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Title: Das Buch vom Brüderchen - Roman einer Ehe
Author: Geijerstam, Gustaf af
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Das Buch vom Brüderchen - Roman einer Ehe" ***

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                        Das Buch vom Brüderchen


                            Roman einer Ehe
                                  von
                          Gustaf af Geijerstam


                             Zehnte Auflage
                 (Neunzehntes und zwanzigstes Tausend)


                       S. Fischer, Verlag, Berlin
                                  1910


               Autorisierte Übersetzung von Francis Maro
                        Alle Rechte vorbehalten


                  So laßt mich scheinen, bis ich werde,
                  Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
                  Ich eile von der schönen Erde
                  Hinab in jenes feste Haus.

                  Dort ruh' ich eine kleine Stille,
                  Dann öffnet sich der frische Blick;
                  Ich lasse dann die reine Hülle,
                  Den Gürtel und den Kranz zurück.

                  Und jene himmlischen Gestalten
                  Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
                  Und keine Kleider, keine Falten
                  Umhüllen den verklärten Leib.

                  Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mühe,
                  Doch fühlt' ich tiefen Schmerz genung;
                  Vor Kummer altert' ich zu frühe:
                  Macht mich auf ewig wieder jung.

                           Aus Goethes Wilhelm Meister.



                               Einleitung


Es war einmal ein Schriftsteller, der glücklich mit seiner Frau und
seinen drei Kindern lebte. Er war so glücklich, daß er es selbst nicht
begriff, und in all diesem schrieb er viele Bücher von dem Unglück der
Menschen.

Es war nicht die Liebe, in der sein höchstes Glück lag; auch bestand es
nicht in der Vaterfreude, die er naiv als eine so natürliche Sache nahm,
als könnten Eltern nie etwas anderes als Freude an ihren Kindern
erleben; auch darin lag es nicht, daß der seltene Vogel, den man
ungebrochene Jugend nennt, noch nach vieljähriger Ehe in seinem Hause in
sicherem Neste saß. Sein höchstes Glück bestand darin, daß ihm niemals
etwas Böses begegnet oder bekannt geworden war, das er nicht durch seine
Kraft und Gesundheit überwinden zu können glaubte. Die Unglücksfälle,
die aufzutauchen drohten, waren wie vorübergehende Wolken vom Horizonte
verschwunden und hatten seinen Himmel nur noch reiner und freier
gelassen. Wenigstens glaubte er so, und dieser Glaube war die
Wirklichkeit, in der er lebte. Die Armut, gegen die er einen
ununterbrochenen Kampf geführt, hatte er doch stets im Abstand zu halten
vermocht. Es gab bloß _einen_ Feind, mit dem er niemals seine Kräfte
gemessen, und dieser Feind war der Tod. Vielleicht war es nicht das
geringste Glück dieses Mannes zu nennen, daß er lange niemals ernstlich
gefürchtet hatte, der Tod könnte ihn selbst oder die, die ihm am
nächsten standen, treffen.

In diesem Gefühl der Fülle des Daseins schrieb dieser Schriftsteller ein
sommerhelles Buch, das von seinen eigenen zwei großen Jungen handelte,
ihren Spielen und Vergnügungen, ihren Abenteuern und Mißgeschicken. Das
Buch ward ein heiteres Spiel für ihn selbst, und wenn ich jetzt an diese
Zeit zurückdenke, glaube ich es kaum fassen zu können, daß dieser Mann,
von dem ich hier spreche, einmal ich selbst war.

Als das Buch gedruckt und geheftet und alles klipp und klar war, sodaß
es in die große weite Welt hinaus ziehen konnte, da nahm der Verfasser
ein paar Exemplare des im Hause ersehnten Buches mit heim. Er schrieb
Olofs Namen auf ein Buch und den Svantes auf ein anderes, und
überreichte den verewigten Söhnen feierlich jedem sein Exemplar.

Olof nahm sein Buch in Empfang, und Svante nahm das seinige. Von Olof,
der eine praktische Natur ist und nicht zum Litterarischen neigt, wird
behauptet, daß er sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male aus freien
Stücken hinsetzte, um in einem Buche zu lesen. Ich glaube beinahe, er
las drei ganze Kapitel. Svante hingegen las das ganze Buch in einem Zuge
von Anfang bis zu Ende. Dann griff er gewisse Kapitel heraus, die ihm
besonders gefielen, und las sie laut Jedem vor, der zuhören wollte. Es
herrschte mit einem Worte großer Jubel im ganzen Hause.

Damals lief jedoch noch ein kleines Kerlchen in den Zimmern herum. Das
war Olofs und Svantes kleines Brüderchen, und es hatte langes, lockiges
lichtblondes Haar und die größten blauen Augen, die ein kleiner Junge
nur haben konnte. Er hieß Sven und war erst zwei Jahre alt. Sprechen
konnte er nicht ganz. Aber verstehen konnte er.

Als Svante ihm nun laut vorgelesen hatte, fragte Mama:

»Von wem, glaubst Du, ist da die Rede?« Und da Sven nicht wußte, was er
sagen sollte, fuhr Mama fort:

»Ja, weißt Du, von den großen Brüdern, versteht Nenne das nicht?«

Sven wurde nämlich für den Alltag Nenne gerufen. Das hatte er selbst
erfunden, weil er kein S aussprechen konnte.

»Ja, aber die Brüder heißen doch nicht so, wie es im Buch steht,«
versuchte Nenne.

»Wie dumm Du bist,« sagte Olof, »so hat er uns eben genannt.«

Da verstand Sven, und mit Augen, die vor Ungeduld leuchteten, fragte er:

»Steht da nichts von Nenne drin?«

Papa war inzwischen hereingekommen, er hob den Kleinen bis zur Decke
empor, setzte ihn wieder nieder und sagte:

»Was sollte wohl von einem Knirpschen stehen, das so klein ist, daß es
noch nichts gethan hat?«

Aber Sven gab sich nicht zufrieden. Er führte seine großen blauen Augen
ins Treffen, so gut er nur konnte, er teilte mit seinem kleinen roten
Munde Küsse aus, er kämpfte mit allen Waffen, die ihm zu Gebote standen.
Er wollte ein Buch für sich haben.

»Ja, aber Nenne kann ja nicht lesen.«

Dieser Grund machte auf Nenne nicht den geringsten Eindruck. Er lief
durch die Zimmer aus und ein, und sein ganzes kleines lebendiges
Gesichtchen war vor Eifer rosenrot. Olof hatte ein Buch bekommen, und
Svante hatte ein Buch bekommen. Warum sollte Sven allein leer ausgehen?

Und da half nichts. Der Schriftsteller hatte kein anderes Exemplar bei
der Hand. Darum gab Mama ihres her, und nachdem ihr Name ordentlich
ausradiert worden war, schrieb Papa feierlich auf das Buch:

                           Dem kleinen Nenne
                               von Papa.

Und erst da war Sven zufrieden.

Das heißt, es sah aus, als wäre er zufrieden. Denn er erhob keine
weiteren Einwände. Er ging nur herum und las in seinem neuen Buch. Er
konnte von vorwärts und von rückwärts lesen, er hielt das Buch nach oben
und nach unten, und er las laut, so daß es im ganzen Hause wiederhallte.

Endlich setzte er sich für eine Weile allein hin und dachte nach. Und
dann ging es durch alle Zimmer, als könnte er gar nicht rasch genug ans
Ziel kommen. Sven lief direkt in Papas Stube, wo Papa am Schreibtisch
saß und qualmte. Da machte er sich so klein, daß er zwischen Papas Stuhl
und dem Tische durchkriechen konnte, und dann steckte er den Kopf durch
und versuchte Papa ins Gesicht zu sehen.

»Was giebt es, Sven?« fragte Papa, der es nicht liebte, gestört zu
werden.

Aber Sven gab sich nicht früher zufrieden, bis der Stuhl weggeschoben
wurde, so daß er heran kommen konnte. Dann stellte er sich zwischen
Papas Kniee, sah zu Papas Gesicht auf und sagte milde, aber bestimmt:

»Papa ein Buch _nur Nenne_ schreiben.«

»Was ist das?« fragte Papa.

»Papa ein Buch nur Nenne schreiben,« wiederholte der Kleine. Und diesmal
erhob er die Stimme.

Da begriff Papa.

Es hatte das kleine Brüderchen gegrämt, daß er nicht mit in dem Buche
hatte sein dürfen. So klein er war, hatte er seine Ansprüche an
Gerechtigkeit. So klein er war, fand er vielleicht, daß er ein ebenso
großes Recht an Papa hatte, wie die anderen Brüder, und so klein er war,
wußte er, daß, wo Papa, Mama und die Brüder waren, auch sein Platz sein
mußte. Er sah Papa mit großen, fragenden Augen an, und er war so eifrig,
als gälte es Leben oder Tod.

Papa nahm die Sache auch sehr ernst und antwortete:

»Ich verspreche Dir, daß ich einmal auch über Dich ein Buch schreiben
werde.«

»_Nur_ Nenne,« wiederholte das kleine Brüderchen, deutlich zeigend, daß
darin eben das Hauptgewicht lag.

»Nur Nenne,« sagte Papa ernst. Recht muß Recht bleiben.

Das kleine Brüderchen lief fort. Es verkündete die Neuigkeit bis in die
Küche, und seine Ehrenrettung war in diesem Augenblick vollkommen.

Das kleine Brüderchen verabsäumte es auch nicht, daran zu erinnern. Aber
ein Schriftsteller hat ja so viel zu schreiben. Er kann nicht jederzeit
dazu kommen, über ein kleines helllockiges Kerlchen zu schreiben, das in
der Welt nichts anderes ausgerichtet hat, als daß es kam und ging und
Allen Freude machte. Und in der Dichtung wie im Leben müssen die Kleinen
warten, weil die Großen sie nicht früher vorlassen wollen, bis die Reihe
an sie kommt.

Darum hat das kleine Brüderchen auf sein Buch warten müssen, bis zum
heutigen Tag. Jetzt bin ich selbst ein Anderer, und alles um mich ist
neu. Der Kleine wußte wohl nicht, um was er mich bat, ebensowenig wie
ich wußte, was ich versprach.

Aber ich höre eine Stimme, die mich zwingt, das, was ich versprach, zu
halten.



                              Erster Teil


                                   1.

Dieses ganze Buch ist ein Buch vom Tode, und doch handelt es, wie mir
scheint, mehr von Glück als von Unglück. Denn Unglück heißt nicht, das
verlieren, was Einem teuer ist, das Unglück liegt darin, es zu
beschmutzen, zu verderben oder zu entstellen. Und es giebt ein
Geheimnis, ich mußte lange leben, bevor ich es lernte. Die Liebe steht
niemals stille. Sie muß mit den Jahren entweder wachsen oder abnehmen.
Und nicht nur in dem letzten Fall kann sie Leiden verursachen. Der
gewaltigste Eros ist der, der Leiden bringt, weil er immer stärker wird.

Aber ich will beim Anfange beginnen und all das, was in diesem Buch
geschrieben ist, will ich so erzählen, wie man einen Traum erzählt. Und
so seltsam es auch dem Leser klingen mag -- all das zusammen ist nur das
Buch, um das das kleine Brüderchen mich bat.

Habe ich geträumt, daß ich geliebt, geheiratet und Kinder bekommen habe?
Habe ich geträumt, daß ich unsäglich glücklich und unsäglich unglücklich
war? Habe ich geträumt? Oder habe ich wirklich all dies erlebt, das mich
an nichts anderes von menschlichem Leben, das in meinen Gesichtskreis
gekommen, zu erinnern scheint? Es kommt mir jetzt vor, als stünde ich in
irgend einer unfaßbaren Weise -- nicht über, ach, alles andere eher als
über -- aber wohl ferne von all dem, und das Einzige, das jetzt zu mir
dringt, ist ein Ton der Andacht, so überschwänglich, daß nicht einmal
Musik ihn fassen und in greifbarer Weise ausdrücken könnte. Ja, wenn ich
einstmals das niedergeschrieben habe, was sich jetzt seinen Weg zu den
unbeschriebenen Bogen sucht, die eines Tages vielleicht ein Buch bilden
werden, glaube ich hoffen zu können, daß die Erzählung selbst mir den
Leitfaden geben wird, um das Rätsel zu lösen, das mich jetzt quält und
beunruhigt: was in meinem Leben Traum gewesen und was Wirklichkeit.

Es ist nämlich nicht nur der Kummer, der mich drückt. Es ist auch ein
Wundern über das, was geschehen, dasselbe Wundern, das sich auf dem
Grunde alles bewußten Lebens regt. -- -- --

Ich erinnere mich in diesem Augenblick, wie ich eines Abends in das
Zimmer meiner Frau kam und sie grübelnd fand, mit einem aufgeschlagenen
Buch vor sich. Sie las nicht in dem Buche, und ihr Gesicht drückte
Unzufriedenheit aus.

Ich beugte mich über ihre Schulter und sah, daß sie in der Bibel gelesen
hatte. Das Buch lag beim ersten Buch Mosis aufgeschlagen, und auf meine
Frage, was sie gelesen, wies sie bloß auf ein paar Zeilen, die ich noch
zu unterst auf einer Seite lesen zu können vermeine. -- Und ich las die
Worte:

Verflucht sei die Erde um deinetwillen ... Mit Schmerzen sollst du deine
Kinder gebären.

»Ist das nicht gräßlich?« sagte sie. »Ich erinnere mich nicht, ob ich
mit Schmerzen geboren habe. Ich habe nie daran gedacht.«

Sie erhob sich und ging zu einem kleinen Bettchen, das quer hinter
unseren eigenen Betten stand, und sie beugte sich hinab über ein rundes,
blühendes, schlafendes Kindergesicht, dessen Lippen sich saugend regten,
als läge der Knabe an der Mutterbrust.

»Habe ich Dich in Schmerzen geboren?« sagte sie wie zu sich selbst.
»Nein, in Glück habe ich Dich geboren, in Glück und Jubel, ein Glück, so
namenlos groß, daß ich es nie gewußt habe, bis jetzt.«

Sie zog mich hinab aufs Sopha und lehnte ihren Kopf an meine Schulter,
schmiegte sich in meine Arme, als wollte sie dort Schutz vor allem
Ungemach und Schmerz der Welt finden. Ohne ihre Stellung zu ändern,
streckte sie die Hand aus und schlug das Buch zu.

»Das ist ein dummes Buch,« sagte sie. »Ich habe mich nie darauf
verstanden.«

»Das ist es wohl nicht,« sagte ich lächelnd.

»Das hast Du selbst gesagt,« sagte sie und richtete sich zur Hälfte auf.

»Ich? Nie!«

»Nun, dann hast Du etwas anderes gesagt.«

Sie beugte sich wieder hinab.

»Ich erinnere mich nicht. Ich weiß nur, daß ich denken will wie Du,
glauben wie Du, sein wie Du. Denn Niemand ist wie Du, Niemand auf der
Welt.«

Auf solche Worte kann kein Mann antworten. Man braucht sie nicht
abzuwehren, denn sie sind nicht als Rauchopfer der Eitelkeit gedacht.
Sie kommen wie eine Liebkosung, so wie wenn ein Mann seine Frau ansieht
und sagt: »Es giebt für mich kein Weib außer Dir.« Meine Frau fuhr auch
nach einer Pause, so kurz, daß ich sie kaum gemerkt hatte, fort:

»Ich habe Dir gewiß noch nie dafür gedankt, daß Du mich gelehrt hast, zu
glauben, wie Du glaubst, aber ich bin so froh, daß Du es gethan. Du
kannst es nicht so fühlen, wie ich es fühle. Du kannst es nie so fühlen.
Jeder Tag, der vergeht, macht mich reicher. Jede Stunde scheint mir
erfüllt von meinem Glück. Es ist so merkwürdig, mir jetzt zu denken, daß
ich einmal, als ich um vieles jünger war, mich sehnte, sterben zu
können, um in den Himmel zu kommen. Was meinte ich da, und wonach sehnte
ich mich? Ich glaube, ich habe es vergessen, als wäre es nie gewesen.
Das Einzige, was ich früher manchmal schwer empfand, war, daß ich
niemals meinen Vater wiedersehen sollte, der tot ist. Aber jetzt kommt
es mir vor, daß ich nichts anderes verlange, als mit Dir und den Knaben
leben zu können. Ich würde nicht wünschen, daß es etwas anderes gäbe als
das Leben, das Du und ich leben durften. Ich will mit Dir leben, bis die
Knaben groß sind und hinausziehen. Dann wollen wir zusammen altern -- Du
und ich -- und etwas anderes kann ich mir nicht denken.«

»Glaubst Du nicht an irgend eine Möglichkeit eines anderen Lebens?«
fragte ich.

Sie schüttelte mit einer energischen Geberde den Kopf.

»Nein,« rief sie aus, »ich will nichts anderes als das, was ist. Ich
will einmal in der Erde unter einem schönen Blumenhügel schlafen. Das
ist Alles für mich, und darum bitte ich Gott jeden Abend.«

Sie betete jeden Abend zu Gott, und sie glaubte nicht an ein
unsterbliches Leben. Ich wußte es, und fühlte aufs Neue das Wunderbare
in diesem, ihrem eigenen Rätsel, das für sie bloß natürliche
Wirklichkeit war. Ich streichelte ihre Schulter, um sie wissen zu
lassen, daß ich gehört und verstanden hatte, und mit einem plötzlichen
Uebergang fragte sie:

»Glaubst Du an etwas anderes?«

»Ich glaube weder, noch glaube ich nicht.«

Sie wiederholte meine Worte ganz tonlos, obgleich sie sie schon mehrere
Male zuvor gehört, wiederholte sie, als enthielten sie etwas ganz
Unfaßbares, und rief plötzlich:

»Dann hast Du Dich verändert.«

»Das glaube ich nicht.«

»Ja, das hast Du. Wie hätte ich sonst glauben können, daß das Leben mit
dem Tode zu Ende sei? Du hast es mich gelehrt. Warum willst Du jetzt
nicht glauben, wie ich?«

Bei ihren Worten flog eine Erinnerung durch meine Seele. Ich sah sie und
mich auf einem schmalen Pfad unter den hellen Birken der Schären
wandeln. Ueber uns funkelten des Himmels Sterne, und zu unseren Füßen
zitterte im Grase der matte Lichtschein aus den Fenstern unseres ersten
Sommerheims. Ich vermeinte noch die Worte hören zu können, die in der
Stille des Abends zwischen uns geflüstert wurden, Worte vom Leben und
vom Tode, von Gott und dem Kommenden, diese Worte, die von unserem
ersten Liebesrausch Ernst und Glut empfingen. Ich erinnerte mich, daß
sie es war, die fragte, und ich antwortete. Ich erinnerte mich, daß sie
tief betrübt und stumm wurde, während sie über meine Antwort nachdachte,
und als nun diese Erinnerung durch meine Seele zog, mit einer
Deutlichkeit, die keine Worte wiederzugeben vermögen, war es mir, als
müßte das, was ich damals gesagt, sie in ganz anderer Weise getroffen
haben, als ich eigentlich gemeint, und ich fühlte einen Stich im Herzen,
als hätte ich, ohne es zu wollen, ihr etwas zu Leide gethan.

Sie unterbrach mich, indem sie sagte:

»Ich kann das nicht fassen, das, weder zu glauben, noch nicht zu
glauben. Ich muß eines von Beiden thun.«

Sie sprach diese Worte mit einem Ton aus, als bäte sie mich, ihr nicht
zu widersprechen, und ich that es auch nicht. Ich behielt bloß in mir
die Stimmung der lichten Insel unserer Jugend und wunderte mich darüber,
daß ich die ganze Zeit die Sterne durch das Laubwerk der Birken zu sehen
meinte.

Meine Frau hatte sich, während wir sprachen, erhoben und stand wieder
neben dem kleinen Bette. Mitten im Gespräche hatte sie gemerkt, daß der
Kleine sich bewegte. Sie hob ihn empor, nahm ihn in ihre Arme in jener
sicheren, schützenden Art, wie nur Mütter es können, und legte ihn an
die Brust. Ihr Gesicht strahlte, als sie sah und fühlte, wie er ihre
Milch mit jener unbeschreiblichen Ruhe sog, die das Vorrecht des Kindes
ist.

Wovon wir eben gesprochen und was ich jetzt sah, verschmolz in
eigentümlicher Weise in meinem Gefühl zur Einheit, und ich erinnerte
mich der Worte, die den Anfang des kurzen Gesprächs gebildet hatten.
Lange saß ich und dachte an das, was ich sagen wollte. Ich dachte an die
grausamen Worte: »Verflucht sei die Erde um Deinetwillen« und an den
Zusatz an die arme Erde: »Dornen und Disteln sollst Du tragen.« Das
Gefühl dessen, was ich besaß und was ich sah, war mir so übermächtig,
daß ich fürchtete zu sprechen, nur um meine Bewegung nicht durch Thränen
zu verraten, und gleichzeitig versuchte ich, meine eigenen Gedanken
davor zurückzuhalten, die Form des Worts anzunehmen, um meiner Frau
nicht pathetisch zu erscheinen.

Endlich nahm ich die Bibel in die Hand und legte sie weg.

»Du hast Recht,« sagte ich, »und das harte Wort hat Unrecht. Da sollte
stehen: >Gesegnet sei die Erde um Deinetwillen. Trauben und Rosen soll
sie tragen.<«

Und nachdem ich dies gesagt, beugte ich das Knie und lehnte die Stirn
zugleich an mein Weib und an mein Kind. Mit der Hand, die sie frei
hatte, strich sie mir übers Haar.

»Ach! Wir waren jung damals, jung und sehr glücklich.«


                                   2.

Ich habe bis jetzt nicht den Namen meiner Frau genannt, und es fällt mir
noch schwer, es zu thun. In meinen Gedanken nenne ich sie zuweilen
Mignon, weil dieser Name der einzige ist, unter welchem ich sie sehen
kann, so wie sie kam und ging. Was weiß ich im Uebrigen, ob ich jetzt
sie selbst male oder die Erinnerung, die sie zurückgelassen? Ist ein
Mensch das, was er Jenen zu sein scheint, die ihn nicht so gesehen, wie
vielleicht bloß Einer ihn zu sehen vermag? Ist er nicht vielmehr in
seinem innersten Wesen gerade das, was bleibt, nachdem das Aeußere und
Zufällige verblaßt ist? Ist es nicht möglich, daß das, was Mancher
Idealisierung nennt, eigentlich die innerste Aehnlichkeit ist, die,
welche einmal in einer Welt, die kein menschliches Auge erreicht, unser
wirkliches Ich werden wird, Allen sichtbar?

Sie war klein von Gestalt und zart, und als ich sie zum ersten Mal sah,
war es bei einer flüchtigen Vorstellung auf der Straße beim Schein einer
Gaslaterne. Als ich sie verlassen hatte, blieben mir ein paar wunderbar
große und tiefe Augen in der Erinnerung. Im Uebrigen erinnerte ich mich
nur an einen schwarzen Pelzkragen, ein paar lange schwarze Handschuhe
und den Druck einer Hand, die einen plötzlichen und starken Eindruck von
etwas Aufrichtigem, Wachem und Wahrem hervorrief. Sonst erinnerte ich
mich an ihr ganzes Aussehen so wenig, daß ich ein paar Tage später an
ihr vorbei ging, ohne sie zu erkennen. Und doch hatten mir diese Augen
keine Ruhe gelassen, sie waren immer wieder vor meiner Phantasie
aufgetaucht, gleichzeitig strahlend und schmerzgebunden, etwas zugleich
Lebenverlangendes und Andachtsvolles bergend. Wenn je ein paar Augen
eine Seele gespiegelt haben, waren es die ihren.

Wenn ich an Alles denke, was ich durch meine Frau erlebt habe, weiß ich,
daß durch all die bunten Lebensjahre meines Daseins Niemand mich so wie
sie gelehrt hat, das Gefühl für das Religiöse beizubehalten. Ich glaube
jedoch nicht, daß ich sie je das Wort Religion habe nennen hören, und
man hätte sie sicher narren können, Abraham mit dem Apostel Paulus zu
verwechseln. Aber Alles, was sie mit ihrem Denken oder Fühlen umfaßte,
wurde ihr in irgend einer besonderen Weise heilig. Ihr Wesen war
Zärtlichkeit, und das Leben, das sie leben wollte, war ein Fest, ein
Fest, bei dem ihr Gefühl für den Wert und die Heiligkeit des Lebens
keinen Mißton ertragen konnte. Aber Alles, was in ihr stark und lebendig
war, war zu gleicher Zeit gebrechlich und spröde. In der Tiefe ihrer
Seele war eine Ganzheitsanbetung, die das Leben nicht ertrug, weil sie
auf einem höheren Plan zu stehen schien als das Leben selbst.

Wir waren viele Jahre verheiratet gewesen, als sie eines Tages zu mir
sagte, plötzlich, unvorbereitet und ohne äußeren Anlaß, sowie ihre
stärksten Gefühle immer kamen:

»Du darfst mich nie, nie fühlen lassen, daß Etwas zwischen mir und Dir
alt und gewohnt geworden ist. An dem Tage, wo das geschieht, will ich
sterben.«

Wie viele Frauen haben nicht dasselbe gesagt, und wie Viele haben nicht
gelebt, um nachher über ihre eigenen Worte zu lächeln! Ich habe einmal
von einer Frau gehört, die zu einem Manne sagte:

»Glaubst Du nicht, daß es einige Frauen geben kann, die das fühlen, was
alle Frauen sagen?«

Ich erinnere mich, daß dies mir bei den Worten meiner Frau in den Sinn
kam und daß ich in dem Gefühl ihrer Wahrheit zur Antwort nur ihre Hand
drückte. Ich begriff, daß das, was sie gesagt, ihr tiefster Ernst war,
und ich wußte, daß hier das Wort Sentimentalität nicht am Platze war.
Aber ich sah auch, daß sie ein Wort von mir erwartete, das ihr etwas
sagte, und darum antwortete ich:

»Glaubst Du nicht, daß etwas alt und gewohnt werden kann, ohne darum an
Stärke, Freudigkeit und Heiligkeit einzubüßen?«

Sie sah mich mit großen Augen an, als wollte sie auf den Grund meiner
Seele sehen. Dann ging sie auf mich zu und küßte mich, und ich merkte,
daß ihre Augen feucht waren, während ich fühlte, wie ihre ganze Gestalt
sich zu der meinen neigte, in einer einzigen großen Zärtlichkeit.

»Laß es dann alt und gewohnt werden,« sagte sie. »Ich sehne mich
darnach, daß es so wird.«

Nicht ein Wort mehr wurde gesprochen. Aber den ganzen Tag sah ich, daß
sie wie in stillem, stummem Jubel umherging. Am Nachmittag war sie
draußen im Garten, und ich hörte von meinem Fenster, daß sie allein
sang, mit vollen, glockenreinen Tönen.

Nach einer Weile kam sie mit einem kunstvoll gebundenen Strauß von
Wiesenblumen herein, in dem die Flora des Sommers sich mischte, wie die
Töne in einem Lied. Sie stellte ihn ohne ein Wort auf meinen Tisch und
lächelte still, um meine Arbeit nicht zu stören. Dann setzte sie sich
selbst ein Stück weit weg, und während ich schrieb, blickte ich zuweilen
auf, nur um sie anzusehen. Die Abendsonne färbte ihr dunkles Haar und
spielte in den Farben ihres Antlitzes, das stets neu war, niemals sich
gleich.


                                   3.

Es begab sich nie, daß etwas zwischen uns alt und gewohnt wurde. Ich
weiß, daß ich ein großes Wort ausspreche. Aber es ist wahr. Und darum
kann ich noch sagen: Gesegnet sei das Leben und was das Leben gab! Das
Leben für das segnen, was es nahm, das kann ich nicht.

Aber es geschah uns, daß die Sorge in unser Haus kam, und ich begreife
jetzt, daß sie uns hätte trennen können, weil ich es nicht vermochte, so
zu trauern wie sie. Aber ich weiß mit demütiger Dankbarkeit, daß dies
doch nie geschah. Und doch, hätten Menschen es vermocht, es würde
gelungen sein.

Wie bald ich es sah, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, daß der
Eindruck so innig mit der Erinnerung an meine Frau verwoben ist, daß ich
es jetzt nicht mehr fassen zu können glaube, daß ich sie je in dem
Lichte der Jugend und des Glücks allein gesehen. Sie war nämlich
frühzeitig krank, ja, ich habe sie eigentlich nie anders gekannt als mit
dem Keim der Krankheit. Wie kam es da, daß ich bis zuletzt lange Zeiten
vergessen konnte, daß ihre Gesundheit untergraben war und daß der
Krankheitskeim, der bestand, sich entwickeln oder ganz verschwinden
mußte? Ich wußte ja nur zu gut, daß er nicht verschwand. Und doch lernte
ich nie ihr Leben in einem anderen Lichte sehen, als dem gewöhnlichen.
Horchte ich nicht auf die Vorboten, die kamen? Stellte ich mich blind
und taub gegen die Ahnungen, die in mir aufloderten, wie Feuersflammen
meines Glückes Haus bedrohend, das ich so fest gemauert wähnte? Ich weiß
nicht, ob es so war. Aber ich weiß, daß, als ich heiratete, ich so jung
war, daß ich glaubte, die Liebe sei ein Heilmittel gegen alles Unglück
der Welt, und wenn ich Elsa strahlend und glücklich sah, wenn wir uns
gemeinsam in Wald und Wellen tummelten, wenn ich sah, wie die Sonne sie
bräunte und die Sommerwellen ihre weißen Glieder bespülten, da vergaß
ich, daß das Unglück kommen konnte, und ich spiegelte mir vor, daß das,
was ich befürchtet hatte, nur Einbildung war. Ach, ich wurde schließlich
so bewandert in der Kunst, das zu vergessen, was ich nicht sehen wollte,
daß ich von Gesundheit und langem Leben träumte, auch nachdem Elsa dem
Tod so nahe gewesen, daß es ein Wunder war, daß sie ihm entrann, und sie
unter ihrem Kleid verborgen die Spuren des Messers des Operateurs trug,
nie ganz frei von Schmerzen, sie nur dadurch vergessend, daß sie sich
selbst Gewalt anthat, um uns, die sie liebte, den Kindern und mir,
Freude und das Fest des Lebens zu schenken.

Aber ich erinnere mich doch, wie bald ich dieses Etwas sah, das zu
vergessen unsere ganze Ehe ein wechselnder Kampf war. Ich sah es an
ihrem Gesichte, wenn sie allein saß und sich unbeobachtet glaubte, und
anfangs meinte ich, als ich dies sah, daß zwischen mir und ihr etwas
stünde. Ich pflegte sie darnach zu fragen, und es ist schwer zu sagen,
ob es meine Liebe oder meine Eigenliebe war, die mich glauben ließ, daß
nichts anderes, als was mich selbst berührte, ihr Glück trüben konnte.
Ich sah, daß ich sie mit meinen Fragen unsäglich quälte, aber ich fragte
sie doch, und bei solchen Anlässen konnte sie mit einem Ausdruck
lächeln, als weilte ihre Seele weit weg, einem Ausdruck, der mich noch
in der Erinnerung quält, weil es dieser Ausdruck war, den ich jahrelang
zu besiegen strebte, aber der schließlich die Oberhand bekam und mich
besiegte.

»Du sollst mich nicht fragen,« sagte sie einmal. »Ich weiß selbst nicht,
was es ist. Ich weiß nur, daß kein Mensch es verstehen kann.«

In was sie da blickte, gehört dem Unbekannten an, wonach Alle fragen,
aber worauf Niemandem eine Antwort wird. Doch wie hätte ich das damals
verstehen können? Unser Leben war glücklich, unsere Tage froh, unsere
Knaben wuchsen heran und erfüllten unser Heim mit ihrer frohen
Munterkeit. Und niemals war Elsa zärtlicher gegen mich, als wenn ich
diese Momente schweigender Betrübtheit bemerkt hatte, die ich das Recht
gehabt hätte, unmotiviert zu nennen, wenn es keine anderen Motive gäbe
als die, welche die Menschen in Worte kleiden können.


                                   4.

Zu dieser Zeit waren unsere Knaben herangewachsen und waren schon große
Jungen. Olof hatte bereits mit der Schule angefangen, und Svante näherte
sich auch schon der Zeit, wo er beginnen sollte, die trockenen Nüsse vom
Baume der Erkenntnis zu knacken.

Zu dieser Zeit war es, daß die dunklen Stunden zum ersten Male anfingen,
meiner Frau übermächtig zu werden, und mehr als einmal sah ich, daß sie
geweint hatte. Sie wich mir in ihrer stillen Weise aus, und sie that es,
damit ich sie bei solchen Anlässen nicht fragen sollte. Ich kann nie
vergessen, welche Angst mich in dieser Zeit beherrschte. Diese Angst
schlich sich Nachts an mich heran, wenn ich einsam an meinem
Schreibtisch saß. Sie folgte mir, wenn ich ging, um mich zur Ruhe zu
legen, und sie blieb in der Dunkelheit auf dem Rande des Bettes sitzen,
während ich wach lag und den Atemzügen meiner Frau lauschte, um zu
hören, ob sie schlief.

So still wurde es zwischen uns in dieser Zeit, so wunderlich still. Wir
konnten in unser Wohnzimmer kommen und die Lampe anzünden, und wir
konnten dort sitzen, ohne ein Wort zu sagen, und wir fühlten, wie das
Schweigen sich gleich einer Mauer zwischen uns aufrichtete, die Niemand
aufgebaut, aber die auch Niemand niederreißen konnte. Und wenn unsere
Hände sich suchten, war es nur, weil wir es mußten und Keiner von uns es
ertragen konnte, ferne von dem Anderen zu sein, obgleich wir Beide
fühlten, daß wir es im Grunde doch waren.

Die Knaben kamen herein, um Gutenacht zu sagen. Wir küßten sie Beide,
und wir sahen ihnen nach, wenn sie gegangen waren. Aber kein Wort wurde
gesprochen, und wenn ich meinen Kopf wieder nach der Richtung wandte, wo
meine Frau saß, fühlte ich, daß sie weinte, aber ich hörte es nicht. Wir
hätten nicht unglücklicher sein können, wenn Eines von uns oder wir
Beide ein dunkles Geheimnis zu verbergen gehabt hätten. Und doch wußten
wir Beide, daß es kein solches gab.

»Bist Du unglücklich mit mir, Elsa?« fragte ich sie.

Und zur Antwort hörte ich sie schluchzen, wie in höchster Angst:

»Wenn ich Dich nicht hätte, glaubst Du, daß ich da leben könnte?«


                                   5.

Wie lange diese Zeit währte, kann ich mich nicht mit Bestimmtheit
entsinnen. Ich weiß nur, daß ich mich ihrer wie eines einzigen
entsetzlichen Winters ohne Schnee erinnere, eines langen, dunklen
Strichs in unserem Leben, das mich leer und ohne Sinn dünkte. Nachher
habe ich den Tod das Teuerste, was ich besaß, aus meinen Armen reißen
sehen, ich sah Freunde sterben, ich habe mich von Allem verlassen
gefühlt, wofür ich geistig sterben oder leben wollte. Aber etwas, das
sich mit diesem Winter vergleichen läßt, habe ich niemals erlebt, denn
damals glaubte ich, daß Elsa im Begriffe stand, von mir fortzugleiten,
und dieser Gedanke war mir furchtbarer als irgend etwas, das andere
Menschen mir zufügen konnten oder das mich überhaupt im Leben zu treffen
vermochte.

Diese Zeit war so bitter, weil ich damals das einzige Mal in meinem
Leben in meinem Herzen hart gegen sie wurde, und ich wurde es, weil ich
es nicht besser verstand. Ich kam schließlich dazu, mich in mich selbst
zurückzuziehen so wie sie, denn der Gram beherrschte mich; endlich bekam
der Gram Stimme, und die harten Worte zitterten in der Luft um uns.

Eines Tages fand ich sie in Thränen, und mit einer Stimme, die nicht
mehr meine war, rief ich aus:

»Wie lange glaubst Du, daß ich das aushalten werde?«

Im selben Augenblick, in dem ich es gesagt, bereute ich meine Worte, und
niemals werde ich den Ausdruck des Schreckens vergessen, der ihr ganzes
Antlitz versteinerte.

»Was meinst Du?« sagte sie.

»Das, was ich sage.«

Es war, als hätte ein böser Geist, den ich nicht zügeln konnte, durch
meinen Mund gesprochen. Alles, was ich gelitten, stieg in mir empor, als
wolle es mich ersticken, und ich empfand es als einen Triumph, daß ich
ihr wehe gethan.

»Gehe doch,« sagte sie, »gehe von mir. Warum bist Du je zu mir
gekommen?«

Sie weinte nicht, als sie ging. Aber mitten durch meinen Zorn fühlte
ich, daß ich ihr mit meinen unüberlegten Worten einen Schmerz zugefügt,
so groß, daß ich selbst nie einen ähnlichen gefühlt hatte, noch fühlen
werde. Aber ich schüttelte diesen Gedanken ab und verschanzte mich
hinter dem beschränkten Hochmut, der den Menschen dazu bringt, ein
Unglück nicht abzuwehren, sondern nachzurechnen, wessen Schuld es ist.

»Es ist ihre Schuld,« sagte ich zu mir selbst, »wenn unser Glück vorüber
ist. Was habe ich gethan, daß sie unglücklich sein und mich dadurch
quälen muß, daß sie mir die Ursache nicht sagt? Sie liebt mich nicht
mehr. Das ist ja der Lauf der Welt. Was schön ist, muß verunstaltet
werden. Wer glücklich ist, darf es nicht lange bleiben.«

Hinter solchen Gedanken verbarg ich mein wirkliches Empfinden, das die
ganze Zeit über von ihr erfüllt war. Ich glaubte, daß ich ein Recht zu
grollen hätte, und ich fand, daß das, was ich gesagt, noch eine härtere
Antwort erhalten hatte, als die Worte selbst verdient hatten.


                                   6.

Diese Zeit war die einzige, in der unser Glück wirklich hätte untergehen
können, und ich glaube, daß wir Beide gleich stark die Empfindung
hatten, daß schicksalsschwere Mächte mit unserem Leben spielten. Ein
ganzer Tag verging, während dessen kein Wort zwischen uns gewechselt
wurde. Aber am Abend, als wir zur Ruhe gehen sollten, fielen wir
einander in die Arme und weinten, ohne sprechen zu können.

Dann wurde alles wie zuvor. Aber die Frage, die mich verzehrte: »Was ist
es, was kann es sein?« war und blieb unbeantwortet. Doch war ich
ruhiger, fühlte Reue über meine unausgesprochenen Gedanken und wartete
zugleich gewissermaßen auf eine Lösung.

Zwei Tage später fand ich folgenden Brief auf meinem Tisch.

Ich erinnere mich, daß ich ihn mit einem Gefühl der Angst erbrach, so,
als könnte mir dieses Papier ein Geheimnis entschleiern, das die Macht
hatte, mein ganzes Leben zu vernichten. Aber gleichzeitig brannte ich
vor Verlangen, Antwort auf die eine Frage zu erhalten: »Warum ist sie
nicht glücklich? Kann man gleichzeitig glücklich und unglücklich sein?«

Der Brief lautete folgendermaßen:

   Mein Geliebter.

