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Title: Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) - Neue gesammelte Erzählungen
Author: Gerstäcker, Friedrich
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) - Neue gesammelte Erzählungen" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
    altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
    unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

    Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende des
    jeweiligen Kapitels der betreffenden Erzählung verschoben.
    Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden in ihrer Umschreibung
    dargestellt (Ae, Oe, Ue).

    Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
    den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      gesperrt:      _Unterstriche_
      Antiqua:       ~Tilden~

  ####################################################################



                           Hüben und Drüben.


                      Neue gesammelte Erzählungen

                                  von

                         Friedrich Gerstäcker.


                             Erster Band.


                            [Illustration]

                               Leipzig,

                       Arnoldische Buchhandlung.

                                 1868.



                               Leipzig,

                    Druck von Giesecke & Devrient.



Inhaltsverzeichniß.


                               Seite

    1. Die Gemeinde-Waise          1

    2. Der Fuchsbau              150

    3. Der ältliche Herr         297



Die Gemeinde-Waise.



Erstes Kapitel.

Der Mutter Tod.


Im Herbst des Jahres 1848 war es, daß nach Osterhagen, einem ziemlich
großen Dorf im --sischen, eine Frau mit zwei Kindern übersiedelte,
deren Erscheinung im Anfang den guten Leuten, und besonders dem
weiblichen Theil der Bevölkerung, außerordentlich reichhaltigen Stoff
zur Unterhaltung bot und eine Menge von Combinationen und Vermuthungen
hervorrief.

Paß oder Legitimation brauchte damals natürlich Niemand. Jeder ging
und kam, wie es ihm gerade gefiel, aber die Frau betrug sich so still
und anständig und verfolgte so harmlos ihre Bahn, daß man sie auch
wohl hätte zu andern Zeiten gewähren lassen -- und dennoch war manches
Räthselhafte in ihrem Betragen.

Sie mochte etwa dreißig Jahre zählen, und ihr kleines Mädchen war etwa
sieben, der Knabe etwa zwei Jahre alt; dabei ging sie so einfach, wie
nur möglich, in einem schlichten Kattunkleid, und das kleine ärmliche
Häuschen, das sie sich am äußersten Ende des Ortes miethete, bezeugte
ebenfalls, daß ihr keine großen Mittel zu Gebote ständen. Trotzdem
verrieth ihr ganzes Wesen, daß sie einst bessere, viel bessere Zeiten
gesehen. Auch bildschön mußte sie früher einmal gewesen sein, ja sie
war es eigentlich noch, hätte nicht der Gram oder vielleicht eine
Krankheit so tiefe Furchen in ihr Antlitz gezogen. Und was für reizende
Kinder hatte sie! Aber jedenfalls kam sie aus einem fremden Land, denn
wenn sie selber auch vollkommen gut Deutsch sprach und ohne Zweifel
aus Deutschland stammte, plapperte das kleine Mädchen ganz allerliebst
französisch, und setzte dadurch nicht selten ganze Gruppen aufblühender
Straßenjungen in unbegrenztes Erstaunen.

Ihr Name war, der eigenen Angabe nach, Frau Edmund, das kleine
Mädchen hieß Valerie, der Knabe George, und wenn sie auch etwas Geld
mitgebracht haben mußte, wovon sie im Anfang zehrten, so bemühte sie
sich doch bald, Arbeit im Orte selber zu erlangen, um ihr Fortkommen in
den schweren Zeiten zu erleichtern.

Sie nähte und stickte wunderbar schön, und wenn auch Osterhagen
eigentlich nicht der Platz für solche Arbeit war, so wußte sie den
Kreis ihrer Kundschaft doch auch bald auf die nicht ferne größere Stadt
auszudehnen, wohin sie anfangs selbst Proben ihrer Arbeit brachte, und
dann später durch die Botenfrau mit dem Ort verkehrte.

Sie selbst zog sich dabei von jedem Umgang mit den Einwohnern
Osterhagens zurück, wenn ihr auch Niemand deshalb Stolz vorwerfen
konnte; sie war in ihrem ganzen Wesen freundlich, ja weit eher scheu
und fast demüthig mit den Leuten, schien sich aber nie wohler zu
fühlen als zu Haus, wo sie nur ihren Kindern lebte, und nur Abends,
bei schönem Wetter besuchte sie den Kirchhof zu Osterhagen, und zwar
dort ein besonderes Grab, von dem aber merkwürdiger Weise Niemand im
Ort wußte, wer darunter lag. Es trug auch weder Namen noch Jahreszahl,
und einige von den älteren Bewohnern des Dorfes wollten behaupten, es
stamme noch aus den Kriegszeiten her.

Allerdings wurde die Fremde oft darnach gefragt, aber sie gab immer nur
ausweichende Antworten, und da Niemand ein besonderes Interesse an ihr
nahm, ließ man sie eben gewähren.

Dabei versäumte sie aber nicht, sich dem Unterricht ihrer Kinder,
besonders des Mädchens, auf das Fleißigste zu widmen, und nach kaum
einem Jahre sprach auch die kleine Valerie schon vollkommen gut deutsch
und konnte jetzt in die Schule gesandt werden -- aber sie blieb nicht
lange dort. Die Kinder verspotteten und neckten sie fortwährend ihrer
etwas fremdartigen Aussprache, ihres ganzen, ihnen viel zu zierlichen
Benehmens wegen; sie kam fast jeden Mittag weinend nach Haus, und die
Mutter beschloß deshalb, den Selbstunterricht im Hause fortzusetzen.

Im zweiten Jahre traf die arme Frau ein harter Schlag: der Knabe, ihr
kleiner Liebling, erkrankte an der Halsbräune und starb nach wenigen
Tagen in ihren Armen. Sie war ganz außer sich und lag viele Wochen an
einem heftigen Fieber auf ihrem Lager.

Die kaum neunjährige Valerie besorgte in der Zeit im Haus die ganze
Wirthschaft und pflegte dabei die Mutter Tag und Nacht. Diese erholte
sich auch allerdings wieder, aber der Schlag hatte sie doch zu
furchtbar getroffen, und sie kränkelte von da an sichtlich an einem
bösen trockenen Husten, der sie häufig am Arbeiten hinderte.

Mit dem Gelde wurde es dabei immer knapper; anfangs war sie ein
paar Mal in der Stadt gewesen und hatte, wie es sich in Osterhagen
wenigstens aussprach, dort goldenen Schmuck verkauft -- davon lebte
sie eine Zeit lang; endlich schien auch das erschöpft und einzelne
ihrer wenigen Habseligkeiten mußten veräußert werden. Einmal erholte
sie sich wieder, und ein volles Jahr lang schien es, als ob sie ihre
Kräfte vollständig zurückerlangt hätte, aber es kam ein Rückfall, und
jetzt ging es mit der armen Frau scharf bergab.

Es war drei Jahre nach dem Tode ihres kleinen George, daß Valerie in
einer Nacht ängstlich an die Thür ihrer Nachbarin, einer armen Wittwe,
pochte, und diese um Gottes Willen bat, zu ihrer Mutter zu kommen,
damit sie selber nach dem Arzt laufen könne.

Die alte Frau ging hinüber und fand eine Sterbende. Der Arzt, ein
gewöhnlicher Dorfchirurg, kam, aber menschliche Hülfe konnte hier
nichts mehr nützen -- er wollte ihr den Geistlichen senden, aber sie
hob abwehrend die Hand. Es war nur ein protestantischer Pfarrer im
Orte, und sie selber gehörte der katholischen Kirche an. Nur ihr armes
Kind winkte sie noch zu sich heran, legte mit ihren letzten Kräften die
Arme um dessen Nacken, küßte es, flüsterte ihm ein leises „Gott schütze
dich, meine Valerie“ zu, und sank dann todt auf ihr Kissen zurück.

Valerie saß neben ihrem Bett, die Hände im Schoos gefaltet, die
großen, thränengefüllten Augen auf die lieben bleichen Züge geheftet.
Die alte Nachbarin hatte der Todten die Augen zugedrückt und war dann
fortgegangen, um die Anzeige beim Schulzen zu machen; der Wundarzt
wurde ebenfalls abgerufen -- so saß sie Stunden lang.

Endlich quälte sie der Hunger; sie hatte gestern den ganzen Tag keinen
Bissen über die Lippen gebracht, auch heute Morgen noch nicht daran
gedacht, irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen, auch nichts dafür im
Hause. Jetzt verlangte die Natur ihr Recht, und sie stand langsam auf,
um sich beim nächsten Bäcker ein Brot zu holen.

Draußen zogen die Leute zu Markt -- das lebte auf der Straße, Fuhrleute
knallten wie gewöhnlich mit ihren Peitschen, Kinder lachten und
jubelten, ein paar Frauen zankten sich, weil die Eine der Andern den
Korb umgestoßen hatte -- und da drinnen in dem kleinen Haus lag ihre
Mutter auf dem Todtenbett! Kümmert sich denn gar Niemand darum? Hatte
kein Mensch einen Trauerblick für sie? und ging die Welt, während alles
Elend der Erde nur allein über das arme Kind hereingebrochen war,
indessen ihren ruhigen fröhlichen Gang?

Wie in einem schweren Traum schritt sie die Straße hinab, dem Hause
des Bäckers zu, legte ihre Kupfermünze auf den Tisch und bat um ein
Brot.

„Ja -- sollst du haben“, sagte der Bäcker, der mit aufgestreiften
Aermeln und ganz mit Mehl bestaubt hinter dem Fenster stand, „aber von
voriger Woche seid Ihr noch sechs Groschen schuldig -- sag’ Deiner
Mutter, daß sie’s bald herüber schickt.“

„Meine Mutter ist todt“, hauchte das arme Kind.

„Oh du lieber Gott“, sagte die Frau, die daneben stand, und schlug die
Hände zusammen -- „sorg’ Dich nicht um die paar Groschen, Schatz, die
werden uns auch nicht arm machen.“

„Sie sollen das Geld haben“, flüsterte das arme Mädchen, drehte sich ab
und schritt langsam wieder dem Hause zu.

„Heh, Franzosenmädchen, Franzosenmädchen!“ riefen ein paar Jungen
spottend hinter ihr drein. Sie hörte es wohl gar nicht -- nur an dem
Wagen einer Hökerin, die Blumen mit zu Markt nehmen wollte, blieb sie
noch einmal stehen und kaufte für das wenige Geld, das sie noch bei
sich trug, Blumen für die todte Mutter. Dann ging sie still nach Haus.
Da aber, wie sie wieder das Zimmer betrat, als ihr in den bleichen,
eingesunkenen Zügen der Geliebten der ganze über sie hereingebrochene
Jammer in furchtbarer Wahrheit vor die Seele trat, da vermochte sie
sich nicht länger zu halten. Auf das Bett der Mutter flog sie zu, warf
sich über die Leiche, die sie krampfhaft mit ihren Armen umschlang und
schluchzte laut.

Dann traten, nach einer langen Weile, Fremde in das Zimmer, Frauen, die
sich hinsetzten und über die Verstorbene in ihrem Beisein sprachen.
Ein Mann kam, der gleichgültig die Länge des Körpers maß; auch die
„Leichenfrau“ traf ein, und das Alles wurde so laut und geschäftsmäßig
betrieben, daß es das arme Kind, das in den letzten Tagen kaum gewagt
hatte hier zu flüstern, wie mit Messern durch das gequälte Herz stach.

Aber auch das ging vorüber; die fremden Menschen ließen sie wieder mit
ihrer todten Mutter allein, und sie behielt jetzt wenigstens Zeit,
sie mit den Blumen zu schmücken und ihr Lager herzurichten. Erst dann
kauerte sie sich neben der Geliebten nieder, den Kopf an ihren kalten
Arm gelehnt, und verzehrte, mit dem Salz ihrer eigenen Thränen, das
trockene Stück Brot.

Zwei Tage hielt sie bei der Theueren getreue Wacht -- am dritten kamen
die schwarzen Männer und legten sie in den Sarg.

Es war draußen recht schlechtes Wetter; ein kalter Nordostwind fegte
über das flache Land, und der Regen schlug in Strömen herunter -- wer
hätte da mit „zur Leiche“ gehen sollen. Schmucklos auf dem schwarzen
Wagen stand der einfache Sarg, den zwei Pferde zu seiner letzten
Ruhestätte führten, und hinter ihm, einen Blumenstrauß in den Händen,
durch Sturm und Unwetter, in dem dünnen Kleid, folgte einsam und
allein, wie es von jetzt ab durch das Leben gehen sollte, das arme Kind.

Trotz des schlechten Wetters hatte sich der protestantische Geistliche
eingefunden und sprach ein paar freundliche Worte über das Grab der
Armen; auch dem Kinde redete er zu und sagte ihm, daß es auf Gott bauen
solle, so würde es noch gute Menschen finden, die sich seiner annähmen.

Und dazu der peitschende Regen auf den erweichten Lehm des Kirchhofs!
Die Todtengräber hatten mit Ungeduld das Ende der Rede erwartet, und
nur Valerie stand daneben und zitterte vor dem Augenblick, wo der Sarg
in die Gruft gesenkt werden mußte.

Der Geistliche gab dazu das Zeichen -- hastig gehorchten die Leute, die
unter das schützende Dach zurück zu kehren wünschten -- an den nassen
Seilen rutschte er nieder, und Valerie warf ihm ihre Blumen als letzte
Liebesgabe nach. Dann schaufelten die Männer das Grab wieder zu; der
Geistliche stieg in den schon seiner harrenden Wagen -- er konnte in
dem Wetter nicht den Weg bis in den Ort zu Fuß zurücklegen -- und nur
Valerie, das Herz zum Brechen voll, ihre dünnen Kleider vollständig
durchnäßt, suchte, wie sie gekommen, mit schweren Schritten ihre öde
Heimath wieder auf.

Dann kam eine bittere, wehe Zeit für sie -- der Verkauf der ärmlichen
Hinterlassenschaft, um die bei Doctor wie Apotheker aufgelaufenen
Schulden, das Begräbniß und noch manche andere Kleinigkeiten zu decken.
Es mußte fast Alles verkauft werden, und zugleich drängte sich jetzt
dem Ortsvorstand die Frage auf, was nun mit dem Kinde selber werden
solle, da man dies doch nicht allein in der leeren Wohnung lassen
konnte.

Jetzt wurde, freilich etwas spät, nachgeforscht, woher die Familie
stamme und wo sie also ihr Heimathsrecht habe, aber die darum befragte
Kleine wußte nichts, als daß sie bei ihrer damaligen Uebersiedelung
weit bis zu dieser Stelle hergekommen wären. Papiere fanden sich gar
nicht, und Valerie gestand ganz offen, daß sie, kurz vor der Mutter
Tod, ein Kästchen voll Briefe habe im Ofen verbrennen müssen.

Jedenfalls hatte die Sterbende Alles vernichten lassen, was Licht über
Valerie’s Herkommen geben mochte. Weshalb das geschehen war, wußte
natürlich Niemand zu sagen, aber daß es in Osterhagen augenblicklich
die schlimmste Auslegung erfuhr, läßt sich denken -- der andere Fall
wäre gegen Menschennatur gewesen. Es verstand sich fast von selbst, daß
sie oder ihre nächsten Verwandten irgend ein todeswürdiges Verbrechen
begangen haben mußten, wonach denn der Name „Edmund“ auch ein
angenommener war -- und das letztere fand allerdings darin eine Art von
Bestätigung, daß der Gerichtsbeamte in dem letzten, noch gebliebenen
Betttuch das mit einer Krone versehene Zeichen ~V. de F.~ fand,
über welches das Kind natürlich keine Aufklärung geben konnte.

Der jetzige Ortsvorstand erklärte freilich, und zwar während dieser
Untersuchung und in Gegenwart des Kindes, daß sein Vorgänger im Amt
vollständig gewissenlos gehandelt habe, eine solche vagabundirende
Familie in der Gemeinde zuzulassen und dieser dadurch eine Last
aufzubürden; aber die Sache wäre einmal geschehen und nicht mehr zu
ändern, und jetzt könnten sie sehen, wo sie das Kind unterbrächten.

Valerie saß, während das Alles verhandelt wurde und die fremden
Menschen über das Eigenthum ihrer Mutter nach Gutdünken verfügten,
still und lautlos in der Ecke des Zimmers und starrte mit ihren großen
dunklen Augen die Männer an. Sie weinte auch nicht -- kein Wort der
Klage kam über ihre Lippen, keins des Vorwurfs oder der Bitte, ihr dies
oder das zu erhalten, was ihr vielleicht als Andenken theuer gewesen
wäre. Das Furchtbarste, was hatte geschehen können, war geschehen, und
alles Andere schien sie nicht mehr zu kümmern -- nicht einmal, daß man
sie, als Alles ausgeräumt worden, im Abenddunkel allein in der leeren
Wohnung zurückließ, und nur der alten Nachbarin verdankte sie’s, daß
die Leute nicht auch noch den Strohsack und eine alte Decke mitnahmen
-- sie hätte sonst nicht einmal einen Platz gehabt, wohin sie ihr müdes
Köpfchen legen konnte.

Allerdings beabsichtigte man nicht, sie ihrem Schicksal vollständig
zu überlassen; das wäre nicht angegangen, da sie noch nicht einmal
confirmirt war; aber heute Abend wenigstens konnte nichts mehr in
der Sache geschehen; morgen früh in der „Gemeinde-Sitzung“ mußte das
erst entschieden werden, und die Waise indessen in der alten Wohnung
bleiben. Die Leute handelten dadurch auch nicht gerade herzlos mit der
Verlassenen; der Geistliche selber hätte sie gern zu sich in’s Haus
genommen, aber das beherbergte fünf eigene Kinder und eine arme alte
Verwandte, und bei seinem geringen Gehalt wußte er selber oft nicht,
wie er sich ehrlich und anständig durchbringen sollte, er durfte sich
keine solche neue Verpflichtung aufladen -- schon der eigenen Kinder
wegen.

Auch die Frau des Bäckers hätte es vielleicht möglich gemacht, wenn
sie nicht gerade eines verstorbenen Bruders Kind, auch ein Mädchen in
Valerie’s Alter, zu sich genommen. Was sollte sie mit zweien anfangen,
und ihr Mann wollte auch nichts davon wissen. Der Ortsvorstand beschloß
allerdings, einige der wohlhabendsten Familien im Orte darum zu
ersuchen, das Kind zu erziehen, d. h. in Arbeit zu nehmen; Niemand
schien aber gewillt, eine solche „Verantwortlichkeit“ zu übernehmen,
denn wer wußte denn, wie sich die Fremde anließ, und ob nicht durch sie
gerade Streit und Unfrieden in der Familie entstand.

So blieb dem Vorstand denn nichts übrig, als sie in das
Gemeinde-Armenhaus -- ein kleines steinernes Gebäude, das nicht weit
vom Kirchhof stand -- einzuquartieren. Von dort aus konnte sie noch
bis zu ihrer Confirmation die Schule besuchen und nachher in Dienst
genommen werden. Indessen war man dann auch im Stande, Nachforschungen
über ihre Abkunft anzustellen, wenn dieselben auch nur wenig Erfolg
versprachen. Wußte man doch nicht einmal, nach welcher Richtung, nach
welchem Lande man sich deshalb wenden solle, und war sie gar wirklich
aus Frankreich herüber gekommen, wie man allgemein glaubte, so ließen
sich dafür nicht mehr die geringsten Beweise bringen -- Frankreich
hätte sie deshalb auch nie wieder angenommen und versorgt.



Zweites Kapitel.

Das Gemeinde-Haus.


Valerie hatte, so lange ihre Mutter lebte, nie das Bedürfniß gefühlt,
sich an irgend Jemand Anderen anzuschließen, und deshalb auch mit
Kindern ihres Alters wenig oder gar keinen Verkehr, nie aber Umgang
gehabt. Diese spotteten ja auch nur über ihre Sprache und ihr ganzes
fremdartiges Wesen, und herzlich gegen sie war keines von allen
gewesen. Was brauchte sie auch Fremde -- ihre Mutter galt ihr Alles auf
der Welt, und sie sehnte sich nicht hinaus zu den Menschen.

Jetzt plötzlich war ihr Alles mit einem Schlag genommen, und sie selber
nur auf Die angewiesen, von denen sie sich früher zurückgezogen, ja
von denen sie zurückgestoßen worden, und wie unglücklich sie sich
dabei fühlte, läßt sich denken. Aber sie klagte weder, noch weinte sie.
Als ob sie im Unglück ergraut wäre, so packte sie das Wenige, was ihr
noch geblieben, zusammen und verließ das Haus -- das einzige, das sie
als Heimath kannte, um in das Gemeinde-Haus überzusiedeln. Dort lebte
eine arme alte Frau in der einen Stube, der sie zugetheilt wurde, und
die zugleich die Aufsicht über sie führen sollte, worauf diese auch
sehr gern eingegangen war, da sie das Kind als Aufwartung recht gut
gebrauchen konnte.

Das Gemeinde-Haus stand, wie gesagt, nicht weit vom Kirchhof und war
insofern eines der stattlichsten Gebäude im Dorfe, da es ganz neu und
massiv aus Sandstein aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt worden; öde
genug sah es freilich noch aus, denn kein Baum oder Strauch befand sich
auf wohl vierzig Schritt im Umkreis; nur rother, lehmiger Boden, bei
Regenwetter fast unnahbar. Dicht hinter dem Haus hatte der kleine Ort
auch einen Brunnen graben lassen, aber das herausgeworfene Erdreich lag
noch in hohen Haufen rings umher und machte den Platz dadurch nur noch
wilder und trostloser.

Und das Innere? -- Das ganze Haus bestand aus sechs Zimmern, einem
Erker oder Mansardstübchen und einer Küche. Bewohnt war es nur
zur Hälfte von drei Parteien: jener alten Frau, der Witwe eines
emeritirten Schullehrers; einem alten wüsten Burschen, der seit
etwa dreißig Jahren auf Märkten und Messen mit einer Drehorgel und
Mordgeschichten herumgezogen war und jetzt, da er nicht mehr fort
konnte, an seine Gemeinde zurückgeliefert wurde, und einem blinden
Schuhmacher, der eigentlich in ein Irrenhaus gehört hätte, denn er
hielt sich für den König David und sang fortwährend Psalmen. Das aber
ärgerte den alten Bänkelsänger, und sowie der Schuhmacher drüben in
seiner Stube einen Psalm begann, fiel er mit einer seiner alten Mord-
und Räubergeschichten ein, so daß diese Zwei zusammen tagtäglich ein
ohrzerreißendes Concert lieferten.

Drei von den Zimmern standen öde und leer, so daß es im Winter
eigentlich nie warm wurde; aber auch selbst die bewohnten Zimmer
besaßen nur das Allernothwendigste von Hausgeräth -- ein Bett mit
Strohsack und wollener Decke, einen rohen Stuhl und eine wie mit der
Axt zugehauene Kommode. Die Oefen waren ziemlich gut, aber von außen
zu heizen, und das Kochgeschirr in der Küche, mit ein paar blechernen
Tellern und Löffeln, zum gemeinschaftlichen Gebrauch für alle Insassen.

Da hinein kam Valerie -- dort sollte sie ihre Jugend verbringen, und
als sie zuerst die Schwelle überschritt, war es ihr, als ob sie zum
Tode geführt würde. Aber auch hier kam kein Laut über ihre Lippen,
keine Thräne mehr in ihr Auge; still und geduldig ließ sie Alles mit
sich geschehen, denn sie hatte ja keinen eigenen Willen, und wie ihr
der Ortsvorstand bemerkte, mußte sie der Gemeinde noch dankbar dafür
sein, daß diese sich einer solchen, eigentlich gar nicht hierher
gehörenden Last angenommen hätte. Er schien auch wirklich eine Art
Dank dafür zu erwarten, aber Valerie erwiderte keine Silbe. Schweigend
folgte sie ihm in das öde Zimmer zu der alten Frau; schweigend, nur mit
einem schüchternen Gruß, legte sie ihr kleines Bündel ab und kauerte
sich dann, beide Elnbogen mit ihren zarten Händen fassend, in der Ecke
auf den Boden nieder.

Die alte Frau ließ sie auch anfangs gewähren und betrachtete sie nur
manchmal kopfschüttelnd; es mochte ihr selber wunderbar vorkommen,
ein so zartes Wesen als Genossin im Armenhaus zu erhalten. Aber ihre
eigene Bequemlichkeit ging ihr doch zuletzt über jede etwa zu nehmende
Rücksicht, und sie sagte nach einer Weile:

„Wie heißt Du, Kind?“

„Valerie“, erwiederte das junge Mädchen scheu, und die Alte schüttelte
ganz erstaunt wieder den Kopf.

„Wer hat nur je in aller Welt davon gehört, daß Aeltern ein Kind
Falleri getauft hätten? Falleri fallera singen die Kerle draußen, wenn
sie was im Kopfe haben, und das muß ein komischer Pfarrer gewesen sein,
der den Namen in sein Kirchenbuch geschrieben hat. -- Aber das schadet
nichts, Kind“, setzte sie beruhigend hinzu, „er klingt wenigstens
lustig, und was Lustiges können wir in dem Elend hier gebrauchen,
Schatz, das weiß der allmächtige Gott.“

Valerie sah scheu zu ihr hinüber; die Alte nickte so heftig und
unheimlich mit dem Kopf und sah dabei so stier vor sich hin, daß
sie sich ordentlich vor ihr zu fürchten begann; aber die Frau Kunze
-- wie sie mit Namen hieß -- war nur einmal wieder in ihre alten
Erinnerungen hinein gerathen, in ihre Jugendjahre, wo sie auch bei
fremden Leuten gedient, dann mit dem Schullehrer des Dorfes ein
Verhältniß angesponnen, der sie zuletzt hatte heirathen müssen, dann
die ganze Jammerzeit ihrer Ehe hindurch in Noth und Kummer hinlebend
mit fünf Kindern, die sie alle, eines nach dem andern, begraben mußte,
zuletzt mit dem Bescheid des Oberconsistoriums, der ihren Mann noch
in seiner besten Lebenszeit emeritirte; dann das Elend nachher und
zuletzt der Tod des Gatten, der sie, mit ihrer Pension von achtzehn
Thalern _jährlich_, auf das Gemeinde-Armenhaus anwies, als
letzte Zuflucht. Wenn sie das Alles aber bedachte, kam ihr immer der
wunderliche Gedanke, wie es denn möglich sei, daß der liebe Gott
Menschen auf die Erde setzen könne, denen er auch nicht ein einziges
Jahr, ja keinen Tag, keine Stunde des Glückes gebe, und die ihr Dasein
in Jammer und Leid bis zum Grabe fortschleppen müßten, und daß sie
dabei nicht freundlich aussehen konnte, ließ sich denken.

Aber das Grübeln allein half ihr nichts; das hatte sie das ganze Jahr
hindurch alle und alle Tage, und die halben Nächte dazu; es wurde Zeit,
daß sie etwas zu essen bekamen, und sie sagte deshalb:

„Komm, Kind, das nützt Alles nichts -- das Grübeln bringt uns nicht
weiter und der Kopf wird Einem nur schwer und das Herz auch. -- Sieh
Dich ein bischen in der Küche um -- ich zeige Dir, wo Alles steht, und
mach’ Feuer an, daß wir wenigstens ein paar Kartoffeln bekommen --
weiter gibt’s nichts, außer Sonntags, da kriegen wir Fleisch -- oder
manchmal auch keins, wenn es Hirsebrei setzt. Du wirst so jetzt für die
Küche sorgen müssen, denn meine alten Knochen wollen nicht mehr recht
fort, und es wird auch wohl Zeit, daß ich mich zur Ruhe setze, denn
eine _Hülfe_ im Haus hat’s mir noch nie abgeworfen. So alt ich
bin, ich habe nur immer mir selber und anderen Menschen helfen müssen.“

Die Alte murmelte noch immer fort einzelne Worte vor sich hin, stand
aber doch jetzt selber auf, um dem Kind seinen neuen Wirkungskreis zu
zeigen und die bisher gethane Arbeit auf dessen Schultern zu legen.

Valerie folgte ihr willenlos in die Küche und begriff bald die
Behandlung des sehr einfachen Kochherdes, versprach auch, das Geschirr
immer hübsch rein und sauber zu halten, was die alte Frau, wie sie
selber eingestand, in der letzten Zeit etwas vernachlässigt hatte. Du
lieber Gott, „es ging eben nicht mehr recht, und man konnte es nicht
verlangen“.

Der blinde Schuster war indessen auch schon ungeduldig geworden, machte
seine Stubenthür auf und fluchte -- obgleich er sonst nur immer Psalmen
sang, -- auf gotteslästerliche Weise heraus, was denn das wäre, ob
nicht bald Feuer angemacht würde, und sie heute etwa gar nichts zu
essen haben sollten.

Valerie erschrack -- der Mann sah gar so böse und so entsetzlich
schmutzig und widerlich häßlich aus; aber heute noch unter der
Anleitung der Alten ging sie willig an die Arbeit, holte Wasser,
zündete Feuer an, wusch das von der letzten Mahlzeit noch stehen
gebliebene Geschirr auf und prüfte die aufgesetzten Kartoffeln mit
der Gabel, bis sie weich und gar waren. Dann wurde in der Küche auf
dem Küchentisch gegessen, und der blinde Schuhmacher wie der alte
Bänkelsänger trafen dort, nach gemeinschaftlichem Uebereinkommen,
Mittags zusammen -- weniger freilich der Unterhaltung wegen, als um
sich gegenseitig zu zanken, wonach dann Jeder, unter den gemeinsten
Schimpfworten, sein eigenes Nest wieder aufsuchte.

Unter solcher Gesellschaft verlebte jetzt das arme Kind seine Zeit,
und wie es im Anfang vor Ekel über den ihm überall entgegenstarrenden
Schmuz kaum essen konnte, und sich mit seinem Teller Kartoffeln
scheu und zitternd vor den rohen Worten der Streitenden in eine Ecke
zurückzog, fühlte es sich nur dann glücklich, wenn es von Niemand
beachtet wurde, und seine Arbeit, der es sich ja so gerne unterzog,
ungestört verrichten konnte.

Glücklicher Weise schrieben die Gesetze vor, daß ihre „Erziehung“ nicht
vernachlässigt werden durfte -- sie mußte die Schule besuchen, und mit
welchem Eifer würde sie gelernt haben, wenn ihre Mitschülerinnen nur
ein klein wenig freundlicher gegen sie gewesen wären! Aber sie wurde
geneckt und verspottet, wo das nur heimlich geschehen konnte, und
wagte nicht einmal sich zu beklagen, aus Furcht, die schon so rohen
Kinder nur noch mehr zu reizen.

Der alte Geistliche nahm sich freilich ihrer an und würde das auch
nicht gelitten haben, wenn er es eben erfahren hätte; der Schulmeister
aber, eines jener gedrückten Wesen, der mit einem Gehalt, bei dem er
fast verhungern mußte, täglich sieben Stunden Unterricht geben sollte,
sah es nicht, oder wollte es nicht sehen. Er hatte gerade Aerger
genug mit der Bande auf eigene Faust, und dachte nicht sich noch in
Privatsachen zu mischen. Ueberdies gehörten ja auch die ungezogensten
Bälger gerade den reichsten Bauern im Orte an, und mit denen mochte er
es ohnehin nicht verderben -- der Dirne aus dem Armenhaus wegen.

Das war eine furchtbare Zeit für das arme Kind, ein stärkerer
Charakter, als ihn Valerie besaß, hätte dazu gehört, sie unbeeinflußt
von ihren bösen Wirkungen zu ertragen.

Wie hatte ihre selige Mutter für sie gesorgt, um ihren Geist und Körper
auszubilden, wie auf Reinlichkeit gesehen, und selber Alles in ihrem
kleinen, wenn auch noch so ärmlichen Haus so sauber gehalten, daß das
Ganze wie ein Puppenstübchen aussah, und wie anders, wie furchtbar
anders war das jetzt geworden!

Was vermochte der alte mürrische Schullehrer sie noch zu lehren, was
selbst das jetzt zwölfjährige Kind nicht schon wußte! Was lag ihm auch
daran, ob seine Schüler und Schülerinnen etwas lernten -- er hielt eben
seine Stunden, käute die alten, schon tausendmal gebrauchten Phrasen
und Formen wieder und dankte Gott, wenn es Sonnabend Mittag war.

Geistig erhielt Valerie deshalb von _diesem_ Lehrer gar keine
Hülfe und Unterstützung, und körperlich ging sie in ihrer wüsten
Umgebung täglich mehr zu Grunde.

Wohl sträubte sie sich lange dagegen; die Lehre, das gute Beispiel
ihrer wackeren Mutter wurzelten noch zu fest in ihrem Herzen, und sie
versuchte fast das Uebermenschliche, sich über dem Schlamm zu halten,
der sie von allen Seiten umgab -- aber lieber Gott, es war ja doch
nur ein Kind, das geleitet sein wollte; es fehlte ihr ja noch der
freie feste Wille der Erwachsenen, und wie eine alte Eiche starr und
eisern gegen den Sturm die Wurzeln in den Boden krallt, so biegt sich
der junge Schößling seiner Gewalt und behält die Neigung, die er ihm
gezeigt.

So gab sich auch Valerie mehr und mehr dem bösen Einfluß hin, der auf
sie einwirkte; was half ihr auch alles dagegen Ansträuben, sie konnte
sich ihm ja doch nicht mehr entziehen. Anfangs ja, suchte sie sich noch
die Sauberkeit zu erhalten, in der sie ihre verstorbene Mutter erzogen;
sie wusch und besserte an ihrem Kleidchen, an ihrer Wäsche aus, wo ihr
nur ein Augenblick Zeit blieb; als aber der Winter mit Eis, Schnee und
bitterer Kälte hereinbrach, und ihr kein eigenes Plätzchen blieb, an
dem sie sich aufhalten konnte, fing sie ebenfalls an gleichgültig gegen
sich selber zu werden; trieb sie doch schon der bittere Frost hinter
den Ofen, da ihr die dünnen Kleider keinen Schutz gegen die Kälte
gewährten.

Auch Morgens scheute sie sich aufzustehen und Feuer anzuzünden, bis sie
die Alte von ihrem ärmlichen Lager jagte; dann natürlich konnte sie
sich ihr Haar nicht machen, band die vollen, aber wirren Locken nur
flüchtig in einen Knoten zusammen und ging an ihre Arbeit. Auch ihr
Kleid war so fadenscheinig geworden, daß Ausbessern gar nichts mehr
half; es zeigte dabei überall Spuren von Fett und andern Flecken; kurz,
sie begann zu verwildern, und Niemand war, der sie gewarnt und ermahnt
hätte -- nicht einmal der Schullehrer, dessen erste Pflicht es gewesen
wäre.

Begegnete ihr der Geistliche dann einmal in einem solchen Aufzug,
so blieb er wohl kopfschüttelnd vor ihr stehen und schalt sie ihres
unordentlichen, schmutzigen Aussehens wegen, aber der alte Mann hatte
auch andere Dinge im Kopfe, um der Sache auf den Grund zu gehen. Daheim
lagen ihm zwei Kinder schwer krank am Nervenfieber fast den ganzen
Winter hindurch, und das lastete ihm mit einem solchen Druck auf dem
Herzen, daß er seiner nächsten Umgebung kaum mehr als einen flüchtigen
Blick widmen konnte.

So verging der Winter, und der Sommer kam wieder, aber keine bessere
Zeit für das arme Kind, dem die Gesellschaft in dem öden Gemeinde-Haus
immer entsetzlicher wurde. Der alte Bänkelsänger trank. Wo er das Geld
dazu her bekam, wußte Niemand; aber er hatte fortwährend wenigstens
einige kleine Münzen, und wenn ihn Jemand darum frug, behauptete er
immer lachend, er wisse einen verborgenen Schatz im nächsten Berge, aus
dem er sich hole was er brauche. Manchmal war er allerdings zwei bis
drei Tage fort, Niemand wußte wohin, und wenn ihn der Ortsvorstand dann
zur Rede setzen wollte, und ihn frug, wo er sich ohne Legitimation im
Lande umher getrieben, lachte er jedesmal und behauptete, er habe oben
in den Hügeln Kräuter gegen seinen bösen Husten gesucht -- brachte auch
in der That jedesmal einen ganzen Arm voll Pflanzen mit, die er aber,
allem Anschein nach, irgendwo aufs gerathewohl ausgerissen hatte, denn
der Dorfbader, der die Sache verstehen mußte, erklärte sie sämmtlich
für werthlos in der Medicin, und der alte Lidrian benutzte sie auch nie
weiter, sondern warf sie nur in eine Ecke, wo sie ein paar Tage lagen
und welkten, und dann von Valerie hinausgetragen wurden.

Der Zustand des blinden Schusters verschlimmerte sich dabei ebenfalls
mit jedem Tage, ohne daß die geringste Veränderung mit ihm getroffen
und er an einen sicheren Platz geschafft worden wäre. Sein bis dahin
stiller Wahnsinn ging oft in laute Tobsucht über, daß sich das arme
Kind oft in Angst und Schrecken aus dem Haus flüchtete und draußen im
offenen Feld Schutz suchte.

Der Schulze hatte eine Eingabe gemacht, und es kam ein Arzt aus der
Stadt heraus, um den Schuster zu untersuchen; da er sich aber gerade in
der Zeit vollkommen ruhig verhielt, erklärte der Arzt, es hätte noch
nichts zu sagen und man solle wieder zu ihm schicken, wenn er aufs Neue
in einen Wuthanfall geriethe.

Die Zeit rückte jetzt auch heran, wo Valerie zur Confirmation
vorbereitet werden sollte, und es verstand sich von selbst, daß das
im protestantischen Glauben geschah; der ganze Religionsunterricht
war ja auch in der Richtung gewesen, und Valerie selber hatte dabei
keinen Willen, wagte auch in der That nicht den geringsten Widerspruch.
Jetzt aber mußte sie viel lernen; ganze Seiten voll Bibelsprüche und
Katechismusverse, und wenn ihr das auch ziemlich leicht wurde, so ließ
ihr der Lärm im Hause doch selten dazu Ruhe. Der blinde Schuster sang
seine Psalmen dazwischen, der alte Bänkelsänger brüllte seine frechen
Lieder, und dazu hatten sie jetzt noch eine arme Frau mit zwei kleinen
Kindern, Zwillingen, einbekommen, die Beide den ganzen Tag und die
halbe Nacht schrieen.

Da brach der wilde Geist eines Abends wieder bei dem Tollen los --
Valerie saß gerade in ihrem Eckchen, mit dem Buch auf dem Schoos,
hinter dem Ofen, als er in das Zimmer stürmte und mit solcher
Gewalt gegen den Ofen anrannte, daß dieser zusammenbrach und die
niederstürzenden Stücke das Kind schwer am Kopf beschädigten.

Glücklicher Weise kamen gerade ein paar Knechte von der Arbeit aus dem
Feld an dem Haus vorüber, die den jetzt vollständig Wüthenden fassen
und mit ihren Geschirrleinen binden konnten.

Valerie hatte eine nicht unbedeutende Verletzung erhalten und lag
Stunden lang ohne Bewußtsein; der Bader wurde auch gerufen, ließ ihr
natürlich zur Ader und verband sie, und sie kam wieder zum Leben, mußte
aber lange das Bett hüten und durfte in der ganzen Zeit nicht lernen.
Pflege hatte sie auch weiter keine als die alte mürrische Frau, und sie
verbrachte auf ihrem harten Strohsack eine lange, trostlose Zeit.

Aber auch das ging vorüber; ihre jugendliche Natur half ihr über die
sonst vielleicht gefährlichen Folgen der Verwundung hinweg, und sie
konnte sogar in einiger Zeit wieder die nöthigen Arbeiten für ihr
Examen vornehmen.

Der Aufenthalt im Hause wurde indessen immer trostloser, denn der
Bänkelsänger schien, durch das Fortschaffen seines bisherigen Cumpans,
des blinden Schusters, fast außer sich gerathen. Allerdings hatte er
mit diesem bisher in ewigem Zank und Streit gelebt, aber gerade dieser
Zank war ihm zuletzt Bedürfniß geworden, und als er ihn entbehren
mußte, wurde er vollständig unleidlich -- und trotzdem schien er eine
Art von wunderlicher Zuneigung zu dem Kind gefaßt zu haben, die er sich
aber doch nicht wollte merken lassen, weil sie ihm vielleicht selber
absurd vorkam. So lange sie aber krank lag, war seine erste Frage an
jedem Morgen, wie es der „Falleri“ ginge, und Nachts saß er manchmal
Stunden lang an ihrem Lager und half mit, ihr nasse Tücher um den Kopf
zu legen, oder reichte ihr auch wohl den Becher mit Wasser, wenn sie
danach verlangte. Der alten Schulmeisters-Witwe erzählte er auch dabei
einmal, daß er früher ein Kind gehabt, ein kleines Mädchen, so zart
und hübsch wie die „Falleri“, aber sie war ihm gestorben, die Mutter
ebenfalls, und wie sie auf dem Todtenbett gelegen, hätte sie gerade so
ausgesehen wie die „Falleri“.

Diese Zuneigung schien übrigens nur so lange zu dauern, wie das
Kind wirklich krank und halb bewußtlos war. Kaum erholte sie sich
wieder, als er sein altes Leben begann und sich gar nicht weiter um
sie bekümmerte; ja, als sie nur eben erst ein klein wenig im Haus
herumwirthschaften konnte, schimpfte und fluchte er wieder auf sie wie
vordem, und sang alle seine alten schauerlichen Lieder, von denen bis
dahin keines über seine Lippen gekommen.



Drittes Kapitel.

Zur Confirmation.


So nahte die Zeit, wo Valerie confirmirt werden und dann auch das
Gemeinde-Armenhaus verlassen sollte, denn der Schulze hatte ihr schon
einen Dienst bei einem Bauer ausgemacht, dessen Schwiegermutter an
einer bösartigen Krankheit litt, und wo sie die Pflege derselben
übernehmen konnte. Wozu brauchte auch die Gemeinde länger die Last zu
tragen, wenn sich das Mädchen erst einmal selber mit ihrer Hände Arbeit
ernähren konnte? Es war eigentlich eine Sache, die sich von selbst
verstand.

Valerie war indessen vierzehn Jahr alt geworden -- wenn sie sich auch
kaum noch auf den Tag ihrer Geburt erinnerte, denn wer hatte sich, seit
ihre Mutter gestorben, wohl noch um den gekümmert! Stark gewachsen
mußte sie auch in der Zeit sein, denn ihre Kleider wollten ihr nirgends
mehr passen und reichten ihr kaum mehr bis über die Knie, und neue
hatte sie ja nicht dazu bekommen. Aber wie bleich und mager sie aussah,
und wie verwahrlost, wie schmutzig und abgerissen! Auch der freundliche
kindliche Zug von Anmuth war aus ihrem Antlitz gewichen, der es früher
erhellte und die Grübchen in ihre runden Wangen rief. Finster und
verdrossen sah sie aus, und wenn sie ja einmal draußen bei der Arbeit
und ganz in Gedanken mit ihrer klaren Stimme sang, so waren es nur die
wüsten, häßlichen Lieder, die sie von dem alten Bänkelsänger den ganzen
Tag hören mußte, und die ihr deshalb in den Ohren klangen -- und dazu
die Vorbereitung zur Confirmation! Aber das störte sie nicht; welche
Andacht konnte sie auch mit in die Kirche zu einem Gott bringen, von
dem sie sich verlassen glauben mußte, während sie von den Menschen
unter die Füße getreten wurde. Sie beobachtete -- wie es Tausende
ebenfalls thun -- die anbefohlenen Formen und Formeln, und nahm das
Ganze als eine eben nicht zu umgehende Ceremonie, die sie ja auch
überstehen würde, so gut wie die Andern.

Eine Schwierigkeit hatte es dabei: ihre dürftige, abgerissene und
schmutzige Kleidung. -- _So_ konnte sie nicht vor Gottes Altar
treten, wie der Geistliche sagte, und der Schulze sollte Rath schaffen.
Aber woher nehmen und nicht stehlen; denn neue Kleider aus dem
Gemeindesäckel zu bezahlen, war noch nicht dagewesen und konnte auch
von keiner Gemeinde verlangt werden.

Vielleicht gab es aber da eine Hülfe, denn der Schulze hatte bemerkt,
daß Valerie an einer Schnur einen goldenen Schmuck um den Hals
trug, und zwar ein kleines Kreuzchen und einen einfachen Ring. Das
Kreuz hatte sie selbst einst von ihrer Mutter, die es bis dahin
getragen, zu Weihnachten bekommen -- der Ring war der Trauring der
Verstorbenen, den sie ihr von der kalten Hand gezogen und als theueres,
_einziges_ Vermächtniß aufbewahrte. Diese beiden Stücke sollte
das Mädchen hergeben, um mit dem Erlös derselben die für sie nöthigen
Kleidungsstücke zu beschaffen, und der Ortsschulze hielt das für so in
der Ordnung, daß er es nicht einmal nöthig glaubte, selber ein Wort
deshalb zu verlieren, sondern eine Magd in das Gemeindehaus sandte, um
die „Goldsachen“ nur einfach abzuholen. Valerie erfuhr aber kaum, was
man von ihr verlange, als das sonst so scheue und schüchterne Mädchen
auf das Bestimmteste erklärte, die Kleinodien nicht herzugeben, so
lange sie selber lebe, und die Magd mußte unverrichteter Sache wieder
abziehen.

Jetzt aber wurde der Schulze böse. Das dumme, einfältige Ding
widersetzte sich, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit helfen
konnte, die bis dahin nur von der Gemeinde getragene Last zu
erleichtern? Das war zu arg und verdiente strenge Ahndung, und seinen
Hut aufsetzend und den Amtsstock nehmend, ging er selber mit großen
Schritten nach dem Gemeindehaus hinüber.

Hatte er übrigens geglaubt, den fraglichen Gegenstand nur durch seine
Erscheinung zu ordnen, so fand er sich da vollständig getäuscht, denn
Valerie, wenn sie auch keinen Blutstropfen mehr im Gesicht hatte,
erklärte ihm mit fester entschlossener Stimme, das Kreuz und den Ring
gebe sie nicht her -- _das_ sei das letzte, was sie von ihrer
seligen Mutter habe, und das wolle sie behalten, und Gott würde eben
so gnädig auf sie herabblicken, ob sie nun in ihren Fetzen zum Altare
trete, oder in einem neuen weißen Kleide, mit dem sie doch nachher
nicht wisse, was sie damit anfangen solle, denn bei ihrer Arbeit könne
sie es nicht tragen.

Der Schulze ärgerte sich vielleicht eben so viel über ihre Weigerung
und Widersetzlichkeit als darüber, daß er ihr im Herzen Recht geben
mußte -- das Kleid wäre allerdings nur für den einen Tag gewesen, denn
im Staate konnte die „Gemeinde-Waise“ natürlich nicht herumgehen;
aber was ging das ihn und das Dorf an! Sollten sie sich etwa von der
Nachbarschaft nacherzählen lassen, daß sie _ihre_ Kinder in Lumpen
und Fetzen zum Abendmahl gehen ließen, und hatte überhaupt so ein Ding,
das hier gar nicht hergehörte und nur aus Gnade und Barmherzigkeit
erhalten wurde, einen eigenen Willen?

Der Schulze war gerade kein böser Mensch, aber leider voll von jenem
Beamtendünkel, der nur zu Vielen in den Köpfen spukt. Wie _er_
sich dabei vor seinen Vorgesetzten oder der oberen Behörde in der Stadt
bückte und nie gewagt hätte, eine Einrede laut werden zu lassen, ei, so
verlangte er es auch von _seinen_ Untergebenen, und wenn _er_
einmal etwas angeordnet hatte, mußte es auch befolgt werden oder -- er
wäre ja nicht mehr Schulze im Dorf gewesen.

„Hör’ einmal, Falleri“, rief er deshalb und ging mit großen Schritten
auf das scheu zu ihm aufblickende junge Mädchen ein, „ich will Dir
etwas sagen -- glaubst Du etwa, daß wir unsere Gemeinde-Armen mit
goldenem Schmuck herumlaufen lassen, und dann trotzdem Alles aus unserm
eigenen Beutel bezahlen? -- Wenn Du ein klein wenig Ehrgefühl hättest,
wärst Du schon lange von selber gekommen und hättest uns die Sachen für
die Gemeindekasse eingeliefert, um wenigstens Alles zu thun, was in
Deinen Kräften steht, die für Dich entstandenen Kosten nur einigermaßen
wieder gut zu machen. Aber Gott bewahre, die Mamsell denkt gar nicht
daran, und will sich jetzt auch noch weigern, wo sie vom Gericht dazu
aufgefordert wird. Her damit, Du unnützes Ding, oder ich lasse Dich
wahrhaftig auf die Straße setzen.“

Er streckte dabei die breite Faust nach dem Kinde aus, das aber,
todtenbleich, doch mit funkelnden Augen krampfhaft den letzten Schmuck
seiner verstorbenen Mutter in der kleinen Hand faßte und nur bittend
rief:

„Ach, lassen Sie mir das Kreuz und den Ring, Herr Schulze -- ich will
ja gewiß arbeiten, daß mir das Blut unter die Nägel kommt, nur um Alles
wieder abzuverdienen -- aber nur das nicht -- nur das nicht!“

„Hilft Dir nichts -- her damit!“ rief aber das Dorf-Oberhaupt, das
sich jetzt seiner Würde etwas zu vergeben glaubte, wenn es von dem
ausgesprochenen Willen abstand; „ich habe es einmal gesagt, und es muß
geschehen -- willst Du es hergeben, Du kleine Hexe?“

„Oh Du lieber Gott!“ rief Valerie, indem sie die ihr heiligen
Erinnerungszeichen mit ihren schwachen Kräften vertheidigte, -- „ist
denn gar kein Mensch auf der weiten Welt, der einem armen Kinde hilft!“

„Hallo!“ rief da eine laute trotzige Stimme von der Thür aus, „was geht
da vor?“

Der Schulze ließ überrascht die Hand des Kindes los und drehte
sich nach der Stimme um, erkannte aber nur den alten Bänkelsänger,
der freilich mit einem, wahrscheinlich draußen aufgegriffenen Stück
Buchen-Stangenholz auf ihn zuschritt und seiner ganzen Erscheinung nach
fast so aussah, als ob er über den Schulzen herfallen möchte.

„Na?“ rief dieser, ihn halb erschreckt, aber auch erstaunt ansehend,
„habt _Ihr_ Euch etwa um das zu kümmern, was ich thue? Was wollt
Ihr hier?“

„Ah, Sie sind’s, Herr Schulze“, sagte der Mann, ohne indessen den
Knüppel, den er in der Hand trug, fortzulegen, „bitte tausend Mal um
Entschuldigung, wenn ich gestört haben sollte, aber mir war’s, als ob
ich die Falleri schreien hörte, und wer Der was thut, dem schlage ich
den Schädel zu Brei zusammen.“

„So, und was geht _Euch_ die Falleri an, wenn ich fragen darf?“

„Was sie mich angeht?“, lachte der Alte ingrimmig vor sich hin -- „hat
sie vielleicht Jemand Anderen, den sie was angeht, auf der Welt? Aber
was gibt’s denn, Falleri -- Teufel noch einmal, Kind, wie blaß Du
aussiehst -- bist Du unartig gewesen?“

„Den Ring und das Kreuz meiner seligen Mutter will mir der Schulze
wegnehmen, um mir ein Kleid davon zu kaufen“, stöhnte das Kind.

„Ih, sieh mal an“, sagte der Bänkelsänger lachend, „was Du Dir für
Sachen in den Kopf setz’st, Schatz; der Schulze _Dir_ die
Goldsachen von Deiner Mutter selig mit Gewalt wegnehmen wollen? Du bist
wohl nicht recht klug im Kopfe. Das fällt ihm doch gar nicht ein.“

„Mit Gewalt hab’ ich’s ihr auch nicht wegnehmen wollen“, sagte der
Schulze mürrisch, denn die Sache wurde ihm selbst unangenehm, „aber sie
soll’s hergeben, damit sie anständig in der Kirche erscheinen kann.“

„Aha“, nickte der alte Bänkelsänger vergnügt vor sich hin, „der
_Andern_ wegen, damit sich die der armen Falleri nicht zu schämen
brauchen. Ja wohl, Herr Schulze, verstehen das -- auf die Falleri käm’s
weniger an. -- Aber, wie viel Geld hat sie denn wohl zu einer neuen
Fahne nöthig? -- natürlich mit Spitzen besetzt und Manschetten und wie
die Dinger alle heißen, auch eine Schleppe hinten dran, damit sie das
Dorf hübsch rein hält, wie die großen Damen in der Stadt.“

„Und was habt Ihr darnach zu fragen?“ erwiderte mürrisch der Schulze --
„_Ihr_ gebt’s ihr doch nicht.“

„Na, wer weiß“, lachte der Alte ingrimmig in sich hinein, „ich selber
hab’s allerdings nicht, sonst säß’ ich wo anders als in der --
gesegneten Bude hier; aber gute Menschen gibt’s überall -- seelensgute
Menschen, Herr Schulze, das kann ich Sie versichern, und ich treib’s
für das Mädel auf -- wenn ich nur erst weiß, wieviel es ist, denn die
Gemeinde soll das nicht zu zahlen haben.“

„_Ihr_ wollt das Geld schaffen?“ sagte der Schulze und sah den
Alten mistrauisch an. „Hört einmal, Brenner, Ihr habt überhaupt immer
Geld, und ich möchte eigentlich wohl wissen, wo Ihr das her kriegt,
denn betteln _dürft_ Ihr nicht, und --“

„Stehlen ist vollends nicht gestattet“, lachte der alte Bänkelsänger
laut auf, „aber beruhigen Sie sich, Herr Schulze, die paar Groschen,
die ich dann und wann auftreibe, kann ich mir auch wohl noch einmal
gelegentlich verdienen. Wissen Sie, ich habe einen Herrn in der Stadt,
dem gebe ich Gesangunterricht, und wenn ich auch gerade keinen Louisdor
für die Stunde kriege, etwas fällt doch immer ab, und vielleicht zahlt
mir Der auch das Geld für die Falleri als Vorschuß.“

„Und wie heißt Der?“ frug der Schulze, der kein Wort von der ganzen
Sache glaubte.

„Darf ich nicht sagen“, erwiderte verschmitzt lächelnd der Alte; „es
ist ein vornehmer Herr, der heimlich zum Theater gehen will und es
nicht vor der Zeit verrathen mag. Aber ich schaffe das Geld, und weiter
wollen Sie ja doch nichts. -- Muß nur vorher wissen, wie viel es
ungefähr ist, damit ich nicht zu wenig bringe.“

„Hm“, sagte der Schulze, allerdings nicht von der Persönlichkeit
erbaut, mit der er hier unterhandeln sollte, „Den möchte ich doch
kennen, Brenner, der _Euch_ Geld borgt, denn Der gehörte jedenfalls
dahin, wohin wir neulich den Schuster geschafft haben. Aber wenn’s
wirklich einen solchen Narren giebt, so holt vier Thaler von ihm,
denn die brauchen wir. Die Falleri muß ganz neu gekleidet werden, bis
auf Strümpfe und Schuhe hinunter, und wenn wir auch Alles alt kaufen
können, läuft’s doch dahin jedenfalls auf.“

„So?“ lachte der Bänkelsänger, „also mit alten Sachen wollen Sie die
Falleri _neu_ kleiden. Na meinetwegen, wenn’s der Gemeinde recht
ist, ich habe nichts dawider. Und bis wann muß das Geld da sein?“

„Spätestens bis morgen Abend, denn heute über acht Tage ist schon
Grüner Donnerstag.“

„Alle Wetter“, lachte der Alte, „das ist kurzer Kredit; aber es kann
nichts helfen; die Zeit ist wirklich nicht mehr lang, und die Tage
fliegen nur so, wenn man alt wird.“

„Habt Ihr mich aber zum Besten gehabt, Brenner“, sagte der Schulze
finster, „so nehmt Euch in Acht. Ihr steht so auf der Kreide, das kann
ich Euch versichern. -- Und was wolltet Ihr denn eigentlich mit dem
Stocke da, he?“

„Mit dem Stück Holz?“ frug der alte Bänkelsänger mit der unschuldigsten
Miene von der Welt. „Du lieber Gott, was kann man mit einem Stück Holz
anders wollen als Feuer machen. Es wird Essenszeit, Herr Schulze, und
die paar Kartoffeln kann man doch nicht roh essen.“

Der Schulze warf ihm einen mürrischen Blick zu, und es war, als ob
er das Mädchen noch einmal anreden wolle; aber er mußte sich anders
besonnen haben, denn er drehte sich plötzlich kurz auf seinem Absatze
herum und verließ das Haus. Valerie aber, die noch immer gefürchtet,
daß der finstere Mann seinen ersten Versuch, ihr die Kleinodien zu
entreißen, wiederholen könne, stand regungslos in ihrer alten Stellung,
das goldene Kreuzchen und den Ring fest mit ihren kleinen Händen
haltend, in der Ecke und verwandte kein Auge von dem Schulzen, bis er
die Thür hinter sich ins Schloß geworfen. Der alte Bänkelsänger aber,
sich auf den Knüppel stützend, den er noch immer in der Hand hielt,
rief mit seinem heiseren Lachen:

„Hab’ keine Bange mehr, Falleri, _Der_ kommt nicht wieder, da
kannst Du sicher sein, denn er traut nicht, und so alt diese Knochen
auch sein mögen, so viel Kräfte hätten sie doch noch gehabt, um dem
Schuft den Schädel breit zu klopfen.“

„Oh, wie dank ich Euch, daß Ihr mir das Andenken meiner armen Mutter
bewahrt habt“, rief das Kind -- „wäret Ihr nicht dazu gekommen, er
hätte es mir sicher weggenommen, und ich wäre dann elend mein ganzes
Leben lang gewesen.“

„Der Lump, der“, brummte der Alte zwischen den Zähnen durch; „im Stande
wär’ er’s gewesen. Man kann’s ihm aber an den Augen ablesen; sieht
der Kerl nicht aus, als ob er mit seinem Gesicht auf einem Rohrstuhl
gesessen hätte! Komm _Du_ mir nur!“

„Aber er wird jetzt böse auf _Euch_ sein“, sagte schüchtern
Valerie.

„Bah, böse! -- als ob der _gut_ auf einen Menschen wäre, außer auf
sich selber. Laß Dir das keine Sorgen machen, Kind, denn das kauf’ ich
billig, wie Der auf mich zu sprechen ist. Was wir hier nicht kriegen
_müssen_, kriegen wir doch nicht, und da kann er, Gott sei Dank,
allein nichts d’ran thun, denn das ist Gemeindesache.“

„Aber wo wollt Ihr nur das viele Geld für mich hernehmen?“ frug jetzt
das Mädchen schüchtern, „und wie soll ich’s Euch je wieder zahlen?“

„Papperlapapp, das ist _meine_ Sorge“, lachte der Alte; „der
Schulze hätt’s freilich gern gewußt, aber Dem werd’ ich’s bei Gott
nicht auf die Nase binden. Wenn ich’s nur schaffe, Kind, wo’s nachher
herkömmt, ist ganz gleichgültig; Du aber kriegst Deine Montirung und
damit Basta!“ -- und damit warf er den Buchenknüppel in die Ecke nach
dem Ofen und schlenderte in seine eigene Stube hinüber.

Zwei Stunden nachher verließ er das Dorf und wanderte in der Richtung
nach der Stadt zu, kam auch die Nacht nicht zurück und selbst bis zum
nächsten Mittag nicht. Erst gegen Abend hörte Valerie seine heisere
Stimme, wie er draußen, an dem Haus vorbei, eines seiner alten
Lieder sang, und sprang in die Thür. Aber er kam nicht herein, nur
triumphirend hob er einen kleinen schmuzigen Lederbeutel in die Höhe
und schwenkte dabei seinen Knotenstock um den Kopf. Er hatte jedenfalls
das Geld, ging auch damit stracks auf des Schulzen Wohnung zu. Dort
aber blieb er nicht lange, sondern kam jetzt, in bester Laune von der
Welt, zum Gemeindehaus zurück, wo er vor allen Dingen der „Falleri“
auftrug, einen Kessel mit Wasser auf’s Feuer zu setzen, denn sie
wollten heute hoch leben. Dabei holte er eine Flasche mit Branntwein
und ein Packet mit Zucker aus der Tasche, was er aber vorsichtig
hinter dem Ofen versteckte und ein paar Stücken Holz davor stellte,
und brachte dann sogar ein Stück Kuchen zum Vorschein, das er, wie
er sagte, für die „Falleri“ eingekauft, damit sie auch einmal wieder
erführe, wie Kuchen schmecke.

