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Title: Der Deutsche Lausbub in Amerika (2/3) - Erinnerungen und Eindrücke Zweiter Teil
Author: Rosen, Erwin
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Deutsche Lausbub in Amerika (2/3) - Erinnerungen und Eindrücke Zweiter Teil" ***

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             [Illustration]



           Memoiren Bibliothek

                IV. Serie

               Siebter Band


     Der Deutsche Lausbub in Amerika

              * 2ter Teil *

                  von

               Erwin Rosen

             [Illustration]



                  Der
            Deutsche Lausbub
               in Amerika

              Erinnerungen
              und Eindrücke
             von Erwin Rosen

               Zweiter Teil


              Dritte Auflage

      Verlag -- Robert Lutz -- Stuttgart



          Alle Rechte vorbehalten.
  Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.


                Copyright 1912
         by Robert Lutz, Stuttgart.



Inhalt


                                                               Seite

             Bei der amerikanischen Zeitung.

  Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen
    Teufel von deutschen Journalisten. -- Ein Münchner
    Zeitungspalast. -- Im amerikanischen Reporterzimmer.
    -- Wie das Zeitungsbaby sein Handwerk erlernte. --
    Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. -- Ich
    lerne telegraphieren. -- Die Sprache des Kupferdrahts.
    -- Telegraphisches Lachen. -- Vom großen Lebenswert           21


                     Reporterdienst.

  Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der
    scoop. -- Der verunglückte Dampfer Hongkong. -- Die
    Männer der schnellen Entschlüsse. -- Wie ein Reporterstück
    inszeniert wird. -- Auf der Jagd nach der Sensation.
    -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst des Zuhörens
    ausübte. -- Der Dämon im Stahl. -- Zeitungskönig Hearst.
    -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und
    der Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag           38


                 Das Kommen des Krieges.

  Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die
    Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen
    Insurgenten. -- Die Glückssoldaten der Virginia. --
    Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
    und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die kubanische Junta
    in New-York. -- Der Untergang der Maine. -- Der
    Racheschrei. -- Kriegserklärung. -- Meine große Idee!
    -- Die große Idee funktioniert nicht! -- Aber ich muß
    unbedingt nach Kuba                                           56


                 Der Lausbub wird Soldat.

  Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschluß. --
    Beim Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde
    angeworben! -- Abschied von Allan McGrady. -- =B
    Company= des 1. Infanterieregiments. -- Korporal
    Jameson. -- Wiggelwaggeln. -- Der sprechende Sonnenspiegel.
    -- »Ich gehe nach Kuba!«                                      66


       Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba.

  Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden
    Majore. -- Eine kleine Vergeßlichkeit. -- Segenswünsche
    und Vorschußlorbeer. -- Von lieben diebischen Mägdelein. --
     Die Armee in Hemdärmeln. -- Das militärische
    Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische
    Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von
    Santiago de Cuba. -- Die Depeschenhölle. -- Roosevelts
    Rauhe Reiter ohne Gäule! -- Auf dem Meer. -- Eine
    schwäbische Ueberraschung. -- Von redenden Tuchfetzen
    und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. -- Beginn des
    Bombardements von Baiquiri                                    77


                 Auf kubanischem Boden.

  Die Küste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und
    seine Zahnbürste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen
    Fluchens. -- Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen.
    -- Meine Hängematte. -- Nachtruhe =à deux=. -- Hunger
    und Arbeit -- aber ach, was waren das für schöne Zeiten!
    -- Der Major stiehlt einen Karren. -- Telegraphenbau-Arbeit.
    -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten rauhen Reitern
    von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der
    Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General                     94


              Beim Jesus-Christus-General.

  Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter,
    Höchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im
    Spiel. -- Proviant her! -- Ein sogenannter Spaziergang.
    -- Die spanische Verteidigungslinie. -- Die Nacht
    vor der Schlacht. -- Das Telegramm nach Washington.
    -- Die Regimenter ziehen dem Feind entgegen.                 121


            Die Schlacht vom San Juan Hügel.

  Der Morgen vor der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im
    Nebel. -- Die Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie
    nach der Front. -- Meine erste Granate. -- Wie ich das
    Gruseln lernte. -- Wie andere das Gruseln lernten.
    -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. -- Die
    Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am
    Waldrand. -- Wir schießen mit. -- Die Schützengräben
    im San Juan Hügel. -- Der Gnadenschuß. -- Der Angriff
    ohne Befehl. -- Der San Juan Hügel wird im Sturm
    genommen. -- Zusammenhänge der Schlacht. -- Bei den
    spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am
    Lagerfeuer. -- Sie begraben die Toten.                       136


               Der Tag nach der Schlacht.

  Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schützengräben.
    -- Nächtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur
    Front. -- Die spanischen Scharfschützen. -- Der stille
    Wald. -- Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. --
    Der Kopf. -- Bloßgelegte Gräber. -- Das Kommen des
    Grauens. -- Das Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des
    linken Flügels. -- Die Schützengräben auf dem Hügel.
    -- Heftiges Gewehrfeuer in der Sternennacht. -- Mein
    Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim Feind und dem
    Rätsel der Nachtattacke                                      169


          Der Untergang der spanischen Flotte.

  Jubel in den Schützengräben. -- Der Hafen von Santiago
    de Cuba. -- Das Felsentor. -- Castillo del Morro. --
    Das Warten, das Lauern! -- Die Heldentat des Leutnants
    Hobson. -- Durchbruch des spanischen Geschwaders.
    -- Die Seeschlacht. -- Die Hölle der fünfunddreißig
    Minuten. -- Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer
    in den Grund. -- Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte
    des Seekriegs. -- Der Mann im Kommandoturm und der
    Mann hinter der Kanone. -- Was von der Gespensterflotte
    übrig blieb                                                  193


                  In den Schützengräben.

  Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch
    die Schützengräben. -- Die Meinung des alten Sergeanten.
    -- Ungeduld! -- Der Humor der Front. -- Krankheit und
    Schwäche. -- Die berühmten kubanischen Leibschmerzen.
    -- Fieber und Ruhr. -- Stimmungen und Verstimmungen.
    -- Ein Freudentag. -- Freund Billy aus Wanderzeit und
    Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie ich ein
    Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die
    Kapitulation von Santiago de Cuba                            207


                  Nach Santiago de Cuba.

  Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttäuschung
    der Männer in den Schützengräben. -- Die verbotene
    Stadt. -- Wir werden nach Santiago beordert. -- Das
    Legen der Linie. -- In den spanischen Schützengräben.
    -- Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern. --
    In der Stadt. -- Die toten Gäßchen. -- Von Licht
    und Schatten. -- Das Hauptquartier des Siegers               226


                      Im Kabelbureau.

  Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach.
    -- Wir requirieren Wäsche. -- Der wundersame Patio.
    -- Das große Baden. -- Der brauchbare Antonio. --
    Wir rüsten ein Mahl. -- =»Caballeros
    telegraphistas!«= -- »Oh, der verdammte Speck!« --
    »Man muß ein Loch in die Uhr schießen!« -- Das
    Feuerrad. -- Im Dunkel                                       239


            Auf der Insel des gelben Fiebers.

  »Ich bin gar nicht tot.« -- Im Hafenhospital von Santiago.
    -- Die gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib.
    -- Der sterbende Trompeter. -- Warum ich den Neger
    erschießen wollte. -- Schlafen, nur schlafen! -- Das
    Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr. Gonzales. -- Ich
    bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. --
    Krankenpfleger und Totengräber. -- Wie der Rauhe Reiter
    Himmelsblumen pflückte. -- Eine nächtliche Schreckensszene.
    -- Der Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die
    Krankenschwestern                                            255


            In der Zeltstadt von Montauk Point.

  Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die böse
    Lage der amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den
    General folgt der kaufmännische Organisator. -- Wie
    die Zeltstadt von Montauk Point erstand. -- Mein
    letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im Gesundheitslager.
    -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein Vermögen
    entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten
    =ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant
    Hobson in der Welle der Hysterie ertrank                     287



Vorwort


Ich bin der glückliche Besitzer eines kleinen Neffen, der sich bestimmt
schon den Ehrentitel eines Lausbuben erobert hätte, verlebte er sein
junges Leben in süddeutschen Landen. Da er das aber nicht tut und
ein Hamburger Jung' ist, so dünkt ihm der Begriff Lausbub fremd.
Bald großartig und erstrebenswert, bald verächtlich und gemein. Es
ist mir passiert, daß ein Haufen von Schulkindern mich achtungsvoll
anstarrte, während mein Herr Neffe ihnen erklärte, das sei ein
famoser Lausbubenonkel. Ich mußte es aber auch erleben, daß dieser
Neffe mir bei passendem Anlaß feindselig entgegendonnerte: »Lausbub
aus Amerika!« Nicht anders ist es mir ergangen mit großen Leuten. Da
meinten die einen, dieser Lausbub sei etwas gar Lustiges. Die andern
aber schüttelten die Köpfe: Wie kann man so geschmacklos sein und sich
selber einen Lausbuben nennen!

So sei mir gestattet, ein Wörtchen dreinzureden. Wir alle kleben
an der heimatlichen Scholle, seien wir nun Weltenwanderer oder
niemals hinausgekommen über den Bannkreis der Vaterstadt; an jener
Scholle, auf der wir als Kinder spielten. Und mir klingt es aus
meiner Münchner Jugendzeit herüber: »Du ganz verflixter Lausbub!«
»A solchener Lausbub!!« Wie lustig das tönt, weiß kein Mensch außer
mir. So lustig kann es keinem sein, so viele auch gelacht haben mögen
über das Wörtchen mit den verschiedenen Gesichtern. »Oh du herzig's
Lausbüble,« kost die süddeutsche Mutter. »Lausbub!« sagt der Vater, und
der Ton bedeutet den Stock. Entrüstung kann in dem Wort liegen oder
verblüffte Anerkennung einer besonderen Leistung jungenhaften Tobens
oder ein Schelten oder eine Resignation. Auf gar keinen Fall aber ist
ein Lausbub ein Musterknabe. Sondern einer, der eine tiefgewurzelte
Vorliebe für dumme Streiche hat und einen dicken Schädel und rührige
Ellbogen.

Lausbub! klingt es herüber aus meiner Jugend.

Und weil das Wörtchen noch ein weites Stück ins Leben hinein auch den
Mann kennzeichnet, so sonderbar das klingen mag -- dumme Streiche,
dicken Schädel, rührige Ellbogen! -- so gab es diesen Büchern ihren
Titel.

       *       *       *       *       *

An einem sonnigen Novemberabend im Jahre 1897 saß ich auf der Terrasse
des Golden Gate Parks in San Franzisko, starrte aufs Meer hinaus,
träumte von meiner Arbeit, wie das junge Menschen tun, denen die Arbeit
noch andere Dinge ersetzt, und war stolz wie ein König als jüngster
Reporter einer großen Zeitung. So unverrückbar stand es fest, das
Große, das Bleibende: die Zeitung und ich -- ich und die Zeitung --
das war die Lebenslinie. Sie war es und sie blieb es. Wie krumm sie
sich aber gestaltete, diese Lebenslinie, wie wackelig, wie verbogen und
schief, das ist eines der humorvollsten Dinge in einem Leben reich an
freiwilligem und unfreiwilligem Humor. Wenige Monate darauf war ja die
Lebenslinie schon vergessen, und der überstolze Reporter steckte im
blauen Rock der regulären Armee Onkel Sams. Es sollte ihm öfters noch
ähnlich ergehen mit dieser Lebenslinie ...

Der Lausbub, Farmer, Apotheker, Arbeiter, Fischpökler, Professor,
Reporter wurde also Soldat und machte den spanisch-amerikanischen Krieg
auf Kuba mit. Was er dort erlebte und sah, schildert dieses Buch; so
wie er es damals erlebte und damals sah im Zeichen junger Männlichkeit,
überschäumend in der Begeisterung, ein Mann zu sein im Krieg.

    Hamburg, im Sommer 1912.

                                                         Erwin Rosen.
                                                        (Erwin Carlé).



Zweiter Teil



Bei der amerikanischen Zeitung.

     Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen Teufel von
     deutschen Journalisten. -- Ein Münchner Zeitungspalast. -- Im
     amerikanischen Reporterzimmer. -- Wie das Zeitungsbaby sein
     Handwerk erlernte. -- Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. --
     Ich lerne telegraphieren. --- Die Sprache des Kupferdrahts. --
     Telegraphisches Lachen. -- Vom großen Lebenswert.


Ein Jahr mag es her sein oder zwei, als ich in meiner Vaterstadt
München einen alten amerikanischen Zeitungsfreund auf der Straße
traf. Wir gingen zunächst zum Frühschoppen ins Hofbräuhaus, und gegen
Ende der zweiten Maß weinte Bob beinahe. Zu traurig fand er es, daß
einer, dem es einmal vergönnt gewesen war, die Nase in die Welt der
amerikanischen Zeitung zu stecken, sich nun für deutsche Zeitungen
plagen und schinden mußte!

Er nahm die Münchner Neuesten Nachrichten vom Tisch und zerknüllte sie.

=»You poor devil!«= sagte er. »Du armer Teufel -- du ganz armer Teufel.
Euer Bier ist ein Wunder! Eure Gemütlichkeit ist prachtvoll! Eure Kunst
ist grandios! Aber eure Zeitungen -- großer Gott, Mann, das ist doch
keine Zeitung -- das ist ja ein Miniaturblättchen -- =damn it=, das
ganze Dings da, das sich eine Zeitung nennt, hat nicht einmal Raum
genug für einen einzigen anständigen Prozeßbericht!«

Worauf er des weiteren ausführte, daß es ihm ja an und für sich schon
unverständlich sei, wie irgend jemand irgend wo anders leben könne als
in =God's Country=, im Lande Gottes, in den gottbegnadeten Vereinigten
Staaten, denen zur absoluten Vollkommenheit nichts, aber auch nichts
fehle, als das nicht weniger gottbegnadete Bier der Kunststadt München.
Ein ewiges, mit sieben zolldicken Brettern vernageltes Geheimnis jedoch
sei und bleibe es ihm, daß einer, dem es vergönnt gewesen sei ---- usw.
usw.

Ich lachte und führte ihn in das Gebäude der Münchner Neuesten
Nachrichten.

Die Männer der Münchnerin sind allezeit gastfreundlich und gar
liebenswürdig gegen ihre Mitarbeiter, wovon der, der dieses Buch
schrieb, ein dankbar Lied zu singen weiß. Bob bekam manches zu sehen
und manches zu hören. Wir plauderten mit dem Feuilletonredakteur über
das Wesen des künstlerischen Feuilletons (das dem amerikanischen
Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln ist) -- wir unterhielten
uns mit dem Mann der inneren Politik über den Leitartikel (der den
Zeitungen Amerikas etwas völlig Nebensächliches bedeutet) -- wir
suchten die Lokalredaktion heim, und ihr Schriftleiter benutzte
natürlich die gute Gelegenheit, ein nettes Interview über die Münchner
Eindrücke des amerikanischen Journalisten herauszuschinden.

»Gut!« sagte Bob draußen auf dem Korridor. »Verdammt gut! Die Leute
verstehen ihr Geschäft. Sie haben ihre Arbeit lieb. Schade nur, daß den
armen Teufeln so lächerlich wenig Zeilenraum zur Verfügung steht.«
Dann blieb er kopfschüttelnd stehen. »Da sagt man immer, in =Germany=
seien die Leute so überaus vorsichtig mit ihren Dollars!« brummte er.
»Aber ich will gehängt werden, wenn's bei uns eine einzige Zeitung
gibt, die ihre Leute auch nur annähernd so luxuriös beherbergt wie das
Blättchen da! =It's remarkable!=«

Immer erstaunter wurde sein Kopfschütteln, je mehr der Räume der
Redaktion er sah. Da waren Möbel, deren jedes Stück ein großer Künstler
entworfen hatte, und Wunder von künstlerischen Schreibtischen und
Beleuchtungskörper aus Bronze und kostbare Klubsessel und zauberhafte
Tapeten und Perserteppiche und Jugendoriginale an den Wänden, und von
der Hast und der Hetze des Zeitungslebens war äußerlich aber auch
gar nichts zu sehen. Leise nur wie ein Summen drang das Dröhnen und
Stampfen der riesigen Rotationsmaschinen aus dem betonumpanzerten
Erdgeschoß. Dann plauderten wir wieder mit anderen Männern, und Bob
sah, daß der Zeitungsgeist ein Weltgeist ist und die Zeitungsarbeit
überall die gleiche, gewaltige, gigantische trotz aller Unterschiede
der Art und des Formats. Er gluckste vor Wonne, als wir hinübergingen
in das Reich der »Jugend« und Saal auf Saal der wundervollsten
Kunstdruckmaschinen durchschritten, der vielen Dutzende stählerner
Bilderzauberer, die noch viel wunderbarer sind als das größte
Rotationsungetüm.

»Gut -- gut -- verdammt gut!« sagte Bob. »Aber wenn ich mich nicht sehr
irre, so habt ihr doch eins nicht: Unseren amerikanischen Reporter ...«

Da lachte ich und gab keine Antwort.

Denn meine Zeiten amerikanischen Reportertums sind mir wie ein liebes
Märchen erster Jugendliebe, und ein gar verknöcherter Kritikus muß der
sein, der Zeiten erster Liebe kritisch urteilend betrachtet. Ich glaube
nicht, daß wir in der deutschen Zeitungswelt gerade amerikanische
Reporterart haben. Ich weiß nicht einmal, ob es wünschenswert
wäre, hätten wir sie. Ich weiß nur, daß mein eigenes Erleben als
zwanzigjähriger Lausbub im amerikanischen Zeitungsdienst mir eines der
Jugendmärchen bedeutet, von denen man zehrt in den Tagen der Reife.

       *       *       *       *       *

Äußerlich war nichts Märchenhaftes daran.

Der Tag eines Reporters beim =San Francisco Examiner= begann mit
Arbeit, war ausgefüllt mit Arbeit, endete mit Arbeit, und des Nachts
träumte man von der Arbeit.

Als ich zum erstenmal meinen Platz an einem Ecktisch im Reporterzimmer
einnahm, kam ich mir so unendlich hilflos, so geistesarm, so über alle
Maßen unfähig vor, daß ich am liebsten wieder davongelaufen wäre.
Ich starrte auf das weiße Papier, das vor mir lag, betrachtete das
Tintenfaß, sah mißtrauisch auf die Schreibmaschine auf dem kleinen
Tischchen neben mir und wunderte mich, was in Dreikuckucksnamen ich nun
eigentlich anfangen sollte. Zwölf Männern, dem gesamten Reporterstab
der Zeitung, war ich hintereinander vorgestellt worden, und ein jeder
hatte gelächelt und ein jeder irgend etwas Liebenswürdiges gesagt, um
sich dann in keiner Weise mehr um meine gräßlich verlegene Wenigkeit
zu bekümmern. So saß ich da, mit dem krampfhaften Gefühl, daß es die
Aufgabe eines Reporters war, irgend etwas zu schreiben. Aber was, zum
Teufel?

Ueberall um mich klapperten Schreibmaschinen. Die Türe wurde
fortwährend aufgerissen, und Leute kamen herein und gingen hinaus.
Meine neuen Kollegen schwatzten und lachten -- mitten in ihrer Arbeit.
Wie es möglich sein konnte, in diesem Höllenlärm einen vernünftigen
Gedanken zu Papier zu bringen, war mir vorläufig ein Rätsel.

Es roch nach frischer Druckerschwärze. Papier bedeckte knöcheltief
den Boden, allerlei Papier, handbeschrieben, maschinenbeschrieben,
bedruckt. Die Wände entlang standen zerschnitzelte und
tintenbeschmierte Pulte und kleine Tischchen, auf denen blanke
Schreibmaschinen thronten. Die eine Schmalseite des Zimmers nahm der
Bücherständer ein mit seinen unzähligen Nachschlagewerken. Eine Notiz
in roter Tinte besagte, daß der Sünder, der dabei ertappt würde, ein
Buch nicht an seinen richtigen Platz zurückzustellen, zu Pön und Strafe
jedem Anwesenden ein Glas Bier zu stiften habe. Da waren Telephone
an den Wänden und der elektrische Meldeapparat der Feuerwehr und
das Spezialtelephon zum Polizeihauptquartier und eine Karte von San
Franzisko und ein Tisch stand in der Zimmermitte, fußhoch mit den
neuesten Zeitungen bedeckt. Ueberall glitzerten elektrische Glühbirnen,
denn der Raum war zu groß, als daß das einzige Fenster selbst am
hellsten Sonnentag ihn hätte erleuchten können. Die geweißten Wände
waren dicht bekritzelt. Gegenüber der Eingangstüre stand in großen
Lettern:

»Fremdling, der du hier eintrittst, mach schleunigst, daß du wieder
hinauskommst, denn unsere Zeit brauchen wir selber!«

Und darunter deutete eine roh hingezeichnete Hand auf den großen
Schreibtisch in der Ecke beim Fenster:

»Allan McGrady, Lokalredakteur, Oberbonze, Hohepriester! Achtung, der
Kerl beißt!!«

Und mit einemmal waren alle die Männer verschwunden und der Raum leer.
Nur der Mann, der biß, war noch da. Er sah von seiner Arbeit auf und
rief mich beim Namen.

»Mr. McGrady?«

Allan McGradys scharfe Augen blinzelten vergnügt über die
Ränder der goldenen Brille hinweg. Ein Lächeln huschte über das
scharfgeschnittene, glattrasierte Gesicht. »Sagen Sie lieber gleich Mac
zu mir, mein Sohn,« meinte er grinsend, »denn in ein paar Tagen tun
Sie es doch. Hier hat jeder seinen Spitznamen, und ich werde wohl Mac
genannt werden bis zu meinem seligen Ende. Ihren Spitznamen kann ich
Ihnen übrigens prophezeien: als jüngster Reporter sind Sie und bleiben
Sie das =baby= bis Einer kommt, der noch jünger und noch dümmer ist wie
Sie!«

Ich muß ein sehr verblüfftes Gesicht gemacht haben --

»Wenn ich sage dumm, so meine ich das natürlich nur im Reportersinn,
und hoffentlich werden Sie auch in diesem Sinne in etlichen Monaten
nicht mehr dumm sein. Und nun will ich Sie ein bißchen orientieren,
mein Sohn. Hier gibt's keine Herren und keine Knechte. Wir sind alle
zusammen Arbeiter im Dienste der Zeitung, und in unserem Leben darf
und kann es nichts Wichtigeres geben als die Zeitung. Sie ist es, die
uns vereint. Wir sind eine große Familie. Wir teilen unsere Zigarren
und unseren Whisky, manchmal sogar unser Geld -- nun, Sie werden das
sehr bald herausbekommen. Wir sind alle Blutsbrüder. Wenn Sie etwas
nicht wissen, fragen Sie Ihren Nachbar. Wenn Sie etwas bedrückt, kommen
Sie zu mir ... Halten Sie vor allem den Kopf hoch und lassen Sie sich
nicht verblüffen! Sie werden ganz von selber sehen und hören und lernen
-- und weder ich noch irgend jemand kann Ihnen da viel helfen. Der
Journalist muß einem im Blut stecken, und wer's nicht in sich hat,
wird's nie! Und nun --«

Er teilte mir meine erste Arbeit beim Examiner zu.

       *       *       *       *       *

Um neun Uhr morgens versammelte sich die Reporterschar im
Reporterzimmer, während Mac schon eine Viertelstunde vorher sich
an seinem Schreibtisch eingefunden hatte. Eine selbstverständliche
Voraussetzung war natürlich, daß jeder der »Herren des Stabes« nicht
nur das eigene Blatt, sondern auch die anderen Morgenzeitungen San
Franziskos beim Frühstück gründlich gelesen hatte. Diese morgendliche
Konferenz hatte immer eine lustige und eine etwas weniger lustige
Seite. Man lachte und plauderte und spielte allerlei Schabernack, Mac
so gut wie wir alle, bis er auf einmal zu Mr. Allan McGrady wurde und
seine berühmte Geste der Ernsthaftigkeit annahm. Er pflegte dann die
Hände in die Hosentaschen zu stecken.

Kurz, scharf, sacksiedegrob war seine Rede --

»=Baby=!« (Das war ich!) der »=Call=« (das war eine Morgenzeitung San
Franziskos) hat Ihre Geschichte über den Mann, der total betrunken
im Citygefängnis eingeliefert wurde und in dessen Taschen man 15
000 Dollars fand, ebenfalls gebracht. Das ist traurig und von Ihnen
unrecht. Wenn Ihnen ein Polizeisergeant -- welcher war es?«

»McBride.«

»Aha -- McBride. Wenn Ihnen McBride guten Stoff erzählt, so sorgen Sie
gefälligst dafür, daß er von da ab seinen Mund hält und vor allem den
Call-Leuten gegenüber nichts ausplaudert. Wie Sie das machen, ist mir
egal!«

»Aber Mac, Sie haben neulich doch geschimpft wie unsinnig, als ich dem
andern Sergeanten fünf Dollars gab, damit ---- «

»Ganz richtig, mein Sohn! Das macht man auch nicht mit Geld, denn Geld
ist rar, sondern mit Liebenswürdigkeit und Schlauheit. Mann, strengen
Sie ihren Witz an! Bin ich vielleicht eine Amme und in alle Ewigkeit
verdammt, Sie an dem Quell der simpelsten Weisheit lutschen zu lassen?«

Ich war tief beschämt.

»Na, die Sache ist übrigens bei uns besser als im =Call=. Johnny (das
war Chefredakteur Lascelles) läßt Ihnen sagen, die Geschichte sei fidel
und nicht übel ...«

Das war McGradys Art der Anerkennung.

So wurde allmorgendlich Spalte für Spalte der Arbeit des vorhergehenden
Tages durchbesprochen und einem immer wieder eingehämmert, daß es für
den, der im Reporterzimmer hausen wollte, nichts auf der Welt gab
und geben durfte als ein einziges Interesse und eine einzige Liebe:
Die Zeitung und die Interessen der Zeitung. Erstens die Zeitung und
zweitens die Zeitung und drittens überhaupt nichts als die Zeitung!

Der Lausbub fühlte sich in der Luft des Reporterzimmers bald so wohl
wie ein Fisch im Wasser. Weil er jung war und einen Schuß Enthusiasmus
im Blut hatte, schien ihm das, was in Wirklichkeit ernstes und hartes
Schaffen war, ein lustiges, kinderleichtes Spiel. Immer neu und
eigenartig. Immer lockend. Immer aufregend. Holtergepolter ging's mit
der Arbeit den ganzen Tag hindurch bis spät in die Nacht hinein. Das
Zimmerchen in der Donnellystreet bei Madame Legrange sah mich nur zum
Schlafen. Im Eifer merkte ich gar nicht, daß ich ein »hart gerittener
Gaul« war und beim Examiner in einem einzigen Tag mehr lernen mußte,
als das anspruchsvollste Professorenkollegium eines Gymnasiums in einem
ganzen Wochenpensum verlangt hätte ...

Denn der gute Wille und das bißchen Talent taten's noch lange nicht.
Eine ungeheure Menge von Material mußte ich verdauen und einen Wust
faktischen Wissens mir aneignen, vor dem ich entsetzt zurückgefahren
wäre, hätte ich auch nur eine Ahnung gehabt, daß ich ja gar nicht
spielte, sondern »büffelte«. Aber die Zeitung hatte ihre eigene
Art, zu lehren und lernen zu lassen. Sie appellierte an Ehrgeiz und
Ehrgefühl und Kraft, indem sie Vertrauen schenkte. McGrady ließ es
mich nie fühlen, daß ich Anfänger und Lehrling war, und seine leitende
Hand führte weiche Zügel. Vom ersten Tag an bekam ich wie alle
anderen meine Aufgaben zugeteilt und arbeitete in allen Abteilungen
des Nachrichtendienstes. Ich wurde aufs Polizeihauptquartier
geschickt und zu den einzelnen Polizeisergeanten, assistierte bei der
Berichterstattung in großen Kriminalfällen, wurde bei den lokalen
politischen Größen eingeführt und im Hafendienst verwendet. Ein
lächelnd gegebener Rat, wie von Gleichstehendem zu Gleichstehendem, als
wortkarge Selbstverständlichkeit hingeworfen, eine lustige Derbheit,
die niemals etwas Verletzendes hatte, ein Wort hier, ein Wink dort,
die stete Fühlung vor allem mit Männern, die ihre Arbeit kannten und
liebten und gute Kameraden waren, wie ich sie im Leben selten gefunden,
zeigten mir bald die richtigen Wege.

Das Problem war einfach genug. Wer Nachrichten einholen wollte, durfte
sich nicht auf Auge und Ohr verlassen, sondern mußte sehr genau wissen,
wer die Männer waren, die Nachrichten geben konnten, und was die
Nachrichten selbst bedeuteten.

»Die Hauptsache müssen wir immer schon wissen, ehe wir zu fragen
beginnen,« pflegte McGrady trocken zu sagen.

Das war das Grundprinzip und leicht zu begreifen. Wenn ich zum
erstenmal zu einem hohen Beamten der Stadt geschickt wurde, um eine
wichtige Auskunft einzuholen, so mußte ich wissen, wer der Mann war,
was er geleistet hatte, welche Tragweite die Angelegenheit in Frage
hatte. Das Wissen lieferte die Zeitung selbst. Man drückte auf einen
elektrischen Knopf, und einer der Pagen erschien. Der bekam einen
Zettel. Auf diesen Zettel hatte man zum Beispiel geschrieben: John
McAllister, Schatzmeister San Franziskos. Neubau der Wasserwerke. In
wenigen Minuten kam der Page zurück, mit zwei blauen Aktenmappen,
numeriert und überschrieben: Schatzmeister McAllister -- Wasserwerke.
Ihr Inhalt waren die Ausschnitte aus dem Examiner aus allen Nummern, in
denen Artikel oder Notizen über McAllister und die Wasserwerke gebracht
worden waren. Die überflog man und wußte nun über den Mann und die
Sache, was zu wissen war. Ein Hilfsmittel von unschätzbarem Wert war
diese ausgezeichnete Registratur, ein wahres Tischlein-deck-dich für
den Zeitungsmann. Ein Redaktionssekretär hatte tagaus tagein nichts zu
tun, als jede Zeitungsausgabe in ihren einzelnen Artikeln und Notizen
zu klassifizieren, zu registrieren, und die Akten in musterhafter
Ordnung zu halten. Nichts fehlte, von der großen Politik bis zu einer
Statistik aller Großfeuer. So wurde jede einzelne Arbeitsaufgabe zu
einer Quelle des Wissens. Man lernte jeden Tag, jede Stunde im Tag.

Die vielen Menschen, mit denen ich zusammenkam, und die vielen
Dinge, mit denen ich mich beschäftigen mußte, waren wie immer neu
vorbeihuschende, farbenbunte, lebenspackende Bilder. Die Zeitung wurde
zum Götzen; das Reporterzimmer zum Heim, in dem man oft aß, immer sein
Glas Bier trank, wo man sich wohl fühlte wie nirgends. Ich würde jeden
ausgelacht haben damals, der mir gesagt hätte, daß ich Zeitungsleben
und Zeitungsarbeit auch nur auf eine kurze Spanne Zeit freiwillig
aufgeben könnte. Und tat es bald darauf doch ... Es gibt noch stärkere
Reize. Aber sie sind selten. Wenige Arten tätigen Schaffens wohl
vermögen einen Menschen so mit Leib und Seele einzufangen wie der
Zeitungsdienst. Ein Wirbel tollen Lebens war es, in dem ich stand.
Wenn man arbeitete, hatte man die Wirklichkeit unter den Fingern; die
Menschen, wie sie lebten, und die Dinge, wie sie sich zutrugen; immer
neue Menschen und immer andere Dinge. Das Schauen und Erleben, das
andere Männer der Arbeit in kargen Freistunden suchen mußten, gab die
Zeitung im Dienst.

Das war das Geheimnis des =San Francisco Examiners=, und es ist und
bleibt das Geheimnis der Presse -- aller großen Zeitungen aller Länder
und Sprachen. Die Zeitung bannt die Männer, die ihr dienen, in einen
Zauberkreis. Sie verlangt Unerhörtes an Arbeitskraft und Hingebung,
aber Unerhörtes gibt sie auch. Sie schenkt ihren Männern brausendes
Leben und gewaltige Macht. Das flüchtig hingeschriebene Wort eines
Zeitungsmannes spricht zu Hunderttausenden. Es vermag hunderttausend
Meinungen zu beeinflussen, vermag Großes in Gutem und Bösem. Wem
ihre Spalten offenstehen, der ist Führer und Lenker und Erzieher von
Tausenden, ohne daß diese Tausende auch nur seinen Namen kennen --

»Wir sind Männer ohne Namen,« sagte Allan McGrady einmal lächelnd
in einer abendlichen Plauderstunde. »In jedem von uns steckt ein
Stückchen romantischen Narrentums. Wer kennt uns? Einige Verleger,
einige Redakteure, einige Freunde vom Bau. Die große Masse, zu der
wir sprechen, kennt uns nicht. Ob ich unter einen Artikel Allan
McGrady schreibe oder Hans Jakob Ypsilon, ist ganz gleichgültig -- von
tausend Lesern sieht kaum einer nach dem Namen. Wir könnten ebensogut
Nummern tragen. Die Zeitung verschluckt uns mit Haut und Haaren und
Persönlichkeit.« Er lachte. »Und das bißchen Geld? Du lieber Gott,
der Mann im Wolkenkratzer da drüben, der altes Eisen billig kauft und
teuer verkauft, verdient zehnmal mehr als wir alle zusammen. Und wenn
wir einmal alt werden und nicht mehr können, dann wirft man uns aus
dem Zeitungstempel und setzt uns auf die Straße. Deswegen sind wir im
Grunde alle Narren, liebe Kinder. Ich bin ein Narr, und du bist ein
Narr, Jack Ferguson, und du bist auch ein Narr, =baby=!«

»Würdest du deine Arbeit an der Zeitung aufgeben, Mac, wenn du eine
Million erbtest?« fragte grinsend Jack Ferguson, der älteste Reporter.

»Nein, natürlich nicht!«

»Siehst du!«

»=Well=, das ist eben das Narrentum!« brummte Allan McGrady.

»Oh nein,« sagte Jack Ferguson fast feierlich. »Es ist mehr. Es ist das
kuriose Etwas, das den Soldaten vorwärtstreibt. Es ist jenes sonderbare
Etwas, das hoch über Geld und Geldeswert steht ------ «

»Schrumm, schrumm,« sagte Allan McGrady. »Prosit Kinder!«

Das kuriose Etwas war die Begeisterung. In ihr wurde die Arbeit zum
Spiel. Zum Sport. Man tat eigentlich nichts anderes den ganzen lieben
Tag, als nach Arbeit zu suchen und sich der Arbeit zu freuen. Unser
Vergnügen sogar hing sicherlich irgendwie mit der Zeitung zusammen.
Wenn man im Reporterzimmer plauderte, unterhielt man sich über die
neueste Wendung in den politischen Verhältnissen oder über den letzten
Kriminalfall oder den schwebenden, noch nicht ganz aufgedeckten
Spitzbubenstreich der Stadtväter San Franziskos. Es war einem eben zur
Manie geworden, sich nur für das zu interessieren, was die Zeitung
interessierte.

       *       *       *       *       *

Zu all der Arbeit in den Babyzeiten kam noch besonderes technisches
Lernen, das in sonderbarer Zufälligkeit meine nächste Zukunft stark
beeinflussen sollte. Ich lernte telegraphieren. Die Examinerleute
hatten damals die Marotte, die Sprache des Kupferdrahtes gründlich
zu erlernen, denn das konnte für die Zeitung sehr wichtig sein.
Unser Lehrmeister war ein liebenswürdiger amerikanischer Offizier,
Oberleutnant Green, der Chef des militärischen Signaldienstes im
Departement von Kalifornien. Drei, viermal in der Woche fuhren wir
zum Presidio, dem Fort beim Goldenen Tor, und arbeiteten dort im
Signalbureau, bald mit dem Leutnant selbst, bald mit Mr. Hastings,
einem alten Signalkorpssergeanten.

Nach den ersten Lektionen schon fesselten mich die Geheimnisse der
Teufelei elektrischen Stromes gewaltig. Der Mechanismus der Instrumente
war zwar sehr einfach. Die Wechselwirkung zwischen Taster, Strom und
Magnet hatte nichts besonders Wunderbares. Das mühselige Formen von
Buchstaben durch Punkte und Striche schien zuerst sogar langweilig.
Aber sobald ich eine gewisse Fertigkeit erreicht hatte, übte das
Telegrapheninstrument eine ganz merkwürdige Lockung auf mich aus. Denn
nun wurde aus den toten Punkten und Strichen lebendige Sprache.

Im Gegensatz zu der in Europa üblichen Art des Telegrammlesens vom
Papierstreifen oder durch Druckmaschine liest der amerikanische
Telegraphist fast nur durch Gehör. Das Klicken des Magneten spricht zu
ihm. Er schreibt das Gehörte nieder wie nach Diktat. Er erreicht dabei
eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 30 Worten in der Minute, die
sich bei Benutzung der Schreibmaschine auf vierzig, ja sogar fünfzig
Worte steigern läßt. Mein Ohr gewöhnte sich sehr rasch an die Sprache
des Telegraphen. Was zuerst ein mühsames Zählen der Punkte und Striche
gewesen war, um die einzelnen Buchstaben herauszuhören, wurde bald zum
Begeistertsein über eine neue, klare, deutliche Schrift. Ich hörte, wie
ein Telegraphist das lernen muß, nicht mehr die einzelnen Buchstaben,
sondern deutlich erklang das ganze Wort. Es war genau so wie Lesen
lernen. Zuerst mußte man sich um den Buchstaben mühen, um dann später
eine ganze Zeile in einem einzigen Bild in sich aufzunehmen. Ein
kleines Beispiel:

Wenn ein Telegraphist mit einem andern sich über den Draht hinweg
unterhält und lachen will, dann klickt er: ha -- ha -- ha. Im
Morsealphabet sieht das so aus --


.... .--ha .... .--ha.


Auf dem Papier sind die vier Punkte des h und der Punkt, Strich des
a etwas Totes und Nichtssagendes. Sobald wir sie aber im Instrument
erblicken, werden sie lebendig, sind charakteristisch, lösen sofort das
antwortende Gelächter aus.

Das Telegraphieren war ein famoses neues Spiel. Der empfindliche
Magnet reagierte so blitzschnell auf jeden Fingerdruck, daß sich
die anscheinend so komplizierten Morsebuchstaben schneller formen
ließen als auf dem Papier mit Tinte und Feder. Der Name Erwin in
Telegraphenschrift sieht sehr verzwickt aus:


.Pause . .. Pause .-- -- Pause .. Pause --. Wortpause


Telegraphieren läßt er sich in drei Sekunden!!

Nach drei Wochen bereits erwies mir der alte Sergeant Hastings das
Kompliment, mir lachend zu sagen, daß ich mich jetzt schon bald um eine
Anstellung bei der =Western Union= (das war die große amerikanische
Telegraphen-Kompagnie) bewerben könne. So vergnügt war er über seinen
Lehrmeister-Erfolg, daß er mich dann in die unterirdischen Kasematten
des Küstenforts führte.

»Aber 's ist strikt privatim!« mahnte er.

So sah ich den berühmten Minentisch der Küstenverteidigung San
Franziskos. Es war eine =camera obscura=. Auf eine ungeheure, in
winzige Quadrate eingeteilte Tischplatte in der Kasemattenkammer
reflektierten die Kameraspiegel ein Stück Meer. Es sah fast unheimlich
aus, wenn die Segler und die Dampfer im Spiegelbild über die schwarzen
Linien der Quadrate huschten, die alle Nummern trugen. Es _war_
unheimlich! Denn in Kriegszeiten bedeutete jedes Quadrat entweder eine
Torpedomine oder ein Schußfeld, auf das mehrere Geschütze sorgfältig
einvisiert waren. Glitt nun ein feindliches Schiff über Quadrat 39, so
drückte der Minenoffizier auf den elektrischen Knopf Nummer 39, und das
feindliche Schiff flog in die Luft, von einer Mine in Stücke gerissen
oder von riesigen Sprenggranaten zerfetzt. Theoretisch. Es sah sehr
schön aus.

Und dann gingen wir in die Kantine.

       *       *       *       *       *

Das Zeitungsbaby lernte die ersten Griffe seines neuen Handwerks ...
Aber weit wichtiger als all das Praktische war der große Lebenswert,
den die Zeitung wie im Spiel schenkte: Die Begeisterung für die Arbeit!



Reporterdienst.

     Was der Amerikaner von seiner Zeitung verlangt. -- Der =scoop=. --
     Der verunglückte Dampfer Hongkong. -- Die Männer der schnellen
     Entschlüsse. -- Wie ein Reporterstück inszeniert wird. -- Auf der
     Jagd nach der Sensation. -- Im Maschinenraum. -- Wie ich die Kunst
     des Zuhörens ausübte. -- Der Dämon im Stahl. -- Zeitungskönig
     Hearst. -- Eine Anekdote von der gelben Gefahr des Kaisers und der
     Hearstschen Gelben Presse. -- Ein schwarzer Tag.


Das Leben des Amerikaners ist Hast und Hetze, nicht aus der
Lebensnotwendigkeit der Jagd nach dem Dollar nur, sondern weil Hasten
und Hetzen ihm von Kindesbeinen an gar nichts zu Beklagendes, sondern
etwas Wunderschönes bedeuten. =Hustle!= ist sein Motto -- rühr' dich,
rege dich, nütze die Zeit! Und =hustling= verlangt er auch von der
Zeitung. Der Mann, dem riesige Wolkenkratzer, donnernder Straßenlärm,
jagende Eile im Stadtbild eine Art Kulturbedürfnis sind, verlangt von
seiner Zeitung viel Lärm und gewaltigen Spektakel, und die grellen
Farben, die sein Auge im Tagesleben überall erblickt. Zwei Zoll hoch
müssen die Ueberschriften sein und gepfeffert in kräftigen Worten,
so wie seine eigene Ausdrucksweise es ist; übertrieben, wie er gern
übertreibt, der Mann, der sein Land das Land Gottes nennt, anstatt
bescheidentlich vom Vaterland zu sprechen wie andere Leute. Die
Eile, den raschen Entschluß, das schnelle Schaffen, die in seinem
persönlichen Leben rumoren, will er auch in seiner Zeitung sehen. Ihm
imponiert das Bild, die Tat, die große Schilderung, das Verblüffende;
weise Worte möchte er nur gelegentlich und dann mit Vorsicht genießen!
Rauschendes Leben muß an seinem inneren Ohr vorbeifließen, wenn er in
den weichen Polstern der Hochbahn New Yorks die Zeitung überfliegt, auf
daß seine Lektüre im Einklang mit dem Taktschlag seines Tages klinge.
So ist aus dem hastenden Amerikaner heraus und seiner Liebe für grelle
Lichter und lauten Lärm die amerikanische Zeitung entstanden.

Ihre Dollarjagd, ihre Hetzerei, ihr Sensationsdrang.

Sieht man aber näher zu und wühlt man sich durch den
marktschreierischen Wortkram der Ueberschriften und der Floskeln in den
Aufsätzen, so entdeckt man erstaunt, daß hinter der brutalen Sensation
eine gründliche, ehrliche, bewunderungswürdige Arbeitsleistung von
ganz gewaltigen Verhältnissen steckt und zwar häufig gerade da, wo
der als so leichtsinnig verschrieene Reporter gearbeitet hat. Dieser
Reporter, der so gut wie die Besten die jungfrische Kraft und den
Unternehmungsgeist und den Bienenfleiß des Dollarlandes repräsentiert.
Er ist es, der seiner Zeitung die großen Erfolge verschaffen muß, die
man in der Zeitungssprache =scoops= nennt. Sie allein machen Eindruck
auf den modernen Amerikaner; sie allein sichern dem Blatt ein rasches
Emporschnellen der Zirkulation, ein Wachsen im Ansehen.

=Scoop= heißt wörtlich eine große Schaufel. =To scoop in= bedeutet
einheimsen, einschaufeln, einsacken, und im übertragenen Sinne will
der spöttische Zeitungsausdruck besagen: Daß man eine hochwichtige
Neuigkeit ganz für sich allein, ganz zu allererst eingeheimst,
eingeschaufelt hat, während die betrübte Konkurrenz wehmütig dasteht
und den kahlen Boden vierundzwanzig Stunden später nach schäbigen
Resten absucht. Ich erlebte einen prachtvollen =scoop= beim Examiner.
Und half mit dabei.

       *       *       *       *       *

Frühmorgens war es. Noch hatte die Arbeit nicht begonnen und die
Reporterfamilie auf der Jagd nach den Ereignissen des Tages sich
über die Stadt zerstreut, als McGradys Telephon, das von der
Examinerzentrale nur dann eingeschaltet wurde, wenn es sich um eine
sehr wichtige Mitteilung handelte, rasselnd erklingelte. Mac nahm den
Hörer ab:

»Examiner -- Nachrichtendienst.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Jawohl -- Leuchtturmwärter -- Station Goldenes Tor -- ja -- _wie_
heißt der Dampfer -- die Hongkong? -- jawohl! Anscheinend verunglückt,
jawohl Wird von einem Trampdampfer eingeschleppt?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Pause, lange Pause. Wir alle lauschten in atemloser Spannung. Dann
fragte Mac weiter:

»Der Dampfer ist nur durch ein gutes Fernrohr sichtbar, sagen Sie?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Haben Sie die Nachricht einer anderen Zeitung gegeben? -- Nein?
-- Schön. Erstatten Sie nur die Ihnen dienstlich vorgeschriebenen
Meldungen an die Behörden und benachrichtigen Sie keine andere Zeitung.
Ja? Danke. Sie erhalten von uns fünfundzwanzig Dollars. -- Schluß.«

Das Telephon klingelte ab.

Allan McGrady hängte langsam und bedächtig den Hörer auf, ging
zu seinem Schreibtisch, nahm sich eine Zigarette und zündete sie
umständlich an, während wir schweigend dastanden. Dann wandte er sich
um.

»Hayes! Telephonieren Sie doch, bitte, an die
Schleppdampfergesellschaft. Wir brauchen den schnellsten Schlepper, den
sie haben. Muß in einer halben Stunde unter Dampf sein. Examinerdienst,
üblicher Charter für einen Tag. Nein -- warten Sie. Nicht einen,
sondern zwei Schlepper brauchen wir.«

»Zwei Schlepper -- in einer halben Stunde!« wiederholte Hayes.

»Richtig.« Hayes ging zum Telephon und McGrady klingelte. »Ich lasse
Mr. Lascelles bitten,« befahl er dem eintretenden Pagen.

Von uns sagte keiner ein Wort, denn jeder wußte, daß es sich um etwas
Großes handelte; um rasches Denken, um schnelles Disponieren. Daß jede
Minute und jeder gesprochene Satz kostbar waren. Der Chefredakteur
kam augenblicklich. Wenn ein Redakteur den andern oder gar den Chef
»bitten« ließ, anstatt sich selbst zu bemühen, so bedeutete das: Eile,
Dringend, Expreß!

Die beiden Herren schüttelten sich die Hände.

»Guten Morgen, Lascelles,« sagte McGrady, der nie ruhiger und kühler
sprach, als wenn er sehr aufgeregt war. »Verzeihen Sie, aber wir haben
hier eine Sache, die keinen Aufschub duldet.«

Lascelles nickte nur. McGrady fuhr fort:

»Der Leuchtturmwärter von der Goldenen-Tor-Station telephoniert,
er habe soeben den Dampfer Hongkong der San Franzisko-China-Linie
gesichtet. Der Dampfer werde von einem kleinen Honolulu-Trampdampfer
eingeschleppt. Sie alle wissen, daß die Hongkong überfällig ist. Um
was es sich handelt, läßt sich ja allerdings noch nicht sagen. Mr.
Lascelles, ich habe zwei Schleppdampfer beordert --«

»Weshalb zwei?«

»Wir haben Eile. Ich möchte vorschlagen, daß wir die Nachmittagsausgabe
zwei Stunden früher erscheinen lassen mit zwölf bis zwanzig Spalten
Hongkong an erster Stelle. Ich persönlich bin dafür, alles andere
Lokale hinauszuwerfen. Nur Hongkong, wichtige Politik, Börse,
Vermischtes. In zwei Stunden frühestens hat der »=Call=« die Nachricht
von den Behörden, auf jeden Fall aber nach uns. Selbst wenn es sich nur
um eine Stunde oder auch eine halbe Stunde Differenz handeln sollte, so
haben wir doch Vorsprung, und die Leute vom =Call= kommen sicher nicht
auf den Gedanken, daß wir zwei Stunden früher erscheinen könnten!«

»Teufel -- das können wir aber doch nicht, Mac!«

»Ich meine, es müßte eben gehen,« sagte Allan McGrady nachdenklich.
»Wir lassen die Setzer und die Maschinenleute der Nachtschicht holen.
Was Manuskript anbetrifft, so soll der zweite Schlepper die ersten
Nachrichten übermitteln, sobald es nur irgendwie geht, und der Rest
muß eben auch im Handumdrehen da sein -- ich kann mich auf meine Leute
verlassen.« (Es geschah sehr selten, daß McGrady dergleichen sagte,
aber wenn es geschah, so hätten wir uns in Stücke zerreißen lassen für
ihn!!)

»Die Möglichkeit des Gelingens ist da,« antwortete Lascelles rasch.
»=Allright=, Mac. Disponieren Sie. Sie wissen, daß wir gute tausend
Dollars Extraausgaben riskieren und der alte Mann uns die Hölle heiß
machen wird, wenn die Sache schief geht. Verfrühte Ausgabe also. Wissen
Sie was? Es ist neuneinhalb Uhr. Um zwölf Uhr, oder sagen wir halbeins,
lassen wir ein Extra verteilen: Die Hongkong hilflos eingeschleppt.
Eines der größten Schiffe der kalifornischen Chinalinie mit knapper Not
dem Untergang entgangen. Eine Tragödie der See. Siehe ersten Bericht im
Nachmittags-Examiner. Oder so ähnlich ...«

»Ausgezeichnet!« sagte Mc Grady. »Wenn wir den Anschluß erwischen,
ist es eine große Sache. Meine Herren, der gesamte Stab geht auf den
Schleppdampfer mit Ausnahme von Hayes. Hayes -- weinen Sie nicht, Sie
haben schwierige und verantwortungsvolle Arbeit genug; Sie müssen auf
die Frisco-China-Linie und zu den Versicherungsgesellschaften. Orders
kann ich Ihnen kaum geben, meine Herren. Ferguson als der Aelteste wird
disponieren. Nur ganz allgemein: Wir wenden die natürliche Methode an.
Die Ereignisse werden photographisch geschildert. Die Schilderung
beginnt von dem Augenblick an, in dem Sie den Schleppdampfer betreten.
Diesen ersten Teil soll Ferguson machen. Hetzfahrt und so weiter. Die
Hongkong wird gesichtet -- Beschreibung, bitte, wie der Kasten aussieht
-- man klettert an Bord« -- (er lachte) »und wenn einer der Herren
dabei ins Wasser fallen sollte, wär' das eine schöne Sache --«

Schallendes Gelächter.

»-- und wenn einer der Herren so gütig sein würde, dabei im
Dienste des Examiners zu ertrinken, so wär' das noch viel schöner
vom Zeitungsstandpunkt aus!« (Das war Macs gruselige Art von
Humor.)»Passagiere schildern also -- sie interviewen -- Kapitän,
Offiziere interviewen -- sehen, was los ist -- sperrt sich der
Kapitän, so wird ihm unter die Nase gerieben, daß der Examiner und die
Öffentlichkeit sich nicht bluffen lassen -- die Wahrheit kommt doch an
den Tag. Los, meine Herren! Ich bitte mir aus, daß flott gearbeitet und
beim Schreiben auf der Heimfahrt keine Zeit an stilistische Künsteleien
verplempert wird. Das nötige Zurechtdeichseln besorgen Lascelles und
ich hier auf der Redaktion. Los!«

»Einen Augenblick!« rief Lascelles. »Zeitungen mitnehmen! Ist gute
Reklame. Die Passagiere werden sich freuen, nach sechzehn Tagen wieder
eine Zeitung aus dem Lande Gottes zu sehen!«

Eine Minute später stürmten in Holtergepoltereile zehn Zeitungsmänner
zum Hafen, und fünfundzwanzig Minuten darauf jagten in sausender
Fahrt die Hochseeschlepper Furor und Golden Gate durch das
Schiffahrtsgewimmel der inneren Bai dem Goldenen Tore zu. An den
Flaggenstangen im Heck flatterten die Hausflaggen der Zeitung
mit ihrer grellroten Inschrift auf weißem Grund: =San Francisco
Examiner=. Das Fahrttempo war viel zu schnell für die innere Bai,
aber der Examiner durfte bei seinen Beziehungen zur Hafenpolizei eine
kleine Gesetzesübertretung schon riskieren. Die Schiffe, denen wir
begegneten, wurden aufmerksam, und mehr als einmal schallten brüllende
Megaphonfragen zu uns herüber, was in Dreikuckucksnamen denn eigentlich
los sei. Unser Kapitän antwortete gewöhnlich: »Erkundigt euch beim
nächsten Polizisten!« Oder grimmiger:

»Sind -- in Eile -- haben ---- keine Zeit ---- euch -- was vorzulügen!
=Goodbye=!!«

Alcatras Island, die winzige, mit Kanonen gespickte Felseninsel im
Zentrum des Hafens, huschte vorbei; die schmale Bai wurde breiter,
die Wogen gingen höher. Das Häusermeer verschwand im Dunstkreis. Die
Fischerflottillen in der äußeren Bai waren bald überholt. Die nackten,
felsigen Ufer schoben sich näher zusammen.

Wir dampften durch das Goldene Tor. Ferguson hatte, auf einen
Decksessel hingekauert, schon längst zu schreiben begonnen. Nun sah er
auf und gab uns seine Instruktionen, die auf eine genaue Verteilung
der Arbeit hinausliefen. Mir wurde die Beschreibung des Maschinenraums
zugeteilt, während Ferguson selbst das Interview mit dem Chefingenieur
der Hongkong übernahm. Aber der blinde Glückszufall hatte mir, dem
Jüngsten, eine lohnendere Aufgabe gegeben als ihm, dem Alterfahrenen
... In einer Viertelstunde wurden Rauchwolken sichtbar am Horizont,
und bald darauf tauchte die schwarze Masse eines Riesenschiffes
auf, geschleppt von einem winzigen Dampfer. Das war die fünf Tage
überfällige Hongkong.

       *       *       *       *       *

Die elektrischen Lampen glühten im Maschinenraum, aber die gewaltigen
Feuerlöcher der Kessel lagen grau und leblos da und Stille herrschte.
Ich kletterte mühselig von Plattform zu Plattform auf den schmalen
stählernen Leitern.

»'n Morgen,« sagte unten ein alter Mann mit weißen Haaren im blauen
Maschinistenkittel. Er betrachtete mich vergnügt aus blinzelnden Augen
und schob bedächtig den Pfeifenstummel aus dem linken Mundwinkel in den
rechten, während er mit der einen Hand die Lagerung eines sausenden
Dynamos prüfend betastete und mit der andern ein frischgewaschenes Hemd
näher an die Feuerung des kleinen Hilfskessels hielt. »Guten Morgen!«

»Erzählen Sie mir alles!« sagte ich.

»Zeitung?«

»Ja -- Examiner.«

»Dacht' ich mir,« grinste der Alte. »Ich bin der dritte Ingenieur
dieses gesegneten Schiffes, und wie Sie sehen, beschäftige ich
mich damit, ein bißchen elektrische Kraft zu fabrizieren und die
Familienwäsche zu trocknen. Mann, hier ist nichts los! Der Laden ist
zu. Wir haben das Geschäft aus Mangel an Betriebskapital aufgegeben.«

»Weiter!« bat ich geduldig.

»Weiter nichts.«

»Propellerbruch, wie ich höre, nicht wahr?«

»Propellerschaftbruch, junger Mann, fachmännisch ausgedrückt,« sagte
der Alte und drehte seine trocknende Familienwäsche nach der anderen
Seite. »Das heißt, daß ungefähr in der Mitte zwischen hier und Honolulu
in zweitausend bis dreitausend Meter Tiefe auf dem Grunde des Meeres
ein Propeller, ein drei Meter langes Stück Propellerschaft, ungefähr
sechs Heckplatten mit Zubehör, dreiviertel eines Steuerruders und noch
verschiedene andere belanglose Kleinigkeiten liegen, alles zusammen
etwa achtzigtausend Pfund schwer und etliche hunderttausend Dollars
wert. Das is' alles!«

-- -- -- -- -- -- --

»Wie das passiert ist?« Er spuckte kräftig auf den Boden. »Junger Mann,
ich bin siebenundzwanzig Jahre lang Maschinist, und trotzdem weiß ich
das ebensowenig wie Sie. Sehen Sie, ein Propellerschaft ist sozusagen
'n Luder! 'n dickes, langes Stück Stahl, das vor jeder Ausreise von
einem halben Dutzend Ingenieuren und mindestens drei Behörden Zoll für
Zoll abgeklopft und untersucht und begutachtet wird. Das wir während
der Fahrt pflegen und hätscheln, ölen und salben, als wär's 'n Baby. 'n
Stück Stahl, das eine Krafteinwirkung von sechstausend Pferdekräften
und Wasserwiderstände von achtzehntausend Pferdekräften auf seinem
runden Buckel aushalten muß. 'n Stück Stahl, dem die Kräfte und die
Widerstände hie und da -- es kommt nicht häufig vor, dem lieben Gott
sei Dank -- zu viel werden. Dann geht's knax, und der Teufel ist los!«

»Was passiert dann?«

»Oh, nichts von Bedeutung.« Er lachte schallend auf und schlug sich
aufs Knie. »Es passiert das, was uns passiert ist. Ungefähr das,
was geschieht, wenn man einer kleinen Katze plötzlich den Schwanz
abschneidet -- der Schwanz fällt herunter, nicht wahr, und die kleine
Katze gebärdet sich ungewöhnlich lebendig und aufgeregt. Na, unser
Propellerschwanz mit einigem Zubehör, das er im Vorbeigehen mitnahm,
liegt -- =well=, zwischen hier und Honolulu. Die Katze ---- «

»Die Maschinen?«

»-- jawohl -- die Maschinen! -- die Maschinen wurden aufgeregt. Das ist
ungefähr so, als wenn vier Pferde aus Leibeskräften an einem schweren
Sandwagen zerrten und plötzlich rissen sämtliche Stränge. Worauf die
vier Gäule übereinanderpurzeln und mit den Beinen strampeln würden ...
Um drei Uhr nachts ist es passiert. Ich hatte die Wache, Hand an der
Drosselung. Drei Sekunden nach dem großen Krach hatte ich abgedrosselt
und fünfzig Sekunden später das hintere mechanische Sicherheitsschott
geschlossen. Die drei Sekunden jedoch genügten den Maschinen
vollkommen, um übereinanderzupurzeln -- Lagerungen verballert,
Hochdruckzylinder verbogen, Kolben schief, als wären sie besoffen, alle
Verbindungen gelockert, alle Schrauben heidi -- ein Jammer, junger
Mann, ein trauriger Jammer. Zum Weinen! Aber das verstehen Sie nicht --
sind ja kein Maschinenmensch ...«

»Und dann?«

»Schloßen wir den Laden. Ließen Dampf ab, dichteten das
Kollisionsschott, pumpten das Stück pazifischen Ozean aus, das in den
Maschinenraum gedrungen war, und stützten unsere armen Maschinen mit
allerlei Gebälk. Mann, sehen Sie nur hin! Der Hochdruckzylinder sieht
aus wie 'n Baugerüst -- pfui Deibel! Das erledigt, warteten wir auf
die göttliche Vorsehung und den dreckigen Trampdampfer, der mit seinem
bißchen Schleppen ein Riesenvermögen an uns verdient.«

»Darf ich den Maschinenraum ansehen?«

»Kommen Sie! Sie werden sich wundern! Er sieht ungefähr so aus wie ein
Zwischendeck mit siebenhundert seekranken Chinesen am dritten Tag der
Ausreise von Hongkong. To -- tal ver -- saut!!«

Seufzend hing er das schon beinahe getrocknete Hemd über eine blanke
Kupferröhre und führte mich in das Allerinnerste der Hongkong. Ein
beschwerliches Kriechen war es, schmale Gänge entlang und unter den
Leibern stählerner Ungeheuer durch. Ein Gewirr von Balken stützte
die einzelnen Teile der Riesenmaschinen, die der furchtbare Stoß der
im Augenblick des Bruchs entfesselten widerstandslosen Kräfte völlig
unbrauchbar gemacht hatte; zerbrochene, verbogene Röhren, geknicktes
Gestänge, schiefe Stahlsäulen, abgesprungene Harteisenstücke, weißgrau
an den Bruchrändern, lagen umher.

»Hübsch, nicht?« sagte der alte Mann. »Nun stellen Sie sich, bitte,
vor, daß ein winzig kleiner Fehler, ein völlig unsichtbarer,
unentdeckbarer Riß in einem runden Stück Stahl von zwanzig Zoll
Durchmesser ausreichte, um für eine halbe Million Dollars Maschinen in
drei Sekunden über den Haufen zu werfen!!«

Da beschloß der Lausbub, seinem Teil des Berichts die Überschrift zu
geben: Der Dämon im Stahl!

Er fand das sehr schön!!

Während der Furor in einer Wolke von schwarzquellendem Rauch hafenwärts
sauste, schrieb ich und schrieb und schrieb, denn es war ja so
leicht. Hatte mir doch das Glück das Schönste und Packendste in einem
großen Zeitungsereignis bescheert -- den grimmigen düsteren Humor der
Wirklichkeit ...