   Daß solche Worte fallen konnten zwischen Dir und mir! Daß es nur
   möglich ist, daß das geschah! Ich glaubte zuerst, die Sonne sei
   erloschen und ich könnte niemals mehr das Licht des Tages sehen. Und
   ich grübelte und grübelte, wie ich Dich wieder gut gegen mich
   stimmen könnte und wie Alles werden könnte, als sei dies nie
   gewesen.

   Aber dann sah ich, daß Du doch gut warst in Deinem Herzen, obgleich
   es nicht den Anschein hatte, und ich begann zu verstehen, daß Du
   niemals anders werden kannst, und daß nur das, daß ich nicht auf
   Deine Fragen antworten konnte, Dich so zerrissen und bitter machte,
   und darum schlugst Du blind zu, ohne zu wissen, daß Du mir so wehe
   thun konntest, wie Du es thatst. Auch jetzt weiß ich nicht, was ich
   Dir antworten soll, aber Du darfst Dich nicht darüber wundern, daß
   ich schreibe. Es geschieht nur, weil, wenn ich versuchen wollte,
   davon zu sprechen, ich nie mehr als die Hälfte von dem sagen würde,
   was ich wollte.

   Es giebt so vieles, das ich in mir herumtrage, Georg, so vieles, das
   ich nie gesagt, weder zu Dir noch zu irgend jemand Anderem, weil ich
   weiß, daß ich es nie sagen kann. Ich bin immer so gewesen, Georg,
   und ich werde wohl auch immer so bleiben.

   Manchmal, wenn ich daran denke, wie Du gegen mich bist, von Allem
   sprichst, keinen Winkel Deines Herzens verbirgst, dann glaube ich,
   daß ich nur ein Echo von Dir bin, und ich bin so arm, daß ich Dir
   nichts wiederzugeben habe. Und wenn Du mir gesagt hast, daß dem
   nicht so ist, dann habe ich mich so glücklich gefühlt, Georg, so
   glücklich und reich. Und ich weiß, daß ich Dir alles gegeben habe,
   was ich geben kann, und alles, was ich habe.

   Aber wenn Du siehst, daß ich sitze und in mich selbst hineinstarre,
   wie Du zu sagen pflegst, dann sollst Du wissen, daß ich nichts
   anderes thue, als was ich immer gethan habe, auch wenn ich am
   glücklichsten war, auch lange bevor ich Dich kannte und mein
   wirkliches Leben anfing. Und wenn ich weine, sollst Du nicht
   glauben, daß ich unglücklich bin. Das, woran ich da denke, macht
   mich nicht unglücklich. Es ist nur etwas, worüber ich zuweilen
   grübeln muß, weil ich weiß, daß es kommen wird und weil ich es immer
   gewußt habe.

   Aber Du sollst mich nicht darnach fragen, denn ich kann Dir doch
   nicht antworten. Könnte ich es, ach, könnte ich es, dann würden ja
   meine Thränen von selbst trocknen. Vielleicht ist es auch nichts,
   vielleicht liegt es nur darin, daß ich zu glücklich bin.

   Aber ich will, daß Du mir glaubst, wenn ich Dir sage, daß Du nicht
   zu fürchten brauchst, es gäbe etwas Verborgenes und Geheimes in
   meiner Seele, das ich verberge und geheim halte, weil Du es nicht
   sehen dürftest. Es ist bloß das, daß ich nicht kann.

   Bitte mich darum nicht, zu sprechen, sondern sei mir gut, so wie ich
   bin. Sei mir gut als Deinem kleinen Mädchen und Deiner Freundin, die
   nichts anderes verlangt, als an Deiner Seite gehen zu dürfen, so
   lange Gott mir das Leben schenkt, und dann zu sterben und in Ruhe zu
   schlafen, von allen Anderen vergessen, außer von Dir. Denn _Du_
   sollst mich nicht vergessen, und das ist das einzige »unsterbliche
   Leben«, das ich verlange.

   Aber eines wünsche ich zuweilen. Und das ist, daß wir Beide grau und
   alt wären und unsere Kinder schon recht alt. Ich bin so sehr Mutter,
   daß ich wünschte, meine Knaben wären erwachsen und ich könnte zu
   ihnen nach Hause gehen und kleine, kleine, ganz kleine hilflose
   Kindchen in meine Arme nehmen und sehen, daß ich auch ein bißchen in
   ihnen lebte. Meine Jungen sind jetzt so groß, daß sie mich bald
   nicht mehr brauchen. Aber es wäre so gut alt zu sein und zusammen
   mit Dir zu gehen und des Tages harren zu können, an dem die große
   Ruhe kommt. Ich glaube, ich würde Dich doppelt lieben, wenn Du alt
   und grau wärest und Niemand Dich mit denselben Augen ansehen könnte
   wie ich und ich denken dürfte, daß Niemand außer mir an Dich ein
   Recht gehabt und Niemand so recht wüßte, wer Du bist.

   Nun habe ich Dir so viel gesagt, und das, was Du mich gebeten, Dir
   zu sagen, habe ich doch nicht gesagt. Aber denke nicht daran, Georg,
   denke nur, daß ich Dich jetzt liebe, so wie ich Dich immer geliebt
   habe, daß das, was ich jetzt für Dich fühle, mehr ist, als Worte
   ausdrücken können, mehr als Du selbst je wissen kannst. Denn bei Dir
   und hier ist mein Platz und ich habe alles, was je eine Frau gehabt
   hat oder haben kann, und wenn sie noch so glücklich wird. Glaube
   nichts Anderes, denn sonst machst Du mich unglücklicher, als Du
   ahnen oder glauben kannst.

                                                           Deine Frau.


                                   7.

Ich saß lange mit diesem Brief in der Hand, und die Woge von
Zärtlichkeit, die mir entgegenströmte, war so mächtig, daß sie alle
Fragen erstickte und mich in meiner gewohnten Umgebung, in der nichts
verändert schien, mit einem Gefühle umhergehen ließ, als sei ich der
Märchenprinz, der auf den Flügeln des Westwinds die Insel der
Glückseligkeit erreicht hat.

Ich hatte gefragt, warum meine Frau so verändert schien, und ich hatte
es nicht erfahren. Ich hatte nur einen Beweis ihrer Zuneigung bekommen,
und so ist ja die Liebe, daß sie nichts Anderes will als sich selbst,
und alle Fragen, die sie dabei stellt, zielen auf nichts Anderes hin als
auf die einzige Gewißheit, ohne die sie selbst nicht bestehen kann.
Darum gab dieser kleine Brief uns die Lösung von allem, obgleich er
nichts erklärte, und in stummer Dankbarkeit ging ich, nachdem ich ihn
gelesen, zu meiner Frau hinein, glücklich, daß ich ganz glauben konnte.

Wir sprachen auch nicht viel von diesem Briefe, aber wir empfanden es
Beide als eine Erleichterung, daß er geschrieben worden war, und des
Abends saßen wir lange auf, nachdem die Kinder sich zur Ruhe begeben
hatten. Ich erinnere mich, wie Elsa in dieser Zeit sang, sang, so wie
sie nie für jemand Anderen als mich gesungen hat. Und ich saß und ließ
meine Seele von den Tönen liebkosen, während ich in mir grübelte, wie es
möglich gewesen war, daß eine Mißstimmung sich zwischen sie und mich
hatte schleichen können.

Wie die Tage gingen, weiß ich nicht. Ich bemerkte nicht, daß sie länger
wurden, daß der Schnee von den Dächern tropfte und daß die Bäume des
Humlegartens zu knospen begannen. Höchstens bedauerte ich, daß der
Winter nicht länger währte, so daß die Lampe zeitig angezündet werden
und unsere Abende beginnen konnten.

»Hast Du gemerkt,« sagte mir meine Frau eines Morgens, »daß ich froher
bin als früher und daß ich nie mehr weine?«

Ich hatte es gemerkt. Aber undankbar wie ein Mensch ist, der eben einer
Gefahr entgangen ist, die er nicht verstanden hat, hatte ich die
Veränderung genossen, ohne darüber nachzudenken.

»Weinst Du vielleicht, wenn Niemand Dich sieht?« fragte ich.

Und ich fühlte einen Schatten meines alten Mißtrauens in mir erwachen.

Aber meine Frau merkte es nicht. Sie stand vor mir so strahlend jung,
als hätte keine Wolke ihre Stirne verdunkelt. Und um ihre Lippen spielte
ein Lächeln, das ich schon einmal gesehen zu haben meinte. Ich konnte
mich nur nicht erinnern, wann.

»Ich weine nicht mehr,« sagte sie.

Und ihre Stimme hatte einen fast herausfordernden Klang, als sie
hinzufügte:

»Das ist _auch_ mein Geheimnis.«

Ich folgte ihrer Stimmung, ohne ihre Worte zu verstehen. Ich war
zufrieden und glücklich in dem Gefühl, daß das Leben uns wieder
lächelte.

Diese ganze Periode ließ in unserem Zusammenleben keine andere Spur
zurück, als daß dieses noch inniger und gleichsam behutsamer wurde, als
je zuvor. Ich kann nicht mehr sagen, in welcher Weise ich diese
wunderliche Paranthese in einer glücklichen Ehe mir selbst zu erklären
versuchte. Gewiß ist, daß ich damals weit entfernt war zu ahnen, daß sie
den Keim zu der Tragik einer ganzen Zukunft barg.


                                   8.

Obgleich sie sich mit Stolz die Mutter zweier Knaben nannte, war Elsa
doch noch jung, und wenn sie am Arm ihres Mannes über die
Strand-Promenade ging, waren ihre Schritte elastisch, und sie schmiegte
sich, während sie ging, mit einer Bewegung an mich, die zeigte, daß,
wenn etwas diesen schönen Kopf bedrückte, es nicht die Jahre waren.

Es war an einem dieser gefährlichen Frühlingsabende in Stockholm, wo die
Sonne warm über frischknospende Bäume fällt, die Straßen gleichsam zum
Spiel und zur Augenweide von Leuten wimmeln, wo die Landgasthäuser alte
Eheleute locken, Neuvermählte oder Verlobte zu spielen, wo der Himmel
blau ist und die Eisblöcke den Strom hinabtanzen, wo der Winter so weit
weg scheint, als sollte er niemals wiederkommen, und der Frühling einen
Sommer verspricht, so wie man noch keinen erlebt.

An einem solchen Abend war es, daß Elsa ihren Mann verlockte, bis zum
Tiergartenbrunnen spazieren zu gehen, eine Absage nach Hause zu
telephonieren und ein kleines Souper _à deux_ zu bestellen, in einem
niedrigen Zimmer mit weißen Gardinen, von wo aus man über die hellen
Bäume sehen konnte, durch deren Zweige die Abendsonne zwischen langen
Schatten schien.

Dies war eine unserer liebsten Vergnügungen, und je seltener wir uns,
seit die Kinder heranwuchsen, derselben hingeben und diese allein lassen
wollten, desto mehr genossen wir einen solchen Abend, der die ganze
Freudigkeit und Schwärmerei mit sich brachte, die die Alltagskost der
Jugend ist und die mit den Jahren zu Feierstunden wird, die man in der
Erinnerung hegt.

Ich erinnere mich auch gerade an diesem Abend so gut an Elsa.

Vergnügt und zufrieden, in die Sophaecke geschmiegt, saß sie da und
genoß langsam ihr letztes Glas Champagner. Sie glich einem Kätzchen, das
darauf wartet, daß man es liebkost oder mit ihm spielt. Und ihr
gegenüber saß ich selbst, rauchte bedächtig eine gute Cigarre und folgte
mit meinen Blicken dem Sonnenschein, der zwischen den Schatten der Bäume
zitterte. Ich fühlte mich glücklich und zufrieden, aber ich hatte in
letzter Zeit viel gearbeitet, und es störte mich beinahe, daß meine Frau
da saß und sich darnach sehnte, daß ich mich ganz mitreißen ließ. Denn
sie selbst war in Fieberstimmung. Sie sah aus, als wollte sie im Zimmer
umherspringen, spielen, rasen und sich fangen lassen, als sehnte sie
sich nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, als wäre sie von dem
mädchenhaften Verlangen nach den unsterblichen Thorheiten des Glücks
erfüllt, was gerade zu dem gehörte, was ich bei ihr am allermeisten
liebte. Aber ich konnte mich nicht mitreißen lassen, wie gerne ich auch
wollte. Es war, als läge eine böse Ahnung oder eine unwiderstehliche
Wehmut in mir auf der Lauer und hinderte mich, ganz dem Flug ihrer
Gefühle zu folgen. Später kann man sich an etwas derartiges erinnern,
und man kann sich selbst wegen dessen anklagen, was man damals versäumt
hat, so als hätte man ein Verbrechen begangen. Ich erinnere mich noch,
daß ich damals ihre Stimmung verstand; und durch das, was nachher
folgte, weiß ich, welchen Weg ihre Träume nahmen.

Ein wenig darüber verstimmt, daß unsere Gefühle sich nicht wie
gewöhnlich im selben Rhythmus bewegten, saß sie stumm da, das letzte
Glas Champagner schlürfend, und während sie so saß, glitten ihre
übermütigen Gedanken unmerklich in eine milde träumende Stimmung
hinüber, und während sie ihren Mann anblickte, dessen Haar an den
Schläfen schon ganz grau war, sah sie wie in einem Traum den Tag, an dem
wir Beide vor vielen Jahren zu einer sonnenbeleuchteten
Schärengarteninsel gerudert waren, hinter deren Bäumen unser erstes
lichtes Sommerheim hervorschimmerte. Sie sah und sah. Das Bild wurde so
deutlich und so scharf, daß sie jeden Strauch und jeden Baum zu
unterscheiden vermeinte, alles bis zu dem feinen Spiel von Schatten und
Lichtern, die die Abendsonne über das Schindeldach des grauen Häuschens
warf. Sie sah die Bucht sich in unendlichem Blau weiten, und da, wo sie
sich um die Insel schloß, wiegten ihre Wellen Spiegelbilder der hellen
Birken und der dunklen Eichen und Tannen, die sich im Wasser beinahe
schwarz abzeichneten.

Wie oft hat sie mir nicht die Klarheit dieser Visionen oder Erinnerungen
beschrieben, die ihr eigenthümlich waren! Ich kann ihren Traum jetzt
besser und klarer sehen, als ich es damals konnte.

Gewiß ist, daß sie all dies sah, bis ihre ganze tolle Laune verschwunden
war, und ich sah, wie warme Thränen ihre Augen füllten. Mit einer
hastigen Bewegung leerte sie den Rest ihres Glases, glitt von dem Sopha
herab und lehnte ihren Kopf an meine Kniee.

Als hätte etwas von ihrem Gefühle sich unmittelbar auf mich übertragen,
oder als wären sich unsere Gedanken in der Vergangenheit begegnet, in
der der Glückstraum des Lebens uns beide umfing, wurde auch ich von
einer Stimmung, die ganz verschieden von der vorhergehenden war,
ergriffen, und indem ich sanft meinen Arm um ihren Hals legte und ihre
Wange streichelte, sagte ich:

»Woran denkst Du?«

»Ich denke an unseren ersten Sommer.«

In diesem Augenblick kam es mir vor, als hätte ich auch an dasselbe
gedacht. All meine Müdigkeit war wie fortgeflogen, und voll Bewegung bog
ich ihren Kopf empor und küßte ihren Mund.

Im selben Moment saß Elsa aufrecht da.

Das Verlangen nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, das die
Einförmigkeit des Alltäglichen durchbrach, vermischte sich im Augenblick
mit der Erinnerung an das, was einst gewesen, und mit einem Tonfall, dem
man nicht widerstehen konnte, rief sie aus:

»Ich will hinfahren, Georg! Ich will hinfahren!«

Aber im selben Augenblick fühlte ich mich wieder in die Wirklichkeit
zurückversetzt. Meine Gemütsstimmung war im tiefsten Grunde vielleicht
dieselbe wie die meiner Frau. Aber ich empfand gleichzeitig dieses
wunderliche Gefühl einer wartenden Enttäuschung, das sich in uns erhebt
und in den überspanntesten Augenblicken des Lebens unsere Träume zügelt.
Ich scheute zurück vor diesem Versuch, die Jugend zum Leben zu erwecken,
als fürchtete ich, anstatt dessen einem Schmerz zu begegnen, den ich um
jeden Preis vermeiden wollte. Ich fühlte mich einer Enttäuschung so
gewiß, daß der unschuldige Vorschlag meiner Frau, die kleine Fahrt in
den Schärengarten, der Besuch des Ortes, wo ich jede Bucht, jeden Sund
kannte, ja sogar die Steine auf dem Grunde des Fjords, mir etwas so
Wichtiges und Entscheidendes zu bergen schien, daß ich mich genau
bedenken mußte, bevor ich einen so schicksalsschweren Entschluß faßte.
Aber gleichzeitig sah ich, daß dieser Gedanke meine Frau mit einem
Entzücken erfüllte, so groß, daß ich nicht Nein sagen konnte. Darum
sagte ich auch Ja und schloß sie in meine Arme, um meine eigene
Mißstimmung zu verbergen.

Aber als wir dann heimwärts gingen, lag über Elsas ganzem Wesen etwas
wie ein Schimmer von Jugend. Nichts von dem, was ich wirklich fühlte,
hatte sie gemerkt. Gleichsam als glaubte sie einem großen Glück
entgegenzugehen, so leuchteten ihre Züge, das ganze lebensvolle Gefühl
wiederspiegelnd, mit dem sie das, was gewesen, mit dem, was war,
verband. Und es durchzuckte mich eine so schmerzliche Empfindung bei dem
Gedanken, meine böse Ahnung könnte sich vielleicht bestätigen, daß ich
meine Gedanken nicht zurückhalten konnte.

»Bist Du sicher, daß es so wird, wie Du es erwartest?« fragte ich.

Sie zuckte zusammen, und ihr Gesichtsausdruck war beinahe verbittert,
als sie antwortete:

»Warum mußt Du mir alles verderben?«

»Pflege ich das wirklich zu thun?«

Sie wurde gleich wieder gut.

»Nein, aber ich war so glücklich, gerade jetzt.«

Ich schwieg und zog sie bloß enger an mich. Vor ihrem Glauben vergaß ich
meine Zweifel, und in meiner Phantasie nahm unsere unbedeutende Reise
ganz wunderliche Formen an, so wie wenn kleine nahegelegene Inseln sich
zum Horizonte erheben und in phantastischem Glanze schimmern.


                                   9.

So saßen wir endlich eines Sonntags Morgens auf dem Verdeck des
Dampfschiffs und eilten dem bekannten Ziele zu.

Es waren viele Jahre vergangen, in denen wir diesen Weg nicht genommen
hatten, Jahre, die Gutes und Böses gebracht, Jahre, die zersplittert,
und Jahre, die vereint hatten. Getrennte Wege hatten unsere Gedanken
genommen, aber sie waren sich wieder begegnet, und wie in einem
wunderlichen mystischen Gefühl vereint, das das Schicksal
herauszufordern schien, saßen wir Seite an Seite, während Gegend um
Gegend an uns vorbeiglitt, von der klaren Lenzsonne beleuchtet, vom
blauglitzernden Wasser bespült, das ein leichter Wind kräuselte.

Meine Widerspenstigkeit war nun gänzlich verflogen. Ich ließ mich
willenlos von meiner Frau führen und nahm jeden Eindruck mit einer
Rührung auf, als wäre ich zwölf Jahre jünger und säße auf dem Verdeck,
neuen, unbekannten Zielen entgegenziehend, die mein Alltagsleben
verändern und dem ganzen Dasein neue Ausblicke geben sollten. Meine Frau
schien mir verjüngt, so wie ich selbst. Ihr Gesicht färbte eine zarte
Röte, und die Augen leuchteten mit jenem Glanze, den das Glück verleiht.
Ihre Stimme hatte Intonationen unbestimmbarer Zärtlichkeit, die mich mit
der ganzen Stärke der Illusion liebkosten, die uns Beide erfüllte, und
zwischen uns kamen und gingen Worte und Lächeln, Blicke und Gebärden,
die nur der ersten Zeit der Liebe eigen zu sein pflegen.

Und als das Dampfboot uns endlich ans Land setzte und wir allein auf der
Brücke standen und das Schiff fortdampfen sahen, da umschlangen wir
einander und gingen langsam über den Weg, der sich zwischen Haselstauden
und hohen knorrigen Eichen schlängelte, auf deren Zweigen kaum noch die
Spur von den Knospen des Frühlings sichtbar war. Da erst sahen wir, wie
wenig entwickelt die Vegetation um uns war. Das Meer, das den ganzen
Schärengarten in seiner kalten Umarmung umschlungen hält, legt um Inseln
und Schären eine Eiseskühle, die die Arbeit des Frühlings hemmt. Hier
war es nicht grün wie im Inneren des Landes, wo Wiesen und Haine sich
gerade im Schutz dieses weiten Schärengartens belauben, der die harten
Nordwinde fern hält. Hier war es öde und kalt, auf den Zweigen der Bäume
zeigten sich schwache, lichtgrüne Triebe, die gelb und braun
schillerten, die Palmenweide trug Kätzchen, das Gras schlief unter
welken Blättern, und die Anemonen, die im Inneren des Landes längst
verblüht waren, wuchsen blau und weiß unter den Zweigen der
Haselsträucher.

Gerade diese späte Entwicklung der Natur erfüllte uns Beide, die wir in
unserer eigenen Stimmung wie gefangen waren, mit einem neuen Glück.
»Siehst Du, hier kommt es so spät, wie damals?« -- »Weißt Du noch, man
hat einen zweiten Frühling, wenn man in den Schären wohnt?« und wir
sahen hinaus über den weiten Fjord, der diesen ganzen späten Frühling
umschloß, und freuten uns, daß die Fischmöven wie einst in weiten Bogen
über dem blauen Wasser kreisten, freuten uns über ihre weißen Flügel,
die in der Sonne glitzerten, und blieben stehen, um ihr freies Spiel zu
betrachten, wenn sie durch die Luft schossen und das Wasser erreichten,
wo ihre klaren Augen die Beute erspäht hatten.

Hand in Hand wie zwei Kinder gingen wir den Hügel hinauf zu einem
kleinen, roten Haus, und wir betrachteten einander, als tauschten wir
ein Geheimnis aus, als der Fährmann, der uns früher hinüber zu rudern
gepflegt hatte, aus der Thüre trat und versprach, uns zu unserer
Jugendinsel zu führen.

Still ging die Fahrt über das blaue Wasser. Ohne ein Wort zu wechseln,
von der seltsamen Stimmung erfüllt, die uns Beide beherrschte und mit
jedem neuen Blicke, der sich aufthat, zu wachsen schien, saßen wir Hand
in Hand da und ließen uns von den Erinnerungen durchfluten, wohl
wissend, daß dem Einen kund war, was der Andere dachte. Nie war uns
diese Fahrt so herrlich erschienen, nie hatten wir wie jetzt die
verführerische Pracht der Mittagssonne gesehen, nie hatte das Schimmern
des Wassers und der reich belaubten Gestade sich so melodisch mit dem
ernsten Hintergrund des dunklen Tannenwalds vermählt. Und als wir der
kleinen Insel näher kamen, da war es uns, als ob jeder Stein, jeder
Baum, jeder Strauch emporwüchse, nicht aus der verringerten Entfernung,
sondern aus unserer eigenen Erinnerung, die getreuer als die
Wirklichkeit diese Umgebung bewahrt hatte, aus der für uns das Glück des
ganzen Lebens entsprossen war.

Aber als wir ans Land kamen, blieben wir Beide stehen, und der Ausruf
des Entzückens, der schon auf Elsas Lippen geschwebt, erstarrte.
Schweigend betrachteten wir einander, und wie von etwas Neuem,
Unerwartetem bedrückt, das wir nicht einmal sehen oder erkennen wollten,
gingen wir langsam den schmalen Pfad von der Landspitze weiter.

Was wir gesehen hatten, war, daß das Haus, das jetzt auf der Insel
stand, nicht mehr grau war. Es war rot angestrichen. Es war nicht mehr
ein breites, zweistöckiges Gebäude. Es war eine niedrige Hütte, die
gleichsam auf demselben Platze zusammengeschrumpft war, auf dem unser
erstes Heim gestanden hatte. Sie schien sich auf der alten Stelle
zusammengedrückt zu haben, als hätte Armut und Not sie im Laufe der
Jahre gezwungen, sich so klein zu machen. Wir standen eine Weile
schweigend, als müßten wir erst Atem schöpfen.

»Georg,« sagte Elsa, »was ist das?«

Ich brauchte bloß auf die alten Eichen zu weisen, die ringsumher
standen. Ihre Aeste trugen schwarze Zeichen, und ihre Rinde war
versengt. Ich wies ihr den rußgeschwärzten Grundstein, das kleine
Gärtchen, das verwildert war, und einen Haufen alter Holzbalken, der
quer über dem Grasplatz lag. Sie waren verbrannt und verkohlt, verfault
und verwittert. Das war alles, was von unserem ersten Heim übrig war.

»Hier ist eine Feuersbrunst gewesen,« sagte ich.

Und meine Stimme zitterte.

»Verbrannte Stätten.«

Als hätten wir uns Beide zusammengehörig mit jenem kleinen Fleck Erde
gefühlt, den wir seit vielen Jahren nicht wiedergesehen, wurden wir nun
von einem ganz neuen Interesse ergriffen, nämlich zu erfahren, was
geschehen war, was diese unsere Glücksinsel so verwandelt hatte, daß sie
für uns halb unkenntlich geworden war. Dieses Interesse verscheuchte
gewissermaßen die ganze Welt der Träume, die uns bis dahin umfangen
gehalten, und erweiterte unsere Gefühlswelt dahin, auch das Leben Derer
zu umfassen, die hier draußen gelebt und gelitten, gearbeitet und
gestrebt und die die Jahre so hart geformt und gemodelt hatten, daß
keinerlei Glücksträume ihnen länger die harte Wirklichkeit vergoldeten.

Und während sich unsere Gedanken diesen Menschen zuwendeten, deren wir
früher nur als eines notwendigen Anhängsels unserer eigenen Freude
gedacht hatten, öffnete sich die Thür der Hütte, und in dem Sonnenlicht,
das über die Stufe fiel, stand ein gebücktes, altes Mütterchen und
blinzelte uns mit einem wiedererkennenden Lächeln zu. Sie sah so alt
aus, daß sie geradeswegs einem alten Märchen entstiegen schien, sie war
auf einen Stock gestützt, und das runzlige Gesicht verzerrte sich
schmerzlich, als sie ihren gichtbrüchigen Körper bewegte.

»Das sieht jetzt anders aus, als wie die Herrschaften das letzte Mal da
waren ...« sagte die Alte.

Und indem sie sich mühsam vorwärtsbewegte, kam ein alter Mann zum
Vorschein, der, seiner Gewohnheit treu, im Hintergrunde gestanden hatte,
bis die Reihe an ihn kam. Die beiden Alten begrüßten die Beiden, die
sich eben jung geträumt, und der Greis rieb sich die Hände, hustete und
murmelte unverständliche Worte, während er langsam und bedächtig auf der
Schwelle Platz machte, über die die Alte die beiden Reisenden einlud
einzutreten.

Durch das Skelett einer unvollendeten Veranda sahen wir hinaus auf die
Fjorde und Sunde unserer Jugend. Vernachlässigt war der Garten,
verfallen schien das ganze neue Haus, das Gras überwucherte die Wege,
die wir einst gegangen, und in der Laube unten am Strande faulten Tische
und Bänke, weil Niemand gut machte, was Wind und Wetter zerstörten.

Ohne daß wir zu fragen brauchten, erzählten die beiden Alten, wie das
Unglück über sie gekommen war. Die Frau erzählte, und der Mann
wiederholte bekräftigend ihre Worte. Und das Unglück war so hinterlistig
und unerwartet hereingebrochen, daß Niemand ihm Widerstand leisten und
Niemand helfen konnte.

Denn an einem Frühlingstag im März, als der Nordwind frisch blies und
das Eis zwischen den Inseln weder trug noch brach, war das Feuer
ausgebrochen. Und weil das Eis weder trug noch brach, hatten die
Nachbarn rings umher auf dem Lande gestanden und das Ganze angesehen,
ohne ihnen zu Hilfe kommen zu können. Die beiden Alten hatten allein
weggetragen, was sie aus dem brennenden Hause retten konnten; und
machtlos danebenstehend sahen sie ihr Eigentum zu Asche verbrennen. Mit
dieser Asche, in der sie die letzten Funken erlöschen sahen, erlosch
ihnen auch jede Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter. Denn niedrig war
das Haus, das sie nach langen Jahren auf dem Grund des alten aufgebaut.
Gering war der Hausrat. Dürftig die Umgebung. Und sie selbst gebrochen
und müde. Ein einziger Unglückstag hatte Alles genommen, was frühere
Jahre aufgebaut.

Wie von demselben Schicksal gebeugt saßen die Beiden da, die sich eben
jung geträumt, und lauschten den schweren, kargen Worten, in denen die
Alten von dem Feuer erzählten, das ihr Haus verödet hatte. Gerade das
ergreifend Alltägliche dieser Darstellung, unterbrochen von
bedeutungslosen Einzelheiten, vermischt mit den Armeleuteerinnerungen an
Hab und Gut, das zu Grunde gegangen, drückte die Gäste zu Boden,
entkleidete unsere eigenen Träume der Pracht der Illusion und ergriff
uns mit stiller, schwärmerischer Wehmut. Es dünkte uns beinahe, daß
während wir nichts wußten, während wir unser Leben lebten und uns
glücklich wähnten, hier auf einer kleinen Insel in den Schären etwas von
jenem Schatze des Lebens verbrannt und verschwunden war, den wir
gesammelt und in sicherer Hut zu haben glaubten. Elsa hatte die
Empfindung, daß sie bei jenem Brande mehr verloren hatte, als die beiden
Alten; und während die Erzählung fortschritt, sah ich, daß sie sich
Gewalt anthun mußte, um nicht in Thränen auszubrechen. Denn was
bedeuteten diese Möbel, Kleider und Hausgeräte? Was bedeutete es, daß
zwei zusammengebrochene Menschen, deren Leben abgeschlossen war, hier
saßen und sich grämten über den Gegensatz zwischen früher und jetzt, in
jenem dürftigen Wohlstand, wo der Unterschied doch ein so geringer war?
Was bedeutete all dies dagegen, daß sie niemals, niemals mehr die Insel
ihrer Jugend so sehen sollte, wie sie sie einst geschaut?

So empfand sie, und sie wandte mir ihr Antlitz zu, und ich konnte ihr
keinen Trost geben. Denn ich dachte daran, wie Unrecht ich gethan, nicht
der Stimme meiner ersten Ahnung gefolgt zu sein und es uns Beiden
erspart zu haben, die Brandstätte unseres ersten Glücks zu sehen. Aber
ich hatte nicht das Herz, dies zu sagen, und indem ich ihren Arm nahm,
gingen wir Beide noch einmal schweigend um die Insel.

Es erging uns wie den Kindern im Märchen, die sich einst im Wunderland
verirrten und bei ihrer Heimkunft fanden, daß die Zeit weitergeeilt war
und die Menschen rings um sie müde und alt gemacht hatte. Still und
träumend saßen wir am Strande und blickten über den Fjord. Da war alles
sich gleich geblieben, und wie wir da saßen, vergaßen wir das neue Haus
und den Verfall hinter uns. Wir erinnerten uns nur, daß wir drei Jahre
an dieser Bucht gewohnt hatten, jeden Sommer an einem anderen Orte; und
in einer Art Verlangen, das fortzusetzen, was wir einmal begonnen,
beschlossen wir, weiter, zu dem Heim des zweiten Sommers zu fahren, wo
wir uns an zwei kleine, rote Häuschen am Waldessaum erinnerten und an
eine kleine Wiese, auf der in einem weißen Korbwagen unter blauem
Schleier unser erster Knabe geschlummert hatte.

Wir ließen uns hinüberrudern, und diesmal wußten wir, daß wir einem öden
Strand entgegensteuerten. Denn wir hatten uns vorher erkundigt. Wir
wußten, daß die Jahre auch hier die Spuren dessen, was gewesen, hinweg
gefegt und alles verändert hatten.

Auf der kleinen Landzunge, an der wir ausstiegen, wohnte vor einigen
Jahren ein alter Fischer mit seiner Frau. In einer Winternacht, als der
Schnee um die Hütte stöberte, starb sie, und als eines Tages auch die
Stunde des Alten schlug, da erbten die Kinder die beiden Hütten am
Waldessaume, das Boot und den Fischerschuppen unten am Meer.

Aber es giebt gar manche Geschichten in den Schären, und eine davon war
auch die Geschichte von den kleinen, roten Häuschen am Waldessaum. Als
die fünfzig Jahre, für die die Verstorbenen einst den Boden gekauft
hatten, um waren, kam der Bauer, dem das Land gehörte, und nahm es
zurück. Er verjagte den neuen Besitzer von Haus und Hof. Und darum waren
die Häuser der Erde gleich gemacht, das Holz fortgeführt, das frühere
Kartoffelland von Disteln und Unkraut überwuchert, und der Boden sah
aus, als hätte auch hier das Feuer gehaust.

Die beiden Reisenden, die die Spuren ihres Jugendglücks suchten, standen
wieder unter den Trümmern eines verwüsteten Heims. Es war, als würden
sie von Ruinen verfolgt. Und von einer unheimlichen Beklemmung
ergriffen, die all den Illusionen, welche zerstört worden waren, auf dem
Fuße folgte, ließ Elsa meinen Arm fahren. Den trockenen, reisigbedeckten
Hügel hinaufgehend, kam sie zu dem Zaun, dessen Thüre herausgerissen war
und an dem ein paar verrostete Angeln verkrümmt an den Haken der Pfähle
hingen.

Hier stützte sie ihre beiden Arme auf den Rand des Zaunes, und all den
wechselvollen Gefühlen, die ihre Seele durchströmt hatten, freien Lauf
lassend, brach sie in heftiges Weinen aus. Sie schluchzte, als wäre
alles Unglück des Lebens über ihr Haupt hereingebrochen. Sie stieß meine
Hand zurück, als ich sie streicheln wollte, und sie weinte so lange, daß
ich ungeduldig wurde und darauf drang, fortzugehen, um nicht zu spät zum
Dampfschiff zu kommen.

Sie hörte mich nicht, umfaßte nur meine Schultern und sagte:

»Du hattest Recht, wir hätten nie herkommen sollen.«

Und sie gestand, daß sie lange an diese Reise gedacht hatte, daß sie sie
gewünscht hatte, seit Jahren, daß sie durch einen Zufall -- sie wußte
nicht wie -- auf den Gedanken verfallen war, daß sie jetzt unternommen
werden solle, gerade jetzt. In ihren heimlichen Träumen hatte sich der
Gedanke an diese Reise in wunderlicher Weise mit dem Gedanken an unser
ganzes Lebensglück verknüpft. Es war ihr gewesen, als sollten, als
müßten wir diese Reise einmal unternehmen, als könnte sie ihres Glücks
nie wirklich sicher sein, bevor sie diese Orte wiedergesehen hätte, so
wie sie sie einst gesehen, so wie sie sie stets in ihren Träumen sah.
Sie sagte, daß es ihre Absicht gewesen war, wenn wir zusammen
herauskämen, mich zu bitten, noch einen Sommer draußen zu wohnen. Und
sie hatte gewußt, daß ich ihr diese Bitte nicht abschlagen würde. Aber
jetzt, wo nichts übrig war, nichts von alledem, das einst das ihre
gewesen, jetzt schien es, als sei ein Glied gerissen, das sie an das
Leben selbst kettete.

Ich stand stumm bei ihrem verzweifelten Ausbruch da, und ich begriff nur
zu wohl, daß ich einer jener Phantasieen oder Träume gegenüberstand, die
für einen Menschen mit reichem Gefühlsleben in des Wortes eigentlichem
Sinne mehr bedeuten können als das Leben selbst. Für mein eigen Teil
hatte ich mich freilich auch erregt gefühlt, sowohl durch all die
Erinnerungen, die diese Orte zum Leben erweckten, als durch die
Zerstörung, die die teueren Punkte heimgesucht hatte. Aber diese
Verwüstung in irgend einen Zusammenhang mit dem zu bringen, was für mich
selbst teuer und bedeutungsvoll war, das fiel mir nicht ein. Und vor
diesem Schmerzensausbruch stand ich völlig ratlos da.

Ich versuchte es mit dem gewöhnlichen Mittel, wodurch ein Mann
weiblichen Schmerz zu beruhigen pflegt. Ich versuchte es mit
Liebkosungen. Aber Elsa entzog sich meiner Hand, weil sie sah, daß in
meiner Freundlichkeit ein Trost lag, den sie verschmähte, anstatt der
Sympathie, die sie suchte. Ihr Gesicht nahm einen verschlossenen,
unzugänglichen Ausdruck an, als setzte sie ihre ganze Persönlichkeit für
die Phantasie ein, die sie beherrschte und in der sie sich von Niemandem
stören lassen wollte.

Sie blickte um sich auf den zerklüfteten Plan, und während sich ihr Auge
in Mitgefühl feuchtete, sagte sie:

»Arme Menschen!«

Wieder ging ihre eigene Enttäuschung in ein Mitgefühl mit dem Unglück
anderer Menschen über, für das dieser verödete Fleck Erde Zeugnis
ablegte. Wieder setzten wir uns nieder und ließen unsere Blicke um den
kleinen Hügel am Waldessaume schweifen, der uns die sorglose Ruhe eines
ganzen Sommers in Erinnerung rief. Wir begannen zu sprechen. Und wir
versuchten uns die Szenen auszumalen, die dieser Zerstörung
vorausgegangen waren. Der Bauer, dem das Land gehörte, kam zu dem jungen
Paar, das den Hof geerbt hatte. Er teilte ihnen kurz und bündig mit, daß
die Zeit abgelaufen sei. Die fünfzig Jahre waren um, und nun sollten die
Häuser niedergerissen werden. Er wollte sein Land wiederhaben. Es war
klar, daß er keinen Vorteil dabei hatte. Es würde vielleicht günstiger
für ihn gewesen sein, das Stück Erde noch einmal zu verkaufen. Aber er
hatte gesehen, wie die Anderen im Sommer Mietsgäste gehabt hatten. Das
Einkommen dieser Miete hatte seinen Neid erregt, und mit der Stärke
einer fixen Idee schlug in seinem Hirn der Gedanke Wurzel, daß hier
Niemand wohnen sollte. Der Boden sollte ihm gehören und niemand Anderem.

Und so mußten die Jungen, die hier gewohnt hatten, ihre Baulichkeiten
niederreißen, sie auf eine andere Insel bringen und dort aufbauen, wo
der Reiche sich bewegen ließ, dem Armen Platz zu gönnen. Aber als die
letzte Bootsladung bereit stand, von der Brücke abzustoßen, da hatte den
Mann Raserei erfaßt. Und nun seinerseits sein Recht ausübend, griff er
zur Axt. Er hieb die Bäume nieder, die auf seines Vaters Grund standen,
er entwurzelte die Beerensträuche, das Zaunthor riß er aus seinen Angeln
und warf es zu oberst auf die Fähre. Und bevor er vom Lande abstieß,
wälzte er Steine vom Stege ins Meer, so den Landungsplatz zerstörend,
und fuhr von dannen, zufrieden mit der Rache, die seinen Feind nicht das
Geringste gewinnen ließ.

