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Title: Novellenbuch 1. Band
Author: Meyer, Conrad Ferdinand, Spielhagen, Friedrich, Liliencron, Detlev von, Wildenbruch, Ernst von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Novellenbuch 1. Band" ***

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Hausbücherei

9



    Hausbücherei

    der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

    9. Band

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel

    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

    1910

    26.--35. Tausend



    Novellenbuch

    1. Band

    Conrad Ferd. Meyer ▣ Friedr. Spielhagen
    Ernst v. Wildenbruch ▣ Detlev v. Liliencron

    [Illustration]

    Hamburg-Großborstel

    Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

    1910

    26.--35. Tausend



Inhaltsverzeichnis zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs


Band 2 (Hausbücherei Band 10):

Dorfgeschichten

    _Ernst Wichert_: Ewe.
    _Heinrich Sohnrey_: Lorenheinrich.
    _Wilhelm von Polenz_: Zittelgusts Anna.
    _Rudolf Greinz_: Simerls guter Tag.


Band 3 (Hausbücherei Band 14):

Geschichten aus deutscher Vorzeit

    _Adolf Schmitthenner_: Tilly in Nöten.
    _J. J. David_: Frühschein.
    _Wilhelm Hauff_: Jud Süß.


Band 4 (Hausbücherei Band 15):

Seegeschichten

    _Joachim Nettelbeck_: Schiffbruch.
    _Wilhelm Hauff_: Das Gespensterschiff.
    _Hans Hoffmann_: Die unversicherte Brigg.
    _Wilhelm Jensen_: An der See.
    _Wilhelm Poeck_: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts.
    _Johannes Wilda_: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.


Band 5 (Hausbücherei Band 22):

Frauennovellen

    _Clara Viebig_: Brennende Liebe.
    _Lulu von Strauß und Torney_: Um den Hof.
    _Lou Andreas-Salomé_: Eine Nacht.
    _Marthe Renate Fischer_: Auf dem Wege zum Paradies.


Band 6 (Hausbücherei Band 23):

Kindheitsgeschichten

    _Adolf Schmitthenner_: Der Seehund.
    _Helene Aeckerle_: Ein Opfer.
    _Meinrad Lienert_: Das Gespenst.
    _Marga von Rentz_: Krokus.
    _Hans Land_: Die Büßerin.
    _Adolph Bayersdorfer_: Die Tintenhose.
    _Charlotte Niese_: Die Wiege.
    _Thomas Mann_: Die Tanzstunde.


Band 7 (Hausbücherei Band 24):

Kriegsgeschichten

    _Carl Beyer_: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400.
    _Heinr. v. Kleist_: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege.
    _W. von Conrady_: In Rußland 1812.
    _Max von La Roche_: Todesritt.
    _Detlev von Liliencron_: Portepeefähnrich Schadius.
    _Theodor Fontane_: Drei Kriegsgefangene.



[Illustration]



Inhaltsverzeichnis

zum 1. Bande des _Novellenbuches_.


                                                    Seite

    Vorwort zum Novellenbuch                         6--7

    Vorbemerkungen zum ersten Bande                     8

    _Meyer, Conrad Ferdinand_: Das
    Amulet                                         9--111

    _Wildenbruch, Ernst von_: Archambauld        112--138

    _Spielhagen, Friedrich_: Breite Schultern    139--172

    _Liliencron, Detlev von_: Greggert
    Meinstorff                                   173--194



[Illustration]

Vorwort

zum Novellenbuch.


Eine der schönsten Sammlungen der deutschen Literatur ist der »Deutsche
Novellenschatz«, den Paul Heyse in Gemeinschaft mit Hermann Kurz in den
Jahren 1871 bis 1876 herausgab. Die Sammlung fand so großen Beifall,
daß dem »Deutschen Novellenschatz«, obwohl er 24 Bände umfaßte,
1884 und 1885 der »Neue Deutsche Novellenschatz« mit 12 Bänden,
herausgegeben von Paul Heyse und Ludwig Laistner, folgen konnte. Beide
Sammlungen hatten den Zweck, aus der überreichen Fülle guter Novellen,
die das deutsche Schrifttum aufwies, die besten herauszusuchen und in
billigen Bänden einem größeren Leserkreise darzubieten.

Seit der Herausgabe der letzten Sammlung sind zwei Jahrzehnte
verflossen, und die deutsche Literatur hat sich während dieser Zeit
kraftvoll weiter entwickelt. Kein Wunder daher, daß heute vielfach
das Bedürfnis empfunden wird, sich in eine ähnliche Bändereihe zu
vertiefen, die die besten Novellen der letzten zwanzig Jahre vereinigen
müßte. Die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung will versuchen, eine
solche Sammlung herauszugeben, in der Hoffnung, dem von ihr erstrebten
Ziel dadurch abermals näher zu kommen: unseren Dichtern durch
Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes zu
setzen.

Strenge Beschränkung auf Erscheinungen der letzten zwanzig Jahre
liegt übrigens nicht in ihrer Absicht. Auch Novellen aus früheren
Jahren gedenkt sie in die Sammlung aufzunehmen, wenn sie dessen würdig
erscheinen.

    Hamburg-Großborstel,
    1. Oktober 1904.

            _Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung._



[Illustration]

Vorbemerkungen

zum ersten Bande


Die Novelle »Das Amulet« von Conrad Ferdinand Meyer ist mit
freundlicher Erlaubnis der Erben des Verfassers und der
Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem 1. Bande von Conrad Ferdinand
Meyers »Novellen« (Leipzig: H. Haessel, 24. Auflage 1902).

Für die Abdruckserlaubnis von »Archambauld« schulden wir Herrn Ernst
von Wildenbruch Dank.

Die Spielhagensche Novelle »Breite Schultern« ist mit gütiger Erlaubnis
des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Friedrich
Spielhagens »Sämtlichen Romanen« Bd. 17 (~Quisisana~, Erzählungen)
(Leipzig: L. Staackmann, 1904).

»Greggert Meinstorff« von Detlev von Liliencron endlich ist mit
freundlicher Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung
abgedruckt aus Detlev von Liliencrons »Sämtlichen Werken« Band 2 (Aus
Marsch und Geest) (Berlin-Leipzig: Schuster & Löffler, 2. Auflage 1904).



[Illustration]

Conrad Ferdinand Meyer:

Das Amulet.

[Illustration]


Conrad Ferdinand Meyer wurde am 11. Oktober 1825 in Zürich geboren und
starb in Kilchberg bei Zürich am 28. November 1898.

In der französischen Schweiz, im Juragebiet hat er einen großen Teil
seiner Jugend verlebt, hat er wohl die frischesten und stärksten
Eindrücke seiner Jugendzeit empfangen und ist er mit französischer
Sprache und Literatur besonders vertraut geworden. Auch hat er 1857
eine Reise nach Paris gemacht, und nachdem ihm das Studium der Rechte,
das er in Zürich betrieb, wenig Freude gemacht, hat er viele Jahre
hindurch auf eigene Hand Geschichte studiert. Auf diesen Wegen hat er
wohl auch das Material und die Anregung zu seiner herrlichen Novelle
»Das Amulet« gefunden.

Die Kunstgesetzgeber verlangen von dem eigentlichen Epiker oder
Erzähler, daß er objektiv verfahre, d. h., daß er niemals seine
eigenen Gedanken und Gefühle in die Erzählung mische, sondern nur
die Erlebnisse, Meinungen, Empfindungen und Handlungen seiner
Gestalten darstelle. Ob diese Forderung immer berechtigt ist, soll
hier nicht untersucht werden; es soll nur gesagt werden, daß Meyer
sie in höchstem Maße erfüllt -- in so hohem Maße, daß man zuweilen
glauben könnte, er fühle überhaupt nicht mit seinen Gestalten,
sondern stehe ihnen und ihren Schicksalen kalt gegenüber. So hat
man denn auch wohl bei gewissen Novellen und Gedichten Meyers von
»Marmorkälte« gesprochen. Vielleicht aber handelt es sich um ein
Gefühl, das nur dem oberflächlichen Sinne nicht gleich bemerkbar
wird, und aus vielen seiner Gedichte und Novellen, so auch aus dem
»Amulet«, schlagen jedenfalls die Flammen des Mitgefühls hell und
heiß genug heraus. Dazu aber zeigt der große Schweizer bei aller
Kraft des Gefühls die männlich-ruhige Hand des Bildners; wenn man
seine Novellen liest, sieht man unwillkürlich Bild um Bild -- ja, oft
wirkt eine ganze Novelle wie ein großes, einheitliches, in tiefen
Farben leuchtendes Gemälde. Berühmt ist die Meyersche Kunst in der
klaren und scharfen Charakteristik historischer Personen; so ist in
der hier vorliegenden Novelle die kurze Schilderung Karls IX. während
seines Besuches bei Coligny ein bewundernswertes Stück, und mit nicht
geringerer Lebendigkeit treten der Herzog von Anjou, Katharina von
Medici, Coligny, der berühmte Denker Michel Montaigne, der böhmische
Fechtmeister, der liebenswürdig abergläubische Boccard und der Held der
Novelle aus dem düstern Hintergrunde der Zeit hervor. Aber nicht nur
im einzelnen waltet die Kunst des Dichters, auch die Gesamtstimmung:
der Blutdunst und der meuchlerische Lärm der Bartholomäusnacht wie
die unheilvolle Schwüle, die ihr voraufgeht, sind mit wunderbarer
Sicherheit festgehalten. Der Leser, der die düster-prächtige Ballade
Meyers »Die Füße im Feuer« kennt, wird bekannte Farben und Lichter
wiederfinden.

            O. E.



[Illustration]

Das Amulet.


Erstes Kapitel.

Heute am 14. März 1611 ritt ich von meinem Sitze am Bielersee
hinüber nach Courtion zu dem alten Boccard, den Handel um eine mir
gehörige mit Eichen und Buchen bestandene Halde in der Nähe von
Münchweiler abzuschließen, der sich schon eine Weile hingezogen hatte.
Der alte Herr bemühte sich in langwierigem Briefwechsel um eine
Preiserniedrigung. Gegen den Wert des fraglichen Waldstreifens konnte
kein ernstlicher Widerspruch erhoben werden, doch der Greis schien
es für seine Pflicht zu halten, mir noch etwas abzumarkten. Da ich
indessen guten Grund hatte, ihm alles Liebe zu erweisen, und überdies
Geldes benötigt war, um meinem Sohn, der im Dienste der Generalstaaten
steht und mit einer blonden runden Holländerin verlobt ist, die erste
Einrichtung seines Hausstandes zu erleichtern, entschloß ich mich, ihm
nachzugeben und den Handel rasch zu beendigen.

Ich fand ihn auf seinem altertümlichen Sitze einsam und in
vernachlässigtem Zustande. Sein graues Haar hing ihm unordentlich in
die Stirn und hinunter auf den Nacken. Als er meine Bereitwilligkeit
vernahm, blitzten seine erloschenen Augen auf bei der freudigen
Nachricht. Rafft und sammelt er doch in seinen alten Tagen, uneingedenk
daß sein Stamm mit ihm verdorren und er seine Habe lachenden Erben
lassen wird.

Er führte mich in ein kleines Turmzimmer, wo er in einem wurmstichigen
Schranke seine Schriften verwahrt, hieß mich Platz nehmen und bat
mich, den Kontrakt schriftlich aufzusetzen. Ich hatte meine kurze
Arbeit beendigt und wandte mich zu dem Alten um, der unterdessen in den
Schubladen gekramt hatte, nach seinem Siegel suchend, das er verlegt zu
haben schien. Wie ich ihn alles hastig durcheinanderwerfen sah, erhob
ich mich unwillkürlich, als müßt' ich ihm helfen. Er hatte eben wie in
fieberhafter Eile ein geheimes Schubfach geöffnet, als ich hinter ihn
trat, einen Blick hineinwarf und -- tief aufseufzte.

In dem Fache lagen neben einander zwei seltsame, beide mir nur zu wohl
bekannte Gegenstände: ein durchlöcherter Filzhut, den einst eine Kugel
durchbohrt hatte, und ein großes rundes Medaillon von Silber mit dem
Bilde der Muttergottes von Einsiedeln in getriebener, ziemlich roher
Arbeit.

Der Alte kehrte sich um, als wollte er meinen Seufzer beantworten, und
sagte in weinerlichem Tone:

»Jawohl, Herr Schadau, mich hat die Dame von Einsiedeln noch behüten
dürfen zu Haus und im Felde; aber seit die Ketzerei in die Welt
gekommen ist und auch unsre Schweiz verwüstet hat, ist die Macht der
guten Dame erloschen, selbst für die Rechtgläubigen! Das hat sich an
Wilhelm gezeigt -- meinem lieben Jungen.« Und eine Träne quoll unter
seinen grauen Wimpern hervor.

Mir war bei diesem Auftritte weh ums Herz und ich richtete an den Alten
ein paar tröstende Worte über den Verlust seines Sohnes, der mein
Altersgenosse gewesen und an meiner Seite tödlich getroffen worden war.
Doch meine Rede schien ihn zu verstimmen, oder er überhörte sie, denn
er kam hastig wieder auf unser Geschäft zu reden, suchte von neuem nach
dem Siegel, fand es endlich, bekräftigte die Urkunde und entließ mich
dann bald ohne sonderliche Höflichkeit.

Ich ritt heim. Wie ich in der Dämmerung meines Weges trabte, stiegen
mit den Düften der Frühlingserde die Bilder der Vergangenheit vor mir
auf mit einer so drängenden Gewalt, in einer solchen Frische, in so
scharfen und einschneidenden Zügen, daß sie mich peinigten.

Das Schicksal Wilhelm Boccards war mit dem meinigen aufs engste
verflochten, zuerst auf eine freundliche, dann auf eine fast
schreckliche Weise. Ich habe ihn in den Tod gezogen. Und doch, so
sehr mich dies drückt, kann ich es nicht bereuen und müßte wohl heute
im gleichen Falle wieder so handeln, wie ich es mit zwanzig Jahren
tat. Immerhin setzte mir die Erinnerung der alten Dinge so zu, daß ich
mit mir einig wurde, den ganzen Verlauf dieser wundersamen Geschichte
schriftlich niederzulegen und so mein Gemüt zu erleichtern.

[Illustration]


Zweites Kapitel.

Ich bin im Jahre 1553 geboren und habe meinen Vater nicht gekannt, der
wenige Jahre später auf den Wällen von St. Quentin fiel. Ursprünglich
ein thüringisches Geschlecht, hatten meine Vorfahren von jeher in
Kriegsdienst gestanden und waren manchem Kriegsherrn gefolgt.
Mein Vater hatte sich besonders dem Herzog Ulrich von Würtemberg
verpflichtet, der ihm für treu geleistete Dienste ein Amt in seiner
Grafschaft Mümpelgard anvertraute und eine Heirat mit einem Fräulein
von Bern vermittelte, deren Ahn einst sein Gastfreund gewesen war, als
Ulrich sich landesflüchtig in der Schweiz umtrieb. Es duldete meinen
Vater jedoch nicht lange auf diesem ruhigen Posten, er nahm Dienst
in Frankreich, das damals die Picardie gegen England und Spanien
verteidigen mußte. Dies war sein letzter Feldzug.

Meine Mutter folgte dem Vater nach kurzer Frist ins Grab, und ich wurde
von einem mütterlichen Ohm aufgenommen, der seinen Sitz am Bielersee
hatte und eine feine, eigentümliche Erscheinung war. Er mischte
sich wenig in die öffentlichen Angelegenheiten, ja er verdankte es
eigentlich nur seinem in die Jahrbücher von Bern glänzend eingetragenen
Namen, daß er überhaupt auf Bernerboden geduldet wurde. Er gab sich
nämlich von Jugend auf viel mit Bibelerklärung ab, in jener Zeit
religiöser Erschütterung nichts Ungewöhnliches; aber er hatte, und
das war das Ungewöhnliche, aus manchen Stellen des heiligen Buches,
besonders aus der Offenbarung Johannis, die Überzeugung geschöpft,
daß es mit der Welt zu Ende gehe und es deshalb nicht rätlich und ein
eitles Werk sei, am Vorabend dieser durchgreifenden Krise eine neue
Kirche zu gründen, weswegen er sich des ihm zuständigen Sitzes im
Münster zu Bern beharrlich und grundsätzlich entschlug. Wie gesagt, nur
seine Verborgenheit schützte ihn vor dem gestrengen Arm des geistlichen
Regimentes.

Unter den Augen dieses harmlosen und liebenswürdigen Mannes wuchs
ich -- wo nicht ohne Zucht, doch ohne Rute -- in ländlicher Freiheit
auf. Mein Umgang waren die Bauernjungen des benachbarten Dorfes und
dessen Pfarrer, ein strenger Calvinist, durch den mich mein Ohm mit
Selbstverleugnung in der Landesreligion unterrichten ließ.

Die zwei Pfleger meiner Jugend stimmten in manchen Punkten nicht
zusammen. Während der Theologe mit seinem Meister Calvin die Ewigkeit
der Höllenstrafen als das unentbehrliche Fundament der Gottesfurcht
ansah, getröstete sich der Laie der einstigen Versöhnung und fröhlichen
Wiederbringung aller Dinge. Meine Denkkraft übte sich mit Genuß an der
herben Konsequenz der calvinischen Lehre und bemächtigte sich ihrer,
ohne eine Masche des festen Netzes fallen zu lassen; aber mein Herz
gehörte sonder Vorbehalt dem Oheim. Seine Zukunftsbilder beschäftigten
mich wenig, nur einmal gelang es ihm, mich zu verblüffen. Ich nährte
seit langem den Wunsch, einen wilden jungen Hengst, den ich in Biel
gesehen, einen prächtigen Falben, zu besitzen, und näherte mich mit
diesem großen Anliegen auf der Zunge eines Morgens meinem in ein Buch
vertieften Oheim, eine Weigerung befürchtend, nicht wegen des hohen
Preises, wohl aber der landeskundigen Wildheit des Tieres, das ich zu
schulen wünschte. Kaum hatte ich den Mund geöffnet, als er mit seinen
leuchtend blauen Augen mich scharf betrachtete und mich feierlich
anredete: »Weißt du, Hans, was das fahle Pferd bedeutet, auf dem der
Tod sitzt?« --

Ich verstummte vor Erstaunen über die Sehergabe meines Oheims; aber ein
Blick in das vor ihm aufgeschlagene Buch belehrte mich, daß er nicht
von meinem Falben, sondern von einem der vier apokalyptischen Reiter
sprach.

Der gelehrte Pfarrer unterwies mich zugleich in der Mathematik und
sogar in den Anfängen der Kriegswissenschaft, soweit sie sich aus den
bekannten Handbüchern schöpfen läßt; denn er war in seiner Jugend als
Student in Genf mit auf die Wälle und ins Feld gezogen.

Es war eine ausgemachte Sache, daß ich mit meinem siebzehnten Jahre in
Kriegsdienste zu treten habe; auch das war für mich keine Frage, unter
welchem Feldherrn ich meine ersten Waffenjahre verbringen würde. Der
Name des großen Coligny erfüllte damals die ganze Welt. Nicht seine
Siege, deren hatte er keinen erfochten, sondern seine Niederlagen,
welchen er durch Feldherrnkunst und Charaktergröße den Wert von Siegen
zu geben wußte, hatten ihn aus allen lebenden Feldherrn hervorgehoben,
wenn man ihm nicht den spanischen Alba an die Seite setzen wollte;
diesen aber haßte ich wie die Hölle. Nicht nur war mein tapferer Vater
treu und trotzig zum protestantischen Glauben gestanden, nicht nur
hatte mein bibelkundiger Ohm vom Papsttum einen übeln Begriff und
meinte, es in der Babylonierin der Offenbarung vorgebildet zu sehen,
sondern ich selbst fing an, mit warmem Herzen Partei zu nehmen.
Hatte ich doch schon als Knabe mich in die protestantische Heerschar
eingereiht, als es im Jahre 1567 galt, die Waffen zu ergreifen, um Genf
gegen einen Handstreich Alba's zu sichern, der sich aus Italien längs
der Schweizergrenze nach den Niederlanden durchwand. Den Jüngling litt
es kaum mehr in der Einsamkeit von Chaumont, so hieß der Sitz meines
Oheims.

Im Jahre 1570 gab das Pazifikationsedikt von St. Germain en Laye den
Hugenotten in Frankreich Zutritt zu allen Ämtern, und Coligny, nach
Paris gerufen, beriet mit dem König, dessen Herz er, wie die Rede
ging, vollständig gewonnen hatte, den Plan eines Feldzugs gegen Alba
zur Befreiung der Niederlande. Ungeduldig erwartete ich die jahrelang
sich verzögernde Kriegserklärung, die mich zu Coligny's Scharen rufen
sollte; denn seine Reiterei bestand von jeher aus Deutschen, und der
Name meines Vaters mußte ihm aus frühern Zeiten bekannt sein.

Aber diese Kriegserklärung wollte noch immer nicht kommen, und zwei
ärgerliche Erlebnisse sollten mir die letzten Tage in der Heimat
verbittern.

Als ich eines Abends im Mai mit meinem Ohm unter der blühenden Hoflinde
das Vesperbrod verzehrte, erschien vor uns in ziemlich kriechender
Haltung und schäbiger Kleidung ein Fremder, dessen unruhige Augen
und gemeine Züge auf mich einen unangenehmen Eindruck machten. Er
empfahl sich der gnädigen Herrschaft als Stallmeister, was in unsern
Verhältnissen nichts andres als Reitknecht bedeutete, und schon war
ich im Begriff, ihn kurz abzuweisen, denn mein Ohm hatte ihm bis jetzt
keine Aufmerksamkeit geschenkt, als der Fremdling mir alle seine
Kenntnisse und Fertigkeiten herzuzählen begann.

»Ich führe die Stoßklinge,« sagte er, »wie Wenige, und kenne die hohe
Fechtschule aus dem Fundament.«

Bei meiner Entfernung von jedem städtischen Fechtboden empfand ich
gerade diese Lücke meiner Ausbildung schmerzlich und trotz meiner
instinktiven Abneigung gegen den Ankömmling ergriff ich die Gelegenheit
ohne Bedenken, zog den Fremden in meine Fechtkammer und gab ihm
eine Klinge in die Hand, mit welcher er die meinige so vortrefflich
meisterte, daß ich sogleich mit ihm abmachte und ihn in unsre Dienste
nahm.

Dem Ohm stellte ich vor, wie günstig die Gelegenheit sei, noch im
letzten Augenblick vor der Abreise den Schatz meiner ritterlichen
Kenntnisse zu bereichern.

Von nun an brachte ich mit dem Fremden -- er bekannte sich zu
böhmischer Abkunft -- Abend um Abend oft bis zu später Stunde
in der Waffenkammer zu, die ich mit zwei Mauerlampen möglichst
erleuchtete. Leicht erlernte ich Stoß, Parade, Finte, und bald führte
ich, theoretisch vollkommen fest, die ganze Schule richtig und zur
Befriedigung meines Lehrers durch; dennoch brachte ich diesen in helle
Verzweiflung dadurch, daß es mir unmöglich war, eine gewisse angeborene
Gelassenheit los zu werden, welche er Langsamkeit schalt und mit seiner
blitzschnell zuckenden Klinge spielend besiegte.

Um mir das mangelnde Feuer zu geben, verfiel er auf ein seltsames
Mittel. Er nähte sich auf sein Fechtwams ein Herz von rotem Leder,
das die Stelle des pochenden anzeigte, und auf welches er im Fechten
mit der Linken höhnisch und herausfordernd hinwies. Dazu stieß er
mannigfache Kriegsrufe aus, am häufigsten: »Alba hoch! -- Tod den
niederländischen Rebellen!« -- oder auch: »Tod dem Ketzer Coligny! An
den Galgen mit ihm!« --

Obwohl mich diese Rufe im Innersten empörten und mir den Menschen
noch widerlicher machten, als er mir ohnehin war, gelang es mir
nicht, mein Tempo zu beschleunigen, da ich schon als pflichtschuldig
Lernender ein Maß von Behendigkeit aufgewendet hatte, das sich nun
einmal nicht überschreiten ließ. Eines Abends, als der Böhme gerade
ein fürchterliches Geschrei anhob, trat mein Oheim besorgt durch die
Seitentüre ein, zu sehen, was es gäbe, zog sich aber entsetzt zurück,
da er meinen Gegner mit dem Ausruf: »Tod den Hugenotten« mir einen
derben Stoß mitten auf die Brust versetzen sah, der mich, galt es
Ernst, durchbohrt hätte.

Am nächsten Morgen, als wir unter unsrer Linde frühstückten, hatte der
Ohm etwas auf dem Herzen, und ich denke, es war der Wunsch, sich des
unheimlichen Hausgenossen zu entledigen, als von dem Bieler Stadtboten
ein Schreiben mit einem großen Amtssiegel überbracht wurde. Der Ohm
öffnete es, runzelte im Lesen die Stirn und reichte es mir mit den
Worten: »Da haben wir die Bescherung! -- Lies, Hans, und dann wollen
wir beraten, was zu tun sei.«

Da stand nun zu lesen, daß ein Böhme, der sich vor einiger Zeit in
Stuttgart als Fechtmeister niedergelassen, sein Weib, eine geborene
Schwäbin, aus Eifersucht meuchlerisch erstochen; daß man in Erfahrung
gebracht, der Täter habe sich nach der Schweiz geschlagen, ja, daß man
ihn, oder jemand, der ihm zum Verwechseln gleiche, im Dienste des Herrn
zu Chaumont wolle gesehen haben; daß man diesen, dem in Erinnerung des
seligen Schadau, seines Schwagers, der Herzog Christoph sonderlich
gewogen sei, dringend ersuche, den Verdächtigen zu verhaften, selbst
ein erstes Verhör vorzunehmen und bei bestätigtem Verdachte den
Schuldigen an die Grenze liefern zu lassen. Unterzeichnet und besiegelt
war das Schreiben von dem herzoglichen Amte in Stuttgart.

Während ich das Aktenstück las, blickte ich nachdenkend einmal darüber
hinweg nach der Kammer des Böhmen, die sich, im Giebel des Schlosses
gelegen, mit dem Auge leicht erreichen ließ, und sah ihn am Fenster
beschäftigt, eine Klinge zu putzen. Entschlossen, den Übeltäter
festzunehmen und der Gerechtigkeit zu überliefern, erhob ich doch
unwillkürlich das Schreiben in der Weise, daß ihm das große, rote
Siegel, wenn er gerade herunter lauerte, sichtbar wurde -- seinem
Schicksal eine kleine Frist gebend, ihn zu retten.

Dann erwog ich mit meinem Ohm die Festnehmung und den Transport des
Schuldigen; denn daß er dieses war, daran zweifelten wir beide keinen
Augenblick.

Hierauf stiegen wir, jeder ein Pistol in der Hand, auf die Kammer des
Böhmen. Sie war leer; aber durch das offene Fenster über die Bäume des
Hofes weg -- weit in der Ferne, wo sich der Weg um den Hügel wendet,
sahn wir einen Reiter gallopieren, und jetzt beim Hinuntersteigen trat
uns der Bote von Biel, der das Schreiben überbracht hatte, jammernd
entgegen, er suche vergeblich sein Roß, welches er am hintern Hoftor
angebunden, während ihm selbst in der Küche ein Trunk gereicht wurde.

Zu dieser leidigen Geschichte, die im Land viel Aufsehn erregte und im
Mund der Leute eine abenteuerliche Gestalt gewann, kam noch ein anderer
Unfall, der machte, daß meines Bleibens daheim nicht länger sein konnte.

Ich ward auf eine Hochzeit nach Biel geladen, wo ich, da das Städtchen
kaum eine Stunde entfernt liegt, manche, wenn auch nur flüchtige
Beziehungen hatte. Bei meiner ziemlich abgeschlossenen Lebensweise
galt ich für stolz, und mit meinen Gedanken in der nahen Zukunft, die
mich, wenn auch in bescheidenster Stellung, in die großen Geschicke
der protestantischen Welt verflechten sollte, konnte ich den innern
Händeln und dem Stadtklatsch der kleinen Republik Biel kein Interesse
abgewinnen. So lächelte mir diese Einladung nicht besonders, und nur
das Drängen meines ebenso zurückgezogenen, doch dabei leutseligen
Oheims bewog mich, der Einladung Folge zu leisten.

Den Frauen gegenüber war ich schüchtern. Von kräftigem Körperbau und
ungewöhnlicher Höhe des Wuchses, aber unschönen Gesichtszügen, fühlte
ich wohl, wenn ich mir davon auch nicht Rechenschaft gab, daß ich
die ganze Summe meines Herzens auf _eine_ Nummer zu setzen habe, und
die Gelegenheit dazu, so schwebte mir dunkel vor, mußte sich in der
Umgebung meines Helden finden. Auch stand bei mir fest, daß ein volles
Glück mit vollem Einsatz, mit dem Einsatze des Lebens wolle gewonnen
sein.

Unter meinen jugendlichen Bewunderungen nahm neben dem großen Admiral
sein jüngerer Bruder Dandelot die erste Stelle ein, dessen weltkundige,
stolze Brautfahrt meine Einbildungskraft entzündete. Seine Flamme, ein
lothringisches Fräulein, hatte er vor den Augen seiner katholischen
Todfeinde, der Guisen, aus ihrer Stadt Nancy weggeführt, in festlichem
Zuge unter Drommetenschall dem herzoglichen Schlosse vorüberreitend.

Etwas derartiges wünschte ich mir vorbestimmt.

Ich machte mich also nüchternen und verdrossenen Herzens nach Biel
auf den Weg. Man war höchst zuvorkommend gegen mich und gab mir
meinen Platz an der Tafel neben einem liebenswürdigen Mädchen. Wie
es schüchternen Menschen zu gehen pflegt, geriet ich, um jedem
Verstummen vorzubeugen, in das entgegengesetzte Fahrwasser, und um
nicht unhöflich zu erscheinen, machte ich meiner Nachbarin lebhaft
den Hof. Uns gegenüber saß der Sohn des Schultheißen, eines vornehmen
Spezereihändlers, der an der Spitze der aristokratischen Partei
stand; denn das kleine Biel hatte gleich größeren Republiken seine
Aristokraten und Demokraten. Franz Godillard, so hieß der junge Mann,
der vielleicht Absichten auf meine Nachbarin haben mochte, verfolgte
unser Gespräch, ohne daß ich anfänglich dessen gewahr wurde, mit
steigendem Interesse und feindseligen Blicken.

Da fragte mich das hübsche Mädchen, wann ich nach Frankreich zu gehen
gedächte.

-- »Sobald der Krieg erklärt ist gegen den Bluthund Alba!« erwiderte
ich eifrig.

-- »Man dürfte von einem solchen Manne in weniger respektwidrigen
Ausdrücken reden!« warf mir Godillard über den Tisch zu.

-- »Ihr vergeßt wohl«, entgegnete ich, »die mißhandelten Niederländer!
Keinen Respekt ihrem Unterdrücker, und wäre er der größte Feldherr der
Welt!«

-- »Er hat Rebellen gezüchtigt«, war die Antwort, »und ein heilsames
Beispiel auch für unsre Schweiz gegeben.«

-- »Rebellen!« schrie ich und stürzte ein Glas feurigen Cortaillod
hinunter. »So gut, oder so wenig Rebellen, als die Eidgenossen auf dem
Rütli!« --

Godillard nahm eine hochmütige Miene an, zog die Augenbrauen erst
mit Wichtigkeit in die Höhe und versetzte dann grinsend: »Untersucht
einmal ein gründlicher Gelehrter die Sache, wird es sich vielleicht
weisen, daß die aufrührerischen Bauern der Waldstätte gegen Österreich
schwer im Unrecht und offener Rebellion schuldig waren. Übrigens gehört
das nicht hieher; ich behaupte nur, daß es einem jungen Menschen ohne
Verdienst, ganz abgesehen von jeder politischen Meinung, übel ansteht,
einen berühmten Kriegsmann mit Worten zu beschimpfen.«

Dieser Hinweis auf die unverschuldete Verzögerung meines Kriegsdienstes
empörte mich aufs Tiefste, die Galle lief mir über und: »Ein Schurke!«
rief ich aus, »wer den Schurken Alba in Schutz nimmt!«

Jetzt entstand ein sinnloses Getümmel, aus welchem Godillard mit
zerschlagenem Kopfe weggetragen wurde und ich mich mit blutender, vom
Wurf eines Glases zerschnittener Wange zurückzog.

Am Morgen erwachte ich in großer Beschämung, voraussehend, daß ich, ein
Verteidiger der evangelischen Wahrheit, in den Ruf eines Trunkenboldes
geraten würde.

Ohne langes Besinnen packte ich meinen Mantelsack, beurlaubte mich bei
dem Oheim, dem ich mein Mißgeschick andeutete und der nach einigem Hin-
und Herreden sich damit einverstanden erklärte, daß ich den Ausbruch
des Krieges in Paris erwarten möge, steckte eine Rolle Gold aus dem
kleinen Erbe meines Vaters zu mir, bewaffnete mich, sattelte meinen
Falben und machte mich auf den Weg nach Frankreich.

[Illustration]


Drittes Kapitel.

Ich durchzog ohne nennenswerte Abenteuer die Freigrafschaft und
Burgund, erreichte den Lauf der Seine und näherte mich eines Abends den
Türmen von Melun, die noch eine kleine Stunde entfernt liegen mochten,
über denen aber ein schweres Gewitter hing. Ein Dorf durchreitend,
das an der Straße lag, erblickte ich auf der steinernen Hausbank der
nicht unansehnlichen Herberge zu den drei Lilien einen jungen Mann,
welcher wie ich ein Reisender und ein Kriegsmann zu sein schien, dessen
Kleidung und Bewaffnung aber eine Eleganz zeigte, von welcher meine
schlichte kalvinistische Tracht gewaltig abstach. Da es in meinem
Reiseplan lag, vor Nacht Melun zu erreichen, erwiderte ich seinen Gruß
nur flüchtig, ritt vorüber und glaubte noch den Ruf: »Gute Reise,
Landsmann!« hinter mir zu vernehmen.

Eine Viertelstunde trabte ich beharrlich weiter, während das Gewitter
mir schwarz entgegenzog, die Luft unerträglich dumpf wurde und kurze,
heiße Windstöße den Staub der Straße in Wirbeln aufjagten. Mein Roß
schnaubte. Plötzlich fuhr ein blendender und krachender Blitzstrahl
wenige Schritte vor mir in die Erde. Der Falbe stieg, drehte sich und
jagte in wilden Sprüngen gegen das Dorf zurück, wo es mir endlich unter
strömendem Regen vor dem Tore der Herberge gelang, des geängsteten
Tieres Herr zu werden.

Der junge Gast erhob sich lächelnd von der durch das Vordach
geschützten Steinbank, rief den Stallknecht, war mir beim Abschnallen
des Mantelsacks behilflich und sagte: »Laßt es Euch nicht reuen, hier
zu nächtigen, Ihr findet vortreffliche Gesellschaft.«

»Daran zweifle ich nicht!« versetzte ich grüßend.

