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Title: Die Welträtsel - Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie
Author: Haeckel, Ernst
Language: German
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              =Die Welträtsel=

       *       *       *       *       *

          Gemeinverständliche Studien
          über Monistische Philosophie

                      von

               =Ernst Haeckel=

       *       *       *       *       *

                 Neu bearbeitete
                =Taschenausgabe=

       *       *       *       *       *

                    Leipzig
            =Alfred Kröner Verlag=
                     1909



    Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig



Vorwort zur ersten Auflage.

(1899).


Die vorliegenden Studien über =monistische Philosophie= sind für die
denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände
bestimmt. Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an
dessen Ende wir stehen, gehört das lebendige Wachstum des Strebens
nach =Erkenntnis der Wahrheit= in weitesten Kreisen. Dasselbe erklärt
sich einerseits durch die ungeheuren Fortschritte der wirklichen
Naturerkenntnis in diesem merkwürdigsten Abschnitte der menschlichen
Geschichte, andererseits durch den offenkundigen Widerspruch, in
den dieselbe zur gelehrten Tradition der »=Offenbarung=« geraten
ist, und endlich durch die entsprechende Ausbreitung und Verstärkung
des vernünftigen Bedürfnisses nach Verständnis der unzähligen neu
entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen.

Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem
»=Jahrhundert der Naturwissenschaft=« entspricht keineswegs eine
gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere
Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen,
die wir mit einem Worte =Philosophie= nennen. Vielmehr sehen wir, daß
die abstrakte und größtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf
unseren Universitäten seit Jahrhunderten als »Philosophie« gelehrt
wird, weit davon entfernt ist, jene neu erworbenen Schätze der
Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern
müssen wir auf der anderen Seite zugestehen, daß die meisten Vertreter
der sogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der speziellen
Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs
begnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges
der beobachteten Erscheinungen -- d. h. eben Philosophie! -- für
überflüssig halten. Während diese reinen Empiriker »den Wald vor
Bäumen nicht sehen«, begnügen sich jene Metaphysiker mit dem bloßen
Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume zu sehen. Der Begriff der
»=Naturphilosophie=«, in welchem ganz naturgemäß jene beiden Wege
der Wahrheitsforschung, die empirische und die spekulative Methode,
zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen beider
Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen.

Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen
Naturwissenschaft und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der
Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen
immer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schon der
wachsende Umfang der ungeheuren populären »naturphilosophischen«
Literatur, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts entstanden
ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, daß trotz jener
gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der
denkenden Philosophen dennoch hervorragende Männer der Wissenschaft aus
beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt
nach der Lösung jener höchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir
kurz mit einem Worte als »=Die Welträtsel=« bezeichnen.

Die Untersuchungen über diese »Welträtsel«, welche ich in der
vorliegenden Schrift gebe, können vernünftigerweise nicht den Anspruch
erheben, eine vollständige =Lösung= derselben zu bringen; vielmehr
sollen sie nur eine kritische =Beleuchtung= derselben für weitere
gebildete Kreise geben und die Frage zu beantworten suchen, wie weit
wir uns gegenwärtig deren Lösung genähert haben. =Welche Stufe in der
Erkenntnis der Wahrheit haben wir am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich
erreicht?= Und welche Fortschritte nach diesem unendlich entfernten
Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht?

Die Antwort auf diese großen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgemäß
nur =subjektiv= und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse
der wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres
objektiven Wesens sind beschränkt, ebenso wie diejenigen aller anderen
Menschen. Das Einzige, was ich für dieselben voll in Anspruch nehme,
und was auch meine entschiedensten Gegner anerkennen müssen, ist, daß
meine monistische Philosophie von Anfang bis zu Ende =ehrlich= ist,
d. h. der vollständige Ausdruck der Überzeugung, welche ich durch
vieljähriges eifriges Forschen in der Natur und durch unablässiges
Nachdenken über den wahren Grund ihrer Erscheinungen erworben habe.
Diese naturphilosophische Gedankenarbeit erstreckt sich jetzt über
ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in meinem 66.
Lebensjahre, wohl annehmen, daß sie =reif= im menschlichen Sinne ist;
ich bin auch völlig gewiß, daß diese »=reife Frucht=« vom Baume der
Erkenntnis für die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden
ist, keine bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen
Veränderungen erfahren wird.

Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen
und genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner
»=Generellen Morphologie der Organismen=« niedergelegt, einem
weitschweifig und schwerfällig geschriebenen Werke, welches nur
sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die
neubegründete Entwickelungslehre für das ganze Gebiet der organischen
Formenwissenschaft durchzuführen. Um wenigstens einen Teil der neuen,
darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen
weiteren Kreis von Gebildeten für die größten Erkenntnisfortschritte
unseres Jahrhunderts zu interessieren, veröffentlichte ich zwei Jahre
später (1868) meine »=Natürliche Schöpfungsgeschichte=«. Da dieses
leichter geschürzte Werk trotz seiner großen Mängel in neun starken
Auflagen und zwölf verschiedenen Übersetzungen erschien, hat es nicht
wenig zur Verbreitung der monistischen Weltanschauung beigetragen.
Dasselbe gilt auch wohl von der weniger gelesenen »=Anthropogenie=«,
in welcher ich (1874) die schwierige Aufgabe zu lösen versuchte, die
wichtigsten Tatsachen der menschlichen Entwickelungsgeschichte einem
größeren Kreise von Gebildeten zugänglich und verständlich zu machen;
die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien 1891. Einige
bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche neuerdings
dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in
dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 »Über unsere gegenwärtige
Kenntnis vom =Ursprung des Menschen=« auf dem vierten internationalen
Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899).
Mehrere einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein
besonderes Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen »Gesammelten
populären Vorträgen aus dem Gebiete der =Entwickelungslehre=« (1878).
Endlich habe ich die allgemeinsten Grundsätze meiner monistischen
Philosophie und ihre besondere Beziehung zu den herrschenden
Glaubenslehren kurz zusammengefaßt in dem »Glaubensbekenntnis eines
Naturforschers: =Der Monismus als Band zwischen Religion und
Wissenschaft=« (1892, achte Auflage 1899).

Die vorliegende Schrift über die »=Welträtsel=« ist die weitere
Ausführung, Begründung und Ergänzung der Überzeugungen, welche ich in
den vorstehend angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch
vertreten habe. Ich gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der
monistischen Weltanschauung abzuschließen.

Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes »=System
der monistischen Philosophie=« auf Grund der Entwickelungslehre
auszubauen, wird nicht mehr zur Ausführung gelangen. Meine Kräfte
reichen dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden
Alters drängen zum Abschluß. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des
=neunzehnten Jahrhunderts= und will mit dessen Ende einen Strich unter
meine Lebensarbeit machen.

Die unermeßliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge
fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat,
läßt es schon heute unmöglich erscheinen, alle Zweige desselben mit
gleicher Gründlichkeit zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang
einheitlich darzustellen. Selbst ein Genius ersten Ranges, der
alle Gebiete der Wissenschaft gleichmäßig beherrschte, und der die
künstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in vollem Maße
besäße, würde doch nicht imstande sein, im Raume eines mäßigen Bandes
ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen »Kosmos« auszuführen.
Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr
ungleich und lückenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen,
den allgemeinen Plan eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die
durchgehende =Einheit= seiner Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher
Ausführung derselben. Das vorliegende Buch über die Welträtsel trägt
daher auch nur den Charakter eines »Skizzenbuches«, in welchem
=Studien= von sehr ungleichem Werte zu einem Ganzen zusammengefügt
sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in früheren Jahren,
zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die
Behandlung leider oft ungleichmäßig; auch sind mehrfache Wiederholungen
nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen.

Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die
Hoffnung aus, daß ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit
-- trotz ihrer mir wohl bewußten Mängel -- ein kleines Scherflein zur
Lösung der »Welträtsel« beigetragen habe, und daß ich im Kampfe der
Weltanschauungen manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis
ringenden Leser denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen
Überzeugung allein zur Wahrheit führt, den Weg der =empirischen
Naturforschung= und der darauf gegründeten =monistischen Philosophie=.

    =Jena=, 2. April 1899.

                                                 _Ernst Haeckel._



Vorwort zur Taschenausgabe.


Auf Anregung des Verlegers der »Welträtsel«, Herrn =Alfred Kröner=, und
auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine
neue und bequeme =Taschenausgabe= davon zu veranstalten. Es kam dabei
besonders in Betracht, den Inhalt einem größeren Kreise durch leichtere
Darstellung und gefälligere Form zugänglich zu machen, überflüssige
Zugaben zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele
Fremdwörter und verwickelte Ausführungen durch leichter verständliche
zu ersetzen. Ferner sind viele Sätze entfernt worden, welche teils
ferner liegende, teils zweifelhafte Fragen behandelten; das Buch
hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch an einheitlicher
Durchführung gewonnen.

Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und
=Anmerkungen= weggefallen, welche in der ersten großen Ausgabe
enthalten sind, sowie das =Nachwort= zu der später erschienenen
Volksausgabe (»Das Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft«). Diejenigen
Leser, welche diese weiteren Zusätze und Erläuterungen kennen zu lernen
wünschen, finden sie in der kürzlich erschienenen zehnten Auflage
der =großen Ausgabe=, und teilweise in der »neu durchgesehenen und
verbesserten Auflage der =Volksausgabe=« (240. Tausend).

Möge auch diese neue =Taschenausgabe= dazu dienen, das Licht der
Aufklärung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser
anregen, sich selbsttätig an der Lösung der großen »Welträtsel« zu
beteiligen.

    =Jena=, 29. September 1908.

                                                _Ernst Haeckel._



Inhalt


          ~I~. Anthropologischer Teil
                     =Der Mensch=

   1. Stellung der Welträtsel                   1
   2. Unser Körperbau                          14
   3. Unser Leben                              24
   4. Unsere Keimesgeschichte                  32
   5. Unsere Stammesgeschichte                 42

          ~II~. Psychologischer Teil
                     =Die Seele=

   6.  Das Wesen der Seele                     54
   7.  Stufenleiter der Seele                  68
   8.  Keimesgeschichte der Seele              80
   9.  Stammesgeschichte der Seele             90
  10. Bewußtsein der Seele                    101
  11. Unsterblichkeit der Seele               113

          ~III~.  Kosmologischer Teil
                     =Die Welt=

  12. Das Substanzgesetz                      127
  13. Entwickelungsgeschichte der Welt        140
  14. Einheit der Natur                       154
  15. Gott und Welt                           168

          ~IV~.   Theologischer Teil
                     =Der Gott=

  16. Wissen und Glauben                      180
  17. Wissenschaft und Christentum            191
  18. Unsere monistische Religion             206
  19. Unsere monistische Sittenlehre          217
  20. Lösung der Welträtsel                   229



=Erstes Kapitel.=

_Stellung der Welträtsel._


  Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der
  Weltanschauungen. Monismus und Dualismus.


Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden
Beobachter eines der merkwürdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten
sind darüber einig, daß dieses großartige Jahrhundert in vieler
Beziehung alle seine Vorgänger unendlich überflügelt und Aufgaben
gelöst hat, die in seinem Anfange unlösbar erschienen. Die
überraschenden theoretischen Fortschritte in der Naturerkenntnis und
ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik, Industrie, Verkehr
usw. haben unserem modernen Kulturleben ein völlig neues Gepräge
gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen
Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine
Fortschritte gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar
leider bedenkliche Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt
entspringt nicht nur ein unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit
und Unwahrheit, sondern auch die Gefahr schwerer Katastrophen auf
politischem und sozialem Gebiete. Es ist daher nicht nur das gute
Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen und von
Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur Aufhebung
jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden Gefahren
beizutragen. Dies kann aber nach unserer Überzeugung nur durch mutiges
Streben nach =Erkenntnis der Wahrheit= geschehen und durch Gewinnung
einer klaren, fest gegründeten, =naturgemäßen Weltanschauung=.

_Fortschritte der Naturerkenntnis._ Wenn wir uns den unvollkommenen
Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts
vergegenwärtigen und ihn mit der glänzenden Höhe an dessen Schlusse
vergleichen, so muß jedem Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich
groß erscheinen. Jeder einzelne Zweig der Naturwissenschaft darf
sich rühmen, daß er innerhalb dieses Jahrhunderts Gewinne von
größter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis des
Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Größten haben
wir unschätzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren
undenkbar erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns
im Reiche der einzelligen Lebewesen eine »unsichtbare Welt« voll
unendlichen Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen
Zelle den gemeinsamen »Elementar-Organismus« kennen gelehrt, aus dessen
sozialen Zellverbänden, den Geweben, der Körper aller vielzelligen
Pflanzen und Tiere ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt
ist. Diese anatomischen Kenntnisse sind von größter Tragweite; sie
werden ergänzt durch den embryologischen Nachweis, daß jeder höhere
vielzellige Organismus sich aus einer einzigen einfachen Zelle
entwickelt, der »befruchteten Eizelle«. Die bedeutungsvolle, hierauf
gegründete =Zellentheorie= hat uns erst das wahre Verständnis für
die geheimnisvollen Lebenserscheinungen eröffnet, zu deren Erklärung
man früher eine übernatürliche »Lebenskraft« oder ein »unsterbliches
Seelenwesen« annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem
Arzte erst durch die damit verknüpfte Zellularpathologie klar und
verständlich geworden.

Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts
im Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen
ihres Gebietes die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was
wichtiger ist, sie hat die =Einheit der Naturkräfte= im ganzen
Universum nachgewiesen. Die mechanische Wärmetheorie hat gezeigt, wie
eng dieselben zusammenhängen und wie jede unter bestimmten Bedingungen
sich direkt in die andere verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat
uns gelehrt, daß dieselben Stoffe, welche unseren Erdkörper und
seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die Masse der übrigen
Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne zusammensetzen.
Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im großartigsten Maßstabe
erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von
kreisenden Weltkörpern nachgewiesen hat, größer als unsere Erde, und
gleich dieser in beständiger Umbildung begriffen, in einem ewigen
Wechsel von »Werden und Vergehen«. Die Chemie hat uns mit einer
Menge von neuen, früher unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die
alle aus Verbindungen von wenigen unzerlegbaren Elementen (ungefähr
achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, daß eines von diesen Elementen,
der Kohlenstoff, der wunderbare Körper ist, welcher die Bildung der
unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und somit die
»chemische Basis des Lebens« darstellt. Alle einzelnen Fortschritte
der Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der
Erkenntnis des gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem
gemeinsamen Brennpunkt vereinigt, des =Substanzgesetzes=. Indem dieses
»=kosmologische Grundgesetz=« die ewige Erhaltung der Kraft und des
Stoffes, die allgemeine Konstanz der Energie und der Materie im ganzen
Weltall nachweist, ist es der sichere Leitstern geworden, der unsere
monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Welträtsel zu
deren Lösung führt.

       *       *       *       *       *

Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine
allgemeine Übersicht über den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis
und über ihre Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen
wir hier nicht weiter auf eine Musterung der einzelnen Gebiete
eingehen. Nur einen größten Fortschritt wollen wir noch hervorheben,
der dem Substanzgesetz ebenbürtig ist und der es ergänzt: die
Begründung der =Entwickelungslehre=. Zwar haben einzelne denkende
Forscher schon seit Jahrtausenden von »=Entwickelung=« der Dinge
gesprochen; daß aber dieser Begriff das =Universum= beherrscht, und
daß die Welt selbst weiter nichts ist als eine ewige »Entwickelung der
Substanz«, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.
Erst in seiner zweiten Hälfte gelangte er zu voller Klarheit und zu
allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen höchsten
philosophischen Begriff empirisch begründet und zu umfassender Geltung
gebracht zu haben, gebührt dem großen englischen Naturforscher =Charles
Darwin=; er legte 1859 den festen Grund für jene Abstammungslehre,
welche der geniale französische Naturphilosoph =Jean Lamarck= schon
1809 in ihren Hauptzügen erkannt, und deren Grundgedanken unser größter
deutscher Dichter und Denker, =Wolfgang Goethe=, schon 1790 prophetisch
erfaßt hatte. Damit wurde uns zugleich der Schlüssel zur »Frage aller
Fragen« geschenkt, zu dem großen Welträtsel von der »Stellung des
Menschen in der Natur« und von seiner natürlichen Entstehung. Wenn wir
heute imstande sind, die Herrschaft des =Entwickelungsgesetzes= im
Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen und sie in Verbindung mit dem
=Substanzgesetze= zur einheitlichen Erklärung aller Naturerscheinungen
zu benutzen, so verdanken wir dies in erster Linie jenen drei genialen,
weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster Größe unter allen
anderen großen Männern des neunzehnten Jahrhunderts.

Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer =theoretischen=
Naturerkenntnis entspricht deren mannigfaltige =praktische= Anwendung
auf allen Gebieten des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute
im »Zeitalter des Verkehrs« stehen, wenn der internationale Handel
und das Reisen eine früher nicht geahnte Bedeutung erlangt haben,
wenn wir mittels Telegraph und Telephon die Schranken von Raum und
Zeit überwunden haben, so verdanken wir das in erster Linie den
Fortschritten der technischen Physik, besonders in der Anwendung der
Dampfkraft und der Elektrizität. Wenn wir durch die Photographie das
Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue Bilder
von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der
Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche
praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch
Chloroform und Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die
Leiden der Menschheit unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies
der angewandten Chemie. Durch diese und andere Erfindungen der Technik
haben wir alle früheren Jahrhunderte weit überflügelt.

_Fortschritte der sozialen Einrichtungen._ So dürfen wir heute mit
gerechtem Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts
in der Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurückblicken.
Leider bietet sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches
Bild, wenn wir andere, nicht minder wichtige Gebiete des modernen
Kulturlebens ins Auge fassen. Zu unserem Bedauern müssen wir da den
Satz von =Alfred Wallace= unterschreiben: »Verglichen mit unseren
erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und
ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der
administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsere ganze soziale
und moralische Organisation in einem =Zustande der Barbarei=.« Um uns
von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, brauchen wir
nur einen unbefangenen Blick in unser öffentliches Leben zu werfen,
oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung, als das
Organ der öffentlichen Meinung, vorhält.

_Unsere Rechtspflege._ Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz,
dem »~Fundamentum regnorum~«. Niemand wird behaupten können,
daß deren heutiger Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis
des Menschen und der Welt in Einklang sei. Keine Woche vergeht, in
der wir nicht von richterlichen Urteilen lesen, welche dem gesunden
Menschenverstand widersprechen; viele Entscheidungen unserer höheren
und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu unbegreiflich. Wir
sehen ganz davon ab, daß in vielen modernen Staaten -- trotz der auf
Papier gedruckten Verfassung -- noch tatsächlich der Absolutismus
herrscht und daß manche »Männer des Rechts« nicht nach ehrlicher
Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem »höheren Wunsche von
maßgebender Stelle«. Wir nehmen vielmehr an, daß die meisten Richter
und Staatsanwälte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich
irren. Dann erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte
Vorbildung und durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht
vielfach die Ansicht, daß gerade die Juristen die höchste Bildung
besitzen; gerade sie werden bei der Besetzung der verschiedensten
Ämter vorgezogen. Allein diese vielgerühmte »juristische Bildung«
ist größtenteils eine rein =formale=, keine reale. Den menschlichen
Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen unsere
Juristen nur oberflächlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen
Ansichten über »Willensfreiheit, Verantwortung« usw., denen wir täglich
begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fällt es gar nicht
ein, sich um =Anthropologie, Psychologie= und =Entwickelungsgeschichte=
zu bekümmern, die ersten Vorbedingungen für richtige Beurteilung des
Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch »keine Zeit«; diese wird
leider nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und Wein in
Anspruch genommen, sowie das »veredelnde« Mensurenwesen; der Rest
der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von
Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen
zu allen möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt.

_Unsere Staatsordnung._ Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier
nur ganz flüchtig streifen. Die unerfreulichen Zustände des modernen
Staatslebens sind ja allbekannt und jedermann täglich fühlbar. Zum
großen Teile erklären sich deren Mängel daraus, daß die meisten
Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von hoher formaler Bildung,
aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur, die nur durch
vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden kann.
»Bau und Leben des sozialen Körpers«, d. h. des =Staates=, lernen
wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche
Kenntnis vom »Bau und Leben« der =Personen= besitzen, welche den Staat
zusammensetzen, und der =Zellen=, welche jene Personen zusammensetzen.
Wenn unsere »Staatslenker« und »Volksvertreter« diese =unschätzbaren
biologischen= und =anthropologischen Vorkenntnisse= besäßen, so
würde unmöglich in den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle
von soziologischen Irrtümern und von politischer Kannegießerei
zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele
Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am meisten
zu beklagen ist es, daß der moderne =Kulturstaat= sich der
kulturfeindlichen =Kirche= in die Arme wirft, und daß der bornierte
Egoismus der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer
die Hierarchie unterstützt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie
sie uns am Schlusse des 19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor
Augen führte: die Geschicke des gebildeten deutschen Volkes in der Hand
des ultramontanen Zentrums, unter der Leitung des römischen Papismus,
der sein ärgster und gefährlichster Feind ist. Statt Recht und Vernunft
regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere Staatsordnung kann nur dann
besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der Kirche befreit und
wenn sie durch allgemeine =naturwissenschaftliche Bildung= die Welt- und
Menschenkenntnis der Staatsbürger auf eine höhere Stufe hebt. Dabei
kommt es gar nicht auf die besondere =Staatsform= an. Ob Monarchie oder
Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das sind
untergeordnete Fragen gegenüber der großen Hauptfrage: Soll der moderne
Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er =theokratisch=,
durch unvernünftige Glaubenssätze und klerikale Willkür, oder soll
er =nomokratisch=, durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht
geleitet werden?

_Unsere Schule._ Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung
entspricht auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den
Anforderungen, welche die wissenschaftlichen Fortschritte des 19.
Jahrhunderts an die moderne Bildung stellen. Die =Naturwissenschaft=,
die alle anderen Wissenschaften so weit überflügelt und welche, bei
Licht betrachtet, auch alle sogenannten Geisteswissenschaften in sich
aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer noch als Aschenbrödel
in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als
Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des
Mittelalters übernommen ist; im Vordergrunde steht der grammatikalische
Sport und die zeitraubende »gründliche Kenntnis« der klassischen
Sprachen, sowie der äußerlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre, der
wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt
und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll
dem Wissen vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher
uns zu einer monistischen Religion führt, sondern jener unvernünftige
Aberglaube, der die Grundlage eines verunstalteten Christentums
bildet. Während die großartigen Erkenntnisse der modernen Kosmologie
und Anthropologie, der heutigen Biologie und Entwickelungslehre auf
unseren höheren Schulen gar keine oder nur ganz ungenügende Verwertung
finden, wird das Gedächtnis mit einer Unmasse von philologischen und
historischen Tatsachen überladen, die weder für die Geistesbildung,
noch für das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die veralteten
Einrichtungen und Fakultätsverhältnisse der Universitäten entsprechen
der heutigen Entwickelungsstufe der natürlichen Weltanschauung
ebensowenig wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen
Schulen.

_Unsere Kirche._ Im schärfsten Gegensatze zu der modernen Bildung
und zu deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht
unstreitig die Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen
Papismus sprechen, oder von den orthodoxen evangelischen Richtungen,
welche diesem in bezug auf krassesten Aberglauben und Unkenntnis
der Wirklichkeit nichts nachgeben. Vielmehr versetzen wir uns in
die Predigt eines liberalen protestantischen Pfarrers, der gute
Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem Glauben ihr
gutes Recht einräumt. Da hören wir neben vortrefflichen Sittenlehren,
die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen
harmonieren, Vorstellungen über das Wesen von Gott und Welt, von
Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt
widersprechen. Es ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker,
Ärzte und Philosophen, die gründlich über die Natur beobachtet und
nachgedacht haben, solchen Predigten kein Gehör schenken wollen.
Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen, ebenso wie unseren
Politikern und Juristen, an jener =unentbehrlichen Naturerkenntnis=,
auf welche sich die monistische Entwickelungslehre gründet.

_Konflikt zwischen Vernunft und Dogma._ Aus diesen bedauerlichen
Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere
Konflikte, deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere
heutige Bildung verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des
öffentlichen und privaten Lebens; sie wünscht die Menschheit mittels
der =Vernunft= auf jene höhere Stufe der Erkenntnis und damit zugleich
auf jenen besseren Weg zum Glück erhoben zu sehen, welche wir unserer
hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken. Dagegen sträuben sich
mit aller Macht diejenigen einflußreichen Kreise, welche unsere
Geistesbildung in den überwundenen Anschauungen des Mittelalters
zurückhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen =Dogmen=
und verlangen, daß die Vernunft sich unter diese »höhere Offenbarung«
beuge. Das ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie,
der Soziologie und Jurisprudenz. Diese Rückständigkeit beruht zum
größten Teile gewiß nicht auf eigennützigem Streben, sondern teils auf
Unkenntnis der realen Tatsachen, teils auf der bequemen Gewohnheit der
Tradition. Die gefährlichste Feindin der Vernunft und Wissenschaft ist
nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und vielleicht noch mehr
die Trägheit. Gegen diese beiden Mächte kämpfen die Götter selbst dann
noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden haben.

_Anthropismus._ Eine der mächtigsten Stützen gewährt jener
rückständigen Weltanschauung der =Anthropismus= oder die
»=Vermenschlichung=«. Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen
mächtigen und weit verbreiteten Komplex von irrtümlichen Vorstellungen,
welcher den menschlichen Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen
Natur stellt, ihn als vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung
und als ein von dieser verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei
genauerer Kritik dieses einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich,
daß er eigentlich aus drei verschiedenen Dogmen besteht, die wir als
den =anthropozentrischen, anthropomorphischen= und =anthropolatrischen=
Irrtum unterscheiden. ~I~. Das =anthropozentrische Dogma= ruht
auf der Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und
Endzweck alles Erdenlebens -- oder in weiterer Fassung der ganzen
Welt -- sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigendünkel äußerst
erwünscht, und da er mit den Schöpfungsmythen und mit den Dogmen
der =mosaischen, christlichen= und =mohammedanischen= Religion
innig verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den größten
Teil der Kulturwelt. -- ~II~. Das =anthropomorphische Dogma=
knüpft ebenfalls an die Schöpfungssagen der drei genannten, sowie
vieler anderen Religionen an. Es vergleicht die Weltschöpfung und
Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen
Technikers und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. »Gott
der Herr« als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei
in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich vorgestellt.
Daraus folgt dann wieder umgekehrt, daß der Mensch gottähnlich
ist. »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.« Die ältere naive
Mythologie verleiht ihren Göttern Menschengestalt, Fleisch und Blut.
Weniger materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen
Theosophie, welche den persönlichen Gott als »unsichtbares« Wesen
verehrt und ihn doch gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und
handeln läßt. -- ~III~. Das =anthropolatrische Dogma= ergibt sich
aus dieser Vergleichung der menschlichen und göttlichen Seelentätigkeit
von selbst; es führt zu der göttlichen =Verehrung= des menschlichen
Organismus, zum »anthropistischen Größenwahn«. Daraus folgt wieder
der hochgeschätzte »Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der
Seele«, sowie das dualistische Dogma von der Doppelnatur des Menschen,
dessen »unsterbliche Seele« den sterblichen Körper nur zeitweise
bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach ausgebildet und
der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen angepaßt,
wurden zur Quelle der gefährlichsten Irrtümer. Die =anthropistische
Weltanschauung=, die daraus entsprang, steht in unversöhnlichem
Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird zunächst
schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt.

_Kosmologische Perspektive._ Die Unhaltbarkeit dieser drei
anthropistischen Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der
dualistischen Philosophie und der orthodoxen Religion, offenbart sich,
sobald wir sie aus der =kosmologischen Perspektive= unseres Monismus
kritisch betrachten. Wir verstehen darunter jene umfassende =Anschauung
des Weltganzen=, welche uns der höchste Standpunkt der monistischen
Naturerkenntnis gewährt. Da überzeugen wir uns von der Wahrheit der
folgenden wichtigen »=kosmologischen Lehrsätze=«:

1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und
unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen
(Materie und Energie) erfüllt den unendlichen Raum und befindet sich
in ewiger Bewegung. 3. Diese Bewegung verläuft in der unendlichen
Zeit als eine einheitliche Entwickelung, mit periodischem Wechsel von
Werden und Vergehen, von Fortbildung und Rückbildung. 4. Die unzähligen
Weltkörper, welche im raumerfüllenden Äther verteilt sind, unterliegen
sämtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer von diesen
unzähligen vergänglichen Weltkörpern, und unsere Erde ist einer von den
zahlreichen vergänglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere
Erde hat einen langen Abkühlungsprozeß durchgemacht, ehe auf derselben
tropfbar flüssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen
Lebens entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Prozeß,
die langsame Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen,
hat viele Millionen Jahre (weit über hundert!) in Anspruch genommen.
8. Unter den verschiedenen Tierstämmen, welche sich im späteren
Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf unserer Erde entwickelten,
hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der Entwickelung neuerdings
alle anderen weit überflügelt. 9. Als der bedeutendste Zweig des
Wirbeltierstammes hat sich erst spät (während der Triasperiode) aus
Amphibien die Klasse der Säugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste
und höchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der
Herrentiere oder Primaten, die erst im Beginne der Tertiärzeit durch
Umbildung aus niedersten Zottentieren entstanden ist. 11. Das jüngste
und vollkommenste Ästchen des Primatenzweiges ist der Mensch, der erst
in späterer Tertiärzeit aus einer Reihe von Menschenaffen hervorging.
12. Demnach ist die sogenannte »Weltgeschichte« eine verschwindend
kurze Episode in dem langen Verlaufe der organischen Erdgeschichte,
ebenso wie diese selbst ein kleines Stück von der Geschichte unseres
Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein vergängliches
Sonnenstäubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne Mensch eine
vorübergehende Erscheinung in der vergänglichen organischen Natur.

Nichts scheint mir geeigneter als diese großartige =kosmologische
Perspektive=, um von vornherein den richtigen Maßstab und den
weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lösung der
Welträtsel einhalten müssen. Denn dadurch wird nicht nur die maßgebende
»Stellung des Menschen in der Natur« klar bezeichnet, sondern auch
der herrschende =anthropistische Größenwahn= widerlegt, die Anmaßung,
mit welcher der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenüberstellt
und als wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose
Selbstüberhebung des eiteln Menschen hat ihn dazu verführt, sich
als »Ebenbild Gottes« zu betrachten, für seine vergängliche Person
ein »ewiges Leben« in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, daß
er unbeschränkte »Freiheit des Willens« besitzt. Der lächerliche
Cäsarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser hochmütigen
Selbstvergötterung des Menschen. Erst wenn wir diesen unhaltbaren
Größenwahn aufgeben und die naturgemäße kosmologische Perspektive
einnehmen, können wir zur Lösung der »Welträtsel« gelangen.

_Zahl der Welträtsel._ Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie
der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln
umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich
entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschränkt. Die =monistische
Philosophie= wird schließlich nur ein einziges, allumfassendes
Welträtsel anerkennen, das »=Substanzproblem=«. In der berühmten
Rede, welche =Emil du Bois-Reymond= 1880 in der Leibniz-Sitzung der
Berliner Akademie der Wissenschaften hielt, unterscheidet er »=sieben
Welträtsel=«; er führt dieselben in nachstehender Reihenfolge auf:
~I~. das Wesen von Materie und Kraft, ~II~. der Ursprung der
Bewegung, ~III~. die erste Entstehung des Lebens, ~IV~. die
(anscheinend absichtsvoll) zweckmäßige Einrichtung der Natur, ~V~.
das Entstehen der einfachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins,
~VI~. das vernünftige Denken und der Ursprung der damit eng
verbundenen Sprache, ~VII~. die Frage nach der Willensfreiheit.
Von diesen sieben Welträtseln erklärt der Rhetor der Berliner Akademie
=drei= für ganz transzendent und unlösbar (das erste, zweite und
fünfte); =drei= andere hält er zwar für schwierig, aber für lösbar
(das dritte, vierte und sechste); bezüglich des siebenten und letzten
»Welträtsels«, welches praktisch das wichtigste ist, nämlich der
Willensfreiheit, verhält er sich unentschieden.

Nach meiner Ansicht werden die drei »transzendenten« Rätsel (~I, II,
V~) durch unsere Auffassung der =Substanz= erledigt (Kapitel 12);
die drei anderen, schwierigen, aber lösbaren Probleme (~III, IV,
VI~) sind durch unsere moderne =Entwickelungslehre= endgültig gelöst;
das siebente und letzte Welträtsel, die Willensfreiheit, ist gar kein
Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklärung, da sie als reines
=Dogma= auf bloßer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar nicht
existiert.

_Lösung der Welträtsel._ Die Mittel und Wege zur Lösung der Welträtsel
sind diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt:
=Erfahrung= und =Schlußfolgerung=. Die wissenschaftliche Erfahrung
erwerben wir uns durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster
Linie unsere Sinnesorgane, in zweiter die »inneren Sinnesherde«
unserer Großhirnrinde tätig sind. Die mikroskopischen Elementarorgane
der ersteren sind die Sinneszellen, die der letzteren Gruppen von
Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Außenwelt durch
diese unschätzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten haben,
werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und
diese wiederum durch Assoziation zu Schlüssen verknüpft. Die Bildung
dieser Schlußfolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die
nach meiner Überzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind:
=Induktion und Deduktion=. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen,
die Bildung von zusammenhängenden Kettenschlüssen, die Abstraktion
und Begriffsbildung, die Ergänzung des erkennenden Verstandes durch
die plastische Phantasie, schließlich das Bewußtsein, das Denken
und Philosophieren, sind ebenso Funktionen der Ganglienzellen der
Großhirnrinde wie die vorhergehenden einfacheren Seelentätigkeiten.
Alle zusammen vereinigen wir in dem höchsten Begriffe der =Vernunft=.

_Vernunft, Gemüt und Offenbarung._ Durch die Vernunft allein können
wir zur wahren Naturerkenntnis und zur Lösung der Welträtsel
gelangen. Indessen hat die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die
fortschreitende Kultur und Geistesbildung, durch die Entwickelung
der =Wissenschaft= erhalten. Der ungebildete Mensch und der rohe
Naturmensch sind ebensowenig (oder ebensosehr) »vernünftig« wie die
nächstverwandten Säugetiere (Affen, Hunde, Elefanten usw.). Nun ist
noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, daß es außer
der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege
gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir
entschieden entgegentreten. =Das Gemüt hat mit der Erkenntnis der
Wahrheit garnichts zu tun.= Was wir »Gemüt« nennen und hochschätzen,
ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus Gefühlen
der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung,
aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei
können die verschiedensten anderen Tätigkeiten des Organismus
mitspielen, Bedürfnisse der Sinne und der Muskeln, des Magens und
der Geschlechtsorgane usw. Die Erkenntnis der Wahrheit fördern
alle diese Gemütszustände und Gemütsbewegungen in keiner Weise; im
Gegenteil stören sie oft die allein dazu befähigte Vernunft. Noch
kein »Welträtsel« ist durch die Gehirnfunktion des Gemüts gelöst
oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der
sogenannten »=Offenbarung=« und den angeblichen, dadurch erreichten
»=Glaubenswahrheiten=«; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder
unbewußter Täuschung (vergl. das 16. Kapitel).

_Philosophie und Naturwissenschaft._ Als einen der erfreulichsten
Fortschritte zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen,
daß in neuerer Zeit immer mehr die beiden einzigen dazu führenden
Wege: =Erfahrung und Denken= (oder =Empirie und Spekulation=) als
gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden
anerkannt worden sind. Die Philosophen haben allmählich eingesehen,
daß die reine Spekulation zur wahren Erkenntnis nicht ausreicht. Und
ebenso haben sich anderseits die Naturforscher überzeugt, daß die
bloße Erfahrung für die Bildung einer realen Weltanschauung ungenügend
ist. Die zwei großen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und das
vernünftige Denken, sind =zwei verschiedene Gehirnfunktionen=; die
erstere wird durch die Sinnesorgane und die zentralen Sinnesherde,
die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde, die großen
»Assozionszentren der Großhirnrinde« vermittelt. (Vergl. Kapitel 7
und 10.) Erst durch die vereinigte Tätigkeit beider entsteht wahre
Erkenntnis. Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche
die Welt bloß aus ihrem Kopfe konstruieren wollen, und welche die
empirische Naturerkenntnis schon deshalb verschmähen, weil sie die
wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits behaupten auch heute noch
manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der Wissenschaft
das »tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen
Naturerscheinungen sei«; das »Zeitalter der Philosophie« sei vorüber,
und an ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (=Virchow= 1893).
Diese einseitige Überschätzung der Empirie ist ein ebenso gefährlicher
Irrtum wie jene entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege
sind sich gegenseitig unentbehrlich. Die größten Triumphe der
modernen Naturforschung, die Zellentheorie und die Wärmetheorie, die
Entwickelungstheorie und das Substanzgesetz, sind =philosophische
Taten=, aber nicht Ergebnisse der reinen =Spekulation=, sondern der
vorausgegangenen, ausgedehntesten und gründlichsten =Empirie=.

_Dualismus und Monismus._ Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie
lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt,
in zwei entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die =dualistische=
oder zwiespältige, anderseits die =monistische= oder einheitliche
Weltanschauung. Der =Dualismus= (im weitesten Sinne!) zerlegt das
Universum in zwei ganz verschiedene Substanzen, die materielle Welt und
den immateriellen Gott, der ihr als Schöpfer, Erhalter und Regierer
gegenübersteht. Der =Monismus= hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne
begriffen!) erkennt im Universum nur eine einzige Substanz, die »Gott
und Natur« zugleich ist; Körper und Geist (oder Materie und Energie)
sind für sie untrennbar verbunden. Der außerweltliche »persönliche«
Gott des Dualismus führt zum =Theismus=, der innerweltliche Gott des
Monismus zum =Pantheismus=.

_Materialismus und Spiritualismus._ Sehr häufig werden auch heute
noch die verschiedenen Begriffe =Monismus= und =Materialismus= und
ebenso die wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und
des praktischen Materialismus verwechselt. Da diese und ähnliche
Begriffsverwirrungen zahlreiche Irrtümer veranlassen, wollen wir zur
Vermeidung aller Mißverständnisse nur kurz noch folgendes bemerken:
~I~. Unser =reiner Monismus= ist weder mit jenem =Materialismus=
identisch, welcher den Geist leugnet und die Welt in eine Summe von
toten Atomen auflöst, noch mit dem theoretischen =Spiritualismus=
(neuerdings als =Energetik= bezeichnet), welcher die Materie leugnet
und die Welt nur als eine räumlich geordnete Gruppe von bloßen
Empfindungen und Vorstellungen (oder von Energien oder immateriellen
Naturkräften) betrachtet. ~II~. Vielmehr sind wir mit =Goethe= der
festen Überzeugung, daß »die Materie nie ohne Geist, der Geist nie
ohne Materie existiert und wirksam sein kann«. Wir halten fest an
der monistischen Auffassung von =Spinoza=: =Die Materie=, als die
unendlich ausgedehnte Substanz, und der =Geist= (oder die Energie), als
die empfindende oder denkende Substanz, sind die beiden =Attribute=
oder Grundeigenschaften des allumfassenden göttlichen Weltwesens, der
universalen =Substanz=. (Vergl. Kapitel 12.)



=Zweites Kapitel.=

_Unser Körperbau._

  Monistische Studien über menschliche und vergleichende Anatomie.
  Übereinstimmung in der gröberen und feineren Organisation des Menschen
  und der Säugetiere.


Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die Gestaltung
und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper
ins Auge zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und
physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt
ebenso für den =Menschen= wie für alle anderen belebten Naturkörper.
Dabei darf sich die Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren
Gestalt begnügen, sondern sie muß in das Innere derselben eindringen
und ihre Zusammensetzung aus den gröberen und feineren Bestandteilen
erforschen. Die Wissenschaft, welche diese grundlegende Untersuchung im
weitesten Umfange auszuführen hat, ist die =Anatomie=.

_Menschliche Anatomie._ Die erste Anregung zur Erkenntnis des
menschlichen Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da
diese bei den ältesten Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern
ausgeübt wurde, dürfen wir annehmen, daß diese höchsten Vertreter der
damaligen Bildung schon im zweiten Jahrtausend vor Christo und früher
über ein gewisses Maß von anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber
genauere Erfahrungen, gewonnen durch die Zergliederung von Säugetieren
und von diesen übertragen auf den Menschen, finden wir erst bei den
Griechen, von denen =Hippokrates= lange als vorzüglichste Autorität
galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender Anatom im Altertum,
der Arzt =Claudius Galenus=. Alle diese älteren Anatomen erwarben
ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die Untersuchung des
menschlichen Körpers selbst -- die damals noch streng verboten war! --,
sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere, besonders
der =Affen=; sie waren also alle eigentlich schon »=vergleichende=
Anatomen«.

Das Emporblühen des =Christentums= und der damit verknüpften
mystischen Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen
Naturwissenschaften, den Niedergang. Die römischen =Päpste= waren
vor allem bestrebt, die Menschheit in =Unwissenheit= und in blindem
Aberglauben zu erhalten; sie hielten die Kenntnis des menschlichen
Organismus mit Recht für ein gefährliches Mittel der Aufklärung
über unser wahres Wesen. Während des langen Zeitraums von dreizehn
Jahrhunderten blieben die Schriften des =Galenus= fast die einzige
Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie diejenigen des
=Aristoteles= für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im sechzehnten
Jahrhundert n. Chr. durch die =Reformation= die geistige Weltherrschaft
des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des =Kopernikus=
die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung zerstört wurde,
begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine neue
Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen =Vesalius=, =Eustachius=
und =Fallopius= förderten durch eigene gründliche Untersuchungen die
genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren zahlreichen
Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur
Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie
geistreiche =Andreas Vesalius= ging bahnbrechend allen voran; er
vollendete schon in seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich
durchgeführte Werk »~De humani corporis fabrica~« (1543) und gab
der ganzen menschlichen Anatomie eine neue, selbständige Richtung und
sichere Grundlage.

_Vergleichende Anatomie._ Die Verdienste, welche das neunzehnte
Jahrhundert sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues
erworben hat, bestehen vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus
wichtigen Forschungsrichtungen, der »=vergleichenden Anatomie=« und
der »=Gewebelehre=« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere
war allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie
eng verknüpft gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere
ersetzt, als die Sektion menschlicher Leichen für ein todeswürdiges
Verbrechen galt -- und das war selbst noch im 15. Jahrhundert der
Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der folgenden drei Jahrhunderte
beschränkten sich größtenteils auf die genaue Untersuchung des
menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte Disziplin, die wir
heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im Jahre 1803 geboren,
als der große französische Zoologe =George Cuvier= seine grundlegenden
»~Leçons sur l'Anatomie comparée~« herausgab und darin zum ersten
Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere
festzustellen suchte. Während seine Vorläufer -- unter ihnen auch
=Goethe= 1790 -- hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit
demjenigen der übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte
=Cuviers= weiter Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation;
er unterschied in derselben vier große, voneinander unabhängige
Hauptformen oder =Typen=: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und
Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser Fortschritt
insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des Menschen
zum Typus der =Wirbeltiere= -- sowie seine Grundverschiedenheit von
allen anderen Typen -- ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der
scharfblickende Linné in seinem ersten »~Systema naturae~« (1735)
dem Menschen definitiv seinen Platz in der Klasse der =Säugetiere=
angewiesen; er vereinigte sogar in der Ordnung der =Herrentiere= die
drei Gruppen der Halbaffen, Affen und Menschen. Aber es fehlte diesem
kühnen systematischen Griffe noch jene tiefere empirische Begründung
durch die vergleichende Anatomie, die erst =Cuvier= herbeiführte.
Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen vergleichenden
Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch =Friedrich Meckel=, =Johannes
Müller=, =Richard Owen=, =Thomas Huxley= und =Carl Gegenbaur=. Indem
dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden Anatomie (1870)
zum ersten Male die durch =Darwin= neu begründete Abstammungslehre
auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten Range unter
den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der
Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf
welchem sich unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen
nach allen Richtungen hin klar beweisen läßt.

=Gewebelehre= (~Histologie~) und =Zellenlehre= (~Cytologie~). In
ganz anderer Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe
des 19. Jahrhunderts die =mikroskopische Anatomie=. Schon im Anfange
desselben (1802) unternahm ein französischer Arzt, =Bichat=, den
Versuch, mittels des Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in
ihre einzelnen feineren Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen
dieser verschiedenen =Gewebe= festzustellen. Aber dieser erste Versuch
führte nicht weit, da ihm das gemeinsame Element für die zahlreichen,
verschiedenen Gewebe unbekannt blieb. Dies wurde erst 1838 für die
Pflanzen in der =Zelle= von =Matthias Schleiden= entdeckt und gleich
darauf auch für die Tiere von =Theodor Schwann= nachgewiesen. =Albert
Kölliker= und =Rudolf Virchow= führten dann im sechsten Dezennium
des 19. Jahrhunderts die =Zellentheorie= und die darauf gegründete
Gewebelehre für den gesunden und kranken Organismus des Menschen im
einzelnen durch; sie wiesen nach, daß auch im Menschen, wie in allen
anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den gleichen mikroskopischen
Formbestandteilen, den einfachen =Zellen=, zusammensetzen, und daß
diese »Elementar-Organismen« die wahren, selbsttätigen Staatsbürger
sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den »Zellenstaat«,
aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte Teilung
aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »=Stammzelle=« oder
»befruchteten Eizelle« (~Cytula~). Die allgemeine Struktur und
Zusammensetzung der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den
übrigen Wirbeltieren. Unter diesen zeichnen sich die Säugetiere, die
jüngste und höchst entwickelte Klasse, durch gewisse besondere, spät
erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B. die mikroskopische
Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der Blutzellen bei
den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von derjenigen der
übrigen Wirbeltiere; der =Mensch= ist auch in allen diesen feinsten
histologischen Beziehungen ein =echtes Säugetier=.

_Wirbeltiernatur des Menschen._ Unser gesamter Körperbau zeigt
sowohl in der gröberen als in der feineren Zusammensetzung den
charakteristischen Typus der =Wirbeltiere= (~Vertebrata~). Diese
höchst entwickelte Hauptgruppe des Tierreichs wurde in ihrer
natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen =Lamarck= erkannt; er
faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen von =Linné=
zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden niederen
Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »=Wirbellose=«
(~Invertebrata~) gegenüber. =Cuvier= bestätigte (1812) die
Einheit des Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine
vergleichende Anatomie. In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den
Fischen aufwärts bis zum Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen
überein; sie besitzen alle ein festes inneres Skelett, Knorpel- und
Knochengerüst, und dieses besteht überall aus einer Wirbelsäule und
einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des letzteren ist zwar
im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf dieselbe
Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der
Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale
Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von
diesem wichtigen =Gehirn= gilt dasselbe wie von der es umschließenden
Knochenkapsel, dem =Schädel=; im einzelnen ist seine Ausbildung und
Größe höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die
charakteristische Zusammensetzung dieselbe.

Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe
unseres Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen:
überall bleibt infolge von =Vererbung= die ursprüngliche Anlage und
die relative Lagerung der Organe dieselbe, obgleich die Größe und
Ausbildung der einzelnen Teile höchst mannigfaltig sich sondert,
entsprechend der =Anpassung= an sehr verschiedene Lebensbedingungen.
So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren kreist, von
denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene) unter
dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer
ganz bestimmten Stelle das =Herz= entsteht; dieses »Ventralherz«
ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das
Rückengefäß oder »Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere.
Nicht minder eigentümlich ist bei allen Vertebraten die frühzeitige
Scheidung des Darmrohres in einen zur Atmung dienenden =Kopfdarm= (oder
»Kiemendarm«) und einen die Verdauung bewirkenden =Rumpfdarm= mit der
Leber (daher »Leberdarm«); ferner die Gliederung des Muskelsystems, die
besondere Bildung der Harn- und Geschlechtsorgane usw. In allen diesen
anatomischen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Wirbeltier=.

_Tetrapodennatur des Menschen._ Mit der Bezeichnung =Vierfüßler=
(~Tetrapoda~) hatte schon =Aristoteles= alle jene höheren,
blutführenden Tiere belegt, welche sich durch den Besitz von zwei
Beinpaaren auszeichnen. Später wurde dieser Begriff erweitert, nachdem
=Cuvier= gezeigt hatte, daß auch die »zweibeinigen« Vögel und Menschen
eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach, daß das innere Knochengerüst
der vier Beine bei allen höheren landbewohnenden Wirbeltieren, von den
Amphibien aufwärts bis zum Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus
einer bestimmten Zahl von Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme«
des Menschen, die »Flügel« der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben
typischen Skelettbau wie die »Vorderbeine« der laufenden, eigentlich
vierfüßigen Tiere.

Diese =anatomische Einheit= des verwickelten Knochengerüstes in den
vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist =sehr wichtig=. Um sich wirklich
davon zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders
oder Frosches mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu
vergleichen. Da sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und
hinten der Beckengürtel aus denselben Hauptstücken zusammengesetzt
ist wie bei den übrigen »Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste
Glied des eigentlichen Beines nur einen einzigen starken Röhrenknochen
enthält (vorn den Oberarm, hinten den Oberschenkel); dagegen wird das
zweite Glied ursprünglich stets durch zwei Knochen gestützt (vorn
Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und Schienbein). Vergleichen wir
dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen Fußes, so überrascht
uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben zusammensetzenden,
kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und gesondert
sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei
Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): ~I~. Handwurzel,
~II~. Mittelhand und ~III~. fünf Finger; ebenso hinten die drei
Knochengruppen des Hinterfußes: ~I~. Fußwurzel, ~II~. Mittelfuß
und ~III~. fünf Zehen. Sehr schwierig war die Aufgabe, alte diese
zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst mannigfaltig
gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden
sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die
Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese
wichtige Aufgabe wurde erst vollständig von =Carl Gegenbaur= gelöst.
Er zeigte in seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie
der Wirbeltiere« (1864), wie diese charakteristische »fünfzehige
Beinform« der landbewohnenden Vierfüßler ursprünglich (erst in der
Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen »Flosse« (Brustflosse
oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische entstanden
ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das
Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden
aus der älteren Schädelform der Fische ab.

Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei
den alten Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene =Fünfzahl der
Zehen= an allen vier Füßen sich infolge strenger =Vererbung= noch beim
Menschen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich
ist dementsprechend auch die typische Bildung der Gelenke und Bänder,
der Muskeln und Nerven der zwei Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe
geblieben wie bei den übrigen »Vierfüßlern«; auch in diesen =wichtigen
Beziehungen ist der Mensch ein echter Tetrapode=.

_Säugetiernatur des Menschen._ Die Säugetiere (~Mammalia~) bilden
die jüngste und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind
zwar ebenso wie die Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der
=Amphibien= abzuleiten; sie unterscheiden sich aber von allen diesen
anderen Tetrapoden durch eine Anzahl von sehr auffallenden anatomischen
Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die =Haarbedeckung= der Haut
hervor, sowie der Besitz von zweierlei Hautdrüsen: Schweißdrüsen
und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung dieser Drüsen an der
Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die Klasse besonders
charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das »=Gesäuge=«.
Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt aus
den =Milchdrüsen= (~Mammae~) und den »Mammar-Taschen« (Falten
der Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder
»=Milchwarzen=« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter
saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz
eines vollständigen =Zwerchfells=, einer muskulösen Scheidewand, welche
bei allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich
abschließt; bei allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung.
Durch eine Anzahl von merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der
=Schädel= der Mammalien aus, besonders der Bau des Kieferapparates
(Oberkiefer, Unterkiefer und Gehörknochen). Aber auch das Gehirn,
das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren
Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile zeigen bei den
Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und feineren Bau;
diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige Trennung
derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und Amphibien hin,
welche =spätestens in der Trias-Periode= stattgefunden hat. In allen
diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein echtes Säugetier=.

_Plazentaliennatur des Menschen._ Die zahlreichen Ordnungen, welche
die moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere
unterscheidet, werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen
geordnet, welchen man den Wert von Unterklassen zuspricht: ~I~.
=Gabeltiere= (~Monotrema~), ~II~. =Beuteltiere= (~Marsupialia~)
und ~III~. =Zottentiere= (~Placentalia~). Diese drei Unterklassen
unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des Körperbaues
und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei verschiedenen
=historischen Bildungsstufen= der Klasse, wie wir später sehen werden.
Auf die älteste Gruppe, die =Monotremen= der Triasperiode, sind in
der Jurazeit die =Marsupialien= gefolgt, und auf diese erst in der
Kreideperiode die =Plazentalien=. Zu dieser jüngsten Unterklasse
gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle
die Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von
den Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden.
In erster Linie gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der
Plazentaliengruppe ihren Namen gegeben hat, der =Mutterkuchen=
(~Placenta~). Dasselbe dient dem jungen, im Mutterleibe noch
eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit zur Ernährung; es
besteht in blutführenden =Zotten=, welche von der Zottenhaut der
Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut
des mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte
Haut zwischen beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die
ernährenden Stoffe aus dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch
in das kindliche Blut übertreten können. Diese vortreffliche, erst
spät entstandene Ernährungsart des Keimes ermöglicht demselben einen
längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in der schützenden
Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der
Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische
Merkmale, insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den
Verlust der Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die
letzteren. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist =der Mensch ein
echtes Zottentier=.

_Primatennatur des Menschen._ Die formenreiche Subklasse der
Placentaltiere wird neuerdings in eine große Zahl von =Ordnungen=
geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir
hier nur die Nagetiere, Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur
Legion der =Herrentiere= (~Primates~) gehören die drei Ordnungen
der Halbaffen, der echten Affen und der Menschen. Alle Angehörigen
dieser drei Ordnungen stimmen in vielen wichtigen Eigentümlichkeiten
überein und unterscheiden sich dadurch von den übrigen Ordnungen
der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange Beine aus,
welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen angepaßt
sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich
zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen
entweder teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist
vollständig, aus allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne,
Eckzähne, Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige
Eigentümlichkeiten im besonderen Bau des Schädels und des Gehirns
unterscheiden sich die Herrentiere von den übrigen Zottentieren, und
zwar um so auffälliger, je höher sie ausgebildet, je später sie in der
Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen wichtigen anatomischen
Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus mit demjenigen der
übrigen =Primaten= überein: =der Mensch ist ein echtes Herrentier.=

_Affennatur des Menschen._ Eine unbefangene gründliche Vergleichung
des Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst
entwickelten Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: =Halbaffen=
(~Prosimiae~) und =Affen= (~Simiae~). Die ersteren erscheinen
in jeder Beziehung als die niedere und ältere, die letzteren als
die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der Halbaffen ist
noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren;
bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig
verschmolzen; sie bilden einen =birnförmigen Uterus=, wie ihn außerdem
nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am
Schädel die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne
Scheidewand vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch
gar nicht oder nur unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den
Halbaffen das große Gehirn noch glatt oder nur schwach gefurcht und
verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es viel größer, und besonders
der graue Hirnmantel, das Organ der höheren Seelentätigkeiten, ist viel
besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die charakteristischen
Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er sich dem
Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen, besonders
auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der =Mensch alle
anatomischen Merkmale der echten Affen=.

_Katarrhinennatur des Menschen._ Die formenreiche Ordnung der Affen
wurde schon 1812 von =Géoffroy= in zwei natürliche Unterordnungen
geteilt, die noch heute allgemein in der systematischen Zoologie
angenommen sind: Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen
ausschließlich die westliche, letztere die östliche Erdhälfte. Die
amerikanischen =Westaffen= heißen »=Plattnasen=« (~Platyrrhinae~),
weil ihre Nase plattgedrückt, die Nasenlöcher seitlich gerichtet und
deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die =Ostaffen=, welche
die Alte Welt bewohnen, sämtlich »=Schmalnasen=« (~Catarrhinae~);
ihre Nasenlöcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da
ihre Scheidewand schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen
besteht darin, daß das Trommelfell bei den Westaffen oberflächlich,
dagegen bei den Ostaffen tiefer, im Innern des Felsenbeins liegt;
hier hat sich ein langer und enger knöcherner Gehörgang entwickelt,
während dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist oder selbst
ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender
Gegensatz beider Gruppen darin, daß alle Katarrhinen die Gebißbildung
des Menschen besitzen, nämlich 20 Milchzähne und 32 bleibende Zähne
(in jeder Kieferhälfte 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Lückenzähne und
3 Mahlzähne). Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhälfte
einen Lückenzahn mehr, also im ganzen 36 Zähne. Da diese anatomischen
Unterschiede beider Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind,
und da sie mit der geographischen Verbreitung in den beiden getrennten
Hemisphären der Erde zusammenstimmen, ergibt sich daraus die
Berechtigung ihrer scharfen systematischen Trennung; weiterhin knüpft
sich daran die phylogenetische Folgerung, daß seit sehr langer
Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen und östlichen
Hemisphäre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist für die
Stammesgeschichte unsere Geschlechts überaus wichtig; denn der Mensch
teilt alle Merkmale der =echten Katarrhinen=; er hat sich aus älteren
ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt.

_Anthropomorphengruppe._ Die zahlreichen Formen der Ostaffen,
welche noch heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit
langer Zeit in zwei natürliche Sektionen geteilt: die geschwänzten
=Hundsaffen= (~Cynopitheca~) und die schwanzlosen =Menschenaffen=
(~Anthropomorpha~). Diese letzteren stehen dem Menschen viel näher
als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes und in der
allgemeinen Gestaltung des Körpers (besonders des Kopfes), sondern auch
durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer
Beständigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen,
wie beim Menschen, aus fünf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt,
dagegen bei den Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln.
Im Gebiß der =Cynopitheken= sind die Lückenzähne länger als breit,
in demjenigen der =Anthropomorphen= breiter als lang; und der erste
Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fünf
Höcker. Ferner ist im Unterkiefer jederseits bei den Menschenaffen, wie
beim Menschen, der äußere Schneidezahn breiter als der innere, bei den
Hundsaffen umgekehrt schmäler. Endlich ist von besonderer Bedeutung
die wichtige Tatsache, daß die Menschenaffen mit dem Menschen auch die
eigentümlichen feineren Bildungsverhältnisse seiner scheibenförmigen
~Placenta~, der ~Docidua reflexa~ und des Bauchstiels teilen
(vergl. Kap. 4). Übrigens ergibt schon die oberflächliche Vergleichung
der Körperform der heute noch lebenden Menschenaffen, daß sowohl
die asiatischen Vertreter dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als
die afrikanischen Vertreter (Gorilla und Schimpanse) dem Menschen
im gesamten Körperbau näher stehen als sämtliche Hundsaffen. Unter
diesen letzteren stehen namentlich die hundsköpfigen =Papstaffen=
(~Papiomorpha~), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen
Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen
Papstaffen und den höchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder
Beziehung größer als derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen.

Die vergleichende Anatomie ergibt somit für den unbefangenen und
kritischen Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Körperbau des
Menschen und der Menschenaffen nicht nur im höchsten Grade ähnlich,
sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben
200 Knochen, in der gleichen Anordnung und Zusammensetzung, bilden
unser inneres Knochengerüst; dieselben 300 Muskeln bewirken unsere
Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen
von Seelenzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns
zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres
Blutkreislaufs; dieselben 32 Zähne setzen in der gleichen Anordnung
unser Gebiß zusammen; dieselben Speicheldrüsen, Leber- und Darmdrüsen
vermitteln unsere Verdauung; dieselben Organe der Fortpflanzung
ermöglichen die Erhaltung unseres Geschlechts.

Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in
der =Größe= und =Gestalt= der meisten Organe zwischen dem Menschen und
Menschenaffen; allein dieselben oder ähnliche Unterschiede entdecken
wir auch bei der sorgfältigen Vergleichung der höheren und niederen
Menschenrassen, ja sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen
Individuen unserer eigenen Rasse. Wir finden nicht zwei Personen,
welche ganz genau dieselbe Größe und Form der Nase, der Ohren, der
Augen usw. haben. Man braucht bloß aufmerksam in einer größeren
Gesellschaft diese einzelnen Teile der menschlichen =Gesichtsbildung=
bei zahlreichen Personen zu vergleichen, um sich von der erstaunlichen
Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu überzeugen. Oft sind
ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Körperbildung,
daß ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare kaum glaublich
erscheint. Alle diese =individuellen= Unterschiede beeinträchtigen aber
nicht das Gewicht der =fundamentalen Gleichheit im Körperbau=; denn
sie sind nur bedingt durch geringe Verschiedenheiten im Wachstum der
einzelnen Teile.



=Drittes Kapitel.=

_Unser Leben._

  Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie.
  Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der
  Säugetiere.


Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des 19.
Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen =Wissenschaft=
erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die =Physiologie=,
hat sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja
notwendige Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar
gemacht, in engem Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom
Körperbau. Aber sie konnte erst viel später und langsamer als letztere
gründlich erforscht werden, da sie auf viel größere Schwierigkeiten
stieß.

Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon
sehr frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete
am lebenden Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von
eigentümlichen Veränderungen, vorzugsweise =Bewegungen=, welche den
»toten« Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen,
Atemzüge, Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen
Bewegungen« von ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern
war nicht leicht und oft verfehlt; das fließende Wasser, die
flackernde Flamme, der wehende Wind, der stürzende Fels zeigten dem
Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es war sehr natürlich, daß
der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein selbständiges
Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich bei den
letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den
ersteren.

_Menschliche Physiologie._ Die ältesten wissenschaftlichen
Betrachtungen über das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen
wir (ebenso wie diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den
griechischen Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften
Jahrhundert v. Chr. Die reichste Sammlung von bezüglichen, damals
bekannten Tatsachen finden wir in der Naturgeschichte des =Aristoteles=.

Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und
den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben,
gebührt dem großen griechischen Arzte =Galenus=, den wir auch als den
ersten großen Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen
Untersuchungen über die =Organe= des menschlichen Körpers stellte
er sich beständig auch die Frage nach ihren Lebenstätigkeiten oder
=Funktionen=, und auch hierbei verfuhr er vergleichend und untersuchte
vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die =Affen=. Die Erfahrungen,
die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den Menschen. Er erkannte
auch bereits den hohen Wert des physiologischen =Experimentes=: bei
Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er verschiedene
interessante Versuche an. Die =Vivisektionen= sind neuerdings nicht
nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von
wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen
vielfach auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu
den =unentbehrlichen Methoden= der Lebensforschung und haben uns
unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben.

Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine
Physiologie das System des =Galenus= während des langen Zeitraums
von dreizehn Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse.
Der kulturfeindliche Einfluß des Christentums bereitete auch auf
diesem, wie auf allen anderen Gebieten, der Naturerkenntnis die
unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten bis zum sechzehnten
Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt hätte,
selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen
und über das System von =Galenus= hinauszugehen. Erst im 16.
Jahrhundert wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen
Ärzten und Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte
der englische Arzt =Harvey= seine große Entdeckung des =Blutkreislaufs=
und wies nach, daß das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch
regelmäßige, unbewußte Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle
unablässig durch das kommunizierende Röhrensystem der Adern oder
Blutgefäße treibt. Nicht minder wichtig waren =Harveys= Untersuchungen
über die Zeugung der Tiere, infolge deren er den berühmten Satz
aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus einem Ei« (~omne
vivum ex ovo~).

Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen,
welche =Harvey= gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert
zu einer großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte
=Albrecht Haller= um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male
zusammen; in seinem großen Werke »~Elementa physiologiae~« begründete
er den selbständigen Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer
Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber =Haller= für die
Nerventätigkeit eine besondere »Empfindungskraft oder Sensibilität«
und ebenso für die Muskelbewegung eine besondere »Reizbarkeit oder
Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er mächtige Stützen für die
irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen »=Lebenskraft=«.

_Lebenskraft (Vitalismus)._ Über ein volles Jahrhundert hindurch,
von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in
der Medizin, und speziell in der Physiologie, die alte Anschauung
herrschend, daß zwar ein Teil der Lebenserscheinungen auf physikalische
und chemische Vorgänge zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil
derselben durch eine besondere, davon unabhängige =Lebenskraft=
(~Vis vitalis~) bewirkt werde. So verschiedenartig auch die
besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und besonders von ihrem
Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so stimmten doch alle
darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-chemischen
Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich
verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur
fehlende »=Urkraft=« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen.
Nicht allein die Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven
und die Irritabilität der Muskeln, sondern auch die Vorgänge der
Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und Entwickelung erschienen
allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so rätselhaft, daß
es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische
Naturprozesse zurückzuführen.

_Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie)._ Schon in
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph
=Descartes=, fußend auf =Harveys= Entdeckung des Blutkreislaufs, den
Gedanken ausgesprochen, daß der Körper des Menschen ebenso wie der
Tiere eine komplizierte =Maschine= sei, und daß ihre Bewegungen nach
denselben mechanischen Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom
Menschen für einen bestimmten Zweck gebauten Maschinen. Allerdings
nahm =Descartes= trotzdem für den Menschen allein eine vollkommene
Selbständigkeit der immateriellen Seele an und erklärte sogar deren
subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in der Welt, von
dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»~Cogito, ergo
sum~!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die
Erkenntnis der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im
Anschluß daran führte =Borelli= (1660) die Bewegungen des Tierkörpers
auf rein physikalische Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte
=Sylvius=, die Vorgänge bei der Verdauung und Atmung als rein chemische
Prozesse zu erklären. Allein diese vernünftigen Ansätze zu einer
naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten
keine allgemeine Anwendung und Geltung zu erringen; und im Laufe des
18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich der Vitalismus
entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und Rückkehr
zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des 19.
Jahrhunderts die neue =vergleichende= Physiologie sich zu fruchtbarer
Geltung erhob.

