Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Die Hohkönigsburg - Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau
Author: Wolff, Julius
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Hohkönigsburg - Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
    ist _so markiert_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so
    ausgezeichnet~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

    Weitere Anmerkungen zu Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



[Illustration]



In der

Grote'schen Sammlung

von

Werken zeitgenössischer Schriftsteller

erschienen von =Julius Wolff=:

    =Till Eulenspiegel redivivus.= Ein Schelmenlied. Mit
      Illustrationen. 24. Tausend. br. 4 M., geb. 4 M. 80 Pf.

    =Der Rattenfänger von Hameln.= Eine Aventiure. Mit
      Illustrationen von _P. Grot Johann_. 70. Tausend. br. 4 M.,
      geb. 4 M. 80 Pf.

    =Schauspiele.= (Kambyses. -- Die Junggesellensteuer.) Zweite
      Auflage. br. 4 M., geb. 4 M. 80 Pf.

    =Der wilde Jäger.= Eine Waidmannsmär. 89. Tausend. br. 4 M.,
      geb. 4 M. 80 Pf.

    =Tannhäuser.= Ein Minnesang. Mit Porträtradirung nach einer
      Handzeichnung von _Ludwig Knaus_. Zwei Bände. 39. Tausend.
      br. 8 M., geb. 9 M. 60 Pf.

    =Singuf.= Rattenfängerlieder. 16. Tausend. br. 4 M., geb. 4 M.
      80 Pf.

    =Der Sülfmeister.= Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bände. 39.
      Tausend. br. 8 M., geb. 9 M. 60 Pf.

    =Der Raubgraf.= Eine Geschichte aus dem Harzgau. 47. Tausend.
      br. 6 M. 60 Pf., geb. 7 M.

    =Lurlei.= Eine Romanze. 55. Tausend. br. 5 M. 60 Pf., geb. 6 M.

    =Das Recht der Hagestolze.= Eine Heirathsgeschichte aus dem
      Neckarthal. 34. Tausend. br. 6 M. 60 Pf., geb. 7 M.

    =Die Pappenheimer.= Ein Reiterlied. 23. Tausend. br. 5 M. 60
      Pf., geb. 6 M.

    =Renata.= Eine Dichtung. 28. Tausend. br. 5 M. 60 Pf., geb. 6 M.

    =Der fliegende Holländer.= Eine Seemannssage. 29. Tausend. br.
      4 M. 60 Pf., geb. 5 M.

    =Das schwarze Weib.= Roman aus dem Bauernkriege. 21. Tausend.
      br. 6 M. 60 Pf., geb. 7 M.

    =Aus dem Felde.= Nebst einem Anhang: =Im neuen Reich.= Dritte
      vermehrte Auflage. geb. 2 M. 50 Pf.

    =Assalide.= Dichtung aus der Zeit der provençalischen
      Troubadours. 15. Tausend. br. 5 M. 60 Pf., geb. 6 M.

    =Der Landsknecht von Cochem.= Ein Sang von der Mosel. 17.
      Tausend. br. 5 M. 60 Pf., geb. 6 M.

    =Der fahrende Schüler.= Eine Dichtung. 14. Tausend. br. 5 M. 60
      Pf., geb. 6 M.

    =Die Hohkönigsburg.= Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau. br. 5
      M. 60 Pf., geb. 6 M.

[Illustration]



Grote'sche Sammlung

von

Werken zeitgenössischer Schriftsteller.

Siebenundsiebzigster Band.

Julius Wolff, Die Hohkönigsburg.



    Die Hohkönigsburg.

    Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau

    von

    Julius Wolff.

    Berlin,

    G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung.
    1902.



[Illustration]

Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung in andere Sprachen,
vorbehalten.


Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.



Die Hohkönigsburg.



Charlottenburg, 1902.



I.


Im Augustsonnenschein des Tages St. Bartholomäi 1483 wehte auf dem
Bergfried der Hohkönigsburg, des größten Schlosses im ganzen Elsaß,
eine Fahne in den Thierstein'schen Farben, gelb und roth, denn die
Grafen dieses Namens führten in ihrem Wappenschilde sieben rothe Rauten
in goldenem Felde.

Die Burg lag auf einem von Osten nach Westen gestreckten Bergrücken,
der aber nach der Ebene zu mit seiner Schmalseite als ein alle anderen
sichtbaren Höhen übersteigender, spitzer Kegel erschien und, Mauern und
Thürme gleich einer zackigen Krone tragend, den Blick aus der Ferne
schon auf sich zog und unwiderstehlich fesselte.

Die Umwallung der sehr ausgedehnten Werke bestand aus zwei, durch
einen breiten Zwischenraum getrennten Ringmauern, deren äußere mit
einer Anzahl vorspringender Rundthürme bewehrt war, und drei, in
gemessenen Abständen aufwärts folgende Thore hatte zu durchschreiten,
wer zum Hochschlosse hinan wollte. An jedem dieser Thore stand heut
ein Doppelposten von geharnischten Knechten, die mit ihren Hellebarden
in kerzengrader Haltung den nahenden Gästen des Burgherren salutirten.
Hinter dem zweiten Thore gelangte man auf einen geräumigen Hof, wo
sich die Stallungen, Sattel- und Geschirrkammern und die Schmiede
befanden. Dort mußten die Berittenen vom Pferde steigen, denn von
hieraus hatten sie den in mehreren Absätzen über Treppenstufen
führenden Weg zum dritten und höchsten Thore zu Fuß zu machen. Es hieß
das Löwenthor, weil über seinem Bogen zu beiden Seiten eines stark
beschädigten, nicht mehr erkennbaren Wappens -- vermuthlich das der
Hohenstaufen -- zwei in Stein gehauene Löwen ruhten. Hier stand außer
den zwei Reisigen noch ein Herold mit dem Stab, in Federbarett und
gesticktem Wappenrock, um die Ankommenden im Namen seines Herren zu
empfangen und sie bis zum Eingange des Saalbaues zu geleiten.

Man erwartete heut viel Besuch, denn es galt, das nach seiner
Erstürmung völlig ausgebrannte, jetzt aber mächtig und prächtig wieder
aufgerichtete Schloß durch ein glänzendes Fest einzuweihen, zu dem
Einladungen an die im weiteren Umkreis wohnende Ritterschaft ergangen
waren.

Wechselvolle Schicksale hatten die Hohkönigsburg seit ihrer Entstehung
heimgesucht.

Ursprünglich geschaffen war sie im zwölften Jahrhundert von den
Hohenstaufen. Nach ihnen hatten die Herzöge von Lothringen die
Lehenshoheit und belehnten nach einander die Landgrafen von Werd,
die Grafen von Öttingen und die Bischöfe von Straßburg mit der
vielumworbenen Feste, die zeitweilig auch an die Rappoltstein, von
Rathsamhausen und von Hohenstein als Afterlehen überging. Dann kam
sie an das Habsburgische Kaiserhaus, in dessen Besitz sie lange
verblieb. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts aber hatte sich
eine Schaar wüster Placker und Pracher, unter denen auch einige von
Adel waren, dort widerrechtlich eingenistet und trieb als Wegelagerer
und Buschklepper ihr freches Räuberhandwerk in einer für die ganze
Umgegend so unerträglichen Weise, daß sich endlich der Bischof und der
Rath von Straßburg, die Grafen von Rappoltstein und die Bürgerschaft
von Schlettstadt zum Kampfe gegen die streitbaren Schnapphähne und
ihre zahlreichen Spießgesellen verbündeten, die Burg belagerten und
einnahmen, das Gesindel, das leider durch die Flucht entkam, verjagten
und das zum Raubnest gewordene Schloß zerstörten.

Über ein halbes Menschenalter lang starrten die gewaltigen Trümmer
öde und obdachlos auf dem hohen Bergrücken gen Himmel, bis 1479
Kaiser Friedrich III. die Grafen Oswald und Wilhelm von Thierstein
mit der Burg belehnte und denen, die sie gebrochen hatten, dem
Bischof und der Stadt Straßburg, gebot, sie zu Schutz und Trutz fest
und wohnlich wieder herzustellen. Der Obermeister der im ganzen
deutschen Reiche berühmten und entscheidenden Bauhütte des Münsters
empfahl zu dem Zwecke einen tüchtigen, erfahrenen Mann, und der
Erwählte, Meister Ebhardt, baute und besserte mit Straßburgischen
Werkleuten und Straßburgischem Gelde Jahre lang, ehe die Grafen von
Thierstein mit ihren Familien, einem auserlesenen Gesinde und einer
ansehnlichen Besatzung in die herrlich wieder erstandene Hochburg
einziehen konnten. Und heute, kaum zwei Wochen nach deren Übersiedelung
von ihrem Herrenhofe zu Straßburg, waren die Thore des alten
Hohenstaufenschlosses laubgeschmückt und gastlich geöffnet, um die
Menge der Geladenen einzulassen.

Nur ein Thierstein'sches Familienglied fehlte bei dem heutigen Feste,
Graf Oswalds einziger, noch unmündiger Sohn Heinrich, der als Edelknabe
auf der Burg eines alten Adelsgeschlechtes in der Schweiz war, um dort,
wie das so Brauch war, unter fremder Zucht und Obhut ritterliches Wesen
und höfischen Dienst zu lernen.

Die beiden Reisigen, die am Löwenthor die Ehrenwache hatten und reicher
gekleidet und gewappnet waren als die Knechte an den unteren Thoren,
waren Dienstleute aus der nächsten Umgebung des Schloßherren, der
eine, Marx, der Falkonier, der andere, Herni, der Armbrustspanner
des Grafen Oswald, der als der ältere der zwei Brüder Thierstein der
eigentliche machthabende Lehensträger war. Der Dritte hier an dem
Thore, der in Heroldstracht, Ottfried Isinger, nahm als Stallmeister
eine Vertrauensstellung auf der Burg ein und kannte viele der Herren,
die nach und nach mit ihren Gemahlinnen, Söhnen und Töchtern oder auch
allein die Treppen heraufkamen. Er nannte seinen Gesellen die Namen
von Fleckenstein, Müllenheim, Andlau, Geroldseck, Dürkheim, Kageneck,
Zorn von Bulach, und der eine und der andere der Herren hatte ein
freundliches Wort für ihn, aber die meisten schritten ohne Gruß durch
das Thor und würdigten den sich tief Verbeugenden keines Blickes.

Als nun wieder einmal eine Gesellschaft von Herren und Damen so achtlos
eingetreten war, meinte Herni, der Armbrustspanner: »Es will mich
bedünken, als kämen unsere vornehmen Gäste nicht alle mit fröhlichen
Gesichtern. Manche schauen fast mürrisch und unzufrieden darein.«

»Hab ich auch schon gemerkt,« stimmte der Falkonier ihm zu. »Und wißt
ihr, was ich glaube? -- sie gönnen uns die schöne, große Burg nicht;
manch Einer von ihnen hauste gern selber hier oben als hochmögender
Herr und Landvogt im Wasigen.«

»Damit könntest Du Recht haben, Marx!« lachte Isinger. »Dieser und
Jener mag auf das Lehen gehofft haben, denn keine von allen ihren
Burgen ist so groß und stark wie diese außer Girbaden vielleicht, das
den Müllenheim gehört. Aber unser Herr hat beim Kaiser einen Stein
im Brett, denn er hat dem Haus Österreich gute Dienste geleistet,
und Bischof Albrecht von Straßburg, Pfalzgraf bei Rhein und Herzog
in Bayern, hat als sein Fürsprecher beim Habsburger eine gewichtige
Stimme.«

»Wer waren denn die Letzten, die so hochnäsig vorübergingen?« fragte
Herni. »Der Eine, der Gedrungene, Breitschultrige, sah Dich ganz
übermeßlich an, Ottfried!«

»Ja, der kennt mich, und ich kenne ihn auch,« erwiederte der
Stallmeister mit besonderem Nachdruck. »Es war Herr Burkhard von
Rathsamhausen mit seiner Sippe, die auf den beiden Ottrotter Schlössern
sitzen.«

»Aha!« machte Herni, »darum der böse Blick. Die haben auch einmal hier
oben gesessen, vom Kaiser Wenzel mit der Burg belehnt. Es geht die
Sage, ihrer sieben Rathsamhausen hätten sich einst, als sie hier die
Herren waren, durch Handfeste unter einander gelobt und verpflichtet,
daß kein Einziger etwas von seinem Besitz veräußern sollte ohne
Willfahren aller Übrigen.«

»So? woher weißt Du denn das?«

»Hat mir unser Graf einmal auf einem Pirschgang erzählt.«

»Ja, dann wird es sie wohl wurmen, daß sie nicht wieder die Belehnten
sind,« meinte Isinger, »denn die Rathsamhausen sind das stolzeste
Geschlecht im ganzen Wasgau.«

»Stolz! Graf Oswald ist auch stolz, und das wahrhaftig nicht wenig,«
sagte Marx.

»Hat auch Ursach dazu als Schloßherr von Hohkönigsburg, aber so trotzig
und starrköpfig wie Herr Burkhard ist er doch nicht. Das ist ein
abenteuriger Mann und hat ein gar grimmig Gemüth; ich könnte euch mehr
als ein verwegenes Stücklein von ihm erzählen.«

»O, unser Graf läßt nicht mit sich spaßen,« bemerkte Herni. »Wer ihm
steifnackig entgegentritt, den weiß er zu ducken, wenn's nöthig ist.«

»Gewiß! aber in diesen letzten Tagen, wo ich viel mit ihm zu berathen
hatte, wollte er mir garnicht gefallen. Er war unruhig, aufgeregt und
schien sich auf das Bankett nicht recht zu freuen, als sorgte er um
den Verlauf und das gute Gelingen.«

»Dann konnte er es ja unterlassen,« sagte Marx.

»Das ging nicht; er ist es sich und seiner Stellung schuldig, sich
bei seinem Einzuge hier als Herr und Gebieter der mächtigsten Burg im
Lande den anderen Edelleuten zu zeigen und ihnen seinen hohen Rang von
vornherein klar zu machen. Begreifst Du das?«

»Hm! deßhalb! ja natürlich!«

Sie mußten das Gespräch abbrechen, denn jetzt nahte Seine Hochwürden
der Abt von St. Pilt mit mehreren seiner Chorherren und einigen
Chorknaben, die zur Weihe der Schloßkapelle geladen waren und von den
Wachthabenden in schweigender Ehrfurcht gegrüßt wurden.

Es war Nachmittag. Die Sonne stand noch ziemlich hoch über dem Walde,
der mit seinen alten, mächtigen Tannen, seinen Eichen und Buchen die
Berge und Thäler unabsehbar bedeckte und aus dem sich, hell beleuchtet,
die benachbarten Burgen erhoben. Den schroffen Gipfel zur Rechten
hielt Hohrappoltstein wie eine Wacht besetzt, zur Linken funkelte
die Frankenburg und weiterhin am steilen Bergeshang die Scherweiler
Schlösser Ortenberg und Ramstein. Tief unten aber, gradaus ergoß sich
weit und breit mit Städten und Dörfern und Rebengeländen das Ried,
die fruchtbare Ebene zum Rheine hin, dessen Spiegel man bei Breisach
blitzen und blinken sah. Jenseits des Stromes lagerte deutlich das
Kaiserstuhlgebirge, und im Hintergrunde schimmerten langgezogen und
wolkenhoch die Umrisse des Schwarzwaldes. Aber die äußerste Ferne war
dunstig, und die Alpen, die bei ganz klarem Wetter ihre schneeigen
Häupter über den Horizont emporrecken, waren nicht sichtbar.

So bot der Ausblick von hier oben ein herrliches Bild, und einer
der Herren, die sich sammt ihren Damen soeben im Stallhof aus den
Sätteln geschwungen hatten, schien es vom untersten Treppenabsatz
über die Ringmauern hinweg so aufmerksam zu betrachten, als suchte
er darin einen bestimmten Punkt. Es war der Graf Maximin, genannt
Schmasman, von Rappoltstein, in dem Geschlecht der zweite seines
Namens, der mit seiner Gemahlin Herzelande und seiner Tochter Isabella
heraufgeritten war. Sie wohnten auf der St. Ulrichsburg über dem
Städtchen Rappoltsweiler, und in ihrer Begleitung waren sein Bruder
Kaspar und dessen noch junge Gemahlin Imagina, die von ihrem ganz
nahe dabei befindlichen Felsenhorst Burg Giersberg den gleichen Weg
mit ihnen hatten, während der dritte Bruder, der im Alter zwischen
jenen beiden stand, Graf Wilhelm und seine Gemahlin von dem höher
liegenden Hohrappoltstein noch fehlten oder vielleicht schon vor ihnen
eingetroffen waren.

Gräfin Herzelande trat zu dem Umschauhaltenden heran und fragte:
»Wonach spähst Du, Schmasman?«

»Mich verdrießt es,« erwiederte der Graf, »daß von Egenolf noch immer
nichts zu sehen ist; er hätte heute pünktlich sein sollen.«

»Unser lieber Sohn wird schon nachkommen,« suchte die Gattin den
Grollenden zu beruhigen. »Ich habe ihm sein Festgewand bereit legen
lassen, daß er nur hineinzuschlüpfen braucht, wenn er vom Gejaide
heimkehrt.«

»Schon den dritten Tag ist er von früh bis spät auf der Pirsch. Welches
seltenen Wildes Fährte mag er so eifrig verfolgen, daß er Alles darüber
vergißt?«

»Ei, laß ihn doch pirschen, Schwager!« sprach mit anmuthiger Gebärde
Gräfin Imagina und streichelte dem Familienoberhaupte die bärtige
Wange. »Das edle Waidwerk ist nun einmal Egenolfs größte Freude.«

»Die Freude gönn' ich ihm,« sagte der Graf, »aber heute mußte er
Rücksicht nehmen. Die Thiersteiner werden denken, er früge nichts
danach, bei dem Antrittsfest ihr Gast zu sein. Graf Oswald ist ohnehin
mißtrauisch und wittert bald hier, bald dort einen Gegner und Neider.«

»Es fehlt ihm auch wohl an solchen nicht,« fiel Graf Kaspar ein.

»Mag sein,« antwortete der ältere Bruder. »Er hat keinen leichten Stand
und wird noch um Gunst werben müssen, ehe es ihm gelingt, sich unter
uns Alteingesessenen hier heimisch und beliebt zu machen, falls ihm
überhaupt etwas daran gelegen ist.«

»Die Thiersteiner sind selber ein altes Rittergeschlecht,« sprach
Gräfin Herzelande.

»Aber Eingewanderte, Schweizer, aus dem Aargau und ehemals Lehensträger
der Baseler Bischöfe. Der hohen Clerisei verdanken sie zumeist den
kaiserlichen Lehensbrief.«

»Schmasman, _Du_ hast mit keinem Auge nach der Hohkönigsburg
geschielt?« neckte ihn die allzeit muntere Imagina.

»Ich?! nein, Du fürwitziges Weiblein!« lachte der Graf hell auf, »aber
ich glaube, ich hätte sie haben können, wenn ich ernsthaft danach
getrachtet hätte.«

»Und Du hättest keinen Neider gehabt,« fügte Herzelande mit einem
innigen Blick auf ihren stattlichen, ritterlichen Gemahl hinzu.

»Wer weiß? aber laßt uns hier nicht länger stehen bleiben,« mahnte
Schmasman, »ich höre neue Gäste anreiten.«

Sie stiegen langsam die Stufen hinan, doch nach einer kleinen Weile
sagte Schmasman zu der neben ihm gehenden Herzelande: »Soll mich nur
wundern, ob die Ottrotter heute kommen werden.«

»Du zweifelst daran?« fragte sie, wie erschrocken wieder stehen
bleibend.

»Sicher bin ich nicht. Burkhard war wenig geneigt dazu, und ich habe
ihm stark zureden müssen. Er fühlt sich durch die Art der Einladung
verletzt, weil es Graf Oswald nicht der Mühe werth gehalten, ihm seinen
Besuch zu machen, sondern nur seinen jüngeren Bruder Wilhelm geschickt
hat, der einen etwas kühlen Empfang auf Schloß Rathsamhausen gefunden
haben mag, wie ich aus Burkhards Reden schließen muß.«

»Ist das sein einziger Grund, heut auf der Hohkönigsburg nicht
erscheinen zu wollen? Da könnten wir uns ja gleichfalls beklagen, denn
wenn auch Graf Oswald bei uns auf der Ulrichsburg war, seine Frau und
Tochter haben sich mir und Isabella nicht präsentirt, so nahe wir ihnen
auch wohnen. Wir kennen die Damen noch gar nicht.«

»Das schadet ja nichts, Mutter« sprach hinter ihren Eltern Isabella.
»Ich freue mich auf das Fest und werde mich mit der jungen Gräfin schon
zu stellen wissen.«

»Sie haben auch in der kurzen Zeit, die sie hier sind, mehr zu thun
gehabt als nach allen umliegenden Burgen zu reiten,« entschuldigte
Herzelande selbst die ihr bisher noch Ferngebliebenen. »Wer wird denn
unter diesen Umständen so empfindlich sein!«

»So denk' ich auch,« sagte Schmasman, »aber Du kennst doch unsern
Freund Burkhard. Wenn der in übler Laune ist, ärgert ihn die Fliege an
der Wand, daß ihm die Zornader schwillt. Ich bin sehr neugierig, ob er
hier sein wird, und wenn nicht, so wird zwischen ihm und Thierstein
wenig Liebe wachsen.«

Inzwischen waren sie, bald auf einem Treppenabsatz anhaltend, bald
gemächlich weiterschreitend, an das Löwenthor gekommen. Schmasman
stutzte, als er des Heroldes dort ansichtig wurde, faßte ihn scharf ins
Auge und begann: »Bist Du es wirklich, Ottfried Isinger, der in dem
prächtigen Wappenrocke steckt?«

»Euer Gnaden zu dienen, Herr Graf!« antwortete Isinger, sich nochmals
verneigend und hoch erfreut, daß ihn Schmasman erkannt und angeredet
hatte.

»Ich habe Dich lange nicht gesehen und wußte nicht, daß Du mit hier
oben bist. Was schaffst Du denn hier? spielst Du bloß Herold?«

»Nein, Herr Graf! ich bin Stallmeister auf der Hohkönigsburg.«

»Nu seh mal Einer an!« lächelte Schmasman. »Dann sagt mir doch, Herr
Stallmeister: sind die Herren von Rathsamhausen schon eingetroffen?«

»Jawohl, Herr Graf!« erwiederte Isinger, »die Herren Burkhard und
Philipp von Rathsamhausen mit dero Gemahlinnen und Junker Bruno sind
bereits oben im Schloß.«

»Das freut mich zu hören,« sagte Schmasman, fast aufathmend, wie
von einer Sorge befreit. -- »Hat der Trotzkopf doch noch Vernunft
angenommen,« flüsterte er Herzelande zu.

Sie schritten, von Isinger geleitet, durch den Eingang in den von
hohen Gebäuden eingeschlossenen inneren Burghof, und hier wandte sich
Imagina mit einem schelmischen Lächeln zu dem führenden Herold: »Herr
Stallmeister, Euren Marstall müßt Ihr mir heute noch zeigen, ich
habe soviel Pferdeverstand, daß ich einen Rappen von einem Schimmel
unterscheiden kann.«

»Stehe jederzeit zu Befehl, gnädigste Frau Gräfin!« erwiederte Isinger
ehrerbietig und begab sich zum Löwenthor zurück.

Die Herrschaften aber stiegen über die in einem Thurme befindliche
Wendeltreppe zu den Festräumen des Palas empor.



II.


»Seid willkommen auf der Hohkönigsburg, Ihr Herren und Frauen von
Rappoltstein! ich grüße Euch als meine Standesgenossen und hoffe, daß
ich mich guter Nachbarschaft von Euch zu versehen habe.« Mit diesen
erhobenen Hauptes und in lautem Tone gesprochenen Worten empfing Graf
Oswald von Thierstein die Eintretenden und reichte jedem derselben
leicht die Hand. Dann wandte er sich um, winkte und rief in das Gemach
hinein: »Margarethe! Leontine!«

Die Gerufenen, seine Gemahlin und seine Tochter, kamen herbei, und ihre
Begrüßung der drei Rappoltstein'schen Damen war eine sehr herzliche.
Sie drückten sich alle die Hände, schauten sich theilnahmsvoll prüfend
in die Augen, und die Blicke von der einen wie von der anderen Seite
bezeugten ein offenbares Wohlgefallen an einander.

»Verzeiht, Frau Gräfin Rappoltstein,« begann Gräfin Margarethe, »daß
ich mit meiner Tochter noch nicht bei Euch war, aber in diesen zwei
Wochen wußte ich wahrlich nicht --«

»Nur keine Entschuldigung, Gräfin Margarethe!« unterbrach sie
Herzelande in der gewinnendsten Weise, »auch eine Schloßherrin ist in
erster Reihe Hausfrau.«

»Ich danke Euch für Eure Nachsicht und werde das Versäumte nachholen;
bald, sehr bald komme ich zu Euch.«

»Und sollt auf der Ulrichsburg mit offenen Armen empfangen werden.«

»Und Ihr, Gräfin Imagina?« wandte sich die Wirthin zu der Gemahlin
Kaspars, »mein Gott, wie jung noch! Ihr könntet ja meine Tochter sein.«

»Da überschätzt Ihr Euch und unterschätzt mich, Frau Gräfin,« lachte
Imagina, »Euch wie eine Mutter zu verehren wäre eine Beleidigung Eurer
eigenen Jugendlichkeit.«

»Eine Schmeichlerin seid Ihr also? da muß man sich ja vor Euch hüten.«
Und sie lachten sich beide fröhlich ins Gesicht.

Zu Isabella hatte die Gräfin Tochter gesagt: »Laßt uns versuchen,
Freundschaft mit einander zu schließen. Leontine heiße ich und Ihr
Isabella, ich weiß es schon und war sehr begierig, Euch zu sehen. Wir
wollen zusammen reiten; ich weiß noch gar nicht Bescheid hier, habe
mich neulich schon einmal im Walde verirrt, bis ich einen Jägerknecht
traf, der mich zurechtwies. Da führt Ihr mich denn die schönsten,
einsamen Waldpfade durch Thäler und Schluchten, die ich so gern zu
Pferde durchstreife.«

Auch Graf Wilhelm von Thierstein und seine Gemahlin waren zu den
Rappoltsteinern herangetreten und hatten mit ihnen Bekanntschaft
gemacht, indessen Graf Oswald mit Schmasman im Gespräch geblieben
war, das sich in höflichen, aber gemessenen Formen bewegte. Jetzt
aber erschienen neue Festgenossen, denen sich die Thiersteiner widmen
mußten, und die Rappoltsteiner wandten sich den anderen Anwesenden zu
und zerstreuten sich in den zur Verfügung stehenden Gemächern.

Alle, die als Gäste hier erschienen waren, kannten sich unter einander.
Neulinge für einige Herren und die meisten Damen waren nur die Wirthe
selber, die Thiersteiner, die sich unablässig durch die glänzende
Gesellschaft bewegten, um mit jedem der Geladenen verbindliche Worte
zu wechseln. Dabei befleißigten sich die Thierstein'schen Damen der
größten Zuvorkommenheit, die überall Anklang fand und mit ungezwungener
Freundlichkeit erwiedert wurde.

Graf Oswald dagegen bewahrte in seinem Auftreten und Benehmen eine
gewisse Zurückhaltung, die ihm von Vielen als Überhebung ausgelegt
wurde, so daß sie hin und wieder verwunderte Blicke tauschten, wenn er
durch ein strenges Wesen und durch hochfahrende Äußerungen ein allzu
großes Selbstbewußtsein verrieth. Doch konnte er auch von hingebender
Liebenswürdigkeit sein, wenn er wollte, und immer war er dies schönen
Frauen gegenüber ohne noch den Galan spielen zu wollen. Heute freilich,
wo er so zu sagen eine Probe zu bestehen, vor seinen Gästen eine
Prüfung abzulegen hatte, fühlte er sich ein wenig befangen, zumal er
merkte, wie Aller Blicke beobachtend auf ihm ruhten, und weil sein
ganzes Gehaben von dem Wunsch und dem Bestreben geleitet wurde, nicht
nur einen günstigen Eindruck auf die Geladenen zu machen, sondern sich
auch mit einem Schlage eine hervorragende, maßgebende Stellung unter
ihnen zu erobern, denn dies war ja, wie sein kluger Stallmeister wohl
durchschaut hatte, der Hauptzweck des heutigen Festes.

Als Graf Oswald das Gespräch mit Schmasman beenden mußte, war des
Letzteren erster Gedanke: wie mag wohl die Begrüßung zwischen Oswald
und Burkhard ausgefallen sein? Schade, daß ich nicht früher kam,
um dabei Zeuge und nöthigenfalls Vermittler sein zu können! Und er
ging, um seinen alten Freund und Waffenbruder aus mancher kleinen
und größeren Fehde aufzusuchen. Die Gemächer durchschreitend ward er
bald hier, bald da von einem Bekannten angehalten, der ihm die Hand
entgegenstreckte, und unterließ auch nicht, die Damen zu begrüßen,
an denen er vorüberkam. Endlich entdeckte er Burkhard im hintersten
Zimmer, in lebhafter Unterhaltung mit Rudolf von Andlau begriffen.
Schmasman schüttelte beiden die Hand, hielt aber die Burkhards länger
in der seinigen fest und sagte: »Freut mich, daß Du gekommen bist,
alter Brummbär!«

»Danken kann ich Dir kaum dafür, daß Du mich dazu beschwatzt hast,«
erwiederte Burkhard mit leichtem Stirnrunzeln. »Aber nun bin ich einmal
da im Gefolge des gnädigen Herren von der Hohkönigsburg und mache gute
Miene zu dem thörichten Spiel hier.«

»Die Miene, die Du machst, könnte immer noch ein wenig besser sein,«
meinte Schmasman.

Rudolf von Andlau lachte: »Nehmt Euch mit ihm in Acht, Graf
Rappoltstein! er hat heute wieder den rauhen Pelz an und knurrt. Sehet
zu, wie Ihr ihn bändigt; ich hab's nicht fertig gebracht und überlasse
ihn Euch, um Eurer Frau die Hand zu küssen.«

»Thut das, Andlau! sie wird sich freuen, Euch hier zu sehen,« rief der
Graf dem Abgehenden nach.

»Nun, wie war der Willkomm, den Du bei dem Thiersteiner fandest?«
fragte Burkhard sofort, als die Beiden, etwas abseits von den übrigen
Gästen, mit einander allein standen.

»O -- durchaus höflich und freundlich,« erwiederte Schmasman.

»Na, das dank' ihm der Teufel!« brauste Burkhard auf. »Ist das Alles,
was Du darüber zu sagen hast?«

»Freilich, ein wenig herablassend kam mir die Begrüßung vor.«

»Aha!« machte Burkhard, »willst Du wissen, wie es mir vorkommt? Er
empfängt seine Gäste wie ein Reichsfürst seine Vasallen empfängt. --
Ja, ja!« fuhr er fort, als Schmasman darauf schwieg, »Du bist wohl eben
erst angelangt und hast noch nicht bemerkt, wie hoch der Herr Graf den
Kopf trägt, als wollte er über uns Alle hinwegsehen.«

»Er ist noch fremd hier und muß sich erst eingewöhnen unter uns, erst
Fühlung mit uns gewinnen. Dabei müssen wir ihm behilflich sein, ihm
entgegenkommen.«

»Ach was, entgegenkommen!« rief Burkhard ärgerlich. »Zahm und kirre
machen müssen wir ihn und ihm die Zähne zeigen, wenn er sich aufspielen
und großthun will. Gieb mal Acht darauf, wie herausfordernd er hier
in der strotzenden Pracht, die ihm von Rechts wegen garnicht zukommt,
unter seinen Gästen herum stolziert, Huld winkend, Gunst verheißend,
Gnade spendend, als hätte er nur zu geben und wir von ihm zu empfangen.«

»Du hast eine vorgefaßte Meinung gegen ihn, zu der Dich nichts
berechtigt. Ich möchte Dich an seinem Platze sehen.«

»So hochmüthig wäre ich nicht, Schmasman!«

»Nein, Du Ausbund christlicher Demuth und Duldsamkeit!« lachte
Schmasman. »Grob wärst Du, wenn Dir die Nasen Deiner Gäste nicht
gefielen. Ruhig! ich kann Dir das sagen, Bruder! aber ich sage Dir
auch: habe nur den guten Willen, gieb Dir einmal Mühe, Dich auf einen
freundlichen Fuß mit dem Thiersteiner zu stellen, dann wird es schon
gehen. Ich prophezeie Dir: je öfter wir uns fortan mit Graf Oswald
begegnen, je besser werden wir uns mit ihm verstehen und vertragen,
denn er ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Mann von makelloser Ehre.«

»Trage gar kein Verlangen nach öfterem Begegnen.«

»Wird schon von selber kommen; ich verlasse mich auf Dein ehrliches,
ritterliches Herz, denn das ist noch das Beste an Dir.«

Burkhard blinzelte den Freund erst etwas zweifelhaft an, dann gab er
ihm die Hand und sagte: »Jetzt bringe mich zu Deiner Frau, damit ich
auf andere Gedanken komme. Ist das lustige Hexlein, die Imagina, auch
hier?«

»Natürlich! und wenn es Einer versteht, Dir den Kopf zurechtzusetzen,
so ist sie es.«

»Das weiß ich, darum fragte ich ja.«

»So komm, aber erst zu meiner Frau!«

Sie schoben sich durch die Gruppen der plaudernden Gäste, die nicht
müde wurden, die glänzende Einrichtung der Gemächer zu betrachten,
die schönen, figurenreichen Teppiche an den Wänden, die geschnitzten
Gestühle mit bunten Kissen und Polstern, die großen Öfen mit grünen
Kacheln, die messingenen Leuchterkronen, die kunstvollen Glasfenster
und mehr dergleichen, was ihre Bewunderung und ihr Begehren erregte,
es auf ihren Schlössern auch so haben zu können. Die Mächtigsten und
Reichsten unter ihnen, die auch in Behaglichkeit und Bequemlichkeit
wohnten, mußten sich wohl oder übel gestehen: so prunkvoll und
üppig wie hier sah es bei ihnen zu Hause nicht aus. Während des
Wiederaufbaues der Hohkönigsburg hatten sie mit fast ungläubigen Ohren
schon Manches von dem Aufwand, der dabei getrieben wurde, gehört und
waren daher auf allerlei Neues und Sehenswerthes gefaßt, fanden aber
ihre Erwartungen durch das hier, wie Manche meinten, fast prahlerisch
zur Schau Gestellte nun doch noch weit übertroffen.

Um in diese kostbar ausgestatteten Räume möglichst würdig mit
ihrer äußeren Erscheinung hineinzupassen, hatten Männer wie Frauen
ihre auserlesensten Festgewänder angelegt. Da war viel schillernde
Farbenpracht zu sehen an den faltigen Kleidern mit langen Schleppen
und großgemusterten Röcken, unter denen die spitzen Schnabelschuhe
hervorlugten Um die Nacken der Frauen ringelten sich goldene Ketten
mit funkelnden Steinen, auf ihren Häuptern glitzerten gold- und
silberdurchwirkte Hauben und Gebinde, und frische Blumenkränze
krönten die Scheitel der jungen Mädchen. Die älteren Herren trugen
dunkelsammtene oder brokatene Röcke, mit Pelz verbrämt oder mit bunten
Borten umsäumt, die jüngeren aber kurze, seidene Wämser mit breitem,
gesticktem Brustlatz und eng anliegende, gestreifte oder geschachtete
Beinkleider, kleine Barette mit Federstutzen auf dem langen,
gekräuselten Haar, und am schmelzverzierten Gürtel hing der Dolch in
tauschirter Scheide.

Wer von allen Frauen und Jungfrauen hier war die Schönste? Niemand
that diese Frage laut, aber Jeder legte sie sich im Stillen vor und
beantwortete sie sich mit dem Namen Leontine. Sie war das leibhaftige
Bild von Kraft und Gesundheit, mit jedem Liebreiz blühender Jugend
geschmückt und von einer bestrickenden Anmuth im Ausdruck ihrer Züge,
in Haltung und Bewegung, in ihrem ganzen Wesen.

»Was habt Ihr für prachtvolles, rothblondes Haar!« sprach Imagina, als
sie auf ihrem Rundgang durch die Gemächer der Thierstein'schen Tochter
begegnete, die mit ihrem Wuchs die schlanke Gestalt der sie Anredenden
noch eine halbe Spanne lang überragte.

»Sagt nur getrost feuerrothe Mähne!« lachte Leontine und schüttelte die
wallenden Locken, die sich in kein Netz und keine Haube zwingen ließen.
»Man muß wohl schon bei meiner Geburt diesen Löwenkopfputz geahnt haben
und hat mir darum den Namen Leontine gegeben, der mir oder dem ich die
Rechtfertigung nun schuldig war.«

»Die übrigen Attribute sind auch nicht ausgeblieben,« scherzte Imagina
und entschlüpfte der Geneckten durch das Gedränge der Gäste, wobei sie
dem ihr entgegenkommenden Burkhard fast in die Arme lief.

»Halt, Frauchen Imagina!« rief er, »hier kommt Ihr nicht vorbei, und
auf Euch fahnde ich gerade.«

»Auf mich? was wollt Ihr von mir?« entgegnete sie schnippisch.

»Ihr sollt mir das kleine, weiche Pfötchen geben.«

Sie schlug ein: »Da! was nun noch?«

»Weiter nichts; ich hab Euch so lange nicht gesehen; habt Ihr mich auch
noch ein bischen lieb?«

»Ich Euch? nein! nicht im Mindesten, hab Euch in meinem Leben noch
nicht lieb gehabt.«

»Ach! warum denn nicht?«

»Ihr seid mir zu rauh und stachlicht. Ich möchte nichts im Bösen mit
Euch zu schaffen haben.«

»Im Bösen, da habt Ihr Recht; aufrichtig seid Ihr wenigstens, Gräfin
Imagina!« sagte Burkhard mit einem stechenden Blick. »Aber es ist ja
garnicht Euer Ernst.«

»Mit Euch spaß' ich nicht, denn ich traue Euch nicht, nicht über den
Weg trau ich Euch; Ihr seid gefährlich, man muß sich mit Euch hüten und
fürsehen, die tiefe Falte da zwischen Euren Brauen --«

»Streicht sie weg, wischt sie mir aus, Imagina!«

»Von der Stirn kann man sie verbannen, aber im Herzen bleibt sie Euch
doch. Was habt Ihr wieder heute? Euch bohrt und boßt etwas.«

»Soll ich's Euch sagen? Euch in die kleinen, rosigen Mauseohren
flüstern?«

»Wenn Ihr nicht beißen und nicht allzusehr schreien wollt.«

»Könnt Ihr schweigen, Imagina?«

»Ich?! oh! Herr Burkhard!«

»So kommt her! -- Ich gönne dem Thiersteiner die stolze Burg nicht.«

Sie lachte: »Und das soll ein Geheimniß sein? Das weiß ich schon lange.«

»So?« er starrte sie verblüfft an, »woher denn?«

»Von Euch selbst, wenn Ihr's mir auch nicht gesagt habt. Schon als sie
noch daran bauten, ärgerte Euch jeder Stein, mit dem sie Mauern und
Thürme erhöhten. Ihr solltet Euch so gierigen Neides schämen, Herr
Burkhard!«

Er stampfte mit dem Fuß. »Daß Dich das Wetter!« knirschte er. »Sagt das
Schmasman auch?«

»Nein, der denkt viel zu gut von Euch.«

»Seht Ihr? der kennt mich.«

»Nein, der kennt Euch leider nicht, aber ich, ich kenne Euch.«

»Und denkt schlecht von mir?«

»Ja! ganz schlecht, grundschlecht, nun wißt Ihr's. Empfehle mich Euer
Gnaden!« und fort war sie.

»Racker!« brummte Burkhard, »verflucht schlaue Kröte, und dabei so
hübsch, so niederträchtig hübsch!«

Die Gäste waren vollzählig versammelt bis auf Egenolf, nach dem schon
Dieser und Jener gefragt hatte. Junker Bruno von Rathsamhausen erhielt
auf seine Erkundigung nach dem Freunde von dessen Vater den Bescheid:
»Ich wundere mich ebenso wie Du über das lange Ausbleiben meines
Sohnes. Er war in den letzten Tagen ganz versessen auf die Jagd, und
ich fange allmählich an zu fürchten, daß ihm ein Unfall zugestoßen ist;
sonst müßte er schon hier sein.«

»Nein, Herr Graf!« sagte Bruno, »das fürchte ich nicht, dazu ist
Egenolf ein zu tüchtiger Waidmann.«

»Hast Recht, Bruno!« erwiederte Schmasman, »also warten wir's ab, bis
es ihm gefällt, sich einzustellen.«

Jetzt ertönte der Klang einer Glocke zum Zeichen, daß die Messe, die
der Abt von St. Pilt in der Schloßkapelle feiern wollte, ihren Anfang
nehmen sollte, und die Gesellschaft schickte sich an, sich in das
nahebei belegene Sanctuarium zu begeben. Da jedoch die Kapelle nicht
sämmtliche Anwesende aufnehmen konnte, blieben die jüngeren nebst
einigen älteren Herren, die sich aus der Feierlichkeit nicht viel
machten, in den Gemächern zurück, und bald hörten sie dort den Gesang
der Chorherren, dem sie schweigsam und mehr oder weniger andächtig
lauschten.



III.


Eine Stunde nach dem Aufbruch der Seinigen von der St. Ulrichsburg
stieg auch der junge Graf Egenolf von Rappoltstein dort zu Pferde,
um ihnen nach der Hohkönigsburg zu folgen. Seine Jagd war glücklich
verlaufen; er hatte einen starken Wolf, dem er in den ausgedehnten
Forsten drei Tage lang auf der Spur gewesen war, erlegt, ihn selbst
abgehäutet und das Fell einem Kürschner in Rappoltsweiler zur
Zubereitung übergeben, war also in frohester Stimmung.

Anfangs, so lange der Weg noch eben war, trabte er scharf zu, bald
aber, als er in den Wald kam und es bergan ging, ritt er langsam
und überließ sich träumenden Gedanken. Es war eine sehr ergötzliche
Erinnerung, die ihn jetzt beschäftigte, die Erinnerung an ein
liebliches Abenteuer, das er hier im Walde vor Kurzem erlebt hatte.

Er pirschte eines Morgens auf allerlei Raubzeug und schlich spähend und
lauschend durch das Dickicht, als er plötzlich dumpfen Hufschlag zu
vernehmen glaubte. Er blieb stehen und horchte, aber jetzt war Alles
wieder still. Mit einem Male rief eine helle, zweifellos eine weibliche
Stimme: »Sanct Hippolyt!« und siehe da! das Echo antwortete deutlich:
»Sanct Hippolyt!« Dann wieder die Stimme in singendem Tone: »Zeig' mir
den Weg!« und das Echo wiederholte: »Zeig' mir den Weg!« Die Rufende,
der das neckische Spiel offenbar Vergnügen machte: »Den Weg zu Dir!«
und das gefällige Echo: »Den Weg zu Dir!« Jetzt rief Egenolf selbst,
den Klang der Stimme so gut wie möglich nachahmend: »Wart', ich komme
zu Dir!« Alles schwieg, auch das Echo, denn von des Rufers Standpunkt
aus konnte es nach den natürlichen Gesetzen des Schalles nicht zu ihm
zurücktönen. Nun eilte er durch das Gebüsch in der Richtung, von der
aus die Worte erklungen waren, und fand dort mitten im Walde eine junge
Dame zu Pferde halten, die er nicht kannte. Sobald sie seiner ansichtig
wurde, redete sie ihn, der in schlichtester Jägertracht und mit Spieß
und Armbrust bewehrt war, zuerst an indem sie vom Pferde herab sprach:
»Ihr kommt zur rechten Zeit, guter Freund! wißt Ihr den Weg nach Sanct
Pilt?«

»O ja!« erwiederte er, »aber in dieser Gegend ist er nicht zu finden.«

»So zeigt ihn mir!« befahl sie.

Egenolf sah sich die Reiterin jetzt genauer an. Sie war eine vornehme
Erscheinung in geschmackvoller Kleidung, saß sehr gut im Sattel und
hielt in der Rechten eine wuchtige Reitgerte; am Gürtel hing ihr ein
langes Waidmesser. Sie gefiel ihm ausnehmend, und eben, weil er sie
nicht kannte, konnte sie Niemand anders sein, als die junge Gräfin von
Thierstein, die er noch nie gesehen hatte, weil sie erst kürzlich mit
ihren Eltern nach der Hohkönigsburg gekommen war. Alle anderen adligen
Fräulein in der ganzen Umgegend waren ihm von Ansehen bekannt. So war
er im Vortheil gegen die ihm vom Zufall Schutzbefohlene; er wußte,
wer sie war, aber sie schien seine Abstammung von einem der edelsten
Geschlechter des Landes nicht zu ahnen.

»Ihr seid hier falsch, Fräulein! Sanct Pilt liegt dort hinaus,« sprach
er. »Euer Pferd muß auf Irrkraut getreten haben; dann verliert man den
Weg und verirrt sich.«

»Jägerweisheit!« spottete sie. »Geht voraus und führt!«

Egenolf that wie ihm geheißen und suchte die bequemsten Stellen zum
Reiten zwischen den Bäumen aus. Die Reiterin folgte ihm schweigend,
denn sie hatte mit dem Lenken ihres Pferdes zu thun. Bald aber rief sie
ihren Führer an: »He! Waidmann! Ihr steht wohl im Dienste der Grafen
von Rappoltstein?«

Es belustigte ihn, daß sie ihn für einen Jägerknecht hielt, was in
Anbetracht seines Äußeren in dem schon etwas abgetragenen Lederkoller
mit Kragen und Kappe, deren großer Schirm ihr sein Gesicht vom Sattel
aus halb verdeckte, nicht eben zu verwundern war. Und da es ihn reizte,
sie in dem Wahne zu lassen, um sich bei seiner bevorstehenden Begegnung
mit ihr auf der Hohkönigsburg an ihrer Verlegenheit weiden zu können,
gab er ihr, sich zu ihr umwendend, in unterwürfigem Tone zur Antwort:
»Zu dienen, Fräulein! ich bin des Herrn Grafen Maximin von Rappoltstein
leibeigener Mann.«

»Maximin?« fragte sie, »ich denke, Schmasman heißt er.«

»Ja, so wird er gewöhnlich genannt, das ist dasselbe,« sagte er und
schritt nun nicht mehr vor, sondern neben dem Pferde her.

»Soll ein sehr angesehener und holdseliger Herr sein, ein tapferer
Ritter, aber von feinsinniger Art und mildem Gemüth, wie ich hörte. Ihr
habt es gewiß nicht schlecht bei ihm, wie?«

»Ich kann über die Behandlung nicht klagen; er hält seine Leute
gut, und wir dienen ihm gern,« erwiederte der vermeinte gräfliche
Gefolgsmann. Um aber dem Gespräch, dessen Fortsetzung in diesem Gleise
leicht zu einer Entdeckung seiner wahren Herkunft führen konnte, eine
andere Wendung zu geben, fragte er: »Ihr wollt nach Sanct Pilt?«

»Ja, wohin sonst bringt Ihr mich denn, Rappoltstein'scher Spießträger?«
entgegnete sie launig. »Den Abt will ich sprechen.«

»Also hoch zu Rosse zum Beichtstuhl. Das laß ich mir gefallen, ist aber
etwas ungewöhnlich.«

»Was geht es Euch an, Jäger!« verwies sie ihn herrisch, »und wer sagt
Euch, daß ich beichten will? Sehe ich aus wie eine arme Sünderin, die
ein schlechtes Gewissen hat?«

»Nichts für ungut, Fräulein! hab Euch darauf noch nicht angeschaut,«
entschuldigte er sich. »Aber,« fuhr er, wie mißbilligend mit dem
Kopfe schüttelnd fort, »so ganz allein und einsam hier im tiefen
Walde, wo Ihr nicht einmal Bescheid wißt? Es ist hier nicht immer ganz
geheuer, und Ihr seid eine verführerisch schöne --, ich wollte sagen,«
verbesserte er sich schnell, als ihn ein strenger Blick von ihr traf,
»Ihr habt da sehr schöne Steine an Eurem Gürtel.«

»Wollt Ihr mir etwa bange machen? das wird Euch nicht glücken, mein
Lieber!« lachte sie. »Ich bin, wie Ihr seht, nicht wehr- und waffenlos
und fürchte mich nicht vor Euch, das will ich Euch beweisen.« Und ehe
er sich dessen versah, war sie aus dem Sattel zur Erde gesprungen, warf
ihm den Zügel ihres Pferdes zu und sagte: »Da! führt meine Daphne! ich
will zu Fuß mit Euch wandern.«

Jetzt, als sie ihm zur Seite schritt, merkte er erst recht, wie hoch
und kräftig ihre Gestalt war, nur wenig kleiner als er. Sie gingen
schweigend dahin im stillen Walde, durch dessen sanft bewegtes Laub die
Sonnenstrahlen blitzten, daß auf dem dichten Grün des Bodens goldene
Lichter tanzten und flirrten. Die Drosseln und Finken schlugen, und die
Bienen summten, und die zwei jungen, blühenden Menschenkinder hingen
ihren Gedanken nach, die wohl sehr verschiedenen Inhalts sein mochten.

»Gebt einmal Eure Armbrust her!« gebot jetzt die abgesessene Reiterin.
Er reichte sie ihr und beobachtete mit Freuden, wie leicht und sicher
sie mit den richtigen Griffen den stählernen Bogen spannte. »Und einen
Bolzen!« Dann blickte sie zu den hohen Wipfeln empor. »Nichts zu
sehen, und einen Singvogel schieße ich nicht. Was soll ich treffen?«

»Den Mistelbusch dort oben im Wipfel der Birke.«

Sie zielte und schoß. Der Bolzen ging mitten durch die Mistel.

»Gut gemacht!« lobte er, »also Jägerin seid Ihr auch.«

»Ja, -- auch!« sagte sie kurz und gab ihm die Armbrust zurück. »Nun
zeigt Ihr Eure Kunst! -- den Tannzapfen dort!«

Er schoß und fehlte.

Da lachte sie: »Nun, Jäger, wenn Ihr den hängenden Tannzapfen nicht
trefft, ist wohl flüchtiges Wild ziemlich sicher vor Euch?«

»Der um meinen Arm geschlungene Zügel Eures Pferdes hinderte mich am
ruhigen Zielen,« erwiederte er halb ärgerlich, halb beschämt.

»Daphne stand baumstill,« behauptete sie und fragte dann: »Wie weit ist
es noch von hier bis Sanct Pilt?«

»Wir werden bald zu einem Wege gelangen, auf dem Ihr traben könnt, und
dann seid Ihr in einer Viertelstunde an der Abtei. Aber wie wollt Ihr
wieder in den Bügel kommen?«

Ein spöttischer Zug umspielte ihren Mund auf seine sie sehr thöricht
dünkende Frage, und ein Lachen verbeißend sprach sie: »Das wird
allerdings schwer halten, ich denke, von einem großen Steine kann ich
wieder hinaufklettern, meint Ihr nicht?«

»Ja, wenn es nur hier große Steine gäbe!«

»Das ist Eure Sache, einen zu finden; gebt Acht darauf!« erwiederte
sie und wandte sich dann seitwärts, um sich eine Glockenblume zu
brechen. Sie pflückte sich im Gebüsch allmählich einen ganzen Strauß
von Waldblumen zusammen ohne sich um den Leiter ihres Rosses weiter zu
kümmern.

Endlich kamen sie zu dem Wege. »Hier ist der Weg,« rief er ihr zu, »von
hieraus könnt Ihr nicht mehr fehlen, denn er führt Euch zur Abtei von
Sanct Pilt.«

»Ja, der Weg ist gut zum Traben,« sprach sie, »aber wo ist der Stein,
von dem ich aufs Pferd steigen könnte?«

Egenolf zuckte die Achseln. Sie stand schon neben dem Pferde. »Soll ich
Euch in den Sattel heben?« fragte er.

Sie sah ihn mit flammenden Augen durchdringend an, sagte aber nur kühl
und gelassen: »Dazu bin ich Euch zu schwer.«

Er lächelte: »Wollen wir's einmal versuchen?«

Ein hartes »Nein!« war ihre Antwort, -- »das ist Ritterdienst.«

»Allerdings, Ritterdienst!« fuhr er, sich vergessend, auf, besann sich
aber schnell und sagte: »Ja so! nun, dann muß der Knecht das Knie
beugen, damit die Herrin sich aufschwingt.« Er kniete nieder, sie
setzte den Fuß auf sein Knie und war mit behendem Schwunge im Sattel.

»Ich danke Euch,« sprach sie von oben, die Zügel ordnend.

»Wollt Ihr mir eine Gunst erweisen, Fräulein?« fragte er. -- »Schenkt
mir eine Blume aus Eurem Strauße.«

»Die habt Ihr verdient, Jägersmann!« sagte sie freundlich, suchte in
dem Strauße und reichte ihm ein vierblättriges Kleeblatt: »Hier! möge
es Euch Glück bringen! und nun -- Waidmanns Heil!«

»Waidmanns Dank!« erwiederte er.

Sie trabte davon. Er blickte ihr nach, so lange er sie sehen konnte,
und sprach dann lachend: »Auf Wiedersehen, schöne Gräfin von
Thierstein! Ihr werdet Augen machen, wenn Euch der Jägerknecht oben auf
Eurem Schlosse entgegentritt.« Dann schritt er in den Wald hinein. --

An diese Begegnung mußte Egenolf, wie er es seitdem schon so oft gethan
hatte, auch jetzt wieder denken, als er nach der Hohkönigsburg zu dem
Feste ritt, wo er die verirrte Reiterin zum ersten Male wiedersehen
sollte. Wie wird sie ihn empfangen?

Ehe noch die Messe in der Kapelle beendet war, erschien Egenolf auf
der Schwelle des Zimmers, von wo er die Anwesenden mit raschem Blick
überschaute. Dann schritt er schnurstracks auf Leontine zu, verneigte
sich vor ihr und begann: »Graf Egenolf von Rappoltstein bittet für
seine Versäumniß um Verzeihung, edle Gräfin von Thierstein; ich habe
mich auf der Jagd verspätet.«

»Ihr seid auch jetzt noch willkommen, Herr Graf,« erwiederte sie
verbindlich. »Von meinen Eltern werdet Ihr dasselbe hören, sobald sie
mit den übrigen Gästen aus der Kapelle zurückkommen.«

Plötzlich weiteten sich ihre Augen und richteten sich mit starrem
Blick auf die Brust des vor ihr Stehenden, wo sie ein an sein Wams
geheftetes vierblättriges Kleeblatt, schon etwas welk, entdeckt hatte.
»Was bedeutet das Vierblatt dort?« fragte sie erregt, ihm nun fest ins
Gesicht sehend.

»Das soll mir Glück bringen,« lächelte er. »Ich habe es von einer
holdseligen Waldfee, die beim Reiten den Weg verloren, weil ihr Roß auf
Irrkraut getreten hatte, wie Jägerweisheit behauptet.«

»Ihr -- Ihr waret der Jäger, der mich auf den Weg nach Sanct Pilt
gebracht hat?« sagte sie bestürzt, bis an die Stirnlocken erröthend.

»Ja, der war ich, gnädige Gräfin!«

»O mein Gott! und wie hab ich Euch behandelt!«

»Ganz nach Stand und Gebühr eines Solchen, der ich nach Eurer Schätzung
war.«

»Geht Ihr immer in so bescheidener Tracht auf die Pirsch wie neulich?«

»Ich wüßte nicht, warum ich es nicht thun sollte,« erwiederte er.

»Habt Ihr heute etwas getroffen?« fragte sie weiter.

»Einen starken Wolf hab ich erlegt, dem ich drei Tage lang nachgestellt
habe und den ich heute durchaus haben wollte,« gab er ihr ruhig zur
Antwort.

»Ihr -- einen Wolf geschossen?« sprach sie mit einem ungläubigen
Lächeln. »Nun, Waidleute lieben es ja wohl, allerhand Märlein zu
erzählen,« fügte sie schalkhaft hinzu.

Er verstand ihre Anspielung auf seinen vor ihren Augen gethanen
Fehlschuß, ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen und erwiederte:
»Aber manchmal sprechen sie auch die Wahrheit.«

»Wirklich? nun so sagt mir doch, warum Ihr Euch dort im Walde mir nicht
zu erkennen gegeben habt.«

»Weil ich mir zu gut in der Rolle eines Rappoltstein'schen Knechtes
gefiel, dem Ihr erlaubtet, das Knie vor Euch zu beugen, damit Ihr
wieder in den Sattel kamet, gnädige Gräfin!«

»Glaubt Ihr im Ernst, Herr Graf, ich wäre nicht auch ohne Eure Hilfe
vom Boden aus in den Sattel gekommen, wenn ich gewollt hätte? Mit
leichtem Sprunge wäre es gethan gewesen; ich bin geübt darin.«

»Und glaubt Ihr, ich hätte keinen Stein zum Aufsteigen für Euch
gefunden, wenn ich einen hätte finden wollen?«

Nun lachten sie beide herzlich, und aus beider Augen blitzte etwas, das
nicht aussah wie Haß und Verachtung.

Jetzt kamen die Wirthe mit ihren Gästen aus der Kapelle zurück,
und Egenolf hatte, nachdem er sich den Grafen Thierstein und ihren
Gemahlinnen vorgestellt und sich bei ihnen wegen seines Ausbleibens
entschuldigt hatte, eine Menge Bekannte zu begrüßen, ehe er seinem
Freunde Bruno von seinem Pirschgang berichten konnte.

Bald meldete der Herold, daß das Festmahl bereit sei, und die
Gesellschaft ordnete sich paarweise zum Zuge in den großen Rittersaal,
wo zwei lange Tafeln gedeckt standen, mit blinkenden Krystall- und
Silbergeräthen besetzt und mit Blumen geschmückt. Der Abt von St.
Pilt eröffnete den Reigen mit der Gräfin Margarethe und machte bei
Tisch der immer noch schönen Frau von hohem, schlankem Wuchs mit
weltmännischer Gewandtheit den Hof, soviel ihm dies sein geistliches
Ordenskleid erlaubte. Graf Oswald hatte Gräfin Herzelande und Schmasman
die Gemahlin des Grafen Wilhelm von Thierstein zu Tische geführt.
Burkhard hatte sich Frau von Müllenheim erkoren, mit der er sich
beständig zankte und doch vortrefflich unterhielt, weil sie seiner
schnell auflodernden Heftigkeit mit schlagfertigem Witz begegnete. Graf
Wilhelm von Rappoltstein hatte Frau Stephania von Rathsamhausen den Arm
geboten, und Leontine hatte sich selber Egenolf als Tischherrn gewählt,
-- »um Euch zu versöhnen,« sagte sie. Ihnen gegenüber fanden Imagina
und Isabella Platz, zwischen denen Bruno saß. Auch die übrigen Gäste
reihten sich nach Wahl und Belieben.

Das Mahl verlief in ungetrübter Fröhlichkeit. Die Männer tranken
sich fleißig gar edle Tropfen aus prächtigen Pokalen zu, die Frauen
lächelten, man plauderte und scherzte und ließ es sich wohl sein an den
reichversorgten Tischen der Hohkönigsburg, bis die vorgerückte Stunde
zum Aufbruch der Gäste mahnte. Die Meisten hatten keinen langen Weg zu
ihren Schlössern und nahmen weiter Wohnende zur Nachtherberge mit sich;
auch auf der Hohkönigsburg blieben einige in dazu bereit stehenden
Gastzimmern.

»Auf Wiedersehen!« sagte Egenolf, als er Leontinen zum Abschied die
Hand küßte, und »Auf Wiedersehen!« antwortete das Echo von ihrem
lächelnden Munde.

Als das ältere Thierstein'sche Ehepaar in seinem Schlafgemach allein
war, fragte Gräfin Margarethe ihren Gemahl: »Wie bist Du mit dem
heutigen Tage zufrieden, Oswald?«

»Nicht übel,« erwiederte der Graf, »obwohl ich Anfangs einige
mißvergnügte, um nicht zu sagen mißgünstige Gesichter bemerkte. Nicht
alle, Margarethe, die heute hier waren, sind uns hold und freundlich
gesinnt; Viele sind gewiß nur aus Neugier gekommen. Aber es war das
erste Mal, daß wir uns mit den Leuten sahen; beim nächsten Zusammensein
mit ihnen, wenn ich nicht den höflichen Wirth zu machen habe, sondern
als Gast mich frei bewegen kann, werde ich schon leichter mit ihnen
fertig werden. Am besten haben mir die Rappoltsteiner gefallen; was
ist der Schmasman mit seiner würdevollen, hohen Gestalt und seiner
vornehmen Erscheinung für ein ritterlicher Mann, außen und innen!«

»Und Gräfin Herzelande für eine kluge, liebenswürdige Frau mit ihren
früh gebleichten Haaren! sie ist von Geburt eine Gräfin Fürstenberg,«
fügte Margarethe hinzu. »Und Graf Egenolf? was hältst Du von dem?«

»Seines ritterlichen Vaters ritterlicher Sohn,« sagte der Graf.
»Auch Graf Wilhelm von Rappoltstein ist ein Mann, den man für voll
nehmen muß; er hat etwas Entschlossenes, Kriegerisches an sich,
das Einem Achtung einflößt. Das ist ein ganz anderer Schlag als die
Rathsamhausen. Der Burkhard ist ein trotziger Gesell; mehr als einmal
traf mich aus seinen unstäten Augen ein geradezu feindlicher, drohender
Blick.«

»Seine Gattin, Frau Stephania, scheint mir eine liebe, herzensgute
Frau zu sein. Ihres Geschlechts ist sie eine Gräfin Leiningen von der
Dagsburg, wie ich von Imagina erfahren habe.«

»Du scheinst ja schon ziemlich genau über die Familienverhältnisse
hier unterrichtet zu sein,« lachte der Graf. »Imagina, das ist die
hübsche Blonde, die so munter plaudern und so silberhell lachen kann,
die Gemahlin Kaspars, des jüngsten Rappoltstein? richtig! Übrigens,«
fuhr er fort, »hat uns der älteste, Schmasman, zum Pfeifertag nach
Rappoltsweiler eingeladen.«

»Zum Pfeifertag? was ist das?« fragte Margarethe.

»Die fahrenden Leute im ganzen Elsaß,« erklärte ihr Graf Oswald,
»haben schon vor mehr als hundert Jahren eine Bruderschaft unter sich
geschlossen, die sich vom Hauenstein im Jura bis zum Hagenauer Forst
und von den Firsten des Wasigen bis zum Rhein erstreckt. Sie haben ihre
eigenen Privilegien und Satzungen, die ihnen Kaiser Karl IV. urkundlich
bestätigt hat. Immer der älteste Graf von Rappoltstein ist ihr Schutz-
und Lehnsherr, und sie haben einen Pfeiferkönig, der selber Spielmann
sein muß und dem sie unterthänig und unbedingt gehorsam sind. Jährlich
am Tage von Mariä Geburt -- denn die Jungfrau Maria vom Dusenbach ist
ihre Schutzheilige -- feiern sie in Rappoltsweiler ein großes Fest, bei
dem sie sich Alle versammeln und auch Gericht über sich halten. Dazu
hat Schmasman uns und mehrere unserer heutigen Gäste eingeladen.«

»Du hast doch zugesagt?«

»Selbstverständlich und mit Freuden!« bestätigte Graf Oswald. »Das
ist eine gute Gelegenheit, mich dem gemeinen Volke zu zeigen und auch
unsern werthen Standesgenossen meinen Rang und meine Stellung etwas
deutlicher vor Augen zu führen, als ich dies heute vermochte.«

»Vorsichtig, Oswald!« rieth Gräfin Margarethe, »wir sind noch neu unter
ihnen, und Du kennst sie noch zu wenig.«

»Mich kennen sie auch noch nicht; darum sollen sie mich nun ehestens
kennen lernen,« erwiederte der Graf gereizt.

Danach sprachen beide kein Wort mehr, denn ein nach den Anstrengungen
des Tages wohlverdienter Schlaf schloß ihnen Mund und Augen.



IV.


Es war September geworden, und ein wolkenloser Himmel spannte sich
über den Bergen, deren Kuppen und Gipfel sich in der klaren Luft so
scharf von dem tiefen Blau abgrenzten, daß oben an ihrem Rande die
Laubkronen der einzelnen Bäume, wie einer den anderen um ein Weniges
überragte, deutlich zu unterscheiden waren. Da schritten zu später
Nachmittagsstunde durch das Thor des alten, hohen Metzgerthurmes in
Rappoltsweiler zwei Spielleute und wanderten selbander den Weg in das
Strengbachthal hinein, wo zu ihrer Rechten sich braune Felsen erhoben,
ihre Ecken und Spalten von kriechendem Eichengesträuch umgrünt und die
Vorsprünge hie und da mit einer sturmzerzausten Kiefer bewachsen, die
mit klammernden Wurzeln ihren hart erkämpften Stand behauptete.

Der eine der beiden Wanderer war von hohem, starkem Gliederbau, auf dem
ein mächtiger Kopf saß mit grauem Langhaar und Langbart und buschigen
Brauen über den gutmüthig blickenden Augen. Das war der allem fahrenden
Volk im Wasgau gebietende Pfeiferkönig Hans Loder, der Trumpeter. Der
Andere war ein alter, treuer Kumpan von ihm, Namens Syfritz, einer der
vier Weibel, die des Pfeiferkönigs Helfer und Berather in der Ausübung
seiner Machtvollkommenheit und seine Beisitzer im Pfeifergericht
waren. Er war von hagerer, aber sehniger Gestalt mit wettergebräuntem,
bartlosem Gesicht, das einen entschiedenen und zugleich verschmitzten
Ausdruck hatte. Ein Spielwerk, dessen sich der Trumpeter in seiner
Königswürde nur noch bei besonderen Gelegenheiten bediente, hatte
keiner von beiden mitgenommen, denn auf Musikmachen zogen sie nicht
aus. Syfritz sollte zu der Kapelle am Dusenbach gehen und mit dem
Messner die Vorbereitungen zu der nächstens dort stattfindenden
kirchlichen Feierlichkeit verabreden, und Loder begleitete ihn nur
ein Stück Weges, um ihm die Verhaltungsmaßregeln für den Sakristan
noch einmal gehörig einzuschärfen, damit an dem Tage Alles klippte und
klappte, weil, wie ihm Graf Schmasman mitgetheilt hatte, dieses Mal
mehr adlige Herrschaften als sonst bei dem Fest erscheinen würden.

Im gemächlichen Gehen hatten sie das Nöthige zur Genüge mit einander
beredet, und ihr Gespräch hatte sich im Anschluß daran auf einzelne
Fälle gelenkt, die zur Entscheidung bei dem am dritten Tage des Festes
abzuhaltenden Pfeifergericht vorläufig angemeldet waren. Diese Fälle
bestanden zum größten Theil aus Streitigkeiten der Spielleute unter
sich, die endgültig ausgetragen werden sollten. Aber es liefen auch
stets aus anderen Kreisen Beschwerden über Fahrende wegen verübten
Unfugs, zugefügten Schadens, nicht erfüllter Verpflichtungen und mehr
dergleichen Vergehungen ein, die Sühne heischten und mit empfindlichen
Strafen gebüßt werden mußten.

Bis jetzt waren nur wenig Klagen bei dem Rechtsprechenden und seinen
Weibeln anhängig gemacht, denn die meisten wurden erst am Tage des
Gerichts erhoben. Über diese wenigen, ihnen schon bekannt gewordenen
Fälle hatten die Beiden hier im Strengbachthal ihre Meinungen
ausgetauscht, und Loder sagte: »Die Sache mit dem Muffel ist nicht eben
schlimm. Er ist ein Speivogel und Nichtsnutz, und seine Prügel hat er
als Abschlagszahlung für seinen Schelmenstreich weg; wir dürfen ihm
daher die Saiten nicht mehr allzu straff spannen.«

»Überhaupt, wie wollen sie ihm denn beweisen, daß er's mit Willen
gethan hat?« stimmte Syfritz ein.

»Das kommt auch noch dazu,« sagte Loder, »und wie mögen sie ihn gereizt
und geärgert haben! die anderen Drei sind die besten Brüder auch nicht.
Viel mehr gegen den Strich,« fuhr er fort, »geht mir die Geschichte mit
dem Seppele, der sein loses Lästermaul nicht halten kann und mit seinem
Spottliede wieder demselben Wirthe Schimpf und Schande angehenkt hat.
Er ist ein so kunstbewanderter Singer und Spieler, wie wir kaum einen
zweiten unter uns haben, aber dabei ein durchtriebener Schalksnarr, und
diesmal soll er nicht so leichten Kaufes von der Bank kommen wie bei
der vorigen Klage gegen ihn.«

»Wenn er nur nicht geschworener Mann des Herrn von Rathsamhausen wäre!«
gab Syfritz seinem Häuptling zu bedenken. »Bei dem gilt Seppele viel
und hat einen starken Rückhalt an ihm.«

»Mir ist das keine rothe Bohne werth,« erklärte Loder bestimmt, »darum
lasse ich ihn nicht einen Tag weniger im Thurme sitzen.«

Sie waren jetzt an den Weg gelangt, der rechts ansteigend in das enge,
schattige Dusenbachthal führte. Hier wollte Loder umkehren, als sie vom
Walde her hallende Schritte vernahmen. »Wer kommt da?« frug er.

Syfritz beugte sich vor und spähte durch die Bäume. »Es ist der junge
Graf Egenolf von Rappoltstein,« sagte er.

Da blieben sie stehen, bis der Herabkommende nahte.

»Grüß Gott, Hans!« rief Egenolf, sobald er den Pfeiferkönig erkannte.
»Zu Dir wollt' ich eben; hast Du ein wenig Zeit für mich?«

»Immer, Herr Graf, Tag und Nacht, nach Eurem Willen und Gefallen,«
erwiederte Loder, »und wenn Ihr zur Stadt wollt, so haben wir einen
Weg, ich gehe auch zurück.«

»Und, Syfritz, Du?« wandte sich der Graf an diesen.

»Ich muß zur Kapelle, Euer Gnaden,« antwortete der Spielmann.

»So sprich ein Vaterunser für mich mit, ich kann's brauchen,« sagte
Egenolf, und dann zu Loder: »Komm, Hans! ich habe einen Auftrag für
Dich.«

Die Beiden gingen langsam nach Rappoltsweiler zu, während Syfritz das
Dusenbachthal bergan schritt.

Vorerst sprachen sie beide nicht. Loder war zwar gespannt, von
welcher Art der Auftrag sein mochte, den der junge Herr für ihn im
Anschlag hatte, wartete indessen geduldig, bis dieser damit losdrücken
würde. Egenolf aber zögerte mit seiner Eröffnung und schien darüber
nachzusinnen, wie er den Alten füglich in sein Vorhaben einweihen
sollte. Endlich fing er an: »Hans, Du bist, seit ich denken kann,
mein Vertrauter, mein väterlicher Freund und Beschützer gewesen, und
ich verdanke Dir viel. Du hast mich auf Deinen Knieen und auf Deinen
Schultern reiten lassen, hast mich die Vögel und die Blumen und Kräuter
des Waldes kennen gelehrt, mir das Blasen und Fiedeln beigebracht,
hast mir manchen guten Rath gegeben, mich von dummen Streichen
zurückgehalten oder, wenn ich sie schon begangen hatte, sie wieder wett
zu machen gesucht. Heute möchte ich Dich um Deinen Beistand angehen zur
Ausführung einer von mir geplanten Überraschung, an deren Gelingen mir
sehr viel gelegen ist, die aber -- durchaus verschwiegen und geheim
bleiben muß.« Er stockte, als wüßte er nicht weiter oder wagte sich
nicht damit heraus.

»Ja, ich muß sie doch aber wissen, wenn ich Euch dabei helfen soll;
also faßt Euch ein Herz und sagt's!« ermuthigte ihn der Alte.

»Da hast Du Recht, Du mußt sie wissen, wenn Du mir dabei helfen
sollst,« sprach ihm Egenolf nach, »so höre denn! Ich habe neulich
einen Wolf geschossen, ein großes, starkes Thier, von dessen Streifen
im Forst mir ein Waldhüter gesagt und die Fährte gezeigt hatte. Den
habe ich geschossen und die Haut dem Kürschnermeister Güldner in
Rappoltsweiler geschickt, daß er sie mir zubereite zu einer Fußdecke,
vor's Bett zu legen, verstehst Du! Du verstehst doch?«

»Bis jetzt, ja! aber ich kann nicht rathen, wo Ihr damit hinwollt,«
sagte Loder. »Ihr habt auf dem Schlosse schon vor allen Betten
Thierfelle liegen, von Hirsch und Reh und Wildsau, von Luchs, Fuchs und
Wolf, und nun noch eins --«

»Nichts da!« unterbrach ihn Egenolf, »hier aufs Schloß soll sie nicht;
sie ist zum weichen, warmen Teppich für die Füßchen einer jungen Dame,
einer sehr schönen jungen Dame ausersehen --«

»Auf der Hohkönigsburg,« platzte Loder heraus.

»Mensch! -- woher weißt Du das?« rief der Graf und war ganz roth
geworden.

»Von den Hufspuren Eures Rosses, die ich letzter Zeit des Öfteren auf
dem Wege zur Hohkönigsburg fand; das Übrige bläst der Wächter,« sagte
Loder. »Ja, ja, ein Frauenhaar zieht stärker als ein hänfen Seil,«
fügte er mit listigem Schmunzeln hinzu.

»Bist mir also nachgeschlichen.«

Der Alte schüttelte: »Nein, es war ganz zufällig.«

»So! dann kannst Dir mir wohl zufällig auch den Pelz an die Stelle
liefern, für die er bestimmt ist?«

»Gewiß!« sprach Loder, »das bedarf nicht viel Wesens und Kunst. Ich
habe auf der Hohkönigsburg einen alten Genossen meiner Jugend, der
dort Huf- und Kurschmied ist, wie ich gehört habe. Der wird schon
Rath schaffen, wie die Sache anzugreifen ist, daß Euer Wolfsfell der
gnädigen jungen Gräfin unbemerkt zu Handen oder vielmehr zu Füßen
kommt. Morgen bringe ich's ihm, wenn es der Meister Kürschner fertig
hat.«

»Wir gehen jetzt zu ihm, Hans, und fragen,« erwiederte Egenolf
eifrig im Jubel seines Herzens, daß Loder bereit und im Stande war,
ihm zu helfen. »Sieh mal,« fuhr er, aus seinem Wams ein weißes Tuch
hervorziehend, mit frohlockenden Augen fort, »in dieses Linnen mußt Du
den Balg hübsch einwickeln, ich hab es selbst aus einer Truhe stibitzt.«

»Aber Graf Egenolf!«

»Macht nichts, Alter! das erfährt meine Mutter gar nicht,« lachte der
Glückliche. »Und hier hab ich noch etwas; dies Brieflein, das thust Du
dem Wolf in den Rachen zwischen die Fänge, daß es die junge Gräfin dort
findet.«

»Hm!« machte Loder, »werden's besorgen.«

»Aber daß es Dein alter Kumpan nur ja recht geschickt anstellt, es ihr
richtig in die Hände zu spielen!«

»O der Ottfried Isinger ist ein mit allen Hunden gehetzter
Schlaufuchs,« beruhigte Loder den freudig Erregten, »ich kenne ihn
von Kindesbeinen an. Er ist seines Herkommens ebenso wie ich ein
Spielmannssohn und auch in derselben Stadt mit mir geboren und
aufgewachsen, hatte aber keine Lust und keine Anlage zur edlen Musika,
weil er kein Gehör hatte. Ihn zog es von früh auf zu den Pferden;
er trieb sich soviel er konnte in den Ställen umher, half die Gäule
striegeln, füttern und tränken, bald auch in die Schwemme reiten. Dann
kam er zu einem Hufschmied in die Lehre, und als er ausgelernt hatte,
ging er auf Wanderschaft, und aus dem Hufschmied ward allmählich auch
ein Kurschmied. Die Fähigkeit dazu war ihm angeboren, denn seine Mutter
gab sich auch mit allerhand Kuren ab, heilte Gebresten an Menschen und
Vieh mit Wurzeln, Pilzen und Kräutersäften, konnte das Blut besprechen
und stand in dem Geruche, von dergleichen heimlichen Dingen mehr
zu wissen, als sie verrathen durfte, aber es war ein einträgliches
Geschäft für sie. Der Ottfried mag wohl Manches von ihren verborgenen
Künsten geerbt haben, denn er bewährte sich als Kurschmied und hatte
Glück mit seiner Behandlung der Rosse. Er hielt sich bald in dieser,
bald in jener Stadt auf, hatte auch gute Stellungen auf mehreren
Schlössern, blieb aber nirgend lange, denn die Herren wollten ihn viel
Weinsaufens halb, mit Ehren zu melden, auf die Dauer nicht um sich
haben, weil er zu oft über den Durst trank und dann behauptete, er
hätte einen Igel im Leib, der ihn stachelte, wenn er nicht schwömme.
Ich verlor den einstigen Trautgesellen für lange Zeit aus den Augen und
erfuhr letztlich, daß er schon seit Jahren im steten Dienst der Grafen
von Thierstein in Straßburg wäre, die ihm die immerwährende Weinfeuchte
ausgetrieben hätten. Sie haben ihn nun mit auf die Hohkönigsburg
genommen, wo er einen angesehenen Posten bekleiden soll. Ich war noch
nicht oben, habe ihn also noch nicht gesprochen, aber morgen werde ich
ihn besuchen und ihm Euer Wolfsfell auf die Seele binden.«

So waren sie in die Stadt gekommen und wußten selber nicht wie. Dort
gingen sie zum Kürschner, der das Fell sorglich und sauber zubereitet
hatte. Der Wolfskopf, dem funkelnde Glasaugen eingesetzt waren, sperrte
den Rachen halb auf und fletschte die Zähne, daß es fast graulich
anzusehen war. Egenolf war zufrieden und lohnte den Meister reichlich
für seine fleißige Arbeit. Loder hüllte den Balg in das Linnen, und sie
verließen damit die Werkstatt des Kürschners.

Draußen auf der Gasse sagte Egenolf: »So, mein alter Hans, nun mache
Deine Sache so gut Du kannst; möge Alles nach Wunsch gelingen und
glücken!«

»Das walte Gott und unsere liebe Frau!« erwiederte Loder. Dann
verabschiedete er sich von dem Grafen und schritt seiner Behausung zu.

Egenolf pfiff sich eine muntere Weise, die er von Loder gelernt hatte,
und ging herzensfroh den Weg zur St. Ulrichsburg hinan. --

Seinem Versprechen getreu begab sich Loder am nächsten Morgen mit dem
in die Leinwand geschlagenen Wolfsfell zur Hohkönigsburg hinauf und vom
Stallhof unterhalb des Löwenthores sogleich in die Schmiede, aus der
die Schläge eines Hammers klangen. Es war aber nicht Isinger, sondern
ein Knecht, der dort am Amboß schaffte und dem Eintretenden auf seine
Frage den Bescheid gab, der Herr Marschalk wäre drüben in den Ställen.

Der Herr Marschalk! also Marschalk läßt er sich titulieren, dachte
Loder, und ging in einen der Ställe, dessen Thür grade offen stand.

In dem nur mäßig erhellten Raume fand er den Jugendgenossen damit
beschäftigt, mittelst eines mit einer bräunlichen Flüssigkeit
durchtränkten Lappens die linke Vorderfessel eines Pferdes zu kühlen.
Er rief ihn an: »Ottfried Isinger, kennst Du mich noch? ich bin Loder
der Trumpeter.«

Der am Boden Knieende, schnell aufblickend, sagte mit freudigem Tone:
»Was? der Pfeiferkönig? vielwillkommen Hans!« und streckte dem Freunde
die Hand hin, nachdem er sie am Schweife des Pferdes abgetrocknet
hatte. »Hab Dich ja eine Ewigkeit lang nicht gesehen.«

»Ich Dich auch nicht,« erwiederte Loder, »hörte erst kürzlich, daß Du
hier oben wärest, und da trieb es mich, Dich einmal aufzusuchen.«

»Recht, recht, Hans!« sprach Isinger. »Wart' einen Augenblick! ich will
nur der Stute den Umschlag noch anlegen; sie hat sich gequetscht. Es
ist unserer jungen Gräfin ihre, denn die jagt oft ohne Weg und Steg
über Stock und Stein.«

Er band den nassen Lappen um den Fuß des Pferdes und erhob sich. »So!
nun komm! jetzt bin ich frei und habe Zeit für Dich.«

Er führte den Freund in ein einfaches Gelaß neben der
Schmiedewerkstatt, in dem sich nur dürftiger Hausrath, ein Bett,
ein grob gezimmerter Tisch und ein paar Schemel befanden. Der Herr
Marschalk wohnt recht bescheiden, dachte Loder wieder, als er
sich hier umsah. An den Wänden hingen Bündel gedörrter Kräuter,
und auf einem Holzgestell reihten sich Töpfe, Flaschen und Büchsen
verschiedentlichen, meist nicht sichtbaren Inhalts.

Isinger schickte den Knecht mit der Weisung vom Amboß weg: »Geh,
Wighelm, und sieh zu, ob Du uns von der Schaffnerin nicht ein Krüglein
Wein besorgen kannst. Sag ihr nur, der Pfeiferkönig wäre bei mir zum
Besuch.«

Die Beiden setzten sich und schauten einander prüfend ins Gesicht. »So
rabenschwarz wie einst sind Deine Borsten nicht mehr, Ottfried, wenn Du
auch noch nicht so ein alter Eisbär bist wie ich,« begann Loder.

»Ja, man wird alt und grau und merkt es nicht, bis es Einem ein guter
Freund einmal unter die Nase reibt,« erwiederte Isinger. »Bist aber
auch nicht jünger geworden, Hans, seit wir uns zuletzt auf dem Wege
nach Sanct Odilien trafen bei dem großen Fest zu Ehren der Herrad von
Landsberg, die vor dreihundert Jahren dort im Kloster Äbtissin war.
Weißt Du's noch? Wir waren immer an der alten Heidenmauer entlang
gewandert, saßen auf ihren riesigen Quadern und ruhten uns aus und
hatten einen elenden Durst.«

»Richtig! an der Heidenmauer war es, ich erinnere mich wohl,« sagte
Loder, »ach ja! das ist lange her.«

»Hast Dich aber sonst gut gehalten, Hans,« sprach Isinger weiter
und klopfte seinem alten Freunde auf die Schulter, »bist mit Deinem
reckenhaften Wuchs ein Pfeiferkönig, der sich sehen lassen kann, das
muß ich sagen. Gehört habe ich oft von Dir und Deinem Schalten und
Walten; im ganzen Wasigen reden sie von Dir, Dein Lob und Preis geht
von Mund zu Munde. Sollst ja auch bei den Rappoltsteinern hoch in Gunst
und Gnaden stehen.«

»Das thu ich,« nickte Loder, »sie schenken mir groß Vertrauen, und für
meinen edlen Schutzherrn und die Seinigen gehe ich durchs Feuer. Und
Du? Herr Marschalk nannte Dich der Knecht.«

»So müssen sie mich nennen,« lächelte Isinger selbstgefällig, »damit
sie den gehörigen Respekt vor mir haben. Ich bin Stallmeister hier,
habe die Rüstkammer unter mir und auch sonst einige Aufsicht in der
Burg. Graf Oswald ordnet nichts an ohne mich und meinen Rath.«

»Was Du sagst! und mit Pferdekuriren giebst Du Dich nebenbei auch noch
ab, wie ich eben gesehen habe,« bemerkte Loder.

»Ja, die Roßpflege ist nun einmal meine Liebhaberei, und ich bin stolz
auf meine Gäule da drüben im Marstall,« versetzte Isinger. »Jetzt
kommen mir die reichen Erfahrungen zu Statten, die ich mir auf den
adligen Schlössern erworben habe.«

»Das glaub' ich, bist ja viel herumgekommen im Lande, hast gar vielen
Herren gedient, aber bei keinem lange ausgehalten, wie die Rede geht,«
meinte Loder.