»Ich spreche natürlich nicht von mir,« fuhr er fort, »sondern von einem
alten, ehrwürdigen Herrn, den die Wirtin Herr Parlamentrat nennt --
also ein hoher Würdenträger -- und von seiner Tochter oder Nichte,
einem ganz unvergleichlichen Fräulein ... Öffnet dem Herrn ein Zimmer!«
Dies sprach er zu dem herantretenden Wirt, »und Ihr, Herr Landsmann,
kleidet Euch rasch um und laßt uns nicht warten, denn der Abendtisch
ist gedeckt.«

»Ihr nennt mich Landsmann?« entgegnete ich französisch, wie er mich
angeredet hatte. »Woran erkennt Ihr mich als solchen?«

»An Haupt und Gliedern!« versetzte er lustig. »Vorerst seid Ihr ein
Deutscher, und an Eurem ganzen festen und gesetzten Wesen erkenne ich
den Berner. Ich aber bin Euer treuer Verbündeter von Fryburg und nenne
mich Wilhelm Boccard.« --

Ich folgte dem voranschreitenden Wirte in die Kammer, die er mir
anwies, wechselte die Kleider und stieg hinunter in die Gaststube, wo
ich erwartet war. Boccard trat auf mich zu, ergriff mich bei der Hand
und stellte mich einem ergrauten Herrn von feiner Erscheinung und einem
schlanken Mädchen im Reitkleide vor mit den Worten: »Mein Kamerad und
Landsmann ...« dabei sah er mich fragend an.

»Schadau von Bern,« schloß ich die Rede.

»Es ist mir höchst angenehm,« erwiderte der alte Herr verbindlich,
»mit einem jungen Bürger der berühmten Stadt zusammenzutreffen, der
meine Glaubensbrüder in Genf so viel zu danken haben. Ich bin der
Parlamentrat Chatillon, dem der Religionsfriede erlaubt, nach seiner
Vaterstadt Paris zurückzukehren.«

»Chatillon?« wiederholte ich in ehrfurchtsvoller Verwunderung. »Das ist
der Familienname des großen Admirals.«

»Ich habe nicht die Ehre, mit ihm verwandt zu sein,« versetzte der
Parlamentsrat, »oder wenigstens nur ganz von fern; aber ich kenne ihn
und bin ihm befreundet, so weit es der Unterschied des Standes und des
persönlichen Wertes gestattet. Doch setzen wir uns, meine Herrschaften.
Die Suppe dampft, und der Abend bietet noch Raum genug zum Gespräch.« --

Ein Eichentisch mit gewundenen Füßen vereinigte uns an seinen vier
Seiten. Oben war dem Fräulein, zu ihrer Rechten und Linken dem Rat
und Boccard und mir am untern Ende der Tafel das Gedeck gelegt.
Nachdem unter den üblichen Erkundigungen und Reisegesprächen das
Mahl beendigt und zu einem bescheidenen Nachtisch das perlende
Getränk der benachbarten Champagne aufgetragen war, fing die Rede an,
zusammenhängender zu fließen.

»Ich muß es an Euch loben, Ihr Herren Schweizer,« begann der Rat, »daß
Ihr nach kurzen Kämpfen gelernt habt, Euch auf kirchlichem Gebiete
friedlich zu vertragen. Das ist ein Zeichen von billigem Sinn und
gesundem Gemüt, und mein unglückliches Vaterland könnte sich an Euch
ein Beispiel nehmen. -- Werden wir denn nie lernen, daß sich die
Gewissen nicht meistern lassen, und daß ein Protestant sein Vaterland
so glühend lieben, so mutig verteidigen und seinen Gesetzen so
gehorsam sein kann, als ein Katholik!«

»Ihr spendet uns zu reichliches Lob!« warf Boccard ein. »Freilich
vertragen wir Katholiken und Protestanten uns im Staate leidlich; aber
die Geselligkeit ist durch die Glaubensspaltung völlig verdorben.
In früherer Zeit waren wir von Fryburg mit denen von Bern vielfach
verschwägert. Das hat nun aufgehört, und langjährige Bande sind
zerschnitten. Auf der Reise,« fuhr er scherzend zu mir gewendet fort,
»sind wir uns noch zuweilen behilflich; aber zu Hause grüßen wir uns
kaum.«

»Laßt mich Euch erzählen: Als ich auf Urlaub in Fryburg war, -- ich
diene unter den Schweizern seiner allerchristlichsten Majestät -- wurde
gerade die Milchmesse auf den Plaffeyer Alpen gefeiert, wo mein Vater
begütert ist und auch die Kirchberge von Bern ein Weidrecht besitzen.
Das war ein trübseliges Fest. Der Kirchberg hatte seine Töchter, vier
stattliche Bernerinnen, mitgebracht, die ich, als wir Kinder waren, auf
der Alp alljährlich im Tanze schwenkte. Könnt Ihr glauben, daß nach
beendigtem Ehrentanze die Mädchen mitten unter den läutenden Kühen ein
theologisches Gespräch begannen und mich, der ich mich nie viel um
diese Dinge bekümmert habe, einen Götzendiener und Christenverfolger
schalten, weil ich auf den Schlachtfeldern von Jarnac und Moncontour
gegen die Hugenotten meine Pflicht getan?«

»Religionsgespräche,« begütigte der Rat, »liegen jetzt eben in der
Luft; aber warum sollte man sie nicht mit gegenseitiger Achtung
führen und in versöhnlichem Geiste sich verständigen können? So bin
ich versichert, Herr Boccard, daß Ihr mich wegen meines evangelischen
Glaubens nicht zum Scheiterhaufen verdammt, und daß Ihr nicht der
Letzte seid, die Grausamkeit zu verwerfen, mit der die Kalvinisten in
meinem armen Vaterlande lange Zeit behandelt worden sind.«

»Seid davon überzeugt!« erwiderte Boccard. »Nur dürft Ihr nicht
vergessen, daß man das Alte und Hergebrachte in Staat und Kirche nicht
grausam nennen darf, wenn es sein Dasein mit allen Mitteln verteidigt.
Was übrigens die Grausamkeiten betrifft, so weiß ich keine grausamere
Religion als den Kalvinismus.«

»Ihr denkt an Servet?« -- sagte der Rat mit leiser Stimme, während sich
sein Antlitz trübte.

»Ich dachte nicht an menschliche Strafgerichte,« versetzte Boccard,
»sondern an die göttliche Gerechtigkeit, wie sie der finstere neue
Glaube verunstaltet. Wie gesagt, ich verstehe nichts von der Theologie,
aber mein Ohm, der Chorherr in Fryburg, ein glaubwürdiger und gelehrter
Mann, hat mich versichert, es sei ein kalvinistischer Satz, daß,
eh' es Gutes oder Böses getan hat, das Kind schon in der Wiege zur
ewigen Seligkeit bestimmt, oder der Hölle verfallen sei. Das ist zu
schrecklich, um wahr zu sein!«

»Und doch ist es wahr,« sagte ich, des Unterrichts meines Pfarrers mich
erinnernd, »schrecklich oder nicht, es ist logisch!«

»Logisch?« fragte Boccard. »Was ist logisch?«

»Was sich nicht selbst widerspricht,« ließ sich der Rat vernehmen, den
mein Eifer zu belustigen schien.

»Die Gottheit ist allwissend und allmächtig,« fuhr ich mit
Siegesgewißheit fort, »was sie voraussieht und nicht hindert, ist
ihr Wille, demnach ist allerdings unser Schicksal schon in der Wiege
entschieden.«

»Ich würde Euch das gern umstoßen,« sagte Boccard, »wenn ich mich jetzt
nur auf das Argument meines Oheims besinnen könnte! Denn er hatte ein
treffliches Argument dagegen ...«

»Ihr tätet mir einen Gefallen,« meinte der Rat, »wenn es Euch gelänge,
Euch dieses trefflichen Arguments zu erinnern.« --

Der Fryburger schenkte sich den Becher voll, leerte ihn langsam und
schloß die Augen. Nach einigem Besinnen sagte er heiter: »Wenn die
Herrschaften geruhn, mir nichts einzuwerfen und mich meine Gedanken
ungestört entwickeln zu lassen, so hoff' ich, nicht übel zu bestehn.
Angenommen also, Herr Schadau, Ihr wäret von Eurer kalvinistischen
Vorsehung seit der Wiege zur Hölle verdammt -- doch bewahre mich Gott
vor solcher Unhöflichkeit -- gesetzt denn, ich wäre im Voraus verdammt;
aber ich bin ja, Gott sei Dank, kein Kalvinist ...« Hierauf nahm er
einige Krumen des vortrefflichen Weizenbrotes, formte sie mit den
Fingern zu einem Männchen, das er auf seinen Teller setzte mit den
Worten: »Hier steht ein von Geburt an zur Hölle verdammter Kalvinist.
Nun gebt Acht, Schadau! -- Glaubt Ihr an die zehn Gebote?«

»Wie, Herr?« fuhr ich auf.

»Nun, nun, man darf doch fragen. Ihr Protestanten habt so manches Alte
abgeschafft! Also Gott befiehlt diesem Kalvinisten: Tue das! Unterlasse
jenes! Ist solches Gebot nun nicht eitel böses Blendwerk, wenn der Mann
zum Voraus bestimmt ist, das Gute nicht tun zu können und das Böse tun
zu müssen? Und einen solchen Unsinn mutet Ihr der höchsten Weisheit zu?
Nichtig ist das, wie dies Gebilde meiner Finger!« und er schnellte das
Brotmännchen in die Höhe.

»Nicht übel!« meinte der Rat.

Während Boccard seine innere Genugtuung zu verbergen suchte, musterte
ich eilig meine Gegengründe; aber ich wußte in diesem Augenblicke
nichts Triftiges zu antworten und sagte mit einem Anfluge unmutiger
Beschämung: »Das ist ein dunkler, schwerer Satz, der sich nicht
leichthin erörtern läßt. Übrigens ist seine Behauptung nicht
unentbehrlich, um den Papismus zu verwerfen, dessen augenfällige
Mißbräuche Ihr selbst, Boccard, nicht leugnen könnt. Denkt an die
Unsitten der Pfaffen!«

»Es gibt schlimme Vögel unter ihnen,« nickte Boccard.

»Der blinde Autoritätsglaube ...«

»Ist eine Wohltat für menschliche Schwachheit,« unterbrach er mich,
»muß es doch in Staat und Kirche wie in dem kleinsten Rechtshandel eine
letzte Instanz geben, bei der man sich beruhigen kann!«

»Die wundertätigen Reliquien!«

»Heilten der Schatten St. Petri und die Schweißtüchlein St. Pauli
Kranke,« versetzte Boccard mit großer Gelassenheit, »warum sollten
nicht auch die Gebeine der Heiligen Wunder wirken?«

»Dieser alberne Mariendienst ...«

Kaum war das Wort ausgesprochen, so veränderte sich das helle Angesicht
des Fryburgers, das Blut stieg ihm mit Gewalt zu Haupte, zornrot sprang
er vom Sessel auf, legte die Hand an den Degen und rief mir zu: »Wollt
Ihr mich persönlich beleidigen? Ist das Eure Absicht, so zieht!«

Auch das Fräulein hatte sich bestürzt von seinem Sitze erhoben, und
der Rat streckte beschwichtigend beide Hände nach dem Fryburger aus.
Ich erstaunte, ohne die Fassung zu verlieren, über die ganz unerwartete
Wirkung meiner Worte.

»Von einer persönlichen Beleidigung kann nicht die Rede sein,« sagte
ich ruhig. »Wie konnte ich ahnen, daß Ihr, Boccard, der in jeder
Äußerung den Mann von Welt und Bildung bekundet und der, wie Ihr selbst
sagt, gelassen über religiöse Dinge denkt, in diesem einzigen Punkte
eine solche Leidenschaft an den Tag legen würdet.«

»So wisset Ihr denn nicht, Schadau, was im ganzen Gebiete von Fryburg
und weit darüber hinaus bekannt ist, daß Unsere liebe Frau von
Einsiedeln ein Wunder an mir Unwürdigem getan hat?«

»Nein, wahrlich nicht,« erwiderte ich. »Setzt Euch, lieber Boccard, und
erzählt uns das.«

»Nun, die Sache ist weltkundig und abgemalt auf einer Votivtafel im
Kloster selbst.

In meinem dritten Jahre befiel mich eine schwere Krankheit, und ich
blieb in Folge derselben an allen Gliedern gelähmt. Alle erdenklichen
Mittel wurden vergeblich angewendet, kein Arzt wußte Rat. Endlich
tat meine liebe, gute Mutter barfuß für mich eine Wallfahrt nach
Einsiedeln. Und, siehe da, es geschah ein Gnadenwunder! Von Stund an
ging es besser mit mir, ich erstarkte und gedieh und bin heute, wie
Ihr seht, ein Mann von gesunden und geraden Gliedern! Nur der guten
Dame von Einsiedeln danke ich es, wenn ich heute meiner Jugend froh
bin und nicht als ein unnützer, freudeloser Krüppel mein Herz in Gram
verzehre. So werdet Ihr es begreifen, liebe Herrn, und natürlich
finden, daß ich meiner Helferin zeitlebens zu Dank verbunden und
herzlich zugetan bleibe.«

Mit diesen Worten zog er eine seidene Schnur, die er um den Hals trug
und an der ein Medaillon hing, aus dem Wams hervor und küßte es mit
Inbrunst.

Herr Chatillon, der ihn mit einem seltsamen Gemisch von Spott und
Rührung betrachtete, begann nun in seiner verbindlichen Weise: »Aber
glaubt Ihr wohl, Herr Boccard, daß jede Madonna diese glückliche Kur an
Euch hätte verrichten können?«

»Nicht doch!« versetzte Boccard lebhaft, »die Meinigen versuchten es an
manchem Gnadenorte, bis sie an die rechte Pforte klopften. Die liebe
Frau von Einsiedeln ist eben einzig in ihrer Art.«

»Nun,« fuhr der alte Franzose lächelnd fort, »so wird es leicht
sein, Euch mit Euerm Landsmanne zu versöhnen, wenn dies bei Euerm
wohlwollenden Gemüt und heitern Naturell, wovon Ihr uns allen schon
Proben gegeben habt, noch notwendig sein sollte. Herr Schadau wird
seinem harten Urteile über den Mariendienst in Zukunft nicht vergessen
die Klausel anzuhängen: mit ehrenvoller Ausnahme der lieben Frau von
Einsiedeln.«

»Dazu bin ich gerne bereit,« sagte ich, auf den Ton des alten Herrn
eingehend, freilich nicht ohne eine innere Wallung gegen seinen
Leichtsinn.

Da ergriff der gutmütige Boccard meine Hand und schüttelte sie
treuherzig. Das Gespräch nahm eine andere Wendung, und bald erhob sich
der junge Fryburger, gute Nacht wünschend und sich beurlaubend, da er
morgen in der ersten Frühe aufzubrechen gedenke.

Nun erst, da das erregte Hin- und Herreden ein Ende genommen hatte,
richtete ich meine Blicke aufmerksamer auf das junge Mädchen, das
unserm Gespräch stillschweigend mit großer Spannung gefolgt war, und
erstaunte über ihre Unähnlichkeit mit ihrem Vater oder Oheim. Der alte
Rat hatte ein fein geschnittenes, fast furchtsames Gesicht, welches
kluge, dunkle Augen bald wehmütig, bald spöttisch, immer geistvoll
beleuchteten; die junge Dame dagegen war blond, und ihr unschuldiges,
aber entschlossenes Antlitz beseelten wunderbar strahlende blaue Augen.

»Darf ich Euch fragen, junger Mann,« begann der Parlamentrat, »was Euch
nach Paris führt? Wir sind Glaubensgenossen, und wenn ich Euch einen
Dienst leisten kann, so verfügt über mich.«

»Herr,« erwiderte ich, »als Ihr den Namen Chatillon ausspracht, geriet
mein Herz in Bewegung. Ich bin ein Soldatenkind und will den Krieg,
mein väterliches Handwerk, erlernen. Ich bin ein eifriger Protestant
und möchte für die gute Sache so viel tun, als in meinen Kräften steht.
Diese beiden Ziele habe ich erreicht, wenn mir vergönnt ist, unter den
Augen des Admirals zu dienen und zu fechten. Könnt Ihr mir dazu helfen,
so erweist Ihr mir den größten Dienst.«

Jetzt öffnete das Mädchen den Mund und fragte: »Habt Ihr denn eine so
große Verehrung für den Herrn Admiral?«

»Er ist der erste Mann der Welt!« antwortete ich feurig.

»Nun, Gasparde,« fiel der Alte ein, »bei so vortrefflichen Gesinnungen
dürftest du für den jungen Herrn ein Fürwort bei deinem Paten einlegen.«

»Warum nicht?« sagte Gasparde ruhig, »wenn er so brav ist, wie er das
Aussehen hat. Ob aber mein Fürwort fruchten wird, das ist die Frage.
Der Herr Admiral ist jetzt, am Vorabend des flandrischen Krieges, vom
Morgen bis in die Nacht in Anspruch genommen, belagert, ruhelos, und
ich weiß nicht, ob nicht schon alle Stellen vergeben sind, über die er
zu verfügen hat. Bringt Ihr nicht eine Empfehlung mit, die besser wäre
als die meinige?«

»Der Name meines Vaters,« versetzte ich etwas eingeschüchtert, »ist
vielleicht dem Admiral nicht unbekannt.« -- Jetzt fiel mir aufs Herz,
wie schwer es dem unempfohlenen Fremdling werden könnte, bei dem großen
Feldherrn Zutritt zu erlangen, und ich fuhr niedergeschlagen fort: »Ihr
habt Recht, Fräulein, ich fühle, daß ich ihm wenig bringe: ein Herz und
einen Degen, wie er über deren tausende gebietet. Lebte nur sein Bruder
Dandelot noch! Der stünde mir näher, an den würde ich mich wagen! War
er doch von Jugend auf in allen Dingen mein Vorbild: kein Feldherr,
aber ein tapferer Krieger; kein Staatsmann, aber ein standhafter
Parteigenosse; kein Heiliger, aber ein warmes, treues Herz!« --

Während ich diese Worte sprach, begann Fräulein Gasparde zu meinem
Erstaunen, erst leise zu erröten, und ihre mir rätselhafte Verlegenheit
steigerte sich, bis sie mit Rot wie übergossen war. Auch der alte Herr
wurde sonderbarer Weise verstimmt und sagte spitz:

»Was werdet Ihr wissen, ob Herr Dandelot ein Heiliger war oder nicht!
Doch ich bin schläfrig, heben wir die Sitzung auf. Kommt Ihr nach
Paris, Herr Schadau, so beehrt mich mit Euerm Besuche. Ich wohne auf
der Insel St. Louis. Morgen werden wir uns wohl nicht mehr sehen. Wir
halten Rasttag und bleiben in Melun. Jetzt aber schreibt mir noch Euern
Namen in diese Brieftasche. So! Gehabt Euch wohl, gute Nacht.« --

[Illustration]


Viertes Kapitel.

Am zweiten Abende nach diesem Zusammentreffen ritt ich durch das Tor
St. Honoré in Paris ein und klopfte müde, wie ich war, an die Pforte
der nächsten, kaum hundert Schritte vom Tor entfernten Herberge.

Die erste Woche verging mir in der Betrachtung der mächtigen Stadt und
im vergeblichen Aufsuchen eines Waffengenossen meines Vaters, dessen
Tod ich erst nach mancher Anfrage in Erfahrung brachte. Am achten Tage
machte ich mich mit pochendem Herzen auf den Weg nach der Wohnung des
Admirals, die mir unfern vom Louvre in einer engen Straße gewiesen
wurde.

Es war ein finsteres, altertümliches Gebäude, und der Pförtner
empfing mich unfreundlich, ja mißtrauisch. Ich mußte meinen Namen
auf ein Stück Papier schreiben, das er zu seinem Herrn trug, dann
wurde ich eingelassen und trat durch ein großes Vorgemach, das mit
vielen Menschen gefüllt war, Kriegern und Hofleuten, die den durch
ihre Reihen Gehenden mit scharfen Blicken musterten, in das kleine
Arbeitszimmer des Admirals. Er war mit Schreiben beschäftigt und winkte
mir zu warten, während er einen Brief beendigte. Ich hatte Muße, sein
Antlitz, das mir durch einen gelungenen, ausdrucksvollen Holzschnitt,
der bis in die Schweiz gelangt war, sich unauslöschlich eingeprägt
hatte, mit Rührung zu betrachten.

Der Admiral mochte damals fünfzig Jahre zählen, aber seine Haare waren
schneeweiß, und eine fieberische Röte durchglühte die abgezehrten
Wangen. Auf seiner mächtigen Stirn, auf den magern Händen traten die
blauen Adern hervor, und ein furchtbarer Ernst sprach aus seiner Miene.
Er schaute wie ein Richter in Israel.

Nachdem er sein Geschäft beendigt hatte, trat er zu mir in die
Fensternische und heftete seine großen blauen Augen durchdringend auf
die meinigen.

»Ich weiß, was Euch herführt,« sagte er, »Ihr wollt der guten Sache
dienen. Bricht der Krieg aus, so gebe ich Euch eine Stelle in meiner
deutschen Reiterei. Inzwischen -- seid Ihr der Feder mächtig? Ihr
versteht Deutsch und Französisch?« --

Ich verneigte mich bejahend.

»Inzwischen will ich Euch in meinem Kabinet beschäftigen. Ihr könnt mir
nützlich sein. So seid mir denn willkommen. Ich erwarte Euch morgen um
die achte Stunde. Seid pünktlich.« --

Nun entließ er mich mit einer Handbewegung, und wie ich mich vor ihm
vorbeugte, fügte er mit großer Freundlichkeit bei:

»Vergeßt nicht, den Rat Chatillon zu besuchen, mit dem Ihr unterwegs
bekannt geworden seid.«

Als ich wieder auf der Straße war und, dem Erlebten nachsinnend, den
Weg nach meiner Herberge einschlug, wurde mir klar, daß ich für den
Admiral kein Unbekannter mehr war, und ich konnte nicht im Zweifel
sein, wem ich es zu verdanken hatte. Die Freude, an ein ersehntes
Ziel, das mir schwer zu erreichen schien, so leicht gelangt zu sein,
war mir von guter Vorbedeutung für meine beginnende Laufbahn, und die
Aussicht, unter den Augen des Admirals zu arbeiten, gab mir ein Gefühl
von eigenem Wert, das ich bisher noch nicht gekannt hatte. Alle diese
glücklichen Gedanken traten aber fast gänzlich zurück vor etwas, das
mich zugleich anmutete und quälte, lockte und beunruhigte, vor etwas
unendlich Fragwürdigem, von dem ich mir durchaus keine Rechenschaft
zu geben wußte. Jetzt nach langem, vergeblichen Suchen wurde es mir
plötzlich klar. Es waren die Augen des Admirals, die mir nachgingen.
Und warum verfolgten sie mich? Weil es _ihre_ Augen waren. Kein Vater,
keine Mutter konnten ihrem Kinde getreuer diesen Spiegel der Seele
vererben! Ich geriet in eine unsagbare Verwirrung. Sollten, konnten
ihre Augen von den seinigen abstammen? War das möglich? Nein, ich hatte
mich getäuscht. Meine Einbildungskraft hatte mir eine Tücke gespielt,
und um diese Gauklerin durch die Wirklichkeit zu widerlegen, beschloß
ich eilig, in meine Herberge zurückzukehren und dann auf der Insel St.
Louis meine Bekannten von den drei Lilien aufzusuchen.

Als ich eine Stunde später das hohe, schmale Haus des Parlamentrats
betrat, das, dicht an der Brücke St. Michel gelegen, auf der einen
Seite in die Wellen der Seine, auf der andern über eine Seitengasse
hinweg in die gotischen Fenster einer kleinen Kirche blickte, fand ich
die Türen des untern Stockwerks verschlossen, und als ich das zweite
betrat, stand ich unversehens vor Gasparde, die an einer offenen Truhe
beschäftigt schien.

»Wir haben Euch erwartet,« begrüßte sie mich, »und ich will Euch zu
meinem Ohm führen, der sich freuen wird, Euch zu sehn.«

Der Alte saß behaglich im Lehnstuhle, einen großen Folianten
durchblätternd, den er auf die dazu eingerichtete Seitenlehne stützte.
Das weite Gemach war mit Büchern gefüllt, die in schön geschnitzten
Eichenschränken standen. Statuetten, Münzen, Kupferstiche bevölkerten,
jedes an der geeigneten Stelle, diese friedliche Gedankenstätte.
Der gelehrte Herr hieß mich, ohne sich zu erheben, einen Sitz an
seine Seite rücken, grüßte mich als alten Bekannten und vernahm mit
sichtlicher Freude den Bericht über meinen Eintritt in die Bedienung
des Admirals.

»Gebe Gott, daß es ihm diesmal gelinge!« sagte er. »Uns Evangelischen,
die wir leider am Ende doch nur eine Minderheit unter der Bevölkerung
unserer Heimat sind, ohne verruchten Bürgerkrieg Luft zu schaffen,
gab es zwei Wege, _nur_ zwei Wege: entweder auswandern über den Ozean
in das von Kolumbus entdeckte Land -- diesen Gedanken hat der Admiral
lange Jahre in seinem Gemüte bewegt und, hätten sich nicht unerwartete
Hindernisse dagegen erhoben, wer weiß! -- oder das Nationalgefühl
entflammen und einen großen, der Menschheit heilbringenden auswärtigen
Krieg führen, wo Katholik und Hugenott Seite an Seite fechtend in der
Vaterlandsliebe zu Brüdern werden und ihren Religionshaß verlernen
könnten. Das will der Admiral jetzt, und mir, dem Manne des Friedens,
brennt der Boden unter den Füßen, bis der Krieg erklärt ist! Die
Niederlande vom spanischen Joche befreiend, werden unsre Katholiken
widerwillig in die Strömung der Freiheit gerissen werden. Aber es
eilt! Glaubt mir, Schadau, über Paris brütet eine dumpfe Luft.
Die Guisen suchen einen Krieg zu vereiteln, der den jungen König
selbständig und sie entbehrlich machen würde. Die Königin Mutter ist
zweideutig -- durchaus keine Teufelin, wie die Heißsporne unsrer
Partei sie schildern, aber sie windet sich durch von heute auf morgen,
selbstsüchtig nur auf das Interesse ihres Hauses bedacht. Gleichgültig
gegen den Ruhm Frankreichs, ohne Sinn für Gutes und Böses, hält sie
das Entgegengesetzte in ihren Händen, und der Zufall kann die Wahl
entscheiden. Feig und unberechenbar wie sie ist, wäre sie freilich
des Schlimmsten fähig! -- Der Schwerpunkt liegt in dem Wohlwollen
des jungen Königs für Coligny, und dieser König ...« hier seufzte
Chatillon, »nun, ich will Euerm Urteil nicht vorgreifen! Da er den
Admiral nicht selten besucht, so werdet Ihr mit eignen Augen sehen.«

Der Greis schaute vor sich hin, dann plötzlich den Gegenstand des
Gesprächs wechselnd und den Titel des Folianten aufblätternd, frug er
mich: »Wißt Ihr, was ich da lese? Seht einmal!«

Ich las in lateinischer Sprache: Die Geographie des Ptolemäus,
herausgegeben von Michael Servetus.

»Doch nicht der in Genf verbrannte Ketzer?« frug ich bestürzt.

»Kein anderer. Er war ein vorzüglicher Gelehrter, ja, so weit
ich es beurteilen kann, ein genialer Kopf, dessen Ideen in der
Naturwissenschaft vielleicht später mehr Glück machen werden, als seine
theologischen Grübeleien. -- Hättet Ihr ihn auch verbrannt, wenn Ihr im
Genfer Rat gesessen hättet?«

»Gewiß, Herr!« antwortete ich mit Überzeugung. »Bedenkt nur das Eine:
was war die gefährlichste Waffe, mit welcher die Papisten unsern Kalvin
bekämpften? Sie warfen ihm vor, seine Lehre sei Gottesleugnung. Nun
kommt ein Spanier nach Genf, nennt sich Kalvins Freund, veröffentlicht
Bücher, in welchen er die Dreieinigkeit leugnet, wie wenn das nichts
auf sich hätte, und mißbraucht die evangelische Freiheit. War es nun
Kalvin nicht den Tausenden und Tausenden schuldig, die für das reine
Wort litten und bluteten, diesen falschen Bruder vor den Augen der Welt
aus der evangelischen Kirche zu stoßen und dem weltlichen Richter zu
überliefern, damit keine Verwechslung zwischen uns und ihm möglich sei
und wir nicht unschuldigerweise fremder Gottlosigkeit geziehen werden?«

Chatillon lächelte wehmütig und sagte: »Da Ihr Euer Urteil über Servedo
so trefflich begründet habt, müßt Ihr mir schon den Gefallen tun,
diesen Abend bei mir zu bleiben. Ich führe Euch an ein Fenster, das
auf die Laurentiuskapelle hinüberschaut, deren Nachbarschaft wir uns
hier erfreuen und wo der berühmte Franziskaner Panigarola heute Abend
predigen wird. Da werdet Ihr vernehmen, wie man _Euch_ das Urteil
spricht. Der Pater ist ein gewandter Logiker und ein feuriger Redner.
Ihr werdet keines seiner Worte verlieren und -- Eure Freude dran haben.
-- Ihr wohnt noch im Wirtshause? Ich muß Euch doch für ein dauerndes
Obdach sorgen, -- was rätst du, Gasparde?« wandte er sich an diese, die
eben eingetreten war.

Gasparde antwortete heiter: »Der Schneider Gilbert, unser
Glaubensgenosse, der eine zahlreiche Familie zu ernähren hat, wäre
wohl froh und hochgeehrt, wenn er dem Herrn Schadau sein bestes Zimmer
abtreten dürfte. Und das hätte noch das Gute, daß der redliche, aber
furchtsame Christ unsren evangelischen Gottesdienst wieder zu besuchen
wagte, von diesem tapfern Kriegsmanne begleitet. -- Ich gehe gleich
hinüber und will ihm den Glücksfall verkündigen.« -- Damit eilte die
Schlanke weg.

So kurz ihre Erscheinung gewesen war, hatte ich doch aufmerksam
forschend in ihre Augen geschaut, und ich geriet in neues Staunen. Von
einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, mir ohne Aufschub dieses
Rätsels Lösung zu verschaffen, kämpfte ich nur mit Mühe eine Frage
nieder, die gegen allen Anstand verstoßen hätte, da kam mir der Alte
selbst zu Hilfe, indem er spöttisch fragte: »Was findet Ihr Besonderes
an dem Mädchen, daß Ihr es so starr betrachtet?«

»Etwas sehr Besonderes,« erwiderte ich entschlossen, »die wunderbare
Ähnlichkeit ihrer Augen mit denen des Admirals.«

Wie wenn er eine Schlange berührt hätte, fuhr der Rat zurück und sagte
gezwungen lächelnd: »Gibt es keine Naturspiele, Herr Schadau? Wollt Ihr
dem Leben verbieten, ähnliche Augen hervorzubringen?«

»Ihr habt mich gefragt, was ich Besonderes an dem Fräulein finde,«
versetzte ich kaltblütig, »diese Frage habe ich beantwortet. Erlaubt
mir eine Gegenfrage: da ich hoffe, Euch weiterhin besuchen zu dürfen,
der ich mich von Euerm Wohlwollen und von Euerm überlegenen Geiste
angezogen fühle, wie wünscht Ihr, daß ich fortan dieses schöne Fräulein
begrüße? Ich weiß, daß sie von ihrem Paten Coligny den Namen Gasparde
führt, aber Ihr habt mir noch nicht gesagt, ob ich die Gunst habe, mit
Eurer Tochter oder mit einer Eurer Verwandten zu sprechen.«

»Nennt sie, wie Ihr wollt!« murmelte der Alte verdrießlich und fing
wieder an, in der Geographie des Ptolemäus zu blättern.

Durch dies absonderliche Benehmen ward ich in meiner Vermutung
bestärkt, daß hier ein Dunkel walte, und begann die kühnsten Schlüsse
zu ziehn. In der kleinen Druckschrift, die der Admiral über seine
Verteidigung von St. Quentin veröffentlicht hatte und die ich auswendig
wußte, schloß er ziemlich unvermittelt mit einigen geheimnisvollen
Worten, worin er seinen Übertritt zum Evangelium andeutete. Hier war
von der Sündhaftigkeit der Welt die Rede, an welcher er bekannte, auch
selber teilgenommen zu haben. Konnte nun Gaspardes Geburt nicht im
Zusammenhange stehn mit diesem vorevangelischen Leben? So streng ich
sonst in solchen Dingen dachte, hier war mein Eindruck ein anderer;
es lag mir diesmal ferne, einen Fehltritt zu verurteilen, der mir
die unglaubliche Möglichkeit auftat, mich der Blutsverwandten des
erlauchten Helden zu nähern, -- wer weiß, vielleicht um sie zu werben.
Während ich meiner Einbildungskraft die Zügel schießen ließ, glitt
wahrscheinlich ein glückliches Lächeln durch meine Züge, denn der Alte,
der mich insgeheim über seinen Folianten weg beobachtet hatte, wandte
sich gegen mich mit unerwartetem Feuer:

»Ergötzt es Euch, junger Herr, an einem großen Mann eine Schwäche
entdeckt zu haben, so wißt: er ist makellos! -- Ihr seid im Irrtume.
Ihr betrügt Euch!«

Hier erhob er sich wie unwillig und schritt das Gemach auf und nieder,
dann, plötzlich den Ton wechselnd, blieb er dicht vor mir stehen, indem
er mich bei der Hand faßte: »Junger Freund,« sagte er, »in dieser
schlimmen Zeit, wo wir Evangelischen aufeinander angewiesen sind und
uns wie Brüder betrachten sollen, wächst das Vertrauen geschwind; es
darf keine Wolke zwischen uns sein. Ihr seid ein braver Mann, und
Gasparde ist ein liebes Kind. Gott verhüte, daß etwas Verdecktes Eure
Begegnung unlauter mache. Ihr könnt schweigen, das trau' ich Euch zu;
auch ist die Sache ruchbar und könnte Euch aus hämischem Munde zu Ohren
kommen. So hört mich an!