_Vergleichende Physiologie._ Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau
des Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit
ursprünglich größtenteils nicht durch direkte Beobachtung
am menschlichen Organismus selbst gewonnen, sondern an den
nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor allem den =Säugetieren=.
Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«, welche das ganze
Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis zum
Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft
des 19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war =Johannes Müller= in
Berlin (1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und
Physiologie des Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der
höheren und niederen Tiere in den Kreis seiner Vergleichung. Indem
er zugleich die Bildung der ausgestorbenen Tiere mit den lebenden,
den gesunden Organismus des Menschen mit dem kranken verglich, indem
er wahrhaft philosophisch alle Erscheinungen des organischen Lebens
zusammenzufassen strebte, erhob er sich zu einer bis dahin unerreichten
Höhe der biologischen Erkenntnis.

Allerdings war =Müller= ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner
Zeit, Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm
bei ihm eine neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr
prinzipielles Gegenteil. Denn auf allen Gebieten der Physiologie war
=Müller= bestrebt, die Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären;
seine reformierte Lebenskraft steht nicht über den physikalischen
und chemischen Gesetzen der übrigen Natur, sondern sie ist streng
an dieselben =gebunden=; sie ist schließlich weiter nichts als das
»=Leben=« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die
wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt,
dieselben mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in
der Tätigkeit der Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der
Atmung und Verdauung wie in den Erscheinungen der Fortpflanzung und
Entwickelung. Die größten Fortschritte führte hier =Müller= dadurch
herbei, daß er überall von den einfachsten Lebenserscheinungen der
niederen Tiere ausging und Schritt für Schritt ihre allmähliche
Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum Menschen, hinauf
verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der =kritischen
Vergleichung= ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie.

_Zellularphysiologie._ Unter den zahlreichen Schülern von =Johannes
Müller=, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem
Tode die verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer
der glücklichsten =Theodor Schwann=. Als 1838 der geniale Botaniker
=Schleiden= in Jena die =Zelle= als das gemeinsame Elementarorgan der
Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers
als zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte =Johannes
Müller= sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen
Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des
Tierkörpers die gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und
veranlaßte sodann seinen Schüler =Schwann=, diesen Nachweis auf alle
tierischen Gewebe auszudehnen. Diese schwierige Aufgabe löste der
letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen Untersuchungen über
die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und
Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die =Zellentheorie=
gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für die Anatomie
seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer allgemeiner bewährt
hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf diejenige ihrer
Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden müsse,
führten namentlich zwei andere Schüler von =Johannes Müller= aus,
der scharfsinnige Physiologe =Ernst Brücke= in Wien und der berühmte
Histologe =Albert Kölliker= in Würzburg. Der erstere bezeichnete die
Zellen richtig als »=Elementar-Organismen=« und zeigte, daß sie ebenso
im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen
Faktoren des Lebens sind. =Kölliker= erwarb sich besondere Verdienste
nicht nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch
durch den Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden
»Furchungskugeln« einfache Zellen sind.

So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für
alle biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die
darauf gegründete =Zellular-Physiologie= erst in neuester Zeit
selbständig ausgebaut. Hier hat namentlich =Max Verworn= sich ein
doppeltes Verdienst erworben. In seinen »Psychophysiologischen
Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf Grund sinnreicher
experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir (1866)
aufgestellte »=Theorie der Zellseele=« durch das genaue Studium der
einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die
psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die
chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben
der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf
die moderne Entwickelungslehre hat =Verworn= diese Ansichten in
seiner »Allgemeinen Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht
zum ersten Male wieder auf den umfassenden Standpunkt von =Johannes
Müller= zurück, im Gegensatze zu den einseitigen und beschränkten
Methoden jener modernen Physiologen, welche glauben, ausschließlich
durch physikalische und chemische Experimente das Wesen der
Lebenserscheinungen ergründen zu können. =Verworn= zeigte, daß nur
durch die =vergleichende= Methode =Müllers= und durch das Vertiefen in
die Physiologie der =Zelle= jener höhere Standpunkt gewonnen werden
kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle
Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen
wir zu der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des
Menschen denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie
diejenigen aller anderen Tiere.

_Zellularpathologie._ Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie
für alle Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts nicht allein in den großartigen Fortschritten der
gesamten Morphologie und Physiologie, sondern auch besonders in der
totalen Reform derjenigen biologischen Wissenschaft, welche vermöge
ihrer Beziehungen zur praktischen Heilkunst von jeher die größte
Bedeutung in Anspruch nahm, der =Pathologie= oder Krankheitslehre.
Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen Lebewesen
=Natur=erscheinungen sind und also gleich den übrigen Lebensfunktionen
nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja schon vielen
älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten schon im
17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht, die
Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische
Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand
der Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser
berechtigten Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die
das Wesen der Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen
suchten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung.

Erst um diese Zeit hatte =Rudolf Virchow=, ebenfalls ein Schüler
von =Johannes Müller=, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie
vom gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er
suchte in den feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus
ihnen zusammengesetzten Gewebe die wahre Ursache jener gröberen
Veränderungen, welche als bestimmte »Krankheitsbilder« den lebenden
Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen. Besonders während der sieben
Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte =Virchow=
diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch, daß seine
=Zellularpathologie= mit einem Schlage die ganze Pathologie und
die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare
Bahnen lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin
deshalb so bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein
wissenschaftlichen Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke
Mensch, ebenso wie der gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen
Gesetzen«, wie die ganze übrige organische Welt.

_Physiologie der Säugetiere._ Unter den zahlreichen Tierklassen,
welche die neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die =Säugetiere=
nicht allein in morphologischer, sondern auch in physiologischer
Beziehung eine ganz besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch
seinem ganzen Körperbau nach zur Klasse der Säugetiere gehört, muß
er auch den besonderen Charakter seiner Lebenstätigkeiten mit den
übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die Atmung vollziehen
sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in derselben
eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren zukommt;
sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und
ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der
linken Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt,
während dies bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien
durch beide Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet
sich vor demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus
ihren roten Blutzellen der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen
werden nur in dieser Tierklasse vorzugsweise durch das =Zwerchfell=
vermittelt, weil dasselbe nur hier eine vollständige Scheidewand
zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet. Ganz besonders wichtig aber
ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die Produktion der Milch
in den Brustdrüsen (~Mammae~) und die besondere Form der Brutpflege,
welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit sich
bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der
eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere
aus dieser innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat,
erinnert uns der Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In
Millionen von Bildern, zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges,
wird »=die Madonna= mit dem Christuskinde« verherrlicht als das reinste
und erhabenste Urbild der Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen
extremste Form die übertriebene Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt.

_Physiologie der Affen._ Da unter allen Säugetieren die Affen
im gesamten Körperbau dem Menschen am nächsten stehen, läßt
sich von vornherein erwarten, daß dasselbe auch von ihren
Lebenstätigkeiten gilt; und das ist in Wahrheit der Fall. Wie sehr
die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die Sinnesfunktionen, das
Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des Menschen
nähern, weiß jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie weist
dieselbe bedeutungsvolle Übereinstimmung auch für andere, weniger
bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herztätigkeit, die
Drüsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung
ist besonders merkwürdig, daß die geschlechtsreifen Weibchen bei
vielen Affenarten einen regelmäßigen Blutabgang aus dem Fruchtbehälter
erleiden, entsprechend der Menstruation (oder »Monatsregel«) des
menschlichen Weibes. Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrüse und
das Säugegeschäft geschieht bei den weiblichen Affen genau ebenso wie
bei den Frauen.

Besonders interessant ist endlich die Tatsache, daß die =Lautsprache
der Affen=, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten
menschlichen Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden
Menschenaffen gibt es eine indische Art, welche musikalisch ist: der
~Hylobates syndactylus~ auf Sumatra singt in vollkommen reinen und
klangvollen, halben Tönen eine ganze Oktave. Für den unbefangenen
Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß
unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus
der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat.



=Viertes Kapitel.=

_Unsere Keimesgeschichte._

  Monistische Studien über menschliche und vergleichende Ontogenie.
  Übereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen und
  der Wirbeltiere.


In noch höherem Maße als die vergleichende Anatomie und Physiologie
ist die =vergleichende Ontogenie=, =die Entwickelungsgeschichte des
Einzeltieres= oder Individuums, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts.
Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere aus den
Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese inhaltsschwere
Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden Menschengeist
beschäftigt; aber erst sehr spät, 1828, zeigte uns der Embryologe
=Baer= die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der
geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst
1859 lieferte uns =Darwin= durch seine Reform der Deszendenztheorie den
Schlüssel, mit dessen Hülfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen
können. Da ich diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden
Verhältnisse in meiner =Keimesgeschichte des Menschen= (im ersten Teile
der Anthropogenie) einer ausführlichen, populär-wissenschaftlichen
Darstellung unterzogen habe, beschränke ich mich hier auf eine kurze
Zusammenfassung und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen
dabei zunächst einen historischen Rückblick auf die ältere =Ontogenie=
werfen.

_Präformationslehre._ =Ältere Keimesgeschichte.= (Vergl. den 2.
Vortrag meiner »Anthropogenie«.) Wie für die vergleichende Anatomie,
so sind auch für die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des
=Aristoteles=, des vielseitigen »Vaters der Naturgeschichte«, die
älteste uns bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v.
Chr.). Nicht allein in seiner großen Tiergeschichte, sondern auch in
einer besonderen kleinen Schrift: »Fünf Bücher von der Zeugung und
Entwickelung der Tiere« erzählt uns der große Philosoph eine Menge
von interessanten Tatsachen und stellt Betrachtungen über deren
Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit wieder zur Geltung
gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden. Natürlich
sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtümer zu finden, und von
der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Näheres
bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden
machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte.
Erst im Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit
zu beschäftigen; der italienische Anatom =Fabricius ab Aquapendente=
veröffentlichte 1600 die ältesten Abbildungen und Beschreibungen von
Embryonen des Menschen und einiger höheren Tiere; und der berühmte
=Marcello Malpighi= in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie
in der Botanik, gab 1687 die erste zusammenhängende Darstellung von der
Entstehung des Hühnchens im bebrüteten Ei.

Alle diese älteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht,
daß im Ei der Tiere, ähnlich wie im Samen der höheren Pflanzen, der
ganze Körper mit allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur
in einem so feinen und so durchsichtigen Zustande, daß man sie nicht
erkennen könne; die ganze Entwickelung sei demnach nichts weiter, als
Wachstum oder »=Auswickelung=« (~Evolutio~) der eingewickelten Teile.
Diese falsche Lehre, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast
allgemein in Geltung blieb, nennen wir am besten die Vorbildungslehre
oder =Präformationstheorie=.

=Einschachtelungslehre.= In engem Zusammenhange mit der
Präformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie,
welche die denkenden Biologen lebhaft beschäftigte: die sonderbare
»Einschachtelungslehre«. Da man annahm, daß im Ei bereits die Anlage
des ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mußte
auch der Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden
Generation darin vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier
der nächstfolgenden, usw. ~in infinitum~! Daraufhin berechnete der
berühmte Physiologe =Haller=, daß der liebe Gott vor 6000 Jahren --
am sechsten Tage seines Schöpfungswerkes -- die Keime von 200 000
Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im Eierstock der
ehrwürdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe. Kein
Geringerer als der hochangesehene Philosoph =Leibniz= schloß sich
diesen Ausführungen an und verwertete sie für seine Monadenlehre;
und da dieser zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher
Gemeinschaft befinden, übertrug er sie auch auf die Seele; -- »die
Seelen der Menschen haben in deren Voreltern bis auf Adam, also seit
dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form organisierter Körper
existiert«.

_Epigenesislehre._ Im November 1759 verteidigte in Halle ein
junger, 26jähriger Mediziner, =Kaspar Friedrich Wolff=, seine
Doktordissertation unter dem Titel: ~»Theoria generationis«~.
Gestützt auf eine Reihe der mühsamsten und sorgfältigsten Beobachtungen
wies er nach, daß die ganze herrschende Präformationstheorie falsch
sei. Im bebrüteten Hühnerei ist anfangs noch keine Spur vom späteren
Vogelkörper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden wir statt
dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine,
kreisrunde, weiße Scheibe. Diese dünne »=Keimscheibe=« wird länglich
rund und zerfällt dann in vier übereinanderliegende Schichten, die
Anlagen der vier wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das
Nervensystem, darunter die Fleischmasse (Muskelsystem), dann das
Gefäßsystem mit dem Herzen und zuletzt der Darmkanal. Also, sagt
Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in einer Auswickelung
vorgebildeter Organe, sondern in einer =Kette von Neubildungen=,
einer wahren ~»Epigenesis«~; ein Teil entsteht nach dem andern,
und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der
später ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch
eine Reihe der merkwürdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese große
Entdeckung sich unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten
Tatsachen hätte bestätigen lassen, und obgleich die darauf gegründete
»=Theorie der Generation=« eigentlich gar keine Theorie, sondern eine
nackte Tatsache war, fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch
nicht die mindeste Anerkennung. Besonders hinderlich war die mächtige
Autorität von =Haller=, der sie hartnäckig bekämpfte mit dem Dogma:
»Es gibt kein Werden! Kein Teil im Tierkörper ist vor dem anderen
gemacht worden, und alle sind zugleich erschaffen.« =Wolff=, der nach
Petersburg gehen mußte, war schon lange tot, als die vergessenen, von
ihm beobachteten Tatsachen von =Lorenz Oken= in Jena (1806) aufs neue
entdeckt und richtig gedeutet wurden.

_Keimblätterlehre._ Nachdem durch =Oken= die =Epigenesistheorie=
von =Wolff= bestätigt worden war, warfen sich in Deutschland
mehrere junge Naturforscher mit großem Eifer auf die genauere
Untersuchung der Keimesgeschichte. Der bedeutendste war =Karl Ernst
Baer=; sein berühmtes Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel:
»Entwickelungsgeschichte der Tiere, Beobachtung und Reflexion«. Nicht
allein sind darin die Vorgänge der Keimbildung ausgezeichnet klar
und vollständig beschrieben, sondern auch zahlreiche geistvolle
Spekulationen daran geknüpft. Die zwei blattförmigen Schichten, welche
in der runden Keimscheibe der höheren Wirbeltiere zuerst auftreten,
zerfallen nach =Baer= zunächst in je zwei =Blätter=, und diese vier
Keimblätter verwandeln sich in vier =Röhren=. Durch sehr verwickelte
Prozesse der Epigenesis entstehen daraus die späteren Organe, und zwar
bei dem Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher
Weise. Unter den vielen einzelnen Entdeckungen von =Baer= war eine der
wichtigsten das menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen,
wie bei allen anderen Säugetieren, für Eier kleine Bläschen gehalten,
die sich zahlreich im Eierstock finden. Erst =Baer= zeigte (1827),
daß die wahren Eier in diesen Bläschen, den »Graafschen Follikeln«,
eingeschlossen und viel kleiner sind, Kügelchen von nur 0,2 mm
Durchmesser, unter günstigen Verhältnissen eben als Pünktchen mit
bloßem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, daß aus dieser kleinen
Eizelle der Säugetiere sich zunächst eine charakteristische Keimblase
entwickelt, eine =Hohlkugel= mit flüssigem Inhalt, deren Wand die dünne
Keimhaut bildet.

_Eizelle und Samenzelle._ Zehn Jahre, nachdem =Baer= der Embryologie
durch seine Keimblätterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand
für dieselbe eine neue wichtige Aufgabe durch die Begründung der
=Zellentheorie= (1838). Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die
daraus entstehenden Keimblätter zu den Geweben und Zellen, welche den
entwickelten Tierkörper zusammensetzen? Die richtige Beantwortung
dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des 19. Jahrhunderts
zwei Schülern von =Johannes Müller=: =Robert Remak= und =Albert
Kölliker=. Sie wiesen nach, daß das Ei ursprünglich nichts anderes ist
als eine einfache =Zelle=, und daß auch die zahlreichen Keimkörper oder
»Furchungskugeln«, welche durch wiederholte Teilung daraus entstehen,
einfache Zellen sind. Aus diesen »Furchungzellen« bauen sich
zunächst die Keimblätter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder
Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. =Kölliker= erwarb
sich das große Verdienst, auch die schleimartige Samenflüssigkeit der
männlichen Tiere als Anhäufung von mikroskopischen kleinen Zellen
nachzuweisen. Die beweglichen stecknadelförmigen »Samentierchen«
(~Spermatozoen~) sind nichts anderes als eigentümliche
»=Geißelzellen=«, wie ich (1866) zuerst an den Samenfäden der Schwämme
nachgewiesen habe. Damit war für =beide= wichtige Zeugungsstoffe der
Tiere, das männliche Sperma und das weibliche Ei, bewiesen, daß auch
sie der Zellentheorie sich fügen.

_Gasträatheorie._ Alle älteren Untersuchungen über Keimbildung betrafen
den Menschen und die höheren =Wirbeltiere=, vor allem aber den
Vogelkeim: denn das Hühnerei ist das größte und bequemste Objekt dafür
und steht jederzeit in beliebiger Menge zur Verfügung; man kann in
der Brutmaschine sehr bequem das Ei ausbrüten und dabei stündlich die
ganze Reihe der Umbildungen, von der einfachen Eizelle bis zum fertigen
Vogelkörper innerhalb dreier Wochen beobachten. Auch =Baer= hatte nur
für die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere die Übereinstimmung in
der charakteristischen Bildung der Keimblätter und in der Entstehung
der einzelnen Organe aus derselben nachweisen können. Dagegen in den
zahlreichen Klassen der =Wirbellosen= -- also der großen Mehrzahl
der Tiere -- schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise
abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimblätter ganz zu
fehlen. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei
einzelnen Wirbellosen nachgewiesen, so von =Kölliker= 1844 bei den
Cephalopoden und von =Huxley= 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig
wurde sodann die Entdeckung von =Kowalevsky= (1866), daß das niederste
Wirbeltier, der Lanzelot oder ~Amphioxus~, sich genau in derselben,
und zwar in einer sehr ursprünglichen Weise entwickelt wie ein
wirbelloses, anscheinend ganz entferntes Manteltier, die =Seescheide=
oder ~Ascidia~. Auch bei verschiedenen Würmern, Sterntieren und
Gliedertieren wies Kowalevsky eine ähnliche Bildung der Keimblätter
nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der Entwickelungsgeschichte
der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren beschäftigt, und da
ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere überall
dieselbe Bildung von zwei primären Keimblättern fand, gelangte ich zu
der Überzeugung, daß dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen
Tierreiche derselbe ist.

Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, daß bei den
Schwammtieren und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen)
der Körper lange Zeit hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei
einfachen Zellenschichten besteht. Schon =Huxley= hatte sie bei
den Medusen mit den beiden primären Keimblättern der Wirbeltiere
verglichen. Gestützt auf diese Beobachtungen und Vergleichungen,
stellte ich dann 1872 in meiner »Biologie der Kalkschwämme« die
»=Gasträatheorie=« auf, deren wesentlichste Lehrsätze folgende sind:
~I~. Das ganze Tierreich zerfällt in zwei wesentlich verschiedene
Hauptgruppen: die einzelligen =Urtiere= (~Protozoa~) und die
vielzelligen =Gewebtiere= (~Metazoa~); der ganze Organismus
der =Protozoen= bleibt zeitlebens eine einfache Zelle (seltener
ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein ~Coenobium~).
~II~. Dagegen ist der Organismus der =Metazoen= nur im ersten
Beginn einzellig, später aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche
=Gewebe= bilden. ~III~. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche
=Keimblätter=, und aus diesen =Gewebe=, die den Protozoen noch ganz
fehlen. ~IV~. Bei allen Metazoen entstehen zunächst nur =zwei=
primäre Keimblätter, die überall dieselbe wesentliche Bedeutung haben:
aus dem äußeren =Hautblatt= entwickelt sich die äußere Hautdecke und
das Nervensystem, aus dem inneren =Darmblatt= hingegen der Darmkanal
und alle übrigen Organe. ~V~. Die Keimform, welche überall zunächst
aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus diesen
beiden primären Keimblättern besteht, ist die =Darmlarve= oder der
Becherkeim (~Gastrula~); ihr becherförmiger, zweischichtiger Körper
umschließt ursprünglich eine einfache verdauende Höhle, den =Urdarm=,
und dessen einfache Öffnung ist der =Urmund=. Dies sind die ältesten
Organe des vielzelligen Tierkörpers, und die beiden Zellenschichten
seiner Wand sind seine ältesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe
sind erst später (sekundär) daraus hervorgegangen. ~VI~. Aus dieser
Gleichartigkeit oder =Homologie der Gastrula= in sämtlichen Stämmen und
Klassen der Gewebtiere zog ich nach dem Biogenetischen Grundgesetze den
Schluß, daß =alle Metazoen ursprünglich von einer gemeinsamen Stammform
abstammen, Gasträa=, und daß diese uralte, längst ausgestorbene
Stammform im wesentlichen die Körperform und Zusammensetzung der
heutigen, durch =Vererbung= erhaltenen Gastrula besaß. ~VII~. Dieser
phylogenetische Schluß aus der Vergleichung der ontogenetischen
Tatsachen wird auch dadurch gerechtfertigt, daß noch heute einzelne
=Gasträaden= existieren, sowie älteste Formen anderer Tierstämme,
deren Organisation sich nur sehr wenig über diese letzteren erhebt.
~VIII~. Bei der weiteren Entwickelung der verschiedenen Gewebtiere
aus der Gastrula sind zwei verschiedene Hauptgruppen zu unterscheiden:
Die älteren =Niedertiere= (~Coelenteria~) bilden noch keine
Leibeshöhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei
den Gasträaden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jüngeren
=Obertiere= (~Coelomaria~) hingegen besitzen eine echte Leibeshöhle
und meistens auch Blut und After; dahin gehören die =Wurmtiere=
(~Vermalia~) und die höheren typischen Tierstämme, welche sich aus
diesen entwickelt haben, die Sterntiere, Weichtiere, Gliedertiere,
Manteltiere und Wirbeltiere.

_Eizelle und Samenzelle des Menschen._ Das Ei des Menschen ist,
wie das aller anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese
kleine kugelige Eizelle (von nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe
charakteristische Beschaffenheit wie die aller anderen, lebendig
gebärenden Säugetiere. Dasselbe gilt von den beweglichen =Spermien=
oder Samenfäden des Mannes, den winzig kleinen, fadenförmigen
Geißelzellen, welche sich zu Millionen in jedem Tröpfchen des
schleimartigen =männlichen Samens= (~Sperma~) finden; sie wurden
früher wegen ihrer lebhaften Bewegung für besondere »=Samentierchen=«
(~Spermatozoa~) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen
Geschlechtszellen in der =Geschlechtsdrüse= ist dieselbe beim
Menschen und den übrigen Säugetieren; sowohl die Eier im Eierstock
des Weibes, als die Samenfäden im Hoden oder Samenstock des Mannes
entstehen überall auf dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die
Leibeshöhle auskleidet.

_Empfängnis oder Befruchtung._ Der wichtigste Augenblick im Leben
eines jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment,
in welchem seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick,
in welchem die Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und
zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue
Zelle, die »befruchtete Eizelle«, ist die individuelle =Stammzelle=
(~Cytula~), aus deren wiederholter Teilung die Zellen der Keimblätter
und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der Bildung dieser Stammzelle,
also mit dem Vorgange der =Befruchtung= selbst, beginnt die =Existenz
der Person,= des selbständigen Einzelwesens. Diese ontogenetische
Tatsache ist =überaus wichtig=, denn aus ihr allein schon lassen sich
die weitestreichenden Schlüsse ableiten. Zunächst folgt daraus die
klare Erkenntnis, daß der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren,
alle persönlichen Eigenschaften, körperliche und geistige, von
seinen beiden Eltern durch =Vererbung= erhalten hat; und weiterhin
die inhaltschwere Überzeugung, daß die neue, so entstandene Person
unmöglich Anspruch haben kann, »=unsterblich=« zu sein.

Die feineren Vorgänge bei der Empfängnis und der geschlechtlichen
Zeugung überhaupt sind daher von allerhöchster Wichtigkeit; sie sind
uns in ihren Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige
wesentliche Ereignis bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der
beiden Geschlechtszellen und ihrer Kerne. Von den Millionen männlicher
Geißelzellen, welche die weibliche Eizelle umschwärmen, dringt nur
eine einzige in deren Plasmakörper ein. Die Kerne beider Zellen, der
Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander. So entsteht eine
neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in sich
vereinigt; der Spermakern überträgt die väterlichen, der Eikern die
mütterlichen Charakterzüge auf die =Stammzelle=, aus der sich nun das
Kind entwickelt; das gilt ebenso von den körperlichen wie von den
geistigen Eigenschaften.

_Keimanlage des Menschen._ Die Bildung der Keimblätter durch
wiederholte Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula
und der weiterhin aus ihr hervorgehenden Keimformen geschieht beim
Menschen genau so wie bei den übrigen höheren Säugetieren, unter
denselben eigentümlichen Besonderheiten, welche diese Gruppe vor
den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die bedeutungsvolle Keimform
der =Chordula= oder »Chordalarve«, die zunächst aus der Gastrula
entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die gleiche
Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der
Länge nach durch die Hauptachse des länglich-runden, schildförmigen
Körpers (des »Keimschildes«); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus
dem äußeren Keimblatt das Rückenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann
erst erscheinen zu beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab,
die Ketten der »Urwirbel«, die Anlagen der Muskelplatten, mit denen
die Gliederung des Wirbeltierkörpers beginnt. Vorn am Darm treten
beiderseits die Kiemenspalten auf, die Öffnungen des Schlundes, durch
welche ursprünglich bei unseren Fischahnen das vom Munde aufgenommene
Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach außen trat. In zäher
=Vererbung= treten diese =Kiemenspalten=, die nur bei den fischartigen,
im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute noch beim
Menschen wie bei allen übrigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden
später. Selbst nachdem schon am Kopfe die fünf Hirnblasen, seitlich die
Anfänge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die
Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus
dem fischartigen Menschenkeim hervorgesproßt sind, ist dessen Bildung
derjenigen anderer Wirbeltiere noch so ähnlich, daß man sie nicht
unterscheiden kann.

_Ähnlichkeit der Wirbeltierkeime._ Die wesentliche Übereinstimmung in
der äußeren Körperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des
Menschen und der übrigen Wirbeltiere in dieser früheren Bildungsperiode
zeigen, ist eine =embryologische Tatsache ersten Ranges=; aus ihr
lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten
Schlüsse ableiten. Denn es gibt dafür keine andere Erklärung als
die Annahme einer =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform. Wenn
wir sehen, daß in einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen
und des Affen, des Hundes und des Kaninchens, des Schweines und des
Schafes zwar als höhere Wirbeltiere erkennbar, aber sonst nicht zu
unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur durch gemeinsame
Abstammung erklärt werden. Diese Erklärung erscheint um so sicherer,
wenn wir die später eintretende Sonderung oder Divergenz jener
Keimformen verfolgen. Je näher sich zwei Tierformen in der gesamten
Körperbildung stehen, desto länger bleiben sich auch ihre Embryonen
ähnlich, und desto enger hängen sie auch im Stammbaum der betreffenden
Gruppe zusammen, desto näher sind sie »stammverwandt«. Daher erscheinen
die Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch später noch
höchst ähnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher
ihre Unterschiede von den Embryonen anderer Säugetiere sofort erkennbar
sind.

_Die Keimhüllen des Menschen._ Die hohe Bedeutung der eben besprochenen
Ähnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen
selbst hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhüllen. Es
zeichnen sich nämlich alle Wirbeltiere der drei höheren Klassen,
Reptilien, Vögel und Säugetiere, vor den niederen Klassen durch die
Bildung eigentümlicher Embryonalhüllen aus, des ~Amnion~ (Wasserhaut)
und des ~Serolemma~ (seröse Haut). In diesen mit Wasser gefüllten
Säcken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck und
Stoß geschützt. Diese zweckmäßige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich
erst entstanden, als die ältesten Reptilien (Proreptilien), die
gemeinsamen Stammformen aller =Amniontiere=, vollständig an das
Landleben sich anpaßten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien,
=fehlt= diese Hüllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war
bei diesen Wasserbewohnern überflüssig. Mit der Erwerbung dieser
Schutzhüllen stehen bei allen Amnioten noch zwei andere Veränderungen
in engem Zusammenhang, erstens der gänzliche Verlust der Kiemen
(während die Kiemenbogen und die Spalten dazwischen als »rudimentäre
Organe« sich forterben), und zweitens die Bildung der =Allantois=.
Dieser blasenförmige, mit Wasser gefüllte Sack wächst bei dem Embryo
aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist nichts anderes als
die vergrößerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem innersten
und untersten Teile bildet sich später die bleibende Harnblase der
Amnioten, während der größere äußere Teil rückgebildet wird. Gewöhnlich
spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des
Embryo, indem sich mächtige Blutgefäße auf seiner Wand ausbreiten.
Sowohl die Entstehung der Keimhüllen, als auch der Allantois geschieht
beim Menschen genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch
dieselben verwickelten Prozesse des Wachstums; =der Mensch ist ein
echtes Amniontier.=

_Die Placenta des Menschen._ Die Ernährung des menschlichen
Keimes im Mutterleibe geschieht durch ein eigentümliches, äußerst
blutreiches Organ, die sogenannte ~Placenta~, den =Aderkuchen= oder
Blutgefäßkuchen. Sie wird nach erfolgter Geburt des Kindes abgelöst und
als sogenannte »Nachgeburt« ausgestoßen. Die Placenta besteht aus zwei
wesentlich verschiedenen Teilen, dem =Fruchtkuchen= oder der kindlichen
Placenta und dem =Mutterkuchen= oder dem mütterlichen Gefäßkuchen.
Dieser letztere enthält reich entwickelte Bluträume, welche ihr Blut
durch die Gefäße der Gebärmutter zugeführt erhalten. Der Fruchtkuchen
dagegen wird aus zahlreichen verästelten Zotten gebildet, welche von
der Außenfläche der kindlichen Allantois hervorwachsen und ihr Blut
von deren Nabelgefäßen beziehen. Die hohlen, blutgefüllten Zotten
des Fruchtkuchens wachsen in die Bluträume des Mutterkuchens hinein,
und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr verdünnt, daß
durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der ernährenden
Blutflüssigkeit erfolgen kann.

In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des
Mutterkuchens wesentlich verschieden. Höchst wichtig ist nun die
erst 1890 von =Emil Selenka= entdeckte Tatsache, daß gerade die
=Menschenaffen=, besonders der Orang (~Satyrus~), mit dem Menschen
gewisse Eigentümlichkeiten, die sich sonst nirgends finden, gemeinsam
haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also bestätigt
sich auch hier wieder der =Pithecometrasatz= von =Huxley=: »Die
Unterschiede zwischen dem Menschen und den Menschenaffen sind geringer
als diejenigen zwischen den letzteren und den niederen Affen.« Die
angeblichen »Beweise =gegen= die nahe Blutsverwandtschaft des Menschen
und der Affen« ergaben sich bei genauer Untersuchung der tatsächlichen
Verhältnisse auch hier wieder umgekehrt als wichtige Gründe =zugunsten=
derselben.

Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber
höchst interessanten Labyrinthgänge unserer Keimesgeschichte eindringt,
und der imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der übrigen
Säugetiere zu vergleichen, wird in denselben die bedeutungsvollsten
Lichtträger für das Verständnis unserer Stammesgeschichte
finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung werfen als
Vererbungs-Phänomene ein helles Licht auf die entsprechenden Stufen
unserer Ahnenreihe, gemäß dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.)
Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergänglichen
Embryonalorgane -- der charakteristischen Keimhüllen, und vor allem
der Placenta -- geben uns ganz bestimmte Aufschlüsse über unsere nahe
=Stammverwandtschaft mit den Primaten=.



=Fünftes Kapitel.=

_Unsere Stammesgeschichte._

  Monistische Studien über Ursprung und Abstammung des Menschen von den
  Wirbeltieren, zunächst von den Herrentieren.


Der jüngste unter den großen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie
ist diejenige Naturwissenschaft, welche wir =Stammesgeschichte= oder
=Phylogenie= nennen. Sie hat sich noch weit später und unter viel
größeren Schwierigkeiten entwickelt als ihre natürliche Schwester, die
Keimesgeschichte oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis
der geheimnisvollen Vorgänge, durch welche sich die organischen
=Individuen=, die Einzelwesen der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei
entwickeln. Die Stammesgeschichte hingegen hat die viel dunklere und
schwierigere Frage zu beantworten: »Wie sind die organischen =Spezies=
entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und Pflanzen?«

Die =Ontogenie= konnte zur Lösung ihrer nahe liegenden Aufgabe
zunächst unmittelbar den empirischen Weg der =Beobachtung= betreten;
sie brauchte nur Tag für Tag und Stunde für Stunde die sichtbaren
Umbildungen zu verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer
Zeit während der Entwickelung aus dem Ei erfährt. Viel schwieriger
war von vornherein die Aufgabe der =Phylogenie=; denn die langsamen
Prozesse der allmählichen Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und
Pflanzenarten bewirken, vollziehen sich unmerklich im Verlaufe
von Jahrtausenden und Jahrmillionen; ihre unmittelbare Beobachtung
ist nur in sehr engen Grenzen möglich, und der weitaus größte Teil
dieser historischen Vorgänge kann nur indirekt erschlossen werden:
durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr
verschiedenen Gebieten angehören, der Paläontologie, Ontogenie
und Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches
der natürlichen Stammesgeschichte durch die enge Verknüpfung der
»Schöpfungsgeschichte« mit übernatürlichen Mythen und religiösen Dogmen
bereitet wurde; es ist daher begreiflich, daß die wissenschaftliche
Existenz der wahren Stammesgeschichte erst unter vielen Mühen und
schweren Kämpfen errungen und gesichert werden mußte.

_Mythische Schöpfungsgeschichte._ Alle ernstlichen Versuche, welche
bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems
von der Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem
mythologischen Labyrinthe der übernatürlichen Schöpfungssagen stecken.
Einzelne Bemühungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien
und zu einer natürlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos.
Die mannigfaltigsten Schöpfungsmythen entwickelten sich bei allen
älteren Kulturvölkern im Zusammenhang mit der Religion, und während des
Mittelalters war es naturgemäß das zur Herrschaft gelangte Christentum,
welches die Beantwortung der Schöpfungsfrage für sich in Anspruch nahm.
Da die Bibel als die unerschütterliche Grundlage des christlichen
Religionsgebäudes galt, wurde die ganze Schöpfungsgeschichte dem
ersten Buche Moses entnommen. Auf dieses stützte sich auch noch der
große schwedische Naturforscher =Carl Linné=, als er 1735 in seinem
grundlegenden »~Systema Naturae~« den ersten Versuch zu einer
systematischen Ordnung, Benennung und Klassifikation der unzähligen
verschiedenen Naturkörper unternahm. Als bestes, praktisches
Hilfsmittel derselben führte er die bekannte doppelte Namengebung ein;
jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen
Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran.
In einer =Gattung= (~Genus~) wurden die nächstverwandten =Arten=
(~Species~) zusammengestellt.

Höchst verhängnisvoll wurde für die Wissenschaft das theoretische
=Dogma=, welches schon von =Linné= selbst mit seinem praktischen
Speziesbegriffe verknüpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem
denkenden Systematiker aufdrängen mußte, war natürlich die Frage nach
dem eigentlichen Wesen des Spezies-=Begriffes=, nach Inhalt und Umfang
desselben. Und gerade diese Grundfrage beantwortete sein Schöpfer in
naivster Weise, in Anlehnung an den allgemein gültigen Mosaischen
Schöpfungsmythus: »Es gibt so viel verschiedene Arten, als im Anfange
vom unendlichen Wesen verschiedene Formen erschaffen worden sind«.
Mit diesem Dogma war jede natürliche Erklärung der Artentstehung
abgeschnitten. =Linné= kannte nur die gegenwärtig existierende Tier- und
Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel zahlreicheren
ausgestorbenen Arten, welche in den früheren Perioden der Erdgeschichte
unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevölkert haben.

Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch
=Cuvier= näher bekannt. Er gab in seinem berühmten Werke über die
fossilen Knochen der vierfüßigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue
Beschreibung und richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich
wies er nach, daß in den verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine
Reihe von ganz verschiedenen Tierbevölkerungen aufeinander gefolgt
war. Da nun =Cuvier= hartnäckig an =Linnés= Lehre von der absoluten
Beständigkeit der Spezies festhielt, glaubte er ihre Entstehung nur
durch die Annahme erklären zu können, daß eine Reihe von großen
Katastrophen und von wiederholten Neuschöpfungen in der Erdgeschichte
auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder großen Erdrevolution sollten
alle lebenden Geschöpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue
Bevölkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie
von =Cuvier= zu den absurdesten Folgerungen führte und auf den nackten
Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und
blieb bis auf =Darwin= (1859) herrschend.

_Transformismus._ =Goethe.= Daß die herrschenden Vorstellungen
von der absoluten Beständigkeit und übernatürlichen Schöpfung der
organischen Arten tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten,
ist leicht einzusehen. Daher finden wir denn schon in der zweiten
Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts einzelne hervorragende Geister
mit Versuchen beschäftigt, zu einer naturgemäßen Lösung des großen
»Schöpfungsproblems« zu gelangen. Allen voran war unser größter Dichter
und Denker =Wolfgang Goethe= durch seine vieljährigen und eifrigen
morphologischen Studien schon am Ende des 18. Jahrhunderts zu der
klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller organischen Formen
und zu der festen Überzeugung eines gemeinsamen natürlichen Ursprungs
gelangt. In seiner berühmten »Metamorphose der Pflanzen« (1790)
leitete er alle verschiedenen Formen der Gewächse von einer Urpflanze
ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane, dem
Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schädels versuchte er zu zeigen,
daß die Schädel aller verschiedenen Wirbeltiere -- mit Inbegriff des
Menschen! -- in gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen
zusammengesetzt seien, und daß diese letzteren nichts anderes seien als
umgebildete Wirbel. Grade seine eingehenden Studien über vergleichende
Knochenlehre hatten =Goethe= zu der festen Überzeugung von der Einheit
der Organisation geführt; er hatte erkannt, daß das Knochengerüst
des Menschen nach demselben Typus zusammengesetzt sei wie das aller
übrigen Wirbeltiere -- »geformt nach einem Urbilde, das nur in seinen
sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und herweicht und
sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet« --. Diese
Umbildung oder Transformation läßt =Goethe= durch die beständige
Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskräften geschehen, einer
inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem »Spezifikationstrieb«,
und einer äußeren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der »Idee
der Metamorphose«; erstere entspricht dem, was wir heute =Vererbung=,
letztere dem, was wir =Anpassung= nennen. Wie tief =Goethe= durch
diese naturphilosophischen Studien über »Bildung und Umbildung
organischer Naturen« in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern
er demnach als der bedeutendste Vorläufer von =Darwin= und =Lamarck=
betrachtet werden kann, ist aus den interessanten Stellen seiner
Werke zu ersehen, welche ich im vierten Vortrage meiner Natürlichen
Schöpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In meinem Vortrage über
»Die Naturanschauung von =Darwin=, =Goethe= und =Lamarck=« (Eisenach
1882) habe ich dies näher begründet. Doch kamen diese naturgemäßen
Entwickelungsideen von =Goethe= ebenso wie ähnliche Vorstellungen von
=Kant=, =Oken=, =Treviranus= und anderen Naturphilosophen im Beginne
des 19. Jahrhunderts nicht über gewisse allgemeine Überzeugungen
hinaus. Es fehlte ihnen noch der große Hebel, dessen die »natürliche
Schöpfungsgeschichte« zu ihrer Begründung durch die Kritik des
=Speziesdogma= bedurfte, und diese verdanken wir erst =Lamarck=.

_Deszendenztheorie oder Abstammungslehre._ =Lamarck= (1809). Den
ersten eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begründung des
Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der große
französische Naturphilosoph =Jean Lamarck=, der bedeutendste Gegner
seines Kollegen =Cuvier= in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen
»Betrachtungen über die lebenden Naturkörper« die bahnbrechenden Ideen
über die Unbeständigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die
er dann 1809 in den zwei Bänden seines tiefsinnigsten Werkes, der
~Philosophie zoologique~, eingehend begründete. Hier führte =Lamarck=
zum ersten Male -- gegenüber dem herrschenden Spezies-Dogma -- den
richtigen Gedanken aus, daß die organische »=Art= oder =Spezies=« eine
=künstliche Abstraktion= sei, ein Begriff von relativem Werte, ebenso
wie die übergeordneten Begriffe der Gattung, Familie, Ordnung und
Klasse. Er behauptete ferner, daß alle Arten veränderlich und im Laufe
sehr langer Zeiträume aus älteren Arten durch Umbildung entstanden
seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen dieselben abstammen,
waren ursprünglich ganz einfache und niedere Organismen; die ersten
und ältesten entstanden durch Urzeugung. Während durch =Vererbung= der
Typus sich beständig erhält, werden anderseits durch =Anpassung=, durch
Gewohnheit und Übung der Organe, die Arten allmählich umgebildet. Auch
unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natürliche Weise durch
Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Säugetieren entstanden. Für
all diese Vorgänge, wie überhaupt für alle Erscheinungen in der Natur
und im Geistesleben, nimmt =Lamarck= ausschließlich =mechanische=,
physikalische und chemische Vorgänge als wahre, bewirkende Ursachen an.
Sein Werk enthält die Elemente für ein rein monistisches Natursystem
auf Grund der Entwickelungslehre.

Man hätte erwarten sollen, daß dieser großartige Versuch, die
Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begründen,
alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschöpfung erschüttert
und einer natürlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen hätte. Indessen
vermochte =Lamarck= gegenüber der konservativen Autorität seines
großen Gegners =Cuvier= ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre
später sein Kollege und Gesinnungsgenosse =Géoffroy St. Hilaire=. Die
berühmten Kämpfe, welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoße der
Pariser Akademie mit =Cuvier= zu bestehen hatte, endigten mit einem
vollständigen Siege des letzteren. Die mächtige Entfaltung, welche zu
jener Zeit das empirische Studium der Biologie fand, die Fülle von
interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie
und Physiologie, die Begründung der Zellentheorie und die Fortschritte
der Ontogenie gaben den Zoologen und Botanikern einen solchen
Überfluß von dankbarem Arbeitsmaterial, daß darüber die schwierige
und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen wurde.
Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schöpfungs-Dogma. Selbst
nachdem der große englische Naturforscher =Charles Lyell= 1830 in
seinen Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie
von =Cuvier= widerlegt und für die anorganische Natur unseres Planeten
einen natürlichen und kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen
hatte, fand sein einfaches Kontinuitätsprinzip keine Anwendung auf
die organische Natur. Die Anfänge der natürlichen Phylogenie, welche
in =Lamarcks= Werke verborgen lagen, wurden ebenso vergessen, wie die
Keime zu ihrer natürlichen Ontogenie, welche 50 Jahre früher (1759)
=Caspar Friedrich Wolff= in seiner Theorie der Generation gegeben
hatte. Hier wie dort verfloß ein volles halbes Jahrhundert, ehe die
bedeutendsten Ideen über natürliche Entwickelung die gebührende
Anerkennung fanden. Erst nachdem =Darwin= 1859 die Lösung des
Schöpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefaßt und den
reichen, inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen
glücklich dazu verwertet hatte, fing man an, sich auf =Lamarck=, als
seinen bedeutendsten Vorgänger, wieder zu besinnen.

_Selektionstheorie._ =Darwin= (1859). Der beispiellose Erfolg von
=Charles Darwin= ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen
großen Geisteshelden unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen
Werke einen so gewaltigen, so tiefgehenden und so umfassenden
Erfolg erzielt, wie =Darwin= 1859 mit seinem berühmten Hauptwerk:
Ȇber die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreich durch
natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im
Kampfe ums Dasein.« Gewiß hat die Reform der vergleichenden Anatomie
und Physiologie durch =Johannes Müller= der ganzen Biologie eine
neue, fruchtbare Epoche eröffnet, gewiß waren die Begründung der
Zellentheorie durch =Schleiden= und =Schwann=, die Reform der Ontogenie
durch =Baer=, die Begründung des Substanzgesetzes durch =Robert Mayer=
und =Helmholtz= wissenschaftliche Großtaten ersten Ranges; aber keine
von ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes
menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgeübt, wie =Darwins=
Theorie von der natürlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das
mystische »=Schöpfungsproblem=« gelöst, und mit ihm die inhaltsschwere
»Frage aller Fragen«, das Problem vom wahren Wesen und von der
Entstehung des Menschen selbst.

Vergleichen wir die beiden großen Begründer des Transformismus, so
finden wir bei =Lamarck= überwiegende Neigung zur =Deduktion= und
zum Entwurfe eines vollständigen Naturbildes, bei =Darwin= hingegen
vorherrschende Anwendung der =Induktion= und das vorsichtige Bemühen,
die einzelnen Teile der Deszendenztheorie durch Beobachtung und
Experiment möglichst sicher zu begründen. Während der französische
Naturphilosoph den damaligen Kreis des empirischen Wissens weit
überschritt und eigentlich das Programm der zukünftigen Forschung
entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt den großen
Vorteil, das einigende Erklärungsprinzip für eine Masse von empirischen
Kenntnissen zu begründen, die bis dahin unverstanden sich angehäuft
hatten. So erklärt es sich, daß der Erfolg von =Darwin= ebenso
überwältigend, wie derjenige von =Lamarck= verschwindend war. =Darwin=
hatte aber nicht allein das große Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse
der verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen
Brennpunkte des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich
zu erklären, sondern er entdeckte auch in dem =Selektionsprinzip=
jenen wichtigen Faktor der Umbildung, welcher =Lamarck= noch gefehlt
hatte. Indem =Darwin= als praktischer Tierzüchter die Erfahrungen
der künstlichen Zuchtwahl auf die Organismen im freien Naturzustande
anwendete und in dem »=Kampf ums Dasein=« das auslesende Prinzip
der natürlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er seine bedeutungsvolle
Selektionstheorie, den eigentlichen =Darwinismus=.

_Stammesgeschichte (Phylogenie)_ (1866). Unter den zahlreichen und
wichtigen Aufgaben, welche =Darwin= der modernen Biologie stellte,
erschien als eine der nächsten die Reform des zoologischen und
botanischen =Systems=. Wenn die unzähligen Tier- und Pflanzenarten nicht
durch übernatürliche Wunder »erschaffen«, sondern durch natürliche
Umbildung »entwickelt« waren, so ergab sich das »=natürliche System=«
derselben als ihr =Stammbaum=. Den ersten Versuch, das System in
diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner
»=Generellen Morphologie der Organismen=«. Bis dahin hatte man unter
»=Entwickelungsgeschichte=« sowohl in der Zoologie als in der Botanik
ausschließlich diejenige der organischen =Individuen= verstanden.
Ich begründete dagegen die Ansicht, daß dieser =Keimesgeschichte=
(~Ontogenie~) als zweiter, gleichberechtigter und eng verbundener
Zweig die =Stammesgeschichte= (~Phylogenie~) gegenüberstehe. Beide
Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im
engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung
der Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen präzisen und
umfassenden Ausdruck in meinem allgemein gültigen »=Biogenetischen
Grundgesetz=«.

_Natürliche Schöpfungsgeschichte_ (1868). Da die neuen, in der
»Generellen Morphologie« niedergelegten Anschauungen trotz ihrer
streng wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen
sehr wenig Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich,
den wichtigsten Teil derselben in einem kleineren, mehr populär
gehaltenen Werke einem größeren, gebildeten Leserkreise zugänglich zu
machen. Dies geschah 1868 in der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte«
(Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die
Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und
Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der »Generellen
Morphologie« weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging
umgekehrt derjenige der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« weit über
dieselbe hinaus. Trotz seiner großen Mängel hat dieses Buch doch viel
dazu beigetragen, die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre
in weiteren Kreisen zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen
Hauptzweck, die phylogenetische Umbildung des natürlichen Systems,
dort nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Indessen habe ich die
ausführliche, dort vermißte Begründung des phylogenetischen Systems
später in einem größeren Werke nachgeholt, in der »=Systematischen
Phylogenie=« (Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf
Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben (1894)
behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen
Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die =Stammbäume= der
kleineren und größeren Gruppen sind hier so weit ausgeführt, als es
mir meine Kenntnis der drei großen »Stammesurkunden« gestattete, der
Paläontologie, Ontogenie und Morphologie.

_Biogenetisches Grundgesetz._ Den engen, ursächlichen Zusammenhang,
welcher nach meiner Überzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen
Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen
Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus
hervorgehoben und einen präzisen Ausdruck dafür in mehreren »Thesen
von dem Kausalnexus der biontischen und der phyletischen Entwickelung«
gegeben: »=Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation
der Phylogenesis=, bedingt durch die physiologischen Funktionen der
Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung (Ernährung)«. Schon =Darwin=
hatte (1859) die große Bedeutung seiner Theorie für die Erklärung der
Embryologie betont, und =Fritz Müller= hatte dieselbe (1864) an dem
Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erläutert, in
der geistvollen kleinen Schrift: »=Für Darwin=« (1864). Ich selbst
habe dann die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes
Biogenetischen Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen
versucht, insbesondere in der Biologie der Kalkschwämme (1872) und in
den »Studien zur Gasträatheorie« (1873-1884). Die dort aufgestellte
Lehre von der Homologie der Keimblätter, sowie von den Verhältnissen
der _Palingenie_ (=Auszugsgeschichte=) und der _Zenogenie_
(=Störungsgeschichte=) ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer
Zoologen bestätigt worden; durch sie ist es möglich geworden, die
natürlichen Gesetze der Einheit in der mannigfaltigen Keimesgeschichte
der Tiere nachzuweisen; für ihre Stammesgeschichte ergibt sich daraus
die gemeinsame Ableitung von einer einfachsten ursprünglichen Stammform.

_Anthropogenie_ (1874). Der weitschauende Begründer der
Abstammungslehre, =Lamarck=, hatte schon 1809 richtig erkannt, daß sie
allgemeine Geltung besitze, und daß also auch der =Mensch=, als das
höchst entwickelte Säugetier, von demselben Stamme abzuleiten sei,
wie alle anderen Säugetiere, und diese weiter hinauf von demselben
älteren Zweige des Stammbaums, wie die übrigen Wirbeltiere. Er hatte
auch schon auf die Vorgänge hingewiesen, durch welche die =Abstammung
des Menschen vom Affen=, als dem nächstverwandten Säugetiere,
wissenschaftlich erklärt werden könne. =Darwin=, der naturgemäß zu
derselben Überzeugung gelangt war, ging in seinem Hauptwerk (1859)
über diese anstößigste Folgerung seiner Lehre absichtlich hinweg
und hat dieselbe erst später (1871) in seinem Werke über »Die
Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« geistreich
ausgeführt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund =Huxley= (1863)
jenen wichtigsten Folgeschluß der Abstammungslehre sehr scharfsinnig
erörtert in seiner berühmten kleinen Schrift über die »Zeugnisse für
die Stellung des Menschen in der Natur«. An der Hand der vergleichenden
Anatomie und Ontogenie und gestützt auf die Tatsachen der Paläontologie
zeigte =Huxley=, daß die »Abstammung des Menschen vom Affen« eine
notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und daß eine andere
wissenschaftliche Erklärung von der Entstehung des Menschengeschlechts
überhaupt nicht gegeben werden könne.

Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die
schwierige Aufgabe, nicht nur die nächstverwandten Säugetier-=Ahnen
des Menschen= in der Tertiärzeit zu erforschen, sondern auch die lange
Reihe der älteren tierischen Vorfahren, welche in früheren Zeiträumen
der Erdgeschichte gelebt und während ungezählter Jahrmillionen sich
entwickelt hatten. Die hypothetische Lösung dieser großen historischen
Aufgabe hatte ich schon 1866 in der Generellen Morphologie versucht;
weiter ausgeführt habe ich dieselbe 1874 in meiner =Anthropogenie=
(~I~. Teil: Keimesgeschichte; ~II~. Teil: Stammesgeschichte). Die
fünfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903) enthält diejenige
Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen, welche bei dem
gegenwärtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem fernen Ziele
der Wahrheit nach meiner persönlichen Auffassung am meisten nähert;
ich war dabei stets bemüht, alle drei empirischen Urkunden, die
=Paläontologie=, =Ontogenie= und =Morphologie= (oder vergleichende
Anatomie), möglichst gleichmäßig und im Zusammenhange zu benutzen.
Sicher werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen
durch spätere phylogenetische Forschungen vielfach ergänzt und
berichtigt werden; aber eben so sicher steht für mich die Überzeugung,
daß der dort entworfene Stufengang der menschlichen Stammesgeschichte
im großen und ganzen der Wahrheit entspricht. Denn die =historische
Reihenfolge der Wirbeltierversteinerungen= entspricht vollständig
der morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende
Anatomie und Ontogenie enthüllt: auf die silurischen Fische folgen die
devonischen Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen
Reptilien und die mesozoischen Säugetiere; von diesen erscheinen
wiederum zunächst in der Trias die niedersten Formen, die Gabeltiere
(~Monotremen~), dann im Jura die Beuteltiere (~Marsupialien~) und
darauf in der Kreide die ältesten Zottentiere (~Plazentalien~). Von
diesen letzteren treten wieder zunächst in der ältesten Tertiärzeit
die niedersten Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten
Affen, und zwar von den ~Catarrhinen~ zuerst die Hundsaffen
(~Cynopitheken~), später die Menschenaffen (~Anthropomorphen~);
aus einem Zweige dieser letzteren ist während der Pliozänzeit der
sprachlose =Affenmensch= entstanden (~Pithecanthropus alalus~), und
aus diesem endlich der sprechende Mensch.

Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer
=Wirbeltier-Ahnen= ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen
zu erforschen; denn von ihren weichen skelettlosen Körpern kennen
wir keine versteinerten Überreste; die Paläontologie kann uns hier
keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger werden hier die Urkunden
der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der menschliche Keim
denselben ~Chordula~-Zustand durchläuft wie der Embryo aller anderen
Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblättern einer ~Gastrula~
entwickelt, schließen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf
die frühere Existenz entsprechender Ahnenformen (~Vermalien~,
~Gastraeaden~). Vor allem wichtig aber ist die fundamentale Tatsache,
daß auch der Keim des Menschen, gleich demjenigen aller anderen
Tiere, sich ursprünglich aus einer einfachen Zelle entwickelt; denn
diese =Stammzelle= (~Cytula~) -- die »befruchtete Eizelle« -- weist
zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes
=Protozoon=.

Für unsere =monistische Philosophie= ist es übrigens zunächst ziemlich
gleichgültig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren
noch sicherer feststellen lassen wird. Für sie bleibt als =sichere
historische Tatsache= die folgenschwere Erkenntnis bestehen, daß der
=Mensch zunächst vom Affen abstammt=, weiterhin von einer langen Reihe
niederer Wirbeltiere. Die logische Begründung dieses Satzes habe ich
schon 1866 im siebenten Buche der »Generellen =Morphologie«= betont
(S. 427): »Der Satz, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren,
und zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller
Deduktionsschluß, der sich aus dem generellen Induktionsgesetze der
Deszendenztheorie mit absoluter Notwendigkeit ergibt.«

Von größter Bedeutung für die definitive Feststellung und
Anerkennung dieses fundamentalen Satzes sind die =paläontologischen
Entdeckungen= der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns
die überraschenden Funde von zahlreichen ausgestorbenen Säugetieren
der Tertiärzeit in den Stand gesetzt, die Stammesgeschichte dieser
wichtigsten Tierklasse, von den niedersten, eierlegenden Monotremen
bis zum Menschen hinauf, in ihren Grundzügen klarzulegen. Die vier
Hauptgruppen der =Zottentiere=, die formenreichen Legionen der
Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere, erscheinen durch
tiefe Klüfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden Epigonen
als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klüfte werden aber
vollkommen ausgefüllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen
gänzlich verwischt, wenn wir ihre tertiären, ausgestorbenen Vorfahren
vergleichen, und wenn wir bis in die eozäne Geschichtsdämmerung der
ältesten Tertiärzeit hinabsteigen. Da finden wir die große Unterklasse
der Zottentiere, die heute mehr als 2500 Arten umfaßt, nur durch
eine geringe Zahl von kleinen und unbedeutenden »Urzottentieren«
vertreten; und in diesen ~Prochoriaten~ erscheinen die Charaktere
jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, daß wir
sie vernünftigerweise nur als =gemeinsame Vorfahren= derselben
deuten können. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung
des Knochengerüstes und dasselbe =typische Gebiß= der ursprünglichen
Plazentalien mit 44 Zähnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe
Größe und die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle
kurze Beine und fünfzehige Füße, die mit der flachen Sohle auftreten.
Bei manchen dieser ältesten Zottentiere der Eozänzeit war es anfangs
zweifelhaft, ob man sie zu den Raubtieren oder Nagetieren, zu den
Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so sehr nähern sich hier
unten diese vier großen, später so sehr verschiedenen Legionen der
Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer Ursprung aus
einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in der
vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe
von insektenfressenden =Beuteltieren= hervorgegangen.

Die wichtigsten von allen neueren paläontologischen Entdeckungen,
welche die Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklärt haben,
betreffen unseren eigenen Stamm, die Legion der Herrentiere
(~Primates~). Früher waren versteinerte Reste derselben äußerst
selten. Noch =Cuvier=, der große Gründer der Paläontologie, behauptete
bis zu seinem Tode (1832), daß es keine Versteinerungen von Primaten
gäbe; zwar hatte er selbst schon den Schädel eines eozänen Halbaffen
(~Adapis~) beschrieben, ihn aber irrtümlich für ein Huftier gehalten.
In den letzten Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte
Skelette von Halbaffen und Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden;
darunter befinden sich alle die wichtigen Zwischenglieder, welche eine
zusammenhängende Ahnenkette von den ältesten Halbaffen bis zum Menschen
hinauf darstellen.

Der berühmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist
=der versteinerte Affenmensch von Java=, welchen der holländische
Militärarzt =Eugen Dubois= 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene
~Pithecanthropus erectus~. Er ist in der Tat das vielgesuchte
»~Missing link~«, das angeblich »fehlende Glied« in der
Primatenkette, welche sich ununterbrochen vom niedersten Affen bis zum
höchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich habe die hohe Bedeutung,
welche dieser merkwürdige Fund besitzt, ausführlich erörtert in dem
Vortrage »Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen«,
welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen
Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe. Der Paläontologe, welcher
die Bedingungen für Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt,
wird die Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glücklichen
Zufall betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach
ihrem Tode (wenn sie nicht zufällig ins Wasser fallen) nur selten
unter Verhältnisse, welche die Erhaltung und Versteinerung ihres
Knochengerüstes gestatten. Durch den Fund dieses fossilen Affenmenschen
von Java ist also auch von seiten der =Paläontologie= die »Abstammung
des Menschen vom Affen« ebenso klar und sicher bewiesen, wie es früher
schon durch die Urkunden der =vergleichenden Anatomie und Ontogenie=
geschehen war; wir besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden
unserer Stammesgeschichte.

=Zusatz= (1908). Die dreißig Hauptstufen, die sich gegenwärtig in der
Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs
Strecken verteilen lassen, habe ich übersichtlich zusammengestellt in
meiner Festschrift über: »Unsere Ahnenreihe (~Prognotaxis hominis~)«.
Jena 1908.



=Sechstes Kapitel.=

_Das Wesen der Seele._

  Monistische Studien über den Begriff der Psyche. Aufgaben und Methoden
  der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische Metamorphosen.


Die Lebenstätigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des
=Seelenlebens= oder der psychischen Funktionen zusammenfaßt, sind
unter allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und
interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rätselhaftesten.
Da die Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da
mithin auch die Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige
Erkenntnis der =»Psyche«= zur Voraussetzung hat, so kann man die
=Psychologie=, die wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als
das Fundament und als die Voraussetzung aller anderen Wissenschaften
ansehen; von der anderen Seite betrachtet, ist sie wieder ein Teil der
Philosophie, oder der Physiologie, oder der Anthropologie.

Die große Schwierigkeit ihrer naturgemäßen Begründung liegt nun
aber darin, daß die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des
menschlichen Organismus voraussetzt und vor allem des =Gehirns=, als
des wichtigsten =Organs= des Seelenlebens. Die große Mehrzahl der
sogenannten »Psychologen« besitzt jedoch von diesen anatomischen
Grundlagen der Psyche nur sehr unvollständige oder gar keine Kenntnis,
und so erklärt sich die bedauerliche Tatsache, daß in keiner anderen
Wissenschaft so widersprechende und unhaltbare Vorstellungen über
ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche Aufgabe herrschen, wie in
der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten Dezennien um so
fühlbarer hervorgetreten, je mehr die großartigen Fortschritte der
Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den Funktionen
des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben.

_Methoden der Seelenforschung._ Nach meiner Überzeugung ist das, was
man die =»Seele«= nennt, in Wahrheit eine =Naturerscheinung=; ich
betrachte daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft
-- und zwar der =Physiologie=. Demzufolge muß ich von vornherein
betonen, daß wir für dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen
können als in allen übrigen Naturwissenschaften; d. h. in erster
Linie die =Beobachtung= und das =Experiment=, in zweiter Linie die
=Entwickelungsgeschichte= und in dritter Linie die theoretische
=Spekulation=, welche durch induktive und deduktive Schlüsse möglichst
dem unbekannten »=Wesen=« der Erscheinung sich zu nähern sucht. Mit
Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber müssen wir zunächst
gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen
Ansicht scharf ins Auge fassen.

_Dualistische Psychologie._ Die allgemein herrschende Auffassung des
Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Seele und Leib als
zwei verschiedene =»Wesen«=. Diese beiden Wesen können unabhängig
voneinander existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden.
Der organische =Leib= ist ein sterbliches =materielles= Wesen,
chemisch zusammengesetzt aus lebendigem Plasma und den von diesem
erzeugten Verbindungen. Die =Seele= hingegen ist ein unsterbliches,
=immaterielles= Wesen, ein spirituelles Agens, dessen rätselhafte
Tätigkeit uns völlig unbekannt ist. Diese übliche Auffassung ist
als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im
gewissen Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und
=supranaturalistisch=; denn sie behauptet die Existenz von Kräften,
welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fußt auf
der Annahme, daß außer und über der Natur noch eine »geistige Welt«
existiert, eine immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts
wissen und unserer Natur nach nichts wissen können.

Diese hypothetische »=Geisteswelt=«, die von der materiellen Körperwelt
ganz unabhängig sein soll, und auf deren Annahme das ganze künstliche
Gebäude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein
Produkt der dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen,
eng mit ihr verknüpften Glauben an die »Unsterblichkeit der Seele«,
dessen wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders
dartun müssen (im 11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise
herrschenden Glaubensvorstellungen wirklich begründet wären, so müßten
die betreffenden Erscheinungen =nicht dem Substanzgesetze= unterworfen
sein; diese einzige Ausnahme von dem höchsten kosmologischen
Grundgesetze müßte aber erst sehr spät im Laufe der organischen
Erdgeschichte eingetreten sein, da sie nur die »Seele« des Menschen und
der höheren Tiere betrifft. Auch das Dogma des »freien Willens«, ein
anderes wesentliches Stück der dualistischen Psychologie, ist mit dem
Substanzgesetze ganz unvereinbar.

_Monistische Psychologie._ Unsere natürliche Auffassung
des Seelenlebens erblickt dagegen in ihm eine Summe von
Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes
materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen diese materielle Basis
aller psychischen Tätigkeit, ohne welche dieselbe nicht denkbar ist,
vorläufig als =Psychoplasma= bezeichnen, und zwar deshalb, weil sie
durch die chemische Analyse überall als ein Körper nachgewiesen ist,
welcher zur Gruppe der =Plasmakörper= gehört, d. h. jener eiweißartigen
Kohlenstoff-Verbindungen, welche sämtlichen Lebensvorgängen zugrunde
liegen. Bei den höheren Tieren, welche ein Nervensystem und
Sinnesorgane besitzen, ist aus dem =Psychoplasma= durch Differenzierung
das =Neuroplasma=, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung
ist in =diesem= Sinne =materialistisch=. Sie ist aber zugleich
=empiristisch= und =naturalistisch=; denn unsere wissenschaftliche
Erfahrung hat uns noch keine Kräfte kennen gelehrt, welche der
materiellen Grundlage entbehren, und keine »geistige Welt«, welche
außer der Natur und über der Natur stünde.

Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des
Seelenlebens dem alles beherrschenden =Substanzgesetze= unterworfen;
es gibt auch in diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem höchsten
kosmologischen Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen
Seelenlebens bei den einzelligen Protisten und bei den Pflanzen --
aber ebenso auch bei den niederen Tieren --, ihre Reizbarkeit,
ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben nach
Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgängen im =Plasma=
ihrer Zellen, auf physikalischen und chemischen Veränderungen, welche
teils auf =Vererbung=, teils auf =Anpassung= zurückzuführen sind.
Aber ganz dasselbe müssen wir auch für die höheren Seelentätigkeiten
der höheren Tiere und des Menschen behaupten, für die Bildung der
Vorstellungen und Begriffe, für die wunderbaren Phänomene der Vernunft
und des Bewußtseins; denn diese haben sich phylogenetisch aus jenen
entwickelt, und nur der höhere Grad der Zentralisation, durch innige
und mannigfaltige Verbindung der einzelnen Funktionen, erhebt sie zu
dieser erstaunlichen Höhe.

