hochgeschobenen Schleiers gesehn, die ihm zuvor rätselhaft erschienen
war. -- Jetzt sich erinnernd, daß er ja einen Spiegel im Wagenfenster
neben sich hatte, vollführte er einige Manöver, um darzutun, daß er
unbequem säße, drehte seinen Stuhl gegen das Fenster und hatte zuerst
den ärgerlichen Anblick seiner eigenen Person im Glase, dieweil er noch
immer die verwünschte schwarze Wickelmütze über der Wundenkompresse auf
dem Kopfe trug. Alsbald aber erschien in der blassen, von Abendhimmel
und dämmriger Landschaft verworrenen Spiegelung der Hauch eines
Widerscheins von Wangen, Hut und grünseidener Bluse, Bruchstücke, die
sich hin und wieder lieblich veränderten, schwebten, hinter dunklem
Wald, hinter einem Hause verschwanden, wieder näher kamen und greifbar
wurden.

Schöne Frauen, dachte Georg, ziehen mich doch eigentümlich an, -- aber
Cora -- trug sie nicht auch einen grünen Schleier -- grüne Schleier sind
selten --, als ich sie das erste Mal sah? Gute Cora!

Es dämmerte tiefer draußen, die Felder lagen schon schwarz; der
schnurgerade, schwarze Himmelsrand war dunkel gerötet, schwarze Dächer,
ein spitzer Turm und Baumkuppeln ragten in sanftes Gelb, und darin
schwammen drei kleine, rosige Wolken mit Silberrändern und holden
Schatten still und emsig hintereinander her. Gerade wollte Georg es dem
Maler zeigen -- wie Legendenengel auf der Reise fand ers --, als im
Wagen die Lampen aufflammten, und statt der Dämmerung wurde nun draußen
das ganze, hellerleuchtete Wageninnere sichtbar, die Fenster, Tische,
der wartende Kellner unter der Gasflamme und die beiden Damen, die
einander gegenüber saßen und Kaffeetassen und Kännchen vor sich stehen
hatten. Allmählich jedoch wurden über dem stark leuchtenden Grün der
Bluse hinter dem durchsichtig gewordenen Antlitz die drei Abendwölkchen
wieder sichtbar, die sich langsam von ihm entfernten.

Georg blickte auf und sah in diesem Augenblick die junge Dame
herantreten. Sie errötete leicht, nickte und sagte zu Bogner, er möchte
verzeihen, aber sie hätten von drüben den Namen Bogner gehört, und da
hätten ihre Mutter und sie sich gestritten, ob er der Sohn von Charlotte
Bogner und dem Sanitätsrat wäre. »Nun will ich wissen, ob ich recht
habe,« sagte sie ruhig, während im Hintergrund ihre Mutter sich in
Qualen der Beschämung und Entrüstung zu winden schien.

Der Maler sagte, er wäre es, glaubte sogar, die Mutter des gnädigen
Fräuleins als eine Freundin seiner Mutter erkannt zu haben.

»Und mich?« sagte sie fest und mit Laune, »wollen Sie mich nie haben
Klavier spielen hören?«

Nun lachte der Maler und versicherte wie ein Weltmann, er erinnere sich
an alles und würde untröstlich sein, wenn er nicht der Mutter des
gnädigen Fräuleins vorgestellt würde.

»Frau, nicht Fräulein,« sagte sie freundlich, nickte Georg zu und ging
mit Bogner hinüber.

Frau, nicht Fräulein? dachte Georg, sich wieder hinsetzend, verwundert.
Das werde ich nie im Leben glauben. Hierauf nahm er, sich verpflichtet
fühlend, irgend etwas zu tun, Coras zwei letzte Briefe hervor, blätterte
die, mit etwas kindlicher Lateinschrift auf mattlila Papier
geschriebenen unlustig auf und zu, nachdenklich, weshalb er den letzten
unbeantwortet gelassen hatte. Das Häuflein lila Papier zusammenraffend
und wieder wegsteckend, dachte er dann: Solche Briefe -- oder solch ein
Menschengewächs -- sind sie nun eigentlich abscheulich oder nicht? Ich
glaube, unsereiner, ja die meisten Menschen überhaupt, werden durch
Erziehung, schon von Vorfahren her, auf einen Grund von Menschentum
gestellt, wo man vieles gar nicht empfindet; einen Grund, oder besser,
in eine Luft, wo Gemeines nicht gemein, Gutes nicht gut ist, sondern nur
eine gewisse Lässigkeit herrscht, die sich alles erlaubt und nichts für
bedeutend hält. Eigentlich -- ja nun! Wer hat das Wort eigentlich
erfunden? Ein Teufelsmensch, denn dies ist das Wort des Nicht-tuns und
doch nicht Lassens, das Wort, in dem eigentlich alles steckt.
Eigentlich, sagt man, sollte ich das ja nicht sagen, -- und dann sagt
mans. Ja, also: eigentlich müßte ich dies alles greulich finden, aber
ich -- ja, ich tue es auch eigentlich, bloß ... es ist zu dumm! Wie
entsetzlich schamlos doch eine Frau geworden ist, sobald sie nur vier
Jahr verheiratet war. Die Ehe ist so eine Art Sinekure für seelische
Schamlosigkeit ... dachte er noch und wandte sich leicht um, hörte sich
von Bogner angerufen, ging hin, wurde vorgestellt und konnte sich nun
vergewissern lassen, daß die Tochter ihn wirklich nach einer
Photographie erkannt hatte. Die Mutter hörte er Frau Tregiorni nennen,
den Namen der Tochter schien der Maler selbst nicht zu wissen.


                             Fahrtgespräche

Sie hatte die zarte Schönheit der Frauen mit rotem Haar, einen
unberührten Mund von der schönsten Form mit weicher Unter-, voll
gewölbter Oberlippe und herabgesenkten Winkeln. Das Paar der
dunkelbraunen Brauen schwebte wie ein flügelhebender Sperber über Augen
von undeutlicher Färbung und großer Klarheit. Georg war entzückt, und
obendrein stellte sich nun heraus, daß sie schon von ihm gehört hatte,
daß sie Magda Chalybäus kenne und eine Freundin von Renate Montfort sei.
Die Anna nannte sie eine entzückende Libelle, -- warum, wußte sie nicht
zu sagen, aber Georg erklärte es ihr gleich. Deshalb nämlich, weil Annas
innere Lebendigkeit, obgleich sie selber sich stille verhielt, ein
glänzendes Zittern um sie wöbe gleich dem unsichtbaren Schwirren der
vielen Flügel, wenn der Libellenleib unbeweglich in der Sommerluft
schwebt, -- ein beflügeltes Wesen sei sie, o ja. -- Dies fand sie so
hübsch, daß sie es flugs ihrer Mutter mitteilen mußte, die es auch
hübsch fand und nunmehr begann, Georg alles zu erzählen. Nämlich, daß
sie aus Graz kamen, wo sie Verwandte ihres verstorbenen Mannes besucht
hätten, der in Altenrepen Kapellmeister gewesen sei, und sie selber war
am Theater Sängerin gewesen, übrigens gebürtige Altenreperin und aus
sehr guter Familie, während ihr Mann italienischer Österreicher aus dem
Görzischen gewesen war. -- Ihr Gesicht war ganz gelb und wirklich so
schief wie der abnehmende Mond; sie fing nicht einen einzigen Satz an,
ohne einen hülflosen, um Erlaubnis oder Beistimmung flehenden Blick auf
ihre Tochter zu werfen. Diese aber schnitt ihr nun sachte aber bestimmt
den Faden ab und sagte:

»Ich selber spiele Klavier, wie Sie gehört haben, und war beinahe ein
Wunderkind; es ging aber vorüber. Wir waren also keine zufällige
Familie.«

Georg stutzte, zauderte, riet in ihren Augen und fragte endlich: »Sind
Sie Sherlock Holmes?« Und da sie lachend verneinte: »Aber Sie zitieren
doch ein Wort Dostojewskis aus seiner Vorrede zum >Jüngling<, den ich da
drüben liegen habe?«

Das hätte sie erstens nicht gesehn, und zweitens hätte sie den Ausdruck
>zufällige Familie< ganz selbständig gemacht, -- sie möchte aber nun
wissen, was er bedeute.

Georg holte den Dostojewski, las nach und meinte: »Er spricht von
russischen Familien, und ich verstehe kein Wort davon.«

Sie sah mit in das Buch, las ein wenig und sagte, sie verstünde es auch
nicht. Georg, der es nun selber erklären sollte, fand keine Worte, fing
aber schließlich an: »Ich kenne eigentlich gar keine Familien, nur in
Altenrepen eine, die mir allerdings sehr zufällig vorkommt. Ich war dort
in Pension, der Vater ist Oberlehrer, die Mutter stammt aus ganz kleinen
Verhältnissen, ein Sohn ist Komponist ...«

»Ach, Benno Prager,« meinte sie, »warum haben Sie das nicht gleich
gesagt! Das ist eine zufällige Familie?«

»Jedenfalls zankten sie sich immer. Also Sie kennen den guten Benno?
Ach, dann sind Sie wohl die dritte von den drei edlen Frauen, die zur
Tür hereinkamen, nachdem er zwei Stunden im Dunkeln gewartet ...«

»Das scheine ich zu sein.«

»Nun kommen wir der Sache näher,« meinte Georg. »Also eine Familie ohne
Bindungen, nicht wahr, ohne Zusammenhang, -- aber ich glaube, die giebt
es erst seit kurzem und gabs in früheren Zeiten nicht, wie, Bogner?«

Bogner sagte, er seinerseits kenne nur holländische Familien, die auf
alten Bildern dargestellt wären. Darauf seien eine Menge durchweg
blasser oder durchweg rötlicher Gesichter zu sehn, die den Beschauer
sämtlich anblicken. Links sitze der Vater, rechts die Mutter, und um
einen Tisch zwischen ihnen seien viele Söhne und Töchter verteilt, alle
mit dem gleichen Mühlsteinkragen über den schwarzbekleideten Schultern
und alle mit dem gleichen Ausdruck in den dunklen Beerenaugen. Nein, das
seien schlechterdings keine zufälligen Familien, schloß er.

»Ich glaube,« sagte die Tochter -- Georg, der sie hatte Ulle nennen
hören, erwog, ob sie wohl Ulrike heiße, was ihm paßlicher schien --,
»ich glaube, es war schöner, als es so aussieht, wie Sie es malen. Der
Vater war das Oberhaupt, und die Familie bildete eine wohlgeordnete
Gruppe der Ehrfurcht umher. So sollte es immer sein.«

»Wenn das Oberhaupt nur danach wäre,« ließ Georg einfließen, während sie
unbeirrt weitersprach:

»Er hatte sie ja gegründet, widmete ihr sein Leben, sorgte für sie und
war stets ein Vorbild in Sitte und auch in Gesinnung.«

»Wenn er aber nun brüllt, tobt, ohrfeigt und die Türen knallt?«

»Wer tut denn so etwas?« fragte sie spitz.

»Bennos Vater. Dabei ist er ein Gelehrter und ziemlich gebildet, nicht
wahr? Im ganzen, scheint mir, ist er nur auf lärmigere Weise Tyrann als
Ihr vorbildliches Oberhaupt. Und zudem, scheint mir, hatte Ihr Oberhaupt
mehr Ehrfurcht vor seiner Frau, vor der Mutter seiner Kinder und dem
Vorstand des Hauswesens, wie er andrerseits ihr Eheherr war, wie es
hieß, dem sie Gehorsam schuldete, wie zuvor ihrem Vater. Es war
jedenfalls ziemlich beschränkt.«

»Ach, Ulle, und so kalt kommt es mir vor!« klagte die Mutter ängstlich
und schaudernd. »Diese gräßlichen Mühlsteinkragen! Warum heirateten sie
denn überhaupt?«

»Es war nicht kalt, Mutter, nicht kälter als heute, im Gegenteil, denn
es herrschte eben die Gemeinsamkeit, von der wir sprachen. Es war eine
Gemeinde, es gab Zucht und Gottesfurcht. Heute heiraten die Menschen,
weil sie sich einbilden, sie hätten sich lieb, und weil es gerade so
paßt, diesmal, denn jeder hat schon früher diesen oder diese liebgehabt,
und da paßte es nicht und wurde nichts daraus, und das ist eben das
Zufällige. Nachher sitzen sie dann wie eine Lerche und eine Krähe auf
derselben Stange.« Errötend, als habe sie in irgendeinem Betracht zu
deutlich gesprochen, fuhr sie eilfertig fort: »Vielleicht liegt es an
der Religion, die heute auch fehlt, und die damals alles war,
Weltanschauung und --«

»Ach, Ulle, die Religion! Und dein Papa war solch ein frommer --«

»Liebste Mama, du gehst alle vierzehn Tage einmal zur Messe, Ostern zum
Abendmahl und zur Beichte, und du bist noch katholisch obendrein. Früher
war die Religion das goldne Seil, an dem jeder Tag ablief, nichts
geschah ohne Gebet vorher, das Kleinste und das Größte war von Gott
abhängig, -- ist das kein Unterschied?«

Georg sagte: »Um es ganz einfach darzustellen: Adel -- nicht wahr? --
heiratete Adel und Handwerk Handwerk. Ferner hatte der Mann die
Kenntnisse, war der Ernährer und galt deshalb als überlegen. Ferner
wußte die Frau, die vom selben Stande war, was dazu nötig war, um seinen
Beruf zu verstehn, während eine Kaufmannstochter, die einen Gelehrten
heiratet, nur aus großer Liebe ein blindes Verständnis schöpfen kann.
Ferner hatte auch sie ihre Überlegenheit, im Hauswesen, in der Erziehung
der Kinder. So waren sie in allen gemeinsamen Angelegenheiten -- nicht
wahr? -- einander gleich; wenn er überragte, so tat ers für sich allein,
außer dem Hause gleichsam.«

Frau Tregiorni bestritt alles, denn alles sei heute genau so! Wenn sie
an ihre Ehe denke, du lieber Gott! -- und Georg pries sie glücklich.

»Ja, und warum brüllt er denn so?« erkundigte sie sich zaghaft nach
Bennos Vater.

»Das fragen wir uns ja auch, gnädigste Frau. Nun, Ursachen gab es
natürlich. Schlechte Schulzeugnisse, Bennos ewige Verträumtheit und
Vergeßlichkeit, dann vor allem das Essen, nicht wahr? und die Krankheit
seiner Frau, -- ja, nun ist sie ja tot.«

»Ist sie tot? Nein, so was lebt nicht!« beteuerte die alte Dame
unschuldig, während Ulrika: »Ach! also doch!« sagte.

»Vor acht Tagen bekam ich die Anzeige,« sagte Georg. »Mich wundert, was
der Alte nun sagen wird; bisher war er überzeugt, daß sie nur so tat.
Sehen Sie: Bennos Vater stammte aus nicht bessern Verhältnissen als sie,
hatte aber studiert, war ein Gelehrter und vermutlich der Stolz der
Familie gewesen, der es später dann zu nichts Rechtem brachte. Sie war,
soviel ich weiß, seine _filia hospitalis_ gewesen, in die er sich
verliebte, nicht wahr? Nun dazu der gute Benno, dies Kuckucksei, mit
seinem Komponieren. Keiner konnte ihn begreifen, keiner konnte ja vom
andern begreifen, was er war, noch die Gegend schätzen, aus der er kam.
So fehlte die Zuneigung.«

Das verstehe sie nicht, erklärte Frau Tregiorni.

»Die pflichtmäßige Zuneigung, gnädige Frau. Ehen wurden früher
geschlossen, weil eine Familie zu gründen war. Es mußte alles stimmen,
Stand, beiderseitiges Vermögen, nicht wahr? und es heiratete nicht ohne
weiteres ein Mann ein Mädchen, sondern Familie in Familie, Anhang in
Anhang. Es konnte nicht vorkommen, daß der Mann die Verwandten seiner
Frau mißachtete, oder umgekehrt, und es schien jegliche Grundlage des
Glücks ausgeschlossen bei einer Ehe, die mit der geringsten
Gegensätzlichkeit begann, irgendwelcher Feindschaft womöglich, gar nicht
zu reden von väterlichem Fluch.« Mit dem Gedanken an Cora und ihren Mann
sprach er weiter: »Es mußte ein Akkord sein, nicht wahr, von vielfältig
abgestimmten Noten. Und dann eben, mit dem Augenblick des Eheschlusses,
begann das Eingeborene zu wirken, nämlich diese pflichtmäßige Zuneigung
der Gatten; des Mannes zur Mutter der kommenden Kinder, der Frau zum
Eheherrn, auf den sie sich verließ. Pflichtmäßige Zuneigung, die sich
ein Leben lang durchhalten ließ -- vermöge natürlich der des Herzens --
und die sich spontan auf die Kinder übertrug als Ehrfurcht, vor dem
väterlichen Vorbilde, dem elterlichen Beispiel -- nicht wahr -- eines
Wandels in Einmütigkeit; Zuneigung um des Bundes willen.«

Ulrika warf den Kopf auf, erklärte, er habe gut gesprochen, und es
beweise gar nichts. »Benno Prager muß da unter den Seinen in der
Verbannung von sich selber leben, und früher wurden die jüngeren Söhne
aus dem Hause gejagt, wenn sie nicht freiwillig gingen, und konnten mit
dem Schwert ihr Brot verdienen --«

»Beim Adel, gewiß, und es hatte wirtschaftliche Ursachen, und es
schadete auch gar nichts, und außerdem wären wir ja froh, wenn Benno
fortgejagt wäre, anstatt daß er nun in die Bank gehen muß.«

Sie blickte ihn an, lächelte und meinte, er habe freilich recht, sie
möchte es nur nicht leiden, wenn von früher und heute geredet würde, als
wäre die jetzige Zeit verdorben. »Du wirst unruhig, Mama, wollen wir
gehn?«

Die Mutter, die nach der Uhr gesehn hatte, versicherte, es sei hohe
Zeit, nur noch zwanzig Minuten bis zur Ankunft. So verabschiedeten sich
die Damen, auch Bogner und Georg suchten ihr Abteil auf, wo sie allein
waren.


                                 Abteil

Georg, in der tiefen Dämmerung des von oben matt erhellten, dunkelroten
Raumes sich in die Ecke neben der Gangtür niederlassend, betrachtete auf
dem gesenkten Gesicht des Malers, der unter der Lampe stand, die
Schattenschluchten und Lichtflächen, während er seine Pfeife aus dem
Gummibeutel nachdenksam stopfte und in Brand setzte, worauf er eine
Fensterecke Georg gegenüber einnahm. Der blasse Egon, sein kleiner
Diener, erschien, in Zivil mit seinem schwarzen Haartuff in der Stirn
wie ein Sekundaner aussehend, um höflich den Maler zu fragen, ob er am
Bahnhof irgend etwas befehle, doch befahl er nichts, saß und rauchte und
sog mit einem wunderlichen Ausdruck des Behagens am Kinn. Nach einer
Weile blickte er Georg ernsthaft an, und schließlich sagte er etwas, zu
Georgs Staunen ganz aus eigenem Antrieb; er sagte:

»Ein schönes Mädchen!«

Und:

»Ein kluges Mädchen.«

»Sie ist verheiratet,« sagte Georg.

»Keine Spur,« sagte Bogner, »das sieht man doch.«

»Mit einem Marineoffizier,« trumpfte Georg auf.

Woher er das wisse.

»Sie hatte vergoldete Ankerknöpfe in den Ärmelaufschlägen.«

Da freute sich der Maler und meinte, er möchte Georgs Augen haben.

»Nun sagen Sie mir eins,« platzte Georg unvermutet heraus, »können Sie
mir das sagen: wann fühlen die Menschen eigentlich? Da haben wir
unendlich tiefe Dinge geredet. Wir haben gedacht, nicht wahr. Sie hat
gedacht, ich habe gedacht, Sie haben nichts gesagt, aber Sie haben auch
gedacht, wir denken alle. Fortwährend denken wir. Den ganzen Tag ist der
Mensch beschäftigt, im Beruf oder mit Zeitunglesen und so. Wann fühlen
die Menschen? Vielleicht im Theater? Da kritisieren sie. Im Konzert?
beim Spazierengehn? vor dem Einschlafen? Ich glaube, sie kritisieren
auch da noch. Am Ende fühlen sie nur, wenn sie in Büchern von den
Gefühlen andrer Menschen lesen. Oder tun sie's, wenn sie unglücklich
sind?«

Der Maler zog seinen kleinen Bleistift aus der Westentasche und rührte
damit in seiner Pfeife wie in einem Milchtopf; dann ließ er etwas Asche
in den Aschenbecher fließen.

»Ich weiß es nicht,« bekannte er schließlich.

»Sie wissen gar nichts!« rief Georg strahlend, »Bogner, Sie sind ein
unbewußter Mensch! Ich möchte das auch können!«

Der Maler schob die Hand in die breite Lederschlinge, die neben ihm
hing, und lachte freundlich mit. Georg holte Coras Briefe wieder hervor,
um dem Maler eine Stelle zu zeigen. Als er sie gefunden hatte und
aufsah, begegnete er Bogners Blick, der aus den großen Augenhöhlen --
wie äffisch und vergrämt sie auf einmal aussahen -- unbestimmt auf ihn
gerichtet schien, so daß er zögerte, etwas zu sagen. Bogner sah wieder
fort und zum Fenster hinaus in das Dunkel. Sein Gesicht wurde immer
schwerer und ernster, während Georg das Getöse des Zuges plötzlich
wieder wahrnahm, das gleichmäßig wiegende Stoßen und Schnaufen. Auf
einmal hörte er den Maler sagen:

»Ich bewundere Sie, Georg! Sie haben eine so unerhörte Munterkeit und
Willigkeit der Jugend, eine so wunderbare Teilnahme für jeden Menschen,
daß Sie sofort bereit sind, sich in jede Unterhaltung über jeden
Gegenstand zu werfen, nur um mit dem Andern ins Gemenge zu geraten. Ich
kann da gar nicht mitkommen. Sie denken so rapid. Sie sind eine
Stromschnelle.«

Er sah ihn an und lächelte kostbar. Georg sagte: »Da hab ichs!«

»Wie machen Sie das eigentlich?« fuhr der Maler ganz ernst fort. »Ich
glaube, Sie lesen in drei oder fünf Büchern von russischen Menschen, und
schon haben Sie >den< Russen im Glashafen und lassen ihn steigen und
sinken wie ein kartesianisches Männchen. Und --«

»Hab ichs denn falsch gemacht?« unterbrach ihn Georg, nicht durchaus
geschmeichelt.

»Und es scheint ganz unwiderleglich, wollte ich sagen. Ich kann da gar
nichts bestreiten. Wer kann all das wissen?«

Wieder verstummend, blickte er zum Fenster hinaus, fing aber nach einer
Weile abermals an:

»Ja, eins fiel mir noch ein, -- während Sie da über die zufällige
Familie redeten. Ich sagte Ihnen ja, daß meiner Meinung nach wir
Menschen nicht denken, sondern wünschen oder befürchten. Und nun nehmen
Sie einmal an, da ist ein Mensch, der immerfort üble Dinge denkt -- nur
denkt, wie Sie es meinen --, also sagen wir: diebisch oder lüstern;
irgendwie Boshaftes. Werden diese Gedanken sich niemals und in nichts
äußern? Sich nie zu einer Handlung kristallisieren, oder jedenfalls
einen Niederschlag finden in seinem Gehaben, seinem Verhalten gegen
Andre? Oder stellen Sie sich einen guten Mann vor, einen, der nur
Rechtliches denkt und Gütiges. Sollte daraus niemals eine gute Tat, die
dann fortwirkt, sollte kein schönes und edles Gebahren daraus
hervorgehn?«

»Das scheint mir so zu sein,« sagte Georg, sich vorbeugend, um ihn
besser verstehen zu können.

»Ja, und nun der Russe. Vielleicht ist er weniger zivilisiert, läßt sich
eher -- unter der Brücke des Gedankens gleichsam -- vom Gefühl zur
Handlung hinreißen, -- mag alles sein, aber ...«

Er schwieg.

Georg saß lange Zeit in Gedanken verwickelt, die zu unbestimmt waren, um
sich fassen zu lassen. Da hörte er wieder die Stimme Bogners und fand
sich ernsthaft angesehn, während der Maler sagte:

»Und Sie, Prinz, Sie denken viel ...«

»Ja, gewiß ...« sagte Georg zögernd. »Ja -- und --?«

»Ja, und gesetzt, Sie dächten wirklich nur, immer so, wie Sie's meinten
--«

»Ich meine,« fiel Georg ein, »wenn ich ein Mensch mit lebhafter
Phantasie bin und mit beweglichen Gedanken, so muß ich eben hundert
Dinge denken, einfach assoziativ, nicht wahr? weil ein Gedankenbild das
andre hervorruft, ohne jedoch mich ernstlich zu beschäftigen, mein Wesen
zu berühren.«

»Ja, jawohl. Ich meinte eben auch nur das Denken, das viele Denken.
Jener Übeldenkende, von dem wir sprachen, unterläßt das Gute vielleicht.
Und wer viel denkt, was unterläßt vielleicht der?«

Georg, die Antwort »das Handeln« nur mit den Augen sagend, wollte eifrig
widersprechen mit der Behauptung, daß eben die Gedankenarbeit die
Vorbereitung und Schule des Handelns sein müsse, allein Bogner ließ ihn
nicht zu Wort kommen.

»Und jetzt,« sagte er, »sehen Sie wohl, jetzt denken Sie nicht, was ich
gesagt habe, sondern nur, wie Sie mich widerlegen können, und daß Sie
mich widerlegen müssen. Denken Sie also ohne Wunsch noch Befürchtung?
Denken Sie, sagen wir, ungefärbt? in Reinkontur?« Er lachte leicht vor
sich hin. »Aber lassen wirs doch, es ist ja wunderschön. Da kommt so ein
schönes Mädchen, und, gleichviel wo's ist, im Eisenbahnwaggon, im
Kaufladen, im Salon, im Lift, Sie werfen Ihre ganze Seele in die
Wagschale, damit das schöne Mädchen die ihre hervorholt und
dagegensetzt. Ich möchte das --«

-- auch können, glaubte Georg zu verstehn, doch kreischten in diesem
Augenblick die Bremsen, der Zug, laut brausend, fiel in langsamere
Fahrt, immer langsamere, und am Ende blieben sie stehn. Der Maler
wischte an der beschlagenen Scheibe, sah in die Dämmrung hinaus und
sagte: »Warne.« Es war die letzte kleine Station.

Georg, seine Briefe vom Sitz neben sich aufnehmend, hörte den Maler in
die Stille hinein plötzlich mit beinahe dröhnender Stimme sagen: »Der
Teufel hole alles mattlila Briefpapier!«

»Ja, warum denn?« fragte Georg erschrocken.

»Ich kanns nicht leiden,« versetzte er. Und über ein kleines wiederholte
er: »Ich kanns nicht leiden!«

»Dies Briefpapier,« sagte Georg, »ist von Ihrer Schwägerin Corinna, und
da Sie sie nicht kennen, dachte ich, nicht wahr, eine Stelle daraus
würde Sie interessieren. Es ist von ihrem Vater die Rede. Nein, sehen
Sie mal --« Georgs Blick war auf eine Seite in dem andern Brief gefallen
-- »sie hat manchmal eine nicht unwitzige Art, Situationen
wiederzugeben. Der Umzug, schreibt sie, war fürchterlich. Jetzt sitze
ich zwischen lauter Scherben, mehrere Fensterscheiben, die große
Marmorplatte vom Waschtisch, die halbe venezianische Krone, Glaskannen
liegen in Trümmern um mich herum. Und ich dazwischen mit dem
vernichtenden Blick -- wie in Karthago. Und meine goldene Hutnadel aus
Brüssel und der weiße Gürtel mit dem Emailschloß -- weg -- verschwunden!
Jetzt wird sich wohl die Braut von meinem Ziehkerl damit schmücken. Ich
heule schon beinah.«

Georg reichte nun den Brief, den er Bogner zeigen wollte, ihm hinüber,
die Stelle mit dem Finger bezeichnend; er selber las ein wenig im
andern.

   Ich bin sehr müde, lieber Georg ...

   Für jetzt soll Ihnen verziehen sein um Ihres heutigen Briefes
   willen. >Weil ich Sie brauche.< Dies ist schön.

   Ich möchte lieber auf einem weichen Sofa sitzen und mich von
   jemand streicheln lassen. Lieber Prinz, behalten Sie mich lieb.

Georg war hocherfreut über ihre Geschicklichkeit im Wechsel der Anreden.
-- Nun kam die Stelle vom Umzug. Die nun folgende letzte Seite des
Briefes war ein Gewirr; von allen vier Rändern nach der Mitte zu und
kreuz und quer war der Bogen beschrieben, nebst zwei großen
Tintenklecksen. Am obern Rande fing Georg zu seinem Vergnügen noch
einmal zu lesen an:

   Herrgott, was hab ich da gemacht! Also dies schrieb ich Sonntag
   vor acht Tagen, als ich mich grad mit Herbert gezankt hatte. Sie
   sollten es eigentlich nicht haben --

Aha, eigentlich! dachte Georg.

   -- ich hatte den Bogen in einem Papierkasten aufgehoben und nun
   verkehrt herum hervorgeholt. Und auch grad an Sie hab ich darauf
   schreiben müssen -- also, ich schreibe den ganzen Brief deshalb
   nicht noch mal ab -- hab auch keine Zeit dazu. Sie kriegen
   ihn.

Am untern Rande stand:

   Ich bin totmüde, heut geht alles verquer. Adieu! Trösten Sie mich
   bald wieder. Unsre Wohnung ist aber fein. Extra ein Plätzchen,
   elektrisch beleuchtet, wo Sie vor mir knieen können, wenn Sie
   einmal kommen. Ihre müde Cora.

Am Rande rechts stand:

   Indem fallen mir noch diese Kleckse aufs Papier. Soll es doch
   nicht sein? _Tant pis_ -- ich tu's doch.

Am Rande links:

   Nun finden Sie sich zurecht, wie Sie können.

Georg drehte das Blatt herum und las die von unten nach oben -- Sonntag
vor acht Tagen -- geschriebenen Zeilen:

   In später, stiller Nacht sitze ich allein und lese Ihre Gedichte
   noch einmal. Alle. Was ist es, das aus ihnen zu mir spricht? Ist
   es ein künstliches Hineinsteigern in Gefühle, die in Wirklichkeit
   nicht da sind? Sind es nur die Sinne? Ist es die wahre
   Leidenschaft, die echte, große, erträumte? Ich kenne Sie nicht.
   Kennen Sie mich? Ich bin nicht immer leicht.

   Dies schrieb ich in der Sonntagsnacht und weiß nicht, ob ich es
   Ihnen je vor Augen kommen lassen werde. Eben schlägt es zwölf.
   Denken Sie an mich? >Sehen wir im Traum -- wieder Stern bei Stern
   ...< Gute Nacht.

Georg, die Briefe samt dem, vom Maler ihm stillschweigend
zurückgereichten, zusammennehmend, war plötzlich gerührt. -- Du armes
Kind, dachte er, >die echte, große, erträumte Leidenschaft?< Mußt du
noch davon träumen? Warum hast du denn geheiratet? >Denken Sie an mich?<
Das klang doch so rührend! Und da war es aus, ich bekam es mit der Angst
und schrieb keinen Brief weiter. Ja, das bist nun du, Cora. Du lügst
nicht, oh, niemals lügst du, und das Sonntag nacht Geschriebene und der
unbedacht hervorgeholte Bogen und die Kleckse, das ist alles so gewesen,
obwohl man schwören möchte, daß es nicht so war. --

Auf einmal ward ihm heiß. >Ich bin nicht immer leicht.< Bei dieser
Stelle ist mir immer heiß geworden, wenn ich sie wieder las, empfand er.
>Ich kenne Sie nicht.< Ja, das ist die problematische Stelle, wo die
wirkliche Leidenschaft beginnen möchte -- oder die eingebildete
aufhören. Als ich Anna das erste Mal küßte, sagte eine unbezweifelbare
Stimme in mir -- aber ich überhörte sie! --: Ich kenne dich ja gar
nicht! -- So sind wir nun. Große, geträumte Leidenschaft! Jede träumt
davon, und alle heiraten. Sei du in Beuglenburg, ich in Altenrepen! Oh
nein, für eine wirkliche Leidenschaft warst du doch viel zu amüsant!
Amüsante Frauen liebt man nicht, das würde einen um das ganze Vergnügen
bringen. Oh, wie muß doch so manche geborene Kokotte im seichten
Gewässer der ehelichen Niederungen verkümmern! Ich bin so spitzfindig
auf einmal! Damals aber sollte ich Anna vergessen, sie wollte es ja!
Bogner mit seinem lila Briefpapier hat wieder einmal alles gewußt. Wenn
ich nun zum Beispiel an den letzten Nachmittag denke ... Mein dumpfer
Schädel, -- der Verband hitzte und drückte, und dann hatte ich Annas
Scheidebrief wieder hervorgeholt, -- mir war so elend! Wir fahren ja
wieder, dachte er, sich unterbrechend, da er das langsame Rollen des
Zuges hörte und das Vorbeiziehen von Lichtern in der Dämmerung draußen
sah. Die Luft war ganz violett, dahinter ferne der Himmel leuchtend
grün.

Briefe, dachte er, sollte man um so eher verbrennen, je begieriger man
sie las. Der Duft ist hin, und sie später wieder lesen, das ist wie an
der Schale von gegessenen Früchten kauen.

Und übrigens weiß ich jetzt, was an dem Nachmittag in ihr vorging, als
ich von Anna sprach. Es gelang ihr, das, was sie an Zuneigung für mich
besaß, mit Hülfe des Unterschiedes im Alter in Mitleid und
Mütterlichkeit umzusetzen. Einen Augenblick erst schien mirs doch, als
sei sie hülflos geworden. Ja, nun sehe ich sie viel enttäuschter; damals
beherrschte mein eignes Schicksal mich ja ganz, -- als sie aufgestanden
war und am Fenster lehnte, im Laternenlicht, das von draußen
hereinstrahlte, ganz weiß im Gesicht unter dem riesigen schwarzen Hut.
Vielleicht hatte sie doch viel von mir erhofft. Prinz ist man ... Wie
mag wohl ihr Mann sein? Von unerschütterlicher Strebsamkeit nannte ihn
Bogner. Solche Frauen haben solche Männer. Und einen Augenblick stand
sie da, ihre bescheidene kleine Seele in der Hand, das bißchen echter
und verkümmerter Sehnsucht.

Und dann auf einmal sah ich sie ganz verschwommen in der Dunkelheit, und
sie stand bei mir, ihr Gesicht war nah über mir, der Hutschatten
verdeckte das Fenster ganz. Ich nahm ihre Hände ... Warum wohl? Es kam
so ...

Und dann küßte sie schonend meine Stirn, ja, und dann war sie
hingeschmolzen in Tröstlichkeit und Mitwehmut, und die erlaubten ihr,
auf meinen Knieen zu sitzen, und mir, sie zu halten, und ihr Kopf lag an
meiner Schulter, ein Umstand, der zur Folge hatte, daß ich sie küßte,
und wie wir so dasaßen, war irgend etwas uns gemeinsam.

Und dann kamen die Briefe, und aus irgendwelchem Gefühlskeim stiegen
diese Gedichte auf, groß einher wandelnd wie Seifenblasen,
Regenbogenkugeln mit Stickstoff gefüllt und deshalb mit so
majestätischer Schwere durch die reineren Lüfte segelnd, -- ich weiß
alles, dachte Georg geknickt.

O Anna, ich hätte dich nicht vergessen sollen! Was wird nun werden? Ob
sie noch länger in Altenrepen bleiben wird? Aber wahrscheinlich geriet
ich auch in das Gefühl für sie nur hinein, weil sie da war, und weil ich
fühlen mußte. Suchte ich dich? hätte ich lebenslang nach dir suchen und
dich finden müssen? Wie hätte ich dich dann vergessen können, jemals? --
Man schwimmt im Dasein, sieht nichts als den kleinen Wasserkreis um sich
her und erfaßt, was hineintreibt. Aber da sitzt mir ja Bogner gegenüber
...

»Noch sieben Minuten,« sagte der Maler.

Bald darauf erschienen in der Dämmerung zwischen dunklem Wirrwarr von
Gebäuden die wohlbekannten Häuserflächen mit Plakaten von Cakes und von
Tinte und der große Arm, dessen Faust einen Radreifen hochhielt. Dann
stand auf einmal: Dunlop! groß im Finstern. Georg sah Fabrikessen, von
unten beleuchtet, ihr Qualm glühte, Kirchtürme; gegen die andre Seite
des Wagens drängte sich plötzlich der große Biergarten unter Bäumen und
vielen kleinen Lichtern. Eine Straße erschien, abgelegen, ein Waldrand,
ein erleuchteter Straßenbahnwagen, leer und stillestehend.

»Pferdeturm,« sagte der Maler vor sich hin. Gleich darauf: »Hier ist
eine Kaserne gebaut.« Darauf: »Hier ist alles anders geworden.«

Georg, um etwas zu sagen, meinte: »Sie waren doch neulich schon hier
...«

Bogner erwiderte, es sei nachts gegen Morgen gewesen. Plötzlich waren
sie mitten in der Stadt, auf hohem Bahndamm zwischen den Häusern
hindurchgerissen, es rauschte und donnerte, Fensterreihen, hunderte von
kleinen Balkonen, das Innere von Zimmern, mit einer Hängelampe, einer
Nähmaschine, flogen vorbei. Aus der Tiefe neben Georg fuhr jenes
Gewimmel von Kette und Anordnungen roter, grüner und weißer Lämpchen
herauf, lampengeschmückte Musikpavillons, eine Militärkapelle, Tisch und
das Getümmel beleuchteter Menschen.

»Tivoli, genau wie damals,« sagte der Maler und erhob sich.

Während sie ihre Mäntel überzogen, rauschten die Bremsen, stöhnten,
quietschten, und der Zug stand in der leuchtenden Halle.


                            Zweites Kapitel


                               Nachtgang

Der Maler ging in seiner leichtlichen Rüstigkeit voran. Georg, in einem
sonderlichen Gefühl von Heimkehr, mit der Ungewißheit der Erwartung, ob
noch alles wie damals sei und was sich diesmal dahier mit ihm zutragen
werde, folgte treppab, durch Menschengedränge, durch den Tunnel, stand
eine Weile geduldig mit am Gepäcklager, wo der Maler seinen Zettel
abgab, um sich den Koffer schicken zu lassen, und dann standen sie unter
dem Überdach vor den Ausgängen. Georg sah das schwarze Reiterdenkmal
wieder über Treppen und Blumenbeeten auf dem nassen, schwarzen Platz,
hörte die elektrischen Bahnen in den Kurven kreischen, sah sie um die
springenden Brunnen biegen, sah die breiten Straßen in der rötlichen
Helle der Bogenlampen, hastig durchwimmelt von beschäftigten Menschen,
die großen Hotelbauten im Umkreis und die Fluten verschiedenen Lichts
aus den Spiegelscheiben der Auslagen im breiten Strom der Bahnhofstraße,
alles so unendlich wohlbekannt, für den Hauch eines Augenblickes
entfremdet, nun alles schon wieder wie vor einem Jahr, und er dachte
dabei: Da bin ich nun in derselben Stadt wie Anna. Wenn sie mir doch
gleich entgegenkommen wollte! Die Überraschung würde mich maskieren. Ob
ich nicht vielleicht doch, wenn ich sie wiedersehe, mein verlorenes
Gefühl wieder finde? Oh Gott, nein, betrügen kann ich sie nicht, und was
sollte auch daraus werden?

»Ich möchte zu Fuß gehn,« hörte er Bogner sagen, »meine Eltern wohnen in
Waldhausen.«

Georg, unschlüssig was tun, da er ins Hotel immer noch früh genug kam,
fragte, ob er durch die Wiesen gehn wolle, und da der Maler nickte, ob
er ihn begleiten dürfte, -- die Abendluft ...

Also sagte er dem blassen Egon Bescheid wegen des Hotels und der Koffer,
und sie gingen schweigsam über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter und
weiter durch die Altstadt, wo Georg plötzlich in einer dunklen
Seitenstraße den leuchtend grünen, jetzt schon in triefendes, tiefes
Blau vergehenden Himmel wieder sah, in den der riesenhafte,
breitschultrige Turm der Marktkirche hineinragte, schwarz wie aus Samt
geschnitten.

Als sie auf die Allee des alten Friedrichswalls hinaustraten, blieb der
Maler stehn. Rechts rauschten die vielen Wasserstrahlen des Zierbrunnens
mit Krokodilen und Wassermännern in der Abendstille. Der Maler
schüttelte den Kopf über ihn, blickte nach links gewandt die kleine
Akazienallee hinunter, neben der auf dem glänzend nassen Fahrdamm die
Straßenbahngeleise schimmerten, und schien der lang und dunkel
hingestreckten Front des alten Rathauses mit dorischen Säulen und
mächtigen Dreieckgiebeln zuzunicken. -- Wie mag ihm zumute sein, dachte
Georg teilnehmend, da er Alles wiedersieht nach so langer Zeit? -- Indem
sagte Bogner, in die dunklen Wiesenanlagen jenseits der Allee
hinüberdeutend:

»Früher -- ja, da reichten die Maschweiden bis hierher, und gleich da
drüben stand der kleine Bretterkiosk, wo die Billette zur
Schlittschuhbahn verkauft wurden, wenn im Winter die Wiesen unter Wasser
standen. Für Jungens kostete es zwei Pfennig, es gab rote Zettel, und
dann konnten wir uns gegen den Wind bis hinten zum Bahndamm
hinausarbeiten. Auf dem Eis stand eine Bretterbude über Pfählen, wo es
glühend roten >Kinderpunsch< gab für fünf Pfennige. Ja, zur Tür dieses
Schuppens führte ein schräges Brückenbrett mit quergenagelten Leisten.
Man sollte nicht glauben, daß man im Leben nicht so etwas vergißt wie
diese mit Schnee und Schlamm bekrusteten Leisten, mit den Spuren der
Schlittschuh, oder diese Mühsal, auf Schlittschuhen hinaufzukraxeln,
immerfort angeklammert an die Andern, denn dort herrschte stets ein
mächtiger Andrang. Drinnen dampfte alles, ein Kanonenofen war da ...«

Sie gingen wieder; überkreuzten die Allee, umwanderten den neuen kleinen
Teich mit seinen Wiesenbuchten und Grotten von Bimsstein und
Baumgruppen, gelangten an die Holzbrücke, die zu den großen Wipfelmassen
von Bellavista hinüber führte, und wieder blieb der Maler stehn und
erklärte, daß hier eine andre Brücke gewesen sei, damals, aus Eisen, mit
so hohen Brüstungen, daß man als Junge sich auf die Zehen stellen mußte,
um das Wasser sehen zu können und die Ruderboote im Fluß. Die
Bootstation drüben war Georg wohlbekannt, aber ehe er etwas sagen
konnte, sprang der Maler die Böschung hinunter in die weithin dunkel
ausgebreitete Wiesenfläche, zur Linken von dem neuen, mächtig
herumgeschwungenen Promenadendamm umarmt, wo Laternen brannten und
erleuchtete Fenster in den Hinterhäusern der Stadt erglommen.

Sie folgten dem Wiesenpfad am Fluß hinunter, der braun und eilfertig,
hier und da glucksend in der Hast, dahinzog. Mit dem Schweigsamen
wanderten am andern Ufer die schweigenden Krüppelweiden, fabelhafte
schwarze und verkrümmte Stammkörper mit einem mächtig gesträubten
Haarwuchs dünner Ruten, durch die der trübrote Nachthimmel über der
Fabrikstadt glühte. Sie gelangten an die Bismarcksäule, die mit einmal,
ein dunkler Schatten, sich linker Hand aufrichtete, überstiegen die
Anhöhe, die sie trug; Georg, in der Dunkelheit unsicher, zögerte, aber
der Maler sprang schon wieder in die Wiesen hinunter, und nun gewahrte
Georg fern drüben zur Linken die dunklen Festungsumrisse der Brauerei
und weiter rechts in der Ferne die Zypressen und Mauern des Friedhofs,
wo die dunklen Wiesenflächen uferten. Er erinnerte sich, daß der
Bahndamm verlegt war, wandte sich und sah jenseits der ruhigen
Flußbiegung ein stilles Volk von Fabrikschloten im Qualm des roten
Städtehimmels stehn, daneben die Türme der Garnisonkirche und Gewipfel.
Er hörte das Rauschen des unsichtbaren Wehrs zur Rechten, wo der Fluß
sich teilte, und als jetzt die Nachtluft, lau, mit weichen,
ungeschickten Stößen wie kindliche Küsse auf ihn eindrang, zitterte sein
Herz in der wundervollen Bangnis des Frühlings.