Gasparde ist weder meine Tochter, noch meine Nichte; aber sie ist bei
mir aufgewachsen und gilt als meine Verwandte. Ihre Mutter, die kurze
Zeit nach der Geburt des Kindes starb, war die Tochter eines deutschen
Reiteroffiziers, den sie nach Frankreich begleitet hatte. Gaspardes
Vater aber,« hier dämpfte er die Stimme -- »ist Dandelot, des Admirals
jüngerer Bruder, dessen wunderbare Tapferkeit und frühes Ende Euch
nicht unbekannt sein wird. Jetzt wißt Ihr genug. Begrüßt Gasparde als
meine Nichte, ich liebe sie wie mein eigenes Kind. Im übrigen haltet
reinen Mund und begegnet ihr unbefangen.«

Er schwieg, und ich brach das Schweigen nicht, denn ich war ganz
erfüllt von der Mitteilung des alten Herrn. Jetzt wurden wir, uns
beiden nicht unwillkommen, unterbrochen und zum Abendtische gerufen,
wo mir die holdselige Gasparde den Platz an ihrer Seite anwies. Als
sie mir den vollen Becher reichte und ihre Hand die meinige berührte,
durchrieselte mich ein Schauer, daß in diesen jungen Adern das Blut
meines Helden rinne. Auch Gasparde fühlte, daß ich sie mit andern Augen
betrachte als kurz vorher, sie sann und ein Schatten der Befremdung
glitt über ihre Stirne, die aber schnell wieder hell wurde, als sie mir
fröhlich erzählte, wie hoch sich der Schneider Gilbert geehrt fühle,
mich zu beherbergen.

»Es ist wichtig,« sagte sie scherzend, »daß ihr einen christlichen
Schneider an der Hand habt, der euch die Kleider streng nach
hugenottischem Schnitte verfertigt. Wenn euch Pate Coligny, der
jetzt beim König so hoch in Gunsten steht, bei Hofe einführt und die
reizenden Fräulein der Königin Mutter Euch umschwärmen, da wäret Ihr
verloren, wenn nicht Eure ernste Tracht sie gebührend in Schranken
hielte.«

Während dieses heitern Gespräches vernahmen wir über die Gasse, von
Pausen unterbrochen, bald lang gezogene, bald heftig ausgestoßene Töne,
die den verwehten Bruchstücken eines rednerischen Vortrags glichen, und
als bei einem zufälligen Schweigen ein Satz fast unverletzt an unser
Ohr schlug, erhob sich Herr Chatillon unwillig.

»Ich verlasse euch!« sagte er, »der grausame Hanswurst da drüben
verjagt mich.« -- Mit diesen Worten ließ er uns allein.

»Was bedeutet das?« fragte ich Gasparde.

»Ei,« sagte sie, »in der Laurentiuskirche drüben predigt Pater
Panigarola. Wir können von unserm Fenster mitten in das andächtige Volk
hineinsehen und auch den wunderlichen Pater erblicken. Den Oheim empört
sein Gerede, mich langweilt der Unsinn, ich höre gar nicht hin, habe
ich ja Mühe, in unsrer evangelischen Versammlung, wo doch die lautere
Wahrheit gepredigt wird, mit Andacht und Erbauung, wie es dem heiligen
Gegenstande geziemt, bis ans Ende aufzuhorchen.« --

Wir waren unterdessen ans Fenster getreten, das Gasparde ruhig öffnete.

Es war eine laue Sommernacht, und auch die erleuchteten Fenster
der Kapelle standen offen. Im schmalen Zwischenraume hoch über uns
flimmerten Sterne. Der Pater auf der Kanzel, ein junger, blasser
Franziskanermönch mit südlich feurigen Augen und zuckendem Mienenspiel,
geberdete sich so seltsam heftig, daß er mir erst ein Lächeln
abnötigte; bald aber nahm seine Rede, von der mir keine Silbe entging,
meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Christen,« rief er, »was ist die Duldung, welche man von uns verlangt?
Ist sie christliche Liebe? Nein, sage ich, dreimal nein! Sie ist eine
fluchwürdige Gleichgültigkeit gegen das Los unsrer Brüder! Was würdet
ihr von einem Menschen sagen, der einen andern am Rande des Abgrunds
schlummern sähe und ihn nicht weckte und zurückzöge? Und doch handelt
es sich in diesem Falle nur um Leben und Sterben des Leibes. Um wie
viel weniger dürfen wir, wo ewiges Heil oder Verderben auf dem Spiele
steht, ohne Grausamkeit unsern Nächsten seinem Schicksal überlassen!
Wie? es wäre möglich, mit den Ketzern zu wandeln und zu handeln, ohne
den Gedanken auftauchen zu lassen, daß ihre Seelen in tödtlicher Gefahr
schweben? Gerade unsre Liebe zu ihnen gebietet uns, sie zum Heil zu
überreden und, sind sie störrisch, zum Heil zu zwingen, und sind sie
unverbesserlich, sie auszurotten, damit sie nicht durch ihr schlechtes
Beispiel ihre Kinder, ihre Nachbarn, ihre Mitbürger in die Flammen
mitreißen! Denn ein christlich Volk ist ein Leib, von dem geschrieben
steht: wenn dich dein Auge ärgert, so reiße es aus! Wenn dich deine
rechte Hand ärgert, so haue sie ab und wirf sie von dir, denn, siehe,
es ist besser, daß eines deiner Glieder verderbe, als daß dein ganzer
Leib in das nie verlöschende Feuer geworfen werde!« --

Dies ungefähr war der Gedankengang des Paters, den er aber mit einer
leidenschaftlichen Rhetorik und mit ungezügelten Geberden zu einem
wilden Schauspiel verkörperte. War es nun das ansteckende Gift des
Fanatismus oder das grelle von oben fallende Lampenlicht -- die
Gesichter der Zuhörer nahmen einen so verzerrten und, wie mir schien,
blutdürstigen Ausdruck an, daß mir auf einmal klar wurde, auf welchem
Vulkan wir Hugenotten in Paris stünden.

Gasparde wohnte der unheimlichen Szene fast gleichgültig bei und
richtete ihr Auge auf einen schönen Stern, der über dem Dache der
Kapelle mild leuchtend aufstieg.

Nachdem der Italiener seine Rede mit einer Handbewegung geschlossen,
die mir eher einer Fluchgeberde als einem Segen zu gleichen schien,
begann das Volk in dichtem Gedränge aus der Pforte zu strömen, an
deren beiden Seiten zwei große brennende Pechfackeln in eiserne Ringe
gesteckt wurden. Ihr blutiger Schein beleuchtete die Heraustretenden
und erhellte zeitweise auch Gaspardes Antlitz, die das Volksgewühle mit
Neugierde betrachtete, während ich mich in den Schatten zurückgelehnt
hatte. Plötzlich sah ich sie erblassen, dann flammte ihr Blick empört
auf, und als der meinige ihm folgte, sah ich einen hohen Mann in
reicher Kleidung ihr mit halb herablassender, halb gieriger Geberde
einen Kuß zuwerfen. Gasparde bebte vor Zorn. Sie ergriff meine Hand
und indem sie mich an ihre Seite zog, sprach sie mit vor Erregung
zitternder Stimme in die Gasse hinunter:

»Du beschimpfst mich, Memme, weil du mich schutzlos glaubst! Du irrst
dich! Hier steht Einer, der dich züchtigen wird, wenn du noch einen
Blick wagst!« --

Hohnlachend schlug der Kavalier, der, wenn nicht ihre Rede, doch die
ausdrucksvolle Geberde verstanden hatte, seinen Mantel um die Schulter
und verschwand in der strömenden Menge.

Gaspardes Zorn löste sich in einen Tränenstrom auf, und sie erzählte
mir schluchzend, wie dieser Elende, der zu dem Hofstaate des Herzogs
von Anjou, des königlichen Bruders, gehöre, schon seit dem Tage ihrer
Ankunft sie auf der Straße verfolge, wenn sie einen Ausgang wage, und
sich sogar durch das Begleit ihres Oheims nicht abhalten lasse, ihr
freche Grüße zuzuwerfen.

»Ich mag dem lieben Ohm bei seiner erregbaren und etwas ängstlichen
Natur nicht davon sagen. Es würde ihn beunruhigen, ohne daß er mich
beschützen könnte. Ihr aber seid jung und führt einen Degen, ich zähle
auf Euch! Die Unziemlichkeit muß um jeden Preis ein Ende nehmen. -- Nun
lebt wohl, mein Ritter!« fügte sie lächelnd hinzu, während ihre Tränen
noch flossen, »und vergeßt nicht, meinem Ohm gute Nacht zu sagen!« --

Ein alter Diener leuchtete mir in das Gemach seines Herrn, bei dem ich
mich beurlaubte.

»Ist die Predigt vorüber?« fragte der Rat. »In jüngeren Tagen hätte
mich das Fratzenspiel belustigt; jetzt aber, besonders seit ich in
Nîmes, wo ich das letzte Jahrzehnt mit Gasparde zurückgezogen gelebt
habe, im Namen Gottes Mord und Auflauf anstiften sah, kann ich keinen
Volkshaufen um einen aufgeregten Pfaffen versammelt sehen ohne die
Beängstigung, daß sie nun gleich etwas Verrücktes oder Grausames
unternehmen werden. Es fällt mir auf die Nerven.« --

Als ich die Kammer meiner Herberge betrat, warf ich mich in den
alten Lehnstuhl, der außer einem Feldbette ihre ganze Bequemlichkeit
ausmachte. Die Erlebnisse des Tages arbeiteten in meinem Kopfe fort,
und an meinem Herzen zehrte es wie eine zarte, aber scharfe Flamme. Die
Turmuhr eines nahen Klosters schlug Mitternacht, meine Lampe, die ihr
Öl aufgebraucht hatte, erlosch, aber taghell war es in meinem Innern.

Daß ich Gaspardes Liebe gewinnen könne, schien mir nicht unmöglich,
Schicksal, daß ich es mußte, und Glück, mein Leben dafür einzusetzen.

[Illustration]


Fünftes Kapitel.

Am nächsten Morgen zur anberaumten Stunde stellte ich mich bei dem
Admiral ein und fand ihn in einem abgegriffenen Taschenbuche blätternd.

»Dies sind,« begann er, »meine Aufzeichnungen aus dem Jahre
siebenundfünfzig, in welchem ich St. Quentin verteidigte und mich dann
den Spaniern ergeben mußte. Da steht unter den tapfersten meiner Leute,
mit einem Kreuze bezeichnet, der Name Sadow, mir dünkt, es war ein
Deutscher. Sollte dieser Name mit dem Eurigen derselbe sein?«

»Kein andrer als der Name meines Vaters! Er hatte die Ehre, unter Euch
zu dienen und vor Euern Augen zu fallen!«

»Nun denn,« fuhr der Admiral fort, »das bestärkt mich in dem Vertrauen,
das ich in Euch setze. Ich bin von Leuten, mit denen ich lange
zusammenlebte, verraten worden, Euch trau' ich auf den ersten Anblick
und ich glaube, es wird mich nicht betrügen.«

Mit diesen Worten ergriff er ein Papier, das mit seiner großen
Handschrift von oben bis unten bedeckt war: »Schreibt mir das ins
Reine, und wenn Ihr Euch daraus über manches unterrichtet, das
Euch das Gefährliche unsrer Zustände zeigt, so laßt's Euch nicht
anfechten. Alles Große und Entscheidende ist ein Wagnis. Setzt Euch und
schreibt.« --

Was mir der Admiral übergeben hatte, war ein Memorandum, das er an
den Prinzen von Oranien richtete. Mit steigendem Interesse folgte ich
dem Gange der Darstellung, die mit der größten Klarheit, wie sie dem
Admiral eigen war, sich über die Zustände von Frankreich verbreitete.
Den Krieg mit Spanien um jeden Preis und ohne jeden Aufschub
herbeizuführen, dies, schrieb der Admiral, ist unsre Rettung. Alba
ist verloren, wenn er von uns und von Euch zugleich angegriffen wird.
Mein Herr und König will den Krieg; aber die Guisen arbeiten mit aller
Anstrengung dagegen; die katholische Meinung, von ihnen aufgestachelt,
hält die französische Kriegslust im Schach, und die Königin Mutter,
welche den Herzog von Anjou dem Könige auf unnatürliche Weise vorzieht,
will nicht, daß dieser ihren Liebling verdunkle, indem er sich im Feld
auszeichnet, wonach mein Herr und König Verlangen trägt, und was ich
ihm als treuer Untertan gönne und, so viel an mir liegt, verschaffen
möchte.

Mein Plan ist folgender: Eine hugenottische Freischar ist in diesen
Tagen in Flandern eingefallen. Kann sie sich gegen Alba halten --
und dies hängt zum großen Teil davon ab, daß Ihr gleichzeitig den
spanischen Feldherrn von Holland her angreift -- so wird dieser Erfolg
den König bewegen, alle Hindernisse zu überwinden und entschlossen
vorwärts zu gehn. Ihr kennt den Zauber eines ersten Gelingens.

Ich war mit dem Schreiben zu Ende, als ein Diener erschien und dem
Admiral etwas zuflüsterte. Ehe dieser Zeit hatte, sich von seinem
Sitze zu erheben, trat ein sehr junger Mann von schlanker, kränklicher
Gestalt heftig erregt ins Gemach und eilte mit den Worten auf ihn zu:

»Guten Morgen, Väterchen! Was gibt es Neues? Ich verreise auf einige
Tage nach Fontainebleau. Habt Ihr Nachricht aus Flandern?« Jetzt wurde
er meiner gewahr, und auf mich hindeutend, frug er herrisch: »Wer ist
der da?«

»Mein Schreiber, Sire, der sich gleich entfernen wird, wenn Eure
Majestät es wünscht.«

»Weg mit ihm!« rief der junge König, »ich will nicht belauscht sein,
wenn ich Staatsgeschäfte behandle! Vergeßt Ihr, daß wir von Spähern
umstellt sind? -- Ihr seid zu arglos, lieber Admiral!«

Jetzt warf er sich in einen Lehnstuhl und starrte ins Leere; dann,
plötzlich aufspringend, klopfte er Coligny auf die Schulter, und als
hätte er mich, dessen Entfernung er eben gefordert, vergessen, brach er
in die Worte aus:

»Bei den Eingeweiden des Teufels! wir erklären seiner katholischen
Majestät nächstens den Krieg!« Nun aber schien er wieder in
den früheren Gedankengang zurückzufallen, denn er flüsterte mit
geängstigter Miene: »Neulich noch, erinnert Ihr euch? als wir Beide in
meinem Kabinet Rat hielten, da raschelte es hinter der Tapete. Ich zog
den Degen, wißt Ihr? und durchstach sie zweimal, dreimal! Da hob sie
sich, und wer trat darunter hervor? Mein lieber Bruder, der Herzog von
Anjou, mit einem Katzenbuckel!« Hier machte der König eine nachahmende
Geberde und brach in unheimliches Lachen aus. »Ich aber,« fuhr er fort,
»maß ihn mit einem Blicke, den er nicht ertragen konnte und der ihn
flugs aus der Türe trieb.«

Hier nahm das bleiche Antlitz einen Ausdruck so wilden Hasses an, daß
ich es erschrocken anstarrte.

Coligny, für den ein solcher Auftritt wohl nichts Ungewöhnliches hatte,
dem aber die Gegenwart eines Zeugen peinlich sein mochte, entfernte
mich mit einem Winke.

»Ich sehe, Eure Arbeit ist vollendet,« sagte er, »auf Wiedersehen
morgen.« --

Während ich meinen Heimweg einschlug, ergriff mich ein unendlicher
Jammer. Dieser unklare Mensch also war es, von dem die Entscheidung der
Dinge abhing. -- Wo sollte bei so knabenhafter Unreife und flackernder
Leidenschaftlichkeit die Stetigkeit des Gedankens, die Festigkeit des
Entschlusses herkommen? Konnte der Admiral für ihn handeln? Aber
wer bürgte dafür, daß nicht andere, feindliche Einflüsse sich in der
nächsten Stunde schon dieses verworrenen Gemütes bemächtigten! Ich
fühlte, daß nur dann Sicherheit war, wenn Coligny in seinem König eine
selbstbewußte Stütze fand; besaß er in ihm nur ein Werkzeug, so konnte
ihm dieses morgen entrissen werden.

In so böse Zweifel verstrickt, verfolgte ich meinen Weg, als sich eine
Hand auf meine Schulter legte. Ich wandte mich und blickte in das
wolkenlose Gesicht meines Landsmannes Boccard, der mich umhalste und
mit den lebhaftesten Freudenbezeugungen begrüßte.

»Willkommen, Schadau, in Paris!« rief er, »Ihr seid, wie ich sehe,
müßig, das bin ich auch, und da der König eben verritten ist, so müßt
Ihr mit mir kommen, ich will Euch das Louvre zeigen. Ich wohne dort,
da meine Kompanie die Wache der innern Gemächer hat. -- Es wird Euch
hoffentlich nicht belästigen,« fuhr er fort, da er in meinen Mienen
kein ungemischtes Vergnügen über seinen Vorschlag las, »mit einem
königlichen Schweizer Arm in Arm zu gehn? Da ja Euer Abgott Coligny
die Verbrüderung der Parteien wünscht, so würde ihm das Herz im Leibe
lachen ob der Freundschaft seines Schreibers mit einem Leibgardisten.«

»Wer hat Euch gesagt ...« unterbrach ich ihn erstaunt --

»Daß Ihr des Admirals Schreiber seid?« lachte Boccard. »Guter Freund,
am Hofe wird mehr geschwatzt, als billig ist! Heute morgen beim
Ballspiel war unter den hugenottischen Hofleuten die Rede von einem
Deutschen, der bei dem Admiral Gunst gefunden hätte, und aus einigen
Äußerungen über die fragliche Persönlichkeit erkannte ich zweifellos
meinen Freund Schadau. Es ist nur gut, daß Euch jenes Mal Blitz und
Donner in die drei Lilien zurückjagten, sonst wären wir uns fremd
geblieben, denn Eure Landsleute im Louvre hättet Ihr wohl schwerlich
aus freien Stücken aufgesucht! Mit dem Hauptmann Pfyffer muß ich Euch
gleich bekannt machen!«

Dies verbat ich mir, da Pfyffer nicht nur als abgezeichneter Soldat,
sondern auch als fanatischer Katholik berühmt war, willigte aber gern
ein, mit Boccard das Innere des Louvre zu besichtigen, da ich den viel
gepriesenen Bau bis jetzt nur von außen betrachtet hatte.

Wir schritten neben einander durch die Straßen, und das freundliche
Geplauder des lebenslustigen Fryburgers war mir willkommen, da es mich
von meinen schweren Gedanken erlöste.

Bald betraten wir das französische Königsschloß, das damals zur
Hälfte aus einem finstern mittelalterlichen Kastell, zur andern Hälfte
aus einem neuen, prächtigen Palast bestand, den die Medicäerin hatte
aufführen lassen. Diese Mischung zweier Zeiten vermehrte in mir den
Eindruck, der mich, seit ich Paris betreten, nie verlassen hatte, den
Eindruck des Schwankenden, Ungleichartigen, der sich widersprechenden
und mit einander ringenden Elemente.

Nachdem wir viele Gänge und eine Reihe von Gemächern durchschritten
hatten, deren Verzierung in keckem Steinwerke und oft ausgelassener
Malerei meinem protestantischen Geschmacke fremd und zuweilen ärgerlich
war, Boccard aber herzlich belustigte, öffnete mir dieser ein Kabinet
mit den Worten: »Dies ist das Studierzimmer des Königs.« --

Da herrschte eine gräuliche Unordnung. Der Boden war mit Notenheften
und aufgeblätterten Büchern bestreut. An den Wänden hingen Waffen. Auf
dem kostbaren Marmortische lag ein Waldhorn.

Ich begnügte mich von der Türe aus einen Blick in dies Chaos zu werfen,
und weitergehend frug ich Boccard, ob der König musikalisch sei.

»Er bläst herzzerreißend,« erwiderte dieser, »oft ganze Vormittage
hindurch und, was schlimmer ist, ganze Nächte, wenn er nicht hier
nebenan,« er wies auf eine andere Türe, »vor dem Amboß steht und
schmiedet, daß die Funken stieben. Jetzt aber ruhen Waldhorn und
Hammer. Er ist mit dem jungen Chateauguyon eine Wette eingegangen,
welchem von ihnen es zuerst gelinge, den Fuß im Munde das Zimmer auf
und nieder zu hüpfen. Das gibt ihm nun unglaublich zu tun.« --

Da Boccard sah, wie ich traurig wurde, und es ihm auch sonst passend
scheinen mochte, das Gespräch über das gekrönte Haupt Frankreichs
abzubrechen, lud er mich ein, mit ihm das Mittagsmahl in einem nicht
weit entlegenen Gasthause einzunehmen, das er mir als ganz vorzüglich
schilderte.

Um abzukürzen, schlugen wir eine enge, lange Gasse ein. Zwei Männer
schritten uns vom andern Ende derselben entgegen.

»Sieh,« sagte mir Boccard, »dort kommt Graf Guiche, der berüchtigte
Damenfänger und der größte Raufer vom Hofe, und neben ihm -- wahrhaftig
-- das ist Lignerolles! Wie darf sich der am hellen Tage blicken
lassen, da er doch ein vollgültiges Todesurteil auf dem Halse hat!«

Ich blickte hin und erkannte in dem Vornehmern der Bezeichneten den
Unverschämten, der gestern Abend im Scheine der Fackeln Gasparde
mit frecher Geberde beleidigt hatte. Auch er schien sich meiner
näherschreitend zu erinnern, denn sein Auge blieb unverwandt auf mir
haften. Wir hatten die halbe Breite der engen Gasse inne, die andere
Hälfte den uns entgegen Kommenden frei lassend. Da Boccard und
Lignerolles auf der Mauerseite gingen, mußten der Graf und ich hart
aneinander vorüber.

Plötzlich erhielt ich einen Stoß und hörte den Grafen sagen: »Gieb
Raum, verdammter Hugenott!«

Außer mir wandte ich mich nach ihm um, da rief er lachend zurück:
»Willst du dich auf der Gasse so breit machen wie am Fenster?«

Ich wollte ihm nachstürzen, da umschlang mich Boccard und beschwor
mich: »Nur hier keine Scene! In diesen Zeiten würden wir in einem
Augenblicke den Pöbel von Paris hinter uns her haben, und, da sie
dich an deinem steifen Kragen als Hugenotten erkennen würden, wärst
du unzweifelhaft verloren! Daß du Genugtuung erhalten mußt, versteht
sich von selbst. Du überlässest mir die Sache, und ich will froh sein,
wenn sich der vornehme Herr zu einem ehrlichen Zweikampfe versteht.
Aber an dem Schweizernamen darf kein Makel haften, und wenn ich mit dem
deinigen auch mein Leben einsetzen müßte! --

Jetzt sage mir um aller Heiligen willen, bist du mit Guiche bekannt?
Hast du ihn gegen dich aufgebracht? Doch nein, das ist ja nicht
möglich! Der Taugenichts war übler Laune und wollte sie an deiner
Hugenottentracht auslassen.«

Unterdessen waren wir in das Gasthaus eingetreten, wo wir rasch und in
gestörter Stimmung unser Mahl hielten.

»Ich muß meinen Kopf zusammenhalten,« sagte Boccard, »denn ich werde
mit dem Grafen einen harten Stand haben.«

Wir trennten uns und ich kehrte in meine Herberge zurück, Boccard
versprechend, ihn dort zu erwarten. Nach Verlauf von zwei Stunden trat
er in meine Kammer mit dem Ausrufe: »Es ist gut abgelaufen! Der Graf
wird sich mit dir schlagen, morgen bei Tagesanbruch vor dem Tore St.
Michel. Er empfing mich nicht unhöflich, und als ich ihm sagte, du
wärest von gutem Hause, meinte er, es sei jetzt nicht der Augenblick,
deinen Stammbaum zu untersuchen, was er kennen zu lernen wünsche, sei
deine Klinge.

Und wie steht es damit?« fuhr Boccard fort, »ich bin sicher, daß du ein
methodischer Fechter bist, aber ich fürchte, du bist langsam, langsam,
zumal einem so raschen Teufel gegenüber.«

Boccards Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, und nachdem er nach
ein paar Übungsklingen gerufen -- es befand sich zu ebener Erde neben
meinem Gasthause ein Fechtsaal -- gab er mir eine derselben in die Hand
und sagte: »Nun zeige deine Künste!« --

Nach einigen Gängen, die ich im gewohnten Tempo durchfocht, während
Boccard mich vergeblich mit dem Rufe: Schneller, schneller! anfeuerte,
warf er seine Klinge weg und stellte sich ans Fenster, um eine Träne
vor mir zu verbergen, die ich aber schon hervordringen gesehn hatte.

Ich trat zu ihm und legte meine Hand auf seine Schulter.

»Boccard,« sagte ich, »betrübe dich nicht. Alles ist vorher bestimmt.
Ist meine Todesstunde auf morgen gestellt, so bedarf es nicht der
Klinge des Grafen, um meinen Lebensfaden zu zerschneiden. Ist es nicht
so, wird mir seine gefährliche Waffe nichts anhaben können.« --

»Mache mich nicht ungeduldig!« versetzte er, sich rasch nach mir
umdrehend. »Jede Minute der Frist, die uns bleibt, ist kostbar und
muß benützt werden -- nicht zum Fechten, denn in der Theorie bist du
unsträflich, und dein Phlegma,« hier seufzte er, »ist unheilbar. Es
gibt nur ein Mittel, dich zu retten. Wende dich an Unsre liebe Frau von
Einsiedeln, und wirf mir nicht ein, du seiest Protestant -- einmal ist
keinmal! Muß es sie nicht doppelt rühren, wenn einer der Abtrünnigen
sein Leben in ihre Hände befiehlt! Du hast jetzt noch Zeit, für deine
Rettung viele Ave Maria zu sprechen, und glaube mir, die Gnadenmutter
wird dich nicht im Stiche lassen! Überwinde dich, lieber Freund, und
folge meinem Rate.« --

»Laß mich in Ruhe, Boccard!« versetzte ich, über seine wunderliche
Zumutung ungehalten und doch von seiner Liebe gerührt.

Er aber drang noch eine Weile vergeblich in mich. Dann ordneten wir das
Notwendige für morgen, und er nahm Abschied.

In der Türe wandte er sich noch einmal zurück und sagte: »Nur einen
Stoßseufzer, Schadau, vor dem Einschlafen!« --

[Illustration]


Sechstes Kapitel.

Am nächsten Morgen wurde ich durch eine rasche Berührung aus dem
Schlafe geweckt. Boccard stand vor meinem Lager.

»Auf!« rief er, »es eilt, wenn wir nicht zu spät kommen sollen! Ich
vergaß gestern, dir zu sagen, von wem der Graf sich sekundieren
läßt, -- von Lignerolles. Ein Schimpf mehr, wenn du willst! Aber es
hat den Vorteil, daß, im Falle du --« er seufzte -- »deinen Gegner
ernstlich verwunden solltest, dieser ehrenwerte Sekundant gewiß reinen
Mund halten wird, da er tausend gute Gründe hat, die öffentliche
Aufmerksamkeit in keiner Weise auf sich zu ziehen.« --

Während ich mich ankleidete, bemerkte ich wohl, daß dem Freund eine
Bitte auf dem Herzen lag, die er mit Mühe niederkämpfte.

Ich hatte mein noch in Bern verfertigtes, nach Schweizersitte auf
beiden Seiten mit derben Taschen versehenes Reisewams angezogen und
drückte meinen breitkrämpigen Filz in die Stirne, als mich Boccard auf
einmal in großer Gemütsbewegung heftig umhalste und, nachdem er mich
geküßt, seinen Lockenkopf an meine Brust lehnte. Diese überschwengliche
Teilnahme erschien mir unmännlich, und ich drückte das duftende Haupt
mit beiden Händen beschwichtigend weg. Mir däuchte, daß sich Boccard in
diesem Augenblicke etwas an meinem Wams zu schaffen machte; aber ich
gab nicht weiter darauf acht, da die Zeit drängte.

Wir gingen schweigend durch die morgenstillen Gassen, während es leise
zu regnen anfing, durchschritten das Tor, das eben geöffnet worden war,
und fanden in kleiner Entfernung vor demselben einen mit verfallenden
Mauern umgebenen Garten. Diese verlassene Stätte war zu der Begegnung
ausersehn.

Wir traten ein und erblickten Guiche mit Lignerolles, die unsrer
harrend zwischen den Buchenhecken des Hauptganges auf- und
niederschritten. Der Graf grüßte mich mit spöttischer Höflichkeit.
Boccard und Lignerolles traten zusammen, um Kampfstelle und Waffen zu
regeln.

»Der Morgen ist kühl,« sagte der Graf, »ist es Euch genehm, so fechten
wir im Wams.« --

»Der Herr ist nicht gepanzert?« warf Lignerolles hin, indem er eine
tastende Bewegung nach meiner Brust machte.

Guiche bedeutete ihn mit einem Blicke, es zu lassen.

Zwei lange Stoßklingen wurden uns geboten. Der Kampf begann, und ich
merkte bald, daß ich einem an Behendigkeit mir überlegenen und dabei
völlig kaltblütigen Gegner gegenüber stehe. Nachdem er meine Kraft mit
einigen spielenden Stößen wie auf dem Fechtboden geprüft hatte, wich
seine nachlässige Haltung. Es wurde tötlicher Ernst. Er zeigte Quart
und stieß Sekunde in beschleunigtem Tempo. Meine Parade kam genau
noch rechtzeitig: wiederholte er dieselben Stöße um eine Kleinigkeit
rascher, so war ich verloren. Ich sah ihn befriedigt lächeln und machte
mich auf mein Ende gefaßt.

Blitzschnell kam der Stoß, aber die geschmeidige Stahlklinge bog sich
hoch auf, als träfe sie einen harten Gegenstand, ich parierte, führte
den Nachstoß und rannte dem Grafen, der, seiner Sache sicher, weit
ausgefallen war, meinen Degen durch die Brust. Er verlor die Farbe,
wurde aschfahl, ließ die Waffe sinken und brach zusammen.

Lignerolles beugte sich über den Sterbenden, während Boccard mich von
hinnen zog.

Wir folgten dem Umkreise der Stadtmauer in flüchtiger Eile bis zum
zweitnächsten Tore, wo Boccard mit mir in eine kleine, ihm bekannte
Schenke trat. Wir durchschritten den Flur und ließen uns hinter dem
Hause unter einer dicht überwachsenen Laube nieder. Noch war in der
feuchten Morgenfrühe alles wie ausgestorben. Der Freund rief nach
Wein, der uns nach einer Weile von einem verschlafenen Schenkmädchen
gebracht wurde. Er schlürfte in behaglichen Zügen, während ich den
Becher unberührt vor mir stehen ließ. Ich hatte die Arme über der Brust
gekreuzt und senkte das Haupt. Der Tote lag mir auf der Seele.

Boccard forderte mich zum Trinken auf, und nachdem ich ihm zu Gefallen
den Becher geleert hatte, begann er:

»Ob nun gewisse Leute ihre Meinung ändern werden über Unsre liebe Frau
von Einsiedeln?« --

»Laß mich zufrieden!« versetzte ich unwirsch, »was hat denn sie damit
zu schaffen, daß ich einen Menschen getötet?« --

»Mehr als du denkst!« erwiderte Boccard mit einem vorwurfsvollen
Blicke. »Daß du hier neben mir sitzest, hast du nur ihr zu danken! Du
bist ihr eine dicke Kerze schuldig!«

Ich zuckte die Achseln.

»Ungläubiger!« rief er und zog, in meine linke Brusttasche langend,
triumphierend das Medaillon daraus hervor, welches er um den Hals
zu tragen pflegte, und das er heute morgen während seiner heftigen
Umarmung mir heimlich in das Wams geschoben haben mußte.

Jetzt fiel es mir wie eine Binde von den Augen.

Die silberne Münze hatte den Stoß aufgehalten, der mein Herz
durchbohren sollte. Mein erstes Gefühl war zornige Scham, als ob
ich ein unehrliches Spiel getrieben und entgegen den Gesetzen des
Zweikampfes meine Brust geschützt hätte. Darein mischte sich der Groll,
einem Götzenbilde mein Leben zu schulden.

»Läge ich doch lieber tot,« murmelte ich, »als daß ich bösem
Aberglauben meine Rettung verdanken muß!« --

Aber allmählich lichteten sich meine Gedanken.

Gasparde trat mir vor die Seele und mit ihr alle Fülle des Lebens. Ich
war dankbar für das neu geschenkte Sonnenlicht, und als ich wieder in
die freudigen Augen Boccards blickte, brachte ich es nicht über mich,
mit ihm zu hadern, so gern ich es gewollt hätte. Sein Aberglaube war
verwerflich, aber seine Freundestreue hatte mir das Leben gerettet.

Ich nahm von ihm mit Herzlichkeit Abschied und eilte ihm voraus durch
das Tor und quer durch die Stadt nach dem Hause des Admirals, der mich
zu dieser Stunde erwartete.

Hier brachte ich den Vormittag am Schreibtische zu, diesmal mit der
Durchsicht von Rechnungen beauftragt, die sich auf die Ausrüstung der
nach Flandern geworfenen hugenottischen Freischaar bezogen. Als der
Admiral in einem freien Augenblicke zu mir trat, wagte ich die Bitte,
er möchte mich nach Flandern schicken, um an dem Einfalle teilzunehmen
und ihm rasche und zuverlässige Nachricht von dem Verlaufe desselben zu
senden.

»Nein, Schadau,« antwortete er kopfschüttelnd, »ich darf Euch nicht
Gefahr laufen lassen, als Freibeuter behandelt zu werden und am
Galgen zu sterben. Etwas anderes ist es, wenn Ihr nach erklärten
Feindseligkeiten an meiner Seite fallen solltet. Ich bin es Euerm Vater
schuldig, Euch keiner andern Gefahr auszusetzen als einem ehrlichen
Soldatentode!« --

Es mochte ungefähr Mittag sein, als sich das Vorzimmer in auffallender
Weise füllte und ein immer erregter werdendes Gespräch hörbar wurde.

Der Admiral rief seinen Schwiegersohn, Teligny, herein, der ihm
berichtete, Graf Guiche sei diesen Morgen im Zweikampfe gefallen, sein
Sekundant, der verrufene Lignerolles, habe die Leiche vor dem Tore St.
Michel durch die gräfliche Dienerschaft abholen lassen und ihr, bevor
er sich flüchtete, nichts anderes zu sagen gewußt, als daß ihr Herr
durch die Hand eines ihm unbekannten Hugenotten gefallen sei.

Coligny zog die Brauen zusammen und brauste auf: »Habe ich nicht streng
untersagt -- habe ich nicht gedroht, gefleht, beschworen, daß keiner
unsrer Leute in dieser verhängnisvollen Zeit einen Zwist beginne oder
aufnehme, der zu blutigem Entscheide führen könnte! Ist der Zweikampf
an sich schon eine Tat, die kein Christ ohne zwingende Gründe auf sein
Gewissen laden soll, so wird er in diesen Tagen, wo ein ins Pulverfaß
springender Funke uns Alle verderben kann, zum Verbrechen an unsern
Glaubensgenossen und am Vaterlande.« --

Ich blickte von meinen Rechnungen nicht auf und war froh, als ich die
Arbeit zu Ende gebracht hatte. Dann ging ich in meine Herberge und ließ
mein Gepäck in das Haus des Schneiders Gilbert bringen.

