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Title: Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) - Neue gesammelte Erzählungen
Author: Gerstäcker, Friedrich
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) - Neue gesammelte Erzählungen" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
    altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
    unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

    Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende des
    jeweiligen Kapitels der betreffenden Erzählung verschoben.
    Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden in ihrer Umschreibung
    dargestellt (Ae, Oe, Ue).

    Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
    den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      gesperrt:      _Unterstriche_
      Antiqua:       ~Tilden~

  ####################################################################



                           Hüben und Drüben.

                            [Illustration]

                      Neue gesammelte Erzählungen

                                  von

                         Friedrich Gerstäcker.


                             Dritter Band.


                            [Illustration]

                               Leipzig,

                       Arnoldische Buchhandlung.

                                 1868.



Inhaltsverzeichniß.


                                   Seite

    1. Das Loch in der Hose            1

    2. Richter Black                 163

    3. Martin                        253

    4. Hasenjagd bei Gotha           310



Das Loch in der Hose.



Erstes Kapitel.

Auf der Promenade.


Der warme Sonnenschein des ersten wirklichen Frühlingstages hatte
eine Menge von Menschen hinaus in’s Freie gelockt, und der sogenannte
„Promenadenweg“ in der Stadt Hoßburg zeigte Schwärme von fröhlichen
Stadtbewohnern. Verließen sie doch jetzt den langen Winter hindurch
in ihren Häusern eingeengt, wie die Bienen ihren Bau, um sich an dem
blauen Himmel und der milden, balsamischen Luft zu erfreuen.

Ein Frühling in Deutschland! -- Man mag unser nordisches Klima mit
Recht verlästern und sich zehn Monate im Jahr fragen, wie es möglich
ist, daß vernunftbegabte Menschen es in einem solchen Himmelsstrich
aushalten, und im Winter der Kälte, im Sommer der Hitze und im
Herbst den rasenden Nordweststürmen wieder und wieder trotzen. Ein
einziger Frühlingstag giebt die Antwort, und wie ein immer gesunder
Mensch eigentlich nie weiß, daß er gesund ist, und sich deßhalb
seines vortrefflichen Zustandes auch gar nicht recht erfreuen kann,
ebenso weiß kein Bewohner der Tropen, wo ewiger Frühling herrscht,
das zauberschöne Wort Frühling zu schätzen -- ja, er hat es nicht
einmal in seiner Sprache und keine Ahnung davon, welches Entzücken
uns durchströmt, wenn nach dem langen Winterschlaf die Natur endlich
doch wieder erwacht und der Frühling mit schmetternden Lerchenfanfaren
seinen fröhlichen Einzug hält.

Es giebt keine wonnigere Zeit in der Welt als einen deutschen Frühling,
und nicht allein in das kleine Herz des Wandervogels zieht die Luft
ein, hinaus in’s Freie, fort fortzustreben, immer fort, in die weite
herrliche Welt; nein, der Mensch empfindet das Nämliche, und welches
Geschäft er auch treibe, welches Amt, welche Pflicht ihn an die Scholle
fesselt, in _der_ Zeit wird es ihm am schwersten, derselben zu
folgen, und er benutzt wenigstens jeden freien Moment, um auszufliegen,
soweit ihn seine Kette läßt. Leider ist diese Kette nur bei den meisten
Leuten entsetzlich kurz, und beschränkt ihre „Wanderlust“ auf das
dürftigste Maß -- einen Spaziergang um die Stadt herum, aber -- „sie
schöpfen doch wenigstens frische Luft“, und auch in Hoßburg hatten sie
sich das heute zu Nutz gemacht.

Wie das herüber und hinüber wogte, von fröhlichen lachenden Gruppen,
und wie zahlreich eigentlich das schöne Geschlecht vertreten war, das
heute, am ersten Mai, auch zuerst die langersehnte Gelegenheit bekommen
hatte, schon längst bereit liegende Frühlingskleider in Glanz und Licht
hinauszutragen! Wie an einem Sonn- und Feiertag war das junge Volk
geputzt; und wie das dabei mit einander kicherte, lachte und plauderte,
und wie sorgfältig es einander musterte und prüfte!

Wenn sich weit draußen in See zwei Schiffe begegnen, so stehen die
beiden Kapitäne jeder an seinem Bord mit dem Fernrohr in der Hand,
um erst einmal die Flagge zu erkennen, und wenn die nicht gezeigt
wird, nach der Takelage und dem ganzen Schnitt der „~rigging~“
das fremde Fahrzeug „auszumachen“. Alles wird dabei auf das Genaueste
beobachtet, der Stand der Masten, der Schnitt der Segel, der Bau des
Rumpfes vom Bug zum Heck, selbst die Malerei an Bord, und erst völlig
außer Gesichtsweite schiebt der Seemann sein Teleskop wieder zusammen
und tauscht mit dem Steuermann seine Bemerkungen über das fremde Segel.

Dieselbe Beobachtung können wir an Land machen, wenn sich zwei fremde
Damen auf der Straße begegnen und ihre Flagge nicht zeigen -- d. h.
einander nicht grüßen. Keine verwendet, während sie aneinander
vorbeisegeln, einen Blick von der „~rigging~“ oder Takelage der
Anderen; jedes Band wird gemustert, jede Blume auf dem Hut oder im
Haar, Besatz und Schnitt des Kleides oder Ueberwurfs abgeurtheilt. Mit
einem langen Blick, „vom Bug zum Heck“, fliegt das prüfende mitleidlose
Auge und übersieht Nichts, sei es noch so klein und unbedeutend, keine
falsche Locke, keinen gefärbten Besatz, keine unächte Spitze, keinen
altmodigen Schnitt irgend eines Theils -- bis das fremde Fahrzeug
vorüber gesegelt ist, und selbst dann noch wendet sich der hübsche Kopf
prüfend zurück und erröthet leicht und dreht sich rasch wieder ab, wenn
er die nämliche beobachtende Bewegung am Gegenpart bemerkt.

Und welche prachtvolle Gelegenheit, solch’ praktische Erfahrung in
fremder Toilette zu erwerben, bietet ein solcher erster Frühlingstag,
wo nicht allein die Blumen und Blüthen draußen in Wiese und Wald
anzukommen anfangen, sondern in vollem Farbenschmuck schon auf den
Hüten und Wangen der jungen Mädchen strahlen -- wer hätte sie versäumen
mögen!

Ganze Trupps junger Schönen wanderten auf und ab, lachend und
plaudernd, wenn sie sich begegneten, und ehrbar und züchtig wieder
grüßend, wenn junge Leute ihrer Bekanntschaft vorüber gingen, nach
denen sie aber um’s Leben nicht den Kopf hätten drehen dürfen -- wie
schwer ihnen das oft auch wurde.

Die munterste von Allen war die sonst eigentlich weit mehr ernste
und sinnige Tochter des Justizraths von Hochweiler, Elisabeth, eine
reizende Brünette von vielleicht neunzehn Jahren, und sie vor allen
Anderen musterte die ihr Begegnenden. So still und ehrbar sie aber auch
an ihnen vorüber schritt, nicht eine falschgelegte Falte entging ihrem
Blick, und mit viel Geist und einem trefflichen Humor wußte sie immer,
sobald sie vorbei waren, so treffende und oft komische Bemerkungen zu
machen, daß ihre Begleiterinnen manchmal kaum ein lautes und jedenfalls
unschickliches Lachen unterdrücken konnten.

Auch die Herren entgingen der scharfen Geißel ihres unerbittlichen
Witzes nicht. Je freundlicher und ehrerbietiger sie grüßten, desto
schärfer wurden sie durchgenommen und reichen Stoff boten sie ja. --
Der trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wie ein Oberkellner, Jener
einen Zwicker im Auge, wie ein Lieutenant -- dieser war geschnürt, der
Andere hatte Sporen angeschnallt und wußte nicht einmal, von welcher
Seite man „gewöhnlich“ auf ein Pferd hinaufsteigt; kurz, es kam Keiner
ohne einen kleinen Seitenhieb vorbei, und je harmloser diese auch im
Ganzen waren, desto besser amüsirten sich die jungen Damen dabei.

So waren sie schon fast um die ganze Promenade herumgeschritten
und wieder in der Nähe ihrer eigenen Wohnung angelangt, als ihnen
ein junger Mann begegnete, der durch seine äußere Erscheinung ihre
Aufmerksamkeit plötzlich fesselte.

Er ging allerdings sehr anständig, ja, elegant gekleidet, aber in
dem etwas steifen Hoßburg war das Auge in der Tracht an eine gewisse
Adrettheit -- ja, man hätte sagen können Pedanterie gewöhnt -- wie das
meist immer in Handelsstädten der Fall ist, und davon wich der ihnen
Begegnende allerdings auffällig ab. Das konnte keinenfalls ein Kaufmann
sein -- darin waren die jungen Damen augenblicklich einig, denn schon
die unverkennbare Nonchalance, mit der er sich bewegte, harmonirte nun
und nimmer mit dem regelmäßigen Geschäftsgang der Stadt.

Er trug einen vollen, nur etwas kurz gehaltenen, doch sorgfältig
gepflegten Bart -- aber -- an der Weste war nur der zweite und dritte
Knopf zugehakt und das schwarzseidene Halstuch hielt locker den,
allerdings schneeweißen Hemdkragen zusammen. Ebensowenig saß ihm
der Hut vorschriftsmäßig und nach Geschäftsbegriffen steif auf dem
Scheitel, sondern neigte, wenn auch nicht übermäßig viel -- doch etwas
nach der rechten Seite über. Außerdem trug er ein kleines, in Papier
geschlagenes Paket unter dem Arm -- lauter Dinge, die nicht recht nach
Hoßburg paßten.

Elisabeth’s Blicke flogen aber unwillkürlich nach seinem Knie hinab,
denn dort zog eine auffallende Unregelmäßigkeit ihr Auge auf sich. Das
Beinkleid war nämlich an jener Stelle zerrissen und zwar nicht etwa
wieder ausgebessert, sondern ein Stück des leichten, hellgestreiften
Tuchs hing offen herab, als ob der Eigenthümer vielleicht eben erst an
einem Nagel hängen geblieben wäre, und den Schaden nicht einmal bemerkt
hätte -- er würde sich doch sonst sicher nicht in dem Zustand auf
offener Promenade gezeigt haben.

Jetzt passirte er sie, wie fragend hob sich ihr Auge zu ihm auf und
ihre Blicke begegneten sich, ja, die junge Dame hatte ihn unwillkürlich
so fest angeschaut, daß er, als er an ihr vorüberging, unwillkürlich
den Hut zog, und ihr damit das Blut in Wangen und Schläfe jagte.

„Kanntest Du den Herrn mit den zerrissenen Unaussprechlichen, Lily?“
kicherte ihr die noch jugendliche Schwester in lachendem Uebermuth zu,
als der Fremde kaum weit genug entfernt sein konnte, selbst die Worte
zu verstehen, denn ihren Klang mußte er jedenfalls gehört haben.

„Aber Käthchen,“ rief Elisabeth erschreckt, „das schickt sich ja gar
nicht.“

„So in der Stadt herumzulaufen, nicht wahr?“ lächelte das junge
muthwillige Mädchen, indem sie den Kopf zur Seite wandte, aber jetzt
selber bestürzt wieder herumfuhr, „wahrhaftig er sieht sich nach uns
um.“

„Du bist auch gar zu ausgelassen, Käthchen,“ ermahnte sie die ältere
Elisabeth, „wer dreht den Kopf nach einem Herrn, wenn er vorübergeht.“

„Als ob Du das nicht vorher selber gethan hättest,“ spottete das junge
Mädchen, „als der Marineoffizier an uns vorüberging.“

„Weil ich die Uniform sehen wollte,“ sagte Elisabeth.

„Wie sie saß, nicht wahr?“ lachte Käthchen. „Aber wer das nur gewesen
sein mag; sicher kein hiesiger Kaufmann, vielleicht ein Fremder, der
eben erst von Australien oder Ostindien angekommen ist. Und wie wird
er sich ärgern, wenn er merkt, daß er hier mit zerrissenen Kleidern
promenirt hat.“

„Laß uns umkehren,“ sagte Elisabeth plötzlich.

„Ja,“ rief Käthchen rasch, „vielleicht begegnen wir ihm noch einmal.“

„Aber deßhalb doch nicht,“ sagte Elisabeth und fühlte trotzdem, daß sie
wieder roth wurde, „es wird auch schon spät und wir müssen nach Hause
zurück.“

„Und den Marineoffizier treffen wir gewiß wieder am Rothenthor. -- Er
wohnt im Hotel Belvedere.“

„Und woher weißt Du das, mein Schatz?“

„Weil ich ihn ein paar Mal gesehen habe, wie er sich vor dem Hotel
nach Tisch die Zähne stocherte,“ lachte Käthchen. „Du wirst mir also
zugestehen müssen, daß es ohne Zauberei zugegangen ist.“

Noch während sie sprachen, fuhr eine offene Droschke vorüber, und der
Herr mit dem zerrissenen Beinkleid saß darin. Er mußte seinen Schaden
bemerkt haben, denn sein Taschentuch in der Hand haltend, ließ er es
über das linke Knie fallen. Die Damen schien er aber nicht wieder zu
bemerken, sondern sah still und theilnahmlos hinaus in’s Leere.

Die jungen Mädchen sprachen noch eine Weile über das Zusammentreffen,
aber andere ihnen Begegnende verwischten bald wieder die nur flüchtig
aufgenommenen Bilder, und schon ehe sie nach Hause zurückgekehrt waren,
dachte wenigstens Käthchen an keinen der Herren mehr, die sie unterwegs
getroffen hatten, und plauderten nur unaufhörlich von den prachtvollen
Toiletten, die sie heute gesehen, von den „süßen“ Roben und Blumen und
dem wundervollen Wetter, wie dem herrlichen Spaziergang.



Zweites Kapitel.

Der Mord.


Auf den sonnigsten Tag folgt oft ein trüber Abend. Plaudernd und
lachend kehrten die jungen Mädchen in ihre eigene Wohnung zurück und
fanden dort das ganze Haus in Aufruhr und Schrecken und die Menschen
herüber und hinüber laufend.

Ein Mord war verübt -- am hellen lichten Tag, in einem großen,
bewohnten Gebäude, wo fast keine Minute verging, in der nicht Menschen
die Treppe auf und abstiegen, und das Unmittelbare des Ereignisses traf
Alle bis in’s innerste Mark.

Der Justizrath von Hochweiler bewohnte die erste Etage des Wiesenwegs
-- einer der ersten, belebtesten Straßen der Stadt. Rechts im unteren
Stock befand sich ein Modewaarengeschäft, in welchem einige zwanzig
junge Mädchen beschäftigt waren und ihren Eingang über die Flur hatten,
links in dem beschränkteren, aber immer noch sehr bequemen Quartier
logirte eine alte Dame -- ein Stiftsfräulein, schon seit vielleicht
fünfzehn Jahren, und obgleich sie sehr wenig mit ihren Hausgenossen
verkehrte, hatten sie doch Alle ihres stillen, freundlichen Benehmens
wegen gerne. Sie machte übrigens keine Besuche und empfing keine;
eine alte Magd, die so lange bei ihrer Herrschaft war, daß sie selber
die Zahl der Jahre vergessen hatte, besorgte die kleine Wirthschaft,
und ein Kanarienvogel, wie ein Wachtelhündchen, waren die einzigen
Gesellschafter, die sie um sich hatte -- mit Ausnahme des kleinen
Töchterchens der Modistin, das manchmal zu ihr hinüber kam und ihr mit
seinem ungeschickten Mäulchen -- das kleine Ding war kaum drei Jahr alt
-- vorplaudern mußte. Von der Welt wollte die alte Dame Nichts wissen,
sie hatte davon -- wie sie manchmal äußerte -- mehr gesehen und mehr
darin erlebt, als ihr lieb war. Das Stammeln des Kindes, das Zwitschern
des Vogels und das Bellen ihres Hündchens waren ihr da die liebste
Unterhaltung.

In der Stadt hieß es allerdings, die Dame sei sehr reich, aber wenn
das wirklich der Fall gewesen wäre, so ließ sie ihre Umgebung Nichts
davon merken. Sie lebte sehr einfach, fast ärmlich, und vermied es
sorgfältig, über ihre Verhältnisse je zu sprechen. Uebrigens fiel sie
Niemandem zur Last und für arme Leute hatte sie immer noch eine Gabe
übrig.

Unerklärlich war es deßhalb, wer -- ganz abgesehen von dem Wagniß, bei
der Ausführung eines solchen Verbrechens augenblicklicher Entdeckung
preisgegeben zu sein, -- die Hand an die arme alte Frau gelegt haben
konnte, und so spurlos schien der Thäter verschwunden, daß kein
Inwohner des ganzen Hauses sich erinnerte, eine irgend auffällige
Gestalt bemerkt, oder überhaupt gesehen zu haben, daß Jemand bei der
„Stiftsdame“ eingelassen worden, oder ihre fast immer verschlossene
Wohnung wieder verlassen hätte.

Gegen sechs Uhr Nachmittags erst hatte die Modistin ihr kleines Mädchen
von drüben abholen wollen, weil sie ihr über die Zeit ausblieb und
auf ihr Klingeln keine Antwort bekommen. Sie war ängstlich geworden,
und als die, jetzt aus der Stadt zurückkehrende alte Magd sich das
Schweigen im Innern der Wohnung auch nicht zu erklären wußte, hatte man
endlich Polizei und einen Schlosser geholt, und dann freilich rasch
genug die furchtbare Ursache entdeckt.

Leise weinend und in Todesangst kauerte das arme dreijährige Kind unter
dem Schreibtisch und wagte sich nicht einmal vor, als die Mutter in
Schreck und Entsetzen auf es zustürzte, um zu sehen, ob ihrem Liebling
ein Leid geschehen. In ihrem Lehnstuhl aber lag die alte Dame, todt
-- mit keinem Zeichen äußerer Gewalt, als einem blutigen Fleck an
ihrem rechten Schlaf. Aber das nicht allein verrieth die hier verübte
Gewaltthat, sondern mitten im Zimmer lag auch noch das kleine zierliche
Wachtelhündchen der Erschlagenen. Es lebte allerdings noch, aber sein
Rückgrat war gebrochen, und es winselte nur, als Menschen eintraten,
von denen es vielleicht eine mögliche Hülfe erhoffen mochte.

Und wild und wüst sah es in dem sonst so freundlichen und ordentlichen
Gemach aus. Die Schubladen des Sekretärs und der Kommode waren
aufgerissen und Sachen daraus auf dem Boden wirr umhergestreut. Die
Räuber hatten dort ihre Beute gesucht und sich nicht die Zeit genommen,
die Spuren ihrer Missethat soviel als möglich wenigstens wieder zu
verwischen. Nur nach beendigtem Raub schienen sie den sonst im Innern
steckenden Schlüssel abgezogen und von außen zugeschlossen zu haben.
Der Schlüssel selber fehlte aber und umsonst bemühte sich die Polizei,
jetzt irgend eine noch so unbedeutende Spur der Thäter zu finden.

Es blieb Alles vergebens. Nicht das Geringste hatten sie
zurückgelassen, als das blutige Zeichen an der Stirn der armen,
unglücklichen alten Frau. Der Justizrath, der augenblicklich herunter
gerufen war, ließ das Zimmer absperren, und untersuchte Alles selber,
er fand Nichts, und jetzt wurden die Hausleute examinirt, um durch sie
eine mögliche Spur zu erhalten.

Gerade als das geschah, kamen die jungen Damen von ihrem heiteren
Spaziergang zurück, und Tod und Blut grüßte sie an der Schwelle.

Zwei fremde Menschen waren an dem Nachmittag durch verschiedene
Personen im Haus gesehen worden. Der eine von diesen sollte ein
Schreinergesell gewesen sein, der eine Arbeit gebracht hatte; ein
kleines, ganz neues Seitentischchen stand auch, nur bei Seite geschoben
und nicht an seinem bestimmten Platz, in der Stube.

Der Andere war ein Handwerksbursche. Des Justizraths eigenes
Dienstmädchen hatte ihn an der Thür des „Stiftsfräuleins“ klingeln
sehen, und sein Kamerad wahrscheinlich (ein Anderer mit einem Ranzen
auf dem Rücken) indessen in der Hausthür, den Ersten erwartend,
gestanden.

Der Schreinergesell wurde augenblicklich citirt, aber mußte auch
ebenso rasch wieder entlassen werden, da nicht der Schatten eines
Verdachts auf ihn fallen konnte. Er hatte nur den Tisch abgeliefert und
selber in das Zimmer getragen und war dann ungesäumt zu seiner Arbeit
zurückgekehrt. Das Mädchen sollte jetzt eine genauere Beschreibung
der beiden Handwerksburschen geben, hatte aber nicht weiter auf sie
geachtet. Gerade als sie das Haus verließ, seien sie hinein getreten
-- weiter wisse sie Nichts von ihnen -- nur daß der Eine an der Thür
geklingelt, habe sie noch gesehen.

„Und wie sahen sie aus?“

„Ja lieber Gott, wie Handwerksburschen aussehen, ein Bischen abgerissen
und verwildert.“ Der Eine habe geschielt, das erinnere sie sich noch.

Das war wenigstens ein Anhalt, und die ganze Polizei wurde jetzt in
Bewegung gesetzt, um auf einen schielenden Handwerksburschen zu fahnden.

Der Justizrath hatte indessen auch das kleine Mädchen befragen wollen,
das jedenfalls Zeuge der ganzen furchtbaren Scene gewesen, aber das
Kind war so eingeschüchtert und geängstigt, daß es in einemfort
schrie und weinte und sich an seine Mutter anklammerte. Die einzigen
Worte, die man aus ihm herausbrachte, waren: „Böse Mann Jeanette
todtschlagen.“ Die Kleine fürchtete sich dabei vor allen Menschen, die
ihr nahe kamen, und es blieb nichts Anderes übrig, als sie vor der Hand
ganz in Ruhe zu lassen. Mit der Zeit brachte dann vielleicht die Mutter
Näheres aus ihr heraus, was möglicher Weise einen Anhaltspunkt geben
konnte.

Im Hause des Justizraths war es indessen recht unheimlich geworden,
denn der Mord, da er des Justizraths ganze Thätigkeit in Anspruch nahm,
bildete fast das Hauptgespräch eines wie aller Tage, und die Mädchen
fürchteten sich schon, wenn sie nach Dunkelwerden den Hausflur passiren
mußten. Die Töchter drängten auch den Vater, er möge mit ihnen, da der
Sommer außerdem mit Macht hereinbrach, einen lang be- und versprochenen
Plan ausführen, und auf einen oder zwei Monate an den Rhein gehen, aber
er konnte jetzt nicht fort, denn immer verwickelter gestaltete sich
die Untersuchung, die aber trotzdem nichts Bestimmtes ergab, so viel
Verdachtsgründe auch nach der und jener Seite auftauchen mochten.

Aus dem Kind war Nichts herauszubringen gewesen, die Mutter hatte es
selber übernommen, es allmälig zu befragen. So rasch sich die Kleine
aber in der freundlichen Umgebung der eigenen Wohnung beruhigte, so
fing sie doch den Augenblick wieder an zu weinen und klammerte sich
an die Mutter fest, sobald diese jener Scene auch nur Erwähnung that.
Es war ein „Böser Mann“ gewesen, weiter wußte sie Nichts -- hatte sich
um weiter Nichts bekümmert, und hörte erst auf zu weinen, wenn ihr die
Mutter ein Spielzeug gab und ihre Gedanken in eine andere Bahn lenkte.

Allerdings waren nicht weniger als acht Handwerksburschen aufgespürt
und eingeliefert worden, und Einer von diesen, der wirklich schielte
-- gestand, daß er an jenem Tage -- in Begleitung eines anderen, den
er aber nicht weiter kannte, und der auch nicht aufgetrieben werden
konnte -- in der Stadt fechten gegangen sei. In welchen Häusern er
aber gewesen, konnte er nicht mehr angeben, und da man auch nicht das
geringste Verdächtige, sondern nur ein paar Groschen Kupfergeld und
zerrissene Wäsche und Stiefeln bei ihm fand, ließ sich ebenfalls kein
Beweis darauf stützen. Man hielt ihn allerdings noch einige Tage in
Haft, mußte ihn aber zuletzt wieder frei lassen.

Indessen war der Nachlaß der alten Dame untersucht worden, und man
hatte bei ihr wohl ziemlich viel schweres Silberzeug, aber sehr
wenig baares Geld und gar keine Werthpapiere gefunden, während doch
konstatirt wurde, daß sie zahlreiche Coupons allmonatlich bei einem
bestimmten Bankier eingelöst. Auch viele Juwelen sollte sie gehabt
haben, wie einer der Juweliere in der Stadt beim Kriminalamt anmeldete,
und dabei erklärte, daß er selber verschiedene Male zu der alten Dame
gerufen sei, um dieselben abzuschätzen.

Spuren hatten der oder die Verbrecher, wie schon erwähnt, gar
keine zurückgelassen, im Ofen fand man aber eine Menge verbrannter
Papierasche, wo es freilich zweifelhaft blieb, ob die alte Dame nicht
selber vielleicht kurz vorher Briefe verbrannt habe, denn welches
Interesse konnten die Diebe daran nehmen. Nur wenige Briefe lagen in
einem kleinen oberen Gefach, und bei diesen auch ein, freilich von
keinem Notar unterzeichneter „letzter Wille“, der ihr Vermögen an
baarem Geld und Werthpapieren auf sechzigtausend Thaler angab, und
dasselbe der Stadt zur Gründung eines Waisenhauses vermachte.

Man ließ allerdings noch einen Kunsttischler die verschiedenen Möbel
genau untersuchen, um vielleicht ein verborgenes Fach zu entdecken,
aber umsonst; der Mörder schien Alles -- bis auf wenige hundert Thaler,
die in einem Kommodenfach lagen, gefunden und mitgeführt zu haben, und
der Verdacht lag nahe, daß Jemand die That verübt haben müsse, der
gewußt habe, wo er das Geld zu suchen hatte, da er nur so kurze Zeit
zu dem Ueberfall gebraucht. Man überwachte deßhalb die Bewohner des
Hauses selber auf das Sorgfältigste, doch auch hier ohne den geringsten
Erfolg, und die Akten mußten endlich, da sich nicht einmal eine Liste
der vermutheten Werthpapiere fand, nach denen man vielleicht den
Nummern hätte nachforschen können, geschlossen werden. Ein Schleier lag
auf der dunklen That, und der Verbrecher hatte sich dem strafenden Arme
der Gerechtigkeit entzogen.

In den Zeitungen waren indessen die Erben der Ermordeten aufgefordert
worden, ihre Ansprüche zu erheben, aber es meldete sich Niemand,
der solche auch hätte begründen können. Die Hinterlassenschaft der
Ermordeten wurde deßhalb in öffentlicher Auktion versteigert und der
Ertrag dem Fiskus überwiesen, um mit der Summe, die sich doch noch auf
etwa sechstausend Thaler belief, im Sinne des aufgefundenen Testaments
zu verfahren und sie dem Fond zuzuwenden, der schon für den nämlichen
Zweck gesammelt worden.

Anfang September war das Alles erledigt, und den Justizrath drängte
es jetzt selber, die lang aufgeschobene Reise anzutreten -- war ja
doch auch dieß die günstigste Zeit, um den Rhein zu besuchen, und die
Töchter jubelten.

Dießmal brauchte sich auch der Vater wahrlich nicht zu beklagen, daß
die Damen zu lange Vorbereitung zu ihren Toiletten gebraucht hätten --
schon seit Monaten lag Alles fix und fertig, des Aufbruchs gewärtig,
und Elisabeth und Käthchen -- ihre Mutter hatten beide Mädchen vor
längeren Jahren verloren und führten seitdem dem Vater das Hauswesen
-- jauchzten laut auf, als endlich der lang und heiß ersehnte Morgen
nahte, der sie den dumpfen Stadtmauern entführen sollte. Seit jenem
furchtbaren Mord war ihnen ja nicht einmal die eigene Heimath mehr lieb
gewesen, und mit doppelter Freude begrüßten sie diese Reise, die ihnen
nicht allein einen langgehegten Wunsch erfüllen, sondern sie auch dem
Schauplatz der letztverlebten trüben Monde entreißen sollte. Kehrten
sie dann zurück, so hatten freundlichere Eindrücke die häßlichen Bilder
dieser Zeit verwischt, und der Winter brachte ihnen überhaupt wieder
andere Vergnügen und Zerstreuungen.



Drittes Kapitel.

Eine Rheinfahrt.


    „An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,
    Mein Sohn -- ich rathe Dir gut,
    Dort geht Dir das Leben zu wonniglich ein,
    Dort fließt Dir zu fröhlich das Blut.“

So lautet ja wohl das alte Volkslied, das mit seinen paar Strophen
ganze Bände zum Lob des Altvater Rheines spricht. -- Aber weßhalb
sollten wir nicht an den Rhein ziehen? -- weil es uns dort zu gut
ergeht? Du lieber Gott, wie lange währt denn eigentlich dieß Leben,
und wohl dem, der im Stande ist, es zu genießen, so lange er darf. Der
Gefahr, daß es uns zu wonniglich eingehe, können wir mit kecker Stirn
begegnen.

Der Justizrath selber schien auch nicht die geringste Furcht davor
und mit dem Aktenstaube und dem Dunst der dumpfigen und engen
Gerichtsstuben alle Sorgen und kleinlichen Befangenheiten des Lebens
abgeschüttelt zu haben. Er war, wie er nur hinaus in die frische freie
Luft kam, ein ganz anderer Mensch geworden, und glich in seinem weißen
leinenen Rocke, dem Strohhut und offenen Hemdkragen eher jedem anderen
irdischen Individuum, als eben einem Justizrath.

So tüchtig er aber auch in seinem Fach sein mochte, und mit klarem
Verstand und geistiger Schärfe er dort Alles sichtete und durch ein
richtiges Gefühl geleitet wurde, so vollkommen befand er sich von
dem Augenblick an außer seiner Sphäre, wo er in das praktische Leben
selbsthandelnd eintreten sollte.

Gleich auf der ersten Station der Eisenbahn hatte er sein Billet
verloren, ließ auf der zweiten, als er ein anderes lösen mußte, seinen
Regenschirm am Schalter stehen und wäre, als er danach zurücklaufen
wollte, während die Locomotive schon pfiff, heilig sitzen geblieben,
wenn ihn der Conducteur nicht mit zwei Pferdekraft gewaltsam in den
Wagen geschoben hätte. Dort setzte er sich dann, als der Zug plötzlich
anrückte, auf den Hut seiner Nachbarin und die eigene Brille und
ruinirte beide gründlich.

Auf der vierten Station hatte er ein anderes Malheur. Sie passirten
ein ihm befreundetes Städtchen, in dem er eigentlich seine juristische
Laufbahn begonnen und er bog sich aus dem Wagen, um es besser sehen zu
können. Da brauste der Zug plötzlich unter einer Brücke durch und rasch
zurückfahrend blieb er mit dem Strohhut außen hängen, der im Nu über
die Bahn hinauswehte; kurz er hatte sich in Zeit von anderthalb Stunden
mehr Schaden zugefügt, wie daheim in einem ganzen Jahr. Es half
auch Nichts, Elisabeth mußte Billete, Gepäckschein, Hutschachtel und
Reisesack -- d. h. die Ueberbleibsel des noch vorhandenen Eigenthums
übernehmen und von da an verwalten, eher kam ihr Vater, der sich in
eine außerordentliche Aufregung hineingearbeitet hatte, nicht zu Ruhe.

Ihr nächstes Ziel war Bonn. Dort hatte der Vater lange gelebt, ein
alter Universitätsfreund von ihm, Professor Perler, besaß unfern der
Stadt und unmittelbar am Rhein eine kleine reizende Villa, und die
Einladung für den Justizrath und seine beiden Töchter, in dessen
Familie eine Zeitlang zuzubringen, datirte schon seit Jahren und war,
wie das gewöhnlich mit derartigen Plänen geht, immer und immer wieder
aufgeschoben, aber endlich doch zur Wahrheit geworden, und besonders
der Mädchen Freude überstieg alle Grenzen.

Schon der erste Aufenthalt im Gasthof in Frankfurt war ein Genuß
für sie -- wie wir es denn überhaupt sehr häufig finden, daß Damen
leidenschaftlich ein Wohnen und Essen im Hotel lieben -- vielleicht
auch schon deßhalb, weil es sie für eine Zeit wenigstens aller
häuslichen Pflichten gründlich überhebt. Und nun erst am anderen Morgen
diese Seligkeit, als sie durch das sonnige, herrliche Land, durch
Weingärten und freundliche Villen dem Rhein entgegen brausten, und
kaum eine Stunde später, mit den geheimnißvollen rothen Thürmen, der
Bundesstadt Mainz gegenüber, auf einem wirklichen Dampfboot fahren
durften.

Vergessen waren da all’ die trüben Stunden, die sie durchlebt,
vergessen Alles, was außer dem engen Kreis lag, der sie umgab, und mit
Lust und Wonne genossen sie, wie wahrhaft glückliche Menschen, nur den
Augenblick.

Welch’ eigenes Leben das am Bord eines solchen Dampfers war und wie
das an Leben und Bewegung wuchs, je weiter sie fuhren. In Castel
befanden sich nur erst wenige Passagiere an Bord, und die wenigen, da
der Morgenwind ziemlich frisch über den Strom wehte, tranken heißen
Kaffee und gingen, in ihre Plaids gehüllt, an Deck auf und ab -- aber
jede Station brachte neue Zufuhr. Schon in Biberich trafen eine Anzahl
Passagiere ein und immer mehr in Geisenheim, Rüdesheim, Asmannshausen
und wie die Namen alle hießen, die ihnen schon so bekannt aus Vaters
Keller tönten. -- Und dazwischen die prächtigen alten Ritterburgen
mit ihren zerfallenen Mauern und hohläugigen Fenstern, mit ihren
Erinnerungen und Sagen.

Elisabeth besonders schweifte mit ihren Gedanken weit, weit zurück zu
jener Zeit. -- Was würde solch’ ein alter Ritter, den wir uns daheim
statt im Schlafrock nur im Harnisch mit dem Helm neben und einem
tüchtigen Humpen Rüdesheimer Ausbruch vor sich denken können, wohl
gesagt haben, wenn ihm der auf jenem verfallenen Wartthurm stationirte
Lugaus plötzlich gemeldet hätte, ein Dampfboot käme den Strom
herabgefahren? Hei, wie wäre er in seiner Rüstung emporgerasselt und
mit klirrenden Sporen die steinerne Treppe hinabgeeilt, um sich unten
auf das stets bereit stehende Schlachtroß zu schwingen.

Und die zarten Burgfräulein aus jener Zeit! -- An dem Fenster dort
oben, das jetzt nur noch zur Hälfte in der heruntergebrochenen Mauer
hängt, hatte gewiß oft und oft die züchtige Maid, den Schlüsselbund an
der Seite, die Spindel in der Hand, gestanden und nach jener anderen
Ruine hinübergeschmachtet, in deren hellen Fenstern damals noch -- wenn
auch jetzt Eulen und Raben darin nisten -- die Sonnenstrahlen blitzten,
und wo jedenfalls der Auserkorene wohnte, mit dem ihr unerbittlicher
Vater leider in bitterer Fehde begriffen war.

Und dort drüben Falkenburg. -- Ihr kleines Handbuch sagte:

„Diese Burg wurde schon im Jahr 1252 vom Städtebund zerstört, 1261 von
Philipp von Hohenfels wieder erbaut, der sie zum zweiten Mal zu einem
Raubschloß machte. Kaiser Rudolph von Habsburg eroberte sie wieder und
ließ den Raubritter mit seinen Spießgesellen hinrichten, 1282 die Burg
aber zerstören.“

Wundervoll! in jenem Steinhaufen lag ein ganzer Roman, und Elisabeth
sah im Geist, wie die hellen Heerhaufen des Kaisers mit schmetternden
Hörnern und fliegenden Bannern gegen das trotzige Raubnest anstürmten
-- wie Steine und siedendes Pech von den Wällen gegossen wurde, wie
die Donnerbüchsen krachten, und der rothe Hahn endlich vom Dach der
Burg emporloderte. Und jetzt fiel die Zugbrücke -- jetzt stürmten die
Angreifer über den schmalen Gang oder kletterten an den zertrümmerten
Wällen empor, und wie die Harnische da im Einzelkampf rasselten und
die Morgensterne niederschmetterten, was sie mit ihrer furchtbaren
Stachelwucht erreichten. Hu! Elisabeth barg schaudernd ihr Antlitz in
den Händen, als sie die heraufbeschworenen Greuel so lebhaft vor ihren
Augen schaute.

„Speisen Sie mit an der ~table d’hôte~?“ -- Die Frage des
höflichen Kellners, der, eine Serviette unter dem Arm, ein Notizbuch
in der Hand und einen gespitzten Bleistift schon im Voraus mit den
Lippen feuchtend vor ihr stand, rief sie aus dem Gemetzel der wilden
geharnischten Schaaren rasch in die befrackte nüchterne Wirklichkeit
zurück, und unwillkürlich lächelnd -- denn das Bild des vor ihr
stehenden Jünglings mit den sorgfältig gescheitelten Haaren inmitten
seines Hauptes stach doch zu sehr gegen die kernhaften Eisenmänner ab,
die sie eben noch im Geist geschaut -- wies sie ihn an ihren Vater.

„Die Lorelei“, tönte es da von vielen Lippen, als der alte
mächtige Felsen jetzt vor dem Bug des Dampfers auftauchte, und die
Salonpassagiere bewegten sich langsam nach vorn, da die Sonnenzelte an
den Seiten, der gedeckten Tische wegen, niedergelassen waren und vom
Quarterdeck ab die Aussicht versperrten.

Auf dem Vorderdeck standen jetzt die Passagiere dicht gedrängt und
Alle schauten schweigend zu dem kahlen Felskegel auf, dem eine unserer
schönsten deutschen Sagen Leben, Heinrich Heine diesem Leben Worte und
Schubert und Silcher ihnen einen Klang verliehen hat, der so lange
bestehen wird, wie der Felsen selber.

Da erheben sich plötzlich zwei Männerstimmen zu dem Loreleyliede und
möglich, daß in diesem Augenblick die ganze Zahl der Passagiere
andachtsvoll in die Melodie eingefallen wäre -- denn sie schwebte
ohnedieß auf jeder Lippe, hätten die Persönlichkeiten selber nur
ein klein wenig zu dem Sang und seinen duftigen Worten gepaßt. Als
sich aber Aller Blicke der Richtung zuwandten, sahen sie, daß der
solcher Art improvisirte Gesang von einem katholischen Geistlichen
in einem etwas sehr abgetragenen schwarzen langen Rock und einem
anderen in Laientracht gekleideten Individuum herrührten, das seinen
Bart jedenfalls noch vom vorigen Sonntag her trug -- und sein Hemd
ebenfalls. Diese beiden Männer sangen, der Loreley in die Zähne, das
Heine’sche Lied -- aber nur die ersten Strophen

    „Der Gipfel des Berges funkelt
    Im Abendsonnenschein“ --

Damit brach der Gesang plötzlich ab, und eine etwas boshafte Stimme
frug ziemlich laut:

„Nu? wo bleibt die schönste Jungfrau?“

Die Umstehenden lachten.

Elisabeth hatte sich der Stimme, von der die letzten Worte gesprochen,
zugedreht. Es war ein kleiner ältlicher Mann mit unverkennbar jüdischer
Physiognomie, aber hoher Stirn und ein paar großen, klugen Augen, sehr
anständig, wenn auch einfach gekleidet. Der katholische Geistliche
blieb ihm aber die Antwort schuldig, und der kleine alte Mann, dessen
schneeweiße Haare ihm etwas Ehrwürdiges gaben, trat jetzt zum Rand des
Bootes, dicht neben Elisabeth, um von da aus besser den Lurleifelsen
betrachten zu können, an welchem das Boot vorüberglitt.

Gerade in diesem Moment schoß ein Dampfzug durch den Tunnel, der durch
den Berg gebrochen worden, heraus in’s Freie, und der weiße Rauch
wirbelte und quoll an dem Hang empor, während der schrille Pfiff der
Lokomotive über den Strom herübertönte.

„Wunderbar! wunderbar!“ sagte der alte Mann leise vor sich hin und
nickte dabei mit dem grauen Kopf -- „aber ’s ist jammerschade.“

„Nicht wahr?“ sagte Elisabeth freundlich -- „daß man den Tunnel durch
den Fels gebrochen. Es zerstört die ganze Poesie.“

„Und das ganze Geschäft,“ lächelte der kleine Mann zu dem jungen
Mädchen auf, das ihn wohl um einen halben Kopf überragte.

„Das Geschäft?“ frug Elisabeth erstaunt; „ich sollte doch denken, daß
der Handel gerade durch diese Bahnen vermehrt würde, wenn sie auch
nicht eben an den Rhein und seine Ufer passen.“

„Das Geschäft von die Lorelei mein ich,“ sagte aber der alte Mann
lächelnd. „Gott der Gerechte, wo soll sie noch ein Geschäft mit
Konzertgeben machen, wenn die jungen verliebten Ritter, die sie sonst
anlockte, ganz bequem im Waggon unter ihrem Stuhl wegfahren mit die
Eisenbahn? Und wie die Lokomotive pfeift -- gerad wie zu Spott und
Hohn über die Lorelei, die sich jetzt muß ansingen lassen von die
Passagiere auf den Dampfschiffen, wo sie früher allein gesungen hat, --
Poesie -- wie heißt Poesie -- Dampf regiert jetzt die Welt, und wenn
ich überhaupt je wettete, möchte ich einen vollwichtigen Dukaten gegen
einen nassauer Sechser wetten, daß die Mamsell Lorelei lange ausgezogen
ist aus ihrem Felsenlogis und vielleicht jetzt mit berliner Tyrolern
die Messen bezieht und um Honorar singt. -- Was will sie da oben außer
Kurs sitzen?“

Elisabeth amüsirte sich Über den kleinen komischen Mann, aber in diesem
Augenblick ertönte vom Hinterdeck aus die Eßglocke, und der Justizrath,
der indessen drei Plätze belegt hatte, kam nach vorn, um seine älteste
Tochter zu suchen und zum Speisen abzurufen. Hatte er sich doch lange
schon auf den Moment gefreut, wo er ein Glas guten, ächten Rheinwein
auf dem Rhein selber trinken könne.

Armer Justizrath -- die Flaschen waren von der Kompagnie selber
versiegelt und auf der Etikette stand, daß sie nur in Gegenwart der
Reisenden geöffnet werden dürfen -- aber er bekam sie offen und statt
des erhofften rothen Aßmannshäuser ein dunkelrothes, trübes Fabrikat,
das weit eher nach Magdeburg als dem Rhein schmeckte. Er wollte dagegen
protestiren, aber der Kellner hatte leider keine Zeit, sich mit ihm
abzugeben, und der Niersteiner, den er hier noch versuchte, war so
sauer, daß er nicht einmal die Lippen mehr zu einer Klage auseinander
bringen konnte.

Nur die Preise entsprachen den Etiketten, und der Justizrath ärgerte
sich über sich selber, daß er sich über den schlechten Wein an Bord der
Dampfschiffe ärgern konnte.

Und das Diner dauerte ewig, so daß man dabei den schönsten Theil
des Rheins versäumte, bis zuletzt noch kalter Kaffee und warmes Eis
herumgereicht wurde --, aber die jungen Damen waren schon lange wieder
aufgestanden und kamen gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie
das Dampfboot bei Koblenz einen wahren Menschenschwarm an Bord nahm und
dann wieder keuchend in den Strom hinaus hielt.

Die Neugekommenen hatten natürlich schon dinirt und zerstreuten sich
aus dem Verdeck, und Elisabeth amüsirte sich damit, die verschiedenen
Gruppen zu mustern, die jedes noch freie Plätzchen besetzten. Aber
es waren doch nur lauter fremde Gesichter, denen sie hier begegnete:
geputzte Leute, die entweder eine kurze Vergnügungsfahrt in der
Nachbarschaft machten, oder auch nur den bequemeren Dampfer der
Eisenbahn vorgezogen hatten, um eine Strecke den Rhein hinab zu gehen.
Aber plötzlich sah sie überrascht auf, denn sie entdeckte eine Gestalt,
die ihr bekannt vorkam, wenn sie sich auch um’s Leben nicht besinnen
konnte, wo sie dieselbe je gesehen.

Es war ein junger sehr elegant gekleideter Mann, der jedenfalls den
bevorzugten Ständen angehören mußte. Sein Gesicht war etwas bleich,
aber edel und ausdrucksvoll, mit einem unverkennbaren Zug von
Schwermuth um die feingeschnittenen Lippen, und sein dunkles Auge
schweifte forschend an Deck umher, als ob er Jemanden suche. -- Sie
mußte dieß Gesicht schon gesehen haben. Der Fremde indessen, -- mit den
Blicken überall, nur nicht vor sich, kam gerade auf Elisabeth zu --
so nah, daß er sie fast berührte -- bestürzt wich er aber zurück, und
höflich den Hut lüftend entschuldigte er sich, indem er vorüberging. --
Keine Miene verrieth jedoch, daß er sie kenne oder nur etwas Bekanntes
in ihren Zügen gefunden hätte. Vollkommen fremd wich er ihr aus -- es
mußte nur eine Aehnlichkeit mit irgend einem Anderen sein -- und in dem
Gewirr von Menschen verlor sie ihn auch bald wieder aus den Augen.

Die Fahrt auf dem Dampfer war durch die vielen hinzugekommenen
Passagiere keine Vergnügungstour mehr. Wer einen Moment aufstand,
fand seinen Sitz wohl wieder, aber einen langen Engländer oder kurzen
Deutschen behaglich darauf eingerichtet, und Reisetaschen, Regenschirme
und Plaids versperrten selbst jede Passage so vollkommen, daß man sich
wohl oder übel nicht mehr von der Stelle bewegen konnte.

Sehr viele Passagiere gingen aber in Rolandseck von Bord, und es gab
ein wenig mehr Luft. Das Gepäck für Bonn wurde jetzt an Deck geschafft,
und Elisabeth, die dem Vater in der Besorgung desselben nicht recht
vertraute, ging selber nach vorn, um danach zu sehen.

Dort stand auch der junge Fremde wieder und zwar im eifrigen Gespräch
mit dem alten Mann, mit dem sie sich vorhin unterhalten. Der kannte ihn
also -- wenn sie ihn nur hätte fragen können -- aber das ging nicht.
Sie verhandelten angelegentlich über einen Gegenstand, den der alte
Mann in der Hand hielt und aufmerksam betrachtete. -- Was es war,
konnte sie freilich nicht erkennen, aber er schüttelte langsam mit dem
Kopfe, als ob er nicht recht einverstanden wäre.

In diesem Augenblick kam ihr Koffer nach oben, und den einen Reisesack,
der darauf lag, wollte ein Fremder an sich nehmen. Der Bootsmann frug
nach der Nummer, und Elisabeth trat hinzu, um den Irrthum zu vermeiden.
Das Boot glitt indessen rasch am Ufer hin, und plötzlich läutete die
Glocke schon wieder zur nächsten Landung in Bonn.

Jetzt hatte nun Jeder freilich für sich zu sorgen, und während Käthchen
emsig bemüht war, den Regenschirm des Justizraths zu suchen, den dieser
irgendwo -- er konnte sich nicht mehr besinnen wo -- hingestellt
hatte, hörte die Maschine auf zu arbeiten und das schlanke Boot glitt
an die Landung, wo die Brückenleute draußen die bonner Passagiere vor
der Hand noch durch eine Barrière abgesperrt hielten, um vorher den
Aussteigenden Gelegenheit zu geben fortzukommen und Platz zu machen.

Elisabeth durfte aber das Boot nicht verlassen; Käthchen hatte den
Schirm noch nicht und der Justizrath suchte jetzt in allen Taschen
seine Brille, um selber mit nachzusehen, denn er mochte doch den erst
in Frankfurt wieder gekauften neuen Schirm nicht nochmals einbüßen.

Elisabeth erkannte indessen am Ufer schon das gutmüthig lächelnde
Gesicht des Professors Perler und neben ihm ihre Freundin Rosa, die
auch sie erkannt hatte und ihr fröhlich mit dem Tuche winkte.

Jetzt verließ der junge Fremde ebenfalls das Boot -- auch er mußte den
Professor kennen, denn er grüßte Vater und Tochter, als er vorüberging,
und es schien fast, als ob er sie anreden wolle; aber die Menschenmenge
von Bord drängte zu sehr durch die schmale, ihr verstattete Gasse des
Ausgangs -- er konnte nicht stehen bleiben und wurde vorbei geschoben.
Am Land aber sah Elisabeth, wie er seine kleine Reisetasche einem der
Packträger übergab und mit diesem in die Stadt hinein schritt.

Jetzt kamen auch Vater und Schwester heran. Der Regenschirm, auf
dem indessen eine englische Familie in aller Ruhe Platz genommen,
war glücklicherweise durch den noch verrätherisch vorschauenden
Knopf entdeckt und gerettet worden, und schon mußten sie sich dem
eindrängenden Strom der neuen Passagiere entgegenwerfen, die nach
fortgeschobener Barrière das Boot im Sturm zu nehmen suchten. Aber
auch das wurde überstanden, und jetzt am Ufer küßten sich die beiden
alten Herren und herzten sich die jungen Mädchen in der Freude des
Wiedersehens.

Eine Droschke stand bereit, aber Alle zogen es vor, lieber zu
Fuß zu gehen, und des Professors Diener wurde nur mit dem indeß
aufgeladenen Gepäck allein vorausgeschickt, während die fröhlichen und
sich aneinander freuenden Menschen plaudernd und erzählend langsam
nachfolgten.

„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth, die sich noch immer nicht über
den jungen Fremden beruhigen konnte, denn es giebt nichts Peinlicheres,
als sich in Gedanken mit einem bekannten Bild abzuquälen, „wer war denn
der junge Herr, der euch vorhin grüßte?“ --

„Uns? hier an Land?“ --

„Ja, er kam vom Boot.“

„O, der junge Baron Berger?“ --

„Er trug einen vollen Bart.“

„Ganz recht, der Bräutigam von Klara Paßwitz.“ --

„Berger?“ sagte Elisabeth, nachdenklich mit dem Kopf schüttelnd, „den
Namen habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehört.“ --

„Er stammt, wie er sagt, aus einer englischen Familie,“ fuhr Rosa fort;
„aber er selber muß ein Landsmann sein, denn er versteht sehr gut
deutsch.“ --

„Wie meinst Du das?“ frug Elisabeth, der die Worte mit einer gewissen
Betonung gesprochen schienen. --

„Gutes Herz,“ sagte aber Rosa, „wenn Dich der junge Herr so
interessirt, so erzähl’ ich Dir viel von ihm. Wir haben überhaupt so
viel zu plaudern und zu besprechen, Kinder, daß ich noch gar nicht
sehe, wie wir fertig werden wollen.“



Viertes Kapitel.

Der Besuch.


Die Frau Professorin Perler hatte Mann und Tochter nicht an das
Boot begleiten können, um ihre lieben Gäste zu empfangen; denn die
telegraphische Depesche, die ihr Eintreffen anzeigte, war erst an dem
Morgen angelangt und da natürlich noch so viel im Haus zu thun und zu
ordnen, daß sie nicht daran denken konnte, es zu verlassen. Behielt
sie doch auch wirklich -- nachdem Alles endlich in den gehörigen Stand
gesetzt -- kaum nur so viel Zeit übrig, um sich in ihren Staat zu
werfen, als der Wagen mit dem Gepäck schon vor die Thür rasselte und
bald darauf auch die Erwarteten eintrafen.

Das war jetzt ein Fragen und Erzählen unter den fröhlichen guten
Menschen, und die Frau Professorin führte dann den Herrn Justizrath
in sein Zimmer hinauf, das sie ihm eingerichtet hatte, als ob er sich
dort für Lebenszeit einquartieren solle, und Rosa nahm Käthchen und
Elisabeth unter den Arm und sprang mit ihnen nach deren Gemach, das
eher einem Puppenstübchen aus dem Feenreiche, als einem Wohnort für
irdische Wesen glich. Dann sollten sie begreiflich noch einmal zu
Mittag speisen, was aber natürlich entschieden abgelehnt werden mußte,
denn es war kaum vier Uhr vorbei und nur dem Kaffee konnte und wollte
der Justizrath nicht ausweichen, der hinunter in die mit schon reifen
Trauben behangene Weinlaube getragen und dort mit einer guten Cigarre
genossen wurde.

Aber die Mädchen hatten keine Ruhe dort und einander so unendlich viel
zu erzählen -- eigentlich merkwürdig, da sie sich fast wöchentlich
bogenlange Briefe schrieben -- daß es ihnen in der Laube keine Ruhe
ließ und sie jetzt Arm in Arm durch den Garten wanderten, um sich
endlich einmal ordentlich auszusprechen. Wir Menschen fühlen ja oftmals
das Bedürfniß, besonders junge Damen, die auch an dem Geringsten und
Unbedeutendsten ein warmes Interesse nehmen.

„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth endlich, die bis jetzt die
Stillste gewesen war, denn immer noch suchte sie in ihrem Gedächtniß
nach dem Bild des Fremden, und ärgerte sich dabei eigentlich über
sich selber, daß ein vollkommen gleichgültiger und fremder Mann ihre
Gedanken so in Anspruch nehmen konnte -- „was ist das für eine Klara
Paßwitz, von der Du vorhin sprachst?“

„Klara? ei die Tochter des Medizinalraths, der auch mit Deinem Vater
sehr befreundet ist!“ rief Rosa, „und ein liebes gutes Mädchen -- aber
ja so, das wollte ich Dir ja noch erzählen, weil Du mich vorhin nach
ihrem Bräutigam frugst, der uns an der Landung grüßte.“

„Kennst Du ihn denn, Lily?“ frug Käthchen erstaunt.

„Nein,“ lächelte die Schwester; „aber sein Gesicht muß ich schon
irgendwo einmal gesehen haben, kann mich aber nicht besinnen wo, so
viel ich mich auch schon deßhalb abgequält habe.“

„Nun, das müßte bei uns in Hoßburg gewesen sein,“ meinte die Schwester.
„Vielleicht war er einmal dort zum Besuch.“

„Ich glaube kaum,“ sagte Rosa; „denn so viel ich weiß, ist er erst
vor ganz kurzer Zeit von Paris zurückgekehrt, wo er sich durch
Spekulation ein bedeutendes Vermögen erworben und sich jetzt hier in
der Nachbarschaft -- wenigstens nicht so weit entfernt angekauft hat.“

„Und er wird Klara Paßwitz heirathen?“

„Ja, das ist eine wunderliche Geschichte,“ meinte Rosa geheimnißvoll.
„Klara kannte ihn fast noch gar nicht, er war nur ein paar Mal, von
irgend Jemand -- ich weiß nicht von wem -- an ihren Vater empfohlen, in
ihrem Hause gewesen, hatte aber viel mit dem Vater verkehrt und diesen
auch einmal bewogen, ihn mit der Tochter auf seinem Gut zu besuchen --
es liegt ein Stück den Rhein hinauf, irgendwo da hinter Godesberg --
und von dem Augenblick an schien die Sache zwischen ihm und Klara’s
Papa abgemacht zu sein, ohne daß Klara -- doch als die Hauptperson --
nur besonders darum gefragt worden wäre.“

„Und liebt sie ihn denn nicht?“ frug Käthchen rasch.

„Ja,“ meinte Rosa, sehr altklug die Achseln zuckend, „das ist eine
Sache, hinter die ich selber noch nicht recht kommen kann. Manchmal
scheint es mir allerdings, als ob sie ganz mit der Verbindung
einverstanden wäre, und dann wieder sieht sie so unglücklich aus, als
ob ihr das Herz über irgend einem geheimen Gram brechen wolle. In der
Stadt sagt man auch allgemein, daß es nur eine gezwungene Heirath wäre,
zu der sie ihr Vater gedrängt hätte.“

„Aber er wird doch wahrlich seine Tochter nicht zu einer Heirath
zwingen wollen!“ rief Käthchen.

„Er wird sie gerade nicht zwingen,“ meinte Rosa, „aber ihr so lange
damit in den Ohren gelegen und von der guten Partie gesprochen haben,
bis sie ihn zuletzt heirathet, um nur Nichts mehr von der Sache zu
hören.“

„Das wäre auch eine eigene Manier, Jemanden los zu werden,“ lachte
Käthchen, „man heirathet ihn einfach.“

„Kennst Du den jungen Herrn näher, Rosa?“ frug Elisabeth.