»Was sollt' ich machen? Einer spannte mich dem Andern bald wieder aus
mit immer besseren Anerbietungen, denn ich kam in großen Ruf durch
die Erfolge, die ich überall aufzuweisen hatte,« flunkerte der seiner
Behauptung nach vielbegehrte Kurschmied. »Aber meinem jetzigen gnädigen
Grafen lasse ich mich nicht mehr abspenstig machen, denn so gut wie
hier habe ich es nirgend gehabt. Siehst Du, da kommt auch schon der
Wein, den ich für uns bestellt hatte. Gieb her, Wighelm!« sagte er zu
dem mit einem Steinkrug und zwei Zinnbechern zurückkehrenden Knecht,
»und nun laß das Hämmern in der Schmiede, damit hier Einer des Anderen
Wort hören kann; geh zu Herni, ob er vielleicht Bolzen zu schärfen hat.«

Dann füllte er die Becher, stieß mit seinem alten Freunde an und sagte:
»Zum Willkomm, Hans!«

»Allen Dank, Ottfried!« that ihm Loder Bescheid, und sie tranken.

»Du sprachst vorhin von Deiner jungen Gräfin,« nahm Loder das Wort,
»sage mal, wie -- wie ist sie denn so im Allgemeinen und im Besonderen?«

»Im Besonderen ist sie ein Mädchen von ausbündiger Schönheit und klug,
o sehr klug, und im Allgemeinen haben wir sie Alle gern; ich stehe
sehr gut mit ihr,« berichtete Isinger. »Und reiten kann sie Dir, daß
es eine Art hat; meine Schule, Hans, meine Schule! solltest sie einmal
über einen Graben oder eine Hecke setzen sehen. Aber sie reitet immer
allein, will Keinen mitnehmen, nicht einmal mich, hat's freilich auch
nicht nöthig, denn Furcht kennt sie nicht.«

»So! hat sie denn auch ein gutes Herz?«

»Ja, das hat sie, das ist ihr nicht abzusprechen, aber weich und
weibisch ist sie nicht, ist eine echte Thierstein, die sind Alle nicht
von schwächlicher Art.«

»So! hat sich denn noch kein Freier um sie beworben?«

Isinger zuckte mit den Achseln. »Weiß ich nicht; die nimmt auch nicht
den Ersten, Besten, hat vielleicht schon Manchen durch den Korb
fallen lassen, denn zu jung zum Heirathen ist sie nicht mehr. Hast
Du vielleicht Einen für sie in Vorschlag, Hans, und willst Dir einen
Kuppelpelz um sie verdienen?«

»Einen Pelz hab ich allerdings mitgebracht, aber der ist für sie
selber bestimmt« lachte Loder, griff nach seinem Bündel und begann
es mit einer feierlichen Umständlichkeit aufzuschnüren. »Sieh mal
hier!« sprach er, als er damit zu Stande gekommen war, »dieses schöne
Wolfsfell soll ich ihr als Geschenk vor ihr Bett unter die Füße
schaffen, und ich hoffe, Du wirst mir dabei behilflich sein, daß es
sicher und unbemerkt in ihren Besitz gelangt, denn es darf sonst
Niemand davon wissen.«

»Donner und Hagel! ein mächtiger Kerl!« rief Isinger staunend aus, das
Fell lang und breit entfaltend. »Aber was hat denn das zu bedeuten?
als wessen Bote kommst Du denn mit dem Prachtstück? -- Ja, das muß ich
wissen, wenn ich mich damit beladen soll,« fuhr er fort, als der Andere
die Frage nicht auf der Stelle beantwortete.

»Nun denn, unser junger Graf Egenolf schickt es der Gräfin -- wie heißt
sie doch gleich?«

»Leontine.«

»Also der Gräfin Leontine; er mag ihr wohl versprochen haben, einen
Wolf zu schießen; vielleicht haben sie gar darum gewettet.«

»Und Gräfin Leontine hätte die Wette gewonnen; natürlich! Die gewinnt
immer, wenn sie wettet und wagt,« lachte Isinger. »Nun, das geht mich
nichts an; Dir zu Liebe nehme ich es auf mich, ihr das Geschenk zu
übermitteln, und ich weiß auch schon, wie ich das anfange. Ich werde
es der Dimot, ihrer schmucken Gürtelmagd, geben, der ich auch schon
Manches zu Gefallen gethan habe; die mag dann zusehen, wie sie es ihrer
jungen Herrin heimlich zusteckt oder es ihr ins Schlafzimmer legt.«

»Gut! sage dem schmucken Ehrenwadel, wenn sie das geschickt fertig
brächte, wäre sie hiermit zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler von mir
eingeladen, da könnte sie einmal tüchtig tanzen. Und Du kommst auch,
Ottfried, und bist dort mein Gast.«

»Für unser tanzlustiges Hofkätzchen will ich allenfalls zusagen,«
erwiederte Isinger, »aber ich selbst werde hier schwerlich abkommen
können. Denn wenn die Herrschaften alle, wie ich schon gehört habe, zu
eurem Feste gehen, so ruht allein auf meinen Schultern die Obhut der
ganzen Burg mit voller Verantwortung im Großen und im Kleinen,« fügte
er wichtigthuend hinzu. Dann nahm er das Wolfsfell, um es wieder in das
Tuch zu wickeln.

Aber Loder fiel ihm in den Arm. »Halt! nur Geduld!« und in die Tasche
greifend holte er Egenolfs Brief hervor mit den Worten: »Hier habe ich
auch noch ein Brieflein an die Gräfin Leontine, das müssen wir dem Wolf
in den Rachen stecken.«

»Was? einen Brief? und noch dazu mit rothem Wachs versiegelt?«

»Ja! den Grafen von Rappoltstein ist vom Kaiser das Recht verliehen,
mit rothem Wachs siegeln zu dürfen.«

»Ei, ei! da seid ihr ja sehr vornehme Leute,« sprach Isinger und machte
große Augen.

»Sind wir auch,« sagte Loder.

»Beim heiligen Eligius, meinem Schutzpatron! das hätt' ich nicht
gedacht.«

»Und die Streifjagd im ganzen Wasigen haben wir auch.«

»Und das Pfeiferkönigthum!«

»Und vor Allem das Pfeiferkönigthum!«

Sie lachten beide herzlich, und die Becher klangen fröhlich an
einander. Dann steckten sie Egenolfs Brief so zwischen die Wolfszähne,
daß er nicht herausfallen konnte, legten das Fell behutsam zusammen und
hüllten es in das Linnen. Isinger schenkte, den Rest des Weines ehrlich
vertheilend, noch einmal ein, und nachdem sie ausgetrunken, brach Loder
auf.

»Also ich hoffe auf Wiedersehen in Rappoltsweiler, Ottfried!« sprach er.

»Wenn's sein kann, gern,« erwiederte Isinger. »Gottbefohlen, Hans!
wirst mir alle Zeit willkommen sein auf der Hohkönigsburg.«

»Soweit wäre die Sache ja nun in die richtige Bahn gelenkt; jetzt kommt
es nur noch auf die Schlauheit des Ehrenwadels an,« sagte Loder zu sich
selber, als er den Berg hinabschritt. »Was wohl am letzten Ende aus der
Geschichte werden wird? eine Hochzeit? -- gäbe ein herrliches Paar, die
Beiden; na, Glück zu, Kinder! meinen Segen habt ihr.« --

Als spät Abends Gräfin Leontine sich zur Ruhe begeben wollte und mit
Dimot, die ihr leuchtete, ihr Schlafgemach betrat, sah sie vor ihrem
Bett an Stelle des bisherigen, hie und da schon etwas abgenützten
Luchsbalges ein großes Wolfsfell ausgebreitet liegen. »Was ist das?«
fragte sie verwundert, »wie kommt das dahin?«

Der sonst nicht so leicht um eine Antwort verlegenen Zofe klopfte
schuldbewußt das Herz, und nach einigem Zögern sprach sie schüchtern
und kleinlaut: »Da hingelegt hab' ich es, gnädige Gräfin.«

»Das kann ich mir denken, aber woher hast Du es?«

»Der Herr Marschalk hat mir's gegeben.«

»Marschalk! -- Stallmeister ist er, nicht Marschalk,« verbesserte
Leontine sie unwillig. »Wie kommt Isinger dazu?«

»Er hat es vom Pfeiferkönig, sagt er.«

Leontine blickte die Zitternde forschend an; ihr schien eine Ahnung
aufzudämmern. »Vom Pfeiferkönig? ist das nicht ein König von
Rappoltstein'schen Gnaden?«

»Ich glaube, ja,« lächelte Dimot, obwohl ihr bei dem Verhör nicht ganz
wohl zu Muthe war. »Fühlt es nur einmal an, gnädige Gräfin! es ist so
schön dick und weich,« kam es schon etwas dreister von ihr heraus.

Leontine beugte sich nieder und strich mit der Hand über das dichte,
graue Haar. »Du hast Recht, ein prächtiger Pelz! ein Wolf ist es,
Dimot!« Dann ging sie, es beschauend, ganz um das Fell herum. »Was hat
er denn da im Rachen?« fragte sie.

»Wo, meint Ihr? im Rachen?«

»Thu nur nicht so, als ob Du nichts davon wüßtest! Gieb mal her den
Zettel!« befahl Leontine ungeduldig, »oder fürchtest Du, daß Dich der
Wolf mit seinen großen, weißen Zähnen noch beißen könnte?«

»Ach nein, gnädige Gräfin!« erwiederte die immer lächelnde Zofe, bückte
sich und reichte ihrer Herrin Egenolfs Brieflein, das Leontine hastig
nahm, sofort erbrach und zu lesen begann.

Gott sei Dank! dachte Dimot, jetzt ist's überstanden und Alles in Rück
und Schick; was nachkommt, habe ich nicht zu verantworten. Sie sah, wie
Leontinens Hand, die den Brief hielt, leise bebte und ihre Brust sich
rascher hob und senkte.

»Dimot,« fragte Leontine nach dem Lesen, »weiß sonst noch Jemand davon?«

»Keine Menschenseele, gnädige Gräfin!«

»Gut! so schweigst Du auch, wenn auch kein groß Geheimniß dabei ist,«
sprach Leontine. »Graf Egenolf von Rappoltstein schickt mir das
Fell, weil ich's ihm neulich nicht glauben wollte, daß er einen Wolf
geschossen hätte; nun liefert er mir hier den Beweis. Das ist Alles,
was in dem Briefe drin steht.«

Die schlaue Zofe lächelte ganz spitzbübisch jetzt und sagte dann mit
fast flüsterndem Tone, als hätten die Wände hier Ohren: »Falls sich
gnädige Gräfin etwa bei dem Herrn Grafen für das schöne Geschenk
bedanken wollten, -- der Weg, auf dem der Wolf hierher gekommen ist,
wäre auch für den Dank ganz heimlich und sicher.«

»Wirklich? meinst Du?« lachte Leontine, »nun, den Dank wollen wir uns
erst noch überlegen, Dimot. Was für ein Botenbrot hat Dir denn die
Schmuggelei eingebracht, wenn Du mir's gestehen willst?«

»Daß ich am Pfeiferfest in Rappoltsweiler tanzen kann, wenn gnädige
Gräfin mir Urlaub geben.«

»Den sollst Du haben, Mädchen! ich gehe selber hin und werde Dich
mitnehmen,« erwiederte Leontine, »aber --« sie legte den Finger auf den
Mund ohne noch ein Wort hinzuzusetzen.

»O gnädigste Gräfin!« lächelte Dimot verschmitzt, »ich ließe mir ja
eher --«

»Schon gut! schon gut! jetzt geh und laß mich allein!«

Die Zofe wünschte der Herrin eine geruhsame Nacht und angenehme Träume
und verschwand aus dem Gemach.

Leontine las Egenolfs Brief noch einmal und las ihn auch zum dritten
Male. Er lautete:

    Ein zu jedem Ritter- oder Knechtsdienst bereitwilliger,
    treu ergebener Waidmann legt der holdseligen Waldfee seine
    Jagdbeute ehrerbietigst unter die Füße und bittet, ihm in
    Zukunft Alles aufs Wort zu glauben, was immer auch er früher
    oder später ihr einmal zu sagen haben möge.

Danach saß sie noch ein Weilchen gedankenvoll auf dem Bett,
streichelte, liebkoste förmlich den zottigen, weichen Pelz mit ihren
bloßen Füßen, vergrub sie ganz darin. Den Brief aber legte sie unter
ihr Kopfkissen. Dann vergegenwärtigte sie sich im Liegen ihre Begegnung
mit Egenolf im Walde bis auf alle Einzelnheiten, und mit einem
glücklichen Lächeln auf den Lippen versank sie allmählich in das Reich
der Träume.



V.


Der große Tag, dem die Spielleute des Wasgaues alljährlich mit Freuden,
etliche, die kein reines Gewissen hatten, aber auch nicht ohne Bangen
entgegensahen, war herangekommen. Aus allen Himmelsrichtungen, von nah
und fern strömten die Fahrenden beiderlei Geschlechts durch die Thore
der Stadt Rappoltsweiler herein, um an dem Feste theilzunehmen. Jedes
Alter, jede Gattung von weltfreien Künstlern der vielverzweigten Zunft
und alle möglichen Instrumente, denen durch Streichen und Blasen,
Knipsen und Klimpern, Schwingen und Schlagen Töne entlockt werden
konnten, waren in der tausendköpfigen Menge vertreten. Die Ankommenden
hatten sich, je nach Mitteln und Geschmack, mit ihren besten Kleidern
und Flittern in bunten, grellen, ja schreienden Farben aufgeputzt
und trugen an einem blauen Bande um den Hals das Abzeichen der
Bruderschaft, eine versilberte Schaumünze mit dem Bilde der heiligen
Jungfrau Maria vom Dusenbach. Auffallende Erscheinungen, solche von
jugendlicher Schönheit und Anmuth und solche von ungepflegtem, fast
wüstem Äußern, anziehende, drollige, abenteuerliche Gestalten waren
unter ihnen zu sehen. Aber fröhlich und guter Dinge waren sie Alle
sammt und sonders, die am reichsten Geschmückten wie die bettelhaft
Dürftigsten, als wüßten sie nichts von des Lebens Drang und Noth und
hätten Leid und Sorgen für heute von sich abgeschüttelt oder wie
abgetretenes Schuhzeug daheim in ihren Hütten zurückgelassen.

Und Alle schienen sich unter einander zu kennen und begrüßten sich wie
Glieder einer einzigen großen Familie, deren zahlreiche, weitläufige
Verwandtschaft sich im Jahre nur einmal auf den Ruf ihres würdigen,
allverehrten Oberhauptes versammelt, um sich ihrer Zugehörigkeit bewußt
zu bleiben und ihre freundlichen Beziehungen unter sich aufzufrischen
und aufrecht zu erhalten. Das Händeschütteln und Umarmen, das Lachen
und Jauchzen beim Wiedersehen wollte kein Ende nehmen. Der Eine
schaute dem Anderen in die Augen und fragte nach seinem Befinden und
Ergehen. Harmlose und herausfordernde, kecke und derbe Scherze flogen
hin und her, immer gut gemeint und niemals übelgenommen, denn an den
Pfeifertagen sollte Eintracht walten; wehe dem, der den Frieden brach
oder muthwillig störte!

Wie die zugewanderten Schaaren in der Stadt ein Unterkommen finden
wollten, blieb der Umsicht und Spürkraft jedes Einzelnen überlassen,
aber die Bürger, die sich allerseits an den Belustigungen des
dreitägigen Festes rückhaltlos betheiligten und mit dem alljährlich
in Massen wiederkehrenden, sich hier frank und frei tummelnden
Spielmannsvolke von Jugend auf bekannt und vertraut waren, nahmen
sie gern auf in ihren Häusern und gaben ihnen kostenfreie Herberge
unter Dach und Fach, soviel sie vermochten. Die Fahrenden waren auch
nicht verwöhnt, begnügten sich mit einem Strohlager auf dem Söller, in
Ställen und Schuppen und dankten ihren gütigen Wirthen mit allerhand
Kunststücken und munteren Spielmannsweisen. Einige hatten sich, durch
Erfahrung gewitzigt, ein zusammengelegtes, leichtes Zelt mitgebracht,
das sie in Höfen und Gärten, an der Stadtmauer und wo sonst Platz war,
aufschlugen, um mit Weib und Kind, allein oder zu Mehreren darin zu
schlafen.

An Räumlichkeiten zu geselligem Aufenthalt fehlte es indessen nicht. Es
gab Gastwirthschaften und Weinhäuser, die für geziemende Verpflegung
mit Speise und Trank nur eine billige Irte berechneten. Für die
Vorträge und Vorführungen der Spielleute und Geschicklichkeitskünstler,
soweit sie nicht im Freien stattfanden, war an geeigneter Stelle eine
große Halle mit Sitzbänken rings an den Wänden errichtet, die nach
dem Feste abgebrochen und im nächsten Jahre wieder aufgebaut wurde.
Bei ungünstigem Wetter wurde auch das Gericht darin abgehalten. Den
vornehmen Gästen aber, namentlich den älteren Herren diente der mit
guten Weinen versorgte Rathskeller als Trinkstube, wo sie unter sich
waren und, ihre Frauen, Söhne und Töchter nach deren Belieben den
Lustbarkeiten des Festes überlassend, dem Becher wacker zusprachen.

Graf Schmasman, als Ältester der Rappoltsteiner der Lehensherr
der Pfeiferbruderschaft, hatte während der drei Tage den Wirth zu
spielen, zwar ohne die Kosten tragen zu müssen, doch mit der sich
selbst auferlegten Verpflichtung, sich möglichst viel unter sein
liebes Spielmannsvolk zu mischen und sich um das Wohl und Wehe seiner
Schutzbefohlenen theilnahmsvoll zu bekümmern. Viele von ihnen kannte er
und beglückte bald Diesen, bald Jenen mit einer traulichen Ansprache,
wobei ihm überall von Alt und Jung die größte Ehrerbietung erwiesen
wurde.

Um daneben auch eines vergnüglichen Verkehrs mit Standesgenossen
pflegen zu können und zugleich dem Feste durch Betheiligung der
ritterlichen Gesellschaft einen erhöhten Glanz zu verleihen, lud er
stets einige benachbarte, ihm befreundete Familien dazu ein, die sich
das bewegte, geräuschvolle Treiben und die ergötzlichen Gestalten
der Fahrenden gern ansahen und, Schmasman in seinem Amt als Wirth
unterstützend, die Spielleute durch ein wohlwollendes, freundliches
Benehmen ehrten und erfreuten.

So hatte er diesmal die Thierstein mit den bei ihnen auf der
Hohkönigsburg zu Gaste weilenden Fleckenstein, die Müllenheim, die
Andlau, die Lützelstein von der Frankenburg und die Rathsamhausen
geladen, welche letzteren während der Dauer des Festes auch auf der
Rappoltstein'schen St. Ulrichsburg wohnten. Außer den Geladenen
hatten sich auch noch einige andere ältere und jüngere Herren und
Damen unaufgefordert in Rappoltsweiler eingefunden, die in dem Kreise
durchweg willkommen geheißen wurden.

Graf Oswald von Thierstein war in der Erwartung und mit der Absicht
gekommen, unter allen Anwesenden hier eine erste, bevorzugte Stelle
einzunehmen. Er hatte, als er mit den Seinigen, alle prächtig gekleidet
und auf schön gezäumten Rossen, einritt, sich mit einem ansehnlichen
Gefolge umgeben, um von vornherein die allgemeine Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken. Der Stallmeister Isinger, der nun doch ohne Gefahr
für die Sicherheit der Hohkönigsburg dort abkömmlich zu sein schien,
bildete voranreitend die Spitze und die beiden Leibtrabanten des
Grafen, Marx und Herni, nebst ein paar Troßknechten den Schluß des
stattlichen Zuges, in dem auch die gefallsüchtig lächelnde Zofe Dimot
nicht fehlte. Aufsehen erregte Graf Oswald allerdings damit, aber
kein ihm günstiges. Nur ein kaltes, neugieriges Staunen hatten die
fahrenden Leute für den prunkenden Aufzug, weil sie an eine solche
Prachtentfaltung seitens der Herrschaften bei dem volksthümlichen Feste
nicht gewöhnt waren. Die übrigen Herren und Damen hatten auch an der
gebräuchlichen Einfachheit in ihrem Äußeren festgehalten und selbst die
Fleckenstein, die mit den sämmtlichen Thiersteinern kamen, waren von
dieser löblichen Sitte nicht abgewichen, was dem Grafen Oswald gerade
recht war, denn desto mehr stach er selber mit seinen Angehörigen durch
den gemachten Aufwand hervor. Den stolzen Erscheinungen der schönen
Thierstein'schen Frauen versagte man die Bewunderung nicht, und sie gab
sich in mancher laut werdenden Bemerkung kund, als sie durch die in den
Gassen auf- und abfluthende Menge zur Herberge ritten.

Auf dem Platze davor, von dem die fromme Wanderung nach der Kapelle am
Dusenbach ausgehen sollte, versammelten sich die ritterlichen Gäste und
wurden von den Rappoltsteinern auf das Zuvorkommendste empfangen.

Egenolf hatte vom ersten Erblicken an nur für Leontine noch Augen und
konnte kaum der Versuchung widerstehen, ihr vom Pferde zu helfen,
denn hier würde sie ja wohl nicht wie damals in der Waldeinsamkeit
allein aus dem Sattel springen. Aber zu dieser Hilfsleistung war ja
der Stallmeister mitgenommen, und Egenolf mußte sich gedulden, bis die
Reihe an sie kam und er der Abgestiegenen die Hand bieten konnte, die
sie leicht erröthend nahm mit den leise gesprochenen Worten: »Ich danke
Euch vielmals, Herr Graf, für die freudige Überraschung, die Ihr mir
mit dem herrlichen Wolfsfell bereitet habt --.« Sie hatte die Stimme am
Ende des Satzes nicht gesenkt, als wollte sie noch etwas hinzufügen,
aber sie brach ab und erwähnte des Briefes mit keiner Silbe. Was hätte
sie ihm auch darüber sagen sollen? etwa, daß sie ihm künftig jedes Wort
glauben wolle? das hätte er doch so auslegen können, als erwarte sie,
bald ein bedeutsames Wort aus seinem Munde zu hören. Er konnte ihr auf
ihren Dank nichts erwiedern, denn Imagina und seine Schwester Isabella
nahmen sie sofort für sich in Beschlag.

Nach allseitiger Begrüßung entspann sich eine lebhafte Unterhaltung
der sich hier Treffenden, denen Schmasman auf mancherlei Fragen nach
dem herkömmlichen Verlauf des Festes Rede stehen mußte. Burkhard von
Rathsamhausen raunte ihm mit einem Augenwink auf Oswald spöttisch zu:
»Nun sieh ihn Dir an, Schmasman! geputzt und gespreizt wie ein Pfau.
Mir schwant, wir werden heute noch etwas mit ihm erleben.« Schmasman
antwortete nichts, aber er hatte selber schon in Oswalds Zügen einen
Ausdruck wahrgenommen, der ihm wenig gefiel und auch in ihm einige
Besorgniß erweckte.

Noch war es nicht Zeit zur Wallfahrt, und mehrere der Gäste begaben
sich mitten unter die harrenden Spielleute, sich diese oder jene
seltsame Erscheinung genauer zu betrachten oder mit einem hübschen
Mädchen ein paar scherzende Worte zu wechseln. Graf Oswald folgte dem
Beispiel, um sich auch seinerseits bei dem Volke beliebt zu machen und
die Huldigung der so tief unter ihm Stehenden wohlgefällig entgegen
zu nehmen. Dabei mußte er jedoch die Enttäuschung erleben, daß ihm
durchaus nicht mit der Unterwürfigkeit und ersterbenden Hochachtung
Platz gemacht und begegnet wurde, wie er im Gefühl seiner Erhabenheit
erwartet hatte. Die Fahrenden zeigten sich gleichgültig und kühl
zurückhaltend gegen ihn statt die große Ehre gebührend zu würdigen,
die er ihnen seiner Meinung nach mit seiner gnädigen Herablassung
anthat. Diese schlichten Naturkinder, die bei allem Übermuth und
Leichtsinn einen ihnen angeborenen gesunden Verstand, noch verstärkt
durch ein gutes Theil List und Schlauheit, besaßen und sich in ihrem
steten Wanderleben Menschenkenntniß und Erfahrung erworben hatten,
durchschauten die Absicht des hoffährtigen Herren und fühlten
sich durch die Art und Weise seiner Annäherung mehr verletzt als
geschmeichelt.

Zur Steigerung seines Verdrusses darüber mußte er nun noch mitansehen,
wie so ganz anders sich die Spielleute gegen ihren Schutzherren
benahmen, wie ihre Augen strahlten und an Schmasmans Munde hingen, wenn
er mit ihnen sprach, wie sie so garnicht schüchtern vor ihm waren,
sondern ihm freimüthig und treuherzig auf seine Fragen Bescheid gaben,
seelensvergnügt lachten, ihn umdrängten, ihm so anhänglich und innig
ergeben schienen, als wären sie jeden Augenblick bereit, ihr Leben
für ihn zu lassen. Diese eifersüchtigen Beobachtungen waren freilich
nicht dazu angethan, des Grafen Oswald Stimmung zu verbessern und
aufzuheitern. Sein Gesicht ward immer ernster und finsterer, seine
Haltung immer steifer und stolzer.

Jetzt fingen auf den Kirchthürmen die Glocken an zu läuten, und sofort
kam Bewegung in die angestauten Massen. Hans Loder reckte seinen Stab
über Aller Häupter empor und schwenkte ihn zum Zeichen, daß man Raum
schaffen und sich zum Antreten des feierlichen Ganges nach der Kapelle
ordnen solle.

Zwei Stadtknechte mit Hellebarden und nach ihnen eine Schaar festlich
geschmückter kleiner Mädchen, die Blätter und Blumen auf den Weg
streuten, eröffneten den Zug. Hinter ihnen schritt ganz allein Loder
der Trumpeter im Glanz seiner Würde als Pfeiferkönig, gefolgt von
den vier Weibeln und den zwölf Meistern, die eine aufsichtführende
Stellung in der Bruderschaft einnahmen. Dann kamen die Gäste, und
da sich Schmasman, wohl einem alten Brauche gemäß, seine Gemahlin
Herzelande zur Begleiterin erkoren, thaten ihm dies die anderen Herren
nach, so daß jeder von ihnen die eigene Gattin im Zuge führte, während
sich die Jugend nach Belieben zu einander gesellte. Egenolf war so
glücklich oder so gewandt, sich Leontine zu erobern, und schien ihr
als Partner willkommen zu sein. Graf Oswald von Thierstein aber war
unzufrieden, daß er mit seiner Gemahlin nicht als Vorderster oder doch
wenigstens unmittelbar hinter Schmasman und Herzelande gehen konnte,
sondern noch vier andere Paare und unter diesen auch die Rathsamhausen
vor sich hatte. In mürrischem Sinnen starrte er vor sich hin, als
spönne er einen heimlichen Anschlag.

In endloser Reihe, Alt und Jung, Männer, Frauen und Mädchen bunt
durch einander gemischt, schlossen sich die fahrenden Leute an, um an
der geweihten Stätte ihrer Schutzheiligen, Unserer lieben Frau vom
Dusenbach, in Andacht das Knie zu beugen. Und -- o Lust und Pein! --
Alle, Alle spielten mit der ganzen Kraft der Lungen und der Hände auf
ihren Instrumenten ihre eigenen Weisen ohne sich in Takt und Tonart
von dem bestimmen oder beirren zu lassen, was die Nachbaren im Zuge
auf ihren Spielwerken zum Besten gaben. Sie bliesen und fiedelten,
lautenierten und rasaunten Alle mit Gewalt darauf los, als wollte
Jeder seine Melodieen, seine Sätze, Triller und Läufe am lautesten zur
Geltung bringen.

An eine Unterhaltung der Paare war dabei nicht zu denken. Man sah sich
verzweifelnd und lachend an und mußte diese wunderbare, sinnbetäubende
Musik stumm und geduldig über sich ergehen lassen und sein gemartertes
Gehör zum Opfer bringen.

Erst dicht vor der Kapelle, die der Zug nach einer halbstündigen
Wanderung erreichte, schwieg auf einen Wink des Pfeiferkönigs der
fürchterliche Lärm, und die plötzlich darauf eintretende Stille wirkte
überraschend, aber wohlthuend und beruhigend; man athmete auf.

Die Kapelle, die in ihrem Innern ein wunderthätiges Marienbild
bewahrte, lag einsam im tiefen Waldesfrieden des Thales, und ihr
hellgraues Gemäuer schimmerte freundlich aus dem grünen Laub der
jenseitigen Bergeshalde, zu der eine Brücke über den Dusenbach führte.

Auf der geebneten Lichtung davor stellten sich die Angekommenen in
einem nach der Kapelle zu geöffneten Halbkreise auf, dessen Mitte frei
blieb und dessen vorderste Reihe die geladenen Gäste einnahmen. Hinter
ihnen drängte sich die Menge Schulter an Schulter bis über die Brücke
hinüber und noch auf dem Wege am andern Ufer.

Der Pfeiferkönig, in der Hand eine pfundschwere Wachskerze, die er
der benedeiten Jungfrau als Weihegeschenk brachte, stieg die Stufen
zum Eingang empor und hielt an die Versammelten eine kurze Ansprache,
mit der er sie hier bewillkommnete und zum Eintritt in das Heiligthum
aufforderte, soweit es der beschränkte Raum zuließ.

Jetzt geschah etwas Unerhörtes. Ehe Einer aus dem Kreise Miene machte,
der Einladung des Pfeiferkönigs zu folgen, weil Alle auf Schmasmans
Anführung warteten, schritt Graf Oswald von Thierstein mit Gräfin
Margarethe über den Platz und auf die Kapelle zu, um sich als die
Ersten hineinzubegeben. Aber schnell vertrat ihnen Schmasman mit
seiner Gemahlin den Weg und sagte: »Verzeiht, Herr Graf! ich habe den
Vortritt.«

Oswald erwiederte trotzig: »Ihr? warum Ihr? ich meine, ich bin hier der
Erste unter unseres Gleichen?«

»Da seid Ihr im Irrthum,« gab ihm Schmasman zur Antwort. »Vergeßt
nicht, daß ich als Lehnsherr der Pfeiferbruderschaft vor allen Anderen
hier den Vorrang habe.«

»Vergeßt Ihr nicht, Herr Graf von Rappoltstein,« sprach Oswald
hochfahrend, »daß ich der Landvogt bin, es also mir gebührt, den ersten
Rang hier einzunehmen.«

»Mit Nichten gebührt Euch das, Herr Graf!« erklärte Schmasman sehr
bestimmt, »Ihr steht hier auf meinem Gebiet, und ich muß Euch bitten,
die Kapelle erst nach mir zu betreten.«

»Das werde ich nicht thun, Herr Graf von Rappoltstein!« sagte Oswald in
gereiztem Tone.

»Schmasman, hier am Gotteshause keinen Streit!« flüsterte Herzelande
ihrem Gatten zu, »gieb nach! sie sind unsre Gäste.«

Aber Schmasman schüttelte das Haupt, warf einen Blick zu Burkhard
hinüber, der von Jost von Müllenheim kaum in Ruhe zu halten war und
vor Wuth ersticken wollte, und schritt mit den Worten: »Es bleibt bei
dem, was ich gesagt habe; hier habe ich allein zu entscheiden,« seine
Gemahlin führend, an den Thiersteins vorbei und über die Stufen in die
Kapelle hinein.

Graf Oswald stand bleich und rathlos und sprach heftig auf seine
Gemahlin ein, die sich, leise an seinem Arme ziehend, vergeblich bemüht
hatte, ihn zum Rückzug zu bewegen. Er wollte fort, hinweg von diesem
Orte, mußte aber einsehen, daß ein Durchkommen über die dicht besetzte
Brücke nicht möglich war. Schon waren andere Gäste dem Grafen Schmasman
in die Kapelle gefolgt, und um wenigstens nicht der Letzte zu sein,
blieb dem Ergrimmten nichts Anderes übrig als ebenfalls mit seiner
Gemahlin die Stufen hinan und in den dämmrigen Raum hinein zu gehen.

Alle näher Stehenden hatten den überaus peinlichen Auftritt mit
angesehen und den erregten Wortwechsel der beiden Betheiligten
gehört. Die Gäste und noch weit mehr die Spielleute waren über das
ungebührliche Vordringen des Thiersteiner Grafen empört. Die Letzteren
bekundeten ihren Unwillen durch ein deutlich vernehmbares Murren,
und Rufe wie »Zurück! Graf Rappoltstein voran!« wurden laut. Als sie
aber sahen, daß Schmasman durch seine unerschütterliche Ruhe und
Festigkeit in dem Rangstreit obsiegte, waren sie drauf und dran, ihre
Freude darüber in hellem Jubel auszulassen, und die Weibel und Meister
hatten Mühe, diesen, den Unterliegenden geradezu verhöhnenden Ausdruck
leidenschaftlicher Parteinahme für den geliebten Lehnsherrn zu dämpfen.

Graf Oswald konnte seinen Ärger über diesen zweiten Mißerfolg seines
ehrgeizigen Strebens kaum verbeißen und verbergen, zumal er sich
sagen mußte, daß er sich damit bei seinen Standesgenossen eine durch
nichts gut zu machende Blöße gegeben und beim gemeinen Volke sein
Spiel nun erst recht ein für allemal verloren hatte. Und da war außer
seinen nächsten Angehörigen Niemand, der ihm die zu Theil gewordene
Zurückweisung nicht gegönnt hätte. Nur die an dem leidigen Vorfall
völlig unschuldigen Thierstein'schen Damen bedauerte man, und jeder
Einzelne von der adligen Gesellschaft nahm sich stillschweigend vor,
durch ein doppelt freundliches und verbindliches Benehmen gegen die
Gräfinnen Margarethe und Leontine den üblen Eindruck möglichst zu
verwischen und ihnen zu zeigen, daß man sie für die unverzeihliche
Anmaßung ihres Familienhauptes nicht im Mindesten verantwortlich
machte, sondern sie nach wie vor hoch schätzte und verehrte, wie sie es
für ihr liebenswürdiges Wesen verdienten.

Schwer litt Egenolf unter dem zwischen seinem und Leontinens Vater so
unerwartet und scharf hervorgetretenen, muthwillig hervorgerufenen
Zwiespalt, der nicht ohne Einfluß auf den geselligen Verkehr und die
sich nahe berührenden Standes- und Rechtsverhältnisse der durch ihre
Nachbarschaft auf einander angewiesenen Familien bleiben konnte. Im
Grunde seines Herzens mußte er seinem Vater Recht und dem Grafen
Oswald entschieden Unrecht geben. Dabei drängte sich ihm jedoch die
ihn beunruhigende Frage auf, wie sich wohl Leontine fortan zu ihm
stellen und verhalten würde. Während des Streites, dessen Zeuge sie,
neben Egenolf stehend, gewesen war, hatte sie mit keinem Wort und
keiner Bewegung ihre Empfindungen verrathen und war dann auch ohne jede
ablehnende Gebärde an seiner Seite in die Kapelle gegangen.

Das Kirchlein war bis auf den letzten Platz gefüllt, aber die große
Mehrzahl der Gläubigen mußte außerhalb bleiben und dort das Ende des
Gottesdienstes abwarten.

Es war üblich, daß an diesem Tage nicht nur Messe gelesen, sondern auch
eine Predigt gehalten wurde, die seit Jahren der würdige Prior des
Augustinerklosters zu Rappoltsweiler zu übernehmen pflegte. Auch heute
betrat er die Kanzel und wandte sich mit seinen beredten Ausführungen
an die Gemüther der Spielleute und Fahrenden. Er ermahnte sie zu
unverbrüchlicher Eintracht in ihrem Bunde, zu christlicher Demuth und
Bescheidenheit, zu Tugend und Ehrbarkeit, Zucht und Sitte. Sie sollten
einander wie Brüder und Schwestern lieben und achten; Keiner sollte
sich besser und vornehmer dünken als der Andere, Keiner dem Andern
seinen Platz streitig machen, sich überheben und vordrängen wollen.
Mit Nachsicht und Duldsamkeit sollte Jeder, eingedenk der eigenen
Sündhaftigkeit, die Schwächen und Fehler, ja Hochmuth und Eitelkeit
des Anderen ertragen in der tröstlichen Gewißheit, daß auch der
hienieden scheinbar am höchsten Stehende vor Gott dem Allwissenden und
Allgerechten keinen Deut mehr gälte als der Geringsten einer.

Der Prior, der bis zum Beginn der Messe in der Sakristei verweilt
hatte, wußte nichts von dem vorher stattgehabten Rangstreit der
beiden Grafen und ahnte daher nicht, welche besondere Bedeutung seine
Worte für die Hörer hatten. Diese sahen sich verwundert und mit dem
Ausdruck großer Genugthuung darüber an, in welcher unabsichtlich,
aber zutreffend anzüglichen Weise dem stolzen Grafen Thierstein hier
ins Gewissen geredet wurde. Er selber saß in der vordersten Reihe,
den Blick ohne mit einer Wimper zu zucken unverwandt auf den Redner
gerichtet, als ginge ihn das in dieser Spielmannspredigt Gesagte
garnichts oder doch nicht mehr als alle Übrigen an. Was sich in seinem
Inneren dabei regte, was er und die rings um ihn und hinter ihm dicht
Zusammengedrängten davon in ihren Gedanken und Gefühlen mit sich
nahmen, das wußte auch nur der Allsehende, vor dem die Herzen der
Menschen offen liegen wie ein aufgeschlagenes Buch.



VI.


Auf dem Rückwege nach Rappoltsweiler wandelte die Schaar derer, die
ihrem Andachtsbedürfniß Genüge gethan, nicht in geordnetem, feierlichem
Zuge wie auf dem Herwege, sondern Jedermann ging nach seinem Gefallen,
und es ward auch dabei nicht musizirt. Die vom Gottesdienst Kommenden
mußten sich an den geduldig Harrenden draußen vorbeidrücken, denn
keiner von diesen wollte von hinnen ohne in der Kapelle gewesen zu
sein und der Heiligen mit einem Kniefall und einem stillen Gebet seine
Verehrung dargebracht zu haben. Das erforderte, weil die Andacht dieser
frohgemuthen Menschen, deren Gewissen schwere Sünden nicht belasteten
und leichte nicht bekümmerten, eine aufrichtige und herzinnige war,
geraume Zeit, und ehe die Letzten dem Altar nahen konnten, langten die
zuerst Heimkehrenden schon in Rappoltsweiler an. Der Kampf der beiden
Grafen um den Vortritt war, von Augenzeugen den draußen Stehenden
berichtet und von Mund zu Mund getragen, bald dem ganzen Spielmannsvolk
bekannt geworden, und Alle dankten es laut oder leise ihrem dem
Gedränge schon entschlüpften Lehnsherrn, daß er fest geblieben war und,
wie sie die Sache auffaßten, damit die Ehre der Bruderschaft gewahrt
hatte.

Die Herren und Damen schritten, zu plaudernden Gruppen vereint,
wohlgemuth dahin. Sie wollten sich das eigenartige Vergnügen, einem
Spielmannsfest beiwohnen zu können, nicht verkümmern lassen, erwähnten
des Streites mit keinem Worte und thaten wie auf Verabredung ganz so,
als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Die Thierstein'schen
Damen wurden allerseits mit absichtlicher Auszeichnung behandelt;
besonders bestrebten sich Herzelande und Isabella, von Imagina
unterstützt, sie den unliebsamen Zwist vergessen zu machen, und
anscheinend mit dem besten Erfolge. Auch Schmasman schloß sich ihnen
eine Strecke Weges an und entschuldigte bei der Gräfin Margarethe sein
übermüthiges Spielmannsvolk wegen des musikalischen Mordspektakels
auf dem Herwege mit einigen scherzenden Worten, die gute Aufnahme und
freundliche Erwiederung fanden. Egenolf und Bruno wetteiferten mit
einander, Leontinen die artigsten Dinge zu sagen und sie zum Lächeln
und Lachen zu bringen, was ihnen auch gelang.

Schwieriger war die Lage des Grafen Oswald und die von ihm als
Nothwendigkeit erkannte Aufgabe, sich in den heiteren Ton der Anderen
hineinzufinden, an ihrer Unterhaltung unbefangen theilzunehmen und,
wenn es unbeschadet seiner Ehre geschehen konnte, sich mit Schmasman
einigermaßen zu versöhnen. Er fühlte sich, wenn auch nicht äußerlich
gemieden, von seinen Standesgenossen im Stich gelassen und konnte
sich dem Eindruck nicht verschließen, daß ihm sein entschiedenes
Vorgehen von allen verdacht wurde. Seine Freunde Friedrich von
Fleckenstein und Hermann von Hattstadt suchten ihn zwar durch
Gespräch auf andere Gedanken zu bringen, merkten aber sehr wohl, daß
er fort und fort darüber grübelte und wußten nur nicht, ob er auf
ein einlenkendes Wettmachen des begangenen Fehlers oder auf eine ihn
erforderlich dünkende Vergeltung und Heimzahlung der ihm widerfahrenen
Zurückweisung sann. Zu der ihm zugefügten Kränkung kam nun noch die
anzügliche Predigt, die stellenweise wie auf ihn gemünzt und so
gelautet hatte, als hätte der Prior schon vor der Messe noch schnell
von seinem Streit mit Schmasman Mittheilung erhalten und ihm dafür
von der Kanzel herab eine Verwarnung oder gar einen Verweis ertheilen
wollen. Um nun zu zeigen, daß er sich von den gefallenen Anspielungen
keineswegs getroffen fühlte, redete er den mitheimkehrenden Prior
höflich an, sagte ihm laut, damit es möglichst Viele hören sollten,
Schmeichelhaftes über seine vortreffliche, zu Herzen gehende Predigt
und fragte ihn nach der Gründung der Kapelle und der Herkunft des
Muttergottesbildes.

Da gesellte sich Schmasman, Oswalds Frage vernehmend und ebenso
wie dieser eine Versöhnung wünschend, zu den Beiden und drückte
dem Grafen seine Freude über dessen Antheilnahme an der Entstehung
der Kapelle aus. Er erzählte ihm, ein Vorfahr von ihm, ein Egenolf
von Rappoltstein, hätte zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts das
Marienbild aus einem Kreuzzuge mit dem blinden Dogen Dandolo von
Venedig mitgebracht und der heiligen Jungfrau zu Ehren das Kirchlein
errichtet. Er selber hätte die Absicht, das Innere der Kapelle mit
bildlichen Darstellungen aus der heiligen Legende schmücken zu lassen.

Graf Oswald ergriff sofort die Gelegenheit, sich mit Schmasman wieder
auf guten Fuß zu stellen. Er lobte dessen frommes Vorhaben und bat um
die Vergünstigung, zum Schmucke des alten Gotteshauses auch seinerseits
etwas beitragen und zur Erinnerung an seine heutige Anwesenheit bei dem
Spielmannsfest, einen Genuß, den er nur Schmasmans gütiger Einladung
verdanke, ein paar gemalte Glasfenster für die Kapelle stiften zu
dürfen.

Schmasman nahm dieses großmüthige Anerbieten mit Dank an und reichte
dem Thiersteiner Grafen die Hand. So war denn durch beiderseitiges
Entgegenkommen in ritterlicher Gesinnung und gesellschaftlichem Takt
der Friede zwischen ihnen wieder hergestellt und dem Einen wie dem
Anderen ein Stein von der Seele herunter.

Wer aber keinen Frieden mit dem Grafen Thierstein schließen wollte,
obwohl er noch gar keinen Streit mit ihm gehabt hatte, das war Herr
Burkhard von Rathsamhausen. Beim Ausgang aus der Kapelle hatte er
Schmasman die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: »Das hast
Du vorhin gut gemacht, Bruder! Hättest Du nachgegeben und den
Thiersteiner vorgelassen, -- ich weiß nicht, was ich dann angefangen
hätte, ich glaube, ich wäre vorgesprungen und hätte ihn mit Gewalt
zurückgetrieben. Mit ihm hätte ich mich dann auf eigene Faust
auseinandergesetzt, zwischen Dir und mir aber hätte ich wie Eberhard
der Rauschebart das Tischtuch zerschnitten.«

»Das hättest Du nicht gethan, Alter!« hatte ihm Schmasman lächelnd
erwiedert.

»Bei meiner armen Seele, Schmasman, der sich Gott in seiner Gnade
dermaleins erbarmen möge! ich hätte es gethan, und ich thue es noch,
wenn Du Dir in Deinen Hoheitsrechten jemals das Geringste gegen Den
vergiebst,« hatte Burkhard mit drohendem Blicke geschworen. Dann waren
sie im Gedränge von einander getrennt worden.

Jetzt ging er an Müllenheims Seite in leisem Gespräch, das damit
schloß, daß Burkhard, die geballte Faust schüttelnd, durch die Zähne
knirschte: »Ich ruh und raste nicht, bis ich Den von seinem Berge
wieder herunter habe; da gehört ein anderer Mann hin.«

»Welchen meinst Du?« fragte Müllenheim.

»Davon ein andermal!« erwiederte Burkhard, »er wird zur Stelle sein,
wenn die rechte Zeit dazu gekommen ist.«

Müllenheim schwieg, glaubte aber den anderen Mann, den Burkhard meinte,
nicht weit suchen zu müssen. --

Mit einem stark begehrten Erfrischungstrunk nach der Wallfahrt, mit dem
Mittagsmahl in gesonderten Kreisen und verschiedenen Wirthschaften und
etwas später wieder mit einem Vespertrunk zur Vorbereitung und Anregung
für die zu leistenden und entgegenzunehmenden Vorführungen verging die
Zeit bis zum Beginn des Hauptvergnügens, der zu einer bekannt gemachten
Stunde festgesetzt war.

Auf den Glockenschlag dieser Stunde fing der Trubel an, und das auf
die mannichfaltigste Weise. Spielleute, einzeln, zu Paaren und in
kleinen Banden, die sich mit einander eingespielt hatten, durchzogen
musizirend die Stadt, begegneten sich in den Gassen mit anderen ohne
ihr Spiel dabei zu unterbrechen oder blieben vor den Häusern stehen,
in deren Thüren sie dankbare Zuhörer fanden. Das Gleiche thaten andere
Fahrende, die mit erstaunlichen Kunststücken und Leibesübungen Alt und
Jung ergötzten, so daß immerwährend und überall ein geräuschvolles und
vielbewegtes Treiben buntgekleideter Gestalten durch einander wogte und
wirbelte.

Mittlerweile füllte sich mehr und mehr die mit Laubgehängen und
Gewinden geschmückte große Halle, wo die Geübtesten und Geschicktesten
der Bruderschaft sich hören und sehen ließen. Der Zutritt in diesen
weiten Festraum stand Jedermann offen, aber alle darin Anwesende mußten
sich den Weisungen der zwölf Meister fügen, die für Ordnung sorgten,
in der Mitte genügenden Platz für die künstlerischen Darbietungen
frei hielten und darauf achteten, daß die auf den Bänken sitzenden
Herrschaften nicht durch vor ihnen Stehende am Schauen gehindert wurden.

In wechselnder Reihenfolge traten Geiger und Bläser, Lautner und
Harfner, Sänger und Tänzer auf und zeigten das Beste, was sie konnten.
Beim Kommen und Gehen machten sie ihrem Lehnsherrn und seinen Gästen
ihre Verbeugung und wandten sich mit ihrem Spiel stets ihnen, zuweilen
aber auch ihrem König Hans Loder zu, der nahe bei Schmasman stand und
wie ein glücklicher Vater an seinen wohlgerathenen Kindern seine helle
Freude an dem von ihm beherrschten Volke hatte.

Eine Anzahl lobenswerther Vorträge war bereits von Statten gegangen,
als ein Spielmann mit einer Laute erschien, auf den Alle, die ihn
kannten, besondere Erwartungen setzten. Es war Seppele von Ottrott,
jener kunstbewanderte Sänger und durchtriebene Schalksnarr, wie ihn
Loder in seinem Gespräch mit Syfritz im Strengbachthale genannt
hatte, der sich nun hören lassen wollte. Er war ein Mann von mittler,
gelenker Gestalt mit keck dreinschauendem Gesicht, dem Schelmerei und
Spottlust um Mund und Augen spielten, als er bei seinem Auftreten den
Blick dreist und siegessicher durch die Versammlung schweifen ließ.
Dann aber nahmen seine Züge einen ernsten, sinnigen Ausdruck an; der
kunstbewanderte Sänger gewann die Oberhand, der nun in die Saiten griff
und mit geschultem Wohllaut ein Lied anstimmte.

    Im Wasigen, dem alten,
    Geht's allweil lustig her,
    Die Spielleut Einkehr halten
    Und bringen gute Mär.
    Da sammeln sich Verstreute
    Zu Hauf, unzählig viel,
    Wir Fahrenden, wir Leute
    Mit Sang und Saitenspiel.

    Wie mit den schönen Feien
    Nachtwandelt Frau Haband,
    Ziehn Tags wir Vogelfreien
    Dahin, daher im Land.
    Von Norden doch bis Süden,
    Vom Belchen bis zum Rhein
    Gebeut uns Nimmermüden
    Der Graf von Rappoltstein.

    Und wie die Heidenmauer
    Sich um Odilien schlingt
    Und felsenfest von Dauer
    Urväter Grund umringt,
    So hält auch uns umschlungen
    Der Eintracht starkes Band,
    Die Alten und die Jungen,
    Bundstreu mit Herz und Hand.

    Viel Burgen trutzig ragen
    Im Wasgenwald empor,
    Wir singen euch die Sagen,
    Die halbverklungnen, vor.
    Die Riesen und die Zwerge,
    Die lauschen unserm Lied,
    Weingeigerlein im Berge,
    Die Rebleut in dem Ried.

    Und wenn wir oben stünden
    Zu Straßburg auf dem Thurm,
    Da wollten wir's verkünden
    Und blasen wie der Sturm,
    Daß laut es allerwegen
    Erschallte weit und breit:
    Dem Wasgau Heil und Segen
    Heut und in Ewigkeit!

Als er geendet, fielen sie Alle mit einander singend ein und
wiederholten im Chore die zwei letzten Zeilen des Liedes. Dann aber
wurde schallender Beifall, den auch Herr Burkhard seinem bei ihm sehr
in Gunst stehenden Hörigen nicht versagte, dem Sänger zu Theil, und es
schien sich nach Seppele so bald kein Anderer vorwagen zu wollen.

Die dadurch entstehende Pause benutzte das Alter und die Jugend zu
freier Bewegung und traulicher Aussprache. Die jungen Herren und
Fräulein wandelten auf und ab oder standen in Gruppen umher, und dabei
fanden sich wie zufällig Egenolf und Bruno mit den Gräfinnen Imagina,
Isabella und Leontine zusammen.

Die beiden Jungherren trachteten wieder sehr danach, sich Leontinens
Gewogenheit zu erringen, was der Vielumschwärmten nichts weniger als
unangenehm zu sein schien. Sie hatte auch gewiß das Bestreben, den
Sonnenschein ihrer Gnade auf beide gleichmäßig zu vertheilen, aber die
helleren, wärmeren Strahlen fielen doch auf Egenolf. Sie lieh seinen
Worten ein geneigteres Ohr, gab ihm eingehendere Antworten, hatte für
ihn einen holderen Blick und ein häufigeres Lächeln als für Bruno, was
diesem nicht entging und ihm eine sacht aufsteigende Eifersucht auf
den glücklicheren Freund einflößte. Isabella bemühte sich, ihn für
diese, Leontinen vielleicht gar nicht bewußte Zurücksetzung gegen ihren
Bruder durch doppelte Freundlichkeit zu entschädigen, hatte damit aber
nicht den gewünschten Erfolg bei ihm, denn Bruno ließ nicht ab, sich
mit seinen Höflichkeiten immer wieder Leontinen zuzuwenden, bei der
sie doch nicht die verdiente Würdigung und Erwiederung fanden. Da gab
Isabella ihre vergeblichen Versuche, ihn zu trösten und zu fesseln,
allmählich auf und wurde schweigsam und in sich gekehrt.

Dieses, für einen feinen Beobachter so unterhaltsame Spiel hatte einen
solchen an der Fünften des kleinen Kreises, an Imagina, hier das
fünfte Rad am Wagen, wie sie sich selber sagte. Sie hatte sich an den
Gesprächen nur mit kurzen, hin und wieder eingestreuten Bemerkungen
betheiligt, dafür aber desto schärfer auf das gepaßt, was sich hier vor
ihren sehenden Augen immer deutlicher gestaltete und entfaltete, so daß
sie in den Herzen der anderen Vier richtig zu lesen glaubte.

Endlich mahnte der älteste Meister durch Klopfen mit seinem Stabe, für
eine neue Aufführung Platz zu machen und Ruhe zu halten.

Und nun sollte sich den erwartungsvoll Gespannten ein entzückendes
Schauspiel darbieten.



VII.


In der wieder freigewordenen Mitte der Halle standen mit einem Male
ohne daß man wußte, wie sie so schnell dahin gekommen waren, ein
Zigeuner und ein junges Mädchen, seine Tochter.

Sie waren die Mitglieder einer Bande gewesen, die vor etwa zehn
Jahren auf ihren Wanderfahrten auch Rappoltsweiler heimgesucht hatte,
waren durch die schwere Krankheit der Gattin des Mannes hier lange
festgehalten und nach deren Tode hängen geblieben. Man hatte Mitleid
mit dem armen Menschen und seinem halbwüchsigen Mädchen gehabt, sie
hier geduldet, und da er ein stiller und geschickter Mann war, der sich
mit allerlei Flickarbeit an zerbrochenem Geschirr ehrlich zu ernähren
suchte, hatte man ihn, nachdem er sich mit seiner Tochter in der Kirche
des heiligen Gregorius hatte taufen lassen, zu der Bruderschaft der
Kessler, d. h. der Kupferschmiede und Kesselflicker zugelassen, welche
der Herr von Rathsamhausen beschirmte wie der Graf von Rappoltstein
die Pfeiferbruderschaft. Und da er ferner ein Meister im Geigenspiel
war, fand er auch willige Aufnahme in dem großen Spielmannsbunde. Sie
bewohnten eine außerhalb der Stadt einsam im Walde gelegene Hütte. Der
Mann war in Ausübung seines Handwerkes viel unterwegs, wobei er wohl
seine Geige, aber nicht seine Tochter mitnahm. Diese schweifte wie ein
scheues Wild im Walde umher, und man wußte nicht recht, wovon sie in
Abwesenheit ihres Vaters lebte, munkelte deßhalb von einem heimlichen
Beschützer, der liebevoll für sie sorgen sollte, obwohl man sie außer
in der ihres Vaters nie in Begleitung eines Mannes sah und ihr nichts
Übeles nachsagen konnte.

Der Mann, Namens Farkas, war mit Haut und Haaren ein echter Zigeuner,
und auch seiner Tochter Haschop sah man ihre Abstammung auf den ersten
Blick an. Sie war von Antlitz nicht eigentlich schön zu nennen, aber
auf der schlanken, geschmeidigen Gestalt, dem braunen Gesicht mit dem
üppigen, schwarzen Haar, das sie heute ganz mit Blumen besteckt hatte,
den blitzenden Augen und den weißen Zähnen zwischen den rothen Lippen
lag ein unsagbarer sinnlicher Reiz und Zauber ausgegossen.

Da standen die Beiden nun. Farkas in seiner Zigeunertracht, hoch
aufgereckt, die Geige unter dem Kinn, den Bogen in der Hand, und
Haschop in kurzem Kleid und eng anschließendem Mieder über dem
blühenden Wuchs, den Oberkörper etwas zurückgebogen, die Arme in die
Seiten gestemmt, den linken Fuß vorgestreckt, daß nur die Spitze den
Boden berührte, wie ein bronzenes Gebild, von Künstlerhand geformt.
Beim ersten Geigenstrich sprang sie an zu einem bacchantischen Tanz.
Anfangs hielten sich Melodie und Bewegungen in gemessenem Takt. Die
Tänzerin schritt gleichsam zaudernd vor und zurück, verharrte eine
Sekunde lang in malerischer Stellung, drehte sich, wand sich mit
ruhiger Anmuth und wiegte sich mit leisem Schwanken in den Hüften.
Allmählich aber wurden Spiel und Tanz lebhafter und immer lebhafter.
Das Mädchen fing an, die Töne der Geige mit dem Tambourin zu begleiten,
das sie mit vollendeter Geschicklichkeit handhabte. Da war es, als ob
die beiden Instrumente einander anriefen und antworteten, sich mit
ihren Klängen verflochten und verschmolzen, zu immer schnellerem,
kühnerem Reigen einander hinrissen. Die Geige jubelte und jauchzte in
raschen Läufen und Sprüngen, das Tambourin rollte und summte, klingelte
und rasselte mit seinen Schellen. Mit gefälliger Rundung in der Haltung
der Arme schwang und schlug es Haschop bald in der Rechten, bald in
der Linken, bald über dem Haupte, warf es hoch und fing es wieder auf.
Dabei ward ihr Tanz immer noch flinker, ausgelassener, wilder. Sie
schwebte, flog und flatterte hinüber und herüber, neigte sich, beugte
sich, schnellte empor und schüttelte die Locken; auf ihrem Angesicht
flackerte ein dämonisches Feuer, aus ihren Augen sprühte eine schwer
gezügelte Leidenschaft. Mit allen ihren in weichen Linien ausgeführten
Schwenkungen aber überschritt sie niemals die Grenzen der Schönheit und
natürlichen Anmuth.

Und seltsam! es war, als ließe die nicht Ermüdende all ihre Künste nur
vor Einem spielen unter den Vielen hier, die mit starrer Bewunderung
dem sinnberauschenden Tanze der selber tief Erregten folgten. Und
dieser Eine war Egenolf, der neben Leontine in der vordersten Reihe
stand. Als wäre er der einzig zu Feiernde hier, dem allein zu Ehren und
zu Liebe sie sich in ihren verführerischen Bewegungen und Stellungen
zeigte, wandte sie sich damit immer nur ihm zu, was ihn in sichtliche
Verlegenheit setzte. Wenn ihr Blick dann zufällig Leontinen streifte,
so glitt ein spöttischer Ausdruck über ihre Züge, und sie umgaukelte
die stolze Gräfin in einer halb neckischen, halb herausfordernden
Weise. Sie zog eine Blume aus ihrem Haar, bot sie im Vorüberschwirren
Leontinen an, und als diese danach griff, zuckte Haschop schnell zurück
und warf sie Egenolf zu. Eine Blume nach der anderen löste sie sich,
sie bald Egenolf, bald Schmasman, bald dem Pfeiferkönig zuschleudernd,
vom Haupte, wodurch ihr Haar den Halt verlor und nun frei und lang
ihr über Schultern und Rücken wallte, daß es sie im Wirbel des Tanzes
umflog und umwogte.

Endlich gab sie ihrem Vater einen Wink; er schloß sein gluthvolles
Spiel mit einem kräftigen Ausklang, und wieder stand die Tänzerin
einen Augenblick regungslos gebannt wie ein Bild von Erz. Dann mit
heißem Blick eine grüßende Beugung vor Egenolf, -- und weg war sie, wie
untergetaucht, in der Menge verschwunden.

Die Versammlung war erst wie betäubt von dem genossenen Schauspiel, dem
Glanzstück des ganzen Abends. Dann aber brach der Jubel los und brauste
wie eine mächtige Welle durch den Saal. Farkas ward umdrängt und
beglückwünscht, selbst Schmasman und Loder kamen zu ihm und drückten
dem damit hoch Geehrten die Hand. Nach Haschop suchte man vergebens;
Niemand wußte, wo sie geblieben war.

Egenolf aber war verstimmt; ihn hatte die ihm von der Zigeunerin so
auffällig dargebrachte Huldigung beunruhigt, weil er befürchtete,
daß man daraus Schlüsse auf geheime Beziehungen zwischen ihm und dem
heißblütigen Mädchen ziehen würde. Und daß dies wirklich geschah,
merkte er bald an den neugierig fragenden Blicken, mit denen er
angesehen wurde. Das mußte er als Folge von Haschops unbesonnenem
Gebaren über sich ergehen lassen, aber mit tiefem Gram erfüllte ihn
die Wahrnehmung, daß auch Leontine einen derartigen Verdacht gegen ihn
gefaßt zu haben schien. Auch aus ihren Augen traf ihn ein mißtrauischer
Blick, und sie war einsilbig und nachdenklich geworden. Was sollte, was
konnte er thun, sie von dem Argwohn, daß er mit Haschop näher bekannt
sei, abzubringen? er konnte ihr doch nicht sagen: das ist vorbei, seit
ich Dich erblickt, Dein Bild im Herzen trage. Rathlos stand er neben
ihr und las in ihrem ernsten Gesicht seine Verurtheilung.

In dieser Bedrängniß kam ihm die kluge Imagina zu Hilfe, die seine
mißliche Lage Leontinen gegenüber begriff und entschlossen war,
ihn daraus zu befreien, indem sie ihm Gelegenheit gab, sich zu
rechtfertigen.

Sie trat an die Beiden heran, erging sich in Lobeserhebungen über den
berückenden Tanz der Zigeunerin und fügte, mit dem Finger drohend,
neckisch hinzu: »Und Dich, Egenolf, scheint sie ganz besonders in ihr
Herz geschlossen zu haben; es war ja wahrhaftig, als wenn sie nur für
Dich hier tanzte. Hab' ich nicht Recht, Gräfin Leontine?«

»Es hatte allerdings fast den Anschein,« gab Leontine beklommen zur
Antwort.

»Siehst Du!« fuhr Imagina fort, »nimm Dich nur in Acht, daß Du ihr
nicht ins Netz gehst!«

Egenolf verstand sofort, lächelte und sagte: »Ja, mir ist es beinahe
selber so vorgekommen, als hätte ich eine unbewußte Eroberung an ihr
gemacht; nur weiß ich nicht, wie das zugegangen sein sollte. Ich bin
ihr ein paarmal im Walde begegnet, da hat sie mich angebettelt, und ich
habe ihr stets etwas reichlich gegeben, und --«

»Und nun hat sie Dir heut ihren Dank getanzt und gesprungen« fiel
Imagina lachend ein, »natürlich! Damit ist Alles erklärt, aber Du
siehst daraus, daß man auch mit seinen Wohlthaten vorsichtig sein muß,
denn sie können Einem von boshaften Menschen falsch ausgelegt werden.«

»Ich will nicht hoffen, daß es in diesem Falle geschieht,« sprach er
unverfroren.

»Von unser Einem gewiß nicht, lieber Egenolf!« versicherte ihn Imagina
mit treuherzigem Tone und einem schelmischen Seitenblick, »aber --,
kurz und gut, schreibe Dir diese mütterliche Vermahnung hübsch hinters
Ohr!«

»Soll pflichtschuldigst geschehen, verehrungswürdige Frau Muhme!«
lachte er, und Imagina und Leontine lachten mit.

Damit war die Sache abgethan und Egenolf überzeugt, daß er jetzt wieder
in Engelsunschuld vor Leontine dastand. O wie dankbar war er seiner
holden Retterin Imagina! --

Farkas' Geigenspiel und Haschops Tanz konnten von keiner anderen
Leistung mehr übertroffen werden, und die älteren Herren waren der
Meinung, daß es nun wohl Zeit wäre, sich zu ihrem Abendtrunk in den
Rathskeller zu begeben, wo gewiß schon Alles zu ihrem Empfange bereit
war. Sie entfernten sich allmählich, die Einen mit, die Anderen ohne
Verabschiedung von der verständigen Gattin, die zur Überwachung der
Jugend in der Halle verblieb. Denn nun sollte hier der allgemeine
Tanz beginnen, an dem sich alle Anwesenden, die Jungherren und
Geschlechterfräulein, Bürgersleute und Spielmannsvolk, betheiligten und
bei dem nun auch Dimot zu ihrem Rechte kommen sollte.

Der leichtherzigen Zofe gefiel das ausgelassene, bunte Treiben aus der
Maßen, und da es ihr noch an Bekanntschaften hier fehlte, war es ihr
sehr angenehm, daß Haschop, die sich jetzt wieder eingefunden hatte,
sich ihr zuthulich anschloß und, wenn nicht eine von beiden tanzte,
nicht von ihrer Seite wich. Die schmiegsame Zigeunerin wußte sich so
schnell bei Dimot einzuschmeicheln, daß sie in den wenigen Stunden
die besten Freundinnen wurden. Sie ließ sich viel vom Leben auf der
Hohkönigsburg erzählen und fragte die Schwatzhafte dabei geflissentlich
nach ihrer jungen Herrin aus, über die sie alles Mögliche zu wissen
verlangte.

Dieses beständige Zusammensein mit Dimot hinderte Haschop indessen
nicht, fortwährend Leontinen scharf zu beobachten und am schärfsten,
wenn Graf Egenolf mit der schönen Gräfin sprach.

Beim Abschied fragte Haschop ihre neue Freundin: »Darf ich Dich oben
auf der Burg einmal besuchen?«

»O gewiß! damit würdest Du mich sehr erfreuen,« erwiederte Dimot. »Ich
werde der Thorhut Bescheid sagen, daß sie Dich einläßt.«

Da blitzten Haschops Augen gelüstig auf, und rasch sagte sie: »Hab
Dank! ich komme.«



VIII.


Bald saßen etwa ein Dutzend Herren in dem gewölbten, sauber und
behaglich hergerichteten Kellerraum des Rathhauses um die klobigen
Tische und labten sich aus den stattlichen Pokalen, die der wohlweise
Rath der Stadt für solche feierlichen Gelegenheiten nach und nach
angeschafft hatte, ein Jeder an dem Weine, der ihm am besten mundete.

Zunächst drehte sich die Unterhaltung um die mitangehörten und
gesehenen Aufführungen, die meist belobt wurden, vor allen der
entzückende Tanz der Zigeunerin, die mit ihrer reizvollen Erscheinung
auch vor den Augen der ritterlichen Herren Gnade gefunden hatte.

Auch des Gesanges Seppele's von Ottrott wurde rühmend gedacht, und
Burkhard sagte: »Das ist ein wahrer Teufelskerl mit Singen und steckt
außerdem voller Schnurren und Schwänke. Hätte der Mensch nur nicht die
vermaledeite lose Zunge, die ihm so oft Händel auf den Hals zieht! Beim
Pfeifergericht ist schon wieder eine Klage gegen ihn eingelaufen, und
ich will nur wünschen, daß die Sache einen leidlich guten Ausgang für
ihn nimmt, denn ich kann den Seppele nicht entbehren und lasse mir
gern etwas von ihm vorsingen, wenn ich gerade bei Laune bin.«

»Was wohl nicht allzu häufig vorkommt,« warf Jost von Müllenheim ein,
daß Alle lachten.

»Dann verhilft er mir mit seinen Späßen dazu,« erwiederte Burkhard.
»Er ist nämlich unser Ofenheizer und Kaminfeger, aber im Sommer lasse
ich ihm die Freiheit, mit seiner Laute in den Dörfern und Schenken
herumzuziehen, denn ich halte große Stücke auf den lustigen Schelm.«

»Ein angenehmer Posten, im Sommer Strichvogel durch die Schenken,
im Winter gut gepflegter Hofnarr,« meinte Rudolf von Andlau am
Nebentische. »Sage mal, Du Häuptling aller Kesselflicker, ist der
Farkas nicht auch Dein Unterthan?«

»Zur Hälfte,« entgegnete Burkhard, »denn er gehört sowohl zur Pfeifer-
wie zur Kesslerbruderschaft, und wenn mir Schmasman seine Hälfte
abtreten und der Zigeuner mit seiner herzenfängerischen Fiedel zu mir
ziehen wollte, so hätte ich nichts dagegen.«

»Und mit seiner herzenfängerischen Tochter! nicht wahr? ja, das glauben
wir Dir altem Sünder,« riefen sie ihm rechts und links zu.

»Schandmäuler seid ihr,« lachte Burkhard und leerte seinen noch halb
gefüllten großen Pokal mit einem Zuge.

Nun kamen die Herren auf den Gegenstand zu sprechen, den sie
nie erschöpfend genug behandeln konnten, auf den Werth und die
Eigenschaften ihrer und aller ihnen im weitesten Umkreis bekannten
Pferde. Wilhelm von Rappoltstein wandte sich mit der Bemerkung an den
Grafen Oswald: »Ihr habt Euch, wie ich heute gesehen, tüchtige Gäule
mit hergebracht, ihr Herren von Thierstein.«

»Ich habe mit Absicht etwas schwere genommen,« erwiederte Oswald, »denn
eure Reitwege hier sind nicht die besten.«

»Laßt sie ausbessern, wenn sie Euch nicht gefallen,« knurrte Burkhard.

»Die feingeschenkelten Zelter, auf denen Eure Damen so sicher und
anmuthig in den Sätteln saßen, hatten den rechten Feldschritt und gute
Folge auf der Hinterhand,« sagte Kaspar von Rappoltstein.

»Freut mich, daß Ihr das beachtet habt, Herr Graf!« lächelte Oswald
geschmeichelt. »Unsere Frauen verstehen sich darauf und haben sich
ihre Pferde selber beim Roßkamm ausgewählt. Die Stute meiner Tochter
ist ein ausdauernder Renner, wird aber hier in den Bergen leider wenig
Gelegenheit haben, das zu zeigen.«

»Dann hättet Ihr doch im Flachland bleiben sollen, um sie austraben zu
lassen,« warf Burkhard wieder dazwischen.

»Ich sprach nicht zu Euch, Herr von Rathsamhausen,« wies ihn Oswald
zurecht.

»Aber ich mußte schon zum zweiten Male hören, daß es Euch hier auf
unseren Wegen und in unseren Bergen wenig zu behagen scheint.«

»Wenn Einem nur die Gesellschaft behagt, die man in diesen Bergen
findet,« gab ihm Oswald anzüglich zurück.

»Das muß freilich auf Gegenseitigkeit beruhen, was leider nicht immer
zutrifft, Herr Landvogt!« höhnte Burkhard.

»Damit habt Ihr Recht, Herr!« lachte Oswald gezwungen.

Um das unerquickliche Zwiegespräch abzubrechen nahm Schmasman das Wort,
es an Oswald richtend: »Darf ich fragen, Herr Graf, was Ihr mit Eurem
Hof in Straßburg zu thun gedenkt? Wollt Ihr das Lehen dem Bischof
zurückerstatten? oder wollt Ihr den Hof in Afterlehen geben?«

»Vorläufig gedenken wir ihn selber zu behalten,« erwiederte Graf
Oswald, »für den Fall, daß es uns wünschenswerth erscheinen sollte,
noch einen Wohnsitz in Straßburg zu haben.«

»Sehr fürsorglich gedacht! denn ein solcher Fall könnte unvermuthet
eintreten,« murmelte Burkhard, was aber Oswald nicht verstand oder
nicht verstehen wollte, denn er fuhr ruhig fort: »Auf der Hohkönigsburg
schneit man gewiß leicht ein und kann dann den ganzen Winter nicht
herunter.«

»Herunter schon, aber ob dann wieder hinauf --?« kam es von Burkhard.

Graf Wilhelm von Rappoltstein winkte ihm Schweigen zu.

»Was willst Du, Wilhelm?« fuhr Burkhard auf. »Soll man hier nicht mehr
seine Meinung sagen dürfen? Warte nur! über ein Kleines werde ich sie
noch deutlicher aussprechen, und Niemand soll mich daran hindern.« Und
er stieß den wieder geleerten Becher hart auf den Tisch.

»Wir bleiben Alle im Winter auf unseren Burgen,« sagte Rudolf von
Andlau.

»Das mögt Ihr halten, wie Ihr wollt, Herr von Andlau,« sprach Oswald
hochmüthig. »Ihr seid hier wohl daran gewöhnt, einsam zu hausen wie der
Dachs in seinem Bau; ich füge mich keinem Zwange.«

»Na, na!« machte Burkhard.

Die beständigen Einreden ihres hitzigen Ottrotter Freundes auf Alles,
was Oswald vorbrachte, fingen an, den übrigen Herren bedenklich zu
werden, wenn sie auch dem Thiersteiner für sein anmaßliches Auftreten
an der Kapelle so ein paar kleine, gelegentliche Seitenhiebe gönnten;
aber Burkhard ging etwas scharf damit vor. Er war ein trinkfester
Mann, der Wein konnte ihm unmöglich schon zu Kopfe gestiegen sein. Was
bezweckte er denn mit seinen Sticheleien? Prickelte ihn nur das Gelüst,
sich an dem Grafen zu reiben und ihm klar zu machen, daß man nicht
gesonnen sei, sich von ihm einschüchtern und beherrschen zu lassen?
Oder suchte er absichtlich und ernstlich Händel mit ihm und wollte
ihn mit seinen Angriffen herausfordern? Die dem Störenfried zunächst
Sitzenden bemühten sich, ihn von diesem Höhnen und Hetzen abzubringen
und seine Aufmerksamkeit durch Fragen und Gespräche auf andere Dinge
zu lenken; aber er hörte und horchte mehr auf das, was Oswald sagte,
und ließ nicht ab, dazu seine spöttischen und bissigen Glossen zu
machen.

Schlimmer wurde die Sache noch, als Graf Oswald auf eine Bemerkung
Fleckensteins, welche die Herren an Burkhards Tische nicht verstanden
hatten, hochfahrend antwortete: »Das fehlte mir noch! nein, das muß
anders werden, dafür laß _mich_ sorgen, Friedrich! es muß überhaupt
hier Manches anders werden, es haben sich hier allerhand lächerliche
Gewohnheiten und Mißbräuche eingeschlichen, die ich nicht länger dulden
werde.«

Da rief ihm Burkhard trotzig zu: »Was wollt Ihr nicht dulden,
groß--mächtiger Herr Landvogt? Bei Änderungen landesüblicher Sitten
und Bräuche werden wir wohl auch noch ein Wörtlein mitzureden haben.
Was sagte doch heute der Prior in seiner Predigt, die ja für Euch ganz
besonders erbaulich und belehrend gewesen sein muß? Er ermahnte zu
Duldsamkeit, Bescheidenheit und Demuth, Keiner solle sich vornehmer
dünken und überheben, Keiner sich vordrängen und einem Andern den ihm
gebührenden Platz streitig machen. Habt Ihr das schon wieder vergessen?«

Graf Oswald, der seinen Grimm kaum bezwingen konnte, entgegnete darauf:
»Herr von Rathsamhausen, mir ist erzählt worden, der Kaiser, der einen
Ahnherrn von Euch einst mit Schloß Lützelburg belehnte und ihn damit
aus Schulden und Dürftigkeit herausriß, hätte ihm dabei gesagt, er
möge nun auf diesem Lehen recht rathsam hausen. Danach führt Ihr Euren
Namen, macht ihm aber geringe Ehre, wenn Ihr mit Euren Worten so wenig
rathsam haushaltet.«

»Was? wollt Ihr mir den Mund verbieten?« brauste Burkhard auf. Aber
in diesem Augenblicke flüsterte ihm ein Aufwärter etwas ins Ohr.
»Endlich!« sagte er, stand auf und ging mit einem schadenfrohen
Grinsen, das nichts Gutes weissagte, hinaus.

Ein beklommenes Schweigen trat ein; man hörte im ganzen Kreise nichts,
als daß dieser und jener der Herren von seinem Weine trank, den Pokal
mit leisem Klirren niedersetzte und sich aus seiner Kanne wieder
einschenkte. Daß sich Burkhard wegbegeben hätte, um seinem Gegner das
Feld zu räumen, glaubte keiner von ihnen.

Sie sollten nicht lange zu warten haben, bis es sich aufklärte, wozu
er herausgerufen war. Bald kam er zurück, mit einer höchst seltsamen
Kopfbedeckung ausstaffiert, die ihm, ohne Zweifel auf seinen im Voraus
ertheilten Befehl, soeben überbracht sein mußte, denn er pflegte sie
zuweilen zu fröhlichen Gelagen von Hause mitzunehmen. Es war ein
ziemlich hoher Filzhut, der ringsum mit Eulenfedern besetzt war und
vorn das natürliche Gesicht einer Eule mit Schnabel und Augen zeigte.
Er wurde deßhalb auch »die Eule« genannt und war ein altes Erbstück und
Familienheiligthum des Rathsamhausen'schen Geschlechts. Die wenigen
Anwesenden, denen das Ding noch neu war, blickten verwundert dazu auf
und konnten nicht errathen, was die Mummerei bedeuten sollte; den
Anderen aber, die wußten, welche Bewandtniß es damit hatte, ward schwül
zu Muthe.

Burkhard hatte, während er sich wieder auf seinen Platz begab,
immer noch das hinterhaltige Lächeln auf den Lippen, mit dem er
hinausgegangen war. Schmasman bat ihn mit besorgter Miene: »Burkhard,
thu mir den Gefallen und nimm den Filz von Deinem Haupte; die Eule
starrt mich mit ihren funkelnden Glasaugen gar zu rauflustig an.«

»Ist ganz zahm, Bruder!« lachte der so abenteuerlich Bedeckte boshaft;
»nur aufgeblasene, aufgeplusterte Spatzen zaust und rupft sie gern.«

Die Eingeweihten, die mit Sicherheit voraussahen, was nun kommen würde,
machten keinen Versuch, den Eigensinnigen von seinem geplanten Vorhaben
zurückzuhalten; wenn dies Schmasman nicht vermochte, so fand ihr
Widerspruch dagegen vollends kein Gehör.

Burkhard wandte sich nun, den Blick fest auf Oswald gerichtet, an
die Gesellschaft und begann: »Dieser uralte Federhut, ihr Herren,
besitzt Zauberkraft und verleiht mir, wenn ich ihn auf dem Kopfe
trage, die unschätzbare Gabe, die Wahrheit, die volle, untrügliche,
unwiderlegliche Wahrheit zu sagen, aber auch die Wahrheit zu hören, sie
durch alle Verhüllungen, Entstellungen und Lügen hindurch zu erkennen.
Also, Herr Graf Oswald von Thierstein, Ihr sprachet vorhin von
angeblichen lächerlichen Gewohnheiten und Mißbräuchen hier zu Lande,
die Ihr abstellen wolltet. Da will ich Euch denn in Wahrheit verkünden,
daß es Euch nun und nimmer gelingen soll, an den althergebrachten,
tief eingewurzelten Sitten und Bräuchen unseres Volkes auch nur
zu rütteln, geschweige denn sie zu verdrängen und abzuschaffen.
Bei jedem Schritt auf diesem gefährlichen Wege werdet Ihr mich und
alle die vielen mit mir Gleichdenkenden als unüberwindliche Gegner
antreffen. Und solltet Ihr es wagen, unsere ritterlichen Standesrechte,
Vollmachten, Freiheiten und Privilegien anzutasten, so werdet Ihr Euch
jämmerlich die Finger dabei verbrennen. Wenn Ihr dazu ins Land gekommen
seid, so habt Ihr Euch in einen thörichten und verhängnißvollen Irrthum
verrannt, aus dem Euch der gesammte eingeborene Adel in einer Weise
heimleuchten wird, daß Ihr nicht lange mehr durch das Löwenthor dort
oben aus- und eingehen werdet.«

Graf Oswald erhob sich und sprach mit zornbebender Stimme: »Nach dem,
was ich soeben aus Eurem dreisten Munde gehört habe, möchte ich an
die Wunderkraft der alten Vogelscheuche, die Ihr Euch närrischerweise
auf Euren Querkopf gestülpt habt, beinahe glauben, denn Ihr habt
die Wahrheit ganz unverschleiert ans Licht gebracht, d. h. Ihr habt
mir Eure geheimsten Gedanken verrathen. Ich bin Euch hier ein Dorn
im Auge und ein Pfahl im Fleische; Ihr möchtet mich gern so bald
wie möglich wieder lossein, um nach wie vor, unbehindert von einem
über Euch gesetzten Wächter der Ordnung, in schrankenloser Willkür
schalten und walten zu können. Nun spitzet unter dem Eulenpopanz die
Ohren für meine Erklärung! Ich bin als kaiserlicher Landvogt mit
kaiserlicher Vollmacht hierhergekommen, um jedem Unwesen zu steuern,
allen Übergriffen mit Strenge zu begegnen und Euren unbotmäßigen Trotz
zu biegen oder zu brechen. Das will ich und werde Euch beweisen, daß
ich es kann. Ich habe mir die Hohkönigsburg stark und fest genug
aufgebaut, --«

»Mit Straßburger Gelde!« rief Burkhard höhnend dazwischen.

»-- um in Sicherheit und Ruhe abwarten zu können, ob Ihr Euch meinen
Anordnungen fügen werdet oder nicht, und werde danach meine Maßregeln
gegen Euch treffen. Ich sehe wohl, daß Ihr Alle unter einer Decke
steckt, um das Joch abzuschütteln, das Ihr zu tragen noch nicht gewöhnt
seid, das Ihr aber zu tragen bald genug lernen werdet.«

»Da haben wir's! Ihr sagt es selbst,« frohlockte Burkhard. »So hat
meine Eule die Wahrheit und auch Eure innersten Meinungen und Absichten
aus Euch herausgeholt. Unsere Deckung aber,« fuhr er in drohendem Tone
fort, »sind unsere verbrieften Rechte und, wenn's sein muß, Wehr und
Waffen. Und was das Joch betrifft, -- wagt es Herr Landvogt, es uns
auflegen zu wollen! Ihr werdet unbeugsam steife Nacken finden. Beim
ersten Versuche werfe ich Euch den Handschuh vor die Füße.«

»Wir auch! wir auch! so ist's recht!« riefen Einige aus dem Kreise, die
während Oswalds Rede schon mehrmals laut gemurrt hatten.

Schmasman aber erhob seine warnende Stimme: »Ruhig Freunde! Burkhard,
treib es nicht auf die äußerste Spitze! jeder Streit ist zu
schlichten, wenn auf beiden Seiten --«

»Herr Graf von Rappoltstein,« unterbrach ihn Oswald schroff, »ich bat
Euch noch nicht um Eure Vermittlung und bedarf ihrer nicht.«

»Schluck' es runter, Schmasman, und bedanke Dich bei Seiner Gnaden dem
Herrn Landvogt!« lachte Burkhard.

»Ich will wünschen, Herr Graf, daß Ihr sie nicht noch einmal in
Anspruch nehmen müßt,« erwiederte Schmasman kühl und stolz.

Oswald hörte nicht darauf, sondern wandte sich mit verstärkter
Heftigkeit an seinen entschiedensten Widersacher: »Und Ihr, Herr von
Rathsamhausen, was seid Ihr anders als ein Rebell gegen Kaiser und
Reich?«

»Nein! nur gegen Euch und Eure verrätherischen Anschläge,« rief
Burkhard wild. »Eure Gegenleistung, für die Ihr das Lehen der
Hohkönigsburg durch heimtückische Pfaffenränke erschlichen habt,
ist die von Euch übernommene schmachvolle Verpflichtung, dem Lande
die Freiheit zu rauben und es schändlicher, schamloser Pfaffenzucht
auszuliefern. Der alte, schwachsinnige Kaiser Friedrich weiß nichts von
diesen ehr- und gewissenlosen Machenschaften.«

Da sprang Oswald wie ein Rasender auf Burkhard los, schlug ihm die Eule
vom Haupte, daß sie unter den Tisch rollte, und schrie: »Hut ab, wenn
Ihr den geheiligten Namen des Kaisers in den Mund nehmt!«

Burkhards Hand packte den Griff des Dolches, aber schnell umschlang den
Wuthschnaubenden sein Bruder Philipp und hinderte ihn, den blanken
Stahl zu zücken. Ein allgemeiner Aufruhr und Tumult entstand; in einen
Knäuel zusammengedrängt bemühten sich Alle, die beiden Kampfbereiten zu
trennen. Friedrich von Fleckenstein bemächtigte sich des Grafen Oswald
und führte ihn mit beschwichtigenden Worten hinaus. Sein Bruder Wilhelm
folgte ihnen.