Ein kränklicher Mann mit einem furchtsamen Gesichtchen geleitete mich
unter vielen Höflichkeiten in das mir bestimmte Zimmer. Es war groß und
luftig und überschaute, das oberste Stockwerk des Hauses bildend, den
ganzen Stadtteil, ein Meer von Dächern, aus welchem Turmspitzen in den
Wolkenhimmel aufragten.

»Hier seid Ihr sicher!« sagte Gilbert mit feiner Stimme und zwang mir
damit ein Lächeln ab.

»Mich freut es,« erwiderte ich, »bei einem Glaubensbruder Herberge zu
nehmen.« --

»Glaubensbruder?« lispelte der Schneider, »sprecht nicht so laut, Herr
Hauptmann. Es ist wahr, ich bin ein evangelischer Christ, und -- wenn
es nicht anders sein kann -- will ich auch für meinen Heiland sterben;
aber verbrannt werden, wie es mit Dubourg auf dem Greveplatze geschah!
-- ich sah damals als kleiner Knabe zu -- hu, davor hab' ich einen
Schauder!« --

»Habt keine Angst,« beruhigte ich, »diese Zeiten sind vorüber, und das
Friedensedikt gewährleistet uns Allen freie Religionsübung.«

»Gott gebe, daß es dabei bleibe!« seufzte der Schneider. »Aber Ihr
kennt unsern Pariser Pöbel nicht. Das ist ein wildes und ein neidisches
Volk, und wir Hugenotten haben das Privilegium, sie zu ärgern. Weil wir
eingezogen, züchtig und rechtschaffen leben, so werfen sie uns vor, wir
wollen uns als die Bessern von ihnen sondern; aber, gerechter Himmel!
wie ist es möglich, die zehn Gebote zu halten und sich nicht vor ihnen
auszuzeichnen!«

Mein neuer Hauswirt verließ mich, und bei der einbrechenden Dämmerung
ging ich hinüber in die Wohnung des Parlamentrats. Ich fand ihn höchst
niedergeschlagen.

»Ein böses Verhängnis waltet über unsrer Sache,« hub er an. »Wißt Ihr
es schon, Schadau? Ein vornehmer Höfling, Graf Guiche, ward diesen
Morgen im Zweikampfe von einem Hugenotten erstochen. Ganz Paris ist
voll davon, und ich denke, Pater Panigarola wird die Gelegenheit
nicht versäumen, auf uns Alle als auf eine Genossenschaft von Mördern
hinzuweisen und seinen tugendhaften Gönner -- denn Guiche war ein
eifriger Kirchgänger -- in einer seiner wirkungsvollen Abendpredigten
als Märtyrer des katholischen Glaubens auszurufen ... Der Kopf schmerzt
mich, Schadau, und ich will mich zur Ruhe begeben. Laßt Euch von
Gasparde den Abendtrunk kredenzen.«

Gasparde stand während dieses Gesprächs neben dem Sitze des alten
Herrn, auf dessen Rückenlehne sie sich nachdenkend stützte. Sie war
heute sehr blaß, und tiefernst blickten ihre großen blauen Augen.

Als wir allein waren, standen wir uns einige Augenblicke schweigend
gegenüber. Jetzt stieg der schlimme Verdacht in mir auf, daß sie,
die selbst mich zu ihrer Verteidigung aufgefordert, nun vor dem
Blutbefleckten schaudernd zurücktrete. Die seltsamen Umstände, die mich
gerettet hatten und die ich Gasparde nicht mitteilen konnte, ohne ihr
kalvinistisches Gefühl schwer zu verletzen, verwirrten mein Gewissen
mehr, als die nach Mannesbegriffen leichte Blutschuld es belastete.
Gasparde fühlte mir an, daß meine Seele beschwert war, und konnte den
Grund davon allein in der Tötung des Grafen und den daraus unsrer
Partei erwachsenden Nachteilen suchen.

Nach einer Weile sagte sie mit gepreßter Stimme: »Du also hast den
Grafen umgebracht?«

»Ich,« war meine Antwort.

Wieder schwieg sie. Dann trat sie mit plötzlichem Entschlusse an mich
heran, umschlang mich mit beiden Armen und küßte mich inbrünstig auf
den Mund.

»Was du immer verbrochen hast,« sagte sie fest, »ich bin deine
Mitschuldige. Um meinetwillen hast du die Tat begangen. Ich bin es, die
dich in Sünde gestürzt hat. Du hast dein Leben für mich eingesetzt. Ich
möchte es dir vergelten, doch wie kann ich es.« --

Ich faßte ihre beiden Hände und rief: »Gasparde, laß mich, wie heute,
so morgen und immerdar dein Beschützer sein! Teile mit mir Gefahr und
Rettung, Schuld und Heil! Eins und untrennbar laß uns sein bis zum
Tode!«

»Eins und untrennbar!« sagte sie.

[Illustration]


Siebentes Kapitel.

Seit dem verhängnisvollen Tage, an welchem ich Guiche getödtet und
Gaspardes Liebe gewonnen hatte, war ein Monat verstrichen. Täglich
schrieb ich im Kabinet des Admirals, der mit meiner Arbeit zufrieden
schien und mich mit steigendem Vertrauen behandelte. Ich fühlte, daß
ihm die Innigkeit meines Verhältnisse zu Gasparde nicht unbekannt
geblieben war, ohne daß er es jedoch mit einem Worte berührt hätte.

Während dieser Zeit hatte sich die Lage der Protestanten in Paris
sichtlich verschlimmert. Der Einfall in Flandern war mißlungen, und
der Rückschlag machte sich am Hofe und in der öffentlichen Stimmung
fühlbar. Die Hochzeit des Königs von Navarra mit Karls reizender, aber
leichtfertiger Schwester erweiterte die Kluft zwischen den beiden
Parteien, statt sie zu überbrücken. Kurz vorher war Jeanne d'Albret,
die wegen ihres persönlichen Wertes von den Hugenotten hoch verehrte
Mutter des Navarresen, plötzlich gestorben, an Gift, so hieß es.

Am Hochzeittage selber schritt der Admiral, statt der Messe
beizuwohnen, auf dem Platze der Notredame in gemessenem Gange auf und
nieder und sprach, er der sonst so Vorsichtige, ein Wort aus, das in
bitterster Feindseligkeit gegen ihn ausgebeutet wurde. »Notredame,«
sagte er, »ist mit den Fahnen behängt, die man uns im Bürgerkrieg
abgenommen; sie müssen weg und ehrenvollere Trophäen an ihre Stelle!«
Damit meinte er spanische Fahnen, aber das Wort wurde falsch gedeutet.

Coligny sandte mich mit einem Auftrage nach Orleans, wo deutsche
Reiterei lag. Als ich von dort zurückkehrte und meine Wohnung betrat,
kam mir Gilbert mit entstellter Miene entgegen.

»Wißt Ihr schon, Herr Hauptmann,« jammerte er, »daß der Admiral gestern
meuchlerisch verwundet worden ist, als er aus dem Louvre nach seinem
Palaste zurückkehrte? Nicht tötlich, sagt man; aber bei seinem Alter
und der kummervollen Sorge, die auf ihm lastet, wer kann wissen, wie
das endet! Und stirbt er, was soll aus uns werden?« --

Ich begab mich schleunig nach der Wohnung des Admirals, wo ich
abgewiesen wurde. Der Pförtner sagte mir, es sei hoher Besuch im
Hause, der König und die Königin Mutter. Dies beruhigte mich, da ich
in meiner Arglosigkeit daraus schloß, unmöglich könne Katharina an der
Untat Anteil haben, wenn sie selbst das Opfer besuche. Der König aber,
versicherte der Pförtner, sei wütend über den tückischen Angriff auf
das Leben seines väterlichen Freundes.

Jetzt wandte ich meine Schritte zurück nach der Wohnung des
Parlamentrats, den ich in lebhaftem Gespräche mit einer merkwürdigen
Persönlichkeit fand, einem Manne in mittleren Jahren, dessen bewegtes
Geberdenspiel den Südfranzosen verriet und der den St. Michaelsorden
trug. Noch nie hatte ich in klugere Augen geblickt. Sie leuchteten von
Geist, und in den zahllosen Falten und Linien um Augen und Mund bewegte
sich ein unruhiges Spiel schalkhafter und scharfsinniger Gedanken.

»Gut, daß Ihr kommt, Schadau!« rief mir der Rat entgegen, während
ich unwillkürlich das unschuldige Antlitz Gaspardes, in dem nur die
Lauterkeit einer einfachen und starken Seele sich spiegelte, mit
der weltklugen Miene des Gastes verglich, »gut, daß Ihr kommt! Herr
Montaigne will mich mit Gewalt nach seinem Schlosse in Perigord
entführen ...«

»Wir wollen dort den Horaz zusammen lesen,« warf der Fremdling ein,
»wie wir es vor Zeiten in den Bädern von Aix taten, wo ich das
Vergnügen hatte, den Herrn Rat kennen zu lernen.«

»Meint Ihr, Montaigne,« fuhr der Rat fort, »ich dürfe die Kinder allein
lassen? Gasparde will sich nicht von ihrem Paten und dieser junge
Berner sich nicht von Gasparde trennen.«

»Ei was,« spottete Herr Montaigne, sich gegen mich verbeugend, »sie
werden, um sich in der Tugend zu stärken, das Buch Tobiä zusammen
lesen!« und den Ton wechselnd, da er mein ernstes Gesicht sah: »Kurz
und gut,« schloß er, »Ihr kommt mit mir, lieber Rat!«

»Ist denn eine Verschwörung gegen uns Hugenotten im Werke?« fragte ich,
aufmerksam werdend.

»Eine Verschwörung?« wiederholte der Gascogner. »Nicht daß ich wüßte!
Wenn nicht etwa eine solche, wie sie die Wolken anzetteln, bevor
ein Gewitter losbricht. Vier Fünfteile einer Nation von dem letzten
Fünfteil zu etwas gezwungen, was sie nicht wollen -- das heißt zum
Kriege in Flandern -- das kann die Atmosphäre schon elektrisch machen.
Und, nehmt es mir nicht übel, junger Mann, Ihr Hugenotten verfehlt Euch
gegen den ersten Satz der Lebensweisheit: daß man das Volk, unter dem
man wohnt, nicht durch Mißachtung seiner Sitten beleidigen darf.«

»Rechnet Ihr die Religion zu den Sitten eines Volkes?« fragte ich
entrüstet.

»In gewissem Sinne, ja,« meinte er, »doch diesmal dachte ich nur an die
Gebräuche des täglichen Lebens: Ihr Hugenotten kleidet Euch düster,
tragt ernsthafte Mienen, versteht keinen Scherz und seid so steif wie
Eure Halskragen. Kurz, Ihr schließt Euch ab, und das bestraft sich in
der größten Stadt wie auf dem kleinsten Dorfe! Da verstehn die Guisen
das Leben besser! Eben kam ich vorüber, als der Herzog Heinrich
vor seinem Palaste abstieg und den umstehenden Bürgern die Hände
schüttelte, lustig wie ein Franzose und gemütlich wie ein Deutscher!
So ist es recht! Sind wir ja alle vom Weibe geboren, und ist doch die
Seife nicht teuer!«

Mir schien, als ob der Gascogner schwere Besorgnis unter diesem
scherzhaften Tone verberge, und ich wollte ihn weiter zur Rede stellen,
als der alte Diener einen Boten des Admirals meldete, welcher mich und
Gasparde unverzüglich zu sich berief.

Gasparde warf einen dichten Schleier über, und wir eilten.

Unterwegs erzählte sie mir, was sie in meiner Abwesenheit ausgestanden.
»An deiner Seite durch einen Kugelregen zu reiten, wäre mir ein
Spiel dagegen!« versicherte sie. »Der Pöbel in unsrer Straße ist
so giftig geworden, daß ich das Haus nicht verlassen konnte, ohne
mit Schimpfworten verfolgt zu werden. Kleidete ich mich nach meinem
Stande, so schrie man mir nach: Seht die Übermütige! Legte ich
schlichtes Gewand an, so hieß es: Seht die Heuchlerin! -- Einen Tag
oder eine Woche hielte man das schon aus; aber wenn man kein Ende
davon absieht! -- Unsere Lage hier in Paris erinnert mich an die jenes
Italieners, den sein Feind in einen Kerker mit vier kleinen Fenstern
werfen ließ. Als er am nächsten Morgen erwachte, waren deren nur noch
drei, am folgenden zwei, am dritten noch eins, kurz, er begriff, daß
sein höllischer Feind ihn in eine Maschine gesperrt hatte, die sich
allmählich in einen erdrückenden Sarg verwandelte.«

Unter diesen Reden waren wir in die Wohnung des Admirals gelangt, der
uns sogleich zu sich beschied.

Er saß aufrecht auf seinem Lager, den verwundeten linken Arm in der
Schlinge, blaß und ermattet. Neben ihm stand ein Geistlicher mit
eisgrauem Barte. Er ließ uns nicht zu Worten kommen.

»Meine Zeit ist gemessen,« sprach er, »hört mich an und gehorcht mir!
Du, Gasparde, bist mir durch meinen teuern Bruder blutverwandt. Es
ist jetzt nicht der Augenblick, etwas zu verhüllen, das du weißt und
diesem nicht verborgen bleiben darf. -- Deiner Mutter ist durch einen
Franzosen Unrecht geschehn; ich will nicht, daß auch du unsres Volkes
Sünden mitbüßest. Wir bezahlen, was unsre Väter verschuldet haben.
Du aber sollst, so viel solches an mir liegt, auf deutscher Erde ein
frommes und ruhiges Leben führen.«

Dann sich zu mir wendend, fuhr er fort: »Schadau, Ihr werdet Eure
Kriegsschule nicht unter mir durchmachen. Hier sieht es dunkel aus.
Mein Leben geht zur Neige, und mein Tod ist der Bürgerkrieg. Mischt
Euch nicht darein, ich verbiete es Euch. -- Reicht Gasparde die Hand,
ich gebe sie Euch zum Weibe. Führt sie ohne Säumnis in Eure Heimat.
Verlaßt dieses ungesegnete Frankreich, sobald Ihr meinen Tod erfahrt.
Bereitet ihr eine Stätte auf Schweizerboden; dann nehmt Dienste unter
dem Prinzen von Oranien und kämpft für die gute Sache!« --

Jetzt winkte er dem Greise und forderte ihn auf, uns zu trauen.

»Macht es kurz,« flüsterte er, »ich bin müde und bedarf der Ruhe.«

Wir ließen uns an seinem Lager auf die Kniee nieder, und der Geistliche
verrichtete sein Amt, unsre Hände zusammenfügend und die liturgischen
Worte aus dem Gedächtnisse sprechend.

Dann segnete uns der Admiral mit seiner ebenfalls verstümmelten Rechten.

»Lebt wohl!« schloß er, legte sich nieder und kehrte sein Antlitz gegen
die Wand.

Da wir zögerten, das Gemach zu verlassen, hörten wir noch die
gleichmäßigen Atemzüge des ruhig Entschlummerten.

Schweigend und in wunderbarer Stimmung kamen wir zurück und fanden
Chatillon noch in lebhaftem Gespräche mit Herrn Montaigne.

»Gewonnen Spiel!« jubelte dieser, »der Papa willigt ein, und ich
selbst will ihm seinen Koffer packen; denn darauf verstehe ich mich
vortrefflich.« --

»Geht, lieber Oheim!« mahnte Gasparde, »und macht Euch keine Sorge um
mich. Das ist von nun an die Sache meines Gemahls.« Und sie drückte
meine Hand an ihre Brust. Auch ich drang in den Rat, mit Montaigne zu
verreisen.

Da mit einem Male, wie wir Alle ihm zuredeten und ihn überzeugt
glaubten, fragte er: »Hat der Admiral Paris verlassen?« Und als er
hörte, Coligny bleibe und werde trotz des Drängens der Seinigen
bleiben, auch wenn sein Zustand die Abreise erlauben sollte, da rief
Chatillon mit glänzenden Augen und mit einer festen Stimme, die ich an
ihm kannte:

»So bleibe auch ich! Ich bin im Leben oftmals feig und selbstsüchtig
gewesen; ich stand nicht zu meinen Glaubensgenossen, wie ich sollte; in
dieser letzten Stunde aber will ich sie nicht verlassen.«

Montaigne biß sich die Lippe. Unser Aller Zureden fruchtete nun nichts
mehr, der Alte blieb bei seinem Entschlusse.

Jetzt klopfte ihm der Gascogner auf die Schulter und sagte mit einem
Anfluge von Hohn:

»Alter Junge, du betrügst dich selbst, wenn du glaubst, daß du aus
Heldenmut so handelst. Du tust es aus Bequemlichkeit. Du bist zu träge
geworden, dein behagliches Nest zu verlassen, selbst auf die Gefahr
hin, daß der Sturm es morgen wegfegt. Das ist auch ein Standpunkt, und
in deiner Weise hast du Recht.«

Jetzt verwandelte sich der spöttische Ausdruck auf seinem Gesichte in
einen tief schmerzlichen, er umarmte Chatillon, küßte ihn und schied
eilig.

Der Rat, welcher seltsam bewegt war, wünschte allein zu sein.

»Verlaßt mich, Schadau!« sagte er, mir die Hand drückend, »und kommt
heute Abend noch einmal vor Schlafengehen.« --

Gasparde, die mich begleitete, ergriff unter der Türe plötzlich das
Reisepistol, das noch in meinem Gürtel stak.

»Laß das!« warnte ich. »Es ist scharf geladen.«

»Nein,« lachte sie, den Kopf zurückwerfend, »ich behalte es als
Unterpfand, daß du uns diesen Abend nicht versäumst!« und sie entfloh
damit ins Haus.

[Illustration]


Achtes Kapitel.

Auf meinem Zimmer lag ein Brief meines Oheims im gewohnten Format, mit
den wohlbekannten altmodischen Zügen überschrieben. Der rote Abdruck
des Siegels mit seiner Devise: ~Pèlerin et Voyageur!~ war diesmal
unmäßig groß geraten.

Noch hielt ich das Schreiben uneröffnet in der Hand, als Boccard ohne
anzuklopfen hereinstürzte.

»Hast du dein Versprechen vergessen, Schadau?« rief er mir zu.

»Welches Versprechen?« fragte ich mißmutig.

»Schön!« versetzte er mit einem kurzen Lachen, das gezwungen klang.
»Wenn das so fortgeht, so wirst du nächstens deinen eignen Namen
vergessen! Am Vorabende deiner Abreise nach Orleans, in der Schenke zum
Mohren, hast du mir feierlich gelobt, dein längst gegebenes Versprechen
zu lösen und unsern Hauptmann Pfyffer einmal zu begrüßen. Ich lud dich
dann in seinem Auftrage zu seinem Namensfeste in das Louvre ein.

Heute nun ist Bartholomäustag. Der Hauptmann hat zwar viele Namen,
wohl acht bis zehn; da aber unter diesen allen der geschundene Barthel
in seinen Augen der größte Heilige und Märtyrer ist, so feiert er als
guter Christ diesen Tag in besonderer Weise. Bliebest du weg, er legte
dir's als hugenottischen Starrsinn aus.« --

Ich besann mich freilich, von Boccard häufig mit solchen Einladungen
bestürmt worden zu sein und ihn von Woche zu Woche vertröstet zu haben.
Daß ich ihm auf heute zugesagt, war mir nicht erinnerlich, aber es
konnte sein.

»Boccard,« sagte ich, »heute ist mir's ungelegen. Entschuldige mich
bei Pfyffer und laß mich zu Hause.«

Nun aber begann er, auf die wunderlichste Weise in mich zu dringen,
jetzt scherzend und kindischen Unsinn vorbringend, jetzt flehentlich
mich beschwörend. Zuletzt fuhr er auf:

»Wie? Hältst du so dein Ehrenwort?« -- Und unsicher wie ich war, ob
ich nicht doch vielleicht mein Wort gegeben, konnte ich diesen Vorwurf
nicht auf mir sitzen lassen und willigte endlich, wenn auch bitter
ungern, ein, ihn zu begleiten. Ich marktete, bis er versprach, in einer
Stunde mich freizugeben, und wir gingen nach dem Louvre.

Paris war ruhig. Wir trafen nur einzelne Gruppen von Bürgern, die sich
über den Zustand des Admirals flüsternd besprachen.

Pfyffer hatte ein Gemach zu ebener Erde im großen Hofe zu Louvre inne.
Ich war erstaunt, seine Fenster nur spärlich erleuchtet zu sehen
und Totenstille zu finden statt eines fröhlichen Festlärms. Wie wir
eintraten, stand der Hauptmann allein in der Mitte des Zimmers, vom
Kopfe bis zu den Füßen bewaffnet und in eine Depesche vertieft, die er
aufmerksam zu lesen, ja zu buchstabieren schien, denn er folgte den
Zeilen mit dem Zeigefinger der linken Hand. Er wurde meiner ansichtig
und, auf mich zutretend, fuhr er mich barsch an:

»Euern Degen, junger Herr! Ihr seid mein Gefangener.« -- Gleichzeitig
näherten sich zwei Schweizer, die im Schatten gestanden hatten. Ich
trat einen Schritt zurück.

»Wer gibt Euch ein Recht an mich, Herr Hauptmann?« -- rief ich aus.
»Ich bin der Schreiber des Admirals.«

Ohne mich einer Antwort zu würdigen, griff er mit eigner Hand nach
meinem Degen und bemächtigte sich desselben. Die Überraschung hatte
mich so außer Fassung gebracht, daß ich an keinen Widerstand dachte.

»Tut Eure Pflicht!« befahl Pfyffer. Die beiden Schweizer nahmen mich
in die Mitte, und ich folgte ihnen wehrlos, einen Blick grimmigen
Vorwurfs auf Boccard werfend. Ich konnte mir nichts anders denken, als
daß Pfyffer einen königlichen Befehl erhalten habe, mich wegen meines
Zweikampfes mit Guiche in Haft zu nehmen.

Zu meinem Erstaunen wurde ich nur wenige Schritte weit nach der mir
wohlbekannten Kammer Boccards geführt. Der eine Schweizer zog einen
Schlüssel hervor und versuchte zu öffnen, aber vergeblich. Es schien
ihm in der Eile ein unrechter übergeben worden zu sein, und er sandte
seinen Kameraden zurück, um von Boccard, der bei Pfyffer geblieben war,
den rechten zu fordern.

In dieser kurzen Frist vernahm ich lauschend die rauhe, scheltende
Stimme des Hauptmanns: »Euer freches Stücklein kann mich meine Stelle
kosten! In dieser Teufelsnacht wird uns hoffentlich keiner zur Rede
stellen, doch wie bringen wir morgen den Ketzer aus dem Louvre fort?
Die Heiligen mögen mir's verzeihn, daß ich einem Hugenotten das Leben
rette -- aber einen Landsmann und Bürger von Bern dürfen wir von diesen
verfluchten Franzosen auch nicht abschlachten lassen -- da habt Ihr
wiederum Recht, Boccard ...«

Jetzt ging die Türe auf, ich stand in dem dunklen Gelaß, der Schlüssel
wurde hinter mir gedreht und ein schwerer Riegel vorgeschoben.

Ich durchmaß das mir von manchem Besuche her wohlbekannte Gemach, in
quälenden Gedanken auf und nieder schreitend, während sich das mit
Eisenstäben vergitterte, hochgelegene Fenster allmählich erhellte,
denn der Mond ging auf. Der einzige wahrscheinliche Grund meiner
Verhaftung, ich mochte die Sache wenden, wie ich wollte, war und blieb
der Zweikampf. Unerklärlich waren mir freilich Pfyffers unmutige letzte
Worte; aber ich konnte dieselben mißhört haben, oder der tapfere
Hauptmann war etwas bezecht. Noch unbegreiflicher, ja haarsträubend
erschien mir das Benehmen Boccards, dem ich nie und nimmer einen so
schmählichen Verrat zugetraut hätte.

Je länger ich die Sache übersann, in desto beunruhigendere Zweifel und
unlösbarere Widersprüche verstrickte ich mich.

Sollte wirklich ein blutiger Plan gegen die Hugenotten bestehn? War
das denkbar? Konnte der König, wenn er nicht von Sinnen war, in die
Vernichtung einer Partei willigen, deren Untergang ihn zum willenlosen
Sklaven seiner ehrgeizigen Vettern von Lothringen machen mußte?

Oder war ein neuer Anschlag auf die Person des Admirals geschmiedet,
und wollte man einen seiner treuen Diener von ihm entfernen? Aber ich
erschien mir zu unbedeutend, als daß man zuerst an mich gedacht hätte.
Der König hatte heftig gezürnt über die Verwundung des Admirals. Konnte
ein Mensch, ohne dem Wahnsinne verfallen zu sein, von warmer Neigung
zu stumpfer Gleichgültigkeit oder wildem Hasse in der Frist weniger
Stunden übergehn?

Während ich so meinen Kopf zerarbeitete, schrie mein Herz, daß mein
Weib mich zu dieser Stunde erwarte, die Minuten zähle, und ich hier
gefangen sei, ohne ihr Nachricht geben zu können.

Noch immer schritt ich auf und nieder, als die Turmuhr des Louvre
schlug; ich zählte zwölf Schläge. Es war Mitternacht. Da kam mir der
Gedanke, einen Stuhl an das hohe Fenster zu rücken, in die Nische zu
steigen, es zu öffnen und, an die Eisenstäbe mich anklammernd, in die
Nacht auszuschauen. Das Fenster blickte auf die Seine. Alles war still.
Schon wollte ich wieder ins Gemach herunterspringen, als ich meinen
Blick noch über mich richtete und vor Entsetzen erstarrte.

Rechts von mir, auf einem Balkon des ersten Stockwerks, so nahe,
daß ich sie fast mit der Hand erreichen konnte, erblickte ich, vom
Mondlicht taghell erleuchtet, drei über das Geländer vorgebeugte,
lautlos lauschende Gestalten. Mir zunächst der König mit einem Antlitz,
dessen nicht unedle Züge die Angst, die Wut, der Wahnsinn zu einem
Höllenausdruck verzerrten. Kein Fiebertraum kann schrecklicher sein als
diese Wirklichkeit. Jetzt, da ich das längst Vergangene niederschreibe,
sehe ich den Unseligen wieder mit den Augen des Geistes -- und ich
schaudere. Neben ihm lehnte sein Bruder, der Herzog von Anjou, mit
dem schlaffen, weibisch grausamen Gesichtchen, und schlotterte vor
Furcht. Hinter ihnen, bleich und regungslos, die Gefaßteste von Allen,
stand Katharina die Medicäerin mit halbgeschlossenen Augen und fast
gleichgültiger Miene.

Jetzt machte der König, wie von Gewissensangst gepeinigt, eine
krampfhafte Geberde, als wollte er einen gegebenen Befehl zurücknehmen,
und in demselben Augenblicke knallte ein Büchsenschuß, mir schien im
Hofe des Louvre.

»Endlich!« flüsterte die Königin erleichtert, und die drei
Nachtgestalten verschwanden von der Zinne.

Eine nahe Glocke begann Sturm zu läuten, eine zweite, eine dritte
heulte mit; greller Fackelschein glomm auf wie eine Feuersbrunst,
Schüsse knatterten, und meine gespannte Einbildungskraft glaubte
Sterbeseufzer zu vernehmen.

Der Admiral lag ermordet, daran konnte ich nicht mehr zweifeln. Aber
was bedeuteten die Sturmglocken, die erst vereinzelt, dann immer
häufiger fallenden Schüsse, die Mordrufe, die jetzt von fern an mein
lauschendes Ohr drangen? Geschah das Unerhörte? Wurden alle Hugenotten
in Paris gemeuchelt?

Und Gasparde, meine mir vom Admiral anvertraute Gasparde, war mit dem
wehrlosen Alten diesen Schrecken preisgegeben! Das Haar stand mir zu
Berge, das Blut gerann mir in den Adern. Ich rüttelte an der Türe aus
allen Kräften, die eisernen Schlösser und das schwere Eichenholz wichen
nicht. Ich suchte tastend nach einer Waffe, nach einem Werkzeuge, um
sie zu sprengen, und fand keines. Ich schlug mit den Fäusten, stieß mit
den Füßen gegen die Türe und schrie nach Befreiung -- draußen im Gange
blieb es totenstill.

Wieder schwang ich mich auf in die Fensternische und rüttelte wie ein
Verzweifelter an dem Eisengitter, es war nicht zu erschüttern.

Ein Fieberfrost ergriff mich und meine Zähne schlugen auf einander.
Dem Wahnsinne nahe warf ich mich auf Boccards Lager und wälzte mich in
tötlicher Bangigkeit. Endlich, als der Morgen zu grauen begann, verfiel
ich in einen Zustand zwischen Wachen und Schlummern, der sich nicht
beschreiben läßt. Ich meinte mich noch an die Eisenstäbe zu klammern
und hinaus zu blicken auf die rastlos flutende Seine. Da plötzlich
erhob sich aus ihren Wellen ein halbnacktes, vom Mondlichte beglänztes
Weib, eine Flußgöttin, auf ihre sprudelnde Urne gestützt, wie sie in
Fontainebleau an den Wasserkünsten sitzen, und begann zu sprechen. Aber
ihre Worte richteten sich nicht an mich, sondern an eine Steinfrau,
die dicht neben mir die Zinne trug, auf welcher die drei fürstlichen
Verschwörer gestanden.

»Schwester,« frug sie aus dem Flusse, »weißt vielleicht du, warum sie
sich morden? Sie werfen mir Leichnam auf Leichnam in mein strömendes
Bett, und ich bin schmierig von Blut. Pfui, pfui! Machen vielleicht die
Bettler, die ich abends ihre Lumpen in meinem Wasser waschen sehe, den
Reichen den Garaus?«

»Nein,« raunte das steinerne Weib, »sie morden sich, weil sie
nicht einig sind über den richtigen Weg zur Seligkeit.« -- Und ihr
kaltes Antlitz verzog sich zum Hohn, als belache sie eine ungeheure
Dummheit ...

In diesem Augenblicke knarrte die Türe, ich fuhr auf aus meinem
Halbschlummer und erblickte Boccard, blaß und ernst, wie ich ihn noch
nie gesehen hatte, und hinter ihm zwei seiner Leute, von welchen einer
einen Laib Brot und eine Kanne Wein trug.

»Um Gotteswillen, Boccard,« rief ich und stürzte ihm entgegen, »was ist
heute Nacht vorgegangen? ... Sprich!«

Er ergriff meine Hand und wollte sich zu mir auf das Lager setzen. Ich
sträubte mich und beschwor ihn zu reden.

»Beruhige dich!« sagte er. »Es war eine schlimme Nacht. Wir Schweizer
können nichts dafür, der König hat es befohlen.«

»Der Admiral ist tot?« frug ich, ihn starr ansehend.

Er bejahte mit einer Bewegung des Hauptes.

»Und die andern hugenottischen Führer?«

»Tot. Wenn nicht der eine oder andere, wie der Navarrese, durch
besondere Gunst des Königs verschont blieb.«

»Ist das Blutbad beendigt?«

»Nein, noch wütet es fort in den Straßen von Paris. Kein Hugenott darf
am Leben bleiben.«

Jetzt zuckte mir der Gedanke an Gasparde wie ein glühender Blitz durchs
Gehirn, und alles andere verschwand im Dunkel.

»Laß mich!« schrie ich. »Mein Weib! mein armes Weib!«

Boccard sah mich erstaunt und fragend an. »Dein Weib? Bist du
verheiratet?«

»Gib Raum, Unseliger!« rief ich und warf mich auf ihn, der mir den
Ausweg vertrat. Wir rangen miteinander, und ich hätte ihn übermannt,
wenn nicht einer seiner Schweizer ihm zu Hilfe gekommen wäre, indeß der
andere die Türe bewachte.

Ich wurde auf das Knie gedrückt.

»Boccard!« stöhnte ich. »Im Namen des barmherzigen Gottes -- bei Allem,
was dir teuer ist -- bei dem Haupte deines Vaters -- bei der Seligkeit
deiner Mutter -- erbarm' dich meiner und laß mich frei! Ich sage dir,
Mensch, daß mein Weib da draußen ist -- daß sie vielleicht in diesem
Augenblicke gemordet -- daß sie vielleicht in diesem Augenblicke
mißhandelt wird! Oh, oh!« -- und ich schlug mit geballter Faust gegen
die Stirn.

Boccard erwiderte begütigend, wie man mit einem Kranken spricht: »Du
bist von Sinnen, armer Freund! Du könntest nicht fünf Schritte ins
Freie tun, bevor dich eine Kugel niederstreckte! Jedermann kennt dich
als den Schreiber des Admirals. Nimm Vernunft an! Was du verlangst, ist
unmöglich.« --

Jetzt begann ich, auf den Knieen liegend, zu schluchzen wie ein Kind.

Noch einmal, halb bewußtlos wie ein Ertrinkender, erhob ich das Auge
nach Rettung, während Boccard schweigend die im Ringen zerrissene
Seidenschnur wieder zusammenknüpfte, an der die Silbermünze mit dem
Bildnis der Madonna tief niederhing.

»Im Namen der Muttergottes von Einsiedeln!« -- flehte ich mit
gefalteten Händen.

Jetzt stand Boccard wie gebannt, die Augen nach oben gewendet und etwas
murmelnd wie ein Gebet. Dann berührte er das Medaillon mit den Lippen
und schob es sorgfältig wieder in sein Wams.

Noch schwiegen wir Beide, da trat, eine Depesche emporhaltend, ein
junger Fähndrich ein.

»Im Namen des Königs und auf Befehl des Hauptmanns,« sagte er, »nehmt
zwei Eurer Leute, Herr Boccard, und überbringt eigenhändig diese Ordre
dem Kommandanten der Bastille.« -- Der Fähndrich trat ab.

Jetzt eilte Boccard, nach einem Augenblicke des Besinnens, das
Schreiben in der Hand, auf mich zu:

»Tausche schnell die Kleider mit Cattani hier!« flüsterte er. »Ich will
es wagen. Wo wohnt sie?«

»Isle St. Louis.«

»Gut. Labe dich noch mit einem Trunke, du hast Kraft nötig.«

Nachdem ich eilig meiner Kleider mich entledigt, warf ich mich in die
Tracht eines königlichen Schweizers, gürtete das Schwert um, ergriff
die Hallebarde, und Boccard, ich und der zweite Schweizer, wir stürzten
ins Freie.

[Illustration]


Neuntes Kapitel.

Schon im Hofe des Louvre bot sich meinen Augen ein schrecklicher
Anblick. Die Hugenotten vom Gefolge des Königs von Navarra lagen hier,
frisch getötet, manche noch röchelnd, in Haufen übereinander. Längs der
Seine weiter eilend begegneten wir auf jedem Schritte einem Gräuel.
Hier lag ein armer Alter mit gespaltetem Schädel in seinem Blute,
dort sträubte sich ein totenblasses Weib in den Armen eines rohen
Lanzenknechts. Eine Gasse lag still wie das Grab, aus einer andern
erschollen noch Hilferufe und mißtönige Sterbeseufzer.