_Begriffe der Psychologie._ In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als
erste Aufgabe die klare =Begriffsbestimmung= des Gegenstandes, den
sie zu erforschen hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lösung
dieser ersten Aufgabe so schwierig als in der Seelenlehre, und diese
Tatsache ist um so merkwürdiger, als die =Logik=, die Lehre von der
Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der Psychologie ist. Wenn wir
alles vergleichen, was über die Grundbegriffe der Seelenkunde von
den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller Zeiten gesagt
worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der widersprechendsten
Ansichten. Was ist denn eigentlich die »=Seele=«? Wie verhält sie sich
zum »=Geist=«? Welche Bedeutung hat eigentlich das »=Bewußtsein=«?
Wie unterscheiden sich »=Empfindung=« und »=Gefühl=«? Was ist
der »=Instinkt=«? Wie verhält sich der »=freie Wille=«? Was ist
»=Vorstellung=«? Welcher Unterschied besteht zwischen »=Verstand= und
=Vernunft=«? Und was ist eigentlich »=Gemüt=«? Welche Beziehung besteht
zwischen allen diesen »Seelenerscheinungen und dem =Körper=«? Die
Antworten auf diese und viele andere, sich daran anschließenden Fragen
lauten so verschieden als möglich; nicht allein gehen die Ansichten
der angesehensten Autoritäten darüber weit auseinander, sondern auch
eine und dieselbe =wissenschaftliche= Autorität hat oft im Laufe ihrer
eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten völlig verändert.
Sicher hat diese »=psychologische= Metamorphose« vieler Denker (die
wir noch am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig
zu der =kolossalen Konfusion der Begriffe= beigetragen, welche in der
Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht.

_Objektive und subjektive Psychologie._ Die ganz eigentümliche Natur
vieler Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewußtseins bedingt
gewisse Abänderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen
Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, daß
zu der gewöhnlichen, =objektiven=, =äußern= Beobachtung noch die
=introspektive Methode= treten muß, die =subjektive=, =innere=
Beobachtung, welche die Spiegelung unseres »Ich« im Bewußtsein bedingt.
Von dieser »unmittelbaren Gewißheit des Ich« gingen die meisten
Psychologen aus: »~Cogito, ergo sum!~« »=Ich denke, also bin ich.=«
Wir werden daher zunächst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf
die anderen, ihn ergänzenden Methoden einen Blick werfen.

_Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele)._ Der weitaus
größte Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in
unzähligen Schriften über das menschliche Seelenleben niedergelegt
sind, beruht auf introspektiver Seelenforschung, d. h. auf
=Selbstbeobachtung=, und auf Schlüssen, welche wir aus der Assozion
und Kritik dieser subjektiven, »inneren Erfahrungen« ziehen. Für einen
wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser introspektive Weg überhaupt
der einzig mögliche, vor allem für die Erforschung des =Bewußtseins=;
diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz eigentümliche Stellung ein
und ist mehr als jede andere die Quelle unzähliger philosophischer
Irrtümer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz ungenügend und
führt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen, wenn man
diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder
überhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie
es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn
ein großer Teil der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor
allem die =Sinnesfunktionen= (Sehen, Hören, Riechen usw.), ferner
die =Sprache=, kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede
andere Lebenstätigkeit des Organismus, nämlich erstens durch gründliche
anatomische Untersuchung ihrer =Organe=, und zweitens durch exakte
physiologische Analyse der davon abhängigen =Funktionen=. Um diese
»äußere Beobachtung« der Seelentätigkeit auszuführen und dadurch die
Ergebnisse der »inneren Beobachtung« zu ergänzen, bedarf es aber
gründlicher Kenntnisse in Anatomie und Histologie, Ontogenie und
Physiologie des Menschen. Von diesen unentbehrlichen Grundlagen der
Anthropologie haben nun die meisten sogenannten »=Psychologen=« gar
keine oder nur höchst unvollkommene Kenntnis; sie sind daher nicht
imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine genügende Vorstellung
zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand, daß die eigene
Seele dieser Psychologen gewöhnlich die einseitig ausgebildete (wenn
auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines
=Kulturmenschen= höchster Rasse darstellt, also das letzte =Endglied=
einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ältere
und niedere Vorläufer für ihr richtiges Verständnis unentbehrlich sind.
So erklärt es sich, daß der größte Teil der gewaltigen psychologischen
Literatur heute wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist
gewiß höchst wertvoll und unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der
Mitwirkung und Ergänzung durch die übrigen Methoden.

_Exakte Psychologie._ Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich
die verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt,
je mehr sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften
vervollkommnet haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben
=exakt= zu gestalten, d. h. die Erscheinungen möglichst =genau=
empirisch zu untersuchen und die daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst
scharf, womöglich =mathematisch= zu formulieren. Letzteres ist aber
nur bei einem kleinen Teile des menschlichen Wissens erreichbar,
vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der Hauptsache
um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der Mathematik,
sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen Teile der
Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als =exakte
Disziplinen= im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht richtig
und führt nur irre, wenn man oft =alle= Naturwissenschaften als
»exakte« betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den
»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese
letzteren kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich
exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie
und in dieser wieder von der Psychologie. Da diese letztere nur ein
Teil der Physiologie ist, muß sie im allgemeinen deren fundamentale
Erkenntniswege teilen. Sie muß die tatsächlichen Erscheinungen des
Seelenlebens möglichst genau =empirisch= ergründen, durch Beobachtung
und durch Experiment; und sie muß dann die Gesetze der Psyche aus
diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten und möglichst
scharf formulieren. Allein ihre =mathematische= Formulierung ist aus
leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist mit
großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt;
für den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen
nicht anwendbar.

_Psychophysik._ Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der
erstrebten »exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit
Jahren mit großer Sorgfalt studiert und zum Range einer besonderen
Disziplin erhoben worden unter der Bezeichnung =Psychophysik=. Die
Begründer derselben, die Physiologen =Theodor Fechner= und =Ernst
Heinrich Weber=, untersuchten zunächst genau die Abhängigkeit der
Empfindungen von den äußeren, auf die Sinnesorgane wirkenden Reizen
und besonders das quantitative Verhältnis zwischen Reizstärke
und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung einer
Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist
(die »Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen
gewissen Betrag (die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß,
ehe die Empfindung sich merklich verändert. Für die wichtigsten
Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör, Druckempfindung) gilt das Gesetz,
daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke proportional ist. Aus
diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete =Fechner= sein
»psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die Empfindungsintensitäten
in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen die Reizstärken
in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher gezeigt,
daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt,
also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb.

_Vergleichende Psychologie._ Die auffällige Ähnlichkeit, welche
im Seelenleben des Menschen und der höheren Tiere -- besonders
der nächstverwandten Säugetiere -- besteht, ist eine altbekannte
Tatsache. Die meisten Naturvölker machen noch heute zwischen beiden
psychischen Erscheinungsreihen keinen wesentlichen Unterschied,
wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die alten Sagen
und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die
meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt
und entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche
keine wesentlichen Unterschiede. Selbst =Plato=, der zuerst den
fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in
seiner Seelenwanderung eine und dieselbe Seele (oder »Idee«) durch
verschiedene Tier- und Menschenleiber hindurchwandern. Erst das
Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das engste mit dem
Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung zwischen
der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch. In
der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß
von =Descartes= (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch
eine wahre »Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß
hingegen die Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung
seien. Seitdem wurde von den meisten Psychologen -- namentlich auch
von =Kant= -- das Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das
psychologische Studium auf den Menschen beschränkt; die menschliche,
meistens rein introspektive Psychologie entbehrte der befruchtenden
Vergleichung und blieb daher auf demselben niederen Standpunkt stehen,
welchen die menschliche Morphologie einnahm, ehe sie =Cuvier= durch die
Begründung der vergleichenden Anatomie zur Höhe einer philosophischen
Naturwissenschaft erhob.

_Tierpsychologie._ Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben
der Tiere wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu
belebt, im Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen
Zoologie und Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von
=Reimarus=: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere
(Hamburg 1760). Eine tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde
erst möglich durch =Johannes Müllers= Reform der Physiologie. Dieser
geistvolle Biologe, das ganze Gebiet der organischen Natur, Morphologie
und Physiologie, gleichmäßig umfassend, führte zuerst die =exakten
Methoden= der Beobachtung und des Versuchs im gesamten Gebiete der
Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in genialer Weise mit den
=vergleichenden Methoden=; er wendete sie ebenso auf das Seelenleben
im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne, Gehirntätigkeit) wie auf
alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch seines »Handbuchs
der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell »Vom Seelenleben«
und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten psychologischen
Betrachtungen.

_Völkerpsychologie._ Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden
Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht
auf Tier und Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die
mannigfaltigen =Abstufungen= in ihrem Seelenleben nebeneinander zu
stellen. Erst dadurch gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen
=Stufenleiter= psychischer Entwickelung, welche ununterbrochen von
den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und
an deren Spitze bis zum Menschen hinauf führt. Auch innerhalb des
Menschengeschlechts selbst sind jene Abstufungen sehr beträchtlich
und die Verzweigungen des »Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig.
Der psychische Unterschied zwischen dem rohesten Naturmenschen der
niedersten Stufe und dem vollkommensten Kulturmenschen der höchsten
Stufe ist kolossal, viel größer, als gemeinhin angenommen wird. In
der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat besonders in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts die »=Anthropologie der Naturvölker=«
(=Waitz=) einen lebhaften Aufschwung genommen und die vergleichende
Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie gewonnen. Leider
ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser Wissenschaft noch
nicht genügend kritisch durchgearbeitet.

_Ontogenetische Psychologie._ Am meisten vernachlässigt und am
wenigsten angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis
auf die letzte Zeit die =Entwickelungsgeschichte der Seele=; und doch
ist gerade dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten
und sichersten durch den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile,
Dogmen und Irrtümer zu der klaren Einsicht in viele der wichtigsten
»Seelenfragen« führt. Wie in jedem anderen Gebiete der organischen
Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch hier zunächst die beiden
Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866 unterschieden
habe: die Keimesgeschichte (~Ontogenie~) und die Stammesgeschichte
(~Phylogenie~). Die =Keimesgeschichte der Seele= untersucht die
allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der einzelnen
Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich
bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens
ist hier schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die
rationelle =Pädagogik= mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe
stellen, theoretisch die stufenweise Entwickelung und Bildungsfähigkeit
der kindlichen Seele kennen zu lernen, deren harmonische Ausbildung
und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte. Allein die meisten
Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen und
gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten
Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen
Dezennien ist dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der
Schule die naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt;
man bemüht sich jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele
die Grundsätze der Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das
individuelle Rohmaterial der kindlichen Seele ist ja bereits durch
=Vererbung= von Eltern und Voreltern von vornherein gegeben; die
Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch intellektuelle
Belehrung und moralische Erziehung, also durch =Anpassung=, zur reichen
Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen
Entwickelung hat erst =Wilhelm Preyer= (1882) den Grund gelegt in
seiner interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über
die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für
die Erkenntnis der späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen
Psyche bleibt noch sehr viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung
des Biogenetischen Grundgesetzes beginnt auch hier sich als klarer
Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses zu bewähren. (Vergl.
=Hermann Kroell=, Der Aufbau der menschlichen Seele, 1900.)

_Phylogenetische Psychologie._ Eine neue, fruchtbare Periode höherer
Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen
biologischen Wissenschaften, als =Charles Darwin= die Grundsätze der
Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines
epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem
=Instinkt= gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die
Instinkte der Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den
allgemeinen Gesetzen der historischen Entwickelung unterliegen. Die
speziellen Instinkte der einzelnen Tierarten werden durch =Anpassung=
umgebildet, und diese »erworbenen Abänderungen« werden durch
=Vererbung= auf die Nachkommen übertragen; bei ihrer Erhaltung und
Ausbildung spielt die natürliche =Selektion= durch den »Kampf ums
Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation jeder
anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat =Darwin= in mehreren
Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß
dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische
Welt hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei
diesen ebenso wie bei den Pflanzen. =Die Einheit der organischen Welt=,
die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch
für das gesamte Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen
Organismus bis hinauf zum Menschen.

Die weitere Ausführung von =Darwins= Psychologie und ihre besondere
Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir
einem ausgezeichneten englischen Naturforscher, =George Romanes=.
Leider wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung
des großen Werkes gehindert, welches alle Teile der vergleichenden
Seelenkunde gleichmäßig im Sinne der monistischen Entwickelungslehre
ausbauen sollte. Die beiden Teile dieses Werkes, welche erschienen
sind, gehören zu den wertvollsten Erzeugnissen der gesamten
psychologischen Literatur. Denn getreu den Prinzipien unserer modernen
monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten
=Tatsachen= zusammengefaßt und geordnet, welche seit Jahrtausenden
durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der vergleichenden
Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe mit
=objektiver Kritik= geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens
ergeben sich daraus diejenigen =Vernunftschlüsse= über die wichtigsten
allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen
unserer modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste
Band von =Romanes=' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige
Entwickelung im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der
psychischen Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen
und Instinkten der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten
Erscheinungen des Bewußtseins und der Vernunft bei den höchststehenden
Tieren im natürlichen Zusammenhang dar. Es sind darin auch viele
Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten »über den Instinkt« von
Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige Sammlung von
allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«, gegeben.

Der zweite Teil von =Romanes=' Werk behandelt »die geistige
Entwickelung beim Menschen und den Ursprung der menschlichen
Befähigung« (Leipzig 1893). Der scharfsinnige Psychologe führt
darin den überzeugenden Beweis, »=daß die psychologische Schranke
zwischen Tier und Mensch überwunden ist=«; das begriffliche Denken
und Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus
den nicht begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens
bei den nächstverwandten Säugetieren entwickelt. Die höchsten
Geistestätigkeiten des Menschen, =Vernunft=, =Sprache und Bewußtsein=,
sind aus den niederen Vorstufen derselben in der Reihe der
=Primatenahnen= (Affen und Halbaffen) hervorgegangen. Der Mensch
besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche ihm ausschließlich
eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen der
nächstverwandten Säugetiere nur dem =Grade=, nicht der =Art= nach, nur
quantitativ, nicht qualitativ verschieden.

_Psychologische Metamorphosen._ Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige
Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und
Philosophen wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem
eigentümlichen philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung
des ursprünglichen =monistischen= Standpunktes mit einem späteren
=dualistischen=. Das interessanteste Beispiel solcher Verwandlung
liefert =Immanuel Kant=. Als kritischer Philosoph war er zur
Überzeugung gelangt, daß die drei =Großmächte des Mystizismus=: »Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit« -- als Dogmen der »=reinen= Vernunft«
-- unhaltbar erscheinen. Der =dogmatische Kant= dagegen fand später,
daß diese drei Hauptgespenster »Postulate der =praktischen= Vernunft«
und als solche unentbehrlich seien. Je mehr neuerdings die angesehene
Schule der =Neokantianer= den »Rückgang auf =Kant=« als einzige Rettung
aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen Metaphysik predigt, desto
klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle Widerspruch der
beiden Grundanschauungen, zwischen denen =Kant= hin und her schwankte.

In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen
=Wilhelm Wundt= in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen
Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen =zoologischen=,
=anatomischen= und =physiologischen= Bildung. Früher Assistent
und Schüler von =Helmholtz=, hatte sich =Wundt= frühzeitig daran
gewöhnt, die Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete
der Physiologie geltend zu machen, also auch (im Sinne von =Johannes
Müller=) in der Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von
diesen Gesichtspunkten geleitet, veröffentlichte =Wundt= 1863 wertvolle
»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie
er selbst in der Vorrede sagt, den =Nachweis=, daß der Schauplatz der
wichtigsten Seelenvorgänge in der =unbewußten Seele= liegt, und er
eröffnet uns »einen Einblick in jenen =Mechanismus=, der im unbewußten
Hintergrund der Seele die Anregungen verarbeitet, die aus den äußeren
Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders wichtig und wertvoll an
=Wundts= Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten Male das =Gesetz
der Erhaltung der Kraft auf das psychische Gebiet ausdehnt= und dabei
eine Reihe von Tatsachen der Elektrophysiologie zur Beweisführung
benutzt« (a. a. O. S. ~VIII~).

Dreißig Jahre später veröffentlichte =Wundt= (1892) eine zweite,
wesentlich verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner
»Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten
Prinzipien der ersten Auflage sind in dieser zweiten völlig
aufgegeben, und der =monistische= Standpunkt der ersteren ist mit
einem rein =dualistischen= vertauscht. =Wundt= selbst sagt in der
Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den
fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese
Arbeit schon seit Jahren als eine =Jugendsünde= betrachten lernte«;
sie »lastete auf ihm als eine Art =Schuld=, der er, so gut es gehen
mochte, ledig zu werden wünschte«. In der Tat sind die wichtigsten
Grundanschauungen der Seelenlehre in den beiden Auflagen von =Wundts=
weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig entgegengesetzte; in der ersten
Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage
rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die =Psychologie=
als =Naturwissenschaft= behandelt, nach denselben Grundsätzen wie die
gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig Jahre später
ist für ihn die Seelenlehre eine reine =Geisteswissenschaft= geworden,
deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft
völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese
Bekehrung in seinem Prinzip des =psychophysischen Parallelismus=,
wonach zwar einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische
Vorgänge entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander
sind und =nicht in natürlichem Kausalzusammenhang stehen=. Dieser
vollkommene =Dualismus= von Leib und Seele, von Natur und Geist
hat begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden
Schulphilosophie gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller
Fortschritt gepriesen, um so mehr, als er von einem angesehenen
Naturforscher bekannt wird, der früher die entgegengesetzten
Anschauungen unseres modernen =Monismus= vertrat. Da ich selbst auf
diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig
Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von
ihm habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des
jungen Physiologen =Wundt= für die richtige Naturerkenntnis halten und
sie gegen die entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen
=Wundt= energisch verteidigen.

Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei
der berühmtesten Naturforscher, R. =Virchow= und E. =Du Bois-Reymond=;
die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so
weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre
hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende
Rolle gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden
Einfluß auf das moderne Geistesleben geübt haben. =Rudolf Virchow=, der
verdienstvolle Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit
seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts
(und besonders während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856)
reiner =Monist=; er galt damals als einer der hervorragendsten
Vertreter jenes neu erwachenden »=Materialismus=«, der im Jahre
1855 besonders durch zwei berühmte, fast gleichzeitig erschienene
Werke eingeführt wurde: =Ludwig Büchners= Kraft und Stoff, und =Carl
Vogts= Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine allgemeinen biologischen
Anschauungen von den Lebensvorgängen im Menschen -- sämtlich als
mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! -- legte damals =Virchow=
in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden des von
ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl
die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er
seine damalige =monistische Weltanschauung= am klarsten zusammenfaßte,
ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen
Medizin« (1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung
ihres philosophischen Wertes, daß =Virchow= 1856 dieses »medizinische
Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur
wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als
bestimmt die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie
ich sie hier mit bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er
verteidigt die alleinige Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren
einzige zuverlässige Quellen Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind;
er bekämpft ebenso entschieden den anthropologischen Dualismus, jede
sogenannte Offenbarung und jede »Transzendenz« mit ihren zwei Wegen:
»Glauben und Anthropomorphismus«. Vor allem betont er den monistischen
Charakter der Anthropologie, den untrennbaren Zusammenhang von Geist
und Körper, von Kraft und Materie; am Schlusse seines Vorworts spricht
er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die Überzeugung, daß ich mich
niemals in der Lage befinden werde, den Satz von der =Einheit des
menschlichen Wesens= und seine Konsequenzen zu verleugnen.« Leider war
diese »Überzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28 Jahre später vertrat
Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen; es geschah
dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der Wissenschaft
im modernen Staate«, die er 1877 auf der Naturforscherversammlung
in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner Schrift »Freie
Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe.

Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen
Grundsätze wie =Virchow= hat auch =Emil Du Bois-Reymond= gezeigt und
damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der
~Ecclesia militans~ errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der
Berliner Akademie im allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus
vertrat, je mehr er selbst zur Widerlegung des Vitalismus und der
transzendenten Lebensauffassung beigetragen hatte, desto lauter war
das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872 in seiner wirkungsvollen
=Ignorabimus-Rede= das »Bewußtsein« als ein unlösbares Welträtsel
hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den anderen
Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte.

Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den
»psychologischen Metamorphosen« dieser und anderer berühmter Denker
entgegentritt, ist sehr merkwürdig. In ihrer Jugend umfassen diese
kühnen und talentvollen Naturforscher das ganze Gebiet ihrer
biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach
einem einheitlichen, natürlichen Erkenntnisgrunde; in ihrem Alter
haben sie eingesehen, daß dieser nicht vollkommen erreichbar ist,
und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser
psychologischen Metamorphose können sie natürlich anführen, daß sie
in der Jugend die Schwierigkeiten der großen Aufgabe übersehen und
die wahren Ziele verkannt hätten; erst mit der reiferen Einsicht
des Alters und der Sammlung vieler Erfahrungen hätten sie sich von
ihren Irrtümern überzeugt und den wahren Weg zur Quelle der Wahrheit
gefunden. Man kann aber auch umgekehrt behaupten, daß die großen
Männer der Wissenschaft in jüngeren Jahren unbefangener und mutiger
an ihre schwierige Aufgabe herantreten, daß ihr Blick freier und ihre
Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen späterer Jahre führen vielfach
nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trübung der Einsicht, und
mit dem Greisenalter tritt allmähliche Rückbildung ebenso im Gehirn wie
in anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine
lehrreiche psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen
Formen des »Gesinnungswechsels«, daß die höchsten Seelenfunktionen
ebenso wesentlichen individuellen Veränderungen im Laufe des Lebens
unterliegen wie alle anderen Lebenstätigkeiten.



=Siebentes Kapitel.=

_Stufenleiter der Seele._

  Monistische Studien über vergleichende Psychologie. Psychologische
  Stufenleiter. Instinkt und Vernunft.


Die großartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre
gemacht hat, gipfeln in der Anerkennung der =psychologischen
Einheit der organischen Welt.= Die vergleichende Seelenlehre, im
Vereine mit der Ontogenie und Phylogenie der Psyche, hat uns zu der
Überzeugung geführt, daß das organische Leben in allen Abstufungen,
vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum Menschen hinauf,
aus denselben elementaren Naturkräften sich entwickelt, aus den
Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der
wissenschaftlichen Psychologie wird daher künftig nicht, wie bisher,
die ausschließlich subjektive und introspektive Zergliederung der
höchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und
vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich
der menschliche Geist allmählich aus einer langen Reihe von niederen
tierischen Zuständen entwickelt hat. Die schöne Aufgabe, die einzelnen
Stufen dieser psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren
ununterbrochenen phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst
in den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff
genommen worden.

_Materielle Basis der Psyche._ Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne
Ausnahme sind verknüpft mit materiellen Vorgängen in der lebendigen
Substanz des Körpers, im =Plasma= oder =Protoplasma=. Wir haben
jenen Teil des letzteren, der als der Träger der Psyche erscheint,
als =Psychoplasma= bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes
»Wesen«, sondern wir betrachten die =Psyche als Kollektivbegriff
für die gesamten psychischen Funktionen des Plasma.= »Seele« ist in
diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff
»Stoffwechsel« oder »Zeugung«. Beim Menschen und den höheren Tieren
ist das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der
Organe und Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems,
das =Neuroplasma= der Ganglienzellen und ihrer leitenden
Ausläufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die
noch keine gesonderten Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das
Psychoplasma noch nicht zur selbständigen Differenzierung gelangt,
ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den einzelligen Protisten ist
das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen =Protoplasma=
desselben. In allen Fällen, ebenso auf dieser niedersten wie auf
jener höchsten =Stufe= der psychologischen Entwickelungsreihe, ist
eine gewisse =chemische= Zusammensetzung des Psychoplasma und eine
gewisse =physikalische= Beschaffenheit desselben unentbehrlich,
wenn die »Seele« arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren
Seelentätigkeit der plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den
Protozoen, wie von den zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane
und des Gehirns bei den höheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit
des Psychoplasma, die wir »Seele« nennen, ist stets mit Stoffwechsel
verknüpft.

_Stufenleiter der Empfindungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne
Ausnahme sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustände der
umgebenden Außenwelt und reagieren darauf durch gewisse Veränderungen
in ihrem Innern. Licht und Wärme, Schwerkraft und Elektrizität,
mechanische Prozesse und chemische Vorgänge in der Umgebung wirken als
»=Reize=« auf das empfindliche =Psychoplasma= und rufen Veränderungen
in seiner molekularen Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner
=Empfindlichkeit= unterscheiden wir folgende fünf Grade:

~I~. Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze
=Psychoplasma= als solches empfindlich und reagiert auf die
einwirkenden Reize, so bei den niederen Protisten, bei vielen
Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten Tiere. ~II~. Auf der
zweiten Stufe beginnen sich an der Oberfläche des Körpers einfachste
=Sinneswerkzeuge= zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren und
Pigmentflecken, als Vorläufer von Tastorganen und Augen; so bei einem
Teile der höheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren
und Pflanzen. ~III~. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen
einfachen Grundlagen durch =Differenzierung spezifische Sinnesorgane=
entwickelt, mit eigentümlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des
Geruchs und Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und
Wärmesinnes, des Gehörs und Gesichts. Die »spezifische Energie« dieser
höheren Sinnesorgane ist keine ursprüngliche Eigenschaft, sondern durch
funktionelle Anpassung und progressive Vererbung erworben. ~IV~.
Auf der vierten Stufe tritt die =Zentralisation des Nervensystems=
und damit zugleich diejenige der Empfindung ein, durch Assozion
der früheren isolierten oder lokalisierten Empfindungen entstehen
Vorstellungen, die zunächst noch unbewußt bleiben, so bei vielen
niederen und höheren Tieren. ~V~. Auf der fünften Stufe bildet sich
im Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle für die
empfangenen Eindrücke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse
aus. Ihre Funktion kennen wir bei uns selbst als bewußte Empfindung;
ähnliche Organe besitzen alle höheren Wirbeltiere und unter den
Wirbellosen sind sie besonders bei den Gliedertieren bekannt.

_Stufenleiter der Bewegungen._ Alle lebendigen Naturkörper ohne
Ausnahme sind =spontan= beweglich, im Gegensatze zu den starren und
unbeweglichen Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen
=Psychoplasma= Lageveränderungen der Teilchen aus inneren Ursachen
statt, welche in dessen chemischer Konstitution selbst begründet sind.
Diese aktiven vitalen Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung
wahrzunehmen, zum anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu
erschließen. Wir unterscheiden fünf Abstufungen derselben.

~I~. Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur
jene =Wachstums=bewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam
zukommen. Sie geschehen gewöhnlich so langsam, daß man sie nicht
unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate
erschließen kann, aus der Veränderung in Größe und Gestalt des
wachsenden Körpers. ~II~. Viele Protisten, namentlich einzellige
Algen aus den Gruppen der Diatomeen und Desmidiaceen, bewegen sich
kriechend oder schwimmend durch =Sekretion= fort, durch einseitige
Ausscheidung einer schleimigen Masse. ~III~. Andere, im Wasser
schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien, Siphonophoren,
Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr =spezifisches
Gewicht= verändern, bald durch Osmose, bald durch Absonderung
oder Ausstoßung von Luft. ~IV~. Viele Pflanzen, besonders die
empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, führen
Bewegungen von Blättern oder anderen Teilen mittels =Turgorwechsels=
aus, d. h. es verändert sich die Spannung des Protoplasmas und damit
auch dessen Druck auf die umschließende elastische Zellenwand.
~V~. Die wichtigsten von allen organischen Bewegungen sind die
=Kontraktionserscheinungen=, d. h. Gestaltsveränderungen der
Körperoberfläche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer
Teilchen verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen
Zuständen oder Phasen der Bewegung: der =Kontraktionsphase=
(Zusammenziehung) und der =Expansionsphase= (Ausdehnung). Als vier
verschiedene Formen der Plasmakontraktion werden unterschieden
~Va~: die =amöboiden= Bewegungen (bei Rhizopoden, Blutzellen,
Pigmentzellen usw.); ~Vb~: die ähnlichen =Plasmaströmungen= im
Innern von abgeschlossenen Zellen; ~Vc~: die =Flimmerbewegung=
(Geißelbewegung und Wimperbewegung) bei Infusorien, Samenzellen,
Flimmerepithelzellen, und endlich ~Vd~: die Muskelbewegung (bei den
meisten Tieren).

_Reflexe._ Die elementare Seelentätigkeit, welche durch die Verknüpfung
von Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir =Reflex=. Die Bewegung
-- gleichviel welcher Art -- erscheint hier als die unmittelbare
Folge des =Reizes=, welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man
hat sie daher auch im einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als
»=Reizbewegung=« bezeichnet. Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit
(Irritabilität). Jede physikalische oder chemische Veränderung der
umgebenden Außenwelt kann unter Umständen auf das Psychoplasma als Reiz
wirken und eine Bewegung hervorrufen oder »auslösen«. Wir werden später
sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der =Auslösung= die
einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschließt an ähnliche
mechanische Bewegungsvorgänge in der anorganischen Natur (z. B. bei der
Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Stoß).

_Einfache und zusammengesetzte Reflexe._ Der wichtige Unterschied,
den wir in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen
den einzelligen Organismen (~Protisten~) und den vielzelligen
(~Histonen~) machen, gilt auch für deren elementare Seelentätigkeit,
für die Reflextat. Bei den =einzelligen Protisten= läuft der ganze
Prozeß des Reflexes innerhalb des Protoplasma einer einzigen Zelle
ab; die »=Zellseele=« derselben erscheint noch als eine einheitliche
Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der
Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei
=Zellvereinen= beginnt die zweite Stufe der Seelentätigkeit, der
=zusammengesetzte Reflex=. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche
diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger
enger Verbindung, oft direkt durch fadenförmige Plasmabrücken. Ein
Reiz, welcher eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird
durch die Verbindungsbrücken den übrigen mitgeteilt und kann alle
zu gemeinsamer Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht
auch in den Geweben der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Während man
früher irrtümlich annahm, daß die Zellen der Pflanzengewebe ganz
isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt überall feine Plasmafäden
nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen durchsetzen und ihre
lebendigen Plasmakörper in materiellem und psychologischem Zusammenhang
erhalten. So erklärt es sich, daß die Erschütterung der empfindlichen
Wurzel von ~Mimosa~, welche der Tritt des Wanderers auf den Boden
verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes
überträgt und ihre zarten Fiederblätter zum Zusammenlegen, die
Blattstiele zum Herabsinken veranlaßt.

_Reflex und Bewußtsein._ Auf die Frage, inwieweit dem Organismus
seine Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewußt werden, kann eine
allgemeine Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewußtsein wissen wir
eigentlich nur insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres
eigenen Erlebens ist. Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst
und besonders auch ihrer anatomischen Grundlagen berechtigen uns
aber zu der Annahme, daß diejenigen Tiere, die einen ähnlichen
Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet haben wie wir, auch
in ähnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges Bewußtwerden
ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen die
uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den
Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffüßer
(~Cephalopoden~) in Betracht.

_Stufenleiter der Vorstellungen._ Der Schauplatz klaren Bewußtseins
sind beim Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewußtsein
kein wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr
bei allen Organismen an, ohne daß wir ihnen ein dem unseren ähnliches
klar bewußtes Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die
Vorstellung als das =innere Bild= des äußeren Objektes, welches durch
die Empfindung übermittelt ist.

~I~. =Zellulare Vorstellung.= Auf den niedersten Stufen begegnet
uns die Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des
Psychoplasma; schon bei den einfachsten einzelligen Protisten können
Empfindungen bleibende Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese
können vom Gedächtnis reproduziert werden. Bei mehr als viertausend
Radiolarienarten, welche ich beschrieben habe, ist jede einzelne
Spezies durch eine besondere erbliche Skelettform ausgezeichnet.
Die Produktion dieses spezifischen, oft höchst verwickelt gebauten
Skeletts durch eine höchst einfach gestaltete (meist kugelige) Zelle
ist nur dann erklärlich, wenn wir dem bauenden Plasma die Fähigkeit
der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion
des »plastischen Distanzgefühls«, wie ich in meiner Psychologie der
Radiolarien gezeigt habe (1887, S. 121).

~II~. =Histonale Vorstellung.= Schon bei den Zönobien oder
Zellvereinen der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben
der Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen)
begegnen wir der zweiten Stufe der Vorstellung, welche auf dem
gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng verbundener Zellen beruht.
Da einmalige Reize nicht bloß eine vorübergehende Bewegung eines
Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslösen,
sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem
später reproduziert werden kann, so müssen wir zur Erklärung dieser
Erscheinung eine Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das
Psychoplasma der assoziierten Gewebezellen.

~III~. =Unbewußte Vorstellung der Ganglienzellen.= Die dritte, höhere
Stufe der Vorstellung ist die häufigste Form dieser Seelentätigkeit
im Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens
auf bestimmte »Seelenzellen« oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der
aufsteigenden Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich,
seiner zunehmenden Differenzierung und Integration erhebt sich auch die
Ausbildung dieser Vorstellungen zu immer höheren Stufen.

~IV~. =Bewußte Vorstellung der Gehirnzellen.= Erst auf den
höchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt
sich das Bewußtsein als eine besondere Funktion eines bestimmten
Zentralorgans des Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewußte
werden, und indem besondere Gehirnteile sich zur =Assozion= der
bewußten Vorstellungen reich entfalten, wird der Organismus zu jenen
höchsten psychischen Funktionen befähigt, welche wir als =Denken=
und Überlegen, als Verstand und =Vernunft= bezeichnen. Obgleich die
Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den älteren, unbewußten
und den jüngeren, bewußten Vorstellungen höchst schwierig ist,
können wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die letzteren
aus den ersteren =polyphyletisch= entstanden sind. Denn wir dürfen
bewußtes und vernünftiges Denken nicht nur bei den höchsten Formen des
Wirbeltierstammes annehmen (Mensch, Säugetiere, ein Teil der niederen
Vertebraten), sondern auch bei den höchstentwickelten Vertretern
anderer Tierstämme (Ameisen und andere Insekten, Spinnen und höhere
Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden unter den Weichtieren).

_Stufenleiter des Gedächtnisses._ Eng verknüpft mit der Stufenleiter
in der Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedächtnisses;
diese höchst wichtige Funktion des Psychoplasma -- die Bedingung
aller fortschreitenden Seelenentwickelung -- ist ja im wesentlichen
=Reproduktion von Vorstellungen=. Die Eindrücke im Plasma, welche der
Reiz als Empfindung bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen
geworden waren, werden neu belebt; sie gehen aus dem =potentiellen=
in den =aktuellen= Zustand über. Entsprechend den vier Stufen der
Vorstellung können wir auch beim Gedächtnis vier Hauptstufen der
aufsteigenden Entwickelung unterscheiden.

~I~. _Zellulargedächtnis._ Mit Recht hatte der Physiologe =Ewald
Hering= in einer gedankenreichen Abhandlung »das Gedächtnis als eine
allgemeine Funktion der organisierten Materie« bezeichnet und die
hohe Bedeutung dieser Seelentätigkeit hervorgehoben, »der wir fast
alles verdanken, was wir sind und haben« (1870). Ich habe später
(1876) diesen Gedanken weiter ausgeführt und in seiner fruchtbaren
Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begründen versucht, in
meiner Abhandlung über »Die Perigenesis der Plastidule oder die
Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen
Erklärung der elementaren Entwickelungsvorgänge«. Ich habe dort das
»unbewußte Gedächtnis« als eine allgemeine, höchst wichtige Funktion
aller =Plastidule= nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen
Moleküle oder Molekülgruppen, welche von =Naegeli= als =Micellen=,
von anderen als =Bioplasten= usw. bezeichnet worden sind. Nur die
=lebendigen= Plastidule, als die individuellen Molekeln des aktiven
Plasma, sind reproduktiv und besitzen somit Gedächtnis; das ist der
Hauptunterschied der organischen Natur von der anorganischen. Man kann
sagen: »=Die Erblichkeit ist das Gedächtnis der Plastidule=, hingegen
die Variabilität ist die Fassungskraft der Plastidule«. Das elementare
Gedächtnis der einzelligen Protisten setzt sich zusammen aus dem
molekularen Gedächtnis der Plastidule oder Micellen, aus welchen ihr
lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Für die erstaunlichen Leistungen
des unbewußten Gedächtnisses bei diesen einzelligen Protisten ist
wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und
regelmäßige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette;
besonders die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter
den Protozoen liefern dafür eine Fülle von interessanten Beispielen.
In vielen tausend Arten dieser Protisten vererbt sich die spezifische
Skelettform =relativ konstant=. (Vergl. die wichtige Schrift von
=Richard Semon=, 1904: »Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel
des organischen Geschehens«).

~II~. _Histonalgedächtnis._ Ebenso interessante Beweise für die
zweite Stufe der Erinnerung, für das unbewußte Gedächtnis der =Gewebe=,
liefert die Vererbung der einzelnen Organe und Gewebe im Körper der
Pflanzen und der niederen, nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese
zweite Stufe erscheint als =Reproduktion der Histonalvorstellungen=,
jener Assozion von Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von
Zönobien bei den sozialen Protisten beginnt.

~III~. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das »=unbewußte
Gedächtnis=« derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen,
als Reproduktion der entsprechenden »unbewußten Vorstellungen« zu
betrachten, welche in gewissen Ganglienzellen aufgespeichert sind.
Bei den meisten niederen Tieren ist wohl alles Gedächtnis unbewußt.
Aber auch beim Menschen und den höheren Tieren, denen wir Bewußtsein
zuschreiben müssen, sind die täglichen Funktionen des unbewußten
Gedächtnisses ungleich häufiger und mannigfaltiger als diejenigen des
bewußten; davon überzeugt uns leicht eine unbefangene Prüfung von
tausend unbewußten Tätigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu
denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., täglich vollziehen.

~IV~. Das =bewußte Gedächtnis=, welches durch bestimmte Gehirnzellen
beim Menschen und den höheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher
nur als eine spät entstandene »=innere Spiegelung=«, als die höchste
Blüte derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei
unseren niederen tierischen Vorfahren sich als unbewußte Vorgänge in
den Ganglienzellen abspielten.

_Assozion der Vorstellungen._ Die =Verkettung= der Vorstellungen,
welche man gewöhnlich als Assoziation der Ideen (oder kürzer Assozion)
bezeichnet, durchläuft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den
niedersten bis zu den höchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser
»Ideenassozion« sind äußerst mannigfaltig; trotzdem aber führt eine
sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter allmählicher Entwickelung
von den einfachsten Assozionen der niedersten Protisten bis zu
den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen hinauf.
Alles höhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die
normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und
je naturgemäßer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet
werden. Im =Traume=, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion
der reproduzierten Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch
im Schaffen der =Phantasie=, welche durch mannigfaltige Verkettung
vorhandener Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert,
ebenso in den Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz
naturwidrig geordnet und erscheinen daher bei nüchterner Betrachtung
=unvernünftig=. Ganz besonders gilt dies von den übernatürlichen
»=Gestalten des Glaubens=«, dem Geisterspuk des Spiritismus und
Okkultismus. Aber gerade diese =abnormen Assozionen= des »Glaubens«
und der angeblichen »Offenbarung« werden vielfach als die wertvollsten
»Geistesgüter« des Menschen hochgeschätzt.

_Instinkte._ Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings
auch heute noch viele Anhänger besitzt, betrachtete das Seelenleben
des Menschen und der Tiere als gänzlich verschiedene Erscheinungen;
sie leitete das erstere von der »=Vernunft=«, das letztere von dem
»=Instinkt=« ab. Der traditionellen Schöpfungsgeschichte entsprechend
nahm man an, daß jeder Tierart bei ihrer Schöpfung eine bestimmte,
unbewußte Seelenqualität vom Schöpfer eingepflanzt sei, und daß
dieser »=Naturtrieb=« (~Instinctus~) einer jeden ~Species~ ebenso
unveränderlich sei wie deren körperliche Organisation. Nachdem schon
=Lamarck= (1809) bei Begründung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum
als unhaltbar erwiesen, wurde er durch =Darwin= (1859) vollständig
widerlegt; er bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende
wichtige Lehrsätze: ~I~. Die Instinkte der Spezies sind individuell
verschieden und ebenso der Abänderung durch =Anpassung= unterworfen
wie die morphologischen Merkmale der Körperbildung. ~II~. Diese
Variationen (großenteils durch veränderte Gewohnheiten entstanden)
werden durch =Vererbung= teilweise auf die Nachkommen übertragen und im
Laufe der Generationen gehäuft und befestigt. ~III~. =Die Selektion=
(ebenso die künstliche wie die natürliche) trifft unter diesen
erblichen Abänderungen der Seelentätigkeit eine Auswahl, sie erhält
die zweckmäßigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen.
~IV~. Die dadurch bedingte =Divergenz= des psychischen Charakters
führt so im Laufe der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer
Instinkte, wie die Divergenz des morphologischen Charakters zur
Entstehung neuer Spezies. Dies gilt für sämtliche Protisten und
Pflanzen ebenso wie für sämtliche Tiere und Menschen. Die Instinkte
treten aber bei letzteren um so mehr zurück, je mehr sich auf ihre
Kosten die =Vernunft= entwickelt.

_Stufenleiter der Vernunft._ In jenen oberflächlichen, mit dem
Seelenleben der Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche
nur im Menschen eine »wahre Seele« anerkennen, wird auch ihm allein
als höchstes Gut die »=Vernunft=« und das Bewußtsein zugeschrieben.
Auch dieser Irrtum ist durch die vergleichende Psychologie der letzten
Jahrzehnte gründlich widerlegt. Die höheren Wirbeltiere besitzen
ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und innerhalb der Tierreihe
zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der allmählichen
Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der
Unterschied zwischen der Vernunft eines =Goethe=, =Kant=, =Lamarck=,
=Darwin= und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda,
Akka, Australnegers und Patagoniers, ist viel größer als die Differenz
zwischen der Vernunft dieser letzteren und der »vernünftigsten«
Säugetiere, der Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw.

_Sprache._ Der höhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand
und Vernunft, welcher den Menschen so hoch über die Tiere erhebt,
ist eng verknüpft mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier,
wie dort, ist eine lange Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar,
welche ununterbrochen von den niedersten zu den höchsten Bildungsstufen
hinaufführt. Sprache ist ebensowenig als Vernunft ein ausschließliches
Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache im weiteren Sinne ein
gemeinsamer Vorzug aller höheren =sozialen Tiere=, mindestens aller
Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und Herden
vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verständigung, zur
Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berührung
oder durch Zeichengebung geschehen, oder durch Töne, welche bestimmte
Begriffe bezeichnen. Auch der Gesang der Singvögel und der singenden
Menschenaffen (~Hylobates~) gehört zur Lautsprache, ebenso wie das
Bellen der Hunde und das Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der
Grillen und das Geschrei der Zikaden. Aber nur beim Menschen hat
sich jene =artikulierte Begriffssprache= entwickelt, welche seine
Vernunft zu so viel höheren Leistungen befähigt. Die =vergleichende
Sprachforschung= hat gelehrt, wie die zahlreichen hochentwickelten
Sprachen der verschiedenen Völker sich aus wenigen einfachen Ursprachen
langsam und allmählich entwickelt haben. =Romanes= (1893) hat
überzeugend dargetan, daß die Sprache des Menschen nur dem =Grade= der
Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der =Art= nach von derjenigen
der höheren Tiere verschieden ist.

_Stufenleiter der Gemütsbewegungen_ oder Affekte. Die wichtige Gruppe
von Seelentätigkeiten, welche wir unter dem Begriffe »=Gemüt=«
zusammenfassen, spielt eine große Rolle ebenso in der theoretischen
wie in der praktischen Vernunftlehre. Für unsere Betrachtungsweise
sind sie deshalb besonders wichtig, weil hier der direkte Zusammenhang
der Gehirnfunktion mit anderen physiologischen Funktionen (Herzschlag,
Sinnestätigkeit, Muskelbewegung) unmittelbar einleuchtet; dadurch wird
hier besonders das Widernatürliche und Unhaltbare jener Philosophie
klar, welche die Psychologie prinzipiell von der Physiologie trennen
will. Alle die zahlreichen Äußerungen des Gemütslebens, welche wir beim
Menschen finden, kommen auch bei den höheren Tieren vor (besonders
bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch
entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden
=Elementarfunktionen der Psyche= zurückführen, auf Empfindung und
Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung.
Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehört das =Gefühl von
Lust und Unlust=, welches das Gemüt bestimmt, und ebenso gehört auf der
anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende =Zuneigung und
Abneigung= (»Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust und
nach Vermeiden der Unlust. »Anziehung und Abstoßung« erscheinen hier
zugleich als die Urquelle des Willens. =Die Leidenschaften=, welche
eine so große Rolle im höheren Seelenleben des Menschen spielen, sind
nur Steigerungen der »Gemütsbewegungen« und Affekte. Daß auch diese
den Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat =Romanes= einleuchtend
gezeigt. Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden
wir bei allen Protisten jene elementaren Gefühle von Lust und Unlust,
welche sich in ihren sogenannten =Tropismen= äußern, in dem =Streben=
nach Licht oder Dunkelheit, nach Wärme oder Kälte, in dem verschiedenen
Verhalten gegen positive und negative Elektrizität. Auf der höchsten
Stufe des Seelenlebens dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene
feinsten Gefühlstöne und Abstufungen von Entzücken und Abscheu, von
Liebe und Haß, welche die Triebfedern der Kulturgeschichte und die
unerschöpfliche Fundgrube der Poesie sind. Und doch verbindet eine
zusammenhängende Kette von allen denkbaren Übergangsstufen jene
primitivsten Urzustände des Gemüts im =Psychoplasma= der einzelligen
Protisten mit diesen höchsten Entwickelungsformen der Leidenschaften
beim Menschen, welche sich in den Ganglienzellen der Großhirnrinde
abspielen.

_Stufenleiter des Willens._ Der Begriff des =Willens= unterliegt
gleich anderen psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten
Deutungen und Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne
als =kosmologisches= Attribut betrachtet: »die =Welt= als Wille
und Vorstellung« (=Schopenhauer=), bald im engsten Sinne als ein
=anthropologisches= Attribut, als eine ausschließliche Eigenschaft
des Menschen; letzteres gilt z. B. für =Descartes=, für welchen die
Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im gewöhnlichen
Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der willkürlichen
Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelentätigkeit der meisten
Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden
Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir
-- ebenso wie bei der Empfindung -- zur Überzeugung, daß er eine
allgemeine Eigenschaft des lebenden =Psychoplasma= ist.

_Willensfreiheit._ Das Problem von der Freiheit des menschlichen
Willens ist unter allen Welträtseln dasjenige, welches den denkenden
Menschen von jeher am meisten beschäftigt hat, und zwar deshalb,
weil sich hier mit dem hohen philosophischen Interesse der Frage
zugleich die wichtigsten Folgerungen für die praktische Philosophie
verknüpfen, für die Moral, die Erziehung, die Rechtspflege usw. E.
=Du Bois-Reymond=, welcher dasselbe als das siebente und letzte unter
seinen »sieben Welträtseln« behandelt, sagt daher von dem Problem
der Willensfreiheit mit Recht: »Jeden berührend, scheinbar jedem
zugänglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen
Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religiösen
Überzeugungen, hat diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine
Rolle von unermeßlicher Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung
spiegeln sich die Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab.
-- Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, über
welchen längere Reihen nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube
der Bibliotheken modern.« -- Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch
darin klar zutage, daß =Kant= die Überzeugung von der »Willensfreiheit«
unmittelbar neben diejenige von der »Unsterblichkeit der Seele« und
neben den »Glauben an Gott« stellte. Er bezeichnete diese drei großen
Fragen als die drei unentbehrlichen »=Postulate der praktischen
Vernunft=«, nachdem er vorher in der »=Kritik der reinen Vernunft=«
klar dargelegt hatte, daß ihre Annahme völlig unbegründet ist.

Das Merkwürdigste in dem großartigen und höchst verworrenen Streite
über die Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, daß dieselbe
theoretisch nicht nur von höchst kritischen Philosophen, sondern auch
von den extremsten Gegensätzen verneint und trotzdem von den meisten
Menschen als selbstverständlich noch heute bejaht wird. Hervorragende
Lehrer der christlichen Kirche, wie der Kirchenvater =Augustin= und
der Reformator =Calvin=, leugnen die Willensfreiheit ebenso bestimmt
wie die bekanntesten Führer des reinen Materialismus, =Holbach= im
18. und =Büchner= im 19. Jahrhundert. Die christlichen Theologen
verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die Allmacht Gottes
und die Prädestination unvereinbar ist; Gott, der Allmächtige und
Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte
er auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen
handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wäre Gott
nicht allmächtig und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch
=Leibniz= unbedingter =Determinist=. Die monistischen Naturforscher
des 18. Jahrhunderts, allen voran =Laplace=, verteidigten den
Determinismus wieder auf Grund ihrer einheitlichen mechanischen
Weltanschauung.

Der gewaltige Kampf zwischen den =Deterministen= und =Indeterministen=,
zwischen den Gegnern und den Anhängern der Willensfreiheit, ist
heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zugunsten der
ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei
als derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade,
nicht der Art nach unterscheidet. Während noch im 18. Jahrhundert
das alte Dogma von der Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen,
philosophischen und kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns
dagegen das 19. Jahrhundert ganz andere Waffen zu dessen definitiver
Widerlegung geschenkt, die gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal
der =vergleichenden Physiologie und Entwickelungsgeschichte= verdanken.
Wir wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation
des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen
Bedingungen der umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere
Seelentätigkeit. Der Charakter des Strebens ist von vornherein durch
die =Vererbung= von Eltern und Voreltern bedingt; der Entschluß zum
jedesmaligen Handeln wird durch die =Anpassung= an die momentanen
Umstände gegeben, wobei das stärkste Motiv den Ausschlag gibt,
entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der Gemütsbewegungen
bestimmen. Die =Ontogenie= lehrt uns die individuelle Entwickelung des
Willens beim Kinde verstehen, die =Phylogenie= aber die historische
Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-Ahnen.



=Achtes Kapitel.=

_Keimesgeschichte der Seele._

  Monistische Studien über ontogenetische Psychologie. Entwickelung
  des Seelenlebens im individuellen Leben der Person.


Unsere menschliche Seele -- gleichviel, wie man ihr Wesen auffaßt
-- unterliegt im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen
Entwickelung. Diese =ontogenetische Tatsache= ist für unsere
monistische Psychologie von fundamentaler Bedeutung, obwohl
die meisten »Psychologen von Fach« ihr teils nur geringe, teils
gar keine Berücksichtigung schenken. Wie nun die individuelle
Entwickelungsgeschichte der »wahre Lichtträger für alle Untersuchungen
über organische Körper ist«, so wird sie auch über die wichtigsten
Geheimnisse des Seelenlebens uns erst das wahre Licht anzünden.

Obgleich nun diese »Keimesgeschichte der Menschenseele« äußerst wichtig
und interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschränktem
Umfange die verdiente Berücksichtigung gefunden. Es waren bisher fast
ausschließlich die =Pädagogen=, welche sich mit einem Teile derselben
beschäftigten; durch ihren praktischen Beruf darauf angewiesen, die
Ausbildung der Seelentätigkeit beim Kinde zu leiten und zu überwachen,
mußten sie auch theoretisches Interesse an den dabei beobachteten
psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen die Pädagogen in
der Neuzeit wie im Altertum größtenteils im Banne der herrschenden
dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten
Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation
und Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Außerdem aber betrafen
ihre Beobachtungen größtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem
Alter oder in den unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die
merkwürdigen Erscheinungen, welche die individuelle Psychogenie des
Kindes gerade in den ersten Lebensjahren darbietet, und welche alle
denkenden Eltern freudig bewundern, wurden fast niemals Gegenstand
eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier hat erst =Wilhelm Preyer=
(1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift über »Die Seele des Kindes;
Beobachtungen über die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten
Lebensjahren«. Indessen müssen wir, um volle Klarheit zu gewinnen,
noch weiter zurückgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im
befruchteten Ei.

_Entstehung der individuellen Seele._ Der Ursprung und die erste
Entstehung des menschlichen =Individuums= galt noch im Anfange des 19.
Jahrhunderts für ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte =Caspar
Friedrich Wolff= schon 1759 in seiner ~Theoria generationis~ das
wahre Wesen der embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren
Hand kritischer Beobachtung gezeigt, daß bei der Entwickelung des
Keimes aus dem einfachen Ei eine wahre =Epigenesis=, d. h. eine Reihe
der merkwürdigsten Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige
Physiologie lehnte diese =empirischen=, unmittelbar mikroskopisch zu
demonstrierenden Erkenntnisse rundweg ab und hielt an dem hergebrachten
Dogma der embryonalen =Präformation= fest. Nach diesem nahm man an,
daß im Ei der Organismus mit allen seinen Teilen vorgebildet oder
präformiert sei; die »Entwickelung« des Keimes bestehe eigentlich nur
in einer »Auswickelung« der eingewickelten Teile (~Evolutio~). Als
notwendiger Folgeschluß dieses Irrtums ergab sich daraus weiterhin
die oben erwähnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma der
»=Ovulisten=«schule stand gegenüber eine andere, ebenso irrtümliche
Ansicht, die der »=Animalkulisten=«; diese glaubten, daß der
eigentliche Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern
in der männlichen Spermazelle des Vaters liege, und daß in diesem
»Samentierchen« die Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei.

=Leibniz= übertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig
auch auf die menschliche =Seele=; er leugnete für sie eine wahre
Entwickelung (Epigenesis) ebenso wie für den Körper und sagte in seiner
Theodicee: »So sollte ich meinen, daß die Seelen, welche eines Tages
menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von anderen Spezies,
dagewesen sind; daß sie in den Voreltern bis auf Adam, also seit dem
Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Körper existiert
haben.« Ähnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie
wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19.
Jahrhunderts, wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch =Baer= den
Todesstoß versetzte.

_Mythologie des Seelenursprungs._ Die näheren Aufschlüsse, welche wir
durch die vergleichende Ethnologie neuerdings über die mannigfaltigen
Mythenbildungen der älteren Kulturvölker sowohl als der heutigen
Naturvölker gewonnen haben, sind auch für die Psychogenie von großem
Interesse. Betreffs ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes
können die Mythen über den Seelenursprung etwa folgendermaßen in
fünf Gruppen geordnet werden: ~I~. Mythus der =Seelenwanderung=:
die Seele lebte früher im Körper eines anderen Tieres und ist erst
aus diesem in den menschlichen Körper übergetreten; die ägyptischen
Priester z. B. behaupteten, daß die menschliche Seele nach dem Tode
des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren
aber wieder in einen Menschenleib zurückkehre. ~II~. Mythus der
=Seeleneinpflanzung=: die Seele existierte selbständig an einem anderen
Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von =Keimschlaf=
oder latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler,
oft als »Klapperstorch« gedacht) geholt und in den menschlichen Körper
eingesetzt. ~III~. Mythus der =Seelenschöpfung=: der göttliche
Schöpfer, als persönlicher »Gott-Vater« gedacht, erschafft die
Seelen, hält sie vorrätig -- bald in einem Seelenteich, bald an einem
Seelenbaum; der Schöpfer nimmt dieselben heraus und setzt sie (während
des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein. ~IV~. Mythus der
=Seeleneinschachtelung= (von =Leibniz=, vorher erwähnt). ~V~. Mythus
der =Seelenteilung= (von =Rudolf Wagner=, 1855); im Zeugungsakte
spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die den
Körper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mütterliche
Seelenkeim lebt in der Eizelle, der väterliche in dem beweglichen
Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen
auch die beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen
immateriellen Seele zusammen.

_Physiologie des Seelenursprungs._ Obwohl die angeführten
Dichtungen über die Entstehung der einzelnen Menschenseele heute
noch sehr weite Verbreitung und Anerkennung besitzen, ist dennoch
ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher nachgewiesen. Die
bewunderungswürdigen Untersuchungen, welche im Laufe der letzten
Dezennien über die feineren Vorgänge bei der Befruchtung und Keimung
des Eies ausgeführt worden sind, haben ergeben, daß diese mysteriösen
Erscheinungen sämtlich in das Gebiet der =Zellenphysiologie=
gehören. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der männliche
Befruchtungskörper, das Spermium oder Samentierchen, sind
=einfache Zellen=. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von
physiologischen Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der
=Zellseele= zusammenfassen, ebenso wie bei den permanent einzelligen
Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei Geschlechtszellen besitzen das
Vermögen der Bewegung und Empfindung. Die jugendliche Eizelle oder
das »Urei« bewegt sich nach Art einer =Amöbe=; die sehr kleinen
Samenkörperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem Tropfen
des schleimartigen, männlichen Samens sich finden, sind Geißelzellen
und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geißel ebenso lebhaft
schwimmend im Sperma umher wie die gewöhnlichen =Geißelinfusorien=
(~=Flagellaten=~).

Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen,
oder wenn sie durch künstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in
Berührung gebracht werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen
sich fest aneinander. Die Ursache dieser zellularen Attraktion ist
eine chemische, dem Geruche oder Geschmacke verwandte Sinnestätigkeit
des Plasma, die wir als »=erotischen Chemotropismus=« bezeichnen. Man
kann sie auch geradezu (sowohl im Sinne der Chemie als im Sinne der
Romanliebe) »Zellenwahlverwandtschaft« oder »sexuelle =Zellenliebe=«
nennen. Zahlreiche Geißelzellen des Sperma schwimmen auf die ruhige
Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Körper einzudringen. Es
gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glücklichen Bewerber,
das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte
»Samentierchen« mit seinem »Kopfe« (d. h. dem Zellenkern) in den
Leib der Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dünne
Schleimschicht abgesondert, welche das Eindringen anderer männlicher
Zellen verhindert. Nur wenn man durch niedere Temperatur die
Eizelle in Kältestarre versetzt oder sie durch narkotische Mittel
(Chloroform, Morphium, Nikotin) betäubt, unterbleibt die Bildung dieser
Schutzhülle; dann tritt »=Überfruchtung oder Polyspermie=« ein, und
zahlreiche Samenfäden bohren sich in den Leib der bewußtlosen Zelle
ein. Diese merkwürdige Tatsache bezeugt ebenso einen niederen Grad
von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den beiderlei
Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgänge, die gleich darauf sich
in ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche
Eikern und der männliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nähern
sich und verschmelzen bei der Berührung vollständig miteinander. So ist
denn aus der befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden,
welche wir =Stamm=zelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der
ganze vielzellige Organismus hervorgeht.

Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwürdigen
=Tatsachen= der Befruchtung ergeben, sind überaus wichtig und bisher
nicht entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewürdigt. Wir fassen
die wesentlichsten Folgerungen in folgenden fünf Sätzen zusammen:
~I~. Jedes menschliche Individuum ist, wie jedes andere höhere
Tier, im Beginne seiner Existenz eine einfache Zelle. ~II~. Diese
Stammzelle entsteht überall auf dieselbe Weise, durch Verschmelzung
oder Kopulation von zwei getrennten Zellen verschiedenen Ursprungs,
der weiblichen Eizelle und der männlichen Spermazelle. ~III~. Beide
Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene »Zellseele«, d. h.
beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung
ausgezeichnet. ~IV~. In dem Momente der Befruchtung oder Empfängnis
verschmelzen nicht nur die Plasmakörper der beiden Geschlechtszellen
und ihre Kerne, sondern auch ihre »Seelen«; d. h. die in ihnen
enthaltenen psychischen Anlagen (oder »Spannkräfte«) vereinigen sich
zum »Seelenkeim« der neugebildeten Stammzelle. ~V~. Daher besitzt
jede Person leibliche und geistige Eigenschaften von beiden Eltern; der
Kern der Eizelle überträgt einen Teil der mütterlichen, der Kern der
Spermazelle einen Teil der väterlichen Eigenschaften.

Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der »Empfängnis« oder
Konzeption wird ferner die höchst wichtige Tatsache festgestellt, daß
jeder Mensch, wie jedes andere Tier, einen =Beginn der individuellen
Existenz= hat; die völlige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne
bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Körper
der neuen =Stammzelle= entsteht, sondern auch ihre »Seele«. Durch diese
Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der =Unsterblichkeit
der Seele= widerlegt, auf den wir später zurückkommen. Ferner wird
dadurch der noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, daß der
Mensch seine individuelle Existenz der »Gnade des liebenden Gottes«
verdankt. Die Ursache derselben beruht vielmehr einzig und allein
auf dem »=Eros=« seiner beiden Eltern, auf jenem mächtigen, allen
vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen Geschlechtstriebe, welcher
zu deren Begattung führt. Das Wesentliche bei diesem physiologischen
Prozesse ist aber nicht, wie man früher annahm, die »Umarmung« oder
die damit verknüpften Liebesspiele, sondern einzig und allein die
Einführung des männlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanäle.
Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren möglich, daß der
befruchtende Samen mit der abgelösten Eizelle zusammenkommt (was beim
Menschen gewöhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen,
wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden
beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert,
und hier bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall überlassen; dann
fehlt eine eigentliche Begattung, und damit fallen zugleich jene
zusammengesetzten psychischen Funktionen des »Liebeslebens« hinweg, die
bei höheren Tieren eine so große Rolle spielen. Daher fehlen auch allen
niederen, nicht kopulierenden Tieren jene interessanten Organe, die
=Darwin= als »sekundäre Sexualcharaktere« bezeichnet hat, die Produkte
der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des Mannes, das Geweih des
Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvögel und vieler
Hühnervögel, sowie viele andere Auszeichnungen der Männchen, welche den
Weibchen fehlen. (Vergl. =Wilhelm Bölsche=, Liebesleben der Natur, 3
Bände, 1901.)

_Vererbung der Seele._ Unter den angeführten Folgeschlüssen der
=Konzeptionsphysiologie= ist für die Psychologie ganz besonders
wichtig die =Vererbung der Seelenqualitäten von beiden Eltern.= Daß
jedes Kind besondere Eigentümlichkeiten des Charakters, Temperament,
Talent, Sinnesschärfe, Willensenergie von =beiden= Eltern erbt, ist
allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß auch psychische
Eigenschaften von beiderlei Großeltern durch Vererbung übertragen
werden; ja, häufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr
mit den Großeltern als mit den Eltern überein. Alle die merkwürdigen
=Gesetze der Vererbung= besitzen ebenso allgemeine Gültigkeit für die
besonderen Erscheinungen der Seelentätigkeit wie der Körperbildung; ja,
sie treten uns häufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer
entgegen, als an der letzteren.

Nun ist ja an sich das große Gebiet der =Vererbung=, für dessen
ungeheuere Bedeutung uns erst =Darwin= das wissenschaftliche
Verständnis eröffnet hat, reich an dunkeln Rätseln und physiologischen
Schwierigkeiten; wir dürfen nicht beanspruchen, daß uns schon jetzt
alle Seiten desselben klar vor Augen liegen. Aber so viel haben
wir doch schon sicher gewonnen, daß wir die =Vererbung als eine
physiologische Funktion= des Organismus betrachten, die mit der
Tätigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknüpft ist; und wie
alle anderen Lebenstätigkeiten müssen wir auch diese schließlich
auf physikalische und chemische Prozesse, auf =Mechanik des Plasma=
zurückführen. Nun kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung
selbst genau; wir wissen, daß dabei ebenso der Spermakern die
väterlichen, wie der Eikern die mütterlichen Eigenschaften auf die
neugebildete Stammzelle überträgt. Die Vermischung beider Zellkerne
ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie werden ebenso
die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das
neugebildete Individuum übertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen
steht die dualistische und mystische Psychologie der noch heute
herrschenden Schulen ratlos gegenüber, während sie sich durch unsere
monistische Psychogenie in einfachster Weise erklären.

_Seelenmischung (Psychische Amphigonie)._ Die physiologische Tatsache,
auf welche es für die richtige Beurteilung der individuellen
Psychogenie vor allem ankommt, ist die =Kontinuität der Psyche= in der
Generationsreihe. Wenn im Moment der Empfängnis auch tatsächlich ein
neues Individuum entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich
seiner geistigen noch leiblichen Qualität eine unabhängige Neubildung,
sondern lediglich das Produkt aus der Verschmelzung der beiden
elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider Geschlechtszellen
verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollständig zur Bildung einer
neuen =Zellseele=, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen
Träger dieser psychischen Spannkräfte sind, zu einem neuen =Zellkern=
sich verbinden. Da wir nun sehen, daß die Individuen einer und
derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfügige Unterschiede
zeigen, so müssen wir annehmen, daß solche auch schon in der chemischen
Beschaffenheit der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind.

_Psychologischer Atavismus._ Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke
der Empfängnis zunächst auch nur die besonderen Eigenschaften der
beiden Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen
Zellkerne erblich übertragen werden, so kann damit doch zugleich
der erbliche psychische Einfluß älterer, oft weit zurückliegender
Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn auch die Gesetze der
=latenten Vererbung= oder des =Atavismus= gelten ebenso für die
Psyche wie für die anatomische Organisation. Gerade in feineren Zügen
des Seelenlebens, im Besitze bestimmter künstlerischer Talente oder
Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des
Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Großeltern
als den Eltern; nicht selten tritt auch ein auffälliger Charakterzug
hervor, den weder diese noch jene besaßen, der aber in einem älteren
Gliede der Ahnenreihe vor langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in
diesen merkwürdigen Atavismen gelten dieselben Vererbungsgesetze
für die Psyche wie für die Physiognomie, für die individuelle
Qualität der Sinnesorgane, wie für die der Muskeln, des Skeletts
und anderer Körperteile. Am auffälligsten können wir dieselben in
regierenden Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren
hervorragende Tätigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen
Darstellung der Individuen in der Generationskette Veranlassung gegeben
hat, so z. B. bei den Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen
usw., und nicht minder bei den römischen Zäsaren.

_Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie_ (1866). Der
=Kausalzusammenhang= der =biontischen= (individuellen) und der
=phyletischen= (historischen) Entwickelung, den ich schon in der
Generellen Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller
biogenetischen Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine
Geltung für die =Psychologie= wie für die =Morphologie=. Wie bei allen
anderen Organismen, so ist auch beim Menschen »=die Keimesgeschichte
ein Auszug der Stammesgeschichte=«. Diese gedrängte und abgekürzte
Rekapitulation ist um so vollständiger, je mehr durch beständige
Vererbung die ursprüngliche =Auszugsentwickelung= (~Palingenesis~)
beibehalten wird; hingegen wird sie um so unvollständiger, je mehr
durch wechselnde Anpassung die spätere =Störungsentwickelung=
(~Cenogenesis~) eingeführt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag).

Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele
anwenden, müssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, daß
stets =beide= Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind.
Denn beim Menschen wie bei allen höheren Tieren und Pflanzen haben im
Laufe der phyletischen Jahrmillionen so beträchtliche Störungen oder
=Zenogenesen= sich ausgebildet, daß dadurch das ursprüngliche reine
Bild der =Palingenese= oder des »Geschichtsauszuges« stark getrübt
und verändert erscheint. Während einerseits durch die Gesetze der
gleichzeitigen und gleichörtlichen Vererbung die =palingenetische=
Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch die Gesetze
der abgekürzten und vereinfachten Vererbung wesentlich =zenogenetisch=
verändert. Zunächst ist das deutlich erkennbar in der Keimesgeschichte
der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und Sinnesorgane. In
ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der Seelentätigkeit,
die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe gebunden ist.
Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen lebendig
gebärenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgeändert,
weil die volle Ausbildung des Keimes hier längere Zeit innerhalb
des mütterlichen Körpers stattfindet. Wir müssen daher als zwei
Hauptperioden der individuellen Psychogenie unterscheiden: ~I~. die
embryonale und ~II~. die post-embryonale Entwickelungsgeschichte der
Seele.

_Embryonale Psychogenie._ Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt
sich normalerweise im Mutterleibe während des Zeitraumes von neun
Monaten. Während dieser Zeit ist er vollkommen von der Außenwelt
abgeschlossen und nicht allein durch die dicke Muskelwand des
mütterlichen Fruchtbehälters (~Uterus~) geschützt, sondern auch durch
die besonderen Fruchthüllen (~Amnion~ und ~Serolemma~) welche allen
drei höheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen, den Reptilien,
Vögeln und Säugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche von den
ältesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst
in der Permperiode (gegen Ende des paläozoischen Zeitalters) erworben
wurden, als diese höheren Wirbeltiere sich an das beständige Landleben
und die Luftatmung gewöhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien
der Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre
älteren Vorfahren, die Fische.

Bei diesen älteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besaß
die Keimesgeschichte noch in viel höherem Grade den palingenetischen
Charakter, wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der
Gegenwart der Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der
Salamander und Frösche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres
freien Wasserlebens den Körperbau ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen
auch in der Lebensweise, in der Kiemenatmung, in der Funktion ihrer
Sinnesorgane und ihrer anderen Seelenorgane. Erst wenn die interessante
Metamorphose der schwimmenden Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich
an das Landleben gewöhnen, verwandelt sich ihr fischähnlicher Körper in
das vierfüßige, kriechende Amphibium; an die Stelle der Kiemenatmung
im Wasser tritt die ausschließliche Luftatmung durch Lungen, und
mit der veränderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat,
Nervensystem und Sinnesorgane, einen höheren Grad der Ausbildung. Die
schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch
die Lebensweise und Seelentätigkeit des Fisches und erlangt erst durch
ihre Verwandlung diejenige des Frosches.

Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der
Fall; ihr Embryo ist schon durch den Einschluß in die schützenden
Eihüllen dem direkten Einflusse der Außenwelt ganz entzogen und jeder
Wechselwirkung mit derselben entwöhnt. Außerdem aber bietet die
besondere =Brutpflege= der Amniontiere ihrem Keime viel günstigere
Bedingungen für zenogenetische Abkürzung der palingenetischen
Entwickelung. Vor allem gehört dahin die vortreffliche Ernährung des
Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vögeln und Monotremen (den
eierlegenden Säugetieren) durch den großen gelben Nahrungsdotter,
welcher dem Ei beigegeben ist, bei den übrigen Säugetieren hingegen
(den lebendig gebärenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das
Blut der Mutter, welches durch die Blutgefäße des Dottersackes und
der Allantois dem Keime zugeführt wird. Bei den höchstentwickelten
=Zottentieren= (~Placentalia~) hat diese zweckmäßige Ernährungsform
durch Ausbildung des Mutterkuchens (~Placenta~) den höchsten Grad
der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo schon vor der
Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet sich
während dieser ganzen Zeit im Zustande des =Keimschlafes=, einem
Ruhezustande, welchen =Preyer= mit Recht dem Winterschlafe der Tiere
verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch
im Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung
durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Käfer usw.). Hier ist der
=Puppenschlaf=, während dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe
und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende
Zustand der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr
entwickeltes Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter
derjenigen Stufe steht, welche später (nach dem Puppenschlaf) das
vollendete, geflügelte und geschlechtsreife Insekt zeigt.

_Postembryonale Psychogenie._ Die Seelentätigkeit des Menschen
durchläuft während seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den
meisten höheren Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die
wichtigsten derselben können wir wohl folgende fünf Hauptabschnitte
unterscheiden: 1. die Seele des Neugeborenen bis zum Erwachen
des Selbstbewußtseins und zum Erlernen der Sprache, 2. die Seele
des Knaben und des Mädchens bis zur Pubertät (zum Erwachen des
Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jünglings und der Jungfrau bis
zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der »Ideale«), 4.
die Seele des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der
vollen Reife und der Familiengründung), 5. die Seele des Greises und
der Greisin (Periode der Rückbildung). Das Seelenleben des Menschen
durchläuft also dieselben Entwickelungsstufen der aufsteigenden
Fortbildung, der vollen Reife und der absteigenden Rückbildung wie jede
andere Lebenstätigkeit des Organismus.



=Neuntes Kapitel.=

_Stammesgeschichte der Seele._

  Monistische Studien über phylogenetische Psychologie. Entwickelung
  des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen.


Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns
überzeugt, daß unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe
tierischer Vorfahren durch allmähliche Umbildung im Laufe vieler
Jahrmillionen langsam und stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun
das Seelenleben des Menschen von seinen übrigen Lebenstätigkeiten nicht
trennen können, vielmehr zu der Überzeugung von der einheitlichen
Entwickelung unseres ganzen Körpers und Geistes gelangt sind, so ergibt
sich auch für die moderne =monistische Psychologie= die Aufgabe,
die historische Entwickelung der Menschenseele aus der Tierseele
stufenweise zu verfolgen. Die Lösung dieser Aufgabe versucht unsere
»Stammesgeschichte der Seele« oder die =Phylogenie der Psyche=.
Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff
genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten
Fachpsychologen bestritten wird, müssen wir für sie dennoch die
allerhöchste Wichtigkeit und das größte Interesse in Anspruch nehmen.
Denn nach unserer festen Überzeugung ist die =phyletische= Psychologie
vor allem berufen, uns das große »Welträtsel« vom Wesen und der
Entstehung unserer Seele zu lösen.

_Methoden der poetischen Psychogenie._ Die Mittel und Wege, welche
zu dem weit entfernten, im Nebel der Zukunft für viele noch kaum
erkennbaren Ziele der =phylogenetischen Psychologie= hinführen sollen,
sind von denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen
nicht verschieden. Vor allem ist auch hier die vergleichende
Anatomie, Physiologie und Ontogenie von höchstem Werte. Aber auch
die Paläontologie liefert uns eine Anzahl von sicheren Stützpunkten;
denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten Überreste der
Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen
Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit
deren phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung
ihrer Seelentätigkeit. Freilich sind wir hier, wie überall bei
phylogenetischen Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen
gezwungen, um die Lücken der empirischen Stammesurkunden auszufüllen;
aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles
Licht auf die wichtigsten Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung,
daß wir eine befriedigende Einsicht in deren allgemeinen Verlauf
gewinnen können.

_Hauptstufen der phyletischen Psychogenie._ Die vergleichende
Psychologie des Menschen und der höheren Tiere läßt uns zunächst in
den höchsten Gruppen der Säugetiere, bei den =Herrentieren=, die
wichtigsten Fortschritte erkennen, durch welche die Menschenseele
aus der Psyche der Menschenaffen hervorgegangen ist. Die Phylogenie
der =Säugetiere= und weiterhin der niederen Wirbeltiere zeigt uns
die lange Reihe der älteren Vorfahren der Primaten, welche innerhalb
dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt haben. Alle diese
Wirbeltiere stimmen überein in der Struktur und Entwickelung ihres
charakteristischen Seelenorgans, des =Markrohrs=. Daß dieses sich aus
einem dorsalen =Scheitelhirn= wirbelloser Vorfahren hervorgebildet
hat, scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder =Vermalien=
zu lehren. Weiter zurückgehend erfahren wir durch die vergleichende
Ontogenie, daß dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des
äußeren Keimblattes, aus dem Ektoderm von =Platodarien= entstanden
ist; bei diesen ältesten Plattentieren, die noch kein gesondertes
Nervensystem besaßen, wirkt die äußere Hautdecke als universales
Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende Keimesgeschichte
überzeugen wir uns endlich, daß diese einfachsten Metazoen durch
Gastrulation aus =Blastäaden= entstanden sind, aus =Hohlkugeln=, deren
Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das =Blastoderm=. Zugleich
lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes
verstehen, wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprünglich
aus einzelligen Urtieren hervorgegangen sind.

~I.~ _Zellseele (Zytopsyche);_ =erste Hauptstufe der phyletischen
Psychogenesis.= Die ältesten Vorfahren des Menschen, wie aller übrigen
Tiere, waren einzellige =Protisten=. Diese Fundamental-Hypothese der
Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der
embryologischen =Tatsache=, daß jeder Mensch, wie jedes andere Tier,
im Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die
»=Stammzelle=«. Wie diese schon von Anfang an »=beseelt=« war, so auch
jene entsprechende =einzellige Stammform=, welche in der ältesten
Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten
vertreten war.

Über die Seelentätigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet
uns die vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten;
sowohl genaue Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier
ein neues Gebiet voll höchst interessanter Erscheinungen eröffnet.
Die beste Darstellung derselben hat 1889 =Max Verworn= gegeben, in
seinen gedankenreichen, auf eigene originelle Versuche gestützten
»=Psychophysiologischen Protistenstudien=«. Auch die wenigen älteren
Beobachtungen über »das Seelenleben der Protisten« sind darin
zusammengestellt. =Verworn= gelangte zu der festen Überzeugung,
daß bei allen Protisten die unbewußten Vorgänge der Empfindung und
Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im Plasma selbst
zusammenfallen, und daß ihre letzten Ursachen in den Eigenschaften der
=Plasmamoleküle= (der Plastidule) zu suchen sind. »Die psychischen
Vorgänge im Protistenreich sind daher die Brücke, welche die chemischen
Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten
Tiere verbindet; sie repräsentieren den Keim der höchsten psychischen
Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.«

Die sorgfältigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von
=Verworn=, im Verein mit denjenigen von =Wilhelm Engelmann=, =Wilhelm
Preyer=, =Richard Hertwig= und anderen neueren Protistenforschern,
liefern die bündigen Beweise für meine monistische »=Theorie der
Zellseele=« (1866). Gestützt auf eigene langjährige Untersuchungen
von verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien,
hatte ich den Satz aufgestellt, daß jede lebendige Zelle psychische
Eigenschaften besitzt, und daß also auch das Seelenleben der
vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts anderes ist als das Resultat
der psychischen Funktionen der ihren Leib zusammensetzenden Zellen.
Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und Spongien) sind =alle=
Zellen des Körpers gleichmäßig (oder mit geringen Unterschieden)
daran beteiligt; in den höheren Gruppen dagegen, entsprechend den
Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben,
die »Seelenzellen«. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser
»=Zellular-Psychologie=« hatte ich teils 1876 in meiner Schrift über
die »Perigenesis der Plastidule« erörtert, teils 1877 in meiner
Münchner Rede »über die heutige Entwickelungslehre im Verhältnis zur
Gesamtwissenschaft«. Eine mehr populäre Darstellung enthalten meine
beiden Wiener Vorträge (1878) »über Ursprung und Entwickelung der
Sinneswerkzeuge« und »über Zellseelen und Seelenzellen«.

Die einfache =Zellseele= zeigt übrigens schon innerhalb des
Protistenreiches eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von
ganz einfachen, primitiven bis zu sehr vollkommenen und hohen
Seelenzuständen. Bei den ältesten und einfachsten Protisten ist
das Vermögen der Empfindung und Bewegung gleichmäßig auf das ganze
Plasma des homogenen Körperchens verteilt; bei den höheren Formen
dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere
»Zellwerkzeuge« oder =Organelle=. Derartige motorische Zellteile sind
die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geißeln und Wimpern
der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der
Zellkern betrachtet, welcher den ältesten und niedersten Protisten
noch fehlt. In physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders
hervorzuheben, daß die ursprünglichsten und ältesten Protisten
=Plasmodomen= waren, mit pflanzlichem Stoffwechsel, also =Protophyten=
oder Urpflanzen; aus ihnen entstanden sekundär, durch Metasitismus, die
ersten =Plasmophagen= mit tierischem Stoffwechsel, also =Protozoen=
oder Urtiere. Dieser =Metasitismus=, die »Umkehrung des Stoffwechsels«,
bedeutete einen wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit
begann die Entwickelung jener charakteristischen Vorzüge der Tierseele,
welche der Pflanzenseele noch fehlen.

~II~. _Zellvereinsseele_ oder Zönobial-Seele (~Coenopsyche~);
=zweite Hauptstufe der phyletischen Psychogenesis.= Die individuelle
Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen
Tieren mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die
=Stammzelle= (~Cytula~) zerfällt dadurch in einen maulbeerähnlichen
Zellhaufen, den Maulbeerkeim (~Morula~). Indem sich im Inneren dieses
soliden Körpers Flüssigkeit ansammelt, verwandelt er sich in ein
kugeliges Bläschen; alle Zellen treten an dessen Oberfläche und ordnen
sich in eine einfache Zellenschicht, die =Keimhaut= (~Blastoderma~).
Die so entstandene =Hohlkugel= ist der bedeutungsvolle Zustand der
=Keimblase= (~Blastula~).

Die =Bewegungen=, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula
beobachten können, sind ohne entsprechende =Empfindungen= nicht zu
denken. Die =Bewegungen= zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren
Bewegungen, welche überall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange
der gewöhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung
der Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die äußeren Bewegungen,
welche in der gesetzmäßigen Lageveränderung der geselligen Zellen
und ihrer Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten.
Wir fassen diese Bewegungen als ererbte auf, weil sie überall in
prinzipiell gleicher Weise von den Ahnen übernommen worden sind. Die
=Empfindungen= können ebenfalls in zwei Gruppen unterschieden werden:
1. die Empfindungen der einzelnen Zellen, welche sich in der Behauptung
ihrer individuellen Selbständigkeit und ihrem Verhalten gegen die
Nachbarzellen äußern (mit denen sie in Berührung und teilweise durch
Plasmabrücken in direkter Verbindung stehen); 2. die einheitliche
Empfindung des ganzen Zellvereins oder =Zönobiums=, welche in der
individuellen Gestaltung der =Blastula= als =Hohlkugel= zutage tritt.

Das kausale Verständnis der =Blastula=bildung liefert uns das
=Biogenetische Grundgesetz=, indem es die unmittelbar zu beobachtenden
Erscheinungen derselben durch die =Vererbung= erklärt und auf
entsprechende historische Vorgänge zurückführt, welche sich
ursprünglich bei der Entstehung der ältesten Protisten-Zönobien, der
=Blastäaden=, vollzogen haben. Die physiologische und psychologische
Einsicht in diese wichtigen Prozesse der ältesten =Zellen-Assozion=
gewinnen wir aber durch Beobachtung und Experiment an den heute noch
lebenden Zönobien. Solche beständige =Zellvereine= der Gegenwart sind
z. B. die bekannten »Kugeltierchen« (~Volvocina~). Ihre schwimmende
Ortsbewegung wird durch schwingende Geißeln vermittelt, die von den
einzelnen Zellen an der Oberfläche der »Flimmerkugel« ausgehen.
In allen diesen Zönobien können wir bereits neben einander zwei
verschiedene Stufen der psychischen Tätigkeit unterscheiden: ~I~. die
=Zellseele= der einzelnen Zellindividuen (als »Elementar-Organismen«)
und ~II~. die =Zönobialseele= des ganzen Zellvereins.

~III~. _Gewebeseele (Histopsyche);_ =dritte Hauptstufe der
phyletischen Psychogenesis.= Bei allen vielzelligen und gewebebildenden
Pflanzen (~Metaphyten~) und ebenso bei den niedersten, nervenlosen
Klassen der =Gewebetiere= (~Metazoen~) haben wir zunächst zwei
verschiedene Formen der Seelentätigkeit zu unterscheiden, nämlich
~A~. die Psyche der einzelnen =Zellen=, welche die Gewebe
zusammensetzen, und ~B~. die Psyche der =Gewebe= selbst oder des
»Zellenstaates«, welcher von diesen gebildet wird. Diese =Gewebeseele=
ist überall die höhere psychologische Funktion, welche den
zusammengesetzten vielzelligen Organismus als einheitliches Lebewesen
oder »=physiologisches Individuum=«, als wirklichen »Zellenstaat«
erscheinen läßt. Sie beherrscht alle die einzelnen »Zellseelen« der
sozialen Zellen, welche als abhängige »Staatsbürger« den einheitlichen
Zellenstaat konstituieren.

~III. A.~ _Die Pflanzenseele (Phytopsyche)_ ist für uns der Inbegriff
der gesamten psychischen Tätigkeit der gewebebildenden, =vielzelligen
Pflanzen= (~Metaphyten~); sie ist Gegenstand der verschiedensten
Beurteilung bis auf den heutigen Tag geblieben. Früher fand man
gewöhnlich einen Hauptunterschied zwischen Pflanzen und Tieren darin,
daß man den letzteren allgemein eine »Seele« zuschrieb, den ersteren
dagegen nicht. Indessen führte unbefangene Vergleichung der Reizbarkeit
und der Bewegungen bei verschiedenen höheren Pflanzen und niederen
Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne Forscher zu
der Überzeugung, daß beide gleichmäßig beseelt sein müßten. Später
traten namentlich =Fechner=, =Leitgeb= u. a., neuerdings besonders
=Francé=, lebhaft für die Annahme einer »=Pflanzenseele=« ein.
Tieferes Verständnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die
=Zellentheorie= (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und
Tieren nachgewiesen, und besonders seitdem durch die =Plasmatheorie=
von =Max Schultze= (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen
Protoplasma in beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende
Physiologie zeigte sodann, daß das physiologische Verhalten gegen
verschiedene Reize (Licht, Elektrizität, Wärme, Schwere, Reibung,
chemische Einflüsse usw.) in den »=empfindlichen=« Körperteilen
vieler Pflanzen und Tiere ganz ähnlich ist, und daß auch die
=Reflexbewegungen=, die jene Reize hervorrufen, ganz ähnlichen Verlauf
haben. Wenn man daher diese Tätigkeiten bei niederen, nervenlosen
Metazoen (Schwämmen, Polypen) einer besonderen »Seele« zuschrieb,
so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen,
besonders bei den sehr »empfindlichen« Sinnpflanzen (~Mimosa~), den
Fliegenfallen (~Dionaea~, ~Drosera~) und den zahlreichen rankenden
Kletter- und Schlingpflanzen.

~III. B.~ _Die Seele nervenloser Metazoen._ Von ganz besonderem
Interesse für die vergleichende Physiologie im allgemeinen und für die
Phylogenie der Tierseele im besonderen ist die Seelentätigkeit jener
=niederen Metazoen=, welche zwar Gewebe und oft bereits differenzierte
Organe besitzen, aber weder Nerven noch spezifische Sinnesorgane. Dahin
gehören vier verschiedene Gruppen von ältesten =Zölenterien= oder
Niedertieren, nämlich: 1. die =Gasträaden=, 2. die =Platodarien=, 3.
die =Spongien= und 4. die =Hydropolypen=, die niedersten Formen der
Nesseltiere.

_Die Gasträaden oder Urdarmtiere_ bilden jene kleine Gruppe von
niedersten Zölenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller
Metazoen von höchster Wichtigkeit ist. Der Körper dieser kleinen,
schwimmenden Tierchen erscheint als ein kleines (meist eiförmiges)
Bläschen, welche eine einfache Höhle mit einer Öffnung enthält
(Urdarm und Urmund). Die Wand der verdauenden Höhle wird aus zwei
einfachen Zellenschichten oder Epithelien gebildet, von denen die
innere (Darmblatt) die Tätigkeiten der Ernährung, und die äußere
(Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt. Die
gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geißeln,
lange Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkürliche Schwimmbewegung
bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gasträaden sind deshalb
so interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen
bleiben, welche die Keime aller übrigen Metazoen (von den Spongien bis
zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen.
Wie ich in meiner =Gasträatheorie= (1872) gezeigt habe, entsteht bei
sämtlichen Gewebetieren zunächst aus der vorher betrachteten =Blastula=
eine höchst charakteristische Keimform, die =Gastrula=. Die Keimhaut
(~Blastoderma~), welche die Wand der Hohlkugel darstellt, bildet
an einer Seite eine grubenförmige Vertiefung, und diese wird bald zu
einer so tiefen Einstülpung, daß der innere Hohlraum der Keimblase
verschwindet. Die eingestülpte (innere) Hälfte der Keimhaut legt sich
an die äußere (nicht eingestülpte) Hälfte innen an; letztere bildet das
=Hautblatt= oder äußere Keimblatt (~Ektoderm~), erstere dagegen das
=Darmblatt= oder innere Keimblatt (~Entoderm~). Der neu entstandene
Hohlraum des becherförmigen Körpers ist die verdauende Magenhöhle,
der =Urdarm=, seine Öffnung der =Urmund=. Das Hautblatt oder Ektoderm
ist bei allen Metazoen das ursprüngliche »=Seelenorgan=«; denn aus
ihm entwickeln sich bei sämtlichen Nerventieren nicht nur die äußere
Hautdecke und die Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den
Gasträaden, welche letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen,
welche die einfache Epithelschicht des Ektoderm zusammensetzen,
gleichmäßig Organe der Empfindung und Bewegung; die Gewebeseele zeigt
sich hier in einfachster Form.

_Die Spongien oder Schwammtiere_ stellen einen selbständigen Stamm
des Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine
eigentümliche Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten
desselben sitzen meistens auf dem Meeresboden angewachsen. Die
einfachste Form der Schwämme, ~Olynthus~, ist eigentlich nichts
weiter als eine ~Gastraea~, deren Körperwand siebförmig von feinen
Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernährenden Wasserstromes.
Bei den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm)
bildet der knollenförmige Körper einen Stock, welcher aus Tausenden
oder Millionen solcher Gasträaden (»Geißelkammern«) zusammengesetzt
und von einem ernährenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und
Bewegung sind bei den Schwammtieren nur in äußerst geringem Grade
entwickelt; Nerven, Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr
natürlich, daß man diese festsitzenden, unförmigen und unempfindlichen
Tiere früher allgemein als »Gewächse« betrachtete. Ihr Seelenleben (für
welches keine besonderen Organe differenziert sind) steht tief unter
demjenigen der Mimosen und anderer empfindlicher Pflanzen.

_Die Seele der Nesseltiere_ (~Cnidaria~) ist für die vergleichende
und phylogenetische Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn
in diesem formenreichen Stamm der Zölenterien vollzieht sich vor
unseren Augen die historische Entstehung der =Nervenseele= aus der
=Gewebeseele=. Es gehören zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen
der festsitzenden Polypen und Korallen, der schwimmenden Medusen
und Siphonophoren. Als gemeinsame hypothetische Stammform aller
Nesseltiere läßt sich mit voller Sicherheit ein einfachster =Polyp=
erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden Süßwasserpolypen
(~Hydra~) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber diese
Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen
noch keine gesonderten Nerven und höheren Sinnesorgane, obgleich
sie sehr empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden =Medusen=,
welche sich aus letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch
Generationswechsel verknüpft sind), besitzen bereits ein selbständiges
Nervensystem und gesonderte Sinnesorgane. Wir können also hier
den historischen Ursprung der =Nervenseele= aus der Gewebeseele
unmittelbar ontogenetisch beobachten und phylogenetisch verstehen
lernen. Sehr interessant ist für die Psychologie auch die Klasse
der =Staatsquallen= (~Siphonophorae~). An diesen prächtigen,
freischwimmenden Tierstöcken, welche von Hydromedusen abstammen, können
wir eine =Doppelseele= beobachten: die Einzelseele (=Personalseele=)
der zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame,
einheitlich tätige Psyche des ganzen Stockes (=Kormalseele=).

~IV~. _Die Nervenseele (Neuropsyche)_; =vierte Hauptstufe= der
=phyletischen Psychogenesis=. Das Seelenleben aller höheren Tiere wird,
ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten
»=Seelenapparat=« vermittelt, und dieser besteht immer aus drei
Hauptbestandteilen: die =Sinnesorgane= bewirken die verschiedenen
Empfindungen, die =Muskeln= dagegen die Bewegungen; die =Nerven=
stellen die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein
besonderes Zentralorgan her: =Gehirn= oder ~Ganglion~ (Nervenknoten).
Die Einrichtung und Tätigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit
einem elektrischen Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven
sind die Leitungsdrähte, das Gehirn die Zentralstation, die Muskeln
und Sensillen die untergeordneten Lokalstationen. Die motorischen
Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder Impulse zentrifugal
von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken durch deren
Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen leiten die
verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren Sinnesorganen
zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen Eindrücken
der Außenwelt. Die Ganglienzellen oder »Seelenzellen«, welche das
nervöse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen
organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr
zwischen den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die höchsten von
allen Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und
Gedanken, an der Spitze von allem das Bewußtsein.

Die großen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie
und Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des
Seelenapparates mit einer Fülle der interessantesten Entdeckungen
bereichert. Wenn die spekulative Philosophie auch nur die wichtigsten
von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen der empirischen Biologie
in sich aufgenommen hätte, müßte sie heute schon eine ganz andere
Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist.

Jeder der höheren Tierstämme besitzt sein eigentümliches Seelenorgan;
in jedem ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt,
Lage und Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten
=Nesseltieren= (~Cnidaria~) zeigen die Medusen einen Nervenring am
Schirmrande, meistens mit vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei
den fünfstrahligen =Sterntieren= (~Echinoderma~) ist der Mund von
einem Nervenring umgeben, von welchem fünf Nervenstämme ausstrahlen.
Die zweiseitig-symmetrischen =Plattentiere= (~Platodes~) und
=Wurmtiere= (~Vermalia~) besitzen ein Scheitelhirn oder Akroganglion,
zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes gelegenen
Ganglien; von diesen »oberen Schlundknoten« gehen zwei seitliche
Nervenstämme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien
und bei den =Weichtieren= (~Mollusca~) treten dazu noch ein paar
ventrale »untere Schlundknoten«, welche sich mit den ersteren durch
einen den Schlund umfassenden Ring verbinden. Dieser »Schlundring«
kehrt auch bei den =Gliedertieren= (~Articulata~) wieder, setzt
sich aber hier auf der Bauchseite des langgestreckten Körpers in ein
»Bauchmark« fort, einen strickleiterförmigen Doppelstrang, welcher in
jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt. Ganz entgegengesetzte
Bildung des Seelenorgans zeigen die =Wirbeltiere= (~Vertebrata~);
hier findet sich allgemein auf der Rückenseite des innerlich
gegliederten Körpers ein Rückenmark entwickelt; aus einer Anschwellung
seines vorderen Teiles entsteht später das charakteristische
blasenförmige Gehirn.

Obgleich nun so die Seelenorgane der höheren Tierstämme in Lage, Form
und Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen,
ist doch die vergleichende Anatomie imstande gewesen, für die meisten
einen gemeinsamen Ursprung nachzuweisen, aus dem =Scheitelhirn= der
=Platoden= und =Vermalien=; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus
der äußersten Zellenschicht des Keimes, aus dem »=Hautsinnesblatt=«
(~Ektoderm~). Ebenso finden wir in allen Formen der nervösen
Zentralorgane dieselbe wesentliche Struktur wieder, die Zusammensetzung
aus Ganglienzellen oder »=Seelenzellen=« (den eigentlichen aktiven
Elementarorganen der =Psyche=) und aus =Nervenfasern=, welche den
Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln.

_Seelenorgan der Wirbeltiere._ Die erste Tatsache, welche uns in der
vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche
der empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre
des Menschen sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres
Zentralnervensystems. Wie dieses zentrale Seelenorgan in jedem der
höheren Tierstämme eine besondere, diesem eigentümliche Lage, Gestalt
und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den Wirbeltieren der
Fall. Überall finden wir hier ein =Rückenmark= vor, einen starken
zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rückens
verläuft, oberhalb der Wirbelsäule (oder der sie vertretenden Chorda).
Überall gehen von diesem Rückenmark zahlreiche Nervenstämme in
regelmäßiger, segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment
oder Wirbelgliede. Überall entsteht dieses »Medullarrohr« im Embryo
auf gleiche Weise: in der Mittellinie der Rückenhaut bildet sich eine
feine Furche oder Rinne; die beiden parallelen Ränder dieser Markrinne
oder =Medullarrinne= erheben sich, krümmen sich gegen einander und
verwachsen in der Mittellinie zu einem Rohre.

Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder
Medullarrohr ist durchaus für die =Wirbeltiere= charakteristisch,
in der früheren Embryonalanlage überall dasselbe und die gemeinsame
Grundlage aller der verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich
später daraus entwickeln. Nur eine einzige Gruppe von wirbellosen
Tieren zeigt eine ähnliche Bildung; das sind die seltsamen
meerbewohnenden =Manteltiere= (~Tunicata~). Sie gleichen den
Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen
(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, daß die ungegliederten
Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer
gemeinsamen älteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind
(~Prochordonia~).

_Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs._ Die lange
Stammesgeschichte unserer »Wirbeltierseele« beginnt mit der Bildung des
einfachsten Medullarrohrs bei den ältesten Schädellosen; sie führt uns
durch einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren langsam und allmählich
bis zu jenem komplizierten Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf,
welcher diese höchst entwickelte Primatenform zu einer Ausnahmestellung
in der Natur zu berechtigen scheint. Da eine klare Vorstellung von
diesem langsamen und stetigen Gange unserer phyletischen Psychogenie
die erste Vorbedingung einer wirklich =naturgemäßen Psychologie= ist,
erscheint es zweckmäßig, jenen gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl
von Stufen oder Hauptabschnitten einzuteilen; in jedem derselben
hat sich gleichmäßig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine
Funktion, die »Psyche«, vervollkommnet. Ich unterscheide acht solche
=Perioden in der Phylogenie des Medullarrohrs= und in der stufenweisen
Vervollkommnung seines vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind
charakterisiert durch acht verschiedene Hauptgruppen der Wirbeltiere;
nämlich ~I~. die Schädellosen (~Acrania~), ~II~. die Rundmäuler
(~Cyclostoma~), ~III~. die Fische (~Pisces~), ~IV~. die Lurche
(~Amphibia~), ~V~. die implacentalen Säugetiere (~Monotrema~ und
~Marsupialia~), ~VI~. die älteren plazentalen Säugetiere, besonders
die Halbaffen (~Prosimiae~), ~VII~. die jüngeren Herrentiere, die
echten Affen (~Simiae~), ~VIII~. die Menschenaffen und der Mensch
(~Anthropomorpha~).

_Seelengeschichte der Säugetiere._ Der wichtigste Folgeschluß,
welcher sich aus dem monophyletischen Ursprung der Säugetiere ergibt,
ist die notwendige Ableitung der =Menschenseele= aus einer langen
Entwickelungsreihe von anderen =Mammalienseelen=. Eine gewaltige
anatomische und physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon
abhängige Seelenleben der höchsten und der niedersten Säugetiere,
und dennoch wird diese tiefe Kluft durch eine lange Reihe von
vermittelnden Zwischenstufen vollständig ausgefüllt. Die allgemeinsten
Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief eingedrungenen
Forschungen sind folgende:

~I~. Das Gehirn der Säugetiere entwickelt sich zwar in gleicher
Weise, wie das der anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander
gelegenen Blasen, die durch zweifache Einschnürung der anfangs
einfachen Hirnblase entstehen; es unterscheidet sich von demjenigen
der übrigen Vertebraten durch gewisse Eigentümlichkeiten, welche
allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor allem die überwiegende
Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Großhirns und Kleinhirns,
während die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurücktritt. ~II~.
Trotzdem schließt sich die Hirnbildung der niedersten und ältesten
Mammalien noch eng an diejenige ihrer paläozoischen Vorfahren an,
der Amphibien in der Steinkohlenperiode. ~III~. Erst während der
Tertiärzeit erfolgt die typische volle Ausbildung des Großhirns, welche
die jüngeren Säugetiere so auffallend vor den älteren auszeichnet.
~IV~. Die besondere (quantitative und qualitative) Ausbildung des
Großhirns, welche den Menschen so hoch erhebt, und welche ihn zu seinen
vorzüglichen psychischen Leistungen befähigt, findet sich außerdem
nur bei einem Teile der höchstentwickelten Säugetiere der jüngeren
Tertiärzeit, vor allen bei den Menschenaffen. ~V~. Die Unterschiede,
welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen
existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen
diesen letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und
den Halbaffen). ~VI~. Demnach muß die historische stufenweise
Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von höheren und
niederen Säugetierseelen als eine fundamentale, durch die vergleichende
Anatomie und Ontogenie wissenschaftlich bewiesene =Tatsache= gelten.



=Zehntes Kapitel.=

_Bewußtsein._

  Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben.
  Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins.


Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar
erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das =Bewußtsein=. Nicht
allein über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über
ihr Verhältnis zum Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der
organischen Welt, über ihre Entstehung und Entwickelung stehen sich
noch heute, wie seit Jahrtausenden, die widersprechendsten Ansichten
gegenüber. Mehr als jede andere psychische Funktion hat das Bewußtsein
zu der irrtümlichen Vorstellung eines »immateriellen Seelenwesens« und
im Anschluß daran zu dem Aberglauben der »persönlichen Unsterblichkeit«
Veranlassung gegeben; viele der schwersten Irrtümer, die unser modernes
Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf zurückzuführen. Ich
habe daher schon früher das Bewußtsein als das »=psychologische
Zentralmysterium=« bezeichnet; es ist die feste Zitadelle aller
mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen Wällen alle
Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon diese
Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine
besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte
aus widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht
minder wie jede andere Seelentätigkeit eine =Naturerscheinung= ist, und
daß es gleich allen anderen Naturerscheinungen dem =Substanzgesetz=
unterworfen ist.

_Begriff des Bewußtseins._ Schon über den elementaren Begriff dieser
Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten
der angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander.
Vielleicht am besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als
=innere Anschauung= und vergleicht diese einer =Spiegelung=. Als
zwei Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive
und subjektive Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein.
Bei weitem der größte Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft,
wie schon =Schopenhauer= hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt,
der »=anderen Dinge=«; dieses =Weltbewußtsein= umfaßt alle möglichen
Erscheinungen der Außenwelt, welche überhaupt unserer Erkenntnis
zugänglich sind. Viel beschränkter ist unser =Selbstbewußtsein=, die
innere Spiegelung unserer eigenen gesamten Seelentätigkeit, aller
Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder Willenstätigkeiten.

_Bewußtsein und Seelenleben._ Viele und angesehene Denker, namentlich
unter den Physiologen (z. B. =Wundt= und =Ziehen=), halten die Begriffe
des Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »=alle
Seelentätigkeit ist bewußte=«; das Gebiet der Psychologie reicht nur
so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert
diese Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise
und gibt Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen.
Wir teilen vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. =Romanes=
und =Fritz Schultze=), daß auch die unbewußten Vorstellungen,
Empfindungen und Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat
ist sogar das Gebiet dieser unbewußten psychischen Aktionen (der
Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter als dasjenige der bewußten.
Beide Gebiete stehen übrigens im engsten Zusammenhang und sind durch
keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann uns eine unbewußte
Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere Aufmerksamkeit darauf
durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso rasch wieder
unserem Bewußtsein völlig entschwinden.

_Bewußtsein des Menschen._ Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des
Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die
außerordentliche Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung
und Deutung. =Subjekt= und =Objekt= fallen hier in eins zusammen; das
erkennende Subjekt spiegelt sich in seinem eigenen inneren Wesen,
welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf das Bewußtsein anderer
Wesen können wir also niemals mit voller objektiver Sicherheit
schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen
mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf =normale
Menschen= erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein
gewisse Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber
schon bei =abnormen= Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen,
stumpfsinnigen und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse
entweder unsicher oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn
wir das Bewußtsein des Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich
stellen. Da ergeben sich alsbald so große tatsächliche Schwierigkeiten,
daß die Ansichten der hervorragendsten Physiologen und Philosophen
himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier nur die wichtigsten
Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen.

~I~. _Anthropistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist dem Menschen
eigentümlich.= Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und
Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch
ihm allein eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf =Descartes=
zurückzuführen (1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und
Mathematiker errichtete eine vollkommene Scheidewand zwischen der
Seelentätigkeit des Menschen und der Tiere. Die Seele des Menschen,
als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach ihm vom Körper, als
ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt. Trotzdem soll
sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem Körper
verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und
ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die =Tiere= dagegen, als nicht
denkende Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine =Automaten=
sein, kunstvoll gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen
und Wollen rein mechanisch zustande kommt und nach physikalischen
Gesetzen verläuft. Für die Psychologie des =Menschen= vertrat demnach
=Descartes= den =Dualismus=, für diejenige der =Tiere= den =Monismus=.
Dieser offenkundige Widerspruch bei einem so klaren und scharfsinnigen
Denker muß höchst auffallend erscheinen; zu Erklärung desselben darf
man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre Überzeugung verschwieg
und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern überließ. Als Zögling
der Jesuiten war =Descartes= schon frühzeitig dazu erzogen, wider
bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete er
auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm
seine skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom
Zweifel am überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen
wegen Skeptizismus und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung,
welche =Descartes= auf die nachfolgende Philosophie ausübte, war
sehr merkwürdig und seiner »doppelten Buchführung« entsprechend.
Die =Materialisten= des 17. und 18. Jahrhunderts beriefen sich
für ihre monistische Psychologie auf die kartesianische Theorie
von der Tierseele und ihrer mechanischen Maschinentätigkeit. Die
=Spiritualisten= umgekehrt behaupteten, daß ihr Dogma von der
Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper durch
die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet
sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der
dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche
Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen
Fortschritte im Gebiete der physiologischen, pathologischen und
vergleichenden Psychologie völlig überwunden.

~II~. _Neurologische Theorie des Bewußtseins:_ es =kommt nur dem
Menschen und jenen höheren Tieren= zu, welche ein zentralisiertes
Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß ein
großer Teil der Tiere -- zum mindesten die höheren Säugetiere --
ebenso eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der
Mensch, beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und
monistischen Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit
in mehreren Gebieten der Biologie haben uns übereinstimmend zu der
Anerkennung dieser bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken
uns bei ihrer Würdigung zunächst auf die höheren =Wirbeltiere=
und vor allem die Säugetiere. Daß die intelligentesten Vertreter
dieser höchst entwickelten Wirbeltiere -- allen voran die Affen und
Hunde -- in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen höchst
ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert.
Ihre Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren
ist dem Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen
brauchen. Aber auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns,
die Bildung von Urteilen und deren Verbindung zu Schlüssen, das
Denken und das Bewußtsein im engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich
entwickelt wie beim Menschen -- nur dem Grade, nicht der Art nach
davon verschieden. Überdies lehrt uns die vergleichende Anatomie und
Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung des Gehirns (sowohl
die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren =Säugetieren=
im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe zeigt uns die
vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser Seelenorgane.
Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen Zustände des
Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren ganz
ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß
sie auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere
durch Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete
Behandlung ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es
nicht möglich, die =Grenze= scharf zu bestimmen, wo auf den niederen
Stufen des Tierlebens das Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird.
Die einen Zoologen setzen dieselbe sehr hoch oben an, die anderen
sehr tief unten. =Darwin=, der die verschiedenen Abstufungen des
Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts bei den höheren Tieren sehr
genau unterscheidet und durch zunehmende Entwickelung erklärt, weist
zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie unmöglich es ist,
die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den niederen
Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß
diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben,
die ein Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer
Differenzierung und Zentralisation besitzen.

~III~. _Animalische Theorie des Bewußtseins:_ =es findet sich
bei allen Tieren und nur bei diesen.= Hiernach würde ein scharfer
Unterschied im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher
wurde schon von vielen alten Autoren angenommen und von =Linné= scharf
formuliert in seinem grundlegenden »~Systema naturae~« (1735);
die beiden großen Reiche der organischen Natur unterscheiden sich
nach ihm dadurch, daß die Tiere Empfindung und Bewußtsein haben,
die Pflanzen nicht. Später hat besonders =Schopenhauer= diesen
Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns schlechthin nur
als Eigenschaft =animaler= Wesen bekannt. Auch nachdem es sich durch
die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft, gesteigert
hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch
immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung
desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen
Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen
lernte: echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein
besitzen, wie die meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied
zwischen beiden Reichen verwischt, als man die einzelligen Lebensformen
derselben genauer untersuchte. Die =Urtiere= und die =Urpflanzen=
zeigen keine psychologischen Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf
ihr fragliches Bewußtsein.

~IV~. _Biologische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist allen Organismen
gemeinsam=, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es
den anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme
wird gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im
Gegensatze zu den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben,
Seele und Bewußtsein, fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere
Modifikation dieser Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen
des organischen Lebens zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das
Bewußtsein nur ein =Teil= der psychischen Tätigkeit ist, wie diese
selbst ein =Teil= der Lebenstätigkeit. Daß die Pflanzen in demselben
Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich =Fechner=
sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein
Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind
ja bei sehr empfindlichen »=Sinnpflanzen=« (~Mimosa~, ~Drosera~,
~Dionaea~) die auffallenden Reizbewegungen der Blätter, bei manchen
anderen (Klee und Sauerklee, besonders aber ~Hedysarum~) die
autonomen Bewegungen, bei »schlafenden Pflanzen« (auch vorzugsweise
~Papilionaceen~) die Schlafbewegungen usw. auffallend ähnlich
denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren Bewußtsein
zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen.

~V~. _Zellulare Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine
Lebenseigenschaft jeder Zelle.= Die Anwendung der Zellentheorie auf
alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der
Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und
Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus«
behandelt und das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen
Tier- und Pflanzenkörpers daraus ableitet, mit demselben Rechte kann
man auch die »=Zellseele=« als das psychologische Element betrachten
und die zusammengesetzte Seelentätigkeit der höheren Organismen als
das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der Zellen, die sie
zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser =Zellular-Psychologie=
schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen und sie später
weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und Seelenzellen«.
Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde ich
durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen
geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten
zeigen ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche
Instinkte und Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den
sehr empfindlichen und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem
Verhalten dieser reizbaren Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in
vielen anderen Lebensäußerungen derselben, z. B. in dem wunderbaren
Gehäusebau der Rhizopoden, (Thalamophoren und Radiolarien) könnte man
deutliche Spuren bewußter Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man
nun die biologische Theorie des Bewußtseins akzeptiert (Nr. ~IV~),
und wenn man jede psychische Funktion mit einem Bewußtseinsanteil
ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen Protistenzelle
Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage desselben wäre
dann entweder das ganze =Plasma= der Zelle, oder deren Kern, oder
ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme,
die ich früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt =Max Verworn=
zustimmen, welcher in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen
Protistenstudien« annimmt, daß wohl sämtlichen Protisten ein
entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß ihre Empfindungen und
Bewegungen durchweg den Charakter des »=Unbewußten=« tragen.

~VI~. _Atomistische Theorie des Bewußtseins:_ =es ist eine
Elementareigenschaft aller Atome.= Unter allen verschiedenen
Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese
aromatische Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der
Schwierigkeit entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei
der Frage nach der ersten Entstehung des =Bewußtseins= empfinden.
Diese Erscheinung trägt ja einen so eigenartigen Charakter, daß
ihre Ableitung aus anderen psychischen Funktionen höchst bedenklich
erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten
dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft
aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der
chemischen Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des
Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes
Atom Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom
Kohlenstoff sein karbonisches Bewußtsein usw.

Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der
Überzeugung, daß das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung
und Zentralisation des Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen
und einem Teile der höheren Wirbeltiere.

_Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins._ Soweit
auch die verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung
des Bewußtseins auseinander gehen, so lassen sich doch alle
schließlich -- bei klarer und konsequenter logischer Behandlung
-- auf zwei entgegengesetzte Grundanschauungen zurückführen, auf
die =transzendente= (übernatürliche, =dualistische=) und die
=physiologische= (natürliche, =monistische=). Ich selbst habe von jeher
diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der =Entwickelungslehre=,
vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer großen Anzahl
hervorragender Naturforscher geteilt.

_Transzendenz des Bewußtseins._ In dem berühmten Vortrag »über
die Grenzen des Naturerkennens«, welchen =E. Du Bois-Reymond=
am 14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig
hielt, stellte derselbe zwei verschiedene »=unbedingte Grenzen=«
unseres Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei
vorgeschrittenster Naturerkenntnis niemals überschreiten werde --
=niemals=, wie das oft zitierte Schlußwort des Vortrags emphatisch
betont: »~Ignorabimus~!« Das eine absolut unlösbare »Welträtsel«
ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das eigentliche
Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses
»=Substanzproblem=« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das
zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem
des =Bewußtseins= bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus
materiellen Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die
(der Materie und Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten
Bedingungen empfindet, begehrt und denkt«.

Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf
ihren Kern untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm
des =methaphysischen Dualismus= finden; die Welt ist »=doppelt=
unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie
und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die
immaterielle Welt des »Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein
nicht aus materiellen Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der
ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß der herrschende Dualismus und
Mystizismus diese Anerkennung der zwei verschiedenen Welten mit
Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des Menschen und die
Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der Spiritualisten
darüber war um so heller und berechtigter, als =E. Du Bois-Reymond=
bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des
wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb
er auch (trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen
sachkundigen, klaren und =konsequent denkenden= Naturforscher der
Gegenwart.

Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben
kurz auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden
»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere
Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese
Vorstellung die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt
unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir
auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere
Reden darüber bleibt müßig.« -- Dieser letzteren Ansicht bin ich von
Anfang an entschieden entgegengetreten und habe mich zu zeigen bemüht,
daß jene beiden großen Fragen nicht zwei verschiedene Welträtsel sind.
»=Das neurologische Problem des Bewußtseins ist nur ein besonderer Fall
von dem allumfassenden kosmologischen Problem, der Substanzfrage.=«
(Monismus, 1892, S. 23.)

_Physiologie des Bewußtseins._ Die eigenartige Naturerscheinung
des Bewußtseins ist nicht, wie =Du Bois-Reymond= und mit ihm die
dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus
transzendentes Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866
behauptet habe, ein =physiologisches Problem=, und als solches auf
die Erscheinungen im Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen.
Ich habe es später noch bestimmter als ein =neurologisches Problem=
bezeichnet, auf der Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges
Bewußtsein nur bei den höheren Tieren mit stark zentralisiertem
Nervensystem zu suchen ist. Mit voller Sicherheit läßt sich das für
die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für die plazentalen
Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst entsprossen
ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde, Elephanten
usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art nach
verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser
»vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas,
Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede
zwischen diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen
(=Spinoza=, =Goethe=, =Lamarck=, =Darwin= usw.). Das Bewußtsein ist
mithin nur =ein Teil der höheren Seelentätigkeit=, und als solche
abhängig von der normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des
=Gehirns=.

Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren
den sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des
Säugetiergehirns, den man in diesem Sinne als =Organ= des Bewußtseins
bezeichnet, ein Teil des =Großhirns= ist, und zwar der spät
entstandene »graue Mantel« oder die »Großhirnrinde«. Aber auch die
=morphologische= Begründung dieser physiologischen Erkenntnis ist den
bewunderungswürdigen Fortschritten der =mikroskopischen Gehirnanatomie=
gelungen, welche wir den vervollkommneten Forschungsmethoden der
neuesten Zeit verdanken.

Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung
der =Denkorgane= durch =Paul Flechsig= in Leipzig; er wies 1894
nach, daß in der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete
der zentralen Sinnesorgane oder vier »innere Empfindungssphären«
liegen, die Körperfühlsphäre im Scheitellappen, die Riechsphäre im
Stirnlappen, die Sehsphäre im Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im
Schläfenlappen. Zwischen diesen vier »=Sinnesherden=« liegen die vier
großen »=Denkherde=« oder Assozionszentren, die realen =Organe des
Geisteslebens=; sie sind jene höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit,
welche das =Denken= und das =Bewußtsein= vermitteln: vorn das Stirnhirn
oder das frontale Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn
oder parietale Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder
das »große occipito-temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von
allen!) und endlich tief unten, im Innern versteckt, das Inselhirn
oder »die Reilsche Insel«, das insulare Assozionszentrum. Diese vier
Denkherde, durch eigentümliche und höchst verwickelte Nervenstruktur
vor den zwischenliegenden Sinnesherden ausgezeichnet, sind die wahren
»=Denkorgane=«, die einzigen Organe unseres Bewußtseins. In neuester
Zeit hat =Flechsig= nachgewiesen, daß in einem Teile derselben sich
beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen finden, welche
den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit des
menschlichen Bewußtseins erklären.

_Pathologie des Bewußtseins._ Die bedeutungsvolle Erkenntnis der
modernen Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren
Säugetieren das Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird
einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner
=Erkrankungen=. Wenn die betreffenden Teile der Großhirnrinde durch
Krankheit zerstört werden, erlischt ihre Funktion, und zwar läßt sich
hier die =Lokalisation= der Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen;
wenn einzelne Stellen jenes Gebietes erkranken, verschwindet auch der
Teil des Denkens und des Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle
gebunden ist. Dasselbe Ergebnis liefert das pathologische Experiment;
Zerstörung einer solchen bekannten Stelle (z. B. im Sprachzentrum)
vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens genügt ja der
Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im Gebiete des
Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den =chemischen=
Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele Genußmittel
(Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier) stimmen
unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »~Excitantia~« beleben
das erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe
usw. Wie wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles
Wesen, unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und
worin besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht
mehr jene Organe besitzt.

Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein
beim Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren)
=veränderlich= ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden
kann durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere
Ursachen (Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind
auch die merkwürdigen Zustände des alternierenden oder =doppelten
Bewußtseins=; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter
veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute
nicht mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin
ich; -- heute muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen
des Bewußtseins können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre
dauern; sie können selbst bleibend werden.

_Ontogenie des Bewußtseins._ Wie jedermann weiß, ist das neugeborene
Kind noch ganz ohne Bewußtsein, und wie =Preyer= gezeigt hat,
entwickelt sich dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen
angefangen hat; es spricht von sich lange Zeit in der dritten Person.
Erst in dem bedeutungsvollen Momente, in welchem es zum ersten Male
»Ich« sagt, in welchem das »=Ichgefühl=« klar wird, beginnt sein
Selbstbewußtsein zu keimen und damit auch der Gegensatz zur Außenwelt.
Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte der Erkenntnis, welche
das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten
zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten Dezennium
bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit unzähligen
Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des =Bewußtseins=
und mit derjenigen seines Organs, des =Gehirns=. Aber auch, wenn der
Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein
Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in
vielseitiger Berührung mit der Außenwelt, das »=Weltbewußtsein=«
sich zu entwickeln. Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle
Ausbildung des vernünftigen Denkens und damit des Bewußtseins, welche
dann bei normaler Entwickelung in den folgenden drei Jahrzehnten ihre
reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn des siebenten Dezennium
(bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame und allmähliche
Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das Greisenalter
charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an
speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die
Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische
Interesse an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die
individuelle Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist
die allgemeine Geltung des =Biogenetischen Grundgesetzes=; aber auch
in späteren Jahren ist dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls
überzeugt uns die Ontogenese des Bewußtseins aufs klarste von der
Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles Wesen«, sondern eine
physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also auch keine
Ausnahme vom Substanzgesetze bildet.

_Phylogenie des Bewußtseins._ Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich
allen anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter
Organe gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit
diesen Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein
schließen, daß es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise
historisch entwickelt hat. So sicher wir aber auch eine solche
natürliche =Stammesgeschichte des Bewußtseins= im Prinzip behaupten
müssen, so wenig sind wir doch leider imstande, tiefer in dieselbe
einzudringen und spezielle Hypothesen darüber aufzustellen. Indessen
liefert uns die Paläontologie doch einige interessante Anhaltspunkte,
die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die bedeutende,
quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der plazentalen
Säugetiere innerhalb der =Tertiärzeit=. An vielen fossilen Schädeln
derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns
sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des
davon umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und
derselben Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere)
ein gewaltiger Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu
den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei
den letzteren ist das Gehirn (im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so
groß als bei den ersteren.

Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der
=Kulturmensch= erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise --
eben durch den Fortschritt der Kultur selbst -- aus niederen Zuständen
entwickelt, wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern
antreffen. Das zeigt uns schon die Vergleichung ihrer =Sprachen=,
welche mit derjenigen der =Begriffe= eng verknüpft ist. Je höher sich
beim denkenden Kulturmenschen die Begriffsbildung entwickelt, je
mehr er fähig wird, aus zahlreichen verschiedenen Einzelheiten die
gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und unter allgemeine Begriffe zu
bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein Bewußtsein.



=Elftes Kapitel.=

_Unsterblichkeit der Seele._

  Monistische Studien über Fanatismus und Athanismus. Kosmische und
  persönliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz.


Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der großen
Frage ihrer »Unsterblichkeit« wenden, betreten wir jenes höchste Gebiet
des Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle
aller mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn
bei dieser Kardinalfrage knüpft sich an die rein philosophischen
Vorstellungen mehr als bei jedem anderen Problem das egoistische
Interesse der menschlichen Person, welche um jeden Preis ihre
individuelle Fortdauer über den Tod hinaus garantiert haben will.
Dieses »höhere Gemütsbedürfnis« ist so mächtig, daß es alle logischen
Schlüsse der kritischen Vernunft über den Haufen wirft. Bewußt oder
unbewußt werden bei den meisten Menschen alle übrigen allgemeinen
Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der
persönlichen Unsterblichkeit beeinflußt, und an diesen theoretischen
Irrtum knüpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender
Wirkung. Es wird daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses
wichtigen Dogmas kritisch zu prüfen und seine Unhaltbarkeit gegenüber
den empirischen Erkenntnissen der modernen Biologie nachzuweisen.

_Athanismus und Thanatismus._ Um einen kurzen und bequemen Ausdruck
für die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen über die
Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die
»persönliche Unsterblichkeit des Menschen« als =Athanismus=. Dagegen
nennen wir =Thanatismus= die Überzeugung, daß mit dem Tode des
Menschen nicht nur alle übrigen physiologischen Lebenstätigkeiten
erlöschen, sondern auch die »=Seele=« verschwindet, d. h. jene Summe
von Gehirnfunktionen, welche der psychische Dualismus als ein eigenes
»Wesen«, unabhängig von den übrigen Lebensäußerungen des lebendigen
Körpers, betrachtet.

Indem wir hier das physiologische Problem des =Todes= berühren,
betonen wir nochmals den =individuellen= Charakter dieser organischen
Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschließlich das definitive
Aufhören der Lebenstätigkeit des organischen =Individuums=, gleichviel
welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualität das
betreffende Einzelwesen angehört. Der Mensch ist tot, wenn seine Person
stirbt, gleichviel, ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen
hat, oder ob er Kinder erzeugt hat, deren Nachkommen sich durch viele
Generationen fruchtbar fortpflanzen. Man sagt ja in gewissem Sinne,
daß der »Geist« großer Männer (z. B. in einer Dynastie hervorragender
Herrscher, in einer Familie talentvoller Künstler) durch Generationen
fortlebt; und ebenso sagt man, daß die »Seele« ausgezeichneter Frauen
oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhält. Allein in diesen
Fällen handelt es sich stets um verwickelte Vorgänge der =Vererbung=,
bei welchen eine abgelöste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des
Vaters, die Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz
auf die Nachkommen überträgt. Die einzelnen =Personen=, welche jene
Geschlechtszellen zu Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich,
und mit ihrem Tode erlischt ihre individuelle Seelentätigkeit ebenso
wie jede andere physiologische Funktion.

_Kosmische und persönliche Unsterblichkeit._ Wenn man den Begriff der
Unsterblichkeit ganz allgemein auffaßt und auf die Gesamtheit der
erkennbaren Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung;
er erscheint dann der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar,
sondern selbstverständlich. Denn die These von der Unzerstörbarkeit
und ewigen Dauer alles Seienden fällt dann zusammen mit unserem
höchsten Naturgesetze, dem =Substanzgesetz= (12. Kapitel). Wir werden
diese kosmische Unsterblichkeit später, bei Begründung der Lehre von
der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausführlich erörtern; jetzt
wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes »Unsterblichkeitsglaubens«,
der gewöhnlich allein unter diesem Begriffe verstanden wird, der
Immortalität der =persönlichen Seele=. Wir untersuchen zunächst
die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und dualistischen
Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung ihres
Gegenteils, des =monistischen=, empirisch begründeten =Thanatismus=.
Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene Erscheinungen
desselben den =primären= und den =sekundären= Thanatismus; bei ersterem
ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein ursprünglicher (bei
primitiven Naturvölkern); der sekundäre Thanatismus dagegen ist das
späte Erzeugnis vernunftgemäßer Naturerkenntnis bei hoch entwickelten
Kulturvölkern.

_Primärer Thanatismus (Ursprünglicher Mangel der
Unsterblichkeitsidee)._ In vielen philosophischen und besonders
theologischen Schriften lesen wir noch heute die Behauptung, daß der
Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen
Menschen ursprünglich gemeinsam sei. Das ist falsch. Dieses Dogma ist
weder eine ursprüngliche Vorstellung der menschlichen Vernunft, noch
hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung ist
vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende
Ethnologie festgestellte Tatsache, daß mehrere Naturvölker der ältesten
und primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von
einem Gotte irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den
Weddas auf Ceylon, jenen primitiven Pygmäen, die wir auf Grund der
ausgezeichneten Forschungen der Herren =Sarasin= für einen Überrest der
ältesten indischen »Urmenschen« halten; ferner von mehreren ältesten
Stämmen der nächstverwandten Dravidas, von den indischen Seelongs
und einigen Stämmen der Australneger. Ebenso kennen mehrere der
primitivsten Urvölker der amerikanischen Rasse, im inneren Brasilien,
am oberen Amazonenstrom usw., weder Götter noch Unsterblichkeit.

_Sekundärer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee)._
Im Gegensatze zu dem primären Thanatismus, der sicher bei den ältesten
Urmenschen ursprünglich bestand und noch heute besteht, ist der
sekundäre Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spät entstanden; er
ist erst die reife Frucht eingehenden Nachdenkens über »Leben und Tod«,
also ein Produkt echter und unabhängiger philosophischer Reflexion.
Als solcher tritt er uns schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei
einem Teile der ionischen Naturphilosophen entgegen, später bei den
Gründern der alten materialistischen Philosophie, bei =Demokritos= und
=Empedokles=, aber auch bei =Simonides= und =Epikur=, bei =Seneca=
und =Plinius=, am meisten durchgebildet bei =Lucretius Carus=. Als
dann nach dem Untergange des klassischen Altertums das Christentum
sich ausbreitete, gewann mit ihm der Athanismus, als einer seiner
wichtigsten Glaubensartikel, die höchste Bedeutung.

Während der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters
wagte begreiflicherweise nur selten ein kühner Freidenker, seine
abweichende Überzeugung zu äußern; die Beispiele von =Galilei=, von
=Giordano Bruno= und anderen unabhängigen Philosophen, welche von den
»Nachfolgern Christi« der Tortur und dem Scheiterhaufen überliefert
wurden, schreckten genügend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde
erst wieder möglich, nachdem die Reformation und die Renaissance
die Allmacht des Papismus gebrochen hatten. Die Geschichte der
neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege, auf denen die
gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der Unsterblichkeit
zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge Verknüpfung
mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen
Kreisen solche Macht, daß selbst die meisten überzeugten Freidenker
ihre Meinung still für sich behielten. Nur selten wagten einzelne
hervorragende Männer, ihre Überzeugung von der Unmöglichkeit der
Seelenfortdauer nach dem Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies
in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von
=Voltaire=, =Danton=, =Mirabeau= u. a., ferner von den Hauptvertretern
des damaligen Materialismus, =Holbach=, =Lamettrie= u. a. Dieselbe
Überzeugung vertrat auch der geistreiche Freund der letzteren, der
größte der Hohenzollernfürsten, der »Philosoph von Sanssouci«.
Was würde =Friedrich der Große=, dieser =gekrönte Thanatist und
Atheist=, sagen, wenn er heute seine monistischen Überzeugungen mit
den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner Nachfolger
vergleichen könnte!

Unter den =denkenden Ärzten= ist die Überzeugung, daß mit dem Tode
des Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhöre, wohl seit
Jahrhunderten sehr verbreitet gewesen; aber auch sie hüteten sich
meistens wohl, dieselbe auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im
18. Jahrhundert die empirische Kenntnis des Gehirns so unvollkommen,
daß die »Seele« als ein rätselhafter Bewohner desselben ihre freie
Existenz fortfristen konnte. Endgültig beseitigt wurde sie erst
durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Die Begründung der Deszendenztheorie und der
Zellentheorie, die überraschenden Entdeckungen der Ontogenie und
der Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswürdigen
Fortschritte der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus
allmählich jeden Boden, so daß jetzt nur selten ein sachkundiger und
ehrlicher Biologe noch für die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die
monistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts (=Strauß=, =Feuerbach=,
=Büchner=, =Rau=, =Spencer= usw.) sind sämtlich =Thanatisten=.

_Athanismus und Religion._ Die weiteste Verbreitung und die höchste
Bedeutung hat das Dogma der persönlichen Unsterblichkeit erst durch
seine innige Verbindung mit den Glaubenslehren des =Christentums=
gefunden; und diese hat auch zu der irrtümlichen, heute noch sehr
verbreiteten Ansicht geführt, daß jenes Dogma überhaupt einen
wesentlichen Grundbestandteil jeder geläuterten =Religion= bilde. Das
ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die Unsterblichkeit der
Seele fehlt vollständig den meisten höher entwickelten orientalischen
Religionen; er fehlt dem =Buddhismus=, der noch heute über 30 Prozent
der gesamten menschlichen Bevölkerung der Erde beherrscht; er fehlt
ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten,
später an deren Stelle getretenen Religion des =Confucius=; und,
was das Wichtigste ist, er fehlt der älteren und reineren jüdischen
Religion; weder in den fünf Büchern =Moses=' noch in jenen älteren
Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem babylonischen Exil
geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen Fortdauer nach
dem Tode zu finden.

_Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens._ Die mystische Vorstellung,
daß die Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich
weiterlebe, fehlte dem ältesten, schon mit Sprache begabten
=Urmenschen= gewiß ebenso wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen,
wenig entwickelten Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs
von Indien und anderen primitiven Naturvölkern. Erst bei zunehmender
Vernunft, bei eingehenderem Nachdenken über Leben und Tod, über Schlaf
und Traum, entwickelten sich bei verschiedenen älteren Menschenrassen
-- unabhängig voneinander -- mystische Vorstellungen über die
dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr verschiedene
Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben: Ahnenkultus,
Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der Lebensverlängerung, Hoffnung
auf bessere Lebensverhältnisse im Jenseits, Hoffnung auf Belohnung
der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw. Die vergleichende
Physiologie hat uns neuerdings eine große Anzahl von sehr verschiedenen
derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; großenteils hängen
sie eng zusammen mit den ältesten Formen des Gottesglaubens und
der Religion überhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der
=Athanismus= eng verknüpft mit dem =Theismus=. Die Vorstellung, welche
sich die meisten Gläubigen von ihrer »persönlichen unsterblichen Seele«
bilden, ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem
»persönlichen lieben Gott«.

_Christlicher Unsterblichkeitsglaube._ Wie allgemein bekannt, hat
das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen
Religion schon lange diejenige feste Form angenommen, welche sich in
dem Glaubensartikel ausspricht: »Ich glaube an die Auferstehung des
Fleisches und ein ewiges Leben.« Wie am Osterfest Christus selbst
von den Toten auferstanden ist und nun in Ewigkeit als »Gottes
Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes«, gedacht wird, versinnlichen
uns unzählige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird auch der
Mensch »am jüngsten Tage auferstehen« und seinen Lohn für die Führung
seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche
Vorstellungskreis ist durch und durch =materialistisch= und
anthropistisch; er erhebt sich nicht viel über die entsprechenden rohen
Vorstellungen vieler niederer Naturvölker. Daß die »Auferstehung des
Fleisches« unmöglich ist, weiß eigentlich jeder, der einige Kenntnisse
in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung
Christi, welche von Millionen gläubiger Christen an jedem Osterfeste
gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die »Auferweckung von
den Toten«, welche er mehrfach ausgeführt haben soll. Für die reine
Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar wie
die damit verknüpfte Hypothese eines »ewigen Lebens«.

_Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube._ Gegenüber dem
materialistischen Athanismus, welcher in der christlichen und
mohammedanischen Kirche herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere
und höhere Glaubensform der =metaphysische Athanismus=, wie ihn die
meisten dualistischen und spiritualistischen Philosophen lehren. Als
der bedeutendste Begründer desselben ist Plato zu betrachten; er lehrte
schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen vollkommenen Dualismus
zwischen Leib und Seele, welcher dann in der christlichen Glaubenslehre
zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch wirkungsvollsten
Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die Seele
ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur während des
individuellen Lebens vorübergehend verbunden. Da =Plato= ein ewiges
Leben der selbständigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen
Verbindung annimmt, ist er auch Anhänger der »=Seelenwanderung=«; die
Seelen existierten als solche, als »ewige Ideen«, schon bevor sie in
den menschlichen Körper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen,
suchen sie sich als Wohnort einen anderen Körper aus, der ihrer
Beschaffenheit am meisten angemessen ist; die Seelen von grausamen
Tyrannen schlüpfen in den Körper von Wölfen und Geiern, diejenigen von
tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und Ameisen usw. Die
kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen Seelenlehre
liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie völlig
unvereinbar mit unseren festgegründeten physiologischen Erkenntnissen.
Wir erwähnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurdität den größten
kulturhistorischen Einfluß erlangten. Denn einerseits knüpfte an die
platonische Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das
Christentum Eingang gewann; andererseits wurde sie später zu einem
Hauptpfeiler der spiritualistischen und idealistischen Philosophie.
Die platonische »=Idee=« verwandelte sich später in den Begriff der
=Seelensubstanz=, die allerdings ebenso unfaßbar und metaphysisch ist,
aber doch oft einen physikalischen Anschein gewann.

_Seelensubstanz._ Die Auffassung der Seele als »=Substanz=« ist bei
vielen Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem
und idealistischem Sinne als ein »immaterielles Wesen« von ganz
eigentümlicher Art betrachtet, bald in konkretem und realistischem
Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an
dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir ihn (im 12. Kapitel)
als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung entwickeln,
so ist in demselben =Energie= und =Materie= untrennbar verbunden.
Dann müssen wir an der »Seelensubstanz« die eigentliche, uns allein
bekannte =psychische Energie= unterscheiden (Empfinden, Vorstellen,
Wollen) und die =psychische Materie=, durch welche allein dieselbe zur
Wirkung gelangen kann, also das lebendige =Plasma=. Bei den höheren
Tieren bildet dann der »Seelenstoff« einen Teil des Nervensystems, bei
den niederen, nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres
vielzelligen Plasmakörpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil
ihres plasmatischen Zellenkörpers. Somit kommen wir wieder auf die
=Seelenorgane= und gelangen zu der naturgemäßen Erkenntnis, daß diese
materiellen Organe für die Seelentätigkeit unentbehrlich sind; die
Seele selbst aber ist =aktuell=, ist die Summe ihrer physiologischen
Funktionen.

Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz
bei vielen dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche
»Seele« soll dann zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und
ganz verschieden von dem sichtbaren Körper, in welchem sie wohnt.
Die =Unsichtbarkeit= der Seele wird dabei als ein sehr wesentliches
Attribut derselben betrachtet. Einige vergleichen dabei die Seele
mit dem Äther und betrachten sie gleich diesem als einen äußerst
feinen und leichten, höchst beweglichen Stoff oder ein imponderables
Agens, welches überall zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen
Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit dem
wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasförmigen Zustand zu;
und dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den
Naturvölkern zu der später so allgemein gewordenen dualistischen
Auffassung führte. Wenn der Mensch starb, blieb der Körper als Leiche
zurück; die unsterbliche Seele aber »entfloh aus ihm mit dem letzten
Atemzuge«.

_Ätherseele._ Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem
physikalischen Äther als qualitativ ähnlichem Gebilde hat in
neuerer Zeit eine konkretere Gestalt gewonnen durch die großartigen
Fortschritte der Optik und der Elektrizität (besonders in den letzten
Dezennien). Diese haben uns mit der Energie des Äthers bekannt gemacht
und damit zugleich gewisse Schlüsse auf die materielle Natur dieses
raumerfüllenden Wesens gestattet. Da ich diese wichtigen Verhältnisse
später (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur kurz darauf
hinweisen, daß dadurch die Annahme einer =Ätherseele= vollkommen
unhaltbar geworden ist. Eine solche »=ätherische Seele=«, d. h. eine
Seelensubstanz, welche dem physikalischen Äther ähnlich ist und
gleich ihm zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder
den Gehirnmolekeln schwebt, kann unmöglich individuelles Seelenleben
hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darüber um
die Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die
Versuche des modernen =Neovitalismus=, die mystische »Lebenskraft« mit
dem physikalischen Äther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der
Widerlegung bedürftig.

_Luftseele._ Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in
hohem Ansehen steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine
=gasförmige= Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung
des menschlichen Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden
ursprünglich für identisch gehalten und mit demselben Namen belegt.
=Anemos= und =Psyche= der Griechen, =Anima= und =Spiritus= der
Römer sind ursprünglich Bezeichnungen für den Lufthauch des Windes;
sie wurden von diesem auf den Atemhauch des Menschen übertragen.
Später wurde dann dieser »lebendige Odem« mit der »Lebenskraft«
identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele selbst angesehen
oder in engerem Sinne als deren höchste Äußerung, der »Geist«. Davon
leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische Vorstellung
der individuellen Geister ab, der »=Gespenster=« (»~Spirits~«);
auch diese werden ja heute noch meistens als »luftförmige Wesen« --
aber begabt mit den physiologischen Funktionen des Organismus! --
vorgestellt; in manchen berühmten Spiritistenkreisen werden dieselben
freilich trotzdem photographiert!

_Flüssige und feste Seele._ Der Experimentalphysik ist es in den
letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasförmigen
Körper in den tropfbar-flüssigen -- und die meisten auch in den
festen -- Aggregatzustand überzuführen. Es bedarf dazu weiter nichts
als geeigneter Apparate, welche unter sehr hohem Druck und bei sehr
niedriger Temperatur die Gase sehr stark komprimieren. Nicht allein die
luftförmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, sondern
auch zusammengesetzte Gase (Kohlensäure) und Gasgemenge (atmosphärische
Luft) sind so aus dem luftförmigen in den flüssigen Zustand versetzt
worden. Dadurch sind aber jene =unsichtbaren= Körper für jedermann
=sichtbar= und in gewissem Sinne »handgreiflich« geworden. Mit dieser
Änderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus verschwunden, welcher
früher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung verschleierte,
als unsichtbare Körper, die doch sichtbare Wirkungen ausüben. Wenn nun
die Seelensubstanz wirklich, wie viele »Gebildete« noch heute glauben,
gasförmig wäre, so müßte man auch imstande sein, sie durch Anwendung
von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flüssigen Zustand
überzuführen. Man könnte dann die Seele, welche im Momente des Todes
»ausgehaucht« wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer
Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als »=unsterbliche
Flüssigkeit=« aufbewahren (~Fluidum animae immortale~). Durch weitere
Abkühlung und Kondensation müßte es dann auch gelingen, die flüssige
Seele in den festen Zustand überzuführen (»Seelenschnee«). Bis jetzt
ist das Experiment noch nicht gelungen.

_Unsterblichkeit der Tierseele._ Wenn der Athanismus wahr wäre,
wenn wirklich die »Seele« des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte,
so müßte man ganz dasselbe auch für die Seele der höheren Tiere
behaupten, mindestens für diejenige der ihm am nächsten stehenden
Säugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn der Mensch zeichnet sich vor
diesen letzteren nicht durch eine besondere neue =Art= oder eine
eigentümliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus, sondern
lediglich durch einen höheren =Grad= der psychischen Tätigkeit, durch
eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen
Menschen das =Bewußtsein= höher entwickelt als bei den meisten Tieren,
die Fähigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft.
Indessen ist dieser Unterschied bei weitem nicht so groß, als man
gewöhnlich annimmt; und er ist in jeder Beziehung viel geringer als der
entsprechende Unterschied zwischen den höheren und niederen Tierseelen
oder selbst als der Unterschied zwischen den höchsten und tiefsten
Stufen der Menschenseele. Wenn man also der letzteren »persönliche
Unsterblichkeit« zuschreibt, so muß man sie auch den höheren Tieren
zugestehen. Diese Überzeugung von der individuellen Unsterblichkeit der
Tiere ist denn auch ganz naturgemäß bei vielen Völkern alter und neuer
Zeit zu finden.

_Beweise für den Athanismus._ Die Gründe, welche man seit zweitausend
Jahren für die Unsterblichkeit der Seele anführt, und welche auch
heute noch dafür geltend gemacht werden, entspringen zum größten Teile
nicht dem Streben nach Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem
sogenannten »Bedürfnis des Gemütes«, d. h. dem Phantasieleben und der
Dichtung. Um mit =Kant= zu reden, ist die Unsterblichkeit der Seele
ein unbegründetes Dogma für die =reine= Vernunft, ein bloßes »Postulat
für die =praktische= Vernunft«. Diese letztere und die mit ihr
zusammenhängenden »Bedürfnisse des Gemütes, der moralischen Erziehung
usw.« müssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn wir ehrlich und
unbefangen zur reinen Erkenntnis der =Wahrheit= gelangen wollen; denn
diese ist einzig und allein durch empirisch begründete und logisch
klare Schlüsse der reinen Vernunft möglich. Es gilt also hier vom
=Athanismus= dasselbe, wie vom =Theismus=; beide sind nur Gegenstände
der mystischen Dichtung, des transzendenten »Glaubens«, nicht der
vernünftig schließenden Wissenschaft.

Wollten wir alle die einzelnen Gründe analysieren, welche für den
Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so würde sich
ergeben, daß nicht ein einziger derselben wirklich =wissenschaftlich=
ist; kein einziger verträgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche
wir durch die physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie
in den letzten Dezennien gewonnen haben. Der =theologische= Beweis,
daß ein persönlicher Schöpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele
eingehaucht habe, ist reiner Mythus. Der =kosmologische= Beweis, daß
die »sittliche Weltordnung« die ewige Fortdauer der menschlichen Seele
erfordere, ist unbegründetes Dogma. Der =teleologische= Beweis, daß
die »höhere Bestimmung« des Menschen eine volle Ausbildung seiner
mangelhaften irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem
falschen Anthropismus. Der =moralische= Beweis, daß die Mängel und die
unbefriedigten Wünsche des irdischen Daseins durch eine »ausgleichende
Gerechtigkeit« im Jenseits befriedigt werden müssen, ist ein frommer
Wunsch, weiter nichts. Der =ethnologische= Beweis, daß der Glaube an
die Unsterblichkeit ebenso wie an Gott eine angeborene, allen Menschen
gemeinsame Wahrheit sei, ist tatsächlicher Irrtum. Der =ontologische=
Beweis, daß die Seele als ein »einfaches, immaterielles und unteilbares
Wesen« unmöglich mit dem Tode verschwinden könne, beruht auf einer
ganz falschen Auffassung der psychischen Erscheinungen; sie ist ein
spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere ähnliche »Beweise
für den Athanismus« sind hinfällig geworden; sie sind durch die
wissenschaftliche Kritik jetzt =definitiv widerlegt=.

_Beweise gegen den Athanismus._ Gegenüber den angeführten, sämtlich
unhaltbaren Gründen =für= die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der
hohen Bedeutung dieser Frage wohl zweckmäßig, die wohlbegründeten,
wissenschaftlichen Beweise =gegen= dieselbe hier kurz zusammenzufassen.
Der =physiologische= Beweis lehrt uns, daß die menschliche Seele
ebenso wie die der höheren Tiere kein selbständiges, immaterielles
Wesen ist, sondern der Kollektivbegriff für eine Summe von
Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie alle anderen Lebenstätigkeiten
durch physikalische und chemische Prozesse bedingt, also auch dem
Substanzgesetz unterworfen. Der =histologische= Beweis gründet sich
auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des Gehirns und lehrt
uns in den Ganglienzellen desselben die wahren »Elementarorgane
der Seele« kennen. Der =experimentelle= Beweis überzeugt uns, daß
die einzelnen Seelentätigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns
gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmöglich sind; werden
diese Bezirke zerstört, so erlischt damit auch deren Funktion;
insbesondere gilt dies von den »Denkorganen«, den einzigen zentralen
Werkzeugen des »Geisteslebens«. Der =pathologische= Beweis ergänzt
den physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum,
Sehsphäre, Hörsphäre) durch Krankheit zerstört werden, so verschwindet
auch deren Arbeit (Sprechen, Sehen, Hören); die Natur selbst führt hier
das entscheidende physiologische Experiment aus. Der =ontogenetische=
Beweis führt uns unmittelbar die Tatsachen der individuellen
Entwickelung der Seele vor Augen; wir sehen, wie die Kindesseele ihre
einzelnen Fähigkeiten nach und nach entwickelt; der Jüngling bildet
sich zur vollen Blüte, der Mann zur reifen Frucht aus; im Greisenalter
findet allmähliche Rückbildung der Seele statt, entsprechend der
senilen Degeneration des Gehirns. Der =phylogenetische= Beweis
stützt sich auf die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und
Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergänzung begründen
diese Wissenschaften die Gewißheit, daß das Gehirn des Menschen (und
also auch dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmählich
aus demjenigen der Säugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere
entwickelt hat.

_Athanistische Illusionen._ Die vorhergehenden Untersuchungen, die
durch viele andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergänzt werden
könnten, haben das alte Dogma von der »Unsterblichkeit der Seele«
als völlig unhaltbar nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert
nicht mehr Gegenstand ernster wissenschaftlicher Forschung, sondern
nur noch des transzendenten =Glaubens= sein. Die »Kritik der reinen
Vernunft« weist aber nach, daß dieser hochgeschätzte Glaube, bei
Licht betrachtet, der reine =Aberglaube= ist, ebenso wie der oft
damit verknüpfte Glaube an den »persönlichen Gott«. Nun halten aber
noch heute Millionen von »Gläubigen« -- nicht nur aus den niederen,
ungebildeten Volksmassen, sondern aus den höheren und höchsten
Bildungskreisen -- diesen Aberglauben für ihr teuerstes Besitztum,
für ihren »kostbarsten Schatz«. Es wird daher nötig sein, in den
damit verknüpften Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen
und seinen wirklichen Wert einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
Da ergibt sich denn für den objektiven Kritiker die Einsicht, daß
jener Wert zum größten Teile auf Einbildung beruht, auf Mangel an
klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive Verzicht
auf diese »=athanistischen Illusionen=« würde nach meiner festen und
ehrlichen Überzeugung für die Menschheit nicht nur keinen schmerzlichen
=Verlust=, sondern einen unschätzbaren positiven Gewinn bedeuten.

Das menschliche »=Gemütsbedürfnis=« hält den Unsterblichkeitsglauben
besonders aus zwei Gründen fest, erstens in der Hoffnung auf ein
besseres zukünftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung
auf Wiedersehen der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod
hier entrissen hat. Die erste Hoffnung entspricht einem natürlichen
Vergeltungsgefühl, das zwar subjektiv berechtigt, aber objektiv ohne
jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprüche auf Entschädigung für die
zahllosen Mängel und traurigen Erfahrungen dieses irdischen Daseins,
ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafür zu besitzen. Wir
verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in welchem
wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren
wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen über dieses »selige
Leben im Jenseits« sind höchst seltsam und um so sonderbarer, als
darin die »immaterielle Seele« sich an höchst materiellen Genüssen
erfreut. Die Phantasie jeder gläubigen Person gestaltet sich diese
fortdauernde Herrlichkeit entsprechend ihren persönlichen Wünschen.
Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus =Schiller= in seiner
nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft in seinem
Paradiese die herrlichsten Jagdgründe zu finden, mit unermeßlich vielen
Büffeln und Bären; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflächen
mit einer unerschöpflichen Fülle von Eisbären, Robben und anderen
Polartieren; der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges
Paradies entsprechend dem wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen
herrlichen Gärten und Wäldern; nur setzt er voraus, daß jederzeit
unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von Kokosnüssen und anderen
Früchten bereit stehen; der mohammedanische Araber ist überzeugt, daß
in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Gärten sich ausdehnen,
durchrauscht von kühlen Quellen und bevölkert mit den schönsten
Mädchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort täglich
einen Überfluß der köstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni,
und ewigen Ablaß für alle Sünden, die er auch im ewigen Leben noch
täglich zu begehen hofft; der evangelische Nordeuropäer hofft auf
einen unermeßlichen gothischen Dom, in welchem »ewige Lobgesänge auf
den Herrn der Heerscharen« ertönen. Kurz, jeder Gläubige erwartet
von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte Fortsetzung seines
individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend »vermehrten und
verbesserten Auflage«.

Besonders muß hier noch die durchaus =materialistische= Grundanschauung
des =christlichen Athanismus= betont werden, die mit dem absurden
Dogma von der »Auferstehung des Fleisches« eng zusammenhängt. Wie uns
Tausende von Ölgemälden berühmter Meister versinnlichen, gehen die
»auferstandenen Leiber« mit ihren »wiedergeborenen Seelen« droben
im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie
schauen Gott mit ihren Augen, sie hören seine Stimme mit ihren Ohren,
sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die
modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen
von Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes
ausgestattet, wie unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla,
wie die »unsterblichen« Türken und Araber in Mohammeds lieblichen
Paradiesgärten, wie die altgriechischen Halbgötter und Helden an Zeus'
Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und Ambrosia.

Mag man sich dieses »ewige Leben« im Paradiese aber noch so herrlich
ausmalen, so muß dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden.
Und nun gar: »=Ewig=!« Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung
diese ewige individuelle Existenz fortführen! Der tiefsinnige Mythus
vom »=Ewigen Juden=«, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen
Ahasverus sollte uns über den Wert eines solchen »ewigen Lebens«
aufklären! Das beste, was wir uns nach einem tüchtigen, nach unserm
besten Gewissen gut angewandten Leben wünschen können, ist der ewige
Friede des Grabes: »=Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe!=«

Jeder vernünftige Gebildete, der die =geologische Zeitrechnung= kennt,
und der über die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen
Erdgeschichte nachgedacht hat, muß bei unbefangenem Urteil zugeben, daß
der banale Gedanke des »ewigen Lebens« auch für den besten Menschen
kein herrlicher =Trost,= sondern eine furchtbare =Drohung= ist. Nur
Mangel an klarem Urteil und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten.

Den besten und den am meisten berechtigten Grund für den Athanismus
gibt die Hoffnung, im »ewigen Leben« die teueren Angehörigen und
Freunde wieder zu sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames
Schicksal früh getrennt hat. Aber auch dieses vermeintliche Glück
erweist sich bei näherer Betrachtung als Illusion; und jedenfalls
würde es stark durch die Aussicht getrübt, dort auch allen den weniger
angenehmen Bekannten und den widerwärtigen Feinden zu begegnen, die
hier unser Dasein getrübt haben.

Unlösbare Schwierigkeiten bereitet auch den gläubigen Athanisten die
Frage, in welchem =Stadium ihrer individuellen Entwickelung= die
abgeschiedene Seele ihr »ewiges Leben« fortführen soll? Sollen die
Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben
harten »Kampf ums Dasein«, der den Menschen hier auf der Erde erzieht?
Soll der talentvolle Jüngling, der dem Massenmorde des Krieges zum
Opfer fällt, erst in Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben
entwickeln? Soll der altersschwache, kindisch gewordene Greis, der
als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfüllte, ewig als
rückgebildeter Geist fortleben? Oder soll er sich gar in ein früheres
Blütestadium zurück entwickeln? Wenn aber die unsterblichen Seelen
im Olymp als =vollkommene= Wesen verjüngt fortleben sollen, dann ist
auch der Reiz und das Interesse der =Persönlichkeit= für sie ganz
verschwunden.

Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der
anthropistische Mythus vom »=jüngsten Gericht=«, von der Scheidung
aller Menschenseelen in zwei große Haufen, von denen der eine zu den
=ewigen= Freuden des Paradieses, der andere zu den =ewigen= Qualen der
Hölle bestimmt ist -- und das von einem persönlichen Gott, welcher
»der Vater der Liebe« ist! Hat doch dieser liebende Allvater selbst
die Bedingungen der Vererbung und Anpassung »geschaffen«, unter denen
sich einerseits die bevorzugten Glücklichen =notwendig= zu straflosen
Seligen, andererseits die unglücklichen Armen und Elenden ebenso
=notwendig= zu strafwürdigen Verdammten entwickeln mußten.

Eine kritische Vergleichung der unzähligen bunten Phantasiegebilde,
welche der Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Völker und
Religionen seit Jahrtausenden erzeugt hat, gewährt das merkwürdigste
Bild; eine hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien
gegründete Darstellung derselben hat =Adalbert Svoboda= gegeben in
seinen ausgezeichneten Werken: »Seelenwahn« (1886) und »Gestalten
des Glaubens« (1897). Wie absurd uns auch die meisten dieser Mythen
erscheinen mögen, wie unvereinbar sie sämtlich mit der vorgeschrittenen
Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so spielen sie dennoch auch heute
eine höchst wichtige Rolle und üben trotzdem als »Postulate der
praktischen Vernunft« den größten Einfluß auf die Lebensanschauungen
der Individuen und die Geschicke der Völker.

Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird
nun freilich zugeben, daß diese herrschenden materialistischen Formen
des Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten,
daß an ihre Stelle die geläuterte Vorstellung von einem immateriellen
Seelenwesen, von einer platonischen Idee oder einer transzendenten
Seelensubstanz treten müsse. Allein mit diesen unfaßbaren Vorstellungen
kann die realistische Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts
anfangen; sie befriedigen weder das Kausalitätsbedürfnis unseres
Verstandes, noch die Wünsche unseres Gemütes. Fassen wir alles
zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie, Psychologie und Kosmologie
der Gegenwart über den Athanismus ergründet haben, so müssen wir zu
dem bestimmten Schlusse kommen: »Der Glaube an die Unsterblichkeit
der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten
Erfahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft völlig widerspricht.«



=Zwölftes Kapitel.=

_Das Substanzgesetz._

  Monistische Studien über das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung der
  Materie und der Energie. Einheit und Trinität der Substanz.


Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das
=Substanzgesetz=, das wahre und einzige =kosmologische Grundgesetz=;
seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat des 19.
Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich
ihm unterordnen. Unter dem Begriffe »=Substanzgesetz=« fasse ich
zwei höchste allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters
zusammen, das ältere =chemische= Gesetz von der »Erhaltung des Stoffes«
und das jüngere =physikalische= Gesetz von der »Erhaltung der Kraft«.
Daß diese beiden Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen
unzertrennlich sind, wird vielen Lesern wohl selbstverständlich
erscheinen und ist von den meisten Naturforschern der Gegenwart
anerkannt. Indessen wird diese fundamentale Überzeugung doch von
anderer Seite noch heute vielfach bestritten und muß jedenfalls erst
bewiesen werden. Wir müssen daher zunächst einen kurzen Blick auf beide
Gesetze gesondert werfen.

_Gesetz von der Erhaltung des Stoffes_ (oder der »Konstanz der
Materie«, =Lavoisier=, 1789). =Die Summe des Stoffes, welcher den
Weltraum erfüllt, ist unveränderlich.= Wenn ein Körper zu verschwinden
scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt,
verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft
in gasförmige Kohlensäure; wenn ein Zuckerstück sich im Wasser
löst, geht seine feste Form in die tropfbar flüssige über. Ebenso
wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein neuer Naturkörper zu
entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf der Luft in
Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich
die oberflächliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff
der Luft und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, daß
neue Materie entsteht oder »geschaffen« wird; nirgends finden wir,
daß vorhandene Materie verschwindet oder in Nichts zerfällt. Dieser
Erfahrungssatz gilt heute als erster und unerschütterlicher Grundsatz
der Chemie und kann jederzeit mittels der Wage unmittelbar bewiesen
werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des großen französischen
Chemikers =Lavoisier=, diesen Beweis durch die Wage zuerst geführt zu
haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit dem
denkenden Studium der Naturerscheinungen beschäftigt haben, so fest
von der absoluten Konstanz der Materie überzeugt, daß sie sich das
Gegenteil gar nicht mehr vorstellen können.

_Gesetz von der Erhaltung der Kraft_ (oder der »Konstanz der Energie«,
=Robert Mayer=, 1842.) =Die Summe der Kraft oder Energie, welche im
Weltraum alle Erscheinungen bewirkt, ist unveränderlich.= Wenn die
Lokomotive den Eisenbahnzug fortführt, verwandelt sich die Spannkraft
des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige Kraft der mechanischen
Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hören, werden die
Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und die
Kette der Gehörknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet
und von da durch den Hörnerv zu den akustischen Ganglienzellen,
welche die Hörsphäre im Schläfenlappen unserer Großhirnrinde bilden.
Die ganze wunderbare Gestaltenfülle, welche unseren Erdball belebt,
ist in letzter Instanz umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie
gegenwärtig die bewunderungswürdigen Fortschritte der Technik dazu
geführt haben, die verschiedenen Naturkräfte ineinander zu verwandeln:
Wärme wird in Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall,
diese wiederum in Elektrizität übergeführt oder umgekehrt. Die genaue
=Messung= der Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung tätig ist, hat
ergeben, daß auch sie konstant bleibt. Der großen Entdeckung dieser
fundamentalen Tatsache hatte sich schon 1837 =Friedrich Mohr= in Bonn
sehr genähert; sie erfolgte 1842 durch den geistreichen schwäbischen
Arzt =Robert Mayer= in Heilbronn; unabhängig von ihm kam =Hermann
Helmholtz= auf die Erkenntnis desselben Prinzips; er wies fünf Jahre
später seine allgemeine Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit auf allen
Gebieten der =Physik= nach. Wir würden heute sagen müssen, daß es
auch das gesamte Gebiet der =Physiologie= -- d. h. der »organischen
Physik!« -- beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener Widerspruch
von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und
spiritualistischen Philosophen erhoben würde. Diese erblicken in den
eigentümlichen »Geisteskräften« des Menschen eine Gruppe von »freien«,
dem Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders
gestützt wird diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der
Willensfreiheit. Wir haben schon bei deren Besprechung gesehen, daß
ihre Annahme unhaltbar ist. In neuester Zeit hat die Physik den Begriff
der »=Kraft=« und der »=Energie=« getrennt; für unsere vorliegende
allgemeine Betrachtung ist diese Unterscheidung gleichgültig.

_Einheit des Substanzgesetzes._ Von größter Wichtigkeit für unsere
monistische Weltanschauung ist die feste Überzeugung, daß die beiden
großen kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von
der Erhaltung des Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der
Erhaltung der Kraft, untrennbar zusammengehören; beide Theorien sind
ebenso innig verknüpft, wie ihre beiden Objekte, =Stoff= und =Kraft=
(oder Materie und Energie). Vielen monistisch denkenden Naturforschern
und Philosophen wird diese =fundamentale Einheit= beider Gesetze
selbstverständlich erscheinen, da ja beide nur zwei verschiedene Seiten
eines und demselben Objektes, des »=Kosmos=«, betreffen; indessen
ist diese naturgemäße Überzeugung weit entfernt, sich allgemeiner
Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch bekämpft von
der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen
Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen
(inkonsequenten!) Monisten, welche im »Bewußtsein« oder in der höheren
Geistestätigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des
»freien Geisteslebens« einen Gegenbeweis zu finden glauben.

Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des
=einheitlichen= Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren
Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Daß
dieselben ursprünglich nicht zusammengefaßt und nicht in dieser
Einheit erkannt wurden, ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer
verschiedenen Entdeckungszeit. Die Einheit beider Grundgesetze,
welche noch heute vielfach bestritten wird, drücken viele überzeugte
Naturforscher in der Benennung aus: »Gesetz von der Erhaltung der
Kraft und des Stoffes«. Um einen kürzeren und bequemeren Ausdruck für
diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten Begriff zu
haben, habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das
»=Substanzgesetz=« oder das »kosmologische Grundgesetz« zu nennen
(Monismus, 1892, S. 14, 39).

_Substanzbegriff._ Der erste Denker, der den reinen =monistischen=
»Substanzbegriff« in die Wissenschaft einführte und seine fundamentale
Bedeutung erkannte, war der große Philosoph =Baruch Spinoza=; sein
Hauptwerk erschien kurz nach seinem frühzeitigen Tode, 1677. In seiner
großartigen pantheistischen Weltanschauung fällt der Begriff der Welt
(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff =Gott=;
sie ist gleichzeitig der reinste und vernünftigste =Monismus=, und der
geklärteste und abstrakteste =Monotheismus=. Diese =Universalsubstanz=
oder dieses göttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten
seines wahren Wesens, zwei fundamentale =Attribute=: die =Materie=
(den unendlichen =ausgedehnten= Substanzstoff) und den =Geist= (die
allumfassende =denkende= Substanzenergie). Alle Wandelungen, die später
der Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf
diesen höchsten Grundbegriff von =Spinoza= zurück, den ich mit =Goethe=
für einen der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte.
Alle einzelnen Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugänglich
sind, alle individuellen Formen des Daseins, sind nur besondere
vergängliche Formen der Substanz, =Akzidenzen= oder =Moden=. Diese
=Modi= sind körperliche Dinge, materielle Körper, wenn wir sie unter
dem Attribut der =Ausdehnung= (der »Raumerfüllung«) betrachten, dagegen
Kräfte oder Ideen, wenn wir sie unter dem Attribut des =Denkens= (der
»Energie«) betrachten. Auf diese Grundvorstellung von =Spinoza= kommt
auch unser =Monismus= jetzt zurück; auch für uns sind =Materie= (der
raumerfüllende Stoff) und =Energie= (die bewegende Kraft) nur zwei
untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens, der einen Substanz.

_Der kinetische Substanzbegriff._ (Urprinzip der Schwingung oder
Vibration.) Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale
Substanzbegriff in der neueren Physik, in Verbindung mit der
herrschenden Atomistik, angenommen hat, überwog bisher die Annahme,
daß allen Erscheinungen eine schwingende Bewegung der kleinsten
Massenteilchen zugrunde liege, eine =Vibration der Atome=. Die Atome
selbst sind dem gewöhnlichen »kinetischen Substanzbegriff« zufolge
tote diskrete Körperteilchen, welche im leeren Raum schwingen und
in die Ferne wirken. Der eigentliche Begründer und angesehenste
Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der große Mathematiker
=Newton=, der berühmte Entdecker des =Gravitationsgesetzes=. In seinem
Hauptwerke »~Principia philosophiae naturalis mathematica~« (1687)
wies er nach, daß im ganzen Weltall ein und dasselbe Grundgesetz der
=Massenanziehung=, dieselbe unveränderliche Gravitationskonstante
herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht im geraden
Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats
ihrer Entfernungen. Diese allgemeine »=Schwerkraft=« bewirkt ebenso
die Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie
den Umlauf der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen
aller Weltkörper. Das unsterbliche Verdienst von =Newton= war,
dieses Gravitationsgesetz endgültig festzustellen und dafür eine
unanfechtbare mathematische Formel zu finden. Aber diese =tote
mathematische Formel=, auf welche die meisten Naturforscher hier, wie
in vielen anderen Fällen, das größte Gewicht legen, gibt uns nur die
=quantitative= Beweisführung für die Theorie, sie gewährt uns nicht
die mindeste Einsicht in das =qualitative= Wesen der Erscheinungen.
Die unvermittelte =Fernwirkung=, welche =Newton= aus seinem
Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und
gefährlichsten Dogmen der späteren Physik wurde, gibt uns nicht den
mindesten Aufschluß über die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung;
vielmehr versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis.

_Der trinitäre Substanzbegriff._ Die tiefer liegenden Ursachen der
Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwände gegen
unsere monistische Substanztheorie hinfällig, wenn wir den beiden
Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares
Attribut hinzufügen, die unbewußte =Empfindung= (~Psychoma~). Die
wahren »inneren Ursachen« der mechanischen Bewegungen, welche die
dualistische Metaphysik als immaterielle Kräfte, als Geisteskräfte
oder psychische Energieformen den materiellen Energieformen der
Physik gegenüberstellt, sind gleich den letzteren untrennbar
an die raumerfüllende Materie gebunden. Gewöhnlich wird ja von
der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als
eine Form der Energie aufgefaßt; das geschieht sowohl von deren
materialistischer Richtung (»Stoff und Kraft« von =Büchner=),
als von der spiritualistischen, ihr entgegengesetzten Richtung
(»Energetik« als »Überwindung des Materialismus« von =Ostwald=). Die
Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und zugleich werden
manche irreführende Mißverständnisse beseitigt, wenn wir den bisher
vorherrschenden Begriff der »Energie« in zwei gleichwertige Attribute
zerlegen, in »aktive Energie« -- =Mechanik= (»Wille« im Sinne von
Schopenhauer) und in »passive Energie« -- =Psychoma= (»unbewußte
Empfindung« im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der
»=Dreieinigkeit der Substanz=« (oder »Trinität des Kosmos«) im 19.
Kapitel meiner »=Lebenswunder=« näher erläutert. (Ergänzungsband zu
den »Welträtseln«, 1904; -- Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe
ich mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren
unserer hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, =Carl
Naegeli= (1877), =Albrecht Rau= (1896) und =Ernst Mach= (1901). Die
drei fundamentalen Attribute der Substanz: ~A~. =Raumerfüllung= oder
»Ausdehnung«, Stoff, (= =Materie=), ~B~. =Bewegung= oder »Mechanik«,
Kraft (= =Energie=), und ~C~. =Empfindung= oder »Weltseele«, Geist (=
=Psychom=) sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Körper.

_Gesetz von der Erhaltung der Empfindung._ Wenn diese »Trinitärtheorie«
der Substanz richtig ist, dann muß auch das große Konstanzgesetz,
die Lehre von der »=Erhaltung=« der unzerstörbaren Substanz, ebenso
auf die Empfindung, wie auf »Stoff und Kraft« Anwendung finden. Die
niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der
Physik, Wahlverwandtschaft in der Chemie) sind dann nur stufenweise
verschieden von den niederen und höheren Formen des organischen
Seelenlebens, von der Sinnestätigkeit der niederen Organismen, von der
Geistestätigkeit des Menschen (»Denken«). Jede Psychomform kann in die
andere übergeführt werden. =Die Summe der Empfindung im unendlichen
Weltraum ist unveränderlich.=

_Der dualistische Substanzbegriff._ Die beiden Substanztheorien, die
wir vorstehend einander gegenübergestellt haben, sind im Prinzip
=monistisch=; beide betrachten »Stoff und Kraft« als untrennbar,
die ganze Welt als =einheitliche= Substanz. Ganz anders verhält es
sich mit den =dualistischen= Substanztheorien, welche noch heute
in der idealistischen und spiritualistischen Philosophie herrschend
sind; diese werden auch von der einflußreichen Theologie gestützt,
soweit sich dieselbe überhaupt auf solche metaphysische Spekulationen
einläßt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene Hauptbestandteile der
Substanz zu unterscheiden, =materielle= und =immaterielle=. Die
=materielle Substanz= bildet die »=Körperwelt=«, deren Erforschung
Objekt der Physik und Chemie ist; hier allein gilt das Gesetz von
der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man nicht überhaupt
an deren »Erschaffung aus Nichts« und andere Wunder glaubt!). Die
=immaterielle Substanz= hingegen bildet die »=Geisterwelt=«, in welcher
jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie
entweder gar nicht, oder sie sind der »Lebenskraft« unterworfen, oder
dem »freien Willen«, oder der »göttlichen Allmacht«, oder anderen
solchen Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts
weiß. Eigentlich bedürfen diese prinzipiellen Irrtümer heute keiner
Widerlegung mehr; denn die Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag
keine einzige =immaterielle Substanz= kennen gelehrt, keine einzige
Kraft, welche nicht an den Stoff gebunden ist.

_Masse oder Körperstoff_ (=Ponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses
=wägbaren= Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der
=Chemie=. Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte,
welche diese Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts
gemacht hat, und der ungeheuere Einfluß, welchen sie auf alle Seiten
des praktischen Kulturlebens gewonnen hat. Wir begnügen uns daher mit
wenigen Bemerkungen über die wichtigsten prinzipiellen Fragen von der
Natur der Masse. Der analytischen Chemie ist es bekanntlich gelungen,
alle die unzähligen verschiedenen Naturkörper durch Zerlegung auf
eine geringe Anzahl von Urstoffen oder =Elementen= zurückzuführen,
d. h. auf einfache Körper, welche nicht weiter zerlegt werden können.
Die Zahl dieser Elemente beträgt ungefähr achtzig. Nur der kleinere
Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde
verbreitet und von hoher Bedeutung; die größere Hälfte besteht aus
seltenen und weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die
=gruppenweise Verwandtschaft= dieser Elemente und die merkwürdigen
Beziehungen ihrer Atomgewichte, welche =Lothar Meyer= und =Mendelejeff=
in ihrem »=Periodischen System der Elemente=« nachgewiesen haben,
machen es sehr wahrscheinlich, daß dieselben keine =absoluten Spezies
der Masse=, keine ewig unveränderlichen Größen sind. Man hat nach
jenem System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und
innerhalb derselben nach der Größe ihrer Atomgewichte geordnet, so
daß die chemisch ähnlichen Elemente Familienreihen bilden. Die
gruppenweisen Beziehungen im natürlichen System der Elemente erinnern
einerseits an ähnliche Verhältnisse der mannigfach zusammengesetzten
Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die Beziehungen paralleler
Gruppen, wie sie im natürlichen System der Tier- und Pflanzenarten sich
zeigen. Wie nun bei diesen die »Verwandtschaft« der ähnlichen Gestalten
auf Abstammung von gemeinsamen einfachen Stammformen beruht, so ist es
sehr wahrscheinlich, daß auch dasselbe für die Familien und Ordnungen
der Elemente gilt. Wir dürfen daher annehmen, daß die jetzigen
»empirischen Elemente« keine wirklich einfachen und unveränderlichen
»=Spezies der Masse=« sind, sondern ursprünglich zusammengesetzt aus
gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung.
Neuerdings soll es tatsächlich gelungen sein, ein Element in ein
anderes zu verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der
Alchymisten scheint dadurch teilweise in Erfüllung zu gehen.

_Atome und Elemente._ Die moderne =Atomlehre=, wie sie heute der
Chemie als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu
unterscheiden von dem alten philosophischen =Atomismus=, wie er schon
vor mehr als zweitausend Jahren von hervorragenden monistischen
Philosophen des Altertums gelehrt wurde, von =Leukippos=, =Demokritos=
und =Lukretius=; später fand derselbe eine weitere und mannigfach
verschiedene Ausbildung durch =Descartes=, =Hobbes=, =Leibniz= und
andere hervorragende Philosophen. Eine bestimmte annehmbare Fassung
und =empirische Begründung= fand aber der =moderne Atomismus= erst
1808 durch den englischen Chemiker =Dalton=, welcher das »Gesetz der
einfachen und multiplen Proportionen« bei der Bildung chemischer
Verbindungen aufstellte. Er bestimmte zuerst die =Atomgewichte der
einzelnen Elemente= und schuf damit die unerschütterliche =exakte
Basis=, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind
sämtlich =atomistisch=, insofern sie die Elemente aus gleichartigen,
kleinsten, diskreten Teilchen zusammengesetzt annehmen, die nicht
weiter zerlegt werden können. Jedoch haben die gewaltigen Fortschritte
der neueren Physik (besonders der Elektrik) dazu geführt, die Atome
wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile theoretisch zu
zerlegen, die =Elektronen= (Ionentheorie). Dabei bleibt die Frage nach
dem eigentlichen =Wesen= der Atome, ihrer Gestalt, Größe, Beseelung
usw. ganz außer Spiele; denn diese Qualitäten sind hypothetisch;
empirisch dagegen ist der =Chemismus= der Atome oder ihre »chemische
Affinität«, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den
Atomen anderer Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41).

_Wahlverwandtschaft der Elemente._ Das verschiedene Verhalten der
einzelnen Elemente gegeneinander, das die Chemie als »Affinität oder
Verwandtschaft« bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften
der Masse und äußert sich in den verschiedenen Mengenverhältnissen
oder Proportionen, in denen ihre Verbindung stattfindet, und in der
Intensität, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade der Zuneigung, von
der vollkommenen Gleichgültigkeit bis zur heftigsten Leidenschaft,
finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen Elemente
gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des Menschen
und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die größte
Rolle spielen. =Goethe= hat bekanntlich in seinem klassischen Roman
»=Die Wahlverwandtschaften=« die Verhältnisse der Liebespaare in eine
Reihe gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer
Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der
sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse
der Vernunft und Moral überwindet, ist dieselbe mächtige »unbewußte«
Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier
den lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch
zur Apfelsäure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche
zwei Atome Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von
einem Molekül Wasser vereinigen. Diese prinzipielle =Einheit der
Wahlverwandtschaft in der ganzen Natur=, vom einfachsten chemischen
Prozeß bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon der
griechische Naturphilosoph =Empedokles= im fünften Jahrhundert v. Chr.
erkannt, in seiner Lehre vom »=Lieben und Hassen der Elemente=«. Sie
findet ihre empirische Bestätigung durch die interessanten Fortschritte
der =Zellularpsychologie=, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts gewürdigt haben. Wir gründen darauf
unsere Überzeugung, daß auch schon den =Atomen= die einfachste Form
der Empfindung und des Willens innewohnt -- oder besser gesagt: der
=Fühlung= (~Aesthesis~) und der =Strebung= (~Tropesis~) --, also
eine universale »=Seele=« von primitivster Art, das »Elementarpsychom«.
Dasselbe gilt aber auch von den Molekülen oder Massenteilchen, welche
aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen. Aus der weiteren
Verbindung verschiedener solcher Moleküle entstehen dann die einfachen
und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in deren
Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt.

_Äther_ (=Imponderable Materie=). Die Erkenntnis dieses =unwägbaren=
Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der =Physik=.
Nachdem man schon lange die Existenz eines äußerst feinen, den
Raum außerhalb der Masse erfüllenden Mediums angenommen und diesen
»Äther« zur Erklärung verschiedener Erscheinungen (vor allem des
=Lichtes=) verwendet hatte, ist uns die nähere Bekanntschaft mit
diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit den erstaunlichen
empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der =Elektrizität=, mit ihrer
experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen Verständnis und ihrer
praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend geworden die
berühmten Untersuchungen von =Heinrich Hertz= in Bonn (1888); der
frühzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Größte zu
erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehört ebenso wie
der allzu frühe Tod von =Spinoza=, von =Raffael=, von =Schubert= und
vielen anderen genialen Jünglingen zu jenen =brutalen Tatsachen= der
menschlichen Geschichte, welche für sich allein schon den unhaltbaren
Mythus von einer »weisen Vorsehung« und von einem »alliebenden Vater im
Himmel« gründlich widerlegen.

_Die Existenz des Äthers_ oder »Weltäthers«, als realer »Materie«, kann
seit 1888 als =Tatsache= angesehen werden. Man kann allerdings auch
heute noch vielfach lesen, daß der Äther eine »bloße Hypothese« sei;
diese irrtümliche Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen
und populären Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen
»vorsichtigen exakten Physikern«. Mit demselben Rechte müßte man aber
auch die Existenz der ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich
gibt es heute noch Metaphysiker, die auch dieses Kunststück zustande
bringen, und deren höchste Weisheit darin besteht, die Realität der
Außenwelt zu leugnen oder doch zu bezweifeln; nach ihnen existiert
eigentlich nur ein einziges reales Wesen, nämlich ihre eigene teure
Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele.

_Wesen des Äthers._ Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die
reale Existenz des Äthers als eine positive Tatsache betrachtet wird,
und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch
unzählige Erfahrungen, besonders optisch und elektrische Versuche,
genau bekannt sind, so ist es doch bisher nicht gelungen, Klarheit und
Sicherheit über ihr eigentliches =Wesen= zu gewinnen. Vielmehr gehen
auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten Physiker, die sie
speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie widersprechen
sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei, sich
bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene
Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und
Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung,
die ich persönlich (als bloßer =Dilettant= auf diesem Gebiete!) mir
durch reifliches Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht
Sätzen zusammen:

~I~. Der Äther erfüllt als eine =kontinuierliche Materie= den ganzen
Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen
Materie) eingenommen ist; er füllt auch alle Zwischenräume zwischen
den Atomen der letzteren vollständig aus. ~II~. Der Äther besitzt
wahrscheinlich noch =keinen Chemismus= und ist noch nicht aus Atomen
zusammengesetzt wie die Masse; (wenn man annimmt, derselbe sei
aus äußerst kleinen, gleichartigen Atomen zusammengesetzt [z. B.
unteilbaren Ätherkugeln von gleicher Größen], so muß man weiterhin auch
annehmen, daß zwischen denselben noch etwas anderes existiert, entweder
der »leere Raum« oder ein drittes, ganz unbekanntes Medium, ein
völlig hypothetischer »=Interäther=«; bei der Frage nach dessen Wesen
würde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim Äther erheben [~in
infinitum!~].)' ~III~. Da die Annahme des leeren Raumes und der
unvermittelten Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens
kaum mehr möglich ist (wenigstens zu keiner klaren Vorstellung führt),
so nehme ich eine eigentümliche =Struktur des Äthers= an, die nicht
atomistisch ist, wie diejenige der ponderablen Masse, und die man
vorläufig (ohne weitere Bestimmung) als =ätherische= oder =dynamische=
Struktur bezeichnen kann. ~IV~. Der =Aggregatzustand= des Äthers ist,
dieser Hypothese zufolge, ebenfalls eigentümlich und von demjenigen
der Masse verschieden; er ist weder gasförmig, noch fest; die beste
Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den Vergleich mit einer
äußerst feinen elastischen und leichten Gallerte. ~V~. Der Äther ist
=imponderable Materie= in dem Sinne, daß wir kein Mittel besitzen, sein
Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt,
was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe äußerst gering und für
unsere feinsten Wagen unwägbar. ~VI~. Der ätherische Aggregatzustand
kann wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende
Verdichtung in den gasförmigen Zustand der Masse übergehen, ebenso wie
dieser letztere durch Abkühlung in den flüssigen und weiterhin in den
festen übergeht. ~VII~. Diese =Aggregatzustände der Materie= ordnen
sich demnach (was für die monistische =Kosmogenie= sehr wichtig ist) in
eine genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fünf Stufen
derselben: 1. der ätherische, 2. der gasförmige, 3. der flüssige, 4.
der festflüssige (im lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. ~VIII~.
Der Äther ist ebenso unendlich und unermeßlich wie der Raum selbst; er
befindet sich ewig in ununterbrochener Bewegung.

_Äther und Masse._ »Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des
Äthers«, wie sie =Hertz= mit Recht nennt, schließt auch diejenige
seiner Beziehungen zur Masse ein; denn beide Hauptbestandteile
der Materie befinden sich nicht nur überall in innigster äußerer
Berührung, sondern auch in ewiger dynamischer =Wechselwirkung=. Man
kann die allgemeinsten Naturerscheinungen, welche die Physik als
Naturkräfte oder als »Funktionen der Materie« unterscheidet, in
zwei Gruppen teilen, von denen die eine =vorzugsweise= (aber nicht
ausschließlich) Funktion des =Äthers=, die andere ebenso Funktion
der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wärme,
der Elektrizität und des Magnetismus werden überwiegend durch den
imponderablen Äther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere,
der Trägheit, der Wasserwärme und des Chemismus durch die ponderable
=Masse=. Diese Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung
der beiden entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide
trotzdem vereinigt, behalten ihren Zusammenhang und stehen überall in
beständiger Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische
Vorgänge des Äthers eng verknüpft mit mechanischen und chemischen
Veränderungen der Masse; die strahlende Wärme des ersteren geht direkt
über in die Massenwärme oder mechanische Wärme der letzteren; die
Gravitation kann nicht wirken, ohne daß der Äther die Massenanziehung
der getrennten Atome vermittelt, da wir keine Fernwirkung annehmen
können. Die Verwandlung einer Energieform in die andere, wie sie das
Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, bestätigt zugleich die
beständige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der Substanz,
zwischen =Äther= und =Masse=.

_Kraft und Energie._ Das große Grundgesetz der Natur, welches wir
als Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen
stellen, wurde ursprünglich von =Robert Mayer=, der es aufstellte
(1842), und von =Helmholtz=, der es ausführte (1847), als das Gesetz
von der =Erhaltung der Kraft= bezeichnet. Schon zehn Jahre früher
hatte ein anderer deutscher Naturforscher, =Friedrich Mohr= in Bonn,
die wesentlichen Grundgedanken desselben klar entwickelt (1837).
Später wurde der alte Begriff der =Kraft= durch die moderne Physik von
demjenigen der =Energie= getrennt, der ursprünglich gleichbedeutend
war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewöhnlich als das »Gesetz
von der =Konstanz der Energie=« bezeichnet. Für die allgemeine
Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begnügen muß, und für das
große Prinzip von der »Erhaltung der Substanz« kommt dieser feinere
Unterschied nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafür interessiert,
findet eine sehr klare Auseinandersetzung darüber z. B. in dem
ausgezeichneten Aufsatz des englischen Physikers =Tyndall= über »das
Grundgesetz der Natur« (Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die
universale Bedeutung dieses kosmologischen Grundgesetzes erläutert,
sowie seine Anwendung auf die wichtigsten Probleme sehr verschiedener
Gebiete. Wir begnügen uns hier mit der wichtigen Tatsache, daß
gegenwärtig das »Energieprinzip« und die damit verknüpfte Überzeugung
von der Einheit der Naturkräfte, von ihrem gemeinsamen Ursprung, durch
alle kompetenten Physiker anerkannt und als der wichtigste Fortschritt
der Physik im 19. Jahrhundert gewürdigt wird. Wir wissen jetzt, daß
Wärme ebensogut eine Form der =Bewegung= ist, wie Schall, Elektrizität
ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir können durch
geeignete Vorrichtungen eine dieser Kräfte in die andere verwandeln,
und überzeugen uns dabei durch genaueste Messung, daß von ihrer
Gesamtsumme niemals das kleinste Teilchen verloren geht.

_Spannkraft und Triebkraft_ (=potentielle und aktuelle Energie=).
Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt beständig,
gleichviel, welche Veränderungen uns erscheinen; sie ist ewig und
unendlich, wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das
ganze Spiel der Natur beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und
Bewegung; die ruhenden Körper besitzen aber ebenso eine unverlierbare
Größe von Kraft, wie die bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt
sich die Spannkraft der ersteren in die Triebkraft der letzteren.
»Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft sowohl die Abstoßung als
die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, daß der mechanische
Wert der Spannkräfte und der lebendigen Kräfte in der materiellen Welt
eine konstante Quantität ist. Kurz gesagt, zerfällt der Kraftbesitz
des Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhältnis
ineinander verwandelt werden können. Die Verminderung des einen bringt
die Vergrößerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes
bleibt jedoch unverändert.« =Die Spannkraft= oder die =potentielle
Energie= und die =lebendige Kraft= oder die aktuelle Energie (=
Triebkraft) werden beständig ineinander umgewandelt, ohne daß die
unendliche Gesamtsumme der Kraft im unendlichen Weltall jemals den
geringsten Verlust erleidet.

_Einheit der Naturkräfte._ Nachdem die moderne Physik das
Substanzgesetz zunächst für die einfacheren Beziehungen der
anorganischen Körper festgestellt hatte, wies die Physiologie dessen
allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche der organischen Natur
nach. Sie zeigte, daß alle Lebenstätigkeiten der Organismen ebenso
auf einem beständigen »=Kraftwechsel=« und einem damit verknüpften
»Stoffwechsel« beruhen wie die einfachsten Vorgänge in der sogenannten
»leblosen Natur«. Nicht nur das Wachstum und die Ernährung der
Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und
Bewegung, ihrer Sinnestätigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der
Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses
höchste Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen
des Nervensystems, welche man bei den höheren Tieren und beim Menschen
als das »=Geistesleben=« bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch für die
gesamte Psychologie. Wir kennen nur =einerlei Art= von Naturkräften in
allen Naturerscheinungen.

_Allmacht des Substanzgesetzes._ Unsere feste monistische Überzeugung,
daß das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung für die =gesamte
Natur= besitzt, nimmt die höchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch
wird nicht nur =positiv= die prinzipielle Einheit des Kosmos und der
kausale Zusammenhang aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen,
sondern es wird dadurch zugleich =negativ= der höchste intellektuelle
Fortschritt erzielt, der definitive Sturz der =drei Zentraldogmen
der Metaphysik=: »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«. Indem das
Substanzgesetz überall mechanische Ursachen in den Erscheinungen
nachweist, verknüpft es sich mit dem »=allgemeinen Kausalgesetz=«.



=Dreizehntes Kapitel.=

_Entwickelungsgeschichte der Welt._

  Monistische Studien über die ewige Entwickelung des Universum.
  Schöpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie.


Unter allen Welträtseln das größte, umfassendste und schwerste ist
dasjenige von der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewöhnlich
die »=Schöpfungsfrage=« genannt. Auch zur Lösung dieses schwierigsten
Welträtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle früheren,
ja sie ist ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens
sind wir zu der klaren Einsicht gelangt, daß alle verschiedenen
einzelnen Schöpfungsfragen untrennbar verknüpft sind, daß sie alle
nur ein einziges, allumfassendes »=kosmisches Universalproblem=«
bilden, und den Schlüssel zur Lösung dieser »Weltfrage« gibt uns
das eine Zauberwort: »=Entwickelung=«! Die großen Fragen von der
Schöpfung des Menschen, von der Schöpfung der Tiere und Pflanzen, von
der Schöpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle sind nur Teile
jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie auf
übernatürlichem Wege »=erschaffen=«, oder hat sie sich auf natürlichem
Wege »=entwickelt=«? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser
Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen
für eines jener =Teil=-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer
einheitlichen Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf
deren Beantwortung für das =ganze= Weltproblem geworfen.

_Schöpfung (~Creatio~)._ Die herrschende Ansicht über die Entstehung
der Welt war in früheren Jahrhunderten fast überall, wo denkende
Menschen wohnten, der =Glaube an die Schöpfung=. In Tausenden von
interessanten, mehr oder weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen,
=Kosmogonien= und =Schöpfungsmythen= hat dieser Schöpfungsglaube seinen
mannigfaltigen Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige große
Philosophen und besonders jene bewunderungswürdigen freien Denker
des klassischen Altertums, die zuerst den Gedanken der natürlichen
=Entwickelung= erfaßten. Im Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle
jene Schöpfungsmythen den Charakter des =Übernatürlichen=, Wunderbaren
oder Transzendenten. Unfähig, das Wesen der Welt selbst zu erkennen
und ihre Entstehung durch natürliche Ursachen zu erklären, mußte
die unentwickelte Vernunft selbstverständlich zum =Wunder= greifen.
In den meisten Schöpfungssagen verknüpfte sich mit dem Wunder die
Vermenschlichung (der =Anthropismus=). Wie der Mensch mit Absicht
und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende »Gott«
planmäßig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schöpfers
war meistens ganz menschenähnlich (anthropomorph). Der »allmächtige
Schöpfer Himmels und der Erden«, wie er im ersten Buch Moses und in
unserem heute noch gültigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz
menschlich gedacht wie der moderne Schöpfer von =Agassiz= und =Reinke=.

_Schöpfung des Weltalls und der Einzeldinge_ (=Kreation der Substanz
und der Akzidenzen=). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der
=Kreation= können wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale
Schöpfung des Weltalls und die partielle Schöpfung der einzelnen
Dinge unterscheiden, entsprechend dem Begriffe =Spinozas= von der
=Substanz= (dem ~Universum~) und den =Akzidenzen= (oder ~Modi~,
den einzelnen »Erscheinungsformen der Substanz«). Diese Unterscheidung
ist prinzipiell wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen
gegeben (und es gibt noch heute solche), welche die erstere annehmen,
die letztere dagegen verwerfen.

_Schöpfung der Substanz_ (=Kosmologischer Kreatismus=). Nach dieser
Schöpfungslehre hat »Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen«.
Man stellt sich vor, daß der »ewige Gott« (als vernünftiges, aber
immaterielles Wesen!) für sich allein von Ewigkeit her (im leeren
Raum) ohne Welt existierte, bis er dann einmal auf den Gedanken kam,
»die Welt zu schaffen«. Viele Anhänger dieses Glaubens beschränken
die Schöpfungstätigkeit Gottes aufs Äußerste, auf einen einzigen Akt;
sie nehmen an, daß der außerweltliche Gott (dessen übrige Tätigkeit
rätselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz erschaffen, ihr
die Fähigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und sich dann
nie weiter um sie bekümmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist
namentlich im englischen =Deismus= vielfach ausgebildet worden; sie
nähert sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur
in dem einen Momente preis, in welchem Gott auf den Schöpfungsgedanken
kam. Andere Anhänger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen
an, daß »Gott der Herr« die Substanz nicht nur einmal erschaffen
habe, sondern als bewußter »Erhalter und Regierer der Welt« in deren
Geschichte fortwirke. Viele Variationen dieses Glaubens nähern sich
bald dem =Pantheismus=, bald dem konsequenten =Theismus=. Alle diese
und ähnliche Formen des Schöpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem
Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen
»Anfang der Welt«.

_Schöpfung der Einzeldinge_ (=Ontologischer Kreatismus=). Nach dieser
individuellen, noch jetzt herrschenden Schöpfungslehre hat Gott
der Herr nicht nur die Welt im Ganzen (»aus Nichts«) geschaffen,
sondern auch alle einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt
besitzt noch heute die uralte semitische, aus dem ersten Buch Moses
herübergenommene Schöpfungssage die weiteste Geltung; selbst unter
den modernen Naturforschern findet sie noch hier und da gläubige
Anhänger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im ersten
Kapitel meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« eingehend dargelegt.
Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus
dürften folgende Theorien zu unterscheiden sein: ~I~. =Dualistische
Kreation=: Gott hat sich auf =zwei Schöpfungsakte= beschränkt; zuerst
schuf er die anorganische Welt, die tote Substanz, für die allein
das Gesetz der Energie gilt, blind und ziellos wirkend im Mechanismus
der Weltkörper und der Gebirgsbildung; später erwarb Gott Intelligenz
und teilte diese den Dominanten mit, den zielstrebigen, intelligenten
Kräften, welche die Entwickelung der Organismen bewirken und leiten
(Reinke). ~II~. =Trialistische Kreation=: Gott hat die Welt in
=drei Hauptakten= geschaffen: ~A~. Schöpfung des Himmels (d. h. der
außerirdischen Welt); ~B~. Schöpfung der Erde (als Mittelpunkt der
Welt) und ihrer Organismen; ~C~. Schöpfung des Menschen (als Ebenbild
Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen
Theologen und anderen »Gebildeten«; es wird in vielen Schulen als
Wahrheit gelehrt. ~III~. =Hexamerale Kreation=: die Schöpfung in
sechs Tagen (nach =Moses=). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch
wirklich an diesen mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren
Kindern schon in der frühesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest
eingeprägt. Die vielfachen, namentlich in England gemachten Versuche,
denselben mit der modernen Entwickelungslehre in Einklang zu bringen,
sind völlig fehlgeschlagen. Für die Naturwissenschaft gewann derselbe
dadurch große Bedeutung, daß =Linné= bei Begründung seines Natursystems
(1735) ihn annahm und zur Begriffsbestimmung der organischen (von
ihm für beständig gehaltenen) =Spezies= benutzte: »Es gibt so viele
verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang verschiedene
Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind.« Dieses Dogma
wurde ziemlich allgemein bis auf =Darwin= (1859) festgehalten, obgleich
=Lamarck= schon 1809 seine Unhaltbarkeit dargelegt hatte. ~IV~.
=Periodische Kreation=: im Anfang jeder Periode der Erdgeschichte
wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevölkerung neu geschaffen und am
Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe vernichtet; es gibt
so viele General-Schöpfungsakte, als getrennte geologische Perioden
aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von =Cuvier=, 1818,
und von =Louis Agassiz=, 1858). Die Paläontologie, welche in ihren
unvollkommenen Anfängen diese Lehre von den wiederholten Neuschöpfungen
der organischen Welt zu stützen schien, hat dieselbe später vollständig
widerlegt. ~V~. =Individuelle Kreation=: jeder einzelne Mensch --
ebenso wie jedes einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum -- ist
nicht durch einen natürlichen Fortpflanzungsakt entstanden, sondern
durch die Gnade Gottes geschaffen (»der alle Dinge kennt und die
Haare auf unserem Haupte gezählt hat«). Man liest diese christliche
Schöpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders bei
Geburtsanzeigen (»Gestern schenkte uns der gnädige Gott einen gesunden
Knaben« usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzüge unserer
Kinder werden oft als »besondere Gaben Gottes« dankbar anerkannt (die
erblichen Fehler gewöhnlich nicht!).

_Entwickelung (~Genesis~, ~Evolutio~)._ Die Unhaltbarkeit der
Schöpfungssagen und des damit verknüpften Wunderglaubens mußte sich
schon frühzeitig denkenden Menschen aufdrängen; wir finden daher
schon vor mehr als zweitausend Jahren zahlreiche Versuche, dieselben
durch eine vernünftige Theorie zu ersetzen und die Entstehung der
Welt mittels natürlicher Ursachen zu erklären. Allen voran stehen
hierin wieder die großen Denker der ionischen Naturphilosophie,
ferner Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius
und andere Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen
Versuche, welche sie unternahmen, überraschen uns zum Teil durch
strahlende Lichtblicke des Geistes, die als Vorläufer moderner Ideen
erscheinen. Indessen fehlte dem klassischen Altertum jener sichere
Boden der naturphilosophischen Spekulation, der erst durch unzählige
Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen wurde. Während des
Mittelalters -- und besonders während der Gewaltherrschaft des
Papismus -- ruhte die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete
ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten
dafür, daß der unbedingte Glaube an die hebräische Mythologie des
Moses als definitive Antwort auf alle Schöpfungsfragen galt. Selbst
diejenigen Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der
Entwickelungs-=Tatsachen= aufforderten, die Keimesgeschichte der
Tiere und Pflanzen, die Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet
oder erregten nur hie und da das Interesse einzelner wißbegieriger
Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden ignoriert und vergessen.
Außerdem wurde der wahren Erkenntnis der natürlichen Entwickelung
ihr Weg von vornherein durch die herrschende =Präformationslehre=
versperrt, durch das Dogma, daß die charakteristische Form und Struktur
jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime vorgebildet sei (vergl.
S. 33).

_Entwickelungslehre_ (=Evolutismus=, =Evolutionismus=). Die
Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne)
nennen, ist sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des
19. Jahrhunderts; sie gehört zu seinen wichtigsten und glänzendsten
Erzeugnissen. Tatsächlich ist dieser Begriff, der noch im 18.
Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein fester Grundstein
unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die Grundzüge
derselben in früheren Schriften ausführlich behandelt, am eingehendsten
in der »Generellen Morphologie« (1866), sodann mehr populär in der
»Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (1868, elfte Auflage 1908) und mit
besonderer Beziehung auf den Menschen in der »Anthropogenie« (1874,
fünfte Auflage 1903). Ich beschränke mich daher hier auf eine kurze
Übersicht der wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre
im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfällt nach ihren
Objekten in vier Hauptteile: die natürliche Entstehung 1. des Kosmos,
2. der Erde, 3. der irdischen Organismen und 4. des Menschen.

~I~. _Monistische Kosmogenie._ Den ersten »Versuch«, die
Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes
nach »=Newton=schen Grundsätzen« -- d. h. durch mathematische und
physikalische Gesetze -- in einfachster Weise zu erklären, unternahm
=Immanuel Kant= in seinem berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen
Naturgeschichte und Theorie des Himmels« (1755). Leider blieb dieses
großartige und kühne Werk 90 Jahre hindurch fast unbekannt; es wurde
erst 1845 durch =Alexander von Humboldt= wieder hervorgezogen,
im ersten Bande seines »Kosmos«. Inzwischen war aber der große
französische Mathematiker =Pierre Laplace= selbständig auf ähnliche
Theorien wie =Kant= gekommen und führte sie mit mathematischer
Begründung weiter aus in seiner »~Exposition du système du monde~«
(1796). Sein Hauptwerk »~Mécanique céleste~« erschien im Jahre
1799. Die übereinstimmenden Grundzüge der Kosmogenie von =Kant=
und =Laplace= beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklärung
der Planetenbewegungen und der daraus abgeleiteten Annahme, daß
alle Weltkörper ursprünglich aus rotierenden Nebelbällen durch
Verdichtung entstanden sind. Diese »=Nebularhypothese=« ist zwar später
vielfach verbessert und ergänzt worden, sie gilt aber noch heute
als der beste von allen Versuchen, die Entstehung des Weltgebäudes
einheitlich und mechanisch zu erklären (vergl. =Wilhelm Bölsche=,
Entwickelungsgeschichte der Natur. ~I~. Bd. 1894). In späterer Zeit
hat sie eine bedeutungsvolle Ergänzung und zugleich Verstärkung
durch die Annahme gewonnen, daß dieser =kosmogonische Prozeß= nicht
nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat.
Während in gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden
Nebelbällen neue Weltkörper entstehen und sich entwickeln, werden in
anderen Teilen desselben umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene
Weltkörper durch Zusammenstoß wieder zerstäubt und in diffuse
Nebelmassen aufgelöst.

_Anfang und Ende der Welt._ Fast alle älteren und neueren Kosmogenien
und so auch die meisten, die sich an =Kant= und =Laplace= anschlossen,
gingen von der herrschenden Ansicht aus, daß die Welt einen =Anfang=
gehabt habe. So hätte sich »im Anfang« nach einer vielverbreiteten
Form der »Nebularhypothese« ursprünglich ein ungeheurer Nebelball
aus äußerst dünner und leichter Materie gebildet, und in einem
bestimmten Zeitpunkte (»vor undenklich langer Zeit«) habe in diesem
eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der »erste Anfang« dieser
kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach
jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgänge in der Bildung der
Weltkörper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten
und mathematisch begründen. Dieser erste »=Ursprung der Bewegung=«
ist das zweite »Welträtsel« von =Du Bois-Reymond=; er erklärt es für
=transzendent=. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen
um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Geständnis,
daß man hier einen ersten »übernatürlichen Anstoß«, also ein »Wunder«,
annehmen müsse.