Burkhard, noch immer von drei der Zurückbleibenden festgehalten,
stöhnte: »Das soll ihm theuer zu stehen kommen! Jetzt laßt mich los,
ich laufe ihm nicht nach.«

Sie gaben ihn frei. Er reckte die Arme, drückte sich beide Fäuste auf
die Brust und sagte tief aufathmend: »Ha! das hat wohlgethan, daß ich
mich einmal frisch von der Leber weg aussprechen konnte. Nun noch eine
Kanne vom besten, ältesten Rangenwein!«

»Wir haben wohl Alle für heute genug, Burkhard,« meinte Schmasman.

»Nein, ich muß mir erst wieder Ruhe trinken,« erwiederte der noch sehr
Erregte. »Und dann müssen auch die Thiersteiner erst weg sein; ich mag
ihnen nicht mehr begegnen.«

Ungern willfahrten sie seinem Wunsch und setzten sich wieder. Der
Schenk brachte ein paar Kannen von dem begehrten Wein, die sie
schweigsam leerten, und dann verließen sie den Rathskeller in
verstörter und bedrückter Stimmung. An die Eule und ihren Verbleib
dachte keiner von ihnen, auch Burkhard nicht.



IX.


Auf dem die Stadt Rappoltsweiler mächtig überhöhenden Berge standen
die drei Rappoltstein'schen Schlösser. Als oberstes, auf des Berges
Gipfel weit sichtbar, Burg Hohrappoltstein, des Grafen Wilhelm
festes Haus mit dem ragenden Bergfried, als unterstes auf einem
westlichen Vorsprung die große St. Ulrichsburg, Schmasmans fürstlicher
Herrensitz, und dicht dabei, nur wenig höher gelegen, das auf einem
steil aufsteigenden Felsgrat frei und schwindlig in die Luft gethürmte
kleine Schloß Giersberg, Kaspars und Imagina's sturmtrotzendes Heim.
Die St. Ulrichsburg mit ihren weiten, prächtig ausgestatteten Räumen
betrachteten sämmtliche Mitglieder des gräflichen Geschlechts als
ihr eigentliches, gemeinsames Hoflager. Dort trafen sie sich zu
einmüthiger Geselligkeit und zu glänzenden Gastmählern, dort hielten
sie Familienrath und feierten dort ihre Gedenktage und traulichen Feste.

Heute, am zweiten der Pfeifertage, sollte auf der St. Ulrichsburg nach
altem Herkommen etwas vorgehen, das die Rappoltsteiner auch als eine
Art Familienfest ansahen, obwohl die daran Theilnehmenden mit dem
Schloßherrn nicht im Entferntesten blutsverwandt oder verschwägert
waren. Die empfangenden ritterlichen Wirthe konnten auch keine Gäste
dazu einladen, als die sie gerade über Nacht bei sich beherbergt
hatten, weil schon bald nach Sonnenaufgang Alles dazu bereit sein
mußte. Nur Graf Kaspar und Gräfin Imagina wollten dabei nicht fehlen
und waren, den kurzen Weg von Giersberg herübereilend, rechtzeitig zur
Stelle.

Es galt die alljährlich seinem Lehnsherrn aufs Neue darzubringende
Huldigung des Spielmannsvolkes.

Zu früher Morgenstunde kamen sie von Rappoltsweiler heraufgezogen. In
dem großen Burghof nahmen sie, so viele dort Platz fanden, Aufstellung,
und eine auserlesene Schaar spielte eine ernste, getragene Weise.
Dann trat Loder unten ein paar Schritte vor, setzte seine Trompete,
die er ausnahmsweise heute mitgebracht hatte, an die Lippen und blies
unter lautloser Stille seinem Gebieter zu Ehren eine schmetternde
Fanfare mit kunstvollen Gängen und Figuren, die einen ausdauernden
Athem erforderten. Wie auf einen Lockruf erschien jetzt Schmasman mit
den Seinen auf einem Altan über dem Hofe und nickte und winkte seinem
alten Trumpeterhans von oben freundlich zu. Dieser sprach nun, nach
Beendigung seines Meisterstückes, die ein für allemal feststehenden
Worte zum Altan hinauf, mit denen er im Namen der Pfeiferbruderschaft
gelobte, ihrem edlen Schutzherrn allzeit hold und gewärtig, dienstbar
und ergeben zu sein. Alle erhoben die Hand zum Treuschwur, und wie aus
einem Munde erscholl der brausende Ruf: »Heil und Segen unserm gnädigen
Schutzherrn, Grafen Maximin von Rappoltstein!«

Schmasman dankte den Versammelten und versprach, ihnen nach seinem
besten Wissen und Können ein gewogener und gerechter, theilnahmsvoller
und thatkräftiger Schützer und Schirmer in allen ihren Rechten und
Gepflogenheiten sein zu wollen, dessen Ohr Jedem offen stünde, der mit
einer Bitte oder einer Beschwerde zu ihm käme.

Sie jubelten ihm noch einmal zu und fielen mit einer heiteren Melodie
in den allgemeinen Freudenrausch ein.

Damit war der pflichtgemäße Theil der Begrüßung zu Ende, und der
ungebunden fröhliche nahm seinen Anfang.

Dieser bestand in einer freigebigen Bewirthung mit Wein und Backwerk
und in traulicher Unterhaltung der Herrschaften mit den sie umringenden
Spielleuten jedes Alters und Geschlechts. Indeß das Burggesinde
Speise und Trank an die ohne Blödigkeit Zugreifenden vertheilte,
mischten sich die Grafen und Gräfinnen Rappoltstein und mit ihnen die
drei Rathsamhausen unter alle die Hunderte der Heraufgekommenen und
plauderten und scherzten mit ihnen in huldvoller Weise.

Hans Loder, der Pfeiferkönig, wurde dabei vor Allen geehrt und
bevorzugt; besonders die Damen hatten ihr Wohlgefallen an der
stattlichen und würdigen Erscheinung und ihren Spaß an den launigen
Reden und Antworten des graubärtigen Helden.

Die Weibel sorgten dafür, daß die in den Burghof Gedrungenen den Platz
mit den Draußengebliebenen wechselten, damit auch diese sich an der
dargebotenen Beköstigung erquicken konnten, denn Niemand sollte hungrig
und durstig von der St. Ulrichsburg gehen.

Nach der so durchaus befriedigend ausgefallenen Huldigungsfeier zog das
Völklein wieder ab und fiedelnd, hornend, harfend und singend den Berg
hinunter.

In Rappoltsweiler konnten die Fahrenden sich heute, ohne Vorschriften
über die Ausfüllung der Tagesstunden, ganz nach ihrem Gefallen ergehen
und erlustigen, aber Rast und Ruhe hielten die Nimmermüden, Immerfrohen
doch nicht. An allen Ecken und Enden der Stadt schwirrte und surrte,
sang und klang es in allen möglichen Tönen und Tonarten. Die Einen
spielten den Anderen ihre besten Stücke vor, krittelten, lachten,
neckten sich und trieben seelensvergnügt allerhand harmlose Kurzweil
und Possen.

Andere wieder, Tänzer, Luftspringer und Gaukler, gelenke Männer und
geschmeidige Mädchen, thaten sich in Gruppen zusammen und zeigten
auf ablegenen Plätzen vor den Thoren der Stadt sich gegenseitig ihre
gewagtesten Übungen, bei denen sie keine anderen Zuschauer haben
wollten als Kenner ihrer Kunst und Genossen ihres Faches, vor denen sie
mit ihren freiesten und kecksten Schaustellungen nicht zurückzuhalten
und sich eines etwaigen Mißlingens besonders schwieriger Leistungen von
Kraft und Geschicklichkeit nicht zu schämen brauchten. --

Auf der St. Ulrichsburg in dem schönen, großen Saale, dessen lange
Reihe gekuppelter, durch zierliche Säulchen getheilter Bogenfenster
einen herrlichen Ausblick in das offene Land gewährte, saßen nun
Wirthe und Gäste, zusammen ihrer neun an der Zahl, beim Morgenimbiß.
Sie sprachen noch viel von den gestrigen Aufführungen in der Festhalle,
aber kein Wort von dem Zank mit dem Grafen Oswald im Rathskeller, denn
die dabei betheiligt gewesenen Herren hatten unter sich ausgemacht,
den höchst verdrießlichen Verlauf und Ausgang der Abendzeche den
Ihrigen einstweilen noch zu verschweigen. Die drei hier, die davon
wußten, Schmasman, Kaspar und Burkhard, waren zerstreut und wortkarg
bei Tische, und namentlich Burkhard merkte man die Ungeduld an, das
Frühmahl beendet zu sehen und sich mit Schmasman über den Vorfall
aussprechen zu können, was sie gestern Abend beide vermieden hatten.

Es kam ihm daher sehr gelegen, als nach Aufhebung der Tafel Imagina
zu ihren jungen Freunden sagte: »Kommt mit uns hinauf nach Giersberg;
ich möchte euch meinen neuen Falken zeigen, den mir Konrad von Busnang
geschenkt, nachdem sich mein Hagard verstoßen hat. Ich bin eben dabei,
ihm eine schöne Haube zu sticken, denn ich soll ihn noch öfter verkappt
auf der Faust tragen, damit er sich an mich gewöhnt.« Egenolf, Isabella
und Bruno folgten der Aufforderung gern und gingen mit Kaspar und
Imagina zu deren Felsennest hinauf.

Nun begaben sich Schmasman und Burkhard, ihre Gattinnen
hausmütterlichen Gesprächen überlassend, ein Geschoß höher im Palas
und in Schmasmans behaglich eingerichtetes Zimmer. Dort nahmen sie in
zwei geschweiften Sesseln Platz, lehnten sich bequem darin zurück und
blickten sich schweigend an. Jeder wußte, was der Andere auf dem Herzen
hatte, und erwartete von ihm das erste Wort.

»Nun also, was denkst Du, Bruder?« fing Schmasman endlich an.

»Wir müssen ihm absagen.«

»Hm! -- zuerst gereizt hast Du ihn, Burkhard! schon ehe Du die Eule auf
dem Kopfe hattest.«

»Mag sein; aber er forderte von Anfang an durch seinen hochmüthigen
Ton und seine abfälligen Bemerkungen zum Widerspruch heraus, schwatzte
von lächerlichen Gewohnheiten und unerträglichen Mißbräuchen, die er
nicht dulden wollte, -- da kochte es in mir über. Mit der Eule, die ich
mir in den Rathskeller bestellt hatte, trug ich ursprünglich nichts
Anderes im Sinn, als was wir so manches Mal mit ihr angestellt haben.
Ich wollte den Thiersteiner nur mit scherzhaften Spitzworten ein wenig
necken, ihn wegen seiner Eitelkeit und Überhebung aufziehen, nenn' es
meinetwegen verhöhnen. Wie oft haben wir uns -- erinnere Dich! -- bei
fröhlichen Gelagen, wenn die Eule rundum vom Einen zum Anderen ging,
die derbsten Anzüglichkeiten unter schallendem Gelächter ins Gesicht
gesagt! Niemand durfte dem, der ihn mit der Eule auf dem Kopfe hänselte
und foppte, etwas übelnehmen, und that er es dennoch, so fielen Alle
über ihn her und hudelten und zausten ihn, daß kein gutes Haar mehr an
ihm blieb, aber niemals entstand daraus ein Streit. So haben es unsere
Altvorderen schon vor unvordenklichen Jahren getrieben; die Eule
durfte immer und überall ungerügt und ungestraft hecheln, spotten und
schelten, wie ihr der Schnabel gewachsen war.«

Schmasman hatte den Anderen ruhig ausreden lassen und entgegnete ihm
nun: »Das ist unter Freunden geschehen, die das Possenspiel kannten
und vergnügt mitmachten. Du hast aber den Thiersteiner, der von dem
närrischen Brauch nichts wußte, so grobe Wahrheiten an den Kopf
geworfen, daß er sie nicht auf sich sitzen lassen konnte.«

»Also doch Wahrheiten, giebst Du zu. Und auf ihm sitzen geblieben
sind sie auch, denn er konnte meine Anschuldigungen gegen ihn nicht
widerlegen, versuchte nicht einmal, ihre Triftigkeit zu leugnen. Im
Gegentheil, er hat -- und das rechne ich ihm noch als Verdienst an
-- mit seinen Absichten und seiner Gesinnung durchaus nicht hinter
dem Berge gehalten, hat sich offen zu den Plänen bekannt, die er
gegen unsere und des Landes geheiligte Rechte, Freiheiten, Sitten und
Gewohnheiten im Schilde führt. Und das sollen wir uns gefallen und
geduldig über uns ergehen lassen? Nun und nimmermehr, so lange ich noch
ein Schwert an meiner Seite habe! Er muß fort, fort, zum Lande hinaus!«
rief Burkhard, mit der Faust heftig auf die Armlehne seines Stuhles
schlagend.

»Das wäre Friedensbruch, Burkhard.«

»Friedensbruch? du lieber Gott, Schmasman! als wenn nicht jede Fehde
ein Friedensbruch wäre! Wir haben beide, Du so gut wie ich, schon manch
Einem um geringerer Ursache willen abgesagt und uns so lange mit ihm
herumgebalgt, bis Einer den Kürzeren zog und der Gewalt weichend wohl
oder übel nachgeben mußte.«

»Wir haben als Gäste an des Grafen Oswald Tische gesessen.«

»Und gestern war er _Dein_ Gast. Das wechselt, heute Freund, morgen
Feind, wie die Würfel fallen.«

»Er ist kaiserlicher Landvogt.«

»Was geht das uns an! Wir sind die zwei ersten Geschlechter im Wasgau,
ihr das mächtigste, wir das älteste. Kein Landvogt, kein Kaiser soll
uns ein Titelchen von unserer Standeshoheit nehmen; sie zu vertheidigen
ist schon eines kühnen Handstreiches werth.«

»Und die Vehme?«

»Läßt auch Keinen hängen, ehe sie ihn hat. Übrigens begehen wir keinen
Meuchelmord; eine ehrlich angesagte Fehde zieht kein Freigraf vor das
offenbare oder das heimliche Ding.«

»Und wie denkst Du Dir die Fehde?«

»Nun, ich sollte meinen, daß wir es allmählich wohl gelernt hätten,
Einen mit gewaffneter Hand anzulaufen,« lachte Burkhard. »Wir müssen
eben unsere Lehnsleute aufmahnen und mit großem reisigen Zeug, mit
allerlei Kriegsrüstung zum Werfen, mit Stücken und Tarrasbüchsen vor
der Hohkönigsburg lagerhaftig werden und sie nehmen.«

»Sie ist schier unnehmbar.«

»Sie ist schon einmal genommen, und ihr Rappoltsteiner habt dabei
geholfen.«

»Aber jetzt ist sie stärker als ehemals.«

»Nicht zu stark für uns, wenn wir einig sind und fest zusammenhalten.
Die Thiersteiner werden wenig Bundesgenossen finden.«

»Zum Beispiel den Bischof und den Rath von Straßburg.«

»Den Bischof? Herzog Albrecht wird sich lange besinnen, ehe er gegen
uns zu Felde zieht, und die Hochwohledeln, die in Straßburg auf den
Dreizehnerstühlen über Krieg und Frieden zu Rathe sitzen, sind froh,
wenn wir sie ungeschoren lassen. Der Ammeister Peter Schott und seine
Zünftler gehen lieber zur Morgensprache in die Trinkstuben, als daß
sie den Harnisch anthun und aus ihren Mauern herauskommen. Höchstens
die Fleckenstein und Hermann von Hattstadt könnten den Thiersteinern
helfen, und gegen die gewinnen wir doppelt und dreifach die Überhand.«

»Und was soll mit der Hohkönigsburg werden, Burkhard, wenn wir sie
erstürmt und erstiegen haben?« fragte Schmasman.

Burkhard antwortete darauf nicht gleich und sprach sodann mit einiger
Unsicherheit im Ton: »Das können wir erwägen, wenn sie in unseren
Händen ist und die Thiersteiner mit Mann und Maus herunter sind.«

»Sie wieder in Schutt und Asche legen, nachdem sie kaum erst neu
aufgebaut ist?«

»O bewahre! das wäre Schade drum,« fuhr es Burkhard heraus.

»Ja, was dann? wer soll sie haben?«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht,« erwiederte Burkhard
mit abgewandtem Gesicht. »Das können auch wir beide nicht allein
entscheiden.«

»So! Du hast noch nicht darüber nachgedacht,« wiederholte Schmasman.
»Die Frage liegt aber doch sehr nahe; ~respice finem~, sagt der
Lateiner.«

»Das riecht nach dem Schulsack, mein Lieber!« spöttelte Burkhard, »ihr
Rappoltsteiner seid gelehrte und belesene Leute, aber damit kommen wir
hier nicht durch. Das Ende wird sich von selber ergeben, das Wichtigste
ist jetzt der Anfang. Wir müssen dem Thiersteiner absagen und ihn
überzucken, ehe und bevor er sein widerrechtliches Fürnehmen gegen
unsere Unabhängigkeit ins Werk setzen kann.«

Schmasman schüttelte das Haupt: »Das Ziel muß ich klar vor Augen sehen,
muß wissen, was aus der Hohkönigsburg werden soll, nachdem wir die
Thiersteiner daraus vertrieben haben.«

»Mein Gott! das wird sich finden, wenn es soweit ist,« rief Burkhard
unwillig und ungeduldig.

»Weißt Du, Burkhard, was sich dabei finden wird?« sagte Schmasman und
legte die Hand auf den Arm des Freundes. »Hader und Zwietracht zwischen
_uns_, zwischen Allen, die sich zu der Hatz verbunden und dabei
geholfen haben. Jeder wird den Preis des Sieges für sich begehren.«

»An sich darf Keiner dabei denken, nur daran, wie wir der Burg Herr
und Meister werden,« erwiederte Burkhard. »Was ist denn Deine Meinung
über ihre Zukunft?« fügte er, um den Zurückhaltenden auszuholen, mit
forschendem Blick hinzu.

Schmasman zuckte mit den Achseln und ließ die Frage unbeantwortet. »Das
Liebste wäre mir, aufrichtig gesagt,« kam es zögernd von ihm heraus,
»wenn wir die Sache mit Ehr und Glimpf vergleichen könnten, daß alle
Wirrniß gestillt und im Keime erstickt würde.«

»Vergleichen? der Thiersteiner will keinen Vergleich. Wie schnöde und
hochfahrend hat er Deine Vermittlung zurückgewiesen! Und ich soll zum
Frieden mit mir handeln lassen nach einer handgreiflichen, thätlichen
Beleidigung?« brauste Burkhard auf. »Schmasman, ich frage Dich bei
Deiner Ritterehre: würdest Du Stolzer es ruhig hinnehmen, daß man Dir
den Hut vom Kopfe schlägt, ohne es blutig zu rächen? nicht um die
ganze Hohkönigsburg! Wenn das Dir geschehen wäre, so würde ich mich
ohne Besinnen flugs an Deine Seite stellen, wie ich das jetzt von Dir
erwarte.«

»Du hast mich auf Deiner Seite, wenn Du für die Dir zugefügte
persönliche Beleidigung von dem Grafen Genugthuung fordern willst,«
sagte Schmasman. »Aber dazu bist Du auch allein Manns genug, ohne daß
wir in einer allgemeinen, großen Fehde zu Hauf über ihn herfallen.«

»Du willst mich also im Stich lassen,« knirschte Burkhard. »Ja,
fühlst Du Dich denn von dem Schlage, den er mir versetzt hat, nicht
mitgetroffen? uns Alle hat er damit ins Gesicht geschlagen, nicht
bloß mich, einen Einzelnen, der dafür auf seine eigene Faust Rache
nehmen kann und wird, sondern den gesammten Adel des Landes. Bist
Du denn so blind, daß Du nicht siehst, was folgen, wie das weiter
und weiter gehen wird, bis es dahin gekommen ist, wohin er es haben
will, zu unserer völligen Unterwerfung? Dagegen müssen wir Alle wie
ein Mann aufstehen und reine Bahn machen. Und dazu giebt es nur
einen Weg: der Thiersteiner muß fort, aus dem Lande hinaus! ich sage
es noch einmal und bleibe dabei, sonst werden wir niemals Ruhe und
Frieden vor ihm haben. Unsere Ehre ist verletzt, unsere Freiheit ist
bedroht, Schmasman! Aus seinem eigenen Munde hast Du gehört, was er
mit uns vorhat und wozu er hergekommen ist. Wie kannst Du Dich da noch
bedenken! Willst Du Dich vor ihm bücken und demüthigen? Willst Du
Deinen Nacken unter das Joch beugen, an das uns gewöhnen zu können sich
dieser Mensch in seinem maßlosen Hochmuth einbildet? -- Gieb Antwort!
auf Dich und Deinen Entschluß kommt Alles an. Wenn Du uns vorangehst,
folgen wir Alle; ohne Dich vermögen wir nichts, mit Dir haben wir
gewonnen Spiel. Nun sprich, ob Du uns helfen willst oder nicht!«

Schmasman stand auf und schritt, die Hände auf dem Rücken, erregt im
Zimmer auf und ab. Burkhard beobachtete ihn verstohlen, störte aber
den noch schwer Kämpfenden jetzt mit keinem Worte. Viel hing für
den in herzklopfender Spannung Wartenden an der Entscheidung dieses
Augenblickes. Schmasmans Ja oder Nein bedeutete den Aufschwung oder den
Absturz seiner geheimen Hoffnungen.

Nach einer Weile trat dieser auf ihn zu und sprach: »Du hast Recht, und
ich bin einverstanden, daß wir Ernst machen gegen ihn und ihm Feind
werden.«

Burkhard wollte in seiner Freude vom Stuhle aufspringen, aber Schmasman
drückte ihn mit beiden Händen an den Schultern darauf nieder, und, ihm
fest in die Augen sehend, fuhr er fort: »Versprichst Du mir, Dich ohne
Hintergedanken der Führung und dem Befehle meines Bruders Wilhelm, der
unter uns Allen der Kriegskundigste ist, im Gang der Fehde unbedingt zu
fügen?«

»Ja, das verspreche ich.«

»Dann vorwärts! ich bin entschlossen,« sagte Schmasman und gab Burkhard
frei, der sich nun auch erhob. »Aber laß uns nichts übereilen, laß
uns vorerst in aller Stille Bundesgenossen werben. Sprich Du mit
Deinen Freunden Müllenheim und Dürkheim; ich werde mich mit Andlau und
Lützelstein in Verbindung setzen. Schade, daß sie nicht mehr hier sind;
sie wollten heute früh abreiten. Brauchen wir noch andere Hilfe, so
wird es uns daran gewiß nicht fehlen.«

»Je weniger Hilfe wir von Anderen brauchen, desto besser,« erwiederte
Burkhard. »Müllenheim ist heute nach Schlettstadt geritten, kommt
aber morgen wieder. Du behältst mich wohl morgen auch noch hier,
nicht wahr? ich möchte dem Pfeifergericht beiwohnen, Seppele's wegen.
Stephania und Bruno brechen heute Nachmittag auf.«

»Ihr seid unsere lieben Gäste, so lange es euch gefällt,« sagte
Schmasman und reichte seinem alten Waffenbruder die Hand.

»Abgemacht! wir sind einig,« sprach Burkhard, den Handdruck erwiedernd,
»und nun Gottbefohlen!«

»Wo willst Du hin?«

»Hinauf zu Wilhelm; ich habe versprochen, ihn auf Hohrappoltstein zu
besuchen. Darf ich ihm von unserem Abkommen Mittheilung machen?«

»Ja, thu das! aber er soll's noch geheim halten,« versetzte Schmasman.
»Auf Wiedersehen!«

Burkhard ging, und als er auf dem schattigen Waldwege den Berg
hinanstieg, sagte er sich: »Ohne Hintergedanken! was soll das heißen?
-- ich lege es mir so aus, daß ich nichts Arges über Wilhelms
Oberbefehl denken soll. Das will ich auch nicht, ich vertraue ihm, denn
er versteht sich aufs Kriegshandwerk besser als Einer von uns. Aber
innerhalb des Löwenthores ist es mit seiner Führung zu Ende, über die
Hohkönigsburg hat er nichts zu befehlen. Ich muß ihm die Nothwendigkeit
der Fehde nur im rechten Lichte zeigen, daß er mir nicht in die Karten
sieht; man muß Füchs' mit Füchsen fahen. Von Schmasmans Bedenken und
langem Sträuben braucht er nichts zu wissen. Also vorsichtig, Zunge im
Zaum, alter Eulenspiegel!« Er blieb plötzlich wie angewurzelt stehen.
»Gotts Blitz und Donnerschlag, die Eule! wo ist die Eule? die ist im
Rathskeller geblieben; hoffentlich hat sie der Schenk mir gut verwahrt.
Die Eule, die Eule zu vergessen!« Und über sich selber den Kopf
schüttelnd stieg er weiter.

Als Schmasman allein war, nahm er seine Wanderung hin und her im
Gemache wieder auf, und auch er überließ sich einem geflüsterten
Selbstgespräch: »Burkhard hat Recht, es muß sein, es geht nicht
anders, so schwer es mir auch wird, den Frieden zu brechen. Um die
Frauen thut mir's bitter leid, denen hätte ich das harte Schicksal
gern erspart. Aber mit dem Grafen ist auf die Dauer nicht auszukommen,
und Bedingungen für sein künftiges Verhalten läßt er sich nicht
vorschreiben. Oder vielleicht doch. Wenn er unsern einmüthigen,
entschlossenen Willen erkennt, seine Niederlage vor Augen sieht und ihm
zuletzt nur die Wahl bleibt, von der Hohkönigsburg auf Nimmerwiederkehr
zu weichen oder sich einem Vergleiche zu fügen, dessen ~stipulationes~
_wir_ bestimmen, so läßt er wohl zum Frieden mit sich handeln. Aber
es müßte ein fester Vertrag sein mit beiderseitig streng abgegrenzten
Rechten und Pflichten, schwarz auf weiß, besiegelt und beschworen.
Fragt sich nur, was die Anderen dazu sagen; -- sie werden einverstanden
sein, bis auf Burkhard. Der wird in den Zügel beißen und schäumen; aber
was will er machen? er allein kann nichts ausrichten gegen uns Alle.
Von Anfang an war er den Thiersteinern entschieden feindlich gesinnt;
was mag er nur haben gegen sie, daß er sie durchaus befehden und von
der Hohkönigsburg vertreiben will? Freilich, die Fehde muß angesagt
und ausgefochten werden. Wir müssen mit einer ansehnlichen Streitmacht
anrücken, und ein paar blutige Scharmützel müssen geliefert werden,
damit der Übermüthige unsern Ernst und Nachdruck fühlt. Mit dem Rüsten
könnte man immerhin schon langsam anfangen ohne die Zustimmung der
Freunde abzuwarten.«

Er hörte Schritte vor der Thür und öffnete. Sein Kämmerling war es, dem
er nun gebot: »Geh zum Grafen Egenolf, Reimar, und sag ihm, wenn er
schon von Giersberg zurück ist, ich ließe ihn bitten, zu mir zu kommen.«

Als Egenolf nach einigen Minuten bei ihm eintrat, empfing ihn Schmasman
mit den Worten: »Egenolf, Du mußt satteln und reiten, morgen schon.«

»Gern, Vater! wohin Ihr befehlt,« antwortete der Sohn.

»Das Wohin und Wozu ist ein Geheimniß, das ich Dir ohne Scheu
anvertraue; Du wirst es hüten, nicht wahr?«

»Unverbrüchlich, Vater!«

»In die Thäler mußt Du reiten, Egenolf, überall, wo Lehnsleute von uns
auf ihren Höfen sitzen, und ihnen bestellen, daß sie sich vorsehen und
rüsten sollen zur Gefolgschaft mit Wehr und Waffen, zu Roß und zu Fuß,
denn es ist eine Fehde im Anzuge.«

»Eine Fehde?« rief Egenolf mit freudig blitzenden Augen, »darf ich
fragen, gegen wen?«

Schmasman zögerte mit der Antwort, dann sagte er ruhig und fest: »Gegen
den Grafen Oswald von Thierstein auf der Hohkönigsburg.«

»Um Gotteswillen! was ist das? Vater, wie ist das möglich?« sprach
Egenolf tief erschrocken und unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.

»Es ist so, und es muß sein,« erwiederte Schmasman kurz.

»Eine wirkliche, ernsthafte Fehde, unvermeidlich, unabwendbar?«

»Unvermeidlich, wir haben's wohl erwogen, und schwer genug ist mir der
Entschluß geworden. Jetzt frage nicht weiter, ich kann Dir die Gründe
heute noch nicht mitteilen. Auch den Lehnsleuten sage nicht, gegen wen
sie kämpfen sollen, sie werden es zur rechten Zeit erfahren.«

Egenolfs Gedanken stürmten und wirbelten durch einander. Feindschaft,
Fehde gegen den Vater Leontinens! War das die Folge des Streites an der
Kapelle? Aber die beiden Herren hatten sich doch nachher versöhnt und
freundlich mit einander verkehrt? Unbegreiflich! wie war das gekommen,
und was sollte daraus werden? Sein Herz war dort oben, und sein Arm
sollte --, o es war entsetzlich. Und kein Davonkommen! da konnte auch
Imagina nicht helfen. Und was wird Loder sagen? Loder! -- schnell
durchzuckte es ihn, -- das -- das ginge, es wäre doch ein Aufschub,
wenn auch ein kurzer nur.

»Vater,« begann er, »ich soll nicht fragen, aber eine Bitte darf
ich wohl aussprechen. Gebt mir Hans Loder mit bei dem Auftrag! er
kennt alle unsere Leute im Wasigen und weiß mit ihnen zu reden und
zu verhandeln besser als ich. Ihr habt ihn schon öfter zu wichtigen
Sendungen verwandt, die er stets zu Eurer vollen Zufriedenheit
ausgeführt hat.«

»Gut, nimm den Hans mit,« erwiederte Schmasman, »und ich will ihn
selbst vorher noch sprechen; also überlaß es mir, ihn einzuweihen. Aber
da fällt mir ein, morgen ist ja das Pfeifergericht, da kann er nicht
abkommen, und heute hat er auch alle Hände voll zu thun und ist nicht
mehr zu haben. Nun, so große Eile hat es nicht; also übermorgen will
ich ihn sprechen, und den Tag darauf reitet ihr.«

Damit war die Unterredung zu Ende. Eine kleine Frist war mit dem Ausweg
gewonnen, aber weiter nichts, und Egenolf verließ seines Vaters Gemach
mit einem sehr schweren Herzen.



X.


Das Pfeifergericht. Das Wort hatte einen sehr verschiedenen Klang
in den Ohren der fahrenden Leute. Den Einen graute davor, weil sie,
irgend eines Vergehens angeklagt, ihrer Verurtheilung und Bestrafung
entgegensahen und das fröhliche Spielmannsfest für Manchen ein
trauriges Ende hinter Schloß und Riegel finden sollte. Die Anderen
aber freuten sich darauf, weil dabei allerhand lustige Dinge zu Tage
kamen und die Verhandlungen oft einen für die Zuhörer sehr ergötzlichen
Verlauf nahmen. In den Satzungen der Bruderschaft waren bestimmte
Vergehungen auch mit bestimmten Strafen bedroht, aber die tausend
Thorheiten, Seitensprünge und Schelmenstreiche, in denen sich das
leichtlebige Völklein so sehr gefiel, konnten unmöglich alle voraus
bedacht und verboten werden. So war es denn meist ein ungeschriebenes,
althergebrachtes Gewohnheitsrecht, das im mündlichen Verfahren
durchaus unparteiisch gehandhabt wurde, und die Entscheidungen waren
lediglich dem Ermessen des erkennenden Richters anheimgegeben, der
seine Beisitzer gelegentlich dabei zu Rathe zog. Dieser Richter, zu
dessen Gerechtigkeit die Fahrenden ein unbegrenztes Vertrauen hatten
und gegen dessen Urtheil es keinen Widerspruch und keine Berufung gab,
war Hans Loder, der Pfeiferkönig. Er, selber ein Spielmann und einer
alten Spielmannsfamilie entsprossen, war in der Lebensauffassung und
Denkweise von seines Gleichen aufgewachsen und alt geworden, fühlte mit
ihnen Lust und Leid und redete mit ihnen in ihrer Sprache, derb und
grobkörnig, frank und frei, so wie sie es liebten. Heute, nur heute,
trug er auf dem Haupte eine vergoldete Krone und um die Schultern
einen vorn zurückgeschlagenen hellblauen Mantel. So sah er in seiner
ehrwürdigen Stattlichkeit mit dem langen, grauen Barte fast aus wie
einer der heiligen drei Könige aus dem Morgenlande.

Die Gerichtsstelle war unter freiem Himmel auf dem Markte, damit
möglichst viel Volk zuhören konnte. An einem Tische, vor dem genügender
Raum für Kläger, Beklagte und Zeugen bleiben mußte, hatte Loder seinen
für ihn allein etwas erhöhten Sitz, und rechts und links neben ihm
saßen die vier Weibel.

Die Verhandlungen fingen früh Morgens an und mußten bis Sonnenuntergang
beendet sein. Die Aussagen wurden meist auf Treu und Glauben
hingenommen, oft aber auch durch Zeugen erhärtet. Versuchtes Leugnen
wurde schnell als haltlose Ausreden durchschaut, und sehr selten kam
es vor, daß einer Partei oder einem Zeugen ein feierlicher Eid gestabt
wurde, wozu der Pfeiferkönig die Befugniß hatte.

Bis Mittag, wo eine kurze Pause gemacht wurde, war bereits eine
erkleckliche Zahl mehr oder minder verzwickter Fälle erledigt.
Freigesprochen war Niemand, denn alle Vorgeladenen hatten irgend
etwas auf dem Kerbholz mit Ausnahme der wenigen, die selber als Kläger
auftraten.

Zu diesen Letzteren gehörte ein Fahrender, der nicht grade den Eindruck
hochkünstlerischer Begabung machte und doch wegen schwerer Kränkung
seiner Spielmannsehre den Schutz des Gerichtes anrief. Der Stättmeister
von Molsheim hatte ihn öffentlich einen elenden Geigenbuckler
geschimpft und behauptet, daß bei dem Kratzen und Schaben auf seiner
kreischenden Fiedel die Hunde heulten, die Menschen davonliefen und
das Bier in den Krügen sauer würde. Drei Ohrenzeugen bestätigten die
boshafte Schmährede, und der Beleidigte verlangte Genugthuung.

»Sollst Du haben, Gumpenberger!« tröstete ihn Loder, »das brauchst
Du Dir, auch wenn es mit dem Gekratz seine Richtigkeit hätte, nicht
gefallen zu lassen. Brich Dir einen handfesten Knüppel vom Zaune
und prügele damit den Schatten des Stättmeisters aus Leibeskräften
durch, wenn Du ihn erwischen kannst und er stillhält. Aber nimm Dich
in Acht, daß Du nicht statt seines Schattens den wohlgeborenen Herrn
Stättmeister selber triffst, denn das könnte Dir übel bekommen. Fertig!
weiter!«

Dem Nächsten wurde nachgewiesen, daß er es in der Gewohnheit hätte,
um nichts und wieder nichts so gottsjämmerlich zu fluchen, daß es
Einem kalt über den Rücken liefe. Kürzlich hätte er das sogar gethan,
als zufällig ein ehrwürdiger Pater vorübergegangen wäre, der sich vor
Schreck gleich dreimal hinter einander bekreuzt hätte.

»Schäme Dich, Wilwolt!« sprach Loder streng. »Gleich bittest Du's
unserer Mutter Erde ab, daß sie einen so wüsten Gesellen tragen und
nähren muß! Da knie nieder, schreib mit dem Finger ein Kreuz in den
Staub und küsse es reu- und demüthig mit Deinem gottlosen Munde.«

Wilwolt that, wie ihm geheißen war, und machte sich dann schnell davon,
froh, mit so leichter Buße losgekommen zu sein.

Jetzt traten auf den Wink eines der Weibel Kläger und Verklagter
zugleich vor. Der Ellernmüller aus dem Groß-Rumbachthale beschuldigte
den augenscheinlich mit einem schlechten Gewissen neben ihm Stehenden,
ihm aus seinem Kolk einen Fisch gestohlen zu haben.

»Boppel, was hast Du darauf zu erwiedern?« fragte Loder.

»Is nit wahr.«

»Was? Du alter Heckenkriecher, Du hängemäßiger Dieb Du, nit wahr
wär's?« rief der Müller entrüstet. »Ich hab ihn ja damit weglaufen
sehen. Des Morgens ganz früh war's, als ich aus der Mühle kam und das
Schütz ziehen wollte, ganz deutlich hab ich ihn kennt, ich schwör's so
hoch wie der Knopf auf dem Kirchthurm ist.«

»Nu, reiß nur's Maul nit so weit auf mit Dei'm Geschrei um so e klei's
Fischle wege.«

»Klei's Fischle?« fuhr der Müller auf ihn los, »ein fünfpfündiger Hecht
war's! er hatt' ihn unterm Mantel, aber dem Fisch sein Schwanz hing
eine Spanne lang drunter vor; ich hab's gesehn, mit diesen meinen Augen
hab ich's gesehn, Du Galgenstrick!«

»Boppel, was sagst nu?« fragte Loder wieder.

»Is scho recht, das Mäntle war e bissel zu kurz,« gab Boppel klein bei.

»Du zahlst dem Ellernmüller den doppelten Werth vom Hecht und liegst
fünf Tage lang im Thurm bei Wasser und Brod,« verfügte Loder. »Damit
hast Du für diesmal Deinen Bescheid; ein andermal häng einen längeren
Mantel um oder stiehl einen kürzeren Fisch.«

Darauf kamen zwei Frauenzimmer, ein altes, verschrumpeltes Weiblein und
ein Mädchen mit jugendlich offenen Zügen und sicherem Auftreten.

»Wer ist denn das?« fragte Loder.

»Das ist Ammarei, genannt Schellenfünf,« belehrte ihn einer der Weibel,
Syfritz war es.

»Meiner Seel, die Schellenfünf!« lachte Loder. »Und Du altes,
gebrechliches Bettelmenschel lebst auch noch und quinkelierst immer
noch auf Deiner Quinterne herum?«

»Ja, das thu ich, und besser als manche Junge,« erwiederte die Alte mit
einem giftigen Seitenblick nach ihrer Gegnerin.

»Was willst Du denn hier?«

»Das unverschämte Ding, das Kätherlin, hat mir einen Maienbaum mit
Zipollen und Knoblauch auf meinen Acker gestellt und mir damit Schimpf
und Schande angehenkt,« klagte Ammarei.

»Die alte, hämische Neidliese hat mir aus lauter Niederträchtigkeit
meine Harfe verhext, daß die Saiten nicht mehr stimmen wollen, hat mich
beschrieen, ich sänge falsch, und mir auch sonst noch allerlei üble
Nachrede gemacht mit ihrem garstigen Klatschmaul,« behauptete Kätherlin
mit großer Zungenfertigkeit.

»Sie hat mich Hexe gescholten, mit dem Finger auf mich gezeigt und die
Dorfbuben auf mich gehetzt, daß sie mit Steinen nach mir geschmissen
haben,« keifte die Alte.

»Was bist Du denn sonst als eine gräulige, schwarzgallige Wetterhexe,
die keiner Anderen einen ehrlich verdienten Batzen gönnt?«

»Und Du flattriges Geschöpf, das alle vier Wochen einen anderen
Liebsten hat, --«

»Nicht einmal einen Liebsten gönnt es mir, das alte, verlumpte
Scheusal,« lachte Kätherlin.

»-- Du verdientest soviel Hiebe wie Du Haare auf dem Kopfe hast, Du
Grasaffe, Du Zierpuppe, Du Satanskind, Du --«

»Ruhe!« donnerte der Pfeiferkönig und schlug mit der Hand auf den
Tisch. »Ihr scheint euch nicht gut vertragen zu können; das müßt ihr
lernen. Ihr kommt drei Mittage eine Stunde lang auf den Kak in den
Beißkasten, da könnt ihr euch zanken und schimpfen, bis ihr heiser
werdet. Fort mit euch!«

Die Meister nahmen die alte Lautnerin und die junge Harfenistin wie
Alle, die zu einer Strafe verurtheilt wurden, in Empfang und führten
sie ab.

Nun erschienen ihrer Drei vor dem Richterstuhle, ein alter
heruntergekommener Mensch mit allen Kennzeichen eines Trunkenboldes,
seine blühende Tochter, eine Zitherspielerin, und ein junger,
kräftiger Mann, der Luftspringer war. Dieser beklagte sich, daß der
Alte seiner Tochter verwehrte, sich mit ihm zu verehelichen, alltags
auf der Bärenhaut läge, wenn er nicht in der Schenke säße, und das
Mädchen allein für seinen Unterhalt sorgen ließe.

»Dich kenn' ich, Schuddebuddel!« sagte Loder, »kannst Du Dich denn mit
Deinem Dudelsack nicht selber ernähren?«

»Nein,« stöhnte der Alte und tupfte sich mit der Hand auf seine
eingefallene Brust, »es geht nicht mehr, hier -- hier -- keinen Athem
mehr.«

»Weil Du Dir den Hals abgesoffen hast, Du alter Weinschlauch!«
fuhr ihn Loder an. »Natürlich, wenn man den lieben langen Tag in
der Lumpardei sitzt, ein Schöpple nach dem andern hintergießt und
dann bei nachtschlafender Zeit in voller Unsinnigkeit an den Wänden
heimschleicht, wo soll denn da die Puste zum Blasen herkommen? Das ist
eines ehrbaren Spielmannes gänzlich unwürdig.«

»Hm!« machte Schuddebuddel, »hab all mein Lebtag gehört, von hundert
Spielleuten süffen neunundneunzig gern.«

»Will's nicht in Abrede stellen,« erwiederte Loder, »aber Alles mit
Maßen. Einem paar Gutgesellen die Becherlein leeren helfen oder auch
mit einem alten Kumpan an einem hohen Festtag einmal einen starken
Trunk thun, dagegen hab ich nichts, aber Du treibst das Tag für Tag
über allen menschlichen Verstand und Glauben.«

Schuddebuddel nickte blöde vor sich hin und seufzte: »Ja, es ist ein
schweres Leiden, das ich mir aus dem Dudelsack durch das fleißige
Blasen zugezogen habe. Von der grausamen innewohnenden Lebertröckne
kann mich nun kein Baucharzt und kein Schneidarzt mehr kuriren.«

»Ich würd's schon fertig bringen,« lachte Loder. »Du solltest zwischen
dem Blasen des Hirten, wenn er austreibt und wenn er wieder eintreibt,
keinen Tropfen mehr in Deine rostige Kehle kriegen und auf der
Wirthsbank die Nachtglock nicht mehr läuten hören. Jetzt sage mir,
warum Du Deine Tochter nicht heirathen lassen willst.«

Der Alte schwieg.

»Christinel, sprich Du!« gebot Loder.

»Der Vater sagt, er könnte mich nicht entbehren und müßte elend
verhungern, wenn ich nicht für ihn sorgte. Er schickt mich aus, daß
ich mit meiner Zither Geld verdienen soll, und wenn ich nicht genug
nach Hause bringe, schilt er mich aus und schlägt mich,« erwiederte das
Mädchen traurig und verschämt.

»Ich hab auch schon beigesteuert von meinem Verdienst,« fiel der
Luftspringer ein, »aber das will Christinel nicht mehr annehmen, weil
der Alte doch Alles versäuft, was er in die Hände kriegt. Nach lang
gehabter Geduld klagen wir nun, ob Ihr uns helfen könnt, daß wir zu
einander kommen.«

»Landolin, kannst Du eine Frau ernähren?« fragte Loder.

»Ei, das will ich meinen!« lachte Landolin mit dem ganzen Gesicht, »sie
soll's gut bei mir haben.«

»Schuddebuddel, hast Du gegen den Landolin als Eidam etwas einzuwenden?«

»Das grad nit.«

»Hast gar kein Grund und Ursach, den Beiden die Ehe zu hindern?«

»Sonst keinen, aber wovon soll ich denn in meiner großen Armuth leben,
wenn sie heirathen? Als junges Ehevolk werden sie mir nichts mehr
gunnen und geben.«

Da erhob sich Loder von seinem Sitz und sprach: »Euch beiden, die ihr
euch lieb habt, will ich helfen. Kraft der in meiner Hand ruhenden
Ambacht des Königreiches fahrender Leute ertheile ich hiermit im Namen
der ganzen Bruderschaft meine Einwilligung, daß Du, Landolin, und Du,
Christinel, mit einander in die Ehe tretet, heut oder morgen, wann
es euch gefällt. Führt sie euer Leben lang in Ehren und Freuden, und
der allmächtige Gott gesegne sie euch! Allen Brüder Spielleuten aber
verbiete ich hiermit auf das Eindringlichste unter Androhung schwerer
Buße, fürderhin bei einem Wirthe aufzuspielen, der diesem alten
Suferle, dem Schuddebuddel, sei es bezahlt, sei es geschenkt, mehr als
ein Becherlein zur nothdürftigen Löschung des Durstes verzapft oder
verzapfen läßt. -- So!« schloß er, sich wieder setzend, »das nimm in
Dein Ohr, wisch' Dir's Maul und scher' Dich weg, Du Rabenvater! Was
giebt es weiter?« wandte er sich dann zu den Weibeln.

Schuddebuddel zog, tonlos die Lippen bewegend, verdrießlich ab.
Landolin und Christinel aber blickten sich glückselig in die Augen und
verschwanden Hand in Hand in der ihnen zujubelnden Menge.

»Halberdrein und Dürrschnabel wegen der Strohpuppe,« kam von den
Beisitzern die Antwort auf Loders Frage.

»Gut! tretet mal vor, ihr beiden Missethäter!« befahl Loder.

Zwei Spielleute, zwei ganz verwegene Gesellen ihrem Äußeren nach, kamen
heran.

»Ihr habt,« begann Loder, »laut Beschwerde der Patres von der Abtei
Murbach im Klostergarten dort eine lebensgroße Strohpuppe aufgestellt,
mit einer Mönchskutte angethan und mit einem Eselskopfe versehen,
dessen Ohren lang durch zwei Löcher aus der Kapuze herauslugten. Wie
seid ihr in den Garten gekommen?«

»Über die Mauer,« sagte Halberdrein.

»Wo habt ihr die Kutte her?«

»Gefunden,« erwiederte Dürrschnabel.

»Und den Eselskopf?«

»Vom Schinder gekauft.«

»So! gefunden und gekauft; ihr irrt euch doch nicht?« fragte Loder.
»Wer oder was hat euch denn zu dem Malefiz aufgewiegelt?«

»Das fügte sich dergestalt,« nahm Dürrschnabel das Wort. »Ich zog mit
meinem geheimen und guten Gesellen auf Murbach zu, wo wir das Abendmahl
nehmen wollten, und blieben zu Herberg in einem Dorf, weil da grade
die Kirchweih im Schwange war. Anderen Tages kamen wir in Murbach an,
aber die Mönche wollten uns auf all unser standhaft fleißig Bitten
nicht zum Abendmahl zulassen, weil wir als Spielleute ehrlos, echtlos
und rechtlos wären, und das sind wir doch nicht mehr.«

»Nein, das sind wir nicht mehr,« erklärte Loder. »Kaiser Karl IV. hat
uns ein Wappen verliehen und uns damit ehrlich gemacht, und der heilige
Vater Sixtus -- Gott segne ihn dafür! -- hat uns vom Kirchenbann
gelöst und verordnet, daß man fortan auch den fahrenden Leuten das
Sakrament reichen soll wie andern Christenmenschen. Ihr waret also in
eurem guten Rechte, und es ist ja sehr erfreulich, daß euch nach der
Gnadenspende so sehnlich verlangt hat; eure Sünden müssen euch nicht
schlecht auf eurer armen Seele gebrannt haben. Aber der Zaunpfahlwink
mit dem Eselskopf nach der frommen Weisheit der Gesalbten ist derb und
deutlich, und ihr habt euch fahrenden Fußes nach der Abtei Murbach
zu begeben und das Kapitel kniefällig mit Entdeckung des Hauptes und
mit lauten Worten um Verzeihung zu bitten. Hoffentlich wird man euch
dort bei euren eigenen Eselsohren nehmen und euch eine namhafte Buße
auflegen. Da freßt es aus, was ihr euch eingebrockt habt. Dann aber
verlangt ihr die Darreichung des heiligen Abendmahles, und wird sie
euch nochmals verweigert, so bestellt ihr dem hochwürdigsten Abte: ich,
Hans Loder, der König aller fahrenden Leute im Wasigen, forderte für
euch das Sakrament, und wenn er euch das abschlüge, so würde ich ihn
bei Seiner Gnaden dem Bischof von Basel und, wenn's sein müßte, bei
Seiner Heiligkeit dem Papste in Rom verklagen. Gehabt euch wohl, und
Glück auf die Reise!«

Als Nächste kamen vier Spielleute an die Reihe, von denen drei gegen
einen klagten und der Eine sich über die Drei beschwerte. Sie waren
sämmtlich Bläser und hatten ihre Instrumente umgehängt bei sich,
Clarete, Zinke, Krummhorn und Flöte. Die abenteuerlichen, überaus
drolligen Gestalten, in denen sich die denkbar stärksten Gegensätze
menschlicher Erscheinungen ausprägten, erweckten schon bei ihrem
Vortreten Gespött und Gelächter.

»Ihr habt Schelt- und Schlaghändel unter euch gehabt,« redete sie Loder
an, »ihr Drei habt dem Muffel eine fließende Wunde geschlagen. Wie
kommt ihr dazu?«

»Es war auf dem Sebaldusmarkt in Thann,« gab Werlin, der Zinkenist,
zur Antwort. »Da wurde groß Wunder von Wein geschenkt, und Abends in
der Zech, als das Becherlein umging, sind wir einander in die Haare
gefallen.«

»Warum?«

»Wir hatten zum Tanz aufgespielt, und der Muffel hatte mit seiner
Clarete immer falsch dazwischen geblasen, mit Willen falsch, uns
zum Tort falsch geblasen. Es war zum Steinerbarmen, er hat uns beim
Zusammenspiel ganz aus der Wiege geworfen.«

»Muffel, hast Du mit Willen falsch geblasen?« fragte Loder.

»Nein! ganz und gar nicht; die Drei haben falsch geblasen, daß
unser Spiel nicht mehr stimmte und in Verwirrung kam. Da wollte ich
ihnen recht laut den richtigen Ton angeben, damit sie sich wieder
hineinfänden.«

»Mach' uns hier keine Schneckentänze vor!« sagte Werlin. »Warum hast
Du uns denn bei Deinem mißtönigen Getute jedesmal so boshaft und
schadenfroh über Deine Clarete weg angegrinst?«

»Weil ich euch ärgern wollte und euch nicht mehr traute, denn ihr
hattet mich Abends vorher beim Theilen schmählich übers Ohr gehauen,
ich hab's wohl gemerkt.«

»Das ist nicht wahr,« rief Rulin, der mit dem Krummhorn. »Er hat _uns_
betrogen; wir haben's gesehen, daß er beim Einsammeln eine Handvoll
Rappen über Seite gebracht und heimlich eingesackt hat. Dafür haben wir
ihn denn mit Pfirter Münz ausgezahlt.«

»Das heißt, ihr habt ihn durchgeprügelt.«

»Ja! nur noch nicht genug, er hätte mehr verdient.«

»Falsch geblasen hab ich, und mit Willen, daß ihr's nur wißt! aber beim
Einsammeln hab ich nichts eingesackt.«

»Wir haben's Alle gesehen,« riefen die drei Anderen wie aus einem Munde.

»Nein! ihr habt mich beim Theilen zu kurz kommen lassen.«

»Das kannst Du nicht beweisen,« hielt ihm Wurant, der Flötist, entgegen.

»Mir könnt ihr auch nichts beweisen.«

»Was fangen wir nun mit den vier Herzensbrüdern an?« wandte sich Loder
an die Beisitzer.

»Erwiesen ist nichts bis auf das Falschblasen und die Prügel,«
antwortete einer der Weibel.

»Nein, aber es scheint, sie sind sich gegenseitig nichts schuldig
geblieben,« meinte der zweite.

»Ja, das ist Gurr wie Gaul,« lachte Syfritz, der dritte, »ein Barbier
schneid't dem andern die Haar.«

»Die Prügel müssen wir ihnen ankreiden,« schloß der vierte.

Loder entschied: »Muffel, ein Spielmann, der mit Willen falsch
bläst, ist in meinen Augen ein erbärmlicher Wicht. Die Prügel
hast Du verdient, und ich will sie Dir als Strafe anrechnen. Aber
als abscheuliches Beispiel und zur offenbaren Warnung vor Deiner
gefährlichen Clarete sollst Du zwei Wochen lang mit verkehrt
angezogenem Wamse laufen, das Futter nach außen, damit man den
Vogel gleich an seinen Federn erkennt. Ihr andern Drei büßt für den
Schlagfrevel jeder zwei Pfund Wachs an die Kapelle unserer lieben Frau
vom Dusenbach; damit werdet ihr wohl begnügig und zufrieden sein. --
Nun?«

Der älteste Weibel erhob sich und rief: »Seppele von Ottrott! -- --
Seppele von Ottrott zum zweiten! -- -- Seppele --«

»Komme schon!« tönte es aus der Menge, und Seppele trat mit seiner
Laute vor.

»Seppele,« begann Loder, »Du bist wieder desselben Schabernacks wegen
angeklagt wie voriges Jahr, wo Du drei Tage dafür im Loch gesessen
hast. Es ist männiglich kund, daß Du als vielbeliebter Sänger und
Spielmann in allen Schenken freien Trunk hast, nur nicht beim
Falkenwirth in Grendelbruch; um welch einfältiger Ursach willen' weiß
ich nicht. Um Dich dafür, daß Du Deine Zeche bei ihm bezahlen mußt,
an ihm zu rächen, hast Du ihn in bösen Leumund gebracht und hast, ihn
in seinem Gewerbe zu schaden, überall das Geschrei herumgetragen, der
Falkenwirth fälschte und verwässerte seinen Wein und müßte dieser
unmenschlichen Sünde wegen dermaleins ewig in der Hölle brennen. Das
wirst Du wohl nicht leugnen wollen.«

»Bei Leibe nicht!« erwiederte Seppele, »das ist die reine Wahrheit. Wie
soll denn ein Wirth in den Himmel kommen, der unserm Herrgott die Kunst
abgeluchst hat, aus Wasser Wein zu machen?«

»Hast Du ihn schon einmal beim Manschen und Panschen ertappt?«

»Das nicht, aber geschmeckt hab ich's; Bauchgrimmen kriegt man von
dem Gesöff, aber ein ehrliches Räuschlein kann man sich davon nicht
antrinken.«

»Und das ist ein Jammer, meinst Du?«

»Jammer und Schade um den schönen Durst! Weißt doch, Hans, 'ne
Spielmannskehle --«

»Ja, ja, aber nun hast Du kürzlich ein trutziges Spott- und
Schelmenlied auf den Falkenwirth gemacht und auf allen Bänken sechs
Meilen in der Runde gesungen; das hat Anstoß und Ärgerniß gegeben.«

»Anstoß und Ärgerniß? gelacht haben sie, daß ihnen die Thränen über die
Backen gelaufen sind. Soll ich's euch vorsingen?« sagte Seppele und zog
schon die Laute vom Rücken hervor.

»Hier vor Gericht?«

»Warum denn nicht?«

Loder warf rechts und links einen fragenden Blick auf die Beisitzer.
Diese nickten ihm zu, und aus der Menge rief man: »singen! singen!«

Seppele hatte schon angefangen, eine lustige Weise zu klimpern und bat:
»Laß mich's doch singen, Hans!«

»Du neundrähtiger Erzschalk denkst uns damit milder gegen Dich zu
stimmen; wir sollen auch lachen und Dich dann ungerupft laufen lassen,«
sagte Loder. »Weit gefehlt! schrei' nicht juh, ehe Du über den Graben
bist! Aber meinetwegen laß Dein nichtsnutziges Schelmenstück hören.«

Da griff Seppele kräftig in die Saiten und sang.

    Der Falkenwirth zu Grendelbruch
    Verscheucht sich selbst die Zecher,
    Auf seinem Weine ruht ein Fluch
    Im Fasse wie im Becher.
    Wer von dem Krätzer trinkt, den packt
    Er an mit Weh'n und Leide,
    Der kriegt, daß sie ihn zwickt und zwackt,
    Die Kränk ins Eingeweide.

    Zu Grendelbruch beim Falkenwirth
    Da hat sich in den Keller
    Vom Berge her ein Quell verirrt,
    Ein kühler, sprudelheller.
    Der fließt in aller Fässer Spund,
    Mischt Wasser zu dem Weine,
    Daß für des Trinkers Dürstemund
    Sich Halb und Halb vereine.

    Der Falkenwirth zu Grendelbruch
    Thut nicht allein verwässern,
    Er lernt' aus einem Kräuterbuch
    Den Wein auch bös verbessern.
    Mit Bittersalz und Honigseim
    Und starken Wurzelsäften
    Bringt er den Froschtrank ins Geheim
    Zu wunderbaren Kräften.

    Zu Grendelbruch den Falkenwirth,
    Den holt einmal beim Sterben
    Der Teufel, der ihn schlau gekirrt,
    Ins höllische Verderben.
    Dem Falkenwirth zu Grendelbruch
    Will ich den Grabstein stiften:
    Hier ruht, der einst stand im Geruch,
    Die Gäste zu vergiften.

Das Lied wurde mit einem Ausbruch allgemeiner Heiterkeit belohnt,
deren sich auch Loder nicht erwehren konnte. Er sprach: »Wenn ich Dich
auch mit lachendem Munde abfertige, Seppele, so muß ich doch nach
Deinem Verschulden mit Dir handeln und kann Dir das freche Lied nicht
ungeschenkt und ungestraft hingehen lassen, mein allerliebster Gesell!
Du bist im Rückfall; voriges Jahr hast Du drei Tage krumm gelegen, heut
wanderst Du dreimal drei Tage in den Thurm.«

»Ich biete für jeden Tag ein Pfund Wachs, wenn Ihr ihn freilaßt,« rief
laut eine Stimme aus dem Hintergrunde.

»Wer spricht da?« fragte Loder streng. »Wart Ihr es, Herr von
Rathsamhausen?«

»Jawohl, ich war es, Herr Pfeiferkönig,« erwiederte Burkhard, der sich
unbemerkt dem Hörerkreise angeschlossen hatte, »die Strafe ist zu hart
und darum ungerecht. Ich wiederhole meinen Sühnevorschlag: neun Pfund
Wachs für eure Kapelle.«

»Das Urtheil ist gefällt,« sprach Loder. »Ich entscheide hier als
Richter weder um Liebe noch um Leid und um keines der Dinge, die Sonne
oder Mond bescheint. Niemand hat mir dreinzureden, weder Bischof noch
Bader.«

»Oho! Ihr vergeßt, mit wem Ihr sprecht.«

»Durchaus nicht, ich weiß, daß ich es mit dem Herrn von Rathsamhausen
zu thun habe. Man kennt den Herrn am Gesind wie das Wetter am Wind.«

»Ich frage noch einmal: nehmt Ihr mein Angebot an? besinnt Euch wohl!«
kam es drohend von Burkhards Lippen.

»Da ist nichts zu besinnen, ich nehme es _nicht_ an, und damit hat die
Sach ein Ende, ich stehe Euch nicht mehr Rede.«

Burkhard wandte sich, in blitzblauem Ärger einen Fluch murmelnd, ab und
schritt der Herberge zu, das Satteln seines Pferdes zu bestellen.

Jetzt trat der älteste Beisitzer vor den Tisch des Richters und
meldete: »Pfeiferkönig, die Sonne ist untergegangen.«

Loder erhob sich und sprach, allem Volk vernehmlich: »Liebe Gesellen,
die Sonne ist untergegangen, Jedem ist Recht und Keinem ist Unrecht
geschehen, ich schließe das Pfeifergericht. Friede sei mit euch
Allen, hier und dort, unter Dach und unter freiem Himmel, allzeit und
allwege!« Dann nahm er die Krone vom Haupte und legte den Mantel ab,
beides dem Weibel in Verwahrung gebend.

Die Menge blieb noch auf dem Platze, in froher Unterhaltung durch
einander wogend. Loder wurde von manchem Fahrenden angesprochen, und
mancher warme Händedruck ward ihm zu Theil. Dann ging auch er zur
Herberge, wo soeben Burkhards Pferd gesattelt vorgeführt wurde. Er nahm
es dem Knecht ab und sagte: »Geh nur, Schackebel, ich werde dem Herrn
von Rathsamhausen den Bügel halten.«

Bald trat Burkhard aus der Thür des Gasthauses und blickte sich auf der
noch immer sehr belebten Gerichtsstelle davor suchend um. Da er nicht
fand, was er suchte, wollte er sich in den Sattel schwingen ohne Loder,
der auf der anderen Seite des Pferdes stand, zu bemerken. Da hörte er
sich bei Namen rufen, drehte sich schnell um und antwortete: »Jost!
kommst Du endlich? mir lieb, daß ich Dich noch sehe.«

Müllenheim trat an Burkhard, der schon den Zügel gefaßt hatte,
heran, und Burkhard sagte frohlockend: »Gute Botschaft, Jost! die
Rappoltsteiner hab ich glücklich herumgekriegt. Mit Schmasman hielt es
schwer, aber endlich hat er zugesagt, fest zugesagt, mit seiner ganzen
Macht aufzuziehen. Und dabei hat er keine Ahnung, für _wen_ er die
Hohkönigsburg stürmen soll.«

»Hat er keinen Verdacht auf Dich?«

»Nicht den geringsten; der wird sich wundern, wenn wir ihm da oben die
Binde von den Augen nehmen. Ich denke, wir feiern heuer hinter dem
Löwenthor fröhliche Weihnachten, und dann seid ihr _meine_ Gäste.«

»Hilf Gott!« sagte Müllenheim und lachte.

Dann schüttelten sie sich die Hände, Müllenheim ging fort, und Burkhard
saß auf. Jetzt erst sah er, wer ihm den Bügel hielt. »Was? Du?« rief er
verwundert, halb erschrocken.

»Ja, das ist Euch wohl noch nicht begegnet, Herr von Rathsamhausen, daß
ein König Euch den Bügel hielt,« sagte Loder. »Ich wollte Euch damit
nur zeigen, daß ich Euch nichts nachtrage wegen Eures Widerspruchs
gegen mein Urtheil.«

»Du mir was nachtragen? das wäre noch schöner!« höhnte Burkhard. »Ich
aber werde es Dir schwarz anstreichen, daß Du mir meinen Seppele
eingesperrt hast. Nimm Dich vor mir in Acht, Schnurrpfeiferkönig!« und
mit einem grimmigen Blick ritt er ab.

Loder stand und schaute ihm wie vor den Kopf geschlagen nach. Nicht
der ausgestoßenen Drohung wegen, die kümmerte ihn wenig. Aber er hatte
die von Burkhard unvorsichtig laut geführte Unterhaltung mit Jost von
Müllenheim Wort für Wort verstanden. »Schmasman hat keine Ahnung, für
_wen_ er die Hohkönigsburg stürmen soll,« und »Weihnachten seid ihr da
oben _meine_ Gäste.« So hatte er's mit seinen scharfen Spielmannsohren
aus Burkhards Munde gehört. Was hatte das zu bedeuten? er konnte sich
keinen Vers daraus machen, und kopfschüttelnd wandte er sich und
schritt des Weges dahin, wo ihm ein erquickender Abendtrunk im Kreise
trauter Gesellen winkte.



XI.


Als am anderen Morgen Graf Schmasman mit den Seinigen das Frühmahl
eingenommen und sich in sein Zimmer hinauf begeben hatte, folgte ihm
ein wenig später seine Gemahlin dahin nach. Das war sonst nicht ihre
Gewohnheit, aber Schmasman wunderte sich über ihr Kommen nicht, denn er
konnte sich schon denken, was sie zu ihm führte.

»Dich drückt die Neugier, mein Alterchen,« sprach er lächelnd zu ihr,
ehe sie selber ein Wort gesagt hatte.

»Dich drückt etwas viel Schwereres, Schmasman,« erwiederte sie mit
einem forschenden Blick in sein Angesicht. »Hinter Deinem grübelnden
Schweigen, das mir in diesen letzten Tagen an Dir sehr aufgefallen ist,
steckt ein Geheimniß, von dem ich meinen Antheil verlange; deßhalb
komme ich.«

»Gern verschwiege ich es Dir,« gab er ihr zur Antwort, »aber Du wirst
die Harnische bald genug rasseln hören, und dann läßt sich's doch nicht
mehr verbergen. Wir Männer müssen auf die Gäule.«

»Eine Fehde?«

»Ja, eine Fehde, und was meinst Du, gegen wen?«

»Doch nicht gegen die Thiersteiner?«

»Gegen die Thiersteiner.«

»O mein Gott!« rief sie, »was ist denn geschehen?«

»Geschehen ist bis jetzt noch wenig,« erwiederte er, »aber es droht
etwas, das nicht geschehen soll und nur mit Gewalt zu verhindern ist.«

»Gieb mir keine Räthsel auf, Schmasman!« sprach sie ungeduldig und
ängstlich zugleich. »Was hat Dir Graf Oswald angethan? Ich denke, euer
Wortwechsel an der Kapelle ist ausgeglichen.«

»Vollkommen, aber das war nur das Vorspiel.«

»Das Vorspiel wovon? wozu? ich verstehe von alledem kein Sterbenswort.«

»Am ersten Pfeifertage ist es Abends im Rathskeller zum Klappen
gekommen.«

»Ach so! bei den großen Pokalen,« lachte sie spöttisch. »Der Graf hat
wohl den schönsten für sich begehrt bei eurem Gelage? schrecklich!«

»Den hätten wir ihm wohl überlassen, aber die Sache ist für uns Alle
sehr ernsthaft geworden. Da setze Dich hin und höre zu!«

Nun erzählte Schmasman der aufmerksam Hörenden ausführlich den Verlauf
und schlimmen Ausgang der Abendzeche und schloß: »Du wirst einsehen,
daß man so gefährlichen Drohungen gegenüber die Hände nicht im Schoß
halten kann.«

»Das sind Worte, in der Weinlaune gesprochen,« sagte die Gräfin, »ein
Becherstreit mit heißen Köpfen, der in der nächsten Morgenkühle wie
ein Rausch aus dem Hirn verflogen und vergessen ist.«

»So dachte ich Anfangs auch, habe mich aber überzeugen müssen, daß
unsere Freiheiten und Rechte gefährdet sind; zu spät geschützt heißt in
diesem Falle unwiderbringlich verloren.«

»Du hast Dich von Burkhard davon überzeugen _lassen_, willst Du sagen.«

»Nun ja, man kann nicht Alles mit eigenen Augen sehen.«

»Schmasman, traue dem Ottrotter nicht zuviel! er ist hinterhaltig und
stets auf seinen Vortheil bedacht.«

»Herzelande! er ist mein alter Waffenbruder!« sprach Schmasman im Tone
des Vorwurfs.

Die Gräfin schürzte die Lippen und sagte: »Ja, Du hältst ihm die Treue,
aber ob er Dir --?«

»Aber Herzelande!« sprach Schmasman noch einmal, »wie kannst Du --«

»Was habt ihr denn mit dem Thiersteiner vor?« unterbrach sie ihn.

»Mit einem Worte: ihn von der Hohkönigsburg zu vertreiben und ihn
wieder dahin zu schicken, wo er hergekommen ist,« erwiederte Schmasman.

»Schmasman!« rief Herzelande und schlug die Hände zusammen, »das wird
ja keine Fehde, das giebt einen Krieg.«

»Wenn Graf Oswald nicht einlenkt, -- wohl möglich.«

»Die armen, armen Frauen!« jammerte Herzelande.

»Die thun mir auch leid,« gestand Schmasman, »aber ich kann ihnen nicht
helfen.«

In diesem Augenblick trat Egenolf ein und ahnte sogleich, was die
Anwesenheit seiner Mutter zu dieser Stunde hier zu bedeuten hatte. »Ich
wollte nur fragen, Vater,« sprach er, »ob sich Loder schon bei Euch
gemeldet hat; ich habe ihn auf heute Morgen herbestellen lassen.«

»Noch war er nicht hier,« sagte Schmasman.

Herzelande trat an ihren Gemahl heran und fragte leise: »Weiß Egenolf
von der Sache?«

»Ja,« entgegnete Schmasman, »aber die Gründe kennt er nicht.«

»Egenolf,« wandte sie sich nun zu dem Sohn, »der Vater will gegen den
Grafen Thierstein zu Felde ziehen.«

»Könnt' ich's nur hindern, Mutter!« kam es bedrückt von Egenolfs
Lippen. »Aber ich soll heute noch mit Loder reiten und die Lehnsleute
aufbieten.«

»Also so weit ist es schon.«

»Ich bin ja noch nicht im Sattel, Mutter!« tröstete er sie in der
stillen Hoffnung, daß es ihr am Ende gelänge, den Vater von dem
grausamen Plane noch abzubringen. »Darf ich jetzt vielleicht wissen,
Vater,« fuhr er fort, »was euch Herren mit dem Grafen Oswald verfeindet
hat?«

»Wir haben im Rathskeller einen hitzigen Streit mit ihm gehabt,«
erwiederte Schmasman. »Dabei kam es heraus, daß er es auf die
Verkürzung und Verkümmerung unserer Freiheiten und Standesrechte
abgesehen hat. Ein böses Wort gab das andere, und zuletzt schlug Graf
Oswald unserem Freunde Burkhard die Eule vom Kopfe. Burkhard griff zum
Dolche, und wir konnten ihn in seiner Wuth kaum bändigen.«

»Und darum sollen die Thiersteiner von der Hohkönigsburg herunter?«

»Ja.«

Egenolf und Herzelande schwiegen.

Jetzt wurde Loder gemeldet.

Als er hereinkam, reichte ihm Schmasman die Hand und sprach: »Hans,
Du mußt den alten, dicken Schimmel besteigen und mit Graf Egenolf zu
unsern Lehnsleuten traben. Sie sollen sich bereit halten, mit ihrem
reisigen Zeug zu uns zu stoßen, sobald ich sie rufen werde. Du kennst
sie am besten und sollst sie dazu aufmahnen. Und damit Du Bescheid
weißt, um was es sich handelt, theile ich Dir im Vertrauen auf Deine
Verschwiegenheit mit, daß wir dem Grafen Thierstein absagen, die
Hohkönigsburg stürmen und ihn daraus vertreiben wollen.«

»Das weiß ich schon, Herr Graf,« sagte Loder ruhig.

Schmasman warf einen strengen Blick auf seinen Sohn.

»Von mir nicht, Vater,« sprach Egenolf.

»Von wem dann?« fragte Schmasman unwillig.

»Von Herrn Burkhard von Rathsamhausen, für den ja die Hohkönigsburg
gestürmt werden soll, damit er mit seinen Gästen dort fröhliche
Weihnachten feiern kann,« kam es von Loder heraus.

»Was ist das? bist Du toll geworden, Alter?« brauste Schmasman auf.

»Ich habe es aus Herrn Burkhards eigenem Munde, daß er Euch dazu
herumgekriegt hat, Herr Graf,« erwiederte Loder mit derselben Ruhe wie
vorher. »Hättet Ihr mich nicht herbefohlen, so wäre ich von selber
gekommen, um Euch zu melden, was mir von Ungefähr wie ein Mücklein in
die Ohren geflogen ist und wovon mein Herz mir nichts Gutes weissagte.
Ich dachte mir dabei: das heißt doch, Einem den Münsterthurm von
Straßburg zum Angebinde versprechen.«

Der Graf war starr; sein fragender Blick begegnete dem seiner Gemahlin,
der ihm die stumme Antwort gab: da hörst Du's! Noch begriff er nicht,
was es mit Loders verblüffender Meldung auf sich hatte, und stellte
diesen nun mit dem Zornausbruch: »Heraus mit der Sprache! was soll das
unsinnige Gerede?«

Loder berichtete nun wortgetreu das Gespräch Burkhards mit Jost
von Müllenheim, das er mit angehört hatte, als er nach Schluß des
Pfeifergerichts dem Abreitenden den Steigbügel hielt. Von seinem
Wortwechsel mit Burkhard wegen Seppele's Verurtheilung und von des
Ersteren Drohung gegen ihn sagte er aber nichts.

Schmasman fragte in tiefster Erregung: »Und das Alles willst Du
wörtlich so gehört haben? kann da kein Irrthum, kein Mißverständniß
sein?«

»Nein, Herr Graf!« erwiederte Loder, »ich bürge mit Ehr und Gewissen
für jedes Wort.«

Durch des Grafen hohe Gestalt ging ein Zittern. Um seine mächtige,
innere Bewegung zu verbergen, trat er an ein Fenster, den Anderen den
Rücken zukehrend. Ein dumpfes Schweigen herrschte im Gemache, Niemand
rührte sich von der Stelle.

Endlich wandte sich Schmasman um und sagte, auf Loder zuschreitend,
mit einer eisigen Ruhe: »Ich danke Dir, Hans! Du hast mir einen großen
Dienst erwiesen.« Dann setzte er sich in einen Sessel und stützte den
Ellenbogen auf die Lehne und das Haupt auf die Hand.

Loder wollte abtreten, aber die Gräfin winkte ihm zu, noch zu bleiben.
Dann ging sie zu ihrem Gemahl und sprach, ihm leise die Schulter
berührend: »Nimm es auch nicht allzuschwer, Liebster! Burkhard wird auf
die eine oder die andere Weise zur Vernunft zu bringen sein.«

»Wie ist es nur möglich?« fuhr Schmasman aus seinem Brüten auf. »Er
hat mich getäuscht und schmählich hintergangen, hat mich mißbrauchen
wollen als gefügiges Werkzeug seiner ehrgeizigen, habgierigen Pläne.
Ich bin blind und taub gewesen in meinem festen Glauben an ihn. Jetzt
begreife ich seine vorgefaßte Meinung und seine Feindschaft gegen
die Thiersteiner. Jetzt verstehe ich manches Wort, das ihm unbedacht
entschlüpfte und das ich ihm stets zum Guten auslegte als nicht so bös
und ernst gemeint. Ich habe ihn gefragt, was mit der Hohkönigsburg
werden sollte, wenn wir sie erstiegen hätten. Da ist er mir ausgewichen
mit seiner Antwort, hat mir nicht ehrlich gesagt, daß er sie selber
haben möchte.«

»Aber warum hat er sie denn nicht genommen, so lange sie ihm herrenlos
und unvertheidigt offen stand?« fragte Herzelande.

»Weil er sie dann selber mit seinem Gelde aus den Trümmern hätte wieder
aufrichten müssen,« entgegnete Schmasman. »Jetzt findet er sie fertig
vor, so stark und schön, wie sie vorher niemals war, und würde sich
dagegen sträuben, wenn wir sie nach ihrer Erstürmung wieder ausbrennen
wollten. Nicht in das zerstörte, nein, in das sicher und fest gebaute
Nest will er sich setzen.«

»Was beschließest Du nun zu thun?« fragte Herzelande.

»Darüber kann ich mich unmöglich heute schon entscheiden, denn das
bedarf sehr reiflicher Erwägung,« sagte Schmasman. »Burkhard hat mein
Wort, zur Fehde zu rüsten, dem Thiersteiner abzusagen und an dem Kampfe
gegen ihn theilzunehmen.«

»Das Wort hast Du unter ganz anderen Voraussetzungen und Bedingungen
gegeben und würdest es nicht gethan haben, wenn Du Burkhards
Hintergedanken durchschaut hättest,« wandte die Gräfin ein. »Er hat
den Thiersteiner unablässig gereizt, hat ihn nach Deiner eigenen
Darstellung zu unüberlegten Drohungen verlockt und herausgefordert,
deren Anfang zur Ausführung doch wenigstens abgewartet werden
sollte. Dann ist es immer noch Zeit, den Versuch dazu durch
einmüthigen, entschiedenen Widerstand und, wenn's sein muß, mit
Gewalt zurückzuweisen. Burkhard hat es, nur in der Absicht, die
Hohkönigsburg für sich selber zu gewinnen, darauf abgelegt, einen
Streit heraufzubeschwören und euch Alle mit hineinzuziehen, hat ihn
willentlich immer weiter und weiter mit Sticheln und Hetzen getrieben,
bis ein blutiger Waffengang unvermeidlich schien. Soll er seinen
eigennützigen, mit so verwerflichen Mitteln verfolgten Zweck nun
wirklich erreichen?«

»Ein Wort ist ein Wort und bleibt ein Wort,« erwiederte Schmasman, »ich
kann damit nicht umspringen, wie der Wind die Wetterfahne dreht. Die
Lage der Sache ist nur insofern verändert, daß die Fehde nun noch ein
Nebenziel hat, das nicht von vornherein klar ausgesprochen ist, das ich
nicht billige und zu dessen Erreichung ich dann am wenigsten helfen
werde, wenn ich dazu überlistet und übertölpelt werden soll.«

»Und ohne Dich, gegen Deinen Willen werden die Anderen den Kampf nicht
wagen,« meinte Herzelande.

»Der eigentliche Grund zum Kampfe bleibt bestehen,« sagte Schmasman,
»so lange Graf Oswald uns nicht bündige Zusicherung und annehmbare
Bürgschaft giebt, seinen herrschsüchtigen Gelüsten gegen den ansässigen
Adel völlig zu entsagen. Thut er dies, so fällt jede Veranlassung zu
einer Fehde weg. Die persönlichen Beleidigungen, die sich Burkhard
und Oswald gegenseitig zugefügt haben, mögen die Zwei unter sich
allein ausfechten; das wird weder den Einen noch den Anderen eine Burg
kosten. Ich glaube, eine offene, ruhige Aussprache mit dem Grafen
Oswald unter vier Augen würde sehr dazu beitragen, einen allgemeinen
Kampf zu verhüten, und ich bin der Anbahnung einer Verständigung mit
ihm durchaus nicht abgeneigt, damit er sieht, daß ich unter gewissen,
unerläßlichen Bedingungen bereit bin, die Hand zum Frieden zu bieten.
Jedenfalls,« schloß der Graf, zu Egenolf und Loder gewandt, »reitet ihr
vorläufig nicht zu den Lehnsleuten.«

»Aber soll ich nicht auf die Hohkönigsburg reiten, Vater,« frug
Egenolf, »und dem Grafen eine Wink geben, daß Ihr nichts Feindliches
gegen ihn im Schilde führt?«

Schmasman schien zu überlegen.

»Wäre nicht so übel, Herr Graf,« mischte sich Loder in das Gespräch,
der Egenolfs sehnlichen Wunsch nach Frieden und Eintracht unter den
beiden Familien wohl verstand und ihm gern zu einem Wiedersehen mit der
jungen Gräfin behilflich sein wollte. »Graf Egenolf ist bei dem Streite
nicht unmittelbar betheiligt und könnte mit seinem freundnachbarlichen
Besuche dem Grafen Oswald zeigen, daß zwischen Euch und ihm kein Stein
im Wege liegt.«

»Nein, das wäre verfrüht und geht auch aus anderen Gründen nicht,«
entschied der Graf. »Nach dem Zank im Rathskeller sähe das aus wie
ein schleuniger Rückzug, wie eine Abbitte, möchte ich sagen, ein
Zukreuzkriechen.«

»Ich muß Dir vollkommen beipflichten, Schmasman,« sagte Herzelande,
»aber ich habe einen anderen Vorschlag. Die junge Gräfin Leontine hat
unsere Tochter um ihren Besuch gebeten, und diese hat ihn ihr auch
zugesagt. Isabella weiß von der ganzen Fehdesache nichts, und sie
darf auch nichts davon erfahren, um völlig harmlos und unbefangen
mit ihrer neuen Freundin und deren Eltern verkehren zu können. Also
rathe ich, daß wir Isabella hinauf schicken. Laß mich nur machen; es
soll weder für Isabella noch für die Thiersteiner nach irgend einer
Absicht aussehen. Aber Graf Oswald wird sich sagen, daß wir unsere
Tochter nicht auf die Hohkönigsburg hinauf lassen würden, wenn ein
unabwendbarer Kampf zwischen Dir und ihm nahe bevorstünde.«

»Das läßt sich hören, damit bin ich einverstanden,« erklärte Schmasman.
»Das verpflichtet mich nach keiner Seite hin, und die beiden Mädchen
geht der Streit der Männer nichts an.«

»Isabella kann heute Nachmittag hinaufreiten und zwei Nächte oben
bleiben,« bestimmte Herzelande.

»Und wir machen gegen Abend einen Pirschgang, Vater; ich weiß, wo ein
starker Bock wechselt,« fügte Egenolf hinzu.

»Auch das soll mir recht sein,« erwiederte der Graf, »und ich errathe,
welches Waidmannsheil Du mir mit dem Bock da im grünen Walde zutreiben
willst. Ich bin zwar, weiß Gott! nicht in Jagdstimmung, aber ich muß
Luft haben, muß mein Blut beruhigen, und es wäre mir noch lieber,
wenn Du statt des Bockes einen groben Keiler mit der Schweinsfeder
abzufangen hättest.« Sich zu Loder wendend fuhr er fort: »Du bist in
Gnaden entlassen, Hans! Gott erhalte Dir Deine feinhörigen Lauscher!«

»Ich wäre ja kein Spielmann,« lachte Loder, »wenn ich im Zusammenklange
nicht sofort die Falschheit eines Tones merkte, mag er herkommen, von
wo er will.«

Nun schieden die Drei aus dem Gemach und ließen den Grafen allein.

Herzelande kramte sogleich in einer geschnitzten Eichentruhe und
entnahm ihr einen kostbar gestickten Frauengürtel, mit dem sie sich zu
ihrer Tochter begab.

»Isabella,« begann sie zu dieser, »hast Du Lust, heute Nachmittag auf
die Hohkönigsburg zu reiten?«

»Mit Freuden, liebe Mutter!« erwiederte Isabella, »ich habe ja
Leontinen meinen Besuch versprochen.«

»Eben darum!« sprach Herzelande, »aber ich habe noch einen anderen
Zweck dabei. Neulich beim Pfeiferfest lobte mir Gräfin Margarethe den
Gürtel, den ich Abends in der Halle trug; er schien ihr ausnehmend
zu gefallen. Da ich nun noch einen ähnlichen habe, beschloß ich, den
anderen der Gräfin zum Geschenk anzubieten. Aber ich möchte das nicht
auf die lange Bank schieben; ich habe von Deinem Vater einmal ein
lateinisches Sprichwort gehört, das er mir übersetzte: Doppelt giebt,
wer schnell giebt. Darum wünsche ich, daß Du ihn der Gräfin heute
bringst. Sieh mal! dieser ist es, ein Erbkleinod meiner lieben Mutter,
alte Burgunder Arbeit, wie man sie heut zu Tage nur noch sehr selten
findet; ist er nicht schön?« fragte sie, den Gürtel von dunkelrothem
Sammet mit reicher Goldstickerei vor den bewundernden Augen der Tochter
entrollend.

»Herrlich! wie wird sich Gräfin Margarethe darüber freuen!«

»Das hoffe ich; sage ihr, ich bäte sie, den Gürtel als eine kleine
Liebesgabe von mir anzunehmen und ihn recht oft zur freundlichen
Erinnerung an mich zu tragen. Wenn Du willst und sie Dich dazu
auffordern, kannst Du bis übermorgen bei Leontinen bleiben.«

»Ich danke Dir, liebe Mutter, daß Du mich zur Überbringerin des
werthvollen Geschenkes machst,« sprach Isabella. »Gleich nach dem
Mittagsmahl werde ich mich zu dem Ritt bereit halten. Einer von den
Knechten geleitet mich wohl, oder vielleicht Egenolf --?«

»Nein, Egenolf will mit dem Vater pirschen, Du nimmst Dir einen Knecht
mit.«

Als etwas später Isabella zum Burghof hinabstieg, um sich Pferd und
Geleitsmann zu sichern, traf sie dort ihren Bruder.

»Egenolf,« redete sie ihn an, »hast Du vielleicht auf der Hohkönigsburg
etwas auszurichten? ich reite heute Nachmittag hinauf.«

»Du reitest zur Hohkönigsburg hinauf? soso! sieh mal an!« sagte
Egenolf, den Erstaunten spielend. »Nun dann bestelle nur dort oben
einen recht herzlichen Gruß von mir.«

»Gern, aber an wen denn?« fragte sie mit einem schalkhaften Lächeln.