Der Mann war aber schon etwas angetrunken, wie er das Haus betrat,
und als er den Grog erst fertig hatte, zu dem die Frauen und Valerie
natürlich eingeladen wurden, verbesserte sich sein Zustand nicht. Er
wurde immer lauter, fing an zu singen und fiel endlich von seinem Stuhl
herunter, wo er regungslos auf der Erde liegen blieb und einschlief.

Valerie hätte ihn gern auf sein Bett geschafft, aber die beiden Frauen
wollten nicht mit angreifen, weil er, wie sie meinten, zu schwer sei.
Er könne überdies auch gleich da seinen Rausch ausschlafen, denn ob er
auf den Steinen oder in einem Bett läge, sei ihm doch einerlei.

Das kleine Mädchen holte ihm endlich sein Kopfkissen herüber und seine
wollene Decke, die sie ihm, so gut es eben gehen wollte, unterschob,
und ihn mit dem andern Ende zudeckte. Weiter _konnte_ sie für ihn
nichts thun und mußte ihn da die Nacht verbringen lassen.

Es war ein alter, roher, widerlicher Mensch, aber der Einzige auf der
weiten Gottes-Welt, der ihr, seit sie ihre liebe Mutter verloren, Gutes
gethan hatte, und wie dankbar fühlte sie sich ihm dafür!

Wie der alte Bänkelsänger am nächsten Morgen aufwachte, sah er sich
erst etwas erstaunt um, denn er schien nicht gleich zu wissen, wo er
sich befand. Valerie stand am Herd und kochte ihre Morgensuppe. Er sah
sie an und seine Decke und sein Kopfkissen, und sagte endlich:

„Falleri -- hast Du mir das hierher geschleppt?“

„Ihr lagt da so schlecht und hart gestern Abend“, sagte das Kind.

Der Alte erwiderte nichts; er stand auf, raffte sein Bettzeug zusammen
und wandte sich, um die Küche zu verlassen. Ehe er aber ging, sagte er,
viel freundlicher als er noch je gesprochen:

„Du bist ein gutes Kind, Falleri; ich dank Dir auch vielmals“, und
damit schritt er in seine Stube hinüber. --

Die Tage vor der Confirmation Valeriens gingen jetzt rasch vorüber;
sie bekam auch zur rechten Zeit ihren Anzug, den ihr des Schulzen
Frau von dem Gelde des Bänkelsängers geschafft hatte, und sie bestand
ihre Prüfung gerade nicht besser, aber auch nicht schlechter als die
übrigen Kinder. Sie wußte alle die aufgegebenen Sprüche auswendig
und antwortete auf die an sie gerichteten Fragen in der richtigen,
vorgeschriebenen Form, ohne sich -- wie die meisten übrigen Kinder auch
-- etwas Besonderes dabei zu denken. Die schöne Lehre des Christenthums
war ja in so viele unverständliche oder schwülstige Phrasen eingehüllt,
daß ein klarerer Kopf dazu gehörte, als ihn ein vierzehnjähriges Kind
besaß, um den edlen Kern aus der wulstigen Schale heraus zu finden.
Sie gab sich dazu auch keine Mühe und war nur froh, als sie das Ganze
überstanden hatte.

Daß sie dabei als Letzte der Confirmantinnen stand und, als es vorbei
war, auch von Niemanden -- wie doch alle die übrigen Kinder --
eingeladen wurde, verstand sich von selbst und that ihr nicht besonders
weh. Sie war ja die Gemeinde-Waise und daran gewöhnt, zurückgesetzt
zu werden. Eines nur gab ihr einen Stich in ihr junges Herz, und auch
weniger der Worte und Bedeutung als der Art wegen, mit der es zu ihr
gesagt wurde. Gerade nämlich, als sie aus der Kirche trat, wo die
übrigen Kinder von ihren auf sie stolzen Aeltern empfangen wurden,
trat der Schulze auf sie zu und sagte, einen Glückwunsch weiter nicht
für nöthig haltend:

„Na, Falleri, heute hast Du noch frei, morgen früh aber nimmst Du
Deine Sachen und ziehst zu Baumstetter’s hinüber, die Dich vorläufig
in Dienst nehmen wollen. Bist Du erst einmal ein Vierteljahr dort,
dann kannst Du Deinen Miethcontract mit ihnen selber machen, denn Du
wirst jetzt alt genug dazu“, und ehe die Confirmantin ihm etwas darauf
erwidern konnte, drehte er sich ab, um seine eigene Tochter aufzusuchen
und zu begrüßen.



Viertes Kapitel.

Im Dienst.


Am nächsten Morgen zog Valerie an, wie man es dort in der Gegend
nannte, d. h. sie nahm ihr dürftiges Bündel unter den Arm und meldete
sich bei ihrer neuen Dienstherrschaft.

Vorher verabschiedete sie sich von den Bewohnern des Gemeindehauses,
mit denen sie so lange Leid und Armuth getheilt, und viel
Freundlichkeit ließ sie da nicht zurück. Die neu hinzugekommene Frau
mit den beiden Kindern, obgleich sie die Kleinen oft und oft gepflegt,
hatte sich nie um sie bekümmert, und eigentlich nur mit ihr gesprochen,
wenn sie etwas von ihr verlangte; sie reichte ihr auch jetzt nur die
Hand und sagte gleichgültig „Adjes“. Die Alte aber kauerte in ihrer
Ecke und schien viel mehr beleidigt als betrübt über den Abschied
des jungen Mädchens, das sie halb und halb sogar der Undankbarkeit
beschuldigte.

„Na ja“, knurrte sie, „jetzt hat man sich die Jahre über mit der Krabbe
gequält und sie ein Bischen vorwärts gebracht, und nun sie Einem was
nützen könnte und größer und stärker geworden ist, läuft sie Einem
davon -- aber wo findet man jetzt noch Dankbarkeit!“

„Aber Frau Kunzen“, sagte Valerie betrübt, „kann _ich_ denn etwas dazu?
ist es mein freier Wille? Der Schulze hat mich ja vermiethet, und ich
darf gar nicht mehr in dem Haus bleiben -- wenn ich selbst wollte.“

„So mach’, daß Du fortkommst“, brummte die alte Schullehrers-Wittwe,
„wir können auch ohne Dich fertig werden.“

Das war der ganze Abschied, den sie von der Frau erhielt, für die sie
Jahre lang gearbeitet hatte und ihr gefällig gewesen war, wo sie ihr
etwas an den Augen absehen konnte.

Traurig schlich sich Valerie nach der Kammer des alten Bänkelsängers;
sie fürchtete fast, daß er sie ebenfalls ohne ein freundliches Wort
entlassen würde. Darin hatte sie sich aber gewaltig geirrt. Der alte
Bursche war roh und wüst genug, aber doch nicht ohne Gemüth, und
sonderbarer Weise hatte er einmal zu dem Kind eine besondere Vorliebe
gefaßt, die vielleicht auch nur darin wurzelte, daß sie das einzige
lebende Wesen war, das er protegiren konnte.

Der Alte war mit einer wunderlichen Arbeit beschäftigt. Er hatte sich
ein Stück weißes Wachstuch mit aus der Stadt gebracht sowie ein paar
Pinsel und ordinäre Farben, und saß jetzt vor dem aufgehangenen und in
Felder abgetheilten Tuch und malte eine seiner alten Mordgeschichten
aus. Die rothe Farbe spielte dabei auch eine große Rolle -- die Männer
trugen sämmtlich rothe Hosen und die Frauen rothe Tücher und blaue
Kleider, und Blut floß schon auf der dritten Abtheilung, auf der eine
ganze Familie abgeschlachtet wurde, in Strömen.

Valerie öffnete schüchtern die Thür, der alte Bänkelsänger sah sie aber
kaum, als er auf die Füße sprang und, seinen Pinsel fortwerfend, ihr
die Hand entgegenstreckte.

„Hallo, Falleri“, rief er dabei, „schon reisefertig! Na, Abschied
brauchen wir nicht von einander zu nehmen, und Du gehst nicht aus der
Welt -- wir werden uns auch oft genug zu sehen kriegen -- vielleicht
öfter als Dir lieb ist.“

„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen leise; „Sie sind immer
gut gegen mich gewesen, und ich bin gewiß nicht undankbar, wie die alte
Frau Kunzen meint.“

„Der alte Drachen soll zum Teufel gehen!“ brummte Brenner. „_Die_ hat
von Undankbarkeit zu reden -- daß Du ersticktest -- wenn ich nur so
was nicht hören müßte. Aber laß sie schwatzen -- Du ziehst jetzt zu
Baumstetter’s hinüber?“

„Ja, Herr Brenner.“

„Na, da brauchst Du auch nicht zu sagen: Gott straf’ mich, denn da bist
Du gestraft genug.“

„Sind die Leute so bös?“

„Nein, bös nicht, Kind“, sagte der Alte, „sie könnten schlimmer sein
und sollen ihre Leute nicht schlecht behandeln, aber die Alte ist so
krank, daß es niemand lange bei ihr aushält. In den letzten sechs
Monaten haben sie sieben verschiedene Wärterinnen gehabt -- sie mochten
Lohn über Lohn bieten, es half nichts. Apropos, wie viel kriegst Du
denn?“

„Im ersten Vierteljahr noch nichts. Ich soll auf Probe dienen.“

„Daß der Teufel den verdammten Schulzen hole!“ rief der Bänkelsänger,
seine rechte Faust in die linke Hand schlagend, „umsonst sind Die
nicht verschwägert zusammen, und in solch einen Hundedienst ohne Lohn
schicken sie das Kind!“

„Aber kann ich’s ändern?“ sagte Valerie traurig.

„Nein, Herz“, knurrte der Alte, „wir Beide nicht, oder, Gott straf
mich, ich -- na ja, das Fluchen hilft auch eben nichts, und die
Menschen thun deshalb doch was sie wollen. Na, geh hin; ich würde Dir,
wie sie es auf dem Theater machen, meinen Segen geben, aber ich fürchte
beinah’, er möchte Dir nicht besonders viel helfen. Uebrigens werd’ ich
von Zeit zu Zeit einmal hinüber kommen und nachsehen und vielleicht --
holt ja der Teufel auch die Alte bald, daß Du von Deiner Plackerei frei
kommst.“

„Aber Herr Brenner --“

„Du hast recht, Schatz“, sagte der Alte mürrisch, „sie hat mir noch nie
was zu Leide gethan -- na geh, Kind -- ich möchte mein “Gemälde„ noch
heute fertig bringen, und da muß ich mich dazu halten, sonst werden mir
die Klexe trocken“, damit schüttelte er Valerie die Hand, drehte sich
um und fiel plötzlich mit so lauter Stimme in eines seiner alten Lieder
ein, daß das Kind ordentlich zusammenschrak. Sie wäre auch gleich
gegangen, aber sie mußte dem Manne doch noch etwas über ihre Schuld
gegen ihn sagen, damit er nicht etwa glaube, daß sie die, mit dem
Weggange aus dem Gemeindehause, ebenfalls abschütteln wolle.

„Lieber Herr Brenner“, sagte sie schüchtern -- aber der Mann hörte
nicht; er sang ruhig weiter.

„Lieber Herr Brenner“, wiederholte sie noch einmal und berührte seinen
Arm.

„Ja Kind? -- so, Du bist noch da? Willst Du was?“

„Ich wollte Ihnen nur sagen“, flüsterte Valerie schüchtern, „daß ich,
wenn ich auch das erste Vierteljahr keinen Lohn bekomme, doch ganz
gewiß gleich nachher jeden Pfennig sparen werde, um Ihnen --“

    „Und der Mörder mit der Leiche
    Auf der Schulter ward gesehn,
    Wie er über eine Bleiche
    That beim Mondenscheine gehn.“

sang Brenner plötzlich und mit so lauter Stimme und ließ sich nun auch
in seinem schauerlichen Lied nicht wieder unterbrechen, daß Valerie
jeden Versuch dazu aufgeben mußte. Er drehte sich auch gar nicht mehr
nach ihr um, und das Kind schlich jetzt, mit seinem Bündelchen in der
Hand, in das Dorf hinein und zu dem Bauern Baumstetter hinüber, wo sie
die Frau desselben, da er selber auf dem Feld draußen war, gleich in
Empfang nahm.

Die erste Anrede war auch keine besonders freundliche.

„Mädel, wie siehst Du aus! -- geh erst einmal an die Pumpe und wasche
Dich und mach’ Dir Dein Haar -- und das jeden Morgen, verstehst Du?
Denn so mag ich Dich nicht im Haus herumlaufen haben.“

Die Frau hatte nicht Unrecht; Valerie war in der wüsten Umgebung des
Gemeindehauses wirklich verwildert, dabei wohl in die Höhe geschossen,
aber entsetzlich mager geblieben, so daß die großen dunkeln Augen fast
unheimlich in ihren Höhlen lagen. Aber sie kam jetzt unter bessere,
weil strenge Hände, und die Frau steppte ihr selber noch an dem
nämlichen Tag aus ihren alten Röcken einen zurecht, daß sie wenigstens
unzerlumpt und reinlich im Haus herumgehen konnte; den alten Kittel
mußte sie augenblicklich ausziehen und wegwerfen; er war nicht einmal
mehr zum Flicken zu gebrauchen. Dann erst überkam sie die Pflege der
alten Bäuerin und fand bald die Wahrheit alles dessen bestätigt, was
ihr Brenner über die aufgebürdete Last gesagt.

Die alte Frau lag schon über Jahr und Tag in der Auflösung begriffen,
sie war am ganzen Körper wund, und Monate lang hatte der Bader schon
ihren Tod als stündlich bevorstehend verkündet -- aber sie starb nicht.
Der zähe Körper hielt die Seele fest, und der Aufenthalt bei der
Leidenden war so unerträglich geworden, daß die eigene Tochter nur auf
Minuten zu ihr ins Zimmer kam.

_Diese_ Pflege überließ man dem kaum dem Kindesalter entwachsenen
Mädchen, und nur dem Leben im Gemeindehaus vielleicht verdankte es
Valerie, daß sie im Stande war, da auszuharren, und nicht körperlich zu
Grunde ging.

Zwei volle Monate pflegte sie die Kranke unermüdlich. Sie kam in
der ganzen Zeit fast in kein Bett, und nur, wenn sie das gebrauchte
Geschirr aufwaschen mußte, an die freie Luft. Endlich erlöste der
Tod der alten Frau diese und Valerie, ja das ganze Haus von der
entsetzlichen Qual, und Valerie wurde ihres Dienstes quitt. Die Frau
Baumstetter würde sie aber doch vielleicht im Haus behalten haben,
denn sie sah, daß sie fortwährend still und willig ihre Arbeit that,
und nicht eine Klage war in der ganzen Zeit über ihre Lippen gekommen
-- aber das verschlossene, scheue Wesen des Mädchens gefiel ihr nicht.
-- „Die hat’s hinter den Ohren“, pflegte sie oft zu sagen, „aber sie
gibt’s nicht aus, bis einmal ihre Zeit kommt.“ Uebrigens hatte sie
auch keine weitere Beschäftigung für sie, denn im Stall war sie ihr
nicht stark und kräftig genug, und sie verabredete deshalb mit des
Schulzen Frau, die gerade ein Hausmädchen brauchte, daß diese sie von
da an in Dienst nehmen sollte, denn untergebracht mußte sie nun einmal
werden.

Valerie erschrak, als sie hörte, daß sie in des Schulzen Dienst kommen
sollte, denn erstlich war des Schulzen Frau als bös und zänkisch im
ganzen Ort verschrieen, und dann fürchtete sie den Schulzen selber seit
jenem Morgen mit allen Fasern ihres jungen Herzens. Aber was half es?
Einen freien Willen hatte sie ja doch nicht; sie mußte hingehen, wohin
man sie schickte -- und sie ging.

Die Frau Baumstetter hatte ihr noch, ehe sie das Haus verließ, aus
„Erkenntlichkeit“ ein paar alte Kleider geschenkt, denn Lohn bekam sie
ja noch nicht -- die durfte sie sich jetzt selber zurecht machen, denn
mit der Nadel wußte sie ziemlich geschickt umzugehen, und die Frau des
Schulzen sah darauf, daß ihre Dienstboten anständig aussahen, war sie
ja doch die „erste Frau im Dorf.“ Sie sollte auch hauptsächlich für
Nähereien im Haus verwandt werden, denn dadurch sparte man die überdieß
theuern Näherinnen, die so unverschämt waren, einen ganzen Tagelohn
für ihr „Flickwerk“ zu verlangen.

Valerie hatte es jetzt, was ihre Arbeit betraf, besser als im vorigen
Haus, denn wenn sie auch Morgens schon um vier Uhr heraus mußte, um
überall mit zu helfen und dann Abends, bei einer trüben Oellampe bis um
zehn Uhr regelmäßig beim Spinnrad, oder auch manchmal sogar bei einer
Näherei saß, obgleich sie die Stiche in der Dunkelheit kaum erkennen
konnte, brauchte sie doch nicht mehr die Sterbende in ihrer furchtbaren
Krankheit zu pflegen, und konnte wenigstens von zehn bis vier Uhr ruhig
schlafen. -- Aber sonst bekam sie es viel schlechter im Haus, denn wenn
ihr bei Baumstetter’s kaum je ein unfreundliches Wort gesagt wurde,
hörte beim Schulzen und seiner Frau das Zanken gar nicht auf, und daß
sie nie eine Sylbe darauf erwiderte, wurde ihr für Störrigkeit und
Verstocktheit ausgelegt. Ja, die Frau war so heftig, daß sie das arme
Mädchen oft bei Seite stieß oder auch schlug, wenn sie ihr einmal im
Weg stand oder etwas nicht recht anfaßte; was brauchte man auch mit der
„hergelaufenen Range“ viel Umstände zu machen!

Auch unter den übrigen Knechten und Mägden hatte sie keine Freunde,
denn sie lachte nie oder ging auf irgend einen der rohen Scherze
ein, sondern war immer nur still und verschlossen bei ihrer Arbeit,
sodaß man kaum eine Antwort aus ihr heraus bekommen konnte. Sonntag
Nachmittags, wenn sie die Erlaubniß einmal bekam, auszugehen, wanderte
sie dann allein auf den Kirchhof hinaus und besuchte das Grab ihrer
Mutter, und dort konnte sie Stunden lang mit gefalteten Händen
sitzen und den kleinen Hügel anschauen. -- Aber sie weinte nie,
und nur manchmal sang sie, mit einer glockenhellen Stimme, kleine,
schwermüthige Lieder, die man aber im Dorf nicht kannte und die sie
noch von ihrer Mutter gelernt haben mußte. Sobald sie aber nur merkte
oder selbst Verdacht schöpfte, daß sie belauscht wurde, schwieg sie
augenblicklich still.

Die einzige Freundin, die sie im Dorfe hatte, war die alte Nachbarin
ihrer Mutter, die sie jedesmal, sobald sie vom Kirchhof kam, besuchte;
auch beim Gemeindehaus ging sie manchmal vorüber, um ihrem alten
Beschützer guten Tag zu sagen. So viel sie dieser aber auch ausfrug,
wie es ihr ginge und wie sie behandelt würde, so klagte sie ihm nie
ihre Noth und behauptete immer: gut. Aber der Alte wußte es besser;
erstlich kann so etwas nicht geheim gehalten werden, denn ein paar
Mägde, die mit der Schulzin Streit gehabt und den Hof verließen,
erzählten es im Dorfe weiter, wie hart sie mit dem armen Kinde umgehe,
und dann zeigte es auch schon ihr ganzes abgehärmtes Aussehen deutlich
genug.

„Und was Du für rothe Ränder um die Augen hast, Kind“, sagte der Alte
kopfschüttelnd. „Gott straf’ mich, ich glaube, die hoffärtige Hexe läßt
Dich sich noch blind bei ihrer magern Oelfunzel nähen.“

„Es ist nur eine Erkältung, Herr Brenner.“

„Von -- ich hätte bald was gesagt“, knurrte der Alte, „mach’ Du mir
was weiß, willst Du? Herr Gott, was ich für eine Wuth auf den Lump,
den Schulzen, habe! -- umbringen könnt’ ich den Schuft. Weißt Du
denn, daß er neulich in der Gemeinde den Vorschlag gemacht hat, mich
aus dem Gemeindehause zu stoßen, weil ich immer Geld hätte und mich
selbst ernähren könnte? Die andern Bauern wollten nur nicht, aber der
nichtsnutzige Hallunke hätte mich mit Vergnügen auf die Straße gesetzt.“

„Er ist Ihnen nur böse wegen mir, Herr Brenner“, sagte Valerie scheu;
„o, wie mir das leid thut!“

„Wegen Dir, nein wahrhaftig nicht“, beruhigte sie der Bänkelsänger,
„das ist eine ganz andere alte Geschichte, und unsere Freundschaft
schreibt sich aus weit früherer Zeit, aber -- er kennt mich, und
spricht nicht gern davon -- was auch das Beste ist, denn solche alte
Dinge aufzurühren, thut selten gut.“

Valerie ging dann nach solcher Unterredung still nach Hause. Brenner
aber ließ sein Ingrimm keine Ruhe, und er verfiel auf eine andere, ihm
ganz eigenthümliche Art, den Schulzen zu ärgern.

Seine Mordgeschichte hatte er nämlich fertig, und die Leinwand war auf
beiden Seiten, zwei verschiedene Schreckensfälle behandelnd, angemalt.
Diese spannte er kunstgerecht auf, holte sich eine lange Stange aus dem
nahen Walde und stellte sich nun damit vor des Schulzen Haus auf, um
sie abzusingen.

Natürlich liefen die Knechte und Mägde in allem Jubel heraus und hörten
zu, und als der Schulze nach Hause kam, war kein Mensch bei der Arbeit.
In allem Grimm wollte er den „Künstler“ auch fortjagen, aber dieser
behauptete, er bettele nicht oder singe nicht für Geld, er treibe
die Sache nur zu seinem Vergnügen, aus alter Anhänglichkeit an sein
Geschäft -- er müsse auch eine Beschäftigung haben, wenn er hier in
dem elenden Nest nicht wahnsinnig werden solle, und das könne ihm kein
Mensch verwehren.

Die übrigen Bauern, von denen natürlich auch manche den Schulzen nicht
leiden mochten, gaben ihm Recht oder sahen wenigstens keinen Grund,
weshalb man dem Manne verwehren sollte, auf der Straße zu singen oder
sein Bild zu zeigen -- verlangte er doch nicht einmal etwas dafür, und
der Schulze mußte sich, ob er wollte oder nicht, der Majorität fügen.

So verging ein volles Jahr, und Valerie hatte jetzt zum ersten Mal,
wenn auch nur geringen Lohn für ihre Arbeit bekommen. Was sie aber
konnte -- denn sie hielt jetzt etwas auf wenigstens reinliche und
unzerrissene Kleidung -- sparte sie zusammen, bis sie dem Bänkelsänger
ihre Schuld abtragen konnte, und wenn es dieser auch nicht nehmen
wollte, weil er behauptete, daß er es doch vertränke, ließ sie nicht
nach, bis sie die Schuld von ihrem Herzen wußte.

Die Verhältnisse im Hause des Schulzen wurden aber mit jedem Tag
schlimmer; der Mann war selber in Schulden gerathen und dadurch
mürrisch und verdrießlich, die Frau natürlich nicht besserer Laune, und
wer das Alles entgelten mußte, war Niemand Anderes als die unglückliche
Waise.

Valerie zeigte aber, daß sie nicht mehr das arme unterdrückte und
widerstandlos mishandelte Kind von früher sei. Eines Sonntags, als sie
wieder auf den Nachmittag frei bekam, ging sie nicht auf den Kirchhof,
sondern in die nächste Stadt, und suchte und fand dort einen andern
Dienst bei einer Herrschaft, die sie jedenfalls von der Tyrannei der
Schulzenfrau befreite. Diese aber war außer sich, als das junge Mädchen
nach Hause kam und ihr für den ersten nächsten Monats die Stelle
aufkündigte. Die „Frechheit“ und „Undankbarkeit“, wie sie es nannte,
war zu bodenlos, und Valerie hatte, da sie nichts dagegen ausrichten
konnte, von dem Tag an die Hölle auf Erden.

Sie ertrug Alles still -- sie murrte, sie klagte nicht und nie kam
eine Thräne in ihre Augen -- das _Kind_ hatte verlernt zu weinen. Nur
bleicher und abgehärmter wurde sie mit jedem Tag, sodaß es selbst dem
alten rauhen Brenner auffallen mußte, und dieser sich soweit vergaß,
dem Schulzen in das eigene Haus zu rücken, um ihm Grobheiten zu machen.
Das war freilich gefehlt. Dieser rief einfach seine Knechte und ließ
ihn aus der Thür werfen, und der alte Bänkelsänger lief nach Haus und
wurde vor Aerger krank.

Er legte sich wenigstens in sein Bett, ließ den Bader kommen und
erklärte ihm, daß er ein Gallenfieber hätte und Medicin verlange.

Der Bader konnte allerdings nichts Derartiges an ihm entdecken, war
aber doch seiner Sache nicht gewiß und gab ihm eine Medicin, die den
Alten so krank machte, daß er behauptete, es wäre sein Letztes, und
sie sollten ihm den Tischler schicken, daß der das Maß zu seinem Sarge
nähme.

Zwei Tage darauf zog Valerie von dem Haus des Schulzen ab, und der
letzte Abend war der schlimmste von allen, denn des Schulzen Frau
behauptete, Valerie habe ihr eine silberne Schnalle gestohlen, die sie
nirgends finden konnte und die das junge Mädchen absolut versteckt
haben sollte. Diese leugnete allerdings, auch nur das Geringste davon
zu wissen, aber das half nichts; alle ihre Sachen wurden untersucht und
die Frau schlug sie so unbarmherzig, daß sie die blutigen Spuren an
Gesicht und Nacken davon trug.

Das aber war zu viel für das arme Kind -- nicht eine Stunde wollte
sie länger in diesem Hause bleiben, und trotz des schon vorgerückten
Nachmittags schnürte sie ihr kleines, auseinander gerissenes Bündel
wieder zusammen und verließ, ohne Abschied von den Bewohnern zu nehmen,
den Schulzenhof.

Vorher mußte sie freilich noch von der Mutter Grab und ihren Bekannten
Abschied nehmen. Sie ging auch zu ihrer alten Freundin, der Nachbarin,
vor und dann zu dem Bänkelsänger, der hart und fest auf seinem Bett
lag; aber er hatte eine Lampe neben sich stehen und las in einem Buch,
und als er das geronnene Blut in dem Gesicht des Mädchens bemerkte, und
Valerie ihm diesmal die Ursache nicht verschweigen konnte, wollte er
wie rasend in seinem Bett auffahren. Aber die alte Schulmeisters-Wittwe
kam gerade herein, um ihm seine Suppe zu bringen, und wieder auf sein
Kissen zurückfallend sagte er:

„Oh Du heiliges Kreuzdonnerwetter, daß ich jetzt auch gerade an allen
Knochen lahm auf der Pritsche liegen muß! -- Wenn ich nur einen Fuß
regen könnte, Falleri, so lief ich noch heute Nacht selber in die
Stadt und verklagte die Bande. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben,
und daß sie Dir noch Schmerzensgeld für die Schläge bezahlen sollen,
Falleri, darauf kannst Du Dich verlassen.“

„Lassen Sie es gut sein, Herr Brenner“, sagte das Kind, „es ist jetzt
überstanden und die Leute haben ihr Schlimmstes gethan. -- Ich gehe nun
in die weite Welt, und Gott wird mich schützen.“

„Bah“, sagte der Alte verächtlich, „wer sich hier nicht selber schützt,
kommt unter den Schlitten, soviel ist sicher. -- Und Du willst jetzt
fort, Falleri?“

„Ja, es wird schon spät“, nickte das junge Mädchen, „und ich weiß sonst
nicht wohin, wenn mich die Leute nicht mehr aufnehmen. Leben Sie wohl,
Herr Brenner; ich komme gewiß wieder einmal nach Osterhagen, um meine
selige Mutter -- und Sie zu besuchen.“

Damit reichte sie ihm die Hand und wanderte durch das Dorf wieder
zurück den Weg nach der Stadt zu, in die stille Nacht hinein -- aber
sie kam doch zu spät. Als sie etwa um neun Uhr die ziemlich ferne
Stadt erreichte und das Haus ihrer neuen Herrschaft betrat, weigerte
sich diese, sie aufzunehmen, denn des Schulzen Frau hatte in derselben
Viertelstunde, in der Valerie ihr Haus verlassen, einen Knecht mit
einem Pferd nach der Stadt gesandt, der den Leuten erzählen mußte,
weshalb sie ihr früheres Mädchen noch in dunkler Nacht „aus dem Dienst
gejagt“, und sie erklärten, daß sie keine Diebin in ihrer Familie haben
möchten.

Valerie erwiederte kein Wort -- still und schweigend kehrte sie sich
ab, ging wieder vor die Stadt, suchte sich einen Platz hinter einer
Hecke, rückte sich ihr Bündel unter den Kopf, kauerte sich in der
frischen Nacht so viel als möglich zusammen, und war bald auf ihrem
harten Lager sanft eingeschlafen. --

Aber sie schlief nicht lange. Eine Stunde mochte etwa vergangen sein,
da rasselten schwere Wagen auf der dicht vorüberführenden Chaussee
vorbei, und erstaunt richtete sie sich auf, denn sie hörte eine
Menge von Menschenstimmen. Wie sie sich aber umsah, erkannte sie auch
am Himmel einen hellen Feuerschein, der etwa in der Richtung nach
Osterhagen am Horizont lag. War dort Feuer ausgebrochen? Lieber Gott,
die armen Menschen! aber sie konnte ihnen doch nicht helfen -- sie war
selber hülflos genug, und auf ihr Kopfkissen zurücksinkend, schlief sie
bald wieder sanft und süß.



Fünftes Kapitel.

Feuer! Feuer!


Valerie hatte das Gemeinde-Haus etwa eine halbe Stunde verlassen, als
die alte Frau Kunzen zu dem kranken Bänkelsänger hineintrat, um das
Geschirr wieder abzuholen. Dieser lag auf seiner Matratze und stöhnte
erbärmlich, und als ihn die Frau frug, wo’s ihm fehle, sagte er:
„Ueberall, überall, Kunzen, in allen Gliedern reißt’s und zwickt’s
mich, und ich bin so matt, daß ich kaum den Löffel zum Munde bringen
konnte. Wenn ich nur erst einschlafe, nachher wird’s vielleicht besser
-- stört mich nur jetzt nicht wieder, daß ich zur Ruhe komme.“

„Nun, ich störe Euch gewiß nicht“, brummte die Alte, „ich will selber
froh sein, wenn ich Frieden habe“, und die Thüre hinter sich zuwerfend
und ohne es für nöthig zu halten, „gute Nacht“ zu sagen, verließ sie
die Kammer, stellte das schmuzige Geschirr in die Küche und ging dann
ohne Weiteres selbst zu Bett.

Im Dorfe lag die Nacht auf den stillen Straßen; das Wetter war noch
ziemlich warm und vor einigen Thüren standen noch plaudernde Gruppen;
als aber die Sichel hinter die nächsten Hügel sank, traten jene auch
in die erleuchteten Stuben. Der alte taube Nachtwächter schlich nur
mürrisch den Hauptweg von Osterhagen hinab, tutete und rief seine
Stunde und drückte sich dann auf eine Holzbank, die unter der Linde vor
dem Wirthshaus stand, um von da aus, wie er immer meinte, das Dorf im
Auge zu behalten. Er hatte aber weit mehr Schlaf in den Augen als das
Dorf, und wußte nicht einmal recht genau, wie lange er dort gesessen
haben mochte, als ihm plötzlich eine Stimme in die Ohren schrie:
„_Feuer!_“ daß er erschreckt von seiner Bank emporfuhr.

„Herr Jeses, wo denn?“ frug er unwillkürlich.

„Seht Ihr’s denn nicht, Ihr alte Schlafmütze!“ schrie der junge Bursche
wieder, der es zuerst entdeckt und den Platz genau kannte, wo er den
Nachtwächter antreffen würde; -- „jetzt macht Lärm, ehe es zu spät
wird“, und selber die Straße hinablaufend, stieß er den gellenden
Schreckensruf in die stille Nacht hinein: „Feuer! Feuer!“

Da wurde es lebendig: aus allen Häusern stürzten Menschen vor -- noch
auf der Straße zogen sie sich mit den rasch aufgegriffenen Kleidern an,
und nach der Schreckensstätte eilten sie, um den Brand womöglich noch
im Entstehen zu ersticken -- aber dazu war er schon zu weit vorgerückt.
Es brannte in des Schulzen Scheune, das dort aufgeschichtete Stroh
hatte die Gluth erfaßt, und ehe nicht Spritzen herbeikamen, war an
Löschen nicht zu denken.

Die alte Dorfspritze wurde natürlich augenblicklich aus ihrem Schuppen
herausgezogen und rasselte, von der Löschmannschaft gefolgt, der
Brandstelle zu. Aber lieber Gott, es war seit undenklichen Zeiten
kein Feuer in Osterhagen ausgebrochen, und die Bevölkerung des Orts
dadurch so sicher geworden, daß sich Niemand um die Spritze und was
dazu gehörte, gekümmert hatte. Jetzt fehlte es dafür an allen Ecken und
Enden, und ehe sich die Bauern, die völlig den Kopf verloren, mit ihren
Eimern zu einer Kette bis zum nächsten Wasser gestellt hatten, loderten
die Flammen schon so hoch empor, um jedes Versuches zu spotten, von
_dieser_ Spritze bewältigt zu werden.

Und Niemand war außerdem da, der das Ganze geleitet hätte, denn der
Schulze, als Oberhaupt, kümmerte sich gar nicht um die Löschanstalten
und suchte nur von seinem Eigenthum zu retten, was zu retten war,
während seine Frau, mit aufgelösten Haaren und ganz außer sich, im Haus
herumstürzte und nur immer schrie:

„Das hat das nichtsnutzige Geschöpf, das hat die Falleri gethan, das
hat die Falleri gethan!“ -- und selbst bei der Arbeit draußen pflanzte
sich der Schrei fort.

Nun waren allerdings Einige unter den Leuten, die, solange nur noch des
Schulzen Haus brannte, meinten: „Ursach genug hätte sie dazu gehabt“ --
wie aber die Flamme immer höher wuchs, die nächsten Häuser faßte und
das ganze Dorf bedrohte, da brachen sich laute Verwünschungen über die
junge Brandstifterin Bahn, und ein Glück für sie, daß man ihrer in dem
Augenblick nicht an Ort und Stelle habhaft werden konnte: das vor Angst
halb wahnsinnige Bauernvolk hätte sie zerrissen.

Jetzt endlich rasselte auch vom nächsten Dorf eine Hülfsspritze
herbei -- ein Haus hatten die Leute, weil es das Feuer am leichtesten
fortpflanzen konnte, niedergerissen; der Wind erhob sich dabei
etwas, und trieb die Gluth auf die erste Brandstätte zurück, und
als nun auch zuletzt die Stadtspritzen mit ihrer gut organisirten
Rettungsmannschaft auf dem Platz erschienen, gelang es, etwas nach
Mitternacht, des Feuers so weit Herr zu werden, daß man wenigstens
dessen weitere Verbreitung verhindern konnte.

Als der erste Feuerlärm laut wurde, war die Frau Kunze in Todesangst
zu dem alten Brenner ins Zimmer gelaufen; Der aber fluchte, daß sie
ihn geweckt hätte. Was könne _er_ dabei thun? er wäre doch nicht
im Stande, selbst nur aufzustehen, viel weniger an einer Spritze zu
arbeiten; sie solle ihn zufrieden lassen und nur wieder kommen, wenn
ihre eigene Bude anfinge zu brennen.

Als der Morgen graute, war des Schulzen Haus und Hof mit noch fünf
Nachbarhäusern und sieben Scheunen eine wüste, rauchende Brandstätte,
auch manches Stück Vieh dabei umgekommen, das störrisch den Stall nicht
hatte verlassen wollen. Ja selbst zwei Menschen wurden vermißt, zwei
junge Burschen aus dem Ort, die wahrscheinlich durch stürzendes Gebälk
erschlagen worden, und deren schauerlich verbrannte Ueberreste man
später unter den Trümmern fand.

Die Aufregung in Osterhagen war aber furchtbar, und kaum wußte man sich
des Brandes Herr und die Gefahr beseitigt, als auch schon reitende
Boten, was ihre Pferde laufen konnten, nach der Stadt mußten, um dort
die Verhaftung der vermutheten Brandstifterin zu bewirken.

In dem von der Schulzin bezeichneten Hause fand man sie, wie nur die
erste Anzeige bei der Polizei gemacht war, allerdings nicht, und die
Leute dankten Gott, daß sie das Mädchen nicht bei sich aufgenommen
hatten, hinter dem jetzt schon die Gensdarmerie hersuchte; aber bald
darauf begegnete ihr einer der Osterhagener Burschen in der Straße, wie
sie ahnungslos, daß auf _sie_ gefahndet würde, eben nach einem
neuen Dienst suchte. Ein Polizeibeamter, dem sie bezeichnet wurde,
sprang hinzu und verhaftete sie, und Valerie fand sich wenige Minuten
später, noch dazu von einem spottenden und lärmenden Volkshaufen
begleitet, auf der Polizei, einem alten Herrn gegenüber, der ihr auf
das Ernsteste zuredete, ihr Verbrechen zu gestehen, und ihre Strafe
nicht noch durch hartnäckiges Leugnen zu verschärfen.

Valerie war fast sprachlos vor Schrecken, und der Untersuchungsrichter
schien das für ein Zeichen ihrer Schuld zu halten. Kaum aber erfuhr
sie, um was es sich hier handle, als sie, wohl mit todtesbleichen
Wangen, aber doch vollkommen fester Stimme, auf das Bestimmteste
bestritt, auch nur das Geringste von der Ursache des Brandes zu
wissen. Sie habe Osterhagen gestern Abend, lange vor Ausbruch des
Feuers, verlassen, und nie auch nur den Gedanken einer solchen That
gehegt.

Sie sollte jetzt angeben, wo sie die Nacht zugebracht. Sie erzählte,
wie sie von den Leuten, die sie in Dienst genommen, an der Thür wieder
abgewiesen und dann hinaus vor die Stadt gegangen sei, um die ziemlich
warme Nacht im Freien zuzubringen.

Der Untersuchungsrichter schüttelte dazu sehr bedenklich mit dem Kopf;
vor der Hand ließ sich aber nichts weiter in der Sache thun. Die
Angeklagte leugnete eben und mußte deshalb, bis sich weitere Beweise
herausstellten, in ihre Zelle abgeführt werden.

Valerie zitterte am ganzen Körper, als sie das Schreckliche vor
sich sah, was sie bis dahin nicht für möglich gehalten, daß man ihr
nämlich nicht auf ihr Wort glauben und sie frei lassen, sondern in das
Gefängniß führen wolle. Aber kein Wort der Bitte, was ihr doch auch
nichts geholfen hätte, kam über ihre Lippen; ruhig wendete sie sich ab
und folgte dem Schließer, der sie, bis die Untersuchung beendet war,
in eine Zelle allein führte und die Thür dann hinter ihr verschloß und
doppelt verriegelte.

Vor allen Dingen wurde jetzt an Ort und Stelle der Thatbestand
aufgenommen, und da stellte sich denn allerdings heraus, daß das Feuer
nicht gut konnte aus Fahrlässigkeit entstanden sein, sondern daß eine
absichtliche Brandstiftung als alleinige Ursache angenommen werden
mußte. Der Brand war nämlich nicht im Wohnhause oder der Küche, sondern
in einer abgelegenen Scheune ausgekommen, die nur durch einen, an
dem Tag gar nicht betretenen Holzschuppen mit dem übrigen Gehöft in
Verbindung stand. Man hatte sogar, als es heller Tag wurde, noch ein
Packet mit Schwefelhölzern, gar nicht weit von jener Stelle entfernt,
im Gras gefunden, das der Brandstifter jedenfalls dort verloren haben
mußte. Dieser Platz lag auch so abseits von dem eigentlichen Hauptweg
des Dorfes, daß man recht gut und unbemerkt von irgend einer Seite
dahin gelangen konnte, sodaß der Thäter kaum zu fürchten brauchte,
gestört zu werden. Deshalb wurde das Feuer auch in der That nicht eher
entdeckt, bis die Flamme schon das in der Scheune aufgeschichtete
Stroh ergriffen hatte und hoch emporloderte; und dann fraß es so rasch
und mit so wilder Gier um sich, daß an augenblickliche Hülfe nicht zu
denken war.

Des Schulzen erster Verdacht -- obgleich sich die Frau nicht davon
abbringen ließ, daß es niemand Anders als ihr weggejagter Dienstbote,
die Falleri, gewesen sein könne -- fiel allerdings auf den alten
Bänkelsänger, der Ursache genug hatte, ihn zu hassen, und dem er eine
derartige Rache auch schon zutraute. Brenner aber lag, als nach ihm
geschickt wurde, so von Gliederschmerzen geplagt im Bett, daß er sich
nicht rühren konnte, und die Aussage der Frau Kunze, die ihm vorher
seine Suppe gebracht, und ihn, gleich wie sie nur den ersten Feuerlärm
gehört, geweckt hatte, bewies ein so vollständiges Alibi, um jeden
Verdacht vollständig zu entkräften.

Es blieb also Niemand, der die That begangen haben konnte, als eben die
Gemeinde-Waise; und einer von des Schulzen Knechten sagte jetzt sogar
gegen sie aus: daß er das Mädchen, wohl anderthalb Stunden später, als
sie ihr Haus verlassen habe, und schon bei vollständig angebrochener
Dunkelheit noch im Dorf gesehen, aber weiter nicht auf sie geachtet
habe. Sie sei nur an der andern Seite der Straße gegangen, und es ihm
fast so vorgekommen, als ob sie nicht mit ihm zusammentreffen wolle.
Weshalb brauchte sie das aber zu scheuen, wenn sie ein reines Gewissen
hatte?

Des Schulzen Frau trat als andere Zeugin gegen sie auf, oder erbot sich
wenigstens dazu, und erklärte dem herausgekommenen Polizeibeamten, daß
diese Falleri das nichtsnutzigste, verstockteste Geschöpf sei, das sie
in ihrem ganzen Leben gesehen. Wie viel Gutes hätte sie und ihr Mann
der „Creatur“ gethan, und was sei ihr Dank dafür gewesen? -- nie auch
nur einmal ein freundlicher Blick oder ein vergnügtes Gesicht. Mürrisch
und verdrossen sei sie fortwährend im Haus herumgegangen, nie wäre ein
Wort aus ihr heraus zu bringen gewesen, und stundenlang habe sie vor
sich hingebrütet und ihre bösen Streiche ausgeheckt. _Die_ hätte
es hinter den Ohren, das wäre die Rechte, und es sollte sie nun auch
gar nicht wundern, wenn sie Stein und Bein leugnete und so unschuldig
thäte wie ein neugebornes Lamm.

Der Polizeibeamte befragte jetzt auch noch die übrigen Dienstboten
im Hause des Schulzen, konnte aber von diesen eben nichts besonders
Gravirendes erfahren. Sie sagten allerdings Alle aus, daß die Falleri
immer still und in sich gekehrt gewesen wäre, und Niemand erinnerte
sich, daß sie je gelacht hätte, aber für bös hatten sie sie nie
gehalten. Sie war gefällig, wo sie nur immer konnte, auch nie klatschig
oder zänkisch gewesen, und eigentlich schien es den Leuten, bei etwas
kälterem Blut, leid zu thun, daß sie sich, im Zorn vielleicht, der
letzt erfahrenen Mishandlung wegen, so weit vergangen haben sollte.

Von da ging dann der Beamte zu Baumstetter’s hinüber, wo er freilich
nur das Beste über das Mädchen hörte -- damals freilich war sie ja aber
auch noch fast ein Kind. Nur ihr verschlossenes Benehmen rügten sie
ebenso wie des Schulzen Frau.

Dann, um nichts zu versäumen, zog er auch im Gemeinde-Haus
Erkundigungen ein, und die „alte Kunzen“ meinte, als sie von dem
Verdacht hörte, der auf dem Mädchen lastete: „Na ja, Der habe ich es
schon lange prophezeit, daß sie es noch einmal zu so was bringen würde,
denn das ist ein schlechtes, undankbares Geschöpf und verdient die
Brotkruste nicht, die sie kriegt.“ Etwas Bestimmtes wußte sie aber auch
nicht über Valerie anzugeben.

Weit anders aber nahm der alte Bänkelsänger die Nachricht auf, daß man
die „Falleri“ im Verdacht der Brandstiftung und deshalb eingefangen
habe. Im ersten Moment fuhr er wie der Blitz von seinem Lager in die
Höhe, fiel dann aber auch gleich wieder mit einem Schmerzensschrei auf
seine Matratze zurück und stöhnte:

„Oh mein Rücken! -- wenn ich mich nur regen könnte!“

„Und wißt Ihr etwas über das Mädchen anzugeben“, frug der Beamte,
„das zu ihren Gunsten spräche, oder den einmal gefaßten Verdacht
bestätigte?“

„Ja“, sagte der Alte nach einer Weile, in der er sich erst mit
augenscheinlichem Schmerz auf seinem Lager gewunden, denn jedenfalls
hatte ihm die plötzliche Bewegung weh gethan, „allerdings habe ich das,
Herr Polizeicommissar, und zwar weiter nichts, als daß die Falleri
das bravste und beste Kind ist, was je von nichtsnutzigem, geizigem,
schmierigem Volk schlecht behandelt und unter die Füße getreten wurde.
Mein Geschäft war früher, Mordgeschichten abzusingen, um den Leuten
für ein paar Sechser abschreckende Beispiele vor Augen zu führen, und
ich habe in meiner Zeit viele schreckliche Blut- und Schauderscenen
abgeleiert, aber nie im Leben -- selbst nicht nach jenem Scheusal, das
seine eigene Schwiegermutter umbrachte -- eine Lebensbeschreibung, die
so viel Jammer und Elend enthält, als die des Kindes, das Sie jetzt der
Brandstiftung bezichtigen.“

„Also sie halten das Mädchen für schuldlos?“ sagte der Polizeicommissar.

Der Alte sah ihn groß an, drehte sich dann plötzlich mit vieler
Leichtigkeit auf die andere Seite und erwiederte kein Wort mehr.

Der Beamte erfuhr auch allerdings nichts weiter im Dorf, als daß
die Gefangene an dem Abend von ihrer bisherigen Miethsherrin, des
Verdachtes eines allerdings unerwiesenen Diebstahls wegen, geschlagen
sei, im Aerger und in der Aufregung das Haus verlassen habe und etwa
noch eine Stunde später und nach angebrochener Nacht im Dorf gesehen
wäre. Damit fuhr er in die Stadt zurück und beschied nur noch vorher
auf morgen früh zum Zeugenverhör des Schulzen Frau und jenen Knecht,
der die Angeklagte am gestrigen Abend im Dorf noch spät gesehen haben
wollte.

Indessen hatte den alten Bänkelsänger im Gemeinde-Haus eine ganz eigene
Unruhe erfaßt. Er warf sich fortwährend auf seinem Lager hin und her
und ruhte nicht eher, bis die Frau Kunze noch einmal zum Bader hinüber
ging, daß der käme und ihm etwas zum Einreiben gäbe. Er _müßte_
gesund werden, wie er sagte, und wieder aufstehen und in die Stadt
gehen, um selber zu sehen, was sie mit der Falleri anfingen, denn dem
Kinde dürfe kein Unrecht geschehen, und wenn er selber darüber zu Grund
gehen sollte.

Der Bader kam auch gegen Abend und brachte ihm eine Salbe mit, die er
selbst erfunden haben wollte, und die außerordentlich heilkräftig sein
sollte. Damit rieb er sich ein, wickelte sich in seine wollene Decke
und schlief dann ein.

Die Salbe mußte aber doch nicht recht gewirkt haben, oder er war
auch vielleicht in der Nacht ruhiger geworden, denn er verließ am
nächsten Morgen sein Bett noch nicht, sondern erklärte nur, daß er sich
bedeutend besser fühle und in den nächsten Tagen hoffe, aufstehen zu
können.



Sechstes Kapitel.

Die Brandstifterin.


Am nächsten Morgen sollte das erste Verhör stattfinden, und der alte
Untersuchungsrichter hatte, in der Ueberzeugung, daß die Verbrecherin
auch heute leugnen würde, schon einen Wagen bestellt, auf dem sie --
unter starker Bedeckung natürlich -- an Ort und Stelle geführt werden
konnte. Dort lagen auch die Leichen der bei dem Brand verunglückten
Menschen, und wenn man ihr so die Folgen ihrer That vor Augen führte,
hätte ein verstockteres Herz dazu gehört, als es das Kind besaß, das
Vollbrachte selbst in deren Gegenwart noch abzuschwören.

Außerdem waren auf elf Uhr die Zeugen aus Osterhagen bestellt und
warteten schon im Vorzimmer -- der Knecht in seiner besten Jacke, des
Schulzen Frau in riesiger, mit Bändern behangener und reich gestickter
Mütze, den vollen Busen mit einer Unzahl silberner Ketten und andern
Schmucksachen behangen, denn das Alles hatte sie aus dem Brande
gerettet; war das doch ihre erste Sorge gewesen.

Der Untersuchungsrichter saß schon in seinem Bureau, der Protocollant
mit einer Anzahl geschnittener Federn am Tisch vor einer ganzen Schicht
neuer Papierbogen, unbeschriebener „Acten in Sachen der Valerie Edmund
wegen Brandstiftung“. Einer der Polizeibeamten wurde jetzt beordert,
die Gefangene herunter zu holen.

Der Gefängnißwärter hatte sie gestern Abend, als er ihr einen Krug mit
Wasser und ein Stück Brot brachte, verlassen, wie sie mit gefalteten
Händen auf ihrer Pritsche saß und still und regungslos vor sich nieder
starrte -- so saß sie noch, als er die Thür um elf Uhr Morgens wieder
öffnete; so mußte sie die ganze Nacht gesessen haben, denn die wollene
Decke, die er ihr, zusammengefaltet, auf die Matratze gelegt, war nicht
von ihrer Stelle genommen und das Lager jedenfalls unberührt.

„Hallo, Mädel!“ rief der Mann erstaunt, „bist Du die ganze Nacht da
so sitzen geblieben? Was? und keinen Bissen gegessen, keinen Schluck
getrunken? Das thut’s nicht, Kind“, setzte er kopfschüttelnd hinzu,
„dabei kommst Du von Kräften und gehst zu Grunde. Wenn das Verhör nun
jetzt ein paar Stunden dauert, wie willst Du’s aushalten?“

„Es wird nicht so lange dauern“, sagte das junge Mädchen leise.

„Ja, wer kann’s wissen“, brummte der Alte; „aber Du sollst hinunter
kommen. Die Herren sind Alle schon da -- willst Du Dich nicht ein
bischen zurecht machen? Du siehst ja ganz blutig im Gesicht aus.“

„Zum Verhör soll ich kommen?“ sagte Valerie und stand von ihrer Bank
auf.

„Ja wohl, Kind -- wasch Dir nur erst einmal das Blut von der Stirne.“

Valerie erwiderte kein Wort weiter; sie ging zu dem in der Ecke
stehenden blechernen Waschkumpen und badete sich Gesicht und Hände in
dem frischen Wasser, strich sich dann die Haare glatt und sagte leise:

„Lassen Sie uns gehen; je eher desto besser.“

Der Gefängnißwärter schüttelte mit dem Kopf. Er hatte in seinem langen
Leben manche Erfahrung gesammelt und die Charaktere seiner zahllosen
Gefangenen nicht ohne Erfolg studirt. Diese hier kam ihm aber nicht
wie eine bösartige Verbrecherin vor, und trotzdem schien sie ganz in
einander gebrochen und sah auch so merkwürdig bleich und elend aus.
Aber was ging’s _ihn_ an; er that nur seine Pflicht, und sein
Schlüsselbund aufgreifend, öffnete er der Gefangenen die schmale Thür
und führte sie die Treppe hinab durch den Corridor zu dem Zimmer des
schon seiner harrenden Assessors.

In dem Corridor saß des Schulzen Frau in all ihrem Staat, und neben ihr
stand der Knecht vom Hof, der ebenfalls mit als Zeuge einberufen war,
und als Valerie an ihr vorüber ging, rief sie aus:

„Oh, das schlechte, miserabliche Ding! -- sollte man es denn für
möglich halten!“

„Wenn _Sie_ das Maul nicht halten“, sagte aber der alte
Gefängnißwärter, der sich nach ihr umdrehte, „so werden Sie ebenfalls
eingesteckt und kommen auf Numero Sicher. Hier hat Niemand zu reden,
der nicht gefragt wird“.

Die Frau schwieg verdutzt still, denn so hatte noch Niemand mit ihr,
der Schulzin aus Osterhagen, gesprochen. Valerie aber hörte entweder
die Worte gar nicht, oder achtete wenigstens nicht darauf. Sie schritt
still an ihrer früheren Herrin, ohne auch nur den Blick vom Boden
zu nehmen, vorüber und verschwand gleich darauf in der nächsten
breiten Thür, die sich gleich darauf wieder hinter ihr schloß. Der
Gefangenenwärter hatte nur hinein gerufen: „Die Edmund, Herr Assessor.“

Das regelrechte Verhör begann jetzt mit all seinen gewöhnlichen
Formeln, und die erste Frage des Untersuchungsrichters lautete:

„Wie heißt Du?“

„Valerie Edmund.“

„Wie alt?“

„Bald sechzehn Jahre.“

„Wo bist Du geboren?“

„Ich weiß es nicht“, sagte leise Valerie.

„Du weißt es nicht?“

„Nein.“

„Wer waren Deine Aeltern?“

„Ich weiß es nicht“, wiederholte das Kind noch leiser als vorher, und
man sah es ihr an, welchen Kampf es ihr kostete, diese Fragen ruhig zu
beantworten.

„Das weißt Du auch nicht?“ wiederholte der alte Assessor erstaunt.
„Hm, Kind, das ist doch wunderbar. Hast Du denn Deinen Vater und Deine
Mutter nicht gekannt?“

„Meine Mutter, ja; sie starb vor langen Jahren in Osterhagen -- auch
meinen Vater habe ich wohl gesehen, aber ich war damals noch ein
kleines Kind, und später sagte meine Mutter, daß er todt und begraben
wäre in einem weiten fernen Land -- weit von Osterhagen.“

„Und als sie starb?“

„Dann kam ich in das Gemeinde-Armenhaus im Dorf, und nachher in Dienst.“

„Und Du leugnest, etwas von der Ursache des gestrigen Brandes zu
wissen?“

„Nein“, sagte das junge Mädchen, mit kaum hörbarer Stimme aber doch
deutlich und bestimmt -- „ich leugne es nicht mehr; ich habe es gethan!“

„Du hast es gethan, Unglückliche!“ rief der alte Assessor ordentlich
erschreckt -- „und was brachte Dich zu der furchtbaren That?“

„Fragen Sie mich nichts weiter“, sagte das arme Mädchen -- „ich
habe das Feuer angelegt, und wie ich höre, sind zwei Menschen dabei
umgekommen, deshalb muß ich auch das Leben verlieren.“

„Und woher weißt Du, daß zwei Menschen dabei umgekommen sind?“

„Heute Morgen sprachen sie auf dem Gang vor meiner Kammer davon. Irgend
Jemand erzählte es einem Andern, und ich hörte es -- ich muß jetzt auch
sterben und dann komme ich wieder zu meiner Mutter.“

„Aber weshalb hast Du es gethan? Du mußt doch eine Ursache dafür
gehabt, Du mußt doch auch gewußt haben, welche furchtbaren Folgen es
haben konnte.“

„Der alte Mann im Gemeinde-Hause, der alte Brenner“, flüsterte
das Mädchen, „hat mir einmal gesagt, daß man nicht alle Fragen zu
beantworten brauche, die Einem das Gericht stellt. Der weiß das, denn
sie haben ihn auch schon gefangen gehabt.“

„So? Ei sieh mal an, und wer ist das?“

„Nun der alte Brenner; er zog früher mit einem Leierkasten herum --
jetzt ist er alt und schwach und kann nichts mehr verdienen.“

„Und Der hat Dir solche Rathschläge gegeben!“ nickte der Assessor; „da
bist Du freilich in einer guten Schule gewesen.“

Valerie schwieg.

„Und Du weigerst dich, mir zu antworten, wenn ich Dich frage, was Dich
dazu gebracht hat, das Feuer anzulegen?“

„Ja.“

Der Assessor sah eine Weile still vor sich nieder, dann klingelte er,
und als der Gerichtsdiener eintrat, befahl er ihm, die Gefangene wieder
in ihre Zelle abzuführen.

Gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, rief sie der Assessor noch
einmal und fragte:

„Woher hast Du denn die blutunterlaufenen Stellen im Gesicht? Bist Du
gefallen?“

„Nein“, sagte Valerie, „die Schulzin hat mich geschlagen, weil sie
behauptete, ich hätte ihr eine silberne Schnalle gestohlen.“

„Und hast Du das _nicht_ gethan?“

„Nein“, sagte das Mädchen, drehte sich ab und schritt zur Thür hinaus.

Das Verhör mit der Schulzin und ihrem Knecht dauerte nicht lange.
Die Frau brachte allerdings eine Masse von Anklagen vor, aber der
Untersuchungsrichter hatte zu viel mit derartigen Leuten zu thun
gehabt, um nicht das Wahre daran ziemlich richtig herauszufühlen. Die
Hauptsache war ja auch erledigt; die Verbrecherin hatte ihre Schuld
gestanden, und der alte Beamte glaubte, die Ursache leicht in der
rauhen Behandlung der vor ihm stehenden, bösartig genug aussehenden
Bauersfrau zu finden. Das Mädchen hatte in deren Haus gewiß keine guten
Tage gehabt, und in der Rachsucht für erlittene Mishandlung ließ sich
das Motiv der That -- wenn diese darin auch keine Entschuldigung fand
-- wohl erklären.

Uebrigens schlug die Schulzin vergnügt in die Hände, als ihr der
Criminalbeamte mittheilte, daß die Gefangene ihre Schuld eingestanden
habe, und schrie:

„Ich wußt’ es, ich wußt’ es -- kein Mensch weiter _konnte_ es
gewesen sein wie der Balg, und wenn ich jetzt nur noch erlebe, daß sie
die Brandstifterin an den Galgen hängen, denn das hat sie hundert Mal
verdient!“

Die Untersuchung war aber damit nicht etwa geschlossen, denn der alte
Assessor citirte nach und nach das ganze Hauspersonal der Schulzin,
wie auch das von Baumstetter’s Hof vor Gericht, und deren Aussagen
bestätigten allerdings seine schon früher gefaßte Vermuthung,
daß die Waise nämlich kein ursprünglich böses, wenn auch sehr
vernachlässigtes Kind gewesen und wohl nur durch rauhe Behandlung zu
der verbrecherischen That, die nicht einmal eine vorbedachte genannt
werden konnte, getrieben worden. Auch ihre Jugend kam dazu, um
Milderungsgründe zur Geltung zu bringen.

In der nämlichen Zeit gab sich der Assessor die größte Mühe, um etwas
Näheres über die Mutter der Gefangenen zu erfahren, aber alle darauf
gewandte Mühe blieb umsonst, denn die unruhige Zeit, in welcher sie
damals das Dorf aufgesucht, verwischte jede Spur. Er fuhr selbst nach
Osterhagen hinüber und zog bei dem Schulzen genaue Erkundigungen
ein, und hörte wohl, daß damals ein Leintuch mit dem Zeichen einer
adelichen Herrschaft gefunden sei, wo es aber geblieben, wußte Niemand
zu sagen. Es war damals mit verauctionirt worden, und auch auf die
Buchstaben konnte sich Keiner mehr erinnern. Selbst der Schmuck, den
Valerie noch von ihrer Mutter trug, und den er später untersuchte,
gab keinen Anhaltepunkt; es war ein einfaches goldenes Kreuz mit dem
Buchstaben ~V.~ darin, und der Trauring trug nur ein Datum und
eine Jahreszahl.