Davon sprachen wir, aber die ganze Zeit über lag unsere eigene
Enttäuschung auf der Lauer hinter unseren Worten, und Elsa erzitterte.

»Sind wir es, die das Unglück mit uns führen?« sagte sie.

Ich lächelte. Die Worte meiner Frau kamen mir leer und überspannt vor.

»Fahren wir zu der dritten Insel. Dort, wissen wir ja, steht alles so,
wie es gestanden hat,« sagte ich.

Aber Elsa schüttelte nur den Kopf, und indem sie sich plötzlich erhob,
sagte sie:

»Laß uns den alten Weg durch den Wald gehen.«

Und ohne meine Antwort abzuwarten, ging sie voraus. Es war, als sei ihre
frühere Lebendigkeit zurückgekehrt, als hätte sie nun in einem Nu die
ganze Schwere der Leiden und Sorgen Anderer von sich abgeschüttelt, all
dies, das das Land unserer Erinnerungen umschattete und uns an diesem
ganzen wunderlichen Tage mit allem Weh und Elend der Welt verfolgt
hatte. Sie führte mich gerade in den Wald hinein, auf einem schmalen
Pfad, auf dem die Tannen ihre Aeste über unseren Häuptern vereinigten.
Der Weg war weich und leicht zu gehen. Rings um uns zitterte der
Sonnenschein auf feuchtem Moos und einer Perspektive von Aesten und
Stämmen. Der Pfad führte zu einer kleinen Bucht hinab. Dicht an einer
steilen Klippe schnitt sie in den Wald, und gegen den Strand zu ließen
die spärlichen Bäume das Sonnenlicht durch, das auf eine offene, schwach
begrünte Lichtung fiel.

Hier blieb Elsa stehen und begann die Stämme der Bäume zu durchforschen.
Und als ich sie so suchen sah, da erwachte auch in mir eine Erinnerung,
die so lange geschlummert hatte, daß sie mir in elf Jahren kaum einmal
in den Sinn gekommen war.

Es war an einem Abend, als wir noch in jenem Häuschen wohnten, das nun
der Erde gleich gemacht war. An einem Augustabend war es. Und denselben
Pfad verfolgend, waren wir hierher gekommen, um von einem schönen Sommer
Abschied zu nehmen. Da hatte meine Frau eine schwarze Stecknadel aus
ihrem Kleide genommen und sie in der Rinde einer Tanne befestigt.

»Ob sie wohl noch da ist, wenn wir das nächste Mal herkommen,« hatte sie
gesagt.

Diese Erinnerung huschte durch meine Seele, und es wurde mir wehmütig
ums Herz. Da sah ich meine Frau mit einem leisen Aufschrei einer kleinen
Tanne zueilen. Aus ihrer Rinde zog sie eine rostige Nadel, und indem sie
mir um den Hals fiel und mich küßte, weinte sie Thränen des Glücks.

Behutsam steckte sie die Reliquie wieder in die Rinde des Baums. Denn
sie brachte es nicht übers Herz, sie wegzunehmen. Vielleicht hatte sie
eine abergläubische Furcht, daran zu rühren. Aber seit sie sie gefunden,
verschwand der schmerzliche Eindruck eigener Enttäuschung und fremder
Not, er verwischte sich in uns Beiden. Und als hätte uns dieser kleine
Vorfall tröstende Grüße guter Geister gebracht, wanderten wir selig
zurück über verbrannte Stätten, die uns nichts anderes gelassen hatten,
als eine alte, rostige Nadel, die so gut geborgen war, daß Niemand sie
fortnehmen konnte.


                                  10.

Wie oft habe ich nicht dieser Fahrt über verbrannte Stätten gedacht, wie
oft ist sie mir nicht seither als ein Symbol unseres ganzen Lebens
erschienen!

Aber damals wirkte dieses Ereignis ganz anders auf uns, als jetzt, wo
ich mich daran erinnere. Damals wirkte es so, daß wir zu unserem dritten
Landaufenthalt gingen, den meine Frau zuerst gar nicht hatte sehen
wollen, und dort zum zweiten Male unser Heim für den Sommer mieteten!
und leichten Herzens zogen wir hinaus in die Gegend, an die wir uns
durch eine rostige Nadel, die Niemand fortgenommen, gebunden fühlten.

Rein von Wolken, die die Sonne verdunkeln, steht der Sommer vor mir, der
auf diesen Frühlingsausflug folgte. Mit welcher Lust arbeitete ich, und
wie leicht schritt die Arbeit vorwärts. Blatt um Blatt wurde ruhig und
mühelos zu dem Buche gelegt, das zum Herbst herauskommen sollte, und
mehr als einmal stand das Mittagsbrot auf dem Tische, wenn die Thüre zum
Arbeitszimmer verschlossen wurde und Elsa sich niedersetzte, um die
Seiten vorlesen zu hören, die während des Vormittags geschrieben worden
waren. Still und glücklich saß sie da und freute sich, daß der Stoß
dicht beschriebener Blätter auf dem Tische gewachsen war. Denn sie wußte
wohl, wer der Arbeit Leben gab. Sie wußte, daß das, was ich von Menschen
dichtete, aus langen Gesprächen zwischen mir und ihr hervorwuchs, und
sie war es zufrieden, daß ich sie mein Notizbuch nannte, das sicherer
als irgend eine Schrift meine Gedanken bewahrte und sie mir frisch und
erneut wiedergab. Denn wenn ich sie dann aus dem treuen Gedächtnis
emporholte, das meine eigenen Gedanken besser barg als ich selbst, sah
ich sie durch das Vergrößerungsglas der Liebe wieder, mit dem sie all
das sah, was sie und mich betraf, und vor Allem meine Arbeit. Darum
hatte auch sie, während ich las, die Empfindung, daß das, was sie selbst
mit mir in ungeordneten Phantasieen gesehen, nun in dem Geschriebenen
Form gewonnen hatte. Sie genoß eine stille, seltsame Mutterfreude, indem
sie so diesen meinen geistigen Kindern auf ihrem Entstehungswege folgte,
und dennoch war sie eifersüchtig auf sie, weil sie sich einbildete, daß
sie meine Gedanken so erfüllen konnten, daß sie sie selbst, das Heim,
die Kinder und alles, was es im Leben gab, verdrängten. Ja, ich glaube
nicht, daß sie auch nur ahnte, wie dieses Zusammendichten mit ihr mir
kostbarer war als die Dichtung selbst.

Wie kindisch es auch klingen mag, so ist es doch wahr, daß nichts mich
je so zu geistiger Thätigkeit angespornt hat, als wenn ich aus ihrem
Gesichtsausdruck, der nie das, was sie dachte, verhehlen konnte,
entnahm, daß es mir geglückt und daß sie zufrieden war. Ich konnte,
während ich schrieb, an dieses Vorlesen denken, und dieser Gedanke
zerstreute die hundert ungebetenen Phantastereien, die sonst so gerne
die Feder hindern wollen, zu arbeiten. Aber wenn wir die Lektüre beendet
hatten und hinaus in das Speisezimmer kamen, da lachten wir darüber, daß
der Hecht kalt geworden war und daß die Jungen, die notdürftig
gewaschen, bloßbeinig und sonnverbrannt dasaßen, hungrig und
erwartungsvoll aussahen.

»Wir sitzen schon so lange hier und warten,« knurrte Olof. »Wo seid Ihr
denn gewesen?«

»Wir haben Papas Buch gelesen,« sagte Mama.

»Hättet Ihr damit nicht bis nach dem Mittagessen warten können?«

»Nein, das konnten wir nicht.«

»Das muß ein komisches Buch sein,« bemerkte Olof.

Aber Svante, der noch nicht zu buchstabieren angefangen hatte, nahm
Papas unbekanntes Buch in Schutz, und wie immer war Mama diejenige, die
den Zwist beilegen und die unruhigen Gewässer beruhigen mußte.

Aber was für ein Sommer war das! Was für ein herrlicher Sommer, voll
Arbeitsfreude, Schärenwinden, klarer Sonne und lauen Mondscheinabenden!
Er steht vor meiner Erinnerung wie ein einziger Sonnentag. Ich erinnere
mich der Freunde, die mit ihren Segelbooten an unserer Brücke landeten,
ich erinnere mich der Ausfahrten mit Eßkörben bei frischem Sommerwind,
des Badens im offenen Meer, wo Olof schwimmen lernte und Svante sich im
Sande rollte, um seine Anlagen zu zeigen. Ich erinnere mich der Festtage
mit Blumenguirlanden und Versen, Erdbeeren und Wein, der langen, stillen
Spaziergänge durch den Tannenwald, der sich zu einem sonnenbeleuchteten
Fjord öffnete, und ich erinnere mich an den Fährmann, der uns im
Segelboot zu begleiten pflegte und uns alle aus seinem grauen Kinnbart
anlachte.

Wie kurz war dieser Sommer, und wie frühe kam der Herbst! Mit welcher
Wehmut verfolgten wir nicht die Veränderungen der Natur, wie die Abende
länger und die Tage kürzer wurden, wie man die Wiesen mit ihren
herrlichen Blumen abmähte, so daß Alles kahler wurde, wie der Roggen
sich gelb färbte und das Schilf hoch und groß rings um die Ufer wuchs,
einen dichten, wehenden Wald aus Grün mit violetten Blütenbüscheln
bildend, wo früher das Wasser munter über die Steine geplätschert hatte.

Und als der Tag des Aufbruchs endlich herankam, wie suchten wir da nicht
alle Plätze des Sommers auf, um sie ein letztes Mal wiederzusehen. Wir
gingen den Aussichtsberg hinauf, und wir wanderten den Waldweg auf und
ab, besonders wenn es dunkelte und die Sterne durch die Zweige der
Tannen schimmerten. Beinahe eine ganze Woche brachten wir nur damit zu,
Abschied zu nehmen. Wir nahmen die Knaben mit und segelten rings um die
Insel, und wir sprachen von dem Buche, unserem Buche, das fertig war und
zum Herbste herauskommen sollte. Stundenlang konnten wir über den
schmalen Pfad gehen, der von dem rotgestrichenen Wohnhause hinab zum
Strande führte, und jeden Abend verweilten wir lange auf der Brücke, dem
Rauschen der Wogen horchend, das jetzt ruhiger klang als in dem
unruhigen Frühling, zugleich jedoch härter.

Aber am letzten Abend, als der Augustmond schon im Abnehmen war, gingen
wir allein zur Brücke hinab und stießen mit dem Boote ab.

In der Nachtbrise segelten wir hinaus über die schwarze Bucht, auf die
der gelbe Halbmond glitzernde Streifen malte und um die die Bäume so
dunkel und wunderlich standen, ganz andere Konturen bildend als die, die
das Tageslicht gab. Wie durch eine Zauberlandschaft segelten wir dahin,
dem Plätschern der kleinen Wellen am Bug des Bootes lauschend. Wir
eilten über die nur gekräuselte Wasserfläche mit größerer
Geschwindigkeit dahin als je am Tage, denn die Brise der Nacht hat
größere Kraft, oder sie scheint sie wenigstens zu haben. Aber ohne zu
sprechen oder irgend etwas zu verabreden, wendete ich das Boot, so daß
es die Klippen umschiffte, und über die Steine der Badebucht gingen wir
ans Land. Wir nahmen einander bei der Hand, und wir gingen unseren alten
Weg zu der hohen Tanne, in deren Rinde die rostige Nadel steckte. Wir
brauchten den Baum nicht zu suchen, denn während des Sommers waren wir
oft hingepilgert, und wir hatten niemals gefürchtet, daß Jemand an das
kleine Ding rühren würde, das so gut verborgen war und uns das Siegel
unseres eigenen unermeßlichen Glücks zu sein schien, das zu entfliehen
gedroht hatte, aber zurückgekehrt war.

Doch wie wir so in unsere Gedanken versunken standen und das Mondlicht
in dem Dunkel der Nadelbäume untergehen sahen, sagte meine Frau:

»Ich will sie nicht dalassen. Ich möchte sie mitnehmen.«

Mit behutsamer Hand machte sie sie los und befestigte sie an der
Innenseite ihres Kleides.

»Vielleicht komme ich nie mehr her, und da will ich nicht, daß Du sie
nach mir findest.«

Dann segelten wir wieder hinaus in die nächtliche Brise, und eine
Vorahnung dessen, von dem ich nie geglaubt hatte, daß es kommen würde,
erfüllte mich mit einem unnennbaren Gefühl der Trauer. Ich sah auf die
Stelle im Boote, wo Elsa saß. Es war mir, als würde sie vor meinen Augen
leer und als segelte ich einsam über einen Wasserspiegel, der andere
Konturen hatte als die, die das Sonnenlicht gegeben. Ich saß da, so
stark von diesem Gefühl erfüllt, daß ich vergaß, daß ich nicht allein
war, und zusammenzuckte, als erwachte ich zu einer neuen Wirklichkeit,
als ich die Stimme meiner Frau vernahm. Sie sprach leise, so als spräche
sie zu sich selbst, und ich hörte im Anfange die Worte, ohne sie zu
verstehen.

»Ich habe so oft gedacht,« sagte sie, »daß es Menschen geben muß, die
etwas brauchen, an das sie glauben können, und denen Unrecht widerfährt,
wenn man ihnen ihren Glauben nimmt. Ich bin so glücklich, daß ich so
glaube wie Du. Ich will nichts thun, was Dir nicht recht ist, nicht
einmal etwas glauben, was Du nicht weißt. Aber ich kann es nicht lassen,
an Gott zu glauben. Bist Du sehr böse darüber?«

Wenn meine Frau mich dies in unserer ersten Jugend gefragt hätte, würde
ich gewiß streitlustig geworden sein, und ich wäre mit all den Gründen
gegen einen derartigen Glauben angerückt, den die illusionslose Richtung
der Zeit mich gelehrt hatte fast mit nachsichtiger Geringschätzung zu
betrachten. Die Jahre, die mich älter gemacht, hatten mir wohl keinen
Glauben gegeben, mir aber doch das Verlangen genommen, auch nur einen
einzigen Proselyten machen zu wollen, nicht einmal wenn dieser einzige
meine eigene Frau wäre. Was ich glaubte, war nichts Festes, nur ein
Suchen, das Größte zu finden, und mehr als ein Mal hatte mich schon in
meiner frühen Jugend die Dürftigkeit dessen, was man mit einem
schlechten Worte Materialismus nennt, durch seine trockene Kühle
überrascht. Aber von solchen Dingen, die in mir selbst noch zu unklar
und formlos waren, sprach ich im Allgemeinen ungerne, und ich fühlte
mich jetzt durch die Worte meiner Frau gleichzeitig überrumpelt und
gedemütigt.

»Wie sollte ich darüber böse sein können,« antwortete ich bloß.

»Ah, wie froh ich bin,« ertönte wieder ihre Stimme. Denn ihr Gesicht
unterschied ich nur undeutlich. »Dann wirst Du auch nicht zürnen, wenn
ich Dir sage, daß ich jeden Abend mein Abendgebet spreche, so wie, als
ich ein Kind war. Ich weiß nicht, zu wem ich bete. Aber ich lasse auch
die Knaben für Dich und mich und für einander beten. Glaubst Du, daß es
unrecht ist?«

Ich legte das Ruder nieder, stand von meinem Platze auf, nahm das liebe
Gesicht meiner Frau zwischen meine Hände und küßte sie, ohne ein Wort
sagen zu können.

»Ich will nicht, daß es etwas geben soll, was Du nicht weißt,« sagte sie
einfach.

Wieder saß ich an meinem Platze am Ruder, wieder schoß das Boot dahin,
und nach einer Weile sah ich durch das Laubwerk ein Licht, das mich zu
der Brücke meines Heims leitete. Uns mit den Armen umschlungen haltend
gingen wir den schmalen Pfad zu unserem Sommerheim, und als wir uns zur
Gutenacht küßten, sagte Elsa:

»Du hast mich heute Abend so glücklich gemacht. Ah, Du weißt nicht, wie
glücklich Du mich gemacht hast.«

An diesem Abend blieb ich lange auf, und ich that, was ich nicht oft
während dieses ganzen glücklichen Sommers gethan. Ich dachte an Elsa und
mich. Unaufhörlich tauchte der Gedanke wieder auf, warum sie mich hatte
fragen müssen, ob ich ihr erlaubte, an Gott zu glauben und zu beten.
Denn das war es ja, was sie gethan hatte. Und während mich diese weiche
Weiblichkeit wie ein Hauch unnennbaren Glücks berührte, fühlte ich doch
gleichzeitig den Stachel, der darin lag, daß sie je so hatte fragen
müssen. Ich ging in Gedanken unsere Jugend durch und all die Jahre, in
denen wir uns geliebt. Ich glaubte, daß ich sie immer auf den Händen
hatte tragen wollen, ich glaubte, daß ich es immer gethan hatte, und nun
klang durch ihr ganzes Wesen ein Ton, als hätte ich bei alledem achtlos
ihr Innerstes zerrissen und ihr, ohne es zu wissen, eine Wunde
geschlagen, die vielleicht lange geblutet hatte, bevor sie gewagt hatte,
mich ahnen zu lassen, daß sie litt. Sie schien in irgend einer Weise
mich oder meine Kritik oder Beides zu fürchten. Und ich fragte mich
selbst: Warum?

Ich wußte, daß ich sie nicht darnach fragen konnte. Denn sie würde immer
die Arme um meinen Hals schlingen und sagen: »Du, Du, niemals hast Du
mir etwas anderes als Gutes gethan!« Ich glaubte den Fanatismus ihrer
Stimme zu hören, wenn sie dies sagte. Ja, ich wußte, daß sie so
antworten mußte, und ich wußte auch, daß sie alles, was sie sagte, als
die innerste Wahrheit empfinden würde, so gewiß als sie es sonst nicht
hätte sagen können. Aber dieser Gedanke beruhigte mich nicht. Etwas ganz
Anderes beschäftigte mich jetzt. Was kümmerte es mich im Uebrigen in
dieser Stunde, ob meine Frau zu Gott betete oder nicht? Was kümmerte es
mich, ob sie das oder jenes dachte? Was sie gesagt, hatte mich wie
Pfeile getroffen, die geradenwegs in mein Herz gedrungen waren. Ihre
Worte waren mit ihr selbst und dem ganzen Sommer, der vergangen war,
verschmolzen, mit dem Gefühl der Kahnfahrt auf dem dunklen Wasser, mit
dem Brausen des Waldes und dem Strahlenweg des Mondes über die krausen
Wellen. Es verschmolz alles zu einem einzigen Ganzen und sang davon, daß
ich einen Schatz gewonnen, der sich nicht teilen oder verwandeln ließ,
aber der mein blieb, solange ich begriff, daß er nur in der Stille für
mich wuchs.

Aber dabei quälte mich der Gedanke, daß ich sie, ohne es zu wollen, doch
erschreckt hatte. Das quälte mich im Widerspruch zu ihren eigenen
Worten, die noch in meinem Ohre klangen. In Gedanken durchlebte ich
alles zwischen uns, woran ich mich erinnern konnte und was
möglicherweise damit zusammenhing, und als ich mich an nichts mehr
erinnern konnte, suchte ich in meinen Gedanken nach dem, was ich nicht
zu finden vermochte.

Denn es war Schuldgefühl, was ich empfand, Schuldgefühl, was mich
bedrückte. Ich konnte mich nur nicht entsinnen, wie oder wann ich
schuldig geworden war. Ich meinte bloß, daß ich es war und sein mußte.
Als ich hereinkam, um zu Bette zu gehen, sah ich bestürzt, daß meine
Frau noch wach lag. Aber als ich mich niedergelegt hatte, beugte sie
sich nur vor und küßte meine Hand.

Ich habe nie einen glücklicheren Ausdruck in ihrem Antlitz gesehen.


                                  11.

So kam der Tag heran, den wir lange erwartet hatten, der Tag, an dem
unser Kind geboren werden sollte, an dem das Geheimnis, das meine Frau
mir schon seit langem anvertraut und das ihrer Seele Spannkraft und
ihrer Hoffnung Flügel gegeben, an den Tag kommen und das Glück wieder
auf immer in unser Haus einkehren sollte. Das Vorgefühl dessen hatte
dazu beigetragen, unseren Sommer so hell zu machen, wenigstens sehe ich
es jetzt so. Aber so wunderbar mir alles jetzt erscheint, wo ich die
Erklärung dafür zu haben glaube, so natürlich und einfach kam damals
alles, und ich war weit entfernt, die ganze Bedeutung dessen, was sich
mit uns begab, zu ahnen.

Wir hatten ja schon vorher zwei Kinder bekommen, und ich hatte viele
dieser rührenden Beweise der Mutterfreude der Erwartung gesehen, die ein
Mann, der seine Frau liebt, niemals vergißt. Aber nie hatte ich meine
Frau so von Freude über das Kommende erfüllt gesehen, wie sie es jetzt
war. Nie war sie in einer so andachtsvollen Glückseligkeit umhergegangen
wie jetzt, nie hatte sie es in diesem Maße verstanden, eine
feiertägliche Stimmung über unser ganzes Alltagsleben zu breiten, wie in
diesem düsteren Herbst in der tristen Stadt, wo der Regen unaufhörlich
fiel und das ganze Leben um uns so schwer und trübe erschien wie wohl
nie zuvor.

Wir hatten ja zwei Knaben, und darum war es natürlich, das kleine Wesen,
das kommen sollte, »das Mädchen« zu nennen. Sie erwarteten wir und von
ihr sprachen wir, und eines Mittags, als ich von meiner Arbeit nach
Hause kam, sagte meine Frau zu mir:

»Es ist mein Engel, der kommt, Georg, sie wird mich retten.«

So lange hatte ich in der Vergessenheit gelebt, daß irgend eine Gefahr
uns je bedroht, daß ich zuerst ihre Worte nicht verstand.

»Dich retten?« wiederholte ich mechanisch. »Wovor?«

In ihr Gesicht trat ein wunderlicher Ausdruck, so als zöge sie sich in
sich selbst zurück, um darüber nachzudenken, wie es möglich war, daß
zwei Menschen, die sich liebten, so verschieden empfinden konnten.

»Hast Du schon vergessen, wie es im Winter war?« sagte sie.

Ich begriff noch nicht, oder ich wollte nicht begreifen.

»Ich glaubte, dies sei vorüber,« sagte ich.

»Glaubst Du, daß etwas je vorüber sein kann?« war die Antwort. Und sie
fügte hinzu:

»Vielleicht kann das kleine Wesen, das kommt, das thun, was nichts
anderes kann.«

An dieses kurze Gespräch dachte ich oft, und ich suchte vergebens, es
mit dem ungetrübten Glück in Einklang zu bringen, das wir in dem Sommer,
der vergangen war, genossen hatten. War es möglich, daß meine Frau in
dem Sonnenschein des Glücks, der ihrem ganzen Wesen die Färbung gab, den
Keim zu einem Unglück verbarg, das sich über unser ganzes Leben senken
sollte? War das möglich? Lebte sie zwei Leben? Konnte sie mitten im
Sonnenschein leben und zugleich fühlen, daß die Nacht nahe war? Oder
gehörte die Ahnung der Furcht, die sie jetzt zeigte, bloß jener Art von
Phantasie an, die eine Folge ihres Zustandes war?

Ich versuchte mich mit der letzteren Alternative zu beruhigen, aber es
wollte mir nicht recht gelingen: und mehr und mehr begann ich, das ganze
Leben meiner Frau in einem neuen und anderen Lichte zu sehen, demselben,
das sie schließlich ganz einhüllen sollte.

Ich kann das ganz neue Gefühl der Zärtlichkeit nicht beschreiben, das
durch diese Gedanken, die ich nicht einmal in Worte zu kleiden vermag,
in mir erwachte. Und ich wagte kaum das, was ich vor meinen Augen sah,
zu glauben, als alles glücklich verlief und meine Frau nach schwerem
Kampfe sich langsam zu erholen begann, nachdem sie einem zarten Wesen
das Leben geschenkt, zu dem sie von allem Anfang an Worte sprach, die
kein Anderer hören durfte.

Aber das Mädchen kam nie. Anstatt ihrer war ein Knabe gekommen, der den
Namen Sven erhielt.



                              Zweiter Teil


                                   1.

Der kleine Sven wuchs heran und wurde Aller Liebling. Er hatte langes,
goldenes Haar, und zur Erinnerung an das Mädchen, das nicht gekommen
war, pflegte Mama das Goldhaar zu kräuseln, sodaß es in langen Locken um
sein kleines Gesichtchen mit der zarten Haut und den wunderbaren
Engelsaugen lag. Kein Kind hat tiefere große Augen mit einem so früh
träumerischen Blick gehabt, und kein Kind hatte eine vertrauensvollere,
zärtlichere kleine Hand, die sich in die eines großen Menschen
schmeichelte, als wüßte es, daß es überall Geborgenheit finden konnte,
weil es selbst von nichts Bösem wußte.

Der kleine Sven war der Abgott des großen Bruders. Nichts konnte schöner
sein, als zu sehen, wie der große Bruder, der es liebte sich männlich zu
zeigen und daher ungerne seine Gefühle an den Tag legte, das kleine
Brüderchen in einem Wägelchen zog, sich an seinem frohen Gesichtchen
freute und sich unaufhörlich umdrehte, um zu sehen, daß das kleine
Brüderchen nicht herausfiel. Das Einzige, was sich hiermit vergleichen
ließ, war, wenn man Svante dasselbe thun sah, und Svante freute sich
umsomehr daran, Beschützer zu sein, als er bei den Spielen mit dem
großen Bruder immer derjenige gewesen, der klein war und gehorchen
mußte. Sven war so klein gegenüber den großen Brüdern, die er bewunderte
und denen er folgte, daß er immer das kleine Brüderchen war und blieb,
und er war so froh, daß das ganze Haus sich um ihn versammelte, wenn ihm
etwas Freudiges geschehen war und seine klingende Stimme oder sein
klares Lachen durch die Räume erklang. Man kam, weil man sehen wollte,
wie seine Augen funkelten und wie seine kleinen weißen Händchen vor
Entzücken umherfochten, weil man diese ganze strahlende Kinderfreude
sehen wollte, die dem Herzen Sonne gab.

Ah, ich wünschte, ich hätte diese Erzählung vom kleinen Brüderchen
früher geschrieben, so daß ich sie Blatt für Blatt ihr hätte vorlegen
können, die seine kurze Lebensgeschichte besser kannte, als ich, besser
als irgend Jemand. Sie, die sich an jedes seiner Worte erinnerte, an
jeden kleinen Zug aus dem Buche seines Lebens, sie, die sein Leben und
ihr eigenes im Verein mit ihm lebte, auch als seine klaren Augen nicht
mehr unter uns leuchteten; sie, die ihm endlich auf den Pfaden folgte,
auf denen Niemand, bevor seine Zeit gekommen ist, folgen kann. Sie hätte
dann das, was ich sagen wollte, mit ihrem Geist erfüllt, und mein
Gedicht hätte soviel Unmittelbarkeit empfangen, als handelte es von
einem noch lebenden Kinde.

Denn der kleine Sven lebte und wirkte mit seiner Mutter, bei ihr und für
sie. Er hatte seine Spielstube bei ihr, und die ganzen Vormittage, wenn
Papa fort war und die großen Jungen lernten, saß der kleine Sven auf dem
Boden und hörte Mama Märchen erzählen. Mama konnte viele Märchen, aber
kein Märchen hatte Sven lieber als das vom Rotkäppchen, das zur
Großmutter gehen sollte und das der häßliche Wolf auffraß. Er war so
furchtbar erschüttert, wenn er an das Schicksal des kleinen Rotkäppchens
dachte, und er hatte solche Angst vor dem abscheulichen Wolf und war so
böse auf ihn. Er wollte groß werden und in die Welt ziehen und ihn
finden und ihn totschießen.

Dann erfanden Mama und er Spiele. Sie spielten, daß Sven fortreiste und
weg war, und Mama saß allein und wartete auf ihn. Und dann kam Sven nach
Hause, und das war eine Freude, so groß, daß Mama ihre Arbeit weglegen
und ihn auf den Schoß nehmen und viele Male küssen mußte. Und viele
andere Spiele spielten sie.

Der kleine Sven hatte zuhause viele Namen. Er wurde das kleine
Brüderchen genannt und Nenne, was er selbst erfunden hatte, und Fratzi
und Goldkind, so wie es eben kam. Er kannte alle seine Namen, konnte sie
aufzählen und war stolz auf sie. Der kleine Sven spielte nicht viel mit
anderen Kindern und fühlte sich nie lange wohl mit ihnen. Er kam immer
zurück zu Mama, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Und er
kümmerte sich dann nie darum, ob er das Spiel unterbrach und die anderen
Kinder ärgerte. Sowie er nur Mama erblickte, lief er von allem fort,
nahm sie bei der Hand und folgte ihr, wohin sie ging. Das war eine
Liebe, die über alle Begriffe ging und die nie erkaltete, weil der
Gegenstand derselben zu glücklich über dieses Verhältnis war, um den
Kleinen je beschwerlich zu finden.

Sven und Mama hatten ihre kleinen Geheimnisse, und wenn Sven Mama etwas
zuflüsterte, durfte nicht einmal Papa zuhören. Versuchte er es, nur um
Sven zu necken, da schrie der Kleine:

»Nein, er darf nicht. Er darf nicht. Sag ihm, daß er nicht darf.«

Und Mama verteidigte ihren Schatz und hielt Papa ferne, sodaß Sven
alles, was er zu sagen hatte, ihr ins Ohr flüstern konnte.

Wenn das geschehen war, dann triumphierte Sven.

»Siehst Du,« sagte er. »Du hast es nicht hören dürfen.«

Und dann ging er mit Mamas Hand in der seinen und lachte seinen Vater
aus. Das nannte er Papa »foppen«, und er kannte wenig Dinge, die er
vergnüglicher fand.

Ich kann sie noch Beide vor mir sehen, Hand in Hand, den langen Weg auf-
und niedergehend, der bei den Fliederbüschen anfing, unter den kahlen
Bäumen im Winter gehend, wenn Sven in seinen kleinen Pelz gekleidet war,
den man aus Mamas altem gemacht hatte und auf den er so stolz war. Es
wäre im übrigen schwer zu entscheiden, wer von den Beiden dem anderen
eigentlich am meisten zu sagen hatte. Und wenn ich sie lange angesehen
hatte und Lust bekam, mit dabei zu sein, dann wurde Sven eifersüchtig
und schob sein kleines rotes Mündchen vor, sodaß Mama seine Aufführung
gegen das Familienoberhaupt tadeln und ihm sagen mußte, wie gut Papa
war. Das wollte Sven nur ungern anerkennen. Und während wir zusammen
gingen, machte er verstohlen Mama Mienen, die Papa nicht sehen sollte,
ganz als wollte er sich selbst dadurch beglücken, daß er den Zauberkreis
heimlichen Einverständnisses beibehielt, den er um seine Liebe und sich
selbst gezogen.

Aber wenn Papa in der Stadt war und nach Hause kam, dann stand Sven
hinter der Thüre versteckt und wartete, um ihn recht erschrecken zu
können. Er stellte sich lange vor der Zeit hin, zu der Papa
zurückerwartet werden konnte. Unaufhörlich kehrte er von seinem
Schlupfwinkel zurück und fragte:

»Glaubst Du nicht, daß Papa sehr erschrecken wird?«

Natürlich glaubte Mama das, und natürlich war Sven überglücklich über
diese Aussicht. Und wenn Papa endlich kam und im Flur stehen blieb, um
den Sand aus seinen Galoschen zu stampfen, da kam Sven so still und
leise herangeschlichen und dachte gar nicht mehr daran, ihn zu
erschrecken, sondern stand nur da und lächelte für sich selbst, als
wüßte er sehr wohl, daß Papa ihn nicht sehen konnte, ohne froh zu
werden. Und langsam kroch er näher, wie um sich an Papas Ungeduld, ihn
in die Arme zu schließen, zu weiden, und dann hing er sich an Papas Hals
und ließ sich hineintragen, während gleichzeitig die Dogge der Familie,
die Svante seinerzeit Pudel getauft, vor Freude bellte und um uns
herumsprang.

Ich erinnere mich so gut an die Augen meiner Frau, wenn sie diese Szene
betrachtete.

»Wenn Du wüßtest, wie viel ich mit ihm von Dir spreche,« sagte sie, als
Sven endlich seinem Vater erlaubte, ihn loszulassen, und Mama Platz
machte.


                                   2.

Schon seit Sven so klein war, daß er sich bewegen konnte, war er Pudels
intimster Freund gewesen und hatte das Recht gehabt, mit Pudel alles zu
machen, was er wollte. Er durfte ihn an den Ohren ziehen und an seinem
kurzen Schwanz zupfen, auf ihm liegen und ihn in den unbequemsten
Stellungen festhalten. Pudel zeigte hierüber keinen höheren Grad von
Mißvergnügen, als daß er zuweilen verwundert aussah, warum er all dies
eigentlich über sich ergehen lassen mußte, und sich sanftmütig und
friedfertig auf einen andern Platz legte, in der eitlen Hoffnung, daß
sein wohlmeinender Plagegeist müde werden und ihn in Frieden lassen
würde.

Aber trat Sven hinaus in den Hof, dann folgte Pudel ihm, wohin er auch
ging. Mit seiner kurzen gespaltenen Schnauze schnuppernd, stand er da
und sah zu, wie Sven langsam und bedächtig Sand in eine kleine
Blechbüchse schüttete oder zuweilen zu der weniger geeigneten
Zerstreuung überging, in der Wassertonne zu plätschern. Pudel folgte ihm
die ganze Zeit, und näherte sich irgend ein Fremder, so begleitete Pudel
dessen Gehaben mit mißtrauischen Augen, in jedem Augenblick bereit,
falls die Verhältnisse sein Einschreiten erforderten.

Sven und Pudel wandelten im übrigen ihre eigene Straße, und mehr als
einmal hatten sie das ganze Haus in plötzlichen Schrecken versetzt,
indem sie auf den unerfindlichsten Wegen verschwanden; und nachdem man
schon daran verzweifelt hatte, sie je lebendig wiederzusehen, tauchten
sie urplötzlich auf, als sei nichts geschehen, Beide gleich erstaunt
über die Aufregung, die sie hervorgerufen hatten.

Es wäre unrecht zu sagen, daß Sven eigentlich ein ungehorsamer Knabe
war. Aber in diesem Punkt war er nicht leicht zu behandeln. Mehr als
einmal hatte Mama ihm die Rute versprochen, wenn er noch einmal auf
eigene Hand fortliefe, und mehr als einmal hatte sie mir unmittelbar
darauf versichert, daß sie das Herzblut desjenigen sehen wollte, der es
wagte, Sven zu berühren. Aber hierin schien Sven Vorwürfen und
Ermahnungen gleich unzugänglich zu sein, und er stand so erstaunt bei
Mamas heftiger Freude da, ihn nach solchen Ausflügen lebendig
wiederzufinden, als wunderte er sich, daß sie Beide über irgend etwas
auf der Welt so verschieden denken konnten.

»Es war doch nicht gefährlich,« sagte Sven. »Pudel war ja mit.«

Mama wollte nicht schlecht von Pudel sprechen, aber sie versuchte Sven
davon zu überzeugen, daß Pudel auf jeden Fall nicht dasselbe war wie ein
Mensch. Sie sagte alles, was sie sich nur ausdenken konnte. Sven
versprach mit den Aermchen um ihren Hals, daß er nie mehr fortlaufen und
Mama Kummer machen wollte.

Aber wenn er so für sich selbst ging und es Frühling war und das Wasser
in den Rinnen am Hof floß, da vergaß Sven alles Andere auf Erden, bis
auf das, daß er ein kleiner Junge war, der tief hinein in den Wald gehen
wollte.

Wer weiß, in welchen Gedanken er einherging, oder ob er auch nur merkte,
daß er auf verbotene Wege kam? Er ging und plauderte mit sich selbst,
und Pudel folgte ihm, und als er bei der Zaunthüre anlangte, stand sie
offen. Da mußte er doch hinausgucken und einen Blick in die Welt thun,
die dort draußen lockte, und da sah er auf der anderen Seite der großen
Landstraße zu oberst auf dem Grabenrain, wie die gelben Huflattichblumen
gegen die graue Erde leuchteten, und so krabbelte er hinüber, so gut
seine kleinen Beinchen es vermochten. Aber jetzt war er beinahe im Walde
drinnen, und da konnte er nicht länger widerstehen. Hoch und mit
knorrigen Aesten erhoben sich die Tannen über seinem Kopfe, und hinein
ging er zwischen die Stämme, wo die Sonne auf das Moos schien und die
ersten Frühlingsvögel ihre Triller zu schlagen begannen. Eine kleine
Feldmaus wischte zwischen den Steinen durch, und der kleine Sven lief
ihr nach. Weiter und weiter weg kam er. Da lag ein kleines Moor, und
draußen im Moor wuchsen Weidenkätzchen mit glänzenden Gehängen. Die
konnte er nicht erreichen, denn da würde er eingesunken sein und sich
die Füße naß gemacht haben. Aber er konnte immerhin einige Steine ins
Moor werfen und hören, wie es plumps sagte, und die großen weiten Ringe
ansehen, die die ganze kleine Wasserfläche in Aufruhr brachten. Das that
er auch, und damit fuhr er eine gute Weile fort. Seine Wangen wurden
rot, und seine Augen leuchteten vor Entzücken. Fröhlicher und fröhlicher
wurde er, und er ging bis auf die Wiese hinunter, wo das königliche
Lustschloß lag, und als er hinaus auf den Weg kam, begann er zu laufen.
Er lief und lief, und als er an die hohen Gitterthüren kam, sah er, daß
er wieder nahe von zuhause war. Da wurde er von neuem froh, weil er den
Weg erkannte und weil Pudel schnupperte, mit seinem gestutzten Schwanz
wedelte und nach Hause wollte. Und plötzlich begann er sich nach Mama zu
sehnen, und da erinnerte er sich an die gelben Blumen, die er in der
Hand hatte.

Langsam und bedächtig ging er wieder heimwärts, und es kann schon sein,
daß Sven sich jetzt dunkel erinnerte, daß er nicht vom Hause hätte
weggehen sollen. Aber eines gab es, was Sven nicht wußte und worauf er
sich auch nicht verstand. Das war, wie lange er eigentlich vom Hause
fort gewesen war. Denn ein paar Stunden und ein kleines Weilchen war für
ihn ein und dasselbe.

Aber als er über die Wiese getrippelt kam und sich gerade wieder in Trab
setzte, um zu Mama zu kommen und auf den Schoß genommen und gestreichelt
und geküßt zu werden und zu erzählen, wie gut er sich amüsiert hatte, da
erschrak Sven dadurch, daß man rings um ihn zu schreien begann. Da war
Papa und Mama, Olof und Svante, die beiden Dienstmädchen und noch
Mehrere, meinte Sven. Sie schrieen, Einer lauter als der Andere, der
Eine hier und der Andere dort. Sven konnte gar nicht sehen, woher sie
kamen. Denn gerade als er sich nach einer Seite umwenden wollte, schrie
Jemand hinter ihm, und als er sich dann wieder umdrehte, um nach der
anderen Richtung zu schauen, wurde er vom Boden aufgehoben und von
Jemandem fortgetragen, der so rasch lief, als er laufen konnte, und
bevor er sich noch recht besinnen konnte, war er drinnen im
Speisezimmer, und Mama selbst nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn an
sich, so daß er gar keine Luft bekam.