Ich aber, unempfindlich für diese unfaßbare Größe des Elends, stürmte
wie ein Verzweifelter vorwärts, so daß mir Boccard und der Schweizer
kaum zu folgen vermochten. Endlich war die Brücke erreicht und
überschritten. Ich stürzte in vollem Laufe nach dem Hause des Rats,
die Augen unverwandt auf seine hochgelegenen Fenster geheftet. An
einem derselben wurden ringende Arme sichtbar, eine menschliche
Gestalt mit weißen Haaren ward hinausgedrängt. Der Unglückliche, es war
Chatillon, klammerte sich einen Augenblick noch mit schwachen Händen an
das Gesims, dann ließ er es los und stürzte auf das Pflaster. An dem
Zerschmetterten vorüber erklomm ich in wenigen Sprüngen die Treppe und
stürzte in das Gemach. Es war mit Bewaffneten gefüllt, und ein wilder
Lärm erscholl aus der offenen Türe des Bibliothekzimmers. Ich bahnte
mir mit meiner Hallebarde den Weg und erblickte Gasparde, in eine Ecke
gedrängt und von einer gierigen, brüllenden Meute umstellt, die sie,
mein Pistol in der Hand und bald auf diesen, bald auf jenen zielend,
von sich abhielt. Sie war farblos wie ein Wachsbild, und aus ihren weit
geöffneten blauen Augen sprühte ein schreckliches Feuer.

Alles vor mir niederwerfend, mit einem einzigen Anlaufe, war ich an
ihrer Seite und »Gott sei Dank, du bist es!« rief sie noch und sank mir
dann bewußtlos in die Arme.

Unterdessen war Boccard mit dem Schweizer nachgedrungen. »Leute!«
drohte er, »im Namen des Königs verbiete ich euch, diese Dame nur mit
einem Finger zu berühren! Zurück, wem sein Leben lieb ist! Ich habe
Befehl, sie ins Louvre zu bringen!«

Er war neben mich getreten, und ich hatte die ohnmächtige Gasparde in
den Lehnstuhl des Rats gelegt.

Da sprang aus dem Getümmel ein scheußlicher Mensch mit blutigen
Händen und blutbeflecktem Gesichte hervor, in dem ich den vervehmten
Lignerolles erkannte.

»Lug und Trug!« schrie er, »das, Schweizer? -- Verkappte Hugenotten
sind's und von der schlimmsten Sorte! Dieser hier -- ich kenne dich
wohl, vierschrötiger Halunke -- hat den frommen Grafen Guiche gemordet,
und jener war dabei. Schlagt tot! Es ist ein verdienstliches Werk,
diese schurkischen Ketzer zu vertilgen! Aber rührt mir das Mädel nicht
an -- die ist mein!« --

Und der Verwilderte warf sich wütend auf mich.

»Bösewicht,« rief Boccard, »dein Stündlein ist gekommen! Stoß zu,
Schadau!« Rasch drängte er mit geschickter Parade die ruchlose Klinge
in die Höhe, und ich stieß dem Buben mein Schwert bis an das Heft in
die Brust. Er stürzte.

Ein rasendes Geheul erhob sich aus der Rotte.

»Weg von hier!« winkte mir der Freund. »Nimm dein Weib auf den Arm und
folge mir!«

Jetzt griffen Boccard und der Schweizer mit Hieb und Stoß das Gesindel
an, das uns von der Türe trennte, und brachen eine Gasse, durch die
ich, Gasparde tragend, schleunig nachschritt.

Wir gelangten glücklich die Treppen hinunter und betraten die Straße.
Hier hatten wir vielleicht zehn Schritte getan, da fiel ein Schuß aus
einem Fenster. Boccard schwankte, griff mit unsicherer Hand nach dem
Medaillon, riß es hervor, drückte es an die erblassenden Lippen und
sank nieder.

Er war durch die Schläfe getroffen. Der erste Blick überzeugte mich,
daß ich ihn verloren hatte, der zweite, nach dem Fenster gerichtete,
daß ihn der Tod aus meinem Reiterpistol getroffen, welches Gaspardes
Hand entfallen war und das jetzt der Mörder frohlockend emporhielt. Die
scheußliche Horde an den Fersen, riß ich mich mit blutendem Herzen von
dem Freunde los, bei dem sein treuer Soldat niederkniete, bog um die
nahe Ecke in das Seitengäßchen, wo meine Wohnung gelegen war, erreichte
sie unbemerkt und eilte durch das abgestorbene Haus mit Gasparde hinauf
in meine Kammer.

Auf dem Flur des ersten Stockwerkes schritt ich durch breite
Blutlachen. Der Schneider lag ermordet, sein Weib und seine vier
Kinder, am Herd in ein Häuflein zusammengesunken, schliefen den
Todesschlummer. Selbst der kleine Pudel, des Hauses Liebling, lag
verendet bei ihnen. Blutgeruch erfüllte das Haus. Die letzte Treppe
ersteigend, sah ich mein Zimmer offen, die halbzerschmetterte Türe
schlug der Wind auf und zu.

Hier hatten die Mörder, da sie mein Lager leer fanden, nicht lange
geweilt, das ärmliche Aussehen meiner Kammer versprach ihnen keine
Beute. Meine wenigen Bücher lagen zerrissen auf dem Boden zerstreut,
in eines derselben hatte ich, als mich Boccard überraschte, den Brief
meines Ohms geborgen, er war herausgefallen und ich steckte ihn zu mir.
Meine kleine Barschaft trug ich noch von der Reise her in einem Gurt
auf dem Leibe.

Ich hatte Gasparde auf mein Lager gebettet, wo die Bleiche zu
schlummern schien, und stand neben ihr, überlegend, was zu tun sei. Sie
war unscheinbar wie eine Dienerin gekleidet, wohl in der Absicht, mit
ihrem Pflegevater zu fliehen. Ich trug die Tracht der Schweizergarde.

Ein wilder Schmerz bemächtigte sich meiner über all das frevelhaft
vergossene teure und unschuldige Blut. »Fort aus dieser Hölle!« sprach
ich halblaut vor mich hin.

»Ja, fort aus dieser Hölle!« wiederholte Gasparde, die Augen öffnend
und sich auf dem Lager in die Höhe richtend. »Hier ist unsres Bleibens
nicht! Zum ersten, nächsten Tore hinaus!«

»Bleibe noch ruhig!« erwiderte ich. »Unterdessen wird es Abend und die
Dämmerung erleichtert uns vielleicht das Entrinnen.«

»Nein, nein,« versetzte sie bestimmt, »keinen Augenblick länger bleibe
ich in diesem Pfuhl! Was liegt am Leben, wenn wir zusammen sterben!
Laß uns geradenwegs auf das nächste Tor zugehn. Werden wir überfallen
und wollen sie mich mißhandeln, so erstichst du mich, und erschlägst
ihrer zwei oder drei, so sterben wir nicht ungerächt. -- Versprich mir
das!«

Nach einigem Überlegen willigte ich ein, da es auch mir besser schien,
um jeden Preis der Not ein Ende zu machen. Konnte doch der Mord morgen
von neuem beginnen, waren doch die Tore nachts strenger bewacht als am
Tage.

Wir machten uns auf den Weg, durch die blutgetränkten Gassen langsam
neben einander wandelnd unter einem wolkenlosen, dunkelblauen
Augusthimmel.

Unangefochten erreichten wir das Tor.

Im Torwege vor dem Pförtchen der Wachtstube stand mit verschränkten
Armen ein lothringischer Kriegsmann mit der Feldbinde der Guisen, der
uns mit stechendem Blicke musterte.

»Zwei wunderliche Vögel!« lachte er. »Wo hinaus, Herr Schweizer, mit
Euerm Schwesterchen?«

Das Schwert lockernd schritt ich näher, entschlossen ihm die Brust zu
durchbohren; denn ich war des Lebens und der Lüge müde.

»Bei den Hörnern des Satans! Seid Ihr es, Herr Schadau?« sagte der
lothringische Hauptmann, bei dem letzten Worte seine Stimme dämpfend.
»Tretet ein, hier stört uns niemand.«

Ich blickte ihm ins Gesicht und suchte mich zu erinnern. Mein
ehemaliger böhmischer Fechtmeister tauchte mir auf.

»Ja freilich bin ich es,« fuhr er fort, da er meinen Gedanken mir im
Auge las, »und bin's, wie mir dünkt, zur gelegenen Stunde.«

Mit diesen Worten zog er mich in die Stube, und Gasparde folgte.

In dem dumpfigen Raume lagen auf einer Bank zwei betrunkene
Kriegsknechte, Würfel und Becher neben ihnen am Boden.

»Auf, ihr Hunde!« fuhr sie der Hauptmann an. Der eine erhob sich
mühsam. Er packte ihn am Arme und stieß ihn vor die Türe mit den
Worten: »Auf die Wache, Schuft! Du bürgst mir mit deinem Leben, daß
niemand passiert!« -- Den andern, der nur einen grunzenden Ton von sich
gegeben hatte, warf er von der Bank und stieß ihn mit dem Fuße unter
dieselbe, wo er ruhig fortschnarchte.

»Jetzt belieben die Herrschaften Platz zu nehmen!« und er zeigte mit
einer kavaliermäßigen Handbewegung auf den schmutzigen Sitz.

Wir ließen uns nieder, er rückte einen zerbrochenen Stuhl herbei,
setzte sich rittlings darauf, den Ellbogen auf die Lehne stützend, und
begann in familiärem Tone:

»Nun laßt uns plaudern! Euer Fall ist mir klar, Ihr braucht ihn
mir nicht zu erläutern. Ihr wünscht einen Paß nach der Schweiz,
nicht wahr? -- Ich rechne es mir zur Ehre, Euch einen Gegendienst zu
leisten für die Gefälligkeit, mit der Ihr mir seinerzeit das schöne
württembergische Siegel gezeigt habt, weil Ihr wußtet, ich sei ein
Kenner. Eine Hand wäscht die andere. Siegel gegen Siegel. Diesmal kann
ich Euch mit einem aushelfen.«

Er kramte in seiner Brusttasche und zog mehrere Papiere heraus.

»Seht, als ein vorsichtiger Mann ließ ich mir für alle Fälle von meinem
gnädigen Herzog Heinrich für mich und meine Leute, die wir gestern
Nacht dem Admiral unsre Aufwartung machten,« diese Worte begleitete
er mit einer Mordgeberde, vor der mir schauderte, »die nötigen
Reisepapiere geben. Der Streich konnte fehlen. Nun, die Heiligen haben
sich dieser guten Stadt Paris angenommen! -- Einer der Pässe -- hier
ist er -- lautet auf einen beurlaubten königlichen Schweizer, den
Fourier Koch. Steckt ihn zu Euch! er gewährt Euch freie Straße durch
Lothringen an die Schweizer Grenze. Das wäre nun in Ordnung. -- Was
das Fortkommen mit Euerm Schätzchen betrifft, zu dem ich Euch, ohne
Schmeichelei, Glück wünsche,« hier verneigte er sich gegen Gasparde,
»so wird die schöne Dame schwerlich gut zu Fuße sein. Da kann ich Euch
denn zwei Gäule abtreten, einen sogar mit Damensattel -- denn auch ich
bin nicht ungeliebt und pflege selbander zu reiten. Ihr gebt mir dafür
vierzig Goldgulden, bar, wenn Ihr es bei Euch habt, sonst genügt mir
Euer Ehrenwort. Sie sind etwas abgejagt, denn wir wurden Hals über Kopf
nach Paris aufgeboten; aber bis an die Grenze werden sie noch dauern.«
Und er rief durch das Fensterchen einem Stalljungen, der am Tore
herumlungerte, den Befehl zu, schleunig zu satteln.

Während ich ihm das Geld, fast mein ganzes Besitztum, auf die Bank
vorzählte, sagte der Böhme:

»Ich habe mit Vergnügen vernommen, daß Ihr Euerm Fechtmeister Ehre
gemacht habt. Freund Lignerolles hat mir alles erzählt. Er wußte Euern
Namen nicht, aber ich erkannte Euch gleich aus seiner Beschreibung.
Ihr habt den Guiche erstochen! Alle Wetter, das will etwas heißen. Ich
hätte Euch das nie zugetraut. Freilich meinte Lignerolles, Ihr hättet
euch die Brust etwas gepanzert. Das sieht Euch nicht gleich, doch
zuletzt hilft sich jeder, wie er kann.«

Während dieses grausigen Geplauders saß Gasparde stumm und bleich.
Jetzt wurden die Tiere vorgeführt, der Böhme half ihr, die unter seiner
Berührung zusammenschrak, kunstgerecht in den Sattel, ich schwang mich
auf das andere Roß, der Hauptmann grüßte, und wir sprengten durch den
hallenden Torweg und über die donnernde Brücke gerettet von dannen.

[Illustration]


Zehntes Kapitel.

Zwei Wochen später, an einem frischen Herbstmorgen ritt ich mit
meinem jungen Weibe die letzte Höhe des Gebirgszuges hinan, der die
Freigrafschaft von dem neuenburgischen Gebiete trennt. Der Grat war
erklommen, wir ließen unsre Pferde grasen und setzten uns auf ein
Felsstück.

Eine weite, friedliche Landschaft lag in der Morgensonne vor uns
ausgebreitet. Zu unsern Füßen leuchteten die Seen von Neuenburg, Murten
und Biel; weiterhin dehnte sich das frischgrüne Hochland von Fryburg
mit seinen schönen Hügellinien und dunkeln Waldsäumen; die eben sich
entschleiernden Hochgebirge bildeten den lichten Hintergrund.

»Dies schöne Land also ist deine Heimat und endlich evangelischer
Boden?« fragte Gasparde.

Ich zeigte ihr links das in der Sonne blitzende Türmchen des Schlosses
Chaumont.

»Dort wohnt mein guter Ohm. Noch ein paar Stunden, und er heißt dich
als sein geliebtes Kind willkommen! -- Hier unten an den Seen ist
evangelisches Land, aber dort drüben, wo du die Turmspitzen von
Fryburg erkennen kannst, beginnt das katholische.« --

Als ich Fryburg nannte, verfiel Gasparde in Gedanken. »Boccards
Heimat!« sagte sie dann. »Erinnerst du dich noch, wie froh er an jenem
Abende war, als wir uns zum ersten Male bei Melun begegneten! Nun
erwartet ihn sein Vater vergebens, -- und für mich ist er gestorben.«

Schwere Tropfen sanken von ihren Wimpern.

Ich antwortete nicht, aber blitzschnell zog an meiner Seele die
Geschichte der verhängnisvollen Verkettung meines Loses mit dem
meines heitern Landsmannes vorüber, und meine Gedanken verklagten und
entschuldigten sich unter einander.

Unwillkürlich griff ich an meine Brust auf die Stelle, wo Boccards
Medaille mir den Todesstoß aufgehalten hatte.

Es knisterte in meinem Wams wie Papier; ich zog den vergessenen, noch
ungelesenen Brief meines Ohms heraus und erbrach das unförmliche
Siegel. Was ich las, versetzte mich in schmerzliches Erstaunen. Die
Zeilen lauteten:


        »Lieber Hans!

    Wenn du dieses liesest, bin ich aus dem Leben oder vielmehr bin
    ich in das Leben gegangen.

    Seit einigen Tagen fühle ich mich sehr schwach, ohne gerade
    krank zu sein. In der Stille leg' ich ab Pilgerschuh' und
    Wanderstab. Dieweil ich noch die Feder führen kann, will
    ich Dir selbst meine Heimfahrt melden und den Brief an dich
    eigenhändig überschreiben, damit eine fremde Handschrift Dich
    nicht betrübe. -- Bin ich hinüber, so hat der alte Jochem den
    Auftrag, ein Kreuz zu meinem Namen zu setzen und den Brief
    zu siegeln. Rot, nicht schwarz. Ziehe auch kein Trauergewand
    um mich an, denn ich bin in der Freude. Ich lasse Dir mein
    irdisches Gut, vergiß Du das himmlische nicht.

            Dein treuer Ohm _Renat_.«

Daneben war mit ungeschickter Hand ein großes Kreuz gemalt. Ich kehrte
mich ab und ließ meinen Tränen ihren Lauf. Dann erhob ich das Haupt
und wandte mich zu Gasparde, die mit gefalteten Händen an meiner Seite
stand, um sie in das verödete Haus meiner Jugend einzuführen.

[Illustration]

[Illustration]



[Illustration]

Ernst v. Wildenbruch:

Archambauld.

[Illustration]


Ernst von Wildenbruch wurde als Sohn des preußischen Konsuls von
Wildenbruch am 3. Februar 1845 in Beiruth in Syrien geboren, und
unter dem tiefblauen Himmel des Orients ist ihm die Kindheit
dahingegangen, zuletzt am Goldenen Horn, als sein Vater zum Gesandten
in Konstantinopel aufgerückt war. Später studierte Wildenbruch in
Deutschland die Rechte, eine Tätigkeit, die durch die Feldzüge von 1866
und 1870 unterbrochen wurde. Als tapferer Offizier hat er an ihnen
teilgenommen und die erfahrenen Eindrücke in seinen ersten gedruckten
Arbeiten niedergelegt: den Heldenliedern »Vionville« und »Sedan«. Früh
aber hatte der Referendar von Wildenbruch auf seinem kleinen Zimmer
zu Frankfurt an der Oder Manuskripte anderer Art im Schubfach liegen,
alles Verse, die niemand druckte, vor allem niemand sprach. Und sie
sollten doch in die Menge klingen, denn es waren fünffüßige Jamben,
Drama auf Drama.

Dann kam dem mehr als dreißig Jahre alten der erste Erfolg mit dem
Trauerspiel »Die Karolinger«; er blieb ihm treu viele Jahre lang,
ebbte dann ein wenig und lebte mit voller Gewalt wieder auf mit dem
großen Doppeldrama »Heinrich und Heinrichs Geschlecht«. Keines dieser
vielen Stücke steht in einer Linie mit dem besten, was Kleist oder
Hebbel schufen. Aber sie sind alle erfüllt von dem Pulsschlag eines
echten Theaterbluts, sie glänzen oft im schillernden Gewande einer
hinreißenden Pathetik und haben (so im »Christoph Marlow«) Untertöne
eines tief lyrischen Empfindens. Mir scheint, Wildenbruch ist für das
Drama hohen Stils das gleiche, wie Anzengruber für das bürgerliche
Drama.

Und ebenso wie Anzengruber die volle Meisterschaft, die ihn zu den
ersten gesellt, im Roman, in der Prosadichtung erreichte, so fand
Wildenbruch sein Höchstes in der Novelle. Die »Franceska von Rimini«
hat in dem Sturmgang ihrer Leidenschaft schlechthin kein Seitenstück in
der deutschen Dichtung. Und viele andere Arbeiten stehn ihr nahe, wenn
sie sie schon nicht erreichen. »Neid«, »Vizemama«, »Kindertränen« will
ich nennen. Was diese drei Werke besonders verbindet, ist die heiße
Liebe zum Kinde, das innige Erfassen seiner Art und oft auch seiner
Tragik, das Wildenbruch eine ganz besondere Stellung in der Literatur
der Gegenwart gibt. Auch die kleine Erzählung »Archambauld« läßt diesen
Zug erkennen. Und indem sie vom Bosporus auf das Schlachtfeld von St.
Privat führt, ist sie zugleich gewissermaßen symbolisch für die Art
dieses deutschen Poeten, den ein seltsames Geschick unter Palmen zur
Welt kommen ließ. In Berlin ist er am 15. Januar 1909 -- uns viel zu
früh -- gestorben und seinem Wunsche gemäß in Weimar, nahe der Gruft
Schillers und Goethes, bestattet worden.

            _Heinrich Spiero._



[Illustration]

Archambauld.

Ein Blatt vom Lebensbaum.


Arnautköi (sprich Arnautkjö) -- wer von denen, die dieses lesen, kennt
den Ort? Denen, die ihn nicht kennen, darf man raten: seht ihn Euch an,
er verdient's.

An der breiten, prachtvollen Wasserstraße, die Marmara-Meer und
Schwarzes Meer verbindet, am Bosporus ist er gelegen, auf der
europäischen Seite, halbwegs zwischen dem Goldenen Horn, dem Hafen
Stambuls, in dem die Moscheen sich spiegeln, mit ihren Minarets, und
Terapia, wo die Botschafter der Großmächte ihre Sommer-Residenzen
hatten und auch heute noch haben. Das Ufer gegenüber ist die Küste
Asiens.

Die Küste Asiens -- das wollte den Söhnen des preußischen Gesandten,
der mit seiner Familie in Arnautköi wohnte, damals noch kleinen Buben,
anfänglich schwer in den Sinn: Asien -- das hatten sie von ihrem
Hauslehrer gelernt, war doch ein anderer Erdteil -- einem anderen
Erdteile muß man doch ansehn, daß es eben ein anderer ist -- und nun
sah dieses Asien eigentlich nicht ein bißchen anders aus, als das
Europa, darin sie wohnten.

Von ihrem Hauslehrer aber, der ein Erwecker junger Seelen war, wußten
sie nicht nur, daß das Land da drüben Asien hieß, sondern auch, was
dieses Asien einstmals für einen finsteren Schatten auf Europa geworfen
hatte: da erzählte er ihnen von dem großen Perser-Könige Darius, der
vor mehr als zweitausend Jahren gelebt hatte und mit einem Heere von
vielen hunderttausend Mann über den Bosporus gezogen war, um sich die
Völker von Europa zu unterwerfen.

Unweit Arnautköi, etwas mehr dem Schwarzen Meere zu, ist eine Stelle,
wo der Bosporus sich verengt. Alte Wachttürme, von irgend einem alten
Sultan erbaut, stehen dort. Rumili-Hissar heißt der Ort. Da führte er
sie auf Spaziergängen hin und erklärte ihnen, daß, wenn jemand eine
Brücke über ein Wasser schlägt, er danach ausschaut, wo das Wasser
am schmalsten ist, und daß also zweifelsohne hier die Stelle sei, wo
einstmals König Darius von Asien nach Europa herübergekommen war. Da
war es den Knaben, indem sie seinen Worten lauschten und auf das Meer
hinuntersahen, auf dem jetzt keine Brücke mehr lag, als würden die
uralten Dinge noch einmal lebendig, als hörten sie das Stampfen der
unzähligen Schritte, unter denen die Brücke sich bog, das Schnauben
der Rosse, das Rasseln von Wagen, und die Weltgeschichte stieg vor
ihnen auf wie eine ungeheuere, gespenstische Gestalt.

Eines Tages aber, als sie von solchem Spaziergang nach Haus kamen,
sollten sie erfahren, daß die Weltgeschichte kein Gespenst, sondern
etwas Lebendiges ist und mit den Menschen weiterlebt: an dem Tage
nämlich war zu ihrem Vater, dem preußischen Gesandten, ein Besuch
gekommen, ein russischer General, der hieß Menschikoff, zu dem sie in
das Zimmer geführt wurden, weil er ihnen die Hand geben wollte. Und als
er das Haus wieder verlassen hatte, nahm ihre Mutter sie bei Seite,
und das Gesicht ihrer Mutter, das sonst immer heiter war wie das einer
mutigen Frau, war voller Sorge, und sie sagte: »Es wird einen Krieg
geben, einen furchtbaren, zwischen den Russen und den Türken, die
Engländer werden kommen und die Franzosen, und mit den Türken gegen die
Russen kämpfen.« Und wie sie ihnen gesagt hatte, so geschah es, und
nun, Wochen und Wochen, Monate und Monate lang kamen die Kriegsschiffe
der Engländer und Franzosen, riesige Drei-Decker, denn eiserne Schiffe
gab's damals noch nicht, vom Marmara-Meere heran, um nach dem Schwarzen
Meer zu fahren. Und weil das Elternhaus der Knaben unmittelbar am Ufer
des Meeres lag, so zogen all' die mächtigen Fahrzeuge unmittelbar an
ihnen vorüber. Da standen sie dann und rissen die Augen auf, wenn sie
die Schiffe flimmern und leuchten sahen von den unzähligen Soldaten,
mit denen sie gefüllt waren, englischen Soldaten in roten Röcken,
französischen in blauen Röcken und roten Hosen, und wenn sie die
Soldaten auf den Schiffsborden sitzen sahen und in den Strickleitern
bis zu den Raaen der Maste hinauf. Und wenn sie sich erkundigten,
wohin diese Männer alle zogen, schlug der Lehrer ihnen den Atlas auf,
zeigte ihnen eine Halbinsel im Schwarzen Meere, die Krim, und auf der
Halbinsel eine große russische Festung, Sewastopol, und diese Festung
zu belagern und zu erstürmen, dahin zogen alle diese Männer.

Nun aber weiß jedermann, daß man zu einer Belagerung nicht nur
Menschen, sondern auch Kanonen und Werkzeuge aller Art braucht. Um
solches anzufertigen, wurden im Rücken der abziehenden Heere in
Konstantinopel und an den Ufern des Bosporus Werkstätten angelegt,
und eine solche Werkstätte der Franzosen befand sich ganz nah vom
Elternhause der Knaben, in dem neben Arnautköi gelegenen Orte
Kurú-Tschesme. An der Spitze dieser Werkstätte standen französische
Offiziere, Artilleristen und Ingenieure, und unter diesen befand sich
einer, der war ein Elsässer von Geburt. Diese Offiziere nun, höflich
und gesellig, wie Franzosen es sind, machten Besuch im Hause des
preußischen Gesandten, ihres Nachbarn, und waren liebenswürdige Leute
und immer freundlich zu den Knaben. Als man aber zu merken anfing, daß
die Russen Sewastopol nicht so leichten Kaufes herzugeben, vielmehr es
zu verteidigen gedachten auf Blut und Knochen, und daß der Krieg lange,
vielleicht sehr lange dauern würde, ließen sie, soweit sie verheiratet
waren, ihre Familien aus Frankreich nachkommen.

Verheiratet aber war von den Offizieren nur der eine, der elsässische
Ingenieur, und nach einiger Zeit kam also dessen Frau in Kurú-Tschesme
an und brachte ihren Jungen mit. Das war ihr und ihres Mannes einziges
Kind und hieß Archambauld.

Bald darauf erschien dann die Frau Ingenieur mit ihrem Jungen und
machte Besuch im Hause des Gesandten, und dabei lernten die Knaben
den Archambauld kennen, einen schönen, schlanken, dunkellockigen
Jungen mit großen braunen Augen, und erfuhren, daß er gerade so alt
war wie sie. Anfänglich aber waren sie beiderseits etwas verlegen,
denn der Archambauld sprach hauptsächlich französisch, und zwar auch
ein wenig deutsch, aber nicht sehr gut, die Knaben aber hauptsächlich
deutsch, und zwar auch ein wenig französisch, aber nicht sehr gut.
Darum beschränkten sie sich zunächst darauf, ihm ihre Spielsachen zu
zeigen, namentlich ihre Zinnsoldaten, von denen sie viele besaßen,
und als der Archambauld die sah, leuchteten ihm die Augen, denn
Spielsachen besaß er überhaupt nicht viele, hier aber in dem fernen,
fremden Lande natürlich fast gar keine. Dann spielten sie mit ihm,
indem sie ihre Zinnsoldaten aufbauten, in zwei feindlichen Parteien
einander gegenüber, und Papierkugeln drehten und auf beide Seiten des
Tisches traten, jeder hinter eine Partei, und die Gegenpartei mit
den Papierkugeln beschossen. Das machte ihnen allen dreien -- denn
der Knaben waren zwei, und mit Archambauld waren sie drei -- großes
Vergnügen, und wenn dem Archambauld ein guter Wurf gelungen war, daß
recht viel Zinnsoldaten umfielen, schrie er vor Vergnügen laut auf »~oh
comme ils sont~ -- ge--purzelt -- ~est ce qu'on dit comme cela~?«[1]
Alsdann lachten die beiden und sagten »~oui, oui, on dit comme
cela~.«[2]

Trotzdem, wie gesagt, kamen sie zu dem kleinen Franzosen in kein
rechtes Verhältnis, denn lieber und bequemer war es ihnen, mit ihren
deutschen Freunden zu verkehren, das waren die Söhne eines deutschen
Kaufmanns, die mit ihren Eltern in Bebék wohnten, dem Nachbarort von
Arnautköi, auf der anderen Seite von Kurú-Tschesme. Mit denen kamen sie
in jeder Woche mehrere Male zusammen, sei es, daß sie zu ihnen nach
Bebék gingen, oder daß diese sie in Arnautköi besuchten; und jedesmal,
wenn letzteres geschah, wurde hinausgezogen in den Garten, der hinter
dem Hause lag, und dann wurde alles Mögliche vorgenommen. Der Garten
nämlich war wunderschön, er stieg an den Uferhöhen in Terrassen empor;
diese Terrassen waren durch steinerne Treppen mit einander verbunden.
Da konnte man laufen und springen. Außerdem standen große Bäume in
dem Garten, da konnte man klettern. Am schönsten aber war er ganz
droben, wo er den Kamm der Höhe erreichte, da ging er in eine Art von
Wildnis über, eine Wildnis von Oleander- und Ginstergebüsch. Zwischen
den Büschen standen Kastanien und Pinien. Mit den Kastanien konnte
man sich Schlachten liefern; die Pinienäpfel konnte man am Feuer, das
man sich selbst mit knisterndem Ginster anzündete, rösten und die
wohlschmeckenden Kerne daraus hervorholen und essen. O ja, das war ein
Leben!

Nun aber geschah etwas Merkwürdige und Trauriges: der elsässische
Ingenieur, der Vater des Archambauld, ging eines Tages ganz plötzlich
mit Tode ab. Er war ein Mann in den kräftigsten Jahren, in voller
Gesundheit gewesen; niemand hatte etwas davon gehört, daß er krank
geworden sei -- also woher der plötzliche Tod? Seine Kameraden, die
französischen Offiziere, machten nachdenkliche Gesichter und sprachen
von der Sache mit einem Ausdruck, als wenn sie hätten sagen wollen,
»sprecht nicht zuviel davon«. Allmählich nämlich verbreitete es sich,
daß der Mann durch eigene Hand ums Leben gekommen war. Was ihn dazu
getrieben hatte, erfuhr man nicht, und hat es bis heute nicht erfahren.

Das war nun ein schwerer Schlag für seine Frau, die jetzt als Witwe
mit ihrem Jungen in dem fernen, fremden Lande saß, und ihr einziger
Trost im Unglück war es, daß sie die Frau des preußischen Gesandten in
der Nähe hatte, die sich ihrer annahm, wie eben nur eine gute, kluge,
starke Frau sich des bedrängten Mitmenschen annehmen kann.

»Denkt einmal,« sagte sie zu ihren Knaben, »wie traurig es dem armen
Archambauld geht. Nun werdet ihr recht gut und freundlich zu ihm
sein, so lange er noch hier ist, nicht wahr? -- Ich will heute zum
Besuch zu seiner Mutter gehn und ihr sollt mich begleiten. Möchtet
ihr ihm nicht eine kleine Freude machen und etwas schenken von euren
Spielsachen?« -- Darauf gingen sie in die Stube, wo ihre Zinnsoldaten
waren und nahmen jeder eine Schachtel davon, von den schönsten, und
steckten sie ein; dann, als sie mit ihrer Mutter nach Kurú-Tschesme
gekommen waren, wurde ihnen ganz feierlich zu Mut, denn weil erst
vor kurzem das Leichenbegängnis gewesen, war die Wohnung noch ganz
schwarz ausgeschlagen, und in dem dunklen Salon saß die Witwe,
schwarz angezogen, und neben ihr stand der Archambauld, auch schwarz
gekleidet, und sein hübsches Gesicht war blaß, so daß man die braunen
Augen ganz dunkel darin glänzen sah. Darauf gingen die Knaben auf
ihn zu, und weil sie in ihrer Verlegenheit nicht recht wußten, was
sie sagen sollten, griffen sie gleich in die Tasche und holten ihre
Schachteln mit den Zinnsoldaten hervor, reichten sie ihm hin und
sagten: »Du armer Archambauld, da haben wir dir etwas mitgebracht.«

Und als der Archambauld den Deckel von den Schachteln genommen hatte
und die schönen Zinnsoldaten darin erblickte, die ihm damals so sehr
gefallen hatten, ging ein heller Schein über sein bekümmertes Gesicht,
er lief zu seiner Mutter und zeigte ihr seine Schätze und sagte ganz
selig »~oh Maman -- ils m'en ont fait cadeau~!«[3]

Dann kam er schüchtern, aber mit strahlenden Augen zu den Knaben und
streckte ihnen die Hand hin und sagte »o das -- sein schön -- das sein
sehr schön -- ~oh merci! merci bien~!«[4] Und indem er so sprach,
wurden ihm die Augen feucht, und plötzlich liefen ihm die dicken Tränen
an den Wangen herab, und dann warf er sich den beiden an die Brust,
erst dem einen, dann dem anderen, und umarmte sie und küßte sie und
sagte schluchzend »~ah que Vouz êtes bon! ah comme je Vous aime! ah
comme je Vous aime~!«[5]

Den Knaben aber, die so etwas gar nicht gewöhnt waren, denn mit ihren
deutschen Freunden gaben sie sich die Hand, aber sie küßten sich
mit ihnen nicht, machte es einen ganz wunderbaren Eindruck, als der
schöne, dunkellockige Junge, der so ganz anders aussah als jene, sie so
leidenschaftlich und zärtlich in die Arme schloß und küßte, und als sie
ihn so weinen sahen, wurden sie auch gerührt und fingen auch zu weinen
an.

Inzwischen hatte dann die Witwe mit der Mutter der Knaben gesprochen
und ihr erzählt, daß sie nun mit ihrem Jungen nach Frankreich
zurückkehren würde, aber das würde noch Wochen dauern, denn zunächst
müßte sie ihren Hausstand wieder auflösen, den sie vor kurzem erst
eingerichtet hatte; sodann wollte sie, weil sie arm und die Reise ihr
zu teuer war, das Depeschenbot der französischen Regierung erwarten,
das alle sechs bis acht Wochen von Frankreich nach der Krim und von da
wieder nach Frankreich zurückfuhr, weil sie auf dem freie Fahrt haben
würde. Bis das aber das nächste Mal von Sewastopol wieder herunterkam,
würde es noch lange dauern, weil das letzte erst ganz vor kurzem nach
Frankreich gegangen war.