In Osterhagen hatte es der Assessor aber auch nicht versäumt, das
Gemeinde-Haus zu besuchen, wo er Brenner noch auf seinem Lager traf
und sich natürlich mit ihm in ein längeres Gespräch einließ. Der alte
Bursche aber, der bald genug den Polizeimann und Criminalbeamten in
ihm erkannte -- denn er hatte mit derlei Herren wohl mehr Erfahrung
gesammelt, als er gewöhnlich gern eingestand -- war anfangs ungemein
scheu und zurückhaltend und beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen
außerordentlich vorsichtig. Erst als der Assessor -- denn von Valerie’s
Herkunft wußte er natürlich gar nichts -- das Gespräch auf den Schulzen
und die Behandlung der Gefangenen dort im Hause brachte, wurde er warm,
und entwarf jetzt eine so düstere Schilderung von den Leuten, daß der
Beamte wohl merken mußte, es lauere auch viel eigener Haß in dem
Bericht. Brenner behauptete auch dabei mit der größten Bestimmtheit,
daß die „Falleri“ unschuldig an dem Brande sei -- sie wäre noch den
Abend spät auf dem Gottesacker und dann bei ihm im Hause gewesen und
nachher schnurstracks in die Stadt hinüber gegangen.

„Und woher wißt _Ihr_ das, Mann?“ frug der Assessor.

„Woher _ich_ das weiß?“ rief Brenner; „weil’s die Falleri gesagt
hat, und die hat noch nie in ihrem Leben gelogen; eher bisse sie sich
die Zunge ab.“

„So“, nickte der Beamte, „wenn Ihr das also selber bestätigt, so werdet
Ihr auch wohl glauben müssen, daß die Edmund das Haus angezündet, denn
sie hat es selber vor Gericht gestanden.“

„Den Teufel hat sie!“ schrie der alte Bänkelsänger und fuhr erschreckt
in seinem Bett empor -- „aber das ist nicht möglich!“

„Nicht möglich? -- und weshalb nicht?“

„Hm“, knurrte der Alte, „möglich ist _Alles_ auf der Welt, selbst,
daß ich noch einmal hunderttausend Thaler in der Lotterie gewönne,
aber -- die Falleri hätte selber freiwillig gestanden, daß sie den
Schulzenhof angezündet?“

„Das hat sie -- frei und unaufgefordert im ersten ordentlichen Verhör;
denn nur als sie zuerst eingebracht wurde, wollte sie nichts davon
hören. Aber das ist die alte Geschichte, und soviel werdet Ihr auch
selber wissen, daß man, wenn eben aufgegriffen, nicht gleich in’s
Blinde hinein gesteht. Man muß doch erst erfahren, wie der Hase läuft.“

Der Alte warf dem Assessor einen halb pfiffigen, halb lauernden Blick
zu, aber die wirkliche Sorge um das junge Mädchen verdrängte doch rasch
alle anderen Gedanken.

„Es ist nicht denkbar“, sagte er dann, mehr zu sich selber als zu dem
Fremden redend und immer dabei mit dem Kopf schüttelnd, „gar nicht
denkbar. Ja, Ursache genug hätte sie dazu gehabt, um auch zuletzt einen
Hasen auf den Mann zu treiben, Ursache die langen Jahre hindurch, die
sie’s ertragen und keinen Mucks dabei gethan, -- aber, -- es wäre doch
_zu_ merkwürdig und -- ich glaub’s nicht.“ --

„Was wäre merkwürdig?“ frug der Assessor.

„Was merkwürdig wäre?“ wiederholte der alte Bänkelsänger, „nun, daß
das Kind die Courage dazu gefaßt hätte, und dann noch dazu gleich von
ihrer Mutter Grab weg, an der sie mit allen Gedanken hängt. Ich glaub’s
nicht, und wenn der liebe Herrgott vom Himmel herunter käme und sagt’
es.“

„Aber habt Ihr denn irgend einen Verdacht auf Jemand Anderen?“

„_Ich?_“ frug der Alte erstaunt, „auf wen soll ich Verdacht
haben? Ich liege hier seit acht Tagen krumm und kann keinen Fuß vor
den andern setzen, was erfahre _ich_ von der Welt? Aber Feinde
hat die Schulzin genug, und er auch -- hochnäsiges Bauernvolk, die
vor Uebermuth nicht wissen, was sie treiben sollen. Alle Augenblicke
wechseln sie auch das Gesinde; es hält’s Niemand lange bei ihnen aus,
und warum kann’s nicht Einer von denen gethan haben? Warum muß es das
Kind gewesen sein?“

„Aber sie würde es doch nicht selber eingestehen, wenn es nicht wahr
wäre.“

„Merkwürdig, merkwürdig!“ wiederholte der alte Bursche wieder -- aber
er schien müde zu werden. Ob ihm die Glieder weh thaten, oder ob er
blos die Unterhaltung abbrechen wollte: aber er warf sich auf sein
Kissen zurück und schloß die Augen, und da der Assessor ebenfalls kein
weiteres Interesse hatte, in dem öden unbehaglichen Raum zu verweilen,
stand er auf und verließ mit einem kurzen Gruß das Haus. Er wußte, daß
er hier doch nichts weiter erfahren würde.

Drei Tage später war der alte Bänkelsänger wieder auf den Füßen und
so weit hergestellt, daß er sogar den Gang in die Stadt zu Fuß
antreten konnte, wenn er sich dazu auch noch eines Stockes bediente.
Eigenthümlich blieb nur dabei, wie rüstig er ausschreiten konnte, wenn
er sich streckenweise allein auf der Landstraße sah, und wie es ihm
plötzlich wieder in den Gliedern zog, wenn ihm ein Wagen begegnete oder
ihn überholte. Das hielt ihn auch sehr auf, denn er kam dann nur immer
langsam von der Stelle, aber zuletzt erreichte er die Stadt doch und
ließ sich dann ohne Weiteres bei dem Assessor melden, den er um eine
Unterredung mit der „Falleri“ bat.

Der Assessor schien keine rechte Lust zu haben, ihm die zu gestatten,
aber er war auch neugierig geworden, zu erfahren, welchen Einfluß der
alte Bursche auf das Mädchen ausüben würde, und hatte ihn zugleich
dabei im Verdacht, mehr von dem Brande selber zu wissen, als er für gut
fand zu gestehen. Schaden konnte er überdies nicht mehr bringen; die
That war von der jungen Verbrecherin ohne Zwang, ohne Zureden offen
eingestanden und später wiederholt auf das Entschiedenste bestätigt
worden -- möglich, daß gerade durch ihn mehr Licht in die immer noch
dunkle Sache kam.

Der Alte humpelte mit einem ihn begleitenden Polizeidiener die Treppe
hinauf, und der Gang schien ihm sauer zu werden. Auf einem Absatz
blieb er halten, um sich zu verschnaufen, und schmunzelte dann leise
vor sich hin:

„Es sieht ordentlich natürlich aus, daß ich hier in so anständiger
Begleitung abgeführt werde.“

„Ist Euch auch wohl schon manchmal passirt, wie?“ lachte der
Gerichtsdiener.

„Lieber Gott“, sagte der Alte, „menschliche Schicksale wechseln; einmal
sind wir oben, einmal unten. Ich war auch schon einmal unten.“

„Dachte mir’s doch“, nickte der Mann, „Ihr seht mir auch gerade danach
aus.“

„Sie scheinen mir Menschenkenner“, meinte der Bänkelsänger trocken;
„aber ich denke, wir können jetzt eine Station weiter fahren. Wie
geht’s denn der Falleri?“

„Wem?“

„Nun der Nummer so und so; ich weiß ja noch nicht, unter welcher Firma
sie hier logirt.“

„Oh, der Edmund, Nummer elf -- gut geht’s ihr; es fehlt ihr nichts.“

„Freut mich zu hören“, nickte der Alte, „wäre aber das erste Mal in
ihrem Leben, daß es ihr gut ginge -- und ein curioser Platz dazu.
Aber da sind wir wohl -- Nummer elf. Wollen Sie mich dem Herrn
Gefängnißwärter vorstellen?“

„Wird wohl nicht nöthig sein“, lachte der Mann über die Förmlichkeit
des Alten; „hier, Brummer, der Mann da hat Erlaubniß, Nummer elf zu
sprechen -- eine Viertelstunde.“

„Brummer heißt der Herr? Merkwürdig!“ nickte Brenner; „paßt aber gar
nicht. _Er_ läßt ja gerade die Andern brummen und brummt nie mit.“

„Thut er nicht, du alter Schlaukopf?“ lächelte der Gefängnißwärter,
der die Worte gehört hatte, „und brumme ich nicht etwa hier in dem
verdammten Nest das ganze Jahr, Sonn- und Feiertage, während die Vögel
ein- und wieder ausfliegen. Wer ist da eigentlich der Brummer, he?“

„Können Recht haben, verehrter Herr“, nickte der Alte, „habe eigentlich
nie so tief darüber nachgedacht. Wenn Sie jetzt vielleicht so gefällig
wären --“

„Mit Vergnügen“, nickte der Mann, „und auch wohl für längere Zeit,
wenn’s sein müßte. Platz genug ist da.“

„Möchte Ihnen doch nicht gern beschwerlich fallen“, sagte der
Bänkelsänger, während Herr Brummer die Riegel zurückschob und die Thür
dann aufschloß.

„Hier Edmunden, da kommt Besuch“, sagte er dann, ließ Brenner eintreten
und verriegelte die Thür wieder hinter ihm, ohne sie jetzt aber
abzuschließen.

Valerie saß auf ihrer Pritsche, ein kleines Gebetbuch in der Hand, das
man ihr auf ihre Bitten gegeben hatte -- es waren Witschel’s Morgen-
und Abendopfer -- und ihre großen dunklen Augen hafteten auf den
Zeilen, als sie das erste Klirren der Riegel hörte. Sie veränderte
auch ihre Stellung nicht, als sich die Thür öffnete; der Schließer
kam manchmal herein, um ihr Wasser oder Brot zu bringen, aber er
sprach selten oder nie mit ihr. Sie erschrak jedoch, als sie das Wort
_Besuch_ vernahm. Wer konnte _sie_ besuchen? Trotzdem färbten
sich einen Augenblick ihre Wangen, als sie den alten Brenner erkannte,
und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:

„Wie mich das freut, daß Sie mich nicht ganz vergessen haben.“

„Hm“, brummte der Alte in augenscheinlicher Verlegenheit, indem er
einen scheuen flüchtigen Blick in dem Gemach umherwarf -- „vergessen,
Falleri? Ich habe immer an Dich gedacht, Kind, Tag und Nacht, und
hier -- kommt’s mir auch beinahe wieder so vor, als ob wir zusammen
im Gemeinde-Haus säßen; die “Stube„ hier sieht genau so aus, wie die
leeren Wände da drüben. Aber wir dürfen die Zeit nicht mit Redensarten
vergeuden, denn ich habe nur eine Viertelstunde Erlaubniß und -- möchte
eine Frage an Dich richten, Falleri.“

„Ja, Herr Brenner?“

„Du hast gestanden, daß Du das Feuer an jenem Abend angelegt?“

„Ja, Herr Brenner“, sagte Valerie leise.

„Aber Du hast’s nicht gethan, Mädel.“

„Doch, Herr Brenner“, lautete die bestimmte Antwort, „ich hab’s gethan
und hab’s gestanden.“

„Es ist nicht wahr, Mädel“, fuhr der Alte aber jetzt mit unterdrückter
Stimme fort, „Du _kannst’s_ nicht gethan haben, denn erstens liegt
es nicht in Deiner Natur und dann -- bist Du’s auch nicht gewesen.“

„Doch, Herr Brenner, ich war’s“, wiederholte Valerie, jetzt wieder mit
denselben bleichen Wangen wie vorher; „ich _habe_ es gethan und
werde dafür meine Strafe erhalten. Hoffentlich lassen sie mich nicht
lange warten“, setzte sie noch leiser hinzu.

„Aber Du bist doch erst bei uns draußen gewesen“, fuhr der Mann fort,
der jetzt Beweisgründe gegen sie zu sammeln suchte, „Du warst vorher
auf dem Kirchhof bei Deiner Mutter selig.“

„Ja, Herr Brenner, und nachher bin ich durch’s Dorf gegangen und habe
das Feuer in die Scheune geworfen.“

„Aber zwei Stunden nachher ist’s erst ausgekommen.“

„Das ist möglich, es hat vielleicht so lange geglimmt, bis der Wind zu
wehen anfing. Sie haben’s auch wohl nicht gleich gesehen.“

„Das ist gerade, um Einen verrückt zu machen“, brummte der Alte und
schüttelte dabei immer, wie erstaunt, mit dem Kopf; „aber wenn’s
wirklich wahr wäre“, fuhr er nach einer Weile wieder fort, „und ich
glaub’s nicht und würd’ es selbst nicht glauben, wenn Dich Jemand dabei
erwischt hätte -- weshalb hast Du’s da den Eseln auf die Nase gebunden?
Wer hätt’ es Dir je beweisen wollen?“

„Und was sollt’ ich’s leugnen?“ sagte Valerie ruhig; „den Dienst bekam
ich nicht mehr, nach Osterhagen konnt’ ich nicht zurück, fremd und
allein steh’ ich in der Welt und habe ich immer gestanden, ich wäre
doch zuletzt zu Grunde gegangen. Da ist’s besser, ich sprach gleich die
Wahrheit und leide jetzt meine Strafe.“

Der alte Bänkelsänger hatte sich neben sie auf die Pritsche gesetzt und
schüttelte in einem fort mit dem Kopfe.

„Ein merkwürdiges Zusammentreffen wär’s doch“, sagte er endlich, „ein
heillos merkwürdiges.“

„Was, Herr Brenner?“

„Was? -- hm -- daß sie das Feuer nicht gleich entdeckt haben sollten,
aber der Holzklotz von Nachtwächter schläft immer unter der Linde, und
dahinten an die Scheune kommt auch eigentlich Niemand hin.“

„An welche Scheune.“

„Nun, hinter des Schulzen Haus, wo das Feuer auskam.“

„Ja“, nickte Valerie, deren Gedanken wo anders geweilt zu haben
schienen, „ja, da kommt Niemand hin, es ist abgelegen.“

„Recht hätt’st Du gehabt, Mädel“, nickte der Alte noch einmal mit dem
Kopf; „verdenken könnt’ es Dir Niemand, denn schlecht genug behandelt
haben sie Dich, niederträchtig behandelt, und schlimmer als einen Hund,
und der Wurm krümmt sich zuletzt, wenn er getreten wird -- aber das
Maul hätt’st Du halten sollen, denn wer hätt’s Dir zuletzt beweisen
wollen, he? Kein Mensch. Die Gerichtsbeamten thun allerdings immer
schrecklich klug, gerade so, als ob sie Alles schon wüßten und nur
aus lauter Plaisir noch weiter frügen, und dabei muß man sie lassen,
nachher fahren sie selber den Karren in den Dreck, denn sie wissen gar
nichts. Läßt man sich aber verblüffen dann haben sie Einen, wo sie ihn
hin haben wollen, und man sitzt fest.“

„Ich habe Alles freiwillig gestanden, Herr Brenner.“

„Desto dümmer“, nickte der alte Mann, „denn dazu war gar keine
Veranlassung; aber“, setzte er leise hinzu, „es läßt sich vielleicht
noch gut machen. Wenn Du in’s nächste Verhör kommst, Falleri -- und am
besten läßt Du Dich gleich morgen früh beim Assessor melden -- so sagst
Du ihm nur, die ganze Geschichte sei nicht wahr.“

„Was ich schon gestanden habe?“

„Versteht sich, das macht nichts, das geschieht oft genug und gilt.
Sag’ ihm nur, Du hättest den ersten Tag eine solche Heidenangst, so
einen Respect vor dem Gericht und den Eisengittern gehabt, daß Du
selber nicht mehr wüßtest, was Du Alles geschwatzt; Du sei’st es aber
gar nicht gewesen und wärest keine Brandstifterin.“

„Und da sollten sie mir glauben?“ frug Valerie kopfschüttelnd.

„Ob sie Dir’s glauben oder nicht, bleibt sich ganz gleich“, sagte der
Alte, „aber in’s Protokoll müssen sie’s schreiben, und dann kommt’s
oben auf’s andere Gericht und stößt die ganze Geschichte um, was Du
früher gesagt hast. Willst Du’s thun, Falleri?“

„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen ruhig, „was ich gesagt
habe, hab’ ich gesagt; es ist geschehen und aufgeschrieben, und Gott
wird weiter helfen.“

„Wenn ich nur so was nicht hören müßte“, brummte der Alte ärgerlich.
„Wer sich selber hilft, dem hilft Gott, muß es heißen; selber mit
anfassen muß man und nachher -- geht’s auch nicht immer, aber man
versucht’s doch wenigstens. Versprich mir’s, Falleri; ich hätte sonst
keine Ruhe und -- machte am Ende noch einen dummen Streich.“

Das junge Mädchen schüttelte ernst mit dem Kopfe, aber es blieb ihr
keine Zeit zu einer weiteren Erwiederung, denn der Riegel wurde in
diesem Augenblick wieder zurückgeschoben, der Gefängnißwärter sah
herein und sagte:

„Nun, alter Schwede, Deine Zeit ist um; mach’ Dich auf die Socken.“

Der Bänkelsänger warf einen unschlüssigen Blick auf Valerie, aber er
wußte recht gut, daß gegen _den_ Befehl keine Einrede half; der
Mann that nur seine Pflicht, und wich auch von der nicht ab -- außer,
er hätte vielleicht die Mittel besessen, ihn zu veranlassen, seine
Uhr um zehn Minuten zurück zu stellen. Brenner befand sich aber gerade
nicht bei Kasse, und deshalb seinen alten Hut aufgreifend, sagte er
trocken:

„Was sein muß, muß sein, aber Falleri, überleg’ Dir die Sache und thu’s
_mir_ zu Liebe.“

„Wer war’s denn, der bei dem Brand verunglückt ist?“ frug Valerie,
während sie ihm die Hand zum Abschied reichte.

„Oh, weiter Niemand,“ sagte Brenner, obgleich ihm die Frage nicht
angenehm zu sein schien, „als der Hans von Baumstetter’s und der Peter
von des Schulzen Hof.“

„Die beiden Einzigen, die manchmal freundlich mit mir waren,“ nickte
das junge Mädchen; „arme Menschen!“

„Wer kann’s ändern,“ rief der Alte, „heute mir, morgen Dir; es hat
so sein sollen, und Du brauchst Dir deshalb keine Gewissensbisse zu
machen.“

„Na wird’s bald?“ rief Brummer, in der Thür stehend; „glaubt Ihr, daß
ich weiter nichts zu thun habe, als auf Euch zu passen?“

„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Brummer,“ lachte Brenner, „wenn Sie
auf _mich_ passen müßten, hätten Sie gerade genug zu thun. Aber
leb wohl, Falleri -- vergiß nicht, was ich Dir -- erzählt habe --
Du verstehst mich -- wenn ich die Erlaubniß kriege, komme ich noch
einmal her zu Dir,“ und ihr kräftig die Hand schüttelnd, verließ er die
Zelle wieder und humpelte die Treppe hinunter, an den verschiedenen
Schildwachen vorüber, aus dem Haus.



Siebentes Kapitel.

Auf dem Kirchhofe.


Indessen schleppte sich, nach dem gewöhnlichen Geschäftsgang, die
Untersuchung noch einige Monate hin, und das Urtheil gegen die junge
Verbrecherin lautete endlich, unter Annahme mildernder Umstände, auf
zehn Jahre Zuchthaus und weitere zwei Jahre polizeiliche Aufsicht.

Das Urtheil wurde bald in der Nachbarschaft bekannt, und die Leute
schienen es meistentheils zu billigen. Nur des Schulzen Frau in
Osterhagen war wüthend darüber und erklärte: es sei keine Gerechtigkeit
mehr im Lande, wenn eine solche Verbrecherin, die zwei Todtschläge
begangen, mit ein Paar Jahren Zuchthausstrafe abkäme; die müßte doch
wenigstens gehangen werden. Das Gericht zog aber des Schulzen Frau zu
Osterhagen nicht zu Rath, und da die Verurtheilte gegen die über sie
verhängte Strafe nicht appellirte, wurde sie einige Tage später in die
dafür bestimmte Anstalt abgeführt und auch weiter nicht mehr von der
Sache gesprochen.

Dem alten Brenner schien das Resultat freilich nicht recht, und er
ging von der Zeit an noch viel mürrischer im Dorf umher als vorher.
Auch daß der Schulze seinen Hof noch viel schöner aufbaute als früher,
ärgerte ihn, und es zuckte ihm stets in Fingern und Armen, wenn er der
hochnasigen Schulzin begegnete, die ihn noch dazu nicht einmal eines
Blicks würdigte. Aber was half _ihm_ sein Ingrimm? Er mußte ihn
eben hinunterschlucken, und durfte sich noch nicht einmal etwas merken
lassen.

Die „Falleri“ war verschollen und im Zuchthaus begraben.

So mochten fast zwei Jahre vergangen sein, als eines Tages eine
stattliche Equipage in Osterhagen vor dem Wirthshaus hielt und ein
junger Offizier aus dem Wagen sprang. Er hielt sich aber gar nicht
im Wirthshaus auf, sondern befahl seinem Kutscher, nur auszuspannen,
erkundigte sich dann bei einem der Knechte, in welcher Richtung etwa
der Kirchhof liege, und schritt dann, ohne weitere Erkundigungen
einzuziehen, der bezeichneten Gegend zu.

Allerdings interessirte sich die Dorfjugend außerordentlich für
ihn, und eine Anzahl der Jungen folgte dem schmucken Husaren auch in
achtvoller Entfernung bis zur Kirchhofsthür, da er aber dort gar kein
Ende machte und immer nur hin und her wanderte, bekamen sie es zuletzt
auch satt. Es war überhaupt Mittagszeit geworden, und sie mußten nach
Hause. Sie bekamen den fremden Husaren auch schon wieder zu sehen, wenn
er zu seinem Wagen zurückkehrte.

Der kam aber lange nicht; wohl zwei volle Stunden stieg er zwischen
den arg verwilderten Gräbern herum, und es war augenscheinlich, daß er
irgend ein bestimmtes Grab suchte, aber nicht finden konnte. Endlich
gab er es auf und wandte sich dem nächsten Hause zu, um dort jedenfalls
Erkundigungen einzuziehen.

Das war das Gemeinde-Haus, und Brenner saß gerade unter einem vor
drei Jahren dort selber angepflanzten Hollunderbusch vor der Thür und
rauchte aus einem entsetzlich schmutzigen und abgegriffenen Maserkopf
seinen „Knaster“. Er sah auch den Offizier auf sich zukommen und
wunderte sich, was den in aller Welt hierhergeführt haben könne, rührte
sich aber nicht von seiner Stelle und qualmte nur in Gedanken stärker
als vorher.

Der junge Mann kam heran, und als er den Bänkelsänger erblickte, redete
er ihn an:

„Sagen Sie einmal, lieber Freund, sind Sie hier im Ort seit längerer
Zeit bekannt?“

„Sollte denken,“ nickte der Alte, „ich bin hier geboren und jetzt schon
eine hübsche Reihe von Jahren in dem Palast da einquartiert.“

„Wohnt der Todtengräber weit von hier?“ frug der Soldat hierauf.

„Weit? Lieber Gott, weit ist hier eigentlich gar nichts,“ lachte
Brenner, „denn wenn Sie weit gehen, kommen Sie aus Sicht vom Dorf.
Gleich dort neben der Kirche, wo Sie den stumpfen Thurm sehen -- er ist
auch zugleich Küster, Nachtwächter und Büttel. Aber was wollen Sie von
ihm?“

„Es ist mir ein Grab bezeichnet worden,“ erwiderte der junge Offizier,
„das ich gern auffinden möchte, aber ich habe mir vergebene Mühe
gemacht, danach zu suchen. Wie alt ist Ihr Todtengräber?“

„Oh, nicht alt, noch ein junger Bursche von einigen dreißig Jahren,“
sagte Brenner, „auch erst seit ein paar Jahren hier im Dienste, und
sein erstes Geschäft war, den alten einzuscharren.“

„Dann wird er mir auch keine Auskunft geben können,“ seufzte der
Offizier, „denn das Grab, das ich suche, muß schon weit über vierzig
Jahre gegraben sein.“

„Das ist freilich lange her -- und welche Inschrift trägt es? Wenn
Sie nur den Namen wissen, finden wir es doch vielleicht noch nach dem
Kirchenbuch.“

„Es trägt gar keinen Namen,“ lautete die Antwort, „und das einzige
Erkennungszeichen, das mir angegeben wurde, sollte sein, daß zu Häupten
desselben ein kleiner spitzer Stein stände, mit einem bestimmten
Zeichen eingemeißelt.“

„Hm,“ nickte der Alte, „da brauchen Sie am Ende den Todtengräber und
das Kirchenbuch nicht, denn einen solchen Stein weiß ich und hab’ mich
schon manchmal gewundert, wer den wohl zum Leichenstein gesetzt haben
könnte.“

„Und wo steht der?“ rief der Fremde rasch; „ich würde Ihnen _sehr_
dankbar sein, wenn Sie mich begleiten wollten.“

„Ja, wenn Sie nicht zu rasch laufen,“ sagte Brenner, sich mühsam von
seinem Sitz erhebend, „so humple ich mit Ihnen hinüber, aber schnell
geht’s freilich nicht mehr. Die Knochen werden alt.“

„Ich habe reichlich Zeit; wir können so langsam gehen, wie Sie wollen.“

„Na, denn man zu,“ nickte Brenner, „weit haben wir ja überdies nicht,
denn wir sind hier im Gemeinde-Haus hübsch bequem neben dem Kirchhof
einquartiert, damit wir später nicht zu viel Fuhrlohn kosten.“

„Dies ist das Gemeinde-Armenhaus?“

„Ja, und hier sehen Sie einen seiner glücklichen Bewohner.“

„Sie haben auch früher gedient?“

„Sollte denken,“ nickte der Alte, während er neben dem Offizier
herhinkte, „auch anno 13 und 15 mitgemacht -- aber jetzt geht’s zu
Ende. Na Du lieber Gott, ich darf mich nicht beklagen; ich habe schon
manchen Jüngeren hier vorbeifahren sehen, und bin doch noch immer die
ganze Zeit über Wasser geblieben. Lange wird’s freilich nicht mehr
dauern, daß ich da drüben mein Quartier beziehe.“

Die Beiden schritten von da an schweigend und Jeder mit seinen eigenen
Gedanken beschäftigt die kurze Strecke hinüber, die sie noch vom
Kirchhof trennte, und als sie diesen jetzt erreichten, sah sich Brenner
erst eine Weile um, als ob er selber nicht mehr ganz sicher sei, wo
er das bezeichnete Grab suchen solle, und stieg dann vorsichtig und
mit augenscheinlicher Beschwerde über die Gräber weg, quer durch den
Gottesacker hin, bis fast zur anderen Ecke.

Dort war lange Niemand mehr beerdigt worden, und der Platz lag arg
verwildert und von hohem Gras und Buschwerk überwachsen; es wurde auch
selbst dem alten Manne schwer, sich hier zu orientiren, und er bedurfte
einiger Zeit, bis er nur genau die Gegend angeben konnte. Dann aber
unterstützte ihn der junge Fremde in seinem Suchen, und den Säbel
aus der Scheide ziehend, schob er damit das lange Gras zurück, bis
plötzlich der alte Bänkelsänger rief:

„Halt! da ist er -- Sie stehen gerade davor. Wie das Unkraut hier in
den letzten Jahren aufgeschossen ist! Früher führte ein ordentlicher
Weg zu der Stelle.“

„Welcher Platz?“ fragte der junge Offizier, sich vergebens nach dem
bezeichneten Stein umsehend.

„Da, dicht vor Ihnen, Sie treten ja fast auf den Stein.“

„Der? Ja mein Gott, den hätte ich im Leben nicht allein gefunden, denn
ich hatte ihn mir nach der Beschreibung viel größer gedacht. Aber ist
das auch der rechte?“

„Einen anderen spitzen Stein giebt’s auf dem ganzen Kirchhofe nicht
mehr,“ erwiderte Brenner; „nicht einmal viel viereckige, denn die
Bauern setzen immer nur ein hölzernes Kreuz mit einem Regendach
darauf, daß der liebe Gott die Inschrift von oben gar nicht lesen kann.“

„Das muß wirklich der Stein sein,“ rief aber auch jetzt der junge
Fremde, der indessen mit dem Säbel das darüber gewachsene Moos
abgekratzt hatte, so daß er die eingegrabenen Zeichen erkennen konnte.
„Er soll früher zu einer Sonnenuhr gedient haben, und wurde nur damals,
nach der Schlacht, als man den Erschossenen hier eingegraben, als
vorläufiges Zeichen auf das Grab gesetzt. Die Familie zog aber fort
aus Deutschland, und ich habe erst jetzt den Auftrag bekommen, das
Grab aufzusuchen und später die Ueberreste des Verstorbenen in unsere
Familiengruft zu schaffen.“

„Hm, so?“ sagte der Alte nachdenkend, „und leben noch Anverwandte von
dem Todten in dieser Gegend?“

„Nein, außer unserer Familie keine mehr; sie zogen damals weit weg, und
wir haben nie wieder von ihnen gehört. -- Weshalb?“

„Oh, ich meinte nur,“ nickte Brenner; „aber eine arme Frau, die jedoch
einmal weit bessere Tage gesehen haben mußte, und jetzt dort drüben in
der Ecke begraben liegt, hat, als sie noch lebte, oft Stunden lang bei
diesem nämlichen Stein gesessen.“

„Eine Frau?“

„Ja, die mit zwei Kindern hierher zog, einem Knaben und einem Mädchen
-- der Knabe starb bald und die Frau nachher auch.“

„Und wie hieß sie?“

„Sie nannte sich hier die Edmunden.“

„Der Name ist mir völlig fremd. Seit wann ist sie todt?“

„Oh, schon eine Reihe von Jahren; wir können nachher einmal an ihrem
Grab vorbeigehen.“

„Und die besuchte _dieses_ Grab?“

„Es war ihr einziger Spaziergang viele Jahre lang.“

„Das ist sonderbar; vielleicht eine alte Dienerin des Hauses.“

„Na, so alt war sie gerade noch nicht, aber so was muß es jedenfalls
gewesen sein, denn sie starb in großer Armuth, und das Mädchen kam
nachher in’s Gemeinde-Haus.“

„Und steht ihr voller Name auf dem Grab?“

„Sicher; sie hat ein Kreuz bekommen so gut wie die Anderen. Was sie
hinterließ, reichte gerade aus, um das zu bezahlen.“

„Es war jedenfalls eine der Dienerinnen, die mit seltener Treue an
ihrer alten Herrschaft hing. Bitte, zeigt mir einmal das Grab, Freund,
damit ich mir den Namen aufschreibe. Ich habe jetzt hier gefunden, was
ich suchte, und werde nach einiger Zeit zurückkehren, um meinen Auftrag
auszuführen. Kann man jetzt den Schulzen wohl im Ort treffen?“

„Wenn er gerade zu sprechen ist,“ meinte Brenner, „aber in letzter Zeit
scheint er selten nüchtern zu werden; er säuft.“

„Das ist ja ein hübsches Orts-Oberhaupt,“ lachte der Offizier.

„Das weiß Gott,“ nickte Brenner, „und mir gefällt er ebenfalls, -- aber
das hier ist das Grab, schon ein bischen eingesunken und verwachsen,
aber lieber Himmel, wer sieht hier danach!“

Der Fremde mußte wieder seine Waffe zu Hülfe nehmen, um ein wahres
Strauchwerk von aufgeschossenen Brennesseln zu entfernen, damit er nur
den Namen lesen konnte. Aber es stand auch weiter nichts darauf, als:
„Valerie Edmund, gestorben den .... .... 185.“ und als Nachsatz: „Sie
ruhe in Gott.“

Der junge Offizier schüttelte mit dem Kopf; der Name war ihm fremd, und
da nicht einmal ein Geburtsjahr oder ein Ort der Abstammung angegeben
war, konnte er ihm auch weiter nichts helfen. Er schob die schon
herausgeholte Brieftafel in die Tasche zurück und fragte:

„Leben denn noch Verwandte der Frau hier?“

„Nein,“ erwiderte Brenner, mit dem Kopf schüttelnd, denn die Frage war
ihm unangenehm, „nicht hier; die Tochter ist -- fortgezogen.“

„Dann helfen mir auch meine Nachforschungen nichts -- also herzlichen
Dank, lieber Freund, für die gegebene Auskunft; Sie wissen nicht,
welchen großen Dienst Sie mir damit geleistet haben. Diese Kleinigkeit
bitte ich Sie auch, für Ihre Mühe von mir anzunehmen. Wenn ich in
einiger Zeit hierher zurückkehre, hoffe ich Sie wiederzusehen.“

Damit drückte er dem darüber auf’s äußerste Erstaunten zwei harte
Thaler in die Hand und schritt dann rasch dem Dorf wieder zu, um dort
den Schulzen aufzusuchen. Aber Brenner hatte Recht gehabt; den Schulzen
fand er wohl, aber in einem vollkommen unzurechnungsfähigen Zustand. Er
taumelte, mit den Knechten, der eigenen Frau und selbst dem Kettenhund
zankend, auf dem Hof herum und schwatzte lauter Unsinn, so daß ihn
der Fremde mußte stehen lassen und weggehen. Allerdings wollte die
Schulzin gerne aus ihm herausbekommen, was ihn hergeführt; er hielt
es aber nicht für der Mühe werth, ihr das weitläufig auseinander zu
setzen, sondern ließ sie, von der wüsten Wirthschaft angeekelt, stehen
und verließ, kaum eine Viertelstunde später, wieder mit seinem Wagen
das Dorf.



Achtes Kapitel.

Das Bekenntniß.


Wieder mochten vier Monate nach den im letzten Kapitel beschriebenen
Vorgängen verflossen sein, und wenn die Welt auch indessen ihren
ruhigen ungestörten Gang fortzurollen schien, so hatte sich doch in
Osterhagen Manches in der Zeit verändert, namentlich in des Schulzen
Haus.

Der Schulze selber war nämlich plötzlich gestorben -- man sagte, an
einem Herzschlag vom vielen Trinken, mit dem er die Zerrüttung seiner
Vermögensverhältnisse betäuben wollte. Auch Anderes erzählte man sich
im Dorfe; der Großknecht sollte es schon in letzter Zeit mit der Frau
gehalten haben, und ein paar gute Freundinnen schüttelten immer sehr
bedenklich mit dem Kopf, wenn die Rede auf den schnellen Tod des Mannes
kam, und meinten auch wohl, man würde schon noch was erleben, und zwar
die Heirath des früheren Knechtes mit der Wittwe -- aber der Knecht war
eines Morgens spurlos verschwunden und kam nicht wieder, und die Frau
wüthete so im Haus herum, daß es kein Mensch bei ihr aushalten konnte
und neue Mägde keine Woche in der Wirthschaft bleiben wollten.

Wer sich nun wohl am meisten über den Verfall des ihm verhaßten Hauses
gefreut haben würde, wäre der alte Bänkelsänger gewesen; aber mit
dem ging es ebenfalls auf die Neige. Seine Gliederschmerzen hatte er
allerdings seit jener Zeit nicht wieder bekommen, aber dafür peinigte
ihn ein anderes Leiden, das einen viel ernsteren Charakter zu haben
schien und ihn jetzt unbarmherzig an sein Lager fesselte. _Was_
es war, konnte der Bader allerdings nicht herausbekommen, aber Brenner
behauptete, er sei ein Esel und wisse nicht einmal den Unterschied
zwischen Leibschneiden und Wassersucht; er solle ihn nur ruhig sterben
lassen, wenn seine Zeit gekommen wäre, weiter verlange er nichts.
Verschriebene Blutegel und Schröpfköpfe wies er auch mit Entrüstung von
sich und schwur, er bräche dem Bader den Hals, wenn er ihm mit einem
seiner Blutmittel zu nahe käme.

Uebrigens hatte ihn sein früherer guter Humor ganz verlassen; dumpf
vor sich hinbrütend lag er Tage lang auf seinem Bette, und es war
sogar einmal, wo von der Kunzen der Name der „Falleri“ erwähnt worden,
geschehen, daß er nach dem Geistlichen verlangte, weil er ihm etwas
mitzutheilen hätte. Als dieser aber kam, mußte er seinen Entschluß
geändert haben, denn er that, als ob er schliefe, und es war nichts aus
ihm heraus zu bekommen.

Am andern Morgen war er noch unruhiger geworden. „Wenn ich die Falleri
nur noch einmal sprechen könnte“, sagte er in einem fort, „nur noch
einmal eine Viertelstunde, und der Herr Assessor würde es erlauben --
aber es geht nicht mehr, es geht nicht. Ich fühl’s, die alten Knochen
wollen keinen Dienst mehr thun, und nicht einmal eins von meinen
Liedern fällt mir mehr bei. Blos das eine -- das eine, und das bring’
ich nimmer aus dem Sinn.“

Er klagte über heftige Schmerzen im Magen und genoß auch nur sehr
wenig, schien aber von einer merkwürdigen Unruhe geplagt zu sein, und
machte oft den freilich immer vergeblichen Versuch, aufzustehen -- er
brachte es nicht fertig.

In dieser Zeit kehrte der junge Offizier zurück, aber diesmal
nicht allein, sondern in Begleitung einer älteren, sehr vornehm
aussehenden Dame, die er Tante nannte. Beide zogen aber bei Niemandem
Erkundigungen ein, sondern, wie nur der junge Mann die ältere Dame aus
dem Wagen gehoben hatte, befahl er dem Kutscher, auszuspannen, reichte
ihr dann seinen Arm und führte sie durch das Dorf direct dem Kirchhof
zu.

Dort blieben sie eine ziemliche Weile. Eine Partie Dorfjungen war
ihnen nachgelaufen, um sich die bunte Uniform des Husaren in der Nähe
zu besehen, getraute sich aber nicht auf den Kirchhof selber, sondern
blieb draußen an dem hölzernen Gitter stehen. Dort sahen sie, wie die
Beiden zuerst nach der rechten Seite des Kirchhofs zwischen die alten
Gräber gingen und die Dame mitten in das Gras und Unkraut hineinkniete.
Dann stand sie wieder auf, und sie stiegen nach der anderen Seite
hinüber, wo sie erst eine kleine Weile umhersuchten, und dann neben
einem Grab eine ganze Zeit lang verweilten. Jetzt schritten sie wieder
dem Eingang zu, und die Jugend lief, was sie laufen konnte, in das Dorf
zurück, damit sie der Offizier nicht an der Kirchhofsthür erwischte.

Die beiden Fremden folgten ihnen aber nicht dorthin, sondern bogen
gleich vor dem Kirchhof nach dem Gemeinde-Hause zu ab, das aber der
Offizier allein betrat und nach dem alten Manne frug, der ihn damals
auf den Kirchhof geführt. Die Dame verfolgte indessen langsam und
allein den Weg in’s Dorf.

Die alte Frau Kunze, die aber auch, seit wir sie zum letzten Mal
gesehen, ordentlich eingeschrumpft und vertrocknet schien, stand gerade
in der Thür, als der Fremde das Haus betrat.

„Ja du lieber Gott“, sagte sie, auf seine Frage nach dem alten Mann,
„da ist er, soviel steht fest, und fort kann er nicht mehr, aber
schlecht ist’s ihm auch -- hundeschlecht, und reden thut er auch nicht
mehr, schon die letzten zwei Tage. Er kann’s nicht mehr lange machen,
und es wird wohl bald wieder eine Stube hier im Quartier frei werden.“

„Und kann ich ihn sehen?“

„Ja, warum nicht, aber es ist nicht mehr viel an ihm zu sehen; ein
Häufchen Unglück, weiter nichts; wenn Sie herein kommen wollen, ich
will’s ihm sagen, daß Jemand da ist, der ihn sprechen möchte?“

Brenner war nicht so eigen; er fühlte sich allerdings entsetzlich
elend, aber er nahm trotzdem Besuche an, unterbrach es doch die
furchtbare Monotonie seines Lebens und brachte ihn vielleicht für kurze
Zeit auf andere Gedanken.

Der junge Offizier betrat übrigens kaum das Gemach, als er auch rasch
den sehr verschlimmerten Zustand des Alten in seinen eingefallenen
Wangen und hohlen Augen erkannte.

„Lieber Freund“, sagte er theilnehmend, „es thut mir wahrhaft leid, Sie
so krank und matt zu finden, und ich will Sie nicht lange stören. Aber
ich weiß auch Niemand weiter hier im Ort, um eine bestimmte Auskunft zu
erlangen, und um die wollte ich Sie bitten.“

„Des Grabes wegen?“ sagte der Alte.

„Nein, der Tochter jener Frau wegen, die von hier fortgezogen sein
soll“, lautete die Antwort. „Können Sie mir ihren genauen Namen und
jetzigen Wohnort angeben?“

„Und weshalb?“ frug Brenner scheu und zurückhaltend.

„Es ist eine weitläufige Geschichte“, fuhr der Offizier fort, „die Sie
wohl ermüden würde anzuhören; aber so viel kann ich Sie versichern, daß
es dem jungen Mädchen keinenfalls zum Schaden gereichen soll; ja es ist
möglich, daß wir durch sie auf die Spur eines lange verlorenen Theils
unserer Familie kommen.“

„Durch die Falleri?“

„_Wie_ heißt sie?“

„Wie ihre Mutter -- Valerie, aber hier im Haus und im Dorf nannten sie
sie nur die Falleri.“

„Und wo hält sie sich jetzt auf? -- wie geht es ihr?“

Der Alte war todtenbleich geworden, seine Lippen zitterten, seine
ganze Gestalt bebte, und er fiel auf sein Kissen zurück, wo er mehrere
Minuten regungslos liegen blieb. Der junge Mann hatte ihn indeß besorgt
betrachtet, wenn er sich auch die Aufregung des Kranken, bei der
einfachen Frage, nicht erklären konnte. Dessen sonst so kräftige Natur
siegte aber bald wieder, über die augenblickliche Schwäche des Körpers
wenigstens; und sich mühsam aufrichtend sah er den jungen Fremden
zuerst wie erstaunt an, als ob er sich nicht gleich besinnen könne, was
ihn hierher geführt; doch kehrte die Erinnerung bald zurück und mit ihr
das Gefühl seiner Schwäche, seines Leidens.

„Es geht mit mir zu Ende“, sagte er leise, „ich merk’ es wohl, es kann
nicht mehr lange dauern, und vielleicht ist’s gut, daß Sie hierher
gekommen sind. Ich habe den Geistlichen schon einmal rufen lassen, aber
-- ich mag die Pfaffen nicht leiden; sie stecken voller Redensarten und
Sprüche und beweisen Einem aus der Bibel, daß schwarz roth und roth
gelb ist.“

„Aber Sie haben wahrscheinlich meine Frage nicht verstanden“,
unterbrach ihn der Offizier, der natürlich glauben mußte, das Gefühl
seiner Krankheit habe ihn alles Andere vergessen lassen; „ich wollte
gern wissen, wo jenes junge Mädchen --“

„Ich weiß, was Sie fragen wollen“, winkte ihm der Alte mit der Hand,
„und Sie sollen Antwort haben. Sie sitzt im Zuchthaus.“

„Im Zuchthaus?“ rief der Fremde, erschreckt von dem Kasten
emporspringend, auf dem er neben dem Bett des Kranken gesessen -- „was
um Gottes willen ist da vorgefallen?“

„Bleiben Sie auf Ihrem Platz“, winkte der alte Mann; „ich kann nicht
laut reden -- Sie sollen Alles erfahren -- ich _muß_ Jemanden
haben, dem ich es erzählen, dem ich mein Herz ausschütten kann, ehe ich
sterbe, und ich glaube, es -- ist die höchste Zeit dazu.“

„Aber was, um Gottes willen, hat die Unglückliche verbrochen?“ rief der
junge Offizier.

„Hören Sie zu -- Sie erfahren Alles zusammen“, sagte der Alte,
„vielleicht -- läßt sich auch noch Alles wieder gut machen -- Vieles
wenigstens, denn Alles doch nicht mehr. -- Also um mit dem Kind, der
Falleri, zu beginnen: ihre Mutter, die eigentlich nicht recht hierher
paßte und jedenfalls einmal früher vornehm und reich gewesen sein
mußte, aber herunter gekommen und wahrscheinlich zu stolz war, das die
vornehme Sippe merken zu lassen, zog hier ins Dorf und lebte von ihrer
Hände Arbeit. Weshalb sie so oft auf den Kirchhof ging und das Grab
mit dem spitzen Stein besuchte, weiß ich nicht; sie hat’s Niemandem
erzählt, auch nichts über sich und ihre frühere Zeit. Da starb ihr
Knabe, und von der Stunde an war sie ebenfalls reif. Sie starb und
hinterließ nichts als ein paar Sachen, die verkauft werden mußten, um
die Begräbnißkosten zu decken -- ein Leinentuch war darunter mit ein
paar Buchstaben und einer Krone darüber.“

„Was für Buchstaben?“ rief der junge Mann rasch.

„Wer hat sich darum gekümmert“, seufzte der Alte -- „ich dächte, ich
hätte einmal gehört, es wäre ein ~F.~ dabei gewesen, aber ich weiß
es nicht mehr. Das einzige Erinnerungszeichen an die Zeit trägt die
Falleri noch um den Hals -- ein Kreuzchen und den Trauring ihrer Mutter
selig.“

„Ist das gewiß?“

„Wenn sie ihn ihr nicht im Zuchthaus weggenommen haben“, nickte Brenner
-- „aber lassen Sie mich reden, oder ich komme nicht zu Ende. Die
Falleri kam ins Gemeinde-Armenhaus. Armes Kind! Sie war hier wie
verrathen und verkauft, und hat eine böse Zeit mit durchgemacht -- aber
nachher wurd’s noch schlimmer. Wie sie confirmirt worden, mußte sie
natürlich in Dienst, und wie sie erst zu der Schulzin kam, hatte sie
die Hölle auf Erden --“

„Armes, armes Kind!“

„Ja wohl, armes Kind! Ich mochte sie leiden und half ihr einmal aus der
Verlegenheit, als sie ihr den Schmuck wegnehmen wollten, um ihr eine
lappige Fahne zur Firmelung zu kaufen -- und wie dankbar war sie mir
dafür!“

Er schwieg eine Weile still, um wieder Athem zu schöpfen, denn das
Reden griff ihn an, und fuhr endlich, leiser als vorher, fort:

„Ich hab’ _auch_ ein Hundeleben geführt, so lange ich denken kann
-- ich weiß gar nicht, wie einem Menschen zu Muthe ist, den Jemand lieb
hat, und herumgestoßen und getreten haben sie mich aus einer Ecke in
die andere, bis ich endlich das wurde, was ich auch geblieben bin bis
zur heutigen Stunde -- ein Lump. Das Kind machte zuerst einen anderen
Menschen aus mir, denn es hatte mich lieb, und von da an war’s, wenn
ich sie nur mit Augen sah, als ob es immer und ewig dunkel um mich
her gewesen wäre, und nun auf einmal hell würde. -- Und weshalb war
sie dankbar gegen mich? Lieber Gott, was hatte ich denn gethan? --
weiter nichts als ein paar geräucherte Schinken gestohlen und von dem
Ertrag ihren Confirmationsrock bezahlt! -- Von da an wachte ich über
sie, und das Herz drehte mir’s im Leib herum, wenn ich sah, wie sie
behandelt wurde, wie sie von Tag zu Tag mehr abmagerte und elender
und jammervoller aussah, und ich ihr doch nicht helfen konnte. Da kam
das Aergste. Die Falleri hielt’s selber nicht mehr aus, wenn auch
sonst kein Mucks, keine Klage über ihre Lippen kam. Sie lachte nie,
wie andere Kinder, aber sie weinte auch nie, und was sie trug, trug
sie still mit sich herum. Sie kündigte den Dienst beim Schulzen, und
ich war schon lange mit mir einig, wie ich alles Das, was sie dort
ausgestanden, wett machen wollte. Ich legte mich ins Bett und that,
als ob ich sterbenskrank wäre, und wollte so etwa eine Woche liegen
bleiben. Da kam eines Abends die Falleri herüber, um Abschied zu
nehmen, das Gesicht zerschlagen, das arme schwache Kind mißhandelt und
als Diebin aus dem Haus gejagt. So wanderte sie allein in die Nacht
hinaus in die Stadt, um einen neuen Dienst zu suchen, und nun kocht’s
auch bei mir über. Wie ich Alles im Bett wußte -- denn der Nachtwächter
schlief regelmäßig, bei schönem Wetter, unter der Linde -- kroch ich
leise aus meinem Fenster, ein paar Päckchen Schwefelhölzer hatte
ich mir schon verschafft, schlich durch’s Dorf, machte dem Schulzen
hinten in seiner Scheune ein hübsches Feuer an, und war richtig wieder
in meinem Bett, ehe sie die Flamme spürten und Lärm machen konnten.
Natürlich konnte kein Mensch glauben, _ich_ wär’s gewesen, denn
ich war ja nicht einmal im Stande aufzustehen, viel weniger ins Dorf zu
laufen.“

„Und da fiel der Verdacht auf die Unglückliche“, rief der Offizier
erschreckt.

„Hören Sie weiter“, sagte der Mann. „Des Schulzen Hof brannte nieder
und noch ein paar andere Buden -- wenn der Teufel erst einmal die
Hand im Spiele hat, läßt er sich auch sein Vergnügen nicht so bald
wieder stören. Wer war’s gewesen? Ich lachte schon ins Fäustchen. Da
plötzlich brachten sie mir die Nachricht, sie hätten die Falleri, als
des Brandes verdächtig, aufgegriffen. -- Bah, dacht’ ich, die müssen
sie auch wieder loslassen, denn beweisen konnten sie ihr nichts -- wie
ich aber nach einiger Zeit höre, sie hätt’s eingestanden, da litt’s
mich nicht länger im Bett. -- Ich wurde wieder gesund und machte mich
hinüber, um selber mit ihr zu sprechen, denn meinetwegen sollte die
Falleri wahrhaftig nicht ins Zuchthaus. Aber was war’s? Sie blieb
dabei, sie _hätt’s_ gethan. Wie sie von hier fort wäre, hätt’ sie
das Feuer angelegt, und wolle nun ihre Strafe leiden. Was sollt’ ich
jetzt thun? -- Möglich war’s -- gereizt hatten sie das arme Ding genug,
um ein ganzes Dorf nieder zu brennen, und wenn ich es ihr auch bis
dahin nicht zugetraut, sie _konnt’s_ gethan und fast an derselben
Stelle Feuer angelegt haben wie ich selber, hatt’ ich mich doch auch
nicht dort aufgehalten, und war wie ein Donnerwetter wieder in meinen
Bau gerutscht. Was sollt’ ich jetzt thun? Ich rieth ihr, die Aussage
zu widerrufen, aber sie wollt’s nicht -- sollt’ ich mich jetzt auch
angeben, was hätt’s _ihr_ genutzt? -- dann hätten sie uns nur
Beide zusammen eingespunnt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war’s,
aber doch immer möglich, und da ich ihr nicht helfen konnte, ließ ich
die Sache eben gehen.“

„Und nun?“

„Damals war ich noch gesund“, fuhr der Alte fort, „und dachte auch, die
Falleri hätt’s eigentlich im Zuchthaus noch besser als draußen, wo sie
von aller Welt herumgestoßen und mißhandelt wurde. Jetzt aber, wo’s zu
Ende geht, und ich die elende Zeit hatte, zu grübeln und immer nur zu
grübeln, da sind mir andere Gedanken gekommen. Die Falleri _hat’s
nicht_ gethan -- sie _kann’s_ nicht gethan haben, und wegen
meiner sitzt sie jetzt hinter den eisernen Gittern und spinnt Wolle.“

„Und wenn sie es nun doch mit gewesen wäre?“

„Nein, -- es ist nicht möglich, sag’ ich“, rief der Alte, „gleich
auf frischer That ja, aber nicht mehr, wo sie erst bei ihrer Mutter
selig auf dem Kirchhof gewesen -- und dann hätten zwei Stunden darüber
vergehen müssen, ehe es angebrannt wäre, und das thut’s nicht draußen
in der Luft -- entweder es geht an oder aus. Sie _kann’s_ versucht
haben, aber ihres ist nicht angegangen, und der Brandstifter liegt hier
und härmt sich die Seele aus dem Leibe. -- So -- jetzt ist’s heraus --
jetzt machen Sie, daß Sie in die Stadt zum Assessor Buntenfeld kommen
-- Dem erzählen Sie die Geschichte -- Der bringt’s wieder in Ordnung,
damit ich ruhig sterben kann. Wenn sie mich dann auch noch vorher ins
Zuchthaus transportiren, was thut’s -- dort hab’ ich jedenfalls bessere
Pflege als hier in dem öden Nest, und jetzt ist mir auch das Herz
wieder leicht, da ich’s ausschütten konnte, was mir darauf gelegen die
langen Jahre.“

„Und habt Ihr einen Arzt hier?“

„Ja -- einen, wovor Einen Gott bewahren soll -- einen Blutegel, der
Alles mit Schröpfköpfen und Aderlassen curirt, und wenn sich Einer
über Halsschmerzen beklagt, zieht er ihm einen Zahn aus und sagt: das
hilft.“

„Und seid Ihr bereit, das, was Ihr mir gesagt, in Gegenwart des
Assessors zu wiederholen?“ frug der junge Mann, von seinem Sitz
aufspringend. Der Alte zögerte einen Augenblick mit der Antwort;
endlich aber sagte er:

„Wenn’s die Falleri frei macht, und wenn’s sein muß -- ja in Gottes
Namen -- den Hals können sie mir nicht abschneiden, und ich muß mit
_der_ Geschichte ins Reine kommen; die andern will ich schon
selber vor’m lieben Gott verantworten, denn ich bin eigentlich nie ein
böser Mensch gewesen, wenn sie mich auch manchmal gern dazu gemacht
hätten.“

Der Soldat hatte schon lange seine Mütze aufgegriffen, aber sich noch
einmal in dem wirklich trostlos öden Gemach umschauend, sagte er:

„Wie ich sehe, fehlt es Euch hier an jeder Bequemlichkeit -- es ist
möglich, daß Ihr uns einen großen Dienst geleistet habt; daß wir
dadurch auf die Spur einer bis dahin verloren Geglaubten kommen, und
ich -- möchte nicht, daß es Euch bis dahin an etwas fehle. Ich werde
mit dem Assessor heraus kommen, aber auch einen ordentlichen Arzt
bringen, und hier -- ist indessen Geld, damit Ihr Euch anschaffen
könnt, was ihr gerade nothwendig braucht.“

„Du lieber Gott“, sagte Brenner ordentlich erschreckt, als ihm der
Fremde zwei Goldstücke auf das Bett warf -- „das ist zu viel, das
-- das kann ich gar nicht mehr durchbringen.“ -- Ehe er ihm aber
nur ordentlich danken konnte, war der junge Mann schon zum Zimmer
hinaus und auf seinem Weg zum Gasthof, wo er die indessen langsam
vorangegangene alte Dame noch einholte und mit ihr im eifrigen Gespräch
auf- und abschritt, bis der Kutscher wieder eingespannt hatte, und
jetzt im scharfen Trab der Stadt zufuhr.



Neuntes Kapitel.

Der Besuch im Zuchthaus.


Der junge Offizier schien auch wirklich nicht viel Zeit versäumt zu
haben, denn noch am nämlichen Abend, lange vor Dunkelwerden, rasselte
eine Extrapost durch Osterhagen durch, hielt sich aber gar nicht am
Gasthof auf, obgleich der Postillon einen sehnsüchtigen Blick hinüber
warf, sondern passirte im scharfen Trabe das Dorf und hielt erst
vor dem Gemeinde-Armenhaus, sehr zum Erstaunen der Dorfbewohner und
Insassen des Hauses selber -- nur nicht des alten Brenner, der recht
gut wußte, was das zu bedeuten habe.

In dem Fond des Wagens saß der Medizinalrath aus der Stadt mit dem
alten Assessor Buntenfeld, auf dem Rücksitz ein junger Beamter mit
einem Stoß Papier und seinem Schreibzeug in der Tasche, und der
Offizier.

Wie der Wagen hielt, wollte die alte Frau Kunze die Honneurs machen,
wurde aber gleich bei Seite geschoben und beordert, die Herren nicht
zu stören, die sich dann auch ohne Weiteres in das Zimmer des Kranken
begaben.

Der Arzt, der ihn vor allen Dingen untersuchte, schüttelte allerdings
mit dem Kopf und meinte: der Kranke sei falsch behandelt worden, denn
Schröpfköpfe würden ihm allerdings wenig helfen, da er an einem schon
sehr vorgeschrittenen Magenkrebs leide. Brenner aber lachte bitter vor
sich hin und sagte:

„Falsch bin ich nicht behandelt worden, Herr Doctor, mein ganzes Leben
lang, aber _schlecht_; das war der Fehler -- Den Taschenkrebs
habe ich schon von Jugend auf gehabt, und daß sich der endlich in
den Magen gefressen hat, ist eben kein großes Wunder -- das Quartier
stand gewöhnlich leer. Aber desto besser, wenn’s zu Ende geht, so hört
die Schinderei doch einmal auf, denn ich hab’s gerade lange genug
ertragen.“

„Und Ihr habt mir etwas mitzutheilen, Brenner?“ frug der Assessor, der
die Zeit nicht gern versäumen wollte. „Können wir damit beginnen?“

„Setzen Sie sich dahin, Herr Assessor“, sagte der Alte; „einen Tisch
haben wir hier freilich nicht -- in der Küche steht nur einer, doch
den bringen wir nicht durch die Thür -- der Herr Aktuar muß auf den
Knien schreiben -- ich werde auch nicht weitläufig sein, denn was mein
früheres Leben betrifft, so geht das Niemanden mehr etwas an.“

„Und Ihr wollt die Wahrheit sprechen?“

„Mir ist jetzt nicht mehr wie Lügen zu Muthe, Herr Assessor -- setzen
Sie sich nur, Sie sollen die ganze Geschichte hören, und der Herr
Doctor mag als Zeuge dabei bleiben, damit Sie’s genau wissen und die
arme Falleri wieder frei kommt.“

Der Actuar hatte sich bald einen Platz zum Schreiben hergerichtet,
und das eigentliche Verhör begann jetzt. Der Assessor brauchte aber
kaum eine Frage zu thun, denn der Alte, der schon genau zu wissen
schien, welche Punkte er hervorheben mußte, hielt sich nur eine Weile
bei der Art und Weise auf, _wie_ das Kind hier in Osterhagen
behandelt sei -- gewissermaßen um sich selber zu rechtfertigen, daß
er es eine Zeit lang für möglich gehalten, sie _könne_ es gethan
haben, und ging dann auf die Umstände jenes Abends über, die er mit
klaren einfachen Worten schilderte und nur zum Schluß hervorhob, daß,
_wenn_ die Falleri wirklich dieselbe Absicht gehabt habe -- was
er aber vor Gott nicht glaube -- so könne _ihr_ Feuer gar nicht
angegangen, sondern müsse wieder verlöscht sein. _Er_ aber sei
seiner Sache gewiß -- er wäre nicht eher fortgegangen, bis er im Stroh
die helle Flamme gesehen habe, und die hätte denn auch nicht lange auf
sich warten lassen, weiter zu fressen, denn er sei kaum wieder in sein
Fenster geklettert und habe sich aufs Bett geworfen, als der Lärm schon
losgegangen wäre.

Der alte Assessor sprach wenig hinein -- unterwegs schon hatte ihm
der Fremde die Vermuthungen mitgetheilt, die er über die früheren
Schicksale von Valerie’s Mutter und deren Abstammung hege, und die
erst zur Gewißheit werden konnten, wenn man das unglückliche, junge
Mädchen selber sprach und den Schmuck sehen konnte, den sie noch von
ihrer Mutter bewahrte. Noch hatte man allerdings keine Gewißheit, wenn
auch starke Gründe zu der Vermuthung, denn Valerie war allerdings der
Name der Verschollenen gewesen, und Edmund der Vorname ihres Gatten;
der aber dort unter dem spitzen Stein begraben lag, wäre der Vater der
Verstorbenen gewesen, an dessen Grabe diese so oft gesessen.

Der Kranke hatte durch die lange Erzählung aber seine Kräfte
vollständig erschöpft, und der Arzt rieth ihm jetzt Ruhe an, versprach
ihm auch, da der Fremde für alle Kosten einstand, sowie sie nach der
Stadt zurückgekehrt wären, die nöthigen Arzneien und Stärkungen wie
auch eine zuverlässige Person heraus zu senden, die ihn pflegen solle.
Transportirt konnte er natürlich in dem Zustand nicht werden, und man
mußte abwarten, wie sich die Krankheit entwickelte.