„Näher? er war ein paar Mal mit Paßwitzens bei uns.“

„Und sind sie schon verlobt?“

„Auch daraus bin ich noch nicht recht klug geworden,“ meinte Rosa;
„in der Stadt heißt es allerdings so, Klara weicht aber allen Fragen
aus. So viel ist sicher, daß sie die Trauung noch eine Zeitlang
hinausgeschoben hat; denn wäre die schon bestimmt, so würde ich es
gewiß erfahren haben. Herr von Berger scheint allerdings nicht damit
einverstanden; wenn Klara aber einmal ihren kleinen Trotzkopf aufsetzt,
ist auch nicht viel mit ihr anzufangen.“

„Das wäre ein sonderbares Verhältniß,“ sagte Elisabeth kopfschüttelnd,
„wo sich die Braut vor der Trauung fürchtet und sie so lange als
möglich hinauszuschieben sucht.“

„Und ich weiß wirklich nicht recht weßhalb!“ rief Rosa; „denn Berger
ist in der That ein liebenswürdiger Mensch und, wenn er nicht gerade
seine ‚finstere Stunde‘ hat, wie wir es nennen, fast ausgelassen lustig
und dabei unerschöpflich in geselliger Unterhaltung. Wir haben einige
wirklich herrliche Abende in seiner Gesellschaft verlebt, und da hat er
sich so liebenswürdig gezeigt, daß ich ihm selber gut sein könnte.“

„Dann überläßt ihn Dir Klara vielleicht,“ lachte Käthchen, „und damit
wäre euch am Ende Beiden geholfen.“

„Aber Käthchen!“ rief Rosa vorwurfsvoll, „Du bist doch ein ausgelassen
Ding geworden.“

„Ach was,“ lachte Käthchen, „wunderbarere Sachen sind schon
vorgekommen. Ist er denn hübsch?“

„Sehr hübsch,“ sagte Rosa, die auf den Scherz der Freundin einging,
„und sehr reich dabei.“

„Also, was willst Du mehr?“ neckte Käthchen, „unter solchen Umständen
kannst Du Dich schon einmal für eine Freundin opfern.“

„Und von was unterhalten sich die jungen Damen?“ rief auf einmal die
fröhliche Stimme des Justizraths.

„Und von was sonst, als jungen Herren, Papa,“ lachte Käthchen, als
ihnen plötzlich der Vater mit dem Professor und seiner Gattin aus einem
der Seitengänge entgegen kam, und rief mit der kecken Antwort hohes
Roth auf die Wangen ihrer Schwester und Freundin.

„Ei ei ei ei,“ sagte der Professor; „aber so lange es die junge
Gesellschaft noch so frischweg eingesteht, hat es wohl nicht viel zu
sagen; wie, Rosa?“

„Nein, Papa, ich glaube auch nicht,“ lächelte das junge Mädchen, „wir
haben uns von Klara’s Bräutigam unterhalten.“

„Von dem jungen Berger -- ach ja, der ist ja vorhin mit eurem Dampfer
wieder nach Bonn gekommen. Er soll mit Paßwitz’ Tochter verlobt sein.“

„Paßwitz? wie geht es dem?“ rief der Justizrath.

„O gut,“ lächelte der Professor, „er ist noch immer der alte
Sonderling, aber in den letzten Jahren merkwürdig grau geworden.“

„Und führt ihm die alte Isabel noch die Wirthschaft?“

„Genau wie früher und tyrannisirt das ganze Haus -- wir wollen morgen
einmal hinüber gehen und sie besuchen. -- Heute wird aber Nichts mehr
vorgenommen, denn heute gehört ihr vollständig uns und nicht einen
Fingerbreit lassen wir euch aus -- nicht wahr, Alte?“

„Das versteht sich,“ nickte freundlich seine Frau dazu, „denn lange
genug haben wir uns auf die Zeit vergebens gefreut, wo uns der Herr
Justizrath einmal wieder die Ehre schenken würde.“

Dabei blieb es, den Justizrath drängte es auch gar nicht aus dem ihm
selber so lieben Kreise fort, und die kleine Gesellschaft verbrachte
den Abend froh und glücklich in den eigenen Räumen.

Am nächsten Tag wurden Besuche gemacht, und zwar zuerst die
Staatsvisiten, die den Besuchten gerade so langweilen wie den
Besuchenden und beiden Theilen unausstehlich sind, von denen sie sich
aber doch stets einreden, daß sie nun einmal „nöthig und schicklich“
wären und nicht umgangen werden könnten.

Der Justizrath machte von der Regel solcher gewissenhaften Menschen
keine Ausnahme. Um zwei Uhr sollte gegessen werden, und von halb elf
bis zwei Uhr quälte er sich denn auch, bei vierundzwanzig Grad Wärme
im Schatten, in einem unbequemen schwarzen Frack und eben solchen
Beinkleidern mit einem hohen Cylinderhut -- seinen leichten Strohhut
durfte er „anstandshalber“ nicht aufsetzen -- pflichtschuldigst
ab, um eine Anzahl ihm vollkommen gleichgültiger Menschen in ihren
eigenen Wohnungen zu besuchen. Dort wurde er dann in die „beste Stube“
geführt, um sich, während Frauen und Töchter der Heimgesuchten als
„noch nicht sichtbar“ in alle möglichen Seitengemächer schlüpften, eine
Viertelstunde lang über gar Nichts mit dem Hausherrn zu unterhalten und
von ihm beim Abschied die Versicherung zu hören, wie außerordentlich
angenehm es ihm gewesen sei, den Herrn Justizrath wieder einmal begrüßt
zu haben.

Dies beseitigt, stieg er die Treppe hinab, nahm unten aus seiner
Westentasche ein kleines Blättchen Pappe, auf dem die Namen der
verschiedenen Persönlichkeiten aufgezeichnet standen, und strich mit
einem, aus voller Brust herauf geholten „Gott sei Dank! wieder Einer“
den betreffenden „Abgemachten“ fort.

Zum Tode erschöpft, aber mit dem beseligenden Bewußtsein, seine Pflicht
erfüllt und sich dabei einen vortrefflichen Appetit geholt zu haben,
kehrte er endlich kurz vor zwei Uhr in des Professors Wohnung zurück.

„Nun? Alles abgemacht?“ rief ihm dieser lachend entgegen.

„Alles,“ nickte der Justizrath vergnügt; „drei habe ich Gott sei Dank
nicht zu Hause getroffen und nur meine Karte abgegeben. That mir leid,
aber ließ sich nicht ändern. -- Noch einmal hingehen kann ich nicht.“

„Du hast sie, Gott sei Dank, nicht zu Hause getroffen,“ schmunzelte der
Professor, „aber es thut Dir leid. Bist Du ein wunderlicher Mensch, und
weßhalb ludst Du Dir und Anderen eine solche Last auf? -- Die armen
Teufel müssen Dich jetzt auch wieder aufsuchen.“

„Ja, lieber guter Kuno,“ sagte der Justizrath, „das geht doch nun
einmal nicht anders -- die Form muß beobachtet werden, denn gerade die
Form hält unsere ganze menschliche Gesellschaft zusammen.“

„Ich habe Dich nie für einen solchen Formmenschen gehalten.“

„Wer kann’s ändern,“ sagte der Justizrath achselzuckend, „aber dafür
schmeckt mir jetzt das Essen auch desto besser, und heute Nachmittag
suchen wir die alten Freunde in aller Gemüthlichkeit auf.“

„Und ohne Glacéhandschuhe.“

„Ohne Glacéhandschuhe, das versteht sich,“ bestätigte der Justizrath,
„denn so lange ich Glacéhandschuhe an den Händen habe, bin ich nur
höflich, sowie ich sie ausziehe, werde ich herzlich und vergnügt.“

Und jetzt wurde zu Tisch gerufen, nach Tisch der Kaffee wieder in der
Laube getrunken, und dann beschloß die kleine Gesellschaft, gemeinsam
den Medizinalrath Paßwitz zu überfallen, der von der Anwesenheit des
Justizraths noch gar Nichts wissen konnte, und sich gewiß über das
Wiedersehen eines alten Studiengenossen außerordentlich freuen würde.

Es mochte vier Uhr sein, als der Professor vorschlug, ihren Besuch nun
abzustatten, da der Medizinalrath um Sechs regelmäßig, wie die Uhr
schlug, in sein Kasino ging, und die Zeit -- wenn ihn nicht Krankheit
an sein Lager fesselte -- nie versäumte. Nicht einmal durch eine
Gesellschaft ließ er sich davon abhalten, und die kleine Karawane brach
unverzüglich dahin auf.

„Herr Medizinalrath zu Hause?“ frug der Justizrath, der mit Elisabeth
eine kurze Strecke voraus war und an der verschlossenen Thür
geklingelt hatte. Ein alter Dienstbote öffnete, hielt sich aber nicht
lange mit Erkundigungen oder Antworten auf, sagte einfach „Nein“ und
schlug dem erstaunten Herrn die Thür wieder vor der Nase zu.

„Das ist ein hübscher Empfang,“ lachte der Justizrath, sich gegen den
jetzt herankommenden Freund wendend. „Viele Umstände machte die Alte
keinenfalls -- wir scheinen doch zu spät gekommen zu sein.“

„Gott bewahre,“ sagte der Professor, mit dem Kopf schüttelnd, „eher
ging die Sonne einmal aus Versehen im Westen auf, als daß Paßwitz um
diese Zeit nicht im eigenen Hause hinter einer Tasse Kaffee säße. Das
war nur eine Laune von dem alten Drachen, der der Besuch in diesem
Augenblick aus irgend welchen Gründen ungelegen kam, aber sie wußte
keinenfalls, daß ich dabei war, sonst hätte sie es doch wohl nicht
versucht. Ich werde sie noch einmal citiren“ -- und mit den Worten trat
er an die Klingel und zog so kräftig, daß das ganze Haus von den Tönen
der ziemlich großen Glocke wiederhallte.

Es dauerte nicht lange, so wurde die Thür -- und zwar dießmal ziemlich
heftig aufgerissen, und die Alte schien allerdings die Absicht gehabt
zu haben, unangenehm über die neue Störung zu werden; die Person
des Professors, den sie gut genug kannte, belehrte sie aber doch
eines Besseren, und wenn sich ihr runzliches Antlitz auch nicht in
freundlichere Falten zog, hielt sie doch die Thür offen und sagte nur
mürrisch: „Der Herr Medizinalrath haben Besuch -- wußte nicht, daß der
Herr Professor dabei war.“

„Schon gut, Fräulein Isabella,“ nickte ihr aber dieser zu -- „brauchen
uns auch nicht anzumelden; ich weiß schon selber den Weg. Apropos, wer
ist denn oben -- doch kein Kranker?“

„Der Herr Baron,“ lautete die kurze Antwort.

„So? -- Berger? -- desto besser -- und nun komm’, mein alter Freund,
jetzt wollen wir einmal den Bären in seiner eigenen Höhle überrumpeln,“
und ohne weiter Notiz von der alten Wirthschafterin zu nehmen, die
ihre friedliche Wohnung plötzlich von einem Schwarm geputzter Menschen
gestürmt sah, ohne die Macht zu haben, sie zurückzuweisen oder
abzusperren, stiegen sie die Treppe hinauf.

Der Professor hatte auch nicht zu viel versprochen -- er wußte, in
welcher Stube er den Freund zu suchen hatte, und als auf sein etwas
derbes und rasches Anklopfen ein erschrecktes „Herein“ antwortete, riß
er die Thür weit auf und führte lachend die kleine Armee in die Stube
hinein.

Der Medizinalrath saß in der That beim Kaffee. Es war ein kleines
hageres, etwas gedrücktes Männchen, dessen Kopf -- obgleich er selber
kaum fünfzig Jahre zählen mochte, schon eisgraue Haare spärlich
deckten; er hob sich auch etwas verlegen aus seinem Lehnstuhl, da er
sich plötzlich in seinem Schlafrock und Pantoffeln den fremden Damen,
die er nicht gleich erkannte, gegenüberfand. -- Was hatte denn nur die
sonst so aufmerksame Haushälterin heute gemacht, da sie doch nie Besuch
unangemeldet herein ließ?

„Heh! Medizinal- und Sanitätsrath!“ rief ihn aber der Professor
freundlich an, „kennst Du uns nicht mehr? wo hast Du denn Deine Brille,
Mann?“

„Ja, lieber Professor,“ stammelte der Ueberrumpelte, indem er seinen
Schlafrock warm zusammen nahm und die Damen noch immer unsicher
anstarrte. Da fiel sein Blick auf den Justizrath, und ihm die Hand
entgegenstreckend rief er herzlich und erfreut ihn bei seinem alten
Spitznamen auf der Universität -- „‚Raps!‘ Junge, wo kommst Du her? und
das -- das sind doch nicht...?“

„Meine Töchter, alter Schwede,“ lachte der Justizrath vergnügt, „nicht
wahr, die Mädel sind herangewachsen? Aber wo ist die Deine? -- ah,
Fräulein Klara -- nun das muß ich sagen,“ setzte er rasch hinzu,
„zurückgeblieben sind Sie auch nicht. Sie blühen wie eine junge Rose,“
und ohne weitere Umstände ging er auf sie zu, nahm ihren Kopf zwischen
die Hände und küßte sie auf die Stirn.

Jetzt erst bemerkte er den neben ihr stehenden jungen Herrn, der sich
mit ihr zugleich vom Stuhl gehoben hatte.

„Ein Freund unseres Hauses,“ stellte ihn der Medizinalrath vor, „Baron
Berger, der Bräutigam meiner Tochter, und das, lieber Berger, ein alter
Jugendfreund, Justizrath von Hochweiler aus Hoßburg.“

Die beiden Herren verneigten sich gegen einander.

„Und hier,“ fuhr der Professor fort, „da wir doch einmal im
Vorstellen sind, um die langweilige Geschichte gleich abzumachen,
Fräulein Elisabeth und Katharine von Hochweiler, besagten Justizraths
liebenswürdige Töchter -- so, jetzt kennen wir einander, und nun, ihr
Mädels, steht nicht da wie die Stöcke und fallt euch üblicher Maßen um
den Hals.“

„Das hast Du mit dem Herrn Justizrath auch gemacht, Papa,“ lachte Rosa.

„Ich bekenne mich schuldig,“ nickte der Vater, „also da sind wir,
Medizinalrath.“

„Herzlich -- herzlich erfreut,“ rief dieser, nochmals des Justizraths
Hand schüttelnd, „und nun alter Junge, wie geht’s -- jetzt erzähle; wir
haben uns ja, glaub’ ich, in einer wahren Ewigkeit nicht gesehen.“

Die jungen Mädchen hatten sich indessen schon rascher mit einander
verständigt und plauderten zusammen; Elisabeth aber bemerkte bald,
daß die Röthe, die Klara’s Gesicht überstrahlte, als sie ihr Vater
anredete, nicht ihrem Antlitz natürlich war und rasch wieder
verschwand. Sie sah eher bleich und angegriffen aus, und um ihre Lippen
lag ein recht weher, schmerzhafter Zug -- aber sie war freundlich und
lieb, und, wie wir das ja so oft im Leben haben, daß uns der erste
Anblick eines Menschen wohl thut, so fühlte sie sich gleich vom ersten
Moment ihrer Bekanntschaft hin zu der ernsten und sinnigen Elisabeth
gezogen, als ob sie schon seit vielen, vielen Jahren Freunde gewesen
wären.

Elisabeth theilte das Gefühl, das in solchen Fällen fast immer
gegenseitig ist, und doch war ihre Aufmerksamkeit in dieser ersten Zeit
mehr dem jungen Fremden, als der neuen Freundin zugewandt, der sich
auch rasch und leicht in ihr Gespräch mischte und die jungen Mädchen
bald zu fesseln wußte. -- Aber Stimme wie Ausdrucksweise desselben
blieben ihr vollkommen fremd, und doch fühlte sie sich von seinem
ganzen Wesen angezogen und mußte sich selber gestehen, lange Niemanden
getroffen zu haben, der sie so ganz in Anspruch nahm.

Berger zeigte sich auch in der That unendlich liebenswürdig; er war die
Aufmerksamkeit selber, und als der Vater endlich zum Aufbruch mahnte
-- denn sechs Uhr war herangekommen, und der Medizinalrath wurde schon
unruhig -- glaubten Alle, daß ihnen die Zeit noch nie im Leben so rasch
verflogen sei, als diese zwei kurzen Stunden.

Aber man wollte sich wieder sehen, und der Professor, der sich selber
in das Gespräch gemischt und Freude daran gefunden hatte, setzte dazu
den kürzesten Termin.

„Wie wäre es, meine jungen Herrschaften,“ sagte er, „wenn wir uns gar
nicht trennten, sondern heute Abend gleich zusammen blieben? Freund
Medizinalrath ist unzurechnungsfähig, der muß pflichtschuldigst in sein
langweiliges Kasino und L’hombre spielen, sonst wird er von seiner
Partie in den Bann gethan; uns Andere aber bindet kein solcher Zwang,
und wenn wir nun Alle zusammen heute Abend in unseren Garten gingen
und dort vergnügt eine Tasse Thee -- respektive ein Glas guten Wein
-- tränken, so glaube ich, daß wir uns noch vortrefflich amüsiren
könnten. Was sagen Sie, meine Damen?“

„Ach ja, Papa, das wäre zu herrlich,“ rief Rosa rasch und freudig --
„nicht wahr, Du gehst mit, Klara?“

„Und Herr von Berger begleitet uns vielleicht ebenfalls?“ setzte der
Professor hinzu.

„Sie sind außerordentlich liebenswürdig, verehrter Herr,“ entgegnete
der junge Mann, „und ich selber bin viel zu schwach, um einer solchen
Verlockung zu widerstehen -- vorausgesetzt natürlich, daß ich die Damen
in ihrer Unterhaltung nicht störe.“

„Sie können auch boshaft sein, nicht wahr?“ lachte Rosa, „als ob wir
so Wichtiges zu verhandeln hätten -- und dann gehen wir gleich, nicht
wahr, Papa?“

„Ja, Kinder,“ sagte der Medizinalrath etwas verlegen, „das ist Alles
recht schön und gut, und Klärchen -- aber die alte Bella ist dann
ganz...,“ er wollte nicht recht mit der Sprache heraus.

„Ganz allein?“ ergänzte der Professor lachend, „und Klärchen soll doch
nicht etwa der alten Person zur Gesellschaft zu Hause bleiben? -- das
wär’ der Mühe werth. Alter, Alter, laß mich Dich nicht auf einem faulen
Pferde erwischen. -- Und nun vorwärts, Kinder -- Donnerwetter, da
schlägt’s schon Sechs -- Medizinalrath -- mach’ daß Du in Dein Kasino
kommst, sonst mußt Du Strafe zahlen.“

Der kleine ängstliche Mann wagte in der That keinen weiteren Einwand,
und Klärchen, die rasch ihren leichten Shawl umgeworfen und ihren Hut
aufgesetzt hatte, war in wenigen Sekunden gerüstet.



Fünftes Kapitel.

Das Loch in der Hose.


Unten an der Thür begegnete die kleine Gesellschaft allerdings wieder
der alten Frau, die hier im Hause nicht allein die Wirthschaft, sondern
auch die Herrschaft zu führen schien. Mit eben nicht freundlichen
Blicken betrachtete diese den Professor, der triumphirend an ihr
vorüberschritt; Berger bog sich aber zu ihr über und flüsterte ihr
etwas in’s Ohr, wonach sie freundlicher wurde und ihm zunickte --
Elisabeth hatte das bemerkt -- dann traten sie hinaus in die sonnige
Straße und wanderten lachend und plaudernd dem Garten des Professors zu.

Rosa und Käthchen, beide fast in einem Alter, ein paar aufknospende
Rosen, vor denen die Welt in ihrem ersten wunderbaren Glanz geöffnet
lag, hatten auch noch keinen Schatten in dieser weiten Blumenau
entdeckt, Alles, was sie umgab, diente nur dazu, ihnen neue Freude zu
bereiten. -- Glückliche Jugendzeit, daß Du so rasch vergehen mußt, und
wenn geschwunden -- nie im Leben wiederkehrst!

Elisabeth wie Klara waren Beide um drei Jahr älter -- und deßhalb auch
ernster und ruhiger und hatten sich, wie schon gesagt, so gleich vom
ersten Augenblick zu einander hingezogen gefühlt, daß sie auch jetzt,
Arm in Arm, wie zwei alte Jugendfreundinnen, hinter den jüngeren
Mädchen herschritten, während ihnen der Justizrath mit dem Professor
und dem jungen Berger folgten.

So erreichten sie den Garten und wurden hier auf das Liebenswürdigste
von der Frau Professorin empfangen. Ihr wäre es auch am liebsten
gewesen, wenn sich die Gäste gleich wieder zum Essen und Trinken
niedergesetzt hätten, was aber von Allen auf das Entschiedenste
abgelehnt wurde. -- Kaffee war auch schon getrunken, aber sie ließ es
sich wenigstens nicht nehmen, Obst und Wein auf den Tisch in der Laube
zu stellen, daß sich davon nehmen konnte, wer eben Lust hatte.

Eine Stunde verging etwa so: die Herren hatten sich um den Wein
gesetzt, die Mädchen gingen plaudernd auf und ab, bis ein paar junge
Leute mit ihrer Schwester, einer Freundin Rosa’s, noch zum Besuch
herüber kamen. Jetzt ließ Käthchen keine Ruh’ mehr: es sollte ein
Gesellschaftsspiel arrangirt werden, denn das ewige Schwatzen war zu
langweilig.

Das junge Volk ging natürlich rasch darauf ein, und Berger zeigte
sich dabei so unerschöpflich im Anordnen neuer interessanter Spiele,
daß man sich, als der Aufenthalt im Garten zu kühl wurde, noch nicht
dazu entschließen konnte, auseinander zu gehen, sondern einstimmig
entschied, das Spiel oben im Zimmer fortzusetzen.

Vorher mußte allerdings erst etwas zu Abend gegessen werden, das ließ
sich die Frau Professorin nicht nehmen, wenn auch die Letztgekommenen
erklärten, das schon erledigt zu haben. Der Tisch wurde mit kalten
Speisen gedeckt, aber das junge Volk versäumte nicht viel Zeit damit.
Nachdem nur etwas verzehrt worden, um die Hausfrau zufrieden zu
stellen, halfen die jungen Damen selber mit Abräumen, daß die Tafel nur
rasch wieder bei Seite geschoben werden konnte, und jetzt begann das
Spiel von Neuem.

Natürlich war bunte Reihe gemacht worden, und Berger kam dabei zwischen
Elisabeth und Klara zu sitzen. Mehrere der früher gespielten Spiele
hatte man auch schon wieder durchgenommen, als Berger ein neues
vorschlug, das die muntere Schaar rasch aufgriff. Ja so ansteckend
schien ihre ausgelassene Fröhlichkeit zu sein, daß sich sogar die
Eltern mit dem Justizrath nicht länger davon ausschließen mochten und
unter dem Jubel des jungen Volkes mit Platz im Kreise nahmen.

Das neue Spiel hieß: „Gedanken errathen“, und Berger selber machte
den Anfang als „Rathender“. Vorher erklärte er natürlich der kleinen
Gesellschaft den Sinn des Spiels und verließ dann das Zimmer, um den
Zurückbleibenden Raum zu lassen, sich etwas auszudenken.

Jeder mußte ihm nämlich -- wenn er wieder hereingerufen wurde, drei
Worte nennen, die auf das, an was er gerade dachte, Bezug hatten, und
danach hatte er nachher zu rathen, womit sich die betreffende Person in
ihren Gedanken augenblicklich beschäftigte. Natürlich lag es dabei in
Jedes Interesse, die Worte so vieldeutig als möglich zu wählen, um den
Rathenden nicht zu rasch auf die richtige Spur zu bringen.

Rathen durfte er dreimal -- rieth er es dann nicht, so mußte er ein
Pfand geben, und damit der Gefragte (den man, im Fall seine Gedanken
wirklich getroffen wurden, ebenfalls um ein Pfand strafte) nicht
willkürlich leugnen konnte, hatte Jeder vorher der Gesellschaft
zu sagen, an welchen Gegenstand oder an welche Handlung er in dem
Augenblick denken wolle.

Das Spiel war außerordentlich amüsant, denn Berger kannte, außer den
drei erst hinzugekommenen Gästen, alle ziemlich genau. Mit vielem
Scharfsinn dabei begabt, wußte er so geschickt zu treffen -- nur
Elisabeth’s Aufgabe konnte er nicht lösen -- daß er fast rund herum
Pfänder einsammelte.

Wie er durch war, mußte geloost werden, wer jetzt hinaus solle, um das
Spiel von Neuem zu beginnen, und es traf dießmal Elisabeth, die in’s
Nebenzimmer ging, während die Anderen die Wahl ihrer Worte verabredeten.

Es dauerte dießmal ein wenig lange, denn daß Berger vorher Alles
sogleich errathen hatte, schien die kleine spottlustige Gesellschaft
empört zu haben, und man beschloß, dießmal vorsichtiger in der Stellung
der Worte zu sein.

„Darf ich hinein?“ hatte die ungeduldig werdende Elisabeth schon
dreimal gefragt, und immer tönte es „nein, noch nicht!“ zurück. Endlich
schien Jeder mit sich im Reinen, Berger half noch hie und da aus und
dann mit den Worten: „Jetzt können wir die arme junge Dame von ihrem
Posten erlösen“, sprang er zur Thür, um diese zu öffnen und Elisabeth
einzulassen.

Während er zur Seite fuhr, um ihr Raum zu geben, blieb er mit dem Knie
an einem der Stühle hängen und bekam einen wohl sechs Zoll langen Riß
in das Beinkleid. Rosa hatte es gesehen und rief bedauernd, indem sie
zu der Stelle trat: „Siehst Du, Papa, so lange habe ich gepredigt, daß
Du die altmodischen Stühle mit den Messingknöpfen abschaffen oder doch
neu überziehen solltest -- aber Gott bewahre, bis ein Unglück geschehen
ist.“

„Nun das Unglück ist dießmal nicht so groß, mein Fräulein,“ lachte
Berger, indem er aber doch etwas bestürzt den angerichteten Schaden
betrachtete.

„Richtig,“ rief Rosa, zu dem Stuhl niederknieend, „da hab’ ich’s. Der
eine Knopf von dem Nagel ist abgesprungen und der scharfe Stift steht
lang vor. -- Ich bin neulich am Sopha ganz ähnlich mit meinem Kleid
hängen geblieben.“

„Machen Sie sich deßhalb keine Sorge, mein Fräulein,“ rief aber Berger,
sein Taschentuch um das Knie schlingend, „die Wunde blutet nicht und
kann verbunden werden. Lassen Sie uns das Spiel nicht stören; sehen
Sie, der Schaden ist schon wieder ausgebessert. Bitte, mein gnädiges
Fräulein, fangen Sie an.“

Elisabeth hatte ganz vergessen, was sie sollte. Wie ein Schleier fiel
es von ihren Augen -- das war der nämliche Herr, den sie am ersten Mai
in Hoßburg auf der Promenade gesehen, und zwar mit einem ähnlichen
Uebel. Derselbe, der dann in eine Droschke gestiegen war und sein Tuch
über das Knie haltend, um den erlittenen Schaden zu verdecken, davon
fuhr. -- Wo hatte sie bis jetzt ihre Gedanken gehabt, daß ihr das nicht
gleich bei seinem ersten Begegnen eingefallen war? Sie erröthete jetzt
ordentlich, als sie Berger in diesem Augenblick anredete.

„Mit wem fang’ ich an?“ frug sie zerstreut.

„Gleich hier an der Reihe,“ rief Rosa, „mit Herrn von Berger.“

„Ich sehe also, mein gnädiges Fräulein,“ rief der junge Mann, im
Begriff, ihr die nöthigen drei Worte in einem kurzen Satz zu sagen.

„Halten Sie ein,“ lachte aber Elisabeth, von einem plötzlichen Gedanken
erfaßt, „ich sage Ihnen, woran Sie in diesem Augenblick denken, ohne
daß Sie mir die geringste Andeutung geben.“

„Und Sie wollen wirklich meine Gedanken errathen?“ lächelte Berger,
während ein spöttischer Zug um seine Lippen zuckte.

„Stellen Sie mich auf die Probe.“

„Gut -- also mein gnädiges Fräulein, an was denke ich in diesem
Augenblick? Sie dürfen dreimal rathen, aber machen Sie sich auf ein
Pfand gefaßt.“

„Ich beanspruche nur eine Chance,“ sagte Elisabeth, indem sie ihn fest
ansah, „Sie denken in diesem Augenblick an einen ganz ähnlichen Unfall,
der Ihnen vor etwas über vier Monaten -- am ersten Mai -- in Hoßburg
begegnete. Hab’ ich Recht?“

Es war fast, als ob in dem Augenblick Berger’s Wangen die Farbe
verlassen hätte. Er sah das junge Mädchen für einen Moment stier, fast
wie bestürzt an -- aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn schon
im nächsten schüttelte er lächelnd mit dem Kopf und sagte: „Ihr Pfand
ist fällig, mein gnädiges Fräulein, ich war nie in Hoßburg.“

„Sie waren nie in Hoßburg?“ frug Elisabeth rasch.

„Nie,“ erwiederte Berger ruhig, „obgleich ich mich erinnere, im vorigen
Jahr einmal mit der Bahn vorbeigefahren zu sein. Keinesfalls ist mir
etwas Aehnliches dort begegnet, ich konnte also auch nicht daran
denken. Sie haben Ihr Pfand verwirkt, mein gnädiges Fräulein.“

„In der That?“ sagte Elisabeth, jetzt selbst wieder vollständig irre
gemacht, „dann hab’ ich mich allerdings geirrt.“

„Aber so mach’ doch, daß Du herumkommst, Lily,“ rief Käthchen, die
ungeduldig wurde, „ich vergesse sonst wahrhaftig wieder, an was ich
gerade denke.“

Das Spiel hatte seinen Fortgang, aber Elisabeth war sichtlich zerstreut
und erst beim dritten oder vierten Fragen konnte sie ihre Gedanken nun
so weit sammeln, um nicht gar zu verkehrte Erklärungen abzugeben.

Berger schlug bald darauf ein anderes Spiel vor. Die Herren nämlich
mußten sich auf einen Selterwasserkrug setzen und mit einem Fuß
über den anderen geschlagen, ein brennendes Licht in der einen, ein
unangezündetes in der anderen Hand, das nicht brennende an die Flamme
des anderen zu bringen suchen, was zu höchst komischen Stellungen
Veranlassung gab, und als sich selbst der Professor dazu entschloß, den
Spaß mitzumachen, wollte der Jubel kein Ende nehmen.

Es war fast Mitternacht, ehe sich die kleine fröhliche Gesellschaft
trennte, und so amüsirt hatten sich Alle, daß man beschloß, an einem
der nächsten Abende wieder hier zusammen zu kommen.

Es mochte zehn Uhr am anderen Morgen sein, als Klara herüber zu
Professors kam. Sie hatte, wie sie sagte, gestern Abend ihre Handschuhe
entweder hier vergessen, oder unterwegs verloren, und wollte nun einmal
nachfragen. Die Handschuhe waren nicht da, aber sie blieb noch eine
Weile bei den Freundinnen und ließ sich auch Rosa’s Blumengärtchen
zeigen, das diese mit besonderer Sorgfalt pflegte. Rosa war auch stolz
darauf und wußte fast von jeder Blume, von denen keine abgepflückt
werden durften, eine kleine Geschichte zu erzählen.

Endlich nahm Klara, während Käthchen von Rosa das Okuliren lernen
wollte, Elisabeth’s Arm, und die beiden jungen Mädchen gingen langsam
in den breiten Wegen des Gartens auf und ab.

„Sag’ einmal, Lily,“ frug da endlich Klara -- denn das steife Sie der
ersten Anrede war schon lange dem freundschaftlichen Du gewichen, „was
ich Dich fragen wollte -- hast Du denn Herrn von Berger schon früher
gekannt?“

„Nein, mein Herz,“ erwiederte die Gefragte, leise mit dem Kopf
schüttelnd. Sie sah dabei sinnend vor sich nieder.

„Aber Du deutetest doch gestern Abend ein Begegnen in Hoßburg an.“

„Ich muß mich geirrt haben,“ sagte Elisabeth; „es war nur ein
flüchtiger Moment auf der Promenade, wenn ich auch auf die Aehnlichkeit
geschworen hätte. Käthchen aber, die damals bei mir war und die ich
gestern Abend noch darum frug, will Nichts davon wissen, oder sagte
wenigstens, daß sie sich auf jene Persönlichkeit viel zu wenig besinnen
könne, um sie jetzt noch im Gedächtniß zu haben. Aber weßhalb fragst Du
das, Klärchen?“

Klara schwieg; ihre Gedanken waren jedenfalls wo anders, aber sie mußte
die Frage gehört haben, denn nach einer Weile erwiederte sie: „Ich weiß
es selber nicht, Lily, aber gestern -- und ich habe mich dabei auch
jedenfalls geirrt, war es mir fast, als ob Berger bei Deinen Worten
erschrak. -- Bitte, erzähle mir doch Dein Begegnen mit ihm oder jenem
Anderen, der ihm gleich sah.“

Elisabeth lächelte: „Sein Unglück gestern brachte mich darauf,“ sagte
sie, „denn jenem Herrn war ein ganz ähnlicher Unfall begegnet,“ -- und
nun erzählte sie der Freundin mit kurzen Worten das Begegnen an jenem
Tage auf der Promenade von Hoßburg, das allerdings viel zu flüchtig
gewesen war, um ein Wiedererkennen der Persönlichkeit mit Gewißheit
behaupten zu können. -- „Nun,“ setzte sie ernst hinzu, „muß ich Dir
gestehen, daß es auch mir gestern Abend -- aber auch nur für einen
Moment -- den Eindruck gemacht hat, als ob er bestürzt über meine
Antwort wäre. Doch wie sollte das möglich sein, und ein Mißverständniß
muß da jedenfalls zum Grunde liegen. Wer weiß, an was er in dem
Augenblick gerade gedacht, das zufällig flüchtig mit meinen Worten
zusammenstimmte. Aber sage mir Klärchen,“ setzte sie herzlich hinzu,
„ist es wahr, daß Du mit Herrn von Berger verlobt bist?“

„Ja,“ hauchte Klara leise.

„Du sagst das Ja so wehmüthig,“ flüsterte Elisabeth, indem sie ihren
Arm um die Freundin schlang, „bist Du nicht glücklich, Herz?“

„O doch, Lily,“ wehrte Klara ab, „gewiß bin ich’s -- Berger ist ein
sehr tüchtiger, geistvoller Mann, und -- es ist ja meine freie Wahl --“

Elisabeth schwieg; sie fühlte, daß hier nicht Alles war, wie es sein
sollte, aber hatte sie ein Recht, sich in das Vertrauen der Freundin zu
drängen, wenn ihr dieses nicht freiwillig angeboten wurde?

Lautlos wandelten die beiden Jungfrauen eine Weile neben einander hin
-- Jede mit ihren eigenen Gedanken voll und reichlich beschäftigt.
Endlich sagte Elisabeth wieder: „Der Professor hat heute Morgen
davon gesprochen, daß er sich Donnerstag Abend wieder eine kleine
Gesellschaft von jungen Leuten bitten will; er scheint sich gestern
vortrefflich amüsirt zu haben, und die Frau Professorin sagte, sie
wisse sich der Zeit nicht zu erinnern, daß sie so viel gelacht
hätte. Herr von Berger ist wirklich unendlich amüsant bei solchen
Gelegenheiten.“

„Ferdinand ist heute Morgen abgereist,“ sagte Klara leise.

„Ferdinand?“

„Berger mein’ ich.“

„Herr von Berger ist abgereist? so rasch?“ rief Elisabeth erstaunt.

„Ja, -- er wollte eigentlich noch länger bleiben, fand aber gestern
Abend, als er nach Hause kam, noch einen Brief von seinem Verwalter,
der ihn rasch zurückrief, um auf seinem Gut Manches zu reguliren. Er
hat einen Baumeister draußen, der ihm viel Aerger zu machen scheint.
Vor einer Stunde etwa war er noch bei uns, -- und ist dann gleich mit
dem Zehnuhrboot stromauf gegangen.“

„Das thut mir wirklich leid,“ sagte Elisabeth, „und Professors werden
es besonders bedauern.“

„Er hat mir noch herzliche Grüße für euch Alle aufgetragen,“ sagte
Klara, „wäre auch gern noch selber herüber gekommen, aber zu so
früher Stunde ging das doch nicht, und er konnte seine Abreise nicht
aufschieben. Möglich aber, daß er bis dahin wieder zurück ist. Er hat
meinem Vater versprochen, er wolle seinen Aufenthalt auf dem Gut so
viel als nur irgend möglich abkürzen. Man reist ja jetzt so schnell.“

„Deinem Vater hat er das versprochen?“ lächelte Elisabeth, „das hätte
er eigentlich Dir versprechen sollen.“

Wieder zeigte sich der schmerzliche Zug um Klara’s Lippen, und
Elisabeth fühlte, wie sich der Arm der Freundin fester um sie legte.

„Klara,“ sagte sie da herzlich und von einem plötzlichen Gefühl
ergriffen, „Du bist nicht glücklich -- nicht so glücklich wenigstens,
wie eine Braut sein sollte -- Du kennst mich noch so wenig, aber wenn
Du mein Herz sehen könntest --“

„Ich weiß nicht, wie es kommt, Elisabeth,“ flüsterte da das junge
Mädchen, „ich habe Dich gestern zum ersten Mal gesehen, aber mir ist,
als ob wir Schwestern wären, -- Schwestern, die lange, lange Jahre von
einander getrennt gewesen und jetzt erst zusammen kämen, um sich Alles
zu vertrauen.“

„Meine liebe, liebe Klara.“

„Das ist ein Gefühl,“ fuhr aber das junge, erregte Mädchen fort, „das
wir nicht ungestraft mißachten dürfen, -- Du sollst Alles wissen und
dann -- rathe mir, wenn Du rathen kannst, -- wenn nicht, so habe ich
doch wenigstens den Trost, irgend Jemanden zu wissen, der mit mir
fühlt, der mich begreift und -- liebt.“

„Aber Klärchen, wie sprichst Du, hat Dich nicht Rosa auch von Herzen
lieb?“

„Ja, aber sie ist zu flüchtig -- zu oberflächlich, möchte ich sagen.
-- Sie hat noch nie, seit sie denken lernte, einen tiefen Schmerz
erlitten, -- wovor sie auch Gott recht lange bewahren möge -- und ihr
fröhlicher Sinn schimmert nur in Sonnenlicht und Freude.“

„Und Dein Bräutigam?“

„Das ist es ja gerade,“ seufzte Klara, „was mir so schwer und drückend
auf der Seele liegt, ich weiß nicht, ob er mich liebt.“

„Du närrisches Mädchen,“ lächelte Elisabeth, die natürlich glaubte, daß
nur eine eingebildete Sorge die Brust der Freundin füllte, „und hat er
Dir nicht seine Liebe gestanden und Deine Gegenliebe erbeten?“

„Ja,“ hauchte Klara, „aber nicht, wie ich es mir früher gedacht,
wenn ich mir einen solchen heiligen Augenblick im Geist ausmalte.
-- Mißverstehe mich nicht,“ bat sie rasch, als sie das Lächeln in
Elisabeth’s Zügen bemerkte, „ich bin keine träumerische Schwärmerin,
die überschwengliche Worte und Empfindungen verlangt und sich verletzt
fühlt, wenn das Leben in trockener Wirklichkeit an sie herantritt --
nur Herzlichkeit und Gefühl wollte ich haben und -- so süß und lieb
seine Worte klangen, mit welch’ heißer Beredsamkeit er das Geständniß
seiner Liebe in mein Ohr flüsterte, mein eigenes Herz blieb kalt und
unberührt.“

„Und doch hast Du ihm Dein Jawort gegeben?“

„Ich bat mir Bedenkzeit aus, nur bis zum anderen Tag, und
rücksichtsvoll gestand er mir das zu und dann -- dann kam unsere alte
Bella, der er es muß angethan haben, denn in ihren Augen scheint er ein
Gott, so unerschöpflich war sie und ist sie stets in seinem Lob.“

„Aber was hat eure alte Bella mit Deinem Herzen zu thun, Schatz? Du
wirst Dich doch nicht von ihr haben überreden lassen?“

„Du kennst die Verhältnisse in unserem Hause nicht, Lily,“ seufzte
Klara. „Meine Mutter habe ich nie gekannt, und Vater war von da an
immer in fremden Händen. Er ist auch seelengut, aber entsetzlich
schwach, und die alte Bella, die uns nun schon seit fünf Jahren die
Wirthschaft führt und ihn einst in einer sehr schweren und bösen
Krankheit mit wirklicher Aufopferung gepflegt, gilt Alles bei ihm. Sie
selber hängt dafür mit seltener Treue an ihm, und daß ich, die eigene
Tochter, von ihm geliebt werde, hat sie ordentlich eifersüchtig gegen
mich gemacht. Ich fürchte auch fast, ihr Drängen und Treiben gilt
eben so viel dem Wunsche, mich zu entfernen und ganz allein Herrin im
Hause zu sein, als ihrem Entzücken und ihrer Bewunderung für meinen
Bräutigam.“

„Und Du willigtest ein?“

„Vater und Bella drängten in mich, seinen Bitten Gehör zu geben -- ich
selber war ihm ja gut, denn seine glänzenden Eigenschaften hatten mich
bestochen, es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß er mich vor Allen
bevorzugte -- ich wußte, wie ich seinethalben beneidet wurde, und --
als er am nächsten Morgen kam --“

„Da willigtest Du ein?“

„Ja,“ hauchte Klara.

„Und bereust Du es jetzt?“ flüsterte Elisabeth.

„Ich weiß es nicht,“ sagte Klara, aber so leise, daß die Töne kaum zu
dem Ohr der Freundin drangen, „es ist ein wunderliches Doppelwesen, das
in mir lebt -- ich fürchte, ich würde mich unglücklich fühlen, wenn ich
ihn missen müßte und -- fürchte wieder, daß ich mich nicht glücklich
fühle an seiner Seite.“

„Aber, liebe beste Klara,“ bat Elisabeth, sie fest an sich ziehend --
„sei mir nicht bös, wenn ich Dir vielleicht herbe Worte sage, doch ich
kann wahrlich nicht anders -- bist Du da nicht wie ein thöricht Kind,
das sich mit Grillen plagt, die nicht einmal eine bestimmte Form und
Gestalt haben?“

„Ach, wenn Du Recht hättest,“ seufzte Klara.

„Und kannst Du Dir einen vernünftigen Grund nennen, weßhalb Du Deinen
Bräutigam, wenn Du ihn je geliebt hast, nicht noch lieben könntest?“

Klara sah sinnend vor sich nieder.

„Einen vielleicht,“ sagte sie, -- „er spielt, und ich habe ihn oft
gebeten, das Spiel mir zu liebe zu unterlassen, trotzdem ist er wieder,
wie ich aus ganz sicherer Quelle weiß, in voriger Woche in Ems gewesen.“

„Das Spiel ist freilich ein böses, böses Laster,“ nickte Elisabeth,
„und eine Schmach für Deutschland, daß es noch geduldet wird, aber
glaubst Du nicht, daß Du als Frau Macht genug über ihn gewinnen wirst,
es zu unterlassen?“

„Nein,“ schüttelte Klara mit dem Kopf, „das gerade ist es, was ich
fürchte, daß ich als Frau jede Macht über ihn verlieren werde, denn
sein Charakter ist fest und hart wie Stahl, -- er mag brechen, aber er
wird sich nie biegen, um eine andere Form anzunehmen.“

„Und ist das nicht schön an einem Mann?“

„Ja, gewiß, und das gerade gewann ihm zuerst meine Achtung -- später
meine Bewunderung und -- Liebe.“

Elisabeth schüttelte mit dem Kopf.

„Ich plaudere nun schon eine geraume Weile mit Dir,“ sagte sie
lächelnd, „und kann noch immer nicht dahinter kommen, was Du eigentlich
gegen ihn hast. Daß er spielt, -- ja, ich gebe zu, das ist bös, aber
Dir zu liebe läßt er es doch vielleicht -- und sonst? -- denn Du wirst
mir zugeben, das allein ist kein Grund, an seiner Liebe zu Dir zu
zweifeln.“

„Ich kann Dir auch keinen bestimmten Grund weiter dafür nennen, Herz,“
sagte Klara seufzend, „es liegt in so tausend kleinen Einzelnheiten,
die an sich vollkommen unbedeutend scheinen, und nur im Ganzen und
Zusammenwirken dieses Gefühl, diese Furcht in mir hervorgerufen haben.
Ich wollte, Du selber könntest ihn einmal einige Zeit beobachten -- und
vielleicht ist das möglich, wenn er bald zurückkehrt.“

„Und kannst Du mir keine einzige dieser ‚kleinen Einzelnheiten‘ nennen,
Klärchen? vielleicht wäre ich dann jetzt schon im Stande, Deine, wie
ich fest glaube, grundlose Befürchtung zu zerstreuen.“

„Du wirst mich auslachen, weiter Nichts,“ sagte Klara, „denn an und für
sich sind sie auch nichtig; nur eben im Zusammenhang beunruhigen sie
mich.“

„So fang’ einmal an, -- lachen werde ich gewiß nicht, denn es handelt
sich ja hier um eine ganz ernste Sache,“ sagte Elisabeth.

„Siehst Du,“ berichtete Klara, und sah sich dabei scheu um, ob sie auch
nicht von Jemandem behorcht würden; „vor allen Dingen grüßt er, wenn
er in’s Zimmer tritt, -- nie mich zuerst, auch nicht den Papa, sondern
Bella, dann den Papa, dann mich, -- überhaupt hat er mit Bella viel zu
reden und oft sogar flüstern sie miteinander.“

„In der That -- und dann?“

„Dann macht er mir wohl viel Geschenke, -- viel mehr als ich
beanspruche, -- so hat er mir erst gestern wieder ein Paar wundervolle
Brillantohrringe mitgebracht, und doch hätte er mir mit einer
einfachen Blume mehr Freude gemacht, aber -- er schenkt nie Blumen, ja,
kann die Blumen sogar nicht leiden und ihren Duft nicht ertragen.“

„Und dann?“

„Er spottet über die Religion und weiß, wie weh’ er mir damit thut.“

„Das ist häßlich von ihm.“

„Das Schlimmste von Allem aber ist...“

„Nun, Schatz?“

„Er hat kein Gemüth.“

„Kein Gemüth?“

„Nein, und ich habe schon viele Beweise davon gehabt. Er gibt den
Armen, aber in einer Art, daß es den Empfänger mehr verletzen als
erfreuen muß, und im Theater, wo wir mehrmals zusammen waren, bleibt er
bei den rührendsten Stellen kalt und theilnahmlos -- ich habe noch nie
eine Thräne in seinem Auge gesehen.“

„Aber liebes Herz, das ist kein Beweis gegen sein Gemüth, sondern nur
gegen seine Phantasie.“

„Gegen seine Phantasie?“

„Nun ja. Im Theater siehst Du eine Menge von Menschen und ganz
besonders junge Mädchen, kalt und ungerührt bei den ergreifendsten
Stellen. Wesen, die keine Fliege können martern sehen, bleiben bei den
furchtbarsten Scenen, in denen menschliche Leiden und Leidenschaften
auf das Treueste dargestellt werden, -- vollkommen theilnahmlos. Uns
gerinnt das Blut dabei in den Adern, und sie sehen vielleicht mit
lächelndem Auge zu. Aber deßhalb darfst Du nicht glauben, daß ihnen das
Gemüth fehlen würde, wenn ihnen im wirklichen Leben etwas Derartiges
begegnete und sie selbst oder einen der Ihrigen träfe. Nur dort läßt es
sie unberührt, denn sie haben keine Phantasie, um sich hineinzudenken,
und nur deßhalb bleiben sie kalt und theilnahmlos.“

„Vielleicht daß Du recht hast,“ seufzte Klara; „aber dann sind seine
Gedanken, selbst wenn er bei mir ist, fast immer mit andern Dingen
beschäftigt. Er kann minutenlang finster vor sich niederstieren und
fährt oft wie erschreckt empor, wenn ich ihm leise die Hand auf die
Schulter lege.“

„Aber, liebes Kind, er hat Geschäfte; Du selbst sagtest mir, daß ihn
sein Baumeister jetzt gerade ärgert; wer weiß, was ihm noch sonst im
Kopf herumgeht, und das darf Dir doch sicher keine Sorgen machen.“

„Ich habe es Dir ja vorhergesagt, Lily, daß es im Einzelnen lauter
Kleinigkeiten sind, und Vieles, Vieles läßt sich sogar nicht einmal mit
Worten ausdrücken. Wenn das Herz erst einmal mißtrauisch gemacht ist,
verletzt oft ein Blick, ein gedankenloses Wort, eine Nichtachtung, die
wir sonst vielleicht nicht einmal bemerken würden.“

„Sag’ mir einmal, Klara!“ frug da Elisabeth plötzlich, indem sie stehen
blieb und der Freundin fest in’s Auge sah, „lass’ jetzt das, was Dich
betrübt und sorgt, daß Berger Dich vielleicht nicht lieben könnte,
und beantworte mir die eine Frage wahr und ehrlich -- oder beantworte
sie Dir vielmehr selber: Liebst Du Berger mit all’ der aufopfernden
Zärtlichkeit, die nothwendig ist, um ihm Dein ganzes künftiges Leben zu
weihen?“

Klara schwieg und sah sinnend vor sich nieder. Endlich, nach einer
langen Pause sagte sie leise: „Ja -- ich glaube es.“

„Du glaubst es nur, Klärchen?“

„Ich glaube es gewiß.“

Elisabeth wollte etwas darauf erwiedern, aber in diesem Augenblick
kamen Käthchen und Rosa angesprungen, und das Gespräch war dadurch
total abgebrochen. Klara konnte auch nicht länger bleiben, ihr Papa
hatte sie gebeten, bald wieder zurückzukommen, und die Mädchen trennten
sich mit dem Versprechen, einander recht bald wieder zu besuchen.



Sechstes Kapitel.

Die Heimfahrt.


Mehrere Tage vergingen indessen, bis der Professor seine erste Absicht
ausführte und sich wieder eine kleine Gesellschaft von jungen Leuten
einlud. Man hatte sich so außerordentlich an jenem Abend amüsirt, daß
eine Wiederholung von Allen auf das Sehnlichste gewünscht wurde, und
als sie stattfand, mißlang die ganze Absicht.

Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß sich solche Dinge nun einmal
nicht wiederholen lassen. Man kann sich eben nicht vornehmen, vergnügt
zu sein; es muß in dem unvorbereiteten Moment aus uns heraussprudeln
und im Geiste zünden, dann theilt sich der elektrische Funke vom Einen
dem Andern mit; sobald es aber künstlich gemacht werden soll, geht es
nicht.

Mag es sein, daß dießmal Berger fehlte, der ja die Seele des vorigen
Abends gewesen. Er war nicht allein nicht nach Bonn zurückgekehrt,
sondern hatte sogar an Klara geschrieben, er müsse nach Mainz und
von da nach Paris fahren, um dort ein etwas verwickeltes Geschäft
zu ordnen, das ihn zur Verzweiflung bringen würde, wenn er es durch
Briefe erledigen solle. Er hoffte allerdings in acht Tagen wieder in
Bonn zu sein, konnte aber seine Rückkunft noch nicht gewiß auf den Tag
bestimmen.

In der jetzt geladenen Gesellschaft befanden sich allerdings ein Paar
junge lebenslustige und auch geistreiche Leute, aber -- sie trafen den
rechten Ton nicht -- oder lag es vielleicht an den Mädchen? Elisabeth
wie Klara waren heute Beide ungewöhnlich still, -- kurz, es ging eben
nicht, und bald nach elf Uhr trennte sich die Gesellschaft mit dem eben
nicht angenehmen Gefühl, einen etwas langweiligen Abend verbracht zu
haben.

Der Justizrath, der anfangs die Zeit seines Aufenthalts in Bonn auf
acht Tage festgesetzt und dann noch acht zugegeben hatte, rüstete sich
jetzt ernstlich wieder zur Abfahrt. Elisabeth und Klara aber waren
unzertrennlich geworden, und jede Stunde däuchte ihnen lang, die sie
nicht mitsammen verleben konnten -- und doch fiel ihr Gespräch nie mehr
auf jenen Gegenstand zurück, der ihre Freundschaft eigentlich erst
geknüpft. Es war ordentlich, als ob sich Beide davor fürchteten.

So lieb Klara aber Elisabeth hatte, so schien sich sonderbarer Weise im
Herzen der alten Haushälterin ein entgegengesetztes Gefühl eingenistet
zu haben. Sie war allerdings nicht abstoßend gegen das junge Mädchen,
das so bescheiden und anspruchslos auftrat, aber nie zeigte sie
Elisabeth ein freundlich Gesicht, und dadurch wurde der Medizinalrath
-- der in seinem eigenen Hause kaum mehr Willen hatte als ein Kind,
auch ängstlich und zurückhaltend.

Das sollte jetzt Alles ein Ende nehmen. Auf morgen früh, und zwar mit
dem ersten Boot, das stromab kam, war die Fahrt nach Köln beschlossen,
um dort den Dom zu besichtigen und dann weiter hinab nach Amsterdam zu
gehen. Beide Mädchen hatten noch nie eine Seereise gemacht, und der
Vater wollte mit ihnen von Amsterdam bis Hamburg den Dampfer benutzen.

Berger war noch immer nicht zurückgekehrt. Er hatte dreimal
geschrieben, einmal von Paris, einmal von Brüssel aus, der dritte Brief
datirte wieder aus Paris und seine Briefe ließ er sich auch dorthin
senden. Mit der Abwickelung seines Geschäfts ging es vortrefflich, wenn
auch entsetzlich langsam. So sehr er sich nach Bonn zurücksehnte --
aber jetzt war er einmal da und mußte aushalten. Jeder Brief brachte
übrigens auch Grüße für die liebenswürdige Familie des Justizraths aus
„_Haß_burg“, wie er den Platz immer nannte, und er bedauerte es in
jedem, daß es sich mit seiner gezwungenen Abreise so getroffen, dieser
charmanten Familie verlustig zu gehen.

Es war spät am Nachmittag, als der Justizrath mit seinen beiden
Töchtern noch einmal zu Freund Paßwitz hinüberging, um Abschied zu
nehmen. Klara weinte bitterlich und küßte Elisabeth wieder und wieder,
und als der Vater schon mit Käthchen voraus war, standen die beiden
Mädchen noch im Hausflur und hielten sich umschlungen.

„Und Du schreibst mir bald, Lily, nicht wahr?“

„Recht bald, liebes, liebes Herz -- aber Du mir auch und -- noch eins
-- den Tag Deiner Verbindung zeigst Du mir vorher an, daß ich in der
Zeit recht viel an Dich denken kann.“

„Gewiß, gewiß,“ sagte Klara erröthend, „Du sollst die Erste sein, die
ihn erfährt, -- sobald er erst einmal fest bestimmt ist,“ setzte sie
leiser hinzu.

„Bitte um Verzeihung,“ sagte da eine Stimme mit echt jüdischem Accent,
„thut mir unendlich leid, daß ich die jungen Damchens störe, -- Gott
der Gerechte, wie traurig und betrübt und werden wahrscheinlich nur
auf acht oder vierzehn Tage Abschied nehmen. -- Ja, ja, so ist’s in
der Welt, was noch keine Sorgen hat, macht sich welche, und dadurch
wird das Gleichgewicht hergestellt, denn die gemachten wiegen gerade
so schwer wie die wirklichen, und gehört ein Kenner dazu, um sie zu
unterscheiden.“

Die jungen Mädchen hatten sich losgelassen, als Elisabeth aber
umschaute, erkannte sie auf den ersten Blick den alten hübschen Juden
vom Schiff mit den schneeweißen Haaren, der sie jetzt mit seinen großen
schwarzen Augen freundlich ansah und sich ihrer ebenfalls zu erinnern
schien.

„Ich glaube, wir sind einander schon begegnet,“ sagte er.

„An Bord des Dampfers,“ erwiederte das junge Mädchen, „wo die beiden
Herren das Lied sangen.“

„Ja wohl,“ lächelte der alte Mann, an die Scene zurückdenkend, --
„sangen die beiden Leutchen auch einmal eine Melodie, die sonst immer
zwei Verschiedene singen.“

„Zwei Verschiedene?“ sagte Lily, schon im Begriff zu gehen, und doch
neugierig, was er damit meinte.

„Nu, der Eine war ein Geistlicher,“ nickte der Alte, „und bittet immer
von der Kanzel um gut Wetter für die Ernte, und der Andere war ein
Getraidehändler, der immer um schlechtes betet, daß die Kornpreise
steigen. -- Es geht wunderbar auf der Welt zu, und wem soll’s der liebe
Gott nun recht machen?“

Elisabeth lachte unter den Thränen vor, die ihr noch in den Augen
funkelten, aber die Zeit drängte auch; sie durfte nicht länger säumen,
denn ihr Vater wußte sonst nicht, wo sie blieb. Sie reichte Klara die
Hand zum Abschied.