Sven wußte wohl, daß er vor Mama nie Angst zu haben brauchte, aber
dieses Mal verließ ihn doch der Mut. Denn jetzt erinnerte er sich, was
sie von der Rute gesagt hatte, und als er Papa erblickte, wurde er
wirklich ängstlich. Denn Papa sah strenge aus und sagte in sehr ernstem
Ton:

»Jetzt müssen wir aber die Rute holen, Sven. Denn so viel ich weiß, hat
Dir Mama das versprochen.«

Da wußte sich Sven keinen Rat, und in der Not nahm er seine Zuflucht zu
den Blumen, die er Mama entgegenhielt.

Aber das hätte er garnicht thun müssen. Denn Mama war so erschrocken
gewesen, und sie war so glücklich, ihn wieder zu haben, daß sie ihn nur
in die Arme nahm und, halb weinend, halb lachend, sich von ihm
streicheln ließ; und endlich nahm sie ihm die Blumen ab und gab sie in
ein kleines grünes Glas, ordnete sie und ließ Sven sehen, wie schön sie
in der Sonne glänzten. Da gab Papa alle Gedanken an eine Bestrafung auf,
ging in sein Zimmer und fühlte sich überflüssig.

Aber als Mama mit Sven allein blieb, nahm sie ihn auf den Schoß und
erzählte ihm, als wäre es ein Märchen, wie unruhig sie sich gefühlt und
wie schrecklich ihr zu Mute gewesen war. Sie erzählte, daß sie geglaubt,
daß Sven sich das Bein gebrochen habe und einsam im Walde läge, und daß
sie ihn nicht früher wiederfinden würden, als bis er tot wäre. Oder daß
er ins Wasser gefallen sei und daß sie ihn dort als Leiche finden
würden, und dann konnten weder Mama noch Papa noch die Geschwister
jemals wieder froh werden. All das hörte Sven an und verstand nur, daß
Mama besser gegen ihn war als alle anderen Menschen. Dann ließ sie Sven
alles erzählen, was er gesehen und gethan, wie er sich vergnügt hatte
und wie weit er fort gewesen war. Sie erfuhr von dem kleinen Mäuschen,
von den Vögeln und von dem Sumpf und von den Steinwürfen. Und
schließlich verstanden sie einander, alle Beide, und waren nur glücklich
darüber, daß sie sich wiedergefunden hatten.

Und als sie sich so recht ausgesprochen hatten, nahm Mama Sven mit sich
zur Etagère. Da standen viele prächtige Sachen, mit denen Sven manchmal
spielen durfte, wenn alles sehr gut ging. Unter anderem stand da ein
weißer Pudel aus Porzellan, der eine Quaste am Schwanz hatte und einen
kleinen Pantoffel in der Schnauze trug. Er war sehr alt und gehörte
eigentlich nicht Mama. Denn Papa hatte ihn von seiner Mutter bekommen,
und er hatte ihr gehört, seit sie zwei Jahre alt war, da hatte eine
Pathin ihn ihr geschenkt.

Das war das Schönste, was Sven kannte, und den nahm Mama in der
Glückseligkeit ihres Herzens von der Etagère herab und gab ihn ihm,
anstatt der Rute. Aber er blieb da stehen, wo er stand.

»Denn sonst,« wie Sven sagte, »kann ich ihn zerschlagen. Und dann wird
Papa so böse.«

Aber er vergaß nie, daß er ihm gehörte. Und er pflegte zuweilen davon zu
sprechen, wenn Besuch kam.

»Den habe ich von Mama bekommen,« sagte Sven, »als ich in den Wald lief
und wiederkam. Das war, weil Mama sich so freute, als sie mich sah.«

Und Mama verteidigte ihre Erziehungsmethode gegen jede Kritik, indem sie
den Knaben in die Höhe hob und Alle ihn ansehen ließ. Gott segne sie!
Sie hatte Recht.


                                   3.

So ging ein Jahr, ohne daß wir sein Schwinden bemerkten. Aber um diese
Zeit begann ihre Gesundheit ernstlich zu leiden, und ohne daß wir mit
einander davon sprachen, wußten wir Beide, daß es nur eine Möglichkeit
gab. Schon einmal früher hatte das Messer des Operateurs seine
lebensgefährlichen Eingriffe machen müssen, und die Krankheitssymptome,
die sich jetzt einstellten, waren uns nur allzu gut bekannt. Es
überraschte uns darum nicht, als der Doktor uns eines Tages das Urteil
verkündete und uns das, was wir schon geahnt, wissen ließ, nämlich, daß
nur eine schleunige Operation Elsa mir und meinen Kindern retten konnte.

Als sei ein Todesurteil über unser ganzes Leben gefallen, gingen wir an
diesem Tage in unserem Hause herum, und ich sah, daß Elsa von Allem
Abschied nahm. Zum ersten Male stand es ganz deutlich vor mir, wie viel
von ihren innersten Gedanken sie vor mir, sowie vor Allen verborgen
hatte, wie vertraut sie mit dem Todesgedanken war, und wie die
Gewißheit, daß sie jung sterben müßte, an ihrer innersten Lebenskraft
nagte. Sie war blaß geworden, und ihre Wangen waren abgemagert. Die
Hände waren wachsgelb, und sie ging in Angst vor mir umher.

Da bat sie mich zum ersten Male, sterben zu dürfen. Zum ersten Male
sprach sie von all dem, das sie getragen und verborgen, um dessentwegen
ich in sie gedrungen und das sie nie anders als in Andeutungen über die
Lippen gebracht hatte.

»Schon seit ich sehr jung war,« sagte sie, »lange bevor Du und ich uns
kennen lernten, ist es mir so natürlich gewesen, daran zu denken, daß
ich nicht lange leben würde. Dann fand ich Dich, und da vergaß ich
Alles. Denn Du hast mich so glücklich gemacht, Georg, Du hast mich
glücklicher gemacht, als ich Dich je machen konnte. Du hast mir meine
drei Knaben gegeben, meine zwei großen Jungen und den kleinen Sven. Und
was kann ich für sie, für Dich und für Euch Alle sein? Ich bin ja so
krank, und ich werde nie gesund. Du sollst mich vergessen, Georg. Ach
ja, ich weiß, daß Du um mich trauern wirst, weil Du mich lieb hast,
obgleich ich immer zart und schwach gewesen bin und Niemandem nützen
konnte. Aber Du sollst mich doch vergessen. Und Du wirst eine Andere
finden, die Dir mit den Kindern hilft.«

Und wieder bat sie mich sterben zu dürfen, bat, die wenigen Wochen, die
ihr gegönnt waren, in Ruhe zu leben. Sie wollte nur nicht auf dem
Operationstisch sterben, aber sie war es zufrieden, von hinnen zu
scheiden, und sie wollte bloß mit ihren Schmerzen so lange leben, daß
sie die Kinder auf das, was kommen mußte, vorbereiten und Abschied von
ihnen nehmen konnte.

So plötzlich war all das über mich hereingebrochen, daß ich nicht einmal
meine Gedanken zu ordnen vermochte, noch weniger fand ich Worte, um zu
antworten. Ich fühlte dunkel, daß ich mich, wenn ich hier eingriff, in
einen Kampf stürzte, der über das hinausging, was Menschen im
Allgemeinen verurteilt sind zu erleben. Ich fühlte die Scheu, die ich
immer empfunden habe, wenn es galt, an etwas zu rühren, das eines
anderen Menschen innerstes und unantastbares Eigentum ist. Und wenn es
etwas giebt, das kein Anderer als der Mensch selbst entscheiden kann, so
ist es wohl die Frage, ob er sich einem sicheren Tod unterwerfen oder
einen schweren Kampf aufnehmen soll, um vielleicht das Leben zu
gewinnen. Wie ich meine Frau vor mir sah, erschien sie mir so nahe und
doch so ferne. Ihre Bitte, sterben zu dürfen, war so rührend und so
ernst gemeint, daß ich nicht den Mut hatte, sie zu bitten, sich um
meinetwillen dem Leben wieder zuzuwenden. Denn für sie galt es nicht
mehr und nicht weniger. Und mit Staunen merkte ich, daß sie alles, was
sie liebte, verlassen konnte, weil sie vorbereitet war. Aber
gleichzeitig fühlte ich mit der Stärke der Verzweiflung, daß ich sie
nicht verlieren konnte. Ich konnte es nicht. Und in meiner Verzweiflung
nach dem Einzigen greifend, was mir in den Sinn kam, sagte ich bloß:

»Aber Sven, kannst Du Sven verlassen?«

Sie zuckte zusammen wie vor einem Keulenschlag, und sie rang ihre Hände
in Verzweiflung.

»Nein, nein! Ich kann nicht.«

Sie wankte zur Schlafzimmerthür und bat mich nur, sie allein zu lassen.
Ich sah sie die Thür hinter sich verschließen, und ich blieb sitzen, wo
ich saß, und hatte das Gefühl, daß alles, was ich mit ihr erlebt hatte,
tot und verschwunden war und daß sie jetzt von uns gehen würde. Ich
begriff, daß, wenn sie es nicht that, dies nicht um meinetwillen
geschah, sondern um des Kleinen willen mit dem goldenen Haar und den
wunderbaren Kinderaugen, ihrem kleinen Engel, der gekommen war und sie
ans Leben festgekettet hatte. Ich begriff all dies, aber es verletzte
mich nicht. Ich fand es ganz natürlich, daß ich allein sie nicht halten
konnte. Ich ließ den Kopf sinken und weinte, weinte zum ersten Male über
mich selbst und mein eigenes Leben. Und ich erwartete nichts, glaubte
nichts anderes, als daß die Tage jetzt ruhig und unerbittlich bis zu der
Stunde fortschreiten würden, die kommen mußte; und schließlich würde der
Tod all das zerreißen, wofür ich gelebt hatte.

Wie lange ich so saß, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es dämmerig
wurde und daß ich dadurch auffuhr, daß ich fühlte, daß meine Frau auf
den Knieen vor mir lag und ihren Kopf an meinen Arm lehnte. Sie war so
leise gekommen, daß ich sie nicht gehört hatte, und ihre Stimme klang
ruhig, als sie sagte:

»Ich will für Dich leben, Georg, für Sven und unsere großen Jungen.«

Ich kannte ihre Stimme, wenn sie so tief und warm wurde, als sei alles
andere als ihre Liebe in ihr verstummt. Ich begriff, daß ihr Entschluß
jetzt unerschütterlich war, daß sie wieder uns Allen gehörte oder
gehören wollte, und eine warme Welle der Dankbarkeit gegen sie und das
ganze Leben durcheilte mich. Es dauerte lange, bevor wir unsere Lage
veränderten, aber als wir es thaten, erhob sie sich und zündete alle
Lampen an wie zu einem Feste.

Dann rief sie die Kinder herein, und sie kamen Alle still und sich
wundernd, und wir brauchten ihnen nichts zu erklären. Denn sie hatten
Alle verstanden, Jedes in seiner Weise, sie hatten mit einander
gesprochen, wie wir Großen, und sie wußten, daß Mamas Leben auf dem
Spiele stand, aber daß sie es wagte, um für sie leben zu können.

Sven kletterte auf Mamas Schoß und schmiegte sich an sie. Und er brachte
uns Alle dazu, durch Thränen zu lächeln, als er sagte:

»Mama darf nicht vom Fratzi wegsterben.«

Dies war ja einer seiner Kosenamen in der Familie, und er wendete ihn
selbst ohne eine Ahnung davon an, daß es komisch klang. Darum brachten
uns seine Worte beinahe etwas wie eine Verheißung des Lebens, und sie
beruhigten uns.

Aber als die Kinder zur Ruhe gegangen waren, gingen Elsa und ich, uns
mit den Armen umschlingend durch die Räume. Und ich sah, daß sie wieder
Abschied nahm, aber in anderer Weise als vor einigen Stunden. Am
nächsten Tage sollte sie in das Sanatorium fahren.

Aber als ich frühmorgens herauskam, saß Olof in dem großen Lehnstuhl
gegenüber der Schlafzimmerthüre.

»Sitzest Du schon lange hier?« fragte ich überrascht.

»Ja,« antwortete der Knabe einsilbig.

Er hatte da gesessen und an seine Mutter gedacht und daran, wie ernst
alles mit einem Schlage geworden war. Zum ersten Male fiel es mir auf,
wie groß er war, und ich ergriff seine Hand wie die eines
Gleichalterigen. Es zuckte in dem Gesicht des Zehnjährigen, aber er
konnte nichts sagen.

Als wir dann in der Droschke saßen, war er wieder Herr über sich selbst,
und er stieg noch auf das Trittbrett neben meine Frau, streichelte ihre
Wange und sagte beschützend wie zu einem Kinde:

»Habe keine Angst, Mama, es wird schon gut gehen.«

Svante kam auch heran, und der kleine Sven wurde aufgehoben und
plauderte und plapperte. In diesem Augenblick wußte Elsa nicht, wen von
Allen sie am Meisten liebte. Aber auf dem Wege kamen wir in unserem
Gespräche unaufhörlich auf unseren großen Jungen zurück, der zum ersten
Male wie ein Mann gesprochen und gefühlt hatte.


                                   4.

Der Todesengel ging dieses Mal an unserem Heim vorbei, aber seine
Schwingen hatten uns so dicht gestreift, daß das, was jetzt geschehen
war, lange unserem ganzen Leben sein Gepräge gab, ja eigentlich nie
aufhörte, es zu thun. Doch -- noch einmal kehrte das Glück in unser Heim
zurück, aber gedämpft und ernster. Noch einmal kehrte sie zurück, die
unserem Alltagsleben heiliges Licht gab. Unsere Knaben hießen uns
willkommen, als wir wiederkamen, und der kleine Sven kletterte zu Mama
hinauf, schmiegte sich an sie und sah so innig glücklich und schelmisch
aus.

»Siehst Du, daß Du nicht vom Fratzi hast wegsterben dürfen,« sagte er.

Er sah so triumphierend aus, als glaubte er, daß der glückliche Ausgang
ihm zu verdanken sei, und hauptsächlich um uns Alle aufzumuntern, sagte
ich:

»Ich glaube, Du meinst, Du hast Mama gesund gemacht.«

»Das hat er auch,« antwortete meine Frau.

Und wieder sah ich den Ausdruck in ihren Zügen, der mir früher so fremd
erschienen war, aber den ich mehr und mehr zu verstehen anfing.

Sie schloß sanft den Kleinen in die Arme, und aus ihren Augen fielen
zwei klare Thränen. Dann reichte sie mir die Hand und sagte:

»Ich bin so froh, daß ich wieder zu Hause bin.« Ich konnte nichts
erwidern. Ich sah nur auf die Gruppe vor mir, und ich wußte, daß ich
hier das Glück hatte, das ich vor ein paar Wochen noch kaum zu erhoffen
gewagt. Und doch fühlte ich in meinem Herzen einen Stachel, wie von
einer grauenden Ahnung hoffnungsloser Einsamkeit.


                                   5.

An den Frühling, der jetzt kam, erinnere ich mich wie an ein Meer von
Blumen, das jeden freien Platz in unserem Heim erfüllte. Die Hyacinthen
mischten sich nach und nach mit blauen Anemonen, die blauen Anemonen mit
weißen, mit Goldlack und Violen, und endlich, als der Johannistag
herankam und der Sommerwind in den herabgelassenen Gardinen spielte,
kamen die blühenden Syringen.

Mama und Sven waren es, die die Blumen herbeischafften, und es wäre
schwer zu entscheiden, wer von ihnen Beiden Blumen am meisten liebte.
Ich sehe sie noch Seite an Seite, die Hände voll Blumen, rotwangig und
plaudernd über den großen Hof zu der offenen Veranda gehen. Ihr Haar war
ebenso schwarz wie das seine blond, aber ihre tiefen blauen Augen waren
gleich. Sie bildeten den seltsamsten Kontrast, und doch waren sie
ähnlicher, als Mutter und Kind zu sein pflegen. Sie gehörten zusammen,
als wären sie geschaffen, stets vereint zu sein, stets mit Blumen in den
Händen zu gehen, bis zu des Lebens Ende Hand in Hand zu wandeln und
einander in die Augen zu blicken. Niemand konnte sie zusammen sehen,
ohne daß sein Gesicht von einem sonnigen Lächeln erhellt wurde, und oft
konnte ich das merken und meinen eigenen Reichtum noch erhöht fühlen.

Denn in dieser Zeit dünkte mich das Leben reich und voll wie nie. Ich
vergaß wieder alles, was meine Seele mit schweren Ahnungen erfüllt
hatte, und der Moment war mir genug. Es kam mir vor, als hätten wir
alles, was traurig und schwer war, nur durchmachen müssen, um nachher
ein umso volleres Glück zu genießen. Ich war dankbar für jeden neuen
Tag, der ging, ich war froh, daß ich vergessen konnte, und ich hatte das
Gefühl, als würden wir einem Glück entgegengetragen, höher als das,
welches Menschen erreichen.

Ich glaube, daß auch meine Frau, wenigstens eine Zeit lang, dieses mein
Gefühl teilte. Denn von ihr ging dieser stete Strom von Glückseligkeit
aus. Sie war wirklich zum Leben zurückgekehrt, sie fühlte sich gesund,
sie lebte unter großen alten Bäumen und in einem Ueberfluß von Blumen.
Sie hatte uns alle um sich, und nichts störte ihre Ruhe.

So ging sie eines Abends mit mir über den langen Weg, auf dem wir
Niemandem begegneten und den wir deshalb am liebsten gingen. Rings um
uns blühten die Syringen und erfüllten die Luft mit ihrem Geruch, und
auf dem bleichen, hellen Junihimmel schwebte der Halbmond, ohne ein
Licht zu werfen, nur in dem Blau schwimmend, das sich grenzenlos weit
wölbte und auf dem blasse Sterne gleichsam zu funkeln versuchten, ohne
die Nacht durchbrechen zu können.

Wenn ich mich an diese Zeit und alles, was dann folgte, erinnere, muß
ich mit Staunen an unsere Spannkraft denken. Als wäre nur eine
Streuwolke über unseren Himmel gezogen und verweht worden, so wandelten
wir hier jeden Abend glücklich auf und nieder, und in unseren Gesprächen
war nicht der leiseste Schimmer von Wehmut. Alles, was gewesen, lag
begraben hinter uns. Es war wohl nicht das sorglose Glück mit dem
unerprobten blinden Zutrauen der Jugend zu sich selbst. Es war viel
mehr. Es war diese ruhige stille Harmonie, die zwischen Menschen kommt,
die zusammen gelitten und überwunden haben, ein Glück, das nichts trüben
und nichts zerstören kann, weil es unauflöslich mit dem Innersten des
Wesens zweier Menschen verwachsen ist. Wir wußten in dieser Zeit, daß
wir nichts wünschten, nichts begehrten, als das, was wir schon besaßen.
In solchen Perioden des Lebens kann der Eine die Einsamkeit suchen, um
seine Thränen zu trocknen, weil er sich schämt, zu zeigen, wie glücklich
er ist. Keine fremden Gedanken, die ihre eigenen Wege gehen, keine
Phantasieen, kein Verlangen kann diese seltsame Stimmung steigern, aus
der die Lebenskraft quillt. Alles, wovon Sagen und Lieder gesungen, lebt
da sein volles, niemals versiegendes Leben, so wie keine Dichtung es
wiederzugeben vermag, und ich glaube, daß solche Erfahrungen allein das
Zusammenleben zwischen Mann und Weib heilig machen können.

Wenigstens fühlten wir so in diesen linden Frühlingsnächten, in denen
unsere Spaziergänge immer an demselben Platze schlossen, vor den Betten
der schlafenden Kinder. Wir sprachen nicht viel von dem, was wir
fühlten. Aber eines Abends sagte meine Frau:

»Wie lange ist es, daß wir verheiratet sind?«

»Warum fragst Du? Du vergißt ja Daten nie.«

»Ja, aber kann es wahr sein, daß es mehr als zehn Jahre sind? Kann es
wahr sein, daß wir so alt sind?«

»Betrübt Dich das?« antwortete ich und lächelte.

Sie schmiegte sich an mich und nahm meinen Arm.

»Es gab eine Zeit, wo ich solche Angst hatte, alt zu werden,« sagte sie.
»Und das habe ich noch. Aber ich verstehe nicht, wie Leute davon
sprechen können, daß man in der Jugend am meisten liebt und am
glücklichsten ist. Das müssen Menschen sein, die nicht lieben können.«

Ich versuchte einen Einwand. Aber sie unterbrach mich, indem sie von
Anderen zu sprechen begann. Sie sprach von Freunden, denen wir zugethan
waren, von Bekannten, mit denen wir verkehrten. Und sie stellte in
Abrede, daß sie glücklich sein konnten. Sie erzählte Züge aus ihrem
Leben, was sie gethan und was sie gesagt hatten. Noch länger verweilte
sie bei dem, was sie nicht gethan und nicht gesagt hatten. Und sie
schloß mit den Worten:

»Ich glaube, in unserer Zeit haben die Menschen vergessen, zu lieben.
Sie sind durch so vieles andere ausgefüllt.«

Alles, was meine Frau mir jetzt sagte, verwunderte mich. Denn sie
pflegte sich selten mit Anderen zu beschäftigen, wenn sie mit mir allein
war, und ich suchte die Menschheit in Schutz zu nehmen. Ich brachte sie
sogar dazu, ein paar Ausnahmen zuzugestehen.

Aber sie antwortete auf alles, was ich anzuführen hatte, als hörte sie
mir eigentlich nicht zu; und als sie verstummte, fuhr sie fort, ihren
eigenen Gedankengang verfolgend:

»Warum bist Du und ich glücklicher, als alle anderen Menschen?«

Sie sagte das mit einem Ernst, als berührte sie nur ein ganz bekanntes
und anerkanntes Faktum, und sie fügte hinzu:

»Ich finde, daß alle Anderen unglücklich sind, wenn ich sie mit Dir und
mir vergleiche.«

Ich lächelte über ihren Eifer, während ihre Worte mir gleichzeitig warm
ums Herz machten.

»Warum mußt Du vergleichen?« sagte ich.

»Weil es mich glücklich macht,« antwortete sie. Und indem sie vor mir
stehen blieb und zu mir aufblickte, fügte sie hinzu:

»Laß es mich jetzt sagen, weil ich sonst vielleicht nie dazukomme, es
Dir zu sagen. Ich finde, es ist so eigentümlich, wenn ich an die erste
Zeit denke, wo wir verheiratet waren. Da meinte ich, daß ich Dich liebte
und daß ich glücklich war. Das war deshalb, weil ich nichts wußte und
nichts verstand. Nun weiß ich, was es bedeutet, und nun will ich Dir
danken.«

Bevor ich es hindern konnte, hatte sie meine linke Hand ergriffen und
sie geküßt, und als ich versuchte, sie zurückzuziehen, hielt sie sie
fest und küßte sie abermals, da wo der Ringfinger war.

Es lag eine Macht in ihrem Gefühl und ihrer Person, als sie diese Worte
sagte, die mich beinahe verwirrte. Stumm nahm ich sie in meine Arme und
küßte sie mit dem Gefühl, daß ich zum ersten Male meine Braut küßte. Und
ich wußte mit ihr, daß die Erde keine größere Seligkeit barg.


                                   6.

Sven hatte einen Spielkameraden gefunden, und das war ein Ereignis in
seinem kleinen Leben. Denn früher hatte er nur mit den großen Brüdern
gespielt. Nun war dieser Spielkamerad ein paar Monate jünger als Sven,
und überdies war der Spielkamerad ein Mädchen. All dies war etwas sehr
Neues und Entzückendes, und in dieser Zeit hatte Sven viel mit Mama zu
besprechen.

Die kleine Martha war mit ihrem Papa und ihrer Mama hinaus aufs Land
gezogen, und im Anfange hatten sie und Sven einander aus der Entfernung
betrachtet. Martha war ein kleines, unbeschreiblich süßes Mädchen mit
roten, frischen Wangen, klaren, blauen Augen und langem, lockigem Haar,
das beinahe so wie Svens eigenes war. Und es dauerte nicht sehr lange,
so kam sie eines Tages und setzte sich in die Nähe von Sven und
betrachtete neugierig, was er vor hatte.

Sven war gewohnt, für sich allein zu spielen, und er hatte ein Spiel,
das ihn sehr unterhielt und eigentlich ganz leicht faßlich war. Es
bestand darin, daß er hinausging und sich auf eine Wiese setzte. Da
betrachtete er mit dem größten Interesse alles, was auf dem nächsten
Fleckchen Erde um ihn vorging. Da waren Ameisen, die auf Grashalme
kletterten, ein Schmetterling, der sich auf eine Blume setzte und dann
auf weißen Flügeln weiter in die Sonne flatterte, ein Hirschkäfer, der
auf den Rücken gefallen war und umgedreht werden mußte, um weiter
kriechen zu können, oder ein paar Vögelchen, die zwischen den
Erdhügelchen umherhüpften und sich nicht von dem Kinde stören ließen,
wenn sie für sich oder ihre Jungen Futter suchten. Oder er saß auch ganz
einfach da und pflückte Grashalme um sich ab und ließ sie grübelnd und
untersuchend durch seine Finger gleiten, und wenn er die Hand voll
hatte, warf er sie alle fort und begann neue auszureißen. Das nannte
Sven selbst »im grünen Gras spielen« und davon konnte er lange erzählen,
wenn er das Spiel unterbrach und zu Mama hineinlief, um über die
Entdeckungen, die er gemacht hatte, zu berichten. Dem guckte nun die
kleine Martha zu, und schließlich fragte sie Sven, was er mache.

»Siehst Du nicht, daß ich im grünen Gras spiele?« sagte Sven.

Und er machte vor Verwunderung große Augen.

Nein, das verstand Martha gar nicht. Aber da Sven sich so lange damit
beschäftigte, nahm sie an, daß es etwas unbeschreiblich Unterhaltendes
sein mußte, und darum setzte sie sich neben ihn. Und die beiden Kinder
rissen Gras aus und beobachteten Ameisen und kamen sich dabei so nahe,
daß, als sie fortgingen, sie einander bei der Hand hielten und meinten,
sie könnten sich gar nie trennen.

Ein paar Tage später saß Sven drinnen bei Mama und sprach von Martha.
Jetzt sprach er nicht mehr von Gras und Blumen oder Vögeln und
Schmetterlingen. Jetzt erzählte er nur, was Martha gesagt und was Martha
gethan hatte, und wie gut sie sich mit einander unterhielten.

Eines Tages sagte Mama zu ihm:

»Du hast Martha wohl sehr lieb?«

Da schob Sven die Unterlippe vor und antwortete:

»Weißt Du nicht, daß Martha meine Braut ist?«

Mama antwortete sehr ernst:

»Das hast Du mir noch gar nicht gesagt.«

»Du mußt es aber doch wissen,« meinte Sven. »Wir wollen uns heiraten.«

»Wann wollt ihr heiraten?« fragte Mama.

»Wenn wir groß sind, natürlich,« antwortete Sven.

Sven war sehr glücklich, eine Braut zu haben, die er heiraten sollte,
und es war das Schönste, was man sich denken konnte, wenn die zwei
Kinder Hand in Hand über den Hof kamen und der Sonnenschein in ihrem
lockigen Haar spielte, oder wenn Sven Martha in ihrem kleinen Wagen zog
und sich unaufhörlich umdrehte, um sie anzusehen.

Aber manchmal zankten sie sich, und dann wurde Sven düster und ging zu
Mama und sagte, daß Martha abscheulich sei.

Dann antwortete Mama:

»Ja, aber Du willst sie doch heiraten, und da müßt Ihr doch wieder gut
Freund werden.«

»Ich will sie nicht heiraten,« sagte Sven.

Aber wie dies nun auch sein mochte, sie wurden wieder gut Freund,
versöhnten und küßten sich und unterhielten sich noch besser, als je
zuvor.

Es versteht sich von selbst, daß Mama Svens Braut mindestens ebenso
anbetete wie er selbst, und wenn sie herauskam und Sven mitnehmen wollte
und Sven seinerseits Martha nicht verlassen konnte (eine ganz neue
Erfahrung in seinem kurzen Dasein), dann löste sich der Konflikt in der
Weise, daß Mama die Brautleute Eines an jeder Hand nahm und zugleich
ihre Spielkameradin und ihre Vertraute wurde. Ja, ich fürchte, sie
sprach mit ihnen Beiden von Liebe und Ehe, weil sie wie Keiner ihre
Sprache konnte, und es mag wohl sein, daß sie bei der Stärke ihrer
Phantasie sich schon als Schwiegermutter zu fühlen anfing.

Es nützte nichts, wenn Jemand versuchte, Svens Liebe von der
scherzhaften Seite zu nehmen. Olof höhnte allerdings das kleine
Brüderchen und versuchte zu erklären, daß ein richtiger Kerl sich nichts
aus Mädels machte. Selbst Svante, der in diesem Punkte ein weniger
reines Gewissen hatte, versuchte das kleine Brüderchen damit
anzugreifen, daß es eben zu klein war.

In seiner Not wendete sich Sven an Mama als an die höchste Autorität.
Und Mama sagte ihm, daß er sich nicht darum kümmern solle, was die
großen Jungen sagten, und wenn er Martha lieb habe, so wäre das ja
nichts Komisches, gleichviel ob er klein oder groß sei.

Nun fand Sven, daß die Brüder ihr Teil bekommen hätten, und ließ sich
sein Glück nicht weiter von ihnen trüben. Er war selbst so ernst mitten
in seiner Freude, daß er nicht begriff, wie irgend Jemand über so etwas
scherzen konnte, und darum machte er auch kein Geheimnis aus der Sache.
Wenn ein Aelterer, was ja vorkam, ihn fragte, ob es wahr sei, daß er
eine Braut habe, antwortete er ohne Weiteres Ja, und gleich darauf lief
er fort und spielte mit ihr, so als wollte er die ganze Welt fragen, ob
sie nicht schön und süß sei, wie eine richtige Braut sein soll.

Ja, Sven betrug sich überhaupt so, daß man aufhörte mit ihm zu scherzen,
und selbst die Brüder ließen ihn in Frieden.

Aber eines Tages kam Olof auf den Einfall, ihm zu sagen, daß er Haare
hätte wie ein Mädchen. Das hatte Sven schon vorher gehört und sich
nichts daraus gemacht.

Aber jetzt fügte der große Bruder hinzu:

»Das paßt doch für Dich nicht, wenn Du eine Braut hast.«

Und das machte auf Sven einen tiefen Eindruck.

Von diesem Tage an hörte er nicht auf, Mama wegen seines Haares zu
quälen.

»Ich will mein Haar so haben wie die anderen Jungen,« sagte er.

Es half nichts, daß Mama sich wehrte und Sven bat, sich doch nicht um
das zu kümmern, was die großen Jungen sagten. Es half nicht einmal, daß
sie Sven bat, Mama zu Liebe seine schönen Locken zu behalten, die Mama
so gerne hatte. Sven blieb dabei, daß sie fort sollten.

»Ich will nicht wie ein Mädchen aussehen,« sagte er.

Mama trauerte bei dem bloßen Gedanken, daß jemand die schönen Locken
auch nur berühren sollte.

»Ich kann mir das Burschi nicht ohne seine Locken denken,« sagte sie.

Sie nahm ihn in ihre Arme, flüsterte mit ihm, plauderte, überredete und
bat und flehte für die lieben Locken. Aber Sven ließ sich nicht
überzeugen. Er bat so schön und sah so rührend aus, daß er schließlich
seinen Willen durchsetzte.

Er kam in seinem kleinen roten Hut herein, die weiße Bluse flatterte um
die kleinen Beinchen.

»Ich fahre in die Stadt und lasse mich scheren,« schrie er.

Er war voll Eifer und Entzücken, und als er im Zuge saß, plauderte er in
einem fort und wendete sich an einen fremden alten Herrn, den er nie im
Leben gesehen hatte, daß er zur Stadt fahre, um sich sein langes Haar
abschneiden zu lassen.

Der alte Herr sah von seiner Zeitung auf, warf dem Knaben einen
zerstreuten, gleichgiltigen Blick zu und fuhr fort zu lesen.

Sven glaubte, daß er nicht gehört hatte, und wiederholte der
Deutlichkeit wegen:

»Ich lasse mir mein Haar schneiden, damit ich nicht wie ein Mädchen
aussehe.«

Aber der alte Herr verschanzte sich hinter seine Zeitung und murmelte
etwas, das Mama veranlaßte, ihr kleines Herzblatt zum Schweigen zu
bringen.

Dann blieb Sven den ganzen Weg stumm und saß ganz stille da, als
grübelte er über irgend etwas nach. Er sah so unglücklich aus, daß Mama
ihn auf den Schoß nahm und ihn streichelte und bitterböse auf den alten
Herrn wurde, der nicht begriff, daß der Kleine dasaß und sich grämte,
daß nicht alle fremden Herren sich darum kümmern, daß ein kleiner Junge
froh ist.

Sven schwieg, als er auf die Straße kam. Aber dann flüsterte er, als
hätte er Angst, daß Jemand sie hören könnte.

»Das war bestimmt kein netter Herr.«

»Ja, aber siehst Du, Sven, Du hast ihn doch nicht gekannt,« sagte Mama.

»Deswegen hätte er doch nett sein können,« sagte Sven.

»Aber kleine Jungen sollen nicht zu fremden Leuten sprechen,« wendete
Mama ein.

»Ich glaubte, er würde sich freuen, wenn er hörte, daß ich nicht mehr
wie ein Mädchen aussehen muß.«

Armes Kindchen! dachte Mama, und wieder ergrimmte sie in ihrem Herzen,
wenn sie an alle verdrießlichen Menschen dachte, die die Freude der
Kleinen zerstören. Armes Kindchen! Wie wird es Dir einstmals in der Welt
gehen?

Und um Sven richtig zu trösten und seine Freude wieder wachzurufen,
sagte sie.

»Das war ein abscheulicher, schlimmer alter Herr. Ganz schlimm war er.«

Da wurde Sven wieder eitel Sonnenschein, und sein Schmerz war verflogen,
weil er glauben durfte, daß nur abscheuliche Menschen so etwas thun.
Sein Haar wurde geschnitten, und er durfte in eine Konditorei gehen. Da
bekam er Backwerk und war überglücklich, weil er glaubte, daß alle
Menschen wußten, daß er zum ersten Male geschoren war wie ein Junge.
Dann fuhr er wieder mit Mama nach Hause, und als er in den Hof kam, ließ
er Mamas Hand los und lief, so rasch seine Beine ihn tragen wollten,
hinein zu Papa.

Da blieb er beim Schreibtisch stehen, nahm den Hut ab und vergaß, daß
man Papa nicht stören durfte, wenn er arbeitete. Er stand stille mit dem
Hut in der Hand, und sein ganzer Körper arbeitete vor Aufregung zu
hören, was Papa sagen würde. Ja, seine Augen wuchsen, so daß es aussah,
als wäre der Junge nichts als Augen.

Papa sah und sah und ahnte, daß etwas ganz Merkwürdiges vorgefallen war.
Endlich ging ihm ein Licht auf, und da mußte er den Kleinen in die Höhe
heben und wieder niederstellen.

»Jetzt ist Sven aber ein richtiger Junge geworden,« sagte Papa.

Und mit diesem Attest seiner Männlichkeit lief Sven fort, um sich den
großen Brüdern zu zeigen und von Martha bewundert zu werden.


                                   7.

Der Sommer, der in einer so lächelnden Umgebung begonnen, sollte sich
jedoch an der Westküste fortsetzen, und die Ursache war die, daß eine
Sehnsucht, stärker, als ich sie schildern kann, mich hinzog.

Ich kann nicht sagen, wie diese unvernünftige Sehnsucht in mein Blut
kam. Möglicherweise lag die Ursache darin, daß ich einmal als Kind einen
Sommer an der Westküste verbrachte, und es ist ja ziemlich
unentschieden, welche Rolle diese frühen, selbst vorübergehenden starken
Kindheitseindrücke bei der Bildung des Grundstoffs der Gefühle spielen,
der dann unser Leben bestimmt.

Es will mir selbst wunderlich erscheinen, daß die Erinnerungen an diese
Wochen sich durch mehr als dreißig Jahre so lebendig erhalten konnten.
Ich war nämlich damals erst sechs Jahre alt, und aus diesem Alter
pflegen alle anderen Erinnerungen, außer denen an das Heim, in dem man
jahrelang gewohnt, zu verblassen. Aber viele Jahre hindurch habe ich das
Meer vor mir gesehen, so wie ich es damals sah ... Ich habe es mit
himmelhohen Wellen gesehen, bis ins Undenkbare durch die Phantasie des
Kindes vergrößert. Ich habe den Tang, die Quallen und die Seesterne
gesehen, das ganze reiche Leben auf dem Meeresgrund in seichten Buchten
und an grauen Klippen. Ich habe kahle Felsen sich über dem Meere erheben
gesehen, das sich an ihrem Fuße brach, und ich habe die wunderliche
Erinnerung eines großen Sturms in mir auftauchen gefühlt, der Mengen von
Sand gegen mein empfindliches Kindergesicht peitschte.

Es ist wunderlich, daß man so lange herumgehen und eine solche
Erinnerung mit sich herumtragen kann, und noch wunderbarer, daß sie es
vermag, eine solche Macht über unsere Seele auszuüben. Eine solche
Erinnerung ist von einer sehnsüchtigen Wehmut erfüllt, die dem Traum des
jungen Mädchens von dem Ritter gleicht, der sich eines Tages zu ihrem
Ohre neigen und ihr Verheißungen eines überschwänglichen Glücks
zuflüstern wird. Sie gleicht dem, was der Jüngling fühlt, der die
Siegesverheißungen der Zukunft in seinen pochenden Adern singen hört.
Ja, sie gleicht vielleicht am meisten dem stillen Zukunftsglauben, der
bei Männern lebt, in denen der Jüngling nie ganz gestorben ist. Sie lag
tief in meiner Seele wie Heimweh, und es dauerte Decennien, bis ich
ihrer Mahnung gehorchen konnte.

Aber als ich nach vielen Jahren endlich so weit kam, zu wissen, daß ich
einen Sommer am Meer genießen konnte, da war es meine Frau, die mich
befürchten ließ, daß meine ganze Freude in Rauch aufgehen würde. Meine
Frau hatte nämlich niemals die Westküste gesehen, und ich wußte, daß sie
eine Art von Widerwillen gegen die ganze Reise hegte und nur nachgab,
weil sie begriff, daß der geringste Widerstand mir wehe thun würde. Das
wußte ich, weil sie einmal gesagt hatte: »Ich kann mir keinen Sommer
denken, in dem man keine Bäume sieht.« Und ich begriff sehr wohl, daß,
als ihr diese Worte entschlüpften, sie einen Widerwillen gegen diese
ganze Fahrt verriet, der so tief saß, daß sie selbst fürchtete, ihn
nicht überwinden zu können. Da sie jedoch sah, daß ich ihre Antipathie
gemerkt hatte, that sie Alles, um diese Worte in meiner Erinnerung
auszulöschen. Aber sie verließen mich nicht, und ich fing an, mich
beinahe beklommen zu fühlen, wenn ich an mein ersehntes Meer dachte.