In Osterhagen steckten die Leute allerdings die Köpfe zusammen,
was da vorgefallen sein könne, und weshalb eine Extrapost vor dem
Gemeinde-Armenhause und nicht vor der Thür des neuen Schulzen oder
wenigstens vor dem „Gasthof“ gehalten habe. Die Frau Kunzen wurde auch
von verschiedenen Nachbarinnen auf das Schärfste inquirirt, wußte aber
leider gar nichts anzugeben, als daß die fremden Herren bei dem Brenner
drin gewesen und lange mit ihm gesprochen hätten. Allerdings gestand
sie den Versuch ein, „etwas Bestimmteres“ zu erhorchen; so oft sie aber
der Thüre nur nahe kam, öffnete der Offizier dieselbe und sah heraus,
und sie mußte dann jedesmal wieder in die Küche fahren.

Uebrigens wurde die Aufmerksamkeit der Bewohner von Osterhagen an
dem Tage sehr getheilt, denn noch spät gegen Abend traf ein anderer
Fremder ein, der von der Frau des verstorbenen Schulzen eine ziemlich
bedeutende Summe forderte und fällige Wechsel dafür in Händen hielt.
Natürlich hatte sie nicht bezahlen können und der Fremde dann erklärt,
daß er sie verklagen und das Gut verkaufen lassen würde. Wie ein
Lauffeuer ging auch das Gerücht durch das Dorf: „der Schulzenhof,“ wie
das Gut immer noch hieß, „käme unter den Hammer“ -- aber bedauert wurde
die Frau deshalb von Niemand. Sie hatte sich zu wenig Freunde dafür
gemacht.

Indessen bereitete sich aber in der Stadt eine andere Scene vor, denn
vor Aufregung zitternd, hatte die alte Dame, die in Begleitung des
Offiziers den Kirchhof zu Osterhagen besucht, die Rückkehr der kleinen
Expedition erwartet. Für diesen Abend war freilich nichts weiter zu
thun, denn wenn auch das Zuchthaus selber unmittelbar an der Stadt lag,
war der Tag doch schon zu weit vorgerückt, um heute noch Schritte zu
einer weiteren Untersuchung thun zu können. Der nächste Morgen mußte
abgewartet werden; dann aber versprach auch der alte Assessor, der
jetzt selber anfing sich für die Sache zu interessiren, mit ihr hinauf
zu fahren und die Erledigung der Angelegenheit so viel als irgend
möglich zu beeilen -- es verstand sich von selbst, daß sie dann noch
immer langsam genug vorwärts ging.

Vor allen Dingen war es dort nöthig, als sie etwa um zehn Uhr das
unheimliche Gebäude erreichten, das goldene Kreuz und den Ring zu
sehen, den die Gefangene trug, oder wenigstens getragen hatte, denn des
Assessors Vermuthung bestätigte sich: er war ihr, als sie eingekleidet
wurde, abgenommen worden.

Hier aber ward die Vermuthung zur Gewißheit. Ein ganz ähnliches Kreuz
trug die Dame selber an ihrem Hals, denn für drei Geschwister waren
damals solche Kreuze angefertigt worden, und zwar eines mit dem
Buchstaben ~V.~, eines mit ~M.~ und eines mit ~L.~ Die verlorene oder
spurlos verschwundene Schwester hieß Valerie, und der Trauring trug
außerdem das Datum und die Jahreszahl ihrer Verheirathung mit dem
Gatten.

„Und was hat die Gefangene gesagt, als ihr die beiden Dinge abgenommen
wurden?“ frug der alte Assessor, den diese Sache besonders zu
interessiren schien.

„Lieber Gott, was wollte sie machen,“ erwiderte achselzuckend der
Schließer, der die Gegenstände gerade vom Herrn Director heruntergeholt
hatte, „widersetzen durfte sie sich doch nicht, und anfangs war es
freilich, als ob sie sie nicht hergeben wollte; aber auf einmal stand
sie ganz still, nahm das schwarze Band ab, das ihr um den Hals hing,
küßte das Kreuzchen und den Ring, und legte beides dann, ohne ein Wort
weiter zu sagen, oder eine Thräne darum zu vergießen, auf den Tisch. --
Derlei Leute machen sich aus so was nicht viel.“

„Und wie hat sich die Gefangene bis jetzt betragen?“

„Gegen ihr Betragen läßt sich nichts einwenden,“ meinte der Mann, „sie
ist die Beste von Allen, und die Stillste und Fleißigste -- der Herr
Director sind auch sehr mit ihr zufrieden.“

Der „Herr Director“ kam jetzt selber und schien es nicht besonders
gerne zu sehen, daß man eine von „seinen“ Gefangenen sprechen wolle,
konnte es aber auch nicht gut einem Criminalbeamten, der noch dazu im
speciellen Auftrag der obersten Justizbehörde in --* kam, abschlagen,
und gab den Befehl, die Gefangene von ihrer Arbeit abzurufen und
hierher zu bringen.

In dem kleinen Empfangszimmer, das aber ebenfalls mit starken, eisernen
Stäben versehen war, saß die alte Dame, neben ihr und sie unterstützend
stand der Offizier, und vor ihnen, um die ganze Verhandlung zu leiten,
der alte Assessor.

Als das junge Mädchen das Zimmer betrat, blieb sie, wahrscheinlich
einen weiteren Befehl erwartend, mit niedergeschlagenen Augen an der
Thür stehen. Sie sah nicht allein bleich aus, sondern hatte besonders
jene ungesunde, fahle Gesichtsfarbe, die, von der dumpfen Kerkerluft
herrührend, den Gefangenen eigen ist.

Der Director hatte sein Buch neben sich liegen, in dem er den Namen
nachsah, den die Gefangene früher geführt hatte.

„Edmunden,“ sagte er, „komm näher; hier ist ein Herr, der ein paar
Fragen an Dich richten will.“

Das Mädchen gehorchte dem Befehl, ohne aber noch aufzusehen; fast wie
mechanisch bewegte sie sich einige Schritte vor und blieb dann wieder
stehen, um das Weitere zu erwarten.

„Kennst Du mich noch, Valerie?“ sagte da der alte Assessor freundlich.

Das junge Mädchen, das den Beamten jedenfalls an der Stimme erkannt
haben mußte, denn sie hob den Blick nicht, sagte leise:

„Ja.“

„Ich habe Dir einen Auftrag auszurichten,“ fuhr der Assessor fort,
„einen Gruß von einem alten Bekannten, vom alten Brenner aus dem
Gemeinde-Armenhaus zu Osterhagen.“

Eine leichte Röthe zuckte über Valerie’s Gesicht, das aber weiter keine
Bewegung verrieth; auch diese etwas dunklere Färbung verschwand bald
wieder und sie erwiderte nur leise:

„Ich danke Ihnen vielmals.“

„Hm,“ meinte der Assessor, der erwartet haben mochte, daß sie ihn
nach dem Alten weiter fragen würde; „Du scheinst Dich für Osterhagen
nicht mehr besonders zu interessiren. Der Alte ist aber recht krank --
er liegt am Sterben und hat mich neulich rufen lassen und mir etwas
vertraut.“

Die Gefangene hörte jedenfalls die Worte, schien aber nicht den
geringsten Antheil daran zu nehmen. Sie nickte nur schweigend mit
dem Kopf und erwartete, was ihr weiter gesagt werden würde. Was lag
auch daran, wenn ein Mensch krank wurde und starb -- Der hatte es
überstanden und wurde in die stille Erde gelegt. Wie oft hatte sie sich
selber schon danach gesehnt! Der Assessor kam aber dadurch, während die
alte Dame das junge Mädchen mit steigender Spannung betrachtete, etwas
außer Fassung und mußte wieder ganz von vorn anfangen.

„Ja, mein Kind, dem alten Brenner geht’s recht schlecht,“ sagte er,
„und, wie er glaubt, auch wohl mit ihm zu Ende. Da hat er denn vor
seinem Tode noch ein Bekenntniß abgelegt, das Dich auch mit betrifft
und nahe angeht.“

„Mich?“ sagte Valerie und hob zum ersten Mal das große, schwarze Auge
empor. Als aber ihr Blick zugleich dabei auf die Dame fiel, senkte sie
ihn wieder zu Boden, und glühende Röthe flog für einen Moment über ihre
Züge. War es doch das erste Mal wieder seit ihrer Verhaftung, daß sie
sich in Gegenwart einer Frau befand, die sie an das Bild ihrer eigenen
Mutter aus früherer Zeit erinnerte. Warum führte man sie nur hierher?
weshalb ließ man sie nicht in ihrer Zelle? Sie vergaß ganz, daß der
Assessor zu ihr gesprochen und ihr gesagt hatte, der alte Brenner habe
ein Geständniß gemacht, welches auch sie angehe und betreffe. Der
Assessor aber, der wohl merkte, wie theilnahmlos die Gefangene seinen
Bericht anhöre, fuhr fort:

„Er hat nämlich gestanden, daß nicht _Du_, sondern _er_ das
Feuer in Osterhagen angelegt habe, und ich frage Dich jetzt, weshalb Du
Dich damals als Thäterin eines Verbrechens angeklagt, das Du gar nicht
begangen zu haben scheinst?“

„Der alte Brenner?“ frug aber plötzlich Valerie, und in dem Moment war
jedes andere Bild aus ihrem Herzen verschwunden, und nur die Erinnerung
an jenen Abend tauchte hell und klar darin auf. -- „Der alte Brenner
hat den Schulzenhof angezündet? Der war ja krank und lag in seinem
Bett.“

„Krank gestellt hat er sich, ja, aber er war vollkommen gesund und
munter, und weil die Leute nicht wußten, daß er sich regen könnte, fiel
auch kein Verdacht auf ihn. Man glaubte auch deshalb damals, daß Du
die That begangen hättest, weil Du von des Schulzen Frau so schlecht
behandelt worden.“

Der Assessor schwieg, weil er meinte, daß die Gefangene jetzt etwas
darauf erwidern würde; aber er hatte sich abermals geirrt. Valerie
entgegnete keine Silbe und nahm auch die Augen nicht mehr vom Boden
empor.

„Beantworte mir die Frage, Kind,“ sagte da der Assessor endlich; „wie
kommst Du dazu, daß Du Dich damals zu der That bekanntest? Ist es denn
nicht besser, frei zu sein, als in einer solchen Anstalt eingesperrt zu
bleiben?“

„Ich hab’ es gethan,“ flüsterte da Valerie leise -- „lassen Sie mich
wieder fort zu meiner Arbeit -- der alte Brenner war es nicht.“

„Valerie!“ rief da plötzlich die Dame, die sich nicht mehr halten
konnte, indem sie ihre Arme ausbreitete, auf das erschreckt zu ihr
emporschauende Mädchen zuflog und sie mit wilder Heftigkeit umschlang
-- „unglückliches Kind meiner verlorenen, armen Schwester -- o, sprich
die Wahrheit -- sprich die Wahrheit -- _hast_ Du es gethan?“

Valerie duldete schweigend die Umarmung; sie war womöglich noch
bleicher geworden als vorher, und stand wie in einem halben Traum. Seit
ihrer Mutter Tode, die langen langen Jahre hindurch, hatte sie Niemand
an das Herz gedrückt und geküßt -- Niemand sie liebend umfangen --
wachte sie denn oder träumte sie -- die fremde Frau hatte gesagt: Kind
meiner verlorenen Schwester! War denn das -- --?

Leise wand sie sich aus ihrem Arme, drückte sie langsam von sich, und
sie mit den großen, dunklen Augen anschauend, flüsterte sie:

„Sind Sie denn -- sind Sie denn die Schwester -- meiner Mutter?“

„Ja, Valerie -- ich bin es,“ rief die Fremde -- „ich bin Marie, Deiner
seligen Mutter Schwester, Deine Tante. Oh sprich zu mir, Kind -- denke,
daß mich die Angst um Dich verzehrt -- bist Du es gewesen?“

Valerie hatte, während die Frau sprach, die Augen von ihr gewendet und
lauschte dabei wie auf ein fernes Geräusch. Ihr Antlitz verrieth dabei
keine Bewegung als das des Staunens, der Ueberraschung. Da plötzlich,
als jene schwieg, rief sie, alles Andere um sich her vergessend, aus:

„Das waren die nämlichen Laute, das war die Stimme meiner Mutter
-- oh meine Mutter!“ und mit wilder Heftigkeit zu den Füßen ihrer
Tante niederfallend, umschlang sie deren Knie, und _Thränen_ --
lindernde Thränen zum ersten Mal wieder seit langen, trostlosen Jahren
entstürzten ihren Augen.

„Meine Valerie! Mein Kind,“ rief die Fremde bewegt, indem sie sich zu
ihr niederbog. „Und _so_ muß ich Dich wieder finden -- oh sage mir
nur, ob Du das Schreckliche gethan.“

„Nein, nein, nein, nein!“ schluchzte aber das Kind, noch immer ihr
Antlitz in ihrem Kleid bergend; „nie, nie habe ich ein Unrecht gethan
-- es war die erste Lüge, die über meine Lippen kam -- aber wo wollte
ich hin? -- Alles stieß mich fort von sich -- Niemand, Niemand auf der
weiten Erde hatte mich lieb, und ich -- wollte sterben.“

„Oh, Gott sei ewig Lob und Dank!“ rief da unter Freudenthränen die
fremde Dame, und neben Valerie zu Boden kniend, umschlang sie das
zitternde Mädchen mit ihren Armen und küßte wieder und wieder ihr
Haupt. Der alte Assessor aber nahm, ganz in Gedanken, eine Priese nach
der anderen, und der Director sagte:

„Hm, das ist ja eine ganz wunderbare, höchst merkwürdige Geschichte und
bedarf doch wohl noch einiger Aufklärung.“ Assessor Buntenfeld aber
ging auf ihn zu, nahm ihn unter dem Arm und führte ihn ans Fenster,
wo er lange und angelegentlich mit ihm sprach, so daß der alte Herr
fortwährend vor Verwunderung dazu mit dem Kopf schüttelte. Eigentlich
hatte der Assessor aber nur den Beiden Zeit geben wollen, sich wieder
zu sammeln, und als er sich auf’s Neue nach ihnen umdrehte, saß die
alte Dame auf dem Stuhl, den ihr der Neffe hingerückt, und hielt die
neben ihr knieende Valerie fest und innig an sich gepreßt.

Der alte Assessor war übrigens ein praktischer Mann und wußte
außerdem, daß Gefühlsäußerungen nirgends mehr am unrechten Platze sein
konnten als in diesen Räumen. Es mußte etwas geschehen, denn eine
Wiedererkennungsscene und einfache Betheuerung der Unschuld einer schon
Verurtheilten konnte diese nicht so ohne Weiteres befreien.

Außerdem hatte die Scene jetzt auch lange genug gedauert, und der
Director, ein reiner Formenmensch, wäre ihm am Ende ungeduldig
geworden. Er rückte sich deshalb einen Stuhl zum Tisch, nahm von dem
dort liegenden Papier und forderte dann Valerie auf, ihm jetzt mit
klaren Worten die Erlebnisse jenes Abends zu schildern und dabei auf
das Bestimmteste auszusprechen, ob sie sich noch jetzt des früher
eingestandenen Verbrechens für schuldig bekenne, oder, wenn nicht,
weshalb sie früher eine falsche Aussage gemacht. Er litt auch nicht,
daß Valeriens Tante ein Wort hineinsprach -- er wollte nichts als die
einfache Erzählung der Verurtheilten, und die gab ihm auch Valerie mit
so schlichten, einfachen Worten, aber so herzerschütternd zugleich in
der schmucklosen Schilderung ihr früheren Lebens, ihres trostlosen
Verlassenseins, aus welchem sie nur durch den Tod befreit zu werden
hoffte, daß die Dame vor Schluchzen kaum dem Gang derselben folgen
konnte, und selbst der Assessor wieder ein paar Mal nach der Dose
greifen mußte.

Vor der Hand ließ sich nun allerdings weiter nichts in der Sache thun,
denn der Director konnte natürlich keinen der Sträflinge, was auch
immer seine eigene Ueberzeugung gewesen wäre, entlassen -- aber sie war
trotzdem in guten Händen, denn der alte Assessor versprach ihnen schon
am nächsten Morgen alle nöthigen Papiere, und wenn er die ganze Nacht
arbeiten sollte, mit denen sie dann in der Residenz die Freilassung
der jedenfalls schuldlos gefangen Gehaltenen erwirken konnten.

Der Director war allerdings für seine Person noch nicht ganz überzeugt,
und er meinte gegen den Assessor, es seien ihm in seiner Praxis schon
ganz wunderbare Dinge vorgekommen, die er selber nicht glauben würde,
wenn er sie nicht selber erlebt hätte. Aber der Justizminister oder das
Ober-Appellationsgericht möchte entscheiden, und er wolle bis dahin
dem jungen Mädchen ein besonderes Zimmer und bessere Kost geben, als
die übrigen Gefangenen bekämen. Auch sollte sie die Zeit über von der
Arbeit frei bleiben. Einen weiteren Verkehr mit ihren Verwandten, bis
er genaue Instructionen habe, weigerte er sich aber zu gestatten. Das
erlaubte ihm sein Dienst und seine Pflicht nicht, und nur die erst
erwähnte Vergünstigung glaubte er, unter den bestehenden Verhältnissen
verantworten zu können.

Dabei mußte es natürlich vor der Hand bleiben, und wie schwer sich auch
die Fremde jetzt gerade von dem kaum wiedergefundenen Kinde trennte,
so geschah es doch in der frohen Hoffnung, die Unglückliche bald,
recht bald wieder dem Leben, der Freiheit zurückgegeben zu sehen.
Immerhin vergingen indeß noch volle drei Wochen, bis alle nöthigen
Wege eingeschlagen, alle nöthigen Formen beobachtet waren. Aber die
Aussagen des alten, bis dahin gestorbenen Bänkelsängers waren zu klar
gewesen, der Assessor versäumte außerdem nichts, die bedauernswerthen
Schicksale des armen Mädchens hervor zu heben, und nach Ablauf der Zeit
hielt ein geschlossener Wagen vor der Anstalt und rollte bald darauf,
ein paar glückliche Herzen bergend, der Residenz wieder zu.



Zehntes Kapitel.

Schluß.


Fünf Jahre waren verflossen, als eine offene, sehr elegante
Reisekalesche eines Tages wieder langsam durch Osterhagen fuhr. Wie
damals, saß auch ein Husarenoffizier und eine Dame im Fond des Wagens,
aber die Dame sah jung und blühend aus, und auf dem Rücksitz befand
sich noch ein junges kräftiges Bauermädchen, mit einem prächtigen
kleinen Burschen von etwa anderthalb Jahren auf dem Schooß.

Der Wagen fuhr aber nicht nach dem Kirchhof, der keine lieben Todten
mehr barg, denn schon im vorigen Jahr waren unter Oberaufsicht des
alten Assessors Buntenfeld drei Särge von dort ausgehoben, in dazu
hergeschaffte bleierne Uebersärge gelegt, diese dann verlöthet und
fortgefahren worden. Die Kalesche rollte nur geraden Weges zu dem
Gemeinde-Armenhaus hinaus und hielt dort.

Eine in zerrissene Lumpen gekleidete Frau, mit verwilderten Haaren,
das Gesicht aber aufgedunsen und roth, als ob die widerliche Gestalt
dem Trunk ergeben wäre, saß davor und starrte die fremden Besucher mit
ihren gläsernen Augen an.

Die junge Dame schrak zurück und schauderte zusammen.

„Um Gott, Edmund“, flüsterte sie dem Gatten zu, „das ist des Schulzen
Frau -- oh wie entsetzlich sie aussieht!“

„Das also ist die Dame“, nickte der Offizier; „die scheint denn
allerdings schon auf Erden die Strafe für Alles erhalten zu haben, was
sie an Dir, Du armes Herz, verübt: aber mit dieser Person wollen wir
uns nicht aufhalten. Wie hieß die Frau, nach der Du fragen wolltest.“

„Kunze“, flüsterte seine Begleiterin.

„Lebt hier im Hause noch eine alte Frau Kunze?“ wandte sich jetzt der
Fremde an die auf der Schwelle kauernde Gestalt.

„Hier im Haus?“ knurrte diese, mit einem tückischen Blick nach dem
Frager -- „hier im Haus lebt Niemand als ich -- Alles ist todt, Alles
begraben aus dem öden Nest, und wenn Sie _mich_ besuchen wollen,
so müssen Sie Nachmittags zum Kaffee kommen.“

„Aber die Frau mit den beiden Kindern“, rief Valerie erschreckt, „die
kann doch nicht gestorben sein.“

„Nein“, lachte die Alte -- „die ist blos verrückt geworden, und die
Kinder sind in die Ziehe gegeben.“

„Großer allmächtiger Gott!“

„Ja, was hat der liebe Gott damit zu thun,“ höhnte die Halbtrunkene.
„Wer hier im Hause wohnt, _muß_ verrückt werden, und ich werde
mich auch nächstens anmelden -- reif bin ich schon.“

„Und wer hat die Kinder aufgenommen?“

„Wer? -- nun die alte Deckern war albern genug dazu. Die quält sich
jetzt mit den Bälgern herum, und hat selber kaum das liebe Brod.“

„Oh, laß uns hinfahren, Edmund“, bat die junge Frau -- „nur fort von
hier, denn mir schnürt es bei dem Anblick die Seele zu.“

„Gern, mein Herz, aber weißt Du, wo jene Frau wohnt?“

„Gleich dort hinüber -- sie war die nächste Nachbarin meiner armen
Mutter und immer lieb und freundlich gegen mich.“

„Was war sie?“ schrie die Frau an der Thür, bei den Worten aufmerksam
werdend -- „die Nachbarin Deiner Mutter -- wie ist mir denn? -- das
Gesicht! Jesus, die Falleri!“

„Fort -- fort!“ drängte die junge Frau, und der Postillon berührte
die Pferde mit der Peitsche, daß sie rasch anzogen und der Wagen die
Straßen hinabrollte. Hinter ihnen her aber fluchte die Halbtrunkene,
raufte sich die Haare und warf sich dann in Wuth und Haß und Ingrimm
auf den Boden nieder.

Der Postillon sah sich manchmal um, die Richtung angegeben zu bekommen,
die er zu nehmen hatte, aber der Weg war nicht zu fehlen; er führte um
das Dorf herum, der Stelle zu, wo zwei kleine Häuser nahe beisammen
lagen.

Die alte Nachbarin wohnte aber nicht mehr in ihrem früheren, jetzt
baufälligen Quartier, sondern war zur Miethe in die nämliche Wohnung
gezogen, die früher Valeriens Mutter inne gehabt. Wie staunte freilich
die arme, alte Frau, als die elegant gekleidete, jugendfrische Dame aus
dem Wagen stieg, auf die in der Thür Stehende zuging, ihr weinend um
den Hals fiel und sie küßte.

„Die Falleri!“ rief sie da plötzlich aus und schlug die Hände zusammen,
„oh Du grundgütiger Gott, die Falleri! -- und wie hübsch und groß Du
geworden bist, Kind! -- ach, wenn Dich Deine Mutter selig jetzt so
sehen könnte, die würde eine Freude haben -- und hat so so wenig auf
der Welt gehabt!“ Die großen hellen Thränen liefen dabei der Frau über
das gute alte Gesicht.

Auch Valerie weinte, als sie das Haus betrat und jetzt die Stätte sah,
auf der sie mit ihrer guten Mutter so trübe -- und doch auch wieder so
frohe Tage verlebt. Dort hat ihr Stuhl -- dort das Bett gestanden, in
dem sie gestorben, und ihr armes Kind allein gelassen in der Welt --
aber der Schmerz hatte das Bittere verloren, denn er löste sich ja in
Thränen auf, und bald konnte sie wieder lächeln, als sie, ihren Knaben
auf dem Arm, mit ihm durch die alten lieben Räume schritt.

Es sah hier freilich noch so ärmlich aus als früher, wenn auch
lebendiger, denn die beiden Waisenzwillinge, die sie oft selber hatte
pflegen helfen, sprangen munter hinter ihr drein, und jubelten über die
Kleinigkeiten, die sie ihnen mitgebracht.

Aber Valerie hatte auch gelernt, wie weh Armuth thut, und wollte
wenigstens in etwas an der alten Frau, die immer gut mit ihr und ihrer
Mutter gewesen, den Dank abtragen, den sie ihrem neuen Leben schuldete.
Die Frau bekam allerdings von der Gemeinde die nothwendigsten Auslagen
für die ihrer Pflege übergebenen Kinder, die man jetzt nicht im
Gemeindehaus lassen konnte, bezahlt, aber sie war selber zu arm, um
Weiteres für sie zu thun, und Valerie versprach deshalb, für sie zu
sorgen. Auch das Häuschen sollte der alten Nachbarin eigenthümlich
gehören, und Assessor Buntenfeld, den sie nicht vergessen, bekam noch
an dem nämlichen Tage Auftrag, es für sie anzukaufen.

Blitzesschnell hatte sich indeß im Dorf das Gerücht verbreitet, die
Falleri, die Gemeinde-Waise, sei wieder zurückgekommen und eine
vornehme Dame geworden. Daß sie unschuldig eingesperrt gewesen und der
alte Brenner eigentlich das Feuer angelegt, wußte man schon lange.
Aber es getraute sich Niemand hinaus zu ihr, denn Niemand im ganzen
Dorfe wußte sich von Schuld rein, das arme hülflose Wesen damals nicht
mit unterdrückt -- nicht mit verachtet zu haben. Ja, als der Wagen
endlich wieder durch das Dorf fuhr, und vor dem Hause des Schulzen
hielt, in dessen Hände Valeriens Gatte jetzt eine Summe Geld legen
wollte, die das vergüten solle, was das Dorf damals an Auslage für die
Waise gehabt, weigerte sich der neue Schulze auf das Bestimmteste, das
Geld zu nehmen -- er sagte, er könne es vor seinem Gewissen nicht
verantworten. Auch aus den benachbarten Häusern kam kein Mensch heraus,
und nur scheu hinter den Fenstern lugten sie vor, um die „Falleri“ noch
einmal in ihrem Staat zu sehen.

Erst als der Offizier das Geld als Geschenk für das Armenhaus
deponirte, durfte und konnte es der Schulze nicht zurückweisen. Er lud
auch jetzt die beiden Gatten ein, doch auszusteigen und in seinem Hause
einen Imbiß einzunehmen, aber Valerie fühlte sich von dem scheuen,
schuldbewußten Benehmen der Dorfbewohner so beengt, daß es sie drängte,
wieder hinaus ins Freie -- fort von den nur zu gut gekannten Häusern zu
kommen.

Die Pferde zogen an; der leichte Wagen rollte durch das Dorf, und nur
noch wie ein Schleier lag die Erinnerung an Osterhagen auf der Seele
der schwer geprüften jungen Frau.



Der Fuchsbau.



Erstes Kapitel.

Die Forstei im Spessart.


Oben im Spessart, an der nördlichen Abdachung desselben und ziemlich
versteckt in einem wilden hochstämmigen Nadelholzwalde, lag eine alte
Forstei, deren Insasse, der alte Förster Buschmann, schon lange um
einen Gehülfen petitionirt hatte, weil ihm die Wilddieberei zu arg
wurde und er’s in dem weiten und wilden Revier nicht mehr allein
„ermachen“ konnte.

Ja petitioniren -- das sollte Alles „kein Geld kosten“, wie er meinte,
und dabei wurde das Gesindel immer dreister und stahl zuletzt an Wild
mehr weg, als es gekostet haben würde, zwei Gehülfen anzustellen. Es
kam und kam eben keiner, bis er zuletzt wild wurde und das Gesetz in
seine eigene Hand nahm.

Alle Schliche und Wege kannte er, aus dem über Nacht draußen im
Holz liegen machte er sich auch nichts, und Streusucher fanden bald
nacheinander zwei übelberüchtigte junge Bursche aus dem nächsten Dorf
erschossen auf einem der Waldpfade liegen und trugen sie zu Thal.

Jetzt kamen freilich die Gerichte auf die Beine; eine Untersuchung
jagte die andere, und Buschmann wurde alle Augenblicke vorgefordert, um
Auskunft über die Erschossenen zu geben -- aber was wußte er davon? Er
stak allein da auf seiner Forstei im Walde, überall konnte er natürlich
nicht sein, und wenn sich das Wilderergesindel unter einander selber
todtschoß -- ei, dann wohl bekomm’s: er hatte nichts dagegen. Wissen
thue er übrigens nichts von der ganzen Geschichte, und da er vergebens
und immer wieder vergebens Hülfe von der oberen Forstverwaltung
erbeten, aber nie auch nur einmal eine Antwort erhalten habe, so müssen
sie es sich eben jetzt gefallen lassen, wenn es Mord und Todtschlag auf
dem Revier gäbe.

Das half. Schon in nächster Woche wurde nicht allein ein aus drei
Schützen bestehender Forstschutz in das Revier gelegt, sondern eines
Sonnabend Abends traf auch ein junger kräftiger Forstgehülfe auf der
Forstei ein, gab sein Einführungsschreiben ab und wurde von dem alten
Förster auf das Herzlichste empfangen.

Bis jetzt hatte Buschmann mit seiner „Alten“, da ihre Ehe kinderlos
geblieben, hier allein die langen Jahre gewirthschaftet. Nur eine alte
Magd war noch im Hause, die die Küche und ein paar Kühe besorgte, und
zwei Kreiser oder Forstläufer schliefen ebenfalls dort oben, wenn sie
ihre Pflicht nicht zwang, auf irgend einem andern Punkt des Reviers
zu übernachten. Daß das ein einsames Leben im Walde gewesen, läßt
sich denken, besonders wenn draußen der Schnee seine weiße Decke über
das Land breitete. Die beiden alten Leute hatten dann mit der Magd im
Zimmer gesessen, der Förster seinen kurzen Pfeifenstummel im Mund,
die Frauen am Spinnrocken, während oft stundenlang kein Laut, als das
Schnurren der Räder, die Stille unterbrach.

Jetzt kam junges Leben dahinein, und der neue Forstgehülfe Bernhard
Raischbach, der schon in Aschaffenburg, Würzburg und selbst in München
gewesen, ja gar in den Alpen seine Lehrzeit bestanden, und sonst auch
ein manierlicher Bursche und guter Leute Kind war, konnte von allem
Möglichen erzählen und erzählte auch, und die alten Leute trugen ihn
dafür auf Händen. Was ihm die alte Frau an den Augen absehen konnte,
that sie ihm, und besserer Kaffee war noch nicht in der Forstei
gebraut, so lange sie stand, als seit der junge Raischbach dort
eingezogen. Ja sogar ein Fäßchen Bier wurde angeschrotet -- und zwar
Lagerbier, kein einfaches -- damit er nicht versucht werden sollte,
Abends in das allerdings immer noch gut anderthalb Stunden entfernte
Wirthshaus hinabzusteigen -- was er freilich auch nur sehr selten that.
Der Hinweg ging noch -- aber der Rückweg durch den stockdunklen Wald
und über die rauhen Wege war nichts weniger als angenehm.

Auch draußen im Wald erwies sich der junge Forstgehülfe bald
außerordentlich brauchbar und kannte seine Pflicht so genau, daß
der alte Förster eigentlich nichts zu thun hatte, als ihm nur die
verschiedenen Schläge und Pflanzorte, wie auch besonders die Grenzen
zu zeigen, damit er nicht einmal aus Versehen in das Hessische
hinübergeriethe. Allerdings war Förster Buschmann, wie er seinem
Gehülfen sagte, mit dem nächsten hessischen Förster befreundet, aber
sie kamen doch nur sehr selten zusammen, und besser ist immer besser.

Erzählen that übrigens der Alte ungemein gern, und an Stoff dazu fehlte
es wahrlich nicht, denn es gibt wohl kein ergiebigeres Sagengebiet
-- den Rhein vielleicht ausgenommen -- in ganz Deutschland als eben
den Spessartwald mit seinen dunklen, nadelholzbewachsenen Höhen.
Wenn er ihm dann die verschiedenen Namen der Plätze, die theils
auf eine solche Sage, theils auf früher hier heimische wilde Thiere
Bezug hatten, angab, wußte er ihm dabei allerlei wunderliche Dinge zu
berichten, was noch dadurch viel geheimnißvoller klang, daß er es nur
immer mit leiser flüsternder Stimme that. Nicht um die Welt hätte er im
Wald laut gesprochen, war er doch von Jugend auf daran gewöhnt, sich
immer so zu benehmen, als ob er auf der Pirsche sei.

Gelegenheit zu solchen Geschichten fand er also genug, denn der
Wald wimmelte von derartigen Plätzen. Da gab es einen Teufelsfelsen
und einen Eckardtsstein; da lief der Elfenbach durch’s grüne Moos;
Luchssteig, Wolfsschlucht, Bäreneck und Auerhorn hießen einzelne
vorragende Plätze im Wald, und die Phantasie des Alten bevölkerte sie
nicht allein mit dem wilden Jäger und dem bösen Feind, mit Alraunen und
überirdischen Geschöpfen, sondern er berief sich dabei auch noch auf
das Zeugniß seines jetzt leider verstorbenen Vaters, der in stürmischen
Nächten den wilden Jäger selber oft und oft gehört haben sollte, wie
er, besonders im Frühjahr und Herbst, mit Hussah! und Halloh! über den
Forst gebraust.

Solche Gespräche spannen sich übrigens auch noch, wenn sie Abends nach
Hause kamen, aus, denn von derartigen Erzählungen wußte die Frau
Försterin fast noch mehr als ihr Mann, ja selbst die Lisei, wie die
alte Magd hieß, nickte nur immer bestätigend mit dem Kopfe, wenn sie
auch selber entsetzlich schwer zum Reden zu bringen war, denn sie stieß
ein wenig mit der Zunge an und war von anderen jungen Leuten, denen
sie früher manchmal derlei erzählt, wohl nur ausgelacht und verspottet
worden.

Der junge Raischbach lachte sie aber nicht aus. Selber etwas
romantischer Natur, wenn auch nichts weniger als was man abergläubisch
nennt, wirkte die ganze Umgebung doch nach und nach auf ihn ein, und
er fing an, sich nirgends wohler zu fühlen als Abends, nach einem
tüchtigen Rundmarsch in der stillen, schweigenden Waldung, in seiner
Ecke neben seinem Krug Bier und mit der kurzen Jagdpfeife im Munde.

Er wußte selber auch Manches zu erzählen: von dem Bergstutzel in den
Alpen, von der Gemsmaid, von den weißen Fräulein und dann aus anderen
Forsten von einer Freikugel, die ein Jäger gehabt, mit der er nachher,
wider Willen, seinen eigenen Vater erschossen; von einem andern
Frevler, der sein Feuerrohr auf einen gekreuzigten Jesus abgebrannt
hätte und von Stund an blind geworden wäre, und manche andere Dinge,
wie sie sich die Jäger wohl an langen Winterabenden erzählen.

Deßhalb scheute er sich aber doch nicht, bei Nacht und Nebel draußen
im Wald herumzusteigen, und wenn er einmal irgendwo in einer Richtung
einen Schuß gehört, von dem man sich keine Rechenschaft geben konnte,
so ruhte und rastete er auch nicht, bis er die richtige Fährte
ausspürte, und wenn er drei Nächte hinter einander hätte draußen lagern
sollen.

Daß so ein flinker kräftiger Bursche -- und außerdem noch ein
vortrefflicher rascher Schütze, wie er sich bald erwies -- dem
Wilderergesindel unbequem werden mußte, läßt sich denken. In ganz
kurzer Zeit hatte er auch drei von der Gesellschaft auf frischer
That ertappt und sie nach und nach ganz allein eingebracht, und die
Wilddiebe mußten anfangen, sich nach einem andern Revier umzusehen,
denn auf dem Buschmann’schen schien’s für sie nicht mehr geheuer.

Eines Tages -- es war im August -- hatte der Förster einen Feisthirsch
zum Abschuß bekommen, der noch an dem nämlichen Abend eingeliefert
werden sollte, und Bernhard wie der Alte waren mit Tagesgrauen
hinausgegangen, um ihr Glück auf der Pirsche zu versuchen. Nach vorher
genommener Verabredung sollte aber Keiner mehr schießen, wenn er vom
Andern einen Schuß fallen höre, damit sie nicht etwa bei dem heißen
Wetter zwei Stück statt eines auf die Decke brächten, und sie nahmen
nun, Einer den linken, der Andere den rechten Flügel, um an einer
bezeichneten Stelle wieder zusammen zu treffen. Hatte dann Keiner
von ihnen Etwas geschossen, so waren die Kreiser und der Forstschutz
schon auf einen gewissen Punkt im Wald bestellt, um nachher ein paar
Dickungen durchzutreiben, wobei sie gewiß ihr Ziel erreichten, denn
Hirsche gab es damals noch genug in jenen Forsten.

Das Letzte schien aber nicht nöthig zu werden, denn schon um neun Uhr
Morgens hörte Förster Buschmann den scharfen Krach einer Büchse, und
als er nun, die eigene Waffe über die Schulter gehangen, direkt der
Richtung zuhielt, traf er auch bald darauf mit seinem Forstgehülfen
zusammen, der einen kapitalen Achter auf der Decke hatte.

Bernhard schwenkte ihm auch lustig seinen mit dem „Bruch“ schon
besteckten Hut entgegen, und der Alte nickte vergnügt vor sich hin,
als er den braven Hirsch, mit dem Eichenzweig im Geäß und die Kugel
wie abgezirkelt mitten auf dem Blatt, verendet im Schatten eines alten
Eichenbaums, nahe einer zu Thal rieselnden Quelle liegen sah.

„Bravo, mein Junge!“ rief er aus, „das war gerade das rechte Stück und
ein tüchtiger Schuß, mit dem wir Ehre einlegen können; er spart uns
auch eine Masse Schererei, und wenn die Kreiser jetzt kommen, können
sie ihn gleich auf ihren Wagen packen und fortschaffen. -- Der scheint
auch nicht mehr weit gegangen. Kam er flüchtig?“

„Gleich dort am Rand von den Felsen äste er sich,“ erzählte der junge
Forstmann, „und ich war mit gutem Wind und Deckung bis auf fast achtzig
Schritte angepirscht, denn ich konnte nur manchmal die Stangen zu
sehen bekommen, wenn er den Kopf hob, um zu sichern. Weiß aber der
liebe Gott, was ihn verscheucht haben mag, denn meinen Schritt auf dem
weichen Moos konnte er wahrlich nicht hören, äugte auch nicht einmal
der Richtung zu, wo ich mich befand. Wie ich aber daneben hinter den
Büschen vorkrieche, höre ich, daß er flüchtig wird, und jetzt war ich
mit einem Satz auch draußen im Freien. Rechts ab konnte er nicht, der
Kluft wegen, so mußte er hier über die Lichtung, und wie er die Kugel
kriegte, machte er einen Satz so hoch.“

„Das ist ein famoses Zeichen“, schmunzelte der Alte.

„Er ging auch nicht mehr weit. Dort drüben, bei der jungen Weißtanne,
ist der Anschuß und hier unter der Eiche hielt er plötzlich, that sich
nieder und verendete auch gleich darauf, da ich versteckt blieb und ihn
nicht weiter störte.“

Der alte Förster nickte leise und zustimmend mit dem Kopf, und trat
indessen, während sein junger Gehülfe den kurzen Bericht abstattete, an
den Rand der hier ziemlich steil abfallenden Felsen, um das da unten
ausgebreitete Terrain zu überblicken.

Es war ein wilder eigenthümlicher Platz hier mitten in den Bergen,
und Bernhard selber auf all’ seinen Streifzügen noch nie in die Nähe
desselben gekommen.

Gerade zu ihren Füßen fielen die Sandsteinfelsen wohl achtzig oder
neunzig Fuß steil ab, und nach rechts und links, wohin er sah, schien
eine ganz ähnliche Mauer eine unten liegende flache und moorige
Ebene, auf der auch wenig mehr als Haidekraut und kleines niederes
Gestrüpp wuchs, einzuschließen. Der ganze innere Raum mochte übrigens
ein paar Morgen umschließen, und sah genau so aus, als ob er in
früheren Jahrhunderten -- oder vielleicht Jahrtausenden -- die ganze
offene Stelle ausgefüllt hätte und nur einmal, bei einer inneren
Erderschütterung vielleicht, weggesunken wäre.

„Sind Sie schon an dem Platz hier gewesen, Raischbach?“ sagte der Alte
nach einer längeren Pause, in der er schweigend über die wüste Stelle
hinausgeschaut.

„Nein, Herr Förster,“ sagte der junge Mann; „das ist ein wildes
wunderliches Terrain; bin aber noch nie hierher gekommen -- heute zum
ersten Mal. Es kann hier gar nicht so weit von der Grenze sein.“

„Ist es auch nicht,“ nickte der Förster; „die Schlucht, die von dort
herüberkommt, wo Sie neulich die wilde Katze geschossen haben, bildet
die Grenze, und die Stelle hier heißt ‚der Fuchsbau‘ -- gibt auch
schmählich viel Füchse hier, denn da drinnen sind sie ungestört, und
man darf nicht einmal einen Hund hineinlassen, weil die Wand voller
Risse und Spalten steckt, die oft Gott weiß wie tief hinuntergehen.
Gleich im ersten Jahr, als ich herkam, habe ich dort drüben in dem
einen Loch meinen besten Dachshund verloren, und mich nachher wohl
gehütet, wieder einen in die Nähe zu bringen.“

„Sonderbar,“ sagte Raischbach, „ob der Platz nicht wie eingesunken
aussieht --“

„Hm,“ brummte der Alte und sah sich vorsichtig dabei um -- „wir wollen
hinüber nach dem Rendezvous gehen, wohin wir die Kreiser bestellt
haben -- ’s ist gar nicht so weit von hier, und wenn wir der Schneuße
folgen, kommen wir ganz in die Nähe.“

Damit rückte er sich seine Büchse wieder auf die Schulter und schritt
langsam voran, Bernhard folgte ihm, und Beide gingen auch die ganze
Strecke lang schweigend neben einander hin; nur unterwegs brach sich
der Förster ebenfalls einen Bruch ab und steckte ihn sich, alter Sitte
folgend, auf den Hut -- war doch ein jagdbarer Hirsch erlegt, und dabei
durfte keine althergebrachte Form versäumt werden.

So erreichten sie nach einer Weile das bestimmte Rendezvous, eine
kleine offene Waldblöße, an deren Rand ein Pirschhaus gebaut war, um
den Kreisern, wenn sie hier in der Nähe Dienst hatten, ein Obdach
zu bieten. Der Förster trug allerdings den Schlüssel dazu in der
Tasche, aber bei dem prachtvollen Wetter dachten die beiden Jäger
nicht daran, sich in das dumpfige Haus zu setzen, und Buschmann, mit
seinem Hirschfänger, einen Zweig von einem dort stehenden breitästigen
Weißdorn schlagend, hing seine Büchse an den Zacken und warf sich dann
auf das Moos im Schatten des Baumes nieder, welchem Beispiel sein
junger Forstgehülfe folgte.

„Wenn wir jetzt eine Flasche Bier hätten,“ sagte dieser, indem er sich,
in Ermangelung eines andern Labsals, wenigstens seine kurze Pfeife
stopfte und in Brand setzte -- „das müßte jetzt schmecken.“

„Die Kreiser bringen ein paar Flaschen mit,“ nickte der Förster, „denn
ich wußte ja nicht, was wir noch für Arbeit mit dem Hirsch bekamen.“

„Das ist gescheidt -- und die müssen bald kommen.“

„Etwa in einer halben Stunde spätestens,“ sagte der Förster und qualmte
stärker -- „aber -- was ich gleich sagen wollte, Raischbach -- Sie --
Sie meinten vorher da drüben am Bau -- am Fuchsbau meine ich -- an
der wunderlichen Stelle, die rings von steilen Sandsteinfelsen wie
eingedämmt ist, daß sie fast so aussähe, als ob der Platz eingesunken
wäre.“

„Ja wohl, Herr Förster, es hat merkwürdige Aehnlichkeit, und drin im
Tyrol wüßt’ ich genau so eine Stelle, wo sich auch die Leute erzählen,
daß dort vor uralten Zeiten eine Alm gestanden hätte -- und jetzt ist’s
ein See, kein Mensch weiß wie tief.“

„Es kommt Alles vor in der Welt, Raischbach,“ nickte der Alte still vor
sich hin -- „Alles -- wir sehen’s nur manchmal nicht, oder wollen’s
eben nicht sehen.“

„Und hat der Platz irgend eine Bedeutung?“

„Dort an Ort und Stelle,“ sagte der alte Mann, „mochte ich Ihnen nicht
gern Red’ und Antwort stehen; man spricht nicht gern davon, wo die
Worte bis hinunter in den Grund schallen können, und wenn Sie die
Kreiser frügen, würde Ihnen wohl Keiner Auskunft geben; aber das ist
Thorheit, denn einem frommen Christen kann der Spuk nichts anhaben.“

„Aber welcher Spuk, Herr Förster?“

„Der im Bau drunten.“

„Im Fuchsbau? also ist es wirklich ein eingesunkener Platz?“

„Das sieht ein Kind ein,“ nickte der alte Forstmann, der hier wieder
vollständig auf seinem Steckenpferd saß. „Da hat vor alten Zeiten eine
große und reiche Stadt gestanden, mit einem Kirchthurm, dessen Kuppel
sie so dick vergoldet hatten, daß man Abends bei Sonnenuntergang das
Blitzen bis drüben in die fernen Berge sehen konnte. -- Aber auf einmal
war’s aus -- was sie getrieben, der Herr nur weiß es, aber übermüthig
sind die Leute jedenfalls geworden, und eines Tages, als Jemand vom
nächsten Dorf hinein zur Ortsbehörde wollte, trifft er an der Stelle,
wo sonst die stolze Stadt gelegen, einen See mitten im Walde an. Erst
glaubte er auch, er hätte den Weg verfehlt, und versucht’s dann mit
einem andern, aber es war dasselbe. Alle die breiten Fahrwege, die
sonst hinein in den Ort führten, liefen jetzt bis an den Rand der
blanken Steinwand und grad in’s Wasser hinein, und der See muß lange
an der Stelle gestanden haben, denn mein Großvater wollte sich noch
erinnern, ihn gesehen zu haben. Seichter war er aber mit den Jahren
geworden, zuletzt sickerte er ganz weg, und heutzutage ist nur noch der
moorige Grund geblieben, den aber kein Mensch, nicht einmal ein Stück
Wild betritt. -- Nur die Füchse hausen da drin und finden da allerdings
gar vortrefflichen Schutz.“

„Aber haben Sie mir nicht selber gesagt, Sie hätten schon einen Hund da
drin verloren?“

„Allerdings -- aber der Hund ist allein hineingelaufen, ich war selber
nie drin und hab’ auch nie nachgeschaut, wo er geblieben sein kann.
Jedenfalls ist er in eine der Spalten gestürzt. Was hat der Jäger
auch dort unten zu suchen? Wild steht dort nicht -- und sei’s nur aus
dem Grunde, daß sie nirgends wieder auskönnen, wenn ihnen der einzige
hineinführende Wechsel verstellt wird. Das ganze Terrain ist wie eine
große Art Falle, und vor solchen Plätzen scheuen sie sich; außerdem
mag aber auch die Aesung auf dem feuchten Boden sauer schmecken, denn
von oben hinab sieht man eigentlich nichts als Haidekraut und eine Art
schilfiges Gras und Schachtelhalm.“

„Aber was für ein Spuk war der, Förster, von dem Sie sprachen?“ sagte
der junge Mann, durch das Alles neugierig gemacht -- „der Spuk, der
einem frommen Christen nichts anhaben könne?“

„Hm,“ brummte der Alte, doch nicht ganz sicher, wie seine Erzählung
aufgenommen werden könne. „In neuerer Zeit hat man lange nichts mehr
davon gehört --“

„Aber in früheren Jahren?“

„Da soll das alte Nest da drin ein Hauptplatz für Derlei gewesen sein,“
nickte der Alte, „man darf freilich nicht Alles glauben, was die Leute
erzählen,“ setzte er gewissermaßen entschuldigend hinzu, „aber wenn
nur die Hälfte von dem wahr wäre, reichte es aus. Daß der wilde Jäger
hier im Spessart seinen Hauptsitz hatte, ist allbekannt. Von hier
ging er aus -- hierher kam er zurück, wenn er vor der Morgendämmerung
seine tolle Meute wieder eintrieb, und die Kreiser, bei denen sich die
Erzählung von Vater auf Sohn vererbt hat, viele Geschlechter durch,
behaupten, daß er dort in dem versunkenen Bau eingefahren sei wie ein
Fuchs, und es nachher noch stundenlang da drinnen getobt und gelärmt
habe, als ob ein unterirdischer Donner durch den Wald führe. Irrwische
sind da drunten genug gesehen worden, und nirgends hat’s mehr Erd- und
Waldweible gegeben, als in der Gegend. Manchem Förster -- vor meiner
Zeit, denn ich müßte lügen, wenn ich was Derartiges behaupten wollte
-- sind auch Bewohner des weggesunkenen Ortes erschienen -- einmal
einem Jäger -- einem fürstlichen Herrn -- ein bildhübsches Mädchen
in fremdartiger Tracht, die aber kein Wort gesprochen, sondern nur
gewinkt hat, bis er ihr gefolgt ist. Der ist er nachgestiegen in den
Kessel hinein -- der Jägerbursche, den er bei sich gehabt und der ihm
nicht folgen durfte, hat’s erzählt, und am Abend haben sie ihn da drin
gefunden, todtenbleich -- und er war tiefsinnig geworden und hat nie
im Leben wieder gelacht oder auch nur verkündet, was er dort unten
gesehen. Er durft’s wohl nicht.“

„Hm, das sind ja wunderbare Geschichten von dem alten Bau,“ sagte der
junge Forstgehülfe kopfschüttelnd, „und ist nur merkwürdig, daß ich
noch kein Wort davon gehört.“

„Bei uns wär’ wohl schon oft davon gesprochen,“ sagte der Alte, „aber
wir thun’s nicht gern, wenn die alte Lisei dabei ist.“

„Die Lisei?“ sagte Raischbach erstaunt.

„Ahem,“ nickte der Förster. „Wenn sie den Ort nur nennen hört, steht
sie jedesmal auf, geht hinaus und setzt sich in eine dunkle Ecke und
weint. Es muß ihr da in ihrer Jugend was Liebes abhanden gekommen sein.
Die Leute versichern wenigstens, ihr Schatz habe sich in ein Erdweible
von da drunten her, das es ihm angethan, verguckt und Niemand wieder
etwas von ihm gehört.“

„Aber kann der nicht auf andere Art verunglückt sein?“

„Möglich; doch wahrhaftig, da kommen die Kreiser -- das ist gescheidt,
mir ist die Zunge schon ordentlich am Gaumen angetrocknet, und
ein Schluck Bier wird uns jetzt nicht schlecht munden. Also erst
frühstücken und dann mit unserem Hirsch zu Thal, daß er zur rechten
Zeit an Ort und Stelle eintrifft.“

Die Kreiser hatten ihre Zeit richtig eingehalten, ja waren eher noch
eine Viertelstunde früher angekommen und sahen auch gleich an den
grünen Brüchen auf den Hüten der beiden Forstleute, daß die Pirsche
keine vergebene gewesen. Vor allen Dingen lagerten sich aber die Leute,
denen sich auch die drei Mann Forstschutz beigesellten, im Schatten, um
sich von ihrem mühseligen Marsch auszuruhen und einen Bissen zu essen.
Dabei mußte Raischbach erzählen, wo er den Hirsch gefunden und wie er
an ihn angekommen sei, was sie natürlich außerordentlich interessirte.

Nach beendetem Frühstück brachen dann Alle der Stelle zu auf, wo der
verendete Hirsch lag, der dort aufgeladen und dem Ort seiner Bestimmung
zugeschafft wurde. Die beiden Forstleute schlenderten aber auf einem
näheren Weg, von einem der Kreiser begleitet, der ihr „Jägerrecht“[A]
in einem Sack auf der Schulter mittrug, langsam nach der Forstei zurück.


    [A] Jägerrecht, einzelne bestimmte Theile eines erlegten Stückes
        Hoch- oder Rehwild.



Zweites Kapitel.

Die fremde Maid.


Auf dem Heimweg an dem Nachmittag fuhr den beiden Forstleuten ein
merkwürdig starker Rehbock über den Weg, aber so rasch und plötzlich,
daß Keiner von Beiden im Stande war, auch nur die Büchse von der
Schulter zu reißen. Wie ein Schatten sprang er über die schmale
Schneuße und war auch im nächsten Moment schon in der dichten
Tannendickung -- einer jungen, aber schon ziemlich hohen und fast
undurchdringlichen Anpflanzung -- verschwunden.

„Alle Wetter!“ rief der Forstgehülfe ordentlich erschreckt aus;
„hatte der aber auf. Das Gehörn allein wäre ja ein paar Karolin werth
gewesen.“

„Ja,“ nickte der Alte, „es giebt hier oben ein paar Staatsböcke, ist
ihnen aber verwünscht schwer beizukommen, denn so ein alter Racker
ist schlau wie ein Fuchs und auf’s Blatt kommt er gar nicht oder doch
so scheu und vorsichtig, daß man ihn nie ordentlich zum Schuß kriegt.
-- Und den besonders, der uns da über die Schneuße setzte, den kenne
ich ganz genau und bin ihm schon manchen schönen Morgen zu Gefallen
gegangen. Freilich immer umsonst. Sie haben hier in den Dickungen drin
zu gute Aesung, und treten selten bei Tageslicht auf offene Schläge
hinaus.“

Dem jungen Forstgehülfen ging aber der Bock den ganzen Abend im Kopfe
herum, er konnte das Gehörn nicht vergessen, denn solche Stangen
hatte er an einem Rehbock noch gar nicht gesehen oder nur für möglich
gehalten. Er beschloß auch deßhalb, gleich am nächsten Tag einen
Versuch zu machen, ob er den alten Burschen nicht vielleicht überlisten
könne. Der war jedenfalls ein paar Gänge werth und er durfte sich keine
Mühe verdrießen lassen.

Es war nicht so spät im Jahr, daß die Böcke nicht noch auf’s Blatt[B]
gekommen wären, und gerade dort, wo er ihn gestern gesehen, begann
er seinen Versuch, denn solche alte Böcke halten gewöhnlich ihr
Revier und gehen selten weit von da fort, wo sie einmal ihren
Aesungsplatz genommen. Aber er blattete vergeblich vier-, fünfmal an
den verschiedensten Stellen. Der alte Bursche war entweder nicht in
Hörweite, oder auch zu gescheidt und ließ sich nicht überlisten. Um
aber nichts zu versäumen, blieb er nach jedesmaligem Blatten wohl
noch eine Viertelstunde regungslos liegen und horchte, denn manchmal
kommen sie angeschlichen wie ein Fuchs, und wenn der Jäger dann, in der
irrigen Meinung, daß die Jagd vorbei sei, aufsteht und Geräusch macht,
so hört er plötzlich das so heiß ersehnte Wild schrecken und in voller
Flucht in das Dickicht hineinsetzen, wonach er sich dann die Jagd auf
lange Zeit verdorben hat.

Mit dem Blatten war’s nichts, das sah er endlich ein; der alte Bursche
ließ sich nicht irre führen, und er versuchte es jetzt mit der
Pirsche, wozu sich der Tag ganz besonders gut eignete. Es hatte die
Nacht gewittert, und das Laub und Moos war noch feucht, so daß man
den schleichenden Schritt des Jägers, wenn dieser nur vermied, auf
trockenes Reisig zu treten, gar nicht hören konnte. -- Aber es blieb
Alles vergebens -- zwei geringe Böcke hätte er allerdings schießen
können, wollte sich indeß die Jagd auf seinen Bock nicht durch einen
Schuß verderben und ließ sie laufen, was sie auch redlich thaten.

So war er allmälig und ohne daß er es selbst recht wußte wieder ganz
in die Nähe der Stelle gekommen, wo er gestern den Hirsch geschossen
hatte, und plötzlich stand er an der Steinwand des „Fuchsbaues“ und sah
sich auf’s Neue dem geheimnißvollen Platz gegenüber, von dem ihm der
alte Förster gestern so viel erzählt.

Eigentlich war’s ihm recht -- nach dem langen Pirschgang that ihm
ein wenig Ruhe wohl, und der Platz lag hier so kühl, heimlich und
versteckt, daß er da recht gut eine halbe Stunde rasten konnte. Er warf
sich auch, die Büchse neben sich, auf das schwellende Moos nieder,
nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche, zündete sich dann die
kurze Pfeife an und schaute, in dem behaglichen Gefühl ungestörten
Alleinseins, in die wunderliche Schlucht vor sich hinab, die sich zu
seinen Füßen ausdehnte.

Also dort hatte einmal ein volkreicher Ort gestanden, der mit Mann und
Maus, und ohne eine Spur zu hinterlassen, in die Tiefe gesunken sein
sollte, und wie tief eigentlich, daß nicht einmal die vergoldete Kuppel
des Kirchthurms mehr aus dem Moor hervorragte. -- Und wenn man dort
nun einmal nachgrübe nach der alten Herrlichkeit, was für wunderbare
Alterthümer müßten da zum Vorschein kommen, und lohnen würd’ es gewiß.
Aber wer sollte graben? -- das wäre jedenfalls eine Heidenarbeit
gewesen, und stand dann nicht das Wasser an der selbst oben nassen
Stelle? man würde nur gewiß einen neuen See gebildet haben und hätte
schon ein Dampfpumpwerk anlegen müssen, um nur des nassen Elementes
Herr zu werden, und was kostete das?

Und dort drunten sollte der wilde Jäger seinen Herd gehabt und Nachts
seine Schaaren gesammelt haben und ausgefahren sein mit Hallo und Hussa
und Rüdengebell! -- Wer das einmal, so aus einem stillen Versteck,
hätte mitansehen können!

„Hol’s der Henker!“ brummte Raischbach vor sich hin, indem er sich
mit seinem rechten Ellbogen etwas tiefer in das Moos hineinbohrte, um
bequemer zu liegen, „daß das nur Alles lauter Sagen sind und bloß die
Großväter und Urgroßväter etwas Derartiges mit erlebt haben! Wenn das
doch Unsereinem auch einmal begegnen könnte, daß man später im Stande
wäre, seinen Kindern etwas davon zu erzählen. -- Ja, seinen Kindern,“
setzte er in den Bart brummend hinzu -- „damit hat’s auch noch Zeit
-- ein Forstgehülfe und heirathen. Ja, wenn einmal so ein hübsches
Erdweible käm’, wie vor alten Zeiten manchmal -- und Einem eine Schürze
voll goldener Tannenzapfen brächte!“

Unwillkürlich griff seine Hand, ohne daß er mit dem Körper auch nur die
geringste Bewegung gemacht hätte, nach der neben ihm liegenden Büchse,
denn nicht weit von ihm knackte ein dürrer Zweig, als ob irgend ein
schwerer Körper darauf getreten hätte. Herr Gott, wenn das „sein“ Bock
gewesen wäre, der hier oben am Rand der Schlucht vielleicht spazieren
ging und ihm derart von selber in’s Rohr lief. Der wäre jetzt recht
gewesen, und im Nu hatte er alle anderen Gedanken vom wilden Jäger und
Erdweible total vergessen und dachte nur an seine Jagd.

Jetzt knackte es wieder -- das konnte ein Stück Wild, aber auch recht
gut der Bock sein, und leise und vorsichtig drehte er den Kopf zur
Seite, um nur erst einmal einen Schimmer von dem Nahenden zu bekommen.

„Alle Wetter!“ brummte er aber im nächsten Augenblick, als er etwas
Buntes durch die Zweige schillern sah und jetzt enttäuscht erkannte,
daß das auf keinen Fall sein Bock sein konnte, denn der trug kein
buntfarbiges Tuch um sein Gehörn, -- ob Einem die verwünschten
Beerensucher und Holzleser nicht jeden Pirschgang verderben!

Unwillig richtete er sich in die Höhe, um die Nahenden mit einem
Wetter anzufahren, was sie hier zu suchen hätten, brachte aber keinen
Laut über die Lippen, als plötzlich ein reizendes Mädchen von kaum
siebenzehn Jahren aus dem Gebüsch trat und bei seinem Anblick halb
erschreckt halten blieb.