„Ich will nicht stören, meine jungen Damens,“ sagte aber der Alte,
„wollte mir nur eine Frage erlauben nach einem jungen Herrn, der
bekannt ist hier im Haus.“

„Nach einem jungen Herrn?“ frug Elisabeth, der in diesem Augenblick
wieder einfiel, daß Berger gerade an Bord viel mit dem Alten verhandelt
hatte. Dieser ließ sie auch nicht lange im Zweifel.

„Den Herrn Baron von Berger,“ sagte er, „ist ein reeller, braver Herr,
und wir haben manchmal kleine Geschäftcher mit einander.“

„Und was wollen Sie von ihm?“ frug Klara, -- der ein schlimmer Verdacht
durch die Seele zuckte. -- Hatte Ferdinand gespielt und verloren, und
vielleicht von dem Manne Geld geborgt? „Ist er Ihnen schuldig?“ setzte
sie rasch und bestürzt hinzu.

„Gott soll’s behüten,“ schüttelte der Fremde mit dem Kopf, „ist ein
anständiger Herr und macht keine Schulden -- nein, nur mit Steincher
haben wir ein klein Geschäft, gute, echte Steincher, und hat er mir zum
Verkauf eine kleine Partie gegeben, wo sind darunter zwei nachgemachte,
-- aber so täuschend nachgemacht, daß ich sie selber hab nicht gleich
gekannt, und das will viel sagen, -- ist jedenfalls damit angeführt,
und wie ich ihn wollte sprechen darum, war er nicht da auf seinem Gut,
und bin ich gekommen nach Bonn, um ihn hier zu suchen.“

„Er ist im Augenblick in Paris,“ erwiederte Klara, der sich bei der
Erklärung des alten Mannes eine Last von der Seele wälzte, -- „wir
erwarten ihn aber bald zurück. Er wird kaum noch länger als acht Tage
ausbleiben; kommen Sie dann wieder hierher.“

Der alte Mann blieb stehen, als ob er noch etwas sagen wollte, ja
er drehte sich sogar einmal halb nach der Treppe um, wenn das aber
der Fall gewesen, besann er sich eines Besseren, nickte leise vor
sich hin und sagte dann freundlich: „So leben Sie denn wohl, meine
schönen Dämchen, -- werde also die Zeit abwarten, wo der Herr Baron
zurückkommen, und wünsche Ihnen bis dahin alles Liebe und Gute, --
Blumen auf den Weg und einen blauen Himmel, -- Gott beschütze Sie.“

Damit verließ er das Haus und schlug eine Seitenstraße ein, während
Elisabeth nun auch rasch Abschied nehmen mußte. Noch einmal umfaßten
sich die beiden Freundinnen, küßten sich herzlich, versprachen einander
recht bald zu schreiben und viel -- viel an einander zu denken, und
dann eilte Elisabeth mit flüchtigen Schritten die Straße hinab, die
nach des Professors Garten zu führte.

Es war auch die höchste Zeit gewesen; der Justizrath -- überhaupt etwas
ängstlicher Natur, wo es die pünktliche Einhaltung einer bestimmten
Stunde betraf, hatte schon eben wieder nach ihr schicken wollen, --
das Gepäck war schon fort und von des Professors Familie begleitet,
brauchten sie in der That auch nur kurze Zeit zu warten, bis das
„zu Thal“ gehende Boot heranschäumte und sie mit fort, den breiten,
prächtigen Strom hinabnahm.

Ihre übrige Reise verlief, wie derartige Reisen bei günstiger Witterung
immer verlaufen. Sie amüsirten sich vortrefflich, bewunderten den
herrlichen Dom in Köln und die übrigen ehrwürdigen Bauten, ärgerten
sich über den geraden Strich, den die kölner Brücke dort quer über
den Rhein zieht, durchwanderten Amsterdam mit seinen stummen,
langen, reinlichen, wassergefüllten Straßen und hatten nachher eine
ungewöhnlich ruhige und schöne Seereise über die ausnahmsweise ganz
spiegelglatte Nordsee bis Hamburg, wo sie sich auch noch etwa acht Tage
aufhielten, und dann, da jetzt zuerst schlecht Wetter einsetzte, mit
der Bahn nach ihrer Heimat zurückkehrten.

Elisabeth hatte indessen die Reise über recht viel an Bonn und ihre
Freundin gedacht, -- was sie treibe, -- wie es ihr gehe, und ob sie
jetzt wohl, nachdem ihr Bräutigam zurückgekehrt, die trüben Gedanken
abgeschüttelt habe. -- Wunderlich, daß ihr die Gestalt des jungen
Mannes nicht aus dem Gedächtniß wollte, und daß sie sich für einen doch
eigentlich fremden Menschen so interessiren konnte. -- Interessiren?
-- ja; es war ihr in der That leid gewesen, daß ihn seine Geschäfte
so rasch abgerufen und sie keine Gelegenheit bekommen hatte, ihn noch
einmal zu sehen, -- also mußte sie Theil an ihm nehmen, weßhalb sonst
konnte sie ihn herbeigewünscht haben? -- Ob sie wohl daheim Briefe von
Klara fand? -- Sie konnte wirklich kaum die Zeit erwarten, bis sie in
ihrer eigenen Wohnung eintrafen.

Weit ruhiger nahm es der Justizrath.

„Na,“ sagte er seufzend, als er schon von Weitem die Thürme der Stadt
vor sich liegen sah, „jetzt sind die schönen Tage auch wieder vorüber;
und die Akten, die auf mich warten werden! -- Lieber Gott, es ist
wirklich ein Elend, daß man seines Lebens nie auf eine kurze Zeit froh
werden kann, ohne nachher auch wieder mit sauerem Schweiß dafür büßen
zu müssen -- das wird eine schöne Nachkur werden!“

Der Justizrath hatte sich in der That darin nicht geirrt; die
Wirklichkeit übertraf noch seine schlimmsten Befürchtungen, und er fand
als „Nachkur“ einen solchen Wust von zu erledigenden Arbeiten, daß er
davor im Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlug.



Siebentes Kapitel.

Jeanette.


Ebenso beschäftigt wie der Vater -- wenn auch in angenehmerer Weise
-- waren die jungen Damen in den ersten Tagen, denn was für zahllose
Besuche hatten sie zu machen, um nur den ersten Pflichten geselligen
Anstandes zu genügen -- und wie viel dabei zu erzählen! Den Vater
bekamen sie aber nur während des Essens zu sehen, denn bis Nachts um
zwölf, ja noch später, saß er in seiner Stube, in einem Tabaksrauch,
der seine Gestalt nur in nebelhaften Umrissen erkennen ließ, und
seufzte und stöhnte, wenn er an das weite herrliche Meer, an den
schönen freien Rhein dachte, und hier in lauter blau gehefteten
Aktenstößen fast zu ersticken drohte.

Es war der dritte Tag nach ihrer Rückkunft, daß Elisabeth Nachmittags
um vier Uhr etwa allein wieder nach Hause kam, da Käthchen noch ein
paar Schulfreundinnen besuchen wollte. Auf der Treppe traf sie die
kleine Jeanette, das Töchterchen der Putzmacherin, die sie noch nicht
einmal wieder gesehen.

„Aber Jeanette, wie geht es, mein Kind? kennst Du mich noch,“ rief sie
und sprang auf die Kleine zu, die ihr die Aermchen entgegenstreckte,
„was machst Du, Herz?“

„Gut, Tante Lily,“ rief die Kleine mit ihrem komischen gebrochenen
Dialekt, „sehr gut -- Lily lange weggeblieben.“

„Recht lange, Schatz -- entsetzlich lange, aber nun freut sich Lily
auch, daß sie wieder zu Hause ist und mit Jeanette spielen kann -- und
eine so schöne Zuckerdüte hat sie ihr mitgebracht. Will Jeanette einmal
mit hinaufkommen und sie sich holen?“

„Jeanette will mitgehen,“ erklärte die Kleine, und dem Mädchen, das sie
unter Aufsicht hatte, sagend, sie nehme das Kind mit auf ihr Zimmer,
damit sich die Mutter nicht etwa ängstigen möchte, faßte sie Jeanetten
bei der Hand und stieg mit ihr die Treppe hinauf.

Jeanette war ein kleines, liebes, herziges Ding, etwas über drei
Jahr alt, kugelrund, mit rothen Backen und Zähnchen wie frisch
aufgereihte Perlen; drollig dabei zum Aeußersten und eine solche kleine
Plappertasche, daß sie der Liebling des ganzen Hauses geworden. Die
und jene Part holte sie auch bald da bald dorthin, und ihre Mutter,
überhaupt am Tag von ihrem sehr lebhaften Geschäft stets in Anspruch
genommen, hatte manchmal Mühe, sie nur am Abend wieder zu bekommen.

Elisabeth setzte sich mit dem Kind an’s Fenster, und dieses mußte ihr
jetzt erzählen, wie es ihm die lange Zeit gegangen und was es gelernt
und mit wem es Alles gespielt habe, und die Kleine plauderte auch eine
ganze Weile lustig fort. Plötzlich mochte ihr aber doch wohl einfallen,
weßhalb sie eigentlich heraufgeführt worden, und zu Elisabeth mit ihren
klugen Augen aufsehend sagte sie:

„Aber Tante Lily -- meine Zuckerdüte.“

„Ja so, mein liebes Herz,“ lachte Elisabeth, „da hätte ich ja beinahe
die Hauptsache vergessen -- warte, gleich sollst Du sie haben,“ und
sie sprang dabei von ihrem Sitz auf und der Kommode zu, wo sie das
Mitgebrachte bewahrte, während ihr Jeanette erwartungsvoll folgte.

Der Reisekoffer, aus dem nicht Alles hatte ausgekramt werden können,
stand noch im Zimmer; als aber Elisabeth die Düte aus der Kommode
genommen und sich rasch damit umdrehen wollte, blieb ihr leichtes Kleid
an dem Schloß hängen und riß ein Loch hinein.

„Da haben wir’s,“ rief sie halb lachend, halb ärgerlich, „jetzt ist ein
großes Loch in meinem schönen Kleid -- nun wird mich der Papa einmal
tüchtig auszanken, Jeanette.“

„Gerad’ Loch, wie Pello böse Mann gebissen,“ sagte die Kleine, indem
sie sich scheu im Zimmer umsah.

„Böse Mann?“ rief Lily erstaunt, denn sie wußte, daß die Kleine nur
jenen unbekannten Mörder so genannt und früher jedesmal geweint hatte,
sowie sie den Namen aussprach, „Pello hat ihn gebissen?“

„Ja -- großes Loch, bösen Mann -- wollte Jeanette todt machen und Pello
wollt’s nicht leiden -- arme Pello ist selber todt, weil er bösen Mann
gebissen.“

Pello war der kleine Hund jener armen, unglücklichen Frau, die ein so
schreckliches Ende genommen.

„Und wie sah der böse Mann aus, Herz?“ frug Elisabeth, der plötzlich
eine Masse wirrer Gedanken durch’s Hirn schossen.

„Zuckerdüte,“ erwiederte aber Jeanette, und langte nach der bunten
Düte, die Elisabeth noch in der Hand hielt.

„Ja, Herz,“ sagte diese, sich zu ihr niederkauernd und die Düte
öffnend, „hier, mein Schatz, da sind schöne große Chokoladenplätzchen
-- und hier Rosenbonbons -- und sieh’ einmal die vielen kleinen bunten
Eierchen, rothe, blaue, weiße, gelbe, braune; das gehört Alles Dein,
und das nimmst Du Deiner guten Mama mit hinunter und läßt Dir davon
geben, alle Tage etwas, damit Du nicht zu viel ißt und krank wirst --
nicht wahr?“

„Ja,“ sagte die Kleine altklug, „daß Jeanette nicht krank wird -- aber
etwas darf ich doch jetzt essen?“

„Gewiß, mein Herz -- siehst Du das Stück Chokolade und den großen
Bonbon und ein ganzes Händchen voll kleine bunte Eier, das darfst Du
Alles jetzt essen -- so, und nun setz’ Dich einmal hier her zu mir --
da hier auf die Fußbank, da schütt’ ich es Dir in die Schürze, und dann
plaudern wir hübsch zusammen und Du erzählst mir von dem bösen Mann.“

„Nein, Lily -- Jeanette nicht von dem bösen Mann erzählen,“ rief aber
die Kleine, ängstlich mit dem Kopf schüttelnd, „kommt wieder und thut
Jeanette weh wie arme Pello.“

„Aber, Herz, ich bin ja bei Dir -- hier thut Dir Niemand was.“

„Nein -- nicht böse Mann,“ bat aber Jeanette -- „Tante Lily soll
Jeanette was erzählen.“

„Gut, Herz -- also will ich Dir etwas erzählen,“ ging Elisabeth auf
den Wunsch der Kleinen ein, „eine recht, recht hübsche Geschichte von
einem Prinzen und einer Prinzessin und einem großen Schloß, in dem sie
wohnten, und einem bösen, bösen Riesen, der das Schloß stürmen und den
Prinzen todtmachen wollte.“

„Böse Mann,“ sagte die Kleine leise und nestelte sich auf der Fußbank
neben Elisabeth nieder.

„Ja, mein Kindchen,“ nickte das junge Mädchen, „das war wohl ein böser
Mann. Der Prinz und die Prinzessin aber waren sehr gut und lebten so
glücklich mit einander. Sie wohnten in einem schönen großen Schloß aus
lauter Gold und Elfenbein gebaut, und hatten einen Garten rings darum
her, in dem die wundervollsten und herrlichsten Blumen blühten und die
delikatesten Früchte hingen.“

„Aepfel,“ sagte Jeanette, die indessen an ihrem Bonbon knusperte, aber
aufmerksam zuhörte.

„Aepfel und Birnen,“ erzählte Elisabeth weiter, „goldene Nüsse,
Trauben, Aprikosen und Gott weiß was Alles. Kinder hatten sie nicht,
aber ein kleines braunes kluges Hündchen, das ihnen überall nachfolgte
und die hübschesten Kunststücke machen konnte.“

„Pello,“ sagte Jeanette.

„Und das hatten sie so lieb,“ erzählte Elisabeth weiter, „wie man es
gar nicht beschreiben kann. Es lief auch immer hinter ihnen drein
und verließ sie keinen Augenblick. Der böse Riese wäre auch gern
schon heimlich in das Schloß eingebrochen, aber das Hündchen paßte
vortrefflich auf, und jedes Mal, wenn er nur in die Nähe kam, bellte
es so laut und machte einen solchen Spektakel, daß die Leute alle
herbeiliefen, und dann mußte der alte böse Riese laufen, was er nur
konnte, damit sie ihn nicht erwischten. -- Eines Tages nun da war das
kleine kluge Hündchen gar viel herumgelaufen und recht müde geworden,
so müde, daß es sich auf sein Bettchen legte und fest schlief und sich
um gar Nichts kümmerte, was draußen vorging.“

„Aber da kömmt ja nachher der böse Mann,“ rief die Kleine ängstlich und
vergaß selbst die Zuckersachen, die sie in der Schürze hielt.

„Da kam der alte häßliche Riese,“ erzählte Elisabeth weiter, „und
schlich sich vorsichtig herum --“

„Und wie er die Thür aufmachte, klingelte es,“ rief Jeanette.

„Da klingelte es,“ bestätigte Elisabeth, „und das hörte das kleine
Hündchen und sprang schnell in die Höhe und bellte. -- Wie aber
der Riese in’s Zimmer kam, wollte er die Prinzessin auffassen und
forttragen, und da fuhr das Hündchen auf ihn zu --“

„Und biß ihn groß Loch in’s Bein -- so groß wie bei Lily.“

„Ja und biß ihn,“ rief Elisabeth, deren eigenes Herz in fast
fieberhafter Erwartung bei der Erzählung schlug, „und dann sah er sich
nach der Prinzessin um, und die kannte ihn gar nicht, denn er trug
einen großen grauen Bart -- nicht wahr Jeanette?“

Jeanette barg ihr kleines Gesicht in den Händen und fürchtete sich;
aber sie erwiederte Nichts.

„Trug der Riese einen Bart, Jeanette?“ frug Elisabeth leise -- „weißt
Du nicht, mein Kind?“

„Böse Mann -- böse Mann!“ stöhnte die Kleine. „Jeanette will zu Mama
-- hat armen Pello todt gemacht.“

„Aber weißt Du gar nicht, wie er aussah, liebe Jeanette?“ bat das junge
Mädchen, kauerte sich nieder zu ihr und schlang ihren Arm um sie.
„Jetzt brauchst Du Dich doch nicht zu fürchten, Tante Lily ist ja bei
Dir -- komm, sag’ mir, mein Herz.“

„Jeanette will zu Mama,“ bat aber die Kleine, der Elisabeth’s Erzählung
wahrscheinlich wieder die alten furchtbaren Eindrücke jenes Tages
zu lebhaft vor die Seele heraufbeschworen hatte. Sie fürchtete sich
ernstlich und wollte sogar ihre Zuckerdüte im Stich lassen. Elisabeth
bekam ihre Noth, sie nur wieder so weit zu beruhigen, daß sie noch oben
blieb, und erzählte ihr jetzt von den großen Dampfbooten und den vielen
geputzten Menschen, von dem herrlichen Obst und dem blitzenden Wasser,
bis das Kind das alte Schreckbild vergessen hatte, und wieder lachte
und zuhörte.

Da ging plötzlich die Thür auf, und der Justizrath trat in’s Zimmer,
Jeanette aber, noch immer nicht ganz beruhigt, erschrak so darüber,
daß sie auf’s Neue zu weinen anfing und sich ängstlich an Elisabeth
anklammerte. Diese war froh, als das Mädchen gerade von unten
heraufkam, um Jeanetten abzuholen.

„Was hatte denn nur die kleine Lily?“ frug der Justizrath, als sie fort
waren. „Sie ist doch sonst immer so munter und hat sich noch nie vor
mir gefürchtet.“

„Ach, die alte Geschichte, Papa,“ sagte Elisabeth, „ich frug sie nach
dem ‚bösen Mann‘, und das scheint sie noch immer zu erschrecken. Hat
man denn in der ganzen langen Zeit unserer Abwesenheit keine Spur von
dem Mörder gefunden?“

Der Justizrath schüttelte mit dem Kopf.

„Nicht die Spur,“ sagte er, „drei Menschen haben sie allerdings wieder
indessen verhaftet, mußten sie aber wegen Mangel an Beweisen auch eben
so bald freigeben; ich habe drüben einen ganzen Stoß von Akten über
die Sache; das einzige Unglück ist, daß die alte gute Dame kein Buch
geführt, nicht einmal ein Verzeichniß ihrer Werthpapiere und deren
Nummern hinterlassen hat. Wie soll man ihnen jetzt auf die Spur kommen?
Der jetzige Besitzer darf sie anbieten, wem er will, ja sie hier im
Ort selber verkaufen; es kann ihm Niemand beweisen, daß sie früher im
Besitz der Ermordeten gewesen.“

„Und die Juwelen?“

„Ja, mein liebes Kind, das ist eben so unsicher,“ sagte der Vater.
„Ein hiesiger Juwelier hat allerdings einmal einen Theil derselben in
Händen gehabt, wenn der Dieb aber nur die Vorsicht braucht, sie aus
ihrer alten, doch werthlosen Fassung zu nehmen, welcher Mensch könnte
nachher, selbst wenn sie aufgefunden würden, darauf schwören, daß es
dieselben wären? Nein, das ist einer jener Fälle, die uns Justizbeamten
zur Verzweiflung bringen, weil sie nicht den geringsten Halt an etwas
Wesentlichem bieten, und möglich, daß es mit der Zeit einmal durch
einen Zufall an den Tag kommt -- wir haben ja viele solche Beispiele,
aber unser Scharfsinn und unsere Ausdauer helfen uns Nichts dabei; sie
sind geradezu weggeworfen. Doch was ich Dich fragen wollte -- wo ist
Käthchen?“

„Sie macht noch ein paar Besuche -- doch ich hätte eine Bitte an Dich,
über die Du mich vielleicht auslachst.“

„Auslachst? ist sie so sonderbarer Art? was willst Du denn?“

„Darf ich die Akten über jenen unglücklichen Fall einmal durchsehen?“

„Du?“ lachte der Vater in der That gerade hinaus, „Du willst die Akten
studiren? Liebes Herz, das ist keine Unterhaltungslektüre für Dich,
und nach dem ersten Bogen wärst Du sanft darüber eingeschlafen.“

„Sie sind doch kein Amtsgeheimniß?“

„Geheimniß, nein -- leider nicht, denn es steht weiter nicht viel
darin, als was die ganze Stadt schon weiß und zum Ueberdruß besprochen
hat; das wäre kein Hinderniß, Du fändest Dich aber nicht einmal hinein,
wenn ich sie Dir wirklich gäbe.“

„Und doch bitte ich Dich darum, Papa,“ beharrte das junge Mädchen, „Du
glaubst nicht, wie ich mich für den Fall interessire -- vielleicht nur
dadurch, daß die kleine Jeanette so geheimnißvoll bei ihrem ‚bösen
Mann‘ bleibt. Nenne es auch meinetwegen Neugierde, aber ich sehne mich
ordentlich danach, diese Aktenstücke zu lesen, und gebe Dir dabei das
feste Versprechen, mit keinem Menschen weiter darüber zu reden, als mit
Dir selber.“

„Meinetwegen,“ lächelte der Vater, „wenn Du denn gar so versessen auf
die trostlose Geschichte bist, so sollst Du sie haben, Du mußt sie mir
aber morgen, oder spätestens übermorgen zurückgeben, denn sie liegen
schon zu lange bei mir im Haus.“

„Nur bis morgen früh Papa.“

„Bis dahin wirst Du sie auch herzlich satt bekommen.“

„Und darf ich sie mir gleich holen?“

„Wenn ihr Mädchen euch einmal etwas in den Kopf gesetzt habt, so laßt
ihr auch nicht locker,“ meinte der Vater kopfschüttelnd, „ich habe aber
bis jetzt immer gedacht, es sei nur da der Fall, wo es sich um irgend
ein Vergnügen oder um einen Putz handelt. Eine Sache aber, die Dich so
wenig interessiren kann, wie trockene Akten --“

„Und bin ich nicht die Tochter eines Justizraths?“ lächelte Elisabeth,
„wie magst Du also glauben, daß mich ein derartiger räthselhafter Fall,
der Deine ganze Arbeitskraft für lange Zeit in Anspruch genommen, nicht
interessiren würde.“

„Ihr seid selber Räthsel,“ sagte der Justizrath kopfschüttelnd, „und
der Henker mag aus Euch klug werden -- wenn nur Käthchen zu Hause wäre
-- die wird Dich übrigens bei Deiner Lektüre nicht unterstützen.“

„Nein, Käthchen schwerlich,“ sagte Elisabeth, „darf ich mit auf Dein
Zimmer, Papa?“

„Na, so komm’, Du kleiner Quälgeist,“ lachte der Vater, „denn eher
giebst Du doch keine Ruh; das sag’ ich Dir aber, Du mußt mir morgen
ein Referat über das Gelesene geben, damit ich sehe, ob ich Dir wieder
Akten zur Durchsicht anvertrauen darf --“ und damit küßte er Elisabeth
auf die Stirn und ging mit ihr in sein Studirzimmer, um ihr dort die
verlangten Hefte auszuhändigen.



Achtes Kapitel.

Der Verdacht.


Der Justizrath stand gewöhnlich im Sommer, ja selbst bis spät in den
Herbst um fünf Uhr auf und arbeitete, damit er, wie er sagte, seine
Abende frei hatte, und nicht mehr bis spät in die Nacht hinein gedrängt
würde. Er ging auch dafür ziemlich früh, und fast regelmäßig um zehn
Uhr zu Bett, wie er denn überhaupt ein sehr geordnetes, fast etwas
pedantisches Leben führte. Er hatte sich aber an diesem Morgen kaum
seine heutige Arbeit zurecht gelegt und eben erst die Morgenpfeife
gestopft und angezündet, als Elisabeth, die Akten unter dem Arm, zu ihm
in’s Zimmer trat.

„Aber Kind!“ rief der Vater erstaunt, „schon auf? Du hast früh
ausgeschlafen.“

„Ich habe gar nicht geschlafen, Papa,“ sagte Elisabeth ruhig und legte
die Akten auf den Tisch.

„Gar nicht geschlafen?“ rief der Justizrath, „beim Himmel, Kind, wie
siehst Du aus? Bleich und übernächtig -- ich glaube wahrhaftig, Du
hast seit gestern nicht einmal Deinen Anzug gewechselt.“

„Nein, Papa,“ sagte die Tochter, „ich bin die ganze Nacht aufgeblieben.“

„Die ganze Nacht? -- über den Akten? -- es ist unglaublich -- und Du
wirst krank werden. Sieh’ Dich einmal im Spiegel.“

Elisabeth sah wirklich sehr angegriffen aus -- ihre Augen lagen tief in
den Höhlen, ihre Wangen waren bleich und ihre Glieder selbst schien ein
Zittern zu überfliegen.

„Mach’ Dir keine Sorgen, Papa,“ sagte sie aber ruhig, „ich bin nicht
krank -- nur vielleicht etwas aufgeregt, denn ich habe die ganze Nacht
gelesen.“

„Die ganze Nacht?“

„Allerdings, und zwar die Akten zweimal durch, von Anfang bis Ende.“

„Kind, das nimm mir nicht übel,“ sagte aber der Vater, „das wäre recht
hübsch und lobenswerth von einem angehenden Praktikanten, aber daß Du
das --“

„Hast Du einen Augenblick Zeit, mich anzuhören?“

„Dich anzuhören -- Du weißt, mein Schatz, daß jetzt meine Arbeitsstunde
ist. Können wir nicht, was Du mir zu sagen hast, beim Frühstück
besprechen?“

„Was ich Dir zu sagen habe, ist kein Frühstücksgespräch, Papa -- es
betrifft den vorliegenden Fall.“

„Ich verstehe Dich nicht,“ sagte der Justizrath, mit dem Kopf
schüttelnd.

„Erinnerst Du Dich, daß Du gestern äußertest, es gebe Beispiele, wo
lang verheimlichte Verbrechen nur durch einen Zufall an den Tag kämen?“

„Allerdings,“ nickte der Vater, „aber was hat das hiemit zu thun?“,

„Willst Du mich ruhig anhören?“

„Setz’ Dich, Kind, setz’ Dich, Du bist so ernst und feierlich, daß ich
selber neugierig auf Das werde, was Du mir mitzutheilen hast. Also was
ist es? Bitte, sprich.“

„Beantworte mir erst eine Frage, Papa,“ bat Elisabeth. „Ist es Sünde,
auf einen vollkommen fremden Menschen den Verdacht irgend eines
Verbrechens zu werfen, ohne ganz bestimmte Beweise dafür in Händen zu
haben?“

„Mein liebes Herz,“ sagte der Vater, „wenn wir einmal ganz bestimmte
Beweise in unseren verschiedenen Rechtsfällen hätten, so brauchten
wir fast gar keine Untersuchung. Erst diese ergiebt sie, und ein
ausgesprochener Verdacht braucht den Betreffenden -- wenn er wirklich
unschuldig ist -- noch immer nicht zu schädigen -- ja im Gegentheil
ist es viel besser, er wird laut, um entweder widerlegt oder bestätigt
zu werden. Aber gegen wen hast Du Verdacht -- denn etwas Derartiges
scheint doch aus Deinen Reden hervorzugehen -- und wie, in des Himmels
Namen, kannst Du einen Blick in diese furchtbare Sache gethan haben,
der Du doch bis jetzt vollkommen fern standest?“

„Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll, Papa,“ sagte Elisabeth, während
ein schwerer Seufzer ihre Brust hob, als ob es ihr am Athem fehle,
„aber ich habe in der That einen Verdacht, doch so wild und unbestimmt,
daß ich fast fürchte, Dir ihn mitztheilen.“

„Gut,“ sagte der Justizrath, „dann wollen wir den Beamten jetzt einmal
bei Seite lassen -- ich bin überdieß noch im Schlafrocke, Schatz -- und
dem Vater kannst Du Alles offen sagen, was Dich drückt. Auf wem also
liegt Dein Verdacht?“

„Auf Herrn von Berger,“ sagte Elisabeth mit leiser, fast tonloser, aber
doch vollkommen deutlicher Stimme.

„Alle Wetter!“ rief der Justizrath und fuhr in seinem Stuhl empor,
„Du bist kühn, Mädel, und greifst mitten hinein in die Masse, um Dir
Deinen Mann herauszuholen. Was um Gottes Willen bringt Dich auf den,
und wie steht er in der geringsten Verbindung zu dem Mord in Hoßburg?“

„Das weiß ich nicht, Vater -- das Letztere wenigstens nicht. Aber höre
mich. An demselben Tag -- doch Du warst ja dabei, wie er erklärte, nie
in Hoßburg gewesen zu sein.“

„Allerdings -- und dann kann er hier auch kein Verbrechen verübt haben
-- selbst wenn er dessen fähig wäre, was ich noch sehr bezweifle --“

„An demselben Tag,“ fuhr Elisabeth fort, „an welchem der Mord verübt
worden, ja kurz nach der Zeit selbst, bin ich Herrn von Berger auf der
Promenade hier begegnet.“

„Hast Du ihn denn früher gekannt?“

„Nein -- er fiel uns damals -- mir wenigstens -- auf, da er sehr
anständig gekleidet, aber sein Beinkleid am Knie zerrissen war, was
er gar nicht bemerkt haben konnte. Er trug ein in Papier geschlagenes
Paket unter dem Arm, beides auffällig für einen anständig gekleideten
Herrn. Gleich darauf nahm er eine Droschke und ich sah ihn erst in Bonn
wieder.“

„Und erkanntest ihn nach so flüchtigem Begegnen? Liebes Kind, kann das
nicht ein Irrthum gewesen sein? Der Beweis ist allerdings zu schwach,
um auch nur einen Verdacht darauf zu gründen.“

„Er läugnete, daß er je in Hoßburg gewesen.“

„Könntest Du beschwören, daß er es war?“

„-- -- Ich glaube, ja,“ sagte Elisabeth nach einigem Zögern, „aber höre
weiter -- er läugnete nicht allein, sondern er erschrak auch, als ich
ihm sagte, ich erriethe seine Gedanken. Er hatte sich zufällig sein
Beinkleid am Knie gerade so zerrissen, wie an jenem Morgen, und ich
rieth das auf’s Gerathewohl.“

„Er erschrak?“

„Klara sowohl wie ich hatte es bemerkt, aber damals weiter nicht
beachtet. Doch mehr noch als das: der kleine Pello, der Hund der alten
Dame, hat dem Mörder ‚ein Loch in’s Bein gebissen‘, wie Jeanette
sagt -- das war das Einzige, was ich aus ihr herausbringen konnte --
jedenfalls nur in das Beinkleid, denn die Kleine fiel selber darauf,
als ich mir gestern mein Kleid am Koffer zerriß.“

„Und weil zwei Menschen das Nämliche passirt ist, soll der Zweite das
Verbrechen des Ersten verübt haben?“

„Höre mich weiter. Zu den Akten sind zwei Briefe eines Mannes geheftet,
der wunderbarer Weise denselben Namen führt: Berger. Er ersucht darin
seine Cousine um eine Unterstützung.“

„Berger? -- Berger? -- Ja, wahrhaftig, Du hast Recht -- jetzt erinnere
ich mich -- aber ob das derselbe ist? Der Name kömmt doch gar zu häufig
vor. Eine Menge Menschen tragen ihn.“

„Der Vorname stimmt -- wenigstens das F., mit denen sie gezeichnet
sind. Herr von Berger in Bonn heißt Ferdinand.“

„Hm -- hm -- und die Handschrift?“

„Das weiß ich nicht. Klara muß mir einen von seinen Briefen schicken.“

„Und was bewiese das Alles, wenn wir nicht konstatiren können, daß er
an jenem Tage wirklich hier gewesen ist?“

„Er hat seine Cousine um Geld gebeten, also war er arm, jetzt ist er
reich.“

Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. „Er hat sich durch
Spekulationen in Paris viel Geld verdient, wie mich Freund Perler
versichert.“

„Er verkauft Diamanten,“ fuhr Elisabeth fort; „unter den Steinen aber,
die er besitzt, sind ein paar unechte, und der Juwelier, der hier den
Schmuck des alten Stiftsfräulein in Händen gehabt, sagt -- nach den
Akten -- aus -- daß einige unechte Steine dabei gewesen wären.“

„Aber um Gottes Willen, woher weißt Du das Alles?“ rief der Justizrath
wirklich erstaunt aus.

„Nach jenem Abend,“ fuhr Elisabeth fort, ohne die Frage gleich zu
beantworten, „war er verschwunden -- ich habe ihn nicht wieder gesehen
und muß gestehen, daß mir das auffiel. Geschäfte? Es ist das ein
gefälliges Wort, und leicht vorgeschützt, aber damals, mit keiner
Ahnung eines solchen Verdachts, grübelte auch ich nicht weiter darüber
nach. Er ist jetzt nach Paris und Brüssel, wer weiß, ob er je nach
Deutschland zurückkehrt.“

„Und weiß er, daß wir in dem nämlichen Hause wohnen, in dem der Mord
verübt ist?“

„Nein -- wenn er überhaupt von dem Mord Kenntniß hat,“ sagte das junge
Mädchen.

Der Justizrath war aufgestanden und ging, die linke Hand auf dem
Rücken, in der rechten die Pfeife haltend, mit raschen Schritten in
seinem Zimmer auf und ab.

„Das ist eine sehr -- sehr merkwürdige Geschichte,“ murmelte er
zwischen den Zähnen durch, „sehr merkwürdig --“

„Aber, Papa, hast Du mir nicht gesagt, daß der Zufall manchmal --“

„Ach, ich rede nicht davon,“ sagte der Vater, „merkwürdigere Dinge sind
schon vorgefallen, aber daß alle unsere Gerichte vergebens nach einer
Spur gesucht haben, und daß da ein junges, unerfahrenes Mädchen -- sehr
merkwürdige Geschichte das -- sehr merkwürdig in der That.“

„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“

„Ja, mein Kind, das ist sehr leicht gefragt, aber schwer beantwortet,“
sagte der Justizrath, indem er vor ihr stehen blieb, „was willst Du
thun? -- was kann ich thun, ehe wir nicht die wirkliche Identität
zwischen den Beiden festgestellt haben?“

„Ich schreibe heute Morgen an Klara und lasse mir einen Brief von ihrem
Bräutigam schicken.“

„Unter welchem Vorwand?“

„Ich bin Autographensammler.“

„Hm -- hm,“ sagte der Justizrath und setzte seinen Spaziergang fort,
„man liest jetzt so viel, daß das weibliche Geschlecht nicht allein
beim Telegraphenwesen, sondern auch in den Druckereien verwandt werden
solle -- hm -- hm -- denke fast, daß es im Justizfach auch manchmal mit
Nutzen anzustellen wäre.“

„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“

„Laß mir Zeit zum Ueberlegen, Schatz, -- alle Wetter, Mädel, die Justiz
ist nicht darauf eingerichtet, daß sie Hals über Kopf einen Beschluß
faßt, und das hier ist außerdem ein Casus, wo mit äußerster Vorsicht
zu Werke gegangen sein will, denn im ungünstigen Fall kompromittire
ich nicht allein eine anständige und mir befreundete Familie, sondern
mich selber dazu -- Berger -- Berger -- in der That, es ist merkwürdig,
der Name stimmt in der That, und manches Andere würde vielleicht auch
stimmen, aber -- es ist ja doch gar nicht möglich, und Freund Paßwitz
-- hm, hm, hm -- Jedenfalls müssen wir vorher wissen, ob jener Berger
aus Bonn und der, welcher sich um Geld an das alte Stiftsfräulein
gewandt hat, ein und dieselbe Person sind -- nachher läßt sich ein
Vorgehen entschuldigen, ja ist vielleicht geboten. Willst Du also
schreiben?“

„Gleich heute, Papa -- noch in dieser Stunde, denn wenn sich der
furchtbare Verdacht bestätigt, so ist allerdings kein Tag Zeit zu
verlieren, um Klara vor einem furchtbaren Schicksal zu bewahren.“

Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. Die ganze Sache kam
ihm so entsetzlich unwahrscheinlich vor, daß er sich noch nicht damit
befreunden konnte, und trotzdem hatten die einzelnen Verdachtsgründe
doch auch wieder gerade in ihrer Zusammenstellung einen gewissen Halt,
den er als Kriminalist unmöglich unbeachtet lassen konnte. Keinesfalls
war ein entscheidender Schritt eher zu unternehmen, ehe nicht die
Handschrift jenes Berger eingetroffen.

„Gut, mein Kind,“ sagte er nach einer längern Pause des Nachdenkens,
in der er den Dampf seiner Pfeife in wahren Wolken von sich blies,
„schreib -- schreib umgehend, und dann wollen wir das Weitere berathen.
Das versprich mir aber, Herz, sobald Du geschrieben und den Brief
fortgeschickt hast, legst Du Dich zu Bette und schläfst mir, bis zum
Mittagessen gerufen wird -- wie?“

„Ich verspreche es Dir, Papa,“ sagte Elisabeth, küßte den Vater und
verließ dann das Zimmer; der Justizrath aber schob all’ die anderen,
für nothwendig gehaltenen Arbeiten bei Seite, und nahm die Akten jenes
geheimnißvollen Raubmords wieder vor, die er von Anfang bis Ende noch
einmal aufmerksam, und ohne sich dabei von irgend Jemanden stören zu
lassen, durchstudirte.



Neuntes Kapitel.

Vergebliche Nachforschungen.


Vier Tage vergingen so, ohne daß in der Sache ein weiterer Schritt
gethan gewesen wäre. Das Gericht hatte sie allerdings noch nicht
aufgegeben, und alle Beamten waren instruirt worden, mit äußerster
Aufmerksamkeit jeder nur irgend verdächtigen Spur zu folgen, aber ein
Resultat wurde dadurch nicht erzielt, und man hoffte es auch kaum mehr.
Daß sich der wirkliche Thäter nicht lange nach dem verübten Verbrechen
in Hoßburg aufgehalten hatte, ließ sich denken, und wer konnte sagen
wohin -- ja nur nach welcher Richtung er sich von da gewandt?

Der Justizrath war heute Morgen in einer Sitzung gewesen -- als er nach
Hause kam, erwartete ihn Elisabeth schon in fieberhafter Ungeduld an
der Treppe.

„Bitte, Papa, nur ein Wort.“

„Hast Du Antwort bekommen?“

„Ja --“

„Und ein Autograph?“

„Ebenfalls, aber die Zeit drängt; auf heute in acht Tagen ist die
Trauung angesetzt.“

„Alle Wetter, der junge Herr scheint Eile zu haben. Kann ich den Brief
sehen?“

„Hast Du die Akten noch im Hause?“

„Komm’ mit auf mein Zimmer; dort wollen wir die Handschrift
vergleichen,“ sagte der Vater. „Es wäre doch in der That merkwürdig,
wenn Du Recht hättest.“

Die Akten lagen noch auf seinem Schreibtisch, und die beiden
angehefteten Briefe aufschlagend, streckte er die Hand nach dem
erwarteten Schreiben aus. -- Elisabeth hielt es noch zurück.

„Beantworte mir erst eine Frage, Vater.“

„Was, mein Kind?“

„Welche Strafe wird der Verbrecher erhalten -- wenn er schuldig ist?“
sagte das Mädchen mit leiser, kaum hörbarer Stimme.

„Welche Strafe? Ei, mein Kind,“ sagte der Justizrath, „das hängt
ganz von dem Ergebniß der Untersuchung ab. Stellt sich die That --
was allerdings schwer zu beweisen oder nachzuweisen ist -- als ein
vorbedachter Mord heraus, dann verdient er den Tod --“

„Großer Gott!“

„Ist das aber nicht der Fall, hat er bloß in der Erregung des
Augenblicks gehandelt, so ist es möglich, daß er mit lebenslänglicher
-- ja vielleicht nur zwanzigjähriger Zuchthausstrafe davonkommt.“

„Und ich, Vater,“ sagte das Mädchen in Todesangst, „ich soll dazu
helfen, eine so furchtbare Strafe über einen Menschen zu verhängen? --
Es wäre entsetzlich, und der Gedanke daran würde mich mein ganzes Leben
quälen und peinigen.“

„Ich sehe doch, daß Du noch nicht recht zum Justizbeamten paßst,
mein Kind,“ sagte der Vater, „und aus dem Grund ließen sich Frauen
vielleicht -- trotz ihrem sonstigen Scharfsinn -- nicht dazu verwenden.
Du möchtest einen Mörder -- wenn er wirklich ein solcher ist -- nicht
seiner Strafe überliefern, aber Deine Freundin seinen Armen?“

„Meine arme, arme Klara!“ rief Elisabeth, ihr Antlitz in den Händen
bergend.

„Komm’, gieb mir den Brief,“ sagte der Vater ruhig, „und das Andere
überlass’ vor der Hand mir. Ich werde Dich nicht mehr damit behelligen,
als unumgänglich nöthig ist. Vielleicht zeigt es sich ja auch, daß
dieser Berger, den wir kennen, mit der ganzen Sache gar Nichts zu thun
hat, und dann ist es um so mehr unsere Pflicht, einen so schweren,
jetzt auf ihm ruhenden Verdacht zu entfernen -- ist er aber schuldig,
dann hat er auch ein so schweres Verbrechen verübt, daß es Pflicht
jedes braven Menschen ist, ihn deßhalb zur Verantwortung zu ziehen --
ja die Selbsterhaltung zwingt uns dazu, denn wer von uns wäre sicher,
nicht in der eigenen Familie von solchen Buben angefallen und beraubt
oder ermordet zu werden, wenn die Vergeltung solcher That nicht auf dem
Fuße folgte? Also gieb mir den Brief, Schatz, denn wie Du selber sagst,
haben wir nicht mehr viel Zeit, um Deine Freundin Klara vor einem
vielleicht recht traurigen Schicksal zu bewahren.“

„Hier ist der Brief, Vater,“ sagte Elisabeth, während jeder
Blutstropfen ihr Antlitz verlassen hatte, „ich fühle, es muß sein --
thu’ Deine Pflicht.“

„Ich danke Dir, mein Kind!“ sagte der Justizrath, und verglich schon,
noch während er sprach, die beiden Schriftstücke miteinander -- aber
ein Verkennen war nicht möglich -- die steil stehenden Buchstaben
beider rührten unzweifelhaft von einer und derselben Hand her. --
Jener Berger in Bonn war der nämliche, der an das alte Stiftsfräulein
geschrieben und sie „Cousine“ genannt hatte, und mußte damals außerdem
in sehr großer Geldverlegenheit gewesen sein, denn seine beiden
vorgefundenen Briefe lauteten dringend und waren voll Betheuerungen,
daß es das letzte Mal sein solle, wo er sie um Unterstützung angehe, da
er Aussichten habe, sich eine feste und bleibende Existenz zu gründen.

Ganz anders klang freilich dieser, nur sieben Monate ältere Brief, der
der Geliebten in jugendlichem Uebermuth die glänzenden, glücklichen
Tage schilderte, die sie jetzt bald, recht bald zusammen und Seite an
Seite verleben wollten.

Der Justizrath legte das neue Blatt schweigend zu den Akten.

„Und was schreibt Dir Klara?“

„Der Brief ist nur kurz, Papa,“ sagte Elisabeth, während sie denselben
entfaltete und las:

    „Meine liebe, liebe Lily!

„Ich bin jetzt glücklich -- recht glücklich. Seit Ferdinand
zurückgekehrt ist, scheint er ganz verändert -- meine Befürchtungen
waren ungegründet -- Bella hat Recht -- er liebt mich wirklich. --
Wie danke ich Dir, daß Du so Theil an mir nimmst, und Dich besonders
für Ferdinand so sehr interessirst -- Du sollst auch einen seiner
süßesten Briefe erhalten -- erfahren darf er es freilich nicht, daß
ich ihn Dir geschickt habe, er würde sonst vielleicht böse darüber
werden -- er kann ja aber nicht wissen, wie lieb ich Dich habe. Unsere
Verbindung ist jetzt auf morgen in acht Tagen festgesetzt, und unsere
Hochzeitsreise machen wir -- rathe, wohin? Du riethest es nicht, und
wenn ich Dir ein Jahr Zeit dazu ließe -- denke Dir, nach Westindien.
Er ist aber excentrisch in Allem, was er thut -- eine gewöhnliche Reise
nach Frankreich oder Italien genügt ihm nicht, und da er in Westindien
Geschäftsverbindungen hat, will er das gleich benutzen, um alte
Bekanntschaften zu erneuen und neue anzuknüpfen. Bella wird in der Zeit
Papa die Wirthschaft führen, bis wir nach Bonn zurückkehren. Aber heute
kann ich Dir nicht mehr schreiben -- Ferdinand ist erst seit gestern
Abend wieder hier eingetroffen und ich erwarte ihn jeden Augenblick --
wenn er kommt, habe ich nachher natürlich keine Zeit mehr.

„Empfiehl mich Deinem Papa, küsse mein herziges Käthchen und behalte
lieb wie immer

    Deine glückliche Klara.“

„Arme -- arme unglückliche Klara.“

„Also nach Westindien will der junge Herr die Hochzeitsreise machen,“
sagte der Justizrath, dabei mit dem Kopfe nickend, „das wäre allerdings
ein äußerst bequemer Platz, um von da ab im Nothfall jede Spur zu
verwischen. Lily, Lily, ich fange immer mehr an zu glauben, daß Dein
Verdacht ein begründeter gewesen -- aber geh’ jetzt auf Dein Zimmer,
Kind -- überlass’ mir das Weitere. Ich weiß nun, wie sehr die Zeit
drängt, und will Nichts versäumen, um sowohl einem möglichen Unglück
zu begegnen, als auch das Geheimniß bis zum entscheidenden Augenblick
zu wahren, falls jener Berger doch noch, wider alles Erwarten,
unschuldig und der ganzen Sache fremd sein sollte.“

Das waren jetzt zwei schwere Tage im Hause, die nächsten beiden, und
Käthchen wußte nicht, was sie vom Vater und besonders von der Schwester
denken sollte. War Elisabeth krank geworden? -- Bleich und elend
genug sah sie aus, aber sie verrichtete ihre gewohnte Arbeit nach wie
vor, nur auf die drängenden Fragen der Schwester gab sie ausweichende
Antworten -- Käthchen war noch so jung, so fröhlich -- weßhalb sollte
sie auch ihren Frieden stören, ihrem theilnehmenden Herzen einen
solchen Kummer aufbürden -- und doch würde sie selber es viel leichter
getragen haben, wenn sie die Last hätte mit einer andern Brust theilen
können.

Der Justizrath dagegen, während Elisabeth still vor sich hin brütete,
schien von einer ganz ungewohnten Thätigkeit belebt und selbst beim
Essen, wo er sich sonst ganz und ausschließlich seiner kleinen Familie
widmete, so zerstreut, daß er von Käthchen an ihn gestellte Fragen
entweder gar nicht oder ganz verkehrt beantwortete. Der Fall war in
der That auch wichtig genug, um seine Aufmerksamkeit vollständig in
Anspruch zu nehmen; aber selbst mit Elisabeth sprach er kein Wort
weiter darüber. Nur einmal ließ er sich von ihr all’ die Einzelnheiten
aus Bonn ausführlich erzählen und betrieb dann seine Nachforschungen
theils durch den Telegraphen, theils in der Stadt mit einem bei der
Justiz sonst ganz ungewohnten Eifer.

Selbst mit der kleinen Jeanette wollte er in Gegenwart der Mutter
einen neuen Versuch anstellen, um etwas aus dem Kind herauszubekommen.
Das aber zeigte sich als vollständig erfolglos, denn die Kleine hatte
ihre Furcht noch lange nicht überwunden und fing wieder heftig an zu
weinen, als nur der „böse Mann“ erwähnt wurde. Es mußte aufgegeben
werden. Längere Konferenzen hatte der Justizrath aber dagegen mit der
Modehändlerin, Madame Belchamp.

Am Morgen des dritten Tages kam der Justizrath ungewöhnlich früh vom
Kriminalamt zurück und schien in nicht geringer Aufregung. Selbst
Käthchen, die ihm an der Treppe begegnete, bemerkte es.

„Ist etwas vorgefallen, Papa?“ frug sie, „Du siehst so erhitzt aus!“

„Nichts, mein Kind -- nichts was Dich stören könnte,“ sagte aber der
Vater, sie auf die Stirn küssend. „Ist Elisabeth zu Haus?“

„Mit Lily?“ frug Käthchen erschreckt.

„Nein, auch nicht mit Lily,“ lächelte der Justizrath, „sei ohne Sorgen
-- nur Amtsgeschäfte. Ist sie daheim?“

„Ja, Papa.“

„Bitte sie doch einmal, zu mir auf mein Zimmer zu kommen.“

„In Amtsgeschäften, Papa?“

„Nein, Du kleiner Naseweis, wenn Du auch nicht Alles zu wissen
brauchst.“

Der Justizrath hatte in seiner Stube noch nicht einmal seinen Hut und
Stock abgelegt, als Elisabeth schon auf der Schwelle stand.

„Du hast mich zu sprechen verlangt, Papa?“

„Ja, mein Kind,“ sagte der Vater, seine Sachen ablegend, „bitte, mach’
die Thür zu.“

„Ist etwas vorgefallen?“

„Ja, allerdings!“ rief der Justizrath erregt, „denke Dir, wir haben den
wirklichen Mörder des Stiftsfräulein.“

„Den wirklichen Mörder?“

„Einen von jenen Handwerksburschen, der an dem Tage im Haus gesehen
worden -- aber nicht den schielenden.“

„Und hat er gestanden?“

„Gestanden noch nicht,“ sagte der Justizrath, „ja, so geschwind geht
das nicht, mein liebes Kind, denn derlei Burschen gestehen nicht so
leicht etwas ein; aber es ist erwiesen, daß er in jener Zeit hier in
Hoßburg war, und man hat ihn ertappt, wie er alberner Weise einen
Brillantring verkaufen wollte, den der Juwelier bestätigt, unter dem
früheren Schmuck des Stiftsfräulein gesehen zu haben, während der
Mensch behauptet, er hätte ihn in irgend einem Hause in der Stadt -- in
welchem kann er nicht einmal mehr angeben -- auf dem Hausflur gefunden.
Er will sich indessen im Preußischen aufgehalten haben und sei jetzt,
da er hier heimatsgehörig ist, nach Hoßburg zurückgekehrt und durch
Geldverlegenheit gezwungen gewesen, den Ring zu verkaufen. Zufälliger
Weise bot er ihn unserem Juwelier an, der augenblicklich die Anzeige
machte und den Menschen in Haft brachte.“

„Und wenn er den Ring wirklich gefunden hätte?“

„Das ist doch ein wenig zu unwahrscheinlich,“ sagte der Justizrath,
„übrigens hat er schon gestanden, daß er damals in Hoßburg mit einem
Kameraden fechten gegangen sei, -- das sind also jedenfalls die beiden
Handwerksbursche, die unser Mädchen damals im Hause gesehen hat.“

„Und ist die Jette schon mit ihm zusammengebracht?“

„Vor einer Stunde war sie oben; ich wollte erst sicher in der Sache
sein, ehe ich Dich beunruhigte, und hatte sie deßhalb auf das
Kriminalamt bestellt, mir meine Dose hinaufzubringen. Ich habe sie mit
dem Menschen konfrontirt, aber sie erklärt freilich, nicht auf ihn
schwören zu können. Das ist auch natürlich, denn so genau wird sie ihn
sich nicht angesehen haben, thut übrigens auch Nichts zur Sache.“

„Und wenn sich später herausstellen sollte, daß der Handwerksbursche
wirklich unschuldig an dem Verbrechen ist?“

„Du glaubst fest an Herrn von Berger’s Schuld?“

„O, Vater, mißversteh’ mich nicht!“ rief Elisabeth erschreckt, „Gott
weiß es, wie heiß ich schon zu ihm gebetet habe, daß jener Mann
rein und schuldlos aus dem Verdachte hervorgehe, aber -- die Zeit
verstreicht -- und wenn es doch nicht wäre -- und Klara dann --“

„Es ist und bleibt eine verfluchte Geschichte,“ sagte der Justizrath,
sich verlegen hinter dem Ohr kratzend. „Du hast Recht, -- in einem
gewöhnlichen Fall könnte man der Sache ruhig ihren Lauf lassen, ist der
Gefangene aber wirklich nicht schuldig, und haben wir den Andern nach
Westindien und von da irgend wohin auf den amerikanischen Kontinent
entwischen lassen, so machte ich mir selber die bittersten Vorwürfe
darüber mein Lebenlang.“

„Und Klara --“

„Ja Klara, Kind; aber was kann ich thun? auf einen noch ganz
unbestimmten Verdacht hin, der sich in der That auf nichts Reelles
weiter basirt, als die Aehnlichkeit der Handschrift und auch in der
nicht den geringsten Beweis für einen Mord giebt, Freund Paßwitz warnen
und das ganze Haus in Schrecken setzen?“

„Wenn man ihn nun bäte, die Verbindung aufzuschieben?“

„Dann muß ich ihm doch einen Grund angeben, weßhalb,“ rief der
Justizrath. „Nein, das geht auf keinen Fall, und ich sehe schon, ich
muß selber wieder nach Bonn.“

„Ach, wenn ich mit und an Klara’s Seite sein könnte,“ sagte leise
Elisabeth.

„Nun, wir wollen sehen, wie sich noch Alles macht,“ nickte der
Justizrath vor sich hin. „Gott sei Dank, wir haben doch wenigstens noch
ein paar Tage Luft und vielleicht bringen wir bis dahin den Gefangenen
auch zum Geständniß. Assessor Berthus hat ihn in Händen und wird ihn
schon mürbe machen, den verfluchten Kerl. Ergiebt sich dann aus der
Untersuchung ein Resultat, so war unsere ganze Angst unnütz.“

Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen, und der Justizrath mußte
gleich darauf wieder auf das Amt, hatte sich aber insofern in dem
Gefangenen geirrt, als dieser hartnäckig bei seinem Läugnen blieb.

Der Ring, das gestand er ein, war nicht sein rechtmäßiges Eigenthum;
er hatte ihn gefunden und nicht der Polizei angezeigt, -- noch dazu in
einem Haus gefunden, wo der wirkliche Eigenthümer leicht zu ermitteln
gewesen wäre, und darin mochte er gesündigt haben, -- in weiter
Nichts. Er wollte auch das Haus nicht einmal mehr kennen; als man ihn
aber, mit Bedeckung natürlich, in den Hausflur führte, auf dem das
Stiftsfräulein früher gewohnt, erinnerte er sich ohne Weiteres daran,
daß es hier -- oder doch wenigstens in einer ganz ähnlichen Hausflur
gewesen sei. Da -- gerade dort, auf einem kleinen Absatz, der von der
Flur mit zwei Stufen nach der links befindlichen Thür führte, hatte der
Ring gelegen. Der Handwerksbursche erzählte dabei, er habe dort an dem
nämlichen Griff geklingelt, aber Niemand hätte geantwortet, auch auf
sein zweites Anläuten nicht, und während er so an der Thür gewartet,
sei sein Blick auf den funkelnden Stein gefallen, den er aufgehoben und
sich dann entfernt habe.

Dabei blieb er, -- von weiter wollte er Nichts wissen und betheuerte,
auf das Kriminalamt zurückgeführt, wieder und wieder, daß er jenen
inneren Raum nie betreten, eine alte Dame nie gesehen, auch Niemanden
darin gehört habe. Es sei Alles todtenstill dort gewesen, und er
endlich wieder fortgegangen.

„Und warum er nicht eine oder zwei Treppen höher gestiegen wäre, da er
doch des Fechtens wegen in das Haus gekommen? -- ja nicht einmal auf
der anderen Seite bei der Modewaarenhändlerin angeläutet habe?“

„Er hätte gefürchtet,“ sagte der Handwerksbursche, „des unglücklichen
Ringes wegen gefragt zu werden, und deßhalb seinem Kameraden draußen
auch gesagt, es würde in dem Hause Nichts gegeben.“

„Und wo der Andere jetzt sei?“

„Das wisse er nicht.“

„Und wie er hieße?“

„Das könne er auch nicht sagen; er habe ihn nur ‚Bruder Breslauer‘
genannt, da er aus Breslau stamme, -- er sei Gürtler gewesen, wie er
selber.“

Der Justizrath kam nach dieser zweiten Untersuchung wieder, den Kopf
voller Zweifel und Bedenken, nach Hause. Die Gegenstände, die der
Handwerksbursche bei sich führte, waren so unverfänglicher Art und so
ärmlich, daß daraus keinenfalls hervorging, er habe vor kurzer Zeit
einen beträchtlichen Raub ausgeführt. Der Ring machte ihn allerdings
verdächtig, aber konnte den der eigentliche Thäter nicht wirklich vor
der Thür verloren haben? Die Möglichkeit ließ sich keinenfalls läugnen.