»Nun, an -- an den Stallmeister Isinger; an wen denn sonst?«

»Natürlich! an wen denn sonst?«

»Und wann kehrst Du zurück?«

»Übermorgen gegen Mittag.«

»Ich werde Dir entgegenkommen, um von Dir zu hören, wie -- ob mich der
Stallmeister auch wiedergrüßen läßt.«



XII.


Graf Oswald von Thierstein war zu der Erkenntniß gekommen, daß er sich
mit seinen auf Umgestaltung bestehender Verhältnisse gerichteten Plänen
zu rasch und zu weit vorgewagt hatte und damit auf einen Widerstand
gestoßen war, den zu überwinden er geringe Aussicht hatte.

Sein Vorhaben war gewesen, den Wildbann im Wasgau anders zu regeln,
Reichsbannforste abzugrenzen, andere Brücken- und Wegezölle
einzurichten, die Märkte mit höheren Abgaben zu belegen und kleineren
Städten, die sie noch nicht besaßen, Marktfreiheit gegen Zahlung von
Gilten und Beden zu gewähren. Die Einkünfte der Klöster wollte er
heben durch Vermehrung der Frohnen und Verlängerung der Fristen für
den alleinigen Verkauf von Wein, dem sogenannten Bannwein. Er wollte
die Dinghöfe, eine althergebrachte, volksthümliche Gerichtsbarkeit,
abschaffen und die dabei den Vorsitz führenden Hochhuber und
Dinghofsmeier durch von ihm berufene Richter ersetzen, die im Namen des
Kaisers Recht sprechen sollten.

Er plante das Alles jedoch nicht, um selber Vortheil und Gewinn davon
zu haben, sondern dieser sollte in die Kassen des Kaisers und der
Bischöfe von Basel und Straßburg fließen, welche beiden Prälaten
ihm ihre Wünsche, in welcher Weise er sein ihm durch ihren Einfluß
übertragenes landvogteiliches Amt zu ihren Gunsten ausnutzen sollte,
sehr deutlich zu verstehen gegeben hatten. Den Dank des Kaisers
erhoffte er in der Verleihung einer hohen Stellung bei Hofe.

Mit diesen Plänen, die durch vorzeitiges Aussprechen bekannt geworden
waren, griff er nicht nur in die Sitten und Gewohnheiten des gemeinen
Volkes, sondern auch in die Machtbefugnisse und Vorrechte der adligen
Standesherren ein, und das war unter allen Umständen ein für ihn
sehr gefährliches Unternehmen. Mit zweien dieser stolzen Barone, die
sich unabhängig wie Reichsfürsten fühlten und gebärdeten, hatte er
bereits üble Erfahrungen gemacht und sah nun ein, daß er andere Saiten
aufziehen mußte, wenn er mit seinen ritterlichen Genossen in Frieden
leben und sich eine geachtete und einigermaßen angenehme Stellung unter
ihnen wahren wollte statt von ihnen gemieden und angefeindet zu werden.

Mit dem Mächtigsten von ihnen, dem Grafen Maximin von Rappoltstein,
hatte er sich zwar nach dem zu seinen Ungunsten geendeten Rangstreit
wieder vertragen, mit dem Trotzigsten aber, Herrn Burkhard von
Rathsamhausen, schien ihm eine Versöhnung kaum denkbar, und er
wunderte sich, daß dieser noch nicht Genugthuung für die gegen ihn
verübte Thätlichkeit von ihm gefordert hatte. Bei dem Wortgefecht mit
Burkhard im Rathskeller hatte er die anwesenden Herren, mit Ausnahme
seines Freundes Fleckenstein und seines Bruders Wilhelm, sämmtlich auf
der Seite seines Gegners gefunden und hatte sich in seiner zornigen
Erregung noch obenein dazu hinreißen lassen, den Grafen Schmasman, als
dieser in wohlwollendster Absicht eine Beilegung des Streites versucht
hatte, scharf anzufahren und zurückzuweisen, was er seitdem schwer
bereute.

Wie groß war nun Oswalds Überraschung und Freude, als er, gegen Abend
in das Wohngemach seiner Gemahlin tretend, dort die soeben zum Besuch
eingetroffene Rappoltstein'sche Tochter Gräfin Isabella erblickte! Also
Graf Schmasman grollte ihm nicht, trug ihm sein schroffes Benehmen
nicht nach, sonst hätte er seine Tochter nicht hier heraufreiten
lassen. Er begrüßte Isabella auf das Zuvorkommendste, erkundigte sich
nach ihren Eltern und Verwandten und erging sich in den zartesten
Aufmerksamkeiten gegen sie. Dem Geschenk der Gräfin Herzelande für
seine Gemahlin, dem kostbaren Gürtel, zollte er seine volle Bewunderung
und gedachte mit dankbaren Worten des genußreichen Spielmannsfestes,
mit keinem Wimperzucken die weniger angenehmen Erinnerungen verrathend,
die ihn dabei überkamen.

Von Leontine war Isabella mit offenen Armen empfangen und mit hellem
Jubel ans Herz gedrückt, und Gräfin Margarethe that, was sie konnte,
der Freundin ihrer Tochter den Aufenthalt hier so behaglich wie möglich
zu machen, so daß Isabella von ihrer Aufnahme auf der Hohkönigsburg im
höchsten Maße erfreut und entzückt war.

Der Abend, wo sich auch Graf Wilhelm mit seiner Gemahlin Katharina zu
ihnen gesellte, verging ihnen Allen im Fluge, und sie wußten nicht,
wo die Zeit geblieben war, als der Wächter vom Bergfried herab auf
seinem Horne den Gute Nacht-Gruß blies, für alle Burgbewohner die
stimmungsvolle Mahnung, sich zur Ruhe zu begeben.

Da erzählte Isabella noch, auf den nahe bei einander liegenden
Rappoltstein'schen Schlössern hätten vor langen, langen Jahren einmal
drei Brüder Rappoltstein drei Schwestern zu Gattinnen gehabt, und die
drei Frauen hätten sich täglich von Burg zu Burg einen Morgen- und
Abendgruß zugeblasen. Dieser Brauch bestünde in ähnlicher Weise auch
heute noch. Wenn man auf einer Burg Besuch von einer anderen wünschte
oder dort seinen Besuch ansagen oder sich sonst eine kurze Mittheilung
machen wollte, so geschähe dies durch Hornrufe, deren jeder nach Takt
und Ton eine seit langer Zeit feststehende, verabredete Bedeutung hätte.

Dann trennte man sich, um das Haupt zum Schlummer zu betten. Leontine
geleitete Isabella in das für sie bereite Gastzimmer, und die lächelnde
Dimot bot ihre gefälligen Zofendienste an, die jedoch von Isabella
dankend abgelehnt wurden.

Den nächsten Vormittag benutzten die beiden jungen Mädchen zu
gemächlichem Lustwandeln unter traulichen Gesprächen. Sie gingen in den
Baumgarten, besuchten den Marstall und seine vierfüßigen Bewohner und
wanderten auch ein Stück bergab in den Wald. Darauf führte Leontine
ihre Freundin auf deren Wunsch durch alle Räume des Schlosses, wo
Isabella nicht müde wurde, sich an der prächtigen Ausstattung und dem
kunstvoll gearbeiteten Hausrath zu weiden.

Zuletzt kamen sie in Leontinens Schlafgemach, das so schmuck und üppig
eingerichtet war wie für eine Märchenprinzessin.

Nachdem sich Isabella eine Weile darin umgesehen hatte, fragte
Leontine, auf das Wolfsfell zeigend, mit einem eigenthümlichen Lächeln:
»Wie gefällt Dir das?«

»Gut,« erwiederte Isabella, »muß ein gewaltiger Isegrim gewesen sein.«

»Weißt Du, wer ihn geschossen hat?«

»Dein Vater?«

»Nein, Dein Bruder.«

»Mein Bruder?«

»Ja, er hat mir das Fell geschenkt, mich damit überrascht; ich fand es
eines Abends hier vor dem Bett. Dimot hat es heimlich für meinen alten
Luchsbalg untergeschoben, bestochen durch eine Einladung zum Tanz am
Pfeifertag!«

»Davon hat mir Egenolf garnichts gesagt,« sprach Isabella. »Ach!« fuhr
sie fast erschrocken fort, »ich habe Dir ja seinen Gruß noch nicht
bestellt.«

»Läßt er mich grüßen?« fragte Leontine schnell mit leuchtenden Augen.

»Ja, recht herzlich soll ich Dich von ihm grüßen, und er dächte sehr
viel an Dich.« Bei dieser eigenmächtigen Überschreitung von ihres
Bruders Auftrag ward auch Isabella ein wenig roth.

»Grüß ihn wieder!« sagte Leontine kurz und machte sich an dem Wolfsfell
zu schaffen, einen der Läufe, der etwas schief lag, gerade streckend.

»Denkst Du auch zuweilen an ihn?« fragte Isabella.

»Weiß nicht. Frag' nicht so dumm!« erwiederte Leontine mit abgewandtem
Gesicht. »Komm weiter!«

Isabella lächelte still vor sich hin, und sie verließen das Gemach.
Draußen sagte Leontine: »Hier rechts geht es zu meines Vaters Zimmer,
aber da dürfen wir Frauen nicht hinein, wenn er uns nicht rufen läßt.«

Sie gingen nun zur Gräfin Katharina. --

Graf Oswald saß in seinem Gemach und blätterte in vergilbten Schriften.
Die Wände waren mit Waffen, alterthümlichen und jetzt gebräuchlichen,
und mit allerlei Jagdzeug, ausgestopftem Gethier, Geweihen und
Gehörnen geschmückt, und an der linken Augensprosse eines kapitalen
Zwanzigenders schwebte Herrn Burkhards Eulenhut. Oswalds Bruder hatte
ihn inmitten des Tumultes im Rathskeller geschickt bei Seite zu
bringen gewußt und als ärgerliches Beweis- und Beutestück mit sich
genommen. Nun hing er hier auf der Hohkönigsburg an dem Hirschgeweih,
und Burkhard, der sich über den Verlust seiner Eule gewiß unsäglich
boßte und ihren Verbleib nicht ahnte, konnte lange warten, bis er sie
wiederbekam.

Etwa eine Stunde vor Mittag trat Graf Wilhelm eilend herein und rief:
»Oswald, nun geht es los; rathe, wer soeben im Stallhof vom Pferde
gestiegen ist!«

Oswald blickte seinen Bruder fragend an.

»Jungherr Bruno von Rathsamhausen.«

»Also endlich!« sagte Oswald und erhob sich vom Stuhle. »Na, nur zu!
Aber --« fuhr er fort, nachdem er schweigend ein paar Schritte auf und
ab gethan hatte, »aber den eigenen Sohn als Unterhändler oder, was
wahrscheinlicher ist, als Boten mit dem Fehdebrief zu schicken ist mir
auch noch nicht vorgekommen. Hast Du ihn schon gesprochen?«

»Nein, er wird wohl mit Dir unter vier Augen reden wollen.«

»Nun, ich werde ihn hier erwarten und ihm höflich begegnen; er hat mich
nicht beleidigt.«

»Aber laß ihn die Eule nicht sehen, thu sie weg!« erinnerte Wilhelm.

»Da hast Du Recht, die darf er nicht sehen,« erwiederte Oswald, nahm
den Filz vom Geweih und verbarg ihn.

»Ich gehe,« sprach Wilhelm, »bedarfst Du meiner, so laß mich rufen.«

Graf Wilhelm ging, und Oswald blieb allein und harrte, harrte lange auf
Bruno's Anmeldung, aber vergeblich. Sollte sich Wilhelm geirrt haben?
dachte er. Endlich ließ ihn seine Gemahlin bitten, zum Mittagsmahle zu
kommen.

»Sind außer der Gräfin Isabella noch andere Gäste da?« frug er.

»Nur einer, Herr Graf!« erwiederte der Diener, »Jungherr Bruno von
Rathsamhausen wird an der Tafel theilnehmen.«

»So! schön! ich komme sogleich.«

Der Diener verschwand. Oswald schüttelte den Kopf und sprach zu sich:
»Das wird immer lustiger. Beim Wein hat die Geschichte angefangen, beim
Wein wird sie fortgesetzt.«

Die Thierstein'schen Damen, die von dem bösen Streit des Grafen mit
Burkhard nichts wußten, fanden Bruno's Besuch ganz in der Ordnung,
da er bei dem großen Fest ihr Gast hier im Schlosse gewesen war. Mit
zwiespältigem Gefühl aber vernahm Isabella seine Ankunft. Theils
freute sie sich, Den wiederzusehen, den sie nur allzu gern sah, theils
sagte sie sich: er kommt nur Leontinens wegen. Leontine jedoch hatte
die gleiche Vermuthung in Bezug auf Isabella, und ihr, von einem
ahnungsvollen Lächeln begleiteter Blick trieb der Freundin das Blut in
die Wangen, denn sie las darin die Frage: ein verabredetes Stelldichein?

Bruno selber stutzte, als er, zu seiner nicht ganz freudigen
Überraschung, Isabella hier vorfand, näherte sich ihr aber nach
Begrüßung der Thierstein'schen Damen mit größter Artigkeit und
Freundlichkeit.

Leontine war Anfangs heiter entgegenkommend ihm gegenüber und
ermunterte ihn zum Gespräch, in das sie so viel wie möglich Isabella
hineinzog mit der Absicht, den Beiden das von ihnen doch wohl
gewünschte Vertrautwerden mit einander zu erleichtern. Sobald sie aber
aus Bruno's Gebaren die Voraussetzung dieses Wunsches als einen Irrthum
erkannte und es sich herausstellte, daß er sie selber wieder wie Abends
in der Festhalle zu Rappoltsweiler vor Isabella auffallend bevorzugte,
und vollends als sie beobachtete, daß Isabella dabei immer stiller und
ernster, fast traurig wurde, durchschaute sie die Lage der Dinge und
sah, daß hier zwei Herzen waren, deren Neigung nicht erwiedert wurde.
Von da an benahm sie sich zurückhaltend und kühl gegen ihn, um ihn
über ihre Empfindungen nicht im Unklaren zu lassen. An eine wirkliche
Leidenschaft Bruno's glaubte sie nicht und gab deßhalb die Hoffnung
nicht auf, das von ihr verschmähte Herz des ritterlichen jungen Helden
ganz leise ihrer Freundin Isabella zuführen zu können, an deren
heimlicher Liebe sie nicht mehr zweifelte.

Gräfin Margarethe, der weder die Huldigung, die Bruno Leontinen
darbrachte, noch deren Ablehnung seitens ihrer Tochter entging, hielt
es nicht für nöthig, ihren Gemahl früher rufen zu lassen, als bis die
Mittagstafel im Nebengemach bereit stand.

Jetzt erschien Graf Oswald und begrüßte den Sohn seines Gegners mit
gemessener, aber tadelloser Höflichkeit.

Bruno verneigte sich vor ihm und sprach: »Verzeiht den Überfall, Herr
Graf! ich wollte Euch und Euren Damen meinen Dank aussprechen für die
gastliche Aufnahme, die auch ich hier bei Euch gefunden habe. Und dann«
-- er stockte -- »und dann führt mich auch noch ein anderer Beweggrund
auf die Hohkönigsburg.«

»Ich stehe zu Diensten, Jungherr von Rathsamhausen,« sprach Oswald mit
leicht umwölkter Stirn. »Wollt Euch mit mir in mein Zimmer bemühen.«

»O das eilt ja nicht, Herr Graf.«

»Wenn es auch nicht eilt, -- ich würde doch vorziehen, das Geschäft,
das Euch herführt, noch vor Tische zu erledigen. Wir sitzen dann freier
und ruhiger beim Wein. Bitte, kommt!«

»Herr Graf,« lächelte Bruno verlegen, »in Eurem Zimmer können wir die
Sache nicht abmachen, sondern -- im Marstall.«

»Im Marstall?« frug Oswald, aufs Höchste erstaunt.

»Ja,« sagte Bruno, »ich habe nämlich gehört, daß Euer Stallmeister
ein erfahrener Kurschmied ist und möchte ihn gern um einen guten Rath
angehen wegen meines Rappen.«

»Um Euren Rappen handelt es sich? ich dachte, Ihr hättet einen Auftrag
an mich von Eurem Vater.«

»Nein, Herr Graf!«

»Wirklich nicht?« fragte Oswald noch einmal.

»Wirklich nicht, Herr Graf! ich bedaure, aber mein Vater weiß garnicht
von meinem Besuch hier. Ich bin schon zwei Tage von Hause fort, hörte
erst unterwegs von Eurem trefflichen Stallmeister und entschloß mich
schnell, hierher zu reiten, auf Eure gütige Nachsicht hoffend.«

»Ihr seid mir willkommen, Jungherr!« sprach Oswald, der mit seiner
Verwunderung kaum noch an sich halten konnte. »Wilhelm,« rief er dem
eben mit seiner Gemahlin eintretenden Bruder zu, »Jungherr Bruno von
Rathsamhausen kommt zu dem Zwecke, sich bei unserem weit und breit
berühmten Isinger weisen Rath für eine Pferdekur zu holen.«

Graf Wilhelm blickte verdutzt vom Einen zum Andern, ob er denn recht
gehört hätte, und mußte seine Gedanken erst wieder sammeln, ehe er
Bruno die Hand reichen und sprechen konnte: »Da kommt Ihr vor die
rechte Schmiede, Jungherr!«

Gräfin Katharina fügte, als sich Bruno ihr nahte, hinzu: »Der Isinger
weiß für Alles Rath, und nicht bloß bei Thieren. Auch mir hat er schon
einmal ein Tränklein gebraut, das mich von einem quälenden Husten
befreite.«

»Und jetzt kommt zu Tische!« sagte Oswald, »der Stallmeister läuft uns
nicht fort.«

Man begab sich zu Tische, und Jeder nahm den Platz ein, den ihm die
Wirthin bestimmte.

Bruno saß den beiden jungen Gräfinnen gegenüber und kam im Verlauf des
Mahles immer gründlicher zu der Einsicht, daß er sich auf Leontinens
Gunst keine Hoffnung machen durfte. Sie sprach wenig mit ihm und gab
ihm nur kurze Antworten, wenn sie auch aus Rücksicht auf Isabella
nicht unfreundlich gegen ihn war. Dagegen nahm Isabella's anmuthiges,
liebenswürdiges Wesen den sich damit Tröstenden mehr und mehr gefangen,
und wenn er ihr beim Reden in die Augen sah, so traf ihn daraus
ein warmer Strahl, der ihm zu Herzen drang. Er war keineswegs eine
flatterhafte Schmetterlingsnatur, die sich von einem Blüthenkelche
schnell zum andern schwingt, aber eine Wandlung, ihm selbst noch
unbewußt, ging doch in ihm vor; er fühlte sich mit einem Male zu
Isabella hingezogen, obwohl sie nichts that, ihn an sich zu fesseln.

Nach Aufhebung der Tafel schlug Graf Oswald seinem Gast einen Rundgang
innerhalb der Umwallung vor und verfolgte damit einen ganz bestimmten
Plan. Er wollte dem Rathsamhausen auf Schritt und Tritt die Stärke der
neu erbauten Burg zeigen, damit dieser sich von ihrer Uneinnehmbarkeit
überzeugen und seinem Vater darüber berichten sollte. So führte er ihn
denn von Werk zu Werk, von Thurm zu Thurm und erklärte ihm den für
die Vertheidigung wohlbedachten Zweck jeder einzelnen Anlage, so daß
Bruno am Schluß der langen Wanderung freiwillig gestand, eine so stark
befestigte Burg noch nie gesehen zu haben.

Der Graf nahm das mit Befriedigung auf, aber seltsam war ihm doch zu
Muthe, wie er hier dem Sohne des Mannes, von dem er nur Feindschaft,
Angriff und Kampf zu erwarten hatte, so gastfreundliche Ehren erwies.
Was wird Burkhard sagen, dachte er, wenn ihm Bruno von der Aufnahme
erzählt, die er ohne Wissen und Willen des Vaters in den Mauern der
Hohkönigsburg und an dem Tische des gehaßten Burgherrn gefunden hat!
Aber er ließ seinen Gast von diesen Betrachtungen nichts merken und
sprach: »Nun kommt zu unserem vielgewandten Kurschmied!«

Sie gingen zum Marstall und trafen den Stallmeister in der Schmiede
allein. Bruno klagte ihm die Leiden seines schwarzen Lieblings daheim
im Stalle und bat um Angabe eines Heilmittels.

Isinger stellte eine Reihe von Fragen an Bruno über die Dauer der
Unpäßlichkeit, über deren äußere Kennzeichen, über Fütterung und
Freßlust des Thieres und mehr dergleichen, konnte aber aus Bruno's
Antworten nicht recht klug werden und kam zu der Überzeugung, daß
die Sache unmöglich von der Bedeutung sein könnte, um dieserhalb,
zur Einholung seines geschätzten Gutachtens einen Ritt nach der
Hohkönigsburg zu unternehmen. Ein paar Tage Schonung würden genügen,
das Unwohlsein des geliebten Rappen zu verflüchtigen.

Das sagte der schlaue Stallmeister aber nicht; von seiner Kur sollte
der Kranke gesund werden. Er setzte daher eine bedenkliche Miene
auf und sann über den schweren Fall nach. Ihm kam der Gedanke, ob
vielleicht sein alter Freund Hans Loder hier die Hand im Spiele und ihm
den Jungherrn auf den Hals geschickt hatte, um seine vielgepriesene
Heilkunst auf die Probe zu stellen, oder ob Hans den leichtgläubigen
Jungherrn selber zum Narren haben wollte, bei welchem Possen Isinger
natürlich gern half.

Er that sehr wichtig und erklärte: »Euer Rappe ist dämpfig und
herzschlächtig, Herr, aber dem ist beizukommen, wenn die richtigen
Mittel dagegen angewandt werden.« Nun mischte er aus seinem Vorrath
siebenerlei getrocknete Kräuter zu einem Häufchen zusammen, übergab
dies Bruno und sagte: »Aus diesen heilkräftigen Kräutern müßt Ihr mit
Wasser, Branntwein und Honig zu gleichen Theilen einen Sud bereiten
lassen; aber es gehört noch etwas dazu, was ich augenblicklich nicht
habe, nämlich Herz und Galle von einem Raben, die mit hineingekocht
werden müssen. Nun, Ihr schießt Euch einen, und dann ist der Trank
bald hergestellt, von dem Ihr dem Rappen täglich drei Löffel voll
einschütten laßt. Nun weiß ich aber noch ein Geheimmittel, das
unfehlbar wirkt. Um es Euch mittheilen zu können, muß ich jedoch den
Herrn Grafen bitten, uns allein zu lassen, denn nur Der darf es hören,
der es gebrauchen will, sonst hilft es nicht.«

»Ich gehe schon,« sprach Graf Oswald und entfernte sich mit verhaltenem
Lachen aus der Schmiede, denn er ahnte, daß jetzt der Schalk, der
seinem durchtriebenen Stallmeister im Nacken saß, hervorkommen und dem
Jungherren eine gehörige Nase drehen würde.

»Also, Jungherr,« fuhr Isinger nun fort, »Ihr müßt Euren Rappen täglich
dreimal, Morgens, Mittags und Abends, mit einem rothen Frieslappen aus
dem Rock eines Gehenkten abreiben, aber Niemand darf es sehen oder
davon wissen.«

»Ja, um Gottes willen! wo soll ich denn den schauerlichen Lappen
hernehmen?« fragte Bruno fast entsetzt. »Muß ich etwa zu dem Zweck
erst einen armen Sünder an die Herberge zu den drei Säulen liefern?«

»Nicht nöthig; im Henkerlehen findet Ihr dergleichen.«

»Im Henkerlehen?«

»Ja; das Henkerlehen, müßt Ihr wissen, ist ein einträglicher Hof bei
Oberehnheim, und sein Lehensträger hat die Verpflichtung, die Kosten
der in Barr, Oberehnheim und Rosheim stattfindenden Hinrichtungen
zu bestreiten, wogegen ihm die Kleider der Gehenkten, Geköpften und
Geräderten als Eigenthum zufallen.«

»Eine recht erbauliche Erbschaft!« lachte Bruno.

»O, sie bringt dem Manne viel ein; derlei Dinge werden stark begehrt
und theuer bezahlt, denn in den Kleidern und einzelnen Gliedern von
Gerichteten stecken Zauberkräfte,« flüsterte Isinger.

»Nun, ich werde sehen, ob ich mir das Zaubermittel beschaffen kann.
Nehmt einstweilen meinen Dank, Herr Stallmeister!« sagte Bruno und
drückte dem gewitzten Kurschmied ein paar Geldstücke in die Hand.

Als Oswald und Bruno in den Palas zurückkehrten, fanden sie dort nur
die Gräfin Margarethe mit den beiden jungen Damen.

»Hat Euch unser kluger Thierarzt gut berathen?« fragte Margarethe.

»Wenn die Kur so gut anschlägt, wie die Mittel dazu absonderlich sind,
so kann ich zufrieden sein,« lächelte Bruno.

»Danach darf man nicht fragen, Grete! das sind tiefsinnige
Geheimnisse; ich habe auch nicht hören dürfen, welchen wunderbaren
Zauber Isinger unserem jungen Freunde für seinen herzschlächtigen
Rappen empfohlen hat,« sprach Oswald mit kaum verhohlenem Spott und
wandte sich dann zu Bruno: »Was meint Ihr, Jungherr, wollen wir uns ans
Brett setzen und Schachzabel spielen?«

»Mit Vergnügen, Herr Graf!« erwiederte Bruno, »aber ein guter Spieler
bin ich nicht.«

»Ich auch nicht,« sagte der Graf und holte das Brettspiel herbei.

»Und was fangen dann wir an?« war Margarethens Frage. »Halt! ich weiß
es. Eure liebe Mutter hat mir erzählt, Isabella, Ihr sänget zur Harfe.
Gönnt uns den Genuß, Euch zu hören! In meinen jungen Jahren habe ich
diese Kunst auch geübt und werde Euch meine Harfe bringen lassen.«
Damit ging sie hinaus ohne Isabella's Einwilligung abzuwarten, die nun
den Anderen gegenüber mit schüchternen Worten erfolgte.

»Ich fürchte, wir werden ein schweres Spiel auf dem Brett haben,
wenn Euer holder Gesang uns die Gedanken verwirrt,« sprach Oswald.
»Schachzabel und Harfenspiel vertragen sich nicht gut mit einander; wir
sollten uns die Ohren verstopfen vor Euren Sirenenklängen.«

Als die Gräfin mit einer die Harfe tragenden Zofe zurückkam, nahmen die
drei Damen in einiger Entfernung vom Schachtische Platz, und Margarethe
sagte: »Ich werde sie Euch erst stimmen, liebe Isabella.«

Während dies geschah, setzten sich die Herren zu ihrem Brett, und zwar
Bruno so, daß er, ohne sich wenden zu müssen, Isabella sehen konnte.

Das Spiel auf dem Brett und das Spiel auf der Harfe begann.

Mit süßem Wohllaut sang Isabella ihre Lieder, und die Hörer waren
entzückt von ihrer schönen Stimme und ihrem meisterlichen Vortrag
zum Klange der Saiten, die sie mit ihren schlanken Händen vollkommen
beherrschte. In den Pausen, die sie zwischen den einzelnen Liedern
machte, mußte sie den begeisterten Beifall des kleinen Kreises
hinnehmen mit der stets wiederholten Bitte um mehr, immer mehr.

Auf dem Schlachtfelde aber, wo die weißen Truppen gegen die schwarzen
kämpften, sah es wunderlich aus, und die beiden Könige kamen sich wie
verlassen und verrathen von ihren Vasallen vor; so schlecht waren sie
noch nie vertheidigt und beschützt, aber auch noch nie so ungeschickt
angegriffen worden. Besonders Bruno's Heer erlitt empfindliche
Verluste, und ein Held und Hauptmann der Seinigen fiel nach dem andern,
obwohl das Gefecht sehr langsam von Statten ging und Oswald großmüthig
genug war, seinen Gegner auf manchen verhängnißvollen Fehler aufmerksam
zu machen, ehe der zerstreute Spieler den falschen Zug vollendete.
Bruno blickte zu wenig auf das Brett und zuviel nach der lieblichen
Sängerin, und als er nach einer Stunde die Schlacht verloren hatte,
da war er ein doppelt Besiegter und so unrettbar verstrickt wie sein
gefangener König.

Isabella sang und spielte noch weiter, und beim letzten Liede, das
sie zu hören gab, ließ sie die Saiten der Harfe mächtig rauschen und
stürmen, und aus ihrem Munde klangen die Töne und Worte wie lauter
Herzensjubel glücklicher Liebe.

Dann vertrieb man sich die Zeit mit anderen Unterhaltungen, bis die
Nacht herniedersank und die Sterne über der Hohkönigsburg aufzogen,
und als der Thürmer wieder sein Gute Nacht vom Bergfried herab ertönen
ließ, ging man froh und zufrieden mit dem verlebten Tage zur Ruhe.



XIII.


Schon legte der Wald stückweise sein vielfarbiges Herbstkleid an, das
sich, in kühlen Nächten gewirkt, jeden Morgen bunter und scheckiger
zeigte. Das Laub in den Wipfeln der Buchen röthete sich, die im
leisesten Windhauch erzitternden Blättchen der zwischen dunklem
Nadelholz vereinzelt stehenden Birken flirrten und flimmerten wie
geschlagenes Gold, und die Zweige der Vogelbeerbäume senkten sich unter
der Fülle ihrer Trauben von leuchtendem Scharlach.

Die Luft war krystallklar und frisch, und wohlig athmend sogen sie die
Reiter ein, die von der Hohkönigsburg herab den Waldweg dahinzogen.

Isabella und Bruno waren es. Er hatte sie um die Gunst gebeten, ihr bis
Rappoltsweiler das Geleit geben zu dürfen und war damit einem stillen
Wunsche von ihr entgegengekommen. Allerdings hatte Leontine dabei ein
wenig nachgeholfen, indem sie, noch ehe Bruno die Absicht geäußert, mit
Leontine gleichzeitig aufzubrechen, zu ihnen gesagt hatte: »Wenn ihr
beiden den Berg zusammen herunter seid und Sanct Pilt vor euch habt,
müßt ihr nach rechts abbiegen, sonst könnt ihr euch leicht verirren.«
Das war ein deutlicher Wink für Bruno gewesen, für den er Leontine
sehr dankbar war, denn nun verstand es sich ja von selbst, daß er
Isabella seinen ritterlichen Schutz anbot, was er ohne diese verhüllte
Aufforderung vielleicht nicht gewagt hätte.

Die Unterhaltung der Zwei bewegte sich in so ruhigem Gleise wie der
Schritt ihrer Pferde, drehte sich um gleichgültige Dinge und blieb dem
am fernsten, was ihren Herzen am nächsten lag. Innigeres aber als die
Lippen sprachen die Augen der Beiden, wenn ihre Blicke sich trafen,
sich festhielten und so bald nicht wieder losließen.

Die Sonne hatte schon mehr als drei Viertel ihrer Mittagshöhe erreicht,
als Isabella, sich im Sattel reckend und auf einen einsamen Reiter
zeigend, ausrief: »Da kommt Egenolf! er hatte mir versprochen, auf
meinem Rückwege zu mir zu stoßen.« Sie winkte dem Bruder mit ihrem
Tuche, und sein Pferd in Galopp setzend sprengte er heran.

»Wo seid ihr beiden euch denn begegnet?« fragte er, als er ihnen die
Hand reichte und sein Pferd wendend sich ihnen anschloß.

»Oben auf der Hohkönigsburg,« antwortete Isabella mit frohlockendem
Tone.

»Auf der Hohkönigsburg? Du warst auf der Hohkönigsburg, Bruno?« sagte
Egenolf und zog unwillkürlich den Zügel an, als müßte er bei dieser
befremdlichen Kunde Halt machen.

»Tag und Nacht; warum sollte ich nicht?« sprach Bruno.

»Tag und Nacht! -- hattest dort Wichtiges zu schaffen?«

»Ja, höchst Wichtiges!« lachte Isabella hell heraus. »Der Stallmeister
läßt Dich übrigens vielmals wiedergrüßen,« fügte sie hinzu, dem Bruder
schelmisch mit den Augen zublinkend.

»Das freut mich sehr; ich danke Dir, lieb Schwesterlein! -- Habt ihr
gute Aufnahme dort oben gefunden?« Diese Frage richtete Egenolf zumeist
an Bruno, über dessen Besuch bei den Thiersteinern er gern Näheres
wissen wollte.

»Die allergastfreundlichste,« erwiederte Bruno. »So verbindlich und
liebenswürdig habe ich Graf Oswald noch nie gesehen.«

Da werde ein Mensch klug draus! dachte Egenolf. Weiß er denn nichts
von seines Vaters Racheplänen? oder hat er dem Grafen schon die Absage
gebracht? aber dann gastfreundlich aufgenommen? unbegreiflich! Grübelnd
ritt er neben Bruno dahin.

»Solltest Du wieder einmal einen Wolf schießen, Egenolf, so denke doch
auch an Dein lieb Schwesterlein,« fing Isabella nach einem Weilchen an.

»Er hat ja jüngst erst einen geschossen,« bemerkte Bruno.

»Ja freilich, aber der Himmel mag wissen, wo er den Pelz gelassen hat!«
sprach Isabella, »und ich hätte ihn so gut vor meinem Bette brauchen
können.«

»Bei Sanct Huberti Heiligenschein! das sollt Ihr nicht umsonst gesagt
haben, Gräfin Isabella!« vermaß sich Bruno, »von heut an ist keiner
mehr sicher vor mir.«

»Dann wehe den Wölfen im Wasgenwald!« lachte sie.

»Deine Schwester kann singen, Egenolf, wie ich es auf Erden noch nicht
gehört habe,« kam es begeistert aus Bruno's Munde. »Ich wußte das gar
nicht.«

»Und Dein Freund kann Schach spielen, -- bewundernswerth!« spöttelte
sie. »Jeden Zug thut er dreimal und dann doch noch falsch.«

»Spielt Ihr mal Schach, wenn --«

»Wenn Ihr singt, wollt Ihr sagen,« fiel sie neckisch ein, »werde mich
hüten!«

»Die Schachfiguren tanzten auf dem Brett vor Freuden bei Eurem Gesange.«

»Aber es war ein Todtentanz; sie sanken dahin wie gemäht.«

»Weil ich nicht bei _ihnen_ war, sondern mit allen Sinnen bei Euch,
Isab -- Gräfin Isabella!«

»Schachmatt, Jungherr Bruno! das war das Ende vom Liede.«

»Euer Lied vergeß' ich im Leben nicht!«

Egenolf hörte die muthwilligen Reden der Beiden mit steigender
Verwunderung und gerieth in einen wahren Irrgarten von Gedanken und
Vermuthungen. Was hatte Bruno auf der Hohkönigsburg zu suchen gehabt?
In seines Vaters Auftrag, ja mit dessen Wissen nur war er nicht oben
gewesen. War er hinaufgeritten, um sich Leontinens Gunst zu erobern?
Das war das Wahrscheinlichste, aber wenn dies wirklich seine Absicht
gewesen war, geglückt schien sie ihm nicht zu sein. Denn erstens ließ
Leontine ihn selber grüßen, was ihr schwerlich beigekommen wäre, wenn
sie Bruno's Werbung gnädig auf- und angenommen hätte. Und zweitens
würde in diesem Falle Isabella, deren stille Neigung zu Bruno dem
Bruder kein Geheimniß war, nicht so ausgelassen lustig sein. Aber
auch Bruno verrieth eine überschwängliche Fröhlichkeit, die nichts
Erzwungenes, Gemachtes hatte. Wie könnte er in so guter Laune sein,
wenn er bei Leontinen angeklopft hätte und von ihr abgewiesen wäre.
Für die Vereinbarung so merkwürdiger, widerspruchsvoller Umstände
fand Egenolf nur eine einzige vernunftgemäße Erklärung: Bruno mußte
sein Herz, das er Leontinen zu Füßen zu legen gedachte, dort oben
an Isabella verloren haben wie das Schach an den Grafen Oswald. Die
plötzlich eingetretene Wandlung in dem gegenseitigen Benehmen der hier
neben ihm Reitenden war so in die Augen springend und so unzweideutig,
daß ihm kein Zweifel mehr darüber bleiben konnte: die Beiden liebten
sich. Diese Entdeckung erfüllte ihn mit großer Freude. Er gönnte die
Schwester dem Freunde, der ihrer in jeder Beziehung werth war, und er
sonnte sich in dem Glücke der Schwester, daß ihre verhohlene Liebe vom
Freunde nun auch erwiedert wurde.

So waren sie an Rappoltsweiler herangekommen, und Bruno sagte etwas
kleinlaut: »Wann werden wir uns wohl einmal wiedersehen, Egenolf?«

»Das kannst Du mich ja fragen, wenn wir von einander gehen,« erwiederte
Egenolf. »Du kommst doch jetzt mit uns hinauf zur Ulrichsburg?«

»Meinst Du? das war eigentlich nicht meine Absicht. Was sagt Ihr dazu,
Gräfin Isabella?« wandte sich Bruno an diese.

Isabella sprach mit leise bebender Stimme: »Ich meine, Ihr solltet die
Aufforderung meines Bruders nicht ablehnen.«

»Na, siehst Du! so kräftigem Zureden kannst Du doch nicht widerstehen,«
lachte Egenolf. »Natürlich kommst Du mit, weißt doch, daß Du meinen
Eltern willkommen bist,« fügte er hinzu und fing dafür einen
dankbaren Blick seiner Schwester auf, den er ihr mit einem freundlich
verschmitzten Lächeln zurückgab.

»Gern komme ich mit euch,« erwiederte frohgemuth Bruno, der auf diese
Einladung schon sehnlichst gewartet hatte.

So ritten sie denn zusammen zur St. Ulrichsburg hinauf, und Egenolf
trug sich mit nicht geringer Neugier, was wohl sein Vater zu Bruno's
Besuch auf der Hohkönigsburg sagen würde.

Bruno ward im Schlosse herzlich willkommen geheißen, und Graf Schmasman
ließ ihn nichts davon empfinden, was ihn seines Vaters wegen verdroß
und bekümmerte.

Isabella erzählte von ihrer vorzüglichen Aufnahme bei den
Thiersteinern, bestellte ihrer Mutter den freudigen Dank der Gräfin
Margarethe für den Gürtel und theilte mit, daß ihr Leontine einen
baldigen Gegenbesuch versprochen hätte.

»Und wo kommst _Du_ her, Bruno?« fragte Schmasman so beiläufig.

»Auch von der Hohkönigsburg,« antwortete Bruno.

»Aber Du warst nicht oben auf der Burg? nicht darin?«

»Doch, Herr Graf!«

»Von Deinem Vater entsandt?«

»Nein.«

»Ja, was wolltest Du denn da?«

»Ich wollte den Stallmeister Isinger, den vielgepriesenen Kurschmied,
um Rath fragen wegen meines herzschlächtigen Rappen.«

Da brach Egenolf in helles Lachen aus. Nun ist das Räthsel gelöst,
dachte er; seines herzschlächtigen Rappen wegen ist er den weiten Weg
geritten, nicht zur Eroberung eines heißbegehrten Mädchenherzens, und
wie habe ich mich mit der Ergründung seiner tief verborgenen Anschläge
abgequält! »Der Isinger wird Dir einen schönen Bären aufgebunden
haben,« konnte er zu sagen sich nicht enthalten.

»Fast glaub ich es selber,« erwiederte Bruno, in das Lachen des
Freundes gutmüthig einstimmend.

Schmasman blieb sehr ernst und setzte seine Fragen fort: »Hast Du den
Grafen Oswald gesprochen?«

»Gewiß! er hat mich auf der ganzen Burg herumgeführt, mir alle
Vertheidigungswerke gezeigt und mir den besonderen Zweck jedes
einzelnen erklärt.«

»Er hat Dir die Werke gezeigt?« sprach Schmasman höchst erstaunt.
»Nun, Bruno, Dein dämpfiger Rappe war doch wohl nur ein Vorwand für
Deinen Besuch, und wenn auch nicht in Deines Vaters ausdrücklichem
Auftrag, so doch wohl auf seinen leisen Wink hast Du Dir vom Grafen
Oswald die neuen Befestigungen so genau zeigen lassen; ich wundere mich
nur, daß er's gethan hat.«

»Er hat sich ohne meinen Wunsch selbst dazu erboten.«

Schmasman starrte den vom Grafen Oswald so Bevorzugten an, als
verstünde er das Alles nicht. Dann sagte er: »Du kannst also nun
angeben, an welchen Stellen die Burg am ehesten zu berennen und zu
erstürmen ist, wenn Dich Jemand danach fragen sollte?«

»Ich halte sie für uneinnehmbar,« erwiederte Bruno. »Aber, Herr Graf,
wer denkt denn daran, die Hohkönigsburg zu erstürmen?«

»Dein Vater, Bruno!«

Bruno saß da, wie auf den Mund geschlagen; kaum brachte er hervor:
»Mein Vater?«

»Ja, er hat mit dem Grafen Oswald einen harten Streit gehabt und will
sich an ihm rächen, ihm zum Kampf mit Feuer und Schwert absagen. Ich
glaubte, Du hättest ihm schon den Fehdebrief überbracht, als ich hörte,
daß Du von der Hohkönigsburg kommst.«

»Davon hat mir mein Vater kein Wort gesagt; er weiß allerdings auch
nicht, daß ich dahin geritten bin,« sprach Bruno erregt und erschrocken.

»Höre nur weiter! die Fehde ist beschlossene Sache; Dein Vater hat
auch mich dazu beredet, und ich habe ihm meine Hilfe zugesagt. Aber
nach reiflichem Erwägen und aus schwerwiegenden Gründen bin ich
anderen Sinnes geworden, und wärest Du heute nicht hierher gekommen,
so hätte ich morgen Deinen Vater meine Willensänderung wissen lassen.
Nun bestelle Du ihm, daß ich von dem Fehdeplan gegen die Thiersteiner
zurückträte.«

»Und wenn mich mein Vater nach Euren Gründen fragt?«

»Dann sage ihm --,« begann Schmasman mit auflodernder Heftigkeit,
bezwang sich aber schnell und fuhr ruhiger fort: »Sage ihm, ich hielte
einen Streit beim vollen Becher einer blutigen Fehde nicht werth.«

»Mit dieser Botschaft werde ich einen üblen Empfang zu Hause finden,«
meinte Bruno besorgt.

»Was kannst Du dafür!« tröstete ihn Schmasman. »Aber vielleicht besinnt
sich Dein Vater nun auch eines Besseren, wenn er hört, daß ich nicht
mitthun will.«

Bruno schüttelte den Kopf und sprach: »Schwerlich; was er sich einmal
in den Kopf gesetzt hat, davon bringt ihn nichts in der Welt wieder ab.«

»O ich kenne ihn,« sagte Schmasman, »er wird wüthen gegen mich.«

Danach blieb es eine Zeit lang still in dem Kreise. Die Anderen
hatten sich an dem Gespräch nicht betheiligt, auch Gräfin Herzelande
nicht. Isabella, die von diesen Fährlichkeiten jetzt zum ersten Male
hörte, empfand es schmerzlich, daß ihre Freundin Leontine und deren
Eltern von so bitteren Feindseligkeiten bedroht waren. Bruno lag es
bergeschwer auf der Brust, was ihn hier wie ein Blitz aus heiterm
Himmel überstürzt hatte. Er sah den Ausbruch einer scharfen, vielleicht
verhängnißvollen Zwietracht zwischen seinem Vater und dem Grafen von
Rappoltstein voraus, die seine jung aufsprießenden Hoffnungen auf den
einstigen Besitz Isabella's vernichten konnte. Aus seinem Besuch auf
der Hohkönigsburg konnte sein Vater ihm keinen Vorwurf machen. Warum
hatte Herr Burkhard ihm nicht Vertrauen geschenkt, ihn nicht in diese
mißlichen Verhältnisse eingeweiht, wie dies Schmasman doch seinem
Sohne gegenüber gethan haben mußte, denn Egenolf hatte sich von den
bedauerlichen Neuigkeiten durchaus nicht überrascht gezeigt. Und doch
war es Bruno lieb, daß er bis jetzt nichts davon gewußt hatte, denn
dann hätte er nicht auf die Hohkönigsburg reiten und dort unvermuthet
mit Isabella zusammentreffen können.

Die Stimmung auf der St. Ulrichsburg war eine niedergeschlagene, so
sehr auch Herzelande sich bemühte, die Unterhaltung, die sie geschickt
auf andere, unverfängliche Gebiete hinübergeleitet hatte, einigermaßen
im Gange zu erhalten. Egenolf war der Einzige, der die Wendung der
Dinge, wie sie heute lagen, als eine für ihn und seine Herzenswünsche
günstige betrachten konnte, nachdem er aus seines Vaters Munde den
Entschluß vernommen hatte, die Thiersteiner nicht befehden zu wollen,
aber frei von dem auf Allen lastenden Drucke fühlte auch er sich nicht.
Ihn dauerten Freund und Schwester, und mehr als einmal sah er, wie die
Beiden einen traurigen Blick wechselten, als früge Jeder den Andern:
was wird nun aus uns?

Bruno wollte aufbrechen und heimreiten, um den Sturm, der aus seines
Vaters Zorn über ihn daherbrausen würde, so bald wie möglich zu
bestehen und dann hinter sich zu haben. Er ließ sich jedoch von
Schmasman und Herzelande, die ihn von Klein auf kannten und daher auch
jetzt noch Du nannten, leicht zum Bleiben bewegen.

Endlich regte sich bei Allen der Wunsch, den Zwang von Umständen, an
denen vorläufig nichts zu ändern war, von sich abzuschütteln, und in
diesem Bestreben kam es am Abend, als Egenolf mit Erfolg darauf drang,
aus dem Schloßkeller einige Herzstärkungen heraufholen zu lassen,
noch zu einem ganz vergnüglichen Beisammensein. Auch Schmasman, der
eine gewisse Beruhigung darin fand, daß er seine Willensmeinung wegen
der Fehde von der Seele herunter hatte und Burkhard nun Kunde davon
erhielt, war gesonnen, sich jetzt einer frohen Geselligkeit hinzugeben,
und genoß mit Behagen die edlen Tropfen, die sein heute schier
übermüthiger Sohn auftischen ließ. Und Herzelande, die vornehm und
liebreich waltende, klug und mild alles Widerwärtige zum Guten kehrende
Schloßfrau, saß ihm mit lachenden Augen gegenüber und freute sich, ihn
wieder heiter zu sehen. Selbst Bruno vergaß an Isabella's Seite der
drohenden Wolken, die über seinem schuldlosen Haupte schwebten, und
Isabella war mehrmals in seligen Träumen versunken, aus denen sie erst
Anrede oder Frage eines Anderen weckte.

Als nun der alte, seinen Beruf nie verfehlende Freudenbringer die
Lebensgeister angefacht hatte, wandte sich Bruno plötzlich mit einem
fast feierlichen Tone zu Schmasman und sagte: »Herr Graf, ich habe eine
Bitte an Euch, eine große Bitte.«

Isabella erschrak und warf einen ängstlichen Blick auf ihren Bruder,
den es auch durchfuhr: er wird doch nicht --?

»Laß sie hören, Bruno!« rief Schmasman freundlich und geneigt ihm zu.

Bruno hub an: »Der Pfeiferkönig hat unsern Seppele von Ottrott auf neun
Tage in den Thurm gesperrt wegen eines Spottliedes auf den Falkenwirth
in Grendelbruch. Zur Hälfte hat er die Strafe schon verbüßt, und nun
bitte ich Euch als den Schutz- und Lehnsherrn der Spielleute: erlaßt
ihm in Gnaden die andere Hälfte und gebt den Seppele frei. Ihr würdet
meinem Vater damit eine Freude machen, und es würde nicht wenig zu
seiner Besänftigung beitragen, wenn ich ihm nach der anderen, sehr
unwillkommenen die tröstliche Meldung von Seppele's Freilassung
überbringen könnte.«

Isabella athmete auf, und Egenolf mußte nun selbst darüber lächeln,
welche Übereilung er seinem Freunde Bruno zugetraut hatte.

Schmasman antwortete nicht gleich, aber als ihm Herzelande eifrig
zunickte, sprach er: »Nun gut, Deine Bitte soll erfüllt werden, Bruno.
Egenolf mag morgen mit Dir nach Rappoltsweiler hinunter reiten; da
geht ihr zum Frohnvogt und verkündet ihm in meinem Namen Seppele's
Begnadigung. Dann kannst Du den Nichtsnutz gleich mitnehmen.«

»Ich dank' Euch vielmals, Herr Graf!« sagte Bruno und war nun erst
recht aufgeräumt und guter Dinge.

Nicht lange darauf zogen sich die beiden Damen zurück, aber die drei
Herren zechten noch weiter, bis Schmasman erklärte: »Nun ist's genug;
schlaft wohl, ihr beiden!«

Gern wäre Bruno noch mit Egenolf allein sitzen geblieben, um ihm beim
Becher seine Liebe zu Isabella zu beichten, aber das wollte Egenolf
heute vermeiden. Er sprach daher: »Komm! es ist spät geworden.«

Da erhoben auch sie sich und suchten ihre Schlafgemächer auf.



XIV.


Vier Tage waren vergangen, seit Bruno von der St. Ulrichsburg
abgeritten war und seinem Vater von Schmasmans Entschluß, die
Thiersteiner nicht angreifen zu wollen, Mittheilung gemacht hatte.
Aber noch war keine Kunde hierher zurückgelangt, was Burkhard bei
so veränderter Sachlage zu thun gedächte, ob er nun den Fehdeplan
aufgab, oder ob er, auch ohne die Hilfe der Rappoltsteiner, auf der
Durchführung des feindlichen Unternehmens nach wie vor bestand. Dieses
Ausbleiben jeglicher Nachricht versetzte Schmasman in große Unruhe,
denn er konnte sich Burkhards Schweigen nicht erklären. War dieser so
wüthend auf ihn, daß er ihn keiner Botschaft mehr würdigte? oder wollte
er seine Entschlüsse und Veranstaltungen vor ihm geheim halten, um ihn
mit einer vollendeten Thatsache, einem nicht zurücknehmbaren Schritte
zu der Entscheidung zu zwingen, mit ihm oder wider ihn zu sein? Denn
wenn es wirklich zum Kampfe kam, so konnte Schmasman diesem nicht als
Unbetheiligter müßig zuschauen, sondern mußte auf der einen oder der
anderen Seite handelnd eingreifen.

All die Tage her und manche halbe Nacht hatte er sich mit den
abenteuerlichsten Gedanken darüber herumgeschlagen und sich schon die
Frage vorgelegt, ob die von Loder belauschte Unterhaltung Burkhards mit
Müllenheim und des Ersteren dabei geäußertes Verlangen nach dem Besitz
der Hohkönigsburg auch wohl ernst zu nehmen sei. Er hielt es jetzt für
möglich, daß Burkhard dem Schloßherrn von Girbaden nur hatte auf den
Zahn fühlen wollen und daß seine Einladung an ihn zum Weihnachtsfest
dort oben nur ein prahlerischer Scherz oder eine muthwillige Fopperei
gewesen war. Denn er konnte Burkhard noch immer nicht die Tücke
zutrauen, ihn im Widerspruch mit der jeden Nebenzweck verneinenden
Versicherung so gröblich täuschen zu wollen, und war auf dem besten
Wege zu der Überzeugung, daß er seinem rauflustigen Freunde mit diesem
Verdacht Unrecht thäte. Aber Gewißheit, was er von ihm denken sollte,
mußte er um jeden Preis haben, und dazu konnte er nur gelangen, wenn er
vor Burkhard hintrat und ihn Auge in Auge zur Rede stellte.

Mit dem Entschlusse, dies zu thun, kam er am fünften Morgen nach
Bruno's Besuch in das Gemach seiner Gemahlin und theilte ihr sein
Vorhaben und dessen Begründung mit.

Herzelande hörte ihn ruhig an und sagte darauf: »Den Ritt nach Ottrott
kannst Du Dir sparen; dieser Brief Stephania's, den sie mir durch
einen Knecht gesandt hat, wird Dich aller Zweifel über Burkhards wahre
Absichten entheben.« Sie reichte ihm das Blatt, und Schmasman las, was
Frau Stephania geschrieben hatte.

        Meine herzliebe Frau Gevatterin Gräfin Herzelande!

    Freundlichen Gruß und alles Guts zuvor! Mit beschwertem
    Gemüth, aber in gutherziger Meinung schreibe ich Euch diesen
    angsthaftigen Brief. Mein lieber Herr und Gemahl ist ob der
    betrübsamen Kunde, so ihm unser Sohn vom Grafen Schmasman
    überbracht hat, in einer ganz erschrecklichen, zornmüthigen
    Verfassung und läßt sich durch keine Beschwichtigungen mit
    guter Vernunft zu einem gebührlichen Einsehen bewegen. Graf
    Schmasman will von der stattgehabten Abrede, dem Grafen
    Thierstein auf Leib und Leben, Gut und Blut abzusagen,
    zurückzucken, und Burkhard schilt ihn ein Mal übers andere
    wortbrüchig und bundbrüchig und droht, auch euch Rappoltsteiner
    mit gewaffneter Hand anzufallen, wenn Graf Schmasman nicht
    steifhält, was er gelobt hat. O meine großgünstige Freundin,
    was soll aus so beschaffenen Umständen werden? Zwietracht und
    Uneinigkeit ist das größte Gift auf Erden, und nun gar zwischen
    alten Freunden, die ihr Lebtag in gutem Frieden mit einander
    ausgekommen sind. Mein Gemahl hat ein unruhig Herz und einen
    stolzen Kopf; er will bei seinem gefaßten Fürhaben beharren und
    die ihm von dem Thiersteiner angethane Schmach mannlich rächen.
    Er will nicht ablassen, bis er ihn von der Hohkönigsburg
    vertrieben hat, und mich will fast bedünken, als hätte er dabei
    noch einen anderen Endzweck im Auge, den er mir nicht aufdecken
    will. Ihr könnt leichtlich entnehmen, daß ich groß Überlast
    mit ihm habe und, wie schon gemeldt, in zitternden Ängsten und
    Sorgen bin, daß daraus viel Unsegen und Leiden erwachsen. Aus
    diesen bewegenden Ursachen bitte ich Euer Liebden im Namen
    Gottes, doch ja mit größter Fürsichtigkeit zu thun, was in
    Euren Kräften steht, daß zwischen unseren beiden Herren Friede
    und Eintracht bleibt, und vertraue herzhaft auf Euch, daß Ihr
    Euren Ehgemahl dazu vermögt, dem meinigen Wort zu halten und
    ihn nicht im Stich zu lassen.

    Der Allmächtige erhalte Euch bei langwieriger, bequemer
    Gesundheit, und wollet meiner im Guten nicht vergessen.

    Zu aller Lieb und allem Dienst

        Eure

        treuverbundene Freundin und Gevatterin

        Stephania von Rathsamhausen.

Schmasman war vom Lesen dieses Briefes tief erschüttert. Er schritt ein
paarmal schwer athmend im Zimmer auf und ab und rief mit grollender
Stimme: »Wortbrüchig, bundbrüchig nennt er mich, -- das ertrag' ich
nicht!« Dann blieb er vor Herzelande stehen. »Hab' ich es euch nicht
gesagt: ein Wort ist ein Wort und bleibt ein Wort? Sie hat ganz Recht,
ich kann nicht zurück, ich muß steifhalten, was ich gelobt habe. Ein
Wortbruch ist das Abscheulichste, was ich kenne.«

»Und willst ihm helfen, die Hohkönigsburg zu erstürmen und sich darin
festzusetzen?« fragte Herzelande.

»Nein! das nicht, das nicht!«

»Ja, was dann? der andere Endzweck, von dem Stephania spricht, liegt
doch für uns klar auf der Hand.«

»Dabei hat der Kaiser auch noch mitzureden; er ist der oberste
Lehnsherr.«

»Der Kaiser!« sagte sie mit geringschätziger Miene, »Du weißt besser
als ich, wie weit des Kaisers Macht reicht und wie weit sie nicht
reicht. Und was ist denn schlimmer, Wortbruch oder Friedensbruch?«

Er drückte die geballten Fäuste gegen die Stirn und stöhnte: »Es ist
grausam, vor eine solche Wahl gestellt zu sein.«

»Entscheiden mußt Du Dich für's eine oder für's andere.«

»Mach mich nicht rasend, Frau! ich weiß mir nicht aus noch ein.
Wortbrüchig! wortbrüchig!« und wieder lief er hin und her wie ein Löwe
im Käfig. Dann riß er die Thür auf und rief hinaus, daß es laut durch
die Gänge schallte: »Reimar! Reimar!« Der Kämmerling erschien. »Geh
hinauf zum Thürmer; er soll blasen, daß meine Brüder kommen, sogleich
kommen.«

Der Hornruf ertönte, und nun horchten sie auf die Antwort. Bald klang
es von Giersberg und auch von Hohrappoltstein zurück: ich komme.

»Wozu Wilhelm rathen wird, weiß ich im Voraus,« sprach Herzelande.
»Bei Kaspar ist es mir zweifelhaft, er ist eine friedliebende Natur.«

»Sie werden beide so rathlos sein wie ich.«

»Ich hoffe, ihr werdet einen ehrenvollen Ausweg finden.«

»Einen anderen gehen wir nicht, Herzelande!« sagte Schmasman. »Ich
erwarte sie oben bei mir; sorge, daß wir nicht gestört werden.« Damit
schritt er hinaus und stieg die Treppe hinan.

Kaum hatte er das Gemach verlassen, als Isabella und Egenolf zugleich
eintraten, die Eine in den Augen die stumme, der Andere auf den
Lippen die laute Frage: »Was ist geschehen, Mutter? die Oheime sind
herberufen; etwa Nachricht von Herrn Burkhard?«

»Nicht von ihm selber, aber von Frau Stephania,« erwiederte Herzelande
mit einem Tone, aus dem Leid und Sorge herauszuhören waren.

»Willst Du mir sagen, Mutter --«

»Herr Burkhard besteht auf blutiger Fehde gegen die Thiersteiner und
verlangt des Vaters Beistand.«

»Und der Vater?«

»Ist in der schwierigsten Lage und weiß nicht, was er thun oder lassen
soll. Er will mit seinen Brüdern Raths pflegen.«

»Was sie ihm auch rathen werden,« sprach Egenolf, »ich kann mir nicht
denken, daß sich der Vater zur Absage an Graf Oswald entschließen wird.«

»Dann giebt es Fehde mit Burkhard,« sagte Herzelande.

»O mein Gott!« entfuhr es Isabella's zuckendem Munde.

Darauf schwiegen die Drei, und Jeder gab sich seinen trüben Gedanken
hin.

Graf Kaspar traf als der Nächstwohnende zuerst auf der St. Ulrichsburg
ein und mit ihm seine Gattin Imagina.

»Na, vergnügte Gesichter macht ihr grade nicht, seht aus, als wäre
euch Gott weiß was verregnet.« Mit diesen Worten begrüßte Imagina beim
Eintritt ins Gemach die Anwesenden, von einem zum andern blickend. »Was
ist denn los hier?«

»Der Teufel ist los,« brummte Egenolf.

»Burkhard speit Feuer und Flammen, nicht wahr?« fragte Kaspar.

Herzelande nickte: »Er hält Schmasman bei seinem Worte fest, -- Fehde
gegen Thierstein.«

»Brr!« machte Imagina, »da spielen wir nicht mit.«

»Werden wohl müssen,« sagte Kaspar ärgerlich.

»Schmasman erwartet Dich oben, und Gott gebe euch einen guten Rath
ein,« erinnerte Herzelande ihren Schwager, und dieser ging nun zu Dem,
der seiner harrte.

»Könnt' ich nur dabei sein bei ihrer Berathung!« sprach Egenolf
unwillig.

»Der Vater wird seine besonderen Gründe haben, daß er Dich nicht dazu
aufgefordert hat,« meinte Herzelande.

Bald kam auch Graf Wilhelm an, aber ohne seine Gemahlin, und begab sich
sofort hinauf zu seinen Brüdern.

»Mich werdet ihr hier nicht los, bis ich erfahre, was sie da oben
ausgeheckt haben,« sprach Imagina und kauerte sich wie ein Kätzchen so
recht behaglich in einen bequemen Lehnstuhl.

»Wenn sie's uns überhaupt anvertrauen,« warf Egenolf ein.

»Hm!« lächelte Imagina und sah ihn mit einem Blick an, der wohl sagen
sollte: dafür laß mich sorgen.

Egenolf hätte sich am liebsten in den Sattel geschwungen und in einem
scharfen Ritt seine Unruhe vertrieben, aber auch er wollte nicht von
hinnen, ehe er wußte, wie die Entscheidung ausgefallen war, zumal
er noch immer hoffte, daß nichts Feindliches gegen die Thiersteiner
beschlossen wurde.

Eine Viertelstunde nach der anderen verging in banger Erwartung.
Isabella schnürte die Angst die Kehle zu, daß es gegen die
Rathsamhausen gehen könnte, und auch Herzelande ward es schwer, ihre
innere Erregung vor den Andern zu verbergen. Nur Imagina behielt ihren
Gleichmuth; sie blinzelte schläfrig mit den Augen, und ihr rothes
Mündchen öffnete sich, so weit es konnte, zu einem lieblichen Gähnen,
das sie mit der Hand zu verdecken suchte. »Kinder, ist das langweilig!«
sagte sie dann, »Geduld ist meine starke Seite nicht.«

Die Anderen beharrten in ihrem Schweigen, und die Minuten schlichen
stumm durch die endlose Zeit. Ein tiefer Athemzug, ein halb
unterdrückter Seufzer waren die einzigen bemerkbaren Geräusche.

Plötzlich aber ließ sich vor dem Gemach ein Rauschen und Zischeln
vernehmen; die Thür ward aufgestoßen, und Leontine kam hereingeschossen.

»Grüß Gott!« rief sie fröhlich, »da komm' ich gestoben wie der
Wirbelwind über die Stoppeln. Ja, was thut ihr denn hier? sitzt da zu
Vieren, und kein Laut ist zu hören? haltet ihr hier eine stille Andacht
ab?«

»Jawohl,« lachte Imagina, die sich zuerst faßte und aufgesprungen war,
»ich habe soeben gebetet, der Himmel möchte uns irgend ein kleines
blaues Wunder bescheren, und nun haben wir's leibhaftig vor uns, und
größer als ich's mir in meiner Bescheidenheit gewünscht habe.«

Leontine flog nun aus einem Arm in den andern, und Alle beherrschten
sich so gut, daß die Ahnungslose von ihrer Bestürzung über dieses
höchst seltsame Zusammentreffen nichts gewahr wurde.

»Ich kann Euch nicht sagen, wie willkommen Ihr mir seid, Leontine!«
sprach Herzelande mit einer eigenthümlichen Bewegung im Tone. Ihr
brachte Leontinens Erscheinen Erleichterung und Erlösung von marternder
Pein, und es war ihr, als käme der Schutzgeist des Hauses Thierstein
eilends dahergeschwebt, dem Unheil zu wehren, das sich vielleicht in
dieser Stunde über dem Hause zusammenzog. Nun konnten doch unmöglich
die Drei da oben Feindschaft gegen den Grafen Oswald beschließen,
während seine Tochter vertrauensvoll als Gast unter Schmasmans Dache
weilte.

»Du bleibst doch recht lange hier, hoff' ich,« sprach Isabella und
hielt Leontinen umschlungen, als wollte sie die eben Gekommene nun auch
so bald nicht wieder freigeben.

»Leider muß ich heut Abend wieder zurück,« erwiederte Leontine, »wir
erwarten Besuch aus Straßburg, und da muß ich zu Hause sein.«

»Wie Schade!«

»Ich komme bald einmal wieder; es trieb mich unwiderstehlich, Dich
schnell einmal wiederzusehen, und ich weiß nicht, wie lange unsere
Gäste bleiben werden.«

»Es wird ihnen auf der Hohkönigsburg schon zu längerem Aufenthalt
gefallen,« meinte Herzelande; »sie ist gar schön und prächtig nach
ihrem Wiederaufbau. Die weißhaarige Greisin läßt sich nun wohl nicht
mehr sehen?«

»Welche weißhaarige Greisin?« fragte Leontine neugierig.

»Wißt Ihr davon nichts?« sprach Herzelande. »In den langen Jahren, wo
die Burg in Trümmern lag, wandelte, so erzählt man sich, eine Greisin
mit wallendem weißen Haar in hellen Vollmondnächten auf den gebrochenen
Mauern gespenstisch umher, rang stumm klagend die Hände und erhob sie
flehend zum Himmel. Eine verstorbene Gräfin Öttingen soll es sein, die
vor Trauer über den Verfall der Burg in ihrem Grabe nicht schlafen
konnte. Nun aber, da sie in alter Größe wieder hoch und herrlich
dasteht, wird ihre einstige Herrin wohl die ewige Ruhe gefunden haben
und, so hoff' ich zu Gott, nie wieder darin gestört werden.«

»Davon habe ich noch nie gehört.«

»Weiße Frauen gehen nächtens auf vielen Burgen im Wasigen um,« fuhr
Herzelande fort, »auch auf der unsrigen hier, obwohl sie von uns
Lebenden noch keiner gesehen hat. Auf Schloß Rathsamhausen, auf der
Dagsburg, Haselburg, Spesburg, Plixburg, Ochsenstein, Greifenstein und
anderen Burgen zeigen sie sich, und ihr Erscheinen bedeutet stets eine
drohende Gefahr oder ein bevorstehendes Unglück.«

»Nur Unglück prophezeien sie?«

»Unglück und Gefahr; sie sind Ahnfrauen, die ihr nachfolgendes
Geschlecht vor allem Bösen warnen und behüten wollen,« erwiederte
Herzelande. »Achtet man ihres Kommens nicht, so bricht das Verderben
herein. So geschah es einmal auf den Ottrotter Schlössern. Auf den
Burgen Rathsamhausen und Lützelburg, die kaum einen Pfeilschuß weit
auseinander liegen, wohnten einst zwei Brüder, die zuweilen in der
Frühe selbander auf die Pirsch zu gehen pflegten. Sie weckten sich
gegenseitig dadurch, daß der zuerst Erwachende beim grauenden Morgen
einen Pfeil gegen den geschlossenen Fensterladen des Bruders schoß,
und kannten aus langer Übung die Richtung so genau, daß sie auch im
Halbdunkel ihres Zieles nicht fehlten. Eines Morgens aber öffnen beide
gleichzeitig den Laden; Jeder schießt im selben Augenblick, und Jeder
sinkt, vom Pfeile des Bruders getroffen, sterbend danieder. Drei Nächte
vorher war beiden die weiße Frau erschienen.«

»Schrecklich!« sprach Leontine.

»Wißt ihr noch mehr so grauliche Geschichten?« frug Imagina. »So
am helllichten Tage lasse ich sie mir gefallen, aber kurz vor
Schlafenszeit halte ich mir die Ohren davor zu, sonst träumt man davon.«

»Du hast Recht,« sagte Herzelande, »wir wollen unsere liebe Leontine
nicht mit so schauerlichen Geschichten unterhalten.«

»O ich fürchte mich nicht,« lachte Leontine und sah sich in dem
schönen, ganz durchsonnten Zimmer aufmerksam um. Auf ein gemaltes
Fenster zeigend fragte sie: »Ist das Euer Wappen?«

»Ja, das ist unser Wappen,« erwiederte Herzelande, »und wenn ich nicht
irre, haben es die Rappoltsteiner schon von den Saliern, den Kaisern
Heinrich IV. und V., die das Geschlecht mit den drei Burgen, auf denen
wir heute noch wohnen, einst belehnten.«

»So? Wie kommt es denn aber, daß sich ganz dasselbe Wappen am
Zunfthause der Maler in Straßburg befindet?«

»Es ist nicht ganz dasselbe,« belehrte sie Herzelande, »sondern zeigt
die umgekehrten Farben, nicht drei rothe Schildlein in weißem Felde
wie dies hier, sondern drei weiße Schildlein in rothem Felde, und es
hat damit eine eigene Bewandtniß. Als vor langen Jahren Meister Ulrich
von Ensingen den Thurmbau des Straßburger Münsters leitete, arbeiteten
unter ihm drei berühmte Künstler, drei Brüder Jungherren von Prag,
als Baumeister, Bildhauer und Maler. Ein Vorfahr meines Mannes, ein
Herr von Rappoltstein, beleidigte sie, ich weiß nicht mehr womit. Sie
beklagten sich beim Kaiser Sigismund, als dieser bald darauf nach
Straßburg kam, und der Kaiser gab den Jungherren nicht nur Recht,
sondern verlieh ihnen auch zur Sühne das nur in den Farben veränderte
Wappen ihres Beleidigers. Und seitdem führen alle Malerzünfte im ganzen
deutschen Reiche das Rappoltstein'sche Wappen, aber in den umgekehrten
Farben: drei weiße Schildlein in rothem Felde.«

»Das ist ja merkwürdig,« sagte Leontine. »Ihr wißt so Vieles zu
erzählen, Gräfin Herzelande! ich könnte Euch Tage lang zuhören.«

»Und ich würde nicht fertig werden damit,« lächelte Herzelande, »ich
weiß noch viel, viel mehr, denn unser alter, schöner Wasigen steckt
so voll von Sagen und Geschichten wie kein anderer deutscher Gau.
Ich könnte Euch von der Fee Haband am Schlüsselstein erzählen, die
bei Kerzenlicht die Mähnen der Rosse strählt und Nachts mit einem
spukhaften Gefolge weißverschleierter Fräulein weit umherzieht, vom
Weingeigerlein von Brunstatt, das zur Zeit der Rebenblüthe einen guten
oder schlechten Herbst verkündet, vom böttgernden Küfer im Falkenstein,
der dasselbe thut, von dem Gnom im Silberschacht bei Mariakirch, der
sich in die Tochter des Steigers verliebte und weil sie ihn nicht
erhörte, den Schacht mit allen seinen Schätzen auf ewig verschloß, von
den Eisenringen in der Heidenmauer an der Tänchelwand, wo die Schiffe
festgebunden wurden, die den großen See, der sich einst dort befand,
befuhren, von Schwänen umkreist, und von noch mehr so wunderbaren
Dingen. Aber das verspare ich mir auf ein ander Mal, denn ich höre die
Herren kommen.«

Die drei Brüder traten herein, und auf ihren sehr ernsten, noch
etwas erregten Gesichtern spiegelte sich Verwunderung und einige
Verlegenheit, grade zu dieser Stunde Leontinen hier zu begegnen.

»Sieh da! die Herren Grafen alle drei beisammen!« rief Leontine sich
erhebend. »Ihr staunt, mich hier zu sehen, und ich fürchte fast,
ich bin in einen wichtigen Familienrath recht ungelegen und störend
hineingeschneit.«

»Weder störend noch ungelegen, Gräfin Leontine!« erwiederte Schmasman
freundlich und reichte ihr die Hand. »Wir waren nur nicht auf die
Freude vorbereitet, einen so lieben Gast hier zu finden; seid
willkommen!«

Auch Wilhelm und Kaspar begrüßten Leontinen mit ritterlicher
Höflichkeit.

Vier Augenpaare bohrten sich mit forschenden Blicken in die Gesichter
der drei Brüder, aber in ihnen war nichts von dem zu lesen, was sie
beschlossen hatten und danach zu fragen wagte in Leontinens Gegenwart
Niemand.

Graf Wilhelm verabschiedete sich, um zu seiner Gemahlin zurückzukehren.
Kaspar aber und Imagina blieben zur Mittagstafel, an der man es sich so
wohl sein ließ wie dies den auf die getroffene Entscheidung angstvoll
Gespannten möglich war. Imagina und Leontine waren die Muntersten
bei Tische, und Schmasman und Herzelande führten die Unterhaltung so
ungezwungen und geschickt, daß Leontine von dem Banne, der auf Allen
lag, nichts merkte.

Egenolf hatte sich Leontinen gegenüber gesetzt, aß und trank wenig und
war ziemlich wortkarg. Seine Augen suchten die ihrigen, und sehr oft
traf ihn ein schüchterner Blick von ihr, über den sie dann schnell die
Wimpern senkte, aber doch nicht schnell genug, daß er den leuchtenden
Blitz nicht gesehen hätte. Sie aber wußte sich das Gemisch von
Sehnsucht und Sorge, mit dem er sie immer wieder und wieder anschaute,
nicht zu deuten. Wovor bangte ihm? Konnte er denn noch in Ungewißheit
sein, wie sie über ihn dachte, was sie tief im Herzen für ihn fühlte?

Die heimlich beobachtende Imagina hatte wohl erkannt, was da wie
schwellende Knospen zum freudigen Aufblühen trieb und drängte, und
nahm sich vor, den Beiden zu ihrem Glücke zu verhelfen, wobei sie auf
Isabella's Beistand rechnen konnte.

Nachdem man vom Tische aufgestanden war, sagte sie zu ihrem Gatten: »Du
hast wohl mit Schmasman noch Manches zu ordnen; wir gehen derweilen in
den Wald, und ich treffe Dich später zu Hause.« Dann that sie noch eine
leise Frage an ihn, auf die eine kurze, von Niemand sonst verstandene
Antwort erfolgte.

Es kam auch so, wie Imagina vorgeschlagen hatte. Sie, Leontine und
Isabella wandelten bald, von Egenolf begleitet, auf einem stillen
Waldpfade, wo der Wind, im welkenden Laube raschelnd, sein wehmüthiges
Herbstlied sang und bald hier, bald dort ein gelbes Blatt vom Zweige
brach, das aus dem Wipfel lautlos zu Boden flatterte.

Anfangs gingen sie zu Vieren, paarweise getheilt, mit einander, und
die Unterhaltung war eine gemeinsame. Nach einiger Zeit aber wußte
es Imagina so einzurichten, daß sie mit Isabella vorn war und diese,
Arm in Arm mit ihr, zu rascherem Vorwärtsschreiten veranlaßte, so daß
Egenolf und Leontine etwas hinter ihnen zurückblieben. Leontine schien
nicht darauf zu achten und plauderte ruhig weiter. Als sich die beiden
Anderen aber immer mehr von ihnen entfernten, durchschaute sie deren
Absicht, Egenolf Gelegenheit zu einer Aussprache mit ihr zu geben, und
das war ihr durchaus nicht recht. Sie wollte zum Alleinsein mit ihm
nicht so auffällig hingeleitet, hingestoßen sein, am wenigsten hier und
heute, wo es ja den Anschein haben konnte, als wäre sie eigens dazu
nach der St. Ulrichsburg gekommen. Darum beschleunigte nun auch sie
ihren Schritt und zwang Egenolf damit, dasselbe zu thun. Er verstand
sie und versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Aber etwas hatte er ihr
doch zu sagen, was jene Beiden nicht zu hören brauchten. Daher begann
er, ehe sie die Voranschreitenden einholten: »Wie lange wird Euer
Straßburger Besuch auf der Hohkönigsburg bleiben?«

»Ich denke, zwei oder drei Tage, länger gewiß nicht,« erwiederte sie.
»Warum fragt Ihr danach?«

»Weil ich eine Bitte an Euch habe, Gräfin Leontine,« sprach er. »Ich
möchte mit Euch gern einmal einen Ritt durch den Wald machen. Wollt Ihr
mir diese Gunst gewähren?«

Sie fühlte sich erröthen, neigte das Haupt tiefer und sagte leise:
»Wenn Ihr es wünscht, Graf Egenolf, so will ich es gern.«

»O wie dank' ich Euch! Ist es Euch recht, daß wir uns am vierten Tage
von heute um die neunte Stunde dort treffen, wo wir uns zum ersten Male
gesehen haben, wo das Echo wohnt?«

»Wo das Echo wohnt,« lächelte sie; »hört Ihr's? es antwortet auch hier.«

»Und aus Eurem Munde, Leontine!« jubelte er.

Weiter sprachen sie nichts, denn sie waren jetzt schon nahe an die
Beiden herangekommen, mit denen sie sich nun wieder vereinigten und zur
Burg zurückkehrten.

Als sie durch das Thor schritten, machte sich Egenolf an Imagina's
Seite und flüsterte: »Weißt Du's, was beschlossen ist?«

»Ja, ich weiß es,« erwiederte sie mit einem mitleidigen Blick, »Fehde
gegen Thierstein.«

Es traf ihn wie ein Schlag aufs Herz, aber er schwieg und verrieth,
so lange Leontine noch blieb, mit keinem Wort und keiner Miene seinen
verzweifelten Gemüthszustand, in dem er das Schicksal, das seiner
Hoffnung holde Blüthen erbarmungslos niedertreten wollte, schon
herankommen sah.

Bald brach Leontine auf. Als sie im Burghof schon zu Pferde saß,
schüttelte ihr Egenolf noch einmal die Hand, und nicht die Lippen, aber
die Augen beider sprachen: Auf Wiedersehen!



XV.


Nicht mit einem frohen, freien Herzen ritt Egenolf an dem bestimmten
Tage durch den Wald, Leontinen entgegen, denn er befand sich auf diesem
Wege in einer schweren Bedrängniß. Er hatte sie um das Stelldichein
gebeten, bevor er wußte, was die drei Brüder Rappoltstein beschlossen
hatten, und nun er dies von Imagina erfahren, konnte er sich auf die
Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches, mit ihr einen Bund fürs Leben
zu schließen, kaum noch Hoffnung machen.

Aber er durfte die ihn Erwartende nicht vergeblich seiner harren
lassen, denn nach seinem bisherigen Benehmen gegen sie war er ihr eine
Erklärung schuldig, oder er setzte sich in ihren Augen dem Verdacht
aus, ein unverantwortliches Spiel mit ihr zu treiben.

Wenn er ihr nun heute, wie er sich vorgenommen hatte, seine Liebe
gestand und sie nach der ihren fragte, so durfte er ihr als ehrlicher
Mann nicht verschweigen, welche Schranke sich zwischen ihm und ihr
aufbaute, und wenn er's ihr sagte, schob er selber den Riegel vor, der
ihm ihren Besitz unnahbar verschloß, denn sie konnte sich unmöglich
Einem zu eigen geben, der auf Seiten der Feinde ihres Vaters stand.

Früher als nöthig war er von Hause weggeritten, um in der
Waldeinsamkeit zu immer wieder neuer Überlegung Zeit zu haben, was er
thun sollte, und blieb dann doch bei dem Entschlusse, den er schon vor
Tagen gefaßt hatte.

Er wollte ihr offen sagen: ich liebe Dich über Alles in der Welt,
und Dich zu besitzen wäre das höchste Glück meines Lebens, aber ich
darf nicht um Dich werben, weil es mir ein Hinderniß verbietet, das
wegzuräumen nicht in meiner Macht liegt. Dieses Hinderniß würde sie
sofort erkennen, sobald an ihren Vater die Absage seiner Gegner kam,
die ja nicht lange mehr ausbleiben konnte.

Was dann geschah, was die Zukunft brachte, konnte Niemand voraussehen.
Die Fehde würde beginnen und würde auch einmal endigen. Aber -- wie
die Entscheidung des Kampfes auch ausfallen mochte -- ob dann, nach
geschlossenem Burgfrieden, eine Verbindung zwischen den Familien des
Siegers und des Besiegten überhaupt noch möglich war und zu Stande
kommen würde, blieb immerhin höchst fraglich.

Unter so düsteren Betrachtungen hatte sich Egenolf allmählich der
Stelle genähert, wo er damals Leontinens rufende Stimme und den
Widerhall darauf vernommen hatte, und jetzt sah er die Geliebte auch
schon langsam dahergeritten kommen. Er galoppirte ihr entgegen, aber
sie that nicht das Gleiche, sondern ließ ihr Pferd im ruhigen Schritt.

Als er sie erreicht hatte und ihr die Hand bot, legte sie die ihrige
nur leicht hinein, ohne den Druck der seinigen zu erwiedern, und sah
ihn mit einem langen, theils forschenden, theils traurigen Blick an.

»Ich bin gekommen, Graf Egenolf,« begann sie mit wahrnehmbarer
Ergriffenheit, »weil ich es Euch versprochen hatte und weil unser
heutiges Wiedersehen doch wohl das letzte und ein Abschied für immer
ist.«

»Ein Abschied für immer?« sprach er erschrocken, »wie meint Ihr das,
Gräfin Leontine?«

»Solltet Ihr nicht wissen, was ich weiß?« fragte sie mit leisem Vorwurf.

»Was wißt Ihr, Gräfin Leontine? sagt es frei heraus!« bat er dringend.

»Ich weiß, daß Euer Vater, Graf Schmasman, meinem Vater auf Gut und
Blut absagen will. Ist es so, oder ist es nicht so?«

»Es ist so,« kam es ihm dumpf und schwer von den Lippen. »Seit wann
wißt Ihr's?«

»Erst seit gestern,« erwiederte sie.

Er lenkte sein Pferd ihr zur Rechten und ritt nun auf dem schmalen
Waldwege neben ihr. Ihm war es eine große Erleichterung, daß sie es
schon wußte und er es ihr nicht zu sagen brauchte, aber eine noch viel
größere Freude, daß sie trotzdem zu dem Stelldichein gekommen war.

»Ihr fragt nicht, woher ich es weiß, aber ich will es Euch sagen,« fing
sie wieder an. »Mein Vater zeigte schon den Abend vorher ein seltsam
erregtes und gegen seine Gewohnheit verschlossenes Wesen, als trüge er
sich mit Sorgen oder ränge mit schweren Entschlüssen. Gestern Morgen
stellte er mir Fragen, über die ich mich im Stillen wundern mußte.
Welche Aufnahme ich bei Euch auf der Sanct Ulrichsburg gefunden hätte,
ob Ihr Alle freundlich zu mir gewesen wäret, ob ich keine verlegene
oder gedrückte oder gar feindselige Stimmung gegen mich oder gegen ihn
bemerkt hätte. Ich sagte: nein, nicht im Mindesten, Ihr hättet mich
herzlich willkommen geheißen, auch alle drei Herren Grafen, die dort zu
einer wichtigen Unterredung versammelt gewesen wären. Da fuhr er zornig
auf und rief: ›alle drei Brüder zusammen? so ist es richtig; da haben
sie Rath gehalten und den Plan geschmiedet, und ich weiß auch, wer
dahinter steckt und es angezettelt hat.‹ ›Welchen Plan denn?‹ fragten
meine Mutter und ich zugleich. ›Absagen wollen sie mir auf Leben und
Tod, die Rappoltsteiner und die Rathsamhausen. Ich habe es schwarz auf
weiß von sicherer, gut befreundeter Hand,‹ erwiederte er heftig und
schritt, ohne uns eine Aufklärung zu geben, eilig hinaus. Dann ließ er
seinen Bruder Wilhelm rufen und hatte mit ihm eine lange Besprechung in
seinem Zimmer. Später erfuhr ich von meiner Gürtelmagd, daß Tags vorher
ein Fleckenstein'scher Knecht dagewesen wäre und ein Schreiben seines
Herren überbracht hätte. Dieses Schreiben muß wohl eine Mittheilung,
eine Warnung an meinen Vater enthalten haben. Fragen mag ich ihn nicht;
er würde mir auch nicht Rede stehen.«

»Es ist Alles so, wie Ihr sagt, Gräfin Leontine,« sprach Egenolf, »und
ich weiß es auch, wer dahinter steckt, Herr Burkhard von Rathsamhausen,
kein Anderer. Er will sich an Eurem Vater für eine von diesem ihm
zugefügte Beleidigung rächen und hat meinen Vater nach dessen langem,
heftigem Widerstreben überredet, ihm beizustehen. Mir scheint, sie
pflegen noch Unterhandlungen mit anderen Freunden und halten es darum
noch geheim vor Eurem Vater, aber Burkhard muß wohl geschwatzt und
sich damit gebrüstet haben, so daß Herr von Fleckenstein davon Kunde
erhalten und Euren Vater gewarnt hat.«

»Seht, Ihr wißt soviel wie ich,« sagte Leontine, »und seid auch wohl
nur hergekommen, um mir das mitzutheilen und um -- und -- weil es
einmal verabredet war,« fügte sie aus gepreßtem Herzen hinzu.