Merkwürdig! sie war in eine ganz fremdartige Tracht gekleidet, wie er
ihr wenigstens hier in den Bergen noch nie begegnet, und sah dabei so
blaß und wachsähnlich aus. Aber was für wundervolle Augen sie hatte,
und wie groß und erstaunt sie ihn dabei ansah. Fürchtete sie sich vor
ihm?

„Grüß Gott, Mädel!“ sagte der junge Forstmann, halb verdutzt ordentlich
von der lieblichen Erscheinung, und sein Blick flog über sie hin --
aber das war keine Beerensucherin oder Reisigsammlerin; sie trug keinen
Korb, weder am Arm noch auf dem Rücken, sondern ging sogar, mitten in
der Woche, in ihren Sonntagsstaat gekleidet.

„Grüß Gott!“ sagte die Jungfrau leise, und ihr Blick flog dabei nach
dem Grund hinab, als ob sie sich einen Weg zur Flucht suche -- „wo --
wo kommt Ihr da auf einmal her?“

„Ja, das möcht’ ich Dich fragen, Kind!“ erwiederte der Jäger; „ich
gehöre hierher -- aber fürcht’ Dich nicht, ich thu’ Dir nichts.“

„Ich fürcht’ mich auch nicht,“ sagte die Maid, aber mit einem ganz
eigenen, fremdartigen Dialekt; „ich steh’ überall in Gottes Hand; aber
ich hatte den Weg im Wald verloren, und jetzt weiß ich erst wieder, wo
ich daheim bin.“

„Wo Du daheim bist?“ rief Bernhard -- „aber wo bist Du daheim, Schatz,
darf ich’s nicht wissen?“

„Und warum nicht! -- im Bau bin ich daheim.“

„Im Bau?“ rief der junge Forstgehülfe erschreckt aus, indem er einen
scheuen Blick nach dem Grund hinunter warf, „aus dem Bau kommst Du,
Mädel, und dort ist Deine Heimat?“

„Ei gewiß,“ nickte die Maid, „und wer seid Ihr?“

„Der Forstgehülfe Raischbach vom Revier -- aber es ist ja doch nicht
möglich, daß Du im Bau wohnst -- und wohin willst Du jetzt?“

„Wieder heim, da hinab -- jetzt ist’s nimmer weit,“ sagte sie und
deutete mit der Hand den schmalen Pfad hinab, der in den Grund hinunter
führte.

„Du hast mich nur zum Besten, Mädel!“ rief Raischbach, der gar nicht
wußte, was er von dem Allen denken sollte -- „unten im Bau --“

Er schrak zusammen, denn kaum hundert Schritt von dort, im Dickicht
drin, fiel ein Schuß -- war das ein Wilderer?

„Grüß Gott -- ich muß heim!“ rief das Mädchen und schlüpfte wie ein Reh
am Abgrund hin.

„Bleib’, Kind, nur einen Augenblick!“ bat der junge Mann und drehte
unwillkürlich den Kopf nach der Richtung zu, in der er den verdächtigen
Schuß gehört; als er ihn aber wieder wandte, war die Maid verschwunden,
und wie er ein paar Schritte den Pfad hinab ihr nachsprang, konnte er
ihr buntes Tuch nirgends mehr in den Büschen erkennen. -- Wie in den
Boden hinein war sie weg.

Ein paar Sekunden stand der junge Mann unschlüssig auf der Stelle.
Sollte er ihr nach? -- ihr folgen? -- Aber der Schuß -- seine Pflicht
rief ihn dorthin, den Moment durfte er nicht versäumen, und seine
Büchse aufgreifend sprang er so leise, aber auch so rasch als möglich
einen schmalen Wildpfad entlang, der ihn in das Dickicht brachte. Dort
dauerte es auch nicht lange, daß er das Aufstoßen eines Ladestocks
hörte, und durch das Gebüsch schlüpfend, fand er sich im nächsten
Augenblick -- einem ihrer Kreiser gegenüber.

„Hallo, Metzler, und nach was habt Ihr hier geschossen?“ sagte er
enttäuscht, indem er sich aufrichtete und auf ihn zutrat.

„Hallo, Herr Raischbach, wo kommen Sie denn auf einmal her? -- kriegt
ich doch jetzt einen ordentlichen Schreck. -- Den Habicht da hab’ ich
geschossen, der einen Hasen gekrallt hatte und scharf dabei war, ihn
anzuschneiden. Wie er mich merkte, brauchte er eine ganze Weile, um
loszukommen, und ich behielt reichlich Zeit, ihm eins auf den Pelz zu
brennen. Waren Sie auf der Pirsche?“

Gerade wo er stand lag in der That der eben geschossene Raubvogel und
gar nicht weit davon entfernt der arme Hase, auf den er, wahrscheinlich
von einem Zweig herab, niedergestoßen war, als ihn der Kreiser bei
seiner Mahlzeit überraschte.

„Hm,“ sagte Raischbach, „ich bin dem starken Bock zu Gefallen gegangen,
den wir gestern gesehen haben.“

„Ja,“ lachte der Kreiser, „da können Sie noch manchmal früh aufstehen,
ehe Sie den kriegen -- der ist schlau.“

„Ich habe da drüben eine Fährte gefunden und wollte eben nachgehen, als
ich den Schuß hörte -- ich wußte nicht, wer geschossen haben konnte.“

„Wenn’s ein Wilderer gewesen wäre,“ lachte der Mann, „hätten Sie ihn
verdammt rasch beim Kragen gehabt. Sie sind auf dem Zeug, das muß wahr
sein; ich habe Sie gar nicht kommen hören.“

„Ich geh’ jetzt wieder zurück, Metzler,“ sagte der Forstgehülfe; „nehmt
den Hasen mit nach Haus und sagt dem Förster, wenn ich etwa nicht zur
rechten Zeit zum Nachtessen daheim sein sollte, möchten sie nicht auf
mich warten. -- Ich will noch gern auf dem Anstand bleiben.“

„Na, Waidmann’s Heil, Herr Forstgehülfe!“ nickte der Kreiser, während
Raischbach schon wieder in das Dickicht eintauchte und jetzt, so rasch
er konnte, zu der Stelle zurücksprang, wo er das fremde Mädchen zuletzt
gesehen -- aber er fand sie nicht wieder. Er stieg den Pfad hinab, und
als er weiter unten an eine sandige Stelle kam, suchte er genau nach,
ob er keine Fußspur entdecken könne, denn oben in dem moosigen Weg ließ
sich nichts unterscheiden; aber es blieb vergebens. Bis zu dem Eingang
in den Grund kletterte er, in den nur ein kaum zehn Schritte breiter
Paß hineinführte; dort aber lag gerade viel felsiges Gestein und eine
Fährte hätte sich schwer nachweisen lassen.

Wie heimlich das da drin in dem düstern Grund aussah, und wie sonderbar
kahl und phantastisch die hohen Sandsteinwände auf allen Seiten starr
und mächtig emporragten -- und wie dunkel der Boden war, obgleich oben
auf dem Walde noch das volle Sonnenlicht lag! Sollte es denn möglich
sein, daß hier drinnen wirklich ein so geisterhaftes Wesen hause, wie
ihm der alte Förster erzählte, daß die Bewohner der Tiefe -- daß jenes
wunderbar schöne Mädchen, das so fremd und doch so lieb aussah... --
„Bah, Unsinn!“ brummte er vor sich hin in den Bart -- „der Alte steckt
voll von Aberglauben und seine Frau und die alte Lisei noch mehr; kein
Wunder wär’s, wenn man zuletzt selber anfinge, solche Geschichten
wirklich zu glauben, wenn man sie alle Abend in der halbdunkeln Stube
und halb dabei im Schlaf erzählen hört. -- Nachher weiß man am Ende
kaum mehr, was man noch gehört oder selber geträumt hat. -- Jetzt bin
ich aber doch einmal hier unten,“ setzte er leise hinzu, „und kann mir
den Platz gleich ordentlich ansehen; komme doch vielleicht so bald
nicht wieder hierher und muß die Gelegenheit benützen.“

Damit stieg er über die Zacken hinweg und drängte sich durch das
Erlengestrüpp, das hier lustig emporwucherte. -- Er erschrak aber fast,
als plötzlich dicht vor ihm eine Schnepfe herausstrich. Unwillkürlich
fuhr er freilich mit der Pirschbüchse in die Höhe, setzte aber eben so
rasch wieder ab, denn jetzt war erstens keine Jagdzeit für Schnepfen,
die hier jedenfalls brüteten -- und dann hatte er ja auch bloß eine
Kugel und groben Schrot geladen. Die Schnepfe stieß aber in den Wald
hinein, und Raischbach, ihr nachsehend, murmelte leise: „Na, hier kann
das vertrackte Mädel doch auch nicht gut herum sein, denn sonst hätte
sie die Schnepfe ebensogut aufgestört wie ich -- und was hätte sie auch
hier drin zu suchen,“ setzte er halb lachend hinzu -- „ich glaube bei
Gott, ich fange ebenso an zu träumen, wie unser alter Buschmann. --
Aber hat sie mir nicht selber gesagt, daß sie hier unten ‚im Bau‘
wohne?“ frug er sich plötzlich und blieb, seine Büchse auf den Boden
stützend, stehen; „bah, das kecke, bildhübsche Ding hat mir nur ihren
eigentlichen Wohnort nicht nennen wollen und mich zum Besten gehabt.
Die mag schön bei sich gelacht haben, als ich so ein verdutztes Gesicht
machte. -- Wenn ich ihr nur noch einmal wieder begegnete oder wüßte, wo
ich sie suchen könnte -- Blitzmädel das.“

Und wieder nahm er seine Waffe auf und arbeitete sich jetzt nach der
rechten Wand hinüber, um den ganzen Platz einmal zu umgehen und das
noch unbekannte Terrain genau zu erforschen.

Aber, alle Wetter, der Förster hatte allerdings recht gehabt: hier
gab’s Füchse genug -- überall fand er die Losung, und zahlreiche
Spalten in der Wand waren augenscheinlich so begangen, daß wirkliche
kleine Pfade hineinführten. Der Platz hier konnte ihnen freilich auch
passen, denn abgelegen schien er genug, und Schlupfwinkel für die
schlauen Bestien gab’s wie Sand am Meer. Das Gestein sah genau so aus,
als ob es mit Gewalt von einander gerissen und überall geborsten wäre.
Da konnten sie einfahren, wo sie eben Lust hatten, und wenn man sich
auch oben ansetzen wollte, um ihnen aufzupassen, blieb es immer von
dort herunter ein weiter und ungewisser Schuß -- und hier drin selber?
-- Ei, wenn die Füchse ihren Winterbalg anhatten und die Pelze was
galten, mußte er doch einmal den Versuch machen, das gab vielleicht
eine ganz vortreffliche Jagd und einen guten Spaß, ihnen so unerwartet
eins auf die Jacke zu brennen. Macht doch die Erlegung eines Fuchses
oder überhaupt jedes Raubthieres dem Jäger mehr Freude, als ob er sonst
Gott weiß was erlegt, denn es gilt dabei einen schlauen und gewandten
Räuber zu überlisten.

Der junge Forstgehülfe beging langsam pirschend das ganze innere
Terrain, fand aber die Aussage des Försters bestätigt, und nicht eine
einzige Fährte von Roth- oder Rehwild in dem ganzen Grund, dafür
jedoch eine Masse niedergebrochenes und vertrocknetes Reisig -- ein
Beweis, daß selbst die Holzsucher, die doch sonst gewiß nicht eigen
sind, den öden Platz mieden. Von einem hindurchführenden Pfad war
ebensowenig eine Spur zu erkennen und das Brombeergesträuch an manchen
Stellen so dicht, daß er sich kaum hindurch arbeiten konnte. Es war
auch spät geworden, als er den hinausführenden Paß wieder erreichte,
und hier unten dämmerte es schon, während die Wipfel der Bäume oben am
Felsenrand noch im Licht der untergehenden Sonne glühten.

Jetzt war übrigens noch gute Zeit für einen Pirschgang heimwärts --
vielleicht begegnete er dem Bock doch noch unterwegs, und nachdem er
sich vorher überzeugt hatte, daß kein begangener Weg von unten ab
weiter zu Thal führte, stieg er wieder von außen an dem Steindamm
hinauf und trat den Heimweg an.

Den Bock traf er allerdings nicht, und es war recht spät geworden, als
er die Forstei endlich wieder erreichte. Daheim erzählte er aber auch
nichts von dem fremden Mädchen, das er heute am Fuchsbau getroffen.
Wer wußte denn, was sie sich nachher wieder für Geschichten daraus
zusammengebaut hätten, von Erdweible oder Moorjungfern oder sonstigem
Spuk. Vielleicht traf er sie einmal wieder in der nächsten Zeit, und
dann sollte sie ihm nicht so leicht entschlüpfen wie dießmal, wo ihn
der alberne Kreiser mit seinem Schuß so zur unrechten Stunde gestört
und abgelenkt hatte. War ihm doch nicht einmal Zeit geblieben, sie nur
zu fragen, wie sie hieß.

Und würde sie ihm das gesagt haben, wo sie ihm, auf seine Frage nach
ihrer Heimat, die schnippische Antwort gab „im Bau“? Sonderbar -- er
brachte das Mädel nicht aus dem Kopf und war den ganzen Abend still und
einsylbig. Der alte Förster aber lachte, denn er glaubte, der verfehlte
Bock ärgerte ihn, meinte auch, da würde er sich noch manchen Abend
Gedanken drüber machen können, denn das sei ein alter schlauer Patron
und nicht sogleich auf den ersten Pirschgang abzufassen. Sie wollten
sich in vier Wochen einmal wieder sprechen, ob er ihn vielleicht bis
dahin erlauert hätte -- _er_ glaube es aber nicht.


    [B] Das Blatt, der nachgeahmte Lockruf des Rehs.



Drittes Kapitel.

Der Fuchs.


Der Forstgehülfe Raischbach bekam übrigens in den nächsten Tagen keine
Zeit, viel an den Bock oder selbst an die fremde Maid zu denken, denn
noch in der nämlichen Nacht hatte der Kreiser Metzler, der in einer der
im Wald zerstreut gebauten Pirschhütten geschlafen, einen Schuß gehört
und am nächsten Morgen erst, obgleich er, wie er sagte, augenblicklich
der Richtung zugeeilt sei und Alles abgesucht habe, den Aufbruch und
Kopf eines Altthiers gefunden, das ein paar Wilderer dort in der Nacht
erlegt und dann fortgeschleppt haben mußten. Im Anfang hätte er auch
noch eine Strecke auf dem Schweiß (Blut) nachgehen können, dann aber
waren die Wilddiebe an die große Straße gekommen, die durch den Wald
lief, und keine Spur weiter von ihnen zu finden. Ein paar frische
Wagengleise führten allerdings vorbei, eines aber nach Norden, eines
nach Süden, und welches von diesen sie wahrscheinlich benützt hatten,
um ihre Beute in Sicherheit zu bringen, wer konnte es sagen?

Nachforschungen wurden allerdings gehalten, aber ohne Erfolg. Die
Bursche mußten gute Helfershelfer haben, denn das Stück Wild blieb
verschwunden, und wenn man auch ein paar Leute aus dem nächsten Dorf
in starkem Verdacht hatte und bei ihnen sogar Haussuchung hielt, fand
sich doch nichts Verdächtiges gegen sie vor. Die Beamten und Forstleute
mußten, noch dazu von dem spöttischen Lächeln der Bauern begleitet,
unverrichteter Sache wieder abziehen.

Förster Buschmann war außer sich. Jetzt hatte er nun den erbetenen
Forstschutz erhalten und auch einen jungen Forstgehülfen, und trotzdem
holten sie ihm das Wild fast unter der Nase weg. Und was würde die
oberste Forstbehörde, an die er doch jedenfalls Bericht erstatten
mußte, dazu sagen -- natürlich bekam er eine furchtbare Nase.

Auch dem Forstgehülfen war das gar nicht recht, denn allem Anschein
nach hatten sie es hier nicht mit einem einzelnen Wilderer, sondern
mit einer ganzen Bande derselben zu thun, die einander in die Hände
arbeitete, und wo er schon geglaubt, daß sie ihnen das Handwerk
gründlich gelegt, trieben sie es ärger als je zuvor und trotzten der
ganzen Försterei.

Von da ab war er fast keine Nacht mehr zu Hause, ja selbst der alte
Förster ließ sich nicht mehr halten und begleitete ihn manchmal, oder
nahm auch zu Zeiten einen Strich allein und dann nur einen Kreiser oder
einen Forstschutz mit sich, denn es war eben nicht gerathen, sich unter
solchen Umständen ganz allein in den Wald zu wagen, wo man nicht wissen
konnte, was passirte.

Die nächsten Tage blieb übrigens Alles ruhig, denn die Wilderer konnten
sich wohl denken, daß die Forstleute jetzt wachsam sein würden. Nach
vier oder fünf Tagen aber, wo sie glauben mochten, daß sie in ihrem
Aufpassen etwas nachgelassen hätten, und gerade bei recht hellem
Mondschein knallte es wieder, und dießmal hatten sie sich einen
unglücklichen Fleck dazu ausersehen. Raischbach nämlich befand sich
selber mit einem der Kreiser ganz in der Nähe und ertappte sie auf
frischer That.

Allerdings gaben sie sich nicht gutwillig, und der eine Bursche feuerte
und traf den Forstgehülfen mit der Kugel in den Oberschenkel; der aber
schoß ihn, wie er noch die Büchse am Backen hatte, in seinen Fährten
nieder und jagte auch noch einem der Anderen, mit dem zweiten Lauf
seiner Büchsflinte, eine Ladung Schrot nach, die ihn in die Beine traf.
Hinter dem Dritten feuerte der Kreiser her, auch mit Schrot. Der entkam
aber, für den Augenblick wenigstens. Der Eine dagegen war, als sie zu
ihm traten, todt, und der Andere hatte sich nur noch eine Strecke in
den Busch hineingeschleppt, wo er lag und nicht weiter konnte.

Der Kreiser, da Raischbach mit seinem Bein nicht recht vorwärts konnte,
mußte jetzt nach dem Forsthaus zurück und Hülfe holen. Dicht daneben
war eine Anzahl Holzhauer beschäftigt, die Nachts in der einen Scheuer
schliefen, und diese eilten jetzt herbei, um die Verwundeten und
den Todten zum Haus zu schaffen. Ein Bote mußte augenblicklich zur
nächsten Stadt, und schon am Nachmittag waren die Gerichte da, um den
Thatbestand zu untersuchen.

Förster Buschmann hatte indessen in der Nähe des gestrigen Kampfes
ein angeschossenes Stück Wild gefunden, das nicht weit von der Stelle
verendet lag, und es dauerte auch nicht lange, so spürten die Gendarmen
den dritten Wilderer heraus, der, die Haut voller Schrote, im Dorf
krank lag und sich erst gar nicht wollte untersuchen lassen.

Jetzt begann ein langes Verhör, aber die beiden ertappten Wilderer
fanden bald, daß ihnen Leugnen nichts mehr half, ja der Eine von
ihnen gab sogar seine übrigen Helfershelfer an, wonach sich dann
herausstellte, daß die ganze Bande aus sieben Mann bestanden hatte, die
den Wilddiebstahl, von den großen Dickungen begünstigt, schon lange
geschäftsmäßig betrieben haben mußten. Sie wurden Alle zu ziemlich
schwerer Strafe verurtheilt und der Wald bekam jetzt Ruhe. Wenn auch
vielleicht noch manch’ Einer in der Nachbarschaft lebte, der seiner
Zeit ebenfalls kein Kostverächter gewesen, so schien ihm doch die
Sache, im Verhältniß zu dem Nutzen, den sie brachte, ein wenig zu
gefährlich geworden zu sein, um gleich Hals und Kragen daran zu setzen,
und sie ließen’s lieber bis auf ruhigere Zeiten.

Raischbach hatte übrigens in der Nacht einen tüchtigen Denkzettel
bekommen, der ihn für ein paar Wochen an sein Lager fesselte; denn wenn
die Kugel auch glücklicher Weise keinen Knochen getroffen, war es doch
ein häßlicher Fleischriß, der seine Zeit zum Heilen verlangte.

Indessen pflegte ihn die Frau Försterin und die alte Lisei nach besten
Kräften, und die Letztere besonders wachte in der ersten Zeit, wo er
ein tüchtiges Wundfieber bekam, ganze Nächte bei ihm. Seine kräftige
Natur erholte sich aber doch bald wieder und es heilte rasch; nur
schonen mußte er das Bein noch und durfte nicht hinaus in den Wald, bis
die Wunde vollständig verharrscht war, und das kümmerte ihn dabei am
Meisten.

Ein Jäger im Bett -- es gibt nichts Trostloseres -- und das noch dazu
in der besten Jagdzeit; aber es half nichts, er mußte aushalten, und
die Frau Försterin litt schon selber gar nicht, daß er sich vor der
Zeit wieder anstrengte.

Und was für Muße hatte er jetzt wieder, über alte Geschichten
nachzugrübeln -- er wollte zuletzt gar nichts mehr denken, und wenn
dann die alte Lisei kam, forderte er sie auf, ihm Etwas zu erzählen --
und selten umsonst. Die Alte hatte schon lange den Mann lieb gewonnen,
weil er ganz anders war als das übrige junge Volk, und nie über ihre
Erzählungen lachte oder gar darüber spottete. Sie erfüllte deßhalb
auch gern seinen Wunsch; aber das Einzige, über was sie sprechen
konnte, war eben das, was sie nicht begriff -- das Uebernatürliche,
Uebersinnliche, und darin besaß sie entweder eine reiche Phantasie oder
ein vortreffliches Gedächtniß, denn sie konnte ihm stundenlang von
all’ dem Geisterhaften berichten, was den Wald belebte, und Bernhard
lag dann mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Bett, hörte ihr zu und
dachte an seine fremde Maid, die er selber da draußen getroffen.

Endlich war die Wunde geheilt, und der Dorfchirurg, der ihn manchmal
besuchte, gestattete ihm, daß er wieder hinaus dürfe, wenn er sich auch
noch tüchtig schonen müsse. Vor allen Dingen verbot er ihm anstrengende
Touren und gestattete nur einen ruhigen Pirschgang vielleicht, bei dem
er sich manchmal eine Stunde ansetzen oder rasten konnte.

Das war dem jungen Jäger gerade recht -- weiter verlangte er nichts,
und schon der nächste Morgen sah ihn wieder mit seiner Büchse im
Wald; denn jetzt hatte er die beste Zeit, um sich auf den alten Bock
anzusetzen und ihm seinen Wechsel abzulauschen -- aber es war nichts
und der Bursche viel zu schlau für ihn, um ihm irgendwo in den Weg zu
laufen.

So wurde es Herbst, und Raischbach hatte sich einen ganz vorzüglichen
Dachshund von einem benachbarten Förster gekauft, den er, wie sich
bald auswies, auch vortrefflich als Schweißhund benützen konnte.
Der Hund war jedenfalls ausgezeichnet und von da an des jungen
Forstgehülfen steter Begleiter; ja selbst auf den Anstand konnte er ihn
mitnehmen, denn „Dachs“, wie er ihn genannt, rührte sich nicht und lag
stundenlang, ohne auch nur den Kopf zu heben, an seiner Seite.

Der junge Forstgehülfe war aber so oft dem Bock jetzt zu Gefallen
gegangen und immer vergeblich, daß er es zuletzt satt bekam. Förster
Buschmann hatte ganz recht, wenn er behauptete, es sei ihm eben nicht
beizukommen und er müsse seine Zeit abwarten -- vielleicht glücke es
doch einmal. Mit desto größerem Eifer legte er sich aber dafür auf
die Fuchsjagd, und wie der erste Schnee fiel und die Bälge brauchbar
wurden, leistete er darin Außerordentliches. Bis Mitte Dezember hatte
er allein schon sieben geschossen, und Förster Buschmann, dem die
Bälge als Jagdrecht gehörten, hätte sich allerdings keinen besseren
Forstgehülfen wünschen können.

Es war Mitte Dezember und wieder in der Nacht ein Neues[C] gefallen,
als Raischbach auch schon, noch Morgens vor Tag, seinen Dachs fütterte,
selber seinen Kaffee trank, ein Stück Brod und einen Schnaps in seine
Jagdtasche schob und hinausging, um abzuspüren.

Oft und oft war er im Spätsommer und Herbst den alten Weg gegangen,
und wie hatte er sich dann bald die Augen aus dem Kopfe geschaut,
um das bunte Tuch wieder durch die Büsche scheinen zu sehen und dem
lieben Mädchen noch einmal zu begegnen. Sie kam nicht -- es blieb immer
vergebens, und wenn er auch jetzt im Schnee nicht daran denken durfte,
sie draußen im Wald zu treffen, flogen doch trotzdem die Gedanken, als
er sich wieder dem Fuchsbau näherte, zu ihr zurück, und leise vor sich
hin mit dem Kopf schüttelnd, sagte er halblaut:

„Es bleibt doch eigentlich merkwürdig, daß ich das Blitzmädel nie
wieder treffen konnte, und daß sie gerade damals hier am Bau wie in
den Boden hinein verschwand. Wenn sie nur wenigstens den kleinen Pfad
gehalten hätte, so mußte ich sie drunten noch einmal sehen, und was hat
sie in der Tannendickung zu suchen, denn die Felsenwand kann sie ja
doch nicht hinunter sein.“

Noch während er sprach, hatte er die nämliche Stelle erreicht, wo er
sie damals getroffen, und schritt fast unwillkürlich an dem hier etwas
offenen Holzrand hin, dem das Mädchen damals, die ersten Schritte
wenigstens, gefolgt. Wie er aber zu dem Punkt kam, wo er sie aus
den Augen verloren, blieb er überrascht stehen, denn da lief eine
frische Fuchsspur, wie eben erst eingedrückt, quer über den Pfad und
gerade nach der Wand zu, an der sie damals verschwand. Also gab es
hier wirklich einen möglichen Pfad dort hinab -- denn wo ein Fuchs
fortkommt, weßhalb soll da nicht auch ein Mensch gehen können?

Der Forstgehülfe schritt vorsichtig und geräuschlos, und mit dem Fuß
vorher sorgfältig sondirend, damit ihm der Schnee nicht darunter
wegrutschte und er vielleicht die Klippe hinabstürzte, bis zum
äußersten Rand und bog sich dort über, brauchte auch nicht lange,
um die da hinabführenden Fährten zu erkennen. Meister Reinecke war
wirklich ganz behaglich hinabgestiegen, und zwar an einer Stelle,
die er selber bis dahin für ungangbar gehalten. -- Und wo stak er
jetzt? Der Forstgehülfe stand mit gespanntem Gewehr oben auf dem Rand
des Felsens und bog sich so weit als möglich vor, und hinter ihm
schnüffelte sein Dachs die frische Spur. Da plötzlich sah er dort
unten, etwa in der Mitte der Wand, sich etwas Dunkles regen -- das
waren die spitzen Lauscher eines Fuchses. Unwillkürlich hob er das
Gewehr an den Backen -- wenn er nur noch ein klein wenig vorkam, daß
er wenigstens den vollen Kopf erkennen konnte. Jetzt war er wieder
verschwunden, oder wenigstens durch vorhängendes, mit Schnee bedecktes
Gesträuch verdeckt -- Raischbach blieb aber, ohne sich zu regen, in
seiner Stellung, und es dauerte auch in der That keine halbe Minute,
bis der Fuchs plötzlich wieder, etwas weiter unten zwar, aber nun
vollständig zum Vorschein kam. In dem Moment krachte auch der Schuß,
und Reinecke, seinen Halt verlierend, stürzte, entweder todt oder doch
schwer angeschossen, den letzten Absatz hinunter in die Büsche hinein.
Von da oben aus war allerdings Nichts mehr zu machen, denn in dem
schlüpfrigen Schnee durfte er nicht wagen an dem steilen Hang hinab zu
klettern. Er besann sich aber auch keinen Moment -- den Fuchs mußte er
haben, und seine Büchsflinte erst wieder frisch ladend, eilte er dann,
so rasch ihn seine Füße trugen, den Pfad hinab und in den eigentlichen
„Grund“ selber hinein.

Jetzt galt es, die Stelle wieder zu finden, auf der sein Fuchs liegen
mußte. Diese war auch nicht gut zu fehlen, denn wie er nur in die Nähe
kam, erkannte er schon an einzelnen an der Wand haftenden Schneeklumpen
den rothen Schweiß, den der angeschossene Fuchs beim Abstürzen dort
hinterlassen, und erreichte gleich darauf den Platz, wo er zu Boden
geschlagen war -- eine förmliche Schweißlache zeichnete den Ort an --
aber der Fuchs lag nicht dabei. Freilich hatte er nicht fortgekonnt,
ohne in dem Schnee eine vollkommen deutliche Spur zu hinterlassen
-- auch nicht mehr springen konnte er -- nur durch den Schnee sich
fortschleifend zog sich die rothe Spur gegen die Wand hin, und dort
stand Raischbach gleich darauf vor einer Felsspalte so hoch, daß ein
Mann hätte gebückt hineinkriechen können -- und dort drinnen stak er
jetzt.

„Ist der sappermentische Bursche doch noch zu Bau gekrochen!“ murmelte
der junge Forstgehülfe vor sich hin; „na, Dachs, dann wirst Du jetzt
Deine Schuldigkeit thun müssen und ihn herausholen. Weit kann er nicht
mehr hinein sein, und vielleicht liegt er gleich verendet vorn dran.“

Damit löste er, ohne an die Warnung des Försters zu denken, den Hund
von der Leine, der sich vor Ungeduld kaum lassen konnte. In dem
Moment aber, wo er sich frei fühlte, sprang er schon winselnd auf
der breiten Schweißspur fort und war im nächsten Augenblick in der
Felsspalte verschwunden. Dort aber gab er augenblicklich Laut, der
Fuchs mußte wirklich unmittelbar am Eingang gesessen haben und mit dem
kleinen muthigen Hund sogleich handgemein geworden sein. Der Kampf
zog sich aber etwas weiter in die Höhle, indeß nicht so weit, daß
nicht Raischbach, der vergnügt lauschend davor stand, jeden Ton, jedes
Knurren hätte hören können. -- Jetzt plötzlich war Alles ruhig. Der
junge Forstmann horchte -- nichts regte sich mehr. Der Dachshund mußte
den Fuchs todt gebissen haben und dann zerzauste er ihn erst eine Weile.

„Dachs!“ rief Raischbach hinein, „komm’ heraus, mein Hund -- hier,
Dachs! so schön, mein Hündchen!“

Er horchte wieder, und es war ihm fast, als ob er ein leises Winseln
höre. Er pfiff jetzt, aber keine Antwort -- er pfiff stärker -- Alles
vergebens, weder von Fuchs noch Hund mehr ein Laut, und der Jäger
stand kopfschüttelnd vor dem Bau und wußte nicht, was er daraus machen
sollte. In solchen Fällen dauert es aber manchmal eine lange Weile, bis
der Hund wieder zum Vorschein kommt, und Raischbach wartete deßhalb
auch wohl eine volle Stunde geduldig, aber immer umsonst, und das wurde
ihm zuletzt langweilig.

„Ei zum Wetter,“ brummte er endlich zwischen den Zähnen durch, „ich
kann doch hier wahrhaftig nicht den ganzen Tag im Schnee hocken
bleiben, und der Hund kommt nicht -- wenn ich nun selber einmal
dort hinein krieche? breit und hoch genug ist die Spalte, aber auch
stockdunkel drin. Wart, da draußen, gar nicht weit, stehen ein paar
Klafter Kiefern, Scheit und Stöcke, an denen ist eine Masse Kien, wie
ich neulich gesehen habe, und da wollen wir bald eine Fackel zurecht
machen. Es geht Alles in der Welt, wenn man es nur gescheidt anfaßt --
vielleicht kommt auch bis dahin der Dachs von selber heraus und bringt
den Fuchs mit; denn drin läßt er ihn nicht, wenn er todt ist, das weiß
ich gewiß.“

Mit dem Entschluß drehte er sich auch schon um und schritt in seinen
Fährten zurück wieder dem Eingang zu, ging von dort querüber der Stelle
zu, wo er das geschlagene Holz wußte, und hatte auch bald gefunden,
was er suchte. Einige der Scheiter, von denen er natürlich erst den
Schnee abschütteln mußte, waren außerordentlich fett und kienhaltig,
und mit seinem Hirschfänger hieb er sich rasch und leicht eine ganze
Partie Spähne herunter, mit denen er eine vortreffliche Fackel
herstellen konnte. Damit eilte er denn, so rasch er konnte, wieder zu
dem Bau zurück, legte draußen Gewehr und Jagdtasche ab, was er beides
da drinnen nicht gut brauchen konnte, nahm erst noch einen tüchtigen
Schluck Branntwein aus der Flasche, entzündete dann seine rasch
zusammengebundene Fackel, während er ein paar andere starke Spähne noch
in der linken Hand hielt, und kroch dann, als er erst laut, aber wieder
vergebens, seinem Hund gepfiffen, ohne Zögern in den Bau hinein.

Zuerst überkam ihn in dem dunklen Loch, in dem die Fackel ihr rothes
Licht verbreitete, ein merkwürdiges Gefühl, und lachend dachte er bei
sich: „Wenn jetzt mein alter Förster und besonders die Lisei wüßte,
daß ich in dem Fuchsbau umherkröche, um dem wilden Jäger und den
Erdweiblen einen Besuch abzustatten, wie die die Hände über dem Kopf
zusammenschlagen würden! -- Erdweible, hem: na hier wohnt das hübsche
Mädchen wahrhaftig nicht, das ich damals da oben getroffen -- wo nur
der verdammte Dachs steckt!“

Wieder pfiff er leise, um eine Antwort von seinem Hund zu hören, und
hob die Fackel so hoch das gehen wollte empor, damit sie den düsteren
Raum etwas besser beleuchtete -- aber nichts war zu hören noch zu
sehen, und kopfschüttelnd kroch er weiter in die Nacht hinein.

Die Felsspalte lief hier schräg in die Wand, als er aber auf den Boden
leuchtete, erkannte er deutlich die Schweißspur des angeschossenen
Fuchses. In der richtigen Bahn war er jedenfalls; hier erweiterte sich
auch die Höhle etwas, und er hob wieder seine Kienfackel in die Höhe
und that noch einen Schritt vor. Da rutschte plötzlich der Boden unter
seinen Füßen weg, er griff schnell mit beiden Händen aus, konnte sich
aber an der schlüpfrigen Wand nicht halten und stürzte im nächsten
Momente schon in eine, wie er glaubte, bodenlose Tiefe hinab.


    [C] Ein „Neues“, ein frischer Schnee in der Jagdsprache.



Viertes Kapitel.

Im Fuchsbau.


Das war ein Sturz! Dem jungen Forstmann knackten alle Knochen, als
er unten ankam, und im ersten Moment schien es ihm, als ob das ganze
Gewölbe von Myriaden Sternen und Leuchtkugeln brillant erhellt wäre.
Dann schwanden ihm die Sinne und er wußte gar nicht, wie lange er
mochte so gelegen haben, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter
fühlte und eine leise freundliche Stimme hörte, die sagte: „Schau’,
schau’, das ist wahrlich der junge Jäger aus dem Wald da droben. Aber
wie kommt der hier herunter zu uns, und wie bleich er aussieht und wie
blutend -- armer Mensch“ -- und Raischbach war es, als ob sich eine
leichte weiche Hand auf seine Stirne gelegt hätte. Ueberrascht schlug
er auch jetzt die Augen auf und schaute verwundert um sich her, denn
er befand sich in einer hohen, geräumigen, aber auch hell erleuchteten
Halle, aus deren Felsspalten zahllose kleine Flammen in regelmäßigen
Zwischenräumen hervorbrachen. Ueber ihn gebeugt aber, das liebe,
herzige Gesicht von Mitleiden erfüllt, erkannte er die fremde Maid im
Walde -- genau so wie er sie damals im Sonnenlicht gesehen, nur daß
sie ihm jetzt noch tausendmal lieber und schöner vorkam, und sich auch
nicht im Mindesten vor ihm zu fürchten schien.

„Ja aber wie ist mir denn?“ rief er und richtete sich erstaunt auf
seinem Ellbogen empor -- „wo bin ich denn hingerathen und wer bist denn
Du, Du liebes Kind, mit Deinen großen guten Augen, das ich die langen
Monate da oben immer und immer umsonst gesucht habe und nirgends finden
konnte?“

„Schau’ wie Du lügst!“ lachte das junge Wesen schelmisch -- „mich
hättest Du gesucht? so? aber ich weiß es besser, dem alten starken Bock
bist Du zu Gefallen gegangen, dem mit dem starken Gehörn auf, aber
nicht mir. Gelt ich hab’ recht? -- Den aber erwischst Du schon nicht
-- wär’ auch schad drum, denn er ist der schönste im ganzen Gebirg.“

„Und wohnst Du denn hier unten im Berg?“ frug der junge Mann, der sich
noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte.

„Nun?“ meinte das Mädchen, „hab’ ich’s Dir denn nicht damals gesagt,
daß ich im Bau wohne? Du hast’s wohl nicht geglaubt. Aber willst Du da
auf der feuchten Erde liegen bleiben? Warum stehst Du denn nicht auf
und kommst mit?“

„Mit? wohin?“

„Nun, in unsere Stadt -- wie Du sonderbar fragst. Du glaubst wohl, wir
hausen hier unten in Höhlen und Erdlöchern wie die Füchse?“

„Sonderbar,“ murmelte Raischbach vor sich hin, indem er aber doch
ihrer Aufforderung Folge leistete und sich emporrichtete. Es ging
auch; Anfangs war’s ihm gewesen, als ob er bei dem Sturz Arm und Bein
gebrochen haben müsse, jetzt aber fühlte er nicht den geringsten
Schmerz, ja sich im Gegentheil so leicht und frisch, als ob seine Füße
kaum den Boden berührten.

„So,“ sagte das Mädchen, als sie sah, daß er wieder aufrecht stand,
„nun wasch’ Dir erst einmal an der Quelle da das Blut ein wenig aus dem
Gesicht, denn sie brauchen drüben gar nicht zu wissen, daß Du Hals
über Kopf zu uns herunter gepoltert bist, und dann wollen wir gehen.“

Der junge Forstgehülfe kam sich noch immer wie in einem Traum vor, aber
er folgte doch dem Rath, und sich jetzt plötzlich wieder zu seiner
Führerin wendend, frug er sie: „Aber wie heißt Du selber? Du hast mir
ja Deinen Namen noch gar nicht genannt.“

„Ich hab’ gar keinen Namen,“ lachte aber die Kleine schelmisch mit
einem halben Knix, „ich bin ja ein Waldweible, und die laufen immer nur
so herum.“

„Ach geh’,“ sagte Bernhard, „Du wirst doch einen Namen haben; wie soll
man Dich denn rufen?“

„Du brauchst mich gar nicht zu rufen!“ lachte das Mädel, „ich bin immer
da und werde Dich jetzt getreulich geleiten.“

„Aber ich muß Dich doch nennen können!“

„Ich weiß ja auch nicht einmal, wie Du heißt.“

„Hab’ ich Dir meinen Namen nicht damals genannt?“ sagte der junge
Forstmann -- „Bernhard Raischbach heiß’ ich und bin Forstgehülfe oben
im Spessart.“

„Ja, wer kann alle Namen behalten!“ lachte die Maid. „Also muß ich Dich
wohl ‚Herr Forstgehülfe‘ nennen, wie es die alte Lisei thut?“

„Kennst Du denn die auch?“ rief der Jäger erstaunt.

„Weßhalb soll ich die Lisei nicht kennen, wohnt sie doch lang genug
da drüben in der Forstei und ist gar ein frommes, gutes Geschöpf, die
immer gleich ein Kreuz schlägt, wenn sie was Unrechtes wittert. Die hat
eine Nase! Aber jetzt komm’. Blitz noch einmal, bist Du langweilig und
ja gar nicht von der Stelle zu bringen! Droben im Walde warst Du doch
flink genug auf den Füßen, und ich mußte damals geschwind machen, daß
ich Dir die Wand hinunter aus den Augen kam.“

„Und den steilen Pfad bist Du wirklich hinabgesprungen?“

„Bah, was ist denn das weiter?“ lachte das Mädchen; „jeder Fuchs geht
ja da aus und ein.“

Dabei hatte sie ihn an der Hand genommen und führte ihn jetzt die Höhle
entlang deren Ende zu, wo sie in einen langen schmalen Gang auszumünden
schien. Der Gang aber führte immer mehr bergab, und als Bernhard den
Blick zurückwarf, kam es ihm vor, als ob er sich etwas drehe.

„Aber wo geht denn das hin?“ frug er.

„Wirst’s gleich sehen,“ lautete die Antwort -- „Du weißt ja doch,
daß jene alte Stadt, von der Dir der Förster erzählt, gerade an der
Stelle gestanden hat, wo jetzt der tiefe Grund liegt, und da müssen wir
hinunter; aber ’s ist nicht weit mehr,“ tröstete sie ihn „siehst Du,
da unten kannst Du schon den hellen Schein erkennen.“

„Wo kommen nur all’ die Flammen her, die ihr hier brennt?“

„Die Flammen?“ sagte das Mädchen -- „ei, das ist Erdöl, das aus den
verschiedenen Ritzen und Spalten herausschwitzt und bloß angezündet zu
werden braucht, wenn man es unten hell zu haben wünscht. Erdöl giebt’s
genug und überall; das brennt ewig.“

Raischbach wußte gar nicht, wie ihm eigentlich geschah; immer aber
mußte er wieder seine Begleiterin ansehen, und er konnte sich gar
nicht denken, daß es etwas Lieberes auf der Welt geben möge, als ihr
freundliches Gesicht. So weiß und zart sah ihre Haut aus, so leicht
von Roth waren ihre Wangen angehaucht, und was für wundervolles,
dunkel kastanienbraunes Haar sie hatte -- und was für Augen -- ihr
Feuer brannte ihm tief in’s Herz hinein, und wie er den Druck ihrer
Hand fühlte, als sie ihn den steilen, schlüpfrigen Hang hinableitete,
war es ordentlich, als ob es ihm die Nerven bis in die Fußzehen und
Fingerspitzen hinein erzittern machte. Sie selber aber schien von dem
Eindruck, den sie auf den jungen Forstmann ausübte, nicht die geringste
Ahnung zu haben, sondern schritt so unbefangen und ruhig neben ihm
her, als ob er eben nichts wie ihr täglicher Begleiter wäre.

Da öffnete sich plötzlich vor ihnen der bis jetzt schmale Gang zu einer
weiten Ebene, die aber von einem blendend hellen Lichtkörper erleuchtet
wurde, während hoch darüber dunkle und undurchdringliche Nacht zu
liegen schien, und in der Ebene sah der Forstgehülfe eine weite,
alterthümliche Stadt, mit einer breiten, aber niederen Kirche und einem
Kirchthurm, dessen fast moscheenartig gerundete Kuppel wie von lauterem
Golde blitzte und strahlte. Als er aber genauer hinsah, bemerkte er,
daß gerade diese Kuppel der Körper sei, von dem aus das Licht über
die ganze Gegend floß, so daß sie wie eine strahlende Sonne über den
Häusern lag.

Seine Aufmerksamkeit wurde indessen bald einem Haufen riesengroßer,
doch furchtbar magerer Rüden zugelenkt, die mit schrecklichem
Geheul und Gebell auf sie einfuhren und nicht übel Lust zu haben
schienen, über sie herzufallen. Bernhard griff auch schon nach seinem
Hirschfänger, um sich und seine Begleiterin zu vertheidigen. Diese aber
lachte und rief: „Lass’ nur den Hirschfänger stecken, Freund, die thun
uns nichts, das sind die Hunde des Grafen Hackelnberg Und bloß darauf
abgerichtet, rechten Lärm zu machen.“

„Dem Grafen Hackelnberg gehören die?“ rief der Forstgehülfe, „dem
wilden Jäger?“

„Ja, gewiß,“ sagte das Mädchen, „der hat sich hier schon lange bei
uns eingenistet, reitet aber nur selten noch aus, denn er leidet so
furchtbar an der Gicht.“

„Der wilde Jäger?“ rief Raischbach erstaunt aus, während die Hunde
wieder von ihnen abließen -- „aber ich dachte immer, der Graf Hans von
Hackelnberg hause im Harzgebirge?“

„Da war er auch früher,“ nickte das Mädchen, „aber es muß ihm wohl
dorten langweilig gewesen sein, und weil er hier bessere Gesellschaft
gefunden hat, ist er hierher gezogen. O, es wohnen eine Menge vornehmer
Leut’ hier,“ fuhr die Maid bedeutsam mit dem Kopf nickend fort -- „Du
wirst Dich wundern, wenn Du sie einmal alle beisammen siehst, denn so
ein lauschiges Plätzchen giebt’s gar nimmer mehr an irgend einer Stelle
in der ganzen Welt, wie bei uns im Grund.“

Während sie noch so plauderte, waren sie auf den offenen Raum
hinausgetreten, und der junge Forstgehülfe sah hier allerdings eine
vollständig neue Welt, die sich ihm, je weiter er hineindrang, mehr und
mehr erschloß.

Das mußte eine uralte Stadt sein, die hier unten im Grunde lag, denn
die Häuser sahen alle grau und verwittert genug aus, und auf den
Dächern und Mauern wuchs Hauslauch in ganzen Büscheln, während von
manchen Dachrinnen das Moos in langen grünen Quasten bis fast zur Erde
niederhing. Aber die Fenster sahen trotzdem spiegelblank aus, und jedes
Haus hatte seinen kleinen freundlichen Garten, in welchem, trotzdem daß
oben auf der Erde jetzt Schnee lag und tiefer Winter war, die schönsten
Blumen wuchsen und reife Stachelbeeren, Kirschen und Pflaumen hingen.

Links am Eingang lag ein reizendes kleines Landhaus mit einem schmalen,
aber langen Teich, der es halb umschloß und auf dem die wundervollsten
Wasserlilien wuchsen.

„Da wohnt die Frau Holle,“ sagte die Maid, „wenn sie manchmal zu uns
auf Besuch kommt.“

„Die Frau Holle? -- ist es denn möglich? Und da drüben wohnt wohl der
Förster? Zu dem könnten wir vielleicht einmal hineingehen und ihm guten
Tag sagen.“

„Ja nicht!“ warnte aber das Mädchen; „wir wüßten nicht, wie wir
empfangen würden und ob er gerad’ bei guter Laune wäre. Das ist auch
nicht das Forsthaus, sondern da haust der Graf Hackelnberg, und
manchmal ist er gut und freundlich mit den Leuten, manchmal aber, wenn
er seinen bösen Tag hat, hetzt er die Hunde auf sie und treibt allerlei
Unfug. Das ist und bleibt ein wilder Gesell.“

Raischbach war stehen geblieben und besah sich das Haus -- es war ein
graues, aus Stein aufgeführtes Gebäude, fast wie eine Forstei, nur
hinten mit einem kleinen Wartthurm, über der Thür aber ein mächtiges
Hirschgeweih von einem Zweiunddreißig-Ender befestigt, wie sie jetzt
gar nicht mehr im Walde vorkommen, und auch unter dem Giebel mit einer
Menge von Jagdtrophäen geschmückt.

Das Mädchen zog ihn aber weiter, denn es kamen eine Menge Leute die
Straße herunter. Sie sahen auch den jungen Fremden wohl verwundert an,
grüßten doch aber Alle freundlich und ließen ihn ungehindert ziehen
-- nur ein anderes junges Mädchen griff seine Begleiterin am Arm, zog
sie ein wenig bei Seite und flüsterte ihr, aber laut genug, daß es
Raischbach hören konnte, zu: „Wen hast Du denn da aufgegabelt und wo
kommt der her?“

„’s ist bloß ein Besuch,“ sagte aber die Maid, „ein braver junger
Mensch, der sich einmal bei uns umsehen will.“

„Aber darf er denn das?“

„Und warum nicht? -- wer kann’s ihm wehren? er nimmt ja nichts mit
fort.“

Das andere Mädchen schüttelte mit dem Kopf, als ob ihr die Sache nicht
recht wäre, oder doch sonderbar vorkäme, sagte aber nichts weiter,
sondern nickte nur „grüß Gott“ und folgte den Anderen.

Den Weg herunter und ihr folgend kam jetzt eine alte Frau an einem
Krückstock, die aber, als sie den Fremden sah, mitten in der Straße
stehen blieb und ihn groß betrachtete.

„Grüß die!“ flüsterte da die Maid dem jungen Jäger wie ängstlich zu --
„sei fein höflich, sonst wird sie bös.“

Raischbach folgte ihrem Rath, die Alte hatte in der That ein
bitterböses Gesicht; als er aber sehr höflich seinen Hut zog, heiterte
es sich etwas auf. Sie murmelte nur ein paar unverständliche Worte aus
ihrem zahnlosen Mund und humpelte dann vorüber.

„Wer war denn das?“ sagte der junge Forstgehülfe, als sie sich außer
Hörweite von ihr befanden.

„Kennst Du die nicht einmal?“ lachte das Mädchen -- „die alte Urschel
vom Urschelberg drüben, die manchmal hier bei uns zuspricht; da kommen
auch ihre drei Nachtfräulein; die sind aber gut und brav.“

Drei bildschöne, weißgekleidete Jungfrauen schritten mit
niedergeschlagenen Augen an ihnen vorüber; ehe sie aber Bernhard
ordentlich betrachten konnte, hörte er donnernde Hufschläge dicht
hinter sich auf der Straße und hatte wirklich kaum Zeit, bei Seite
zu springen, als auch schon ein milchweißes Roß mit einer in grünen
Sammet gekleideten Reiterin an ihm vorüberflog. Von ihrem Haupt wehten
lange, rabenschwarze Locken aus, von ihrem Barett schwankten lange,
prachtvolle Reiherfedern, und auf der linken Faust hielt sie eine
mächtige Eule, die sich fortwährend gegen den Wind duckte und die
Flügel halb ausbreitete, als ob sie eben abstreichen wolle.

Der junge Forstgehülfe wollte sich eben wieder erstaunt zu seiner
Führerin wenden, als die wilde Reiterin ihren Zelter plötzlich auf den
Hinterbeinen herumwarf, daß die Eule bei der unerwarteten Bewegung kaum
ihren Stand bewahren konnte. So zügelte sie ihr Thier vor dem Jäger
ein, dessen Beruf sie wohl rasch an der Kleidung erkannt hatte, und
rief: „Hallo, wen haben wir da? Waidmanns Heil, mein Bursch’; woher des
Weges?“

„Von droben, Fräulein Berchta,“ sagte da seine junge Begleiterin; „aus
dem Spessart herunter; er ist nur zum Besuch gekommen.“

„Hat er Dich besucht, Schatz?“ lachte die junge Dame, „und kann er
nicht selber Red’ und Antwort stehen?“

„Doch, Fräulein,“ sagte der Forstmann, der sich rasch gesammelt hatte
und jetzt schon anfing, gar nichts Außerordentliches mehr in all’ dem
Wunderbaren zu finden, das ihn hier umgab; „ich kann wohl selber reden,
hoffe aber, daß ich hier unten Niemanden zur Last falle, sonst gehe ich
eben wieder meiner Wege.“

„Ei, ein Waidmann ist überall willkommen,“ lachte die junge Dame;
„wenn Ihr da oben auch jetzt Eure Jägerei treibt, daß es eine Sünd’
und Schande ist -- ich weiß wohl,“ winkte sie mit der rechten Hand --
„ihr Forstleute könnt nichts dafür, und seid eigentlich jetzt mehr
Schreiber als Jäger da oben im schönen Wald. Beim Himmel! was das da
für ein ewiges Geklopfe und Gehacke ist, und ein Baum nach dem andern
wird umgehauen und aus dem herrlichsten Wald elendes Rübenfeld gemacht.
Aber ich will mich nicht ärgern, denn wenn ich nur dran denke, läuft
mir schon die Galle über,“ brach sie kurz ab. „Kommt nachher einmal
in die Wolfsschlucht -- heut Nachmittag sind wir da Alle zusammen,
daß wir ein vernünftiges Wort mitsammen reden können -- jetzt hab’ ich
keine Zeit,“ und ihren Schimmel wieder herumwerfend, flog sie, wie sie
gekommen, die Straße hinab.

„War denn das die Fräulein Berchta, die mit dem wilden Jäger sonst
geritten ist?“ frug Bernhard erstaunt seine Begleiterin.

„Gelt, das ist ein stolzes Weibsen!“ nickte diese, „aber gewiß war
sie’s, mit der Tut-Osel auf der Faust, wie sie immer ausreitet, oder
den großen häßlichen Vogel auch manchmal hinter sich herfliegen läßt.
Wild ist sie aber noch immer und kann das alte Leben wohl am Schwersten
von Allen vergessen.“

„Aber wo ist hier die Wolfsschlucht -- oben kenne ich eine, doch hier
unten --“

„Da drüben steht sie!“ lachte die Maid, auf ein breites, sehr
wohnliches Haus deutend -- „das ist der Gasthof im Ort, den der alte
Eckardt hier unten hält.“

„Der getreue Eckardt?“

„Ja gewiß.“

„Und der ist Wirth geworden?“

„Und warum sollte er nicht? Der alte Wirth war reich und bequem
geworden und hatte das Geschäft aufgegeben; es wollt’ auch eigentlich
Keiner mehr zu ihm, denn er betrog die Leut’ zu sehr. Da hat’s der alte
gute Eckardt übernommen, denn ein Wirthshaus mußten wir doch haben, und
zu dem geht jetzt Alles -- unten hinein das Volk und oben im ersten
Stock hat er auch ein Kasino angelegt für die Vornehmen.“

„’s ist rein zum Verrücktwerden!“ murmelte Raischbach vor sich hin, als
das Mädel da so ruhig von lauter Persönlichkeiten plauderte, die er
sich bis dahin nur als wilden Spuk gedacht, „und man möchte wahrhaftig
glauben, man träumte die ganze Geschichte nur, wenn sie nicht so
leibhaftig um Einen herstünde. Ich mag mich aber zwicken, wie ich will,
ich wach’ doch, und das Alles muß ja wohl so sein, wie es eben ist.“

„Thut Dir noch was weh von dem Fall?“ frug das Mädchen, als sie sah,
daß er sich bald am rechten, bald am linken Arm anfaßte und auch nach
dem Kopf hinaufgriff.

„Das nicht grad’,“ meinte er etwas verlegen, denn er mochte ihr doch
nicht sagen, was ihm eben durch den Sinn gefahren -- „nur im Kopf
brummt und summt mir’s so.“

„Das ist das ewige Brausen und Kochen tief in der Erde Grund,“ sagte
die Maid, „was wir hier deutlicher hören, als ihr da oben; daran wirst
Du Dich bald gewöhnen, wenn Du erst einmal eine Weile bei uns bist.“

„Hussa! hussa! hallo!“ tönte plötzlich ein wilder Jagdruf durch die
Luft, und ein paar scheue Menschengestalten, denen der Kopf in Feuer
zu stehen schien, so lichterloh brannten ihnen die Haare, fuhren wie
Kaninchen über den Weg. Hinter ihnen her aber, ihre Rüden hetzend,
und die Eule jetzt in freier Flucht nach den Gehetzten immer mit den
Flügeln schlagend, setzte die wilde Reiterin auf ihrem Schimmel quer
über die Gartenzäune und Sträucher weg, und kläffende Rüden heulten an
ihrer Seite.

„Um Gottes willen!“ rief Raischbach erschreckt aus, „was haben die
armen Menschen denn gethan?“

„Ah,“ sagte die Maid verächtlich, „das sind ‚Schretteln‘; denen
geschieht’s schon recht, und das Bischen Bewegung kann ihnen nichts
schaden.“

„Schretteln?“

„Ja, schlechtes Volk, was seiner Zeit Grenz- und Marksteine versetzt
und die Nachbarn um ihren Grund und Boden betrogen hat. Die werden
gejagt, wo sie sich blicken lassen, haben hier unten auch gar nichts zu
thun und sollen nur machen, daß sie wieder in ihre Sümpfe kommen. Wir
brauchen derlei Gelichter nicht.“

„Und wohin gehen wir jetzt?“

„Wart’ hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da,“ sagte das
Mädchen -- „muß nur erst einmal nach Haus laufen und Dich melden, damit
mein Vater weiß, wir kriegen Besuch für die Nacht. Nachher führ’ ich
Dich in die Wolfsschlucht, und dann gehen wir zusammen heim.“

„Wenn Du nur einen Namen hättest, daß man Dich nennen könnte,“ sagte
Bernhard traurig. „Ich weiß ja nicht einmal, wie ich später an Dich
denken soll.“

„Und brauchst Du dazu einen Namen?“ lachte seine Begleiterin. „Warum
giebst Du mir denn nicht selber einen? mir ist’s recht.“

„Darf ich?“

„Warum nicht -- wem schadet’s was?“

„Aber wie soll ich Dich nennen?“

„Wie Du eben willst -- weißt Du keinen hübschen Namen?“

„O gewiß, viele -- mein Lieblingsname ist Margarethe.“

„Der klingt auch ganz hübsch.“

„Oder Marie.“

„Wie Du willst -- Marie ist noch kürzer -- nenne mich Marie.“

„Ich wollte, Du hießest Margarethe.“

„Bist Du ein komischer Mensch -- aber warte nur hier -- ich bin gleich
wieder da. Leg’ Dich derweil dort unter die Linde und ruh’ ein wenig
aus. Du mußt ja auch müde vom vielen Herumlaufen geworden sein.“

Das Mädchen hatte recht; war es die dicke, schwere Luft, die ihm hier
unten so das Gehirn zusammendrückte; waren es die vielen fremdartigen
Bilder, die ganze unheimliche Umgebung. Er warf sich unter den Baum,
und eine Zeitlang kam es ihm vor, als ob Alles in einem wirren
Kreislauf vor seinem inneren Blick vorüberflöge. Es wurde auch
vollständig dunkel um ihn her, und dann war es ihm wieder, als ob ihn
der Kreiser Metzler bei Namen riefe und er antworten wolle und nicht
könne.



Fünftes Kapitel.

Beim wilden Jäger.


Er mußte jedenfalls eingeschlafen sein, denn plötzlich fühlte er wieder
des Mädchens weiche Hand auf seiner Schulter, und diese rief: „Ei, das
lass’ ich gelten; am hellen Tage schläfst Du wie ein Dachs. Ich machte
mir schon Vorwürfe, daß ich Dich so lang allein gelassen, aber ich
hätte wohl noch länger wegbleiben dürfen.“

„Ach, Marie!“ rief Raischbach, ordentlich erschreckt emporfahrend, „ich
glaube wirklich, daß ich eingeschlafen bin.“

„Ja, ich glaub’s auch!“ lachte diese. „Du hast geschnarcht wie ein
Dachs -- aber jetzt komm’, es ist spät geworden; denn wenn wir noch
erst in die Wolfsschlucht wollen, kommen wir nachher gar so lang nicht
heim.“

„Aber was sollen wir in der Wolfsschlucht? Ich bleib’ viel lieber bei
Dir.“

„Wirklich? Doch das geht nicht an. Das Fräulein hat Dich eingeladen,
und die würde schön bös auf mich werden, wenn ich Dich nicht dahin
brächte. Da findest Du auch die ganze vornehme Welt von da unten, und
der alte gute Eckardt freut sich gewiß, Dich kennen zu lernen. Er hat
alle Menschen lieb und ihnen noch nie einen Schabernak oder gar ein
Leides gethan.“

„Also ein ordentliches Kasino haben sie dort?“

„Ei, Du wirst staunen, wenn Du’s siehst -- aber ich geh’ nicht mit
hinauf,“ setzte sie hinzu, „denn Unsereins gehört nicht zwischen die
vornehmen Herrschaften, und die Frau Holle würde mich schön über die
Achsel ansehen.“

„Ja, kommt denn die auch dahin?“

„Na gewiß -- da ist alle Abend große Gesellschaft, und wenn sie einmal
recht lustig sind, dann kommen sie auch wohl hierher unter die große
Linde und tanzen im Freien; aber das geschieht gar selten, denn die
Mannsleute spielen lieber Karten und trinken Wein, und die Frauensleute
sitzen beim Kaffee und schwatzen mit einander.“

„Das ist ja aber gerade wie bei uns, Marie.“

„Und warum soll’s nicht wie bei Euch sein?“ sagte das Mädchen ruhig --
„waren es doch auch Alles früher einmal Menschen und haben deßhalb ihre
alten Gewohnheiten beibehalten; so was ändert sich nicht, und wenn man
so alt würde wie die Welt.“

„Und sind wir hier am Haus?“

„Das ist die Wolfsschlucht! siehst Du das Schild nicht am Haus und
den großen Wolfskopf drüber in Stein gehauen? Und da kommt auch schon
der alte Eckardt. Mit dem lass’ ich Dich allein, er kennt Dich schon;
brauchst ihm gar nichts weiter zu sagen, denn der weiß Alles, was
droben und drunten geschieht!“

„Und wann seh’ ich Dich wieder, Marie?“

„Ich pass’ schon auf, wenn Du wieder herunter kommst, und nehme Dich
dann nachher mit,“ und ihm freundlich zunickend glitt sie an dem
alten Eckardt vorüber, der aber gar nicht den Kopf nach ihr wandte,
in das Haus. Vor sich aber bemerkte Raischbach jetzt einen ehrwürdig
aussehenden Greis mit weißem Haar und Bart, der einen eigenthümlich
alten Rock und kurze Hosen und Schuhe und Strümpfe trug. Aber er sah
freundlich und treuherzig aus, und dem jungen Forstmann die Hand
entgegenstreckend, rief er: „Gott zum Gruß, Landsmann! Freut mich, daß
Ihr auch einmal hier herunter zu uns kommt. Fällt selten hier vor, daß
wir Einen von Euch zu sehen kriegen, denn was uns hieher geschickt
wird, ist meistens Gesindel, das oben nicht gut thut und daher auf gute
Besserung herunter muß.“

„Und kennt Ihr mich denn, Meister Eckardt?“ sagte Raischbach verwundert.