Der Herbergsvater, wo jener Handwerksbursche damals übernachtet hatte,
sollte noch befragt werden, ob er in jener Zeit mehr als gewöhnlich
Geld verausgabt, war aber schon seit gestern unglücklicher Weise über
Land, und wurde erst heute Abend oder morgen früh zurückerwartet.

So verging die Zeit, und der Tag von Klara’s Trauung rückte mit raschen
Schritten näher. Was geschehen sollte, mußte bald geschehen, wenn es
nicht zu spät sein sollte.

Elisabeth befand sich in einer ordentlich fieberhaften Unruhe, und
trotzdem wagte sie nicht, ihren Vater weiter zu befragen, zu drängen --
lastete doch das Gefühl: die Ursache einer so schweren Anklage gegen
den Bräutigam der Freundin zu sein, schon zu furchtbar auf ihr. -- Sie
hatte jetzt ihre Pflicht gethan, -- mehr konnte kein Mensch von ihr
verlangen.

So rückte der Mittwoch heran, -- am Sonnabend sollte die Trauung sein,
und Elisabeth hatte es noch nicht über sich gewinnen können, Klara’s
Brief zu beantworten, -- der nächste Tag mußte ja auch die endliche
Entscheidung bringen -- und selbst der Mittwoch verging und Donnerstag
kam, ohne daß der Justizrath ein Wort weiter gegen sie erwähnt hätte.
Jetzt litt es sie aber nicht länger, -- sie mußte Gewißheit haben, und
war eben fest entschlossen, ihren Vater, sobald er nach Hause käme, zu
fragen, was er jetzt Willens sei zu thun, als dieser zu ihr in’s Zimmer
trat und ruhig sagte: „Liebes Kind, packe Deinen Koffer, -- in zwei
Stunden reisen wir --“

„Nach Bonn?“

„Nach Bonn -- wir haben noch Reisegesellschaft.“

„Von hier?“

„Assessor Berthus ist allerdings schon gestern mit einem Aktuar dorthin
abgegangen, aber Madame Belchamp und die kleine Jeanette werden uns
begleiten.“

„O Du mein Gott,“ stöhnte Elisabeth.

„Hältst Du Dich nicht für stark genug, Kind,“ sagte der Vater
freundlich, „so will ich Dich nicht dazu zwingen, -- bleibe dann lieber
hier --“

„Daß mich die Angst in der Zwischenzeit tödtet.“

„Es ist eine schwere Stunde, der Du entgegengehst, überlege es Dir wohl
vorher, mein Herz.“

„Ich gehe mit Dir, Vater,“ sagte Elisabeth entschlossen, „ich muß an
Klara’s Seite sein, denn sie wird den Schlag am Härtesten fühlen,
-- aber wenn er doch unschuldig wäre, Vater! -- Seit ich Dich nicht
gesprochen, und keine Stunde weder bei Tag noch bei Nacht die Gedanken
aus meinem Kopf bringen konnte, sind mir die Verdachtgründe, die ich
gegen Dich ausgesprochen, so schaal, so nichtig vorgekommen, daß
ich mir selber schon die bittersten Vorwürfe darüber gemacht. Denke
Dir, Vater, denke Dir, wenn Alles falsch und es nur ein durch einen
Zufall scheinbares Zusammentreffen wäre, das einem braven Manne die
_Ehre_ rauben sollte?“

„Laß Dir das keine Sorgen machen, Schatz,“ sagte der Vater, der sich
recht gut in den Seelenzustand seiner Tochter denken konnte. „Eben so
exaltirt wie Du früher den ersten Gedanken erfaßtest, und Deine ganze
Kraft daran wendetest, um der gefundenen Spur nachzugehen, eben so
stark wirkt jetzt bei Dir der Rückschlag, wo die ersten Zweifel mit dem
Wunsch vielleicht auftauchen, der Freundin das erhoffte Glück auch zu
erhalten. Es ist das so menschlich wie natürlich, und ich möchte es
bei Dir nicht einmal anders haben. Aber überlasse auch mir die Leitung
des Ganzen und sei versichert, daß ich mit äußerster Vorsicht und
Delikatesse zu Werke gehe. Wir werden bald an Ort und Stelle lernen,
woran wir sind, und ist der junge Herr dann unschuldig, so hoffe ich,
das noch zu erfahren, ehe wir den geringsten Eclat in der Sache machen,
oder irgend gewaltsam auftreten. Doch noch eins -- Du erzähltest mir
neulich von einem alten Juden mit grauen Haaren, mit dem jener Berger
viel verkehrt, und der auch in Deiner Gegenwart der unechten Steine
erwähnte.“

„Ja, Papa.“

„Weißt Du, wie er heißt und wo er wohnt?“

„Nein, aber ich glaube, daß sich das bald erfahren ließe, da ihn sein
Aeußeres leicht von Anderen unterscheidet; schon seine schneeweißen
Haare zeichnen ihn aus.“

„Gut, mein Kind, -- also packe Deine Sachen zusammen, unser Aufenthalt
wird kein langer sein und Du brauchst nicht viel.“

„Und Käthchen?“

„Können wir dießmal nicht gebrauchen, -- es ist keine Vergnügungstour,
die wir machen. Ich habe ihr schon gesagt, daß ich Dich nur auf ein
paar Tage zu Deiner Tante brächte und auf der Rückreise wieder
mitnähme. Kannst Du in zwei Stunden mit Deinen Vorbereitungen fertig
sein?“

„In einer, Papa.“

„Gut, mein liebes Herz, und nun Muth, -- der liebe Gott wird Alles zum
Besten lenken.“



Zehntes Kapitel.

Wieder in Bonn.


Mit wie leichtem und fröhlichem Herzen hatte Elisabeth ihre letzte
Reise nach eben dieser Stadt angetreten, und wie schwer -- wie
furchtbar schwer wurde ihr die jetzige. Das war auch in der That keine
Vergnügungstour -- der Vater hatte Recht, -- das war ein Hetzen von
Zug zu Zug, und selbst das Dampfschiff ging dafür nicht rasch genug
den Strom hinab, sondern im heißen, staubigen Coupé flogen sie, neben
dem herrlichen kühlen Rhein hinab, ihre Bahn. Sie waren auch die ganze
Nacht hindurch gefahren und erreichten Bonn etwa zehn Uhr Morgens.

Wie verschieden von ihrer früheren Ankunft am lachenden Stromesufer,
wo liebe Freunde ihnen entgegenwinkten und die Zeit nicht erwarten
konnten, um einander in die Arme zu fliegen, war aber die jetzige.
Im Bahnhof selber erwartete sie Niemand, als der bleiche unheimliche
Assessor Berthus, vor dem Elisabeth schon immer -- sie wußte selber
nicht weßhalb -- eine fast unüberwindliche Scheu gehabt. War es
vielleicht, weil der Mann mit den dünnen blassen Lippen, den spärlichen
Haaren und den scharfen grünen Augen immer lächelte, -- er sah gar so
unheimlich dabei aus, und vor ihm und seinem Inquiriren sollten die
Gefangenen auch die meiste Furcht haben.

Er hatte sie im Nu in ihrem Waggon entdeckt, und wie freundlich er
grüßte und Elisabeth artig aus dem Wagen hob. Auch gegen Madame
Belchamp war er galant und wollte die kleine Jeanette ebenfalls heraus
heben, aber sie litt es nicht und klammerte sich an ihre Mutter an.

Uebrigens hatte der Assessor für Alles gesorgt.

„Bitte um Ihre Gepäckscheine, Herr Justizrath -- Madame Belchamp --
bitte, bemühen Sie sich mit der Kleinen nach Droschke 74 -- gleich an
der Thür rechts. Fräulein Elisabeth ist wohl so freundlich, Sie zu
begleiten, der Herr Justizrath und ich folgen zu Fuß. -- Ihr Gepäck
soll zu gleicher Zeit mit Ihnen eintreffen. -- Dieß ist _Ihre_
Nummer im Hotel, Madame -- dieß die Ihrige, mein gnädiges Fräulein --
Sie werden Alles vorbereitet finden.“

„In welchem Hotel?“

„Der Kellner hier wird Sie begleiten, -- er sitzt mit auf dem Bock und
besorgt Ihnen Alles, -- wir folgen in wenigen Minuten, -- das Hotel
liegt dicht bei --“

Elisabeth eilte, aus der Nähe des gefürchteten Mannes zu kommen, und
der Justizrath, der dem Assessor schon seinen Ueberzieher, Plaid
und Regenschirm überlassen mußte, was dieser dem wartenden Kellner
aufbürdete, nahm ohne Weiteres seines Kollegen Arm und verließ mit ihm
zusammen den Bahnhof.

„Haben Sie etwas ausgerichtet?“ sagte er dabei; „glauben Sie, daß wir
auf der richtigen Fährte sind?“

„Die Zeichen mehren sich,“ nickte Assessor Berthus vor sich hin. „Den
Juden, dessen Signalement Sie mir gestern telegraphirten, habe ich
gefunden -- es ist eine allbekannte Persönlichkeit und soll ein streng
rechtlicher Mann sein, -- der Polizei ist wenigstens das Gegentheil
noch nicht bekannt.“

„Und die Steine?“

„Hatte er noch im Besitz, -- es sind die nämlichen, die unser Juwelier
früher in Händen gehabt.“

„Ist der Juwelier Müller da?“

„Schon seit gestern Morgen. Er ist bereit, _diese_ Steine zu
beschwören, da sich an dem einen noch das Zeichen seiner eigenen Feile
findet.“

„Haben Sie sich mit dem Medizinalrath in’s Vernehmen gesetzt, Assessor?“

„Nein, Herr Justizrath,“ sagte der Herr; „ich habe allerdings seine
Bekanntschaft gemacht, und er mag ein ganz tüchtiger Gelehrter sein,
aber in seinem eigenen Hause ist er schwach und unbeholfen, und ich
fürchtete mehr zu riskiren als ich gewinnen konnte.“

„Er würde nie einem Verbrecher Vorschub leisten, und wenn er in
nächster Verwandtschaft zu ihm stünde.“

„Nein, das -- fürchte ich auch nicht -- wenigstens nicht wissentlich
und absichtlich, aber -- glauben Sie mir, wir haben dadurch Nichts
versäumt.“

„Haben Sie mit Professor Perler gesprochen?“

„Ja, -- der gefällt mir schon besser. Er erwartet Sie in Ihrem Zimmer
im Hotel -- ich bat ihn, nicht an die Bahn herauszukommen.“

„Und diesen Herrn von Berger?“

„Wir waren gestern Abend zusammen in Gesellschaft und sind die besten
Freunde,“ lächelte der Assessor. „Er kennt mich nur unter dem Titel
Professor Berthus, -- das klingt jedenfalls unverfänglicher.“

„Aus Hoßburg?“

„Bitte um Verzeihung -- aus Berlin.“

„Und für was halten Sie den Herrn?“

„Ich halte ihn fähig, eine solche That verübt zu haben, aber -- es
wird schwer halten, ihm beizukommen. Sonst ist er der liebenswürdigste
Gesellschafter, mit dem ich je zusammengetroffen bin und -- ich glaube,
wir werden uns auch noch nicht so bald wieder trennen.“

„Die Gerichte sind hier von Allem in Kenntniß gesetzt?“

„Nein, -- nur die betheiligten Personen. Es ist eine sehr schöne Sache
um das ‚Amtsgeheimniß‘, aber sicher bleibt sicher.“

„Und was wollen Sie jetzt thun?“

„Toilette zum Diner machen, das wir heute in Professor Perler’s Haus
einnehmen werden. Die Familie Paßwitz und Herr von Berger werden auch
dort sein.“

„So weiß der Professor Alles?“

„Alles.“

„Und er will uns unterstützen?“

„Er hat es mir selber angeboten; ich würde nie gewagt haben, ihn darum
zu bitten.“

„Und wie wollen Sie Alles einleiten, Berthus?“

„Ueberlassen Sie das mir, Herr Justizrath,“ sagte der Assessor mit
seinem freundlichen Lächeln, „thun Sie vor der Hand weiter Nichts,
als daß Sie bei Tisch Alles genau beobachten, ohne natürlich irgend
einen Verdacht zu erregen. _Mich_ kennen Sie, wie sich das von
selbst versteht -- gar nicht, ich werde Ihnen schon durch irgend Jemand
vorgestellt werden, und daß sich Ihre Fräulein Tochter nicht verräth,
dafür bürgt mir ihre Antipathie gegen mich.“

„Aber lieber Berthus!“

„Bitte, Herr Justizrath, -- erwähnen wir es nicht weiter. Ihrer
Fräulein Tochter gefällt meine Persönlichkeit nicht, was jedenfalls
ihrem Geschmack alle Ehre macht, -- hätte sie mich je näher kennen
lernen, so würde sich vielleicht diese Abneigung in etwas gegeben
haben. Doch das hat ja mit unserem Geschäft Nichts zu thun, ja im
Gegentheil, es arbeitet uns in die Hände.“

„Und wenn dieser Berger wirklich schuldig wäre und vor der Zeit etwas
merken sollte?“

„Dafür ist gesorgt, fort kann er nicht mehr,“ sagte der Assessor
lächelnd; „die dahin getroffenen Vorsichtsmaßregeln sind ausreichend,
vertrauen Sie mir. Aber hier sind wir am Hotel -- Nr. 5 ist Ihr Zimmer,
besprechen Sie Alles mit dem Herrn Professor. Um zwei Uhr treffen wir
wieder dort zusammen. -- Ich habe die Ehre --“

„Und wohnen Sie nicht mit hier?“

„Nein, -- mit Herrn von Berger Stube an Stube in der nächsten Straße,
-- auf Wiedersehen, Herr Justizrath --“ und mit den Worten schritt er,
das Trottoir entlang, seiner eigenen Behausung zu.

Der Justizrath wollte ihn noch einmal zurückrufen, -- es lagen ihm noch
eine Masse Dinge auf dem Herzen. -- So durfte Klara keinenfalls dabei
sein, wenn die Sache zum Ausbruch kam, -- der furchtbare Augenblick
wenigstens mußte ihr erspart werden -- und dann der Medizinalrath
selber, -- aber Berthus war schon um die Ecke, ehe er noch einen
bestimmten Gedanken fassen konnte, und mit dem vollen Vertrauen auf die
Klugheit und Umsicht seines Gefährten beschloß er, vor der Hand der
Sache ihren Lauf zu lassen. Er war überhaupt müde von der Reise und
bedurfte einer kurzen Ruhe.

Desto unermüdlicher schien der Assessor, der, einmal auf eine Fährte
gebracht, derselben nachspürte wie ein richtiger Schweißhund, und
Hunger und Müdigkeit dabei nicht einmal dem Namen nach kannte.

Im Hotel angekommen, war in der Portiersstube sein erster Blick nach
Berger’s Nummer, -- der Schlüssel hing am Haken, er selber konnte also
nicht zu Hause sein.

„Briefe für mich angekommen?“ frug er.

„Nein, Herr Professor.“

„Herr von Berger oben?“

„Ausgegangen, -- Lieutenant von Glaser und der junge Engländer haben
ihn abgeholt.“

Der Assessor nickte; er wußte jetzt, wo er seinen Mann zu suchen
hatte, drehte augenblicklich wieder um und schritt einem nicht sehr
entfernten Frühstückskeller zu, in dem sich die genannten Herren jetzt
schon zwei Tage hintereinander Morgens erfrischt hatten. Er war nicht
fehlgegangen. Hinter ein paar Flaschen Rheinwein, mit Lachs und Kaviar,
traf er die kleine fröhliche Gesellschaft, die er aber natürlich gar
nicht bemerkte, sondern sich eben an einen freistehenden Tisch setzen
wollte, als er von Berger selber angerufen wurde.

„Hallo, Professor! auch durstig? kommen Sie mit hier her zu uns; wir
haben einen famosen Rüdesheimer entdeckt.“

„Ah, meine Herren, sehr angenehm, Sie zu treffen. Kam eigentlich nur
herein, um einen ‚Stehschoppen‘ zu trinken, -- wenn Sie erlauben --“
und er setzte sich mit zu ihnen an den Tisch.

Berger war aufgeregt; aber wie es schien vortrefflicher Laune, und der
‚kleine berliner Professor‘, wie ihn die jungen Leute nannten, gerade
der Mann, ihn darin zu erhalten. Berthus schien selber Geschmack an dem
Wein zu finden, und ließ noch eine, selbst noch eine zweite Flasche
geben, und wußte eine solche Unzahl von Anekdoten und pikanten Späßen,
daß die kleine Gesellschaft gar nicht aus dem Lachen herauskam und den
aufrichtigen Neid der übrigen Tische erregte.

Endlich zog Berthus die Uhr heraus.

„Alle Wetter,“ sagte er, „gleich halb zwei Uhr und um Zwei sollen wir
drüben beim Herrn Professor Perler sein. Mein lieber Herr von Berger,
ich glaube, es wird Zeit, daß wir uns anziehen, sonst kommen wir
wahrhaftig zu spät.“

„Liebes Professorchen,“ sagte Berger, verdrießlich nach seiner eigenen
Uhr sehend, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich viel lieber hier bliebe,
-- aber Sie haben Recht, wir müssen die Zeit einhalten.“

Seine beiden Freunde wollten remonstriren und ihn verführen, das
‚langweilige Diner‘ zu versäumen, -- es sei ja, wie sie sagten, der
‚letzte freie Tag‘, aber es ging nicht gut, -- gerade heute nicht, --
sein ‚Schwiegerpapa‘ war auch da und seine Braut, und er mußte wirklich
vorher noch Toilette machen.

Fünf Minuten später schritt er mit ‚Professor Berthus‘ Arm in Arm die
Straße hinab, seinem Hotel zu, und punkt zwei Uhr standen Beide im
Gartensalon des Professor Perler, wo der Tisch gedeckt worden.

Eine Viertelstunde früher war schon, auf des Professors Veranlassung,
Klara mit Elisabeth dort zusammengetroffen, und Klara mit einem
Jubelschrei in die Arme der Freundin geflogen.

„O, Lily, -- meine liebe, süße Lily,“ rief das junge Mädchen unter
Thränen lächelnd, „wie lieb und gut das von Dir ist, daß Du zu meinem
Ehrentag gekommen bist; ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich nach
Dir gesehnt und Dich herbeigewünscht habe, -- aber Herz,“ rief sie
plötzlich, die Freundin auf Armeslänge von sich drückend, „was fehlt
Dir, -- Du siehst bleich -- ganz erschrecklich bleich und angegriffen
aus. Warst Du krank?“

„Nur von der Reise ein wenig erschöpft, Klärchen, -- aber auch Du
siehst anders aus, als ich Dich mir gedacht, -- ich hoffte, Dich von
Glück strahlend zu finden.“

„Ich bin glücklich, Lily,“ sagte Klara, ihren Kopf auf der Freundin
Schulter legend.

„Du bist glücklich?“ flüsterte Elisabeth, „und sagst das gerade mit
einem Tone, als ob Du Dich bei mir entschuldigen müßtest. Dein Brief
lautete so glücklich.“

„Und so ist mir auch zu Muthe, Lily,“ sagte Klara, ohne jedoch ihr
Antlitz zu erheben, „glaube mir, Herz -- bitte, glaube mir, Lily.“

„Ich will Dir glauben,“ sagte Elisabeth leise, „wenn das Dich beruhigt,
-- aber etwas ist vorgefallen, meine Klara, das wirst und kannst Du
mir nicht ableugnen. Hab’ ich Recht? -- komm’, sieh mich an, Kind, --
aus Deinen Augen erfahr’ ich die Wahrheit weit eher, als von Deinen
Lippen.“ Sie wollte dabei Klara’s Kinn sanft emporheben; aber diese
duldete es nicht.

„Es ist Nichts vorgefallen, Lily,“ sagte sie leise, -- „Nichts von
Bedeutung wenigstens, -- ich wäre ärger als ein Kind, wenn ich mir
Sorgen darüber machte.“

„Und darf ich es wissen, Klara?“

„Ja, -- aber nicht jetzt -- nachher -- nach Tische, wenn wir im Garten
spazieren gehen. -- Und wo ist Käthchen?“ setzte sie rasch hinzu, wie
um das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen, -- „warum hat
sie euch nicht begleiten dürfen?“

„Wir konnten doch nicht schon wieder mit der ganzen Familie kommen,“
lächelte Elisabeth, -- „Käthchen muß jetzt Haus halten, und Papa hat
auch nur so wenig Zeit, daß er sich kaum die paar Tage abzwingen
konnte.“

„Zu desto größerem Dank bin ich ihm dann verpflichtet, daß er es mir zu
Liebe doch gethan.“

„Ja, wahrlich Dir zu Liebe, Klara,“ sagte Elisabeth mit tiefem Gefühl,
„und nur der Gedanke an Dich hat uns hierher getrieben.“

„Meine gute Lily, -- aber still -- da kommen noch Gäste.“

„Die Stimme sollt’ ich kennen,“ sagte Elisabeth und mußte sich Gewalt
anthun, gefaßt zu scheinen.

„Es ist Ferdinand mit seinem neuen Freund, einem Professor Berthus.“

„Berthus?“

„Ja, -- kennst Du ihn? ein höchst drolliger Kauz, wenn auch mit
abstoßendem Aeußeren, aber ich könnte fast eifersüchtig auf ihn werden,
denn Ferdinand ist ordentlich verliebt in ihn.“

„Auf Herrn Berthus?“

„Auf den Professor -- ja.“

„Und seit wann kennt ihn Dein Bräutigam?“

„O, seit etwa zwei Tagen erst. Er kam mit einer Empfehlung von
Berlin an Professor Perler und meinen Vater und scheint wohl ein
sehr gescheidter Mann, aber -- doch da kommen sie, -- Ferdinand wird
überrascht sein, Dich zu treffen.“

Sie hatte nicht Zeit, mehr zu sagen, denn in dem Augenblick öffnete
sich die Thür, und von Berger, den Assessor Berthus am Arm und sein
Gesicht ein wenig von dem genossenen Wein geröthet, betrat das Zimmer,
wo er, der Aussage eines der Dienstboten nach, seine Braut wußte.

Klara hatte übrigens richtig vermuthet. Wirklich überrascht blieb er
auf der Schwelle stehen, als er das junge Mädchen bei seiner Braut fand
und auch augenblicklich erkannte.

„Mein gnädiges Fräulein, das ist allerdings eine unverhoffte Freude,“
stammelte er, etwas verlegen, und Elisabeth entging nicht, daß er sich
leicht entfärbte; ehe sie aber etwas darauf erwiedern konnte, öffnete
sich die Seitenthür, und Professor Perler mit seiner Frau und Tochter
und dem Justizrath traten in’s Zimmer.

War Berger indeß wirklich einen Moment verlegen gewesen -- und die
Gewißheit dafür ließ sich in seinen Zügen nicht lesen -- so konnte ein
solches Gefühl bei ihm nie Wurzel fassen. Es schwand so rasch, wie
es gekommen, und die Hand dem Vater Elisabeth’s entgegenstreckend,
wie er nur seiner ansichtig wurde, ging er auf ihn zu und rief mit
herzlicher Stimme: „Ah, mein lieber Herr Justizrath, wie soll ich Ihnen
danken, daß Sie meiner Klara die Freude gemacht haben; das war wirklich
unendlich liebenswürdig von Ihnen.“

„Herr von Berger,“ sagte der Justizrath höflich, indem er die gebotene
Hand nahm, „Ihrer Fräulein Braut zu Liebe haben wir allerdings den
weiten Weg gemacht, -- aber auch unserer selbst wegen, -- Sie haben uns
nicht dafür zu danken.“

„Dann erlauben Sie, daß ich Ihnen auch zugleich einen Freund unseres
Hauses, Herrn Professor Berthus, vorstelle -- lieber Professor, Herr
Justizrath von Hochweiler aus -- wie hieß doch gleich die Stadt, bester
Justizrath?“

„Hoßburg.“

„Ah, in der That,“ rief Berthus, mit seinem trockensten Lächeln, „freut
mich in der That, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Justizrath, -- in
der That, -- und das Fräulein Tochter, wie ich vermuthe.“

„Meine Tochter,“ sagte der Justizrath, an dem jetzt die Reihe war,
verlegen zu werden, denn alles Blut stieg in diesem Augenblick in
Elisabeth’s Antlitz und drohte ihr die Adern zu sprengen.

„Sehr angenehm, mein gnädiges Fräulein,“ erwiederte aber Berthus
mit einer tiefen Verbeugung, „und sehr ehrenvoll, -- Sie werden das
morgende Fest verherrlichen. Aber wo ist Ihr Schwiegerpapa, Berger? er
wird uns wieder mit dem Essen warten lassen.“

Der Assessor fühlte, daß er Elisabeth Luft geben mußte, wenn sie sich
nicht verrathen sollte, und hatte damit das richtige Kapitel getroffen.

„Dein Papa läßt uns wirklich wieder warten, liebe Klara,“ sagte er; „er
hat den Kopf so voll von abstrakten Dingen, daß er uns arme Sterbliche
immer darüber vergißt.“

„Er wird gewiß gleich kommen, Ferdinand,“ bat Klara mit einem
ängstlichen Blick auf ihren Bräutigam, -- „er bekam heute Morgen noch
so viel zu thun.“

„Hat auch noch gar Nichts versäumt,“ sagte die Frau Professorin, „sie
sind doch noch nicht mit der Suppe fertig, und ehe angerichtet wird,
kommt er schon.“

Das Gespräch wurde jetzt allgemein. Berthus unterhielt sich besonders
mit dem Professor über den letzten politischen Leitartikel in der
Kölnischen Zeitung, und Berger war mit Klara in eine Fensternische
getreten und das junge Mädchen flüsterte leise und bittend ihm zu.
Endlich kam der Medizinalrath, -- Rosa hatte schon auf der Warte
gestanden, um ihn gleich anzumelden, und in dem Augenblick zeigte auch
die Frau Professorin an, daß die Suppe servirt sei.

Jetzt begannen die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln. Berthus bot artig
der Frau Professorin den Arm. Berger führte Elisabeth, der Professor
Klara, und der Medizinalrath kam eben zu spät, um Fräulein Rosa noch
zur Tafel zu geleiten.



Elftes Kapitel.

Die Entscheidung.


Die Frau Professorin hatte übrigens die Plätze bestimmt, und so kam
Klara nicht neben ihren Bräutigam, sondern zwischen Berthus und den
Justizrath zu sitzen, Berger dagegen zwischen Rosa und Elisabeth, sie
selber aber zwischen den Justiz- und Medizinalrath, und das Gespräch
wollte im Anfang nicht recht fließen. Berger, sonst die Seele einer
solchen Gesellschaft, war einsylbig, -- hatte ihn der so plötzliche und
unerwartete Besuch aus Hoßburg beunruhigt? -- er unterhielt sich nur
wenig mit seinen Nachbarinnen, und gab selbst auf einzelne von Rosa’s
Fragen zerstreute Antworten, Berthus dagegen brachte Alles wieder in
das alte Geleise, und mit einem ganz unerschöpflichen Humor nicht
allein seine beiden Nachbarinnen zum Lachen, sondern bald auch Leben in
den ganzen kleinen Kreis.

Der Justizrath konnte am wenigsten von Allen in Gang kommen, denn
der verzweifelte Assessor hatte ihm jede nähere Auskunft verweigert,
und er befand sich in einer etwa der ähnlichen angenehmen Aufregung,
wie Jemand, der auf einer mit einer angezündeten Lunte versehenen
Pulvertonne sitzt und nun nicht genau weiß, wann die Geschichte platzt.
Das machte ihn auch entsetzlich einsylbig gegen die an seiner Rechten
sitzende Braut, denn er wußte nicht allein nicht über was in aller
Welt er sich mit ihr unterhalten sollte, sondern fürchtete auch noch
außerdem jeden Augenblick, daß er sich verrathen und sie vor der Zeit
alarmiren würde.

Berger war das nicht entgangen; sein Blick flog wenigstens, -- wenn
auch im Gespräch mit einer seiner Nachbarinnen oder den Scherzen des
‚kleinen Professors‘ lauschend, immer dann und wann zu Elisabeth’s
Vater hinüber, und ein paarmal wandte er seinen Blick unwillkürlich der
Thür zu, als er sah, wie dessen Auge unruhig dort hinüberflog, als ob
er noch Jemanden erwarte.

Berthus hatte das ebenfalls bemerkt, da aber Klara zwischen ihm und
dem Justizrath saß, sah er sich nicht im Stande, diesem ein Zeichen zu
geben, und mußte der Sache eben ihren Lauf lassen. -- Es lag überhaupt
‚der Schatten nahender Ereignisse‘ auf der ganzen kleinen Gesellschaft,
denn auch Professor Perler und seine Frau fühlten sich gedrückt, und
Elisabeth mußte sich Gewalt anthun, um nur ihre Aufregung zu verbergen.
Berthus allein schien von alle dem Nichts zu empfinden und wußte mit
einer Gewandtheit die übrigen Tischgenossen bald an der, bald an jener
Seite der Tafel in das Gespräch mit hinein zu ziehen, die Nichts zu
wünschen übrig ließ.

Klara’s Bräutigam, überdieß schon durch den vorher genossenen
Wein aufgeregt, hatte auch bald jedes vielleicht unbehagliche
Gefühl abgeschüttelt. Was den Justizrath von Hoßburg noch einmal
hierhergeführt? -- er war doch jedenfalls nur seiner Tochter zur
Begleitung mitgekommen, und wie Klara und Elisabeth aneinander hängen,
wußte er ja gut genug, und freute sich nicht darüber. -- Aber auch das
war bald überstanden und er selber morgen um diese Zeit schon frei
von all’ den gesellschaftlichen Banden, die ihn hier fesselten, heute
konnte er sie deßhalb noch recht gut einmal über sich ergehen lassen.
Er wurde auch selber wieder heiterer, indem er auf Berthus’ Scherze
und Anekdoten einging, und das Diner wurde ohne weiteren Zwischenfall
beendet.

Als man die Früchte auftrug, brachte der Professor noch eine besondere
Sorte feinen Rauenthaler Ausbruch, von wirklich vorzüglicher Güte, und
Berthus besonders, der ordentlich ein wenig ausgelassen war, als ob
ihm der starke Wein in den Kopf stieg, machte schon einen Versuch zu
singen, hielt aber wie erschreckt inne, als sein Blick auf die Damen
fiel. Da gab die Frau Professorin das Zeichen für diese zum Aufstehen
und sagte dabei: „Da wir doch keinen Theil am Trinken nehmen, wollen
wir die Herren lieber sich selber überlassen. Wenn ihr den Kaffee
nachher wünscht, Kuno, so bitte, läutet nur, und er wird dann in die
Laube gebracht.“

„Gut, mein Kind,“ sagte der Professor, -- „ein halbes Stündchen kann es
aber immer noch dauern.“

„Uebereilt euch nicht; wir machen indessen eine kleine Promenade.“

Sobald die Frau Professorin aufstand, hatte Berthus einem Lohndiener,
der in Livree die Gäste bedienen half, einen Wink gegeben. Dieser trat
nur an die Thür, öffnete sie halb, sah hinaus und meldete dann gleich:
„Madame Belchamp wünscht die Frau Professorin zu sprechen.“

„O bitte, lassen Sie sie eintreten,“ sagte die Frau, „wir gehen dann
gleich zusammen in den Garten.“

Elisabeth, die schon aufgestanden war, erbleichte, ging auf Klara zu
und legte ihren Arm um sie, wie um sie zu schützen.

Berger, der mit dem Rücken der Thür zu saß, drehte sich um, -- war ihm
der Name bekannt vorgekommen? aber er kannte die Dame wohl kaum, und
als Madame Belchamp, sehr geschmackvoll gekleidet, mit Jeanetten an der
Hand, das Zimmer betrat und die übrigen Herren aufstanden, erhob er
sich ebenfalls.

Die Frau Professorin war um den Tisch herumgegangen, um die Fremde zu
begrüßen, als Berthus eine Weintraube von der Tafel nahm und damit auf
das Kind zuging.

„Wie ein klein liebes herziges Ding,“ sagte er dabei. „Hier, mein
kleines Fräulein, darf ich Ihnen eine Traube anbieten? -- Sehn Sie
einmal, Berger, was für ein lieber Schatz.“

Jeanette hatte die Traube genommen, aber die vielen Menschen ängstigten
sie.

„Willst Du mir kein Händchen geben, Kind?“ frug Berthus, und bog sich
zu ihm nieder.

Jeanette sah ihn an und gab ihm ihr Händchen, und drehte sich dann um,
um zur Mutter zu gehen.

„Aber dem Herrn hier mußt Du auch noch ein Händchen geben, mein
Schätzchen,“ sagte Berthus und führte es gegen Berger, -- „komm’, gieb
ihm eins, -- er schenkt Dir auch noch einen Bonbon.“

Jeanette sah ihn an, -- kaum aber fiel ihr Blick auf ihn, als sie die
erhaltene Traube erschreckt fallen ließ und mit einem lauten Aufschrei:
„böser Mann -- böser Mann!“ zu der Mutter flüchtete.

„Merkwürdig,“ sagte Berthus, indem er die Traube wieder aufhob,
„was Kinder oft für Idiosynkrasieen haben.“ Sein Blick suchte dabei
Elisabeth; aber er sah nur noch, wie sie, Klara fest an sich pressend,
mit dieser in den Garten hinaus drängte, und die Professorin selber,
die vielleicht fürchtete, daß der nächste Moment schon zu einer
Entscheidung führen könne, ergriff Madame Belchamp’s Hand und
geleitete diese, die ihr weinendes Kind aufgenommen hatte, durch den
Salon in den Garten.

Berger selber stand im ersten Augenblick verdutzt, denn wenn er auch
das Erschrecken des Kindes vor seinem Anblick gar nicht beachtet
hatte, so fühlte er doch in dem ganzen Auftreten der fremden Dame, in
dem Benehmen der Professorin selbst, daß hier etwas Außergewöhnliches
vorging, wenn er auch vielleicht noch keine Ahnung hatte, wie nahe es
ihn selber betraf.

Sogar der Professor war außer Fassung gebracht, und sein Blick haftete
düster auf dem jungen Mann. Berthus schien in der That der Einzige, der
seine volle Ruhe bewahrte, oder vielmehr das Zeichen, das er selber
eingeleitet hatte, nicht im Geringsten beachtete.

„Aber, meine Herren,“ rief er lachend aus, „was für ein Aufbruch?
Die Damen haben uns in höchst liebenswürdiger Weise mit diesem neu
heraufbeschworenen Nektar allein gelassen, und es wäre bei Gott Sünde,
den Zeitpunkt nicht zu benutzen. -- Was haben Sie nur, Justizrath? Sie
starren ja immer gerade vor sich aus?“

Er hatte bemerkt, daß Berger’s Blick auf dem allerdings sehr
aufgeregten Justizrath haftete.

„Ich? -- ich --“ stammelte dieser, durch Berthus’ Ruhe wirklich selber
irre gemacht, -- „o Nichts -- die Dame war uns --“

„Hahahaha, alter Schwede,“ lachte der kleine Assessor, dessen Gesicht
von dem genossenen Wein glühte, „hat Ihnen die hübsche Dame gefallen?
-- allerdings eine allerliebste Figur. Wie schade, daß uns die Frau
Professorin nicht einmal vorgestellt, -- aber nachher, beim Kaffee,
-- jetzt bitte, lieber Perler, lassen Sie die Flasche noch einmal
herumgehen. -- Ihre Plätze, meine Herren, -- bitte, nehmen Sie Ihre
Plätze wieder ein, -- nicht wahr, Berger, das ist ein ganz famoser
Stoff, den wir eigentlich nur dem Besuch des Justizraths zu danken
haben, denn bis jetzt hat ihn Perler noch nicht herausrücken mögen,
heh?“

Die Herren hatten ihre Plätze wieder eingenommen; in dem Justizrath
stieg aber plötzlich ein ganz eigener Verdacht auf, der ihn nicht
wenig beunruhigte. Berthus nämlich, -- wie er recht gut wußte, sonst
gar nicht an spirituöse Getränke gewöhnt, hatte heute dem starken
und schweren Wein außerordentlich lebhaft zugesprochen und viel --
sehr viel getrunken, -- wenn es zu viel gewesen wäre und er dadurch
vielleicht Alles gefährdete, -- ja vielleicht sogar im Rausch
plauderte? Er bog sich, -- da der Platz zwischen ihm und dem Assessor
frei geworden, zu diesem über und flüsterte ihm ein paar Worte zu, --
Berthus lachte.

„Kein Gedanke daran, Justizräthchen,“ rief er zurück, „unser Wirth
nimmt mir das nicht übel, -- wie, alter Junge? Fidel müssen wir sein
-- kreuzfidel, das ist die Hauptsache, alles Andere aber Schwindel --
purer blanker Schwindel.“

„Mein lieber Freund,“ sagte Professor Perler, der selber des
Justizraths Befürchtung zu theilen anfing, „Sie werden mir doch sicher
glauben, daß ich mich freue, wenn meine Gäste lustig sind, -- nur
möchte ich Sie vor dem jetzigen Wein warnen; er steigt rasch in den
Kopf.“

„Bah,“ lachte Berthus, „muthig müssen wir der Gefahr begegnen; wie,
Berger? -- Männer werden sich doch nicht vor einem Glas Wein fürchten.
-- Da passirte mir neulich ein gottvoller Spaß,“ lachte er, während
er Berger die Flasche zuschob -- und jetzt eine Anekdote erzählte,
die selbst den Justizrath zum Lachen zwang. -- Auch Berger, wenn er
überhaupt einen Verdacht geschöpft, war wieder völlig sicher geworden
und erzählte ein ähnliches Abenteuer, das sie nach einer lustig
durchlebten Nacht gehabt, und Berthus hörte ihm mit leuchtenden Augen
zu.

Der Lohndiener kam herein; er brachte Cigarren und Lichter und
überreichte Berthus dabei einen kleinen Zettel, auf den dieser aber nur
einen flüchtigen Blick warf. Es standen auch nur wenige Worte darauf:
‚Wir haben die Beweise.‘

Der Justizrath hatte ihn ängstlich beobachtet, -- er konnte den Zettel
kaum gelesen haben, als er ihn schon lachend zusammendrehte und an das
Licht hielt, während er mit der anderen Hand eine Cigarre nahm.

„Ah, das hat mir gefehlt,“ rief er dabei, „nach einer Cigarre hab’ ich
mich ordentlich gesehnt -- und die seh’n gut aus -- bitte, Justizrath,
bedienen Sie sich, -- die Cigarren kaufen Sie in Hoßburg nicht.“

„Nun, ich weiß doch nicht,“ sagte der Justizrath verlegen, „wir haben
dort auch recht rauchbare Cigarren.“

„In Hoßburg?“ lachte Berthus, -- „jetzt bitte ich Sie um Gotteswillen,
in dem Nest.“

„Sind Sie denn dort bekannt, Berthus?“ frug Berger.

„Bekannt?“ rief der kleine Mann; -- „na, ich sollte denken, jeden
Winkel kenn’ ich, -- wo wohnen Sie dort, Justizrath?“

„Auf dem Wiesenweg,“ erwiederte dieser, der nicht recht wußte, wohinaus
der Assessor damit wollte.

„Heh?“ rief dieser, -- „da habe ich auch einmal gewohnt -- und in
welchem Haus?“

„Im sogenannten Krüger’schen.“

„Im Krüger’schen Hause? Nro. 17? Alle Teufel, das ist ja das nämliche
Haus, wo vor ein paar Monaten der famose Mord verübt wurde, also gerade
unter Ihrer Nase, Justizrath, heh? Haben Sie nicht davon gehört,
Berger?“

„Ich?“ sagte der junge Mann, während sein Gesicht vielleicht um einen
Gedanken röther wurde, „wie sollte ich hier am Rhein davon gehört
haben?“

„Nun, alle Zeitungen waren ja voll davon, -- bitte, Professor, noch
einmal einzuschenken; der Wein ist wirklich kostbar, -- alle Zeitungen
-- war auch eine verfluchte Geschichte. -- Denken Sie sich, Berger, da
wohnte unten Parterre ein altes reiches Fräulein, -- wie hieß sie doch
gleich, Justizrath --“

„Redenheim --“

„Ach ja, ganz recht, Redenheim -- Fräulein Konstanze, wie sie immer
genannt wurde. -- Reich war sie dabei, aber geizig wie ein Harpax, die
ihr Geld lieber im Kasten schimmeln ließ, als es einem lebenslustigen
fidelen Verwandten aufzuhängen, der sie mit Briefen bombardirte --“

„Aber was interessirt uns die Geschichte,“ sagte Berger, der sich
umsonst bemühte, sein Unbehagen zu verbergen und gleichgültig zu
scheinen.

„Ne, hören Sie nur weiter,“ rief aber Berthus, „können Sie sich
denken, wie sich der junge Bursch zu helfen wußte? Auf eine verflucht
summarische Weise -- er reist einfach hin nach Hoßburg, bittet die Alte
nochmals um Geld, und wie sie ihm das wieder verweigert, schlägt er sie
ruhig auf den Kopf und nimmt sich, was er braucht.“

Berger warf scheu den Blick umher und sah, wie Aller Augen auf ihn
gerichtet waren; nur der Medizinalrath horchte mit dem gespanntesten
Interesse der Erzählung.

„Und haben sie ihn gefaßt?“ frug dieser jetzt.

„Gefaßt? ja, das ist eine höchst merkwürdige Geschichte,“ erzählte
Berthus weiter, „denn der Bursche hatte die Sache so schlau angefangen,
daß er sich in Hoßburg vor Niemand blicken ließ und verschwunden war,
ehe man nur das verübte Verbrechen entdeckte.“

„Und die alte Dame war ganz allein gewesen?“ frug der Medizinalrath.

„Ganz allein, -- nur ein kleines Hündchen und ein kleines Kind, das
einer Putzmacherin, einer Madame Belchamp, gehörte, war gegenwärtig.
Das Hündchen trat er todt, aber das Kind ließ er leben, das ihn von da
an nur den ‚bösen Mann‘ nannte,“ nickte Berthus -- „und hier vorhin zu
Tod erschrak, als es sich demselben wieder gegenüberbefand.“

„Hier?“ rief der Medizinalrath und sah den Justizrath bestürzt an. Aber
dessen Blicke hafteten auf Berger, hinter dessen Stuhl der Lohndiener
stand.

Berger war todtenbleich geworden, -- seine linke Hand stützte sich auf
den Tisch, als ob er im Begriff wäre aufzuspringen, und wild starrte er
in das ihm lächelnd zugedrehte Gesicht des Assessors.

„Merkwürdig, nicht wahr?“ nickte ihm dieser zu -- „und halb todt würden
Sie sich lachen, Berger, wenn Sie wüßten, wie wir dem Burschen auf die
Spur gekommen sind, -- denken Sie sich -- nur durch ein einfaches Loch
in der Hose, das ihm der kleine Hund gerissen, und das eine junge Dame
auf der Promenade bemerkt hatte.“

„Also haben Sie ihn gefangen?“ rief der Medizinalrath.

„Fest und sicher,“ lachte Berthus, -- „nicht wahr, Berger? eigentlich
ein verfluchter Streich, so dicht vor der Reise nach Westindien.“

Berger antwortete nicht, -- nur einen Blick warf er im Zimmer umher
-- kannte er doch jeden Fußbreit im ganzen Haus -- im nächsten Moment
sprang er auf, -- aber des Lohndieners Arme, auf den er gar nicht
geachtet, umschlangen ihn in demselben Augenblick, als Berthus eins der
Weingläser aufgriff und gegen die Thür schleuderte.

Wie mit einem Schlag öffneten sich die beiden in den Saal führenden
Thüren, aus deren jeder zwei Polizeibeamte sprangen und sich auf
den Verbrecher warfen. Ehe dieser im Stande war, den Lohndiener
abzuschütteln, sah er sich machtlos in den Händen der kräftigen
Burschen.

„Was soll das heißen?“ schrie Berger, heiser vor Wuth und Aufregung --
„diese Behandlung --“

„Fort mit ihm!“ rief aber Berthus rasch, „daß die Damen nichts davon
erfahren, wir folgen gleich nach. Ist die Droschke da?“

„Alles bereit, Herr Assessor.“

„Gut, fort mit ihm,“ und im Nu war der Gefangene aus der Thür
geschleppt, seinem Geschick entgegen.

„Aber, meine Herren!“ rief der Medizinalrath, wirklich entsetzt über
diese Behandlung seines Schwiegersohns von seinem Stuhl emporspringend,
„was soll das heißen? -- Herr von Berger --“

„Danke Du Gott! lieber Freund,“ rief aber der Professor, seinen Arm
erfassend, „daß Du und Deine Tochter einer großen und furchtbaren
Gefahr glücklich entgangen seid, ehe das Verderben über euch
hereingebrochen, -- das war der Mörder!“

„Aber ich begreife nicht --“

„Sie werden Alles begreifen, Herr Medizinalrath,“ sagte Berthus, dem
man keine Spur des getrunkenen Weins mehr ansah, ruhig, „sobald Sie nur
einen Blick in das Gewebe von Schamlosigkeit und Verbrechen thun, mit
dem jener Mensch Ihre Familie umsponnen hat.“

„Aber haben Sie wirklich feste, sichere Beweise?“ rief jetzt auch der
Justizrath, den Berthus viel zu wenig in sein Vorgehen eingeweiht
hatte, um Alles verstehen zu können.

„Die bringt uns dieser Herr,“ sagte der Assessor, als in diesem
Augenblick ein Aktuar des hiesigen Gerichts den Saal betrat; „aber ich
fürchte, daß wir die Gastlichkeit des Herrn Professors schon zu schwer
gemißbraucht haben, um seine stille Häuslichkeit noch länger mit dem
furchtbaren Ernst eines solchen Verbrechens zu stören. Ich bitte die
Herren, mir auf das Kriminalamt zu folgen.“

Der Professor wollte Einwendungen machen, aber Berthus selber drängte
fort. Den Damen mußte Alles ferngehalten werden, was sie ängstigen
oder betrüben konnte, und eine Polizeiuntersuchung paßte nicht in
die freundliche Wohnung des Privatmannes. Unterwegs aber erzählte er
den ihn begleitenden Herren, -- dem Medizinalrath erst die flüchtigen
Umrisse des Verdachts -- und dann die eigenen Maßregeln, die er
getroffen, um Gewißheit zu erlangen.

Er war allerdings mit eiserner Rücksichtslosigkeit vorgegangen, und
hatte auch wohl deßhalb das Wie? selbst dem Justizrath verschwiegen,
weil er dessen Opposition fürchtete. Während des Diners war Polizei in
Berger’s Wohnung gegangen, um die schon gepackten Koffer zu öffnen und
zu untersuchen -- aber das nicht allein -- sein Verdacht war auch auf
die alte Haushälterin des Medizinalraths gefallen, die er ungescheut
der Hehlerei mit dem Mörder anklagte und dadurch auch bei ihr, in der
nämlichen Zeit -- und während Paßwitz abwesend war -- eine Untersuchung
ihrer Kommode erzwang. Das Resultat berichtete jetzt der Aktuar.

Bei Berger hatten sich die untrüglichen Zeichen des Raubmords gefunden,
und zwar nicht allein in einer Anzahl Pretiosen, die der von Hoßburg
mitgekommene Juwelier als früheres Eigenthum der Ermordeten erkannte,
sondern auch in den Werthpapieren, die man zu einem sehr bedeutenden
Betrag bei ihm fand. Allerdings konnten die Nummern nicht mit
Gewißheit nachgewiesen werden, aber man wußte genau von dem hoßburger
Bankier, welche Coupons die alte Dame stets zur Einlösung gebracht, und
unter einem Verzeichniß der letztausgezahlten (von denen er natürlich
nicht mehr genau angeben konnte, von wem er sie bekommen,) fand sich
auch ein Theil dieser Nummern, -- waren also jedenfalls in Hoßburg
selber eingeliefert worden. Ebenso hatte man den Siegelring der alten
Dame in dem einen Koffer gefunden.

Die Untersuchung bei der Haushälterin konstatirte allerdings keine
direkte Hehlerschaft mit dem Mord, aber trotzdem fanden sich bei
ihr eine Masse von Sachen, die sie unter schweren Verdacht anderer
Diebstähle brachten. Verschiedenes Silbergeschirr -- manches sogar mit
des Medizinalraths Chiffre versehen, das man früher im Hause vermißt
hatte -- fand sich vor, -- silberne Löffel mit den verschiedensten
Buchstaben, auch einige werthvolle Schmucksachen, über deren Erwerb sie
nicht im Stande war, genügende Auskunft zu geben; kurz, die Nachsuchung
schien vollkommen berechtigt gewesen zu sein, so unangenehm sich der
Medizinalrath auch davon berührt fühlte.

Berger selber war durch das Plötzliche der Entdeckung in seiner
geträumten Sicherheit völlig gebrochen. Er wollte allerdings
Anfangs leugnen -- wollte trotzig auftreten, aber er fand bald,
daß es vergebens sei. Noch in der nämlichen Nacht machte er einen
Selbstmordversuch, wurde aber daran verhindert und gestand am nächsten
Morgen das begangene Verbrechen.

Und Klara? -- die erste Kunde von dem Verbrechen ihres Bräutigams
erschütterte sie furchtbar, aber Elisabeth wich nicht von ihrer Seite
und jetzt -- jetzt endlich gestand sie der Freundin, daß sie Berger
selber nie wirklich geliebt, und nur dem Drängen ihres Vaters und dem
Treiben und Bohren der alten Bella nachgegeben habe. In den letzten
Tagen besonders war ihr auch erst Berger’s spöttische Nichtachtung
ihres Vaters aufgefallen und hatte ihr weh -- recht weh gethan, aber
sie hielt sich durch ihr Wort gebunden, und deßhalb ihr scheues
Ausweichen Elisabeth’s Fragen gegenüber. Jetzt war sie frei.

Daß die Gefangennahme und Ueberführung Berger’s in der Stadt gewaltiges
Aufsehen machte, läßt sich denken, und sie bildete natürlich für eine
Zeit das Stadtgespräch. Der Verbrecher wurde aber auf Requisition der
hoßburger Gerichte dorthin ausgeliefert, und Medizinalrath Paßwitz,
der überhaupt die Absicht gehabt hatte, während der Abwesenheit seiner
Tochter eine Reise zu machen, verließ schon am nächsten Tag mit Klara
Bonn und ging nach England hinüber.

Berger wurde später, da ihm ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen
werden konnte, zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, aber
er ertrug die Schande nicht. Einen unbewachten Augenblick benutzend,
zerschnitt er sich mit einer Glasscheibe die Adern und war verblutet,
ehe man ihn fand und verbinden konnte.



Richter Black.

Californische Skizze.


Unmittelbar nach der Entdeckung des Californischen Goldreichthums,
während Alles diesem Eldorado noch zuströmte und der einzige Gedanke
der Reisenden war, das ersehnte Land nur so rasch als möglich zu
erreichen, wurden auch die verschiedensten Straßen aufgesucht, um
dies zu ermöglichen. Während eine Gesellschaft daran ging, die
Panamá-Landenge zu untersuchen und einen Durchstich oder eine Eisenbahn
in Angriff zu nehmen, warf sich eine andere nach Nicaragua und zögerte
auch nicht, kleine Dampfschiffe auf den See zu setzen. Zu gleicher
Zeit segelten zahllose Schiffe um Cap Horn, und riesige Caravanen
zogen durch die weiten Prairieen des amerikanischen Westens den
Felsengebirgen zu, um darüber hin ihre Bahn nach dem Goldland zu finden.

Die letztere Route schien aber die beschwerlichste und auch vielleicht
gefährlichste von allen, denn erreichten diese Züge nicht die andere
Seite der Berge noch in der guten Jahreszeit, so waren sie dem
furchtbaren Schnee der Felsengebirge preisgegeben; die Zugstiere fanden
kein Futter mehr und verhungerten an ihren Deichseln, während viele
Familien selbst in den Bergen zu Grunde gingen.

Allerdings war schon ein _Weg_ über die Landenge von Panamá
eröffnet -- Dampfboote liefen dorthin, und die Reisenden fuhren zuerst
den Chagresfluß hinauf, um dann auf Maulthieren durch die Sümpfe und
über die Höhen des Isthmus zu kommen; aber auch diese Passage bot noch
die unglaublichsten Schwierigkeiten, und die Amerikaner, die gar nicht
daran dachten, sich durch irgend etwas zurückhalten zu lassen, warfen
sich endlich, da die Schiffe doch nicht _Alle_ befördern konnten,
selbst nach Mexico, um quer durch das Land nach dem stillen Ocean zu
gelangen und dort eine Schiffsgelegenheit zu suchen.

Das Klima der mexikanischen Hochebenen war dabei gesund, und nicht
todbringend wie das der Chagressümpfe. Man konnte dort ebenfalls (was
auf Panamá der Masse der Reisenden wegen häufig _nicht_ der Fall
war) Maulthiere bekommen, soviel man brauchte, und hätte man wirklich
auf der andern Seite kein Schiff gefunden, so blieb der Weg, an der
Küste hinauf, bis zum nächsten Hafen nicht so entsetzlich weit, um
davor zurückzuschrecken.

Zahlreiche amerikanische Gesellschaften zogen deshalb die Reise nach
Californien über Vera-Cruz, das sich außerdem leicht von New-Orleans
aus erreichen ließ, den übrigen Routen vor und wie sie dort erst einmal
die Bahn gebrochen, folgten auch von Californien nach den Staaten
zurückkehrende glückliche Goldwäscher den nämlichen Fährten.

Nun gab es allerdings in Mexico eine Menge Gesindel -- denn Raubanfälle
auf offener Landstraße gehörten keineswegs zu den Seltenheiten;
die kleinen Caravanen waren aber auch gewöhnlich gut mit Waffen
versehen und konnten derartige Strauchdiebe leicht von sich abhalten.
Schwerer freilich wurde es den verhältnißmäßig kleinen Trupps, die
von Californien selber zurückkehrten, und die Räuber fanden auch bald
heraus, daß sich ein Angriff auf diese besser lohne.

Die aus den Staaten kommenden Reisenden führten gewöhnlich Nichts bei
sich, als ihr dürftiges Reisegeld. Weit anders war es dagegen mit
den „Californiern“ bestellt, die nicht selten schwere, mit Goldstaub
gefüllte Katzen um den Leib geschnallt trugen, und so häufig wurden
zuletzt die Angriffe auf diese, daß sich die Regierung genöthigt sah
Militär aufzubieten, um die Straße doch so viel als irgend möglich zu
sichern. Uebrigens verbreitete sich sehr bald das Gerücht, daß es nicht
blos Mexikaner seien, welche hier am Weg den goldbeladenen Wanderern
auflauerten, sondern daß sich, besonders in letzter Zeit, auch viele
eingeborene Amerikaner dieses Geschäfts angenommen hätten und --
allerdings in mexikanischer Tracht, um den Verdacht und die Verfolgung
von sich abzulenken -- die kecksten Raubanfälle ausführten.

Das Nämliche hatte schon auf der Landenge von Panamá begonnen, jetzt
pflanzten sich auch die Banden nach Mexico hinüber und setzten die
Reisenden besonders durch die vielen dabei verübten Mordthaten in Angst
und Schrecken. Die Mexikaner selber hatten früher wohl auch ihre Opfer
überfallen und geplündert, aber nur in einzelnen seltenen Fällen Blut
vergossen; jetzt aber schienen rauhere, erbarmungslosere Hände bei der
Arbeit beschäftigt zu sein, und der Angriff auf kleine Caravanen oder
einzelne Reisende geschah nicht mehr mit einer Aufforderung, sich zu
ergeben, sondern Revolver und Büchsenschüsse warfen die Unglücklichen
von ihren Thieren hinab, und der fast stets zu spät eintreffenden
Polizei blieb es dann überlassen, die aufgefundenen Leichen zu
begraben.

Ein paar Mal hatten sich die Ueberfallenen allerdings mit Erfolg zur
Wehr gesetzt und den Angriff abgeschlagen, auch einige der Räuber
dabei getödtet, wonach es sich denn stets herausstellte, daß sie
zur verworfensten Klasse der menschlichen Gesellschaft, zu der der
amerikanischen professionirten Spieler gehörten, denn sie trugen außer
ihren Revolvern und Bowiemessern auch noch regelmäßig ihre falschen
Karten bei sich, für welche in den Vereinigten Staaten besondere
Fabriken bestehen, die sie zu Tausenden fertigen. Aber die Race starb
nicht aus, und obgleich sich diese Bursche mit betrügerischem Spiel ihr
Geld wohl auch leicht und rasch verdienten, schien es ihnen doch hier
noch rascher zu gehen, wo sie die californischen Goldgräber gleich von
der Quelle fort „pflücken“ konnten, wie sie es nannten.