Ein schmerzliches Lächeln umschwebte seine Lippen. »Nein, nicht darum.
Ahnt ihr denn wirklich nicht, Leontine, wozu ich Euch um dieses
Stelldichein gebeten habe?«

»Und wenn ich es riethe?« sprach sie erröthend, »wenn ich es riethe,
was Ihr vorhattet, -- jetzt habt Ihr es aufgegeben, nicht wahr? es muß
ja sein.«

»Nun und nimmermehr!« rief er. »Leontine, -- seht mir in die Augen!
ach! wozu noch fragen! Ihr wißt es, daß ich Euch liebe, hört es nun aus
meinem Munde, daß ich ohne Euch nicht leben kann, mag kommen, was will!
Was sagt Ihr?«

Sie sah ihn innig, freudestrahlend an und sprach: »Egenolf, diesmal
tönt unser Waldesecho aus der Tiefe meines Herzens: mag kommen, was
will!« Und mit einer raschen Bewegung streckte sie ihm entschlossen die
Hand entgegen.

»Leontine!« jauchzte er auf und erfaßte ihre Hand und hielt sie mit
festem Druck umspannt. »Du mein, ich Dein in alle Ewigkeit!«

Ihr versagte die Stimme; sie nickte ihm zu mit schwimmenden Augen und
mit einem Lächeln, das ihm das Herz erglühen und erzittern machte.

Er nahm die Zügel in die rechte Hand und wollte mit dem freien Arm
die Geliebte umfangen. Dabei stießen die beiden Pferde mit den Köpfen
zusammen, Leontinens Pferd scheute, that einen Seitensprung und bäumte
sich. Aber die Reiterin saß fest im Sattel und bändigte ihr lebhaft
tänzelndes Roß mit vollkommener Sicherheit. »Daphne,« sprach sie, ihm
den glatten Hals klopfend, »willst Du Dich störrisch auflehnen gegen
Deiner Herrin höchstes Glück? sei ruhig, Daphne! er liebt mich ja.«

Als sie des Thieres völlig Meister geworden war, ritt Egenolf wieder
an sie heran, und die Pferde standen nun dicht bei einander still. Da
bogen die Zwei sich von Sattel zu Sattel hinüber, und Egenolf umfing
Leontinen und küßte sie auf den Mund, den sie ihm willig darbot.

Dann ritten sie, Blick in Blick und Hand in Hand, eine Weile schweigend
weiter. Der Wind rauschte mächtig in den Bäumen und Sträuchern, daß
die Zweige an einander schlugen, und spielte mit Leontinens Haar, daß
es ihr gekräuselt um Nacken und Schläfen flatterte. Sonst war es still
und einsam um die Beiden hier, die sich in selig träumenden Gedanken
wiegten. Aber wenn auch ihr Glück so groß war, daß es keine Worte
fand, ihre Sorgen drängten zur Aussprache.

»Was thun wir nun, Leontine?« hub Egenolf endlich an.

»Das sage Du mir, Egenolf!« erwiederte sie.

»Wenn ich jetzt zu Deinem Vater ginge,« sprach er, »und ihn um die Hand
seiner Tochter bäte, würde er sie mir verweigern, mich streng abweisen
oder mich auslachen.«

»Sicherlich!«

»Und wenn ich vor meinen Vater träte und spräche: Gebt diese Fehde auf,
Vater! Gräfin Leontine will mein Ehgemahl werden, so würde auch das
vergeblich sein, denn er kann und will von seinem Worte nicht zurück.«

»Also müssen wir unsern Bund noch verheimlichen.«

»Und wenn es zum Schlagen kommt, Leontine?«

»So gehst Du zu uns über oder ich zu euch; ich trenne mich nicht von
Dir, nichts in der Welt bringt mich zur Entsagung.«

»Ich kann nicht gegen den eigenen Vater kämpfen.«

»Und ebenso wenig gegen den Vater Deiner Verlobten.«

Und wieder schwiegen sie, rathlos, hoffnungslos in all ihrer
Herzenslust und ihrem Herzeleid.

Wie sie nun so stumm neben einander dahinritten, trat plötzlich vor
ihnen eine weibliche Gestalt aus dem Gebüsch, in der sie zu ihrem
Verdrusse die Zigeunerin Haschop erkannten.

Sie kam heran und rief ihnen spöttisch zu: »Ihr tragt Rosen im Munde?
ach nein, sind Küsse, die ich auf euren Lippen sehe.« Dicht vor ihnen
blieb sie im Wege stehen, daß sie halten mußten, wenn sie die Verwegene
nicht überreiten wollten.

»Gieb Raum! was willst Du?« herrschte sie Egenolf an.

»Euch Schicksal verkünden,« erwiederte sie keck. »Ihr liebt euch, aber
noch habt euch nicht, müßt es verschweigen.«

»Was weißt Du davon, fürwitziges Ding!«

»Hat Haschop nicht Augen zum Sehen und Ohren zum Hören? Ich hab euch in
meiner Hütte zur Mitternachtsstunde Karten gelegt, und im Vollmond hab
ich's erkannt: weissagen nichts Gutes für euch, nein, Schlimmes, sehr
Schlimmes.«

»Behalt Deine Weisheit für Dich! uns verlangt nicht danach,« fuhr sie
Egenolf ungeduldig an. »Weg da! oder --«

»Laß sie sprechen!« flüsterte Leontine ihm zu.

Haschop hob mit drohender Gebärde die Hand und sprach: »Verachtet
nicht Wahrheit aus wissendem Munde!« Sie warf sich ihr scharlachenes
Obergewand vom Rücken herauf über Haupt und Schultern, daß sie wie
von einem rothen Schleier umwallt dastand, aus dem ihr gebräuntes
Antlitz mit den schwarzen, funkelnden Augen höhnisch heraussah. Dann
fuhr sie in prophetischem Tone fort: »Graf freit um stolze Gräfin. Auf
glänzenden Festen spann Schicksal seine Fäden um sie, und nun sind
umgarnt von Gefahr und Unheil, von Liebe gefangen wie Fische im Netz.
Wehe beiden! Väter sind Feinde, sinnen auf Streit, rüsten zum Kampf.
Aber es muß harter Winter sein, ehe ein Wolf andern frißt, und nicht
so schnell fahren Schwerter aus den Scheiden. Jeder scheut sich,
ersten Streich zu führen, und doch wird er fallen und Einer bluten,
das ist der Besiegte. So sagten Karten um Mitternacht beim Scheine des
Vollmonds. Nun wißt ihr Wahrheit. Laßt ab von einander, oder es fließt
Blut um euch!« schloß die Zigeunerin und schlug ihr Kleid von Haupt und
Schultern wieder zurück.

Leontine war von dem Gehörten tief erschüttert; sie starrte vor sich
hin und rührte sich nicht. »Komm weiter!« erinnerte sie Egenolf.

»Halt! ein Wort noch!« sprach Haschop und trat einen Schritt zurück.
»Hütet Euch, schöne, goldlockige Gräfin! Eine steht Euch im Wege und
bietet Euch Trotz in allen vier Winden.«

»Du Hexe!« rief Leontine jetzt empört und trieb ihr Pferd auf sie los.
»Da hast Du den Lohn für Deinen Unglückssegen!« Sie holte mit der
Reitgerte aus; aber Haschop sprang zur Seite, daß der pfeifende Hieb
nur eben noch ihre Schulter traf.

Das Mädchen schrie auf und stieß mit einem Blicke tödtlichen Hasses
eine Verwünschung oder Drohung in fremder Sprache aus, wobei sie wie
eine gereizte Schlange zischte. Dann verschwand sie im Dickicht.

»Ereifere Dich nicht,« bat Egenolf, »sie ist es nicht werth.«

»Das klang schrecklich, Egenolf!« sagte Leontine mit verstörtem
Gesicht. »Was hältst Du von der Wahrsagung?«

»Dieses wilde Zigeunervolk weiß von allerhand übernatürlichen Dingen
und nützt seine dunklen Künste mit List und Bosheit aus, so viel es
kann,« erwiederte er ausweichend und selber beunruhigt.

»Das freche Geschöpf!« sprach Leontine schaudernd, »treff ich es noch
einmal, so reit ich es nieder und zerstampf es wie ein Unkraut. Schnell
fort von hier! Der Weg ist breit genug, -- Galopp!«

Sie preschten eine lange Strecke durch den Wald dahin, bis Egenolf
Schritt gebot.

Der scharfe Ritt hatte Leontinens Erregung verflüchtigt; sie schüttelte
die wehenden Locken, als wollte sie auch den letzten Rest von
Erinnerung an den unheimlichen Auftritt aus den Gedanken verscheuchen.
Dann sagte sie wieder harmlos lächelnd: »Als wir uns hier zum ersten
Male gefunden hatten, hast Du mich wohl für recht dumm gehalten.«

»Warum das?« frug er lachend.

»Weil ich Dich für einen Jägerknecht gehalten und den Edling nicht in
Dir erkannt hatte.«

»Du hast mich ja kaum angesehen, wie ich in Koller und Kappe da neben
Dir ging,« erwiederte er, »und ich that auch das Meinige, Dich in
Deinem Glauben zu bestärken, weil es mir Spaß machte. Aber wollen wir
uns nun nicht öfter hier treffen?«

»Nicht hier,« entschied sie, »am Wege nach St. Pilt, den Du mir
gezeigt hast, und auch frühestens erst in drei Tagen wieder; es würde
auffallen, wenn ich täglich so weit umherschweifte.«

»In drei Tagen kann Vieles geschehen,« sprach er halb zu sich selber,
den Blick auf den Sattelknopf gesenkt.

»Vielleicht kannst Du mir das nächste Mal bessere Nachrichten bringen.«

»Was sollte das sein?« erwiederte er bekümmert. »Zu Hause fangen sie an
zu rüsten, und ich sah Boten eilen. Auch mein Vater und seine Brüder
reiten öfter fort, ich weiß nicht wohin. Mir sagen sie nichts, als
ahnten sie, wie nah es mich angeht, und wollten mich schonen.«

»Meinst Du, sie hätten gemerkt, daß wir --?«

»Daß wir uns lieben, -- sprich es doch aus, das holde Wort!«

»Daß wir uns lieben,« lächelte sie und reichte ihm die Hand.

»Meine Schwester und Imagina wissen's, die Andern wohl nicht.«

»Hast Du es ihnen gesagt?«

»Mit Worten nicht, aber meine Augen und Deine haben es ihnen verrathen.
Denke an den Gang im Walde, wo die Beiden uns allein hinter sich
zurückließen, damit ich reden sollte.«

»Und Du schwiegst.«

»Du liefest mir davon.«

»War es denn heute nicht schöner so unter vier Augen, trotzdem wir nun
wissen, wie Schweres uns droht? Mit Leid fängt unsere Liebe an; möge
sie mit Lust und Freude --«

»Doch nicht enden?« unterbrach er sie jäh.

»Nein! zu Lust und Freude sich wenden, wollt ich sagen; nicht enden,
niemals wird sie enden,« sprach sie mit einem tiefinnigen Blick.

»In drei Tagen sehen wir uns wieder,« tröstete er sie. »Je nach dem,
was sich inzwischen ereignet, wollen wir dann beschließen, was wir
thun.«

Sie waren an den Weg gekommen, der zur Hohkönigsburg führte, und
Leontine sagte: »Hier müssen wir uns trennen, es ist Zeit, daß ich
heimkomme. Lebewohl, mein Egenolf!«

Da ließen sie die Zügel fallen, umschlangen sich vom Sattel aus mit
beiden Armen und küßten sich wieder und wieder. Dann schieden sie von
einander, und Jeder ritt allein seines Weges.



XVI.


Egenolf trabte mit ganz anderen Gefühlen nach der St. Ulrichsburg
zurück als mit welchen er heute Morgen ausgeritten war. Er hatte das
Herz der Geliebten errungen, nein, sie hatte es ihm entgegengebracht,
hatte ihre Hand in seine gelegt mit dem Gelübde, treu bei ihm aushalten
zu wollen in Gefahr und Noth. Und das nicht in Unwissenheit oder
leichtsinniger Unterschätzung dessen, was sich feindlich zwischen
sie beide drängte und die Erfüllung ihrer Wünsche hemmen und hindern
wollte, sondern in klarer Erkenntniß der Schwierigkeiten, die sie
zu überwinden, und der harten Prüfungen, die sie voraussichtlich zu
bestehen hatten. Jetzt, wo er sich mit der Geliebten eins wußte, sollte
keine Macht der Erde stark genug sein, sie dauernd von einander zu
trennen.

So in sich selber gesichert und gehoben langte er auf der St.
Ulrichsburg an und stieg im Burghof vom Pferde, das er streichelte und
klopfte, leise zu ihm sprechend: »Hast mich zu meinem Glücke getragen,
laß mich immer auf Deinem Rücken zum Ziele meiner Wünsche kommen!«

Als er oben seine Mutter recht heiter begrüßte, schaute sie ihn prüfend
an und sagte: »Du bist heiß, hast wohl einen weiten Ritt gemacht?«

»Ja,« erwiederte er, still in sich hineinlächelnd, »einen sehr weiten.«

»Und es war wohl schön im Walde?«

»Ach, herrlich, Mutter!«

Er meinte das in ganz anderem Sinne. Vom Walde hatte er nichts gesehen,
obwohl er stundenlang darin gewesen war, und wie gern hätte er jetzt
der lieben Mutter erzählt, was er dort erlebt hatte! Er hatte ein
unbegrenztes Vertrauen zu ihr, aber das wagte er doch nicht. Ein so
wichtiges, in die obwaltenden Verhältnisse tief eingreifendes Ereigniß,
wie es seine Verlobung mit der Thierstein'schen Tochter war, würde und
konnte sie seinem Vater nicht verschweigen, und dieser würde den sehr
zur Unzeit und hinter seinem Rücken gethanen Schritt im höchsten Grade
mißbilligen. Über dessen Absichten in dem Streite mit dem Grafen Oswald
erfuhr er von seiner Mutter nichts. Entweder wußte sie selber nichts,
weil ihr sein Vater nichts darüber mitgetheilt hatte, oder er hatte ihr
Schweigen auferlegt, auch dem Sohne gegenüber. Imagina war die Einzige,
die sich vielleicht dazu herbeiließ, ihm noch weitere Eröffnungen oder
wenigstens Andeutungen über den Stand der Dinge zu machen, soviel sie
von ihrem Gatten eingeweiht war, und sie war auch die Einzige, der
er, weil sie auch ohne sein Bekenntniß von seiner Liebe wußte, sein
übervolles Herz ausschütten konnte. Er nahm sich daher vor, sie noch
an diesem Nachmittag auf Schloß Giersberg zu besuchen, um ihr Alles zu
sagen und sie um ihren treuen Rath in seiner bedenklich verstrickten
Herzensangelegenheit zu bitten.

Gegen Mittag kehrte Graf Schmasman von einem Ritt nach Hause zurück
und kam in augenscheinlich zufriedener und behaglicher Stimmung zu
Tische. Wo er gewesen war, sagte er nicht, aber seine ungewöhnliche
Gesprächigkeit wirkte auf die Seinigen anregend und erheiternd.

Egenolf, dessen Gedanken halb von Liebesglück erfüllt waren und halb
von Sorge, wie er es seinem Vater beibringen sollte, wurde immer
lebhafter und fröhlicher in der Unterhaltung, wobei er dem Weine
fleißiger zusprach als sonst.

Isabella setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit mit der Frage, wo er
den ganzen Morgen gesteckt hätte, Hans Loder wäre dagewesen und hätte
ihn sprechen wollen.

»Hans Loder?« sagte Egenolf ohne auf die Frage nach seinem Verbleib zu
antworten, »was wollte der von mir?«

»Ich traf ihn draußen auf der Brücke,« erwiederte Isabella. »Er frug
erst nach dem Vater und dann nach Dir, war mißmuthig und wollte nicht
mit der Sprache heraus, welches Anliegen er hätte. Als ich jedoch in
ihn drang, gestand er mir, er wäre sehr unzufrieden darüber, daß Du
Seppele von Ottrott aus dem Thurme befreit hättest.«

»Das habe ich doch auf des Vaters Befehl gethan.«

»Das sagte ich ihm, aber er behauptete, das käme auch dem Vater nicht
zu, das wäre ein unerlaubter Eingriff in sein Richteramt und eine
Beeinträchtigung seiner Gewalt als Pfeiferkönig, die er sich nicht
gefallen ließe. Er würde sich den Seppele wieder herholen und ihn nicht
eher von Handen lassen, als bis er die ihm zugesprochenen neun Tage
Haft abgesessen hätte. Kurzum, er war sehr unwirsch.«

»Der Hans hat also einen gefährlichen Groll auf mich,« lachte
Schmasman. »Ich glaube, der wäre im Stande, seinen gnädigen Schutz- und
Lehnsherrn selber einzusperren, wenn ich mich von ihm einsperren ließe.«

»Er kommt vielleicht heute Nachmittag wieder,« fügte Isabella noch
hinzu.

»Da trifft er mich wieder nicht,« sagte Schmasman. »Ich muß heute
Nachmittag hinauf nach Hohrappoltstein und Giersberg, weil ich mit
meinen Brüdern zu reden habe.«

Diese Ankündigung machte nun einen Strich durch Egenolfs Rechnung. Wenn
sein Vater nach Giersberg ging, konnte er nicht dahin und mußte seinen
Besuch bei Imagina auf morgen verschieben. Einestheils war ihm dies
sehr unlieb, denn er brannte darauf, sich gegen Imagina auszusprechen;
anderntheils aber getröstete er sich damit, daß sein Vater den Oheimen
vielleicht eine wichtige Neuigkeit mitzutheilen hätte, die er, Egenolf,
dann hoffentlich morgen von Imagina erfahren würde.

Er suchte sich in Geduld zu fassen, aber die Ungeduld überwog in ihm,
und die Stunden des Tages vergingen ihm sehr langsam.

Am andern Morgen stieg er zu dem Felsenschloß empor und war so
glücklich, Imagina allein zu finden.

»Da kommt Einer, der sich stolz wie ein Sieger trägt!« Mit diesen
Worten empfing sie ihn gleich bei seinem Eintritt. »Wann ist's
geschehen? wo ist's geschehen? wie ist's geschehen? -- Mein Gott, so
antworte doch!«

»Gestern Morgen, im Walde, zu Pferde,« lachte er.

»Leontine ist Dein?«

»In Leben und Tod!«

»Horridoh! Waidmanns Heil!«

»Waidmanns Dank!«

»Weiß sie von der Fehde?«

»Alles. Fleckenstein hat es ihrem Vater hinterbracht.«

»Und nun?«

»Ja, und nun!«

»Wissen sie's schon auf der Ulrichsburg?«

»Nicht ein Wort!«

»Hm! -- ja, da ist guter Rath theuer.«

»Den mir von Dir zu holen komme ich her.«

»Könnt' ich Dir nur welchen geben!«

»Imagina,« -- er nannte die ihm an Jahren Nahestehende nicht Muhme,
obwohl sie die Frau seines Oheims war -- »Imagina,« sprach er, »Du
allein kannst mir rathen und helfen, denn Du wirst wissen, wie die
Sachen stehen, die man mir verhehlt.«

»Und da soll ich die Späherin und Verrätherin spielen, meinst Du?«
lächelte sie.

»Ungefähr so dacht' ich's mir,« erwiederte er. »Mir ist gestern eine
unheilvolle Verkündigung zu Theil geworden, und zwar von einer Seite,
von der ich's am wenigsten erwartet hätte, von Haschop.« Und nun
erzählte er ihr ausführlich das Abenteuer mit der Zigeunerin und deren
Prophezeiung.

Sie hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: »Das lautet allerdings
schlimm genug.«

»Es bedrückt mich schwer, so sehr ich mich auch sträube, ihr jedes Wort
zu glauben,« sprach er. »Aber da sie über Gegenwärtiges und Vergangenes
die Wahrheit sagte, muß ich fürchten, sie kennt auch viel von dem, was
die Zukunft birgt. Nun thu mir die Liebe und gieb mir Aufschluß über
das, was Dir zu Ohren gekommen ist. Mein Vater kehrte gestern Mittag
von einem weiten Ritt in froher Stimmung zurück. Ich vermuthe deßhalb,
daß sich irgend etwas ihm Angenehmes ereignet hat, daß eine seine
Wünschen entsprechende Wendung im Gange der Verhandlungen eingetreten
ist, von der Du doch wahrscheinlich durch Ohm Kaspar unterrichtet bist,
denn mein Vater war gestern Nachmittag hier bei euch.«

»Etwas Neues ist meines Wissens nicht vorgefallen,« erwiederte sie.
»Burkhards Rüstungen gehen sehr langsam von Statten, weil er sie in
großem Umfange betreibt und möglichst viel Bundesgenossen zu werben
bemüht ist. Dein Vater und seine Brüder wollen sich allerdings an der
Fehde gegen den Grafen Oswald betheiligen, aber nur zu dem Zwecke,
durch Entfaltung einer gemeinsam aufziehenden ansehnlichen Kriegsmacht
einen Druck auf ihn auszuüben, daß er sich zum Einlenken entschließt
und von Einführung der beabsichtigten Maßregeln im Wasgau völlig
absieht. Von einer Vertreibung der Thiersteiner aus der Hohkönigsburg
ist keine Rede, denn Dein Vater hat den festen Willen, den Gelüsten des
Herrn Burkhard entschieden entgegenzutreten.«

»Ich danke Dir herzlich für Deine Aufklärungen, die mich wenigstens
meiner ärgsten Befürchtungen entheben und mir wieder einige Hoffnung
einflößen,« sprach Egenolf. »Es ist freilich sehr die Frage, ob Graf
Oswalds Stolz es zulassen wird, sich vorgeschriebenen Bedingungen
zu unterwerfen, und ob auch in diesem Falle nicht eine dauernde
Verstimmung und Zwietracht zwischen ihm und seinen ihn zum Nachgeben
zwingenden Gegnern, also auch zwischen ihm und uns Rappoltsteinern
zurückbleiben wird.«

»Ja, da heißt es nun abwarten, Egenolf.«

»Abwarten! ein schwacher Trost für die Sehnsucht!«

»Einen anderen habe ich nicht,« erwiederte sie. »Bedenke, daß meine
Mittheilungen viel trostloser hätten ausfallen können.«

»O gewiß, gewiß! verzeihe mir! ich danke Dir nochmals,« sprach er und
drückte ihr die Hand zum Abschied.

Leichteren Herzens, als er hinaufgestiegen war, schritt Egenolf von
Schloß Giersberg wieder hinab, denn Imagina's Nachrichten waren doch
von ziemlich beruhigender Art gewesen. Danach lief die bevorstehende
Fehde mehr auf ein Drohen mit dem blanken Schwerte hinaus als auf ein
blutiges Zuschlagen, und er kannte seinen Vater gut genug, daß dieser
es nicht auf eine kränkende Demüthigung des Grafen Oswald anlegte,
sondern ihm den Rückzug so leicht und ehrenvoll wie möglich machen
würde.

Aber eine Demüthigung -- so sagte sich Egenolf beim Weiterwandern --
eine Demüthigung war und blieb es für den Grafen doch, wenn er schon
dem bloßen Drohen seiner Gegner weichen mußte und ohne Schwertstreich
zum Aufgeben seiner hochfliegenden Pläne gezwungen wurde. Und ließ
er es, uneingeschüchtert, auf eine Kraftprobe mit ihnen ankommen,
so stürzte er sich damit in ein höchst gefährliches Wagniß, bei dem
er Alles aufs Spiel setzte. Es würde eine langwierige Fehde geben,
so ungleich auch die Streitkräfte der beiden gegnerischen Parteien
vorläufig noch waren. Außer seinem Freunde Friedrich von Fleckenstein
und einigen mit bischöflichen Burgen belehnten Rittern hatte Graf
Oswald noch wenig Anhänger im Lande, auf deren Beistand im Kampf
er rechnen konnte. Und was wollte das gegen die vereinte Macht der
Rappoltstein und Rathsamhausen besagen!

Immer langsamer wurden Egenolfs Schritte auf dem Pfade bergab, und
bald ließ er sich auf einem umfänglichen Baumstrunk unweit des Weges
nieder, um ruhend seinen Gedanken nachzuhängen. Je klarer er sich hier
die Lage der Dinge vergegenwärtigte, desto schwerer fühlte er die
Bedrängniß seines Herzens, das mit der stolz ragenden Burg dort oben
auch all sein Glück und alle seine Hoffnung gefährdet wußte. Fügte sich
Graf Oswald nicht, so waren seine Tage auf der Hohkönigsburg gezählt,
und wenn Imagina behauptete, daß von der Vertreibung der Thiersteiner
keine Rede wäre, so war dies ein Irrthum ihrerseits, ein Mißverständniß
dessen, was Kaspar ihr darüber gesagt hatte, denn eine Bürgschaft, sie
unter allen Umständen auf der Hohkönigsburg zu halten, würden die drei
Brüder Rappoltstein niemals übernehmen. Im besten Falle konnten sie
beschlossen haben, nach einer Auseinandersetzung mit dem Grafen Oswald
nicht zu gestatten, daß die Hohkönigsburg dennoch von ihm geräumt oder
ihm mit Waffengewalt genommen würde, nur um dem ehrgeizigen Verlangen
Burkhards Genüge zu thun und ihn als Herrn und Gebieter in das mächtige
Bergschloß einziehen zu lassen. Und selbst wenn ein derartiger Beschluß
gefaßt worden war, so wurde damit doch nicht der Ausbruch der Fehde
verhindert, die, wie sie auch verlaufen mochte, leicht eine dauernde
Feindschaft zwischen den beiden Grafengeschlechtern Thierstein und
Rappoltstein zur Folge haben konnte.

Wo blieben nun vor dem bitteren Ernst der Wirklichkeit die beruhigenden
Versicherungen Imagina's, die ihm von ihren Lippen so fröhlich
geklungen hatten wie ein Vogellied aus durchsonntem Wipfel. Sie hatte
ihn damit nicht einschläfern wollen, hatte in ihrem leichten Sinne, mit
dem sie Alles im rosigsten Lichte sah, das selber geglaubt, was sie ihn
hatte glauben machen wollen, damit er sich sorglos seines Liebesglückes
freuen sollte. Als ihm nun ihre hoffnungsvollen Tröstungen gleich
täuschenden Luftspiegelungen zu Nichts zerflossen, da drängten sich
ihm wieder die düsteren Prophezeiungen der Zigeunerin auf, die mit
schwerem Unheil drohten.

Imagina und Haschop, -- wie die gute und die böse Fee in alten Mären
kamen ihm die Beiden vor. Die Eine, die Blonde, mit ihrem heiteren
Wesen, die ihm das denkbar Beste und Liebste gönnte und ihm lächelnd
beistand, es zu erreichen, und die Andere, die Schwarze, die ihm mit
grausamen Verwünschungen in den Weg trat und ihm Glück und Freude
tückisch zu stören suchte.

Egenolf war kein Kopfhänger und Träumer, der leidend und klagend müßig
über sich ergehen ließ, was ihn traf; aber hier war er rathlos. Was
sollte er thun? Konnte er den Ausbruch einer Fehde hemmen, zu der sich
die mächtigsten Burgherren des Wasgaues rüsteten? Von dem Augenblick
an, wo das Schwert das Wort hatte, mußten alle persönlichen Rücksichten
schweigen, dann hieß es nur noch: hie Thierstein! hie Rappoltstein! Die
einzige Möglichkeit, den Dingen in letzter Stunde noch eine friedliche
Wendung zu geben, sah er darin, daß die beiden feindlichen Grafen,
wenn sie von der Liebe ihrer Kinder hörten, vielleicht anderen Sinnes
und einer Einigung geneigter würden. Wie, wenn er zu seinem Vater
ginge und ihm Alles gestünde? Ganz ohne Einfluß auf dessen Beschlüsse
konnte die Nachricht von der Verlobung des Sohnes mit der Tochter
des Gegners nicht bleiben. Aber das eben war es, was Egenolf von dem
Schritte zurückhielt. Er durfte seinem Vater nicht in den erhobenen Arm
fallen, ihn durch keine Bitte, keine noch so bescheidene Vorstellung
zu bewegen suchen, etwas Anderes zu thun, als was der Vielerfahrene für
recht und nothwendig hielt. Und außerdem wollte er ihm das schmerzliche
Bewußtsein ersparen, gegen den Herzenswunsch und das höchste Glück
seines einzigen Sohnes kämpfen zu müssen. Darum beschloß er, sein
Verlöbniß mit Leontinen seinem Vater so lange zu verhehlen, als nicht
etwa Ereignisse eintraten, die ihm ein offenes Bekenntniß zu einer
Pflicht der Ehre oder der Liebe machten. Auf Leontinens Einverständniß
mit diesem Entschlusse, auch ihrem Vater gegenüber, hoffte er
zuversichtlich.

Seine Züge hellten sich auf, als er an das verabredete Stelldichein mit
der Geliebten dachte. Er sah sie im Geiste schon mit ihrer schlanken,
blühenden Gestalt zu Rosse vor sich, wie sie ihn beim Zusammentreffen
mit liebreizender Anmuth begrüßte, wie ihre großen Augen ihn freudig
anblitzten, ihr Goldhaar im Winde flatterte, und hörte die klangvolle
Stimme ihres verführerischen rothen Mundes. Er nahm sich vor, mit ihr
oder vielmehr mit ihrem Pferde besondere Reitübungen anzustellen zu dem
Zwecke, daß sich Daphne das Scheuen abgewöhnte und keine Seitensprünge
machte, sondern in ruhigem Schritt blieb oder muckstill stand, wenn er
der Reiterin nahe kam und sich vom Sattel aus zu ihr hinüberbog. Dieses
ihn sehr ergötzlich dünkende Kunststück wollte er mit Hilfe Leontinens,
auf deren Sicherheit in der Zügelführung er sich verlassen konnte,
so lange versuchen, bis es Daphne begriffen hatte, und dann würden
sie beide schon dafür sorgen, daß es das gelehrige Thier nicht wieder
vergaß.

Er selber aber vergaß Fehde und Feindschaft über dem ihn ganz
beherrschenden Gedanken an seinen nächsten Ritt mit Leontinen. Zwei
Tage waren es noch bis zum Wiedersehen, zweimal vierundzwanzig Stunden!
-- nein, soviel waren es, von jetzt gezählt, schon gar nicht mehr.

Das Herz wieder voll Hoffnung, von der er selber nicht wußte, woher
sie kam, erhob er sich von dem Eichenstrunk und wanderte mit langen
Schritten bergunter zur väterlichen Burg.



XVII.


Das Wetter hatte sich gewendet. Ein feuchter Dunst verschleierte die
Berge, daß ihre Formen und Umrisse nur matt hindurchschimmerten, und
über dem Lande schwebten dunkle, tiefhängende Wolken, die sich zu
ergießen drohten. Mißmuthig blickte Egenolf aus dem Fenster in den
trüben Morgen hinein, und seine Hoffnung auf das für heute verabredete
und von ihm so heiß ersehnte Wiedersehen mit der Geliebten sank. Wenn
er auch wußte, daß sich Leontine vor einem gelinden Tropfenschauer
nicht fürchtete, mußte er sich doch sagen, daß die Ihrigen sie von
einem Spazierritt im Regen oder bei einem heraufziehenden Unwetter
zurückhalten würden. Wieder und wieder schaute er aus, ob nicht einige
Aufklärung bemerklich war, und endlich schien sein Wunsch in Erfüllung
zu gehen. Der Wind erhob sich und brachte Bewegung in den drückenden
Nebel; hier und dort zeigten sich lichtere Stellen, und bald lugte aus
dem sich zertheilenden Gewölk ein Stückchen blauen Himmels hervor. Da
gab Egenolf Befehl, seinen Rhenus zu satteln und schritt vertrauend zum
Burghof hinab.

Als ihm dort der Sattelmeister das Pferd vorführte, wunderte sich der
pflichttreue Mann, daß der junge Herr Graf gegen seine Gepflogenheit
den Halt des Gurtes prüfte und nach dem Aufsitzen sich mit der vollen
Wucht seines Körpers erst auf den einen und dann auf den andern Bügel
stützte, um sich zu überzeugen, daß der Sattel dabei nach keiner
Seite hin wankte. Egenolf sah den stummen, fast vorwurfsvollen Blick
des altbewährten Dieners und sprach mit einem begütigenden Lächeln:
»Brauchst Dir keine Gedanken zu machen, Gerolf! ich weiß, ihr sattelt
fest und tadellos, aber ich habe heute mit dem Rhenus ein paar rasche
Volten und kühne Sprünge vor; da muß ich doppelt sicher sein.«

»Seht Euch vor, Herr Graf! der Boden ist heute feucht und schlüpfrig,«
mahnte der Alte.

Egenolf winkte ihm freundlich zu und ritt zum Thore hinaus, und
als der Hufschlag des Rosses auf der Zugbrücke dröhnte, brach der
erste Sonnenstrahl hervor und grüßte den Reiter mit verheißungsvoll
funkelndem Golde. »Rhenus, wir haben wieder einmal Glück,« sprach
Egenolf fröhlich und klopfte den glatten Hals seines Thieres, das
dazu verständig mit dem Kopfe nickte. »Nun sei auch hübsch artig und
behutsam gegen die schlanke Daphne und mache sie nicht scheu, damit ich
mein Herzenslieb ohne Wagniß und Gefährde in die Arme schließen kann.«

Er hatte bis zum Orte des Stelldicheins noch eine gute Strecke zu
reiten, und als er schon aus der Entfernung die Gegend überschauen
konnte, wo der Weg nach St. Pilt abbog, war zu seiner Verwunderung
noch weit und breit keine Reiterin zu erblicken. Aber dort stand ein
einzelnes weibliches Wesen, das auf Jemand zu warten schien. Leontine
konnte es nicht sein, denn die würde nicht zu Fuße kommen und war auch
größer von Gestalt als die Fremde. Als er dieser nahe genug war, um
ihre Züge unterscheiden zu können, wollte es ihn bedünken, daß er sie
schon einmal irgendwo gesehen haben mußte.

Er hielt sein Pferd bei ihr an, und die ängstlich zu ihm Aufblickende
sagte: »Ich bin Dimot, die Gürtelmagd der Gräfin Leontine von
Thierstein.«

Da erkannte er sie wieder und erinnerte sich, sie beim Tanz am
Pfeifertage in beständiger Gesellschaft von Haschop gesehen zu haben.
Das hatte ihm wenig gefallen, und mißtrauisch begann er: »Bringst Du
mir eine Botschaft von der Gräfin Leontine?«

»Ja,« erwiederte das Mädchen, »meine gnädige Herrin läßt sagen, daß sie
heute nicht mit dem Herrn Grafen reiten könnte.«

Da war alle seine Hoffnung dahin, und tief niedergeschlagen frug er:
»Was hindert sie denn, zu kommen?«

»Sie ist krank.«

»Krank?« rief er bestürzt, »was fehlt ihr denn? wovon ist sie denn
krank geworden?«

Dimot zitterte und konnte nicht antworten; plötzlich schlug sie die
Hände vor das Gesicht und fing laut an zu weinen.

Egenolf sprang vom Pferde, trat dicht an sie heran und sprach
unruhvoll: »Was ist geschehen? rede, Mädchen! sage mir Alles!«

Es dauerte eine Weile, bis die Weinende hervorbrachte: »Meine Schuld!
meine Schuld!«

»Deine Schuld? was hast Du denn gethan?«

Von Schluchzen oftmals unterbrochen erzählte Dimot nun: »Vor zwei Tagen
kam Haschop, die Zigeunerin, mit der ich befreundet war, zu mir auf die
Hohkönigsburg, weil ich sie eingeladen hatte, mich einmal zu besuchen.
Sie sagte, sie hätte mir auch etwas mitgebracht. Sie wüßte genau, daß
der Herr Graf sich um die Gunst der Gräfin Leontine bewürbe, und weil
sie die schöne, junge Gräfin gern glücklich sehen möchte, hätte sie
einen Liebestrank bereitet, der dem Herrn Grafen die Neigung meiner
Herrin sichern würde. Sie sagte es nicht, aber sie deutete an, daß es
mit Wissen und Willen, im Auftrage des Herrn Grafen geschähe, und gab
mir eine ausgehöhlte, mit Wachs wieder zugeklebte welsche Nuß, in der
sich ein Pulver befand. Davon sollte ich meiner Herrin an drei Abenden
hinter einander einen halben Fingerhut voll in den Schlaftrunk thun; es
wäre ganz geschmacklos, so daß sie nichts davon merken würde. In der
besten Absicht, meine liebe junge Herrin, für die ich mein Leben lassen
würde, zu ihrem Herzensglücke zu verhelfen, befolgte ich Haschops
Weisung an demselben Abend noch. Aber schon in der Nacht erkrankte
Gräfin Leontine heftig, und daran bin ich schuld, o mein Gott! mein
Gott! hätte ich das geahnt!«

»Nur weiter, weiter!« drängte Egenolf.

»Man holte einen arzeneikundigen Pater aus der Abtei Sanct Pilt. Der
brachte starkwirkende Mittel und kochte ein Tränklein, das die Gräfin
einnehmen mußte und das ihr sehr gut gethan hat. Sie ist schon wieder
außer Bett, aber noch angegriffen und matt; darum kann sie heute nicht
zum Reiten mit dem Herrn Grafen kommen, aber in ein paar Tagen hofft
sie wieder so weit zu sein, soll ich dem Herrn Grafen melden.«

»Weiß Deine Herrin das Alles?« frug Egenolf.

»Nein, o nein! nur Euch habe ich es in meiner Angst gestanden, und ich
bitte Euch, Herr Graf, ich bitte Euch bei allen Heiligen im Himmel,
sagt es ihr nicht! ich schämte mich zu Tode, ich ginge ins Wasser, wenn
sie es erführe.« Und Dimot fiel auf die Knie, hob die Hände flehend zu
Egenolf empor, verhüllte dann wieder ihr thränenüberströmtes Gesicht
und jammerte und schluchzte.

»Steh auf!« sprach Egenolf, »ich verspreche Dir, zu schweigen. Bestelle
Deiner Herrin meinen ehrerbietigen Gruß und meinen innigsten Wunsch,
daß sie schnell wieder genese.«

»O ich danke Euch, ich danke Euch viel tausendmal, Herr Graf!«
stammelte Dimot und erhob sich. Dann griff sie in die Tasche ihres
Kleides und bot ihm einen kleinen, in Papier gewickelten Gegenstand
dar. »Hier ist die Nuß mit dem Rest des Pulvers,« sagte sie, »nehmt
es an Euch, Herr Graf, vielleicht könnt Ihr die Falsche damit ihrer
schändlichen That überführen.«

Egenolf steckte das Päckchen zu sich, schwang sich aufs Pferd und jagte
auf dem Wege zurück, den er gekommen war. »Giftmischerin, verfluchte!«
murmelte er, »mit dem Leben sollst Du es büßen!«

Er ritt aber nicht heim, sondern lenkte nach der Hütte der Zigeuner,
deren einsamer Standort im Walde ihm sehr wohl bekannt war.

In einiger Entfernung davon stieg er ab, band das Pferd an einen Baum
und pirschte sich leise an die Hütte heran in der Hoffnung, Haschop
darin zu überraschen.

Ihm klopfte das Herz in so wilder Erregung, daß er mehrmals anhalten
mußte, um Athem zu schöpfen. Als er, allmählich näher gekommen, wieder
einmal im Dickicht rastete, glaubte er ein Klingen zu vernehmen, das
nur aus der Hütte schallen konnte. Er drang durch das Gebüsch weiter
vorwärts und hörte die eigenthümlichen Laute nun deutlicher. Was war
das? Sang sich die Giftmischerin etwa gar ein Lied, um ihr Gewissen
zu betäuben? Doch nein, das waren keine menschlichen Töne. Es klang
so wehmüthig weich, so süß und melodisch durch den stillen Wald, daß
er wie gebannt stehen blieb und lauschte. Und nun wußte er mit einem
Male, was es war, -- es war Geigenspiel von Farkas' des Zigeuners
Meisterhand. Den wollte er nicht treffen hier, denn unmöglich konnte er
in dessen Gegenwart ein, wie er in der ersten, maßlosen Wuth gesonnen
war, blutiges Strafgericht an seiner Tochter vollziehen, was auch der
Zigeuner nicht ohne harten Kampf geschehen lassen würde.

Schon wollte er, verdrossen, daß er an der Verruchten nicht seine Rache
nehmen konnte, umkehren zu seinem Pferde und davonreiten, aber noch
mit halbem Ohre nach den wunderbaren Klängen hinhörend, fing er an zu
überlegen, was er thun oder lassen sollte. War es denn sicher, daß er
Haschop bei ihrem Vater fand, wenn er zu ihm ging? Er wagte nicht, es
zu wünschen. War sie aber nicht zugegen, so konnte er seinen heißen
Groll vor Farkas ausschütten und von ihm, wenn auch nicht Haschops Tod,
so doch ihre Entfernung auf Nimmerwiederkehr verlangen oder ihm drohen,
sie versuchten Giftmordes wegen dem Blutrichter auszuliefern. So ging
er denn auf die Hütte, deren Thür und Fensterluken offen standen,
langsam zu und trat hinein.

Der Zigeuner saß in dem ärmlichen Stübchen am Boden, mit dem Rücken an
die Wand gelehnt, das Haupt auf die Geige gebeugt und in sein Spiel
so vertieft, daß er Egenolfs Kommen nicht eher gewahr wurde, als bis
dieser vor ihm stand. Da brach er sein Spiel jach ab und sprang auf.

Egenolf sah sich in dem Raume nach Haschop um, aber sie war nicht da.
Mit vor Erregung heiserer Stimme frug er: »Farkas, wo ist Haschop?«

»Wo Haschop is, wissen Herr Graf besser als ich,« entgegnete der
Zigeuner trotzig.

»Wenn ich es wüßte, würd' ich nicht fragen,« gab ihm Egenolf streng
zurück.

»Herr Graf haben sie doch selbst mit Botschaft nach Rathsamhausen
geschickt.«

»Was? -- wohin hätt' ich sie geschickt?« sprach Egenolf erbleichend.

»Nach Rathsamhausen zu Herr Burkhard,« wiederholte Farkas.

Egenolf stützte sich mit der Hand auf den groben Tisch im Stübchen, als
bedürfe er eines Haltes bei dieser Nachricht.

»Is nit so? haben Herr Graf sie nit hingeschickt?« fragte Farkas.

»Lieber in die Hölle als nach Rathsamhausen!« brach Egenolf los.

»Warum in die Hölle? Herr Graf dachten früher anders.«

»Weil sie eine Mörderin ist und die junge Gräfin Thierstein vergiftet
hat.«

Farkas trat einen Schritt zurück und blickte den Grafen starr an. Dann
schüttelte er sein schwarzlockiges Haupt und sagte ruhig: »Glaubt
Farkas nit.«

»Ich habe Zeugen und habe den Beweis in Händen; hier ist er,« rief
Egenolf, holte Dimots Päckchen hervor und übergab es dem sichtlich
Erschreckenden. »Mit dem, was Du darin finden wirst, hat Deine Tochter
der Gräfin den Schlaftrunk gewürzt.«

Farkas enthüllte es mit zitternder Hast, schüttete etwas von dem
bräunlichen Pulver in seine Hand, roch daran und führte mit der
befeuchteten Fingerspitze eine Kleinigkeit davon an die Zunge. »Is
kein Gift,« erklärte er dann. »Wir Zigeiner kennen alle Gifte, besser
als Doctors und Lateiner, aber das is kein Gift. Haschop is nit
Giftmischerin.«

»Das wird der Blutrichter entscheiden; seine Häscher werden sie
greifen, daß er den Stab über sie bricht,« erwiederte Egenolf drohend.

Farkas schwieg ein Weilchen, ehe er mit verbissenem und höhnischem
Ausdruck sprach: »Und wenn Richter armes Zigeinermädchen fragt: warum
hast Du schöne Gräfin vergiftet? wird es zur Antwort geben: weil ich
jungen Grafen geliebt hab und er mich auch und weil Graf mich betrogen
und verlassen hat. Hab ich mich rächen wollen an Einer, die mir sein
Herz gestohlen. So wird Haschop antworten, und Alles, Alles in ganze
Land, große Herren und vornehme Damen und geringes Volk wird mit
Finger auf stolzen Grafen zeigen: hat Zigeinermädchen betrogen und
auf die Richtstatt gebracht! und die Spielleut werden's umtragen, und
Pfeiferkönig kann's nit hindern und --«

»Farkas!« unterbrach ihn Egenolf bebend, »schweig! kein Wort mehr!
Schwörst Du mir, dafür zu sorgen, daß Deine Tochter das Land räumt weit
weg von hier auf Nimmer-Nimmerwiederkehr? Es soll Dein Schade nicht
sein.«

»Farkas verspricht nischt, was nit halten kann,« erwiederte der
Zigeuner. »Seit zwei Tage is sie fort; wer kann wissen, ob sie
wiederkommt! ich kann sie nit hüten, und fangen läßt sie sich nit, is
wie ein Waldschratt, über den Niemand Gewalt hat, ich auch nit.«

»Farkas, -- wenn sie wiederkommt, ist sie unrettbar des Todes,« rief
Egenolf. »Jetzt sage mir noch, was für eine Botschaft von mir hat sie
Dir vorgelogen?«

Darauf gab ihm Farkas den Bescheid: »Beim Weggehen sagte sie: soll
Herrn Burkhard von Rathsamhausen bestellen, Graf Egenolf und Gräfin
Leontine würden sich heirathen, wenn nischt dazwischen käme.«

»Nichts dazwischen käme! -- ich weiß genug,« sprach Egenolf ergrimmt
und schritt ohne Gruß hinaus.

Farkas blickte durch die Fensterluke dem Enteilenden nach, bis dieser
im Gebüsch verschwunden war. Dann nahm er die Nuß mit dem Pulver wieder
zur Hand, unterzog es noch einmal einer kurzen Prüfung und nickte vor
sich hin: »Bilsenkrautwurzel und Tollkirschblätter; weiß wohl, wo sie's
her hat, alte Großmutter hat sie's gelehrt. Schade um junge Gräfin, daß
hat sterben müssen! war so schön und hat nit Schuld. Ihn, ihn hätt's
treffen müssen, Messer ins Herz! is Zigeinerrecht, auf Liebesverrath
steht Tod bei Mann und Weib. -- Nun hinter Haschop her und sie warnen,
darf nit wiederkommen, niemals, niemals.«

Egenolf ritt, seinen Rhenus treibend, nach der St. Ulrichsburg, übergab
dort das dampfende Pferd einem Stallknecht und stürmte hinauf nach
Schloß Giersberg zu Imagina.

»Imagina,« rief er ihr zu, da er sie wie das vorige Mal wieder
allein fand, »Imagina, jetzt ist es mit dem Abwarten aus, jetzt
heißt es handeln. Leontine ist erkrankt, die Zigeunerin hat ihr Gift
beigebracht.«

»Alle guten Geister!« stieß die aufs Tiefste Erschrockene hervor,
»Egenolf, was sagst Du da?«

»Was ich vor zwei Stunden von ihrer Zofe gehört habe.«

»Schwebt sie in Lebensgefahr?«

»Gott sei gelobt! wie es scheint, nicht mehr. Aber jetzt bin ich fest
entschlossen, jetzt werb' ich um sie,« sprach er in der höchsten
Erregung.

»Nur ruhig, Lieber, ruhig!« mahnte Imagina. »Erzähle mir doch erst --«

»Ja so! Du weißt ja noch garnichts.« Er theilte ihr nun Wort für Wort
Dimots Geständniß mit und schloß: »Und was noch dazu kommt, ist, daß es
Burkhard hinterbracht worden ist.«

»Burkhard hinterbracht? was denn?«

»Mein Verlöbniß mit Leontine. Haschop ist nach Rathsamhausen entflohen,
um Burkhard Alles zu verrathen.«

»Woher weißt Du das? von Loder?«

»Nein, von Farkas, ihrem eigenen Vater, aber Hans Loder werd' ich es
klagen; er soll auf die Schändliche fahnden, sie hängen oder ersäufen
lassen, sie darf nicht leben!«

Imagina schüttelte besorgt ihren hübschen Blondkopf und sagte: »Ich
bin ja nicht in Zweifel darüber, wie Du mit Haschop gestanden hast,
und will Dir keine Vorwürfe machen. Sie ist ein verführerisches
Geschöpf, und so eines kleinen Liebeshandels wegen wird Niemand einen
ritterlichen Junggesellen schelten. Aber eines möcht' ich wissen:
was reizt die Zigeunerin, zu Burkhard zu laufen und just ihm ihre
Kundschaft von Deinem Bunde mit Leontine zuzutragen?«

»Sie muß wie eine witternde Füchsin Wind davon bekommen haben,
wie die Dinge zwischen Burkhard und meinem Vater stehen, denn sie
ist eine Schleicherin und Ohrenmelkerin, die herumläuft und Alles
auskundschaftet und aus den Leuten heraushorcht und herausholt, was
sie wissen will. Nach ihrem Mordversuch gegen Leontine will sie nun
den Rathsamhausen auf uns Rappoltsteiner hetzen,« erwiederte Egenolf
zornwüthig.

»Also das Eine wie das Andere die Rache der Verstoßenen,« sagte Imagina
und fuhr nach einem kurzen Schweigen fort: »Bei so bewandten Umständen
kann ich Dir nur rathen, Egenolf, Deinem Vater offen zu bekennen, was
Du ohne ihn zu fragen gethan hast. Er muß Dein Verlöbniß mit Leontinen
jetzt erfahren, und zwar von Dir selber.«

»Von mir selber soll er's auch erfahren,« stimmte ihr Egenolf zu,
»und so bald wie irgend möglich, um dem Dazwischentreten Burkhards
vorzubeugen, der Alles daran setzen wird, unsere Verbindung zu
hintertreiben. Aber nicht früher möcht' ich es meinem Vater mittheilen,
als bis die Sache entschieden und nichts mehr daran zu ändern ist; er
würde mir sonst streng verbieten, um Leontinen zu werben. Ein paar
Tage warte ich noch, bis ich hoffen kann oder höre, daß sie wieder ganz
gesund ist. Dann aber reite ich zur Hohkönigsburg hinauf, und kein
Mensch auf der ganzen weiten Welt soll mich daran hindern. Ich will vor
meinen Vater hintreten und ihm sagen können: Leontine ist meine Braut.
Was dann weiter wird, ist mir Alles gleich.«

»Aber Egenolf!«

»Ist mir Alles gleich!« schrie er noch einmal. »Von einander lassen
thun wir doch nicht, nun und nimmer nicht und in alle Ewigkeit nicht,
mag kommen, was will!«

»Gott im Himmel, mit so einem verliebten Menschen ist nichts, rein
gar nichts anzufangen,« seufzte Imagina verzweifelt. »Mach, daß Du
fortkommst und suche Dir Deinen Verstand wieder, den Du zwischen
Ulrichsburg und Hohkönigsburg verloren hast, und wenn Du ihn
wiedergefunden hast, komm zu mir und zeig' ihn mir.«

»Das will ich thun; Dank für den Rath! komm, laß Dich küssen dafür!«

»Du bist wahrhaftig verrückt,« lachte sie hell auf, »fort, fort, hinaus
mit Dir!« Lachend wehrte sie den Ungestümen ab und schob ihn an den
Schultern zur Thür hinaus.



XVIII.


Gegen Abend des zweiten auf das Gespräch Egenolfs mit Imagina folgenden
Tages saß Graf Maximin in seinem Gemach und hielt in der auf seinem
rechten Knie ruhenden Hand ein Schreiben, das er soeben gelesen hatte
und über dessen Inhalt er nun sann und grübelte. Sein Blick war darauf
gerichtet, aber er sah nichts, er starrte mit weit offenen Augen ins
Leere, ganz und gar in Gedanken verloren. Dann schüttelte er den Kopf,
als wollte ihm irgend etwas nicht hinein von dem, was in dem Briefe
stand.

»Wenn etwas Wahres daran wäre,« sprach er endlich zu sich selber, »so
könnte das böse Verwickelungen geben; aber ich glaube nicht daran. Wie
kommt Burkhard zu dieser Hindeutung auf das mögliche Eintreten eines
Ereignisses, an das noch kein Mensch gedacht hat? Verräth sich damit
nur seine Furcht vor einer solchen entfernten Möglichkeit? und will er
mich mit Androhung seiner Feindschaft zwingen, etwas noch Unerwogenes
und Ungewolltes im Voraus zu verhüten, das, wenn es geschähe, ihn
treffen würde wie ein Schlag vor den Kopf? Klar sehen muß ich, was
dahinter steckt.«

Er erhob sich, rief seinem Kämmerling und befahl ihm, nachzusehen, ob
Graf Egenolf im Schlosse anwesend wäre, in welchem Falle er ihn sofort
zu sprechen wünschte.

Dann nahm er sein Selbstgespräch wieder auf: »Aber wenn die neue
Mär nun doch nicht ohne Grund und Boden wäre, -- was dann? In
welche verzwickte Lage kämen dann Oswald und ich! Jeder würde seine
Einwilligung an Bedingungen knüpfen, deren Erfüllung dem Einen oder
dem Andern sehr schwer fallen, vielleicht unmöglich sein würde. Ja,
wenn Vieles anders wäre, als es ist, -- welch ein Glück wäre das
für die beiden prächtigen Menschen! Ach, was quäle ich mich mit
Hirngespinnsten! es kann ja nicht sein, es ist unter den gegenwärtigen
Verhältnissen schier undenkbar.«

In diesen Betrachtungen wurde er durch den Eintritt des Sohnes
unterbrochen, der mit einem unsicheren, fast scheuen Blick in seines
Vaters Zügen zu lesen suchte, was seiner wohl hier warten möchte.
Sollte Burkhard seine ihm zugeflogene Wissenschaft wirklich schon an
den Mann gebracht haben?

»Du wirst nicht vermuthen, Egenolf,« begann der Graf, »weßhalb ich Dich
zu mir bescheiden ließ. Höre, was ich Dir mitzutheilen habe.«

Sie nahmen beide Platz, und Schmasman fuhr fort: »Ich habe da von
meinem alten Freund und Waffenbruder Burkhard einen Brief empfangen,
der nichts Geringeres enthält als seine deutliche Absage, wenn ich
nicht thue, was er hartnäckig von mir verlangt, nämlich ihm bei der
gewaltsamen Vertreibung der Thiersteiner und seiner Besitzergreifung
der Hohkönigsburg mit aller meiner Macht zu helfen. Da ich nun, selbst
nach einem kriegerischen, für uns sieghaften Austrage der schwebenden
Streitigkeiten, doch keineswegs in die Vertreibung der Thiersteiner
willigen werde, so kann es leicht dahin kommen, daß wir, Burkhard und
ich, uns über kurz oder lang feindlich und kampflich gegenüberstehen.«

»Es freut mich sehr, lieber Vater,« fiel Egenolf, von der Sorge
befreit, daß es sich um sein Verlöbniß handelte, lebhaft ein,
»aus Eurem eigenen Munde zu hören, daß Ihr entschlossen seid, die
Demüthigung des Grafen Oswald zu verhindern.«

»Die Vertreibung, habe ich gesagt,« verbesserte Schmasman den Sohn,
»denn sich beugen, unserm Widerspruch gegen seine Absichten sich fügen
wird Graf Oswald müssen, wenn er Frieden haben und behalten will.
Aber warum freut Dich mein Entschluß, ihn vor dem Schlimmsten, was
ihm droht, zu bewahren?« frug er aufmerksam. »Hast Du Veranlassung,
besonderen Antheil an seinem Geschick zu nehmen?«

»Nun, -- wir waren doch seine Gäste auf der Hohkönigsburg,« gab Egenolf
verlegen und ausweichend zur Antwort.

»Das war Burkhard mit den Seinigen auch und ist ihm doch Feind geworden
und verlangt, daß wir es auch werden. Gieb Acht, was er mir schreibt.«
Schmasman nahm den Brief zur Hand und las ihn dem Sohne vor.

        Maximin von Rappoltstein!

    Du hast mir auf der Ulrichsburg gelobt, mir in der Fehde
    gegen Thierstein mit trefflich großem Zeug zu Roß und zu Fuß
    beizustehen, und ich habe mich auf Dein Wort verlassen. Nun
    läuft aber ein heimlich Gemurmel, Du wollest Dich mit ihm
    gegen mich verbünden, und dabei ist mir die neue Mär zu Ohren
    gekommen von einer vorhabenden Heirathsabrede zwischen Deinem
    Sohn und seiner Tochter.

Bei dieser Stelle erhob Schmasman ein wenig das Haupt und streifte
seinen Sohn mit einem schnellen, forschenden Blicke. Egenolf biß die
Zähne zusammen und hielt die Lehne seines Stuhles umklammert. Da war es
nun doch, was er gefürchtet; der Pfeil war abgeschossen. Schmasman las
weiter.

    Ich habe Grund und Ursach, der Meldung Glauben zu schenken
    und frage Dich: soll, was Du mir gelobt hast, nun mit einem
    Male kraftlos und unbündig sein? Solcher Untreu hab ich mich
    nicht von Dir versehen, daß Du jetzt den Kopf aus der Halfter
    ziehen und mir in die Schanz fallen willst. Das nenne ich auf
    zwei Sätteln reiten. Nächstens werde ich dem Thierstein mit
    namhaft ritterlichen Gutgesellen absagen und muß nun wissen,
    was ich mir etwan Gefährliches von Dir zu besorgen habe. Darum
    fordere ich jetzt von Dir, daß Du Farbe zeigst. Du sollst
    mir zu mehrerer Sicherheit und Bekräftigung eine Bürgschaft,
    d. h. Wahrzeichen und Geschrift geben, daß Du mir Wort
    halten willst. Wenn Du aber von mir abfällst und Dich auf des
    Thiersteiners Seite stellst, so sage ich Dir auch ab und komme
    mit Hengst und Harnisch über Dich.

            Burkhard von Rathsamhausen.

Egenolf saß noch immer regungslos und erwartete mit herzklopfender
Spannung die Frage seines Vaters, die unfehlbar jetzt kommen mußte.

Und sie kam auch. Schmasman hub an: »Du hast gehört, daß in dem
Schreiben einer Heirathsabrede zwischen Dir und der Thierstein'schen
Tochter Erwähnung geschieht. Was soll ich davon denken, Egenolf? ich
weiß nichts davon.«

»Aber ich, lieber Vater!« klang es nun fest und sicher von Egenolfs
Lippen. »Herr Burkhard ist gut bedient, und ich muß Euch ein Geständniß
ablegen, das Euch einigermaßen erstaunen wird. Gräfin Leontine von
Thierstein und ich haben uns Lieb und Treu gelobt, wollen die Ringlein
tauschen und als ehelich Mann und Weib bis an unseres Lebens Ende nicht
von einander lassen.«

»Du hast Dich mit der Gräfin Leontine betraut? Egenolf, -- was hast Du
gethan!« fuhr Schmasman auf. »Wir rüsten zum Kampfe gegen den Grafen
Oswald, und Du gehst einen Liebesbund mit seiner Tochter ein? Das ist
mir ganz unfaßbar, ist geradezu eine Tollheit, der ich Dich wahrlich
nicht fähig gehalten hätte.« Er sprang auf und schritt eine Weile rasch
und erregt im Zimmer auf und nieder. »Was soll daraus werden?« rief
er dann, mit über der Brust verschränkten Armen vor Egenolf stehen
bleibend. »Wo nimmst Du nur die leiseste Hoffnung her, daß dieser
unbedachte Schritt zu einem guten Ende führen könnte?«

»Ich habe die Hoffnung, Vater, daß es nicht zum Kampfe kommt.«

»Das ist eine thörichte, eine ganz haltlose Hoffnung. Der Kampf ist
allen Anzeichen nach unabwendbar.«

»Unsere Liebe wird ihn überdauern.«

»Der Groll des Besiegten auch. Wissen sie auf der Hohkönigsburg, was
ihnen Feindliches bevorsteht?«

»Ja, sie wissen es,« erwiederte Egenolf, »durch einen Brief Friedrichs
von Fleckenstein haben sie es erfahren.«

»Und trotzdem willst Du beim Grafen Oswald um die Hand seiner Tochter
werben? Oder hast Du es schon gethan?«

»Nein, noch nicht, aber ich will es thun.«

»Und Du bildest Dir ein, daß er sie Dir giebt? jetzt giebt? Das ist ja
zum Lachen!« rief er, sich wieder niederlassend.

»Wenn ich ihm sagen könnte, Vater, daß ich mit Eurem Einverständniß um
seine Tochter würbe, so --«

»So müßte er annehmen, daß ich wenigstens ihn nicht befehden will, daß
ich sogar auf seiner Seite stehe, meinst Du. O er wird noch viel mehr
annehmen; er wird denken, ich wäre es, der diese Verbindung wünscht
und anbahnt und ihm Bundesgenossenschaft als Preis dafür bietet, mit
anderen Worten, der ihn um Frieden bittet.«

»Diesen Gedanken werde ich nicht bei ihm aufkommen lassen,« sprach
Egenolf. »Aber wäre es Euch denn nicht selber lieb, Vater, wenn Friede
bliebe und keine Fehde zwischen euch ausbräche?«

»Ob mir lieb oder nicht, kommt nicht in Betracht. Ich habe keine Wahl
und kann nicht voraussehen, ob Fehde wird oder Friede bleibt.«

»In wessen Hand ruht denn die Entscheidung darüber, wenn nicht in der
Euren, Vater?«

»Da irrst Du,« entgegnete Schmasman. »Sie hängt einzig und allein von
der Annahme oder Ablehnung gewisser Forderungen und Bedingungen ab,
deren einige zwar von untergeordneter Bedeutung, andere dagegen von
der größten Wichtigkeit für die Fortdauer unserer fest verbrieften und
verbürgten Standesrechte sind.«

»Ließe sich denn nicht auch über diese wichtigen eine Vereinbarung
treffen?«

»Nur dann, wenn Graf Oswald eine solche wünscht und selber den
Vorschlag dazu macht, denn ich kann es nicht thun. Er hat meine
Vermittelung einmal zurückgewiesen, und ich will mich dem nicht zum
zweiten Male aussetzen.«

»Ich werde sie ihm auch nicht anbieten. Aber wenn er nun Eure
Vermittelung anriefe? wenn er Euch durch mich darum ersuchen ließe?«

»Wenn! wenn! -- das thut er nicht.«

»Wer weiß, Vater? es kommt darauf an, --«

»Wie Du ihm die Sache darstellst, willst Du sagen. Egenolf, wäge
Deine Worte, wenn Du vor ihm stehst! Du darfst ihm nicht das kleinste
Zugeständniß in meinem Namen machen; ich will freie Hand behalten nach
jeder Richtung hin. Du handelst auf Deine eigene Verantwortung und
Gefahr, und bedenke wohl,« fügte Schmasman warnend hinzu, »wenn Dich
Graf Oswald schroff abweist, so ist zwischen ihm und mir kein Friede
möglich.«

»Und wenn er mich nicht abweist, so ist der Friede zwischen euch
geschlossen?« fuhr es Egenolf freudig heraus.

»Das hängt mehr von ihm ab als von mir,« erwiederte Schmasman ernst.
»Aber nun erkläre mir: woher weiß Burkhard von eurem Verlöbniß?«

»Ich bitte Euch, Vater, mir die Antwort auf diese Frage zu erlassen,«
sprach Egenolf.

»Ah so! -- nun, -- dann will ich sie nicht von Dir verlangen,« sagte
Schmasman, der wohl etwas von dem errathen mochte, weßhalb Egenolf
diese Auskunft verweigerte. »Aber eine andere Frage: warum hast Du es
mir verschwiegen? Ich hätte es doch, wenn es einmal geschehen war,
sofort erfahren müssen, um mich danach richten zu können.«

»Ich bin mir wohl bewußt, lieber Vater, daß es meine Schuldigkeit
gewesen wäre, Euch in mein Geheimniß einzuweihen,« erwiederte Egenolf,
»aber glaubt mir! nicht aus Zaghaftigkeit hab ich es unterlassen. Ich
schwieg aus Rücksicht auf Euch.«

»Aus Rücksicht auf mich? wieso?«

»Das, was Ihr als die Folge eines von mir abgelegten Geständnisses
eben andeutetet, gerade das wollte ich vermeiden. Ich wollte nicht den
leisesten Druck auf Eure Entschlüsse ausüben, wollte nicht, daß Ihr
mir zu Gefallen bewogen werden könntet, etwas Anderes zu thun, als was
Ihr einmal für recht und nothwendig erkannt hattet. Und wenn es zum
Schlagen kommt, solltet Ihr nicht wissen und ahnen, daß Ihr den Vater
Derjenigen bekämpft, in deren einstigem Besitz ich mein höchstes Glück
auf Erden sehe.«

Von dieser unerwarteten Eröffnung sehr wohlthuend berührt, stand
Schmasman auf, und seinen sich gleichfalls erhebenden Sohn freundlich
anblickend sprach er: »Das ist ehrenhaft und nobel gedacht, Egenolf,
und entwaffnet jeden Vorwurf, den ich Dir über Deine Heimlichkeit
machen könnte. Deine Zurückhaltung, die Hintansetzung Deiner eigenen
brennenden Wünsche verdient Anerkennung und Lob. Sie wird Dir nicht
leicht geworden sein.«

»Nein, sie ist mir ziemlich schwer geworden,« gestand Egenolf
freimüthig. »In der ersten Freude meines Herzens gab ich mich der
Hoffnung hin, daß Ihr und Graf Oswald, wenn ihr die Liebe eurer Kinder
erführet, vielleicht geneigt sein würdet, einander die Hand zu einem
Ausgleich zu bieten. Bei reiflicher Überlegung aber sah ich selber
ein, daß ich Euch mit einer verfrühten Mittheilung dessen, was ich
eigenmächtig hinter Eurem Rücken gethan, in eine mißliche Lage bringen
würde.«

»Verfrüht nennst Du das?« sagte Schmasman. »Bis wann hattest Du Dir
denn vorgenommen, mir Dein Verlöbniß zu verschweigen? bis nach dem
Ausgang der Fehde?«

»Das war allerdings meine Absicht. Später aber, erst kürzlich,
entschloß ich mich, nicht einmal den Anfang der Fehde abzuwarten,
sondern schon vorher beim Grafen Oswald um die Hand seiner Tochter zu
werben und, wenn er sie mir bewilligte, vor Euer Angesicht zu treten
und zu sprechen: Leontine ist meine Braut; gebt uns Euren Segen, Vater!«

»Das wäre viel gewagt gewesen, Egenolf.«

»Für meine Liebe wage ich noch mehr, wage ich Alles, Vater!« rief
Egenolf. »Nun ist mir Herr Burkhard zuvorgekommen und hat Euch
gemeldet, was ihm verrathen worden. Mir ist es lieb und recht so, denn
nun kann ich doch mit Eurem Wissen und Eurer Genehmigung zur Werbung
auf die Hohkönigsburg reiten.«

»Du sattelst geschwind, mein Sohn! noch habe ich meine Genehmigung
nicht ausgesprochen.«

»Aber Ihr werdet sie mir nicht versagen, nicht wahr?«

»Nun denn, -- nein!« beruhigte Schmasman den Hoffnungsvollen. »Deine
besonnene und feinfühlige Rücksichtnahme, die Du bei der Sache bewiesen
hast, will ich damit erwiedern, daß ich Dir gestatte, Dein Heil bei dem
Grafen Oswald zu versuchen. Aber noch einmal sage ich Dir: Alles, was
Du thust, das thust Du nur auf Deine eigene Gefahr.«

»Vertraut mir, Vater! ich werde keinen Augenblick vergessen, daß ich
der Sohn des Grafen Maximin von Rappoltstein bin,« sprach Egenolf hoch
aufgereckt mit freudigem Stolze. »Eines nur bekümmert mich, -- daß Ihr
durch meinen Herzensbund mit Leontinen in Zwietracht und Streit mit
Eurem alten Freunde Burkhard gerathen werdet.«

»Das ist nicht Deine Schuld und möge darum auch nicht Deine Sorge
sein,« erwiederte Schmasman. »Den Kampf mit Burkhard habe ich kommen
sehen, und da liegt ja nun seine unumwundene Absage. Doch davon ein
ander Mal. Wann willst Du denn Deinen Freiersgang zum Grafen Oswald
antreten?«

»Vielleicht übermorgen.«

»Warum erst übermorgen? warum noch zaudern damit?«

»Weil Leontine seit einigen Tagen nicht ganz wohl ist, wie ich erfahren
habe.«

»Du scheinst ja gute Kundschaft mit der Hohkönigsburg zu unterhalten,«
lächelte Schmasman. »So geh mit Gott, und alles Glück auf den Weg!«
schloß er, dem Sohne die Hand reichend.

»Ich danke Euch, Vater!« rief Egenolf bewegt und führte des Vaters Hand
an seine Lippen. Dann entschwand er aus dem Gemach und eilte hinauf zu
Imagina, um ihr Alles zu berichten.

Als Schmasman wieder allein war, sagte er sich: »Mit beiden Händen
wird Oswald zugreifen. Egenolf bringt seiner Braut als Morgengabe den
Frieden, und Leontinens Mitgift ist die Unantastbarkeit unserer alten
Standesrechte.« -- Er lachte vergnügt in sich hinein: »Freit um die
Tochter unseres Feindes! einen pfiffigeren dummen Streich hätte der
Junge nicht machen können. Aber Oswalds Gesicht bei der Werbung möcht
ich wohl sehen.«



XIX.


Leontine war von ihrem Übelbefinden fast völlig wieder genesen, und
Niemand außer Dimot konnte sich dessen Ursache erklären. Nur dem
heilkundigen Mönch von St. Pilt mußte der Verdacht einer Vergiftung
aufgestiegen sein, denn Pater Eusebius fragte genau nach Allem, was die
so plötzlich Erkrankte in den letzten Tagen genossen und ob sie etwa
im Walde Beeren gegessen hätte, die ihr möglicherweise geschadet haben
konnten, was sie jedoch verneinte. Dimot pflegte sie mit hingebender
Sorgfalt und ließ es sich nicht nehmen, Nachts bei ihr zu wachen,
was zwar nicht von Nöthen war, ihr jedoch sowohl von Leontinen wie
von Gräfin Margarethe hoch angerechnet wurde. Sie machte sich die
bittersten Vorwürfe, daß sie der Zigeunerin getraut hatte, und ahnte
nun auch deren Beweggrund zu der verbrecherischen That.

Mit der zurückkehrenden Gesundheit wuchs auch Leontinens Sehnsucht nach
einem Wiedersehen mit dem Geliebten, und wenn sie allein war, prüfte
sie die Kraft ihrer Glieder, ob sie wohl schon wieder im Stande wäre,
einen Ritt zu unternehmen, fürchtete nur, daß ihre Mutter dies noch
nicht gestatten würde. So lange sie das Zimmer hüten mußte, forschte
sie mit ängstlicher Wißbegierde nach allen Vorgängen auf der Burg
und nach eingelaufenen Nachrichten und erfuhr von Dimot, daß Isinger
in rastloser Thätigkeit mit Instandsetzung von Waffen und Rüstzeug
beschäftigt war und daß von Schlettstadt her große Vorräthe von
Lebensmitteln in die Burg eingeführt wurden, man sich also auf eine
Belagerung einzurichten schien.

Diese Mittheilungen erfüllten Leontinen mit schweren Sorgen, und
sie dachte dabei weniger an die Gefahren, denen die Ihrigen und
sie selber ausgesetzt waren, als an Egenolf, den sie in heftigem
Widerstreit zwischen Sohnes- und Ritterpflicht einerseits und den
Gefühlen seines Herzens andererseits glaubte. Sie liebte ihn mit einer
tiefen Leidenschaft, die sie jedoch so zu zügeln wußte, daß man ihr
nichts von der Gluth in ihrem Innern anmerkte. Durch die ihr zu Theil
gewordene Erziehung hatte sie Selbstbeherrschung gelernt, und nur in
seltenen Fällen riß sie das heiße Blut, das in ihren Adern rollte,
zu einer rasch aufwallenden Erregung hin, dann aber auch mit einer
ursprünglichen Naturkraft, die ihr Niemand zutraute, der sie nicht
näher kannte. Für gewöhnlich trugen ihre edel geformten Züge den
Ausdruck einer kühlen, fast hoheitlichen Ruhe, und ihre Art zu sprechen
und sich zu bewegen hatte meist etwas Zurückhaltendes und Maßvolles.
Sie war wie in ihrer schönen, stattlichen Erscheinung so auch in ihrem
vornehmen Auftreten und Gebaren das getreue Ebenbild ihrer Mutter, die
bei aller Entschiedenheit ihres zuweilen etwas spröden Wesens sich
niemals gehen ließ und deren stolzer Sinn mit einer ihr angeborenen
bestrickenden Anmuth umhüllt war.

Auf der Hohkönigsburg waren jetzt unruhige Tage. Graf Oswald wartete
beinahe mit Ungeduld auf die förmliche Absage seiner Gegner, der
Rappoltsteiner und Rathsamhausen und ihrer Freunde, denn die
Ungewißheit, in der er über ihre Absichten schwebte, war ihm ein schier
unerträglicher Zustand. Er fürchtete sich vor ihrem Angriff nicht, denn
in seiner überaus festen Burg, die mit allem Nöthigen zu Schutz und
Trutz, mit Wehr und Waffen und mit Nahrungsmitteln für die bedeutend
verstärkte Besatzung reichlich versehen war und auch einen Brunnen mit
gutem Trinkwasser besaß, fühlte er sich ziemlich sicher und konnte auch
eine längere Belagerung darin aushalten. Und doch wünschte er in seines
Herzens Grund, den Kampf vermeiden zu können. Er selber konnte ihn
nicht verhindern, konnte seinen Feinden nicht mit Friedensvorschlägen
kommen, ehe der Friede gekündigt oder gebrochen war. Wenn man ihm aber
eine Brücke zu einem Rückzuge mit Ehren baute, würde er nicht lange
zögern, sie zu beschreiten.

Er saß und stöberte wieder einmal in alten pergamentenen Urkunden,
Schutz- und Lehnsbriefen, an denen große Siegel in hölzernen Kapseln
hingen. Sie gehörten zu dem landvogteilichen Archiv und handelten von
Gerechtsamkeiten und Privilegien, von Obliegenheiten und Abgaben der
einzelnen Herrschaften, Städte und Klöster, über die sich der Graf
genau unterrichten wollte.

Wie erstaunt war er nun, als ihm während dieser Beschäftigung eines
Morgens die Ankunft des Grafen Egenolf von Rappoltstein gemeldet wurde,
der ihn um eine Unterredung unter vier Augen bitten ließ. Sofort fiel
ihm der ebenso überraschende Besuch Bruno's von Rathsamhausen ein, aber
diesmal verirrte er sich nicht wieder zu dem absonderlichen Gedanken,
daß ihm der Sohn die Absage des Vaters bringen könnte, wenngleich
Egenolfs Einritt in die Hohkönigsburg mindestens so auffällig und
räthselhaft war wie damals der von Bruno. Den Rathsamhausen hatte
die Sorge um seinen herzschlächtigen Rappen hergetrieben; was mag
nun, mitten in den Vorbereitungen, einander aufs Blut zu befehden,
den Rappoltstein herführen, fragte er sich, vielleicht auch so eine
lächerliche Geschichte, auf die ein vernünftiger Mensch nicht im Traume
kommt.

Egenolf trat ein und erschien in einer ungewöhnlich reichen Gewandung
und mit einer ungewöhnlich feierlichen Miene, was den Grafen Oswald
allerdings stutzen machte. Der Letztere forderte den Gast auf, Platz zu
nehmen, und sah ihm gespannt, was sich da wohl entwickeln würde, ins
Gesicht.

»Herr Graf,« begann Egenolf, »Ihr werdet von mir etwas so Unerwartetes
hören, wie Ihr es Euch gar nicht denken könnt. Ich komme, und zwar,
wie ich vorausbemerken will, nicht ohne Wissen und Genehmigung meines
Vaters, um mir von Euch die Hand Eurer Tochter Gräfin Leontine zu
erbitten.«

Wäre der gewaltige Bergfried Hohrappoltsteins von da drüben durch die
Luft herangeschwebt gekommen, so hätte Graf Oswald nicht in größere
Verwunderung darüber gerathen können als über die aus Egenolfs Munde
vernommenen Worte. Er konnte es gar nicht fassen; verwirrt und stockend
sprach er: »Verzeiht, Herr Graf, -- ich weiß nicht, -- ich glaube
verstanden zu haben, daß Ihr mich um die Hand meiner Tochter bittet.«

»Ganz recht, Herr Graf! so lautete meine Bitte.«

»Ja, aber -- ich begreife nicht, -- Ihr sagtet, Ihr kämet mit Wissen
und Genehmigung Eures Vaters.«

»So ist es, Herr Graf,« sprach Egenolf. »Ich sagte Euch aber auch, daß
Ihr etwas ganz Unerwartetes von mir hören würdet.«

»Ja ja, aber das Gehörte übersteigt doch beinahe die Grenzen der
Glaubhaftigkeit und Möglichkeit. Es wird Euch doch bekannt sein, daß
in Folge meines Streites mit Herrn Burkhard von Rathsamhausen auch
zwischen Eurem Vater und mir mit gezücktem Schwerte der böse Geist der
Fehde steht.«

»Ich weiß es wohl, aber welcher böse Geist wäre nicht zu bannen!«

»Wie meint Ihr das?« frug Oswald aufhorchend.

»Herr Graf,« erwiederte Egenolf, »ich habe keine Vollmacht, Euch etwas
Anderes mitzutheilen als meine eigene Bitte um die Hand Eurer Tochter.«

»Graf Egenolf,« sprach Oswald nach einem kurzen Schweigen, »gebt mir
auf eine offene Frage eine offene Antwort! Haltet Ihr eine friedliche
Einigung zwischen Eurem Vater und mir für möglich?«

»Ja!«

»Würde sich Euer Vater zu einer Unterredung mit mir verstehen?«

»Wenn Ihr ihn darum ersuchtet, so zweifle ich nicht daran, aber --
versprechen kann ich nichts.«

»So! versprechen könnt Ihr nichts. -- Weiß meine Tochter von Eurer
Liebe zu ihr?«

»Ja, Herr Graf! wir haben den Bund der Herzen geschlossen und uns Lieb
und Treu gelobt für Zeit und Ewigkeit,« erwiederte Egenolf mit festem
Ton und freiem Blick.

»Hm! auf den Gedanken wäre ich nie gekommen.« Graf Oswald sann nach,
und sein scharfer Verstand rechnete schnell: Egenolf weiß mehr, als er
sagen will. Er hält eine Einigung für möglich, das heißt soviel wie
Schmasman wünscht sie. Damit ist die Brücke geschlagen, aber zu einem
Rückzuge werde ich sie nicht beschreiten.

Er erhob sich und sprach: »Herr Graf, bei Vergebung der Hand einer
Tochter hat die Mutter ein Wort mitzureden. Verzeiht eine kleine Weile,
ich möchte mit der Gräfin sprechen.« Darauf ging er hinaus und ließ
Egenolf allein.

Auch Egenolf hatte sich erhoben und des Grafen leichte Verbeugung
erwiedert. Ihm war getrost und froh zu Muthe, denn es war ihm nicht
entgangen, wie beifällig Oswald die zugegebene Möglichkeit einer
Einigung mit seinem Vater aufgenommen hatte.

Er trat an eines der Fenster und schaute über das Ried hinaus in
die Ferne, nach dem Kaiserstuhlgebirge und den massigen Höhen des
Schwarzwaldes. Bei der völlig klaren Herbstluft waren heute sogar
die Alpen sichtbar, die sich mit ihren schneeigen Häuptern wie eine
lange, silberhelle Wand am Horizont von Osten nach Westen dehnten und
ihre ragenden Schroffen und Spitzen deutlich erkennen ließen. Diesen
heiteren, sich nur selten in solcher Schönheit darbietenden Anblick
nahm sich Egenolf zum guten Zeichen. --

Graf Oswald, der Mühe gehabt hatte, seine Freude über die ihn im
höchsten Grade überraschende Werbung Egenolfs und die sich für ihn
selbst daran knüpfenden Hoffnungen vor seinem Gaste zu verhehlen,
bedurfte einer Spanne Zeit zur Sammlung und Überlegung, und es drängte
ihn, seiner Gemahlin von dem erstaunlichen Ereigniß Mittheilung zu
machen.

In großer Erregung trat er bei ihr ein mit den hervorgesprudelten
Worten: »Margarethe, denke Dir, wer oben bei mir ist! -- Graf Egenolf
von Rappoltstein. Und was will er? -- er wirbt um die Hand Leontinens.«

»Oswald! -- wie ist das möglich?« rief die Gräfin, von ihrem Sitz
emporschnellend.

»Ich wußte selber nicht, wie mir geschah, als er damit herausrückte,«
erwiederte der Graf. »Und was das Beste dabei ist, er kommt mit Wissen
und Genehmigung seines Vaters.«

»Eine Siegesbotschaft, Oswald!« frohlockte Margarethe.

»Nicht wahr?«

»Was hast Du ihm geantwortet?«

»Vorläufig weiter nichts, als daß ich über die Hand der Tochter
nicht ohne die Zustimmung ihrer Mutter verfügen könnte. In der
ausgesprochenen Absicht, mich mit Dir zu berathen, verließ ich ihn. Was
thun wir nun? ich gedenke vorsichtig und zurückhaltend zu sein.«

»Ja, das wohl, aber nicht abweisend,« sprach die Gräfin. »Du stellst
Deine Bedingungen, vor deren Annahme von einer Heirath keine Rede sein
kann. Zunächst verlangst Du die Bundesgenossenschaft seines Vaters, des
Grafen Maximin, gegen den Rathsamhausen.«

»Selbstverständlich!« nickte Oswald.

»Sodann,« fuhr Margarethe fort, »beharrst Du bei den oder erhöhst noch
die Forderungen, die Du sowohl zur Durchführung Deiner Pläne wie zur
Befestigung Deiner Machtstellung für nöthig erachtest.«

»Noch erhöhen? Margarethe, spannen wir den Bogen nicht allzu straff!«

»Nur nicht schüchtern und blöde jetzt!« rief sie entschlossen. »Eine so
gute Gelegenheit, Dich und Deinen Willen durchzusetzen, kommt Dir nicht
wieder.«

»Gewiß nicht,« gab Oswald zu. »Aber mit dem jungen Grafen kann ich über
diese Dinge nicht verhandeln.«

»Mit ihm verhandeln sollst Du auch nicht,« erwiederte sie, »sondern
ihm nur sagen, daß ohne vorhergehende Einigung zwischen Dir und seinem
Vater an eine Verbindung mit uns nicht zu denken wäre. Dann höre, was
er darauf antwortet. Vielleicht bringt er schon Vorschläge dazu mit.«

»Er hat keine Vollmacht von seinem Vater zu irgend welchen
Versprechungen.«

»Nun, er kommt doch mit dessen Genehmigung; also wird er Dir, wenn auch
nicht feste Versprechen, so doch wohl gewisse Anerbietungen zu machen
haben,« meinte die Gräfin. »Wie weit ist er mit Leontinen?«

»Ein Herz und eine Seele!« lachte der Graf.