„Weßhalb soll ich Euch nicht kennen?“ lachte der alte Mann. „Hab’ Euch
oft zugesehen, wenn Ihr da oben halbe Tage lang auf den alten Bock
gepaßt und geblattet habt, während der, kaum zweihundert Schritt von
Euch entfernt, ruhig in der Dickung spazieren ging, und nur manchmal
seinen Platz wechselte, um wieder Wind von Euch zu bekommen und genau
zu wissen, wo Ihr gerade stäket.“

„Ja, der alte Bock,“ sagte Bernhard, „hat mir schon viel Mühe gemacht.“

„Und wird Euch noch mehr machen,“ lachte der Alte, „es ist eben alle
Tage Jagd-, aber nicht alle Tage Fangtag, und der Jäger muß Geduld
haben, sonst bringt er’s zu nichts. Mit dem Hetzen, wie sie’s zu meiner
Zeit getrieben, ist oben nichts mehr auszurichten, denn man kommt nicht
mehr durch. Damals ja, da war lauter Hochwald, und man konnte sein
Pferd laufen lassen; jetzt aber, wo sie lauter junges Holz anpflanzen,
das Dickungen bildet, wo kaum ein Fuchs durchschlüpft, da sollen sie’s
wohl bleiben lassen, und die lustige Jagd hat aufgehört.“

„Aber Fräulein Berchta scheint’s doch noch zu treiben,“ sagte Bernhard.

„Das ist ein tolles Mädel,“ meinte der Alte kopfschüttelnd, „und die
läßt’s nicht bis in alle Ewigkeit. Aber geht nur hinauf, sie hat
schon nach Euch gefragt, und der Hackelnberg ist auch oben und der
Ebersberger; die ganze tolle Jagd hat sich versammelt, und Ihr kommt
gerade recht.“

„Und darf ich da eintreten?“

„Geht nur gerade zu und sagt ruhig Euer Waidmannsheil. Derartige Leute
sind immer willkommen, wenn ich’s auch gerade keinem Anderen rathen
wollte, so ohne Weiteres zu ihnen herein zu brechen.“

Oben an der Treppe war eine breite Flügelthür. Das ganze Haus sah
überhaupt vornehm aus und hätte mit seiner innern Einrichtung eben so
gut in einer großen Residenz liegen können -- und als der alte Eckardt
die Thüre öffnete, fand sich Raischbach, fast verlegen, einer ziemlich
großen Gesellschaft von Herren und Damen gegenüber, die theils um die
Tische zerstreut saßen, theils im Zimmer auf- und abgingen.

Gerade an der Thür vorüber schritt ein stattlicher hoher Mann in einem
Jagdwamms mit hohen ledernen Kollerstiefeln, einen Hirschfänger an der
Seite, während auf einem der kleinen Tische rechts ein breitkrämpiger
grauer Hut mit Birkhahnfedern darauf, ein paar große Stulpenhandschuhe
und ein Hüfthorn lagen. Er drehte sich rasch um, als die Thür aufging,
als ob er Jemanden erwarte, und Raischbach sah in ein bleiches, aber
edles Gesicht, mit langem schwarzem Schnurr- und Knebelbart und dunklen
blitzenden Augen -- das mußte der Hackelnberg sein, und mit lauter
unerschrockener Stimme sagte er sein „Waidmanns Heil! Ihr Herren und
Damen!“

„Hallo!“ rief der wilde Jäger, auf dem Absatz herumfahrend -- „wen
haben wir da? Waidmanns Heil, Gesell! Wo kommst Du her?“

„Von droben, mit Verlaub,“ erwiederte Raischbach, „und wollte mich auch
der Gesellschaft nicht aufdrängen, aber die freundliche Einladung der
Dame da drüben --“

„Nur keine lange Entschuldigung!“ lachte Fräulein Berchta, die am
Fenster saß und an einem großen Jagdnetz zu flechten schien, indem sie
ihre Arbeit bei Seite warf und auf ihn zutrat -- „seid willkommen, Ihr
findet hier lauter gute Freunde.“

„Spielst Du L’Hombre?“ frug der Hackelnberg.

„Das thut mir leid, nein,“ sagte Bernhard; „weiter nichts als deutsch
Solo --“

„Das soll der Teufel holen!“ brummte der wilde Jäger ärgerlich, „und
der verdammte Hans Jagenteufel verpaßt heute seine Partie. Ich möchte
meinen Hals verwetten, der alberne Narr kann wieder einmal seinen Kopf
nicht finden.“

„Seinen Kopf?“ sagte Raischbach verwundert.

„Na natürlich, weil er die dumme Gewohnheit hat, ihn unter dem Arm zu
tragen. Wenn er ihn dann einmal ablegt, vergißt er immer, wo?“

„Das ist recht gut,“ sagte eine alte würdige Frau, die jetzt auch auf
Raischbach zukam und ihm freundlich zunickte, „daß Ihr einmal um Euer
häßliches Spiel kommt und Euch der Gesellschaft widmen könnt; es giebt
so nur immer Zank und Streit dabei.“

„Bah, Gesellschaft widmen!“ knurrte ein anderer baumlanger Gesell, auch
in Jägertracht, aber mit wirrem Haar und Bart und tückisch blitzenden
Augen; „das ewige Schwatzen und Klatschen bekommt man auch am Ende satt
-- Eckardt, schafft wenigstens Wein her, daß wir die Gurgeln nässen
können.“

„Aber vorher muß ich unserem jungen Gast doch wenigstens die
Gesellschaft vorstellen,“ sagte Fräulein Berchta, „damit er weiß, bei
wem er sich befindet.“

„Wir wissen ja selber noch nicht einmal, wie er heißt,“ knurrte der
Alte wieder.

„Bernhard Raischbach, Forstgehülfe aus dem Spessart,“ sagte der junge
Jäger, sich selbst vorstellend.

„Allen Respekt,“ lachte der wilde Jäger -- „nun denn, ich bin Graf
Hackelnberg, um mich gleich zu beseitigen, das da Fräulein Berchta,
Frau Holle hier -- das hier der wilde Ebersberger, ein getreuer
Jagdgenosse.“

„O, werdet nicht langweilig, oder ich geh’ meiner Wege,“ knurrte
dieser. „He, da kommt Wein! Eingeschenkt, Eckardt! So recht -- hier,
Herr Forstgehülfe, nehmt einmal den Humpen da und thut Bescheid. Könnt
Ihr trinken?“

„Sollt’ es denken,“ lächelte dieser, den riesigen Römer in die Hand
nehmend. „Also Ihr Wohl, meine Damen und Herren!“ und da ihm die Zunge
ordentlich am Gaumen klebte, leerte er das ganze Gefäß auf einen
tüchtigen Zug.

Der Graf Hackelnberg hatte ihn scharf im Auge behalten, aber sein
Gesicht heiterte sich sichtlich auf, als er den Zug sah, und wie der
junge Forstmann das Glas umdrehte, zum Zeichen, daß er dem Trunk Ehre
angethan, schrie er mit lauter donnernder Stimme: „Bravo, mein Junge,
das hätte der Ebersberger nicht besser machen können, und der hat
ebenfalls eine famose Saugkraft. Hier ein Wohl auf das edle Waidwerk
und daß die Aasjäger der Teufel hole!“ und damit stürzte er seinen
Humpen ebenfalls hinab.

Der alte Eckardt hatte jetzt kaum Hände genug, um nach allen Seiten
einzuschenken, und auch das Gespräch wurde allgemein. Eben war auch
die alte Urschel mit ihren jungen Damen eingetreten, ohne freilich
selber Theil daran zu nehmen, denn sie schien nicht geselliger Natur,
sondern setzte sich still und mürrisch in eine Ecke und holte sich ein
großes Spinnrad vor, während eines der jungen Mädchen ihr eine große
Tasse mit Kaffee brachte. Die drei jungen Nachtfräulein aber, -- denn
seine Begleiterin Marie hatte ihm ja gesagt, daß es solche wären, --
schienen ihr scheues verschlossenes Wesen ganz abgelegt zu haben, und
plauderten jetzt so auf Raischbach ein und wollten wissen, wie es „da
oben“ aussähe und was die Menschen dort trieben, daß er ihnen kaum
alle Fragen beantworten konnte. Und wie hübsch -- wie wunderhübsch sie
waren und was für tiefblaue, treue Augen sie hatten -- aber so hübsch
wie seine Marie schienen sie doch nicht, wenn sie auch viel edler und
vornehmer auftraten und weiße, außerordentlich feine Gewänder trugen.

Auch Fräulein Berchta plauderte viel mit ihm und frug ihn besonders
nach dem jetzigen Wildstand da oben, nach den Hirschen und was sie
„auf“ hätten, nach den Bären, Luchsen und Wölfen, und wollte es gar
nicht glauben, als er ihr sagte, daß von den letztern Raubthieren gar
nichts mehr droben im Wald zu finden wäre und sich nur dann und wann
einmal ein einzelner Wolf in ihr Revier verlöre.

Aber die drei jungen Nachtfräulein kamen immer wieder auf die Moden
an der Oberwelt zurück, und der junge Forstgehülfe, der sich darin
vollkommen außer seinem Fahrwasser befand, sollte ihnen bald über Das,
bald über Jenes Auskunft geben, wovon er nicht das Geringste wußte.

Da kam ihm der Hackelnberger zu Hülfe, der auch indessen die Geduld
verloren hatte, weil sich der Hans Jagenteufel noch immer nicht zu
seiner L’hombrepartie einstellte, und mit der Faust auf den Tisch
schlagend rief er aus:

„Nun hört, zum Donnerwetter, einmal mit eurem Geklatsch auf; was weiß
denn der Jägersmann von euren Falbeln und Stößen und Krinolinen und
wie der Unsinn alle heißt. Komm’, mein Herr Forstgehülfe, ich will Dir
einmal meine Kneipe zeigen, da wirst Du Dich besser amüsiren -- ich
habe eine famose Sammlung drüben und ein paar Rehbocksgehörne dabei,
gegen die der alte Bock da oben wie ein Spießer aussieht.“

„Wirklich?“ rief Raischbach, während Fräulein Berchta höhnisch lachte;
aber der Ebersberger rief:

„Das ist recht, da geh’ ich auch mit -- ich habe neulich mit dem
Hans Jagenteufel gewettet, daß der eine Sechsundzwanzig-Ender mit der
Schaufel auf der linken Stange ein Ungerader wäre, und kann mich da
gleich selber überzeugen.“

„Die hast Du verloren,“ lachte der Hackelnberger, indem er sein
Hüfthorn umwarf, seinen Hut aufsetzte und seine Handschuhe anzog. „Das
ist ein voller, sogar noch mit einem Auswuchs an der rechten Stange,
den man recht gut hätte einfeilen und einen ungeraden Achtundzwanziger
daraus machen können.“

Raischbach hatte auch seinen Hut aufgegriffen; denn daß ihn der wilde
Jäger einlud, mit in sein Haus hinüber zu kommen, war ihm ganz recht.
Wie er ihm aber eben folgen wollte, sah er, daß der alte Eckardt an
der Thür stand und ihm heimlich zuwinkte, nicht mitzugehen. Erstaunt
blickte er ihn an, der Hackelnberg aber, der die Bewegung ebenfalls
bemerkt haben mußte, warf ihm einen zornigen Blick zu und rief: „Na,
jetzt lass’ die albernen alten Geschichten; ich werd’ ihn nicht beißen,
und wenn er Furcht hat, kann er ja ruhig da bleiben.“

„Furcht?“ lachte Raischbach, „wovor soll ich Furcht haben? Ich will
Niemanden hier schädigen und hoffe ebenso freundlich behandelt zu
werden.“

„Es ist eine alte Angewohnheit von ihm,“ lachte der Hackelnberg, „daß
er immer mit dem Kopf schüttelt und ein bedenkliches Gesicht schneidet.
Kommt, es wird sonst zu spät -- und wenn der Hans Jagenteufel noch
eintreffen sollte, so laßt mich’s wissen, Eckardt.“

„Ach, heute giebt’s doch keine Partie mehr,“ brummte der Ebersberger,
-- „ich gehe auch mit! Vorwärts marsch!“

Der Hackelnberg, von dem Ebersberger dicht gefolgt, verließ das Zimmer
und Raischbach schloß sich ihnen an. Unten im Vorsaal aber, ehe sie die
Thür verließen, sah er Marie stehen, die ihm verstohlen, aber ängstlich
mit der Hand winkte, nicht zu gehen. Raischbach zögerte jetzt wirklich
unschlüssig einen Moment, aber der wilde Jäger mußte das auch bemerkt
haben, denn rasch und zornig wandte er sich gegen das junge Mädchen,
das sich scheu vor den funkelnden Augen des Wilden in eine Kammer
zurückzog und nicht wieder zum Vorschein kam.

Im nächsten Moment befanden sie sich draußen auf der Straße und sahen
sich auch schon dem mit Geweihen und Jagdschmuck gezierten Hause
Hackelnberg’s gegenüber.

Raischbach blickte allerdings erstaunt umher, denn vorher war es ihm
so vorgekommen, als ob das Haus viel weiter abseits gelegen habe,
aber lange Zeit zum Ueberlegen blieb ihm doch nicht. Graf Hackelnberg
schritt rasch über die Straße hinüber und stieß einen kleinen
Gartenzaun auf, der von kläffenden, heulenden Rüden wimmelte. Das war
auch ein Springen und Bellen und Winseln, als sie ihren Herrn kommen
sahen, und nur gegen den Fremden wollten sie anknurren und ihn nicht
vorüberlassen; aber ein Pfiff des wilden Jägers trieb sie alle scheu
zurück, und jetzt öffnete sich ihnen die niedere Thür des kleinen
Gebäudes und der junge Forstgehülfe betrat hier eine vollkommen neue
Welt.

Schon der Hausflur zeigte die Jägerwohnung. Da hingen Seite an Seite
die riesigsten herrlichsten Geweihe von Hirschen, wie sie Raischbach
bis jetzt kaum für möglich gehalten hatte, dann ausgestopfte Eber- und
Bärenköpfe, und die ganze in den oberen Stock hinaufführende Treppe war
mit Wolfs- und Luchspelzen statt Teppichen dicht belegt. Und jetzt erst
oben die abnormen Geweihe und Gehörne, eine Sammlung, von denen jedes
einzelne Stück an der Oberwelt mit Gold aufgewogen worden wäre.

„He, Raischbach!“ lachte da der Hackelnberg, indem er sich nach
seinem Begleiter umwandte und auf die eine Wand deutete, an der nur
Rehbocksgehörne hingen, „das sind andere Kerle gewesen, als euer Bock
oben im Wald, wie? -- Seht Euch einmal die Drei da an.“

„Aber das sind doch keine Rehbocksgehörne!“ rief der Jäger fast
erschreckt aus, als er die riesigen Stangen sah.

„Waren es nicht?“ lachte Hackelnberg -- „ich habe sie aber alle zu
meiner Zeit selber geschossen. Nehmt Euch eins zum Andenken mit.“

„Von den Gehörnen?“

„Gewiß; da könnt Ihr Staat mit machen, und ein besseres hat Niemand
bei Euch da droben; kommt auch nicht mehr vor. Da drinnen hängen noch
die Armbrüste, die wir damals geführt, denn da waren noch nicht die
Knallgewehre erfunden, mit denen man jetzt einen Lärm im Walde macht,
daß man es meilenweit hören kann. Nehmt Euch nur das Gehörn, wenn’s
Euch Spaß macht, zum Andenken an den Hackelnberg.“

„Tausend Dank denn!“ rief Raischbach erfreut, und es wurde ihm die
Wahl zwischen den drei prachtvollen Geweihen schwer. Aber er zögerte
doch nicht lange, nahm das ihm nächste von der Wand und folgte dem
Grafen dann in das Nachbarzimmer, in seine „Gewehrkammer“, wie er es
nannte, wo malerisch geordnet Unmassen von Armbrüsten, Saufedern,
Hirschfängern, Bärenspießen und allen möglichen anderen alten Waffen an
den Wänden geordnet waren.

Da plötzlich schlug eine Glocke an -- zwölf dumpfe, schauerliche
Schläge, und der Ebersberger griff seinen Hut auf und stürmte die
Treppe hinunter.

„Hallo!“ rief der Hackelnberg, „ist’s schon Zeit? also bis nachher,
Raischbach -- aber kommt lieber mit, daß Euch die Hunde kein Leides
thun, denn wenn ich nicht bei ihnen bin, sind die Bestien rein des
Teufels. -- Macht schnell, wir haben keinen Augenblick mehr zu
verlieren, und nehmt das Gehörn in Acht.“

Mit langen Sätzen flog er die Treppe hinab und aus dem Haus, und
Raischbach ließ sich die Warnung nicht umsonst gesagt sein, sondern
blieb ihm dicht auf den Hacken.

Unten umtobten die Hunde aber schon ein paar gesattelte Pferde, auf die
sich der Hackelnberg und der Ebersberger warfen. Fräulein Berchta kam
ebenfalls in voller Carrière die Straße herunter, und fort ging die
Hetze, daß die Funken aus den Steinen herausschlugen.

Raischbach sah ihnen noch verwundert nach, als plötzlich Jemand seine
Hand ergriff und unverhofft wieder Marie neben ihm stand und ängstlich
rief: „Fort! fort! es ist die höchste Zeit -- komm’ mit mir -- o ich
bat Dich doch, nicht mit dem wilden Jäger zu gehen.“

„Aber, Schatz!“ sagte Raischbach -- „er hat mir ja nichts zu Leide
gethan.“

„Komm’ nur mit!“ bat die Maid; „mir darfst Du folgen, ich meine es gut
mit Dir.“

„Und wohin?“

„Wieder hinaus zu den Deinen -- wenn sie zurückkehren, bist Du
verloren.“

„Aber er war so freundlich und hat mir auch --“

„Du kennst sie nicht,“ drängte aber das Mädchen, indem sie ihn die
Straße entlang zog, daß er ihr kaum folgen konnte -- „wenn sie dazu
aufgelegt sind, ist ihnen Alles Wild, was vorkommt. Aber ich denke, wir
erreichen die Grotte noch, ehe sie zurückkehren können.“

„Wo will der hin?“ fragte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine wilde
Gestalt, auch in altem Jagdkostüm, aber einen Bärenspieß in der Hand
und zu Fuß stand vor ihnen, und zwar gerade an der Stelle, wo der Weg
wieder in den schmalen Gang hinein führte.

„Nun wieder nach Haus, Kamerad!“ erwiederte dießmal Raischbach selber,
während Marie ihn ängstlich am Rock zupfte -- „ich war zum Besuch hier
unten.“

„So, mein Bursche!“ sagte der wilde Gesell, indem er sich seinen etwas
schief sitzenden Kopf wieder zurecht rückte, „und darfst Du denn das?“

„Ja, Herr von Jagenteufel!“ erwiederte da Marie -- „er darf; er nimmt
ja nichts mit fort.“

„Wirklich?“ rief der fremde Jäger, „und wo hat er das Rehbocksgehörne
her? Hol’ mich der Teufel, das ist ja aus der Sammlung des
Hackelnbergers!“

„Und von dem habe ich es auch geschenkt bekommen,“ sagte Raischbach
trotzig.

„O, wirf es fort, wirf es fort!“ flüsterte ihm das Mädchen bittend zu
-- „Du darfst nichts mitnehmen.“

„Das wollen wir doch bald erfahren, ob er es Dir wirklich geschenkt
hat, mein Bursche!“ lachte da der Fremde, indem er ein kleines Horn an
die Lippen setzte und einen schrillen Ton darauf blies.

„Fort! fort!“ rief aber das Mädchen, indem sie Bernhard am Arm faßte
und mit sich in den Gang hineinriß. „Das ist das Signal für die wilde
Jagd -- wenn sie uns einholen, sind wir Beide verloren!“

Im nächsten Moment flohen sie durch den jetzt vollkommen dunklen Gang,
und Raischbach schien es, als ob er gar kein Ende nehmen wollte. Da
hörte er plötzlich ein fernes, wunderliches Geräusch.

„Horch!“ rief das junge Mädchen in Todesangst „sie kommen! -- o, kannst
Du denn nicht schneller laufen?“

„Ich weiß nicht!“ erwiederte der junge Forstgehülfe, „sonst bin ich
flüchtig wie ein Reh, aber jetzt ist es mir, als ob ich die Füße gar
nicht vom Boden bringen könnte -- sie sind mir so schwer wie Blei.“

„O wirf das Gehörn fort! Du darfst nichts mitnehmen.“

„Bah, der Hackelnberg hat mir’s geschenkt -- haben wir denn noch weit?“

„Da kommen sie! Da kommen sie!“ rief das Mädchen, und plötzlich
erschallte das Gewölbe von einem grausigen, furchtbaren Lärm --
Hörnerschall, Peitschenknall, Rüdengebell und Geheul, das Hussah
der Jäger, und nun flog ein rother, glühender Feuerschein durch die
Dunkelheit.

„Das ist die Tut-Osel!“ schrie Marie, und Bernhard sah, wie die Eule
mit feuersprühenden Schwingen sie eingeholt hatte und mit den Flügeln
nach ihnen schlug. Jetzt donnerte das Gestampf der Hufen heran --
jetzt hörten sie das Geklatsch und Geheul der Meute dicht hinter sich,
um sich her. „Hussah!“ hörte er Fräulein Berchta’s Stimme -- „Hussah!
faßt den Burschen da vorn! reißt ihn nieder -- er trägt Beute hinweg!
Hussah -- hussah!“

Raischbach wandte sich und riß den Hirschfänger aus der Scheide, um
sich gegen die Wüthenden zu vertheidigen -- umsonst -- wie Glas knickte
er beim ersten geführten Schlag dicht am Hefte ab, und über ihn hin in
wilder, stürmender Flucht ging die Jagd.



Sechstes Kapitel.

Der Verunglückte.


In der nämlichen Zeit, in welcher der Forstgehülfe Raischbach mit den
Kienspähnen in den Grund zurückgekehrt war, um seinen Hund zu suchen,
kam der Kreiser Metzler von der andern Seite des „Fuchsbaues“ -- wo er
das Revier abgekreist hatte -- heran und wollte den nächsten Weg nach
der Forstei einschlagen, denn er hatte eine Menge Füchse gespürt, und
wenn sie ein paar Kleppertreiben machten, konnten sie vielleicht vier
oder fünf davon schießen. Da kreuzte er auf einmal Raischbach’s Fährte
im Schnee und blieb erstaunt stehen, um sie näher zu betrachten.

„Alle Wetter!“ brummte er vor sich hin, „zweimal hinein, und einmal
heraus, da muß er doch noch drin stecken -- und dem Schuhwerk nach ist
das unser Forstgehülfe; was hat der aber hier im Grund zu suchen?“

Langsam und unwillkürlich ging er eine kurze Strecke der Fährte nach,
als er etwas dicht daneben auf dem Schnee liegen sah, und sich danach
bückend einen kleinen Kienspahn aufhob.

„Na nu?“ sagte der Kreiser kopfschüttelnd, „er wird sich doch da drin
kein Feuer anmachen wollen. Was kann der nur vorhaben?“

Er blieb einen Augenblick stehen und horchte, es wurde aber nichts
laut, als er plötzlich einen Pfiff zu hören glaubte, der aber ganz
dumpf und weitab klang. Antworten mochte er nicht gleich, weil er
fürchtete, dem Jäger da drin vielleicht die Jagd zu verderben; aber
was hatte er nur? etwa seinen Hund in einen Bau gelassen? Na ja, da
kam er schön an, denn der Platz war dafür berüchtigt; wer einen guten
Dachshund hatte, führte ihn dort gewiß nicht hinein, und das wußte der
Forstgehülfe ja auch gut genug. Er blieb eine ganze Weile im Schnee
stehen, aber es ließ sich nichts weiter vernehmen, und er beschloß
endlich, lieber einmal langsam und vorsichtig auf der Spur nachzugehen.

Das that er, und bald entging dem geübten Auge des Waldläufers auch die
Stelle nicht, wo der angeschossene Fuchs abgestürzt war -- den Schuß
hatte er überdieß gehört, wenn er auch nicht genau gewußt, von welcher
Seite der Schall kam. Im Schnee klingt aber ein Schuß überhaupt dumpf,
und dadurch, daß Raischbach in den Grund hineingefeuert hatte, mochte
sich der Schall wohl noch mehr gebrochen haben.

„Alle Teufel!“ rief er aber plötzlich, als er zu der Felsspalte kam und
dort wohl Raischbach’s Gewehr lehnen und den Jagdranzen liegen sah,
sonst aber keine Spur von dem Forstgehülfen entdecken konnte.

Wohin er sich gewandt, zeigte allerdings deutlich genug der Schnee:
in die Wand hinein -- und dazu etwa der Kien? Wahrhaftig, da lag ein
abgebrannter kleiner Spahn und etwas Asche. Der Mann schüttelte den
Kopf, denn er kannte die bösen Spalten und Klüfte in der Wand hier
schon seit langen, langen Jahren. -- Aber wenn er da drinnen stak,
mußte er wenigstens Antwort geben, und dort konnte er auch durch ein
Bischen Lärm nichts verderben. Er stellte also seine alte Flinte
ebenfalls draußen ab, drängte sich ein Stück in die Spalte hinein und
rief den Forstgehülfen bei Namen -- keine Antwort folgte; er pfiff auf
dem Finger -- mit dem nämlichen Erfolg. Er wartete eine Weile und rief
nochmals -- immer dasselbe. Da drinnen herrschte Todtenstille, und kein
Laut ließ sich hören, kein Hundewinseln oder Bellen, wenn der Dachs
vielleicht noch hinter seiner Beute hergewesen wäre.

„Herr Raischbach!“ schrie der Kreiser noch einmal, denn diese Stille
wurde ihm unheimlich. Sollte dem jungen Mann ein Unglück zugestoßen
sein? „Herr Raischbach!“ er schrie so laut er konnte; er hätte ihn da
drin hören müssen, denn der Schall der Stimme donnerte an den Wänden
hin. -- Keine Antwort erfolgte, und dem Mann wurde es jetzt selber
unbehaglich in dem dunkeln Loch. Allein konnte er auch gar nichts
ausrichten, denn passirte ihm ebenfalls etwas, so waren sie Beide
verloren, und Niemand hätte gewußt, besonders wenn der Schnee wieder
wegging, wo sie geblieben wären.

Vorsichtig glitt er zurück, nahm draußen seine Flinte wieder, ließ aber
natürlich die des Forstgehülfen stehen, und eilte jetzt, so rasch er
konnte, in den Wald hinauf und der Forstei zu. Unterwegs traf er ein
paar Holzmacher, die er augenblicklich mitnahm, denn er wußte nicht,
wie man sie gebrauchen konnte, und war nur froh, daß er den ebenfalls
gerade von einer Pirsche zurückgekehrten Förster zu Hause fand.

Der alte Buschmann erschrak, als ihm Metzler Bericht abstattete, und
lief, ohne ein Wort zu sprechen, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab
und kratzte sich das weiße Haar. Er war aber kein Mann, der sich lange
mit Ueberlegen abgegeben hätte, denn er wußte recht gut, wie er hier zu
handeln hatte.

„Metzler,“ sagte er plötzlich vor diesem stehen bleibend, „Euch hat der
liebe Gott vielleicht zur rechten Zeit an den verdammten Platz geführt.
Wie viel Holzhauer habt Ihr bei Euch?“

„Zwei, Herr Förster.“

„Gut; zwei andere arbeiten gleich drüben am schwarzen Bach. Die Lisei
soll augenblicklich hinlaufen und sie abrufen. Den Müller habe ich zu
der neuen Pirschhütte geschickt, den finden wir unterwegs, und von den
Forstschutzleuten liegen zwei, die gerade die Nacht draußen waren, oben
und schlafen. Die müssen auch mit, dann sind wir Leute genug.“

„Und brauchen wir sonst was, Herr Förster?“

„Gewiß -- meine Frau soll Euch gleich einmal die Laterne mit ein
paar Lichtern geben -- oben auf dem Boden habe ich auch noch zwei
Pechfackeln, die holt ebenfalls. Dann nehmt das starke neue Heuseil
mit -- und eine Schaufel und Spitzhack ebenfalls, der liebe Gott weiß,
was wir brauchen. Die Holzmacher sollen auch ihre Aexte nicht vergessen
und noch ein paar kurze Seile -- weiter wird wohl nichts nöthig sein.
-- Und meine Frau soll mir die Schnapsflasche füllen. -- Es war reiner
Wahnsinn von dem Menschen, dort hinein zu kriechen.“

„Schön, Herr Förster.“

„Vergeßt mir nur nichts, Metzler -- zwei Lichter wollen wir mitnehmen
und Feuerzeug -- na, das nehme ich selber, und ein Bischen rasch, denn
wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Der alte Mann befand sich in großer Aufregung, dachte aber dabei
an Alles, und kaum eine halbe Stunde später war die kleine Kolonne
vollständig gerüstet auf ihrem Weg nach dem Fuchsbau, um den, wie
man allen Grund zu vermuthen hatte, Verunglückten aufzusuchen und
zu retten. In kaum einer Stunde hatten sie auch den Platz erreicht,
stiegen an den Felsen hinab und sahen hier augenblicklich, daß
Raischbach den Grund noch nicht verlassen haben konnte -- die Fährten
waren noch, wie sie Metzler gelassen, und als sie dorthin einbogen,
lehnte auch noch das Gewehr draußen an der Felsspalte.

Der Förster selber schrie jetzt ein paar Male in den Bau hinein,
erhielt aber eben so wenig Antwort, wie vorher sein Kreiser, und sie
verloren nun auch nicht viel Zeit, um ihr Rettungswerk vorzubereiten.

Vor allen Dingen wurde eine der Pechfackeln angezündet und der Kreiser
Müller, den sie abgerufen hatten, ein junger, gewandter Bursche,
damit voran hineingeschickt, um zuerst einmal das Terrain genau zu
rekognosziren. Buschmann warnte ihn aber, auch nur einen voreiligen
Schritt zu thun, und rieth ihm an, Zoll für Zoll weiter zu rücken und
mit der Fackel immer vor sich auf den Boden zu leuchten, damit er das
Uebel nicht noch schlimmer mache und ebenfalls zu Schaden käme.

Müller war auch der richtige Mann dazu und kroch unerschrocken in die
Spalte hinein, während seine Begleiter indessen in ziemlicher Ungeduld
seine Rückkehr erwarteten. Er blieb aber nicht lange; bald sahen sie
den Schein der Fackel wieder; aber sein Bericht lautete nichts weniger
als tröstlich.

Kaum zwanzig Schritt drin, wo die Höhle indessen so geräumig sein
sollte, daß vier Mann, und vielleicht noch mehr, bequem neben einander
stehen konnten, machte sie eine kleine Biegung, und dort ging eine
tiefe Spalte hinab. Da hinein war auch der Forstgehülfe gefallen, denn
er hatte seine Fährten in dem weichen Boden gesehen und auch einen
angebrannten Kienspahn am Rand gefunden.

„Und war nichts von ihm zu sehen gewesen?“

Zu weit hatte er sich, wie er sagte, nicht hineingetraut, um nicht
ebenfalls auszurutschen. Dort hinab schien es aber tief und dabei
stockdunkel -- es ließ sich nicht das Mindeste erkennen.

Und was konnte man jetzt thun?

Müller machte einen Vorschlag. Ihre Aexte hatten sie mit; wenn sie ein
paar starke Stangen abhieben und quer über die Spalte legten, so war es
vielleicht möglich, sich hinauszuwagen, um nur erst einmal zu erfahren,
wie tief es wäre. Nachher könne man sich auch vielleicht an einem Seil
hinablassen.

Der alte Förster schüttelte mit dem Kopf; es war ihm nicht recht, daß
seine Kreiser über eine Sache eine Disposition treffen sollten, wo er
daneben stand und gar nichts davon wußte.

„Ich will Euch was sagen, Müller,“ meinte er, „ich werde erst selber
einmal hineingucken, um zu sehen wie der Hase läuft.“

„Aber, Herr Förster!“ rief Metzler erschreckt, „ich bitte Sie um Gottes
willen -- wenn Ihnen dann auch --“

„Seid kein Esel, Metzler,“ sagte der Förster, „ich werde mich schon in
Acht nehmen, habt keine Sorge.“ Und damit warf der alte Mann richtig
seine Sachen ab, zog sogar seinen Rock aus, nahm die Pechfackel und
trat getrost seine Wanderung an. Er wußte ja auch jetzt, wo die Gefahr
eigentlich begann, und es dauerte gar nicht lange, so hatte er den
Platz erreicht und übersah jetzt leicht, was hier zu thun sei, um dem
jedenfalls Verunglückten Hülfe zu bringen. Müller hatte ganz recht, ein
paar Stangen konnten leicht quer übergelegt werden, denn die Spalte
mochte kaum vier Fuß breit sein; aber es mußten dann auch Querhölzer
daran geschnürt werden, damit man einen festen Halt darauf bekam.
Das war also vor allen Dingen fertig zu machen, alles Weitere mußte
verschoben werden, bis man von dort aus rekognosziren konnte.

Der alte Mann versäumte auch keine Zeit. Mit fast Jugendfrische kroch
er zurück und eilte dann selbst mit den Holzmachern in den Wald
hinaus, um die nöthigen Hölzer in der gehörigen Länge abzuschneiden.
Zusammengebunden mußten sie freilich erst in der Höhle selber werden,
da man sie sonst nicht hineingebracht hätte; aber das ging ja auch
leicht an, da der Raum da drinnen gar nicht so beschränkt war, so daß
man sich ziemlich frei bewegen konnte.

Der Förster hatte allerdings, schon wie er das erste Mal in der Höhle
war, wieder und wieder hinabgerufen, um zu hören, ob der Forstgehülfe
noch am Leben sei; aber er horchte vergebens. Ein paar Mal war es ihm,
als ob er da unten ein dumpfes Brausen höre, und einmal hätte er darauf
schwören mögen, daß er Hundegebell vernommen. Jagte der Dachs noch? --
aber dann klang es auch wieder wie das ferne Heulen des Windes, und
zuletzt summte es ihm vor den Ohren, daß er gar nicht mehr im Stande
war, etwas Bestimmtes zu unterscheiden.

Müller und Metzler mußten jetzt mit in die Spalte kriechen, und während
ihnen der Förster mit der Fackel leuchtete, schnürten sie unter seiner
Leitung eine Art Gestell zusammen, das fest genug war, drei Mann mit
Leichtigkeit zu tragen, und jetzt erst begann die nähere Untersuchung
der Felsspalte, in welche der unvorsichtige Forstgehülfe jedenfalls
hinabgestürzt sein mußte.

Zu diesem Zweck mußte die Laterne herbeigeschafft werden, die Buschmann
an ein Seil band und dann selber vorsichtig über den hier ziemlich
schlüpfrigen Boden hinaus auf das Gestell rutschte, um von dort aus die
Laterne hinabzulassen.

Die Spalte war aber tiefer als er selber geglaubt -- es ging ein
ganz verwünschtes Stück hinunter, und das trüb brennende Talglicht
verbreitete dort unten lange nicht genug Helle, um irgend etwas
deutlich zu unterscheiden.

„Es kann nichts helfen, Müller,“ sagte da der Förster, „Ihr seid von
uns der Leichteste und müßt einmal hinunter -- bindet Euch das Seil
um den Leib und laßt dann die Anderen draußen mit hereinkommen und
anfassen, dann rutscht in Gottes Namen. Hier an der einen Seite scheint
auch feuchter Lehmboden zu sein, und Ihr findet vielleicht unterwegs
einen Fußhalt.“

Es wurde weiter kein Wort gesprochen. Metzler, ein durchaus praktischer
Kopf, hatte das rasch geordnet; die Holzmacher und Forstschutzleute
wurden nacheinander durch die Felsspalte postirt, so daß Jeder einen
festen Halt an dem Seil bekam. Müller knotete sich dasselbe dann fest
unter den Schultern durch, und sich auf den Boden setzend gab er
Befehl, langsam nach und nach ihn hinunter zu lassen. Der Förster saß
dabei noch immer auf dem Gestell und ließ jetzt die Laterne langsam mit
dem Niedergleitenden sinken, so daß dieser doch immer etwas Licht um
sich hatte und sehen konnte, wo er sich befand.

Es war ein Augenblick peinlicher Erwartung, als der junge Kreiser
endlich Boden unter sich fühlte und „Halt!“ rief, damit die Leute oben
nicht zu viel Seil nachließen und er dann vielleicht noch tiefer
abrutschte. Der Förster hielt ihm dabei die Laterne so, daß er sie mit
der Hand erreichen konnte, und der Mann nahm sie, um umher zu leuchten.
Es dauerte aber nur wenige Sekunden, als er schon ausrief: „Hier liegt
er.“

„Du großer Gott!“ stöhnte der alte Förster; „ist er todt?“

„Ja, ich weiß nicht,“ sagte der Mann, und seine Stimme klang von unten
herauf dumpf und hohl -- „er fühlt sich aber noch warm an -- und da
liegt auch der Dachshund und der Fuchs -- er ist mit dem Kopf gerad auf
seinen Dachs gestürzt. Das sieht gut hier unten aus.“

„Und wie kriegen wir ihn herauf, Müller?“

„Ja, ich weiß nicht -- das wird ein bös Stück Arbeit werden.“

„Könnt Ihr nicht Stufen in die Lehmwand hauen?“

„Das ginge vielleicht,“ sagte der Mann nach einer Weile. „Jedenfalls
muß aber von oben nachgeholfen werden, und dazu ist am Ende das Gestell
nicht stark genug.“

„Wir legen noch ein paar stärkere Stangen hinüber. Wollt Ihr die
Spitzhacke haben?“

„Ja -- aber Sie müssen sie langsam herunterlassen, sonst fällt sie
Einem von uns auf den Kopf. Das Seil können Sie locker lassen -- es
geht hier nicht weiter ab -- nur in den Berg hinein zieht sich noch
eine Spalte.“

Die nöthigen Vorkehrungen nahmen jetzt wieder eine gute Weile in
Anspruch -- es mußten noch ein paar starke Stangen draußen abgehauen
und herbeigeschafft werden, was immer eine längere Zeit dauerte.
Müller hatte sich indessen bemüht, den Forstgehülfen zum Bewußtsein zu
bringen, aber vergebens. Der Förster ließ ihm seine Flasche Branntwein
hinab, daß er ihm damit die Schläfe waschen sollte, aber es half nichts
-- er blieb still und regungslos liegen und schien nicht zu fühlen, was
um ihm her vorging.

Müller bekam auch jetzt die Spitzhacke hinab, aber das Einhauen ging
nicht so leicht, als er gedacht, da er nicht ordentlich ausholen
konnte. Trotzdem aber hackte er doch in etwa vier Fuß vom Boden der
Höhle einen Platz ein, wo ein Mann fest stehen konnte, und bis dahin
Stufen hinauf, und wie er das erst fertig hatte, gelang es ihm auch
weiter oben noch einen Stand zu Wege zu bringen, von dem aus er
wenigstens nachhelfen konnte.

Jetzt begann das Aufwinden des Verunglückten. Müller hatte ihm so
vorsichtig als irgend möglich sein Seil unter den Armen durchgezogen,
stützte ihm dann den Kopf und gab das Zeichen zum Anziehen. Es war
allerdings ein schwer Stück Arbeit, aber dadurch, daß Müller unten
einen festen Halt bekommen hatte und höher steigen und nachhelfen
konnte, ging es doch, wenn auch freilich nur sehr langsam. Die Höhe
oder vielmehr Tiefe der ganzen Spalte mochte etwa zwanzig Fuß betragen,
und nur dadurch, daß der Förster oben einen starken Pflock in den
Boden hatte einschlagen lassen, um den sie das Seil manchmal schlagen
und dann rasten konnten, gelang es in verhältnißmäßig kurzer Zeit,
den schweren Körper des bewußtlosen Mannes nach und nach so weit in
die Höhe zu bekommen, daß sie ihn endlich oben an den Kleidern fassen
und auf den Rand der Spalte bringen konnten. An’s Freie schafften
sie ihn dann schnell. Wo es ging, wurde er dann getragen, wo es zu
eng wurde, gezogen, und draußen rieben sie ihm Stirn und Schläfe mit
Schnee, und suchten ihn durch alle erdenklichen Mittel wieder zum Leben
zurückzubringen. Aber es blieb Alles vergeblich und ihnen zuletzt
nichts weiter übrig, als eine Tragbahre herzustellen und ihn damit zur
Forstei zu schaffen. Von dort sollte dann augenblicklich ein Bote in
den nächsten Ort gesandt werden, um einen Wundarzt herbeizuholen.

Der Förster wollte übrigens auch den so theuer erkauften Fuchs
mitnehmen, den Müller unten mit dem todten Dachshund und der Spitzhacke
zusammenbinden mußte, und erst als sie das Alles oben hatten, ließ
sich der junge Kreiser das Seil wieder herunter geben, schnürte sich
selber daran fest, kletterte dann, so weit er eingehauen hatte, nach
und wurde die letzte Strecke in die Höhe gewunden. Das Gestell blieb
noch vor der Hand in der Höhle, da man keinen Augenblick Zeit versäumen
wollte, um den Bewußtlosen fortzuschaffen und ihm ärztliche Hülfe zu
bringen. Er kam auch nicht auf dem Weg zu sich; Leben war noch in
ihm und eigentliche böse Verletzungen ließen sich nirgends an ihm
entdecken. Möglich, daß auch der Sturz auf seinen Hund, der freilich
dem armen Dachs das Rückgrat knickte, seinen Fall in etwas gebrochen
hatte, denn wie Müller aussagte, lagen dort unten eine Menge scharfer
Steine. Das Alles aber mußte der Arzt entscheiden, wenn er kam, und bis
dahin konnten sie nichts für den Armen thun, als ihn eben so sorgsam
als möglich nach Haus und auf sein Bett schaffen, wo er ja jede nöthige
Pflege hatte.



Siebentes Kapitel.

Die Einladung.


Der Tag war damit vollständig auf die Neige gegangen und es wurde
sehr spät, ehe der nächstwohnende Chirurg herbeigeholt werden konnte.
Raischbach gab auch jetzt noch kein Lebenszeichen von sich, und
nach geraumer Untersuchung zeigte sich denn, daß allerdings kein
Knochenbruch vorhanden sei -- wenigstens keiner, der sich jetzt
erkennen ließ, jedenfalls aber eine Gehirnerschütterung stattgefunden
habe, deren Erfolg und Entwickelung man eben abwarten müsse, denn es
ließ sich darin nichts weiter thun.

Am Kopf zeigten sich allerdings einige leichte Schrammen, auch die
rechte Hand war etwas verletzt, aber das Alles heilte bald wieder,
sowie nur das Hauptübel gehoben worden. Für jetzt verordnete der Arzt
deßhalb nur Ruhe und Schneeumschläge um den Kopf, um das Wundfieber so
viel als möglich fern zu halten.

Bernhard Raischbach lag so zwei volle Tage und Nächte ohne Besinnung,
und die alte Lisei wich indessen nicht von seinem Lager und pflegte ihn
mit wirklich rührender Aufopferung. Sie hatte aber den jungen Mann,
der immer so freundlich gegen sie war und sie nie über einer Erzählung
auslachte, lieb gewonnen und nur sehr selten ließ sie sich von der
Frau Försterin oder einem der Kreiser ablösen, um selber einmal ein
paar Stunden zu schlafen. Sie behauptete immer, sie wäre gar nicht müde.

Am dritten Tag endlich, nachdem der Chirurg zweimal wieder da gewesen
war und immer bedenklicher mit dem Kopf geschüttelt hatte, schlug der
Kranke die Augen auf und schien seine Umgebung zu kennen.

„Ja, Lisei,“ sagte er erstaunt, „wie kommst Du denn hierher?“

„Ich, Herr Forstgehülfe?“ rief die alte Person; „aber dem Himmel sei
Dank, daß Sie nur wieder reden können. Nun wird ja auch Alles bald gut
sein. Wir haben recht Angst um Sie gehabt.“

„Um mich, Lisei?“ lächelte Raischbach und schüttelte mit dem Kopf.
„Ja, wenn die Marie nicht gewesen wäre, die Anderen waren freilich
verrätherisches Volk, der Hackelnberg und der Hans Jagenteufel -- hol’
sie der Böse -- und die Berchta hatte vor Allem den Teufel im Leib.
Herr Gott, ist das ein wildes Frauenzimmer!“

Die alte Lisei schlug vor Entsetzen die Hände zusammen; Bernhard aber
hatte die Augen schon wieder geschlossen und lag still und ruhig, als
der Förster auf den Zehen eintrat und flüsterte: „Holla, Lisei -- hat
denn der Raischbach nicht eben gesprochen?“

„Ach ja wohl, Herr Förster!“ stöhnte die Alte; „aber, Jesus Maria und
Joseph, lauter tolles Zeug! Er ist hier nicht richtig“ -- und sie
deutete sich mit einer äußerst bestürzten Miene auf den Kopf.

„Phantasirt er?“ frug der Forstmann, indem er leise näher kam.

„Er pappelt irre!“ sagte die Alte -- „immer vom wilden Jäger und
solchen Geschichten und dann auch wieder von der Jungfrau Maria
dazwischen.“

Der alte Förster winkte ihr nur beruhigend mit der Hand und wollte eben
das Zimmer wieder verlassen, als Raischbach zum zweiten Mal die Augen
aufschlug, sich jetzt aber gar nicht nach den in der Stube Befindlichen
umsah, sondern nur im Bett herumfühlte, als ob er etwas suche.

„Heda, Raischbach!“ rief da Buschmann freundlich, indem er zu seinem
Bette trat und seine Hand faßte; „das ist recht, daß Sie die Geschichte
abgeschüttelt haben; nun halten Sie sich nur noch ein oder zwei Tage
ruhig, und es wird Alles wieder gut sein.“

„Guten Tag, lieber Herr Förster,“ sagte der Kranke mit allerdings etwas
matter Stimme, fühlte aber immer noch mit der andern Hand neben sich
herum.

„Suchen Sie etwas?“ frug ihn Buschmann.

„Ja,“ sagte Raischbach leise -- „ich -- ich hatte da drunten ein Gehörn
gefunden -- ein prachtvolles Rehbocksgehörn.“

„Unten im Fuchsbau?“

Der Forstgehülfe nickte -- „ach, Lisei, habt Ihr es weggethan?“

„Ich habe nichts gesehen, Herr Raischbach,“ sagte die Alte
kopfschüttelnd; „aber beruhigen Sie sich jetzt nur -- wenn es da war,
wird es sich auch schon wieder finden, der Doktor hat aber gesagt, daß
Sie sich nicht so viel bewegen dürfen. Hübsch still müssen Sie liegen.“

Der Kranke fühlte in der That, wie ihn die Bewegung schmerzte, und
sank auf sein Kissen zurück, lag auch wieder eine lange Zeit still
und regungslos und schaute nur wie träumend an die Decke, that aber
keine Frage und verlangte nichts. So verging der ganze Tag, und die
Nacht schlief er fest und ruhig, fühlte sich auch am nächsten Morgen
bedeutend besser und bat jetzt selber die Lisei, daß sie den Förster
heraufrufen möge, um von diesem alles Nähere über seinen Zustand zu
erfahren. Dieser zögerte auch nicht, da er den Kranken völlig ruhig
und seiner selbst bewußt fand, ihm Alles zu erzählen, wie es sich an
jenem Tag begeben: wie Metzler seine Spur im Schnee gefunden und sie
zur Hülfe herbeigerufen habe, und was sie für eine nichtswürdige Arbeit
gehabt hätten, ihn aus der engen Spalte wieder herauf an’s Tageslicht
zu bekommen.

Raischbach hörte, ohne ein Wort hineinzureden, Alles ruhig an, bis er
erfuhr, daß der Kreiser Müller unten bei ihm gewesen wäre und also den
Platz genau gesehen habe. Er bat jetzt den Förster, ihm den nachher
einmal heraufzuschicken, damit er ihn über Manches fragen könne. Müller
war freilich jetzt draußen im Wald, als er aber zurückkehrte, wurde er
augenblicklich zu dem Kranken beordert, der schon in seinem Bett saß
und nur noch den Kopf in die Hand stützte. Es summte und hämmerte ihm
doch noch ein wenig von dem Sturz im Hirn.

Der junge Bursche mußte dem Kranken jetzt eine genaue Beschreibung des
Platzes selber geben, und Raischbach horchte besonders hoch auf, als er
ihm erzählte, daß von da unten aus noch eine Seitenspalte in den Berg
hineinführe.

„Ob er dort drinnen gewesen?“

„Nein, wahrhaftig nicht; sie hatten gerade genug mit ihm selber zu
thun gehabt, um in den dunklen Ritzen und Höhlen herum zu kriechen.
Keinesfalls ging die auch weit hinein, und das Gestein war da wohl nur
auseinander gerissen.“

„Und ein Rehbocksgehörn hatte er dort unten nicht gesehen, ein starkes
Gehörn?“ frug Raischbach.

„Da unten? nein!“ sagte der Kreiser erstaunt. „Wie sollte das auch
dahin kommen? Haben Sie etwa den Abwurf[D] von dem alten Bock gefunden?
-- Aber das ist ja nicht möglich, es liegt ja Schnee.“

Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf, und der Kreiser mußte jetzt
erzählen, wie er gelegen hatte. „Armer Dachs!“ sagte er dabei, als er
hörte, daß er mit dem Kopf gerade auf seinen eigenen Hund gestürzt sein
mußte, was freilich den Fall gebrochen hatte.

„Und das Gestell, das sie gebaut, war noch in der Höhle?“

„Gewiß -- was lag an den paar Stangen Holz, und es arbeitete sich
verwünscht schlecht in dem engen Loch.“

Der Kranke legte sich auf sein Kissen zurück, und da Müller glaubte,
daß er vielleicht schlafen wolle, verließ er leise das Zimmer.

Von dem Tag an erholte sich Raischbach außerordentlich rasch. Schon
am nächsten Morgen konnte er aufstehen und im Zimmer herumgehen, und
wenn ihn auch die Glieder noch schmerzten, denn er sah am ganzen Körper
braun und blau aus, war er doch im Stande, sich frei zu bewegen, und
hatte die gewisse Ueberzeugung, daß er keine böse Verletzung, besonders
keinen Knochenbruch, davon getragen. -- Acht Tage später war er
wieder im Wald, und langsam, mit der Büchse unter dem Arm, schlug er
unwillkürlich die Richtung nach der Stelle ein, an welcher er damals
verunglückt. Aber er durfte jetzt noch nicht wagen die eigentliche
Höhle selber zu betreten, dazu waren ihm die Glieder noch nicht wieder
gelenk genug -- nur den Platz wollte er sehen und -- wieder einmal
in der Nähe sein, und als er sich dort umgeschaut, kehrte er nach
Haus zurück. Wie er aber den Hang hinaufstieg, was ihm noch immer
ein wenig schwer wurde, so daß er sich oft hinsetzen und ausruhen
mußte, raschelte plötzlich etwas im Laub, und als er unwillkürlich
seine Büchse in die Höhe nahm, stand der alte Bock, dem er so oft
nachgegangen, auf kaum dreißig Schritt ruhig und breit vor ihm und
sicherte nach einer ganz andern Richtung hinüber; er hatte ihn gar
nicht bemerkt.

Raischbach lachte still vor sich hin; wie manchen Pirschgang hatte er
dem Bock zu Liebe gemacht, und wie genau kannte er ihn an dem breiten
Kopf und kurzen Hals -- und immer und immer vergebens; und jetzt, da
er ihn nicht brauchen konnte, denn er hatte ja in dieser Zeit sein
prachtvolles Gehörn abgeworfen und ging kahl umher, stellte er sich
breit vor ihn hin und schien so vertraut, wie nur möglich. -- In dieser
Jahreszeit war nichts mit ihm anzufangen, und der Forstgehülfe hob die
Hand und winkte ihn ab. -- Im Nu bemerkte auch der Bock die Bewegung,
warf scheu den Kopf herum, sah den gefürchteten Feind dicht vor sich,
schreckte mit lauter tiefer Stimme und war dann mit einem Satz im
Dickicht verschwunden, wo ihn der Forstgehülfe noch konnte weitab durch
die Büsche brechen hören.

So mochten vierzehn Tage vergangen sein -- es war bitterkalt geworden,
lag aber nur wenig Schnee -- als Raischbach den Kreiser Müller eines
Morgens bat, ihn zu begleiten und -- das Seil mitzunehmen, dem Förster
aber nichts davon zu sagen. Er wolle sich, wie er meinte, nur einmal
den Platz selber ansehen, in den er damals hinabgestürzt. Müller
machte allerdings Einwendungen, da er ihn aber versicherte, daß gerade
die Holzmacher da unten arbeiteten und sie jede Vorsicht gebrauchen
würden, um ein Unglück zu vermeiden, ließ er sich endlich überreden,
und die Beiden traten ihren Marsch an.

An Ort und Stelle angekommen, wurde in der That jede nur mögliche
Vorsicht gebraucht, und Raischbach ließ sich nun selber, mit einer
wieder hergestellten Kienfackel, in den Spalt hinunter. Der Platz lag
aber öde und kahl. Nur die alten Blutspuren fand er noch vor, wo der
Fuchs gelegen, und vergebens leuchtete er nach etwas Anderem darin
umher. Aber er begnügte sich damit noch nicht, sondern wollte auch in
die in den Berg führende Felsspalte eindringen, mußte das aber bald
wieder aufgeben, denn kaum zwei Schritt darinnen wurde dieselbe so
eng, daß er sich gar nicht mehr hindurchpressen konnte -- dort ging
auch wieder eine tiefe Kluft hinunter und er mußte zuletzt den Versuch
aufgeben. Ein Mensch konnte dort nicht einpassiren.

                                   *

So verging der Winter; der Schnee schmolz, das Frühjahr brach mit
seinen tausend Knospen aus -- der Auerhahn balzte, die Schnepfe strich,
die Rehböcke hatten wieder frisch aufgesetzt und die Zeit rückte
heran, wo schon ein Grashirsch geschossen werden konnte. Es war Juni
geworden und im Walde klang und jubelte es von der munteren Vogelwelt.

Raischbach sah das Alles an sich vorübergehen, ohne Theil daran zu
nehmen. Er war seit jenem Sturz nicht mehr der lustige, fröhliche
Waidmann wie vordem, sondern still und einsilbig geworden und schien
es am Liebsten zu haben, wenn man ihn ruhig in irgend einer Ecke
sitzen und seinen Gedanken nachhängen ließ. Anfangs glaubte der alte
Förster auch, es sei das noch alles eine Folge des Sturzes, der ihm
doch vielleicht das Gehirn mehr, als man früher geglaubt, erschüttert
haben mochte. Dies schien aber nicht der Fall; er klagte auch nie über
Kopfschmerzen oder Schwindel und befand sich körperlich vollständig
wohl. Was ihm aber auf dem Herzen lag, darüber sprach er mit Niemanden,
ging jedoch dabei seiner Pflicht auf das Eifrigste nach und versäumte
oder vergaß nie etwas.

Sein liebster Pirschgang, wenn es ihm nur immer seine Beschäftigung
erlaubte, blieb aber nach jenem Revier, in welchem der Fuchsbau lag,
und der Förster neckte ihn oft darüber, daß er den alten Bock noch
nicht vergessen könne -- aber Raischbach dachte an Anderes als den
Bock -- er wollte dem Mädchen wieder begegnen, das er damals an
jener Stelle getroffen, und mußte -- immer und immer wieder in seiner
Hoffnung getäuscht -- den Heimweg antreten.

Hatte er denn jenes Begegnen auch nur geträumt? Es wurde ihm manchmal
ganz wirr im Kopfe und er saß dann oft stundenlang still und regungslos
im Wald, stützte die heiße Stirn mit beiden Händen und sann und sann.

So war er auch eines Tages wieder draußen gewesen -- gerade an einem
solchen Tag wie damals, als er das wunderliebliche Mädchen im Wald
getroffen, und hatte stundenlang oben am Rand des Grundes gesessen
und hinabgesehen, als ob er sie gerade dort an der unheimlichen
Stelle erwarte. Umsonst, kein lebendes Wesen regte sich, einen Geier
ausgenommen, der über ihm in der Luft kreiste und dann und wann seinen
scharfen Schrei ausstieß. Er bekam es endlich satt -- der Mond war auch
schon lange aufgegangen, und er mußte an den Heimweg denken.

Es war völlig Nacht, ehe er das Forsthaus erreichte, und er wunderte
sich, die untere Stube so hell erleuchtet zu sehen, denn sonst brannte
Abends immer nur die ziemlich trübe Lampe, bei der die Frau Försterin
und die alte Lisei spannen und der Förster noch seine Dampfwolken
dazwischen blies.

„Merkwürdig,“ dachte er bei sich, „was die nur heute da drinnen haben
-- ob Besuch angekommen ist? Aber woher -- wer soll uns hier im Wald
besuchen? Wenn ich’s nur wüßte, so machte ich gleich, daß ich oben in
meine Kammer käme und ließe mich vor keinem Menschen mehr heut Abend
sehen. Hunger hab’ ich doch nicht, und meine Suppe kann mir die alte
Lisei auch später heraufbringen.“

Er glitt vorsichtig dem Hause zu, aber der alte Schweißhund, der im
Sommer vor der Thür lag, hatte ihn schon gewittert und schlug an, und
gleich darauf öffnete sich eines der unteren Fenster und des Försters
Stimme rief heraus; „Raischbach, sind Sie das?“

„Ja, Herr Förster,“ erwiederte der junge Mann.

„Aber Donnerwetter! wo haben Sie heute so lange gesteckt? Wir glaubten
schon, daß Ihnen wieder ein Unglück zugestoßen wäre -- na, machen Sie
nur, daß Sie hereinkommen.“

„Aber ich werde mich erst umziehen müssen, Herr Förster! ist denn
Besuch da?“

„Besuch? -- wo soll denn der herkommen?“ rief Buschmann. „Keine Seele
ist da, als meine Alte und ich und die Lisei.“

„Weil es so hell im Zimmer war.“

„Ach so -- na, kommen Sie nur; die Frau hat gerade heißen Kaffee, und
der wird Ihnen gut thun.“

Raischbach schüttelte mit dem Kopf; der alte Förster kam ihm so
ausgelassen lustig vor; hatte er vielleicht einen Schluck über den
Durst gethan? Aber das geschah doch eigentlich nie, und heute, mitten
in der Woche, wäre er gewiß nicht draußen gewesen. Aber er trat in’s
Haus, hing dort sein Gewehr an einen der dafür bestimmten eisernen
Haken und ging dann wie gewöhnlich in’s untere Zimmer.

Dort sah es aber in der That festlich aus, und wenn auch kein Besuch
da war, schien es doch, als ob welcher erwartet würde -- was aber,
zu so später Stunde und hier oben im Wald, unmöglich gewesen wäre.
Förster Buschmann trug seine Sonntagsjoppe mit den neuen großen
Hirschhornknöpfen, und die Frau Försterin die große Haube mit den
beiden langen weißen Zipfeln, von denen der Alte früher behauptet, sie
sehe damit aus, als ob sie sich „verlappt“ hätte. Selbst die alte Lisei
hatte eine reine weiße Schürze vorgebunden und ihren „Geh zur Kirche
Rock“ angezogen, und auf den Tisch war ein weißes Tuch gedeckt und
die Kaffeekanne dampfte dort, während neben ihr ein frischgebackener
und dicht mit Zucker überstreuter Kuchen zwischen ein paar großen
Blumenbouquets stand.