Die Kunde über diese, schnell einander folgenden Verbrechen drang
auch bald nach Californien hinauf, und Viele, die sich mit schwerer
Arbeit ein Vermögen erworben, oder doch eine hübsche Summe von Gold
zusammengebracht, scheuten sich jetzt der Gefahr entgegen zu gehen,
das Alles -- noch vielleicht mit dem Leben -- auf einer mexikanischen
Landreise wieder einzubüßen. Wo sie deshalb nur Schiffsgelegenheit um
Cap Horn erhalten konnten, zogen sie den allerdings viel weiteren aber
auch sicheren Weg vor, und das Geschäft in Mexiko wurde dadurch flauer.

Alle konnten aber freilich nicht auf Schiffen befördert werden, denn
gerade in damaliger Zeit verließen noch sehr wenige Fahrzeuge die Häfen
wieder, da ihnen meistens die Matrosen in die Minen desertirten und
neue Mannschaften nicht so rasch aufzutreiben waren. Wer allerdings
seine Zeit abwarten wollte, durfte auch darauf rechnen Gelegenheit zu
finden, aber die heimkehrenden Leute besaßen selten so viel Geduld,
und so fanden sich denn auch selbst jetzt noch kleine Trupps zu den
abenteuerlichsten Zügen zusammen, die bald durch Neu-Mexiko, bald auch
über Acapulco das atlantische Meer zu erreichen suchten, und, bis an
die Zähne bewaffnet, einem feindlichen oder räuberischen Angriff Trotz
boten.

Im Herbst des Jahres 1849 hatten sich solcher Art ebenfalls sechs
junge Amerikaner mit einem kleinen Küstenfahrzeug nach Acapulco
eingeschifft, und obgleich sie dort gewarnt wurden, ihre Reise nicht
gleich fortzusetzen, da gerade in letzterer Zeit wieder viele Raubmorde
stattgefunden, während in den nächsten Tagen eine Militärpatrouille
eintreffen mußte, die ihnen dann völlige Sicherheit bot, wollten sie
doch nicht hören, sondern mietheten sich Maulthiere und einen Führer
und traten ihren Marsch dann ohne Weiteres an.

An der Küste selber war der Weg außerordentlich belebt. Ueberall dicht
an der Straße oder in kurzer Entfernung davon lagen bald größere, bald
kleinere Ranchos, und Maulthier- und Eselzüge, welche ihre Lasten
in die Hafenstadt brachten, begegneten ihnen fast ununterbrochen;
ein klarer, sonniger Himmel spannte sich dabei über sie aus, und die
Seebrise kühlte die Luft so herrlich ab, daß sie ihre Thiere ganz
tüchtig konnten austraben lassen. Sie waren auch vortrefflicher Laune,
denn Californien hatte -- was in der That nur wenige weiter von sich
sagen konnten -- ihre Erwartungen fast übertroffen, indem ihr gutes
Glück sie gleich von allem Anfang an so reichhaltige Stellen finden
ließ, daß sie schon, nach kaum sechsmonatlicher Arbeit, an den Heimweg
denken konnten. Und die Gefahren der Reise? Bah! sie waren ihrer Sechs,
Alle gut mit Revolvern und Messern bewaffnet, dabei kräftig, jung
und gewandt. Da hätte schon ein starker Trupp Räuber dazu gehört, um
sie mit Erfolg angreifen zu können und nicht mehr Blei als Gold zu
bekommen. Sie würden auch wahrlich gar nicht mehr an die in Acapulco so
zahlreich gehörten Räuber- und Mordgeschichten gedacht haben, hätte
sie ihr Führer nicht immer und immer wieder auf’s Neue daran erinnert.

So schwer es im Anfang gewesen war, ihn zu dem Transport ihrer selbst
und ihrer Sachen zu bewegen, so unsicher schien er sich jetzt zu
fühlen, da sie weiter in das Land hineinrückten und die Straße einsamer
und öder wurde. Eine Schreckensgeschichte nach der anderen erzählte
er dabei von verübten Gräuelthaten, bis sich ihm selber die Haare auf
dem Kopfe sträubten, und er würde die jungen Amerikaner vielleicht
ebenfalls zu fürchten gemacht haben, hätten sie nur die Hälfte von dem,
was er ihnen vorjammerte, verstanden. So aber, des Spanischen wenig
mächtig, kümmerte sie die Schilderung dieser ungesetzlichen Handlungen
nur sehr wenig, und erst als sie etwas weiter in die öde genug
aussehenden Küstenberge hineinrückten, fingen sie an stiller zu werden
und etwas mehr auf den Weg zu passen.

Die Scenerie war hier nichts weniger als freundlich und die
Höhen der Kuppen lagen ziemlich kahl, nur mit einer Unmasse der
verschiedenartigsten Kaktus- und aloëartigen Pflanzen bedeckt. Neigte
sich der Weg aber in ein Thal hinab, so daß er in die Nähe irgend
eines Baches kam, so zeigte sich niederes Gebüsch mit Weiden und
lorbeerartigen Bäumen, das oft feste Dickichte bildete. Unangenehm
blieb dabei, daß man nie eine längere Wegstrecke übersehen konnte,
da die Straße fortwährend Biegungen machte, und allerdings bot eine
derartige Gegend einem gesetzlosen Treiben den größten Vorschub.

Stieg man auf eine Höhe hinauf, so öffneten sich freilich die Büsche
und der Blick konnte frei nach rechts und links hinüberstreifen, aber
derartige Strecken dauerten nie lange, und enge Schluchten folgten dann
wieder, in die man hinabsteigen, oder darin aufklettern mußte.

Hier begegneten sie nur selten einem Trupp Arrieros, die ihre beladenen
Thiere der Hafenstadt zutrieben, und machten endlich in einem einzelnen
Rancho Halt, wo sie aber schon einen Fremden einquartirt fanden.

Es war allem Anscheine nach ein Mexikaner, mit sonngebranntem Gesicht,
schwarzem krausem Haar und Bart und dunklen, lebendigen Augen, aber
dann auch jedenfalls der _reicheren_ Klasse angehörend, denn er
trug eine der feinsten, dort gebräuchlichen Serapes (der Poncho der
Süd-Amerikaner) mit Goldfäden durchwirkt und von prachtvoller Weberei,
die an den Seiten offenen Sammethosen mit silbernen Knöpfen besetzt,
und eben solche Knöpfe an den Aermeln seiner kurzen Jacke, die
manchmal sichtbar wurde, wenn er mit dem Arm unter dem Ueberwurf heraus
kam, um das vor ihm stehende Glas mit Wein an die Lippen zu heben.
Ein Panamá-Hut vom feinsten Geflecht lag neben ihm auf dem Tisch und
seine gestickten Unterbeinkleider, die durch den Schlitz der oberen
Hosen sichtbar waren, zeigten, daß er nicht allein den besten Stoff
dazu gewählt, sondern auch auf Sauberkeit hielt. Selbst der kleine,
zierliche, in Glanzlederstiefeln steckende Fuß paßte zu dem Allem und
die nicht sehr großen, hübsch geformten Sporen von dunkler Bronce, die
er dazu trug, hatten kleine Kugeln am Radträger befestigt, daß sie bei
jeder Bewegung des Beins ein klingendes Getön gaben.

Sein Antlitz sah eher ernst als freundlich aus und um die Lippen
spielte sogar, so weit es der Bart erkennen ließ, ein etwas spöttischer
Zug, was aber auch wohl von einer schmalen Narbe herrühren konnte, die
sich dort in den Bart, nach dem Mundwinkel zu, hineinzog.

Als die Fremden den offenen Rancho, in welchem sie übernachten wollten,
betraten und mit einem ~buenos Dias~ grüßten, neigte er leicht und
freundlich das Haupt, ohne ein Wort zu sagen, strich sich dann mit der
feinen weißen Hand, an der ein großer Brillantring funkelte, den Bart
bei Seite, und leerte das vor ihm stehende Glas.

Der Mexikaner indessen brachte den neuen Gästen ebenfalls Wein, mit
dem besonders Peru und Chile die Westküste versehen, und versprach
ihnen ein Abendbrod nach besten Kräften herzurichten. Viel gäbe es
freilich nicht, wie er meinte, da die Passage auf der Straße im letzten
Monat so stark gewesen und besonders erst gestern eine Abtheilung von
Polizeisoldaten seinen Rancho verlassen habe, die hier acht Tage auf
der Lauer gelegen, um ein paar berüchtigte Straßenräuber abzufassen.
Uebrigens wolle er sehen, was er noch zusammenbringe, die Señores
sollten schon zufrieden sein.

Die jungen Amerikaner machten in der That keine großen Ansprüche, und
von dem warmen Ritt heute erschöpft verlangten sie viel eher nach
einem kühlen Trunk, als nach anderen Lebensmitteln. Der Wein war
aber vortrefflich und mundete ihnen ausgezeichnet, und die jungen
Leute fühlten sich bald von dem ungewohnten Genuß erregt, und lachten
und plauderten zusammen, ohne sich viel um den fremden „Señor“ zu
bekümmern; verstand er ja doch ihre Sprache nicht, und sie die seine
nur so unvollkommen, um eine wirkliche Unterhaltung unmöglich zu
machen.

Natürlich interessirte sie aber dabei das besonders, was sie von
der Polizeimacht gehört, denn es stand mit ihrer ferneren Reise
in Verbindung und schien allerdings die Unsicherheit des Weges zu
bestätigen. Sie erkundigten sich auch genau nach der Richtung, welche
die Patrouille genommen, da _sie_ ihr auf dem Wege nicht begegnet
waren, und ob man in letzter Zeit etwas von neuen Raubanfällen auf der
Straße gehört habe.

„~Quien sabe, Señores~,“ sagte der Wirth achselzuckend und
mit einem vorsichtigen Blick auf seine bewaffneten Gäste, denn die
Mexikaner waren unter sich schon lange darüber einig, daß die meisten
dieser Raubanfälle jedenfalls von den Fremden selber ausgingen, und
wer bürgte ihm dafür, daß er es hier nicht gerade mit einer solchen
Gesellschaft zu thun hatte -- weshalb erkundigten sie sich auch so
eifrig nach der Polizei. -- „Manche von den erzählten Geschichten ist
wohl übertrieben und Caballeros, die so gut bewaffnet sind wie Sie
selber, haben gewiß nicht das Geringste unterwegs zu fürchten.“

„Fürchten? Ach, wir fürchten auch nichts,“ lachte Einer der jungen
Burschen, „und was wir sauer verdient haben, werden wir auch schon
vertheidigen. Die Polizei muß aber den nämlichen Weg eingeschlagen
haben, den _wir_ gehen, sonst wären wir ihr doch unterwegs
begegnet.“

„~Quien sabe~,“ erwiderte der Wirth auf’s Neue -- „manchmal reiten
die Herren auch nur eine Strecke in die Chaparal hinein, um bald an
dieser, bald an jener Seite wieder aufzutauchen. Sie wollen natürlich
nicht, daß man gewisse Kunde von ihnen erhält, wo sie sich befinden.“

Der Señor in der bunten Serape hatte dem Gespräch anscheinend
vollkommen theilnahmlos zugehört, und dabei eine der kleinen
Papiercigarren geraucht, die er sich selber drehte; jetzt warf er den
Stumpf weg, hob noch einmal das wieder gefüllte Glas an seine Lippen
und sagte dann, aber im reinsten Amerikanisch, daß sich die Reisenden
überrascht nach ihm umsahen:

„Die Straßen hier in Mexiko, Landsleute, sind eben so sicher, wie bei
uns daheim, und die Wenigen, die darauf beraubt wurden, hatten es sich
gewiß in den meisten Fällen selber zuzuschreiben.“

„Alle Teufel, Ihr seid ein Amerikaner? Ich hielt Euch für einen der
Señores aus dem Land hier,“ rief ein junger Illinoiser.

„Ich gehöre auch zu denen,“ lächelte der Fremde, „wenn ich freilich
in Amerika geboren bin. Ich habe, eine Estancia in der Nähe von
Puebla, wo ich mich nach dem Krieg niederließ und eine Landestochter
heirathete. Deshalb darf ich mich auch wohl jetzt als Mexikaner
betrachten.“

„Und wo geht Ihr jetzt hin, Fremder?“ fragte ein Anderer, „nach
Acapulco?“

„Nein, ich komme von daher, und bin gerade im Begriff, nach Hause
zurückzukehren.“

„Dann haben wir ja einen Weg, wie? und können zusammenreiten?“

„Gewiß, die Gesellschaft wäre mir allerdings willkommen,“ lächelte
der mexikanisirte Amerikaner, „denn allein ist immer ein einsames und
monotones Reisen.“

„Hurrah!“ lachte ein Anderer, „dann hat unsere kleine Truppe auch
wieder Unterstützung bekommen, und Ihr könnt uns unterwegs auch
dolmetschen, denn das verdammte Gibberich bricht mir bald die Zunge ab.“

„Mit dem größten Vergnügen,“ lächelte der Fremde, „wenn die Gentlemen
mit meiner Gesellschaft zufrieden sind.“

„Zufrieden? ~caracho!~“ lachte ein langer Hoosier aus Indiana, und
es war dies das einzige und jedenfalls auch gleich das schlechteste
Wort, das er aus der ganzen spanischen Sprache gelernt hatte; „sehr
vergnügt sind wir darüber, Mate. Aber weshalb sitzt Ihr da noch an
Eurem Tisch so allein? Rückt doch mit Eurem Wein zu uns herüber es ist
gemüthlicher.“

Der fremde Landsmann ließ sich nicht lange bitten; mit großer
Höflichkeit aber, die er sich jedenfalls unter den „Spaniolen“
angewöhnt haben mußte, denn den jungen Amerikanern war das förmliche
Wesen vollkommen fremd, nahm er Flasche und Glas zu den Uebrigen
hinüber und setzte sich mit den Worten „mit Eurer Erlaubniß, Señores,“
zu ihnen an den Tisch.

Das Gespräch wurde jetzt allgemein und erstreckte sich besonders auf
das Land selber, das sie eben durchreisen wollten, und das ihr neu
gewonnener Freund natürlich genau kennen mußte; gab er ihnen doch auch
in der That jede nur gewünschte Auskunft.

„Und war er selber noch nicht in Californien gewesen?“

„Lieber Gott,“ schmunzelte er, „die Verführung ist allerdings groß
genug, denn wenn man fast alle Tage arme Teufel dort hinüberpilgern,
und dann mit goldgefüllten Beuteln zurückkehren sieht, prickelt’s
Einem ordentlich in den Füßen und man möchte wohl selber einmal das
fabelhafte Eldorado besuchen, aber -- wer kann wider sein Schicksal
ankämpfen. Wenn man erst selber Frau und Kinder hat, verbieten sich
solche Reisen schon allein. Sollten Sie übrigens den kleinen Abstecher
nicht scheuen und mir die Freude machen, mich auf meiner kleinen
Hacienda zu besuchen, so würden Sie mir selber zugestehen müssen, daß
ich nicht gut thun würde, ein solches Paradies zu verlassen, um in
einem fremden, unwirthlichen Lande nach Gold zu graben.“ Er hatte, wie
er hinzusetzte, sein Gold hier in Mexiko gefunden, und gäbe es nicht um
alle Minen der ganzen Welt.

Es war indessen spät geworden, und die Leute suchten endlich ihr
Lager, von dem sie aber schon mit Tagesanbruch ihr neu gefundener
Reisegefährte weckte, da er ihnen die Morgenkühle als die beste und
bequemste Zeit zu einem langen Ritte anrieth.

Es dauerte auch nicht lange, so waren die jungen Leute wieder im
Sattel und bemerkten jetzt, daß ihr neu gefundener Landsmann einen
prachtvollen schwarzen Rappen ritt, dessen Zaum und Sattelzeug mit
Silber ordentlich bedeckt war. Es mußte jedenfalls ein sehr reicher und
hier in Mexiko auch wohl vornehmer Herr sein; der Wirth war wenigstens
außerordentlich devot gegen ihn, und sprang, als er in den Sattel
steigen wollte, selber hinaus an sein Thier, um ihm den Steigbügel zu
halten.

Und wie verstand er das feurige Pferd zu bändigen und zu regieren; es
war eine ordentliche Freude, ihn da oben, auf dem ungeduldig tanzenden
und courbettirenden Thier sitzen zu sehen. Es kostete ihm auch Mühe,
das rastlose Roß der weit ruhigeren Gangart der Maulthiere anzupassen,
und anfangs mußte er ihm in der That ein paar Mal den Zügel lassen, daß
es wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil mit ihm über die Straße
dahin flog und das silberne Gebiß, wenn wieder eingezügelt, mit Schaum
bedeckte. Endlich aber hatte es doch ausgetobt, oder der Reiter ließ
ihm vielmehr nicht länger seinen freien Willen, daß es sich jetzt,
geduldig wie ein Lamm, ihm fügte. Aber auch die Maulthiere waren durch
die Gesellschaft des lebendigen Kameraden angeregt, und trabten weit
rascher aus, als sie es gestern gethan, so daß sie ziemlich schnell von
der Stelle rückten.

Der Fremde schien sich dabei aber, während er ihnen am vorigen Abend
Alles bereitwillig erzählt, was er selber von Mexiko wußte, heute so
viel mehr für Californien zu interessiren, und ließ sich ununterbrochen
von dort erzählen. Besonders neugierig war er auf die Art der
Minenarbeiten und was wohl ein Mann dort verdienen könne -- was sie z.
B. dort verdient hätten, und ob es denn wirklich so harte und schwere
Arbeit wäre.

Die jungen Burschen plauderten auch von der Leber weg. Ihr Landsmann
in seinem prachtvollen fremdländischen Aufzug hatte ihnen imponirt;
seine cordiale und doch so höfliche Weise, mit ihnen umzugehen, bestach
sie noch mehr, und kaum zwei Stunden mochten sie unterwegs sein, als
sie ihm Alles anvertraut hatten, was sie selber wußten, ja ihn sogar
um Rath für ihr künftiges Leben fragten: Was sie nämlich mit dem
gewonnenen Golde anfangen sollten, und ob er es nicht am Ende für
rathsam hielt, daß sie gar nicht gleich nach den Staaten zurückkehren,
sondern lieber hier in Mexiko irgend etwas beginnen sollten.

Er hielt das allerdings einer weiteren Ueberlegung werth, mußte aber
freilich dazu wissen, was ihre eigentlichen Beschäftigungen waren;
und wie viel Mittel sie in Händen hielten. Das auch theilten sie ihm
aufrichtig mit, und er lud sie jetzt nochmals ein, sämmtlich einmal ein
paar Tage auf seiner Hacienda zuzubringen, und sich das Farmerleben
Mexiko’s erst ordentlich anzusehen; nachher könnten sie ja so viel
leichter einen allerdings wichtigen Entschluß über ihre künftigen Pläne
fassen.

Das war eine neue Aussicht für das junge Volk, denn wenn ihnen auch die
bisher gesehene Scenerie nicht besonders gefiel, so gab ihnen doch der
Fremde, der sich kurzweg Brown nannte, eine so glühende Schilderung
von dem inneren Land und seinen Schönheiten, von der Leichtigkeit, mit
der man hier sein Fortkommen finden und Geld verdienen könne, von den
liebenswürdigen Eigenschaften der spanischen Race und von den reizenden
Mädchen, die sie überall treffen würden, und die eine besondere
Vorliebe für estrangeros hätten, daß sie schon halb und halb mit sich
einig waren, ehe sie nur einmal den Hauptplatz gesehen, dies Land auch
nicht so rasch wieder zu verlassen, als es Anfangs ihre Absicht gewesen.

So mochten sie etwa vier Stunden mitsammen geritten sein, und die Sonne
fing schon an ziemlich scharf auf ihre Köpfe niederzubrennen, als sie
eine kleine schattige Thalschlucht erreichten, durch welche ein klarer,
murmelnder Quell rieselte. Ein einladenderer Platz zu einem Haltepunkt
hatte sich noch nicht auf der ganzen Reise geboten, und Browns
Vorschlag, hier von den mitgenommenen Provisionen zu frühstücken, wurde
mit Jubel begrüßt.

Die Stelle selber schien auch eine gewöhnliche Station für des Weges
kommende Wanderer zu sein, denn an verschiedenen Orten bemerkten
sie die Feuerplätze anderer Caravanen, die sich bald da, bald dort
im Grünen niedergelassen und im Schatten der dichten Lorbeerbüsche
die heiße Mittagszeit verträumt haben mochten. Es wurde deshalb
augenblicklich Halt gemacht, und während die Amerikaner ihre Reise-
oder Satteltaschen, in welchen sich die erworbenen Schätze befanden,
zusammentrugen und auf einen Haufen legten, entzündete der Eigenthümer
der Maulthiere, der auch für diese unterwegs zu sorgen hatte, rasch
ein Feuer und nahm dann seinen Thieren Sattel und Gebiß ab, damit sie
selber in dem saftigen Gras weiden konnten.

Dort, auf dem weichen Rasen, wurde nun ausgepackt, was Jeder
mitgebracht hatte, und Brown selber holte aus seinen Satteltaschen
ein paar Flaschen alten Brandy hervor, den die jungen Leute mit Jubel
begrüßten. Sie sprachen auch dem Brandy wacker zu, und achteten gar
nicht darauf, daß ihr neuer Bekannter, der seinen eigenen silbernen
Becher bei sich führte, sich selber nur zum Schein einschenkte und so
that, als ob er tränke; wie hätten sie ihn auch irgend einer tückischen
Handlung für fähig halten sollen.

Während sie noch so lagen und lachten und erzählten, kam ein Reiter
vorübergesprengt -- ein Mexikaner -- zügelte einen Augenblick sein
Pferd ein und nickte lachend, als Brown ihm einen Schluck „~agua
ardiente~“ bot. Der Amerikaner ging auch selber zu ihm hinüber und
reichte es ihm auf’s Pferd und der Bursche hob es dankend an die Lippen.

„Alle bereit?“ flüsterte er ihm aber dabei mit leiser Stimme zu.

„Alle, Señor,“ sagte der Mexikaner, indem er den Becher zurückgab,
und dann, als ob er selber keine Zeit habe, sich aufzuhalten, setzte
er seinem Pferde wieder die Sporen ein und verfolgte seinen Weg nach
Acapulco zu.

Den Amerikanern wurden die Augen schwer; die Sonne brannte gar so
sehr; der Brandy war so stark gewesen -- die ungewohnte Anstrengung,
auch das monotone Rauschen des kleinen Bergwassers: -- sie fingen
an einzuschlafen. -- Der Arriero war drinnen im Busch bei seinen
Maulthieren, da sich die Thiere mehr und mehr in das Dickicht gezogen
hatten. -- Nur das Pferd des Fremden stand gleich unterhalb der Stelle,
an der sie lagerten, den Zügel übergehangen, unmittelbar am Bach, um
dort das süße Gras abzuweiden.

Durch die Büsche schlichen eine Anzahl dunkler Gestalten -- vorsichtig
und leise, und jedes Geräusch, jedes Knacken eines dürren Zweiges
ängstlich vermeidend. Der Amerikaner Brown stand, seine Serape
jetzt über die rechte Schulter zurückgeschlagen, einen gespannten
sechsläufigen Revolver in der Hand, mitten zwischen den Schläfern. Die
unheimlichen Gestalten krochen in’s Freie -- es waren meist dunkle,
mexikanische Gesichter, aber Einzelne auch von lichterer Farbe, und
vielleicht einem andern Land angehörend -- zwischen ihnen der nämliche
Bursche, der vorher den Platz passirt hatte. Wie Geister glitten sie
aus dem Dickicht hervor -- es waren acht Männer -- Brown winkte sie zu
den vier Amerikanern hin, die etwas abseit lagen, und sagte dann mit
ruhiger, fast tonloser Stimme:

„An die Arbeit, meine Burschen!“

Zu gleicher Zeit bog er sich zu den beiden, ihm nächsten Schläfern
nieder, und rasch nach einander krachten zwei kurze, scharfe
Revolverschüsse durch den stillen Wald, jede Kugel das Hirn eines der
Unglücklichen zerschmetternd -- der Dritte sprang erschreckt empor
-- Brown feuerte auch auf ihn, aber fehlte. Der arme Teufel, das
Entsetzliche seiner Lage ahnend, aber noch immer nicht begreifend,
suchte nach der eigenen Waffe, da trafen ihn rasch hinter einander zwei
Kugeln, und er brach stöhnend in seine Kniee.

Indessen hatten sich die Räuber auf die anderen drei geworfen, die sie
aber kaum im Stande waren zu bezwingen, bis der Fremde auch mit seiner
letzten Kugel den Schädel des Einen zerschmetterte. Die anderen Beiden
warfen sie, in ihrer Uebermacht, zurück auf den Boden und hielten sie
dort.

„Jetzt fort mit den Satteltaschen, zwei von Euch,“ sagte Brown, indem
er kaltblütig daran ging, seinen Revolver wieder zu laden, „schafft sie
in den Busch, wenn wir etwa gestört werden sollten. Sind Eure Thiere
bereit?“

„~Si, Señor~ -- Alles in Ordnung,“ lachten die Burschen.

„Mörderische Bestie!“ schrie da der lange Indiana-Mann, indem er sich
unter dem Griff der Mexikaner wand -- „nichtswürdiger Hund von einem
Dieb! war das Deine Freundschaft? bist Du ein Amerikaner?“

„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Gentleman,“ sagte der Mörder
mit furchtbarer Ruhe, „ich habe gleich wieder geladen und werde Sie
dann ebenfalls bedienen. -- Fort mit den Taschen, ihr Burschen, haut
den Gesellen indeß ein paar über den Kopf, damit sie ruhig liegen --
ich fertige sie nachher ab.“

Diesem Befehl wurde blitzschnell gehorcht und ein paar Säbelhiebe
trafen die so schon Wehrlosen, daß sie betäubt zusammen brachen. Im Nu
hatten die Räuber dann die werthvollen Taschen aufgegriffen und sonst
auch noch die Erschlagenen bis auf das Letzte geplündert, als plötzlich
Hufgeklapper auf der Straße laut wurde.

„Alle Teufel!“ brummte der Amerikaner vor sich hin, „sollten wir Besuch
bekommen? Fort mit Euch in Euer Versteck -- und verpaßt nicht, den Pfad
zu decken -- fort.“

Scheu und erschreckt glitten die Räuber in das Dickicht, um den Raub
zu bergen, und Brown, von seinen Opfern forttretend, ging ein paar
Schritt auf der Straße hinaus, um die nächste Biegung derselben besser
übersehen und hinaushorchen zu können. Aber sein scharfes Ohr hatte ihn
nicht getäuscht -- in voller Carriere sprengte ein Trupp mexikanischer
Uhlanen die Straße entlang -- gerade auf die Stelle zu.

„Teufel!“ rief Brown ingrimmig, zwischen den zusammengebissenen Zähnen
durch, aber es blieb ihm auch keine Secunde zum Ueberlegen. Mit zwei
Sätzen war er neben seinem Pferde und hatte dort wahrlich kaum Zeit,
ihm nur die Zügel überzuwerfen. Die Hufe donnerten heran -- die am
besten berittenen Cavalleristen hatten schon fast den Platz erreicht,
als er, im Sattel, auf die Lichtung sprengte. Wie unwillkürlich hob er
dabei den Revolver, um ihn auf die Feinde abzufeuern, aber das Nutzlose
eines solchen Angriffs im Nu fühlend, warf er sein wackeres Thier
herum, und wie es nur die Sporen fühlte, flog es auch wie ein Pfeil die
Straße hinab.

„Halt! Caracho!“ hörte er die Schreie hinter sich, und die Uhlanen, in
dem Flüchtigen mit Recht einen der gesuchten Räuber vermuthend, trieben
ihre Thiere in wildem, jubelndem Ingrimm hinter ihm drein -- wie hätte
ihnen Jemand zu Pferd entgehen können. -- Aber dem Rappen waren sie
trotzdem nicht gewachsen. Anfangs schien es zwar, als ob sie gleiche
Distance mit ihm hielten, ja an ihr gewönnen, denn Brown hatte sein
Thier absichtlich eingezügelt, um sie in dieser Meinung zu halten,
und seinen Helfershelfern so viel mehr Zeit zu gönnen, sich aus dem
Bereich jeder Entdeckung zu bringen. Wie er aber nur erst einmal die
Entfernung für groß genug hielt, ließ er dem Rappen den Zügel, und mit
Gedankenschnelle trug ihn das flüchtige Roß aus dem Bereich der Feinde.

Damit freilich erreichte er, was er gewollt. Die größte Zahl des aus
zwanzig Mann bestehenden Uhlanentrupps hatte der Versuchung nicht
widerstehen können, den gebotenen Wettlauf anzunehmen, und erst als
sie das völlig Nutzlose einer weiteren Verfolgung sahen, warfen sie
fluchend ihre erschöpften Thiere herum und galoppirten langsam den
eben so rasch verfolgten Weg zurück, um sich den Kameraden wieder
anzuschließen. Der Offizier der Truppe zügelte aber, mit fünf und sechs
der Seinen, als er den Schauplatz des Blutbades erreichte, sein Pferd
ein und war aus dem Sattel gesprungen, um die Ermordeten zu besichtigen
und zu sehen, ob sich von da keine weiteren Spuren fänden.

Er ließ auch seine Leute, ohne sich erst lange bei den Todten
aufzuhalten, augenblicklich absitzen und den Busch nach allen Seiten
durchstreifen, und dort entdeckten sie allerdings bald einen betretenen
Pfad, der in den Wald hineinführte, gerade aber wo er in das Dickicht
mündete, war ein riesiger Kaktusstamm -- allerdings frisch abgehauen,
mitten hineingeworfen, und bis sie den zerhacken und aus dem Weg ziehen
konnten, da sie nicht wagen durften, mit den Händen in die langen
Stacheln zu greifen, verging viel Zeit.

Die zurückkehrenden Uhlanen wurden nun freilich beordert, den
aufgefundenen Fährten ohne Weiteres zu folgen, um doch wenigstens
Einen oder den Anderen der Bande zu fassen und ihn nachher zu einem
Geständniß zu bringen, aber alle ihre Mühe war umsonst. Gar nicht weit
von dort zweigte der Pfad wieder, einen Hügel hinanlaufend, in die
dichte Chaparal aus; dabei war der Boden dort zu hart und steinig, um
noch eine Spur erkennen zu können, und als sich auch die Sonne mehr
und mehr dem Horizont neigte, mußten sie endlich die Verfolgung der
Verbrecher aufgeben.

Der Offizier hatte indessen die blutenden Körper aufheben und
untersuchen lassen, auch von dem nun herbeikommenden Arriero das
Nähere über die Unglücklichen erfahren und eine genaue Beschreibung
des Fremden erhalten, der sich ihnen zugesellte. Und _dem_ gerade
war er auf der Spur gewesen, denn von einem Streifzug mit den Seinen
zu dem Rancho zurückkehrend, wo die Amerikaner übernachtet, hörte er
schon von dem Wirth dort, der ihn wahrscheinlich genauer kannte, als
er eingestehen mochte, welchen gefährlichen Reisebegleiter die Fremden
gefunden, und war ihnen dann mit den Seinen, so rasch sie die Pferde
trugen -- gefolgt -- leider aber auch zu spät eingetroffen, um die
Unthat und den Raub zu verhindern.

Uebrigens zeigten sich noch bei Zweien der Armen Spuren einer
Lebensthätigkeit. Vier waren rettungslos verloren; drei hatten die
Schußwunde gerade durch das Hirn erhalten, und der Vierte eine Kugel
durch die Lunge, eine andere durch die Kehle. Er röchelte allerdings
noch, als der Offizier zu ihm trat, aber es war auch das letzte
Lebenszeichen gewesen, das er gab. Im nächsten Augenblick streckte er
sich aus -- ein Zittern flog über seinen Körper -- er war todt.

Zwei aber hatten nur Säbelhiebe über den Kopf bekommen, und wenn auch
die Wunden bös genug aussahen, war doch Hoffnung da, sie vielleicht
wieder herzustellen. Der Offizier sorgte auch wirklich auf das
Wackerste für sie. Acht von seinen Uhlanen mußten absitzen und zwei
Tragbahren herrichten, zwischen deren Stangen ein bequemes Lager durch
die Satteldecken hergerichtet wurde. So trug man sie dem nächsten
Rancho zu. Bei den Leichen sollte der Arriero zurückbleiben, bis Leute
mit Werkzeug hingesandt werden konnten, um sie an Ort und Stelle zu
beerdigen. Was hätte es genützt, die Cadaver noch zu transportiren.

Lange lagen die beiden armen Teufel -- der Indiana-Mann und sein
Freund, der Illinoiser -- auch zwischen Leben und Sterben, auf das
Sorglichste aber von den gutmüthigen Mexikanern gepflegt. Besonders
der Erstere, Hudson, ein junger, kräftiger Gesell, phantasirte Wochen
hindurch im heftigsten Wundfieber und es mußte Hülfe vom nächsten
Rancho herbeigeholt werden, um ihn nur auf seinem Lager zu halten.
Endlich brach sich die Krankheit auch bei ihm, während sein Kamerad
schon lange wieder aufsitzen konnte und auf dem Weg der Besserung war.

Es war jetzt möglich, sie nach Acapulco zu transportiren, und schon an
Ort und Stelle, wie später in der Hafenstadt, mußten sie ihre Aussagen
des Ueberfalls wie der vorhergehenden Stunden machen. Aber wenn sie
auch den Mörder, den das Gericht übrigens zu kennen schien, auf das
Genaueste beschrieben, waren sie doch nicht im Stande, Näheres über
den Anfall selber auszusagen. Durch die Revolverschüsse aus dem, einer
Betäubung ähnlichen Schlaf geweckt, denn jedenfalls war der getrunkene
Brandy mit irgend einem schädlichen Stoff gemischt gewesen, fanden sie
sich in den Händen der Räuber, sahen nur, wie jener Mann, der sich
Brown genannt, noch einen ihrer Kameraden niederschoß, und wurden
dann selber, ebenfalls auf seinen Befehl, von den übrigen Mördern
niedergehauen.

Daß man sie dabei all ihres Goldes beraubt hatte, verstand sich von
selbst, und es wäre verlorene Mühe gewesen, danach zu suchen. Die
Behörden dachten ebensowenig daran, sie zu entschädigen, noch dazu da
gar kein Zweifel blieb, daß sogar ein Landsmann, also ein Fremder,
sie beraubt hatte. Nach allen Seiten wurden allerdings Patrouillen
ausgesandt, um den sehr kenntlichen Burschen einzufangen, oder
wenigstens seinen jetzigen Aufenthalt zu erspähen, und hunderte von
Polizeispionen waren nach jeder Richtung hin thätig. Umsonst; er schien
nach dieser letzten Unthat, bei der ihn die Vergeltung auch fast ereilt
hätte, den Schauplatz seiner bisherigen Verbrechen verlassen zu haben
-- hatte er hier doch auch lange genug ungestraft gesündigt, und alle
ausgesandten Boten kehrten mit der nämlichen Nachricht zurück, daß er
in keinem Theile des weiten Reiches mehr gesehen worden.

Die armen Teufel von Amerikanern befanden sich indessen in einer
keineswegs beneidenswerthen Lage, denn was sollten sie nun, ihres
ganzen Eigenthums beraubt, anfangen? Nach den Staaten zurückkehren, wie
es Anfangs ihre Absicht gewesen -- ohne einen Cent in der Tasche, und
dort das mühselige Leben schwerer Arbeit von Neuem beginnen? Ja sie
hatten nicht einmal Geld genug, die Reise dorthin zu bestreiten, wenn
auch die Regierung hier in Acapulco wenigstens für ihren Unterhalt
sorgte, und sie keine Noth leiden ließ.

Da legte zufällig ein amerikanisches und nach San Francisco bestimmtes
Fahrzeug dort an, das von New-York kam und wegen Wassermangel
genöthigt gewesen war, einen Hafen zu suchen. Der Capitain hörte ihre
Leidensgeschichte und erbot sich freundlich, sie kostenfrei zurück nach
Californien mitzunehmen. Dort konnten sie dann schon eher, wenn sie
wirklich heimkehren wollten, ein amerikanisches Schiff finden, oder
auch noch vielleicht eine Weile in den Minen arbeiten, um wenigstens
einen Theil des Verlorenen zu ersetzen.

Den Vorschlag nahmen sie auch mit Freuden an und hatten nun die
Aussicht, da wieder von vorn beginnen zu müssen, wo sie sich schon am
Ziel ihrer Wünsche gesehen. Aber Californien war ja auch das Land der
Hoffnungen, und doch lieber noch einmal arbeiten, als mit leeren Händen
nach den Staaten zurückzukehren. Außerdem that ihnen die kurze Seereise
körperlich wohl; ihre, doch sehr angegriffenen Nerven kräftigten sich
wieder, und als sie endlich in San Francisco an’s Land sprangen, war
ihnen von den erhaltenen Wunden nur noch die Erinnerung -- und die
Narbe geblieben.

Jetzt aber blieb es vor allen Dingen die Frage, in welchen Minen sie
ihr Glück auf’s Neue versuchen sollten. In den Stanislaus-Gruben
hatten sie früher ihr Gold gefunden und dort lag auch noch mancher
unbearbeitete Platz: aber sollten sie zu den alten Kameraden und
Bekannten zurückkehren, von denen sie jedenfalls ausgelacht und
verspottet wurden? -- es war ihnen das ein gar so fatales und
unbehagliches Gefühl und sie konnten sich auch nicht dazu entschließen.
Ja um nur Niemandem mehr zu begegnen, der wissen konnte, daß sie
Californien schon einmal verlassen, um nach Hause zurückzukehren,
beschlossen sie, die „südlichen“ Minen ganz zu vermeiden und hoch in
den Norden hinauf, an den Featherriver zu gehen. Dort sollte auch viel
Gold gefunden sein, und wenn sie Glück hatten, wurde es ihnen eben so
gut da, wie weiter südlich bescheert.

So gingen sie denn rüstig wieder daran, um das Verlorene, oder vielmehr
Geraubte wieder einzubringen; aber lange nicht mehr mit dem frischen
Muth, mit welchem sie das erste Mal begonnen. Es lag fortwährend das
drückende Gefühl auf ihnen, eine schon gethane Arbeit noch einmal über
zu arbeiten, und da sich die Ausbeute auch an den von ihnen versuchten
Stellen lange nicht so reichhaltig erwies, als sie gehofft und es
früher auch gewohnt gewesen, so schafften sie wohl fleißig, ja, aber
nicht mit der rechten Lust. Wenn sie nur wieder nach dem Süden gegangen
wären -- so dachten Beide bei sich, ohne es aber gegen einander
auszusprechen. Dort kannten sie die Berge, und das Gold war dort auch
viel grobkörniger und reichhaltiger -- wie sie glaubten.

Hudson brach zuerst das Schweigen:

„Hol’s der Teufel!“ rief er, und warf die Pfanne, mit der er gewaschen,
ärgerlich auf den Boden. „Das ist ja hier eine wahre Schinderei um
gar nichts, und wir waschen den ganzen Gottes-Erdboden durch, ohne
mehr als unser „tägliches Brod“ darin zu finden. Deshalb sind wir aber
nicht nach Californien gekommen, das hätten wir zu Hause bequemer haben
können.“

„Wenn der blutige Schuft, jener Brown, nur bei lebendigem Leibe
verfaulen müßte,“ fluchte Carman, der Andere der Beiden, indem er
seinen Spaten ingrimmig in den Boden rannte -- „ich kann den Hund nicht
aus den Gedanken bringen.“

„Das hilft Nichts mehr,“ sagte Hudson kopfschüttelnd, „der sitzt jetzt
irgend wo drüben in den Staaten an irgend einer behaglichen Stelle und
verzehrt unser Geld.“

„Daß er daran ersticke.“

„Mein Wunsch ebenfalls, Kamerad, aber das bringt _uns_ hier nicht
weiter, und wir müssen uns schon selber helfen. Wie wär’s, wenn wir in
unsere alten Arbeitsplätze zurückkehrten? Ich habe hier keine rechte
Freude mehr am Waschen.“

„Ja, bei Jimmy!“ rief der Andere, „_ich_ wäre ja schon längst
nach dem Stanislaus gegangen, wenn ich nicht geglaubt hätte, _Du_
möchtest nicht.“

Eine Verständigung wurde jetzt bald erzielt, und schon am nächsten
Morgen wanderten die Beiden, ihr Geschirr auf einen dort oben gekauften
Esel geladen, dem Featherriver zu Thal folgend, nach Sacramento zurück
und schritten von dort, da in der gerade trockenen Jahreszeit die
Niederungen passirbar waren, zu den Wassern des San Joaquin, nach
Stockton hinüber. Von den alten Kameraden, die sie noch hie und da
trafen, wurden sie freilich mit Jubel begrüßt, aber Alle lachten auch
und erklärten die Geschichte mit den Räubern in Mexiko für leeren
Schwindel. Nach San Francisco seien sie gekommen, so behaupteten sie,
und weiter nicht, und dort hätten sie ihr Geld in den Spielhöllen
verspielt -- das sei die ganze Raub- und Mordgeschichte. Erst wenn sie
die erhaltenen und noch deutlich sichtbaren Narben zeigten, konnten
sie die Wahrheit des Gesagten den Anderen aufnöthigen, und man ließ
sie zuletzt zufrieden. Solche Raubanfälle waren ja auch in der letzten
Zeit etwas so Gewöhnliches geworden, daß die davon Betroffenen nur noch
Gott danken konnten, wenn sie mit dem Leben davon kamen.

Die beiden Freunde gingen jetzt hier oben wieder an die Arbeit, und
wenn sie das Gold auch nicht mehr so rasch und leicht fanden, als bei
ihrem ersten Versuch in den Minen, trafen sie doch wenigstens reichere
Stellen, als in den nördlichen Bergwassern, und fingen an, mehr zu
verdienen, als sie brauchten.

Das Goldwaschen ist dabei allerdings eine entsetzlich schwere
Arbeit, denn unaufhörlich müssen tiefe Löcher gegraben werden und
Wasserausschöpfen, Hacken und Schaufeln hört nicht auf; aber es hat
auch wieder einen ganz eigenen Reiz, denn wie man nur ein neues und
tiefes Loch gegraben hat, und dann die Erde auszuwaschen beginnt,
so ist es beinah, als ob man sich bei der Ziehung einer Lotterie
befindet, bei der man den Einsatz aber _mit_ seiner Arbeit bezahlt
hat. Es _kann_ ein sehr hoher Gewinn herauskommen -- vielleicht
auch nur der Einsatz -- Tagelohn. -- Möglich auch, daß man eine
Niete findet, aber die _Hoffnung_ geht nie aus, und wieder und
wieder getäuscht, oder doch wenigstens nicht vollständig befriedigt,
gräbt der Goldwäscher weiter, bis er endlich einmal Ersatz für seine
Quälerei erhält oder auch -- freilich in den meisten Fällen -- zu
der Ueberzeugung kommt, daß er mit anderer, viel leichterer Arbeit
jedenfalls eben so viel, wenn nicht mehr, verdienen könne.

Gerade dieser Reiz des Ungewissen aber hält die Leute am Längsten in
den Bergen, und da doch auch manche Glückliche zuweilen einen reichen
Fund thun, so wird zehn und zwanzig Mal getäuschte Hoffnung immer
wieder von Neuem belebt.

Unsere beiden jungen Amerikaner aber, an harte Arbeit ihre ganze
Lebenszeit gewöhnt, dabei mit dem Bewußtsein, schon einmal einen
Erfolg gehabt zu haben, sahen freilich, daß es diesmal nicht so rasch
ging, als früher, ließen sich aber auch nicht irre machen, hackten
und schaufelten ruhig fort und fanden bald, daß sie sich wieder eine
hübsche Summe einbrächten. Nach sechs Monaten harter Mühe hatten sie
denn auch wieder ein paar tausend Dollars beisammen und beschlossen
jetzt, in Stockton einen großen Wagen und ein paar Pferde zu kaufen,
um damit Waaren in die Minen zu transportiren, was damals noch
außerordentlich gut bezahlt wurde. Da sie selber dabei speculirten,
mehrte sich ihr Gewinn, und nach noch fünf Monaten hatten sie so viel,
daß sie auf’s Neue nach den Staaten zurückzukehren beschlossen.

Bis dahin waren aber auch die Verhältnisse in Californien geregelter
geworden, und es hatten sich große Geschäftshäuser in San Francisco
etablirt, die gute Geschäfte dabei machten, für Goldwäscher und Händler
-- gegen gewisse sehr hohe Procente natürlich -- das gewonnene Gold
in die Heimath zu schicken. Dadurch entgingen diese jedenfalls der
Gefahr, es unterwegs zu verlieren, ja es war sogar gegen Schiffbruch
versichert. Carman selber fuhr deshalb mit ihrem kleinen Schatz nach
San Francisco, um die Summe dort in einem solchen Hause zu deponiren,
während sein Kamerad Hudson indessen in Ludville, einer nicht
unbedeutenden Minenstadt, blieb, um Wagen und Pferde, wie noch einen
kleinen dort lagernden Waarenvorrath zu verkaufen. Der Ertrag desselben
reichte dann auch vollständig aus, um ihre Passage nach New-York,
selbst Cajütspassage auf einer der indeß etablirten Dampferlinien
zu decken. Carman sollte sich dann gleich in San Francisco nach der
nächsten Schiffsgelegenheit umsehen, denn jetzt, den Entschluß zur
Abreise aus Californien erst einmal gefaßt, fing ihnen auch der Boden
an unter den Füßen zu brennen.

Carman besorgte, was er zu besorgen hatte, rasch und pünktlich, und
Hudson, der, um eine Schuld einzukassiren, noch einmal an den Macalome
mußte, übergab die Pflege der Pferde indessen einem Mexikaner, den sie
die letzten drei Monate als Wagenführer in Diensten gehabt. Dieser
hielt übrigens die Gelegenheit für passend, mit den beiden Thieren zu
verschwinden. Die Amerikanos hatten, seiner Ansicht nach, Gold genug,
und doch im Begriff, abzureisen, würden sie sich kaum noch länger in
Californien zurückhalten lassen, nur um ein paar, überdies nicht sehr
werthvollen Pferden nachzuforschen.

Hudson schien aber sein Geschäft, wider Erwarten, sehr schnell beendet
zu haben. Er kehrte rascher nach Ludville zurück, als er Anfangs
selber geglaubt, und zwar an dem nämlichen Tag, an welchem sich sein
betrügerischer Wagenführer mit den Pferden aus dem Staub gemacht. Nicht
gesonnen aber, den Burschen so leichten Kaufs davon zu lassen, folgte
er seinen Spuren und es dauerte auch nicht lange, so traf er seine
beiden Thiere, aber nicht mehr im Besitz des Diebes, sondern in dem
Rancho eines anderen Mexikaners oder Californiers, der aber erklärte,
die Pferde von einem durchreisenden Arriero gekauft zu haben, und sie
nicht wieder herausgeben wollte.

Hudson würde nun zu einer anderen Zeit wohl wenig genug Umstände mit
dem wahrscheinlichen Hehler des Diebes gemacht und die Pferde ihm
einfach weggenommen haben, aber er wollte nicht noch in den letzten
Tagen Streit anfangen. Dort gerade anwesende Mexikaner standen auch
ihrem Landsmann bei, und er eilte deshalb zurück nach Ludville, um
den Burschen zu verklagen. Die Sache war so einfach, und der jetzige
Besitzer der gestohlenen Sachen auch dort seßhaft, daß sie jedenfalls
rasch entschieden werden konnte.

In jener Zeit aber lagen die Rechtsverhältnisse der jungen, noch fast
nur aus Zelten bestehenden Stadt sehr im Argen, und besonders erzählte
man sich von dem, seit drei Monaten dort eingesetzten Richter, einem
Mr. Black, die wunderlichsten Dinge. Er war dabei erste und letzte
Instanz in Ludville, und an eine Appellation bei Kleinigkeiten gar
nicht zu denken. _Wie_ er einmal entschied, so blieb die Sache,
und man konnte allerdings größere Kosten, aber nie einen anderen Erfolg
bei einem Weitertreiben derselben erwarten.

Uebrigens schien dieser Richter Black ein durchaus gescheuter Advokat,
der sich nicht leicht in dem Recht oder Unrecht der vorgetragenen
Fälle täuschen ließ, und wo sein eigenes Interesse nicht mit in’s
Spiel kam, fielen seine Urtheile meistens richtig aus. Er machte auch
nie lange Umstände; an einem einzigen Morgen wurden manchmal zwanzig
verschiedene Prozesse oder Klagen vorgebracht, untersucht und erledigt,
die Strafen aber, die er dictirte, fielen nur in „Unzen“ aus, und da
das Meiste davon Sporteln für ihn und den Sheriff bildete, so wollte
man ihm nachgerechnet haben, daß er sich schon in der kurzen Zeit ein
bedeutendes Vermögen zusammengescharrt haben müsse.

Hudson erkundigte sich jetzt bei seinen Bekannten, in welcher Art
eine Anklage gestellt werden müsse. _Alle_ aber, die er sprach,
riethen ihm ab, Richter Black, oder auch ~Dr.~ Black, wie er
genannt wurde, zu belästigen, denn es sei allerdings kein Zweifel, daß
der jetzige Besitzer der Pferde diese herausgeben und möglicher Weise
auch noch Strafe dazu zahlen werde, er selber könne sich aber ebenfalls
darauf verlassen, daß er nur Umstände und Lauferei davon habe, und
seine Thiere, ehe er sie in die Hände bekomme, jedenfalls noch einmal
vorher bezahlen müsse.

Hudson beschloß deshalb, da die Sache überhaupt nicht von einem Tag
abhing, Carmans Rückkehr zu erwarten, der auch schon am nächsten
Morgen eintraf. Dieser aber ärgerte sich so über den Diebstahl, daß
er unbedingt für eine Klage stimmte. Mußten sie den Werth der Pferde
denn auch selber noch einmal bezahlen, was schadete das, der Mexikaner
sollte sich wenigstens nicht rühmen können, sie betrogen zu haben.
Ueberdies hatten sie noch fast vierzehn Tage Zeit, bis der nächste
Dampfer nach Panamá abging, also auch in dieser Hinsicht Nichts zu
versäumen.

Hudson wurde also mit der Klage beauftragt und ging in das Zelt
hinüber, das gegenwärtig zum Gerichtszimmer benutzt wurde. Dort traf
er auch zeitig genug ein, um noch Zeuge von ein paar sehr drastischen
Rechtssprüchen zu sein.

Der Doctor, ein sehr elegant gekleideter Herr in schwarzem Frack und
weißer Halsbinde -- Figuren, wie man sie sonst in den Minen eigentlich
nie zu sehen bekommt, saß, mit dem Hut auf dem Kopf, hinter seinem
etwas erhöhten Tisch; neben ihm räkelte sich der Sheriff auf einem
anderen daneben stehenden Sessel, und zerschnitzte denselben aus Mangel
an besserer Beschäftigung mit dem Federmesser.

Der erste Fall betraf einen Franzosen, gegen den ein Californier
klagbar war, ihm bei einer Zahlung zwischen dem Waschgold etwa
anderthalb Unzen Bronzestücken von einer alten zerdrehten und unächten
Uhrkette mit hineingemischt zu haben. Der Franzose leugnete, der
Californier aber brachte Zeugen und Doctor Black entschied ohne
Weiteres, daß der Betrüger dem Betrogenen den doppelten Werth der
eingeschwärzten Stücke und als Strafe für das Gericht zwei Unzen
bezahlen müsse.

Der Franzose wußte, daß kein Sträuben half, und holte das Gold
heraus, wie er aber zum Tisch trat und die bei Seite geschobenen
Bronzestücke betrachtete, erklärte er: _Die_ Stücke habe er gar
nicht eingemischt. Er gab zu, einen Betrug versucht zu haben, weil er
geglaubt hätte, daß hier in Californien doch Alles „für Gold ginge“ --
da wäre aber auch ein Stück von einer alten Hutschnalle und ein Knopf
dabei, die er in seinem ganzen Leben nicht gesehen hätte, und die müßte
der Californier jedenfalls noch dazu gethan haben, um das Gewicht zu
vergrößern.

„Er wäre ein Esel, wenn er’s _nicht_ gethan hätte, Sir,“ entschied
aber Richter Black ganz ruhig, -- „hätte _ich_ Euch verklagt, so
könntet Ihr Euch darauf verlassen, daß Ihr ein _Dutzend_ Knöpfe
darunter finden solltet.“

Der zweite Fall betraf einen gemeinen Diebstahl, den sich ein
Amerikaner hatte zu Schulden kommen lassen. Ein Italiener, den er
bestohlen, klagte wider ihn, und der Missethäter, ein armer Teufel und
erst seit kurzer Zeit in den Minen, gestand denn auch endlich nach
kurzem Kreuzverhör seine Sünde ein, und producirte sogar das Gestohlene
-- eine goldene Taschenuhr, die er die ganze Zeit bei sich getragen.
Richter Black war aber so entrüstet über diese Thatsache, daß er in
vollem Zorn ausrief:

„Schämst Du Dich nicht, Du Lumpenkerl, der Du Dich einen Amerikaner
nennst, hier in Californien, wo Jeder sein Brod verdienen kann, auf so
gemeine Art zu stehlen? -- Fort mit Dir, Du Canaille, Du bist ein so
erbärmlicher Charakter, daß ich mich gar nicht weiter mit Dir einlassen
mag. Schmeißt ihn hinaus, Sheriff.“

Dem Burschen geschah in der That, und wahrscheinlich zu seiner sehr
freudigen Ueberraschung, gar Nichts weiter, als daß er die gestohlene
Uhr abliefern mußte und hinausgeworfen wurde. Der Kläger aber, von
dem man wußte, daß er Geld hatte, sah sich genöthigt, die Kosten zu
bezahlen -- zwei Unzen, wie gewöhnlich für derartige Bagatellsachen --
erhielt dann seine, vielleicht anderthalb Unzen werthe Uhr, und durfte
den Gerichtshof verlassen.

Hudson, um den sich Niemand kümmerte, hatte sich in der Zeit damit
beschäftigt, das Wesen der beiden Amtspersonen, Richter und Sheriff,
wie diese selber genauer zu beobachten, und wie es manchmal im Leben
geschieht, daß uns durch irgend ein Wort, einen Ton, oder irgend einen
anderen, noch so geringfügigen Umstand irgend ein Moment unseres Lebens
in’s Gedächtniß gerufen wird, so starrte er plötzlich den Richter an --
gerade als dieser einmal laut auflachte, und war von dem Augenblick an
so zerstreut, daß er gar nicht mehr wußte, was um ihn her vorging und
nur den Mann fortwährend im Auge behielt.

Wo um Gottes Willen hatte er denn diesen Mr. oder ~Dr.~ Black
schon gesehen -- das Gesicht kam ihm _so_ bekannt vor und war ihm
doch dabei wieder so fremd. Der Mann trug ächt amerikanische Züge --
eine etwas lange gerade Nase, einen kleinen scharfgeschnittenen Mund.
Auffällig an ihm war das dunkle, ganz kurz geschnittene Haar und ein
entschieden und sogar außergewöhnlich zurückstehendes Kinn, das er
sich nicht erinnerte je gesehen zu haben, und doch schienen ihm die
Züge so bekannt, daß er hätte darauf schwören mögen, schon mit ihnen
zusammengetroffen zu sein.

Jetzt kam die Reihe an ihn; der Sheriff mußte ihn zweimal rufen, ehe
er nur die Aufforderung hörte, so vertieft war er in seinen Gedanken.
Mr. Black brachte ihn aber bald wieder zu sich, indem er ihn einfach
aufforderte, eine Unze (etwa 16 spanische Dollars) gewissermaßen als
Entrée zu bezahlen, um seine Klage anhängig zu machen.

„Aber, Sir,“ sagte Hudson ganz verdutzt, „Sie wissen ja noch gar nicht
einmal, ob die ganze Geschichte so viel werth ist.“

„Lieber Freund,“ erwiederte aber Mr. Black sehr ruhig, „unsere Zeit
ist beschränkt, redet also keinen Unsinn. -- Ob die Klage _Euch_
eine Unze werth ist, weiß ich nicht, geht mich auch gar Nichts an --
_mir_ ist sie es aber, also zahlt oder geht Eurer Wege.“

Hudson lachte, denn das Verfahren war zu eigenthümlich; er zahlte aber
die verlangten Sporteln und während er den Betrag auf den Tisch legte,
sagte er kopfschüttelnd:

„Ihr müßt viel Geld verdienen, Richter, wenn Ihr Euch ein so hohes
Eintrittsgeld bezahlen laßt.“

„Thu’ ich auch, Freund,“ nickte der Mann wohlgefällig, indem er das
Geld einstrich, „und ist auch der Zweck, weshalb ich nach Californien
gekommen bin -- eben so gut wie Ihr -- und was habt Ihr mir nun zu
sagen?“

Es war in dem Augenblick, als ob alles Blut Hudson’s den Körper
verlassen hätte und nach dem Herzen geströmt wäre. Er konnte kaum Athem
holen und mußte nach Luft schnappen, wie ein Fisch auf dem Sand.