»Wirklich?« sprach Margarethe mit hell blinkenden Augen und einem
frohen Lächeln, das ihr Antlitz wie Sonnenschein beglänzte. »O ich
freue mich ihres Glückes, und wir haben Schmasman gegenüber mit unserer
Einwilligung ein Pfand in den Händen, das wir nicht unter seinem Werthe
weggeben dürfen.«

»Darin stimme ich Dir vollkommen bei,« erwiederte Oswald, »aber gerade
Leontinens wegen darf ich keine übertriebenen Forderungen stellen, denn
wenn die Verhandlungen mit Schmasman fehlschlügen, ginge damit auch das
Glück unserer einzigen Tochter in die Brüche.«

»Sie werden nicht fehlschlagen,« entgegnete Margarethe lebhaft.
»Egenolf wird für seine Liebe Himmel und Hölle in Bewegung setzen,
zwischen Dir und seinem Vater Eintracht zu stiften. Tritt nur fest und
entschieden auf und gieb nicht zu früh nach, damit wir Zeit gewinnen.«

»Weißt Du was?« sagte der Graf, »komm mit mir hinauf zu ihm und höre
selber, wie er meine Entscheidung aufnimmt.«

»Ja, das will ich thun,« sprach Margarethe, und sie gingen beide. --

Egenolf war in wachsender Ungeduld das Zimmer oben auf- und
abgeschritten und stand wieder am Fenster, mehr in seine
hoffnungsvollen Gedanken als in den Anblick des großartigen
Landschaftsbildes vertieft, als die Thüre klang. Schnell wandte er
sich um, und ein heller Schimmer glitt über sein Antlitz, als er in
Begleitung des eintretenden Grafen dessen Gemahlin erblickte, die er,
ihr die Hand küssend, mit ritterlicher Höflichkeit begrüßte.

Graf Oswald begann sofort mit verbindlichem, aber ernstem Tone: »Wir
kommen, Herr Graf, um Euch auf Euren ehrenwerthen Antrag den Bescheid
zu bringen, daß Ihr uns als Eidam herzlich willkommen wäret und wir
Euch mit Freuden unsere Tochter als Ehgemahl anvertrauen würden, wenn
die Verhältnisse anders lägen, als es leider der Fall ist. Daher
kann ich Eure Werbung nur annehmen, wenn ich die sichere Bürgschaft
erhalte, daß ich in dem mir bevorstehenden Kampfe mit Herrn Burkhard
von Rathsamhausen und seinen Freunden Euren Vater als Bundsgenossen an
meiner Seite haben werde. Könnt Ihr mir diese Bürgschaft auf Manneswort
geben?«

»Nein, Herr Graf, das kann ich nicht,« erwiederte Egenolf betroffen.

»Dann bedaure ich aufrichtig, Euren Antrag ablehnen zu müssen,« sprach
Oswald. »Ihr werdet selber einsehen, daß ich nicht anders kann,« fuhr
er fort, als Egenolf schwieg. »Ich kann die Hand meiner Tochter nicht
dem Sohne meines Feindes geben.«

Da raffte sich Egenolf aus seiner tiefen Bestürzung zu der Entgegnung
auf: »Mein Vater ist in einigen Punkten Euer Gegner, aber nicht unter
allen Umständen Euer Feind, Herr Graf. Ich sagte Euch bereits auf Eure
Frage, daß ich eine Einigung zwischen Euch und ihm für möglich hielte.«

»Die bloße Möglichkeit genügt mir nicht, ich muß Gewißheit darüber
haben, wenn ich Euren Herzenswunsch erfüllen soll,« erklärte Graf
Oswald.

»Ihr weist mich also mit meiner Werbung ab?« sprach Egenolf erregt.
»Auch Ihr, Frau Gräfin?« wandte er sich zu dieser.

Margarethe zuckte mit den Achseln und erwiederte: »Ich kann meinem
Gemahl nicht Unrecht geben, Herr Graf, so sehr ich auch meinerseits
bedaure, Euch unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zu Eurem Glücke
verhelfen zu können.«

Egenolf starrte finster vor sich hin und schwieg.

»Habt Ihr mir einen Auftrag an meinen Vater mitzugeben, Herr Graf?«
frug er dann, noch in der Hoffnung auf einiges Entgegenkommen seitens
des Grafen von Thierstein.

Aber Oswald antwortete: »Einen Auftrag? ich wüßte nicht, welchen, Herr
Graf. Ich habe dem, was ich Euch kund that, nichts hinzuzufügen.«

Das ist der Abschied, sagte sich Egenolf, es fehlt bloß noch: da ist
die Thür! Herb und trocken sprach er: »So habe ich hier nichts mehr zu
suchen.«

Da zog Oswald unwillkürlich die Brauen hoch wie Jemand, der erstaunt
oder erschrickt, und Margarethe machte eine Bewegung, als wollte sie
vortreten und sich einmischen.

Doch Egenolf fuhr fort, erst ruhig, dann allmählich lauter und erregter
werdend: »Ich gehe mit schwerem Herzen, Herr Graf, und nehme nichts mit
als eine schmerzliche Enttäuschung. Damit Ihr aber wißt, wie Ihr mit
mir daran seid, erkläre ich Euch hiermit: ob Fehde oder Friede wird,
von Leontinen lasse ich nicht, so lange ich das Leben habe, und werde
Euch immer wieder und wieder um sie bitten, bis Ihr sie mir gebt, und
thut Ihr das nicht, so komme ich und hole sie mir.«

Ehe Graf Oswald auf diese in einem trotzigen, fast drohenden Tone
gesprochenen Worte etwas erwiedern konnte, flog die Thür auf, und
hastig, mit heißrothen Wangen trat Leontine herein.

»Ihr habt mich nicht gerufen, aber ich weiß, was hier vorgeht,«
stieß sie, fast athemlos vom schnellen Treppensteigen, hervor. »Eine
Lauscherin an der Thür hat es mir hinterbracht, und wenn über mein
Schicksal beschlossen wird, will ich dabei sein.« Mit geschwinden
Schritten war sie an Egenolfs Seite, ergriff seine Hand und fuhr
erhobenen Hauptes und mit erhobener Stimme fort: »Vater und Mutter,
hier stehe ich neben dem, bei dem ich immer und allwege stehen werde
und der mein Herr und Gemahl wird oder sonst Keiner. Ihr könnt mich
von seiner Seite reißen, könnt mich auf der Hohkönigsburg einsperren,
daß ich ihn niemals wiedersehe, aber meine Liebe könnt ihr mir nicht
nehmen; die habe ich ihm geschworen, die gehört ihm und bleibt ihm bis
zu meinem letzten Athemzuge.« Erregt und erschöpft lehnte sie sich
hingebend an Egenolf und schmiegte das Haupt an seine Schulter, der sie
mit dem Arm umfing, während ihm das Herz in Freuden klopfte.

Graf und Gräfin waren bei diesem leidenschaftlichen Austritt sprachlos.
Margarethe blickte mit innigem Stolz auf ihre muthige Tochter.

»Leontine,« begann Oswald, nachdem er sich gefaßt hatte, »Du weißt
nicht, was die Familien Rappoltstein und Thierstein von einander trennt
und scheidet.«

»O ich weiß es wohl, Vater!« fuhr sie auf, »diese unglückselige Fehde,
die vermieden werden könnte, wenn auf beiden Seiten der gute Wille dazu
vorhanden wäre. Egenolf, ich frage Dich: glaubst Du nicht, daß Dein
Vater den guten Willen dazu hat?«

»Ich bin fest davon überzeugt, Leontine,« erwiederte Egenolf.

»Und Ihr, Vater? habt Ihr ihn nicht? auch nicht mir zu Liebe?« kam es
von Leontinens bebenden Lippen.

»So rasch glaube ich an Eures Vaters guten Willen nicht,« sprach
Oswald, als hätte er die an ihn gerichtete Frage Leontinens nicht
gehört. »Er weiß, daß Ihr hier seid und warum Ihr hier seid, aber
keinen Gruß, keinen Wink, nicht ein Wort hat er Euch mitgegeben, aus
dem ich auf seinen guten Willen zur Einigung mit mir schließen könnte.«

»Und dennoch ist es mir außer allem Zweifel, daß er den aufrichtigen
Wunsch hat, mit Euch Frieden zu halten,« fiel Egenolf ein.

»So mag er es mich wissen lassen! Ich bin es, der hier um etwas
gebeten, von dem etwas verlangt wird, und zwar nicht mehr und nicht
weniger als die Hergabe meiner einzigen Tochter. Warum soll nun ich den
ersten Schritt thun und Eurem Vater die Hand entgegenstrecken ohne zu
wissen, ob sie von ihm angenommen wird?«

»Vater,« rief Leontine, »schickt mich zum Grafen Maximin! ich bringe
Euch den Frieden zurück, oder Ihr seht mich nicht wieder!«

Da konnte sich Margarethe nicht länger halten. Aus unwiderstehlichem
Drang stürzte sie auf Leontinen zu, umhalste und küßte sie. »Recht so,
mein Kind!« schluchzte, jauchzte sie, »aber nicht Du, nicht Du! Der da
wird für eure Liebe eintreten, wie er kann und vermag.« Im Tiefsten
ergriffen und bewegt, bereute sie in diesem Augenblick, ihren Gemahl
zum zähen Festhalten Schmasman gegenüber noch aufgestachelt zu haben,
und war jetzt selber zu jedem Opfer für das Glück ihres Kindes bereit.
»Und Du, Oswald,« wandte sie sich an den Grafen, »sieh Dir die Beiden
hier an und sprich ein Wort, wie Dir ums Herz ist!«

Graf Oswald stand und blickte vom einen zum andern von den Dreien,
unschlüssig und mit sich kämpfend. Endlich fing er an: »Wohlan, Graf
Egenolf! so höret mein letztes Wort, das ich Euch zu sagen habe. Ich
will Euch meine Tochter geben unter der Bedingung, daß zwischen Eurem
Vater und mir nach vorausgegangener Verständigung über alle streitigen
Punkte Friede bleibt und Freundschaft wird.«

»Die Bedingung nehme ich an, Herr Graf!« rief Egenolf aufathmend und
schlug kräftig in Oswalds dargebotene Hand.

»Vater! Vater!« jubelte Leontine und umschlang ihn stürmisch.

Oswald befreite sich sanft von ihr und sprach: »Nun gehet hin zu Eurem
Vater, Graf Egenolf, sagt ihm Alles, was wir hier gesprochen haben, und
bittet ihn, mir seine Vorschläge zu machen.«

Egenolf sah den Grafen an, als wollte er in dessen Seele lesen, ehe
er mit dem herauskam, was ihm auf der Zunge schwebte. Dann begann
er: »Herr Graf, zunächst erlaubt mir selber einen Vorschlag. Wenn es
Euch und der Frau Gräfin genehm ist, so reite ich schnell nach der
Ulrichsburg und komme gleich wieder zurück -- mit meinen Eltern. Eure
Verständigung könnte ja hier und heute noch erfolgen.«

Graf Oswald stutzte. »Heute noch? so eilig? da ist doch vorher noch
manches zu bedenken und zu erwägen --«

Die Gräfin unterbrach ihn: »Ja, ja, so soll es geschehen. Berathen und
erwägen könnt ihr beiden Herren auch hier. Der Vorschlag ist gut; führt
ihn aus, Graf Egenolf!«

Leontine aber legte ihren Arm in den des Geliebten, und mit einem
flehentlichen Blick zu ihm aufsehend sprach sie: »Egenolf, ich möchte
Dich heute nicht von mir lassen. Könnten wir Deinen Eltern nicht
Botschaft senden mit der Bitte, gleich heraufzukommen?«

»Ja, das können wir, und das wollen wir,« rief Egenolf. »Du hast doch
den klügsten Gedanken.«

»Glaubt Ihr, daß sie daraufhin kommen werden?« frug Oswald.

»Ich hoffe es zuversichtlich,« erwiederte Egenolf. »Ich schreibe ein
paar Zeilen an meinen Vater, daß Ihr eine offene Aussprache mit ihm
wünschtet.«

»Daß ich sie wünschte, wäre wohl etwas zuviel gesagt,« wandte Graf
Oswald ein. »Daß ich dazu bereit, nicht abgeneigt wäre, scheint mir
richtiger ausgedrückt.«

»Überlaßt mir die Fassung der Worte, Herr Graf,« bat Egenolf, »sie
sollen Euch zu nichts verpflichten.«

»Nun gut! dort auf meinem Tische findet Ihr Schreibgeräth; inzwischen
lasse ich Isinger rufen.« Oswald schlug mit dem Waidmesser an eine
helltönende metallene Schale und befahl dem eintretenden Diener, den
Stallmeister herzubescheiden.

Als Egenolf geschrieben hatte, stand er auf und sagte mit einer
einladenden Handbewegung: »Wollt nicht auch Ihr, Herr Graf --?«

»Ich?« sprach Oswald, »Eure Bitte bedarf wohl keiner Unterstützung
meinerseits.«

»Das nicht, aber es würde meinen Vater doch freuen --«

Oswald zögerte noch. Er überlegte: vergebe ich mir damit nichts? --
nein, er kommt zu mir, ich nicht zu ihm. Dann beugte er sich auf den
Tisch und schrieb stehend mit raschem Federzuge nur die Worte:

        ~Reconciliemus nos!~

            ~O. v. T.~

»Ist noch Platz für eine Zeile von mir an Deine Mutter?« fragte
Leontine schelmisch.

»Gewiß!« lächelte Egenolf, »komm her!«

Sie setzte sich schnell und schrieb, litt aber nicht, daß Jemand las,
was sie geschrieben hatte.

Graf Oswald faltete das Schreiben und versiegelte es.

Isinger erschien, und als er Egenolf mit Leontinen Hand in Hand bei
einander stehen sah, begriff er sofort, und ein verschmitztes Lächeln
glitt über seine gebräunten Züge. Graf Oswald gebot ihm: »Herni
soll gleich nach der Sanct Ulrichsburg reiten und dem Herrn Grafen
Maximin von Rappoltstein diesen Brief überbringen. Wir erwarten die
Herrschaften hier so bald wie möglich.«

Isinger, das Schreiben nehmend, verbeugte sich stumm und ging. Im
Stallhof trieb er Herni zur größten Eile, gab ihm noch ein zweites
gesatteltes Pferd mit und sagte: »Auf diesem frommen Gaul bringst Du
mir den Hans Loder mit herauf und bestellst ihm, es gäbe heut einen
guten Trunk hier oben. Aber reit zu!«

Das Mittagsmahl ward ein paar Stunden später angesetzt, so daß der
Koch Zeit genug zur Ausführung des Befehles hatte, es ja recht sorgsam
vorzubereiten und zwei oder drei auserlesene Gänge einzuschieben.
Das gesammte Burggesinde gerieth in einen freudigen Aufruhr, als die
Veranlassung dazu unter ihm ruchbar wurde. Dimot tanzte vor Vergnügen
und machte prahlerische Andeutungen, als hätte nur ihre einflußreiche
Vermittlung den geschlossenen Herzensbund zu Stande gebracht.

Auf Oswalds Einladung erschienen nun Graf Wilhelm und Gräfin Katharina
bei ihren Geschwistern. »Sieh mal hier, Wilhelm!« rief Oswald seinem
Bruder zu, »wir haben schon einen Gefangenen gemacht.«

»Gefangen in diesen holden Banden,« lächelte Egenolf und schritt mit
Leontinen auf das gräfliche Paar zu.

»Das begreife, wer kann!« sagte Graf Wilhelm, »ich verstehe kein Wort
davon. Es scheint, daß man sich auf der Hohkönigsburg an Überraschungen
gewöhnen muß.«

»Die nächste Überraschung für Dich wird wohl die sein,« erwiederte
Oswald, »daß wir den Grafen Maximin von Rappoltstein mit den Seinigen
hier erwarten. Ihr müßt euch deßhalb mit dem Mittagsmahl noch etwas
gedulden.«

»Nun, wenn es sich nachher der Mühe verlohnt, will ich gern noch fasten
und mich kasteien,« lachte Wilhelm.

Oswald nahm ihn bei Seite und gab ihm die nöthigen Aufklärungen, die
Wilhelm mit sichtlicher Befriedigung anzuhören schien.

Die Zeit des Wartens, die Allen länger däuchte als sie war, weil nach
ihrem Ablauf mehr als eine wichtige Entscheidung getroffen werden
sollte, suchte man sich durch eine etwas gezwungene Unterhaltung über
gleichgültige Dinge zu vertreiben ohne mit einem Worte den Vorgang zu
berühren, der sich in der eben verflossenen Stunde hier abgespielt
hatte. Man that so, als wäre Egenolf nur ein zufällig anwesender Gast
und nichts weiter.

Es wirkte daher wie eine Erlösung, als endlich die Ankunft der
Rappoltsteiner gemeldet wurde. Oswald eilte zum Empfange der
Hochwillkommenen die Wendeltreppe in den inneren Burghof hinab.



XX.


Egenolfs ehrfürchtiges Gesuch an seinen Vater, Allesammt sogleich zur
Hohkönigsburg heraufzukommen, war in einem so verheißungsvollen und
so inständig bittenden Ton abgefaßt, daß es dem dringenden Zureden
Herzelande's gelang, Schmasmans heftiges Sträuben gegen diese Zumuthung
zu überwinden. Dazu trugen auch die beiden Nachschriften das Ihrige
bei. Mehr aber als Oswalds eigenhändiges »Vertragen wir uns!« halfen
zur Annahme der Einladung die wenigen, so recht aus vollem Herzen
kommenden Worte, die Leontine an Egenolfs Mutter geschrieben hatte.

So entschloß sich denn Schmasman endlich, mit Frau und Tochter und den
Beiden von Schloß Giersberg zur Hohkönigsburg hinaufzureiten.

Er und Graf Oswald waren sich nach dem unheilvollen Abend im
Rathskeller zu Rappoltsweiler nicht wieder begegnet, und ihr heutiges
Wiedersehen würde in Anbetracht dessen, was in der Zwischenzeit dem
Einen vom Andern gedroht hatte, etwas Peinliches gehabt haben, wenn
sich nicht beide mit weltmännischer Gewandtheit und dem Willen, zu
vergessen, darüber hinweggesetzt hätten. Ihre Begrüßung war gegenseitig
die denkbar höflichste, und in der gleichen höchst verbindlichen Weise
begrüßte Oswald die Gräfinnen Herzelande und Isabella sowie Imagina und
den Grafen Kaspar.

Er führte seine Gäste den ihrer oben Harrenden zu, sagte dann aber zu
Schmasman: »Wenn es Euch recht ist, Herr Graf, ziehen wir beide uns
erst zu einer vertraulichen Unterredung ein Weilchen zurück.«

»Damit kommt Ihr meinen eigenen Wünschen entgegen, Herr Graf,«
erwiederte Schmasman, und sie begaben sich selbander in Oswalds Gemach.

Die um die Schloßherrin versammelt bleibenden Übrigen waren zwar nicht
völlig außer Sorge über den Ausfall der das Schicksal der Verlobten
entscheidenden Berathung ihrer Familienhäupter, thaten aber so,
als wären sie es, und ergingen sich während der langen Abwesenheit
der beiden Grafen in möglichst harmlosen, manchmal freilich etwas
befangenen Gesprächen. Nach und nach wurde die Unterhaltung jedoch
lebhafter und heiterer, und zuletzt sprudelte Imagina von neckischem
Übermuth und trug eine wahre Taubenunschuld dabei zur Schau, als hätte
sie nicht das Geringste von den Herzenspraktiken der zwei Liebenden
geahnt.

»Wo in aller Welt habt ihr euch denn zusammengefunden?« fragte sie
keck, »und wer hat eure Liebesschwüre und Sehnsuchtsseufzer von Burg zu
Burg hinüber und herüber getragen?«

»Abgerichtete Schwalben haben uns mit Überbringung von Briefen und
Blumen Botendienste gethan,« lachte Leontine.

»Ich hatte das Schellenmännlein in meinem Solde,« fügte Egenolf hinzu,
»das kennt die unterirdischen Gänge in den Bergen hier und läuft wie
ein Maulwurf darin herum.«

»Und ich die leichtbeschwingte Waldnymphe Echo,« sagte Leontine wieder,
»die rief uns unsere Grüße zu und enthüllte dem Einen die Gedanken des
Anderen.«

»Ja, wenn ihr Vögel und Blumen, Nymphen und Zwerge zu Helfershelfern
hattet, brauchtet ihr freilich keines Menschen Rath und Beistand,«
sprach Imagina mit einem schlauen Lächeln.

»Sollten sie wirklich ohne alle menschliche Hilfe gewesen sein,
Imagina?« sagte Herzelande zu der sich unwissend Stellenden. »Es giebt
doch mitleidige Seelen, die gern Kundschaft treiben und kluge Winke
geben.«

»Und die schweigen können, Herzelande!« lachte Imagina.

Die Scherzreden verstummten plötzlich, weil endlich die beiden älteren
Grafen wieder eintraten, denen sich nun Aller Blicke forschend
zuwandten. Sie sahen froh und zufrieden aus; was sie aber im Einzelnen
berathen und beschlossen hatten, blieb vorläufig ihr Geheimniß. Ihre
Unterredung mußte sie jedoch zu vollkommener Einigkeit geführt haben,
denn Graf Oswald schritt auf Egenolf und Leontine zu, ergriff ihre
Hände und legte sie in einander mit den Worten: »Hiermit gebe ich euch
vor Gott und Menschen zusammen, nehmt euch hin und werdet glücklich!
Gott segne euch!«

Da war die Freude bei allen Anwesenden groß, und es folgte eine
allgemeine herzliche Beglückwünschung. Schmasman sprach leise zu seinem
Sohn: »Hast's gut gemacht, Egenolf! aus eurer Liebe erblüht uns der
Friede.«

»Ich dacht' es wohl, Vater! Leontinen gebührt unser Dank; sie hat es
gemacht,« erwiederte Egenolf glückstrahlend.

»Laß auf dem Bergfried die Fahne aufziehen! die Hohkönigsburg
feiert heute einen Ehrentag in ihren Mauern,« sagte Graf Oswald zum
Hausmeister, der seiner Gebieterin eben eine leise Meldung gemacht
hatte. »Und nun einen herzhaften Trunk darauf, Graf Maximin! nicht
wahr?«

»Habe meinerseits nichts dagegen einzuwenden,« lächelte Schmasman.

»Die Tafel ist bereit,« verkündete Gräfin Margarethe.

»Und ich bin es auch,« sprach Imagina. »So etwas greift den Menschen an
und macht grausam hungrig.«

Man begab sich in den Saal und an die Tafel, die von Silbergeräthen
blinkte und blitzte.

Es ward ein überaus heiteres Mahl. Zuerst tranken Schmasman und Oswald
stumm, Auge in Auge, einander zu und drückten sich über den Tisch
hinüber die Hände. Dann sprach Schmasman würdige und herzliche Worte
zum Wohle des Brautpaares.

Die Geister des Friedens und der Eintracht, der Liebe und Freude
schwebten über den Häuptern der Versammelten, erfüllten ihre Herzen
mit Glück und lenkten ihre Zungen zum Austausch freundlicher Gedanken.

Manch Einem der hier sorglos Tafelnden mochte wohl unwillkürlich
gleich einer Erscheinung in schweren Träumen die Gestalt Burkhards
von Rathsamhausen auftauchen, aber seinen Namen sprach Niemand aus.
Es sollte nicht lange dauern, daß er selber sich ihnen in Erinnerung
brachte.

Inmitten des Mahles trat Isinger herein.

»Isinger, was willst Du? machst ein fast unfroh Gesicht,« rief
ihm Oswald zu. »Hoffentlich ist keiner Deiner Pflegebefohlenen
herzschlächtig geworden?«

»Nein, Herr Graf, die Rosse sind alle gesund,« erwiederte Isinger,
»aber sie scharren unruhig mit den Hufen, und Euer Tristan wiehert in
einem fort.«

»Er hat Durst, Isinger!« lachte der Graf, »und Du gewiß auch, darum
kommst Du, hast gewittert, was hier vorgeht.« Auf seinen Wink brachte
ihm ein Diener einen Becher, den er selber füllte und dem Stallmeister
darbot: »Hier! trink auf das Wohl des Brautpaares!«

Isinger hob den Becher und sprach: »Lang lebe in Glück und Gesundheit
das edle Paar, Graf Egenolf und Gräfin Leontine!« Darauf leerte er den
Becher, blieb aber noch im Saale stehen.

»Nun? noch nicht genug? habt ihr unten nichts zu trinken?« fragte Graf
Oswald.

»O doch, Herr Graf! in Hülle und Fülle, und einen Gast habe ich auch
unten.«

»Einen Gast? wen?«

»Einen alten, treuen Kumpan von mir, Hans Loder, den Pfeiferkönig.«

»Den Pfeiferkönig? bring ihn herauf, Isinger! er soll auch einen
Ehrentrunk thun. -- Nun, so geh doch und hol' ihn her!«

»Zu Befehl, Euer Gnaden! wenn ich aber den Herrn Grafen --«

»Was noch für Wenn und Aber?« frug Oswald, ungeduldig werdend.

»Ich möchte es dem Herrn Grafen lieber allein vertrauen.«

»Ach was! heraus damit! wir sind hier Alle gute Freunde.«

Da zog Isinger aus seinem Wams ein versiegeltes Schreiben hervor und
sprach: »Diesen Brief hat ein Reisiger gebracht von Herrn Burkhard von
Rathsamhausen.«

»Ah!« machte der Graf, »der kommt zur rechten Stunde, gieb her!«
Er nahm das Schreiben, drehte es hin und her und sagte dann zu der
erwartungsvollen Gesellschaft: »Wozu noch öffnen? ich weiß, was darin
steht. Oder wollt ihr es auch wissen?«

»Lest den Liebesgruß, Graf Oswald!« forderte Schmasman ihn auf.

Oswald erbrach den Brief und las ihn vor:

        Graf Oswald von Thierstein!

    Ihr werdet Euch wissen zu erinnern, was für ehrvergessene
    Worte Ihr über mich als einen ehrlichen Reichsritter von
    Adel ausgegossen habt. Darauf gebe ich Euch zu vernehmen, daß
    ich Faust und Stärke genug habe, mich Eures bösen Willens zu
    erretten und den mir angethanen Schimpf gebührlich zu rächen.
    Wir, ich Burkhard von Rathsamhausen und meine guten und
    ritterlichen Gesellen, Graf Schaffried von Leiningen, Jost von
    Müllenheim, Eckbrecht von Dürkheim, Dietrich von Lützelstein,
    Henning von Landsberg und Klaus Zorn von Bulach, wir sagen Euch
    hiermit auf Gut und Blut ab und wollen mit Feuer und Schwert,
    mit Berennen und Stürmen Euch Schaden und Abbruch thun, wie
    wir nur wissen und können. Deß zur Urkund haben wir unsere
    Ingesiegel an diesen Brief gehenkt.

Nach der Vorlesung trat eine Stille ein. Dann sagte Schmasman: »Eine
Überraschung ist es nicht für Euch, Graf Oswald, und wir wollen uns den
Wein in den Pokalen damit nicht trüben lassen.«

»Nein, wahrlich nicht!« lachte Oswald. »Setzt Ottrotter Rothen auf! wir
wollen, ehe wir sein eigenes vergießen, vorläufig von Herrn Burkhards
Rebenblute trinken. Isinger, es wird fortgerüstet.«

»Darum hat auch Euer Tristan gewiehert, Herr Graf!« rief Isinger
vergnügt, »und jetzt hole ich den Trumpeterhans herauf.« Damit
entschwand er und kehrte bald mit Hans Loder zurück, der von
den Rappoltsteinern mit lauten Zurufen begrüßt und auch von den
Thiersteinern willkommen geheißen wurde.

»Schenkt dem Pfeiferkönig ein!« befahl Oswald.

»Laßt es mich thun!« bat Egenolf. Er füllte den ihm gebrachten Becher
und hielt ihn Loder hin: »Komm her, Hans, und trink auf das Glück
meiner Liebe; Du hast von Allen zuerst davon gewußt.«

Loder nahm den Becher und sprach, zum Brautpaar gewendet: »Die
Pfeiferbruderschaft im ganzen Wasgau bringt Euch mit diesem Trunke ihre
Glück- und Segenswünsche dar!«

Egenolf und Leontine dankten dem Alten, aber danach fing die
Unterhaltung an, ein wenig zu stocken.

»Soll der Knecht des Herrn von Rathsamhausen auf Antwort warten?«
fragte Isinger leise.

»Nein,« erwiederte Graf Oswald, »darauf giebt es keine Antwort.«

»Aber ich werde Herrn Burkhard in den nächsten Tagen auf seinen Brief
an mich die Antwort senden,« sagte Schmasman.

»Und ich überbringe sie ihm, Herr Graf!« rief Loder, »ich muß ohnehin
nach Ottrott, mir den Seppele wiederzuholen.«

»Gut, Hans! Du sollst mein Bote sein,« versprach ihm Schmasman.

»Und nun soll sich der Knecht zum T-- zu seinem Herrn zurückbegeben,«
sagte Wilhelm von Thierstein, worauf sich Isinger lachend mit seinem
Kumpan hinausbegab.

Wilhelm und auch alle übrigen Anwesenden waren unmuthig darüber, daß
Burkhards Absagebrief gerade heute gekommen war und doch eine kleine
Störung in ihrer Festfreude verursacht hatte.

Imagina, von dem Verlangen beseelt, der gedämpften Fröhlichkeit wieder
aufzuhelfen, fand dazu ein wirksames Mittel. »Leontine,« begann
sie, »fülle Deinen Becher jetzt einmal bis zum Rande, trink uns ein
Schlücklein daraus zu und laß ihn am Tische von Mund zu Munde kreisen.
Jeder von uns soll Dir Bescheid thun und dabei einen guten Wunsch für
Dich und Egenolf aussprechen.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Leontine füllte ihren silbernen
Pokal, nippte daran und reichte ihn dem neben ihr sitzenden Schmasman,
indem sie lächelnd zu ihm sagte: »Fanget an, Herr Graf, und denkt Euch
etwas recht Liebes und Gutes für uns aus!«

Schmasman sann ein Weilchen nach, hob den Pokal der holden Kredenzerin
grüßend entgegen und sprach: »Ich eröffne den Reigen mit dem Wunsche,
daß euer Schicksal so fest und sicher wider alle Stürme gebaut sei wie
die Hohkönigsburg.« Dann setzte er den Becher an die Lippen und trank.

»Ich wünsche,« sagte Gräfin Katharina, ihn aus Schmasmans Hand nehmend,
»daß eure Herzen stets in vollem Einklang schlagen wie die Glocken des
Münsters zu Straßburg.«

»Möget ihr allzeit über Leid und Ungemach so hoch erhaben sein wie die
höchsten Tannen des Wasgenwaldes über dem Boden, in dem sie wurzeln,«
lautete Kaspars Wunsch.

Isabella wünschte: »Euer traulich Nest umwehe stets ein Hauch von Fried
und Freud, so süß, wie wenn im Ried die Reben blühen.«

»Und rund herum ziehe sich Schutzwehr und Ringwall gegen Unheil und
Gefahr wie die Heidenmauer um Sanct Odilien,« fügte Graf Wilhelm hinzu
und that einen gar langen Trunk darauf.

»Halt! nicht zuviel!« rief Imagina lachend und ihn am Arme ziehend,
»wir sind hier unser noch mehr.« Dann nahm sie ihm den Becher schnell
weg, schwang ihn hoch dem Brautpaar zu und sprach: »Ich wünsche euch
gute Freunde und treue Diener. Gesellig und lustig gehe es bei euch im
Saal und im Burghof zu, wie Meister Gottfried von Straßburg singt:

    Die Linde geb' ein gnüglich Dach,
    Mit blättergrünen Ästen
    Und Viele berg' ihr Zeltgemach
    Von Burggesind und Gästen.«

»Breit und glänzend wie der Rhein ziehe euer Leben dahin, und nur
glückbringende Sterne mögen sich darin spiegeln,« wünschte Graf Oswald
mit einem freudigen Blick auf seinen künftigen Eidam.

»Ich bin eine alte Frau,« lächelte Herzelande, »und mein Wunsch ist,
Leontine, daß Du dereinst in meinen Jahren so glücklich mit Egenolf
bist, wie ich es mit meinem lieben Schmasman bin.«

»Als die Letzte in der Runde habe ich auch den letzten Wunsch,« sagte
Gräfin Margarethe, »und knüpfe ihn an den ersten an, den Graf Maximin
aussprach. Wie die Hohkönigsburg die Heimat eures Glückes ist, so möge
sie auch stets der Hort eurer Liebe bleiben.«

Damit gelangte der Pokal zum Brautpaar zurück. Egenolf erhob sich an
Leontinens Seite und sprach: »Ich trinke die Neige bis auf den letzten
Tropfen mit dem Gelübde, Alles zu thun, was in eines Menschen Willen
und Kräften steht, daß das in Erfüllung gehe, was ihr uns zu unserem
Glücke gewünscht habt.«

Der wandernde Becher und die ihn begleitenden Wünsche hatten im ganzen
Kreise Frohsinn und festliche Stimmung wieder hergestellt, die auch
bis zum Ende des Mahles die Herrschaft behielten. Bald aber mußten
die Rappoltsteiner aufbrechen. Die Thiersteiner geleiteten sie bis
zum Stallhof, wo sie zu Pferde stiegen und fröhlich abritten, auf der
Hohkönigsburg nur Freunde zurücklassend. --

»Margarethe,« sprach Oswald zu seiner Gemahlin als sie wieder oben und
beide allein waren, »das war heut ein großer Tag für uns, der mich
von schweren Sorgen befreit und unserem Hause eine glorreiche Zukunft
eröffnet hat. Jetzt stehe ich auf festen Füßen und kann allem Kommenden
die Stirn bieten. Die Fehde mit Burkhard muß durchgefochten werden; nun
ich aber Rappoltstein zum Bundesgenossen habe, sehe ich ihr mit Ruhe
entgegen. Unsere Tochter haben wir einem edlen jungen Ritter verlobt,
der einmal der einflußreichste Lehensherr im Lande sein wird, wie es
jetzt sein Vater ist. Leontine wird mit ihm glücklich werden.«

»Hast Du den Frieden mit Schmasman auch nicht zu theuer erkauft?«
fragte die Gräfin.

»Ich denke nicht. Wir haben uns über Alles geeinigt; in einigen Stücken
habe ich nachgegeben, in anderen hat er mir Zugeständnisse gemacht.«

»Du hast also nicht viel erreicht, wie mir scheint.«

»Ich bin froh, daß ich von dem willensstarken, klugen und
weitschauenden Manne überhaupt etwas erreicht habe,« sprach Oswald.
»Trotz seines unverkennbaren Wohlwollens gegen mich hatte ich einen
harten Kampf mit ihm und war mir dabei in jedem Augenblick bewußt,
welch ein hoher Einsatz es war, den ich wagte, um den ich mit ihm rang,
und daß Alles verloren gehen konnte, wenn ich halsstarrig blieb und
mich auf nichts einließ, -- diese Burg, die Reichsgewalt, meine ganze
Stellung und auch Leontinens Glück. Aber nun Kopf hoch, Margarethe! die
Gefahr ist vorüber. In der Pfalz Friedrich des Rothbarts zu Hagenau
wurde früher die deutsche Kaiserkrone aufbewahrt; jetzt ist die
Hohkönigsburg das Bollwerk kaiserlicher Macht im alten Wasgau, und ich
bin ihr berufener Hüter und Handhaber.«



XXI.


»Wann wollen sie denn Hochzeit machen?« fragte Syfritz.

»Sobald die Fehde ausgefochten ist,« erwiederte Loder.

»Und Du meinst immer noch, daß sie sich in die Haare fallen werden?«

»Wie ich den Rathsamhausen kenne, glaub ich fürwahr, daß der Hoppeltanz
ehestens losgeht.«

Diese Fragen und Antworten wurden zwischen Loder und Syfritz
gewechselt, als die Beiden mit einem Schreiben Schmasmans nach Schloß
Rathsamhausen wanderten. Loder hatte sich seinen Freund Syfritz auf
diesen Botengang zur Gesellschaft mitgenommen und ihm unterwegs
ausführlich von dem Festmahl zu Ehren des neuverlobten Paares auf der
Hohkönigsburg erzählt.

»Du bist in Alles gut eingeweiht, Hans,« sprach Syfritz, »nun sage mir
doch: wenn Graf Schmasman mit dem Thiersteiner Frieden und Freundschaft
schließt, könnte das Herr Burkhard doch auch thun; warum thut er es
denn nicht?«

»Das will ich Dir sagen, Fritz,« entgegnete Loder. »Die Sache ist, daß
Burkhard sich nicht bloß kampflich an dem Thiersteiner rächen, sondern
ihn ganz von der Hohkönigsburg vertreiben will, um sich selber für
alle Zeit darin festzusetzen.«

»Oho!«

»Ja, so ist es. Aber daß unser Graf dem künftigen Schwieger seines
Sohnes das nicht anthun lassen will, na --«

»Das liegt am Tag wie der Bauer an der Sonne,« fiel Syfritz ein, »und
das wird auch wohl in dem Briefe stehen, den Du bei Dir trägst.«

»Wahrscheinlich,« erwiederte Loder, »ich fürchte nur, daß Graf
Schmasman mit seinen Vorhaltungen in einen kalten Ofen bläst. Viel
Gefallens wird Burkhard nicht daran haben, und daß er daraufhin von
seinem trutzlichen Fürnehmen stillschweigend abstehen und das Maul
hängen lassen wird wie der Gaul an der Schmiede, das glaub ich für mein
Theil so wenig, wie daß man fliegen kann, wenn man keine Federn hat.«

»Was soll er denn machen in seiner ohnmächtigen Wuth darüber, daß
er mit seinen boshaften Schlichen durchschaut ist? Was krumm ist,
kann er nicht gerade machen. Aber wenn er sieht, daß es ihm mit
seinen heimlichen Anschlägen so überzwerchs geht, wirst Du mit Deiner
Botschaft übel bei ihm zu Platz kommen, Hans,« meinte Syfritz.

»Soviel das belanget, besorg ich mir selber mehr Wagniß als Gewinn,«
sagte Loder. »Er wird mir nicht groß Ehr anthun, obzwar ich meines
Schirmherrn Abgesandter bin, dem er das Schienbein nicht reiben darf.«

»Willst ihm aber auch seinen viellieben Ofenheizer, den Seppele, wieder
wegnehmen und einstecken.«

»Das hab ich gesagt und will es auch thun, aber das ist noch nicht
einmal die Halbscheid von meinem Vorhaben, weßwegen ich mich zu dem
Gange nach Ottrott erboten habe. Die Hauptsach ist mir ganz etwas
Anderes.«

»Du sagst das so grimmig, Hans! was ist denn nachher die Hauptsach?«
fragte Syfritz neugierig.

»Der verfluchten Hexe, der Zigeunerin den Hals umdrehen!«

»Was? der Haschop, der hübschen Tänzerin?«

»Ja! sie soll mit den vier Winden zu Tanz gehen am eichenen Kirschbaum,
die Giftmischerin!« rief Loder wild in seinem Zornerguß. »Ich habe
Grund zu vermuthen, daß sie sich in Ottrott aufhält oder dort in der
Gegend herumtreibt. Wir müssen auf sie fahnden, und wenn wir sie
erwischen, muß sie sterben, und wenn ich sie mit diesen meinen Händen
erwürgen soll!«

»Giftmischerin? wen hat sie denn vergiftet?«

»Frage mich nicht, ich darf es nicht verrathen,« erwiederte Loder.
»Sie hat auch gewahrsagt,« fügte er nach einer Weile hinzu, »wenn Graf
Egenolf und Gräfin Leontine sich mit einander verbänden, so würde groß
Unglück und Blutvergießen daraus kommen. Und es kommt schon, es kommt
schon, Fritz! Du sollst sehen, zwischen unserem Herrn und Burkhard
giebt es dieses Verlöbnisses wegen heiße, blutige Fehde.«

Unter solcherlei Gesprächen waren sie allmählich in Ottrott angelangt
und hielten hier in der Herberge zum lustigen Rebmann eine kurze Rast,
um sich durch einen Trunk zu stärken.

»Willst Du hierbleiben und auf mich warten, bis ich oben im Schloß
meine Sach erledigt habe?« fragte Loder.

»Nein, Hans, ehrbare Biederleut verlassen sich nicht,« erwiederte
Syfritz. »Ich gehe mit Dir, würde mich hier um Dich sorgen und Dich in
großen Gefährden sehen. Dem Rathsamhausen trau ich Alles zu, garnichts
ausgenommen und hintangesetzt.«

Loder schüttelte den Kopf: »Es wäre ja wider allen deutschen Brauch,
wenn er mir etwas anthäte.«

»Ich bleibe, wo Du bleibst,« erklärte Syfritz nochmals.

»So komm denn!«

Auf Schloß Rathsamhausen fanden sie ein lebhaftes Treiben von reisigem
Volk und eine große Menge von Gewaffen und allerhand Rüstzeug
aufgestapelt. Sie ließen sich beim Burgherrn anmelden, der den Befehl
gab, ihm Loder sofort vorzuführen, seinen Gesellen aber bis auf
Weiteres nicht aus dem Thor heraus zu lassen.

Burkhard empfing Loder sehr unwirsch, riß ihm das dargebotene Schreiben
aus der Hand und erbrach es mit einer ungeduldigen Hast.

Erstaunen und heftiger Unwille drückte sich beim Lesen des sehr langen
Briefes auf seinen Zügen aus; er stampfte mehrmals mit dem Fuß auf
den Boden und stieß mißmuthig unverständliche Worte aus. Dann warf er
den Brief verächtlich auf den Tisch und höhnte: »Schöne, herrliche
Klugreden, -- Narrenspossen, über die ich lachen muß!«

»Ich hab Euch beim Lesen nicht lachen sehen, Herr von Rathsamhausen,«
sprach Loder unverfroren.

Burkhard maß ihn von unten bis oben mit einem finstern Blick und sagte
mit scharfem Ton: »Du antwortest nicht unbehend, weißt auch wohl, was
in dem Geschreibsel drinsteht, das halb bettelt, halb trutzt.«

»Wissen thu' ich's nicht, aber denken kann ich's mir.«

»Hat Dein Herr mehr solche Briefe versandt? auch an Andere?«

»Meines Wissens nicht, und ich glaub's nicht.«

Da flog ein Ausdruck der Befriedigung über Burkhards Gesicht. »Ich soll
mit dem Thiersteiner Frieden machen,« sprach er, »ist das etwan nicht
lächerlich?«

»Meines Dafürhaltens nicht.«

»Aber meines Dafürhaltens ist es schimpflich und schmachvoll, wenn ein
Rittersmann dem andern sein verpfändet Wort bricht.«

»Da habt Ihr Recht, Herr! Man muß den Stier bei den Hörnern, die Frau
beim Rock und den Mann beim Wort fassen,« erwiederte Loder. »Wer aber
selber nicht Treu und Glauben hält, darf sich nicht wundern, wenn sich
der Betrogene von ihm abkehrt.«

»Wer ist betrogen, und wer hat betrogen?« fuhr Burkhard auf.

»Ich habe einmal eine Mär von einem Rittersmann gehört, der sich
mit einem andern unter einer gewissen Bedingung zu einer Fehde
verabredet hatte, diese Bedingung aber nicht einhielt, sondern seinen
Bundesgenossen nur zu seinen eigenen ehr- und habsüchtigen Zwecken
hinterrücks ausnutzen wollte.«

»Was Du sagst! ein ganz verzwickter Fall! Schade, daß Du den
Rittersmann nicht vor Dein Pfeifergericht ziehen und einsperren kannst
wie den armen Seppele seines lustigen Schelmenliedes wegen.«

»Ja, sehr Schade! ich thät' es gar zu gern,« lachte Loder.

»Unverschämter!« rief Burkhard zornroth, »es ist mir noch in frischem
Gedächtniß, wie Du Dich in Deinem Lumpenkönigthum trotzig gegen mich
aufgespielt und mein Angebot einer erklecklichen Buße für Seppele
schnöde zurückgewiesen hast.«

»Mit Fug und Recht, Herr! und den Seppele hole ich mir doch und sperre
ihn so lange wieder ein, bis er seine Zeit abgesessen hat, mit oder
ohne Eure gnädige Erlaubung.«

»Blähst Dich ja schon wieder ganz hochmüthig auf und bist doch hier in
meiner Gewalt.«

»Eine Gans bückt sich, wenn sie durchs Scheunenthor geht. Im Übrigen
stehe ich hier als Abgesandter des Grafen Maximin von Rappoltstein,«
sprach Loder nachdrücklich im Bewußtsein seiner Würde.

»Hoher Sendling,« spottete Burkhard, »könntest Dir ein gutes Botenbrod
verdienen, wenn Du mir sagtest, wer meine Eule hat, die sie mir in
Rappoltsweiler gestohlen haben. Ich will sie wiederhaben, und der sie
mir vom Kopfe geschlagen, an dem will ich mich rächen, o -- blutig
rächen, keine Ruhe hab ich, bis ich an dem Menschen meine Rache gekühlt
habe,« schrie er voll Gift und Galle. »Gesteh es! wer hat die Eule?«

»Ich weiß es nicht, einer von meinen Herren gewiß nicht.«

»Hast Du sie nicht auf der Hohkönigsburg gesehen? bist doch wohl oben
gewesen und hast für Deinen Junker den Freiwerber bei der rothmähnigen
Grafentochter gemacht. Oder hat sich Gräfin Imagina damit ein Paar
rothe Kuppelschuhe verdient?«

»Dazu bedurfte Graf Egenolf keines Vermittlers; er hat selber um die
schöne, junge Gräfin geworben,« entgegnete Loder. »Bei dem Brautschmaus
auf der Hohkönigsburg war ich zu Gaste, aber wenn ein Rappoltstein
einen Fürsprecher nöthig hätte, würde er sich dazu einen Mann von Stand
und Rang aussuchen.«

»Ihr Rappoltsteiner, Herr wie Knecht, bildet euch wohl ein, die Eier,
die eure Hennen legen, hätten zwei Dotter?«

»Das nicht, aber zwei Zungen haben die Rappoltsteiner auch nicht im
Munde.«

Wieder traf den Kühnen ein drohender Blick, doch Burkhard bezwang
sich noch, und mit gespannt lauerndem Ausdruck sprach er: »Jetzt sage
mir einmal, wenn Du es weißt, welche Klatschzunge es gewesen ist, die
Deinem Herren meine Absicht auf die Hohkönigsburg verrathen hat.«

»Die selbe Zunge, Herr, die hier zu Euch spricht.«

»Du? -- Du hast das gethan?« rief Burkhard mit weit aufgerissenen Augen
und, die Hand auf dem Tische, sich wie zum Sprunge vorbeugend.

»Niemand anders. Erinnert Ihr Euch, daß ich Euch bei Eurem Abreiten vom
Pfeifergericht in Rappoltsweiler den Bügel hielt? Ihr sahet mich nicht,
weil ich auf der anderen Seite Eures Pferdes stand, aber ich hörte das
Gespräch, das Ihr vor dem Aufsitzen mit Herrn Jost von Müllenheim über
meinen Lehnsherrn und die Hohkönigsburg führtet.«

»Und das Gespräch hast Du Deinem Herrn hinterbracht?«

»Wort für Wort.«

»O Du Schelm! o Du Hund von einem Schelm, das will ich Dir ankreiden!«
knirschte Burkhard und schüttelte die geballte Faust vor Loders
Gesicht. »Also Du bist der Schmied gewesen, der den Pfeil gegen mich
geschmiedet hat. Ich weiß, Du bist Deinem Herrn soviel und vielleicht
noch mehr werth als mir der Seppele, für dessen ungebührliche
Verfestung ich Dir den Habedank auch noch schuldig bin. Jetzt sperre
ich _Dich_ ein für Deinen Verrath, und bei der ersten feindlichen
Bewegung Deines Schutzherrn gegen mich sollst Du des Henkers Tauben
füttern.« Dabei beschrieb er mit dem Zeigefinger einen Kreis um den
Hals und wies nach oben in die Luft. »Weil Du aber ein König bist,«
fuhr er höhnisch fort, »sollst Du ritterlich Gefängniß haben. Deinen
Spießgesellen, den Du mitgebracht hast, schicke ich morgen heim,
damit er eurem wortbrüchigen Herrn meldet, wie gut und sicher Du hier
aufgehoben bist und was Dir bevorsteht, wenn er nur eine Hand gegen
mich rührt.« Dann schrie er zur Thür hinaus, der Vogt sollte kommen.

»Ob Ihr mir ritterlich und königlich Gefängniß gebt, Euer Handeln
ist unritterlich und ehrvergessen,« warf ihm Loder mit stolzer,
unerschrockener Haltung ins Gesicht.

»Reize mich nicht zum Äußersten, Mensch!« schnob ihn Burkhard wüthend
an. »Kein Wort mehr! oder ich lasse Dir den Kopf abschlagen und schicke
ihn Deinem Herren als einzige Antwort auf seinen Freundschaftsbrief.«

Dem Alten lief es kalt über den Rücken; der Tobende war in seinem
rachsüchtigen Jähzorn zu Allem fähig, seine Augen rollten und funkelten
unheimlich.

Der Schließer trat ein, und sein Gebieter befahl ihm: »Losiere den
Pfeiferkönig oben in dem Jeratheusgemach ein, und seinen Gesellen
sperrt ihr in den Thurm, aber hungern soll er nicht.«

»Komm mit!« sprach der Schließer und legte seinem Gefangenen die Hand
auf die Schulter.

An der Thür wandte sich Loder noch einmal zu Burkhard um und fragte:
»Schickt Ihr morgen den Syfritz nach Rappoltsweiler zurück?«

»So hab ich gesagt,« erwiederte Burkhard, »und so wird es geschehen.«

Als er allein war, verbrannte er Schmasmans Brief. »Kein Mensch darf
erfahren, was darin gestanden hat,« sprach er zu sich selber.

Der Schließer führte Loder in dem gewaltigen, vierstöckigen Burgbau
noch zwei Treppen höher in ein Gemach, das einen großen, von schönen
romanischen Säulen getragenen Kamin hatte. Sie nannten es im Schloß das
Jeratheusgemach, weil vor langen Jahren ein Ritter von einem anderen
Zweige des Geschlechts, ein Herr Jeratheus von Rathsamhausen zum Stein,
als Gefangener dort gesessen hatte und in dem Zimmer an seinen im Kampf
erhaltenen Wunden gestorben war.

Es war allerdings ein ritterliches Gefängniß, in dem sich Loder hier
befand, und noch nie und nirgend hatte er einen so behaglichen Wohnraum
zur Verfügung gehabt, wie diesen, den man ihm zwangsweise angewiesen
hatte. Aber der Freiheit beraubt, zur Einsamkeit verdammt litt er
unsäglich, und seine alte, sonst so lustige Spielmannsseele war wie
geknickt und gebrochen. Das graue Haupt schwer auf die Hand gestützt
saß er am Tische und sann über seine Lage, in die er ohne Schuld
verstrickt war, nach. Wenn jedoch Burkhard Wort hielt und Syfritz am
nächsten Tage freiließ, so würde dieser auf der St. Ulrichsburg das
Schicksal seines Genossen melden, und dann wußte Loder ganz genau, daß
Schmasman seinen alten Trumpeterhans nicht im Stich lassen, sondern
Alles zu seiner Befreiung aufbieten würde, auch Waffengewalt, um die
Mauern seines Kerkers zu stürmen und zu brechen. Aber gerade darin
lag die größte Gefahr für ihn, denn er mußte darauf gefaßt sein,
daß Burkhard dann mit seiner Drohung Ernst machte und ihn aufknüpfen
ließ. Und that er dies auch nicht gleich beim ersten Angriff, so
würde er doch seinen Gefangenen die Erstürmung und Übergabe der sehr
widerstandsfähigen Burg gewiß nicht überleben lassen.

Burkhard hielt Wort. Am andern Morgen kam der Schließer zu Syfritz
und zeigte ihm seine Freilassung an mit dem Auftrage, dem Grafen von
Rappoltstein zu verkünden, was Burkhard für den Fall einer feindseligen
Haltung Schmasmans über Loder beschlossen hatte. In der Hand hatte
er einen in einen Lappen gewickelten Gegenstand, den er jetzt vor
Syfritz' schreckstarrenden Augen enthüllte. Es war ein menschliches
Ohr. »Damit Dein Herr gleich sieht,« lachte der Vogt, »daß wir hier
nicht spaßen und fackeln, schickt ihm Herr Burkhard dieses Ohr, das wir
dem Pfeiferkönig gestern Abend noch abgeschnitten haben. Da, nimm es
hin und bring es Deinem Herrn als Wahrzeichen.« Mit Schaudern steckte
Syfritz das wieder eingehüllte Ohr ein. »Nun trolle Dich und mach, daß
Du heimkommst!« fügte der Schließer hinzu.

»Schinder und Schinderknechte! Gott verdamm' euch!« sagte Syfritz,
wofür er zum Abschied einen Schlag ins Genick bekam.

Mit welcher fürchterlichen Botschaft ging nun Syfritz dahin! Er eilte
nach Leibeskräften, aber in den Städten und Dörfern, durch die sein
Weg ihn führte oder die er auf kleinen Umwegen erreichen konnte, hielt
er an, erzählte das schreckliche Begebniß, zeigte das abgeschnittene
Ohr des allbekannten und allbeliebten Pfeiferkönigs und rief überall
Abscheu und Entrüstung über die nichtswürdige That hervor. Wo er
Spielleute antraf oder ausfindig machen konnte, da stachelte und
hetzte er sie auf und verpflichtete sie, die Kunde von Ort zu Ort
weiterzutragen und in der ganzen Pfeiferbruderschaft zu verbreiten.
Das versprachen sie gern und thaten es ungesäumt. Sie liefen umher,
Einer sagte es dem Andern und dieser wieder einem Dritten, der dann
noch ferner Wohnenden die grausige Mär überbrachte: Hans Loder liegt
mit Ketten gebunden im Thurm von Rathsamhausen und ist mit dem Tode
bedroht, die Ohren haben sie ihm schon abgeschnitten. Einige schlossen
sich Syfritz sofort an, und immer mehr gesellten sich auf dem Wege
zu ihm, so daß er Abends mit einem Trupp von fahrenden Leuten in
Rappoltsweiler ankam, die das fast Unglaubliche in allen Gassen
ausschrieen. Bald war es in der ganzen Stadt bekannt, und Jammern und
Wehklagen, Wuthausbrüche und Verwünschungen wurden laut.

Syfritz begab sich an dem Abend noch zur St. Ulrichsburg hinauf, wo
seine Meldung bei Herrschaft und Gesinde das größte Entsetzen erregte.
Graf Schmasman, der sich so gut zu beherrschen verstand, gerieth vor
tiefinnerster Empörung über Burkhards ruchlose Behandlung seines
Abgesandten ganz außer sich und machte sich bittere Vorwürfe, Hans
Loder die erbetene Erlaubniß zur Bestellung des Briefes ertheilt zu
haben. Mit zornbebender Stimme erklärte er den Seinigen: »Jetzt
einen Strich durch die alte Freundschaft! die ist für mich todt und
abgethan. Kein Zaudern, kein Schwanken und keine Schonung mehr! Das
Schwert soll entscheiden, und wehe dem verblendeten, gewaltthätigen
Pocher, wenn er dem Hans noch das geringste Leid zufügt! Morgen sollen
die Boten fliegen, und der Fehderuf soll Herren und Mannen in den
Harnisch treiben, die eine Faust zum Dreinschlagen für die drei rothen
Schildlein im weißen Felde haben.«



XXII.


Am nächsten Morgen ertönte vom Bergfried der St. Ulrichsburg wieder
der Hornruf des Thürmers, durch den Schmasman seine Brüder Wilhelm und
Kaspar zu sich bescheiden ließ. Sie kamen auch alsbald, waren über
die Einkerkerung und Todesbedrohung Loders in gleichem Maße empört
wie Schmasman und völlig einverstanden mit ihm, daß zur Befreiung des
Gefangenen Alles gethan werden müßte, was in ihrer Macht stand. Alle
drei beschlossen, die Fehde gegen Burkhard sofort nach Zusammenziehung
der verfügbaren Streitkräfte zu beginnen und ihm Angesichts seiner
unritterlichen Handlungsweise gar nicht erst förmlich abzusagen.

Nun galt es zunächst, die Freunde zu benachrichtigen und die Lehnsleute
aufzubieten. Es wurden kurze Briefe und Befehle geschrieben und Boten
zu ihrer Überbringung an die nah und fern hausenden Kampfgenossen
abgefertigt. Tags darauf, weil heute keine Zeit mehr zu weiten
Ritten übrig geblieben war, sollten die Grafen Wilhelm und Kaspar zu
Rudolf von Andlau und Johann von Kageneck reiten und ihnen mit der
Rathsamhausen'schen Unthat zugleich die zu Stande gekommene Einigung
Schmasmans und Oswalds sowie das auf der Hohkönigsburg stattgehabte
Verlöbniß Egenolfs und Leontinens mittheilen. Egenolf aber sollte heute
noch dem Grafen Oswald von den jüngsten Ereignissen und den Beschlüssen
der Brüder Rappoltstein Kunde geben.

Wie schnell und weit herum das widrige Geschick Loders bekannt geworden
war, und welche große Theilnahme es in der Pfeiferbruderschaft gefunden
hatte, davon gab die Menge der von allen Seiten herbeiströmenden
Spielleute ein beweiskräftiges Zeugniß. Vom frühen Morgen an kamen sie
in Rappoltsweiler hereingewandert, einzeln, zu Paaren und Mehreren
gesellt, auch solche, die Loder im Pfeifergericht schon einmal mit
harten Bußen belegt hatte und die sich doch nun um ihn bangten und für
ihn eintreten wollten. Auch ältere und jüngere Frauen und Mädchen kamen
mit, und unter ihnen mochte manch Eine sein, die aus früherer Zeit
her noch mit alter Liebe an ihm hing. Denn der unbekehrte Hagestolz
war in jungen Jahren mit seiner schlanken Gestalt und den lachenden,
feurigen Augen ein gar schmucker, geschwinder Gesell gewesen, dem die
heiß klopfenden, nicht eben spröden Herzen der weiblichen Fahrenden in
Hulden geneigt und ergeben waren, und auch später noch sollte er bei
Vielen Hahn im Korbe gewesen sein und sich großer Gunst zu erfreuen
gehabt haben; dem liebenswürdigen, verführerisch kecken Trumpeterhans
könnte man nichts abschlagen, hieß es stets. Nun waren die einstigen
trauten Freundinnen von ihm mitgekommen, um Genaueres über sein
Schicksal zu erfahren, und Syfritz war beständig von Fahrenden
umgeben, denen er immer und immer wieder Red und Antwort stehen mußte.

Nachmittags hielten sie vor den Thoren der Stadt eine Versammlung ab,
in der sie den Gefühlen ihres Herzens mit leidenschaftlichen Worten und
heftigen Forderungen Luft machten und sich dahin einigten, allesammt
nach der St. Ulrichsburg hinaufzuziehen und von ihrem Schutz- und
Schirmherrn die gewaltsame Befreiung Loders zu verlangen. Gegen Abend
trafen sie in einer fast zweihundert Köpfe zählenden Schaar im Burghof
ein und wünschten den Herrn Grafen zu sprechen. Als Schmasman auf dem
Altan, wo er ihre Huldigung am zweiten Pfeifertage entgegengenommen
hatte, erschien, riefen sie ihm mit erhobenen Händen in wilder Erregung
zu: »Loder befreien! Hans Loder retten! wir wollen unsern Pfeiferkönig
wiederhaben!« Er winkte ihnen Schweigen, sagte ihnen, daß er sich über
ihre anhängliche Treue zu dem Schwerbedrohten von Herzen freue, und
versicherte sie, daß er selber zu dessen Rettung fest entschlossen sei
und die dazu nöthigen Schritte bereits eingeleitet habe; der Kampf
gegen Rathsamhausen würde in den nächsten Tagen seinen Anfang nehmen
und sollte mit allem Nachdruck geführt werden. Da jubelten sie ihm
stürmisch und freudig zu, schwangen die Hüte und schrieen und jauchzten
ohne Unterlaß. Dank und Segenswünsche für Schmasman wechselten mit
zornlodernden Flüchen gegen Burkhard, bis Einer aus der Menge mit
einer alle anderen übertönenden Stimme als Sprecher auftrat und zum
Altan hinaufrief: »Euer Gnaden Herr Graf, wir Spielleut verstehen
uns schlecht auf Kriegsbrauch und Handhabung der Waffen, aber Tag und
Nacht, mit Leib und Leben wollen wir Euch helfen und bitten Euch,
unsere Dienste nicht zu verschmähen. Wir wollen auf der Lauer liegen
und kundschaften, was von den Unternehmungen des Feindes zu erspüren
ist. Mit Spähern wollen wir ihn umstellen, damit Ihr erfahrt, was gegen
Euch im Werk ist, wo sich reisig Volk blicken läßt, und Alles, was zu
wissen Euch nützen und ihm schaden kann, wollen wir Euch sicher und
schnell zutragen.« »Ja, das wollen wir! das wollen wir! Tag und Nacht
wollen wir Spielleut für Euch auf der Hut sein,« fiel die ganze Schaar
begeistert ein.

»Ich dank euch, liebe Freunde, und nehme eure guten Dienste gern an,«
sprach der Graf. »Ich weiß, daß ich mich auf euch verlassen kann, und
wenn Hans Loder zu retten ist, so rett' ich ihn, darauf geb' ich euch
mein Wort. Und damit Gottbefohlen! fahretwohl!«

Er trat vom Altan in das Innere des Schlosses zurück, und wie ein
tosender Sturmwind brauste ihm der Jubel der Menge aus dem Burghof
nach. Dann zogen sie wieder ab und in froher Hoffnung singend und
lärmend den Berg hinunter.

Als Egenolf Abends von der Hohkönigsburg zurückkehrte, fand er
seine Eltern mit Isabella schon beim Nachtimbiß. Er hatte ein paar
glückliche Stunden bei den Thiersteinern verbracht und bestellte
von ihnen, namentlich von Leontinen, die freundlichsten Grüße. Über
den Eindruck, den seine Nachrichten dort gemacht hatten, konnte er
seinem Vater berichten, daß Graf Oswald das allem ritterlichen Brauch
hohnsprechende Verfahren Burkhards mit den schärfsten Ausdrücken
verurtheilt, dagegen die Mittheilung von dem Beschlusse, nunmehr, nach
einer so verdammenswerthen Herausforderung, ohne Zaudern zum Angriff zu
schreiten, mit sichtlicher Genugthuung aufgenommen hätte. Er selber,
ließ er sagen, wäre gerüstet und würde seine Freunde Fleckenstein und
Hattstadt sofort benachrichtigen, sich gleichfalls kampfbereit zu
machen.

Danach ward es still im Gemach unter den Vieren. Sie waren von Sorgen
erfüllt und begaben sich frühzeitig zur Ruhe, obwohl sie nicht
schlafmüde waren.

Egenolf lag noch lange wach und stellte über die kommenden Ereignisse
Betrachtungen an, die ihn auf abenteuerliche, waghalsige Pläne
brachten, bis sich ihm die Gedanken allmählich verwirrten und er
einschlief. Im hellen Lichte des Tages aber sah er die Dinge klarer und
erhob sich endlich vom Lager mit einem gefaßten Entschlusse, dessen
Ausführung er jedoch bis zur Rückkehr seiner beiden Oheime von ihrem
Ritt nach den Burgen aufschieben wollte.

Gegen Abend kamen die Grafen Wilhelm und Kaspar, Einer nach dem Andern,
auf der St. Ulrichsburg an und hatten ihrem Bruder nur Gutes und
Günstiges von den befreundeten Rittern zu melden.

Als Egenolf darauf mit seinem Vater allein war, theilte er diesem
seine Absicht mit, morgen früh einen Beobachtungsritt in die weitere
Umgegend zu unternehmen. Er wollte sich überzeugen, ob die fahrenden
Leute, wie sie versprochen, auf dem Posten wären und aufpaßten, und
wollte sie nach Neuigkeiten ausfragen.

Schmasman willigte darein, weil es ihm sehr darum zu thun war,
Zuverlässiges zu erfahren. Doch ermahnte er den Sohn, scharf Umschau
zu halten und sich wohl zu hüten, daß er nicht etwa streifenden
Rathsamhausen'schen Reitern in die Hände fiele, die ihn aufheben und
als zweite, noch werthvollere Geißel an Burkhard ausliefern würden.

»Seid unbesorgt, Vater!« erwiederte Egenolf, »sie sollen mich nicht
fangen, und wo es auf den Wegen nicht recht geheuer ist, werden mich ja
die Spielleute warnen.«

Egenolf hatte seinem Vater das Wichtigste seines Vorhabens
verschwiegen. Er wollte gelegentlich auch nach den Fahrenden sehen,
hatte aber noch ein anderes Ziel, dessen Verfolgung ihm sein Vater
vielleicht nicht erlaubt hätte.

In der nächsten Morgenfrühe ritt er, zur Vorsicht mit Sturmhaube,
Brustharnisch und langem Schwert gewappnet, von der St. Ulrichsburg
ab. --

Drei Tage schon saß Loder in dem hoch gelegenen Gemach auf
Rathsamhausen eingeschlossen und bekam keinen anderen Menschen zu sehen
als den Knecht, der ihm Speise und Trank, beides gut und reichlich,
brachte, ihm aber auf keine seiner Fragen Antwort gab. So wußte er
nichts von dem, was außerhalb seines Gefängnisses vorging, und
lauschte vergeblich auf Waffengetöse und den Ansturm seiner Befreier,
allerdings mit der trüben Aussicht, daß dann wohl sein letztes
Stündlein schlagen würde. Jetzt war es Nacht, schon dem Morgen nahe,
und Grabesstille im Schloß und rings umher. Der Mond schien in das
Zimmer, und Loder konnte nicht schlafen. Er lag in quälenden Gedanken,
die aber mit Todesfurcht nichts gemein hatten, sondern zumeist auf
seinen lieben gnädigen Herrn gerichtet waren, wie der sich um ihn
grämen und sorgen würde, und wie es wohl um den Gang der Fehde stünde,
die er seinetwegen nicht aufgehoben oder aufgeschoben wünschte, wenn
er auch ihr erstes Opfer werden sollte. Da glaubte er plötzlich in
dem Schornstein des großen Kamins ein Geräusch zu vernehmen, als wenn
etwas wie ein Kehrbesen die inneren Wände streifte. Er horchte, und
das Rascheln wiederholte sich. Schnell sprang er auf und stellte sich
abwartend vor den Kamin. Da erblickte er denn beim Schein des Mondes
ein aus dem Schornstein herabhängendes Seil, an das in regelmäßigen
Abständen Querhölzer geknüpft waren. Es schwankte hin und her, und
jetzt kamen zwei Füße, dann zwei Beine und endlich ein ganzer Mensch
zum Vorschein, der nun aus dem Kamin heraustrat, -- Seppele von Ottrott.

»Seppele! wo fährst Du her?« rief Loder in maßlosem Staunen.

»Das hast Du doch gesehen, Hans!« lachte der Hochhergekommene. »Wozu
ist man denn Ofenheizer und Kaminfeger? Schnell zieh Dich an! ich helfe
Dir aus.«

»Fort? in die Freiheit?« fragte Loder, bebend vor Freude.

»Natürlich! der Strick da ist so fest und sicher wie eine Leiter und
der Weg zum Söller hinauf nicht weit. Dort ist eine eiserne Thür im
Schornstein, durch die ich einsteige, wenn ich den Kamin fegen will.
Vom Söller schleichen wir die Treppe hinab und unbehindert durch
ein Hinterpförtchen aus der Burg hinaus ins Freie; ich habe Alles
vorgesehen. Der wachthabende Knecht ist mein Trautgesell und wird taub
und blind sein.«

»Seppele! Seppele, das vergeß ich Dir in meinem Leben nicht!« sprach
Loder gerührt. »Ich wollte Dich einfangen, Dich mitnehmen und wieder
einsperren, und nun giebst Du mir die Freiheit!«

»Komm nur, komm!« drängte Seppele, »das können wir draußen abmachen;
der Morgen graut. Ich bringe Dich so weit, bis Du außer Gefahr bist,
stundenweit, wenn Du willst.«

»Bringst Du Dich auch nicht selber in Gefahr damit?«

»Nein,« sprach Seppele, »um mich brauchst Du Dich nicht zu sorgen.
Niemand weiß, daß ich im Schlosse war, denn ich hause jetzt noch in
Ottrott, habe mich in der Dämmerung hineingestohlen und Alles zu Deiner
Flucht vorbereitet. Das stand fest bei mir von dem Tage, wo ich Dich
hier oben in der Klemme wußte, denn Deine Schmach that mir wehe. Bist
Du fertig? Dann vorwärts! ich klettere voran, und Du folgst mir; das
nennt man Abschied hinter der Thür nehmen.«

Sie stiegen nun beide, Einer hinter dem Andern, den weiten Schornstein
hinan und gelangten durch die eiserne Thür oben glücklich auf den
Söller. Seppele nahm das Seil mit und führte seinen Schützling, beide
die Schuhe in der Hand, so leise wie möglich auftretend, die Treppe
hinab. In der äußeren Umwallung wußte er eine niedrige Stelle, dort
knüpfte er das Seil an einen vorspringenden Stein, und beide glitten
daran in den trockenen Graben. Hans Loder war gerettet.

»Aber da hängt nun der Strick,« sprach er, »der wird uns verrathen.«

»Wird er nicht,« erwiederte Seppele, »mein guter Freund nimmt ihn weg
und versteckt ihn, ehe die Hähne krähen. Nun hotterum, Hans! hier
rechts durch die Büsche müssen wir kriechen und die Wege vermeiden, bis
wir jenseits Ottrott sind. Dann wirst Du wohl sicher sein, und ehbevor
sie Deine Flucht merken, bist Du über alle Berge.«

»Herr Burkhard wird Augen machen, wenn er erfährt, daß der Vogel
davongeflogen ist, dem er an den Kragen wollte,« sagte Loder. »Was sie
wohl glauben werden, wie ich ausgekommen bin!«

»Kerle wie wir, Hans, müssen überall heraus und hinein wischen können
wie der Pfeifer ins Wirthshaus,« lachte Seppele.

Sie wanden sich langsam durch das Gebüsch bergab. Endlich unten
angekommen, sprach Loder: »Seppele, ich habe noch was vergessen. Ist
die Hexe, die Zigeunerin Haschop noch hier oder in Ottrott?«

»Oben im Schloß ist sie gewesen, aber ich habe sie nicht zu Gesicht
bekommen,« erwiederte Seppele.

»Wenn Du sie triffst, schmeiß sie ins Wasser und ersäuf sie!«

»Das nützt nichts, Hans. Hexen gehen nicht unter, die schwimmen oben.«

»So dreh ihr den Hals um.«

»Wäre Schade drum, sie hat so 'nen schönen Hals. Laß sie leben, Hans!
uns wird sie ja nicht behexen.«

Loder brummte etwas Unverständliches in den Bart, und sie wanderten in
einem großen Bogen um Ottrott herum im Walde weiter. Mittlerweile war
es Tag geworden, aber trüb und wolkig. Seppele wollte noch immer nicht
umkehren und brachte Loder nun auf den begangenen Weg, von wo er nicht
mehr fehlgehen konnte, auf dem aber sein Befreier noch bei ihm blieb. --

Egenolf war, wo er irgend konnte, in der schnellsten Gangart geritten
und hatte sein Pferd sehr angestrengt. Hie und da war er einem
Fahrenden begegnet, der ihm aber nichts mitzutheilen wußte, weil er
streifende Söldner nicht bemerkt hatte. Als er jetzt über St. Nabor
hinaus auf dem Wege nach Ottrott war, sah er zwei Männer daherkommen,
die er anfänglich ebenfalls für fahrende Leute hielt. Aber -- täuschte
ihn denn sein scharfes Jägerauge? -- wenn der Eine von den Beiden nicht
Hans Loder mit seinem langen, grauen Barte war, so konnte er keinen
Bären mehr von einem Wolf unterscheiden. Er sprengte auf sie los, und
»Hans! Hans!« rief er jubelnd, »bist Du's wahr und wahrhaftig? oder
äfft mich ein Spuk am hellen, lichten Tage?«

»Bin's, Herr Graf! bin's lebendig und leibhaftig,« antwortete ihm Loder
und schwenkte den Hut.

Egenolf sprang aus den Bügeln und fiel dem Alten um den Hals. Aber
schnell zuckte er zurück, packte Loder bei den Schultern, drehte ihn
hin und her und besah ihn rechts und links. »Hans!« rief er dann, »Du
hast ja zwei Lauscher am Kopfe!«

»Ja, habt Ihr schon einmal einen Menschen gesehen, der _drei_ Ohren
hatte, Graf Egenolf?« erwiederte Loder.

»Aber sie haben Dir doch eins abgeschnitten.«

»Mir? daß ich nicht wüßte! ich habe nichts gemerkt.« Er faßte sich mit
der Hand erst nach dem einen, dann nach dem anderen Ohr und sagte: »Sie
sitzen alle beide noch an der richtigen Stelle.«

Seppele schüttelte sich vor Lachen. »Ich kann's Euch erklären, Herr
Graf,« sprach er. »Hans weiß nichts davon, und ich wollt' es ihm auch
nicht sagen. Im Schloß Rathsamhausen war gerade eine alte Scheuerfrau
gestorben, der hat man, aber wie sie schon todt war, auf Befehl des
Herrn Burkhard ein Ohr abgeschnitten und es Syfritz mitgegeben, daß
er's dem Herrn Grafen Schmasman als ein Ohr von Hans Loder überbrächte,
um Euch zu schrecken und einzuschüchtern.«

»Was? ein Altweiberohr für ein Ohr von mir ausgegeben?« rief Loder
entrüstet. »Als ob ich Ohren wie ein altes Weib hätte!«

»Das ist eine offenbare Beleidigung, Hans,« neckte ihn Egenolf. »Da
hättest Du wohl lieber eins von Deinen eigenen hergegeben.«

Dann stimmten sie aber beide in Seppele's Lachen von Herzen ein.

»Ich bin hergeritten, Hans,« sprach Egenolf, »um zu versuchen, ob ich
Dich mit Hilfe meines Freundes Bruno heimlich aus Deiner Haft lösen
könnte, und nun bist Du schon frei. Wie geht das zu?«

»Der hier hat mir ausgeholfen,« sagte Loder auf Seppele zeigend. »Aber
Jungherr Bruno darf es nicht wissen, Herr Graf!«

»Der Seppele von Ottrott? da bin ich doch neugierig; das mußt Du mir
nachher erzählen. Und Du, Seppele,« wandte sich Egenolf an diesen,
»ich bitte Dich, geh jetzt zurück und sage dem Jungherrn Bruno, da ich
einmal hier in der Nähe wäre, würde ich mich sehr freuen, ihn sprechen
zu können und erwartete ihn -- ja, wo denn? -- in Sanct Nabor. Weißt Du
kein Wirthshaus in Sanct Nabor, Seppele?«

»Aber Herr Graf! ich und kein Wirthshaus wissen!« lachte der Spielmann.
»Geht nur in den ›wackelnden Stern‹ da ist's gut. Querwaldein bin ich
in einer kleinen halben Stunde auf Schloß Rathsamhausen und bestelle
Euch den Jungherrn nach Sanct Nabor. Fahrwohl, Hans! sperrst mich auch
nicht wieder ein?«

»Nein, Du treue Seele! Deine heutige That macht Alles wett, bist dafür
in Gnaden aller Beschwerden entledigt,« versicherte Loder den eilig
Scheidenden mit einem warmen Händedruck.

»Komm, Hans!« sprach Egenolf, »wir wollen in dem wackelnden Stern Angst
und Schrecken mit Weinaufgießen beschwichtigen.«

Vor der Herberge in St. Nabor angekommen, befahl er, seinen Braunen in
den Stall zu führen und abzureiben, aber noch nicht gleich Wasser zu
geben. Dann traten sie ein und setzten sich an einen glatt gehobelten
Tisch.

»Alten oder Neuen?« fragte der Wirth diensteifrig.

»Alten Klevner,« bestimmte Egenolf.

Als die bildsaubere Schenkin den Wein brachte, hielt sie Loder an ihren
langen, blonden Zöpfen fest und scherzte mit ihr: »Mädel, wozu brauchst
Du Deinen kirschrothen Mund am liebsten? zum Essen und Trinken, zum
Schwatzen oder zum Küssen?«

»Euch zu sagen, daß Ihr ein rechter Schalk seid, Pfeiferkönig!«
antwortete sie muthwillig, machte sich von ihm los und lief hinaus.

»Da hast Du's, Alter!« lachte Egenolf. »Wozu brauchst Du auch noch zu
schäkern und zu tändeln!«

»Man muß kurzweilig sein mit den Leuten, die Gänse verstehen es nicht,«
erwiederte Loder schmunzelnd. »Aber daß der Racker mich kennt!«

»Siehst Du! Die wird Dir einen feinen Leumund machen. Zum Wohl!«

Sie thaten jeder einen kräftigen Zug, und nun mußte Loder erzählen.

Als er mit dem umständlichen Bericht von seinem Wortstreit mit Burkhard
und dem Hergang seiner Befreiung durch Seppele zu Ende war, sprach
Egenolf: »Wir haben uns schwer um Dich gesorgt, Alles war in Aufruhr
Deinetwegen. Deine Pfeiferbrüder, die Spielleute, kamen zu Hunderten
auf die Ulrichsburg gezogen und bestürmten meinen Vater, Dich mit
Gewalt zu befreien. Er versprach es ihnen auch, aber dabei stand zu
befürchten, daß Du gehenkt würdest. Darum beschloß ich, auf eigene
Faust und ganz verstohlen einen fein ausgesponnenen Befreiungsversuch
zu unternehmen. Dazu bin ich nun zu spät gekommen, aber dabeisein
möchte ich, wenn Du heut in Rappoltsweiler einwanderst und noch dazu
mit beiden Ohren am Kopfe. Weißt Du was? Geh Du schnell voraus, ich
komme Dir später langsam nach und hole Dich unterwegs ein, oder Einer
wartet an einem bestimmten Punkte auf den Anderen, und wir ziehen beide
zusammen in Rappoltsweiler ein. Ich setze Dich auf mein Pferd, gehe als
Dein Knappe nebenher und bringe Dich im Triumph durch die Gassen und
auf die Burg. Was meinst Du dazu?«

»Ja, so wollen wir's machen,« erwiederte Loder, »aber auf's Pferd setze
ich mich nicht, wenn Ihr zu Fuße nebenher geht. Ich breche jetzt auf,
werde rüstig ausschreiten und, wenn Ihr mich nicht früher einholt, in
Sanct Pilt auf Euch warten. Von da an bleiben wir bei einander. Also
auf Wiedersehen, Graf Egenolf!«

»In Sanct Pilt.«

Loder ging ab, und Egenolf blieb allein. Aber nicht lange währte es, da
vernahm er Hufschlag vor der Herberge. Bruno war es, und Egenolf eilte
hinaus, ihn zu empfangen. Die Begrüßung der Freunde war eine herzliche,
aber wehmüthige, und jeder verstand den andern auch ohne Worte. »Komm
herein!« sprach Egenolf.

»Nein, wir sind hier nicht sicher genug,« erwiederte Bruno. »Wir sind
hier zu nahe bei Rathsamhausen, und dort dürfen sie nicht wissen, daß
wir uns getroffen haben, was ihnen von hieraus leicht hinterbracht
werden könnte. Laß uns nach Kloster Truttenhausen reiten; ich kenne
den Prior, er wird uns gern eine kurze Rast gönnen, und wir sind dort
ungestört und unbelauscht.«

Egenolf ließ sein Pferd vorführen. Sie saßen auf und trabten nach dem
von Herrad von Landsberg gegründeten Kloster, das sie in kaum einer
Viertelstunde erreichten.

In Truttenhausen wurden sie vom Prior Albertus freundlich aufgenommen
und in das Refectorium geleitet, wo er ihnen guten Wein und einen Imbiß
auftischen ließ. Nachdem er ihnen den Willkommstrunk dargebracht, zog
er sich zurück, da er wohl merkte, daß die Beiden allein sein wollten.

»Du bist in Wehr und Waffen,« fing Bruno an, auf Egenolfs Harnisch
deutend, »und ich kann Dir's wahrlich nicht verdenken, daß Du Dich für
alle Fälle vorsiehst.«

»Wir werden uns, Gott sei's geklagt! bald schwerer bewaffnet begegnen,«
sagte Egenolf. »Es ist traurig, daß unsere Väter, alte Freunde wie wir
es sind und unter allen Umständen bleiben werden, gegen einander zu
Felde ziehen, aber Dein Vater _will_ die Fehde.«

»Leider ist es so,« seufzte Bruno. »Meine Mutter hat ihm unablässig
mit Bitten und Flehen in den Ohren gelegen, Frieden zu halten, aber
vergeblich. Er ist beständig in einer furchtbaren, krankhaften Erregung
und will sich durchaus an dem Grafen Oswald blutig rächen.«

»Ach, Bruno, das steht ihm erst in zweiter Reihe,« sprach Egenolf. »Wir
wissen, welches brennende Verlangen ihn zum Kampfe spornt; sein Ziel
ist die Hohkönigsburg. Und wir können die Thiersteiner dabei nicht im
Stich lassen. Du wirst erfahren haben, daß Leontine meine Verlobte ist.«

»O verzeihe, daß ich daran noch nicht dachte, und nimm meinen
Glückwunsch von Herzen!« sagte Bruno und drückte dem Freunde die Hand.

»Ich danke Dir, und nun, Bruno, laß uns wie immer offen gegen einander
sein. Ich weiß, was Dich bei dem unseligen Zwist unserer Väter am
schwersten bedrückt. Du liebst meine Schwester Isabella.«

»Ob ich sie liebe!«

»Und zweifelst nicht daran, daß sie Dich wiederliebt.«

»Wenn ich das wüßte!«

»Sie hat mir kein Wort gesagt, aber Du kannst dessen so sicher sein,
wie daß ich hier Dir gegenüber sitze.«

»Egenolf!«

»Ja! darüber sei ohne Sorge. Aber ich weiß, wie Einem zu Muthe ist, der
die Tochter seines Feindes liebt; war ich doch in der gleichen Lage wie
Du jetzt. Soll ich es Isabella sagen, daß Du sie liebst?«

»Nein, nein! Das soll sie zuerst aus meinem Munde hören.«

»Recht so! aber eine leise Andeutung, nicht in Deinem Auftrage, darf
ich ihr doch machen, um ihrem bangenden Herzen Ruhe und Sicherheit zu
geben. Darf ich, Bruno?«

»Ja! bestelle ihr einen Gruß von mir, so innig, wie Du ihn in Worte zu
kleiden vermagst.«

»Soll geschehen,« sprach Egenolf und erhob sich. »Ich muß fort, denn
ich habe einen weiten Weg.«

Sie ließen sich beim Prior melden, um sich von ihm zu verabschieden und
ihm für seine Gastfreundlichkeit zu danken. Nachdem sie dies gethan,
bestiegen sie die Pferde, sagten sich herzlich Lebewohl und ritten von
dannen, der Eine nach Norden, der Andere gen Süden. Des durch Seppele
befreiten Gefangenen hatte keiner von beiden mit einem Wort Erwähnung
gethan. --

Als die Klosterglocke von St. Pilt das Ave läutete, erblickte Egenolf
den mit langen Schritten ausgreifenden Loder in einiger Entfernung vor
sich. Er setzte sein Pferd in Trab und hatte ihn bald erreicht. »Bist
wohl mit Siebenmeilenstiefeln gewandert,« rief er ihm zu, »ich dachte
nicht, daß Du so weit kommen würdest, ehe ich Dich einholte.«

»Rasch gehen ist meine Art von früher Gewohnheit aus der Zeit, da ich
noch als junger Fahrender durch die Welt lief, und ich kann es auch in
meinem betagten Alter noch,« erwiederte Loder.

»In Rappoltsweiler willst Du nicht hoch zu Roß einziehen,« sprach
Egenolf, »aber jetzt steigst Du auf und ruhst Dich im Sattel ein wenig
aus, ich will es so. Soll ich Dir den Bügel halten?«

»Na, das fehlte noch!« lachte Loder, gehorchte aber gern und saß auf.
Egenolf ging nebenher und hielt mit dem Reitenden gleichen Schritt.

»In Rappoltsweiler wissen sie's jetzt wahrscheinlich schon, daß ich
frei geworden bin,« sagte Loder. »Ich traf zwei Pfeiferbrüder, die
vorausgerannt sind, meine Rückkehr zu verkünden.«

»Da wird es nun von Mund zu Munde heißen: der Pfeiferkönig kommt
wieder! und sie werden Dich großartig empfangen. Wie herrlich wäre es
nun, wenn Du eingeritten kämst! thu es doch, Hans!« suchte Egenolf ihn
zu bereden.