Unten im Dunkel, ganz still, erhob sich der Schatten des Malers in
seinem grauen Mantel; auch er bewegte sich nicht. Alles schien sich
still zu verhalten auf einmal und zu warten. Wie feucht die Luft war,
wie kühl nun wieder! Die Fläche des Flusses glänzte zwischen den
Böschungen, sich verbreiternd, bevor er sich in die beiden Arme teilte;
ununterbrochen rauschte das Wehr, heller als Meeresbrandung, doch zogen
undeutliche Gedanken von See und Ebene durch Georgs Herz. Dann folgte er
Bogner.

Der Weg über die Wiesen war nicht leicht, der nasse Grasboden höckerig
und zerlöchert, zuweilen gelangten sie an sumpfige Stellen, die der
Maler jedoch umkreiste, ohne sich zu besinnen; hier schien er jeden
Fußbreit zu kennen. Nach einer Viertelstunde waren sie an einem
Strebepfeiler der Friedhofsmauer angelangt und gingen unter den
haushohen Bastionen und Türmchen einher, kamen an einen Zaun, einen
Bach, einen Brückensteg, über den ein schiefes, halb offenes
Stacketengitter gespannt war, gingen hindurch über eine kleine
ansteigende Wiese neben einem schwarzen Graben, und -- »Hier,« sagte
Bogner, »fingen wir Jungens Blutegel und Molche und Sticherlinge, oder
wir stellten dahinten in den Kegelbahnen -- das da ist der Biergarten
vom Döhrener Turm! -- Kegel auf für die hemdärmeligen Pfahlbürger. Da
müssen wir hindurch. Übrigens -- die erleuchteten Fenster da rechts
unter den Bäumen gehören meines Wissens zur Güntherstraße.«

»Wo die Montforts wohnen?« Georg erschrak. Im dunklen Gefühl, daß er mit
der nächsten Minute Anna sehn werde, ging er hinter dem Maler her, der
-- suchend, wie es schien -- sich in der Finsternis der Bäume verlor.
Georg stolperte über Wurzeln; etwas, das wie ein Galgen aussah, stand
plötzlich vor ihm; er erkannte das Balkengerüst einer an eisernen
Stangen hängenden Schaukel, so groß, daß ein Dutzend Menschen darauf
stehn konnte; er sah erleuchtete bunte Treppenhausfenster plötzlich ganz
groß in der Dunkelheit schweben, und auf einmal kam ein gedämpftes,
melodisches Brausen durch die Nacht geschwebt. Orgel ... Renates Orgel
... dachte Georg. Wo war denn Bogner? Er lauschte sekundenlang auf das
schöne Rauschen und Quellen, das die Bäume friedlich überstieg; hellere
Stimmen lösten sich freudig, stiegen, entwandelten feierlich. Es roch
stark nach Erde, nasser Baumrinde, nach Knospen.

Aber wo war denn der Maler? Georg tat ein paar Schritte im Finstern und
erblickte plötzlich sehr betroffen drei hohe und schmale, gotische
Fenster, die sich in der Nacht aufgestellt hatten, erleuchtet, von einem
sehr milden, bernsteinfarbenen Licht. Darüber erschienen alsbald die
Schattenumrisse von Dach und Türmchen einer kleinen Kapelle.

So also sah dies alles aus? Und sieh, da stand der Maler; auf einmal sah
er sein Profil, nach oben gerichtet, und da war auch ein Zaun und
Buschwerk dahinter. Ängstlich und beklommen zu Bogner tretend, sah Georg
hoch oben links ein helles Fenster weit offen, ein Stück weißer
Zimmerdecke und ein Dienstmädchen mit weißer Tolle, das eine Steppdecke
hochnahm und davontrug. Unten wurden Wege weißlich sichtbar, sodann ein
roter Punkt, der sich bewegte, ein Raucher -- die Orgel rauschte tief --
daneben etwas Weißes, ein Kleid, und der rote Punkt glühte auf, und
Georg erblickte deutlich und fast entsetzt in dem kleinen Lichtkreis
Annas Gesicht und eine Hand, die am Halsausschnitt der dunklen Jacke
lag. In diesem Augenblick, zurückfahrend, ließ er seinen Schirm fallen,
der gegen den Zaun schlug, und aus dem Garten rief nach Sekunden eine
männliche Stimme halblaut: »Ist da wer?«

Georg bückte sich nach seinem Schirm, fand ihn, da war alles still.
Plötzlich erloschen die Fenster, gleich darauf knarrte eine Tür, er sah
das dunkle Rechteck einen Fuß hoch über dem Erdboden, ein Schatten war
darin, ein helles Gesicht; eine Gestalt, weiblich, die etwas Weißes in
der Hand hatte, erschien auf einem Wege, der am Zaun vorüberführte,
unverborgen durch das noch durchsichtige Strauchwerk, und Georg hörte
die Männerstimme wieder, fragend: »Renate?«

Es war still. Der Name, durch die schweigende Nachtdämmerung gerufen,
hallte ihm sonderbar durch das Herz. Er zauderte noch, dachte: Jetzt
ists am besten! ermannte sich und sagte laut:

»Ich bin hier, Anna, Georg!«

Nun denkt sie freilich, ich habe sie überraschen wollen, dachte er
zuckend. Das Buschwerk rauschte auf, teilte sich, Annas Gesicht
erschien, er sah ihre Augen, ein wenig zusammengezogen aus
Kurzsichtigkeit, er hörte sie atmen, sie schrie leise auf: »Wahrhaftig,
Georg!« und streckte die Hände aus. Rasch wieder loslassend, tastete sie
am Zaun, eine Tür ging auf, sie stand atmend vor ihm, er sah ihre
lieben, zarten Züge, die Augen, dunkel und groß offen, fühlte die Wärme
ihrer Hände, war ganz glücklich. Er schloß aus einer Bewegung ihres
Arms, daß sie ihn küssen wollte, und sagte hastig: »Hier ist noch
jemand, Anna, erkennst du ihn?«

Da stand Maler Bogner. Sie jauchzte, lief auf ihn zu, packte ihn an den
Schultern, wirbelte wieder herum, lief durchs Pförtchen, sich duckend
unterm Gezweige, in den Garten, rief: »Renate! Renate! komm mal schnell
her! hier ist wer!« als könnte der Maler gleich wegrennen.

Sekunden später sah Georg sie wieder sich unter dem Strauchwerk bücken,
eine weibliche Gestalt an der Hand mit sich ziehend, die sie nun
losließ. Ein Frauenarm hob mit schöner Gebärde Zweigbogen empor, ein
weißer Schal sank ihr vom Kopf auf die Schultern zurück, ein weißes,
schmales Antlitz erschien mit gesenkten Lidern, die Lider hoben sich,
und durch Georg, den zwei nächtige Augen anblickten, zuckte ein
blendender Schmerz, der ihn erschütterte vom Kopf zu den Füßen, bis er
langsam, taumelnd, begriff, daß es eine Seligkeit sein mußte und kein
Schmerz.


                                 Garten

Es war nun wie ein Traum oder ein Reigen.

Dunkel wars, wie immer in seinen Träumen, und wie in Träumen vollzog
sich alles nur; er war dabei, er tat auch mit, aber es war alles ohne
seinen Willen im Gange. Ein Reigen, ja, nach einer unhörbaren,
ungeheuren Musik in den Lüften.

Die Fremde stand da, aufrecht. Sein Herz zuckte im Übermaß der Süße hin
zu ihr, zu dieser hohen, unbeschreiblich schlanken Gestalt im weit
gebreiteten, schwarz glänzenden Kleidrock; zu dieser schmalen Stirne,
umrahmt vom Haar, dieser stolzesten Biegung der Nase, -- aber sie sah
ihn ja gar nicht an, sah vorüber an ihm in das Dunkel. Dort aber stand
Bogner, und sie sagte mit einer heiligen Stimme einfach: »Ich bin Renate
...«

Bogner trat herzu, sie streckte den Arm aus; Bogner verneigte sich,
faßte ihre Hand, und ihre Stimme machte sich wieder auf, machte die Luft
süß um sich her und sagte: »Willkommen, lieber Freund.«

Ah, die Beiden kannten sich! Ja, so war das in Träumen. --

Nun verbeugte sich Georg, bekam eine federleichte Hand für den Hauch
eines Herzschlags zu empfinden, und zu sehn, wie ein zartes Gesicht sich
durch ein Lächeln der Mundwinkel und der Augen in solchen Liebreiz
verwandelte, daß er hätte schluchzen mögen, und dennoch ertrug er den
Blick dieser Augen, die so schwarz waren wie Winternächte. Auf einmal
war er dann durch ein Dickicht in einen Garten gelangt.

In seinen Schläfen brannte es und sauste. Er glaubte blind zu sein und
sah doch alles, nur alles sonderbar langsam und ohne es zu begreifen. Er
gab auch mit leiser Stimme einige Erklärungen über sein Hiersein ab.
Wem? Irgend jemand, der in der Nähe sein mußte, doch nun kam etwas
dazwischen, ein gewaltig großer Unbekannter, schwarz, der glühende Augen
und eine kleine Bartfliege am Kinn hatte und ihm die Hand gab und sagte:
»Montfort.«

Annas Stimme schlug an sein Ohr, und er hörte die Worte:

»Hast du von meinem Papa gehört? Es geht ihm nicht gut! Ja, denke dir,
er hat einen Schlaganfall gehabt, ganz leicht nur, aber -- -- und ich
soll nicht kommen, er hat extra so telegraphieren lassen, was kann das
bedeuten?«

Ja, was konnte das bedeuten? Papa? Was für ein Papa? -- Immerhin sagte
er irgend etwas und sah auf einmal Annas Hinterkopf mit aufgesteckten
Flechten vor sich, der ihm sehr unbekannt vorkam. Sie sagte: »Siehst du
nun?«

Plötzlich flammte in der Höhe über ihnen ein Licht so grell auf, daß er
die Augen zukneifen mußte. Nun war es unglaubhaft hell.

»Richtig,« sagte er, »der Mozartkopf ist ja weg!« Darum sah sie wohl so
verändert aus.

Ja, es war ein Garten. Buschwerk und hohe Bäume überall. Georg bemerkte,
daß er auf einem Wege stand, der rund um einen großen, kreisförmigen
Rasen führte. Drüben war das Haus, grau, mit einigen hellen Fenstern,
davor eine Veranda mit breiter Treppe in der Mitte. Es war ganz still.
In den Lüften oben rauschten Blätter.

Rechts dicht neben ihm stand wirklich Anna. Ihr Gesicht, wie er es nun
von der Seite sah, schien schmaler, die Stirn dagegen breiter geworden,
und etwas fehlte ganz gegen früher; was, wußte er nicht. Wohin sah sie
denn? Ah, da standen die Beiden!

Ein paar Schritte voneinander entfernt standen sie Beide so, daß Georg
sie fast von Rücken sah, Bogner etwas breitbeinig, die Hände hinter
sich, das Gesicht leicht geneigt, als ob er zuhörte, auf die Erde
blickend; Renate wuchs mit der schwarzen Glocke ihres Kleides aus dem
Rasen empor, und über ihren Rücken hing das große weiße Dreieck eines
glänzend bestickten Schulterschals mit langen Fransen herunter. Sprach
sie denn? Nein, sie schwieg. Georg lächelte wunderbar zufrieden, denn
nun konnte er sehen, daß sie eine Hand am Kinn hatte, den Ellbogen
vermutlich in der andern, so wie er es einmal in einem Briefe gelesen
hatte.

Und dort ganz links, am hohen Pfahl einer von oben hangenden
elektrischen Lampe stand dieser Unbekannte mit der Bartfliege, eine Hand
hoch über sich gegen den Stamm stützend, die Füße gekreuzt; die andre
Hand hielt eine dicke Zigarrenhälfte, und seine Augen waren dunkel, fest
und ruhig auf Renates Rücken eingestellt.

Ich bin Renate ... hörte Georg eine singende Stimme durch den Garten
verhallen ...

Ja, jetzt sprach sie. Auf einmal zeigte sich ihr Profil, die Linie der
Stirn, die stolze Biegung der Nasenspitze, der Mundwinkel, der sich
redend bewegte, und die leise auf und nieder gehenden Wimpern des Auges,
die in sanftem Wechsel den Blick zu Boden und zu Bogners Zügen
emporlenkten. Georg verstand kein Wort, doch war es ein zauberhaftes,
unsterbliches Spiel.

»Und Bennos Mama ist nun tot ...«, sagte Annas Stimme.

»Er war wohl sehr traurig?« fragte Georg. »Ja, nun müssen wir wohl
gehn,« setzte er willenlos hinzu.

Renate und der Maler schritten schon nebeneinander über den Rasen. Ihr
Kleid rauschte. Nun waren sie an der Veranda vorüber, da war die
Hausecke, daneben ein Dämmergang; in den verschwanden sie. Jetzt war er
selber in Bewegung, blieb aber wieder stehen, da jener Montfort seine
Haltung löste, reichte ihm die Hand und preßte: »Guten Abend« zwischen
den Zähnen hervor. Anna neben sich begab er sich weiter. Sie kamen in
den Gang zwischen Haus und gebüschverdeckter Gartenmauer, und nun wußte
Georg, daß er etwas Liebevolles zu sagen habe, murmelte auch etwas
derart und legte eine Hand um ihre Schulter.

Sie blieb stehn, sah ihn lange und durchdringend an und sagte: »Bist
du's denn, Georg?«

Er lächelte, verlegen im Innern, und antwortete besinnungslos: »Ja,
siehst du nicht, daß ichs bin?«

Plötzlich dicht vor ihm stehend, zog sie sein Gesicht mit beiden Händen
zu sich herunter, küßte es heftig, legte die Stirn gegen seine Schulter,
atmete tief auf und sagte leise: »Gott sei Dank!«

Danach war sie verschwunden.

In einem dumpfen Gefühl der Wehmut ging Georg weiter den Gang hinab, wo
ihm nun auf einem glänzenden Wege von Steinplatten durch einen Vorgarten
die Gestalt Renates leis rauschend entgegenkam. Unfern dahinter stand
Bogner vor einem hohen Gittertor im grünlichen Licht einer
Straßenlaterne.

Noch glaubte Georg, zu Boden sinken zu müssen, auf die Knie, gleichviel
was, nur liegen, unten sein, -- als sie bereits vor ihm stand, die Hand
ausstreckend, die er faßte.

Niemals loslassen! dachte er hülflos und sagte kaum hörbar: »Gute
Nacht!«

»Gute Nacht!« hörte er sagen. Duft entschwebte. Es rauschte. Schritte
verhallten leicht, und er war allein.


                               Landstraße

Jedoch Bogner war noch zugegen. Sie gingen langsam nebeneinander die
dunkle Gartenstraße unter Bäumen hinunter, deren zartes, grünes Laubwerk
durchsichtig schimmerte im Licht der Laternen. Auch zarte Schatten,
fedrige, waren auf den Weg gestreut, und wie zart erst war die Berührung
der Luft, die um das Herz strich wie sonst um Stirne nur und Lippen.
Allein sein! flehte Georg, oh nur erst allein sein! Die unerhörten
Kleinodien, die er davontrug, von ihrer Hülle zu befrein, darüber sich
zu werfen mit bloßem Herzen, Gold und Juwelen, Gold und Juwelen! -- Er
glaubte, jeden Augenblick in Tränen auszubrechen. Vielleicht waren das
die Kleinodien, die er trug, nachwachsend noch immer wie ein Frühling,
in seiner verwandelten Brust. Da fühlte er einen Tropfen auf der
Oberlippe, aber der war kühl. Es regnete leise. Die Nacht, ach, sie
hatte es gut, sie löste sich weich in Regen auf. Oder lag dort oben ein
selig Weinender auf den Sternenbergen, schluchzend unhörbar durch die
geheimnisvolle Nacht, und Wellenfrauen des Windes kamen und trugen seine
tränende Glückseligkeit hinunter auf dankbares Land.

Bogner sagte etwas. Ob er es auch gemerkt habe --?

»Was?« preßte Georg hervor, der kein Wort verstanden hatte.

»Es war etwas nicht in Ordnung in dem Hause.«

So, Bogner hatte es gemerkt. Er konnte etwas bemerken. Ein Stein war
Bogner.

»Sie machte eine Andeutung,« setzte er hinzu.

Georgs Gedanken fingen einen Veitstanz an. Andeutung, sagten sie, an
Deutung, Deutung, Traumdeutung, reich an Deutung ...

Die Straße war zu Ende; sie standen vor dem breiten Damm der Chaussee,
gegenüber der elektrischen Zentrale. Glimmende Gleisbündel waren von
links und rechts in die matterleuchtete Halle hineingebogen, unter der
leere Wagen standen, die einen hell, dunkel die andern, und vorne war
ein hellglänzendes Zifferblatt, dessen Stunde Georg um keinen Preis der
Welt abgelesen hätte. Die Augen ablösend, sah er rechts weit hinunter
die Straße in eine waldige Halle davon ziehn, unten glimmend vom Stahl
der Schienenstränge, oben von Laternen. Mitten auf dem Damm stand ein
verlassener Anhängerwagen, dunkel und einsam. In ihm hätte Georg auf
einem östlichen Gebirge sitzen mögen, still der Feuerrosse, die ihn
entführen würden, wartend.

»Gute Nacht,« sagte der Maler auf einmal, gab ihm die Hand und entfernte
sich über den Damm in eine dunkle Waldstraße neben der Zentrale hinein.

Links hinab entrollte die Landstraße fernhin mit Bäumen und Laternen
durch offenes Land. Ein paar rötliche Lichter waren fern drüben. Georg
sah zu der Laterne auf, die neben ihm stand, nicht untröstlich, vielmehr
schien sie eben angelangt zu sein und froh, ihn noch erreicht zu haben.
Ihr Glühstrumpf brannte hell genug, obwohl unten ein Ring sich abgelöst
hatte, und das Licht schwoll leise ab und an in dem zarten Gazegewirk,
wie wenn ein kleiner Gott die Backen aufbliese, ganz atemlos vor
Anstrengung des Leuchtens. Auch dieser sechseckige Glaskasten schien
eine angenehme Homunkulusphiole; leise glitzernd wehte der Regenschleier
um sie hernieder wie ein endloser Gestirnsnebel. Auf einmal stieg das
Weinen in Georg auf, da schien ihm das unmännlich, er zerdrückte es
schmerzhaft in der Kehle, -- bis zum Munde, der fest blieb, gelangte es
nicht, nur die Augen wurden feucht, ihre Winkel schmerzten, ein Stein
marterte den Kehlkopf, er lächelte, schüttelte den Kopf und ging links
hinunter der Stadt zu.

Und so trug er denn sein aufgeregtes Herz die nächtige Landstraße
hinunter, ermuntert vom Takt seiner Füße, wandernd plötzlich
kriegerischen Mutes, selber allein ein ganzer Heerbann, in Eilmärschen
durch die letzte Nacht, um am Morgen mit allen Fahnen und riesigem
Schrei in die Länder hinabzusteigen zur Eroberung. Renates Antlitz, weiß
im Dunkel, ging ihm auf, wie es die Lider aufschlug gegen ihn, und ihre
Blicke setzten sich wieder auf sein bloßes Herz wie Schmetterlinge, daß
es ihn durchschauerte. Wogen seines Herzens, in denen er dahinging,
schleppte er mit sich, hin und wieder stand eine auf vor ihm und schlug
mit voller Kraft auf seine Brust, daß er ringsum erdröhnte, als sei er
gepanzert. Goldene Wagen kamen ihm leuchtend entgegengestürmt;
hergeschleift von gewaltigen Geistern über eisglatte Schienen,
schaukelten sie vorbei, voll von fremden Menschen, die in ihrer Haltung
saßen wie Sklaven, angefesselt und ohne Bestimmung. Wenn er den Kopf
aufwarf, so erblickte er zwischen feuchtem Gewölk Sterne, die sich
zitternd bewegten. Die Lüfte waren angefüllt mit Geräuschen des
Frühlings, mit unsichtbaren Antlitzen, die sich lächelnd unterhielten im
Vorbeiziehn, mit Musik, die aus dem Erdboden stieg wie aus Kratern voll
elysischer Orchester und durch schaudernde Wipfel rollte. Sein gesalbter
Blick öffnete das Erdreich, er sah die Wurzelwipfel der Bäume nach unten
hangen, goldene Trauerweiden durch wolkiges, pelziges Schwarz, besetzt
mit Tausenden roter Rubinaugen, die Licht saugten und grüne Speise aus
dem erwärmten Dunkel. An einem Baum übermannte es ihn; freundschaftlich
schien der borkige Stamm, er nahm den Hut ab, als trete er in ein Haus,
lehnte die Stirn gegen seine Tür, bewegte die Lippen und brachte kein
Wort hervor. Da ein feuchter Wind aufrauschte und schnellfüßig
vorüberlief, fiel ihm ein, daß Frühling sei, und er ward froh. Da dachte
er an Renates Brust, er hatte sie nicht gesehn, aber schon stand er,
versunken in ihren marmornen Anblick, in einer roten Lohe, einer
Flammenpappel, in der sich sein Wesen verzehrte, während er einen
Pulsschlag lang nun unter sich ihr Gesicht sah, ihre Schultern, deren
Bewegung ihm Atem und Sinne zerschnürte, ihre Arme und die Brust, alles
aus den großen Augen voll rieselnder Zärtlichkeit schmachtend und
widerstrebend, so daß er sich gern an die Erde geworfen hätte, um zu
stammeln und zu weinen. -- Einmal! sagte er sinnlos, Gott, nur einmal!
--

Endlich ging er wieder, nun nur noch tönend von Gefühl, gleicherzeit
hoffnungslos und erhaben, schwermutvoll und getröstet, gottesfürchtig
und niedergeschlagen, so voll tosenden, innerlichen Lärms, als wäre
seine Brust ein ehernes Paukenbecken, auf dem Dämonen trommelten, -- all
dem hingegeben mit Wollust der Bewußtlosigkeit, da Gedanken, sinnlos,
wie Irrlichter, seitwärts über die Kartoffeläcker enthüpften, aber in
den Straßen der Stadt nahm es langsam ein Ende, bis er sich vor etwas
absonderlich Bekanntem fand, dem Kaffeehaus im Mittelpunkt, einer großen
Anordnung von gläsernen Kästen mit erleuchteten, gelb verhangenen
Spiegelscheiben um einen runden Mittelraum, mit eisernen Pilastern und
Pavillondächern.

Hier war es nun aus. Es wimmelte auf dem Bürgersteig vor den Läden von
gemächlich Spazierenden, Ladenmädchen in Frühjahrsblusen und
Ladenjünglingen in Wintermänteln; es wimmelte auf dem schwarzglänzenden
Fahrdamm von Asphalt, Straßenbahnwagen schoben sich unaufhörlich von
beiden Seiten zusammen, es klingelte, kreischte, Automobile tuteten,
Radglocken schrillten, und Georgs hülfloser Blick, nach rechts oben
entgleitend, fand sich von einer gewaltig großen Mondsichel angezogen,
die dort in der Nacht schwebte, überflattert von weißlichem und
schwarzgrauem Gewölk.

Nun also war alles, was ihm zu tun blieb, daß er sich in eine stille
Kaffeehausecke setzte, anstatt in eine große Dreschtenne mit kauenden
Leuten, denn essen mußte auch er. Der Hunger äußerte sich in einem
Verlangen nach natürlicher Speise, gekochten Eiern im Glase mit
Butterschnitten, das wars.

Er zauderte. Er wußte, daß er ein Ende machte, wenn er drüben eintrat,
in jene kleinen Zimmer, die er so wohl kannte aus Ballnächten,
Ballmorgenden, mit den zerknitterten und zerzausten Bürgermädchen und
ihren schrecklich zukunftallegorischen Müttern, unter Gewitzel und
Gekicher, mit dem rotblonden, naseweis aussehenden Kellner Gustav und
Frithjof dem ältlichen, mit dem runden und blassen, niemals rasierten
Gesicht und dem hängenden rechten Augenlid, der so gern vom Weib und den
Kindern erzählte. Ach, nicht dieses wars, nicht etwa diese kindischen
Erinnerungen warens, sondern -- das Ende, ja, das Ende, das kam, der
Übergang ins Gewohnte, in ein Andres, und daß sich -- oh mein Gott, daß
sich niemals herauskommen ließ aus der unendlichen und unzerreißlichen
Kette der Vorgänge. Daß es doch ein Mal einen Stillstand gäbe, einen
Halt am Abgrund, wo zitternd im Rollen das Herz stillehält unter den
Füßen der flüchtigen Stunde, die selber nichts tut als Ausschau halten
über die Abgrundswelt und im Ausschaun unvermerkt hinüberschmilzt in die
ernste Gestalt der Unendlichkeit. Welcher der Götter hält denn den
Becher der Ewigkeit bereit, wenn nicht dieser ihn hat, Eros, dem doch
die Posaune des Jüngsten Tags an die Lippen gesetzt ist?


                            Drittes Kapitel


                               Kaffeehaus

Fast alle Räume waren von Gästen leer. Hier und dort stand ein Kellner
und las die Zeitung, und richtig, als Georg durch die große Glaswand den
Mittelraum betrat, stand in der offenen Türe links Frithjof in schöner
Attitüde, einen Fuß überm andern, den Ellbogen gegen den Rahmen
gestemmt, die Hand am Hinterkopf, gesenkten Blicks verloren in
Betrachtung. Doch zog er bei Georgs Anblick erstaunt und doch
achtungsvoll die Lider empor, machte sich aus sich los und kam auf
seinen Plattfüßen eifrig und wackelnd herbei, den Mund wie stets in
Falten ungeheuren Ernstes verzogen.

»Durchlaucht,« flüsterte er, Georg Schirm und Mantel abnehmend, »wieder
zurück?« Und als Georg auf der rotsamtenen Sichel des Ecksofas Platz
genommen hatte, beugte er sich zart und vertraulich über den runden
Marmortisch und raunte: »Zu Hause ists doch immer am besten!« Er
lächelte. »Was sag ich?« Er lehnte sich triumphierend zurück und lachte
voll Stolz. »Na, is es nich so?« Und da Georg nickte und lachte, schloß
er befriedigt ab: »So ist es!« völlig mit Georg in Übereinstimmung.

»Was solls denn sein, Durchlaucht? Pilsner, Münchener, Kulmbacher?«

Georg bestellte drei Eier im Glase, Butterschnitten und ein Kulmbacher.
-- Merkwürdig übrigens, dachte er, wie man am Gewohnten hängt. Ich hätte
im Hotel ganz einsam essen können, -- freilich, aus welcher Fremde komm
ich! ja, das spür ich erst nun, wo dies hier mich so heimatlich berührt!
Herztröstlich klang ihm da Frithjofs alte Stimme nebenan, der an der
Theke: »Ein Kulm!« sagte. -- Er griff nach einer daliegenden Zeitung,
stellte sie sich mit dem Griff in den Schoß, blätterte sie auf, ließ sie
gegen die Tischplatte sinken und glitt durch sein eigenes aufblühendes
Lächeln wie durch ein zitterndes Gewebe von Süße hinunter ins Dunkel
seiner Seele, wo in einem Kranze von Abenteuern Renate lieblich stand,
eine verzauberte Säule, eine Karyatide, eine Galatee ...

Danach aß er und trank, unbekümmert wieder, versöhnt mit den äußeren
Geschicken, künftiger Entzückungen gewiß. Nahe vor ihm sah er die roten
Fische im grünen Wasserdickicht des großen Aquariums an den Glaswänden
auftauchen und wieder verschwinden. Der sechseckige Riesenkasten stand
auf einem, von kleinen roten Sofas umringten Unterbau, die jedes einen
ganz kleinen Marmortisch, oval, wie mächtige Eier, und gegenüber zwei
Stühle vor sich hatten, und aus einer, im Wasser halb verborgenen
Pyramide von Tuffsteinen stieg ein feiner Wasserstrahl. Diese ganze
Üppigkeit städtischen Wesens erfüllte Georg mit Beruhigung.
Springbrunnen, Wasserwildnis, Fische, Marmor und roter Plüsch -- das war
so viel für das Gemüt, das arme Wesen, das er recht deutlich auf der
untersten Stufe seines riesigen Seelentempels sitzen sah, so klein, daß
eine einzige Stufe für es höher war als ein ganzes Haus, und dort hockte
es in seiner Dürftigkeit und Unbestimmlichkeit, da nicht im
entferntesten zu erkennen war, ob es eigentlich einen Hund vorstellte,
einen Zwerg, einen Frosch oder einen Zaunkönig.

Aber war dies nicht jener Montfort? Da kam er hinter dem Aquarium zum
Vorschein, seltsam anzusehn in einem kurzen sandfarbigen Mäntelchen mit
hochgeschlagenem Kragen, einen steifen schwarzen Hut tief in die Stirn
gerückt, die Ellenbogen eng an den Hüften mit etwas gezierter Haltung,
einen dicken braunen Stock von knotiger Bambusart unter den Arm
geklemmt. Nach einem Platz unendlich hoffärtig umherspähend, übersah er
Georg, trat links in die offene Tür und verschwand, während nun hinter
dem Aquarium etwas Anderes, weitaus Prächtigeres zum Vorschein kam: den
unteren Saum eines scharlachroten Mantels über die linke Schulter
geschlagen; auf leichten Füßen, sehr schlank, auch groß, -- sehr frei
und beweglich im Hierhin- und Dahinschaun den kleinen Kopf mit
glattschwarzem, von Stirne und Schläfen straff zurückgespanntem Haar
drehend, -- groß-, braun-, klugäugig, -- ein Mädchen, wie es schien.
Aber das schönste war, daß dieser leichte Kopf über dem Scharlachtuch
sich von einem groß hinter ihm stehenden, schwarzen und goldbestickten
Stuartkragen abhob. Wenn sie zu diesem Montfort gehört, dachte Georg, so
hat er das entzückend gemacht.

Montfort kehrte indessen zurück, erkannte Georg, zog den Hut und trat
heran, um Erlaubnis bittend, sich niederlassen zu dürfen. Richtig:
Georgs Wunsch erfüllte sich, sie gehörte zu ihm, er wurde ihr
vorgestellt, konnte ihr beim Mantelablegen behülflich sein, ein schönes
Kleid von matterer Farbe unter dem fallenden Scharlach hervorkommen
sehn, schließlich die Biegung des Sofas mit ihr teilen. Auch sah er nun,
während sie sich lächelnd und mit einer gewissen Bereitwilligkeit
zurechtrückte, die kindliche Rundung ihrer Stirn, die übervolle
Schwellung der Lippen in der Mitte, deren obere ein wenig emporstand,
und vor allem die außerordentliche -- ja, die höchst erstaunliche
Rundheit ihrer Brauen und Augen, die, in ihrer wundersamen Offenheit
dasitzend, dem ganzen Gesicht das eigentümlichste Aussehn verliehen, und
sie erinnerten ihn -- -- schnell, woran erinnerten sie denn? Jawohl,
jawohl: an den Hund in Andersens Märchen vom Feuerzeug mit den Augen so
groß wie Teetassen.

Montfort, kaum ihnen gegenübersitzend, auf eine unerhört nichtachtende
Art umherschauend, die Streichhölzer an sich ziehend, um eine große
Zigarre zu entzünden, sagte:

»Was meinst du zu kleinen Hunden, Käthe, die ins Wasser geworfen
werden?«

Er blies einen Dampfstrudel, schob Georgs >Jüngling<, den der bis
hierher geschleppt hatte, von sich, lehnte sich zurück, als habe niemand
etwas gesagt, am wenigsten er selber, und schlug die Beine übereinander.
-- Nein, dieser Hundevergleich, dachte Georg, war doch gar nicht
passend, denn wie weich war das Fleisch ihrer Wangen unter sehr zarter
und klarer Haut. Ein erstauntes Waldwesen, ein langhaariger Windgeist,
eine Dryade -- ja, das schien sie zu sein.

»Hunde, Josef?« erwiderte sie, bei großer Bereitwilligkeit leise
besorgt, während Georg sich plötzlich in ungemeiner Heiterkeit befand.
Frithjof stand, mit ernster Würde auf Montfort herunterblickend, den
Mund in Falten, als ob er daran kaute, und nur das eine Augenlid schlief
teilnahmslos und unbeweglich.

»Was solls denn sein, Herr Baron?«

»Pilsener, und eine Melange, nicht wahr?«

Sie nickte. »Ein Mellansch,« wiederholte Frithjof und watschelte davon
mit Gravität.

»Hunde,« sagte Montfort, Georg ins Auge fassend, »die von ihren Herren
zum Schwimmen ins Wasser geworfen werden. Man sieht sie an Sommerabenden
um die Teiche stehn, groß und dick, diese Männer, Hausbesitzer mit
Uhrketten auf dem Bauch, und die Hunde sind klein, weiß und unmäßig
eifrig. Sie schwimmen atemlos nach einem unsichtbaren Gegenstand, sie
klettern heraus, schütteln sich und stürzen auf Befehl wieder ins Nasse.
Schamlose Gesellen sind das!«

Die Bereitwillige sagte: »Es sieht doch aber so niedlich aus, wenn sie
--«

»Genau deine Worte brauchte meine elfjährige Muhme Elsbeth, als mein
damaliger Hund einen andern bestieg und ich dazwischenfuhr,« sagte er
eiskalt. Sie senkte geschlagen den Kopf und setzte sich zurück, dieweil
er, seitwärts blickend, eine alte Blumenfrau gewahrte, die ihm eine Hand
voll gelber Tulpen hinhielt. Er ergriff sie sorglos, legte sie vor seine
Dame auf den Tisch, griff in die Hosentasche, holte etwas heraus, das er
der Blumenfrau in die Hand drückte, saß und lächelte leise und gütevoll
auf seine Zigarre hinunter. Sie legte langsam eine Hand auf die Blumen;
Georg sah, daß sie zitterte. Hier, dachte er, hier ist nun sicher etwas
nicht in Ordnung.

»Erzählen Sie mehr von Hunden!« sagte er mit Entschlossenheit.

Daraufhin, herzlicher lächelnd, blickte der Andre ihn an und begann,
leichtherzig loszureden.

»Ist es Ihnen niemals folgendermaßen ergangen?« fragte er. »Sie setzen
sich um einen Tisch, zu Dreien oder zu Fünfen, und nun? Nun muß was
geredet werden. Das Karussell muß in Gang, wer, ist die Frage, holt
jetzt den sicheren Haken aus der Tasche? Auf einmal ist er da. Hat Sie's
nie geekelt vor dieser Verläßlichkeit des Sinnlosen? Also, da es völlig
sicher war, daß Einer von uns Beiden hier diese Geschichte von den
zufälligen Familien ergriffen hätte, worauf zweifelsohne, da Frau Ring
beim Theater gewesen ist und eben aus dem Theater kommt -- (Frau? dachte
Georg. Beim zweiten Mal ists immer gelogen!) --, das Gespräch auf die
hiesigen Theaterverhältnisse gekommen und von dort über Schnitzlers
gerade gegebenen Anatol auf seine übrigen Werke und so weiter mit vollen
Segeln in den Ozean der Literatur hinausgefahren wäre -- so habe ich im
Gegenteil von Hunden angefangen.«

»Und nun, -- wars der Mühe wert?« fragte Georg belustigt, allein
Montfort hörte es gar nicht, legte die Hand zu ihm hin über die
Marmorplatte und fuhr lebhafter fort:

»Dabei giebt es die köstlichsten Dinge, von denen zu reden wäre,
liebliche, verborgene, kleine, erfreuliche Sachen, die aber jeder für
sich behält, als könnte man sie ihm beim Vorzeigen entwenden, denn wir
sind ja schamhaftig und haben alle kein Herz voreinander. So kommt es
dann, wenn das Herz einmal mit einem rechten Ungewitter zusammenstoßen
und gebraucht werden soll, daß ein jeder hülflos dasteht und fragt, wie
mans verwendet. Ich habe eine alte Tante,« sagte er, immer herzlicher
lächelnd, »eine ganz entsetzliche Person, die zu nichts auf der Welt je
gut war, und wir zanken uns, sobald wir uns zu sehn bekommen, jedoch in
den geschliffensten Umgangsformen. Aber eines Abends sind wir uns in den
Anlagen begegnet, wir sahen uns schon von fern, und da wir grüßend
aneinander vorübergingen, so lachten wir uns Beide freundlich an und
sagten: Sieh! und: Kuckeinmal! und es war uns Beiden erfreulich.« Er
endete, legte die offene Hand auf die Stirn und strich kräftig mit ihr
über das Gesicht bis zur Oberlippe hinunter, so daß es faltig und
gehagert zum Vorschein kam.

Georg in seiner steigenden Heiterkeit hatte derweilen schon von weitem
Frithjof daherschaukeln sehn, einen riesigen Kuchenaufsatz mit drei
Schalen übereinander auf der linken Hand, während er, Daumen und
Zeigefinger der rechten um das Bierglas krallend, es mitsamt seinem
Untersatz auf einem kleinen Nickeltablett festklemmte, auf dessen anderm
Ende das Glas Milchkaffee sein Zuckerschälchen als Deckel trug, und
dazwischen war tiefen Ernstes das würdige Gesicht mit seinem
stoppelschwarzen, fest gegen die Brust herabgedrückten Kinn. Sonderbare
Tätigkeiten verübten die Menschen doch allen Ernstes ... Aber Georg, der
Montforts Freundin darauf aufmerksam machen wollte, bemerkte erschreckt,
daß sie zurückgelehnt dasaß, das Gesicht ganz zur Seite von ihm
abgewandt und in sich versteift; doch rollte nach einer Weile eine Träne
aus dem, Georg sichtbaren Auge über die Wange und fiel auf ihre Brust.
Ihre Hand auf der Tischplatte war so fest um die schilfgrünen Blätter
und Stiele der Blumen gekrampft, daß die Knöchel weiß hervortraten.

Unwillkürlich fiel Georg, der sich hastig fortwandte, Anna ein und im
Augenblick danach Renate; dies war, als erhielte er einen Paukenschlag
mitten auf die Brust. Es flimmerte vor seinen Augen. Langsam erschien
dann der Kopf des Dostojewski auf dem Buche unter ihm, und er fing an zu
sprechen, willenlos:

»Da Sie von zufälligen Familien sprachen --«

»Also doch, Durchlaucht, muß es denn sein?« fragte Montfort trüb und
verdunkelt. Georg brauchte Sekunden, bis er begriff, daß Montfort ja
gerade nicht von dem Buche hatte anfangen wollen, lächelte verlegen und
sagte:

»Sie sehen eben: auch im Kleinsten läßt die Welt sich nicht regieren.
Herr Bogner und ich sprachen in der Bahn mit einer Dame über
Familienzufälligkeit. Wir kamen dabei --, Sie kennen vielleicht auch
meinen Freund Prager?«

»Prager?« Josef erinnerte sich mit leiser Erheiterung. »So -- ist das
eine zufällige Familie? Ja, es giebt ja tausend heute.«

Er schien nun bereit, einzuschlafen. Georg aber hielt ihn wach, es
vermeidend, Frau Ring anzusehn, zu der Josef, hinter der Tischplatte
zusammensinkend, hin und wieder einen ernsten, nicht ungütigen Blick
hinüberschickte.

»Warum meinen Sie?« fragte er. Josef ermunterte sich.

»Es wird am Besitz liegen, denk ich. Oder am Nichtbesitz. Es fehlt die
Haltung.«

Georg, innerlich etwas beschämt, zitierte sich selbst:

»Besitz verleiht Sicherheit, meinen Sie, und Sicherheit Haltung ...«

»Ja, gewiß. Sie haben ja alle nur Geld --«

»Den einzigen Nichtbesitz ...«

»-- von dem aber alle abhängig sind. Alle sind abhängig, alle Väter. Der
Anwalt von den Klienten, der Beamte von den Vorgesetzten, der Kaufmann
von der Kundschaft. Nur die Ärzte haben, wohl vom starken Verkehr mit
dem Tode, ein wenig Haltung und umgängliches Wesen bekommen. Und der
Kaufmann ist immer nur Zwischenhändler, vertreibt Lebensmittel oder
Maschinengefertigtes, ohne es handgreiflich besessen, also ohne es be-
oder verarbeitet zu haben. Also fehlt Zusammenhang und die Ehrfurcht vor
sich selber. Es muß einmal Ideal eines Sohnes gewesen sein, zu werden,
innerlich und äußerlich, was sein Vater ist. Heut ist es das Ideal aller
Väter, daß ihre Söhne was Besseres werden. Mütter sitzen unselig
dazwischen und müssen vermitteln von früh bis spät. Nun, darüber könnte
man stundenlang reden.« Montfort gähnte geheim mit geschlossenem Munde.

Georg sagte leise, während Josefs Freundin aufstand und hinausging:

»Die Frauen sind so viel besser als die Männer ...«

Sie schwiegen. Montfort saß zurückgelehnt in äußerst dekorativer
Attitüde, warf aber nun plötzlich den Rest seiner Zigarre in den
Aschenbecher, ließ das Gesicht auf sein geleertes Bierglas herabhängen
und sagte, unterm Tisch eine Zigarette hervorzaubernd:

»Ahnen Sie wohl, wie recht Sie haben? Frauen sind immer gut. Alle haben
sie die Bereitwilligkeit in sich, gut und nur gut zu sein.« Dies sagte
er ernst und mitleidig, lenkte aber nun auflächelnd ab und sagte: »Jetzt
sind sie ja nun in diese merkwürdige Behinderung geraten.«

»Ach,« meinte Georg leichtherzig, »das wird vorübergehn, nicht wahr?
Gewisse Verhältnisse, nicht wahr, mehr sozialer als humaner Art, haben
sich zu schnell geändert --«

»Und die Frau, meinen Sie, hat es nun einmal an sich, überall zu spät zu
kommen ...«

»Natürlich! Und nun stehn sie da ratlos zwischen Altem und Neuem, sehen
auf einmal Widerstände überall, übertreiben es alles, wie sie ja immer
gern tun, und nun sollen sie ja auch kämpfen, nicht wahr, sie, die
bisher immer nur beschwichtigt haben. Da weiß keine, wie man das macht.«

»Die Ritterlichkeit, ja, die einmal zum Kämpfen gehört ... die haben sie
immer nur erfahren und niemals selbst angewandt. Sie haben ein gutes
Herz, Prinz, woher wissen Sie das alles?« fragte er plötzlich. »Zur
Belohnung,« fuhr er ernsthaft fort, »sollen Sie einen Spruch geschenkt
haben, den besten, den ich weiß.«

»Nun?« fragte Georg, leise geschmeichelt.

Montfort sah ihn durchdringend an.

»Erhalte dir dein Herz, sagt Salomo, denn aus ihm kommt das Leben.«
Darauf erhob er sich, die Hände vor sich aufstützend, und ging langsam
hinaus.

Georg suchte fiebernd nach Renates Augen in seltsam verschleierten
Tiefen. Der starke Honigduft in der Büchse seines Herzens war sehr
flüchtig geworden. Dann kehrte Frau Ring, leicht auf federnden Füßen,
zurück, setzte sich und fragte heiter: »Nun, haben Sie von mir
gesprochen?«

»Nein, mein Kind,« sagte Montfort, hinter ihr an den Tisch tretend, »wir
sprachen vom Überhandnehmen der Kinos wegen der geistigen Faulheit der
Männer.«

»Ach, bitte,« bat sie ängstlich, »nicht vom Kino, Josef, du weißt doch,
ich kanns nicht --«

»Sie kommt vom Theater,« erläuterte Montfort friedlich, »daher die
Voreingenonmenheit. Durchlaucht, was denken Sie vom Kulturwert des
Kien--«

Frithjof brachte ein großes Wasserglas herbei, und alle drei sahen zu,
wie das Mädchen die schönen, eirunden und eigelben Blumen mit den
schilfgrünen Stielen hineinstellte. Frithjof entfernte sich zufrieden.