War denn dem „Alten“ sein Geburtstag? Gott bewahre, der fiel ja in den
Februar und der der Frau Försterin war im März, und wann die alte Lisei
geboren sei, wußte Niemand, da sie den Tag vergessen hatte, und er
selber war in der Neujahrsnacht zur Welt gekommen.

Und wie förmlich sich die Frau Försterin vor ihm verneigte, als er
in’s Zimmer trat; es wurde ihm ordentlich unheimlich zu Muthe. Irgend
etwas mußte vorgefallen sein, aber er fühlte sich gerade nicht in der
Stimmung, einen „festlichen Abend“ zu verleben, und wollte sich eben
still in seine Ecke hinter dem Ofen drücken, als ihm Buschmann den Weg
vertrat, seine Hand ergriff und mit feierlicher Stimme sagte: „Herr
Förster Raischbach, es freut mich unmenschlich, daß Sie überhaupt heute
Abend noch nach Hause gekommen sind.“

„Guten Abend, Herr Förster!“ sagte jetzt auch die alte Frau mit tausend
freundlichen Runzeln über ihr gutes Gesicht und reichte ihm die Hand,
und „guten Abend, Herr Förster!“ wiederholte die alte Lisei und machte
einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix.

Raischbach sah sie Alle der Reihe nach erstaunt an und würde es
nicht um eine Idee wunderbarer gefunden haben, wenn in dem Moment die
Thür aufgegangen und Graf Hackelnberg, der wilde Jäger, ebenfalls
hereingetreten wäre und gesagt hätte: „Guten Abend, Herr Förster, wie
befinden Sie sich?“ Ueberhaupt waren ihm in der letzten Zeit so wirre
und wilde Bilder durch den Sinn gegangen, daß er Traum und Wachen kaum
von einander unterscheiden konnte, und er mochte auch wohl bei der
Anrede ein ganz verzweifelt verdutztes Gesicht gemacht haben, denn der
alte Förster lachte laut auf und rief: „Nun, mein lieber Herr Förster,
Sie sehen ja gerade so verdutzt aus wie ein Hirsch, der gegen das Zeug
anrennt und nicht daraus klug werden kann, was ihm da auf einmal im Weg
steht. Sie glauben’s am Ende gar nicht?“

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch glauben soll,“ sagte Raischbach
endlich, -- „aber warum nennen Sie mich denn alle ‚Herr Förster‘, als
ob ich im Wald draußen umgewechselt wäre?“

„Sind Sie auch,“ lachte der Alte, „sind Sie auch, mein lieber Herr
Förster -- rein umgewechselt oder aus der Puppe gekrochen, denn aus dem
Forstgehülfen ist plötzlich, mit Hülfe dieses kleinen Stückes Papier,
ein stattlicher Förster ausgekrochen, den ich von jetzt an ‚Herr
Kollege‘ nennen kann.“ Und damit hielt der alte Jäger Raischbach einen
großgesiegelten Brief vor, auf dem mit klaren deutlichen Worten stand:

    Sr. Wohlgeboren
    dem Herrn Förster Bernhard Raischbach.

Jetzt ließ sich aber die Frau Försterin nicht mehr länger halten,
sondern gratulirte mit herzlichen Worten dem jungen Manne zu seiner
so wohlverdienten Beförderung. Auch Buschmann selber holte ein
erhaltenes Schreiben vor -- denn der Brief an den neuen Förster war in
dieses eingeschlossen gewesen -- und las ihm daraus eine Stelle des
Oberforstamts vor, in welchem sich die Herren sehr günstig über die
von Raischbach bewiesene Thätigkeit und dessen persönlichen Muth den
Wilderern gegenüber aussprachen und ihm deßhalb, in Anerkennung seiner
Verdienste, die Beförderung zusandten.

Aber die alte Lisei mahnte, daß der Kaffee ganz kalt würde, wenn
sich die „Leutchen“ nun nicht bald zu Tisch setzten, und die Frau
Försterin fuhr auch gleich geschäftig in der Stube herum, rückte die
Stühle zurecht, klirrte mit den Tassen und schenkte ein, so daß an ein
längeres Zögern nicht zu denken war.

Allerdings that es den alten Leuten wohl leid, daß sie den jungen
wackern Mann jetzt bald verlieren sollten, denn mit dem neuen Rang
verstand es sich auch von selbst, daß er eine eigene Forstei bekam,
aber das war ja doch nicht zu ändern, und seinem Glück mochten sie
nicht einmal mit einem Wunsche im Wege stehen.

Wohin er nun versetzt werden würde, wußten sie freilich nicht; im Brief
stand, daß er darüber in den nächsten Tagen eine Anordnung bekommen
sollte, aber weit weg war’s gewiß, denn so nahe lagen die Forsteien
nicht neben einander in dem wilden Waldland. Daran ließ sich auch
nichts ändern, und das mußte eben abgewartet werden -- besuchen konnte
man sich ja doch wohl dann und wann einmal, und Raischbach versprach
schon heilig, daß er herüber kommen wolle, und wenn sie ihn an’s andere
Ende des Staates brächten -- den Spessart vergäße er im ganzen Leben
nicht.

„Apropos, Raischbach,“ sagte der Förster Buschmann -- „beinah hätt’
ich’s vergessen. Kennen Sie denn den Oberförster Böckler im Hessischen
drüben? Das hab’ ich ja gar nicht gewußt.“

„Ich? -- nein!“ sagte Raischbach kopfschüttelnd -- „seit ich hierher
versetzt wurde, bin ich erst ein einziges Mal über die Grenze gekommen,
und das war damals, wie wir Nachts den angeschossenen und drüben
verendeten Hirsch herüberholten -- hab’ mich aber dabei wohl gehütet,
den Oberförster aufzusuchen.“

„Ja, ich weiß wohl,“ lachte der Alte. „Die Geschichte hätte Ihnen auch
bös bekommen können -- na, es ist gut abgelaufen und vorbei -- aber der
Oberförster -- ein alter Freund von mir, wenn wir uns auch über Jahr
und Tag nicht gesehen haben, kennt Sie doch.“

„Mich?“ sagte Raischbach mit dem Kopf schüttelnd; „das ist wohl kaum
möglich -- woher sollte er mich kennen?“

„Ja, das weiß ich auch nicht,“ meinte Buschmann, während er den
Kuchenteller zurückschob und die Pfeife wieder vorholte -- „aber
morgen hält seine einzige Tochter Marie Hochzeit, und da hat er heute
einen expressen Boten herübergeschickt, um mich und meine Alte und den
‚Forstgehülfen Raischbach‘ dazu einzuladen -- da liegt der Brief, die
Braut muß ihn selber geschrieben haben, denn Böckler hat seinen Kindern
eine gute Erziehung gegeben, und die Buchstaben sehen ordentlich wie
gedrechselt aus.“

Dabei reichte er dem jungen Mann den Brief, den jedenfalls eine
Frauenhand geschrieben, und dieser las in der That zu seinem Erstaunen
den eigenen Namen, wie es schien, absichtlich mit großer Deutlichkeit
ausgeführt und noch außerdem besonders -- wenn auch nur ganz fein --
unterstrichen.

„Das ist ja doch merkwürdig!“ sagte er; „und wo wohnen denn die Leute?
-- weit von hier?“

„Gar nicht so weit,“ sagte Buschmann, „vielleicht eine halbe Stunde
Wegs über der Grenze drüben bei Hettenbach im sogenannten Bau.“

„Im Bau?“ rief Raischbach, erschreckt emporfahrend.

„Das Thal heißt so,“ nickte der Alte, „wo die Forstei liegt, weil es
von beiden Seiten eng eingeschlossen ist und das Haus selber, besonders
wenn man in die Nähe kommt, so aussieht, als ob es in einem grünen
Gewölbe stäke. Es ist wirklich ein reizender Platz und schon der Mühe
werth, daß man ihn einmal besucht.“

„Im Bau!“ wiederholte Raischbach noch einmal, aber mehr zu sich selber
als dem Alten redend: „das ist doch sonderbar -- und seine Tochter
heißt Marie und macht morgen Hochzeit?“

„Da steht ja die ganze Geschichte im Brief. Sie heirathet aber aus
dem Wald hinaus, einen Doktor, und mir wär’ das nicht recht, wenn ich
Töchter hätte. Mich wundert’s, daß es der alte Böckler gelitten hat.“

„Er wird’s nicht haben hindern können, Vater,“ nickte freundlich die
alte Frau. „Wenn sich ein paar junge Leute erst einmal lieb und ihr
Brod haben, wer kann sie da auseinander halten? -- Aber nicht noch eine
Tasse, Herr Förster? -- Sie haben ja beinah gar nichts getrunken.“

„Ich danke wirklich, Frau Försterin!“

„Oder wenigstens noch ein Stückchen Kuchen.“

Der junge Mann hatte sein Aeußerstes an Essen und Trinken gethan -- es
war auch spät geworden, und nachdem er seine Pfeife ebenfalls in Brand
gebracht, zog er sich bald darauf, unter dem Vorgeben, heute Abend
besonders müde zu sein, auf sein Zimmer zurück. Die Frau Försterin
rief ihm aber noch nach, sich morgen früh ja um zehn Uhr etwa bereit
zu halten, daß sie dann zusammen nach Böckler’s hinübergingen, weil er
allein gar nicht den Weg gefunden hätte. Länger durften sie auf keinen
Fall warten, sonst kamen sie zu spät, denn um zwölf Uhr sollte die
Trauung sein und anderthalb gute Stunden hatten sie zu gehen.


    [D] Abwurf ist das Geweih, was Hirsch oder Rehbock im Winter
        verliert, um im Frühjahr wieder neue Stangen anzusetzen.



Achtes Kapitel.

Der Bock.


Raischbach konnte an dem Abend fast gar nicht einschlafen, so gingen
ihm die heute gehörten Neuigkeiten im Kopf herum. Daß er selber
Förster und dadurch selbstständig geworden, beschäftigte ihn aber
wunderbarer Weise am Wenigsten; mehr als Alles dagegen, daß es ganz in
der Nähe einen Ort gäbe, der „im Bau“ heiße. -- Und hatte ihm jenes
fremde, wunderliebe Mädchen, das er damals im Wald getroffen, nicht
gesagt, daß sie „im Bau“ wohne, und er darunter thörichter Weise nur
den einen derartigen Platz verstanden, den er kannte? Und sie hieß also
wirklich Marie, wie er sie damals in seinem Traum oder Wachen -- er
wußte es selber nicht -- genannt, und morgen um zwölf Uhr feierte sie
ihre Hochzeit und hatte ihn selber dazu eingeladen, damit er Zeuge der
Trauung sein solle.

Er fiel endlich in einen unruhigen Schlaf, aber der Traum spielte fort.
Wieder traf er die Jungfrau, die jetzt mit dem Grafen von Hackelnberg
Arm in Arm spazieren ging, und hinterher hinkte die alte Urschel und
schüttelte immer mit dem Kopf, und die schöne Berchta sauste auf ihrem
milchweißen Renner daher. Jetzt hatte sie ihn erblickt, und mit einem
Hussah und Halloh hetzte sie ihre mageren Rüden auf ihn, die mit
Gebell und Geheul heranstürmten. Jetzt waren sie dicht an ihn heran;
da riß sich Marie von des wilden Jägers Arm los und wollte sich ihnen
entgegenwerfen. Umsonst! was vermochte ihre schwache Kraft gegen die
teuflischen Bestien; sie wurde zu Boden gerissen, und wie er selber in
wilder Wuth nach seinem Hirschfänger griff, um sie zu retten, brachte
er ihn nicht aus der Scheide. Wie festgeleimt stak er darin, und heran
brachen die Hunde mit offenen, gifthauchenden Rachen -- die Tut-Osel
flog herbei mit ihren glühenden Augen und breiten Schwingen -- schon
fühlte er das scharfe Gebiß der Rüden an seiner Kehle, als er mit einem
Schrei in seinem Bett emporfuhr und wild verstört umherblickte.

Das Fenster hatte er am Abend vorher und in der warmen Nacht offen
gelassen und er hörte draußen im Busch den Ruf der Nachtschwalbe -- das
erste Zeichen des anbrechenden Tages. Es war noch sehr früh, aber er
fühlte sich auch so aufgeregt, daß er doch nicht mehr schlafen konnte
oder wollte. Er stand auf, wusch sich und zog sich an und schlich sich
dann, um Niemanden im Haus zu stören, die Treppe hinunter, nahm seine
Büchse vom Nagel und wanderte in den Wald hinaus.

Es war ein ganz wundervoller Morgen, und noch prangten die Sterne in
voller Pracht am Himmel, aber schon zeigte sich im Osten der erste
lichte Streif und hie und da begannen einzelne kleine Vögel ihr leises
Zwitschern und Zirpen, fast wie selber noch im Traum und aufgeblustert
auf ihren Zweigen.

Es mußte die Nacht ein wenig geregnet haben, denn der Boden war feucht
-- man hörte keinen Schritt, und still und sinnend wanderte der junge
Forstmann durch den schweigenden, wundervollen Wald in die jetzt mehr
und mehr erwachende Natur hinein.

Da sang ein Finke schon sein munteres Lied hell und klar der erwarteten
Sonne entgegen -- da drüben am Bergeshang schrie der Kukuk seinen
monotonen Ruf. -- Ueber den Pfad hinüber glitt ein Fuchs, der wohl nach
seinem Bau zurückkehrte, aber so rasch und einer Erscheinung gleich,
daß Raischbach nicht einmal die Büchse an den Backen heben, viel
weniger zielen konnte. Es lag ihm auch nicht viel daran, die stille,
fast heilige Ruhe des Waldes jetzt durch einen Schuß auf einen in
dieser Jahreszeit doch werthlosen Fuchs zu stören, und langsam schritt
er weiter. Aber das Begegnen des schlauen Hühnerdiebes hatte ihn doch
ein wenig aus seiner Träumerei aufgerüttelt und aufmerksamer gemacht.
Er behielt die Büchse, die er bis dahin auf der Schulter getragen,
unter dem Arm und fing jetzt an, da es auch hell genug geworden war, zu
pirschen.

Eine Weile ging das auch. Er paßte nach allen Seiten auf, und wenn er
einen Bergkamm oder eine Erhöhung erreichte, blieb er eine Zeitlang
ruhig halten, um erst zu beobachten, ob er nichts Lebendiges erkennen
könne. Aber der Wald schien heute -- die lustigen Sänger in den
Zweigen abgerechnet -- wie ausgestorben, und nach und nach gewannen
die Gedanken in ihm wieder die Oberhand. Fast unwillkürlich, ohne sich
dessen wenigstens klar bewußt zu sein, hatte er dabei die Richtung nach
dem „Fuchsbau“ genommen und wie oft -- wie unzählige Male war er schon
den Weg gegangen, daß er fast jeden Baum und Strauch dahin kannte. Was
er da immer und immer wieder wollte, mochte er sich freilich nicht
einmal selber eingestehen -- aber es war kein Feisthirsch und kein
Rehbock, und dort angekommen suchte sein umherschweifender Blick -- es
ließ sich nicht gut ableugnen -- immer nur ein buntes Tuch zwischen den
grünen Büschen.

Und „im Bau“ hatte sie gesagt, daß sie wohne, und heute sollte ihre
Hochzeit sein -- war er da nicht thöricht, gerade an dem heutigen Tag
den Fuchsbau abzusuchen? -- an ihrem Ehrentag fand er sie dort doch
sicher nicht.

Mißmuthig warf er sich am Fuß einer hochstämmigen Tanne nieder, legte
die Büchse neben sich und stützte den vom Denken und Grübeln fast
schmerzenden Kopf in die Hand.

Er mochte eine halbe Stunde so gelegen haben, und all’ die alten, oft
mit Gewalt verdrängten Bilder jener Stunden, die er damals nach seinem
Sturz im Fuchsbau zugebracht, zogen mit ihren gaukelnden Gestalten
an seiner inneren Seele vorüber, als er plötzlich dicht hinter sich
Schritte zu hören glaubte. Er fuhr allerdings nicht rasch empor, um
zu sehen, was sich in seiner Nähe rege, denn das thut schon aus alter
Gewohnheit kein Jäger, aber fast unwillkürlich glitt seine rechte
Hand nach dem Schloß der Büchsflinte und suchte den Bügel, während er
langsam und vorsichtig, ohne seine Stellung auch nur im Geringsten
zu verändern, den Kopf der Richtung zudrehte, in der er das Geräusch
vernommen. Aber einen ordentlichen Stich gab es ihm durch’s Herz, als
er dort plötzlich auf kaum dreißig Schritt Entfernung den Bock --
seinen Bock erkannte, der, mit dem riesigen Gehörn auf, ganz ruhig und
vertraut aus einer Fichtendickung herausgetreten war und sich dort
sorglos zu äsen anfing.

Allerdings lag er selber durch den Stamm und die Wurzel der Weißtanne
großentheils verdeckt, aber die geringste Bewegung mußte auch den
Blick des scheuen Wildes dahin lenken, und gut genug wußte er, daß
der Bock dann auch wieder -- lange vorher, ehe er schußfertig werden
konnte, mit zwei Sprüngen im Dickicht und vollständig in Sicherheit
war. Langsam ließ er sich deßhalb zurückgleiten, bis er lang
ausgestreckt am Boden lag; dann erst versuchte er sich umzudrehen und
auf das Gesicht zu kommen -- auf dem noch feuchten Moos und den dürren
Nadeln konnte er das auch ohne Geräusch bewerkstelligen, und jetzt erst
zeigte sich eine andere Schwierigkeit, daß er die Büchse nämlich an der
linken Seite liegen hatte.

Vorsichtig hob er wieder den Kopf -- der Bock hatte sich von ihm
abgedreht; er konnte keine Ahnung von seiner Nähe haben, und nun erst
wagte er es, seine Waffe herumzubringen. Wie ihm aber das Herz dabei
pochte -- er konnte es ordentlich hören, und wenn er jetzt schoß,
fehlte er ihn heilig -- erst mußte er ruhig werden, und mit geöffnetem
Mund, dicht hinter den Stamm gepreßt, die Büchse aber schußfertig in
der Hand, kniete er auf seinem Stand und athmete ein paar Mal hoch auf.

Und der Bock äste sich weiter; er konnte ihn in dieser Stellung nicht
sehen, aber hörte deutlich, wie er das dort in der Dickung üppig
wachsende Gras abriß -- jetzt durfte er nicht länger säumen. Er hob
sich leise empor, bis er aufrecht stand, trat einen Schritt zurück,
hob die Büchse an den Backen und bog sich nach rechts über. Die
Bewegung war ohne Geräusch geschehen, aber das Auge des Bocks mußte
gerade die Tanne gestreift haben, an der es rasch die fremdartigen
Umrisse erkannte. Dort stand er, breit, den schönen Kopf mit dem
kräftigen Gehörn erhoben, aber schon mißtrauisch und zur Flucht bereit,
herübersichernd -- noch ein Moment -- aber der Lauf der Büchse hatte
sein Ziel gesucht und gefunden, der Finger des Jägers berührte den
Stecher, und mit dem Knall des Rohres zugleich sprang das zum Tod
getroffene Thier mit allen vier Läufen zumal vom Boden empor, fuhr
herum und war im nächsten Augenblick in der Dickung verschwunden.

Raischbach aber, während ein triumphirendes Lächeln über seine Züge
flog, rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte den Sprung des Bocks
gesehen und wußte, daß er ihn nicht gefehlt haben konnte -- alles
Uebrige durfte jetzt ruhig abgemacht werden. Vor allen Dingen lud er
auch deßhalb den abgeschossenen Kugellauf frisch auf den Brand, setzte
ein Zündhütchen auf und den Hahn in Ruh, und schritt dann langsam auf
den Anschuß.

Er brauchte nicht weit zu gehen, schon von weitem erkannte er an den
reichlich mit rothem Schweiß bespritzten Büschen die Stelle, wo der
Bock in das Dickicht gebrochen -- er lag auch schon, kaum zwanzig
Schritt von da entfernt, verendet, und Raischbach hätte laut aufjubeln
mögen, als er das prachtvolle Gehörn, dem er so lange schon vergebens
nachgestrebt, als sein Eigenthum in Händen hielt. Aber viel Zeit durfte
er auch nicht versäumen; es war schon spät geworden, und wenn er noch
zur rechten Stunde in der Forstei sein wollte, um sich umzukleiden,
mußte er rasch an’s Werk gehen. Und wie gern that er das -- in wenigen
Minuten war der stattliche Bock aufgebrochen und allerdings eine Last,
um ihn auf den Schultern nach Haus zu tragen, denn er wog sicher seine
fünfundvierzig Pfund; aber mit dem Gefühl seines Triumphes spürte er
ihn kaum und schritt rüstig vorwärts.

„Alle Wetter!“ rief aber der alte Förster aus, als er den jungen Mann
mit dem Staatsbock ankommen sah; „heute sollten Sie in die Lotterie
setzen, Raischbach, denn daß Sie _dem_ Bock begegnet sind, zeigt,
daß Ihr Glückstag ist. Das Gehörn wäre unter Brüdern seine sechs
Louisd’or werth.“

Aber es blieb keine Zeit zu weiteren Betrachtungen, es war in der That
spät geworden, und da sich Raischbach auch noch vollständig umkleiden
mußte, durfte er keinen Augenblick mehr verlieren. Er brauchte indes
nicht lange zu seiner Toilette, und kaum eine halbe Stunde später
schritten die beiden Forstleute mit der Frau Försterin, den Nachtrab
bildend, die Büchsen heute zu Hause gelassen und nur den Stock in der
Hand, den moosigen Waldpfad entlang, der, nördlich auslaufend, hinüber
in das hessische Revier führte.

Raischbach war es dabei ganz wunderlich zu Muthe -- einmal mußte er an
den Prachtbock denken, den er heute Morgen erlegt hatte -- und ihr Pfad
führte sie ziemlich dicht an der nämlichen Stelle vorbei -- dann aber
wieder fiel ihm auch jenes wunderliebliche Mädchen ein, die ihm gesagt,
daß sie „im Bau“ wohne und zu deren Hochzeit er heute eingeladen
worden. Eigentlich wäre er am Liebsten gar nicht hingegangen, denn was
Anderes sollte er dort thun, als sie noch einmal sehen, um sie auf
immer zu verlieren. -- Aber war sie’s denn auch wirklich? -- Blieb er
zurück, so würde er die quälenden Zweifel sein ganzes Leben lang nicht
los geworden sein, und schon um sich Gewißheit zu verschaffen, mußte er
der fatalen Wirklichkeit die Stirn bieten.



Neuntes Kapitel.

Schluß.


Der alte Förster plauderte dabei den ganzen Weg, aber Raischbach
hörte kaum, was er sagte, denn immer und immer wieder flogen seine
Gedanken hinüber zu der Maid. -- -- Daß er auch nie früher von dem
Ort gehört hatte -- wie bald wäre er einmal hinübergegangen, um sich
dort umzusehen und die Nachbarschaft zu begrüßen -- und wenn sie es
wirklich war, wie gut hatte sie seinen Namen behalten -- und wie hübsch
sie ihn geschrieben. Wenn sie ihn aber nicht vergessen hätte, weßhalb
hielt sie sich da so lange verborgen, bis sie des Priesters Wort auf
ewig von ihm trennte? War sie mit ihrem jetzigen Bräutigam vielleicht
schon damals verlobt gewesen? -- oder sollte es gar eine Strafe für
ihn sein, daß er selber sie nicht früher aufgesucht? Welch’ ein Thor
er auch gewesen, das blühende Geschöpf nur eine Sekunde lang für ein
gespenstiges Wesen zu halten und der Stelle, die sie ihm genannt, nicht
anders nachzuforschen, als in dem wilden und wüsten Grund!

Der alte Förster hatte ihn um etwas gefragt, mußte es aber dreimal
wiederholen, ehe Raischbach nur hörte, daß er mit ihm sprach, und
Buschmann schüttelte erstaunt mit dem Kopf; denn so zerstreut war
der junge Mann noch nie gewesen -- aber gewiß dachte er nur an den
glücklichen Schuß von heute Morgen; ja, ja, der alte Bock ging ihm
durch den Sinn, und verdenken konnt’ er’s ihm gerade nicht, denn solch’
ein Gehörn gab es nicht wieder, weit und breit.

So stiegen sie zuletzt, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt,
den Hang hinab und zu dem Grenzbach nieder, der die beiden Reviere und
Staaten von einander trennte, und von da ab mußte Förster Buschmann
die Leitung übernehmen, denn Raischbach hatte diese Gegend ja noch nie
betreten.

„Eigentlich,“ meinte er, als sie die Grenze überschritten, „wären
wir hier schon ziemlich nahe bei dem Forsthaus, denn der Fußsteig da
führt gerad’ drauf zu, und es kann über den Berg von hier ab kaum
eine Viertelstunde sein. Dort oben hat’s aber einen häßlichen Platz
über Geröll und Klippgestein und meine Alte möchte da nicht so gut
fortkommen -- der Weg hier dagegen ist breit und bequem und nur
vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten weiter, wozu wir noch übrig
Zeit haben -- es ist gerade ein Viertel nach Elf, und in einem halben
Stündchen sind wir in aller Bequemlichkeit drüben.“

Raischbach hatte den Blick zu dem bezeichneten, ziemlich steil
auflaufenden Fußsteig hinaufgeworfen, als er plötzlich Buschmann’s Arm
ergriff und dort hinandeutend rief: „Förster, sehen Sie dort oben nicht
ein buntes Tuch schimmern?“

Der alte Mann sah hinauf und sagte dann lachend: „Ja, warum soll denn
da kein buntes Tuch zu sehen sein -- gleich rechts von der Höhe liegt
ein Dorf, und Mädels mit bunten Tüchern wird’s wohl genug da drinnen
geben.“

„Aber dort steht Jemand -- Wollen wir denn nicht lieber den Fußsteig
gehen -- vielleicht ist er bequemer gemacht, denn Frauen begehen ihn
doch jedenfalls.“

„Ja,“ nickte Buschmann, „solches junges Wetterzeug, aber meine Alte
brächten wir da nicht fort und hielten uns jedenfalls länger dabei auf,
als wir hier herum brauchen. -- Kommen Sie nur den geraden Weg mit,
mein junger Herr Förster, und brechen Sie mir nicht gleich seitwärts
in die Büsche, wenn Sie dort irgendwo ein buntes Tuch schimmern und
leuchten sehen!“ und damit schritt er rüstig und lachend den Weg voran.

Raischbach warf noch einen sehnsüchtigen Blick nach rechts hinauf,
aber es ließ sich jetzt nichts mehr erkennen, und bald tauchten sie
auch wieder so vollständig in den Wald ein, daß sie von Büschen und
hochstämmigen Eichen rings umgeben waren. Da öffnete sich plötzlich,
gerade nach einer scharfen Biegung des Weges, der sich nach rechts
ab um den Fuß des Hügels schlängelte, das Thal, und Raischbach blieb
erstaunt stehen, als er die freundliche Scenerie gewahrte, die sich
ihnen bot.

Sie standen am Rand des Waldes, der sich vor ihnen zu einem nicht
gerade breiten, aber mit freundlichen Wiesen und Feldern bedeckten
Thal öffnete, während rechts hinein eine nicht sehr hohe, aber dicht
und vollbelaubte Doppelreihe von Linden in eine ziemlich enge Schlucht
einführte. Raum zu einem breiten Weg war auch hier nicht gewesen,
und nur mit Vorsicht hätten sich zwei Wagen darin ausweichen können.
Dadurch waren aber die sich begegnenden Wipfel der Bäume so ineinander
gewachsen, daß sie ein festes Gewölbe bildeten, unter dem man nur,
so hoch die kurzen kräftigen Stämme reichten, durchsehen konnte. In
der Allee selber war es auch dadurch fast vollkommen dunkel, aber
hinten, wo sie auslief, stand, vom hellen Sonnenlicht übergossen, ein
freundliches Schweizerhaus: „die Forstei im Bau“, und bot, von hier aus
gesehen, einen ganz reizenden, überraschenden Anblick.

Dieser röhrenartigen Allee verdankte die Forstei ihren Namen „im Bau“,
und Raischbach besonders erfaßte ein ganz wunderbares eigenthümliches
Gefühl, als er jetzt darin hinschritt und sich fast wieder dabei in
seinen Traum zurückversetzt fühlte. War er nicht auch damals mit
seiner holden Führerin durch jenen langen, von flimmernden Lichtern
erhellten Gang geschritten und hatte in der Ferne die geheimnißvolle
Stadt herausleuchten gesehen, gerade so fast, wie jetzt da die Forstei
vor ihnen lag? -- aber die Führerin eben fehlte heute, die ihn sonst
geleitet, und die alte Frau Försterin konnte sie ihm, trotz ihres
gutmüthigen Gesichts, doch nicht ersetzen.

Und sollte er sie dort in dem kleinen Forsthaus finden? -- finden
als Braut? -- als das Weib eines andern Mannes? Es wurde ihm recht
weh, recht bitter weh zu Sinn, als er vorwärts schritt, und er hatte
schon lange die freundliche Gegenwart um sich her im Brüten über das
Vergangene, Erlebte -- Erträumte nur vielleicht -- vergessen, als er
sich plötzlich den Laubgang öffnen sah und den eigentlichen Forsthof
mit seinem reizenden rosengefüllten Garten und dem im tyroler Styl
erbauten Jägerhaus betrat, und nun allerdings keine Zeit zu weiterem
Grübeln und Denken behielt.

„Halloh! die Spessartleute!“ schrie ihnen eine tiefe Baßstimme jubelnd
entgegen -- „das ist gescheidt und gerade noch zur rechten Zeit.
Hurrah! wie geht’s, alter Buschläufer -- was treibt Ihr da drüben
in Eurem Waldwinkel?“ -- Und ein großer stattlicher Mann mit einem
sonngebräunten Gesicht, aber dem freundlichsten Lächeln in den guten
Zügen, kam ihnen entgegen und streckte beide Hände nach den alten
Leuten aus.

Es war der Oberförster Böckler selber, der seine nur etwas entfernten
Nachbarn auf das Herzlichste begrüßte und mit Handschütteln fast gar
nicht wieder aufhören wollte, bis sein Blick auf den etwas hinter ihnen
stehenden Raischbach fiel und er sich rasch an diesen wandte.

„Alle Wetter!“ rief er, „da ist ja auch unser Wilddiebsschütze, unser
Forstgehülfe von drüben -- Herr Raischbach oder wie er heißt. Herzlich
willkommen, junger Freund, freut mich aufrichtig, Ihnen einmal die Hand
zu schütteln, denn Sie haben sich nicht allein das Diebsgesindel selber
vom Leib gehalten, sondern uns auch hier unten Luft damit gemacht.“

„Bitte um Verzeihung, Herr Oberförster!“ fiel aber hier die alte Dame
ein. „Nichts mehr mit Forstgehülfe, wenn’s gefällig ist. Habe die
Ehre, Ihnen den seit gestern wohlehrbaren Herrn Förster Raischbach
vorzustellen!“

„Förster geworden, hah? na das ist recht!“ rief Böckler vergnügt; „da
gratulir’ ich von Herzen, und das hat er sich auch wahrhaftig ehrlich
und sauer genug verdient. Aber jetzt dürfen wir uns hier nicht länger
mit Redensarten aufhalten, denn die jungen Leute da drin werden mir
sonst ungeduldig und meine Alte zappelt sich schon seit einer Stunde
ab, um fertig zu werden und zum Aufbruch zu blasen. Erst trinken wir
aber noch ein Glas Wein und dann kann die Geschichte meinetwegen
losgehen.“

Er führte auch seine Gäste jetzt ohne Weiteres ins Haus, und Raischbach
schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust, als er die Schwelle
überschritt, auf welcher er sein Traumbild jetzt mehr zu finden
fürchtete als hoffte. Zuerst mußten sie aber noch die Begrüßung der
Frau Oberförsterin mit durchmachen, die, während ihr Mann in seine
gewöhnliche Sonntagsjoppe gekleidet ging, den höchstmöglichen Staat
angelegt hatte und mit Bändern und Schleifen fast bedeckt schien -- war
es doch auch der Ehrentag ihres einzigen Kindes.

Und jetzt betrat das Brautpaar das Zimmer, und der Alte stellte sie mit
launiger Förmlichkeit vor. --

„Herr Doktor Westphal aus Kassel als Bräutigam und Fräulein Marie
Böckler aus dem Bau als Braut -- und hier Herr Förster Buschmann,
direkt aus dem Urwald, mit Gemahlin, eben so wie der neue Herr Förster
Raischbach von ebendaselbst.“

Die Braut war ein liebes holdes Kind von kaum achtzehn Jahren,
eigentlich fast zu zart für eine Försterstochter, aber mit treuen
lichtblauen Augen und blonden Haaren, auf denen jetzt der Myrtenkranz
ruhte, während ein schneeweißes, duftiges Kleid ihre schlanke Gestalt
umschloß -- aber Raischbach sah ein vollkommen fremdes Gesicht vor
sich. _Dem_ Mädchen war er nie im Wald begegnet -- das war nicht
„seine Maid aus dem Bau“, und so verlegen stand er ihr in dieser
plötzlichen Enttäuschung gegenüber, daß er kaum im Stande war, die
freundlich nach ihm ausgestreckte kleine Hand zu nehmen, um die
Begrüßung zu erwiedern.

Also doch nur ein Traum das Ganze -- und jene Begegnung im Wald? --
damals konnte er ja doch nicht geträumt haben, wo er, Morgens auf
dem Pirschgang, bei vollkommen kaltem Blut, das junge fremde Mädchen
draußen angetroffen.

„Aber wo steckt denn nur eigentlich die Margareth?“ sagte da die Frau
Oberförsterin fast ärgerlich -- „schon seit einer vollen Stunde habe
ich sie mit keinem Auge gesehen.“

„Die wird sich in ihren Staat werfen,“ lachte der Oberförster. „Hast Du
doch selber heute Morgen drei volle Stunden zu dem Deinigen gebraucht,
Alte.“

„Fehlgeschossen, Herr Onkel!“ rief da plötzlich eine lachende
Mädchenstimme, und als sich Raischbach blitzschnell darnach umdrehte,
hätte er laut aufjubeln mögen vor Lust und Seligkeit, denn vor ihm, das
Gesicht aber jetzt wie mit Purpur übergossen, stand sein „Waldweible“,
die er monatelang vergebens gesucht, mit einem frischen Waldblumenkranz
im Haar, und sah in ihrer halben Verlegenheit so frisch, so lieblich
aus, daß er hätte auf sie zuspringen und sie vor allen Leuten an’s
Herz drücken mögen -- ein ganz natürliches Gefühl übrigens, das andere
Menschen wohl ebenfalls dann und wann überkommt, wenn sie einem so
lieben Mädchengesicht begegnen -- selbst wenn sie noch nicht so viel
und oft davon geträumt haben wie der junge Forstmann.

„Hoho!“ rief da der alte Oberförster, „unsere wilde Hummel, die, wie
mir scheint, den ganzen Wald geplündert hat, um sich einen Kranz daraus
zu flechten.“

„Ja, und Bergnelken auch,“ sagte die Frau Oberförsterin, „und da bist
Du wieder an dem steilen Hang hinaufgeklettert, was Dir der Onkel
schon so oft verboten hat, denn das ist der einzige Platz, an dem sie
hier in der Nähe wachsen.“

„Aber heute, an Mariens Ehrentag, durften sie doch nicht fehlen!“
lächelte das junge Mädchen.

„Ist das eine Nichte von Dir, Böckler?“ frug ihn Buschmann.

„Fräulein Margareth Böckler, meines Bruders, des Försters Böckler in
Schmalkalden, ehrsame, aber etwas sehr wilde Tochter,“ stellte sie der
Alte vor, „die uns schon einmal vor etwa einem Jahr besucht hat und
jetzt zur Trauung meiner Marie wieder herübergekommen ist. -- Hier,
Grethel, Herr Förster Buschmann mit Frau, und den neugebackenen Förster
Raischbach kennst Du ja wohl schon, denn Du wußtest wenigstens seinen
Namen.“

War das junge Mädchen schon vorher etwas verlegen gewesen, so goß sich
ihr jetzt plötzlich tiefe Röthe über Wangen und Nacken, aber trotzdem
lächelte sie und sagte schelmisch: „Der Herr Förster hat sich mir
einmal selber im Walde vorgestellt, als ich mich verirrt hatte und
nicht mehr wußte, wohin ich mich wenden sollte.“

„Da bist Du an den Rechten gekommen,“ lachte der Oberförster, „der
spürt alles Fremde auf, was in sein Revier kommt, und daß er Dich
damals nicht gepfändet hat, ist ein reines Wunder.“

Raischbach konnte kein Wort erwiedern, es war, als ob ihm Jemand die
Kehle zuschnüre; aber die alte Dame kam ihm zu Hülfe, denn die Gäste
konnten unmöglich den wohl viertelstündigen Weg in die Dorfkirche
antreten, ohne vorher, nach ihrem langen Marsch, einen Imbiß genommen
zu haben. Stand doch auch Alles schon seit frühem Morgen dazu bereit,
und dem Nöthigen zum Essen und Trinken mußte jetzt jede andere
Unterhaltung weichen.

Dann ordnete sich der Zug zur Kirche, nach altem Gebrauch. Voran der
Bräutigam mit der Braut. Hinter diesen der Oberförster und Margareth
als Brautführer, dann die Uebrigen, wie sie sich eben zusammenfanden,
mit jungen Mädchen aus dem Dorf, die herübergekommen waren, um Marie
abzuholen. Die Trauung selber dauerte allerdings etwas lang, da es
der Dorfgeistliche für seine Pflicht hielt, ehe er zu der wirklichen
feierlichen Handlung überging, den beiden Brautleuten einen kurzen
Ueberblick von der Erschaffung der Welt und der ganzen biblischen
Geschichte zu geben; aber sie nahm doch auch ein Ende, und nun begann
der fröhliche Heimzug und das Hochzeitsmahl im Försterhause, bei dem
der große eichene Tisch unter der Last der aufgetragenen Speisen
ordentlich ächzte.

Also deßhalb hatte Raischbach das Mädchen in der ganzen Zeit nicht
gesehen -- nur zum Besuch war sie damals da gewesen, und jetzt erst in
den „Bau“ zurückgekehrt? Und wie freundlich sie gegen ihn war -- aber
auch wie scheu, denn sie wich ihm aus, wo sie immer konnte, und doch
gestand sie ihm noch an demselben Nachmittag, daß sie am Morgen auf
dem Fußpfad oben am Hügel gewesen wäre und gesehen hätte, wie sie „von
drüben herüber“ kamen. -- Hatte sie ihn wirklich erwartet? -- o, wie
glücklich wäre er gewesen, wenn er das hätte glauben dürfen.

Das Mittagessen war vorüber, und Abends wurde natürlich ein kleiner
Ball arrangirt, wenn man auch nur einen Geiger und einen Flötenbläser
zum Musikkorps hatte. Raischbach tanzte fast nur mit Margarethen --
wie lieb er schon den Namen hatte -- und als sie den Heimweg endlich
antraten, da Buschmann nicht bewogen werden konnte, im „Bau“ über
Nacht zu bleiben, gingen ihm so viele Dinge im Kopf herum, daß er
fast wie ein Trunkener durch den Wald schwankte und von seinem alten
Förster weidlich ausgelacht wurde, da er, statt den Pfad zu der
Forstei einzuschlagen, in den schmalen Weg bog, der nach dem Fuchsbau
hinüberführte.

Innerhalb drei Tagen, so lautete das Schreiben, das ihm seine
Beförderung angekündigt hatte, sollte er sich bei dem Oberforstamt
melden, um dort seine definitive Anstellung als Förster entgegen
zu nehmen -- wie kurz war die Zeit, die er da auf seine eigenen
Angelegenheiten verwenden konnte, denn fast zu der nämlichen Frist
mußte Margareth, wie sie ihm an dem Abend gesagt, nach Hause
zurückkehren. Aber Raischbach war nicht der Mann, der sich eine einmal
aufgespürte Beute so leicht hätte entgehen lassen.

Schon am nächsten Tag, da ihn sein Dienst jetzt nicht mehr an die
Forstei band, wanderte er wieder nach dem „Bau“ hinüber, und es war
erst spät Abends, als er von dort zurückkehrte -- so spät, daß er
Buschmann nicht einmal mehr sprechen konnte.

Am nächsten Tag mußte Margareth heimwärts reisen und Raischbach
ebenfalls seinen Marsch antreten, um zur rechten Zeit beim Oberforstamt
einzutreffen. Hier wurde er sehr freundlich begrüßt, und da erst vor
kurzer Zeit eine recht gute Forstei erledigt worden, rückte er mit
einem Gehalt, der seine kühnsten Hoffnungen noch überstieg, in dieselbe
ein.

Buschmann’s hörten von da ab, da sein neuer Wohnplatz sehr entfernt
von ihnen lag, lange nichts mehr von ihm, und nicht einmal geschrieben
hatte er, obgleich er ihnen das fest versprochen; aber du lieber
Gott, Buschmann war ihm deßhalb nicht böse, denn er wußte gut genug
aus eigener Erfahrung, wie ungern Jäger -- wenn nicht dazu gezwungen
-- eine Feder in die Hand nehmen und einen Brief fertig bringen. Es
ist etwas Unnatürliches und wird eben so lang als irgend möglich
hinausgeschoben.

So war fast ein volles Jahr vergangen, als eines Tages, es war ein
Sonntag, und der alte Förster deßhalb sicher zu Hause, ein kleiner,
leichter Einspänner, dessen Kutscher ganz entsetzlich mit der Peitsche
knallte, den Waldweg herauffuhr.

Wenn es nun etwas in der Welt gab, was Förster Buschmann nicht leiden
konnte, so war es Peitschenknallen oder überhaupt irgend ein Lärm im
Wald, der, wie er manchmal äußerte, sein feierliches Schweigen bewahren
müsse, oder es sei eben kein Wald mehr, sondern nur ein Bauernholz.
Seinen Holzfuhrleuten war es deßhalb auch auf das Strengste verboten,
und er litt es überhaupt von keinem durchziehenden Kärrner, ohne
wenigstens entsetzlich grob zu werden und ihnen auch gar nicht selten
zu drohen, daß er ihnen „die Peitsche aus der Hand schießen würde“.
-- Das half gewöhnlich, denn da die Leute nicht glaubten, daß er den
dünnen Peitschenstiel treffen würde, so war es nachher vollkommen
unsicher, wohin die Kugel schlagen könne, und sie unterließen es
wenigstens in seiner Nähe.

Buschmann saß gerade vor dem Haus unter der alten Linde und trank mit
seiner Frau Kaffee, denn der neue Forstgehülfe, den er hatte und den
das Leben auf der einsamen Forstei langweilte, war in den nächsten
Ort zu Bier gegangen. Da hörte er das ganz unsinnige Peitschenknallen
des Einspänners, der sich jedenfalls nur hierher verfahren hatte und
nun den lästerlichen Skandal machte, um Jemanden herbeizurufen und
auf den rechten Weg gebracht zu werden. Der kam dem Alten aber gerade
recht, denn er war just nicht in besonderer Laune und hatte sich schon
irgend etwas gewünscht, an dem er seinen Grimm auslassen konnte. Zuerst
fuhr er empor und horchte; wie er sich aber über den Laut nicht mehr
täuschen konnte und der Einspänner auch bald darauf in Sicht kam,
sprang er auf, rannte ihm entgegen und überschüttete nun den Kutscher
mit einer solchen Fluth von Verwünschungen und Flüchen, daß das Pferd
fast scheu wurde und der arme Teufel bestürzt auf seinem schmalen
Bock saß. Es sah auch in der That so aus, als ob der alte Mann jeden
Augenblick über ihn herfallen werde, und kräftig genug schien er, um
das ganze Gefährt in den Busch zu werfen.

„Hurrah!“ jubelte da plötzlich in den Ingrimm hinein eine laute
lachende Stimme, „hab’ ich’s mir doch gedacht, daß er beim
Peitschenknallen wie der Bock auf’s Blatt anläuft -- Hurrah, Vater
Buschmann, kennen Sie mich nicht mehr?“

Und heraus aus dem Wagen sprang Raischbach und schüttelte dem
erstaunten alten Mann herzlich die Hand. Dieser aber, so sehr er sich
freute, seinen alten Forstgehülfen wieder begrüßen zu können, sagte
ihm kaum ein Wort, denn er bemerkte jetzt erst, daß er nicht allein in
dem Einspänner gesessen habe. Eine jugendliche schlanke Frauengestalt
sprang hinter ihm her aus dem kleinen Wagen und mit einem Freudenruf
auf ihn ein: „Herr Förster Buschmann!“

„Soll mich der Teufel holen, die Margareth!“ rief der Alte ganz
verdutzt aus.

„Frau Försterin Raischbach,“ stellte sie aber der junge Mann jetzt
förmlich vor, als nun auch die Frau Försterin und die alte Lisei, die
eben das Kaffeezeug abräumen wollte, herankamen um zu sehen, was es da
gäbe. Gehörte doch ein Fremder auf der Forstei ohnedies zu den größten
Seltenheiten, und die Frauen bekamen jetzt die schönste Gelegenheit,
um die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen. -- Aber das war nun
auch ein Gratuliren und Wünschen und Küssen und Drücken und Erzählen,
und die Lisei stürzte vor allen Dingen in die Küche, um wieder einen
frischen Topf mit Kaffee anzusetzen.

Raischbach mußte indeß erzählen, wie es so rasch mit seiner Heirath
gekommen sei, und da erfuhren sie denn, daß er, als er sich von
Margareth wieder getrennt sah, kurzen Prozeß gemacht habe und selber
nach Schmalkalden hinübergefahren sei, um bei ihrem Vater um ihre Hand
anzuhalten. Vor vierzehn Tagen sei nun Trauung gewesen und sie selber
noch auf der Hochzeitsreise, und jetzt wollten sie, ehe sie nach Hause
zurückkehrten, erst ihre Freunde im Spessart und -- den alten Platz
besuchen, wo sie sich zum ersten Mal gesehen.

„Und was für ein hübsches Frauchen haben Sie sich ausgesucht, Herr
Förster,“ sagte die alte Lisei, die mit gefalteten Händen vor dem
jungen Paar stand und es mit ordentlich mütterlicher Liebe betrachtete.

„Ja, Lisei,“ lachte Raischbach, „das ist aber auch kein gewöhnliches
Menschenkind, sondern ein echtes Waldweible, das ich mir aus dem
Fuchsbau geholt und zu meiner Frau gewonnen habe, und die kennt den
wilden Jäger, den Grafen Hackelnberg, den Hans Jagenteufel, die schöne
Berchta und die alte Urschel ganz genau, von Jugend auf.“

„Gott sei uns gnädig!“ sagte die alte Frau erschreckt, denn sie hielt
etwas Derartiges gar nicht etwa für unmöglich. Margareth aber ging zu
ihr, reichte ihr lächelnd die kleine Hand und sagte herzlich: „Glauben
Sie dem wilden Menschen kein Wort. Fühl’ ich mich an wie eines von den
Gespenstern, die er in seinem Fiebertraum gesehen? Aber am Fuchsbau,
wie der Platz ja wohl heißt, hat er mich allerdings im Wald gefunden,
und eines Försters Kind und Frau bin ich auch, also ein Waldweible,
wenn wir’s so nennen wollen.“

„Und erinnern Sie sich noch, Herr Förster,“ rief da Raischbach, „was
Sie mir an dem Morgen, wo ich den Prachtbock geschossen hatte, sagten?
-- ich habe die Worte bis auf den heutigen Tag nicht vergessen: ‚Heute
sollten Sie in die Lotterie setzen, Raischbach,‘ meinten Sie, ‚denn daß
Sie dem Bock begegnet sind, zeigt, daß Ihr Glückstag ist.‘ -- Nun, das
hab’ ich an dem nämlichen Tag gethan, und wie Sie sehen, hier das große
Loos gewonnen.“

Es bleibt kaum noch etwas zu erzählen. Daß Raischbach und seine junge
Frau „im Bau“, wohin er mit ihr am nächsten Morgen zu Fuß hinüberging
und ihr dabei auch unterwegs die Stelle zeigte, wo er damals in den
Fels gekrochen -- mit Jubel empfangen wurde, versteht sich von selbst.
Drei volle Tage blieb er auch dort und bei Buschmann’s, und erst als
sein Urlaub abgelaufen war, fuhr das junge Paar durch den schönen
rauschenden Wald, und jetzt nur Glück und Liebe im Herzen, der Heimath
-- dem „eigenen Herd“ entgegen.



Der ältliche Herr.

Eine Badeskizze.


In Bad Ems stand die Saison in voller Blüthe und der Platz war seit
langer Zeit nicht so besucht gewesen, wie in diesem Jahre. Dazu
begünstigte das außerordentlich freundliche Wetter nicht allein die
Kur, sondern verstattete auch den Patienten, oder besser gesagt
Badegästen, die weitesten Ausflüge in die Nachbarschaft, in der sich
reizende Partieen nach allen Seiten machen ließen.

Früh Morgens wogte dann auch -- während die nassauische Militairmusik
unermüdlich, von ihrem Dirigenten selbst componirte Potpourris spielte
-- die Schaar der Lustwandelnden auf der Promenade auf und ab, während
Mittags und Nachmittags -- bis das Abendconcert wieder begann, der
Hauptplatz wie ausgestorben schien.

Das war dann die Zeit, wo die geputzten Menschen -- auf Eseln oder zu
Fuß -- in die schattigen Berge hinaufkletterten, um auf den Höhen zu
lagern und von dort den sonnigen Badeplatz aus der Vogelperspective zu
betrachten.

Nur im Spielsaale wurde es nicht leer. Die Gier nach dem dort
roulirenden Gold regte die Leidenschaften auf, und was das heilkräftige
Wasser am Morgen genützt, zerstörte Mittags wieder der grüne Tisch.
-- Was kam auch eigentlich darauf an, ob die Kranken das Bad
_geheilt_ verließen -- die Actien der Spielbank stiegen von Jahr
zu Jahr, und daß Schweiß und Blut an dem Gelde klebte, machte dem
französischen Gesindel und seinen vornehmen Beschützern wenig Sorgen.

Wol muß einmal die Zeit kommen, wo dieser Fluch unserer Civilisation
ausgerottet und jene Bande von Croupiers aus dem Lande und über ihre
Grenze gejagt wird, und dann werden wir nicht begreifen können, wie
es möglich war, sie so lange zu dulden. Jetzt aber grünt und blüht
sie noch in unseren reichsten Gauen, und wenn sie im Herbste ihre
geldgefüllten Koffer nach Frankreich hineinschleppt, lacht sie der
Thoren, die sie auf der Leimruthe gefangen und gerupft.

Gott bessere es!

In Ems, wie im ganzen nassauischen Lande blühte ihr Geschäft aber noch
flott, und während draußen der helle Sonnenschein auf den Bergen lag,
und die Vögel zwitscherten und sangen und der blaue Himmel sich über
die Erde spannte, drängte sich ein dichter Schwarm von Spielern um den
grünen Tisch im reich geschmückten Saale, um mit lautlosem, peinlichem
Schweigen den Urtheilssprüchen zu lauschen, die ihnen Glück oder
Unglück kündeten.

Aus dem Saale trat ein junger Mann -- er sah bleich und erregt aus und
der stiere Blick flog unstät über den freien Raum. Grade in der Thüre
begegnete er einer Gruppe von Herren und Damen, die eben die Spielhölle
betreten wollten. Er sah sie aber gar nicht und drängte sich, die
glanzlosen Augen am Leeren haftend, zwischen ihnen durch auf die
Promenade.

Die Gesellschaft blieb stehen und sah ihm nach.

„Der hat verloren,“ lächelte ein Elegant mit einem spitzen Schnurr- und
Knebelbarte -- „aber er scheint noch ein Neuling zu sein, denn einem
alten Spieler würde man es nicht ansehen dürfen.“

„Armer junger Mensch,“ flüsterte die eine Dame mitleidsvoll.

„Bah -- weshalb spielt er,“ sagte der Erste wieder; „aber lassen Sie
uns eintreten, meine Damen, wir bekommen sonst keinen Platz am Tische.“

Die Gesellschaft verschwand im Saale und der junge Spieler -- so wenig
seiner selbst bewußt, daß er nicht einmal den Hut draußen aufsetzte,
sondern ihn noch immer in der Hand behielt, schnitt quer durch die
Stühle und Tische am Promenadenplatze hin, rechts an den Kurgebäuden
vorüber, der kleinen eisernen Brücke zu, die über die Lahn nach dem
anderen Ufer hinüberführte.

Dicht vor der Brücke überholte er einen ältlichen Herrn mit zwei Damen,
aber er sah oder beachtete sie gar nicht. Mit raschen Schritten eilte
er über die Brücke, bis er etwa die Mitte derselben erreicht harte,
warf dort zuerst einen Blick über das Geländer in die Fluth hinab, dann
sah er sich wie scheu um, ließ plötzlich seinen Hut fallen, ergriff
das Geländer mit beiden Händen, schwang sich hinauf und verschwand im
nächsten Augenblicke in der über ihm zusammenschlagenden Fluth.

Die beiden Damen, welche indessen mit ihrem Begleiter ebenfalls die
Brücke betreten hatten und unmittelbare Zeugen des Ganzen gewesen
waren, stießen einen lauten Schrei aus, und sahen nur noch, wie vom
anderen Ende der Brücke ein junger Mann, der den Vorgang ebenfalls
bemerkt haben mußte, im flüchtigen Laufe herbeiflog, an der Stelle
angelangt ohne Weiteres seinen Strohhut zu Boden warf, seinen Rock
abstreifte, und sich dann, ohne auch nur einen Moment zu zögern,
ebenfalls von der Brücke hinab in die Lahn warf.

Die beiden jungen Damen eilten jetzt der Stelle zu, um zu sehen, ob
das Rettungswerk des wackeren Helfers gelingen würde; der ältere Herr
dagegen, der die Sache viel kaltblütiger zu nehmen schien, folgte ihnen
weit langsamer und blieb endlich am unteren Geländer stehen, um den
Verfolg des kleinen Abenteuers von dort, wo er sich gerade befand, zu
beobachten.

Uebrigens schien die verzweifelte That des Unglücklichen von beiden
Ufern des kleinen Stromes aus gleichzeitig bemerkt zu sein, denn von
beiden Seiten eilten Leute herbei und aus dem dicht am Ufer stehenden
Polizeigebäude sprangen ein Paar Polizeidiener hinab und in ein dort
befestigtes Boot, um wo möglich den Selbstmord zu vereiteln. Sie wären
aber doch vielleicht zu spät gekommen, hätte der junge Fremde, der
ein rüstiger Schwimmer schien, nicht den Unglücklichen schon gefaßt
und, trotz seines Sträubens, über Wasser gehalten. Vergebens aber
suchte er mit ihm das dort außerdem hoch ummauerte Ufer zu erreichen,
und dabei kam ihm denn endlich das Boot zu Hülfe. Rasch erfaßte er
dessen Rand und hielt jetzt den Unglücklichen so lange, bis ihn die
beiden Diener der öffentlichen Sicherheit ebenfalls ergreifen und in
das Boot ziehen konnten. Der Fremde folgte dann nach, und etwas weiter
unterhalb landeten sie, um jetzt den jungen verzweifelten Menschen, der
aber nicht den geringsten Widerstand mehr leistete, auf die Polizei
abzuführen, damit er sich dort verantworte.

Wenn ihm die Sicherheitsbehörde auch das volle Recht eingeräumt oder
doch wenigstens in der Spielhölle die Gelegenheit geboten hatte, über
sein eigenes oder anvertrautes Geld zu verfügen, so schien sie ihn
vollständig mit der Gewalt über sein eigenes Leben beschränken zu
wollen. Er hatte zu einem Selbstmorde in Nassau keine polizeiliche
Erlaubniß.

Indessen breitete sich die Nachricht über das beabsichtigte
Vergehen blitzschnell in der Nachbarschaft aus. In einem Badeorte
hat, die Kellner und Köche ausgenommen, Alles Zeit, und selbst das
unbedeutendste Außergewöhnliche ist willkommen, um für einen Moment die
Monotonie des Badelebens zu unterbrechen.

An beiden Ufern sammelten sich die Neugierigen, und als der wieder
auf’s Trockene gebrachte arme Teufel abgeführt wurde, drängten
die auf der anderen Seite Befindlichen rasch über die Brücke, um
den interessant gewordenen jungen Mann auch einmal in der Nähe zu
betrachten und nachher genau erzählen zu können, wie er ausgesehen habe.

Die beiden jungen Damen hatten indessen neben dem abgeworfenen Rocke
und Hute des Fremden gestanden, was Beides noch auf dem Boden lag.
Die Jüngste von ihnen bemerkte aber in der aufgekehrten Brusttasche
des Rocks eine grünsaffiane Brieftasche, und als die vielen Leute
vorüber eilten und Einige sogar auf den Rock traten, bückte sie sich
unwillkürlich und hob ihn und den Hut auf. Der edle junge Mann, der
so rücksichtslos sein Eigenthum von sich geworfen hatte, nur um einem
anderen, jedenfalls fremden Menschen zu helfen und ihn zu retten,
durfte doch nicht auch noch, als Dank für seine wackere Gesinnung, zu
Schaden kommen. Es war das Wenigste, was sie für ihn thun konnten, daß
sie Acht auf das Verlassene hatten.

Ihr älterer Begleiter kam jetzt ebenfalls heran und lächelte spöttisch,
als er die junge Dame mit dem Rock und Hut des Fremden auf der Brücke
stehen sah.

„Du siehst wirklich gut aus, Elise,“ sagte er, „und trägst Deine Last
mit Würde.“

„Ich konnte doch die Sachen nicht auf der Brücke liegen lassen,“
erwiderte die junge Dame erröthend -- „es liefen so viele Menschen
vorüber und erst neulich las ich in einer Zeitung, daß ein junger Mann,
der in einem ähnlichen Falle in Berlin einen Anderen aus dem Flusse
gezogen, bei seiner Rückkehr keines der abgeworfenen Kleidungsstücke
wiedergefunden habe.“

„Dagegen wolltest Du _diesen_ jungen Herrn also sicher stellen?“
nickte ihr Begleiter, wo möglich noch spöttischer als vorher -- „dann
amüsire Dich gut, mein Kind -- ich werde mit Bertha indessen voran in’s
Hôtel gehen, denn Du darfst doch keinenfalls den Platz verlassen, bis
Dein Schützling zurückgekehrt ist.“

„Da kommt er schon,“ rief Bertha, die andere junge Dame, „lieber Gott,
wie naß er aussieht!“

„Wie eine gebadete Maus,“ lachte der ältere Herr -- „ich würde Dir aber
rathen, mein Kind, die Sachen wenigstens niederzulegen, Du kannst ja
daneben stehen bleiben -- oder willst Du sie ihm feierlich als ‚weiß
gekleidete Jungfrau‘ überliefern?“

„Du bist unausstehlich heute,“ sagte das junge Wesen, indem sie tief
erröthete, in aller Verlegenheit aber die Sachen doch neben sich auf
den Boden legte. Das geschah aber zu spät, als daß es der jetzt auf
die Brücke tretende Fremde nicht noch hätte bemerken müssen. Er wußte
deshalb, wer sich seiner Sachen angenommen, und als er näher kam, sagte
er -- in seiner nassen Toilette doch auch ein wenig befangen:

„Nehmen Sie den innigsten Dank, mein gnädiges Fräulein, für Ihre
unendliche Liebenswürdigkeit.“

„Bitte, mein Herr -- es war“ -- stammelte die junge Dame -- nicht dem
Fremden, sondern ihrem älteren Begleiter verlegen gegenüber, denn sie
sah, daß sich dieser die größte Mühe gab, sein Lachen zu verbeißen.
Er befreite sie aber auch ohne Weiteres aus dieser Lage, indem er ihr
seinen Arm reichte und sie, mit einer leisen Neigung des Kopfes gegen
den Fremden, über die Brücke hinüberführte.