Unser =scoop= gelang glänzend. Mit flammenden Überschriften und
sechzehn Spalten Hongkong erschien der =Examiner= zwei Stunden vor
dem =Call=. In einer Gesamtzeit von sieben Stunden vom Einlaufen der
Meldung bis zur Ausgabe der fertigen Zeitung war ein für die Hafenstadt
unendlich interessantes Ereignis lebendig und exakt geschildert
worden, in der Ausführlichkeit einer graphischen Darstellung von
über dreitausend Zeilen Länge. Nichts fehlte. Das Aussehen der
Hongkong -- der Bericht des Kapitäns -- die Schilderung der Leute des
Schleppdampfers -- die Szenen des Schreckens der Unglücksnacht.

Es war einer der großen Tage der Zeitung gewesen.

       *       *       *       *       *

Der Hongkongbericht war in gekürzter Form nach New York und Chicago an
das New York-Journal und die Chicago-Dispatch telegraphiert worden,
denn wir und jene beiden Blätter arbeiteten stets Hand in Hand.
Gehörten »wir« doch einem gemeinsamen Eigentümer, dem Verleger des New
York-Journal, William R. Hearst. Als wir uns am nächsten Morgen im
Reporterzimmer einfanden, hielt uns Mac lachend eine Depesche entgegen.
Wir lasen:

»Examiner, Frisco. -- Komplimente, Mac. Gute Arbeit. Erwarte
ausführlichen Bericht. -- Hearst.«

Das war bezeichnend für William R. Hearst, dem nichts zu klein war im
Zeitungsdienst, um sich nicht persönlich darum zu bekümmern, und nichts
zu groß, sich mit seinen Zeitungen nicht daran zu wagen. Ich sah Hearst
erst Jahre später. Aber im Reporterzimmer wimmelte es von Anekdoten
über den »Alten«. Als Hearsts Vater, der Besitzer des New York-Journal,
gestorben war und ihm die Zeitung hinterlassen hatte, wurde aus dem
bedeutungslosen Jungen, der bisher nur durch modische Kleidung und
grelle Kravatten aufgefallen war, mit einem Schlage ein Arbeiter. Er
erklärte den redaktionellen und geschäftlichen Leitern seiner Zeitung,
daß in Zukunft er der Herr sei und sonst niemand. Die wollten sich
totlachen.

Dann kam das Entsetzen.

Der junge Hearst gönnte sich nicht einmal die Zeit zum Essen -- und
anderen Leuten erst recht nicht. Zu schlafen schien er überhaupt nicht.
Er war der Schrecken der Metteure. Er nächtigte im Setzersaale und
schrieb bis aufs letzte -- i -- Pünktchen die Schriftarten vor, die die
Ueberschriften der einzelnen Artikel anziehend machen sollten für Seine
Majestät das Publikum.

Sein Leben gehörte seiner Zeitung. Das folgende wahre Geschichtchen
illustriert seine Manier vortrefflich. Er gab ein Souper, das sich
lange ausdehnte. Um drei Uhr morgens brachte ihm ein Bote die erste
Kopie der Morgenausgabe des Journal, das soeben zur Presse gegangen
war. Hearst sprang nach einem Blick auf die Zeitung wütend auf,
ohne seinen verblüfften Gästen auch nur ein Wort der Erklärung zu
geben, und rannte in die Nacht hinaus. Nach Luft schnappend, kam er
im Journalgebäude an, ließ die Presse stoppen und telephonierte den
Chefredakteur herbei.

Alles -- weil die Überschrift des Leitartikels Hearst nicht zugkräftig
genug war!

Er pflegte stundenlang der Länge nach ausgestreckt in seinem
Privatkontor auf dem Teppich zu liegen, die Riesenseiten des Journal
vor sich ausgebreitet, um die Wirkung der »Aufmachung« zu studieren.
Den großen Eindruck brauchte er -- für die große Masse. Die war sein
Götze. Er gab Unsummen aus für Spezialdrähte, mietete einen Privatdraht
zwischen New York und Washington, um die Kongreßdepeschen früher
zu haben, gewann Generäle und Minister als Mitarbeiter. Er schlug
die Zeitungen New Yorks wieder und wieder in der Schnelligkeit und
Ausführlichkeit wichtiger Nachrichten. Der Erfolg bei der großen Masse
kam fast augenblicklich. Die Auflagenziffern des New York-Journal
schnellten zu verblüffender Höhe empor, und aus der einen Zeitung wurde
ein Zeitungssyndikat in New York, Chicago und San Franzisko, mit Hearst
als Alleinbesitzer. Damals entstand das Wort von der Gelben Presse.

Ueber seine Entstehung habe ich von amerikanischen Zeitungsfreunden
folgendes Geschichtchen erzählen hören:

Als der deutsche Kaiser der gelben Gefahr sein Zeichentalent widmete
und die Völker Europas warnte, ihre heiligsten Güter zu wahren, kam
der Karikaturist einer Washingtoner Zeitung auf die hübsche Idee, die
kaiserliche Zeichnung, die in Amerika großes Aufsehen und bei der
Abneigung gegen die gelbe Rasse starken Beifall erregt hatte, polemisch
zu verwerten. Er zeichnete in einem Bild einen messerschwingenden
Chinesen, in einem andern Bild daneben den das Journal schwingenden
Hearst, umgeben von tanzenden Teufelchen, die alle schrien: Sensation!
Sensation!! Sensation!!! Das eine Bild trug die Ueberschrift: Die Gelbe
Gefahr Europas! das andere: Die Gelbe Gefahr Amerikas! Die politische
Welt der Vereinigten Staaten lachte und nannte den Zeitungsmann den
gelben Hearst und seine Zeitungen die gelben Zeitungen. Die Gelbe
Presse!

Wie nun das bissige Wortbild auch entstanden sein mag, es kennzeichnet
mit seinem Vergleich mit der krassesten aller Farben, dem schreienden
Gelb, den Hunger nach Sensation vorzüglich. Tut auch Unrecht, wie
alle Schlagworte. Hearst hat starken Einfluß auf die Entwicklung der
amerikanischen Presse ausgeübt und dem modernen Nachrichtendienst
unvergeßliche Dienste geleistet. Und lange vor Roosevelt schon kämpfte
er gegen die Trusts. Seine politische Stellung als einer der Führer der
demokratischen Partei wird von Jahr zu Jahr stärker.

       *       *       *       *       *

Nur einen einzigen Tag in jenen Monaten versäumte ich den
Zeitungsdienst.

Das war an jenem Tag, als frühmorgens Madame Legrange klopfte und mir
einen Brief brachte, einen Brief aus Deutschland. Ich freute mich
gewaltig. Mein wortkarger Vater schrieb mir nur selten, aber zwischen
den Zeilen der wenigen Briefe konnte ich lesen, daß meine jungenhafte
Begeisterung im Dienste der Zeitung und mein naives Schildern des
Lebens um mich ihn freuten. In knappen Worten sprach der Freund zum
Freund. Nur dann und wann blitzte ein Rat, eine Warnung auf. »Du wirst
vielleicht nie nach Deutschland zurückkehren, aber vergiß dein Land
nicht, denn seine Art bleibt deine Art!« schrieb er mir einmal. »Du
hast es sehr schwer, denn du bist niemand Verantwortung schuldig als
dir selbst ...« hieß es ein andermal. Vor allem aber verblüffte mich
die genaue Kenntnis der amerikanischen Verhältnisse, die aus diesen
Briefen sprach; eine weit gründlichere und tiefere Kenntnis als die
meinige, der ich doch im Lande lebte und schaffte. Das flößte mir
gewaltigen Respekt ein. Wenn das deutsche Heimweh über mich kam, und
das tat es manchmal, nahmen die Sehnsucht und die Träume die Form an,
daß ich es mir erträumte, dem Vater einst als erfolgreicher Mann wieder
gegenüberzutreten. Der Erfolgreiche dem Erfolgreichen. Der Freund dem
Freund. Der Gleichberechtigte dem Gleichberechtigten.

Und nun las ich und saß erstarrt auf meinem Bett. Mein Vater war tot.
Gestorben an einer fürchterlichen Krankheit, nach jahrelangem Siechtum,
das mir auf seinen Befehl verheimlicht worden war. Sie hatten ihn vor
Wochen schon begraben.

An jenem Tag der Verzweiflung begann ich zu ahnen, was Alleinsein
im fernen Lande in Wirklichkeit war und was die Bande des Bluts
bedeuteten, aber Jahre sollten noch vergehen, bis ich verstand, daß
in dem Grab im Münchner Nordfriedhof mein Allereigenstes lag. Daß aus
meinem Vater meine Kraft und mein Leichtsinn und meine Art stammte, und
daß ich dem Mann, der als kriegsinvalider Offizier nach den Feldzügen
der Jahre 1866 und 1870 frisch und kraftvoll nach einem neuen Leben
gegriffen und sich als nationalökonomischer und wirtschaftlicher
Geistesarbeiter einen reichen Wirkungskreis geschaffen hatte, alle
Zähigkeit des Wollens und Willens verdankte.



Das Kommen des Krieges.

     Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die
     Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. --
     Die Glückssoldaten in Viriginia. -- Gespannte Beziehungen zwischen
     den Vereinigten Staaten und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die
     kubanische Junta und New York. -- Der Untergang der Maine. -- Der
     Racheschrei. -- Kriegserklärung. -- Meine große Idee! -- Die große
     Idee funktioniert nicht! -- Aber ich muß unbedingt nach Kuba ...


Schweres Kriegsgewölk überschattete im Jahre 1898 die Neue Welt. Unten
im Süden auf der Insel Kuba tobte seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen
Herren und Knechten, zwischen einer Rasse, die sich im Niedergange
befand, und bösem Mischblut; zwischen Spaniern und Kubanern. Die reiche
Insel, das Tabaksland, das Zuckerland war bitterarm geworden unter
spanischer Mißwirtschaft, und unerträglicher Steuerdruck lastete auf
ihm. Die spanisch-indianischen Mischlinge, die westindischen Neger
und Halbneger, nie Freunde harter Arbeit, wurden durch das unfähige
spanische Beamtentum mit seinem die Hände in den Schoß legenden
=mañana=-Glauben noch gründlicher verdorben, als sie von Mutter Natur
aus schon waren. Korruption war überall im Land. Hungersnot folgte auf
Hungersnot. Bitteres Elend herrschte seit vielen Jahren. Da schlugen
sich die Mischlinge in die Büsche, und langsam wuchs unter Führung von
Abenteurern die national-kubanische Erhebung; ein Guerillakrieg, der
von beiden Seiten mit einer Wildheit und einer Grausamkeit geführt
wurde, die dem benachbarten Amerika den Atem stocken ließ und ihm eine
altschmerzende Episode ins Gedächtnis rief, die in den Vereinigten
Staaten böses Blut gemacht hatte: Das Sterben der Männer der Virginia.

Vor einem Jahrzehnt, denn solange schon wütete der Kleinkrieg zwischen
Spaniern und Insurgenten, waren amerikanische Glückssoldaten in dem
Schooner Virginia gen Kuba gesegelt und im Süden gelandet, sich in den
Reihen der Revolutionäre Ruhm und Glück zu erkämpfen. Ein spanisches
Kanonenboot fing den Schooner ab. Vierundzwanzig Stunden später
knallten die Schüsse der spanischen Pelotons, und die Glückssoldaten
der Virginia waren tot. Amerika zitterte vor Entrüstung, wenn auch
das amtliche Washington sich wohl oder übel auf den Boden des
internationalen Rechts stellen und erklären mußte, jene amerikanischen
Abenteurer hätten den Schutz des Mutterlandes verwirkt, als sie sich
auf ihre ungesetzliche Unternehmung einließen. Vergessen aber wurden
die Männer der Virginia nie.

Schon zu Ende des Jahres 1897 waren die Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und Spanien gespannt, denn Washington hatte
wiederholt energisch darauf hingewiesen, daß in der Tabak-und
Zuckerindustrie Kubas Millionen amerikanischen Geldes steckten und die
unhaltbaren Zustände auf der Insel den wirtschaftlichen Interessen
der Vereinigten Staaten schadeten. Da wurde der spanische General
Weyler als Generalkapitän auf die Insel gesandt, und der Kampf gegen
die Insurgenten begann im großen Stil. Der grimmige Soldat ersann das
System der Blockhauslinien. In Fächerform wurden von den militärisch
stark besetzten Zentren aus kleine Blockhäuser in das Innere des Landes
vorgeschoben, um in stetig fortschreitender, geschützter Angriffslinie
die Revolutionäre zusammenzudrängen und das Land Meile für Meile von
ihnen zu säubern. Quer über die ganze Breite der Insel schob sich
die =trocha=. Eine gewaltige Kriegsmaschine war es: Undurchdringbare
Drahtverhaue verbanden die Blockhäuser. Vor diesem Gürtel kleiner
Festungen lief eine zweite Linie von Wolfsgruben und Sprengminen, die
eine bloße Annäherung an die =trocha= schon zu einem tödlichen Wagnis
machten.

Ein furchtbares Gemetzel begann. Tier kämpfte gegen Tier, denn
die halbverhungerten, verzweifelten, geächteten Menschen in den
Wäldern waren zu Tieren geworden, die mit ihren Macheten jeden der
verhaßten spanischen Soldaten, der ihnen in die Hände fiel, grausam
abschlachteten, und die erbitterten Spanier zeigten sich nicht weniger
grausam als jene. Sie schonten weder Weib noch Kind. So tobte der
Kleinkrieg. Immer wieder wurden die =trocha= da und dort in Kämpfen
bis aufs Messer von den Insurgenten durchbrochen; hatten doch diese
menschlichen Gerippe, die wenig mehr besaßen als ihre Waffen, nichts
zu verlieren und alles zu hoffen. Gefangene wurden von den Spaniern
ohne weiteres erschossen; zu Dutzenden, zu Hunderten. In New York
aber sorgte eine kubanische Junta, eine Vertretung der Insurgenten,
getreulich dafür, daß die amerikanische öffentliche Meinung in Schrift
und Bild jede Greueltat der spanischen Soldaten erfuhr, während über
die Schandtaten der Revolutionäre klüglich geschwiegen wurde. Grelle
Schilderungen von Hunger, Jammer und brutaler Unterdrückung aber
verfehlen ihre Wirkung auf den Amerikaner nie.

Alles drängte zur Einmischung der Vereinigten Staaten. Der langsam
erwachende Imperialismus, der eine Ausdehnung der amerikanischen Macht
forderte und Taten verlangte; das Kapital und starke wirtschaftliche
Interessen, die nicht nur ihre Geldanlagen auf der Nachbarinsel retten
wollten, sondern auch von einem amerikanischen Kuba sich goldene Berge
versprachen; der Zug der öffentlichen Meinung endlich, die die blutigen
Greuel im Nachbarhause nicht mehr mit ansehen mochte.

Die Stimmung war gespannt zum Platzen.

Da flog am 15. Februar des Jahres 1898 abends 9 Uhr im Hafen von
Havana der große amerikanische Kreuzer Maine in die Luft und sank
augenblicklich. Die gesamte Besatzung von über sechshundert Mann ging
zugrunde.

Jetzt jagten sich die Ereignisse.

Ein Schrei der Entrüstung gellte über Amerika. Rache für die Maine!
durchbrauste es die Zeitungen; =Remember the Maine!= donnerte es in den
Massenmeetings. Denn für jeden Amerikaner war es selbstverständlich,
daß ein heimtückischer spanischer Torpedo die Maine und ihre 600
Amerikaner in die Luft gesprengt hatte.

Die kubanischen Insurgenten wurden von der Regierung der Vereinigten
Staaten als kriegführende Partei anerkannt. Scharfer spanischer
Protest in unziemlichen Ausdrücken. Kurzer Notenwechsel, der die
Lage nur verschärfte. Am 25. April erklärte das amerikanische
Repräsentantenhaus, der Senat und der Kongreß, den Kriegszustand mit
dem Königreich Spanien.

Am selben Tage noch erhielt das amerikanische Geschwader in Ostasien
unter Admiral Dewey telegraphische Instruktionen. Nach fünf Tagen war
die spanische Philippinenflotte in der Seeschlacht von Manila am 1. Mai
1898 vernichtet.

       *       *       *       *       *

Der Lausbub wäre nicht das Menschenkind voller Unrast und
tiefgewurzeltem Drängen nach grellem Erleben gewesen, hätte sich
nicht inmitten des Kriegslärms sein abenteuerliches Blut geregt. Das
Soldatenblut vielleicht auch vom Großvater und Vater her, den alten
Offizieren.

Ich verschlang die sich jagenden Nachrichten und brüllte mit in Jubel
und Freude, als Lascelles mit der Depesche vom Siege bei Manila ins
Reporterzimmer stürzte. Kein Stockamerikaner hätte begeisterter
sein können! Wieder jagten sich die Ereignisse. Mit immer größerer
Bestimmtheit trat die Nachricht auf, daß eine Amerikanische Armee
von der Insel Kuba Besitz ergreifen sollte und -- ich wurde sehr
nachdenklich, ohne eigentlich zu wissen warum. Ich wurde zappelig.
Wie schal und gleichgültig schien auf einmal das begeisternde
Reporterleben! Ich wurde unzufrieden. Was scherte mich die Zeitung,
wenn es Krieg gab! Krieg!! Blutigen Krieg! Kämpfe im tropischen Land!!!

Ich sah mich zwei Nächte hintereinander im unruhigen Traum als kolossal
tapferen Offizier, der seine Leute im Sturm zum Siege führte ... Und
am nächsten Morgen kam mir die große Idee! Man mußte die Gelegenheit
beim Schopfe packen! Die Möglichkeiten des Berufs mußten ausgenutzt
werden bis zum letzten! Kriegskorrespondent wollte ich sein -- aber
selbstverständlich -- _Kriegskorrespondent_!!!

Ich drückte mich im Reporterzimmer herum, bis die Kollegen alle
fort waren. Kaum war der langbeinige Ferguson mit seinen polternden
Schritten als letzter aus der Türe gestiefelt, als ich schon auf den
Schreibtisch in der Ecke zuschoß --

»Mac, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte gern in
einer persönlichen Angelegenheit ...«

»Natürlich, mein Sohn,« unterbrach er mich lachend. »=Allright=!
Wieviel brauchen Sie denn nun eigentlich?«

»Es -- es handelt sich nicht um Geld, Mac,« stotterte ich.

»Nun, und wo brennt es dann?«

»Krieg -- Kuba ...«

»Kuba, eh? Was in der Hölle haben Sie denn mit Kuba zu tun?«

Aber ich ließ nicht locker. »Glauben Sie wirklich, Mac, daß wir in Kuba
einfallen werden?«

Er nahm seine goldene Brille ab und putzte sie bedächtig.

»Nun, ich bin nicht der Kriegsminister!« meinte er. »Aber Sie können
immerhin Ihren letzten Stiefel darauf verwetten, daß die Insel ein
bißchen besetzt wird von uns, denn sie ist die große Wurst, um die
man sich zankt. Die Geschichte wird übrigens so ziemlich in Ruhe und
Frieden ablaufen, denke ich mir. Die Spanier wären Narren, wollten sie
uns ernsthaften Widerstand entgegensetzen. Na, es kann auch anders
kommen. Vor allem aber reden Sie jetzt ruhig heraus, lieber Junge! Was
wollen Sie eigentlich, zum Teufel? Was haben Sie sich da wieder in den
Kopf gesetzt??«

»Ich will nach Kuba!«

»Dachte ich mir, =sonny=!«

Ich wußte, daß ich puterrot geworden war und merkte, daß ich
ungeschickt stotterte in der Aufregung, aber jetzt hieß es reden,
reden, reden ... »Mac -- helfen Sie mir, Mac! Sie wissen ja nicht,
wieviel mir daran liegt!! Mein Vater war Offizier -- und ich wollte als
Junge immer schon Offizier werden und -- Sie verstehen mich vielleicht
...«

Allan McGrady nickte ernsthaft vor sich hin.

»Legen Sie ein gutes Wort für mich ein beim Alten, Mr. McGrady! Ich
will gewiß kein Geld verdienen dabei. Nur mitkommen --«

»Pfui, wer wird auf die Preise drücken!«

»Oh, Mac, Sie wissen doch, wie ich es meine.«

»Ich weiß, ich weiß. Und nun Vertrauen gegen Vertrauen, Sie Mann
der Tollheiten. Zwanzig Jahre bin ich im Zeitungsdienst. Mein Name
ist nach meiner besten Ueberzeugung etwas wert in der Zeitungswelt
und beim Alten. Nun sehen Sie: Ich würde drei Finger meiner linken
Hand hergeben, wenn ich damit erreichen könnte, von Hearst nach Kuba
geschickt zu werden! Drei Finger, mein Junge! Mit Vergnügen!! Mit
wonnevoller Wonne!!!«

»Aber --« stotterte ich, aus allen Wolken gefallen. »_Sie_ können das
doch erreichen!«

Er lachte. »Es ist nett von Ihnen, mir das Unmögliche zuzutrauen.
Ich könnte mir jedoch mit der gleichen Aussicht auf Erfolg es in
den Kopf setzen, heute abend um sechs Uhr Präsident der Vereinigten
Staaten sein zu wollen. Mann, Sie ahnen nicht, was es bedeutet,
Kriegskorrespondent zu sein. Da schickt man die Auserlesensten der
Auserlesenen hin. Leute von unermüdlicher Tatkraft, glänzende Federn
-- Männer, die in jeder Lage einen Ausweg zu finden wissen -- Männer
mit militärischen Kenntnissen ersten Ranges -- ach du lieber Gott.
Gibt es da unten wirklich ernsthafte Kämpfe, so sind die Hälfte der
Kriegskorrespondenten für den Rest ihres Lebens gemachte Männer. Die
Namen der Glücklichen -- Glück gehört auch dazu! -- werden beinahe
so berühmt werden wie diejenigen der siegreichen Generale. Schlagen
wir's uns aus dem Kopf, mein Junge! Für unsere Zeitungen gehen
selbstverständlich Davis und McCullock nach Kuba, kommt es so weit;
Davis, der ein großer Schriftsteller und Hearsts Freund ist, und
McCullock, der beim tollen Mullah im Sudan war! Das ist gar keine
Frage!«

Da trat Lascelles ein.

»=Good morning=, Mac!« rief er. »Denken Sie mal, der Teufel ist endlich
los! Washington telegraphiert die Mobilmachung der =National Guard=!
Bedeutet natürlich, daß Onkel Sam nach Kuba marschiert. Und ich würde
drei Finger drum geben, stände ich in McCullocks Schuhen!!«

Mac blinzelte mir zu.

Als wolle er sagen: »Siehst du! Da ist noch einer! Einer, der schon
hoch geklettert ist auf den Sprossen der Zeitungsleiter und trotzdem
das nicht erreichen kann, was du dir in den dicken Schädel gesetzt
hast. Du blutiger Anfänger ... du!!«

       *       *       *       *       *

Ich schlich mich fort. Miserabel schlecht arbeitete ich an jenem Tag,
denn in meinem Kopf rumorte und lärmte und hämmerte es: Kuba -- Kuba --
Krieg ...

Kreuz und quer lief ich durch das flaggengeschmückte San Franzisko.
Unter aufgeregten Menschen, die von nichts sprachen als vom Krieg
und von Kuba. Teufel -- Teufel ---- Und immer lauter rumorte in mir
das trotzige blinde Wollen des Augenblicks, wie es noch hundert Male
rumort hat in meinem späteren Leben, zum Glück manchmal, manchmal
zu meinem Unglück. Später, wenn man die wirkliche Kraft gefunden und
sich rückschauenden Humor eingefangen hat, denkt man gern an solche
Augenblicke der Tollheit. Hat man sie doch auf Heller und Pfennig
bezahlt in der Münze des Lebens und das Recht auf fröhliche Erinnerung
erworben, mag auch die Vernunft sich wehren mit ihrem: Es wäre doch
besser gewesen, wenn ...

So lief ich umher in den Straßen.

Einem neuen Spielzeug nach, das hüpfende Teufelchen vor mir baumeln
ließen und das ich nicht erhaschen sollte und das vielleicht nur
deshalb so begehrenswert schien. Die Sehnsucht gestaltete sich zur
fixen Idee. Sie wurde zum harten Wollen.

Der Lausbub dachte also nach. Dachte angestrengt nach, vernünftig.
Ueber die Vernünftigkeit dieses Nachdenkens aber würde jeder andere
Mensch sich krankgelacht haben: Es bestand im Wesentlichen darin,
daß ich fortwährend dasselbe dachte -- »Ich will aber nach Kuba! Zum
Teufel, ich will aber doch nach Kuba!!«

Die kleinen Affären des Lebens, die links und rechts neben Kuba,
und die schleierhafte Zukunft, die hinter Kuba lag, kümmerten mich
furchtbar wenig. Sie waren nebensächlich. Erstens wollte ich mit in
diesen Feldzug, und zweitens mußte ich mit, und drittens ging ich
überhaupt auf jeden Fall mit! Darüber war ich mir nun klar, und damit
schien mir die Angelegenheit erledigt.

Ich -- mußte -- unbedingt -- nach -- Kuba!!



Der Lausbub wird Soldat.

     Die verbogene Lebenslinie. -- Ein schneller Entschluß. -- Beim
     Oberleutnant Green vom Signaldienst. -- Ich werde angeworben!
      -- Abschied von Allan McGrady. -- =B Company= des 1.
     Infanterieregiments. -- Korporal Jameson. -- Wiggelwaggeln. --
     Der sprechende Sonnenspiegel. -- »Ich gehe nach Kuba!«


Daß meine Verhältnisse sich völlig ändern würden, der mühsam
erarbeitete erste Lebenserfolg völlig über den Haufen geworfen wurde,
die Zukunft sich anders gestalten mußte -- an meine ganze schöne
Lebenslinie dachte ich auch nicht einen Augenblick lang. Her nur mit
dem praktischen Trotz, der törichte Wünsche in Wirklichkeit umsetzt!

Ich ging zum Oberleutnant Green ins Presidio.

»Hoffentlich kommen Sie nicht in beruflicher Angelegenheit,« sagte
er lächelnd, als ich in das kleine Signalbureau im Adjutanturgebäude
trat, »denn nicht ein Wörtchen könnte ich Ihnen in diesen Zeiten sagen.
Befehl von Washington!«

»Das wäre an und für sich schon eine Neuigkeit im Zeitungssinne!«
lachte ich. »Aber ich komme mit einer persönlichen Bitte ...« Und ich
erzählte ihm, was ich mit Allan Mc Grady gesprochen hatte und erklärte,
daß ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt hätte, den Feldzug
mitzumachen. Der Offizier hörte aufmerksam zu.

»Sie wollen also Soldat werden?«

»Ja.«

»Und Ihr Beruf?«

»Auf den pfeif' ich!«

»Hm. Haben Sie sich da in Ihrer Enttäuschung über die
Kriegskorrespondentengeschichte nicht in eine Idee verrannt, deren
Tragweite Sie nicht übersehen? Würden Sie sich unter allen Umständen
anwerben lassen, auch wenn ich nicht helfe?«

»Ja, unter allen Umständen.«

»Schön. Wie alt sind Sie?«

»Zwanzig Jahre und drei Monate.«

»Hm. Das Gesetz schreibt zwar ein Alter von 21 Jahren vor, aber um
der paar Monate willen wollen wir uns nicht streiten. Ich will Ihnen
helfen. Sie scheinen ja ernstlich genug zu wollen, und des Menschen
Wille ist sein Himmelreich. Unter den besonderen Umständen wird Ihnen
übrigens eine kurze Dienstzeit in der blauen Jacke Onkel Sams gar nicht
schaden. Nun hören Sie, bitte, genau zu. Was ich Ihnen jetzt sage, ist
vertraulich: Wir könnten Sie im Korps gebrauchen, und das wäre wohl
auch das Beste für Sie, schon weil die Arbeit sehr interessant ist.
Telegraphieren können Sie ja schon. Der Haken ist nur der, daß ich zur
Anwerbung nicht autorisiert bin. Der Signalkorpsdienst der Vereinigten
Staaten besteht augenblicklich nur aus etwa dreißig Offizieren und
etlichen fünfzig Sergeanten. Mannschaft haben wir vorläufig gar nicht.
Ich erwarte jedoch von Stunde zu Stunde die Order, die ein Signalkorps
im größeren Stil für den Krieg organisiert. Sie lassen sich also jetzt
für das hiesige Regiment, das 1. Infanterieregiment, anwerben. Ich
werde dafür sorgen, daß Sie sofort zum Telegraphendienst abkommandiert
werden, und sobald das neue Signalkorps autorisiert ist, werde ich Sie
versetzen lassen. Abgemacht?«

»Ja.«

»Schön. Sie müssen sich auf drei Jahre verpflichten, aber eine
vorherige Entlassung würde keinen besonderen Schwierigkeiten begegnen,
wenn Sie eine solche nach Beendigung des Feldzugs wünschen.«

Ich horchte auf, denn das war es gerade, was ich wollte!

»Abgemacht?«

»Ja.«

»=Well=, ich hoffe, daß Sie den Schritt, den Sie heute unternehmen,
nicht bereuen werden. Und nun wollen wir die Sache ins Reine bringen.
Warten Sie hier einen Augenblick, bitte. Ich werde den Adjutanten
verständigen, der Sie formell anwerben wird.«

Nach kurzer Zeit kam er wieder. »Kommen Sie mit, bitte!«

Wir gingen über den Korridor ins Adjutanturzimmer. Dort saß an einem
Schreibtisch ein junger Leutnant, und an einem großen Tisch arbeiteten
zwei Sergeanten. Fast gleichzeitig mit uns trat ein Militärarzt ins
Zimmer, der mich in einen Nebenraum winkte. Ich mußte mich auskleiden
und wurde untersucht. Das war in wenigen Minuten geschehen. Dann
ging's wieder ins andere Zimmer, und der Leutnant stellte mir die
knappen geschäftsmäßigen Fragen der Anwerbung.

»Sie wollen freiwillig in den Kriegsdienst der Vereinigten Staaten
treten?«

       *       *       *       *       *

»Es ist keinerlei Zwang auf Sie ausgeübt worden?«

       *       *       *       *       *

»Sie sind nicht verheiratet?«

       *       *       *       *       *

»Sie sind im Besitz der amerikanischen Bürgerpapiere?« (Oberleutnant
Green flüsterte da dem Adjutanten etwas zu, und ich glaubte zu
verstehen: Ist =allright= -- ich bürge für den Mann.) Der Werbeoffizier
wartete keine Antwort ab. »Natürlich. Sie stammen aber von deutschen
Eltern, nicht wahr?«

So kam ich um die Notwendigkeit herum, meine Absicht, Bürger der
Vereinigten Staaten werden zu wollen, feierlich beschwören zu müssen.
Da ich diese Absicht durchaus nicht hatte, so erfreute mich das
ungemein. Wäre es aber notwendig gewesen, so hätte ich damals sieben
Bürgererklärungen abgegeben und sieben Eide geschworen, nicht nur
einen. Ich wollte doch nach Kuba!

Fünf Minuten später hatte ich dem Adjutanten die kurzen Worte des
Fahneneids nachgesprochen und war Soldat in =Company B, 1st Regiment,
U. S. Infantry= -- bis um acht Uhr morgens des nächsten Tages beurlaubt,
um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.

       *       *       *       *       *

Allan McGrady fiel beinahe vom Stuhl --

»Heh? Sagen Sie das noch einmal!« schrie er.

»Ich habe mich im Presidio anwerben lassen. Ich wollte nun einmal nach
Kuba ...«

»Ist also kein schlechter Witz?«

»Nein.«

»Sie Dickschädel -- Sie ganz unglaublicher Dickschädel! Ich pflege mir
meine Entschlüsse gerade auch nicht vier Wochen lang zu überlegen, aber
das bricht doch den Rekord! Läuft das Söhnchen hin und wird Soldat!
Mir nichts, dir nichts! Weshalb sind Sie denn eigentlich nicht zu mir
gekommen? Hätten mir doch wenigstens sagen können, was Sie vor hatten!
So viel Vertrauen zu mir hätten Sie doch wenigstens haben können!«

Ich versuchte, ihm zu erklären, daß das alles sehr plötzlich gegangen
war.

»Verdammt plötzlich!« rief McGrady. »Verdammt unüberlegt. Sie haben
sich in die Nesseln gesetzt! Aber ich werde dafür sorgen, daß Ihnen
aus Ihrem Anstellungsvertrag mit dem Examiner keine Schwierigkeiten
erwachsen. Schließlich hat jeder Dickkopf das Recht, sich den Schädel
an derjenigen Mauer einzurennen, die ihm am besten gefällt!«

Er lachte und nickte vor sich hin. »Im Grunde verstehe ich Sie ja. Ich
glaube überhaupt, daß in mir ein besonderes Verständnis ist für -- nun,
sagen wir, unschilderbare Sausewinde Ihres Schlags; die Götter mögen
wissen, weshalb und woher. Also: Die Dummheit haben Sie nun einmal
gemacht, denn eine Dummheit ist es vom Standpunkte der Vernunft.
Eines möchte ich Ihnen aber sagen, mein Junge -- sorgen Sie dafür, daß
Sie so schnell als möglich wieder aus der Uniform schlüpfen, wenn die
Geschichte vorbei ist! Sie sind viel zu jung, als daß man auch nur eine
Ahnung haben könnte, was aus Ihnen noch werden wird, aber -- well, das
ist alles Unsinn! Lassen Sie von sich hören, =sonny=!«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mac.«

Und der gereifte Mann, der mir stets ein väterlicher Freund gewesen
war, schüttelte mir die Hand. Der Amerikaner hatte Verständnis für den
abenteuerlichen Drang und dessen Wert im Leben. In der alten Heimat
drüben hätten sie mich einen leichtsinnigen Narren genannt; mehr noch,
einen Verlorenen, der eine gesicherte soziale Stellung um einer Laune
willen wegwarf. Ich wollte aber auf meine eigene Fasson selig oder
unselig werden ...

»Uebrigens wollte ich auch als Soldat für den Examiner schreiben über
--«

Mac unterbrach mich. »Werden verdammt wenig Zeit und Gelegenheit dazu
haben! Lassen Sie aber von sich hören. Kommen Sie wieder, so wartet
hier ein Platz für Sie; gegen Zeilengeld im schlimmsten Fall.«

Noch ein Händedruck.

Ich habe Allan McGrady nie wieder gesehen.

       *       *       *       *       *

=»B« Company= des ersten regulären Infanterieregiments war auf voller
Kriegsstärke und ich der einzige Rekrut. Meine Ausbildung drängte sich
in Tage zusammen, und wenn der Lausbub auch Lust und Talent gehabt
hätte, zu nachdenklicher Besinnung zu kommen, so würde er doch ganz
gewiß keine Zeit dazu gehabt haben.

Ein neues Spiel begann. Ein Wirrwarr neuen Lernens. Der alte Korporal
meiner »=squad=« wurde dazu abkommandiert, mich in seine besondere
Obhut zu nehmen. Zum Uniformdepot ging es zuerst, und in einer Stunde
war ich ein bewaffneter und uniformierter blauer Junge Onkel Sams
geworden. Hellblaue Hosen, knappe dunkelblaue Jacke, Mütze. Alles
neu, aus ausgezeichnetem Stoff, gut sitzend. Die Sparsamkeiten der
Alten Welt, deren Armeen ihre Uniformen von Soldatengeneration auf
Soldatengeneration vererben, liebt der Amerikaner nicht. Dafür bezahlt
er für seine kleine Armee ein Militärbudget, das fast so hoch ist
wie diejenigen der europäischen Mächte ... Mein Bett, die »=bunk=«,
wurde mir angewiesen im Mannschaftszimmer, mit nagelneuen Wolldecken
und nagelneuem Bettzeug. Dann marschierte mich der alte Korporal nach
einem einsamen schattigen Fleckchen in einer Eichenallee beim großen
Paradefeld des Presidio, und heiße Arbeit begann. Leibesübungen.
Kommandodrill. Gewehrgriffe. Arbeit von morgens bis abends, aber
Arbeit, die mir genau die gleiche Freude machte wie das Lernen auf der
Texasfarm und in der Texasapotheke und bei der San Franziskozeitung,
denn wie jenes weckte sie den Ehrgeiz, sich geschickt und rasch
auffassend zu zeigen. Und dann war's eine kleine Episode. Das
Große lag im Kommenden. Fabelhaft rasch ging's mit der Ausbildung.
Korporal Jameson, der schnauzbärtige alte Kalifornier, verstand sein
Soldatenmetier von Grund auf und hielt sich nicht mit langweiligen
Wiederholungen auf, sobald er merkte, daß der neue Kompagnierekrut
begriffen hatte.

»=You're allright=,« sagte er. »Lesen Sie das Zeug selber!« Und gab mir
sein =Manual of Infantry-Drill=, das Infanteriereglement. Da suchte ich
mir die einfachen Anweisungen für den Kompagniedrill heraus, während er
gemütlich seine Zigarette rauchte, und dann probierten wir's praktisch.

Wenn ein einziger alter Unteroffizier sich Tag auf Tag einzig
und allein nur mit der Ausbildung eines einzigen jungen Soldaten
beschäftigt, der weder dumm noch faul ist, so können Wunder an
Schnelligkeit erzielt werden. Zehn Stunden und mehr im Tag wurde
gearbeitet. Zu dem Infanteriedrill kam während zwei Stunden des
Nachmittags Unterweisung im Signaldienst durch den Signalsergeanten
Hastings. In Flaggensignalen vor allem, denn so einfach auch der Code
des »Wiggelwaggelns« war, so erforderte es doch viel Uebung des Auges
und beim Gebrauch des Feldstechers. Aber es war sehr interessant.
Die großen Signalflaggen, zwei Meter beinahe im Quadrat und an einer
drei Meter langen Stange befestigt, bildeten die Buchstaben durch ein
Geschwungenwerden nach rechts und nach links. Die rechte Seite hieß
2, die linke 1. So bedeutete ein einmaliges Schwingen nach rechts
den Buchstaben =c=. Aber in der Signalsprache sagte man nicht =c=,
sondern 2. Alle Buchstaben waren Kombinationen dieser beiden Ziffern.
22, also ein zweimaliges Schwingen nach rechts, bedeutete a; 11, ein
zweimaliges Schwingen nach links, bedeutete n; 212, rechts -- links
-- rechts war =m=. Eine Pause, ein gerades Emporhalten der Flagge vor
dem Leib trennte die einzelnen Buchstaben. Ein gerades Niederschwingen
der Flagge auf den Boden zeigte das Ende eines Wortes an; ein
zweimaliges Niederschwingen den Schluß eines Satzes; ein dreimaliges
den Schluß der Depesche. Die Flaggen, die je nach der Witterung, der
Sichtigkeit und dem Hintergrund aus Rot mit weißem oder Weiß mit rotem
Zentrum bestanden, waren auf sehr große Entfernungen sichtbar. Wir
verständigten uns mühelos vom Presidiohügel nach dem Meeresstrand
hinunter, eine Entfernung von fast zwei Kilometern.

Noch viel mehr Freude machte mir der Heliographendienst, denn hier
konnte eine Geschwindigkeit erzielt werden, die dem Telegraphieren
wenig nachstand. Es war ein raffiniertes kleines Instrument, dieser
sprechende Sonnenspiegel -- zwei auf einer stählernen Querstange
angebrachte Spiegel, die sich durch ein Präzisionswerk von Schrauben
nach jeder Richtung hin einstellen ließen. Der eine Spiegel wurde
durch Korn und Kimme wie bei einem Gewehr scharf auf den Empfänger
einvisiert, der andere so, daß er die Sonnenstrahlen direkt auffing.
Die beiden Spiegel ergänzten sich und warfen nach den feststehenden
Regeln der Lichtspiegelung und ihrer Brechungswinkel zusammen ein
glänzendes Licht in Form einer großen künstlichen Sonnenscheibe nach
dem anvisierten Punkt.

Vor den Spiegeln stand eine Deckplatte, die durch leichten Fingerdruck
geöffnet und geschlossen werden konnte. Mit langen und kurzen
Lichtblitzen übermittelte man so die Buchstaben des Morsealphabets.

Daneben kamen Uebungen im Legen und Verbinden von Telegraphen-und
Telephonleitungen und das interessante Anzapfen, das »Melken« der
städtischen Drähte auf offener Straße mit unseren Taschenapparaten.

Der Signalrekrut wurde auf den Krieg vorbereitet.

Holtergepolterarbeit war es, mit viel Aufregung und mit vielem Lernen.
Und mir gefiel es immer besser im Soldatenrock.

Von meinen Freunden beim Examiner hörte ich nur ein einziges Mal.

Das war an einem Nachmittag, als ich auf Jamesons Kommandos voller
Eifer mit Holzpatronen »schnellfeuerte«. Da tauchten am Alleerand zwei
Gestalten auf, und als ich hinsah, erkannte ich Ferguson und Hayes.
Gemütlich kauerten sie sich unter eine Eiche und sahen zu.

»Wohl Freunde von Ihnen?« fragte der Sergeant leise. »Ja? Dann wollen
wir Schluß machen!« Wie alle Sergeanten witterte Jameson Bier!
»Weggetreten!« kommandierte er.

Zwei Stunden später brachte ich meine Freunde zum Fortausgang.

»Freund, Sie sind ein großer Narr!« sagte Ferguson. »Aber wenn ich so
jung wäre wie Sie, hätte ich's vielleicht auch so gemacht. Viel Glück!«

Ich aber dachte: »Der Narr bist du, guter alter Ferguson. Du mußt in
San Franzisko bleiben -- und ich gehe nach Kuba!«



Das Sternenbanner auf dem Wege nach Kuba.

     Der Krieg des Leichtsinns. -- Aus Leutnants werden Majore. --
     Eine kleine Vergeßlichkeit. -- Segenswünsche und Vorschußlorbeer.
     -- Von lieben diebischen Mägdelein. -- Die Armee in Hemdärmeln. --
     Das militärische Telegraphenbureau in Tampa. -- Die spanische
     Gespensterflotte. -- Admiral Cervera in der Falle von Santiago de
     Cuba. -- Die Depeschenhölle. -- Roosevelts Rauhe Reiter ohne
     Gäule! -- Auf dem Meer. -- Eine schwäbische Ueberraschung. -- Von
     redenden Tuchfetzen und sprechenden Wolken. -- Nachtalarm. --
     Beginn des Bombardements von Baiquiri.


Das Kriegsfieber schüttelte Amerika.

Ein guter Mann, so sagen kluge Frauen, muß wie ein Kind sein, in seinem
Tiefsten, Innersten, Wahrsten. Unter der männlichen Oberfläche, die
in der Welt draußen ein einheitliches Gefüge von Kraft und Arbeit
scheint, versteckt sich das große Kind mit dem Lachen und Weinen des
Kindes, dem aufstampfenden Trotz und der Weichheit, dem Begehren nach
Spielzeug, dem begeisterten Haschen nach allem Neuen, dem Leichtsinn,
den Ungezogenheiten. Dies Kindsein liegt tief in der Natur der Männer
des amerikanischen Reichs; tiefer als in irgend einem anderen großen
Volk. Das Draufgängertum, das Jungfrische, das Kindliche. Die Männer,
die später die Kosten des Panamakanalbaus um die Kleinigkeit von 500
Millionen unterschätzten, weil sie viel zu begierig nach dem neuen
Spielzeug waren, sich bei langweiligem Rechnen lange aufzuhalten,
sprangen mit gleichem Unbekümmertsein in Kriegstrubel und Kriegsgefahr.

In Tagen wurde eine Armee aus dem Boden gestampft. Der Miliz mit
ihrem ausgezeichneten Menschenmaterial fehlte es an Offizieren.
Da beförderten die amerikanischen Kinder ganz einfach fast jeden
Offizier der regulären Armee um einen, zwei, oft drei Grade, machten
die Leutnants zu Majoren, die alterfahrenen Sergeanten zu Leutnants,
und steckten sie in die Milizregimenter. Die Glückssoldaten holte
man herbei, die in den südamerikanischen Revolutionen Truppen
geführt und Pulver gerochen hatten. Ein Roosevelt pfiff auf sein
Ministerportefeuille und wurde aus dem Unterstaatssekretär der
Marine ein einfacher Reiteroberst, der Rauhe Reiter warb. Zeltlager
erstanden überall im Land. Millionen von Goldstücken wurden mit
vollen Händen hinausgeschleudert, den Kriegsbedarf über Nacht zu
schaffen. Es fehlte an Torpedojägern, an Depeschenbooten. Da kaufte
man für Unsummen die schnellsten Hochseeschlepper und die flinksten
Privat-Yachten der amerikanischen Häfen, armierte sie mit Geschützen
-- und die Flottenergänzung war fertig. Man verschwendete Millionen an
die Ausrüstung der Invasionsarmee -- und die großen Kinder vergaßen
ganz, ihr auch nur eine einzige Feldbäckerei, eine einzige Kaffeemühle
zu beschaffen. Schiffszwieback, fetten Chicagospeck, ungebrannten
Kaffee gab man ihr mit als Tropenkost! Hätten die Kämpfe um Santiago
nur drei Wochen länger gedauert, so wäre auch der letzte Mann von
Zwanzigtausend von der Speckruhr gepackt worden. Die leichtsinnigen
Kinder, die sich auf die deckende Macht an Menschen und Gold ihres
Landes verließen, rechneten ja gar nicht damit, daß der Feldzug länger
als einige Wochen dauern könnte. Gelandet -- gesiegt -- die Spanier
über den Haufen geworfen! So rechnete man! Beinahe -- _beinahe_ -- wäre
es anders gekommen!

Ein Krieg des Leichtsinns und des Optimismus.

       *       *       *       *       *

General Shafter, der kommandierende General des Departements der
pazifischen Küste, war zum Höchstkommandierenden der Invasionsarmee
ernannt worden. Mein Oberleutnant Green zum Oberst und Chef des
Signaldienstes. Zwölf Stunden nach Eintreffen der Marschorder zogen
der Stab des Kommandierenden und das erste Infanterieregiment
durch das flaggenwimmelnde, jubelnde San Franzisko, und auf der
=Southern Pacific= ging es gen Süden und Osten, vom Stillen Ozean zum
Atlantischen Meer, nach Tampa in Florida. Dort konzentrierte sich die
Invasionsarmee.

Im Schlafwagen fuhren wir! Selten wohl ist eine Armee so teuer, so
bequem, so schnell befördert worden. An den Hauptstationen hatten die
begeisterten Bürger riesige Tische aufgestellt und sie mit guten Sachen
beladen, und wenn der Zug hielt, dann konnte man sich einfach nicht
retten vor händeschüttelnden Männern, die einem Zigarren in die Taschen
stopften, und alten Damen, die einen mit Delikatessen und frommen
Segenswünschen überschütteten. Es war wie eine Fahrt durchs Märchenland
inmitten von lauter Knusperhäuschen, die man nur anzubeißen brauchte.
Von den Härten kriegerischer Zeiten hat in jenen Tagen gewiß kein
einziger Mann der Zwanzigtausend, die auf Schnellzügen nach Florida
eilten, auch nur das Geringste verspürt. Nichts war zu gut und zu teuer
für die blauen Jungens.

Es gab Vorschußlorbeer in gehäuften Massen. Wer eine Uniform trug,
wurde verhätschelt -- besonders von der jungen Weiblichkeit. Onkel Sams
Töchter hatten es sich in ihrer glühenden Begeisterung in die Köpfchen
gesetzt, sich wenigstens kriegerische Trophäen unter die Kopfkissen zu
stecken und vom Krieg zu träumen, konnten sie selbst nicht kämpfen. In
Scharen überfielen sie unseren Zug an jeder Haltestelle und geizten
nicht mit Küssen und Versprechungen, für uns zu beten. Das war sehr
angenehm. Ich bin leider nie wieder in meinem Leben von so vielen
holdseligen Mägdelein geküßt worden.

Weniger angenehm jedoch war, daß die Frauenzimmerchen dabei stahlen
wie die Raben! Sie mausten die Patronen aus den Gürteln und schnitten
einem beim Küssen heimtückischerweise die blanken Knöpfe von der
Uniform. Am zweiten Tag hatte ich überhaupt keine Knöpfe mehr am Rock
und mußte mir Sicherheitsnadeln erbetteln, meine Blöße zu decken. Die
farbiggestickten Flaggen an den Aermeln, das Abzeichen des Signalkorps,
und die Messingflaggen an der Mütze gingen schon am ersten Tag heidi.
Aber es war dennoch sehr schön.

Knöpfe konnten ja telegraphisch nachbeordert werden.

So zogen wir gegen Tampa, den berühmten Winterbadeort der
amerikanischen Millionäre, und -- schnappten entsetzt nach Luft. Tampa
mochte ja ein Traum von Schönheit sein im Winter -- jetzt, im Sommer,
konnte man es ein Vorgemach der Hölle nennen. Wir zogen uns schleunigst
die Röcke aus und nahmen sie so bald nicht wieder in Gebrauch. Sobald
-- das heißt, vier Monate lang, denn kurz darauf in Kuba trug man
erst recht keinen Rock. Man nannte uns schwitzende Gesellen die Armee
in Hemdärmeln! Feuchtheiß war die Luft und heiß der gelbe Sand und
lauwarm das Wasser des Meeres am Strand. Sengende Hitze lagerte über
den Tausenden von Zelten, die das Städtchen umrahmten, und es mag
ungemütlich genug gewesen sein in den winzigen Segeltuchhütten. Dagegen
hatten wir vom Signaldienst das große Los gezogen. Wir wohnten vornehm
im Tampahotel, das sonst nur Millionäre beherbergte.

Im Privatbureau des Hotelbesitzers war der militärische
Telegraphendienst eingerichtet worden.

Dort hauste der Teufel der Aufregung.

Während der Tage des Wartens auf das Einschiffen lebten wir
Telegraphisten in ständigem Hasten. Das Signaldetachement bestand aus
Oberst Green, dem Major Stevens, vom Artillerieleutnant drei Grade
höher befördert, dem Leutnant Burnell, vom Signalsergeanten befördert,
sieben Sergeanten und vierzig Mann. Ich gehörte zu der Stabsabteilung
von sechzehn Mann unter Major Stevens. Die übrigen, von denen wir
völlig getrennt waren, bildeten das Ballon-Detachement. Wir Signalleute
waren sehr selbständig, denn die Offiziere wurden durch den geheimen
Nachrichtendienst, die Verhandlungen mit kubanischen Insurgenten,
das Dechiffrieren ganz in Anspruch genommen. Die Verantwortung
des eigentlichen telegraphischen Dienstes war uns ganz allein
aufgehalst. Das Arbeiten mit den vorzüglichen Apparaten und der gut
funktionierenden Linie bot freilich äußerlich keine Schwierigkeiten.
Aber man lebte in einer Luft furchtbarer Aufregung. Wir sechzehn Mann,
drei Sergeanten darunter, hatten vier Morseapparate und vier =long
distance= Telephone zu bedienen. Die Arbeit hetzte. Es schwirrte von
Depeschen aus Washington. Die Rapportmeldungen jagten sich, wurden
doch alle Telegraphenleitungen, nach dem Norden sowohl wie besonders
nach den kleinen Floridainseln, militärisch überwacht, um ein Anzapfen
des Drahtes durch Spione zu verhindern, und die Führer der Patrouillen
mußten sich in bestimmten Zeitabständen melden. Ein unbeschreiblicher
Wirrwarr von Ausrüstungsfragen, Personalangelegenheiten,
Chiffretelegrammen huschte über den Draht. Tag und Nacht arbeiteten wir
im Schweiße unserer Angesichter. Kaum Zeit zum Schlafen fanden wir.
Jeder Einzelne von uns war gewarnt worden, daß jede Nachlässigkeit im
Aufnehmen von Meldungen durch ein Kriegsgericht schwer bestraft werden
würde. Verrat von Telegrammen wurde mit Erschießen bedroht.

Aber mit keinem Zeitungskönig hätt' ich getauscht!

Denn keiner in der Armee außer den höchsten Offizieren konnte dem
Pulsschlag der Ereignisse so lauschen wie wir Signalleute.

Unsere gierigste Neugier galt den Telephonen. Ueber sie kamen die
wichtigsten Depeschen, telegraphisch abgeklopft zur Vorsicht, mit einem
Bleistift am Schallbecher, im Armeecode, der sich vom üblichen Morse
etwas unterschied. Die Meldungen der Flotte.

In den Tagen des Hangens und Bangens in Tampa galten alle Hoffnungen
und alle Befürchtungen den Nachrichten vom Meer. Die spanische Flotte
in Westindien war verschwunden. Man wußte, daß kurz vor Ausbruch
des Krieges in den kubanischen Gewässern nur einige Stationsschiffe
gewesen waren, ein starkes Geschwader aber unter Admiral Cervera
auf hoher See kreuzte. Nach diesem spanischen Geschwader suchten
seit vielen Tagen in nimmerendender Jagd die gesamten atlantischen
Seestreitkräfte der Vereinigten Staaten. Torpedoboote und Torpedojäger
huschten von kubanischem Hafen zu kubanischem Hafen. Die Linienschiffe
patrouillierten den Ozean weithin ab. Cervera und seine Flotte
blieben verschwunden -- und waren doch wieder gegenwärtig wie ein
aus dem Nichts drohendes Gespenst. Die Kenntnis ihrer Stellung, ihre
Vernichtung war der Angelpunkt, um den alles sich drehte. Schien
doch ein Transport von zwanzigtausend Mann in ungeschützten Schiffen
selbst unter stärkster Flottenbedeckung ein =va banque= Spiel,
solange die Gefahr bestand, daß Cervera die in sich selbst wehrlosen
Truppenschiffe angreifen würde. Bis eine Seeschlacht geschlagen war,
konnten alle Transportschiffe gesunken sein!

Tag für Tag kamen und gingen die Gerüchte und die falschen Meldungen.
Da telephonierte ein Torpedojäger von einer der winzigen Floridainseln,
siebzig Seemeilen südlich seien starke Rauchwolken gesichtet worden;
Bericht folge. Drei Stunden später kam zum Herzbrechen enttäuschend
die Aufklärung: Englischer Kohlentramp! Beschlagnahmt! Oder es hieß:
Gestern gemeldeter Radius abgesucht. Erfolglos ...

Von Stunde zu Stunde stieg die Aufregung in Tampa. In dem kleinen
Vorzimmer des Telegraphenraums warteten ständig Offiziere des
Generalstabs auf die neuesten Drahtmeldungen, und selten verging ein
halber Tag, in dem nicht die unsinnigsten Gerüchte umherschwirrten.
Bald sollte ein spanisches Torpedoboot unweit Tampas gesichtet worden
sein -- bald gar eine entscheidende Seeschlacht geschlagen ... Draußen
aber in Port Tampa an den riesigen Kais harrten in langen Reihen die
schwarzen Kolosse der Transportdampfer, ständig unter Dampf.

Bis das Gespenst beschworen wurde.

An einem heißen Sonnenmorgen kam, wieder von einer der kleinen Inseln
bei Key West, eine Depeschenboot-Meldung der Flotte übers Telephon:

_Gesuchtes Santiago!_

In den Hafen von Santiago de Cuba hatte sich die spanische
Westindienflotte geflüchtet, um zu kohlen und zu reparieren. Und saß in
der Falle! Jener Hafen lag weit inland, und seine Einfahrtstraße war
so schmal, daß zwei Schiffe sie nicht gleichzeitig passieren konnten
-- vor dem Hafen aber lag nun das starke atlantische Geschwader der
Vereinigten Staaten. Die spanische Flotte konnte nicht heraus. Die
amerikanische nicht hinein. Die Spanier durften den Durchbruch kaum
wagen, hätten sie sich doch einzeln Schiff für Schiff angreifen lassen
müssen; die amerikanische Einfahrt hinderten Seeminen und die Kanonen
des Morrokastells am Hafeneingang.

Sergeant Souder hatte die Depesche dem Kommandierenden gebracht. Eine
Viertelstunde später stürmte ein Generalstabsoffizier herein, schloß
vorsichtig die Türe und erklärte uns halblaut, daß derjenige um seinen
Kopf rede, der auch nur den Namen Santiago de Cuba erwähnen würde. Als
er gegangen war, sahen wir uns mit glänzenden Augen an, und der alte
Sergeant Hastings ließ eisige Limonade bringen mit sehr viel Sodawasser
und sehr wenig Sherry, denn er und wir alle wußten, daß jetzt harte
Arbeit kam. Es dauerte auch nur Minuten, bis Oberst Green erschien
und den telegraphischen Befehl an alle Hauptstationen gab: Draht nach
Washington frei bis auf weitere Order! Damit war aller Privatverkehr
und jeder amtliche Verkehr der Zwischenstationen ausgeschaltet. Eine
Depesche konnte wenige Minuten nach Abgang von Tampa schon im Weißen
Haus in Washington vom Präsidenten und vom Kriegsminister gelesen
werden.

Während der nächsten zwanzig Stunden war das Telegraphenzimmer
eine Hölle. Schweißtriefend saßen wir vor den Apparaten, uns jede
halbe Stunde ablösend, und sandten und empfingen die endlosen
Chiffretelegramme.

Die Würfel der Entscheidung waren im Rollen.

       *       *       *       *       *

Shafters Armee sollte Santiago de Cuba angreifen. Wenn diese Festung
fiel, war die spanische Flotte den vereinigten amerikanischen
Streitkräften zu Wasser und zu Lande ausgeliefert.

Revolver umgeschnallt, den Krag-Jörgensen Karabiner zur Hand, Tornister
neben uns, so arbeiteten wir bis zur letzten Minute, während die Armee
sich einschiffte. Als die letzten gingen wir an Bord. Je zwei von
uns waren auf ein Transportschiff zum Signaldienst während der Fahrt
kommandiert worden. Den Namen meines Dampfers habe ich vergessen, das
Schiff aber und seinen Kapitän nicht. Es war eines der kleinsten,
vollbepackt mit Maultieren, die zum Lastentransport verwendet werden
sollten; den einzigen Vierfüßlern der Invasionsarmee außer ganz wenigen
Pferden für den Stab.

Die Pferde der Kavallerie mußten auf Shafters Befehl in Tampa
zurückgelassen werden, weil unsere Kundschafter gemeldet hatten, daß
Kavallerie in dem Kriegsgelände keine Verwendung finden könne. Teddy
Roosevelt und seine Rauhen Reiter von Cowboys stellten sicherlich ein
Kavallerieregiment dar, nach dem jeder Kavalleriegeneral sich die
Finger geschleckt hätte, und ihren Weltruhm haben er und sein Regiment
ehrlich und ernsthaft verdient. Aber komisch bleibt es doch, daß der
berühmte Rauhe Reiter Name mit Gäulen so gar nichts zu tun hat. Als
Infanteristen kämpften sie und fluchten sehr, weil der kurze Karabiner
viel schlechter schoß als das Infanteriegewehr.

Sergeant Souder und ich kletterten über den schmalen Laufsteg an
Bord unseres Dampfers und suchten, wie das selbstverständlich war,
sofort den Kapitän auf. Während wir die Treppe zur Kommandobrücke
hinaufstiegen, gellten die Dampfpfeifen, und die Transportflotte setzte
sich in Bewegung.

»Runter mit euch!« schrie der Kapitän. »Hab keine Zeit! Auf der
Kommandobrücke habt ihr überhaupt nichts zu suchen!«

»Ein nervöser Herr!« lächelte Souder, und wir stiegen wieder auf Deck.

Eine Stunde später -- wir beobachteten durch unsere Feldstecher das
majestätische Schauspiel der dahindampfenden Truppenschiffe und
Kreuzer, über fünfzig an der Zahl -- kam Mr. Kapitän auf Deck und
sprach uns ungnädig an:

»Signalkorps?«

»Jawohl.«

»Auf meiner Kommandobrücke habt ihr nichts zu suchen -- mein
Signalisieren kann ich selber besorgen. Verstanden?«

Souder grinste.

»Ich fürchte, Sie irren sich,« sagte er gelassen. »Ich und mein
Kamerad sind für den militärischen Signaldienst auf diesem Schiff
verantwortlich und müssen schon bitten, auf die Kommandobrücke
zugelassen zu werden. Vom Deck sind Flaggen nicht sichtbar. Sie haben
doch sicherlich entsprechende Befehle erhalten, Herr Kapitän?«

»Hier kommandiere und signalisiere ich!« schrie der cholerische Herr.

In mir aber war ein großes Lachen, hatte ich doch den deutschen Akzent
herausgehört und freute mich über den deutschen Dickschädel.

»Weshalb sind Sie eigentlich so wütend, Kapitän?« fragte _ich_ ganz
ernsthaft in deutscher Sprache.

»Jesses noi!« schrie er. Das kleine Männchen war wie umgewandelt.
»Jetzt isch der Aff von 'm Signaliste au no deutsch -- noi! Wo kommet
denn Sie her?«

»Das ist eine furchtbar lange Geschichte,« sagte ich, wieder sehr
ernsthaft. »Aber seien Sie doch friedlich. Wir tun hier nur unsere
Pflicht. Es wäre Ihnen doch sehr unangenehm, wenn wir uns mit dem
Flaggschiff in Verbindung setzen und uns beschweren müßten. Sie sind
doch benachrichtigt worden, daß das Signalkorps den Signaldienst
übernimmt?«

»Ha -- freili! Wisset Se, i ha' ja auch nix dagege'! I bin nur aus 'm
Häusle g'wese, weil die Offizier' mi chikaniert habe. Ha! Signalisiere
Se, soviel Se wöllet! Ha! 's freut mi!«

Um die Geschichte kurz zu machen -- Mr. Kapitän war ein Württemberger,
auf allerlei Umwegen in die Dienste einer New Orleans'er Reederei und
jetzt als Kapitän des gecharterten Dampfers in die Dienste Onkel Sams
geraten. Fortan aber schliefen Souder und ich in der besten Kabine
und wurden genährt wie zwei Herrgötter in Frankreich -- einschließlich
gelegentlicher Flaschen Sekt. Der Lausbub hatte wiederum Glück gehabt!