»Eigentlich,« sagte Georg unschlüssig, »habe ich nie über diese Frage
nachgedacht ...«

»Dann erlauben Sie mir, Durchlaucht, Sie zu bewundern!«

Schon wieder einer, dachte Georg.

»Ein Deutscher,« redete Montfort heiter fort, »der über eine nationale
Frage noch nicht nachgedacht hat. Wundervoll und außerordentlich. Würde
ein jeder so tun, hätten wir auch nicht das subalterne Gesicht, das nur
hierzulande zu sehn ist.« Er blickte sich nach allen Seiten um, wo jetzt
an den kleinen Tischen ringsum lesende Männer mit Zeitungen, auch ganze
Familien mit Töchtern und Schwiegersöhnen saßen, für Georg so plötzlich
vorhanden, als wären sie, oder als wäre er aus dem Boden dazwischen
gezaubert.

»Meinen Sie, daß es daher kommt?« fragte er gedankenlos.

»Nun, oder von was andrem. Ich hatte nur die Bemerkung anbringen
wollen,« versetzte Montfort gleichmütig.

Georgs Blick glitt langsam von ihm ab; niemand sagte etwas. Die Luft im
Raum war nun dick von Tabaksrauch und schwirrend von Stimmen und
Gelächter, die Kellner liefen geschäftig, Frithjof erschien,
schwerbeladen, in jeder Hand schulterhoch einen ganzen Fächer von
belasteten Tabletts, deren einen er schwingend in einen runden
Familienkreis hineinschlittern ließ.

Oh Gott, dachte Georg gequält, so ist das nun! Warum sitze ich hier? Da
hocken wir beisammen im Kaffeehaus. Der eine sagt, was er meint, der
andre sagt, was er meint. Das Ganze ist ein Gespräch. Und alles hat
diese gräßliche Blankheit von Nickelgeschirr. Ach, und eine sitzt
daneben, das Herz bis zum Rande voll Tränen! -- Dieser Montfort, da saß
er, die Ellbogen auf der Marmorplatte, die Zigarre am Munde, an der er
saugte. Georg, voll Haßverlangens, ihm etwas Heftiges anzuwerfen, und um
wenigstens den Trumpf zu haben, daß er selber es sei, der die
Gesprächekarre wieder in Gang brachte, fand auf der Suche nach
irgendetwas endlich, daß es ihm schien, Montfort habe Deutschland
beleidigt und er müßte es verteidigen. Also warf er, unwirsch wie ein zu
geringes Trinkgeld, die Worte auf den Tisch:

»Sagen Sie nichts gegen Deutschland! Am Ende ist es doch das einzige
Land, wo man leben und sterben möchte.«

Montfort wich plötzlich vor einer träg aufsteigenden Qualmwolke, die
Augen zukneifend, zurück, wedelte mit der Hand, rieb sich das eine Lid
und sagte:

»Leben? -- das wäre die Frage. Sterben? -- darüber ließe sich reden.«

Langsam, nachdem er seine Haltung wieder eingenommen, ließ er jetzt die
Augen zu seiner Freundin hinübergleiten, so daß es Georg vorkam, als
hätte er etwas gesagt, das für sie einen besonderen Sinn habe ...
Gleichzeitig ergrimmt über Vorgänge des Herzens, die ihm verheimlicht
wurden, und voll eifrigen Mitleids mit einem von diesen empfindsameren,
weiblichen Geschöpfen, wagte Georg nicht, sie anzusehn, blickte auf
Dostojewskis verschwommenen Kopf und sah trotzdem an seiner Seite das
stille Gesicht des Mädchens, das vorgebeugt dasaß, die Arme auf der
Tischplatte, eine Hand am Glas, mit der andern diesen und jenen
Blumenstiel anzupfend und anders feststeckend.

»Nur die landschaftlichen Sachen,« sagte sie getrost aufblickend, »die
mag ich hier und da recht gern ...«

Georg hätte sie in die Arme schließen mögen. Die reine Seele, da stieg
sie nun aus ihrem Leid und brachte sich obendrein zum Opfer, bloß weil
ein Gespräch wieder ins Fahrwasser kommen mußte, und fing richtig vom
Kinematographen an, den sie nicht leiden konnte. Er selber dabei, er
konnte sie nicht streicheln noch ihre Hand ergreifen, er konnte weiter
nichts als sich zu ihr neigen und brüderlich lachend und scherzhaft
rufen:

»Ha! daran glaube ich nimmermehr! Alle reden davon, und alle wollen sie
die Detektivschlager sehn!«

Welch einen Unsinn er redete! Aber nun -- sie verstand ihn doch und
schüttelte nur lächelnd den Kopf. Montfort sagte:

»Sie, Durchlaucht, gehören, hoff ich, nicht auch zu den Leuten, die der
Bevölkerung die Hintertreppe wegnehmen wollen. Was verbleibt am Ende dem
gemeinen Mann? Zur Vordertreppe lassen Sie ihn doch nicht heran, wie?
Ach, teure Cornelia, als Frau möchtest du natürlich alles schön und
fortschrittlich und heilsam haben, und den Gegenstand für die
Verbesserungen findest du natürlich in den Kreisen, die sich seit alters
haben alles gefallen lassen müssen. Der begüterte Mann hat hundert
Arten, sich zu ruinieren, geistig und körperlich, Kaffeehäuser und
Kabaretts, Absynth, Pferderennen, Automobilunfälle, Luftschiffe,
Haschisch und Nackttänzerinnen. Selbst der Gewöhnlichste hat noch
Pilsener Bier. Das Volk hingegen hat gar nichts, es soll nur immer
belehrt werden. Nun soll es schon kein Bier und keinen Schnaps mehr
trinken, was außer dem Kindermachen seine letzte Freude ist. Fang doch
oben an, Herz, wenn du bessern möchtest, ihnen aber gönn ihre
Mordsgeschichten, damit wenigstens ein halb Prozent als anständige
Schwerverbrecher zum Galgen rennt, wo neunundneunzig ein halb Prozent
als halbe Lüstlinge, halbe Wüstlinge, halbe Säufer, halbe Arbeiter -- --
überhaupt flau, flau, flau -- die Welt ist so gottserbärmlich flau,
süßsauer und abgestanden wie kalter Kohl. Gott sei Dank, da kommt der
Maler Bogner.«

Ja, Gott sei Dank! Georg atmete auf, als er den Maler wie einen lange
entbehrten Herzensfreund um das Aquarium kommen sah.


                              Traumdeutung

Bogner mußte sich an den Tisch setzen und Pilsener Bier trinken. Josef
Montfort lud alle dazu ein. Georg, um nur gleich durch gewechselte Rede
dem Maler noch näher zu kommen, fragte, ob er von Chalybäus'
Schlaganfall gehört habe. Augenblicks erschien ihm zwar Anna, aber der
Gedanke: Renate! spülte sie hinweg wie ein gläserner Katarakt voll
Visionen.

Das sei zu erwarten gewesen, erklärte Bogner. Er habe einen Grog nach
dem andern getrunken, während al Manach ihm Geschichten erzählte, und
Georg, der ihn nie hatte leiden können, bekräftigte das Gesagte mit
Andeutungen über seine liederliche Wirtschaftsführung. »Seine Frau war
eine Art Freundin von Mama, und so kam das Ganze.«

»Fuhr nach Böhne,« sagte Bogner, »lehrte die Honoratioren das Pokern und
kam betrunken heim, aber von Januar ab blieb er in Helenenruh und trank
Grog. Seine Tochter tut mir leid, sie hat genug durchmachen müssen.«

»Meinen Sie?« fragte Georg ratlos und sah Frithjof an, der unterm
hängenden Lide prüfend auf Bogner hinabblickte.

»Was solls denn sein, Herr?« sagte Frithjof.

Montfort bestellte sein Pilsener für alle. Georg sah auf einmal Anna im
Wiesendunkel an der Erde liegen und gleich darauf in einem gläsernen
Sarge. Das mußte er geträumt haben ... Indem fiel ihm jener Morgen und
das kinematographische Stück seines Traumes ein und so lebhaft, daß er
sagte:

»Erinnern Sie sich noch, Bogner, an die Nacht, wo wir zusammen die Bowle
austranken? Da wir eben vom Kinematographen sprachen, so fällt mir ein,
daß ich gegen Morgen die sonderbarsten Dinge träumte. Nun hab ich das
meiste vergessen, aber das Letzte weiß ich noch. Ich stand in einem
Theaterparkett -- nicht wahr -- in der Finsternis unter vielen Menschen,
und über mir in dem grellen Lichtstreifen aus dem Projektionsapparat
fuhren meine gespreizten Hände hin und her, ungeheuer groß und als wären
es hundert. Und vorher, das weiß ich noch, erklärte Papas Sekretär --
ja, nun hab ichs doch vergessen, -- aber dann sagte ich: Ich komme nicht
hinein! Ich wußte, glaub ich, im Traum, daß hinter der durchsichtigen
Leinwand ein richtiger Festzug war, und daß ich dazu gehörte ...«

Montfort bog sich über den Tisch, sah ihn durchdringend an und sagte,
den Traum wollte er ihm auslegen. Ja, er wäre so ein komischer Mensch,
hätte Ahnungen und so, -- mit einem Wort: Kassandra! --

»Also bitte!«

Er schloß die Augen, bog sich zurück wie ein Scharlatan, stemmte die
Hände gegen die Tischplatte, formte das Gesicht zu einer Art tragischen
Maske, öffnete pythisch den Mund, plötzlich auch die Augen und
verkündete: Jawohl, Georg käme nicht hinein.

»Sie scheinen nicht zufrieden?« sagte er dann, da Georg unverstehend
lächelte. »Dann also weiter. Bitte, erzählen Sie Ihren Traum.«

Er nahm Frithjof, der mit den Gläsern dastand, eines aus der Hand, half
die andern über den Tisch verteilen, hieß Frithjof das Kaffeegeschirr
seiner Freundin wegräumen, die nichts vor sich behielt als ihre Tulpen,
schaffte in jeder Beziehung Ordnung und Raum, -- dieweil Georg gestand,
wie schon gesagt, sei dies alles, was er wisse: ein Festzug, und Doktor
Birnbaum, nein vielmehr Chalybäus, der ihn am Arme festgehalten habe ...
Anna im Glassarge glaubte er unterschlagen zu müssen.

»Schadet nichts,« meinte Josef, »wir müssen uns besinnen. Bitte, hören
Sie zu, meine Verehrtesten --« Er sah, den Maler neben sich am Arm
fassend, die Cornelia oder Käthe an, oder wie sie nun hieß -- »es wird
hochinteressant. Also bitte! Jeder Traum, das ist ein Grundsatz der
Deutung, ist mit einem kleinen Haken im vorhergehenden Tage befestigt,
-- also besinnen Sie sich bitte einmal! Halt, sehen Sie nicht umher, das
lenkt ab, sehen Sie mich an, in meine Augen.«

Georg heftete mit innerlicher Verlegenheit die Augen auf das große,
bräunlich bleiche und schwarze Gesicht, dann in die glühenden, kleinen,
sonderbar weit voneinander sitzenden Augen, die sich zusammenzogen und
wieder ausdehnten, als wollten sie seinen Blick wie mit einer Zange
fassen, -- allein nun kam er nicht los von dem gläsernen Sarge, zumal ja
diese Erscheinung sichtlich im Abend vorher ihre Wurzelung hatte.

»Es geschah allerlei an dem Tage,« sagte er zögernd.

»Keine Umstände,« befahl Josef, »keine Begrifflichkeiten. Fassen Sie ein
Bild und lassen Sie sich getrost weiter und weiter führen, bis ...«

Also half es nichts, er mußte mit dem Sarge herausrücken, nicht ohne
peinlich zu argwöhnen, Bogner gegenüber errate sofort, was dies Bild
bedeute, und so versuchte er das Gesagte eilig mit etwas andrem zu
vertuschen, das ihm einfiel, daß nämlich die Menschen mit Fingern auf
ihn deuteten und sagten: Er hats schuld!

»Halt!« gebot Montfort, »da haben wir schon eine Menge. Und vorher also
war der Maskenzug?«

»Ja, und nun fällt mir auch ein, daß ich ihn für den Maskenzug im Grünen
Heinrich hielt, wenn das von Wichtigkeit --«

»Im Grünen Heinrich?« Josef blickte nachdenklich seine Freundin an. »Da
kommt freilich kein gläserner Sarg vor, aber -- Sie erinnern sich wohl
--«

Georg unterbrach ihn, um zu sagen, daß er sich erinnere, in jenen Tagen
wieder im Grünen Heinrich geblättert zu haben; zudem wurde es ihm klar,
daß Bogner ja nach der Windmühle gerannt war, also die Anna gar nicht
liegen gesehn hatte.

»Kein gläserner,« fuhr Josef fort, »aber einer mit einer kleinen
Glasplatte über dem Gesicht der Toten. Es ist der, in dem die tote Anna
...«

»Anna?« rief Georg erschrocken.

»Ja, was ist?«

»Nun,« versetzte Georg, »Sie kennen Fräulein Chalybäus nur unter dem
Namen Magda, aber ich nenne sie Anna, seit unserer Kindheit schon. Und
--« fügte er hastig hinzu, jetzt überzeugt, es sagen zu dürfen, »am
Abend vor dem Traum hatte ich sie an der Erde liegen sehn. Sie erinnern
sich, Bogner, nachdem sie auf den al Manach geschossen hatte, wurde sie
ohnmächtig.« Eilfertig, weiterzukommen, in eigenartiger Beklommenheit,
gab er Montfort noch ein paar Erklärungen über al Manach und das andre.

»Nun einmal zu Ihrem: Er hats schuld!« fuhr Josef fort. »Worte im Traum,
bestimmte, deren man sich erinnert, gehen -- das ist ein andrer
Grundsatz der Deutung -- immer auf bestimmte Worte aus dem Leben des
Träumenden zurück. Können Sie sich -- --?«

Georg versuchte, sich zu erinnern, doch gelang es ihm nicht; statt
dessen sah er, Bogner gegenüber gewahrend, ihn in seinem Helenenruher
Zimmer am Tisch sitzen. Es war ein Gewitter -- richtig, er stritt sich
mit Bogner, er sah ihn auf einmal seinen Bleistift in der Blechhülse hin
und her schieben, und --

»Halloh!« rief Georg aufgeregt, »jetzt habe ich den Anfang! Herr Bogner
suchte seinen Bleistift, es war in einer finstern Straße, er fluchte,
und ich half ihm, und dann --«

»Nicht so eilig!« unterbrach ihn Josef mit halblauter Stimme aufmerksam.
»Wir müssen untersuchen. Erstens die Straße. Was für eine Straße?«

Georg hatte sie nie gesehn.

»Also eine Straße aus Ihrer Kindheit,« sagte Josef.

Georg erschrak seltsam.

»Und es war dunkel?« fuhr Josef fort, »also Nacht?«

»Gewiß, ja, das heißt -- eigentlich, -- so wie es immer in meinen
Träumen ist, -- natürlich mit Ausnahmen.«

»Es ist immer dunkel in Ihren Träumen?«

»Ja, wie gesagt -- dämmrig, kein rechtes Licht, -- nicht wahr ...
Übrigens auch keine Höhe eigentlich. Über meinem Kopfe ist es aus.«

»Und unten?«

»Unten? Ja -- unten ist es ähnlich. Manchmal ist Boden da, meist aber --
glaub ich -- ist in der Kniegegend so -- alles wie -- verwischt ...«

»Durchlaucht ist ein sonderbarer Mensch,« sagte Montfort zu Bogner
gewandt. »Er kehrt des Nachts immer in seinen Mutterleib zurück.«

Georg fuhr heftig zusammen. War das gewiß? Oh es überzeugte ihn,
geradeswegs, durch das Gefühl! Es war sehr wundersam und schaurig. --
Mit unsicheren Augen sah er das Mädchen Cornelia etwas von ihm entfernt
im Sofa sitzen, tief zurück, und ihr ganzes Gesicht war entstellt von
heftigem Nachdenken; sie hielt es gesenkt, die Augen starrten in den
Schoß, die Oberlippe, in tiefer Vergeßlichkeit, stand empor wie bei
einem Kind, und die runde, kindliche Stirn war in der Mitte gewaltsam
zusammengerunzelt. Dann löste aus ihrer Angespanntheit sich langsam der
tastende Strahl eines dunklen Blicks, der aber zurückgezogen wurde,
bevor er ganz Josef erreichte.

Georg, in undeutbare Empfindungen aufgelöst, hörte nach einer Weile
Montfort sagen: »Hören Sie mal zu, ich will Ihnen ein wenig erklären.

»Denken Sie mal an ein schlafendes Tier. Haben Sie je einen Hund
schlafen sehn? Gut. Also Sie sitzen im Zimmer, Leute herum am Tisch, im
Winkel liegt Ihre dicke Wally und schläft. Auf einmal sagt einer: Pst!
seht ihrs? Wally schläft. -- Was tut da Wally?«

»Sie wacht auf,« sagte Georg.

»Richtig! ausgezeichnet! Sehn Sie: so leicht schläft ein Tier. So leicht
schlafen die Tiere, weshalb? Weil sie immer auf der Hut, weil sie immer
in Angst sind. Der Hase bekanntlich hat sich vor lauter Furchtsamkeit
die Lider abgewöhnt. Was beweist das? Mehreres. Erstens: Alles
Lebendige, mit Füßen -- zur Flucht -- begabte, lebt in einer
unablässigen Unruhe. Uralte Angst ist das, Urwaldsangst. Jeder Mensch
ist mit ihr durchtränkt, aus Erinnerung an seine sämtlichen Vorväter und
Millionen von gejagten Urwaldsleben, die er hinter sich hat. Eine
metaphysische Angst, wenn Sie so wollen, die in Ihrem, in jedem Leben
Ausdruck findet in den tausend persönlichen Ängsten des Alltags --
Krankheit, Liebe, Ehrgeiz, Einkommen, Steuer, Examen, Karriere und so
weiter. Könnten Sie Ihre Denkfähigkeit unterdrücken, Sie würden finden,
daß Sie aus nichts als Angst gemacht -- -- Wie, Herr Bogner?«

»Ich sagte es ihm schon in der Bahn,« sagte der Maler lächelnd. Georg
fühlte sich umstrickt.

»Um so besser,« fuhr Josef fort, jetzt mit unterdrückter Stimme, die
allmählich zum Flüstern wurde: »Infolgedessen also haben Sie auch
Angstträume, das wissen Sie ja selber, und infolge Ihres menschlichen
Daseins überhaupt haben Sie noch etwas andres, nämlich Wünsche. Wünsche,
teils positiver Art -- zum Beispiel, daß Sie Schillers Werke zu
Weihnachten kriegen; teils und meistenteils negativer -- nämlich, daß
Sie Schillers Werke nicht kriegen. Fast jeder Wunsch stellt sich,
vermutlich kraft jener Grundangst, hundertmal häufiger als in positiver
in der Form der Befürchtung dar, und der Traum, den Sie infolgedessen
träumen, ist ein Beschwichtigungstraum. Ist Ihnen das klar?«

Georg, sonderbar und sonderbarer mitgerissen, bejahte fröstelnd.
Montfort fuhr fort:

»Nun etwas andres. Sie legen sich zum Schlafen, strecken sich aus,
möchten schlafen, was ist Ihr letzter Wunsch, ehe der Schlaf kommt? Der
Wunsch, einzuschlafen. Wozu also dienen die Träume? Den Schläfer am
Erwachen zu hindern. Sie hören etwa den Wecker rasseln, aber der Schlaf
erzählt, es ist eine kostbare und sonderliche Fontäne, die auf diese
Weise plätschert, und Sie ergötzen sich dran und schlafen weiter. Noch
etwas. Ich will es durch ein Erfahrungsbeispiel erklären. Zu mir kommt
ein Freund und liest mir ein herrliches Preisgedicht auf den Wein vor.
Da er keinen guten Titel weiß, bittet er mich, einen zu erfinden, und
ich sage, ohne mich groß zu bedenken, er soll es: der große Weingesang
nennen. -- Wie komme ich darauf? Weil die Finkenfänger verschiedene
Arten des Finkenschlags mit Namen unterscheiden, und der schönste heißt:
der scharfe Weingesang. Ja, nun fragen Sie sich aber, welche
Erinnerungskette in mir nötig war, um diesen Zusammenhang zu Tage zu
fördern. Halten Sie sich nicht mit Beantwortung dieser Frage auf,
sondern übertragen Sie gleich das Beispiel in Ihr Traumleben -- das ja
in keiner Weise ein andres ist als das des Tages, ausgenommen seine
stumpfe Art Logik -- das heißt: in einen Traumaugenblick sind, wie am
Tage hundert von den Dingen, die Sie >Gedanken< nennen, Bilder, nämlich
die gesehenen Gedanken zusammengepreßt, vermengt, verdichtet. Zum
Beispiel --«

Er schöpfte leicht Atem, zog eine goldene Zigarettendose aus der Weste,
legte sie vor Georg hin, nahm eine, Georg willenlos gleichfalls,
entzündete beide und sprach leise weiter.

»Zum Beispiel: Ich sage: Busen. Nun natürlich unterdrücken Sie in
Damengesellschaft sofort die Vorstellung, die Sie haben -- genau so auch
im Traum -- und denken an einen Berg, an einen Meerbusen, an den Golf
von Tarent, da liegt er schon vor Ihnen, blau und mit Segeln, und siehe,
da kommt auch schon die bewußte Dame mit dem bestimmten Busen,
sonderbarerweise nicht in entsprechender Bekleidung, sondern vielmehr in
Gesellschaft von Herren und Damen, nämlich ganz wie an jenem Tage, wo
Sie den Golf wirklich sahn, -- die sich allesamt am Strande ergehn, bloß
Sie selber, Sie haben statt einer Badehose Ihre blauseidene Unterhose an
und schämen sich gräßlich, bis Sie entdecken, die andern machen sich gar
nichts aus Ihrem Anblick, und die holde Dame ist überdies Ihre Frau
Mama. Und nun zum letzten.«

Georg erholte sich, die Cornelia anlächelnd, aus seiner Verwirrtheit.
Auch das Mädchen lächelte, so gut sie konnte, aus ihrer
Denkangespanntheit heraus. Sie sah nun ganz elend aus. Montfort dagegen
blühte durchaus, trank einen schönen Schluck, wischte sich den schwarzen
Bart mit einem unbeschreiblich duftenden Tuche und sprach weiter.

»Durchlaucht also sehen im Theater einen Menschen, einen schiffbrüchigen
Matrosen, vor einem zusammengerotteten Zuhörerkreis von Schiffern und
Frauen seine Abenteuer erzählen. Auf den Gesichtern der Zuhörer spiegelt
sich alles, sie machen die lebhaftes-- -- aber was ist das, Prinz?«
unterbrach er sich erstaunt, »ich erzähle Ihnen hier die spannendsten
Dinge, und Sie stochern mit Ihrem Zigarettenstumpf im Aschbecher und
sehen mich nicht einmal an.«

Ehe Georg sich von seiner Verblüfftheit über die unverständliche Rede
erholt hatte, brach Montfort in ein leichtes Lachen aus und sagte:

»Sehen Sie, teurer Freund, Sie machen es eben nicht wie die Leute auf
der Bühne, die mit Gebärdenspiel den Erzähler begleiten, sondern im
Gegenteil, Sie verhalten Ihre Erregung, Ihre Teilnahme, Sie tun dieses
und jenes, und vor allem: Sie unterdrücken Ihre Mitgefühle, Sie zweifeln
und stecken sich am Höhepunkt des Ganzen eine Zigarette an. Verstanden?
Dasselbe tun Sie im Traum, indem Sie sich erinnern, daß Sie, von den
Angstträumen abgesehn, die verwunderlichsten und gräßlichsten Vorgänge
stets mit dem gleichen, ein wenig töricht steigenden Traumstaunen
verfolgen, -- und dasselbe tut Ihr Traum selber mit Ihnen. Befürchtung
und Beschwichtigung, Wunsch und Verzicht, Angst und Freude, sämtliche
Leidenschaften mit einem Wort, bilden ein einziges Kreuzfeuer,
losgelassen aus dem Kerker Ihrer Tageslogik. Es herrscht ein wirres
Durcheinander von alten und jungen, peinlichen und süßen Erinnerungen,
alle Empfindungen schießen durcheinander, keine hängt an ihrem Ursprung,
und keiner folgt ihre Wirkung, sondern der Ursprung der einen scheint
mit einer andern verhakt und ebenso die Wirkung. Scheint! hören Sie
wohl: scheint! Denn in Wahrheit, oh Freund, in Wahrheit herrscht der
allergenaueste und der allertiefste Zusammenhang, in dem ein Ding sich
im andern und durch das andre darstellt, und wenn Sie nur lesen könnten
die ungeheure, flammende Schrift, die vor Ihren, in die blöde
Tagesdämmerung abgewandten Augen durcheinanderwogt, so könnten Sie das
Letzte Ihres Lebens und die Leben Ihrer Väter, allen Ursprung, alles
Wachstum, Gott und Götter und alle Dämonen, die könnten Sie bei Namen
rufen und sich von ihnen dienen lassen wie Alaëddin, -- falls Sie ihren
Anblick ertrügen!« Sein nahe zu Georg herangebogenes Gesicht plötzlich
erloschen zurückziehend, schloß er leise und verzichtend: »Einstweilen
freilich ist alles, was Ihnen und jedem aus hundert- und tausendfältiger
Vermischung, Verdrehung, Verschiebung, Zertrennung, Annäherung,
Zerspaltung um Zerspaltung, Verdichtung wiederum entsteht, nur -- ein
Traum.«

Georg, mit allen Sinnen grenzenlos ausgeliefert, hörte nichts als die
flüsternde Stimme nahe unter seinem Gesicht, indem Josef fast den ganzen
Körper unter der Tischplatte verschwinden ließ, nur den großen,
schwarzen Kopf, wie Mimirs Haupt aus dem Brunnen, gegen Georg
emporhebend, -- und so fuhr er fort:

»Ein Mädchen will Nonne werden und darf nicht, sie träumt -- was träumt
sie? Die heilige Jungfrau zeigt ihr ein Bett und darin einen Mann, einen
Kranken, wie sie sagt, den sie pflegen soll. Wunderliche
Verdichtung, nicht wahr, von Liebesverlangen und klösterlicher
Keuschheitsbeschwichtigung. -- Nun -- zwei Dinge aber sind es, durch die
der Traum Ihrer Nächte sich von Ihrem bewußten und unterbewußten Hirn-
und Herzensleben am Tage unterscheidet. Er erinnert sich tiefer. Denken
Sie an Ihre Kindheit. Sie wissen nichts, und doch -- eine kleine
Nachfrage offenbart es Ihnen -- mit welch ungeheurer Leidenschaft müssen
Sie damals gelebt haben, damals, wo alles neu war. Wo alles riesenhaft
war, blendend oder beschattend, immer neu, erschreckend erst, dann aus
Entsetzen sich in unverhoffte Freude um so himmlischer auflösend,
nächtliche Erscheinungen Ihrer Eltern an Ihrem Bett, die kamen, um nach
Ihrem Schlaf zu sehn, und die Myriaden großer und kleiner Erlebnisse,
durch die Sie die unbekannte Welt durchforschten und eroberten. Wollen
Sie ernstlich glauben, das konnte jemals verloren gehn? Ein
Dienstmädchen wird irrsinnig und fängt an, Seiten und Seiten Hebräisch
und Griechisch aus Bibel und Kirchenfürsten aufzusagen, weil sie früher
am Schlüsselloch ihres Dienstherrn, des Pfarrers, gehorcht hat. Bilden
Sie sich ein, deren Gedächtnis allein habe eine derartige Saugkraft
besessen? Nein, mein Freund, Sie geben mir ja recht, Sie kehren
allnächtlich aus aller Daseinsangst in den dunklen, warmen, herrlichen
Mutterleib zurück, wo Sie in Sicherheit waren, himmlisch in Sicherheit,
vor der Welt, die keine Mutter verletzt, und vor sich selbst, vor Ihren
eigenen, wüsten, kranken, tollen, giftigen, verruchten, begierigen,
süßen, erhabenen, demütigenden, hoffenden Gedanken und Gefühlen.«

Vergebens versuchte Georg, die Lippen zu öffnen und von der Vision zu
reden, die ihm schon lange brennend vor Augen stand, seine eigene
Kindheitserinnerung, der Paradiesvogel und alles übrige, was er
seinerzeit Benno geschrieben hatte, und über das er noch bedeutendere
Aufschlüsse zu erhalten brannte, allein es war unmöglich, in diesen
Geröllsturz von Worten einen Keil hineinzuschlagen.

»Und das andre Ding,« sagte Josef, »von dem Ihr Traum alles weiß und
auch -- wie Sie vielleicht gleich sehen werden -- alles verrät, ist --
Ihr Leib, Ihr Blut, Ihr Geschlecht.«

Bei Gott, dachte Georg, bei Gott!

»Alle Träume, die nicht Angst sind, sind Beschwichtigung. Alle Träume
sind irgendwie geschlechtlich, wenn Sie das recht verstehen wollen, daß
ich sage, der Geschlechtstrieb sei der einzig einige Trieb allen und
allen Daseins auf Erden, -- ungenau ausgedrückt, doch das würde uns zu
weit führen. Demnach -- wenn Sie sich etwa vor Enthüllungen fürchten, so
wollen wir es mit dieser Probe meiner Traumdeutung bewenden --«

Georg fuhr hastig verneinend auf. Dieser Magier, dachte er, dieser
Magier! Montfort hatte sich unterweil, wie Georg nun sah, ein neues Glas
Pilsener kommen lassen, prostete Georg freundlich zu und trank mit
Behagen die goldene Flüssigkeit unter der dreifingerbreiten weißen
Schaumschicht fort, wischte sich danach sorgfältig mit seinem
duftenden Tuche den Bart und fuhr, die gelbe Seide in den Händen
zusammenbauschend, fort.

»Also dieser Maler hier suchte seinen Bleistift. Ja, nun sagen Sie mal
... waren Sie denn so wütend auf ihn?«

»Wütend? Im Gegenteil!« Georg, in Verlegenheit, da er den Maler lächeln
sah, wehrte sich heftig. »Im Gegenteil, ich hatte ihn an dem Tage kennen
gelernt, er machte einen außerordentlichen Eindruck auf mich, ich
empfand die größte Vereh--«

Er stockte, da der Maler, die Unterarme auf den Tisch legend, sich zu
ihm hinüberbeugte und leise sagte:

»Ach wo! Ich erinnere mich, daß Sie höchst aufgebracht gegen mich waren,
weil ich Ihnen nicht meine Gedanken verraten wollte, als --«

»Genug, genug!« unterbrach Montfort leutselig, während Georg errötend
alles zugeben mußte, »ich weiß nun alles. Sie hatten sich über den Maler
geärgert, also mußte er sich im Traum ärgern, indem er suchte und
fluchte und --«

»Aber ich selber hab ihm doch geholfen!« schrie Georg.

»Natürlich, das wars ja, was ich Ihnen auseinandersetzte. Sie empfanden
gleichzeitig Ehrfurcht -- als ob das nicht auch Furcht wäre, und ist
Furcht keine Feindschaft? --, also beschwichtigten Sie Ihre
unanständigen Gefühle, indem Sie ihm halfen. Wie gings denn weiter?
Vermutlich verschwand der Maler alsbald, und Sie suchten allein.«

»Bei Gott!« versetzte Georg mißtrauisch, »genau so wars.«

»Mit andern Worten,« erklärte Josef ruhig und wieder gradesitzend, »Sie
setzten sich selber an die Stelle Herrn Bogners, Sie hatten ihn ja unter
Tage exemplarisch gefunden, ehrfurchtgebietend, nachahmenswert.«

Georg war sprachlos, denn er entsann sich augenblicks deutlich, daß er
einmal an jenem Tage gewünscht habe, wortkarg zu werden wie Bogner. --
Da er nun Montfort wie von fern nach dem Weitergange des Traums fragen
hörte, so erschien ihm jetzt sein Vater, wie er in einem Theaterparkett
ohne Sitze herumging und Händedrücke austeilte. Als er Josef das sagte,
verwunderte der sich: sein Vater könne doch nicht gehn, -- unterbrach
sich jedoch selber flugs, schlug mit der flachen Hand gegen die Stirn
und rief:

»Aber natürlich! Sagen Sie doch: haben Sie nie gewünscht, daß Ihr Vater
gehend sein möchte?«

Georg, in einem kalten Schrecken, bejahte stammelnd und sagte, er
wünsche ja nichts als das, wenn er seinen Vater nur sehe, ja, er glaube,
auch schon mehr als einmal ihn in seinen Träumen gehend gemacht zu haben
...

Ihm war, als sei seine Seele mit hundert feinen Haaren besetzt, an denen
unaufhörlich gerissen würde. Montfort, ganz gleichmütig, fragte nach dem
Fortgang des Traums. Georg besann sich und meinte, dann sei wohl der
Festzug erschienen, erst als Film, fiel ihm ein, »und das war
natürlich,« sagte er, »denn wir hatten irgendwann am Tage -- Sie
erinnern sich, Bogner -- verschiedentlich vom Kinematographen
gesprochen. Und dann erschien Onkel Salomon, -- ich meine,« verbesserte
er sich, »Papas Sekretär, Anna Chalybäus und ich nennen ihn Onkel --«

»Also wieder eine Kindheitsfigur,« bemerkte Josef.

»Ja, und nun fällt mir ein, daß er mich ins Theater hineinwinkte mit
Bogners Bleistift, und dann, als ich zum Festzug wollte, hielt er mich
am Arm fest und --«

»Der getreue Eckhart,« murmelte Josef.

»-- ich schrie dann, er solle mich loslassen, und: Ich komme nicht
hinein, schrie ich und riß mich los, und dann -- war da ein
Menschengewühl, ich war angstvoll auf einmal, und nun sah ich Anna in
ihrem Glassarge --«

»Und die Leute sagten: er hats schuld ...«, schloß Josef.

»Ja, aber -- das bezog sich, glaub ich, nicht auf sie«, sagte Georg
widerstrebend, da er wirklich in jenem Traumaugenblick keine Angst oder
ein Schuldgefühl zu finden glaubte.

»Ja,« meinte Josef zögernd, »dann hilft es nichts, dann müssen Sie sich
zu erinnern versuchen, wann im Leben Sie einmal diese Worte gehört
haben.«

»Ich weiß es schon,« versetzte Georg, ganz kalt, nur ungeduldig,
vorwärts zu kommen, »es war im Abiturientenexamen. Ich fiel durch in
Mathematik, und als der Professor von mir abließ, murmelte ich ganz dumm
und geärgert: Er hats schuld! Ich meinte: weil er so dumm gefragt hätte
...«

»Haben Sie denn vielleicht«, fragte Josef, »an jenem Tage vor Ihrem
Traum mit jemandem über Ihr Examen gesprochen?«

»Freilich. Anna erzählte ich ausführlich davon, aber auch mein Vater
erwähnte den Durchfall.«

Montfort, der ihn schon bei der Erwähnung Annas hatte unterbrechen
wollen, sagte jetzt wißbegierig:

»So. Ihr Vater. Bitte, wie stehen Sie wohl mit ihm?«

»Er ist mein bester Freund,« versetzte Georg stolz.

»So. Aber an jenem Tage, oder -- sagen wir nur -- bei jener Unterredung
--«

Georg erklärte auf Montforts fragenden Blick, es habe eine lange
Unterredung über seine Zukunft und vieles andre stattgefunden, worauf
Josef gelassen fortfuhr:

»Ja, dann waren Sie also von ähnlichen Empfindungen wie gegen Bogner
auch gegen Ihren Papa erfüllt: nämlich Freundschaft, Ehrfurcht, aber
auch Gefühl der freundschaftlichen Überlegenheit, Verwirrung vielleicht
-- -- ja, ich rate ...«

Georg nickte nur, schwer atmend.

»Und mit: er hats schuld!« ergänzte Josef, »waren im Traum also nicht
Sie gemeint, sondern Ihr Vater.«

Georg sah vor seinen Augen den Raum voller Tabaksqualm, Lampen und
sitzender, schreiender Menschen verschwimmen. Das Mädchen Cornelia hing
mit einem sonderlichen Ausdruck von Grauen und Zärtlichkeit an Josefs
Antlitz, der vor sich niedersah, und jetzt schlugen in Georgs
Verwirrung, aus seinem eigenen Innern tönend, die Traumworte: ich komme
nicht hinein ... mehrere Male. Während er noch bedachte, daß er sie
während des väterlichen Gespräches empfunden haben müsse,
widerstrebenden Gefühls gegen die unbekannten Lebensgewalten, denen er
durch seinen Vater plötzlich ausgesetzt wurde, hörte er jetzt Josef,
immer gesenkten Auges, diese selben Worte sagen und weiter, sich
aufraffend zum Zuhören:

»Diese Worte wären also das einzige, was noch bleibt.«

Indem er jetzt langsam seinen Blick von der Tischplatte erhob, ihn über
seine Freundin gegenüber streifen und in Georgs Augen, seltsam prüfend,
sinken ließ, sah Georg sich mit einem Mal in Annas Zimmer, sah sich auf
ihr liegen, -- er sträubte sich, aber es zwang ihn, -- er sah sich, im
Dunkel, kalt fiebernd, wie er den Eingang suchte, und er hörte sich zu
sich selber murmeln: Ich komme nicht ... Da schüttelte er das gewaltsam
ab, sein Blick irrte, schwankte gegen Josefs Augen zurück, er richtete
sich im Stuhl auf, rückte an dem Bierglas vor ihm, sah ein unmerklich
feines Lächeln Josefs Mundwinkel heben und hörte ihn sagen, während er
die linke Hand auf Georgs Arm legte:

»Lassen Sie's gut sein, Prinz. Sie wissen nun alles, nicht wahr? Ich
weiß es auch, denn -- viele Deutungen gibt es da ja nicht mehr. Sie
sehen also,« fuhr er ernst und ruhig fort, »die Verankerung Ihres
Traumes ist so ziemlich aufgedeckt. Ängste und Beschwichtigungen,
Entstellungen und Verdeckungen, Sie machen sich zu Bogner, Sie grollen
Bogner und Ihrem Vater, Bogner muß suchen, Ihr Vater darf gehen, aber:
er hats schuld! -- Nun, damit können wir uns ja wohl zufrieden geben.«

»Ja,« fragte Georg entsetzt, »wollen Sie denn noch mehr herauswürgen?«

»Sie sind ein sonderbarer Genosse, Durchlaucht,« sagte Montfort nach
einer Weile kopfschüttelnd. »Da hat man Ihnen an zwei und drei Stellen,
wo Sie bislang nichts sahen, ein paar Kleinigkeiten gezeigt. Man hat
Ihnen eine Schneeflocke in zehnfacher Vergrößerung gezeigt, Sie haben
den Kristall gesehn, und nun -- meinen Sie denn wahrhaftig nun, Sie
wüßten, was Schnee ist? Ein gelehrter Mann hat jahrelang unsägliche
Mühsal aufgewandt, um hinter das Wesen der Träume zu kommen -- er
überließ mir seine Erfahrungen für diesen Abend --, und hat etwas zutage
gefördert, fabelhafte Dinge in der Tat, wie Sie bemerkten. Wieviel,
meinen Sie, mögen denn das nun sein aus der wirklichen Zahl aller
Möglichkeiten? Schon sind Sie überwältigt, Sie ehrlicher Ignorant, und
sind gar entsetzt. Was wissen Sie denn nun? Sie wissen, daß Sie Ihre
Kindheit nicht vergessen haben. Was beweist das? Daß Sie nichts,
überhaupt schlechterdings keine Silbe vergessen haben, -- wenn Sie sich
bloß besinnen könnten wie jenes Dienstmädchen. Und was ist denn das:
Sie? Hören Sie denn mit Ihrer Kindheit auf? Haben Sie keine
Vergangenheit, keine Eltern, Ahnen, Adam und Eva? Haben Sie nicht eben
gelernt, daß Sie beinah so leicht und behutsam schlafen wie Ihr alter
Hund Wally? Wollen Sie vielleicht noch nicht begreifen --« er bohrte,
sich weit überneigend, beide glühende Augen in Georgs Pupillen hinein --
»noch nicht begreifen, daß Sie nichts, schlechterdings nichts aus allen
Erdteilen, Völkerschaften, Tieren und Äonen vergessen haben? Daß alles
noch in Ihnen ist, was je war? Wollen Sie mir vielleicht auch nicht
glauben, daß Sie nicht nur in den paar Augenblicken träumen, an die Sie
sich erinnern, sondern daß Sie immer träumen, unaufhörlich, die ganze
Nacht, von Abend bis Morgen, immerzu? Und daß Sie Ihr ganzes Leben im
Traum noch einmal leben, immer wieder, jede Nacht? Daß Sie Nacht für
Nacht, wie der Fliegende Holländer rückwärts mit allen Segeln, Ihr
ganzes Leben aufreißen und durcharbeiten, umwogt, wie von der Meerflut,
von Milliarden und Milliarden aus ihrem Zusammenhang gesprühter Tropfen,
Vermischung zehntausendfach, Entstellung, Verdrehung, Verbildung,
Trennung und Einung aus Molchen und Affen, Urwäldern und Städten,
Kindern und Greisen, die allesamt aus Unermeßlichkeit in Sie
hineingebraust sind wie Karawanen und hunnische Heere, Vandalen und --«

Er brach ab, spöttisch auflachend, dieweil Georg, schon lange die Hände
aufstützend, um sich zu erheben, aufstand, um hinauszugehn, sich behängt
fühlend, als schwankten die Kleider und selber seine Haut in Fetzen um
ihn herum. Betäubt und müde stand er sekundenlang unschlüssig, ohne zu
wissen, nach welcher Seite er sich zu wenden habe. Kellner eilten
vorbei, drängten an ihm vorüber, Geschirre klirrten, das Gelächter und
laute Schwatzen toste sinnverwirrend herum, und Augenblicke lang wars
ihm, als habe er das alles noch im Leben nicht gesehn und wisse nicht,
was es bedeute.

Da erblickte er im Nebenraum, durch die Glaswand, die Rückenansicht
einer stehenden Dame, die dort zu warten schien, und obgleich ihre
Haltung -- die Hände tief in einer riesigen Muffe, die Oberarme an den
Leib gedrückt -- nicht eigentlich bemerkenswert war, erinnerte sie ihn
doch an Cora. Sie bewegte sich jetzt, verschwand, ehe ihr Profil
sichtbar wurde, hinter dem Pfeiler und einem Kleiderständer voll
gehenkter Mäntel, dann kam ihr Hut zum Vorschein, groß, flach, schwarz,
mit grüngefärbten Straußenfedern um den Kopf, und es war Corinna Bogner,
die aus der Türöffnung den schwächlich schmachtenden Blick gegen Georg
aufhob.