Diese ganze Sache war für mich weder so unbedeutend noch so thöricht,
als sie vielleicht klingen mag. Niemand kann eine wirkliche Freude
fühlen, wenn sie sich mit Mißtönen mischt, und der schlimmste Mißton,
den ich mir denken konnte, war, wenn meine Frau meine Freude nicht
teilte. Ich hatte mich ja daran gewöhnt, mich nie einsam zu fühlen,
weder in Freude noch in Schmerz, und es brachte mich außer mir, daß ich
nun merkte, daß ich mit meiner Sehnsucht allein stand.

Ich wollte, daß mein Traum von einem Sommer Wirklichkeit würde, und ich
kämpfte für dieses Ziel mit demselben Eifer, wie damals, als ich mich
auf dem Wege glaubte, die Liebe meiner Frau zu verlieren, und kämpfte,
um sie wiederzugewinnen. Tag und Nacht grübelte ich über die Möglichkeit
nach, der Gefahr vorzubeugen, von der ich fürchtete, daß sie meine
Sommerfreude stören würde, und schließlich glaubte ich ein Mittel
gefunden zu haben. Ich schlug nämlich eines Tages meiner Frau vor, daß
wir die Reise nach der Westküste rings um die ganze schwedische Küste
machen sollten, und ich that es, weil ich sie besiegen wollte. Ich
fühlte, daß zwischen uns ein stummer Kampf ausgekämpft wurde, aus dem
ich nicht als der Ueberwundene hervorgehen wollte. Ich wollte meine Frau
zwingen, das Meer zu lieben, und ich glaubte, daß die Art, die ich
erfunden hatte, etwas von dem Besten war, worauf ein Mensch je gekommen
war. Mein Gedankengang war nämlich dieser: »Der Weg geht durch den
Schärengarten Stockholms. Er setzt sich an unserer ganzen herrlichen
Ostküste fort. Nach und nach, beinahe unmerklich, wird sie die lächelnde
Natur der Ostküste in die karge der Westküste übergehen sehen, und ohne
es zu wissen, wird sie von der Größe ergriffen werden, die alles Andere
übertrifft.«

Ich kann doch nicht behaupten, daß auf der Reise selbst etwas eintraf,
das mir Anlaß gab zu glauben, daß mein so gut ausgedachter Plan die
gewünschte Wirkung hatte. Meine Frau freute sich wie immer an einer
schönen Dampfschiffreise; aber daß die Fahrt selbst ihren Gedanken eine
bestimmte Richtung gab, konnte ich nicht entdecken. Das Ganze war für
sie eine lange Dampfschiffreise, als solche das Herrlichste, was sie
kannte, aber nichts weiter.

Ich befand mich die ganze Zeit in starker Spannung, und mein Mut begann
zu sinken, als wir Gothenburg passiert hatten und ich den Meeresschaum
um meine geliebte Westküste zischen sah.

Es wehte ein tüchtiger Sturm, und der war natürlich in diesem
Augenblicke alles eher als willkommen, weniger, weil er die Fahrt
erschwerte, als weil ein Westküstensturm nicht geeignet ist, den
Unwillen gegen das Meer zu benehmen, wenn ein solches Gefühl einmal
vorhanden ist. Ich beobachtete die ganze Zeit meine Frau, und ich
betrachtete sie von der Seite, während das Boot auf den Wogen emporstieg
und die Wellen das Verdeck vom Kiel bis zum Steuer überschwemmten. Aber
ich konnte nichts entdecken, was meine stumme Frage beantwortete. Wie
sie da saß und über das schwarze Wasser blickte, schien sie mir
unzugänglich, und in mir riefen hundert widerstreitende Stimmen, die
sich, wie mich dünkte, alle in einer Kraftanstrengung sammelten, um zu
ihrem Herzen und ihrer Sympathie zu dringen.

Aber wie ich da saß, begann meine Unruhe zu weichen, und ungestört von
allen Zweifeln und aller nervösen Gehetztheit sah ich zum ersten Male
die Natur der Westküste. Sie erfüllte mich mit einer Empfindung, die ich
heilig nennen will, und vor diesem verschwand alles Andere.

Das Boot tanzte über die erregte Wasserfläche, und vor seinem Bug
klärten sich die Konturen einer langgestreckten Insel, die sich auf
einem Hintergrund treibender Wolken abzeichnete. Je näher wir dieser
Insel kamen, desto stärker glühte in mir die Freude jahrelanger
Sehnsucht, die nun befriedigt werden sollte. Wir stiegen auf der Brücke
ans Land, und in einem gierigen Blick faßte ich alles um mich auf. Ich
sah die Brücken, die Bootshütten, all die kleinen Gebäude, die, in
hellen Farben leuchtend, sich auf dem Abhang der kahlen Klippe
zusammendrängten. Im Hafen schaukelte sich Boot an Boot, und auf den
Klippen lagen Mengen von Fischen in der Sonne, um zu trocknen. Draußen
auf einer Landspitze stand eine Gruppe von Männern in getheerten
Kleidern, mit Südwestern und hohen Stiefeln, und ordneten langsam und
bedächtig einen Haufen großer Fische, die ich meines Wissens noch nie
gesehen hatte.

Die starke Luft peitschte mein Gesicht und meine Wangen, und um mich
vernahm ich ein Donnern wie von brausenden Wasserfällen, die rasende
Winde peitschten. Ich sah die Konturen der Klippen in der Ferne blau und
schwarz verschwimmen, wenn der Sturm die Wolken in wilder Jagd über den
Himmel trieb, der durch zerrissene Nebel blau leuchtete. Und als ich zu
unserem kleinen weißen Haus kam, das am äußersten Ende der westlichen
Landspitze lag, weit weg von der Gruppe anderer menschlicher
Wohnstätten, da sah ich zum ersten Male das Meer.

Ich stand lange und blickte hinaus über dieses Meer, das ich endlich
erreicht hatte; und als ich in unsere Zimmer kam, sah ich, daß meine
eigenen Fenster dieselbe Aussicht hatten, die ich eben verlassen, nur
daß das Meer mir noch näher gekommen zu sein schien. Wieder stand ich
stille und wußte nicht, was in diesem Augenblick in mir vorging. Aber im
selben Moment fiel mein Blick auf meine Frau. Sie stand allein am
Fenster und sah hinaus, und in einem Augenblick kam es über mich, daß
ich alles, was durch Wochen meine Gedanken beschäftigt hatte, alle
Ueberreizung, alle Zweifel, alle List, alle Berechnung, den ganzen
Kampf, um meine Frau zu zwingen, zu fühlen wie ich -- daß ich all das
vergessen hatte, seit dem Moment, wo ich den Fuß auf die felsige Insel
gesetzt hatte. Nun stand sie da, und ich wußte nicht, ob unsere Gedanken
in diesem Augenblick sich zum Kampfe gegen einander erhoben oder sich
begegneten.

Da wendete sie sich um, und ich sah, daß ihre Augen voll Thränen waren.
Sie streckte die Hand nach mir aus, ich nahm sie, und zusammen standen
wir da und blickten hinaus übers Wasser. Unter unserem Fenster rollten
die Wellen über die Steine, und so weit das Auge reichte, sah man nur
die weißen Kämme der Wellen gegen den dunklen Meeresspiegel, und die
kleinen Schären, an denen das Meer sich brach. Wie Kaskaden von weißem
Schaum stürzten die Wellen zur Höhe, von der Schwere des ganzen Meeres
hervorgepreßt, das vom Westen auf sie drückte. Es war ein Aufruhr voll
ruhiger Kraft, ein großer Ausbruch, der etwas von dem vollen Jubel des
Lebens selbst in sich trug.

Vor diesem Aufruhr legte sich mein eigener zur Ruhe, und mit der Hand
meines Weibes in der meinen, fühlte ich, daß wir Beide auf dem Wege zum
Meere gewesen und auf getrennten Straßen hingelangt waren. Wir sprachen
kein Wort, aber wir standen lange da, und das, was gewesen war, starb in
uns. Als wir einschlummerten, hörten wir noch das Getöse des Sturms und
der Wogen, und als das Tosen aufhörte, erwachten wir durch die Stille.

Vor unseren Fenstern lag das Meer ruhig und groß.


                                   8.

Diese Erinnerung habe ich schon vor Jahren aufgezeichnet. Ich wußte
damals nicht, daß ich einst einen anderen und größeren Kampf mit meiner
Frau kämpfen würde, einen Kampf, nach dessen Beendigung ich einsam
dastehen sollte, und doch nicht einsam, niedergebeugt, aber doch nicht
ohne Hoffnung.

Jetzt sehe ich uns auf der höchsten Klippe vor unserem weißen,
traulichen Hause sitzen. In einer Pracht, die stets neu ist, die Abend
für Abend wechselt, versinkt die Sonne ins Meer, und zwischen uns sitzt
Sven. Er ist bloßfüßig und braun, und weil es gegen Abend kühl wird,
steckt er seine kleinen Füße unter Mamas Kleid. Er bettelt, so lange
aufbleiben zu dürfen, als die Sonne zu sehen ist. Sich wundernd folgen
seine Augen dem letzten flammenden Schimmer der Sonne, die in dem ruhig
wogenden Meer verschwindet. Er sitzt da, das Kinn in die Hand gestützt,
als dächte er an etwas Ernstes, das er nicht in Worte kleiden kann. Und
als er endlich weiß, daß er zu Bett gehen muß, hängt er sich an Papas
Hals und bittet, daß ich ihn trage.

Mit meiner leichten Bürde auf den Armen steige ich sachte über die
Klippen, und als ich wiederkehre, sehe ich gegen den Himmel die dunkle
Silhouette der Gestalt meiner Frau. Sie sitzt, wie Sven eben saß, und
ihre Augen suchen den Punkt, wo die Sonne untergeht und die Flammen der
Abendröte erloschen sind.


                                   9.

Nie ist Sven so bewundert, so geliebkost, so von allen auf Händen
getragen und vergöttert worden, wie in diesem Sommer. Die Lootsen trugen
ihn über die Berge und schnitzten ihm Boote, die alten Mütterchen
blieben stehen und lächelten strahlend, so wie sie ihn nur erblickten.
Die jungen Frauen vergaßen ihre eigenen Sprößlinge und sagten, daß sie
niemals ein solches Kindchen gesehen hätten, die Mädchen führten ihn auf
die Klippen und spielten mit ihm, ohne daß er sie zu bitten brauchte.
Sven ging in beständigem Sonnenschein herum, und er wurde braun und
stark in dieser Luft, so wie er es nie gewesen.

Sven war mit einem Worte der Mittelpunkt all unserer Gedanken und die
Sonne dieses unseres einzigen Sommers an der Westküste.

Es war jedoch wunderlich, daß er gerade in dieser Zeit einen neuen
Gesprächsstoff fand, zu dem er immer wieder zurückkehrte. Für Sven war
es nämlich eigentümlich, daß er von allem sprach, was ihm in den Sinn
kam, und er that es ungekünstelter, als Kinder es zu thun pflegen,
vollkommen unbekümmert in Beziehung auf den Eindruck, den er auf einen
Erwachsenen machen könnte. Bei Kindern ist es ja sonst gewöhnlich, daß
sie bis zu einem gewissen Grade das, was sie denken, bei sich behalten
und sich nur mit einer gewissen Zurückhaltung einem Aelteren gegenüber
aussprechen. Dies kommt daher, daß sie fürchten, ihre Gedanken von dem
Lächeln der Ironie getroffen zu fühlen, selbst wenn dieses Lächeln mit
Wohlwollen gepaart ist. Besonders ist dies der Fall, wenn ein Kind
gefühlvoller, naiver, seiner Natur nach offener ist als andere Kinder,
oder sich in seinem ganzen Wesen von der Mehrzahl unterscheidet.

Sven hatte von dem Moment an, wo er seine Augen aufschlug, nie etwas
Anderes als verständnisvolle Wärme um sich gefühlt. Als er in das Alter
trat, in dem Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen können, waren
ihm beinahe stündlich ein Paar Augen gefolgt, die sich über jede seiner
Bewegungen freuten, jedes Wort verstanden und aufmunterten, jede
Aeußerung seiner zarten, unschuldigen Seele klarer und besser
wiederspiegelten, als er selbst sie gethan hatte. Durch die Liebe seiner
Mutter lernte der kleine Sven die ganze Welt um sich kennen, und weil
sie zu seiner eigenen sich zärtlich hingebenden Person paßte, so wie er
zu ihr, die ihm Tag für Tag etwas gab, was mehr war, als daß sie ihm das
Leben geschenkt hatte, so konnte Sven sich auch nichts Anderes denken,
als daß er alles, was sich in ihm regte, wuchs und fragte, ebenso
natürlich und einfach, wie es kam, ausplaudern mußte.

Vielleicht lag in ihm auch, obwohl er sie nie in Worte kleiden konnte,
etwas wie eine Ahnung, daß er nicht her gehörte? Vielleicht band ihn
diese Ahnung, wenn auch unbewußt, noch stärker an sie, die unter ihrem
Lebensglück lange dasselbe Gefühl verborgen hatte? Wer kann darauf
antworten? Oder wer kann es versuchen, zu antworten? Niemand. Nur das
Schweigen schwebt über blühenden Grabhügeln.

Aber gewiß ist, daß der kleine Sven eines Tages ein Bild an der Wand von
Mamas Zimmer entdeckt hatte, und als er es eine Weile angesehen hatte,
nahm er es herunter und betrachtete es schweigend, als begegnete er
etwas ganz Neuem, vor dem sein Verstand ganz still stand.

Es war kein Bild nach dem jetzigen Geschmack. Es liegt wenig Kunst
darin, und es erzählt eine Geschichte. Es giebt eine Sage, die der
Todeszug heißt. Ueber eine weite Haide geht der Tod. Er ist in einen
weißen Mantel gehüllt, der das Gerippe verbirgt, aber den Todtenschädel
frei läßt. Ihm folgt ein langer Zug von Jungen und Alten ohne jeglichen
Unterschied, und der Zug ist so lang, daß er in der Unendlichkeit zu
verschwimmen scheint, und Niemand kann seinen Schluß sehen. In der Hand
hält der Tod eine Glocke, und man sieht, daß sie eben erklungen ist. Man
sieht es, denn am Wege sitzt ein vom Alter gebrochenes Weib und streckt
flehend seine Hände nach dem Unerbittlichen aus, der, ohne sie
anzusehen, an ihr vorüberschreitet. Aber ganz nahe hinter dem Tode steht
ein junges Paar, das sich liebt. In dem Ohr des jungen Mannes ist die
Glocke des Todes erklungen, und die Liebesarme der Verzweiflung können
ihn nicht zurückhalten. Der Zug des Todes geht weiter, und wenn die
Stelle kommt, die für ihn im Zuge offen steht, muß er mitschreiten, und
sein Platz auf Erden wird leer stehen, und keine Sehnsucht kann ihn
zurückrufen. Aber da wo der Zug zu enden scheint, schimmert es wie ein
Licht der Morgenröte.

So ist das Bild, und Mama hatte es auf die Schäre unter anderen Bildern
und Photographieen mitgenommen, mit denen sie unser neues Sommerheim
schmückte, und auf eine Photographie dieses Bildes blickte Sven einmal
unverwandt, als er Mama fragte:

»Was ist das?«

Und Mama erzählte die Sage von dem grausamen Tod, der kommt und den
mitnimmt, der jung ist, und den Alten, der bettelt, mitkommen zu dürfen,
zurückläßt. Sven hängte das Bild wieder an seinen Platz.

Aber am nächsten Morgen nahm er es abermals herab, und als er es eine
Weile angesehen hatte, mußte Mama die ganze Geschichte zum zweiten Male
erzählen.

Wieder saß Sven da und hörte zu, und wieder wurden seine großen Augen
ernst und verwundert.

»Glaubst Du, Mama, daß der junge Bräutigam sehr betrübt ist, weil er
sterben muß?« sagte Sven.

»Ja,« antwortete Mama, »aber sie, die seine Braut ist, ist noch
betrübter.«

»Aber er wird vielleicht ein Engel,« sagte Sven, »und bekommt weiße
Flügel auf den Schultern.«

»Das wird er wohl,« sagte Mama.

Aber Sven seufzte und war doch noch nicht zufrieden.

»Warum kann die alte Frau nicht mit ihm gehen, wenn sie doch so gerne
will?« sagte er.

»Das weiß Niemand, Sven,« sagte Mama, »das weiß nur Gott.«

»Weiß er es denn?«

»Ja, er weiß es.«

Sven ging wieder hinaus in die Sonne auf die Klippen. Aber seither wurde
diese Geschichte seine liebste, und beinahe jeden Morgen, wenn Mama da
saß und sich frisierte, kam Sven herein, nahm das wunderliche Bild
herunter und bat Mama zu erzählen.

Aber noch etwas war Sven passiert, und das hatte sich im Winter begeben.
Da war er ins Theater mitgenommen worden und hatte ein Stück gesehen,
das am Sonntag Vormittag gespielt wurde, wo Sven auf sein konnte und
nicht nach Hause gebracht werden mußte, um sich schlafen zu legen.
Strindbergs »Glückspeter« wurde gegeben, und Sven verstand wohl nicht
viel von dem Stücke, aber er unterhielt sich in seiner Weise. Er
unterhielt sich so gut, daß er alle ansteckte, die rings um ihn saßen
...

Aber dann kam die Scene, wo der Tod sich dem Glückspeter zeigt, und da
wurde Sven stumm. Niemand hatte daran gedacht, daß diese Scene vorkam,
oder daß sie überhaupt einen solchen Eindruck machen konnte. Aber alles,
was dann folgte, beachtete Sven gar nicht mehr. Und wenn ihn später
Jemand fragte, was er im Theater gesehen, antwortete er nur:

»Ich habe den Tod gesehen. Das war ein großes, langes Knochengerippe und
konnte sprechen. Und er hielt eine Sichel in der Hand.«

Diese Erinnerung brachte nun Sven mit dem Bilde vom Zuge des Todes
zusammen. Das Einzige, womit der Knabe sich nicht aussöhnen konnte, war,
daß, als er den Tod sah, er eine Sichel hatte, aber auf dem Bilde
läutete er mit einer Glocke. Sonst war es, als sei die Erinnerung aus
dem Theater, das Bild an der Wand und Mamas Sage für das Kind zu Einem
verschmolzen.

Unaufhörlich pflegte Sven davon zu sprechen. Dieses Bild hatte sich in
seiner Phantasie mit einer Intensität festgesetzt, die nichts verwischen
konnte. Und er erzählte Jedem, der es hören wollte, wie der Tod auf den
Glückspeter zukam und drohte ihn mitzunehmen, aber wie er wieder gehen
mußte, weil der Glückspeter ihn so schön bat. Er erzählte so davon, daß
er selbst bei der bloßen Erinnerung schauerte, und wenn der Tod sich ihm
in leibhaftiger Gestalt offenbart hätte, so würde er nicht stärker haben
ergriffen sein können.

Aber seine Freunde auf der Schäre fanden es wunderlich, daß ein so
kleines Kind von etwas derartigem sprechen konnte. Sie machten sich nie
über ihn lustig, sondern das, was er erzählte, bestärkte sie bloß in dem
Gefühl von etwas wunderlich Zartem und Feinem, das sie gerne in die Arme
nahmen und über die Berge trugen.

Und Sven ließ sich durch diese Sagen in seinem Glück nicht stören. Er
war so vertraut mit ihnen, daß sie ihm nur zu folgen schienen, wie der
Schatten dem Sonnenschein folgt. Und er schuf sich seine eigene Welt
draußen auf der Schäre. Wenn die Brandung hoch ging und der Sturm
brüllte, dann stand er am Fenster und blickte hinaus über das tosende
Meer, und er konnte stundenlang so stehen, ohne daß er im stande war
sich loszureißen. Wenn der Himmel blau war und der Wind kühl und still
über die Insel wehte, dann ging er allein zum Strande hinab, fing
Seesterne und lernte mit Booten spielen.

Aber sein liebster Aufenthalt war der Lootsenausguck, wo Mama mit ihrer
Arbeit saß, und da bat er sie alles zu erzählen, was sie vom Meere
wußte. Er war überglücklich, wenn er barfuß über die Klippen lief, und
er zog seine kleinen Höschen hinauf, und kletterte auf seinen feinen
Füßen so vorsichtig wie eine kleine Prinzessin. Aber wenn man weit gehen
sollte, da bat er, daß man ihn trage. Und da Niemand Sven das abschlagen
konnte, worum er bat, fand sich immer Jemand, der ihn auf die Arme oder
auf die Schultern nahm. Dann sah er sich stolz um und lächelte in dem
Gefühl seiner Macht und der Seligkeit, daß Alle ihn liebten.

Aber wenn Mama mit Papa allein blieb, sagte dieser öfter als einmal:

»Er ist ja so frisch und munter, wie er nie gewesen ist. Warum spricht
er dann immer vom Tode?«

Und sie antwortete:

»_Ich_ lehre es ihn nicht. Seine Gedanken kommen und gehen, wie sie
wollen. -- -- Siehst Du?«

Sie wies hinunter auf den Strand. Da saß Sven allein und sah ungemein
glücklich und froh aus. Er hielt eine Schnur in der Hand, und an der
Schnur war ein Stück Holz befestigt, das wie ein Boot aussah. Das zog er
auf den Strand, belud es mit Steinchen und schob es wieder hinaus.

»Hörst Du nicht?« sagte Elsa.

Und um besser zu hören, gingen wir sachte näher, ohne daß der Knabe uns
sah.

Er saß ganz stille, ließ das Holzstück auf den Wellen auf- und
niedergleiten, und mit schwacher, glockenreiner Stimme sang er für sich
selbst. Es war ein Seemannslied, das er von den Kindern auf der Insel
gelernt hatte.

   Sing fallerala, sing fallerala la,
   Und tief im Meere sein Grab er sah.

Da erblickte er uns, verstummte und erklärte, daß er nicht singen wolle,
wenn Papa zuhörte.


                                  10.

Ich merke, daß ich in diesem Buch fast nur von unseren Sommern erzähle.
Das kommt ganz einfach daher, daß wir im Sommer am stärksten das Gefühl
hatten, zu leben. Im Winter wohnten wir ja entweder in der Hauptstadt
oder so nahe derselben, daß wir zu jeder Zeit hinkommen konnten. Da ging
es uns wie den meisten Anderen. Das Hauptstadtleben ergriff uns,
schleuderte uns in seinen Wirbel und bemaß die Zeit sehr karg, in der
wir alle mit einander leben und uns Eins fühlen konnten. Dahin waren
meine und meiner Frau lange vertrauliche Gespräche zu Zweien, dahin das
muntere Zusammenleben mit den Kindern. Nicht einmal das Weihnachtsfest,
ja das am allerwenigsten, war frei von dem Gefühl überanstrengenden
Hastens, das Müdigkeit, Ueberdruß und Mißstimmung zurückläßt. Darum
erwarteten wir den Sommer beinahe wie eine Befreiung von etwas Bösem,
und wenn wir die Hauptstadt verließen, war es immer, als zögen wir
unserer eigenen Erneuerung und der unseres Zusammenlebens entgegen.

Von unserem letzten Sommer will ich jetzt erzählen, dem letzten, in dem
wir wirklich das Gefühl hatten, zu leben, dem Sommer, der so ganz anders
wurde, als wir gehofft und gedacht hatten.

Wir hatten diesmal einen ganz anderen Ort gewählt, als die Schären der
Westküste, und wir hatten dies gethan, damit meine Frau sich mit all dem
umgeben konnte, was sie im vorhergehenden Sommer vermißt hatte. Denn wie
sehr das Meer sie auch ergriffen hatte, barg sie doch in tiefster Seele
eine Art Abgeneigtheit gegen die See, die in einsamer Majestät herrschen
will und keine hohen Bäume und blühenden Matten in ihrer unmittelbaren
Nähe duldet. Im Innersten sehnte sie sich immer nach belaubten Hainen
und üppigen Blumen, und der Sieg, den ich in meinem Kampf fürs Meer
errungen, war also nur halb. Darum kamen wir überein, für die Zukunft
abwechselnd den Ort unseres Sommeraufenthalts zu bestimmen. Und diesen
Sommer wollten wir überdies mit Anderen theilen, das wiederbeleben, was
einmal unsere Herzen erfüllt, als all unser Glück sich im Kreise von
lauter Freunden wiederspiegelte, die in unserem Hause so kamen und
gingen wie in ihren eigenen.

Um den Kontrast zu dem Sommer auf der Schäre so stark als möglich zu
machen, wählten wir »Lidingön«, und in dem oberen Stockwerk eines halb
verfallenen Herrenhofs schlugen wir unser Sommerheim auf.

Es war eine Wohnung mit vielen großen Zimmern, eine Wohnung mit schrägen
Fenstern, fleckigen Tapeten und altväterischen großen Veranden, einer
langen und schmalen, die nach dem Hof ging, und einer kleineren, von der
aus man über den Garten sah, mit seinen ungeharkten Wegen und den
wildwuchernden Beerensträuchern, über die Eichen weit hinaus nach der
Landzunge und der ganzen stillen, hellen Bucht sah, die in Grün gebettet
dalag und einem ruhigen Binnensee glich. Die Veranden waren zu beiden
Seiten des Hauses ganz und gar von wildem Wein überwachsen, und auf der
Veranda nach dem Meere war die eine Seite mit Kaprifolium bedeckt. Das
Ganze machte den Eindruck eines Hauses, das im begriffe ist,
überwuchert, überwachsen zu werden, zu verschwinden, um wieder eins mit
der Natur zu werden. Wenn man auf der kleineren Veranda saß und träumend
über den Garten blickte, auf die Eichen und die ruhige Bucht, mußte man
daran denken, daß alles, was hier gepflügt oder gebaut war, einmal
verschwinden und daß der Tag kommen würde, wo neue Menschen das in der
Erde verborgen fanden, was der Freude und Sorge längst vergessener
Menschen eine Heimstatt gegeben hatte und Nahrung ihren Körpern.
Wehmütig ohne jede Düsterkeit schlich sich dieses Gefühl über den, der
da saß und die Stimmung dieses kleinen Flecks in sich aufnahm, und es
wurde ihm zu Mute, als hätte alles irdische Glück darin bestanden, hier
zu leben, bis das Haus fiel und das Unkraut alles verdrängte, und dann
einschlummern zu dürfen, mit dem Gebäude, das in Ruinen zerfiel, und den
alten Bäumen, die morsch und abgelebt zusammensanken, und eins zu werden
mit der unfruchtbaren Erde selbst, die es auch müde geworden zu sein
schien, das zu tragen, was bestimmt war, ihren Bebauern Leben zu geben.

Hier wuchsen die Syringen dicht, der Goldregen hing prächtig und schwer
über ungepflegte Beete und Rabatten, wo die Mohnblumen sich überreif zur
Erde neigten und die Rosensträucher sich drängten. Hier war alles, was
meine Frau an Stimmung und Natur liebte. Hier war etwas von einer
sterbenden melancholischen Ueppigkeit, die mit ihrem ganzen Seelenleben
übereinstimmte. Hier ging sie umher, als wäre sie vom ersten Augenblick
an daheim. Hier vergaßen wir, daß das Leben und die Menschen uns schwere
Wunden geschlagen und daß wir selbst uns gewehrt und zurückgeschlagen
hatten. Hier vergaßen wir den Zwang des Winters und seine enervierenden
Vergnügungen. Und auf der anderen Seite der Bucht hatten wir Freunde,
zwischen deren Brücke und der unseren die Boote häufig hin- und
hergingen.

Aber die ganze Umgebung lastete schwer auf mir, und ich hatte das
Gefühl, als hinderte sie mich am Arbeiten. Sie versetzte mich in eine
Stimmung, die verschieden von allem war, was ich je erfahren. Aber die
Zeit verging, und mit ihr kam die Ruhe. Mit einer Stärke wie nie zuvor
kam der Genius der Arbeit über mich, und ich wurde von nichts anderem
gestört als von Sven.

Denn er war der Einzige, den wir nie lehren konnten, daß Papa in Frieden
gelassen werden müßte, wenn er arbeitete. Er öffnete die Thüre so
sachte, als wollte er zeigen, wie wichtig es war, daß Stille herrschte.
Sah ich ihn dann an, so legte er den Finger auf den Mund und sagte »Pst«
mit einer so machtbewußten und gleichzeitig unschuldigen Miene, daß ich
unwillkürlich die Feder weglegen mußte. Sah ich hingegen nicht auf, dann
ging er sachte zum Schreibtisch hin und stellte sich neben mich. Er
konnte da geduldig die längste Zeit stehen; und wenn ich stark blieb und
that, als ahnte ich seine Nähe nicht, dann konnte er wieder seiner Wege
gehen, ebenso still, wie er gekommen war. Das geschah jedoch nicht oft,
und wenn ich den Kopf nur ein klein wenig drehte, sah ich sogleich die
blauen, erwartungsvollen Augen, die die meinen suchten. Und dann war ich
verloren.

»Was willst Du eigentlich, Sven?« sagte ich.

Und ich meinte, daß ich streng aussehen sollte, wußte aber, daß ich es
nicht konnte.

Dann war es eine Blume oder ein Stein oder irgend eine andere
Seltenheit, mit der er kam. Und ich ergab mich auf Gnade und Ungnade.
Ich schob Papier und Feder weg und ließ Sven mich stören, so viel er
wollte. Und darüber freue ich mich jetzt.


                                  11.

Hier draußen sang der kleine Sven, wie er es den ganzen Winter gethan,
und gewiß hatte Elsa hauptsächlich um seinetwillen darauf bestanden, daß
unser Klavier einmal mit hinaus in die Schären kam.

Denn seit Mama entdeckt hatte, daß Sven singen konnte, war es doch nur
ganz natürlich, daß sie anfing, seine Anlagen auszubilden, und daß sie
stolz auf seine Stimme war wie auf alles, was er sagte, that und
vornahm. Sie schaffte ihm kleine Liederbücher an und lernte die Worte
mit ihm auswendig. Denn Sven war erst fünfeinhalb Jahre alt und zu
klein, um lesen zu können. Auch hatte seine Mama heilig und teuer
gelobt, daß es lange dauern würde, bevor er sich mit etwas so
Schrecklichem plagen müßte. Aber singen, das konnte er, und er konnte
viele Lieder. Sehr selten entschlüpfte ihm ein falscher Ton, und war das
einmal der Fall, so sah er ganz verdrießlich aus und begann wieder ganz
von vorne.

Er hatte auch nie Angst zu singen, wenn Fremde zuhörten. So viele, als
wollten, durften kommen. Sven sang und lachte, und die großen, blauen
Augen leuchteten. Warum sollte er Angst haben, zu singen, wenn er es
selbst so lustig fand, und er im übrigen so schön sang? Das hatte Mama
gesagt, und wenn sie es fand, mußten ja alle dasselbe finden.

Von allen schönen Liedern, die Sven konnte, war doch keines niedlicher
anzuhören als dieses:

   Bäh, bäh, weißes Lamm, hast Du denn auch Woll?
   Ja, ja, kleiner Mann, hab die Taschen voll.
   Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen
   Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.

Der Schluß dieses Liedes war Svens Glanznummer. Denn so wie er zu dem
letzten Vers kam, ging es über Stock und Stein, so rasch, so rasch, als
wollte er das Schlußwort aufessen und für sich selbst behalten. »Das
kleine, kleine Brüderchen« eilte lange vor der Klavierbegleitung daher,
und das kam nur daher, daß er die zwei paar Strümpfe für eigene Rechnung
nahm und den ganzen Vers als eine Anspielung. Warum sollte auch nicht
das ganze Lied eigens für ihn geschrieben sein, wenn er es singen konnte
und sich so darüber freute?

Dieses Lied durfte kein Anderer als Sven singen, und es konnte es auch
Niemand so wie er, der das kleine Brüderchen im Leben war, das kleine
Brüderchen im Tode, der niemals etwas Anderes wurde und immer unter
diesem Namen leben wird.

                   *       *       *       *       *

Die Fenster im Speisesaal stehen offen, der Duft des Flieders strömt mit
der Abendluft herein, die Sonne ist im Untergehen, und auf der Wand über
dem geöffneten Klavier beben ihre Strahlen. Am Klavier sitzt seine Mama
in weißem Sommerkleid, rings herum stehen wir Anderen, und mitten unter
uns singt der kleine Sven.

   Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen
   Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.

Es ist Johannisabend, und Sven ist glücklich. Denn er hat Mamas
Versprechen, daß er sich an diesem Abend nicht früher niederzulegen
braucht, als bis er selbst will. Das will er natürlich nie, und mit
Mamas Hand in der seinen geht er mit den Brüdern und den Großen über die
Gartenwege, bis ihm die Augen zufallen und er schlafend in sein Bett
getragen wird, nichts von seinem Unglück ahnend, nicht länger wach sein
zu dürfen.

Da schläft er mit seinem Freund auf dem Arm, dem weißen kleinen Hund aus
Holz, der Wolle hat wie ein Lämmchen und Augen aus schwarzen
Stecknadelknöpfen und den Sven »Flocki« getauft hat. Flocki ist ein
friedlicher Schlafkamerad. Er stört Niemanden.

Draußen in den Kronen der Bäume ertönt das erste schwache
Vogelgezwitscher, das die Morgenröte kündet.


                                  12.

Ich glaube nicht, daß Sven je ein so wunderbares Zusammenleben mit
seiner Mutter gelebt hat, wie in diesem Sommer, oder vielleicht ist es
auch möglich, daß ich nie Gelegenheit hatte, es so gründlich zu
verfolgen. Möglicherweise trug hierzu der Umstand bei, daß wir in diesem
Sommer zum ersten Mal die Gesellschaft unseres großen Jungen entbehrten.
Olof hatte nämlich nach dem Norden reisen müssen, um Waldluft zu atmen
und sich daran zu gewöhnen, allein vom Hause fort zu sein. Und die Folge
davon wurde natürlich die, daß die Zurückbleibenden sich noch inniger
als gewöhnlich an einander schlossen. So viel ist gewiß, daß ich in
diesem Sommer unbewußt anfing Sven mit denselben Augen anzusehen wie
seine Mutter, und daß mir nie so wie damals die Augen darüber aufgingen,
wie verschieden er von allen Kindern war, die ich je gesehen, obgleich
nichts bei ihm anders war, als was man kindlich nennt.

An einen Morgen erinnere ich mich, daß er mich, als ich spazieren ging,
dadurch überraschte, daß er ganz allein auf der Wiese saß mit einem
Strauß Glockenblumen und Ranunkeln in der Hand. Ich fragte ihn, ob er
mit mir in den Park gehen wollte. Das war ein Anerbieten, das er immer
mit Entzücken aufzunehmen pflegte, und es erregte daher mein Erstaunen,
daß er sich diesmal energisch weigerte.

»Willst Du nicht mit Papa kommen, Sven?«

Ich fühlte mich beinahe verletzt und dachte, es wäre eine Laune.

Sven schüttelte nur den Kopf und blieb stille sitzen.

»Aber warum denn?«

»Ja, ich sitze hier und warte auf Mama,« sagte das kleine Brüderchen mit
großer Bestimmtheit.

»Aber Du weißt doch, daß Mama erst viel später herauskommt. Mama ist
nicht so gesund wie früher, und sie muß morgens lange liegen, weil sie
in der Nacht nicht schläft.«

So verhielt es sich auch, und wenn uns das nicht hinderte, unser
Sommerglück zu genießen, so kam es nur daher, daß wir uns im Laufe der
Jahre so sehr daran gewöhnt hatten, daß die Kränklichkeit meiner Frau
zeitweise wiederkommen mußte, daß dieser Umstand uns nur ganz natürlich
und alltäglich schien.

Sven ließ sich jedoch durch keine Vernunftgründe beeinflussen, sondern
blieb eigensinnig sitzen.

»Ich _weiß_, daß sie _heute_ kommt,« sagte er.

Ich lächelte über seine Sicherheit und ging weiter, während ich weniger
an seine Voraussage als an diese allumfassende Liebe eines Kindes
dachte, die weit über seine Jahre hinausging und die den Knaben
veranlaßte, unthätig mit ein paar Blumen in der Hand dazusitzen, nur um
es nicht zu versäumen, die Mutter im selben Augenblick, in dem sie sich
zeigte, zu begrüßen.

Aber während ich so weiter ging, wendete ich mich plötzlich um, und da
sah ich den weißen Hut und das leichte, geblümte Kleid meiner Frau
zwischen den Jasminbüschen auftauchen. In demselben Augenblick hörte ich
einen gellenden Schrei von Sven.

Lächelnd ging ich zurück und sah den Knaben in einem Paroxysmus der
Zärtlichkeit an dem Halse seiner Mutter hängen. Ich rief sie an, aber
das kleine Brüderchen ließ nicht locker. Er klammerte sich an Mama an,
und schon aus der Ferne rief er mit einem Gemisch von Verdrießlichkeit
über mein Mißtrauen und Triumph darüber, daß er Recht behalten hatte:

»Siehst Du, daß sie gekommen ist! Siehst Du, daß ich es wußte!«

»Du bist wohl drinnen gewesen und hast geguckt,« sagte ich.

Nichts kann die Verachtung aller rationalistischen Auslegungen dessen,
was er fühlte und wußte, beschreiben, mit der Sven antwortete:

-- »Nein, das habe ich gewiß nicht. Hab ich es, Mama?«

Und Mama tröstete ihn damit, daß er gewiß nicht geguckt habe. Aber zu
mir sagte sie:

»Du kannst nicht glauben, wie oft das schon geschehen ist. Es ist, als
fühlte er mich in der Luft, bevor ich komme. Kinder können ja so etwas
nicht erfinden.«


                                  13.

Sven war jedoch überhaupt in diesem Sommer nicht derselbe. Ohne irgend
einen äußeren Anlaß konnte er plötzlich erklären, daß er müde sei, und
dann wollte er nur im Grase liegen mit dem Kopf in Mamas Schoß. Oder er
kam auch zu Papa und bat ihn, ihn zu tragen. Dann nahm Papa ihn auf die
Schultern und trug ihn hinaus in Wald und Feld, und nie ist sein Blick
dankbarer gewesen oder sein kleines, weiches Händchen zärtlicher.

Dann klagte er über Kopfschmerzen und bekam Antipyrin, und dann wollte
er des Morgens nicht aufstehen und sagte, er sei so müde. Aber da der
Kleine im übrigen ganz gesund schien, hob Papa ihn aus dem Bette und
erklärte, er solle sich ankleiden und zusehen, daß er hinaus in die
frische Luft komme. Da stand Sven auf und versuchte, so lange Papa
drinnen war, so gut er konnte, die mühsame Arbeit, die Strümpfe
anzuziehen. Aber sowie Papa zu der Thür hinaus war, schlich er zu Mamas
Bett und bat, zu ihr hineinkriechen zu dürfen.

Natürlich konnte Mama einer solchen Bitte nicht widerstehen. Und nie war
Sven glücklicher. Da lag er mit dem Kopfe in Mamas Arm, schloß wieder
die Augen und war still und ruhig, bis die Kräfte anfingen,
zurückzukehren. Dann stand er wieder auf, aber bevor er es that, sah er
Mama mit seinen merkwürdigen Augen an:

»Erzähle es Papa nicht!«

»Ja, aber warum denn?« sagte Mama.