Souder entweder oder ich, alle beide meistens, waren Tag und Nacht
auf der Kommandobrücke. Wären wir nicht so begeistert, so aufgeregt,
so gierig nach Nachrichten gewesen, so hätten wir wahrscheinlich
furchtbar geflucht über das Unwesen des Signalisierens der Marine.
Nie ließen die Flaggen einem Ruhe! Ich weiß nicht, wie das bei
anderen Flotten gehalten wird, aber die Amerikaner jedenfalls waren
darin ekelhaft. Entweder wollte man von uns wissen, wie's um die
Gesundheit der Maultiere stünde, oder man wiggwaggelte unter dem
dringenden Alarmsignal, der Dampfer habe wenigstens fünf Meter zu wenig
Kielabstand, oder irgend jemand sandte seine Komplimente und wünschte
zu erfahren, weshalb das Antwortssignal auf die Depesche vorhin nicht
prompter gegeben worden sei. Außerdem sausten beständig die flinken
Torpedoboote um uns herum und trompeteten alle Augenblicke irgend
etwas Ueberflüssiges durch ihre Megaphone, um auch ihren Senf dazu zu
geben. Der cholerische Schwabe wurde beinahe verrückt vor Wut. Wir aber
lernten Geduld und Humor und ärgerten gelegentlich das Flaggschiff,
indem »=Souder, 1st class sergeant U. S. Signalcorps= im Auftrage des
Kapitäns in Kommando des Truppenschiffs so und so« Anweisungen für die
Behandlung eines fiktiven kranken Maulesels erbat, dem wir natürlich
die scheußlichsten Symptome andichteten. Dann lachte die gesamte
Flotte und signalisierte (durchaus unoffiziell zwar) schlechte Witze
und gänzlich unausführbare Ratschläge. Die Kinder, die gute Männer doch
sein sollen, wollten ihr Spielzeug haben, selbst in ernstesten Zeiten.

In hetzender Fahrt jagte die Transportflotte gen Süden.

Vier Tage lang dauerte die Meerfahrt, und jede Stunde der vier
Tage war Aufregung und nichts als Aufregung. Mit jeder Minute
geizten Souder und ich, die wir nicht oben auf der Brücke zubringen
konnten; mit Essenszeit und Schlafensstunden. Jede Flagge, die an
den Signalleinen emporstieg, war ein nervös erregendes Ereignis,
das von unbeschreiblicher Wichtigkeit sein konnte, und jeder bloße
Dienstrapport stellte eine bittere Enttäuschung dar, weil man ständig
in atemraubender Gier auf das Große wartete.

Märchenhaft schienen mir die bunten Tuchfetzen der Signalflaggen. Sie
sprachen und erzählten. Sie befahlen und lachten. Sie waren es, die
den starren Schiffsmassen Leben einhauchten und der schwimmenden Stadt
auf dem Meer die Gesetze diktierten. In den Nächten aber leuchtete und
funkelte und glitzerte es tageshell in Fluten von Licht. Kein dunkles
Fleckchen ließen die gewaltigen Scheinwerfer der Kriegsschiffe auf dem
weiten Wasserkreis, in dem wir schwammen, und in unablässiger Bewegung
hoben und senkten und kreuzten sich die weißen Lichtbündel, um dann
auf einmal kerzengerade nach oben sich auf eine Wolke zu richten. Dann
sprach die Wolke. Sie blitzte grell auf -- lang -- kurz ------ kurz
... kurz ... lang ... -- und aus dem Aufleuchten formten sich, so
leicht lesbar wie Schrift, die Buchstaben, die Worte, die Sätze, die
Depeschen. Und wir starrten in das Licht um uns und suchten angstvoll
nach dem tiefroten Aufglühen an den Schiffsmasten, das nach dem
Geheimcode Gefahr bedeutete.

Nur einmal während der Fahrt wurde das nächtliche Alarmsignal gegeben.
Souder schlief und ich hatte die Wache, als spät nach Mitternacht
plötzlich fünfhundert Meter etwa vor uns die drei Gefahrlaternen wie
winzige glühende Punkte aufflammten.

»Alarm!« schrie ich, und der Kapitän stürzte aus dem Steuerhaus.

Da begann der Scheinwerfer zu reden:

»Langsamste Fahrt -- Indiana -- Ponton verloren -- Kollisionsgefahr --«

»Teufel --« schrie der Kapitän, und gellend hallten seine schrillen
Kommandos in die Nacht, den Ausguck zu verdreifachen, während der
erste Offizier auf der Brücke den Befehl zum Abstoppen der Maschinen
hinunterklingelte.

Lange Minuten des Harrens. Wir alle wußten, um was es sich handelte.
Der Kreuzer Indiana schleppte einen ungeheuren Landungsponton aus
schweren Balken, der zum Ausschiffen der Geschütze benützt werden
sollte. Oft genug hatten wir über das ungefüge Anhängsel des
Kriegsschiffes gelacht. In dem hohen Seegang war die Schlepptrosse
gerissen, und irgendwo inmitten der Flotte trieb nun die Holzmasse des
Pontons, mächtig genug, im Zusammenprall ein Schiff leck zu stoßen.
Die Truppenschiffe kamen zum Stillstand, und die Torpedojäger und
Depeschenboote sausten im Scheinwerferlicht umher, nach dem Durchgänger
zu suchen. Die Minuten vergingen. Dann auf einmal wimmelte es wieder
von Signalen: Dem Befehl zur Weiterfahrt. Man gab den Ponton verloren,
froh genug, daß er schon weit hinten im Kielwasser schwimmen mußte und
wenigstens keine Gefahr mehr bedeutete.

       *       *       *       *       *

Frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang am fünften Tag tauchte, ein
gelbgrauer Streifen, die Küste Kubas auf. Wir rannten wie besessen nach
unseren Kabinen, Waffen und Tornister auf die Brücke zu holen, um jeden
Augenblick zur Ausschiffung bereit zu sein. Doch die Eile war sehr
überflüssig. Noch achtundvierzig Stunden lang kreuzte die Flotte an
der Santiagoküste, untertags so nahe, daß die hellen Sandstreifen und
die dunklen Wäldermassen klar zu unterscheiden waren; in den Nächten
weit draußen im Meer. Am dritten Tag aber in der Frühe dampfte die
Schiffsmasse in nächste Nähe der Küste, die Kriegsschiffe weit voran.
Immer näher kamen wir.

»Anker werfen! Transportschiffe in Kiellinie!« befahlen jetzt die
Flaggen.

Auf den Kriegsschiffen aber wurde es lebendig. Bunte Wimpel stiegen an
den Masten empor, nur der Marine verständlich. In ungeheuren Kreisen
dampften die Linienschiffe und die Kreuzer, Schiff dicht hinter
Schiff, die Küste entlang. Umruderten uns, um sich in Gefechtsstellung
zu entwickeln, kehrten wieder zurück. In ganz langsamer Fahrt. Ich
suchte mit dem Feldstecher den Strand ab. Glatt und ruhig spielte das
Meer an der schmalen, gelben Sandlinie, von der Hügel mit dichtem
Buschwerk aufstiegen bis an den Horizont. Im Vordergrund überspannte
eine eiserne Brücke eine kleine Schlucht von grellgelbem Gestein. Ihr
Gittergefüge sah sonderbar zierlich und gebrechlich aus und schien zu
schwanken, zu zittern in der flimmernden Sonnenglut. Auf der Brücke
stand ein Frachtwagen, hoch beladen mit Felsblöcken. Links daneben
ragte aus dem Buschwerk ein winzig kleines Häuschen.

Kreis auf Kreis zogen die Kriegsschiffe.

Da -- eine weiße Dampfwolke schoß aus einem großen Kreuzer, und ein
furchtbares Krachen ließ mich zusammenfahren ...



Auf kubanischem Boden.

     Die Küste wird bombardiert. -- Theodore Roosevelt und seine
     Zahnbürste. -- Die Landung. -- Ein Tag ungeduldigen Fluchens. --
     Die Arbeit beginnt. -- Tropenregen. -- Meine Hängematte. --
     Nachtruhe =à deux=. -- Hunger und Arbeit -- aber ach, was waren
     das für schöne Zeiten! -- Der Major stiehlt einen Karren. --
     Telegraphenbau-Arbeit. -- Palmen und Kletterei. -- Bei den toten
     Rauhen Reitern von =La Quasina=. -- Im Insurgentenlager. -- Der
     Mangobauch. -- Der Jesus-Christus-General.


Dichter Rauch und greller Feuerschein quoll aus allen Kriegsschiffen.
Ohrenbetäubend war das Krachen. Der Schiffsboden, auf dem ich stand,
bebte und zitterte, trotzdem wir mehrere hundert Meter entfernt lagen.
Schuß krachte auf Schuß. In das dumpfe Dröhnen der schweren Geschütze
rasselte grell der hellere Klang der Schnellfeuerkanonen; wie grausiger
Donnerschlag und hallendes Stahlklirren, als ob Riesenschmiede auf
überirdischem Amboß hämmerten. Man konnte nicht denken -- man mußte
nur stehen und starren. Aus dem Dröhnen heraus gellte es schrill in
scharfen Mißtönen; ein Surren, ein Zischen, ein Gebrause. Schuß --
Schuß -- Schuß -- Dutzende, Hunderte von Explosionen ... Schuß --
Schuß ------ und die Minuten wurden zu Ewigkeiten. Heulend jagten die
Stahlmassen durch die Luft und stürzten sich auf den Sand und das
Buschwerk da drüben, die so still dalagen wie ein wehrloses Ding, das
ein Starker zu Boden geschlagen hat und nach Gefallen zerhämmert.
Nichts regte sich. Nirgends war Bewegung an Land. Nur das Buschwerk
duckte und zitterte und wand sich wie ein Getreidefeld im Hagelschauer
unter dem Sturm von Geschossen. In ungeheuren Rissen zerfetzten
die Granaten den Buschwald, und blanke Erdstreifen tauchten auf im
schwarzen Busch, wenn Dampf und Staub der Explosionen verweht waren.
Aeste wurden durch die Luft geschleudert. Erdmassen spritzten empor.
Ueberall, an vielen Stellen zugleich.

Und dann wurde es mit einem Schlag still, und schwere Rauchschwaden,
weiß und grau und fahlgelb, wälzten sich übers Meer, daß einem der
beißende Pulvergeruch giftig und atembeklemmend in Augen und Lungen
drang. An Land regte sich nichts.

Der kommandierende General signalisierte: »Befehle abwarten!«

Wir starrten und starrten, und auf einmal regte es sich auf dem Wasser.
Die Dampfbarkassen der Kriegsschiffe schossen herbei, und Dutzende von
Booten, in denen es von Waffen glitzerte, huschten dem Lande zu. Die
landenden Truppen kamen alle von einem einzigen großen Transportschiff
... Souder sprang nach seiner Kabine und holte die Liste der Schiffe
und Truppen.

»Roosevelt ist's!« rief er. »Die Rauhen Reiter!«

       *       *       *       *       *

So landete Theodore Roosevelt mit seinem Regiment als Erster auf
kubanischem Boden. Er hatte es durchgesetzt, daß ihm die Ehre der
Vorhut zugeteilt wurde. Man hat Roosevelt oft genug nachgesagt, daß
er auch als Reiteroberst der praktische Politiker geblieben sei, der
vortreffliche Regisseur, der sich und seine Leute geschickt in Szene zu
setzen wußte mit vollberechneten Effekten. Sicherlich zu unrecht. Der
Mann, der in sein Leben eine so gewaltige Fülle von Sehen und Schaffen
und Erfolg hineindrängte, wie wenige Männer seiner Zeit, und einer
der berühmtesten Präsidenten der Vereinigten Staaten werden sollte,
ahnte damals gewiß nicht, daß jeder Schritt auf kubanischem Boden ihn
dem Präsidentenstuhl näher brachte. Er lebte nur. Er lebte das tätige
Leben. Er war mit Leib und Seele Soldat. Der Name der Rauhen Reiter,
die erst für diesen Krieg angeworben waren, hatte in der Armee bereits
Märchenklang. In Tampa schon waren sie berühmt geworden. Selbst die
alten Regulären aus den Indianerkriegen hatten einen Heidenrespekt
vor dem Regiment, das sich aus den besten Reitern und den sichersten
Schützen des ganzen Landes zusammensetzte, den Cowboys, den westlichen
Grenzern und -- den Söhnen der amerikanischen Millionäre. Aber auch
die mußten »Qualitäten« haben. Kein Mann wurde aufgenommen, der nicht
vorzüglich ritt und besser schoß. Die jungen Millionäre warfen, und das
schien den alten Regulären am märchenhaftesten, links und rechts mit
Gold um sich, und wer in Tampa Tabak brauchte oder Durst hatte, der
ging nur geruhig ins Rauhe Reiterlager. Ein sonderbares Regiment ...
Um Roosevelt selbst kümmerte sich die Armee wenig. Berühmt machte ihn
erst seine Zahnbürste!

Als er eingebootet wurde, schrie ihm sein Bursche nach: »Wie ist das
mit Ihrem Gepäck, Herr Oberst?«

Roosevelt, der Brotsack und Offizierstornister umgeschnallt trug, wie
jeder Soldat, rief zurück:

»Was zum Kuckuck soll ich mit Gepäck? Doch -- eh -- gib mir meine
Zahnbürste!«

Diese nützliche Notwendigkeit eines reinlichen Menschen steckte Oberst
Roosevelt grinsend in das Band seines Rauhen Reiterhuts und bemerkte
dabei, das sei das einzig wirklich nötige persönliche Gepäck. Für alles
andere müsse schon der Herr Generalquartiermeister sorgen! Und fortan
trugen Kind und Kegel, Mann und Offizier der kubanischen Armee Onkel
Sams als besonderes Symbol im Hutband die Zahnbürste.

Der Mann mit der Originalzahnbürste und seine Leute aber machten
nicht nur ihrem Vorschußruhm große Ehre als tolle Draufgänger und
zähe Kämpfer, sondern hatten auch unverschämtes Glück, denn überall
waren sie dabei, wo es wirklich der Mühe wert war. Bei La Quasina,
in der ersten Schützenlinie der Schlacht vom San Juan Hügel, und im
Nahkampf um das Blockhaus. In den ersten Tagen dagegen entging das
Rauhe Reiter-Regiment nur mit knapper Not einer Katastrophe. Die
stürmisch vordrängende Roosevelt-Vorhut fiel in einen Hinterhalt wenige
Kilometer vom Strand und hatte schwere Verluste, ehe es ihr nach kurzem
Feuerkampf gelang, die Spanier zurückzuwerfen.

Den ganzen Tag über waren die Boote hin und hergefahren zwischen
Schiffen und Strand, in langen Ketten, von Barkassen geschleppt. Ein
Regiment nach dem andern wurde gelandet; reguläre Kavallerie, zwei
Infanterieregimenter. Bunt wie eine scheckige Kuh war die »Segurança«,
das Transportschiff des kommandierenden Generals, von Flaggenwimpeln
und flatternd geschwungenen Signalfahnen. Doch die Befehle galten stets
anderen Schiffen.

»6tes Kavallerieregiment ausbooten!«

»7te Infanterie an Land!«

Für uns aber kam kein Befehl. Mit brennenden Augen sahen Souder und
ich durch die Feldstecher und fluchten so grimmige Flüche, daß der
kleine Schwabenkapitän uns schmunzelnd erklärte, er könne ja auch
allerhand leisten, aber das sei der Limit! Wir verwünschten den
kommandierenden General zehntausend Klafter tief unter den Boden,
und seinem Generalstab flehten wir Pest und Verdammnis an den Hals.
Dasitzen müssen an Bord der alten Maultierfähre! Warten müssen, während
lumpige Freiwilligenregimenter an Land durften! Wir kochten vor Wut.
Wir zappelten in kindischer Ungeduld und tanzten Tänze des Jähzorns auf
der Brücke. Endlich hielt es Souder nicht mehr aus. Gegen Abend, als
auf der Segurança eine Pause in dem ewigen Signalisieren eingetreten
war, rief er privatim ihren Signaldienst an:

»=Seg S O -- P P P= -- Segurança Signal Office -- Privat, privat,
privat ...« »Sergeant Hastings hat Dienst!« sagte er zu mir. »Guter
alter Junge, der Hastings. Wird uns schon sagen, was los ist --«

=Seg S O= antwortete prompt: »=I -- I= -- jawohl, jawohl!«

Worauf Souder flaggte:

»Privat! -- Wann -- geht -- Signalstab -- an -- Land?«

Und sofort kam die bissige Antwort: »=Hell knows -- we do not -- you --
go -- to hell -- no time -- to answer fools' questions.= -- Das weiß
die Hölle; wir nicht. Fahrt zur Hölle -- wir haben keine Zeit, jedes
Narren Fragen zu beantworten!«

Souder sprang kerzengerade in die Luft: »Ich bring Hastings um,« schrie
er, »wenn ich ihn erwische! Ich schieß ihn tot! Sieben Löcher mach ich
ihm in den Bauch! Aber ich hab es immer schon gesagt, daß Hastings ein
gemeiner Kerl ist!«

Zu dem Schaden aber hatten wir noch den Spott, denn jedes gesegnete
Schiff im Umkreis rief uns an und signalisierte: =ha -- ha --
ha!= Hahaha aber bedeutet auf telegraphisch ein ganz großes
Gelächter. Woraus ersichtlich ist, daß Soldaten in Kriegszeiten
keine Sonntagsschüler sind und sich nicht immer einer gewählten und
einwandfreien Sprache befleißigen; man spricht scharf und handelt
scharf in solchen Zeiten großer Aufregung. Und dann waren ja weder
Damen noch geistliche Herren anwesend.

Und wir warteten. Wir warteten scheußlich lange. Eine Nacht noch und
fast einen Tag. Während der Nacht aber konnten wir uns wenigstens --
auf dem Umwege über Blinklampen -- mit Hastings privatim unterhalten,
der besserer Laune geworden war. Teile der Blockadeflotte hatten, so
erzählte er, bei Cabañas und Aguadores in Scheinangriffen die Küste
ebenfalls bombardiert -- bei Cabañas waren sogar Truppen gelandet
worden, um die Aufmerksamkeit der Spanier von uns abzulenken -- die
Rauhen Reiter sollten auf spanische Schützenlinien gestoßen sein und
Verluste erlitten haben -- ebenso reguläre Kavallerie. Da wurden
wir natürlich noch zappeliger, und von Schlaf war gar keine Rede.
Gestiefelt und karabinerumhangen hockten wir auf der Brücke, wartend,
wartend, und tranken aus unseren Blechbechern die Flasche Mumm extra
dry, die der gute Kapitän uns zum Abschied spendierte, so gleichgültig,
als sei das edle Getränk Wasser gewesen.

Der Morgen verging. Der halbe Nachmittag noch. Souder und ich wurden
hysterisch. Knurrten wie bissige junge Hunde und suchten verzweifelt
uns die Augen fast aus dem Kopf nach dem Signal, nach dem verdammten
Signal. Da plötzlich hob sich an Bord der Segurança die rote
Korpsflagge mit dem weißen Innenquadrat wieder und rief uns an:

»Signaldienstbefehl -- Signalkorps an Bord Segurança!«

»=I -- I= -- jawohl, jawohl!«

Seine Abschiedsgrüße mußte uns der lachende Kapitän nachschreien, in
solch lächerlicher Geschwindigkeit sausten wir auf Deck und übers
Fallreep in das längst wartende Boot ------

Auf der Segurança gab uns Oberst Green seine Anweisungen:

»Vier Kilometer östlich von hier ist,« so erklärte er ungefähr, »von
der Marine das Haitikabel aufgefischt und die Verbindung mit Washington
hergestellt worden. Telegraphisten der Marine sind dabei, die Linie
unter Benützung der alten spanischen Leitung hierher zu verlängern.
Den Kabeldienst übernehmen Kabelexperten. Unsere Aufgabe ist es,
telegraphische und telephonische Verbindung mit der Vorpostenlinie
herzustellen. Im Einzelnen habe ich euch nur zu sagen: Ich verlasse
mich auf jeden von euch. Wir werden schwere Arbeit haben. Ihr werdet
ganz selbständig arbeiten müssen. Eure Befehle erhaltet ihr über den
Draht. Offizieren der Truppen werdet ihr im Notfalle sagen, daß ihr
strengsten Befehl habt, Anweisungen nur von euren Signaloffizieren
entgegenzunehmen. Depeschen dürfen nur angenommen werden, wenn der
aufgebende Offizier, ganz gleichgültig welchen Ranges, sie schriftlich
gibt und unterzeichnet. Mündliche Nachrichten werden unter keinen
Umständen weder über den Telegraphen noch übers Telephon befördert.
Kommandierenden Offizieren, denen ihr begegnet, werdet ihr melden, der
Chef des Signaldienstes lasse sie bitten, dafür zu sorgen, daß die
Truppen die Drähte nicht beschädigen. Das wäre alles. Noch eins -- ich
verbitte mir jede überflüssige Schießerei! Dazu seid ihr nicht da!«

Da kam sich der Lausbub kolossal wichtig vor.

       *       *       *       *       *

Die See ging hoch, und längs des Strandes hatte sich eine ungemütliche
Brandungslinie entwickelt. Unsere Boote wurden umhergeschleudert,
als wären sie Eierschalen. Geradeaus am Strand zu landen war
unmöglich. So mußten wir uns der alten Landungsbrücke bedienen, und
die lag gute zwei Meter über dem Wasserspiegel. Es war jedesmal ein
Kunststück, sich von dem stampfenden Boot emporzuschwingen. Stunden
brauchten wir, um die Hunderte von schweren Rollen dünnen isolierten
Kupferdrahtes an Land zu schaffen, die Telephone, die kombinierten
Telephon-und Telegraphenapparate, die Trockenbatterien, die Flaggen.
Ein unbeschreiblicher Wirrwarr herrschte am Strand. Ueberall waren
Säcke, Kisten, Munition aufgestapelt, und zwischen diesen Bergen von
Kriegsmaterial rannten aufgeregte Offiziere umher, die den Proviant
für ihre Schwadronen und Kompagnien haben wollten. Wir errichteten
sofort dicht am Strand die Telegraphenstation mit einer Hauptbatterie
und waren kaum fertig mit Zeltbauen und Aufstellen des Apparats, als
urplötzlich die Dunkelheit hereinbrach und weiteres Arbeiten unmöglich
machte. Mit der Dunkelheit kam Regen. Nein, nicht Regen -- der Ausdruck
ist viel zu schwach -- sondern ein Wolkenbruch. Nein, nicht ein
Wolkenbruch. Sondern es regnete, wie es in den Tropen regnet. Das waren
nicht Wassertropfen, sondern dicke Wasserschnüre, Schnur an Schnur.

Souder und ich hatten vorher schon unser winziges Soldatenzelt
aufgebaut, von dem er die Hälfte trug und ich die Hälfte, und kamen uns
sehr schlau vor, als wir bei den ersten Tropfen schleunigst unter Dach
krochen. Aber ach -- was war ein Zelt gegen diese Wassermassen! Der
angeblich wasserdichte Segeltuchstoff gab nach einer Minute schon den
hoffnungslosen Widerstand auf ...

»Teufel -- rück' ein wenig!« schrie Souder. »Mir läuft ein Bach, ein
richtiger, gesegneter Bach, am Hals herunter!«

»Reg' dich nicht auf um Kleinigkeiten,« erwiderte ich erbost. »Ich --
liege -- in -- einem -- See! Rück' du!«

Doch das konnte er ebensowenig wie ich. Wir füllten das winzige Zelt ja
bis zum letzten Winkel. Oben regnete es herein. Von vorne und hinten
kamen, klatsch, klatsch, die Güsse. Unten rieselte ein Bach.

»=Oh hell!=« sagte der Sergeant, sprang auf und warf dabei das Zelt um,
daß unsere stützenden Karabiner ins Wasser plumpsten. »Nässer können
wir doch nicht werden!«

Und ich sah erstaunt, wie er sich Rock, Hose, Stiefel, Gamaschen, Hemd
herunterriß und splitternackt dastand. »Ich nehme ein Bad!« grinste
er. »Gratis. Passende Gelegenheit. Ein kubanisches Brausebad --
=Shampooing= obendrein -- kost' sonst einen Dollar fufzig ... Wie nett,
daß der Regen hierzulande wenigstens warm ist!«

Ich machte es ihm schleunigst nach, und als kurz darauf unser Major
Stevens, im Gummimantel, eine Magnesiumfackel in der Rechten, in dem
Miniatursee einhertappte, riß er die Augen gewaltig weit auf.

»Eh -- wer ist das? -- eh, Souder -- Carlé -- seid ihr verrückt
geworden? -- na, Jungens, das ist nicht übel!« Wir splitternackten
Kubakämpfer standen ganz mechanisch stramm! »Rührt euch, rührt euch,
Kinder, bei allem was lustig ist! Und nun versucht eben, zu schlafen,
so gut es geht. Ich habe für uns alle Gummiponchos besorgt, und das
nächstemal seid ihr besser daran. =Good night!=«

Nach wenigen Minuten hörte der Regen auf, und erst als wir in unsere
triefenden Kleider krochen, fiel mir Esel ein, daß ich mir ja in Tampa
eine wundervolle, sündhaft teure Hängematte gekauft hatte! Aus Seide!
So dünn, daß ich sie bequem in der Tasche tragen konnte. Sie sollte mir
noch unschätzbare Dienste leisten. Später bekam ich heraus, daß in der
ganzen Armee außer mir nur der kommandierende General noch so schlau
gewesen war, für die so naheliegende Bequemlichkeit einer Hängematte zu
sorgen. Ich band das seidige Ding an zwei Bäumchen fest und kletterte
vergnügt hinein.

»Das ist Seide, nicht wahr?« fragte Souder, mich und meine Hängematte
mit seiner Signallaterne bedächtig ableuchtend. »Stark? Fest?«

»Unzerreißbar!« sagte ich stolz.

»=Very good!=«

Und im gleichen Augenblick war er zu mir hineingeklettert, so entrüstet
ich auch protestierte, und seine patschnassen, schwerbestiefelten Füße
suchten sich mit göttlicher Ungeniertheit ihre Ruhepunkte in der Gegend
meiner Ohren. So lagen wir und rauchten noch lange nassen Tabak aus
nassen Pfeifen. Ach, was waren das für schöne Zeiten! Täte ich heute
dergleichen, so würde ich mir wahrscheinlich keuchenden Husten, eine
schwere Bronchitis und eine tödliche Lungenentzündung holen. Ach, was
waren das für schöne Zeiten!!

Die Kavallerieschwadron im Dickicht nebenan leistete auch für uns die
Dienste einer Weckuhr.

    =I can't get 'em up,
    I can't get 'em up,
    I can't get 'em up in the morning!=

»Sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf des
Morgens ...«

»Heiliger Moses!« keuchte Souder, als er hinplumpste.

»Großer Cäsar!« schrie ich und kollerte neben ihn.

Denn steif wie ein Stock war der eine wie der andere, er und ich; kaum
bewegungsfähig, wie nässeverschimmelt, wie verrostet. Die Kleider
mußten getrocknet sein über Nacht, aber sie waren schon wieder feucht
und klebrig geworden im Morgentau. Wir stampften umher und stellten mit
inniger Genugtuung fest, daß in nächster Nachbarschaft noch vierzehn
andere Gestalten täuschend ähnlich schwankten und stampften, der Major
darunter so gut wie der Leutnant. Geteilte Unbequemlichkeit ist halbe
Unbequemlichkeit. Wir sahen freilich nur die Oberkörper der Gestalten.
Ihre Beine sahen wir nicht. Die ahnten wir nur. Sie steckten wie
auch die unsern in den dickgelben Schwaden des Bodennebels, aus dem
stickige Moderluft heraufdrang, übelriechend, boshaft, giftig -- in
Rauch aufgelöste Pestilenz. Da kroch über das struppige Buschwerk ein
glühendroter Fetzen Sonne --

»Wer -- hat -- eine Kaffeemühle?« schrie der alte Sergeant Hastings.

»Deine Großmutter -- zu Hause!« war Souders prompte Antwort.

Aber das Lachen verging ihm bald, als wir selbander unsere Brotsäcke
und Tornister untersuchten und entsetzt den breiigen Inhalt beguckten.
Die hochfeinen =sandwiches= des guten Schwabenkapitäns hatten sich
in ihre Moleküle aufgelöst -- in Brei -- Brei -- fleischfaserigen
Brei. Doch ein hungriger Magen macht erfinderisch, und wir gingen zum
Bach. Der Brei schwamm fort. Als Niederschlag blieb, was sonst noch
im Brotsack geblieben war: die vier Pfund fetten Specks der eisernen
Ration, ihre zwei Dutzend Schiffszwiebacke, die selbst eine Nacht
im Brei nicht hatte erweichen können, und ihre grünen Kaffeebohnen,
ein halbes Pfund. Salz und Zucker dagegen waren beim Teufel. Wir
nahmen unsere Feldbratpfanne, rösteten vorerst den grünen Kaffee über
offenem Feuer (es wurde nichts Rechtes!) und unterhielten uns dabei
gegen alle Disziplin darüber, wer wohl der verantwortliche Schafskopf
sein könne -- verantwortlich dafür, daß einer eisernen Ration grüne,
ungeröstete Kaffeebohnen beigegeben wurden! Mit dem Rösten ging es ja
noch halbwegs. Aber die Kaffeemühle! Der verantwortliche Schafskopf
hatte obendrein vergessen, der Armee auch nur eine einzige Kaffeemühle
mitzugeben! Souder zerklopfte kurzentschlossen seine Bohnen im
Blechtopf mit einem Stein, und ich mußte anerkennen, daß es einen
besseren Ausweg nicht gab. So bereiteten wir vier Wochen lang das
unentbehrliche Getränk eines Soldaten im Krieg -- wir und die gesamte
Armee! Wenn die Flüche, die damals auf den =commissary general=, den
Chef des Armeeverpflegungswesens, herabgeflucht wurden, wörtlich in
Erfüllung gegangen wären, so hätten zwanzigtausend separate Teufel ihn
siebenmal zwanzigtausendmal separat holen müssen ... Wir brieten uns
Speck. Wir zerbissen die infam harten Zwiebacke.

Leutnant Burnell und sechs Mann blieben bei der Station zurück, um den
Kabelleuten entgegenzuarbeiten. Major Stevens und zehn Mann (dabei
waren Souder und ich) bildeten den eigentlichen Telegraphenbaudienst
der Armee -- elf -- _elf_ -- Mann! Ganze elf Mann!! Wir waren am
Aufbrechen, als ein Meldereiter für die Segurança herbeijagte, der
sich bei uns einen Augenblick verschnaufte und erzählte, daß bei La
Quasina, sechs Kilometer in Front etwa, gestern das erste Gefecht
stattgefunden hatte. Nach schweren Verlusten hatten die Rauhen Reiter
und reguläre Kavallerie unter General Young die Spanier aus ihrer
ersten Verteidigungsstellung geworfen. Die Vorposten standen jetzt eine
halbe englische Meile über La Quasina hinaus.

Wir brüllten uns heiser vor Begeisterung.

Der Major aber durchstöberte mit Hastings, dem dienstältesten
Sergeanten, all das aufgestapelte Material zum Linienbau; den
Haufen von Drahtrollen, die Telephone, die Kombinationsapparate, die
Trockenbatterien, die Eisenstangen für die Erdleitung.

»Wo sind denn die Werkzeuge?« fragte er kopfschüttelnd.

»Wir haben keine!« antwortete der alte Hastings.

»Was?« rief der Major, »keine Drahtzwicker? Keine Klemmzangen? Keinen
Gummi zum Isolieren?«

»Nix, Herr Major!« sagte Hastings. »Wir konnten in Tampa nichts
geliefert bekommen. Wir haben keine Werkzeuge. Ich persönlich besitze
eine Beißzange, die ich auf der Segurança -- hm -- gefunden habe ...«

»Na, hätten Sie da nicht noch mehr finden können?« brummte der Major.

Er kopfschüttelte immer mehr und betrachtete den Haufen von Drahtrollen
und rechnete mit den Sergeanten, wieviel Kilometer Draht wir elf
Mann außer den Instrumenten tragen konnten. Sechs bis acht Kilometer
höchstens. Transportmittel gab es ja nicht in diesem Krieg von
leichtsinnigen Kindern. Dann war er auf einmal verschwunden. Ebenso
plötzlich aber kam er wieder, im Schweiße seines Angesichts einen
großen Proviantkarren vor sich herschiebend.

»Los, Jungens!« keuchte er. »Los -- ehe sie uns erwischen!«

Denn: Der Herr Major hatte unten am Strand den Karren -- gestohlen!

Für die gute Sache! Von da ab hätten wir uns für diesen Mann
totschlagen lassen. Das war ein Mann! Vielleicht erzähle ich
später einmal, wie Major Gustave W. S. Stevens das Schatzamt des
Signaldienstes bemogelte, um das Geld für die ersten Flugversuche der
Armee zu schaffen, das der Kriegsminister und der Chef des Signalstabs
nicht hergeben wollten. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte.

Der Major zog seinen Uniformrock mit den schön glänzenden
Silberstreifen und den goldenen Adlern aus und arbeitete so hart wie
wir daran, die Instrumente und den kostbaren Draht auf dem Karren
zu verstauen. Unterdessen hatten Leutnant Burnell und seine Leute
die ersten fünfzig Meter Draht gelegt und die Verbindung mit dem
Stationsinstrument hergestellt.

Vorwärts ging es jetzt. Der Pfad, der den Hügel hinaufführte, war ein
armseliges Weglein kaum zwei Meter breit und so tief verschlammt vom
Regen der Nacht und den Fußtritten von Tausenden, daß man einsank
bis zu den Knöcheln. Und vollgestopft von Truppen. Infanteristen.
Batterien, deren Mannschaften langsam und mühselig Zoll für Zoll die
Geschütze vorwärtsschoben, denn die Gäule konnten es nicht schaffen.
Links und rechts aber vom Weg starrte der Buschurwald mit seinen
verrankten, verschlungenen, verdornten Gewächsen, die so fest waren wie
eine Mauer und uns keinen Schritt weit eindringen ließen.

»Platz!« schrie Major Stevens. »Spezialdienst. Signalkorps!«

Die Infanterie duckte sich an die Wegseite, und holtergepolter
jagten wir vorbei mit unserem Karren. Wir hatten uns lange Stangen
mit gabeligen Enden geschnitten und warfen den ausgezeichnet
isolierten Leitungsdraht einfach über das Urgebüsch, nur alle
hundert Meter spannend und festknüpfend. Rasch kamen wir vorwärts,
rascher als die Infanterie. Die marschierte nur, während uns die
Neugier vorwärtspeitschte. Dann kamen wir zu den Geschützen und wären
beinahe stecken geblieben, konnten doch die schweren Stahlmassen in
dem engen Pfad nicht ausweichen, wollten auch gar nicht, oder ihre
Herren vielmehr wollten nicht, denn Offiziere und Kanoniere spuckten
ohnehin schon Galle über den miserablen Weg und pfiffen natürlich auf
Telegraphendrähte und derlei Belanglosigkeiten. Wie es uns gelang,
an den Kanonen vorbeizukommen, ist mir heute noch ein halbes Rätsel.
Ich weiß nur, daß der Major fluchte und puffte wie ein Hausknecht,
daß wir den Draht und die Instrumente abluden und sie im Laufschritt
vorwärtsschleppten, daß wir den gestohlenen Karren auseinanderlegten
und ihn stückweise über die Köpfe der Artillerie hinwegtrugen. Dagegen
weiß ich noch ganz genau, daß ich an einer Ecke einem unverschämten
Artilleristen, der mich absichtlich behinderte, eine schwere Drahtrolle
gewaltig um den Schädel schlug ... Wie roh das war! Wie leid mir das
tut in der Erinnerung! Aber -- ach, was waren das für schöne Zeiten!

Jetzt brannte die Sonne kerzengerade hernieder, als hätte sie sich
das Weglein und nur das Weglein zum Heizen ausgesucht, und dampfende,
ekelfeuchte Hitze hüllte uns ein, vermengt mit giftigen Modergerüchen
aus dem tausendjährigen Dschungel zur Seite, dem Hexenkessel mit
seinen häßlichen Dämpfen aus faulender Feuchtigkeit und schwärzendem
Heißsein. Dicht, starr, stand der Urwald. Der Gedanke stieg in mir auf,
wie es überhaupt möglich sein konnte, in dieser eingekeilten Enge einen
Feind anzugreifen oder von einem Feind angegriffen zu werden; eine
Schützenlinie zu entwickeln, vorwärtszustürmen. Da ich zwanzig Jahre
alt und neugierig war, befragte ich den Major darüber, als er neben mir
schritt. In Tampa hatten wir ihn kaum zu Gesicht bekommen. Aber die
wenigen Stunden schon auf kubanischem Boden hatten zwischen ihm und
uns jene eigentümliche Verbindung des Vertrauens hergestellt, die von
Mann zu Mann überspringt nur in Zeiten männlicher Höchstleistung, wenn
jeder, der Führer und der Geführte, hergibt, was in ihm ist. Er war
unser und wir waren sein. Darüber redete man nicht. Das fühlte man. Man
stand zusammen und man fiel zusammen. In unserem Schneid und unserer
Arbeit lag seine Hoffnung auf Glück und Ehren -- und aus seinen Händen
nur konnte unser Lohn gegeben werden.

Die Disziplin litt nicht darunter, wenn auch die äußerlichen
Unterschiede zwischen Mann und Offizier sich als äußerlich und
belanglos verwischten.

»=Well=,« sagte er lächelnd, »es ist eine scheußliche Gegend, wie Sie
ganz richtig bemerken. Ich bin von Hause aus Artillerist und kann mir
lebhaft vorstellen, daß es höllisch unangenehm wäre, würden wir jetzt
mit Schrapnell überschüttet!«

Ich wurde puterrot. »Ich hatte -- aber -- durchaus -- nicht Angst!«
stammelte ich.

»Nein, mein Sohn. Weiß ich. Nebenbei bemerkt gibt es keinen Menschen,
der unter Schrapnellfeuer nicht Angst haben würde. Und weiterhin
nebenbei bemerkt sind wir nach meiner Karte in einer Viertelstunde aus
dem Busch heraus. =Well= -- haben Sie eigentlich Tabak? Ich muß vorhin
mein Etui verloren haben --«

In Bächlein rannte der Schweiß an uns herab, und ich war kaum weniger
naß als nach dem Wolkenbruch in der Nacht vorher. Wir segneten den
schlauen Major und seine Karre aus dankbaren Herzen und schmissen
alles, was nicht niet und nagelfest war, auf das Vehikel; Brotsäcke und
Röcke und Tornister und Wolldecken und Telegraphenapparate. Aber es war
noch immer zu heiß. Einer machte den Anfang, als wir einmal hielten und
Luft schnappten, und die andern machten es ihm schleunigst nach: Ein
schamhaftes Verschwinden hinter einen dicken Baum! Und -- Strümpfe?
Ueberflüssig, weg damit. Unterhemd? Lächerlich, weg damit. Unterhosen?
Unglaublich bei dieser Hitze, weg damit. Jetzt war uns wöhler! Instinkt
hatte uns wie zwanzigtausend anderen Simplizität in der Vereinfachung
der Felduniform gelehrt, die in Zukunft aus Stiefeln, Gamaschen,
Reithose, blauem Flanellhemd, Schlapphut bestand, und sonst aus nichts.
Das war genug und übergenug! Viele von den Offizieren ließen sich die
Schulterstreifen aufs blaue Flanellhemd nähen ... Nur keinen Rock in
dem Backofen!

Jeder einzelne Mann tat sein Bestes. Sicherlich stellte es eine
respektable Leistung dar, beim Linienbauen die marschierenden Truppen
weit zu überholen. Der Draht funktionierte ausgezeichnet. Wir setzten
uns jede halbe Stunde in Verbindung mit Leutnant Burnell in Baiquiri,
der uns an Neuigkeiten meldete, daß der Hauptlandungspunkt von nun an
Siboney sei, wenige Kilometer westlich von Baiquiri. Er lasse zwei Mann
zum Stationsdienst zurück und werde mit den übrigen von Siboney eine
Drahtlinie zum Kreuzungspunkt der beiden Straßen bei La Quasina legen.

Da weitete sich das Weglein, und der Busch wurde niedriger, dürftiger,
bis plötzlich der Schlick des Pfades sich in weichen Moosboden
verwandelte. Rings um uns reckten sich schlanke braune Stämme mit
fächerigen Wipfeln empor; ein Hain von Kokospalmen.

»Teufel!« sagte Major Stevens.

»Tausend Teufel!« -- sagten wir ...

Denn die luftige Schönheit machte auf uns nicht den geringsten
Eindruck, sintemalen sie schwere und langwierige Arbeit bedeutete.
War es doch nun vorläufig zu Ende mit dem wunderschön bequemen und
schnellen Aufwerfen des Drahts auf den dichten Busch. Den Draht einfach
auf den Boden zu legen, ging nicht. Die nachmarschierenden Truppen
hätten ihn zertrampelt, zerrissen. Und nicht einmal Klettereisen hatten
wir!

»Nun, dann klettern wir eben so!« sagte der Major. »Souder, holen Sie
mir doch aus dem Baum da ein halbes Dutzend Kokosnüsse -- und Sie,
Hastings, telegraphieren, bitte, dem Leutnant Burnell, daß wir frische
Kokosmilch trinken und lebhaft bedauern, ihn nicht einladen zu können.«

Schallendes Gelächter. Die gute Laune war wieder da.

Es läßt sich außerordentlich schwer vorstellen, was es heißt, als
todmüder, abgearbeiteter, hitzeerschöpfter Mensch mit schweren
Drahtrollen Kokospalmen hinaufzukrabbeln; ich wenigstens packte mit
Händen und Füßen und Knien ums liebe Leben zu und war schlapp wie ein
nasses Handtuch nach dem dritten Baum. So lernten wir die relative
Wichtigkeit der Werte für die Bedürfnisse des Augenblicks fein
unterscheiden und waren entsprechend froh, als der dreckige Schlamm
und der stinkende Dschungel wieder kamen. Bedeuteten sie doch flottes
Vorwärtskommen für uns. Lichter aber war es. Man konnte wenigstens
sehen. Man hatte Ausblick über den niedrigen Busch und das wuchernde
Gras hinweg auf üppige Baumgruppen tiefen Grüns und sanftansteigende
Hügel im Vordergrund.

In dem Schlamm des schmalen Weges aber, bei einem Grasbüschel hier,
in einer kleinen Bodensenkung dort, an Baumstämmen glitzerten
gelbmetallisch blanke Patronenhülsen und mehrten sich zu vielen
Hülsenhäuflein, als wir uns vorwärtsarbeiteten. Unser Lachen und
Geschwatze war plötzlich verstummt. Ein zertrampelter grauer Schlapphut
lag am Weg -- dort eine Wolldecke -- dort ein Tornister, von dessen
Segeltuchbraun tiefdunkel und bedeutungsvoll rostfarbene große Flecke
scharf abstachen. Und da leuchtete aus tiefem Gras und dornigem
Gestrüpp blanke Erde, frisch aufgeworfen, und aus den lehmigen
Erdschollen ragte Griff und Klinge eines Offizierssäbels. Ungeschickte
Hände hatten das Soldatengrab mit Steinen und Holzstückchen umrahmt.
Man sah der Arbeit die hastende Eile an. Ein zweites Hügelchen
frischer Erde kam, ein drittes; Dutzende jetzt auf einmal. Ein Hut
lag auf dem einen, ein Reiterhandschuh auf dem andern, ein Symbol zum
Wiedererkennen auf jedem ...

Feierlich und langsam erhob der Major die Rechte zum Hut und grüßte,
hochaufgerichtet, kerzengerade, als sei er auf Parade, die Männer, die
da unter dem Boden lagen, gestorben für ihr Land. Ein jeder von uns
verstand. Alle Hände hoben sich zum Salut für die toten Rauhen Reiter.

Wir waren bei La Quasina.

Dicht bei den Gräbern kampierten wir in dieser Nacht. Im
Dämmerungsgrauen, als ich die Wache beim Instrument hatte, meldete der
Draht: »Der kommandierende General wird morgen sein Hauptquartier in
die Vorposten verlegen. Das Signaldetachement erwartet den General auf
der Straße von La Quasina-El Pozo, an einem Punkt, der telegraphisch
mitgeteilt werden wird. Die Linie ist bis tausend Yards über La Quasina
hinaus fertigzustellen.«

Ich weckte den Major.

»Das hätte Zeit gehabt bis zur Reveille ...« brummte er.

       *       *       *       *       *

»=Señor!=«

»=Señores!=«

»Ich -- Kohlenmann -- Keywestdampfer ... drei Jahr, =damn= -- ich fein
Englisch sprechen ---- «

»Ein klein Biskuit, =señor=, please!«

»=Eviva el Cuba Libre= und gut' =Americanos=« -- und eine Skeletthand
steckte mir eine kohlschwarze Riesenzigarre in den Mund.

»=Plenty= Hunger -- Biskuits =bueno=, aber nix gut die amerikanisch'
Speck ... =damn= Speck --«

Sie zeterten und schrien und kreischten und gestikulierten. »Piff,
piff!« zischte der eine, mit den Händen die Gebärde des Anlegens
und Zielens machend, »hé -- piff, piff, piff, piff ... o -- hé.
=Espagnoles= dort« (er deutete in den Busch) -- =Americanos= piff,
piff, 'urrah, viel 'urrah, viel laufen, =Espagnoles= weg. =Plenty
bueno!=« Ein anderer brüllte: »Da -- da vorne -- =Señores= werden sehen
-- der =commandante= -- der große Garcia -- =el liberator= ...«

Wir standen und starrten. Das also waren kubanische Insurgenten, und
so sahen begeisterte Freiheitskämpfer aus und so schnatterten sie, die
Heroen, die den Tod dem Knechttum vorzogen. Achtundvierzig Stunden
später überzeugten wir uns, ein wie erbärmlich feiges und faules
Gesindel diese berühmten, todesmutigen Freiheitskämpfer in Wirklichkeit
waren. Aber wenn ich schaudernd an die traurigen Gestalten denke, so
möchte ich die überharten Worte bedauern, mit denen wir vollsaftigen,
kraftvollen Männer damals die ausgehungerten Männlein überschütteten.
Sie taugten ja nicht zum Kämpfen und Arbeiten. Das waren keine Menschen
mehr. Nicht einmal Tiere. Sondern wandernde Skelette. Sie hatten sich
ein Lager in den Busch hineingehauen und aus Zweigen ein dürftiges
Obdach zusammengeflickt. In Fetzen schlotterten ihnen die Jacken und
die Hosen aus schmutziggrauem, dünnem Baumwollstoff um die abgemagerten
Glieder, und viele hatten nicht einmal eine Jacke, sondern liefen mit
bloßem Oberkörper umher. So winzig, so krank, so schwach sahen die
kleinen Männlein aus, die viele Monate lang Tag für Tag gehungert
hatten, daß ich mir dachte:

Ein einziger Faustschlag, und nicht einmal ein kräftiger, und =Señor
Insurgente= ist außer Gefecht gesetzt!

Wie arme verkrüppelte Kinder sahen sie aus, die Krieg spielten -- die
man bemitleiden mußte ob des Gewichts des Säbels, den sie an einem
Strick umgeschnallt trugen. Eine schwere und furchtbare Waffe war
dieser Säbel, Machete genannt; eine Art zum Säbel verlängerten Messers,
das nichts ähnlicher sah als dem biederen Küchenmesser deutscher
Hausfrauen, freilich ins Riesenhafte vergrößert. Ein gerader Säbel
mit plumpem Holzgriff und breiter Klinge, haarscharf geschliffen.
Vorzüglich waren auch die Gewehre dieser Jammergestalten: Moderne
Mauserschnellfeurer, deutsches Modell 88, und amerikanische Winchesters
mit kupferumhüllten Geschossen. Die Männer aber hinter diesen Gewehren
waren sicherlich nichts wert.

Die armen, armen Teufel!

Sie bissen gierig in die steinharten Schiffszwiebacke, die wir ihnen
schenkten, und schnatterten dabei über Hunger und Elend. Eine Handvoll
Reis, ein Brotfladen waren Seltenheiten gewesen monatelang; von
Früchten und Beeren hatten sie sich ernährt.

Ein Weib schlich herbei, mit gekrümmter Hand um einen Zwieback
bettelnd. Um ihren Körper war rockartig ein Fetzen schmutzigen
Baumwollstoffs geschlungen, die bloßen Brüste hingen schlaff und
verdorrt weit herab, die hungrigen Augen lagen tief in den Höhlen. An
den Rockfetzen aber klammerte sich ein fürchterliches menschliches
Wesen.

Ein nacktes Kind, ein Mannkind, drei Jahre alt vielleicht, das -- auf
den dürren Zündholzbeinen des Elends einen fürchterlichen Falstaffbauch
trug. Winzige Glieder, ein spitziger, magerer Kopf, und ein
Zuckerhutleib, der in seiner Aufgedunsenheit den Nabel weit vordrängte.
Ein Monstrum, ekelerregend, Mitleid heischend.

»=Nix bueno= -- Mangobauch!« erklärte die Mutter.

Der Major, der Spanisch verstand, schenkte dem Weib einen blanken
Silberdollar und sprach mit ihr. Er erklärte uns das Monstrum. Die
Fruchtnahrung, die auf Erwachsene abmagernd wirkte, führte bei Kindern
zu schweren Verdauungsstörungen, weil nur ungeheure Mengen den steten
Hunger sättigen konnten. Daher der Bauch, das Aufgedunsensein.
Obendrein war die häufigste Frucht, der orangenartige Mango, stark
terpentinhaltig und wurde von einem kindlichen Magen schwer verdaut.
Daher der Name Mangobauch. Zu Hunderten sahen wir später um Santiago
die mißgestalteten kleinen Geschöpfe, die so ausgehungert waren,
daß sie fraßen wie Tiere und an unseren Lagerfeuern Mahlzeiten
hinabschlangen, die ein ausgewachsener hungriger Mann nie hätte
bewältigen können.

Noch lange kreischten sie uns nach, die kubanischen Insurgenten:

»=Eviva los Americanos -- Cuba Libre!=«

Das arme Kind aber heulte zum Steinerweichen in gellenden Mißtönen.
Verschwanden doch mit uns die schönen, schönen Biskuits; infam harte,
kaum genießbare Schiffszwiebacke für uns, köstliche Leckerbissen für
das im Walde gezeugte Geschöpf des Jammers.

       *       *       *       *       *

Der Pfad war wieder das alte verschlammte, schmale Weglein, eingerahmt
von undurchdringlichem Gestrüpp. Wir konnten den Draht wieder mit
unseren Stangen aufwerfen und kamen rasch vorwärts. Da erschallte
dumpfes Pferdegetrappel und drei Reiter trabten herbei.

»Der kommandierende General!« meldete der führende Korporal kurz, einen
Augenblick seinen Gaul einzügelnd.

Bald darauf kam das Hauptquartier. General Shafter, der
Höchstkommandierende, saß in einem winzigen Wägelchen, das zwei
Maultiere zogen und ein Kavallerist lenkte. Der Stab ritt hinterdrein
im Gänsemarsch, denn so schmal war der Saumpfad, daß zwei Pferde, die
Reiter trugen, kaum nebeneinander schreiten konnten.

Die Kolossalgestalt des Generals lehnte erschöpft im Sitz. Auf Shafters
Knien lag eine Karte. Der Wagen hielt, als der Major vortrat und seine
Meldung erstattete:

»Ein Offizier, drei Sergeanten, sieben Mann des Signaldetachements.
Linie von Baiquiri bis hierher vollendet und in guter Ordnung.«

Der kommandierende General nickte und sagte mit einer Stimme, die so
kinderartig hell und schrill war, daß sie weithin gellte:

»Sehr -- gut -- Major. Bei Jesus Christus -- das -- haben -- Sie -- gut
-- gemacht, Major. Sie folgen, Major, und bleiben -- im Hauptquartier
-- bis -- auf -- weitere Orders -- Jesus Christus!«

Und das Wägelchen rollte weiter. Ein halber =troop=, eine halbe
Schwadron der 6ten Regulären Kavallerie bildete die Eskorte des
Höchstkommandierenden.

So sah ich zum erstenmal den Jesus-Christus-General.



Beim Jesus-Christus-General.

     Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter,
     Höchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im Spiel. -- Proviant
     her! -- Ein sogenannter Spaziergang. -- Die spanische
     Verteidigungslinie. -- Die Nacht vor der Schlacht. -- Das
     Telegramm nach Washington. -- Die Regimenter ziehen dem Feind
     entgegen.


Auf einer Strecke von kaum einer halben englischen Meile passierte uns
Unglück auf Unglück. Mit einemmal funktionierten die Apparate nicht
mehr, als wir wieder Baiquiri andrahten wollten, und der Major mußte
Hastings und zwei Mann zurückschicken, nach dem Schaden zu suchen.
Sie fanden ihn zum Glück bald: ganz in der Nähe des Insurgentenlagers
war der Draht zerrissen. Dann kamen fünfmal hintereinander lichte
Waldstellen, die langwieriges Klettern und Drahtspannen erforderten.
So wurde es Nachmittag, bis wir endlich das Hauptquartier inmitten der
Vorposten erreichten, erschöpft, todmüde. Oberst Green mit dem ihm
persönlich attachierten Signalsergeanten kam uns entgegen.

»Schlafen, Leute!« befahl er. »Myers, holen Sie Kaffee, da hinten beim
Kochfeuer. Und dann wird sofort geschlafen!«

Das Signalzelt war bereits errichtet und das Instrument drinnen
aufgebaut worden. Den Dienst übernahm der Sergeant Oberst Greens. Wir
anderen aber tranken gierig heißen Kaffee, wickelten uns in unsere
Decken und legten uns Mann neben Mann dicht um die Außenwand des
Zeltes; in unseren feuchten, durchschwitzten Kleidern, den patschnassen
Stiefeln, in die der Schlamm trotz allen festen Geschnürtseins
eingedrungen war. Ich war so müde ... »Stiefel ausziehen!« rief
die scharfe Stimme des Majors -- »runter mit den Stiefeln!« Und
widerwillig zog ich sie aus. Ich war so ------ Die Augen konnte ich
kaum offenhalten und nicht der Mühe wert war es mir, den Wirrwarr um
mich zu betrachten. Da standen riesige Zelte und Pferde wieherten im
Hintergrund und viele Offiziere kamen und gingen und ... schlafen, nur
schlafen! Ich schob mir den Tornister unter den Kopf und wickelte mich
fest ein. Da begann das Instrument drinnen zu sprechen in scharfem
Ticktack. Klick, klick, klick -- klack, klack -- kurz, kurz, kurz, --
lang, lang -- aber die klingenden Punkte und Striche flossen in ein
nichtssagendes Geklapper zusammen für mein müdes Hirn -- klick, klick,
klack ... da war ich eingeschlafen.

       *       *       *       *       *

Das Hauptquartier lag dicht am Weg, an dem ewigen Schlammpfad, den
keiner der Männer von Kuba je vergessen wird. Gegenüber ragte der
dornige Busch. Die Zelte standen in einer Lichtung, in der einmal
ein Haus gewesen sein mußte, denn verwittertes Gebälk lag umher,
und gegen das Weglein zu trotzte noch ein Stück Zaun aus verfaulten
Pfosten und verrostetem Stacheldraht. Das Signalzelt war dicht beim
Eingang aufgebaut. In Linie, nicht weit davon, schimmerte weißgrau
das Dutzend Zelte des Stabes, und hinter ihnen erhoben sich die
winzigen Segeltuchhütten der trooper der 6ten Kavallerie. In der Mitte,
fünfzig Schritte vor uns, stand das Zelt des kommandierenden Generals.
Zwei Pfostenpaare waren kreuzweise in den Boden geschlagen und eine
Hängematte an ihnen befestigt. In dieser lag krank und mürrisch General
Shafter, der Befehlshaber der Armee, der alte Indianerkämpfer, der
Mann, den der amerikanische Reguläre niemals anders nannte als den
»Jesus-Christus-General«. Es sind später viel Steine geworfen worden
auf diesen Mann; einen Zauderer hat man ihn genannt und Schlimmeres
in seinem Land. Ein Zauderer war er. Aber die Schimpfer vergaßen,
daß auf seinen Schultern und nur auf seinen Schultern die ungeheure
Verantwortung für das Leben von vielen Menschen und die Ehre einer
Flagge ruhten, die gar arg bedroht waren durch den Leichtsinn, der
in Hast und Aufregung die Sorge für eine Armee sehr leicht genommen
hatte. Doch das verstand ich erst später. Wenn ich von General Shafter
in diesen Seiten erzähle, so darf der Leser nicht vergessen, daß ich
versuche, ganz einfach zu schildern, was der Lausbub im Soldatenrock
damals sah -- das wirkliche Sehen und Hören. Der Jesus-Christus-General
hatte für mich Zwanzigjährigen im Lager damals und im Feld später
nicht viel von der Glorie des Leiters einer kämpfenden Armee, sondern
ich sah mit meinen jungen Augen nur das Allzumenschliche des Kranken
und Uebererregten. Der Mann heute versteht. Daß jene Tage in Kuba dem
amerikanischen Invasionsheer keine Katastrophe brachten sondern Siege,
ist für den nüchternen Beurteiler ein Wunder. Und Shafter wußte das!
Als einziger vielleicht. Er wußte, daß kein Proviant da war -- er
wußte, daß alle Vorteile des Geländes auf der Seite des auch numerisch
starken Gegners lagen. Er wußte recht gut, weshalb er zauderte. Dennoch
gebe ich meine Eindrücke ungeschminkt wieder, denn über das Persönliche
weit hinaus zeigen sie etwas einzig Dastehendes in der modernen
Kriegsgeschichte: Eine Schlacht, einen Feldzug, der nicht von Generalen
gewonnen wurde, sondern von einzelnen Häufchen tapferer, zäher
Männer, die in jungenhafter Begeisterung fröhlich drauf losgingen,
ohne sich viel um Befehle zu scheren. Das Männliche, das Tüchtige des
Einzelnen war Trumpf und gewinnende Karte in dem riskanten Spiel dieses
sonderbaren Krieges.

       *       *       *       *       *

Dutzende Male brachte ich dem General Shafter Depeschen an jenem 30.
Juni des Jahres 1898, und jedesmal sagte er mit der gleichen dünnen,
schrillen Falsettostimme, die einem durch Mark und Bein drang:

»Jesus Christus -- was gibt's?«

Es ist kaum möglich, das Scharfe, Ungeduldige wiederzugeben, das in
dem ewig wiederkehrenden Ausruf lag, der dem General seinen Beinamen
eingetragen hatte. Frömmlern gab es später nach dem Kriege, als von
Shafters Eigenheiten erzählt und geschrieben wurde, Veranlassung, ihn
als gotteslästerlichen Frevler zu verdammen.

»Lasse Oberst Green bitten -- Jesus Christus -- marsch, Mann -- halten
Sie sich nicht mit Salutieren auf -- Jesus Christus!«

Immer Jesus Christus ----

Hunderte Male gellte es so. Und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn die
schneidende Stimme erklang.

General Shafter war ein Koloß. Aechzend lag die unförmliche Gestalt
in der Hängematte, auf viele Kissen zurückgelehnt, fluchend wie ein
Dragoner. Die Stimme gellte vor Wut und Ungeduld. Aber im nächsten
Augenblick konnte sie, wenn auch schrill und nervös, liebenswürdig zu
einem Adjutanten sagen: »Lassen Sie sich ablösen, lieber Jameson --
Jesus Christus, Sie müssen ja todmüde sein!«

Der General war entweder schon vom Fieber gepackt oder wenigstens
durch die tropische Hitze furchtbar mitgenommen. Seinen gewaltigen
Schädel bedeckte ein Handtuch, auf dem Eisstücke lagen, und neben der
Hängematte stand ein Kocheimer mit Eis gefüllt. Dennoch gönnte sich
Shafter nicht einen Augenblick Ruhe an jenem 30. Juni. Es war ein
Hetzen und Hasten, ein Kommen und Gehen. Stets umstanden Adjutanten
die Hängematte, Bleistifte und Befehlsformulare in den Händen, und
die hohen Offiziere des Generalstabs schienen fortwährend Vortrag zu
halten. Wir hörten häufig ganze Sätze herüberhallen und verstanden, so
schwer jede Kombination für einen Uneingeweihten auch war, daß es sich
um Meinungsverschiedenheiten handeln mußte. Es lag wie Elektrizität
in der Luft. Wie schwüle Spannung. Alle Augenblicke kamen Shafters
Adjutanten gelaufen mit Telegrammen an den Generalquartiermeister in
Siboney, die in schärfster Fassung Proviant und Munition verlangten.
Einmal hieß es ungefähr so:

»Kommandierender General befiehlt Herbeischaffung Proviants für Front,
ganz gleichgültig, ob Straße verstopft; Truppen müssen Straße freigeben
-- mitsendet energischen Offizier ...«

Schwer mußten Sorge und Verantwortung auf General Shafter liegen.

       *       *       *       *       *

Major Stevens winkte von seinem Zelt. Ich sprang hinzu.

»Treten Sie ein,« befahl er. »So! Holen Sie sich unauffällig Karabiner,
Revolver und Feldstecher. Tun Sie, als ob Sie das Gewehr putzen
wollten. Gehen Sie langsam den Pfad aufwärts. Sie treffen mich etwa
hundert Yards weiter oben. Verstanden?«

»=Yes, sir.=«

»Sie sprechen mit Niemanden über diese Sache. Verstanden?«

»=Yes, sir.=«

Klopfenden Herzens wartete ich an der bezeichneten Stelle, bis der
Major aus dem Gebüsch trat.

»So! Es wäre mir lieb, wenn Sie mich auf einem kleinen Spaziergang
begleiten würden,« sagte er, »weil ich annehme, daß Sie nach Ihrer
zivilen Stellung Augen im Kopfe haben, die sehen können. Nun hören
Sie: Wir wissen im Grunde gar nichts. Wir wissen den Teufel, was da
vorne los ist. Ich will aber was wissen. Offiziell ist ein Vorgehen
über die Vorposten hinaus strengstens verboten. Wir gehen jetzt
zusammen spazieren und werden uns über die Vorposten hinaus verlaufen.
Verstanden?«

»=Yes, sir.=«

»Schön. Die Karte hier ist miserabel, aber immerhin geht daraus hervor,
daß hier -- sehen Sie? -- bei El Pozo -- das ist 'ne alte Zuckermühle
--, wo unsere Spitze steht und das eigentliche Santiagotal beginnt,
Plantagen sind, die ein Erklettern des Hügels da -- sehen Sie? --
gestatten sollten. Durch den Busch kämen wir nie hindurch!«

Da kam ich mir wieder kolossal wichtig vor ...