                               Wiedersehn

Mehr erschreckt als erfreut, ging Georg auf Cora zu und fragte, die Hand
ausstreckend: »Wie kommen Sie hierher?«

Sie blickte ihn ohne Erstaunen an, befreite ihre Hand aus der großen
grauen Muffe, reichte sie ihm und entgegnete:

»Sie waren ja mächtig in Anspruch genommen, mein Prinz. Wir sind schon
seit einer halben Stunde hier, ich und mein Mann, wir saßen dort hinten.
Er ist noch einen Augenblick an einen andern Tisch gegangen. Diese
Juristen haben immer etwas zu verhandeln.«

»Aber wie kommen Sie ...«

»Was machen Sie denn für böse Augen? Grade als ob ich Ihnen nicht als
Corinna erschiene, sondern als Erynna oder wie's heißt. Soll ich Sie
meinem Mann vorstellen?«

»Ich bitte sogar darum.«

»Sogar? Das ist gar nicht nötig. Wir sind seit dem Ersten hier. Herbert
ist zur Staatsanwaltschaft versetzt. Warum schrieben Sie auch gar nicht
mehr? Armer, ahnungsloser Engel! Sie werden morgen bei mir Tee trinken.
Da kommt Herbert. Herbert, ich habe eben das Glück gehabt, des Prinzen
Durchlaucht zu treffen, -- ich erzählte dir ja ... Prinz Georg
Trassenberg -- mein Mann.«

Georg verbeugte sich gegen einen Herrn im Zylinder und Frack unter
offenem Mantel, dessen Ähnlichkeit mit dem Maler besonders an den großen
Augenhöhlen zu erkennen war, während er einen kleinen, bürstenhaft
geschnittenen rötlichen Schnurrbart trug und einen etwas verfinsterten
und abwesenden Ausdruck in den Augen hatte, wohl infolge einer kleinen
Falte zwischen den Brauenbuckeln. Einen goldenen Kneifer nahm er hastig
ab. Georg, dem jetzt der Maler einfiel, sagte:

»Aber ich habe ja eine mächtige Überraschung für Sie, -- das heißt, wenn
Sie noch nicht ... aber wohl kaum ... Kennen Sie den Herrn dort?« Er
drehte sich zu dem Tisch hinter ihm um, zu Montforts Rücken und der
still in sich versunkenen Cornelia drüben im Sofa, dieweil Bogner sich
erhob und herantrat und sein Bruder, murmelnd, er sei kurzsichtig, den
Kneifer wieder andrückte.

»Herbert! Erkennst du mich?« fragte Bogner ruhig und sonderbar gütig.

Das Gesicht des Bruders verschönte sich errötend in herzlicher Freude.
Er sagte: »Benvenuto!« mit so viel Ergriffenheit, daß Georg rot wurde,
während Cora zu weinen anfing. Ihr Mann legte seinem Bruder die Hände
auf die Schultern und schüttelte ihn. »Also doch!« sagte er. »Nun, ich
hatte ja schon von Mama gehört. Und hier im Café, da treffen sich die
Menschen wieder. Ja, der arme Papa! Verzeih, Cora, dies ist nun mein
großer Bruder. Ja, nun müssen wir noch eine Viertelstunde bleiben. Wir
waren in so einer Abfütterung ...«

Georg hörte Cora noch zu Bogner sagen, wie es sie freue, daß er genau
aussehe wie sein Bruder, ging, brennenden Auges und rauschender Ohren,
durch die Nebenzimmer und durch den engen, gewundenen Treppenschacht zur
Toilette hinunter, wo er indessen nicht zur Sammlung kam, denn am
Treppenfuß, friedfertig neben der Telephonzelle hockend, begrüßte ihn
freudestrahlend Sylvester, der Toilettenmensch, mit seinem ungeheuren,
blonden Schnurrbart und seiner kleinen Tabakspfeife. Beim
Wasserhahnaufdrehen und Handtuchreichen erzählte er Georg, wie in
Primanerzeiten, kleine Stückchen von seinen Kindern, leise sprechend und
wie ein Eichhorn immer hin und her, und Georg war wie jedesmal leise
verwundert, daß auch diese unterirdischen Menschen Weib und Kinder
hätten, sich erinnernd, wie er das erste Mal peinlich hatte denken
müssen, ob wohl so ein Kind, in der Schule nach dem Beruf seines Vaters
befragt, antworten müsse: Mein Vater ist Toilettenmensch. -- Beschämt
wie damals bei diesem Gedanken, suchte er vergebens nach einem netteren
Terminus dieses Standes, und kam so, an Gefühlen wenig entwirrt, wieder
nach oben.

Da aber konnte er plötzlich nicht vorüber an der Glastür des hintern
Ausgangs, und nach einem zaudernden Umblicken im Raum, der vom beizenden
Tabaksqualm der um alle Tische sitzenden Kartenspieler erfüllt war, trat
er ins Freie unter das Überdach und stand im Garten.

Feucht und sehr kühl atmete die Nachtluft. Durch das nackte Gewipfel
hoher Bäume fiel von rechts her der Lichtschein der Bogenlampen; in den
Nischen von Buschwerk schimmerte weißlich Gestein, und hier und dort
erglänzte die Platte eines der vielen Tische. Georg ging blindlings vor
bis an das trockene Wasserbecken, sah das blecherne Mundstück der
Fontäne sprachlos aus dem Hügel von Tuffstein hervorgestreckt und hielt
sich dran, geistig, zu seiner Sammlung. Von Coras seltsam dürftiger
Erscheinung schweifte er ab, eilfertig und im Bogen wie ein Jagdhund
bösen Gewissens. Eine Beängstigung fiel auf sein Herz; er sah Renate im
Garten stehn, sah das weiße Dreieck ihres Tuches, und langsam, aus der
Beklommenheit, dehnte sich angstvolle Freude. Schön muß es werden,
dachte er, schön wird es werden! inbrünstig hoffend, und die
Vorstellungen: Montfort als Freund, Bogner als Führer, Renate als -- als
Geliebte! zogen, undeutlich in den Umrissen, aber verheißungsvoll,
segenspendend und mit immer stärkerer Magie durch seinen Geist, so daß
er schwoll, erzitterte zugleich und sich üppiger reckte. -- Schon sah er
einen Atelierraum, Bogners, Nacht und Lichter, die Rauchschwaden, Josef
Montforts gewaltige Silhouette, und er vernahm die ruhige Stimme des
unsichtbaren Malers ... Cora, wie war sie verblaßt im Augenblick!

Und nun erschien ihm sein Weg, und er ging ihn, umringt von königlich
geleitenden Gestalten -- Montfort, Bogner, Renate --, und vor seinen
taumelnden Augen stellten die nächtlichen Umrisse des schwarzen
Theaterbaus drüben sich dar als das Ziel, als das Schloß, Behausung
seiner Würde, seines -- ah nun, ja nun begann erst das Leben! Arbeit und
Feste, Arbeit und Feste ...

Erquickt von der Kühle und dem Dunkel, gesammelt, entschlossen,
aufgerichtet, kehrte er zu den Andern zurück.


                            Viertes Kapitel


                              Nachtstraßen

Am Tische sprach der Staatsanwalt, einen Ellbogen auf der Schulter
seines Bruders, eindringlich in ihn hinein. Cora schien Josef Montfort
völlig mit Beschlag belegt zu haben. Dessen Freundin saß einsam auf dem
Sofa, aufrecht, und machte muntre Augen, um ihre Teilnahme zu bezeigen.

»Georg, ich bin ganz hin!« erklärte Cora, als er sich niederließ. Zum
Umfallen müde wäre sie, sagte sie. Georg sah Josef mit seiner Freundin
einen Blick des Einverständnisses tauschen, die Brüder lösten sich
voneinander, und alle brachen auf. Cora, die schon fertig angezogen war,
ging allein voraus, aber Georg half erst der Cornelia in den Mantel und
beeilte sich weiter nicht mit seinem eigenen Mantel und Handschuhn; auch
als sie später draußen zusammen standen, hielt er sich abseits. Die
Nachtluft war kalt und feucht; Platz und Straßen waren noch immer oder
schon wieder schwarz vor Nässe. Georg sah nach den Sternen, aber der
Himmel war unsichtbar über den leise schwankenden Bogenlampen. Nach der
Bahnfahrt, der Wandrung mit Bogner, nach Josef Montforts ungeheurer
Beredsamkeit fühlte er sich nun schwer müde und gähnte heftig.

Mit einem leisen Widerwillen sah Georg jetzt Cora neben Josef Montfort,
fegend mit ihren Röcken, über den Platz gehn. Josef, im kurzen, hellen
Mäntelchen, hatte den steifen Hut so nach vorn gerückt, daß der
Hinterkopf hervortrat; dazu stieß er hinter sich den Stock mit hoch
gegen die Hüfte gezogenem Ellenbogen auf, -- eine absichtliche, schofle
Lebemannshaltung, wie es schien. -- Das große, hell erleuchtete
Zifferblatt der Normaluhr zeigte halb ein Uhr. Abseits von den Brüdern
stand die Cornelia Ring, in ihren Scharlachmantel geschlagen, den großen
Kragen schön hinterm Kopf, Josef nachblickend. Bei ihrem Anblick
erschien Georg Renate; es stach in seiner Brust; dann merkte er, daß der
Satz: Auch der Toilettenmensch hat Weib und Kinder ... ihm unablässig
wie ein Vers von Morgenstern durch den Kopf zog.

Montfort kam plötzlich eilfertig zurück, rief: »Die gnädige Frau will zu
Fuß gehn! Frau Ring, wir bringen Sie alle nach Hause!« drehte wieder um
und gesellte sich zu Cora.

Die Brüder folgten, leise sprechend, und Georg schloß sich mit Cornelia
hinter ihnen zusammen. Sie gingen eine Weile schweigsam; Georg mußte
heftig und heftiger gähnen, während das Mädchen leichten Ganges neben
ihm schritt, den Kopf grade und frei auf dem festen Halse. Er lugte von
der Seite schläfrig nach ihrem Profil, sah die runde Stirn, das straff
zurückgestrichene Haar, die vorgewölbte Oberlippe, den dunklen Blick des
Auges und erinnerte sich, auf der Suche nach einem Gesprächsstoff, daß
sie die wenigen Worte, die er sie sprechen gehört, mit undeutschem
Akzent -- zumal den R-Laut -- betont hatte. Zum Sprechen ansetzend,
mußte er wieder gähnen, sie sahs und lächelte, und er sagte,
mitlächelnd, hastig:

»Entschuldigen Sie nur, -- ich habe die Bahnfahrt noch in den Gliedern,
und dann -- dieser Montfort betäubt einen ja wie -- ich weiß nicht was,
-- aber bitte, -- wenn ich fragen darf ... Sie sind keine Deutsche oder
--?«

Sie schüttelte den Kopf und lächelte wieder.

»Nur so halb und halb,« meinte sie.

»Polin vielleicht?« schlug Georg vor.

Sie lächelte. »Nein, das ist nun grade falsch, obgleich ich sonst alles
Erdenkliche bin. Mein Vater war Deutscher, aber aus Ungarn, und seine
Mutter war Ungarin. Meine Mutter aber ist Spanierin; sie lebt noch da,
und ich bin dort aufgewachsen. Da lernte ich Deutsch und Spanisch
zugleich, aber -- meine Großmutter war wieder Holländerin ...«

»Ei, dann sind Sie ja ganz international!«

»Ja, leider ...«

»Leider?«

»Ja, man fühlt sich doch so heimatlos. Spanien kenne ich kaum, mit vier
Jahren kam ich von dort weg. Nun, am meisten gehöre ich wohl doch zu
Deutschland ...«

Um ihr gefällig zu sein, murmelte Georg, Herr von Montfort komme einem
ja auch so international vor.

»Wieso?« fragte sie halblaut, das Gesicht zu ihm drehend.

»Nun -- ich meine, nicht wahr? -- finden Sie nicht auch: wenn man ihm
zuerst in Italien begegnete oder sonstwo -- würde man ihn nicht für
einen Italiener halten -- oder Spanier oder -- --?«

Sie sah wieder gradeaus, wo zehn Schritte vor ihnen Bogner und sein
Bruder gingen. Er habe wohl recht, meinte sie leise. Nach einer Weile
setzte sie verloren hinzu: »Er will ja nun auch fort ...«

Da schien Georg, indem sie eben unter einer Laterne einhergingen, im
hellen Licht ihr Auge merkwürdig heiß und glitzernd. Sie zog die
Oberlippe in den Mund. -- Was hat sie nur? dachte Georg, während ihr
Anblick von vorhin, wie sie auf dem Sofa saß und weinte, ihm wieder
gegenwärtig wurde, -- will er ohne sie gehn? -- Die Straße mit fernen
Laternen lag wieder dunkel vor ihnen, dahinter der Thielplatz, rötlich
leuchtend von Bogenlampen; an der gegenüberliegenden Straßenseite
klappten eilige Schritte. Nun ging auch das Mädchen neben ihm schneller,
auf einmal in hastiger Rede.

»Oh denken Sie nicht, daß ich das nicht verstehe,« sagte sie, »ich kenne
ihn ja! Wer kennt ihn denn sonst? Was soll er auch hier? Sie wissen
vielleicht: die Fabrik geht nicht gut ... ach, das durft ich wohl nicht
sagen, aber es weiß ja schließlich jeder.«

Also das war da nicht in Ordnung im Garten, dachte Georg, Bogner hat
doch recht gesehn. Das Mädchen fuhr fort:

»Nein, können Sie sich vorstellen, wie er im Kontor sitzt und Zahlen
schreibt?« Sie neigte lachend den Kopf. »Oh er ist ein glänzender
Kaufmann, wenn er will, er kann ja jeden um den Finger wickeln. Er hat
auch viel mehr Kenntnisse, als Sie vielleicht denken, er spricht eine
Unzahl Sprachen, wir waren einmal in Ägypten, und er sprach mit den
Suahelis oder wie sie heißen ... ja, was wollt ich sagen? so -- und alle
Instrumente spielt er, und Theater, ja, was wäre der für ein
Schauspieler! Er malt auch sehr schön, er hats nun freilich lange schon
gelassen, er hälts ja nirgends aus ...«

Da sie schwieg, fragte Georg nach einer Weile behutsam, wohin er denn
nun wolle ...

»Ach, wohin?« murmelte sie tonlos. »Nach Sibirien oder Mexiko, was weiß
ich?«

Also wollte er sie scheinbar nicht mitnehmen. Ach, dachte Georg
erschreckt und mitleidig, da haben wir nun alle gesessen und geredet,
und sie hat das Herz voll Gram bis zum Rand. Und ich gehe neben ihr und
gähne. Die Menschen sind alle Bestien! --

Cornelia verlangsamte ihre Schritte wieder, da sie den Männern vor ihnen
nahe gekommen waren. Ein Automobil kreuzte ihren Weg, innen
vollgepfropft mit schreienden Kerlen, und verrauschte brüllend.
Sie gingen über den Platz und auf den dunklen Tunnel der
Eisenbahnüberführung zu, wo schon Josefs und Coras Schritte schallten.

Sie sprach, als spräche sie mit sich selber:

»Halten kann man ihn ja nicht, er ist das freiwilligste Wesen, -- ich
weiß bloß nicht ...« Sie verstummte.

»Was wissen Sie nicht?« fragte Georg behutsam.

Sie weinte. Sie schlug den Mantel auseinander, nahm ihre Handtasche vor,
holte ein kleines Taschentuch heraus und trocknete sich hastig die
Augen. Danach brachte sie alles wieder in Ordnung, richtete den Kopf auf
und schritt aus.

»Ich wollte sagen,« begann sie wieder, »ich weiß nicht, was aus mir
werden soll. Wenn man sein Leben so ganz auf einen Menschen eingerichtet
hat ... Oh es geht mir gut, ich hatte immer, was ich mir wünschte, ich
kann ja auch überall hin ... Nur ist man heimatlos,« schloß sie leise.

Georg zermarterte sich den Kopf umsonst nach einem Wort. Ein Mensch wie
Montfort paßte freilich schlecht in diese windstille Stadt. Lenau fiel
ihm ein, der nach Amerika ging, Kürnbergers Amerikamüder, -- aber paßte
er nach Amerika?

»Will er nach Amerika vielleicht?« fragte er schließlich.

»Auch -- vielleicht,« sagte sie. »Er haßt Amerika. Was er am meisten
haßt, ist Geld.« Sie blieb wieder stehn, wandte sich zu Georg und sah
ihn mit offenbarem Flehen an.

»Ach, mir ist etwas eingefallen!« sagte sie, »ich weiß nur nicht ... Es
ist vielleicht ganz töricht und -- und unbescheiden, ich dachte nur ...
ich weiß von Ihrem Vater, dem Herzog, Josef gab mir immer seine
Jahresberichte, die er doch selbst schreibt, nicht wahr, und nun dachte
ich --« Innehaltend, blickte sie jämmerlich zu Georg auf.

»Aber gewiß, gewiß, natürlich!« versicherte er froh und überrascht, »das
ist ja ein glänzender Gedanke! Mein Vater --«

»Wir müssen weitergehn,« mahnte sie, selber wieder munter ausschreitend,
»da kommt schon die Eichstraße, dort wohne ich.«

Georg fuhr fort zu erklären, daß sein Vater immer auf der Suche sei nach
tüchtigen und -- gewissermaßen originellen Leuten, die andernorts schwer
zu brauchen seien. »Mama sagte einmal, er sei magisch oder magnetisch
für solche Menschen, -- nun sehen Sie wohl, sein Magnetismus hat sich
sogar durch uns erstreckt! Ich schreibe gleich morgen an ihn, nicht
wahr? Er weiß sicher etwas.«

»Ach, ich wäre Ihnen ja so dankbar!« versetzte sie aufatmend. »Wenn er
nur hier irgendwo im Lande bleiben kann ... Sie sehen ja, wie er ist,
für solche wie ihn giebt es keine Gesetze, nein, sie geben welche, und
es ist ja so schön, daß es Menschen giebt wie ihn, wie wäre es sonst
langweilig!«

Nun lachte sie wieder, sagte: »Jetzt aber still!« und: »Ich danke Ihnen
ein andermal! Da ist mein Haus!«

Georg sah nicht weit von ihnen die Vier beisammenstehn. Im nächsten
Augenblick waren sie bei ihnen, Cornelia holte ihr Handtäschchen und den
Schlüssel daraus hervor, den Montfort ihr fortnahm, um aufzuschließen.
Unterdes gaben Bogner und der Anwalt ihr die Hand, Cora nickte
fürstlich; sie sagte, Georg fest die Hand drückend, laut und ruhig:

»Wenn Sie mir schreiben, Durchlaucht: Eichstraße 17 und Fräulein
Cornelia Ring. Gute Nacht.«

Josef gab ihr den Schlüssel zurück, sie nickte ihm zu und verschwand,
nickte dann noch einmal bittend und lächelnd zu Georg durch die dunkle
Scheibe der Haustür, während sie drinnen zuschloß.

»Wir wohnen drei Häuser weiter,« hörte Georg den Anwalt sagen und war
sehr damit zufrieden. Auf dem Wege dahin sprach niemand mehr; angelangt,
bat der Staatsanwalt seinen Bruder zum Essen für den andern Tag, aber
Cora fiel mit müder Stimme ein:

»Gott, Herbert! Morgen ist doch die Herzbruchsche Hochzeit! Dann kommen
Sie also -- ja, wir sagen wohl du zueinander, nun, das machen wir alles
morgen -- also dann kommst du morgen vormittag zu mir, -- ja,
Durchlaucht, dann müssen Sie auch vormittags kommen, Herbert, du kannst
dich vielleicht früher freimachen. Nein, kommen Sie nur!« wiederholte
sie hartnäckig, da Georg abwehren wollte. »Du entschuldigst, Ben -- was
für ein herrlicher Name! --, daß ich den Prinzen schon vor dir
eingeladen habe, aber ich kannte ihn ja schon länger als dich --« sie
lachte. »Merkwürdig, nicht, wo du doch mein Schwager bist! Aber ich
schwärme für Männer und kann nie genug haben, -- das heißt, wenn ich
Herbert nicht haben kann, und der hat ja nie Zeit, -- du Armer! Also
kommt ihr Beide,« schloß sie achtlos, scheinbar aus Schläfrigkeit die
summarische Anrede gebrauchend.

Georg bekam eine lange, schlaffe Hand und keinen Blick. Das Ehepaar
entschwand.


                                 Fahrt

Schweigsam schlenderten sie die Straße zurück. Es begann zu regnen.
Georg, am Gossenrande, die Hände tief in den Manteltaschen, fühlte die
Schläfrigkeit aus seinem Hirn in die Füße und Schultern gewichen, die
leise brannten, auch waren ihm am einen Arm der hängende Schirm, unterm
andern das dicke Buch lästig, das ständig aus der Achselhöhle nach unten
rutschte. -- Das arme Mädchen! dachte er trübe und vergnügt, ihr helfen
zu können. Was mochte sie nun eigentlich für ein Wesen sein, daß
Montfort mit ihr zusammen lebte, er hier, der, die Hände mit dem Stock
auf dem Rücken, sehr groß und aufrecht, den Hut im Genick, neben ihm
schritt. Bogner, an der Wand der häßlichen, roten und gelben Häuser
hinstreifend, hielt seinen Mantel in den Armen an den Leib gepreßt,
blieb aber nun stehn und zog ihn an, während Josef sich umdrehte. Eine
Droschke rasselte hinter ihnen heran, und Josef sagte: »Ein Vehikel. Nun
wollen wir ins Mulläng rusch fahren.«

Der Maler antwortete nichts hierauf; Georg war unschlüssig. Am Ende
konnte er gleich noch ein Wort mit Montfort reden, auch schien seine
Gesellschaft ihm gar zu anziehend. Schlafen konnte er ja morgen, so
lange er wollte.

Die Droschke kam herangerasselt, der Kutscher zog auf Montforts Wink die
Zügel hoch, das Pferd stand schlitternd still. »Mulläng rusch!« sagte
Josef, und der Kutscher, den Hut lüftend: »Jawoll, Herr Baron!« Der
schien ihn zu kennen.

So stieg Georg denn ein und setzte sich links in den Rücksitz; der Maler
kam neben ihn. Montfort, auf dem kleinen Vordersitz zusammengezogen,
machte die Augen zu. Die Räder lärmten. Bogner öffnete das Fenster neben
sich und beugte sich in die Öffnung. Nun verspürte Georg die sonderbare
Engigkeit, in der sie sich zusammengepfercht hatten, den Geruch von
Pferd, Leder, Wachstuch und alten Polstern und hatte das Gefühl, als sei
etwas atemlos und ohne Ende mit ihm im Gange. Auf einmal glühte sein
Gesicht, er fühlte sich an Seele und Gliedern abscheulich behindert,
streckte die Füße, fühlte keinen Platz, zog sie wieder an sich und
arbeitete mit den Augen an dem großen und dunkelhäutigen, verschlossenen
Gesicht mit der fremden Bartfliege ihm gegenüber. Keine Gesetze kennen!
dachte er höhnisch, was das schon heißen soll! Armes Kind, was kannst du
ihm wohl sein? Wie still und in Bereitschaft sie immer dagesessen hatte.
Ihre Augen waren klug, und sie las die Jahresberichte ... Was sage ich
ihm nur? -- Da fiel ihm ein, was sie vom schlechten Stande der Fabrik
gesagt hatte, da erschien ihm Renate im dunklen Vorgarten, im
Laternenlicht, wie sie ihm entgegenkam, und gereizter spürte er die
Behinderung, hier fahren zu müssen, anstatt -- was? ja was?

»Warum fahren wir hier?« fragte er jählings. Keiner antwortete; keiner
der Andern bewegte sich. Der Wagen rasselte und schwankte über das
Pflaster, auf einmal war er auf Asphalt und rollte glatter und leiser
dahin, während das einförmige Trotten des Pferdes hörbar wurde. Georg
sah Bogners schwarzes Profil im einfallenden Licht, sah das Gleiten der
Häuserwände, einen Mann, der wartend an der Ecke stand, um die sie nun
schwenkten, eine Laterne, Rolljalousien und Reklameschilder, alles sehr
traurig, beschmutzt und als ob es sein eigenes Nichtvorhandensein
beklagte. Plötzlich merkte er Montforts Augen, die ihn unbestimmt
anblickten, dann abglitten, und er hörte ihn langsam sagen:

   »Immer wieder kehrst du, Melancholie,
   O Sanftmut der einsamen Seele ...«

Es schienen Verse; er sprach langsam weiter:

   »Zu Ende geht ein goldener Tag.
   Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige,

   Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.
   Siehe, es dämmert schon ...

   Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches,
   Und es leidet ein anderes mit.

   Schaudernd unter herbstlichen Sternen
   Neigt sich jährlich tiefer das Haupt.«

Wieder war alles still bis auf das Trotten der Hufe, aber in dem
Augenblick, wo Georg, von den Versen seltsam erschüttert, fragte: »Von
wem ist das?« waren sie wieder auf Pflaster geraten, und Montfort schien
nichts gehört zu haben.

Wieder kehrt die Nacht! fühlte Georg traurig, und leidet ein
Sterbliches. Und es leidet ein anderes mit. Wie du mich dauerst, armes
Kind! Und dann schrie er, um verstanden zu werden: »Warum fahren wir
hier?«

Montfort wandte ihm mit gelindem Spott seine Augen zu.

»Wir?« sagte er. »Warum sagen Sie wir? Gehören wir zusammen? Fährt nicht
jeder ganz allein?«

Georg wollte, aber konnte nicht sagen, daß er ihn ja in dies schandbare
Vehikel hineingesperrt habe, denn freilich -- warum hatte er sich
sperren lassen?

»Teuerster,« fuhr Montfort fort, »ich weiß, was Sie denken. Sie sind
auch so ein Mensch, der auf einmal von Versen ergriffen wird. Alles muß
Ihnen mundgerecht gemacht werden, dann geht Ihnen das große Begreifen
auf, und Sie bemerken Ihre Seele. Freuen Sie sich übrigens Ihrer
Jugend.«

Bogner, während Georg sich, die Lippen zusammenkneifend, in seine Ecke
zurücksetzte und den Dostojewskiband neben sich in den Sitz stieß, legte
eine Hand auf seinen Arm und sagte, das Gesicht zu ihm wendend:

»Deswegen keine Sorge! Man gerät immer um so weiter auseinander, je
enger man beisammenhockt. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen von
Judith Österreicher erzählte? Da saßen wir schön geräumig und konnten
untereinander kommen und gehen, wie es uns beliebte.«

Anna! dachte Georg erschreckt. Oh, litt sie nicht auch, er aber litt
nicht mit ihr! -- Eine Weile später konnte er es nicht lassen, gereizt
und unwirsch hervorzustoßen: »Warum fahren wir dann hier?«

Bogner schien zu lächeln und wandte sich ab; Montfort hatte die Augen
wieder geschlossen; so fuhren sie schweigend, räderumrasselt, wieder
über Asphalt, über Geleise, umschwenkend, plötzlich aus einem Geleis, in
dem sie dahinrollten, herausgerissen, gegeneinander geschüttelt,
umrasselt unaufhörlich. Georg hatte das Gefühl, als würde diese
Nachtfahrt ihm ewig unvergeßlich bleiben. Dann dachte er, es müßte über
ihnen ein Stern stehn, der Renates Züge trug, aber nun ließ das
Wagenverdeck sich ja wieder nicht aufschlagen! -- Er stöhnte, es war
nicht auszuhalten.

Da hielt die Droschke mit einem Ruck. Georg riß die Tür auf und
stolperte ins Freie vor ein Portal mit bunten Lampen, aus dem ein großer
Türsteher mit Schnüren und hellblauem Mantel, einen langen Tambourstab
in der Hand, hergeschritten kam. Im Augenblick gewillt, davon, in die
Nacht, in einen Wald hineinzulaufen, fühlte Georg sich leicht am Arm
ergriffen und vom lächelnden Josef Montfort in den gläsernen Tunnel
hineingeschoben.

Sie legten die Mäntel ab und gelangten über eine Treppe in den Tanzsaal.


                              Ballhaus/Bar

Es waren Galerien da auf drei Seiten, darunter standen die Tische, in
der leeren Parkettmitte drehten sich zwei Mädchen in blauweißgestreiften
Matrosenanzügen mit roten Kragen und in Kniehosen, rote Zipfelmützen auf
dem Kopf, in träger Vergeßlichkeit hin und her. An wenigen Tischen saßen
Männer beim Wein und rauchten, im Winkel beim Tresen war ein ganzer
Haufen buntgekleideter Frauen mit sinnlosen Hüten. Bald saßen sie in
einer Ecke und hatten Gläser mit golden aussehendem Haute Sauternes vor
sich stehn. Bogner rauchte seine Pfeife und sah sich alles mit Gleichmut
an, Josef gähnte unaufhörlich, Georg trank hastig drei Gläser Wein aus,
ohne es recht zu bemerken. Im Saal schoben sich einige Paare hin und
her, Damen tanzten miteinander, die Leiber ineinander verrenkt,
abstoßend anzusehen, und Georg fing an, innerlich Wut zu schnauben, daß
er hier war. Plötzlich stand ein schwarzgekleidetes, bleiches Wesen
neben Josef, das nicht wie die Andern war, sondern hoffärtig und einsam
aussah.

»Du warst lange fort,« sagte sie traurig zu Montfort, der sofort
aufstand und einen Stuhl holte. Sie glitt auf den seinen, füllte sich
ein leeres Glas und trank lange in kleinen Schlucken, wobei sie Josef in
die Augen sah.

»Wozu?« sagte sie plötzlich, das Glas hinsetzend, stand auf und war
gleich darauf mit einem breiten Herrn zwischen den Tanzenden.

Georg dachte, es fange nun wirklich an, sinnlos zu werden, aber als er
nach einer Weile Umherschauens zu Montfort sagen wollte, daß sie gehen
wollten, war der verschwunden. Bogner hatte sein Skizzenbuch unter dem
Tisch auf den Knien und zeichnete etwas Unsichtbares, ohne auf das
Papier zu sehn. Ein Kellner kam, nahm stillschweigend die leere Flasche
fort und brachte bald darauf eine neue. Da ein rosenrotes Mädchen sich
an Georgs Stuhl vorbeischob, das herausfordernde Augen machte, so tanzte
er mit ihm, tanzte mit dieser und jener, zuerst unbehülflich, da er in
seine Tanzstundenhaltung zurückfiel, dann sachgemäß, seiner Tänzerin das
rechte Bein zwischen die Schenkel drückend, so daß er die ganze Gestalt
an sich preßte, und dazwischen trank er, sah auch Montfort tanzen,
langsam wurden die Dinge dunstig und zerstückt, sein Gesichtskreis
verengte sich, er sah nur noch Allernächstes, er wußte nicht mehr, was
er tat. Plötzlich klopfte jemand ihn auf die Schulter, Montfort, der
leise sagte: »Nun muß ich in die Unionbar, gehen wir.«

Er folgte willenlos, fand sich gleich darauf an Montforts Arm in der
Nachtkälte, merkte, daß er zusammenfiel, raffte sich auf und ging
aufrecht seines Weges zwischen Bogner und dem Andern, wobei er
unausgesetzt schwatzte, ohne zu wissen was; nur daß er im Gehen doch hin
und wieder dem einen oder dem andern seiner Begleiter näher kam, merkte
er. Da blieb er stehn und sagte mit großem Ernst zu Josef -- während ihm
gleichzeitig einfiel, daß er Dostojewskis >Jüngling< nicht mehr bei sich
hatte --: »Fräulein Ring sprach mit mir von Ihnen.«

»Kommen Sie nur, das weiß ich ja alles!« meinte Montfort begütigend,
indem er ihn weiterzog. Jetzt nur nicht wütend werden! ermahnte sich
Georg, das wäre ein Beweis deiner Betrunkenheit. -- --

Aber von nun ab war ihm nichts mehr bewußt, als daß er nach einer langen
Zeit Küsse fühlte, lange Küsse und von einer so alles durchschmelzenden,
verzehrenden Süße, daß er dachte, er träume. Die Augen aufreißend, sah
er ein weibliches Gesicht nahe vor dem seinen, das ihm wiederum so
zauberhaft schön, so über alle Begriffe wunderbar erschien, daß er
überzeugt war, er träume, doch spürte er nun deutlich ihren Mund, der
sich in den seinen einwühlte, die Zähne, ihren Atem; er schmolz in
Zärtlichkeit, er weinte fast und murmelte dumpf: »Liebst du mich denn
so?« Er hörte eine verdunkelte, vor Zärtlichkeit erstickende Stimme
antworten: »Ja! Ja!« und: »Hast du es nicht gleich gemerkt, wie wir uns
ansahn, als du hereinkamst?«

Jetzt wurden die Dinge umher klarer. Das Mädchen saß auf seinem Schoß,
hinter ihr war ein winziger Raum, eine Koje, in der eine dunkelrote
Schleierlampe hing; darunter war ein Wirrwarr von Sektflaschen, Gläsern,
Strohhalmen und plötzlich das Gesicht Maler Bogners wie aus Erz, so
völlig unverändert, und nun merkte er den Lärm, merkte, daß hinter
seinem Rücken ein ungeheures Geschrei und Getümmel war, Frauenstimmen
kreischten, Kerle brüllten, und hinter dieser Wand von Tumult dröhnte
ein Klavier. Das Mädchen, das er im Arm hielt, jetzt nicht mehr so
schön, aber großäugig, ein schwarzes Samtband um die Stirn, sprang von
seinen Knien, ergriff seine rechte Hand, zog ihn in die Höhe und sagte
heiß: »Komm, tanzen!« Er gehorchte, drehte sich irgendwo in einem
dichten Gedränge heißer Körper und Gesichter, und saß gleich darauf in
der wärmsten Enge hinter jenem Tisch auf einem Sofa, Bogner gegenüber,
neben dem ein unbekanntes Gesicht war, und neben ihm selber -- ja, das
war Montfort. Das Mädchen drängte sich an seiner andern Seite unter
seine Achsel, und er hörte es flüstern, daß sie gleich fort müßte, zu
andern Gästen, ob er sie morgen treffen wollte, und er sagte zu allem
Ja. -- Also am Gänseliesel, sie wohne dort ganz in der Nähe, und um ein
Uhr. Ob er auch sicher käme, und sie würde ihm schreiben, wenn sie nicht
könne.

»Ja, weißt du denn, wer ich bin?« fragte er, etwas erschreckt.

Sie wußte es nicht, da verschwieg er seinen Namen und sagte, sie solle
ihm unter G. T. 17 schreiben, Hauptpostamt, und es nicht vergessen. Er
sah, daß sie einen Kellner anhielt, von ihm Papier und Bleistift bekam
und sorgfältig aufmalte: G. T. 17 auf zwei Stückchen Papier, von denen
er eins in seine Brieftasche steckte.

»Schenk mir was!« bettelte sie plötzlich, »ich hab heut abend noch
nichts verdient.«

Er zog Goldstücke hervor, sie ergriff seine Hand, streifte ihren Rock in
die Höhe und führte seine Hand mit dem Geld darin zu der Öffnung ihres
Strumpfes am Oberschenkel, indem sie ihn zugleich mit dem linken Arm
umhalste, brennend anlächelte und küßte. Als er die warme und nackte
Haut ihres Beines fühlte, brach er fast zusammen, wurde aber im selben
Augenblick zurückgestoßen; sie sprang auf, schüttelte ihren Rock, warf
ihm eine Kußhand zu und verschwand im Getümmel.

Nun muß ich mich übergeben, dachte Georg, stand eilig auf, gelangte
durch das Tohuwabohu hinaus, tat, was er eben gedacht hatte, war, als er
zurückkehrte, wenigstens wieder im Besitz seiner Augen, obwohl sie auch
jetzt nur für das Nächstliegende reichten, aber er sah doch beim
Hinsetzen, daß die Augen des Fremden sich auf ihn richteten, so daß er
sich verbeugte und seinen Namen murmelte, worauf jener -- dunkle, ruhige
Augen unter einer zarten Stirn -- ihm leicht erstaunt die Hand reichte,
indem er sagte: »Wir kennen uns ja schon.« Georg, verlegen, setzte sich
still nieder, da er zudem bemerkt hatte, daß er wohl denken, aber noch
nicht sprechen konnte. Nun, da saß also Bogner und zeichnete hinter der
Flaschenbarrikade auf das Tischtuch. In seinen rechten Arm hatte sich
ein blondes Mädchen gehakt, das neben ihm saß und seiner Beschäftigung
so andächtig zuschaute, daß ihr hin und wieder die Augen zusanken und
ihr Kopf langsam vornüber fiel. Der Maler sah dann nachsichtig auf sie
hinunter, und sie warf den Kopf mit einem Ruck empor, riß die Augen auf,
lachte schläfrig, ergriff ein Glas und sagte: »Mönchmeyer!« und dann:
»Prosit« und trank.

Georg begann das Gespräch Montforts und des Fremden zu hören, deren
Köpfe sich hinter der roten Schleierlampe dicht zueinander gebeugt
hatten, denn sie stritten sich heftig, und Georg hörte die Namen Poës,
Hoffmanns und Kubins. Eine Weile war das alles noch dumpf und weit
entfernt, es kam aber durch Augenblicke näher, endlich und ganz deutlich
hörte er Montfort sagen:

»Angenommen also, es sei möglich, die gesamten seelischen und geistigen
Eigenschaften zweier Menschen -- meinetwegen in der Form der
Auswechselung ihrer Gehirne -- miteinander zu vertauschen, was ist
diejenige Folge, die sich für früher oder später mit Notwendigkeit
ergeben muß?«

Jucken, dachte Georg, infolge der fremden Körperlichkeit, während der
Fremde sagte:

»Zusatz: Jeder von beiden hat, ausgestattet mit den alten Gewohnheiten
des Gefühls, der Denkungsart, der Neigungen und ihrer Gegenteile und so
weiter und so weiter, diese in einer andern Gestalt, andrer Umgebung --
es ist zu denken an Verwandte, Eltern und Freunde, Gleichstehende nah
und fern -- zu verwenden.«

»Die Folge ist -- ich will nicht geradezu sagen: Verbrechen, da die
wenigsten Menschen tätlich veranlagt sind, -- aber sie ist: Unheil, sie
ist tragisch. Die nächste, die sofortige Folge nämlich, ist: ein
Liebesgefühl für die neue Mutter oder Schwester, jedenfalls Fehlen des
Verwandtschaftsgefühls, fehlende Zuneigung zu Eltern und Geschwistern.«

Dies heiße die Angelegenheit zu enge begrenzen, meinte der Andre. Er
wolle in allgemeinerem Sinne eine günstige Wirkung der Verwandlung
beweisen, gesetzt, die Erinnerung an das alte Dasein sei geblieben,
nämlich: Befreiung. Befreiung von allem Gewohnten, ein neuer Ausblick in
die Umgebung bis zu den Sternen hinauf, daher ein Auftrieb aller Kräfte,
eine weisere Benutzung, eine deutlichere Erkenntnis des Seienden, genau
so wie jemand, der ein jahrelang von Andern bewohntes Zimmer betrete,
die Leute darin auf unzählbare, von ihnen nie bemerkte Dinge aufmerksam
machen könne. Hinzu komme ferner das besonders Wichtige: der Einfluß des
neuen äußeren Menschen.