»Ja, weißt Du, sonst wird Papa sehr böse.«

All das erschien Mama so wunderlich, daß sie Sven alles Mögliche
versprochen hätte; und folglich versprach sie auch dies. Und Sven ging
hinaus und war ruhig und zufrieden, weil Mama seinen Ungehorsam nicht
verriet und weil er und Mama zusammenhielten.

Aber wenn Mama fortreisen sollte oder nur ohne ihn ausgehen, da war er
verzweifelt. Sein Schmerz kannte keine Grenzen, und sein Weinen war so
herzzerreißend, daß man nichts Anderes thun konnte, als ihm mit allen
Trostgründen zusprechen, die Einem zu Gebote standen. Ja, der Anblick
seines leidenschaftlichen Schmerzes war so qualvoll, daß man ihn lange
nicht vergessen konnte, und eines Vormittags sprachen wir davon. Ich
hatte gerade meine Frau überredet, mich auf einem Ausflug in die Stadt
zu begleiten, um dort mit ein paar Freunden zu Mittag zu essen und, wie
man sagt, ein bißchen herauszukommen. Und ich hatte das gethan, gerade
weil ich fand, daß sie sich von Sven ausruhen sollte.

Es gelang uns schließlich auch, den Eindruck zu vergessen, den uns die
Thränen des Kleinen gemacht hatten, und wir brachten einen angenehmen
Tag zu, wie immer in der Stadt, wenn wir wußten, daß wir nicht dort zu
bleiben brauchten. Die Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als meine
Frau mich im Flüstertone fragte, ob es mir sehr unangenehm wäre, wenn
sie mit einem früheren Boot wegführe. Es war recht selten, daß wir einen
Ausflug machten, um uns zu unterhalten, und der Vorschlag war nicht
gerade nach meinem Geschmack. Ich stellte daher Elsa vor, daß wir gesagt
hatten, wir würden erst mit dem letzten Boote kommen, und daß uns daher
Niemand erwartete. Mit einem Worte -- ich erhob alle die Einwände, die
mir einfielen. Und zuletzt versuchte ich es mit einem Hauptargument:

»Sven hat sich ja schon niedergelegt, wenn Du kommst.«

»Das ist es nicht,« war die Antwort. »Ich möchte nur gerne nach Hause.«

Sie sah mich bittend an, und natürlich war die Folge die, daß sie
wegfuhr.

Inzwischen ging Sven Nachmittag zuhause umher und spielte. Aber als die
Zeit herankam, zu der er sich niederzulegen pflegte, verschwand er
spurlos. Unsere Dienstmädchen gehörten nicht zu Jenen, die sich viel
Kopfzerbrechens machen; und als sie ihn ein paar Mal gerufen hatten,
ohne eine Antwort zu bekommen, gaben sie sich damit zufrieden, daß er
sich schon zeigen würde, wenn die Dunkelheit einbreche, und daß die
Herrschaft ja auf jeden Fall erst spät zurückkomme. Sven konnte also
seiner Wege gehen, und gegen acht Uhr setzte er sich ganz allein auf die
Dampfschiffbrücke. Er wußte nicht so genau, wann das Dampfschiff kam,
und darum mußte er auch lange dort sitzen. Aber er wartete geduldig und
still, und schon weit draußen in der Bucht, während das Boot zwischen
den vielen Brücken hin und her lavierte, erblickte ihn seine Mama. Er
saß da ganz klein und zusammengekauert, und sein kleiner grüner
Krockethut leuchtete gegen das blaue Wasser.

Alles kam ihr so wunderlich vor, beinahe als hätte sie es vorher gewußt,
daß er da sitzen würde, und ihre Augen ließen die ganze Zeit die kleine
Gestalt nicht los, die auf der Bank der Brücke saß, mit gesenktem Kopf
und gebeugtem Rücken, als grübelte er. Aber als das Boot anlegte und
Mama sich anschickte ans Land zu steigen, da stand der kleine Sven in
der höchsten Spannung aufrecht auf der Brücke, und seine Augen suchten
und suchten, als stünde das ganze Leben auf dem Spiel. Und als Mama ihm
entgegen kam, da war es schwer zu sagen, wer glücklicher war, er, der
nicht vergeblich gewartet, oder sie, die das Kind ihrer harrend
gefunden.

»Aber wie konntest Du da sitzen, Sven,« sagte Mama mitten in ihrer
Freude. »Mama sollte doch erst spät nachts kommen.«

»Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest,« sagte Sven.

Seine Stimme und seine Augen waren voll Verwunderung, daß Mama sich eine
so einfache Sache nicht vorstellen konnte.

»Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest, und darum saß ich da und
wartete.«

Und auf Mamas Frage, ob er lange gesessen habe, antwortete er:

»Ja, natürlich, sonst hätte Hanna mich erwischt. Und dann hätte ich mich
niederlegen müssen.«

Mama antwortete nichts darauf. Es wäre ihr nicht möglich gewesen ihm
vorzuhalten, daß er eigentlich ungehorsam gewesen sei. Seine unschuldige
Liebe, die die Ursache dazu war, schützte ihn gegen jeden Vorwurf, und
Sven wußte das sehr wohl. Er blickte von der Seite zu Mama auf und
lächelte:

»Ich habe Hanna zum Besten gehalten. Ich bin hinter den Busch gekrochen,
so daß sie mich nicht sehen konnte.«

»Nein, das hast Du gethan?« sagte Mama.

Sie und Sven gingen zusammen hinauf, zufrieden wie zwei Mitschuldige,
deren Streich geglückt ist, und die Folge war natürlich die, daß Mama an
diesem Abend ihren Jungen selbst niederlegte. Das that sie übrigens oft,
obgleich er bald sechs Jahre wurde und bei ernsthafteren Anlässen der
große Junge genannt wurde.

Wie langsam es ging, wenn sie ihm ins Bett half! Wie leicht und weich
nahm sie nicht seine Kleidungsstücke ab, wie vorsichtig wusch sie nicht
seine zarten Glieder, wie sachte wurde er nicht abgetrocknet, und wenn
dann das lange Nachthemdchen übergestreift werden sollte, ging es wie
ein Spiel. Dann saß sie mit dem Kleinen im Schoße da und träumte von der
Zeit, als er noch ganz klein war und sie ihn selbst nährte. Und wenn er
endlich zu Bett gehen sollte, da wollte er nie sein Abendgebet sprechen.
Er hatte tausend Einfälle, nur um es zu verhindern, daß Mama von ihm
ginge. Aber wenn er es gesagt hatte, schlang er die Arme um sie und
flüsterte:

»Es ist so schön, wenn Du mir hilfst. Denn Du faßt mich nie hart an.«
Elsa beugte sich noch tiefer über sein Bett und flüsterte zurück:

»Ich werde Dir immer helfen. Kein Anderer darf es thun. Bis Du Dir
selbst helfen kannst.«

Sie war reich dafür belohnt, daß sie ein Vergnügen unterbrochen und nach
Hause gefahren war, und als ich mit dem letzten Boote nachkam, lag sie
wach, um mir alles zu erzählen, was Sven gesagt hatte.

Nach einem fröhlichen Tag mit Kameraden wirkten diese kleinen rührenden
Züge des Knaben noch mehr auf mich, als sie es sicherlich sonst gethan
hätten.

»Weißt Du, daß ein großer und guter Mann mir gegenüber einmal dieselben
Worte gebraucht hat, als er von dem ersten Eindruck erzählte, als seine
Mutter gestorben war?« sagte ich. »Auch er war damals zwischen fünf und
sechs Jahren, und es handelte sich um dieselbe Sache -- das Hemd zu
wechseln. Er gebrauchte ganz dieselben Worte: >Ich fühlte das erste Mal,
daß Jemand mich hart anfaßte.<«

Ich stand neben Svens kleinem Bett und sah ihn lange an. Seine Schläfen
hatten etwas Eingesunkenes bekommen. Aber er schlief tief und gut, und
ich beugte mich hinab und küßte ihn auf die Stirne.

Wir versuchten von etwas Anderem zu sprechen, aber ich war so von dem
Gedanken an das Kind erfüllt, daß ich keinen Sinn für etwas Anderes
hatte.

»Hast Du nie an etwas gedacht?« sagte ich. »Olof kann ich mir als einen
großen Menschen denken als ganz erwachsen. Und Svante auch! Sie sind ja
so verschieden. Aber ich kann sie mir doch Beide so denken. Aber Sven?
Kannst Du ihn Dir groß denken? Was willst Du mit ihm in der Welt
anfangen? Wohin glaubst Du, daß er passen würde, außer zu uns?«

Meine Frau lächelte mit einem schmerzlichen Zug, der nadelfeine Falten
um ihren Mund bildete.

»Daran habe ich oft gedacht,« sagte sie. Und ihren eigenen Gedankengang
weiterspinnend, fügte sie hinzu:

»Das ist vielleicht deshalb, weil ich ihn mehr als alles Andere auf der
ganzen Welt liebe. Mehr als die beiden anderen Knaben, mehr als Dich.
Ich habe oft daran gedacht, und ich weiß, wenn einer der großen Jungen
stürbe, ich würde nie aufhören, um sie zu trauern. Aber ich glaube, ich
könnte es tragen, Euch zuliebe, die ihr lebtet. Wenn Du stürbest -- ich
vermag es nicht zu denken. Aber wenn Sven stürbe, dann könnte ich auch
nicht leben. Ich habe oftmals daran gedacht, es Dir zu sagen. Denn ich
wollte, daß Du es wüßtest.«

Sie reichte mir ihre Hand, und ihre Augen suchten die meinen, als wollte
sie mich um Verzeihung bitten, daß sie glaubte, ohne mich leben zu
können. Und nachdem wir das Licht gelöscht hatten, lag ich lange wach
und wiederholte in Gedanken ihre Worte. Ich schlief in dem Glauben ein,
daß ich niemals erfahren würde, ob sie die Wahrheit gesprochen oder
nicht.


                                  14.

Sven wurde so krank, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Aber obgleich
wir sehr wohl wußten, daß es bedenklich genug war, blieb das Fieber doch
so schwach, daß wir an keine wirkliche Gefahr glaubten. Ich schrieb
unverdrossen weiter, und meine Frau saß am Krankenbett des Knaben, hielt
seine Hand in der ihren und erzählte ihm Märchen, wenn er zuhören
konnte.

Der Doktor sagte uns, daß die Krankheit zweifellos langwierig sein
würde, aber glaubte uns im übrigen die besten Aussichten geben zu
können, und da ich lange eine Reise geplant hatte, fuhr ich für ein paar
Tage fort, in der Hoffnung, wenn ich heimkäme, das Schlimmste vorüber zu
finden. Ich brachte also drei ganze Tage mit guten Freunden zu, und ich
freute mich, ohne in höherem Maße Unruhe zu empfinden, an Freundschaft
und schöner Natur. Aber als ich dann im Zuge saß und nach Stockholm
zurückkehren sollte und von dort nach meinem Heim, kam eine Angst über
mich, die ich nicht bezwingen konnte. Unmittelbar bevor ich fuhr, hatte
ich mit meiner Frau durchs Telephon gesprochen. Ich hatte aus der Ferne
ihre Stimme vor Freude beben gehört: Sven ging es besser! Er hatte im
Bett aufrecht gesessen und gelacht und geplaudert. Er hatte gegessen und
Mama gebeten, das »Vaterle« zu grüßen, was sein Specialkosenamen war,
wenn er sehr ausgelassen war. Alles deutete also auf das Beste, und doch
konnte ich meine Angst nicht los werden.

Als ich nach Stockholm kam, war es zehn Uhr Abends. Ich war gerade zu
der Minute gekommen, in der das letzte Boot zu mir nach Hause abging.
Ich begab mich daher direkt in das Hotel, in dem ich abzusteigen
pflegte. Es war dunkel, und der Regen fiel in Strömen. Hastig trat ich
ins Vestibule, mit jener Empfindung hoffnungsloser Fremdheit, die mich
immer überkommt, wenn ich zur Sommerszeit gezwungen bin, Stockholm zu
besuchen, und weiß, daß ich allein sein muß. Ich konnte noch nicht mein
Ersuchen um ein Zimmer vorbringen, als der Portier mir schon entgegenkam
und mich, indem er eine Nummer nannte, bat, dieselbe sogleich
telephonisch anzurufen.

Ich that es und bekam nur den Bescheid, daß der Doktor schon fort sei
und daß ich mir augenblicklich einen Wagen nehmen und nachfahren sollte.

Der Schlag, der mich so heftig und unvorbereitet traf, lähmte mich, und
die fieberhafte Thätigkeit, die ich entwickelte, erschien mir selbst
ganz automatisch. Ich bestellte einen Wagen, und im selben Augenblick,
in dem das geschehen war, dachte ich, daß ich essen sollte. »Sven ist
gestorben,« dachte ich. »Er lebt nicht mehr, wenn ich nach Hause komme.
Wenn ich komme, darf ich nicht hungrig und müde sein. Ich muß wachen
können und meine Frau trösten.« All das ging durch mein Hirn, während
ich dasaß und auf die Mietsdroschke wartete. Ich sah mich selbst wie
eine andere Person, sah, daß ich Fleisch auf meinen Teller legte, es
zerschnitt und zu essen versuchte. Die ganze Zeit dachte ich bloß an
Eines: an den Wagen, der nicht kam. Gott im Himmel! Der Wagen kam nicht,
und daheim lag mein Junge und starb, und ich konnte nicht zu ihm kommen.

Ich bezahlte und ging in die Vorhalle des Hotels, wo ich auf- und
abging, es war mir ganz unmöglich, still zu sitzen, unmöglich, einen
zusammenhängenden Gedanken zu denken.

»Mein Kind liegt im Sterben,« sagte ich zum Portier. »Darum bin ich so
nervös.«

Ich versuchte, ihm zuzulächeln, damit er begriffe, wie sehr ich selbst
einsah, daß mein Betragen sinnlos war. Aber ich fühlte selbst, daß das
Lächeln zu einer Grimasse wurde, und ich wartete auch nicht seine
Antwort ab. Ich fuhr nur fort, mit der Uhr in der Hand auf- und
abzugehen, als wollte ich der Zeit vorauseilen, und als der Wagen
endlich kam, war ich gewiß, daß alles vorüber sei. Ich begriff nicht,
warum ich dasaß oder warum ich hinaus in den strömenden Regen fahren
sollte, aber automatisch wie früher sagte ich zum Kutscher:

»Fahren Sie, so rasch nur ein Pferd laufen kann, mein kleiner Junge
liegt im Sterben. Sie sollen es nicht umsonst thun.«

Der Kutscher hatte uns schon oft gefahren.

»Ist das der kleine, liebe Junge, der so schön ist?« fragte er.

Diese einfachen Worte riefen mich wieder zur Wirklichkeit zurück, und
durch meine Brust wogte eine warme Welle der Dankbarkeit gegen den
jungen Menschen, der mich kutschierte.

»Ja,« sagte ich mit erstickter Stimme. »Ja, er ist es.«

Und ich setzte mich in den Wagen, mit dem Gefühl, daß ich einen Menschen
getroffen habe, der begriff, um was es sich handelte und der mir helfen
würde. Während wir über die Gassen eilten, sprach ich still mit mir
selbst und weinte vor Freude und Schmerz: »Er ist so schön und gut, daß
selbst ein Mann, der ihn nur in einen Wagen hat steigen sehen, sich
seiner erinnert und es mir sagt. Und er soll sterben? Es giebt ja
Millionen Kinder, die leben dürfen. Warum muß gerade meines sterben?«

Nie bin ich rascher gefahren, und nie ist mir ein Weg länger erschienen.
Ich sah im Dunkel die Funken um die Hufe der Pferde sprühen, ich fühlte,
wie der Regen nachließ, und sah die Landschaft wie ein dunkles
Schattenspiel an mir vorbeifliegen, und die ganze Zeit saß ich da und
sprach zu mir selbst unfaßbare Worte, von denen ich nicht verstand, wie
sie mir auf die Lippen kamen. Es war, als würde ich durch die Dunkelheit
gerade dem entgegengeführt, was für mich kommen mußte, und ich bat bloß
um Aufschub, bat, daß er noch lebte, wenn ich ankäme, sodaß er noch
einmal seine Arme um meinen Hals schlingen könnte und ich seine Stimme
hören dürfte.

Vorwärts ging es, vorwärts in rasender Eile. Der Wagen sprang von der
einen Seite des Weges auf die andere. Aber keinen Augenblick fiel es mir
ein, daß etwas zerbrechen könnte oder daß wir umwerfen würden. Das war
ein prächtiger Bursche, der Kutscher, der an meinen kleinen Jungen
dachte, der so schön und lieb war und der nicht sterben durfte.

»Es ist der Vater mit seinem Kind,« sagte ich laut zu mir selbst. Ohne
daß ich es wußte, saß ich da und recitierte Verse, und ein krampfhaftes
Schluchzen drängte sich durch meine Kehle, als wollte es mich ersticken,
und um Luft zu bekommen, beugte ich mich aus dem Wagenfenster und sah
die Landschaft an, in der ich jede Aussicht, jede Biegung des Weges
kannte. An den Steinen, über die der Wagen jetzt rüttelte, konnte ich
merken, daß wir in den Abkürzungsweg eingebogen waren, der zu meinem
Heim führte. Alle Sinne angespannt, sah ich hinaus ins Dunkel, ich sah
die Konturen einer Droschke, die auf dem Hofe hielt. Der Doktor ist noch
da! Der Doktor ist noch da! Dann hörte ich von der Veranda die Stimme
meiner Frau: »Er kommt. Gott sei Dank! Er ist da!« Und in ein paar
Augenblicken war ich die Stufen hinaufgeeilt und stand im Saal.

Ich stand da, und meine Gemütsbewegung war so ungeheuer, daß ich nichts
von dem, was ich sah, auffassen konnte. Ich hatte die Empfindung, daß
der Doktor dastünde, und ich fühlte, daß meine Frau mich eng umschlungen
hielt. Es war mir klar, daß sie froh war, ja überglücklich aussah, und
daß ich es auch sein sollte. Ich hörte etwas von einem Ohnmachtsanfall,
der jetzt vorüber war und, wie der Doktor hoffte, nichts zu bedeuten
hatte. Aber ich konnte nichts sagen und nichts denken. Das Glück kam so
unvorbereitet über mich, daß es mich nicht aus der furchtbaren Betäubung
wecken konnte, die mich noch in ihrer Gewalt hatte. Mechanisch nahm ich
meine Handschuhe und meinen Ueberrock ab, und noch stand ich da und
suchte gleichsam meine Augen an das Licht in dem erleuchteten Gemach zu
gewöhnen.

»Willst Du nicht zu ihm hineingehen? Willst Du ihn nicht sehen?« sagte
meine Frau. »Er ist wach.«

Und ihre Stimme klang beinahe vorwurfsvoll, als hätte ich sie nicht
verstanden.

»Ja, ja,« sagte ich.

Und ohne zu fassen, was jetzt geschah, ging ich hinein und sah Sven in
meinem Bett liegen und zu mir aufblicken.

»Erkennst Du Papa, Sven?«

»Ja,« sagte der Kleine mit erstaunter Stimme.

Er konnte nicht begreifen, daß die Großen alle so aufgeregt und unruhig
aussahen. Er streckte seine kleine Hand aus und streichelte mich, und
ich merkte, wie mager und dünn sie geworden war.

Während ich dastand und mich über den Knaben beugte, begriff ich, daß
alles Wirklichkeit war und daß mein Kind lebte. Ich hielt seine Hand an
meine Augen, und ich fühlte, wie die Last von meiner Brust fiel und der
Schleier von meinen Augen glitt.


                                  15.

Wie wundersam, voll Hoffnung, Unruhe, Verzweiflung und Befürchtungen war
nicht die Zeit, die nun folgte! Der Doktor hatte uns eine lange
Kränklichkeitsperiode prophezeit, wir bereiteten uns daher, in Geduld zu
warten, und wir versuchten auch, diese Tugend zu üben. In zwei langen
Wochen, die nun folgten, fügte sich Svens Krankheit in die täglichen
Gewohnheiten unseres Alltagslebens ein, so wie die Krankheit es immer
thut, wenn sie für länger in einem Hause einkehrt. Ich schrieb darum
jeden Vormittag, ohne mich stören zu lassen, an meinem Buch, und meine
Frau ging jeden Tag zwischen ihm und mir hin und her, saß in Svens
Zimmer, der ruhig wurde, wenn er ihre Nähe fühlte, und schlich sich
hinaus, wenn er schlief, um frische Luft zu schöpfen und mir von all den
guten Zeichen zu erzählen, die ihr aufmerksames Auge stets zu entdecken
glaubte. Svante ging einsam und stumm umher und fuhr über die Bucht und
erzählte seinen Freundinnen, den kleinen Mädchen, daß das kleine
Brüderchen schwer krank lag und daß daheim alles so still geworden war.

Wir hatten eine Pflegerin nehmen müssen, damit meine Frau sich nachts
ausruhen konnte. Das geschah nicht ohne vieles Sträuben von Elsas Seite.
Denn sie war so eifersüchtig auf den Kleinen, daß sie niemand Anderen
duldete, den er um Hilfe bat oder der ihm solche angedeihen ließ. Und
erst als sie merkte, daß die Kräfte sie verließen, gab sie mit Thränen
in den Augen ihre Einwilligung und fügte sich in das Unvermeidliche.

Ein paar Stunden, nachdem die Pflegerin eingetroffen war, kam jedoch
meine Frau zu mir und erzählte mit strahlenden Augen, daß Sven großes
Gefallen an seiner neuen Freundin gefunden.

»Von Dir lasse ich mir gerne helfen. Denn Du bist lieb,« hatte er
gesagt.

Und damit schloß er seine Augen und lag stille, wie er zu liegen
pflegte, mit der Eisblase auf seinem Kopfe, der immer schmerzte, die
kleinen mageren Hände auf der Decke.

Eines Tages wurden wir plötzlich durch Leierkastenmusik draußen auf dem
Hofe gestört, und da Sven gerade an diesem Tage gegessen und geplaudert
hatte und sehr munter aussah, fragten wir ihn, ob er sich nicht
heraustragen lassen wollte, um einen Affen anzusehen.

Sonst war Sven immer derjenige gewesen, der herbeigestürzt kam, wenn ein
Leierkastenmann im Anzuge war. Ganz atemlos pflegte er zu Papa zu kommen
und um Kleingeld zu bitten. Es war seine Freude, geben zu können, und
wenn er mit seinen Münzen angerückt kam und strahlend glücklich aussah,
als wüßte er, was es für einen armen Musikanten bedeutete, Geld für
Essen zu bekommen, da brachte er manches schwarzbraune Gesicht dazu, mit
weißen Zähnen zu lachen, und dunkelglänzende Augen strahlten seine
blauen an.

Aber jetzt hing er so müde und klein an Papas Arm. Vorsichtig in eine
Decke gewickelt war er, und Strümpfe hatte er an den Füßen. So wurde er
hinausgetragen, und Papa hielt ihn auf der Veranda in seinen Armen, von
wo er auf den sonnenbeleuchteten Hof hinuntersehen konnte, wo die
munteren Weisen des Leierkastens Sven entgegentönten. Müde und fremd
blickte er hinab auf die Bäume und den Hof, auf das Rudel Kinder, die
dort im Sonnenschein standen, und sein Blick war die ganze Zeit
wundersam, als grübelte er nach, warum all dies nicht schön sei wie
sonst. Er versuchte den Mund zu verziehen, als er den Affen erblickte,
der das Lustigste war, was er kannte, und der auf dem Leierkasten auf-
und abhüpfte, mit seiner kleinen Kette rasselnd, und komische Grimassen
schnitt, wenn er versuchte, eine Nuß zu knacken.

Aber Sven vermochte es nicht, all das anzusehen. Er wurde nur immer
ernster und ernster. Immer schwerer und schwerer saß er auf Papas Arm.
Es war, als wäre er weit fort und sähe hinab auf alles, was die Erde
Schönes und Fröhliches hatte, und sehnte sich danach und fühlte, daß all
dies nicht mehr für ihn da war. Er lehnte nur seinen Kopf an Papas
Schulter, und dann wurde er wieder in sein Bettchen getragen.

Mama legte ihn hinein und strich ihm die Kissen zurecht:

»War es nicht hübsch, Sven?«

»Oh ja, ich konnte nur noch nicht recht. Aber ich werde schon bald
gesund.«

Da beugte Mama sich hinab und streichelte das Haar des kleinen
Brüderchens, aber ohne daß er es sah, streckte sie ihre andere Hand aus
und suchte die meine, die sie krampfhaft drückte.


                                  16.

So saß ich eines Nachts allein in meinem Zimmer und wußte, daß am
nächsten Tage die Aerzte kommen und über den kleinen Sven ihr Urteil
über Leben oder Tod aussprechen würden. Ich wußte, daß ihrer Zwei sein
würden, denn unser Hausarzt wollte einen Specialisten konsultieren, weil
er es nicht länger wagte, auf sein eigenes Urteil zu bauen. Ich saß
allein, die Lampe war angezündet, und vor mir lag ein Manuskript, dem
die Schlußkapitel fehlten.

Ich hatte meiner Frau Gutenacht gesagt und erwähnt, daß ich arbeiten
würde.

»Daß Du heut Abend schreiben kannst!« hatte sie gesagt.

Und es lag eine Nüance von Bitterkeit in ihrem Tone, so als meinte sie,
daß ich nicht so fühlte wie sie.

Doch sie bereute es sogleich, legte ihren Kopf an den meinen und sagte:

»Du bist glücklich, daß Du es kannst.«

Und hier saß ich nun allein, und jeder Nerv zitterte in einer seelischen
Erschütterung, so zusammengesetzt und so ungeheuer, daß ich sie kaum
beschreiben kann. Ich hoffte trotz allem, daß mein Kind am Leben bleiben
würde, ja, ich glaubte es. Aber gleichzeitig hatte ich die Empfindung,
daß ich jetzt schreiben müßte, jetzt oder nie. Ich wußte beinahe jedes
Wort, das auf den Blättern stehen sollte, die blank und unbeschrieben
vor mir lagen. Die Notwendigkeit trieb mich an, und ich schrieb, füllte
eines nach dem anderen von den weißen Blättern und legte sie zu dem
Manuskripthaufen, der vor mir auf dem Tische wuchs. Es war, als hätte
mir eine unsichtbare Stimme ihre Befehle ins Ohr geflüstert, ich mußte
dieser Stimme gehorchen, ihr blind gehorchen, und über mir war eine
jagende Hast, so, als wüßte ich, daß es sich um das Leben handelte.

Morgen, erklang es in mir, morgen! Wer weiß, was morgen geschieht. Es
kann geschehen, daß Dein Kind sterben muß. Und dann kannst Du nicht
schreiben. Dann heischt man von Dir Geld und wieder Geld. Du kannst Dein
Buch umarbeiten, Du kannst es besser machen, aber Du kannst es niemals
fertig schreiben, wenn Dein Kind sterben sollte.

Wie Peitschenhiebe jagten mich die Gedanken vorwärts, und schon sah ich
bei dem bleichen Schein der Lampe das Morgenlicht durch die Gardine auf
das Papier fallen. »Geld, Geld! Du mußt Geld schaffen, wenn Dein Kind
stirbt und wenn Du Deine Frau retten willst.«

Und durch die Stimmen, die meine Arbeit antrieben, hörte ich es wie
einen Ton, den ich zu erkennen glaubte: »Es ist der Vater mit seinem
Kind!« Der Vater mit seinem Kind! Wo hatte ich das schon gehört? Wann
hatte ich diese jagende Hast gespürt? Es war, als sausten Peitschen, als
schlügen Hufe Funken aus steinigen Wegen, als fühlte ich die Nachtluft
mein brennendes Haupt kühlen. Ich schrieb und schrieb. Und ich erinnerte
mich, wie ich wie ein Rasender gefahren war, in dem Glauben, daß mein
Kind tot sei.

Aber ich dachte nicht mehr an mein Kind. Ich dachte an sie, die mich
ganz besitzen mußte, wenn es denkbar sein sollte, daß sie bei mir blieb,
wenn das Unfaßbare Wirklichkeit wurde und Sven starb. Ich schrieb und
schrieb, schrieb, wie kein Mensch für Geld geschrieben hat, schrieb die
besten Seiten, die aus meiner Feder geflossen sind. Und als die Kräfte
mich verließen, trank ich, trank viel, um mich selbst am Leben zu
erhalten.

Als die Sonne schon eine Weile am Himmel stand, schrieb ich die letzten
Zeilen. Und ich saß wie betäubt.

Ich sammelte die vollgeschriebenen Bogen und legte sie in meine Lade,
dann schlich ich mich hinaus und lauschte an der Thüre, hinter der Sven
lag. Da öffnete meine Frau dieselbe und sah hinaus. Ich wankte auf sie
zu und sagte:

»Es ist fertig.«

Sie lächelte mir zu, und es lag eine Welt von Glück in ihrer Stimme, als
sie antwortete:

»Er schläft so ruhig. Es kann nicht gefährlich sein.«

Ich ging von ihr und versank eine Weile später in einen totenähnlichen
Schlaf.


                                  17.

Bevor der nächste Tag verstrichen war, wußten wir, daß es keine Hilfe
gab und daß der kleine Sven sterben mußte. Die Gewißheit war wie ein
schwerer Schlag über uns hereingebrochen, denn die ganze Zeit vorher
hatten wir gehofft. Wir standen im Vorzimmer, die beiden Aerzte stumm
und ernst, meine Frau die Augen auf ihre Züge gerichtet, als glaubte
sie, daß sie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hatten. Ich sah sie
Alle an, während ich den Arm um meine Frau legte, um zu versuchen, sie
an mich zu ziehen, und ich bemerkte, wie es in dem gefühlvollen Gesichte
unseres Freundes, des Doktors, zuckte. Der Professor sprach sachte und
mit leiser Stimme, so als kostete ihn jedes Wort eine Ueberwindung. Ich
fühlte nichts Anderes, als daß das Unausweichliche gekommen war und daß
ich mich stählen mußte, um es ertragen zu können. Aber mit einem Druck
meiner Hand, in dem ich ihren ganzen Schmerz fühlte, machte sich meine
Frau aus meinem Arm los, der um ihre Taille lag, und indem sie ihre
Hände rang, so daß man buchstäblich die Knochen knacken hörte, rief sie
aus:

»Sagen Sie, daß noch Hoffnung ist. Sagen Sie es.«

Die beiden Männer wichen ihrem Blick aus, aber da richtete sich das
junge Weib empor und sagte:

»Er darf nicht sterben. Ich werde Euch zeigen, daß er leben wird.«

Sie ging fort, und wir standen schweigend da und sahen ihr nach, wie sie
in das Krankenzimmer verschwand. Wir begriffen alle, wie tief sie es
empfand, daß jede Möglichkeit der Hoffnung wirklich vorüber war und daß
sie darum das Gelübde ablegte, ihn dem Tode zu entreißen -- allen zum
Trotz. Wir schieden ohne viele Worte, und ich folgte meiner Frau, ohne
zu wissen, was ich ihr sagen wollte, nur um in ihrer Nähe zu sein und
vielleicht das zu sehen, was ich am meisten fürchtete.

Ich fand sie nicht im Krankenzimmer. Ich fand sie in meinem eigenen
Zimmer, und ihre Züge waren versteinert. Sie saß zusammengesunken auf
dem Sopha, die Hand hart an die Wange gepreßt, ihre Augen waren trocken
und glanzlos, und sie blickte in das große Dunkel. Ihre Gestalt, ihr
Antlitz, ja sogar ihre Hände bezeugten es. Ich versuchte zu ihr zu
sprechen, ich versuchte ihren Namen zu nennen, aber sie antwortete mir
nicht, und schließlich mußte ich sie ihrem eigenen Schmerz überlassen,
angstvoll der Worte harrend, die kommen würden, wenn er einmal losbrach.

Es dauerte sehr lange, bevor das Schweigen gebrochen wurde, und als es
geschah, war es nicht mit Worten. Meine Frau streckte nur ihre Hand nach
mir aus und zog mich zu sich auf das Sopha. Sie fiel in meine Arme, und
ein langes Schluchzen, das aus einer einzigen Brust zu kommen schien,
erschütterte uns Beide.

»Du dauerst mich so sehr!« flüsterte sie. »So sehr!«

»Ich?«

Ich riß mich los und sah auf. Denn in ihrer Stimme lag etwas, das mich
mit einer Ahnung erfüllte, die ich nicht als Gedanke in mir emporsteigen
lassen wollte.

Sie wendete sich mir mit gefalteten Händen zu und schrie beinahe:

»Du verlangst doch nicht von mir, daß ich darnach lebe, lebe ohne Sven.
Ich kann es nicht. Ich kann es nicht.«

Das war meine Ahnung, der sie Worte gegeben, und ich stand da, ratlos
und ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können.

»Setze Dich zu mir,« sagte sie. »Ich werde nicht heftig werden. Ich
werde ruhig sprechen. Denn ich bin nicht mehr unruhig. Ich fühle nur,
wie alles zusammenbricht. Ich bin schon jetzt fort, obgleich Du es noch
nicht fassen kannst, weil Du so wenig weißt und ich so wenig sagen
konnte. Aber warum sollte ich es Dir sagen, bevor es unumgänglich
notwendig war? Denn ich habe mit Dir leben wollen, Georg, ich habe mit
Dir leben wollen, weil ich Dich mehr geliebt habe als alles Andere im
ganzen Leben. Ich bin jetzt nicht jung. Ich bin so alt, wie Du nie
werden kannst. Du hast es nur nie gewußt, es nie sehen wollen, und wenn
ich Dich so glücklich sah, wollte ich Dich nicht stören. Aber so lange
ich mich zurückerinnern kann, habe ich gewußt, daß ich nicht wie andere
Menschen bin. In mir habe ich das Bedürfnis gefühlt, sterben zu dürfen.
Kannst Du das verstehen, was ich Dir jetzt sage, Georg? Ich verstehe es
ja kaum selbst. Als ich am glücklichsten war über Dich und die Kinder
und alles, was schön ist, immer habe ich gewußt, daß ich eines Tages von
allem würde fort müssen und daß nichts mich daran würde hindern können.
Ich würde wollen und nicht wollen, wünschen und nicht wünschen. Aber ich
würde ins Dunkel gehen, wo ich hingehörte. Ich habe das Gefühl gehabt,
daß etwas kommen würde und mich zwingen, mir sagen, daß ich muß.
Erinnerst Du Dich an den Winter, Georg, in dem es so schwer und so
düster war zwischen Dir und mir? Da versuchte ich Dir zu schreiben, wie
mir zu Mute war. Denn sprechen konnte ich ja nicht. Aber ich konnte auch
nicht schreiben. Was ich Dir sagen wollte, konnte ich nicht, und ich
erinnere mich, wie ich mich darüber wunderte, daß Du mich nicht auch
nachher fragtest, mich oft und beharrlich fragtest, obwohl ich Dich
gebeten hatte, es nicht zu thun. Zuweilen wollte ich, daß Du mich fragen
solltest. Aber meistens war ich froh, daß Du es nicht thatest. Was habe
ich gelitten in dieser Zeit, Georg! Wenn Du ahnen könntest, was ich
gelitten habe! Du kamst und nahmst meine Hand und setztest Dich neben
mich, und ich wurde nicht glücklich wie sonst. Denn ich wußte ja, daß
ich Tag für Tag daran dachte, wie ich sterben und von Dir gehen könnte.
Ich wollte es selbst thun, Georg. Kannst Du fassen, daß ich mitten in
meinem Glücke es selbst thun wollte? Und Du warst gut zu mir und
freundlich und froh, und ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein
treuloses Weib und betröge Dich. Und weißt Du, warum ich von Dir fort
gehen wollte? Ja, weil ich es so sicher wußte, daß es eines Tages
geschehen würde, und darum wollte ich lieber gehen, so lange Du jung und
stark warst und mich bald vergessen und mit einer Anderen glücklich
werden konntest.«

Sie verstummte einen Augenblick, und ihre Augen schwammen in Thränen.
Dann fuhr sie wieder fort, und ihre Stimme war wie neu.

»Dann kam der kleine Sven, Georg, und alles wurde anders. Erinnerst Du
Dich, daß ich es Dir schon damals sagte? Erinnerst Du Dich, daß ich es
sagte? Ich glaubte damals, daß Gott ihn mir geschickt habe, um mich im
Leben zurückzuhalten, damit ich Dich so glücklich machen könnte, wie ich
es wünschte, und jeden Abend betete ich zu Gott, daß es mir gelingen
möchte. Ich glaubte so fest, daß Gott mich erhört habe, und davon sprach
ich mit dem kleinen Sven, wenn wir allein waren und Niemand unsere Worte
belauschen konnte. Aber jetzt, Georg, jetzt geht er von mir. Jetzt weiß
ich, daß all das Andere, all das, was Du bis jetzt nicht gewußt hast,
wiederkommen wird, und jetzt will ich bloß, daß Du mir allen Schmerz
verzeihst, den ich Dir zugefügt habe, und allen Schmerz, den ich Dir
jetzt zufüge. Aber Du darfst mich nicht bitten, zu bleiben. Dahin, wo
Sven geht, dahin gehe auch ich.«

Sie stand vor mir, und sie schien mir in diesem Augenblick größer, als
Menschen sind. Ich war in dem Maße auf all das unvorbereitet, was sie
jetzt gesagt hatte, daß es mich dünkte, sie erzähle einen unheimlichen
Traum, den ich nicht in Wirklichkeit verwandeln konnte. Aber ich fühlte
auch, daß, während sie mir den größten Schmerz zufügte, sie die Größe
einer Liebe enthüllte, nach der ich nur meine Hände ausstrecken wollte,
damit sie mir nicht im selben Augenblick geraubt würde, in dem sie ganz
mein geworden.

»Ich kann das nicht ertragen,« schrie ich beinahe. »Ich kann es nicht
ertragen. Dich und ihn verlieren. Du kannst es nicht meinen.«

Sie erhob sich lautlos, und wie eine Niobe, die die Arme um ihre Kinder
breitet, die die Pfeile der Götter selbst in den Mutterarmen suchen,
stand sie vor mir.

»Laß mich Sven mitnehmen,« sagte sie. »Er muß ja doch sterben. Ich trage
ihn hinab zur Bucht heut Abend, wenn alle schlafen. Es ist ein so kurzer
Kampf. Und dann brauch ich Dich nicht noch mehr zu quälen, als ich es
schon gethan habe.«

Ich stellte mich ihr in den Weg, und mit der Kraft meiner Arme drückte
ich sie gewaltsam auf das Sopha.

»Warte,« sagte ich, »warte! Du weißt ja selbst nicht, was Du thust.«

Aber sie antwortete mir nur:

»Es wird Dein und mein Unglück, wenn Du mich hinderst. Klage mich nicht
an, wenn es dann kommt.«

Sie wand sich in Schmerz unter meinem Griffe, und nach einer Weile fiel
sie in eine lange Ohnmacht. Ich legte sie auf das Sopha, und es war mir,
als sei alles, was gesagt worden war, ein wahnwitziger Traum. Lange
stand ich und betrachtete sie, bis ich hörte, wie ihre Atemzüge lang und
regelmäßig wurden, und ich sicher war, daß sie schlief. Da schob ich das
Kissen unter ihrem Kopf zurecht und breitete eine Decke über sie.