Wir marschierten in scharfem Tempo etwa zwei Kilometer weit den Pfad
entlang, kamen in einen Mangowald, kreuzten einen kleinen Bach,
passierten an Infanteriepatrouillen vorbei, wurden dutzende Male
angerufen. Dann bogen wir scharf links ab. Wir waren jetzt inmitten
hohen wuchernden Grases und mächtiger Baumgruppen. Hinter der zweiten
Baumgruppe schon trat ein Kavallerieleutnant hervor, mit dem der Major
leise sprach. Ich hörte den Leutnant sagen:

»Auf Ihre Verantwortung, Major. Meine Leute kann ich instruieren. Aber
wenn Sie den Rückweg verfehlen, riskieren Sie, von anderen unserer
Posten über den Haufen geschossen zu werden!«

Da kam ich mir noch viel wichtiger vor!

Nun begleitete uns der Leutnant.

Der lichte Wald wurde noch dünner, die Baumgruppen spärlicher. Vor uns
lag eine schmale Fläche niederen Grases. Drüben war Gestrüpp.

»Halt!« rief eine Stimme.

»Freunde ...« antwortete der Leutnant. »Einer vor!« rief die Stimme
wieder. Der Leutnant ging vor, um die Losung zu geben, die »Shafter und
Santiago« lautete, und dann sahen wir eine Soldatengestalt aufspringen,
die flach am Boden gelegen hatte. Der junge Offizier instruierte den
Posten, daß der Herr Major und der Signalmann rekognoszieren würden
und daß er auf unsere Rückkehr achten müsse. Wir würden am jenseitigen
Gestrüpprand laut »Washington« rufen und dann aufrecht über die
Grasfläche laufen.

»Los!« sagte der Major. »Ich wette meinen Kopf, daß innerhalb
fünfhundert Yards überhaupt kein Spanier ist, sonst wäre die Schießerei
schon längst losgegangen!«

Aber trotzdem verzichteten wir, ohne ein Wort darüber zu verlieren, auf
falsches Schamgefühl und krochen sehr vorsichtig auf dem Bauch durchs
Gras, uns innig und liebevoll an Mutter Erde anschmiegend.

»Sehen Sie was?«

»Nein, Major.«

Wir kamen der Gestrüpplinie näher und suchten Busch für Busch mit
unseren Feldstechern ab. Vorne links, dreihundert Meter vielleicht
entfernt, stieg ein Hügel empor, der erste einer sich weithin
erstreckenden langen Hügelkette. Auf den steuerten wir zu, immer auf
dem Bauche rutschend. Wir sahen nichts und hörten nichts. So gelangten
wir bis zum unteren Hügelrand. Wohl eine Viertelstunde lang lagen wir
hinter einem Baum und suchten den Weg durch die Gläser ab. Dann krochen
wir wieder vorwärts, uns mit Händen und Füßen einkrallend, denn der
Abhang war steil.

»Suchen Sie die Kuppe ab!« flüsterte der Major.

Ich machte einen Bogen hin, einen Bogen her. Sah nichts.

»Nichts?«

»Nein.«

»Großer Gott! Eine einzige spanische Batterie hier oben könnte uns den
Teufel zu schaffen machen!«

»Es ist unglaublich!« Er kauerte hinter einen Busch und schob
vorsichtig die Zweige auseinander. »So! ich kann sehen! Decken Sie mir
den Rücken und achten Sie auf jedes Geräusch!« Ewigkeiten schien mir
sein Schauen zu dauern. Auf dem Bauche liegend starrte ich um mich, daß
mir die Augen tränten, bis endlich der Major leise pfiff und aus dem
Busch zu mir kroch. »Nehmen Sie meine Stelle ein,« sagte er. »Sehen Sie
sich zuerst die Karte an. Wir sind im Santiagotal ... Dies hier ist
das San Juan Flüßchen. Auf diesem Hügel sind wir. Nun passen Sie auf:
Sie werden in viertausend Yards Entfernung etwa in ganz unbestimmten
Umrissen Gebäude sehen. Das ist Santiago de Cuba. Das Glitzernde
zwischen den beiden Waldlisièren ist das Flüßchen. Suchen Sie das
ganze Vorgelände ab, ob Sie Truppen oder irgend etwas Bewegliches
entdecken können.«

Ich kroch in den Busch, mich im Blattwerk deckend, und guckte zuerst
mit bloßen Augen, dann durch das Glas. Gestrüpp -- Wald -- helle Flecke
-- wellige kleine Hügel, die wie in Nebel eingehüllt zu sein schienen
-- ein grauer Streifen am Horizont, auf dem ich im Glas deutlich die
Rote Kreuzflagge unterschied. Dann suchte ich, zitternd vor Aufregung,
die hellen Flecke ab, und mir schien, als ob ich einmal oder zweimal
auf dem Grasfleck vor einem der kleinen Hügel ein Glitzern sähe.

»Bei den Hügeln dort -- dicht beim Flüßchen!« murmelte ich.

»Richtig!« sagte der Major. »Dort bewegen sich zweifellos spanische
Truppen. Aber suchen Sie vor allem das nähere Vorgelände ab!«

Ich suchte und suchte, Busch bei Busch, Fleck bei Fleck. Das schmale
Tal erstreckte sich, ein schwer übersehbarer Geländemischmasch von
Gestrüpp und wirklichem Wald und hellen freien Grasstrecken in fast
immer gleicher Breite von sechs-oder siebenhundert Metern, bis an den
grauen Streifen, der Santiago bedeutete. Seine Breite trennte uns von
unseren Vorposten, die drüben auf der welligen Talgrenze am Waldrand
standen. Das Flimmern dort vorne konnte ich wieder deutlich wahrnehmen.
Sonst sah ich nichts. Der Major war zu mir gekrochen.

»Noch etwas gesehen?«

»Nein, Major.«

»Wie weit schätzen Sie die Entfernung bis zu der Wellenlinie, wo Sie
das Flimmern sehen?«

»Dreitausend Yards.«

»Hm. Zweitausendfünfhundert!« brummte er. »Ich denke, wir haben genug
gesehen.«

Dann ging es zurück. Ich war jetzt gründlich nervös geworden und ich
glaube, dem Major ging es ebenso, denn im gleichen Impuls verzichteten
wir auf das langsame Kriechen und rannten in langen Sprüngen von Baum
zu Baum und von Busch zu Busch der auffälligen Gruppe von Mangobäumen
zu, die wir uns wohl gemerkt hatten. Am Gestrüpprand brüllten wir laut:

»Washington!«

»Freunde ...« hallte es herüber, und wir schnellten uns vorwärts im
Gras, so schnell uns nur die Beine laufen wollten, sehr froh, wieder im
Schutze der Vorposten zu sein.

»Prosit!« sagte der Major und reichte mir seine Feldflasche. »Bitte,
trinken Sie mit Andacht, denn das ist ewigalter Kentuckywhisky, und die
Götter mögen wissen, wann uns ein solcher Trunk wieder beschert wird.«

Er lachte ein unfröhliches Lachen. »Uebrigens haben wir unsere Hälse
umsonst riskiert. Die San Juan Verteidigungsstellung -- das ist dort,
wo wir das Flimmern sahen -- ist dem Hauptquartier bekannt. Halten
Sie nur den Mund über unseren Spaziergang, sonst werden wir auch noch
ausgelacht! Ich hatte gehofft, auf der Hügelkette da drüben Artillerie
zu entdecken -- na, und damit ist's Essig gewesen! Die Geschichte war
also umsonst.«

Da kam ich mir gar nicht mehr wichtig vor.

       *       *       *       *       *

Die Pechfackel auf dem alten Zaunpfosten warf feuerrotes, flackerndes
Licht über die Zelte des Hauptquartiers. General Shafter saß auf einem
Feldstuhl, gegen die Zeltwand gelehnt, und sah mit seinen scharfen
grauen Augen von einem zum andern der Offiziere, die ihn umstanden. Auf
großen Kisten links und rechts neben ihm brannten in Flaschenhälsen
Kerzen. Um ein Uhr nachts übernahm ich den Hilfsdienst beim Instrument,
zusammen mit Souder, und wenige Minuten später brachte ich dem General
eine Depesche. Vom Generalquartiermeister in Siboney, der den Abgang
eines Maultiertransports mit Infanteriemunition meldete.

»Jesus Christus, was warten Sie noch, Mensch!« herrschte Shafter mich
an.

»Die Unterschrift, General.«

»Unterzeichnen Sie!« befahl er einem Adjutanten, der nun seinen Namen
in mein Depeschenbuch kritzelte. »Marsch, Signalmann!«

Ein sacksiedegrober Herr, der Jesus-Christus-General!

Eine Viertelstunde verging. Da kam der Major zu uns ins Signalzelt
gekrochen und sagte, gemütlich dahockend, auf den schwarzen
Schnurrbart beißend, wie das seine Art war: »Hm -- Souder -- Carlé --
nein, kann euch nicht brauchen -- sollt bei mir bleiben. Sie können
nachher Hastings wecken, Carlé, und ihn in mein Zelt schicken. Der
rechte Flügel, Kinder, greift bei Tagesanbruch an, und General Chaffee
braucht Flaggenmänner. Ich werde Hastings hinschicken und zwei Mann.
Wir werden ebenfalls bei Tagesanbruch losmarschieren und die Linie
im Santiagotal legen und bei Gott, ich glaube, wir haben das bessere
Teil erwählt wie Martha in der Bibel. Müßte mich sehr irren, wenn sich
die Hauptaffäre nicht bei unseren Hügeln« -- er zwinkerte mir zu --
»abspielt. Mund halten, Kinder! Ich bitte mir übrigens aus, daß morgen
flott gearbeitet wird!«

» ... Jesus Christus!« gellte es herüber vom Zelt des Kommandierenden.

Und dann brachte ein Adjutant eine Depesche, die merkwürdigerweise
nicht chiffriert war. So ungefähr lautete sie:

»Kommandierender General der Armee, Washington. -- Greife bei
Tagesanbruch an. Brauche Verstärkungen, Proviant, Hospitalschiff. --
Shafter.«

Da schien es uns, als wollten die Minuten so gar nicht vergehen,
und wir fluchten fürchterlich über den Kleinkram von Depeschen nach
Siboney, die alle mehr Proviant, mehr Munition forderten. Souder,
der ein Künstler im Bearbeiten des Tasters war, telegraphierte mit
fabelhafter Geschwindigkeit, wollte er doch die Arbeit loswerden und
schwatzen. Zwanzig Minuten lang hielt es der Sergeant in Siboney aus,
dann unterbrach er:

»=p p p= Privat. Höll' und Verdammnis, seid ihr verrückt geworden? Ich
komm' nicht mehr mit -- hab doch keine Schreibmaschine hier -- muß
bleistiftkritzeln -- lang -- samer!!«

»Arbeite, mein Sohn!« antwortete Souder. »Und sei nicht so verdammt
vertraulich. Wir sind in den Vorposten und du bist sicher vom Schuß --
also arbeite wenigstens, Freund!«

»Warte -- wenn ich dich erwische ...« kam es wütig klickend zurück.

Woraus hervorgehen mag, daß wir nicht etwa letztwillige Verfügungen
trafen und uns gegenseitig letzte Lebewohlbriefe an unsere Bräute
anvertrauten, wie das in frommen Bilderbüchern von Soldaten vor der
Schlacht berichtet wird, sondern daß wir uns einfach bodenlos freuten
-- wie kleine Jungens, denen die Mama gesagt hat: »In fünf Minuten
dürft ihr auf die Straße und Indianer spielen!«

       *       *       *       *       *

Die tief heruntergebrannte Pechfackel loderte. Auf dem schlammigen
Weglein draußen zog es immerwährend, ohne Aufenthalt, vorbei von
Männern, so müde, daß sie gebeugt schritten. Regiment auf Regiment
passierte. Mann hinter Mann, so schmal war der Pfad. Graubärtige
Obersten -- Rekruten mit Kindergesichtern. Bodenlos war das Weglein
geworden, und die Füße der keuchenden Menschen machten bei jedem
Schritt und Tritt ein merkwürdig plumpsendes, saugendes Geräusch, wenn
sich die Stiefel aus dem zähhaltenden Schlick befreiten.

Regiment auf Regiment zog vorbei, dem Feind entgegen.



Die Schlacht vom San Juan Hügel.

     Der Morgen der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im Nebel. -- Die
     Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie nach der Front. -- Meine
     erste Granate. -- Wie ich das Gruseln lernte. -- Wie andere das
     Gruseln lernten. -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. --
     Die Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am Waldrand. --
     Wir schießen mit. -- Die Schützengräben im San Juan Hügel. -- Der
     Gnadenschuß. -- Der Angriff ohne Befehl. -- Der San Juan Hügel
     wird im Sturm genommen. -- Zusammenhänge der Schlacht. -- Bei den
     spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am Lagerfeuer. --
     Sie begraben die Toten.


Die Nacht ging zu Ende. Graugelbe Bodennebel flossen über die Lichtung
hin, in wellender, wogender Masse, wie Wasserfluten sich übers Land
ergießen. Menschen und Zelte standen auf einem Nichts; auf dampfigem,
zitterigem, schwadigem Rauch. Es war bitter kalt. In tiefer Stille
lag das Hauptquartier, in dumpfes, nächtliches Grau noch gehüllt.
Gleich trüben Schatten die Zelte. Totenstill war es. Nur in dem
mächtigen gelben Fleck dort bei dem großen Mangobaum, dem Zelt des
kommandierenden Generals, war schwaches Licht und lautloses Leben.
Gespenstisch leuchtete dort Kerzenschein durch die Zeltwände, immer
wieder unterbrochen von einem Schatten. Da drinnen ging ein Mann auf
und ab in rastlosem Hin und Her.

Das war General Shafter.

Langsam stiegen die Nebel. Schwaden auf Schwaden lösten sich, in
weißgrauen Dunst verwallend. Wie Dampf umhüllte es die Zeltmassen und
schwebte höher und höher. Wie dünner Regen fast fiel der Morgentau, und
frostig schlichen Kälte und Feuchtigkeit in die Haut.

Da leuchtete warm und rot ein Feuer auf, draußen am Lagerrand.

»Gott sei dank!« Souder nahm unsere Blechbecher und ging.

»Kaffee!« sagte er, als er wiederkam. »Wollen zuerst die Feldflaschen
füllen!«

»Gute Idee,« murmelte ich.

Ich holte noch zwei Becher. Der dampfendheiße Trank vertrieb uns rasch
das nasse, klebrige Gefühl und die Uebernächtigkeit. Wir aßen einen
Zwieback, zündeten die Pfeifen an. Immer mehr und mehr lichtete sich
das trübe Grau. Da -- da -- was war das? -- Souder und ich sprangen auf.

»Was war das?« flüsterte er.

»Still -- still!«

Kaum hörbar, wie aus ewigweiter Ferne, gespenstisch leise, erklang es
in dumpfem Schallen -- krang -- krang, krang ... tacktacktack.....
leise, ganz leise, als ob Erbsen auf einen Blechteller geworfen würden.
Ein wenig lauter nun, dann schwächer wieder, mit Pausen von Sekunden --
jetzt in vollerem Klang, und doch schwach und ferne wie abgedämpfter
Trommelwirbel. Gewehrfeuer. Deutlich erkennbares Geknatter. Nichts
regte sich um uns. Jeder schien zu stehen und zu lauschen.
Mäuschenstill war es. Bis die klare Stimme eines Offiziers schallend
rief:

»Das ist General Chaffee!«

Und im gleichen Augenblick, als folge dem Blitz der Donnerschlag,
ergellten schrill jauchzende Jubelrufe, geschrien von den Männern des
Hauptquartiers ... hei -- ih -- hei -- iiii -- ih!

Aus der Stille wurde Bewegung, Wirrwarr.

Offiziere eilten hin und her, scharfe Kommandorufe befahlen das Satteln
der Pferde. Unser Major kam gerannt, im Laufen eine Pappschachtel
aufreißend und sich die Revolverpatronen in die Taschen stopfend.

»Signaldetachement -- =attention=!« befahl er. »Myers und Bruning
bleiben hier. Myers, Sie überbringen dem Stabssergeanten den
Befehl, für unsere neue Linie gleichzeitig ein Telephon und einen
Taschenapparat einzuschalten, die je nach Funktionieren ausgewechselt
werden. Abtreten! Die übrigen -- attention!« Er inspizierte uns rasch
und lächelte, als er sah, daß wir uns alle Taschen mit Patronen für
unsere Karabiner und Revolver gefüllt hatten. »Jeder Mann trägt eine
Rolle Draht! Los!«

Und hinaus ging es auf den schlammigen Pfad, der jetzt öde und
verlassen dalag; im Laufschritt, in langen Sprüngen, immer vorwärts mit
dem Draht, den unsere Stangen hoch ins Gebüsch schleuderten. Nichts
behinderte uns. Die Truppen waren schon in Front. So ging es rasch
und glatt mit der Arbeit, und als wir nach den ersten tausend Yards
die Linie prüften, war alles in Ordnung; das Hauptquartier meldete
sich sofort. Weiter! Das dumpfe Geknatter des Feuergefechts in der
Ferne hörten wir kaum noch in dem Lärm der Arbeit, als es auf einmal
schrill und klar irgendwo vorne knallte -- kreng, kreng ... in scharfem
Gerassel -- kreng, kreng, kreng -- bing ...

»Vorwärts!« schrie der Major. »Vorwärts, Kinder -- wir wollen dabei
sein!«

Länger wurden die Sprünge. Keinem Menschen begegneten wir auf dem
Weglein, obgleich das Feuern aus nächster Nähe zu kommen schien. Der
Schlammpfad verbreiterte sich zu einem breiten Morast, in tausende von
Löchern und Erhöhungen zertrampelt von Tausenden von Tritten, um eine
Ecke ging es, und aus dem Halbdunkel, der Stille des Waldwegs wurde
flutende Helle, dröhnender Lärm.

Von der Kuppe des Hügels da drüben schossen weiße Dampfwolken, und
dumpfes Gekrache erschütterte die Luft. Nun Stille. In grellem
Sonnenlicht lag breit der Weg da, frei und offen auf einer Strecke von
mehreren hundert Metern, dann in dunkler Waldlinie sich verlierend.
Grasland säumte ihn; ein Busch, ein Mangobaum hie und da. Dicht an
der Wegbiegung floß träge ein Bach von schmutziggelbem Wasser, das
San Juan Flüßchen. Zwei Bretter führten über das Wässerlein zu einem
engen Pfad durch niedriges Gebüsch auf den Hügel. Rechts bog der breite
Weg ab, das Tal entlang; links führte der Fußpfad zum Hügel. Zwischen
beiden, ganz im Vordergrund, erhob sich verwittertes altes Gemäuer mit
allerlei Maschinen, die Ueberreste der alten Zuckermühle von El Pozo.
Im nächsten Augenblick jagten Reiter an uns vorbei auf das Gemäuer zu,
sprangen ab, rissen Karten aus den Taschen. Das war der Generalstab.

Bang! krachte ein Geschütz auf dem Hügel.

»Ruhig, Kinder -- ruhig!« sagte der Major. »Der Draht wird von dem
Mangobaum dort über den Bach gespannt ---- in dem Einschnitt drüben
errichten wir die Station -- Carlé, bringen Sie das Telephon hinüber
und stellen Sie die Verbindung her!«

Ich nahm den Apparat und ging zum Steg. Auf den Brettern zauderte ich
einen Augenblick, denn ich war wie ausgetrocknet vor Durst, hatte
ich doch den Kaffee in der Feldflasche schon längst ausgetrunken und
brannte ja die Sonne so glühend heiß herab trotz des frühen Morgens,
daß der Schweiß in Strömen an mir herunterlief. Aber das Wasser
da unten, pfui Teufel, nein, das Wasser da unten sah denn doch zu
schmutzig aus. Ich zauderte -- zauderte ---- und der Durst siegte glatt
mit sieben Längen über Appetitlichkeit und Vernunft, denn der Lausbub
beugte sich schleunigst nieder, Blechbecher in der Hand; tauchte ein,
lüpfte den gefüllten Becher empor und sah in maßlosem Erstaunen, daß
aus den beiden Seiten dünne Wasserstrahlen spritzten. Links ein Loch,
rechts ein Loch; eingebeult das eine, ausgebeult und zerfetzt das
andere. Da -- da war ja eine Kugel durchgefahren! Ich starrte verblüfft
den Becher an und blieb wie angenagelt stehen. Eine Kugel durch meinen
Becher gefahren! Während er an meiner Brottasche hing! Und ich hatte
nichts gemerkt!

»Schmeiß 'n weg -- taugt nichts mehr!« rief Souder, als ob ich das
nicht selber gewußt hätte.

Nachträglichen Schrecken aber empfand ich nicht und auch dann noch
nicht, als es über meinem Kopf gellend daherfuhr, doch unwillkürlich
duckte ich mich. Denn was das unheimliche Sausen da oben bedeutete,
verstand ich sofort, und jeder andere hätte es verstanden -- s --
ss -- sss -- surrr -- ssss -------- N -- nein, es läßt sich nicht
wiedergeben, dieses sausende unheimliche Schwirren, dieses Surren,
dieses gellende Dahergepfiffenkommen. Aber ich fürchtete mich ganz
bestimmt noch nicht, sondern trug behutsam das schwere Telephon an
seinen Platz, wenn ich auch gar zu gern auf irgend etwas losgeballert
hätte, damit auch andere Leute es sausen und schwirren hörten. Ich nahm
meinen Karabiner von der Schulter. Der Major sah mir lächelnd zu und
zerkaute seinen Schnurrbart.

»Warten, warten!« sagte er leise. »Hat noch gar keinen Sinn. Wir kommen
schon noch daran.«

Im gleichen Augenblick fror ihm das Lächeln fest und seine Augen
wurden starr. Aber er blieb kerzengerade stehen. Ich fühlte, wie ich
totenblaß wurde. Mit gellendem Geheul kam da etwas herangejagt, etwas
Fürchterliches -- sss -- ssss -- hui. iih.. iiiiih ... schrillend
wie eine Dampfpfeife -- entsetzlich -- ich glaubte den Luftdruck zu
verspüren -- ich hatte so fürchterliche Angst, daß ich am liebsten
hinausgebrüllt hätte in Furcht und Grauen wie ein wildes Tier,
hätte ich nur gekonnt. Aber ich konnte nicht. Der Hals war mir wie
zugeschnürt. In meiner Kehle steckte ein großes rundes Ding, das mich
würgte und drosselte und ersticken wollte, während eine eiserne Faust
mir auf den Schädel schlug. Ich -- wollte -- schreien -- ich -- konnte
nicht!

Und es war herangeheult und schlug krachend ein. Flammen sprühten auf,
und ich wurde zu Boden geschleudert ...

Ich spuckte die Erde aus.

»Pfui Deibel,« sagte der Major und diesmal lachte er nicht, »das war
eine Granate!«

»F -- f -- furchtbar!« stotterte ich.

Und schämte mich nicht zum Sagen, als die klaren harten Augen des
Majors mich scharf ansahen, denn ich hatte, als echter Junge, eine
bodenlose Angst, er könne mir die blasse, schlotternde Furcht angemerkt
haben. Heutzutage würde ich mich schleunigst und gänzlich =sans gêne=
tief in Mutter Erde einkratzen, wenn Granaten in der Nachbarschaft
umherheulten -- aber -- aber mir scheint, Krieg läßt sich doch
am besten führen mit Zwanzigjährigen und den Urimpulsen, die vom
Urmenschen her in junger Männlichkeit schlummern. In den nächsten
dreißig Sekunden müssen gewaltige Erregungen an meinen jungen Nerven
gezerrt haben. Ich weiß noch ganz genau, daß ich an allen Gliedern
zitterte und am liebsten geheult hätte. Daß ich krampfhaft nach Luft
schnappte. Daß mir zum Erbrechen übel war. Daß aber die Eitelkeit in
mir sich auf einmal wehrte, und daß ich mich bolzengerade aufrichtete,
als es wieder heulend daherkam -- und doch war es nur eine Komödie,
die ich mir selber vorspielte -- denn ich fürchtete mich wirklich! Ich
fürchtete mich schandbar!! Die Granate schlug ein. Ziemlich weit weg
von uns diesmal.

Da kam der Umschwung.

Bang -- bang -- krachten die Geschütze der amerikanischen Batterie auf
der Hügelkuppe dicht vor uns.

Fünfzig Meter hinter den Geschützen am Kuppenrand lag ein alter
Stall, oder was das Ding sein mochte, ein halbzerfallenes, niedriges
Holzgebäude jedenfalls, und auf dem flachen Dach drängte sich eine
Menge halbnackter Kubaner, die bei jedem Schuß der Batterie ein
infernalisches Freudengebrüll ausstießen und mit Händen und Beinen
zappelten in unheiligem Vergnügen. Einen greulichen Skandal machten
sie. Ich sah ganz mechanisch hin (dennoch schlotterte in mir die
Angst!) und empfand ebenso mechanisch die Abneigung des weißen Mannes
gegen derlei südländische Hanswurstiaden. Während ich guckte, kam
es wieder dahergeheult und -- schlug feuerspeiend und dampfsprühend
mitten in das Dach, mitten in die gestikulierenden, tanzenden,
schreienden Söhne der Perle des Südens hinein ... und den Bruchteil
einer Sekunde später sah das Dach genau so aus wie das gute alte
Sprungbrett im Ungererbad in Schwabing, wenn an heißen Augusttagen wir
Jungens uns zum Sprung drängten: Die Señores hopsten. Sie machten die
erstaunlichsten Kopfsprünge. Sie schienen in geradezu wahnsinniger Eile
den interessanten Ausblicksort zu verlassen. Es schlenkerte nur so in
der Luft von kubanischen Freiheitskämpfern. So schnell ist nirgends in
der Welt jemals eine randalierende Galerie geräumt worden!

Da lachte ich, daß mir die Tränen in die Augen kamen, und lachte und
lachte, und lachen hätte ich müssen, wenn auch der heulende Dämon
aus der Maschine mit seinem grimmigen Kriegshumor zwanzig zeternden
Hampelmännern den Garaus gemacht hätte. Merkwürdigerweise war aber
nicht ein einziger der Spektakler verletzt worden, wie uns zehn Minuten
später ein Artillerieleutnant lachend erzählte. Der Major lachte
auch. Das ganze Detachement lachte. Und in diesem Lachen starb meine
schlotternde Furcht eines rechtzeitigen Todes; man kann nicht lachen
und sich fürchten zugleich. Aber in meinem Hals brannte und würgte
etwas, und die Kehle war mir wie ausgedörrt. Ich sprang die wenigen
Schritte zum Bachufer hin, warf mich in den zähen gelben Lehm auf den
Bauch, steckte den Kopf ins Wasser und trank gierig wie ein Tier in
langen Zügen das schmutzige, lauwarme Zeug --

»Carlé!« rief der Major scharf.

Ich trank und trank.

»Carlé! Lassen Sie den Unsinn! Sie holen sich bestimmt das Fieber!«

Er schüttelte mißbilligend den Kopf, als ich ein wenig beschämt
zurückkam, mir den Schmutz von Hemd und Hosen reibend, und brummte
irgend etwas über die verdammte Wassersauferei. Aber in seinen Augen
war ein Lächeln ...

Die Batterie droben feuerte jetzt nur selten, vereinzelte Schüsse in
langen Zwischenräumen, und die spanischen Geschütze schwiegen ganz.
Hie und da summte und surrte es über unseren Köpfen. Im Wald knallten
vereinzelte Schüsse.

Den schmalen, steilen Hügelpfad herab kamen Kanoniere, halb kletternd,
halb rutschend, irgend etwas mit sich zerrend; ein graues bündeliges
Etwas. Als sie die Krümmung im Gestrüpp erreicht hatten, wo der
Pfad breiter und ebener wurde, hoben sie das graue Bündel auf ihre
Schultern und schritten langsam näher, behutsam, als trügen sie eine
schwere Last. Der eine, ein Korporal, salutierte den Major: »Kanonier
von der Batterie Grimes, =sir=,« meldete er. »Kanonier Johnson,
=sir=. Herzschuß. Ich habe Order, =sir=, den Toten am Hügelrand zu
begraben.« Er schlug die Zipfel des Bündels zurück, und da lag in der
grauen Armeewolldecke ein toter Mann. Aus dem bläulichen, furchtbar
verzerrten Gesicht starrten weitoffen tiefbraune Augen, als könnten
sie noch sehen. »Herzschuß, sir,« sagte der Korporal. »Stand neben
mir. Sprang in die Luft und war tot.« Sie hatten dem Toten Jacke und
Hemd aufgerissen, und der Korporal deutete feierlich auf den winzigen
schwarzen Punkt unter der linken Brustwarze, der sich scharf von der
weißen Haut abhob. Wir grüßten stumm, während die Kanoniere ihre Last
wieder aufnahmen und im Gebüsch verschwanden.

Es war sonderbar still geworden; nur dann und wann kam das
peitschenartige Schallen aus dem Wald. Ich sah mich um. Jede Farbe,
jeder Gegenstand, jeder Schatten trat klar und scharf hervor im grellen
Sonnenlicht; knallgelb der breite, verlassene Weg, hellgrün das
üppige Gras am Wegrand, dunkler die mächtigen Wipfel der Gruppen von
Mangobäumen, leuchtend dazwischen am Weg und im Gras allerlei bunte
Flecke, blau und weiß und grau. Das weiße Segeltuch der Tornister
und das Grau der Soldatendecken und das Blau der Uniformröcke, die
überall umherlagen am Weg entlang. Die zur Front eilenden Truppen
hatten alles weggeworfen, was sie irgendwie entbehren konnten, und
mehr. Beim Gemäuer der alten verfallenen Zuckermühle, deren rostige
Maschinenreste rot glänzten in der Sonne, standen in kleinen Gruppen
die Generalstabsoffiziere, über Karten gebeugt. Ein Pferd wieherte
leise. Weiter weg graste friedlich ein Maultier und wedelte krampfhaft
mit dem geschorenen Schwanzstummel, sich die Fliegen zu verscheuchen.
Da kam es wieder herangeheult und schlug in Dampf und Flammen ein,
keine zwanzig Schritt weg von der nützlichen Mißgeburt aus Pferd
und Esel, die ihre berühmte Indolenz sogar im Granatfeuer glänzend
bewährte. Denn Mr. Maultier wedelte eifrig weiter mit dem Schwanz und
ließ sich nicht eine Sekunde lang in der angenehmen Beschäftigung des
Grasens stören.

»Bravo!« rief Souder. »Das is 'n richtiges, approbiertes,
Geschützfeuer-stubenreines, verdammt famoses, altes Onkel-Sam-Maultier
-- hurräh -- schert sich den Teufel um die alten Granaten -- hurräh!!«

Schallendes Gelächter.

Oberst Green kam von der Zuckermühle herbeigeschritten, begrüßte
unseren Major, flüsterte mit ihm und breitete eine Karte auf den
Knien aus, hier und dorthin deutend. Ich verstand: »-- spanische
Batterie feuert mit rauchlosem Pulver -- noch nicht entdeckt -- jawohl,
überhaupt nur ein einziger Weg -- natürlich verstopft -- nein, Major,
hat vorläufig noch gar keinen Sinn -- Sie kämen wahrscheinlich gar
nicht durch mit Ihren Leuten -- wie meinen Sie? -- Hm ...« Dann sprach
der Major eifrig auf ihn ein, und der Oberst nickte und ging wieder.

»Achtung!« befahl der Major laut. »Sergeant Ryan -- Sie übernehmen die
Station! Sie bleiben unter allen Umständen beim Apparat und sind mir
für alle Meldungen verantwortlich. Den Befehl zur Verlängerung der
Linie bis zum Waldrand dort erhalten Sie von Oberst Green persönlich
und lassen dann den Draht von drei Mann über die Mangobäume den Weg
entlang legen. Ich werde nun den geeigneten Platz zur Anlage der
nächsten Station in der Feuerlinie feststellen. Mit mir kommen --« und
suchend glitt sein Auge von einem zum andern.

Da sahen wir ihn hungrig an wie gierige Hunde, die lechzend darauf
warten, wem wohl von ihnen der Herr den Brocken zuwirft.

»Mit mir kommen Souder und Carlé. Eine Signalflagge, Karabiner,
Revolver, Feldflasche, Glas -- sonst nichts!«

»=Oh hell= ...« murmelte einer der Enttäuschten.

       *       *       *       *       *

In zehn Minuten hatten wir den Waldrand erreicht und marschierten nun
wieder auf dem alten Dreckpfad, der uns schon so vertraut geworden war.
Die starre Gebüschwand freilich war verschwunden, denn links und rechts
lag zwar rankenversponnener Urwald, verwuchert von Schlinggewächsen,
aber ein Stück weit wenigstens konnte man hineinsehen. Da und dort im
Schlamm steckte ein Tornister, eine Wolldecke, ein Hut. Wir sprangen
vorwärts, so rasch es gehen wollte in der dörrenden Hitze. Immer noch
knallten nur vereinzelte Schüsse. Nach einigen hundert Metern kamen
uns Verwundete entgegen mit blutigen Verbänden um Köpfe und Glieder,
langsam zurückstolpernd, aber wir sahen kaum hin, denn brennende
Neugierde und hetzende Ungeduld trieben uns vorwärts. Ein Toter
lag am Wegrand, die Knie emporgezogen, die Arme lang ausgestreckt.
Die glasigen Augen schienen starr in den Schlamm zu blicken. Der
Pfad krümmte sich. An der Ecke, aus den Bäumen, flatterte die Rote
Kreuzfahne, und am Boden kauerten stöhnende Gestalten, zwischen denen
Aerzte hin und her eilten. Die Verbände glänzten grell weiß. Wir
eilten weiter. Das Gewehrfeuer wurde heftiger und schien von überall
zu kommen; von vorne und von links und von rechts; über unseren Köpfen
sauste es zischend und surrend und dumpf aufklatschend in Laub und
Bäumen. Ein Verwundeter blieb stehen, salutierte täppisch und riß die
Kleider auf, uns in groteskem Stolz eine winzige Schußstelle im Bauch
unter dem Nabel zeigend.

»Teufel,« sagte er. »Es tut gar nicht weh! Wo is -- mm -- das
Hospital?«

Ich deutete rückwärts. Und grinsend schritt der Schwerverwundete dahin,
nachdem er sich noch Feuer für seine Pfeife von Souder hatte geben
lassen ... »=Good God!=« sagte der Major leise.

Ah -- und nun fing der Tanz an -- racktacktacktack -- rack -- kreng,
kreng ... schweres rollendes Feuer irgendwo da vorne, klar und hell
dazwischen Salven. Ueberall um uns schlug es ein in die Bäume. Zu sehen
aber war nichts -- gar nichts ... Doch! Wieder krümmte sich der Weg,
und zwischen den Bäumen schimmerte es blau und stählern von Truppen und
dröhnte von Lärm und Geschrei.

»Laufschritt -- Laufschritt ...« rief der Major.

Ein Leutnant hinkte herbei, eine blutige Binde um den Fuß.

»Schwer verwundet?«

»Nein, Herr Major. Knöchel kaputt.«

»Tut mir leid, tut mir sehr leid. Was sind das für Truppen?«

»71tes Freiwilligen-Regiment. Das New Yorker Regiment, Major.«

»Ich danke sehr.«

Und weiter ging es im Laufschritt, und nach drei Minuten waren wir
mitten -- in einem Tollhaus. Unter Wahnsinnigen, unter Menschen, die
Waffen trugen und jung waren, und dennoch kreischten in fürchterlicher
Angst wie Weiber. Sie stießen sich und drängten sich und schrien und
duckten und hielten die Hände schützend vor die Köpfe, irgend eine
unsichtbare Gefahr abzuwehren. Der Weg war völlig verstopft. Ein
panikgeschüttelter Menschenhaufe wogte hin und her, den Offiziere
vergeblich vorwärts zu treiben versuchten. Eine Kette hatten sie
gebildet, die Kapitäne und Oberleutnants und Leutnants, und fluchten
und schrien und hieben mit den flachen Säbeln drein. Ich starrte.
Irgend etwas war da -- irgend etwas ...

»Pack, Pack -- verfluchtes Pack!« zischte der Major.

Da warf dicht vor uns ein Korporal mit gellem Schrei die Arme empor,
stürzte schwer zu Boden, und die Soldaten um ihn wichen entsetzt
zurück. »Revolver 'raus, Kinder!« schrie der Major. »Mir nach!«

»Platz!! _Platz!!! Zurück in die Bäume!!_!«

Was alle Drohungen und alles Gebrüll der eigenen Offiziere nicht
vermocht hatten, erzielte das messerscharfe, schrille Kommando mit
seiner klaren, bestimmten Weisung. Links und rechts von uns taumelte es
in die Bäume, und langsam wurde der Weg frei.

Ich sah tiefen Schlamm -- sonnenfunkelndes Wasser ... Wir drängten
uns vorwärts. Der Pfad senkte sich abschüssig und verlor sich in
einen breiten Bach schmutzigen Wassers. Mitten im Wasser lag ein
toter Soldat, und dicht am Bachrand kauerten Leichen -- drei -- fünf
-- sieben ---- im Knäuel, hingeschleudert von den Geschossen; das
Flüßchen war unter scharfem feindlichem Feuer. Die New Yorker zeterten.
Hinter uns kam es herangerasselt, und in scharfem Tempo jagte die
Maschinengeschütz-Abteilung herbei, Reguläre im Laufschritt, drei
Gatlingkanonen vorwärtsschiebend und stoßend und zerrend. Hop -- hinein
ins Wasser -- hop -- waren sie hinüber, ohne einen einzigen Mann
verloren zu haben. Wir mit ihnen. Drüben ertönte eine laute Stimme:

»Re -- gu -- läre! -- auf mein Kommando -- zu Zweien reiht euch ein --
im Laufschritt -- vorwärts marsch ... marsch -- eins, zwei -- eins,
zwei -- eins, zwei ...«

Und in scharfem Takt trippelte, als sei sie auf Parade, eine halbe
Kompagnie regulärer Infanterie heran, geführt von einem blutjungen
Leutnant, trippelte im gleichen Takt hinein ins Wasser, trippelte
heraus -- Das panikbefallene New Yorker Regiment aber steckte immer
noch unter den Bäumen.

Der tückische Zufall des Kriegs hatte es gefügt, daß scharfes,
indirektes spanisches Feuer sich auf die von überall völlig unsichtbare
San Juan Furt im Walde konzentrierte, gerade in dem Augenblick, als
die New Yorker Freiwilligen ins Wasser marschierten. Die ersten waren
weggefegt worden, in einem Haufen, und da und dort noch im Regiment
stürzten Getroffene. Die Spitze drängte zurück und die Panik war da.
Die Soldaten, die im Gedräng nichts mehr sehen, den unsichtbaren Feind
nicht erblicken konnten, wurden wie toll vor Angst.

Der Major war stehengeblieben und kaute auf den Schnurrbart. »Sie
erinnern sich doch,« sagte er, »an das Flüßchen, das wir gestern vom
Hügel aus sahen?«

»Jawohl, Major.«

»Na, das hier ist's. Haben Sie eine Ahnung, ob wir links abgekommen
sind? Ich glaube, ja. Die erste Wegkrümmung war nach links, die zweite
ebenfalls, nicht wahr?«

»Jawohl. Die Hügel, die wir sahen, müssen schräg vorne rechts sein.«

»Glaub' ich auch. Hm. Sagen Sie einmal, wie ist Ihnen zumute?«

»Ich -- ich möchte etwas sehen!« stotterte ich.

Er lachte. »Und Sie, Souder?«

»Wenn der Herr Major gestatten -- ich finde, es ist eine verdammte
Gemeinheit, da im Wald stecken zu müssen und beschossen zu werden und
nicht ein einziges Mal selber schießen zu dürfen. Und ich bin froh, daß
ich über dem Wasser bin!«

»Ich auch -- Teufel, ich auch!« lachte der Major. »Na, Kinder, ich bin
zufrieden mit euch und ich werde noch viel zufriedener sein, wenn ihr
möglichst wenig plaudert. Wir hätten eigentlich schon längst zur Linie
zurückkehren sollen und haben hier gar nichts zu schaffen. Ich muß mir
da erst eine faustdicke Lüge ausdenken, um -- na ja. Wollen uns noch
ein bißchen umgucken!«

Und er lachte. Ein Spitzbubenlachen ...

Verschwunden waren die harten, energischen Linien aus seinem
scharfgeschnittenen Gesicht, das der dichte schwarze Schnurrbart älter
erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war, und verschwunden die
abwehrende Würde des Aelteren und Befehlenden. So jung ich war, so
begriff ich doch, daß in ihm das Gleiche vorging wie in mir; daß die
Neugierde ihn plagte bis zum Bersten und die jungenhafte Sehnsucht,
dabei zu sein. Ein Junge war er jetzt wie ich -- wie Souder ---- ein
Junge, der es ebenfalls als eine »verdammte Gemeinheit« empfand, da im
Wald zu stecken und -- _nicht sehen zu dürfen_.

Fortgesetzt pfiff es über uns dahin.

Der Schlammweg war noch da, aber im Walddunkel blitzten helle
Strecken auf im Sonnenlicht. Es wurde immer lichter. Die Bäume wichen
auseinander und bildeten Gruppen, und scharfausgeprägte Lichtflecke
im Gesichtskreis ließen freies Grasland ahnen. Da fuhr ich auf einmal
zusammen, denn in das Knattern hinein dröhnte es in rasselnder
Fürchterlichkeit.

»Die Gatlings!« schrie der Major. »Jungens, wir sind da!« Er riß das
Glas hervor. »Rechts! Vorwärts -- vorwärts!«

Wir stürmten zwischen den Bäumen dahin, stolperten über Wurzeln und
Ranken, tappten im tiefen Gras und waren am Waldrand, mitten in langer
Schützenlinie, umtost von einer Hölle dröhnenden Geknatters.

Mit blitzartiger Geschwindigkeit warfen wir uns zu Boden, denn jetzt
pfiff es nicht mehr angenehm hoch oben in den Bäumen dahin, sondern
dicht an den Ohren vorbei. Ich befühlte verstohlen meine linke
Ohrmuschel -- n -- nein -- es war nichts -- aber es mußte scheußlich
nahe gewesen sein! Dann räkelte ich mich und streckte mich und bohrte
mit meiner Körperschwere, um mich der schützenden Erde so nahe
anzuschmiegen, als es nur irgendwie möglich war.

Rechts lag der Major, links Souder. Schienen sich auch recht wohl zu
fühlen am Erdenbusen, lagen wenigstens sehr flach da! Ich hob den Kopf
ein wenig und sah -- nichts. Dicht vor meiner Nase war eine winzige,
wellenartige, grasbewachsene Bodenerhöhung, was mir sehr zweckmäßig
schien, aber -- zum Kuckuck, ich wollte doch etwas sehen! Langsam
streckte ich die Hand vor, jeden Augenblick erwartend, daß eine Kugel
hineinfuhr, und kratzte mir einen runden Ausschnitt in die schützende
Deckung. Und nun vergaß ich auf einmal die wiedergeborene Angst und
starrte wie gebannt in die Sonnenhelle hinaus. Zehn Schritte vor mir
lag ein toter Regulärer, auf dem Rücken, zusammengekrümmt, das Gewehr
noch in den Fäusten über dem Leib. Sein Schädel war eine einzige
Blutmasse.

Vor mir konnte ich eine weite, freie Strecke überblicken. Gras,
Gestrüpp, ein paar Bäume. Dahinter erhob sich, dreihundert Meter etwa
entfernt, ein massiger Hügel, an den links und rechts sich andere Hügel
anschlossen. Es war der San Juan-Hügel. Ich sah durch das Glas. Auf
dem Hügel rührte sich nichts, aber ich konnte braune Linien entdecken,
über denen Dunstfäden schwebten. Das waren Schützengräben. Dunst von
rauchschwachem Pulver. Oben auf der Kuppe des Hügels, im Gestrüpp,
stand ein Blockhaus.

Neben mir schoß etwas vorwärts; der Major war es, der in zwei Sätzen
zu dem Toten sprang, sich neben ihn hinwarf -- ah, jetzt griff er nach
dem Gewehr in seinen Händen und hakte ihm den Patronengürtel aus, dann
eilig mit seiner Beute zurückkriechend ... Da schob ich den Karabiner
vor -- bang -- auf die braune Linie dort im Hügel -- bang -- bang.

Neue fünf Patronen. Auch der Major und Souder gaben Schuß auf Schuß
ab. Ich feuerte und feuerte. Und unaufhörlich kam es herangesaust und
schlug dumpf ein irgendwo.

Mein Karabinerlauf war heiß geworden. Ich sah um mich. Die Männer der
Schützenlinie lagen im Gras nach links und nach rechts den Waldrand
entlang, so weit man sehen konnte. In dichten Haufen hier, vereinzelt
dort, feuernd, was die Gewehre hergaben. Links, zwanzig, dreißig
Schritte vor mir, hockte hinter dem dicken Stamm eines Mangobaums ein
Trompetersergeant, der mit rasender Schnelligkeit schoß. Die glänzende
Signaltrompete auf seinem Rücken leuchtete wie flackerndes Licht. Und
Lärm überall --

Stöhnen -- Schreie ----

Jetzt ein Brüllen, daß der Atem mir stockte. Ein wahnsinniges Aufheulen
-- und ein Mensch sprang empor wie ein Ball und wälzte sich im Gras vor
der Feuerlinie, sprang wieder auf und brüllte mit einer Stimme, die
nichts Menschliches mehr hatte:

»M -- mein L -- leib -- das bre -- ennt! -- oah.. oh ...«

Das furchtbare Ding tanzte und sprang und brüllte wie ein Tier -- und
dann gellte es auf einmal, so überlaut, so entsetzlich, als dränge alle
Höllenpein und aller Schmerzensjammer sich in einen einzigen Aufschrei:

»=K -- i -- ii -- ll me! K -- ii -- ll me!= Tötet mich -- Freunde,
tötet mich!«

Ich war auf die Knie geschnellt und hob den Karabiner, aber der Lauf
zitterte und wackelte wie ein Grashalm im Wind. Das fürchterliche Ding
vor mir schoß noch einmal auf, taumelte, brach zusammen und lag still
da. Viele Gnadenschüsse hatten seinen Jammer geendet.

»Ruhe!« kommandierte eine scharfe Stimme.

»Zur Hölle mit der Ruhe!« schrie es in Antwort.

Und plötzlich, als sei das ein Signal gewesen, sprach und schrie ein
jeder, daß das Stimmengewirr den Feuerlärm übertönte. Die überspannten
Nerven waren am Zerreißen, und die Spannung machte sich Luft.

»'ran an die Bande da drüben!« schrie einer links. »Hier ist 6te
Kavallerie.«

»Hier ist 1te Infanterie --«

»Bei Gott, sollen wir Reguläre uns hier verpfeffern lassen?«

Bajonette wurden herausgerissen und schnappten klirrend in die Federn
an den Gewehrläufen ein. Der Major zog seinen Revolver.

»Schnellfeuer!!« schrie irgend jemand.

Rasselnd rollte das Feuer mit furchtbarer Geschwindigkeit aus
dem Waldrand. Wie von selbst eine Pause nun. Da schrie der
Trompetersergeant gellend:

»Jungens -- Reguläre -- gebt ihnen -- Hölle --«

Und er sprang zehn, zwölf Meter weit vor und warf sich hin. Andere
folgten -- warfen sich hin -- weiter unten andere -- warfen sich hin,
feuerten ... Auf einmal lag ich ebenfalls ein Stückchen weiter vorne
und pumpte das Karabinermagazin leer. Noch weiter vorne sah ich den
Major. Dann rannte es neben mir, und ich lief mit, die Augen immer auf
dem Major, und holte ihn ein und warf mich hin, weil die anderen sich
hinwarfen, und feuerte, weil die anderen feuerten.

»Gebt -- ihnen -- Hölle!« brüllte es.

Ich stolperte über Stacheldraht, fiel, sah, wie der Major und Souder
wenige Schritte neben mir ebenfalls stürzten, griff in den Draht und
riß mir die Hände blutig, kam frei, sprang wieder vorwärts. Neben mir
Souder und der Major. Da, ganz in der Nähe, ragte es grasig steil auf,
und braune und blaue Flecke krabbelten an Händen und Füßen empor; -- da
-- brüllendes Geschrei ertönte, und vorwärts ging es mit den anderen.

In Grasbüschel krampften wir uns ein, und das niedrige Gestrüpp packten
wir und schoben und zerrten uns hoch. Plumps -- fielen wir in einen
Schützengraben, fluchten, kletterten wieder --

und _waren oben_ ...

Unten lag ein Tal voller Gestrüpp, und zwischen dem Gestrüpp sah ich
zwei, drei weiße Hüte auftauchen, weit weg, und feuerte blindlings
hinterdrein ------ auf die einzigen Spanier, die ich überhaupt deutlich
zu Gesicht bekommen hatte!

»Lassen Sie die Schießerei!« sagte der Major. »Wir haben hier überhaupt
nichts zu suchen und hätten gar nicht mitmachen dürfen. Jetzt aber
ist es höchste Zeit, an unsere Pflicht und unsere Station zu denken!!
Warten Sie hier auf mich!«

So wurde die Schlacht vom San Juan-Hügel gewonnen. Nicht von einer
Armee, nicht von Regimentern, nicht von Kompagnien einmal, sondern
von einem Haufen, nein, von Dutzenden von Häuflein einzelner Männer,
denen das anscheinend ergebnislose Schießen aus der Schützenlinie
auf die Nerven fiel. Dazu kamen die schweren Verluste, gegen die
man wehrlos war. Ich bin überzeugt, daß der arme Teufel mit dem
zerschossenen Unterleib, der schreiend in seiner Qual vor der Front
hin und her taumelte, sein gut Teil zu dem Siege beigetragen hat, zu
dem mühelosen Siege, denn jenes anscheinend so tollkühne Anstürmen
gegen den Hügel kostete nur wenige Menschenleben, so aufregend es war
während der kurzen zehn Minuten des Vorwärtsjagens. Von einzelnen
Männern wurde der Hügel genommen. Eine Feuerleitung existierte nicht,
noch irgendwelche höhere Führung, in der entscheidenden Phase. Nicht
aus Mangel an Disziplin, denn bei den Regulären wenigstens war die
Disziplin vorzüglich, sondern aus Mangel an Geführtwerden. Gab es doch
überhaupt keine Verbindung zwischen den einzelnen Verbänden. Man hatte
sorglos Regiment auf Regiment in den engen Waldweg hineingestopft ohne
eigentlichen Plan, und in natürlicher Notwendigkeit lösten sich die
Regimenter sofort in kleine Trupps auf, als sie in die Feuerzone des
schwierigen Terrains kamen, nach langem hilflosem Beschossenwerden im
Urwald. Von da aus arbeitete sich eben Trupp für Trupp und Häuflein
für Häuflein vorwärts; in echt amerikanischer Neugierde und in echt
amerikanisch leichtsinnigem Selbstvertrauen. Jeder Mann fühlte sich
als »weißer Mann« und Amerikaner von vornherein mindestens zwei
Spaniern, zwei »Dagos«, gewachsen. Ein Spanier ist ja für den echten
Sohn Onkel Sams nur drei Schattierungen besser als ein Chinese. Ein
verachteter =dago=. Die moralische Ueberlegenheit war da; leicht genug
einem Feind gegenüber, der sich auf die Defensive beschränkte und seine
Sache für eine verlorene zu halten schien.

Diese Ueberlegenheit, und nur sie, gab den Ausschlag.

Die spanische Verteidigungslinie auf den Hügeln mit ihren vorzüglich
angelegten Schützengräben war ganz ausgezeichnet und uneinnehmbar,
wären Männer gleichen Selbstvertrauens es gewesen, die sie besetzt
hätten. Der Spanier verfügte obendrein über ein besseres und
schnellerfeuerndes Gewehr als es das dänische Krag-Jörgensen auf der
amerikanischen Seite war, das deutsche Mausergewehr -- er kannte
alle Entfernungen -- alle Vorteile waren auf seiner Seite. So siegte
nur selbstvertrauender Leichtsinn in diesem exotischen Krieg des
Leichtsinns. Die Schlacht vom San Juan-Hügel gewannen schneidige,
leichtsinnige Jungens, die, auch die Regulären nicht, keine wirklichen
Soldaten im modernen Sinne darstellten trotz aller persönlichen
Tüchtigkeit, denn sie wurden nicht geführt wie Soldaten. Erst lange
nach der Entscheidung griffen die ordnenden Hände höherer Führer ein.

Im Hauptquartier herrschte furchtbarer Wirrwarr.

Gegen den Willen des Höchstkommandierenden eigentlich wurden
die Einzelkämpfe jenes Tags gekämpft und durchgeführt, dem die
Kriegsgeschichte den Namen der Schlacht vom San Juan-Hügel gegeben hat.

Der alte General Chaffee hatte in den Nachmittagsstunden des 30. Juni
ganz allein, nur von einem Adjutanten begleitet, das Gelände auf dem
äußersten rechten Flügel rekognosziert und das Dörfchen El Caney stark
besetzt gefunden. Mit dem Morgengrauen griff seine Brigade an, unter
ähnlichen Verhältnissen wie beim San Juan-Hügel später, und während das
heiße und langwierige Feuergefecht um das kleine Dorf tobte, erhielt er
General Shafters Befehl, den Kampf sofort abzubrechen und der Brigade
Hawkins bei den San Juan-Hügeln zu Hilfe zu eilen. Man fürchtete das
Schlimmste im Hauptquartier. Die starken Verluste im Fernkampf (20
Offiziere und 100 Mann tot, 70 Offiziere und 700 Mann verwundet),
zusammen mit Alarmmeldungen wie dem Versagen des 71. Regiments, hatten
den Stand der Dinge in sehr bösem Licht erscheinen lassen, und über
die Erfolge des Tages war niemand wohl erstaunter als der Generalstab.
General Chaffee zögerte. Er fürchtete den demoralisierenden Eindruck
eines Zurückgehens, das als Niederlage gedeutet werden mußte. Da machte
sich die Sache eigentlich von selbst. Kleine Trupps stürmten vor,
und er benützte diesen günstigen Augenblick, mit zwei Regimentern zu
stürmen. In wenigen Minuten war das alte Steinkastell genommen, das
Dorf besetzt und der Feind in wilder Flucht.

Gleichzeitig fast oder wenig später spielte sich der Endangriff
auf den San Juan-Hügeln ab, gleichfalls gegen den Befehl des
Höchstkommandierenden, der das Abwarten von Verstärkungen anbefohlen
hatte. In ähnlich selbständiger Weise wurde der Hügel rechts vom
Blockhaus von versprengten Truppen der Division Kent, der Hügel links
vom Blockhaus von den Rauhen Reitern, Regulärer Kavallerie und Teilen
des 1. und 9. Regiments unter Roosevelts Führung genommen. Alle fast
gleichzeitig. Um drei Uhr nachmittags war die gesamte Hügellinie, die
in weitem Bogen Santiago umschloß, im Besitz der Amerikaner.

       *       *       *       *       *

Ich riß mein Flanellhemd herunter und wand es aus, wie eine Waschfrau
ein Stück nasser Wäsche auswringt. So naß war es von Schweiß, als ob
ich es nicht vom Leib, sondern aus dem Zuber Wasser gezogen hätte.
Den letzten Rest schmutzigen San Juan-Wassers trank ich aus meiner
Feldflasche und war glücklich, in meiner Tasche unter den Patronen noch
ein Stückchen steinharten Zwiebacks zu finden. Unterdessen feuerte
hie und da jemand. Die Spanier erwiderten das Feuer nur schwach, und
den Männern auf dem San Juan-Hügel wurde die Geschichte sehr bald
langweilig, wenn es ihnen auch nicht an Munition fehlte, da inzwischen
ein Maultiertransport mit Patronenkisten nachgekommen war. Sie waren
hungrig und durstig und müde. Und trösteten sich mit allerlei Spässen.

Witze flogen hin und her. Sie verloren den Humor nicht, diese zähen
Regulären, wenn sie auch völlig erschöpft waren und zur Kräftigung
nichts hatten als die jämmerlichen Reste verschmutzten Wassers in den
Feldflaschen, ein paar harte Zwiebacke, ein Stück Speck im Tornister.
Sie halfen sich selbst, wie sie unter höllischem Feuer sich selbst
geholfen hatten; kratzten sich neue Schützengräben aus gegen den Feind
zu mit ihren kurzen, breiten, praktischen Haubajonetten, und ruhten die
einen, während die anderen arbeiteten, im schwachen, unregelmäßigen,
abflauenden Gewehrfeuer. Dann eilten Offiziere hin und her und brachten
langsam Ordnung in die aus allerlei Regimentern zusammengewürfelten
Soldatenhäuflein und organisierten planmäßiges Arbeiten in den
Schützengräben.

Der Brigadestab hatte sich hinter dem Blockhaus auf der sanft
abfallenden Hügelkuppe versammelt. Während der Major mit den Offizieren
sprach, gingen Souder und ich zu den gefangenen Spaniern hinüber, die
in Trupps eben herbeigeführt wurden. Dreißig, vierzig Mann mochten es
sein im ganzen. Sie wurden von einem halben Dutzend Regulärer bewacht,
die ihnen die Mausergewehre, die Bajonette, und die Patronengürtel
abgenommen und auf einen Haufen geworfen hatten. Zuerst standen die
Spanier scheu da, als ob sie Mißhandlungen befürchteten. Als aber
einer ihrer Wächter betrübt seine leere Feldflasche beguckte, trat
ein Spanier vor und bot ihm die seine an. Das war in dem Augenblick,
als wir hinkamen. Der Mann im braunen Khaki betrachtete die Flasche
vergnügt.

»Wasser?« fragte er.

»=Bueno -- bueno!=« grinste der Spanier.

Der Infanterist setzte die Flasche an den Mund, tat einen tiefen Zug,
wurde krebsrot im Gesicht, tanzte auf einem Bein umher und hustete
gewaltig.

»Verdammt, verdammt, verdammt ...« brüllte er, »das ist ja Rum --
hättest's mir nicht sagen können, daß das klarer Rum ist?«

Da lachten die kleinen Männlein, und Leben kam in sie. Allerlei riefen
sie uns zu, und wir grinsten und sagten =bueno -- bueno=, wenn wir
auch kein Sterbenswörtchen verstanden; tranken aber mit um so größerem
Verständnis einen kräftigen Schluck des brennenden Jamaikarums und
ließen uns mit Vergnügen ein bißchen in die Feldflaschen schütten.
Dabei redeten die Gefangenen schnatternd auf uns ein. Sie waren alle
kleiner als wir und schienen sehr jung. Zuckerhutförmige, weiße
Strohhüte trugen sie und lappige Segeltuchschuhe und sonderbare
Uniformen aus weißem Baumwollstoff mit feinen blauen Streifen. Einer,
ein kleiner Bursche, ein Kind fast noch, stellte sich vor uns hin,
die Arme ausgestreckt, und erzählte in sprudelndem Wortschwall irgend
etwas. Wir begriffen sehr bald, denn der temperamentvolle Südländer
wußte sich in Gesten und Mienenspiel ganz ausgezeichnet auszudrücken.
Ein Ausdruck furchtbaren Entsetzens kam in sein Gesicht und seine Augen
sprühten.

»Bum -- bum, bum, bum --« machte er. »=Muy= bum, bum!«

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und tat als ob er stürze, und
deutete auf den Boden, und machte eine werfende Handbewegung, einmal,
zweimal, fünfmal ---- =sempre= bum, bum, bum ... und die Arme ahmten
die mähende Bewegung einer Sense nach. In seinem Schützengraben mußte
es bös zugegangen sein.

»Er meint die Gatlings,« sagte der Major, der hinzugetreten war.
»Maschinengeschützfeuer hat die Kameraden neben ihm weggemäht; kein
Wunder, daß ihm das auf die Nerven gefallen ist, dem armen Teufel!«

Er sagte irgend etwas zu dem Burschen, der in raschem Stimmungswechsel
lachend nickte und ein Päckchen Zigaretten hervorzog ... Zwei
Päckchen, drei Päckchen. Zigaretten! Mir traten die Augen beinahe aus
den Höhlen vor Neid. Teufel, die hatten Zigaretten, und in meiner
Tasche waren nur noch ein paar Krumen nassen, schlechten Tabaks! Der
Major mußte ähnliches empfinden, denn er nahm das Päckchen rasch
und zündete sich sofort eine Zigarette an, gleich darauf Souder und
mir eine anbietend. Ob ich zugriff! Ah -- welch ein Labsal das war,
so scharf die kubanische Zigarette auch schmeckte. Köstlich! Hunger
und Durst und Müdigkeit waren vergessen. Da drängten sich auch schon
die Gefangenen um uns und überschütteten uns mit Zigarettenpäckchen,
die sie in Hülle und Fülle besaßen. Das Silberstück, das der Major
dem jungen Burschen anbot, wurde zurückgewiesen. Er hielt es noch
zwischen den Fingerspitzen, als ein Kubaner herbeistürzte, laut auf
ihn einschreiend, und den silbernen Dollar mit der einen Hand wegriß,
während er mit der anderen dem Major einen gelben Papierfetzen
hinwarf. Dann rannte er Hals über Kopf davon und war verschwunden.
Ein verblüffteres Gesicht, als es der Major machte, hätte kein Mensch
machen können.

»=D -- d -- damn it!=« stotterte er. »Nix Papier, nix Papier, nix gut
Papier -- hat der Kerl gesagt. Was beim Kuckuck soll das nun heißen?«

Sein Gesicht wurde noch verblüffter, als ich den gelben Fetzen aufhob,
denn das nix gut Papier war ein nagelneuer, richtiger, korrekter,
amerikanischer Zwanzig Dollarschein.