Nach unserer Ansicht wird dieses »zweite Welträtsel« durch die Annahme
gelöst, daß die =Bewegung= ebenso eine immanente und =ursprüngliche=
Eigenschaft der Substanz ist wie die =Empfindung= (Kap. 12). Die
Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im
Substanzgesetz und zweitens in den großen Fortschritten, welche die
Astronomie und Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
gemacht haben. Durch die =Spektralanalyse= von =Bunsen= und =Kirchhoff=
(1860) haben wir nicht nur erfahren, daß die Millionen Weltkörper,
welche den unendlichen Weltraum erfüllen, aus denselben Materien
bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern auch, daß sie sich in
verschiedenen Zuständen der Entwickelung befinden; wir haben sogar
mit ihrer Hilfe Kenntnisse über die Bewegungen und Entfernungen der
Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt
werden konnten. Ferner ist das =Teleskop= selbst sehr bedeutend
verbessert worden und hat uns mit Hilfe der =Photographie= eine Fülle
von astronomischen Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19.
Jahrhunderts noch nicht geahnt werden konnten. Insbesondere hat die
bessere Kenntnis der Kometen und Sternschnuppen, der Sternhaufen und
Nebelflecke, uns die große Bedeutung der kleinen Weltkörper kennen
gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den größeren Sternen im Weltraum
verteilt sind.

Wir wissen jetzt auch, daß die =Bahnen= der Millionen von Weltkörpern
=veränderlich= und zum Teil unregelmäßig sind, während man früher die
Planetensysteme als beständig betrachtete und die rotierenden Bälle
in ewiger Gleichmäßigkeit ihre Kreise beschreiben ließ. Wichtige
Aufschlüsse verdankt die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten
in anderen Gebieten der Physik, vor allem in der Optik und Elektrik,
sowie in der dadurch geförderten Äthertheorie. Endlich erweist sich
auch hier wieder als größter Fortschritt unserer Naturerkenntnis das
=universale Substanzgesetz=. Wir wissen jetzt, daß es ebenso überall
in den fernsten Welträumen unbedingte Geltung hat wie in unserem
Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde wie in
der kleinsten Zelle unseres menschlichen Körpers. Wir sind aber auch
zu der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, daß die
Erhaltung der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein
bestanden hat, wie sie heute ohne Ausnahme besteht. =In alle Ewigkeit
war, ist und bleibt das unendliche Universum dem Substanzgesetz
unterworfen.=

Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die
sich gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von
überaus wichtigen Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung
des Kosmos, über die Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir
fassen dieselben kurz in folgenden Thesen zusammen: ~I~. Der
=Weltraum= ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist nirgends leer,
sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. ~II~. Die =Weltzeit=
ist ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und
kein Ende, sie ist Ewigkeit. ~III~. Die =Substanz= befindet sich
überall und jeder Zeit in ununterbrochener Bewegung und Veränderung;
nirgends herrscht vollkommene Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die
unendliche Quantität der Materie ebenso unverändert wie diejenige
der ewig wechselnden Energie. ~IV~. Die Universalbewegung der
Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit =periodisch= sich
wiederholenden Entwickelungszuständen. ~V~. Diese Phasen bestehen in
einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch bedingten
Dichtigkeitsverhältnisse (=Aggregatzustände=). ~VI~. Während in einem
Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper
entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte
Prozeß, die Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen.
~VII~. Die ungeheuren Wärmequantitäten, welche durch diese
mechanischen Prozesse bei den Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper
erzeugt werden, stellen die neuen lebendigen Kräfte dar, welche
die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen Staubmassen und die
=Neubildung= rotierender Bälle bewirken: das ewige Spiel beginnt wieder
von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden
aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden ist, wird nach
Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn immer
kleiner geworden, in die Sonne stürzen.

Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen
kosmischen Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über
periodisch wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper.
Unsere Mutter »=Erde=« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen
»Sonnenstäubchens« zusammen, wie deren ungezählte Millionen im
unendlichen Weltenraum umherjagen. Unser eigenes »=Menschenwesen=«,
welches in seinem anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild
Gottes« verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen
Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das ganze Universum
besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikroskopische
Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind nur
vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle
Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir
begreifen, wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit
gegenüberstellen.

_Raum und Zeit._ Seitdem =Kant= die Begriffe von Raum und Zeit als
bloße »Formen der Anschauung« erklärt hat -- den Raum als Form der
äußeren, die Zeit als Form der inneren Anschauung -- hat sich über
diese wichtigen Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der
auch heute noch fortdauert. Bei einem großen Teile der modernen
Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt, daß dieser »kritischen
Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen Erkenntnistheorie«
die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die natürliche
Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der =Realität des Raumes
und der Zeit= widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener beiden
Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie
übersieht, daß =Kant= mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems,
die =subjektive=, streifte, daneben aber die andere, die =objektive=,
als gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben
=empirische Realität=, aber =transzendentale Idealität=.« Mit diesem
Satze =Kants= kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden
erklären, nicht aber mit jener einseitigen Geltendmachung der
subjektiven Seite des Problems; denn diese führt in ihrer Konsequenz zu
jenem absurden Idealismus, der in =Berkeleys= Satze gipfelt: »Körper
sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht im Wahrgenommenwerden«.
Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein persönliches
Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie dasjenige
meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns, welche
die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch
Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die
»Realität von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich
auch diejenige meines eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium,
in Halluzinationen, im Traum, im Doppelbewußtsein halte ich
Vorstellungen für wahr, welche nicht real, sondern »Einbildungen«
sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine andere (S. 111);
das berühmte »~Cogito ergo sum~« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist
die =Realität von Raum und Zeit= jetzt endgültig bewiesen durch die
Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und
der monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare
Vorstellung vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns
als das unendliche, »=raumerfüllende= Medium« die =Materie=, und zwar
in ihren beiden Formen: =Äther= und =Masse=. Und ebenso betrachten wir
auf der anderen Seite als das »=zeiterfüllende= Geschehen« die ewige
Bewegung oder genetische =Energie=, welche sich in der ununterbrochenen
=Entwickelung= der Substanz äußert.

_~Universum perpetuum mobile~._ Da jeder bewegte Körper seine
Bewegung so lange fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran
hindern, kam der Mensch schon vor Jahrtausenden auf den Gedanken,
Apparate zu bauen, die sich, einmal in Bewegung gesetzt, immerfort
in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah dabei, daß jede
Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört, wenn
nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft
zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein
schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich
hin und her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die
Reibung im Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner
Bewegung allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm
durch einen neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des
Gewichtes) neue mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion
einer Maschine, welche ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß
erzeugt, durch den sie sich selbst immerfort im Gang erhält, unmöglich.
Alle Versuche, ein solches ~Perpetuum mobile~ zu bauen, mußten
fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies sodann auch
theoretisch die Unmöglichkeit desselben.

Anders verhält es sich aber, wenn wir den =Kosmos= als Ganzes ins Auge
fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in
ewiger Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das
ganze =Universum= selbst ein allumfassendes ~Perpetuum mobile~ ist.
Diese unendliche und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst
in ewiger und ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große
=Summe= der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt.
Nach unserer Auffassung ist also die Vorstellung des ~Perpetuum
mobile~ für den =ganzen= Kosmos ebenso wahr und fundamental bedeutend
wie sie für die isolierte Aktion eines =Teiles= desselben unmöglich
ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der
Lehre von der =Entropie= gezogen worden sind.

_Entropie des Weltalls._ Der scharfsinnige Begründer der =mechanischen
Wärmetheorie= (1850), =Clausius=, faßte den wichtigsten Inhalt dieser
bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste
Hauptsatz lautet: »=Die Energie des Weltalls ist konstant=«; er bildet
die eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S.
28). Der zweite Hauptsatz behauptet: »=Die Entropie des Weltalls
strebt einem Maximum zu.=« Nach der Ansicht von =Clausius= zerfällt
die Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine
(als Wärme von höherer Temperatur, als mechanische, elektrische,
chemische Energie usw.) noch teilweise in Arbeit umsetzbar ist,
der andere dagegen nicht; diese letztere, die bereits in Wärme
verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie, ist für
weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam
»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit
umgesetzt werden kann, nennt =Clausius Entropie= (d. h. die nach
innen gewendete Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten
Teiles. Da nun tagtäglich immer mehr mechanische Energie des Weltalls
in Wärme übergeht und diese nicht in die erstere zurückverwandelt
werden kann, muß die gesamte Quantität der arbeitsfähigen Energie immer
mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle Temperaturunterschiede
müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene Wärme gleichmäßig
in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie verbreitet sein;
alles organische Leben und alle organische Bewegung würde aufgehört
haben, wenn dieses =Maximum der Entropie= erreicht wäre; das wahre
»Ende der Welt« wäre da. (Vergl. =Felix Auerbach=, Die Weltherrin und
ihr Schatten, 1902.)

Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so
müßte dem angenommenen »=Ende= der Welt« auch ein ursprünglicher
»=Anfang=« derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer
monistischen und konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen
Prozesses gleich unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig
als ein Ende derselben. Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es
auch ewig in Bewegung; ununterbrochen findet eine Verwandlung der
lebendigen Kraft in Spannkraft statt und umgekehrt; und die Summe
dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt immer dieselbe.

Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald
sie Prozesse ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System
ablaufen. Im großen =Ganzen= des Weltalls, worauf wir den Begriff
eines »geschlossenen Systems« nicht anwenden können, herrschen
aber jedenfalls Verhältnisse, die eine Umkehrung des energetischen
Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim Zusammenstoße von zwei
Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit aufeinander treffen,
kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten Massen in den
Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige Spiel der
rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner
Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von
neuem.

=Herbert Spencer= hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend
dargelegt, daß selbst für ein =geschlossenes= Universum der Schluß
unerlaubt wäre, es müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe
bleiben. Man könne sagen, der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer
früheren Entwickelung begonnen, und das Ende der gegenwärtigen sei
zugleich der Anfang einer neuen; in dem Augenblick, wo das Maximum
der Entropie erreicht sei, setze gerade eine langsame Entwickelung im
entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das Leben des Universums
unaufhörlich fortsetzen. Wie =Poincaré= (Die moderne Physik, 1908)
bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein,
welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei
genügend langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren
sehen kann, wenn eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen
durchgemacht hat.

~II~. _Monistische Geogenie._ Die Entwickelungsgeschichte der Erde,
auf die wir jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen
winzig kleinen Teil von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich
dieser seit mehreren Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen
Spekulation und noch mehr der mythologischen Dichtung gewesen; aber
ihre wirklich wissenschaftliche Erkenntnis ist viel jünger und stammt
zum weitaus größten Teile aus dem 19. Jahrhundert. Im Prinzip war die
Natur der Erde, als eines Planeten, der um die Sonne kreist, schon
durch das Weltsystem des =Kopernikus= (1543) bestimmt; durch =Galilei=,
=Kepler= und andere große Astronomen war ihr Abstand von der Sonne, ihr
Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt. Auch war bereits durch
die Kosmogenie von =Kant= und =Laplace= der Weg gezeigt, auf welchem
sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber die spätere
Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die
Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu
Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts
nur wenig Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen;
meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder
mit der Annahme der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere
war es auch hier wieder der überlieferte Glaube an die mosaische
Schöpfungsgeschichte, welcher der selbständigen Forschung von
vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis verlegte.

Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur
wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode
einschlug, die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die
=ontologische Methode= oder das =Prinzip des Aktualismus=. Sie besteht
darin, daß wir die Erscheinungen der =Gegenwart= genau studieren
und benutzen, um dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der
=Vergangenheit= zu erklären. Nachdem zuerst =Karl Hoff= (Gotha) in
seiner »Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen
Veränderungen der Erdoberfläche« diese ontologische Methode (1822)
begründet hatte, wurde sie bald (1830) von dem großen englischen
Geologen =Charles Lyell= in seinen »Prinzipien der Geologie« auf die
ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In neuester Zeit
hat =Johannes Walther= in seiner gedankenreichen »Geschichte der Erde
und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre Darstellung derselben
gegeben.

Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem
die =anorganische und organische Geogenie= unterscheiden; die
letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf
unserem Erdball. Die =anorganische Geschichte= der Erde, der ältere
Abschnitt, verlief in derselben Weise wie diejenige der übrigen
Planeten unseres Sonnensystems; sie alle lösten sich vom Äquator des
rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab, welche sich allmählich zu
selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem gasförmigen Nebelball
wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und weiterhin entstand
an dessen Oberfläche durch fortschreitende Wärmeausstrahlung die
dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem die Temperatur
an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war, konnte
sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige
Wasser niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung
für die Entstehung des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen
Jahre sind verflossen, seitdem dieser bedeutungsvolle Vorgang, die
erste Wasserbildung, eintrat und damit die Einleitung zum dritten
Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur =Biogenie=.

~III~. _Monistische Biogenie._ Der dritte Hauptabschnitt der
Weltentwickelung beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf
unserem Erdball und dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart
fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der
Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im Anfange des 19. Jahrhunderts
allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig, daß ihre Lösung in
weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften wir mit
berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne =Biologie= und
ihren =Transformismus im Prinzip= gelöst sind. Zuerst stellte (1809)
=Jean Lamarck= die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des
Tier- und Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen
einfachsten Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche
Veränderung der Gestalten durch =Anpassung=, in Wechselwirkung mit
=Vererbung=, diese langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig
Jahre später führte =Charles Darwin= die einzelnen Teile dieser
»Deszendenztheorie«, gestützt auf die großartigen, inzwischen erfolgten
Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte zugleich durch seine
neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der ersteren aus.
Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein« der
unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der
Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt.
Dadurch ist =Darwin= der »Kopernikus der organischen Welt« geworden.

~IV~. _Monistische Anthropogenie._ Als vierter und letzter
Hauptabschnitt der Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige
jüngste Zeitraum gelten, innerhalb dessen sich unser eigenes
Geschlecht entwickelt hat. Schon =Lamarck= (1809) hatte klar
erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise nur auf =einem=
natürlichen Wege denkbar sei, durch »=Abstammung vom Affen=«, als von
dem nächstverwandten Säugetiere. =Huxley= zeigte sodann (1863) in
seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der
Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß
der Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und
paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese
»Frage aller Fragen« im Prinzip für gelöst. =Darwin= behandelte sie
in geistreicher Weise von verschiedenen Seiten in seinem Werke über
»die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl«
(1871). Ich selbst hatte schon in meiner Generellen Morphologie (1866)
diesem wichtigsten Spezialproblem der Abstammungslehre ein besonderes
Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich meine =Anthropogenie=,
als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen durch seine ganze
Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf zu verfolgen;
ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden der
Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und
Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir
seitdem durch zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen
Forschung gekommen sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898
auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge ȟber unsere
gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die
ausführlichste Darstellung derselben, unter Benutzung der neuesten
Fortschritte der Anthropogenie, habe ich in meiner letzten Abhandlung
gegeben: »=Unsere Ahnenreihe= (~Progonotaxis hominis~), Festschrift
zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena, am 30. Juli 1908.«



=Vierzehntes Kapitel.=

_Einheit der Natur._

  Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des
  Kosmos. -- Mechanismus und Vitalismus. -- Ziel, Zweck und Zufall.


Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache
erwiesen, daß jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede
andere umgewandelt werden kann. Mechanische und chemische Energie,
Schall und Wärme, Licht und Elektrizität können ineinander übergeführt
werden und erweisen sich nur als verschiedene Erscheinungsformen
einer und derselben Urkraft, der =Energie=. Daraus ergibt sich der
bedeutungsvolle Satz von der =Einheit aller Naturkräfte= oder, wie wir
auch sagen können, dem »=Monismus der Energie=«. Im gesamten Gebiete
der Physik und Chemie ist dieser Fundamentalsatz jetzt allgemein
anerkannt, soweit er die anorganischen Naturkörper betrifft.

Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und
formenreiche Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der
Hand, daß ein =großer Teil= der Lebenserscheinungen unmittelbar auf
mechanische und chemische Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen
zurückzuführen ist. Für einen anderen Teil aber wird das auch heute
noch bestritten, so vor allem für das Welträtsel des =Seelenlebens=,
insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun das hohe Verdienst der
modernen =Entwickelungslehre=, die Brücke zwischen den beiden, scheinbar
getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir sind jetzt zu der klaren
Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des =organischen=
Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen sind wie die
=anorganischen= Phänomene im unendlichen Kosmos.

_Die Einheit der Natur,_ die hieraus folgt, die Überwindung des
früheren Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse
unserer modernen Entwickelungslehre. Ich habe diesen »=Monismus des
Kosmos=«, die prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen
Natur« schon 1866 sehr eingehend zu begründen versucht, indem ich die
Übereinstimmung der beiden großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe,
Formen und Kräfte einer eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung
unterzog (Generelle Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug
ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen
Schöpfungsgeschichte«. Während die hier entwickelten Anschauungen von
der großen Mehrzahl der Naturforscher gegenwärtig angenommen sind,
ist doch neuerdings von mehreren Seiten der Versuch gemacht worden,
sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei ganz verschiedenen
Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache handelt es sich
auch hier wieder um den uralten Gegensatz der =mechanischen= und der
=teleologischen= Weltanschauung. Bevor wir auf denselben eingehen,
wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen, welche nach meiner
Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen Probleme sehr
wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre.

_Kohlenstofftheorie._ Die physiologische Chemie hat im Laufe der
letzten Dezennien durch unzählige Analysen folgende fünf Tatsachen
festgestellt: ~I~. In den organischen Naturkörpern kommen keine
anderen Elemente vor als in den anorganischen. ~II~. Diejenigen
Verbindungen der Elemente, welche dem Organismus eigentümlich sind,
und welche ihre »Lebenserscheinungen« bewirken, sind zusammengesetzte
Plasmakörper, aus der Gruppe der Albuminate oder Eiweißverbindungen.
~III~. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-physikalischer
Prozeß, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht. ~IV~.
Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten
Eiweißkörper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff,
Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff.
~V~. Diese plasmatischen Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich
vor den meisten anderen chemischen Verbindungen durch ihre sehr
komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre Unbeständigkeit und
ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fünf fundamentalen
Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende =Theorie= auf: »Lediglich
die eigentümlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des
Kohlenstoffes -- und namentlich der festflüssige Aggregatzustand und
die leichte Zersetzbarkeit der höchst zusammengesetzten, eiweißartigen
Kohlenstoff-Verbindungen -- sind die mechanischen Ursachen jener
eigentümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die
Organismen von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren
Sinne das Leben nennt.« Obwohl diese »Kohlenstofftheorie« von mehreren
Biologen heftig angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine
bessere monistische Theorie an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die
physiologischen Verhältnisse des Zellenlebens, die Chemie und Physik
des lebendigen Plasma viel besser und gründlicher kennen als um die
Mitte des 19. Jahrhunderts, läßt sich unsere Theorie eingehender und
sicherer begründen, als es damals möglich war.

_Achigonie oder Urzeugung._ Der alte Begriff der =Urzeugung=
(~Generatio spontanea~ oder ~aequivoca~) wird heute noch in
sehr verschiedenem Sinne verwendet; gerade die Unklarheit über
diesen =Begriff= und die widersprechende Anwendung desselben auf
ganz verschiedene, alte und neue Hypothesen sind schuld daran,
daß dieses wichtige Problem zu den bestrittensten und konfusesten
Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag gehört.
Ich beschränke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung
von lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen
und unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem »=Beginn der
Biogenesis=«: ~I~. die Entstehung von einfachsten Plasmakörpern
in einer anorganischen Bildungsflüssigkeit, und ~II~. die
Individualisierung von primitivsten Organismen aus jenen
Plasmaverbindungen, in Form von =Moneren=. Ich habe diese wichtigen,
aber auch sehr schwierigen Probleme im 15. Kapitel meiner Natürlichen
Schöpfungsgeschichte so eingehend behandelt, daß ich hier darauf
verweisen kann. Eine sehr ausführliche und streng wissenschaftliche
Erörterung derselben habe ich bereits 1866 in der »Generellen
Morphologie« gegeben (Bd. ~I~, S. 167-190); später hat =Naegeli= in
seiner Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884)
die Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend
behandelt und als eine =unentbehrliche Annahme= der natürlichen
Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei:
»Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.« Eine kritische
Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings
über »Urzeugung« aufgestellt worden sind, enthält das 15. Kapitel
(»Lebensursprung«) meines Buches über die »Lebenswunder« (Volksausgabe
1906).

_Teleologie und Mechanik._ Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die
eng damit verknüpfte Kohlenstofftheorie besitzen die größte Bedeutung
für die Entscheidung des alten Kampfes zwischen der =teleologischen=
(=dualistischen=) und der =mechanischen= (=monistischen=) Beurteilung
der Erscheinungen. Seit =Darwin= uns vor fünfzig Jahren durch seine
=Selektionstheorie= den Schlüssel zur monistischen Erklärung der
Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte
Mannigfaltigkeit der zweckmäßigen Einrichtungen in der lebendigen
Körperwelt ebenso auf natürliche mechanische Ursachen zurückzuführen,
wie dies vorher nur in der anorganischen Natur möglich war. Die
übernatürlichen zwecktätigen Ursachen, zu welchen man früher seine
Zuflucht hatte nehmen müssen, sind dadurch überflüssig geworden.

_Werkursachen_ (~Causae efficientes~) und _Endursachen_ (~Causae
finales~). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen
(oder Werkursachen) und den zwecktätigen Ursachen (oder Endursachen)
hat mit Bezug auf die Erklärung der Gesamtnatur kein neuerer Philosoph
schärfer hervorgehoben, als =Immanuel Kant=. In seinem berühmten
Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels«,
hatte er 1755 den kühnen Versuch unternommen, »die Verfassung und
den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach =Newton=schen
Grundsätzen abzuhandeln«. Er stützte sich dabei ganz auf die
mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde später
von =Laplace= weiter ausgebildet und mathematisch begründet. Als dieser
von Napoleon ~I~. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott,
der Schöpfer und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar
und ehrlich: »Sire, ich bedarf dieser Hypothese nicht.« Damit war der
=atheistische Charakter= dieser =mechanischen Kosmogenie=, den sie mit
allen anorganischen Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies muß um
so mehr hervorgehoben werden, als die =Kant-Laplace=sche Theorie noch
heute in fast allgemeiner Geltung steht. Wenn man den =Atheismus=
noch heute in weiten Kreisen als einen schweren Vorwurf betrachtet, so
trifft dieser die gesamte moderne Naturwissenschaft, insofern sie die
=anorganische= Welt unbedingt mechanisch erklärt.

Der Mechanismus =allein= gibt uns eine =wirkliche Erklärung= der
Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen
zurückführt, auf Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution
der betreffenden Naturkörper selbst bedingt sind. =Kant= selbst betont,
daß es »ohne diesen Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft
geben kann«, und daß die =Befugnis= der menschlichen Vernunft zur
mechanischen Erklärung =aller= Erscheinungen unbeschränkt sei. Als
er aber später in seiner Kritik der ideologischen Urteilskraft die
Erklärung der verwickelten Erscheinungen in der =organischen= Natur
besprach, behauptete er, daß dafür jene mechanischen Ursachen nicht
ausreichend seien; hier müsse man zweckmäßig wirkende Endursachen
zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft
zur mechanischen Erklärung anzuerkennen, aber ihr =Vermögen= sei
begrenzt. Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermögen zu, aber
für den größten Teil der Lebenserscheinungen (und besonders für die
Seelentätigkeit des Menschen) hielt er die Annahme von Endursachen
unentbehrlich. Der merkwürdige § 79 der Kritik der Urteilskraft trägt
die charakteristische Überschrift: »Von der notwendigen Unterordnung
des Prinzips des Mechanismus unter das teleologische in Erklärung eines
Dinges als Naturzweck«. Die zweckmäßigen Einrichtungen im Körperbau
der organischen Wesen schienen =Kant= ohne Annahme übernatürlicher
Endursachen (d. h. also einer planmäßig wirkenden Schöpferkraft)
so unerklärlich, daß er sagte: »Es ist ganz gewiß, daß wir die
organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen
Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns
erklären können, und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: Es ist
für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder
zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch
nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht
geordnet hat, begreiflich machen werde, sondern man muß diese Einsicht
dem Menschen schlechterdings absprechen.« Siebzig Jahre später ist
dieser unmögliche »=Newton= der organischen Natur« in =Darwin= wirklich
erschienen und hat die große Aufgabe gelöst, die =Kant= für unlösbar
erklärt hatte.

_Der Zweck in der anorganischen Natur_ (=Anorganische Teleologie=).
Seitdem =Newton= (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und
seitdem =Kant= (1755) »die Verfassung und den =mechanischen=
Ursprung des ganzen Weltgeldes nach =Newton=schen Grundsätzen«
festgestellt -- seitdem endlich =Laplace= (1796) dieses =Grundgesetz
des Weltmechanismus= mathematisch begründet hatte, sind die sämtlichen
anorganischen Naturwissenschaften rein =mechanisch= und damit zugleich
rein =atheistisch= geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der
Geologie und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt
seitdem die absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer
Grundlage als unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der
=Zweckbegriff= aus diesem ganzen großen Gebiete =verschwunden=. Jetzt
ist diese monistische Betrachtung nach harten Kämpfen zu allgemeiner
Geltung gelangt, und kein Naturforscher fragt mehr im Ernste nach
dem Zweck irgendeiner Erscheinung in diesem ganzen unermeßlichen
Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im Ernste ein Astronom nach
dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein Mineraloge nach dem Zwecke
der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte ein Physiker über den
Zweck der elektrischen Kräfte oder ein Chemiker über den Zweck der
Atomgewichte grübeln? Wir dürfen getrost antworten: =Nein=! Sicher
nicht in dem Sinne, daß der »liebe Gott« oder eine zielstrebige
Naturkraft diese Grundgesetze des Weltmechanismus einmal plötzlich »aus
nichts« zu einem bestimmten Zweck erschaffen hat, und daß er sie nach
seinem vernünftigen Willen tagtäglich wirken läßt. Diese anthropomorphe
Vorstellung von einem zwecktätigen Weltbaumeister und Weltherrscher
ist hier völlig überwunden; an seine Stelle sind die »ewigen, ehernen,
großen Naturgesetze« getreten.

_Der Zweck in der organischen Natur_ (=Biologische Teleologie=). Eine
ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der
=Zweckbegriff= noch heute in der organischen Natur. Im Körperbau und
in der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit
unleugbar entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der
Zusammensetzung aus einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten
Lebenszweck eingerichtet wie die künstlichen, vom Menschen erfundenen
und konstruierten Maschinen; und solange ihr Leben fortdauert, ist
auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso auf bestimmte Zwecke
gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der Maschine. Es
war daher ganz naturgemäß, daß die ältere naive Naturbetrachtung für
die Entstehung und die Lebenstätigkeit der organischen Wesen einen
Schöpfer in Anspruch nahm, der mit »Weisheit und Verstand alle Dinge
geordnet« hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen
Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewöhnlich wurde dieser
»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden« durchaus anthropomorph
gedacht; er schuf »jegliches Wesen nach seiner Art«. Solange dabei dem
Menschen der Schöpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend
mit seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Händen,
konnte man sich von diesem »göttlichen Maschinenbauer« und von seiner
künstlerischen Arbeit in der großen Schöpfungswerkstätte noch eine
anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich
der Gottesbegriff läuterte und man in dem »unsichtbaren Gott« einen
immateriellen Schöpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher
endlich wurden diese anthropistischen Vorstellungen, als die
Physiologie an die Stelle des bewußt bauenden Gottes die unbewußt
schaffende »=Lebenskraft=« setzte -- eine unbekannte, zweckmäßig tätige
Naturkraft, welche von den bekannten physikalischen und chemischen
Kräften verschieden war und diese nur zeitweise -- auf Lebenszeit --
in Dienst nahm. Dieser =Vitalismus= blieb noch bis um die Mitte des
19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatsächliche Widerlegung
erst durch den großen Physiologen =Johannes Müller=. Zwar war auch
dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft aufgewachsen
und hielt sie für die Erklärung der »letzten Lebensursachen« für
unentbehrlich, aber er führte zugleich in seinem klassischen, noch
heute unübertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, daß
eigentlich nichts mit ihr anzufangen ist. =Müller= selbst zeigte in
einer langen Reihe von ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen
Experimenten, daß die meisten Lebenstätigkeiten im Organismus des
Menschen ebenso wie der übrigen Tiere nach physikalischen und
chemischen Gesetzen geschehen, daß viele von ihnen sogar mathematisch
bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den Funktionen der Muskeln
und Nerven, der niederen und höheren Sinnesorgane, wie von den
Vorgängen bei der Ernährung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und
dem Blutkreislauf. Rätselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft
nicht erklärbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der höheren
Seelentätigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung).
Aber auch auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach =Müllers= Tode so
bedeutende Entdeckungen und Fortschritte gemacht, daß das unheimliche
»Gespenst der Lebenskraft« auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln
verschwand. Es war ein merkwürdiger chronologischer Zufall, daß
=Johannes Müller= 1858 in demselben Jahre starb, in welchem =Charles
Darwin= die ersten Mitteilungen über seine epochemachende Theorie
veröffentlichte. Die =Selektionstheorie= des letzteren beantwortete
das große Rätsel, vor welchem der erstere stehen geblieben war: die
Frage von der Entstehung zweckmäßiger Einrichtungen durch rein
mechanische Ursachen, ohne vorbedachten Plan.

_Der Zweck in der Selektionstheorie_ (=Darwin= 1859). Das unsterbliche
philosophische Verdienst =Darwins= bleibt, wie wir schon oft
betont haben, ein doppeltes: erstens die Reform der älteren, 1809
von =Lamarck= begründeten =Deszendenztheorie=, ihre Begründung
durch das gewaltige, im Laufe dieses halben Jahrhunderts
angesammelte Tatsachenmaterial -- und zweitens die Aufstellung der
=Selektionstheorie=, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst eigentlich
die wahren bewirkenden Ursachen der allmählichen Artumbildung enthüllt.
=Darwin= zeigte zuerst, wie der unerbittliche »=Kampf ums Dasein=«
der unbewußt wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung der
Vererbung und Anpassung bei der allmählichen Transformation der Spezies
leitet; er ist der große »=züchtende Gott=«, welcher ohne Absicht neue
Formen ebenso durch »natürliche Auslese« bewirkt, wie der züchtende
Mensch neue Formen mit Absicht durch »künstliche Auslese« hervorbringt.
Damit wurde das große philosophische Rätsel gelöst: »Wie können
zweckmäßige Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zwecktätige
Ursachen?« Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der »=teleologischen
Mechanik=« zu immer größerer Geltung entwickelt und hat auch die
feinsten und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns
durch die »funktionelle Selbstgestaltung der zweckmäßigen Struktur«
mechanisch erklärt. Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff
unserer teleologischen Schulphilosophie beseitigt, das größte Hindernis
einer vernünftigen und einheitlichen Naturauffassung.

_Neovitalismus._ In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen
Lebenskraft, das gründlich getötet schien, wieder aufgelebt;
verschiedene Biologen haben versucht, dasselbe unter neuem Namen zur
Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der
Kieler Botaniker =Johannes Reinke= in zwei Büchern gegeben: »Die Welt
als Tat« (1899) und »Einleitung in die theoretische Biologie« (1901).
Er nennt sie »Umrisse einer Weltansicht auf naturwissenschaftlicher
Grundlage«; tatsächlich ist aber diese Grundlage der christliche
Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht
und =Moses= als höchste wissenschaftliche Autorität betrachtet,
verteidigt er zugleich den Wunderglauben und den =Theismus=, die
Mosaische =Schöpfungsgeschichte= und die Konstanz der Arten; er
nennt die »Lebenskräfte«, im Gegensatze zu den physikalischen
Kräften, Richtkräfte, Oberkräfte oder =Dominanten=. =Reinke= wendet
vergeblich alle Mittel auf, um die herrschenden Glaubenslehren der
christlichen Kirche mit den direkt widersprechenden Erfahrungssätzen
der Entwickelungslehre in Einklang zu bringen. Diesen Widerspruch wird
auch der neue sogenannte »Keplerbund« nicht lösen, den er 1908 zur
Bekämpfung und Vernichtung des 1905 gegründeten »Monistenbundes« ins
Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare dieses Neovitalismus
(der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und Okkultisten,
Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2. und 3.
Kapitel meiner »Lebenswunder« eingehend nachgewiesen.

_Unzweckmäßigkeitslehre_ (=Dysteleologie=). Unter diesem Begriffe
habe ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den überaus
interessanten und wichtigen biologischen Tatsachen begründet, welche
in handgreiflichster Weise die hergebrachte teleologische Auffassung
von der »zweckmäßigen Einrichtung der lebendigen Naturkörper« direkt
widerlegen. Diese Wissenschaft von den »rudimentären, abortiven,
verkümmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder kataplastischen
Individuen« stützt sich auf eine unermeßliche Fülle der merkwürdigsten
Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern längst bekannt
waren, aber erst durch Darwin ursächlich erklärt und in ihrer hohen
philosophischen Bedeutung vollständig gewürdigt worden sind.

Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen,
deren Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren,
zweckmäßig zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei
aufmerksamer Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen,
ja zum Teil sogar gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen.
In den Blüten der meisten Pflanzen finden sich neben den wirksamen
Geschlechtsblättern, welche die Fortpflanzung vermitteln, einzelne
nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung (verkümmerte oder »fehlgeschlagene«
Staubfäden, Fruchtblätter, Kronen-, Kelchblätter usw.). In den
beiden großen und formenreichen Klassen der fliegenden Tiere, Vögel
und Insekten, gibt es neben den gewöhnlichen, ihre Flügel täglich
gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flügel verkümmert
sind, und die nicht fliegen können. Fast in allen Klassen der höheren
Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne
Arten, welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen
auch diese meistens noch Augen; nur sind sie verkümmert, zum Sehen
nicht mehr tauglich. An unserem eigenen menschlichen Körper besitzen
wir solche nutzlose Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der
Nickhaut unseres Auges, in der Brustwarze und Milchdrüse des Mannes
und in anderen Körperteilen; ja der gefürchtete Wurmfortsatz unseres
Blinddarmes ist nicht nur unnütz, sondern sogar gefährlich, und
alljährlich geht eine Anzahl Menschen durch seine Entzündung zugrunde.

Die =Erklärung= dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen
im Körperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der
neue =Vitalismus= zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch
die =Deszendenztheorie=. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe
=verkümmert= sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die
Muskeln, die Nerven, die Sinnesorgane durch Übung und häufigeren
Gebrauch gestärkt werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch
Untätigkeit und unterlassenen Gebrauch mehr oder weniger Rückbildung.
Aber obgleich so durch Übung und Anpassung die höhere Entwickelung
der Organe gefördert wird, so verschwinden sie doch keineswegs sofort
spurlos durch Nichtübung; vielmehr werden sie durch die Macht der
Vererbung noch während vieler Generationen erhalten und verschwinden
erst allmählich nach längerer Zeit. Der blinde »Kampf ums Dasein
zwischen den Organen« bedingt ebenso ihren historischen Untergang,
wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein
immanenter »Zweck« spielt dabei überhaupt keine Rolle.

_Unvollkommenheit der Natur._ Wie das Menschenleben so bleibt auch das
Tier- und Pflanzenleben immer und überall unvollkommen. Diese Tatsache
ergibt sich einfach aus der Erkenntnis, daß die ganze Natur in einem
beständigen Flusse der =Entwickelung=, der Veränderung und Umbildung
begriffen ist. Diese Entwickelung erscheint uns im großen und ganzen
-- wenigstens soweit wir die Stammesgeschichte der organischen Natur
auf unserem Planeten übersehen können -- als eine fortschreitende
Umbildung, als ein historischer Fortschritt vom Einfachen zum
Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren, vom Unvollkommenen zum
Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen Morphologie (1866) den
Nachweis geführt, daß dieser historische =Fortschritt= -- oder die
allmähliche =Vervollkommnung= -- die =notwendige Wirkung der Selektion=
ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich
auch daraus, daß kein Organismus ganz vollkommen ist; selbst wenn er
in einem gegebenen Augenblicke den Umständen vollkommen angepaßt wäre,
würde dieser Zustand nicht lange dauern; denn die Existenzbedingungen
der Außenwelt sind selbst einem beständigen Wechsel unterworfen und
bedingen damit eine ununterbrochene Anpassung der Organismen.

_Sittliche Weltordnung._ In der Philosophie der Geschichte, in
den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber über
die Schicksale der Völker und über den verschlungenen Gang der
Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer
»sittlichen Weltordnung«. Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel
der Völkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht,
welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem
Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt
hat. Diese teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist
neuerdings um so schärfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer
monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere
im gesamten Gebiete der anorganischen Natur als die allem berechtigte
herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie und Geologie, in dem
weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute niemand mehr von
einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem persönlichen
Gotte, dessen »Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge geordnet hat«.
Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht zu
finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur.
=Darwin= hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie
die zweckmäßigen Einrichtungen im Leben und im Körperbau der Tiere und
Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er
hat uns auch in seinem »=Kampf ums Dasein=« die gewaltige Naturmacht
erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen
Welt seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt.
Man könnte freilich sagen: Der »Kampf ums Dasein« ist das »Überleben
des Passendsten« oder der »Sieg des Besten«; das kann man aber nur,
wenn man das Stärkere stets als das beste (in moralischem Sinne!)
betrachtet; und überdies zeigt uns die ganze Geschichte der organischen
Welt, daß neben dem überwiegenden Fortschritt zum Vollkommenen
jederzeit auch einzelne Rückschritte zu niederen Zuständen vorkommen.

Verhält es sich nun in der Völkergeschichte, die der Mensch in seinem
anthropozentrischen Größenwahn die »Weltgeschichte« zu nennen liebt,
etwa anders? Ist da überall und jederzeit ein höchstes moralisches
Prinzip oder ein weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke
der Völker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem
vorgeschrittenen Zustande unserer Naturgeschichte und Völkergeschichte,
nur lauten: =Nein!= Die Geschicke der Zweige des Menschengeschlechts,
die als Rassen und Nationen seit Jahrtausenden um ihre Existenz und
ihre Fortbildung gerungen haben, unterliegen genau denselben »ewigen,
ehernen, großen Gesetzen« wie die Geschichte der ganzen organischen
Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde bevölkert.

Die Geologen unterscheiden in der »organischen Erdgeschichte«, soweit
sie uns durch die Denkmäler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei
große Perioden: das primäre, sekundäre und tertiäre Zeitalter. Ihre
Zeitdauer ist schwer abzuschätzen, beträgt aber (zusammengenommen)
jedenfalls mehr als hundert Millionen Jahre. Die Geschichte des
Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes Geschlecht entsprossen ist,
liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor unseren Augen; drei
verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in jenen drei
großen Perioden nacheinander entwickelt; in der primären Periode
die =Fische=, in der sekundären die =Reptilien=, in der tertiären
die =Säugetiere=. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere
nehmen die Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die
Säugetiere den höchsten Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem
Eingehen in die Geschichte der drei Klassen finden wir, daß auch
die einzelnen Ordnungen und Familien derselben innerhalb der drei
Zeiträume sich fortschreitend zu höherer Vollkommenheit entwickelten.
Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als Ausfluß
einer bewußten zweckmäßigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen
Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie
lehrt uns, daß der organische =Fortschritt=, ebenso wie die organische
Differenzierung, eine =notwendige Folge= des Kampfes ums Dasein ist.
Tausende von bewunderungswürdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches
sind im Laufe jener hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie
anderen, stärkeren, Platz machen mußten, und diese Sieger im Kampfe
ums Dasein waren nicht immer die edleren oder im moralischen Sinne
vollkommneren Formen.

Genau dasselbe gilt von der =Völkergeschichte=. Die bewunderungswürdige
Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen, weil das
Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben an
einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges
Leben einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde
zwar bald zur schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat
schonungslos die Schätze der Erkenntnis, welche die hellenische
Philosophie schon erworben hatte; aber er gewann die Weltherrschaft
durch die Unwissenheit der blindgläubigen =Massen=. Erst die
Renaissance zerriß die Ketten dieser Geistesknechtschaft und verhalf
wieder den Ansprüchen der Vernunft zu ihrem Rechte. Aber auch in dieser
neuen, wie in jenen früheren Perioden der Kulturgeschichte, wogt ewig
der große Kampf ums Dasein hin und her, ohne jede moralische Ordnung.

_Vorsehung._ So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung
eine »moralische Weltordnung« im Gange der Völkergeschichte
nachzuweisen ist, ebensowenig können wir eine »weise Vorsehung« im
Schicksal der einzelnen Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird
mit eiserner Notwendigkeit durch die mechanische Kausalität bestimmt,
welche jede Erscheinung aus einer oder mehreren vorhergehenden Ursachen
ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten als höchstes Weltprinzip
das blinde =Fatum= (die Anangke), das »Götter und Menschen beherrscht«.
An ihre Stelle trat im Christentum die bewußte Vorsehung eines Gottes,
welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die Weltregierung
als patriarchalischer Herrscher führt. Der anthropomorphe Charakter
dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen »liebenden
Vater«, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem
Planeten unablässig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden
Gebete und »frommen Wünsche« derselben jederzeit berücksichtigt, ist
vollkommen unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim
Nachdenken darüber die farbige Brille des »Glaubens« ablegt.

Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat
notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglücksfälle in einem früher
nicht geahnten Maße zugenommen; das erfahren wir tagtäglich durch
die Zeitungen. In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde
durch Schiffbrüche, Tausende durch Eisenbahnunglücke, Tausende durch
Bergwerkskatastrophen usw. Viele Tausende töten sich alle Jahre
gegenseitig im Kriege, und die Zurüstung für diesen Massenmord
nimmt bei den höchstentwickelten, die christliche Liebe bekennenden
Kulturnationen den weitaus größten Teil des Nationalvermögens in
Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die alljährlich als
Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich überwiegend
tüchtige, tatkräftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von
sittlicher Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß
der heute noch herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine
»sittliche Weltordnung« -- ebenso wie an eine »liebevolle Vorsehung«
-- einen hohen =Idealwert= besitzt. Er tröstet die Leidenden, stärkt
die Schwachen, erhebt im Unglück; er befriedigt unser zweifelndes
Gemüt und versetzt uns in eine Idealwelt des »Jenseits«, in welcher
die Mängel des irdischen Daseins im »Diesseits« überwunden sind. So
lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt, mag er sich mit
diesen Gebilden der Dichtung begnügen. Allein das fortgeschrittene
Kulturleben der Gegenwart reißt ihn gewaltsam aus jener schönen
Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lösung ihn nur
die vernünftige Erkenntnis der =Wirklichkeit= befähigt. Unzweifelhaft
wird die frühzeitige Anpassung an diese =Realwelt=, zweckmäßig in den
Unterricht eingeführt und auf die moderne Entwickelungslehre gestützt,
den höher gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernünftiger und
vorurteilsfreier, sondern auch besser und glücklicher machen.

_Ziel, Zweck und Zufall._ Wenn uns unbefangene Prüfung der
Weltentwickelung lehrt, daß dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein
besonderer Zweck (im Sinne der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen
ist, so scheint nichts übrig zu bleiben, als alles dem »=blinden
Zufall=« zu überlassen. Dieser Vorwurf ist in der Tat ebenso
dem =Transformismus= von =Lamarck= und =Darwin=, wie früher der
=Kosmogenie= von =Kant= und =Laplace= entgegengehalten worden; viele
dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes Gewicht. Es
verlohnt sich daher wohl der Mühe, hier noch einen flüchtigen Blick
darauf zu werfen.

Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer =teleologischen=
Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle
Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt =keinen Zufall!= Die
andere Gruppe dagegen meint gemäß ihrer =mechanistischen= Auffassung:
Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer
Prozeß, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was
wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der
biologischen Verhältnisse; weder in der Entwickelung der Weltkörper,
noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck
nachzuweisen; hier ist =alles Zufall!= Beide Parteien haben recht, je
nach der Definition des »Zufalls«. Das allgemeine =Kausalgesetz=, in
Verbindung mit dem Substanzgesetz, überzeugt uns, daß jede Erscheinung
ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen Zufall.
Wohl aber können und müssen wir diesen unentbehrlichen Begriff
beibehalten, um damit das =Zusammentreffen= von zwei Erscheinungen
zu bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknüpft sind, von denen
aber natürlich jede ihre Ursache hat, unabhängig von der anderen. Wie
jedermann weiß, spielt der Zufall in diesem monistischen Sinne die
größte Rolle im Leben des Menschen wie in demjenigen aller anderen
Naturkörper. Die wichtigsten Entscheidungen im bunten Wechsel unserer
persönlichen Schicksale werden oft durch zufällige Begegnung mit
anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, daß wir in jedem
einzelnen »=Zufall=« wie in der Entwickelung des Weltganzen die
universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes anerkennen, des
=Substanzgesetzes=.



=Fünfzehntes Kapitel.=

_Gott und Welt._

  Monistische Studien über Theismus und Pantheismus. Der anthropistische
  Monotheismus der drei großen Mediterran-Religionen. Extramundaner und
  intramundaner Gott.


Als letzten und höchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet
die Menschheit seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter
dem Begriffe =Gott= (~Deus~, ~Theos~). Wie alle anderen
allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser höchste Grundbegriff im
Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten Umbildungen und den
mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja man kann sagen, daß
kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgeändert worden ist;
denn kein anderer berührt in gleich hohem Maße sowohl die höchsten
Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernünftigen Wissenschaft
als auch zugleich die tiefsten Interessen des gläubigen Gemütes und der
dichtenden Phantasie.

Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen
der Gottesvorstellung ist zwar höchst interessant und lehrreich, würde
uns hier aber viel zu weit führen; wir müssen uns damit begnügen, nur
auf die wichtigsten Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung
zu unserer heutigen, durch die reine Naturerkenntnis bedingten
Weltanschauung einen flüchtigen Blick zu werfen.

Wenn wir von allen feineren Abtönungen und bunten Gewandungen des
Gottesbildes absehen, können wir füglich -- mit Beschränkung auf den
tiefsten Inhalt desselben -- alle verschiedenen Vorstellungen darüber
in zwei entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die =theistische= und
die =pantheistische= Gruppe. Die letztere ist eng verknüpft mit der
=monistischen= oder rationellen, die erstere mit der =dualistischen=
oder mystischen Weltanschauung.

~I~. _Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen._ Gott
steht der Welt gegenüber als deren Schöpfer, Erhalter und Regierer.
Dabei wird Gott stets mehr oder weniger menschenähnlich gedacht, als
ein Organismus, welcher dem Menschen ähnlich (wenn auch in höchst
vollkommener Form) denkt und handelt. Dieser =anthropomorphe Gott=,
den die verschiedenen Naturvölker offenbar unabhängig voneinander
mehrmals erdacht haben, unterliegt in ihrer Phantasie bereits den
mannigfaltigsten Abstufungen, vom Fetischismus aufwärts bis zu den
geläuterten monotheistischen Religionen der Gegenwart. Als wichtigste
Unterarten der theistischen Begriffsbildung unterscheiden wir
Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und Monotheismus.

_Polytheismus_ (Vielgötterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen
Göttern bevölkert, welche mehr oder weniger selbständig in deren
Getriebe eingreifen. Der =Fetischismus= findet dergleichen
untergeordnete Götter in den verschiedensten leblosen Naturkörpern, in
den Steinen, im Wasser, in der Luft, in menschlichen Kunstprodukten
einfachster Art. Der =Dämonismus= erblickt Götter in lebendigen
Organismen, in Bäumen, Tieren und Menschen. Diese Vielgötterei nimmt
schon in den niedersten Religionsformen der rohen Naturvölker sehr
mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der höchsten Stufe geläutert
im =hellenischen Polytheismus=, in jenen herrlichen Göttersagen des
alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen Kunst die
schönsten Vorbilder für Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer
Stufe steht der =katholische Polytheismus=, in dem zahlreiche »Heilige«
als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gütige Vermittelung beim
obersten Gott oder bei der »Jungfrau Maria« ersucht werden.

_Triplotheismus_ (Dreigötterei, Trinitätslehre). Die Lehre von der
»=Dreieinigkeit Gottes=«, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der
christlichen Kulturvölker die grundlegenden »drei Glaubensartikel«
bildet, gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, daß der =Eine Gott=
des Christentums eigentlich in Wahrheit aus =drei Personen= von
verschiedenem Wesen sich zusammensetzt: ~I~. =Gott der Vater= ist der
»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde« (dieser unhaltbare Mythus
ist durch die wissenschaftliche Kosmogenie, Astronomie und Geologie
längst widerlegt). =II=. =Jesus Christus= ist der »eingeborene Sohn
Gottes des Vaters« (und zugleich der dritten Person, des »Heiligen
Geistes«!!), erzeugt durch unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria.
~III~. Der =Heilige Geist=, ein mystisches Wesen, über dessen
unbegreifliches Verhältnis zum »Sohne« und zum Vater sich viele
christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen
haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses
=christlichen Triplotheismus= sind, lassen uns über die eigentlichen
Beziehungen dieser drei Personen zu einander völlig im Dunkeln und
geben auf die Frage nach ihrer rätselhaften Einheit keine irgendwie
befriedigende Antwort. Dagegen müssen wir besonders darauf hinweisen,
welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinitätslehre in den
Köpfen unserer Kinder schon beim ersten Schulunterricht notwendig
anrichten muß. Montag morgens in der ersten Unterrichtsstunde
(Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! -- und gleich darauf
in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere
mich selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffällige
Widerspruch in mir selbst beim ersten Unterricht erregte. -- Übrigens
ist die »=Dreieinigkeit=« im Christentum keineswegs originell, sondern
gleich den meisten anderen Lehren desselben aus älteren Religionen
übernommen. Aus dem Sonnendienste der chaldäischen Magier entwickelt
sich die Trinität der =Ilu=, der geheimnisvollen Urquelle der Welt;
ihre drei Offenbarungen waren =Anu=, das ursprüngliche Chaos, =Bel=,
der Ordner der Welt, und =Ao=, das himmlische Licht, die alles
erleuchtende Weisheit. -- In der Brahmanenreligion wird die =Trimurti=
als »Gotteseinheit« ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt, aus
=Brahma= (dem Schöpfer), =Wischnu= (dem Erhalter) und =Schiwa= (dem
Zerstörer).

_Amphitheismus_ (Zweigötterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen
Göttern regiert, einem guten und einem bösen Wesen, =Gott= und
=Teufel=. Beide Weltregenten befinden sich in einem beständigen Kampfe,
wie Kaiser und Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses
Kampfes ist jederzeit der gegenwärtige Zustand der Welt. Der liebe
=Gott=, als das gute Wesen, ist der Urquell des Guten und Schönen, der
Lust und Freude. Die Welt würde vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht
beständig durchkreuzt würde von dem bösen Wesen, dem =Teufel=; dieser
schlimme Satanas ist die Ursache alles Bösen und Häßlichen, der Unlust
und des Schmerzes.

Dieser =Amphitheismus= ist unter allen verschiedenen Formen des
Götterglaubens insofern der vernünftigste, als sich seine Theorie am
ersten mit einer wissenschaftlichen Welterklärung verträgt. Wir finden
ihn daher schon mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen
Kulturvölkern des Altertums ausgebildet. Im alten Indien kämpft
=Wischnu=, der Erhalter, mit =Schiwa=, dem Zerstörer. Im alten
Ägypten steht dem guten =Osiris= der böse =Typhon= gegenüber. In der
Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000 Jahre vor Christus
gegründet, herrscht beständiger Kampf zwischen =Ormudz=, dem guten Gott
des Lichtes, und =Ahriman=, dem bösen Gott der Finsternis.

Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in
der Mythologie des Christentums als der Versucher und Verführer, der
Fürst der Hölle und Herr der Finsternis. Als persönlicher =Satanas= war
er auch noch im Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element
im Glauben der meisten Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde
er mit zunehmender Aufklärung allmählich abgesetzt, oder er mußte sich
mit jener Rolle begnügen, welche ihm =Goethe= in der größten aller
dramatischen Dichtungen, im »Faust«, als =Mephistopheles= zuteilt.
Gegenwärtig gilt in den besseren gebildeten Kreisen der »Glaube an den
persönlichen Teufel« als ein überwundener Aberglaube des Mittelalters,
während gleichzeitig der »Glaube an Gott« (d. h. den persönlichen,
guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der Religion
festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll
berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls
erklärt sich die vielbeklagte »Unvollkommenheit des Erdenlebens« viel
einfacher und natürlicher durch diesen Kampf des guten und bösen Gottes
als durch irgend welche andere Form des Gottesglaubens.

_Monotheismus_ (Eingötterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann
in vieler Beziehung als die einfachste und natürlichste Form der
Gottesverehrung gelten. Nach der allgemeinen Meinung ist sie die
weitest verbreitete Grundlage der Religion und beherrscht namentlich
den Kirchenglauben der Kulturvölker. Tatsächlich ist dies jedoch
nicht der Fall; denn der angebliche =Monotheismus= erweist sich bei
näherer Betrachtung meistens als eine der vorher angeführten Formen
des Theismus, indem neben dem obersten »Hauptgotte« noch einer oder
mehrere Nebengötter angebetet werden. Auch sind die meisten Religionen,
welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt haben, im Laufe der
Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings behauptet die
moderne Statistik, daß unter den 1500 Millionen Menschen, welche unsere
Erde bevölkern, die große Mehrzahl =Monotheisten= seien; =angeblich=
sollen davon =ungefähr= 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein, 500
Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster
Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10
Millionen ganz religionslos. Allein die große Mehrzahl der angeblichen
Monotheisten hat ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben
dem einen Hauptgott auch noch an viele Nebengötter, als da sind:
Engel, Teufel, Dämonen usw. Die verschiedenen Formen, in denen sich
der Monotheismus =polyphyletisch= entwickelt hat, können wir in zwei
Hauptgruppen bringen: naturalistische und anthropistische Eingötterei.

_Naturalistischer Monotheismus._ Diese alte Form der Religion erblickt
die Verkörperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden
Naturerscheinung. Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden
den Menschen vor allem die =Sonne=, die leuchtende und erwärmende
Gottheit, von deren Einfluß sichtlich alles organische Leben
unmittelbar abhängig ist. Der =Sonnenkultus= oder Solarismus kann für
den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen
als die würdigste erscheinen. Denn unsere moderne Astrophysik und
Geogenie hat uns überzeugt, daß die Erde ein abgelöster Teil der Sonne
ist und später wieder in ihren Schoß zurückkehren wird. Die moderne
Physiologie lehrt uns, daß der erste Urquell des organischen Lebens auf
der Erde die Plasmabildung ist und daß diese Synthese von einfachen
anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak nur
unter dem Einflusse des =Sonnenlichtes= erfolgt. Auf die primäre
Entwickelung der =Pflanzen= ist erst nachträglich, sekundär, diejenige
der =Tiere= gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nähren;
und die Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein
späterer Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser
gesamtes körperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles
andere organische Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht
und Wärme spendende Sonne zurückzuführen. Unbefangen und vernünftig
betrachtet, erscheint daher der =Sonnenkultus= als =naturalistischer
Monotheismus= besser begründet als der anthropistische Gottesdienst
der Christen und anderer Kulturvölker, welche Gott in Menschengestalt
sich vorstellen. Tatsächlich haben auch schon vor Jahrtausenden die
Sonnenanbeter sich auf eine höhere intellektuelle und moralische
Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen Theisten. Als ich
im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der größten
Teilnahme die erhebenden Andachtsübungen der frommen Parsi, welche
beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder
auf ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden
Tagesgestirn ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, ~IV~.
Aufl., S. 56).

_Anthropistischer Monotheismus._ Die Vermenschlichung Gottes,
die Vorstellung, daß das »höchste Wesen« dem Menschen gleich
empfindet, denkt und handelt (wenn auch in erhabenster Form),
spielt als =anthropomorpher Monotheismus= die größte Rolle in der
Kulturgeschichte. Vor allen anderen treten hier in den Vordergrund
die drei großen Religionen der mediterranen Menschenart, die ältere
mosaische, die mittlere christliche und die jüngere mohammedanische.
Diese =drei großen Mittelmeer-Religionen=, alle drei an der gesegneten
Ostküste des interessantesten aller Meere entstanden, alle drei in
ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmer semitischer
Rasse gestiftet, hängen nicht nur äußerlich durch diesen gemeinsamen
Ursprung innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Züge
ihrer inneren Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen großen
Teil seiner Mythologie aus dem älteren Judentum direkt übernommen
hat, so hat der jüngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen
viele Erbschaften beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren
ursprünglich rein =monotheistisch=; alle drei sind späterhin den
mannigfaltigsten =polytheistischen= Umbildungen unterlegen, je weiter
sie sich zunächst an den vielteiligen Küsten des mannigfach bevölkerten
Mittelmeers und sodann in den übrigen Erdteilen ausbreiteten.

_Der Mosaismus._ Der jüdische Monotheismus, wie ihn =Moses= (1600
vor Chr.) begründete, gilt gewöhnlich als diejenige Glaubensform des
Altertums, welche die höchste Bedeutung für die weitere ethische und
religiöse Entwickelung der Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist
ihr dieser hohe historische Wert schon deshalb zuzugestehen, weil
die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-Religionen aus ihr
hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern von Moses,
wie später Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht das
Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das
Glaubens-Fundament der höchstentwickelten Kulturvölker gebildet hat,
auf der Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als
=Bibel= einen Einfluß und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes
Buch in der Welt. Wenn wir aber diese merkwürdige Geschichtsquelle
unbefangen und vorurteilslos prüfen, so stellen sich viele wichtige
Beziehungen ganz anders dar, als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer
eindringende moderne Kritik und Kulturgeschichte wichtige Aufschlüsse
geliefert, welche die geltende Tradition in ihren Fundamenten
erschüttern.

Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begründen suchte,
und wie ihn später mit großem Erfolge die =Propheten= ausbildeten,
hatte ursprünglich harte und lange Kämpfe mit dem herrschenden älteren
Polytheismus zu bestehen. Ursprünglich war =Jehovah= oder Japheh aus
jenem Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der
meistverehrten orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen
Forschungen der modernen Assyriologen über »=Bibel und Babel=«
(Delitzsch u. a.) haben gelehrt, daß der monotheistische Japhehglaube
schon lange vor Moses in Babylon heimisch war. Daneben aber blieben
andere Götter vielfach in hohem Ansehen, und der Kampf mit der
»Abgötterei« bestand im jüdischen Volke immer fort. Trotzdem blieb im
Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote
Mosis ausdrücklich sagt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht
andere Götter haben neben mir.«

_Das Christentum._ Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal
seiner Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingötterei meistens nur
theoretisch im Prinzip, während er praktisch in die mannigfaltigsten
Formen des Polytheismus sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in
der Trinitätslehre selbst, die doch als ein unentbehrliches Fundament
der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise
aufgegeben. Die =drei Personen=, die als Vater, Sohn und Heiliger
Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso drei verschiedene
=Individuen= (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die drei indischen
Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt noch,
daß in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte
Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine
große Rolle spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als
viel wichtiger und einflußreicher als die drei männlichen Personen der
Himmelsregierung. Der =Madonnenkultus= hat hier tatsächlich eine solche
Bedeutung gewonnen, daß man ihn als einen =weiblichen Monotheismus=
der gewöhnlichen männlichen Form der Eingötterei gegenüberstellen
kann. Die »hehre Himmelskönigin« erscheint hier so sehr im Vordergrund
aller Vorstellungen (wie es auch unzählige Madonnenbilder und Sagen
bezeugen), daß die drei männlichen Personen dagegen ganz zurücktreten.

Nun hat sich aber außerdem schon frühzeitig in der Phantasie der
gläubigen Christen eine zahlreiche Gesellschaft von »=Heiligen=« aller
Art zu dieser obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische
Engel sorgen dafür, daß es im »ewigen Leben« an Konzertgenüssen nicht
fehlt. Die römischen Päpste -- die größten Charlatans, die jemals eine
Religion hervorgebracht hat! -- sind beständig beflissen, durch neue
Heiligsprechungen die Zahl dieser anthropomorphen Himmelstrabanten
zu vermehren. Den reichsten und interessantesten Zuwachs hat aber
diese seltsame Paradiesgesellschaft am 13. Juli 1870 dadurch
bekommen, daß das vatikanische Konzil die Päpste als Stellvertreter
Christi für =unfehlbar= erklärt und sie damit selbst zum Range von
=Göttern= erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten
»persönlichen Teufel« und die »bösen Engel«, welche seinen Hofstaat
bilden, so gewährt uns der =Papismus=, die heute noch meistverbreitete
Form des modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten
anthropistischen =Polytheismus=, daß der hellenische Olymp im
Vergleiche dazu klein und dürftig erscheint.

_Der Islam_ (oder der =mohammedanische Monotheismus=) ist die jüngste
Form der Eingötterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frühzeitig
den polytheistischen Götzendienst seiner arabischen Stammesgenossen
verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete
er sich zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber
nicht entschließen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen
Propheten, gleich Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was
bei unbefangenem Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden
muß, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundsätzen
unserer Vernunft vereinbar noch für unsere religiöse Erhebung von
irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der unbefleckten Jungfrau Maria
als der »Mutter Gottes« betrachtete er ebenso als eitle Götzendienerei
wie die Verehrung von Bildern und Bildsäulen. Je länger er darüber
nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung
hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewißheit seines Hauptsatzes:
»Gott ist der alleinige Gott«; es gibt keine anderen Götter neben ihm.

Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der
Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb
ein idealisierter, allmächtiger Mensch, ebenso wie der strenge,
strafende Gott des Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des
Christus. Aber trotzdem kann man der mohammedanischen Religion den
Vorzug lassen, daß sie auch im Verlaufe ihrer historischen Entwickelung
und unvermeidlichen Abartung den ursprünglichen reinen Charakter
strenger bewahrte als die mosaische und die christliche Religion.
Das zeigt sich auch heute noch äußerlich in den Gebetsformen und
Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmückung
ihrer Gotteshäuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient besuchte
und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und
Konstantinopel bewunderte, erfüllten mich mit wahrer Andacht die
einfache und geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene
und zugleich prächtige architektonische Schmuck des Äußern. Wie
edel und erhaben erscheinen diese Moscheen im Vergleiche zu der
Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche innen mit bunten Bildern
und goldenem Flitterkram überladen, außen durch übermäßige Fülle
von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht minder schön
erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsübungen des
Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der
katholischen Messen und der lärmenden Musik ihrer theatralischen
Prozessionen.

_Mixotheismus_ (Mischgötterei). Unter diesem Begriffe kann man füglich
alle diejenigen Formen des Götterglaubens zusammenfassen, welche
=Mischungen= von religiösen Vorstellungen verschiedener und zum
Teil direkt widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese
weitestverbreitete Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch
aber ist sie die wichtigste und merkwürdigste von allen. Denn die große
Mehrzahl der Menschen, die sich überhaupt religiöse Vorstellungen
bildeten, waren von jeher und sind noch heute =Mixotheisten=; ihre
Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frühzeitig in der Kindheit
eingeprägten Glaubenssätzen ihrer speziellen Konfession und aus
vielen verschiedenen Eindrücken, welche später bei der Berührung mit
anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren
modifizieren. Bei vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende
Einfluß philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die
unbefangene Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die
Nichtigkeit der theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser
widersprechenden Vorstellungen, welcher für feiner empfindende Gemüter
äußerst schmerzlich ist und oft das ganze Leben hindurch unentschieden
bleibt, offenbart klar die ungeheure Macht der =Vererbung= alter
Glaubenssätze einerseits und der frühzeitigen =Anpassung= an
irrtümliche Lehren andererseits. Die besondere Konfession, in welche
das Kind von frühester Jugend an durch die Eltern eingezwängt wurde,
bleibt meistens in der Hauptsache maßgebend, falls nicht später
durch den stärkeren Einfluß eines anderen Glaubensbekenntnisses
eine Konversion eintritt. Aber auch bei diesem Übertritt von einer
Glaubensform zur anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte
aufgegebene, nur eine äußere Etikette, unter welcher bei näherer
Untersuchung die allerverschiedensten Überzeugungen und Irrtümer sich
bunt gemischt verstecken. Die große Mehrzahl der sogenannten Christen
sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern Amphitheisten,
Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den
Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen
Religionen. Überall gesellen sich zu der ursprünglichen Vorstellung des
»alleinigen oder dreieinigen Gottes« später erworbene Glaubensbilder
von untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen
Dämonen, eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten.

_Wesen des Theismus._ Alle hier angeführten Formen des Theismus
im eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als
des =Außerweltlichen= oder =Übernatürlichen=. Immer steht Gott als
selbständiges Wesen der Welt oder der Natur gegenüber, meistens
als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten
Religionen kommt dazu noch der Charakter des =Persönlichen= und
bestimmter noch die Vorstellung, daß Gott als Person dem Menschen
ähnlich ist. »In seinen Göttern malet sich der Mensch.« Dieser
=Anthropomorphismus Gottes=, die Vorstellung eines Wesens, welches
gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der großen
Mehrzahl der Gottesgläubigen maßgebend, bald in mehr roher und
naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird
die fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, daß Gott als
höchstes Wesen von absoluter Vollkommenheit und daher gänzlich von dem
unvollkommenen Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer
Untersuchung bleibt immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder
Geistestätigkeit.

_Der persönliche Anthropismus Gottes_ ist bei der großen Mehrzahl der
Gläubigen zu einer so geläufigen Vorstellung geworden, daß sie keinen
Anstoß an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und
Statuen nehmen, und an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in
welchen Gott menschliche Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint
die Person Gottes auch in Gestalt anderer Säugetiere (Affen, Löwen,
Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vögeln (Adler, Tauben, Schwäne)
oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen, Krokodile, Drachen).