Vor Gemütserschütterung wankend ging ich in das Zimmer, in dem Sven lag.
Sein rechtes Auge war zusammengefallen, und sein linkes war so
wunderlich klar und groß geworden. Ich beugte mich über ihn, nahm seine
kleine, unschuldige Hand und führte sie an die Lippen.

»Du geliebtes Kind,« dachte ich. »Wir Beide können einander nicht
helfen.«


                                  18.

Wir hatten das Bett des kleinen Sven in das Verandazimmer gestellt,
damit er durch die geöffneten Thüren die Vögel singen und die Winde
rauschen hören könnte. Da lag er nun auf seinem weißen Bettchen, und
wenn er aufsah, war es in der Erwartung, geküßt zu werden, oder er
bewegte auch sachte die kleinen schwachen Händchen, und dann beugten wir
uns über ihn, weil wir wußten, daß er uns liebkosen wollte.

Svante ging auf den Zehen in das Krankenzimmer, und sein Herz war
erfüllt von dem Unbegreiflichen, daß das kleine Brüderchen sterben
sollte. Lange stand er stille und betrachtete ihn oder beugte sich hinab
und küßte seine Wange. Aber als Mama aus ihrer Betäubung erwacht war, da
ging er auf sie zu, als sie hereinkam, und legte seine beiden Arme um
ihren Hals.

Nie werde ich den Blick unsäglicher Verzweiflung vergessen, mit der sie
den Knaben umarmte und ihm in die Augen sah.

»Hast Du um Olof telegraphiert?« sagte sie zu mir.

Ich nickte, und wieder sah ich, wie sie sich über Svante beugte und ihn
an sich drückte. Von einem plötzlichen Instinkt getrieben, erhob ich
mich und ging hinaus, meine Frau allein mit dem gesunden Kinde und dem
sterbenden lassend. Als ich mich in der Thüre umwendete, sah ich meine
Frau Svante zu dem Bette des kleinen Brüderchens führen. Da setzte sie
sich auf die eine Seite und ließ den Knaben auf der anderen Platz
nehmen. Dann beugte sie sich hinab über Sven. Aber die ganze Zeit hielt
sie Svantes Hand fest, und ich sah, daß sie beide Kinder liebkoste, ohne
irgend einen Unterschied zu machen.

Als Svante schließlich herauskam, ging ich hinein und nahm seinen Platz
gegenüber meiner Frau ein. Da reichte sie mir über das sterbende Kind
ihre Hand und sagte:

»Ob es zum Glück oder zum Unglück ausschlägt, weiß ich nicht. Aber ich
werde bei Dir bleiben. Denn ich glaube jetzt, daß Gott es will.«

Und nach einem Augenblick fügte sie hinzu:

»Sven will es auch. Ich habe mit ihm gesprochen.«

Ohne antworten zu können, beugte ich mich hinab und küßte ihre Hand. Und
in dieser Stunde wußte keiner von uns, was Glück und was Unglück war.


                                  19.

Die Tage, die nun folgten, suche ich vergebens von einander zu trennen.
Ja, es wäre mir unmöglich, auch nur zu sagen, wie viele ihrer waren.
Nacht wurde zu Tag und Tag zu Nacht, und unser Leben hatte bloß einen
einzigen Punkt, um den es kreiste: das kleine Zimmer, vor dem die
blühenden Kaprifolien die Veranda bedeckten, die Luft mit ihrem Duft
erfüllend, und wo unser kleiner Junge lag und mit dem Tode kämpfte.

Hier gingen wir, hier saßen wir Seite an Seite, schliefen, aßen,
wachten. Hier verschmolz alles, was wir zusammen gelebt und geträumt
hatten, in einem einzigen, verzehrenden Schmerz. Hier that meine Frau,
als die letzte Hoffnung erloschen schien, den Kork in die
Moschusflasche. Sie, die mit ihm sterben wollte, nahm das letzte
Stimulierungsmittel fort, damit sie sich dann nicht vorzuwerfen
brauchte, daß sie die letzten Stunden des Kleinen gestört, nur um selbst
die Freude zu haben, sein großes Auge uns entgegenleuchten zu sehen.

Denn das rechte Auge war erloschen und dahin. Das Augenlid lag darüber
geschlossen, als sei die Hälfte seines Köpfchens schon lange tot, aber
wenn das linke Augenlid sich öffnete, glänzte das Auge umso größer. Es
wurde so ernst und groß, als blickte es schon in eine Welt, zu der sein
Vater und seine Mutter noch nicht Zutritt hatten und in die wir nicht
kommen konnten, bevor der letzte Vorhang fiel und wir ihm auf dem Wege
folgten, auf dem die Glocken des Todes läuten und der, welcher das
Läuten hört, folgen muß, welche Bande ihn auch auf Erden zurückhalten
mögen.

Hier saßen wir, wenn die Tagessonne leuchtete, wenn draußen der Regen
fiel und wenn die Nachtlampe im Krankenzimmer ihren schwachen, zuckenden
Schein über das weiße Bett warf und den kleinen Sven selbst, ihn, den
unsere Blicke suchten, um den unsere stummen Unterredungen sich drehten
und dem wir nun schließlich die Befreiung von seinen Qualen wünschten!
Still, wie er gelebt, lag er auf seinem letzten Lager, und wenn meine
Frau sich über ihn beugte, regte er seine müden Lippen und küßte sie.

»Streichle Papa, Sven,« sagte sie. »Papa ist hier.«

Dann richtete er sein großes, müdes Auge auf mich und legte seine
schmale, weiße Hand an meine Wange mit einer Bewegung, als regte er sich
nur im Schlaf.

So saßen wir in der letzten Nacht, und näher sind Menschen einander nie
gesessen. Wir hielten uns über dem Bett des Kindes an den Händen, und
ein leiser Druck sorgte dafür, daß keine Bewegung in seinem Gesicht
verloren ging, wenn er aufsah und uns mit seinem großen einzigen Auge
suchte. Wir sprachen zu einander: »Hast Du das gesehen? Hast Du es
gesehen?« Und während wir gierig diesen Schatz von Erinnerungen
sammelten, der das Einzige sein sollte, was uns blieb, verstrichen die
langsamen Stunden der Nacht, und die Morgenröte stieg über der Bucht
auf, über die Eichen, über den ganzen alten Garten unter unseren
Fenstern.

Als wollten wir der Seele des kleinen Brüderchens freien Lauf lassen,
dahin zu fliegen, wo wir ihm nicht folgen konnten, öffneten wir die
Thüren zur Veranda, und die frische Morgenluft strömte herein. Es hatte
in der Nacht geregnet, und durch zersplitterte Wolken brach die Sonne
über die Landschaft, während die Nebel über das Wasser der Bucht flogen.
Sie stieg und stieg hinan, und bei ihren Strahlen begannen die Vögel zu
zwitschern. Und das ganze herrliche Erwachen der Natur ergriff uns so,
daß wir uns zum Schweigen zwingen mußten, um nicht den Kleinen zu
stören, der schlief.

»Siehst Du,« sagte Elsa, »siehst Du? So schön muß es werden, wenn er
sterben soll.«

Aber noch zögerte der Todesengel, noch dauerten die ruhigen,
regelmäßigen Atemzüge des Kindes fort, und Müdigkeit ergriff uns. Ich
nahm meine Frau halb mit Gewalt und zwang sie, sich auf dem Sopha neben
dem Bett des Knaben zur Ruhe zu legen. Da schlief sie, mit der Hand auf
seinem Bette, und während die Morgensonne emporstieg, saß ich allein
wach und lauschte ihren schweren Atemzügen, während in mir alles stille
und ruhig wurde, und ich rief nach einem Ende dieser Pein für uns alle.
Ich saß da, bis meine Frau sich von ihrem Schlummer erhob. Dann
wechselten wir die Plätze, und ermattet schlief ich ein, die Hand auf
der Stelle, wo eben die ihre geruht hatte.

So vergingen ein paar Stunden, und die Sonne stieg höher und höher an
einem klaren Sommerhimmel empor. Ich erwachte dadurch, daß meine Frau
ihre Hand auf meinen Arm legte.

»Wache auf, Georg,« sagte sie. »Sven stirbt jetzt.«

Ich konnte nicht dort drinnen bleiben. Ich ging hinaus in den Garten;
und in dem Gedanken, ihm eine letzte Freude zu bereiten -- ihm, der
immer Blumen geliebt -- brach ich eine Rosenknospe, die schönste, die
ich finden konnte, kehrte zurück und legte sie auf das Kissen meines
Knaben, neben das Auge, das noch sehen konnte. Außer Stande, es länger
ertragen zu können, ging ich wieder hinaus auf die Veranda. Von dort
hörte ich, wie Svante hereinkam und sich an das Bett setzte. Aber ich
drehte mich nicht um. Ich ging nur und horchte auf die langen,
furchtbaren Atemzüge, die wie von einem erwachsenen Manne kamen und mir
in die Seele schnitten. Da hörte ich einen Laut von meiner Frau, und ich
wendete mich um.

Sven hatte das Auge aufgeschlagen und die Rose gesehen. Dann hatte er
seine Hand nach der Blume ausgestreckt, sie aufgehoben, als wollte er
ein letztes Mal die Rose sehen, und hatte sie dann zurück auf das Kissen
fallen lassen.

Plötzlich wurde sein ganzer Körper von furchtbaren, langandauernden
Krampfanfällen geschüttelt. Sie begannen beim Kopfe, der schräg gedreht
wurde, und schienen sich bis in die Glieder fortzusetzen, die steif und
bläulich wurden. Da senkte meine Frau das Haupt, um nicht sehen zu
müssen. Aber als die Anfälle aufgehört hatten, weinte sie still, und
wieder reichte sie mir über das kleine Bett ihre Hand.

So saßen wir dort drinnen, bis die Atemzüge aufhörten ... wieder kamen
... sich verlängerten, an Stärke zunahmen ... und aufhörten. Dann wurde
Alles still. Das Schweigen des Todes herrschte. Gebeugt und weinend
folgten wir den Flügelschlägen der Seele, die im Entfliehen war.

Wir hatten ihn Jedes an einer Hand gehalten, und auf einmal ließen wir
die kalten Hände hinab auf die Decke sinken.

Dann ging meine Frau aus dem Gemache und suchte die Ruhe. Aber ich blieb
sitzen und fühlte mit Entsetzen, wie stumm Alles geworden war.

                   *       *       *       *       *

Am Nachmittag kam Olof, und zusammen mit Vater und Mutter trat er von
seinem ersten Ausflug in die Welt an das Bett, wo das kleine Brüderchen
tot lag. Da weinte er männlich und still, und als er in den Speisesaal
kam, zeigte ihm Svante ernst seinen Finger.

Der trug ein tiefes Zeichen, und Svante beschrieb, wie das kleine
Brüderchen seinen Nagel hineingedrückt hatte, bevor es gestorben war. Er
behielt dieses Zeichen mehrere Tage lang, und er vermißte es, als es
verschwand.


                                  20.

Es steht ein kleiner, gelber Sarg mitten im Zimmer, auf derselben
Stelle, wo vor nicht langer Zeit ein Bett mit einem lebenden Kinde
stand. Jetzt ist das Zimmer mit Rosen geschmückt. Man sieht beinahe
nichts Anderes als Rosen, und durch die Thüre tritt ein einsames Weib.

Sie trägt ein Kind auf ihren Armen, und das Kind ist tot. Sie will
nicht, daß irgend jemand Anderer als sie selbst ihren Liebling berühre,
und mit ihren eigenen Händen, die nicht zittern, legt sie ihn in den
Sarg. Ein kleines Hündchen aus Wolle, mit dem er zu schlafen pflegte,
als er noch frisch und gesund war und Niemand an den Tod dachte, legt
sie in seinen Arm. Es ist »Flocki«, der seinen Herrn begleiten will. Es
ist ein friedlicher Schlafgefährte, der keinen stört. Dann sieht sie
nach, ob ihr Knabe gut liegt, und ordnet sein Bett, als hätte er eben
sein Abendgebet gesprochen und sie wäre gekommen, um ihm Gutenacht zu
sagen. Sie sieht ihn an, als sollte ihr Herz brechen, und sie küßt seine
kalten Lippen.

Dann geht sie ihrer Wege, und ich stehe da allein mit dem Deckel, den,
wie ich ihr versprochen habe, kein Anderer als ich festschrauben soll.
Ich schraube und schraube, und der Ton des Meißels gegen die Schrauben,
die in das Holz eindringen, klingt schrill, so als knirschte ich selbst
vor Schmerz mit den Zähnen.

Aber als es geschehen ist, fühle ich keinen Schmerz mehr. Es ist, als
hätte die Angst der letzten Tage jede Möglichkeit, zu fühlen, in mir
ertötet, aber wohin ich sehe, begegnet mein Blick nur Blumen.

Da gehe ich hinaus auf die Veranda, und der Duft des Kaprifoliums, der
aus dem Dunkel emporsteigt, schlägt mir entgegen, derselbe Duft, der
mich umgab, als ich die Finger meines Kindes die meinen mit der Macht
des Todes umklammern fühlte. Alles in mir ist aufgelöst, alles ist
vorüber. Ich denke an sie, die eben hinausging, und an alles, was folgen
muß. Ich fühle, daß ich nie Zeit haben werde ihn so zu betrauern, wie
ich wollte, meinen kleinen Knaben mit den Engelsaugen, und einsam beuge
ich das Knie an seinem Sarge, ich, der ich nicht weiß, vor wem ich das
Knie beuge und zu wem ich beten soll.


                                  21.

Aber draußen auf dem Kirchhof liegt ein kleines Grab. Es ist wie ein
Garten geordnet, mit einer Buchsbaumhecke, einem Rosenstock und einem
Hügelchen mit frischem Gras, dessen Gipfel dicht mit Stiefmütterchen
bedeckt ist. Es ist verschieden von allen anderen Gräbern, und darüber
grünt eine einsame Linde.

Auf dem Hügel ist ein Stein, und auf dem Steine stehen die Worte: »Unser
kleiner Sven.«

Da schläft unser Glück, das einstmals größer war als das Anderer. Da
unter der Erde ist die Seele meiner Frau gefangen, mit Zauberbanden
gebunden, und keine Liebe kann sie zur Erde zurückbringen.



                              Dritter Teil


                                  Ewig besitzen wir nur das Verlorene.

                                                         Henrik Ibsen.


                                   1.

Nichts von dem, was ich erwartet und gefürchtet hatte, blieb aus. Der
einzige Unterschied war der, daß, während das Unglück immer größer
wurde, ich nicht daran glauben wollte, trotzdem ich es geahnt hatte und
wußte, daß es kommen würde. Denn daß der Schmerz kommen wird, das können
wir Menschen wissen. Wie er wirklich kommt, wissen wir jedoch nie.

Das Erste, was ich mit unaussprechlichem Entsetzen fühlte und verstand,
als wenigstens so viele Tage verflossen waren, daß ich zur Ruhe kommen
und über das, was wirklich geschehen war, nachdenken konnte, war, daß
meine Frau nie so aus ihrem innersten Wesen gesprochen hatte, als da sie
in meinem Zimmer vor mir saß und mir sagte, daß sie zum Unglück geboren
sei, und daß sie jetzt, wo Sven dahin sei, nur lebe, um zu sterben.
Immer von neuem wiederholte ich ihre Worte, immer von neuem hallten sie
in meinem Ohr wieder, und je länger ich an sie dachte, desto gewisser
wurde es mir, daß sie einen Kampf kämpfte zwischen dem Verlangen zu
sterben und ihrer Liebe zu mir und ihren Kindern, die ihr gebot zu
leben. Dennoch begann mehr und mehr alles das, was sie von ihrer Liebe
zu uns gesagt, vor meinen Gedanken emporzusteigen und die furchtbaren
Worte zu verdrängen, welche von einer Todessehnsucht zeugten, die
beinahe ein Entschluß zum Tode geworden war. Ich sah sie hin- und
hergerissen zwischen dem Gefühle, das sie an uns drei, die wir noch
lebten, band, und der dunklen Sehnsucht, die sie zu ihm zog, der
dahingegangen war. Wir waren ein Ganzes für sie gewesen, und daher kam
ihr Leiden, sie fühlte, daß sie nie die streitenden Kräfte würde
versöhnen können, die um ihre Seele rangen.

Ich sah all dies. Ich sah es während einer Reise, zu der ich sie fast
gezwungen, um ihr den Anblick des Meers und der Sonne, neue Menschen und
Eindrücke des Lebens zu geben. Nie vergesse ich diese Reise. Nie
vergesse ich die Hoffnungslosigkeit, die sich meiner bemächtigte, als
ich Woche für Woche immer deutlicher gewahrte, daß alles, was sie sah,
an ihr vorbei glitt, als wäre es für sie nicht vorhanden. Sie verbarg
mir viel, sie verbarg sogar ihre Thränen, und ich begriff, daß sie das
that, weil sie sah, wie ich nur in der Hoffnung lebte, sie zum Leben
zurückzuführen, und sie so gerne, so gerne wollte, daß ich solange als
möglich diese Hoffnung beibehalte. Ich begriff dies eines Abends, als
wir auf einer Veranda saßen und über die norwegischen Fjords und Fjells
sahen. Elsa betrachtete lange alles, dann schloß sie die Augen vor dem
Bilde, das sie liebte, und sah fort.

»Georg,« sagte sie, »Georg! Warum läßt Du mich all das sehen?«

Dann brach sie still in Thränen aus, aber versuchte wieder ihrem Weinen
Einhalt zu thun und sah zu mir empor.

»Warum thust Du so viel für mich? Warum bist Du so gut gegen mich? Es
wäre viel besser, wenn Du mich meinen eigenen Weg gehen ließest.«

Ich fühlte, daß ich vor einem Leiden stand, das sich nicht messen oder
wägen ließ. Ich fühlte Reue, daß ich sie dem Schmerze entziehen wollte
und daß ich sie es hatte merken lassen. Ueberhaupt versuchen, sie zu
leiten oder auf ihren Kummer einzuwirken, schien mir in diesem
Augenblick nur elend und klein. Ich zog sie bloß an mich und sagte:

»Weine bei mir! Weine so viel Du willst! Lege Dir keinen Zwang auf!
Glaubst Du nicht, daß ich trauere wie Du?«

Die Thränen strömten aus ihren Augen, und doch war das Gesicht, das sie
mir zuwandte, so freudestrahlend, als sei ihr das größte Glück
widerfahren.

»Wirklich?« sagte sie.

Daß meine Frau glauben konnte, ich hätte schon vergessen oder sei auf
dem Wege zu vergessen, ergriff mich so, daß mein Schmerz losbrach, und
ich hörte und sah nichts Anderes, als was ich selbst fühlte und was mich
quälte. Ich erzählte ihr, wie nüchtern unser ganzes Heim mir jetzt
vorkäme, seit Sven gegangen war. Ich sagte ihr, welche Angst ich hätte,
wieder heim zu kommen und die Arbeit des Alltagslebens zu beginnen,
jetzt, da ich wüßte, daß seine klare Stimme mich nicht willkommen heißen
und er selbst nicht mehr hinter der Thüre versteckt stehen würde, um
mich zu begrüßen, wenn ich heim käme. All das sagte ich ihr, und ich
fühlte, wie sie an meiner Brust ruhig wurde. Ich war glücklich in dem
Bewußtsein, wie gemeinsam wir noch fühlen konnten. Aber ich begriff
auch, daß ihre Furcht, ich teilte ihren Schmerz nicht so, wie sie
wollte, von ihrer Ahnung kam, daß alles, was ich vornahm, alles, was ich
that, dachte und sagte, in dem einzigen Versuche gipfelte, sie selbst
zum Leben zurückzurufen.

Darüber dachte ich nun nach. Aber nach diesem Abend veränderte ich, wie
ich selbst wohl wußte, mein Benehmen gegen meine Frau. Ich wurde
resigniert und erwartete nicht, daß sie so bald ihre Gedanken von ihm,
der dahingegangen war, uns zuwenden würde, die sie noch hatte. Dadurch
wurde sie vertrauensvoller und offener gegen mich. Aber die Reise glitt
an uns vorbei, als wäre alles, was wir gesehen, nur eine Einbildung
gewesen. Freunde trafen wir, aber keine Teilnahme vermochte etwas
Anderes als Dankbarkeit bei meiner Frau hervorzurufen, die Menschen
glitten an uns vorbei, als wären wir selbst innerhalb einer Grenze
gestanden, die keiner aus eigenem Willen überschreiten könnte.

Und die Ruhe, die wir erreichen konnten, fanden wir nicht früher, als
bis wir eines Abends in unser neues Heim einzogen. Das war eine Wohnung
in Stockholm, mit der wir das Haus auf dem Lande vertauscht hatten, in
dem wir so viel Böses und Gutes erlebt. Wir hatten dies schon geplant,
bevor wir ahnten, daß das, was uns jetzt widerfahren war, geschehen
könnte, und mit einem Gefühl der Furcht vor dem Winter traten wir in
unsere Zimmer.

Aber dennoch erlebten wir hier die ersten Tage der Erleichterung und der
Ruhe im Schmerze. Tausendmal bereuten wir, daß wir je gereist waren und
gleichsam unseren Schmerz mit uns geschleppt hatten, um ihn von fremden
Menschen betrachten zu lassen.


                                   2.

Auf dem Kirchhof steht ein kleiner Stein mit der Inschrift »Unser
kleiner Sven«. Er ist auf den Hügel gelegt, der sich unter einer Linde
wölbt deren Blätter schon lange gefallen sind. Am Stamm der Linde steht
eine Bank, und auf der Bank sitzt eine einsame, schwarzgekleidete Frau
mit langem Kreppschleier wie der einer Witwe. Sie sitzt lange da, und im
Herbstlicht spricht sie mit einem, den Niemand sehen kann.

Sie befiehlt dem Kutscher, der in der Nähe des Grabes hält, zurück auf
die Landstraße zu fahren. Und sie beugt sich hinab und sammelt in ihrem
Taschentuch Erde von dem Grabe. Dann nimmt sie aus einem Nähtäschchen
schwarze Seide, Nadel, Faden und Schere. Die Seide schneidet sie zu und
näht einen kleinen Beutel. Dann nimmt sie von der Erde und füllt ihn.
Sie drückt ihre Lippen auf die dunkle Erde, und als sie das gethan hat,
näht sie den Beutel zu. Sie näht dicht und genau, so daß kein Körnchen
verloren gehen kann, und an den Ecken des kleinen Beutelchens befestigt
sie starke Schnüre. Dann packt sie ihr Nähzeug wieder ein und sitzt
lange da, mit dem schwarzen Amulett in der Hand, und denkt daran, daß
sie nun ihm geweiht ist, der im Grabe liegt.

Dann beugt sie das Knie unter den kahlen Aesten der Linde und küßt den
Stein, der den Namen ihres Lieblings trägt. Stille und feierlich, als
vollzöge sie eine heilige Handlung im Beisein vieler Menschen, hängt sie
die Schnüre um ihren Hals, öffnet ihr Kleid und legt die heilige Erde an
ihre Brust.

Die ganze Zeit über ist ihr Gesicht ernst, aber glücklich und hell, und
bevor sie sich erhebt, küßt sie die Erde unter ihren Füßen und bleibt
dann stehen, um einen Blick auf das Grab zu werfen. Ein Wald von kleinen
Topfpflanzen blüht um das Grab, und frische Blumen sind auf den Hügel
gelegt. Kein Grab ist so schön, so gepflegt, keines so reich geschmückt
gerade jetzt, wo der Herbstwind die Bäume rüttelt.

Da lächelt sie vor Freude und spricht wieder leise und innig zu einem,
den Niemand sehen kann. Dann geht sie zu dem Wagen, der am Thor des
Kirchhofs wartet und fährt nach Hause.

Aber als sie heimkommt, geht sie geradeswegs zu mir herein, nimmt das
schwarze Amulett heraus und sagt mir, was es enthält. Dann hält sie mir
es hin und bittet mich, es zu küssen. Ich thue es, um ihre Freude nicht
zu stören und mit einem glücklichen Lächeln birgt sie es wieder an ihrem
Busen, indem sie sagt:

»Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich mich fühle, wenn ich draußen bei
Sven bin, würdest Du dich nicht kränken, daß ich so oft fahre. Ich werde
für mehrere Tage ruhig, wenn ich nur zu ihm hinauskomme.«

Dann geht sie wieder und läßt mich allein. Und als ich nach ein paar
Stunden von meiner Arbeit aufstehe und sie suche, finde ich sie bei
Svens kleiner Kommode, wo sie die Dinge, die einmal ihm gehört haben,
durch ihre Hände gleiten läßt.


                                   3.

So kreisen ihre Gedanken stets um ihn, der tot ist, und es giebt nichts,
das sie stören kann. Sie spricht davon, daß sie ihm bald folgen werde,
und sie thut es in einem ruhigen, vertraulichen, besonnenen Tone, als
müßte das die natürlichste Sache der Welt für Andere sein, so wie für
sie selbst.

Manchmal pflegt sie hinzuzufügen:

»Ich möchte nur so gerne leben, bis die Knaben ein bißchen größer sind
und mich nicht mehr brauchen.«

Dann kann ihr Gesicht einen verzweifelten, zerissenen Ausdruck annehmen,
als wüßte sie, daß dieser Wunsch mehr ist, als sie hoffen oder verlangen
kann, und ihre Stirne bekommt eine tiefe Falte zwischen den Augen, so,
als ob das Grübeln ihr Schmerz verursachte. Sie fühlt, daß sie zwischen
Leben und Tod wählen muß, wenigstens in ihren Wünschen, und sie kann es
nicht. Darum will sie zuerst eine Zeitlang leben, um Denen, die am Leben
sind, alles zu sein, was sie ihnen sein kann, und dann sterben, um bei
ihm zu bleiben, dem sie sich angehörig fühlt. Sie sucht eine Versöhnung
zwischen dem Verlangen zu sterben und dem Bedürfnis zu leben, und sie
fürchtet Beides, weil das eine wie das andere um die Herrschaft in ihrer
Seele ringt und jedes in seiner Weise sie grenzenlos quält. Gleichzeitig
ahnt sie jedoch, welche der Mächte schließlich den Sieg davontragen
wird, und darum fügt sie dies hinzu nicht als ein außerordentliches
Ereignis, das Verwunderung und Staunen hervorrufen soll, sondern als
etwas Selbstverständliches, das sie erlebt hat und das Niemand
bezweifeln kann.

»Erinnerst Du Dich, wie ich sagte, daß ich nicht an ein Leben nach
diesem glaubte?« sagt sie. »Du hast mich gelehrt, so zu glauben.«

Ihr Gesicht verdüstert sich, wie sie das sagt, und es kommt etwas wie
Groll in ihre Stimme, das mir weh thut. Sie sieht es, und versöhnend
legt sie ihre Hand auf die meine, indem sie fortfährt:

»Jetzt glaube ich daran, und jetzt weiß ich, daß man anfangen kann, ein
solches Leben schon hier auf Erden zu leben. Dazu ist nur nötig, daß
Jemand fortgeht, mit dem man so verbunden ist, daß man das Gefühl hat,
als ginge die Seele mit. Beinahe jeden Abend kommt Sven zu mir. Er kommt
nicht, wenn ich es will oder wenn ich ihn bitte zu kommen. Nicht, wenn
ich weine und mich sehne, meine Arme nach ihm ausstrecke und seinen
Namen rufe. Aber wenn ich es am wenigsten ahne, dann sehe ich ihn neben
mir sitzen. Und wenn ich dann so recht ruhig und froh bin, dann lächelt
er mir zu und sieht glücklich aus. Er sieht mich dann an, ganz wie er es
zu thun pflegte, und bevor ich mich besinnen kann, ist er fort. Aber ich
bin doch glücklich. Denn ich weiß, daß er bei mir gewesen ist. Er ist
oft gekommen, wenn Du schliefst und ich wach lag. Mehr als ein Mal habe
ich daran gedacht, Dich zu wecken. Aber ich habe nie gewagt, es zu thun.
Denn ich fürchtete, daß er, wenn Du erwachtest, verschwunden sein würde,
und dann würdest Du mir vielleicht nicht glauben, was ich gesehen.«

Sie betrachtete mich die ganze Zeit mit Scheu, als glaubte sie, ich
würde ihr widersprechen. Ich thue es nie. Ich weiß ja selbst nicht, was
ich glaube. Ich habe so furchtbare Erschütterungen durchgemacht, daß ich
nicht zu sagen wage, was Wirklichkeit und was Schein ist in den
Erfahrungen der Anderen. Weiß ich es nur von meinen eigenen? Weiß ich,
ob nur das, was ich mit meinem Verstande erreichen kann, Wirklichkeit
ist? Ist es nicht denkbar, daß es eine Wirklichkeit giebt, die nur mit
dem Gefühl oder -- warum nicht -- mit der Einbildung erreicht werden
kann? es kommt mir vor, als hieße es gleichsam mich selbst verstümmeln,
wenn ich mein Gefühl und meine Phantasie dazu degradierte, nur dazu zu
existieren, um von dem Verstande unterjocht zu werden. In Gedanken
vergleiche ich es damit, wenn ich das Auge einen körperlichen Schmerz
leugnen lassen wollte, weil er unsichtbar ist, oder das Ohr die
Möglichkeit einer Geschmacksempfindung in Abrede stellen, weil sie nicht
gehört werden kann. Und wie gut ich auch all die Argumente kenne, die
gegen einen derartigen Gedankengang ins Treffen geführt werden, so ist
es mir doch unmöglich, sie in diesem Falle geltend zu machen. Ich glaube
weder, noch glaube ich nicht. Ich gehe gleichsam in der peinvollen
Erwartung herum, einmal über das Klarheit zu erhalten, was ich nicht
weiß.

Und dabei wächst in mir ein Gedanke, der in der Stunde Wurzel
geschlagen, in der ich wußte, daß mein Kind sterben mußte. Ich begreife,
daß, was auch all dies sein mag, Einbildung oder Wirklichkeit, es doch
eines Tages meine Frau von mir nehmen wird. Sie ist mit meinem eigenen
Leben verwachsen, und ich kann sie nicht missen. Gegen mein eigenes
Glück, das ich einstmals so stark wähnte, daß ich von seiner Höhe auf
das Anderer herabsehen konnte, erhebt sich die Macht, die das Schicksal
alles Lebenden ist. Der Tod steht vor mir, wie er einmal vor dem kleinen
Sven stand, auf dem Bilde, dessen Inhalt er immer als ein Märchen
erzählt haben wollte. Die Glocke läutet, und der, der nicht von hinnen
gehen soll, wird gerufen, und der, dem der Ruf nicht gilt, muß
zurückbleiben. Der Unterschied ist nur der, daß ich den Tod aus der
Ferne sehe, lange bevor er herangekommen ist, weiß, daß seine Glocke
erklingen wird, und daß die, der sie erklingt, mit Freuden scheidet.

Aber ich will nicht thatenlos die Macht des Todes verfluchen. In mir
wächst ein Verlangen, das höher geht, als mir selbst bewußt ist. Es ist
dasselbe Verlangen, das, als die Gewißheit vom Tode des Kindes meine
Frau zu Boden drückte, sie antrieb zu sagen: »Er soll nicht sterben. Er
darf es nicht. Ich weiß, daß er nicht sterben wird.« In gleicher Weise
sage auch ich zu mir selbst: »Ich will es nicht. Ich will sie nicht
verlieren. Sie soll leben -- allem zum Trotz.« Ich merke nicht, daß ich
das Unmögliche versuche. Die Kritik, die sogleich wach war, solange es
sich um sie handelte, schlummert jetzt, wo es mir gilt. Ich will mit dem
Tode kämpfen, um ihr und mein Glück zu behalten, so wie es einmal
blühte, nicht, als das Leben uns entgegenlächelte, aber wenigstens, als
wir seine Züchtigung empfangen hatten und doch wußten, daß es lächeln
konnte. Ich wollte alles thun, um sie zurückzuerobern. Wie Orpheus
wollte ich hinab ins Totenreich steigen, mit meiner Liebe wollte ich sie
zwingen zurückzukehren, und folgt sie mir, werde ich mich gewiß nicht
umwenden und zu den Schatten zurückblicken.

Das gelobe ich mir selbst, und ich erwarte nicht, daß der Lohn bald
kommen wird. Im Gegenteil, ich bereite mich auf eine lange, harte
Prüfungszeit vor, und ich weiß im Vorhinein, daß das Erste, was ich
lernen muß, die Kunst des Wartens ist.

Aber ich bin so sicher in meinem Glauben, daß ich für mich lächeln kann,
wenn ich ihre Rede vom Tode höre. Ich kann sie sagen hören, daß sie sich
fortsehnt, und ihre Liebkosungen fühlen, wenn sie mich bittet, ihr zu
verzeihen. Dann genieße ich die Liebkosungen und vergesse ihre Worte.
Wie eine große, unendliche Gewißheit fühle ich, daß der Sieg
unwiderruflich mein ist und nicht dessen, der in der Erde schlummert.
Ich nehme ihn in meinen Gedanken zum Bundesgenossen, sage ihr sogar,
indem ich auf ihren eigenen Gedankengang eingehe, daß sie leben muß,
weil Sven will, daß sie lebt, ja, weil er es mir zugeflüstert hat,
während ich schlief.

Sie hört mich mit verwunderten, glänzenden Augen an, und lange Zeit
später -- so lange Zeit, daß ich mich nicht erinnern kann, was ich
selbst gesagt habe -- erzählt sie mir, daß Sven auf ihrem Bett gesessen
sei, in seinem neuen weißen Kleid mit der blauen Schärpe, und gesagt
habe:

»Mama, Du sollst nicht so viel um mich weinen. Es thut mir so weh im
Kopf, wenn Du weinst.«

Ich höre diese Worte, und ich klammere mich an sie wie an ein Omen.
Hoffnungsvoller denn je träume ich von einer Zukunft, in der unser totes
Kind ein stärkeres Vereinigungsband sein wird, als wenn es gelebt hätte,
und ich gedenke mit Thränen in den Augen der Worte, die sie selbst mich
einmal gelehrt:

Zusammen altern.


                                   4.

Es war nichts Geringeres als ein Kampf mit dem Tode, den ich begonnen,
und die Zeit, die folgte, wurde ein beständiger Wechsel zwischen der
düstersten Verzweiflung und der hellsten Hoffnung. Das Schwerste unter
solchen Verhältnissen ist natürlich die völlige Unthätigkeit, die darin
besteht, bloß ruhig auf das zu warten, was kommen soll und geduldig
alles der Zeit zu überlassen, während man gleichzeitig glaubt, daß
alles, was geschieht, nur das Herannahen der Nacht beschleunigt, die man
verscheuchen zu können hofft. Wie ängstlich beobachtete ich nicht meine
Frau in dieser Zeit! Wie folgte ich ihr nicht auf ihren Fahrten zum
Grabe! Und wie freute ich mich, wenn ich sie ruhig und fröhlich die
Knaben um sich versammeln, ihnen erzählen und vorlesen sah, so wie nur
sie es konnte, und wenn ich wieder ihre munteren Stimmen hören durfte,
die durch einander klangen, wenn das Gelesene Anlaß zu einem dieser
lustigen Kommentare gab, die es zu einem Feste machen, Kindern
vorzulesen. Und wie konnte ich nicht beim Mittagstisch oder bei der
Abendlampe nach dem angestrengten, abwesenden Ausdruck in dem Antlitz
meiner Frau spähen, der wie eine Wolke kommen und uns alle stumm machen
konnte.

Es war dann, als ginge ihre Seele plötzlich von uns fort und ließe uns
allein. Die Knaben wechselten Blicke mit mir, Blicke, die deutlich
sagten, daß sie, soweit ihr Alter es zuließ, ebenso wohl verstanden wie
ich und ebenfalls litten, wenn es ihnen auch leichter fiel, die Gedanken
zu zerstreuen. Svante stand auf und streichelte Mama, und er fühlte sich
nicht zurückgestoßen, weil es ihm nicht gelang, ihre Augen zu erhellen.
Er konnte nachher zu mir kommen und sagen:

»Mama thut mir so leid.«

Das war alles für ihn, und drum war er vielleicht ein besserer Tröster
als ich.

Olof saß bei solchen Anlässen mehr still da und versuchte mit mir zu
sprechen, als wäre alles, wie es sein sollte. Aber seine Augen folgten
der Mutter, und ging sie hinaus, um allein zu sein, was oft geschah,
wenn sie fühlte, daß sie uns nicht länger ansehen und mit uns sprechen
konnte, dann pflegte er sich an ihre Thüre zu schleichen und dort lange
zu stehen und zu horchen. Dauerte das Schweigen allzulange, so ging er
sachte hinein, und geschah es, daß er abgewiesen wurde, dann kam er
still zurück und setzte sich mit einer resignierten Miene nieder, als
wüßte er, daß er nicht alles auf einmal verlangen könnte.

Es erging ihm wie mir, er hätte es als eine Erleichterung empfunden,
wenn er nur gewußt hätte, was er thun sollte.

Und wenn wir drei zu solchen Zeiten allein saßen, dachten wir alle an
das, was wohl hinter der verschlossenen Thüre vorging, wo meine Frau
sich immer näher und näher zu der Grenze hinarbeitete, an der das Leben
aufhört, wo sie sich zum Tode durchkämpfte.

»Wißt Ihr, woran Mama leidet?« sagte ich eines Tages.

Olof sah fort, ohne etwas zu sagen, aber Svante antwortete:

»Ja.«

Ich hätte übrigens nicht zu fragen gebraucht. Denn ich wußte, daß sie
sie auf das vorbereitet hatte, was kommen sollte.


                                   5.

Des Abends, wenn ich allein blieb, saß ich oft da und schrieb, um meine
Gedanken zu zerstreuen oder überhaupt etwas vorzunehmen, an einer Art
Tagebuch, das ich auf dem Grunde einer Schreibtischlade verwahrte, damit
Elsa es nicht durch einen unglücklichen Zufall in die Hand bekäme.

Ich habe es jetzt wieder gelesen, und alles, was darin steht, scheint
mir vor so langer Zeit geschrieben, daß ich kaum glauben kann, daß
seither nicht einmal zwei Jahre verflossen sind. Aber wie ich darin
lese, wird alles, was geschehen ist, lebendig und gegenwärtig, und ich
fühle wieder die Martern der furchtbaren Illusion, die mich damals
aufrecht hielt.


                                Tagebuch


                                                         4. September.

Ich sitze hier und denke an den kleinen Sven. Alles um mich ist stumm,
und ich glaube ihn zu sehen, wie er in den letzten Tagen, in denen er
noch aufsein konnte, über die Gartenwege ging, seine kleine, zärtliche
Hand in der meinen, und in einem fort plauderte, während er mit seinen
gedankenvollen Kinderaugen zu mir aufsah. Und wie ich mich in diese
Erinnerung vertiefe, ist mir die Hoffnungslosigkeit, daß ich ihn niemals
wiedersehen werde, so unsäglich bitter. Denn er war, ohne es zu ahnen,
des Hauses Mittelpunkt. Er war es, der immer uns vier Großen
entgegengelaufen kam und der die Räume mit seinem Gezwitscher erfüllte,
wenn wir heimkamen. Um ihn versammelten wir uns bei jeder Kleinigkeit,
die Freude bereitete, um zu erfahren, was er dazu meinte. Jetzt geht
sein Vater umher und muß sich hart gegen die Erinnerung machen, um nicht
zu versagen und um alles Andere aufrecht zu erhalten. Darf nicht einmal
zu viel denken. Nicht einmal trauern. Denn dann würde alles in die
Brüche gehen.