»Was?« rief der Major.

»Ein Zwanzig Dollarschein!«

»Was?« Er sah die Banknote an. »Der Esel! Der unbeschreibliche Esel!!«
brüllte er, lachend wie nicht gescheit. »Will kein Papier -- hartes
Silber ist ihm lieber! Hat das Geld natürlich für irgend einen Dienst
bekommen -- Herrgott, was müssen diese Leute für schlechte Erfahrungen
mit spanischem Papiergeld gemacht haben ... Stecken Sie 'n ein, stecken
Sie ihn ein; trinken Sie Mumm extra dry dafür mit Souder, wenn wir
wieder im Lande Gottes sind!«

So kostete ihm die Schlacht vom San Juan-Hügel einen Silberdollar,
und uns brachte sie vier Flaschen Mumm =goût americain=, die wir im
Restaurant des Kapitols in Washington drei Monate später getreulich
tranken.

Da kam General Hawkins mit seinem Stab, und die spanischen Gefangenen
wurden in Reih und Glied aufgestellt, um befragt zu werden. Der Major
schloß sich dem Stab an.

»Wir müssen zurück,« sagte er, als er wiederkam. »Die Linie muß nach
vorne!«

Der Wald und der Schlammpfad nahmen uns wieder auf. Von den Hügeln her
hallte schwaches Gewehrfeuer.

       *       *       *       *       *

Es war Nacht geworden. Das Ballon-Detachement, das in aller Morgenfrühe
nicht weit von der San Juan-Furt auf einer Walddichtung einen
Aufstieg versucht hatte, mit dem Resultat geringer Erkundung, einiger
Leichtverwundeter und eines zerschossenen Ballons, war bald darauf
zurückgekommen und hatte schon begonnen, die Linie nach der Front zu
legen. Wir kampierten beim El Pozo Hügel, auf der ersten Station, und
sollten mit dem Morgengrauen Drahttransport und Linienbau aufnehmen. An
Schlaf dachte lange niemand. Der Diensthabende am Instrument gab und
empfing fortwährend Meldungen, denn die telegraphischen Nachrichten aus
der Front wurden von unserer Station aus telephonisch weitergegeben.
Was die Adjutanten, die wenigen Meldereiter und die Ordonnanzen der
zweiten Station, die irgendwo im Wald steckte, an Depeschen brachten
und durch uns dem Hauptquartier übermitteln ließen, war fast nie etwas
anderes als lautes Drängen: Proviant -- Proviant -- Munition! Es fehlte
am Nötigsten in den Schützengräben. Aber um zehn Uhr oder elf Uhr
trampelte eine Karawane schwerbeladener Maultiere auf dem La Quasina-El
Pozo Weg daher, die =Mules= störrisch, die Treiber fluchend über den
furchtbar schlickigen Weg. Sie erkundigten sich bei uns, ob wir denn
nicht glaubten, daß auch sie Gelegenheit bekommen würden, »ein bißchen
mitzumachen«. Auch sie hatte das Schießfieber angesteckt.

In dem wunderschön handlichen Loch dicht bei der Station, das die neben
uns platzende Granate am Morgen gerissen hatte -- diese Granate und
dieses Loch werde ich nicht vergessen, wenn ich auch sehr alt werden
sollte! -- zündeten wir aus allerlei gesammeltem Reisig und dürrem
Holz ein gewaltiges Feuer an, kochten miserablen Kaffee und brieten
schlechten Speck. Viele Wolldecken hatten wir uns aufgelesen -- sie
lagen ja überall umher -- und saßen auf weichen Sitzen, Zigaretten
rauchend. In hohem Ansehen bei den Kameraden, nicht etwa, weil wir
hatten mit dabei sein dürfen, denn darüber machten sie nur schlechte
Witze, sondern weil wir Rum mitbrachten, der den dünnen Kaffee
merkwürdig verbesserte. Und Zigaretten! Wir sprachen nur wenig. Waren
viel zu müde dazu. Zwei, drei Feuer flackerten auf der Fläche zwischen
Hügel und Wald. Die Batterie hatte El Pozo schon längst verlassen, um
auf einem der eroberten Hügel Stellung zu nehmen.

Einer nach dem andern wickelte sich in Decken und legte sich hin. Ich
hätte gern geschlafen, aber ich war so unruhig, so aufgeregt, daß
ich still am Feuer sitzen blieb und grübelte. An meinen Vater dachte
ich, der mit Leib und Seele Soldat gewesen war, und an die wenigen
Abende, an denen er sich herbeigelassen hatte, von Königgrätz oder
von Vionville zu erzählen; kurz, knapp, unpersönlich, wie das seine
herrische Art war. Wie er ganz sachlich davon gesprochen hatte, daß
Artilleriefeuer stark demoralisierend wirke -- _und ich dachte an meine
Granate_ ...

       *       *       *       *       *

Da erklang es leise und zitterig irgendwo draußen in der stillen Nacht
-- tra -- lalalah -- tra -- lalaah ... tara -- rarah.... und die Wälder
fingen den leisen Trompetenklang auf und erstickten ihn langsam, daß es
noch leiser und noch wehmütiger schallte -- tara -- tara -- ta -- ra --
la -- ra -- la -- r -- aaaa ... dumpf austönend in wehem, weichem Moll.
Und zitternd erklang es wieder und wieder, da nun, dort jetzt. War eine
Trompete ausgeklungen in leisem Hallen, setzte traurig eine andere ein
-- tara -- lala ------ Immer und immer wieder zitterte er in die stille
Nacht hinaus, der Zapfenstreich, der heute traurig erzählte: Gefallen
auf dem Felde der Ehre!

Sie begruben die Toten.



Der Tag nach der Schlacht.

     Am Lagerfeuer. -- Vom Arbeiten in den Schützengräben. --
     Nächtlicher Tropenregen. -- Auf dem Weg zur Front. -- Die
     spanischen Scharfschützen. -- Der stille Wald. --
     Verwesungsgeruch. -- Das Tal der Toten. -- Der Kopf. --
     Bloßgelegte Gräber. -- Das Kommen des Grauens. -- Das
     Leichenfeld. -- Im Hauptquartier des linken Flügels. -- Die
     Schützengräben auf dem Hügel. -- Heftiges Gewehrfeuer in der
     Sternennacht. -- Mein Maultierritt. -- Vom Feuerschein beim
     Feind und dem Rätsel der Nachtattacke.


Kühl und frostig kam der frühe Morgen.

Das Lagerfeuer war am Erlöschen, zusammengebrannt zu einem Haufen
weißlich grauer Holzasche. Nur wenn ein Luftstoß daherstrich,
leuchteten rote Glutpünktchen auf, und feine rote Feuerschlangen
huschten wirr umher in dem kleinen Berge weißen Staubes. Zitternd
schoß da und dort ein schwaches Flämmchen auf, flackerte ein wenig
in rotgelbem Licht, löste sich los, schwebte sekundenlang über den
huschenden Feuerschlangen und ward aufgesogen von der rings alles
umhüllenden, schwarzen, tiefdunklen Nacht. Sekundenlang wurden die
Schläfer in den Decken dicht am Feuer in gespenstisch verschwimmenden
Umrissen sichtbar --

Dann und wann, wenn ein Windstoß die schweren Wolkenmassen zerriß,
tauchten die Bäume und der nahe Waldrand in ungeheuren zackigen
Schatten auf, scharf sich abzeichnend im matten, fahlen Licht des
Morgendämmerns. Still war es überall, totenstill. Kein Laut klang
in die Nacht hinein außer dem leisen, ganz leisen Klicken da drüben,
zwanzig Schritte weit weg. Ein winziger Lichtstreifen, der Schein
der Signallaterne bei den Instrumenten, zeigte undeutlich Gestalten
am Telephon und am Telegraphenapparat, über Taster und Membranbecher
gebeugt, eifrig schreibend.

Ich saß und lauschte. In dieser Nacht hatte ich kaum geschlafen. Das
Klicken, das von der Front kam und zum Hauptquartier ging, erzählte
in kurzen, knappen Meldungen an den kommandierenden General von
Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sie hatten arbeiten müssen wie Maulwürfe in
dieser Nacht, die müden Männer auf den Hügeln. Tief in die Erde hatten
sie sich eingegraben, Kilometer auf Kilometer von Schützengräben
ausgehoben, Verschanzungen aufgeworfen. Hin und wider waren sie
marschiert, bis die einzelnen Verbände sich nach dem Wirrwarr des
Schlachttags wieder zusammengefunden hatten. Und in das Erzählen von
harter Arbeit klang, in den scharfen Befehlen vom Hauptquartier, die
Sorge --

Denn immer wieder befahl General Shafter neue Verschanzungen, und immer
von neuem schärfte er den Kommandeuren der Front ein, um jeden Preis
die Hügellinie zu halten und auf keinen Fall ohne ausdrücklichen Befehl
über sie hinaus vorzugehen.

Nein, ich konnte nicht mehr schlafen.

So ging ich zu den Instrumenten hin und hockte mich neben Souder, der
jetzt den Dienst am Fronttelephon hatte.

»Ist nichts Besonderes los,« brummte er. »Weshalb schläfst du denn
nicht?«

»Kann nicht ---- « murmelte ich.

Gedankenlos hörte ich zu, wie der Sergeant mit halblauter, monotoner
Stimme eine Meldung telephonisch weitergab -- dringend, dringend,
dringend. Vom Hauptquartier an die Generale Lawton, Kent, Chaffee,
Bates ... Da klatschte ein Wassertropfen auf meine Hand, ein zweiter
nun, ein dritter, und kaum war ich aufgesprungen, als es schon
herabbrauste in schweren Wassermassen.

»Die Instrumente!« brüllte Souder.

Fluchend rumpelten überall um uns Gestalten in die Höhe. Alles
rannte blindlings nach den aufgestapelten Tornistern, um tastend und
tappend in der Dunkelheit die Gummidecken hervorzusuchen. Aber sie
konnten nicht schützen gegen diese Fluten. Nach vieler Mühe gelang
es uns, wenigstens ein Zelt für die Station zu errichten und es mit
den Gummidecken halbwegs wasserdicht zu machen. Die Instrumente
funktionierten. Die Männer aber, die den Dienst hatten, hockten mitten
im Wasser, denn in Bächen kam es den Hügel herabgeschossen.

Es regnete und regnete. Nicht einzelne Tropfen fielen, sondern
schwer und geschlossen sauste es herab, wie ein Strom fast aus
geöffneter Schleuse. In die Haut drang uns das Wasser, und ins Mark
hineinzuschleichen schien sich die Kälte. Frierend und zähneklappernd
standen wir da und rührten uns nicht. Es wäre sinnlos gewesen, gegen
diese Wassermassen Schutz suchen zu wollen. Flüssiger, breiiger
Schlamm umspülte unsere Knöchel, und dampfig stieg es auf aus unseren
ekelfeuchten Kleidern. Und es regnete und regnete; eine Viertelstunde
lang, eine halbe Stunde.

Dann wurde es mit einem Schlage still. Ueber den Hügeln drüben tauchte
ein Lichtstreifen auf, wurde breiter, leuchtete heller, und froh
und warm ergoß sich der Sonnenschein übers Tal. Bald loderten die
Kaffeefeuer auf, und nasse Menschen umstanden sie in dichten Knäueln.
Der Dunst trocknender Kleider stieg muffig empor und mischte sich mit
den Bodengerüchen des tropischen Fieberlandes.

Major Stevens trat zu uns und verteilte aus einem Glasröhrchen
Chininpillen.

       *       *       *       *       *

Es war um Mittag, und die Sonne brannte glühendheiß aus wolkenlosem
Himmel auf den Weg zum Wald hernieder, auf dem Souder und ich
dahinschritten, schwer bepackt ein jeder mit Taschenapparat, Flaggen,
Waffen, Tornister und Decke. Die südliche Station bei der Brigade Bates
auf dem linken Flügel -- das Ballondetachement legte die neue Linie --
war uns beiden zugeteilt worden.

Still lag der breite Lehmweg zum Wald da. Zu beiden Seiten, im Gras
und im lehmigen Schlamm, auf dem die Gluthitze schon harte Krusten
gebildet hatte, lagen noch in Haufen die Decken, die Tornister, die
Mäntel, verregnet und verschmutzt. Nicht weit vom Weg unter einem Baum
streckte ein totes Maultier in grotesker Starrheit die vier Beine in
die Höhe. Der furchtbar aufgedunsene Bauch des Tieres sah aus wie eine
große braune Kugel. Schwacher Verwesungsgeruch drang herüber; kaum
bemerkbar, wäre der Kadaver nicht zu sehen gewesen, aber doch schon
unerträglich in der eklen, heißen, überfeuchten Hitze.

Von den Hügeln her hallte unregelmäßiges Gewehrfeuer.

Es hatte mit Tagesanbruch begonnen und ununterbrochen den ganzen
Vormittag gedauert. Nur vereinzelte Schüsse waren es, mit langen
Pausen oft und seltenem lebhafterem Geknatter. Aus den Meldungen des
Vormittags wußten wir, daß es nur Feuer aus den Schützengräben war und
wahrscheinlich hüben wie drüben wenig Schaden anrichtete.

»Sagen sich gegenseitig Guten Tag!« brummte Souder. »Machen ein bißchen
Spektakel! U -- iih -- wie ist das heiß! An mir ist kein trockener
Faden mehr --«

Im gleichen Augenblick duckte er sich, denn eine Kugel zischte in
unangenehmer Nähe über unseren Köpfen dahin. Wir rissen beide die
Karabiner von den Schultern und spähten links und rechts in den Wald
hinein, Baum für Baum mit den Gläsern absuchend.

»Ich sehe nichts!« sagte der Sergeant leise. »Wo der Kerl nur stecken
mag?«

»Dort -- in dem Baum dort!« flüsterte ich.

»Unsinn, Mann! Was du siehst, ist nur ein heller Lichtfleck ...«

Wir waren gründlich angesteckt von der Scharfschützennervosität auf
der amerikanischen Seite, die in jedem Sonnenfleck in einer Baumkrone
einen spanischen Schützen sah. Nicht nur jeder Soldat, mit dem wir
gesprochen hatten, wußte von Hunderten unheimlicher Scharfschützen zu
erzählen, die sich hinter unserer Angriffslinie umhertrieben, sondern
eine besondere Depesche vom Hauptquartier hatte sogar befohlen, die
Wälder sorgfältig abzusuchen und die auf den Bäumen versteckten Spanier
zu finden und unschädlich zu machen. Die Armeefama übertrieb. Aber
doch war an den Gerüchten viel Wahres. So manchen Spanier hatten die
amerikanischen Regulären nach langem Suchen in den Bäumen entdeckt
und erbarmungslos herabgeschossen; denn die Truppen empfanden das
heimliche Feuern aus Verstecken innerhalb der amerikanischen Linien
als etwas Heimtückisches, Unerlaubtes. In Wirklichkeit befanden
sich diese spanischen Scharfschützen sehr gegen ihren Willen auf
verlorenen Posten. Sie hatten sich in dem Gelände vor der spanischen
Verteidigungslinie in Baumkronen eingenistet, als Späher und Vorposten,
ehe der amerikanische Marsch auf die Hügel begann. Dann waren sie durch
das rasche Vordringen der amerikanischen Regimenter abgeschnitten
worden.

Da blieben sie in ihren Verstecken. Höllenqualen der Angst müssen sie
ausgestanden haben. Blieben, wo sie waren, in Todesangst -- feuerten
wohl auch auf vereinzelte amerikanische Soldaten in halbem Irrsinn
-- statt herabzuklettern und sich gefangen zu geben. Sie fürchteten
sich zu sehr. Man hatte ihnen zu viel erzählt von den amerikanischen
Barbaren, die gekommen seien, die Insel zu stehlen, und Gnade und
Barmherzigkeit nicht kennten. Sie mochten bei der Madonna und allen
Heiligen fest daran glauben, daß der Yankee seinen Gefangenen den
Bauch aufschlitze, wie das die lieben kubanischen Insurgenten zu
tun pflegten. So warteten sie zitternd und feuerten blindlings auf
amerikanische Patrouillen und starben.

Trotz allen Spähens entdeckten wir aber nichts und stampften endlich
weiter.

Der Pfad war heute noch schlammiger und noch tiefer eingelöchert
von Tausenden von Menschentritten und Maultierhufen. Als wir um die
Wegkrümmung bogen, sahen wir unter den Bäumen, ein gut Stück im Wald,
ein großes weißes Hospitalzelt mit der Roten Kreuz-Flagge. Weiter vorne
am Pfad hockten überall Verwundete, die zum Erbarmen elend aussahen
mit ihren schlammbeschmutzten, blutbefleckten Verbänden und den über
und über schmutzigen Kleidern und den blassen Gesichtern. Sie mußten
warten, bis die Aerzte Zeit für sie fanden. An einem Busch war ein
Packmaultier angebunden, und sein Führer verteilte aus einer großen
Kiste Kautabak und Rauchtabak an die Soldaten.

»Mann, der Tabak ist gut!« hörten wir einen Verwundeten sagen. »Wenn du
jetzt noch ein bißchen Whisky hättest, würd' ich mir gern _noch_ ein
Loch in den Arm schießen lassen!«

Totenstille herrschte im Wald. Wo gestern die Kompagnien, die
Regimenter, die Menschenmassen in der rasenden Eile und dem schreienden
Drängen der Schlacht dahingestürmt waren auf dem schlammigen Pfad
und den grasverwucherten Lichtungen, wo Granaten geheult und Kugeln
gepfiffen hatten, da war es jetzt still und ruhig und friedlich wie
auf einsamem Buschweg. Hinter uns lag der Verbandplatz; vor uns in der
Ferne die Hügel. Auf dem Weg selbst begegneten wir keinem Menschen.
Dann und wann nur tauchten abseits in den Lichtungen Soldatengestalten
auf, die tiefgebückt mit Hacke und Spaten hantierten, und hie und da
ertönte leise abgedämpfter Trompetenklang, als letzte Ehrung über
einem Grab geblasen. Die verstreuten Toten, die ihr Schicksal auf
versteckter Stelle im Dschungel ereilt hatte, wurden aufgesucht und
begraben. Langsam tappten wir vorwärts. Der graugelbe Schlamm war oben
schon verkrustet und verstaubt in der Gluthitze, aber unter der dünnen
Schicht verbarg sich zähflüssiger Morast, in den man tief einsank
bei jedem Schritt. Durch das Baumlaub drangen heiß und stechend die
Sonnenstrahlen. Wie erstarrt schienen Bäume und Büsche. Kein Blatt
raschelte, kein Grashalm regte sich --

Ich blieb stehen und trocknete mir den Schweiß von der Stirne. »So heiß
haben wir's noch nicht gehabt!« murrte ich. »Herrgott, die Hitze ist
kaum zum Aushalten! Und wie dumpfig und sonderbar das riecht!«

Souder wechselte das schwere Telephon von der einen Schulter auf die
andere und sah sich bedächtig um. »Weißt du was?« sagte er. -- »Machen
wir, daß wir aus dem alten Wald hinaus und zu unserer Station kommen!«

Aber schon nach wenigen hundert Schritten blieben wir wieder stehen und
sahen uns an. Einer den andern. Keiner wollte mit der Sprache heraus.

In der Luft lag fade, faulend, süßlich, leiser Verwesungsgeruch.

»Irgendwo im Gestrüpp müssen noch Tote unbeerdigt liegen,« sagte der
Sergeant endlich. »Was es mit der Luft hier für eine Bewandtnis hat,
ist klar genug.«

»Aber ein Mensch kann doch nicht von gestern auf heute in Verwesung
übergehen,« wandte ich erstaunt ein.

»Warum denn nicht?« meinte der Sergeant achselzuckend. »Bei dieser
Gluthitze! Denk' doch an das Maultier, an dem wir vorbeigekommen sind,
dicht bei der Station vorhin! Das war gestern auch noch lebendig!
Wollen einmal nachsehen, wo der arme Teufel liegt --«

Der Weg war hier viel breiter und zerteilte sich in den lichten
Waldstellen in winzige, in das Gras hineingetrampelte Pfade,
voneinander getrennt durch niedriges Gestrüpp und kleine hügelige
Graswellen. Dazwischen ragten breite Mangos und schlanke Kokospalmen
mit ihren massigen Blättern, die wie große Fächer den Weg
überschatteten und nur da und dort einen gelbglänzenden, sengenden
Sonnenstrahl durchdringen ließen. Die Luft war heiß und dumpf und
dampfig, und in die Schwüle hinein drängte sich der Aasgeruch und
schien alles zu umschweben und an allem festzuhaften.

»Dort drüben muß es sein!« rief Souder.

Wir stapften durch den Schlamm, bogen seitwärts ab, kamen in hohes
Gras, und auf einmal trat ich auf etwas Weiches, Klebriges. Ich
glitschte aus, rutschte und schlug der Länge nach schwer hin, mitsamt
der Drahtrolle und dem Telephon, dessen Glocke leise klingend ertönte.

»Verdammt!« schrie ich wütend.

»Was gibt's denn?« rief Souder, der einige Schritte voraus war, und kam
zurück.

Er lachte laut auf, als ich mich brummend zwischen Draht und Instrument
und Tornister emporarbeitete, aber das Lachen verging ihm bald ----
»Mann -- du bist dem -- dem Ding da -- auf den Kopf getreten!«
stotterte er.

Aus der grasigen, welligen Erhöhung mit den verstreuten Lehmschollen,
da, wo ich gestolpert war, ragte ein menschlicher Kopf aus dem Boden.
Ein schwarzbehaarter Hinterkopf. Und mitten auf den armen Schädel
mußte ich getreten sein. Mein schwerer Stiefel hatte die halbverweste
Kopfhaut auseinandergerissen. Zwischen den schwarzen Haaren schimmerte
es blutigbraun von ekelerregender Flüssigkeit.

Ich sprang entsetzt zurück und tanzte wie besessen zwischen den
Grasbüscheln umher, mir krampfhaft die Stiefel abwischend. »Pfui
Teufel!« brüllte ich in maßlosem Ekel. »Pfui Teufel!«

»Der arme Kerl spürt nichts mehr,« sagte der Sergeant. Aber er machte
einen weiten Bogen um den Kopf, während er sprach, und kam zu mir
herüber. Ich fuhr immer noch mit den Stiefeln im Gras hin und her --

»Kann die verfluchte Bande denn die Toten nicht tief genug
hineinbegraben!« schrie ich außer mir.

Souder zuckte die Achseln. »Machen wir, daß wir weiterkommen!« sagte
er gelassen. »Schön ist's nicht, aber man muß sich nicht viel Gedanken
darum machen. Tot ist tot -- und lebendig ist lebendig. Zwischen einer
toten Katze und einem toten Mann ist nicht viel Unterschied. Beide
------ aber machen wir, daß wir weiterkommen! Uebrigens kann kein
Mensch was dafür. Wenn du gestern abend dazu kommandiert worden wärest,
die Gefallenen zu beerdigen, so hättest du auch keine sechs Fuß tiefen
Löcher gegraben in deiner Müdigkeit! Der Regen hat's getan! Der hat die
lose Erde weggewaschen -- man sieht's ja -- guck' nur hin!«

»Ich danke! Fällt mir gar nicht ein!!«

»Hab' dich nicht so!« brummte der Sergeant. »Weiter -- weiter!«

Und ich schämte mich über mein Getue, denn es schien mir unmännlich
und unsoldatenhaft -- jawohl, ich schämte mich! Aber ich ging mit sehr
vorsichtigen Schritten und machte einen großen Bogen um jede Erhöhung,
die ein Grab vermuten ließ.

Der Verwesungsgeruch war und blieb in der Luft.

Einmal sah ich einen Arm aus dem Boden ragen dicht am Weg, ein anderes
Mal einen bestiefelten Fuß, der in grotesker Steifheit aus der Erde
emporzuwachsen schien. Und der Aasdunst umfing uns fortwährend.

»Jetzt wird's mir aber bald auch zu viel ------ « sagte Souder, sich
sein schmutziges Taschentuch vors Gesicht haltend.

Kurz vor der ersten San Juan-Furt begegneten wir einem Korporal vom 5.
Infanterieregiment mit sechs Mann, die Hacken und Schaufeln trugen. Der
Korporal war ein graubärtiger alter Regulärer.

»Verdammt, Sergeant,« sagte er knurrig, »Ihr Signalmenschen habt's
besser als wir!«

»Das verstehst du nicht, mein Sohn!«

»So! Eh? =Damn the whole damned= ---- Sieh mal her!« Er zog eine
Handvoll Blechmarken aus seiner Tasche, wie jeder Soldat sie zur
Identifizierung um den Hals trug. »Da! Siebenundzwanzig Mann haben wir
begraben! Und sie waren nicht schön, die siebenundzwanzig Leichen! Da
im Wald, dort im Wald, haben wir Löcher gegraben und die =stiffs= unter
die Erde geschaufelt. Waren wir an einer Stelle fertig, so erwischte
uns sicher hundert Schritt weiter ein Offizier, der uns an eine andere
Stelle schickte. Sie liegen überall -- und, Sergeant -- es waren welche
dabei -- die wir nicht anfassen konnten -- mit den Schaufeln haben wir
sie in die Löcher gestoßen ...«

»Wir haben auch welche gesehen!« erklärte Souder trocken, und wir
gingen weiter. Wir durchwateten die Furt, da, wo gestern die 71er
gefallen waren, und sahen eine Leiche im Wasser liegen.

»Teufel -- Teufel!« rief Souder und sprang in mächtigen Sätzen das Ufer
hinan. Und ich wußte, daß er das fühlte, was ich fühlte. Was zuerst
nur Ekel gewesen war, der Abscheu des lebendigen Menschen vor dem
fürchterlichen Geruch des toten Menschen, wurde jetzt zu einem Grauen,
zu entsetztem Grauen, was wohl die nächste Wegbiegung bringen konnte --
zu einer Angst, zu atembeklemmender Angst. Ich sprach kein Wort und er
sprach kein Wort. Aber ich sah, daß er scheu zur Seite blickte Schritt
auf Schritt, und er merkte es, daß ich wieder in Furcht und Grauen mir
jeden Fußbreit Weg, jedes Gestrüpp am Wegrand betrachtete. Der Pfad
war eng. Undurchdringlicher Busch begrenzte ihn auf der linken Seite,
während rechts niedriges Gestrüpp den Ausblick auf Baumgruppen und
Grasland erlaubte.

Und jetzt wurde der Verwesungsgeruch stärker und immer stärker. Wir
gingen ihm nach -- instinktiv -- ohne ein Wort zu sagen ------

Dicht hinter dem Gestrüpp lag ein Stück nackten, lehmigen Erdlandes,
auf dem kaum einige Grasbüschel wuchsen. Die kahle Fläche senkte sich
in sanfter Neigung zu einem Bächlein voll trüben, schmutziggelben
Wassergerinsels, das irgendwo in den San Juan fließen mochte. Ueber dem
Bach stieg wellig eine üppige Grasfläche an mit vielen Mangobäumen, die
scharfe Schlagschatten warfen im grellen Sonnenlicht. Das kleine Stück
weichen Landes, das einst ein Feld, ein Acker gewesen sein mochte,
war wie zerfetzt von Furchen und Rinnen und ausgetrockneten Tümpeln,
gegraben von dem Regenstrom der Nacht im Suchen eines Weges zum Bach
hinab. Auf diesem Stück Land waren gestern tote Männer beerdigt worden.
Der Regensturm hatte das weiche, gelockerte Erdreich weggewaschen --

Aus der Furche dort, keine fünf Schritte weit weg, ragten Finger
empor. Eine rostbraune, verwesende Hand mit einem Stück Aermel, an
dem gelbe Metallknöpfe schimmerten. Starr und steif reckten sich die
nassen verwesenden Finger gen Himmel, weit auseinandergespreizt,
wie anklagend, und an dem einen Finger schimmerte golden ein Ring.
Der Fuß mit dem Stiefel stak festgeklebt zwischen zwei Erdschollen.
Den Körper selbst bedeckte noch Erdreich. Wir waren entsetzt
stehengeblieben, starrend, sprachlos. Dutzende von Gefallenen mußten
in dem schrecklichen Leichenfeld da liegen. Eiförmig wuchsen die halb
bloßgelegten Leiber zwischen den Furchen, aus den Erdschollen empor.
Und der Geruch, der Pesthauch ... Finger sah man; man sah Hände,
Arme, Füße, Körper. Ein Ellbogen hier, sonderbar gekrümmt, verrenkt,
unnatürlich. Ein Hinterkopf dort. Der Hals über dem aufgerissenen Hemd
glänzte bläulich und man sah -- Herrgott, man glaubte wirklich, es zu
sehen und es mitzuerleben -- wie die Gluthitze ihre Verwesungsarbeit
verrichtete. Wie es faulte. Wie Haut und Muskeln und Sehnen
dahinschwanden. Eine braune Lache hatte sich gebildet, auf der es ölig
glitzerte, und der Hals war nur noch eine blaubraune, verfallende
Masse --

Drüben über dem Bach im Gras tauchte der Korporal mit seinen Leuten auf.

»Hierher!« brüllte Souder. »=For Gods sake= -- kommt hierher!!«

Der Korporal sprang herbei und prallte zurück, als die Verwesungsluft
ihm ins Gesicht schlug.

»Wo -- wo?« stotterte er.

Wir deuteten, und er sah die Greuel in der Erde.

»Schnell!« schrie er seinen Leuten zu. »Mein Gott -- schnell, Jungens!
Erde drauf!«

Und die Schaufeln der schweißbedeckten Soldaten fuhren in die Erde.
Dicht neben Leibern und Gliedern. Sie arbeiteten wie Wahnsinnige. Sie
arbeiteten für sich selber. Sie wollten befreit sein von dem Anblick,
von der Unerträglichkeit. Ein großer Lehmklumpen fiel hart geworfen,
schwer, klatschend auf den verwesenden Kopf nieder --

Da rannten wir zurück auf den Weg, der Sergeant und ich, und rannten
weiter und liefen noch ein gutes Stück weit -- bis uns der Atem ausging.

»Das -- das waren gestern noch lebendige Menschen!« keuchte Souder,
als wir einen Augenblick stehenbleiben und rasten mußten. »Junge --
lebendige -- Menschen -- =my God, my God=, so könnten wir jetzt auch
daliegen, du und ich! Und du müßtest dich vor mir ekeln, wenn ich es
wäre, und ich mich vor dir, wenn es dich getroffen hätte -- =my God=!«

Auf dem kurzen Weg zu unserer neuen Linie sahen wir noch vier halb
bloßgelegte Leichen. Alle dicht am Weg. Unter den Bäumen und im
Gestrüpp mußten noch Dutzende und Aberdutzende liegen; Hunderte
vielleicht, denn der Verwesungsgeruch lag schwer überall in der Luft.

So sah es aus auf dem Feld der Ehre -- am andern Tag ...

       *       *       *       *       *

Dicht am Fuß des San Juan-Hügels trafen wir auf die Linie. Die
Ballonmannschaften waren bereits fertig mit ihrer Arbeit. Dem Draht
folgend, der straff von Baum zu Baum gespannt war, hatten wir bald
das Hauptquartier des linken Flügels erreicht und sahen zwischen den
Zelten das Ende des Isolierdrahts von einem dicken Busch baumeln.
Wir schalteten ein, meldeten uns und erfuhren, daß unsere Station
dienstlich Nummer 4 heiße -- =S O= 4. Die neue Blockhausstation war
=S O= 3, El Pozo =S O= 2, das Hauptquartier, das nicht vorgeschoben
wurde, sondern auf dem alten Platz verblieb, =S O= 1. Wir machten aus
unseren Zeltwänden und den Gummidecken ein geräumiges Zelt zurecht.
Umherliegende leere Munitionskisten gaben einen Tisch und Stühle.

Das Hauptquartier der Brigade lag auf einem schmalen Streifen Grasland
mit vielen Bäumen, dicht an die steil aufragende Hügelwand gedrängt
und binnen fünfzig Schritt vom San Juan-Flüßchen begrenzt, das in
weiter Krümmung hinter dem Hügel dahinfloß. Unser Zelt stand auf einer
schrägen Stelle dicht im Wasser, nicht weit von den beiden großen
Zelten des Generals und seiner Adjutanten. Dann und wann krachte oben
auf dem Hügel ein Schuß.

In die steile Hügelwand waren Stufen geschaufelt worden. Wir
kletterten hinauf, um den General zu suchen, der irgendwo oben in
den Schützengräben war, und uns bei ihm zu melden. Die rohe Treppe
verlief in einen breiten Gang, so tief ausgegraben, daß die hohen
Wände völligen Schutz vor feindlichem Feuer boten, wenn man sich ein
wenig duckte. Andere Gänge mündeten rechts und links ab. Die Kuppe
des Hügels war zerwühlt wie ein Ameisenhaufen. Der breite Hauptgang,
in dem wir standen, verlief schnurgerade zum Kuppenrand und mündete
dort in den eigentlichen Schützengraben, der sich weithin dehnte,
dicht besetzt mit hingekauerten Soldatengestalten. Gut zwei Meter
breit war der fast mannshoch ausgehöhlte Schützengraben. Eine breite
Erdstufe an der Vorderseite erlaubte den Schützen, bequem im Liegen
zu feuern. Sandsäcke in langen Reihen, markiert durch ausgestochene
Rasenstücke und Gezweig, verdeckten und sicherten die Schützenstellung.
Als wir den Kuppenrand erreicht hatten, kauerten wir uns vor eine der
schießschartenartig ausgehöhlten Oeffnungen in der Grabenwand -- sehr
vorsichtig, denn alle Augenblicke zischte es surrend über unseren
Köpfen dahin -- und spähten durch die Gläser auf das sonnenbestrahlte
Gelände.

Dort, halbrechts vor uns, in verblüffender Nähe anscheinend, lag
Santiago de Cuba. Klar, scharf, grell traten einzelne Gebäude hervor;
ein riesiges, langgestrecktes, schneeweiß glitzerndes Haus vor allem,
über dem die Rote Kreuz-Flagge wehte. Andere Gebäude sahen selbst
in meinem guten Glas undeutlich und nebelhaft aus. Ich schätzte die
Entfernung auf vielleicht anderthalb Kilometer. Eher weniger. Zwischen
Hügeln und Stadt erstreckte sich buschiges Gelände mit vereinzelten
Grasflecken und Baumgruppen. Die Hügelwand senkte sich vom Kuppenrand
dem Feind zu ziemlich steil in eine Niederung mit vielem Gestrüpp. In
einer Entfernung von zweihundert Metern waren im Gras und zwischen den
Büschen da und dort verdächtige Flecke zu sehen, bald gelblich hell,
bald dunkel und schwarz. Das mußte Erde von Schützengräben sein, und
dort mußte der Feind liegen.

General Bates, der Befehlshaber des linken Flügels, war im
Schützengraben weiter rechts, wie uns ein Korporal sagte, den wir
befragten. Wir liefen hinter den Schützenreihen entlang und meldeten
uns bei dem General. Der alte Herr, der mit einigen Offizieren im
Graben kauerte, grüßte dankend und sagte zu einem Adjutanten:

»Mr. Jameson, weisen Sie dem Signalsergeanten eine Ordonnanz zum
Ueberbringen von Meldungen zu. =Allright=, Sergeant, Sie können zur
Station zurückkehren. Senden Sie mir, bitte, sofort Nachricht, sobald
Sie Privattelegramme nach den Vereinigten Staaten annehmen dürfen.«

Kaum waren wir wieder beim Instrument, so lief die erste Depesche ein:

»General Shafter wird um fünf Uhr die Stellung besichtigen und ersucht
General Bates, einen Offizier zur Führung nach dem Blockhaushügel zu
senden.«

       *       *       *       *       *

Es war nach acht Uhr abends und still überall. Souder und ich saßen
rauchend vor unserem Zelt, dicht am niederen Eingang; schweigend, damit
wir das leise Anrufen des Taschenapparats sofort hören konnten. Ueber
uns glitzerte und strahlte in unsäglicher Pracht der Sternenhimmel;
milchig, sprühend in weißer Glut in Milliarden von zitternden, bebenden
Lichtpunkten.

Da fiel ein Schuß. Ein zweiter, ein dritter ... In rascher Folge
knallte es scharf dröhnend in der stillen Nacht. Und mit einemmal
peitschte der Schall förmlich daher in donnerndem Klang, in Tausenden
von Schüssen, in schweren Salven, in rasselndem Schnellfeuer.

Der General stürzte aus dem einen Zelt, die Adjutanten aus dem anderen,
und Hals über Kopf rannten sie zur Hügelwand, zur Erdtreppe, laufend
wie Jungens. Ich saß mit offenem Munde da, so überraschend plötzlich
war der Höllenlärm gekommen. Hoch über meinem Kopf zischte es dröhnend,
surrend, brausend daher.

Zwei Armeen schossen aufeinander in tiefer Nacht. Die Spanier griffen
an. Ein schweres Nachtgefecht hatte begonnen.

Wir krochen ins Zelt und warteten in atemloser Spannung auf
Nachrichten. Das Gewehrfeuer dauerte in ununterbrochener Heftigkeit
fort. Souder griff wohl zehnmal nach dem Taster, zog aber immer wieder
die Hand zurück, denn er wagte es nicht, in so ernster Zeit der
Blockhausstation mit einer privaten Anfrage zu kommen. Endlich klickte
es nach einigen Minuten, und eine Depesche vom Höchstkommandierenden an
General Bates lief ein, mit dem Befehl, telegraphische Meldung über den
Stand des feindlichen Nachtangriffs zu erstatten. Fast gleichzeitig kam
ein Adjutant und brachte ein lakonisches Telegramm zur Weitergabe an
General Kent, an die Blockhausstation:

»Was -- bedeuten -- die -- Feuer?«

Als jedoch der Sergeant den Schlüssel öffnete und den Taster ergriff,
klickten die metallenen Stäbchen nur matt, tonlos beinahe -- _die
Verbindung war unterbrochen_! Mit einem grimmigen Fluch schob er den
Schlüssel wieder zu.

»=Break in the line=!« sagte er kurz. »Sind abgeschnitten! Bring' dem
General das Telegramm, melde ihm, daß die Linie nicht funktioniert, und
bitte um Orders!«

In langen Sätzen sprang ich die Erdstufen hinan, eilte durch den tiefen
Hauptgang und war in den Schützengräben. Dicht an die Wände gekauert
lagen die regulären Infanteristen in langen Reihen da, und in endlosem
Geknatter hallten ihre Schüsse in die Nacht hinaus. Offiziere rannten
ab und zu und befahlen immer wieder gellend:

»Niedrig halten -- niedrig halten, Leute! Zweihundert Yards -- auf die
schwarze Gestrüpplinie -- dort, wo es am dunkelsten ist -- niedrig
halten!«

Und über die Wälle der Gräben kam es in schweren Lagen vom Feind
dahergepfiffen, bald hoch in der Luft, wie es schien, bald verzweifelt
nahe. Feuerschein rötete den Sternenhimmel. Weit rechts von der
belagerten Stadt flammten am Himmelsrand wie glühende Sonnen gewaltige
Feuer an drei Stellen, höher das eine als die beiden anderen. Unten im
Tal leuchtete es dann und wann winzig auf wie Glühwürmchenschein ...

»=Fix bayonets!=« brüllte irgend jemand irgendwo, und klirrend fuhren
die Eisen auf die Gewehrläufe.

Am Ende des Hauptgangs fand ich den General. Er sah mich sofort und
fragte kurz:

»Nachrichten? Was gibt's, Mann?«

Ich überreichte die Depesche vom Hauptquartier und meldete die
Unterbrechung der Linie.

»Was? Der Draht funktioniert nicht?« rief der alte Herr scharf. »Sie
müssen sofort los und unter allen Umständen den Fehler finden. Die
Verbindung muß schleunigst wiederhergestellt werden. Können Sie das?«

»Ich glaube ja, General. Die Linie bis zur Blockhausstation ist nur
kurz und unschwer abzusuchen.«

»Im Dunkeln?«

»Wir haben Magnesiumfackeln.«

»Gut. Machen Sie sich unverzüglich an die Arbeit. Haben Sie Anschluß,
so senden Sie General Shafter diese Depesche.« Die Meldung an das
Hauptquartier, die mir der General nun diktierte, hatte ungefähr
folgenden Inhalt: Nordwestlich von Santiago brennen drei große Feuer
auf den Hügeln. Was diese Signale bedeuten, ist nicht bekannt. Das
feindliche Gewehrfeuer scheint von den spanischen Schützengräben zu
kommen. Wahrscheinlich steht ein Angriff bevor.

Ich kugelte beinahe die Erdstufen hinab, in solcher Eile war
ich, denn die allgemeine nervöse Erregung da oben auf den Hügeln
über das unheimliche nächtliche Gewehrfeuer hatte mich gründlich
angesteckt. Souder hatte das Tascheninstrument und Ersatzdraht
bereits hergerichtet. Dicht beim Adjutantenzelt stand, an einen Busch
angebunden, ein Maultier.

»Nimm das Maultier!« sagte der Sergeant. »Du kommst schneller vorwärts
dann!«

Und ich kletterte in den infam unbequemen hölzernen Packsattel,
schlug dem Tier die Hacken in die Seite, und los ging es. Es war
ein abscheulicher Ritt, wenn er auch nur eine knappe Viertelstunde
dauerte. Wir hatten nur noch eine einzige Magnesiumfackel in unseren
Tornistern gefunden, und die mußte aufbewahrt werden zur Arbeit
an der Bruchstelle. So ließ ich alle paar Schritte ein Zündholz
aufflammen und starrte in dem schwachen Lichtschein zur Linie hinauf,
ob sie noch straff gespannt war. Dabei bockte das Biest von einem
Maultier fortwährend. Obendrein war der eckige Holzsattel das reine
Folterinstrument. Auf einmal --

»Halt! Ha -- aalt!«

»=Friend=!« schrie ich.

»Losung!«

Zum Teufel -- ich hatte die Losung nicht! In meiner Verwirrung dachte
ich darüber nach, was ich antworten sollte ... da knallte es, und eine
Kugel pfiff dicht an meinem Kopf vorbei.

»Du verdammter Lümmel!« brüllte ich in unbeschreiblicher Wut. »Wenn du
noch einmal schießt, hau' ich dir alle Knochen kaputt, =you son -- of
-- a -- gun= -- du ballernder Sohn einer alten Kanone! Hier -- ist --
Signalkorps! Bei der Arbeit! Hörst du, du Narr!«

Und auf dem ganzen Ritt hörte ich Kugeln pfeifen. Auf den Hügeln wurde
geschossen, vom Feind her kam es, und hinter den Hügeln schoß man erst
recht. Das nächtliche Feuern hatte die Menschen verrückt gemacht. Sie
verloren den Sinn für Richtung. Sie witterten einen Feind in jedem
Geräusch, ob das nun vor ihnen war oder hinter ihnen, und blafften
schleunigst darauf los. Mindestens sechs, sieben Mal ist auf mich und
das alte Maultier geschossen worden in jener Nacht.

Ziemlich in der Nähe der Blockhausstation erst fand ich den Bruch an
einer niedrigen Stelle, zwischen zwei Büschen. In drei Minuten war der
Schaden ausgebessert, und ich gab meine Meldungen auf. Klickend kam es:

»Von General Kent. -- Feind greift nicht an. Nichts Neues.«

»Von General Lawton. -- Nichts Neues. Falscher Vorpostenalarm.«

»Vom Hauptquartier. -- Was -- bedeuten -- Feuer? Sofort Bericht!«

Langsam begann das Gewehrfeuer abzuflauen. In gestrecktem Galopp jagte
ich zur Station zurück ------

       *       *       *       *       *

Was die flammenden Holzstöße auf den Bergen bei Santiago bedeutet
hatten, erfuhren wir erst viele Wochen später. Es waren verabredete
Signale, die die Ankunft von 3000 Mann Verstärkungen für die Spanier
unter General Escario bedeuteten. Die Frage, ob es sich bei dem
heftigen Feuer in der Nacht zum 3. Juli nur um nervöses Geschieße oder
um den wirklichen Versuch einer Nachtattacke der spanischen Truppen
handelte, ist nie gelöst worden.



Der Untergang der spanischen Flotte.

     Jubel in den Schützengräben. -- Der Hafen von Santiago de Cuba. --
     Das Felsentor. -- Castillo del Morro. -- Das Warten, das Lauern! --
     Die Heldentat des Leutnants Hobson. -- Durchbruch des spanischen
     Geschwaders. -- Die Seeschlacht. -- Die Hölle der fünfunddreißig
     Minuten. -- Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer in den Grund.
     -- Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. -- Der Mann
     im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. -- Was von der
     Gespensterflotte übrig blieb.


Um elf Uhr nachts wurde es still oben in den Schützengräben und drüben
beim Feind. Das Instrument klickte leise und perlte in eiligen Punkten
und Strichen Wort auf Wort und Satz auf Satz hervor -- Anfragen
vom Hauptquartier, ob über die Bedeutung des Feuerscheins etwas
bekanntgeworden sei; Befehle, die Vorposten zu verstärken und in keinem
Fall die Schützengräben zu verlassen.

»Leg dich hin! In drei Stunden wecke ich dich!« brummte Souder.

In wenigen Minuten war ich eingeschlafen -- und dann weckte mich
der Sergeant -- und dann träumte ich vor mich hin und die Stunden
vergingen, ohne daß wir angerufen wurden -- und dann weckte ich
wieder ihn -- und so trieben wir es bis in den hellen Morgen hinein,
glückselig, endlich einmal gründlich schlafen zu können.

Die Ordonnanz hatte uns Kaffee und gebratenen Speck und Zwiebäcke vom
Kochfeuer des Stabs geholt. Die unteren Wände unseres kleinen Zelts
schlugen wir hoch, Luft und Sonne hereinzulassen, denn prachtvolles
Tropenwetter hatte dieser Sonntag Morgen gebracht, hell und sonnenfroh
mit kräftigem Wind, der das Feuchte und Dumpfige der Hitze wie zaubernd
hinwegfegte.

»=hr hr hr!=«

Wir beugten uns beide über den Apparat und lasen staunend die Depesche
vom Hauptquartier, die kurz befahl, die Feindseligkeiten einzustellen,
da der Höchstkommandierende Santiago zur Kapitulation aufgefordert und
das Bombardement der Stadt angedroht habe! -- Souder rannte nach dem
Zelt des Generals.

Nun verging Stunde auf Stunde in gespanntem Warten. Da, Mittag mochte
es sein, klickte es scharf und eilig -- =S O 4 -- S O 4= ----

»=hr -- hr -- rrrrrssssss ---- hr!=«

Und die Augen traten uns fast aus dem Kopf, denn das surrende Sausen im
Magneten bedeutete, daß der Geber drüben auf =S O 3= in fieberhafter
Ungeduld den Taster tanzen ließ, und es sagte so deutlich, als hätte
er es uns in die Ohren geschrien: Wichtig -- aufpassen, aufpassen --
wichtig über alle Maßen!

»Sie haben kapituliert!« flüsterte Souder.

Ganz langsam und klar kam es:

»General Bates. -- Flottenmeldung. Das spanische Geschwader ist
vernichtet. Cervera gefangen. Sämtliche feindlichen Schiffe sind
zerstört. Die amerikanischen Geschwader haben weder Schiff noch Mann
verloren. -- Shafter.«

Wir starrten uns an und waren sekundenlang wie gelähmt von dem
gewaltigen Eindruck der wenigen gewaltigen Worte. Dann riß der Sergeant
das Telegrammformular an sich und sprang in mächtigen Sätzen zum Hügel,
zum General, der kurz zuvor das Quartier verlassen und sich in die
Schützengräben begeben hatte. Ich blieb im Zelt und wartete krampfhaft
auf den nächsten Anruf. Aber der Klopfer rührte und regte sich nicht.
Da erklang es leise wie fernes Brausen in dumpfem, undeutlichem Klang
und doch machtvoll und stark, daß es einen im Innersten packte und
klopfenden Herzens lauschen ließ. Lauter wurde der Schall und immer
näher kam er. Und mit einem Male ergellte es droben auf unserem Hügel
in furchtbar schrillendem Stimmenklang aus Tausenden von Männerkehlen
in hellem Jubel -- das wilde amerikanische Hurra, den Indianern
abgelauscht in seinem schrillen Klang:

Ii -- iii -- iih ...

Urgewaltig. Furchtbar. Minutenlang dauerte das Gellen und das Gebrause.
Der Siegesjubel der Männer in den Schützengräben. Ich stand vor dem
Zelt und brüllte mit, wie betrunken, was Brust und Kehle nur hergeben
wollten.

       *       *       *       *       *

Die Einfahrt zum Hafen von Santiago de Cuba ist einer der schönsten
Flecke der Welt. Ungeheure Felsenmassen ragen aus tiefblauem Meer
in tiefblauen Himmel empor, steil abfallend, und spalten sich in
winziger Enge, einem Meeresarm Durchlaß zu gewähren, so schmal, daß
zwei große Seeschiffe nicht nebeneinander die Einfahrt wagen können.
Es sieht aus, als hätte das Meer einst in Arbeit von Jahrhunderten
seinen Weg hineinfressen müssen in die Felsen und sich die lange
schmale Wasserstraße bahnen, die erst nach vier Seemeilen sich zu der
gewaltigen Bucht weitet, an deren Ostrand Santiago de Cuba liegt.
Droben auf den Felsen bei der Einfahrt klebt in schwindelnder Höhe
ein uraltes, spanisches Festungswerk, das Castillo del Morro, mit
altertümlichen Bastionen und Felsentreppen und verwitterten Mauern.

Jetzt dröhnten um Felsennest und alte Burg und blaues Meeresgestade
seit Wochen schwere Schiffsgeschütze.

In der Bucht von Santiago hatte das spanische Geschwader des Admirals
Cervera Anker geworfen und ergänzte krampfhaft seine Kohlenvorräte
aus den kümmerlichen Hilfsmitteln der verlotterten spanischen
Hafenverwaltung, während in den Maschinenräumen die Ingenieure
fieberhaft klopften, hämmerten, reparierten. Draußen aber vor
der Felsenenge lagen Tag und Nacht die Panzer des amerikanischen
Geschwaders -- wartend, lauernd -- lauernd, wartend ... Denn jeden
Augenblick konnte die spanische Flotte zwischen den Felsenwänden
hervorbrechen. Noch war die Gespensterflotte eine ständige Drohung und
eine stete Gefahr.

Die Hafeneinfahrt zu erzwingen schien unmöglich. Wenn auch die
altmodischen Geschütze des alten Kastells nicht viel taugten, so
schützten die Einfahrt doch zwei moderne Batterien auf den Felsen und
zahllose Seeminen. Die Amerikaner begnügten sich damit, die dicken
Mauern des alten Forts und die Batterien immer wieder zu bombardieren,
aber ohne viel Schaden anzurichten. Freilich machten sie schon in
den ersten Tagen der Blockade einen tollkühnen Versuch, die schmale
Hafeneinfahrt so zu versperren, daß dem spanischen Geschwader ein
Passieren unmöglich würde.

Der Plan wurde von dem Marineleutnant Hobson erdacht und durchgeführt.
Ein großer Kohlendampfer, der »Merrimac«, ein hundertundzwanzig Meter
langes Schiff, sollte der Türriegel des Felsentors werden. Seine
Unterwasserventile und besonders gebohrte Löcher unter der Wasserlinie
wurden nur leicht geschlossen und durch hölzernes Hebelwerk so
schwach gestützt, daß die Erschütterung einer schweren Explosion die
Verschlüsse wegfegen und das Schiff sofort zum Sinken bringen mußte. Im
Schiffsraum am Bug wurden Sprengladungen angebracht, die von der Brücke
aus elektrisch entzündet werden konnten. Hobson wollte den »Merrimac«
mitten in die Felseneinfahrt steuern, wenden, und das Schiff in der nur
hundert Meter breiten und wenig tiefen Einfahrt sinken lassen. So daß
es wie ein Querdamm die schmale Wasserstraße sperrte. Das Unternehmen
mußte aller Voraussicht nach das Leben der Männer kosten, die diesen
schwimmenden Türriegel lenkten.

Am 3. Juni kam der waghalsige Plan zur Ausführung. Der »Merrimac«
mit Leutnant Hobson und sieben Freiwilligen bemannt, fuhr in voller
Fahrt der Felsenenge zu und erhielt furchtbares Feuer von Morro, den
Batterien auf den Felsen und dann, als er die Einfahrt erreichte, auch
von zwei spanischen Kreuzern, die in einer Krümmung der Wasserstraße
verborgen waren. Nur ein einziger Schuß traf. Aber dieser eine Schuß
zerschmetterte das Steuerruder des »Merrimac« in dem Augenblick, als
Hobson die Mine springen ließ. Die Wendung, die das sinkende Schiff
ausführen sollte, wurde dadurch unmöglich, der »Merrimac« trieb
noch ein Stück weit dem Felsenufer zu und sank dicht am Strand, die
Fahrtrinne freilassend. Der Plan war mißglückt. Leutnant Hobson und
die Mannschaft waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben und
konnten in das Boot springen, das der »Merrimac« mit sich schleppte.
Aber ein Entkommen war unmöglich, und sie mußten sich der Pinasse eines
spanischen Kriegsschiffs gefangen geben.

Wieder begann das Warten und das Lauern, das Lauern und das Warten ...

Nach der Schlacht vom San Juan-Hügel wurde die Lage des spanischen
Admirals unerträglich. Siegten die amerikanischen Truppen zu Lande, so
mußte die Kapitulation von Santiago de Cuba die unrühmliche Uebergabe
seines starken Geschwaders nach sich ziehen, ohne daß es sich ernstlich
mit dem Gegner gemessen hatte.

Admiral Cervera beschloß den Durchbruch.

Als im Morgengrauen des 3. Juli das Morrokastell meldete, daß das
amerikanische Schlachtschiff »Massachusetts« verschwunden sei und der
Panzer »New York«, das Flaggschiff des amerikanischen Admirals Sampson,
nach Osten dampfe, hielt er die Gelegenheit für günstig.

Das spanische Geschwader bestand aus den vier großen Schlachtschiffen
»Infanta Maria Teresa«, »Almirante Oquendo«, »Viscaya« und »Cristobal
Colon«, sowie den beiden schnellen Torpedobootzerstörern »Pluton« und
»Furor«. Die beiden amerikanischen Geschwader der Admirale Sampson und
Schley aus den großen Schlachtschiffen »Massachusetts«, »New York«,
»Iowa«, »Indiana«, »Oregon«, »Texas«, »Brooklyn« und einer Reihe von
Hilfsschiffen. Die »Massachusetts«, die nach Guantanamo gedampft war,
um ihre Kohlenvorräte zu ergänzen, und die »New York«, die Admiral
Sampson zu einer Besprechung mit General Shafter in Siboney landen
sollte, kamen für den Kampf vorläufig nicht in Betracht.

Vor der Felseneinfahrt lagen, zwei Seemeilen entfernt, in ungeheurem
Bogen die amerikanischen Schlachtschiffe. Um halb zehn Uhr morgens
erschien die »Maria Teresa«, das Flaggschiff des spanischen Admirals,
in der Felseneinfahrt. In Abständen von 800 Metern folgten die übrigen
spanischen Schlachtschiffe und viel später erst, aus irgend einem
unerklärlichen Grunde, die beiden Torpedobootzerstörer. Sie brachen
in rasender Fahrt hervor. Der Kesseldruck war vor dem Auslaufen
durch künstliche Mittel aufs äußerste gesteigert worden, während die
amerikanischen Schiffe unter kleinen Feuern dalagen, wie sie gelegen
hatten seit vielen Wochen. In langer Linie wandte sich die spanische
Flotte nach Westen und eröffnete sofort das Feuer.

       *       *       *       *       *

Der Kampf, der sich nun abspielte, liest sich in unseren Zeiten der
Dreadnoughts und des sorgfältigen Abwägens von Schiff gegen Schiff,
Geschütz gegen Geschütz, Gefechtswert gegen Gefechtswert wie ein schwer
zu glaubendes Märchen. Mag der Kriegswissenschaftler auch einwenden,
daß die spanischen Schlachtschiffe vom Maschinenraum bis zu den
Geschützen sich in einem Zustand schlimmer Vernachlässigung befanden,
das Märchen bleibt. In seiner Gesamtheit war das Ende des Kampfes
vielleicht vorherzusehen -- in seinen erstaunlichen Einzelheiten
niemals.

Die spanische Flotte ließ das amerikanische Geschwader bald weit
hinter sich zurück, und nur ein einziges amerikanisches Schiff,
die »Brooklyn«, hatte Dampf genug, zu folgen. Eine Viertelstunde
lang schien es, als sei der waghalsige Durchbruch geglückt. Die
»Brooklyn« ertrug das gesamte Feuer der vierfachen Uebermacht allein,
und die Schüsse der anderen amerikanischen Schiffe mußten auf so
große Entfernungen abgegeben werden, daß sie sehr wenig wirksam
waren. Aber der künstlich gesteigerte Dampfdruck der Spanier ließ
bald nach, während in den amerikanischen Maschinenräumen fieberhaft
gearbeitet wurde. Langsam verringerten sich die Entfernungen, und die
Schlacht begann. Die »Oregon« kam an die feindliche Linie heran,
dann die »Texas«, und ein furchtbarer Granatensturm fegte über die
spanischen Schiffe. »Maria Teresa« und »Almirante Oquendo«, die von
ihren Genossen, der »Viscaya« und dem »Colon«, überholt worden waren
und nun als letzte in der Linie dampften, standen in zwanzig Minuten
lichterloh in Flammen, schwer getroffen, kampfunfähig. Treffer in
den Geschütztürmen hatten ein entsetzliches Blutbad unter ihren
Mannschaften angerichtet. Die beiden Schiffe waren verloren.

Langsam wandten sie sich der Küste zu und liefen auf den Strand,
zerfetzt, zerschossen, brennend.

Das war fünfzehn Minuten nach zehn Uhr. Fünfunddreißig Minuten hatten
den gewaltigen Kriegsmaschinen den Garaus gemacht. Fünfunddreißig
Minuten in einer Hölle von Flammen und Verderben. Viele der spanischen
Matrosen sprangen in ihrer Todesangst über Bord und versuchten, an Land
zu schwimmen. Doch kubanische Insurgenten, die in der Nähe des Strandes
kampierten, waren herbeigelaufen und feuerten erbarmungslos auf die
Unglücklichen im Wasser, bis ein amerikanisches Schiff Mannschaften
landete und die Bestien mit dem Bajonett vertrieben wurden.

       *       *       *       *       *

Zwanzig Minuten nach den vier spanischen Schlachtschiffen waren die
beiden schnellen Torpedobootzerstörer »Pluton« und »Furor« zwischen den
Felsenwänden erschienen und von den amerikanischen Schlachtschiffen
»Iowa« und »Indiana« beschossen worden, die aber ihr Hauptaugenmerk
auf die großen spanischen Panzer richten mußten. Die Zerstörer wurden
schwer beschädigt, waren aber nicht kampfunfähig. Vernichtet wurden sie
durch -- ein winziges, ungepanzertes, amerikanisches Schifflein, eine
kleine Yacht, die eine einzige Granate zerfetzt hätte.

_Admiral Plüddemann_ schreibt in seinem Werk »_Der Krieg um Kuba_«:

»Immerhin lag die Gefahr vor, daß sich die Zerstörer vermöge ihrer
großen Schnelligkeit dem Feuerbereich der Schiffe bald entziehen
würden. Da trat die »Gloucester« in Aktion. Dieses Fahrzeug war vor dem
Kriege eine Privatyacht mit Namen »Corsair« gewesen, es hatte eine hohe
Geschwindigkeit und war durch Armierung mit Schnell-Lade-Kanonen in
einen, sozusagen, Hilfstorpedobootszerstörer verwandelt worden.

Als die ersten Schiffe in der Hafeneinfahrt erschienen, dampfte
»Gloucester« mit mächtiger Fahrt darauf zu und ließ den Dampfdruck hoch
gehen, da das Erscheinen auch der Zerstörer mit Sicherheit zu erwarten
war. Als diese etwa zwanzig Minuten später herauskamen, dampfte sie mit
17 Knoten Fahrt darauf zu, engagierte die schon durch die Panzerschiffe
schwer Beschädigten dann auf nahe Entfernung und zerschoß sie, ohne
selber getroffen zu werden, dermaßen, daß der »Furor« 15 Minuten nach
dem Auslaufen bei einem letzten Versuch, die Hafeneinfahrt wieder zu
gewinnen, in sinkendem Zustande auf den Strand gesetzt wurde, während
der »Pluton« wenige Minuten später in tiefem Wasser sank. »Gloucester«
rettete, was noch an Menschenleben zu retten war und mit den Wellen
kämpfte, und folgte dann den Panzerschiffen.«

Das Wunder war geschehen. Eine kleine ungeschützte Yacht, die trotz
ihrer Schnellfeuerkanonen den Namen eines Kriegsschiffs nicht
verdiente, und von der niemals mehr erwartet worden war, als das
Aufbringen von Handelsschiffen mit Kontrebande, hatte zwei spanische
Zerstörer in den Grund geschossen, die ihr einzeln schon in jeder
Beziehung weit überlegen waren.

So hatte eine kleine halbe Stunde zwei Schlachtschiffe des spanischen
Geschwaders und zwei schnelle Zerstörer von hohem Gefechtswert
vernichtet. Uebrig blieben die Schlachtschiffe »Viscaya« und »Cristobal
Colon«.

Der »Cristobal Colon« schien als einziges spanisches Schiff dem
Verderben zu entrinnen, denn seine Geschwindigkeit wurde immer größer,
und bald war er außer Gefechtsweite weit draußen auf dem Meer. Auf die
unglückliche »Viscaya« aber konzentrierte sich nun das Feuer von drei
amerikanischen Panzern: »Brooklyn«, »Oregon« und »Texas«.