»Also nicht wahr,« sagte darauf die Gesandtin zu ihren Knaben, »so
lange der Archambauld noch hier ist, wird er nun, so oft er kann, zu
euch kommen und mit euch im Garten spielen? Und wenn ihr mit dem Ernst
und dem Ferdinand spielt -- so hießen nämlich ihre kleinen deutschen
Freunde aus Bebék -- wird der Archambauld auch immer dabei sein?«

Und weil der Archambauld zwar nicht sehr gut deutsch sprach, es aber
ganz gut verstand, so hatte er verstanden, was die Mutter zu ihren
Knaben sagte, und sah diese mit erwartungsvollen Augen darauf an, was
sie erwidern würden. Die beiden aber, als sie seinen Blick gewahrten,
der so ängstlich an ihnen hing, wurden wieder so gerührt davon, daß sie
beide gleichzeitig mit ausgestreckter Hand auf ihn zugingen und »du
armer Archambauld« sagten. »Komm du nur so oft du kommen willst.« Da
fuhr der Archambauld trotz all' seines Kummers wie ein Bolzen empor,
der von einer Spiralfeder geschleudert wird, und klatschte vor Wonne
in die Hände und lief zu seiner Mutter und küßte sie ins Gesicht, und
dann zu der Mutter der Knaben, und küßte ihr die Hände, »~oh merci
madame, oh bien merci, madame~!«[6], und dann kam er zu den Knaben,
sprang zwischen sie und faßte sie unter die Arme und hing sich in ihre
Arme, so daß er zwischen den beiden wie in einer Schaukel hing, und
schaukelte sich und lachte und freute sich, so daß die beiden, denen
so etwas Übersprudelndes noch nie vorgekommen war, auch zu lachen
anfingen und die Arme höher hoben, damit er besser schaukeln könnte.
Und dann, als sie Abschied nahmen, kamen sie ihrerseits und wurden vor
Verlegenheit ganz rot, indem sie ihn nun ihrerseits küßten, und an der
Art, wie er es erwiderte, merkten sie, daß er nicht nur ein hübscher
Junge, sondern auch ein herziger, lieber Kerl war, und von da an wurden
sie mit dem Archambauld gute, gute Freunde.

Schon am nächsten Tage kam er an, und dann mindestens einen Tag um den
andern, häufig aber auch Tag für Tag, und als er das erste Mal erschien
und den Garten erblickte, der mit seinen Terrassen vor seinen Augen
emporstieg, wurde er ganz starr vor Staunen und sagte: »~mais que c'est
beau! que c'est beau! que c'est beau~!«[7]

Die Knaben ließen ihn eine Zeit lang staunen, denn es machte sie stolz,
daß ihm der Garten ihrer Eltern so gut gefiel, dann aber sagten sie
»jetzt komm -- wir wollen jetzt in den Feigenbaum gehn.«

In dem Garten nämlich stand ein Feigenbaum, ein großer, und das war
ein Baum, wie er herrlicher gar nicht gedacht werden kann. Den Knaben
erschien er beinah wie ein Mensch, ein langmütiger, freigebiger,
gütiger Mensch, so geduldig ließ er sich mit Füßen treten, wenn sie in
seinen Zweigen herumkletterten, so reichlich spendete er zur Zeit, wenn
die Feigen reif wurden, seine Früchte, große grüne Feigen, an deren
jede er, wenn der letzte Augenblick gekommen war, ein Honigtröpfchen
hing, als wollte er andeuten »jetzt müßt ihr pflücken.« Lieber aber,
als die Feigen, hatten die Knaben das Klettern, und dem Archambauld
ging es ebenso. Sobald sie daher an den Baum gelangt waren, ging es mit
einem »hurr« den Baum hinauf, die beiden Knaben voran, hinter ihnen
drein der Archambauld, und da zeigte es sich, was freilich bei seinen
schlanken Gliedern nicht anders zu erwarten war, daß er ein famoser
Kletterer war. Da saßen sie dann, ganz droben im Wipfel, alle drei,
über ihnen rauschte der alte Baum, und wenn sie verstanden hätten,
würden sie gehört haben, wie er zu ihnen sprach: »Habt euch lieb, ihr
kleinen Menschen, wenn die Menschen erwachsen und groß werden, hört die
Liebe zwischen ihnen auf.«

Später dann, als der Ernst und der Ferdinand aus Bebék kamen, wurden
sie mit dem Archambauld bekannt gemacht, und dann zog man zusammen
hinauf in die schöne Gartenwildnis, und dort oben zwischen den Ginster-
und Oleandergebüschen wurde mächtig gespielt. Alle möglichen Spiele:
Verstecken und Abschlag, Weißer und Indianer, vor allem aber Erstürmung
von Sewastopol. Und bei all' diesen Spielen der Gewandtesten einer war
der Archambauld. Wenn er so dahin sauste zwischen den Gebüschen, mit
den flatternden Locken, dann sah er aus wie ein befiederter Pfeil,
wenn er zum Sturm auf Sewastopol angelaufen kam, einen Ginsterbusch
oder Oleanderzweig als Waffe schwingend, dann war ein Feuer in ihm,
daß er aussah wie eine hüpfende Flamme. Und dabei so liebenswürdig:
wenn er in der Hitze des Kampfes einen von seinen beiden Freunden --
denn wirkliche Freundschaft hatte er doch nur mit den beiden Knaben
geschlossen -- etwas unsanft getroffen hatte, gleich kam er nachher und
streichelte »~oh mais, cela n'a pas fait mal? n'est ce pas? cela n'a
pas fait mal~?«[8]

Einmal nun hatten sich die Eltern der Knaben für diese und ihre Freunde
ein ganz besonderes Vergnügen ausgedacht: Bivak sollte gespielt werden.
An einem schönen Sommerabend wurde auf der obersten Terrasse des
Gartens, auf der zwei hohe Pinien und ein alter Tamarindenbaum standen,
ein großes Zelt aufgeschlagen, Stroh wurde hineingelegt, und in dem
Zelte sollten sie die Nacht schlafen. Das war nun ein Gaudium für alle,
namentlich aber für den Archambauld, in dem sich das Soldatenblut
schier ungestüm regte. Neben dem Zelte wurden Holzscheite aufgestapelt,
und als es dunkelte, wurden sie angezündet. Das war das Wachtfeuer. In
der Asche des Feuers brieten sie sich Kartoffeln, die sie aßen, soweit
sie nicht verbrannt waren, und dann setzte man sich im Kreise herum,
denn die Freunde aus Bebék hatten noch andere Freunde mitgebracht, und
trank etwas Glühwein und unterhielt sich.

In der Unterhaltung, die sich natürlich um den Krieg drehte, kam es
nun heraus, daß jeder von den Jungen für eines von den kriegführenden
Völkern Partei genommen hatte: da war der eine für die Engländer, der
andere für die Russen, wieder einer für die Franzosen und der andere
für die Türken. Einer -- aber der wurde ausgelacht -- war sogar für
die Tunesen, die am Tage zuvor auf einem türkischen Linienschiff
angekommen waren und mit ihren großen roten Mützen und den wilden
braunen Gesichtern darunter einen graulichen Eindruck gemacht hatten.
Der Archambauld, der zwischen seinen beiden Freunden saß, verhielt sich
dabei ganz still -- auf wessen Seite der stand, nun das brauchte man ja
nicht erst zu fragen. Darauf aber meinte der, welcher für die Russen
war, daß jetzt freilich die Russen ganz allein ständen, aber nächstens
würden die Preußen kommen und ihnen helfen. Als der Archambauld das
hörte, riß er die Augen weit auf, sodaß sich das Feuer in seinen
braunen Augen spiegelte, und legte die Hände auf die Kniee seiner
beiden Freunde und kniff sie leise, als wenn er hätte sagen wollen
»Habt ihr das gehört?« Einer von den Söhnen des deutschen Kaufmanns aus
Bebék aber erwiderte »Nein« -- ihr Vater, der sein Kontor in Stambul
hatte, wäre heut nachmittag nach Haus gekommen und hätte erzählt, jetzt
wäre es entschieden, und die Preußen würden den Russen nicht helfen,
sondern sie würden neutral bleiben. Das bestätigten dann die Knaben,
die von ihrer Mutter dasselbe gehört hatten. Als der Archambauld
das vernahm, seufzte er wie erleichtert auf und legte die Arme um
seine beiden Freunde und sagte leise: »~Ah que c'est bien! que c'est
bien!~«[9]

Nun aber, weil das Feuer heruntergebrannt war, stand alles auf. Einer
von den Jungen, der eine Trommel besaß, trommelte etwas darauf, das
bedeutete den Zapfenstreich, und dann ging alles ins Zelt, um auf dem
Stroh zu schlafen. Der Archambauld wollte natürlich nirgends anders
als bei seinen beiden Freunden schlafen und richtete es so ein, daß
er zwischen ihnen lag, und schob seine Arme unter sie und schmiegte
sich zwischen sie und an sie, und da fühlten sie so recht, was für ein
liebevolles Gemüt in dem Jungen war.

Darauf, als es in dem Zelte schon ganz still zu werden anfing, weil
einige schon eingeschlafen, die anderen im Einschlafen waren, fing
der Archambauld zu flüstern an, so daß seine Freunde merkten, daß er
noch in Gedanken wach gelegen hatte, und sie wurden auch wieder wach.
»~Ecoutez~,«[10] sagte er ganz leise, »ich -- wenn ich werde groß sein
-- werde mich Soldat machen -- ihr auch?«

Darauf erwiderten sie, daß sie gehört hätten, in Preußen müßten alle
Soldat werden.

Nachdem er sodann wieder ein Weilchen geschwiegen hatte, fing er wieder
an und meinte, »aber die Franzosen und die Preußen hätten noch niemals
miteinander gekämpft -- nicht wahr?«

Da mußten nun die beiden Knaben wirklich lachen, und sie taten es so
leise wie möglich, weil sie hörten, wie wenig der Archambauld in der
Geschichte Bescheid wußte, und sie sagten, »aber Archambauld, gewiß
doch, sehr, weißt du denn das nicht?«

»Aber künftig,« fuhr er dann fort, »würden sie es nie wieder tun,
~n'est çe pas~?«[11]

Darauf erwiderten sie, daß sie das auch hofften, denn sie hätten ja die
Franzosen sehr gern, aber wissen könnte man so etwas doch nicht. Da
aber zog sie der Archambauld, der seine Arme unter sie gelegt hatte,
plötzlich beide so an sich, daß ihre Gesichter an seinem Gesicht lagen,
und mit einem Male fühlten sie, daß seine Wangen von Tränen ganz feucht
waren, und hörten, wie er leise schluchzend sagte »~ah que cela ne se
fasse jamais! jamais! jamais~!«[12] Und weil sie nun gar nicht wußten,
was sie darauf sagen sollten, schwiegen sie; der Archambauld wurde auch
still, und bald darauf schliefen sie alle drei ein.

Inzwischen aber war nun die Zeit herangekommen, daß der Archambauld
mit seiner Mutter abreisen sollte. Am letzten Tage kamen sie beide
noch einmal nach Arnautköi, um mit den Knaben und deren Eltern vor der
Abfahrt zu frühstücken. Da saß dann der Archambauld zum letzten Male
zwischen seinen beiden Freunden und sprach kein Wort und war ganz blaß,
und mit den Händen hielt er die Hände seiner Freunde.

Alsdann stiegen alle in den dreirudrigen Kaïk -- so heißen dort die
Ruderbote -- des Gesandten, und fuhren hinaus und da sahen sie auch
schon den französischen Depeschendampfer den Bosporus herunterkommen.
Der Dampfer hielt an, die Passagiere aufzunehmen. Und als nun der
letzte Augenblick da war, umarmte der Archambauld seine beiden Freunde
noch einmal und küßte sie, und die Tränen liefen ihm an beiden Backen
herab und die Stimme brach ihm, weil er so schluchzte.

»Wenn wir -- werden groß sein -- ~peut être que nous nous
reverrons~.[13] -- Wir werden sagen -- Arnautköi -- ~rien que ça,
rien que ça~[14] -- werden wir wissen -- alles -- alles -- alles!«
Dann mußte er mit seiner Mutter die Treppe hinaufsteigen, die man vom
Schiffe herabgelassen hatte; das Gepäck wurde hinaufgegeben. Dann
setzte sich der Dampfer wieder in Gang, und vom Schiffsbord wehte ein
weißes Fähnchen, das war der Archambauld, der mit dem Taschentuch
seinen Freunden Lebewohl winkte, Lebewohl.

Lebewohl -- Abschied fürs Leben. Nicht allzu lange mehr sollte
es dauern, so trug das Meer, das den Archambauld nach Frankreich
zurückgetragen hatte, auch die Knaben nach Deutschland heim. Und dann
kam das Leben, der alte harte Schulmeister, und packte seine Aufgaben
aus, deren erste und schwerste bekanntlich heißt: vergessen, daß man
ein Kind gewesen ist. Da versank das alte Haus in Arnautköi, der Garten
mit seinen Terrassen und seiner schönen Ginster- und Oleander-Wildnis,
der große gütige Feigenbaum -- alles wurde zum Traum, und der Traum
wurde blasser und blasser.

Neue Menschen kamen, neue Gesichter tauchten auf, dafür gingen andere,
alte, liebe Gesichter unter und unter diesen das eine, dessen Erlöschen
der Mensch nicht verwindet, weil, wenn es hingeht, der heilige Mensch
aus seinem Leben geht, das Antlitz der Mutter. Ob der Archambauld vom
Tode der Frau, die auch zu ihm so gütig gewesen war, etwas erfuhr?
Keine Nachricht kam her, keine Nachricht ging hin -- niemand hörte
etwas von ihm und seiner Mutter im fernen Frankreich, so wurde auch
sein Gesicht zum verblassenden Kindheitstraum und ging unter mit all'
den anderen. --

Nach diesem allen aber, beinah zwei Jahrzehnte danach, ergriff die
Weltgeschichte wieder das Wort, um allen, die etwa glaubten, sie wäre
zum Gespenst geworden, zu zeigen, daß sie ein furchtbar lebendiges
Wesen sei. Wieder, wie damals, standen die Franzosen im Feld, aber
nicht wie damals gegen die Russen, sondern gegen die Deutschen und
vor allem gegen die Preußen. Es hatte also nichts geholfen, was der
Archambauld in jener Nacht im Bivakszelt gefleht hatte: »~Ah que
çela ne se fasse jamais!~ Möchte das niemals, niemals geschehen!«
Und während sie damals auf Sewastopol und den Malakoff sturmgelaufen
waren, standen die Franzosen heute, am 18. August 1870, verschanzt und
verbarrikadiert auf den Höhen von Metz, in Saint-Privat, und ließen die
Preußen auf sich anstürmen.

Auf die baumlose Ebene, über welche die Angreifer herauf mußten,
prasselten die Mitrailleusen- und Chassepotkugeln. Es war, als wenn
von droben eine eiserne Wand daherrauschte, die einem den Atem benahm,
bevor sie einen zermalmte. Und sobald eine solche Wand vorübergefegt
war, kam eine zweite, eine dritte, und ohne Aufhören. Man sah nichts
von ihnen, man hörte nur, wie sie heulend, zischend, pfeifend die Luft
vor sich herschoben. Dann vernahm man dumpfes Einschlagen von Kugeln
in menschliche Glieder, gräßliche Schreie, schmetterndes Niederstürzen
von Leibern. Und das alles stundenlang, ohne Pause, ohne Ruhe zum
Atemholen, immer weiter, einen langen, endlos langen Sommernachmittag
lang. Bis daß endlich, allem zum Trotz, das schreckliche Nest, aus dem
die bleiernen Todesvögel geflogen kamen, Saint-Privat, dennoch erreicht
war und die Preußen, soviele von ihnen noch lebten, stürmend darin
eindrangen.

In dem ummauerten Kirchhof standen die letzten Franzosen, und als jetzt
die blut- und schweißbedeckten Gesichter der Preußen über der Mauer
erschienen und die Preußen die Mauer zu übersteigen begannen, drehten
sie die Gewehrkolben nach oben -- »Ergebung! Ergebung!«

An der Spitze der Preußen kam ein Offizier; es war ein noch junger
Mann, sein Rock von Kugeln aufgerissen, er selbst aber unverwundet.
Drüben, unweit der Mauer, an ein Grabkreuz gelehnt, saß der Offizier,
der die Franzosen kommandiert hatte, auch noch ein junger Mann; sein
Gesicht war totenblaß, ein alter Sergeant stand neben ihm und drückte
ihm das Tuch auf die Brust, aus der das Blut quoll.

Und nun begab sich etwas Merkwürdiges:

Indem sich Angreifer und Verteidiger, Sieger und Besiegte einen
Augenblick lautlos, keuchend gegenüberstanden, trat der preußische
Offizier auf den jungen Franzosen drüben zu, der ihn nicht kommen sah,
weil er die Augen geschlossen hatte, überhaupt nichts mehr von allem
zu hören und zu sehen schien, weil er mit dem Tode rang. Wie jemand,
der sich fragt »ist er's?« sah der Preuße dem anderen ins Gesicht, dann
beugte er sich über ihn und sagte ihm ein Wort. Und als es der Franzose
nicht mehr zu hören schien, wiederholte er das Wort ganz laut, so laut
er konnte, und es war ein Wort, das weder seine Leute, noch die des
Sterbenden verstanden, weil es nicht deutsch war und nicht französisch
-- »Arnautköi!«

Als der Sterbende das Wort vernahm, taten seine Augen sich auf, große,
braune, schöne Augen, ein Ausdruck ging über sein bleiches Gesicht, wie
ein fragendes Staunen, wie ein letzter, verschwimmender Erdengedanke.
Er richtete den Blick auf den Preußen, seine Lippen bewegten sich, als
wollte er etwas sagen, aber sprechen konnte er nicht mehr. Er ließ das
Haupt sinken, daß es an der Brust des andern lag, und in den Armen des
jungen Preußen starb der junge Franzose.

Das alles war so wunderbar anzusehen, daß beide Parteien, Preußen und
Franzosen, wie gebannt standen. Einen Augenblick war schweigender
Frieden über der blutigen Stätte, wie wenn ein Rauschen gekommen wäre
-- niemand hätte sagen können, woher -- beinahe wie das Rauschen eines
Baumes aus weiter, weiter Ferne, wie wenn eine Stimme gesprochen hätte
-- niemand hätte sagen können, wer da sprach -- »Liebt euch, ihr
Menschen, ihr Menschen, habt euch lieb.«


Anmerkungen.

    [1] Oh wie sie -- ge--purzelt sind -- sagt man so?

    [2] Ja ja, man sagt so.

    [3] Oh Mama -- die haben sie mir geschenkt!

    [4] Dank, vielen Dank!

    [5] Ach, wie Ihr gut seid! wie ich Euch lieb habe! wie ich Euch
      lieb habe!

    [6] Oh, ich danke Ihnen, gnädige Frau, ich danke Ihnen vielmals!

    [7] Wie ist das aber schön! wie schön! wie schön!

    [8] Es hat aber doch nicht weh getan? Nicht wahr? es hat nicht
      weh getan?

    [9] Ach, das ist gut! Das ist gut!

    [10] Hört!

    [11] Nicht wahr?

    [12] Ach, möchte das niemals, niemals geschehen!

    [13] werden wir uns vielleicht wiedersehen.

    [14] weiter nichts, weiter nichts.



[Illustration]

Friedrich Spielhagen:

Breite Schultern.

[Illustration]


Friedrich Spielhagen wurde am 24. Februar 1829 zu Magdeburg geboren,
studierte in Berlin, Bonn und Greifswald Jurisprudenz, Philosophie und
Philologie, war eine Zeitlang als Hauslehrer tätig und widmete sich
bald ausschließlich dem literarischen Berufe. Seinen Ruhm begründete
er durch seinen Roman »Problematische Naturen«, der bereits alle
Eigentümlichkeiten der Spielhagenschen Kunst zeigte: eine kunstgerecht
aufgebaute, spannende und ereignisreiche Handlung, leidenschaftlich
bewegte, interessante Charaktere, das echte Pathos eines ritterlichen
Mannes, eine Fülle geistvoller, horizontreicher Ideen und vornehme
Behandlung der Sprache. Wie die Ereignisse jenes Romans sich auf dem
Hintergrunde der 48er Revolutionsbewegung abspielen, so hat Spielhagen
auch später mit Vorliebe zum Hintergrund seiner erzählenden Schöpfungen
politische und soziale Kämpfe gewählt, die er von einem konsequent
freisinnigen Standpunkte aus beleuchtet. Sein bestes Werk neben den
»Problematischen Naturen« ist die »Sturmflut«; aber auch »Hammer und
Amboß«, »In Reih und Glied«, »Was die Schwalbe sang«, »Uhlenhans«,
»Selbstgerecht« und die herrliche Novelle »Quisisana« sind in hohem
Grade lesenswert.

Spielhagens Bedeutung liegt im allgemeinen weniger in der kleinen
Erzählung als im weit ausladenden Roman und in der Novelle, die
er ebenfalls breit anlegt und die bei ihm gewöhnlich einen Umfang
annimmt wie bei den Neueren ein Roman. Seinen gewandten, vielseitigen
und vornehmen Geist und seine Erzählerkunst zeigen aber auch seine
kleineren Schöpfungen, und unter diesen haben wir »Breite Schultern«
gewählt, weil sie vom Ruhm und Segen der Arbeit, auch der schweren
körperlichen Arbeit spricht und weil die Bücher unserer Stiftung ja vor
allem hinausgehen sollen zu den Werktätigen und Mühseligen.

            O. E.



[Illustration]

Breite Schultern.


Aber ihr wollt doch unmöglich schon fort, Ihr Herren? sagte Gottlieb.

Es ist hohe Zeit, sagte der Assessor Stricker, sich erhebend und die
Spitzen seiner schlanken Finger mehrmals auf einander drückend.

Die gnädige Frau hat ganz zweifellos schon einige Male leise gegähnt,
sagte der Leutnant von Berkenfeld, mit einem Blick zärtlichen Vorwurfes
nach der jungen Dame in der Sophaecke.

Nonsens, sagte Gottlieb; Emma ist munter wie eine Lerche. Sehen Sie
doch nur die Augen! Geh', Emmy, hol' uns noch ein wenig Zucker, Kind!

Die junge Frau erhob sich aus ihrer Ecke und ging nach dem Buffet, das
im Hintergrunde des großen und stattlichen Gemaches stand.

Tut den Frauen gut, so eine kleine Motion, sagte Gottlieb mit leiserer
Stimme; schlafen sonst gar zu leicht ein. Merkwürdig, wie man bei
gutem Grog und guten Zigarren einschlafen kann! Aber die Weiber, die
Weiber! es ist ein Jammer mit den Weibern! Es fehlt ihnen allen so der
rechte Sinn für die tiefe Poesie, die aus einem beinahe leeren Glase
heraufblinkt; sie haben kein Herz dafür, keine Seele, keine Eingew--

Was schwätzest du da wieder einmal, du alter, schlechter --
breitschultriger Mann, sagte Emmy, indem sie die Zuckerschale auf
den Tisch stellte und ihrem Gatten dabei einen leisen Schlag auf die
vornübergebeugten, in der Tat ungewöhnlich breiten Schultern gab.

Schilt nur nicht auf meine Schultern, Emmy, sagte Gottlieb; du weißt,
daß du es einzig und allein meinem breiten Rücken verdankst, wenn du in
diesem Augenblick nicht mehr Fräulein Emmy Jäger, von der Firma Jäger,
Breitkopf u. Co., sondern Frau Gas-Direktorin Roland bist.

Ah bah! sagte Emmy.

Aber, Emmy, du kannst doch nicht leugnen, daß ohne meine Schultern --

Gottlieb, du bist unausstehlich, sagte Emmy, indem sie einen schwachen
Versuch machte, beleidigt auszusehen.

Sie machen uns in der Tat neugierig, sagte der Assessor Stricker, der
sich längst wieder gesetzt hatte.

Was ist's mit Ihren Schultern, Roland? sagte der Leutnant von
Berkenfeld.

Nichts ist, gar nichts; sagte die junge Frau eifrig; Gottlieb ist ein
Schwätzer, ein Fanfaron, ein Renommist --

Nein, das geht zu weit! Ihr Herren, jetzt sollt ihr selber hören und
urteilen, ob diese kleine, ein halbes Jahr alte Frau hier berechtigt
ist, mich, ihren lebenslänglichen Gatten, mit solchen Ehrentiteln zu
schmücken; und ob ich die Bescheidenheit verletze, wenn ich behaupte,
daß ich nicht meinem Witz, nicht meinen Kenntnissen, nicht meiner
Liebenswürdigkeit, sondern einzig und allein diesen meinen breiten
Schultern und den Armen, die daran hängen, mein einträgliches Amt und
meine unverträgliche Frau verdanke.

Lassen Sie uns hören! sagte der Assessor.

Die gnädige Frau gibt Ihnen die Erlaubnis, sagte der Leutnant.

Meinetwegen, sagte Emmy.

Sie hatte sich wieder in die Sophaecke gesetzt und tat, als ob sie
schmollte; aber der Leutnant sah nicht ohne Wehmut, daß die sanften
Augen der jungen Frau mit sehr freundlichem Ausdruck auf der mächtigen
Gestalt ihres Gatten ruhten, der den dampfenden Inhalt seines Glases
noch einmal umrührte, ein paar blaue Ringe aus seiner Zigarre blies,
sich behaglich in seinen Stuhl zurücklehnte und also anhub:

Sie müssen nämlich wissen, lieben Freunde, daß ich eigentlich ein
Taugenichts bin, oder, wenn das zuviel sein sollte, ein Tunichtgut. Es
muß das wohl wahr sein, denn sie haben es mir oft genug gesagt. Als
ich kaum laufen konnte, hat meine Wärterin mich gleichsam zum zweiten
Male mit diesem Namen getauft; ich war noch keine halbe Stunde in der
Klippschule, so hatte mich der Lehrer allen andern Kindern als einen
Taugenichts denunziert; meine liebe selige Mutter hat mich oft mit
Tränen an ihren Busen gedrückt und mich schluchzend gefragt: ob ich
denn gar nicht gut tun wolle? und mein Vater hat mich mehr als ein Mal
in seine Stube kommen lassen und mir lange Reden gehalten, von denen
ich meistens nur das eine verstand: daß ich ein heilloser Taugenichts
sei, dessen späteres Schicksal sein (meines braven alten Vaters) Herz
mit bangster Sorge erfülle.

Sie glauben nicht, wie viel heiße Tränen mich diese düsteren
Prophezeiungen gekostet haben. Ich hatte nämlich dabei stets das
innigste Mitleiden mit mir selber. Ich sah mich selbst in gelb- und
schwarzgestreiftem Anzuge, eine Eisenstange zwischen den Beinen, einen
Besen auf der Schulter, in der Gesellschaft anderer Herren in demselben
Kostüm durch die Straßen meiner Vaterstadt geführt, zum Entsetzen aller
Nachbarsleute und besonders aller Nachbarskinder, die sämtlich klein
und unschuldig geblieben waren, während ich zu solcher Größe des Leibes
und des Lasters heranwuchs; ich sah mich am Galgen hängen, des Nachts
im Mondenscheine, umkrächzt von gefräßigen Raben und Dohlen; ich sah
mich auf das Rad geflochten, dies Bild aber weniger deutlich, weil ich
mir keine rechte Vorstellung von der interessanten Situation machen
konnte. ~Enfin~: ich war innig überzeugt, daß ich dies alles und noch
viel mehr durch meine abgrundtiefe Schlechtigkeit vielfach verdient
hätte, und daß, wenn der Himmel mit seinen Strafgerichten noch immer
zögerte, er dies nur meines Kanarienvogel wegen tue, der ohne mich
verhungern würde. Du lieber Himmel: der Kanarienvogel -- es war ein
hübsches goldgelbes Tierchen mit einer grün-braunen glänzenden Tolle
und besaß meine ganze Liebe -- er verhungerte wirklich, aber nicht ohne
mich, sondern durch mich, und ich denke noch jetzt mit Entsetzen an
die Nacht, die dem Tage folgte, an welchem mein Hänschen zum letzten
Male mit seinen verhungerten Beinchen zum Himmel gezuckt hatte. Ich war
darauf gefaßt, daß der Teufel mich holen würde, und hatte mir ein Gebet
zurecht gemacht, womit ich seine Barmherzigkeit anrufen wollte, und
das, glaube ich: »lieber, lieber Teufel« anfing.

Wenn die Herren mich nun fragen, worin denn eigentlich jene meine
absonderliche Schlechtigkeit bestand, so weiß ich wirklich selbst noch
in diesem Augenblicke keine rechte Antwort darauf zu geben. Daß ich in
der Schule stets da, wo der Bänke letzte sind, mich aufhielt, daß ich
-- und wenn es mein Leben gegolten hätte -- kein lateinisches Exercitium
unter einem Dutzend Fehler machen konnte -- ich muß es einräumen; aber
es gab dümmere und faulere Jungen, die nicht halb so viel Schläge
bekamen und denen kein Mensch prophezeite, daß sie in ihren Schuhen
sterben würden. Von Herzen war ich auch nicht schlecht, ja, ich darf
wohl sagen, ich hatte ein gutes Herz, vielleicht, wie die Welt einmal
geht und steht, ein zu gutes Herz; und mindestens die Hälfte der
unzähligen dummen Streiche, deren ich mich schuldig machte, hatte mir
mein Herz gespielt. Ich kam ohne Jacke nach Hause, weil ich sie einem
zerlumpten Betteljungen, der mich neidisch darauf ansah, geschenkt
hatte; einmal bin ich von einer Droschke übergefahren, damit ein Kind,
das auf der Straße spielte, nicht unter die Räder geriet; ein anderes
Mal wäre ich fast ertrunken, um einen räudigen Hund zu retten, den
sie in den Kanal geworfen hatten; nie habe ich einen Kameraden in der
Klemme stecken lassen, dafür aber oft genug die Schuld anderer -- und
nicht minder die Schläge, um die es sich in letzter Instanz handelte --
auf meinen breiten Rücken genommen. Das klingt nun allerdings fast wie
Prahlerei, Ihr Herren; aber, was kann ich dafür, daß meine Schädelweite
und meine Schulterbreite in keinem proportionalen Verhältnis standen?
»Etwas muß der Mensch sein eigen nennen,« sagt Schiller, und wenn
jemand von der Natur verdammt ist, in einem Extemporale stets die
meisten Fehler zu machen und von jedem Knirps, den er, sozusagen, in
die Tasche stecken kann, übersehen zu werden, fällt er ganz naturgemäß
darauf, sich mit seinem Überfluß an Körperkraft über den Mangel
seiner geistigen Kapazität zu trösten. Und ich war in jener Beziehung
so ausstattet, daß man mich ebenso oft den dicken oder den starken
Gottlieb, auch wohl Goliath, Mammut-Gottlieb und dergleichen, als
den dummen oder den faulen Gottlieb nannte. Diese meine Stärke wurde
neben meiner Gutmütigkeit die zweite Quelle, aus der für mich viel
Unheil, aber auch, wie Sie bald sehen werden, das Heil meines Lebens
geflossen ist. Es war, als ob mich die Natur selbst als die geeignetste
Person zur Ausführung dummer und dümmster Streiche gezeichnet hätte.
Es war, wie in dem Volksliede: »Geh' du voran, du hast hohe Stiefel
an, daß dich der Has' nicht beißen kann.« Und was habe ich im späteren
Leben nicht alles wegen meiner breiten Schultern leiden müssen! Wie
oft bin ich aus den Nähten geplatzt in Zeiten, wo ich nur einen Gott
und einen Rock hatte; wie oft haben sich in Post- und Eisenbahnwagen
meine Nachbarn bitter beklagt, daß ich gut zwei Drittel des für zwei
berechneten Platzes okkupiere; noch vorgestern hat eine kleine Dame,
die im Parquet hinter mir saß, angefangen von der chinesischen Mauer zu
sprechen, weil sie weder rechts noch links an mir vorbeisehen konnte;
ja, sie haben mich seiner Zeit meiner breiten Schultern wegen von der
Schule gewiesen. Die Geschichte ist charakteristisch für den Unstern,
der in früheren Jahren über meinem Haupte stand.

Es war an einem Tage vor den großen Sommerferien, und wir in der Tertia
waren guter Dinge, und weil die Zeit, wo wir noch alle beisammen waren,
nur noch so sehr kurz, so benutzten wir die Zwischenviertelstunde zum
Ausfechten eines alten Haders, wobei es geschah, daß die Partei, zu
der ich gehörte, die andere Partei schließlich zur Tür hinauswarf.
»Gottlieb, du mußt die Tür zuhalten!« hieß es nun von allen Seiten. Ich
stemmte also meine Schultern gegen die Tür und hielt wacker aus, so
stark auch die von außen drängten, und zuletzt, wie in Verzweiflung,
mit den Fäusten gegen die Tür schlugen, während meine Kameraden vor
Freuden über meine Widerstandsfähigkeit wie die Besessenen tobten.
Endlich wurde mir -- schier zu meinem Erstaunen -- der Druck gegen
meine Schultern zu stark; ich mußte nachgeben, und herein fielen durch
die aufspringende Tür der Schuldiener, der Direktor und mindestens ein
halbes Dutzend Lehrer, mit denen ich während dieser ganzen Zeit zu
tun gehabt hatte. Das Ende können Sie sich denken: ich sollte meine
Dränger recht gut gekannt haben; ich sollte nur dem frechen Übermut,
dem Frevelmut meines bösen, verstockten Herzens gefolgt sein. Es war
der schändlichste Streich, der seit Menschengedenken auf der Schule
vorgekommen war, und ich wurde ~cum infamia~ relegiert.

Mein guter alter Vater war außer sich. In seinen Augen war relegiert
und auf offenem Markte gestäupt und gebrandmarkt werden so ziemlich
dasselbe. Er nannte mich mit Tränen im Auge seinen verlorenen Sohn, und
ich dankte Gott, daß meine Mutter, wenn sie mir doch einmal so früh
entrissen werden sollte, nun schon lange in der schwarzen Erde lag,
und sich über die Schande ihres Sohnes nicht mehr die lieben Augen
auszuweinen brauchte.

Von diesem Augenblick ging es schneller und immer schneller mit mir
bergab, und weniger und immer weniger konnte ich begreifen, weshalb
gerade ich Gottlieb heißen mußte, der ich weder Gott noch den Menschen
lieb zu sein und etwas recht machen zu können schien.

Mein Vater hatte mich zu einem Gutsbesitzer in die Lehre getan, der
ihm als ein exemplarischer Ökonom gerühmt worden war. Ich hätte in
keine schlimmeren Hände fallen können. Herr Bartel war ein gänzlich
unwissender, brutaler Mensch, ein Vieh- und Leuteschinder, ein
kleinlicher Tyrann, der jeden, der es sich gefallen ließ, mit der
Reitpeitsche traktierte. Ich sah das eine Zeitlang, meines Vaters
wegen, geduldig mit an, bis eines schönen Sommermorgens, zur Zeit der
Roggenernte, auf offenem Felde, angesichts des Himmels und sämtlicher
Gutsleute beiderlei Geschlechts, zwischen mir und Herrn Bartel eine
Szene erfolgte, die der genannte Herr schwerlich provoziert haben
würde, wenn er den Ausgang vorhergesehen hätte. Ich höre immer noch
das dreimalige Hurrah, das aus den Kehlen der armen weißen Sklaven
erschallte, als der Elende am Boden lag, und ich nach einigen letzten,
kräftigsten Hieben die Reitpeitsche weit hinein in das blinkende Wasser
des benachbarten Sees schleuderte. Ja, Ihr Herren, das Hurrah tut
mir wohl, so oft ich daran denke, und ich habe mich schon in trüben
Stunden damit getröstet, daß es im Hauptbuche meines Lebens auf der
Kredit-Seite verzeichnet steht, und so eine oder die andere meiner
Dummheiten straflos bleiben wird.