„Nun, Sir?“ wiederholte aber ungeduldig der Richter und sah dabei nach
seiner Uhr -- „Sie _haben_ vielleicht schon zu Mittag gegessen,
müssen aber bedenken, daß andere Leute ebenfalls Hunger spüren -- also
was wollen Sie?“

Hudson hatte sich indessen wenigstens soweit gesammelt, um seine Klage
vorbringen zu können. Mr. Black ließ sich dann Namen und Wohnort des
Mexikaners angeben, und er wurde auf morgen früh neun Uhr wieder vor
Gericht beschieden. Dann klappte Mr. Black das vor ihm aufgeschlagene
Buch -- vielleicht ein Codex der Vereinigten Staaten, vielleicht irgend
ein Roman, in dem er bis jetzt geblättert -- zu, steckte die Hände in
die Taschen und verließ mit den Worten: „Kommt zum Essen, Sheriff,“ den
Saal. Die noch wartenden Kläger wurden auf morgen früh wieder bestellt.

Hudson ging wie in einem Traum hinter ihm drein und verwandte keinen
Blick von ihm, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Erst als
er in dem nächsten Speisehaus verschwunden war, schien er selber seine
volle Besinnung wieder zu erhalten und eilte jetzt, so rasch ihn seine
Füße trugen, zu dem Zelt zurück, wo er wußte, daß Carman ihn erwartete.

„Nun?“ rief ihm dieser entgegen, -- „hast Du Deinen Mr. Black gefunden?“

„Meinen Mr. _Black_ nicht, John,“ sagte der junge Indianamann,
indem er seinen Arm in den des Freundes schob, und ihn ein Stück von
der Thür weg, auf den offenen Platz hinaus führte, „aber meinen Mr.
_Brown_.“

„Was soll das heißen?“ frug der Illinoiser verwundert, „ich denke, der
Richter nennt sich Black?“

„So _nennt_ er sich, ja, aber beim Himmel!“ rief der junge Mann,
„das ist der nämliche Schuft, der sich damals in dem Rancho in Mexiko
uns als Reisebegleiter anschloß und unsere vier Kameraden umbrachte.“

„Alle Teufel!“ rief Carman herumfahrend, „das ist aber nicht möglich --
_der_ kann doch hier nicht _Richter_ in Ludville sein?“

„Nicht möglich?“ lachte Hudson bitter vor sich hin -- „was ist hier in
Californien nicht möglich, und wer weiß hier was von der Vergangenheit
eines Menschen, wenn der es den Leuten nicht selber auf die Nase
bindet.“

„Und hat er _Dich_ auch wieder erkannt?“

„Schwerlich, denn wir Beide haben uns seit der Zeit außerordentlich
verändert -- aber in verschiedener Weise. Ich, der ich früher dicke,
rothe Backen hatte, bin in der Krankheit und mit dem Hieb über den Kopf
bleich und hohlwangig geworden und habe auch den, damals auf dem Bett
stehen gelassenen Bart noch nicht wieder rasirt. Brown dagegen hat
sich, wie es scheint absichtlich, vollkommen entstellt und im Gesicht
allein würde ich ihn nie wieder erkannt haben. Erstlich trägt er nicht
mehr die mexikanische Tracht, sondern Frack und Hut, dann hat er sich
das schwarze lockige Haar kurz abgeschnitten und den Bart vollständig
abrasirt; ein sehr zurückstehendes Kinn macht ihn dabei wirklich
vollkommen anders aussehn.“

„Dann ist er’s auch wahrscheinlich gar nicht, und Du hast Dich geirrt.“

„Bei Gott nicht,“ rief aber Hudson. „Ehe ich vorkam, hatte ich
übergenug Zeit, ihn zu betrachten, und ich fand im Augenblick
etwas Bekanntes in dem Gesicht des Mannes, das aber eben durch das
zurückstehende Kinn auch wieder so entstellt wurde, um mich vollständig
im Dunkeln zu lassen, _wo_ ich das Gesicht schon einmal gesehen
haben könnte. Wie er mich aber zu seinem Tisch rief und ich den großen
Brillantring an seiner weißen Hand sah, ja schon wie ich ihn lachen
hörte, war es mir plötzlich, als ob mir Jemand einen Stich in’s Herz
gäbe. Auch die Narbe auf seiner linken Backe erkannte ich wieder, wenn
sie jetzt auch, da der Bart fort ist, ihm bis zum Kinn hinunter läuft.“

„Und wo ist er jetzt?“ rief Carman plötzlich.

„Gleich dort drüben in dem Speisehaus -- mit dem Sheriff ißt er dort zu
Mittag.“

„Komm, laß uns hin,“ sagte der Freund entschlossen -- „ich will ihn
auch sehen und hast Du Recht, dann wollen wir überlegen, was wir thun,
und wie wir den Burschen fassen können.“

„Und wenn er _uns_ auch erkennt? Bei dem Einzelnen war das nicht
so leicht zu fürchten; er hat täglich mit so vielen Menschen zu thun,
-- wenn er uns aber zusammensieht --“

„Du hast Recht -- so bleib Du da,“ erwiderte Carman -- „ich werde
allein gehn und dort ebenfalls essen, mich auch anscheinend gar nicht
um ihn kümmern.“

„Wenn Du nur sein Lachen hörst, erkennst Du ihn augenblicklich wieder;
es ist beim ewigen Himmel der niederträchtige, blutige Schuft, der uns
damals so schändlich verrathen und mißhandelt hat.“

„Gut -- erst müssen wir Gewißheit haben, und Zwei sehen mehr als Einer,
nachher wollen wir den Burschen schon kriegen. Ich habe, während Du
oben bei ihm warst, hier einen Schulkameraden von daheim getroffen.
Er war früher Advokat, ist aber hier jetzt Händler, und einen bessern
Hülfsmann können wir uns nicht wünschen. Bleib’ nur indessen im Zelt,
daß wir nachher einander nicht verfehlen,“ und ohne weiter eine Antwort
abzuwarten, schritt er rasch dem bezeichneten Kosthaus zu, in dessen
Thür er verschwand. Er blieb auch nicht übermäßig lange, und als ihm
Hudson, der trotzdem schon ungeduldig war, rasch entgegentrat, faßte er
ihn unter den Arm und flüsterte ihm, ihn mit fortziehend, zu:

„Du hast Recht, es ist beim ewigen Himmel jener Raubmörder, der hier
ganz gemüthlich über ehrliche Menschen zu Gericht sitzt und sich mit
einer Frechheit benimmt, die Nichts zu wünschen übrig läßt.“

„Aber wo willst Du jetzt hin?“

„Zu Collins, meinem Freund, dem Advokaten,“ rief Carman, „der muß uns
jedenfalls in der Sache beistehn, denn ich glaube, daß wir den Burschen
jetzt sicher haben -- der läuft uns nicht mehr fort.“

„Und hat er Dich nicht etwa erkannt?“

„Gott bewahre -- er saß mit einem anderen Mann oben am Tisch.“

„Das war der Sheriff --“

„Möglich -- jedenfalls ein gefährlicher Nachbar für ihn, denn der muß
ihn selber hängen -- wenn noch Gerechtigkeit in Californien ist -- und
sie tranken Wein und aßen und kümmerten sich den Henker um die anderen
Gäste. Ich hatte Zeit genug ihn zu beobachten, ohne daß er irgend
etwas merken konnte; ich brauchte aber auch nicht lange dazu. Das
zurückstehende Kinn störte mich Anfangs auch, und ich glaubte schon, Du
hättest Dich doch vielleicht geirrt; wie ich ihn aber lachen hörte, war
ich meiner Sache ebenfalls sicher. -- Da -- hier wohnt Collins. Das ist
sein Zelt.“

Sie fanden den jungen Amerikaner, der sich hier -- nachdem er das
Goldwaschen eine Weile mit nur sehr mittelmäßigem Erfolg versucht, als
Händler niedergelassen hatte. Er war selber allerdings ein wenig über
die Entdeckung erstaunt, hörte aber vollkommen ruhig ihre Erzählung
an, lächelte dabei nur still vor sich hin, und nickte manchmal mit
dem Kopf dazu, unterbrach aber die Erzähler, die sich wechselsweise
ergänzten, mit keiner Sylbe. Nur als Hudson ausrief, er wolle jetzt
augenblicklich selber nach San Francisco, um einen Verhaftsbefehl für
den mexikanischen Räuber und Mörder auszuwirken, sagte er ruhig:

„Und glauben Sie wirklich, Freund, daß Sie den dort bekommen würden?“

„Nicht bekommen?“ rief Hudson -- „amerikanische Gerichte werden doch
bei Gott einen solchen Schurken nicht beschützen, der amerikanisches
Blut vergossen hat?“

„Bah,“ sagte Collins ruhig, „Sie kennen Californien nicht, denn wir
leben hier vor der Hand noch in einem vollständigen Ausnahmszustand.
Was haben wir denn für Behörden? nicht etwa von den Vereinigten Staaten
herüber gesandte, sondern lauter Leute, die hier hergekommen sind, um
Gold zu graben -- wie ich selber auch -- und die, als das nicht ging,
sich auf etwas Anderes warfen, um Geld zu verdienen. Den Beweis finden
wir ja in San Francisco selber, wo Raub und Mord an der Tagesordnung
sind, und die Verbrecher, wenn man sie wirklich einmal einfängt, doch
immer ungestraft davon kommen. Es kocht und gährt auch schon in der
Bevölkerung, und es wird fast offen davon gesprochen, das Gericht in
eigene Hand zu nehmen und das Lynchgesetz gegen alle ertappten Diebe
und Mörder anzuwenden. Wäre das jetzt wirklich der Fall, so hätten
wir die Hoffnung, etwas auszurichten, denn wir könnten an das Volk
appelliren. Wie die Sachen aber gegenwärtig stehn, so mögen Sie einen
_Proceß_ gegen den Richter anstrengen, ja, und der dauert denn
auch wahrscheinlich so lange, bis wir andere Zustände bekommen, aber
weiter richten Sie Nichts aus.“

„Das ist ja ganz unmöglich!“

„Unmöglich ist hier gar Nichts,“ sagte der Advokat achselzuckend.
„Ja, wäre der Ueberfall auf amerikanischem Grund und Boden geschehen,
so könnte man doch vielleicht auf einen Erfolg rechnen -- aber in
Mexiko -- beweisen Sie diesem, mit allen Hunden gehetzten Mr. Black
oder Mr. Brown einmal, daß er überhaupt je in Mexiko war, und zehn
gegen eins, er bringt Ihnen fünf, sechs Zeugen, die Ihnen Alle mit
der größten Bereitwilligkeit vor Gericht schwören, daß sie ihn hier
schon zwei volle Jahre in Californien gekannt haben, und daß er in der
ganzen Zeit das Land mit keinem Fuß verlassen hat. Außerdem ist dieser
Mr. Black, dem ich persönlich zutraue, was Sie mir von ihm erzählt,
hier in Ludville eine renommirte Persönlichkeit und gerade mit allen
Rowdies -- dem nichtswürdigsten Gesindel der Staaten, den Spielern,
eng befreundet. Er spielt selber ziemlich stark und _soll_ --
doch das ist nicht verbürgt, wird aber hier erzählt, früher sogar ein
professionirter Spieler gewesen sein und in San Francisco im Anfang
Bank gelegt und einen Tisch gehalten haben. Der Sheriff steckt mit
ihm ebenfalls unter einer Decke und wir würden da in ein Wespennest
hineinstören, aus dem wir nicht wieder ungestochen zurückkämen.“

„Aber es ist doch nicht denkbar, daß _solche_ Zustände unter dem
Sternenbanner stattfinden könnten!“ rief Hudson.

„Denkbar ist hier Alles,“ sagte der junge Händler achselzuckend. --
„Daß es mit der Zeit -- vielleicht sogar sehr bald -- besser werden
wird, bezweifle ich keinen Augenblick, aber schon die Existenz der
Spielhöllen, die in den Staaten bei Zuchthausstrafe verboten sind,
beweist Ihnen, wie geringe Macht die oberste Behörde hier noch ausübt,
denn sie darf nicht wagen, sie aufzuheben. Die Rowdies würden Sheriff
und Constabler sonst massacriren, und besonders hier in Ludville hat
diese Bande so überhand genommen, daß wir bald nicht einmal mehr
unseres Lebens sicher sind. Da -- seht Ihr dort das Kugelloch in meiner
Zeltwand, gerade über meinem Bett? das haben sie mir gestern Nacht bei
einer Straßenrauferei hindurch geblasen, als ich dort lag und schlief.
Wenn der Lump, der den Revolver abfeuerte, einen halben Fuß niedriger
hielt, schoß er mich in meinem eigenen Bette todt.“

„Und nicht einmal einen wirklichen Raubmörder sollte man hier vor
Gericht stellen können?“

„Oh, gewiß,“ lachte der Händler, „wenn’s ein Mexikaner oder ein anderer
Fremder wäre -- und viele Umstände machten sie mit dem sicher nicht --
er hinge in der nächsten Viertelstunde; aber Mr. Black? ich möchte der
wenigstens nicht sein, der ihn anklagte, denn nicht fünf Cent gäbe ich
nachher für mein eigenes Leben in den Minen. Die Bande hängt zusammen
wie ein Sack voll Nägel, und wenn Ihr _meinem_ Rath folgen wollt,
so laßt ihn ruhig laufen.“

„Ich will verdammt sein, wenn ich’s thue,“ sagte Hudson, und des
Freundes Arm ergreifend, führte er ihn hinaus vor das Zelt, um ihm
einen anderen Plan mitzutheilen. Er traute dem Advokaten selber
nicht. --

Am nächsten Morgen hatte Hudson wieder Termin bei Mr. Black, der
gestohlenen Pferde wegen. Der Mexikaner war vorgeladen worden, und ob
er den Arriero nicht nennen konnte, von dem er die Thiere gekauft haben
wollte, oder wirklich der Hehler war, es blieb sich gleich. Hudson
hatte einige alte Bekannte als Zeugen gebracht, welche die Thiere
genau kannten, und der Mexikaner mußte sie nicht allein herausgeben,
sondern auch noch außerdem sechs Unzen Strafe zahlen. Hudson kam
diesmal mit der vorher eingelegten Unze Kosten ab.

Da trat Carman, der bis jetzt an der Seite gestanden hatte, vor und
sagte ruhig:

„Ach, Richter Black, könnte ich mir bei Ihnen wohl eine Auskunft in
einem Rechtsfall holen?“

„Ei gewiß, mein Freund,“ erwiederte lächelnd der Richter, „deshalb
sitze ich ja hier.“

„Ach, dann wollte ich --“

„Bitte, Sir, ehe Sie beginnen,“ unterbrach ihn der Richter, „haben Sie
wohl die Güte, die vorherige Taxe für Consultation zu bezahlen. Eine
Unze, wenn ich Sie ersuchen darf.“

Der junge Amerikaner war durch die unverschämte Forderung allerdings
überrascht, griff aber doch lächelnd in seine Tasche und holte den
Geldbeutel heraus, aus dem er etwa eine Unze an Gewicht nahm und es dem
Sheriff gab, der es abwog. Richter Black hatte ihn in der Zeit scharf
und forschend angesehen, wie man wohl Jemanden beobachtet, von dem man
noch nicht genau weiß, was er will, und Carman fuhr jetzt, nachdem das
_Geschäft_ beseitigt worden war, fort:

„Ich wollte mir nur die Frage erlauben, ob ich hier in Californien
Jemanden eines im Ausland verübten Verbrechens wegen vor Gericht ziehen
kann?“

„Wenn der Fall in den Vereinigten Staaten stattgefunden hat, gewiß,“
sagte Richter Black.

„Aber es war nicht dort, sondern in Panamá,“ berichtete der junge
Amerikaner, „wo wir von einem Fremden arg bestohlen wurden. Den
Burschen habe ich jetzt hier wieder gefunden.“

„So?“ sagte der Richter, und sein kleines dunkles Auge bohrte sich
fest in den Sprechenden hinein -- „in der That? -- ein eigenthümlicher
Zufall allerdings. Aber vor Gericht können Sie das sicher bringen,
verehrter Herr, nur rathe ich Ihnen, um Weitläufigkeiten zu vermeiden,
Ihre Zeugen herbei zu schaffen.“

„Meinen Zeugen habe ich bei mir, Sir,“ sagte Carman, indem er seinem
Blick fest begegnete, „es ist mein Kamerad, der mit mir bestohlen
wurde.“

„Der ist dann nicht Zeuge, der ist Mit-Kläger,“ sagte der Richter
ruhig, „wir werden dann wohl noch andere wirkliche Zeugen nöthig
haben.“

„Aber wie soll ich die von Panamá herüber schaffen?“

„Sicherlich per Schiff, verehrter Herr,“ erwiederte der Richter mit
größter Höflichkeit, „denn der Landweg ist, soviel ich weiß, gar nicht
passirbar.“

„In der That,“ sagte Carman ruhig, und ein eigenes trotziges Lächeln
flog über seine Züge.

„Und steht noch sonst etwas Anderes mit Ihrer Frage in Beziehung?“

„Nein, Richter _Black_,“ sagte Carman zerstreut, indem er nach
Hudson hinüber sah, und der Richter fing den Blick auf, aber er
ließ dem Amerikaner auch keine Zeit zu weiterem Ueberlegen, und mit
verbindlichem Lächeln fügte er hinzu:

„Dann erlauben Sie mir wohl jetzt, daß ich zu meinem Lunch hinübergehe
-- nicht wahr, Sheriff, es ist Zeit?“

„Schon eine Viertelstunde darüber,“ brummte dieser.

„Schön!“ nickte Black, und ohne sich weiter um den Amerikaner zu
kümmern, stand er von seinem Sitz auf und verließ das Zelt.

Hudson und Carman folgten ihm und schritten langsam die breite Straße
hinab, die nach den Bergen zu führte. Sie waren auch dabei so in ihr
Gespräch vertieft, daß sie gar nicht sahen, wie Mr. Black in einem
der Spielzelte stand, dort sehr angelegentlich mit ein paar auf den
Bänken umhergestreuten Burschen verhandelte und -- als sie den Platz
passirten, hinter ihnen drein sah. Aber auch von ihrer Unterhaltung
wurden sie abgelenkt, denn ein Yankee überholte sie unterwegs, der
davon gehört hatte, daß sie die ihnen heute zugestandenen Pferde
verkaufen wollten, und da sie einen nur sehr mäßigen Preis dafür
forderten, wurden sie auch bald Handels einig. Mit dem Besehen der
Thiere und dem Auszahlen des Geldes, bei dem natürlich ein Paar Glas
Brandy getrunken wurden, waren aber doch einige Stunden vergangen und
plötzlich entstand im Ort ein Höllenlärm, der jedenfalls die Stelle
der Eßglocken vertreten sollte. Die Eigenthümer der betreffenden
Zelte nämlich, in welchen Mittags öffentlich gegessen wurde, hatten
sich Jeder ein besonderes Lärminstrument angeschafft, auf welchem
sie so laut als möglich tobten, um ihre täglichen Gäste nicht allein
von der Arbeit herbei zu rufen, sondern auch jeden Anderen, der Lust
hatte theilzunehmen, darauf aufmerksam zu machen. Einige besaßen
Trompeten, Andere einen chinesischen Gong; ein Paar schienen sich große
Holzschnarren gemacht zu haben, die man weit hin hörte, und wer von
alle dem Nichts auftreiben konnte, nahm eine große Blechkanne oder
einen Kessel und schlug mit einem eisernen Löffel daran.

Die Diners in diesen Minenstädten waren aber entsetzlich einfach,
und bestanden gewöhnlich nur aus trockenem Rindfleisch, Kartoffeln
und Mixpicles -- und dafür zahlte man wöchentlich, oder für sieben
Mahlzeiten, eine Unze. Ebenso wenig wurde dabei auf Toilette gesehen;
gerade so wie die Leute draußen, als sie die verschiedenen Zeichen
hörten, aus ihren nassen Erdgruben herausgesprungen und hierher
gelaufen waren, so setzten sie sich an dem Tisch nieder, und war
ihr Essen verzehrt, gingen sie gerade so wieder an die Arbeit, denn
Tageslicht durfte nicht versäumt werden.

Hudson und Carman traten ebenfalls in das nächste Zelt, da sie selber
keine Wirthschaft mehr zusammen führten, und doch wenigstens einmal am
Tag warm essen mußten. Die Gesellschaft war auch ziemlich gemischt,
denn Händler und Goldwäscher trafen dort zusammen, ja sogar ein Paar
der professionirten Spieler nahmen den beiden Freunden gegenüber Platz,
und Einer von diesen suchte auch ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen;
keiner der beiden fühlte sich aber in der Stimmung darauf einzugehen,
und überhaupt wurde bei diesen Mahlzeiten nur sehr wenig gesprochen.
Jeder verzehrte seine Portion und wer zuerst fertig war, stand auf und
ging ruhig seine Wege.

Auch Hudson und Carman blieben nicht länger bei Tisch sitzen, als
unumgänglich nöthig war, ihren Hunger zu stillen, dann standen sie auf,
verließen das Zelt wieder -- dicht hinter ihnen folgten die beiden
Spieler -- und schlenderten langsam die Straße hinunter, um noch einmal
mit Collins über die Verfolgung ihres Planes Rücksprache zu nehmen.
Da sahen sie den Sheriff auf sich zukommen, der von sechs oder acht
ziemlich verdächtigen Gestalten begleitet war. Einige derselben trugen
mexikanische Serapen oder Ponchos, Andere die Minentracht, aber sie
schienen Alle angelegentlich mit einander zu sprechen, und die beiden
jungen Leute bogen eben nach der anderen Seite der Straße hinüber, um
den Schwarm vorüber zu lassen, als der Sheriff scharf gegen sie abbog
und vor ihnen stehen bleibend sagte:

„Mr. Carman und Mr. Hudson? nicht wahr, die Herren nennen sich doch so?“

„Zu dienen, Mr. Sheriff,“ sagte Hudson mürrisch -- „wünschen Sie etwas
von uns?“

„Weiter Nichts,“ sagte der Sheriff, indem er beider Schultern mit
der Hand berührte, „als daß Sie meine Gefangenen sind, im Namen des
Gesetzes.“

„Im Namen von Höll’ und Verdammniß!“ fuhr Hudson auf, und griff im Nu
unter seine Jacke nach dem dort steckenden Revolver, aber in demselben
Moment auch sahen sich Beide von der Schaar umzingelt; überall drohten
ihnen die Mündungen gespannter Feuerwaffen entgegen, und der Sheriff,
der selber eine derartige Waffe bereit hatte, rief:

„Schützt das Gesetz, Ihr Männer von Californien! Schießt die Verbrecher
über den Haufen, sobald sie den geringsten Widerstand leisten!“

Hudson warf einen wilden Blick im Kreis umher, aber er sah auch
rasch, daß jede Widersetzlichkeit vergebens gewesen wäre, denn ob
zufällig oder auf Verabredung, aber einige zwanzig entschlossene und
bewaffnete Gestalten drängten schon um ihn her. Er hätte wohl seinen
Revolver zwischen sie hinein feuern können, wäre dann aber auch selber
_mit_ dem Freund verloren gewesen und möglich auch, daß Mr. Black,
der Richter, auf einen solchen Ausgang der Verhaftung gerechnet hatte,
der ihn dann jeder weiteren Unbequemlichkeit überhob. Carman selber
aber ergriff Hudson’s Arme und rief:

„Stecke die Waffe ein, Kamerad, es ist das Gesetz der alten Union, dem
wir uns fügen sollen, und wie wir dem gehorchen müssen, hoffe ich auch,
daß es seine Macht über Andere bewähren soll. Könnt Ihr uns aber sagen,
Sheriff, auf welche und auf _wessen_ Klage wir jetzt verhaftet
sind?“

„Werdet Ihr zeitig genug erfahren, meine Burschen,“ brummte der Diener
des Gesetzes, eine grobknochige derbe Gestalt, indem er die eigene
Waffe wieder in den Gürtel schob, denn er sah jetzt, daß sich die
Gefangenen gefügt hatten, „wären wohl Einige der _Gentlemen_ so
freundlich mir zu helfen, diese beiden Vögel zu transportiren?“

Die Bande, die er mit „Gentlemen“ anredete, hätte wohl viel eher einen
anderen Namen verdient, denn sie bestand nur aus dem Spielergesindel
des Orts und dessen Anhang, aber sie nahm das Compliment hin, als wäre
es ganz in der Ordnung gewesen, und mit dem lästerlichsten Fluchen
erklärten sie, sie würden die Beiden an Ort und Stelle schaffen, und
wenn es auch _stückweis_ sein müsse -- eine Drohung, die sie
sicherlich den guten Willen besaßen, auszuführen.

Allerdings sammelten sich indessen noch eine Anzahl ruhiger Miner um
die Gruppe und frugen auch wohl, was die Beiden, die man schon längere
Zeit als friedliche Leute kannte, verbrochen hätten. Der Sheriff ließ
sich aber auf keine weiteren Erklärungen ein. Es waren ein paar schwere
Verbrecher, die man noch eben ertappt hatte, als sie Californien
verlassen wollten. -- Das Uebrige würde die Untersuchung herausstellen,
und damit führte er seine beiden Gefangenen zu einem kleinen, engen
Blockhaus, das besonders als Gefängniß gebaut war und gar keine
Fenster, ja auch eigentlich nicht einmal eine ordentliche Thür, sondern
nur ein Loch hatte, durch welches sie hineinkriechen mußten, während
draußen ein Balken vorgelegt und mit einer Kette befestigt wurde.
Außerdem kamen noch zwei Mann, die der Sheriff schon bereit hatte,
als Wache davor und erhielten den laut ertheilten Auftrag, bei einem
Fluchtversuch der Gefangenen ohne Weiteres auf sie zu schießen.

Daß man den Beiden vorher ihre Waffen und was sie sonst an Geld und
Papieren bei sich trugen, abgenommen hatte, versteht sich von selbst.
Der Sheriff that Nichts halb. Uebrigens lag es gar nicht in seiner
Absicht, ein Geheimniß aus der Sache zu machen, und wie er nur die
beiden Gefangenen erst einmal sicher hatte, erzählte er auch Jedem,
der es wissen wollte, daß es ein paar gefährliche Verbrecher und
wahrscheinlich zwei von der nämlichen Bande wären, die seit einiger
Zeit die benachbarte Gegend unsicher machten, und erst ganz kürzlich
den Postboten erschlagen und beraubt hätten. Klage sollten aber zwei
amerikanische Bürger erhoben haben, die neulich, in der Gegend der
Calaveres-Minen, von ihnen angefallen, verwundet und beraubt wären.
Sogar unter dem Gold, das der Eine von ihnen heute dem Richter bezahlt,
hätten sich, wie der Sheriff betheuerte, ein paar leicht kenntliche
Stücken gefunden, auf die Jene bereit wären zu schwören, daß sie
früher ihr Eigenthum gewesen und ihnen an jenem Tage abgenommen
wären. Geschah das aber wirklich, so stand es mit den Beiden schlimm.
Ludville hatte allerdings keine Gerichtsbarkeit über Leben und Tod,
aber wohl der benachbarte Platz Eltonville, und dort wurden, wie die
letzte Zeit gelehrt, verwünscht wenig Umstände gemacht. Es war dort
kein Eingeständniß der Verbrecher nöthig, sondern nur sogenannte
~circumstantial proofs~, oder überzeugende Beweise.

Nun kannte man allerdings in Ludville die beiden Verhafteten
oberflächlich, denn sie hatten früher oft mit ihren Wagen Fracht
in die Minen gebracht, sich aber nie lange da aufgehalten und auch
mit wenig Menschen verkehrt. Außerdem wechselte die Bevölkerung
solcher Minenstädte ununterbrochen, denn während ein Theil der
dorthin Gezogenen seine Hoffnungen nicht realisirt fand und weiter
wanderte, trafen Andere wieder ein, die, durch glänzende Berichte
der dabei interessirten Händler angelockt, ihr Glück dort versuchen
wollten. Außerdem waren in der That in letzter Zeit verschiedene
Mordthaten vorgefallen, und die Leute erbittert genug auf das heimliche
Raubgesindel, der Verdacht hatte nur bis jetzt vor anderer Thür
gelegen, und war meistens auf Mexikaner und sogenannte „~Sydney
coves~“ oder aus Australien eingewanderte Verbrecher gefallen. Daß
sich Amerikaner dabei betheiligt haben sollten, gefiel den Leuten
nicht: war es aber wirklich der Fall, ei, dann mußten sie auch ihre
Strafe leiden, so gut als Fremde, man konnte sich ja sonst nicht einmal
seines eigenen Lebens sicher fühlen.

Unter den Goldwäschern befand sich übrigens Einer, ein Kentuckier,
der früher einmal mit Carman gearbeitet und ihn die ganze Zeit nicht
wieder getroffen hatte, bis er Zeuge der Verhaftung wurde und nun
kopfschüttelnd, die Hände in den Taschen, die Straße hinabschlenderte,
um sich bei Collins, wo er gewöhnlich seinen Bedarf holte, frischen
Kautaback zu kaufen.

„Hol’ mich dieser und Jener, Collins,“ sagte er dabei, während der
junge Mann ihm das verlangte Stück abwog -- „man weiß jetzt bei Gott
nicht mehr, wem man trauen soll; es giebt doch _zu_ viel schlechte
Menschen in der Welt, und hier in dem verbrannten Californien werden
nachher auch noch die Besten schlecht. Das Gold hat den reinen Teufel
im Leibe.“

„Werdet Ihr heute Morgen moralisch, Mills,“ lachte Collins, der diese
Eigenschaft an dem sonst ziemlich rohen Gesellen noch gar nicht kannte.

„Ach was, hol’s der Teufel,“ brummte der Kentuckier, indem er sich
ein gewaltiges Stück Kautaback abschnitt und in den Mund schob, „da
haben sie eben wieder einen Burschen verhaftet, mit dem ich drei
Monat zusammen am Stanislaus gearbeitet, und er war immer ein braver,
ordentlicher Kerl. Nachher ging ich nach dem Jackaßgulch hinüber und
er fing mit Anderen an, und nun höre ich eben, daß er und sein Kamerad
drüben an der Fork einen Amerikaner im Wald angefallen und beraubt
haben.“

„Alle Wetter, wen denn?“

„Ach, auch einen Kerl, von dem ich lieber wollte, daß er ein Indianer
als ein Amerikaner wäre; einen von den verdammten Spielern, denselben
Hund, der meinem Bruder einmal sein ganzes ausgegrabenes Gold
abgenommen hat -- aber doch bei Beleuchtung und mit Karten, und nicht
im Wald mit der Pistole. Wahrscheinlich haben die’s an ihn auch
verloren, und sich’s auf die Art wieder holen wollen; aber von Carman
hätt’ ich das in meinem Leben nicht geglaubt.“

„Von Carman?“ schrie Collins, der von der ganzen Verhaftung noch gar
kein Wort wußte, und war mit _einem_ Satz über seinen Ladentisch
hinüber -- „Carman haben sie verhaftet?“

„Na, gewiß,“ sagte Mills, der Kentuckier, über die Aufregung des sonst
so ruhigen Händlers erstaunt -- „ihn und noch einen Anderen, aber ich
kenne ihn nicht. ’S ist, glaub’ ich, auch ein ~corncracker~.“[A]

„Ganz recht, versteht sich von selber,“ lachte Collins auf, „alle
Beide, und auf Raub, vielleicht gar Raubmord angeklagt, von einem der
Spieler.“

„Na ja,“ sagte Mills, „ich hab’s Euch ja eben erst erzählt.“

„Und wißt Ihr, Mills, daß die beiden Leute gerade so unschuldig daran
sind, als Ihr und ich?“

Mills machte ein etwas dummes Gesicht, denn er begriff nicht gleich,
woher der Händler das wissen wollte; Collins aber, der im Nu den
ganzen Plan des Richters durchschaute, ein paar Menschen aus dem Weg zu
schaffen, die ihm, wenn nicht gefährlich, doch unbequem werden konnten,
faßte den langen Kentuckier jetzt bei einem Knopf und erzählte ihm in
kurzen, gedrängten Worten die Vorgänge in Mexiko und hier, wie den
Verdacht, den er habe, daß da mit einem paar braver, rechtlicher Leute
ein nichtswürdiges Spiel getrieben werden sollte.

Mills war ein guter, ehrlicher Kerl, aber etwas langsam von Begriffen,
und es dauerte eine gute Weile, bis ihm Collins Alles so erklärt hatte,
daß er es verstand. Als das aber wirklich erst einmal der Fall war,
gerieth der Bursche fast außer sich, und Collins hatte jetzt die größte
Mühe, ihn nur zurückzuhalten, daß er nicht augenblicklich zu Richter
Black hinüber lief, Skandal anfing, und dann selber festgesetzt wurde,
ohne den Gefangenen auch nur das Mindeste zu nützen.

Vor allen Dingen galt es, zu erfahren, wann das Verhör sein solle, und
daß ~Dr.~ Black nicht lange damit zögern würde, ließ sich denken;
Mills beschloß indessen, in die sogenannte _Flat_ hinauszugehen,
wo eine Anzahl seiner Bekannten und Landsleute arbeitete, um mit diesen
Rücksprache zu nehmen. Abends ließ sich dann das Weitere in der Stadt
besprechen, und morgen war überhaupt Sonntag, wo nirgends in den Minen
gearbeitet wurde.

Collins selber legte sich indessen auf die Lauer, um vielleicht hie und
da etwas darüber zu hören, was man mit den beiden Gefangenen vorhabe,
aber Richter Black ließ ihn gar nicht lange in Zweifel und schien in
der That das Eisen zu schmieden, so lange es warm war. Der morgende
Sonntag mochte ihm nämlich nicht besonders für diesen Gerichtsfall
passen, da die Leute an dem Tage zu viel Zeit hatten, Sonntags kamen
auch noch viele Goldwäscher aus der Nachbarschaft nach Ludville, um
hier ihre nöthigen Provisionen für die nächste Woche einzukaufen, und
den Tag dann unter Bekannten und Freunden zu verbringen; dem mußte
vorgebeugt werden. Gleich nach Tisch war natürlich Alles wieder an
die Arbeit gegangen, und das Städtchen lag wie leer und verödet. Nur
die Spieler, die an den Waschplätzen nichts zu suchen hatten, und die
Händler und Wirthe waren zurückgeblieben, und eine günstigere Zeit,
um das Verhör der beiden Gefangenen vorzunehmen, kam sicher nicht
wieder. Richter Black war dabei nicht der Mann, eine solche Gelegenheit
unbenutzt verstreichen zu lassen. Er glaubte allerdings nicht, daß
die beiden Angeklagten besondere Freunde hier im Ort hatten, aber
selbst die Möglichkeit eines Einspruchs konnte durch rasches Verfahren
vermieden werden, und daß _seine_ Freunde dann zu ihm standen,
wußte er gewiß.

Die Spieler selber wurden auch in der That hier nur durch ihn allein
gehalten, denn oft schon hatten die Einwohner von Ludville bei dem
Richter darum nachgesucht, die sämmtlichen Spielhöllen aufzuheben. Dem
Gesindel wäre dadurch aber einer der vortheilhaftesten Plätze in den
Minen genommen worden, und Richter Black hielt seine Hand darüber, ja
erklärte, den verschiedenen Anforderungen gegenüber: _er_ für
seine Person könne keine besonderen Gesetze für Ludville geben, wo
die obersten Behörden selbst in San Francisco und unter ihren Augen
das Spiel gestatteten. Dabei blieb es, ja es wurde noch ärger, als in
benachbarten Minenplätzen die Goldwäscher, dieser nichtsnutzigen Bande
überdrüssig, sie zum Tempel hinaus jagten. Welchen besseren Platz
hätten sie da aufsuchen können, als das, in einem der goldhaltigsten
Thäler liegende Ludville, so daß jetzt einige dreißig Mann dieses
Gelichters hier ihren stehenden Wohnsitz genommen hatten und nur dann
und wann einen Abstecher machten, um an neu entdeckten Waschplätzen
die Arbeiter um ihr Gold zu betrügen und nachher hierher zurückzukehren.

Es mochte etwa Mittags um zwei Uhr und die beiden Gefangenen kaum eine
Stunde in ihrem Gewahrsam sein, als sich der Sheriff schon einige
Hülfsleute nahm, um sie zum Verhör abzuholen, das dann auch auf sehr
summarische Weise betrieben wurde. Collins erfuhr kaum, und in der That
nur zufällig, daß es statt fand, und band rasch seinen Zeltladen zu, um
wenigstens Zeuge zu sein.

Die Anklage war von einem der Spieler erhoben, der eine merkwürdige
Geschichte erzählte, wie er, _unbewaffnet_ -- und Keiner der
Burschen ging je ohne seine zwei Revolver im Gürtel -- mit noch einem
Kameraden unterwegs im Walde gerade gefrühstückt habe, als die beiden
Angeklagten über sie hergefallen wären, sie zu Boden geschlagen und
beraubt hätten. Ein Anderer der anwesenden Spieler war dann als Zeuge
dazu gekommen. Zufällig des Weges reitend, feuerte er seine Pistolen
auf die Räuber ab, und wenn er sie auch wohl nicht traf, so verjagte er
sie doch, oder sie hätten ihre Opfer sonst am Ende vielleicht gar noch
todtgeschlagen.

Hier waren drei Menschen, die gegen sie auftraten und bereit schienen,
ihre Aussage zu beschwören, ja der Zeuge hatte vorher schon den Schwur
aussprechen müssen, nach welchem er bei dem Namen Gottes betheuern
mußte, die Wahrheit -- und nur die Wahrheit zu sagen.

Auch das Gold, das Carman erst heute Morgen dem Richter bezahlt und
in welchem sich ein paar wunderlich geformte Stücke befanden, wurde
von den Beraubten als das erkannt, das ihnen damals von den Räubern
abgenommen worden, und ein Zweifel konnte deshalb gar nicht mehr
stattfinden. Lautes Hohngelächter schallte aber durch das Zelt, als
Hudson jetzt, wüthend über die frechen Beschuldigungen, auffuhr und dem
Richter selber vor allen Versammelten seine Anklage in die Zähne warf.
Ja, als er seine und seines Gefährten erhaltenen und jetzt vernarbten
Kopfwunden zeigte, rief der Sheriff höhnisch:

„Daß Ihr bei _Eurer_ Beschäftigung manchmal eins über den Schädel
gekriegt habt, meine Burschen, glaub’ ich Euch auf’s Wort, es wäre
wenigstens wunderbar, wenn Ihr immer ungerupft davon gekommen sein
solltet. Komisch ist nur, daß Ihr das als Beweis Eurer Unschuld
vorbringen wollt, und dabei noch die Unverschämtheit habt, den Richter
selber zu beschuldigen. Was Tolleres habe ich in meinem ganzen Leben
noch nicht gehört.“

„Gentlemen,“ sagte Black ruhig, sich an die versammelte Bande wendend,
„ich glaube die Aburtheilung dieser beiden Menschen wird über unsere
Befugniß gehen, denn nach unseren Minengesetzen verdienen sie den
Strick.“

„So hängt sie,“ rief ein junger verlebter Bursche, der kaum
einundzwanzig Jahr zählen mochte, aber schon wie ein alter Mann aussah.

„Das geht nicht,“ erwiederte Mr. Black, „denn der Gerichtshof über
Leben und Tod ist in Eltonville. Da wir aber hier keinen passenden Ort
haben, wo wir solch gefährliche Verbrecher sicher aufheben können,
so gedenke ich sie noch heute Nachmittag dahin abzusenden. Sheriff,
Ihr werdet die Güte haben, den Transport zu besorgen, und unter den
Herren hier finden sich vielleicht Freiwillige, welche die Begleitung
übernehmen, wie ich Kläger und Zeugen ebenfalls ersuchen muß, sich
dorthin zu verfügen. Die Entfernung ist ja nur gering, denn in drei
Stunden reiten Sie es bequem.“

„Ja wohl, ja wohl, Richter,“ riefen vielleicht zwanzig aus dem Schwarm,
„gewiß, gehen wir.“

„Gentlemen!“ rief da Collins, der recht gut die Gründe einer so raschen
Gerichtspflege durchschauete, und sich von dem Richter in Eltonville
nicht viel mehr versprach, als von diesem Mr. Black, wenn sie ihn
überhaupt dorthin ablieferten, „gestatten Sie mir eine Frage.“

„Und was wünschen Sie, Sir?“ fragte der Richter und sah ihn rasch und
mißtrauisch an.

„Ich erlaube mir,“ sagte da Collins mit lauter und ruhiger Stimme,
„gegen ein solches Verfahren zu protestiren.“

„Hallo? so? was will denn der Kerl?“ tönte es von den verschiedensten
Seiten, „hat der hier was zu sagen?“

„Ich bin selber Advokat,“ fuhr aber Collins unbekümmert fort, „und weiß
deshalb, daß diese Leute nicht dem Obergericht übergeben werden können,
ehe nicht eine Jury über sie gesessen hat, die von ihnen anerkannt
wurde. Die Bewohner von Ludville haben aber ein Recht, über das gehört
und befragt zu werden, was so in ihrer Mitte geschieht, und ich möchte
deshalb --“

„Werft ihn hinaus,“ kreischte der junge Bursch, der vorher den
freundlichen Antrag des Hängens gestellt hatte, „was hat der hier zu
thun?“

„~Well, my little fellow~,“ sagte Collins, dessen Blut auch jetzt
zu kochen anfing, „wenn Dir’s Spaß machen sollte, so versuch’ es
doch einmal, mich hinauszuwerfen. Uebrigens muß ich dem Gerichtshof
erklären, daß dies hier ein ganz unwürdiges Verfahren ist. Kläger und
Zeugen gegen diese beiden amerikanischen Bürger sind Menschen, die
ihren Erwerb vom Spiel haben, und wenn --“

Ein so furchtbares Toben und Zischen und auf die Tischeschlagen
unterbrach ihn hier, daß es nicht möglich war, weiter zu reden, und
Black selber mußte die Versammlung bitten, Ruhe zu halten. Von jetzt
ab fand aber gar keine Verhandlung mehr statt, sondern es wurden nur
Beschlüsse gefaßt, und ein Theil der Spieler zerstreute sich auch
schon, um ihre Pferde herbeizuholen, und die Gefangenen augenblicklich
zu transportiren.

Wurden sie nun wirklich nach Eltonville geschafft, so zweifelte Collins
keinen Augenblick daran, daß er einen Aufschub des Gerichtsverfahrens
dort erlangt hätte, bis er die nöthigen Beweise für die Unschuld
der Gefangenen beibringen konnte. Aber das wußte Black eben so gut,
und er selber zweifelte deshalb keinen Moment daran, daß ein ganz
anderes Verfahren beabsichtigt, und das Leben der beiden Amerikaner
auf’s Aeußerste bedroht sei, sobald sie, gebunden wie sie waren,
_dieser_ Bande übergeben und von ihr durch den Wald geführt
wurden. Was hätten sich _diese_ Menschen daraus gemacht, die
Gefangenen, die -- wenn sie doch vielleicht frei kamen -- gerade nicht
so aussahen, als ob sie alles Erlittene ruhig hinnehmen würden, gleich
selber unterwegs abzuurtheilen und irgend wo im Dickicht an einen
Baum zu hängen. Schlimmere Dinge _waren_ schon in Californien
geschehen, und wer hätte nachher einen Beweis über die That führen
wollen.

Collins fühlte auch, daß er hier _handeln_ mußte, und noch dazu
keinen Augenblick versäumen durfte, denn bis die Goldwäscher von ihren
verschiedenen Arbeitsplätzen zurückkehrten, darüber vergingen heute
noch mehrere Stunden, und längere Zeit brauchten die Buben gar nicht,
um Alles auszuführen, was sie beabsichtigten: sollte er aber selber
hinauslaufen und die Arbeiter zusammenrufen? selbst dies hätte nichts
genützt, denn rings um Ludville zerstreut steckten sie in ihren Gruben
und er brauchte über eine Stunde, nur um rings die nächsten Plätze
anzurufen, -- da gab es aber ein besseres Mittel.

Dicht neben seinem Zelt wohnte ein Kentuckier, der eine der
gewöhnlichen Speisewirthschaften hielt und einen großen Gong oder
Tamtam benutzte, um seine Gäste Mittags zu Tisch zu rufen. Diese
Gongs, große Metallplatten von eigenthümlicher Composition, mit einem
scharfeingebogenen Ring darum, machen aber einen ganz merkwürdigen
Lärm, und er erinnerte sich selber, den Ton bis weit hinein in die
Hügel gehört zu haben. Zu dem Kentuckier sprang er jetzt, er sah,
daß schon Einige der Burschen ihre Pferde herbeiführten, daß also an
einen Aufschub nicht zu denken war, und diesem mit flüchtigen Worten
erzählend, was draußen im Werke sei, griff er den Gong und dessen
Klöppel auf, sprang auf einen hinter dem Hause befindlichen Hügel und
begann das Instrument aus allen Kräften zu bearbeiten.

Es war ein furchtbarer Lärm, den die Platte machte, aber er erreichte
vollkommen seinen Zweck. Aus allen Zelten eilten die Bewohner
hinaus in’s Freie, um zu sehen, was der Sturmruf zu so ungewohnter
Stunde bedeute, und selbst aus den Niederungen kamen schon einzelne
Goldwäscher angesetzt, denn daß etwas Außerordentliches vorgegangen
sein müsse, wußten Alle. Hatten die Mexikaner den Ort gestürmt?
Feindseligkeiten zwischen ihnen und den Amerikanern waren verschiedene
Male vorgekommen, und erst kürzlich verbreitete sich das Gerücht,
daß sie in Sonora, einer anderen Minenstadt, versucht hätten, den
Amerikanern Trotz zu bieten. Oder sollten sich die Franzosen empört
haben? in Murphy’s Diggings war Aehnliches geschehen. Jedenfalls
mußten sie sehen, was dort passirte, und das war Alles, was Collins
wollte.

Aus der Flat selber aber kam der Kentuckier mit etwa zwanzig Freunden
und Bekannten herangestürmt, denen er schon draußen erzählt hatte, was
in Ludville im Werke sei. Hatte wirklich Collins das Zeichen gegeben?
Schon von Weitem erkannte er ihn oben auf dem Hügel, und Spaten und
Brechstangen, was sie unterwegs fanden, aufgreifend, eilten die
handfesten Burschen zum Succurs herbei.

Mr. Black hatte den Lärm ebenfalls gehört, und augenblicklich seinen
Sheriff hinaus gesandt, um eine Fortsetzung desselben zu verhindern.
Collins aber, um den sich schon eine Anzahl von Amerikanern, Deutschen
und Franzosen gesammelt, ließ sich nicht irre machen, und als der
Sheriff Gewalt brauchen wollte, ja sogar seinen Revolver zog, stellten
sich ihm plötzlich soviel drohende Gestalten entgegen, daß er ziemlich
scheu den Rückweg suchte, um erst dem Richter über diese eben nicht
viel versprechenden Anzeichen Bericht abzustatten.

Indessen hatte sich die Escorte der beiden Gefangenen, denen das
Herbeiströmen der Männer nicht entgangen war, nur noch mehr beeilt,
fortzukommen. Acht von ihnen saßen schon zu Pferde, die beiden
Gebundenen in der Mitte und hielten es jetzt für rathsam, lieber den
Platz zu verlassen, die Anderen mochten ihnen dann, so rasch sie
konnten, folgen. Diesen entgegen warf sich aber jetzt der Kentuckier
mit seinen Leuten, und dadurch vollkommen die Straße sperrend frug er
sie, wohin sie mit den beiden Amerikanern wollten.

„Nach Eltonville, zum Obergericht, im Namen des Gesetzes gebt Raum!“

„Oh, Mills!“ rief Carman, der seinen früheren Kameraden erkannt hatte,
„sei doch so gut, und schlag einmal dem Halunken eins über den Kopf,
bis ich selber die Hände freibekomme.“

„Es sind Verbrecher,“ rief ein Anderer wieder, „die dem ordentlichen
Richter überliefert werden sollen, Ihr werdet keine Raubmörder
beschützen wollen.“

„Lügenhund, nichtswürdiger!“ schrie jetzt Hudson, dem nun auch die
Galle überlief, „laß mich die Hände frei bekommen.“

„Und dazu braucht es Euch Spielergesindel?“ rief ein baumlanger
Texaner, der eine große eiserne Brechstange in der Hand hielt, „um
einen Gefangenen zu transportiren? waren dazu keine achtbaren Männer
aufzutreiben? Laßt die Leute frei!“

„Zurück! Gentlemen!“ schrie da ein breitschultriger Yankee-Spieler mit
einer bunten Serape und in mexikanischen Hosen, indem er einen Revolver
hinaushielt -- „wir sind jetzt geschworene Constabler und der Erste,
der es wagt --“

„Schurken seid Ihr!“ schrie der Texaner, die drohende Waffe nicht
weiter achtend, als ob es ein todtes Stück Holz gewesen wäre; und in
demselben Moment hieb er auch mit seinem schweren Eisen das Pferd des
Spielers dermaßen vor den Kopf, daß es wie todt zusammenbrach und den
Reiter weit ab über seinen Hals sandte. Dieser feuerte allerdings noch
im Sturz seinen Revolver ab und die Kugel schlug einem der Leute durch
den Arm. Das war aber auch nur das Signal zu einem förmlichen Angriff
gewesen, denn im Nu warfen sich die Goldwäscher auf das überhaupt
verhaßte Spieler-Gesindel, die auch nicht mehr wagten, ihre Waffen
abzuschießen. Von allen Seiten sprangen neue Verstärkungen herbei und
sie wußten recht gut, daß sie nicht zu ihren Freunden zählten. Ein paar
von ihnen wurden von den Pferden gerissen und eben nicht sanft dabei
angefaßt -- Andere sprengten mit ihren Pferden seitwärts durch die
Zelte, und wenige Augenblicke später fühlten Hudson und Carman ihre
Arme frei und griffen jetzt ebenfalls das erste beste Geräth auf, um
sich zu vertheidigen.

Mehr und mehr Goldwäscher füllten indeß die Straße, wie ein Lauffeuer
hatte sich die Nachricht einer Revolution durch die benachbarten
Arbeitsplätze verbreitet, und so große Scheu bis zu diesem Augenblick
ein Jeder gehabt, auch nur das geringste Außerordentliche zu thun, so
daß sie sich sogar die schrankenlosen Willkürlichkeiten des Richters
gefallen ließen, so wie mit einem Schlage schien jetzt ein jedes
solches Gefühl abgeschüttelt und vergessen.

Mills, der lange Kentuckier, fühlte dabei das Bedürfniß, eine Rede
zu halten. Vor einem der Zelte stand ein frischangefahrenes Faß mit
gepökeltem Schweinefleisch; auf das sprang er mit einem Satz hinauf und
schrie mit dröhnender Stimme:

„Boys! Gentlemen wollte ich sagen, thut mir den einzigen Gefallen und
haltet einen Augenblick die Mäuler, damit wir nicht blind und toll in’s
Zeug hineinstürmen, denn die Hälfte von Euch weiß in diesem Augenblick
noch nicht einmal, was eigentlich los ist und was wir wollen.“

„Bravo, Mills, bravo!“ jubelte die Schaar -- „das ist recht, sag’s den
Burschen derb!“

„Geht zu Gras,“ brummte Mills, „ich weiß selber, was ich zu thun habe
-- soviel ist aber sicher, daß wir bis jetzt hier einen Räuber und
Mörder zum Richter gehabt haben, und ist _Einer_ unter Euch, den
er noch nicht geplündert hätte?“

„Hallo, Boys! was geht hier vor!“ schrie der Sheriff, der in diesem
Augenblick, eine Büchse in der Hand, aus seinem Zelt sprang, „verdammt
will ich sein --“

Er sagte nichts weiter -- Hudson, der keine fünf Schritt von ihm
stand, warf ihm eine kurze, eiserne Brechstange, die er in der Hand
hielt, dermaßen zwischen die Knie, daß er mit einem Schmerzensschrei
zusammenbrach, und im Nu hatte man ihm die Büchse weggenommen und ihn
gebunden.

„Der und sein Helfershelfer da, die Carricatur von einem Sheriff, der
nicht mehr Idee von einer Gerichtsperson hat, wie eine Kuh,“ fuhr aber
Mills, ohne sich im Geringsten irre machen zu lassen, fort, „haben hier
in Ludville dem Teufel sein Spiel getrieben, und wer hat regiert? Nur
das nichtsnutzige Gesindel, das mit falschen Karten und Revolvern im
Land umherzieht. Wenn ein Stück Vieh oder ein Pferd gefallen ist, so
sind in zehn Minuten die Aasgeier da und machen sich breit -- wo irgend
eine neue Mine, ein reicher Platz gefunden wird, wer hockt da zuerst
in den Zelten und lauert darauf, den fleißigen Arbeitern das mühsam
ausgewaschene Gold wieder abzujagen? diese Spieler. Am Rich Gulch
haben sie die Bande zum Teufel gejagt, am Bee River machten sie’s noch
besser, da hingen sie die eine Hälfte und ließen die Anderen laufen.
Wollen wir zurückbleiben?“

„Nein! fort mit der Bande!“ schrieen die Goldwäscher fast wie aus einem
Munde, „fort mit den Schuften; es giebt keine Ruhe im Ort, bis wir sie
nicht hinausgejagt haben.“

„Wenn die Gerichte in San Franzisco keine Macht haben,“ schrie der
Texaner, „den Gaunern das Handwerk zu legen, so haben _wir_ sie
hier und wollen sie brauchen.“

„Und die beiden Leute dort,“ fuhr Mills fort, „so brave Amerikaner, wie
je in Californien ein Loch gegraben, wollten diese Canaillen jetzt eben
in den Wald führen und dort aus dem Weg schaffen, und weshalb? weil sie
in diesem Mr. Black denselben Dieb erkannt haben, der sie in Mexiko mit
einer Bande von ~greasers~[B] überfiel, plünderte und dabei vier
Amerikaner todtschoß.“

„Wo ist Black? wo ist der Hund? holt ihn, sucht ihn!“ schrieen die
Miner durcheinander.

„Boys!“ schrie Mills noch einmal, „Gentlemen!“ denn er war noch lange
nicht fertig, aber sie hörten ihn nicht mehr. Sie hatten jetzt ein
bestimmtes Ziel, und weiter brauchten sie nichts -- verlangten nicht
mehr. Wie eine Sturmfluth wälzte sich auch der Haufen, der jetzt zu
einigen Hunderten angewachsen sein mochte, dem Zelte zu, in welchem
sich der Richter gewöhnlich um diese Tageszeit aufhielt. Aber wo war
Richter Black?

Ein gegenüber wohnender Händler hatte gesehen, daß Einer der Spieler,
jener junge Bursche, bleich wie der Tod, vor das Zelt des Richters
galoppirt war und rasch einige Worte mit ihm gewechselt hatte, dann
war er fortgesprengt die Straße hinab, während Black selber langsam zu
seiner eigenen, gerade über Ludville gelegenen Wohnung, einer kleinen,
aber festen Blockhütte hinaufstieg.

Dorthin stürmte jetzt die aufgeregte Schaar; was sie mit dem bis dahin
so gefürchteten Richter wollten, wußten sie eigentlich selber nicht,
aber er sollte ihnen Rede stehen -- er sollte sich gegen die wider ihn
erhobene Anklage vertheidigen und dann? -- ja den Raub herausgeben,
den er an ihnen verübt -- er und der Sheriff. -- Aber Richter Black
hatte es für gerathen gehalten, einen solchen Ausbruch der entfesselten
Volkswuth nicht abzuwarten.

Sein Haus stieß dicht an den Wald, und dort oben hatte er bis jetzt
immer einen jungen Mexikaner gehalten, der ihm Morgens sein Frühstück
bereitete und für die Reinlichkeit des Hauses sorgte, überhaupt auch
als Wache desselben diente.

Beide waren jetzt verschwunden, auch Blacks Sattel und Zaum fehlte,
aber der Vorsprung, den er gewonnen, konnte nur ein sehr geringer
sein und der, jetzt nur noch mehr erbitterte Schwarm vertheilte sich
im Wald, um ihn einzuholen; hatte er doch schon durch seine Flucht
die ganze, ihm aufgehäufte Schuld eingestanden. Aber freilich war das
Terrain um Ludville her sehr zerklüftet und rauh, und wer sich dort
verborgen halten _wollte_, fand wohl Schlupfwinkel genug in der
Nachbarschaft. Außerdem neigte sich der Tag seinem Ende und es blieb
den Verfolgern nicht einmal lange Zeit, dem Flüchtigen nachzusetzen.
Uebrigens hatten sie auch mehr in Ludville selber zu thun, und dort
begann jetzt das Rachewerk zuerst an Blacks Wohnung, die sie vorher
genau durchsuchten, ob sich nicht vielleicht versteckte Schätze fänden,
die seine Schuld noch klarer machten. Black aber schien, _was_ er
erbeutet, auch in Sicherheit gebracht zu haben, und wenn er es nicht
mitgenommen, hatte er es vielleicht in der Nachbarschaft versteckt, wo
er es einmal über Nacht abholen konnte.