»Als Beispiel«, sagte er, »möchte ich folgendes eigene Erlebnis
erwähnen: Ich habe in früheren Jahren als Schüler bei Festlichkeiten
Theater gespielt, hatte mir, was zu mimen war, ungefähr zurechtgelegt,
übrigens auf den Proben keinerlei Befähigung zum Schauspieler gezeigt,
und hatte heftiges Lampenfieber. Nun hatte ich einen komischen alten
Diener zu geben. Kaum hatte ich nach Herstellung meiner Maske einen
Blick in den Spiegel getan und von mir selber, hinter der kahlköpfigen
Perücke, den weißen Bartkoteletten, den Runzeln samt der Livree nichts
wahrgenommen als die alten Augen, da war jede Spur von Aufregung
verschwunden, und ich muß in meine Figur, in meine Rolle dermaßen
hineingewachsen sein, daß die ältesten Leute bei meiner Komik, bei der
ich mir gar nichts dachte, Tränen gelacht haben sollen, und während --«

»Das beweist gar nichts,« sagte Josef. »Sie wollen mit Ihrem Gleichnis
den Verlust der, den Menschen zumeist anhaftenden Scheu und Unsicherheit
aufdecken, aber das ist alles Unsinn. Ihre schauspielerischen
Erfahrungen stehen in konträrem Gegensatz zu denen aller richtigen
Mimen, oder haben Sie schon von einem gehört, dessen Lampenfieber in
Lampengenesung umgeschlagen wäre? Und außerdem bestreite ich für mich
persönlich jedenfalls energisch das Vorhandensein Ihrer Scheu und
Unsicherheit.«

Da es sich nicht um Josef Montfort handle, sagte der Fremde, so fahre er
unbeirrt fort: In der neuen Maske oder Gestalt lasse sich alles
verstecken, jeder Gedanke, jeder Plan, jede Beklommenheit und jeder
Schreck, »deshalb nämlich,« sagte er, »weil ich mir nur einzuprägen
brauche, daß der Ausdruck, den meine Umgebung an mir wahrzunehmen
glaubt, nicht mir gehört, sondern dem -- Andern, der Maske, und daß
niemand den wahren, inneren Vorgang wahrnehmen kann.«

Hiergegen sei eine Menge einzuwenden, erklärte Montfort. »Erstlich Ihr:
>Ich brauche mir nur einzuprägen<. -- Gesetzt, Sie könnten das, wozu
brauchen Sie denn da die Verwandlung? Dann können Sie es doch auch so
wie Sie sind jeden Augenblick fertigbringen. Zweitens --«

Da, sagte der Andre, läge seine ganze Torheit in ihrer beschämenden
Nacktheit vor aller Augen. »Sie hätten mir einen Fehler nachweisen
können, weil es nämlich Schauspieler giebt, die ohne Maske einen völlig
andern Menschen als sie selber darzustellen vermögen --«

»Welch ein unseliger Nonsens!« lamentierte Josef. »Ist denn hier vom
Schauspielertalent die Rede?«

»Seit langem,« war die ruhige Antwort, »schon immerzu, Sie haben bloß
nicht bemerkt, daß ich Ihnen zeigen wollte, daß eben mit der Maske auch
der Schauspieler, auch das >Sicheinprägenkönnen< möglich wird und sich
entwickelt. So wie ich bin, verstelle ich mich natürlich auch bis zu
einem gewissen Grade, aber --«

»Und nun,« Josef lächelte hinreißend, »nun wollen Sie mir noch nicht
zugeben, daß Sie matt sind?«

Der Andre stutzte, überlegte und fragte: »Wieso?«

»Sie sind ein zu guter Mensch, Saint-Georges,« sagte Josef, »ein zu
anständiger Mensch. Sie folgern nur auf zunehmende Sicherheit und daraus
womöglich auf Kraft, Güte und wer weiß was noch. Sollten Sie nie bedacht
haben, daß die Menschheit eine Versammlung von Bestien ist? Natürlich,
der einzelne Mensch ist gut, denn Vereinzelung ist Hülflosigkeit und
Hülflosigkeit Schwäche und Furcht. Furcht aber ist zu allen
Zugeständnissen bereit, zum Verzeihen, zum Zurücknehmen, zum Helfen, zu
jeder Art von Güte, die Sie wollen. Hörten Sie nie von der unendlichen
Güte sterbender Menschen? Mehrzahl aber macht stark, und Stärke ist
geneigt zu Forderungen, zur Unduldsamkeit; weil jeder sich von zehn
Andern gedeckt weiß, zur Durchsetzung jeder Neigung wie zum Geschrei.
Können Sie leise reden, wenn zehntausend herum sind? Und wie können Sie
doch nicht linde genug flüstern, wenn Sie bei Ihrer Geliebten liegen.
Sicherheit auf Kosten des moralischen Menschen, da haben wirs. Nicht zum
Schauspieler werde ich, sondern zum Heuchler, zum Scharlatan, und ich
entwickele die niedrigsten Instinkte, die ich auftreiben kann, denn die
guten, ob mit, ob ohne Maske, brauche ich nie zu verheimlichen. Sie
sprachen, lassen Sie mich nur weiterreden, Sie sprachen von Freiheit;
gewiß, Befreitheit vom Zwang, vom Sichbeobachtet-, Sicherspäht-,
Sichertapptfühlen, Befreiung vom Erröten und Erbleichen, von Beschämung
und all dem Höflichen, das uns hier den Verkehr miteinander möglich
macht. Befreiung aller Triebe, Verlust des Schamgefühls, ha! Warum kann
eine Schauspielerin denn eine Dirne mimen, warum gelingt den
Schauspielern die Darstellung Jagos, Franz Moors und des andern Mohren
so viel besser als die Max Piccolominis? Weil das in der Maske
schwindende Schamgefühl -- ja, dazu dient die Maske allerdings -- die,
in jedem Menschen wohnenden Gelüste zum Bösen, zum Verneinen, zum
Verbrechen begünstigt. Sie, obgleich ein so guter, anständiger Mensch,
hat Sie es nie beim Anblick eines Haufens Banknoten durchzuckt: In die
Tasche damit und verschwinden! -- nie beim Anblick eines berauschenden
Weibes, ha!: Ersticken mit Küssen und -- weg wie der Satan! Hinterdrein
dann das kühle Selbstgeständnis: Ich bins nicht gewesen, der diese
satanische Eingebung gehabt hat, o weh! Nun aber nehmen Sie die Maske
vor, nun ...«

Er atmete auf und legte sich zurück, Georg sah ihn heftig erregt,
blitzender Augen und geblähter Nasenflügel, wie er mit der Hand gegen
seine Brust pochte, dann eine seiner großen Zigarren aus der Weste zog,
die Spitze abbiß und sie entzündete. Saint-Georges machte den Versuch
eines letzten Vorstoßes, indem er vorschlug, es doch wirklich, wie
Montfort mehrfach betont habe, mit gewissermaßen anständigen Menschen zu
tun zu haben. Josef, stracks wieder schwellend von Beredsamkeit, sagte:

»Zum Beispiel Sie und ich, anständige und deshalb, für den Augenblick
wenigstens ehrliche Menschen. Bekennen wir demnach: Würden wir --
maskiert -- nicht manches tun und versuchen, zu dem wir es jetzt nicht
kommen lassen?«

Hier sah Georg sein Gesicht sich verzerren, als ob er aufschriee wie ein
Gekniffener, während er zugleich mit leisestem Geflüster zischte: »Ist
es denn nicht das? Wir lassen es ja zu nichts kommen, wir lassen uns ja
immer hindern und werden doch nicht besser, sondern nur böser dadurch.«

Georg erschrak in seiner Dumpfheit, das Wort bedenkend, Bogners
erschreckendes Wort: Alle sind gut; nur will sich niemand hindern
lassen. Also nicht nur jene, die Behinderung abzustreifen wissen,
sondern der Behinderte an sich schon wird böse, _weil_ er sich hindern
läßt? -- Er hörte wieder Montfort: »Meinen Sie tatsächlich, wir würden
besser werden? Wollen Sie wirklich vergessen, welchen Verbrauch von
Halb- und Zehntelslügen sogar der Anständigste am Tage hat, vor den
Andern, vor sich selbst? Würden wir uns nicht noch leichter über dies
und das beruhigen, über jenes hinwegtäuschen, dieses uns vorspiegeln,
das ausreden, dort klein beigeben und hier übertreiben? Unser Gutes
übertrieben, unser Schlechtes belanglos, das Ferne nah und das Nahe
entfernt sehn? Wünsche statt Ausführung, Aussichten für Wege, Träume
statt Handlungen und Nichtswürdigkeiten für Taten nehmen? Würden wir uns
nicht noch mehr belügen? Nicht, anstatt herauszukommen, noch tiefer in
Bequemlichkeit, Lauheit und Gewohnheit versinken, bis wir gänzlich der
seelischen Verfettung anheimgefallen sind? Sehen Sie denn nicht, Mensch,
im Hintergrunde Ihrer ganzen Spekulation die Unentrinnbarkeit eines
teuflischen Quietismus, der sagt: Wozu überhaupt etwas? Ich bins ja doch
nicht, der handelt! Und niemals, niemals, Sie Glücklicher, haben Sie
sich das selber auch so gesagt, ohne Maske? wie Sie da sitzen, alles
einem Gott oder Dämon in die Schuhe geschoben und geklagt: Einer sitzt
in mir, der will immer anders!«

Josef Montfort schwieg erschöpft und schaute mit tiefem Trübsinn in sein
Whiskyglas. Georg indes hatte sich so weit gesammelt, daß er, wie er
glaubte, ziemlich deutlich hervorbrachte:

»Und also würde alles beim alten bleiben, nicht wahr. In Ihrer Maske
würde kein Herz Platz haben -- Sie ermahnten mich doch, es mir zu
erhalten --, denn wir würden nicht mehr erraten können, nicht wahr, wen
von uns unser Freund, unsre Geliebte meint: den, der wir sind, oder den,
der wir scheinen. Das aber, nicht wahr,« Georgs Stimme ging unter in
Traurigkeit, »wissen wir auch jetzt nicht, und -- nicht wahr -- wir
können froh sein, wenn eine gute Geliebte aus unserm Schein und unsrer
Wahrheit sich eine Mitte verfertigt, die --«

»Froh?« Josef lächelte dekorativ. »Lieber Freund, das glaube ich Ihnen
nicht. Froh sind Sie, in der Sie Liebenden ein Wunderbildnis von Ihnen
erzeugen zu können, das Sie auf Knieen verehrt, froh, obgleich Sie sich
dem hundertmal widersetzen zu müssen glauben, bis Sie einsehn, Sie
können es nicht verhindern, weil die süße Frau es nicht will, und Sie
selber wollen es nicht und tun ihr das gleiche an. Ist Liebe etwa Lernen
und Erkennen? Um Gottes willen! Liebe ist der wunderbare Irrtum des
menschlichen Daseins, weshalb er meinetwegen im Leben der Vernünftigen
keinen zu großen und nur einen sporadischen Raum einnehmen möge, wogegen
ich selbst aber mich wieder und wieder in diesen Irrtum, diese
grandioseste aller Stromschnellen hineinstürzen --« Er hatte schon
während der letzten Worte, aus seiner Ekstase nachdenklich werdend, zu
jemand emporgesehn, der an den Tisch getreten sein mußte, und während
Georg, sich nach ihm umwendend, jenes Mädchen gewahrte, das er vorhin
geküßt hatte, hörte er Montfort langsam und durchdringend zu ihr sagen:
»Sie sind doch -- Lenusch.«

Das Mädchen, erhitzt, das Haar zerzaust, das blasse Gesicht über und
über mit roten Flecken bedeckt, schwankte vor Trunkenheit vor und
zurück, kniff die Augen zusammen, um Montfort zu erkennen, und da
erkannte sie ihn. Im Augenblick -- während sie die Hände gleich Krallen
gegen die Schultern hochhob, -- ballte das ganze, vorher so schöne
Antlitz sich zu einer Maske von ungeheurem Haß zusammen, zu einer
todbleichen Fläche, besät mit diesen roten Flecken, mit breit und flach
gewordener Nase, mit rasend zurückgezogenen Mundwinkeln, und Gift
spritzte aus ihren Augen, und die Vorderzähne unten schoben sich vor die
Oberzähne. Es kamen aber keine Worte, sondern etwas Bräunliches,
Breiiges trat zwischen ihren Lippen hervor. Sie erbrach sich. Es floß
einfach aus ihrem Munde, während im zusammenfallenden Gesicht die Augen,
wie brechende Augen, nach oben gerichtet, stillstanden.

Georg glaubte bei diesem Anblick zu sehn, wie seine Seele sich
schaudernd aus ihm entfernte, ein Schatten, der abgewandt entfloh, und
er war von nun an nur noch Äußeres: Gesicht, Gehör, Geruch; sah das
Mädchen davongeführt werden, zwei Herren, die an der Bar saßen, sich
neugierig umwenden, sah, daß es leer im Raume war, der voll von Dunst
und Gerüchen stand, aber dann verließen ihn auch die Sinne, und er fand
sich auf einmal in einer unbegreiflichen Tageshelle.

Eine Straße war da, die lag im Schatten, sehr säuberlich, friedlich und
abgeschieden; Morgenhelle wars, in der er schaudernd und fröstelnd
stand. Unter seinem linken Arm steckte ein andrer Arm, von dem er
fortgeführt wurde, und eine nahe Stimme redete Worte in sein Ohr, eine
Stimme, die ihm die Jason al Manachs zu sein schien, doch begriff er
bald, es war Josef Montfort, und er sprach augenscheinlich gute und
begütigende Dinge. Bald hörte er auch die Worte richtig, blieb aber
sonst, obwohl er ging, sah und hörte, wie gelähmt. Montfort aber sagte:

»Nur ruhig, nur ruhig! Ich habe eine Ermordete sterben sehn, aber dies
war grausamer, hören Sie, Sie müssen an andre Dinge denken, Sie sind zu
jung für so etwas, hören Sie einmal zu, ich will Ihnen von Lenusch
erzählen. Ich hatte zwei Freunde, die studierten vor ein paar Jahren
beide in Königsberg, ohne sich gegenseitig zu kennen, und Beide
schrieben mir, -- ich kanns Ihnen ja sagen, sie studierten auf meine,
beziehungsweise meines Vaters Kosten. Da schrieb nun der Eine, er habe
ein himmlisches Wesen kennen gelernt, ja, eine Wirtstochter, aber ein
Engel sei sie und liebe ihn, wie er sie, und sie werde trotz ihrer
Engelhaftigkeit von ihren Eltern geplagt und mißbraucht, -- so schrieb
er. Und dann schrieb auch der Andere ganz etwas Ähnliches, ja, mit
andern Ausdrücken genau dasselbe, und auch dies Mädchen wurde von ihren
Eltern geplagt, nun, was ist da weiter, -- ich kam dahinter, daß es
dasselbe Mädchen war, sogar Momentaufnahmen bekam ich von beiden
Freunden, und es war so, daß sie zum Einen sagte, nun müßte sie wieder
ans Waschfaß -- dann saß der Andre im Hinterstübchen; und zu dem sagte
sie, nun müßte sie wieder Kartoffel schälen, dann traf sie den Andern
auf dem Wall. Nun, was sollte ich tun? Ich schrieb das Ganze dem einen
Freund, aber der verfluchte mich, und es sei alles gelogen. Da ich nun
Gelegenheit hatte, nach Königsberg zu reisen, besuchte ich ihn, ließ sie
auf sein Zimmer kommen und zeigte ihr in seinem Beisein die
Photographien, die der Andre gemacht hatte, und sagte ihr die ganze
Wahrheit, worauf ich das Zimmer verließ. Drinnen blieb eine Weile alles
still, dann hörte ich reden, dann schluchzen, dann heftiger reden, ihn
und sie, und nun -- nach einer Weile rief er mich wieder herein, sagte,
sie sei fort, und es sei alles in Ordnung. Sie habe ihm alles
eingestanden, aber ihn, habe sie gesagt, liebe sie doch allein, und bei
dem Andern habe sie nur nicht widerstehen können, und: Spielerei, und so
weiter. O sie hatte unerhörte Begabungen. Ja, das war Lenusch in ihrer
Glanzzeit. Später war ich noch einmal in Königsberg, und da erkaltete
denn doch ihre Liebe zu meinem Freund -- er war Theologe, der gute, und
dann verlobte sie sich mit einem Referendar, aber das Verhängnis fuhr
ihr dazwischen, und sie bekam ein Kind. Ich weiß nicht, von wem,
möglicherweise von jenem Korpschargierten, der eines Tages eine Wette
abgeschlossen hatte, daß er, wenn er nur wolle, Lenusch bekommen könne.
Nun denken Sie, Prinz, diese Wette hat er gewonnen und doch verloren!
Begreifen Sie? Er hat sie wirklich bekommen, diese Lenusch, unter der
Bedingung freilich, daß er die Wette verlöre, -- o sie war unerhört!
Möglicherweise ist es auch von mir gewesen, dies Kind, und trägt meine
Züge. Dennoch kann ich eigentlich nicht ganz begreifen, warum sie diesen
außerordentlichen und erschreckenden Haß auf mich gefaßt hat. Freilich
hatte sie unerhörte Möglichkeiten, und ich habe sie ihr verkümmert, aber
verdammt noch mal, hier krepiert ein jeder an verkümmerten
Möglichkeiten! und hier ist Ihr Hotel.«

Georg sah ihn vor sich stehn, sein Mäntelchen überm Arm, nur wenig
abgefallen im Gesicht, breitschultrig und groß, die Züge merkwürdig
entstellt durch die abscheuliche Art, den steifen Hut in die Stirn zu
rücken, und Georg mußte heftig in Gelächter ausbrechen. Indem kamen
Bogner und Saint-Georges im Gespräch heran, Montfort trat zu diesem,
ergriff ihn am Arm und sagte, mit seinem Stock auf die kaum ergrünten
Sträucher der Anlagen hinter dem Theater deutend, die sich in der
schönen Morgenluft atmend still verhielten, dann auf die kleinen,
leichten Wolkenballen, die über dem grünen hochliegenden Kupferdach des
Bühnenhauses in der leichten Bläue dahinreisten:

»Frühling, Saint-Georges, unser alter Geliebter, da ist er ja wieder!
Sprachen wir nicht von berauschenden Irrtümern, sprachen wir nicht von
der Liebe? Frühling ist der schöne Irrtum des Sommers. Schließen wir ab.
Der alte Adam in unsrer Hypothese wird sich einfach die neue Figur, in
der er steckt, für seinen Gebrauch zurechtmachen, es wird nicht anders
sein, als ein neues Bett.«

Saint-Georges nickte und bekräftigte nachdenklich:

»So ists, wir kommen nie und auf keine Weise aus unsrer Haut.«

Josef, sich zurückbiegend, betrachtete ihn prüfend, dann auch Bogner,
sagte dann, leise und eindringlich:

»Lieben Freunde, ist das auch sicher? Wir müßten, vom Anfang bis an das
Ende, bleiben, wo, wie und was wir sind?«

Maler Bogner hatte die Hände in den Manteltaschen, sah droben übers Dach
hin, sog mit den Nüstern und meinte schließlich:

»Müssen, sagen Sie, müssen? Freilich ist alles festgelegt. Was aber,
wenn Sie auch müssen, was hindert Sie, zu versuchen, was Sie nur wollen?
Sie wissen ja nichts zuvor.«

»Sie wollen sagen,« fragte Saint-Georges, »daß Sie ein Maler geworden
wären, auch wenn Sie sich damals geduckt und nicht losgerissen hätten?«

»Im Gegenteil, gar nichts wäre ich geworden. Sondern es lag fest, daß
ich es auf diese Weise werden sollte, und also wollte ich es.«

Georg fühlte sich zum Umsinken müde und reichte allen Herren die Hand,
womit sein Wahrnehmungsvermögen für diese Nacht ein Ende nahm.


                            Fünftes Kapitel


                                 Stadt

Renate, am frühen Vormittag aus einem Handschuhladen hinter dem Theater
tretend, sah höchlich erstaunt von weitem ihre Freundin Ulrika mit Maler
Bogner daherkommen. Sie kamen hinter den Pavillons des Cafés zum
Vorschein, schritten schräg über den Damm, und Renate verwunderte sich
höchlicher, indem es nämlich nicht Ulrika war, die redete, sondern er,
der förmlich auf sie einsprach und mit den Armen dazu >etwas weniges
agierte< -- wie Hoffmann gesagt haben würde, dachte Renate --, während
Ulrika, in einem gelbgrünen jägerartigen Jackenkleid mit Taschen, Gürtel
und Riegeln, einen Stock am Arm, in festen gelben Schuhen und einem
Jägerhut, mit gesenktem Kopf daneben ging, emsig zuhörend mit jenem
Gesicht, das Renate sonst nur an ihr gesehn hatte, wenn sie am Flügel
saß; die dunklen Brauen beherrschten es ganz, -- aber unten ging sie im
Gleichschritt mit dem Maler, schlank und kräftig ausschreitend und immer
so windleicht wie Artemis. Renate blieb am Gossenrand stehn, aber erst
als die Beiden dicht vor ihr waren, wurde sie von ihnen gesehn und
munter begrüßt.

»Was ist das, Ulrika!« drohte Renate, »ich sehe dich mit völlig fremden
Männern umherlaufen!«

»Nicht? Wie unschicklich, Renate!« lachte sie, »aber höre bloß, nachdem
ich gestern diesen Herrn Maler nichtsahnend in der Bahn kennen gelernt
--«

»In der Bahn, Ulrika?«

»Ja, durch Mama! also da kommt er heute morgen um acht, schreibe: um
acht! ins Haus, läutet wie ein Teufel, und ich sitze natürlich grade im
Bade --«

»Bogner, was sind Sie für ein unschicklicher Mensch!«

»Na warte nur, es kommt noch viel unschicklicher, und da schickt er mir
ein Blatt aus seinem Skizzenbuch herein, darauf bin ich gezeichnet, wie
ich im Bett liege --«

»Wie _gräßlich_ unschicklich, Ulrika!«

»-- im Bett liege, und zwar von unendlicher Länge, und auf meiner einen
Fußspitze, die unten heraussieht, sitzt eine gerupfte Lerche ganz klein
und schmettert mit sperrangelweit offnem Schnabel: Auf--stehn! und über
meinem schlummernden Haupt schwebt ein süßer kleiner Heiligenschein von
winzigen Noten, und darunter steht: So lang schläft man! und: Wir wollen
in die Haide.«

Nun wollten sie sich alle totlachen, auch Bogner, dann bat Renate die
Beiden, ein Stück mit ihr zu gehn, sie wolle Magda bei der Uhr treffen,
aber indem sah sie auf einmal Magda neben sich stehn, still wie ein
Geist und mit ausgelöschtem Gesicht.

»Da bist du!« sagte sie erschreckt. Magda reichte mit schwierigem
Lächeln jedem der Andern die Hand, hing sich dann plötzlich an Bogners
Arm und bat: »Erzähle, Benvenuto! Wo warst du so lange? was hast du
gemacht? -- Wir gehn zur Elektrischen hinüber!« rief sie zurück, und die
beiden Andern folgten, Renate stumm, sie im Auge behaltend, ohne zu
hören, was Ulrika verhandelte. Die Bahn, die sie brauchten, kam in
Sicht, als sie kaum an der Haltestelle drüben angelangt waren. Renate
wollte sich von Bogner verabschieden, aber der erklärte, mitzukommen, um
sich ihre Kapelle anzusehn. Warum, sagte er nicht. -- Jetzt? dachte
Renate stillschweigend, es geht doch etwas vor in dem Hause! aber wer
weiß denn, was? So mußte denn Ulrika allein trübselig ihres Weges ziehn,
nicht jedoch ohne dem Maler noch zuzurufen: »Also morgen um dieselbe
Zeit!«

Im überfüllten Wagen fand nur Renate einen Platz. Was war das nur mit
Magda? Da stand sie an der vorderen Wagentür, schmal in ihrem blauen
Jackenkleid, in sich zusammengezogen, und sah mit steifem und verlorenem
Ausdruck durch die Scheiben hinaus. Heut morgen, dachte Renate, da war
sie doch noch wie Bogners Lerche auf Ulrikas Zehenspitze, was kann ihr
denn nur unterwegs begegnet sein? Georg? fuhr es ihr durch den Sinn.
Sollten sie sich schon ... Sie begriff es nicht und riet herum, immer
ängstlicher in dem allgemeinen Schweigen, in dem sie nun zu dritt das
Stück Weges bis zu ihrem Hause zurücklegten, denn Bogners Redseligkeit
war mit Ulrika davongegangen. -- Es darf ihr doch nichts mehr zustoßen,
es darf doch nicht! dachte sie gepeinigt. So ging sie ins Haus und, ohne
ihre Überkleider abzulegen, in das Verandazimmer, nahm ein kleines Paket
aus ihrer Muffe, wickelte es auf, ließ die langen weißen Handschuh ein-,
zweimal durch die linke Hand gleiten, und nun merkte sie erst, daß sie
in ihrer Sorge um Magda diese selber vergessen hatte.

Bogner stand am Fenster. »Wo ist denn Magda?« fragte sie. -- Sie sei
gleich die Treppe hinaufgegangen. --

Dem Dienstmädchen, das, auf ihren Hut und Jacke wartend, neben ihr
stand, gab sie diese endlich und trat noch unschlüssig -- denn sie
konnte den Maler doch wohl allein lassen für eine Minute? -- vor den
Pfeilerspiegel, um mit dem kleinen Kamm aus ihrer Handtasche über ihr
Haar zu fahren.

Überdem ward die Tür von draußen aufgerissen, und Renate sah die riesige
Gestalt des Erasmus geduckt, unrasiert, erhitzt, mit überquellenden
Augen und einer Stirn darüber, die platzen zu wollen schien. Den Maler
bemerkend, machte er einen Ruck von Verbeugung, faßte ihn ins Auge, ging
auf ihn zu und sagte mit seiner tiefen und tönenden Stimme: »Bist du
das, Bogner?«

Der streckte beide Hände nach ihm aus und sagte: »Alter Erasmus.«

Sie faßten sich.

»Was ist denn das? Ihr kennt euch?« fragte Renate.

»Aber selbstverständlich,« erklärte der Erasmus, »wir sind doch alte
Schulkameraden!« Bogner setzte hinzu: »Das ist der, der einmal seinen
Vater bestahl.«

Renate hörte es kaum noch, schon auf dem Wege zur Tür.


                                Fenster

Magda saß, als Renate ihr Zimmer im Oberstock betrat, am offenen Fenster
noch in der Jacke, den Hut im Schoß, hinausblickend, aber seltsam
leblos, denn im leisen, von draußen hereinstreifenden Windzug wehte das
lichte Haar über ihrer Stirn hin und her, -- wie Gras über einem Stein
sah es aus. Noch wagte Renate nicht, näher zu ihr zu gehn, blieb an der
Tür, fragte endlich scheu: »Ist etwas, Kind?«

Kein Wort kam und keine Bewegung. Nun ging Renate zu ihr, lehnte ihren
Kopf an ihre Brust und begann wortlos ihre Wangen, ihr Haar zu
streicheln, bis sie merkte, daß die Starrheit sich ein wenig löste.
Dabei blickte sie verschwommenen Auges in den Garten hinunter, wo noch
alles kahl war, dünnes Grün zwischen dem schwarzen Baumgezweig, und
unaufhörlich wechselten Wolkenschatten und Helligkeit durch die bewegte
Natur. Es war still; der neue, erregende Odem der Lüfte, nicht kalt und
nicht warm, floß erfrischend ab und zu, dann hörte Renate erst leise,
aus dem Unsichtbaren, die Amsel schlagen. Ach, diese kleine, süß
einfältig zwitschernde Stimme in Pausen immer wieder, so einsam, so
friedlich, immer der gleiche, kleine güldene Wirbel, der sich, immer ein
wenig verändert, um sich selbst zu drehen schien! Ach, diese
wunderliche, selbstvergessene Stimme im Unsichtbaren!

Renate legte ihre Wange auf den Kopf an ihrer Brust; einen Augenblick
später fühlte sie ihre rechte Hand von Magdas Hand ergriffen und gleich
wieder losgelassen. Dann hörte sie ihre Stimme, das Lied der Amsel
übertönend:

»Er ...«

Sie räusperte sich, schwieg wieder und sagte dann:

»Ich begegnete ihm in der Stadt. Ich sah ihn -- von weitem und -- und er
mich auch. Auf einmal war er fort, aber -- es waren Leute dazwischen --
dann sah ich ihn den Weg zurückgehn. Dann war er fort ...«

Sie schwieg wieder still; hatte sie schon alles gesagt? Die Amselstimme
aber fuhr fort, mit sich selber zu reden, Pause um Pause, allein sich
fragend, allein sich antwortend in ihrer Einfalt.

Magda sagte:

»Und dann sah ich ihn in einem Blumenladen, -- als ich vorbeiging, und
da wartete ich vor dem nächsten Schaufenster, bis er kam. Und dann -- --
dann fragte ich ihn: Warum --« sie schluckte -- »bist du mir eben
ausgewichen? Er erschrak -- etwas und -- kämpfte wohl, ob er lügen
sollte, aber dann sagte er: Ja ... und -- -- es wäre nicht mehr wie
früher.«

Sie verstummte. Renate hatte sich wieder aufgerichtet. Aus der Tiefe des
Gartens leuchtete ein Tulpenbeet flammend rot in ihre verschleierten
Augen, zog sich auseinander, erlosch dann plötzlich. Ein feuchter
Tropfen wehte gegen ihre Oberlippe, und die Augen hebend, sah sie im
tiefblauen Himmel oben eine festgeballte, schneeweiße Wolke mit
blitzenden Rändern, hinter der breite, goldene Fächerstäbe von
Sonnenstrahlen hervorbrachen. Dann hörte sie wieder die Amsel.

Magdas Hände lösten die ihren von ihrem Gesicht; sie sagte ruhig vor
sich hin:

»Er war ja auch gestern abend schon nicht so, wie ich -- wie ich gedacht
hatte. Und seine Briefe ... Wir hatten uns wohl Beide geirrt.«

Renate trat schweigend von ihr fort und ans Fenster. Auf der Dachrenne
des Verandadaches zur Rechten unter ihr saßen zwei Tauben, die sich
drehten und putzten. Unten sah sie plötzlich aus der Sonnenuhr ihren
Schatten über das Gras hinwachsen, der Rasen glühte goldig auf umher,
der Schatten schrumpfte wieder zusammen und schwand. Ein unruhiger Tag,
dachte Renate beklommen und schwer, und als die gleichförmige Stimme der
Amsel von neuem unverändert an ihr Ohr schlug, fühlte sie sich gereizt
und ungeduldig. Ein kleines Geräusch hinter ihr ließ sie sich umwenden.
Magda saß und blickte auf den Fußboden, wo ein kleines Paket lag,
Seidenpapier, im Fall geöffnet, goldene Bänder darin und blauseidene
Strümpfe. Magdas Gesicht war klein, schlaff und farblos, wie sie darauf
niedersah.

»Ja, nun ist Hochzeit,« sagte sie, »Irene ist doch zu dumm!« und lachte
hart, aber das Lachen verwandelte sich augenblicks in Weinen, die Hände
vor dem Gesicht bog sie sich, krampfhaft geschüttelt, und als Renate sie
umfangen wollte, sprang sie auf, drängte sie zur Tür und ließ nicht ab,
sie zu pressen und zu zwingen, bis Renate draußen war.

Eine Zeitlang stand sie noch, die Hand auf der Klinke, die von drinnen
festgehalten wurde, und das Schluchzen hinter der Türe hörend, glaubte
sie mit Angst und Schmerzen zu sehn, wie das Mädchen drinnen am
Türdrücker hing, sich windend und geschüttelt von ihrer Qual.

Dann schlich sie hülflos und leise die Treppe hinunter.

Im Flur unten wurde sie sonderbar erschreckt durch den Anblick ihres
Onkels, der in der Kleiderablage stand und sich den Mantel anzog. Bevor
sie etwas sagen konnte, hatte er seinen Hut von der Truhe genommen und
war, ohne sie zu sehn, obgleich seine Augen durch die ihren streiften,
zur Tür und hinausgegangen.

Renate seufzte tief und stand lange, zur Ausgangstür gewandt, gelähmt
und unfähig eines Gedankens.


                                 Halle

In der Halle standen Bogner und Erasmus mit dem Rücken zu ihr hin;
Bogner in der Tür zur Veranda, Erasmus am Fenster, und Beide in der
gleichen Haltung, die sie nun lösten, um sich zu ihr zu wenden. Als
wüßte sie nicht, was sie sagen sollte, setzte Renate sich auf einen
Stuhl am Tisch und sah die blauen und weißen Hyazinthen an, die dort
standen. Erasmus, die Hände auf dem Rücken unterm Rock, fing an im
Zimmer auf und ab zu laufen, blieb dann in ihrer Nähe stehn und sagte zu
Bogner hinüber:

»So ändert sich die Zeit. Vor dir brauch ich ja nichts zu verheimlichen,
obgleich vielleicht morgen schon ... Mit einem Wort, Renate: Wir haben
die Pleite. Oder -- nein, das heißt, das wollen wir doch erst mal sehn!
Aber wenn du, Bogner, heute kämst wie dazumal, dann hielte ich die
Finger aufs Portemonnaie, wenn auch Papa ... Na, also die Fabrik
jedenfalls steht still, wenn ich sie nicht heut nacht in Brand stecke.
All das Lumpenzeug!«

Wie das gekommen, wie das möglich sei, fragte Bogner; Renate war stumm
vor Entsetzen und Angst um den Onkel.

»Möglich? Alles ist möglich,« sagte Erasmus. »Der Alte ist der beste
Mensch von der Welt, strahlende Bonhommie, aber keine Spur von
Zeitgefühl. Er kann höchstens zusammenhalten, was da ist. Der ganze
Betrieb war ein Blödsinn, das wußt ich lang. Lauter Artikel und
Artikelchen statt eine große Sache! Eben hab ich nach Berlin
telegraphiert an Neumann, -- du erinnerst dich an Neumann! Vorsagen tat
er bloß, wenn es gefahrlos war, aber sonst war er ein guter Kerl. Der
knobelt, wie ich weiß, schon seit Ewigkeit an einer Vervollkommnung vom
Lumièreschen Verfahren -- du weißt, Farbphotographie, -- die Belichtung
dauert zu lange, und dann -- na egal! -- Vor ein paar Wochen hört ich
von ihm, er wäre nun gleich fertig. Wenn der also nicht die Erfindung
gemacht hat und sie mir aus purer Bruderliebe für ein Butterbrot
hergiebt, hab ich nichts in der Hand, um wenigstens eine Aktien-- Und
der junge Herr, der Baron da oben!« schrie er jählings in Wut. »Gestern
den ganzen Tag und drei Viertel der Nacht hab ich mit dem alten Herrn
über den Büchern gesessen. Mein lieber Bruder -- weißt du, was der
allein für sich gebraucht hat, wo er hier Wohnung und alles frei hat?
Na, dein Papa hat mit seiner guten Praxis im Jahr nicht so viel
zusammengekratzt. Aber das hört ja nun alles auf. Das Ding da draußen,
die Orgel, hat auch eine Portion gekostet.«

Renate sah ihn jetzt das erste Mal zu ihr sich wenden, ohne daß er die
Augen vom Teppich hob.

»Aber dir ists wenigstens zu gönnen,« grollte er. »Jetzt laur' ich schon
den ganzen Morgen auf Josef, daß er sich herabläßt ...«

Ob denn Konkurs angemeldet werden müßte, fragte Bogner.

»Wie gesagt, wenn nicht -- dann ist die einzige Hoffnung, daß sich eine
m. b. H. zusammenfindet. Papa ist vollständig -- vollständig --« Er
starrte vor sich hin.

Wie es denn mit den Gläubigern sei, fragte Bogner.

»Ach, darum handelt sichs ja gar nicht. Wir haben keine Abnehmer, haben
überproduziert, seit Monaten keinen Absatz mehr gehabt, meiner Mutter
Geld, alles ist futsch, und der ganze Krempel liegt uns da. Und ich
sitze die ganze Zeit in Marburg und habe von nichts eine Ahnung. Damit
ists natürlich aus. Papa, wie gesagt, ist vollständig -- Tausend
Teufel!« schrie er, lief zur Tür und schmetterte ins Treppenhaus: »Emma!
Emma! Sagen Sie meinem Bruder, wenn er nicht stantepeh erschiene, würd
ich ihn holen! Das ist ja zum Haarausraufen!« sagte er, die Tür
zuschlagend. »Geht in den Garten oder tut, was ihr wollt. Großer Gott,
und dann die Hochzeit heute!«

Renate hörte sich fragen, ob es denn notwendig sei, daß sie alle
hingingen.

»Ja, bist du vielleicht von Sinnen?« schrie er aufgebracht. »Ja, wenn
sie noch morgen wäre! Das ist ja die verfluchte Schweinerei, daß man
keine Ahnung hat, wohin der Hase läuft. Wenn bloß erst die Depesche da
wäre! Himmel und Hölle, jetzt wird mirs aber zu bunt!« Er verschwand;
die Tür krachte ins Schloß.

Renate saß völlig gedankenlos, von unsteten Gefühlen durchtost, seufzte
schließlich leise und sagte:

»Ja, ja, Bogner, da spielt man seine Orgel und träumt seinen kleinen
Leiden nach, und unterdessen ... Mein Gott, der arme Onkel! Was muß das
für ein Schlag für ihn sein! Und die Selbstvorwürfe! Um Himmels willen,
was ist denn nun los?«

Sie lief zur Tür, öffnete einen Spalt, und oben wurde das Brüllen des
Erasmus hörbar. Dann wurde dort eine Tür zugeschlagen, und es ward
still.

»Bleiben Sie noch, Bogner!« bat sie hülflos. »Gestern ahnt ich es ja
schon, deshalb war ich so wortarm. Gott, es ist so viel! Nun auch Magda.
Sie dürfens ja wissen, Bogner, sie hatte doch wieder einen Briefwechsel
mit dem Prinzen, und nun hat sichs heute irgendwie herausgestellt, daß
die Gefühle, die er da vorgegeben, oder auch wirklich gehabt hat --« Sie
stockte. »Es klingelt eben, ob das die Depesche ist?«

Sie ging wieder zur Tür, öffnete, wartete; dann kam das Mädchen mit der
Depesche. Renate trug ihr auf, nach oben zu gehn und Erasmus Bescheid zu
sagen.

Die Depesche lag auf dem Tisch. Renate sah sie feindlich an.

»Ein gefaltetes Stück Papier,« sagte sie, »sehen Sie, Bogner, so sieht
das Schicksal aus.«

Seine Antwort verstand sie nicht, da nun Schritte im Treppenhaus laut
wurden. Erasmus trat ein, wütende Blicke umherschießend, und stürzte
sich auf die Depesche. Josef erschien, schön angezogen, mit etwas müden
Augen, nach unbeschreiblichen Essenzen duftend, unbeeinflußt wie stets,
drückte ihr die Hand, winkte aber Bogner nur zu, als gäbe es nun
wichtigere Dinge, -- oh, immer war er tadellos und paßte sich ein! --

Erasmus, der das Telegramm aufgerissen hatte, warf es hin, stützte die
Fäuste auf die Tischplatte und knirschte.

»Nichts!« sagte er nach einer Weile. »Also noch ein Tag. Morgen will er
mir Bescheid geben. Aha, der Filou! Nein, nein, das ist ja klar, die
Erfindung ist längst da, er will nur erst andre Angebote abwarten. Und
ich hab doch nicht mehr! ich hab doch nicht mehr!« stöhnte er
verzweifelt. Er sah sich um, als ob er in Tränen ausbrechen wollte. Dann
schrie er: »Schockschwerebrett, ich werde ihm eine halbe Million
hinpfeffern, der Teufel mag wissen, wo ich sie hernehme!« und lief
hinaus.


                                Kapelle

Renate stand auf und ging bis in die offne Verandatür. Was Josef mit
Bogner sprach, hörte sie nicht, aber sie nahm doch den leichten Windzug
wahr, der sich um ihren Kleidrock bemühte, und als Wolkenschatten und
Sonnengeleucht über die grauen Steinfliesen hinglitten, glaubte ihr
immer sehendes Auge den kleinen Windgott zu erblicken, der wie ein
kleiner Chinese klumpig mitten in der Veranda saß, drei welke
Vorjahrsblätter um sich herumlaufen ließ und über seine nackte Achsel
unter ihren Rock pustete, daß sie das kühle Blasen an den Knieen
verspürte. Gleich schrak sie wieder zusammen und ging weiter, die Stufen
hinunter. Auf dem Rasen liefen die schwarzen Amseln hin und her, pickten
mit gelben Schnäbeln; sie hörte die Stare in den unbelaubten Wipfeln,
die eherne Scheibe auf dem grauen Sockel der Sonnenuhr glänzte auf und
erlosch augenblicklich, fern flammte das Tulpenbeet gelb und rot. Da
stand sie und las die alte Zeile im Sandstein:

                    _Vulnerant omnes, ultima necat._

Ach, dachte sie, besinnungslos sich wehrend, ist denn das wahr? -- Die
Amseln flogen fort, Krokus und Narzissen schimmerten violett, und weiß,
und gelb aus dem noch fahlen Gras, das Sonnenlicht erlosch ganz, kühler
Schatten hatte alles überflossen, nahebei krähte der junge Hahn, und auf
einmal ging ihr der Odem des Frühlings unwiderstehlich durch Mark und
Bein, Freudigkeit der süß erneuten Luft, rasche Hoffnung in atemlosem
Aufflug, der Vogelruf und der seligmachende Anblick des Sichbegrünens an
Strauch und Baum. Fliedersträuche standen da, übersät mit scharfen,
feuchten, blanken Knospen. Hinter ihr sagte Bogner:

»Es ist Zeit, sich wie ein Wacholder in die Haide zu stellen und
anzunehmen, man hätte Wurzeln.«

»Wollen Sie denn Ulrika wahrhaftig den >Flügel< ausreißen?« fragte sie
trübe, gedankenlos scherzend. -- Bogner sagte, Gott solle ihn bewahren,
dann aber ernsthaft:

»Nun wissen Sie ja auch, was damals mich so besonders betroffen hat, als
ich Ihren ersten Brief erhielt. Ihr Onkel half mir fort aus dieser
Stadt, -- Sie halfen mir wieder hinein. Es stimmt vortrefflich.«

Renate, kaum ganz bei der Sache, lächelte matt, verlor aber einen
Augenblick darauf fast die Besinnung, als sie -- wie zum ersten Male
jetzt -- seine Stimme hörte, dunkel hinter ihr tönend, eine Stimme aus
dem Unsichtbaren. Und -- in Schwäche versinkend -- dachte sie: Der
himmlische Bote ... und wieder: Der himmlische Bote ... Als sie sich
dann langsam wieder gewann, hörte sie ihn sagen:

»Dieser Erasmus also brüllt noch genau so wie früher. Damals nannten wir
ihn den großen Ajax, und meinen Sie nicht auch, daß er etwas von diesen
homerischen Helden an sich hat, denen es nicht einfiel, Ungemach mit
unsrer, männlich genannten Schweigsamkeit hinzunehmen, sondern die
herausbrüllten, was weh tat? Danach taten sie das Nötige.«

Renate, jetzt in der Kapellentür über den Stufen stehend, eine Hand,
leicht erhoben, gegen den Rahmen gestützt, ließ ihr trauriges Lächeln
über ihn hinabgleiten, wandte das Gesicht und sah die Fenster drinnen
mit ihrer bernsteinfarbigen Verglasung ihr immer sanftes und schönes
Goldlicht verbreiten. Hinten glänzte matt die feierliche Anordnung der
großen Pfeifen. Nun ging Bogner an ihr vorüber, maß mit leicht
ausgestreckten Armen die Breite der Zwischenräume zwischen den Fenstern
und erklärte dann:

»Ganz wie ich mirs dachte. Hier müssen Engel aufgemalt werden, am besten
Fresken, das wünsch ich mir schon lange, mattfarbene, jawohl, wandelnde
Serafim in einer spärlichen Landschaft ganz fern, damit die Musik nicht
zu hart aufprallt.«

»Alles, was Sie gern wollen, Bogner,« sagte sie und ging eilig an ihm
vorüber bis auf das Podium, wo sie eine Hand auf das Orgelmanual legte,
denn nun konnte sie plötzlich nichts denken, als daß er ja da sei, und
was für eine Stimme er habe, und wie gut er aussehe, als sei er aus
einem geheimnisvollen Erz gemacht, und durch dieses zog die Angst um
Onkel Augustin und um das ganze Haus wie ein schlecht sich wehrendes
schwarzes Gewölk, das an vier und sieben Stellen zerriß, und draußen war
der Vorfrühling wie eine junge Gottheit überall.

»Wollen Sie nicht lieber gehn, Bogner?« fragte sie schließlich. »Wir
können doch nicht helfen, nicht -- ach, du lieber Gott!« unterbrach sie
sich, denn da schwebte Irene in der Tür, noch im Hauskleid, lieblich,
gerötet und gelockt wie ein Genius, erregt und strahlenden Auges. Sie
flog, ohne sich um Bogner zu kümmern, auf Renate zu, umarmte, küßte und
streichelte sie und fragte tändelnd und herumtänzelnd hundertmal:

»Was ist heut für ein Tag? Was ist heut für ein Tag? --«

Renate lachte und sagte: »Donnerstag.«

»Und heut über fünfundzwanzig Jahr,« sang das Kind, herumtanzend, »heut
in fünfundzwanzig Jahren ...« Und sie faßte ihr Kleid, schwebte mit
Menuettschritten vom Podium herunter auf Bogner zu, verneigte sich
sieben Male vor ihm, jedesmal tiefer, und sang: »Heute in fünfundzwanzig
Jahren, mein Herr, begehe ich meine silberne Hoch--zeit!«

Renate schalt, und Bogner lachte. Da hörte sie auf mit Tanzen, stand
grade vor ihm und bat, ihr diesen Herrn vorzustellen. Renate tats, und
sie sagte, ihm die Hand schüttelnd, indem sie nach Mädchenart den Arm
weit vorstreckte, den Kopf gegen ihn herunternicken ließ und die Knie
leicht knixend vorschob, ihre ganze fröhliche Seele in den Augen:
»Kommen Sie auch zu meiner heutigen Hochzeit, geehrter Herr?«

Wenn das eine Einladung sein solle, meinte Bogner.

»Eine richtige,« sagte sie. »Ihr Bruder kommt doch auch mit seiner Frau,
und unsre Familien kennen sich doch, seit Ihr Papa geholfen hat, mich
ans Licht zu befördern, und wir haben sowieso Herren zuviel, da kommts
auf einen mehr oder weniger nicht an. Und nun muß ich wieder weg. Ich
wollte dir bloß guten Morgen sagen. Aber du siehst ja so blaß aus! Wie
kann ein Mensch heute bloß blaß sein! Eigentlich wollte ich dich holen,
damit du meinen Staat bewunderst, das heißt« -- sie flog wieder die
Stufen herauf bis an Renates Ohr, in das sie lautschallend
hineinflüsterte: »Das heißt, eigentlich wollte ich noch einmal übern
Zaun klettern. Nun adieu, adieu allerseits! Adieu Sie, Herr Maler, Sie
sind doch der Maler? Also Sie kommen doch? Ganz sicher? Hu, was ist das
für ein Teufel!«

Erasmus stand in der Tür, blaurot und mit geballten Fäusten. Er brachte
eine Zeitlang keinen Laut hervor, während Irene ein paar Schritte
entfernt von ihm, zu einer Art Tanzpose erstarrt, mitten im Raume
schwebte; endlich:

»Entschuldigen Sie, Fräulein von Herzbruch, ich habe mit meiner Kusine
zu reden.«

»Ich geh ja schon, hu!« sagte sie und näherte sich ihm vorsichtig, --
»oller Bär! oller Wolf! oller Menschenfresser!«

Sie gewann im weiten Bogen um ihn die Tür, flüchtete hindurch und
verschwand.

»Um Gottes willen, Erasmus,« stammelte Renate nach angstvollen Sekunden,
»was ist denn?« Er stand da, geduckt und eingestemmt, wie ein
geblendeter Stier. Er keuchte:

»Da! sieh's dir selber an. Der junge Herr ist übergeschnappt. Jetzt
schlägts dreizehn. Jetzt werd ich gleich dreinschlagen.«

Josef wurde hinter ihm sichtbar, ein wenig bleicher als zuvor, ging bis
zu Renate, die am Rand des Podiums stand, und wollte ihr etwas
zuflüstern, als sein Bruder in ein solches Wutgebrüll ausbrach: »Hier
wird nicht geflüstert, du Lümmel!« daß die Orgel, wie aus dem Schlaf
geweckt, zu murren begann. Bogner trat jetzt stracks auf Erasmus zu und
sagte zu ihm:

»Ich glaube, du brauchst was von mir.«

Da beruhigte er sich im Augenblick und antwortete geradezu: »Jawohl.« Er
streifte Renate mit einem unterwürfigen Blick und fuhr fort:

»Vor fünfzehn Jahren hat mein Vater dir was gegeben. In den Zeitungen
steht, was du vom Herzog bekommen hast; aber das giebst du mir, nicht
meinem Vater. Was du hast, Renate, muß ich auch haben, ich nehme, was
ich kriegen kann. Dann hab ich die Anzahlung heraus. Dann muß geschuftet
werden, daß die Balken krachen.«

Er reichte Bogner die Hand und sagte: »Besten Dank. Ich habe schon an
Neumann telegraphiert.«

Darauf winkte Bogner Renate zu und ging.