Nach dieser Katastrophe wagte ich, wie Sie sich denken können, nicht,
in das väterliche Haus zurückzukehren. Ich drückte mich eine Zeitlang
bei Verwandten herum, bis der Termin kam, wo ich des Königs Rock
anziehen konnte. Ich wurde mit den Kanonen viel besser fertig als mit
den lateinischen Exerzitien, und da mein Hauptmann mich gern hatte
und mein Vater es wünschte, meldete ich mich, als mein Jahr zu Ende
war, zum Weiterdienen und brachte es auch wirklich in verhältnismäßig
kurzer Zeit zum Vize-Feuerwerker. Schon sah ich die Epauletten auf
meinen Schultern blinken, als -- nun, Berkenfeld, Ihren Stand in allen
Ehren, aber mit der militärischen Subordination ist es doch manchmal
ein wunderlich Ding, das einen ehrlichen Kerl zur Verzweiflung bringen
kann. Gerade zu der Zeit wurde ein Bürschchen, mit dem ich zusammen
auf der Schule gewesen war, und das ich oft und oft, ich glaube noch
heute verdientermaßen, durchgeprügelt hatte, aus der Kadettenschule
entlassen, und natürlich -- um das Maß meiner Sünden voll zu machen
-- in meine Batterie eingestellt. Wie viel der neugebackene Leutnant
auf der Kadettenschule gelernt hatte, lasse ich dahingestellt, daß er
aber nichts vergessen hatte, zum wenigsten nichts, was sich auf unser
früheres Verhältnis bezog, wurde mir nur zu bald klar. Der Name tut
nichts zur Sache, Ihr Herren; auch habe ich dem Manne längst vergeben,
und wenn er in diesem Augenblick zur Tür hereinträte, sollte er mir
willkommen sein; aber damals war ich zehn Jahre jünger und dümmer,
vielleicht trieb er es auch gar zu toll; zum wenigsten kam ich nur fünf
Jahre auf Festung, was, wie man mir sagte, unter diesen Umständen ein
ganz unerhörtes Glück zu nennen sei.

Nun: es hat jedes Ding seine zwei Seiten, selbst eine Festungshaft.
Die schlimme und schlimmste Seite war für mich die, daß mein armer
Vater sich über meine Schande gar nicht zu trösten vermochte und
bald darauf, ich fürchte an gebrochenem Herzen, starb. Ich war sein
einziges Kind gewesen, und der Himmel weiß, welche glänzende Zukunft
er für mich erträumt hatte. Er hatte es nie über die Stellung eines
viel gehudelten Subalternbeamten hinausbringen können; ich sollte nun
wenigstens Regierungsrat werden. Er hatte mich sehr geliebt, mein guter
alter Vater, und der größte Kummer meines Lebens ist, daß ich ihm --
der Himmel weiß, wie sehr gegen meinen Willen! -- so viel Kummer habe
machen müssen. Er war vielleicht kein Genie, mein guter alter Vater,
aber ein braver Mann -- Friede seiner Asche!

Ja! und die gute Seite von meiner fünfjährigen Einsperrung? Vielleicht
war ich zu vollblütig, oder mein Blut hatte nicht die rechte Mischung,
oder mußte sich erst zurecht arbeiten, wie ein Wein, den man ein paar
Monate im Keller liegen läßt, bevor man ihn auf Flaschen zieht. So
viel weiß ich, daß in der ersten Zeit mein Blut gar fürchterlich in mir
tobte, so daß ich schier glaubte: ich überlebte es nicht, oder würde
zum wenigsten verrückt werden; aber nach und nach wurde es stiller und
ruhiger in mir, ordentlich sonntäglich still und ruhig, und ich konnte
mich gar nicht so unglücklich fühlen, wie ich es für meine Pflicht
hielt. Wenn ich auch nicht recht begreifen konnte, weshalb ein Mensch,
der sich keines Verbrechens bewußt war, wie ein Verbrecher behandelt
werden müsse, so dachte ich: der liebe Gott werde es wohl wissen; und
wenn der sich nicht um einen armen Schelm bekümmere, so sei es eben
mein Schicksal, und gegen sein Schicksal könne der Mensch nichts.
Und dann war ich ja doch ohne Zweifel sehr leichtsinnig gewesen,
und es fiel mir schwer auf die Seele, wie schlecht ich immer meine
lateinischen Vokabeln gelernt hatte. Zuletzt kam ich auf den Gedanken:
ich müsse meiner Faulheit, meines Leichtsinns und meiner dummen
Streiche wegen fünf Jahre lang nachsitzen. Das tröstete mich ungemein.

Dazu kam, daß man mich auf der Festung sehr, ja, ich kann wohl sagen,
unverdienterweise gut behandelte. Im Anfang hatte ich allerdings meine
Karre schieben müssen, wie die anderen; aber in der wilden Stimmung, in
welcher ich mich damals befand, war das eigentlich ein rechter Segen
für mich, und da ich Kräfte für Drei hatte, so arbeitete ich auch
für Drei. In dieser Station bin ich aber nur wenige Wochen gewesen.
Der Festungs-Gouverneur, Hauptmann von Eisenfresser, der trotz seines
grimmigen Namens ein gar gütiger, lieber Herr war, mußte wohl recht
warm für mich gesprochen haben. Die Ketten wurden mir abgenommen,
und ich durfte in dem Festungsbureau als Schreiber arbeiten. Da bin
ich denn die ganze übrige Zeit gewesen, und weil ich mich, schon aus
purer Dankbarkeit gegen den edlen Mann, der ein wirklicher Edelmann
war, wacker hielt und eine recht gute Hand schrieb -- das Einzige, was
ich auf der Schule ohne Anstrengung gelernt hatte -- wurde ich bald
Privatsekretär, so zu sagen, meines Gönners und so freundlich von ihm
und seiner ganzen Familie behandelt, daß ich eigentlich nur noch dem
Namen nach ein Sträfling war. Herr von Eisenfresser nahm sich meiner
noch weiter an. Er machte die merkwürdige Entdeckung, daß ich nicht
blos schreiben, sondern auch rechnen konnte, ja, daß ich, wie er sagte,
ein entschiedenes Talent für die Mathematik habe. Ich lachte darüber
zuerst ganz despektierlich; aber da er selbst ein ausgezeichneter
Mathematiker und sehr stark im Beweisen war, so bewies er mir, daß
er recht hatte. Mir war dabei ganz wunderlich zu Mute. Ich bekam zum
ersten Male eine Art Respekt vor mir selber, aber einen noch viel
größeren Respekt vor meinem Wohltäter, und als ich bald darauf eine
leidlich schwere Aufgabe, die er mir gestellt hatte, ganz richtig löste
und er mir auf die Schulter klopfte und sagte: Sehen Sie, Roland, daß
Sie das ganz gut begreifen können -- da habe ich helle Freudentränen
geweint und dem guten Manne aus tiefinnerster Dankbarkeit die Hände
geküßt.

Er tat noch mehr für mich.

Gerade in dieser Zeit wurde in der Zitadelle ein kleiner Gasometer
aufgestellt. Herr von Eisenfresser leitete die Arbeiten selbst und ließ
mich in seinem Bureau nicht allein sämtliche Anschläge und Zeichnungen
anfertigen, sondern stellte mich auch als Aufseher bei dem Bau an, so
daß ich das Theoretische und Praktische der Sache mit seiner Hilfe
gründlich kennen lernte. Das kann Ihnen für Ihre Zukunft sehr nützlich
werden, lieber Roland, sagte er oft, wenn er auf den Bau kam und mir,
um mir seine Zufriedenheit zu erkennen zu geben, auf die Schultern
klopfte.

Er liebte meine Schultern, der brave Herr. Sie waren so breit, und die
seinen so sehr schmal. Es tut einem wohl, Sie anzusehen; man atmet
ordentlich leichter, meinte er manchmal, und dabei lächelte er stets so
freundlich und so traurig zugleich. Ich glaube, ich hätte mein Herzblut
für ihn hingeben können, aber es würde ihm doch nichts geholfen haben.
Er starb an der Schwindsucht -- in meinen Armen, ein paar Wochen, bevor
ich meine fünf Jahre nachgesessen und aus dem Karzer entlassen wurde.

Da war ich nun wieder auf freien Füßen, und, weiß es Gott, ich
sehnte mich oft genug noch nach meinem Gefängnis und meinem gütigen
Kerkermeister zurück. Die Welt kam mir sehr weit und, trotz all'
der unzähligen Menschen, sehr öde vor. Es kümmerte sich keiner
um mich. Mein Vater war tot, und so arm gestorben, wie er gelebt
hatte. Meine Verwandten wollten von dem entlassenen Sträfling nichts
wissen und verleugneten mich, wenn ich ihnen in den Weg kam, was
ich natürlich so selten wie möglich tat. Ich kann wohl sagen, daß
es mir eine Zeit lang recht herzlich schlecht ging und daß ich
es für ein großes Glück hielt, als es mir endlich gelang, in der
Gasanstalt hier eine Unteraufseherstelle zu erhalten. Ich hatte den
Monat fünfzehn Taler. Sie können sich denken, wie weit ich damit bei
meinem Appetite reichte! Oder vielmehr: Sie können es sich nicht
denken. Ihr Herren seid in der Fülle des Glückes groß geworden und
habt keine Ahnung davon, wie jemandem zu Mute ist, wenn ihm der Genuß
in so spärlichen Rationen zugemessen wird. Und dann, war mein Vater
auch nur Rechnungsrevisor gewesen, so war er doch ein Gentleman und
hatte mich als Gentleman erzogen, ja, im Anfang vielleicht ein wenig
verzogen. Meine Mutter war eine gebildete, feine Frau, und meine
Eltern hatten sich stets in Kreisen bewegt, die eigentlich schon über
der Sphäre ihrer gesellschaftlichen Stellung lagen. Ich hatte, bei
allem meinem Leichtsinn und wilden Wesen, dennoch den Geschmack meiner
Eltern für gute Formen und vielleicht auch etwas von dem Ehrgeize
meines Vaters geerbt; und wenn jemand bei solchen Ansprüchen in einer
Dachkammer wohnt, in einer Garküche vorletzten Ranges unter Bedienten,
Zettelträgern, Wagenschiebern und ähnlicher ganz ehrenwerter, aber
nicht immer ganz feiner Gesellschaft seine Diners und Soupers einnimmt
und gezwungen ist, in einer beschmutzten Bluse oder, noch schlimmer,
in einem schäbigen Rock, den er beim Trödler kaufte, über die Straße
zu gehen -- so hat das seine Unbequemlichkeiten, wie ich Sie aus
jahrelanger intimster Erfahrung versichern kann.

Indessen war auch diese Zeit für mich nicht verloren. Ich lernte
mein Fach von allen Seiten und auch von denen kennen, welche nur der
eigentliche Arbeiter zu sehen bekommt; dabei trieb ich, schon aus
Pietät für das Andenken meines lieben verstorbenen Wohltäters, meine
mathematischen Studien eifrig fort, und mit Hilfe derselben und
meiner täglichen praktischen Übung kam ich auf gewisse Entdeckungen in
der Konstruktion der Öfen und der Behandlung des Coaks, die ich für
Verbesserungen hielt und die sich in der Folge wirklich als solche
bewährt haben. Das alles machte mich nun natürlich ein wenig übermütig,
und ich fing an, mich mit Plänen zu tragen, wie ich aus dieser meiner
abhängigen untergeordneten Stellung in eine Position gelangen möchte,
in der ich meine Entdeckungen verwerten könnte, und die überhaupt des
Sohnes meines Vaters würdiger wäre. Sie müssen nämlich wissen, daß
mich das Andenken an meinen guten alten Vater, der in Herzeleid über
mich zur Grube gefahren war, fortwährend verfolgte und daß ich die
Empfindung nicht los werden konnte: er werde sich noch im Grabe freuen,
wenn ich es trotz alledem in der Welt zu etwas Ordentlichem brächte.

So vergingen fünf Jahre, und ich fing nachgerade an, darüber ungeduldig
zu werden, daß ich noch immer in meiner Dachkammer wohnte. Da wurde die
Gasdirektorstelle hier vakant, und die Gesellschaft forderte befähigte
Bewerber auf, sich zu melden. Es war am 21. Januar, also gerade heute
vor einem Jahr, als ich die Anzeige las, und weil just mein dreißigster
Geburtstag war, so hielt ich das für ein gutes Zeichen und sagte zu
mir: »Courage, Gottlieb, jetzt oder nie!« Und es tat Not, daß bei
der ganzen Sache so ein günstiges Omen war, sonst hätte ich doch am
Ende den Mut nicht gehabt. Sie wissen, daß mit dieser Stelle zugleich
die eines technischen Ober-Direktors für die sämtlichen vierzig
Gasanstalten, welche die Gesellschaft bereits gegründet hat, verbunden
ist. -- Ich mußte also Vorgesetzter meines eigenen bisherigen Direktors
werden, und das alles aus der Position eines Unteraufsehers, die ich
nach wie vor einnahm. Ihr Herren müßt zugeben, daß die Sache einen
etwas tollen Anstrich hatte. Aber es war im Januar des vorigen Jahres
sehr kalt; durch die Ritzen meiner Dachstube pfiff der eisige Wind;
mich fror und hungerte wechselweise gar erbärmlich, und wenn der Teufel
damals auf mich geboten hätte, ich glaube, er hätte mich billig haben
können.

Ebenso gut aber wie zum Teufel, dachte ich, könne ich auch auf das
Komtor der Firma Jäger, Breitkopf u. Co. gehen und mich als Kandidaten
für die erledigte Stelle präsentieren.

Die Sache war aber nicht ganz so leicht, wie sie aussah. Zuerst war
Gefahr im Verzuge, denn ich wußte, daß sich bereits binnen der drei
ersten Tage zweiundzwanzig Bewerber gemeldet hatten; und doch konnte
ich vor dem nächsten Sonnabend, wo ich nach der Morgenwache einen
freien Nachmittag hatte, meinen Posten nicht verlassen. Sodann
fehlte es mir gänzlich an einer Garderobe, die für den feierlichen
Akt berechnet gewesen wäre. Mit den Stiefeln und der Wäsche ging
es ungefähr, auch ein paar schwarze Beinkleider fanden sich, die
ihren Zweck zu erfüllen versprachen, wenn ich die Nähte mit Tinte
nachschwärzte. Eine weiße Weste kaufte ich mir merkwürdig billig bei
meinem Antipoden, einem Trödler, der fünf Stock unter mir im Keller
desselben Hauses wohnte. Es fehlte jetzt nur noch an einem Frack, und
den lieh mir mein damaliger Kollege und jetziger Ober-Aufseher und
hoffentlich lebenslänglicher Freund, Hans Ohnesorge, der vor vierzehn
Tagen Hochzeit gemacht hatte und im Vollbesitze eines neuen, vor
Neuheit, wie mir schien, geradezu strahlenden Fracks war.

Hans Ohnesorge, sagte ich, als er mich am Sonnabend Mittag ablöste und
ich den Frack, den er mir, in ein Tuch geschlagen, mitgebracht hatte,
im Gasometergebäude anprobierte, Hans Ohnesorge, ich kann nicht dafür
stehen, daß ich Ihnen nicht die Nähte an den Ärmeln oder gar den ganzen
Rücken herausplatze.

Immer d'rauf, Herr Roland, sagte Hans Ohnesorge; wenn Sie die Stelle
bekommen, können Sie mir ja einen andern schenken, und wenn Sie die
Stelle nicht bekommen -- aber das ist ja gar nicht möglich! Ein Mann
wie Sie braucht ja nur merken zu lassen, daß es ihm Ernst ist, da geht
es ja von selbst.

Hans Ohnesorge, müssen Sie wissen, hielt mich so ziemlich für den
größten Mann meines Jahrhunderts. Ich war ihm sein Held, sein Ideal;
und wenn ich gesagt hätte: Hans Ohnesorge, ich bin entschlossen, Kaiser
von Fez und Marokko zu werden, er würde gesagt haben: Immer d'rauf,
Herr Roland; das ist Ihnen ja eine Kleinigkeit.

Nun, Ihr Herren, ich lachte freilich über die treuherzige Einfalt des
guten Gesellen, aber so ganz geheuer war mir denn doch nicht, als ich
in dem engen Frack vor dem Komtor von Jäger, Breitkopf & Co. stand und
erst leise, dann lauter und zuletzt sehr laut anklopfte.

Herein, sagte endlich eine scharfe Stimme. Ich glaubte anfänglich, es
habe irgendwo in der Nähe eine Tür geknarrt, aber es war wirklich eine
Menschenstimme gewesen, und so trat ich denn ein.

In dem großen Zimmer befand sich in diesem Augenblick -- es war nämlich
schon etwas spät geworden und die Komtoristen waren zum Essen gegangen
-- niemand Geringeres, als -- na, Ihr Herren, meine Frau ist glücklich
in ihrer Ecke eingeschlafen, und so kann ich Ihnen ~sans gêne~ sagen,
wie mein würdiger Schwiegervater ausschaut, wenn man ihn zum ersten
Male -- besonders in der Stunde vor Tisch, wo er hungrig und beißig
ist, sieht: wie das Titelkupfer auf dem englischen Punch ohne den Mops
und den Höcker, aber noch ein wenig grimmiger -- ja, wie er mir an dem
Mittag vorkam, ganz außergewöhnlich, und so zu sagen: polizeiwidrig
grimmig und menschenbeißig.

Was wollen Sie, schnarrte der kleine alte Herr, indem er sich auf
seinem Komtorstuhl halb zu mir umdrehte.

Mich ge -- ich wollte sagen gehorsamst; aber weil mir das eine
verächtliche Kriecherei dünkte, so hustete ich blos und sagte dann sehr
kecklich: zu der vakanten Gasdirektorstelle melden.

Sie sind der dreißigste, schnarrte Herr Jäger.

Das schadet nichts, sagte ich.

Wie so?

Einer kann sie doch nur bekommen.

Der alte Herr drehte sich noch einen Zoll weiter auf seinem Stuhle
herum und sah mich noch viel grimmiger an als vorher. Die Augen unter
den buschigen Brauen stachen mich ordentlich, wie Julisonnenschein
vor einem Gewitter; aber ich sagte mir: wenn du jetzt mit der Wimper
zuckst, bist du verloren, und so hielt ich wacker aus und dachte: Blick
Du nur, Alter; der Frack ist freilich geliehen, aber es steckt ein
ehrlicher Kerl darin.

In diesem Augenblick wurde abermals an die Türe geklopft und herein
trat, ohne Herrn Jäger's Antwort abzuwarten, ein Mensch, der mir
doppelt mißfiel, erstens, weil er mich in dem ~tête-à-tête~ mit
Herrn Jäger, das eben interessant zu werden anfing, störte, und
zweitens, weil er eine abscheuliche Physiognomie hatte -- eine rechte
brutale Galgenphysiognomie, die vortrefflich zu seinem untersetzten,
starkknochigen Körper paßte.

Was wollen Sie? schnarrte Herr Jäger.

Das wissen Sie eben so gut wie ich, erwiderte der Eingetretene im
gröbsten Ton. Ich will mein Geld und damit basta.

Ich habe Ihnen bereits geschrieben, weshalb ich Ihnen das nicht geben
kann, sagte Herr Jäger ganz höflich.

Dann soll das Wetter drein schlagen, sagte der Andere.

Das würde Ihnen wenig helfen, erwiderte Herr Jäger. -- Bitte, Herr --?
-- Roland, sagte ich. -- Herr Roland, setzen Sie sich gefälligst etwas,
bis ich diesen Herrn abgefertigt habe.

Ich setzte mich in einiger Entfernung auf einen Stuhl, und das
Gespräch zwischen den beiden Widersachern nahm seinen Fortgang.
Der vierschrötige Kerl war ein Schiffskapitän so und so, der für
das Geschäft Kohlen nach Hamburg gebracht und, wie es schien, über
seinen Kontrakt hinaus Forderungen an die Firma machte. Es war ein
wunderliches Konzert, die Beiden sich streiten zu hören, als wenn in
das Quinquilieren einer schrillen Pfeife die dumpfen und zugleich
harten Töne einer allzustraff gespannten Pauke hereinplatzten. Die
Pauke hielt es aber viel länger aus wie die Pfeife und brüllte zuletzt
so, daß die Fensterscheiben klirrten.

Nun bin ich von Natur kein Freund von Zank und Streit, und gar das
unvernünftige Schreien war mir von jeher verhaßt. Dazu kam, daß der
Kapitän ganz unzweifelhaft im Unrecht war und gegen die klaren,
sachgemäßen Auseinandersetzungen Herrn Jäger's nur Drohungen und
Schimpfreden vorzubringen wußte. Je länger ich den Kerl toben hörte,
desto fataler wurde er mir, und als er dem Herrn Jäger, der doch am
Ende ein alter und ganz offenbar kränklicher, schwacher Mann war, seine
plumpe Faust unter der Habichtsnase schüttelte, die in dem Augenblick
sichtbar vor Furcht erbleichte -- riß mir endlich vollends die Geduld.
Ich stand auf, ging zur Tür, indem ich ihm pantomimisch zu verstehen
gab: er würde mich sehr verbinden, wenn er uns des Vergnügens seiner
Gegenwart nun enthöbe. Der Kapitän wurde vor Wut ganz dunkelrotbraun
und begann, sich so wahnsinnig zu geberden, daß ich wirklich um den
alten Mann, der bleich und zitternd auf seinem Stuhl saß, besorgt
wurde. Ich faßte also meinen Kapitän um die Schultern, drückte ihm die
Arme fest gegen den Leib, hob ihn in die Höhe und trug ihn, trotzdem
er sich wie ein wildes Tier geberdete, zur Tür hinaus über den Vorsaal
bis an die Treppe. Dort setzte ich ihn wieder hin und beschleunigte
noch in etwas seinen Rückzug die Treppe hinab. Nachdem ich mich sodann
überzeugt hatte, daß er, am Fuße derselben angelangt, sehr schleunig
wieder auf die Beine kommen und unter Flüchen und Drohungen das Haus
verlassen konnte, kehrte ich in das Komtor zurück, machte die Türe
wieder zu und sagte: Ich glaube, wir können jetzt ungestört in unserer
Unterhaltung fortfahren.

Und wenn ich hundert Jahre alt würde, ich werde die Miene, mit welcher
der alte Herr mich jetzt anblickte, nicht vergessen. Der Ärger und der
Schrecken von vorhin mischten sich auf eine so seltsame Weise mit dem
Erstaunen und, ich glaube, der Freude über meine Handlungsweise in dem
schon an sich grotesken Gesicht, daß ich etwas Wunderlicheres in meinem
Leben nicht gesehen habe und wirklich einen Augenblick glaubte, der
alte Herr sei toll geworden. Und plötzlich fing er gar, die kleinen
funkelnden Augen immer fest auf mich gerichtet, an zu lachen, oder ich
müßte eigentlich sagen: zu krähen, denn es war wirklich viel mehr das
Krähen eines ausländischen Vogels, als das Lachen eines christlichen
Europäers. Leider sah ich, oder fühlte ich gar bald, was ihm an meiner
Erscheinung so lächerlich erschien. Der neue Frack des armen Ohnesorge,
dessen Stoff trotz seines Glanzes nicht der allerbeste sein mochte, war
bei der Anstrengung, die es mich denn doch gekostet hatte, den starken
Kerl zu bewältigen, aus allen Nähten geplatzt, und hing, so zu sagen,
eigentlich nur noch in Fetzen auf meinem Leibe. Ich fühlte, daß ich
sehr rot wurde, aber ich war entschlossen, die Sache nicht ernster zu
nehmen, als sie es verdiente.

Entschuldigen Sie, Herr Jäger, sagte ich, meine derangierte Toilette;
aber da ich Ihnen mich selber und nicht meinen Rock anbieten wollte, so
kommt es schließlich auf eins heraus. Kleider machen wohl Leute, aber
keinen tüchtigen Gastechniker.

Sie sind mein Mann; bei Gott, Sie sind mein Mann! rief der Alte, kam
von seinem Stuhl herabgehüpft, gab mir seine kleine magere Hand und
blickte mit einem beinahe zärtlichen Ausdruck zu mir hinauf. -- Wenn
Sie Ihre Sache verstehen, sollen Sie die Stelle haben, so wahr ich
Johann August Jäger heiße.

Ich verstehe meine Sache, Herr Jäger, sagte ich, und ich weiß noch bis
auf den heutigen Tag nicht, woher ich in dem Augenblick den Mut zu
dem zuversichtlichen, großsprecherischen Ton nahm; aus- und inwendig
verstehe ich sie.

Ich glaub's, glaub's, glaube Ihnen auf's Wort; Sie sind ein
Prachtmensch. Setzen Sie sich hier an den Tisch, und nun sagen Sie mir
einmal, wo, wie und was Sie gelernt haben. Was denken Sie z. B. von der
neuen Gasometer-Konstruktion des Mr. Hotwater in Liverpool?

Ich sah aus dieser Frage, daß mein alter Herr selber das Ding sehr
gut verstand. Ich nahm mich also zusammen und setzte ihm auseinander,
weshalb mir die sogenannte neue Erfindung des Mr. Hotwater keineswegs
gefalle, und weshalb ich derselben meine Methode bei weitem vorziehe.
Dabei holte ich ein paar Zeichnungen, in denen ich meine Erfindung
erläutert hatte, aus der Tasche, breitete sie vor Herrn Jäger aus, und
weil mich das Ding selbst interessierte und ich außer meinem ehrlichen
Ohnesorge noch Niemanden gefunden hatte, dem ich mich hätte mitteilen
können, so wurde ich ganz warm in meinem Vortrag und sprach wohl eine
halbe Stunde, während der Alte unaufhörlich nickte und »Hm, hm, ja, ja;
sehr gut; ausgezeichnet« dazwischen murmelte. Dann, weil ich nun gerade
im Zuge war, erzählte ich noch: wer meine Eltern waren, und so in aller
Kürze meine ganzen Schicksale, wobei ich meine Sträflingsperiode zu
erwähnen nicht vergaß. Als ich am Ende war, streckte mir der Alte das
magere Händchen entgegen und sagte: Hier, meine Hand, Herr Roland;
Sie sollen unser Direktor werden; zweitausend Taler jährlich fix,
Dienstwohnung, freie Heizung und selbstverständlich Beleuchtung und
fünf Prozent vom Nettogewinn. Sind Sie zufrieden?

Mir schlug das Herz bis an die Kehle, als ich den alten Herrn so
sprechen hörte. Ich ergriff seine Hand und stammelte, ich wußte
selber nicht was. Ich wußte nur, daß nun die Not zu Ende sei, und daß
Ohnesorge den schönsten Frack haben sollte, den Schneiderhände machen
könnten.

Und nun gehen Sie nach Hause, Herr Roland, sagte der Alte, ziehen Sie
sich einen andern Rock an und kommen Sie heute um fünf wieder her
und speisen Sie mit uns. Ich will Sie meiner Familie vorstellen, und
hernach können wir den Kontrakt unterzeichnen. Aus Ihrer bisherigen
Stellung treten Sie von diesem Augenblick aus. Ich werde sofort an
Ihren Direktor schreiben und ihm die Veränderung, die in unserm
Personale eingetreten ist, notifizieren. Vielleicht brauchen Sie Geld,
junge Leute brauchen immer Geld. Hier sind hundert Taler Avance. Machen
Sie keine Umstände. Hier unten Ihren Namen. Danke! Leben Sie wohl; auf
Wiedersehen; fünf Uhr pünktlich!

Damit entließ mich der Alte; ich verbeugte mich, und dann weiß ich
nicht mehr, wie ich zum Hause hinaus und in Ohnesorge's Wohnung
gekommen bin. Ich weiß nur, daß ich mich in den Armen der treuen Seele
wiederfand, der in einem fort weinte und lachte und dazwischen rief:
Ich hab' es immer gesagt: Sie brauchen ja nur merken zu lassen, daß es
Ihnen Ernst ist -- da geht es ja von selbst.

Nun, ihr Herren, die Fortsetzung und das Ende von der Geschichte, wie
ich um fünf Uhr zu Herrn Jäger kam und Frau Jäger und Fräulein Emmy
Jäger und Herrn Breitkopf und Frau Breitkopf u. Co. vorgestellt wurde,
wie ich bei Tisch neben Fräulein Emmy Jäger saß und nicht wußte, ob
es der Champagner oder Emmy's schöne Augen -- Herr des Himmels, die
Frauen! man braucht blos von ihren Augen zu sprechen, so sperren sie
sie auf. Hast gut geschlafen, Emmy?

Ich habe gar nicht geschlafen, du schlechter Mann, sagte die junge
Frau, die mit ihren schlummerroten Wangen und in ihrer Verlegenheit so
reizend aussah, daß Herr von Berkenfeld sich einen Knopf über der Brust
aufmachen mußte.

Aber Ihr wollt doch unmöglich schon fort, Ihr Herren, sagte Gottlieb.

Der Assessor lachte. Schon? es ist ein viertel auf zwei.

Ach was, sagte Gottlieb; was tut denn das? die Uhr schlägt keinem
Glücklichen.

Herr von Berkenfeld seufzte.

Kommen Sie, Berkenfeld, sagte der Assessor, der schon den Hut in der
Hand hatte; wir können es ja nicht verantworten.

       *       *       *       *       *

Die beiden Herren standen auf der Straße. Der Mond glitzerte auf den
schneebedeckten Dächern. Eine Nachtdroschke kam langsam dahergeknarrt.

Ich werde die Droschke nehmen, sagte der Assessor. Adieu, Berkenfeld.
Und was ich sagen wollte, Berkenfeld: geben Sie die kleine Roland
auf; Sie blamieren sich, Mann, und Roland ist nicht der gutmütige,
einfältige Tropf, für den wir ihn anfänglich in unserm blasierten
Hochmut hielten. Ich sage Ihnen, Berkenfeld: ich habe heute Abend alle
Achtung vor dem Roland bekommen.

Denken Sie etwa, ich nicht? rief der Leutnant; Emmy ist entzückend,
~rosa bella senza spine~,[15] göttlich; aber Sie haben Recht: ~lasciate
ogni speranza voi ch'entrate~.[16]

Und er deutete auf die Tür des Hauses, das sie soeben verlassen.

Es wird das auch wohl das Gescheiteste sein, sagte der Assessor, indem
er in die Droschke stieg.

Der Leutnant blickte noch einmal wehmütig nach den Fenstern hinauf und
murmelte, während er die Straße hinabging:

Beneidenswerter Mensch: Zweitausend jährlich, fünf Prozent vom
Nettogewinn, Schwiegervater Millionär, das reizende Weib -- und welch'
horribel breite Schultern der Mann hat; aber ich will ihn nicht
unglücklich machen.


Anmerkungen.

    [15] Eine schöne Rose ohne Dornen.

    [16] Wenn Ihr eintretet, so lasset alle Hoffnung draußen.



[Illustration]

Detlev von Liliencron:

Greggert Meinstorff.

[Illustration]


Detlev von Liliencron wurde am 3. Juni 1844 in Kiel geboren und
ist am 22. Juli 1909 zu Alt-Rahlstedt gestorben. Seine Knabenjahre
gingen einsam dahin. Im Garten, im Feld und Holz umherzustreifen,
sich dort seinen Träumereien zu überlassen, war seine Lust. Seiner
Neigung folgend wurde er Soldat und kostete das fröhliche, schneidige
Leutnantsleben mit »seinen Freuden, seinen Rosentagen, seinem scharfen
Pflichtgefühl« in vollen Zügen. In drei Schlachten und in fünfzig
Gefechten kämpfte er, und zweimal ward er verwundet. Nachdem er seinen
Abschied genommen, wurde er später Hardesvogt auf der nordfriesischen
Insel Pellworm. Hier ward ihm das Meer lieb und vertraut und gab ihm
Stoff zu einer Fülle seiner schönsten Gedichte und Geschichten.

Er war schon in der Mitte der Dreißiger, als er sein erstes Gedicht
schrieb. »Durch Zufall veranlaßt,« sagt er selbst, doch es ist derselbe
Zufall, der die Linde im Juni blühen, der den Quell nach langem,
unterirdischem Lauf ans Tageslicht springen läßt. Von innigster Liebe
zur Natur durchdrungen, von reicher Erfahrung des Lebens erfüllt, gibt
er in seinen Gedichten die Frische der Natur, die Kraft des Lebens
wieder. So wurden sie ein starker Damm gegen die saft- und kraftlose
Modelyrik der achtziger Jahre.

Liliencron besitzt eine Anschauungskraft sondergleichen. Er beschreibt
nicht, er schildert nicht; so wie er es im Leben gesehen, zeigt er es
uns, in Licht und Luft und Farbe mit allen Einzelheiten. Das offenbart
sich am klarsten in seinen »_Kriegsnovellen_«, der reifsten poetischen
Frucht des deutsch-französischen Krieges, wie sich die machtvolle
Phantasie des Dichters nirgends gewaltiger zeigt, als in seinem großen
Epos »_Poggfred_«.

Kann man den Poggfred als das poetische Tagebuch des Dichters
bezeichnen, so ist der »_Mäcen_« sein prosaisches. Auch darin wie
in seinen Dramen, seinen Romanen: »_Breide Hummelsbüttel_«, »_Mit
dem linken Ellenbogen_«, »_Leben und Lüge_« sowie in den kleineren
Erzählungen der Sammelbände »_Aus Marsch und Geest_«, »_Roggen und
Weizen_«, »_Könige und Bauern_« schimmert überall das Persönliche
hindurch. Gewöhnlich beginnt er die Erzählung mit scheinbar
Nebensächlichem, stellt Ort und Zeit und Gelegenheit mit breitester
Behaglichkeit vor Augen, um darauf mit einem Sprung uns mitten in das
Ereignis und in höchste Spannung zu versetzen. Dann ein Blick ins
Menschenleben, ins Menschenherz -- und er läßt uns allein. Aber was
wir da miterlebt, zittert in uns nach; wir fühlen, daß ein Schicksal
vorübergerauscht ist. Solche Gestalten wie der Staller _Greggert
Meinstorff_, wie die schöne, blasse, stille Silk, ihr Lieben und ihr
Leiden prägen sich auf immer der Seele ein. Auch in dieser kleinen
Erzählung offenbart sich uns der große Dichter.

    Hamburg.

            J. Loewenberg.



[Illustration]

Greggert Meinstorff.