Binnen wenigen Minuten kam das Ende, wie es kommen mußte. Das schwer
verwundete Schiff schleppte sich brennend dem Strande zu und lief
auf. In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, die das
vordere Drittel der »Viscaya« in Fetzen zerriß. Ein Torpedo entweder,
der schußbereit im Lancierrohr lag, oder eine Munitionskammer war
von einer amerikanischen Granate getroffen worden. Die gräßlichen
Szenen beim Stranden der »Infanta Maria Teresa« und des »Almirante
Oquendo« wiederholten sich. Halbverbrühte, schwerverwundete Männer,
die beinahe wahnsinnig geworden waren in der Todesangst dieser Minuten
in der Hölle, kämpften zu Hunderten in den Fluten -- und aus den
amerikanischen Feinden wurden warmherzige Lebensretter, die Hals über
Kopf die Boote bemannten. Nicht nur fischten sie die Unglücklichen in
den Wellen auf, sondern sie holten unter schwerster Lebensgefahr die
armen Verwundeten aus den brennenden spanischen Schiffsräumen, deren
Munitionskammern jeden Augenblick in die Luft fliegen konnten. Admiral
Cervera, schwer verwundet, wurde unter feierlicher Stille an Bord eines
amerikanischen Panzers geleitet und mit militärischen Ehren empfangen.
Mannschaften und Offiziere salutierten stumm, als er seinen Degen dem
Sieger hinreichte. Sämtliche Kommandeure der spanischen Schlachtschiffe
waren verwundet worden; zwei, der Kommandant der »Maria Teresa« und der
Chef der Zerstörerflottille, hatten den Tod gefunden.

       *       *       *       *       *

Unterdessen war in jagender Fahrt die »New York« mit Admiral Sampson
auf dem Kampfplatz erschienen. Sie folgte der »Brooklyn«, der
»Oregon«, und der »Texas«, die Oel feuerten und in immer größerer
Geschwindigkeit dem »Cristobal Colon« nachjagten. Ueber zwei Stunden
dauerte die Verfolgung. Um 12 Uhr 50 Minuten waren die »Brooklyn« und
die »Oregon« so nahe an den Feind herangekommen, daß das Feuer eröffnet
werden konnte. Der Kapitän des »Colon« sah, daß das Schicksal seines
Schiffes besiegelt war. Um den »Colon« dem Feind zu entziehen, ihn zu
vernichten und doch die Mannschaft zu retten, wandte auch er und lief
in sausender Fahrt auf den Strand. Der »Cristobal Colon« sank in sieben
Meter tiefem Wasser.

So war die Seeschlacht von Santiago de Cuba geschlagen und das
spanische Geschwader bis auf das letzte Schiff zerstört.

Hunderte von Menschenleben und Millionen und Abermillionen an
schwimmendem Kriegsmaterial hatten die wenigen Minuten dem spanischen
Königreiche gekostet. Die Tabellen der Verluste der beiden
Flotten lesen sich wie eine Fabel. Vier gewaltige Panzer und zwei
Zerstörer hatte der Tag Spanien geraubt -- von den amerikanischen
Schlachtschiffen war kein einziges schwer beschädigt oder auch nur
so verletzt worden, daß es seine Gefechtsfähigkeit beeinträchtigt
hätte! Sechshundert spanische Matrosen waren im Kampf getötet worden
oder in den Fluten ertrunken, hundertfünfzig Schwerverwundete und
vierzehnhundert Gefangene, von denen viele verwundet waren, nahmen die
amerikanischen Schiffe auf.

_Die Amerikaner aber hatten nur einen einzigen Toten und einen einzigen
Verwundeten, beide auf der »Brooklyn«!_

Ein Märchen. Ein Wunder. Eine kaum glaubliche Merkwürdigkeit in der
Geschichte des Seekriegs, die gar nachdenklich stimmen mag. Nicht
Panzerwerte und Geschützzahl allein sind es, die eine Seeschlacht
entscheiden, sondern der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der
Kanone.

Zwei Monate später, als ich an Bord eines der letzten Truppendampfer,
die Santiago de Cuba verließen, staunend die Schönheit von Felsennest
und alter Burg und blauem Meeresgestade bewunderte, sah ich am Strand
des Felsentors den »Furor«. Wenige Minuten später kamen die Wracks der
»Viscaya« und des »Almirante Oquendo« in Sicht. Der »Cristobal Colon«
war einige Tage nach der Schlacht völlig gekentert. Die »Infanta Maria
Teresa« hatten die Amerikaner zwar gehoben und notdürftig ausgeflickt,
aber während des Transportes nach den Vereinigten Staaten war sie bei
den Bahamas gestrandet und gesunken.

Tropenfeuchtigkeit und Tropensonne hatten die armen Reste von
zerschossenem Stahl und zerfetztem Eisen, die nur wenige Meter über das
Wasser hervorragten, mit einem leuchtendroten Kleid von Rost überzogen.
Spitzige, zackige Stahlfetzen und Eisentrümmer überall. Unförmliche
verbeulte Stümpfe, die einst Schornsteine gewesen waren.

Schlechtes altes Eisen. Das war übrig geblieben von der
Gespensterflotte.



In den Schützengräben.

     Von Siegesberichten und Sorgen. -- Ein Murren geht durch die
     Schützengräben. -- Die Meinung des alten Sergeanten. -- Ungeduld!
     -- Der Humor der Front. -- Krankheit und Schwäche. -- Die
     berühmten kubanischen Leibschmerzen. -- Fieber und Ruhr. --
     Stimmungen und Verstimmungen. -- Ein Freudentag. -- Freund Billy
     aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt. -- Zwei Gefechtstage. -- Wie
     ich ein Held sein wollte. -- Der Friedensbaum. -- Die Kapitulation
     von Santiago de Cuba.


Die Armee auf den Hügeln jubelte.

Erst viele Wochen später, als Dampfer auf Dampfer Regiment auf
Regiment nach der amerikanischen Heimat zurückbrachte und die Männer
der Schützengräben sich gierig auf die alten Zeitungen stürzten, von
ihren eigenen Taten zu lesen, erfuhren sie zu ihrem großen Erstaunen,
daß die Ereignisse in den ersten Julitagen im Tal von Santiago de Cuba
den Leuten zuhause im Lande Gottes nicht nur glorreiche und höchst
übertriebene Siegesberichte gebracht hatten, sondern auch schwere
Sorgen.

Sie lasen verblüfft, daß General Shafter nach der Schlacht am San
Juan-Hügel am Abend des 2. Juli nach Washington gekabelt hatte, die
Stellung des Feindes auf seiner zweiten Verteidigungslinie sei fast
unangreifbar und die Lage außerordentlich ernst, denn ein Vorgehen
müsse schwerste Verluste bringen ------ Sie lasen schmunzelnd, daß
der General, der die amerikanische Gesamtarmee kommandierte, General
Miles, dem kranken und überpessimistischen Shafter noch in der
gleichen Nacht lakonisch geantwortet hatte, er möge vor allem -- den
spanischen Befehlshaber zur bedingungslosen Kapitulation auffordern!
Das Bombardement der Stadt androhen, wenn General Toral sich weigere!
Sie lasen lachend, wie glänzend dieser echt amerikanische Bluff
gelungen war: Zwar hatten die Spanier die Uebergabe abgelehnt, aber
Waffenstillstand trat ein am 3. Juli und es begannen Verhandlungen,
die den Anfang vom Ende bedeuteten. Sie lasen noch manches mehr. Oft
vielleicht mit einem recht unbehaglichen Gefühl. Wie der Hunger ihnen
in der Schlacht geholfen hatte, ohne daß sie es wußten, denn die armen
Teufel von Spaniern waren schon Ende Juni auf halbe Rationen gesetzt
worden, weil das verrottete spanische Regierungssystem auf der Insel
sich um die Kleinigkeit der Verproviantierung einer Armee zufällig
nicht gekümmert hatte. Wie gewaltig stark die Drahtverhaue der zweiten
spanischen Stellung waren. Wie furchtbar hoch die Krankenzahl in der
amerikanischen Armee.

Und sie fingen zu Hause an, viele Dinge zu begreifen, die sie nicht
begriffen hatten im Tal von Santiago de Cuba.

       *       *       *       *       *

Ein Murren ging durch die Schützengräben.

Hundertmal, wenn wir Depeschen auf den Hügel brachten, wurden
Souder und ich von den schmutzstarrenden, verwahrlosten Gestalten
im Graben angehalten und mit Fragen bestürmt, ob denn nichts sich
rege im Hauptquartier und wie die Dinge stünden und wann endlich der
Waffenstillstand zu Ende sein werde. Der verdammte Waffenstillstand!

Da drüben war der Feind! Dort lag die Stadt, dort waren Häuser, in die
der Schandregen nicht eindringen konnte; dort gab es Betten, in denen
man schlafen, und Herde, auf denen man kochen konnte! Warum, weshalb im
Namen aller Vernunft verpfefferte man nicht drei Stunden lang das Gras
und das Gestrüpp da drüben mit allem, was Gewehre und Patronengürtel
nur hergeben wollten, und stürzte sich dann bergabwärts Hals über
Kopf auf die kleinen Männlein, die schon davonlaufen würden wie sie
davongelaufen waren von den Hügeln!

Ein alter Sergeant der 5. Regulären, der oft zu unserem Zelt kam, zu
schwatzen, verkörperte die Stimmung in den Schützengräben ausgezeichnet:

»Höll' und Teufel!« sagte er. »Ich werde nicht dafür bezahlt, mich mit
höherer Strategie zu befassen. Das überlass' ich dem jesuschristlichen
Dicken! Wenn mir befohlen wird, im Dreck herumzusitzen und mir alle
halbe Stunde die Jacke vollregnen zu lassen und so viel schlechten
Speck zu fressen, daß ich zeitlebens keinem anständigen Schwein mehr
ins Gesicht sehen kann, -- dann halt ich's Maul und gehorche. Aber
verdammt will ich sein, wenn ich's verstehe! Magazinfeuer, würd' ich
sagen -- Bajonett auf das alte Schießeisen -- und in fünfundzwanzig
Minuten wäre die alte Geschichte erledigt. Aber der Dicke muß es ja
wissen! Mir kann's recht sein. =Bye, bye=, Jungens! Laßt euch euren
Speck recht gut schmecken! Achtet auf eure Gesundheit!«

Worauf wir ihm ergrimmt Lehmklumpen nachwarfen. Wer in diesen Tagen von
Speck und werter Gesundheit sprach, der war ein Raufbold, der boshaft
an die wundeste aller wunden Stellen rührte, und forderte tätlichen
Angriff heraus.

So murrten die Männer in den Schützengräben.

Ungeduldig waren sie wie Kinder und frech wie Spatzen. Aber das
Schimpfen klang immer noch lustig, und niemals lag in ihm der Ton
der Auflehnung. Man lachte mitten im Gezeter und nahm die harten
Entbehrungen nicht ernst, wenn sie es auch im Grunde waren, die die
Ungeduld gebaren. Man mußte warten -- man begriff nicht, weshalb in
Kuckucksnamen man solange warten mußte -- aber es würde schon kommen,
oh, es würde schon kommen ... Rührend war es in Wirklichkeit, mit welch
prachtvollem, trockenem Humor diese Männer ein Leben ertrugen, das in
seiner Härte so gar nichts Humoristisches hatte, und wie sie aus Jammer
und Elend immer und immer wieder die lustige Seite herauszufinden
wußten. Droben in dem breiten Hauptgang hatten sie einen Wegweiser
aufgestellt, auf dem in derben Lettern stand:

»Revolver müssen beim Portier abgegeben werden (links -- Dreckstraße
Nr. 3), denn auf Befehl des kommandierenden Generals ist Schießen in
diesem Vergnügungslokal nicht gestattet! Nur Herren mit garantiert
anständigem und friedfertigem Benehmen haben Zutritt!« -- in blutigem
Hohn auf den Waffenstillstand.

Ein anderes Schild beim Eingang eines besonders sumpfigen
Schützengrabens besagte grimmig: »Warnung! Angeln ist hier verboten!!«
Im Hauptschützengraben hatten sie auf Brettchen von Munitionskisten mit
irgend einer schwarzen Farbe, die sie gottweißwo aufgetrieben haben
mochten, allerlei Sprüche gemalt und die Brettchen in die Lehmwand
hineingesteckt wie Gedenktafeln:

»Erzähle mir nicht, o Freund, daß du Bauchweh hast! Deine Symptome
interessieren mich nicht. Ich hab sie nämlich selber!« lachte ein
Spruch.

»Und der Herr schuf Regen und Sonnenschein ... Für Kuba hat er seine
Schaffensfreudigkeit verdammt übertrieben!« hieß es auf einer anderen
Tafel. Ihre Nachbarin sagte:

»Bist du schlechter Laune, so haue einen Insurgenten. Das ist gesunde
Bewegung für dich und macht aus dem Cubano vielleicht einen Menschen;
der Stecken lehnt hinten in der Ecke.« Das gab die Einschätzung, in der
Señor Insurgente bei der Armee stand, famos wieder!

So sah der Humor der Schützengräben aus. Grimmiger, harter, verkrustet
trockener Humor war es, der ahnen ließ, wie zäh und kraftvoll die
Männer sein mußten, die in Krankheit und Schwäche lachen und sich über
ihren eigenen Jammer lustig machen konnten. Denn krank waren sie alle,
zum mindesten nicht gesund.

Die Regenzeit Kubas hatte nun im Ernst begonnen. Tag für Tag,
dutzende Male oft in einem Tag, regnete es in tropischer Gewalt in
ungeheuerlichen Wassergüssen -- und der Viertelstunde klatschenden
Regens folgte ebenso ungeheuerliche Sonnenhitze, die mit der
verdampfenden Feuchtigkeit alle Miasmen aus dem Boden zog und Menschen
und Dinge in übelriechenden Dampf hüllte. Morgens und abends lagen
stundenlang dick und gelb zähe Nebelschwaden über dem Boden, kalt,
feucht und dumpfig. Selten verging eine Nacht ohne Regen, und dann
schliefen die Männer in den Schützengräben auf nassem Boden in nassen
Decken. Jetzt, in den Tagen der Waffenruhe, durfte zwar immer ein Teil
der Regimenter auf dem Gelände hinter den Hügeln Zelte aufschlagen,
aber die winzigen Soldatenzelte schützten nur wenig gegen diesen
Regen und gar nicht gegen Bodenfeuchtigkeit und Nebel. Die Kleider
faulten einem fast am Leib. Souder und ich schleppten zweimal im Tag
Wasser herbei aus dem San Juan und wuschen unsere Körper und irgend
ein Kleidungsstück, doch es nützte nichts. Seife hatten wir längst
keine mehr. Was das Ausrinsen im Wasser gut machte, verdarben wieder
in ein paar Stunden Regen und Schweiß. Starrer Schmutz war es, in dem
man lebte. Widerlicher Schmutz. Die Männer in den Schützengräben, die
nicht so viel Zeit und Gelegenheit zur Reinigung hatten wie wir, waren
noch schlimmer daran. Schmutz, Schmutz, überall Schmutz ... Die Nässe
verdarb rasch das Schuhzeug, so fest und derbe es war, und oft wurden
Patrouillen nach rückwärts zu den Hospitälern geschickt, um die Stiefel
der Schwerkranken und Gestorbenen zu holen.

Immer gleich blieb die Nahrung. Speck, Hartbrot, Speck. Man weichte
die harten Zwiebacke auf, tat Zucker hinzu und Speckstückchen und
briet sich den breiigen Mischmasch. Trank höllenstarken Kaffee dazu.
Einmal kam eine Sendung Büchsenfleisch, aber es war verdorben. Derartig
schlechte Behandlung läßt sich auf die Dauer kein Magen gefallen.

So rebellierten zuerst die Mägen. Langsam schlich sich Krankheit in
die Schützengräben. Kaum einen Mann gab es in der Front, der nicht
wenigstens an einer leichteren Form von Ruhr litt. Auch da noch half
der Humor, das Abschüttelnwollen körperlicher Schwäche, wie es in
junger Mannesart liegt. Die verschmutzten Männer lachten über die recht
unangenehmen und schmerzhaften Aeußerungen ihrer gestörten Verdauung
und machten lustige Witze, höchst unanständige Witze zumeist, über
das viele Aufgesuchtwerden der primitiven Stellen, die man in der
Zivilisation verengländert mit =W. C.= zu bezeichnen pflegt. Aber nach
und nach verspürte ein jeder immer kräftiger die üblen Folgen der
ewigen Magenbeschwerden und der Fieberanfälle, denen keiner entging.
Die schlechten Witze fingen an, gequält zu klingen. Das lustige
Lachen von gestern über das berühmte kubanische Bauchweh zog heute
nicht mehr. Die Gesichter wurden blaß, und der energische, springige
Gang der Regulären träge. Auf das Fieber hätte man schließlich
gepfiffen -- aber der Magen, der Magen! Bitter und gallig schmeckte
der schlechtgeröstete Kaffee, weil die halbzerstampften Bohnen ewig
lange sieden mußten. Der Speck schimmerte ölig und durchsichtig, denn
die Sonnenhitze hielt ihn ständig in schöner brühwarmer Temperatur.
Man konnte ihn bald nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Die
Schiffszwiebacke waren trocken kaum zu essen, und der fade Brei, der
sich höchstens aus ihnen bereiten ließ, wurde einem zum Ekel. Der
Magen, der Magen! Er war es, aus dem die üble Laune kam.

Und die Stimmungen!

Wenn ich in den Schützengräben nach dem General oder irgend einem
höheren Offizier suchte, schien es mir beinahe komisch, wie die sonst
so unverwüstlich derben und unverwüstlich lustigen Regulären nun auf
einmal Stimmungen unterworfen waren. Manchmal lagen sie faul und
apathisch da und ließen einen ruhig über ihre Leiber hinwegsteigen,
viel zu träge, sich zu rühren oder gar zu reden. Manchmal wieder konnte
das leiseste Gerücht, das Hoffnung auf Soldatenarbeit gab, oder der
unsinnigste Scherz sie blitzschnell aufrütteln. Als mich einmal ein
Korporal fragte, was denn los sei (ich trug ein Telegramm in der Hand),
antwortete ich ärgerlich:

»Es ist Dienstgeheimnis und du darfst es nicht weiter sagen: Washington
telegraphiert, daß ein Dampfer mit einer neuen Speckladung abgegangen
ist!«

»Pfui Deibel!« sagte der Korporal.

Die Männer links und rechts von ihm lachten wie toll und erzählten
den mageren Witz weiter, der nun richtig die ganze Linie entlang
schallende Heiterkeit auslöste.

Doch das Lachen war selten geworden. Ein jeder wußte, daß die Zeiten
bitterernst waren und ein grimmiger Feind die Hügel bedrohte, ein
schlimmerer Feind als die verachteten kleinen Männlein da drüben:
Krankheit, Fieber, Ruhr, Malaria. Und ein jeder gab sich Mühe, auf das
dumpfe Brausen in seinem Schädel frühmorgens im Nebel nicht zu achten
und auf die Schmerzen in Magen und Darm nach den Mahlzeiten. Weil
keiner krank werden _wollte_.

       *       *       *       *       *

Souder und ich waren brummig oft, und übellaunig, und nicht weniger
ungeduldig als alle anderen. Weder ihm noch mir blieben die grimmigen
Leibschmerzen erspart, und er und ich wußten ganz genau, wie es
war, wenn einem nach übelriechender Nebelnacht die Fieberfliegen
im Kopf summten und man sich fluchend vom Sanitätssergeanten des
Brigadequartiers gewaltige Dosen Chinin geben ließ, die einem die
Ohren klingen machten. Aber die Linie, der Draht, das klappernde
kleine Instrument versorgten uns stets mit so viel Arbeit und so
starkem Interesse an Spannung und Erwartung, daß wir Kopfschmerzen und
Leibgrimmen prompt zu vergessen pflegten. Waren die Depeschen in diesen
Tagen auch selten wichtig, so wartete man doch wenigstens immer auf
eine, die wichtig sein würde.

Da kam der 7. Juli. Der vierte Tag des Waffenstillstandes. Die
Linie zu =S O 3= war wieder einmal schadhaft geworden und die Reihe
diesmal an uns, den Fehler zu suchen. Mißvergnügt machte ich mich mit
Ersatzdraht und Zwickzange auf den Weg und fand den Schaden bald.
Irgend ein Spitzbube in Uniform mochte zu irgend etwas ein Stückchen
Draht gebraucht haben und hatte einfach einen halben Meter der Linie
mit seinem Taschenmesser herausgesägt. Ich schimpfte, wie ein regulärer
Signalmann über so lästerlich infame Schändung schimpfen mußte, und
reparierte. Weil ich nicht weit von =S O 3= war, beschloß ich, bei der
Blockhausstation vorzugucken. Ich schlenderte den breitausgetretenen
Pfad hinter den Hügeln entlang, auf dem es von Soldaten wimmelte, denn
Zelt an Zelt reihte sich auf der Hügelseite. Hier kampierten die Rauhen
Reiter. Plötzlich blieb ich stehen, und heiß und kalt überlief es mich.

War -- das -- ein Traum -- ein Fiebergaukelspiel?

Eine klingende, metallische Stimme, eine liebe alte Stimme hatte mich
gerufen bei meinem Namen aus alten Zeiten. Klar und hell --

»Ed! Ha -- a -- llooh -- Ed!!«

Ich stand und starrte und wollte meinen Ohren nicht glauben.

»Halloh -- Ed!«

Von einem Zelt nicht weit vom Weg kam ein Rauher Reiter-Offizier
gelaufen, ein Leutnant. Unter dem graubraunen Feldhut mit dem
glitzernden Regimentsemblem von gekreuzten Reitersäbeln leuchteten
groß und lachend graublaue Augen -- die alten Augen ...

»Billy!« schrie ich. »Halloh, Billy -- Bi -- i -- illy!«

Und er sprang herbei, und wir schüttelten uns die Hände, denn sprechen
mochte keiner ein Wort, und dann lachten wir wie unsinnig und dann
schüttelten wir uns wieder die Hände und dann lachten wir wieder.

Billy war es, der alte Billy, der Billy aus Wanderzeit und
Eisenbahnfahrt.

Billy in der Uniform eines =First Lieutenant=, eines Oberleutnants
des Rauhen Reiter-Regiments. Gar kein Staunen verspürte ich über die
silbernen Streifen auf seiner Schulter. Dieser Mann war einer der
wenigen Menschen, die dazu geboren sind, zu führen und zu leiten unter
allen Umständen. Seien sie arm oder reich. Die vornehm sein müssen und
Herren über andere, mögen sie auch einen einzigen Rock nur ihr eigen
nennen. In der alten Welt hätte man freilich aus Billy keinen Offizier
gemacht. Sein Lebensgang wäre denn doch nicht einwandfrei genug gewesen
-- um die schöne Phrase zu gebrauchen. In Amerika sah man sich den Mann
an und -- griff zu. Billys Familie hatte ihm eigentlich gegen seinen
Willen das Leutnantspatent bei den Rauhen Reitern erwirkt. In der
entscheidenden Unterredung jedoch mit Theodore Roosevelt hatte Billy
klipp und klar erklärt, daß er erwähnen müsse, er sei vor noch nicht
langer Zeit als Tramp, oder als eine Art von Tramp zum mindesten, auf
den Eisenbahnen herumvagabundiert.

»=You are allright!=« war Roosevelts knappe Antwort gewesen.

       *       *       *       *       *

»Komm' in mein Zelt!« sagte Billy.

Wir hockten uns auf die Wolldecke hin am Boden, und Billy holte
feierlich eine kleine Feldflasche aus einem Winkel hervor, erklärend,
daß es unter den Rauhen Reitern komische Käuze von Millionären gebe,
die sich durch ihre Privatyachten Zigarren und Whisky bringen ließen.
Wir tranken in Andacht den goldigbraunen Bourbon. Rauchten eine
Zigarette.

»Du bist also beim Signalkorps, eh?« begann Billy. »Haben sie nicht
genug Verstand gehabt dort, dich wenigstens zum Sergeanten zu machen?«

»Anscheinend nicht!« lachte ich. »Uebrigens habe noch nicht einmal
vorschriftsmäßig gegrüßt, Herr Leutnant!«

»Das ist allerdings schrecklich,« meinte Billy. »Kraft dieser schönen
silbernen Schulterstreifen also befehle ich dir nun, sofort zu
erzählen. In Colorado war's irgendwo, als du verschwandest -- und das
hat mich damals mehr Kopfschmerzen gekostet als du ahnst, mein Junge.
Drei Monate suchten wir nach dir, Joe und ich, bis wir es endlich
aufgeben mußten. Erzählen, erzählen!«

Da berichtete ich von der Fahrt nach St. Louis und dem Erleben dort
und von der Kupferhölle und vom Zeitungsdienst und von San Franzisko.
Von Frank und von Allan McGrady. Lachende Linien kamen in das
scharfgeschnittene, hagere, rassige Gesicht.

»Und bei dieser Geschichte hier in Kuba mußtest du natürlich auch dabei
sein!« rief er endlich und füllte lustig augenzwinkernd das winzige
Feldflaschenglas fingerhoch ... »Aber natürlich! Ich brauche dir wohl
nicht zu sagen, mein Junge, daß du ein Narr wärest, würdest du die
blaue Jacke nicht recht bald wegwerfen. Bleib du bei der Zeitung! Ich
wünschte, ich wüßte so gut wie du es von dir wissen solltest, was ich
zu tun hätte. Unter uns gesagt waren diese Schulterstreifen billig wie
Brombeeren. Es gehörte nicht viel mehr dazu, aus dem alten Billy einen
Leutnant zu machen, als sieben Wörtchen des alten Onkels van Straaten,
der im Kongreß sitzt. Wenn diese nachgerade langweilige Affäre hier
jedoch beendet ist -- dann adieu, Leutnant Billy!«

»Weshalb machten sie dich gleich zum Oberleutnant?« lachte ich.

»Bin ich vorgestern erst geworden!« berichtete er vergnügt.
»Telegraphisch. Von wegen der Schlacht. Teddy sorgt für seine Leute.
Weiß der Kuckuck, wo Jack (das ist mein Putzer) den Oberleutnantsstern
aufgegabelt hat. Aufgenäht hat er ihn mir jedenfalls auf die Jacke --
und meine Würde erdrückt mich beinahe!«

Erzählen -- erzählen ... Wir rechneten uns aus, daß wir beim Sturm auf
den San Juan-Hügel keine hundert Meter voneinander entfernt gewesen
sein konnten, und im Planters-Hotel in Tampa im gleichen Saal gegessen
haben mußten, ohne es zu ahnen. Wie groß die Welt war und doch wie
klein! Stunde auf Stunde verschwatzten wir, bis ihn und mich der
Dienst rief.

Wochen später, als ich auf der Insel des gelben Fiebers aus dem
Delirium erwachte und denken und verstehen konnte, gab mir der Arzt
einen Briefumschlag. Fünf gelbe Banknoten steckten darin, zu zwanzig
Dollars eine jede. Und ein Zettel:

»Lieber Ed. Unser Schiff dampft heute, den 30. Juli, nach dem alten
Land. Der Doktor schreibt mir, du würdest durchkommen. Wußte, sie
würden dich nicht unterkriegen, alter Junge. Das Geld kannst du
vielleicht gebrauchen. Gib es mir zurück, wenn es dir paßt. Hörte von
Major Stevens, du seiest zum Sergeanten ernannt worden. Auf Wiedersehen
-- Billy.«

Ich sollte ihn erst in einem Jahr wiedersehen, unter Verhältnissen, die
noch viel merkwürdiger waren als das Begegnen im Tal von Santiago.

       *       *       *       *       *

Die Krankheitsziffern in den Schützengräben stiegen zu erschreckender
Höhe, und immer blasser und gelber wurden die Gesichter der Männer auf
den Hügeln. Unerträglicher schien die Sonnenglut von Stunde zu Stunde
fast und fürchterlicher die endlosen Regengüsse. Noch war die Zahl der
schweren Erkrankungen an wirklicher Ruhr und Malaria verhältnismäßig
gering, die Zahl der Leichtkranken jedoch ungeheuer groß. Den ganzen
Tag über umringten sie das Doktorzelt, und der Sanitätssergeant
verteilte im Schweiße seines Angesichts unablässig Chininpillen und
Opiumpräparate.

Die Befehle und Meldungen, die über unseren Draht gingen, zeigten zwar
nur einen winzig kleinen Ausschnitt der allgemeinen Situation, aber sie
ließen unschwer erkennen, daß die Führer der Truppen voll Besorgnis
waren und daß alles nach einer Entscheidung drängte. Am 8. und 9.
Juli gab es viel zu tun. Die Depeschen, die genaue Berichte über die
Krankenzahl einforderten, jagten sich. In den Antworten der einzelnen
Regimenter hieß es immer wieder: Allgemeiner Gesundheitszustand höchst
unbefriedigend. Chefärzte kamen vom Hauptquartier und untersuchten die
Truppen; lange Konferenzen fanden statt im Zelt des Generals.

Da telegraphierte am Abend des 9. Juli das Hauptquartier, daß mit
Mitternacht der Waffenstillstand ablaufe. Die Wirkung auf die
Truppen, die nun sofort in den Schützengräben konzentriert wurden,
war verblüffend. Die gedrückte Stimmung schien wie weggeblasen. Die
Aussicht auf Arbeit machte die Männer in den Schützengräben wieder
frisch und kräftig. Ueberall von den Hügeln erklang an jenem Abend der
Tingeltangelschlager, den die Soldaten im Uebermut des Sieges in der
Kampfnacht gesungen hatten. Er war zum Schlachtlied der kubanischen
Armee geworden --

    =When the bells go tinge -- linge -- ling
    We'll join hands and sweetly we shall sing --
    There'll be a hot time
    In the old town
    Tonight, my Darling!=

»Heut abend ist der Teufel los im Städtchen ...«

Mit dem Morgengrauen begann das Kleingewehrfeuer auf der ganzen Linie.
Vom San Juan-Hügel her dröhnten Geschütze. Die Spanier erwiderten das
Feuer nur schwach. Ein unbedeutendes Ferngefecht war es -- wie auch am
nächsten Tag.

Mir ist dieser 10. Juli eine lustige Erinnerung. Im Laufe des
Nachmittags lief eine Depesche ein, in der Präsident McKinley unserem
General Bates seine Ernennung zum =Major General= anzeigte, der
höchsten militärischen Würde in den Vereinigten Staaten. Das war
natürlich ein großes Ereignis. Ich machte mich sofort auf den Weg
nach den Schützengräben, um dem General das Telegramm zu bringen.
Ueberall knatterte es vorne auf dem Hügel, und dann und wann pfiff
eine feindliche Kugel durch die Luft. Ich eilte durch den Hauptgang
und erfuhr von der Stabsordonnanz, daß der General im Schützengraben
rechts sei. Nach wenigen Schritten sah ich auch schon die Gruppe der
Stabsoffiziere. Und -- da packte mich eine ganz verrückte Idee ...
Ein Held wollte ich sein! Auszeichnen wollte ich mich -- auffällig
auszeichnen -- wunderbar tapfer sein ... Gedacht, getan. Mit einem Ruck
richtete ich mich auf und stand kerzengerade da, daß Kopf und Schultern
über die Brüstung des Schützengrabens hinausragten. Zischend surrte
eine Kugel an meinem Ohr vorbei. Eine zweite. A -- aah! So -- ooh! So
-- oo -- benahm sich ein Ritter ohne Furcht und Tadel im Kugelregen --
so -- olche Leute machte man zu Offizieren -- in meinem Kopf wirbelte
es von Tapferkeit und Todesverachtung -- =sans peur et sans reproche=
-- a -- aah -- =fais ce que dois, adviegne que pourra= -- =c'est
commandé au chevalier= ... und ganz langsam und bolzengerade stelzte
ich über die Beine der feuernden Infanteristen hinweg auf den General
zu. Begeistert war ich -- von mir selber. Ich kam mir wirklich wahrhaft
heldenhaft vor. S -- sss -- ssss ---- zischte es. Und ich reckte mich
noch höher auf und stellte mich stramm hin und meldete eiskalt:

»Depesche für =Major General= Bates!«

Der alte Herr, der im Graben kauerte, streckte die Hand nach der
Depesche aus und sah mich scharf an.

Mich aber überlief ein leichtes Zittern. Jetzt -- jetzt -- jetzt mußte
es kommen --

Der General sah mich noch immer scharf an und um seine Mundwinkel
zuckte es. Dann sagte er leise, aber sehr deutlich:

»=Get down, you fool!=«

»Duck dich -- du Narr!«

Da klappte ich zusammen wie ein Taschenmesser. Aus war's mit dem
Heldentum. Und zu meiner Ehre sei es gesagt, daß der Bruchteil einer
Sekunde mir genügte, um zu erkennen, welch furchtbar lächerlicher
Hanswurst ich soeben gewesen war.

       *       *       *       *       *

Die kriegerischen Ereignisse im Tal von Santiago de Cuba nahten rasch
ihrem Ende. Am 12. Juli begannen wieder die Verhandlungen. Am gleichen
Tag traf der Höchstkommandierende der amerikanischen Armee, General
Miles, in Siboney ein. Am 13. Juli hatten er und General Shafter eine
Besprechung mit General Toral, dem spanischen Kommandierenden. Am 14.
Juli kapitulierte Santiago de Cuba, und die spanische Armee gab sich
kriegsgefangen.

       *       *       *       *       *

Es war um Mittag des 14. Juli. Zwischen den amerikanischen und
spanischen Linien, dreihundert Meter etwa rechts seitlich von unserem
Hügel, hundertundfünfzig Meter in Front, stand inmitten einer weiten
grasigen Fläche ein ungeheurer Mangobaum. Ein Riese. Der mächtige Stamm
zeichnete sich im grellen Sonnenlicht scharf gegen das Grün und Gelb
des Bodens ab. Die breitwipflige Krone ragte massig empor, wuchtig
in ihrem Dunkel wie ein Gebäude. Da erzitterten Trompetentöne. Der
Paraderuf, jedem Regulären wohlbekannt. Feierlich, gedehnt. Und die
Männer in den Schützengräben sprangen auf die Brüstungen, kauerten
sich hin und sahen schweigend zu, wie aus dem Bodeneinschnitt beim
San Juan-Hügel Reiter in langsamem Schritt hügelabwärts ritten dem
Baumriesen zu. Ich konnte durch mein Glas die Gestalten deutlich
erkennen. General Miles war es, General Shafter, einige Offiziere, zwei
Trompeter. Gleichzeitig glitzerte es drüben in den spanischen Linien
von Epauletten und goldenen Borten und Pferden und Reitern in dunklen
Umrissen.

Die beiden Reitertrupps kamen sich näher, hielten einen Augenblick.
Dann sprangen die Offiziere von ihren Pferden, und Ordonnanzen
brachten Feldstühle und stellten sie auf im Schatten des Mangoriesen.
In den amerikanischen Schützengräben war es mäuschenstill.
Fünfzehntausend Männer, sechzehntausend, siebzehntausend, warteten
in tiefem Schweigen. Drüben beim Feind tauchten aus Gestrüpp und
Dschungelgras in langer Linie weiße Strohhüte auf und Gestalten in
hellen Uniformen. Still war es. Ganz still. Zwanzig Minuten lang,
eine halbe Stunde vielleicht. Dann kam Bewegung in die Gruppe beim
Mangobaum. Pferde wurden herbeigeführt, Reiter stiegen in die Sättel,
und langsam ritten die beiden Trupps zu ihren Linien zurück. Die Männer
in den Schützengräben schauten noch immer. Niemand sprach. Nichts
rührte und regte sich.

Da blitzte ein Farbenfleck auf in dem tiefen Dunkel der Mangobaumkrone.

Rot -- blau ... Er wurde deutlicher. Breitete sich aus. Und ich
starrte und starrte, einer von Tausenden, und sah den Farbenfleck sich
entfalten in grelle Streifen und winzige Punkte.

Ueber dem Friedensbaum flatterte das Sternenbanner.

Eine Sekunde lang noch war alles still. Dann ergellte wie aus einer
einzigen Kehle brausend und donnernd ein furchtbarer Jubelschrei.

Santiago de Cuba war gefallen.



Nach Santiago de Cuba!

     Das Hauptquartier wird energisch. -- Die Enttäuschung der Männer
     in den Schützengräben. -- Die verbotene Stadt. -- Wir werden nach
     Santiago beordert. -- Das Legen der Linie. -- In den spanischen
     Schützengräben. -- Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern.
     -- In der Stadt. -- Die toten Gäßchen. -- Von Licht und Schatten.
     -- Das Hauptquartier des Siegers.


Der Klopfer des Instruments überschüttete uns mit Punkten und Strichen.

»Noch mehr?« fragte Souder zwischen zwei Telegrammen bei =S O= 3 an.

»Massenhaft mehr!« kam die Antwort.

Sergeant Hastings saß am Schlüssel drüben auf der Blockhausstation,
der beste Sender des Korps, und unter seinen geschickten Fingern
wurde das mechanische Klicken des Messingstängchens zum lebendigen
Sprechen; so mühelos verständlich, daß der Sergeant und ich uns
zwischen Schreiben und Lauschen fortwährend unterhalten konnten, wenn
auch in abgerissenen Sätzen ---- und jeder Satz ungefähr würde uns ein
Kriegsgericht eingetragen haben, hätte der Generalstabsoberst, der »auf
Befehl des kommandierenden Generals« die Depeschen zeichnete, all die
Unverschämtheiten mit anhören können.

»Jawohl! Jaw -- oohll! Reiß' das Maul nur recht weit auf, mein Sohn!
Schrei' Befehle, daß dir die Hosenträger platzen! Denn du weißt es
ja, daß jetzo tiefer Friede herrscht in dieser schönen Gegend -- und
du verstehst dein Metier und du weißt es ja, daß alle Kriegskunst im
Frieden darauf hinausläuft, recht laut und recht viel zu kommandieren!
Auf daß jedermann möglichst chikaniert werde! Hol' dich der Teufel! --
Was sagt er?«

»Es ist mit Strenge darauf zu achten, daß alles Trinkzwecken dienendes
Wasser gehörig abgekocht wird --« klickte der Klopfer.

»Gehörig abgekocht wird!« höhnte Souder. »Du bist ja von vorgestern,
Oberstchen. Wer jetzt nicht schon die Cholera im Bauch hat, kriegt
sie nimmer. Kable lieber nach Washington und sorge dafür, daß sie uns
endlich gar nichts schicken als immer nur Speck und Speck und Speck! --
Was ist das?«

»Offizieren darf ohne Erlaubnis des kommandierenden Generals, der diese
Erlaubnis nur in besonderen Fällen erteilen wird, Urlaub nach Santiago
de Cuba nicht gewährt werden.«

»Aha! Die Schulterstreifen dürfen auch nicht hinein! Was dem Regulären
recht ist, muß dem Leutnant billig sein. Der Reguläre könnte sich
besaufen, und der Leutnant vielleicht auch, aber sicherlich der Herr
Oberst. Also geht nur der Herr Oberst ins Städtchen, damit er mehr
unter sich ist! Oh -- hol dich der Teufel!«

Dabei lag natürlich in den telegraphischen Befehlen zielbewußte
Vernunft, während die Kritik des Mannes hinter dem Gewehr purste
Unvernunft darstellte. Begreifliche Unvernunft jedoch. Dem
begeisterten Jubelgeschrei des Sieges war in einer kurzen Stunde
ganz gewöhnliches Geschimpfe gefolgt in den Schützengräben. Die
derben alten Regulären da droben auf dem Hügel drückten sich noch
viel saftiger aus als der lustige Signalsergeant. Als sie die Fahne
flattern sahen über dem Friedensbaum, hatten sie sich eingebildet, daß
es ein paar Stündchen höchstens dauern könne, bis der Befehl gegeben
würde, männiglich solle seine Siebensachen zusammenpacken zum Einzug
in die Stadt. Hei -- oh -- zum Marsch in die Stadt! So mancher mochte
zungenschnalzend kalkuliert haben, was für schöne Dinge die silbernen
Dollars in der Tasche alle kaufen konnten -- diese silbernen Dollars,
die so völlig wertlos und vergnügungsbar gewesen waren seit Wochen im
Drecklager.

Ausgerutscht!

Die Träume von netten Mahlzeiten, reinen Betten und dankbaren, vom
spanischen Joch befreiten Mägdelein zerrannen in völliges Nichts. Es
fiel dem Jesus-Christus-General gar nicht ein, seinen braven Truppen
im Namen des dankbaren Vaterlandes begeistertes Lob und dergleichen
zu spenden und sie einzuladen, sich doch Santiago gütigst anzusehen.
Sondern er telegraphierte kurz und grob, jeder Mann, der ohne Paß in
der Stadt angetroffen werde, würde vor ein Kriegsgericht gestellt
und schwer bestraft werden! Das Hauptquartier telegraphierte des
Ferneren, sämtliche Regimenter sollten sofort Zeltquartiere beziehen.
Rund um jedes Zelt seien Abzugsgräben für das Regenwasser zu graben.
Die Zeltgassen gehörig zu drainieren. Die Verpflegung der Truppen
habe von nun an wieder durch die Kompagnieküchen zu geschehen. Die
kommandierenden Offiziere wurden ersucht, für Reinigung der Wäsche und
Uniformen ihrer Mannschaften zu sorgen. Und so weiter und überhaupt!

Die braven Regulären aber, die so gern in der Stadt des Feindes
spazieren gegangen wären, fluchten abscheulich. Was wußten sie davon,
daß Santiago de Cuba ein Fiebernest war mit primitivsten sanitären
Verhältnissen und unmöglich als Quartier für tropenungewohnte Truppen,
ehe Ströme von Karbol den Unrat weggefegt hatten! Was wußten sie davon,
daß ein kommandierender General die Zügel der Disziplin fester in die
Hand nimmt, ehe er eine siegesübermütige Armee in eine eroberte Stadt
führt! Sie wußten nur, daß weiterkampiert wurde in Regengüssen und
Sonnenbrand ------ Sie sollten nicht in wirklichen Betten schlafen
können -- nicht auf wirklichen gepflasterten Straßen wandeln -- nicht
wieder Menschen sehen, die keine Uniform trugen -- nicht wirkliches
Brot sich kaufen können ----

Hei -- oh, wie wurde da geschimpft auf den Hügeln!

Wir schimpften mit.

Am nächsten Tag aber wandelte sich unser Schimpfen in freudige
Ueberraschung. Ein Diensttelegramm befahl dem Sergeanten Souder und dem
Signalisten Carlé kurz und bündig, sich sofort bei der Blockhausstation
zu melden. Zum Linienlegen nach Santiago de Cuba.

Zwischen drei und vier Uhr nachmittags brachen wir von der
Blockhausstation auf, der Major Stevens, ein Kabeltelegraphist von
Siboney, drei Sergeanten und zwei Signalisten. In fünfzehn Minuten
hatten wir den Draht vom Hügelgipfel zum Friedensbaum gespannt. An
diesem Tag kümmerte sich keiner von uns darum, daß die Sonne einem
glühendheiß auf den Schädel brannte und das schweißige Hemd patschnaß
am Leibe klebte und der Atem in kurzen Stößen kam und ging. Vorwärts,
nur vorwärts! Nach Santiago de Cuba! Wir liefen nicht mehr mit den
schweren Drahtrollen, sondern wir rannten. Mir war nicht wohl zumute
dabei. Aber ich pfiff auf das sonderbare Flimmern vor den Augen und
die eigentümliche Schwere und Benommenheit im Kopf. Mochten sie doch
rumoren, die Magenkobolde und die Fieberteufel! Ich hatte an andere
Dinge zu denken. Ich hatte Eile. Wir rannten. Durch das Gestrüpp der
Hügelniederung, der gelben Linie zu, die die Straße nach Santiago de
Cuba bedeutete.

»Links -- links!« keuchte der alte Sergeant Hastings, der neben mir
lief. »Nach dem Baum dort. Und ein bißchen langsamer. Ich bin mir in
meinem Leben noch nicht so ausgepumpt vorgekommen. Sie sehen übrigens
extra miserabel aus!«

»Mir fehlt nichts,« sagte ich.

»Na, mir auch nicht,« brummte er, »aber ich könnte gerade nicht
behaupten, daß ich jünger und gesünder geworden bin!«

Weiter -- weiter. Wir arbeiteten in kleinen Gruppen von je zwei und
zwei Mann. In dem offenen Gelände mußte der Draht sorgfältig von Baum
zu Baum gespannt werden. Ich erkletterte zwei Bäume, und sauer genug
wurde mir das Steigen, so bequemen Halt auch die vielen Aeste der
Mangos boten. Ein halbes dutzendmal fehlte nicht viel und ich wäre
gefallen. Nein, gesünder war ich nicht geworden!

Da tauchten bei einer Baumgruppe Gestalten in amerikanischen Uniformen
auf und eine laute Stimme befahl uns, zu halten. Der Leutnant, der den
Posten von fünf Mann kommandierte, kam herbei, und wir mußten einige
Minuten warten, bis der Major, der weiter hinten die Linie prüfte,
erschien und dem Offizier unsere Pässe vorwies.

»Die spanischen Regimenter haben die Schützengräben verlassen,«
meldete der Offizier, »und kampieren auf der Straße nach Santiago
entlang, links und rechts vom Weg. Sie werden binnen wenigen hundert
Schritten auf das erste spanische Lager stoßen, Herr Major. Ich habe
Befehl, passierenden Offizieren und Mannschaften eine Anordnung des
kommandierenden Generals zu übermitteln --«

»Weiß schon, weiß schon,« nickte der Major. »Signaldetachement --
=attention=!«

Wir stellten uns erwartungsvoll in Reih und Glied. Der Leutnant las:

»Der kommandierende General befiehlt, daß jede herausfordernde Haltung
den Spaniern gegenüber vermieden wird. Die Entwaffnung der spanischen
Armee und die Besetzung von Santiago findet erst in einigen Tagen
statt. Spanische Offiziere sind zu grüßen wie die eigenen Vorgesetzten.
Besuch von Restaurants oder Wirtschaften in der Stadt ist verboten. Sie
sind übrigens geschlossen.«

Der Major betrachtete uns vom Kopf bis zu den Füßen und sagte
dann schmunzelnd: »Sergeanten und Signalisten! Ich habe in meiner
militärischen Laufbahn noch niemals eine so verwahrloste und klapprige
Gesellschaft gesehen wie euch. Sergeant Hastings -- aus Ihrem rechten
Stiefel guckt Ihr Zeh! Im übrigen weiß ich nicht, wer am schmutzigsten
und abgerissensten ist. Ich bitte mir aus, Hastings, daß Sie als
ältester Sergeant das in Ordnung bringen. Sie werden in der Stadt
irgend einen englischsprechenden Kubaner auftreiben, es gibt deren
genug, und ihn auf meine Kosten als Putzer für das Detachement
anstellen. Die nötigen Einkäufe an Wäsche und so weiter besorgen Sie
ebenfalls auf meine Kosten, Sergeant. Jeder Mann nimmt zweimal täglich
ein Glas Whisky mit einem Chininpulver -- für den Whisky und das Chinin
werde ich sorgen. Achtet auf eure Gesundheit, Leute! Ich bin sehr
zufrieden mit euch.«

Weiter ging's. Mit verdoppelter Schnelligkeit. Wie mir ging es wohl
jedem andern: Das Wasser lief einem einfach zusammen im Munde, wenn
man an dieses Dorado von frischer Wäsche und kubanischem Putzer und
Reinlichkeit dachte!

Wenige hundert Schritte nur hatten wir die Linie weitergelegt, als
uns eine angenehme Ueberraschung wurde. Da, wo die eigentliche Straße
begann, die in scharfem Bogen von Osten herkam, lagen im Gras eine
umgestürzte Telegraphenstange und verwickelter Kupferdraht. Einige
Meter weiter begann die Stangenreihe. Soweit wir es durch die Gläser
erkennen konnten, war die Leitung dort intakt.

»Anschließen!« befahl der Major vergnügt. »Das Ding scheint zwar aus
uralten Zeiten zu stammen, wird aber wohl funktionieren. Die Linie wird
bei jedem zehnten Pfosten geprüft.«

So ging es sehr rasch vorwärts. Dicht hinter dem Gestrüpprand zweigten
rechts und links von der Straße die spanischen Schützengräben ab. Sie
waren viel flacher gegraben als die unsrigen auf den Hügeln und boten
wirksamen Schutz eigentlich nur liegenden Truppen. Das Wunderbare aber
war, wie die Spanier jede Baumgruppe, jede winzige hügelige Welle
zu einer kleinen Festung gestaltet hatten. Wo Bäume standen, war
inmitten der Baumgruppen der Boden tief ausgehöhlt worden, so, daß ein
halbes Dutzend Schützen in der Höhlung kauern konnten. Viele Reihen
stacheligen Drahts verbanden Baum mit Baum. Stacheldraht war überall.
Scharfschützen in diesen Löchern mußten fast unerreichbar gewesen
sein für Infanteriefeuer und hätten Dutzende von Angreifern, die der
Stacheldraht behinderte, wegschießen können. Der Major schüttelte
fortwährend den Kopf, und einmal platzte er heraus:

»Das wäre eine nette Bescherung gewesen ---- «

Die Straße wurde breiter, der Boden ebener, wie festgestampft. Wir
hörten Stimmen aus dem dünnen Gebüsch, das den Weg einsäumte, und ein
spanischer Offizier trat auf die Straße; eine schlanke Gestalt in
schneeweißer Uniform mit Goldlitzen an den Aermeln und am Kragen. Er
blieb überrascht stehen, salutierte den Major in straffer Haltung,
wandte sich rasch und verschwand wieder im Gebüsch. Einen Augenblick
nur hatte ich in das tiefernste junge Gesicht gesehen, aber der
Schmerz, der Haß in diesen Augen machten gewaltigen Eindruck auf mich.
Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, was ich wohl empfinden würde,
wären wir besiegt worden. Was war mir Amerika! Mir, dem Fremden, der
sein Leben zu Markte getragen hatte im Spiel! Und ich wußte, daß ich
bitterunglücklich gewesen wäre, läge das Sternenbanner im Staub. In
fröhlichem Uebermut und tollem Abenteurerdrang nur war das Spiel
gespielt worden, aber es hatte Stärkeres ausgelöst, wie gutes Spiel
es muß. Zusammengehörigkeit. Seit den Tagen im Tal von Santiago ist
mir die Flagge der Vereinigten Staaten viel mehr gewesen als ein
gleichgültiger Fetzen in Rot und Blau wie all die vielen anderen, die
mich als Deutschen nicht kümmern. Es gibt Spiele, die man nicht vergißt.

In einem sonderbaren Gefühl von Mitleid beinahe und doch brennender
Neugierde sah ich mich um. Das Gebüsch an den Wegseiten wurde lichter
nach wenigen Schritten. Gestalten tauchten auf im Gezweig und tiefen
Gras; helle Uniformen, Zelte. Mitten zwischen spanischen Truppen
marschierten wir nun, und wenn wir hielten, um die Linie zu prüfen,
umdrängten die Soldaten uns in Haufen.

Sie sahen alle bleich und abgemagert aus. Die dünnen Uniformen waren
schrecklich abgerissen. Die meisten hatten keine Stiefel an den
Füßen, sondern Segeltuchschuhe mit Sohlen aus Stricken. Sie trugen
keine Waffen. Ihre Gewehre waren nicht ordentlich in Kompagniereihen
zusammengestellt, sondern in großen Pyramiden aufgestapelt mit Haufen
von Bajonetten daneben. Die Zelte waren erbärmlich; Stücke Segeltuch,
an einen Baum oder einen Busch gebunden und dachartig schräg gegen
den Boden gespannt. Viele Spanier lagen gleichgültig da, Zigaretten
paffend. Andere schnatterten aufeinander ein mit vielem Gestikulieren.
Manchmal sah uns einer finster an, aber die meisten schienen lustig
genug und winkten uns zu. Wieder prüften wir die Linie. Ein spanischer
Unteroffizier, an seinem Aermel wenigstens war eine schmale goldene
Tresse, trat an mich heran und zog mir eine Patrone aus dem Gürtel.
Dafür gab er mir einen Rahmen mit fünf Mauserpatronen.

»=Pour souvenir!=« sagte er in gebrochenem Französisch.

Im Augenblick folgten andere seinem Beispiel, und ein Handelsgeschäft
mit Patronen entwickelte sich. Die Leute hatten alle Hunger! Das wußten
wir und hatten uns auf der Blockhausstation Tornister und Taschen mit
Speckstücken und Zwiebacken vollgestopft, die es im Ueberfluß gab. Die
stets hungrigen armen Teufel von =Cubanos= waren ja wie besessen hinter
einem Stück Hartbrot her. Als Trinkgelder und Dolmetscher hatten uns
die Rationen Onkel Sams in Santiago dienen sollen. Nun wanderten sie in
die Mägen der spanischen Soldaten am Weg. Die Spanier rissen uns die
Speckstücke und die Zwiebacke aus den Händen, so schnell wir sie nur
aus den Feldtaschen hervorholen konnten, drängten uns Zigaretten und
kleine Flaschen mit Rum auf dafür und bissen verhungert in das Hartbrot
hinein, als sei es ein köstlicher Leckerbissen.

An Regiment auf Regiment kamen wir vorbei. Pfade zweigten ab links
und rechts, und zwischen den Bäumen leuchteten grelle Farben im
Sonnenschein, weiße und gelbe und blaue, die ersten Häuser Santiago de
Cubas. Dann verschwanden die Bäume, und aus dem Weg wurde eine breite
Straße, die zwischen hölzernen Hütten hinführte, in denen die Aermsten
von Santiago wohnten. Da und dort an einer Ecke lungerten Männer und
Weiber in zerfetzten Kleidern, aber sie schlichen scheu davon, als
wir näher kamen. Splitternackte Kinder mit schrecklich aufgedunsenen
Bäuchen rannten schreiend in die Hütten.

Die alte Drahtlinie führte schnurgerade den Weg entlang in eine schmale
Gasse von Steinhäusern. Dröhnend hallten unsere schweren Schritte auf
dem holperigen Pflaster. Flache Dächer hatten die Häuser und klein und
niedrig waren sie und grell und bunt angestrichen. Aber sie sahen uralt
aus trotz der leuchtenden Farben. Die Steinstufen an den Toren waren
tief ausgetreten.

Totenstill und verlassen lag das Gäßchen da. Was es an Leben barg,
versteckte sich hinter massigen Türen mit bronzenen, kastilischen Löwen
als Klopfern und vergitterten Fenstern. Auf die grellen Häuserwände
warfen die Sonnenstrahlen blendendes Licht, und schwer und schwarz lag
der Häuserschatten auf dem Pflaster. Aus den alten Mauern schien dumpfe
Moderluft zu quellen. Still war es, so still, daß man leiser auftrat.
Die Gäßchen und die Häuser schienen zu schlafen. Dunkel war es fast.
Was die glühende Sonne an Lichtfreudigkeit auf die gelben und weißen
Wände zauberte, löschten die vielen dunklen Schatten wieder aus, die
lang und spitz und breit und stumpf in totem Schwarzviolett sich über
die Gasse hinzogen und über Türen und Fenster krochen. Zwischen den
spitzen Pflastersteinen wucherte Gras, und auf dem Fußsteig trat man
in tiefe Löcher. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Kein Gesicht zeigte
sich hinter all den Gitterfenstern.

Mehr schmale Gäßchen. Mehr gelbe, blaue, weiße Häuserchen, alle alt und
alle verwittert. Ueber einem flachen Dach ragte in der Ferne fein und
zierlich der Kathedralenturm in das tiefe Blau.

An der Ecke, bei einem Brunnen, in dessen Steinwände viele Jahre
und viele Wassertropfen große Löcher gefressen hatten, stand ein
amerikanischer Kavallerist, Karabiner im Arm, und deutete nach
vorwärts, wo das Gäßchen sich verbreiterte. Und bald wurde aus der
Stille Lärm. Zwar sahen die kleinen Häuser noch immer über alle Maßen
alt und verträumt aus, und vor Fenstern und Türen lagen hölzerne Läden,
mit schweren Eisenstangen fest verschlossen. Aber Inschriften in gelben
und goldenen Lettern über Türen und Schaufenstern zeigten, daß hier
doch noch lebendige Menschen wohnen mußten, die arbeiteten und kauften
und verkauften. Weiter oben standen sie, die lebendigen Menschen,
in dichten Gruppen; einem knallgelben Haus gegenüber. Sie trugen
spitze Strohhüte und dünne Hosen und Jacken, bald braun, bald weiß,
bald farbig, aber immer zerfetzt. Weiber waren dazwischen mit wirrem
Haar und kurzen Röcken, unter denen die braunen Beine hervorguckten,
und neben ihnen kauerten nackte Kinder. Alle schrien und zeterten.
Sie schrien nach Brot, denn unter der armen Bevölkerung von Santiago
herrschte arge Hungersnot. Spanische Gendarmen drängten sie zurück.
Vor dem knallgelben Haus scharrten und wieherten viele Pferde, von
amerikanischen Regulären gehalten. Offiziere kamen und gingen. Es war
das Hauptquartier des Siegers.



Im Kabelbureau.

     Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach. -- Wir
     requirieren Wäsche. -- Der wundersame Patio. -- Das große Baden. --
     Der brauchbare Antonio. -- Wir rüsten ein Mahl. -- »=Caballeros
     telegraphistas!=« -- »Oh, der verdammte Speck!« -- »Man muß
     ein Loch in die Uhr schießen!« -- Das Feuerrad. -- Im Dunkel.


Der Lehrer der französischen Sprache an dem bayrischen Gymnasium von
Burghausen an der Salzach, in dem dickschädelige bayrische Bauersöhne
in glänzenden schwarzen Hosen sich die erste wissenschaftliche Reife
ersitzen und leichtsinnige Münchner Früchtchen gezwiebelt werden --
Monsieur würde sich gewundert haben, hätte er gewußt, daß in diesem
Augenblick der hinausgeschmissene Lausbub ihn im Kabelbureau von
Santiago dankbar segnete. Mein Burghausener Französisch war zwar ein
grammatikalisches Gerippe nur, aber es genügte. Bei Gott, es genügte!

Wir waren im Kabelbureau von Santiago de Cuba. Der Major stand
breitspurig da, biß sich auf den Schnurrbart und bemühte sich offenbar,
höflicher zu sein, als ihm der Sinn stand. Ihm gegenüber tänzelte ein
kleines Männchen von einem lackbestiefelten Bein aufs andere. Sie
waren das Schönste an ihm, diese prächtigen Lackstiefel, wenn auch der
schneeweiße Leinenanzug ihnen einige Konkurrenz machte. Das Männchen
war der spanische Telegraphendirektor. Der zappelige Spanier fuhr mit
wohlgepflegten, ringgeschmückten Händen beschwörend auf den Major zu.

»Ich weiche der Gewalt!« sagte er. (Auf Französisch -- daher mein
Segnen!)

»Es handelt sich hier nicht um Gewalt, mein Herr,« antwortete der Major
in einem sehr verständlichen aber entschieden gräßlichen Französisch,
»sondern um eine ausdrückliche Abmachung der Kapitulation, wonach die
Telegraphenlinien vorläufig zu militärischen Zwecken von uns übernommen
werden. Wo sind Ihre Beamten, mein Herr?«

Die schönen Hände beschrieben wilde Kreise:

»Sie wichen der Gewalt.«

»Dann werden Sie selbst so freundlich sein müssen, mein Herr, mir die
verschiedenen Verbindungen zu bezeichnen!«

»Ich -- ich -- habe schriftlich ...« stotterte das Männchen und deutete
auf die Tische mit den Telegraphentastern. An jeden war ein Zettel
gehängt, auf dem die Verbindungen und die Anrufszeichen angegeben waren.

»Sehr schön!« knurrte der Major mit einer ironischen Verbeugung. »Oh --
hier haben wir ja die Santiagotal-Linie. Hastings, rufen Sie doch =S O=
3 an!«

Der Sergeant beguckte brummig den schweren, altmodischen Taster, der
unseren modernen leichten Morseinstrumenten gegenüber so verächtlich
war, wie es ein Mistwagen für ein Automobil sein würde, und begann zu
klopfen. Die Blockhausstation meldete sich sofort.

»Es ist gut,« sagte der Major. »Ich mache Sie dafür verantwortlich,
mein Herr, daß alle Apparate sich in Ordnung befinden. Die Instrumente
des Kabels nach Jamaica werden gegenwärtig von meinem Kabelexperten
geprüft ...«

»Ich lehne alle Verantwortung ab!« schrie der nervöse
Telegraphendirektor.

»Aber durchaus nicht,« meinte der Major freundlich. »Sie werden im
Gegenteil so liebenswürdig sein, sich heute abend um neun Uhr im
Hauptquartier einzufinden. Dann werden wir festsetzen, unter welchen
Bedingungen die Beförderung von Telegrammen und Kabelgrammen in
spanischer Sprache übernommen wird. Ich mache Sie jetzt schon darauf
aufmerksam, mein Herr, daß wir Ihrer und Ihrer Beamten für den Dienst
bedürfen werden.«

»Ich gehorche der Gewalt,« zeterte das Männchen.

»=Très bien=,« sagte der Major. »Auf Wiedersehen also heute abend um
neun Uhr im Hauptquartier!« Und der Herr Telegraphendirektor trippelte
mit wutgerötetem Gesicht der Türe zu.

»Der verdammte Narr!« platzte der Major heraus. »So, Jungens. Ich muß
ins Hauptquartier. Die Apparate im Kabelzimmer gehen euch vorläufig
nichts an. Befördert werden von euch heute abend nur die Telegramme an
=S O= 3, die ich durch Ordonnanzen sende. Richtet euch so gut ein als
möglich, damit ihr mir morgen frisch seid, denn wir werden Arbeit in
Hülle und Fülle haben. Stadturlaub gibt es heute noch nicht. Ihr habt
hübsch hier zu bleiben. Das Nötige schicke ich euch.«

Dann ging er.