Waffen fanden sie übrigens genug: noch eine geladene Büchse, drei
Revolver und ein langes Messer, was er keinenfalls Alles auf seiner
Flucht mit fortgebracht. Aber keiner der Männer rührte auch nur ein
Stück der hier gefundenen Gegenstände an. Im Kamin brannten Kohlen.

„Steckt das Nest in Brand!“ rief Mills, der bei der Untersuchung
besonders thätig war, „die Canaille scheint ja hier ein ganzes
Waarenlager von Mordinstrumenten gehalten zu haben -- Feuer in die
Bude, das ist das Beste.“

Dem Rath wurde auch rasch Folge geleistet. Ein paar junge Burschen
kletterten auf das Dach, brachen dort die Schindeln auf und warfen sie
hinunter, andere hatten indessen schon das trockene Moos der Matratze
auf die Gluth geworfen, und ehe eine Viertelstunde verging, loderte die
züngelnde Flammensäule hoch in die stille Luft hinein.

Jetzt erst sammelten sich die Männer wieder in Ludville, um dort einen
festen Entschluß zu fassen und den Spielern anzukündigen, daß sie
vor anbrechendem Tag den Platz zu verlassen hätten. Aber keiner von
ihnen schien das Resultat der Verhandlung abgewartet zu haben, denn
sie kannten Alle aus Erfahrung den Verlauf solcher Volksausbrüche, die
noch dazu nicht einmal immer so unblutig abliefen wie hier. Das wenige
Eigenthum, was sie besaßen -- ihr Gold und ihre Revolver, packten sie
in ihre Satteltaschen, und fort stoben sie nach allen Seiten, um einen
ruhigeren Aufenthalt für ihre Thätigkeit zu suchen.

Nur der Sheriff brachte die Leute in Verlegenheit; sie hatten ihn, als
er mit der Büchse auf sie einsprang, gebunden, und sie wußten jetzt
nicht recht, was sie eigentlich mit ihm anfangen sollten. Eine Klage
lag auch weiter nicht gegen ihn vor, denn er war nur immer der treue
Helfershelfer des Richters gewesen, da er von dessen Einkünften seine
hohen Procente zog. Nach der Flucht des Richters aber konnten sie sich
doch nicht gut nur an sein Werkzeug halten, und man beschloß endlich,
ihn los zu binden und laufen zu lassen -- vorher aber mußte er freilich
Alles das, was er Hudson und Carman bei ihrer Verhaftung abgenommen,
herausgeben.

Allerdings wollte sich der Sheriff jetzt damit nicht begnügen und
wüthete und tobte im Ort herum. Mills aber besaß eine wunderbare
Ueberredungsgabe.

„Sheriff,“ sagte er, indem er zu ihm ging und ihm die Hand freundlich
auf die Schulter legte, „wenn ich Euch in einer halben Stunde noch in
Ludville treffe, schlage ich Euch eigenhändig den Schädel ein -- und
nachher könnt Ihr mich verklagen.“ Dann drehte er sich ab und ging in
das Zelt, wo jetzt eine Versammlung stattfand, um einen neuen Richter
und Sheriff zu wählen.

Hudson und Carman durchsuchten allerdings noch den ganzen nächsten
Tag den Wald, um den entflohenen Räuber aufzufinden, ja blieben sogar
die ganze Nacht auf der Lauer liegen, weil sie vermutheten, er würde
vielleicht versuchen, nach Dunkelwerden heimlich zu seiner Wohnung
zurückzukehren, aber er ließ sich nicht mehr in der Gegend blicken und
mußte jedenfalls andere Mittel und Wege gefunden haben, sein Gold jetzt
-- oder wahrscheinlich auch schon früher, in Sicherheit zu bringen.

Aus Ludville aber blieben die Spieler von dem Tag an verbannt, und
durften es nicht wieder wagen, ihren Poncho über einen der dortigen
Tische zu decken und eine Bank zu eröffnen. Nach einigen Wochen, als
sie glauben mochten, der Lärm habe ausgetobt, wollten es allerdings
Einzelne wieder versuchen und schlugen zu dem Zweck ein Zelt vor der
Stadt auf; aber Mills, den die Bewohner zum Sheriff gewählt, stattete
ihnen schon am ersten Abend einen Besuch ab und erklärte ihnen in so
überzeugender Weise, er würde Jedem von ihnen den Hals umdrehen, der
auch nur eine einzige Karte aus seiner Tasche packte, daß sie es doch
für gerathener hielten, wieder abzuziehen.


    [A] So werden die Bewohner von Illinois in den Staaten genannt.

    [B] Greaser, der Spottname für Mexikaner.



Martin.

Amerikanische Skizze.



Erstes Kapitel.

Im Wald.


Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, daß sich in Arkansas, dem
damals noch ziemlich wilden „Territorium“ der Vereinigten Staaten von
Nordamerika, ein gar sonderbarer Kauz herum trieb, über den seiner Zeit
viel gesprochen wurde, vorzüglich, weil er seinen Aufenthaltsort so oft
und meist immer heimlich wechselte. Weshalb das freilich geschah, wußte
Niemand.

Der Mann, der zu jener Zeit etwa dreißig Jahre zählen mochte, hieß
Martin -- gab wenigstens nie einen anderen Namen an, und war bald in
sämmtlichen Ansiedlungen (oder der ~range~, wie man dort sagt)
eine allbekannte Persönlichkeit. Er hatte auch etwas Auffallendes in
seinem ganzen Wesen, das ihn leicht kenntlich machte. Erstlich besaß er
eine für seine Jahre ungewöhnliche und vollkommene Glatze, so daß er
nur hinten im Schopf und an den Schläfen spärliches rothes Haar zeigte;
sonst war er mehr klein als groß von Statur, mit einem, eigentlich
gutmüthigen Gesicht, dem nur der unstäte, rastlose Blick widersprach,
so daß man leicht hätte glauben können, er trage irgend ein drückendes
Gewicht auf seinem Gewissen, und habe deshalb auch vielleicht keine
Ruhe. Trotzdem gab es keinen gutmüthigeren und fleißigeren Menschen im
weiten Wald als ihn. Er war die Gefälligkeit selber, und besonders mit
Kindern sorgsam und geduldig wie eine Mutter, was die backwoods Frauen
vorzüglich zu würdigen und auch wohl zu benutzen verstanden. Dabei
hatte ihn Jeder gern und die Jahre, die er sich in jenem wilden Theil
des Landes aufhielt, konnte er mit Recht sagen, daß er in _jeder_
Hütte willkommen sei -- aber er kehrte nie auf einen Platz, auf dem er
einmal gearbeitet hatte, zurück.

Suchte er einen neuen Aufenthaltsort, so blieb er, ohne etwas über
seine Absichten zu sagen, als Gast im Haus, um sich, wie es schien, vor
allen Dingen erst einmal das Terrain anzusehen, und die Bewohner der
nächsten Nachbarschaft kennen zu lernen. Dann erbot er sich in Arbeit
zu treten, was ihm willig zugestanden wurde, und er dingte dann auf das
Genauste um den höchsten Lohn. Niemand aber konnte sich rühmen, ihm
auch nur je einen einzigen Dollar für Monate lange Dienste gezahlt zu
haben, denn wenn er sechs bis acht Wochen, oft auch ein Vierteljahr,
anstrengend und treu gearbeitet hatte, war er plötzlich, wie in den
Boden hinein, verschwunden, und tauchte erst nach längerer Zeit an
einem anderen entlegenen Theil der ~range~ wieder auf, um dort
dasselbe Spiel von Neuem zu beginnen.

Nun kamen allerdings die ~backwoodsmen~ dann und wann bei
besonderen Gelegenheiten zusammen, und es konnte nicht fehlen, daß ein
oder der Andere, bei welchem Martin gearbeitet, ihm da oder dort wieder
begegnete. Sagte er ihm nachher: „Aber Martin, Ihr seid ja weggelaufen
ohne Euren Lohn zu nehmen; so kommt doch herüber und holt ihn,“ so
erwiderte er stets: „Ja wohl ~Mr.~ -- ich komme in der nächsten
Zeit;“ aber man sah es ihm an, daß ihm selbst die Erwähnung der
gethanen Arbeit unangenehm war, und er dachte außerdem gar nicht daran,
den verlassenen Platz je wieder zu betreten.

So hatte er es mehrere Jahre getrieben und indessen an zahlreichen
Stellen gearbeitet, ohne auch nur einen Cent Lohn dafür erhalten zu
haben. Nur wenn er an Kleidern und Schuhwerk entschieden abgerissen
war, ließ er sich einzelne nöthige Stücke auf Abschlag geben.
Ohne Geld kam er übrigens zu jener Zeit und in jenem Distrikt
vollkommen gut aus, denn wirkliche Münze besaß Niemand, und die
meisten Verpflichtungen wurden nur durch Tausch erledigt. Nur Fremde,
welche das Land durchzogen und an der großen ~County~-Straße
übernachteten, brachten baar Geld mit.

Daß sich die Jäger und Ansiedler anfangs die wunderlichsten Gedanken
über Martin’s so außergewöhnliches Betragen machten, ist natürlich,
und man vermuthete sogar einmal eine Zeitlang, er müsse irgend ein
schweres Verbrechen in irgend einem Staat begangen haben, und dann
flüchtig geworden sein. Nach und nach aber, als sie vertrauter mit ihm
wurden, sahen sie das Grundlose eines solchen Verdachts ein, und Martin
machte auch nicht den geringsten Hehl aus den Orten, wo er sich früher
aufgehalten, ja nannte besonders Illinois als sein Heimathland. Nur
über seine eigene Familie gab er keine Auskunft, und es stellte sich
auch bald heraus, daß „Martin“ eigentlich nur sein Vorname sei, bei
dem er sich hier nennen ließ. So konnte es denn nicht fehlen, daß ihn
die jungen Burschen bald anfingen zu necken, und da er nichts weniger
als hübsch war, lachten sie oft zusammen und meinten, er sei nur aus
seiner Heimath fortgelaufen, weil sich die jungen Mädchen so um ihn
gerissen hätten, daß er seines Lebens nicht mehr froh geworden wäre.

Andere machten ihm wieder den Vorschlag, -- besonders wenn bei
irgend einer Gelegenheit eine größere Zahl versammelt war, daß er
doch heirathen und sich bei ihnen häuslich niederlassen sollte, und
_das_ Kapitel schien für ihn das unangenehmste von allen, ja er
konnte sogar, wenn sie es zu weit trieben, böse darüber werden.

In Arkansas hielt sich damals ein junger Bursch auf, ein Virginier
von Geburt, mit Namen George Willis, der eigentlich diesen Staat
besuchte, um sich einen Platz zur Uebersiedlung auszuwählen, und nur
weit länger als es seine Absicht gewesen, bei uns in der Niederung
-- den sogenannten Sümpfen blieb, weil wir da so vortreffliche Jagd
hatten. Durch seinen Humor und oft schlagenden, wenn auch nicht selten
boshaften Witz, war er dabei rasch der Liebling Aller geworden, und
nur Martin konnte sich nicht recht mit ihm befreunden, und ging ihm
am liebsten aus dem Weg, ja hatte sogar einmal eine Farm verlassen,
weil er dort ebenfalls seinen Aufenthalt nahm. Willis war aber selber
nicht lange dort geblieben, sondern auf einem seiner Streifzüge zu uns
herübergekommen und traf da nun wieder mit Martin zusammen, dessen
Eigenheiten er schon kannte und sich oft darüber amüsirte.

Wir hatten einen Jagdzug gemacht, um einen Bären aufzuspüren, der
anfing, den Schweinen nachzugehn, denn die Eichelmast war in dem Jahr
nicht besonders ausgefallen. Der alte Bursche schien aber ein anderes
Revier aufgesucht zu haben oder gerade nicht zu Hause zu sein. Wir
fanden wohl sein Bett und hetzten mit den Hunden, konnten ihn aber
selber nirgends aufspüren, und lagerten endlich an einem kleinen Hügel,
um unsere Pferde weiden zu lassen und uns selber ein wenig auszuruhen.

Martin schloß sich solchen Expeditionen nie an; er war selber kein
Jäger und hatte uns oft versichert, er habe noch nie in seinem Leben
eine Büchse abgedrückt. Sehr natürlich kam aber das Gespräch, als
wir da so lagerten und mitsammen plauderten, auch auf ihn und sein
wunderliches Benehmen in der Ansiedlung, und Willis rief plötzlich, als
wir auf dies und jenes riethen, was ihn dazu bewogen haben könnte und
sein ganzes Wesen vielleicht ziemlich richtig einer geistigen Störung
zuschrieben:

„~Boys~, ich will Euch was sagen: hol’ mich dieser und jener, wenn
ich nicht glaube, der ist daheim seiner _Frau_ ausgekniffen und
zieht jetzt nur so in der Welt herum, weil er Angst hat, daß sie ihn
wieder auffindet.“

Wir lachten; Willis aber, den Gedanken weiter verfolgend, fuhr
auf: „Was ist denn auch natürlicher! Ihr wißt doch Alle, wie er es
_hier_ macht; gut! das nämliche hat er zu Hause gethan. Wie er
nun daheim geheirathet und wie ein Pferd gearbeitet hatte, um seinen
Hausstand ordentlich einzurichten und seine Felder klar zu haben, lief
er, sobald er damit fertig war, in der verrückten Idee davon, daß er
dafür bezahlt werden sollte, denn vor Geld hat er eine Heidenangst und
wird blaß, sowie man es nur erwähnt. Meinen Hals wollt’ ich deßhalb
verwetten, daß er seiner Frau ebenso davon gerannt ist, wie allen denen
hier, bei denen er sich eine Zeit lang eingeheimst.“

Es wurde jetzt viel darüber gelacht, und die Idee ausgearbeitet, und
die Folge davon war, daß sich von der Zeit an das Gerücht in den
Ansiedlungen verbreitete, Martin sei seiner Frau daheim fortgelaufen.
Besonders die Frauen und jungen Mädchen faßten das auch mit Begierde
auf, und wie das mit allen solchen Gerüchten geht, Jeder thut sein
Theil dazu, so daß man nach einiger Zeit schon genau wußte, wie
sie geheißen und wo sie gewohnt habe, und jetzt mit einem Kind,
einem prächtigen kleinen Jungen, verlassen in Illinois sitze und den
verlorenen oder abhanden gekommenen Gatten beweine.

Unter solchen Umständen konnte es auch nicht fehlen, daß die Sache
selber Martin, als der Hauptperson, zu Ohren kam. Zuerst fielen
einzelne Andeutungen, dann wurde er direkt von Einigen der am wenigsten
Rücksichtsvollen offen damit geneckt, zeigte aber auf keine Weise, daß
er sich dadurch getroffen fühle, sondern ging weit eher auf den Scherz
ein und lachte darüber. Aber das Gerücht setzte sich fest. Bald gab es
keine einzige Wohnung mehr im ganzen ~County~, wo man nicht auf
das Bestimmteste wußte, daß Martin „seiner Frau durchgebrannt wäre,“
und sobald irgend ein Jäger zu einem Platz anritt, wo er sich befand
und seiner ansichtig wurde, lautete auch die stete, unausweichliche
Frage:

„Halloh Martin, wie gehts, alter Junge? Lange Nichts von Eurer Frau
gehört, heh?“

Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß Martin, obgleich stark von
Gliedern und sonst gesund, mit seinen geistigen Fähigkeiten weit hinter
seinen Körperkräften zurückgeblieben war. Es mußte irgend wo in seinem
Hirn „eine Schraube los sein,“ und er gehörte möglicher Weise zu jenen
zahlreichen Individuen, die ruhig und ungestört an der unmittelbaren
Grenze des Wahnsinns durch das Leben gehen, so lange der eigentliche
Nerv nicht berührt wird, der ihre Tollheit zum Ausbruch bringt.
Ihr Charakter zeigt sich allerdings in oft kleineren, oft größeren
Excentricitäten, und man nennt sie „überspannt“ oder „Originale“. Die
Meisten von ihnen leben auch so hin, bis sie der Tod abruft und ahnen
vielleicht eben so wenig wie die, welche mit ihnen in nächster Nähe
verkehrten, welcher Gefahr sie Beide ausgesetzt gewesen, und deren
Ausbruch nur an einer Zufälligkeit, wie an einem seidenen Faden hing.
Bei Anderen -- Wenigen, Gott sei Dank! -- bricht aber der Teufel, der
in ihnen schläft, einmal plötzlich los und sie enden ihr Dasein in
einer Zwangsjacke.

Ich selber hatte Martin immer in Verdacht, daß es mit ihm „nicht
ganz richtig“ sei, und sein wunderliches Benehmen entschuldigte oder
rechtfertigte auch wohl einen solchen Glauben, aber ich wurde auch
wieder irre daran, wenn ich sah, wie verständig und ordentlich er sich
in jeder anderen Hinsicht benahm. Nur dies Weglaufen aus der Arbeit
konnte er nicht lassen, und er verschwand dann auch bald plötzlich
wieder aus unserer Gegend, wobei ich Willis im Verdacht hatte, daß er
diesmal die Ursache gewesen, da Jenem wohl die Neckerei zu arg geworden.

Auch Willis verließ bald darauf die ~range~, denn das Klima
sagte ihm nicht zu, er bekam das kalte Fieber, jene fatale Plage der
Sümpfe, und zog ab, um sich einen gesunderen Aufenthaltsort für seine
künftige Heimath zu suchen. Wie er äußerte, wollte er einmal nach
den Ozark-Gebirgen hinüber, welche Gegend auch bei uns oft, ihres
Jagdreichthums wegen, war erwähnt worden.

Martin sollte in dieser Zeit, wie wir von einem Jäger erfuhren, an
der andern Seite des Arkansas gesehen sein, schien sich aber dort
nicht recht zu gefallen, denn seinem ewigen Weglaufen verdankte er
einen unangenehmen Zwischenfall. In der Nachbarschaft war nämlich ein
Mord verübt worden, und da unser unverbesserlicher Freund zufällig
in der nächsten Nacht seinen bisherigen Arbeitsplatz in altgewohnter
Weise heimlich verließ, fiel der Verdacht des Sheriffs auf ihn und er
wurde verfolgt und eingebracht. Glücklicher Weise kannte man aber den
wirklichen Mörder; seine Unschuld stellte sich deshalb gleich heraus
und er kam frei, wollte nun aber auch nichts mehr von der dortigen
Gegend wissen und verschwand wieder in der Wildniß.

Ich verließ Arkansas bald darauf, ging nach dem Norden und kehrte erst
nach länger als einem Jahr in den alten Staat zurück; diesmal aber auch
nicht in die Sümpfe, denn auch mich hatte das kalte Fieber tüchtig
abgeschüttelt, sondern in die Gebirge, wo ich einen längeren Aufenthalt
zu nehmen gedachte, und dort ausschließlich von der Jagd lebte.
Zufällig hörte ich da, daß Willis ganz in der Nachbarschaft einen Platz
gekauft habe, und mit seiner jungen Frau und deren älteren Schwester
hierher gezogen sei, und säumte nicht, ihn aufzusuchen, wurde auch auf
das Freundlichste von ihm begrüßt.

Er hatte sich ein prächtiges Weibchen mitgebracht, und seine
Schwägerin, eine junge Wittwe von vielleicht sechs- oder achtundzwanzig
Jahren, aber voller Leben und Muthwillen, schien sich schon die Herzen
der ganzen Nachbarschaft gewonnen zu haben; man mochte, welche Hütte
man wollte, betreten, so hörte man ihr Lob.

„Und wißt Ihr was Neues?“ rief mir Willis zu, als ich kaum meine Büchse
in die Ecke gestellt und die „~ladies~“ begrüßt hatte, „Martin ist
wieder in der Nachbarschaft und wir haben einen capitalen Spaß mit ihm
vor.“

„Hört einmal Willis,“ sagte ich ihm, gar nicht etwa darüber erfreut,
„wenn Ihr meinem Rath folgen wollt, so laßt Ihr den armen Teufel
zufrieden; er ist unglücklich genug durch sein rastloses Wesen, und
viel zu harmlos, um ihn zur Zielscheibe Eures Spottes zu nehmen.
Erinnert Euch nur, wie gutmüthig er damals den Scherz mit der böslich
verlassenen Frau hinnahm.“

„Ja, das ist ja aber eben das Kostbare an der Geschichte,“ rief Willis,
„daß er Alles, was wir ihm damals vorgeschwatzt, jetzt selber glaubt.“

„Daß er seine Frau verlassen hat?“

„Gewiß -- bei Roberts drüben hat er es selber erzählt und den Alten um
Rath gefragt, und als der meinte, da bliebe ihm nichts Anderes übrig,
als zurück zu gehn und für sie zu sorgen, versicherte er ihn mit der
traurigsten Miene von der Welt, daß er gar nicht wisse, wo sie sei und
wo er sie finden solle.“

„Er ist rein verrückt und Ihr werdet ihn noch verrückter machen.“

„Bah, ein Bischen mehr oder weniger schadet nicht,“ lachte Willis, „und
hier Fanny (seine Schwägerin) hat versprochen uns zu helfen.“

„Thun Sie es nicht,“ bat ich.

„Es ist ja nur ein Scherz,“ lächelte die junge Witwe, „lieber Gott,
was hat man denn in diesem entsetzlichen Land voller Bäume weiter
für Unterhaltung, wenn man jedem Spaß aus dem Wege gehen will -- wir
stürben ja vor reiner Langeweile!“

„Und was wollen Sie thun?“

„Es wird nicht vor der Zeit geplaudert,“ rief Willis dazwischen, „aber
morgen ist großes Klötzerollfest bei Warners drüben und da dürft Ihr
auch nicht fehlen. Nach der Arbeit wird dann getanzt.“

Mir war das Ganze, wie gesagt, nicht recht, denn Martin dauerte mich.
Wo sollte er denn Ruhe finden, wenn er auch noch überall verspottet und
geneckt wurde, aber es war eben Nichts zu machen, und die beiden jungen
Frauen freuten sich besonders auf den „Scherz“, wie sie es nannten.
Ich mußte ihnen auch fest versprechen, Martin, wenn ich ihn zufällig
früher zu sehen bekäme, Nichts zu sagen, oder sie würden mir das nie im
Leben verzeihen, und ich ließ eben geschehen, was ich doch nicht ändern
konnte.

Uebrigens erhielt ich an demselben Abend noch eine besondere Einladung
zu Warners, und beschloß also dort keinesfalls zu fehlen. Vielleicht
konnte ich dem armen Teufel doch noch beistehen, wenn sie’s eben gar zu
arg mit ihm trieben. Jedenfalls wollte ich wissen, was sie vor hatten.



Zweites Kapitel.

Das Klötzeroll-Fest.


In den wilden Urwäldern Nordamerikas herrscht, schon der ganzen Lage
der vereinzelten Ansiedlungen nach, ein ziemlich einsames Leben. Die
sogenannten „Nachbarn“ wohnen selbst soweit auseinander und sind stets
durch Waldstrecken getrennt, daß besonders die Frauen nur in seltenen
Fällen Gelegenheit bekommen, ihre Heimath zu verlassen und die nächsten
Freunde zu besuchen. Um so freudiger wird daher eine jede ergriffen,
wo sich das möglich machen läßt, und dann kann man sich fest darauf
verlassen, daß auch Niemand fehlt.

Wird irgendwo ein neues Haus aufgerichtet, so schreibt der Eigenthümer
ein „~cabin Raising frolic~“ oder Fest aus. Soll, wie in
diesem Fall, ein Feld geräumt werden, so wird es ein ~log rolling
frolic~. Ja sogar im Herbst, wenn der Mais ausgeschält wird,
sucht man solche Zusammenkünfte zu arrangiren, und fehlt es an allem
diesen, so greifen die Frauen selber zu einem verzweifelten Entschluß
und künden einen ~Stepping frolic~ an, zu dem natürlich nur die
~ladies~ eingeladen werden, um der Hausmutter zu helfen eine
Steppdecke fertig zu bringen. Daß sich dann aber Abends die jungen
Leute einfinden, versteht sich von selbst, und ein richtiger Tanz mit
~Jigs~ und ~hornpipes~ beschließt alle diese Feste.

Bei allen arbeiten aber auch die Eingeladenen den ganzen Tag über mit
wirklich amerikanischem Fleiß, und nur der Abend bringt erst Lust
_und_ Vergnügen.

Die Kost ist dabei einfach genug -- Kaffee mit Maisbrod und Speck, aber
der Mann setzt einen Stolz darein, daß es bei solchen Gelegenheiten
nicht an Wildpret fehlt, und saftige Stücke Hirsch- oder wohl gar
Bärenfleisch mit ein paar fetten Truthühnern kompletiren das Mahl.
Vor allen Dingen aber muß reichlich Whiskey da sein, den die Damen
wenn auch nicht so viel, doch eben so gern und gesüßt trinken, und der
Gastgeber hat dafür zu sorgen, daß wenigstens einer der eingeladenen
Gäste -- wenn er es selber nicht im Stande ist -- die Violine spielen
kann. Ja, ich habe schon solchen Festen beigewohnt, wo kein einziger
Musikus aufzutreiben war, und dann einzelne junge Leute mitten in die
Stube sprangen und den Takt des Tanzes mit den flachen Händen auf
ihren Knieen klatschten, ja nicht eher aufhörten bis sie sich die
betreffenden Körpertheile braun und blau geschlagen hatten.

Heute war also ein solcher ~log rolling frolic~, oder auf
deutsch ein „Klötzeroll-Fest“, bei Nachbar Warner, der sein altes
Wohnhaus durch einen neuen Anbau vergrößern wollte, und nun die ganze
arbeitsfähige Nachbarschaft dazu eingeladen hatte.

Manche von ihnen kamen auch nicht leer, denn Niemand verläßt im Wald
das Haus, ohne die getreue Büchse auf den Sattelknopf zu legen, und
schon unterwegs hatte Der einen Truthahn, Jener einen Hirsch oder ein
Wildkalb geschossen, so daß Wildpret genug zusammen kam, um die ganze
Gesellschaft eine volle Woche „in Fleisch“ zu erhalten. Whiskey gab es
ebenfalls in Ueberfluß -- zwei mächtige Steinkruken voll, und es läßt
sich denken, daß die Geladenen bei Laune waren, und rüstig arbeiteten,
um ihr Tagewerk schnell zu Ende zu bringen. Dies geschah in folgender
Art:

Am dicksten Baum wurde das untere und schwerste Ende an Ort und
Stelle gelassen, und das nächste Stück, mit Hebebäumen und Walzen nur
herumgeschoben, daß es daneben zu liegen kam; dann hoben zwölf oder
sechzehn kräftige Burschen das dritte auf darunter geschobene Stangen
und warfen es auf die ersten beiden, und leichtes Holz wurde nachher
darum her aufgeschichtet. So formte man so viele Haufen als Material
vorhanden war, und während das junge Volk die abgebrochenen Zweige und
Wipfel zusammenschleppte und über einander warf, wurden Feuer an den
verschiedenen Haufen angezündet, und diese in Brand gebracht -- galt
es ja doch nur das Holz aus dem Weg zu schaffen und je rascher und
vollkommener das geschehen konnte, desto besser.

Martin war, auf besondere Einladung Warners, ebenfalls erschienen
und zeigte sich nicht besonders erfreut, verschiedene alte Bekannte
hier zu treffen. Mich selber behandelte er wenigstens sehr kühl,
schüttelte dagegen Willis’ junger Frau auf das herzlichste die Hand und
beantwortete alle ihre Fragen auf das bereitwilligste.

Sonderbar kam es mir vor, daß ich Willis’ Schwägerin, die muntere Mrs.
Fanny, nicht unter den Gästen entdecken konnte, ich frug auch Warner
deshalb. Er gab aber nur eine ausweichende Antwort und meinte: „sie
würde gewiß noch kommen -- sie wäre, wie er glaubte, nicht so rasch mit
ihren ‚Anzügen‘ fertig geworden.“

Es ist das nämlich noch eine Eigenthümlichkeit der ~Backwoods~-Damen,
die ich hier ausdrücklich erwähnen muß, denn es betrifft eine höchst
interessante Thatsache: Allbekannt ist es nämlich nicht allein in
Deutschland, sondern in ganz Europa, daß Damen nicht gern -- oder
eigentlich überhaupt nicht -- zweimal in ein und demselben Kleid
auf verschiedenen Bällen erscheinen, und es bedarf deshalb in einer
Familie, wo ein Subaltern-Beamter mit _sehr_ geringem Gehalt drei
oder vier tanzfähige (und oft schon über tanzfähige) Töchter hat,
keiner geringen Geschicklichkeit, die „Roben“ jedesmal so umzuändern,
und mit den wenigsten Kosten neu zu gestalten, daß sie nicht wieder
erkannt werden können, oder doch wenigstens Zweifel über ihre Identität
zulassen.

Dasselbe Bedürfniß nun, sich nicht zu oft in _einem_ Kleid zu
zeigen, fühlen merkwürdiger Weise die transatlantischen ~ladies~
der ~backwoods~ eben so stark, aber es zeigt sich dabei ein anderes
Phänomen weiblicher Schlauheit: Wie selten geschieht es nämlich, daß
sie wirklich zu einem solchen Fest und Tanz zusammen kommen -- im Jahr
vielleicht zwei, höchstens drei Mal, und das wäre dann keine rechte
Kunst, drei neue Kleider aufzubringen -- es sollen aber _viele_ gezeigt
werden, und wo sich die Gelegenheit so selten bietet, muß sie deshalb
beim Schopf ergriffen werden. Daher kommt es denn, daß man zu solchen
Festen die jungen Damen nie anreiten sieht, ohne ein großes Bündel
vorn am Sattelknopf hängen zu haben, und in dem Bündel steckt nichts
Anderes als die Vorrathsgarderobe.

_Wie_ es die lieben jungen Geschöpfe machen, oft mitten im Tanz in
einem neuen Kleid zu erscheinen, und so an jedem Tanzabend _wenigstens_
drei Mal ihre Garderobe zu wechseln, weiß ich nicht, aber Thatsache ist
es, und unseren geplagten Haus- und Familienvätern fehlte weiter gar
Nichts, als daß auch noch diese Mode bei uns eingeführt würde. Wer weiß
freilich, was noch geschieht, denn der Luxus nimmt ja mehr und mehr
überhand, und wird ordentlich raffinirt ausgebeutet.

Uebrigens kann ich nicht umhin zu bemerken, daß die Damen der
~backwoods~ vollkommen dazu berechtigt sind, an ein und demselben
Abend so viele Kleider als möglich zu zeigen, denn sie fertigen sich
dieselben selber an, und zwar nicht nur im Zuschnitt, Nähen und Besatz,
sondern sie spinnen das Garn, färben und weben es, und machen sich ihr
Kleid, und solcher öftere Wechsel an einem Abend ist demnach nicht
leere Prunksucht, sondern ein viel eher zu rechtfertigender Stolz auf
ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit.

Doch um wieder zu unserem Fest zurückzukehren, so hatten sich die Gäste
schon lange alle versammelt, und nur Mrs. Fanny fehlte noch, nach der
aber so viel gefragt wurde, daß selbst der ruhig von Einem zum Andern
schlendernde Martin auf sie aufmerksam wurde, und sich erkundigte, wer
es sei. Niemand konnte ihm aber eine andere Auskunft geben, als daß
es eben Mrs. Fanny, eine junge, sehr liebenswürdige Witwe und Willis’
Schwägerin sei. Damit mußte er sich begnügen bis sie selber erschien.

Die Klötze waren indessen draußen schon alle zusammengerollt und in
Brand gesteckt, und einige von Mrs. Warners intimsten Freundinnen
hatten sich, ihr behilflich, des Kochgeschäfts unterzogen, damit der
eigentliche Kern des Ganzen -- der Ball -- keine zu lange Verzögerung
erlitt.

Im gewöhnlichen Leben der ~backwoodsmen~ herrscht nun allerdings die
eben nicht sehr hübsche Sitte, daß sich beim gewöhnlichen Mittagsessen,
da besonders nur stets sehr nothdürftig Teller in einem Hause sind,
die Männer zuerst an den Tisch setzen. Haben sie geendet, so stehen
sie auf, um den „Damen“ Platz zu machen, und diese essen dann, sehr
unappetitlicher Weise, von den nämlichen, ungewaschenen Tellern. Bei
solchen Festen dagegen zeigt sich der ~backwoodsman~ galant. Die Damen
kommen zuerst, dann erst das stärkere Geschlecht, aber man würde die
~lady~, die vorher von dem Teller gegessen hat, sehr beleidigen,
wollte man auch nur einen Versuch machen, ihn, vor erneutem Gebrauch,
abzuwischen.

Es war schon fast Tischzeit, als plötzlich, auf einem kleinen muntern
Ponny -- ihr Bündel vorn am Sattelknopf, wie die anderen Damen, Mrs.
Fanny erschien, und von allen Bekannten auf das Herzlichste begrüßt
wurde. Martin sah sie, als sie vorüber sprengte; sie selber schien
ihn aber nicht zu bemerken, hielt vor dem Haus, glitt aus dem Sattel
zur Erde nieder, und wurde dann gleich an das Heiligthum des Heerdes
geführt, wo sie sich auch ohne Weiteres die Aermel aufstreifte und
wacker mit zu helfen anfing. Ihr Pferd hatte indessen Einer der jungen
Leute abgesattelt und in die dafür bestimmte Umzäunung geführt, wo die
Thiere gefüttert wurden.

Willis kam an Martin vorbei, gerade als ihn die Dame passirt hatte, und
sagte:

„Nun Martin, wie geht’s? wie habt Ihr’s die ganze lange Zeit getrieben:
Nichts wieder von Eurer Frau gehört?“

Martin schüttelte mit dem Kopf -- „Nein,“ sagte er ruhig --
„_gehört_ hab’ ich Nichts von ihr, aber -- wer war denn die
~lady~, die da eben vorbei galoppirte?“

„Aha, hat Euch die gefallen? -- meine Schwägerin war’s, eine Witwe,
deren Mann ihr ebenso abhanden gekommen ist, wie Euch Eure Frau; da
sie aber nicht gewiß weiß, ob er noch lebt, darf sie nicht wieder
heirathen, sonst hätte sie schon zwanzig vortreffliche Parthieen machen
können.“

„Ein hübsches Weibchen,“ nickte Martin -- „wie heißt sie denn?“

„Mrs. Fanny nennen wir sie nur, weil sie den Namen ihres früheren
Mannes nicht mehr führen will; aber sie wird Euch gefallen. Kommt, wir
wollen einmal zu ihr hineingehen und ihr guten Tag sagen. Ihr müßt doch
ihre Bekanntschaft machen, schon des Tanzes wegen.“

Martin schien gar nicht gehört zu haben, was er sagte, und sah nur
still vor sich nieder; als aber Willis seinen Arm ergriff, ging er
geduldig mit ihm dem kleinen, aus Stämmen aufgeführten Hintergebäude
zu, in dem Mrs. Warner ihre Küche hatte, und jetzt mit rothem Kopf
und feuchter Stirn wirthschaftete. Sie übrigens, wie ihr Mann, waren
in Willis’ Geheimniß eingeweiht, und als dieser jetzt mit Martin die
Schwelle betrat, rief sie ihm lachend entgegen:

„Hallo! Mr. Willis, soll ich mein Küchenrecht[C] gebrauchen? Gentlemen
haben hier Nichts zu suchen.“

„Möchte mir nur erlauben, den Herrn hier jener Dame vorzustellen,“
sagte Willis, „da er die Absicht hat, sie nachher zu Tisch zu führen --
Mrs. Fanny, ein Freund von mir, Mr. Martin aus Illinois, der gewünscht
hat, Sie kennen zu --.“

Er kam nicht weiter. Mrs. Fanny hatte sich, als er sie angeredet,
umgedreht, kaum aber fiel ihr Blick auf Martin, als sie ihn starr
ansah, einen Schrei ausstieß, und dann ohnmächtig zusammenbrach.

„Alle Wetter!“ rief Willis lachend aus, denn die Ohnmacht war, wie wir
später erfuhren, mit verabredet worden -- „das sieht ja beinah so aus,
wie eine Erkennungs-Scene -- Martin um Gottes Willen, das ist doch
nicht am Ende Eure eigene Frau?“

Martin erwiederte kein Wort, aber er stand still und regungslos vor der
Ohnmächtigen, die ihre Rolle meisterhaft spielen mußte, denn sie war
todtenbleich geworden. Auf einmal nickte er, wie überzeugt von etwas,
vor sich hin mit dem Kopf, drehte sich um, trat aus der Küche, und war
wenige Sekunden später in dem dicht hinter dem Haus beginnenden Wald
verschwunden.

Willis wollte ihn aufhalten, denn es war nicht seine Absicht gewesen,
daß der Scherz so rasch zu Ende gehen sollte. Aber weshalb sprang denn
seine muthwillige Schwägerin nicht, wie verabredet, empor und hielt
den „entflohenen Gatten“ fest? Darauf war ja der ganze Spaß berechnet
gewesen. -- Und wie blaß sie aussah -- ordentlich kreideweiß.

Die Frauen waren indeß herzugesprungen, rieben ihr die Schläfe mit
Essig, legten ihr nasse Tücher um die Stirn, und thaten Alles, um sie
in’s Leben zurückzurufen. Endlich schlug sie die Augen wieder auf, warf
aber einen verstörten Blick umher und schien auf ihren Schwager, der
sie erstaunt frug, was ihr denn so plötzlich angekommen sei, gar nicht
zu achten. Das dauerte jedoch nicht lange, denn ihr starker Geist hatte
sich bald erholt, und mit einem, freilich nur erzwungenen Lächeln, und
noch immer ohne Farbe im Gesicht, sagte sie:

„Das ist doch sonderbar -- die Hitze hier in der Küche und -- mein
Pferd war so unruhig unterwegs, daß ich es kaum im Zaum halten konnte,
und mich so anstrengen mußte. Ich bin wohl ohnmächtig geworden?“

„~Damm it~,“ brummte Willis leise vor sich hin, während er die
Küche verließ, um sich nach Martin umzusehen, „die Geschichte gefällt
mir nicht und ich muß herausbekommen, was dahinter steckt.“

Martin war aber nirgends zu finden und nur gesehen worden, wie er
eben in den Busch eintauchte. Wer aber konnte wissen, wohin er sich
dort gewandt, denn auf dem, in der Nachbarschaft des Hauses gelegenen
und vollständig hart getretenen Grund ließ sich natürlich keine Spur
verfolgen.

Die Frauen wollten indeß Mrs. Willis in das Haus bringen, und bestanden
darauf, daß sie sich wenigstens eine Stunde auf ein Bett legen solle,
um ein wenig auszuruhen. Davon wollte die junge Frau aber gar Nichts
hören. Sie behauptete, solche Ohnmachten schon drei- oder viermal in
ihrem Leben, ohne weitere Folgen als eine augenblickliche Schwäche,
gehabt zu haben. Das kam plötzlich, ging aber auch eben so rasch
wieder, und hatte gar Nichts zu bedeuten. Auf alle weiteren Fragen --
denn ein Verdacht war in der weiblichen Umgebung doch rege geworden,
und so leicht beruhigte sich der nicht wieder -- gab sie aber nur
ausweichende Antworten, und drängte sogar jetzt selber, um mit dem
Essen zu Stande zu kommen, da sie die Ursache gewesen, es so viel
länger zu verzögern.

Willis kehrte zurück -- er hatte Martin nirgends mehr gefunden, und
suchte jetzt nur ein paar Worte mit seiner Schwägerin allein zu reden.
Aber das ging nicht; es waren zu viele Damen in der Küche, und einen
leisen Wink, den er ihr gab, doch einen Augenblick herauszukommen,
verstand sie nicht, oder wollte ihn nicht verstehen. Er mußte es bis zu
einer gelegeneren Zeit aufschieben.

Indessen hatte sich das Gerücht -- Mrs. Fanny sei bei dem Anblick
Martins ohnmächtig geworden -- wie ein Lauffeuer unter den
~backwoodsmen~ verbreitet, denn etwas derartiges war natürlich von
viel zu großem Interesse, um lange verschwiegen zu bleiben. Keiner von
Allen konnte sich aber denken, welcher Zusammenhang zwischen den Beiden
bestand, und vergebens suchte man Aufklärung bei den ~ladies~; diese
wußten so wenig davon wie sie selber, und Martin, der vielleicht allein
Auskunft geben konnte -- wenn er _wollte_ -- fehlte.

Jetzt endlich wurde zu Tisch gerufen -- der Tisch war natürlich bei dem
herrlichen Wetter draußen im Freien gedeckt worden, da die zahlreichen
Gäste auch nicht einmal in dem Haus Platz gefunden hätten. Das Essen
nahm aber nun auch die Aufmerksamkeit Aller vollständig in Anspruch,
denn die Damen saßen am Tisch, und die jungen Leute, mußten sie
indeß bedienen und die Speisen herumreichen. Es fehlte auch wahrlich
nicht an Lebensmitteln, und als Getränk wurde süße und sauere Milch
herumgereicht und von den Damen leidenschaftlich getrunken.

Jetzt hatten diese geendet und besonders den zarten Rippen eines jungen
Bären, den Warner selber erlegt, und den süßen Kartoffeln und Bohnen
alle Ehre angethan. Sie erhoben sich von ihren Plätzen, um den Männern
Raum zu geben, und als sich diese niedersetzten, befand sich plötzlich
Martin, ohne daß ihn ein Einziger hätte kommen sehen, mitten unter
ihnen.

Willis, der ihm gerade gegenüber saß, sah ihn starr an, Martin aber
that gar nicht, als ob das geringste Außergewöhnliche stattgefunden
habe, und fiel nur mit einem Appetit über die Speisen her, der nichts
zu wünschen übrig ließ -- er brauchte wahrhaftig nicht genöthigt zu
werden.

Auch Mrs. Fanny hatte ihn bemerkt, und obgleich es Mrs. Warner,
die sie scharf beobachtete, vorkam, als ob sie im ersten Moment um
einen Schatten bleicher geworden wäre, so konnte das auch recht
gut Täuschung gewesen sein, denn das Sonnenlicht fiel schräg in
Streif-Lichtern durch das Laub der Bäume nieder und wechselte dadurch
rasch bald da bald dort hinüber den unsicheren Wiederschein der durch
das Grüne doch gedämpften Strahlen. Soviel war gewiß, stand Mrs. Fanny
mit jenem wunderlichen Menschen in irgend einer näheren Beziehung,
so wußte sie das jetzt vortrefflich zu verbergen, denn sie zeigte
sich vollkommen unbefangen, und lachte und scherzte wieder wie nur
je; Martin dagegen nahm nicht die geringste Notiz weder von ihr noch
Jemand Anderem, sondern schien nur Augen für die fettesten Bärenrippen
oder die saftigsten Truthahnknochen zu haben, so daß er bald einen
ganzen Rücken dieses höchst vortrefflichen Vogels auf seinem Teller
mit den überfetten Fingern bearbeitete. Die Uebrigen hatten auch schon
lange geendet, als Martin noch immer vor einer nicht unbeträchtlichen
Quantität von Wildpret saß und einen frischen Becher Milch forderte,
und mit einem aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer verließ er
endlich die noch immer reichlich besetzte Tafel -- er konnte aber nicht
mehr, und der Platz wurde auch gebraucht, da das junge Volk hier vor
dem Haus im Freien tanzen wollte.

Willis gab sich jetzt die größte Mühe, einmal an Martin hinan zu
kommen, um ein paar Worte allein mit ihm zu sprechen. Ob ihm dieser
aber absichtlich auswich, oder nur aus geselligen Gründen die dichteste
Gesellschaft suchte, ist ungewiß, kurz er kam nicht an ihn hinan, und
jetzt verschlangen die munteren Töne der Violine bald alles Andere. Ja
Martin sogar, den noch Niemand bei einem Tanze wirklich thätig gesehen
-- das Mittagessen abgerechnet -- krempelte sich seine etwas langen
Aermel in die Höh’ und sprang in eine lebendige „~hornpipe~“
mitten hinein.

Auch Mrs. Fanny tanzte, trotz einem jungen Mädchen, und mehr als
einmal geschah es, daß sie mit Martin im „Ring“ zusammen kam, wobei
dieser dann seine ganze Kunstfertigkeit entwickelte. Der Beifall, den
er aber dabei erntete, war auch wirklich grenzenlos, denn je weniger
die ~backwoodsmen~ bis jetzt geglaubt hatten, daß der kleine
wunderliche Bursch überhaupt mit seinen „Hinterläufen“ arbeiten könne,
desto mehr überraschte er sie durch seine wahrhafte Geschicklichkeit,
mit denen er die raschen Tänze der Jigs und Hornpipes abklapperte.
Der Jubel über diese Entdeckung brach sich denn auch in lauten
Beifallbezeigungen Bahn, ohne daß Martin selber nur eine Miene dabei
verzogen hätte. Er tanzte nicht allein als ob sich die Sache von
selbst verstände, sondern behandelte das Ganze sogar mit einem Ernst
und Eifer, wie eine übernommene Verpflichtung.

Aber er traf dabei doch auch seine Wahl, und zeichnete vor den übrigen
Tänzerinnen besonders Mrs. Fanny aus, die sich kaum zeigen konnte, als
er ihr auch gegenüberstand. Nun paßten die übrigen Gäste allerdings bei
einer solchen Begegnung besonders auf, und Willis vor Allem beobachtete
seine Schwägerin auf das Schärfste -- aber er konnte weder bei dem
Einen noch bei der Andern eine außergewöhnliche Bewegung oder Aufregung
entdecken. -- Es waren, allem Anschein nach, zwei Fremde, die sich hier
zufällig getroffen und -- Beides flinke Tänzer -- der Lustbarkeit mit
aller Leidenschaftlichkeit, aber sonst auch völlig unberührt davon,
folgten.

Aber die _wirkliche_ Ohnmacht vorher -- und was war aus seinem
beabsichtigten Scherz, von dem er sich so viel versprach, geworden? Er
wagte jetzt nicht einmal ihn zu erneuern, seit er schon einen Moment
gefürchtet, daß Ernst daraus werden könne. Aber das war nicht möglich
-- die beiden Leute konnten sich nie vorher im Leben gesehen haben,
sie hätten sonst nie so gleichgültig, und nach allen Regeln der Kunst
mit einander getanzt. Und was für eine steife, komisch förmliche
Verbeugung machte Martin jedesmal seiner Dame, wenn der Tanz zu Ende
war, und wie artig -- aber auch wie fremd, erwiederte sie dieselbe.
Darüber war er auch mit sich im Reinen, nur das wunderte ihn, daß
seine, sonst so ausgelassene Schwägerin heute Abend _jeden_
Muthwillen bei Seite gelassen hatte, und selbst nie über die oft
grotesken und komischen Bewegungen ihres Tänzers lachte -- ja nur
lächelte. -- Sie blieb ernst, aber auch artig gegen ihn, und Alles, was
er sich früher dahin ausgedacht, war total in den Brunnen gefallen.

„Was war denn das eigentlich für ein Spaß, Willis, den Ihr Euch mit
Martin machen wolltet?“ frug ich ihn, als er einmal an mir vorüber
schritt, und ich lang gemerkt hatte, daß ihm etwas in die Quere
gekommen sein mußte.

„Oh,“ erwiederte er verlegen, -- „jetzt noch nicht -- -- später,“
und drückte sich dann wieder um die Tänzer herum, um Martin nur ein
einziges Mal unter vier Augen zu sprechen.

Ein fröhlicheres Klötzerollfest hatte es aber noch nicht gegeben, so
lange ein Baum in diesen Wäldern gefällt worden war, denn es dauerte
gar nicht lange, so schien Mrs. Fanny ihren ganzen Humor wiedergewonnen
zu haben. Aber auch Martin ging heute aus sich heraus und erzählte
-- wenn einmal der Tanz eine Pause machte -- so drollige Dinge, daß
oft sämmtliche Zuhörer in schallendes Gelächter ausbrachen. Jedes
von Beiden bildete sich so einen kleinen Kreis -- Mrs. Fanny mit den
~ladies~, Martin mit den Männern; wenn sich aber beide Gruppen auch
dann und wann vereinigten, _die_ Beiden hielten sich getrennt, und
traten nur einander wieder gegenüber, wenn der Tanz von Neuem begann.

So wurde es spät -- viel später, als es noch je bei einem derartigen
Fest geworden, und selbst als der Whisky ausgetrunken -- sonst das
gewöhnliche Zeichen für den Schluß des Vergnügens -- wollte das junge
Volk noch nicht vom Platz.

Endlich -- es mußte schon Mitternacht vorüber sein, drängten Einzelne,
die einen besonders weiten Weg hatten, zum Aufbruch, Andere schlossen
sich ihnen an, und die Damen eilten jetzt, um ihre verschiedenen
Kleider, die sie gewissenhaft heute Abend sämmtlich angezogen und
gezeigt, in ihr Bündel zu schnüren, während die jungen Leute, bei dem
Licht von rasch hergerichteten Kienfackeln, die verschiedenen Pferde
aufsuchten und sattelten.

Das ging sehr rasch von Statten, und die Damen besonders waren bald
beritten, wonach die alte Mrs. Warner noch einmal zwischen den Pferden
herumging und den Freundinnen die Hand zum Abschied drückte.

Willis hatte sein Thier am Zügel und wollte es eben hinaus auf den Plan
führen, als Martin vorbeiglitt und er, rasch und erfreut, ihn endlich
einmal fest zu bekommen, dessen Arm ergriff.

„Hallo, Martin -- eine Frage -- man konnte Eurer ja heute gar nicht
habhaft werden. Kanntet Ihr denn die Mrs. Fanny schon von früher?“

„Ich?“ sagte Martin, während ein eigenes Lächeln um seine Lippen
zuckte. „Nun natürlich -- gewiß kannt’ ich sie!“

„Aber wo habt Ihr sie gesehen?“

„Nun in Illinois, wo wir uns verheiratheten.“

„Den Teufel auch,“ schrie Willis und ließ seinen Arm erschreckt los --
„Ihr seid rein verrückt, Martin.“

„Bin ich? -- na denn sagt ihr nur, ich hätte jetzt noch kein eigenes
Haus, aber es sollte nicht lange dauern, und nachher holte ich sie ab,“
und damit war er, ohne Willis weiter Rede zu stehen, im dunklen Busch
verschwunden.


    [C] Das Küchenrecht der Amerikanerinnen besteht darin, daß sie,
        wenn Jemand die Küche betritt, den sie nicht darin haben wollen,
        einen Schöpflöffel siedenden Wassers an die Decke werfen, und
        der Eindringling dann machen muß, den heißen Tropfen aus dem Weg
        zu kommen.



Drittes Kapitel.

Die Folgen eines Scherzes.


Wenn Willis, der sonst so übermüthige und spottlustige Gesell,
beabsichtigt hatte, den einfachen Martin heute Abend aufzuziehen und zu
necken, so schien dieser den Spieß vollständig umgedreht zu haben, und
als Martin ihn schon eine ganze Weile verlassen, stand er noch immer,
wie betäubt, von dem eben Gehörten und überlegte sich die Möglichkeit.
Die beiden Damen mußten verschiedene Male nach ihm rufen, ehe er sich
zusammenraffte, und dann warf er sich in den Sattel und sprengte wie
besessen mit ihnen davon. Der scharfe Ritt brachte ihn aber auch wieder
zu sich selber -- überdieß kamen sie bald in den Hochwald, wo sie, der
Finsterniß wegen, schon langsam reiten mußten. Eine Strecke lang hatten
sie noch Begleitung von einer in der Nachbarschaft wohnenden Familie --
endlich bogen diese ab, und Willis lenkte sein Pferd nun neben das der
Schwägerin und wollte von ihr Auskunft über ihr sonderbares Betragen.
So ausgelassen lustig Mrs. Fanny aber heute den ganzen Abend gewesen,
so schweigend und rückhaltend zeigte sie sich jetzt. Der Kopf that ihr
weh, wie sie sagte, Willis solle sie jetzt zufrieden lassen -- morgen
früh wolle sie über Verschiedenes mit ihm sprechen -- heute Abend
fühle sie sich zu aufgeregt.

Damit mußte er sich begnügen, und nur seiner Frau erzählte er, als sie
allein zusammen waren, was ihm Martin gesagt, und frug sie, was sie
über das frühere Leben ihrer älteren Schwester, die selber hartnäckig
bis jetzt darüber geschwiegen, wisse. Er erfuhr da aber nicht viel
Beruhigendes und eigentlich nur Dinge, die Martins Aussage, wenn auch
nicht wahrscheinlich, doch wenigstens möglich erscheinen ließen. Fanny
war allerdings vor vier Jahren in Illinois verheirathet gewesen,
und lebte jetzt von ihrem Mann getrennt. Derselbe hatte aber nicht
Martin, sondern John Hendriks geheißen und war über die Felsengebirge
nach Oregon gegangen, auch dort, wie sie später einmal gehört haben
wollte, von irgend einer wilden Indianerhorde erschlagen worden.
_Bestimmte_ Nachrichten kamen aber aus jener abgelegenen Gegend
selten oder nie herüber; es _konnte_ wahr sein, blieb aber immer
noch abzuwarten. Ob der Mann sie, oder sie ihn verlassen, hatte sie
nie genau erzählen wollen, und überhaupt schien ihr die Erinnerung an
jene Zeit so fatal, daß sie stets rasch davon absprang, sowie je das
Gespräch zufällig einmal darauf fiel.

Willis schloß die ganze Nacht kein Auge, denn hätte jener unglückselige
Mensch, den er selber schon stets verspottet und lächerlich gemacht,
die Wahrheit gesprochen, so blieb _ihm_ kein anderer Ausweg,
als nicht allein sein freundliches Besitzthum zu verlassen, sondern
sogar augenblicklich in einen anderen Staat zu ziehen, ja förmlich zu
flüchten, um nur all dem Hohn und der Schadenfreude zu entgehen, die er
schon über sich hereinbrechen sah. Wie hätten sich die Nachbarn über
ihn lustig gemacht -- und besonders der alte, überdies so spottlustige
Warner, den er gestern noch in sein Vertrauen gezogen -- es war zum
Verzweifeln, wenn er nur daran dachte.

So warf er sich, bis der Morgen graute, auf seinem Lager umher, und
stand dann auf, nahm seine Büchse und lief in den Wald hinein -- aber
er schoß Nichts. Zweimal stand ihm ein Hirsch breit und voll im Weg --
er sah ihn nicht eher, bis er mit langen Sätzen im Dickicht verschwand;
ein alter Truthahn ~gobler~ kullerte gar nicht weit von ihm
entfernt, hoch oben in einem dürren Kieferbaum, und schien ihn wie zum
Schuß einzuladen -- er hörte ihn gar nicht, und schritt träumend selbst
unter dem Baum hinweg, bis der Vogel mit schwerem Flügelschlag über
ihm abstrich. Aber der Gang in der frischen Morgenluft that ihm wohl,
und kühlte sein kochendes Blut ab, so daß er wenigstens besonnener
nach Hause zurückkehrte, und jetzt beschloß, die Sache, wie sie auch
ausfallen möge, ruhig mit seiner Schwägerin zu besprechen. Allerdings
zweifelte er, nachdem er sich Alles hin und wieder überlegt, keinen
Augenblick mehr daran, daß jener Mann -- Martin oder John Hendriks, wie
er nun auch hieße, die Wahrheit gesprochen. Die wirkliche, unverstellte
Ohnmacht, der sonst nichts weniger als nervenschwachen Frau, mit dem,
was er nun von ihrem früheren Leben gehört, brachten die unangenehme
Thatsache fast zur Gewißheit -- aber es ließ sich -- den Nachbarn
gegenüber, auch noch drehen. Er konnte ja um das Ganze gewußt, und die
Beiden absichtlich wieder zusammengeführt haben. War er es denn nicht
auch gewesen, der zuerst erzählt, daß Martin seiner Frau in Illinois
davongelaufen wäre? Nun gut; die Beiden vereinigten sich jetzt wieder
und zogen dann von hier fort -- _hier_ durften sie natürlich nicht
bleiben, und einmal aus Sicht erst, und die ganze Sache war vergessen.