In den höheren und abstrakteren Religionsformen wird diese körperliche
Erscheinung aufgegeben und Gott nur als »=reiner Geist=« ohne Körper
verehrt. »Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist
und in der Wahrheit anbeten.« Trotzdem bleibt aber die Seelentätigkeit
dieses reinen Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen
Gottesperson. In Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht
unkörperlich, sondern unsichtbar gedacht, gasförmig.

~II~. _Pantheismus_ (All-Eins-Lehre): =Gott und Welt sind ein
einziges Wesen.= Der Begriff Gottes fällt mit demjenigen der =Natur=
oder der =Substanz= zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht
im Prinzip sämtlichen angeführten und allen sonst noch möglichen Formen
des =Theismus= schroff gegenüber, wenngleich man durch Entgegenkommen
von beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sich
vielfach bemüht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale
Gegensatz bestehen, daß im =Theismus= Gott als außerweltliches oder
=extramundanes= Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenübersteht
und =von außen= auf sie einwirkt, während im =Pantheismus= Gott als
innerweltliches oder =intramundanes= Wesen allenthalben die Natur
selbst ist und als denkende Substanz, als »Kraft oder Energie«
tätig ist. Diese letztere Ansicht allein ist vereinbar mit dem
=Substanzgesetze=. Daher ist notwendigerweise =der Pantheismus die
Weltanschauung unserer modernen Naturwissenschaft=.

Da der =Pantheismus= erst aus der geläuterten Naturbetrachtung des
denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise
viel jünger als der =Theismus=, dessen roheste Formen sicher schon
vor mehr als zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvölkern in
mannigfaltigen Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten
Anfängen der Philosophie bei den ältesten Kulturvölkern (in Indien und
Ägypten, in China und Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus
Keime des Pantheismus in verschiedenen Religionsformen eingestreut
sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung
desselben erst in dem =Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen=
auf, in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. Alle großen
Denker dieser Blüteperiode des hellenischen Geistes überragt der
gewaltige =Anaximander= von Milet, der die prinzipielle Einheit des
=unendlichen Weltganzen= tief und klar erfaßte. Nicht nur den großen
Gedanken der ursprünglichen =Einheit= des Kosmos, der =Entwickelung=
aller Erscheinungen aus der alles durchdringenden =Urmaterie=, hatte
=Anaximander= bereits ausgesprochen, sondern auch die kühne Vorstellung
von zahllosen, in periodischem =Wechsel= entstehenden und vergehenden
Weltbildungen.

Auch viele von den folgenden großen Philosophen des klassischen
Altertums, vor allen =Demokritos=, =Heraklitos= und =Empedokles=,
hatten in gleichem oder ähnlichem Sinne tief eindringend bereits
jene Einheit von Natur und Gott, von Körper und Geist erfaßt, welche
im Substanzgesetze unseres heutigen =Monismus= den bestimmtesten
Ausdruck gewonnen hat. Der große römische Dichter und Naturphilosoph
=Lucretius Carus= hat ihn in seinem berühmten Lehrgedichte »~De rerum
natura~« in hochpoetischer Form dargestellt. Allein dieser naturwahre
pantheistische Monismus wurde bald ganz zurückgedrängt durch den
mystischen Dualismus von =Plato= und besonders durch den gewaltigen
Einfluß, den seine idealistische Philosophie durch die Verschmelzung
mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren
mächtigster Anwalt, der römische Papst, die geistige Weltherrschaft
gewann, wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrückt; =Giordano Bruno=,
sein geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo
Fiori in Rom von dem »Stellvertreter Gottes« lebendig verbrannt.

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den
großen =Baruch Spinoza= das System des Pantheismus in reinster Form
ausgebildet; er stellte für die Gesamtheit der Dinge den reinen
=Substanzbegriff= auf, in welchem »Gott und Welt« untrennbar vereinigt
sind. Wir müssen die Klarheit, Sicherheit und Folgerichtigkeit des
monistischen Systems von =Spinoza= heute um so mehr bewundern, als
diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle die sicheren
empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhältnis von =Spinoza= zum
späteren =Materialismus= im 18. und zu unserem heutigen =Monismus= im
19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur
weiteren Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben,
haben vor allem die unsterblichen Werke unseres größten Dichters und
Denkers beigetragen, =Wolfgang Goethe=. Seine herrlichen Dichtungen
»Gott und Welt«, »Prometheus«, »Faust« usw. hüllen die Grundgedanken
des Pantheismus in die vollkommenste und schönste dichterische Form.

Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den früheren
philosophischen Systemen, sowie die wichtigsten Grundzüge von deren
historischer Entwickelung, sind in dem »Grundriß der Geschichte der
Philosophie« von =Friedrich Überweg= eingehend dargestellt (10.
Auflage, bearbeitet von =Max Heinze=, Berlin 1906). Eine vortreffliche
klare Übersicht derselben -- gewissermaßen eine »Stammesgeschichte der
Welträtsel und der Versuche zu ihrer Lösung« -- hat =Fritz Schultze=
(Dresden) in seinem »=Stammbaum der Philosophie=« gegeben; ein
»Tabellarisch-Schematischer Grundriß der Geschichte der Philosophie von
den Griechen bis zur Gegenwart« (Leipzig, 2. Auflage, 1899).

_Atheismus_ (»Die entgötterte Weltanschauung«). Es =gibt keinen= Gott
und keine Götter, falls man unter diesem Begriff persönliche, außerhalb
der Natur stehende Wesen versteht. Diese »=gottlose Weltanschauung=«
fällt im wesentlichen mit dem =Monismus= oder =Pantheismus= unserer
modernen Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen
Ausdruck dafür, indem sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die
Nichtexistenz einer außerweltlichen und übernatürlichen Gottheit. In
diesem Sinne sagt =Schopenhauer= ganz richtig: »=Pantheismus= ist nur
ein höflicher Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der
Aufhebung des dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der
Erkenntnis, daß die Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst
da ist. Der Satz des Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist
bloß eine höfliche Wendung, dem Herrgott den Abschied zu geben.«

Während des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des
Papismus, wurde der =Atheismus= als die entsetzlichste Form der
Weltanschauung mit Feuer und Schwert verfolgt. Da der »Gottlose« im
Evangelium mit dem »Bösen« schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen
Leben die Höllenstrafe der ewigen Verdammnis angedroht wird, ist es
begreiflich, daß jeder gute Christ selbst den entfernten Verdacht
des Atheismus ängstlich mied. Leider besteht auch heute noch diese
Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem =atheistischen= Naturforscher,
der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der =Wahrheit= widmet,
traut man von vornherein alles Böse zu; der =theistische= Kirchgänger
dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus gedankenlos
mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbürger, auch wenn er sich
bei seinem =Glauben= gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten
Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klären, wenn im 20.
Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernünftigen
Naturerkenntnis weicht und der monistischen Überzeugung der =Einheit
von Gott und Welt=.



=Sechzehntes Kapitel.=

_Wissen und Glauben._

  Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit
  und Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und
  Offenbarung.


Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der =Wahrheit=.
Unser echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus
Vorstellungen, welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir
sind zwar unfähig, das innerste Wesen dieser realen Welt -- »das Ding
an sich« -- zu erkennen; aber unbefangene und kritische Beobachtung und
Vergleichung überzeugt uns, daß bei normaler Beschaffenheit des Gehirns
und der Sinnesorgane die Eindrücke der Außenwelt auf diese bei allen
vernünftigen Menschen dieselben sind, und daß bei normaler Funktion
der Denkorgane bestimmte, überall gleiche Vorstellungen gebildet
werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt, daß ihr Inhalt
dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir =wissen=, daß diese
Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind.

_Erkenntnisquellen._ Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei
verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen
Funktionen des Menschen; erstens auf der =Empfindung= der Objekte
mittels der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so
gewonnenen Eindrücke durch Assozion zur =Vorstellung= im Subjekt. Die
Werkzeuge der Empfindung sind die =Sinnesorgane=; die Werkzeuge, welche
die Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die =Denkorgane=. Diese
letzteren sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren
=Nervensystems=, jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems
der höheren Tiere, dessen Funktion einzig und allein die gesamte
Seelentätigkeit ist.

_Sinnesorgane_ (~Sensilla~). Die Sinnestätigkeit des Menschen,
welche der =erste Ausgangspunkt aller Erkenntnis= ist, hat sich
langsam und allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere,
der Primaten, entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser
höchstentwickelten Tierklasse überall von wesentlich gleichem Bau,
und ihre Funktion erfolgt überall nach denselben physikalischen
und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben in derselben
historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so
sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der
Hautdecke, und die empfindlichen Zellen der =Oberhaut= sind die
Ureltern aller der verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung
an verschiedene Reize (Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre
spezifische Energie erlangt haben. Sowohl die Stäbchenzellen der Retina
in unserem Auge und die Hörzellen in der Schnecke unseres Ohres, als
auch die Riechzellen in der Nase und die Schmeckzellen auf unserer
Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen indifferenten Zellen der
Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres Körpers überziehen.
Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die unmittelbare Beobachtung
am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen Tiere direkt bewiesen.
Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem Biogenetischen
Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß auch in der
langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren Sinnesorgane mit
ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut niederer Tiere
entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine
solchen gesonderten Sensillen enthielt.

_Spezifische Energie der Sensillen._ Von größter Bedeutung für die
menschliche Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven
unseres Körpers imstande sind, ganz verschiedene Qualitäten der
Außenwelt und nur diese wahrzunehmen. Der Sehnerv des Auges vermittelt
nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres nur Schallempfindung, der
Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw. Gleichviel, welche Reize
das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre Reaktion behält
dieselbe Qualität. Aus dieser =spezifischen Energie= der Sinnesnerven,
welche von =Johannes Müller= zuerst in ihrer weitreichenden
Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen
worden, besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen
Erkenntnistheorie. Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur
einen gewissen Zustand des erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus
nichts auf die Existenz und Beschaffenheit der erregenden Außenwelt
geschlossen werden könne. Die skeptische Philosophie zog daraus den
Schluß, daß diese letztere selbst zweifelhaft sei, und der extreme
Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität, sondern er negierte
sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer Vorstellung
existiere.

Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die
»spezifische Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene
besondere Qualität einzelner Nerven, sondern durch =Anpassung=
an die besondere Tätigkeit der Oberhautzellen entstanden ist, in
welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen der Arbeitsteilung nahmen
die ursprünglich indifferenten »=Hautsinneszellen=« verschiedene
Aufgaben in Angriff, indem die einen den Reiz der Lichtstrahlen,
die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine dritte Gruppe die
chemische Einwirkung riechender Substanzen usw. aufnahmen. Im
Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine
allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der
morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit
zugleich veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen
aufgenommenen Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte
Schritt für Schritt die besonderen Umbildungen derselben, welche
sich als nützlich erwiesen; sie schuf so zuletzt im Laufe vieler
Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen Instrumente, welche als =Auge=
und =Ohr= unsere teuersten Güter darstellen. Ihre Einrichtung ist so
wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen Annahme einer
»Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die besondere
Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven hat
sich aber erst durch Gewohnheit und Übung -- d. h. durch =Anpassung= --
allmählich entwickelt und ist dann durch =Vererbung= von Generation zu
Generation übertragen worden.

_Grenzen der Sinneswahrnehmung._ Die kritische Vergleichung der
Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt
eine Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von
den beiden höchstentwickelten, den »ästhetischen Sinneswerkzeugen«,
Auge und Ohr. Sie zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und
verwinkelteren Bau als bei den übrigen Tieren und entwickeln sich
auch im Embryo derselben auf eigentümliche Weise. Diese typische
Ontogenese und Struktur der Sensillen bei sämtlichen Wirbeltieren
erklärt sich durch =Vererbung= von einer gemeinsamen Stammform.
Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große Mannigfaltigkeit der
Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die =Anpassung=
an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten oder
geminderten Gebrauch der einzelnen Teile.

Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne
keineswegs als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das
Auge der Vögel ist viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände
auf weite Entfernung viel deutlicher als das menschliche Auge. Das
Gehör vieler Säugetiere, besonders der in Wüsten lebenden Raubtiere,
Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher als das menschliche
und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen wahr; darauf
weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die
Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine
höhere Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist
bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren,
viel mehr ausgebildet als beim Menschen; wenn der Hund seine eigene
feine Spürnase mit der des Menschen vergleichen könnte, würde er
mitleidig auf letztere herabsehen. Auch in bezug auf die niederen
Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den Tastsinn und den
Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder Beziehung die
höchste Entwickelungsstufe.

Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen
urteilen, die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie
im Körper vieler Tiere noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane
nach. So besitzen die Fische und andere niedere, im Wasser lebende
Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der Haut, welche mit besonderen
Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten des Fischkörpers
verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe in
mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen«
liegen Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen
Nervenhügeln verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte
»Hautsinnesorgan« zur Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck
oder in chemischen Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch
durch den Besitz anderer eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren
Bedeutung uns unbekannt ist.

Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche
Sinnestätigkeit beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer
als in qualitativer Hinsicht. Wir können also mit unseren Sinnen,
vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer nur einen Teil der
Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt besitzen. Aber
auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern unsere
Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als Dolmetscher
dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke mitteilen.

Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns
aber nicht hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die
edelsten Organe zu erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des
Gehirns sind sie das wertvollste Geschenk der Natur für den Menschen.
In voller Wahrheit sagt =Albrecht Rau= (a. a. O.): »=Alle Wissenschaft
ist in letzter Linie Sinneserkenntnis=; die Data der Sinne werden darin
nicht negiert, sondern interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und
besten Freunde; lange bevor sich der Verstand entwickelt, sagen die
Sinne dem Menschen, was er tun und lassen soll. Wer die =Sinnlichkeit=
überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu entgehen, der handelt ebenso
unbesonnen und töricht als der, welcher seine Augen ausreißt, weil
sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der, welcher
seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach
fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb =Feuerbach= alle
Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der
=Sinnlichkeit= widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar
=grundverderbliche=. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »~Nihil est in
intellectu, quod non fuerit in sensu!~« (=Locke=.)

_Hypothese und Glaube._ Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten
Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis
der Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane
gewinnt. Er bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche
er durch dieselben gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er
verwandelt sie in den Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische
Sinnesempfindungen und verbindet diese durch =Assozion= in
deren Denkherden zu Vorstellungen; durch weitere Verkettung der
Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu zusammenhängendem Wissen.
Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und unbefriedigend, wenn
nicht die =Phantasie= die ungenügende Kombinationskraft des erkennenden
Verstandes ergänzt und durch Assozion von Gedächtnisbildern entfernt
liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden Ganzen verknüpft.
Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche erst die
wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der
Vernunft befriedigen«.

Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an
dessen Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »=Glauben=«
bezeichnen. So geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir
irgend eine Tatsache nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie.
In diesem Sinne sind wir auch in der Wissenschaft selbst zum Glauben
gezwungen; wir vermuten oder nehmen an, daß ein bestimmtes Verhältnis
zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl wir es nicht sicher kennen.
Wir bilden eine =Hypothese=. Indessen dürfen in der Wissenschaft nur
solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des menschlichen
Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen
widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von
Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren
Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur
des lebendigen Plasmas usw.

_Theorie und Glaube._ Die Erklärung einer größeren Reihe von
zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen Ursache
nennen wir =Theorie=. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese,
ist der =Glaube= (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn
auch hier ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der
Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt.
Die Theorie kann daher immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit
betrachtet werden; es muß zugestanden werden, daß sie später durch
eine andere, besser begründete Theorie verdrängt werden kann. Trotz
dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die Theorie für jede wahre
Wissenschaft unentbehrlich; denn sie =erklärt= erst die Tatsachen
durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten
und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will
(wie es oft von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten
»exakten Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die
Erkenntnis der Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des
Kausalitätsbedürfnisses der Vernunft.

Die Gravitationstheorie in der Astronomie (=Newton=), die
Nebulartheorie in der Kosmogenie (=Kant= und =Laplace=), das
Energieprinzip in der Physik (=Mayer= und =Helmholtz=), die
Atomtheorie in der Chemie (=Dalton=), die Zellentheorie in der
Gewebelehre (=Schleiden= und =Schwann=), die Deszendenztheorie in
der Biologie (=Lamarck= und =Darwin=) sind gewaltige Theorien ersten
Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen Naturerscheinungen
durch Annahme =einer gemeinsamen Ursache= für alle einzelnen Tatsachen
ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle Erscheinungen in
demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen Ursache
ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache
selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische
Hypothese« sein. Die »=Schwerkraft=« in der Gravitationstheorie und
in der Kosmogenie, die »=Energie=« selbst in ihrem Verhältnis zur
Materie, das »=Atom=« in der Chemie, das lebendige »=Plasma=« in der
Zellenlehre, die »=Vererbung=« in der Abstammungslehre -- diese und
ähnliche Grundbegriffe in anderen großen Theorien können von der
skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als Erzeugnisse des
wissenschaftlichen =Glaubens= betrachtet werden, aber sie bleiben
uns als solche =unentbehrlich=, so lange, bis sie durch eine bessere
Hypothese ersetzt werden.

_Glaube und Aberglaube._ Ganz anderer Natur als diese Formen des
wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in
den verschiedenen =Religionen= zur Erklärung der Erscheinungen benutzt
und schlechtweg als =Glaube= im engeren Sinne bezeichnet werden.
Da aber diese beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der
Wissenschaft und der »übernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten
verwechselt werden und so Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja
notwendig, ihren =prinzipiellen Gegensatz= scharf zu betonen. Der
»religiöse« Glaube ist stets =Wunderglaube= und steht als solcher mit
dem natürlichen Glauben der Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im
Gegensatz zu letzterem behauptet er übernatürliche Vorgänge und kann
somit als »=Überglaube=« oder »=Oberglaube=« bezeichnet werden, die
ursprüngliche Form des Wortes =Aberglaube=. Der wesentliche Unterschied
dieses Aberglaubens von dem »vernünftigen Glauben« besteht eben darin,
daß er übernatürliche Kräfte und Erscheinungen annimmt, welche die
Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt, welche durch irrtümliche
Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen erzeugt sind; der
Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten Naturgesetzen und ist
als solcher =unvernünftig=.

_Aberglaube der Naturvölker._ Durch die moderne Ethnologie ist uns
eine erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen
des Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen
Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und
mit den entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten,
so ergibt sich eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung
und schließlich eine einfache Urquelle für alle. Diese finden wir
in dem natürlichen =Kausalitätsbedürfnisse der Vernunft=, in dem
Suchen nach Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer
Ursachen. Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die
Gefahr drohen und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben,
Mondfinsternis usw. Das Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher
Naturerscheinungen besteht schon bei den Naturvölkern der niedersten
Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen durch Vererbung
übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren. Wenn ein
Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel er
sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er
dabei nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis
der Ursache dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge
der primitiven Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem
erblichen Aberglauben ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus,
in verschiedenen Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen
Gewohnheiten.

_Aberglaube der Kulturvölker._ Die religiösen Glaubensvorstellungen
der modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz
gelten, pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der
Naturvölker gestellt zu werden; man preist den großen Fortschritt,
welchen die aufklärende Kultur durch Beseitigung des letzteren
herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum! Bei unbefangener
kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur durch
die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle
der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der
=Vernunft= erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten
Kirchenreligionen -- insofern er klar erkannten und festen
Naturgesetzen widerspricht -- genau so als unvernünftiger Aberglaube,
wie der rohe Gespensterglaube der primitiven Fetischreligionen, auf
welchen jene stolz herabsehen.

Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen
Blick auf die gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen
der heutigen Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von
traditionellem Aberglauben durchdrungen. Der christliche Glaube an die
Schöpfung, die Dreieinigkeit Gottes, an die unbefleckte Empfängnis
Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi usw.
ist ebenso =reine Dichtung= und kann ebensowenig mit der vernünftigen
Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden, als die verschiedenen
Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der buddhistischen und
brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für den wahrhaft
»=Gläubigen=« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen betrachtet
jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je
mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende«
hält -- für die »=katholische=« --, und je inniger diese Überzeugung
als heiligste Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß
sie naturgemäß alle anderen Konfessionen bekämpfen, und desto
fanatischer gestalten sich die fürchterlichen Glaubenskriege, welche
die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte bilden. Und
doch überzeugt uns die unparteiische »=Kritik der reinen Vernunft=«,
daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße unwahr
und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der
unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und
sonders als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen.

_Glaubensbekenntnis (Konfession)._ Der unermeßliche Schaden, welchen
der unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen
Menschheit angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger
als in dem unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter
allen Kriegen, welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander
geführt haben, sind die Religionskriege die blutigsten gewesen;
unter allen Formen der Zwietracht, welche das Glück der Familien
und der einzelnen Personen zerstört haben, sind die religiösen, dem
Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die gehässigsten.
Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den
Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des
Islam und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse
ihr Leben verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der
Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist
geraten, ihr Ansehen bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung
im Staate verloren oder aus dem Vaterlande haben auswandern müssen.
Die verderblichste Wirkung übt das offizielle Glaubensbekenntnis dann,
wenn es mit den politischen Zwecken des Kulturstaates verknüpft und
als »konfessioneller Religionsunterricht« in den Schulen zwangsweise
gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon frühzeitig von
der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben zugeführt.
Jeder Menschenfreund sollte daher die =konfessionslose Schule=, als
eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates, mit
allen Mitteln zu fördern suchen.

_Der Glaube unserer Väter._ Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute
in den weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht
beigelegt wird, ist nicht allein durch den Konfessionszwang des
rückständigen Kulturstaates und dessen Abhängigkeit von klerikaler
Herrschaft bedingt, sondern auch durch das Gewicht von alten
Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener Art. Unter
diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche in
weitesten Kreisen der =konfessionellen Tradition= gezollt wird, dem
»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und
Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz
und als eine heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes
Nachdenken über die =Geschichte des Glaubens=, um uns von der völligen
Ungereimtheit jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der
herrschende evangelische Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des
aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist wesentlich verschieden von dem in
der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem des 18. Jahrhunderts. Der
letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer Väter« im 17. und
noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die geknechtete
Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von
dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus
selbst hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und
wie verschieden ist der Glaube der getauften Christen von dem ihrer
heidnischen Väter! Jeder selbständig denkende Mensch bildet sich eben
seinen eigenen, mehr oder weniger »persönlichen Glauben«, und immer
ist dieser verschieden von dem seiner Väter; denn er ist abhängig
von dem gesamten Bildungszustande seiner Zeit. Je weiter wir in der
Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint uns der gepriesene
»Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen Formen sich
beständig umbilden.

_Spiritismus._ Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist
diejenige, welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt
eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus,
der moderne =Geisterglaube=. Es ist eine ebenso befremdende wie
betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen gebildeter Kulturmenschen
von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht sind; ja sogar
einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht losmachen
können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen
Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten
Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu
lassen, welche klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits«
machen usw. Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf,
daß selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen.
Die bedauerliche Tatsache, daß selbst hervorragende Physiker und
Biologen sich dadurch haben irre führen lassen, erklärt sich teils aus
ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mächtigen
Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem kindlichen
Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei
den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen
die Physiker =Zöllner=, =Fechner= und =Wilhelm Weber= durch den
schlauen Taschenspieler =Slade= irre geführt wurden, dessen Schwindel
nachträglich klar zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger
entlarvt und bestraft. Auch in allen anderen Fällen, in welchen die
angeblichen »Wunder des Spiritismus« gründlich untersucht werden
konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder feinere Täuschung
herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen Geschlechts)
sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse Personen
von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche
=Telepathie= (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle
Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die
»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche =Carl
du Prel= und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen«
geben, beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel
an Kritik und an physiologischen Kenntnissen.

_Offenbarung._ Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen
Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer
mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel
des Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft
nicht möglich ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben
zu können; zugleich leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder
Glaubenssätze ab, welche als »göttliche Gesetze« die Sittenlehre
ordnen und die Lebensführung bestimmen sollen. Derartige göttliche
Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher Mythen und Legenden,
deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt. Zwar erscheint der
Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt,
sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen Busch
oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem
gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch
gedacht, als Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau
so formuliert und ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch
die Großhirnrinde und durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In
den indischen und ägyptischen Religionen, in der hellenischen und
römischen Mythologie, im Talmud wie im Koran, im Alten wie im Neuen
Testament -- denken, sprechen und handeln die Götter ganz wie die
Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die Geheimnisse
des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind
=Dichtungen= der menschlichen Phantasie. Die =Wahrheit=, welche der
Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche
Glaube« an diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube.

Die =wahre Offenbarung=, d. h. die wahre Quelle vernünftiger
Erkenntnis, ist nur in der =Natur= zu finden. Der reiche Schatz
wahren Wissens, der den wertvollsten Teil der menschlichen Kultur
darstellt, ist einzig und allein den Erfahrungen entsprungen, welche
der forschende Verstand durch =Naturerkenntnis= gewonnen hat, und
den =Vernunft=schlüssen, welche er durch richtige Assozion dieser
empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder vernünftige Mensch
mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei unbefangener
Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit sich
damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion
aufgebürdet haben.



=Siebzehntes Kapitel.=

_Wissenschaft und Christentum._

  Monistische Studien über den Kampf zwischen der wissenschaftlichen
  Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der
  historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und
  Dogma.


Zu den hervorragenden Charakterzügen des 19. Jahrhunderts gehört
die wachsende Schärfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft
und Christentum. Das ist ganz natürlich und notwendig; denn in
demselben Maße, in welchem die siegreichen Fortschritte der modernen
=Naturerkenntnis= alle wissenschaftlichen Eroberungen früherer
Jahrhunderte überflügeln, ist zugleich die Unhaltbarkeit aller jener
mystischen Weltanschauungen offenbar geworden, welche die Vernunft
unter das Joch der sogenannten »=Offenbarung=« beugen wollten, und
dazu gehört auch die christliche Religion. Je sicherer durch die
moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer
Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und
Anthropologie die Gültigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der
organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger sträubt sich die
christliche Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik,
die Geltung dieser Naturgesetze im Bereiche des sogenannten
»=Geisteslebens=« anzuerkennen, d. h. in einem Teilgebiete der
Gehirnphysiologie.

Diesen offenkundigen und unversöhnlichen Gegensatz zwischen der
modernen wissenschaftlichen und der überlebten christlichen
Weltanschauung hat niemand klarer, mutiger und unwiderleglicher
bewiesen, als der größte Theologe des 19. Jahrhunderts, =David
Friedrich Strauß=. Sein letztes Bekenntnis: »=Der alte und der neue
Glaube=« 1872, (14. Auflage 1900) ist der allgemein gültige Ausdruck
der ehrlichen Überzeugung aller derjenigen Gebildeten der Gegenwart,
welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den anerzogenen,
herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den einleuchtenden,
vernunftgemäßen Offenbarungen der modernen Naturwissenschaft einsehen;
aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht der =Vernunft=
gegenüber den Ansprüchen des =Aberglaubens= zu wahren, und welche das
philosophische Bedürfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung
empfinden. =Strauß= hat als ehrlicher und mutiger Freidenker weit
besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegensätze zwischen »altem
und neuem Glauben« klargelegt. Die volle Unversöhnlichkeit zwischen
beiden Gegensätzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes
zwischen beiden -- »auf Tod und Leben« -- hat von philosophischer Seite
namentlich =Eduard Hartmann= nachgewiesen in seiner interessanten
Schrift über die Selbstzersetzung des Christentums (1874).

Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts
die wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und
seiner Lehre gefördert haben, sind außerdem namentlich folgende
hervorzuheben: =David Strauß=, Das Leben Jesu für das deutsche Volk.
1864 (11. Auflage, Bonn 1890). =Ludwig Feuerbach=, Das Wesen des
Christentums. 1841 (4. Aufl. 1883). =Paul de Regla= (P. Desjardin),
Jesus von Nazareth, vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und
gesellschaftlichen Standpunkte dargestellt. Leipzig 1894. =S. E.
Verus=, Vergleichende Übersicht der vier Evangelien. Leipzig 1897.

Wenn man die Werke von =Strauß= und =Feuerbach=, sowie die »Geschichte
der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« von =John William
Draper= (1875) gelesen hat, könnte es überflüssig erscheinen, diesem
Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es
nützlich und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den
historischen Verlauf dieses großen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb,
weil die =Angriffe= der streitenden Kirche auf die Wissenschaft im
allgemeinen und auf die Entwickelungslehre im besonderen in neuester
Zeit besonders scharf und gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider
die geistige Erschlaffung, welche sich neuerdings geltend macht,
sowie die steigende Flut der Reaktion auf politischem, sozialem und
kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene Gefahren zu verschärfen.
Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die Verhandlungen der
christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den letzten Jahren
zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemühungen vieler weltlicher
Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natürlichen
Todfeinde, auf möglichst guten Fuß zu setzen, d. h. sich dessen
Joche zu unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden
Verbündeten die Unterdrückung des freien Gedankens und der freien
wissenschaftlichen Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise
am leichtesten die =absolute Herrschaft= zu sichern.

Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um notgedrungene
=Verteidigung= der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen
Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen
handelt, und nicht etwa um unberechtigte =Angriffe= der ersteren gegen
die letzteren. In erster Linie muß dabei unsere Abwehr gegen den
=Papismus= oder =Ultramontanismus= gerichtet sein; denn diese »allein
seligmachende« und »für alle bestimmte« katholische Kirche ist nicht
allein weit größer und weit mächtiger als die anderen christlichen
Konfessionen, sondern sie besitzt vor allem den Vorzug einer
großartigen, zentralisierten Organisation und einer unübertroffenen
politischen Schlauheit. Man hört allerdings oft von Naturforschern
und von anderen Männern der Wissenschaft die Ansicht äußern, daß der
katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des
übernatürlichen Glaubens, und daß diese trügerischen »Gestalten des
Glaubens« alle in gleichem Maße die natürlichen Feinde der Vernunft
und Wissenschaft seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist
diese Behauptung richtig, aber in bezug auf die praktischen Folgen
irrtümlich; denn die zielbewußten und rücksichtslosen Angriffe der
ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft, gestützt auf die Trägheit
und Dummheit der Volksmassen, sind vermöge ihrer mächtigen Organisation
ungleich schwerer und gefährlicher als diejenigen aller anderen
Religionen.

_Entwickelung des Christentums._ Um die ungeheure Bedeutung des
Christentums für die ganze Kulturgeschichte, besonders aber
seinen prinzipiellen Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft
richtig zu würdigen, müssen wir einen flüchtigen Blick auf die
wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen Entwickelung werfen.
Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: ~I.~ das
=Urchristentum= (die drei ersten Jahrhunderte), ~II.~ den =Papismus=
(zwölf Jahrhunderte, vom vierten bis fünfzehnten), ~III.~ die
=Reformation= (drei Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten),
~IV.~ das moderne =Scheinchristentum= (im neunzehnten Jahrhundert).

~I.~ =Das Urchristentum= umfaßt die ersten drei Jahrhunderte.
Christus selbst, der edle, ganz von Menschenliebe erfüllte Prophet und
Schwärmer, stand tief unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung;
er kannte nur jüdische Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile
hinterlassen. Auch hatte er von dem hohen Zustande der Welterkenntnis,
zu dem griechische Philosophie und Naturforschung schon ein halbes
Jahrtausend früher sich erhoben hatten, keine Ahnung. Alles, was
wir von ihm und seinen ursprünglichen Lehren wissen, ist den
Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen -- den vier Evangelien
und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien
betrifft, so wissen wir, daß sie ausgewählt sind aus einem Haufen
von sich widersprechenden und gefälschten Manuskripten aus dem 2.
Jahrhundert. Der gültige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts
festgesetzt zu sein, obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten
bis weit ins 4. Jahrhundert hineinreichen. Das Konzilium von Nicäa,
325, fügt nach dem hl. Hieronymus ein gewisses Buch in den Kanon ein,
was auf eine Ungewißheit bis zu diesem Datum schließen läßt. Neuere
Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung der drei synoptischen
Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas -- die anerkanntermaßen nach
und nicht von diesen Männern geschrieben worden sind) auf 65-100 n.
Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125 fest.
Aber es kommt dabei in Betracht, daß, wenn die biblischen Gelehrten
von diesen Daten sprechen (im einzelnen -- 65-70 für Markus, 70-75
für Matthäus, 80-98 für Lukas, 80-120 für Johannes), sie nicht an
die Evangelien denken, wie wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus
mindestens (und selbst er kann nicht als Zeuge des wirklichen
Evangeliums von Johannes angeführt werden), das ist also bis zur Mitte
des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwähnungen (oft sehr fragliche)
von Sagen angeführt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern
Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis für die Echtheit
irgend einer der Evangelienerzählungen, bis mehr als ein Jahrhundert
nach dem Tode Christi. Niemand, der weiß, in welchem Grade Legenden
in der orientalischen Atmosphäre anwachsen, kann Dokumenten solch
späten Datums nur den geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das
früheste synoptische Evangelium 70 n. Chr. datiert wäre (wir müssen
immer bedenken, daß sich das nur auf »die Aussagen Jesu« bezieht), so
wäre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren für die Mythenbildung
gegeben.

Die dreizehn Episteln des Apostels =Paulus=, von denen nur vier
Anspruch auf Echtheit machen können (Römer, Korinther 2, Galater),
vermehren unsere Kenntnis über die Begebenheiten im Leben Jesu nur
sehr wenig. So bleiben wir beschränkt auf sehr kärgliche und unsichere
Nachforschungen über die Handlungen und die Persönlichkeit des
Gründers des Christentums. Der Glaube an die tief eingewurzelten und
beliebtesten Traditionen muß gänzlich verlassen werden. Die Geschichte
von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen; dieser Mythus wird
sowohl von den führenden christlichen Gelehrten Deutschlands als
auch Englands für eine der spätesten und der wenigst glaubwürdigen
»biblischen Geschichten« erklärt, mit anderen Worten: für eine später
eingeschobene wertlose Fälschung. Die Sagen von der Auferstehung und
von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das
Neue Testament wird zerstört wie das Alte, und die schöne Figur von
Jesus löst sich zusehends in ein Nebelbild auf.

Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen
Theologen (=Strauß=, =Feuerbach=, =Baur= u. a.), denen sich
später auch englische, französische und italienische Philosophen
anschlossen, hatten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt,
daß das »Leben Jesu« zum größten Teile ein Erzeugnis der religiösen
=Dichtung=, ähnlich der von Buddha ist, und daß keine zuverlässigen
historischen Quellen darüber existieren. Viel klarer ergibt sich das
aus den überraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden
Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt
weder von den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem
ganzen dogmatischen Lehrgebäude des Christentums etwas Originelles
von Bedeutung mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien
davon erzählen, ist aus älteren orientalischen Quellen zusammengetragen
und entstammt den babylonischen und assyrischen, den indischen und
hellenischen Sagenkreisen. Hervorragende Kritiker gehen noch weiter
und führen mit großer Wahrscheinlichkeit den Beweis, daß der Jesus
des Evangeliums überhaupt niemals gelebt hat, sondern ein reines
=Idealbild der Dichtung= ist. Vergl. die interessanten Schriften von
=Kalthoff= und =Promus= über »die Entstehung des Christentums« (1904)
und von =Karl Vollers=: »Die Weltreligionen in ihrem geschichtlichen
Zusammenhange« (1907), ferner die sehr scharfe Kritik des englischen
Theologen =Saladin= (Stewart Roß): »Jehovahs gesammelte Werke, eine
kritische Untersuchung des christlichen Religionsgebäudes auf Grund der
Bibelforschung« (Leipzig 1896).

~II.~ _Der Papismus,_ das »=lateinische Christentum=« oder
=Papsttum=. Der Papismus oder die »römisch-katholische Kirche«, oft
auch =Ultramontanismus= oder nach ihrer Residenz =Vatikanismus=
genannt, ist unter allen Erscheinungen der menschlichen
Kulturgeschichte eine der großartigsten und merkwürdigsten, eine
»welthistorische Größe« ersten Ranges. Trotz aller Stürme der Zeit
erfreut sie sich noch heute des mächtigsten Einflusses. Von den 500
Millionen Christen, welche die Erde gegenwärtig bewohnen, bekennt
die größere Hälfte, nämlich über 250 Millionen, den römischen, nur
75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen sind
Protestanten. Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten
bis zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben
Europas fast vollkommen beherrscht; dagegen hat er den großen alten
Religionssystemen in Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen.
In Asien zählt der Buddhismus heute noch ungefähr 503 Millionen, die
Brahmareligion 140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als
120 Millionen Anhänger. Die Weltherrschaft des Papismus prägt vor allem
dem =Mittelalter= seinen finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod
alles freien Geisteslebens, den Rückgang aller wahren Wissenschaft,
den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu
welcher sich das menschliche Geistesleben im klassischen Altertum
erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in den ersten
Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft des
Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die =Erkenntnis
der Wahrheit= nur als =Barbarei= bezeichnet werden kann. Man rühmt wohl
am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens darin zu reicher
Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst, scholastische
Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese Kulturtätigkeit
befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht zur
Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung verwandt.
Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes »ewiges Leben im
Jenseits«, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium,
welche im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der
römischen Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende
Wandlung zum Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die
=Reformation=.

_Rückschritte der Kultur im Mittelalter._ Es würde uns viel zu weit
führen, wenn wir hier die jammervollen Rückschritte schildern wollten,
welche menschliche Kultur und Gesittung während zwölf Jahrhunderte
unter der geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am
prägnantesten sind sie wohl durch einen einzigen Satz des größten
und geistreichsten =Hohenzollern=fürsten illustriert; =Friedrich
der Große= faßte sein Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch
das =Studium der Geschichte= zu der Überzeugung geführt, daß von
Konstantin dem Großen bis auf die Zeit der Reformation =die ganze Welt
wahnsinnig= gewesen sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser
»Wahnsinnsperiode« hat (1887) =L. Büchner= gegeben in seiner Schrift
»Über religiöse und wissenschaftliche Weltanschauung«.

Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten
die Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen,
interessiert uns vor allem ihre energische und konsequente Bekämpfung
der wahren =Wissenschaft= als solcher. Diese war zwar schon von
Anfang an prinzipiell im Christentum dadurch bestimmt, daß dasselbe
den Glauben über die Vernunft stellte und die blinde Unterwerfung
der letzteren unter den ersteren forderte; nicht minder dadurch, daß
es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung für das erdichtete
»Jenseits« betrachtete, also auch der wissenschaftlichen Forschung
an sich jeden Wert absprach. Allein die planmäßige und erfolgreiche
Bekämpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten
Jahrhunderts, besonders seit dem berüchtigten Konzil von Nicäa (325),
welchem Kaiser =Konstantin= präsidierte, -- »=der Große=« genannt,
weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel
gründete, dabei ein nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler
und vielfacher Mörder. Wie erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe
gegen jedes selbständige wissenschaftliche Denken und Forschen war,
beweist am besten der jammervolle Zustand der Naturerkenntnis und ihrer
Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden die reichen Geistesschätze,
welche das klassische Altertum hinterlassen hatte, zum größten Teile
vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern Folterknechte
und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder »Ketzer«, d. h. jeder
selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt. Tat
er das nicht, so mußte er sich darauf gefaßt machen, lebendig verbrannt
zu werden, wie es dem großen monistischen Philosophen =Giordano Bruno=,
dem Reformator =Johann Hus= und mehr als hunderttausend anderen
»Zeugen der Wahrheit« geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im
Mittelalter belehrt uns auf jeder Seite, daß das selbständige Denken
und die empirische wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des
allmächtigen Papismus durch zwölf traurige Jahrhunderte wirklich völlig
begraben blieben.

_Papismus und Christentum._ Alles das, was wir am wahren Christentum
im Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschätzen,
und was wir aus dem unausbleiblichen Untergange dieser »Weltreligion«
in unsere neue, monistische Religion hinüber zu retten suchen
müssen, liegt auf seiner =ethischen= und =sozialen= Seite. Die
Prinzipien der wahren Humanität, der goldenen Regel, der Toleranz,
der Menschenliebe im besten und höchsten Sinne des Wortes, alle diese
wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von ihm zuerst
erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen
Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum
seiner Auflösung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden,
alle jene Tugenden in ihr direktes =Gegenteil= zu verkehren und dabei
doch die =alte Firma= als Aushängeschild zu bewahren. An die Stelle der
christlichen Liebe trat der fanatische Haß gegen alle Andersgläubigen;
mit Feuer und Schwert wurden nicht allein die Heiden ausgerottet,
sondern auch jene christlichen Sekten, welche in besserer Erkenntnis
Einwendungen gegen die aufgezwungenen Lehrsätze des ultramontanen
Aberglaubens zu erheben wagten. Überall in Europa blühten die
Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer, deren Folterqualen ihren
frommen, von »christlicher Bruderliebe« erfüllten Peinigern besonderes
Vergnügen bereiteten. Die Papstmacht wütete auf ihrer Höhe durch
Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im Wege
stand. Unter dem berüchtigten Großinquisitor Torquemada (1481-1498)
wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt,
neunzigtausend mit Einziehung des Vermögens und den empfindlichsten
Kirchenbußen bestraft, während in den Niederlanden unter der Herrschaft
Karl des Fünften dem klerikalen Blutdurst mindestens fünfzigtausend
Menschen zum Opfer fielen. Und während das Geheul gemarterter Menschen
die Luft erfüllte, strömten in Rom, dem die ganze christliche Welt
tributpflichtig war, die Reichtümer der halben Welt zusammen, und
wälzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und ihre
Helfershelfer in Lüsten und Lastern jeder Art. »Welche Vorteile,« sagte
der frivole und syphilitische Papst =Leo= ~X~. ironisch, »hat uns
doch diese =Fabel von Jesus Christus= gebracht!« Dabei war der Zustand
der europäischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht
von der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft,
Gottesgnadentum und Mönchtum beherrschten das Land, und die armen
Heloten waren froh, wenn sie ihre elenden Hütten im Machtbereiche der
Schlösser oder Klöster ihrer geistlichen und weltlichen Unterdrücker
und Ausbeuter errichten durften. Heutzutage noch leiden wir unter den
Nachwehen und Überbleibseln dieser traurigen Zustände und Zeiten, in
welchen von Pflege der Wissenschaft und höherer Geistesbildung nur
ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein konnte. »Unwissenheit,
Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der entsittlichenden Wirkung
des im elften Jahrhundert eingeführten =Zölibats=, um die absolute
Papstmacht immer stärker werden zu lassen« (=Büchner= a. a. O.). Man
hat berechnet, daß während dieser Glanzperiode des Papismus über zehn
Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshaß der »=christlichen
Liebe=« zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die
geheimen Menschenopfer, welche das =Zölibat=, die =Ohrenbeichte=
und der =Gewissenszwang= erforderten, die gemeinschädlichsten und
fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus! Die
»ungläubigen« Philosophen, welche Beweise =gegen= das Dasein Gottes
sammelten, haben einen der stärksten Beweise dagegen übersehen, die
Tatsache, daß die römischen »=Statthalter Christi= zwölf Jahrhunderte«
hindurch ungestraft die greulichsten Verbrechen und Schandtaten »=im
Namen Gottes=« verüben durften.

~III.~ _Die Reformation._ Die Geschichte der Kulturvölker, welche
wir »die Weltgeschichte« zu nennen belieben, läßt deren dritten
Hauptabschnitt, die »Neuzeit«, mit der Reformation der christlichen
Kirche beginnen, ebenso wie den zweiten, das Mittelalter, mit der
Gründung des Christentums, und sie tut recht daran. Denn mit der
Reformation beginnt die =Wiedergeburt der gefesselten Vernunft=,
das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des
christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam niedergehalten
hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch
die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere große Ereignisse
ein, welche im Verein mit der »=Renaissance=« der Kunst auch
diejenige der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung
von Amerika (1492). Auch wurden in der ersten Hälfte des sechzehnten
Jahrhunderts mehrere höchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis
der Natur gemacht, welche die bestehende Weltanschauung in ihren
Grundfesten erschütterten; so die erste Umschiffung der Erde durch
=Magellan=, welche den empirischen Beweis für ihre Kugelgestalt
lieferte (1522); die Gründung des neuen Weltsystems durch =Kopernikus=
(1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem =Martin Luther=
seine 95 Thesen an die hölzerne Tür der Schloßkirche zu Wittenberg
nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit
wurde die eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche
Absolutismus durch 1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen
gehalten hatte. Man hat die Verdienste des großen Reformators, der
auf der Wartburg die Bibel übersetzte, teils übertrieben, teils
unterschätzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen, wie er
gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben
befangen blieb. So konnte sich =Luther= zeitlebens nicht von dem
starren Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig
die Lehre von der Auferstehung, der Erbsünde und Prädestination,
der Rechtfertigung durch den Glauben usw. Die gewaltige Geistestat
des =Kopernikus= verwarf er als Narrheit, weil in der Bibel »Josua
die Sonne stillstehen hieß und nicht das Erdreich«. Für die großen
politischen Umwälzungen seiner Zeit, besonders die großartige und
vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verständnis. Schlimmer
noch war der fanatische Reformator =Calvin= in Genf, welcher (1553) den
geistreichen spanischen Arzt =Serveto= lebendig verbrennen ließ, weil
er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekämpfte. Überhaupt
traten die fanatischen »Rechtgläubigen« der reformierten Kirche nur
zu oft in die blutbefleckten Fußtapfen ihrer papistischen Todfeinde,
wie sie es auch heute noch tun. Leider folgten auch ungeheure
Greueltaten der Reformation auf dem Fuße: die Bartholomäusnacht und
die Hugenottenverfolgung in Frankreich, blutige Ketzerjagden in
Italien, lange Bürgerkriege in England, der Dreißigjährige Krieg in
Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten und siebzehnten
Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst wieder
freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke
der papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die
mächtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie
und neuer Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden
achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des »=Jahrhunderts der
Aufklärung=« erwarb.

~IV.~ _Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts._ Als
vierten und letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums
stellen wir das 19. Jahrhundert seinen Vorgängern gegenüber. Wenn in
diesen letzteren bereits die »=Aufklärung=« nach allen Richtungen
hin die kritische Philosophie gefördert, und wenn ihr das Aufblühen
der Naturwissenschaften die stärksten empirischen Waffen in die
Hände gegeben hatte, so erscheint uns doch der Fortschritt nach
beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz gewaltig;
es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte
des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der
=monistischen Naturphilosophie=. Schon im Beginne desselben wurde der
Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende
Anatomie von =Cuvier=) und zu einer neuen Biologie (durch die
~Philosophie zoologique~ von =Lamarck=). Bald folgten diesen beiden
großen Franzosen zwei ebenbürtige Deutsche, =Baer= als Begründer der
Entwickelungsgeschichte (1828) und =Johannes Müller= (1834) als der der
vergleichenden Morphologie und Physiologie. Ein Schüler des letzteren,
=Theodor Schwann=, schuf 1838, im Verein mit =Matthias Schleiden=,
die grundlegende Zellentheorie. Schon vorher hatte =Lyell= (1830) die
Entwickelungsgeschichte der Erde auf natürliche Ursachen zurückgeführt
und damit auch für unseren Planeten die Geltung der mechanischen
Kosmogenie bestätigt, welche =Kant= bereits 1755 mit kühner Hand
entworfen hatte. Endlich wurde durch =Robert Mayer= und =Helmholtz=
(1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite, ergänzende
Hälfte des großen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hälfte die
Konstanz der Materie, schon =Lavoisier= 1789 entdeckt hatte. Allen
diesen tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859
=Charles Darwin= die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das
größte naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts.

Wie verhält sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der
Naturerkenntnis das =moderne Christentum=? Zunächst wurde naturgemäß
die tiefe Kluft zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer
größer, zwischen dem konservativen =Papismus= und dem progressiven
Protestantismus. Der ultramontane Klerus ( -- und im Verein mit
ihm die orthodoxe »Evangelische Allianz« -- ) mußten naturgemäß
jenen mächtigen Eroberungen des freien Geistes den heftigsten
Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf ihrem strengen
Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung der
Vernunft unter das Dogma. Der liberale =Protestantismus= hingegen
verflüchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und
strebte nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien;
er suchte die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen
Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit
einer geläuterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der
eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr übrig blieb. Zwischen
beiden Extremen bewegten sich zahlreiche Kompromißversuche; darüber
hinaus aber drang in immer weitere Kreise die Überzeugung, daß das
dogmatische Christentum überhaupt jeden Boden verloren habe, und daß
man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue, monistische
Religion des 20. Jahrhunderts hinüberretten könne. Da jedoch
gleichzeitig die gegebenen äußeren Formen der herrschenden christlichen
Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen
politischen Entwickelung mit den praktischen Bedürfnissen des Staates
immer enger verknüpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete
religiöse Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als
=Scheinchristentum= bezeichnen können -- im Grunde eine »religiöse
Lüge« bedenklichster Art. Die großen Gefahren, welche dieser tiefe
Konflikt zwischen der wahren Überzeugung und dem falschen Bekenntnis
der modernen Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich
=Max Nordau= geschildert in seinem interessanten Werke: »=Die
konventionellen Lügen der Kulturmenschheit.=«

Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden
Scheinchristentums ist es für den Fortschritt der vernunftgemäßen
Naturerkenntnis sehr wertvoll, daß dessen mächtigster und
entschiedenster Gegner, der =Papismus=, um die Mitte des 19.
Jahrhunderts die alte Maske angeblicher höherer Geistesbildung
abgeworfen und der selbständigen =Wissenschaft= als solcher den
entscheidenden »Kampf auf Tod und Leben« angekündigt hat. Es geschah
dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklärungen gegen die Vernunft, für
deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die moderne Wissenschaft
und Kultur dem römischen »Statthalter Christi« nur dankbar sein
kann: ~I~. Im Dezember 1854 verkündete der Papst das Dogma von der
=unbefleckten Empfängnis Mariä=. ~II~. Zehn Jahre später, im Dezember
1864, sprach der »heilige Vater« in der berüchtigten =Enzyklika=
das =absolute Verdammungsurteil über die ganze moderne Zivilisation
und Geistesbildung= aus; in dem begleitenden =Syllabus= gab er
eine Aufzählung und Verfluchung aller einzelnen Vernunftsätze und
philosophischen Prinzipien, welche von unserer modernen Wissenschaft
als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. ~III~. Endlich setzte
sechs Jahre später, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfürst im
Vatikan seinem Aberwitz die Krone auf, indem er für sich und alle seine
Vorgänger in der Papstwürde die =Unfehlbarkeit= in Anspruch nahm.

_Unfehlbarkeit des Papstes._ Diese drei wichtigsten Akte des Papismus
im 19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschläge in das Antlitz
der Vernunft, daß sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen
Kreise von Anfang an das höchste Bedenken erregten. Als man im
vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870 zur Abstimmung über das Dogma
von der =Unfehlbarkeit= schritt, erklärten sich nur drei Viertel der
Kirchenfürsten zugunsten desselben, nämlich 451 von 601 Abstimmenden;
dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischöfe, welche sich der
gefährlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald,
daß der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als
die zaghaften »besonnenen Katholiken«; denn in den leichtgläubigen und
ungebildeten Massen fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller
Bedenken blinde Annahme.

Die ganze =Geschichte des Papsttums=, wie sie von zuverlässigen
Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich
festgenagelt ist, erscheint für den unbefangenen Kenner als ein
gewissenloses Gewebe von Lug und Trug, als ein rücksichtsloses Streben
nach absoluter geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine
frivole Verleugnung aller der hohen sittlichen Gebote, welche das
wahre Christentum predigt: Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und
Keuschheit, Armut und Entsagung. Wenn man die lange Reihe der Päpste
und der römischen Kirchenfürsten, aus denen sie gewählt wurden, nach
dem Maßstabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar,
daß die große Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrüger
waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese allbekannten
=historischen Tatsachen= hindern aber nicht, daß noch heute Millionen
von »gebildeten« gläubigen Katholiken an die »Unfehlbarkeit« dieses
»heiligen Vaters« glauben und durch Spenden von »Peterspfennigen« sein
Regiment stützen; sie hindern nicht, daß noch heute protestantische
Fürsten nach Rom fahren und dem »heiligen Vater« (ihrem gefährlichsten
Feinde!) ihre Verehrung bezeugen.

_Enzyklika und Syllabus._ Unter den angeführten drei großen
Gewalttaten, durch welche der moderne Papismus in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts seine absolute Herrschaft zu retten und zu
befestigen suchte, ist für uns am interessantesten die Verkündigung
der =Enzyklika= und des =Syllabus= im Dezember 1864; denn in diesen
denkwürdigen Aktenstücken wird der Vernunft und Wissenschaft überhaupt
jede selbständige Tätigkeit abgesprochen und ihre absolute Unterwerfung
unter den »alleinseligmachenden Glauben«, d. h. unter die Dekrete des
»unfehlbaren Papstes«, gefordert. Die ungeheure Erregung, welche diese
maßlose Frechheit in allen gebildeten und unabhängig denkenden Kreisen
hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine
vortreffliche Erörterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung
hat u. a. =Draper= in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion
und Wissenschaft gegeben (1875).

_Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria._ Weniger einschneidend und
bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilität
des Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten
Empfängnis. Indessen legt nicht nur die römische Hierarchie auf diesen
Glaubenssatz das höchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen
Protestanten (z. B. die Evangelische Allianz). Der sogenannte
»=Immakulateid=«, d. h. die =eidliche= Versicherung des Glaubens an die
unbefleckte Empfängnis Mariä, gilt noch heute Millionen von Christen
als heilige Pflicht. Viele Gläubige verbinden damit einen doppelten
Begriff; sie behaupten, daß die Mutter der Jungfrau Maria ebenso durch
den »Heiligen Geist« befruchtet worden sei wie diese selbst. Jedoch
soll ursprünglich das Dogma der unbefleckten Empfängnis nur bedeuten,
daß Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei von
Erbsünde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings
nachgewiesen, daß auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen
Legenden der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern
aus älteren orientalischen Religionen, besonders dem =Buddhismus=,
übernommen ist. Ähnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor
Christi Geburt eine weite Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien
und Griechenland. Wenn Königstöchter oder andere Jungfrauen aus
höheren Ständen, ohne legitim verheiratet zu sein, durch die Geburt
eines Kindes erfreut wurden, so wurde als der Vater dieses illegitimen
Sprößlings meistens ein »Gott« oder »Halbgott« ausgegeben, in diesem
Falle der mysteriöse »Heilige Geist«.

Die Erzählung der beiden Evangelisten Matthäus und Lukas, daß auch
Maria selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser
rätselhafte Gott der wahre Vater von Christus sei, wird gegenwärtig
von den meisten Theologen als eine später entstandene Sage angesehen;
sie behaupten, daß der jüdische Zimmermann Joseph der wirkliche Vater
gewesen sei. Andere wieder erklären die uneheliche Geburt Christi
durch folgende Angabe eines apokryphen Evangeliums, auf welche sich
auch =Celsus= (178 n. Chr.) bezieht: »=Josephus Pandera=, der römische
Hauptmann einer kalabresischen Legion, welche in Judäa stand, verführte
=Mirjam= von Bethlehem, ein hebräisches Mädchen, und wurde der =Vater
von Jesus=.« Diese Legende fand besonders bei jenen Theologen Beifall,
welche die übernatürliche Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist)
leugneten, aber als seinen natürlichen Vater nicht einen =Juden= (den
Zimmermann Joseph), sondern einen =Griechen= (den Hauptmann Pandera
oder Pantheras) anerkannt zu sehen wünschten. Historische Zeugnisse,
die wissenschaftliche Bedeutung beanspruchen, können weder für die
Wahrheit der einen noch der anderen Sage gefunden werden.

Interessant ist übrigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung,
welche dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier
großen christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den
strengeren Moralbegriffen der =germanischen= Rassen wird derselbe
schlechtweg verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der
prüde Brite blind an die unmögliche Sage von der Erzeugung durch den
»Heiligen Geist«. Wie bekannt, entspricht diese strenge, sorgfältig
zur Schau getragene Prüderie der feineren Gesellschaft (besonders in
England!) keineswegs dem wahren Zustande der sexuellen Sittlichkeit in
dem dortigen »~High life~«. Die Enthüllungen z. B., welche darüber
vor einigen Jahren die »Pall Mall Gazette« brachte, erinnerten sehr an
die Zustände von =Babylon= und an das Rom der Kaiserzeit.

Die =romanischen= Rassen, welche diese Prüderie verlachen und die
sexuellen Verhältnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen »=Roman
der Maria=« recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade
in Frankreich und Italien »Unsere liebe Frau« sich erfreut, ist oft in
merkwürdiger Naivetät mit jener Liebesgeschichte verknüpft. So findet
z. B. =Paul de Regla= (~Dr.~ =Desjardin=), welcher (1894) »Jesus von
Nazareth vom wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen
Standpunkte aus dargestellt« hat, gerade in der =unehelichen Geburt
Christi= ein besonderes »Anrecht auf den =Heiligenschein=, der seine
herrliche Gestalt umstrahlt«!

Der Streit über diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft
Christi, der noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft
erregte, hat gegenwärtig an Interesse sehr verloren. Denn die
überraschenden Fortschritte der vergleichenden Religionsgeschichte
haben das ganze orientalische Prachtgebäude der =christlichen
Mythologie= in seinen Grundfesten erschüttert. Das reine =Idealbild=
von Jesus Christus, dessen erhabene Züge der Gläubige aus dem
Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher Mensch
(oder »Gottmensch«) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem
Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprünglichen reinen
Christentums, der veredelnde Einfluß dieser »Religion der Liebe« auf
die Kulturgeschichte, ist ganz unabhängig von jenen mythologischen
Dogmen. Die angeblichen »=Offenbarungen=«, auf welche sich diese Mythen
stützen, sind dagegen ( -- ebenso wie sämtliche Wundergeschichten
des Alten und des Neuen Testaments -- ) Erzeugnisse der dichtenden
Phantasie; sie bleiben unvereinbar mit den sichersten Ergebnissen
unserer modernen =Naturerkenntnis=.



=Achtzehntes Kapitel.=

_Unsere monistische Religion._

  Monistische Studien über die Religion der Vernunft und ihre Harmonie
  mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und
  Schönen.


Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart,
welche unsere monistischen Überzeugungen teilen, halten die Religion
überhaupt für eine abgetane Sache. Sie meinen, daß die klare Einsicht
in die Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten
des 19. Jahrhunderts verdanken, nicht bloß das Kausalitätsbedürfnis
unserer =Vernunft= vollkommen befriedige, sondern auch die höchsten
Gefühlsbedürfnisse unseres =Gemütes=. Diese Ansicht ist in gewissem
Sinne richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen
Auffassung des Monismus tatsächlich die beiden Begriffe von Religion
und Wissenschaft zu einem mit einander verschmelzen. Indessen nur
wenige entschlossene Denker ringen sich zu dieser höchsten und reinsten
Auffassung von =Spinoza= und =Goethe= empor; vielmehr verharren die
meisten Gebildeten unserer Zeit bei der Überzeugung, daß die Religion
ein selbständiges, von der Wissenschaft unabhängiges Gebiet unseres
Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und unentbehrlich als
die letztere.

Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, können wir eine Versöhnung
zwischen jenen beiden großen, anscheinend getrennten Gebieten
in der Auffassung finden, welche ich 1892 in meinem Altenburger
Vortrage niedergelegt habe: »Der Monismus als Band zwischen Religion
und Wissenschaft« (14. Aufl. 1908). In dem Vorwort zu diesem
»Glaubensbekenntnis eines Naturforschers« habe ich mich über dessen
doppelten Zweck mit folgenden Worten geäußert: »Erstens möchte ich
damit derjenigen =vernünftigen Weltanschauung= Ausdruck geben, welche
uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen Naturerkenntnis
mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im Innersten
von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn
auch nur wenige den Mut oder das Bedürfnis haben, sie offen zu
bekennen. Zweitens möchte ich dadurch ein =Band zwischen Religion und
Wissenschaft= knüpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes
beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der höchsten
menschlichen Geistestätigkeit unnötigerweise aufrecht erhalten wird;
das ethische Bedürfnis unseres =Gemütes= wird durch den Monismus ebenso
befriedigt wie das logische Kausalitätsbedürfnis unseres =Verstandes=.«

Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist,
daß ich mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das
vieler Naturforscher, sondern auch zahlreicher gebildeter Männer
und Frauen aus verschiedenen Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich
durfte diesen unerwarteten Erfolg um so höher anschlagen, als jenes
Glaubensbekenntnis ursprünglich eine freie Gelegenheitsrede war, die
unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg während des Jubiläums
der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes entstand. Natürlich
erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der anderen Seite;
ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des =Papismus=
auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern
des Aberglaubens, sondern auch von »liberalen« Kriegsmännern des
evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche
Wahrheit als auch den aufgeklärten Glauben zu vertreten behaupten. Nun
hat sich aber der große Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft
und dem orthodoxen Christentum seitdem immer drohender gestaltet;
er ist für die erstere um so gefährlicher geworden, je mächtigere
Unterstützung das letztere durch die wachsende geistige und
politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen Ländern schon
so weit vorgeschritten, daß die gesetzlich garantierte Denk- und
Gewissensfreiheit praktisch schwer gefährdet wird. In der Tat hat
der große weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen =John Draper= in
seiner »Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft«
vortrefflich schildert, heute eine Schärfe und Bedeutung erlangt
wie nie zuvor; man bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als
»=Kulturkampf=«.

_Der Kulturkampf._ Die berühmte =Enzyklika= nebst =Syllabus=,
welche der streitbare Papst Pius ~IX.~ 1864 in alle Welt gesandt
hatte, erklärte in der Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft
den Krieg; sie forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die
Dogmen des »unfehlbaren Statthalters Christi«. Das Ungeheuerliche und
Unerhörte dieses brutalen Attentates gegen die höchsten Güter der
Kulturmenschheit rüttelte selbst viele träge und indolente Gemüter
aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der nachfolgenden
Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die Enzyklika
eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr, welche
zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche,
das in den Kämpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine
nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des
Papismus besonders schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland
die Geburtsstätte der Reformation und der modernen Geistesbefreiung;
andererseits aber besitzt es leider in seinen 20 Millionen Katholiken
ein mächtiges Heer von streitbaren Gläubigen, welches an blindem
Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten von keinem anderen
Kulturvolke übertroffen wird. =Christus= sagt zu =Petrus=: »Weide meine
Schafe!« Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das »=Weiden=« in
»=Scheeren=« übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte
mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das »politische
Welträtsel« der deutschen Nationalzerrissenheit gelöst und uns durch
seine bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler
Einheit und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen
denkwürdigen, vom Vatikan aufgedrungenen =Kulturkampf=, der von dem
ausgezeichneten Kultusminister =Falk= durch die »Maigesetzgebung«
(1873) ebenso klug als energisch geführt wurde. Leider mußte er schon
sechs Jahre später aufgegeben werden. Obwohl unser größter Staatsmann
ein ausgezeichneter Menschenkenner und kluger Realpolitiker war, hatte
er doch die Macht von drei gewaltigen Hindernissen unterschätzt:
erstens die unübertroffene Schlauheit und gewissenlose Perfidie der
römischen Kurie, zweitens die entsprechende Gedankenlosigkeit und
Leichtgläubigkeit der ungebildeten katholischen Massen, auf welche
sich die erstere stützte, und drittens die Macht der Trägheit, des
Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist. So mußte denn
schon 1878, nachdem der klügere Papst Leo ~XIII.~ seine Regierung
angetreten hatte, der schwere »Gang nach Canossa« wiederholt werden.
Die neu gestärkte Macht des Vatikans nahm seitdem wieder mächtig
zu, einerseits durch die gewissenlosen Ränke und Schlangenwindungen
seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits durch die falsche
Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die merkwürdige
politische Unfähigkeit des deutschen Volkes. So mußten wir denn am
Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschämende Schauspiel erleben, daß
das sogenannte »Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf« war, und daß
die Geschicke unseres gedemütigten Vaterlandes von einer papistischen
Partei geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der
ganzen Bevölkerung beträgt.

Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er =mit vollem Rechte=
von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der
Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur
von dem Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte
liberale Presse feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als
den gewaltigen Helden, der nicht nur die nationale Einigung, sondern
auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später,
nachdem der Papismus gesiegt hatte, behauptete dieselbe »liberale
Presse« das Gegenteil und erklärte den Kulturkampf für einen großen
Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese Tatsache beweist nur,
wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie mangelhaft
ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre philosophische
Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und
Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus,
getreu den absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien,
will und muß die =Alleinherrschaft= über die leichtgläubigen Seelen
behaupten; er muß die absolute Unterwerfung des Kulturstaates
fordern, der als solcher die Rechte der Vernunft und Wissenschaft
vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn einer der
beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt die
»alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und
freie Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in
Konvikte, unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt
der moderne Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die
menschliche Bildung, Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße
fortschreitend entwickeln, als es im 19. erfreulicherweise der Fall
gewesen ist. (Vergl. hierüber =Eduard Hartmann=, Die Selbstzersetzung
des Christentums, 1874.)

Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig,
daß die moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des
Aberglaubens zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt,
sondern daß sie auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues
wohnliches Gebäude für das menschliche Gemüt herrichtet; einen
=Palast der Vernunft=, in welchem wir mittels unserer neu gewonnenen
monistischen Weltanschauung die wahre »Dreieinigkeit« des 19.
Jahrhunderts andächtig verehren, die =Trinität des Wahren=, =Guten
und Schönen=. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale greifbar zu
gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den herrschenden
Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die
Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch
erstere zu erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt
(in ihrer =ursprünglichen=, reinen Form!) trotz aller Irrtümer
und Mängel einen so hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit
anderthalb Jahrtausenden so eng mit den wichtigsten sozialen und
politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens verwachsen, daß
wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion möglichst an die
bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine gewaltsame
=Revolution=, sondern eine vernünftige =Reformation= unseres religiösen
Geisteslebens.