Dieser blieb indessen, ganz in das Anschauen der holden jungen Dame
versunken, mitten auf der Brücke stehen, und sah ihnen nach, soweit er
ihnen mit den Augen folgen konnte. Endlich fing es ihn aber doch an in
den nassen Kleidern zu frösteln; die Zähne schlugen ihm zusammen, und
da sich auch weiter Niemand um ihn bekümmerte -- war doch der Gerettete
eine viel interessantere Persönlichkeit, als sein Retter -- so setzte
er seinen Hut auf, nahm den Rock in die Hand und schritt, so rasch er
konnte, am Kurhause vorbei und seiner eigenen Wohnung zu, die Straße
hinab.

Ein so wohlthuendes Gefühl es ihm aber auch hätte dabei sein müssen,
ein Menschenleben gerettet zu haben, so überließ er sich sonderbarer
Weise doch weit weniger diesem angenehmen Gedanken, sondern
beschäftigte sich entschieden nur mit seinem augenblicklichen Zustand.

„Den Teufel auch,“ brummte er leise vor sich hin, „da muß mich der Böse
plagen, daß ich gerade über die Brücke komme, wie der Holzkopf in’s
Wasser springt -- und ich hinterher. Wer von uns Beiden war nun der
Dümmste? -- Jedenfalls _ich_, denn _er_ mußte einen Grund
dafür haben und mich ging die ganze Geschichte eigentlich gar Nichts
an. Und was habe ich jetzt davon? -- Mein einziges gutes Paar Hosen
auf unbestimmte Zeit gründlich ruinirt, und meine Stiefeln -- na ja
-- ob ich es mir nicht gedacht habe: da klafft das ganze Oberleder
weit auf und jetzt kann ich mich nur zwei Tage in’s Bett legen, bis
mich Schuster und Schneider erst wieder restaurirt haben -- und
nachher _die_ Rechnung in dem theueren Neste. Das geschieht Dir
aber Recht, Florian -- ganz Recht geschieht Dir’s, denn Du mußt Deine
Nase in Allem haben, und wenn sie Dir nun indessen Deine Brieftasche
mit Deinen letzten zehn Thalern gestohlen hätten, heh? -- was dann?
hättest Du Dich bei irgend Jemandem beklagen dürfen? Aber jener
schützende Engel! -- beim Himmel, wie aus Rosenduft und Lilienthau
gewoben -- _noch_ ein Ideal! Heiland der Welt, wie viel Ideale
habe ich eigentlich schon, und immer wieder taucht ein neues auf,
und eins schöner und holdseliger als das andere. -- Aber was nützt
_mir’s_,“ setzte er nach einer kurzen Pause niedergeschlagen
hinzu -- „mir hilft’s doch Nichts, denn das ist jedenfalls irgend eine
junge Comtesse oder Prinzessin, wie sie hier zu Dutzenden incognito
herumlaufen, die mir aus reiner Gutmüthigkeit meinen Rock aufgehoben.
-- Jetzt geht sie denn in aller Gemüthlichkeit zu ihrem Diner, und
denkt gar nicht mehr an den armen Teufel, und ich -- madennaß wie ich
bin, darf mich nicht einmal vor Jemandem sehen lassen. Das einzige Gute
ist, daß mir heute Niemand gesegnete Mahlzeit zu wünschen braucht.“

Es wurde in der That nöthig, daß sich der junge Mann von der Straße
entfernte, denn sein wunderlicher Aufzug theils, theils sein halblaut
geführtes Selbstgespräch hatte schon eine Anzahl von jugendlichen
Gestalten herbeigelockt, die anfingen, sich über ihn zu amüsiren. Seine
Vorahnung schien sich auch zu bestätigen. Nur spärlich mit Garderobe
ausgerüstet, mußte er in der That zwei volle Tage, wenn auch nicht
gerade das Bett, doch sein Zimmer hüten, um seine Beinkleider und
Stiefeln erst wieder in Stand zu bekommen, und erst am dritten Morgen
durfte er wagen, sich auf’s Neue auf der Promenade sehen zu lassen.

Florian Heldenstern war übrigens nicht nach Ems gekommen, um eine Kur
zu gebrauchen, ebensowenig, um sich zu amüsiren, denn -- seine Mittel
erlaubten ihm das nicht. Florian Heldenstern hatte aber trotzdem einen
Zweck, und zwar einen literarischen, denn seinem Stande nach gehörte
er zu den „Rittern vom Geiste“. Er war mit einem Worte Dichter, und
machte hier -- im Auftrag eines größeren Blattes, um Correspondenzen zu
schreiben und vielleicht auch Stoff zu kleineren Erzählungen zu sammeln
-- Studien in der Badewelt, die ihm den Hintergrund zu seinen Novellen
liefern sollten.

Einen eigentlichen _Stoff_ hatte er freilich noch nicht; es
fehlte ihm zu spannenden Novellen weiter Nichts, als piquante
Persönlichkeiten und Verwickelungen; aber er hoffte das Alles hier
zu finden und quartierte sich zu dem Zwecke in einem der billigsten
Gasthöfe des etwas kostspieligen Ortes, im Hôtel Wolf, ein. Vergebens
aber durchstreifte er die ersten acht Tage den Spielsaal, wie die
benachbarte Umgebung, drängte sich in Picknicks und geschlossene
Gesellschaften, erkletterte steile Bergrücken und langweilte sich
halbe Nächte lang in den Concerten des Kursaals. Er konnte nichts
Außergewöhnliches finden, denn Alles ging sein gewohntes alltägliches
Geleis, was nicht regelmäßiger in irgend einer kleinen deutschen
Provinzialstadt betreten werden konnte.

Morgens war Musik und die Kurgäste gingen dabei spazieren und tranken
schlechtschmeckendes Wasser mit oder ohne Eselsmilch. Dann zog sich
Alles in seine Apartements zurück oder machte Partieen. Ueber Mittag
schien der Platz wie ausgestorben, und erst Abends bewegte sich die
schöne Welt in exquisirter Toilette vor dem Kurhause auf und ab und
füllte die Promenaden und Spielsäle, ohne irgend welche Leidenschaft zu
zeigen.

Selbst am grünen Tische hatte er vergebens auf der Lauer gelegen, um
irgend etwas Außergewöhnliches zu entdecken. Bei völliger Todtenstille
wurde gesetzt und abgezogen und Gewinnst eingestrichen oder Verlust
ignorirt. Keiner verzog eine Miene, und daß sich französische freche
Loretten dazwischen drängten und für ihr oder anderer Leute Geld
pointirten, bemerkte er wohl, konnte es aber nicht benutzen, da es
schon zu oft beschrieben worden.

Da kam ihm, wie ein Gott gesandt, der versuchte Selbstmord des
unglücklichen Spielers, dessen eigentliche Pointe aber seine eigene
Gutmüthigkeit vollständig ruinirte. Er vergaß in dem Moment nicht
allein sein eigenes Interesse, sondern sogar sich selbst, sprang
über die Brücke, brachte den Ertrinkenden, über dessen Leiche er die
interessantesten, bogenlangen Betrachtungen hätte anstellen können,
_lebendig_ ans Ufer zurück und besaß jetzt nicht einmal ein Paar
Hosen und Stiefeln, um auf frischer That Nachforschungen über das
Schicksal des Unglücklichen anzustellen und aus dessen eigenem Munde
seine Lebensgeschichte zu erfahren.

Sein erster Ausweg, wie er sich wieder restaurirt sah, galt allerdings
dem Zwecke, und er ging damit augenblicklich an die rechte Quelle: auf
die Polizei. Aber er erfuhr dort nur, daß er _zu spät_ kam. Der
junge Mann war ein „Knopfreisender“ gewesen, der für die Firma So und
So in Quedlinburg Geld eincassirt und dasselbe hier in Ems verspielt
hatte. Da man ihm übrigens zutraute, seinen Selbstmordversuch zu
wiederholen, was die „Bank“ gerade nicht gern sah, so hatte ihm diese
20 fl. Reisegeld gegeben. Dadurch kam er fort und konnte denn, wenn er
es später für gut fand, seinem Leben im Rhein oder irgend einem anderen
deutschen Strom ein Ende machen; Ems war jedenfalls von ihm befreit.

       *       *       *       *       *

Florian Heldenstern verließ das Polizeiamt in einer wahrhaft
verzweifelten Stimmung, denn wenigstens drei oder vier höchst
interessante Kapitel waren ihm durch das Verschwinden dieses
Individuums in’s Wasser gefallen. -- Aber jenes schöne Mädchen, das
er am Tage seines Abenteuers zum ersten und letzten Male gesehen --
wenn er _sie_ wenigstens wiederfand, so hätte das vielleicht
einen Anknüpfungspunkt für weitere spannende Situationen gegeben. Wie
hieß sie aber und wo wohnte sie? -- Er wußte Beides nicht und es blieb
ihm jetzt nichts Anderes übrig, als die Schwärme von Lustwandelnden
genau zu mustern, um zwischen diesen seine verlorene Schöne wieder
anzutreffen.

Das allerdings schien, gerade in Ems, nicht so schwer, da sich das
Terrain für die Spaziergänger oder „Wasserläufer“, wie man sie besser
nennen könnte, nur auf einen sehr kleinen Raum erstreckte. Nichts desto
weniger suchte er mehre Tage lang Alles vergeblich ab, durchwanderte
die Trinkhallen und den Platz vor dem Kurhause, trotzte selbst den
endlosen Potpourris der Musik und stieg sogar zu den verschiedenen
Ausgucks auf alle benachbarten Berge hinauf, von denen man eben so
verschiedene Ansichten der kleinen Badestadt bekommt. Er begegnete
dabei allerdings unzähligen und auch oft sehr hübschen Mädchen,
theils in Begleitung eines Esels, theils im Sattel; er sah ländliche
Familiengruppen und Berliner Picknicks, überraschte einzelne Paare beim
Heidelbeersuchen und englische Gruppen, die sich einander todtschwiegen
-- aber die Gesuchte war nirgends unter ihnen und er glaubte schon --
ja, mußte so glauben, daß sie Ems wieder verlassen hätte, um vielleicht
eine Nachkur irgendwo am Rhein zu gebrauchen.

Er hatte es in der That auch vollständig aufgegeben, die „Verlorene“
wiederzufinden und fing schon an, in gereimten und ungereimten Versen
für sie zu schwärmen. In der Erinnerung, während ihr Bild noch klar und
deutlich vor seiner Seele stand, wurde ihm dieses _letzte_ Ideal
auch immer ideeller, immer märchen- und traumhafter. Auf der Brücke war
sie ihm erschienen -- sie mußte aus der Fluth zu ihm emporgestiegen
sein und er begann ein größeres Idyll unter dem Titel „Die Nixe der
Lahn“, wobei er sich schon überdachte, welchen Verleger er damit
unglücklich machen wolle.

Einmal aber in dieses Geleis geistigen Schaffens hineingerathen, wurde
er für seine wenigen Bekannten in Ems unausstehlich, denn er bemühte
sich fortwährend, in Gedanken unmögliche Reime auf Nixe, Nymphe,
Göttin und andere schwerfällige Worte zu finden und gab ausschließlich
verkehrte Antworten auf an ihn gerichtete Fragen. Dabei saß er halbe
Tage lang an dem Ufer der etwas unappetitlichen Lahn, schwärmte in der
wahnsinnigen Hoffnung, daß die Geliebte mit halbem Leibe aus der Fluth
emportauchen und mit einem goldenen Kamme ihr langes Haar kämmen solle,
und ärgerte sich über prosaisches Volk, das ihn störte, und Brod in’s
Wasser warf, um die Weißfische damit zu füttern.

Nach einer solchen Unterbrechung flüchtete er denn gewöhnlich in die
Berge hinauf, um seiner Muse freien Raum zu gestatten, und war auch
heute dahin auf dem Wege. Vorher nur kehrte er einmal im Schweizerhause
ein, um sich durch eine Tasse dünnen Kaffee vielleicht auf seine
Wassergöttin vorzubereiten; er ließ sich auch eben an einem der leer
stehenden Tische nieder, als er blitzesschnell wieder emporfuhr, denn
dicht neben ihm, gleich am nächsten Tische -- es war keine Täuschung,
denn er hätte sie unter Tausenden herauserkannt -- saß seine „Nixe“ und
trank ebenfalls Kaffee und neben ihr die andere, vielleicht um sechs
bis acht Jahre ältere, aber auch noch sehr liebenswürdige Dame mit dem
ältlichen Herrn.

Seine Schöne mußte ihn aber ebenfalls wieder erkannt haben, denn sie
erröthete bis unter die Haarwurzeln hinauf und den schneeweißen Nacken
hinab, und flüsterte auch gleich darauf ihrem Nachbar, dem ältlichen
Herrn, etwas zu, worauf dieser sich langsam nach dem fremden jungen
Manne umsah.

Florian Heldenstern fühlte sich jetzt seiner Sache gewiß, und in
der unbestimmten Angst, das holde Wesen diesmal wieder so rasch zu
verlieren, als das erste Mal, wenn er nicht im Stande war, seine
bodenlose Blödigkeit zu bezwingen, faßte er sich ein Herz, ging auf die
kleine Gruppe zu und sagte, freilich noch immer mit etwas befangener
Stimme:

„Wenn ich nicht irre, meine Gnädigste, so habe ich in diesem
Augenblicke das Vergnügen, jene -- jene -- jene holde Dame wieder vor
mir zu sehen, der ich, bei dem neulichen kleinen Zufall, zu so vielem
Danke verpflichtet bin, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein,
demselben die passenden Worte zu geben.“

Florian Heldenstern war „lyrischer Dichter“ und dadurch berechtigt, die
unsagbarsten Gefühle auf seine eigene Art und Weise auszudrücken. Die
junge Dame aber erröthete noch weit mehr, und nur der ältliche Herr
schien seine volle Fassung zu bewahren, denn er sagte mit seiner vollen
wohlklingenden Stimme und nur etwas fremdartigem deutschen Dialekt:

„Ah, mein Herr, Sie sind ja wohl der neuliche Lebensretter jenes
verzweifelten Spielers. Nicht wahr, _Sie_ sprangen neulich in die
Lahn und gaben sich die sehr verlorene Mühe, jenen Selbstmörder dem
Leben zu erhalten?“

„Mein Herr,“ sagte Florian sehr achtungsvoll, aber doch mit dem Gefühle
gekränkter Menschenwürde -- „verlorene Mühe? -- Der Mann ist gerettet
worden.“

„Allerdings,“ lächelte der Fremde -- „aber bitte, wollen Sie nicht bei
uns Platz nehmen, denn die beiden Damen haben schon lange gewünscht,
Ihre nähere Bekanntschaft zu machen.“

„Ich wäre zu glücklich, wenn --“ stammelte Florian und sah sich dabei
vergebens nach einem Stuhl um, den ihm aber ein aufmerksamer Kellner
brachte.

„Sie wissen,“ fuhr aber der ältliche Herr fort, „Damen interessiren
sich gewöhnlich für alles Außergewöhnliche -- besonders in einem so
langweiligen Nest wie dieses Ems ist, und Sie haben sich da jedenfalls
ein Verdienst erworben.“

„Es war nur Menschenpflicht,“ sagte Florian bescheiden.

„Nein, ich meine nicht um den leichtfertigen Patron, der sein Leben so
billig losschlug, weil er wohl am besten den Werth desselben kannte,
sondern um die Badegesellschaft, der Sie damit auf wenigstens zwei Tage
so sehr nöthigen Stoff zur Unterhaltung gaben.“

„Aber, mein sehr werther Herr,“ sagte Florian bestürzt, „Sie werden
doch nicht die Unterhaltung einer Badegesellschaft höher anschlagen,
als ein Menschenleben?“

„Menschenleben,“ sagte der ältliche Herr, aber mit einem spöttischen,
fast verächtlichen Ausdruck. „Ich würde nie einen Selbstmörder an
seinem Vorhaben hindern, wenn ich auch rechtzeitig dazu käme, am
wenigsten aber Jemanden wieder aus dem Wasser holen.“

„Aber das Gefühl der That --“

„Bah,“ sagte der Fremde, „glauben Sie denn, daß Sie dessen Zustand
gebessert hatten, als Sie ihn auf’s Trockene brachten? Erstlich blieben
seine Verhältnisse nach dem kalten Bade genau dieselben, als vor dem
Sprung in’s Wasser, außerdem brachte er noch das Bewußtsein seiner
feigen That mit herauf, und drittens war er durch und durch naß -- wo
ist da die Verbesserung?“

„Aber die Spielbank hat ihm zwanzig Gulden Reisegeld gegeben,“ sagte
Florian.

„Gut,“ nickte der Fremde, „die bringt er einmal so rasch als irgend
möglich auf die Schwesterbank nach Wiesbaden, und dann kann er die
ganze Geschichte noch einmal von vorn anfangen.“

„Aber wenn er nun doch den begangenen Fehler bereut,“ sagte schüchtern
die ‚Nixe der Lahn‘ -- Florian hatte noch keinen anderen Namen für sie
-- „wenn er wieder ein guter Mensch wird?“

„Er ist Knopfreisender,“ sagte der ältliche Herr trocken, „und --
spielt. Uebrigens will ich es ihm von Herzen wünschen. Aber jetzt
basta mit dem langweiligen Patron, von dem schon genug und übergenug
gesprochen ist, und nun erzählen Sie uns einmal vor allen Dingen, wer
Sie selber sind -- denn wie gesagt, meine beiden Damen haben sich vor
Neugierde kaum lassen können, da sie einen ‚Menschenretter‘ natürlich
wie eine Art von überirdischen Wesen betrachten.“

„Sie beschämen mich,“ sagte Florian verlegen.

„Und womit?“ frug der ältliche Herr, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß es
bloße Neugierde ist, zu der auch _ich_ mich mit einem Bruchtheile
bekenne; denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich selber aus Ihrer ganzen
Erscheinung nicht recht klug werden konnte, obgleich ich mir sonst
einen ziemlich richtigen Blick in der Beurtheilung fremder Charaktere
zutraue.“

Es lag in den leicht hingeworfenen, fast spöttischen Worten eigentlich
mehr Beleidigendes als Zutrauen Erweckendes, und Florian fühlte auch
wirklich halb und halb heraus, daß ihn der ältliche Herr etwas obenhin
behandele. Florian’s eigene Gutmüthigkeit half ihm aber darüber hinaus,
und dann war er auch wirklich im Leben noch nie verwöhnt worden, um
sich durch einen leisen Spott gekränkt zu fühlen. Erfolge hatte er
noch nie, oder doch nur in seinen eigenen Augen errungen, und wenn
_er_ auch einigen seiner Gedichte die riesigsten Wirkungen
zutraute und die feste Ueberzeugung hegte, sie würden wie ein Weltbrand
durch Europa flammen, so befand er sich dabei in derselben Lage eines
Johanniswürmchens, das auch den ganzen Wald zu erleuchten glaubt, weil
es sich selber fortwährend in einem lichten Scheine sieht. Deshalb
durfte er aber auch diese Gelegenheit nicht versäumen, den jungen
Damen seinen Namen zu nennen -- sie mußten ja das Bändchen bei F.
A. Brockhaus erschienener lyrischer Gedichte kennen. Er zögerte auch
nicht lange mit der Antwort und sagte bescheiden, aber doch mit innigem
Selbstgefühl:

„Ich bin Schriftsteller, verehrter Herr -- lyrischer Dichter -- und
mein Name ist Florian Heldenstern. Sollten die Damen vielleicht
zufällig --“

Fast unwillkürlich griff er dabei mit der rechten Hand in die linke
Brusttasche, denn einzelne Manuscripte führen _alle_ lyrischen
Dichter bei sich; der fremde Herr aber, der die drohende Bewegung
merkte, streckte rasch und abwehrend seinen Arm aus und sagte:

„Lassen Sie stecken -- wir glauben es Ihnen auf’s Wort. Die Damen
müssen Sie aber entschuldigen, wenn sie in der deutschen Literatur
nicht bewandert sind, denn wir kommen aus weiter Ferne, um die
Heilkraft dieses Wassers zu erproben. Sie sind doch nicht etwa
Bade-Dichter?“

„Bade-Dichter?“ sagte Florian verdutzt -- „ich verstehe nicht --“

„Ah, dann nehmen Sie es nicht übel,“ sagte der ältliche Herr trocken
-- „ich kenne Ihre hiesigen Einrichtungen nicht, und glaubte, daß Sie
vielleicht, wie Sie Badeärzte, Badecommissaire und dergleichen haben,
auch vielleicht, zur Verschärfung der Kur, Bade-Dichter hätten. Die
Schnelle, mit welcher Sie neulich in die Lahn tauchten, rechtfertigte
auch einen solchen Verdacht in etwas. Aber, wie gesagt, wir sind hier
so vollkommen fremd, daß wir Ihre inneren Einrichtungen nur sehr wenig
kennen.“

„Aber woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?“ sagte Florian
schüchtern, denn noch wußte er ja weder Namen noch Vaterland der
‚Lahnnixe‘, die doch sein ganzes Herz erfüllte.

„Aus Amerika,“ sagte der ältliche Herr.

„Aus Amerika?“ rief Florian erstaunt -- „aber Sie sprechen das Deutsche
so geläufig.“

„Wir sind auch keine geborenen Amerikaner, sondern stammen aus Norwegen
-- meine Aeltern waren Deutsche.“

„Und Sie kehren nach Amerika zurück?“ fragte der junge Dichter scheu
und bestürzt.

„Allerdings, sobald unsere Kur beendet ist -- befremdet Sie das?“

„Mich? -- o nein,“ stammelte Florian verlegen -- „wie könnte es auch
-- ich -- würde nur unendlich bedauern, wenn ich mir denke“ -- er
stak fest; der Fremde aber, der sich an seiner Verlegenheit zu weiden
schien, sagte lächelnd:

„Bitte, vollenden Sie Ihren Satz. Man soll einen Schriftsteller nie
unterbrechen, denn es gehen ihm dabei oft höchst kostbare und nie zu
ersetzende Gedanken verloren.“

Florian befand sich schon in dem Falle, und war sich dabei nur noch
nicht klar, ob er überhaupt einen Gedanken gehabt habe. Die junge
Dame aber, die seine Verlegenheit wohl bemerkte, kam ihm mit ihrer
unendlichen Liebenswürdigkeit zu Hülfe und sagte freundlich:

„Wir werden hier jedenfalls noch vierzehn Tage oder auch vielleicht
drei Wochen verweilen, und hoffen dann noch öfter das Vergnügen zu
haben, Sie zu sehen.“

„Sie sind sehr gütig,“ sagte Florian, und stand scheu von seinem Stuhle
auf, denn er hielt das irrthümlicher Weise für eine leise Andeutung der
Jungfrau, daß er sich gegenwärtig entfernen könne -- „wenn Sie mir dann
erlauben --“

„Bleiben Sie nur sitzen und trinken Sie Ihren Kaffee,“ rief aber der
ältliche Herr, der sich vortrefflich zu amüsiren schien -- „da bringt
ihn der Kellner eben. Der Henker werde aus Ihnen klug -- von der Brücke
springen Sie, ohne sich einen Moment zu besinnen, in den Fluß hinunter,
um einen Ertrinkenden zu retten, und hier thun Sie, als ob Sie nicht
drei zählen könnten. Ihr Deutschen seid wirklich ganz verzweifeltes
Volk. Sie fürchten sich doch wahrhaftig nicht vor den beiden Damen?“

„Ich? -- o nein, sicher nicht,“ stammelte der junge Mann, der sich aber
jetzt mit aller Gewalt zusammennahm, weil er das Schlimmste fürchtete,
was einem Menschen in Damengesellschaft begegnen kann: sich lächerlich
zu machen, „die beiden Damen sehen dazu viel zu lieb und gut aus. Ich
-- fürchtete nur, Ihnen als Fremder lästig zu fallen.“

„Bah,“ sagte der ältliche Herr, „wir sind hier _Alle_ fremd, und
wer sich findet, sollte sich deshalb aneinander anschließen, um dies
verwünscht langweilige Leben nur in Etwas zu betäuben.“

„Ems bietet freilich nicht viel Unterhaltung,“ lächelte Florian, „und
Sie scheinen vorlieb zu nehmen.“

„Das spricht wieder Ihre verwünschte Bescheidenheit,“ rief der Fremde
-- „kennen Sie nicht das Wort Ihres großen Dichters --

    Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,
    Vertrau’n Euch auch die andern Seelen?

Uebrigens ist es _mir_ ein höchst unbehagliches Gefühl, das
Gewühl und Gewimmel dieser aufgeputzten Menschen in einem Badeorte zu
sehen. Die ganze Gesellschaft kommt mir immer vor wie ein Korb voll
noch rothbackiger, aber wurmstichiger Aepfel, die für den Augenblick
noch den Schein für die Gesundheit bewahren, aber im Herzen schon den
Todeskeim tragen. _Ihnen_ scheint doch Nichts zu fehlen?“

„Mir? nein, Gott sei Dank,“ sagte Florian, „ich bin nicht zur Kur hier
-- und ich hoffe nur, daß --“ sein besorgter Blick streifte dabei der
neben ihm sitzenden Lahnnixe Gestalt.

„_Uns_ fehlt auch Nichts,“ lachte der Fremde, „und wir sind nur
eigentlich in Begleitung einer älteren kranken Verwandten hier.“

„Und gefallen sich die Damen hier?“

„Warum nicht,“ lächelte die Jüngste -- „uns ist das Alles doch nur neu
und interessant; dieses Wogen und Drängen, dieser Putz und Staat, die
Musik -- das Spiel selbst mit seinen leidenschaftlichen Bewerbern,
und kehren wir nach Amerika zurück, wird es uns immer eine liebe und
angenehme Erinnerung bleiben.“

Das Gespräch wurde jetzt allgemein und Florian erfuhr wenigstens dabei,
daß der fremde Herr Olaf heiße und im Panorama wohne. Gleich darauf
kam aber ein Diener, der ihn zu suchen schien. Er flüsterte ihm in
ehrerbietiger Stellung einige Worte zu und der ältliche Herr nickte
langsam mit dem Kopfe. Dann stand er auf; die Damen folgten seinem
Beispiele und mit freundlichen Grüßen zogen sie sich zurück, während
Herr Olaf selber ihm noch die Hand reichte und viel herzlicher, als er
bis jetzt gesprochen, sagte:

„Ich hoffe Sie einmal unten bei uns zu sehen -- die Damen wünschen es
ebenfalls.“ Damit reichte er Beiden seinen Arm und schritt mit ihnen
langsam nach Ems hinab.

Florian Heldenstern blieb in einem wahren Taumel von Entzücken
zurück, denn die junge Dame hatte die Einladung, die Bekanntschaft
fortzusetzen, mit einem so freundlichen Blicke begleitet, daß er kaum
daran zweifeln konnte, willkommen zu sein. Jetzt aber mußte er vor
allen Dingen Näheres über die Fremden erfahren, und ließ sich deßhalb
augenblicklich die Kurliste bringen, die sich ja in jedem Gasthause
oder ~Café~ findet.

Den Anhaltepunct hatte er ja auch, Namen und Wohnort und das Uebrige
mußte die Kurliste angeben.

Panorama -- da stand es -- alle Wetter, dort logirten lauter vornehme
Leute -- meist russische Fürsten und Würdenträger mit vollkommen
unaussprechlichen Namen -- aber da stand Olaf -- er schüttelte
enttäuscht mit dem Kopfe, denn _daraus_ erfuhr er auch nichts
Näheres:

„~Olaf, Hr., m. Familie u. Bed. a. America~“

das war Alles. Aber wozu brauchte er auch die Kurliste; das nähere
Familienverhältniß konnte er sich doch selbst recht gut aus der äußeren
Erscheinung der Fremden zusammenreimen. Die ältere Dame -- obgleich
noch in sehr jugendlichem Alter, war jedenfalls die Gemahlin des
ältlichen Herrn -- vielleicht seine zweite Frau, und die jüngere dann
möglicherweise ihre Schwester? -- Nein, das konnte nicht gut sein,
denn die beiden Damen schienen auch nicht die geringste Aehnlichkeit
miteinander zu haben. Die Aeltere hatte rabenschwarzes, die Jüngere
goldblondes Haar, die erste dunkle, die andere blaue, seelenvolle
Augen. Ebenso wenig konnte er in den Zügen Beider auch nur das
Geringste finden, was selbst nur auf eine nahe Verwandtschaft schließen
ließ. Die Jüngste war deßhalb jedenfalls die Tochter des ältlichen
Herrn aus erster Ehe und Elise hieß sie -- den Namen hatte er im
Gespräche gehört -- Elise -- was für ein reizender Name, für den er
schon einmal in früherer Zeit und unter anderen Umständen geschwärmt,
ja sogar einige seiner gelungensten Sonette auf den Namen gedichtet.
Er hätte ihr keinen anderen Namen wünschen mögen, wenn sich auch
schmerzhafte Erinnerungen daran knüpften.

Und er durfte sie besuchen; am Liebsten wäre er freilich gleich
herunter gegangen, aber das würde sich nicht geschickt haben -- heute
auf keinen Fall -- er durfte nicht zudringlich erscheinen -- morgen
-- morgen Nachmittag -- und morgen früh traf er sie gewiß auf der
Promenade. -- Aber an dem Hause konnte er wenigstens vorübergehen --
vielleicht sah er sie dann, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment,
am Fenster.

Florian befand sich wirklich in einem ganz gefährlichen Grad von
Aufregung, die sich mit dem dämmernden Abend nur steigerte. Er fing
auch an schon allerlei Pläne zu machen und Luftschlösser zu bauen,
und lief noch lange nach zehn Uhr zwischen dem Hôtel de Paris und dem
berliner Hof immer vor dem Panorama auf und ab, um hinter den hie und
da erleuchteten Vorhängen die Gestalt der Geliebten zu träumen. Aber
nicht einmal einen Schatten von ihr konnte er entdecken, und die Füße
thaten ihm zuletzt so weh, daß er nach Hause mußte, um sich auszuruhen.

Er warf sich auch in der seligen Hoffnung auf sein Bett, jetzt nur
von _ihr_ zu träumen -- und was Anderes erfüllte denn auch
seine ganze Seele? Aber Gott bewahre! Es war ordentlich, als ob ihn
der neckische Traumgott verhöhnen wolle; denn statt mit dem Bilde
der holden Lahnnixe, wie er sie noch immer nannte, beschäftigte er
ihn die ganze Nacht mit einer dicken, unangenehmen Polin, die er an
demselben Mittage vor dem Kurhause in einem mit Spitzen bedeckten,
aber schmuzigen weißen Kleide, auf zwei Stühlen hingeräkelt und mit
einer Cigarre zwischen den dicken Lippen gesehen und sich darüber
geärgert hatte. Mit _der_ unterhielt er sich im Traume die ganze
Nacht -- mußte ihr Feuer zu einer Cigarre geben, ging mit ihr an die
Spieltische, ließ sich von ihr verleiten, zu setzen, verlor sein ganzes
Reisegeld, was er bei sich führte und wachte endlich, vor Angst in
Schweiß gebadet und mit den heftigsten Kopfschmerzen, wieder auf, als
die Sonne schon hell auf sein Lager schien.

Florian Heldenstern führte eine Kaffeemaschine bei sich und kochte sich
selber Morgens seinen Kaffee, und rauchte dazu eine leichte Cigarre,
weil er keine schweren vertragen konnte. Aber sein Blut war in der
Nacht, trotz des häßlichen Traumes, abgekühlt und er überdachte die
Vorgänge des letzten Tages ruhiger.

Allerdings war er darüber keinen Augenblick mit sich in Zweifel,
daß er heute _seine_ Elise aufsuchen und sie wiedersehen würde,
aber er fing doch auch an, die Folgen eines solchen Zusammenlebens zu
überlegen, an die er gestern mit keiner Sylbe gedacht hatte.

Was sollte daraus werden? -- Er liebte Elisen, so viel war sicher,
und wenn auch nicht mit der ersten, doch mit der zweiten Gluth seiner
Leidenschaft -- aber liebte Elise ihn wieder und würde er im Stande
gewesen sein, die jedenfalls nicht fehlenden Vorurtheile ihres Vaters
zu besiegen? -- Was _konnte_ er ihr bieten? Ich will gewiß nicht
behaupten, daß Florian Heldenstern sein ganzes Selbstgefühl verleugnet
und sich gar so gering geschätzt hätte; aber er besaß trotzdem zu viel
gesunden Menschenverstand, um sich über seine eigenen Verhältnisse
so gründlich zu täuschen, daß er nicht auch den möglichen Widerstand
älterer und deshalb vernünftiger Verwandter in Anschlag bringen sollte.

In den Morgenstunden fließt außerdem das Blut des Menschen langsam
durch die Adern, und er fühlte sich im Stande, das ~pro~ und
~contra~ der ganzen Sache ruhig zu überdenken.

Vermögen besaß er gar keines -- schnödes wenigstens, das „Motten und
Rost“ verzehren können -- geistiges dagegen in Hülle und Fülle, aber
damit bezahlte man allerdings keine Miethe und kein Wirthschaftsgeld,
wie alle die tausend anderen entsetzlichen Bedürfnisse, die nun einmal
zum bürgerlichen Leben gehören und das alte Sprüchwort: „Eine Hütte
und ihr Herz“ lange außer Cours gesetzt haben. Er war auch viel zu
practischer Natur, um das Alles zu ignoriren, und da konnte er sich
denn freilich nicht der Ueberzeugung verschließen -- Morgens beim
Kaffee wenigstens -- daß er der Geliebten nicht im Stande sei, etwas
Weiteres zu bieten, als eben sein Herz. Es blieb nur die Frage, ob sie
oder ihr Vater sich damit begnügen würden.

Allerdings philosophirte er ganz richtig: „Was ist eigentlich todter
Mammon? -- Eine eingebildete Größe, die nur allein durch die Habgier
der Menschen ihren Werth erhält“ -- aber die Sache blieb trotzdem
dieselbe, und war er erst verheirathet, so verlangte der Bäcker
diesen todten Mammon für Brod und der Metzger für Fleisch, wie die
Modenwaarenhandlung noch für viele andere Nebenbedürfnisse.

Was hatte er dagegen in die Schaale zu werfen? -- Seine Honorare? -- Du
lieber Himmel, er wußte selber am besten, wie schwer es ihm geworden,
sich mit denen in den bescheidensten Verhältnissen durchzubringen. Er
hatte keine Schulden, ja -- aber das war weniger seine, als der Leute
Schuld, die ihm Nichts borgen wollten, und er hätte nie hoffen dürfen,
sich und Elisen mit dem, was _er_ verdiente, „standesgemäß“ (wer
nur das entsetzliche Wort erfunden hat!) durchzubringen.

Ihr Vater besaß jedenfalls Vermögen -- er mußte reich sein, wenn
er hier einen Monat lang „mit Familie und Bedienung“ im Panorama
logiren konnte, wo sie die unverschämtesten Preise für Miethe allein
forderten; aber würde der gerade geneigt gewesen sein, ihn, den armen
Schriftsteller, damit zu unterstützen?

Sein Herz sank ihm, während er sich die Möglichkeit, ja die
Wahrscheinlichkeit einer abschlägigen Antwort überdachte, und er blies
den Rauch seiner hellgelben pfälzer Cigarre in matten, kräuselnden
Wolken vor sich aus. --

Nur eine Hoffnung -- nur ein Trost beseelte ihn noch: Elise liebte
_ihn_ -- dessen fühlte er sich gewiß, und _mit_ dieser Liebe
hoffte er auch alle weiteren Schwierigkeiten zu überwinden, zu besiegen.

Freilich war das immer nur ein schwacher -- aber doch ein Trost, und
wenn es auch noch galt, wahre Gebirge von Hindernissen zu beseitigen,
so glaubte er das doch mit Hülfe der Geliebten in’s Werk zu setzen.
Vorläufig beschloß er aber, ihr zu entsagen -- d. h. nur in einem
Gedichte, das sich ihm auf die Lippen drängte und das er im Uebermaße
seiner Gefühle niederschrieb:

    Du sollst es nun und nimmer wissen,
    Wie lieb und theuer Du mir bist
    Und wie Dein hold unschuldig Wesen
    Gerade mein Verderben ist.

    Ich will das Herz im Busen halten,
    Daß mich sein Klopfen nicht verräth --
    Ich will den Blick nicht zu Dir heben,
    In dem’s mit heißen Worten steht.

    Doch bann’ mich nicht aus Deiner Nähe,
    Laß mir den Gram, der mich verzehrt --
    Und wenn er Gift -- es ist das Einz’ge,
    Von dem sich meine Seele nährt.

Wie er damit zu Ende war, beschloß er, Toilette zu machen, die
Promenade zu besuchen, um die Geliebte dort vielleicht zu treffen und
seine tägliche Portion „Gift“ zu sich zu nehmen -- aber er kam zu spät.
Die Brunnengäste hatten ihr „Krähnchen“ schon getrunken und die Musici
den Platz geräumt -- nur die schreckliche Polin in ihrem _noch_
nicht gewaschenen weißen, spitzenbedeckten Kleide fegte den Staub der
Promenade und etwa herumliegende Cigarrenstummel mit ihrer Schleppe
zusammen und ein Paar hustende alte Herren stritten sich an einem der
Tische über Politik.

Mittags aß er im Guttenberg und gerirte sich als Kurgast, weil er
dadurch billiger wegkam, denn er trank keinen Wein, und Nachmittags um
drei Uhr erst wagte er es, von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch zu
machen und Herrn Olaf „m. Fam. u. Bed.“ im Panorama aufzusuchen.

Er fand den alten Herrn auch gerade beim Kaffee und in bester Stimmung;
die beiden Damen erschienen ebenfalls bald nachher, und da sich Florian
heute viel weniger befangen als gestern fühlte, wurde das Gespräch
bald animirt und man scherzte und lachte zusammen. Nachher, als die
ersten Töne des Musikcorps laut wurden, begab sich die ganze kleine
Gesellschaft hinüber auf die Promenade, und als Florian an dem Abende
von ihnen Abschied nahm, glaubte er nie einen glücklicheren Tag verlebt
zu haben.

Armer Florian -- er glich der um das Licht flatternden Motte, die immer
nur nach dem strahlenden Glanze geblendet schaut, bis sie der Flamme
zu nahe mit ihren dünnen Flügeln kommt, und dann gelähmt, zerstört zu
Boden sinkt.

Und doch fühlte sich Florian in dem Gefühle einer unglücklichen, oder
wenigstens ungewissen Liebe wohl. Es hatte ihm bis jetzt jener größere
Schmerz gefehlt, den alle lyrischen Dichter nothwendig zu ihrer Arbeit
brauchen, wenn sie nicht matt und fade werden sollen. In den nächsten
Tagen floß ihm die poetische Ader wie eine Sturzfluth. Er besang den
-- schon allerdings früher besungenen -- Mond, den Abendstern, die
heiße Quelle von Ems, die er, ziemlich glücklich, mit seinem kochenden
Blute verglich -- ja sogar das Schweizerhaus, wo er zum ersten Male mit
ihr Kaffee getrunken, und verschiedene andere lebendige und leblose
Gegenstände.

Aber noch größere Seligkeit stand ihm bevor, denn einige Male traf
er es so glücklich, die Geliebte allein zu Hause zu finden, und er
benutzte diese Gelegenheit auch augenblicklich -- nicht etwa ihr seine
Liebe zu gestehen -- nein, das hätte er noch nicht gewagt, aber ihr
doch einen Theil seiner Gedichte vorzulesen, und ordentlich rührend
war die Geduld, mit welcher Elise den begeisterten Klängen des Barden
lauschte.

Elise interessirte sich überhaupt sehr für Literatur; sie las viel
und meistens deutsche oder englische Romane, wobei sie den letzteren
aber den Vorzug gab. Sie behauptete, der Deutsche vermöchte nicht die
tiefe Empfindung in sein Werk zu legen, wie der Engländer, und fragte
ihren jungen Bekannten wiederholt, ob er noch nie versucht habe, einen
wirklichen Roman zu schreiben.

Florian mußte es verneinen. Einzelne Novellen oder kleinere Erzählungen
hatte er allerdings schon verfaßt und zum Abdrucke gebracht, aber ein
größeres Werk noch nie. Sein Ehrgeiz war jedoch dadurch geweckt worden,
und wo und unter welchen Umständen hätte er eine derartige, den Geist
vollbeschäftigende Arbeit auch wohl besser beginnen können, als gerade
jetzt und hier, unter dem unmittelbaren Einflusse und Zauber dieses
holden Wesens, das seine ganze Seele wie in eisernen Banden hielt?

Schon an dem nämlichen Abende, ja die ganze Nacht hindurch arbeitend,
entwarf er einen, für jetzt freilich noch ziemlich unbestimmten Plan,
auf dem er aber weiter zu bauen hoffte, und nahm sich auch vor, der
Geliebten noch für jetzt Nichts davon zu sagen -- sie sollte mit den
ersten Capiteln, die sie recht gut als _ihr_ Werk betrachten
konnte, da sie ja die erste Anregung dazu gegeben, überrascht werden.
Die Sache schien nur nicht so leicht, als er sie sich Anfangs gedacht,
denn eine derartige Arbeit verlangte Sammlung, und durch unseres jungen
Dichters Hirn preßten eine solche Masse von Gedanken und Empfindungen,
daß er Tage gebrauchte, um sie nur zu sichten und in ihre Grenzen zu
bannen.

Indessen war er im Panorama nicht allein ein täglicher Gast geworden,
sondern begleitete die Familie auch auf ihren Spaziergängen, manchmal
bis weit hinauf in die Berge, wohin die Damen dann auf Eseln ritten,
während die Herren plaudernd nebenher gingen. In solchen Fällen war
Herr Olaf, wie Florian jetzt den ältlichen Herrn nannte, auch weit
gesprächiger als in den Zeiten, wo die Damen mit in die Unterhaltung
gezogen wurden, und erschloß in der Erzählung gar nicht so selten
dem aufmerksam zuhörenden jungen Dichter die Wunder jener mächtigen
amerikanischen Scenerie, die sich in den endlosen Prairien und
himmelansteigenden Felsengebirgen des inneren Landes dem Wanderer
zeigt. Von seinen Jagden berichtete er, von seinen einsamen Wanderungen
und Entdeckungszügen in den wilden, von feindlichen Indianern
noch außerdem bedrohten Felsenkämmen, und beschrieb ihm dann mit
glühenden Farben die stillen heimlichen See’n in der Wildniß, den
brausenden Wassersturz und die blumengeschmückte Prairie, so daß es
Florian manchmal ordentlich war, als habe sich ein Märchen-Erzähler
seiner Sinne bemeistert und trage ihn auf breiten Schwingen in sein
Zauberreich.

Der ältliche und sonst sehr ruhige Herr schien bei solchen
Gelegenheiten auch -- wie von seinen Erinnerungen übermannt, ein ganz
anderes Wesen geworden. Seine Gestalt hob sich, sein Auge strahlte
ordentlich; seine Stimme zitterte in der Erregung des Augenblicks und
wie begeistert stand er vor dem jungen Dichter und starrte in die
Ferne. Solche Momente waren es auch, in welchen dieser selber eine
unbestimmte Sehnsucht nach fremden Scenen in sich erwachen fühlte,
und wenn er sich dann noch dachte, daß er einst Alles das, was dieser
merkwürdige Fremde mit solchem Entzücken ihm beschrieb, selber an der
Seite der Geliebten sehen und genießen sollte, so wollte es ihm bald
das Herz vor Lust zersprengen.

Aber die nüchterne Wirklichkeit machte dann doch auch wieder ihre
Anrechte geltend, denn wovon und womit sollte er eine solche Reise
machen; und sich allein von seinem Schwiegervater unterhalten zu
lassen, dagegen sträubte sich sein Ehrgefühl. -- Außerdem: liebte
ihn denn Elise wirklich? -- Er glaubte und hoffte es, war aber weit
entfernt, sich vollkommen sicher darin zu fühlen. Sie hatte sich immer
lieb und freundlich gegen ihn gezeigt, ja, und er selber noch nie das
holde Lächeln auf ihrem Antlitz vermißt, wenn er einmal unerwartet das
Zimmer betrat. Mit einer wahren Engelsgeduld saß sie auch stundenlang
neben ihm und ließ sich vorlesen, und das war das Einzige, womit er
sich stets ein Alleinsein mit ihr sichern konnte. Sobald er nämlich
nur sein Buch herauszog, verließ der ältliche Herr das Zimmer, und
seine Frau -- es _mußte_ seine Frau sein, denn er ging immer Arm in
Arm mit ihr -- machte sich dann auch sehr bald etwas zu schaffen,
oder hatte nach der Kranken zu sehen. Aber er wagte es trotzdem nie,
diesen günstigen Zeitpunkt zu benutzen; denn wenn er es sich auch oft
und oft vorgenommen, Gewißheit über sein Schicksal zu erhalten: im
entscheidenden Momente verließ ihn jedes Mal der Muth und es war ihm
dann ordentlich, als ob ihm Jemand die Kehle zusammenschnüre.

       *       *       *       *       *

So flog unserem Liebenden die Zeit dahin; er wußte kaum selber, wohin
sie kam, und nur an seiner mehr und mehr ebbenden Casse merkte er die
Spuren ihres Zahns.

Da traf ihn eines Tages, wie ein Donnerschlag -- ich könnte sagen „aus
heiterem Himmel“ -- die Kunde, daß die Stunden seines Glückes gezählt
seien, denn Herr Olaf, den er mit Elisen im Zimmer allein fand, rief
ihm schon entgegen:

„Das ist glücklich, daß Sie noch einmal kommen, lieber Heldenstern,
denn ein Paar Stunden später würden Sie uns nicht mehr angetroffen
haben.“

„Nicht mehr angetroffen haben?“ rief Florian, von Schreck wirklich wie
erstarrt -- „Sie wollen doch nicht --“

„Abreisen, in der That, bester Freund, denn unsere Zeit ist um und die
Kranke soweit wieder hergestellt, daß wir uns jetzt auf die Nachkur der
Seereise vertrösten müssen; -- außerdem zwingt mich ein eben erhaltener
Brief zum schleunigsten Aufbruch.“

Florian faßte krampfhaft nach seinem Herzen; ob aber der ältliche Herr
glaubte, daß er wieder nach seinem Buche griffe, oder wirklich noch
Einiges zu besorgen hatte, kurz, er nahm seinen Hut vom Tische und
sagte:

„Ich lasse Sie einen Augenblick mit Elisen allein, da ich noch einen
Weg zu gehen habe; Bertha wird wohl auch gleich herüber kommen, denn
unsere Koffer sind alle gepackt. -- Ich nehme auch noch nicht Abschied;
wir sehen uns jedenfalls, wann ich zurückkomme.“

Die Thüre schloß sich hinter ihm und Florian fühlte, daß der
entscheidende Augenblick gekommen sei, aber seine Courage nicht mit,
und er stand, seinen Hut in eine unbestimmte Form hineindrückend, dem
jungen lieblichen Wesen gegenüber, ohne im Stande zu sein, ein Wort
über die Lippen zu bringen.

„Das ist recht rasch gekommen,“ brach da Elise endlich das Schweigen
und wie es Florian vorkam, mit zitternder Stimme -- „ich hatte gehofft,
daß wir noch wenigstens acht Tage hier bleiben würden, aber Olaf drängt
so zur Abreise.“

„Ich kann es noch gar nicht fassen,“ stammelte Florian.

„Wir werden Sie auch sehr vermissen,“ lächelte das junge Wesen
wehmüthig -- „wir hatten uns so an Sie gewöhnt und in unserer fernen
Heimath hört man so wenig von der Welt da draußen.“

„Sie mich vermissen,“ sagte Florian bitter, „Du lieber Gott, und was
soll _ich_ da sagen -- und wie hatte ich mich darauf gefreut,
gerade jetzt noch mit Ihnen zu verkehren.“

„Gerade _jetzt_?“ frug Elise etwas erstaunt.

„Ich bin Ihrem Wunsche nachgekommen,“ fuhr Florian, zu ihr aufblickend,
fort -- „ich habe einen größeren Roman begonnen. Ich fühlte mich die
ganze Zeit in einer so gehobenen -- so seligen Stimmung, daß die Feder
kaum der entfesselten Phantasie zu folgen vermochte, und jetzt -- da
ich Ihren Rath -- Ihren Beifall brauche -- wollen Sie fort -- fort
vielleicht auf immer.“

„Meinen _Rath_?“ sagte Elise kopfschüttelnd, „und wie könnte
_ich_ Ihnen bei einer solchen Arbeit einen Rath geben?“

Florian sah sie mit einem forschenden Blicke an. Ein plötzlicher
Gedanke zuckte durch sein Hirn. Sollte er das Geständniß der ihn fast
verzehrenden Liebe in seinem Herzen verschließen? Hätte sie ihn nicht
selber für verzagt halten müssen und kam sie ihm nicht schon durch die
Frage auf halbem Wege entgegen?

„Ich befinde mich gerade in einem sehr schwierigen Capitel,“ erwiderte
Florian, jetzt plötzlich zum Aeußersten entschlossen -- „ich habe die
schüchterne Liebe eines jungen Mannes zu der Auserwählten geschildert
-- seinen Kampf mit sich -- seine Furcht, es ihr zu gestehen.“

„O, das muß _so_ interessant sein,“ sagte Elise.

„Sein Schwanken, ob er sie fliehen,“ fuhr Florian fort -- „und unsagbar
elend werden oder sich ihr zu Füßen werfen solle und ihr die ihn
verzehrende Leidenschaft bekennen.“

„Das muß er doch unbedingt thun,“ rief die junge Dame rasch.

„Ja,“ sagte Florian mit gepreßter Stimme -- „auch ich fühle, wie
nothwendig das ist. Denn diese Ungewißheit würde er auf die Länge der
Zeit nicht ertragen können, aber -- ich befinde mich dabei in einer
schwierigen Situation, denn -- ich kann mich recht gut in die Lage und
Gefühle des Jünglings versetzen, aber -- nicht in die der Jungfrau. Ich
weiß nicht genau, wie sie sich in einem solchen Moment benehmen -- was
sie denken, was sie sagen würde.“

„Und da soll ich Ihnen helfen?“ lächelte Elise.

„O, wenn Sie das wollten,“ bat Florian leidenschaftlich, „noch bleibt
uns vielleicht eine Stunde Zeit.“

„Haben Sie Ihr Manuscript bei sich?“

„Die Gedanken sind noch nicht aufgeschrieben,“ erwiderte Florian, dem
jetzt ungefähr so zu Muthe war, als ob er auf einem durchgehenden
Pferde säße, und es eben laufen lassen müsse -- „nur im Kopf trage ich
sie herum, noch ohne Form und Gestalt, und Ihr Rath sollte ihnen eben
Leben verleihen.“

„Das verstehe ich nicht ganz,“ sagte die junge Dame erröthend, „wie
kann ich Ihnen einen Rath geben oder mir denken, was jene andere Dame
geantwortet haben würde, wenn ich nicht vorher lesen kann, was ihr
Geliebter gesagt?“

„Und wenn wir es nun dramatisch aufführten,“ fragte Florian, und es
war, als ob ihm bei dem scharfen Ritt seines Durchgängers der Athem
versetzt würde.

„Dramatisch?“

„Wir spielen die Scene durch,“ sagte Florian und mußte sich Mühe geben,
die Worte über die Lippen zu bringen.

„Und liebt sie ihn denn auch?“ lächelte Elise.

„Ja das weiß er ja noch gar nicht,“ erwiderte Florian, „gerade diese
Ungewißheit und -- der drängende Augenblick -- denn die Geliebte soll
ihm gerade durch einen harten Vormund entrissen werden -- treibt ihn
zu der Erklärung und eben von der Antwort derselben hängt das ganze
weitere Schicksal seines -- des Romans eben ab.“

„Also dann beginnen Sie,“ nickte Elise, still vor sich hin lächelnd;
„schade nur, daß Bertha nicht da ist, die könnte mich unterstützen.“

Florian war darin anderer Ansicht, aber in diesem Augenblick wirbelte
es ihm auch durch Kopf und Herz; er wechselte in dem Ansturm seiner
Gefühle mehrmals die Farbe, und wieder kam ihm die schon frühere
Empfindung des Erstickens, bis er endlich entschlossen die Zähne
aufeinander setzte. Es _mußte_ sein, und mit dem Bewußtsein griff
er den abgelegten Hut wieder auf, that als ob er eben erst in die
Thüre träte und sagte:

„Mein Fräulein, der Drang des Augenblicks mag mein plötzliches
Erscheinen entschuldigen. Aber die furchtbare Nachricht hat mich
ereilt, daß Sie uns verlassen wollen, und nicht vermochte ich in dem
Bewußtsein der Leere, die fortan mein ganzes Leben ausfüllen würde --“

„Aber bester Herr Heldenstern,“ unterbrach ihn lächelnd Elise -- „ich
bin allerdings der deutschen Sprache nicht so vollkommen mächtig, aber
-- kann man denn mit _Leere_ etwas ausfüllen?“

Florian war durch die Zwischenfrage ganz aus seinem Concept gekommen.
Was lag jetzt an einem Worte, an einer Redensart, wo sein ganzes
Lebensglück auf dem Spiele stand, und Elise saß ihm dabei so ruhig
gegenüber. Sollte er sich getäuscht haben? sollte sie nicht ahnen, was
in seinem Herzen vorging, und wie das Geständniß seiner „unsagbaren“
Liebe eben im Begriffe sei, über seine Lippen zu quellen?

„Sie haben Recht, mein Fräulein,“ stammelte er, „aber entschuldigen
Sie den falschen Ausdruck mit der Erregung des Augenblicks -- ich
wußte nicht, was ich sagte -- ich weiß es noch nicht -- aber nur Eines
-- Eines auf dem ganzen Erdenrunde weiß ich,“ rief er -- und jetzt
ging der Renner wieder ordentlich mit ihm durch, denn er warf sich
leidenschaftlich dem verführerischen Wesen zu Füßen -- „Eins nur, daß
ich Sie liebe und anbete -- daß ich nicht leben kann ohne Sie, daß ich
verzweifeln müßte, wenn Sie sich jetzt in diesem Augenblicke von mir
abwenden und mich in mein leeres Nichts zurückstoßen würden.“

Er hatte dabei ihre Hand gefaßt, die er mit seinen Küssen bedeckte.
Er sah und hörte auch nicht, wie in diesem Moment gerade die
Thüre sich öffnete und der ältliche Herr, allerdings mit einem
unverkennbaren Ausdrucke des Erstaunens, sonst aber vollkommen ruhig
und leidenschaftslos auf der Schwelle stand und die Gruppe betrachtete.

„Allerliebst,“ sagte er jetzt, als Florian schwieg; „ist das etwa eine
Abschiedsscene?“

„Nur eine Probe, Olaf,“ lächelte die junge Fremde, aber eben so
unbefangen und ruhig, als sie bis jetzt das Ganze hingenommen. „Herr
Heldenstern probirt eine Scene seines neuen Romans.“

„Nein -- nein,“ rief aber dieser jetzt, nicht mehr im Stande, die
einmal losgebrochenen Gefühle in ihr altes Bett zurückzudämmen, denn
selbst die Erscheinung des Fremden dämpfte nicht die Gluth. „Wahrheit
ist’s, furchtbare beseligende Wahrheit, und Glück oder Elend meines
ganzen Lebens hängt an dieser Stunde. Herr Olaf,“ fuhr er fort, indem
er in die Höhe sprang und sich an diesen wandte, „nicht vermögend, die
Scheu zu bewältigen, die mich in der Nähe dieses Engels erfaßte, trieb
es mich, zu schnöder List meine Zuflucht zu nehmen und ihr unter der
Maske eines fingirten Romans meine Liebe zu gestehen. Der Roman war
Erdichtung, aber nicht die Liebe selber. Ich bitte Sie um die Hand
Ihrer Tochter.“

Scheu streifte sein Blick, während er diese Worte in leidenschaftlicher
Heftigkeit sprach, die schlanke Gestalt Elisens, die, wie von Purpur
übergossen, neben ihm stand, und schaute dann fragend und flehend zu
dem ältlichen Herrn empor, der immer noch, langsam dazu mit dem Kopf
schüttelnd, seine Stelle behauptete.

„Meine _Tochter_, Herr Heldenstern?“ sagte aber Olaf endlich; „ich
verstehe Sie nicht -- ich habe gar keine Tochter.“

„So ist Elise nicht Ihre Tochter?“ rief Florian rasch.

„Allerdings nicht,“ erwiderte Herr Olaf mit derselben lächelnden Ruhe
-- „aber ich kann doch nicht gut glauben, daß Sie mich um die Hand
meiner eigenen Frau bitten?“

„Ihrer _Frau_?“ schrie Florian und sprang wie von einer Natter
gestochen zurück -- „heiliger Gott! und ich glaubte, die andere Dame,
Frau Bertha, sei Ihre Gemahlin.“

„Das ist _auch_ meine Frau,“ erwiderte mit unzerstörbarer eiserner
Ruhe der Entsetzliche.

„Aber ich bitte Sie um des Himmels willen.“

„Und die kranke Dame, derethalben wir Ems besucht haben, ebenfalls,“
nickte der ältliche Herr.

Florian faßte seinen Kopf mit beiden Händen -- er wußte nicht, ob er
wache oder träume und sein fragender Blick flog nach Elisen hinüber --
war es ihm doch als ob ein leiser Zug von Mitleiden über ihr liebes
Antlitz zuckte. Aber nur bestätigend nickte sie mit dem Kopf und der
junge Dichter rief verzweifelnd aus:

„Wollen Sie mich wahnsinnig machen? -- Es ist ja gar nicht möglich,
denn Sie stammen doch aus Norwegen und nicht aus der Türkei.“

„Nein,“ erwiderte der ältliche Herr lächelnd -- „ein Türke bin ich
allerdings nicht, sondern ein Christ.“

„Mit drei Frauen?“

„Wir gehören zur Secte der Mormonen,“ nickte Herr Olaf, „und kommen
vom Salzsee, wohin wir gerade im Begriffe sind, wieder zurückzukehren.
Liebe Elise, der Wagen hält schon vor der Thüre und das Gepäck ist
sämmtlich unten.“

„Mormonen!“ stöhnte Florian vollkommen vernichtet.

„Daß uns hier Nichts daran lag, als solche gekannt zu sein, können
Sie sich denken,“ fuhr der ältliche Herr fort, „und ich hatte nicht
das Geringste dagegen, daß meine jüngste Frau für meine Tochter galt.
Uebrigens kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß es mich und uns
Alle herzlich gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Sollten Sie jemals
unsere Ansiedlung am Salzsee, an der anderen Seite der Cordilleren,
besuchen, so werden wir Ihnen beweisen können, wie willkommen Sie uns
sind.“

„Gnädiger Herr, der Zug ist schon signalisirt,“ meldete in diesem
Augenblicke der eintretende Diener, „die Damen warten unten.“

„Leben Sie wohl, lieber Freund,“ sagte Olaf, ihm die Hand
entgegenstreckend und Elisens Arm nehmend, „und bewahren Sie uns ein
freundliches Andenken.“

„Leben Sie wohl, Herr Heldenstern,“ flüsterte auch Elise und reichte
ihm ihre kleine Hand.

Er nahm sie wie in einem Traum und drückte sie an seine Lippen, dann
sah er, wie die Personen verschwanden und hörte, wie unten der Wagen
fortrollte. Er wollte ihnen nach, aber er vermochte keinen Fuß zu regen
und stand da, willenlos und wie gebannt, allein mitten im „Panorama.“

Doch nicht lange dauerte dieser Zauber, den er endlich gewaltsam von
sich abschüttelte. Jetzt stürmte er die Treppe hinab und dem Bahnhof
zu -- was er dort wollte, wußte er freilich selber nicht, denn welche
Gewalt stand ihm über die Frau eines Anderen zu. Aber er kam auch zu
spät; wie er flüchtigen Laufes der nahen Station zueilte, pfiff die
Locomotive und der Zug brauste davon. Nur aus einem Coupé erster Classe
erkannte er noch ein weißes wehendes Taschentuch.

Florian verließ an dem nämlichen Abend Ems. Die Erinnerung an das
Durchlebte war ihm zu furchtbar. Vorher aber schrieb er noch in sein
eigenes Stammbuch:

  „Aus dem Salzsee stieg die Nixe, zauberschön, ein Bild der Minne,
  Und sie stahl mein Herz; ich dachte Nichts, als wie ich sie gewinne,
  Aber Täuschung nur und Trug war’s; sie entschwand trotz meinem Sehnen
  Und mir blieb allein der Salzsee, den ich schuf mit meinen Thränen.“





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Hüben und Drüben; Erster Band (1/3) - Neue gesammelte Erzählungen" ***

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