Wir aber waren schon außer Rand und Band, kaum daß der Major die
Türe hinter sich geschlossen hatte. Karabiner, Revolver, Tornister,
Feldtaschen schmissen wir in eine Ecke, daß es krachte, und lachten und
schrien und spektakelten. Weil wir ein richtiges Dach über uns hatten
und in einem wirklichen Zimmer waren; wieder einen Tisch sahen und
Stühle zum Draufsitzen.

»Meinetwegen kann's jetzt Niagarafälle vom Himmel herunterregnen!«
schrie Sergeant Souder und ließ sich mit voller Wucht in einen Stuhl
fallen. »Hoh! Das also ist ein Stuhl! So sieht ein Stuhl aus? So sitzt
es sich in einem wirklichen ehrlichen Stuhl -- oah ...« Und er räkelte
sich und reckte sich und streckte die Beine gewaltig lang aus, der
Sergeant Souder.

Schreiend phantasierten wir einander vor, was wir in den nächsten
vierundzwanzig Stunden alles essen wollten. Ungeheuerliche Genüsse
dachten wir uns aus. Aber bald wurden wir des Spektakelns müde und
gingen als gute Soldaten daran, die Oertlichkeit zu rekognoszieren.
Den langen Telegraphentischen und den klobigen Instrumenten schenkten
wir kaum einen Blick -- die würden wir schon noch kennen lernen. Den
Kabeltelegraphisten, der jetzt aus dem Nebenzimmer kam und uns erzählen
wollte, daß die spanischen Kabeleinrichtungen durchaus nicht seinen
Beifall fänden, schrien wir einfach nieder.

»Morgen! Morgen, mein Sohn, wollen wir dein gesegnetes Kabel
beschnüffeln -- heute nicht!« knurrte der alte Hastings. »Heute müssen
wir herausbekommen, wo man sich waschen kann und wie man etwas zu
essen auftreibt und -- o Lord, so viele schöne Dinge, wie ich sie alle
notwendig brauche, gibt es überhaupt gar nicht! Jungens, dies Ding hier
sieht aus wie eine Kirche!«

Kein übler Vergleich. In mattem Halbdunkel nur ließen die hohen, schwer
vergitterten, buntbeglasten Fenster gedämpfte Lichtstrahlen in den
riesigen Raum einströmen. Aus steinernen Fliesen war der Boden, und
sonderbar hoch wölbte sich in vielen spitzen Bogen die weiße Decke.
Alt und verträumt wie die Gäßchen draußen, war auch das Haus hier.
Uralt schien alles. Die kunstvollen, eisengeschmiedeten Gitter, die uns
von dem schmalen Schalterraum abschlossen, das buntbemalte Kruzifix
in der Ecke, die sonderbaren eisernen Tintenfässer auf den Tischen,
das Kupferschmiedewerk der Lampen, die aussahen wie Ampeln. Sogar die
vielen an den Wänden angenagelten Verordnungen schienen aus einer
anderen Zeit zu stammen mit ihrer schnörkeligen, verzierten, pretiösen
Schrift.

An der einen Seitenwand des Raums waren vier Türen. Souder riß die
erste auf und schrie: »Hierher, Jungens! Da steht ein Waschstand und da
ist Seife, bei meiner armen Seele, und hier hängen Handtücher. =Glory
be to God.= Könnt ihr euch überhaupt noch vorstellen, wie Handtücher
aussehen?«

Wir stürzten herbei und jubelten.

Dann ging's zur nächsten Türe. Hinter ihr war eine Art Wandschrank,
in dessen Fächern drei große Pakete lagen. Ritsche -- ratsche -- riß
Hastings das dünne Papier von dem einen ... und seine Augen wurden groß
und größer.

»Und führe uns nicht in Versuchung!« sagte er. »Kinder, es ist traurig,
doch ich muß euch daran erinnern, daß das Zeug auf keinen Fall uns
gehört, gehöre es, wem es mag. Finger weg!«

Aber wir hatten ihm die Stücke schon aus den Händen gerissen und
tanzten begeisterte Kriegstänze. Es war ja nicht zu glauben -- es war
zu schön, um Wirklichkeit zu sein. Wäsche hielten wir in den Händen.
Reine Wäsche -- frisch von der Waschfrau! Seidene Wäsche darunter gar!!
Hemden und Hosen und Kragen und Strümpfe und feine Leinenanzüge ...
Irgend ein spanischer Telegraphenbeamter, der ein höchst verwöhntes
und sehr feines Herrchen sein mußte, hatte sich aus irgend welchem
Grunde seine Wäsche ins Bureau schicken lassen. Nein, nicht einer nur.
Mehrere. Die Wäschestücke waren verschieden groß.

»Sie passen mir tadellos,« grinste Souder, der ein Paar Hosen prüfend
vor sich hinhielt.

»Zum Teufel -- laß das Zeug liegen,« rief Hastings. »Es ist
Privateigentum.«

»Schrei nicht so,« antwortete Souder gemütlich. »Ich weiß schon, daß
du hier Rangältester bist. Aber sag einmal, Freund, soll ich in diesem
blutigen Krieg nicht einmal ein reines Hemd und eine saubere Unterhose
erbeuten dürfen?«

»Wir können uns doch Wäsche _kaufen_!« knurrte Hastings.

»Ganz richtig -- vorläufig kaufe ich mir diese hier --«

»Und wenn der Major ------ «

»Laß mich zufrieden!« schrie Souder. »Wenn der Major so dreckig wäre
wie ich, so würde er sich die feine Wäsche hier mit der gleichen
Gemütsruhe stehlen, wie ich das zu tun gedenke. Pardon -- requirieren
würde sie der Major. Zum Kuckuck, wir sind doch keine Sonntagsschüler!«

Sergeant Hastings hielt ein Hemd in der Hand und sah es lange und
liebevoll an.

»Ich habe eine Idee!« sagte er endlich. Er ging zum Tisch, nahm ein
Telegrammformular und schrieb: »Die hier fehlenden Wäschestücke habe
ich mir aus Gesundheitsrücksichten für mich und meine Kameraden
angeeignet. Der Eigentümer erhält Bezahlung von mir. Hastings,
Signalsergeant.«

Dieses merkwürdige Schriftstück legte er in den Schrank an Stelle der
fehlenden Pakete und schloß ihn sorgfältig wieder zu, nachdem wir uns
ein jeder ausgesucht hatten, was wir brauchten.

»Die Sache ist =allright=!« meinte der alte Sergeant schmunzelnd. »Ohne
den Fetzen Papier wär's Plünderung -- mit dem Fetzen Papier ist's
dienstliche Requisition.«

»Vielleicht gibt's noch mehr zum Requirieren!« lachte ich.

Die dritte Türe barg einen Aktenschrank mit allerlei Formularen.
Die vierte ging in einen großen Raum, der nur durch das Türoberlicht
vom Bureau her erleuchtet wurde. Er war gänzlich kahl und leer. Nur
an den Wänden standen Ballen mit zusammengeschnürten Papieren. Eine
offene Tür gegenüber zeigte ein kleines Gemach mit allerlei Gerümpel
und einem Herd in der Ecke. Helles Licht strömte aus einer hohen und
breiten Oeffnung in der Mauer. Ausgetretene steinerne Stufen führten
zu einem kleinen Hof hinab, versteckt und still und wundersam. Von
maurischen Hufeisenbögen getragen, gestützt von schlanken weißen Säulen
neigte sich ringsum weit in den Patio hinein der dachartige Vorsprung.
Verträumtes Plätschern klang rieselnd in die Stille. Rankenversponnen
waren die Wände, und da und dort leuchteten blaue und rote Blüten
aus dem tiefen Grün. In der Mitte stand der Springbrunnen mit einem
gewaltigen Löwen von sonderbar eckigen Formen, aus dessen Maul ein
dünner Strahl in das marmorne Bassin fiel. Uebergroß, schwarzdunkel
sah das Brunnenbild aus im kühlen, gedämpften Licht der untergehenden
Sonne. Aus roten Ziegelsteinen war der Boden. Rechts und links guckten
flache Dächerreihen über die Mauern herein, und gegenüber ragte eine
graue Häuserwand mit kreuzweis vergitterten Fenstern empor.

»Es geht nicht,« brummte Souder kopfschüttelnd und sah zu den Fenstern
hinauf. »Nee -- es geht nicht!«

»Was geht nicht?« fragte ich.

»In den Springbrunnen da hineinzusteigen, wie ich es gern möchte.
Die Kleider herunter und hinein in den Brunnen! Aber die =ladies=
könnten's übelnehmen ...«

Da guckte ich mir den Brunnen an, und in meiner Seele stieg ein großes
Wünschen auf nach einem großen Bad. Aber während ich noch guckte, wurde
drüben in der grauen Häuserwand ein Fensterladen ein wenig geöffnet,
und ein Frauengesicht sah neugierig auf uns herab, sofort wieder
verschwindend, als ich lustig hinaufwinkte. Nein, es ging wirklich
nicht! Aber es fiel mir ein, daß ich in der Küche in einem Winkel eine
Art Zuber gesehen hatte. Den holte ich und warf ihn in den Brunnen, und
Souder und ich holten ihn zusammen heraus, wassergefüllt.

»Halleluja!« rief der alte Hastings. »Ihr müßt aber ja nicht glauben,
daß die alte Badeanstalt euch beiden allein gehört. Vorwärts, marsch,
hinein mit der Badewanne ins Zimmer ...«

Und ein großes Baden hub an in dem leeren Gemach neben dem Bureau.
Einen fürchterlichen Spektakel machten wir dabei. Im Nu hatten wir uns
ausgezogen und kugelten übereinander; fünf Männer, die sich pufften
und stießen, um in einem mittelgroßen Zuber und einer ziemlich kleinen
Waschschüssel möglichst schnell, möglichst gründlich und möglichst
gleichzeitig zu -- baden.... Der Kabeltelegraphist, der ein langsamer
Geselle war und sich beim Auskleiden nicht gesputet hatte, mußte
auf allgemeine Einschreierei seine Hosen wieder anziehen und in der
Waschschüssel ohn' Unterlaß frisches Wasser herbeischleppen. Den Zuber
zerrten wir ein halbes dutzendmal zur Küchentüre und stürzten ihn
einfach um. Das Wasser würde ja schon irgendwohin ablaufen. In fünf
Minuten waren die Küche und das Nebengemach ein kleiner See. Wir aber
badeten. Wir spritzten wie nicht gescheit. Wir zankten uns um das
einzige Stückchen Seife -- und tanzten umher unter allerlei Kapriolen
und pfiffen und schrien und schwelgten in Wasser und Seifenschaum. Ein
Zuhörer würde uns reif fürs Tollhaus gehalten haben.

Da öffnete sich knarrend eine Türe und eine krähende Stimme rief:
»=Caballeros!=«

»Still!« sagte Hastings. »Da ist jemand!«

»=Señores!!=«

»Oh, es ist nur ein =Cubano=,« lachte Souder und schrie laut: »Fahr'
zur Hölle -- dies Bureau ist geschlossen!«

»Nix Hölle!« meckerte die Stimme in gebrochenem Englisch. »Mich
geschickt von =Señor Capitano= mit einem Brief, =Señores=!«

Gleichzeitig schob sich eine Gestalt in die Türe, und ein kleiner
Kubaner stand da, uns listig anfunkelnd aus den Fuchsaugen in dem
mageren braunen Gesicht. »Ich Antonio!« erklärte der Magere. »Mich
Generalagent sein für die =caballeros telegraphistas=!«

»Was?« schrie Hastings.

Der Kubaner grinste und gab ihm einen Brief.

Brummend wischte sich der splitternackte Sergeant den Schaum aus den
Augen und las laut:

»Sergeant Hastings!« begann der Brief. »Der Ueberbringer heißt Antonio
und ist ein Spitzbube. Aber er kann ein bißchen Englisch und wird
Ihnen alles besorgen, was Sie brauchen. Inliegend zwanzig Dollars.
Sehen Sie Antonio auf die Finger! -- Stevens.«

Antonio mochte ein Spitzbube sein, aber für uns war er ein Juwel. Er
hatte einen Sack mitgebracht, den er nun in die Küche schleppte und
ausleerte. Ich guckte, faselnackt noch immer, neugierig zu, wie aus dem
Sack allerlei Bratpfannen und Töpfe rollten und allerlei Proviant in
Armeeverpackung: Zucker, Salz, Mehl.

»Mich fein kochen!« erklärte Antonio stolz. »Mich überhaupt alles!!«

»=Bueno!=« nickte ich -- kletterte in eine seidene Unterhose und
schlüpfte, o Wonne über Wonne, in ein batistenes Hemd. Die ganze Welt
hätte ich umarmen können, so glücklich kam ich mir vor, wenn ich auch
merkwürdig müde war und alle Glieder mich schmerzten. Zunächst äußerte
sich meine Glücksstimmung darin, daß ich Antonio einen Silberdollar
schenkte, den er mit einer tiefen Verbeugung und einem »=gracias,
Señor=« grinsend einsteckte. Wahrscheinlich hielt er mich für verrückt.
Aber Antonio war diesen Silberdollar unter Brüdern wert und ganz gewiß
auch die fünfzig Prozent Spitzbubentaxe, die er ohne Zweifel auf jeden
Einkauf draufschlug.

Ein Juwel war er, ein Wunder, ein Genie, das im Augenblick die
Situation erkannt und es instinktmäßig begriffen hatte, daß den
=telegraphistas= die Silberstücke locker saßen, so man sich ihnen nur
nützlich zu machen wußte. Und Antonio setzte in ganz unspanischer
und unkubanischer Weise seinen Intellekt und seine Beine in rapide
Bewegung. Er zog ein Rasiermesser und einen Streichriemen aus der
Tasche, erklärte, daß er in friedlichen Zeiten Barbier sei, wenn es
auch jetzt mit dem Geschäft sehr faul stehe, und hatte im Handumdrehen
uns alle ausgezeichnet rasiert. Er kam und ging, verschwand und war
wieder da. Er schleppte bauchige Flaschen herbei voll schweren Rotweins
und viele Zigaretten und viele Zigarren -- und wir priesen dankbar die
Güte der Götter, die uns in ein Land geführt hatten, in dem man für
wenige Dollars so viele schöne Dinge bekommen konnte. Er brachte uns
Arme voll =alpergatos= zum Aussuchen, und wir steckten unsere Füße in
die wonnige, weiche Tuchbekleidung, auf deren Stricksohlen es sich
so leicht ging, und wunderten uns, daß die Dinger kaum einen halben
Dollar kosteten. Er brachte Holz und brachte Kohlen und machte Feuer
an im Küchenherd und zauberte Eier herbei und rupfte Hühner, die er
gottweißwo aufgetrieben hatte -- und wenn's dem Herrgott in Frankreich
gut gegangen ist, so ging es uns armen Signalisten besser noch im
kubanischen Land.

Antonio war überall. Er hatte auch seine Frau herbeigezaubert, die
fünfmal so dick war wie ihr Gatte. Sie briet jetzt Hühner und rührte
Omelettes, während er, allgegenwärtig, Uniformen mit Benzin putzte und
unsere Flanellhemden wusch und doch sofort mit einem Zündholz da war,
wenn man sich eine frische Zigarette nahm.

Oh, es ging uns ausgezeichnet; wir hatten es über alle Maßen gut!
Lümmelig saßen wir da auf den bequemen Stühlen, streckten unsere Beine
lang aus auf die Telegraphentische und waren sehr zufrieden.

»Antonio, eine Zigarre!«

Antonio flog.

»Antonio -- ein Zündholz!«

»=Si, si, Señor.=«

»Antonio! Mach' die Tür zu ...«

Wie Granden von Spanien kamen sie sich vor, die =caballeros
telegraphistas= ------

       *       *       *       *       *

Als das Essen auf den Tisch kam, geschah etwas Sonderbares -- wir aßen
fast nichts. Ausgehungert hätten wir uns auf die allererste anständige
Mahlzeit seit langen Wochen stürzen müssen, aber einsilbig saßen wir da
und stocherten mißgestimmt auf den Tellern herum. Und der Kubaner hatte
sich so große Mühe gegeben! Ein Tischtuch hatte er herbeigezaubert und
wirkliche Teller und wirkliche Bestecke. Auf großen Platten prangten
die Hühner und die Omeletten. Purpurrot schimmerte der schwere Wein in
den Gläsern.

»Ihr eßt ja nichts!« brummte Hastings.

»Du ja auch nicht,« knurrten wir.

»Weiß der Teufel, was das ist,« sagte Souder.

Der Kabeltelegraphist legte Messer und Gabel vor sich hin. »Ich
glaube, ich weiß, was es ist,« sagte er. »Als ich noch bei der
Western-Union-Telegraphen-Company war, schickten sie mich einmal in
ein verdammtes Nest in Arizona, wo es nur halbvergiftetes Wasser zu
trinken gab, Wasser, das mehr Alkalisalze enthielt, als für einen
Christenmenschen gut war. Vier Monate später wurde ich in St. Louis
sehr krank -- weil mir das Alkaligift fehlte, an das mein Magen sich
gewöhnt hatte. Der Doktor hat mir das gesagt. So geht's uns auch jetzt.
Unsere Magen sind auf den verdammten Speck eingefuchst und können
anständiges Essen noch nicht vertragen!«

»Der verdammte Speck!« brummte Souder.

Mißmutig saßen wir da, verdrossen und übler Laune. Da stand nun auf
Platten und Tellern, wonach man sich wochenlang gesehnt ------ ja, der
verdammte Speck!!

Um wenigstens etwas Leben und Freude in die gräßliche Mahlzeit zu
bringen, brachten wir ein Hoch auf den Major aus und zerschmetterten
unsere Gläser an der Wand, wie amerikanische Offiziere es tun in ihren
Messen bei großen Toasten. Aber es war auch da kein rechter Zug in der
Sache.

Antonio räumte kopfschüttelnd die Herrlichkeiten wieder ab.

       *       *       *       *       *

Die anderen spielten Poker an dem runden Tisch in der Ecke. Ich war
zu müde. Allein saß ich in der anderen Ecke, den Spielern gegenüber,
auf einem Stuhl, den ich schräg gegen die Wand gelehnt hatte, um recht
bequem zu sitzen. Es schien mir, als sei mir der schwere Wein in den
Kopf gestiegen, so wenig ich auch getrunken hatte. Ein Glas nur oder
zwei.

Furchtbar müde war ich, aber gar nicht schlafensmüde, eher überwach.
Gliedermüde nur. Die Glieder schmerzten mich so. Die Arme und die
Beine schmerzten mich, als ob irgend etwas in ihnen zerre und reiße.
Dann wieder wurden sie mir bleiern schwer, und es kostete mich Mühe,
die Zigarette zum Munde zu führen. Wie sonderbar sie schmeckte, diese
Zigarette! Nach gar nichts, rein nach gar nichts. Weg damit!

»Antonio!«

»=Si, señor.=«

»Eine Zigarre, bitte ...«

Er schnitt die Spitze ab und gab mir Feuer, geräuschlos verschwindend.
Ich rauchte und schüttelte den Kopf, denn auch die Zigarre schmeckte
nach gar nichts ...

Wie die Uhr an der Wand gegenüber glitzerte und funkelte! Sie hatte
ein gelbmetallenes Zifferblatt, und die glänzende Scheibe schien alles
Licht im Zimmer an sich zu saugen und wiederzustrahlen. Sie blendete
mich. Aber es war doch nicht der Mühe wert, aufzustehen. Und der Pendel
der Uhr schwang immerwährend hin und her und der bestand auch aus einer
glänzenden kleinen Scheibe und der leuchtete auch. Ich mußte immer
wieder hinsehen.

Tik -- tak -- tik -- tak ...

Laut wie Gehämmer war der Pendelschlag.

Dazwischen hörte ich deutlich meinen eigenen Pulsschlag in der Schläfe
und der großen Halsader: eins, zwei, drei, vier -- eins, zwei, drei,
vier -- vier Pulsschläge immer auf einen Pendelschlag ... Ach was,
dummes Zeug. Wenn ich nur nicht so bleiern müde wäre ...

»Ich habe vier Könige, meine Herren! Das Geld ist mein!« sagte eine
Stimme ganz weit weg.

»Vier Könige sind viel!« dachte es in mir.

Tik, eins, zwei, drei, vier -- tak, eins, zwei, drei, vier ... Wie doch
die infame Scheibe da drüben glitzerte und blendete! Ich machte die
Augen zu, aber selbst mit geschlossenen Lidern sah ich Fluten von Licht.

Man mußte ein Loch in diese Uhrscheibe schießen -- mitten hinein -- und
das gab dann einen dunklen Punkt -- und dann konnte sie nicht mehr so
leuchten ...

Tik -- tak ----

Mitten hinein mußte man schießen!

Da begann die Scheibe sich langsam zu drehen, und dann bewegte sie sich
immer schneller in funkelndem Kreis und wurde zum flammensprühenden
Feuerrad, das mit fürchterlicher Geschwindigkeit sich sausend schwang.

Und immer noch schneller ...

Da barst es funkensprühend mit dumpfem Krachen und es wurde ganz dunkel
...



Auf der Insel des Gelben Fiebers.

     »Ich bin gar nicht tot!« -- Im Hafenhospital von Santiago. -- Die
     gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib. -- Der sterbende
     Trompeter. -- Warum ich den Neger erschießen wollte. -- Schlafen,
     nur schlafen! -- Das Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr.
     Gonzales. -- Ich bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. --
     Krankenpfleger und Totengräber. -- Wie der Rauhe Reiter
     Himmelsblumen pflückte. -- Eine nächtliche Schreckensszene. -- Der
     Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die Krankenschwestern.


Viele Wochen später. Der Krieg war zu Ende.

Der Transportdampfer hatte mich auf amerikanischem Boden gelandet, in
Montauk Point, dem Lager der aus Kuba zurückgekehrten Truppen. Lange
mußte ich suchen, bis ich in den Zeltreihen das Signalkorps fand.

»Guten Tag, Kinder!« sagte ich, ins Sergeantenzelt eintretend, in dem
Hastings, Souder und Ryan beisammensaßen. Die drei Männer fuhren empor
wie aus der Pistole geschossen.

»Verdammt -- er ist's!« brüllte Souder.

»Teufel! Willkommen, Sergeant!« schrie Ryan.

»Du bist also nicht tot?« fragte der alte Hastings und riß den Mund
weit auf vor Staunen.

»Ich bin gar nicht tot!« lachte ich seelenvergnügt. »Ich glaube es
wenigstens nicht. Guten Tag, Kinder!«

Dann ging's an ein Beglückwünschen, und ein großes Erzählen hub an. Auf
Soldatenart. »Ich war wütend auf dich!« grinste Souder. »Machen sie den
Menschen zum Sergeanten,« sagte ich mir, »und der Esel geht hin und
stirbt! Läßt Wochen und Wochen üppiger Kriegslöhnung im Stich. So 'was
Dummes!«

»Wußtet Ihr denn nicht ----?«

»Nichts wußten wir. An dem Abend im Kabelbureau -- du erinnerst dich?«

»Und ob!«

»Erinnerst du dich auch an Antonio?«

»Natürlich.«

»Den haben wir mitgenommen -- na, du wirst ja sehen. An jenem Abend
also bist du mit dem Stuhl zusammengeknaxt und hast mir damit eine
wunderschöne Pokerhand verhunzt, die ich eben bekommen hatte. Das
vergess' ich dir sobald nicht ... Einen Augenblick!«

Er ging und kam wieder, einen Arm voll Bierflaschen herbeischleppend --

»Bums -- lagst du am Boden. Wir waren so erschrocken, daß wir die
Karten hinwarfen -- Teufel, wenn ich an meine schönen drei Asse
denke! -- und dich schleunigst aufhoben, wobei du mir übrigens einen
niederträchtigen Fußtritt gegeben hast, mein Junge. Du schriest wie
besessen und erzähltest allerlei Blödsinn von einer Uhr. Zuerst dachten
wir, es sei der Wein. Aber wir hatten doch gar nichts getrunken.
Dann schickten wir den Antonio ins Hauptquartier zum Major, und ein
Stabsarzt kam, der sagte, du seiest sehr krank, und am frühen Morgen
brachten wir dich ins Hafenhospital. Als ich tags darauf dort wieder
vorfragte, hieß es, du seist auf die Gelbfieber-Insel geschafft worden
und wahrscheinlich schon tot. Du hättest Gelbes Fieber. Dann hieß es,
du lägest im Sterben. Adieu, dachten wir uns. Der arme Teufel ist schon
längst begraben!«

       *       *       *       *       *

So also war es zugegangen an dem Abend im Kabelbureau. Ich wußte
nichts davon. Die langen Stunden jener ersten Gelbfiebertage sind mir
wie trübes undurchsichtiges Grau, aus dem nur da und dort grell und
schrecklich das Erinnern leuchtet. Ich weiß, daß ich, erwachend, um
mich sah und mich auf einer Matratze liegend fand, in einem großen
hellen Raum, mit vielen anderen Soldaten, die auch am Boden lagen,
auch auf Matratzen -- und daß mir dies und alles andere unendlich
gleichgültig war. Daß ich mich auch nicht mit einem einzigen Gedanken
darum kümmerte, was eigentlich geschehen war mit mir, ob ich krank sei
oder nicht, und wo ich mich befand. Weder etwas sehen wollte ich, noch
etwas hören, noch etwas wissen. Nur schlafen, schlafen. Meinetwegen
konnte geschehen, was da wollte, wenn man mich bloß schlafen ließ
und meine Ruhe nicht störte. Schlafen, nur schlafen! Dem Zwang der
bleiernen Müdigkeit gehorchend, die über mir lag wie schwerer Alp.

Eine Hand erfaßte meinen Arm, fühlte nach dem Puls, schob meinen Aermel
zurück, griff mit harten Fingern in die Haut am Oberarm, zog sie empor,
ließ sie zurückschnellen. Da und dort betastete mich die Hand. Sie
riß meine Kleider auf und legte sich mir auf den Leib. Ich spürte das
alles und wurde ärgerlich. Zu dumm, daß die -- die Hand da einen nicht
in Ruhe lassen konnte! Eigentlich hätte ich mir die dumme Hand ja ganz
gern angeguckt, aber es war doch nicht ganz so einfach, die Augen zu
öffnen. Es machte wirklich zu viel Mühe! Nein, lieber nicht.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte eine Stimme.

»Du meinst wohl, ich werde dir antworten?« dachte ich. »Du bist ein
großer Esel, wer du auch sein magst. Siehst du denn nicht, daß ich
schlafen will?«

»Wie geht es Ihnen?«

»Zu dumm -- die Fragerei,« dachte ich bloß.

Da betastete mich wieder die Hand. Ein Finger legte sich auf mein
Augenlid, und eine Stimme, die laut zu dröhnen schien, schrie dicht an
meinem Ohr:

»Tut das weh?«

»Geh weg!« brummte ich.

Und es wurde wieder hübsch still und dunkel. Nach langer Zeit dann
schien es mir, als ob meine Matratze sich bewege und aufgehoben würde
und fortgetragen. Ich hörte Stimmen und fühlte helles Sonnenlicht mehr
als ich es sah. Da wachte ich endlich auf und öffnete wirklich die
Augen. Ich war mitten auf dem Wasser, in einem großen Boot. Deutlich
sah ich den breiten Rücken des Ruderers vor mir, sah wogendes Wasser,
Häusermassen, grüne Hügel in der Ferne; sah eine große gelbe Flagge
über mir flattern. Diese gelbe Flagge kam mir bekannt vor. Sie war es,
die das erste halbwegs klare Denken in mir auslöste.

Hm -- ich wußte doch -- natürlich! Gelbe Flaggen waren
Krankheitsflaggen. Pest bedeuteten sie, Cholera, Gefahr der Ansteckung.
Hm ja. Zu dumm. Halbbegriffen huschte mir der Gedanke durch den Kopf,
daß ich also doch wahrscheinlich recht krank sein mußte. Aber -- wenn
man krank war, dann war man eben krank -- andererseits -- wie konnte
man denn krank sein, wenn einem gar nichts fehlte als Schlaf? Zu dumm!
Zu dumm, daß sie einen nicht schlafen ließen.

Und ich machte die Augen wieder zu.

Um nichts in der Welt hätte ich sie geöffnet, denn nun war es
wunderschön still und ruhig. Leise nur und wie aus weiter Ferne hörte
ich gedämpfte Geräusche, und undeutlich war das traumhafte Empfinden,
daß irgend etwas mit mir geschah. Daß man mich trug -- daß sie mich
irgendwo hinlegten ...

Plötzlich fuhr ich empor.

Luft -- Luft! Oh -- der fürchterliche Schmerz im Leib! Das Brennen!
Luft, zum Teufel!

Es war dunkel. Ich sah nichts. Wo war ich? Was war geschehen? Souder,
der Tölpel, mußte gestolpert sein, als er ins Zelt kam in der
Dunkelheit -- auf den Bauch hatte er mich getreten mit den schweren
Stiefeln -- ah, wie das brannte. Ich preßte die Fäuste gegen den Leib.
So, jetzt war's besser. Wo bin ich? Was -- ist -- das?

Und wie mit einem Schlage kam durch den aufrüttelnden Schmerz die Kraft
des Sehens in mein Auge, und in mein Hirn die Fähigkeit des Denkens.
Ich sah die Männer auf dem Boden liegen, sah den Neger in der Uniform
eines Sanitätssoldaten, begriff, daß es Schwerkranke waren, unter denen
ich mich befand, und daß ich selbst sehr krank sein mußte. Mühsam
richtete ich mich auf, die Fäuste immer noch gegen den Bauch gepreßt,
denn das half.

»Heh, du!«

Der Neger kam einen Schritt näher.

»Was fehlt mir? Was ist das hier?«

»Inselhospital, Herr. Für Gelbes Fieber und Typhus. Bin selber erst
heute früh mit den ersten Kranken hergeschickt worden. Morgen kommen
die Betten --«

»Was -- fehlt -- mir?«

»Weiß ich nicht,« antwortete der Neger mürrisch. »Bißchen Typhus, denk
ich mir, oder 'n bißchen Fieber. Is nich schlimm, Herr. Furchtbar viel
Arbeit hier für mich. Ich bin ganz allein ---- «

Angst packte mich, furchtbare Angst. Gel -- bes Fieber -- die Schmerzen
im Leib -- das schreckliche Müdesein ------ Regungslos hockte ich da
und starrte um mich. Unter mir lag ein Strohsack. Ich war in einem
kleinen Raum, der arg verwahrlost aussah vom roten Ziegelsteinboden
bis zu den beschmierten Kalkwänden. Die schmutzigen Fenster ließen nur
trübes Licht herein. Nackt und kahl war alles. An der einen Wand stand
ein kleiner Tisch mit Gläsern und Flaschen und einem Stuhl davor. Links
und rechts von mir und gegenüber lagen der Wand entlang auf Strohsäcken
die Kranken. Wenige nur. Ich begann zu zählen -- eins, zwei, zehn ...

Wieder packte mich die Angst. Gelbes Fieber -- die Schmerzen im Leib
-- die, die ---- verdammt, es war ja gar nicht so schlimm mit den
Schmerzen, wenn man nur die Fäuste ordentlich gegen den Bauch preßte --

Mein Auge hatte sich jetzt an das Halbdunkel gewöhnt. In der Ecke
schräg gegenüber kauerte auf einem Strohsack, an die Mauer gelehnt, ein
riesiger Trompetersergeant, die glitzernde Trompete noch umgeschlungen.
Sein weißes Gesicht war nach vorne gebeugt, und ein gefrorenes Grinsen
klebte auf seinen Zügen. Der Oberkörper bewegte sich ruckweise, in
immer gleichem Takt, immer ein wenig vorwärts, immer ein wenig zurück.
Mit jeder Bewegung kam und ging ein röchelndes Rülpsen aus seinem Hals,
regelmäßig wie das Ticken einer Uhr. Ueber das Hellbraun seines Rocks
und das Metallgelb der Trompete tropfte trickelnd ein schwarzrotes
Blutbächlein. Immer gleich blieben sich das Grinsen und das Rülpsen.
Bei jedem Ruck nach vorwärts floß ein wenig schwarzes, dickes Blut aus
dem Mund.

Da verschwand auf einmal das Grinsen von dem Gesicht.

Die Augen öffneten sich weit, der Mund sperrte sich auf, daß er aussah
wie ein schwarzes Loch, und etwas Rotschwärzliches schoß strömend
hervor aus ihm, sich über Mann und Strohsack ausbreitend in dunkler
Lache. Der Körper aber schnellte vorwärts in gewaltigem Ruck und sank
dann langsam zur Seite. Auf dem Strohsack daneben hatte der schlafende
Mann den Arm weit von sich gestreckt, und seine gelbe Hand lag flach
mit gespreizten Fingern auf dem Ziegelsteinboden. Um diese Finger und
diese Hand ging langsam der Blutstrom. Er kroch hinein zwischen die
Finger. Wie ein gezackter, weißer Fleck ragte die Hand aus der Lache.

Es würgte mich.

Der Neger kam langsam und faul herbei, nahm gleichgültig eine Decke und
warf sie über den toten Trompeter. Sonst rührte und regte sich niemand.
Die Männer auf den Strohsäcken lagen still da, schweratmend die einen,
wie tot die anderen. Der Neger ging wieder an den Tisch, setzte sich
auf den Stuhl und blickte stumpf vor sich hin. Ueber mich kam wieder
die alte Müdigkeit, großes Gleichgültigsein, willenlose Erschlaffung.
Ich fiel zurück auf den Strohsack. Und es wurde Nacht um mich.

Müde, müde erwachten meine Sinne wieder. Ich schlug die Augen auf und
sah, da links, im trüben Licht der Laterne in der Ecke, etwas glitzern.
Neben mir. Die silbernen Schulterstreifen eines Offiziers waren es,
eines Leutnants. Ich sah schärfer hin. Der Offizier lag ruhig da, lang
ausgestreckt, und sein Leib hob und senkte sich im Auf und Nieder ganz
langsamer, sehr tiefer Atemzüge. Aber --

Nein, es war nicht möglich! Ich sah Gespenster im Fieber. Herrgott, das
gab es doch nicht!! Ich versuchte nachzudenken, aber es wollte nicht
gehen. Herrgott, das konnte doch nicht sein! War ich schon wahnsinnig?
Mit einem Ruck richtete ich mich auf -- beugte mich hinüber --
streckte tastend die Hand danach aus -- mit schwachen, zitternden,
täppischen Fingern ----

Denn etwas Furchtbares war da.

Mit leisem Gesurre umschwebten mich Hunderte und Aberhunderte von
winzigen, schwarzen Pünktchen, wogten unruhig auf und ab, schwebten,
sanken tiefer und ließen sich wieder dort nieder, von wo sie gekommen
waren -- in den starren, weit geöffneten Augen des Leutnants ...

Der Offizier lag im Sterben. Noch ging und kam sein Atem in langen
Zügen, doch die Kraft, die Augen zu schließen, hatte er nicht mehr.
Aber er lebte noch -- er lebte noch! Und die Augen des Lebenden sahen
schwarz aus wie Kohlensäckchen. Viele, viele kleine Fliegen wimmelten
in entsetzlichem Gekribbel in den Höhlen des menschlichen Lichts. Auf
den armen, wehrlosen Augen! Auf den Augen!!

Ich wollte aufschreien, aber aus dem Schrei wurde nur ein Stöhnen.

»Was gibt's?« fragte brummig der Neger vom Tisch.

»Komm her, du schwarzer Hund!«

»Wa -- as?«

»Komm her, du -- schwarzer -- Hund!!«

Ich hatte suchend herabgetastet an mir selber und wirklich im Gürtel
den Revolver gefunden. Sie hatten ihn mir noch nicht abgenommen. Ich
riß ihn aus dem Holster und nahm die Waffe in beide Hände und richtete
sie auf den Neger --

»Komm her, du ----!«

Seine Augen wurden groß und erschrocken, daß ihr Weiß sonderbar abstach
gegen die schwarze Haut. Langsam schlich er herbei, die Augen starr auf
den Revolver.

»Da! Die Augen!!« keuchte ich.

»Nicht schießen, Herr -- Jesus Christus, nur nicht schießen!« stotterte
der Schwarze.

»Die Fliegen!!«

»Er -- spürt nichts mehr -- ganz gewiß nicht ...«

»Du verfluchte Bestie! Nimm ein Tuch! Deck es über ihn!«

»Ich -- ich hab aber kein Tuch, Herr --«

Da hob ich den Revolver. Der Neger riß sich mit furchtbarer Kraft
ein Stück Hemd von der Brust, verscheuchte die Fliegen mit heftigen
Schlägen und warf den Fetzen dem Sterbenden übers Gesicht ... Surre --
surre -- umschwirrte es mich. Langsam hob und senkte sich der Leib des
Leutnants.

»Ruhe da drüben!« murmelte von einem Strohsack gegenüber eine Stimme.
»Laßt einen doch schlafen ...«

       *       *       *       *       *

Schlafen, nur schlafen.

Nichts mehr sehen wollen, nichts mehr denken müssen. Der Neger schlich
zum Tisch zurück, plumpste auf den Stuhl, griff nach einer Flasche,
aus der er etwas in ein Arzneiglas schüttete, und leerte es auf einen
Zug. Ah! Das -- Herrgott, das war Whisky -- oder Rum -- oder ... irgend
etwas, das betäubte, Ruhe schenkte! In der Flasche dort steckte das
Vergessen! Ich wollte aufspringen, aber ein furchtbarer Schmerz schoß
mir durch den Leib. Schwer fiel ich zurück. Da drückte ich die eine
Hand in den Bauch und wälzte mich vom Strohsack. Ich schob den Revolver
vor mir her und kroch über den Boden hin. Der Neger flüchtete sich in
eine Ecke. Endlich, endlich, war ich am Tisch. Packte ein Tischbein.
Zog mich langsam, ganz langsam empor. Griff nach der Flasche --

»Nicht trinken, Herr!« schrie der Neger.

Gegen das Tischbein gelehnt, hob ich die Flasche mit beiden Händen,
denn sie dünkte mich schwer, und trank; trank etwas, das im kranken
Magen wie Höllenfeuer brannte. Der Revolver war klirrend zur Erde
gefallen. Und ich trank und trank und ließ betäubt die Flasche aus den
Händen gleiten und mußte gewaltig husten und war inmitten sprühender
Lichtfluten und sah weißglühende Sterne tanzen. Dann wurde es wieder
dunkel.

       *       *       *       *       *

Stechender Schmerz über dem Herzen erweckte mich. Ich schlug die Augen
auf und machte sie schleunigst wieder zu, denn das Licht blendete mich,
schlug sie wieder auf und blinzelte verwundert auf die Gestalt, die
sich über mich beugte. Hm ... verwirrter, verwilderter Haarschopf --
braunes Gesicht mit warmen gütigen Augen hinter der goldberänderten
Brille -- hohe Stirn mit schwerer Hiebnarbe -- massige Schultern in
weißer Jacke -- eine lange, schmale Hand, die etwas Glitzerndes hielt
... Die Hand senkte sich, und wieder verspürte ich den leise stechenden
Schmerz in der Brust --

»Lassen Sie die Dummheiten!« murmelte ich ärgerlich und wunderte mich
im gleichen Augenblick, wie sonderbar dünn und fade meine Stimme klang.

»Das sind keine Dummheiten!« sagte ein lachender Mund dicht über meinen
Augen.

»Zu -- dumm!«

»Pst -- psst!« Die schmale Hand legte sich auf meine Stirn. »Sch ...!
Wer wird so unhöflich sein! Wenn Sie es aber durchaus wissen wollen
-- die Dummheit war eine kleine Strychnineinspritzung, die Ihr Herz
notwendig braucht. So! Nun wollen wir wieder schlafen!«

»Aber ...«

»Pscht! Sie haben auf der ganzen weiten Welt nichts zu tun jetzt als zu
schlafen!«

Und ich machte gehorsam die Augen zu.

Am gleichen Tag noch folgte dem ersten Erwachen das zweite, und wieder
kam die glitzernde Spritze, und abermals fühlte ich den stechenden
Schmerz auf der Brust. Ein Löffel voll kondensierter Milch wurde mir
eingeflößt.

»Pfui Deibel!« knurrte ich.

»Sagen Sie das lieber nicht!« meinte der Mann in der weißen Jacke
lächelnd. »Denn diese nahrhafte Milch wird, ein Löffel jede Stunde,
noch lange Ihr einziges Nahrungsmittel bilden.«

»Wieso denn? Ich -- ich habe Hunger!«

»Aha! Hunger haben wir? Wir sind schon wieder ganz intelligent? Können
reden und denken, nicht wahr? Schön. Wollen Sie mir versprechen, sofort
wieder einzuschlafen, wenn ich Ihnen alles sage?«

»J -- ja.«

Die sonderbar großen, warmen Augen sahen mich unverwandt an und die
ruhige Stimme erzählte kurz, ich sei recht krank gewesen an gelbem
Fieber. Jetzt aber könne ich mich wieder so gut wie gesund nennen,
immer vorausgesetzt, daß ich recht viel schlafen würde in den nächsten
Tagen. Ueberhaupt nur schlafen! Und recht geduldig sein und nicht
murren. »Denn sehen Sie, wenn man vier Tage lang getobt und geschrien
hat, dann ist der Körper arg mitgenommen und muß ausruhen. Schlafen
Sie! Freuen Sie sich, daß Sie eine Krankheit, wie gelbes Fieber es ist,
überstehen konnten!«

»Da hab ich wieder einmal Glück gehabt!« murmelte ich.

»Ganz gewiß!« sagte der Mann in der weißen Jacke. »Aber nun wollen wir
wirklich schlafen!!«

Ich nickte nur.

Viele Stunden gingen noch hin in diesem Halbbewußtsein des
arbeitsunfähigen Hirns, das mit dem geschwächten Körper litt und
schwach war. Ich sah alles nur wie durch Schleier. Die Menschen, die
Dinge um mich schienen Schatten zu sein. Dann aber regte sich gewaltig
der ursprünglichste Lebensdrang: Hunger hatte ich! Fürchterlicher
Hunger quälte mich. Im Wachen und Schlafen hatte ich keinen anderen
Gedanken als den einzigen: Essen! Gebt mir doch zu essen! Wollt Ihr
mich denn verhungern lassen? Wenn der Mann in der weißen Jacke sich
blicken ließ, bat und bettelte ich um ein Stück Brot wie ein Kind, und
meinen bittersten Feind sah ich in ihm, wenn er mit unerschütterlicher
Ruhe mir immer erklärte, das gelbe Fieber habe meine Magenwände und
meine Därme so beschädigt, daß jede andere Nahrung als flüssige mein
Tod sein würde. Ich glaubte es ihm nicht. Denn ich hatte ja solchen
Hunger!

Ich hörte nichts und sah nichts, sondern träumte nur vor mich hin und
stellte mir vor, wie köstlich ein Butterbrot schmecken müßte -- ein
kleines Butterbrot. Ich träumte nicht etwa von üppigen Mahlzeiten mit
vielen Gängen, sondern von Brot nur, einfachem Brot. Die Herrlichkeiten
des Paradieses hätte ich dahingegeben für ein kleines Stück Brot. Ich
hörte Menschen schreien in bitterer Leidensnot und wandte nicht einmal
den Kopf. Die hatten ja nur Schmerzen. Ich aber hatte Hunger. Und dann
kam der Tag, an dem ich vier oder fünf Löffel Suppe bekam, schlechte
Tomatensuppe, aus einer Konservenbüchse zusammengepantscht, mit einem
Stückchen oder zwei aufgeweichten Brots. Da dünkte ich mich glücklich
und reich.

Mehr Suppe am nächsten Tag. Mehr aufgeweichtes Brot. Milch dann im
Glas, nicht mehr im Löffel, dünnen Reisbrei -- Suppe endlich mit
viel Brot. Der Tag kam, an dem ich die zitternden Füße aus dem Bett
streckte und hinauskroch und verlegen dastand, mich krampfhaft an den
Eisenstangen des Betts festhaltend. Langsam fing ich an, die Dinge
um mich wirklich zu sehen und wirklich zu begreifen. Mit tastenden
Schritten ging es zurück ins Land der Gesundheit.

       *       *       *       *       *

Eines Tages schlich ich hinter Doktor Gonzales her (das war der Mann in
der weißen Jacke) und erwischte ihn gerade noch bei der Türe.

»Ich möchte entlassen werden,« bat ich.

Er lächelte, faßte mich am Arm und zog mich zur Türe hinaus in den
grellen Sonnenschein. Kaum war ich im Freien, da merkte ich, wie
schwach ich in Wirklichkeit war, denn sauer genug wurden mir die
wenigen Schritte zu dem Zelt des Doktors, das auf dem Rasen vor dem
gelben Gebäude aufgeschlagen war. Doktor Gonzales schüttete ein paar
Tropfen Whisky in ein Glas, goß Sodawasser darauf und gab mir das
Getränk. Hei, wie stark und hellhörig das machte --

»Von einem Zurückkehren zur Truppe kann keine Rede sein, Sergeant,«
erklärte er. »In vier Wochen vielleicht!«

»Bin ich denn Sergeant?« fragte ich.

Da bekam ich Billys Brief und vom Doktor eine gedruckte Liste der
Beförderungen im Signalkorps -- ich war Sergeant ... Und ich las Billys
Brief und mußte mich schleunigst hinsetzen, denn es wurde mir schwarz
vor den Augen. Der Arzt lächelte.

»Sie sind noch lange nicht dienstfähig, Sergeant,« sagte er. »Zum
mindesten nicht unter den Verhältnissen in Santiago. Dagegen glaube
ich, daß Beschäftigung Ihnen gut sein wird. Sie können mir nützlich
sein. Sie haben in Ihren Fieberzeiten Ihr ganzes Leben hinausgeschrien
und -- ich kann Sie brauchen.« Er wurde sehr ernst. »Die Zustände hier
sind entsetzlich. Wir haben nur gelbes Fieber und Typhus in schwerster
Form. Meine Hilfsmittel sind lächerlich gering. Es fehlt am Nötigsten.
Ich kann weder Hilfskräfte noch Arzneimittel bekommen. Meine beiden
Krankenwärter sind willig genug, aber ich müßte sechs haben nicht
zwei. Ich werde Ihnen Arbeit geben, die Ihren Kräften entspricht. Sie
sind also für die nächsten Wochen,« er lächelte ein wenig, »nicht mehr
Sergeant erster Klasse des Signalkorps, sondern mein Assistent!«

       *       *       *       *       *

Das kleine Inselchen mitten in der Santiagobai, die Gelbfieberinsel,
war eigentlich die Quarantänestation des Hafens. Ein morscher
Landungssteg führte vom Wasser auf ein Stück Rasen. Dann kam das Haus,
eine echt spanisch verwahrloste Krankenbaracke. In den Mauern des
niederen, langgestreckten Gebäudes klafften Risse. Es enthielt nur
einen einzigen Raum und einen noch älteren Anbau, in dem die Wände von
Wasser trieften und die Fußbodenbretter verfault waren. Hinter dem Haus
lagen Bretterhütten; eine Kochhütte die eine, Kloaken die anderen, mit
tiefen Löchern im Boden und Schwärmen von Fliegen. Dahinter erstreckte
sich gelber Sand. Im Hause reihte sich Bett an Bett. Schwerkranke
waren es alle, Sterbende viele. Hier kämpfte Tag und Nacht, in einem
Alleinsein, das schrecklich gewesen sein muß, ein einziger Arzt für
das Leben vieler Menschen. Als Hilfe hatte Doktor Gonzales nur zwei
Krankensoldaten und mich und einen alten Kubaner, der kochen mußte und
Eimer hinein und hinausschleppen und Gräber graben. Nicht einmal die
nötigsten Kräftigungsmittel hatte der Arzt für die Kranken -- nicht
einmal reine Wäsche für sie -- nicht einmal Arzneien in genügender
Menge und Auswahl -- nicht die Möglichkeit einmal halbwegs sorgfältiger
Pflege ... Es war ein fürchterliches Krankenhaus.

»Wenn ich nicht wüßte, daß sich das hier bald ändern muß,« sagte
Doktor Gonzales zu mir am ersten Tag der Arbeit, als wir einen Toten
hinaustrugen, »so würde ich -- ja, ich weiß nicht, was ich tun würde
... Aber das Hospitalschiff ist abgegangen von New York, und bei seiner
Ankunft bekommen wir alles, was wir brauchen, im Ueberfluß.«

»Man könnte doch wenigstens Soldaten zur Arbeit herkommandieren!« wagte
ich zu sagen.

»Damit sie sterben?« antwortete der Arzt scharf. »Sehen Sie sich doch
die Kloaken an! Die Fliegenschwärme überall! Den Schmutz! Hier wimmelt
es von Krankheitserregern in jedem Sonnenstäubchen. Sehen Sie sich die
verfluchte gelbe Baracke nur an! Die Gelbfieber-und Typhuskeime, die
in ihr stecken, könnten eine Armee auffressen. Nein, hierher kommt
mir kein Gesunder! Deswegen lasse ich Sie arbeiten. Wer Gelbes Fieber
gehabt hat, ist immun. Er ist gesalzen gegen Fieberkrankheiten, wie
man zu sagen pflegt. Und in fünf, sechs Tagen, =please God=, ist das
Hospitalschiff da, und dann wollen wir diesen Höllenfleck mit Karbol
überschwemmen und -- ja, dann wird's anders werden!«

Wir begruben den Toten.

Der Kubaner hatte ein Loch in den Sand gegraben, hundert Schritte
vom Haus, auf einem winzigen Hügel, von dem die gelbe Fläche sich in
sanfter Neigung zum Meer senkte. Auf dem eisernen Feldbett trugen wir
den toten Mann zu seinem Grab, der Arzt und ich und der Kubaner und der
Neger. Wir stellten das Bett neben das Grab, packten die Zipfel der
Wolldecke, auf der der Tote lag, und hoben die Last vorsichtig über die
Graböffnung. So standen wir, an einer Ecke des Grabes ein jeder, und
bückten uns und knieten dann und legten uns flach hin und ließen die
Leiche hinabgleiten. Aber unsere Arme reichten nicht weit genug. Das
Bündel in der Decke schwebte einen halben Meter hoch über dem Boden des
Grabes.

»Loslassen!« befahl Doktor Gonzales.

Ich sah, daß es nicht anders ging, daß wir uns nicht anders helfen
konnten -- aber doch schüttelte mich ein unbezwingbares Grauen, als die
Leiche plumpsend unten aufschlug und die Wolldecke sich verschob, das
geistergelbe Gesicht bloßlegend, das nun aus der Tiefe gen Himmel zu
starren schien. Der Arzt nahm rasch die Schaufel vom Sandhaufen, bückte
sich und schob mit dem Stiel die Decke wieder über das tote Gesicht.

»Ruhe in Ehren!« sagte er leise. »Du bist für dein Land gestorben.«

Wir nahmen die Hüte ab, und der Kubaner schickte sich an, das Grab
zuzuwerfen.

Das war das Begräbnis.

Ein toter Mann wurde in der verschmutzten Wäsche, in der er gestorben
war, in ein Loch geworfen -- ein mürrischer Kubaner schaufelte Sand
hinein -- ein schwitzender Neger stand daneben und half, leise fluchend
über die schwere Arbeit in der heißen Sonne. Roh war's, fürchterlich
roh, nicht zum Beschreiben brutal. Und doch hätte jeder Narr sehen
müssen, daß es eben nicht anders ging in der Not der Verhältnisse.
Weil ich so schwach war vielleicht, erschien mir alles noch roher und
furchtbarer -- der trostlos öde Sand -- die niederen Grabhügel links
und rechts mit ihren Holzstückchen, auf denen große Nummern standen --
der schmutzige, gefühllose Totengräber ...

Der Arzt sah gedankenvoll auf die Grabhügel. »Fünfundzwanzig tödlich
verlaufene Fälle bis jetzt!« sagte er zu mir. »Ein verhältnismäßig
günstiges Resultat!!«

Wir gingen ins Haus, während Neger und Kubaner das Grab zuschaufelten.
Von Bett zu Bett führte mich Doktor Gonzales. Er zeigte mir, wie man
die Schnelligkeit der Atmung maß, und wie man ungebärdige Fieberkranke
durch kräftigen Druck auf das Rückenmark beruhigte, während das
Fieberthermometer eingeführt wurde. Das Ueberwachen der Temperaturen
sollte meine Arbeit sein. Darauf kam es, so erklärte mir der Arzt,
vor allem an, denn von seinem rechtzeitigen Eingreifen beim Steigen
und Fallen der Fieberkurve hing Leben und Tod ab. Auf den Neger und
den anderen Krankensoldaten konnte er sich nicht verlassen. Die
Leute waren nicht nur beinahe zu Tode gearbeitet mit hunderterlei
Pflichten, sondern es war auch ganz unmöglich, den einfachen Menschen
beizubringen, daß ein Unterschied von wenigen Graden auf dem
Thermometer der Unterschied zwischen Leben und Sterben war.

»Und ich kann ja nicht überall zugleich sein!« murmelte der Arzt, und
etwas Trauriges kam in sein ruhiges, kraftvolles Gesicht.

Ich schrieb mir die Namen auf von Bett zu Bett und begann meine
Arbeit, während er mir zusah und bald ein Fiebermittel gab, bald eine
Strychnineinspritzung machte. Dabei erklärte er mir leise, daß er sich
hier so starker Mittel bediene, wie sie so leicht kein Arzt anwenden
würde.

»Wir wissen so wenig von den Erscheinungen dieser Krankheit. Ihre
Bekämpfung ist sogar in geregelten Verhältnissen ein Problem. Hier aber
muß ich mit Keulenschlägen auf das Fieber losschlagen. Es muß herunter
um jeden Preis, steigt es auf vierzig Grad; und das Herz muß gezwungen
werden zur Arbeit, koste es was es wolle an Kraft, fällt es bis zu
fünfunddreißig Grad.«

So ging ich von Mann zu Mann und legte die Hand auf feuchte Leiber
und lernte, mit unendlicher Geduld und vielen kleinen Kniffen,
Fiebermessungen zu machen bei Menschen, die sich fortwährend hin
und her wälzten und keinen Augenblick still hielten. Heiße, dumpfe,
schweißgeschwängerte Luft erfüllte den Raum. Vierzig Menschen lagen in
eisernen Feldbetten die Wände entlang. Einige wenige, die Glücklichen,
hatten Nachthemden und weiße Jacken; die meisten aber lagen in den
schmutzigen blauen Flanellhemden da, in denen sie gekommen waren. Die
einen waren still und schienen ruhig zu schlafen. Die anderen lallten
und schrien und tobten wie lärmende Kinder. Hier schrie einer nach
seiner Mutter, dort johlte ein anderer ein Negerlied, dort gab einer
mit dünner zitternder Stimme kreischende militärische Befehle: »Feuer
aus dem Magazin -- auf dreihundert Meter -- Schne -- eell -- feuer!!«
Der Neger und der Krankensoldat liefen fortwährend auf und ab. Bald
halfen sie einem ins Bett, der im Fieberwüten herausgefallen war; bald
unterstützten sie sich gegenseitig, einem sich verzweifelt Wehrenden
ein wenig Milch im Löffel einzuflößen; bald liefen sie zur Türe und
holten die Eimer, denn schon wieder hatte ein Kranker sein Bett
beschmutzt.

Da rief mich der Arzt. Auf dem Bett, an dessen Fußende er stand, lag
ein junger Mensch, der kaum achtzehn Jahre zählen mochte. »=Corporal
Clancey, F troop, Rough Riders=« hieß es auf dem Zettel an der Wand
über dem Bett. Das Gesicht, das in der Krankheit eine sonderbare, fast
olivengelbe Farbe angenommen hatte, war von mädchenhafter Schönheit und
Weiche. Die wunderbar großen, braunen Augen glänzten irre in feuchtem
Fieberglanz. Der Arzt sah bald den Mann an, bald das Thermometer, das
er in der Hand hielt, und schüttelte den Kopf.

»Helfen Sie mir, ihm den Mund öffnen,« sagte er.

Ich tat es mit einem Löffel, und der Arzt schüttete dem Kranken ein
Pulver in den Rachen und träufelte ein wenig Wasser tropfenweise in
den regungslosen Mund. Die Wirkung war eine fast augenblickliche. Der
bebende, zitternde Körper streckte sich. Die Augen schlossen sich fast
ganz, und die unruhig fuchtelnden Hände sanken kraftlos auf die wollene
Decke.

»Der Mann hatte über vierzig Grad,« erklärte Doktor Gonzales. »Ich
fürchte, er ist nicht mehr zu retten. Bleiben Sie bei ihm, messen Sie
ihn alle zehn Minuten und rufen Sie mich sofort bei Untertemperatur.«

Ich holte mir eine Kiste aus der Mitte des Zimmers -- amerikanische
Munitionskisten waren die einzigen Stühle in diesem Krankenhaus -- und
setzte mich ans Bett. Nach zehn Minuten maß ich: Sechsunddreißig.

Der Kranke lag still da. Sein Mund war halbgeöffnet. Die glänzenden
Augen schienen zwischen halbgeöffneten Lidern hervorzublinzeln. Da
huschte plötzlich ein Lächeln über das weiche, schöne Gesicht, als
träume der Knabe einen wunderschönen Traum. Die schlaffen Hände auf
der Bettdecke begannen sich zu regen und leise auf und nieder zu
bewegen in langsamem Tasten. Die Hände öffneten und schlossen sich und
griffen wunderbar weich zu, als suchten sie etwas. Lächelnd betrachtete
ich diese Hände. Wie schlank sie waren, wie kindlich fein, wie sie
erzählten von guter Rasse und sorgsam gelernter Pflege! Und wie
zierlich sie tasteten -- husche, husche -- zugreifend -- fein, ganz
fein -- behutsam -- wie die Fingerspitzen über die rauhen Deckenhaare
glitten -- als suchten sie etwas -- als wollten sie greifen -- pflücken
------

Da sprang ich entsetzt auf. Was war das? Dieses Tasten, dieses
Suchen! Hatte mir nicht einst die alte Kinderfrau in ihren gruseligen
Dämmerstundengeschichten erzählt, daß Sterbende Himmelsblumen pflückten
--

»Doktor Gonzales!« schrie ich.

Er kam mit raschen, geräuschlosen Schritten von gegenüber, beugte
sich über das Bett, sah scharf auf die rastlos gleitenden Hände, zog
die Spritze aus dem Ledertäschchen, füllte sie und stach ein über dem
Herzen. Die Hände wurden sofort still. Ich starrte wie gebannt in das
Gesicht auf dem Kissen und sah in fast unmerklichem Uebergang das Gelb
sich langsam röten. Dann schoß plötzlich gesunde Blutfarbe in die
Wangen. Das aufgepeitschte Herz tat seine Schuldigkeit. Eine winzige
Gabe eines furchtbaren Gifts hatte einen Sterbenden von den Pforten des
Todes zurückgerissen.

Da schnellte in jähem Wechsel der Körper mit gewaltigem Ruck empor. Die
großen Augen starrten, der Mund wollte sich öffnen, wollte schreien --
aber die Kehle brachte nur lallende Töne hervor. Die Hände wurden in
die Höhe gerissen und schlugen wild nach links und nach rechts, und
die Füße zuckten und stießen, daß die Eisenstäbe unten am Bett dumpf
klirrten. In gewaltigen Stößen schnellte der Leib auf und nieder.
Der Mann wäre aus dem Bett gefallen, hätten wir ihn nicht krampfhaft
gehalten. Und während ich noch verspürte, wie unter meinen Händen die
zuckenden Muskeln sich wehrten, sank der Rauhe Reiter steif zurück und
lag still da. Sein Mund schien zu lächeln.

»Lassen Sie ihn hinaustragen!« sagte der Arzt ganz langsam und ganz
leise.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm. »Hat er schlimme Schmerzen leiden
müssen?« fragte ich entsetzt.

»Nein!« antwortete Doktor Gonzales. »Nein -- aber wir wissen diese
Dinge ja nicht. Er mag in Himmelsseligkeiten geschwelgt haben oder
Höllenqualen erlitten in seinen letzten Sekunden im lebendigen Leib
-- wir wissen es nicht. Unter anderen Verhältnissen hätte ich ihn
vielleicht retten können. Durch sorgfältige, ständige Ueberwachung,
durch mildere Mittel zur rechten Zeit. Nach meiner besten Ueberzeugung
jedoch hat der Junge nicht gelitten. Das ist ja der einzige freundliche
Fleck in diesem Höllenbild: Sie wissen es nicht, unsere Kranken, wie
elend es ihnen geht! Sie wissen nicht einmal, wie krank sie sind!!«

       *       *       *       *       *

Nein, sie wußten es nicht.

Ein Mitleid, wie ich es nie in meinem Leben gekannt hatte, packte
mich, wenn ich von Bett zu Bett, von Mann zu Mann schritt; ein
Mitleid, das mich stark machte, denn es ließ vergessen, wie schwach
ich selbst noch war. Die Männer des Krieges waren zu Kindern geworden.
Das unbegreifliche, geheimnisvolle Walten der Fiebermächte hatte den
rauhen Soldaten alles genommen, was stark und männlich und roh und
brutal an ihnen war. Nicht äußerlich hilflos nur waren sie geworden
wie Kinder, sondern kindlich im Geist in allen ihren Lebensäußerungen.
Weich und anschmiegend, dankbar über alle Maßen für ein gutes Wort,
für ein Streicheln, das sie im Fiebertraum zu empfinden schienen und
mit einem Lächeln beantworteten. Die wenigen, die auf dem Wege der
Besserung waren, hatten alle Hunger. Aber sie fluchten nicht und
zeterten nicht nach Soldatenart, sondern sie bettelten alle um Milch,
sie baten um Brot -- wie ein Kind seine Mutter bittet. Sie lachten
lustig im Fieberlallen und sangen Lieder, die sie ganz gewiß nicht
gesungen hätten bei gesunden Sinnen. Das nur und das nur allein machte
die Hölle erträglich. Man sah selbst all das Furchtbare mit kindlichen
Augen, ohne viel nachzudenken darüber ... Es mußte so sein -- das mit
den übelriechenden Eimern -- das mit den schmutzigen Blechlöffeln, mit
denen man von Mann zu Mann ging, Milch fütternd, ohne sie abzuwischen
oder gar zu waschen -- das mit den Kloaken draußen, die fürchterliche
Pestluft in den Raum strömen ließen, wenn man im Ein-und Ausgehen die
Türen öffnete. Es mußte so sein, denn es war nun einmal nicht anders.