~I.~ _Das Ideal der Wahrheit._ Wir haben uns durch die vorhergehenden
Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt,
daß die reine Wahrheit nur in dem Tempel der =Naturerkenntnis= zu
finden ist, und daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die
kritische »Beobachtung und Reflexion« sind, die empirische Erforschung
der Tatsachen und die vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden
Ursachen. So gelangen wir mittels der =reinen Vernunft= zur wahren
Wissenschaft, dem kostbarsten Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen
müssen wir aus den gewichtigen, im 16. Kapitel erörterten Ursachen
jede sogenannte »=Offenbarung=« ablehnen, jede Glaubensdichtung,
welche behauptet, auf übernatürlichem Wege Wahrheiten zu erkennen, zu
deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht. Da nun das ganze
Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso wie das
islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen Offenbarungen
beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der
klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher,
daß wir die Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten
=Wissenschaft= finden können, nicht mittels der Phantasiedichtung des
mystischen Glaubens.

Die Göttin der =Wahrheit= wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde,
auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; -- aber
nicht in den dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der
Konviktschulen und nicht in den weihrauchduftenden christlichen
Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns dieser herrlichen Göttin der
Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle Erforschung
der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen
Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt
mittels des Mikroskops; -- aber nicht sinnlose Andachtsübungen
und gedankenlose Gebete, nicht die Opfergaben des Ablasses und
der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben, mit denen uns die Göttin
der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte vom Baume der
Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren, einheitlichen
Weltanschauung, -- aber nicht der Glaube an übernatürliche »Wunder« und
das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«.

~II.~ _Das Ideal der Tugend._ Anders als mit dem ewig Wahren verhält
es sich mit dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis
der Wahrheit die Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und
allein die Erforschung der Natur zu befragen ist, fällt dagegen der
Inbegriff des =Guten=, den wir Tugend nennen, in unserer monistischen
Religion größtenteils mit der christlichen Tugend zusammen; natürlich
gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen Christentum der drei ersten
Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den Evangelien und in den
paulinischen Briefen niedergelegt sind; -- es gilt aber nicht von der
vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die europäische
Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte beherrscht
hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten,
bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der
Hilfe. Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche
Moral« (im besten Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des
Christentums, sondern sie sind von diesem aus älteren Religionsformen
herübergenommen. In der Tat ist ja die »=Goldene Regel=«, welche
diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt, Jahrhunderte älter als das
Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde dieses natürliche
Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen sorgsam befolgt
als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch beging
die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig
den =Altruismus= zum Gebote erhob, den =Egoismus= dagegen verwarf.
=Unsere monistische Ethik legt beiden gleichen Wert= bei und findet die
vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von Nächstenliebe und
Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.)

~III~. _Das Ideal der Schönheit._ In vielfachen Gegensatz zum
Christentum tritt unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das
ursprüngliche, reine Christentum predigte die Wertlosigkeit des
irdischen Lebens und betrachtete dasselbe bloß als eine Vorbereitung
für das ewige Leben im »=Jenseits=«. Daraus folgt unmittelbar, daß
alles, was das menschliche Leben im »=Diesseits=« darbietet, alles
Schöne in Kunst und Wissenschaft, im öffentlichen und privaten Leben,
keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich von ihm abwenden und
nur daran denken, sich für das Jenseits würdig vorzubereiten. Die
Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren unerschöpflichen
Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte
Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der
Mensch sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in
Klöstern oder Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes«
beschäftigte.

Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische
Christenmoral, die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge
das Gegenteil bewirkte. Die Klöster, die Asyle der Keuschheit und
Zucht, wurden bald die Brutstätten der tollsten Orgien. Der Kultus
der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit der gepredigten
»Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt von dem
Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben
des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung
der christlichen Kirchen und Klöster entwickelten.

_Christliche Kunst._ Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch
die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche
besonders in der Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke
schuf. Die prachtvollen gotischen Dome und byzantinischen Basiliken,
die Hunderte von prächtigen Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen
christlicher Heiliger und Märtyrer, die Millionen von schönen
Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen von Christus und der
Madonna -- sie zeugen alle von einer Entwickelung der schönen Künste
im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen
Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten
ihren hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene
Mischung von »Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles
mit der reinen Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung,
welche von allem irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen
Schönheit und Kunst sich abwendete, welche das Familienleben und
die Frauenliebe gering schätzte, welche allein die Sorge um die
immateriellen Güter des »ewigen Lebens« predigte? Der Begriff der
»christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Die
reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten
damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig.
Indem sie das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes
im Mittelalter auf die christliche =Kirche= und deren eigentümliche
=Kunst= lenkten, wendeten sie dasselbe von der =Natur= ab und von
der Erkenntnis der hier verborgenen Schätze, die zu selbständiger
=Wissenschaft= geführt hätten. Außerdem aber erinnerte der tägliche
Anblick der überall massenhaft ausgestellten Heiligenbilder, der
Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen Christen
jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche
angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen,
die Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt.
Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen
ungeheuren Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf
die Festigung des Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen
Kulturwelt bis auf den heutigen Tag geltend macht.

_Monistische Kunst._ Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden
christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden
Kunst, die sich erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der
=Naturwissenschaft= entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung
unserer Weltkenntnis, die Entdeckung von unzähligen schönen
Lebensformen, die wir der letzteren verdanken, hat in unserer
Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und damit
auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche
wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung
unbekannter Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel
mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten
organischen Formen zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten
wuchs bald ins Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den
früher vernachlässigten niederen Gruppen) fanden sich Tausende
schöner und interessanter Gestalten, ganz neue Motive für Malerei und
Bildhauerei, für Architektur und Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß
in dieser Beziehung besonders die ausgedehntere =mikroskopische=
Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und namentlich die
Entdeckung der fabelhaften Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte
Challenger-Expedition (1872-1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende
von zierlichen Radiolarien und Thalamophoren, von prächtigen Medusen
und Korallen, von abenteuerlichen Mollusken und Krebsen eröffneten uns
da mit einem Male eine ungeahnte Fülle von verborgenen Formen, deren
eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle von der menschlichen
Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft. Allein schon
in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000 Tafeln
eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen
anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische
und botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen
reizender Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen
der Natur« eine Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten
weiteren Kreisen zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften.
Leipzig 1899-1903.)

Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um
jedem Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr
müssen dafür nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden.
Überall bietet die umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen
und interessanten Objekten aller Art. In jedem Moose und Grashalme,
in jedem Käfer und Schmetterling finden wir bei genauer Untersuchung
Schönheiten, an denen der Mensch gewöhnlich achtlos vorübergeht.
Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei schwacher Vergrößerung
betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere Vergrößerung eines
guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der organischen
Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize.

Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und
Kleinsten, sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der
Natur hat uns erst das 19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im
Beginne desselben war die Ansicht herrschend, daß die Hochgebirgsnatur
zwar großartig, aber abschreckend, das Meer zwar gewaltig, aber
furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die meisten Gebildeten
-- und besonders die Bewohner der Großstädte -- glücklich, wenn sie
jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die
Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der
Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner
Küsten erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses
sind uns erst neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und
verständlich geworden, und die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit
und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst den Unbemittelteren die
Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese Fortschritte im
ästhetischen Naturgenusse -- und damit zugleich im wissenschaftlichen
Naturverständnis -- bedeuten ebenso viele Fortschritte in der höheren
menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer monistischen
Religion.

_Landschaftsmalerei und Illustrationswerke._ Der Gegensatz, in
welchem unser =naturalistisches= Jahrhundert zu den vorhergehenden
=anthropistischen= steht, prägt sich besonders in der verschiedenen
Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten
Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse
für ihre bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten
unbekannt war; es wird unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte
der Technik und des Verkehrs, welche eine allgemeine Verbreitung
derselben in weitesten Kreisen gestatten. Zahlreiche illustrierte
Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung zugleich den Sinn
für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten. Besonders
ist es die =Landschaftsmalerei=, die hier eine früher nicht geahnte
Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher,
=Alexander von Humboldt=, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung
der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum
Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher
Bedeutung sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles
Bildungsmittel hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch
bedeutend weiter entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die
Kinder frühzeitig zum Genusse der =Landschaft= anzuleiten und zu der
höchst dankbaren Kunst, sie durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem
Gedächtnis einzuprägen.

_Moderner Naturgenuß._ Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem
und Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen
Sinn besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben.
So wertvoll und beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder
einzelnen Gabe ist, so wird deren Wert doch noch hoch gesteigert durch
die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres Zusammenhanges mit der übrigen
Natur. Als =Alexander von Humboldt= (1845) in seinem großartigen
»=Kosmos=« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als
er in seinen mustergültigen »Ansichten der Natur« wissenschaftliche
und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise verband, da hat
er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß mit der
»wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und wie
beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe
der Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den
gestirnten Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen
betrachten, die Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der
Energie in der bewegten Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher
wir die Geltung des allumfassenden Substanzgesetzes im Universum
verehren, -- sie alle sind Bestandteile unseres =Gemütslebens=, die
unter den Begriff der »=natürlichen Religion=« fallen.

_Diesseits und Jenseits._ Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit
in der Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso
einerseits einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als
sie andererseits in feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen.
Denn der menschliche Geist lebt dort in dem bekannten »=Diesseits=«,
hier in einem unbekannten »=Jenseits=«. Unser Monismus lehrt, daß
wir sterbliche Kinder der Erde sind, die ein oder zwei, höchstens
drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben, im Diesseits die
Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche
Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner
Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde
ein elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns
zu kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges
Leben voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie
diese Herrlichkeit des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll,
das hat uns noch keine »Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für
den Menschen ein blaues Zelt war, ausgespannt über der scheibenförmigen
Erde und erleuchtet durch das blinkende Lampenlicht einiger tausend
Sterne, konnte sich die menschliche Phantasie oben in diesem
Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der olympischen Götter
oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun ist aber für
alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen
Seelen« die offenkundige =Wohnungsnot= eingetreten. »Himmelsbild und
Weltanschauung«, wie sie =Troels-Lund= in ihrem tiefen Zusammenhange
historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen
Fortschritte der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren.
Wir wissen jetzt durch die =Astrophysik=, daß der unendliche Raum mit
schwingendem Äther erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach
ewigen ehernen Gesetzen bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle
im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen.

_Monistische Kirchen._ Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch
sein religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner
Anbetung verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die
Pagoden im buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen
Altertum, die Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die
katholischen Dome im südlichen und die evangelischen Kathedralen im
nördlichen Europa -- alle diese »Gotteshäuser« sollen dazu dienen,
den Menschen über die Misere und Prosa des realen Alltagslebens zu
erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie einer höheren,
idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen tausend
verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen
und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und
Kunst« besitzt -- und damit zugleich auch Religion --, bedarf keiner
besonderen Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall
in der freien Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum
oder auf einen Teil desselben richtet, überall findet er zwar den
harten »Kampf ums Dasein«, aber daneben auch das »Wahre, Schöne und
Gute«; überall findet er seine »=Kirche=« in der herrlichen =Natur=
selbst.



=Neunzehntes Kapitel.=

_Unsere monistische Sittenlehre._

  Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe.
  Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der
  christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche.


Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz
bestimmten sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt
werden können, wenn sie in reinem Einklang mit seiner vernünftigen
Weltanschauung stehen. Diesem Grundsatze unserer monistischen
Philosophie zufolge muß unsere gesamte =Sittenlehre= oder Ethik
in vernünftigem Zusammenhang mit der einheitlichen Auffassung des
»Kosmos« stehen, welche wir durch unsere fortgeschrittene Erkenntnis
der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze unendliche Universum im
Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes darstellt, so bildet
auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen Teil
dieses »=Kosmos=«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine
einheitliche sein. =Es gibt nicht zwei verschiedene, getrennte Welten=:
eine =physische, materielle= und eine =moralische, immaterielle= Welt.

Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen
und Theologen noch heute; sie behaupten mit =Immanuel Kant=, daß
die sittliche Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz
anderen Gesetzen gehorche; also müsse auch das =sittliche Bewußtsein
des Menschen=, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig
von der =wissenschaftlichen Welterkenntnis= sein und sich vielmehr
auf den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen
Welt soll danach durch die gläubige =praktische Vernunft= geschehen,
hingegen die der Natur oder der physischen Welt durch die =theoretische
Vernunft=. Dieser unzweifelhafte und bewußte =Dualismus= in =Kants=
Philosophie war ihr größter und =schwerster Fehler=; er hat unendliches
Unheil angerichtet und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte
der =kritische Kant= in der großartigen und bewunderungswürdigen
Kritik der reinen Vernunft einleuchtend gezeigt, daß die drei großen
=Zentraldogmen der Metaphysik=: der persönliche Gott, der freie
Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer
unbegründet bleiben werden. Später aber führte der =dogmatische Kant=
das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen Vernunft auf, in
welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener drei
mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die
Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren,
kehrten sie nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens
wieder zurück.

Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernünfte
von =Kant=, der prinzipielle Antagonismus der =reinen= und der
=praktischen= Vernunft, schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt
und widerlegt wurde, blieb er doch bis heute in weiten Kreisen
herrschend. Die moderne Schule der =Neokantianer= predigt noch
heute den »Rückgang auf Kant« so eindringlich gerade =wegen= dieses
willkommenen =Dualismus=, und die streitende Kirche unterstützt
sie dabei aufs wärmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu
vortrefflich paßt. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben
erst die moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts; die Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden
dadurch hinfällig. Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz
ruhen, bedürfen keines »persönlichen Gottes« mehr; die vergleichende
und genetische Psychologie zeigte, daß eine »unsterbliche Seele« nicht
existieren kann, und die Physiologie wies nach, daß die Annahme des
»freien Willens« auf Täuschung beruht. Die Entwickelungslehre endlich
machte klar, daß die »=ewigen, ehernen Naturgesetze=« der anorganischen
Welt auch in der organischen und moralischen Welt Geltung haben.

Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber für die praktische
Philosophie und Ethik nicht nur =negativ=, indem sie den Kantischen
Dualismus zertrümmert, sondern auch =positiv=, indem sie an dessen
Stelle das neue Gebäude des =ethischen Monismus= setzt. Sie zeigt,
daß das =Pflichtgefühl= des Menschen nicht auf einem eingeimpften
»=kategorischen Imperativ=« beruht, sondern auf dem =realen Boden
der sozialen Instinkte=, die wir bei allen gesellig lebenden höheren
Tieren finden. Sie erkennt als höchstes Ziel der Moral die Herstellung
einer gesunden Harmonie zwischen =Egoismus= und =Altruismus=, zwischen
Selbstliebe und Nächstenliebe. Vor allen anderen war es der große
englische Philosoph =Herbert Spencer=, dem wir die Begründung dieser
monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre verdanken.

_Egoismus und Altruismus._ Der Mensch gehört zu den =sozialen
Wirbeltieren= und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei
verschiedene Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens
gegen die Gesellschaft, der er angehört. Erstere sind Gebote der
=Selbstliebe= (Egoismus), letztere Gebote der =Nächstenliebe=
(Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt, gleich natürlich
und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter Gesellschaft
existieren und sich wohl befinden, so muß er nicht nur sein eigenes
Glück anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er
angehört, und der »Nächsten«, welche diesen sozialen Verein bilden.
Er muß erkennen, daß ihr Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden
sein Leiden. Diese sozialen Grundgesetze sind so einfach und so
naturnotwendig, daß man schwer begreift, wie ihnen theoretisch und
praktisch widersprochen werden kann; und doch geschieht das noch heute,
wie es seit Jahrtausenden geschehen ist.

_Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus._ Die gleiche Berechtigung
dieser beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit
der Selbstliebe und der Nächstenliebe ist das wichtigste
=Fundamentalprinzip unserer Moral=. Das höchste Ziel aller
vernünftigen Sittenlehre ist demnach sehr einfach, die Herstellung des
»=naturgemäßen Gleichgewichts zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe=«.
Das Goldene Sittengesetz sagt: »Was du willst, daß dir die Leute
tun sollen, das tue du ihnen auch.« Aus diesem höchsten Gebot des
Christentums folgt von selbst, daß wir ebenso heilige Pflichten
gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben. Ich habe meine
Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem »=Monismus=«
auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei wichtige
Sätze betont: ~I~. Beide konkurrierende Triebe sind =Naturgesetze=,
die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und
gleich notwendig sind; der Egoismus ermöglicht die Selbsterhaltung des
=Individuums=, der Altruismus diejenige der Gattung und =Spezies=,
die sich aus der Kette der vergänglichen Individuen zusammensetzt.
~II~. =Die sozialen Pflichten=, welche die Gesellschaftsbildung den
assoziierten Menschen auferlegt, und durch welche sich diese erhält,
sind nur höhere Entwickelungsformen der =sozialen Instinkte=, welche
wir bei allen höheren, gesellig lebenden Tieren finden. ~III~. Beim
Kulturmenschen steht alle Ethik, sowohl die theoretische wie die
praktische Sittenlehre, als »Normwissenschaft« in Zusammenhang mit der
=Weltanschauung= und demnach auch mit der =Religion=.

_Das ethische Grundgesetz._ (=Das Goldene Sittengesetz.=) Aus der
Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich
unmittelbar das höchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das
man jetzt oft als das =Goldene Sittengesetz= oder kurz als die
»Goldene Regel« bezeichnet. =Christus= sprach dasselbe wiederholt
in dem einfachen Satze aus: »=Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst=« (Matth. 19, 19; 22, 39, 40; Römer 13, 9 usw.). In
diesem wichtigsten und höchsten Gebote stimmt unsere =monistische
Ethik= vollkommen mit der =christlichen= überein. Nur müssen wir
gleich die historische Tatsache hinzufügen, daß die Aufstellung
dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie
die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen
Gläubigen unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese =Goldene Regel=
mehr als fünfhundert Jahre älter als Christus und von vielen
verschiedenen Weisen Griechenlands und des Orients als wichtigstes
Sittengesetz anerkannt. =Pittakos= von Mytilene, einer der sieben
Weisen Griechenlands, sagte 620 Jahre vor Christus: »Tue deinem
Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest.« -- =Konfutse=, der große
chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die Unsterblichkeit
der Seele und den persönlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre vor
Chr.: »Tue jedem anderen, was du willst, daß er dir tun soll; und tue
keinem anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst
nur dieses Gebot allein; es ist =die Grundlage aller anderen Gebote=.«
=Aristoteles= lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.:
»Wir sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß
andere gegen uns handeln sollen.« In gleichem Sinne und zum Teil mit
denselben Worten wird auch die goldene Regel von =Thales=, =Isokrates=,
=Aristippus=, dem Pythagoräer =Sextus= und anderen Philosophen des
klassischen Altertums -- =mehrere Jahrhunderte vor Christus=! --
ausgesprochen. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß das
Goldene Grundgesetz zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten
von mehreren Philosophen -- unabhängig voneinander -- aufgestellt
worden ist. Anderenfalls müßte man annehmen, daß Jesus es aus
anderen orientalischen Quellen (aus älteren semitischen, indischen,
chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen Lehren) übernommen
habe, wie es jetzt für die meisten anderen christlichen Glaubenslehren
nachgewiesen ist.

_Christliche Sittenlehre._ Da das ethische Grundgesetz demnach
bereits seit 2500 Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe
ausdrücklich als höchstes, alle anderen umfassendes Gebot an die
Spitze seiner Sittenlehre stellt, würde unsere =monistische Ethik=
in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen älteren heidnischen
Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in vollkommenem
Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie dadurch
gestört, daß die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere
Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu
widersprechen. Wir müssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der
christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung
der Neuzeit unverträglich und bezüglich ihrer praktischen Konsequenzen
geradezu schädlich sind. Dahin gehört die Verachtung der christlichen
Moral gegen das eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die
Kultur, die Familie und die Frau.

~I~. =Die Selbstverachtung des Christentums.= Als obersten und
wichtigsten Mißgriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel
geradezu aufhebt, müssen wir die =Übertreibung= der Nächstenliebe
auf Kosten der Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekämpft und
verwirft den =Egoismus= im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb
zur Selbsterhaltung absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, daß
auch der =Altruismus=, sein scheinbares Gegenteil, im Grunde ein
verfeinerter Egoismus ist. Nichts Großes, nichts Erhabenes ist jemals
ohne Egoismus geschehen und ohne die =Leidenschaft=, welche uns zu
großen Opfern befähigt. Nur die =Ausschreitungen= dieser Triebe
sind verwerflich. Zu denjenigen christlichen Geboten, welche uns in
frühester Jugend als wichtigste eingeprägt und welche in Millionen
von Predigten verherrlicht werden, gehört der Satz (Matthäus 5, 44):
»Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die
euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.« Dieses
ideale Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhält
es sich mit der Anweisung: »Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib
auch den Mantel«; d. h. in das moderne Leben übersetzt: »Wenn dich
ein gewissenloser Schuft um die eine Hälfte deines Vermögens betrügt,
dann schenke ihm auch noch die andere Hälfte.« Die vielbewunderte
Weltmachtspolitik der modernen Kulturstaaten steht in =schneidendem
Widerspruch= zu allen Grundlehren der christlichen Liebe, welche
von ihnen =im Munde= geführt wird. Übrigens ist ja der offenkundige
Widerspruch zwischen der empfohlenen =idealen=, altruistischen Moral
des =einzelnen= Menschen und der =realen=, rein egoistischen Moral der
menschlichen =Gemeinden=, und besonders der christlichen Kulturstaaten,
eine allbekannte Tatsache. Es wäre interessant, mathematisch
festzustellen, bei welcher =Zahl= von vereinigten Menschen das
=altruistische= Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil
verwandelt, in die rein =egoistische= »Realpolitik« der Staaten und
Nationen.

~II~. =Die Leibesverachtung des Christentums.= Da der christliche
Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der
unsterblichen Seele nur einen vorübergehenden Aufenthalt im sterblichen
Leibe anweist, ist es ganz natürlich, daß der ersteren ein viel
höherer Wert beigemessen wird als dem letzteren. Daraus folgt jene
Vernachlässigung der Leibespflege, der körperlichen Ausbildung und
Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr
unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen klassischen Altertums
auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene strengen
Gebote der täglichen Waschungen und der sorgfältigen Körperpflege, die
wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht
nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgeführt sehen.
Das Ideal des frommen Christen ist in vielen Klöstern der Mensch,
der sich niemals ordentlich wäscht und kleidet, der seine schmutzige
Kutte niemals wechselt, und der statt ordentlicher Arbeit sein faules
Leben mit gedankenlosen Betübungen, sinnlosem Fasten usw. zubringt.
Als Auswüchse dieser Leibesverachtung möge noch an die widerwärtigen
Bußübungen der Geißler und anderer Asketiker erinnert werden.

=III.= =Die Naturverachtung des Christentums.= Eine Quelle von
unzähligen theoretischen Irrtümern und praktischen Fehlern, von
geduldeten Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem
falschen =Anthropismus des Christentums=, in der exklusiven Stellung,
welche es dem Menschen als »Ebenbild Gottes« anweist, im Gegensatze
zu der übrigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer höchst
schädlichen Entfremdung von unserer herrlichen Mutter »Natur«
beigetragen, sondern auch zu einer bedauernswerten Verachtung der
übrigen Organismen. Das Christentum kennt nicht jene rühmliche
=Liebe zu den Tieren=, jenes Mitleid mit den nächststehenden, uns
befreundeten Säugetieren (Hunden, Pferden, Rindern usw.), welche zu den
Sittengesetzen vieler anderer älterer Religionen gehören, vor allem der
weitestverbreiteten, des =Buddhismus=. Wer längere Zeit im katholischen
Südeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen
Tierquälereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid
als den höchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen »Christen«
Vorwürfe über ihre Grausamkeit macht, erhält er zur lachenden Antwort:
»Ja, die Tiere sind doch keine Christen!« Leider wurde dieser Irrtum
auch durch =Descartes= befestigt, der nur dem Menschen eine fühlende
Seele zuschrieb, nicht aber den Tieren. Wie erhaben steht in dieser
Beziehung unsere monistische Ethik über der christlichen! Der
=Darwinismus= lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten und weiterhin
von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese »=unsere
Brüder=« sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere dieselben
Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und Schmerz
empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird
sich jemals jener rohen Mißhandlung der Tiere schuldig machen, die der
gläubige Christ in seinem anthropistischen Größenwahn -- als »Kind des
Gottes der Liebe!« -- gedankenlos begeht. -- Außerdem aber entzieht die
prinzipielle Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Fülle
der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft
erhebenden =Naturgenuß=.

~IV~. =Die Kulturverachtung des Christentums.= Da nach Christi Lehre
unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und
nur eine Vorbereitung auf das »ewige Leben« im besseren Jenseits, so
verlangt sie folgerichtig, daß demgemäß der Mensch auf alles Glück im
Diesseits zu verzichten und alle dazu erforderlichen =irdischen Güter=
gering zu achten hat. Zu diesen »irdischen Gütern« gehören aber für den
modernen Kulturmenschen die unzähligen kleinen und großen Hilfsmittel
der Technik, der Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges
Kulturleben angenehm gestalten; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören
alle die hohen Genüsse der bildenden Kunst, der Tonkunst, der Poesie,
welche schon während des christlichen Mittelalters (trotz seiner
Prinzipien!) sich zu hoher Blüte entwickelten, und welche wir als
»ideale Güter« hochschätzen; -- zu diesen »irdischen Gütern« gehören
die unschätzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der
Naturerkenntnis. Alle diese »irdischen Güter« der verfeinerten Kultur,
welche nach unserer monistischen Weltanschauung den höchsten Wert
besitzen, sind nach der christlichen Lehre wertlos, ja großenteils
verwerflich, und die strenge christliche Moral muß das Streben nach
diesen Gütern mißbilligen. Das Christentum zeigt sich also auch auf
diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich; der Kampf, welchen die
moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu führen gezwungen sind, ist
auch in diesem Sinne ein wirklicher »=Kulturkampf=«.

~V~. =Die Familienverachtung des Christentums.= Zu den
bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehört die
Geringschätzung, welche dasselbe gegen das =Familienleben= besitzt,
d. h. gegen jenes naturgemäße Zusammenleben mit den nächsten
Blutsverwandten, welches für den normalen Menschen ebenso unentbehrlich
ist wie für alle höheren sozialen Tiere. Die »Familie« gilt uns
ja mit Recht als die »Grundlage der Gesellschaft« und das gesunde
Familienleben als Vorbedingung für ein blühendes Staatsleben. Ganz
anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem »Jenseits« gerichteter
Blick die Frau und die Familie ebenso gering schätzte wie alle anderen
Güter des »Diesseits«. Von den seltenen Berührungen mit seinen Eltern
und Geschwistern wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzählen;
das Verhältnis zu seiner Mutter Maria war danach keineswegs so zart
und innig, wie es uns Tausende von schönen Bildern in =poetischer
Verklärung= vorführen; er selbst war nicht verheiratet. Die
Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der Familienbildung ist,
erschien Jesus eher wie ein notwendiges Übel. Noch weiter ging darin
sein eifrigster Apostel, =Paulus=, der es für besser erklärte, nicht
zu heiraten, als zu heiraten. »Es ist dem Menschen gut, daß er kein
Weib berühre« (1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen
guten Rat befolgte, würde sie damit allerdings bald alles irdische Leid
und Elend loswerden; sie würde durch diese Radikalkur innerhalb eines
Jahrhunderts aussterben.

~VI.~ =Die Frauenverachtung des Christentums.= Da Christus selbst
die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persönlich jene feine
Veredelung des wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen
Zusammenleben des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle
Verkehr, auf welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts
beruht, ist dafür ebenso wichtig wie die geistige Durchdringung
beider Geschlechter und die gegenseitige Ergänzung, die sich beide
gleicherweise in den praktischen Bedürfnissen des täglichen Lebens wie
in den höchsten idealen Funktionen der Seelentätigkeit gewähren. Denn
Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber gleichwertige Organismen,
jeder mit seinen Eigentümlichkeiten, Vorzügen und Mängeln. Je höher
sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale Wert der
sexuellen Liebe erkannt, und desto höher stieg die Achtung der Frau,
besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus
welcher die herrlichsten Blüten der Poesie und der Kunst entsprossen
sind. Christus dagegen lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem
ganzen Altertum; er teilte die allgemein herrschende Anschauung des
=Orients=, daß das Weib dem Manne untergeordnet und der Verkehr mit
ihm »unrein« sei. Die beleidigte Natur hat sich für diese Mißachtung
furchtbar gerächt; ihre traurigen Folgen sind namentlich in der
Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger Schrift
verzeichnet.

_Papistische Moral._ Die bewunderungswürdige Hierarchie des römischen
Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister
verschmähte, fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung
jener »unreinen« Anschauung und in der Pflege der asketischen
Vorstellung, daß die Enthaltung vom Frauenverkehr an sich eine Tugend
sei. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus enthielten sich
viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der vermeintliche
Wert dieses =Zölibats= so hoch, daß dasselbe für obligatorisch erklärt
wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einriß, ist durch die
Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon
im Mittelalter wurde die Verführung ehrbarer Frauen und Töchter durch
katholische Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle
spielte) ein öffentliches Ärgernis; viele Gemeinden drangen darauf,
daß zur Verhütung derselben den »keuschen« Priestern das =Konkubinat=
gestattet werde! Auf den christlichen Konzilien, auf welchen ungläubige
Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinäle
und Bischöfe mit ganzen Scharen von Freudenmädchen. Die geheimen
und öffentlichen Ausschweifungen des katholischen Klerus wurden so
schamlos und gemeingefährlich, daß schon vor =Luther= die Empörung
darüber allgemein und der Ruf nach einer »Reformation der Kirche an
Haupt und Gliedern« überall laut wurde. Daß trotzdem diese unsittlichen
Verhältnisse in katholischen Ländern noch heute fortbestehen (wenn auch
mehr im Geheimen), ist bekannt. Früher wiederholten sich noch immer
von Zeit zu Zeit die Anträge auf definitive Aufhebung des Zölibats,
so in den Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen
Ländern. Leider bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem
das ultramontane Zentrum die lächerlichsten Mittel zur Vermeidung der
sexuellen Unsittlichkeit vorschlägt, denkt noch heute keine Partei
daran, die Abschaffung des Zölibats im Interesse der öffentlichen Moral
zu beantragen. (Vergl. =Hoensbroech=, Das Papsttum, Leipzig 1901).

Der moderne Kulturstaat, der nicht bloß das praktische, sondern auch
das moralische Volksleben auf eine höhere Stufe heben soll, hat das
Recht und die Pflicht, solche unwürdige und gemeinschädliche Zustände
aufzuheben. Das =obligatorische Zölibat= der katholischen Geistlichen
ist ebenso verderblich und unsittlich wie die =Ohrenbeichte= und der
=Ablaßkram=; alle drei Einrichtungen haben mit dem =ursprünglichen
Christentum nichts= zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral
ins Gesicht; alle drei sind nichtswürdige Erfindungen des =Papismus=,
darauf berechnet, die absolute Herrschaft über die leichtgläubigen
Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie nach Kräften materiell
auszubeuten.

Die Nemesis der Geschichte wird früher oder später über den römischen
Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen
Menschen, die durch diese entartete Religion um ihr Lebensglück
gebracht wurden, werden dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den
Todesstoß zu versetzen -- wenigstens in den wahren »Kulturstaaten«.
Man hat neuerdings berechnet, daß die Zahl der Menschen, welche durch
die papistischen Ketzerverfolgungen, die Inquisition, die christlichen
Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit über zehn Millionen beträgt.
Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach größere Zahl der
Unglücklichen, welche den Satzungen und der Priesterherrschaft der
entarteten christlichen Kirche =moralisch= zum Opfer fielen? -- gegen
die Unzahl derjenigen, deren höheres Geistesleben durch sie getötet,
deren naives Gewissen gequält, deren Familienleben vernichtet wurde?
Hier gilt das wahre Wort aus =Goethes= Gedicht »Die Braut von Korinth«:

    »Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier,
    =Aber Menschenopfer unerhört=!«

_Staat und Kirche._ In dem großen »=Kulturkampfe=«, der infolge
dieser traurigen Verhältnisse noch immer geführt werden muß, sollte
das erste Ziel die vollständige =Trennung von Staat und Kirche= sein.
Die »freie Kirche soll im freien Staate« bestehen, d. h. jede Kirche
soll frei sein in voller Ausübung ihres Kultus und ihrer Zeremonien,
auch im Ausbau ihrer phantastischen Dichtungen und abergläubigen
Dogmen -- jedoch unter der =Voraussetzung=, daß sie dadurch nicht die
öffentliche Ordnung und Sittlichkeit gefährdet. Und dann soll gleiches
Recht für alle gelten! Die freien Gemeinden und die monistischen
Religions-Gesellschaften sollen ebenso geduldet und ebenso frei in
ihren Bewegungen sein wie die liberalen Protestantenvereine und die
orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber für alle diese »Gläubigen« der
verschiedensten Konfessionen soll =die Religion Privatsache= bleiben;
der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige Ausschreitungen
verhüten, sie aber weder unterdrücken, noch unterstützen. Auch
sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld für die
Aufrechterhaltung und Förderung eines fremden »=Glaubens=« herzugeben,
der nach ihrer ehrlichen Überzeugung ein schädlicher =Aberglaube= ist.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen
kleineren Ländern ist in diesem Sinne die vollständige »Trennung von
Staat und Kirche« längst durchgeführt, und zwar zur Zufriedenheit aller
Beteiligten, ebenso neuerdings in Frankreich. Damit ist dort zugleich
die ebenso wichtige Trennung von der Schule bestimmt, unzweifelhaft ein
wesentlicher Grund für den Aufschwung der Wissenschaft und des höheren
Geisteslebens überhaupt.

_Kirche und Schule._ Es ist selbstverständlich, daß die Entfernung der
Kirche aus der Schule sich bloß auf die =Konfession= bezieht, auf die
besondere Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im
Laufe der Zeit entwickelt hat. Dieser »konfessionelle Unterricht« ist
reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjeniger
Priester oder Lehrer, denen diese ihr persönliches Vertrauen schenken.
Dagegen treten an Stelle der ausgeschiedenen »Konfession« zwei
verschiedene wichtige Unterrichtsgegenstände: erstens die monistische
Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religionsgeschichte. Über
die neue =monistische Ethik=, welche sich auf der festen Basis der
modernen Naturerkenntnis -- vor allem der =Entwickelungslehre= --
erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine umfangreiche Literatur
erschienen. Unsere neue =vergleichende Religionsgeschichte= knüpft
naturgemäß an den bestehenden Elementarunterricht in »biblischer
Geschichte« und in der Sagenwelt des griechischen und römischen
Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche Bildungselemente.
Das ist schon deshalb selbstverständlich, weil unsere ganze =bildende
Kunst= auf das Innigste mit der jüdischen und christlichen, der
hellenischen und römischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher
Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, daß die israelitischen
und christlichen Sagen und Legenden nicht als »=Wahrheit=« gelehrt
werden, sondern gleich den griechischen und römischen als =Dichtungen=;
was sie an ethischen und ästhetischen Werten enthalten, wird dadurch
nicht vermindert, sondern erhöht. -- Was die =Bibel= betrifft, so
sollte dieses »Buch der Bücher« den Kindern nur in sorgfältig gewähltem
Auszuge in die Hand gegeben werden (als »Schulbibel«); dadurch würde
die Befleckung der kindlichen Phantasie mit den zahlreichen unsauberen
Geschichten und unmoralischen Erzählungen verhütet werden, an denen
namentlich das Alte Testament so reich ist.

_Staat und Schule._ Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die
Schule von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so
mehr seine Kraft und Fürsorge der Pflege der =Schule= widmen können.
Der unschätzbare Wert eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr
zum Bewußtsein gekommen, je reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts
alle Zweige des modernen Kulturlebens entfaltet haben. Aber die
Entwickelung der Unterrichtsmethoden hat damit keineswegs gleichen
Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer umfassenden =Schulreform=
drängt sich uns immer entschiedener auf. Besonders dürften dabei
folgende Fortschritte zu berücksichtigen sein: 1. Im bisherigen
Unterricht spielte allgemein der =Mensch= die Hauptrolle und besonders
das grammatische Studium seiner =Sprache=; die Naturkunde wurde darüber
ganz vernachlässigt. 2. In der neueren Schule muß die =Natur= das
Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von
der Welt gewinnen, in der er lebt; er soll nicht außerhalb der Natur
stehen oder gar im Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr höchstes
und edelstes Erzeugnis erscheinen. 3. Das Studium der =klassischen
Sprachen= (Lateinisch und Griechisch), das bisher den größten Teil
der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm, bleibt zwar sehr wertvoll, muß
aber stark beschränkt und auf die Elemente reduziert werden (das
Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch). 4. Dafür
müssen die =modernen Kultursprachen= auf allen höheren Schulen um so
mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch).
5. Der Unterricht in der Geschichte muß mehr das innere Geistesleben,
die Kulturgeschichte berücksichtigen, weniger die äußerliche
Völkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die
Grundzüge der =Entwickelungslehre= sind im Zusammenhange mit denjenigen
der =Kosmologie= zu lehren, Geologie im Anschluß an die Geographie,
Anthropologie im Anschluß an die Biologie. 7. Die Grundzüge der
=Biologie= müssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der
moderne »Anschauungsunterricht« fördert die anziehende Einführung in
die biologischen Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik).
Im Beginne ist von der beschreibenden Systematik auszugehen (im
Zusammenhang mit Ökologie oder Bionomie); später sind die Elemente der
Anatomie und Physiologie anzuschließen. 8. Ebenso muß von =Physik=
und =Chemie= jeder Gebildete die Grundzüge kennen lernen. 9. Jeder
Schüler muß gut =zeichnen= lernen, und zwar nach der Natur; womöglich
auch aquarellieren. Das Entwerfen von Zeichnungen und Aquarellskizzen
nach der Natur (von Blumen, Tieren, Landschaften, Wolken usw.) weckt
nicht nur das Interesse an der Natur und erhält die Erinnerung an
ihren Genuß, sondern die Schüler lernen dadurch überhaupt erst richtig
=sehen= und das Gesehene =verstehen=. 10. Viel mehr Sorgfalt und Zeit
als bisher ist auf die =körperliche Ausbildung= zu verwenden, auf
Turnen und Schwimmen; vorzüglich aber sind wöchentlich gemeinsame
=Spaziergänge= und jährlich in den Ferien mehrere =Fußreisen= zu
unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von höchstem
Wert.

Das Hauptziel der höheren Schulbildung blieb bisher in den meisten
Kulturstaaten die Vorbildung für den späteren Beruf, Erwerbung eines
gewissen Maßes von Kenntnissen und Abrichtung für die Pflichten des
Staatsbürgers. Die Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als
Hauptziel die Ausbildung des =selbständigen Denkens= verfolgen, das
klare Verständnis der erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in
den natürlichen Zusammenhang der Erscheinungen. Wenn der moderne
Kulturstaat jedem Bürger das allgemeine gleiche Wahlrecht zugesteht,
muß er ihm auch die Mittel gewähren, durch gute Schulbildung seinen
Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten eine
vernünftige Anwendung zu machen.



=Zwanzigstes Kapitel.=

_Lösung der Welträtsel._

  Rückblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis
  im neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Welträtsel durch die
  monistische Naturphilosophie.


Am Ende unserer philosophischen Studien über die Welträtsel
angelangt, dürfen wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden
Frage schreiten: Wie weit ist uns ihre Lösung gelungen? Welchen Wert
besitzen die ungeheuren Fortschritte, welche das verflossene 19.
Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat? Und welche
Aussicht eröffnen sie uns für die Zukunft, für die weitere Entwickelung
unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene Denker,
der die tatsächlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse
und die einheitliche Klärung unseres philosophischen Verständnisses
einigermaßen übersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19.
Jahrhundert hat größere Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im
Verständnis ihres Wesens herbeigeführt als alle früheren Jahrhunderte;
es hat viele große »Welträtsel« gelöst, die an seinem Beginne für
unlösbar galten; es hat uns neue Gebiete des Wissens und Erkennens
aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor hundert Jahren
noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene Ziel
der =monistischen Kosmologie= klar vor Augen gestellt und den Weg
gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nähern können, den Weg der
exakten empirischen Erforschung der =Tatsachen= und der kritischen
genetischen Erkenntnis ihrer =Ursachen=. Das abstrakte große Gesetz der
=mechanischen Kausalität=, für das unser =kosmologisches Grundgesetz=,
das =Substanzgesetz=, nur ein anderer konkreter Ausdruck ist,
beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es ist
der sichere, unverrückbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns
durch das dunkle Labyrinth der unzähligen einzelnen Erscheinungen den
Pfad zeigt. Um uns davon zu überzeugen, wollen wir einen flüchtigen
Rückblick auf die erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die
Hauptzweige der Naturwissenschaft in diesem denkwürdigen Zeitraum
gemacht haben.

~I~. _Fortschritte der Astronomie._ Die Himmelskunde ist die älteste,
die Menschenkunde die jüngste Naturwissenschaft. Über sich selbst und
sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts zur Klarheit, während er in der Kenntnis des gestirnten
Himmels, der Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele
Kenntnisse besaß. Die alten Chinesen, Inder, Ägypter und Chaldäer
kannten im fernen Morgenlande schon damals die sphärische Astronomie
genauer als die meisten »gebildeten« Christen des Abendlandes
viertausend Jahre später. Schon im Jahre 2697 vor Chr. wurde in
China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und 1100 Jahre
vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt;
hingegen besaß Christus selbst (der »Sohn Gottes!«) bekanntlich
gar keine astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel
und Erde, Natur und Mensch von dem beschränktesten geozentrischen
und anthropozentrischen Standpunkte aus. Als größter Fortschritt
der Astronomie wird allgemein und mit Recht das heliozentrische
Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen großartiges Werk: »~=De
revolutionibus orbium coelestium=~« (1543) selbst die größte Revolution
in den Köpfen der denkenden Menschen hervorrief. Indem er das
herrschende geozentrische Weltsystem des =Ptolemäus= stürzte, entzog er
zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden, welche
die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen
Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, daß
der christliche Klerus, an seiner Spitze der römische Papst, die neue
Entdeckung des =Kopernikus= aufs heftigste bekämpfte. Trotzdem brach
sie sich bald vollständig Bahn, nachdem =Kepler= und =Galilei= darauf
die wahre »Mechanik des Himmels« gegründet und =Newton= ihr durch seine
Gravitationstheorie die unerschütterliche mathematische Basis gegeben
hatte (1686).

Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt
war die Einführung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er
geschah 1755 durch den jugendlichen =Kant=, der in seiner kühnen
Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die
»=Verfassung=«, sondern auch den »=mechanischen Ursprung= des ganzen
Weltgebäudes nach Newtons Grundsätzen« abzuhandeln unternahm. Durch das
großartige »=~Système du monde=~« von =Laplace=, der unabhängig von
=Kant= auf dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war,
wurde dann 1796 diese neue »=~Mécanique céleste=~« so fest begründet,
daß es scheinen konnte, unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem größten
Erkenntnisgebiete nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung
mehr vorbehalten. Und doch bleibt ihm der Ruhm, auch hier ganz neue
Bahnen eröffnet und unseren Blick ins Universum unendlich erweitert
zu haben. Durch die Erfindung der Photographie und Photometrie, vor
allem aber der Spektralanalyse (durch =Bunsen= und =Kirchhoff=, 1860)
wurden die Physik und Chemie in die Astronomie eingeführt und dadurch
kosmologische Aufschlüsse von größter Tragweite gewonnen. Es ergab sich
nun mit Sicherheit, daß die =Materie= im ganzen Weltall wesentlich
dieselbe ist, und daß ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften
auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen
unserer Erde.

Die monistische Überzeugung von der =physikalischen= und =chemischen
Einheit des unendlichen Kosmos=, die wir dadurch gewonnen haben, gehört
sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen Erkenntnissen, welche wir
der =Astrophysik= verdanken, einem neuen höchst interessanten Zweige
der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit Hilfe jener
gewonnene Erkenntnis, daß auch dieselben Gesetze der mechanischen
Entwickelung im unendlichen Universum ebenso überall herrschen wie auf
unserer Erde; eine gewaltige allumfassende =Metamorphose des Kosmos=
vollzieht sich ebenso ununterbrochen in allen Teilen des unendlichen
Universums wie in der geologischen Geschichte unserer Erde; ebenso in
der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der Völkergeschichte und
im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des Kosmos erblicken
wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige Nebelflecke,
die aus glühenden, äußerst dünnen Gasmassen bestehen; wir deuten sie
als Keime von Weltkörpern, die Milliarden von Meilen entfernt und
im ersten Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile
dieser »Sternkeime« sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch
nicht getrennt, sondern bei ungeheuer hoher Temperatur =im Urelement=
vereinigt. In anderen Teilen des Universums begegnen wir Sternen,
die bereits durch Abkühlung glutflüssig geworden, anderen, die schon
erstarrt sind; wir können ihre Entwickelungsstufe annähernd aus ihrer
verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir Sterne, die
von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir erkennen
in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich
vom Mutterplaneten ebenso abgelöst hat wie dieser von der Sonne.
Die moderne Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit
Hilfe der mächtigen, sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl
der sichtbaren Weltkörper in den einzelnen Himmelsbezirken genau zu
bestimmen; schon jetzt sind mehr als hundert Millionen Sterne wirklich
gezählt worden, die meisten wahrscheinlich viel größer als unsere Erde.

Von vielen »Fixsternen«, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns
zu gelangen, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie =Sonnen=
sind, ähnlich unserer Mutter Sonne, und daß sie von Planeten und Monden
umkreist werden, ähnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir
dürfen auch weiterhin vermuten, daß sich Tausende von diesen Planeten
auf einer ähnlichen Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h.
in einem Lebensalter, in dem die Temperatur der Oberfläche zwischen dem
Gefrier- und Siedepunkt des Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren
flüssigen Wassers gestattet. Damit ist die Möglichkeit gegeben, daß der
=Kohlenstoff= auch hier, wie auf der Erde, mit anderen Elementen sehr
verwickelte Verbindungen eingeht, und daß aus seinen stickstoffhaltigen
Verbindungen sich =Plasma= entwickelt hat, jene wunderbare »=lebendige
Substanz=«, die wir als alleinigen Eigentümer des organischen
Lebens kennen. Die =Moneren=, die nur aus solchem primitiven
=Protoplasma= bestehen, und die durch =Urzeugung= (=Archigonie=)
aus jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, können
nun denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem
eigenen Planeten, eingeschlagen haben; zunächst bildeten sich aus
ihrem homogenen Plasmakörper durch Sonderung eines inneren =Kerns=
vom äußeren =Zellkörper= einfachste lebendige =Zellen=. Die Analogie
im Leben aller Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, daß auch
die weitere Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen ähnlich wie auf
unserer Erde abspielt -- immer natürlich die gleichen engen Grenzen der
Temperatur vorausgesetzt, in denen das Wasser tropfbar-flüssig bleibt;
für glühendflüssige Weltkörper, auf denen das Wasser nur in Dampfform,
und für erstarrte, auf denen es nur in Eisform besteht, ist organisches
Leben in gleicher Weise unmöglich.

_Die Ähnlichkeit der Phylogenie_, die Analogie der
stammesgeschichtlichen Entwickelung, die wir demnach bei vielen
Sternen auf gleicher biogenetischer Entwickelungsstufe annehmen dürfen,
bietet natürlich der konstruktiven Phantasie ein weites Feld für
farbenreiche Spekulationen. Ein Lieblingsgegenstand derselben ist
seit alter Zeit die Frage, ob auch =Menschen= oder uns ähnliche,
vielleicht höher entwickelte Organismen auf anderen Sternen wohnen?
Soweit wir gegenwärtig zur Beantwortung dieser Frage befähigt
erscheinen, können wir uns etwa Folgendes vorstellen: ~I~. Es ist
sehr wahrscheinlich, daß auf einigen Planeten unseres Systems (Mars
und Venus) und vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische
Prozeß sich ähnlich wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden
durch Archigonie einfache Moneren und aus diesen einzellige Protisten.
~II~. Es ist sehr wahrscheinlich, daß aus solchen einzelligen
Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung zunächst soziale
Zellvereine bildeten, später gewebebildende Pflanzen und Tiere.
~III~. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, daß im Pflanzenreiche
sich zunächst Moose und Farne, später Algen, zuletzt Blumenpflanzen
entwickelten. ~IV~. Es ist ebenso wahrscheinlich, daß auch im
Tierreiche der biogenetische Prozeß einen ähnlichen Verlauf nahm, daß
aus Blastäaden sich zunächst Gasträaden entwickelten, und aus diesen
Niedertieren später Obertiere. ~V~. Dagegen ist es sehr fraglich,
ob die einzelnen Stämme dieser höheren Tiere (und ebenso der höheren
Pflanzen) denselben oder einen ähnlichen Entwickelungsgang auf anderen
Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. ~VI~. Insbesondere ist
es unsicher, ob Wirbeltiere auch außerhalb der Erde existieren, und
ob aus deren phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen
Jahre ebenso Säugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben
wie auf unserer Erde; es müßten dann Millionen von Transformationen
sich dort ganz ebenso wie hier wiederholt haben. ~VII~. Dagegen
ist es wahrscheinlicher, daß auf anderen Planeten sich andere Typen
von höheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben, die unserer Erde
fremd sind; vielleicht auch aus einem höheren Tierstamme, der den
Wirbeltieren an Bildungsfähigkeit überlegen ist, höhere Wesen, die uns
irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermögen weit übertreffen.
~VIII~. Die Möglichkeit, daß wir Menschen mit solchen Bewohnern
anderer Planeten jemals in direkten Verkehr treten könnten, erscheint
ausgeschlossen durch die weite Entfernung unserer Erde von anderen
Weltkörpern und die Abwesenheit der atmosphärischen Luft in dem
ungeheuren, nur von Äther erfüllten Zwischenraum.

Während nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem ähnlichen
biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind
andere schon weiter vorgeschritten und gehen im »planetarischen
Greisenalter« ihrem Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer
Erde sicher bevorsteht. Durch Ausstrahlung der Wärme in den kalten
Weltraum wird die Temperatur allmählich so herabgesetzt, daß alles
tropfbar flüssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hört die Möglichkeit
organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der rotierenden
Weltkörper immer stärker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit ändert
sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger,
ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt stürzen die
Monde in die Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren
sind. Durch diesen Zusammenstoß werden wieder ungeheure Wärmemengen
erzeugt. Die zerstäubte Masse der zerstoßenen kollidierten Weltkörper
verteilt sich frei im unendlichen Weltraum, und das ewige Spiel der
Sonnenbildung beginnt von neuem.

Das großartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne
Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen
der unzähligen Weltkörper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen
kosmogenetischen Zustände, welche wir im Universum nebeneinander
beobachten. Während an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem
diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer
an einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle
von glutflüssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an
seinem Äquator Ringe abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen;
ein vierter ist schon zur mächtigen Sonne geworden, deren Planeten
sich mit sekundären Trabanten umgeben haben, den Monden usw. usw.
Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden von kleineren
Weltkörpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als scheinbar
gesetzlose Vagabunden die Bahn der größeren durchkreuzen, und von denen
täglich ein großer Teil in die letzteren hineinstürzt. Dabei ändern
sich beständig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden
Weltkörper. Die erkalteten Monde stürzen in ihre Planeten wie diese in
ihre Sonnen. Zwei entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoßen
mit ungeheurer Kraft aufeinander und zerstäuben in nebelartige Massen.
Dabei entwickeln sie so kolossale Wärmemengen, daß der Nebelfleck
wieder glühend wird, und nun wiederholt sich das alte Spiel von neuem.
Bei dieser beständigen Umbildung bleibt aber die unendliche Substanz
des Universums, die Summe ihrer Materie und Energie, ewig unverändert,
und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit der =periodische
Wechsel der Weltbildung=, die in sich selbst zurücklaufende
=Metamorphose des Kosmos=, das »~Perpetuum mobile~« des Universums.
Allgewaltig herrscht das =Substanzgesetz=.

~II~. _Fortschritte der Geologie._ Viel später als der Himmel
wurde die Erde und ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung. Die zahlreichen Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten
zwar über die Entstehung der Erde ebensogut Auskunft geben wie über
die des Himmels; allein das mythologische Gewand, in das sie sich
sämtlich hüllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der dichtenden
Phantasie. Unter all den zahlreichen Schöpfungssagen, von denen uns
die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige
bald allen übrigen den Rang ab, die Schöpfungsgeschichte des =Moses=,
wie sie im ersten Buche des Pentateuch (~Genesis~) erzählt wird.
Sie entstand in der bekannten Fassung erst lange nach dem Tode
des Moses; ihre Quellen sind aber größtenteils viel älter und auf
assyrische, babylonische und indische Sagen zurückzuführen. Den
größten Einfluß gewann diese jüdische Schöpfungssage dadurch, daß sie
in das christliche Glaubensbekenntnis hinübergenommen und als »Wort
Gottes« geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die
griechischen Naturphilosophen die natürliche Entstehung der Erde auf
dieselbe Weise wie die der anderen Weltkörper erklärt. Auch hatte schon
damals =Xenophanes= von Kolophon die =Versteinerungen=, die später so
große Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der große
Maler =Leonardo da Vinci= hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese
Petrefakten für die fossilen Überreste von Tieren erklärt, die in
früheren Zeiten der Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autorität
der Bibel, insbesondere der Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden
weiteren Fortschritt der wahren Erkenntnis und sorgte dafür, daß die
mosaischen Schöpfungssagen noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts
in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen Theologen besitzen
sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts begannen unabhängig davon wissenschaftliche
Forschungen über den Bau der Erdrinde, und wurden daraus Schlüsse auf
ihre Entstehung abgeleitet. Der Begründer der Geognosie, Werner in
Freiberg, ließ alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, während =Voigt=
und =Hutton= (1788) richtig erkannten, daß nur die sedimentären,
Petrefakten führenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen
und plutonischen Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflüssiger
Massen entstanden sind.

Der heftige Kampf, der zwischen jener =neptunistischen= und dieser
=plutonistischen= Schule entstand, dauerte noch während der ersten
drei Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet,
nachdem =Karl Hoff= (1822) das Prinzip des Aktualismus begründet und
=Charles Lyell= dasselbe mit größtem Erfolge für die ganze natürliche
Entwickelung der Erde durchgeführt hatte. Durch seine »Prinzipien
der Geologie« (1830) wurde die überaus wichtige Lehre von der
=Kontinuität= der Erdumbildung endgültig zur Anerkennung gebracht,
gegenüber der Katastrophentheorie von =Cuvier=. Die =Paläontologie=,
welche letzterer durch sein Werk über die fossilen Knochen (1812)
begründet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten Hilfswissenschaft der
Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie sich
so weit entwickelt, daß die Hauptperioden in der Geschichte der Erde
und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dünne Rindenschicht der Erde
war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflüssigen
Planeten erkannt, dessen langsame Abkühlung und Zusammenziehung
sich ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde,
die »Reaktion des feurigflüssigen Erdinnern gegen die erkaltete
Oberfläche«, und vor allem die ununterbrochene geologische Tätigkeit
des Wassers sind die natürlich wirkenden Ursachen, welche tagtäglich an
der langsamen Umbildung der Erdrinde und ihrer Gebirge mächtig arbeiten.

Drei überaus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken
wir den glänzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden
damit aus der Erdgeschichte alle =Wunder= ausgeschlossen, alle
übernatürlichen Ursachen beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der
Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Länge der ungeheuren
Zeiträume, die seit deren Bildung verflossen sind, erstaunlich
erweitert. Wir wissen jetzt, daß die ungeheuren Gebirgsmassen der
paläozoischen, mesozoischen und zänozoischen Formationen nicht viele
Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau brauchten.
Drittens wissen wir jetzt, daß alle die zahlreichen, in diesen
Formationen eingeschlossenen =Versteinerungen= nicht wunderbare
»Naturspiele« sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die
versteinerten Überreste von Organismen, welche in früheren Perioden der
Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus
vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind.

~III~. _Fortschritte der Physik und Chemie._ Die zahllosen wichtigen
Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19.
Jahrhundert gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische
Anwendung in allen Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar
vor aller Augen, daß wir hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen.
Allen voran hat die Anwendung der Dampfkraft und Elektrizität dem 19.
Jahrhundert den charakteristischen »Maschinenstempel« aufgedrückt.
Aber nicht minder wertvoll sind die kolossalen Fortschritte der
anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete unserer modernen
Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und Landwirtschaft,
Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr, sind
bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts -- und besonders in dessen
zweiter Hälfte -- dadurch so gefördert worden, daß unsere Großväter
aus dem 18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen
würden. Aber wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure
theoretische Erweiterung unserer Naturerkenntnis, welche wir der
Begründung des =Substanzgesetzes= verdanken. Nachdem =Lavoisier= (1789)
das Gesetz von der Erhaltung der Materie aufgestellt und =Dalton=
(1808) mittels desselben die Atomtheorie neu begründet hatte, war der
modernen =Chemie= die Bahn eröffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf
eine früher nicht geahnte Bedeutung gewann. Dasselbe gilt für die
=Physik= betreffend das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Seine
Entdeckung durch =Robert Mayer= (1842) und =Hermann Helmholtz= (1847)
bedeutet auch für diese Wissenschaft eine neue Periode fruchtbarster
Entwickelung; denn nun erst war die Physik imstande, die =universale
Einheit der Naturkräfte= zu begreifen, und das ewige Spiel der
unzähligen Naturprozesse, bei welchen in jedem Augenblick eine Kraft in
die andere umgesetzt werden kann.

~IV~. _Fortschritte der Biologie._ Die großartigen und für unsere
ganze Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die =Astronomie=
und =Geologie= im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit
übertroffen von denjenigen der =Biologie=; ja, wir dürfen sagen, daß
von den zahlreichen Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft
vom organischen Leben sich neuerdings entfaltet hat, der größere Teil
überhaupt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im
ersten Abschnitte gesehen haben, sind innerhalb desselben alle Zweige
der Anatomie und Physiologie, der Botanik und Zoologie, der Ontogenie
und Phylogenie, durch unzählige Entdeckungen und Erfindungen so sehr
bereichert worden, daß der heutige Zustand unseres biologischen Wissens
denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache übertrifft. Das gilt
zunächst =quantitativ= von dem kolossalen Wachstum unseres positiven
Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt
aber ebenso und noch mehr =qualitativ= von der Vertiefung unseres
Verständnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis
ihrer bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen =Charles
Darwin= (1859) die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine
Selektionstheorie das große Welträtsel von der »organischen Schöpfung«
gelöst, von der natürlichen Entstehung der unzähligen Lebensformen
durch allmähliche Umbildung. Zwar hatte schon fünfzig Jahre früher
der große =Lamarck= (1809) erkannt, daß der Weg dieser Transformation
auf der Wechselwirkung von Vererbung und Anpassung beruhe; allein es
fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und es fehlte ihm vor
allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation, welche
erst später durch die Begründung der Entwickelungsgeschichte und der
Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser
und anderer Disziplinen zusammenfaßten und in der Stammesgeschichte der
Organismen den Schlüssel zu ihrem einheitlichen Verständnis fanden,
gelangten wir zur Begründung jener =monistischen Biologie=, deren
Prinzipien ich (1866) in meiner »Generellen Morphologie« festzulegen
versucht habe. (Vergl. meine »Natürliche Schöpfungsgeschichte«,
11. Auflage, 1908). Die Anwendung der Entwickelungslehre auf die
allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich 1904 in meinem Buche
über die »=Lebenswunder=« versucht. (Gemeinverständliche Studien
über Biologische Philosophie, Ergänzungsband zu dem Buche über die
»Welträtsel«.)

~V~. _Fortschritte der Anthropologie._ Allen anderen Wissenschaften
voran steht in gewissem Sinne die wahre =Menschenkunde=, die wirklich
vernünftige Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: »=Mensch, erkenne
dich selbst=« und das andere berühmte Wort: »Der Mensch ist das Maß
aller Dinge« sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und
dennoch hat diese Wissenschaft -- im weitesten Sinne genommen -- länger
als alle anderen in den Ketten der Tradition und des Aberglaubens
geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und
spät sich erst die Kenntnis vom menschlichen Organismus entwickelt
hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die Keimesgeschichte, wurde
erst 1828 (durch =Baer=) und ein anderer, nicht minder wichtiger,
die Zellenlehre, erst 1838 (durch =Schwann=) sicher begründet. Noch
später aber wurde die »Frage aller Fragen« gelöst, das gewaltige Rätsel
vom »=Ursprung des Menschen=«. Obgleich =Lamarck= schon 1809 den
einzigen Weg zu seiner richtigen Lösung gezeigt und »die Abstammung
des Menschen vom Affen« behauptet hatte, gelang es doch =Darwin= erst
fünfzig Jahre später, diese Behauptung sicher zu begründen, und erst
1863 stellte =Huxley= in seinen »Zeugnissen für die Stellung des
Menschen in der Natur« die gewichtigsten Beweise hierfür zusammen. Ich
selbst habe sodann in meiner Anthropogenie (1874) den ersten Versuch
gemacht, die ganze Reihe der Ahnen, durch welche sich unser Geschlecht
im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem Tierreich langsam entwickelt
hat, im historischen Zusammenhang darzustellen. Eine ausführliche
Begründung der ganzen Stammesgeschichte und ihre Anwendung auf das
natürliche System der Organismen habe ich in den drei Bänden meiner
»Systematischen Phylogenie« gegeben (1894). Die schärfere kritische
Unterscheidung der sechs Strecken und dreißig Hauptstufen unserer
menschlichen Stammesgeschichte enthält meine Festschrift über »Unsere
Ahnenreihe« (~Progonotoxis hominis~, Jena, 30. Juli 1908).



_Schlußbetrachtung._


Die Zahl der Welträtsel hat sich durch die angeführten Fortschritte der
wahren Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert;
sie ist schließlich auf ein einziges allumfassendes Universalrätsel
zurückgeführt, auf das =Substanzproblem=. Was ist denn nun eigentlich
im tiefsten Grunde dieses allgewaltige Weltwunder, welches der
realistische Naturforscher als =Natur= oder Universum verherrlicht,
der idealistische Philosoph als =Substanz= oder Kosmos, der fromme
Gläubige als Weltgeist oder =Gott=? Können wir heute behaupten, daß
die wunderbaren Fortschritte unserer modernen Kosmologie dieses
»Substanzrätsel« gelöst oder auch nur, daß sie uns dessen Lösung sehr
viel näher gebracht haben?

Die Antwort auf diese Schlußfrage fällt natürlich sehr verschieden
aus, entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner
empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein
zu, daß wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch
ebenso fremd und verständnislos gegenüberstehen, wie =Anaximander=
und =Empedokles= vor 2400 Jahren, wie =Spinoza= und =Newton= vor 200
Jahren, wie =Kant= und =Goethe= vor 100 Jahren. Ja, wir müssen sogar
eingestehen, daß uns dieses eigentliche Wesen der Substanz immer
wunderbarer und rätselhafter wird, je tiefer wir in die Erkenntnis
ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen, je gründlicher
wir ihre unzähligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung kennen
lernen. Was als »=Ding an sich=« hinter den erkennbaren Erscheinungen
steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns dieses
mystische »Ding an sich« überhaupt an, wenn wir keine Mittel zu
seiner Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es
existiert oder nicht? Überlassen wir daher das unfruchtbare Grübeln
über dieses ideale Gespenst den »reinen Metaphysikern« und erfreuen
wir uns statt dessen als »echte Physiker« an den gewaltigen realen
Fortschritten, welche unsere monistische Naturphilosophie tatsächlich
errungen hat.

Da überragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des
verflossenen »großen Jahrhunderts« das allumfassende =Substanzgesetz=,
das »Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes«.
Die Tatsache, daß die Substanz überall einer ewigen Bewegung und
Umbildung unterworfen ist, stempelt es zugleich zum universalen
=Entwickelungsgesetz=. Indem dieses höchste Naturgesetz festgestellt und
alle anderen ihm untergeordnet wurden, gelangten wir zu der Überzeugung
von der universalen =Einheit der Natur= und der ewigen Geltung
der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-=Problem= entwickelte sich
das klare Substanz-=Gesetz=. Der Monismus des Kosmos, den wir darauf
begründen, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der »ewigen, ehernen,
großen Gesetze« im ganzen Universum. Damit vernichtet er aber zugleich
die drei großen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen Philosophie,
den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit
des Willens.

In der vorliegenden Behandlung der Welträtsel habe ich meinen
konsequenten monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz
zu der dualistischen, heute noch herrschenden Weltanschauung klar
hervorgehoben. Ich stütze mich dabei auf die Zustimmung von fast
allen modernen Naturforschern, welche überhaupt Neigung und Mut zum
Bekenntnis einer abgerundeten philosophischen Überzeugung besitzen. Ich
möchte aber von meinen Lesern nicht Abschied nehmen, ohne versöhnlich
darauf hinzuweisen, daß dieser schroffe Gegensatz bei konsequentem
und klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, ja selbst
bis zu einer erfreulichen Harmonie gelöst werden kann. Bei völlig
folgerichtigem Denken, bei gleichmäßiger Anwendung der höchsten
Prinzipien auf das =Gesamtgebiet= des Kosmos -- der organischen und
anorganischen Natur --, nähern sich die Gegensätze des Theismus und
Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Berührung. Aber
freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene Naturerscheinung! Die
große Mehrzahl aller Philosophen möchte mit der rechten Hand das reine,
auf Erfahrung begründete =Wissen= ergreifen, kann aber gleichzeitig
nicht den mystischen, auf Offenbarung gestützten =Glauben= entbehren,
den sie mit der linken Hand festhält.

Die alte Weltanschauung des =Idealdualismus= mit ihren mystischen
und anthropistischen Dogmen versinkt in Trümmer; aber über diesem
gewaltigen Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres
=Realmonismus= auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in
seiner ganzen Pracht erkennen läßt. In dem reinen Kultus des »Wahren,
Guten und Schönen«, welcher den Kern unserer neuen =monistischen
Religion= bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen
anthropistischen Ideale von »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«.



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