Minutenlang standen sie nun alle Drei ohne zu sprechen. Renate auf dem
Podium hielt die Arme an den Seiten heftig niedergestreckt mit nach
unten gedrückten Handballen, die Finger nach oben angehoben, so daß ihre
Brust sich spannte und füllte, während der Kopf sich von selber nach
hinten neigte. Erasmus zu tadeln, wagte sie nicht, weil in all seinem
Getobe etwas war, das ihr Herz bewegte; auch war es klar, daß seine
Entschlossenheit ihrer aller Schicksal angepackt hielt. Wie ein
schwerfälliger Dämon stand er unten mit hängenden Armen. Bogners Worte
von seiner Malerei und der Musik fielen ihr ein, da sie Josef zwischen
zwei Fenstern an der Wand lehnen sah, nicht unteilnehmend, sondern
aufmerksam, den Kopf leicht gesenkt, als ob er horche, und fast
bekümmert.

»Was ist zwischen euch geschehn?« fragte Renate endlich, unfähig, nur
einen von Beiden anzureden.

Josef sagte, da sein Bruder schwieg, was ihn angehe, so sei er
hergekommen, um zu verhindern, daß sie mit dieser Sache behelligt werde.

»Ich bin aber kein Engel!« rief sie nun doch zornig und funkelnd. »Was
soll das alles! Wenn ich erst ein halbes Jahr dies Haus unter mir habe,
so hat deine Taktlosigkeit noch keine Ursache, mich hinauszustellen, im
Augenblick, wo es erschüttert wird.«

Wenn sie auch seine Meinung mit ihren Worten verdreht hatte, so wußte
sie doch, daß sie ihn traf mit der >Taktlosigkeit<. Sich aufrichtend,
sagte er kühl:

»Ich habe meinem Bruder eben mitgeteilt, daß die plötzliche Veränderung
in unserm Hause für mich die langerwünschte Gelegenheit bedeute, es zu
verlassen.«

Renate wußte in diesem Augenblick nur, daß ihr Onkel an nichts in der
Welt hing außer an Josef, und versetzte kalt und hart, er wolle seinen
Vater augenscheinlich umbringen.

»Augenscheinlich paßt es ihm nicht,« erklärte Erasmus mit gewaltsamer
Ruhe, »eine Stellung unter seinem Bruder einzunehmen, nachdem sein Vater
die Sache in meine Hände gelegt hat.«

Josef antwortete, das sei nicht der Fall; er habe doch nie etwas gegen
seinen Bruder gehabt, im Gegenteil, ihn stets geachtet und geehrt, wie
er auch nie ein Wort dagegen geäußert habe, daß er, Josef, ins Geschäft
gesteckt worden sei, während der Erstgeborene studierte.

Mit keinem Wort brauste Erasmus auf, doch bloß, weil er zu träge gewesen
sei, um sich zu widersetzen, was er später mit seinem ganzen
verlodderten Dasein --

»Ich bitte dich, Erasmus,« klagte Renate, »sei doch einen Augenblick
ruhig, was soll denn daraus werden?«

»Ich will nicht ruhig sein, verdammt noch einmal!« schrie er, »und was
daraus werden soll? Mores lehren werd ich den Burschen, und wenns nicht
anders geht, mit der Hundepeitsche! Im Geschäft hast du jahrelang
dagesessen und jeden Tag drei Stunden Zigaretten geraucht, das war deine
Arbeit. Nun willst du dich drücken, weil Vater dir alles hingehn ließ,
und weil du weißt, daß ich den Teufel tun werde und dir noch einen
Pfennig für deine Scharteken und deine Huren bezahlen!«

»Darf ich dich hinausführen, Renate?« fragte Josef.

»Laß nur, Josef, dein Bruder spricht wohl etwas grob, aber er hat doch
nun auch die ganze Last.«

»Ich versteh ihn sogar. Ich habe Geld verbraucht, ich habe andre
Neigungen als er, und bisher war das Geld dazu da. Was hat es für einen
Sinn, jetzt zu lamentieren, weil es in Zukunft nicht mehr da sein wird,
und ich habe soeben erklärt, daß ich es nicht mehr haben will. Ich hätte
ja auch längst verheiratet sein können und --«

»Ja, mit deiner Tänzerin oder Kokotte,« dröhnte Erasmus. »Zum Tempel
hätt ich sie hinausbefördert!«

Unter der Wölbung sammelte sich der Lärm zu einem lang nachhallenden
Summen. Josef fuhr fort:

»Die wirklichen Dinge sind von all dem, was mein Bruder sagt, so weit
entfernt, daß ich nicht bis zu ihm hinüber sprechen kann. Ich habe ihm
meine Absicht ausgesprochen, meiner Wege zu gehn, und zwar mit einer
geringfügigen Summe, von der ich nicht leben kann, und auch die ziehe
ich mit Vergnügen zurück; mein Fortkommen finde ich überall. Warum will
er mich halten?«

Renate zitterte innerlich über diese Leichtigkeit der Taktik Josefs, der
seinen Bruder mit einer einzigen kleinen Wendung zu Boden schlug, indem
er nicht mehr ihn, sondern sie anredete. Erasmus stand und schnaufte.

»Weil -- weil --«

Er brachte nichts heraus, rollte die Augen und fing auf einmal an wie
ein ganz Verlorener die Hände zu ringen, bis es ihm scheinbar gelang,
etwas für ihn Fürchterliches hinunterzuschlucken, und er schrie: »Weil
er gebraucht wird!«

O wie war es kläglich, daß er nichts konnte, als nun seinerseits >er< zu
sagen.

»Hab ichs ihm nicht zwanzig Mal gesagt? Soll ich vielleicht alles allein
machen? Soll ich mir für neuntausend Mark einen Prokuristen halten?«

»Mir wolltest du nicht so viel zahlen?«

»Hohngelächter der Hölle! Dreitausend Mark, und keinen Heller giebts
mehr! Dein Liebchen wird schon einen andern Liebling finden.«

Josef zuckte die Achseln voll unsäglichen Bedauerns, und Renate verlegte
sich aufs Flehen. »Josef, lieber Josef!« bat sie, »denk doch an deinen
Vater! Hast du denn gar kein Gefühl?«

»Kein deplaziertes,« sagte Josef.

»Bursche!« schrie sein Bruder, »Bursche! soll ich dich Gefühle lehren!
Achtung vor deinem Vater oder --« Er drang mit erhobenen Fäusten auf ihn
ein; Renate, vom Podium herunter, warf sich vor Josef, der einen
Augenblick wie zerschmettert auf den Erasmus starrte, sich dann aber
sanft von Renate losmachte, auf ihn zuging, ihm die Rechte auf die
Schulter legte und leise zusprach:

»Lieber Bruder, noch ists nicht so weit. Laß mich jetzt meiner Wege
gehn. Ich entgehe dir nicht. Laß mir noch drei Jahre Zeit, dann werde
ich wiederkommen, und du kannst mit mir tun, was du mußt.«

Er stand noch einen Augenblick bei ihm, nickte ihm brüderlich in das
fassungslose Gesicht, ging langsam durch den Raum, die Stufen hinunter,
und verschwand. -- --

Erasmus blieb in seiner Haltung wie vor den Kopf geschlagen. Nach einer
Weile drehte er sein ungeschicktes Haupt hin und her, als versuche er,
ob er losgemacht sei, schüttelte sich, ging auf das Orgelpodium, fiel
auf den Stuhl und legte das Gesicht in die Hände. Renate -- sie wußte
nicht mehr ein noch aus -- folgte ihm lautlos und begann seinen Kopf zu
streicheln, fast ohne daß ihre Hände ihn berührten. Sie bebte an allen
Gliedern; etwas in ihr war Josef nachgegangen. Erasmus aber richtete
sich auf und begann zu sprechen.

»Du weißt ja viel zu wenig,« sagte er. »Da sitze ich vor deiner Orgel,
-- welch eine Zusammenstellung! Ich wars, der hier den unanständigen
Radau gemacht hat, wo sonst die Engelstimmen umhersegeln. Und dabei --
für wen das alles? Mein Vater hat dies Haus nicht für dich gebaut, und
dennoch -- --! Wir sind Söhne; die bauen selber. Also soll er gehn mit
seiner gepriesenen Ehrfurcht vor dir. Warum war ich auch so wütend? Er
hat ja recht, er gehört nicht ins Kontor, ich gehöre hinein. Nein, die
Worte waren es nicht, mit denen er mich eben entwaffnet hat; das war die
Erinnerung. Ich bin ja als Junge schon mit dem Messer auf ihn
losgegangen. Und er sagte nur, so sanft und nachsichtig wie eben: Bruder
Erasmus! und ich hätte mich mit Wonne selbst erdolcht. Ist er vielleicht
ein Mensch wie ich? Es ist, als wär er gesalbt, und ich hab ihn je und
je geliebt. Er war der schönste, gefährlichste Knabe, er bezauberte mit
dem Spiel seines Mundes, und ich weiß nicht: ist er wirklich so
gefühllos, wie ich ihn gemacht habe, damit ich ihn hassen lernte? Dafür
weiß ich, daß, wenn ers verlangte, ich für ihn arbeiten wollte, bis ich
tot umfiele, -- gesetzt, ich bringe ihn nicht zuvor um. Aber das scheine
ich ja nicht zu können. _Satis superque_. Tu mir einen Gefallen, Kind,
geh zu ihm hinauf, sag ihm, er soll seine Sachen packen und morgen nicht
mehr vorhanden sein. Ich könnte mich sonst --«

»Ach, nun ärgerst du mich, Erasmus,« sagte sie liebevoll. »Still! Sag
mir nur: kann ich nichts tun? Kann ich nichts nützen?«

Er sah sie mit einem langen Blick von oben bis unten an, so daß sie
errötete, ohne daß sie dieses Mal aufbegehren konnte wie zuvor gegen
Josef.

»Du?« sagte er dann, als dachte er ganz andre Dinge. Dann schnob er
ärgerlich:

»Wer von uns Beiden ist denn nun der größte Schuft? Wenn er noch von
meiner Mutter wäre, -- da ist aber diese Jüdin ... Oh ist das nun nicht
zum Totlachen? Ich bin der Letzte vom alten Adel und kann nun den Krämer
machen und die Reklametrommel schlagen. Was denn zum Henker geht mich
diese verfahrene Fabrik an! Er geht seinem Blut nach, und ich --«

Er stockte und sagte verlegen, in eine Ecke sehend: »Du bist doch als
guter holder Geist in dies frauenlose Haus gekommen, wie sollt ich mich
denn weigern, es zu erhalten!«

»Ja, ja!« sagte sie hastig, »aber nun laß uns in andrer Richtung gehn!«
Da erschrak sie vor seinen traurigen Augen und hörte ihn gequält sagen:

»Warum soll ich dirs nicht gestehn? Nicht wegen der lumpigen paar
tausend Mark hab ich ihn halten wollen, sondern um seines Vaters willen,
der ihn braucht, ihn, und nicht mich, und wenn ich mir das Blut unter
den Nägeln hervorarbeite, so dankt er mirs doch nicht mit dem Herzen,
sondern das läuft seinem ägyptischen Josef nach: >Ein wildes Tier hat
ihn zerrissen!< -- Und das bin ich.«

Renate schauderte, wie er sich in sich hineinwühlte. Sie sah eine
abgründige Wunde, -- mit Sanftmut, mit Langmut zu schließen -- wie
schaurig!

»Ach!« entfuhrs ihr, »warum bist du ihm nicht ähnlicher!«

Da machte Erasmus gemeine Augen und fragte sie, warum sie ihm nicht
nachlaufe; danach duckte er sich.

Sie sagte nichts. Sie stützte eine Hand auf das Manual und blickte zu
den Orgelpfeifen hinauf. Droben erschien Bogners verschlossenes Gesicht;
aus den Augen kam Orgelmusik.

»Oh verzeih, Erasmus,« sagte sie leise, »ich vergaß, was du zu leiden
hast.«

»Oho!« schrie der Erasmus, »das ist ganz was Neues! Ich hätte was zu
leiden!« Er lief großspurig auf der Empore hin und her. »Ich steh nun
schon noch meinen Mann. Das sind gefälligst bloß Sachen, Sachen! Wo ich
meine Pflicht tun kann, da hab ich mein Haus, basta, verstanden! Ich
werde mit allem fertig. Und dies Haus kommt mir wieder in die Höhe,
gefälligst! Was du zu tun hast, will ich dir sagen. Die Nächte kannst du
meinswegen um Onkel und Vetter weinen und so, tags aber schön sein,
verstehst du mich, und Orgel spielen, und Blumen ordnen, schöne Kleider
tragen und meinem Vater in die Augen lächeln. Also wie wird das werden?«
Er rechnete mit den Fingern. »Morgen wer' ich in der Stadt herumlaufen
und Gelder zusammentrommeln. Mir geben sie's schon. Seidel und Mager, --
na, das ist egal! Herrgott, wenn sich die Aktiengesellschaft vermeiden
ließe!«

Renate traten die Tränen in die Augen. »Was wird nur dein Vater sagen?«

Darauf käme es gar nicht an, schnob Erasmus, er habe nun einmal die
Schuld, schuldlos, wie in der Tragödie, und er könne froh sein, wenn
sich die Sache überhaupt einrenkte. »Und das sind wir dir schuldig.«

»Ich, und immer nur ich!« klagte Renate, nun ernstlich erbittert.

Ob sie meine, daß man ihr Wohltaten erweisen wolle; seine und des Vaters
Schuldigkeit wäre das, sonst nichts. »Armer alter Mann!« murmelte er
dann doch, »ein dreifacher Schlag, Josef eingerechnet, wenn sie ihn als
Direktor anstellen. Du kannst dir ja denn jedes Jahr ein Kleid weniger
machen lassen und die Butter dünner aufstreichen. Na, denn also an die
Arbeet! Meine Studenten werden sich wundern über die Leere meines
Katheders im nächsten Semester; schön, brauch ich mich nicht mehr über
die Leere meines Hörsaals zu wundern. Mein Mund ist ganz fusselig
geworden von aller Rederei. Aber wir werden glücklich sein, wenn wir
dich im Garten sehn und deinen Gang --«

Da er nicht mehr besinnungslos sprach wie zuvor, verwirrte er sich nun,
schüttelte den Kopf und ging eilends zur Tür, wandte sich jedoch, kam
gefaßt zurück und bat, unter ihr stehend, aufschauend zu ihr mit guten,
ängstlichen Augen:

»Geh noch einmal zu Josef! Vielleicht hab ichs nur falsch angefangen.
Versuch du's noch einmal! Du hast ja Gewalt über Menschen.« Er ging
fort.

Sie blieb auf der Empore stehn. Durch die bernsteinfarbigen Fenster
füllte das wechselnde Licht den Raum mit breiten Wänden von Goldrauch.
Sie selber stand in solch einer schimmernden Wand von Millionen
vergoldeter Atome, sie mußte sich selbst sehn im kleinen Spiegel über
dem Manual, sah sich leuchten und daß sie wie eine Göttin in der Wolke
stand, -- und war nicht vor Minuten erst Irene hereingetänzelt,
schillernd wie eine Götterbotin, um ihre Hochzeit anzusagen? Oh Magda,
dachte sie, warum hast du nur das geschrieben damals! Nun kann ich ihn
nicht anstrahlen mit allem, was ich habe, und vielleicht geschiehts nur
darum, daß er mich nicht sieht, -- sieht er mich denn? Wie ich ihn doch
gleich erkannt habe, gestern im Dunkel ... Sie schreckte auf. »Josef
wird mir doch sehr fehlen,« sagte sie leise und ertappte sich darüber,
daß sie ihn sich schon ferne dachte.

Ein Schatten wanderte ruhig durch den Raum, nahm die goldenen Wände wie
große Garben auf und fort; aber hinter ihm richteten sie sich jubelnder
auf. Draußen war ein Gezwitscher wie von hundert Vögeln; hoch oben
frohlockte die schwarze Amsel. Renate verlor sich. Ihr war zum Sterben
schwer zu Sinn, und so ging sie mit ihrem langsamen Gang und mattem
Herzen, um mit Josef zu reden.


                                 Erker

Renate trat ein. Ferne, am Ende des lang vor ihr liegenden Raumes stand
Josef, ein wenig links in der gotischen Fläche von lichtem grünem Glase,
die über ihm zur Spitze zusammenlief. Hastig und wie zur Sammlung
blickte sie noch einmal umher, bemaß die schulterhoch an den beiden
langen Wänden sich hinziehenden Borde voller Buchrücken mit den
tannengrünen Vorhängen, fing aus den farbigen Holzschnitten darüber den
Umriß eines blauen Berges, ein fremdartiges Gesicht auf, und während sie
an Sesseln und Tisch vorüber bis zum Erker vorschritt, hörte sie nur,
wie er langsam gesagt hatte: »Renate ...« Es hallte in ihr nach, es
bewog sie schon. Dann sah sie sein Gesicht, das gepanzert schien mit
allen Zaubern seiner Männlichkeit, und sie warf einen Blick durch eines
der kleinen Quadrate im Fenster, das dicht neben seinem Gesicht geöffnet
war: nur blauer Himmel und leichtes Gewölk war darin. -- Er rückte einen
alten Stuhl mit hoher und steifer Rückenlehne voll Silberstickerei auf
grauem Grunde etwas anders, und sie setzte sich. Da sprach er auch
schon.

»Nun wollen wir von der Liebe reden,« sagte er mit leichter
Bestimmtheit. »Gäbe es hierzu einen Tag, wenn nicht den heutigen? Jeder
redet heute von Liebe, dieweil es Frühling ist, jeder von der seinen,
und alle herrlichen Reden münden in die eine und sind die eine. Ach, es
ist wohl Frühling! Du siehst ihn überall, du hast ihn, du trägst ihn.
Da, schau durch dies kleine Quadrat hier unten --« er öffnete eines in
ihrer Kniehöhe und schaute mit ihr hindurch -- »was erblickst du? Kleine
Pferdchen, die auf einer Wiese herumlaufen. Das ist der Frühling. Warum
sollten kleine Pferdchen auf einer Wiese nicht der Frühling sein? Mein
Rock, der flaschengrüne, ist Frühling durchaus, und du, hast du nicht
Brust und Schultern in goldene Seide eingeschlagen? Holdes Wesen, sage
mir an: Glaubst du, daß einer schweigen könnte vor deinem Mund an solch
aufbrechenden Tagen?«

Renate, alles mit Kraft verscheuchend, was sie verscheuchen wollte,
lächelte mit ihrer stärksten Kunst zu ihm auf, denn dies, wußte sie, war
die einzige Rettung. Er stockte denn auch alsbald, lehnte sich in den
Fensterwinkel zurück, streckte beide Arme wagrecht nach links und
rechts, die eine Hand ins Paneel, die andre in den Eisenrahmen des
offnen Quadrates krallend, und lächelte hinwieder, bestrickender,
gütiger, ihr Lächeln niederzukämpfen mit dem seinen, und sie dachte: Wie
lange halt ich stand? Noch halt ich stand. --

»Sage mir, wen du liebst, Renate,« begann er von neuem, »und ich will
ihn dir beschreiben. Ich will ihn dir mit Feuer auf Gold malen, und du
sollst dich funkeln sehn rundum von seiner Herrlichkeit. Ach, sieh doch,
Renate,« sagte er, seine Augen bei jedem dritten Wort seitwärts
schleudernd, um einen lohen Pfeil nach dem andern nicht in ihr Gesicht,
sondern nach den Umrissen ihrer Gestalt abzuschießen, als wäre er ein
Indianer und sie am Marterpfahl, »sieh doch, ich könnte mich loslassen
auf dich mit all meiner Gewalt, aber hältst du mich für fähig, einen
Angriff zu unternehmen ohne Gewißheit des Sieges? Habe ich nicht meinen
armen Bruder Erasmus besiegt mit einem einzigen Seitenhieb? Da kommst du
nun als seine Botin, weißt, daß es nur des winzigsten Wortes bedarf, um
mich wie den ersten besten Sperber auf deinen Handschuh zu fesseln, aber
du sprichst das Wort nicht. Ich weiß alles.«

Sie ließ nun alles fallen und sagte einfach: »Ich wollte dich für
Erasmus und deinen Vater bitten, das nicht zu tun, was du vorhast.«

»Nicht von der Liebe zu reden, heute,« sagte er betrübt, »das ist
traurig. Dann also vom Aufbruch. Auch Liebe ist Aufbruch sondergleichen;
von Sonnenaufgang her, vor Hahnenschrei kommen die Liebenden und wollen
die Welt durchmessen in einem Augenblick. Sie brechen auf mit den
Winden, sie reisen geschwinder als Wolken, kein Vogel fliegt ihnen
voraus. Sie schweifen und denken an nichts, sie denken, daß sie
schweifen und ergriffen sind von Wind und Natur. Heute bricht alles auf
mit dem liebenden Herzen, bricht durch die Wände des Daseins, die sehr
verengten, und stürmt. Warum erschrickst du? Rede ich von uns?«

Renate, die nicht gewußt hatte, weshalb sie zusammenzuckte, erschrak nun
wirklich bei dem jählichen >uns<, aber ein heimliches Wetterleuchten
zeigte ihr den guten Weg. »Sage mir, -- was ist sie für ein Mensch, die,
mit der du --«

»Völlig geschlagen,« bekannte Josef mit Würde und bat um die Erlaubnis,
rauchen zu dürfen. Als die Zigarette brannte, begann er nachdenklich:

»Ich hoffe, du hältst sie für keinen besonderen Menschen, weil sie für
unschicklich geltende Dinge tut. Viele gutherzige Frauen gaben schon
einen Geliebten hin für einen Ehemann wegen Leibes Nahrung und Notdurft,
und sie wollte lieber Nahrung und Notdurft für ihr liebes Herz. Sie war
eine Tänzerin und brach den Fuß. Nun stopfte sie Strümpfe für viele
Geschwister, da nahm ich mich ihrer an, tatsächlich nur, weil sie mich
dauerte, erst später gewöhnte ich mich an sie, und paßt sie nicht gut zu
meinem Dasein in einer solchen Stadt? Sie ist glücklich.«

»Armer Josef!«

»Sie ist«, fuhr er ungerührt fort, »glücklich, denn sie war schon
fünfundzwanzig Jahre alt, leidet an völligem Mangel an Koketterie und
wäre als Frau eines Mannes aus ihren Kreisen so bald bitter geworden wie
als alte Jungfer. Sie ist glücklich, soweit ein Mensch das sein kann im
Leben eines Andern, denn wären wir verheiratet, so würde sie doch an
hundert alltäglichen Leiden kranken, und jetzt krankt sie nur an dem
einen -- nicht mit mir verheiratet zu sein. Alle Ehen kranken daran, daß
sie in Räumen vor sich gehen, die unsere aber haust in Zwischenräumen
wunderbar. In einem und demselben Zimmer entblößen zwei verheiratete
Menschen sich schamlos, ohne Liebesnacktheit, verrichten die
eigenhändigsten Dinge voreinander und bringen es fertig, den Odem ihrer
Schlummerleiber im Dunkel zu kreuzen, da fällt auch von ihren
kümmerlichen Seelen jegliche Bekleidung, und sie müssen an zu bellen
fangen vor Ärmlichkeit und Schande. Ich bedenke ihre Wehrlosigkeit und
habe sie niemals gekränkt, außer einmal am gestrigen kranken Tage. Sie
wird immer zu herrschen suchen, solange sie nur ihre Person einzusetzen
hat und nicht ein Gesetz, das ihr verschaffen würde, was sie grade von
mir haben will. Sie fühlt sich als Ausnahme, und das giebt ihr hundert
Rechte ...«

»Glaubst du denn im Ernst, Josef, daß dies sich so verhält?«

»Gewiß. Zugespitzt, schlackenlos, wie ich es ausgedrückt habe, wäre es
das Ideal.«

»Es sind aber doch gerade die Kleinigkeiten, die geringfügigen
Widerspenstigkeiten des Daseins, die --«

»Und gerade die sind es, die wir vermeiden, indem wir in Intervallen
leben. Uns ist nichts gemeinsam als das Gute, mit dem wir uns
beschenken, wenn wir uns wiedersehn, durch Freude des Wiedererkennens,
durch Nähe des Scheidens, durch die Schmäle des Zeitraums ganz ohne
unser Zutun zu jeder Güte, jeder Zartheit, jeder Verzeihlichkeit, jeder
Nachgiebigkeit bewogen, und immer ist unser kleines Weltgeschehn um ein
weniges verändert, worüber wir uns zu verständigen haben. Was wäre
angenehmer, ja entzückender, ja notwendiger, als einander hier und da
und immer wieder fremd zu werden, neu zu werden? Ach, Renate, wie erst
würde ich dich anbeten, wenn ein Gott mir dazu verhülfe, dich jede Nacht
zu vergessen, dich jeden Tag von Grund aus neu aufbauen zu können!«

Da hatte er sich, wie ein Bumerang, wieder auf dieselbe Stelle
zurückgeschwungen. Renate aber fand ein andres Mittel, flammte ihn
zornig an und sagte:

»Beschreibe mir deine Liebe, Josef, wenn du meinst, ich sei dazu
heraufgekommen.«

Langsam nahm er seine Augen aus den ihren fort, wandte sich und sah
durch die Fensteröffnung. In dieser Stellung sagte er nach einer Weile
halblaut:

»Wie die Wolke steigt, läßt sich berechnen, ja, der Flug der schwarzen
Amsel ließe sich eher erraten als die seltsame Richtung des menschlichen
Herzens. Es ist häßlich eingerichtet. Wenn ich als ein Engel vom Himmel
käme, so würdest du mich doch nicht lieben, aber wenn du mich liebtest,
würdest du mich für einen himmlischen Engel ansehn, denn nur, was es
freiwillig will, tut das Herz. Ein Mensch kommt deines Wegs entgegen,
und er ist schon ein Abgrund, in den du gestürzt bist ahnungslos, und
dort blickst du in eines Menschen Brust als in den verlockendsten
Schlund, aber du hütest dich wohl am Rande. Ich weiß, wir sind nicht
füreinander bestimmt. Dies aber, siehst du, Renate, dies ist der
schaurige Mangel in deiner Schönheit. Sie stiehlt dir deine Seele.
Nichts spürt der dich Liebende als diese deine Schönheit; dein Herz,
deine Seele höchstens als eine liebliche Glorie um den Kelch, aber nicht
als mehr, und es ist nichts in ihm als Hingerissenheit, Brand und
Verlangen nach dir, die da sitzt in einer goldenen Bluse. Die schwarze
Amsel stürzt ins Pharuslicht beseligt, dies ist alles. Wie du gehst und
stehst, wie du issest und trinkst, wie du lächelst und mit der Hand in
dein Haar faßt, alles das ist gewaltig ganz allein und wendet das Herz
um und um in der Brust, -- wozu brauchtest du eine Seele? Für dich
allein, was nützt sie dir? Niemand sieht sie, niemand will sie sehn,
aber deinen Fuß zu küssen, dafür wären einem sieben Seelen feil, wenn
man sie hätte.«

Auf einmal hatte er ihre Hände sanft aufgenommen und im Schoß
zusammengelegt; er sagte, während sie an seinen Augen hing:

»Wenn ich anderthalb Jahre fortgewesen bin, glaubst du, daß du mich dann
-- kennen wirst?«

Renate fühlte sich plötzlich unsagbar müde, als habe sie die ganze Zeit
eine eiserne Stange mit ausgestrecktem Arm gehalten. Sie schloß die
Augen, sah, sie wieder öffnend, daß Josef nicht mehr vor ihr war, und
dachte ergeben: Wie wunderbar! Ich hatte ja erwartet, daß er mich
überzeugen würde, wie notwendig sein Fortgang für alle sei, aber daß er
mein Herz zu sich umwenden würde wie eine Blume am Stiel, das dachte ich
nicht. Und wozu nur das alles, und warum ist das, daß ein Herz sich so
weit biegen läßt, und man weiß doch, das letzte Stück Weges wird nicht
gelingen?

»Sieh, Josef,« sagte sie leise, »was ist nun das für ein Triumph für
dich, daß du mich hier schwach gemacht hast? Es war so unnötig, finde
ich. Du kannst mir aber nun ruhig sagen, warum du fort willst.«

Sie hörte ihn leise lachen hinter ihrem Rücken und gleich darauf seine
Stimme, völlig verdunkelt und ernst: »Ich habe dich eben etwas gefragt.«

Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Sie dachte inbrünstig an Bogner
und glaubte jetzt zu wissen, daß er niemals kommen würde. Sie
verzweifelte, es brauste um sie, es schien ihr unmöglich, nur eine Woche
auf ihn warten zu können, weil er niemals kommen würde; sie fühlte, daß
Josef vor ihr stand, und hörte ihn sagen, auch sie werde ja nicht anders
sein wollen als die Andern: einen Mann, ein Haus, ein Kind, ein
sogenanntes Glück, -- »habe ich dir weh getan?« schloß er, und obgleich
sie fast staunte, daß er eine dermaßen plumpe Falle stellen konnte, war
sie ihm nicht gram, sondern ließ nur die Hände vom Gesicht fallen und
sagte erlöschend:

»Weh? Nein, du hast nur meine Antwort nicht abgewartet.«

Nun wars still. Sie stand auf und blickte in die dunstige
Mittagslandschaft hinunter, sah die kleinen Pferde zwischen Wasseradern
herumtraben, sah einen Zug, wie er winzig klein über die schnurgerade
Linie des Bahndamms hingezogen wurde, und die Qualmstreifen der fernen
Fabrikessen langsam und friedlich nach Osten ziehn.

»Du fragst zu spät, Josef,« sagte sie müde.

Eine kleine Zeit darauf hörte sie ihn aus dem Hintergrund des Zimmers in
beinah kaufmännischem Tone sagen:

»Also weißt du nun die Gründe, weshalb ich gehe, alle drei. Mein Dasein
verengte sich hier bis in den Gang, wo dein Name geschrieben steht. Heut
geh ich, weil es mir nobel erscheint, arm zu gehn. Wozu denn überhaupt
die großen, alles hochschnellenden Worte! Gehe ich für ewig? Scheide ich
unversöhnlich? Und hältst du meinen Vater schließlich, ganz abgesehn von
seiner Liebe zu mir, für einen Menschen, der kein Verständnis dafür
hätte, daß ich hier wie eine Quecksilberkugel auf eine schiefe Ebene
gelegt bin?«

Freilich, dachte Renate, die sich langsam wieder gewann, er geht nicht
für ewig, und dies alles ist wohl nur durch Erasmus so aufgetürmt.

»Jeder Schritt, jeder kleinste, zu etwas hin,« hörte sie ihn hinter sich
sagen, »entfernt dich von etwas andrem, und somit ist es nicht möglich,
in dieser Gemeinschaft nur das geringste tun zu wollen, ohne eine Schuld
auf sich zu laden. Da es nun ohne Schuld nicht abgeht, so will ich, daß
es diese sein soll.«

Renate aber hatte wohl die Worte, aber nicht ihren Sinn vernommen,
wandte sich jetzt, plötzlich überleuchtet vom eigenen Triumph, sah ihn
mit dem Rücken an die Bücherwand gelehnt, seltsam einsam und verloren
aussehend, und sagte, nahe vor ihn tretend, mit Nachdruck:

»Ich werde dich niemals lieben, Josef.«

Er lächelte kärglich, in seinem Gesicht bewegte sich etwas Sonderbares,
das sie ergriff, so daß sie die linke Hand auf seinen Kopf legte und ihn
langsam hinunterpreßte, bis sein Mund ihre rechte Hand berührte.
Währenddem sagte sie, nun zärtlich vor Mitleid:

»Du hast als Knabe niemals zu weinen gebraucht, mein guter Junge, und
deshalb hast du es nie gelernt, und deshalb weißt du auch in diesem
Augenblick nur dunkel, was Weinen ist. Vielmehr ist dir sonderbar wohl,
indem du bedenkst, daß du heute das erste Mal unterlegen bist, -- fast
könnte dich das trösten.«

Sie ließ zu, daß er ihre Hand mehrere Male mit den Lippen berührte. Er
lächelte, als er aufsah, als sei er nun befriedigt, und sagte leise:

»Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist ... dieses Zitat
schwebte dir vor. Warte, ich will dir noch einen Vers von mir sagen, den
ich in diesem Augenblick gemacht habe: Du fremdes Kind! -- In deinen
Augen spiegeln sich die Sterne -- Auch tags, wenn sie dem Aug nicht
sichtbar sind.«

»Danke!« sagte sie.

»Oh bitte!« sagte er, und sie lachten Beide, leise, herzlich und wie
Versöhnte, -- während vor Renates verschleierten Augen die sanfte und
grüne, gotische Glaswand, leuchtend golden von der Sonne, sonderbar zu
beben und zu schwellen schien vom Strom aller Worte, der an ihr
hinaufgerauscht war, -- worauf er die Uhr zog und sagte: »Halb eins. Wir
müssen uns anziehn.«

Sie nickte ihm zu und ging leicht und leise hinaus.

Im Treppenhaus oben blickte sie, auf das Geländer gestützt, in den
Schacht hinunter. Ihr Herz schlug auf einmal mächtig in der Brust an,
sie hörte Josefs >wir<, das belanglose, das er zuletzt gesagt, und mit
dem er sie beide doch nach dem Kampfe zusammengefaßt hatte, als hätten
sie die ganze Zeit nur benützt, um Freunde zu werden. Aber in diesem
Augenblick legte sich die Erinnerung an den Onkel und Magda wie ein
dumpfer Ring um ihre Brust, und als sie ihn abriß, weinte sie laut.
Angst, Josef könne sie hören, jagte sie die Treppen hinunter in ihr
Schlafzimmer, wo sie, gerüttelt durch und durch, kein Ende finden konnte
mit Tränen, bis die Zofe mahnte, daß es höchste Zeit sei zum Anziehn.


                            Sechstes Kapitel


                                  Wald

Georg saß auf einer Bank im Walde.

Von einem häßlichen und kaum anständigen Gefühl im Magen abgesehn,
befand er sich überaus wohl, lieblich durchwärmt von der höher
steigenden Sonne, vor den halbgeschlossenen Augen das zarte
Flimmergespinst des Lichts, vor den hin und wieder geöffneten die
geräumige Windhelle der Lichtung, von der ein sandiger Fußweg ihn
trennte, und darin die weit auseinanderstehenden braunen Stämme und
schwarzgrünen Schirmkronen der Kiefern, unten Wildnis von Farnkräutern
und Brombeergestrüpp, mit den schönen rostroten Dornranken wie von Eisen
--, hinter dem allem schließlich die schöne Bewegtheit des
unwiderstehlichen Frühjahrshimmels, wo es wogte von unhörbarem Jauchzen,
von Anmut und Leichtigkeit in Silberflocken und fliegender Bläue. Wenn
die Sonne dann lichter hervorquoll, in alle grünen Winkel alles
erfreuend hineinglänzte, so schwoll mit allem sein Herz, als dehnte
Lichthauch und Lufthauch es von innen, und traumhaft ganz hingegeben,
konnte er hübsche Entdeckungen gedanklicher Natur in sich machen wie
etwa die Erkenntnis, daß jenes Gefühl von Zuversicht an holden
Apriltagen jedenfalls daher rühre, daß bemerkbar wird: auch diese große,
unbändige Natur ist bekannten Gesetzen unterworfen, -- es muß doch
Frühling werden! Wieviel Genugtuung für Kaiser und Bürgersmann! --
Erlosch aber die Sonne, senkte sich mit den Schatten die Wölbung seines
Gefühls, und es ward enger in ihm, -- war alle Tapferkeit mit eins aus
den Wipfeln, Mutlosigkeit um die grünen Spitzen gefallen, die ergraut
standen, zitternd, ängstlich, -- so fiel er, unfreiwillig, der
allgemeinen Beklommenheit mit anheim und empfand unglücklich die tiefe
Ratlosigkeit der Fragen um ihn her: Mein Gott, wo ist das Licht
geblieben? Warum ist es fortgegangen? Und dann erschien ihm auch, als
wäre sie es, die mit breitem Schatten den Glanz verdeckte, Magdas
traurig abgewandte Gestalt, erloschen rund um sich her wie der
sonnenlose Augenblick, -- da ging sie wieder neben ihm, von innen
gehalten, gefesselt in ihrem Gang, und in ihrem Herzen -- -- ihrem
Herzen ...

Ach, sie wußte es nun doch! die Wahrheit hatte sie nun, war es nicht
besser als ... Ah! Mit dem wieder hochquellenden Golde im glücklichen
Grün wich die lastende Schattenhand auch von seiner Brust, er atmete
auf. Sie wußte es, -- welche Erleichterung! Erleichterung -- für ihn,
ja, ob aber für sie?

So saß er denn im Wechsel der Natur und im eignen, gedämpfter
Traurigkeit überliefert, im warmen Labyrinth seines Gehörs, seines
ganzen Innerns, das unablässige Vogelgezwitscher der Nähe und der Ferne,
den metallenen Finkenschlag, den Gesang des Baumläufers, fernher den
eintönigen Zweiklang des Zilpzalp, und wie aus einer blaugrauen Wolke
heraus das schläfernde Gurren der wilden Taube. Ein wenig drückte im
Rücken das Holz der Banklehne, aber er saß doch weich in sich selber,
ganz versunken in offene Lässigkeit, im Pendelschwingen des Lichts
beklommen und froh, ja wie in einer wesenlosen Schaukel fühlte er sich,
beim Vor- und Aufschwung munter und kühnlich, im Zurückfallen vom
Schwindel süßlich geängstet, immer in Wärme und köstlicher Wehmut.

Oh daß ich dieses doch habe, dachte er, diesen selbstverständlichen
Rückzug in mein eigenes Innere; dorthin, wo es Natur ist, Hingebung an
Licht und die Luft, an Vogelruf und dies kühle, dies schaurige Sausen in
den Kronen. Was schließlich verschlägt da eine Nacht wie die letzte! Man
sollte es nicht tun, freilich, Sinn hats auch schon gar keinen, man
sollte es nicht, gerade wenn man, wie eben ich, nur so hineingerät, so
lustlos und versehentlich, und es wird auch nicht wieder vorkommen. Das
war bloß München, das mir noch nachhing. Oh Renate!

Unter einem zitternden Schlage im Gehirn setzte Georg sich auf,
geblendet, legte die Ellbogen auf die Knie, seinen Gehstock in der Mitte
packend, und sah eine Weile lang nichts als den Staub in den Falten
seiner Lackschuh, das braune Gold der Strümpfe und zwei, am Ende
zusammengeheftete Fichtennadeln, die im Aufschlag seiner dunkelgrünen
Hose steckten. Die kleinen Steine, der Sand und die Spuren von Füßen und
Striche von Stöcken darin sahen ihn fremd an in lebloser Wesentlichkeit.
Er seufzte auf. Du lebst, Renate, ach, daß du lebst, was will man denn
mehr? -- Und Georg bewog sie, zu erscheinen, sie und sich belistend, daß
sie immer schöner würde und vollkommener, und so kamen erst nur ihre
Augen zum Vorschein, im Dunkel, unterm Vorhang der Zweige, ihr Arm, nun
-- nun der Augenaufschlag gegen ihn, -- er erbebte, er wollte ihn
fassen, er war fort. Alles was Blau war in der Welt, mußte in diesem
nächtigen Schwarz enthalten sein, Sommerhimmel und das dunkelste
Buchtenwasser, Bergseen und grünes Eiswasser, -- und nun -- ihr Gesicht,
ihr Mund, und ihr Haar, -- Gott im Himmel, welch Haar! Da stand sie auf
dem Rasen, das Licht fiel von oben über ihre abgewandte Gestalt, über
das hangende weiße Dreieck des Schals, über ihr Haar von stumpfem,
hellem Braun -- dürres Buchenlaub, wars nicht so? -- von einer goldenen
Spinne überwebt. Und von ihren eigenen Bewegungen war sie ganz umrieselt
wie von unsichtbaren Wasserfalten, in denen es blühte. Gott verzeih mir,
Anna, aber nun ist das so gekommen, und wie kann ich denn anders! Mußte
es nicht einmal kommen? Habe ich nicht durch Monate gelitten, damals,
wie sehr gelitten, nachdem du von mir warst? Wie lassen sich solche
Selbstbezwingungen dann rückgängig machen? Wie sollte ich dich wieder
hineinholen in mich, nachdem -- -- freilich, daß ich dich austreiben
_konnte_! Und wie kann ich denn gegen mein Herz?

Ein Kohlweißling taumelte aus dem Brombeerdickicht hoch, zog über den
Weg daher, schaukelte höher, taumelte vor einer unsichtbaren Gewalt
abwärts, beschrieb um einen der braunen Stämme einen haltlos flattrigen
Kreis und fiel ins grünende Buschwerk. Es zwitscherte -- oh wie es
zwitscherte! Überdem kam Josef Montfort ihm in Erinnerung.

Das war ein Mensch! jawohl! Betäubend, berauschend, wahrhaftig! Ich muß
ihn näher kennen lernen. Richtig -- wollte er nicht fort, aus dem Lande?
Wer -- ach, Cornelia Ring, -- sie gab mir ihre Adresse. -- Ihre runden
Dryadenaugen erschienen ihm, er erinnerte sich, wie sie ihm ihr Herz
ausgeschüttet hatte, -- der sonderbare Nachtweg, -- und er versprach, an
seinen Vater zu schreiben. Nein, das Sonderbarste war doch diese Fahrt
in der Droschke ... Aber Montfort, der hatte Gewalt über Menschen! Wer
konnte wohl so ausgesehen haben wie er? Fernando Cortez vielleicht, ja,
irgendeiner, der eine verlorene Sache verteidigt, ein Prätendent; in
Gefahr müßte man ihn sehn, auf dem Rückzug durch Urwälder, von Schwärmen
vergifteter Pfeile verfolgt, und mit jedem Leben, das hinsinkt, wächst
ihm ein neues an sich selbst, und er schwingt sich in eigenen Händen wie
einen Feuerbrand zu einem Dutzend gefährdeter Stellen, ermutigend,
tröstend, versprechend, drohend, versiebenfachtes Leben, aus sich selber
wimmelnd, bei Gott, so war er! Und er und Cornelia, Renate und Magda
zogen einen abenteuerlichen Reigen, Magda trat vor und sah ihn
herzbewegend an, da fühlte er, wie sein wehmütiges Empfinden in Takten
zu schaukeln begann, die sich allmählich mit deutlichen Vorstellungen
besetzten ... Ach, wie traurig sind die Tage ... auf einmal hatte er den
Anfang ... Seit ich in dem Schatten lebe ... und Georg nahm hastig ein
Blatt, eine Rechnung, wie es schien, aus seiner Brieftasche, legte es
darauf und schrieb schwermütig, hin und wieder streichend und ändernd:

   Ach wie traurig sind die Tage,
   Seit ich in dem Schatten lebe,
   Nicht mein Antlitz zu ihm hebe,
   Nicht sein Mund mich heilt.
   Friedlos, ach, von bittrer Plage,
   Frage ich die stummen Haine,
   Frage Pfade, Ufer, Steine,
   Wo mein Herr verweilt.

   Von der Schwelle ausgetrieben,
   Die mir unterm Abendglänzen,
   Oder unter Sternenkränzen
   Wundersam erschien,
   Kann ich noch mein Antlitz lieben,
   Das nur fremde Blicke preisen,
   Und den Mund, dem nur die leisen
   Seufzer noch entfliehn?

   An der Flamme auf dem Herde
   Rötet sich mir Stirn und Wange,
   Daß ich wie in Purpur prange,
   Den Erhabnen gleich.
   Spät, mit trauriger Gebärde,
   Blickt ins Fenster, durch die Zweige,
   Mond, dem ich mein Antlitz zeige,
   Und dann bin ich bleich.

Georg merkte, daß während des Schreibens die Sonne entwichen war, und
ihn fröstelte. Als er das Blatt in die Brieftasche zurücklegen wollte,
fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem stand von fremder Hand
geschrieben: G. T. 17. Was mochte das bedeuten?