Greggert (Gregorius) Meinstorff war zu Ende des achtzehnten
Jahrhunderts Staller (Vizekönig) der friesischen Inseln. Ihm stand
sogar in seinem Bezirk bei zum Tode Verurteilten das Begnadigungsrecht
zu, das in den andern Provinzen nur vom Könige ausgeübt wurde. Ein
strenger, aber durchaus gerechter Herr, wurde er auf seinen Inseln
gefürchtet und geachtet; die Liebe seiner »Untertanen« (wenn je die
freien Friesen dies Wort zuließen und zulassen) hatte er nicht.
Tauchte er auf der ihm als Wohnsitz angewiesenen reichen Marschinsel
Schmerhörn mit seinen breiten Schultern und seinen sechs Fuß aus
den die Klinkersteige und Muschelwege zu beiden Seiten begleitenden
Schilfhalmen hervor, so machten die ihm Entgegenkommenden Kehrt; auf
den Fennen und Weiden versteckten sich die Bauern und Knechte hinter
Pflug und Vieh, um ihn nicht grüßen zu müssen. Zu den Hofbesitzern
kam er nicht, öffentliche Termine, wie es noch damals, als Rest
der Thinggerichte, Sitte war, hielt er nicht, für keinen war er zu
sprechen, Alles mußte schriftlich und durch »untertänigste Supplik«
abgefertigt werden. So kam es, daß er fremd auf seinen Inseln war,
wenn er sich auch andrerseits bis ins Kleinste von den Vorfällen und
Ereignissen durch seine Unterbeamten unterrichten ließ.

Greggert Meinstorff, aus einem alten holsteinischen Geschlecht, das
seine Zweige weit in andre Länder getrieben, war der letzte seines
Hauses. Er hatte eine Dame aus dem Landesadel geheiratet und lebte mit
dieser seit elf Jahren in kinderloser Ehe. Daß er keine Nachfolger
hatte, machte ihn finster und schwermütig. Die Ehe war nicht glücklich.
Wenn auch beide übereinstimmten in unermeßlichem Adelsstolz, so wußte
sonst Frau von Meinstorff in keiner Weise ihren Mann zu nehmen. Er,
der ruhige, scheinbar kalte Verstandesmensch, dem jedes Aufwallen und
Schütteln des Herzens unverständlich war, hatte Tag für Tag den Jähzorn
seiner Frau zu beklagen, der oft alle Grenzen überschritt; das machte
sie ihm widerwärtig.

Mit der Zeit entfernten sie sich immer mehr von einander. Freilich,
eins bemerkte er nicht: daß ihn seine Frau anbetete. Zeigte sie ihm
auch nicht ihr Herz, blieb sie kalt und kühl, wenn sie nicht an ihren
bösen Erregtheiten litt, so ließ doch ihr Auge nicht von ihm, wenn sie
ihn heimlich verfolgen konnte. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten, die
sie ihm bereitete, bemerkte er niemals. So ging er schroff und hart,
sie nur als ein schweres, unbequemes Anhängsel betrachtend, mit ihr
durchs Leben.

Nur für _einen_ Gegenstand zeigte der Staller lebhaftes Interesse;
nur bei _einer_ Sache hellte sich das finstre Gesicht auf, konnte er
freundlicher werden, sprach er einmal ein freundliche Wort: wenn er als
Kapitän auf seinem Schiffe stand. Mit den beiden königlichen Jachten,
die ihm zur Verfügung gestellt waren, und mit seinen beiden eignen,
ewerartig gebauten Schiffen, von denen das eine die Dogge, das andere
der Drache hieß, fuhr er so oft wie angängig auf der tückischen Nordsee
umher. Vielleicht hatte ers von seinen Ahnen: die Meinstorffs waren
arge Seeräuber in früheren Jahrhunderten gewesen.

Sobald er sein Schiff betrat, war der ganze Mann verändert: die
schwerfällige, starke Riesenfigur streckte und reckte sich: die
traurigen, zu Boden blickenden Augen wurden lebhaft, weit und feurig;
seine Stimme klang hell und scharf. Spritzte ihm der Gischt übers
Gesicht, fiel der salzige Schleier wieder ab, lachte er. Als sei er
erlöst aus schwerem Bann, so ganz wurde sein Wesen ein andres, wenn
die Kommandeurflagge beim ersten Schritt, den er aufs Verdeck tat, am
Topmast gehißt ward.

Auf einer dieser Fahrten, die er bis nach Helgoland, das ebenfalls
unter seiner Verwaltung stand, und weiter auszudehnen pflegte, kreuzte
er zu eigensinnig gegen einen immer stärker werdenden Westwind. Sein
langer rötlicher Schnurrbart lag fest bis zu den Ohren an den Backen.
Endlich drehte er bei und raste nun mit vollgefaßten Segeln auf die
Küste seiner Residenzinsel Schmerhörn zu. Die Ebbe war bedeutend im
Fallen. Doch er, Flut und Ebbe verstehend und kennend, irrte sich
diesmal in seinen Berechnungen: der Drache stieß mit hartem Knirschton
auf eine Bank, und gleich die nächste See stürzte über die Jacht, Alles
mit sich fortreißend, was sie erreichen konnte. »In die Wanten!« schrie
Greggert. Und hier hielten er und seine Leute sich mit der Kraft, die
die Todesgefahr einem jeden gibt. Mehr und mehr sank die Ebbe, und
nach einer Stunde schon konnten alle von dem arg mitgenommenen Schiff
auf den bloßgelegten Sand springen und nach halbstündiger Wandrung den
Deich ersteigen.

Selbst der stahlgebaute Staller bedurfte eines Ausruhens, und so ging
er mit der Mannschaft in ein nahgelegenes Wirtshaus, das, armselig
genug, auf einer Werft zwischen Tagelöhnerwohnungen unmittelbar am
Westerdeich seinen bescheidenen Giebel zeigte.

Es gehörte dem alten blinden Frerk Tadema Frerksen, der sich, nachdem
er als holländischer See-Kapitän ein beträchtliches Vermögen erworben
und durch eine Fehlspekulation wieder verloren, auf seine Heimatinsel
zurückgezogen hatte, um den Rest seines Lebens sich kümmerlich
durchzubringen.

Die Wirtschaft führte seine Tochter Silk, die, auf Java geboren, wo
ihre Mutter am Fieber gestorben, schon als Kind mit ihm hatte auf allen
Meeren herumfahren müssen. Als er vor acht Jahren sein Geld eingebüßt,
hatte Silk das sechzehnte Jahr erreicht. Seit der Zeit führte sie den
Vorsitz in der kleinen Schenke.

Eine eigentümliche Schönheit war Silk. Viele behaupteten, sie wäre
nicht die Tochter der Frau Frerk Tadema Frerksens, sondern das Kind
einer Javaneserin, die der Kapitän längere Zeit an Bord gehabt. Und
wunderbar war allerdings das Gemisch von Friesin und mongolischer
Rasse in dem Mädchen. Von reizender, schlanker Gestalt, zeigten sich
in dem blassen, schmalen Gesichtchen zwei ein wenig nach der graden
Nase schief liegende, dunkelbraune Augen, die wie zwei schwarze Monde
zwischen den weißen Liderwolken lagen; aber nur ein Streifen war von
den Monden zu sehen. Das Haar hatte die echt flachsköpfig friesische
Farbe und lag glatt zu beiden Seiten.

Ein eigentümlich Ding! Alle die zahlreich ihr gemachten Anträge hatte
sie abgeschlagen. Stumm, lautlos die Gäste bedienend, saß sie die
übrige Zeit und strickte und nähte den ganzen Tag. Die Wirtschaft war
wenig besucht, und so wurde es einsamer und einsamer um sie her. Umgang
hatte sie nicht. Von den jungen Mädchen der Insel wurde sie gemieden,
wie sie diese mied. Glitt sie mit ihren stillen Schritten an den
Werften vorüber, ohne rechts und ohne links zu schauen, dann folgten
ihr die Augen der Männer und in Haß die Blicke aller Weiber. Diese,
ohne Ausnahme, waren einig, daß Silk eine schlechte Person sei, die
ihre Männer behexe, und daß es ja auch von der »Heidin« nicht anders zu
erwarten sei.

Und nun saß die schöne Silk dem allmächtigen Staller gegenüber.
Dieser hatte in einem geschnitzten Sessel mit dunkelroten samtnen
Kissen (sie waren Strandgut) Platz genommen. Silk hatte ihm warmes
Getränk gebracht, hatte ihm in ihrer ruhigen Weise den Schemel zurecht
geschoben, und dann, sich mit ihrer Arbeit ihm gegenübersetzend,
auf die sie züchtig die Augen senkte, ihm gelassen auf seine Fragen
geantwortet. Ihre Antworten aber begleitete sie mit dem Aufheben der
oberen weißen Wolken, daß die schwarzen kleinen Vollmonde sekundenlang
ihn mit ihrer Nachtpracht beschienen.

Und die schöne, blasse, stille Silk saß dem allmächtigen, riesigen,
breitschultrigen Staller Greggert Meinstorff gegenüber.

Der Staller blieb nicht lange. Er gab dem Mädchen für die Zehrung ein
Goldstück, das sie, ohne Dank, als selbstverständlich von einem so
hohen Herrn, annahm. Als Greggert, aus der Haustür tretend, seinen
Heimweg antrat, sah ihm Silk nach, bis er verschwunden war.

Und es waren seltsame Gedanken, mit denen sie ihn begleitete. Er, den
sie seit Jahren im tiefsten Herzen trug, den sie nicht hoffen durfte zu
sprechen, hatte ihr gegenüber gesessen, mit ihr gesprochen. Sie hatte
eigentlich nur Sonntags in der alten Kirche »Zu unserer lieben Frauen
auf dem Pferde« ihn beobachten können. Nicht aus Überzeugung, sondern
um »denen Untertanen« ein gutes Beispiel zu geben, ging der Staller
fast jeden Sonntag zum Gottesdienst. Dann stand Silk, nach friesischer
Sitte, vor der Kirchtür. Sie wartete dort, bis er kam. Im Sommer, wenn
die Wege gut waren, fuhr er mit sechs Pferden, Läufer voraus, Lakaien
stehend auf der Rückseite, in schneller Gangart heran. Nur er, neben
dem Könige, hatte im ganzen Lande das Recht, mit Sechsen zu fahren.
Im Gotteshause hatte sie ihren Platz dem wappenreichen Gestühle des
Stallers gegenüber. Sie konnte ihn genau beobachten. Über dem Eingange
der reich geschnitzten Loge war das Allianzwappen angebracht. Der
Meinstorffsche aufrecht schreitende Panther mit dem güldnen Krönlein,
und der Pogwischsche Wolf, der mit weit heraushängender Zunge gierig
die Vorderpfoten auf einen Bauernzaun legt. Echt feudale Wappen!

Aber Silk hörte nicht auf die Worte des Seelsorgers, sie träumte und
verzehrte sich in unbewußten, heißen Gluten. In ihrer kindlichen
Einfalt bat sie den lieben Gott, er möge es bewerkstelligen, daß der
ihr gegenübersitzende Staller einmal vor ihr zu Füßen falle, einmal
ihr, wie sie wußte, daß es in der hochstehenden Gesellschaft üblich
sei, die Hand küsse.

Allmählich schlichen sich in die kindlich-törichten Gedanken andre,
herzliche. Silk wußte, wie jeder auf der Insel, wie unglücklich der
Staller und seine Frau miteinander lebten: wenn sie dem ernsten, so
trübe ausschauenden Manne etwas Liebes tun könnte, ihm irgend eine
Freude bereiten! Aber Greggert war nicht gekommen, um ihr die Hände zu
küssen. Er hatte sie nie bemerkt, auch in der Kirche nicht.

Und nun war er doch bei ihr gewesen. Ob er wieder kommen würde? --

Wie trug es sich doch zu, daß Greggert, als er auf dem Heimweg war aus
der kleinen Schenke, den Kopf noch tiefer sinken ließ als gewöhnlich;
wie kam es, daß er, im Schlosse eingetroffen, sofort befahl, die Dogge,
das im Osterhafen liegende Privatschiff, solle diese Nacht (die
Flut trat um drei Uhr dreiundvierzig Minuten morgens ein) nach dem
Westerdeiche fahren, und für ihn bereit liegen. Er fügte hinzu, daß er
nach dem Wrack des Drachen hinaus wolle. Gründe pflegte sonst der hohe
Beamte nicht anzugeben.

Am andern Mittag ging er nach dem Westerdeich, und Silk sah ihn kommen.
Und wie er graden Weges auf die kleine Schenke zusteuerte, da lachte
ihr Herz: er kommt um meinetwegen.

Der Staller war in Silks Zimmer getreten; in die Schenkstube ... nun,
das paßte sich auch nicht für ihn.

Er bat Silk, ans Fenster zu treten, und erzählte ihr, auf die See
weisend, von dem gestrigen Unfall; dann mußte sie ihm über die Gegend,
über die Werften, die er doch alle genau kannte, Auskunft geben.

Greggert Meinstorff hatte eine unruhige Nacht, unablässig schritt er in
seinem Zimmer auf und ab und murmelte leidenschaftlich Silks Namen. Die
Liebe hatte ihn mit aller Gewalt gepackt. Noch kämpfte er, ob er wieder
das Wirtshaus mit seiner schönen Insassin besuchen wollte, und schon am
nächsten Tage war er auf dem Wege nach dem Westerdeich. Silk hatte ihn
erwartet. Als sie seine Schritte hörte, ging sie in die Küche. Er trat
in ihr Zimmer, und gleich darauf erschien auch sie in dem Gemache,
als sei plötzlich eine weiße stille Rose aus der Knospe gesprungen.
Der Staller zog sie an sich und küßte sie. Sie wehrte ihm nicht, aber
erwiderte auch nicht seine Liebkosungen.

Schon rauschte die Sense über der zarten Blume: von Mund zu Mund ging
es auf der Insel: der Staller hält es mit Silk Frerksen.

Arme Silk! Was hatte sie nun zu leiden. Aber sie ertrug alles, ertrug
es seinetwegen. Sie wußte, daß auf allen Straßen Aufpasserinnen
standen, daß, wenn Greggert bei ihr war, Lauscher überall wie Schatten
an den Fenstern und Türen standen. Arme Silk!

Auch Greggert fühlte es. Aber wie in einem verzauberten Turm kam er
sich vor, ohne Ausgang mehr in die Welt. Er überschüttete sie mit
Geschenken.

Wie zum Hohn hatte er eines Tages seine Frau mit zu Silk genommen. Er
wollte mit ihr eine Fahrt in See machen. Wie immer, war die eigne Frau
die einzige, die nichts ahnte. Als sie die verwunderten Augen Silks auf
sich gerichtet sah, kam ihr eine Ahnung; aber sie schob sie zurück als
eine Unmöglichkeit.

Als am Abend dieses Tages der Staller Silk besuchte, trat wie eine
heiße Sonne aus weißgeballten Sommerwolken zum erstenmal ihre
Leidenschaft hervor. Hatte sie nie gewagt, seine Liebkosungen zu
erwidern, hatte sie, wenn er sie an sich zog, still den Kopf gesenkt --
heute legte sie wie Schlangen ihre Arme um seinen breiten Nacken und
küßte ihm die Lippen.

[Illustration]

Ehebruch war und ist bis auf den heutigen Tag bei den Nordfriesen etwas
Unerhörtes. Und nun sah die ganze Insel, wußten es die Halligen und das
Festland den Eilanden gegenüber, der Küstenklatsch, daß der Staller in
offnem Ehebruch lebte.

Greggert selbst litt am schwersten darunter -- um seiner schönen
Geliebten willen. Er liebte sie nur um so mehr. Das stille,
geheimnisvolle Mädchen hatte sein ganzes Herz. Ihr öffnete er seine
Seele, bei ihr vergaß er die Sorgen des Tages; zu ihr flüchtete er in
aller Qual des Lebens. Wenn sie neben ihm saß in ihrer ruhigen Weise,
strickend, auf einen Scherz von ihm kurz und eigentümlich lachend; wenn
sie, ohne zu sprechen, an seiner Brust lag, ganz ihm mit aller Seele
ergeben -- das war sein Glück, ein Glück, das er nie gekannt.

Endlich war das Gerücht auch Frau von Meinstorff zu Ohren gekommen. Sie
hatte nicht Stolz genug, sich von ihrem Manne zu trennen: in einem
furchtbaren Jähzornausbruch wollte sie ihre Rechte behaupten, und
erreichte nur das Gegenteil.

Die Stellung des Stallers wurde unhaltbarer mit jedem Tage. Er selbst
sah es ein.

Am nächsten Sonntag, als er wie gewöhnlich in seiner Emporloge saß,
fühlte sich ein junger eifriger Geistlicher gemüßigt, das sechste
Gebot in seiner Predigt auseinander zu setzen. Er ging zu Beispielen
über, und nachdem er von David und Bathseba gesprochen, tadelte er
scharf, ohne Namen zu nennen, aber doch für jedermann verständlich, das
offenkundige Verhältnis.

Er hatte schon nach einer Stunde, nachdem die Rede geendigt, vom
Staller den Abschied. Und das war Greggerts Todesstoß.

Am Nachmittage dieses Tages schrieb er einen langen Brief an den
König. Aber hier durfte er kaum Verzeihung hoffen. Er schrieb ihm,
wenn ihm ein natürlicher Sohn geboren würde, diesem seinen Namen geben
zu wollen; er sei der Letzte seines Geschlechtes: es läge eine Art
Berechtigung in seiner Bitte.

Am Abend wurde es stürmisch. Der Staller ging nicht zur Ruhe. Wie in
tödlicher Angst bestieg er öfter den dicken steinernen Turm seines
Hauses. Er fand keine Ruhe, die er sonst gefunden, je stärker der Wind
ihn umsauste und zerzauste.

Als er gegen Morgen, es war eine kalte Märznacht gewesen, noch einmal
den Turm bestieg, bemerkte er im Norden der Insel einen ungeheuern
Feuerschein. Er überzeugte sich bald, daß dieser von der Hallig
Buphever, die durch einen breiten Meeresarm von Schmerhörn getrennt
war, herüberleuchtete. Es mußten dort mehrere Werften brennen.

Plötzlich zitterte er am ganzen Körper, er legte die Stirn gegen den
Wind, er schien zu suchen, und er hatte gefunden. Ruhig stieg er in
sein Arbeitszimmer hinab und kleidete sich zum Weggehen an. In diesem
Augenblick wurde es im Hofe lebendig: der Feuerschein war auch von der
Dienerschaft bemerkt worden.

Beim Weggehen befahl er seinen Leuten, ihn nicht zu begleiten. Der
Wind, geradeaus von Norden kommend, packte ihn; doch er, sich ihm
entgegenstemmend, kämpfte vorwärts. Sein Ziel war das Fährhaus, wo in
einem eingebognen Teil des Steindeiches ein kleiner Hafen lag, in dem
die Bote ruhten, die den Verkehr mit Buphever vermittelten.

Nun stand er auf der Krone des Deiches, ein Turm im Wetter. Seine
Blicke waren nach Süden gerichtet, wo er das Häuschen sah, in dem Silk
wohnte. Eine unbezähmbare Sehnsucht, zu ihr zu eilen, überkam ihn. Aber
er bezwang sich. Mit einem tieftraurigen Blick schied er und stieg
hinunter, dem Fährhause zu.

Niemals erlaubt die Welt _das_ Glück, das Greggert Meinstorff kurze
Zeit besessen hatte.

Am kleinen Hafen war es lebendig. Schiffer, Fischer und alles, was
schwielige Fäuste hatte, war damit beschäftigt, die heftig hin und her
schaukelnden Bote mit soviel Tauwerk, als sie erlangen konnten, an
Ringen und Bohlen zu befestigen. Die wahnsinnig gewordene See erlaubte
nicht, daß auch nur der Versuch gemacht werde, den Buphevenern von
Schmerhörn zu Hilfe zu kommen.

In diesem Augenblick traf der Staller im Hafen ein. Er rief einige
Leute zu sich heran, um mit ihnen über das Feuer zu sprechen. Plötzlich
verlangte er ein Bot: er wolle allein hinüber; keiner solle ihn
begleiten. Alle beschworen ihn, von dem tollkühnen Gedanken abzulassen.
Allein er, den ihn umringenden Kreis durchbrechend, schritt mit
hastigen Schritten auf eins der Bote zu. Die Anwesenden halfen ihm
beim Einsteigen, beim Segelaufsetzen, und bei allen jenen kleinen
Handgriffen, die beim Flottmachen eines Fahrzeuges nötig sind.

Los! schrie der Staller. Und in schiefer Lage, mit Nordnordwest im
Segel, schoß das Bot hinaus. Mit vorgebeugten Leibern, mit starren
Gesichtern schauten ihm die Zurückgebliebenen nach -- nur zwei
Minuten. Der Nachen war gekentert, und eine schwarze Masse, die sich
mehr und mehr vom Kiel entfernte, bald auftauchend, bald verschwindend,
trieb in die See. Doch nicht zu weit. Die Ebbe war im letzten Fallen.
Der Körper Seiner Exzellenz lag in Sand und Schlick und Schlamm auf den
Watten. Schon umkreiste ihn die Raubmöwe, den Kopf mit dem furchtbaren
Schnabel prüfend über ihn gierend.

Der Morgen ahnte herauf. Im Osten zeigte sich ein fahles Rot; vor ihm
her flog ein großer Vogel mit blauen Flügeln, wie ein solcher nie auf
der Insel gesehen worden war, dem Ozean zu, ein eilender Verkünder
der Sonne. Im Westen grollte die Ebbe ab, dumpf, als wenn sie sich
in hunderttausend tiefe Abgründe stürze. Das Meer lag noch dunkel.
Im Norden brannte in schauerlicher Größe die Hallig Buphever. Die
schmutzigen, gelben Triele des in den Rinnen zurückgebliebenen Wassers,
die Watten, die Bänke, die Muschelhaufen, alles war von rotgelben
Tinten übergossen.

Der nächste Wagen war geholt. Die Leute hatten den Staller von den
Watten aufgehoben. Er sah finster aus; Schaum stand ihm vorm Munde. Da
er nur ganze kurze Zeit im Wasser gelegen hatte, so entfernte sich bald
das Häßliche von seinem Körper, das sonst Wellenversunknen eigen zu
sein pflegt.

Auf den Inseln aber und weit im ganzen Lande schwang sich bald von Ohr
zu Ohr: der Staller Greggert Meinstorff ist ertrunken.

[Illustration]

Schon zwei Tage nach dem Tode Greggerts war die Leiche in einem
hölzernen Sarge, nachdem dieser dreimal nach altem friesischen,
aus der Heidenzeit stammenden Gebrauch um die Kirche getragen, vor
den Altar hingesetzt. Nach dem Gottesdienste hatte sich die Menge
entfernt, und nur der Küster und seine Leute ordneten zum andern Morgen
Blumen-Girlanden, stellten die großen Lichter in Bereitschaft, die die
Nacht brennen sollten. Bei Tagesanbruch sollte der Sarg, getragen von
den Angesehensten der Insel, auf ein königliches Schiff gebracht, nach
dem Festlande abgehen, um in der Familiengruft, nachdem ein metallner
Sarg ihn umschlossen, beigesetzt zu werden.

Frau von Meinstorff war noch immer nicht zu sich gekommen. Sie hatte
in wildem Schmerz, als der Staller in die Kirche gefahren werden
sollte, den Sarg umklammert. Mit sanfter Gewalt war sie endlich von den
schwarzen Brettern entfernt worden.

[Illustration]

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern durch die
Kirchenstille. Der Deckel der Truhe ist geöffnet: der Staller ruht
feierlich mit über der Brust gekreuzten Händen, seine Augen sind
geschlossen, es ist nichts Finsteres mehr in seinem Antlitz.

Frau von Meinstorff hatte den Küster bestochen, den Deckel zu öffnen:
sie wollte in seiner Begleitung noch einmal ihren Mann diese Nacht
sehen. Der Küster war ein alter, armer, schwacher Mann: er hatte ihren
flehentlichen Bitten nachgegeben.

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern. Ein verirrter
Sperling, durch den Lichterschein schwer geängstigt, stößt gegen die
Scheiben, fliegt durch die Gänge, über die Stühle, ruht sich auf dem
Kelche aus. An seine kleine Brust klopft sichtbar das Herzchen.

Aus der Loge des Stallers, in der sie sich versteckt hatte, tritt Silk
hervor. Das volle, schöne, lange Haar ist aufgelöst und hängt wirr um
das süße, blasse Gesicht. Sie schleppt sich mühsam an den Sarg und
fällt an ihm nieder. Die linke Hand versucht sich an seinem Rande
aufzuhelfen. Sie sinkt zurück. Ihre schwere Stunde ist gekommen. Sie
schenkt dem Toten einen Sohn. Aber das Kind, der letzte Meinstorff,
stirbt bei der Geburt ... und auch die Mutter schließt die lieben,
treuen Augen für immer ...

Die großen Lichter brennen düster; sie knistern durch die
Kirchenstille. Der Sperling flattert noch immer in Todesangst umher.

Die Haupttür wird aufgeschlossen; und mit weitgeöffneten Augen, mit auf
die Brust gepreßten Händen, in tiefe Trauer gekleidet, tritt Frau von
Meinstorff ein. Der alte, schwache, grauhaarige Küster nimmt alle seine
Kraft zusammen, um die Unglückliche zu stützen.

Es ist noch dunkel. Ferne brennen die Lichter; die großen
Messingleuchter sind blank geputzt ... Langsam, langsam ... nun
bleibt das Paar stehen ... wieder einen Schritt vorwärts ... langsam,
langsam ...

Da! Mein Gott, mein Gott!

Ein einziger, gellender Schrei klingt durch die schweigenden, hohen
Hallen. Frau von Meinstorff stieß ihn aus.

Entsetzt ist der Sperling auf das große, schlechtgeschnitzte Kruzifix
geflogen. Der Christus scheint zu leben. Von der stirnumstrickenden
Dornenkrone blutet es; und eine liebe, unsäglich liebe Stimme spricht
schwer vom Kreuze herunter:

»Wer aber nicht gesündigt, der werfe den ersten Stein auf sie.«

Der alte, schwache, grauhaarige Küster hat die Edelfrau in einen Stuhl
gelegt. Dann ist er auf die Kniee gesunken und betet; und dann singt
er laut den ersten besten Vers aus dem Gesangbuch, der ihm gerade
einfällt. Er ist aus einem Erntedanklied:

    Wir preisen dich, o Herre Gott,
    Für allen deinen Segen.

Er singt ihn näselnd, als gelte es den Anfang, um die Gemeinde dann mit
einfallen zu lassen.

[Illustration]

Frau von Meinstorff lebte noch lange Jahre auf dem Gute ihres Bruders.
Sie ist bis an ihren Tod verwirrten Sinnes geblieben.

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]



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Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.


[Illustration: ~F 1506b X 10: 100.000~]

Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß
aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden
Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des
deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der
schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt
sie alljährlich an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken
sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher.
Bis Ende 1909 wurden 245.954 Bücher an Volksbibliotheken verteilt.

Die Auflage der von der Stiftung herausgegebenen Sammlungen
»Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Oktober 1910: 1.220.000
Exemplare.

Abzüge des _Werbeblatts_, des letzten Jahresberichts, auch des
Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen
Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich
übersandt.

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      Mit Bild Kurz'. Einleitung v. Prof. Sulger-Gebing.
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    Bd. 11. _Schiller_: Philosophische Gedichte. Ausgew. u. eingel.
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    Bd. 15. _Novellenbuch._ _4. Bd._ (Seegeschichten): Joachim
      Nettelbeck, W. Hauff, Hans Hoffmann, W. Jensen, Wilh. Poeck,
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      u. eingel. v. ~Dr.~ J. Loewenberg-Hamburg. Mit Bild u.
      Silhouette Mörikes. _11.--20. Taus._ 235 S.

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      Dichtungen. Herausgeg. und eingel. von Otto Ernst-Hamburg.
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      _11.--20. Taus._ 198 Seiten.

    Bd. 23. _Novellenbuch._ _6. Band._ (Kindheitsgeschichten): A.
      Schmitthenner, H. Aeckerle, M. Lienert, M. v. Rentz, Hans
      Land, A. Bayersdorfer, Ch. Niese, Th. Mann. _11.--20. Taus._
      199 S.

    Bd. 24. _Novellenbuch._ _7. Bd._ (Kriegsgeschichten): Carl
      Beyer, H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La Roche, D. v.
      Liliencron, Th. Fontane. _11.--20. Taus._ 177 S.

    Bd. 25/26. _Balladenbuch._ _2. Bd._: Ältere Dichter. _6.--10.
      T._ 518 S. 2 Mark.

    Bd. 27. _Karl Immermann_: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons.
      Herausgeg. u. eingeleitet von ~Dr.~ Wilhelm Bode-Weimar. Mit
      Bild Immermanns und 3 Bildern Magdeburgs. _6.--10. Taus._ 171
      Seiten.

    Bd. 28. _Martin Luther als deutscher Klassiker_, nebst einer
      Einführung von ~Dr.~ Eugen Lessing. Mit Bild Luthers. 176
      Seiten. _6.--10. Taus._

    Bd. 29/30. _Deutsche Humoristen._ _4. und 5. Bd._
      (Humoristische Gedichte.) 351 Seiten. 2 Mark. _6.--10. Taus._

    Bd. 31. _Deutsche Humoristen._ _6. Bd._: E. Th. A. Hoffmann, B.
      v. Arnim, Fr. Th. Vischer, A. Bayersdorfer, Henry F. Urban,
      Ludw. Thoma. 160 S. _11.--20. Taus._

    Bd. 32. _Max Eyth_: Geld und Erfahrung (humoristische
      Erzählung). Mit Original-Illustrationen von Th. Herrmann und
      Einleitung von ~Dr.~ C. Müller-Rastatt, Hamburg. 176 Seiten.
      _6.--10. Taus._

    Bd. 33. _Ludwig Uhland_: Ausgewählte Balladen und Romanzen. Mit
      Einleitung von K. Küchler, Altona, und Illustrationen von H.
      Schroedter, Karlsruhe. 160 S.

    Bd. 34. _J. J. David_: Ruzena Capek. Cyrill Wallenta. Mit
      Einleitung von A. v. Weilen und Bild Davids. 146 S.

    Bd. 35. _Ludwig Finckh_: Rapunzel. Mit Bild L. Finckhs und
      Einleitung von M. Lang. 159 S.

    Bd. 36. _Grethe Auer_: Marraksch. Mit Bild Gr. Auers und
      Einleitung von ~Dr.~ H. Bloesch. 192 S.


Geschenkausgaben

_in prächtigem, biegsamem Einband_ mit Goldschnitt sind _zum Preise von
je 4 Mark_ hergestellt von:

        Bd. 6/7 (rot, Ganzleder)
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        Bd. 20/21 (weiß, Dermatoid)
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Schillerbuch, enth. Einltg. über Schillers Leben, die Glocke, Balladen,
Tell. Mit Bild Schillers. 346 S. _21.--30. T._ Geb. 1 M.


Volksbücher.

Heft 1. 50 Gedichte v. _Goethe_. 95 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.
_11.--20. T._

Heft 2. _Schiller_: Tell. _11.--20. T._ 19 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 3. _Schiller_: Balladen. _31.--40. T._ 108 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 4. _Schiller_: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. 215 S. Geh.
30, geb. 60 Pf. _11.--20. T._

Heft 5. _Schiller_: Wallensteins Tod. 222 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
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_Heft 4 und 5 in einen Band gebunden 1 Mark. 11.--20. T._

Heft 6. _Brentano_: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem schönen
Annerl. Ill. v. W. Schulz. 59 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. _11.--20. T._

Heft 7. _E. Th. A. Hoffmann_: Das Fräulein von Scuderi. 113 S. Geh. 20,
geb. 50 Pf.

Heft 8. _Fr. Halm_: Die Marzipanliese. Die Freundinnen. Ill. v. H.
Amberg. 124 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. _11.--20. T._

Heft 9. _Fritz Reuter_: Woans ick tau 'ne Fru kamm. 61 S. Geh. 15, geb.
40 Pf. _11.--20. T._

Heft 10. _Max Eyth_: Der blinde Passagier. Ill. v. Th. Herrmann.
_21.--30. T._ 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 11. _Marie von Ebner-Eschenbach_: Die Freiherren von Gemperlein.
_11.--20. T._ 82 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 12. _Wilhelm Jensen_: Über der Heide. _11.--20. T._ 127 S. Geh.
25, geb. 55 Pf.

Heft 13. _Ernst Wichert_: Der Wilddieb. 144 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.
_11.--20. T._

Heft 14. _Levin Schücking_: Die drei Großmächte. Illustr. v. H.
Schroedter. 96 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. _11.--20. T._

Heft 15. _Ludwig Anzengruber_: Der Erbonkel u. andere Geschichten.
_11.--20. T._ 86 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 16. _Helene Böhlau_: Kußwirkungen. _11.--20. T._ 68 S. Geh. 20,
geb. 50 Pf.

Heft 17. _Ilse Frapan-Akunian_: Die Last. _11.--20.T._ 87 S. Geh. 25,
geb. 55 Pf.

Heft 18. _H. v. Kleist_: Die Verlobung in St. Domingo. Das Erdbeben in
Chili. Der Zweikampf. 142 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 19. _Peter Rosegger_: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. 139 S. Geh.
30, geb. 60 Pf. _11.--20. T._

Heft 20. _Ernst Zahn_: Die Mutter. _11.--20. T._ 66 S. Geh. 20, geb.
50 Pf.

Heft 21. _E. J. Groth_: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustr. v. Gg. O.
Erler. 40 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. _11.--20. T._

Heft 22. _A. Schmitthenner_: Die Frühglocke. Mit Illustr. v. Wilh.
Schulz. _11.--20. T._ 64 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 23. _G. Freytag_: Karl d. Große. -- Friedrich Barbarossa.
Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. 80 S. Geh. 25, geb.
55 Pf.

Heft 24. _Fr. Spielhagen_: Hans u. Grete. Mit Illustr. v. Th. Herrmann.
_11.--20. T._ 174 S. Geh. 40, geb. 75 Pf.

Heft 25. _St. v. Kotze_: Geschichten aus Australien. 88 S. Geh. 25,
geb. 55 Pf.

Heft 26. _Paul Heyse_: Andrea Delfin. 136 S. Geh. 30, geb. 60 Pf.

Heft 27. _H. Villinger_: Leodegar, der Hirtenschüler. Mit Ill. v. H.
Eichrodt. 72 S. Geh. 20, geb. 50 Pf.

Heft 28. _Otto Ludwig_: Aus dem Regen in die Traufe. Ill. v. H.
Schroedter. 123 S. Geh. 25, geb. 55 Pf.

Heft 29. _Richard Huldschiner_: Fegefeuer. Mit Buchschmuck v. H.
Amberg. 250 S. Geh. 70 Pf., geb. 1 Mark.

Heft 30. _Franz Grillparzer_: Weh dem, der lügt. 132 S. Geh. 25, geb.
55 Pf.


        Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.



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