»Nein, das thu ich nicht. Ja, wenn wir zwei Pferde hätten, ich den
alten, dicken Schimmel aus dem Gnadenstall der Ulrichsburg, daß wir
beide neben einander reiten könnten, das ließ' ich mir gefallen,
aber Ihr gehen und ich reiten, -- nein, das bring ich nicht fertig,«
erklärte der Alte.

Dicht vor Rappoltsweiler stieg er ab, und Egenolf schwang sich wieder
auf. Am Thore, zum Theil vor dem Thore standen Haufen von Menschen,
und als die Beiden herankamen, als brächte Egenolf den befreiten
Liebling seinem harrenden Volke wie im Siegeszuge zurück, da brach
der helle Jubel los. »Willkommen! willkommen, Hans!« schrieen sie ihm
zu, und Alles drängte sich an ihn heran, ihm die Hände zu schütteln.
Einer der Fahrenden, die seine Rückkehr verkündet hatten, sprang herzu,
strich ihm die langen, grauen Locken an beiden Schläfen zurück und
rief: »Seht her! kein einziges von seinen Ohren fehlt ihm!« was die
Freude des Wiedersehens noch erhöhte. Viele, die von seiner Flucht
noch nichts Näheres gehört hatten, jauchzten auch Egenolf dankbar
zu, weil sie glaubten, er hätte den Pfeiferkönig befreit und aus
Rathsamhausen zurückgeholt, und Egenolf kam in dem Lärm nicht zu Worte,
die unverdiente Ehrung abzulehnen. Das ging so durch die ganze Stadt,
bis die Zwei durch das Thor des Metzgerthurmes wieder heraus waren, um
sich zur St. Ulrichsburg hinaufzubegeben, denn dahin mußte Loder mit;
Egenolf ließ es sich nicht nehmen, ihn seinem Vater lebendig und heil
zuzuführen.

Als er dann mit dem Geretteten plötzlich oben in das Gemach trat, wo er
die Seinigen mit Kaspar und Imagina beisammen fand, waren Überraschung
und Freude erst recht groß. Sie flogen förmlich von ihren Sitzen,
umringten Loder und bestürmten ihn mit tausend Fragen. Da machte es
Egenolf so wie unten in der Stadt jener Fahrende: er zeigte ihnen
Loders beide unversehrte Ohren. Der Pfeiferkönig mußte zum Abendessen
und auch die Nacht auf der Burg bleiben, und bei Tische erzählte er
ausführlich seine Erlebnisse.

Schmasman ärgerte sich zwar über den höhnischen Schimpf und Possen,
den ihm Burkhard mit dem untergeschobenen Ohr gespielt hatte, war aber
froh, daß es nur ein heimtückischer Narrenstreich gewesen war, und
freute sich von Herzen, seinen lieben Hans lebendig wieder zu haben.
Lächelnd sprach er: »Nun verzeihst Du mir auch wohl, Hans, daß ich den
Seppele ohne Deine Erlaubniß frei gelassen habe. Oder hast Du ihn, wie
Du ja wolltest, wirklich wieder mitgebracht, um ihn einzusperren?«

»Nein, Herr Graf, heute hab' ich ihn begnadigt,« lachte der Alte.

Nach Tische flüsterte Egenolf seiner Schwester Isabella ein paar Worte
zu, die ihre Augen aufleuchten und ihre Wangen erglühen machten.

Da trat Imagina, der nichts entging, was in ihrer Gegenwart geschah,
auf ihn zu und sagte leise: »Egenolf, wenn das nicht ein Gruß von Bruno
war, so will ich fortan mit Eulen statt mit Falken baizen.«

»Was sollte es wohl sonst gewesen sein, Du Allwissende!« gab er ihr
lachend zurück.



XXIII.


Als Herrn Burkhard die Flucht Loders gemeldet wurde, wollte er Anfangs
gar nicht daran glauben und gerieth, als er es doch wohl oder übel
mußte, in eine unbändige Wuth, von der er nur nicht wußte, an wem er
sie austoben sollte. Der Schließer schwor bei allen Heiligen, die Thür
heute Morgen fest verschlossen und unversehrt, das Gemach aber leer
gefunden zu haben. Auf welche Weise war der so sicher Verwahrte nun
entkommen? Aus dem Fenster konnte er nicht gesprungen sein, denn das
Jeratheusgemach lag in so bedeutender Höhe über dem Erdboden, daß ein
Sprung in die Tiefe dem ihn Wagenden unfehlbar den Tod bringen mußte.
Der Reisige, der in der Nacht die Wache gehabt, wurde einem scharfen
Verhör unterzogen, behauptete jedoch, auf seinen fleißigen Rundgängen
nicht das Geringste von dem Ausbrechen des Gefangenen wahrgenommen zu
haben. Trotzdem wurde er drei Tage lang in den Thurm gesperrt. An den
Weg durch den Kamin dachte Niemand.

Burkhard stand vor einem Räthsel, und je länger er vergeblich
über dessen Lösung tüftelte, desto mehr boßte er sich über die
unbegreifliche Thatsache. Endlich kam er auf die naheliegende
Vermuthung, daß seine lieben Rappoltsteiner bei der Befreiung ihres
verhätschelten Günstlings die Hand im Spiele gehabt hätten. Aber
wie? Der Schließer ließ sich nicht bestechen. Sollte sich Jemand bei
Nacht in seine Kammer geschlichen, dem Schlafenden den Schlüssel zum
Jeratheusgemach entwandt und nachher unbemerkt wiedergebracht haben?
Das konnte dann nur Einer gethan haben, der im Schlosse wohnte. Und nun
stieg dem Ergrimmten mit einem Mal ein dringender Verdacht auf seinen
Sohn Bruno, den vertrauten Freund Egenolfs von Rappoltstein, auf.
Sofort ließ er ihn zu sich bescheiden.

Aber Bruno war nicht daheim, war weggeritten, wie der Diener berichtete.

Weggeritten? -- Aha! -- »Sobald mein Sohn zurückkehrt, will ich ihn
sprechen,« befahl er.

Sein Verdacht wurde damit zur Gewißheit: Bruno, von Egenolf dazu
angestiftet, hatte Loder durch heimliche Aneignung des Schlüssels
befreit und gab ihm nun zu Pferde das Geleit, bis der Flüchtige in
Sicherheit war. Das sollte dem Aufsässigen, der mit seinen Feinden
unter einer Decke zu stecken schien, übel bekommen.

Burkhard mußte geraume Zeit warten, bis Bruno vor ihm erschien, was
ihn in eine immer gereiztere Stimmung versetzte. Er nahm sich vor, ihm
die That auf den Kopf schuld zu geben, ihn damit zu überrumpeln und
dermaßen zu verwirren, daß er nicht leugnen konnte.

So empfing er ihn denn mit der zornig barschen Frage: »Wohin hast Du
Loder gebracht?«

»Wohin ich Loder gebracht habe? -- Die Frage versteh ich nicht, Vater;
was ist denn mit Loder?« erwiederte Bruno verblüfft.

»Thu nur nicht so, als wüßtest Du nicht, daß Loder auf und davon ist.
Du hast ihm ausgeholfen,« fuhr Burkhard auf den Sohn los.

»Loder auf und davon? und ich ihm ausgeholfen?« Bruno schüttelte den
Kopf und blickte seinen Vater verwundert, fast mißtrauisch an, als
dächte er Gott weiß was von ihm.

»Leugne nicht! es nützt Dir nichts,« schrie Burkhard, kirschroth im
Gesicht.

»Vater, ich höre in diesem Augenblick das erste Wort davon, daß Loder
entflohen ist.« Bruno sagte das mit einer so unschuldigen Miene und
einem so unbefangenen Tone, daß Burkhard stutzig und zweifelhaft wurde.

»Du kommst von einem Ritt nach Hause,« hub er nach einem kurzen
Schweigen wieder an. »Wo warst Du?«

»Ich habe einen Ausritt in die Umgegend von Ottrott und Sanct Nabor
gemacht.«

»Und hast von Loder nichts gesehen und gehört?«

»Nicht die Spur, Vater! ich versichere es Euch,« erwiederte Bruno noch
immer ruhig. Aber trotz seiner heimlichen Freude über Loders Befreiung
ward ihm schwül zu Muthe, denn ihm bangte vor dem weiteren Forschen
seines Vaters nach dem Zweck und Ziel seines Rittes. Daß er mit Egenolf
zusammengewesen war, durfte jener nicht erfahren.

»Hast Du unterwegs einen Bekannten getroffen? -- ich meine zufällig,
vielleicht einen unserer Freunde oder --«

Aber ehe Burkhard seine Frage vollenden konnte, kam dem nun wirklich in
Verlegenheit Gerathenden eine unverhoffte Rettung, die ihn der Antwort
überhob.

Die Thür ward aufgestoßen, und der Ritter Jost von Müllenheim trat
unangemeldet und geräuschvoll herein. Er war mit seiner knochigen
Gestalt fast einen Kopf größer als der untersetzte, stiernackige
Burkhard, auf den er gleich zusprang. »Hallo, Burkhard, da bin ich!«
rief er, dem Freunde kräftig die Hand schüttelnd, »gieb mir einen
Schluck von Deinem Ottrotter Rothen, ich hab's nöthig und hab's auch
verdient um Dich. Du weißt, was ich einen Schluck nenne.«

»Ich schaff' Euch ein Krüglein, Herr Pathe!« sprach Bruno, froh, mit so
guter Gelegenheit seinem Vater entschlüpfen zu können.

»Thu das, mein Söhnlein! aber das Krüglein kann auch ein Krug sein,«
rief Jost dem Enteilenden nach, »ich bin seit Sonnenaufgang im Sattel.«

»Ich habe heute noch keine Sonne gesehen,« sagte Burkhard in schlechter
Laune. »Wo kommst Du denn her?«

»Von Girbaden, aber auf Umwegen,« erwiederte Müllenheim. »Zu Nacht war
ich auf Burg Landsberg bei Henning. Dietrich von Lützelstein von der
Frankenburg und Eckbrecht von Dürkheim waren bei ihm, und da ließen
sie mich gestern Abend nicht mehr los von dem Faß neuen Geisberger, das
sie angezapft hatten.«

»Also davon der Durst,« brummte Burkhard.

»Deine Freude über mein Kommen scheint mäßig,« bemerkte Müllenheim.
»Was hast Du denn?«

»Blitzblauen Ärger hab' ich. Mir ist diese Nacht Einer ausgekommen, den
zu halten mir viel werth war, der Pfeiferkönig.«

»Den Pfeiferkönig hattest Du eingelegt?«

»Ja; er brachte mir ein Geschreibsel von Schmasman, ich sollte mit
dem Thiersteiner Frieden machen,« sagte Burkhard höhnisch. »Dabei kam
es heraus, daß der Schuft, der Loder, mein Gespräch mit Dir über die
Hohkönigsburg erlauscht und seinem gnädigsten Herren Wort für Wort
überliefert hat. Zum Dank dafür ließ ich ihn einsperren, um ihn als
Geißel gegen die Rappoltsteiner gebrauchen zu können, aber der Kerl ist
mir entwischt; wie, das weiß der leibhaftige Satan, der dabei geholfen
haben muß.« Darauf erzählte er seinem Gaste die Geschichte mit dem
untergeschobenen Altweiberohr, worüber Müllenheim in ein schütterndes
Lachen ausbrach.

»Du lachst,« sprach Burkhard stirnrunzelnd, »und auf der Ulrichsburg
werden sie noch mehr lachen, wenn sie sehen, daß es nur eine List von
mir war, weil ich wußte, daß es Schmasman nicht darauf ankommen lassen
würde, seinen geliebten Pfeiferkönig dem Gehängtwerden auszusetzen,
womit ich ihm bei der ersten Feindseligkeit gegen mich gedroht hatte.
Der Loder war mir eine sichere Bürgschaft, so lange ich ihn als Geißel
in meiner Gewalt hatte.«

»Geißel, Geißel gegen Rappoltstein! was soll denn das bedeuten?« fragte
Müllenheim ungeduldig.

»Schmasmans Sohn heirathet die Rothe auf der Hohkönigsburg,« platzte
Burkhard grimmig heraus.

»Was? Du hast wohl das Zipperlein zur Abwechselung einmal im Hirn statt
wie sonst in den Zehen,« lachte Müllenheim wieder hell auf.

»Jawohl! der Schlag könnte Einen dabei rühren,« knirschte Burkhard
in stickender Wuth. »Aber wahr ist's, und das Übrige kannst Du Dir
an Deinen fünf Fingern abzählen.« Von dem auf der Hohkönigsburg
abgeschlossenen, allen Streit beilegenden Vertrage der beiden Väter
des jungen Paares, über den ihm Schmasman in seinem Briefe ausführlich
berichtet hatte, sagte er dem Freunde kein Wort.

»Schockschwerenoth! das ist eine verteufelte Geschichte,« rief
Müllenheim und that zur Stärkung auf den Schrecken einen tiefen Zug von
dem Ottrotter, den er vor sich stehen hatte. Dann strich er sich ein
paarmal seinen langen Schnurrbart und sagte: »Da wirst Du Dir wohl den
Zahn auf die Hohkönigsburg ausziehen lassen müssen.«

»Fällt mir im Traume nicht ein; auf der Hohkönigsburg sollen sie nicht
Hochzeit feiern,« fuhr Burkhard auf. »Vorausgesetzt, daß ihr, Du und
die Anderen, nicht auch von mir abfallt wie Schmasman, der Verräther,«
fügte er mit einem lauernden Blick hinzu.

»Das werden wir nicht, aber eine schwere Sache wird's, Burkhard,«
erwiederte Müllenheim ernst und machte ein sehr besorgliches Gesicht
dabei.

»Wenn ihr mir Treu und Glauben haltet, hat's keine Noth,« sagte
Burkhard beruhigt. »Wie weit seid ihr mit euren Rüstungen?«

»Darum komme ich ja her, Dir darüber zu berichten,« sprach Müllenheim.
»Wir sind alle zum Ausrücken bereit und warten nur auf Deinen Ruf. Wo
sollen wir uns sammeln?«

»Nun, hier bei uns und in Klingenthal, Ottrott, Sanct Nabor, wo ihr
Platz findet. Aber bist Du der Anderen auch wirklich ganz sicher,
Jost?« fragte Burkhard noch einmal.

»Wie meiner selbst, Burkhard!« betheuerte Müllenheim. »Hättest mal
Deinen Schwager Schaffried von Leiningen, bei dem ich vor zwei Tagen
auf der Dagsburg war, und die Drei auf Schloß Landsberg hören sollen,
wie sie über den Landvogt herzogen, den uns der Kaiser hier auf den
Hals geschickt hat, als hätte er im ganzen deutschen Reiche keinen
hochmüthigeren finden können. Sie wußten freilich ebenso wenig wie ich
etwas von der Heirathsabrede und dem sich doch wahrscheinlich daraus
ergebenden Bündniß zwischen Rappoltstein und Thierstein. Die Beiden
zusammen mit ihren Freunden sind sehr stark, Burkhard!« fügte er mit
erhobenem Finger warnend hinzu, »und gegen ihre vereinten Kräfte die
Hohkönigsburg zu stürmen --«

»Wär' ein hartes Stück Arbeit, willst Du sagen; da hast Du Recht,« fiel
Burkhard ein. »Mein Sohn ist ohne mein Wissen vor einiger Zeit einmal
oben gewesen. Ich vermuthe, der Hansnarr hat sich dort einen Korb von
der Rothen geholt. Bei der Gelegenheit hat ihn Thierstein aus freien
Stücken und wahrscheinlich mit bewußter Absicht auf der ganzen Burg
herumgeführt und ihm alle Werke gezeigt, die so gewaltig sein sollen,
daß sie Bruno für unnehmbar hält.«

»Und doch willst Du sie berennen?«

»Nein, den Gedanken hab' ich aufgegeben. Wir müssen den Thierstein
herauslocken und ihn mit seinen Verbündeten zur Feldschlacht zwingen.«

»Wie willst Du das anfangen?«

»Wir fallen in Rappoltstein'sches Gebiet ein und rauben, brennen und
sengen so lange, bis sie uns entgegenkommen und sich uns zum offenen
Kampfe stellen. Da sind wir ihnen gewachsen, hoff' ich, und haben wir
sie geschlagen, so wird die Hohkönigsburg der Siegespreis, ohne den
wir das Schwert nicht wieder einstecken,« sprach Burkhard mit einer
bewunderungswürdigen Zuversicht.

Müllenheim wiegte nachdenklich das Haupt und sagte: »Es wäre
vergeblich, Dir jetzt noch abzurathen, sonst thät' ich's; denn Hoffnung
auf gut Gelingen hab' ich nicht, aber Du hast mein Wort, und ich lasse
Dich nicht im Stich. Die Unsrigen sind alle wagemuthige Kampfhähne und
freuen sich auf die Fehde wie die Mädels auf die Kirchweih, denn es ist
ihnen schon viel zu lange Ruh und Frieden im Lande gewesen. Also nur
drauf und dran und nicht mehr zögern damit!«

»Ist auch meine Meinung,« stimmte Burkhard zufrieden bei. »Ich will nur
noch ein wenig kundschaften lassen, wie weit sie da drüben sind; dann
schicke ich euch Allen schnell Botschaft, daß ihr kommen sollt.«

»Gut! laß uns nicht zu lange warten,« sagte Müllenheim und erhob sich.
»Für heute lebewohl und auf Wiedersehen in Helm und Harnisch!«

»Wo willst Du von hieraus hin?«

»Heim nach Schloß Girbaden.«

»So begleit' ich Dich bis Klingenthal,« sprach Burkhard. »Ich habe dort
in verstecktem Bau ein schlaues Füchslein sitzen, dessen Lichtern und
Lauschern ich beim Spüren vertrauen kann.«

Er rief den Diener herbei und befahl ihm, satteln zu lassen. Bald
darauf ritten die Beiden von Schloß Rathsamhausen selbander hindann.



XXIV.


Mehrere Tage waren seit der Befreiung Loders vergangen, und noch hatte
man im Rappoltstein'schen Lager von den fahrenden Leuten keine anderen
Nachrichten über die Absichten der Gegner erhalten, als daß sie eifrig
rüsteten und in ihren Burgen und deren nächster Umgebung große Massen
reisigen Volks zusammenzogen, die sie jederzeit zu einem geschlossenen
Heerhaufen vereinigen konnten.

Das Gleiche war auch auf Seiten der Vertheidiger und Beschützer der
Hohkönigsburg geschehen, die nur der Weisungen eines noch nicht
gekürten Feldobersten harrten.

Zur Wahl eines solchen und zur Verabredung über die Aufstellung und
das gemeinsame Vorgehen der jetzt noch vereinzelten Streitkräfte
sollte nun auf der St. Ulrichsburg Kriegsrath gehalten werden, wozu
sämmtliche Rappoltstein'sche Verbündete, die Thierstein, Fleckenstein,
Andlau, Kageneck und Hattstadt eingeladen waren, und an dem auch
Egenolf theilnahm. Sie trafen an dem dazu bestimmten Morgen nach und
nach in Rappoltsweiler ein und ritten einzeln, wie sie kamen, das
Strengbachthal ein Stück hinauf, bis sie rechtsab in den Weg bogen, der
zur Burg empor führte.

Aber nicht unbeobachtet sollten sie dahin gelangen. Im Strengbachthal,
dicht am Wege, saß unter den breiten, tief gesenkten Zweigen einer
mächtigen Buche ein junger Kesselflicker, mit der Hantirung seines
Gewerbes beschäftigt. Die eine Hälfte seines Gesichts war mit einem
umgebundenen Tuche verhüllt, das auch sein linkes Auge fast ganz
bedeckte, und die andere Hälfte war, wohl durch Berührung mit den
unsauberen Händen, stark von Ruß befleckt. In dieser Verunstaltung
war von seinen Zügen nicht viel zu erkennen, zumal er eine Mütze mit
weit vorstehendem Schirm trug, wahrscheinlich, damit ihn bei der
Arbeit die Sonne nicht blendete. Neben ihm am Boden lag ein kleiner
Ranzen, einiges Handwerkszeug und eine Rolle Eisendraht, mit dem er
einen von langem Gebrauch im Feuer geschwärzten und beschädigten Topf
zusammenflickte.

Mit emsigem Fleiß betrieb der Bursche sein Handwerk nicht, denn er
band und bastelte nur dann an dem Topfe herum, wenn zufällig Leute des
Weges kamen. Sobald sie vorüber waren, ließ er die Hände müßig sinken
und spähte mit dem einen freigebliebenen Auge lauernd nach rechts und
links. Mit größter Aufmerksamkeit folgte sein glühender Blick den
ritterlichen Herren, die zu Pferde an ihm vorüberzogen. Er kannte sie
alle, vermied es aber, sie sein Gesicht sehen zu lassen. Hinter ihrem
Rücken jedoch nickte er ihnen boshaft lächelnd nach und nannte sich
leise die Zahl eines jeden, der wievielte er schon der Reihe nach war.

Jetzt kam Rudolf von Andlau, bemerkte den auf seine Arbeit Gebeugten
unter der Buche und rief, sein Pferd anhaltend, ihm zu: »He!
Kesselflicker! sind schon mehr Herren hier vorübergeritten?«

»Ja, Herr!« antwortete der Bursche, »sechs, einer nach dem andern, aber
kannte sie nicht, bin fremd hier.«

»Schon sechs? dann wäre ich ja der Letzte. Da muß ich mich eilen. Gott
helfe Dir von Deinem Zahnweh, armer Gesell!« sprach Andlau und ritt
weiter.

Als er ein paar Pferdelängen entfernt war, schob der Bemitleidete das
Tuch vom Munde zur Seite, fletschte dem Ritter zwei lückenlose Reihen
elfenbeinblanker Zähne nach und kicherte: »Dankt Schöpfer, Herr von
Andlau, wenn so gesunde Zähne habt wie ich! -- Also ist Siebenter, drei
Grafen Rappoltstein macht zehn, mit Egenolf elf, und zum Ballspiel
kommen da oben nicht zusammen. Warte ich, wie lange sie bleiben.«

Auf der St. Ulrichsburg waren die übrigen Herren schon zur Berathung
versammelt, hatten aber mit deren Beginn bis zur Ankunft des Letzten
gewartet. Graf Oswald von Thierstein war sammt seinem Bruder Wilhelm
von Allen aufs Freundlichste empfangen worden, und der ehemalige
Zwiespalt war völlig vergessen, denn Alle waren von dem friedlichen
Abkommen, das Schmasman in ihrer Aller Namen mit ihm getroffen hatte,
genau unterrichtet. Auch Andlau begrüßte ihn jetzt rückhaltlos als
Bundesgenossen.

Graf Wilhelm von Rappoltstein übernahm, von den Andern dazu
aufgefordert, den Vorsitz im Rathe und hatte vor sich auf dem Tische
einen Bogen Papier liegen, auf dem er mit einem Kohlenstift das
Gelände, die Berge und Thäler, die Lage der Ortschaften und die Wege
zeichnen wollte.

Er begann: »Liebe Herren! unsere Streitkräfte sind, wie ihr Alle wißt,
in den benachbarten Städten und Burgen ringsum so vertheilt, daß
wir dem zweifellos nahe bevorstehenden feindlichen Angriff überall
begegnen können. Schwerlich wird Burkhard daran denken, vor der
Hohkönigsburg lagerhaftig zu werden, und ebenso unersprießlich wäre
meines Erachtens unserseits die Absicht, die sehr starken Ottrotter
Schlösser Rathsamhausen und Lützelburg zu bestürmen; ich wenigstens
würde mit aller Entschiedenheit davon abrathen. Bleibt also nur übrig,
dem Feinde entgegenzuziehen und ihm die offene Feldschlacht anzubieten.
Dabei fragt es sich, auf welchem Wege er herankommen wird. Ich sehe da
nur zwei Wege. Entweder kommen die Rathsamhausen mit ihren Verbündeten
über Barr, Eichhofen, Dambach, oder sie kommen über Barr, Eichhofen,
hinter Ittersweiler um den Ungersberg herum nach Thannweiler und das
Weilerthal herab. Seht hier! so meine ich, daß sich auf die eine oder
die andere Weise ihr Anmarsch vollführen wird.«

Er zeichnete die Wege auf das Papier, während sich die Anderen über
den Tisch beugten und den Weisungen seines Stiftes aufmerksam folgten.
Darüber erhoben sich nun eingehende Erörterungen, in denen die von
einander abweichenden Meinungen verfochten und begründet wurden.

Graf Wilhelm hielt mit seiner eigenen Ansicht noch zurück und ließ
die Anderen streiten ohne sich einzumischen, bis die Minderheit
von der Mehrheit überzeugt wurde, daß der zuletzt genannte Weg der
wahrscheinlichere wäre, d. h. daß der Feind über Thannweiler durch das
Weilerthal anrücken würde.

»Das ist auch meine Meinung,« nahm Graf Wilhelm wieder das Wort, »denn
dieser Weg hat vor dem anderen viel voraus. Unsere Kundschafter,
die Spielleute, werden uns schnell genug benachrichtigen, und ihre
Meldungen werden bestätigen, daß ich Recht habe. In der fast sicheren
Voraussetzung also, daß die Rathsamhausen durch das Weilerthal kommen,
schlag ich euch folgenden Plan vor. Ihr Thiersteiner geht ihnen durch
die Gebirgsschluchten über Kestenholz in das Weilerthal entgegen.
Fleckenstein, Kageneck und Hattstadt schließen sich euch zwischen
Scherweiler und Kestenholz an, und ihr zusammen haltet den Feind
möglichst lange fest, daß er nicht aus dem Thale heraus kann. Wir
Rappoltsteiner ziehen mit Andlau durch das Strengbachthal über Markirch
in das Leberthal und über Leberau in das Weilerthal und fassen den
Feind von hinten. Dann sitzt er zwischen euch und uns eingekeilt in der
Mitte, kann weder vor- noch rückwärts und ist rettungslos verloren.«

Diesem Schlachtplane stimmten Alle unter voller Anerkennung seiner gut
durchdachten Ausführbarkeit ungetheilt zu und sahen sich schon als
Sieger, vorläufig allerdings erst auf dem Papiere, wo ihnen der Führer
des Wortes jetzt auch die Angriffswege gezeichnet hatte.

Graf Wilhelm fuhr fort: »Das Wichtigste, liebe Freunde, ist, daß wir
den rechten Zeitpunkt nicht verpassen, daß wir nicht zu früh und nicht
zu spät ausrücken und uns vom Anmarsch der Rathsamhausen nicht etwan
überraschen lassen. Von Deinem Schloß Ortenberg, Kageneck, blickt man
in die beiden Thäler tief hinein, und ich wollte wohl sagen, daß von
Deinem Thurm uns Allen sichtbare Fahnenzeichen gegeben werden könnten,
sobald die Vorhut des Feindes dort bemerkt wird. Aber das genügt mir
nicht, dadurch würde zuviel Zeit, uns zu sammeln, verloren gehen.
Wir müssen überall auf den Wegen zwischen unseren Lagern berittene
Wachtposten in nicht zu weiten Entfernungen von einander aufstellen,
die windschnell die Kunde vom Nahen des Feindes zurückbefördern.
Ja, ich schlage vor, daß wir Tags über fortwährend unter Waffen und
vollständig gerüstet mit unseren Reisigen bleiben, um jeden Augenblick
bei der Hand zu sein.«

Auch diese Vorschläge fanden einstimmige Annahme. Dann wurde noch
für die Rappoltstein'sche Streitmacht Graf Wilhelm und für die
Thierstein'sche Friedrich von Fleckenstein zum Oberbefehlshaber ernannt.

Damit war der Kriegsrath zu Ende. Die Herren wollten nach einer
flüchtigen Begrüßung der Rappoltstein'schen Damen die St. Ulrichsburg
sofort wieder verlassen, um in den nöthigen Anordnungen nur ja nichts
zu versäumen, und Schmasman versuchte unter diesen Umständen auch
nicht, seine Gäste und Bundesgenossen länger bei sich zu halten. So
ritten sie denn mitsammen ab. --

Der junge Kesselflicker lag noch immer auf der Lauer am Wege, aber
jetzt ohne auch nur zum Schein noch zu arbeiten und an einer anderen
Stelle als vorher, höher hinauf im Walde und mehr durch Gesträuch
gedeckt, wo er weniger gesehen werden und besser hören konnte, was die
zurückkehrenden Herren etwa unter einander reden würden.

Als sie an ihm vorüber kamen, hörte er Hermann von Hattstadt zu dem
neben ihm reitenden Johann von Kageneck sagen: »Ich glaube nicht, daß
sie vor vier, fünf Tagen kommen.« Kageneck antwortete: »So denk' ich
auch, und es ist ganz in meinem Sinne, daß wir ihnen entgegenziehen
und ihnen die Feldschlacht bieten.« Mehr konnte der Lauscher vor dem
Schnauben und Hufgetrappel der Pferde nicht verstehen.

Sobald die Reiter außer Sicht waren, sprach er zu sich: »Also vier
Tage dünken die sich noch sicher. Nun Beine in die Hand nehmen und
laufen, laufen, daß ihnen schon in zwei Tagen auf Hals kommen.« Eine
gute Weile blieb er in seinem Versteck noch liegen; dann kroch er, den
beschädigten Topf wegwerfend, daraus hervor und wollte sich auf den
Heimweg machen.

Da hörte er den Berg herunterkommende Schritte. Er lugte behutsam
um einen Baumstamm und erkannte in dem Nahenden zu seinem Schrecken
den Grafen Egenolf. Was jetzt thun? fliehen oder bleiben? Zwei
Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf, wie dieses unerwünschte
Wiedersehen enden konnte, und rasch entschlossen ging er dem allein
Daherwandelnden entgegen.

Als beide zusammentrafen, redete der bergan Steigende mit soviel wie
möglich verstellter Sprechweise den Herabkommenden an und fragte:
»Verzeiht, Herr! geht es hier hinauf zur Ulrichsburg?«

Egenolf, in seinen Gedanken mit weit abliegenden Dingen beschäftigt,
gab, ohne sich den Frager recht anzusehen, kurz zur Antwort: »Ja; was
willst Du dort?«

»Armer Kesselflicker findet da vielleicht Arbeit.«

Egenolf lachte: »Auf der Ulrichsburg werden wohl Kessel und Töpfe
zerbeult und zerbrochen, aber nicht wieder geflickt.«

»Will's doch versuchen, Herr. Ist's noch weit hinauf zur Burg? bin
müde, möchte dort oben ruhen und rasten.«

Dem Grafen klang aus der Stimme des jungen Kesselflickers etwas ins
Ohr, das ihn seltsam berührte wie eine fern auftauchende Erinnerung.
»Wo kommst Du her?« frug er, den halb Vermummten nun aufmerksamer
betrachtend.

»Habe keine Heimstatt, Herr, muß wandern und wandern, mein Brod zu
verdienen.«

Immer mehr fühlte sich Egenolf von dieser Stimme betroffen, und
gespannt frug er: »Bursch, wo haben wir uns schon gesehen?«

Da riß der Gesell die Mütze vom Kopf und das Tuch vom Gesicht, wischte
sich damit schnell den Ruß von der Wange und lachte: »Kennt mich Graf
Egenolf jetzt?«

Egenolf starrte den ihm keck Gegenüberstehenden eine Sekunde lang
sprachlos an, bis er zornbebend losbrach: »Haschop! -- Du -- Du wagst
es, meine Wege zu kreuzen?«

»Haschop wagt es,« sprach das verkleidete Mädchen zutraulich.

»Weißt Du nicht, Unglückliche, daß ich Dir den Tod geschworen habe, wo
ich Dich finde?«

»Hat mir Vater gesagt, glaub's aber nicht. Graf Egenolf mordet seine
Haschop nicht,« erwiederte sie mit einem innigen Blick.

»Ich thu's!« rief er in gärender Wuth und machte eine Bewegung, als
wollte er sich auf sie stürzen, die, ihn fest im Auge behaltend, sich
nicht von der Stelle rührte. »Wolltest Du doch die Gräfin Leontine
ermorden, Giftmischerin!«

»Nein, o nein!« entgegnete sie rasch, »war kein Gift, wollte schöne,
stolze Gräfin nur lützel erschrecken zum Entgelt für Peitschenhieb vom
Pferd herab. Und -- Ihr wißt nicht, wie's thut, verlassen werden von
Einem, der vormals --«

»Schweig!« unterbrach er sie heftig. Aber er selber schwieg jetzt,
verwirrt nach Worten suchend. Sein Athem flog, seine Hände zuckten
wie zum Erwürgen bereit. Endlich stieß er, sich mühsam beherrschend
hervor: »Was schaffst Du hier? wozu bist Du gekommen? Du bist Deines
Lebens keinen Tag sicher hier, und wenn ich auch meine Hand nicht mit
Deinem Blute beflecken will, so bist Du doch verloren, wenn Dich der
Pfeiferkönig entdeckt. Ich kann Dich nicht schützen, und ich will es
auch nicht.«

»In dieser Tracht sucht mich Niemand,« sagte sie, gefallsüchtig auf
das Ebenmaß ihres schlanken Wuchses zeigend, »nicht mal Ihr kanntet
Eure Haschop.« Unwillig furchte er die Stirn. Sie aber fuhr mit
schmeichlerischem Ton und einem verführerischen Lächeln fort: »Und
was ich hier will? Euch noch einmal sehen, Graf Egenolf, letztes Mal,
Abschied nehmen auf ewig, oder -- oder soll ich -- soll ich bleiben und
wieder --?«

»Bist Du von Sinnen?« brauste er auf. »Nicht mehr denken will ich an
Dich. Fort, fort! laß Dich nie mehr blicken! Du bist todt für mich,
todt und vergessen, -- mußt es sein.«

»Muß ich sein? todt und vergessen?« Ein unheimliches Licht flackerte in
den Augen der Zigeunerin auf, das aber schnell wieder erlosch. »Dann
lebt wohl, Graf Egenolf!« sprach sie wehmüthig und fügte bittend hinzu:
»Nur diesen einen noch, den letzten, allerletzten!« Und mit sehnsüchtig
ausgebreiteten Armen und verlangenden Lippen näherte sie sich ihm in
zitternder Erregung.

Er wies sie schroff ab, einen Schritt von ihr zurückweichend.

Da flammten Haß und lechzende Rachgier unter ihren schwarzen Brauen
hervor, und mit einem Panthersprunge warf sie sich auf ihn. Mit ihrem
linken Arm umschlang sie seinen Nacken, und im gleichen Augenblick
fühlte er unversehens einen Kuß auf seinem Munde und einen Messerstich
an seiner Hüfte. Egenolf wollte die Tückische packen und festhalten,
aber schlangenhaft geschmeidig entglitt sie ihm, und hohnlachend: »Nun
wirst an mich denken!« floh sie in das Gebüsch, gleich so spurlos darin
verschwindend, daß er sie nicht verfolgen konnte.

Er stand regungslos, wie betäubt von dem mordlichen Überfall und bohrte
den Blick in den schweigenden Wald. Da spürte er es feucht werden
unter seiner Gewandung. Das brachte ihn zum Bewußtsein dessen, was
geschehen war, und er preßte die Hand auf die Wunde, das sickernde
Blut zu dämmen. Der Stoß war niedriger gegangen, als er gezielt war,
hatte den Knochen getroffen und war daher nur wenig eingedrungen; zwei
Daumenbreit höher, und er wäre verhängnißvoll geworden. Egenolf wandte
sich und schritt eilig wieder bergan.

Unterwegs stieg ihm die Vermuthung auf, die sich allmählich zur
Überzeugung steigerte, daß Haschop nicht seinetwegen gekommen war zu
dem Versuche, wieder mit ihm anzubandeln, sondern als von Rathsamhausen
entsandte Späherin, die jeden Weg und Steg hier kennend zu solchem
Dienste durchaus geeignet war. Er mußte es seinem Vater mittheilen, daß
sie hier in unmittelbarer Nähe der Burg umlauert und beobachtet wurden,
damit man seine Maßregeln danach treffen konnte. Aber die Zigeunerin
nennen und seinem Vater den Verlauf seiner Begegnung mit ihr erzählen
durfte er nicht und sann nun darüber nach, wie er seinen Bericht über
das Erlebniß, das ihn doch tiefer erschüttert hatte, als er sich selber
eingestehen mochte, gestalten sollte.

Auf der St. Ulrichsburg kleidete er sich um und verband sich die Wunde,
die ihm trotz des Schmerzes, den sie ihm verursachte, von so geringer
Bedeutung schien, daß er hoffte, sie den Seinigen verheimlichen zu
können.

Darauf begab er sich zu seinem Vater und meldete ihm die gemachte
Entdeckung mit den Worten: »Vater, wir werden auskundschaftet; unweit
des Burgweges sah ich einen Kesselflicker umherschleichen. Er kann
leicht erlauscht haben, was die von hier abreitenden Herren etwa über
den Kriegsrath unter einander gesprochen haben.«

»Einen Kesselflicker? also einen von Burkhards rußigen
Schutzbefohlenen,« sagte Schmasman. »Warum hast Du ihn nicht
festgenommen und eingebracht? vielleicht hätte man Geständnisse von ihm
erpressen können.«

»Ich konnte ihn nicht greifen; er verschwand blitzschnell im Walde, so
daß nichts mehr von ihm zu sehen war,« gab Egenolf verlegen zur Antwort.

»Schade! da müssen wir nun auf unserer Hut sein und unsere Bereitschaft
mit doppelter Eile betreiben,« sprach Schmasman. »Habe Dank für Deine
Wachsamkeit!«

»Es war ja nur ein Zufall, Vater, daß ich den Kesselflicker sah,«
erwiederte Egenolf und schied aus seines Vaters Gemach mit ernsten
Gedanken über das, was er verschwiegen hatte.

Aber etwas Gutes hatte das gefährliche Abenteuer doch zur Folge, -- die
Beschleunigung der Schlagfertigkeit. Damit tröstete er sich über die
empfangene Wunde, und es däuchte ihm eine günstige Vorbedeutung, als
wäre er durch dieses kleine Opfer an vergossenem Blut nun gegen eine
Verwundung in dem bevorstehenden Kampfe gefeit.



XXV.


Unwiderstehlich trieb es Egenolf am nächsten Tage zur Hohkönigsburg
hinauf, und bei gehöriger Vorsicht konnte er auch den Ritt schon wagen.
Er hatte das Gefühl, daß er die peinliche Begegnung mit der Zigeunerin
am besten durch den Anblick der Geliebten aus seiner Erinnerung
verscheuchen könnte.

Leontine empfing ihn freudestrahlend. »Ich wußt' es, daß Du kommen
würdest,« rief sie, als sie ihm bei seinem Eintritt ins Zimmer
entgegenflog, »meine Sehnsucht hat Dich wie an langer Kette
herbeigezogen.«

»Sie brauchte nicht eben stark zu ziehen,« lächelte er, »meine eigene
Sehnsucht schob kräftig nach, und so muß es dem Rhenus wohl leicht
geworden sein, mich hier herauf zu tragen; er hastete förmlich bergan,
als trottete er auf ebenem Wege dahin.«

»Wüßt' ich nur, was ich ihm zu Gute thun könnte, daß er Dich aus der
Fehde mir heil und gesund zurückbringt!«

»Er wird es, Leontine!« sprach Egenolf, »eine frohe Ahnung läßt mich
hoffen, daß mir nichts Schlimmes widerfahren wird. Ich habe ja einen
holdseligen Schutzengel, der mich mit seinen Gedanken und Wünschen
beständig umschwebt.«

»Tag und Nacht, Egenolf!« fiel sie ein und umschlang ihn innig, als
wollte sie jetzt schon seine Brust vor feindlichem Speer und Geschoß
schirmen und decken.

Sie waren beide allein im Gemach und blieben es auch. Graf Oswald hatte
jetzt weder Zeit noch Lust, Besuche zu empfangen, am wenigsten einen,
der ihm nicht galt, und Gräfin Margarethe gönnte den Liebenden diese
Stunde ungestörten Glückes, vielleicht auf lange Zeit die letzte, der
sie sich erfreuen durften.

Nun saßen sie dicht an einander geschmiegt auf einer Fensterbank,
blickten sich aber mehr in die Augen als auf die Berge und Thäler und
in das offene Land hinab, das sich tief unten so friedlich breitete,
als drohte ihm nicht Waffengetöse und Hufgestampf.

Sie wollten von ganz anderen Dingen reden als von der Fehde und
schlugen bald diese, bald jene Saite bei ihrer Unterhaltung an, kamen
aber unwillkürlich immer wieder auf die nächstkünftigen Ereignisse zu
sprechen, rechneten und wogen die Streitkräfte der feindlichen Parteien
gegen einander ab und riethen hin und her, wann und in welcher Gegend
wohl das erste Treffen stattfinden und zu wessen Gunsten es enden
würde. Egenolf hatte jedoch dabei durchaus nicht den Eindruck, als wenn
sich Leontine einer, wenn auch nicht überflüssigen, so doch nutzlosen
Bangniß um ihn oder ihren Vater hingäbe. Er kannte ihr muthiges Herz,
das sich vor Gefahren nicht fürchtete, denen mit Entschlossenheit und
Tapferkeit zu begegnen war.

»Weißt Du, was ich möchte, Liebster?« sagte sie mit funkelnden Augen.
»Einen Panzer anthun und mit Dir ins Gefecht reiten. Einen leichten
Speer kann ich allenfalls auch schwingen, und fangen sollten sie mich
nicht, denn einen so schnellfüßigen Renner wie meine Daphne giebt es
hüben und drüben nicht. Mit lang flatternden Haaren wie eine Walküre
wollte ich neben Dir dahinsausen und in der Schlacht den Schild über
Dich halten, mein blonder Recke!«

»Und zuletzt mich als gefallenen Helden auf Deinem Rosse, in Deinen
Armen nach Walhall zu den Einheriern tragen,« lachte er, »nicht wahr?«

»Nein, nein! Dir den Siegeskranz auf die kampfheiße Stirn drücken,«
rief sie begeistert. »Was Du Ahnung nennst, ist mir Glaube und
Gewißheit: Du kommst wieder! und mein Lohn und Preis sollen hundert
oder tausend sein wie dieser hier,« schloß sie mit einem glühenden Kuß
auf seinen Mund.

Die knapp bemessene Zeit, die sich Egenolf zum Verkehr mit der
Geliebten jetzt abmüßigen konnte, verging ihnen mit Plaudern und
Kosen nur allzuschnell, und er mußte aufbrechen, obwohl ihn Leontine
mit Bitten und Schmeicheln noch zu halten suchte. Es war ein langer,
leidenschaftlicher Abschied, den sie von ihm nahm, denn im Geheimen war
sie weit besorgter um ihn, als sie sich merken lassen wollte, um nicht
auch ihm das Herz schwer zu machen.

Nach der St. Ulrichsburg ritt er so schnell zurück, wie es die
Beschaffenheit des Weges erlaubte, weil er gewärtig sein mußte, daß ihn
sein vielbeschäftigter Vater, der seiner Dienste jetzt häufig bedurfte,
schon sehr vermißte.

Graf Maximin hatte nach Egenolfs Meldung von der dreisten
Kundschafterei, welche die Rathsamhausen inmitten der gegnerischen
Stellungen betrieben, dafür gesorgt, daß die verbündeten Streitkräfte
in der Runde näher an einander geschlossen wurden, damit sie jederzeit
den beiden Feldhauptleuten zur Verfügung stünden. --

Isinger war in seinem Fahrwasser und entfaltete eine sich abhetzende
Geschäftigkeit in der Musterung von Waffen und Kriegsgeräth, und das
nicht bloß auf der Hohkönigsburg, sondern auch in den Lagern, wo er
eigentlich nichts zu suchen und zu sagen hatte. Er war viel in den
Bügeln, tauchte bald hier, bald da plötzlich auf, gab kleine Winke und
machte auf zweckdienliche Änderungen und Verbesserungen in mehr oder
weniger bescheidener Weise aufmerksam. Es lag in seiner großspurigen
Art, dabei wichtig zu thun, als wäre er mit besonderen Vollmachten
versehen und mit geheimen Aufträgen betraut.

Als er eines Nachmittags nach Rappoltsweiler geritten kam, fand
er die Stadt von Gewappneten zu Roß und zu Fuß überfüllt, die
in Bürgerhäusern, zum Theil selbst in der Kirche und im Kloster
untergebracht waren. Viele aber blieben bei ihren Pferden, die nicht
alle Stallung gefunden hatten und, an Pflöcke gebunden, auf dem Markt
oder vor den Thoren standen.

Er fragte nach Hans Loder und mußte ziemlich lange nach ihm suchen,
bis er ihn mit dem Lehnsträger eines bei Thannenkirch belegenen
Rappoltstein'schen Hofes in einer Herberge beim Weine fand. Der Mann
kannte Isinger und lud den Herrn Stallgrafen ein, mitzutrinken, was
sich der dem Becher allzeit Gewogene nicht zweimal sagen ließ. »Nehm'
ich mit Wohlgefallen und Dank an,« sprach er und setzte sich klirrend
und rasselnd zu den Beiden an den Tisch. Er war geharnischt und sah
sehr unternehmend und kriegerisch aus, hatte sich den Schnurrbart
keck aufgezwirbelt, blickte stolz um sich und sprach in einem lauten,
herausfordernden Tone.

»Das schaut hier ringsum wie ein Feldlager aus,« hub er an. »Überall
sieht man Stahl und Eisen in der Sonne blitzen, Fähnlein von Reisigen
ziehen und Reiter traben oder Wacht halten, als lebten wir schon mitten
im Kriege.«

»Wenn's nur erst losginge!« sagte der selbst geharnischte Lehnsmann.
»Wir Rappoltstein'schen brennen darauf, den Rathsamhausen mal eins
auszuwischen.«

»Wir von der Hohkönigsburg werden uns auch nicht auf faulem Pferde
finden lassen, sondern ihnen tüchtig eins über den Kopf schmieren,«
schloß sich ihm Isinger an, sein Schwert auf den Boden stoßend. »Seht
mal, mit diesem langen Flederwisch kann ich Einem eine Wunde hacken,
die man mit einem eichenen Brett und siebenundzwanzig Schloßnägeln
zustopfen muß.«

»Na, das ist ein Wort, das unter Brüdern seine zehn Pfund wiegt,«
lachte Hans Loder. »Gnade Gott Dem, der in Deine Schmiedefäuste fällt,
Ottfried!«

»Ja, da wird Mancher die Schuld der Natur auf der Landstraße bezahlen
und ins Gras beißen müssen,« fiel der Lehnsmann ein.

»Wir sind ja unser auch genug mit all unserem Anhang,« sprach Isinger.
»In Schlettstadt liegen die Fleckenstein'schen mit großer Macht und in
Bergheim das Andlau'sche Volk, Kageneck und Hattstadt kommen von ihren
Burgen Ortenberg und Bernstein dazu, und hier in Rappoltsweiler ist vor
lauter Gewappneten kaum soviel Platz, daß man ein Roß darauf wenden
kann.«

»Das Wetter ist günstig zum Schlagen,« warf Loder ein. »Ihr werdet vor
Hitze nicht ersticken in euren Harnischen, heute früh hatte es auf den
Wiesen gereift.«

»Ein Vergnügen ist es nicht, jetzt im Freien zu liegen, wenn man
mit seinem Gaul das Kieseldaunenbett unterm blauen Himmel theilen
muß. Diese Nacht war es fast so kalt wie im Winter, wenn die Bettler
vor Frostkribbeln in den Zehen das Vaterunser tanzen,« sagte der
Hofbesitzer. »Ja, hab ich nicht Recht?« wandte er sich, als die anderen
Beiden lachten, zu den Genossen an den Nebentischen, die gleichfalls
lachend ihm zustimmten.

So redeten sie beim Trunk, und Isinger hörte nicht auf, mit seinem
Kampfmuth zu prahlen. Dabei hatte er jedoch Hans Loder schon ein
paarmal zugeblinzelt und ihn unterm Tisch mit dem Knie angestoßen, bis
es der Alte endlich merkte.

»Verstehe schon, Du willst was von mir, Ottfried,« lächelte er.

»Ja, ich habe eine geheime Botschaft an Dich; komm mit!« sprach Isinger.

Sie erhoben sich beide, dankten dem freigebigen Thannenkircher für die
Zeche und verließen die Herberge. Draußen sagte Isinger: »Laß uns ins
Strengbachthal gehen, denn Du mußt zur Ulrichsburg hinauf.«

»Zur Ulrichsburg? was soll ich da jetzt?«

»Wirst Du gleich erfahren, Hans.«

Als sie durch den Metzgerthurm aus der Stadt hinaus waren und Niemand
etwas von ihrer Unterhaltung hören konnte, sprach Isinger gönnerhaft:
»Ich habe Dir damals geholfen, Hans, das Wolfsfell vom Grafen Egenolf
ins Schlafgemach unserer jungen Gräfin zu schmuggeln, heute verlange
ich von Dir einen Gegendienst.«

»Drücke los!« sagte Loder.

Isinger brachte nun sein Anliegen vor und fing an: »Gräfin Leontine
ist nicht ohne einige Sorge, daß ihrem Herzallerliebsten im Gefecht
etwas zustoßen könnte. Er wird ja in einer guten Eisenhaut stecken,
die so leicht keinen Schwerthieb durchläßt, aber zu seiner größeren
Sicherheit möchte sie ihm ein Schutzmittel, einen Ta--lis--man, ja, so
nannte sie's, -- ich habe mir das sackermentsche Wort dreimal von ihr
vorsprechen lassen -- einen Talisman mitgeben. Es ist einer von ihren
Handschuhen, die sie an dem Tage getragen hat, als ihr Graf Egenolf
zum ersten Mal im Leben begegnet ist. Dieser Handschuh soll die Kraft
in sich haben, den Grafen hieb- und stichfest zu machen, sagt sie. Ob
sie einen heimlichen Zauber damit vorgenommen hat, weiß ich nicht,
aber ich habe fürsichtigerweise und ohne ihr Wissen noch ein bischen
nachgeholfen, bin mit dem Handschuh in Sanct Pilt gewesen und habe dort
von einem frommen Mönch einen kräftigen Wundsegen darüber sprechen und
ihn mit Weihwasser besprengen lassen.«

»Hm!« machte Loder, »und den Handschuh sollst Du oder soll ich dem
Grafen Egenolf einhändigen.«

»Nein, nicht einhändigen, das hätte die junge Gräfin selber thun
können. Er muß ihn während der ganzen Fehde stets bei sich tragen,
ohne daß er es weiß, sonst wirkt der -- Talisman nicht,« erwiederte
Isinger. »Gräfin Leontine meint, daß Du auf der Ulrichsburg jederzeit
freien Zutritt hast, und läßt Dich daher bitten, dafür zu sorgen, daß
der Handschuh verhohlen in Graf Egenolfs Harnisch oder Helm oder Sattel
befestigt wird. Verstehst Du?«

»Ja, aber im Helm oder Harnisch würde er des Dinges doch ansichtig
werden, wenn er sich wappnet. Da wird's das Beste sein, ich lasse den
Handschuh inwendig in das Futter seines Sattels nähen, das kann er
nicht merken. Aber ohne den Sattelmeister bring ich das nicht fertig.«

»O der kann's ja wissen, wenn's nur der Graf selber nicht erfährt.«

»Nein, nein! der Sattelmeister hält dicht; gieb den Handschuh her, ich
nehm's auf mich.«

»Ich habe ihn im Wams; schnalle mir mal hier an der Seite den Harnisch
auf, dann kann ich ihn herauslangen.«

Loder that dies, und Isinger übergab ihm den Handschuh. Es war der
von der rechten Hand und aus feinem, weichem Rehleder. Während Loder
dann mit dem Wiederzuschnallen von Isingers Harnisch beschäftigt war,
sahen sie einen Spielmann mehr laufend als gehend dahertrotten. Als er
den Pfeiferkönig erkannte, winkte er ihm mit beiden Armen fuchtelnd
zu, als hätte er eine große Neuigkeit zu melden, und kam nun wirklich
angelaufen.

»Was giebt's, Rodewig?« fragte Loder, »bist ja ganz außer Athem.«

»Sie kommen, sie kommen, sie sind schon unterwegs!« keuchte der
Spielmann.

»Wer? die Rathsamhausen?«

»Ja, die Rathsamhausen und die Müllenheim, die Dürkheim'schen und was
weiß ich, wer alles noch. Heute Mittag sind sie ausgerückt aus Ottrott
und Oberehnheim und wo sie sich gesammelt hatten und gelegen haben.
Aber sie können sich nur langsam vorwärts bewegen, weil sie schweres
Rüstwerk bei sich haben, Tarrasbüchsen und Wurfzeug, das nicht rasch
fahren kann, und Fußvolk ist ja auch viel dabei,« berichtete Rodewig.

»Woher weißt Du das Alles?« fragte Isinger.

»Aus dritter Hand erst, von Pfeiferbrüdern, aber von sicheren Leuten.
Einer hat's dem Andern mit größter Schnelligkeit zugetragen, und ich
will das Abendmahl darauf nehmen, daß es wahr ist,« erwiederte der
Kundschafter.

»Dann mach nur, daß Du zu unserem Grafen hinaufkommst mit Deiner
Nachricht,« sagte Loder, »ich folge Dir auf dem Fuße nach; hier rechts
geht es hoch.«

»Ich weiß, ich weiß,« versetzte Rodewig und schlug sich eilends in den
Wald hinein.

»Du mußt Dich auch sputen, Hans, daß der Handschuh noch in den Sattel
kommt,« sprach Isinger. »Ich trabe nach der Hohkönigsburg zurück und
werde in Rappoltsweiler und durch die Eisenreiter unterwegs die Meldung
schleunigst weitergehen. Nach meiner Rechnung kann es morgen früh oder
morgen Vormittag zum Hauen kommen.«

»Die Rechnung wird stimmen,« nickte Loder. »Fahrwohl, Ottfried, und
Gott behüte Dich!«

»Ich werde in der Schlacht meinen Mann stehen, Hans!« rief Isinger und
schlug sich mit der Faust auf die gepanzerte Heldenbrust.

Sie trennten sich, und Jeder ging hurtig seines Weges.



XXVI.


Die Nachricht vom Aufbruch der Rathsamhausen'schen Streitmacht war nach
den nächsten Burgen und überallhin, wo reisiges Volk lagerte, am Abend
noch verbreitet worden, und in der Nacht brachte ein anderer Fahrender
noch die Kunde, daß der Feind von Eichhofen auf Thannweiler zöge. Graf
Wilhelm von Rappoltstein behielt also Recht mit seiner Vermuthung, daß
der Zusammenstoß im Weilerthal stattfinden würde.

Zur Ausführung seines im Kriegsrath entworfenen Schlachtplanes thaten
die Verbündeten nun das, was jedem als besondere Aufgabe zugewiesen
war. In der Morgenfrühe rückten die Thiersteiner über Kinzheim nach
Kestenholz, wo Fleckenstein, von Schlettstadt kommend, sich ihnen
anschloß und sich über Scherweiler auch Kageneck und Hattstadt mit
ihnen vereinigten. Diese vier stattlichen Haufen besetzten unter
Fleckensteins Befehl den Ausgang des Weilerthales, gingen aber nicht
weiter vor, um den Rappoltsteinern Zeit zu lassen, die Mündung des
Leberthales in das Weilerthal zu erreichen, kurz nachdem der Feind
diesen Punkt überschritten hatte.

Fleckenstein mußte hier, sehr gegen seinen und seiner Gefährten Wunsch,
wohl eine Stunde lang unthätig halten, ehe ihm die zum Kundschaften
ausgesandten Reiter das Vorrücken des Feindes meldeten, aber mit seiner
Ungeduld wuchs auch seine Hoffnung, daß die Rappoltsteiner, durch diese
Verzögerung begünstigt, rechtzeitig auf dem Kampfplatz erscheinen
würden.

Das Thal war, sich seinem Ausgang ins Flachland nähernd, sehr breit und
bot mit seinen ebenen Feldern und Wiesen Raum genug zur Entwickelung
eines größeren Gefechts, dessen Beginn, nachdem sich die beiden
Heerhaufen erblickt hatten, nun endlich zu gewärtigen war.

Schon von fern erkannte Fleckenstein, daß der Feind seine Reiterei
als erstes Treffen vor dem Fußvolk führte, während er selber seine
Mannschaft in einem einzigen Treffen aufgestellt hatte, das Fußvolk in
der Mitte und die Reiterei auf beiden Flügeln, eine Anordnung, die ihm
bei seinem nun erfolgenden Angriff sehr zu Statten kommen sollte.

Als sie sich nahe genug waren, stürmten die beiderseitigen
Reiterschaaren gegen einander an, und die Rathsamhausen'schen wurden
von den Fleckenstein'schen wie von zwei Armen umfaßt, so daß sie sich
nach rechts und links wehren mußten.

Es war ein harter Anprall, den sie zu bestehen hatten, aber sie hielten
ihn aus und waren nicht zum Weichen zu bringen. Die Ritter suchten
die Ritter in diesem Reiterkampfe, der sich immer hitziger entspann
und das Thal mit lautem Getöse von Eisenklirren, Rufen, Schnauben und
Stampfen erfüllte. Nun kam auch das Fußvolk heran, und es entstand ein
heftiges Scharmützel zwischen ihm und den Berittenen; alle regelrechte
Schlachtordnung war aufgelöst, man schlug und stach wild auf einander
los, und Blut floß auf beiden Seiten reichlich.

Burkhard spähte rachgierig nach Oswald von Thierstein aus, um sich
tödtlich mit ihm zu messen, konnte ihn aber nicht entdecken, weil er
sich an anderer Stelle mit Jost von Müllenheim herumschlug, bis ihm
Johann von Kageneck zu Hilfe kam, so daß Müllenheim weichen mußte.
Isinger hielt sich soviel wie möglich an seines Herren Seite, ward aber
mehrmals von ihm abgedrängt und gerieth zuweilen in mißliche Lage, aus
der er sich jedoch stets tapfer wieder heraushieb.

Das hin und her wogende Gefecht kam allmählich zum Stehen, begann sogar
für die Fleckenstein'schen eine üble Wendung zu nehmen, weil diese,
ohne die Rappoltsteiner, der Rathsamhausen'schen Macht nicht gewachsen
waren. Plötzlich aber lichteten sich deren Reihen. Hinter ihnen erhob
sich ein verworrenes Geschrei, und gleich darauf drang deutlich
vernehmbar Waffenlärm daher, ein Zeichen, daß jetzt auch dort gekämpft
wurde. Die Rappoltsteiner waren dem Feinde in den Rücken gefallen und
griffen mit frischen Kräften in das Gefecht ein, das nun eine ganz
andere Gestalt annahm und sich an zwei Stellen des Thales zugleich
entfaltete. Burkhard erkannte sofort, wessen Werk diese wohlberechnete
Taktik war, und jagte, eine Schaar der Seinigen mit sich fortreißend,
auf die Rappoltsteiner zu.

In dem nun entstehenden, sich über einen weiten Raum ausdehnenden
Getümmel begegneten sich Egenolf und Bruno und wechselten, Jeder den
Anderen erkennend, eine Anzahl mustergültiger Fechterhiebe, die alle
mit geschickter Deckung aufgefangen wurden. Dann nickten sie sich
lachend zu und stoben auf Gegner los, die sie nicht schonen wollten.
Nun konnten sie doch sagen, daß sie heldenhaft mit einander gekämpft
hätten.

Burkhard bemühte sich, Alle, die ihm gefolgt waren, zu einem
entschiedenen Angriff oder geschlossenen Widerstande zu sammeln, was
ihm aber in dem wirren Durcheinander nicht glückte. Er konnte nur
mit einer verhältnißmäßig geringen Zahl beherzter Draufgänger ein
paar verzweifelte Vorstöße unternehmen, die aber stets zurückgewiesen
wurden, so daß er sich nun auf verstreute Einzelgefechte beschränkte,
wo er die Gelegenheit dazu ersah. Schmasman wollte er vermeiden wie
dieser ihn, weil keiner von beiden sein Schwert mit dem Blute des alten
Freundes färben wollte. Aber auf Wilhelm von Rappoltstein hatte er es
in seinem Grimm über dessen gelungene Umgehung und verderbenbringenden
Überfall desto böswilliger abgesehen. Wüthend rannte er ihn an, als
er ihn erblickte, und zwischen beiden entspann sich ein erbitterter
Zweikampf, aus dem Graf Wilhelm endlich als Sieger hervorging. Ein
gewaltiger Schwerthieb des Letzteren durchschlug das Riemenzeug an
Burkhards Panzer und drang, das Schlüsselbein brechend, ihm tief in die
linke Schulter, sodaß Burkhard im Sattel wankte und kampfunfähig vom
Pferde zu Boden sank.

Die Rathsamhausen'schen, von vorn und von hinten zugleich bedrängt,
wurden überwältigt, zersprengt, in die Flucht getrieben, Verwundete und
Todte auf dem Schlachtfelde zurücklassend. Der Kampf war zu Ende, und
der ihn heraufbeschworen hatte, blieb als Gefangener in den Händen der
Sieger.

Man nahm ihm den Harnisch ab und öffnete das Wams, um seine stark
blutende Wunde nothdürftig zu verbinden, was Isinger mit Geschick
vollbrachte. Weit mehr aber als diese Wunde schmerzte den Trotzigen
die erlittene Niederlage. Er warf einen langen Blick auf Schmasman,
wie wenn er sagen wollte: Hättest Du mir Wort gehalten, was Du gelobt
hattest! Dann lag er, von Bruno gestützt, ganz still und gab auf
keine Frage mehr Antwort. Wie innerlich gebrochen stierte er halb
finster, halb träumerisch ins Leere, als wäre sein Geist mit etwas
weit Abliegendem, Geheimnißvollem beschäftigt, das ihn der Gegenwart
entrückte.

Für ihn selbst und seine Freunde war die Gefangennahme Burkhards ein
geradezu vernichtender Schlag, für die Thierstein'schen Verbündeten
dagegen ein Gewinn von so großer Bedeutung, daß er ihnen die herben
Verluste, die auch sie erlitten hatten, vollständig aufwog.

Unter den wenigen Gefangenen ritterlichen Standes befand sich auch
Jost von Müllenheim, der statt zu fliehen so lange bis aufs Äußerste
gekämpft hatte, bis er, unentrinnbar umzingelt und leicht verwundet,
sich ergeben mußte. Schmasman berieth nun mit den beiden siegreichen
Feldhauptleuten, was mit den Gefangenen geschehen sollte. Sie waren
alle drei abgesessen und standen etwas entfernt von der Gruppe, die den
am Boden liegenden Burkhard umringte.

Graf Wilhelm von Rappoltstein drang darauf, Müllenheim nach
Hohrappoltstein zu bringen und dort so lange einzusperren, bis mit
sämmtlichen Besiegten Abrechnung gehalten und Friede geschlossen war.

Diesem Vorschlage trat auch Friedrich von Fleckenstein bei, indem er
seine Zustimmung damit begründete, daß man schneller zum Friedensschluß
gelangen würde, wenn man die beiden bedeutendsten und gefährlichsten
Gegner in Haft nähme, denn daß Burkhard, der Anstifter und unablässige
Hetzer der Fehde, festgesetzt werden mußte, war außer Frage.

Schmasman aber widersprach der Einlegung des mächtigen Schloßherren
von Girbaden, darauf hinweisend, daß Müllenheim der Einzige wäre, der
bei Burkhard zuweilen Gehör fände und deßhalb bei den Verhandlungen
mit dem Störrigen als Vermittler wirken könnte. Nur sein ritterliches
Selbstgefühl, das sich gegen die Ansprüche des Grafen Thierstein
kräftig auflehnte, und seine Anhänglichkeit an Burkhard hätten ihn
vermocht, sich an der Fehde zu betheiligen und des Freundes ehrgeizigen
Plänen Vorschub und Beistand zu leisten. Daß er nun auch gegen die
Rappoltsteiner kämpfen mußte, wäre nicht sein Wunsch und Wille, sondern
die natürliche Folge der inzwischen eingetretenen Ereignisse gewesen,
welche die Rappoltsteiner zu Verbündeten Thiersteins gemacht hatten.

Das Alles hielt Schmasman den beiden Anderen in nachdrücklicher
Weise vor und setzte es durch, daß wie die übrigen Gefangenen, sammt
Burkhards Sohn Bruno, auch Müllenheim freigelassen und ihm nicht einmal
Rüstung, Waffen und Pferd abgenommen wurde.

Bis auf Bruno, der seinen schwer verwundeten Vater noch nicht verlassen
wollte, verabschiedeten sie sich alle von Burkhard, dem sie Worte des
Trostes, einige von ihnen auch solche der Hoffnung auf einen günstigen
Fortgang der Fehde zuflüsterten, und folgten dann ihren geschlagenen
Genossen das Weilerthal hinauf nach.

Bevor Müllenheim abritt, zog ihn Schmasman, der den äußerlich Derben
und Rauhen als einen rechtschaffenen, klugen und besonnenen Mann
schätzte, noch in ein längeres Gespräch ohne Zeugen. Er verständigte
ihn, da jener zu seinem größten Erstaunen noch gar nichts davon wußte,
über seinen mit Oswald von Thierstein geschlossenen Vertrag, den er
Burkhard brieflich und seinen Verbündeten mündlich mitgetheilt hätte
und der von den letzteren allseitig gutgeheißen worden wäre. Müllenheim
billigte die getroffenen Vereinbarungen durchweg als die auch ihm
willkommene, beste Schlichtung des leidigen Streites. »Hätt' ich das
nur früher gewußt!« rief er aus, »Burkhard hat mir kein Wort davon
gesagt, aber jetzt weiß ich auch, was ich zu thun habe.«

Dann schüttelten sie sich die Hände und schieden von einander, nun
nicht mehr Feinde. Müllenheim schwang sich in den Sattel und trabte den
Seinigen nach.

Für Burkhard wurde auf dem Untergestell eines eroberten Wurfgeschützes,
auf dem er gefahren werden konnte, ein Lager hergerichtet, und Niemand
erhob Widerspruch gegen das Verlangen des Grafen Oswald von Thierstein,
ihn unter Isingers Obhut auf die Hohkönigsburg zu bringen. Als Burkhard
dies hörte, flog ein unwilliges Zucken über sein Gesicht. Auf die
Hohkönigsburg sollte er! Das war von Allem das Schwerste, was er bei
seinem tiefen Falle zu tragen hatte, doch er schwieg.

Bruno richtete an den Grafen Oswald die Frage: »Wollt Ihr mir
gestatten, Herr Graf, meinen Vater bis auf die Hohkönigsburg zu
begleiten?«

»Sehr gern, Jungherr Bruno!« erwiederte Graf Oswald, »und ein Reitender
soll sogleich den Klosterarzt von St. Pilt aufs Schloß bestellen.«

»Ich danke Euch, Herr Graf!« sagte Bruno. »Nachdem ich meinen Vater
hinaufgebracht, werde ich heimreiten, um meine Mutter zu beruhigen.«

Als sich der Zug mit dem Verwundeten unter Bedeckung von Reisigen in
Bewegung setzte, trat Egenolf noch an Bruno heran und sprach leise zu
ihm: »Ich werde thun, was ich kann, Bruno, daß die alte Freundschaft
unserer Väter wieder lebendig werde.« Ein stummer Handdruck Bruno's
dankte ihm.



XXVII.


Beinahe Mittag war es geworden, als die Entscheidung in dem heißen
Kampfe gefallen war, und nach einer kurzen Ruhe verabschiedeten sich,
ihres Sieges froh, die ritterlichen Streiter herzlich von einander,
um mit ihren Schaaren abzurücken, jeder heim nach seiner Burg. Doch
wurden, auch von den Besiegten, Mannschaften auf dem Schlachtfelde
zurückgelassen, die gegen die zahlreichen Verwundeten und Todten,
zu welchen letzteren auf Thierstein'scher Seite ein jüngerer Bruder
Hermanns von Hattstadt und auf Rathsamhausen'scher ein Zorn von Bulach
gehörte, die Pflichten der Menschlichkeit erfüllen sollten.

Die das traurige Geschäft zu besorgen hatten, stießen dabei auch auf
einen Gefallenen, der in Ansehung seiner mangelhaften Ausrüstung und
Bewaffnung wie seiner Jugend nicht zu den Kämpfenden gehört haben
konnte. Er trug keinen Panzer über dem Wams, aber eine rostige, zu
große Blechhaube auf dem Kopfe, und ein kleines, altes Schwert hing
ihm am Gürtel. Er lag auf dem Rücken in einer Lache Blut, das sich
aus einer klaffenden Halswunde ergossen hatte. Sie standen vor dem
Entseelten, betrachteten seine schlanke Gestalt und sein hübsches,
noch ganz bartloses Gesicht, und es jammerte sie des armen Gesellen,
den hier ein früher Tod ereilt hatte.

Die ihn gefunden hatten, waren zwei reisige Knechte aus Rappoltsweiler,
und der eine sprach zum anderen: »Weißt Du, Merten, wie der aussieht?
-- wie ein Zwillingsbruder von Haschop, unserer Zigeunerin.«

»Genau so!« fuhr Merten aus seinen Gedanken auf, »ich wollt' es eben
auch schon sagen. Aber Haschop hat keinen Bruder, und jetzt bin ich
meiner Sache sicher, daß sie es selber ist.«

»Ich glaub's wahrhaftig auch,« sagte der Erste wieder, »mein Gott! wie
kommt die hierher?«

Sie nahmen die Blechhaube von dem etwas zur Seite geneigten Kopfe,
und da quoll üppiges, schwarzes Frauenhaar hervor, so daß ihnen kein
Zweifel mehr blieb, wen sie vor sich hatten.

Es war in der That Haschop, deren einst so liebreizend lachender Mund
nun für immer verstummt war. Sie hatte sich, wieder in der männlichen
Kleidung, die sie als Kesselflicker getragen, dem Fuhrwesen der
Müllenheim'schen angeschlossen, von denen Niemand sie kannte und
die sie, ihr wahres Geschlecht nicht ahnend und sie für einen gut
gewachsenen, eigentlich schon waffenfähigen Troßbuben haltend, gern
bei sich aufgenommen hatten. Sie wollte Zeuge des Kampfes sein, um
zu sehen, was dabei das Schicksal Egenolfs sein würde, ob nicht eine
feindliche Lanze das vollbrächte, was ihrem Messer mißlungen war.
In ihrer Rachsucht und ihrer Unerfahrenheit hatte sie sich sogar
der kindischen Hoffnung hingegeben, möglichenfalls mit ihrem kurzen
Schwerte zu seinem Verderben beitragen, vielleicht durch Verwundung
seines Pferdes Roß und Reiter zum Sturze bringen zu können. Darum hatte
sie sich tollkühn in das Gefecht hinein gewagt und war auf der Flucht
von den Reitern eingeholt und niedergehauen worden.

Voll Mitleid beschlossen die beiden Knechte, sie in einem Grab allein
zu bestatten, hoben sie auf und trugen sie zum nahen Walde. Dort
bereiteten sie ihr die letzte Ruhestätte und pflanzten auf den Hügel
statt eines Kreuzes einen abgehauenen Baumzweig, dessen Blätter schon
welk und braun waren.

Nachdem sie am Grabe knieend ein kurzes Gebet verrichtet hatten, sagte
Merten: »Dem Pfeiferkönig müssen wir es melden, wenn wir heimkommen,
wen wir hier zum langen Schlaf gebettet haben. Wie wird sie ihn dauern!
er hatte die hübsche Schwarzäugige gern.«

»Und der arme Farkas!« sprach der Andere. »Vor zehn Jahren hat er sein
Weib begraben, und heute hat er hier sein einziges Kind verloren; nun
ist er ganz verlassen und allein.«

»Nicht viel über zwanzig Jahr kann sie geworden sein,« fing Merten
wieder an. »Hast Du sie mal tanzen sehen? Die konnte Sprünge machen,
sag' ich Dir! Schade, Schade um das schöne, junge Leben! Gott nehme sie
in Gnaden zur ewigen Seligkeit auf!«

Das war Haschops Grabrede aus einem einfältigen, treuherzigen Gemüth,
das von ihrem Lieben und Leiden, ihren Listen und Tücken nichts wußte.

Egenolf, der die Zigeunerin im Gefecht nicht bemerkt, wenigstens nicht
erkannt hatte, erhielt heute keine Kunde mehr von ihrem Tode. Die
Grafen von Rappoltstein waren schon weit weg vom Kampfplatze, weil
sie vorläufig keinen erneuten Angriff zu befürchten hatten und von
einer Verfolgung des geschlagenen Feindes absahen. Sie zogen mit den
Ihrigen über Kinzheim, Orschweiler und Bergheim nach Rappoltsweiler und
ihren Schlössern, wohin Schmasman einen Reiter mit der Siegesbotschaft
vorausgeschickt hatte.

In Rappoltsweiler wurden sie von der gesammten Bevölkerung freudig
empfangen und unter glückwünschenden Zurufen durch die Stadt geleitet.
Auf der Zugbrücke der St. Ulrichsburg erwartete sie Hans Loder mit
seiner Trumpete und blies bei ihrem Nahen eine schmetternde Weise,
in die der Thürmer auf dem Bergfried mit seinem Wächterhorn jubelnd
einstimmte.

Die Gräfinnen Elisabeth und Imagina waren schon eingetroffen und hatten
dafür gesorgt, daß auch ihre Gatten sich der bestaubten Rüstungen
entledigen und umkleiden konnten. Als die vier Herren dann erfrischt
in den Saal zurückkehrten, setzte Imagina ihrem Schwager Wilhelm einen
schnell für ihn gewundenen Eichenkranz aufs Haupt, den Alle, auch
Schmasman, dem kriegserfahrenen Bruder, dessen vortrefflichem Plan und
Oberbefehl der Sieg zu danken war, von Herzen gönnten.

Bald saß die ganze Familie an der Tafel beim fröhlichen Mahl, an dem
auch Hans Loder heute theilnehmen mußte. Die Männer schilderten den
aufmerksam zuhörenden Frauen den Gang des Gefechtes, und Graf Wilhelm
äußerte ein Wort des Bedauerns, Burkhard mit eigener Hand so schwer
verwundet zu haben. »Aber der über unseren Rückenangriff Erboßte,«
sprach er, »rannte mich ungestüm an und ließ nicht ab von mir, so daß
sich zwischen uns ein Zweikampf auf Leben und Tod entspann, in dem
Einer von uns fallen mußte, und da hat das Glück zu meinen Gunsten
entschieden.«

»Sagen wir Dein gutes Schwert und Deine überlegene Fechtkunst,
Wilhelm,« fiel Schmasman ein. »Übrigens scheint mir seine Wunde nicht
lebensgefährlich und wird in der Kur des Pater Eusebius gewiß bald
heilen.«

»Auch Bruno und ich haben unsere Fechtkunst gegen einander erprobt,«
erzählte nun Egenolf. »Wir trafen uns im Scharmützel und haben eine
Jägermesse lang unsere Klingen Schlag auf Schlag regelrecht gekreuzt.
Bruno ist im heutigen Kampfe völlig unversehrt geblieben,« schloß
er mit einem Blick auf Isabella, für die allein seine Mittheilungen
bestimmt waren und die ihrem Bruder dafür mit den Augen dankte.

»Glaubst Du, Schmasman,« begann Gräfin Herzelande, »daß mit dem
heutigen Gefecht nun die ganze Fehde, die uns so lange beunruhigt und
bedroht hat, abgethan und aus ist?«

»Fast möcht' ich es glauben, weil Burkhard außer Kampf gesetzt ist,«
erwiederte Schmasman. »Ohne ihn werden die Übrigen nichts weiter gegen
uns oder die Thiersteiner zu unternehmen wagen.«

»Und wenn Burkhard von seiner Verwundung genesen ist?«

»So wird ihn Oswald doch nicht eher aus den Mauern der Hohkönigsburg
herauslassen, als bis er ihm Urfehde geschworen hat.«

»Welch ein Hohn des Schicksals!« sagte Gräfin Elisabeth. »Nun sitzt er
auf der Hohkönigsburg, aber nicht als ihr Herr und Gebieter, wie er es
wollte, sondern als ihr erster Gefangener seit ihrem Wiederaufbau.«

»Willst Du nicht versuchen, zwischen ihm und Oswald Frieden zu
stiften und auch zwischen euch beiden die alte Freundschaft wieder
herzustellen?« fragte Herzelande.

»Gewiß werde ich das,« erwiederte Schmasman. »Aber ich muß ihm erst
Zeit lassen, sich zu besinnen, damit der bittere Groll, den er jetzt
noch auf mich hat, anderen, besseren Gefühlen Platz macht; früher
ist eine Verständigung mit ihm nicht möglich. Schwieriger wird seine
Befriedung mit dem Thiersteiner werden. Wie ich von dessen Bruder
Wilhelm gehört habe, verlangt Oswald nichts Geringeres als die Übergabe
der beiden Ottrotter Schlösser, wenigstens des Schlosses Rathsamhausen.
Ich werde das Meinige thun, ihn zu milderen Bedingungen zu bewegen; ob
ich aber damit durchdringe, ist mir noch sehr zweifelhaft. Zunächst
werde ich versuchen, mich selber mit ihm auszusöhnen.«

»Herr Graf, ich wüßte wohl ein Mittel, ihn zur Versöhnlichkeit zu
stimmen,« sagte Loder.

»Und das wäre?« fragte Schmasman.

»Wenn Ihr ihm seine Eule wiederschaffen könntet, die ihm im Rathskeller
abhanden gekommen ist.«

»Da hast Du Recht, Hans!« rief ihm lachend Graf Wilhelm zu. »Wenn Du
Burkhards Eule hättest, Schmasman, und sie ihm wiedergäbest, würde er
vor Freuden springen und tanzen und wieder Dein dickster Freund sein.«

»Gern wollt' ich ihm dazu verhelfen,« lächelte Schmasman, »aber leider
habe ich sie nicht und weiß auch nicht, wo das Unglücksding an dem
Abend geblieben ist.«

»Laßt uns ihm doch eine neue, der verloren gegangenen täuschend
ähnliche machen,« schlug Gräfin Elisabeth vor. »Einen Waldkauz muß uns
Egenolf dazu liefern.«

»Mit dem größten Vergnügen!« erklärte der ritterliche junge Waidmann.

»Nein, das geht nicht, das würde Burkhard sofort merken, und eine noch
so geschickt nachgemachte würde ihm die echte, an der so viel fröhliche
Erinnerungen haften, nicht ersetzen,« bedeutete Wilhelm seine Gemahlin.

»Er würde sie von uns Rappoltsteinern auch gar nicht annehmen,« fügte
Kaspar hinzu. »Ja, wenn es die alte wäre! wer ihm die wiederbringt,
erobert sich im Sturme sein Herz damit.«

»Ich möchte ihn wohl einmal sehen mit dem schnurrigen Eulengestell
auf seinem weinrothen Rappelkopfe,« lachte Imagina. Doch schnell
bereute sie die Worte, als sie einem vorwurfsvollen Blick Isabella's
begegnete. War es doch Bruno's Vater, den sie hier vorhatten.

Auch Herzelanden ging der Spaß zu weit. »Ihr spottet hier und macht
euch über den Ärmsten in seinem Unglück lustig,« hub sie an. »Ich will
es eurer frohen Siegesstimmung zu Gute halten, aber denkt einmal daran,
wie traurig es in der nächsten Zeit bei Frau Stephania auf Schloß
Rathsamhausen aussehen wird.«

»Unsere Schuld ist es nicht, Herzelande, und der Spott war nicht bös
gemeint,« sprach Wilhelm begütigend.

»Na, die Ohren werden ihm wohl auf der Hohkönigsburg geklungen haben,«
meinte Schmasman.

Aber Herzelande's Mahnung war bei den Ihrigen doch auf guten Boden
gefallen. Sie lenkten das Gespräch auf andere Dinge, bis sie sich
zu vorgerückter Stunde trennten, um nach dem schweren Tage, der den
Männern Kampf und den Frauen Sorge gebracht hatte, dem sich fühlbar
machenden Ruhebedürfniß nachzugeben.



XXVIII.


Zur selbigen Stunde, wo die Familie Rappoltstein auf der St.
Ulrichsburg bei Tische saß und den erfochtenen Sieg feierte, waren die
vornehmsten der Rathsamhausen'schen Bundesgenossen auf der Frankenburg
bei Dietrich von Lützelstein versammelt, der sie auf ihrem Rückzuge
aus der verlorenen Schlacht zu einem Imbiß nach den Anstrengungen des
Kampfes eingeladen hatte.

Die Meisten von ihnen waren Dank ihrer starken Rüstungen ohne jede,
ihrer zwei mit einer nur leichten Verwundung davongekommen, aber ihre
Stimmung war eine mißmuthige und bedrückte. Ihre Unterhaltung drehte
sich um Einzelheiten des Gefechtes, und einige der Herren machten
ihrem abwesenden Befehlshaber Burkhard den Vorwurf, daß er nicht ein
paar Reiter zum Kundschaften das Leberthal hinauf gesandt hatte, die
ihm das Nahen Rappoltsteins von dieser Seite gemeldet und sie dadurch
vor dem sie völlig überraschenden, ihre Niederlage herbeiführenden
Rückenangriff des Feindes bewahrt hätten. Philipp von Rathsamhausen
entschuldigte seinen Bruder damit, daß dieser kurz vor ihrem Aufbruch
von einem Späher die Nachricht erhalten hätte, die Thierstein'schen
Verbündeten erwarteten den Anmarsch ihrer Gegner erst in vier oder
fünf Tagen.

Auch Henning von Landsberg nahm Burkhard in Schutz und meinte: »Hätten
wir von dem Anrücken Rappoltsteins durch das Leberthal Kunde gehabt,
so hätten wir ihm die Hälfte unserer Macht entgegenschicken müssen und
wären dann Thierstein gegenüber zu schwach gewesen. Burkhard hat recht
gethan, unsere Kräfte nicht zu theilen.«

Dietrich von Lützelstein schnitt die weiteren Erörterungen darüber ab
mit den Worten: »Laßt uns nicht mehr streiten, Freunde, ob hier ein
Fehler gemacht ist oder nicht; sagt lieber, was nun geschehen soll.«

Darauf schwiegen sie zunächst, als wären sie rathlos. Dann redeten Alle
zugleich laut durcheinander, aber die Antworten fielen, auch dem Sinne
nach, sehr verschieden aus.

»Wir scheinen nicht Alle einerlei Meinung zu sein,« sprach Jost von
Müllenheim. »Ich schlage vor, daß Einer nach dem Andern die seinige
kund giebt. Fange Du damit an, Dietrich; Du hast die Frage aufgeworfen,
und es ist allerdings das Gescheiteste, daß wir gleich hier, wo wir
noch beisammen sind, darüber Beschluß fassen.«

Die Anderen waren damit einverstanden, und die kleine Gesellschaft
verwandelte sich in einen Kriegsrath, dem sie auch weit ähnlicher sah
als einem fröhlichen Zecherkreise, denn die Herren waren alle in ihren
Harnischen, nur die Helme hatten sie abgenommen.

Dietrich von Lützelstein hub an: »Leicht ist die Entscheidung nicht,
aber ehrlich gestanden bin ich mehr zum Frieden geneigt als zur
Fortsetzung des Kampfes.«

»Wir können doch die Schmach nicht auf uns sitzen lassen,« fiel Graf
Schaffried von Leiningen unwillig ein.

»Nun, eine Schmach ist es wohl nicht, unvermuthet von zwei Seiten
angegriffen, der Übermacht unterlegen zu sein,« sagte Eckbrecht von
Dürkheim.

»Gewiß nicht!« stimmte ihm Philipp von Rathsamhausen zu, »auch ich bin
nicht für Fortsetzung der Fehde.«

»Wenn das Dein Bruder hörte, Philipp!« hielt ihm Leiningen vor.

»Ich wollte, er wäre hier,« erwiederte Philipp. »Zweifellos würde er
mir heftig widersprechen, aber gerade zu seinem Heile wäre es, wenn wir
ihn zwingen könnten, die verlorene Sache aufzugeben.«

»Sie ist keine verlorene; wir haben nur Unglück im ersten Gefecht
gehabt, und die Scharte läßt sich auswetzen,« sprach Henning von
Landsberg.