Und ich maß und maß und fütterte hilflose Menschen mit Milch und wusch
beschmutzte Menschen aus einem schmutzigen Eimer mit einem schmutzigen
Fetzen eines alten Hemdes. Ruhe gab es keinen Augenblick. Bald schritt
der Arzt meine Bettseite ab, bald ich die seine. Dutzende Male mußte
ich ihn rufen, weil die Fieberbilder sich fortwährend veränderten.

Am Spätnachmittag war der Neger verschwunden. Doktor Gonzales und ich
suchten endlich nach ihm und fanden den armen Kerl in einer Ecke bei
einer Kloake, dumpf vor sich hinstarrend. Der Sandboden zeigte, daß
er sich erbrochen haben mußte. Jetzt sah ich den Arzt zum ersten Male
erregt.

»Herrgott, nimmt es denn kein Ende?« schrie er. »Neger sind doch
sonst immun! Muß denn das verfluchte Fieber gerade den schwarzen
Krankensoldaten packen, den ich brauche!«

Mit vieler Mühe trugen wir ihn hinein und legten ihn auf das Bett, auf
dem vor kurzem der Rauhe Reiter gestorben war. Die Leiche hatten wir
draußen in einer schattigen Ecke auf dem Boden liegen lassen müssen,
um das Bett frei zu bekommen. Und wieder ging es an die Arbeit, mit
einem Mann weniger. Gegen Abend wurden die Kranken ruhiger und die
Fiebertemperaturen gleichmäßiger.

»Wir wollen schnell etwas essen,« sagte Doktor Gonzales, »-- dann den
Toten beerdigen -- und dann müssen Sie Ruhe haben. Sie können in meinem
Zelt schlafen, damit Sie wenigstens in frischer Luft sind.«

Wir aßen ein Gemengsel von Reissuppe und Brot und tranken dünnen
Tee, und ich durfte eine halbe Zigarette rauchen, die mir wie ein
Göttergeschenk erschien.

»Und jetzt müssen wir wieder Totengräber spielen!« sagte Doktor
Gonzales, halb lächelnd, halb traurig.

Das Grab war gegraben. Er rief den Kubaner und den Krankensoldaten, und
zusammen trugen wir den Knaben, der sich die Himmelsblumen erpflückt
hatte, zu seiner Ruhestätte im heißen Kubasand. Tiefe Finsternis
umhüllte die Insel des Gelben Fiebers, denn Nacht folgt auf Tag im
kubanischen Land ohne Uebergang. Der Arzt, der neben mir schritt,
trug eine Laterne, die trübe brannte und das Dunkel nur in winzigem
Umkreis erhellte. Stolpernd, suchend, tappten wir vorwärts mit unserer
Last, fanden den Sandhügel, fanden das Grab. Wir schlugen die Decke
auseinander, faßten die Zipfel an, hoben den Körper über die schwarze
Oeffnung im Sand, bückten uns --

Da fühlte ich, wie der Sand unter meinen Füßen nachgab, und griff
mit der freien linken Hand in den aufgeworfenen Sandhaufen, mich zu
stützen. Aber ich rutschte. Ich rutschte langsam. Ich rutschte immer
mehr. Da packte mich jähes Entsetzen, und ich ließ den Zipfel der Decke
los, mochte auch die Leiche hinabstürzen. Aber im gleichen Augenblick
bröckelte der Boden unter meinen Füßen weg. Ich schrie gellend auf.
Wie ein Tier brüllte ich. Ich hörte jemand fallen mit mir -- hörte die
Laterne klirren.

Und stand in furchtbarer Finsternis in einem tiefen Loch und schrie
wie ein Verrückter und trampelte auf etwas entsetzlich Weichem herum
und wußte, daß die Masse unter meinen Füßen der Rauhe Reiter war. Ich
brüllte -- ich brüllte in einem hysterischen Grauen ohne Grenzen.
So schwach und elend war ich noch nach dem langen Kranksein. Mit
den Nägeln krallte ich mich in die Sandwand ein und versuchte mich
emporzuziehen, und sprang. Aber der lose Sand gab unter meinen Fingern
nach, und ich prallte in hartem Stoß auf das nachgebende weiche
Fleisch, das sich zu rühren und lebendig zu werden schien. Als ob der
tote Mann nach mir greifen wollte -- mich festhalten ----

»Hilfe!« brüllte ich.

Da flammte ein Zündholz auf, eine eiserne Faust packte mich, zog, half
mir. Und ich sank erschöpft auf den Sand. Ich hörte, halb bewußtlos,
wie das Grab zugeschaufelt wurde und spürte, wie der Arzt mich unter
dem Arm faßte und mir aufhalf. Der Kubaner schritt mit der wieder
angezündeten Laterne voran. Als wir in seinem Zelt waren, sprach Doktor
Gonzales kein Wort, sondern goß nur mit zitternder Hand ein wenig
Whisky in ein Glas und gab es mir zu trinken. Auch er trank. Dann
setzte er eine kleine silberne Spritze an meinen Arm ...

       *       *       *       *       *

Mit dem Morgen begann wieder das Tagewerk. Es setzte sich fort durch
zehn Tage hindurch, im gleichen Raum, unter den gleichen Verhältnissen,
im gleichen schrecklichen Einerlei der Hilflosigkeit, und viele
Menschen sah ich sterben in diesen Tagen. Die einen schliefen ermattet
ein, die andern starben in kämpfendem Sichaufbäumen. Aber sie kämpften
im Fieber nur und wußten es nicht und erlitten keine Todesangst, denn
der Fiebertod ist ein gütiger Tod. Und ich half die Lebenden füttern
und in ihren Körpern nach dem geheimnisvollen, unberechenbaren Auf
und Nieder der Fieberkobolde spüren, und oft dünkte es mich, als sei
das kleine Quecksilberwerkzeug eines der großen Wunder der Welt. Gar
schnell hatte ich mich an den Jammer und das Elend gewöhnt und sah
stumpfe, alltägliche Notwendigkeit im alltäglichen Erleben von Grauen
und Sterben. Heute, im rückschauenden Betrachten, weiß ich, daß es eine
Hölle war, in der ich lebte damals. Eine Hölle --

Am zehnten Tag jedoch ward der Insel der Verdammten Hilfe. Boote
landeten. Junge Frauen in schneeweißen Kleidern schritten über den
Rasen vor dem gelben Haus. Sie sprachen nicht viel, sie fragten nichts,
sondern packten Wäsche aus und bekleideten die Kranken und wuschen sie.
Sie putzten und säuberten und pflegten.

Man stand da, wollte seinen Augen nicht trauen, glaubte, ein Wunder
zu erleben. Kiste auf Kiste, Korb auf Korb, Sack auf Sack wurde aus
den Booten an Land geschafft. Es war, als wollte das reiche Volk eines
reichen Landes in verschwenderischem Geben gut machen, was die Not des
Krieges an den armen Männern auf der Insel des Gelben Fiebers gesündigt
hatte. Da waren schwere Weine in ungezählten Flaschen und teurer
Schaumwein in ganzen Körben und feine Hemden und große Schinken und
Fleisch und Eßwaren in sorgsam geschlossenen Blechbüchsen und weißes
Brot. Zelte erstanden auf dem Rasen und auf dem Sand. Das gelbe Haus
wurde mit Karbol überschwemmt und verlassen, denn die Kranken sollten
nun in luftigen Zelten liegen.

Wie ein Märchen war es.

Am Spätnachmittag führte mich der Arzt in sein Zelt. Er füllte zwei
Gläser mit Schaumwein, trank mir zu und sagte mit lachenden Augen:

»Hier endet Ihre Arbeit, Sergeant!«

Zwei Wochen aber blieb ich noch im Aerztezelt, denn Doktor Gonzales
verweigerte mir immer wieder lachend den Gesundheitsschein.

       *       *       *       *       *

Die Wandlung war groß.

Nicht nur äußerlich veränderten sich die Dinge auf der Gelbfieberinsel:
das Elend in Ueberfluß, der Schmutz in Sauberkeit, das ohnmächtige
Zusehenmüssen in kraftvolles Eingreifen mit reichen Mitteln -- sondern
auch im Tiefsten. Die kleine Welt um uns schien anders. Es war, als
liege ein gar fremdartiges, sonderbares Klingen in der Luft. Wie
wiegender schmeichelnder Walzerklang.

In harter Männerwelt hatte man gelebt viele Wochen lang. Sich gebalgt
mit dem Feind. Nicht viel Federlesens gemacht um Hunger und Strapazen
und Wunden. Das ging einmal nicht anders. Man war marschiert und hatte
gefochten -- im Dreck kampiert, gefiebert auf den Hügeln ------ Der Tag
brachte es mit sich. Was war weiter dabei!

Da tönte der neue Klang.

Was uns Selbstverständliches, Alltägliches gewesen war, schien
den jungen Frauen, die uns pflegten, eine Wunderwelt. Sie waren
freiwillige Krankenschwestern, aus guten amerikanischen Familien.
Ideale Begeisterung hatte sie nach Kuba geführt, ihr Scherflein
beizutragen im Krieg. Sie sahen keine Selbstverständlichkeiten; sie
sahen die Dinge mit ganz anderen Augen an. Für sie waren die blassen
genesenden Männer in den Zelten alle mitsammen Helden, die heldenhaft
mit Tod und Teufel gekämpft hatten.

Sie setzten sich auf die Betten zu den Kranken, auf die Feldstühle
vor die Zelte zu den Genesenden, und baten und bettelten so lange,
bis ihnen die Geschichten von der Schlacht vom San Juan-Hügel und vom
Lagerleben und vom Krankheitselend immer und immer wieder erzählt
wurden. Dann glänzten ihre Augen, und sie wurden weich und wußten gar
nicht, was sie einem alles Gutes antun sollten. Ich hab's hundertmal
selber erlebt und hundertmal mit angehört --

»Was mußt du gelitten haben, du armer Junge!«

»Hm -- eh -- 's ist nicht so schlimm gewesen,« war gewöhnlich die
verlegene Antwort.

»Oh, du armer Junge! Soll ich dir ein Schlückchen Wein bringen?«

»=Oh yes, please. Thank you, miss!=«

»Du mußt nicht Fräulein zu mir sagen. Ich bin Schwester Irene. Du --
bist du denn nicht fast gestorben vor Angst, du armer Junge, als du den
fürchterlichen Hügel hinaufstürmen mußtest?«

»Nee!«

»Aber es muß doch entsetzlich gewesen sein!«

»Ja. Da kletterte einer vor mir« (der Erzähler war ein junger Sergeant
der 5. Regulären), »der zappelte immer mit den Beinen und ich mußte
höll -- hm -- sehr aufpassen, daß mir der verfl ... hem -- der Kerl
nicht ins Gesicht trat. Es _war_ scheußlich!«

»Und die Todeskugeln!«

»Oh, an die Schießerei hatte man sich gewöhnt!«

Und keinen einzigen Mann gab es auf der Insel des gelben Fiebers, der
nicht seinen wohlgefüllten Sack voller Heldenruhm eingeheimst hätte.
Zuerst war das etwas Unbehagliches. So prahlhänsig kam man sich vor.
Man horchte immer scheu zum Nachbar hinüber, ob der nicht lachte,
wenn Schwester Irene oder Schwester Edith oder Schwester Lizzie einem
dickgestrichene Heldenkomplimente machte. Aber gar bald wirkte die
Bewunderung merkwürdig wohltuend. Es war doch sehr nett, in schönen
Augen immer wieder lesen zu dürfen: du bist ja ein famoser Junge!
Sie fanden sich prachtvolle Menschen gegenseitig, die bewundernden
Frauen und die bewunderten Männer. Sie gingen miteinander spazieren
im Inselland halbe Nächte lang, Genesende und ihre Pflegerinnen. Sie
saßen immer zusammen und tuschelten und hatten sich schrecklich viel zu
sagen. Man wurde arg verwöhnt auf der Gelbfieberinsel in jenen Tagen.



In der Zeltstadt von Montauk Point.

     Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die böse Lage der
     amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den General folgt der
     kaufmännische Organisator. -- Wie die Zeltstadt von Montauk Point
     erstand. -- Mein letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im
     Gesundheitslager. -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein
     Vermögen entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten
     =Ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant Hobson in der
     Welle der Hysterie ertrank.


In einer Augustnacht war es.

Wir saßen vor dem Aerztezelt, der Doktor und ich, rauchten eine
beschauliche Zigarette und schauten auf die Bai hinaus. Wundersam
funkelten und glitzerten im Wasser die Sternenbilder. Da erklang ein
dumpfes Brausen, wurde mächtiger, schwoll an zu Getöse. Eine Rakete
zischte empor über der Stadt, eine zweite, eine dritte. Drüben über dem
Wasser jubelten und schrien viele Menschen.

»Eine Schlacht in Portorico!« rief der Doktor aufspringend.

Ich widersprach ihm. Die letzten Nachrichten von der benachbarten
spanischen Insel hatten besagt, daß die Besetzung Portoricos durch eine
amerikanische Armee unter General Miles nach unblutigen Kämpfen nun
vollendete Tatsache sei. Während wir noch hin und her sprachen, kam das
Boot vom Hafenhospital. Der Kubaner, der es ruderte, sprang auf uns
zu, aufgeregt mit den Armen in der Luft fuchtelnd.

»=Cuba libre!=« brüllte er. »=Cuba libre, Señores!!=«

Und er übergab dem Doktor einen Zettel. Das hektographierte Stück
Papier enthielt die kurze Mitteilung des amerikanischen Gouverneurs
von Santiago an die einzelnen kommandierenden Offiziere, daß heute, am
12. August, in Washington das vorläufige Friedensprotokoll zwischen
den Vereinigten Staaten und Spanien unterzeichnet worden sei. Spanien
gab der Insel Kuba ihre Unabhängigkeit, trat Portorico an die
Vereinigten Staaten ab und erklärte sich bereit, über einen Ankauf
der Philippinen durch die Vereinigten Staaten zu unterhandeln. Die
kriegsgefangenen Spanier wurden auf Kosten der Amerikaner nach ihrer
Heimat zurückgesandt. Kriegsentschädigung verlangten die Vereinigten
Staaten nicht.

»=Cuba libre!=« brüllte der Kubaner wieder und tanzte schreiend und
jubelnd umher.

Doktor Gonzales aber streckte herrisch die Rechte aus, sagte irgend
etwas auf Spanisch in scharfem Ton, und der überfreudige Patriot
schlich brummend zu seinem Boot zurück.

»Was sagten Sie eben?« fragte ich neugierig.

»Oh nichts!« antwortete Doktor Gonzales und zündete sich eine frische
Zigarette an. »Ich sagte ihm nur, er solle sich zum Teufel scheren
... =Cuba libre!= Kuba Blödsinn! Ein freies Kuba, regiert von freien
Strolchen, die eigentlich in ein Zuchthaus gehörten! Es tröstet
mich nur, daß unser guter alter Onkel Sam der Gesellschaft früher
oder später einen gewaltigen Tritt vor den Hintern geben und einen
amerikanischen Staat aus Kuba machen wird. Daß er es nicht gleich jetzt
tut, ist Schwäche, Verschwendung, Hinauswerfen an Zeit und Geld!«

Da lachte ich leise vor mich hin, denn der Doktor war zwar
amerikanischer Bürger und amerikanischer Offizier, stammte aber selber
von kubanischen Eltern und mußte es ja wissen! Und dann gingen wir in
die Zelte der Damen und in die Krankenzelte und lösten Hurrageschrei
aus mit der großen Neuigkeit. Doch der Jubel über den Frieden bei
uns in den Zelten hatte nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem
urgewaltigen, donnernden, brausenden Siegesschrei, der von den Hügeln
des Santiagotals gellte, als das Sternenbanner damals an dem Mangobaum
emporstieg. Da hatte Mann über Mann triumphiert -- jeder einzelne Mann
im Santiagotal in die eigenen Hände das Göttergeschenk des schwer
errungenen Erfolgs empfangen. Die große politische Friedensaktion aber
am grünen Tisch interessierte die Armee sehr wenig.

»Recht nett!« sagte ein typhuskranker Infanterieleutnant der Regulären,
als wir ihm die Friedensbotschaft vorlasen. »Nun wollen wir gemütlich
sein und nach Hause gehen!«

»=Goodbye Cuba! To hell with Cuba!!=« riefen die Rekonvaleszenten in
den Zelten.

Das war das Leitmotiv des Wiederhalls, den die Friedensklänge in den
Männern der Armee von Kuba ertönen ließen:

»Adieu Kuba! Hol dich der Teufel! Wir gehen nach Hause!«

       *       *       *       *       *

So war denn der Krieg beendet.

Dieser wunderschön brutale Krieg mit seinen wunderschön klaren und
einfachen Ursachen. Ein Krieg der Macht. Ein brutaler Faustkampf.
Unmoralisch über alle Maßen. Der Große fraß den Kleinen -- denn ich
bin groß und du bist klein. Und doch wieder moralisch im höchsten
Sinne. Unter dem starken neuen Herrn wurden in wenigen Jahren auf den
Philippinen, auf Kuba, das immer eine Art amerikanischen Protektorats
sein und nie ganz selbständig werden sollte, auf Portorico, überall
in Westindien, ungeheure Werte geprägt, die in alle Ewigkeit brach
gelegen hätten unter der spanischen Mißwirtschaft. Spanien aber, das
gedemütigte, zu Boden geschlagene Spanien, das beraubte Spanien, das
die Neue Welt entdeckt hatte und zum Dank bis in den Staub gedemütigt
wurde von der Neuen Welt, erstarkte nur unter den Schlägen des Krieges.
Es lernte. Seine kraftvolle Arbeit in Marokko während der nächsten zehn
Jahre erstaunte jeden, der früher spanische Beamte und Gouverneure in
spanischen Kolonien bei der Arbeit gesehen und sie höchstens für eine
Operette tauglich befunden hatte. So wurde im letzten Ende Unmoral zu
Moral.

Der unersättliche Große aber atmete erleichtert auf, als der kleine
Gegner davonschlich. Teufel -- es war doch gar nicht so einfach
gewesen, und recht viel Glück hatte man nötig gehabt! Zwar ließ es
sich leicht berechnen von Anfang an, daß man am Ende erfolgreich
sein mußte. Die Siege der amerikanischen Flotte im pazifischen Ozean
wie im westindischen konnten auf dem Papier auskalkuliert werden.
Kein Sieg jedoch, kein Gebietszuwachs, keine neue imperialistische
Weltmachtstellung hätten es in der öffentlichen Meinung des eigenen
Landes gutmachen können, wenn amerikanische Männer zu Tausenden im
Tal von Santiago zugrunde gegangen wären, weil der leichtsinnige
Krieg sie in leichtsinniger Ausrüstung ins Fieberland geschickt
hatte. Die Invasionsarmee war dezimiert von Fieberkrankheiten. In den
ersten Tagen des August schon hatten, ein unerhörtes Geschehnis vom
militärischen Standpunkt aus, ihre Generale in einem scharfen Schreiben
an den Obergeneral Shafter die sofortige Zurückbeförderung der Armee
nach den Vereinigten Staaten verlangt. Der Krankheitsstand lasse das
Schlimmste befürchten. Das merkwürdige Vorgehen der hohen Offiziere,
das wahrscheinlich mit General Shafter verabredet worden war, sollte
starken Eindruck auf die obersten militärischen Behörden in Washington
sowohl wie auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten
ausüben. Daß ein solcher Schritt überhaupt notwendig wurde, beweist die
Unsicherheit und Gefährlichkeit der Lage für die Truppen vor Santiago
beim Ende des Krieges. Zwar war die spanische Flotte vernichtet,
Portorico besetzt, die Provinz Santiago de Cuba erobert, eine spanische
Armee von 23000 Mann kriegsgefangen. Damit hatte man gewaltige
Erfolge errungen, war aber auch auf dem toten Punkt angelangt. Eine
spanische Armee von über 80000 Mann, auf die verschiedenen Provinzen
verteilt, hielt Kuba noch besetzt. Ein Vordringen der amerikanischen
Invasionsarmee auf dem Landwege schien unmöglich -- das Angreifen
Havannas, des Herzens der Insel, durch die Flotte ein zum mindesten
gewagtes Unternehmen.

So ergab sich eine beinahe lächerliche Lage: der tote Punkt. Die
amerikanische Armee kampierte noch immer im Santiagotal und litt
entsetzlich unter Klima und Fieber. Niemand wußte, was anfangen mit
ihr. Der Leichtsinn, die Ueberhastung des ganzen Krieges rächte
sich. In den Vereinigten Staaten regte sich scharfe Kritik. Schon
zu Beginn des Krieges, als im Süden Amerikas die in rasender Eile
zusammengetrommelten Freiwilligenregimenter in Feldlagern untergebracht
wurden, in die bei dem völligen Mangel an allem Nötigen rasch der
Typhus einzog, war die Regierung scharf angegriffen worden. Und
jetzt das Fiebertal von Santiago! Noch sickerte die Wahrheit nicht
ganz durch; noch wußte man im Heimatland nicht, daß seit dem Tag
der Uebergabe der spanischen Armee mehr amerikanische Soldaten an
Krankheiten gestorben waren, als die Gefechte an Menschenleben gekostet
hatten. Die militärische Führung war ratlos.

Da kam der Friede.

Und es war, als ziehe der amerikanische Dollarmann jubelnd den
Soldatenrock aus, der überall ein wenig drückte und nirgends so recht
passen wollte, weil er in solcher Eile hatte zurechtgeschneidert
werden müssen. Die Nation des Organisierens entsann sich ihres
Berufs. Der Leichtsinn, die Ueberstürzung, das Ueberhasten verschwand
im zauberischen Wechsel. Kühle Ueberlegung trat an ihre Stelle. Dem
General folgte der kaufmännische Organisator -- der echte Amerikaner,
der mit Geld nicht knausert, wenn das Ziel der Mühe wert ist, und sich
bei Kleinigkeiten nicht lange aufhält.

Das Klima des Santiagotals war unerträglich in dieser Jahreszeit? Dann
weg mit der Armee! Sie ersetzt durch Regimenter von Negern und Weißen
der Südstaaten, die gegen Fieberkrankheiten immun waren! Die Armee war
krank? Dann in ein ungeheures Krankenhaus mit ihr, auf daß sie gesund
werde! Ansteckungsstoffe waren zu befürchten in jedem Uniformrock, in
jedem Hemd? Weg dann mit der gesamten Ausrüstung der Armee!

»=Regardless of cost!=« hatte Präsident McKinley kurz gesagt. »Der
Kostenpunkt ist Nebensache!«

Die Amerikaner waren's zufrieden. Sie, die keine direkten Steuern
bezahlten und ihre Kriegskosten einfach durch eine Biersteuer und eine
Schecksteuer aufbringen konnten, wußten recht gut, daß die über Nacht
errungene Weltmachtstellung, die neue Ausdehnung des amerikanischen
Reichs, Milliarden an kaufmännischen Dollars wert war. Niemand murrte,
als die leitenden Hände in den reichen Yankeesäckel griffen. Ströme von
Gold flossen dahin.

Eine ungeheure, kahle, sandige Fläche auf der Insel Long Island wurde
zum Gesundheitslager der Armee erwählt. Dort war es kühl, jetzt im
August schon. In allen Richtungen fegte Tag und Nacht vom Meer her der
frische Wind. Der sollte sie wegblasen, die Fieberschlaffheit und das
Tropenmüdesein. Die Zeltstadt von Montauk Point entstand. Gassen und
Straßen schneeweißer Zelte. Die Gewerbe des Landes arbeiteten wie im
Fieber, die Stadt zu erbauen. Jedes Zelt wurde aus neuem Segeltuchstoff
neu zurechtgeschneidert, denn kein altes Schmutzstäubchen sollte Raum
haben im Gesundheitslager. Jedes Zelt erhielt einen Fußboden aus
sorgsam zusammengefügten und geglätteten Brettern, ein jedes einen
kleinen eisernen Ofen, ein jedes neue schneeweiße Betten und Stühle
und Regale. Die Straßen wurden sorgfältig ausgebaut und ein System von
Abgußkanälen angelegt. Aerzte und Krankenpflegerinnen versammelten
sich. Die Eisenbahnen schleppten gewaltige Mengen von Uniformen und
Wäsche herbei. Um das Lager wurde ein Postenkreis von besonders
ausgesuchten Regimentern gezogen, die keinen Menschen hinauslassen
durften und keinen hinein, jede neue Ansteckung zu verhüten.
Dampfertransporte mit den neuen fiebersicheren Truppen gingen nach
dem Santiagotal; Frachtdampfer mit großen Mengen von Lebensmitteln,
die sehr sorgfältig ausgesucht wurden; Hospitalschiffe, deren
Aufgabe es war, das Schmutznest Santiago nach allen Regeln moderner
Desinfektionskunst sauber zu machen. Dann dampften die Schiffe mit den
kranken Regimentern heimwärts zum Gesundheitslager.

Und ein so großzügiges, ein so bewunderungswürdig zielbewußtes Arbeiten
setzte ein auf der windumbrausten Sandfläche beim atlantischen Ozean,
daß es alles wieder gut machte, was der Leichtsinn gesündigt hatte
in Kuba. Mann für Mann der kranken Armee wurde betreut, gepflegt,
gewaschen, gesäubert, neubekleidet wie ein Kindlein. Man stellte
die Kompagnien in langen Linien auf, wenn sie vom Schiff kamen, und
ließ sie sich splitternackt ausziehen und verbrannte auf großen
Scheiterhaufen jeden Fetzen, den sie am Leibe getragen hatten;
man badete sie, gab ihnen reine Wäsche, neue Uniformen, nagelneue
Ausrüstung bis zum Tornister, erklärte ihnen, sie möchten sich um
Gottes willen nur pflegen. Nichts auf der Welt hätten sie zu tun als
ihre Waffen zu reinigen und instandzusetzen. Nicht einmal zu kochen
brauchten sie. Dafür sorgten große Feldküchen, und Sachverständige
wachten darüber, daß das Soldatenessen ja recht schmackhaft und
wohlbekömmlich war. Im Land stritt man sich um die Ehre, Liebesgaben
für das Gesundheitslager schenken zu dürfen. Damen der Gesellschaft
zankten sich um den Vorzug, die Kranken zu pflegen.

       *       *       *       *       *

Als das Ruderboot an einem der letzten Tage des August den
Signalkorpssergeanten von der Gelbfieberinsel nach Santiago brachte,
war dieser Sergeant kerngesund und wunderte sich sehr, wie ihm nach
diesen Schlemmertagen das Soldatenleben wohl behagen würde. Sie hatten
ihn schrecklich verwöhnt auf der Insel, der Doktor und die Frauen in
Weiß, die so heroisch ihre Pflicht taten und doch immer Zeit und Lust
übrig hatten für manches Gekicher und vielen Uebermut. Sie hatten
dem Sergeanten gar noch einen großen Korb zurechtgepackt, in dem
Schaumweinflaschen einträchtiglich neben altem Burgunder und allerlei
guten Sächelchen in Blechbüchsen lagen, auf daß es Mr. Sergeant wohl
ergehe auf dem Heimatsdampfer. Und ich beguckte mir gesättigt und
gesund das tiefblaue Wasser und die grünen Berge über der Bai und das
Städtchen mit seinen grellen Farbenflecken in rot und blau und gelb und
meldete mich beim Gouverneur und empfing den Befehl, mit der »City of
Galveston« noch am gleichen Nachmittag die Heimreise anzutreten -- als
einer der letzten der alten Armee vom Santiagotal.

Es war gerade noch Zeit zu einem kurzen Spaziergang die Plazza entlang
und zu kleinen Einkäufen. Und in großer Wut schied ich von Santiago de
Cuba!

Die grünen und gelben Scheine, die Billy mir geschickt hatte,
knisterten so wunderschön in den Taschen, und eine Stunde nur wurde
einem da gegeben, sich die Stadt zu begucken, die Stadt des Feindes,
die so viele Wochen lang eine märchenhafte Vorstellung nur gewesen war!
Hätte man sich da nicht einen Gaul mieten müssen und den Schlammpfad
noch einmal abreiten! Die San Juan-Hügel erklettern! Sich bei der alten
Zuckermühle das alte Loch betrachten, das jene Granate gerissen! Oh,
zum Teufel mit dieser unanständigen Eile ... Höchst ärgerlich ging ich
an Bord.

       *       *       *       *       *

Der Laderaum des kleinen Dampfers war von oben bis unten vollgepfropft
mit Waffen und Munition. Die Mausergewehre, die Bajonette, die
Patronenvorräte der Kriegsgefangenen spanischen Armee wurden in
das Arsenal von New York geschafft. Ein kranker Offizier, den eine
Pflegerin begleitete, und ich waren die einzigen Passagiere. Als wir
Long Island sichteten, fiel mir ein, daß ein Mausergewehr und ein
Bajonett oder zwei recht nette Andenken sein würden.

»Sind die Dinger eigentlich abgezählt?« fragte ich den Kapitän beim
letzten Mittagessen. »Ich meine, nimmt man es genau oder nicht so
genau? Ich möchte gern ein paar von den spanischen Schießprügeln haben!«

»Ih wo!« antwortete der lachend. »Sie sind ja in meinen Laderaum nur so
hineingeschaufelt worden.«

»Dann werde ich ein bißchen stehlen!« erklärte ich vergnügt.

»Meinetwegen,« grinste der Kapitän, »wenn Sie sich durchaus abschleppen
wollen mit den alten Dingern. Nehmen Sie sich, so viele Sie wollen. Im
übrigen ist's gar kein Stehlen. Das verrostete Zeug ist wenig genug
wert. Greifen Sie zu! Auf ein paar hundert Stück mehr oder weniger
kommt's nicht an.«

So ging ich an Land mit zwei Mausergewehren und zwei Bajonetten unterm
Arm und warf sie irgendwohin im Sergeantenzelt des Signalkorps und
verlebte einen langen Abend voller Erzählens mit meinen Kameraden. Die
hatten mich ja für tot gehalten.

Ich konnte mich gar nicht fassen vor Erstaunen über die wundersame
Zeltstadt --

»Der Soldat ist Trumpf heutzutage!« erklärte Souder lachend. »In der
Armee von Kuba gewesen zu sein ist jetzt wertvoller als vier Asse beim
Pokern. Menschenkind, 's ist einfach ein Wunder, daß sie uns nicht auch
noch in Watte packen!«

Mr. Soldat aus Kuba war tatsächlich Trumpf. Nicht nur die amtlichen
Stellen hatten beschlossen, daß er eine Zeitlang leben sollte wie der
Herrgott in Frankreich, sondern alle Welt wetteiferte obendrein, ihm
gute Sachen zuzustecken. Die bösen Trusts sogar.

Ueberall in der weißen Stadt hatte die Amerikanische Tabakgesellschaft
kleine Zelte errichtet, die große Plakate trugen: »Tabak für die Männer
von Santiago! Kommt, Jungens, und greift zu!!« Trat man an das kleine
Zeltfensterchen, so erkundigte sich ein liebenswürdiger Verkäufer so
beflissen danach, was man zu haben wünsche, als sei man ein wertvoller
alter Kunde. Zigaretten? Welche Sorte? Kautabak? Die neue Marke mit
dem Champagnergeschmack sei besonders zu empfehlen! Pfeifentabak? Und
alles war hübsch eingewickelt und auf jedem Päckchen stand: »Mit den
Komplimenten der Amerikanischen Tabakgesellschaft.« Große Brauereien
hatten Bierzelte eingerichtet und verschenkten ein besonders leicht
eingebrautes »Krankenbier« in reizenden kleinen Flaschen -- mit den
Komplimenten der oder jener Brauereigesellschaft. Teufel, Teufel! Zwar
taten sie's nicht aus Liebe und Begeisterung allein, sondern es mochte
auch ein bißchen Sinn für die famose Reklame dabei sein! Es gab Zelte
mit Sodawasser; es gab Bonbons und Schleckereien; es gab Streichhölzer,
Taschentücher, Bleistifte, Briefpapier, Briefmarken sogar -- immer mit
den verschiedensten Komplimenten. Auf den Briefmarken hatte der Spender
seine Firma eingelocht -- mit seinen Komplimenten. Mr. Soldat lebte vom
Fetten des Landes.

Doch es sollte noch besser kommen, viel besser.

Am Tag meiner Ankunft war das Lager für seuchenfrei erklärt und die
Sperre aufgehoben worden. Eine Stunde später verkündeten große Plakate
in New York Vergnügungszüge der Long Island-Eisenbahngesellschaft zur
Armee von Santiago. Um elf Uhr morgens am nächsten Tag kam die erste
Invasion. Zwischen den Zelten der weißen Stadt flutete es schwarz von
Menschen, dollarjagenden New Yorkern, die aber augenblicklich an gar
nichts zu denken schienen, als einen Soldaten der Armee von Santiago zu
erwischen und ihm die Hände aus den Gelenken zu schütteln. Fünf Minuten
nach Ankunft des Zuges konnte man sich in unserem Sergeantenzelt
überhaupt nicht mehr rühren, ohne einem eleganten New Yorker auf
die Fünf-Dollar-Stiefel zu treten. Es regnete Zigarren, und aus den
Fläschchen in den New Yorker Hüftentaschen ergossen sich schnäpsige
Getränke.

=»Good morning, good morning! Fine morning!!«= redete ein New Yorker
auf mich ein und packte meine Hand. Teufel, wie der Mensch drückte!
Während ich mir noch überlegte, ob ich liebenswürdig lächeln oder ihm
einen Stoß vor den Magen geben sollte, fiel sein Blick auf meine beiden
Mausergewehre in der Zeltecke.

=»Oh! Spanish guns!«= rief er entzückt.

»Jawohl; =Mausers=!« antwortete ich.

=»Fine, fine! How much?«=

Ich sah ihn verblüfft an, aber da hatte der Mann aus New York das
Gewehr schon gepackt und mir einen Zwanzigdollarschein in die Hand
gedrückt, und während ich noch nach Worten suchte, war das andere
Gewehr auch schon weg und ein zweiter Zwanzigdollarschein da.

Teufel! Ich drängte mich durch die händeschüttelnde Gesellschaft
und warf mich auf mein Bett und schalt mich siebenundzwanzigmal
hintereinander den fürchterlichsten Esel seit Erschaffung der Welt.
Eselhaft, begriffstützig, blödsinnig über alles erlaubte Maß hinaus.
Niemals würde ich ein Amerikaner werden! Niemals würde ich Hornochse
den Wert der Dinge und den Wert des Geldes wahrhaft begreifen lernen!

Welch ein Geschäft ging hier zum Teufel! Hundert Mausergewehre hätte
ich an Land schleppen können, umsonst, zollfrei, geschenkt! -- Hundert
Stück zu zwanzig Dollars macht zweitausend Dollars -- hundert Bajonette
obendrein zum allermindesten -- hundert Stück zu fünf Dollars macht
fünfhundert Dollars, macht zusammen zweitausendfünfhundert Dollars.

Verdammt, verdammt, verdammt nochmal!

Ueber zehntausend Mark -- heiliges Donnerwetter!

Durch die Hände schlüpfen lassen hatte ich mir mein erstes wirkliches
»Geschäft« auf amerikanischem Boden. Den idealen amerikanischen
=business-job= -- den Humbugschlager -- mit Intelligenz -- ohne Kapital
------

Ich Esel -- ich Hornochse!

Doch nicht einmal ein junger Teufel frisch aus der Hölle hätte es übers
Herz bringen können, inmitten dieser überliebenswürdigen, überfrohen,
übergütigen Menschen auf längere Dauer zu fluchen. Sie, die harten New
Yorker mit dem harten Dollarsinn, waren in der Laune, das Hemd vom
Leibe wegzuschenken. Der sentimentale Romantiker kam zum Durchbruch,
der in jedem richtigen Amerikaner steckt in merkwürdigem Gegensatz zu
dem rohen Kampf ums Dasein in der Neuen Welt. Kein Südfranzose, kein
italienischer Heißsporn, kein spanischer Leidenschaftsmensch hätte
naiver und kindlicher begeistert sein können als diese gewitzten Männer
aus der =matter of fact= Dollarwelt. Man sah es ja förmlich, wie diese
Leute ihr Hirn anstrengten, einem etwas Gutes zu tun. Wie jungenhaft
einfach und natürlich sie sich gaben -- wie der warmblütige Mensch
hervorguckte unter der abgeworfenen kühlen Geschäftsmaske -- und wie
doch wieder die Gewohnheit so stark war, daß sie nur in klingender
Münze begeistert sein konnten, diese Männer New Yorks. Der leiseste
Vorwand genügte ihnen, mit Geld um sich zu werfen. Sie ersannen sich
ständig neue Vorwände, den Wohltäter zu spielen. Und im Grunde war das
heilsam für die New Yorker Dollarmenschen, denn sie begriffen nun,
daß man mit dreizehn Dollars Einkommen im Monat ein ganzer Mann sein
konnte! -- Sie wurden daran erinnert, daß es noch andere Werte auf der
Welt gab als =business=!!

Auf einmal aber traten die Männer in dem dunkeln Grau oder Braun oder
Blau der Herrenkleidung völlig und gründlich in den Hintergrund. Die
wandelnden Träume im duftigen Weiß und den leuchtenden Farben in den
Zeltstraßen nahmen die Zügel in die Hand. Das duftige Weiß regierte.
Die Männer waren weg. Schlanke Frauengestalten erschienen.

=»Goodbye, Johnny!«= hauchte ein blauer Märchenhut. »Geh und amüsiere
dich, Männchen! Um vier Uhr (das war geschlagene drei Stunden
vordatiert) treffen wir uns bei der Station. Weißt du, ich muß mir von
den Jungens alles, alles erzählen lassen und da kann ich dich doch
nicht brauchen dabei. =Goodbye, Johnny!!=«

Und die zweite Invasion begann.

Die zweite Form von amerikanischer Begeisterung. Diese Mädchen und
Frauen empfanden erstens das Bedürfnis, diesen unglaublichen und ihnen
ganz ungewohnten Helden vom Santiagotal, an deren Ohren wirkliche,
echte Todeskugeln vorbeigepfiffen waren, ihre dankbare Reverenz zu
erweisen. Zweitens wollten sie sich aber amüsieren. Sie saßen auf
unseren Betten, wippten mit allerliebsten Füßchen.

Rische-Rasche machten die seidenen Unterröckchen.

»Hast du dich gar sehr gefürchtet in der Schlacht vom San Juan-Hügel?«
fragte mich ein Dinglein in roter Seidenbluse.

»Ach nein,« antwortete ich verlogen.

»Das Schwarz und Weiß deiner Sergeantenstreifen steht dir
ausgezeichnet!« meinte das Dinglein in sonderbarem Gedankensprung --
sonderbar für mich -- damals ...

Ich war paff.

»Was bedeuten denn die komischen Flaggen auf deinen Aermeln?«

»Weißt du,« sagte der Lausbub (das war auch ein Gedankensprung) »------
wenn hier nicht so viele Leute wären, so möchte ich dir einen Kuß
stehlen!«

»Oh pfui!!« hauchte sie. Aber ihre Augen sagten gar nicht pfui.

Es war ein Idyll. Es war eine Orgie in Begeisterung. Es war praktischer
Humor ersten Ranges, wie die gutgezogenen New Yorker Männer ihre
Dollarfrauen dem Flirt überließen -- und ich wunderte mich mehr
als einmal, ob nicht mancher gute Ehemann das verfluchte Heldentum
verdammt ungemütlich empfand. Sie saßen auf unseren Betten, die
Mädelchen und die Frauen, und sie naschten mit großen verwunderten
Augen Soldatenessen von unseren blechernen Soldatentellern. Sie waren
sehr nett. Sie küßten wohl auch einmal -- in dem erhebend moralischen
Bewußtsein, daß sie durchaus unpersönlich küßten. Sie küßten Helden
fürs Vaterland. Die Männer wollten ihre Dollars los werden. Die Frauen
ihre Liebenswürdigkeit.

Ich plauderte lange mit dem Dinglein in der roten Bluse. Das war ein
kluges Mädchen. Auch sie wollte Andenken haben, aber es fiel ihr nicht
im Traum ein, mit teuren Dollars zu operieren wie die Männer. Sie
machte süße Augen -- und drehte mir einen vergoldeten Sergeantenknopf
ab. Sie machte noch süßere Augen -- und holte ein Scherchen aus
der Handtasche hervor, um mir kaltblütig die kostbaren seidenen
Sergeantenabzeichen von den Aermeln zu trennen. Sie schenkte einen Kuß
-- und stopfte sich alle Taschen voller Patronen und Messingflaggen,
wie wir sie an den Mützen trugen, und den verschiedenen Dingen im
allgemeinen, wie sie überall umherlagen.

»Hast du denn auch ein liebes kleines Mädel?« fragte die rote Bluse.

»N -- nein!« flüsterte ich, mit tiefem und ehrlichem Bedauern, denn
rote Blusen und die lieben kleinen Mädchen darin schienen mir gerade
jetzt etwas besonders Reizendes.

»Ach du armer Junge!!« (bums dich -- war wieder ein vergoldeter Knopf
weg!) »Weißt du -- ich möchte sehr gut zu dir sein!«

Und da führte ich sie durch unsere weiße Stadt und zeigte ihr all
die Zelte und sah sie erschauern vor der Bedeutung des riesigen
seidenen Sternenbanners, das vor dem Zelt des kommandierenden
Generals im Windgebrause flatterte. Erschrecklich viel Limonade trank
sie. Erschrecklich viele kleine Paketchen von Tabak und winzigen
Bierfläschchen und Soldatenbonbons nahm sie mit als Andenken und
versprach hoch und heilig, sie in Ehren zu halten für alle Ewigkeit.
Ich aber wunderte mich, wie das kleine Persönchen es fertig brachte,
all die gemopsten und geschenkten Sächelchen zu verstauen. Des Rätsels
Lösung fand ich nicht. Und wir verzehrten noch mehr Süßigkeiten und
tranken noch mehr Limonade und gingen eine lange Nachmittagsstunde
am sandigen Strand spazieren, weit von der Zeltstadt, aber keineswegs
in Einsamkeit, denn wo man auch hingeriet irgendwo um Montauk Point
herum, ergingen sich reizende Frauen mit den Männern der Armee vom
Santiagotal. Sie mußten sich Helden nennen lassen, die armen Männer,
bis sie erröteten wie Backfische.

Es war eine Orgie.

»Adieu, lieber Junge!« sagte das Dinglein bei der Station, und ich
hätte darauf geschworen, daß der feine vielsagende Händedruck sieben
verschiedene Wahlverwandtschaften zum mindesten bedeutete. Doch im
gleichen Augenblick schoß das gleiche Dinglein in der gleichen roten
Bluse auf einen mageren Jüngling in korrektem Schwarz und allerneuestem
korrekten New Yorker Hut zu und warf sich, jawohl, warf sich, an seinen
Hals!

»Freddy,« jubelte sie -- »ach, du lieber guter Freddy, es war ja so
süß!«

Da begriff ich, daß ich im Erleben der roten Bluse eine ganz
gewöhnliche Episode war. Ein Röhrchen war ich, ein lächerliches
Sicherheitsventil, eine mechanische Vorrichtung, dem Hochdruck der
Begeisterung der amerikanischen Frau Luft zu verschaffen. Er wäre sonst
gefährlich geworden.

»Du verflixter kleiner Fratz!« murmelte ich.

       *       *       *       *       *

Es dauerte aber gar nicht lange, so erreichte der Hochdruck der
Begeisterung in Amerika das überspannte Stadium. Es wurde allerorten
und in allem gewaltig übertrieben im Siegesjubel. Man war wie ein
glücklicher Spieler, der im ersten Taumel des Gewinnens nicht weiß was
tun vor Freude und links und rechts mit vollen Händen die Goldstücke
hinausschleudert. Ein solches Schleudern war es im Dollarland damals!

Und bald wurde das echte, starke, wahre Gefühl der Begeisterung zum
sentimentalen Gefühlskitsch.

Die Frauen vor allem machten lächerliche Dummheiten.

Eine Flutwelle der Hysterie ergoß sich über das Yankeeland. Zuerst
natürlich erreichte die Welle das nahe New York. Die Zeitungen
berichteten, lächelnd anfänglich, dann entrüstet, daß mit den Jungens
in Blau eine Abgötterei getrieben werde, die in ihren Formen schon ein
Unfug genannt werden müsse!

»Mann! Bringe mir heute abend zehn Helden zum =supper=!« befahl die
New Yorker Ehefrau. Und Mr. Ehemann, wohldressiert von Kindesbeinen
an, ging los, ob's ihm nun besonders gefiel oder nicht, und gabelte
gehorsam zehn Helden auf. Frisch von der Straße weg.

Heidi, es war lustig!

Mrs. Ix, die New Yorkerin und Milliardärin, gab schleunigst einen
Soldatenball. Mrs. Ypsilon, gleichfalls Milliardärin, trumpfte über
und erließ =prestissimo= die Einladungen zu einem Sergeantenball, bei
dem es märchenhaft wohlhabend herging. Mrs. Zett, auch sie natürlich
Milliardärin, fuhr von morgens früh bis abends spät mühsam überredete
Helden in ihrem vornehmen Landauer in den Straßen New Yorks spazieren.
Die großen Blumengeschäfte erhielten Anweisungen von Damen der
Gesellschaft, jedem Soldaten Blumen zum Begeisterungsgeschenk zu machen
-- was reizend gewesen wäre, wenn die gütigen Spenderinnen nicht gar so
deutlich dafür gesorgt hätten, daß ihre Namen in allen Zeitungen und an
allen Blumenladenfenstern recht laut und kräftig in Erscheinung traten.

Die nervöse Welle lief weiter -- wuchs an. In Washington wurde sie zur
Sturmflut.

Eines Tages meldete sich in der Stadt des Kapitols ein junger Leutnant
beim Marineminister. Er hieß Hobson und war ein Held. Hatte mannhaft
Leib und Leben darangesetzt mit offenen Augen und war nur wie ein
Wunder dem Tode entgangen, als er in der Santiago-Felsenenge den
Merrimac in die Luft sprengte. Nun war der junge Leutnant der Held
des Tages in Washington. Seine Kommandeure, der Marineminister, der
Präsident der Vereinigten Staaten überschütteten ihn mit Glückwünschen
und Danksagungen. Man gab einen Ball zu seinen Ehren.

Und damit fing das Unglück an.

Als Hobson den Ballsaal betrat, schritt eine junge Dame der
Washingtoner Gesellschaft auf ihn zu, überreichte ihm einen großen
Blumenstrauß und bestätigte ihm in wohlgesetzten Worten, daß er ein
Held sei und sein Name unvergänglich auf den Tafeln des Vaterlandes
leuchten werde. Dann kam ihr besonderer Dank. Im Namen der
amerikanischen Frau; im Namen der fraulichen Gesamtheit; im Namen der
Weiblichkeit:

Schlanke, weiße Arme legten sich um des Leutnants goldbestickten
Uniformkragen und ein amerikanischer Frauenmund küßte ihn lang und
innig.

Vor versammeltem Mannsvolk und bewundernder Frauenschar.

Am nächsten Tag wurde das weihevolle Ereignis in vielen Zeitungsspalten
geschildert. Die Gesellschaftsreporter fanden mühelos die richtigen
Töne. Sie lachten sich zwar wahrscheinlich halbtot dabei im
Redaktionssanktum bei Bier und Zigarette -- aber die Töne fanden sie!

Sie sprachen ernsthaft und gediegen von allerhöchster Ehre. Sie
flöteten zart vom symbolischen Weihekuß. Sie nahmen gedankenvoll das
Konversationslexikon zur Hand und fanden auch glücklich klassische
Vorbilder, die sich prachtvoll zu Vergleichen eigneten und die ganze
sentimentale Geschichte auf ein anständiges Niveau hoben. Am nächsten
Tag durcheilte die wichtige Nachricht Amerika.

Ueber das weibliche Amerika brauste ein Sturm der Begeisterung.

Das war groß. Edel. Ungeheuer. Das war Heldenlohn. Schöner und reicher
als alle Schätze an Gold und Ehren.

Man gab einen zweiten Ball in Washington, wiederum zu Ehren des
Leutnants, und wiederum begann er mit einem Weihekuß. Diesmal jedoch
schlossen sich die anwesenden Damen der ersten Weiheküsserin ziemlich
vollzählig an. Es schien ihnen wohl Anstandsgebot, einem wirklichen
Helden wahrhafte Ehren auch reichlich genug zu erweisen. Es hagelte
Küsse auf Hobson herab -- und der arme Leutnant wurde verrückt! Der
mannhafte Mann, der Held, der Todeskämpfer wurde zum Schwächling
und eitlen Toren. Er wurde hysterisch, genau so hysterisch wie die
»Küsserinnen«. Er ließ sich überallhin einladen, zu Dutzenden von
Bällen in Washington allein, in Boston, in Baltimore, und wurde überall
geküßt.

Es war tragikomisch. Nein, tragisch mehr als komisch. Der Amerikaner
verträgt und ermutigt sogar sentimentale Dinge, wenn sie mit Frauen
zusammenhängen, namentlich bis zu einem gewissen Punkt. Dann aber
schnappt irgend etwas bei ihm.

Bei der Hobson Küsserei schnappte es! Noch einige Male berichtete die
amerikanische Presse in nicht ganz echt klingender Begeisterung über
die Hobsonbälle und die Weiheküsse. Dann war es aus. Eine New Yorker
Zeitung machte den Anfang:

»Mr. Hobson läßt sich schon wieder küssen! Die Sache wird zur üblen
Gewohnheit!!« überschrieb sie einen lustigen Bericht.

Und nun donnerte ein nimmer endenwollendes Gelächter herab auf den
armen Hobson. Man nannte ihn den geküßten Hobson -- den küssenden
Hobson. Man erwog ernsthaft, ob eine Veränderung seiner Mundlinien
zu befürchten sei durch die starke Inanspruchnahme der Lippen --
man hieß ihn den bestgeküßten Mann der Welt -- man zeichnete ihn in
bissigen Karikaturen umdrängt von kußlechzenden Frauenantlitzen --
man riet ihm ernsthaft, auch den Westen Amerikas abzugrasen. Ein
besonders niederträchtiger Schreibersmann empfahl ihm das Erheben von
Eintrittskußgeld. Ganz Amerika lachte drei Wochen lang.

Das Unglaubliche, das Brutale, das Tragische war geschehen. Ein braver
Mann, der sich den Dank seines Vaterlandes ehrlich verdient hatte,
war für alle Zeiten zu einer lächerlichen Hanswurstenfigur geworden.
Heute noch löst der Name Hobson in Amerika ein vergnügtes Schmunzeln
aus. Der Held der Santiagofelsenenge ist vergessen -- der Vielgeküßte
unsterblich geworden.

So ertrank Leutnant Hobson von der amerikanischen Marine in der Welle
der Hysterie.

       *       *       *       *       *

Im Sergeantenzelt türmten sich die Zeitungen. Sie lagen in Haufen in
allen Ecken; sie stapelten sich in Ballen auf gegen die Zeltwand, da,
wo mein Bett stand; sie bedeckten oft genug sogar den Fußboden, daß man
so recht im knisterigen, raschelnden, dünnen Zeitungspapier watete. Die
Kameraden schimpften.

»Du bist verrückt!« erklärte Souder.

»Werft ihn doch hinaus mitsamt seinen alten Zeitungen!« schlug Hastings
gemütlich vor.

»Geht weg -- geht doch weg -- schert euch nur ja zum Kuckuck!« war
gewöhnlich meine Antwort, brummend in knurrigem Ton gegeben, aber
lachend gemeint.

Und doch wieder sehr ernsthaft. Die Mitbewohner des Zeltes wußten
recht genau, daß es nicht erlaubt war, den Sergeanten Carlé beim
Zeitungslesen zu stören (man mochte reden soviel man wollte, aber nicht
mit ihm), oder gar auch nur eine einzige seiner kostbaren Zeitungen
aus dem Zelt fortzunehmen, sofern man sich nicht Ungemütlichkeiten
aussetzen wollte. So ließ man ihn gewähren. Wenn die New Yorker
Invasion einen einmal nicht plagte, wurde Poker gespielt im Zelt,
unglaublich viel und unglaublich hoch, denn männiglich hatte Geld in
Menge und kein Mensch etwas zu tun, oder viel Bier getrunken, viel
geplaudert, viel gelacht. Der Zeitungssergeant aber -- so nannten sie
mich -- lag auf seinem Bett und las und las. Er war eben ein bißchen
verrückt.

Das Zeitungsfieber hatte mich wieder gepackt.

Ich las und las. Spalte auf Spalte verschlang ich, und Stunde auf
Stunde verrann. Für nichts hatte ich Sinn und alle Dinge waren mir
gleichgültig seit dem Morgen, an dem die Post die bestellten Zeitungen
gebracht hatte. Zwei gewaltige Pakete waren es gewesen. Alle Nummern
des =New York Journal= und des =New York Herald= vom allerersten Beginn
des Krieges bis zum heutigen Tag. Die Zeitungen des Krieges. Lückenlos.
Und ich lag langgestreckt auf meinem Bett und kicherte selig, wenn
in den Zeitungsspalten lustige Teufelchen der Uebertreibung tanzten,
und atmete keuchend in heller Begeisterung, wenn ich die glänzenden
Kriegsbilder las, die große Zeitungsmänner gemalt hatten. Murmelte in
Gedanken wohl auch einmal irgend etwas vor mich hin.

»Er ist ohne Zweifel blödsinnig geworden!« behaupteten dann lachend
die Sergeanten. Dabei stibitzten sie aber eifrig die Nummern, die ich
gelesen hatte.

Begeistert war ich, gebannt. Gefangen im Zauberkreis der Zeitung. Ich
suchte nach Namen, die ich kannte, nach Federn, die Meister waren in
jener Zeit. Wie ein Kolossalgemälde entstand vor den lesenden Augen
aus den Zeitungsspalten die Geschichte des Kriegs. In leuchtenden
Farben. In kleinsten Einzelheiten gemalt. Und doch wieder in wunderbar
großem Zug. Ein Irrtum war zwar da und dort einmal unterlaufen, ein
gar zu greller Farbenfleck einmal hingekleckst. Im ganzen aber --
welch ein Bild! Mit wenigem Aendern, mit Streichen, mit Ausscheiden
und Zusammenziehen, bedeuteten die vielen Aufsätze mit den schreienden
Ueberschriften in den Papierstapeln da neben meinem Bett die Geschichte
eines Krieges, wie sie glänzender, lebendiger, wahrhafter nicht
geschrieben werden konnte. Sie waren überall dabei gewesen, die Männer
der Feder mit ihren sehenden Augen, die das Große stets vom Kleinen
zu unterscheiden wußten. Lückenlos war der Krieg beschrieben von der
fieberigen Aufregung in Tampa bis zum Flaggenhissen am Friedensbaum;
vom Treiben in der Santiagostadt bis zum Elend in den Hospitälern.
Kriegskorrespondenten waren auf Dampfyachten ständig hin und her
geeilt zwischen Siboney und der nächsten Kabelstation auf Jamaica --
McCulloch war mit unter den ersten gewesen beim Sturm auf den San
Juan-Hügel -- Richard Harding Davis hatte sich einen unsterblichen
Namen errungen in der amerikanischen Zeitungswelt durch seine
Schilderungen des Santiagotals. Ich sah die Einzelleistungen in diesen
wunderbaren Schwarzdruckspalten und in ihnen die ungeheure Arbeit,
die Begeisterung, die Energie, die vor nichts zurückgeschreckt war.
Sah aber auch, als wäre ich dabei gewesen, die Arbeit der Zeitung
selbst; das Sammeln der wichtigen Nachrichten aus vielen Quellen, das
Ausscheiden, das Sichten, das Zusammenstellen -- das Malen des Bildes
von der reichen Farbenpalette.

Und oft lag ich stundenlang da in diesen Tagen und starrte träumend zur
Zeltdecke empor.

Ich sah wieder die alten zerschnitzelten Tische im Reporterzimmer
und die Männer an ihnen, zum Greifen deutlich, und roch
frische Druckerschwärze und hörte dumpf und dröhnend gewaltige
Rotationsmaschinen stampfen. Ich erlebte wieder im Traum die Hast und
die Hetze, das berauschende Arbeitsstürmen und den stillen schweigenden
Erfolgsjubel, die des Zeitungsmannes Teil sind. Große Sehnsucht kam
über mich. Davonlaufen hätte ich mögen. Lächerlich schien mir die
Uniform jetzt in den Zeiten des Friedens. Sie drückte mich. Sie wollte
so gar nicht passen. Firlefanz waren die breiten Sergeantenstreifen
in Schwarz und Silber nun; Tand die grellbunten Flaggen in weiß und
roter Seide auf den Aermeln. Ein erledigtes Stück Leben schienen mir
diese fünf Monate im Soldatenrock. Sie waren reich gewesen an farbigem
Schauen und köstlich würden sie einst sein in der Erinnerung, aber sie
durften beileibe nicht verlängert werden zu den langen drei Jahren, die
der Pakt eigentlich vorschrieb.

Eines Morgens ging ich zu Major Stevens ins Offizierszelt. Der Major
war nur wenige Tage früher als ich im Gesundheitslager eingetroffen,
nachdem er im Santiagoer Hospital eine bösartige Malariaerkrankung
überstanden hatte.

»Was gibt's, Sergeant?« fragte er knapp, gemessen, dienstlich, ganz
Offizier. Mit der Gemütlichkeit war es jetzt vorbei.

»Ein persönliches Anliegen, Herr Major!«

»Oh!« Sein Ton veränderte sich. »Nehmen Sie Platz, Sergeant, was kann
ich für Sie tun?«

»Ich möchte Sie bitten, Herr Major, meine Entlassung aus der Armee zu
befürworten.«

Er kaute auf seinem Schnurrbart. Dann schüttelte er energisch den Kopf.
»Geht jetzt nicht, Sergeant!« sagte er.

Die Worte trafen mich schwer.

Der Major lachte ein wenig. »Sie haben doch nicht etwa Grund zur
Unzufriedenheit?«

»Nein. Aber --«

»Ich weiß, ich weiß. Sergeantenstreifen locken Sie wohl nicht
besonders! Es war ein sehr gefährliches Experiment, Mr. Carlé, den Kopf
in die reguläre Armee zu stecken, denn unter drei Jahren wird so leicht
keiner losgelassen. Es wird aber gehen. Einige Monate jedoch müssen
Sie warten. Ich würde mich lächerlich machen, wenn ich gerade jetzt
ein derartiges Gesuch befürwortete. Außerdem würde es ohne Zweifel
abschlägig beschieden werden. Also in Ihrem eigenen Interesse --«

Und er erklärte mir, daß der Krieg die Notwendigkeit gezeigt habe, ein
Signalkorps in größerem Stil zu organisieren. Wir würden in wenigen
Tagen nach Fort Myer bei Washington kommandiert werden, um dort als
Stammtruppe Hunderte von neuen Signalisten heranzubilden. Da nur
gelernte Telegraphisten angeworben werden sollten, so würde diese
Ausbildung sehr schnell gehen und die Leute bald nach den Philippinen
und Kuba gesandt werden können, wo man sie brauchte.

»Unter diesen Umständen wird es dem Chef nicht einfallen, einem
Sergeanten die freiwillige Entlassung zu gewähren. Wird Ihr Gesuch aber
abschlägig beschieden, so können Sie es sobald nicht wieder einreichen.
Sie müssen warten. In drei, vier Monaten, dann wird's gehen. Solange
werden Sie es recht gut aushalten können. Wir bauen eine Ballonhalle --
wir beschäftigen uns mit dem Problem der Lenkbarkeit eines Luftschiffs
-- wir experimentieren mit der neuen Marconi-Telegraphie ohne Draht --
wir bekommen elektrische Automobile -- interessant genug wird's werden.
Ich bin übrigens zum Kommandeur des neuen Signalforts ernannt worden.
Sie werden vorläufig mein Sekretär sein. =Good morning, sergeant!=«

Da ging ich zum Strand hinunter und lief lange auf und ab. Nicht zu
ertragen schien mir mein Unglück ...

       *       *       *       *       *

Ein lustiges Lächeln stiehlt sich über mich im Erinnern an jenen
Abschnitt in den jagenden Lausbubenzeiten. Ich war in Wirklichkeit
über alle Maßen unglücklich damals, daß ich den Sergeantenrock nicht
abschütteln konnte -- mit einem Halloh und einem Heidi, wie ich alles
Unbequeme abgeschüttelt hatte in der Vergangenheit und abschütteln
sollte in der Zukunft. Kreuzunglücklich bin ich gewesen. Und das
Lächeln wird zu einem großen Lachen, wenn ich mich daran erinnere,
wie prachtvoll die vier Monate meines Sergeantentums in Fort Myer bei
Washington werden sollten. Und wie alles ineinandergriff. Wie ich durch
das Signalkorps wieder zur lieben alten Zeitungsarbeit kam und wie es
wieder dahinging in Hast und Hetze über den amerikanischen Erdteil, ein
neues Wanderleben ...

Zeiten kamen und Verhältnisse, in denen kein Mensch geahnt haben
würde, daß der Mann der Feder je ein simpler Sergeant der Regulären
gewesen sein konnte -- und Zeiten kamen wieder, da der Sergeant
von dereinst sich auf das Soldatenblut besann und in einer der
Venezuela-Revolutiönchen Glückssoldaten kommandierte. Wie sich das
alles zutrug -- ja, das ist eine andere Geschichte und so umständlich,
daß sie leider noch in einem dritten Band geschrieben werden muß.


     _Ende des zweiten Teils._



Anmerkungen des Bearbeiters


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 Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

 Möglicherweise unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Deutsche Lausbub in Amerika (2/3) - Erinnerungen und Eindrücke Zweiter Teil" ***

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