Wenn er aber geglaubt hatte, ein _ernstes_ Wort mit seiner
Schwägerin reden zu können, so sah er sich darin vollkommen getäuscht,
denn die beiden Frauen, die er, als er das Haus betrat, schon beim
Frühstück traf, empfingen ihn mit lautem Lachen, und „Mrs. Fanny“ rief
ihm entgegen:

„George, Du bist göttlich! Betsy erzählt mir eben, daß Du mich im
wirklichen Verdacht hättest, die Frau jenes kahlköpfigen Burschen zu
sein. Was um Gotteswillen ist Dir denn nur eingefallen?“

Willis sah erst seine Schwägerin -- allerdings überrascht von der
Anrede -- und dann seine Frau an, und wußte in der That nicht gleich,
was er darauf erwiedern solle. Er erwiederte auch für den Augenblick
gar Nichts, drehte sich um, legte seine Büchse auf die über der Thür
angebrachten und dazu bestimmten Pflöcke, hing die Kugeltasche links an
einen bestimmten Nagel, warf seinen Hut, ziemlich rücksichtslos, in die
Ecke, nahm sich einen Stuhl zum Tisch, auf den er sich rittlings setzte
und die Arme auf die Lehne stützte, und sagte dann vollkommen ruhig:

„So? -- und weßhalb sind Sie gestern in Ohnmacht gefallen, Mrs. Fanny,
wenn ich fragen darf?“

„Weßhalb ich in Ohnmacht gefallen bin?“ rief die junge Frau, und sah
ihre Schwester erstaunt an -- „nun bitt’ ich Dich um Gotteswillen,
Betsy, haben wir das denn nicht gestern Morgen auf das Ausführlichste
hier an der nämlichen Stelle besprochen? -- hast Du mich _nicht_
so lange selber darum gequält, George, bis ich meine Einwilligung dazu
gab?“

„Und so _natürlich_ haben Sie Ihre Rolle gespielt, daß Sie ganz
blaß dabei wurden.“

„Jetzt macht er mir Vorwürfe, daß ich zu natürlich gespielt habe,“
lachte die junge Frau, aber so heiter, so unbefangen, George wußte gar
nicht mehr, was er davon denken sollte.

„Und was war das?“ frug er endlich, „worüber Sie heute Morgen mit mir
reden wollten?“

„Ich?“ sagte Mrs. Fanny, nachdenkend -- „ach ja -- aber das hat Zeit.
Mrs. Warner hat mir gestern eine Kuh zum Kauf angeboten, ein prächtiges
Thier, und da ich doch beginnen möchte, mir einen kleinen Viehstand
hier anzulegen --“

„Eine Kuh“ -- rief George verwundert.

„Ja, die hellbraune, große Kuh mit dem weißen Stern, die immer wieder
hier nach uns herüber kommt, und alle Augenblicke zurückgetrieben
werden muß.“

„Und jenen Martin haben Sie nie gekannt?“

„Jenen Kahlkopf?“ lachte die Wittwe -- „wo sollte ich dem schon
begegnet sein, und wenn man _das_ Gesicht einmal in seinem Leben
gesehen hat, vergißt man’s doch gewiß sobald nicht wieder.“

„Hm,“ sagte Willis nach einer ganzen Weile, in der er nachdenkend mit
den Füßen auf den Boden getrommelt hatte -- „das thut’s am Ende auch“
-- stand auf, nahm seinen Hut und verließ, ohne weiter ein Wort, das
Haus. Draußen sattelte er sich auch sein Pferd und trabte dann, ohne
selbst einmal sein Frühstück zu verzehren, in die Ansiedlung hinüber,
denn ihm lag jetzt vor allen Dingen daran, Martin selber zu sprechen,
und zu hören, was dieser sagen würde. Von Martin fand er aber keine
Spur mehr; da, wo er die letzten vierzehn Tage gearbeitet, war er
noch in der Nacht verschwunden und hatte -- ein Zeichen, daß er nicht
gedachte zurückzukehren -- seine sämmtlichen Kleider mitgenommen. Wohin
er sich aber gewandt, konnte er natürlich nicht erfahren, denn der
wunderliche Gesell pflegte bei solchen Gelegenheiten Niemanden in das
Geheimniß zu ziehen. Er war aber fort, und bis er nicht an dem oder
jenem Platz wieder auftauchte, erfuhr man nichts weiter von ihm.

Willis schien übrigens nicht böse darüber, und in der That dieses
gewöhnliche Verschwinden des sonderbaren Kauzes erwartet zu haben,
beruhigte sich aber noch immer nicht dabei, sondern setzte seine
Nachforschungen, wenn auch mit nicht besserem Erfolg, den ganzen Tag
fort. Er fand jedoch keinen Menschen, der ihn auch nur wieder gesehen
hätte, und durfte jetzt mit der Beruhigung nach Hause zurückkehren, von
_dieser_ Seite nicht weiter belästigt oder gestört zu werden.

Dort übrigens erwähnte er kein Wort von seiner Suche, wie ihn auch,
weder seine Frau noch seine Schwägerin frugen, wo er den ganzen Tag
gewesen sei. Die Sache war abgemacht, und es wurde keine Silbe mehr
darüber gesprochen.

So verging reichlich ein halbes Jahr. Von Martin hatte man in der
ganzen Nachbarschaft keinen Schatten wieder gesehen, auch Nichts von
ihm gehört, als einmal ein alter Bekannter aus den Sümpfen dort hinüber
kam und, als Merkwürdigkeit, erzählte, Martin sei dort bei ihnen
gewesen und habe seine alten Schulden eingetrieben. Geld natürlich
bekam er nicht, das hatte Niemand, und das brauchte er auch nicht,
aber Kühe, Pferde, Schweine, etwas Bettzeug und Kochgeschirr, und
dergleichen schleppte er aller Orten und Enden fort. Niemand wußte
dabei zu sagen, wo er es hin schaffte, denn Allen, die ihn darnach
frugen, nannte er einen anderen Platz -- und sicher nicht den rechten.
Uebrigens mußte er, den Aussagen des Mannes nach, eine Menge von
Gegenständen bekommen haben, denn es gab fast keine Niederlassung, wo
er nicht gearbeitet und sich etwas verdient hatte, und sein Davonlaufen
stellte sich jetzt als eine eigenthümliche Art von Sparsystem heraus.

Willis hörte ebenfalls davon, und dies geheimnißvolle Wesen gefiel ihm
nicht. Er sattelte eines Tages sein Pferd, schnallte sich eine wollene
Decke hinten auf, nahm seine Büchse und Kugeltasche, und ritt in den
Wald hinein, blieb auch volle vierzehn Tage aus, und kehrte dann auf
vollständig müdem Klepper nach Haus zurück, sagte aber Niemandem, wo er
gewesen, und mußte auch keinen rechten Erfolg gehabt haben, denn er war
die nächsten Tage mürrisch und verdrießlich.

Er hatte in der That Martin gesucht, um zuerst einmal seinen jetzigen
Aufenthaltsort herauszubekommen, und dann zu erfahren, was er dort
treibe, -- aber umsonst. Gesehen wollten ihn Einige haben, aber nur
auf dem Durchzug; auch in ein Haus kam er, wo er übernachtet, dort
aber erzählt habe, er wolle nach Texas auswandern und mit den dortigen
Indianern Handel treiben, da er von ihnen Nichts zu fürchten brauchte.
-- Scalpiren konnten sie ihn nämlich nicht; an seiner Glatze bekamen
sie keinen Halt, und da ließen sie ihn jedenfalls zufrieden.

War er wirklich nach Texas gegangen? Willis glaubte es nicht, denn er
kannte Martins Anhänglichkeit an Arkansas, und sah denn auch nicht ein,
wie er im Stande gewesen wäre, all die verschiedenen eingesammelten
Gegenstände in ein so fern gelegenes Land zu schaffen. Nein, irgend wo
ganz in der Nähe mußte er versteckt liegen, aber was er da trieb -- was
beabsichtigte, wer hätte es sagen können, und nur die Zeit mußte da
Aufschluß bringen.

Und Woche nach Woche, Monat nach Monat verlief, ohne daß sich eine
Spur von ihm gezeigt, ja in der Ansiedlung am Red-River, war er schon
vollständig vergessen worden, als er eines schönen Morgens auf einem
guten Pferd, wenn auch viel sorgfältiger als sonst gekleidet, aber ganz
gemüthlich, als wäre er keinen Augenblick fort gewesen, anritt, und
trotz aller Einladungen von verschiedenen kleinen Blockhütten, an denen
er vorbeikam, sein Pferd nicht eher einzügelte, bis er Willis’ Hütte
erreichte. Hier hielt er, stieg ohne Weiteres ab, schnallte seinen
Sattelgurt auf, legte den Sattel über die Fenz und führte dann das
Thier, da er vollkommen gut Bescheid wußte, ohne erst lange zu fragen,
in die dafür bestimmte Umzäunung.

„Alle Teufel!“ schrie Willis, der gerade zufällig zu Hause war, und
ihn hatte kommen hören, indem er von seinem Stuhl am Kamin empor
sprang, und fast unwillkürlich einen Blick auf seine Schwägerin warf.
Es konnte ihm auch kaum entgehen, daß sie der unwillkommene Besuch
nicht ganz gleichgültig traf, denn im ersten Moment erbleichte sie
augenscheinlich -- aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn noch
lange ehe Martin das Haus betrat, hatte sie ihre volle Ruhe wieder
erlangt, und nur ein leises, trotziges Lächeln spielte um ihre Lippen.
Sie unterbrach auch ihre Arbeit an dem Baumwollen-Spinnrad keinen
Augenblick, ja als Martin gleich darauf in die offene Thür trat und
sein gewöhnliches „~Good day to you~“ rief, war sie eigentlich die
Einzige, die ihm laut und unbefangen antwortete und freundlich sagte:

„Ah Mr. Martin! Und wo haben _Sie_ so lange gesteckt? Wir glaubten
schon, Sie wären unter die Indianer gegangen.“

„Bitt’ um Verzeihung, Madame,“ sagte aber Martin, indem er dabei
zugleich Willis derb die Hand schüttelte, und dann zu den beiden Frauen
ging, um sie in ähnlicher Weise zu begrüßen, „habe bei dem braunen
Gesindel gar Nichts zu suchen, sondern befinde mich hier viel besser
und angenehmer. Wie geht’s Willis, alter Junge? Die Damen doch alle
wohl?“

„Danke Martin, so ziemlich,“ erwiederte Willis, der sich nicht im
Stande fühlte, in den alten spöttischen Ton zu fallen, in dem er sonst
gewöhnlich mit Martin sprach, aber er sah auch, daß dieser noch mit
etwas hinter dem Berge hielt, und das beunruhigte ihn. -- Weßhalb kam
er nicht gerade heraus? „Aber wo in aller Welt habt _Ihr_ denn
die ganze Zeit gesteckt? Ihr waret ja ordentlich spurlos in dem Wald
verschwunden!“

„Spurlos?“ lachte Martin, „habt Ihr mich etwa gesucht?“

„Ich? nein,“ erwiederte Willis, aber doch halb verlegen, „weßhalb
sollte ich Euch gesucht haben?“

„Nun, man kann nicht wissen,“ meinte Martin, „aber Ihr durftet Euch
doch wohl auch denken, daß ich schon von selber wieder käme --
hatte nur schmählich viel zu thun, und habe wirklich die ganze Zeit
gearbeitet, wie ein Pferd.“

„Wo denn?“ frug Willis -- „bei wem?“

„Bei wem? bei mir selber,“ lachte der kleine Mann, „wird auch die
höchste Zeit, daß ich einmal ordentlich für mich selber anfange, und
hätte es eigentlich schon lange thun sollen, ist aber auch jetzt noch
nicht zu spät.“

„In der That?“ nickte jetzt Willis, fest entschlossen, der einmal
angeregten Sache auf den Grund zu gehen, denn diese Ungewißheit wurde
peinlich -- „da wollt Ihr am Ende gar heirathen, Martin, und man darf
vielleicht schon gratuliren.“

„Bitte -- schon lange besorgt,“ lachte Martin -- „nur meine Frau
_abholen_ möcht’ ich -- Mrs. Fanny scheint aber nicht in
besonderer Eile zu sein.“

„Wer? -- ich?“ sagte Mrs. Fanny, aber vollkommen ruhig, indem sie von
ihrer Arbeit aufsah, „und was habe ich damit zu thun, wenn ich fragen
darf?“

„Was Du damit zu thun hast, Fanny?“ wiederholte aber Martin erstaunt
-- „das ist nicht übel. Bist Du nicht die Hauptperson, und haben wir
jetzt nicht etwa lange genug getrennt gelebt? Aber nun ist’s nicht mehr
nöthig, denn mein Haus ist fertig und Alles in schönster Ordnung, um
es zu beziehen. So bitte, Schatz, pack Deine Sachen zusammen, daß wir
bald fortkommen, denn ich möchte gern, daß wir heut Abend noch zu Hause
wären.“

„_Wir?_“ rief Mrs. Fanny, und ließ erstaunt ihr Baumwollenrad
ruhen -- „seid Ihr verrückt im Kopf geworden?“

„Sonderbar,“ lachte Willis, der aufzuathmen begann, als diese Sache
endlich einmal zu einer Entscheidung kam, „_wenn_ die Leute
verrückt werden, werden sie’s immer zuerst im Kopf. Martin, mein Junge,
von was phantasirt Ihr eigentlich? Ihr seid wohl heute, am frühen
Morgen, schon einmal eingekehrt und könnt den Whiskey nicht vertragen?“

Martin erwiederte direkt Keinem von Beiden, zog sich nur ruhig einen
Stuhl zum Kamin, und hob den linken Fuß auf sein rechtes Knie, um den
einzelnen Sporn, den er trug, etwas fester zu schnallen; endlich sagte
er:

„Gefrühstückt habe ich heute auch noch nicht, Mrs. Willis, und wenn
Sie vielleicht einen Bissen Maisbrod und ein Glas Milch bei der Hand
hätten, wär’s mir gerade recht -- nöthigen ließ ich mich nicht. Aber
bitte, machen Sie keine Umstände, Madame. Was gerade da ist, ich bin
mit Allem zufrieden.“

Die Gastlichkeit der Hinterwäldler gestattet nicht, eine solche Bitte
wiederholen zu lassen, und Martin hatte es in der That nur seiner
Ueberraschung zu danken, daß er sie stellen mußte, sonst würde ihm die
Hausfrau gewiß gleich von selbst den Tisch gedeckt haben. -- Jetzt that
sie es mit allem Eifer, und Martin sah ihr eine Weile schweigend zu:
dann nahm er das Gespräch wieder auf, während Mrs. Fanny schon lange
und jetzt mit ungewöhnlichem Eifer ihre Arbeit fortgesetzt hatte.

„Woraus schließt Ihr, Willis, daß ich verrückt geworden wär?“ frug
er, -- „etwa weil ich meine Frau wieder holen will? -- wäre wenig
schmeichelhaft für Fanny. Heh Schatz?“

„Aber Mr. Martin,“ bat Mrs. Willis, immer noch mit dem Herbeitragen von
Speisen beschäftigt, indem sie jetzt einen Becher Milch einschenkte, --
„reden Sie doch nicht so sonderbar, man muß sich ja sonst ordentlich
fürchten. -- So Sir -- jetzt bitte rücken Sie sich Ihren Stuhl zum
Tisch!“

„Danke, Madame,“ sagte Martin, indem er der Einladung Folge leistete
und auch tüchtig zulangte -- „aber weßhalb sollten _Sie_ sich vor
mir fürchten? Fragen Sie Fanny, ob ich ihr je Ursach dazu gegeben.“

„Sir,“ rief aber die junge Wittwe jetzt, indem das Rad wieder stehen
blieb, um ihre Worte deutlicher zu machen, „ich muß Ihnen bemerken, daß
ich für Sie Mrs. Fanny heiße -- ich verbitte mir den vertraulichen
Namen. Sie haben mich doch verstanden?“

Martin schüttelte lächelnd mit dem Kopf, aß aber ruhig eine ganze Weile
weiter, und bemerkte nur zwischen dem Kauen: „Sonderbare Geschichte,
was doch manche Leute für ein kurzes Gedächtniß haben. Und ich soll
verrückt sein -- wenn ich nicht so gesund im Kopfe wäre, könnt’ ich’s
hier mit Bequemlichkeit werden.“

„Ihr leidet wohl an fixen Ideen, Martin?“ frug Willis jetzt, der ganz
seine alte Ruhe und auch einen Theil seines Humors wieder gewonnen
hatte -- „laßt Euch aber nicht irre machen, und eßt nur ruhig fort.“ --

„Dank Euch,“ nickte Martin, indem er seinen Teller zurückschob, „bin
gerade fertig, und jetzt auch in der Stimmung, von Geschäften zu reden
-- wenn Ihr mich nämlich anhören wollt.“

„Anhören? aber mit Vergnügen, alter Junge,“ lachte Willis -- „es
erzählt kein Mensch in der ganzen ~range~ so gut wie Ihr -- oder
lügt so prächtig.“

„Meint Ihr Willis? nun gut, dann will ich diesmal aber nicht lügen, und
Euch eine wahre Geschichte erzählen.“

„Vor allen Dingen,“ begann er, indem er seinen linken Fuß wieder
herauf nahm, um den vorher etwas zu scharf angezogenen Sporenriemen ein
wenig zu lockern, „muß ich Euch erzählen, Willis, daß ich eigentlich
nicht Martin, sondern _John_ heiße, mit Zunamen Hendriks -- Martin
nannte ich mich nur der Kürze wegen und weil ich den Namen gern leiden
mag.“

„John Hendriks?“

„In Illinois,“ fuhr Martin fort, „verheirathete ich mich mit einem
jungen Mädchen, Miß Fanny Edgelong. -- Ihr kennt ja wohl den Namen, das
liebenswürdigste Wesen -- gegenwärtige Gesellschaft immer ausgenommen
-- das ich je gesehen.“ --

„Ihr lügt wie ein Leichenstein!“ schrie Mrs. Fanny, die bleich vor
innerer Aufregung bis jetzt an ihrem Rad gestanden hatte, und nun nicht
mehr zurückhalten konnte.

„Bitte Madame, geniren Sie sich nicht,“ sagte Martin ruhig, „Sie waren
immer etwas heftiger Natur, aber sonst von Herzen gut -- eigentlich
_zu_ gut.“

„Martin,“ sagte aber auch jetzt Willis mit ernstem Kopfschütteln --
„ich fürchte fast, Ihr bellt unter dem falschen Baum. Nehmt Euch in
Acht, was Ihr thut, und um Gottes Willen keinen Namen an, der Euch
nicht gehört. Es steht Zuchthausstrafe drauf.“

„Habt keine Angst um mich, Willis,“ meinte Martin, „ich bin alt
genug, um auf mich selber Acht zu geben. Um aber in meiner Geschichte
fortzufahren, so geht das, was nachher zwischen den beiden Eheleuten
vorfiel, Niemandem etwas an, als sie selber; genug, eines Tages -- und
wir wollen hier unerörtert lassen, ob sie Grund dazu hatte oder nicht,
war Mrs. Hendriks verschwunden und Mr. Hendriks allein zu Haus.“

Martin schwieg eine Weile und sah still brütend vor sich nieder --
selbst Willis wagte nicht, ihn zu stören, endlich fuhr er leise fort:

„Was ich seitdem für ein Leben geführt habe, wißt Ihr hier am Besten,
Willis -- ich konnte die Frau nicht wieder finden, denn ich wußte
nicht, wohin ihre Verwandten gezogen waren, und trieb mich von da an
allein in der Welt herum. Da -- wollte es ein glücklicher Zufall, daß
ich ihr neulich wieder hier -- wo ich sie wahrhaftig am Wenigsten
vermuthet hätte, begegnete, und der Gedanke machte mich fast rasend,
jetzt hauslos und arm zu sein, und ihr keine Heimath bieten zu können.
Aber ich hielt mich nicht mit langen Vorwürfen oder weitläufigem
Ueberlegen auf, sondern ging scharf an die Arbeit, um das Versäumte
so rasch als irgend möglich nachzuholen. Das ist jetzt geschehen: ich
habe wieder ein freundliches Wohnhaus und Geräth darin, einen Viehstand
und fünf Acker urbar gemachtes und bestelltes Land, also Alles, was ein
Ansiedler hier im Walde braucht, um selbstständig aufzutreten. Auch
sonst geht’s mir nicht knapp -- mein Rauchhaus ist gefüllt. Hühner
und Enten treiben sich in Masse auf dem Hof herum. Die Gegend, wo
meine Farm liegt, ist dabei gesund und freundlich, und -- was früher
geschehen ist, habe ich vergessen. -- So, das ist das Lange und Kurze
von der Geschichte, und nun Fanny, mein Herz, sag mir, wo Dein Sattel
liegt, daß ich ihn aufschnallen kann, und dann reiten wir ohne Weiteres
heim.“

Mrs. Fanny war eben im Begriff, wieder eine zornige Antwort zu geben,
als Willis von seinem Stuhl aufsprang und rief:

„Bitte, Madame, lassen Sie mich vorher eine Frage thun, und erlauben
Sie _mir_, dann dem Herrn zu antworten.“

„Und was geht _Euch_ die Geschichte an, Willis?“ frug Martin ruhig.

„Das werdet Ihr gleich erfahren, mein Junge,“ erwiederte dieser. „Also
Mrs. Fanny, Sie haben eben gehört, was der Herr da erzählt hat. War
das Wahrheit oder gelogen?“

„Gelogen, schändlich gelogen,“ rief die junge Frau in furchtbarer
Aufregung -- „er muß wahnsinnig sein.“

„Und Sie kennen den Herrn gar nicht? haben ihn nie gesehen?“

„Nie in meinem Leben! und hoffe auch nicht, ihm je wieder zu begegnen.“

„Sehr schön,“ sagte Willis ruhig, „habt Ihr das gehört Martin?“

„Es war deutlich genug,“ erwiederte dieser, „aber zu der Sache gehören
zwei -- sie und ich, und wie ich glaube, hat der Mann da die erste
Stimme.“

„Was Ihr glaubt, ist verdammt gleichgültig,“ rief aber Willis, nicht
gesonnen, eine weitere Erörterung zuzulassen. „Ihr habt gehört, was
Mrs. Fanny gesagt hat, und habt Euch satt gegessen und Euer Pferd
geruht; nun macht, daß Ihr fort kommt, und wenn ich Euch je wieder in
Schußweite von dieser Hütte finde, dann will ich von Gott verlassen
werden, wenn ich Euch nicht eine Kugel durch den Kopf jage. Habt Ihr
_mich_ verstanden?“

„Und wollt Ihr Euch zwischen zwei Eheleute stellen?“ frug Martin,
während sein Blick in Haß und Ingrimm auf dem jungen Mann ruhte.

„Zwischen zwei -- ich hätte bald was gesagt,“ rief Willis trotzig --
„meine Hand soll verdorren, wenn ich Euch nicht über den Haufen schieße
wie einen tollen Hund, sobald ich Euch noch einmal zwischen meinen
Fenzen finde.“

„Und Fanny?“ frug Martin ruhig.

„Fort! ich kenne Euch nicht,“ rief die Frau in Abscheu aus, „Ihr seid
ein Betrüger!“

Martin stand auf und nahm seinen Hut; an der Thür zögerte er noch einen
Moment, als ob er unschlüssig wäre, was zu thun, aber das dauerte nicht
lange. Ohne weiteren Gruß verließ er das Haus, schritt hinüber zu
seinem Pferd, legte ihm wieder den Sattel auf und trabte waldein.

In der Ansiedlung war indessen jenes Gespräch kein Geheimniß geblieben.
Ein junges Mädchen, das Mrs. Willis als sogenannte „Hülfe“ im Haus
hatte, war unbemerkter Zeuge der wunderlichen Unterredung gewesen,
und konnte natürlich den Mund nicht halten. Die Ansiedler machten
sich auch darüber ihre eigenen Gedanken, denn daß Mrs. Fanny an jenem
Abend _wirklich_ in Ohnmacht gefallen sei, und nicht bloß so
gethan habe, darüber schien nur eine Stimme. Aber die Sache ging
auch Niemanden weiter etwas an, und man würde sie mit der Zeit total
vergessen haben, wenn nicht ein blutiger Zwischenfall auf’s Neue jene
Scenen in das Gedächtniß der Ansiedler zurückgerufen hätte.

Sechs Wochen waren nach den eben beschriebenen Vorfällen etwa
verflossen und Martin seit der Zeit nicht mehr in der Ansiedlung
gesehen worden, als Willis eines Morgens, mit Tagesgrauen, in die Thür
seiner Hütte trat. Er war fertig angezogen und trug seine Büchse auf
der Schulter, um hinaus pirschen zu gehen, als er plötzlich einen Ruf
hörte, der ihm im Nu das Blut zum Herzen zurücktrieb.

„Halloh, Willis!“ rief eine Stimme, die er nur zu gut kannte, „erinnert
Ihr Euch noch an Euer Versprechen?“ -- Es war Martin, der mit einer
Büchse im Anschlag auf dem offenen Plan vor der Wohnung stand.

„Bestie,“ schrie Willis und riß die eigene Waffe von der Schulter --
aber es blieb ihm keine Zeit, sie zu gebrauchen. Ein Blitz zischte aus
dem Rohr des Feindes, ein scharfer Knall folgte und mitten durch den
Kopf geschossen brach der junge ~backwoodsman~ in der Thür, auf
der Schwelle seiner eigenen Hütte, zusammen.

Mit einem wilden Schrei stürzte Willis’ Frau heraus und warf sich
über die Leiche, und hinter ihr, einer Todten mehr ähnlich als einer
Lebenden, stand Fanny und starrte nach dem Schrecklichen hinüber, der
dort, wie nach dem Schuß auf ein Stück Wild, ruhig auf seinem Platz
stehen geblieben war und seine Büchse auswischte und frisch wieder lud.

„Mörder!“ hauchte sie, -- „schändlicher Mörder!“

„Das ist _Dein_ Werk, Fanny,“ sagte aber Martin ruhig, „_Du_
hast mich zur Verzweiflung getrieben, und eigentlich war diese zweite
Kugel für Dich bestimmt -- aber es ist Blut genug geflossen. Lebe, und
denke an diese Stunde!“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, drehte
er sich um und war im nächsten Augenblick im Wald verschwunden.

Die Nachbarn wurden herbeigerufen, und wenige Stunden später flogen
wohl zehn oder zwölf berittene Männer, ihre Büchsen auf der Schulter,
in den Wald hinein, um den Mörder zu ergreifen und den Mord zu rächen.
-- Umsonst! sie fanden ihn nicht mehr.

Was aus Martin später geworden, hat Niemand erfahren, ebensowenig, ob
er damals Wahrheit gesprochen, oder wirklich nur eine tolle, fixe Idee
-- durch das frühere Necken vielleicht herauf beschworen, seine Sinne
vielleicht umfangen habe.

Keinenfalls belästigte er die Frauen weiter, und diese zogen, etwa
sechs Wochen nach jener That, aus dem wilden Wald fort, nach Virginien
zurück.



Hasenjagd bei Gotha.


Es giebt wohl kaum ein Wesen auf der Welt, dem unausgesetzter und
unerbittlicher nachgestellt würde, als dem armen Lampe. -- ~Lepus
timidus~ -- ja wohl, er hat auch alle Ursache ~timidus~ zu sein, denn
einmal ist es ihm noch nie eingefallen, sich als Held zu geriren,
und dann soll Einer auch nicht furchtsam werden, wenn sich die ganze
Welt gegen ihn verschwört, und alle es nur darauf abgesehen zu haben
scheinen, ihm nach dem Leben zu trachten.

Wen hat der Hase eigentlich _nicht_ zum Feind? Draußen im Feld und
Gehölz stellt ihm unausgesetzt der Fuchs, Marder, Iltis, wilde Katze,
ja selbst das kleine Wiesel nach, das ihn anspringt, sich an ihm
festsaugt und nicht eher von ihm läßt, bis er erschöpft und todt
zu Boden stürzt. Ja das nicht allein; sogar der Habicht stößt auf
ihn nieder, wenn er sich draußen im Sonnenschein die über Nacht naß
gewordene Wolle trocknen will -- und nun erst der Mensch: Vom richtigen
Waidmann hinab, bis zum nichtsnutzigen Bauernjungen hinunter, der
in der Setzzeit, mit einer Pelzmütze auf und bloßen Beinen, draußen
mit Vaters alter Flinte im Feld herumläuft und nach allem knallt, was
lebt, giebt es kaum ein männliches Individuum, das nicht wenigstens
einmal den _Versuch_ gemacht hat, eines dieser armen Geschöpfe
umzubringen. Mit oder ohne Jagdkarte -- es knallt jedenfalls, wo er
sich blicken läßt, und selbst Leute, die ganz entschieden einem Verein
gegen Thierquälerei angehören, sehen nicht das geringste Unrechte
darin, schon fast außer Schußweite hinter einem davonspringenden Lampe
herzuschießen und ihm nur wenigstens noch ein paar Schrote in den Leib
zu jagen. Daß sich das arme Geschöpf nachher in einer Hecke verkriecht
und an dem erhaltenen Blei elend verkümmert, macht ihnen nicht die
geringsten Scrupel. „Getroffen hab’ ich ihn,“ sagt der Mann, rückt sich
seine Brille zurecht, schaut ihm nach, so weit er ihm mit den Augen
folgen kann, und stopft dann seine Flinte kaltblütig für ein neues
Opfer.

Die eigentlichen Hasenjagden werden verschieden betrieben, und wenn
der Hase auch schon vom 1. September jeden Jahres (in manchen Ländern
vom 20. oder 24. August) für vogelfrei erklärt wird, so beginnen
seine wirklichen Leiden und Drangsale doch erst Ende Oktober oder
November und erreichen vor Weihnachten, bis in den Januar hinein, ihren
Höhepunkt. Mit dem 2. Februar ist dann die Jagd wieder geschlossen, und
alle des mißhandelten Geschlechts, die glücklich genug waren diesen
Zeitpunkt zu erleben, haben wieder auf sieben Monat Frieden.

Schon im September, auf der Hühnersuche, erleiden sie aber manches
Trübsal -- sowohl von „hasenreinen“ Jägern als Hunden, und manches
arme junge Häschen, das kaum laufen gelernt, und noch vertrauungsvoll,
unter einem Kohlblatt vor, nach dem Himmel hinaufblickte, wird von
schlecht dressirten oder zu jagdeifrigen Kötern aufgegriffen und in der
Blüthe seines Lebens geknickt. Andere bekommen den Pelz voll feiner
Hühnerschrote und schütteln die Löffel ganze Gemarkungen lang vor
lauter Erstaunen über die ungewohnte und rauhe Behandlung. Es ist aber
noch nicht systematisch auf ihre Vernichtung abgesehen, und sie werden
nur nebenbei, unter der Rubrik „Küchenhasen“ gepfeffert, und einzeln,
im Jagdranzen, nach Hause getragen.

Ende Oktober beginnen dagegen die Treibjagden -- eigentlich erst im
November, und am liebsten, wenn schon etwas Schnee liegt und der Boden
hart gefroren ist, denn bei weichem Wetter „hält“ der Hase zu fest und
läßt sich zu leicht von den Treibern übergehen, hinter denen er dann
aufsteht und noch für ein anderes Mal zu brauchen ist.

Die Treibjagden werden auf verschiedene Weise gemacht. Die
gewöhnlichsten sind die sogenannten „Kesseltreiben“, bei denen das
Frühstück den Hauptmoment bildet. Schützen und Treiber werden dazu,
von einem Punkt aus, nach zwei verschiedenen Richtungen abgeschickt,
und zwar so, daß immer ein Schütze und dann ein oder zwei Treiber --
je nach der Größe des Reviers, einander folgen und gleiche Entfernung
von einander halten sollen, damit sie den zur Jagd bestimmten Raum
-- wenn sie endlich in einem Bogen wieder an ihren äußersten Spitzen
zusammentreffen, gleichmäßig umstellen und einschließen. Ich sage,
sie _sollen_ gleiche Entfernung von einander halten, aber --
sie thun es gewöhnlich nicht, denn es giebt immer eine Menge von
alten Schlauköpfen dabei, die auch schon bei der Jagdgesellschaft
als „Löchermacher“ berüchtigt sind. Diese zögern entweder, bei
gleichmäßigem Abgehen, unter irgend einem Vorwand, oder laufen auch
ihrem Vormann davon, nehmen dann den nächsten Treiber dicht an sich
heran und bilden so in der Schützenkette ein „Loch“, was arglose
und auf die Läufe gebrachte Hasen veranlassen soll, bei ihnen
durchzubrennen.

Sind es recht gute Schützen und führen sie Zündnadel- oder
Lefoucheur-Gewehre, so mag es gehen, wenn es auch die Nachbarn
ingrimmig ärgert; hat aber ein Sonntagsjäger bei einem solchen „Loch“
seinen Stand -- noch dazu mit einer Stopfflinte, zu deren Laden er
eine Viertelstunde Zeit braucht, dann geht nicht selten Hase nach Hase
ungeschädigt durch und die Entrüstung wird allgemein.

Beim Kesseltreiben, wo Schützen und Treiber allmälig nach Innen
drängen, verringert sich natürlich rasch der eingeschlossene Raum und
die Schützen und Treiber kommen dadurch auch dichter zusammen, bis sie
zuletzt einen Kreis umschließen, aus dem kein Hase mehr ungeschädigt
entkommen kann.

Hierbei zeichnen sich nun wieder die „Ducker“ aus -- gewöhnlich
dieselben, die beim Beginn des Treibens „Löcher machten“, indem sie
sich, sowie nur ein Hase in Sicht kommt, zur Erde niederducken, bei
trockenem Wetter auch wohl geradezu hinlegen, um Lampen dadurch glauben
zu machen: dort wäre Niemand und er könne ungehindert durch. Kommt er
dann wirklich -- oder nur in Ausnahmsfällen -- so sind sie nie fertig
und der Hase schlenkert gewöhnlich, mit einem locker geschossenen
Hinterlauf, und zum Vergnügen einiger dahinter her hetzenden Hunde, die
nachher das ganze Treiben stören -- davon.

Gefährlich ist diese Jagd bei gefrorenem Boden, wenn das Treiben eng
zusammen geht. Allerdings wird ein bestimmtes Zeichen gegeben, von dem
ab die Hasen herausgelassen werden müssen und: „nicht mehr in’s Treiben
schießen!“ schreit es von allen Seiten, wenn ein verspäteter und etwas
leichtsinnig abgegebener Schuß fällt -- aber du lieber Gott, was hilft
das! Dort steht ein Schütze -- er hat den ganzen Tag versucht, mit
Löcher machen, Ducken, Hasen anlaufen und allen möglichen anderen
Listen eines der unglücklichen Schlachtopfer zu überlisten, auch wohl
geknallt genug, aber mit nicht dem geringsten Erfolg, denn mit Ausnahme
eines „Kompagnie-Hasen“, den aber sein Nachbar auf das entschiedenste
beansprucht, obgleich beide Schüsse unmittelbar hinter einander
fielen, kann er sich noch keiner Beute rühmen. Jetzt hinkt ein schwer
mitgenommener Hase direkt auf ihn zu, und dort drüben kommt schon ein
losgelassener Hund an, um ihn zu apportiren -- wenn er nicht rasch
schießt, entgeht ihm diese _letzte_ Gelegenheit und -- krach!
fällt der Schuß, der den armen Lampe allerdings von seinen letzten
Leiden befreit, zugleich aber auch eine Fluth von Verwünschungen und
Flüchen wachruft, denn die auf den gefrorenen Schollen abprallenden
Gellschrote sind zwischen Treiber und Schützen hineingespritzt und
haben -- wenn auch gerade kein Unglück, doch Schrecken angerichtet.

Jetzt ist das Treiben beendet, der letzte Hase entweder erlegt oder
verjagt; die erbeuteten Hasen werden flüchtig überzählt und in Körbe
geworfen, und Jäger wie Treiber wandern zu dem nächsten Trieb hinüber.

Eine andere Art dieser Jagd ist das sogenannte „Anlegetreiben“, das
aber schon einige Vorbereitungen erfordert, denn es werden für die
aufzustellenden Schützen vorher Löcher gegraben, in denen sie geschützt
sitzen oder stehen und die anlaufenden Hasen erwarten können. Diese
sehen hinter den Erdhaufen, da sie überhaupt ziemlich schlecht äugen,
keine Gefahr, und kommen unbeirrt heran; wer aber an ein solches
Treiben nicht gewöhnt ist, unterschätzt sehr leicht die Entfernung des
Wildes und schießt auf eine zu weite Distance und dann gewöhnlich zu
kurz. Selbst gute Schützen fehlen in solchen Erdlöchern sehr häufig
zu ihrem eigenen Erstaunen, bis sie die Entfernung abschreiten, auf
welche sie geschossen haben. Das sicherste ist, sich vor Beginn eines
solchen Treibens in einem Halbkreis um das Loch her sechzig bis siebzig
Schritte abzumessen, und auf irgend eine Weise in gewissen Entfernungen
zu bezeichnen. Man ist dann sicher, daß man keinen Hasen krank schießt
und keine Patrone verschleudert.

Bei recht starkem Frost ist es übrigens kein besonderes Vergnügen, in
einem solchen gegrabenen Loch regungslos zu sitzen, besonders wenn man
keinen Anlauf hat; wozu noch kommt, daß die Hasen, an verschiedenen
Tagen und bei verschiedenem Wind auch, wenn aufgejagt, ihren besonderen
Weg nehmen. Wenn man die ersten kommen sieht, so kann man sich ziemlich
fest darauf verlassen, daß auch die nachfolgenden die nämliche Richtung
beibehalten, und wer da aus dem Weg sitzt, bekommt vielleicht ein oder
den anderen versprengten zum Schuß, darf aber fest überzeugt sein, daß
er nicht oft gestört wird.

Höchst interessant sind die sogenannten „Verlappungen“ der Hasen, die
in der Nacht vorgenommen werden müssen. An irgend einem Holzrand, an
welchem hin die Schützen angestellt werden sollen, müssen noch vor
Tagesgrauen, wenn die Hasen draußen im Feld sind, die Federlappen
aufgestellt werden, und verstehen die Leute ihre Sache, so bilden sie
an den Plätzen, wohin ein Schütze kommen soll, einen sogenannten
„Sack“ -- eine Einbiegung nach dem Holz zu. Die Schützen treten dann
mit der ersten Morgendämmerung -- eher etwas zu früh, als zu spät --
auf ihren Stand und erwarten nun geduldig den anbrechenden Tag, mit dem
sich alle Holzhasen in ihre verschiedenen Lagerplätze zurückziehen.

Noch liegt die Nacht auf der Flur und läßt die nächste Umgebung nur in
düsteren, undeutlichen Umrissen erkennen, aber das Auge gewöhnt sich
bald daran, und jetzt erkennt man auch einen mattgrauen, lebendigen
Gegenstand, der langsam angehumpelt kommt und seine Richtung gerade
auf den ihm nächsten Holzrand zu nimmt. Es ist Lampe, der sich
zu Ruh begeben will und jetzt lässig, wie in voller Sicherheit,
seinen gewöhnlichen Wechsel verfolgt. Was kann ihm auch hier, bei
stockfinsterer Nacht, noch passiren -- er hat den Weg ja hundert- und
hundertmal gemacht. -- Da plötzlich rennt er gegen die Federlappen an
und macht erschreckt einen Satz zurück, denn die ganze Reihe geräth
dadurch in Bewegung. -- Alle Wetter, was ist das? -- Natürlich könnte
er mit Bequemlichkeit darüber hinspringen, aber das wagt er nicht, denn
er weiß nicht, ob am Ende nicht doch eine Gefahr dahinter laure. Er
hoppt also vorsichtig daran hin -- aber das Ding ist lang und nimmt
gar kein Ende, und damit kommt er ganz aus seinem gewöhnlichen Cours. --

Nochmals hält er und macht jetzt ein Männchen, um sich besser zu
orientiren, aber rechts wie links zieht sich der nämliche fremde und
vom Wind leicht bewegte Streifen hin. Das geht nicht -- er muß machen,
daß er zu Holz kommt, und wieder auf die Vorderläufe fallend, fängt er
an, sich etwas rascher fortzuwagen -- immer aber an den Federlappen
hin, bis er dem nächsten Schützen in’s Bereich kommt. Jetzt knallt’s,
und der arme vertrauungsvolle Hase liegt -- wenn der Schütze nicht
etwa in dem Dämmerlicht zu volles Korn nimmt und zu hoch schießt --
strampelnd und zuckend am Boden.

Jetzt knallt es auch da und dort, und so früh am Morgen ist es noch,
daß man deutlich den Feuerschein aus den Gewehren erkennen kann. Das
behindert aber die noch im Feld befindlichen Hasen keineswegs, die
nämliche Richtung einzuschlagen, ja läßt sie ihren kurzen Weg nur noch
mehr beeilen, um aus dem freien Felde fort und in’s schützende Holz
zu kommen. Drei und vier hinter einander nehmen jetzt die Lappen an,
scheuen aber, wie es heller wird, schon mehrere Schritte davor und
springen ab -- keiner aber von allen dreht um und nimmt seinen Weg
zurück, sondern sie suchen das Ende dieser unheimlichen Einzäunung und
laufen dadurch rettungslos einen oder den andern der Schützen an.

Alle diese Jagden sind aber nur darauf berechnet, die Hasen in größter
Zahl zu erlegen, und es kommt dabei nicht darauf an, welcher Schütze
den größten Anlauf hat, welchem sie hauptsächlich zugetrieben werden
sollen. Das aber stellt sich anders auf größeren Revieren heraus, wo
besonders ein regierender Herr eine Jagd hält, und die Jägerei deßhalb
auch alles thut, um ihn selber am meisten zum Schuß zu bringen. Der
Leser wird von einer solchen Jagd am besten einen anschaulichen Begriff
bekommen, wenn ich ihm das erste Hasentreiben beschreibe, dem ich in
der Gesellschaft Sr. Hoheit des Herzogs von Coburg-Gotha beiwohnen
durfte.

Es war im Monat Dezember, ziemlich rauhes und besonders windiges
Wetter, wie es in der Nähe des sehr hoch liegenden Gotha so häufig ist.
Wir waren -- nur zwei Schützen -- mit dem Herzog am Abend vorher von
Coburg herübergekommen, hatten in Gotha übernachtet und frühstückten am
nächsten Morgen um zehn Uhr. Um halb elf waren die Wagen bestellt, und
zwar drei Extraposten, da sich die herrschaftlichen Pferde, weil der
Hof erst im Januar nach Gotha übersiedelt, noch in Coburg befanden.

Rasch nach einander, jeder in einem besonderen Wagen, fuhren wir ab,
und zwar noch etwa eine Stunde derselben Chaussee folgend -- dann
theilten sich die Wege -- mein Jagdgefährte, ein Herr von R., bekam
den rechten Flügel, ich den linken und Se. Hoheit sollte das Centrum
einbringen. Zu mir stieg ein Kreiser auf den Bock, um dem Postillon
den genauen Weg anzugeben, und jetzt ging’s fort, zuerst einen langen
Feldweg hinab, dann quer über eine gelbe Stoppel, wo wir schon in der
Ferne die lange, vereinzelte Treiberlinie erkennen konnten. Auf diese
rasselten wir zu, und zwar einen mit einem kräftigen Pferd bespannten
Karren zum Ziel nehmend, der, wie sich bald herausstellte, mein
specieller Hasenkarren werden sollte.

Allerdings war es mir im ersten Moment ein eigenthümliches Gefühl, ein
besonderes Fuhrwerk für meine Jagdbeute zur Verfügung zu haben, denn
ich hatte noch die Leipziger Hasenjagden im Gedächtniß, auf denen ein
Mann mit einem Tragkorb vollkommen ausreicht und sogar, in leider nur
zu vielen Fällen, überflüssig -- oder wenigstens ein Luxusartikel ist;
aber ich ließ ihn mir trotzdem gefallen, stieg aus, sah noch, wie die
Extrapost umlenkte und wieder dem nächsten Dorf zufuhr, um dort die
Pferde einzustellen, und rückte dann in die Treiberlinie ein.

Der Herzog hatte, wie ich gesehen, drei oder vier Gewehre bei sich, mit
seinen Leibjägern zum Laden -- Herr von R. führte ebenfalls ein paar
Gewehre und einen Forstgehülfen zum Laden mit. Ich selber hatte meine
Zündnadelflinte, mit der ich schon allein fertig zu werden hoffte. Es
mußte viel Hasen geben, wenn sie der zu toll wurden, und noch sah ich
keinen einzigen.

Die Treiber standen entsetzlich weit aus einander -- oder hätten
wenigstens weit stehen sollen, schienen die Sache aber nicht so
ängstlich zu nehmen, sondern waren in kleine Trupps zusammen
getreten, um sich mit einander zu unterhalten und ihren verschiedenen
Branntweinflaschen zuzusprechen. Drei, vierhundert Schritt weit war
dann kein Mensch zu sehen, bis wieder zu einem andern kleinen Trupp.
Das Treiben hatte noch nicht begonnen: „der Herzog war noch nicht
eingetreten,“ wie mir die Leute sagten.

Endlich fiel ein Schuß -- aber in weiter, weiter Ferne -- der Knall
klang dumpf und hohl -- aber die Jagd mußte begonnen haben, und es kam
Leben in die Mannschaft. Die verschiedenen Knäuel lösten sich auf
und die Treiber zogen sich jetzt -- aber immer noch paarweise, um die
Unterhaltung nicht ganz abzubrechen, in ihre Linie hinein.

Vergebens hatte ich mich indessen nach der anderen Treiberlinie
umgesehen; das Terrain, das bejagt werden sollte, schien enorm groß,
und rechts und links am Horizont bildete unsere Seite nur eine einzige
Linie. Ich hatte auch noch keine rechte Idee, wie das ganze Treiben
gemacht werden sollte, sah aber wohl, daß ich auf tausend Schritte
wenigstens nach rechts oder links keinen weiteren Schützen zu suchen
brauchte.

„Da läuft einer!“ hörte ich rufen und sah, daß auf der leisen Anhöhe
vor uns ein Hase mobil geworden. Er war vielleicht aufgescheucht --
ging auch möglicherweise nur dort spazieren.

Jetzt kam der Ruf von rechts herunter: „Fortrücken!“ -- Die Leute
zogen sich langsam auf der Linie hinab, ohne in das Treiben selber
einzudrücken, und der Kreiser, der, mit dem Stock in der Hand, bei
mir blieb, sagte mir nun, daß es keilförmig gemacht würde. Oben in
der Spitze ging der Herzog und unten, quer vor, eine enorm lange Wehr
bildend, standen die Netze.

So wanderten wir wohl drei Viertelstunden langsam, und oft wieder eine
Weile stehen bleibend, in der nämlichen Richtung fort, und wenn auch
dort, wo ich den Herzog wußte, einzelne Schüsse fielen, war ich selber
noch nicht in die Verlegenheit gekommen, mein Gewehr abzufeuern, und
fing schon an, den Hasenkarren für eine Art von Verzierung zu halten.
Im Treiben wurde es aber doch jetzt lebendig; sonderbarer Weise
schienen die Hasen, die sich da blicken ließen, aber nur zwei Course
einzuschlagen. Die einen liefen nämlich von rechts nach links -- die
anderen begegneten ihnen von links nach rechts, und manchmal hielten
sie auch unterwegs, als ob sie sich Bemerkungen mittheilten, und
Einzelne kehrten dann um, und liefen mit den anderen.

Jetzt hatte ich eine kleine wellenförmige Höhe oder Anschwellung
des Bodens erreicht, und konnte weit, weit drüben die andere Linie
erkennen. Zugleich kam der Befehl zum „Eindrücken“ und wir zogen uns
jetzt, die Richtung nach vorn aber immer noch beibehaltend, schräg
gegen einander. Nun fing es aber auch an stärker zu knallen -- mein
Gegenüber -- Freund R. fing ebenfalls an zu feuern und vom Herzog fiel
Schuß auf Schuß. Da kam auch der erste Hase zu mir. Sporenstreichs lief
er dicht an der Treiberlinie nieder, mich ebenso wenig beachtend, wie
die Leute mit den Stöcken.

„Numero eins“ zählte der Kreiser, als ich ihn umlegte.

„Lieber Freund,“ lachte ich, „ich glaube wir können sie nachher zählen,
wenn sie auf dem Wagen liegen. Sie werden nicht so dick kommen.“

„Das lassen Sie gut sein,“ meinte der, „wenn Sie nur genug Patronen --
aber Donnerwetter!“ unterbrach er sich rasch, „Sie haben ja keine Hähne
an der Flinte!“ Er hatte noch nie ein Zündnadelgewehr gesehen. Ich
wollte ihm auch eben die Waffe zeigen, bekam aber keine Zeit mehr, denn
ein kleiner Trupp von Hasen brach quer auf mich herüber, und ich hatte
alle Hände voll zu thun, um ihnen gerecht zu werden.

Und jetzt wurde das Feld lebendig. Herauf und herunter lief einer
nach dem anderen an der Linie, und mein alter Kreiser zählte schon
„sechsunddreißig -- siebenunddreißig -- das war eine famose Doublette
-- das Ding ohne Hähne schießt ja ganz verteufelt, und wie fix das
Laden geht!“

Jetzt kam der Herzog über die Höhe. Deutlich konnte ich sehen, wie die
beiden Reihen der jetzt ziemlich dicht zusammengerückten Treiber oben
bei ihm sich fast begegneten. Nur eine Oeffnung von vielleicht hundert
Schritt ließen sie, und in deren Mitte ging der Herzog mit seinen
beiden Büchsenspannern und noch zwei Leuten, die seine Munition und ein
paar Hülfsgewehre trugen.

Nun konnte ich auch den Lauf der Hasen verfolgen, die, wenn sie aus
ihrem Lager aufgescheucht wurden, ohne weiteres Besinnen gerade vom
Herzog fort den Trieb hinabliefen. Dort aber rannten sie, wie mich der
Kreiser versicherte, gegen die da aufgestellten Netze an, wo ebenfalls
noch ein paar Schützen aufgestellt waren, prallten dort zurück, und
jagten nun, was sie konnten, den eben gemachten Weg zurück. Kamen
sie da aber wieder an, so sahen sie wohl einen kleinen dunklen Trupp
Menschen in der Mitte, rechts und links davon aber auch wieder eine
wohl fünfzig Schritt breite, offene Bahn, und dort brannten sie dann,
ohne sich weiter aufzuhalten oder aufhalten zu lassen, durch.

Dort stand aber der Herzog mit seinen englischen Gewehren, die
allerdings eine kleine Handvoll Schrot mit der entsprechenden
Pulverladung schießen, aber es war wirklich ein Vergnügen, zu sehen,
wie sich die Hasen nach beiden Seiten überkugelten, und zwei, drei
schienen manchmal wirklich zu gleicher Zeit umzufallen. Allerdings
hat der hohe Herr die seltene Fertigkeit, nach rechts wie links gleich
gut anlegen und feuern zu können (eine Eigenschaft, die Einem auch oft
auf dem Anstand nützlich wäre, wenn der Bock von der verkehrten Seite
kommt), und dann fehlt es ihm auch nicht an Uebung.

Mir blieb übrigens nicht lange Zeit, ihm zuzusehen, denn jetzt fingen
auch bei mir die Hasen an, immer dichter zu kommen. Eine kurze Zeitlang
feuerte ich wirklich so rasch, wie ich mit meiner Zündnadelflinte laden
konnte, und das will viel sagen, und die Treiber hatten vollauf Arbeit,
die erlegten Hasen aufzulesen -- der Wagen war nicht allein mehr zur
Verzierung da.

Indessen rückten wir den Netzen so nahe, daß ich sie deutlich in ihrer
langen, durchsichtigen Linie erkennen konnte. Dabei waren die Treiber,
die sich, während sie näher gegen einander drängten, auch immer mehr
den Netzen zuzogen, so dicht zusammen gekommen, daß sie nicht allein
Mann an Mann, sondern an vielen Stellen drei und vier hinter einander
standen. Nun hörte es da unten auf, Hasen_jagd_ zu sein, und wurde
zur Hasenschlächterei. Nur der Herzog selber behielt noch freie Bahn,
ließ die Hasen, wie sie ankamen, sämmtlich heraus, und stellte sie
draußen nacheinander auf den Kopf. Er schoß wirklich meisterhaft, ich
sah ihn nicht ein einziges Mal fehlen, und das nur konnte mich mit der
Massenvertilgung versöhnen.

Wir hatten jetzt den sogenannten „Abschußplatz“ erreicht -- eine
schmale Wiese, hinter der die Netze standen, während die Treiber
von beiden Seiten herbei drängten und vielleicht noch sechzig oder
achtzig Hasen auf dem kaum hundert Schritt im Quadrat haltenden Raum
herumliefen.

Ich selber hing natürlich die Flinte auf den Nacken, denn durch die
Treiber konnte kein Hase mehr -- wo sich einer durchpressen wollte,
fingen sie ihn zwischen den Knieen, und in das Treiben hinein konnte
und wollte ich nicht mehr schießen. Dafür blieb mir aber um so viel
mehr Zeit, die Beendigung des Triebes zu beobachten, und ich mußte
dabei besonders die Fertigkeit einiger Treiber bewundern, die nach den
vorbeihetzenden Hasen mit ihren Stöcken so geschickt warfen, daß sie
viele von diesen dermaßen hinter die Löffel trafen, um sie wie einen
Sack niederzuwerfen.

Unten an den Netzen knallte es aber noch immer, und ich bemerkte dort
jetzt zwei ebenfalls einzelne Schützen, die da ihren Stand gehabt.
Einer von diesen hatte sein Gewehr schon so wie ich umgehangen und
schoß nicht mehr. Der Andere, ein Herr in einem Ungrischen Pelz, schien
aber noch in voller Thätigkeit.

Die armen Hasen, von der sie umgebenden Menschenmasse und dem Schießen
und Schreien ganz verwirrt gemacht, versuchten allerdings noch hie und
da durchzubrechen, sobald sie aber fanden, daß das nicht mehr ging,
rannten sie sporenstreichs auf die Netze zu, und prallten mit solcher
Gewalt gegen dieselben an, daß sie sich oft darin überschlugen, den
Versuch durchzubrechen aber trotzdem in aller Angst erneuten. Gar
nicht selten kam es auch dabei vor, das ein Hase mit dem Kopf in einer
der Maschen hängen blieb, und dann gar kläglich strampelte, um wieder
frei zu kommen. Viele wurden auf diese Art von den Treibern lebendig
gefangen, und von uns Schützen hätte wohl Keiner daran gedacht, auf
ein solches unglückliches Geschöpf zu schießen. Der Herr aber, von dem
ich schon gesagt, mußte anderer Meinung sein, denn wo er einen solchen
Hasen im Netz hängen sah, pirschte er sich rasch und vorsichtig auf
sechs bis acht Schritt an, zielte sorgfältig und mit dem Krach der
Flinte hing Lampe leblos in den ebenfalls mit zerschossenen Maschen. --
Es war die reine Scharfrichterarbeit.

Was noch an gesunden Hasen eben ausgebrochen war, hatte der Herzog
außer dem Trieb erlegt. Die angeschossenen Hasen wurden entweder durch
die Treiber gefangen und mit einem Schlag hinter die Löffel getödtet,
oder von den jetzt losgelassenen Hunden apportirt und das Treiben war
beendet.

Die verschiedenen Hasen wurden jetzt von den Wagen abgeworfen und
waidegerecht aufgelegt und zwar in zwei langen Reihen, während der
Hofjägermeister daran niederschritt, und immer den zehnten ein Stück
vorzog, um sie nachher leicht überzählen zu können. Das Resultat
ergab 189 Stück für Se. Hoheit, 62 für mich, 71 für Herrn von R. und
56 für die beiden Herren am Netz, im Ganzen mit den von den Treibern
todtgeschlagenen und angeschossen gefangenen 398 Stück. Dabei hatte
die Jagd etwa um zwölf oder halb ein Uhr begonnen und war um drei Uhr
beendet, also ein ganz anständiges Resultat.

Der Hauptzweck eines solchen Treibens ist nun allerdings, das meiste
Wild einem einzigen oder doch nur wenigen Schützen zuzutreiben, und
der Zweck wird vollständig erfüllt, aber es entspricht auch in jeder
anderen Hinsicht den Anforderungen, die man an ein Hasentreiben
stellen kann, daß nämlich soviel als möglich der Eingekreisten den
verschiedenen Schützen zugetrieben werden und nicht zu viel durch die
Treiber gehen.

Die Hasen scheinen bei diesen keilförmigen Treiben wirklich nur eine
Richtung zu nehmen. Zuerst die Linie hinab den Netzen zu, in die viele
blind hinein rennen. Kaum aber finden sie hier das Hinderniß, als sie
auch wieder scharf umdrehen und nur in einzelnen Fällen seitwärts
auszubrechen suchen. Selbst an den Netzen laufen sie nur kurze Strecken
hin, wenden gewöhnlich sehr bald und laufen dann direkt der Spitze des
Keils zu, die Treiberlinie oft in ihrer ganzen Länge bis auf zwanzig
oder dreißig Schritt haltend.

Solche Jagden sind aber freilich durch die nöthigen Netze und große
Anzahl von dazu erforderlichen Treibern ziemlich kostspielig,
und deßhalb auch nur leicht von fürstlichen Herren auszuführen.
Die gewöhnlichen Jagdinhaber werden es deßhalb auch wohl bei den
gebräuchlichen Kessel- oder vielleicht Anlegetreiben lassen.


                       Ende des dritten Bandes.



                               Leipzig,

                    Druck von Giesecke & Devrient.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Hüben und Drüben; Dritter Band (3/3) - Neue gesammelte Erzählungen" ***

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