»Mir aus der Seele gesprochen!« rief Leiningen. »Haben wir darum
wochenlang gerüstet, unsere Mannen aufgeboten und den armen Zorn von
Bulach todt auf dem Schlachtfelde lassen müssen, um nach dem ersten
unglücklichen Gefecht klein beizugeben und um Frieden zu betteln? Ihr
schweigt, Müllenheim; -- was ist Eure Meinung?«

»Frieden machen, nichts Anderes,« sagte Müllenheim mit Nachdruck.

»Wie ist es nur möglich, zu so etwas zu rathen!« brauste Leiningen
auf. »Müllenheim, -- Ihr! wollt Ihr Burkhard im Stich lassen? Ich trete
für ihn ein; er ist und bleibt unser Führer, dem wir die kräftigste
Unterstützung schuldig sind, denn er verdient sie um uns.«

»Hört mich an, Graf Schaffried, und ihr Anderen auch,« erwiederte
Müllenheim ruhig. »Daß wir die mit so großer Macht vertheidigte
Hohkönigsburg nicht stürmen und unsern Freund Burkhard nicht mit Gewalt
befreien können, werdet ihr wohl einsehen, oder ist Einer unter euch,
der das nicht einsieht?« Sie schwiegen. »Also darin wären wir einig,«
fuhr er fort. »Daß unsere Gegner uns auch im Felde überlegen sind,
haben wir heute zu unserem Schaden gemerkt. Wie denkt ihr euch nun die
Fortsetzung der Fehde? Uns verstärken? noch Bundesgenossen werben,
angenommen, daß wir welche finden? Wir haben heute große Verluste
erlitten, die nicht so bald zu ersetzen sind.«

»Die da drüben sind auch nicht leer ausgegangen,« warf Henning von
Landsberg dazwischen.

»Sicher nicht! wir haben uns tapfer gewehrt. Aber ein geschlagenes
Heer ist schwer wieder an den Feind heran zu bringen, und ich
fürchte, unsere Leute, wenn sie uns auch, ihrem Lehnseide getreu,
Folge leisteten, würden nur widerwillig und unlustig noch einmal in
den Kampf gehen und ihre Haut für eine Sache zu Markte tragen, deren
Nothwendigkeit und Gerechtigkeit sie nicht verstehen.«

»So muß man ihnen dieses Verständniß klar machen,« sprach Leiningen.

»Könnt Ihr das, Graf Schaffried? ich nicht. Denn nach dem, was ich
heut erfahren habe, kann ich unsere Sache nicht mehr für eine gerechte
halten.«

»Oho! das ist ja ganz etwas Neues. Auch gegen den Thiersteiner nicht?«
riefen Leiningen und Landsberg dem Wortführer zu, und auch Lützelstein
schloß sich ihrem Widerspruch an.

»Nein, auch Thierstein gegenüber nicht,« erwiederte Müllenheim.
»Was Burkhard, obwohl er genaue Kenntniß davon hatte, uns Allen zu
Unrecht verschwiegen hat, das hat mir heute Schmasman offenbart, sein
Übereinkommen mit dem Grafen Thierstein, das er in unser Aller Namen
mit ihm getroffen hat und das --«

»Wer hat ihm dazu Vollmacht ertheilt?« unterbrach Leiningen den Redner
heftig.

-- »und das,« fuhr Müllenheim unbeirrt fort, »für beide Theile so
zufriedenstellend ausgefallen ist, daß Schmasmans Freunde, die doch
ebenso entschiedene Gegner der Thierstein'schen Ansprüche waren wie
wir, sich damit vollkommen einverstanden erklärt und sich Schmasmans
Bündniß mit Thierstein angeschlossen haben.«

»Schmasman hat sie wohl dazu beredet, weil sich sein Sohn mit
Thiersteins Tochter betraut hat,« bemerkte Henning von Landsberg.

»Das ist nicht die Veranlassung zu dem Bunde, sondern eine Folge davon;
vorher kam das Bündniß der Väter und danach erst das Verlöbniß ihrer
Kinder zu Stande,« entgegnete Müllenheim. »Wollt ihr die vereinbarten
Bedingungen hören?«

»Ein andermal,« sprach Dürkheim. »Wir können Schmasman vertrauen, daß
er weder sich selbst noch uns dem Thiersteiner gegenüber das Geringste
vergeben hat.«

»Das können wir allerdings,« pflichtete Lützelstein dem Vorredner bei.
»Aber warum hat uns Burkhard das verschwiegen?«

»Aus Trotz,« rief Müllenheim, »weil er keinen Ausgleich und keinen
Frieden wollte und weil er -- es muß einmal gesagt werden -- weil er
die Hohkönigsburg haben wollte.«

»Die Hohkönigsburg? für sich? und wir sollten sie für ihn erobern?«
fragten gleichzeitig einige der Herren, höchst betroffen von diesen
aufregenden Mittheilungen. Auch die Anderen schüttelten mißbilligend
und murrend den Kopf und schwiegen, weil sie das soeben Vernommene mit
keinem Worte zu beschönigen wußten.

Müllenheim aber fuhr fort: »Ich hoffe, liebe Herren, ich habe euch
Alle überzeugt, daß es das Gerathenste ist, mit unsern Gegnern Frieden
zu schließen. Wir können es mit Ehren thun, und sie werden uns dabei
auf halbem Wege entgegenkommen. Außerdem ist es das sicherste Mittel,
unserem Freunde Burkhard die Freiheit zu verschaffen.«

Als kein Widerspruch dagegen laut wurde, nahm Lützelstein wieder das
Wort und sagte: »Du hast Recht, Jost; es bleibt uns nichts Anderes
übrig.« Seine Gäste nickten ihm der Reihe nach zu außer Leiningen, der
verdrossen dasaß und sich nicht rührte.

»Ich fürchte nur, Burkhard wird sich gegen unsern Beschluß mit aller
Gewalt auflehnen, seine Zustimmung verweigern und uns Alle mit einander
Abtrünnige schelten,« sagte Landsberg.

»Mag er! fügen muß er sich,« versetzte Müllenheim. »Er allein kann die
Fehde nicht weiterführen, und ohne Handfeste giebt ihn Thierstein nicht
frei.«

»Wer wird es ihm beibringen?« fragte Dürkheim, »Philipp, Du?«

»Ich? nein! ich richte bei meinem Bruder nichts aus. Das kann nur
Müllenheim,« erwiederte Philipp.

»Ich übernehm' es,« erklärte Jost. »Graf Thierstein wird mir eine
Unterredung mit seinem Gefangenen nicht verwehren.«

»Ich beneide Euch um diesen Gang nicht, Herr Jost von Müllenheim,«
lachte der Dagsburger höhnisch.

»Glaubt Ihr, daß er mir Freude macht, Graf Schaffried? ich trete ihn
Euch gern ab, wenn Ihr Lust dazu habt,« entgegnete ihm Müllenheim
scharf.

»Auf gute Verrichtung, Jost!« sprach Henning, der einem drohenden
Wortstreit zwischen den Beiden durch einen gemeinsamen Trunk vorbeugen
und damit zugleich das Zeichen zum Aufbruch geben wollte.

Sie leerten ihre Becher und erhoben sich, mit den Harnischen klirrend
und rasselnd, vom Tische, um unten die Rosse zu besteigen und von der
Frankenburg abzureiten. --

Burkhard befand sich auf der Hohkönigsburg in einem so bequemen
Gewahrsam und genoß einer so vorzüglichen Pflege, wie er sich beides
nicht besser wünschen konnte. Pater Eusebius kam täglich, seine Wunde
zu behandeln und die Heilung des gebrochenen Schlüsselbeines zu
bewirken. Außer diesem aber und seiner Bedienung wollte der langsam
Genesende Niemand sehen und hatte sich den ihm zugedachten Besuch des
Grafen Oswald entschieden verbeten, man sollte ihn in Ruhe lassen, er
wollte allein sein. Mit verbundener Schulter saß er in finsterem Brüten
oder schaute sehnsüchtig in das weite Land hinaus, wo die Freiheit
winkte und in der Ferne wie ein verführerisch zwinkerndes Auge ein
Stück vom Spiegel des Rheines blitzte. Er sah die Wolken am Himmel
ziehen und hörte den Wind in den Bäumen rauschen, beständig fürchtend,
daß er das nicht lange mehr können, daß man ihn nach Fehderecht bald
aus seiner wohnlichen Krankenstube hier in den Thurm werfen und dort
elend verkommen lassen würde. Aber die Hoffnung ließ er nicht sinken,
daß seine Freunde die größten Anstrengungen zu seiner Befreiung
machen würden. Sie würden gewiß nicht still sitzen und müßig bleiben,
sondern neue Kräfte sammeln und den Feind wieder und wieder angreifen.
Vielleicht glückte es ihnen auch im weiteren Verlauf der Fehde, einen
der hervorragendsten Gegner, wo möglich einen Rappoltstein, gefangen zu
nehmen, gegen den er dann ausgetauscht werden könnte. Andere Mittel
und Wege zu seiner Befreiung als die siegreiche Hilfe seiner Freunde
sah er nirgend, denn nun und nimmer würde er sich dazu herbeilassen,
sich vor dem Thiersteiner zu demüthigen und wußte daher nicht, wie
lange Zeit, wie viele Jahre vielleicht er die Pein der Gefangenschaft
zu tragen haben würde, er, der Alles eher ertrug als den Zwang, sich
dem Willen eines Anderen fügen zu müssen. --

Nach Verlauf einer Woche wurde ihm der Besuch Schmasmans gemeldet. Aber
auch ihn wollte er nicht empfangen. »Nein, nein!« rief er, »ich will
ihn nicht, er soll mir nicht vor die Augen kommen.«

Schmasman jedoch, schon dicht vor der nicht ganz geschlossenen Thüre
wartend, hörte den unfreundlichen Bescheid und trat auch ohne die
ertheilte Erlaubniß mit den Worten ins Zimmer: »Ich lasse mich nicht
abweisen, Burkhard. Hier bin ich; hinauswerfen kannst Du mich nicht,
mußt hören, was ich Dir zu sagen habe.«

»Was willst Du hier?« fuhr Burkhard auf, »Dich an meinem Unglück
weiden? ist ja Dein Werk, Wortbrüchiger, der Du bist!«

»Was ich Dir darauf erwiedern könnte, weißt Du,« entgegnete Schmasman.
»Das Mitleid treibt mich her, denn ich meine es gut mit Dir, Burkhard,
und verzeihe Dir Alles, was Du mir angethan hast. Also laß uns ruhig
und vernünftig mit einander reden.«

»Was sollten wir noch mit einander zu reden haben!«

»Willst Du mir ein paar Fragen beantworten?«

»Das kommt auf die Fragen an.«

»Zunächst gestattest Du wohl, daß ich mich setze,« sagte Schmasman,
indem er Burkhard gegenüber, der sich selber nicht von seinem Sitz
erhoben hatte, auf einem Stuhle Platz nahm. »Du hast eine Begegnung mit
dem Grafen Oswald abgelehnt. Hast Du schon darüber nachgedacht, auf
welche Weise Du Deine Freiheit wiedererlangen willst?«

»Wenn ich ausbrechen könnte, thät' ich's; Worte verliere ich darüber
nicht.«

»Du hättest doch Oswald nach seinen Bedingungen fragen können.«

»Bedingungen? ich lasse mir von dem Thiersteiner keine Bedingungen
stellen,« trotzte Burkhard.

»Er war vor Kurzem bei mir auf der Ulrichsburg; da habe ich gethan, was
ich konnte, seine Anfangs sehr hohen Forderungen zu ermäßigen. Es ist
mir auch gelungen, und Du mußt nun zufrieden sein mit dem, was ich für
Dich erreicht habe.«

»Hast Du den Auftrag, mit mir darüber zu verhandeln?«

»Nein, das nicht.«

»Ich dachte. Thierstein wird ja durch die Heirathsabrede eurer Kinder
Dein Herr Bruder. Ich wünsche Dir Glück zu diesem Bruder.«

»Danke!«

»Ihr werdet ja sehen, ihr kurzsichtigen, leichtgläubigen Thoren,
was ihr nun erst mit ihm erleben werdet, nachdem ihr ihm in seinem
Hochmuth beigestanden und ihn noch darin bestärkt habt. Jetzt
wird er euch erst recht den Fuß auf den Nacken setzen, euch seine
landvogteiliche Gewalt fühlen lassen und euch ein Recht nach dem
anderen über dem Kopfe wegnehmen. Oder fällt bei Deinem geheimen
Abkommen mit ihm noch ein ganz besonders werthvolles Privileg für Dich
ab, dessen kein Anderer theilhaftig wird?«

»Burkhard!!« -- Schmasman sprang auf, und auch Burkhard erhob sich
ungestüm. Mit zornfunkelnden Augen maßen sich die Beiden, die in ihrem
Leben manchen Strauß zusammen ausgefochten, manchen Ritt Bügel an Bügel
gethan und so manchen, manchen Becher Wein an einem Tische mit einander
getrunken hatten. Schmasman kämpfte seine Empörung nieder und sprach
mit erzwungener Ruhe: »Ich will die schmählichen Worte, die Dir in
Deinem Unverstand eben entschlüpft sind, nicht gehört haben, denn ich
bin nicht gekommen, um mich mit Dir zu zanken, sondern um Dir zu rathen
und zu helfen.«

»Ich habe Dich noch nicht um Rath und Hilfe ersucht und will Dir nichts
zu danken haben,« schnob Burkhard.

»So? aber zur Hohkönigsburg sollte ich Dir verhelfen, die Hohkönigsburg
wolltest Du mir zu danken haben, wenn ich sie mit Dir, für Dich
gestürmt und erobert hätte.«

»Nun, Du hast es nicht gethan, also kann ich mir den Dank sparen.«

»An etwas Anderes aber möchte ich Dich erinnern.«

»An was? wenn's beliebt,« fragte Burkhard mit umwölkter Stirn.

»An unsere alte Freundschaft, Burkhard!«

»Pah! alte Freundschaft!« sprach ihm Burkhard hohnlachend nach. »Die
liegt da unten im Weilerthal begraben und steht nicht wieder auf.«

»Ich hoffe doch, Burkhard!«

»Nein! wenn Du gekommen bist, Todtes zu erwecken, -- das wäre verlorene
Mühe.«

»So laß Dich an die Deinigen erinnern zu Hause, wie sie sich grämen
werden.«

»Bei Dir werden sie nicht betteln gehen.«

»Burkhard, um Deine Freiheit handelt es sich.«

»Was kümmert Dich meine Freiheit! gebrauche die Deinige und -- geh!«

»Es kostet Dich ein Wort, Burkhard, --«

»Das einzige Wort, das ich Dir zu sagen habe, hast Du eben gehört.«
Damit wandte er sich ab und stellte sich, Schmasman den Rücken
zukehrend, ans Fenster.

»Du weisest mir die Thüre?« sprach Schmasman. »Nun, -- dann lebewohl!
und wenn Du mich brauchen kannst, so rufe mich, dann bin ich da. Aber,
Burkhard, ungebeten komme ich nicht zum zweiten Male. Lebewohl!«

Burkhard antwortete nicht. --

»Es ist nichts mit ihm anzufangen,« sagte Schmasman unmuthig, als er
nach der fruchtlosen Unterredung mit Burkhard wieder in Oswalds Gemach
trat. »Er hat mich barsch abgewiesen, sein Trotz ist unbeugsam.«

»Was meint Ihr,« sprach Oswald, »wenn wir seinen Sohn Bruno
veranlaßten, herzukommen und ihm im Namen seiner Gemahlin, Frau
Stephania, Vorstellungen zu machen.«

»Das schlägt bei Burkhard nicht an,« erwiederte Schmasman. »Der läßt
sich durch nichts bewegen, von nichts Anderem lenken und leiten als von
seinem eigenen unerschütterlichen Willen. Auf nichts in der Welt nimmt
er Rücksicht, nicht auf Bruder und Freund, nicht auf Weib und Kind.«

»Habt Ihr ihm die milden Bedingungen, die Ihr mir für ihn abgerungen,
mitgetheilt?«

»Nein, er ließ mich gar nicht damit zu Worte kommen.«

Graf Oswald schüttelte den Kopf und sprach ärgerlich: »Dieser Gefangene
ist eine wahre Last für mich.«

»Ihr wäret froh, wenn Ihr seiner erledigt würdet?«

»Ach ja, Schmasman! und ich will mich noch mehr herunterhandeln lassen,
um ihn nur loszuwerden. Aber Ihr werdet mir nicht zumuthen, daß ich
gegen Den, der mich von hier vertreiben wollte, den Großmüthigen
spiele und ihm seine Freilassung bedingungslos anbiete, ihm förmlich
aufdringe.«

»Wahrhaftig nicht!« sagte Schmasman. »Laßt ihm Zeit; auf die Dauer hält
er den Verlust der Freiheit nicht aus.«

»Ich will sie ihm gern zurückgeben, aber Urfehde muß er schwören.«

»Das versteht sich,« stimmte Schmasman zu, »Gott gebe, daß er
zur Vernunft kommt! Auf Wiedersehen, Oswald! Euren Damen meinen
ehrerbietigen Gruß!«



XXIX.


Graf Oswald besann sich nicht lange, was er antworten sollte, als
ihm einige Tage später die unerwartete Ankunft Josts von Müllenheim
gemeldet wurde, der durch Isinger anfragen ließ, ob ihm der Herr Graf
eine Besprechung unter vier Augen mit Burkhard verstatten wolle.

»Führe Herrn von Müllenheim zu mir herauf,« befahl er dem Stallmeister.

»Soll ich das Löwenthor hinter ihm schließen lassen?« frug Isinger.

»Nein, ich gewähre dem Ritter freies Geleit ein und aus. Sag' ihm das!«
erwiederte der Graf.

Müllenheim hatte sich in seinem Vertrauen zu Oswalds ritterlicher
Gesinnung nicht getäuscht, als er sich davor sicher glaubte, daß dieser
ihn als noch unbefriedeten Gegner festhalten und einlegen könnte.

Oswald empfing ihn höflich wie einen Gast mit der zuvorkommenden
Anrede: »Die Erfüllung Eures Wunsches ist selbstverständlich, Herr von
Müllenheim, in der Voraussetzung, daß Ihr mit Herrn von Rathsamhausen
nicht neue feindliche Pläne gegen mich schmieden wollt.«

»Keineswegs will ich das, Herr Graf!« versicherte Müllenheim. »Das
Gegentheil davon ist die Veranlassung meines Erscheinens hier.«

»Desto angenehmer ist mir Euer Besuch,« sprach Oswald. »Darf ich Euch
zu meinem wenig umgänglichen Gefangenen führen? ich werde Euch mit ihm
allein lassen.«

Müllenheim verbeugte sich dankend und sagte: »Vorher nur noch ein Wort
zur Aufklärung! Wisset, Herr Graf: erst nach dem Gefecht haben wir von
Eurem Vergleich mit Maximin von Rappoltstein Kunde erhalten.«

»Graf Maximin hat ihn Euch verschwiegen?« frug Oswald verwundert.

»Nicht Maximin; er hat ihn Burkhard brieflich mitgetheilt. Dieser aber
hat ihn uns, seinen Bundesgenossen, verheimlicht.«

»Das ist -- verzeiht! eine ganz unverantwortliche Handlungsweise,«
konnte Graf Oswald nicht umhin zu bemerken.

»Der Meinung bin auch ich,« stimmte Müllenheim zu. »Alles wäre anders
gekommen, wenn wir das gewußt hätten. Aber Burkhard verfolgte seine
eigenen Zwecke, die er uns verbarg.«

»Und hofft Ihr ihn bekehren zu können, daß er nun einen anderen Weg
einschlägt?«

Müllenheim zuckte die Achseln. »Meine Neuigkeiten werden ihm wenig
gefallen.«

»Was Ihr auch mit ihm zu reden haben möget, ich wünsche Euch einen
besseren Empfang bei ihm, als sich Schmasman dessen zu rühmen hatte,«
sprach Oswald.

»War Schmasman hier?«

»Ja, und Herr Burkhard hat ihm die Thür gewiesen.«

»Die Thür gewiesen? Na, das sollte der Grobsack mal bei mir versuchen!«
lachte Müllenheim mit drohender Geberde. In verbindlichem Tone fügte er
dann hinzu: »Darf ich nun bitten, Herr Graf?«

Oswald führte den Unerschrockenen bis vor Burkhards Gemach und
verabschiedete sich dort von ihm. --

»Sei mir gegrüßt, Burkhard!« sprach Müllenheim, als er eintrat.

»Jost! Gottwillkommen!« rief Burkhard, dem Freunde entgegeneilend
und ihm die Hand reichend. »Als wir uns zuletzt sahen, warst Du ein
Gefangener wie ich; bist Du es noch? etwa bei den Rappoltsteinern? und
haben sie Dir auf Ehrenwort Urlaub gegeben, mich zu besuchen? viel
Gunst und Gnade von den hochedlen Herren!«

»Ich bin frei und komme gerades Weges von Girbaden, um Dir zu sagen --«

»Daß die Fehde guten Fortgang nimmt?« unterbrach ihn Burkhard freudig.
»Das hör' ich gern.«

»Hast's aber noch nicht gehört und wirst's auch nicht zu hören
bekommen,« sagte Müllenheim. »Die Fehde ist aus, Burkhard.«

»Jost! -- Die Fehde ist aus? was soll das heißen?« fragte Burkhard, wie
durch einen kalten Wassersturz ernüchtert und den Überbringer dieser
Hiobspost steif und starr anblickend.

»Wir waren nach dem Gefecht im Weilerthal Alle bei Dietrich von
Lützelstein auf der Frankenburg versammelt und haben uns dort nach
gründlicher Berathung dahin geeinigt, mit Rappoltstein und Thierstein
Frieden zu schließen, weil eine Fortsetzung des Kampfes nicht möglich
ist,« erwiederte Müllenheim ernst und bestimmt. »Ich komme nun, um Dich
zu bewegen, ebenfalls Deinen Frieden mit ihnen zu machen, damit Du frei
wirst.«

»Da hättest Du ruhig zu Hause bleiben können; denn das thu ich nicht,«
entgegnete Burkhard hochmüthig. »O ihr Treulosen! ihr -- was sag' ich?
ihr --«

»Nimm kein Blatt vor den Mund! ich bin etwas gewöhnt von Dir,« sprach
Müllenheim gelassen.

»Also zu Kreuze kriechen wollt ihr, euch ducken und demüthigen vor Dem
hier, feig und erbärmlich!«

»Jetzt sag' ich: hüte Deine Zunge, Burkhard! feig sind wir nicht,« gab
ihm Müllenheim in rasch aufwallender Erregung zur Antwort.

»Feig seid ihr!« schrie Burkhard borstig und schlug derb mit der Faust
auf den Tisch, an dem sie beide saßen.

Aber Müllenheim hieb noch fester auf und schrie noch lauter: »Sind wir
nicht! Du hast falsches Spiel mit uns getrieben --«

Burkhard wollte wüthend auffahren.

»-- hast falsches Spiel mit uns getrieben,« wiederholte Müllenheim
zornsprühend, »hast uns hinterlistig verhohlen, welchen vernünftigen
und guten Vergleich Schmasman mit dem Thiersteiner abgeschlossen hat,
obwohl Du es wußtest, denn Schmasman hat es Dir geschrieben. Selbst
mir hast Du diese wichtige Nachricht vorenthalten, als ich noch vor
Beginn der Fehde bei Dir war. Ist das freundschaftlich, ist das ehrlich
gehandelt? nein! tausendmal nein!«

»Ich habe Schmasmans Brief in meinem Ärger gleich nach dem Lesen
verbrannt, weiß gar nicht mehr recht, was darin gestanden hat,«
erwiederte Burkhard verlegen.

»O so etwas vergißt man nicht, und Du hattest bisher kein so
durchlässiges Gedächtniß,« höhnte Müllenheim. »Meinst Du, wir wüßten
nicht, warum Du es uns Allen verheimlicht hast? Weil Du uns mißbrauchen
wolltest für Deinen ehrgeizigen Plan. Wir sollten uns für Dich an der
Schildmauer der Hohkönigsburg die Schädel einrennen, damit Du über uns
hinweg hier einziehen könntest als siegreicher Feldherr und Eroberer.«

»Du hast meinen Plan gekannt und gebilligt.«

»Gebilligt? niemals! gewarnt hab' ich Dich, und nie wäre es zu
dieser Fehde gekommen, wenn Du uns reinen Wein eingeschenkt hättest
statt uns so schmählich zu hintergehen. Du hattest, was Du mir
ebenfalls verschwiegen hast, Schmasman versichert und gelobt, keine
Sonderabsichten auf die Hohkönigsburg zu haben und hattest sie doch
damals schon. Wie nennst Du das? ich habe nur ein Wort dafür, -- willst
Du es hören?«

»Sollte Thiersteins Beleidigung gegen mich ungerächt bleiben?«
erwiederte Burkhard ausweichend, weil er das Wort doch lieber nicht
hören wollte.

»Steigt ihr Zwei doch auf die Gäule, legt die Lanzen auf einander
ein und zerschrotet euch mit den Klingen Helm und Harnisch,« rief
Müllenheim. »Ich will mit Vergnügen zusehen, wenn es zwischen euch
splittert und kracht.«

Burkhard stand auf und durchmaß das geräumige Zimmer kreuz und quer
mit unruhigen, hastigen Schritten. Er wußte gegen Müllenheims ihm
schonungslos ins Gesicht geschleuderte Vorwürfe nichts Stichhaltiges zu
seiner Entschuldigung vorzubringen und würgte an den bitteren Pillen
zum Ersticken.

Als er minutenlang geschwiegen hatte, fing Müllenheim wieder an:
»Ich frage Dich, Burkhard, was soll aus Dir werden? Willst Du in
Deinem überspannten Trotz hier verschimmeln und verfaulen statt
Dir die Freiheit mit einem billigen Nachgeben zu erkaufen? Deinem
alten Waffenbruder Schmasman hast Du schnöde die Thür gewiesen, die
er Dir durch seine Vermittelung öffnen wollte. Wir Anderen rühren
keine Hand und zäumen kein Roß mehr Deinetwegen, der Du in Deiner
heillosen Verblendung und Verstocktheit dickköpfig beharrst, taub für
Freundesrath und Vernunftgründe. Du bist in Thiersteins Gewalt; ich
an seiner Stelle ließe Dich nicht in diesem behaglichen Gastgemach,
sondern würfe Dich in das dunkelste Loch und machte Dich mit Hunger und
Durst kirre, bis Du das Knie vor mir bögest und um Gnade flehtest.«

»Das thätest Du! aber Gott sei Dank weiß ich mich hier in
ritterlicheren Händen als in den Deinigen,« brauste Burkhard grimmig
auf.

»Ah! in ritterlichen Händen! also zu der Einsicht bist Du doch schon
gekommen, daß Du hier in der Gewalt eines ritterlichen Mannes bist.
Das wäre ja ein sehr erfreulicher Fortschritt Deiner mangelhaften
Erkenntniß.«

»Man kann sich in seinen Feinden wie in seinen sogenannten Freunden
irren,« gab ihm Burkhard bissig zum Bescheid. »Du überschüttest mich
mit kränkenden Worten, willst aber keine Hand für mich rühren und läßt
mich elend im Stiche.«

»Tod und Teufel! was soll ich denn machen?« wetterte Müllenheim. »Es
ist doch Deine Schuld, daß Du hier festsitzest. Kann ich Dich aus dem
Fenster auf meinem Rücken durch die Luft tragen? Du bist ein verlorener
Mensch und kommst im Leben nicht wieder los, wenn Du nicht das Wörtlein
Frieden über die Lippen bringst.«

»Eh ich das thue, will ich verrecken!« schrie Burkhard, die Fäuste
ballend und nach seiner Gewohnheit mit dem Fuß auf den Boden stampfend.

»Nun, dann bin ich fertig mit Dir und gebe Dich auf,« sprach Müllenheim
und erhob sich. »Ich wünsche Dir eine dauerhafte Geduld. Sollte jedoch
dieser bei Dir ohnehin sehr schwache Faden einmal reißen und Dich die
Laune anwandeln, Dich frei zu machen, so weißt Du, wo Du mich zu
suchen hast. Auf Schloß Girbaden sehen wir uns wieder, sonst nie und
nirgend mehr.«

Damit schritt er, ohne dem Zurückbleibenden die Hand zu reichen, zur
Thür hinaus, die er dröhnend hinter sich zuwarf. --

»Von den Einen bestürmt, von den Anderen verlassen!« sprach Burkhard,
als er wieder allein war. »Meinen Stolz soll ich verleugnen, meine
Schuld soll ich bekennen. Worin besteht denn meine Schuld? eine
Beleidigung rächen, meinen Nacken nicht unter das Joch beugen
zu wollen, ist das ein Verbrechen, das ich zu büßen hätte? Die
Hohkönigsburg! -- wenn wir sie im Kampfe bezwungen hätten, warum sollte
dann ich sie mir nicht nehmen eher als ein Anderer? Wir Rathsamhausen
sind die Ältesten im Wasgau, mir käme sie zu. Nun wird sie niemals
mein werden. Daß ich den Genossen verschwiegen habe, was ich wußte,
das ist das Recht eines Jeden, der als Feldoberster allein zu gebieten
und zu entscheiden hat. Und ich war der Führer der Anderen, die sich
mir gesellt, sich mir untergeben hatten; ich hatte für sie zu denken,
für sie zu handeln und brauchte sie in meine Maßnahmen und Pläne nicht
einzuweihen. Erkaufen und erbetteln soll ich mir die Freiheit, sie wie
ein Gnadengeschenk aus der Hand des Übermüthigen hinnehmen und mich
auch noch dafür bedanken. Nichts in der Welt kann mich dazu bewegen,
wenn es das Eine nicht thut, das Furchtbare, Grausige. Das hält mich
umstrickt und läßt mich nicht los und raubt mir den Schlaf, immer und
immer umschwebt es mich.« Stöhnend warf er sich in einen Sessel und
verhüllte das Gesicht, als könnte er sich so vor dem Anblick von etwas
Schrecklichem schützen.

In der nächsten Nacht schlief er fast gar nicht. Er hatte gegen Abend
von seiner Gemahlin einen Brief erhalten, worin ihn Frau Stephania
mit den innigsten Worten und Vorstellungen anflehte, doch nachzugeben
und Frieden zu schließen, damit er frei würde und wieder zu ihr käme.
Sie verginge in Ängsten um ihn; auch Bruno und die in der Lützelburg
sorgten sich seinetwegen, selbst das Burggesinde, vom Ersten bis zum
Letzten, früge in treuer Anhänglichkeit fast täglich, wie es mit ihm
stünde, wann er denn zurückkehrte.

»Auch das noch!« seufzte Burkhard, als er den Brief gelesen hatte.
»Armes Weib! sie jammert mich. Unter heißen Thränen hat sie das
geschrieben, da sind die Tropfen. Und ich kann nicht, ich kann nicht!
ich bringe es nicht über mich, den einzigen Schritt zu thun, der mir
die Freiheit wiedergiebt, die Freiheit, nach der ich mich sehne, nach
der mein Herz dürstet und schreit wie der Hirsch im Walde.«

So blieb denn Alles beim Alten, und Schmasman hatte Recht, als er zu
Oswald gesagt hatte: »Nicht Freund, nicht Bruder, nicht Weib und Kind
können den Trotz dieses Unbeugsamen brechen.« --

Pater Eusebius kam jetzt nur noch jeden dritten Tag. Heute war der
zweite nach seinem letzten Besuch, morgen also mußte er wieder kommen.

Er erschien auch zur gewohnten Zeit, prüfte die verharschende Wunde nur
flüchtig und sagte dann: »Herr von Rathsamhausen, ich brauche nun nicht
mehr zu kommen, denn ich kann Euch nichts mehr nützen. Eure völlige
Heilung wird die allgütige Mutter Natur besorgen auch ohne meine jetzt
überflüssige Hilfe. Nur Schonung ist noch nöthig, die ich Euch dringend
empfehle.«

»So nehmet meinen Dank, ehrwürdiger Pater,« sprach Burkhard, »nur den
aufrichtigen, mündlichen Dank eines armen Gefangenen, der nichts hat
als Worte. Ihr habt mich sorglich gepflegt, und ich will es Eurem
Kloster entgelten, sobald ich frei werde, oder auch schon früher durch
die Meinigen daheim.«

Aber Eusebius ging noch nicht, und Burkhard merkte ihm an, daß er noch
etwas auf dem Herzen hatte. »Herr von Rathsamhausen,« begann er in
seiner sanften Weise, »ehe ich von Euch scheide, habe ich Euch noch
etwas zu sagen, etwas, womit ich Euch, so lange Ihr zu leiden hattet,
nicht beschweren wollte. Ich bin nicht bloß Arzt, ich bin auch ein
Diener der heiligen Kirche, des Glaubens und der christlichen Liebe.
Ich bitt' Euch, höret mich ruhig an, edler Herr,« fuhr er fort, als
Burkhard bei dieser Einleitung die Stirne krauste. »Ich will hier nicht
als Euer Beichtiger auftreten, der ich nicht bin, will nicht rechten
mit Euch, nicht mit Strafen des Himmels und der Hölle drohen. Denket,
ein alter Freund spräche zu Euch, dem Eurer Seele Heil am Herzen liegt.
Macht Frieden, Herr! Frieden mit Euch, mein' ich, gebt Euch selber
den Frieden zurück, den Ihr -- ich weiß es -- schwer entbehrt. Ich
frage nicht nach Eurem Streite mit anderen ritterlichen Herren, alles
Weltliche liegt mir fern. Ist Euch Unrecht geschehen, so suchet Euer
Recht auf gütlichen Wegen, und könnt Ihr es nicht finden, so laßt Den
da oben richten und schlichten.«

»Ihr meint es gut, Eusebius,« erwiederte Burkhard, »aber sparet die
Mühe, Ihr könnt mir auch hierbei nicht nützen und helfen. Nicht das
Kreuz, nur das Schwert kann mich erlösen und mir den Weg in die
Freiheit bahnen.«

Der Alte schüttelte langsam das geschorene Haupt und den wallenden
Bart. »Weiset mich nicht ab, lieber Herr!« hub er von Neuem an. »Ich
möchte Euch den Stachel aus der Brust ziehen und alle Feindschaft,
die Ihr dort heget, mit der Wurzel ausreuten. Liebet eure Feinde,
segnet, die euch fluchen, bittet für die, so euch beleidigen und
verfolgen, hat ein weiser, ein göttlicher Mund gesprochen, und Der
uns diese Lehre hinterlassen, hat sie mit seinem Blute besiegelt.
Thut nach seinem Gebote, Herr, eh es zu spät ist, damit Ihr es in
Eurem letzten Stündlein nicht zu bereuen habet, damit Eure Seele nicht
schuldbeladen von hinnen scheidet und Ihr nicht unversöhnt mit Euren
Widersachern hinüber fahret ins Jenseits, wo man nichts weiß von Kampf
und Zwietracht, wo ein ewiger, seliger Friede waltet. Wer aber hier
nicht Frieden hält und Frieden stiftet, der findet auch da drüben
keinen, und die Ewigkeit ist lang, ach! endlos lang. Bedenket, Herr,
jeden Tag könnt Ihr abberufen werden aus diesem Erdenleben, und Eure
Rechnung hienieden muß beglichen, Euer Gewissen muß rein sein, wenn der
Tod kommt und Euch seine kühle Hand aufs Herz legt, daß es still steht
und aufhört zu schlagen, zu hoffen, zu fürchten und zu hassen. Macht
Euch den Abschied vom Irdischen einmal leicht, Herr! ich sage Euch, ein
unbußfertiger Tod ist ein schrecklicher Tod; graut Euch davor nicht?
Und dann, -- was soll werden mit Euch, wenn dereinst die Posaunen
erschallen und die Todten auferstehen zum jüngsten Gericht?«

»Mach' ein Ende, Mönch!« rief Burkhard angstvoll aus, »Du marterst mich
mit Deinen Litaneien, und ich will noch nicht sterben.«

»Ich gehe, Herr,« sprach Eusebius. »Der allmächtige Gott erleuchte
Euren Sinn und lenke Euer Herz, er sei Euch gnädig in Zeit und
Ewigkeit!« Und nach dem Zeichen des Segens verließ er den Zerknirschten.

Burkhard saß, den Arm auf den Tisch gestützt und die Stirn in die
Hand gelegt. »Liebet eure Feinde!« murmelte er, »unser Heiland hat es
gesagt, aber noch hab' ich Keinen gekannt, der das vermocht hätte.
Wie soll ich es anfangen, der sein Leben lang auf einen Schlag immer
zwei zurückgegeben hat? Ich kann für meine Feinde nicht flehen: Herr
vergieb ihnen! weil ich ihnen selber nicht vergebe und auch von ihnen
keine Vergebung verlange. Wenn der Tod kommt, -- ja, der läßt sich
nicht die Thüre weisen, der packt und schüttelt die Armesünderseele
mit seinen Schauern und Schrecken, daß sie zittert und bebt. Sollte das
Scheiden leichter sein, wenn man mit aller Welt in Frieden dahingeht?
Wer giebt mir Antwort darauf? Ich habe dem Tode oft genug ins Auge
gesehen, draußen im Feld, hab' ihn nie gefürchtet, bin ihm hoch zu
Rosse, das Schwert in der Faust, entgegengestürmt im fröhlichen
Reitergefecht. Aber im Bette, wenn man machtlos liegt wie gefesselt
und fühlt, daß er kommt, daß er jeden Tag, jede Stunde einen Schritt
näher heranschleicht, Einen abzuholen ins Dunkle, Unbekannte, in ein
unverbürgtes Jenseits, von dem kein Mensch weiß, was seiner dort
wartet, -- davor hab' ich Angst, Angst wie das Kind vor der Ruthe.
Wenn ich mir die von der Seele herunterbeten, mich von ihr loshandeln
könnte, kein Preis wäre mir zu hoch dafür.«

Immer einsamer ward es um den Gefangenen. Seine Freunde Jost und
Schmasman, die er hart vor den Kopf gestoßen hatte, kamen nicht wieder.
Der gute Pater Eusebius, der sich stets eine Weile freundlich mit ihm
unterhalten hatte, blieb von jetzt an auch weg. Nun sah er Niemand
mehr außer dem Thierstein'schen Burgmann, der ihn bediente. Tag und
Nacht war er allein in den geschlossenen vier Wänden, allein mit dem
bohrenden Groll über sein Schicksal, der nagenden Sorge um seine
Zukunft und der brennenden Sehnsucht nach der Freiheit. Diese Drei
sogen an seinem Lebensmark wie eine zehrende Krankheit und brachten den
an rastlose Bewegung und unbeschränkte Bethätigung seiner Kraft und
seiner leidenschaftlichen Gemüthsart Gewöhnten, nun aber zum trost-
und hoffnungslosen Ausharren Verdammten an den Rand der Verzweiflung.
Legte er sich Abends zur Ruhe nieder, so fand er sie doch nicht. Die
Augen konnte er wohl schließen, aber die Gedanken aus seinem zerwühlten
Gehirn nicht aussperren. Immer klangen ihm die mahnenden Worte des
Paters Eusebius vom letzten Stündlein und vom jüngsten Gericht in
den Ohren. Kein Anderer hatte ihm so ans Herz gegriffen wie dieser
frommgläubige Mönch.



XXX.


Um die Morgendämmerung erwachte Burkhard aus einem kurzen Schlummer,
athemkeuchend, schweißgebadet. Ihm hatte von der weißen Frau geträumt,
die auf Schloß Rathsamhausen ihr gespenstisches, Unglück voraussagendes
Wesen trieb. Es ward ihm bald klar bewußt, daß es nur ein Traum gewesen
war, nichts weiter; aber er nahm, was er im Schlafe gesehen, für eine
Botschaft aus der anderen Welt, für eine Ankündigung des Besuches jener
unheimlichen Nachtwandlerin, deren Erscheinen unfehlbar seinen nahen
Tod bedeuten würde.

Ihm grauste. Mit bebenden Lippen flüsterte er: »Sie kommt, und nun zum
dritten Male. Ihrem Willen soll ich gehorchen, nicht dem meinigen, und
ich weiß, was sie von mir verlangt. Zweimal habe ich mich ihrem Befehle
widersetzt, das dritte Mal wär' es umsonst, dagegen giebt es keinen
Einspruch mehr.«

Doch lag er noch eine Zeit lang in unstetem Schwanken zwischen
Widerstand und Ergebung. Endlich aber, entschlossen, zu thun, was er
bis heute für unmöglich gehalten hatte, erhob er sich, kleidete sich
an und konnte kaum abwarten, daß sein Wärter kam, ihm das Frühmahl zu
bringen, obschon ihn wahrlich nicht nach Speis' und Trank gelüstete.

Dem aufmerksamen Diener fiel sogleich bei seinem Eintritt das
verstörte, fieberhafte Aussehen des im Zimmer unruhvoll Umherirrenden
auf, und er fragte: »Was fehlt Euch, Herr? seid Ihr krank? habt Ihr
eine schlechte Nacht gehabt?«

Burkhard schüttelte und gebot ihm: »Geh zu Deinem Herrn, Drotmund, und
sag' ihm, ich ließe ihn inständig bitten, einen reitenden Boten zum
Grafen Maximin von Rappoltstein zu schicken mit dem Ersuchen an ihn,
heute noch zu mir herauf zu kommen.«

»Nun ist's entschieden,« sprach er, als der Diener hinaus war. »Wäre
nur erst Alles überstanden! dies ist der schwerste Tag meines Lebens.
Als ein Gedemüthigter werde ich von der Hohkönigsburg abziehen, auf
der ich zu herrschen gedachte. Wär' ich nur erst aus ihren Mauern
heraus! nie sollen sie mich wiedersehen. Was wird Schmasman sagen? wird
er nicht spotten und lachen über mich? mir ins Gesicht wohl nicht,
aber hinter meinem Rücken. Und wie protzig wird sich der Thiersteiner
gehaben, wenn er mich in Gnaden entläßt! Auch das muß ich tragen, -- o
Freiheit, du wirst theuer bezahlt!«

Ohne Verzug geschah, was der Gefangene so dringlich erbeten, und
als der entsandte Knecht seinen Auftrag auf der St. Ulrichsburg
ausgerichtet hatte, erklärte sich Schmasman auf der Stelle bereit,
Burkhards Wunsch zu erfüllen. Er ließ satteln und ritt eilig ab.

Was war vorgefallen, daß Burkhard seiner begehrte, seiner bedurfte
und ihn, den er in so verletzender Weise seiner Wege zu gehen
geheißen hatte, jetzt selber zu sich rufen ließ? Es mußte etwas
Außerordentliches, Wichtiges sein, was den Halsstarrigen zu diesem
ihm gewiß nicht leicht gewordenen Schritte getrieben hatte. Ein Zwist
mit Oswald, in welchem er den Schiedsrichter machen sollte? oder --
Schmasman wagte kaum, es zu hoffen -- ein plötzlicher Umschlag seines
Willens, weil er des Eingesperrtseins überdrüssig und von einem nicht
mehr zu bändigenden Freiheitsdrange bewältigt war? Von einem Beweggrund
auf den andern rathend ritt Schmasman zur Hohkönigsburg hinauf, wo er
im Laufe des Vormittages eintraf.

Nach einer kurzen Zwiesprach mit dem Grafen Oswald, der ihm zwar
keine Auskunft über Burkhards Verlangen ertheilen konnte, ihn jedoch
unter der einen, ihm bekannten Bedingung zu jedem Abkommen mit diesem
bevollmächtigte, begab er sich zu dem, der seiner harrte.

Burkhard empfing ihn in einer Erregung, die er vergeblich zu bemeistern
suchte. Er ging ihm entgegen, bot ihm die Hand und sagte: »Sei mir
willkommen, Schmasman, und habe Dank! Du findest heut einen Andern
hier, als der war, der sich vor Wochen im Zorne von Dir abwandte.
Verzeihe mir die bösen Worte, die ich Dir zu hören gab, sie thun mir
jetzt bitter leid.« Nur ein noch festerer Handdruck war Schmasmans
Antwort darauf. »Du hattest mir versprochen, wiederzukommen, wenn ich
Dich riefe, und wirst Dir wohl denken können, warum ich Dich heute zu
mir bitten ließ.«

Schmasman blickte den vor ihm Stehenden forschend an und sagte dann:
»Du willst frei werden, Burkhard, nicht wahr?«

»Ja, Schmasman, ich will frei werden, mag es kosten, was es will!«
klang es fest und bestimmt wie ein unwiderruflicher Spruch aus
Burkhards Innerstem heraus. »Ich werde irrsinnig im Käfig; lieber todt
in der Gruft als lebendig in der Gefangenschaft.«

»Ich wußt' es wohl, mein armer Freund, daß Du es auf die Dauer nicht
aushalten würdest,« erwiederte Schmasman, selber ergriffen von dem Ton,
in dem der Andere sprach. »Nur die Freiheit ist das Element, worin Du
athmen kannst.«

Burkhard nickte: »Setze Dich und höre mich an! ich habe Dir viel zu
sagen.«

Als sich beide gegenüber saßen, ward es Burkhard schwer, den Anfang
zu machen. Es schien ein Druck auf ihm zu liegen, der ihm die Brust
beengte, und aus seinem Blicke sprach eine gewisse Scheu, als zögerte
er mit einem geheimnißvollen Geständniß, das er sich erst von der
Seele losringen müßte. Endlich begann er, noch immer mit seiner
tiefen Erregung kämpfend: »Jost von Müllenheim war bei mir und hat
mir gesagt, daß die Fehde aus ist, weil meine Verbündeten nicht mehr
gegen euch kämpfen wollen. Damit ist mir, von Allen verlassen, jede
Hoffnung genommen, auf andere Weise frei zu werden, als -- als wenn
ich mich unterwerfe. So unsagbar schwer es mir auch wird, bin ich doch
entschlossen dazu, weil ich muß, denn ich thue es nicht freiwillig.
Ich würde meinen Stolz bis zum letzten Athemzuge bewahren und lieber
als Besiegter mit Ehren zu Grunde gehen als, vom Tode gezeichnet wie
ein Baum im Forste von der Axt des Fällers, um Gnade bitten. Aber
etwas Furchtbares, schauerlich Ahnungsvolles drückt mich zu Boden.
Nicht ihr, Schmasman, habt mich im Kampf überwunden und bezwungen, das
haben dunkle Mächte gethan, gegen die ein Sterblicher nicht aufkommt.
Vergeblich haben sie mich gewarnt, vergeblich habe ich ihnen getrotzt,
sie blieben die stärkeren und haben meine Kraft gebrochen. Noch keinem
Menschen hab' ich es gesagt, Du allein sollst es wissen. -- Schmasman,
mir ist in Rathsamhausen die weiße Frau erschienen.«

Schmasman fuhr bei dem zuletzt Vernommenen unwillkürlich auf seinem
Stuhle zusammen, unterbrach den Mittheilsamen aber mit keinem Worte,
und Burkhard sprach weiter: »In zwei Nächten ist sie zu mir gekommen;
kein Traum war es, kein Blendwerk, keine Einbildung; ich lag wach
und war klar bei Sinnen. Deutlich hab ich sie beim Dämmerlicht des
Mondes im Zimmer aus dem Dunkel hervorkommen sehen. In langem, weißem
Gewande, mit marmorbleichem Gesicht und aufgelöstem Haar schwebte
sie lautlos, als berührten ihre Füße den Boden nicht, auf mich zu,
blieb vor meinem Bette stehen, und mich mit ihren weit geöffneten
Todtenaugen starr anblickend erhob sie drohend die Rechte gegen mich,
bewegte wie verneinend das Haupt und glitt dann langsam wieder in den
Schatten zurück, aus dem sie gekommen war. Sprechen, sie anrufen konnte
ich nicht, mir war die Zunge wie gelähmt, und ich rührte mich nicht.
Das geschah in der Nacht vor dem Tage, da ich meinen Brief an Dich
abschickte. Wohl war ich erschrocken, wohl schwankte ich am Morgen, was
ich thun oder lassen sollte, aber mein Grimm und -- ich gesteh's --
meine Gier waren zu groß und gewannen die Oberhand über das Grauen. Ich
schlug die mitternächtige Warnung in den Wind und sandte den Boten mit
dem Brief an Dich ab.«

Hier machte Burkhard eine Pause, als müßte er Athem schöpfen, und fuhr
dann fort: »Zum zweiten Male kam sie in der Nacht vor dem Ausrücken zum
Kampfe. Diesmal erschien mir die Gestalt größer, ihr Arm höher gereckt,
ihr Blick drohender, sonst war ihr Nahen und Verschwinden genau so wie
beim ersten Male. Du kannst Dir wohl denken, Schmasman, daß mich dieser
zweite Besuch noch mehr erschütterte als der erste. Allein was sollte
ich thun? Die Befehle zum Aufbruch waren ertheilt und Alles bereit.
Ich schämte mich vor meinen Bundesgenossen, Alles wieder rückgängig zu
machen und damit Furcht und Feigheit zu verrathen, die mir sehr fern
lagen, zumal das erste Erscheinen der Grabentstiegenen kein Unglück im
Gefolge gehabt hatte. So achtete ich denn auch dieser zweiten Warnung
nicht und zog mit unseren gewaffneten Schaaren aus. Aber da ereilte
mich das Unheil nun doch, Du weißt ja wie. Und seit ich hier oben
gefangen sitze, werde ich die Erinnerung an die beiden Schreckensnächte
nicht aus den Gedanken los. Ich habe mit zähem Muth und mannhafter
Beherztheit dagegen angekämpft, aber vergeblich; eine innere Stimme
flüstert mir beständig zu: hüte dich vor dem dritten Kommen der weißen
Frau! sie wird dich suchen, dich bis hierher verfolgen und dich auch
hier zu finden wissen; erscheint sie dir zum dritten Male, so bringt
sie dir unrettbar Tod und Verderben. Und diese Nacht, Schmasman,
diese Nacht hab' ich sie im Traume gesehen, nicht wirklich wie in
Rathsamhausen, sondern nur als ein Traumbild. Ich weiß es genau, daß
es nur ein Traum war, aber er ist mir ein Wink von oben, daß sie bald
selber auch zum dritten Male kommen wird, und dann -- dann ist's um
mich geschehn. Denk an den doppelten, tödtlichen Pfeilschuß der zwei
Brüder Rathsamhausen, denen sie unmittelbar vorher drei Nächte hinter
einander erschienen war. So bin ich ihrem Bann verfallen, mit meiner
Kraft am Rande und zu keinem Widerstande mehr fähig. Macht mit mir, was
ihr wollt, ich bin zu Allem bereit.«

Er schwieg, lehnte sich erschöpft in seinen Stuhl zurück und trocknete
sich die perlende Stirn.

Schmasman erhob sich und sprach, seine Hand auf des alten Freundes
Schulter legend: »Dein Schicksal ist es, Burkhard, das Dich mit
Geisterhauch und Grausen wach rüttelt, damit Du seinen Willen thust,
ehe es Dich nach seinen unwandelbaren Gesetzen verderben und
vernichten muß. Ich lobe Deinen Entschluß, nachzugeben, denn er ist
Deine einzige Rettung. Heute hat mir Graf Oswald Vollmacht ertheilt,
in seinem Namen mit Dir Frieden zu schließen, wenn Du die einzige
Bedingung erfüllst, die er Dir auferlegt.«

Burkhard stand auf und fragte: »Was verlangt Graf Thierstein?«

»Daß Du ihm Urfehde schwörst, weiter nichts. Willst Du das thun?«

Burkhard zuckte, und seine Brust arbeitete heftig. Noch einmal bäumte
der alte Trotz sich widerspenstig auf, und die Zunge sträubte sich, das
bindende Wort auszusprechen. Dann aber kam es ihm kurz und bündig von
den Lippen: »Ja, ich will es thun.«

Schmasman reichte ihm die Hand und sprach: »Nun wird die weiße Frau
nicht wiederkommen, Burkhard.«

Burkhard aber seufzte: »Jetzt erst, Schmasman, bin ich überwunden und
besiegt. Bis zu diesem Augenblicke war ich es nicht.«

»Und von diesem Augenblick an bist Du frei.«

»Gehe hin zum Grafen Oswald und sage ihm, daß ich den Schwur leisten
will.«

»Noch nicht,« erwiederte Schmasman. »Erst noch eine Frage, und gieb
mir ehrlich Antwort darauf! Sind wir beide wieder Freunde, wie wir es
waren?«

»Wir sind's und wollen's bleiben, Schmasman, komm her!« Er öffnete die
Arme, so weit er es mit dem einen, noch ungelenken, konnte, und sie
drückten, beide tief bewegt, einander an die Brust.

»Jetzt geh' ich,« sagte Schmasman, »und hole Dir die Freiheit.«

Burkhard war allein und stand am Fenster. Sinnend schaute er hinab auf
Berg und Thal, auf Wald und Flur. Dann reckte und streckte er sich wie
ein aus langem, erquickendem Schlummer Erwachender, mit neuer Kraft
Gestärkter und sprach tief aufathmend zu sich selber: »Frei! frei! aber
es brauchte einen starken Ruck, diese Fesseln abzuschütteln.«

Bald kehrte Schmasman zurück, und Oswald kam mit ihm. Ein Zittern ging
durch Burkhards Körper, als er den Grafen erblickte.

»Herr von Rathsamhausen,« begann Oswald, »Graf Maximin hat mir eine
erfreuliche Botschaft gebracht --«

»Laßt es uns kurz machen, Herr Graf!« unterbrach ihn Burkhard
ungeduldig, »ich weiß, was Ihr fordert, und gehe den Pakt ein. Hier
stehe ich vor Euch und schwöre bei Gott dem Allwissenden ewige Urfehde.
Ich gelobe, Euch niemals wieder anzufeinden, mich niemals an Euch zu
rächen, mit Euch Frieden zu halten bis an meines Lebens Ende.«

Oswald erwiederte: »Mit diesem Handschlag nehme ich den Frieden an,
den Ihr mir bietet, und auch ich will ihn treulich halten. Ich will
vergessen, was Ihr gegen mich im Schilde führtet, als hätt' ich nie
davon gewußt. Ihr habt es gebüßt, und mit dem Blute, das Ihr vergossen,
ist es gesühnt und ausgelöscht. Herr Burkhard von Rathsamhausen, Ihr
seid frei. Ziehet mit Gott, wohin es Euch beliebt. Aber,« fügte er
hinzu, Burkhards Rechte auch mit seiner anderen Hand umfassend, »wie
ich hier Eure Hand mit meinen Händen umspanne, so möchte ich auch Euch
selber noch halten. Gewährt mir eine Bitte! Bleibt noch zwei Tage mein
Gast, laßt Eure Gemahlin und Euren Sohn kommen und Ihr, Schmasman, alle
die Eurigen, auf daß wir den Frieden hier in Gegenwart der uns liebsten
Zeugen mit einem festlichen Trunke besiegeln.«

Burkhard, der Oswalds Worte von dem Vergessenwollen mit finsterer Miene
angehört hatte, schaute bei dem Schlusse der Rede betroffen auf, als
traute er seinen Ohren nicht. Statt hochmüthiger Herablassung kam ihm
aus dem Munde des Grafen ein freundlicher Antrag entgegen, der ihn aufs
Höchste überraschte, fast verwirrte. Oswalds Gast sollte er sein, bei
seinem bis vor Kurzem noch bitter gehaßten Gegner mit den Seinigen und
den Rappoltsteinern fröhlich tafeln und bechern. Wie ein Fest wollte
der Graf seine Erlösung feiern. In diesen plötzlichen Wechsel seiner
Lage konnte er sich so schnell nicht finden. Er stand wie bestürzt,
dachte nach und schüttelte leise das Haupt. »Das ist zuviel verlangt,
-- das kann ich nicht,« sprach er halblaut.

»Warum nicht, Burkhard? bleibe hier!« redete ihm Schmasman zu. »Auch
wir ertränken dann den Drachen der Zwietracht, der den Weg von
Rathsamhausen nach Rappoltstein versperrte.«

Burkhard schwankte noch immer, und es ward ihm sehr schwer, sich zu
entschließen. Aber Oswalds versöhnliche Ansprache war ihm doch zu
Herzen gedrungen und hatte dort mit ihrem warmen, zutraulichen Ton
einen lebendigen Widerhall erweckt. Die großen Aufregungen der letzten
Tage und Nächte, die wie Stürme über ihn dahingebraust waren, hatten
ein Wunder an ihm gethan und eine entschiedene Wandlung seines Sinnes
bewirkt. Nun reichte er dem Thiersteiner wieder die Hand, die er ihm
schon entzogen hatte, und sagte mit einer nicht zu verbergenden inneren
Bewegung: »Es geschehe nach Eurem Wunsch und Willen, Herr Graf! Ihr
habt mich in wahrhaft ritterlicher Haft gehalten, werdet es mir aber
nachfühlen, daß ich glücklich bin, frei zu werden, und in meiner Freude
darüber gelingt es mir auch vielleicht, an Eurem Tische mit den Frohen
froh zu sein. Schickt hin nach Ottrott und laßt sie kommen.«

»Das war wohlgesprochen, Herr Burkhard!« erwiederte Oswald, »Herni soll
reiten, daß die Funken stieben. Morgen Mittag müssen sie hier sein.«

»Von den Meinigen soll keiner fehlen, ich bringe sie alle mit,« rief
Schmasman in Freuden.

»Und nun kommt zu meiner Frau!« sprach Oswald, nahm Burkhards Arm und
führte selber seinen Gefangenen hinaus in die Freiheit.



XXXI.


Das Wiedersehen Burkhards mit Denen, die sich heute zum Friedensmahl
auf der Hohkönigsburg versammelten, hatte anfänglich etwas Bedrückendes
für ihn. Waren sie doch Alle, mit Ausnahme von Gattin und Sohn, seine
Gegner gewesen und wußten, daß er dem Grafen Oswald hatte Urfehde
schwören müssen. Er schämte sich seiner Demüthigung, wie er bei sich
selber sein Nachgeben nannte, das doch nach fehderechtlicher Auffassung
durchaus nichts Ehrenrühriges hatte. Daher waren Alle bestrebt, ihm
über seine Befangenheit möglichst schnell hinwegzuhelfen, am meisten
Graf Oswald, der in seiner Freude, ihn los zu werden und fortan Ruh und
Frieden vor ihm zu haben, all seine Liebenswürdigkeit und ritterliche
Gastfreundschaft aufbot, ihn in eine behagliche Stimmung zu versetzen.

Stephania umfing ihren Gemahl mit gerührter Zärtlichkeit, seelensfroh,
ihn frei und genesen wiederzuhaben, hoffentlich auch geheilt von der
ehrgeizigen Eroberungssucht, die ihm Feinde auf den Hals gezogen und
ihn in Gefahr und Noth gestürzt hatte. Sie hoffte das nur, sprach es
aber nicht aus. Dann ging sie auf Herzelande zu und schloß auch diese
in die Arme, ihr zuraunend, wie glücklich sie wäre, daß nun Alles
wieder in Rück und Schick zwischen ihnen sei, worin ihr Herzelande
aufrichtig beistimmte.

Allmählich ward es Burkhard freier und sicherer zu Muthe, und als ihm
Wilhelm von Rappoltstein die Hand reichte, sagte er schon ganz heiter:
»Schlägst eine wackere Klinge, Wilhelm! das war ein Meisterhieb, schwer
abzufangen; ich werde ihn mir merken und nächstens einmal anwenden.«

»Was? nächstens anwenden? Er denkt schon wieder an kämpfen und
fechten,« lachte Imagina, die daneben stand. »Jetzt sitzt Ihr erst
einmal ein paar Wochen still, Herr Burkhard, ehe Ihr wieder eine neue
Fehde anfangt!«

Das war, außer Burkhards eigenem Bekenntniß gegenüber Wilhelm, die
einzige Anspielung auf das jüngst Vergangene, die heute fiel. Aber er
nahm sie gut auf und antwortete: »Ihr seid auch Eine, die nicht Frieden
halten kann, immer kampflustig zum Angriff mit der stichelnden Zunge.«

»Das ist die Lanze der Frauen,« sprach Imagina, »und es muß ein sehr
dickes Fell sein, durch das sie nicht eindränge.«

»Ach Gott ja! mich habt Ihr schon viel zu tief ins Herz getroffen.«

»Aber sie kann auch die Wunden heilen, die sie schlägt,« lächelte
Imagina. »Heute gefallt ihr mir, Herr Burkhard. Ihr steigt in meiner
Gunst und Gnade.«

»Verwöhnt mich nur nicht!« erwiederte er lachend.

Auch mit allen Anderen wechselte er freundliche Worte und fand sich
dadurch bald in den angeschlagenen Ton einer fröhlichen Eintracht
zwanglos hinein. Er schien heut ein ganz anderer Mensch zu sein, in
welchem man den widerhaarigen, streitlustigen Muckebold gar nicht
wiedererkannte, als hätten die reinigenden Gewitter der gemachten
Erfahrungen eine rauhe, stachlichte Schale von ihm abgestreift, so daß
der von einem schweren Drucke befreite gute Kern, der darin steckte, zu
Tage kam.

Im Speisesaal waren die Plätze klug und geschickt vertheilt, indem,
was feindlich gegen einander gewesen war, jetzt in bunter Reihe
friedlich bei einander saß. Sicherlich war es Leontinens Praktik, daß
sich Bruno und Isabella Seite an Seite und dem Brautpaar gegenüber
fanden. Gräfin Margarethe hatte von jedem Prunk und Pomp auf der Tafel
Abstand genommen, um der Gasterei unter Vermeidung aller feierlichen
Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten mehr die Gestalt und das Wesen eines
traulichen Freundschafts- und Familienmahles zu geben. Nur die größten
und schönsten Pokale aus dem Thierstein'schen Silberschatz hatte sie
für den besten der Weine und für den herzenseinigenden, treuegelobenden
Friedenstrunk aufsetzen lassen.

Beim dritten Gange erhob sich Graf Oswald und hieß -- noch nicht den
vor ihm stehenden Prachtpokal, sondern einen bescheideneren Becher in
der Hand -- seine Gäste mit beredten und warmen Worten willkommen,
ohne jedoch die Veranlassung zu ihrem Hiersein zu berühren oder
auch nur anzudeuten, und schloß mit dem Wunsche, daß sie ihm recht
oft Gelegenheit geben möchten, sie als liebe Gäste an seinem Tische
begrüßen zu können.

Graf Wilhelm von Rappoltstein dankte in Aller Namen ihm und der Gräfin
Margarethe für ihre Gastfreundschaft und machte in launiger Weise
darauf aufmerksam, daß sie beide, er und Oswald, so nahe Nachbarn
wären, daß sie sich gegenseitig in die Fenster sehen könnten, was von
den anderen Rappoltstein'schen und den Ottrotter Schlössern nicht
möglich wäre. Und sintemal es von Hohrappoltstein nach Hohkönigsburg
genau so weit wäre wie von Hohkönigsburg nach Hohrappoltstein, so
hoffte er, daß die verehrte Familie Thierstein auch recht bald einmal
über seine Brücke reiten würde, was ihm Oswald gern versprach.

Nicht lange darauf schien dem Grafen Oswald der rechte Augenblick
gekommen, seinem bevorzugten Gaste hier eine überaus freudige
Überraschung zu bereiten, deren sich dieser wahrlich heute nicht versah.

Er ging aus dem Saale hinaus und kam wieder zurück, in den hoch
erhobenen Händen Burkhards Eule tragend.

Burkhard war sprachlos, als er sie erblickte. Sein Gesicht verklärte
sich in einen Freudenschimmer, und seine Augen strahlten und glänzten,
als wollten Thränen daraus hervorquellen.

Oswald schritt um den Tisch herum auf ihn zu und sprach: »Ich habe Euch
die Eule vom Haupte gestoßen, Herr Burkhard, ich setze sie Euch jetzt
wieder auf. Seid gekrönt mit Eurem ehrwürdigen Erbkleinod und tragt es
noch recht oft bei frohen Gelagen im Kreise Eurer Freunde!«

Burkhard, die Eule auf dem Kopfe, erhob sich und schüttelte, vergeblich
nach Worten des Dankes suchend, dem Grafen beide Hände.

Der ergötzliche und unter den obwaltenden Umständen bedeutsame Vorgang
rief lauten Jubel hervor, denn Alle wußten, eine größere Freude als die
Wiedererlangung seiner Eule hätte dem über ihren Verlust Untröstlichen
nicht widerfahren können.

Burkhard stand noch immer aufrecht, und als sich der Tumult am Tische
gelegt hatte, hub er an zu sprechen: »Ich weiß nicht, Graf Oswald, wie
ich Euch danken soll, daß Ihr mir wiedergebt, was ich so schmerzlich
vermißt habe. Erinnert Euch, was ich sagte, als ich mit der Eule auf
dem Kopfe im Rathskeller zu Rappoltsweiler erschien. Ich sagte, daß sie
ihrem Träger die Macht und das Recht verliehe, die Wahrheit zu erkunden
und zu verkünden und frank und frei auszusprechen, was er denkt und
fühlt. Laßt mich das auch heute thun. Aber nicht wieder drohen will ich
Euch, nicht mit Euch streiten, denn ich habe Euch Burgfrieden gelobt
und bin Euch Dank schuldig. Euer Gefangener war ich, Euer Gast bin
ich, und werden möchte ich noch etwas Anderes. Wundert Euch nicht über
den raschen Wandel meiner Gesinnung; das kommt Einem an in der Nacht,
man weiß nicht wie. Ich will Euch die Wahrheit sagen, denn mit der
Eule auf dem Kopfe kann ich nicht heucheln und lügen. Nichts hält mich
ab, in diesen Mauern und in dieser Gesellschaft offen und ehrlich zu
bekennen, daß ich von einem bösen Wahn befallen war. Er ist für immer
entschwunden, wie vom Winde verweht, der um diese Höhe braust und Nebel
und Wolken verscheucht. Ihr wünschtet mir vorhin, daß ich diesen alten
Hut noch recht oft im Kreise meiner Freunde tragen möchte. In einem
solchen Kreise befinde ich mich hier und will Euch künden, was in
diesem Augenblicke mein Herz bewegt. Es ist der Wunsch, Euer Freund zu
werden, wenn Ihr mich dessen werth haltet und auch der meinige werden
wollt. Hier meine Hand! nehmt Ihr sie an, Graf Oswald?«

»Und hier die meine!« rief Oswald aufstehend und in Burkhards Rechte
schlagend.

»Darf ich als Dritter auch die meinige dazu legen?« fragte, sich
erhebend, Wilhelm von Thierstein.

»Sie ist mir willkommen, Graf Wilhelm!« erwiederte Burkhard und reichte
auch ihm die Hand über den Tisch hinüber.

Es war ein fast feierliches Ereigniß, das Allen ans Herz griff, die
seine Zeugen waren, und ringsum an der Tafel ward eine Stille, die aber
nichts Beklemmendes hatte, sondern sich wie eine segensvolle Weihe der
Stunde auf die Gemüther legte.

Burkhard nahm nun die Eule vom Haupte und blickte sich suchend um, wo
er sie lassen sollte.

Da sprach die ihm zur Rechten sitzende Gräfin Margarethe: »Wollt Ihr
mir erlauben, Herr von Rathsamhausen, Euren zaubermächtigen Federhut
einmal näher zu betrachten?«

»Sehr gern, Frau Gräfin!« erwiederte Burkhard verbindlich und reichte
ihr die Eule.

»Gebt sie dann weiter! wir kennen sie auch noch nicht,« bat eine der
Frauen.

So ging denn die Eule bei den Damen am Tische herum, und die eine und
andere machte ihre Bemerkungen über die wunderliche Kopfbedeckung.

»Die Eule ist der Vogel der Weisheit,« sagte Gräfin Katharina, »aber ob
es wohl immer weise Worte sind, die von den Herren gesprochen werden,
wenn sie beim Weine von Haupt zu Haupte schwebt?«

»Im Wein ist Wahrheit,« rief ihr Gräfin Elisabeth zu, »und wenn unter
dem Schutz und Schirm dieses Eulenhutes sich Weisheit und Wahrheit
vereint offenbaren, so ist er mehr werth als eine Königskrone.«

Als der Hut an Imagina kam, setzte sie ihn sich auf ihr blondes
Köpfchen und sah mit ihrem blühenden, lachenden Antlitz unter dem
großäugigen Kauz entzückend aus.

»So!« sprach sie, »jetzt habe _ich_ die Eule auf dem Kopfe, und nun
will ich euch Wahrheit und Weisheit zugleich verkünden. Höret mich an!
Hier an diesem Tische befinden sich zwei Herzen, die heimlich in Liebe
und Sehnsucht für einander schlagen. Das ist die Wahrheit. Weisheit
aber wäre es, wenn wir die Sehnsucht der Beiden stillten und sie zu
ihres Lebens höchstem Glück zusammengäben.« Sie stand auf und fuhr mit
lauter Stimme fort: »Lieber Schwager Maximin von Rappoltstein, ich
werbe bei Dir für den Jungherrn Bruno von Rathsamhausen um die Hand
Deiner Tochter Isabella.«

Die allgemeine Freude der Gesellschaft war weit größer als ihr
Erstaunen über diese Erklärung aus dem Munde Imagina's, die man
als eine Vielwissende in Herzensangelegenheiten kannte. Überrascht
davon waren nur Burkhard und Stephania, die nun einen hellen Blick
zufriedenen Einverständnisses mit einander wechselten.

Schmasman aber erhob sich und sprach: »Bruno und Isabella, ich frage
euch: hat Imagina die Wahrheit gesprochen?«

»Ja!« kam es laut von Bruno's und leise von Isabella's Lippen.

Schmasman sprach weiter: »Herzelande, ich frage Dich: hast Du gegen
Imagina's Weisheit etwas einzuwenden?«

»Nein, lieber Mann!«

Nun ging Schmasman zu den zwei Liebenden, legte ihre Hände in
einander und sagte: »Hier hast Du sie, und hier hast Du ihn! Glückauf
Rathsamhausen und Rappoltstein!«

Jauchzende Glückwünsche ergossen sich von allen Seiten auf die unsagbar
Beseligten. Egenolf und Leontine stürzten sich förmlich auf das neue
Brautpaar, es in die Arme zu schließen.

Auf einmal ertönten feierliche Klänge, und Alles lauschte.

Oben an der Wand des Saales war ein kleiner Altan mit einer Thür, die
in die nebenliegende Kapelle und zu den Sitzen führte, auf denen die
Familie des Schloßherren dem Gottesdienste beizuwohnen pflegte. Zu
diesem Gestühl gelangte man von der Kapelle aus auf einer Wendeltreppe,
und aus der offenen Thür dort kamen die Töne, ein liebliches
Saitenspiel, von einem sanften Blasen begleitet.

Als die noch Unsichtbaren ihr Stück beendet hatten, rief Graf Oswald
hinauf: »Wer seid ihr Spielleute? zeigt euch!«

Da erschienen oben auf dem Altan Hans Loder und Seppele von Ottrott,
die Günstlinge der Rappoltstein'schen und Rathsamhausen'schen Familien,
und hinter ihnen als Dritter der Thierstein'sche Vertrauensmann,
Ottfried Isinger, der die beiden Anderen da hinaufgeführt hatte.

Isinger, der von Herni erfahren hatte, was im Werke war, hatte
schnell Hans Loder eingeladen, das oben im Palas stattfindende
Versöhnungsfest bei ihm in der Schmiede mitzufeiern. Loder aber hatte
durch einen äußerst glücklichen Zufall seinen Freund Seppele mit der
Laute getroffen und ihn beredet, mitzukommen, mitzutrinken und den
Herrschaften bei der Tafel ein Stücklein aufzuspielen, zu welchem
Zwecke er auch seine Trumpete mitgenommen hatte.

Die Gesellschaft unten im Saale rief und winkte den Spielleuten da oben
Beifall zu und forderte sie auf, noch eins zum Besten zu geben, was
sie, auf dem Altan stehen bleibend, auch thaten.

Nun endlich sollten die großen, schönen Pokale zur Geltung kommen und
wurden mit dem edelsten Rappoltsweiler Zahnacker gefüllt.

Da erhob sich Schmasman von seinem Sitz und sprach: »Liebe Freunde
allzumal! ich bin der Älteste hier, darum ergreife ich das Wort,
um bei diesem duftigen Wasgenwein der Ursach zu gedenken, die uns
hier so fröhlich zusammengeführt hat. Es ist der zwischen uns aus
Herzensgrund geschlossene Friede, den wir nach altem deutschen Brauch
mit einem festlichen Trunke beglaubigen und besiegeln wollen. Fortan
wird Eintracht unter uns walten, durch alte Bande der Freundschaft
gestützt, durch neue Gelübde der Liebe gestärkt und durch Wort und
Handschlag gefestet. Kommt ein Sturm über den Wasgau daher, so werden
wir ihn Schulter an Schulter bestehen, und Jeder von uns wird wissen,
daß er Bundsbrüder und Freunde hat, die ihn in Gefahr und Noth nimmer
verlassen. Mögen wir und unsre Lehnsleute, unsere Burgen, unsere
Wälder und Felder und Rebengelände vor allem Unheil gnädig bewahrt
bleiben! Und diesem alten, so glänzend wieder auferbauten Schlosse
Hohkönigsburg das von zwei mächtigen deutschen Kaisergeschlechtern,
den Hohenstaufen und den Habsburgern, nach einander beherrscht und
behütet ist, dem wünsche ich eine lang dauernde, ruhmreiche Zukunft
und seinen Lehnsträgern ein kräftiges, fröhliches Blühen und Gedeihen
bis in die spätesten kommenden Zeiten. Fest wie die Mauern und Thürme
der Hohkönigsburg stehe das Glück der Thiersteiner, weit sichtbar
im Lande wie das flatternde Banner auf dem Bergfried mit den sieben
rothen Rauten im goldenen Felde, und unantastbar wie ihr ehrenblanker
Wappenschild beschirme sie der dreimal gesegnete Friede! Der stolzen,
herrlichen Hohkönigsburg weihe ich diesen Trunk!«

An der ganzen Tafelrunde klangen die Pokale zusammen, Hände schüttelten
sich, Heil- und Segensrufe ertönten, und oben auf dem Altan schmetterte
der Pfeiferkönig Hans Loder mit seiner Trumpete darein, und Seppele
von Ottrott ließ dazu die Saiten seiner Laute schwirren und rauschen,
während Isinger, seine Kappe schwenkend, wie besessen schrie:
»Thierstein, Rappoltstein, Rathsamhausen! Rathsamhausen, Thierstein,
Rappoltstein!«

Die Strahlen der Abendsonne vergoldeten die ragenden Zinnen der
Hohkönigsburg und bis zum Rheine hin leuchtend thronte sie auf ihrem
mächtigen Berge über dem friedlich ruhenden Wasgau.

[Illustration]



Inhalt der Grote'schen Sammlung

von Werken zeitgenössischer Schriftsteller


    =Otto Glagau=, =Fritz Reuter und seine Dichtungen.= Neue
      umgearbeitete Auflage mit Illustrationen. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Till Eulenspiegel redivivus.= Ein
      Schelmenlied. Mit Illustrationen. Vierundzwanzigstes Tausend.
      geb. 4 M. 80 Pf.

    =Julius Wolff=, =Der Rattenfänger von Hameln.= Eine Aventiure.
      Mit Illustrationen von P. Grot Johann. Siebzigstes Tausend.
      geb. 4 M. 80 Pf.

    =Wilhelm Raabe=, =Horacker.= Mit Illustrationen von P. Grot
      Johann. Siebente Auflage. geb. 4 M.

    =Friedrich Bodenstedt=, =Theater.= (Kaiser Paul. --
      Wandlungen.) geb. 4 M.

    =Anastasius Grün=, =In der Veranda.= Eine dichterische
      Nachlese. Dritte Auflage. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Schauspiele.= Zweite Auflage. geb. 4 M. 80 Pf.

    =Carl Siebel's Dichtungen.= Gesammelt von seinen Freunden.
      Herausgegeben von Emil Rittershaus. geb. 4 M.

    =Wilhelm Raabe=, =Die Chronik der Sperlingsgasse.=
      Neue Ausgabe, mit Illustrationen von Ernst Bosch.
      Vierundzwanzigste Auflage. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Der wilde Jäger.= Eine Waidmannsmär.
      Neunundachtzigstes Tausend. geb. 4 M. 80 Pf.

    =Hermann Lingg=, =Schlußsteine.= Neue Gedichte. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Tannhäuser.= Ein Minnesang. Mit
      Porträtradirung. Zwei Bände. Neununddreißigstes Tausend. geb.
      9 M. 60 Pf.

    =Julius Wolff=, =Singuf.= Rattenfängerlieder. Sechzehntes
      Tausend. geb. 4 M. 80 Pf.

    =Julius Grosse=, =Gedichte.= Mit einer Zuschrift von Paul
      Heyse. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Der Sülfmeister.= Eine alte Stadtgeschichte.
      Zwei Bände. Neununddreißigstes Tausend. geb. 9 M. 60 Pf.

    =A. von der Elbe=, =Der Bürgermeisterthurm.= Ein Roman aus dem
      15. Jahrhundert. Zweite Auflage. geb. 7 M.

    =Julius Wolff=, =Der Raubgraf.= Eine Geschichte aus dem
      Harzgau. Siebenundvierzigstes Tausend. geb. 7 M.

    =Julius Grosse=, =Der getreue Eckart.= Roman in zwölf Büchern.
      Zwei Bände. Zweite Auflage. geb. 9 M. 60 Pf.

    =Theodor Fontane=, =Unterm Birnbaum.= Eine Novelle. geb. 4 M.

    =Wilhelm Raabe=, =Unruhige Gäste.= Ein Roman aus dem Saeculum.
      Dritte Auflage. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Lurlei.= Eine Romanze. Fünfundfünfzigstes
      Tausend. geb. 6 M.

    =Wilhelm Raabe=, =Im alten Eisen.= Eine Erzählung. Dritte
      Auflage. geb. 4 M.

    =Arthur Drews=, =Irold.= Eine Rhapsodie in sechs Gesängen. geb.
      4 M.

    =Julius Wolff=, =Das Recht der Hagestolze.= Eine
      Heirathsgeschichte aus dem Neckarthal. Vierunddreißigstes
      Tausend. geb. 7 M.

    =Wilhelm Jordan=, =Zwei Wiegen.= Ein Roman. Neue Ausgabe.
      Fünftes Tausend. Zwei Bände. geb. 7 M.

    =Guido List=, =Carnuntum.= Historischer Roman aus dem vierten
      Jahrhundert n. Chr. Zwei Bände. geb. 8 M.

    =Julius Wolff=, =Die Pappenheimer.= Ein Reiterlied.
      Dreiundzwanzigstes Tausend. geb. 6 M.

    =Ernst Eckstein=, =Murillo.= Dritte Auflage. geb. 3 M.

    =Ernst Eckstein=, =Hertha.= Roman. Dritte Auflage. geb. 8 M.

    =A. von der Elbe=, =In seinen Fußstapfen.= Roman aus Lüneburgs
      Vorzeit. geb. 7 M.

    =Großfürst Constantin=, =Gedichte.= In freier Nachbildung von
      Julius Grosse. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Renata.= Eine Dichtung. Achtundzwanzigstes
      Tausend. geb. 6 M.

    =Anton Springer=, =Aus meinem Leben.= Mit zwei Bildnissen. geb.
      7 M.

    =Gräfin von Haugwitz=, =Eines Kaisers Traum.= Dichtung. geb. 4
      M.

    =Anton Ohorn=, =Der Ordensmeister.= Eine deutsche Minne- und
      Heldenmär. geb. 4 M.

    =Hermann Lüders=, =Unter drei Kaisern.= Malerfahrten. Mit 221
      Illustr. vom Verfasser. Zwei Bände. geb. 9 M. 60 Pf.

    =Ernst Eckstein=, =Themis.= Roman. Zwei Bände. geb. 9 M. 60 Pf.

    =Julius Wolff=, =Der fliegende Holländer.= Eine Seemannssage.
      Neunundzwanzigstes Tausend. geb. 5 M.

    =Ernst Julius Hähnel's= =Litterarische Reliquien.=
      Herausgegeben von Julius Grosse. geb. 6 M.

    =Ernst Eckstein=, =Der Mönch vom Aventin.= Novelle. Zweite
      Auflage. geb. 4 M.

    =Ludwig Ganghofer=, =Doppelte Wahrheit.= Neue Novellen. geb. 5
      M.

    =Maria Janitschek=, =Atlas.= Novelle. geb. 2 M.

    =Ernst Eckstein=, =Familie Hartwig.= Roman. Zweite Auflage.
      geb. 8 M.

    =Maria Janitschek=, =Pfadsucher.= Vier Novellen. geb. 4 M.

    =Julius Wolff=, =Das schwarze Weib.= Roman aus dem
      Bauernkriege. Einundzwanzigstes Tausend. geb. 7 M.

    =Ernst Eckstein=, =Kyparissos.= Roman. Zweite Auflage. geb. 8 M.

    =Julius Wolff=, =Aus dem Felde.= Nebst einem Anhang: =Im neuen
      Reich.= Dritte vermehrte Auflage. geb. 2 M. 50 Pf.

    =Konrad Telmann=, =Bohémiens.= Roman. geb. 6 M.

    =Ola Hansson=, =Der Schutzengel.= Roman. geb. 4 M.

    =Ernst Eckstein=, =Roderich Löhr.= Roman. Zweite Auflage. geb.
      8 M.

    =Julius Wolff=, =Assalide.= Dichtung aus der Zeit der
      provençalischen Troubadours. Fünfzehntes Tausend. geb. 6 M.

    =Ernst Eckstein=, =Adotja.= Novellen. geb. 6 M. 50 Pf.

    =Ernst Eckstein=, =Die Hexe von Glaustädt.= Roman. Zweite
      Auflage. geb. 8 M.

    =Gustav Frenssen=, =Die drei Getreuen.= Roman. Dreizehntes
      Tausend. geb. 5 M.

    =Julius Wolff=, =Der Landsknecht von Cochem.= Ein Sang von der
      Mosel. Siebzehntes Tausend. geb. 6 M.

    =Freiherr von Schlicht=, =Die feindlichen Waffen.= Humor.
      Roman. geb. 4 M. 50 Pf.

    =Heinrich Steinhausen=, =Heinr. Zwiesels Ängste.= Eine
      Spießhagener Geschichte. geb. 5 M.

    =Ludwig Ganghofer=, =Das Schweigen im Walde.= Roman in zwei
      Bänden. Dreizehntes Tausend. geb. in 1 Band 8 M., in 2 Bände
      8 M. 50 Pf.

    =Julius Wolff=, =Der fahrende Schüler.= Eine Dichtung.
      Vierzehntes Tausend. geb. 6 M.

    =Gustaf Dickhuth=, =Wie der Leutnant Hubertus von Barnim sich
      verloben wollte und Anderes.= Novellen. geb. 5 M.

    =Gustav Frenssen=, =Die Sandgräfin.= Roman. Fünftes Tausend.
      geb. 5 M.

    =Robert Wendlandt=, =Der Wendenhof.= Roman. geb. 4 M. 50 Pf.

    =Hermann Heiberg=, =Reiche Leute von einst.= Roman. geb. 4 M.

    =Gustav Frenssen=, =Jörn Uhl.= Roman. Achtunddreißigstes
      Tausend. geb. 5 M.

    =Victor Blüthgen=, =Gedichte.= Neue vermehrte Ausgabe. geb. 4 M.

    =Wilhelm Raabe=, =Nach dem großen Kriege.= Eine Geschichte in
      zwölf Briefen. Zweite Auflage. geb. 3 M. 50 Pf.

    =Hans Hopfen=, =Gotthard Lingens Fahrt nach dem Glück.= Roman.
      geb. 5 M.

    =Julius Wolf=, =Die Hohkönigsburg.= Eine Fehdegeschichte aus
      dem Wasgau. geb. 6 M.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

    Korrekturen:

    S. 183: schüttelte → schüttelte den Kopf
      Bruno {schüttelte den Kopf} und sprach





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Hohkönigsburg - Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home