Heftiger fröstelnd -- und wie öde war auf einmal der Wald! -- überlas er
noch einmal das Geschriebene, strich in der zweiten Strophe das
>Wundersam<, um dafür >Freudenreich<, und in der letzten >Erhabnen<, um
dafür >Geliebten< zu setzen, legte das Blatt fort, stand auf und ging in
der Richtung der Stadt davon. Nach einigem Kopfzerbrechen fiel ihm ein,
daß er Cora Bogner seinen Besuch versprochen hatte, sodann, daß 17 die
Hausnummer der Cornelia Ring war, und ihm wurde heiß im Gedanken, daß er
mit Josef Montfort nichts besprochen hatte, aber vor allem kam es ja auf
seinen Vater an, und Montfort würde wohl nicht über Nacht davongegangen
sein. Die Fabrik stand schlecht, wer hatte ihm das nur erzählt? Josef
selbst? Richtig, Cornelia Ring war es gewesen. Da durchglühte ihn wieder
Renates Leiblichkeit, unendliche Sehnsucht befiel ihn, er umschlang sie
mit den Armen, er fand ihren Mund, -- aber siehe, was war das für eine
Süße, die ihm jählings durch Mark und Bein loderte? Das mußte er
geträumt haben, nur in Träumen steigen Gefühle in solches Übermaß, o mit
welch ungeheuerlicher Schmerzenswollust hatte er einmal im Traum
geweint! Und nun fiel ihm Lenusch, fiel ihm alles ein, die Bar, das
endlose Gespräch zwischen Montfort und dem Saint-Georges, der Lärm, das
Mädchen, ihr Stirnband, ihr Bein, ihr Strumpf, in den er das Geld --,
und zuletzt -- nein, bloß das nicht! aber er sah es wieder deutlich vor
sich, ihn schauderte maßlos, er wehrte sich mit allen Kräften, stellte
sich hundert andre Dinge vor, und es gelang ihm endlich, sie wieder vor
sich zu sehn, wie sie die gekrallten Hände gegen die Schultern erhob.
Sie hätte die größte Tischplatte über seinen Kopf heruntergeschmettert,
so sah sie aus. Warum haßte sie ihn nur so? Vielleicht hatte Montfort
ihm bloß Lügen erzählt, obgleich er ein Mensch schien, der keine Lügen
nötig hatte, der Unwahrscheinlicheres erlebt, keine selbstgeschnitzten
Stützen brauchte. Ach, es war doch schrecklich! Da war der Augenblick
gekommen, wo sie ihr ganzes, verfahrenes Dasein in eine einzige Flamme
von Haß zusammenriß, um es -- ja um es wie eine schwere Tischplatte
ihrem Feinde über das Haupt zu schlagen, und da mußte sie so
zusammenbrechen.

Georg fiel ein, daß er sie um ein Uhr mittags treffen sollte. -- Ich
werde natürlich hingehn, ich bin ja nicht fähig, ein weibliches Wesen
umsonst warten zu lassen, und außerdem werde ich versuchen, sie auf
reinlichere Wege zu bringen. Versuchen kann man das immer, obwohl es
wahrscheinlich ist, daß, wie bei all diesen Mädchen, das Grundübel in
Arbeitsscheu besteht. Man muß es versuchen. --

Mittlerweile war er am Pferdeturm angelangt, wartete eine Weile auf eine
elektrische Bahn, fuhr in die Stadt und ging in die Eichstraße zu Cora.


                                 Salon

Georg mußte im Salon warten, und der Salon gefiel ihm nun ganz und gar
nicht. An diesem Ort, dachte er, kann man sehr traurig werden. Er hatte
grünliche Damastsofas und Sessel mit Troddeln daran, und ein Sofa hatte
einen Mahagoniumbau mit Spiegeln und gemalten Parforcejagdszenen, im
Erker aber stand eine Bronzebüste der milesischen Venus und blickte ihn
trübe an. Er sah auch, daß der venezianische Kronleuchter, von dem sie
geschrieben hatte, von der Decke hing und hier und da mit Draht geflickt
war, und rechts vom Erker stand Coras Schreibtisch auf äußerst dünnen
Beinen, bedeckt mit Photographierahmen und Schreibwerkzeugen aus Messing
und grün geädertem Marmor, so daß kaum ein viertel Quadratmeter Raum zum
Schreiben war, im ganzen ein ungemein fataler Aufenthalt. Georg, lustlos
und immer fröstelnd, blickte aus dem Erker auf die langweilige Straße
hinunter, wo sich jetzt schwärzliche Regenflecken zeigten. Endlich
erschien Cora, in einem hellgelben Morgenrock, mit flüchtig
zusammengegriffenem Haar, trug ihre herbstlichste Miene und die
Entsagungsgeste zur Schau, worüber Georg sich ärgerte, weil er hinter
dem abwehrend vorgestreckten Schild nur zu deutlich die Verlockung zu
wittern hatte, also daß er in ein plätscherndes Geschwätz über die
bezaubernde Fähigkeit schöner Frauen ausbrach, die es verstünden, ohne
Hut als ein völlig andres Wesen zu erscheinen, als mit Hut, -- ha
überhaupt Hüte! Da gewöhnte er sich wieder langsam an ihren Anblick,
ihre Eigenart, und es gefiel ihm wieder sehr, wie sie mit der Oberlippe
über die beiden, ein wenig zu groß geratenen oberen Mittelzähne
hinablangte, was ihn immer an die Gebärde eines Mädchens erinnerte, das
einen eingelaufenen Ärmel straff zupft, und in Coras Züge kam mit dieser
Verlängerung der Nase durch die Oberlippe ein völlig verquerer Ausdruck
von Hoheit. Alsdann sagte er auf, was er am vergangenen Tage in der Bahn
Bogner über ihr römisches Aussehn vorgetragen hatte, was sie andächtig
anhörte, die schlecht zueinander passenden Ringe an ihren, ein wenig
grauen, lang geschwungenen Händen hin und her schiebend; die Fingernägel
waren nicht durchaus rein, -- und überdem meldete das Dienstmädchen den
Maler, der hinter ihm eintrat.

»Wie herrlich, Benvenuto, daß du kommst!« entzückte sich Cora. »Grad
eben sprachen wir von dir, das heißt, du kamst drin vor, weil der Prinz
etwas über mich sagte, das er gestern dir ... es war, ja, es war ein
Gedicht!« schloß sie begeistert.

Das Mädchen trug einen Teller mit Gebäck, Gläschen und spanischem Wein
herein, und Cora sprach nun unaufhörlich, indem sie zum Zulangen
nötigte, Wein einschenkte und die Gläser hinreichte.

»Gott, unsereins,« sagte sie, »unsereins fühlt das natürlich auch, aber
wir können es nicht ausdrücken, wir brauchen es auch nicht auszudrücken,
und das, seht ihr wohl, giebt uns Frauen eben die Macht, das --
Unbewußte, wie soll ich sagen ... Nun, wir fühlen, was wir sind, und
brauchens uns doch nicht zu gestehn. Beim Namen nennen ist immer
verurteilen, und wir sind immer unschuldig. Gott, eigentlich sollte ich
euch ja Zigaretten anbieten, -- du rauchst doch, Ben -- weißt du,
eigentlich ist dein Name zu lang, ich werde einen für dich erfinden, --
aber Herbert raucht ja leider nicht. Aber wenn ihr eure eignen ...«

Und da Bogner seine Dose hervorzog:

»O was hast du da? Welch himmliche Dose! Was ist das für Holz?
Birkenholz? Wie gut der Tabak riecht! Oh du drehst sie selbst, das muß
ich sehn! Ist es schwer? Aber Sie nehmen ja gar nicht, Georg! Die
Makronen hab ich selber gebacken, dafür drehst du mir eine Zigarette!
Ich finde es reizend, selbst! Nein, wie geschickt du bist! Zeig bloß
mal! Ich könnte das nie! Was für gelbe Finger du hast! Ist das vom
Rauchen? Aber weißt du denn auch, daß das furchtbar -- furchtbar
schädlich ist? Und nun wollen wir Brüderschaft trinken.«

Während der Stille dieser Feierlichkeit sah Georg sämtliche
Ausrufungszeichen Coras leibhaftig durchs Zimmer und zum Erker hinaus
wimmeln. Dem Maler die Wange zum Kusse reichend, blickte sie Georg zum
ersten Mal seit Minuten wieder voll an, so daß es ihm vorkam, als werfe
sie ihm eine Handvoll Erinnerungen zu.

Nun sollte ihr Schwager von Paris erzählen, doch kam er nicht dazu, da
sie selber vom Montmartre und der Roten Mühle, vom Louvre und den
fliegenden Bücherverkäufern auf den Quais zu schwärmen begann. Plötzlich
sagte sie:

»Prinz! Sie machen doch Gedichte. Sie müssen ein Gedicht daraus machen!
Aus dem vorhin! Werden Sie?«

»Augenblicklich,« erwiderte Georg, »wenn Sie mir erlauben, fünf Minuten
ihren Schreibtisch zu benutzen.«

Ah, da mißhandle ich sie ja wieder, dachte er, also käme nun das
Zuckerwerk, und er beugte sich zu ihr und redete:

»Liebe, gnädige Frau, Sie wissen doch: jeder gebildete junge Mann macht
Ihnen heutigen Tages jedes Gedicht, das Sie wünschen. Aber wenn Sie ein
richtiges haben wollten, eines, das wert wäre, in einem richtigen Buche
zu stehn, -- das könnte ich Ihnen freilich nicht versprechen. Dazu
gehörten --« er hob sein Glas und verneigte sich -- »andre
Ingredienzien, diesem Weine vergleichbare ...«

Und er trank. Was tat Cora? Zuckte sie wie unter einem Peitschenhiebe
zusammen? Keineswegs, sondern sie strahlte wie eine Sonnenblume und
rief:

»Ja, verlieben Sie sich in mich, Prinz! das wäre entzückend! Ja, bitte,
tun Sie mir den Gefallen! Denke dir,« wandte sie sich an ihren Schwager,
»es hat sich noch kein Mensch in mich verliebt seit meiner
Backfischzeit, außer Herbert, und der gleich so furchtbar. Ihr könnt
euch gar nicht denken, wie er mich liebt! Grenzenlos überhaupt! Und nun
ein Prinz!« Halloh, Brandpfeil der Verachtung, dachte Georg. »Oh, es ist
wunderbar, so geliebt zu werden!« Wieder ein Brandpfeil. »Früher machte
er auch Gedichte, sehr nett, aber nun müssen Sie! Werden Sie? Georg, ich
bin außer mir!«

Der dritte Pfeil mißlang, weil in diesem Augenblick ihr Mann eintrat,
der meinte, daß man es ihr durchaus nicht ansehe; ja, er habe die
letzten Worte wohl gehört. Wie eine große, gelbe Katze lag sie behaglich
und spinnend in der Sofaecke.

Ein Weilchen später hielt Georg, aus Furcht, sie möchte ihn nun allein
mit Beschlag belegen, es für gut, fortzugehn. Geschwind zeigte sie ihm
noch eine Kopenhagener Vase auf ihrem Schreibtisch und gab dabei eine
Erklärung über den wundervollen Eindruck ab, den ihr Schwager auf sie
gemacht hatte. Sie entließ ihn mit unbegrenzter Ausdrucklosigkeit, indem
sie, noch während er ihre Hand an die Lippen hob, sich ihrem Mann
näherte, um mit der Linken ein weißes Fädchen von seiner Schulter zu
nehmen und ihm bei dieser Gelegenheit den Rockkragen glatt zu streichen.


                                Postamt

Pfui, es regnet! sagte Georg, als er aus dem Hause trat. Cora regnete
auch, grad wie dieser Regen, nicht kräftig, sondern bloß haltlos. Ist
keine Droschke da? Merkwürdig: früher, wenn ich allein mit ihr war,
schien sie doch so angenehm, ja, wie schön sie zuhören konnte, wenn man
von seinen Plänen sprach. Ach, das kommt wohl von Renate, daß alle
Andern neben ihr wie Kellerpflanzen aussehn, -- auch Magda, -- aber Frau
Tregiorni --, die war doch entzückend! Dies ist schön, dies ist ein
schöner Gedanke: Wenn ich neben ein vollkommen Schönes etwas auch
Schönes stelle, das vielleicht nur lieblich, nur anmutig ist, so läßt
das ganz und gar Schöne es ruhig glänzen und tut ihm nichts an; das
Fehlerhafte aber, das Unreine, das Schillernde, das wird verneint,
ausgetilgt vom Vollkommenen, und nur das Abstoßende daran bleibt
sichtbar. Gott sei Dank, es hört auf zu regnen. >Da kömmt die liebe
Sonne wieder -- Da kömmt sie wieder her!< Er sah auf die Uhr. Wenn ich
zu Fuß gehe, werde ich gerade rechtzeitig zum Stelldichein kommen.

So schlenderte er dahin, hielt hier und da vor einem Schaufenster,
ärgerte sich über die Gesichter der Menschen, gelangte ans Gänseliesel,
lief eine Viertelstunde um das eingefriedigte Rasenoval, verbiß seine
Enttäuschung über Lenuschs Ausbleiben und dachte, es liege vielleicht
ein Brief auf der Post. Nun, er war bereit, auch dies Opfer zu bringen,
ging hin und erhielt wahrhaftig einen kleinen Brief, der so durchaus
rosa war, daß es ihn erstaunte, weil er gedacht hatte, das gäbe es nur
in Zeitungsromanen. -- Himmel, und auch solch eine Handschrift hätte ich
nie für möglich gehalten! -- Er las, am Gossenrande neben einem
feuerroten Eilbotenjungen stehend, der darauf zu warten schien, daß er
die Antwort auf Georgs Brief übernehmen solle, das Folgende:

   Mein Süßer!

   Du bist vielleicht erstaunt und denkst schlecht von mir, daß ich
   nicht da Gewesen bin es tut mir auch Schrecklich leid aber ich
   war ja so betrunken, da bin ich Treppe hinuntergefallen und habe
   mir das Ganze Gesicht aufgeschlagen. Bitte bitte, verzeih mir
   mein Süßer! und ich hätte ja so gerne mein Herz bei dir
   ausgeschütet du hast ja sicher gemerkt das du mir nicht
   gleichgildig bist und deshalb will ich auch Offen zu Dir sein.
   Zunächst einmal Tausend Dank für das gute, das Du mir ohne
   jegliche veranlasung gethan hast, es ist zu lieb von dir. Ich
   will offen zu Dir sein, ich habe nemlich noch so Allerlei kleine
   Schulden bei meiner Wirtin und Schneiderin nun, vieles kan ich ja
   nun zahlen. Ganz Schlecht zu werden habe ich Keine Lust und so
   wird es besser sein, ich fahre zuhause bei meine Eltern, wo ich
   am Besten aufgehoben bin. Morgen muß ich nun _dringent_ etwas
   bezahlen und zu Diesem Zweck wollte ich dich bitten ob Du mir
   nicht mit 100 M. aushelfen könntest. Fals du kannst gieb mir bis
   5 Uhr bescheit ich wohne Nelkenstraße 4 ich muß nemlich bis zu
   Dieser Zeit dringent etwas zalen andernfalls meine Ringe
   wieder fortgeben. Ich will dir Gern was zum Pfand lassen.
   Verzeihe bitte Lieber Süßer, und denke um gotteswillen nicht
   Schlecht von mir, nur Äußerste Verzweilung treibt mich Hierzu.
   Bitte, Kerlchen sprich auch nicht Hierüber ich schäme mich ja
   sonst. Nim es mir bitte nich Übel ich will auch gleich an
   meine Eltern schreiben, Sie müssen mir ja helfen. Bite gieb mir
   Unbedingt nachricht oder komme selbst. Sollt ich dan nicht
   zuhause sein, gieb meiner Wirtin bescheit. So jetzt bin ich Eis
   kalt gefroren sitze im ungeheizten Zimmer.

                                              Gute nacht! Schlaf wohl!
                                          Herzlich grüßt und küßt dich
                                                        Deine Dankbare
                                                          Helene Kick.

Georg war überwältigt von Schwermut. Dies ist Lenusch, Helene Kick,
dachte er, o wie jämmerlich ist es doch bestellt mit dem Dasein des
Menschen! -- Er kehrte in das Postamt zurück, ließ sich eine Briefkarte
geben, schrieb einen Gruß, legte zwei Hundertmarkscheine hinein und
schickte das Ganze, sorgfältig eingeschrieben und durch
Eilbotenbestellung an Fräulein Helene Kick, Nelkenstraße 4. Ich werde
sie nie wieder sehn, dachte er, als er wieder draußen stand, in
nachdenklicher Betrachtung des feuerroten Eilbotenjungen, der zögernd
das rechte Bein über sein Fahrrad legte.

Benno! Natürlich! dieser Mensch war von einer solchen Bescheidenheit,
daß er ihm jetzt erst einfiel! -- Georg winkte dem Eilboten königlich
bloß mit einem Auge, nahm eine Besuchskarte aus der Tasche, schrieb
darauf: »Ich esse bei Pust, mein Herz, komme sofort! Schreibe die
Antwort hierunter!« und drückte sie dem Jungen in die Hand.
»Öltzenstraße zwei, Mensch!« bedrohte er ihn, »und wenn Sie in einer
halben Stunde mit der Antwort bei Pust sind, in der Weinstube, kriegen
Sie einen Taler, sonst nischt nich!«

Der Junge quetschte ein zuversichtliches Grinsen aus seiner
sommersprossigen und sinnigen Blondheit, schwang sich auf sein Rad und
segelte davon. Georg schlenderte, lächelnd in vorfreudigen Gedanken an
den guten Benno, gemach über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter,
hinter dem Theater an seinem Hotel vorüber -- wo ihm die Erinnerung an
seine Morgenbegegnung mit Magda einen Gewissensbiß und inneres Erröten
versetzte über seine erste Feigheit -- und betrat die stille Weinstube,
eine angenehme Dämmerung, goldig von goldgelben Vorhängen, in deren
Tiefe er sich unter Palmengewächsen an einem der weißüberhangenen Tische
niederließ. Eine Ochsenschwanzsuppe, ein Stück Forelle, ein sanftes
Hammelkotelette mit Morcheln, Pfirsich Melba -- das wars, was ihm munden
sollte. Dazu ein schönes, großes Glas Pilsener.


                           Siebentes Kapitel


                               Weinstube

Hinter dem Kellner, der die Suppentasse brachte, tauchte, fremdartige
Erscheinung, der feuerrote Eilbote mit Fahrklammern unten an den
Manchesterhosen auf und brachte einen richtigen Briefumschlag, in dem
Georg seine Karte fand, unverändert -- nein, Benno hatte mit lieblicher
Geste nur das >komme sofort< zweimal zart unterstrichen. -- Und noch war
Georg kaum am Zerlegen seines Forellenschwanzes, so sah er ihn von
weitem, wie er hinter dem Vorhang der Eingangstür auftauchte, den großen
braunen Schlapphut abnehmend, den Kopf mit dem zurückgestrichenen langen
Haar zurückwarf und, nun in seiner ganzen hagern Länge -- noch immer der
alte, blaugraue Winterüberzieher, dessen abgeschabte Stelle im
Samtkragen Georg im Dunkeln bezeichnet hätte -- mit diesem seltsamen,
blind scheinenden Blick der Augen umherspähte, -- ach, diese in
Verlegenheit sich verkehrenden Pupillen! und der hängende rote
Schnurrbart, und diese höchste Stirn von der Welt, und da -- jetzt hatte
er ihn gesehn, und er strahlte und wurde glutrot und verneigte sich von
weitem, den Hut in der Hand nach rückwärts schwenkend, mit dem ganzen
Oberkörper, und eilte heran und verfing sich mit dem Mantel an einem
Stuhl, den er auffing, steckenbleibend im Vorstürmen, und er verneigte
sich vielmals gegen den Herrn am Tische und zwängte sich zwischen den
Andern hindurch mit Bewegungen wie lauter angefangene Verbeugungen, und
nun stand er vor ihm, die Augen verdrehend, leuchtend, und der lange
Haken der Nase war ganz derselbe, aber -- er trug ja einen Flor am Arm!
Ja, gewiß, seine Mutter -- --

»Herrlich!« sagte Benno, wie immer nur halblaut, aber mit tiefster
Inbrunst verhauchend, »herrlich!« und preßte ihm die Hand und schüttelte
sie und schwenkte sie von oben nach unten, »da bist du ja! Laß dich
anschaun!« und legte ihm den Arm auf die Schulter, worauf er sich wieder
losriß, sich zum Kleiderständer hinumschwenkte, mit einer Geste von
großer, weltmännischer Kühnheit seinen Hut über den Haken schlug und den
Mantel auszog, den dann der Kellner ihm abnahm, während Georg sich kaum
setzen konnte vor innigem Vergnügen.

Und da saßen sie denn beisammen, und Benno mußte nachessen. -- Ja, seine
Mutter war nun doch gestorben ...

»Ach!« sagte er aus tiefster Seele, »es war herrlich! es läßt sich nicht
sagen! Es ist ja so unendlich gut, daß sie hinüber und in Freiheit ist
...« Und leise sprach er weiter: er allein sei dabei gewesen, tief in
der Nacht, nein, er habe es doch nicht fertigbekommen, seinen Vater zu
wecken. »Eine Mutter stirbt nur einmal, und dies Letzte wenigstens, das
wollte ich für mich haben.« Es sei schrecklich, aber es sei so. Der
Vater freilich scheine nun doch ganz gebrochen ...

Ja, dachte Georg, ohne daß ers zu sagen wagte, nachdem er die ganzen
zwei Jahre lang ihre Krankheit entweder für Mogelei oder eine
absichtliche Bosheit gehalten hatte.

Ja, und nun sei Georg wieder da ...!

»Da kommt deine Suppe,« sagte Georg, seine Rührung auf innerlichen
Vorgang beschränkend.

Da saß dieser gütigste Mensch, hatte in aller Eile seinen Examensgehrock
angezogen, um der Vornehmheit des Freundes und des Ortes nicht zu
schaden, saß krumm wie ein Bogen, genau wie immer, schnellte dann
plötzlich zu kühner Höhe empor, warf immer wieder den scheuesten der
zärtlichen Blicke zur Seite auf den Freund, fuhr sich mit der Hand übers
glatte Haar zum Hinterkopf und sah weltverloren, verschämt und
liebegefüllt aus, -- ganz wie immer.

»Und jetzt ists aus, Benno, nicht wahr? Jetzt nehmen wir dein Leben in
die Hand. Dein Vater hat deine Schwester, mehr als genug für ihn, und
wir fahren in einer halben Stunde zum Schlößchen hinaus, im
Georgengarten, wo ich wohnen werde, und sehen zu, ob auch der Nordflügel
verändert werden muß, wo du wohnen wirst. Keine Widerreden! Meine
Zimmerpläne sind im Kopf schon fertig, ich habe eine Unmenge Sachen
gekauft, viel zu viel für mich wahrscheinlich, in Trassenberg habe ich
die Pläne angesehn und alles ausgedacht, oh es wird kostbar! Giebt es
noch Widerreden?«

Nein! -- Benno wagte es endlich, die Augen von seiner Suppentasse zu
erheben; er sah Georg voll unsäglicher Bewunderung an und gestand, daß
es keine Widerreden mehr gebe.

»Ich hätte dir fast noch diese Nacht alles geschrieben,« sagte er leise.
»Du bist der edelste Mensch!«

Georg tat vom eiskalten Bier einen tiefen Zug, beugte sich dicht zu
Benno und redete in ihn hinein, so zärtlich er konnte.

»Was soll ich dir schenken, Benno? Willst du tausend so dicke Zigarren
haben wie dein Vater am Sonntag? Willst du einen kleinen Rennstall? Soll
ich deine Lieder drucken? Beiläufig: wie stehts mit der Symphonie? Sag
doch was! Willst du ein goldenes Zigarettenetui? Oder einen Flügel von
Steinway? Du bekommst ihn. Du bekommst alles, Benno. Sag doch, was ich
dir schenken soll! Siehst du nicht, was für himmlisches Wetter heute
ist? Gehen heute nicht Königinnen auf allen Straßen umher und verteilen
Blumen und Armbänder?«

Georg hielt inne, weil der Kellner ihm sein Hammelkotelett zureichen
wollte, Benno aber saß da und ließ sich überschütten, sagte nur nach
einer Weile tief seufzend: »Ein Bösendorfer müßte es sein!«

»Was ist ein Bösendorfer?«

Das sei ein Wiener Flügelbauer, erklärte Benno und fing an,
geheimnisvoller und mit größter Ehrfurcht von einer Freundin zu
sprechen, die er habe gewinnen dürfen, die wunderbar Klavier spiele und
Halbösterreicherin sei, und deshalb Bösendorfer ...

»Und sie heißt Ulrika Tregiorni, oh ich weiß alles!« triumphierte Georg,
während Renates Wesenheit vor ihm aufleuchtete, so daß er fortfuhr:

»Aber, Benno, was heißt das? Wo steckt Renate? Bist du ihr untreu
geworden? Schon? Ha, du versteckst sie bloß hinter dieser Ulrika, du
liebst sie, Benno, gesteh Schurke! Du betest sie an!«

Benno schauderte zurück. »Nein, Georg, oh nein! Was denkst du! Das würde
ich nie wagen!«

»Ach, Benno, was für'n Unsinn! Liebe, die fragt, ob sie darf?!«

»So meine ich es nicht, Georg,« widersprach Benno hastig und hochrot im
Gesicht. »Das Wagen bezog sich nicht auf sie selbst und auf mich,
sondern auf -- auf ihr Schicksal.«

»Ihr Schicksal?«

»Ja, wie soll man das sagen? Wenn du sie kenntest ...« Da er verstummte,
hatte Georg Zeit, seine leise innere Beklommenheit verbergend, mit
Überlegenheit zu erklären, wo und wie er sie bereits am Vorabend gesehn
habe.

»Nun, und wie fandest du sie?« fragte Benno, glühend auf der Lauer. »Ist
sie nicht herrlich?« -- Benno krümmte sich, hauchte und verging.

»Eine Symphonie,« sagte Georg kauend und sehr an sich haltend.

»Ja! Du sagst es! Sie ist wie -- wie das Meer. Wie das Meer ist sie für
sich allein, außerhalb unsrer Festlandswelt. Und wie das Meer ist sie --
hast du's gesehn? -- leicht in leichter Bewegung nach außen, gern willig
jedem Winde -- sahst du das Spiel ihrer feurigen Augen? -- am Grund aber
immer still und nie bewegt. Das ist ihr Zauber, du wirst es sehn. Der
Zauber der seltenen Stunde -- wir sehn sie nie --, wo sie einmal mit
allen tiefsten Wassern und ihrer wunderbaren Bevölkerung aufbrechen
wird. Wer wird den ganzen Schrei ihrer Seele hören, wenn die Schiffe
ratlos untergehn?«

»Ja, wer?« wiederholte, schwer sinnend, Georg.

Eine Weile waren sie Beide still. Der Kellner unterbrach, Benno mit
Fisch zu bedienen, Benno fing an, sich vorzulegen, legte Messer und
Gabel wieder hin und sagte, kaum hörbar vor innerster Andacht:

»Sie steht auf einer solchen Höhe, -- oder besser -- in einer solchen
Ferne von uns! Ist ihre Schönheit nicht zwischen ihr und allem? Du wirst
es sehn, Georg, sie ist ganz für sich allein. Sie ist wohl unter uns,
ja, sie nimmt teil, wie ein Engel teilnimmt, mit seinem Handeln, doch
nicht mit seinem Wesen, -- wir sind nicht ihre Angelegenheit, sie -- sie
erwidert nur, sie ist immer beschlossen in sich, wie -- wie in
Waldtiefen, wie Echo ...«

»Und du meinst, sie müßte sehr tief stürzen aus solcher Höhe?«

»Ja, muß sie nicht?«

»Warum, Benno, das ist mir nun nicht klar. Warum sollte sie durchaus
stürzen? Durch einen Andern, einen Menschen, den -- also den sie liebte,
nicht wahr, und der ihrer -- nicht würdig wäre? Freilich, vor Irrtum
schützt auch die Schönheit sie nicht, aber -- Liebe, nicht wahr, ist
doch immer Irrtum, aber --« Woher hab ich das eben, dachte Georg hastig
zwischenein, wer sagte das noch --? -- Er fuhr fort: »-- aber die Liebe
selbst, die Liebeskraft, auf die es allein ankommt, die bleibt doch vom
Irrtum unbeschadet, die -- nicht wahr -- besteht doch in sich selbst, --
ich weiß nicht, ob du ...«

Benno schwieg eine Weile, mit seinem Fisch beschäftigt.

»Ich meinte etwas andres,« sagte er dann. »Ich meinte -- die
Verstrickung überhaupt, wenn sie unter die Andern gerät, -- wer möchte
sich erdreisten! Verstehst du nicht? Und -- sie ist doch tausendmal
feiner als wir geformt, -- sie wird -- zerbrechen.«

»Feiner geformt -- ja, das ist wieder was andres, das kannst du sagen.
Aber -- abgesehn davon, daß ich sie bei all solcher Feinheit doch für --
ich möchte fast sagen: standfest halte -- warum überhaupt: zerbrechen?
Und warum, Benno, das versteh ich nicht, warum sollte ihr Schicksal
darum furchtbarer sein als ein andres, das an sich auch furchtbar ist?
Warum --«

»Wer höher steht, stürzt der nicht tiefer?«

Georg, eigentümlich gereizt von dem beständigen >höher<, sagte trocken:

»Wer sagt dir denn nun eigentlich, daß sie höher steht, Benno? Wir --
versteh mich recht! --« Er legte ihm, der sich entsetzt zurückgeworfen
hatte, die Hand auf den Arm und fuhr, schwankend zwischen Begütigung und
heftigerer Gereiztheit, fort: »Wir, nicht wahr, -- wir, die wir sie so
schön sehn, wir stellen sie höher, aber darum tut sie's doch nicht
selber mit sich! Sie vergleicht sich doch nicht mit Andern, oder meinst
du? Wie kann man die Dinge so von außen sehn, nicht wahr?«

Benno schwieg hartnäckig. Plötzlich fiel Georg ein, daß -- wie es
schien, Bogner ihm einmal etwas ganz Ähnliches gesagt hatte. Da aber war
er es gewesen, der das bestritt. Sollte er sich inzwischen so ...? Wann
war es doch noch? Damals war von Anna die Rede, -- richtig, an dem
merkwürdigen Tage im Juli, es war ein Gewitter ...

Georg geriet abirrend in peinliche Erinnerungen und Vorstellungen von
Anna. Helenenruh, Jason, der Park, Annas Zimmer, die Umarmung, -- kalt
und unverständlich, häßlich anzusehn, als blicke er heimlich in ein
fremdes Zimmer, beobachtend wider den Anstand, -- all das verschwamm vor
seinen Augen, bis langsam Bennos Hand darunter zum Vorschein kam, die
große, rötliche mit knochigen Gelenken und den, Georg unangenehmen,
allzukurz geschnittenen Nägeln, unter denen die Fingerkuppen
hervorquollen, die jetzt den Griff des Fischmessers preßten, da Benno,
gesenkten Kopfes dasitzend, die Gräten auf dem Teller aus dem Rest
flüssiger Butter herausscharrte. -- Ganz versunken in Gedankenlosigkeit
hörte Georg sich selber sagen:

»Das ist wieder so eine Herumspintisiererei an Andern! Was wissen wir
davon, wie sie ist? Und vor sich selber steht sie doch vergleichslos,
wie wir alle, jedenfalls in jedem ernsten Augenblick.«

Er gab sich einen Ruck, richtete sich auf, sah den Kellner den
Silberbecher vor sich stellen, tauchte die kleine Schaufel ins Eis und
redete weiter:

»Du verklärst, Benno, immer verklärst du. Ja, herrlich, natürlich, aber
-- es ist ja wunderschön, du weißt, wie sehr ich es an dir liebe,
obgleich ich fast wieder meine -- nicht wahr? -- es ist schön, wenn du
das Geringe, das Unscheinbare, das -- Verkannte so -- in deiner Art --
erhebst, immer das Gute aus dem Traurigen, Entstellten herausliest, --
aber -- nicht wahr? -- Das Seltne, Edle, Tüchtige, Heilige -- das ist
verklärt durch sich selbst. Ich finde, da kann man nur Abbruch tun.
Nein, höchstens, wenn du sagst, daß sie feiner, zarter, empfindlicher
geformt ist als Andre -- ja, so wird sie eben dadurch zu leiden haben,
auf andre Weise deshalb als Andre; darin wird dann ihr besonderes Leiden
bestehen, aber -- nicht wahr -- wo überhaupt Ernst zum Leiden da ist, da
findet sich -- Leiden, und dann ist das eine jedem andern gleich. Oder
glaubst du, Benno, ein Mensch könnte mehr zu leiden haben als ein
andrer?«

»Über seine Grenze hinaus leidet wohl niemand ...«

»Und wer bis an sie geht, Benno?«

Benno betrachtete mit schwermütigem Ausdruck Fleisch und Gemüse auf dem
versilberten Tablett, das der Kellner vor ihn hinsetzte, und meinte
schüchtern, es sei wohl überhaupt kaum Ort und Stunde passend, um vom
Leiden zu reden.

»Ich verkläre auch gar nicht, Georg,« fuhr er eifrig und mit
unglücklichem Augenaufschlag fort, »niemals tue ich das, du verkennst
mich ganz! Ich sehe nur immer mich selber, wie klein ich bin, und vor so
viel Schönheit und Größe vielleicht auch die Kleinheit der Andern.«

»Wundervoll, Benno! Schlechthin erhaben!« bemerkte Georg sardonisch.
»Und das ändert nicht das geringste daran, daß sie selber vor sich ist,
was sie ist. Wenn sie wirklich stürzen sollte, stürzte sie damit aus
sich selber? Oder traust du ihr zu, daß sie vor sich selber steht und zu
sich aufstaunt wie --«

»Ach, du tust immer zynischer, als du bist!«

»Und du bescheidener, als du bist!« grollte Georg und erhob sich, um für
eine Minute zu verschwinden.

Zurückkommend fand er Benno bereits mit seinem Pfirsich beschäftigt, sah
schweigsam zu, wie er fertig aß, zahlte auch, und sie standen gleich
darauf vom Tisch auf, da Georg zur Eile trieb, ungeduldig, zu seinem
neuen Wohnsitz zu kommen.


                                  Park

Vor der Tür fanden sie einen Frühlingsregen, der so straff und kräftig
durch den hellen Sonnenschein niederrauschte, daß sie auf Georgs Zuruf
in Sprüngen wie die Tertianer dreißig Schritt weit zur Straßenecke
rannten und sich in die vorderste der dort haltenden Kraftdroschken
warfen. Sie waren aber -- jeder in seiner Ecke schweigsam die Freude der
Wiedervereinigung genießend -- noch kaum auf dem Platz vor den Kasernen
angelangt, als die Sonne mit breitem Strahlengefächer den Regen
endgültig nieder- und in die Flucht schlug. So ließ Georg vor den
Eingängen der Alleen halten, sie sprangen wieder ins Freie und traten in
den breitesten, mittleren Eingang der drei Alleen, wo Georg mit
liebevollem Heimkehrbehagen die grauen Sandsteinpfeiler der breit
offenen Gitter begrüßte, dann den großen Fernblick, die Fahrstraße zwei
Kilometer weit hinunter bis zu den, aus bläulichen und goldigen Dünsten
im fernen Ausschnitt erscheinenden Glasdächern und Glaswänden des
mächtigen Palmenhauses, jetzt klein erscheinend in der Ferne, über und
über glitzernd von feurigem Golde. Die braune, locker schollige Erde der
Fahrstraße war bedeckt mit kleinen Rauchsäulen wie von tausend winzigen
Feuern, die nach oben verdampften.

»Herrlich!« sagte Benno. »Siehst du: der Weg der Opfer zur Gralsburg.
Das Glashaus hinten erschien mir, als ich ein Junge war, immer als Burg
Munsalväsche, und besonders am Abend, wenn nur die Dächer und Kuppen in
roten und goldenen Feuern flammten, sah ich drinnen die erhöhten Sitze,
alabasterne Säulen, den Zug der heiligen Frauen, und ich hörte den
Gesang der Templeisen.«

»Ja, das kann ich mir denken. Und -- siehst du -- die vier Lindenreihen
mit den kahl nach oben strebenden Zweigen -- sind sie nicht wie Ruinen
gotischer Gänge, aus denen die Wölbungen herausgebrochen sind? -- Ach
Gott sei Dank, daß ich wieder hier bin! Sieh nur die entzückende
Fernsicht da links in den Park!«

Auch dort lagen die noch graulich grünen Wiesen der Anlagen mit zartem
Buschwerk, mit den schwärzlich durchsichtigen Gruppen der Bäume dampfend
in feuchter Bläue und sanftem Golde, das in den Himmel von beseligtem
Blau leise verging. Weit und breit war kein Mensch zu sehn; sie gingen
langsam und sehr zufrieden zur Linken in die Fußgängerallee, Benno, mit
plötzlichem Ruck seinen Mantel aufreißend und den Schlapphut vom Kopfe
schwenkend. Augenblicke später brach Georgs Herz und Mund
unwiderstehlich zur Rede auf.

»Ach, Benno,« sagte er, seinen Arm ergreifend, um den Größeren zum
Ausgleich wenigstens an sich heran, wo nicht herab zu ziehn, »Benno, von
was anderm kann man denn jetzt reden als von Renate und von der Liebe.
Du hast recht, die Weinstube war unpassend. Jetzt streicht die Luft
durch das Herz und macht es geschmeidig mit Feuchte. Reden wir -- _de
amore_!«

»_De amore?_« sagte Benno vergnüglich seufzend. »_In amore_ scheinst du
ja seltsame Dinge erlebt zu haben.«

»Wieso, Benno? Wie kommst du darauf? Ach, dir liegt womöglich noch der
Aphorismus auf der Seele, den ich dir einmal schrieb! Na, das war so ein
Span, aber -- du kannst mir glauben, ich habe mir fürchterlich das Hirn
zergrübelt, namentlich in der letzten Zeit, wo ich schon ganz von Gott
verlassen war. Übrigens -- erinnerst du dich noch an Fliddridd?«

»Fliddridd?« Benno erinnerte sich dunkel. »So eine Rothaarige in
Helenenruh, im Büro deines Vaters, war sie das?«

»Das war sie. Nun ist sie Gott weiß wo. Kaum war ich nämlich drei Tage
in München, so erschien sie bei mir und -- na, das Weitere ergab sich
aus der Lage. Als ich sie aber grade in eine Dame verwandelt hatte -- oh
sie hatte ein Teufelstalent! --, wurde ich aktiv, und die Natur der Lage
ergab, daß wir uns wieder trennten. Aber ich habe gelernt von ihr, viel
gelernt ...«

»_In amore?_«

»Wie sardonisch du fragst, Benno! Kleine Erlebnisse und große
Erfahrungen. Erlebnisse sind wie Zwiebeln; man muß viele Häute
auseinanderwickeln und gelangt zum fabelhaftesten Kern mitunter. Einen
fand ich -- -- ja, leider kann ich ihn dir nicht beweisen, vielmehr ist
grade der eher ein Gefühl, das aber so plötzlich erkenntnishaft vor mir
aufflammte, daß ich erschrak. Das war nämlich die Erkenntnis, daß --
höre zu, Benno! -- daß jenes Wollustempfinden des Liebesaktes in
Wahrheit keine Lust, sondern vielmehr ein ungeheurer Schmerz ist.«

Zusammenfahrend blieb Benno stehn, blickte erschrockenen Auges auf Georg
und stieß hervor:

»Aber das ist unerhört, Georg! Was sagst du! Fast aufs Haar dasselbe
habe ich einmal gedacht. Nein, nicht gedacht, -- ich sah es vor mir, ich
fühlte es, es muß so sein! Wie michs da schauderte!«

Sich losmachend, stürmte er vorwärts, an Georg vorüber, erhobenen
Hauptes, mit schlenkernden Armen und flatterndem Mantel. Georg holte ihn
wieder ein, packte ihn und fragte, wie er darauf gekommen sei.

»Eigentlich -- durch Lektüre. Ich empfand bei einem deiner Briefe -- du
weißt welchem -- meine Unkenntnis in vielen Dingen und suchte mich zu
unterrichten. Meine Schwester gab mir einige Bücher und Schriften, ich
las und las, -- alles war wundervoll und erschütternd, die ganze Natur
... Nun, und eines Nachts, auf einmal, ich lag wach -- da fuhr dies auf
in mir. Es hing aber damit zusammen, daß ich von den niedrigsten Tieren
gelesen hatte, den einzelligen, die sich durch Spaltung vermehren, durch
Zerreißen. Und da --«

»Das ist es, Benno, das ist es ja!« fiel Georg entzündet und hingerissen
ein. »Zerreißen denn nur die Einzeller? Wir selber, wir spalten uns
doch, spalten uns -- in uns selber und in das Gezeugte, das Kind, den
neuen Menschen. Wir zerreißen, es ist ein tödlicher Vorgang und -- ja,
nun vor allem der Vorgang selber! Hast du's erlebt, Benno?« Benno
schüttelte, hastiger schreitend, den Kopf. »So laß dir sagen, Benno, der
wahre Vorgang ist nichts weiter als ein seelisches Sterben. Das
Bewußtsein -- nicht wahr -- wird im Organismus dem Leibe ausge-- ja,
ausgerissen wie ein Heidelbeerstrauch, alle Wurzeln triefend von
Lustbluten. Ah, Benno, dieser Krampf, dies Auslöschen aller Sinne und
der Seele, das sollte eine Lust sein? Wir haben eine Lust daraus
gemacht, ich weiß nicht wie, aber wir haben. Schon die Einzigkeit des
Vorgangs widerspricht ihm ja, oder wo gäb es noch eine zweite Stelle
unseres Leibes, die imstande wäre, so Lust anzustrahlen, wie Schmerz aus
einer Wunde, unsägliche Lust, die dein ganzes Dasein dermaßen
umkrampfte, zusammenpreßte und vernichtete. Aber gleichviel! Und
hinterdrein, Benno -- ich weiß nicht, ob du den alten Spruch kennst:
_Omne animal triste post_ ... Nun, nicht wahr, du verstehst, was er
besagen will. Übrigens ist es keine Traurigkeit eigentlich; das erste
Mal, als ich selber noch nicht Bescheid wußte und natürlich dachte, mir
allein widerführe dies, schien mirs Traurigkeit, aber es ist keine, es
ist -- -- Verzweiflung, eine ganz kalte Empfindungslosigkeit, die der
völligen Verzweiflung so gleich ist wie ein Haar dem andern, und die wir
nur deshalb nicht ganz als solche empfinden können, weil wir -- schlaff
sind, matt -- und immerhin noch durchschwellt von der eben erloschenen
Lust. Und was wäre der Sinn davon, was kann er nur sein? Der Sinn ist,
daß wir im Augenblick der Zeugung, oder vielmehr durch die Tat der
Zeugung -- was tun, Benno? Uns selber vernichten, unsern Tod besiegeln.
Warum? Weil wir, wenn wir ewig lebten, keine Nachkommen zu schaffen
brauchten, einfach! nicht zeugen würden. Zeugung ist Notzwang des
Todes.«

»Georg!« Benno wehrte sich, seitwärts strebend, mit Kopf und Armen.
»Welch ein furchtbarer Glanz breitet sich da über die Liebe!«

Georg zuckte die Achseln.

»Über die Liebe? Ich weiß nicht, wie du das meinst, Benno. Vorläufig nur
über die Zeugung. Ich aber glaube vielmehr zu wissen, daß eben die Liebe
-- das, was uns Liebe ist, leibliche und seelische Hingerissenheit zu
einem Andern -- mit diesem, mit der Zeugung gar nichts zu tun hat. --
Halt, Benno, lauf nicht davon, hier haben wir das Schloß!«

Sie blieben stehn. Jenseits der weißen, chaussierten Fahrstraße zur
Linken waren Bäume und Gebüsche zu einem gewaltigen Ring um das
Rasenrund geschlossen jenseits dessen die graue, vielfenstrige Front des
Schlößchens sich erstreckte mit flacher, von Kandelabern flankierter
Rampe in der Mitte, flachem Giebeldreieck und den Schwellungen der
Ochsenaugen im schwärzlich roten Dach. In geringem Abstand links davon
ragte der dunkelrote Rundturm der Sternwarte, zinnengekrönt und ohne
sichtbares Dach, in seinem schief hängenden Mantel von schwarzem Epheu,
über den umgebenden Ring kleiner, runder Akazienwipfel, von denen zwei
über der Türe ineinandergeflochten waren.

Sie standen eine Minute beieinander, sich zum Anschaun zwingend mitten
in ihren erregten Gedanken, und gingen dann langsam über den Damm, den
am Rasenrund hinunter führenden Weg in der Richtung des Schlößchens; als
aber eine Bank am Wege stand, ließen sie sich in schweigsamem
Einverständnis darauf nieder.

Es war recht warm geworden. Das zarte Licht überquoll seelenvoll die
Unvollkommenheit der jugendlichen Natur, die sich durchschauen ließ in
allen Tiefen, von überallher bedürftige Arme und Spitzen nach oben
streckend, Küsse des Lichts zu empfangen, von denen sie plötzlich
ergrünten, schattenlos, luftig zitternd im hauchenden Golde.

»Ach, es ist schön, Benno, es ist wunderbar schön hier oben im Norden!
Es ist so wenig, und im Wenigen so viel, wenn einem die Brust aufgeht,
nicht wahr?«

Georg stellte seinen Stock vor sich auf, setzte das Kinn auf den
Goldknopf, zog die Lider zusammen und blinzelte behaglich im Gefühl der
Sonne, die seinen Rücken durchwärmte. Und er lächelte, Bennos lauschende
Haltung zu gewahren -- wie früher so oft --, die andächtige
Zuhörerattitüde, in der er saß, das rechte Knie überm linken, den
Oberkörper fast gerade, den Hut auf dem Knie, das Gesicht mit dem
verschleierten Blick ein wenig vorgestreckt am überlangen Hals, immer
ein wenig Wehmut in den äußeren Augenwinkeln, im Hängen der Nase und des
Schnurrbarts.

»Sprich weiter, Georg,« hörte er ihn sagen. »Das Letzte verstand ich
noch nicht. Warum sollte Zeugung nichts mit Liebe zu tun haben?« Er ließ
die Hand fallen und krümmte sie offen. »Ist nicht im Gegenteil dies die
vollkommene Vereinigung der Liebenden, Leib in Leib und Seele in Seele?«

Georg fing an, im feuchten Erdreich Striche und Bogen zu ziehn. Dann
sagte er langsam:

»Nein, Benno, eben das ist es ja, was ich erfuhr. Es giebt keine
Vereinigung. Die Körper vereinen sich freilich, aber -- ich sagte es ja:
die Seele erlischt. Wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie sich selbst
nicht mehr fühlt? Und wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie in kalter
Verzweiflung liegt? Ich gebe ja zu -- nicht wahr -- einen Ausdruck kann
Liebe auch hierin finden, einen unter vielen, nicht einmal den höchsten.
Nein, sieh mal, die Sache sieht vielmehr so aus. Dies hier --« Er zog
einen kurzen senkrechten Strich mit der Stockspitze im Erdreich -- »dies
hier -- ist der Mensch. Und dies hier --« er stieß zwei Schritte links
von dem Strich die Stockspitze in den Boden -- »dieser Punkt ist -- der
Tod. Und nun --« von den Enden des Striches zwei Linien zu dem Punkt,
dann noch mehrere innerhalb der ersten ziehend, so daß ein Bündel
Strahlen vom Punkt zum Strich hinlief -- »dies hier sind -- du mußt dir
tausend mehr solcher Strahlen vorstellen -- sind die tausend und mehr
Fäden der Todesängste, der tausend Wege, auf denen der Tod den Menschen
in sich hineinzieht. Ihnen zu erwidern erfand das Lebendige ebensoviel
tausend Widerstrahlen der Lüste, aller Freuden, Wonnen, aller
Lebenskräfte überhaupt, der Wünsche, Sehnsüchte und -- der Liebe. Sich
im andern Menschen zu genießen, zu ergänzen, wie du es nun nennen
willst, das ist Liebe. Du kannst aber einen Menschen lieben oder -- die
Kunst vielleicht, die Wissenschaft, die Jagd, die Natur, die Musik,
chinesisches Porzellan oder Gedichte von irgendwem: all das sind
Strahlungen der Lebenskraft und der Liebe, einer dem andern ganz gleich.
Alles Arten der Lust. Zeugung dagegen ist und bleibt Schmerz, nicht
wahr, nur haben wir diesen Schmerz auch in Lust verwandelt, denn -- wer
wollte sonst zeugen wollen? Wir sind nicht nur belagert vom Tod, sondern
er selber, nicht wahr, -- ist mitten in der Festung und überliefert sie
am strahlenden Festtag dem Feinde, sich selber, in die Hände. Kannst du
etwas einwenden?«

Benno saß still da, die Augen auf die Zeichnung im Sande geheftet.
Endlich, den Kopf leise hin und her bewegend, sagte er:

»Einwenden nicht. Es kommt mir nur -- diese Trennung, die du da
vornimmst -- sie kommt mir unsagbar traurig vor.«

»Das scheint so, Benno, glaube mir, es scheint nur so! Aber es ist doch
anders. Sieh mal, ich dachte so: In einer Menge von Büchern, zuletzt
glaube ich und besonders deutlich bei Strindberg, fand ich diesen
Zwiespalt: Ein Mensch -- jung, so wie wir, oder noch jünger -- hat durch
Erziehung, vor allem durch die christliche Lehre, die Meinung aufgepreßt
bekommen, daß -- der Liebesakt, nicht wahr? -- etwas Schimpfliches,
etwas Unreines, ja Tierisches sei, so daß er, der doch diesen Trieb so
gewaltig empfindet, sich selber unrein vorkommt, unrein auch die, an
denen er ihn auslassen soll, also womöglich -- die schöne Geliebte
seiner Seele. Und gesetzt gar, er hätte eine solche und fühlte sich doch
-- nicht wahr -- genötigt, anderswo Befriedigung zu suchen, -- welche
Kämpfe nun erst für und wider diese vermeintliche Untreue! Und da nun,
Benno, da tritt meine Erkenntnis vor und zerhaut den Knoten und macht
mich frei. Ein Trieb hier -- kein schmutziger natürlich --, sondern ein
einfach natürlicher -- -- und ein andrer, mehr seelischer, nicht wahr,
die Liebe -- dort, -- das sind die beiden zertrennten Stücke, tote
Wurmteile, die mich nicht mehr belästigen sollen.« Georg packte seinen
Stock in der Mitte.

»Aber,« wagte Benno leise zu erwidern, »die Geliebte selber -- wird sie
auch so empfinden können?«

»Das, mein Benno,« lachte Georg, »das ist wieder was andres! Im
praktischen Dasein kann das natürlich zu Verwicklungen führen, aber --
die Hauptsache, nicht wahr? -- bleibt -- das eigene Gefühl der Unschuld,
das Bewußtsein, nicht im geringsten treulos werden zu können. Die
Tatsache fällt dann unter die vielen andern sozialen Dinge, die verboten
und geheim geduldet sind, die man regeln muß nach seinem Gewissen, und
-- nun, du verstehst schon.«

Benno schwieg. Georg lehnte den Rücken an die Bank, streckte die Beine
von sich und schloß die Augen.

»Ach, Benno,« sagte er nach einer Weile, »ich bin ja so glücklich!«

»Ich auch, Georg, ach wie sehr! und so dankbar und --«

»Denn -- wenn ich nun an München denke ... diese langweiligen Gesellen,
mit denen ich reden mußte, immer dasselbe -- -- und mich nun hier finde,
in meinem breitesten Egoismus redend und redend, was mir einfällt, und
keiner starrt mich an wie von Sinnen und brüllt endlich, ich wäre ein
Idiot und müßte in die Kanne steigen, bis ich verreckte ... heulen könnt
ich dann, Benno. Und sieh mal.« Die Augen schamvoll immer geschlossen
lassend, fuhr er leise fort: »Liebe und Freundschaft -- da kann man fast
anfangen zu schwanken. In der Liebe -- nicht wahr? -- da bleibt doch
immer, so tief, so rein, so glücklich sie sein mag, ein -- ein Zwang,
eben der Zwang, lieben zu müssen, weil doch nun einmal diese Beiden,
Zeugung und Liebe, seit Jahrhunderttausenden für uns in einer Wurzel
steckten. Zur Liebe sind wir verurteilt, Benno, Freundschaft aber ist
freiwillig. Ja, das wollen wir zuweilen bedenken, wenn wir später den
Notweg gehn, jeder in seiner Richtung, den seligen und tödlichen Weg der
Liebe.«

Er schwieg, sehr ergriffen von sich selbst. Dann sprang er auf,
murmelte: »Gehn wir!« und eilte, ohne sich um Benno zu sorgen, den Weg
voraus, der in die Fahrstraße vor dem Schlößchen mündete.


                                  Saal

Indem Georg auf die kleine, zwischen der Rampe und der Hausecke ungefähr
in der Mitte liegende Tür zuging, öffnete sie sich von drinnen, und es
erschien -- ohne Zweifel Moses, -- d. h. der Hauswart, den Georg sich
allerdings höchst anders vorgestellt hatte, denn es war ein großer,
schwer gebauter Mann, der -- mit mächtig wallendem, aus schwarzem und
weißem Haar gemischten Bart, glänzenden, schwarzen, ein wenig
geschlitzten Augen unter buschigen, an den Enden aufwärts gedrehten
Brauen, ja sogar mit einem, in die hohe Stirn gestrichenen Haartuff,
neben dem unsichtbar zwei Hörner zu stehn schienen, aufs Haar wie Moses
aussah, jedoch bloß Vögelein hieß.

»Ah, Herr Vögelein, nicht wahr?« rief er ihn gleichwohl an, »grüß Gott!
ich bin Prinz Georg. Haben Sie meinen Brief bekommen? Alles in Ordnung?
Die Türen offen, ordentlich Durchzug gemacht?« Nein, immerzu dienern und
freudig lächeln müßte man nicht, dachte er, wenn man so aussieht wie
Moses. »Ja, nun sagen Sie mal,« fuhr er leutselig fort, »ich werde also
hier wohnen. Sind Sie verheiratet?«

Moses dienerte und freute sich sehr. »Freilich, freilich, Durchlaucht.
Es ist die dritte.«

»Na, dann müssen Sie ja Erfahrungen haben. Wie ist es aber: haben Sie
Kinder?«

»Leider nein, Durchlaucht. Es sollte nicht sein,« bekannte er würdevoll.

»Ja, für Sie tut mirs dann auch leid, aber mir ists schon lieber, wegen
des Geschreis, wissen Sie. Und Ihre Frau -- kann sie vielleicht kochen?«

»Sie war ja Köchin, Durchlaucht.«

»Großartig. Wo steckt sie denn? kann man sie nicht sehn.«

»Ach, Durchlaucht, sie hat ja man solche Zahnschmerzen. Sie ist ganz
entstellt. Da mochte sie nicht.«

»Ach herrje! Ist sie denn beim Arzt gewesen?«

»Das will sie ja nicht. Sie ist solch 'ne starke Frau, aber vorm
Zahnarzt, Durchlaucht, da haben sie doch alle bannige Angst. Bannige.«

»Na, hoffentlich gehts doch vorüber. Also, Benno, gehn wir hinein. Sie
können dann gehn, Herr Vögelein, grüßen Sie Ihre Frau, und gute
Besserung!«

Herr Vögelein dienerte, Georg trat ins Haus, wo gleich vom Eingang aus
vier Stufen zu einem kleinen, der Länge nach vor ihm liegenden Flur
emporführten. Weiße Türen standen überall offen, Georg blickte in die
nächste rechts und sah in eine Flucht von Zimmern mit Seidentapeten,
Bildern in Goldrahmen und farbigen Sesseln und Tischen, frisch
aussehend, augenscheinlich aus Überzügen gelöst, glänzend im vollen
Nachmittagslicht. Einen Schritt weiter im Flur zweigte ein langer,
dämmriger Korridor -- weiße Türen überall -- ab, der hinten gegen eine
größere Flügeltür verlief.

»Dahinten ist der Saal, Benno,« sagte Georg, »nun komm, nun werde ich
dir etwas zeigen.«

Sie gingen hinunter. Ja, der Saal war dort, und im Saale der Tisch, der
Tisch des Vertrages. Georgs Herz fing sonderlich an zu klopfen. Er
öffnete die Tür. Richtig: mitten im geräumigen, mit blassen
Freskogemälden ausgezierten Saal, der die ganze Tiefe des Hauses
einnahm, stand einsam auf goldenen Beinen mit Löwenfüßen der historische
Tisch mit der rötlich weiß glänzenden Achatplatte.

Benno trat, sich umschauend, an eines der nach hinten hinaus liegenden
Fenster, Georg, von einem sehr tatsächlichen Ernst unvermutet
überkommen, an ein andres und hatte einen sehr angenehmen Ausblick über
den durchsichtigen Parkstreifen mit seinem wasservollen Graben, über die
Wiesen dahinter, die Laubenkolonien, fern über die unregelmäßige, neu
aussehende Häuserwand der Fabrikstadt jenseits des unsichtbaren Flusses
und endlich den Wald der Fabrikessen. Die, dachte Georg, werden mich
nicht stören, eher beruhigen in ihrer stillen Ferne. Er sah sich um. An
den Wänden des Saales war die Stukkatur und Vergoldung etwas verkommen,
einige rötliche Gesichter sahen aus schwarzem Grunde und mattgoldenem
Rahmen von hoch oben herunter; von der kassettierten, schlecht und recht
ausgemalten Decke hing als formloser Leinwandsack der Kronleuchter. Da
außer vier, neben die Türen gerückten Lehnstühlen und dem historischen
Tisch keine Möbel sich im Saal befanden, war die Luft kampferfrei und
gut. Georg trat an den Tisch.

Die Achatplatte erinnerte ihn in diesem Augenblick an eine andere,
kleinere, die auf dem Schreibtisch seines Vaters in Helenenruh lag.
Welch eine Stunde damals! Ach, und welch ein Tag! Aber die Achatplatte
war historisch. Auf ihr hatten die Unterarme Napoleons geruht. Auf ihr
hatte der sanfte Trassenbergische Astrolog jenen Sondervertrag mit dem
Kaiser abgeschlossen. Napoleon war gekommen, um sich sein Horoskop
stellen zu lassen. Wie hatte es sich doch zugetragen?

Georg verlor sich in Erinnerungen und Träume. Da saß der gute Benno
zusammengesunken auf einem Stuhl neben der Tür, blickte durch die
Fenster hinaus und war gewiß glücklich. Wann hätte er je gestört? Er
wird sicherlich in das Paradies kommen und seine Mutter wiedersehn,
dachte Georg gerührt. Aber wie steigt auf einmal alles auf um mich! Ich
hätte doch die Memoiren besser lesen sollen, aber was verstand ich von
all den astronomischen Tafeln und Tabellen, den astrologischen
Konstellationen und Häusern der Himmelsbewohner? Und die Fürsten, deren
Horoskope verzeichnet waren, kannte ich kaum.

Jählings schossen Gedanken von allen Seiten auf ihn; zwei blitzten
heraus: Renate! und: ich kann Herzog werden! Renate Herzogin. -- Dann:
das Horoskop Bonapartes! Wie war es doch damit? Er mußte sich erinnern.

»Weißt du eigentlich, Benno, daß ein Ahnherr von mir Napoleon das
Horoskop gestellt hat? Das heißt -- es kam eigentlich nicht dazu. Ich
habe es in den Memoiren selbst gelesen; es schauderte mich seltsam,
denke dir nur: die Laufbahn des Eroberers, festgelegt -- nicht wahr --
seit Äonen. Glaubst du daran? Und warum nur der Eroberer, der Großen?
Und die unsern, Benno? Damals kam es nun so, daß Georg der Siebente
zuerst das Vergangene im Schicksal Bonapartes nachprüfte und bis ins
kleinste richtig befand. Die obskure Geburt, nicht wahr, Zahl der
Nachkommen, Krönung, die Pyramiden, Marengo, die Dreikaiserschlacht,
Protektor des Rheinbundes. Damit schloß damals die Bahn. Und Napoleon?
Er tat etwas Fabelhaftes. Er verzichtete auf das übrige. Er sagte ...
Denke dir, Benno, den Frühling fort, und Nacht; hier drei Kerzenflammen
-- nicht wahr -- mitten im beschatteten Saal, widergespiegelt in diesem
Achatgeäder. Im Sessel also, im Schatten zurück, der Kaiser, die Finger
der Linken zwischen den Knöpfen der Weste, die Rechte hängt herunter, er
schweigt. Und dort am Fenster mein sanfter Ahn, den kannst du dir wie
Seni denken, -- der vielleicht schon alles weiß: die brennende Stadt,
den Leichenfluß, die Karawane im Schnee, die flüchtende Karosse von
Belle-Alliance, das neue Königtum, nicht wahr -- Helena. Und wußte ers
nicht, wußten es doch die draußen, die stillen, goldenen Geister, die
himmlischen Schreiber, die Legion uralter Augen. Still, Benno, hör zu.
Aber der Franzose am Tisch sagte langsam: Nein; er wolle nichts wissen,
denn -- das waren seine Worte: >_Ce n'est pas contre mes étoiles, mais
c'est pour elles que je combats._< Und nach einer Pause: >_Je les veux
remplir, moi, sans savoir!_<«

Benno drüben wiederholte leise und andachtsvoll: »Nicht gegen meine
Sterne, für sie fecht ich!«

»Aber danach, nicht wahr, hat er seinem Astrologen den Beitritt zum
Rheinbunde doch ungemein warm ans Herz gelegt; er fürchtete wohl doch
den allwissenden Mann im kleinen deutschen Schloß. Dem lag aber mehr
daran, im Lande zu bleiben --« Georg verstummte und ergänzte sich
stillschweigend: -- als über sein Land mit fremder Hülfe zu herrschen --
und dann wußte er ja auch alles zuvor --, also: Herzog in Trassenberg.
-- Georg sah die drei Leuchterflammen durch den Saal schweben, vor
ihnen, hell beleuchtet, den grünen Uniformsrücken und das schwarze Haar
des Kaisers, und seinen Schatten, der vor ihm die Tür ausfüllte und an
der Wand emporstieg. -- Dann stellten sich zwischen seinen Lidern die
fernen Fabrikschlote mit ihren schwarzen Fahnen auf; Aprilwolken, weiß
und leicht, wimmelten im dichten Geschwader über den Himmel. Im Garten
zwitscherte es. --

Ich weiß wohl, dachte Georg, die Zeit ist zu keiner Romantik geneigt.
Aber warum sagte Papa mir das alles? -- Und am nächsten Morgen, zum
Abschied, gab es noch ein kaiserliches Bonmot von archimedischer Größe:
_Ne troublez pas mes étoiles, mon ami!_ --

Georg setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine hängen. Ja, da saß er
auf des Kaisers Tisch ... Die Abfassung der Memoiren ward abgebrochen
infolge der langwierigen Verhandlungen des Wiener Kongresses und später
nicht fortgesetzt, weil der Verfasser starb. Welche Entschließungen
mochten ihn wohl dazu geführt haben, in die endgültige Mediatisation und
Zerteilung der Landschaft an Beuglenburg zu willigen, und vor allem
jenen Geheimabschluß einzugehn, nach welchem das Großherzogtum nur die
Oberhoheit auf hundert Jahre, gewissermaßen kündbar ... Ob das alles
überhaupt heute noch gültig war? Aber sein Vater hatte doch ...

Und hundert Jahre nach jenem Tag, fast auf das Datum genau, würde sein
einundzwanzigster Geburtstag sein. -- Er schüttelte sich, es überlief
ihn glühend heiß, er sprang auf, lief zu einem der Fenster und riß es
auf. Die Sterne! Da oben waren sie, auch jetzt, am lichten Tag, alles an
ihnen war unglaublich. Er liebte sie, oh! aber mit ihm sprachen sie nur
durch das Gefühl. Er war aber an sie gefesselt! Nein, das war eine
Parallelbewegung. Sie drückten droben in Linien von himmlischer
Schlichtheit aus, was hier unten sich wirkte, löste und knüpfte, klarer
und mit ihrer ganzen, tausend Jahre alten Sicherheit. Hatte also der Ahn
gewußt, daß er, daß Georg, ein Mensch ... Und deshalb jenen Vertrag ...?
Diese Trassenberge -- Astrologen, Philosophen, Sozialisten, der letzte
vielleicht nur ein Poet.

_Ce n'est pas contre_ ... Georg ging mit langen korsikanischen Schritten
im Saal umher. Da saß der gute Benno und wußte nicht wohin schaun vor
Diskretheit. Durch das offene Fenster strichen Windwellen, Stargeschrei
wirbelte herein. Die Kastanien hatten große, feuchte, blanke Knospen und
erinnerten an Kuhaugen. _Je les veux remplir, sans savoir, moi!_ Renates
Antlitz schwebte entzückend auf ihn zu. Er brach ab. »Komm, Benno, wir
wollen Zimmer ansehn.«


                                  Raum

Während sie den Korridor hinuntergingen, bemerkte Georg: »Übrigens --
ein Onkel von mir wollte hier schon einmal wohnen, in denselben Zimmern
vermutlich, an die ich selber gedacht habe, aber er starb an der
Schwindsucht, als eben die Tapeten an die Wände sollten. Na -- ich bin
gesund wie eine Kokosnuß.«

»Warum denn Kokosnuß?« fragte Benno verwundert.

»Ach, weil mirs so einfiel, mein Junge!« lachte Georg. »Ist so ein
schönes, tatsächliches Wort nicht an sich genug? Aber wenn du willst,
denk: süße Milch in gepanzerter Schale; aufs Haar so komm ich mir eben
vor.«

Sie bogen um die Ecke in den kleineren Flur, Georg öffnete die Tür am
Ende, prallte aber leicht zurück vor dem unverhofft wüsten Anblick
dieses Raums.

Hoch von oben, auf zwei großen, wagrecht ovalen Fensteröffnungen waren
zwei mächtige, von Myriaden Sonnenstäubchen schimmernde Lichtbalken in
den weiten, quadratischen Raum schräge hinuntergestellt. Hinter ihnen
waren die Läden der hohen Fenster -- nein, eines war eine Tür --
geschlossen und der Raum sonst mit goldner Dämmerung erfüllt. Georg
schätzte die Höhe auf sieben Meter zumindest. Sie selber standen vier
Stufen hoch über dem Boden, der mit Mörtel, Bruchsteinen und
Tapetenresten und -rollen lose und in Haufen bedeckt war. An den Wänden
nacktes Mauerwerk. Prachtvoll glitzerte oben im Winkel über dem rechten
Lichtoval ein riesiges Rad von Spinnennetz. Es roch heftig nach Steinen,
Tapeten und dergleichen fauligen und unbestimmbaren Dingen mehr.

»Das, Benno, das wird aber bald anders aussehn,« brach Georg mit
Begeisterung los. »Gieb acht, ich will dirs beschreiben! Zuerst hier,
diese Stufen werden zwei köstliche uralte Holzgeländer bekommen -- ich
fand sie in Aibling unten bei einem Klosterbauern --, geschnitzte
Apostelfiguren unter einem breiten Dach, fast schwarz von Alter. Dann
kommt hier rechts in die Ecke ein Kamin, und da wird aus einem runden
Tisch, tiefen Sesseln und einer Hängelampe -- mit solch einem mächtigen
Umhang, violett oder goldgelb oder tannengrün, wie's am schönsten wirkt
-- ein kostbarer Abendwinkel gebildet. Die Wände aber -- ja, die werden
sich mindestens -- fünf Meter hoch mit Bücherregalen bedecken, die aber
Zwischenräume unter sich lassen, halbmeterbreit, und dahinein kommen so
-- Gestelle mit Kübeln voll Blumen, -- ja, das mußt du dir ausmalen für
alle Jahreszeiten, -- aber denke dir nur: große Gefäße von Stein oder
Kupfer oder chinesische Paukenbecken von Bronze und darin -- sagen wir
-- zweihundertfünfzig dunkelrote, eiförmige Tulpen, an grünen, weichen
Stielen über den Rand geneigt, oder -- an anderer Stelle -- ein ganz
dünner Mandelbaum mit zehn kerzengraden Spießruten voll rosiger
Korallen. Ha, Benno, was sagst du? Und die Bücher werden alle in die
Regale tief hineingeschoben, so daß vor ihnen noch Platz bleibt für alle
möglichen Erlesenheiten, Vasen mit Blumen hier und da und dann, was ich
so habe: kleine Scharen von japanischen Schnupftabaksphiolen aus Jade
und Glas, blauem, weißem und grünem, und kleine, geschnitzte Hausaltäre,
innen vergoldet mit dem Buddha im Lotos, und persische Federkästen von
unbeschreiblicher Lackmalerei auf ganz glühend goldigem Grund, und
persische Steintöpfe, diese grauen mit blauen Ornamenten, weißt du, und
Tonschalen, durchbrochene, wie aus Papier, aus den urältesten Dynastien.
Bunte Chinesenschalen ferner, und dann die köstlichsten Figuren und
Gruppen aus Frankenthal und Höchst und Meißen und weiße und violette
Statuetten aus Kiel und durchbrochene Krüge aus Münden und Terrinen aus
ich weiß nicht wo, -- all die glänzenden, kühlen, glatten Farben, so daß
alles das lebt, Bücherrücken und Büchergeist, Blumen und Kunstwerke sich
miteinander zu _einem_ Schimmer von atmendem Leben vereinen, -- wirds
was, Benno?«

»Und an die Erde?« hauchte Benno in träumendem Entzücken.

»Auf den Boden? Du wirst hinknien, Benno, hinknien auf die, nein, vor
den Wundern des Bodens, denn das werden -- oh Benno! -- das werden
Bucharas sein, Bucharas, Benno, das Herz zittert mir, wenn ich dran
denke, Bucharas aus Konstantinopel mitgebracht, Ornamente und dunkle
Silberfarben in braunem Purpur, Seide, Benno, Seide, wie Eisen so
schwer, und sie stehn, wo du sie hinstellst, sie stehn! Du kriegst die
Hände nicht los von ihnen, wenn du sie einmal angerührt hast. Sie sind
von Göttern verfertigt, und wir werden darauf schlafen mit unsern
Königinnen. Aber weiter! Weißt du nämlich, was vor die Fenster kommt?
hast du eine Idee, Benno? Ein Vorhang, mein Teuerer, _ein_ Vorhang über
die ganze Breite und Höhe hin, der am Abend lautlos von den Seiten, fast
ohne Falten seinen tannengrünen oder auch mausgrauen Sammet
zusammenschließt, und davor -- ja davor kommt das Kaiserliche zu stehn,
-- in Florenz ließ ich ihn herstellen -- der Penserioso aus dunkelster
Bronze auf einem kleinen Postament. Siehst du ihn, Benno, siehst du ihn,
wie er sitzt und ewig nachsinnt, der Wunderbare?«

Ja, Benno sah ihn; er sah ihn leibhaftig und schauderte fast. »Georg, du
bist ein Held!«

»Ach, ausgerechnet, Benno! -- Ja, das wäre dann wohl alles, nun kannst
du -- ja so, den Schreibtisch haben wir vergessen, der kommt aus
Trassenberg, ein alter deutscher Eichentisch, mit gewundenen Beinen, den
ich links und rechts von gestützten Platten verlängern lasse, denn ich
brauche Raum beim Schreiben, und er kommt in die Mitte vom Ganzen.
Einverstanden? Dann also, Benno, entzünde deiner Phantasie eine
Opferkerze und laß dir schildern -- nach diesem Vorbilde etwa --, wie
deine eigenen Zimmer aussehn werden. Kunstsachen habe ich im Überfluß,
du brauchst dir nur auszusuchen, und wenn was fehlt, fahren wir in die
Gegend und sammeln. Nun komm, wir sehn noch das Speisezimmer. Schlaf-
und Badezimmer kommen drüben auf die andre Seite ...« Und ein drittes
Zimmer, doch das verheimlichte Georg, sogar zur Hälfte vor sich selber.

Sie gingen nach links hinüber durch den Raum. Das Nebenzimmer, weniger
groß, streckte sich von den Fenstern aus in die Tiefe. Hier entliefen
die Ratten quietschend aus den Mörtelhaufen, aber das Nachmittagslicht
erfüllte fast blendend eine gläserne Apsis an der langen Wand, -- das
Ende des Hauses.

»Wie dies hier wird, weiß ich noch nicht genau, -- aber das weiß ich,
Benno, daß in der Apsis da ein ovaler Speisetisch stehn wird unter einer
Blumenampel, und an ihm, Benno, an ihm schlemmen und demmen wir mit
unsern zwei Mätressen. Was sagst du, Benno?« Er packte den in Andacht
Verleuchtenden an den Schultern, schüttelte und schwenkte ihn herum und
sang dazu in höchster Ausgelassenheit:

   »Da schlemmen wir und demmen
   Mit unsern zwei Mätressen,
   Wir lassen uns nicht hemmen
   Und schämen uns nicht dessen!

Gott im Himmel Lob und Dank!« stöhnte er endlich mit letzter Inbrunst,
»München liegt hinter mir, München war ein böser Traum, ein Alp, eine
Erfindung. Nun wollen wir anfangen zu leben!«

Sprachs, packte Benno am Rockschoß und fuhr ab mit ihm durch die Räume,
über Stufen, den Flur hinunter ins Freie, wo es dann Benno gelang, seine
Hände zu fassen und fast aus den Gelenken zu schleudern vor
überströmendem Gefühl.

Danach schlenderten sie, noch aus Beschämtheit ein wenig und schon aus
Gewohnheit wieder schweigsam, die Allee hinunter und weiter bis ins
Zentrum, verabredeten, am Abend die Oper hören zu wollen -- Figaro!
Benno strahlte; nein, seine Mutter würde nichts dagegen haben -- und
schieden. Georg begab sich zum Hotel, um seine Briefe zu schreiben,
indem er schon, mühsam sich sammelnd, an den Worten für Magda zu
arbeiten begann. Ach, er würde ihr gut schreiben, sehr gut ...


                             Achtes Kapitel


                              Hotelzimmer

In der Halle meldete der Pförtner Georg, sein Vater warte bereits seit
drei Stunden auf ihn.

Mama! durchzuckte es Georg, doch das war ja Unsinn; dann wäre sein Vater
nicht hier, aber hundert ängstliche Erwartungen im Gehirn lief er die
Halbtreppe hinauf. Im Zimmer saß sein Vater und rauchte, halb verhüllt
von den grauen und blauen Rauchschwaden. Georg sah, als er auf ihn
zutrat, daß sein Gesicht grau und verfallen war; um so wunderlicher
schien ein Ausdruck von Kühnheit und Hoffärtigkeit, der die schiefe Nase
schiefer und hakiger bog; die Augen funkelten einen Augenblick mit
unverkennbarem Sarkasmus, und der verwilderte Schnurrbart sah wie ein
entsetztes Gespenst aus. Das bärtige Kinn hebend, Atem schöpfend, sagte
er:

»Setz dich. Es ist eine verfluchte Sache, mein Sohn, da zu sein und noch
drei Stunden warten zu müssen. Setz dich und mach dich stark. Ich gäbe
dir am liebsten eine einfache Erklärung, jawohl einfache Erklärung --
ab, aber aus gewissen Gründen ist das unmöglich.«

Der Herzog wehrte, die Augen zusammenkneifend, eine Qualmwolke ab, legte
das Ende seiner Zigarre in die Aschenschale und ergriff eine
schwarzlederne Aktentasche, die neben ihm im Sessel stand. Er nahm
zusammengeheftete Aktenbogen heraus, bog eine Ecke um, als ob er
zauderte, stieß dann die Blätter gegen Georg hin und sagte: »Da! Selber
lesen!«

Georg nahm. »Kennst du die Handschrift?« hörte er fragen.

Er las:

                               Promemoria

An seine Durchlaucht, Woldemar August Emanuel, Herzog in Trassenberg,
Fürsten ... folgten sämtliche Titel. Darunter stand ein Datum: 9.
Dezember. »Ich glaube,« antwortete Georg, »Chalybäus ...«

»Ja. Also lies.« Georg las.

»Am Nachmittage des 30. Juli des Jahres 18... um sechs Uhr traf, wie
Euer Durchlaucht bekannt sein dürfte, die Depesche ein, welche den
schrecklichen Unfall Euer Durchlaucht vermeldete und, da ich zu spät von
derselben erfuhr, ohne daß ich es hätte verhindern können, in die Hände
Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin gelangte, deren Entbindung, wie mir
selber noch am Morgen dieses Tages von Herrn Geheimrat Professor Dr.
Schröder mitgeteilt worden war, am nächsten, ja vielleicht schon am
selben Tage noch zu erwarten war. Herr Geheimrat Schröder war, da sein
Aufenthalt in Helenenruh in Böhne bekannt geworden war, von einer
Familie dorthin gebeten worden. Ich geriet daher in begreifliche
Aufregung, als mir durch den Diener (Suttner) der Auftrag Ihrer
herzoglichen Durchlaucht erteilt wurde, sofort den Opelwagen unter
Verdeck vorfahren zu lassen. Die Willensfestigkeit Ihrer herzoglichen
Durchlaucht ist Euer Durchlaucht zu bekannt, um Euer Durchlaucht nicht
einsehn zu machen, daß jeder Widerstand meinerseits nichts bedeuten
konnte.« Die langen Sätze, das barbarische Deutsch und die vielen
Durchlauchten wimmelten Georg vor den Augen, aber als er den Blick
erhob, traf er auf seinen steif dasitzenden Vater, und Georg begriff,
daß gelesen werden mußte.

»Ein Zug nach Altenrepen ging, wie Euer Durchlaucht bekannt, erst am
späten Abend durch Böhne. Zu allem Überfluß hatte ich den Chauffeur
Mielke zu einem Besuch seiner Mutter beurlaubt, da derselbe seit Wochen
keinen Dienst hatte zu tun brauchen, und war zu vermuten, daß dies auch
in den folgenden Tagen der Fall sein werde. So begann denn in der Tat
gleich darauf jene, uns allen als ein Wahnsinn erschienene Fahrt mit mir
selber als Lenker.

»Im Schreiben wird mir bewußt, daß die meisten dieser Tatsachen Euer
Durchlaucht längst bekannt geworden sind; gleichwohl scheint es mir
notwendig, von dem Verlauf des Ganzen eine Schilderung zu geben, wie sie
sich mir selber in jenen Stunden ergab.« Georg, in Verzweiflung über das
schauderhafte Sprachgewächse, las verbissen weiter.

»Nach Zurücklegung kaum eines Kilometers stellte es sich; wie zu
vermuten gewesen, heraus, daß die Erschütterung des Wagens eine
Unmöglichkeit für den Zustand Ihrer Durchlaucht bedeutete. Ihre
Durchlaucht selbst, die dasselbe bemerkten, befahlen mir daher, die
höchste Geschwindigkeit anzuschlagen, in der Tat, so unglaublich es
klingen mag, die einzige Möglichkeit, da mit zunehmender
Geschwindigkeit, wie Euer Durchlaucht bekannt, die Erschütterungen
sowohl geringfügiger als auch ebenmäßiger werden. Ich schaltete also
schaudernden Herzens die höchste Geschwindigkeit ein, -- genug! Ich war
nie ein sicherer Fahrer und nur Amateur. Gott allein ist es zu danken,
daß nicht das Furchtbarste passierte.« Georg empfand ein leise
schauderndes Staunen über diese, unbewußt von ihm zurückgelegte Fahrt
und las weiter.

»Der Witterung nach hätte man den Tag als einen zum November gehörigen
bezeichnen können; derselbe war grau, naßkalt, die Landschaft mit Nebel
verdeckt, es dunkelte bereits um sieben ein halb Uhr so stark, daß es
unmöglich schien, ohne Laternen weiter zu lenken, und hielt ich einen
diesbezüglichen Aufenthalt von zwei Minuten für geboten. Dann ging es
mit ungeminderter Geschwindigkeit weiter, um acht Uhr zwölf Minuten
jedoch mußte ich zugeben, mich verirrt zu haben. Wir befanden uns in den
fürstlich allendorffschen Kiefernwaldungen. Einige Minuten später blieb
der Wagen stehn, der Ölbehälter war versiegt; in meiner Aufregung mußte
ich ihn vergessen haben. Ohne Ahnung, wo wir uns befanden, in Finsternis
unbekannter Wälder, hörte ich aus dem Wagen das Stöhnen der hohen
Wöchnerin. Die neben mir sitzende Kammerfrau Biedenweiler eilte, einen
Schwächeanfall infolge der rasenden Fahrt nur mühsam zurückhaltend,
sofort ihrer Durchlaucht zuhülfe. Was war zu tun? Konnte ich die hohe
Frau schutzlos im Walde zurücklassen? Zweifellos, wie das immer
heftigere Stöhnen verriet, hatten die ersten Wehen bereits begonnen.
Selber von der Fahrt auf das äußerste angegriffen, getraute ich mich
nicht von der Stelle, wenn nicht plötzlich ein junges Mädchen, eine
Magd, im Licht der Wagenlaternen aufgetaucht wäre, welches fragte, ob
uns mit irgend etwas zu dienen sei. Auf meine sofort eingezogenen
Erkundigungen erfuhr ich, daß wir uns kaum zehn Minuten von dem, nur aus
wenigen Häusern bestehenden Kurort Meysensang befanden, und sollte,
keine zwölf Schritte von unserm unfreiwilligen Halteplatz entfernt, an
der Straße die Villa einer Frau Müsing stehen, zu deren Haushalt das
Mädchen gehörte. -- Welches alles Euer Durchlaucht gewiß in Erinnerung
ist.

»Ich ließ nun die hohe Dulderin im Schutze der Kammerfrau zurück und
begab mich unter der Führung des Mädchens oder der Magd nach dem Hause
das alsbald zu entdecken war, und hatte dasselbe in der Richtung unserer
Fahrt keine Fenster, weshalb ich es nicht hatte erblicken können. In der
Haustür traf ich auf eine große, grobgebaute Frauensperson; es leuchtete
ihr weißes Gesicht auf eine seltsame Weise aus dem Dunkel des Hausflurs.
Auf meine Frage, ob sie die Eigentümerin bzw. Besitzerin des Hauses sei,
gab sie mir mit einer tiefen, fast männlichen Stimme zur Antwort, sie
wäre die Hebamme. Die Seltsamkeit dieses Zusammentreffens klärte sich
alsbald dahin auf, daß im Hause eine Geburt erwartet wurde; die bald
herbeigeeilte Besitzerin des Hauses, eine jüdisch oder polnisch
aussehende ältere Dame, sprach in unvollkommenem Deutsch von einer
Verwandten, die ihrer Entbindung entgegensehe. Aus Gründen, für die ich
späterhin keine Erklärung in meinem Innern auffinden konnte --
Durchlaucht mögen die Situation, die Erregung etz. bedenken --, hielt
ich es zur Wahrung der Diskretion vorläufig für das beste, Namen und
Titel Ihrer Durchlaucht zu verschweigen, zumal eine Kenntnis derselben
nicht gefordert wurde. Ein Zimmer wurde der hohen Wöchnerin zur
Verfügung gestellt, in welches dieselbe unerachtet ihres gefahrvollen
Zustandes sich zu Fuße, auf mich und die Kammerfrau gestützt, begab. Bei
einer Ruhepause vernahm ich aus dem Munde der edlen Dulderin die mir
unvergeßlichen Worte, die ich Euer Durchlaucht zu berichten nicht
unterlassen habe, in dem sie stehenbleibend und leise schaudernd zuerst
flüsterte: Wald -- Nacht -- und Sterne ... Darauf: Seid mir gnädig! --
Später fragte sie mich noch, ob man telegraphieren könne. Ich habe zu
diesem Zweck das dienstfertige Mädchen in den Ort geschickt, es konnte
aber das vom Befinden Euer Durchlaucht Auskunft gebende Antworttelegramm
nicht mehr zu Ihrer Durchlaucht gelangen.

»Zu bemerken ist noch, daß das Haus, ein Neubau, erst wenige Tage zuvor
bezogen worden war, und füllten die Möbel noch unordentlich einige
wenige Zimmer, während andre ganz leer geblieben waren. Es war kalt und
naß, jedoch fand Ihre Durchlaucht im eigenen Schlafzimmer der Besitzerin
Unterkunft. Im Erdgeschoß befand sich eine Art bäuerlicher Diele mit
einem Alkoven, der von Vorhängen verschlossen war; neben demselben
führte eine Treppe in das obere Stockwerk. Als Ihre Durchlaucht
vernahmen, daß sich im Alkoven eine Frau befand, die wie Ihre
Durchlaucht jeden Augenblick ihre schwere Stunde erwartete, sagte sie
nur mit einem Lächeln auf uns, das uns das Herz zerriß: Dann ist es
leicht. --

»Es war zuerst still im Hause. Nun kann ich nicht umhin, zu sagen, daß
mein eigener Zustand infolge der ausgestandenen Ängste der Fahrt, der
Verirrung, sowie der ganzen schrecklichen Situation ein unbeschreiblich
erregter war. Wohl war ich ferne davon, mich zu beklagen, daß es nirgend
einen Platz für mich gab; das Pflichtgefühl hielt mich, wie ich Euer
Durchlaucht nicht erst zu versichern brauche, davon ab, ein
Nachtquartier im Dorfe zu suchen. So verbrachte ich wohl eine Stunde in
einem der, mit Möbeln angefüllten Zimmer auf einem Stuhl, dann jedoch
wurde ich völlig aus dem Hause vertrieben, da es mir unmöglich war, das
nun beginnende Geschrei und Jammern anzuhören, indem sowohl bei Ihrer
Durchlaucht als bei der Fremden die Wehen begannen. Hier wäre auch wohl
eines stärkeren Mannes Herz verzagt geworden.

»Euer Durchlaucht mögen sich meinen Zustand vergegenwärtigen. Aufs
höchste abgespannt von den mannigfachsten Schrecknissen, vom Unfall
Eurer Durchlaucht, von dem Unternehmen, von dem Zustand Ihrer
herzoglichen Durchlaucht, von der bevorstehenden Geburt, von der
wahrhaft entsetzlichen Fahrt, der beständigen Angst um das gleichsam in
meine Hände gelegte Leben des zu erwartenden Kindes, zuletzt durch das
Geschrei der Schwangeren, das mich gellend tief in den Wald hinein
verfolgte, das ich noch heute zu hören glaube, fieberte ich und zitterte
an allen Gliedern. Ich irrte zwischen Stämmen und Wurzeln umher, bis ich
infolge meiner unglückseligen Verwirrung das erleuchtete Fenster aus den
Augen verlor, und zu spät mußte mir in diesem Augenblick noch einfallen,
daß es meine Pflicht gewesen wäre, aus dem Kurhaus einen richtigen Arzt
zu holen. Verzweifelt suchte ich zwar umher, doch war kein Weg zu
finden, und ward ich am Ende von Müdigkeit dermaßen überwältigt, daß
selbst der Abscheu vor Schlangen und sonstigem Getier mich nicht
abhalten konnte, meinen Mantel auf die Erde zu breiten und in dieser
Lage den Morgen zu erwarten. Gleich darauf muß ich des Schlafes
unwiderstehlicher Magie anheimgefallen sein.

»Die Kälte des Morgengrauens erweckte mich, und ich fand mich bis auf
die Haut durchnäßt im Nebel. Steif an allen Gliedern erhob ich mich, und
gelang es mir nach einigem Suchen wirklich, das Haus nun ganz in meiner
Nähe zu entdecken. In einem Fenster war noch Licht. Beim Betreten der
Diele bot sich mir ein eigentümlicher Anblick. Hinter dem Tisch, auf
einem schwarzen Ledersofa saß bei einer Kerze die vorerwähnte Hebamme
und las in einem Buch, das mir ein Gebetbuch zu sein schien. Was mich
vor allem erschreckte, war bei der ganzen Strenge ihrer Züge der
Schatten eines T-förmigen Kreuzes, das zwischen ihren Augen stand, und
wurde dasselbe durch den Schatten der Nase und die gleich einem Balken
darüber liegenden Brauen gebildet, und erinnere ich mich noch heute, daß
ich mich unbewußt bekreuzte. Wie erschrak ich aber erst, als ich aus dem
Hintergrun