Kam er, um seine Mutter zu holen und uns Alle in Betrübniß
zurückzulassen? Oder kam er, um zu gehen, so still und schön wie er
ging, und uns Alle durch seinen Tod des Lebens große Kunst zu lehren?


                                                          16. Oktober.

Ich habe an alles gedacht und alles gesehen, und ich weiß jetzt, um was
der Kampf gekämpft wird. Tag für Tag habe ich gesehen, wie es nur
schlimmer geworden ist. Und es ist keine Freude, klar zu sehen. Es ist
ein Leiden. In dieser Zeit habe ich jede Einzelheit verfolgen können,
und ein Wort oder ein Blick konnte mich bis in mein innerstes Wesen
erzittern machen, weil ich wußte, was er zu bedeuten hatte. In meiner
Anwesenheit und der der Knaben habe ich sie gleichsam abfallen und
Gespräche mit einem Unsichtbaren führen sehen. Bis aufs Aeußerste habe
ich jeden Nerv anstrengen müssen, um in ihren Augen den Blick zu
erzwingen, der zeigte, daß sie sich bewußt wurde, daß sie nicht allein
war. Ich habe sie selbst alles fühlen und verstehen sehen, sie ahnen und
wissen sehen, was in ihr lauerte. Sie hat sich in Angst vor mir
niedergeworfen und mich gebeten, sie nicht wegzuschicken -- sondern ein
wenig Geduld zu haben.

Ich leide furchtbar darunter, ihren Kampf zu verfolgen, und dennoch weiß
ich, daß das, was jetzt meine Qual ausmacht, nur eine andere Seite
derselben Eigenschaften einer reichen und machtvollen Natur ist, deren
Wellen hoch gehen wie die des Meeres -- derselben Eigenschaften, die mir
einst alles Glück und allen Jubel der Welt geschenkt.


                                                          30. Oktober.

Die furchtbare Spannung fängt an, vorüberzugehen, und meine Frau
befindet sich von Tag zu Tag besser. Nach dem Dunkel des Winters werden
wohl einmal die Tage länger und die Stunden lichter.


                                                          8. Dezember.

Es ist lange her, seit ich mein Tagebuch berührt habe. Aber das kommt
daher, daß ich gearbeitet habe. Ich habe ein Theaterstück geschrieben,
und es ist wunderlich zugegangen. Mitten in Korrekturen und Arbeit aller
Art, in der Kränklichkeit meiner Frau und einer Nervosität, die mir mein
ganzes Wesen wie eine Bogensaite gespannt erscheinen ließ, bin ich des
Morgens aufgestanden und habe mir die Zeit zum Schreiben gestohlen. Ich
habe Nacht für Nacht bis zwei Uhr geschrieben. Ich habe Whisky
getrunken, um mich wach zu erhalten. Ich bin mitten in der Arbeit
ausgegangen und habe soupiert, um Lärm zu hören und Gesichter von
Menschen zu sehen, mitten in einem fieberhaften Leben zu sein, es um
mich wogen und meine Schläfen brennen zu fühlen.

Aber das Stück wurde fertig, und ich fühle nur eine große Mattigkeit.
Was ich erreichen will, ist jetzt wahrlich weder Ruhm, noch
Schriftstellerfreude. Ich habe das Gefühl, als lebte mein Hirn allein
auf Kosten des ganzen übrigen Körpers. Ja, es ist schade, daß der Tag
nur vierundzwanzig Stunden hat, wenn es gilt, das Unmögliche zu
erreichen.


                                                         17. Dezember.

Es ist mir, als ob, ohne daß ich es klar weiß, alles, was ich erlebt
habe und lebe, war und bin, in irgend einer wunderbaren Weise einer
Erfüllung entgegenginge, die sich vollzieht, ohne daß ich einen Finger
rühren kann. Während all dem lebe ich mein gewöhnliches Leben, und ich
glaube nicht, daß Jemand mich eigentlich verändert findet. Ich bin froh,
wenn ich herauskomme und Menschen treffe, sogar ausgelassen. Denn das
lindert.

Aber daheim lebe ich mein wirkliches Leben. Und unablässig habe ich dort
das Gefühl, als glitte über sie und mich etwas von dem, wovon ich einmal
selbst in einem ganz anderen Zusammenhang geschrieben habe, daß es
»größer als Glück und Unglück« ist, etwas von dem, das keinen Namen hat.

In all dem ist natürlich meine Frau der Mittelpunkt. Ob sie der
Gesundheit oder dem Untergang entgegengeht, weiß ich nicht. Dies scheint
mir jetzt etwas zu sein, in das ich nicht eingreifen kann. Es kommt mir
zuweilen vor, als stünde ich außerhalb, als hätte ich keinen Teil daran
und könnte es niemals erreichen. Und in all dem ist keine
Ueberspanntheit, nur eine resignierte Sehnsucht, die farblos ist.


                                                           25. Januar.

Meine Frau hat sich heute ans Klavier gesetzt. Singen will sie wohl noch
nicht, aber ich habe doch wieder Musik in meinem Heim gehört, und die
Melodieen von einst haben unseren Sinn gleichsam auf einen neuen,
helleren Ton gestimmt. Ueberhaupt ist in letzter Zeit etwas Neues über
sie gekommen, etwas Neues, das mehr verspricht, als das Frühere. Sie ist
zum Leben erwacht und ist mit uns Andern wie zuvor. Noch nicht so recht
vielleicht. Aber ich fühle, wie sie uns mit jedem Tage näher kommt.
Zuweilen glaube ich, was sie sagt, daß all das kommt, weil sie weiß, daß
sie nun bald scheiden wird und daß diese Hoffnung sie aufrecht hält.
Aber zuweilen glaube ich, daß wenn es auch jetzt so sein mag, all dies
doch auf dem Wege ist, in etwas Größeres hinüberzugleiten, das sie
selbst mit Verwunderung und Angst spürt, aber nicht glauben will.

Wie es damit ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß ich jetzt nicht
verzweifelt bin, wie ich früher war. Denn jetzt lebe ich unter dem
Schicksal, das das meine ist und das -- geschehe was da will --, so wie
ich es jetzt sehe, nichts Häßliches in ihr Leben und in das meine
bringen kann. Das hatte ich gefürchtet.


                                                          19. Februar.

Ich halte das nicht länger aus. Ich habe Schwarz und Schwarz und Schwarz
um mich gesehen, so daß ich in Raserei gerate, so wie ich nur mich
selbst in einem Spiegel erblicke. Und das Beste ist, daß meine Frau
selbst anfängt, ein wenig von alledem zu fühlen.


                                                             26. März.

Ich gehe nur und warte darauf, daß der Winter wirklich zu Ende geht, so
daß wir von hier fortkommen. Eine Apathie höchst wunderlicher Art
beherrscht mich, und ich habe manchmal Angst, daß dieser Winter mich
gebrochen hat. Was der Sommer bringen kann, ist vielleicht auch nicht
gerade etwas, worauf man Erwartungen setzen kann. Wir zogen nach
Stockholm herein, oder richtiger wir mieteten eine Wohnung, als wir
glaubten, daß alles uns vorwärts tragen würde, wenn auch langsam. Wie es
geworden ist, wäre es besser gewesen, wir wären auf dem Lande geblieben,
in der Abgeschiedenheit, die für uns das Beste zu sein scheint. Hier ist
es einsamer als dort.

Die Sorge wirkt verscheuchend.


                                                              31. Mai.

Heute ist unser Hochzeitstag. »Im wunderschönen Monat Mai.« Ich kann es
nicht lassen, etwas aufzuzeichnen, wie kindisch ich auch selbst fühle,
daß es ist. Es sind nämlich heute vierzehn Jahre, daß wir verheiratet
sind, und das Jahr, das vergangen ist, war das schwerste. Das, was
vergangen ist, war ja das dreizehnte -- das Unglücksjahr _par
préférence_. Es ist, als glaubte ich, daß Jemand oder etwas von nun an
unseren Weg ebnen wollte, oder als fühlte ich, daß etwas in mir der
Heilung nahe sei. Und all dies, weil mir eine Ziffer eingefallen ist,
die unter normalen Verhältnissen sicherlich spurlos an mir
vorübergegangen wäre.


                                                             25. Juni.

Die Tage verstreichen, während ich umhergehe und denke, daß ich anfangen
sollte, zu arbeiten. Aber die Schmetterlinge der Dichtung flattern nur
unruhig über etwas umher, das öde und verbrannt ist. Zuweilen will es
mich bedünken, als könnte ich ihrem Fluge folgen. Aber dann erinnert
mich die Wirklichkeit wieder an das, was ist, und alles verdunkelt sich.

Könnte ich nur stets so sein, daß meine Frau nichts merkte. Könnte ich
gleichmäßig und froh sein oder es wenigstens scheinen. Aber ich kann es
nicht, und ich weiß, daß sie nicht nur über sich selbst trauert, sondern
auch über den Schmerz, den sie mir verursacht. Es muß furchtbar sein, so
herumzugehen wie sie und nichts zu können, nichts zu vermögen, und bei
dem Geringsten zusammenzubrechen, das ihr Unruhe oder Schmerz
verursacht. Einhergehen und über den Tod grübeln, von dem sie glaubt,
daß er kommen wird, der aber nicht kommt. Dreifach entsetzensvoll muß es
sein, zu alledem dem Menschen, den man am meisten liebt, unsägliches
Leid zuzufügen und nichts thun zu können, um es zu lindern.

Sie kann zuweilen dasitzen und mich ansehen, wenn sie glaubt, daß ich es
nicht merke, und dann kommt in ihr Antlitz ein solcher Ausdruck der
Verzweiflung, daß er mir in die Seele schneidet.

Gestern kam sie und setzte sich neben mich und legte ihre Hand auf die
meine.

»Wenn Du nur mich nicht hättest,« sagte sie, »um wie viel glücklicher
würdest Du da sein!«

Ich weiß, daß sie an die Wahrheit ihrer eigenen Worte glaubte, und meine
Antwort konnte wohl für einen Augenblick ihren Glauben erschüttern und
ein Aufleuchten der Hoffnung in ihre Augen locken, aber sie konnte ihr
nicht die sichere Ueberzeugung wiedergeben, daß sie unentbehrlich sei
und daher leben müsse.


                                   6.

Wenn ich diese Blätter lese und sehe, wie ich zwischen Hoffnung und
Furcht geschwankt habe, begreife ich nicht, daß das, was diese Zeilen
erzählen, wirklich wahr sein kann. Und doch muß es so sein. Denn
_scripta manent_. Und wie unvollständig und fragmentarisch diese
Aufzeichnungen auch sein mögen, erzählen sie mir doch mit voller
Gewißheit, daß ich damals mehr hoffte, als ich jetzt fassen kann, wo
alles seine Erklärung und sein Ende gefunden hat.

So viel begreife ich, daß in diesem Winter, zu dessen Erinnerungen ich
nicht mehr zurückkehren will und kann, mein Glück darin bestand, daß ich
schließlich etwas fand, was, wie ich glaubte, dazu beitragen konnte,
meine Frau zu retten. Welches Glück war dies nicht! Nicht mehr ein
unthätiger Zuschauer sein zu müssen, eingreifen, wirken, arbeiten zu
können, mit einem bestimmten Ziel vor Augen, einem Ziel, das man
wenigstens glaubt erreichen zu können. In der Jugend würde eine solche
Glücksquelle vielleicht arm und gering erscheinen. Aber wenn die Jahre
das Haar ein wenig grau gesprenkelt haben, begnügt man sich mit
Geringerem als früher. Man kann dann leben und leiden, wenn man glaubt,
daß es in dem Bereiche der Möglichkeit liegt, Besserung zu schaffen, und
man kann in dem bloßen Bewußtsein einer solchen Möglichkeit etwas
finden, was beinahe dem Glück gleicht.

Für mich kam diese Hilfe in demselben Moment, in dem die Ahnung, die ich
schon lange gehabt, daß das Stadtleben für den Zustand meiner Frau
verderblich sei, sich immer mehr zu wirklicher Ueberzeugung steigerte
und sich schließlich in den Entschluß umsetzte, sie daraus loszureißen
und zum Lande zurückzukehren, das wir nie hätten verlassen sollen. Der
Arzt bestärkte mich auch in diesem meinem Entschluß, und als ich das
erste Mal diesen Plan meiner Frau als eine bloße Möglichkeit vorlegte,
leuchtete ihr ganzes Gesicht auf, als hätte ich ihr die Freuden des
Paradieses versprochen, und sie sagte nur:

»Kannst Du das für mich thun? Willst Du das?«

Diese Worte regten mich zu Handlung und Leben an, und in allem Zweifel,
aller Unruhe und allem, was ich früher geschildert und erzählt habe,
allem, was mich zu Boden drückte, glänzten mir diese Worte wie Sterne
durch die Dunkelheit entgegen und feuerten mich zu der letzten großen
Anstrengung an, die, wie ich hoffte, uns allen die Freude in unserem
Heim wiederschenken sollte. Je mehr ich daran dachte, desto
wahrscheinlicher kam es mir vor, daß ich hier das »Sesam öffne dich«
gefunden hatte, das meiner Frau den Weg bahnen sollte, wieder dem Leben
anzugehören. Wie ein Mann, der glaubt, einen Talisman gefunden zu haben,
der ihm die Macht giebt, Wunder zu wirken, setzte ich meine ganze
Zuversicht auf diesen Plan, und als wir endlich in die kleine Villa
gezogen waren, die hoch oben mit der Aussicht über Fjords und Wälder lag
und wo die Blätter der Espen vor dem Fenster zitterten, an dem meine
Frau sitzen und mich sehen würde, so oft ich von meiner Arbeit heim
käme, da fühlte ich mit Gewißheit, daß nun die Lösung gefunden sei. So
wunderlich mir dies auch jetzt erscheinen mag, ich war ganz von der
Gewißheit durchdrungen. Ich glaubte, und ich war unaussprechlich
glücklich in meinem Glauben.

Nie habe ich mich auch hoffnungsfreudiger gefühlt, wie als diesen Winter
der Schnee zu fallen begann und wir dieses eigentümlich heimliche Gefühl
empfanden, von allen und allem abgeschlossen zu sein, das dem nordischen
Himmelsstrich eigen ist. Vom Dachboden bis hinab zum Keller stand unser
neues Heim fertig, und wie früher, das Ganze ordnend und die Zimmer mit
all den kleinen Erfindungen und Gegenständen schmückend, die
hervorzuzaubern das Geheimnis des Weibes ist, ging meine Frau wieder
zwischen uns umher. Die lauten Stimmen der Knaben hallten in den Zimmern
wieder, ohne daß Jemand sie zu dämpfen brauchte. Die Kanarienvögel
sangen und trillerten, ohne daß Jemand das nächtliche grüne Tuch über
ihr Bauer hing. Der Pudel bellte zu dem Spielen und Balgen der Knaben.
Und das Klavier war nicht mehr verschlossen.

Das kam eines Abends, als ich es am wenigsten ahnte. Ohne mit einem
Worte ihre Absicht zu verraten, kam Elsa hinab in das Wohnzimmer und
setzte sich an das Klavier. Sie sah mich an, als sie an mir vorbeiging,
und ich begriff, wie glücklich sie war, daß sie ihrem eigenen Wunsche
folgen konnte. Seit Sven gestorben war und sie nicht mehr seine klare
Stimme zu den Tönen des Klaviers hören konnte, hatte meine Frau nie die
Lieder singen wollen, denen so oft nur er allein gelauscht hatte. Kaum
meinen eigenen Sinnen glaubend, sah ich sie am Klavier sitzen, hörte sie
einen Ton anschlagen, und gleich darauf klangen die Töne durch das
Gemach.

   Mein weißer Schwan,
   Du stummer, stiller,
   Nicht Schlag, nicht Triller
   Zeigt Stimme an.

Und der Schluß:

   Mit schmerzlicher Ode
   Schloßt Du die Bahn,
   Du sangst im Tode:
   Du warst doch ein Schwan.

Weder früher noch später habe ich dieses Lied so gehört. Während sie
sang, kamen die Knaben sachte herein, nach einander kamen sie und
blieben stumm in der Thüre stehen. Sie sahen mich verwundert an, als
glaubten auch sie ihren Sinnen nicht, und ich nickte zur Antwort,
während meine Augen feucht wurden. Als die letzten Töne verklungen
waren, war es still im Zimmer, aber still wie zu einer Feierstunde.

Meine Frau stand auf und schloß den Flügel.

»Ich kann heute nicht mehr,« sagte sie wie zur Entschuldigung.

Aber dann sah sie uns alle an und begriff, welche Freude sie
hervorgerufen. Ihr Gesicht leuchtete auf, sie ging an mir vorbei und auf
die Knaben zu, zog sie an sich und drückte beider Köpfe an ihre
Schultern.

»Dankt dem kleinen Brüderchen,« sagte sie. »Er hat mir geholfen.«

Sie sagte das nicht krankhaft wie früher, nicht in dem beinahe
feindlichen Ton, den sie angeschlagen, wenn sie glaubte, daß wir
Lebenden sie hinderten, dem Toten anzugehören. Sie sagte es weich und
stille und beinahe glücklich, mit einem Ausdruck, als nähme sie Abschied
von etwas Vergangenem, das niemals wiederkommen sollte.


                                   7.

Hinter dem Schlafzimmer lag ein kleiner Raum, der ursprünglich als
Toilettezimmer gedacht war, den man aber aus irgend einem Grunde nicht
eingerichtet hatte. Er war sehr unregelmäßig, die Fenster saßen hoch
oben, und das Licht war trüber als in den andren Zimmern.

Da wohnte der kleine Sven. Da war sein Gemach, und dieses Gemach war
verschlossen.

Niemand durfte meiner Frau helfen, dieses Zimmer zu ordnen oder dort
aufzuräumen. Sie allein mußte alles thun. Da hängte sie helle Gardinen
vor das kleine Fenster, und in die Fensternische hinter die Gardine
stellte sie einen Tisch. Für diesen Tisch nähte sie ein Tuch, das aus
demselben Stoff war wie die Vorhänge, und auf dem Tisch standen Svens
Spielsachen. Da war ein Pferd, das einen Wagen zog, ein paar
Zinnsoldaten und ein Zelt. Da war Svens weiße Kaffeetasse mit dem
Goldrand, seine Sparbüchse, ein kleiner Säbel und ein Czako. Da war
alles, was er zurückgelassen, seine ganze kleine Hinterlassenschaft.
Unter dem Tisch standen zwei Holzpferde, von denen das eine seine Mähne
ganz verloren hatte, und vor dem Tisch stand ein kleines, niedriges
Holzstühlchen, das Sven bekommen hatte und das er sich durch die Zimmer
zu tragen pflegte, wenn er so recht vergnügt war und Mama dazu bekommen
wollte, ihm Märchen zu erzählen.

Aber mitten unter den Spielsachen standen kleine und große Portraits in
Rahmen, und an den Wänden so nahe als möglich vom Lichte hingen andere.
Da waren Bilder von Papa und Mama, von den Brüdern und von der ganzen
Familie. Da war das Portrait von Sven in seinem langen Kittelchen und
von Sven in dem kleinen Pelz, wie er auf einer Bank stand und gegen die
Sonne blinzelte, die über den Schnee leuchtete. Aber alle Bilder waren
aus der Zeit der Jugend und des Glücks, als noch nichts geschehen war,
das an den Banden reißen konnte, die uns noch alle vereinten. Und
allein, ganz für sich, hing auf einem Vorsprung der Mauer die Abbildung
von Spangenbergs Bild vom Tode, über das der kleine Sven gegrübelt und
dessen Geschichte seine Mama ihm lange vor dem Tag erzählt hatte, an dem
er selbst mehr davon erfuhr, als die Großen je erzählen können.

Und dann stand noch etwas da. Das war eine kleine, dunkelgebeizte
Kommode, die Sven einmal bekommen hatte. Die hatte ihre kleine
Geschichte, denn in früheren Zeiten hatte sie Papa gehört. Da war sie
gelb und hell gewesen, aber seither hatte sie viel Schicksale
durchgemacht, und als sie in Svens Besitz überging, bekam sie ihre neue
Farbe. Aber in ihren drei Laden lagen all die Dinge, die Erinnerungen an
den Kleinen bargen und nicht herumliegen durften. Da wurde sein letztes
Hemdchen verwahrt und das letzte Paar Strümpfe, das er getragen hatte.
Da lagen seine kleinen Notenhefte »Sing uns was, Mama,« die nie mehr
unten auf das Notenpult im Wohnzimmer kommen sollten. Da wurde sein
letztes, schönes, weißes Sommerkostüm aufgehoben, mit der schönen,
blauen Schärpe und der Rosette in der gleichen Farbe auf der weißen
Mütze. Da lagen seine kleinen, braunen Schuhe, und die Bücher des
kleinen Sven. Da war auch Papas eigenes Buch von den großen Brüdern,
Mamas eigenes Exemplar, das Sven sich erbettelt hatte, als er Papa bat,
ein Buch nur über Nenne zu schreiben.

Das war Svens Zimmer, und hier war Elsas Heiligtum. Jeden Abend ging sie
dort hinein, und jeden Morgen saß sie da, bevor sie mit Anderen sprach.
Nie war sie glücklicher, als wenn Papa auch hineinging und drinnen
blieb.

Dort wohnte auch Sven, und was da gesprochen wurde, weiß Niemand. Auch
wenn Elsa etwas davon erzählte, war das, was sie sagte, nichts gegen die
Worte, die dort drinnen zwischen ihr und der Welt des Unbekannten
gewechselt wurden.

»Du glaubst ja nicht daran,« sagte sie eines Tages zu mir. »Aber ich
fühle es.«

»Woher weißt Du, daß ich nicht glaube?« antwortete ich.

Sie blickte mich mit großen, verwunderten Augen an.

»Du kannst nicht glauben wie ich,« sagte sie. »Denn du zweifelst
gleichzeitig, ob es möglich ist. Aber ich weiß es, und ich zweifle nicht
mehr.«

Eine Erinnerung tauchte in mir auf, die Erinnerung an die Stunde, in der
sie mir vorwarf, daß ich ihr ihren Glauben an die Wirklichkeit des
Uebersinnlichen genommen. Ich begriff, daß sie ihren gegenwärtigen
Glauben brauchte, daß sie ihn immer gebraucht hatte, daß er mit ihrem
innersten Wesen so tief und ganz zusammenhing, daß ihr vielleicht viel
Leiden erspart geblieben wäre, wenn man diesen Glauben niemals
erschüttert hätte. In gleicher Weise wußte ich bei mir selbst, daß ich
den Glauben an eine Fortdauer nach dem Tode nie ganz von mir geworfen
hatte. Ich hatte kritisiert, untersucht, ja gestrebt, diesen Gedanken in
meinen eigenen Augen unmöglich zu machen. Aber ich hatte das vielleicht
hauptsächlich in der Hoffnung gethan, daß mich gerade dieses Suchen
schließlich zu der Ueberzeugung vom Gegenteil führen würde. Diese
Ueberzeugung war nie gekommen, aber mit den Jahren hatte das, was ich
von dem Künftigen dachte, eine Veränderung durchgemacht. Der
Unsterblichkeitsgedanke war und blieb für mich allerdings nur eine
Möglichkeit, aber mehr und mehr hatte er die Form von etwas Mattem und
Mildem angenommen, dem ich mich näherte, ohne recht zu wissen, wie.
Schritt für Schritt hatte ich die Möglichkeit einer solchen Ueberzeugung
in mir wachsen gefühlt, und was ich im letzten Jahre durchlebt, hatte
mein Gefühl von dieser Möglichkeit genährt, die mein Verstand noch immer
weder annehmen noch verwerfen konnte.

Gleichzeitig schien es mir, als stünde ich allein in all diesem, und als
wollte oder könnte meine Frau nicht sehen, was hierbei in mir vorging.
Aber, als sie mir diese Worte sagte: »Du zweifelst gleichzeitig, ob es
auch möglich sei,« da wurde es mir klar, daß sie mich mißverstehen
mußte, weil ich selbst nichts gesagt hatte. Wie hatte ich über all das
schweigen können? Wie konnte ich vergessen, daß, was ich hier wirklich
zu sagen hatte, sie sicherlich mit dem höchsten Glück erfüllen mußte? In
einem Nu wollte ich gutmachen, was ich verbrochen zu haben glaubte, und
ich erinnerte sie darum an den Tag, an dem sie gesagt hatte, daß sie
glauben wollte wie ich, denken wie ich, leben wie ich.

»Ich will, daß Du es einmal erfährst,« sagte ich. »Es sind nun seither
Jahre vergangen. Aber nie habe ich etwas derartiges von Dir verlangt.
Nie habe ich gewollt, daß Du etwas in Dir um meinetwillen verändern
solltest. Deine Liebe hat Dir diesen Gedanken eingegeben, nicht ich.«

Sie sah vor sich hin, als schweiften ihre Gedanken grübelnd in ferne
Vergangenheit.

»Ich glaubte, Du wolltest, daß ich werden sollte wie Du,« sagte sie.

»Nie,« antwortete ich, »nie habe ich etwas derartiges gewünscht. Ich
wollte mit Dir über das, was ich dachte und fühlte, sprechen können.
Aber ich wünschte, daß Du es mir gegenüber ebenso machtest. Ich habe es
vermißt, daß Du es nicht gethan hast.«

Ich sah, daß in all dem etwas enthalten war, das sie quälte, mehr als
Worte es schildern können. Aber ich ahnte nicht, was es war.

»Ich habe immer gedacht, Du wollest mich Dir ähnlich haben,« sagte sie.

»Das habe ich gedacht und auch Anderen gesagt. Als ich glaubte, daß ich
nicht mit Dir sprechen könne, habe ich zu Fremden gesprochen.«

Das Letzte fügte sie mit einem Tonfall hinzu, als hätte sie etwas
unüberwindlich Abstoßendes ausgesprochen, dessen sie sich schämte.

»Wie habe ich Dich so mißverstehen können?« sagte sie.

Und indem sie ihren Arm um meine Schulter schlang, sah sie mir in die
Augen und fragte:

»Du bist nicht böse, wenn Du mich zu Sven hineingehen siehst?«

»Böse?«

Ich mußte sie mit einer Miene des Erstaunens betrachtet haben, die nicht
mißzuverstehen war. Denn sie fragte nicht mehr. Ohne ein Wort zu sagen,
wendete sie sich ab und ging in Svens kleines Zimmer. Sie verweilte
lange darin, und als sie wiederkam, sah ich, daß sie geweint hatte, aber
nicht aus Kummer.

Aber während ich allein saß und auf sie wartete, mußte ich daran denken,
daß sie nie früher in meiner Gegenwart die Thüre des kleinen Gemaches
geöffnet hatte und hereingegangen war, um ihre Andacht zu verrichten.
Und zugleich wußte ich, daß, seit Sven gestorben war, ich ihr nie so
nahe gekommen war wie jetzt.


                                   8.

Warum konnte nicht alles so weitergehen, wie es begonnen hatte? Warum
kam das, was ich nicht gefürchtet, und wuchs zu einer gefährlicheren
Macht für mich und die Meinen heran, als irgend etwas von dem, was ich
früher gefürchtet hatte? Man könnte ebenso wohl fragen, warum geschieht
nicht alles, was der Mensch wünscht? Oder warum liegt es nicht in seiner
Macht, die Entwickelung des Lebens so zu gestalten, wie er selbst will?

Es lag zwischen meiner Frau und mir in dieser Zeit, trotz aller
Zärtlichkeit und allen Verständnisses, dennoch ein gewisses Etwas, das
uns trennte. Dies lag nicht in theoretischen Meinungsverschiedenheiten.
Auch war es nicht der Art, daß es uns hinderte, uns stets zu begegnen,
uns stets zu suchen, uns stets Einer an des Anderen Gegenwart zu freuen.
Es war ganz einfach eine Verschiedenheit in unserer Art, alles zu
nehmen, was in dieser Zeit geschah und zwischen uns vorging. Für sie war
all das ein Abschied, bei dem sie sich immer mehr dem Ueberschreiten
jener Grenze näherte, von der niemand wiederkehrt. Mir schien es wie
eitel Verheißungen, daß unser Leben aufs neue beginnen und meine Frau zu
mir, zu uns allen, zum Leben selbst zurückkehren sollte.

Aus allem, was geschah und wovon mir damals vieles dunkel und
unerklärlich schien, habe ich verstanden, daß darin der eigentliche
Erklärungsgrund für ihr Schicksal und das meine lag, die ganze Erklärung
dessen, was war und was kommen würde, und ich hätte verzweifeln müssen,
wenn ich das alles damals so klar gesehen hätte, wie ich es jetzt sehe.
Ich meinerseits begehrte, daß meine Frau ihre Todesgedanken aufgeben und
um meinetwillen den Weg durchs Leben wieder aufnehmen sollte, auf dem
sie gleichsam gelähmt stehen geblieben war, als Sven starb. Sie wieder
wünschte, daß ich einsehen möchte, daß sie unwiderruflich den Schritt
ins Jenseits gethan, als ihr Engel, wie sie ihn immer nannte, dahinging.
Sie wünschte, daß ich das so tief verstünde, daß meine Aufgabe nur die
wäre, wie ein Freund an ihrer Seite zu schreiten und ihre Hand zu halten
im Mitgefühl der Finsternis, die kommen mußte und nach der sie selbst
trachtete. So tief liebten wir uns, daß Keines von uns den Traum
aufgeben konnte, den Gedanken des Anderen mit seinem eigenen
übereinstimmen zu sehen. Darum konnte Keiner den Anderen seinen eigenen
Weg gehen lassen und resigniert das Loos des Lebens entgegennehmen, das
Einsamkeit heißt. Darum konnte auch Keiner umhin, Bitterkeit zu
empfinden, als er merkte, daß seine Hoffnung fehlschlug. Darum fühlte
sie mein Bemühen sie dahin zu führen, wohin sie nicht wollte, so wie ich
ihren Widerstand fühlte, und darum war unser ganzes Leben im
eigentlichen Sinn des Wortes ein Kampf um die Liebe und ein Kampf auf
Leben und Tod.

So lange hatte ich im Schatten des Todes gelebt, daß ich es nicht einmal
für möglich hielt, daß irgend ein anderer Zustand mir beschieden sein
könnte. Ich war damit vertraut geworden wie der chronisch Kranke mit
seinen Schmerzen. Der Schatten kam nicht nur von dem kleinen Toten, der
dahingegangen war, sondern auch von ihr, die gehen wollte. Er kam nicht
nur von dem, was wir hinter uns gelassen. Er harrte unser auch in dem,
was kommen sollte, was vor uns lag. Die beiden Schatten begegneten sich
auf dem Punkte des Lebenswegs, auf dem wir jetzt angelangt waren. Die
beiden Schatten umschlangen mein ganzes Leben, und meine Schuld war, daß
ich es nicht vermochte, die Sonne vom Himmel zu reißen, um den einen
Schatten zu vertreiben.

Dies war meine Schuld und meine Illusion. Denn mit sehenden Augen sah
ich nicht. Mit hörenden Ohren hörte ich nicht. Ich sah bloß meinen
eigenen Wunsch, hörte bloß die Laute der starken Lebenssehnsucht meines
eigenen Traumes. Und doch wußte ich, daß nur in der Sage der Wille eines
Mannes die Toten ins Leben zurückzurufen vermag. Ja, selbst die Sage
läßt ihn gegen die Götter sündigen, dadurch, daß er das Uebermenschliche
versucht; sie läßt ihn sich nach dem Reiche der Schatten umsehen, nur
damit sie, um derentwillen er das Unmögliche versucht, auf ewig in die
Nacht des Orkus zurücksinke.


                                   9.

Der Frühling kam spät in diesem Jahr; der Frühling, auf den ich wie auf
den Glücksbringer und Befreier gehofft, machte Miene, gar nicht kommen
zu wollen. Kalt und hart lag der Boden da, nackt bogen sich die Zweige
der Bäume vor unseren Fenstern in einem eisigen Wind. Schneemassen
thürmten sich noch Ende April, und wenn die Sonne einmal schien, blies
der Nordwind, die eisige Luft vom bottnischen Meere mit sich führend.

Zu dieser Zeit kam eine Erkältung hinzu und warf meine Frau wieder auf
das Krankenlager. Wochenlang hatte sie zu Bett gelegen, und in diesen
Wochen hatten wir das Schlimmste gefürchtet. Wieder war es still
geworden in den Räumen. Wieder hatten die Knaben und ich, ohne zu
sprechen, unsere Mahlzeiten an dem Tisch eingenommen, an dem ihr Platz
leer war. Wieder waren die Laute im ganzen Hause gedämpft worden, und
wieder war die Krankheit gekommen und hatte unsere Hoffnungen verstummen
gemacht.

Aber gegen alle Erwartung erholte sich meine Frau. Langsam schritt die
Genesung vor, und gering waren die Kräfte. Ueber alle Beschreibung
seltsam erschien dieses neue Erwachen zum Leben, das Niemand hatte
erwarten können. Aber es war doch Wirklichkeit, und wenn ich jetzt
allein in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß saß und das ganze Haus zur
Ruhe gegangen war, konnte ich wieder beginnen, Träume vom Sommer zu
träumen.

Und das Wunderbarste von allem! Ich träumte sie bald nicht allein. Als
hätte die Genesung von der letzten Krankheit mehr als bloß die Rückkehr
zu physischer Gesundheit bedeutet, so erlebten wir jetzt eine Zeit, die
die Versöhnung alles dessen, was gewesen, in sich zu schließen schien.
Meine Frau begann meine Träume zu theilen, sie begann sich darnach zu
sehnen, zusammen mit mir zu leben. Sie begegnete mir so, wie sie mir
nicht begegnet war seit dem Tage, an dem wir Sven zur Ruhe betteten. Sie
war noch schwach und krank und vermochte nicht viel zu sprechen. Aber
sie konnte doch hören, was ich ihr sagte. Sie wußte, daß der Frühling
kam, und sie freute sich über die Frühlingsblumen, die auf ihrem
Nachttischchen standen.

»Wie glücklich sind wir gewesen, Georg,« sagte sie. »Wie glücklich sind
wir gewesen.«

Sie preßte diese Worte mit dem Tone des schneidendsten Wehs hervor. Sie
schloß die Augen, indem sie sie aussprach, und Thränen rieselten unter
ihren Lidern hervor.

»Wir werden noch ein Mal ebenso glücklich werden,« sagte ich.

Ich glaubte, was ich sagte, und ich nahm ihre Antwort für ein
Versprechen.

»Ja, ja,« antwortete sie hastig. »Im Sommer.«

Sie hörte mir zu, als ich von den Freuden unserer Jugend erzählte und
von den Schären, die immer unser liebstes Heim gewesen.

»Wir werden zwischen den Inseln umherfahren und in der Nachtbrise
segeln,« sagte sie.

Und als ob quälende Erinnerungen sie störten, rief sie aus:

»Du mußt das vergessen und nie daran denken, was ich Dir in diesen
letzten Jahren gesagt habe. Ich bin so wunderlich gewesen und habe mich
selbst nicht verstanden. Oft, oft war es mir, als spräche ein Anderer
durch meinen Mund, ohne daß ich es verhindern konnte. Du hast alles
geben müssen, und ich habe nur empfangen. Aber das wird anders werden.
Wenn ich nur gesund werde.«

Ich beschwichtigte sie und bat sie, nicht zu viel zu sprechen, allzu
glücklich, um mehr sagen zu können.

»Ja, ja,« sagte sie. »Ich habe zu Dir geschwiegen und zu Anderen
gesprochen. Und wer sind die Anderen? Dumme Menschen, die nichts
verstehen.«

Sie schloß die Augen und schlummerte ein. Stumm blieb ich an ihrem Bette
sitzen und betrachtete sie. Sie hatte beinahe dasselbe Gesicht
wiederbekommen, wie zu ihrer Mädchenzeit, als ich in meinem Bett
erwachte und sie zum ersten Male schlafend sah. Schwere Freudentropfen
fielen aus meinen Augen, und während der Aprilschnee sich dort draußen
auf die harte Erde hinabsenkte, fühlte ich, wie mein eigenes Herz
auftaute.


                                  10.

Meine Frau stand auf und begann sich zu erholen, sie ging wieder unter
uns, und sie hatte keinen anderen Gedanken, als uns glücklich zu machen
und selbst zu fühlen, wie wir uns freuten, daß sie wieder dem Leben
angehörte.

Ach, diese kurzen Wochen, in denen Niemand außer uns sie sah, wie
gedenke ich ihrer nicht jetzt! Und wie gelang es ihnen nicht, alles, was
gewesen, aus meinem Gedächtnis auszulöschen! Im Vergleich zu ihrem
stummen Glück war alle Unruhe und aller Schmerz, den wir früher erlebt,
für nichts zu rechnen. Alles, was gesagt wurde, habe ich in meiner
Erinnerung eingezeichnet und geborgen. Was nicht gesagt wurde und größer
war, als was das Leben sonst giebt, das schlummert in meiner Seele, mir
den Grundton des Lebens gebend, das ich sonst nicht tragen könnte. Diese
Tage, die jetzt kamen, verwischten alles, was an Unruhe, Zweifel und
Mißtrauen in mir gewesen war. Denn ich hatte ihr mißtraut, ihrer Liebe
mißtraut, weil sie sich nicht vom Tode zum Leben führen lassen wollte,
um mit mir zu leben.

Nun war all ihr Widerstand dahin. Ich fühlte es in jedem Augenblick, den
ich an ihrer Seite saß, in jedem Worte, das sie zu mir sprach. Es war,
als hätte die Krankheit mit allem in ihr aufgeräumt und als wäre sie
durch dieselbe gereinigt und geläutert wiedergekehrt. Ihre ganze
Persönlichkeit kehrte zurück, und stundenlang konnte ich dasitzen und
mich an ihrem Gesichte freuen, weil es dasselbe war wie früher.

»Weißt Du noch, wie ich Dir sagte, daß wir uns trennen sollten?« sagte
sie eines Tages.

Ich mußte nachdenken, um mich daran erinnern zu können, daß sie es je
gesagt. Und als endlich die Erinnerung erwachte, sagte ich ihr, daß ich
ihre Worte vergessen hätte, wie man die einer Fieberkranken vergißt.

»Ich meinte, was ich sagte,« fuhr sie eifrig fort. »Ich glaubte, Du
wolltest mich zu etwas zwingen. Und dann thatest Du mir so leid. Du hast
es so schwer gehabt, viel schlimmer als ich. Aber, Du mußt auch wissen,
daß ich so krank gewesen bin, viel zu krank, als daß ich an etwas
anderes als mich selbst hätte denken können. Ach, es ist, als wäre ich
wieder aufgewacht!«

Sie griff sich an den Kopf mit einer wunderlichen, halb unruhigen halb
glücklichen Gebärde. Und sie fügte hinzu:

»Aber wenn ich einmal sterbe, dann mußt Du zu Svens Kommode gehen. Da zu
oberst liegt ein Brief von mir. Aber Du darfst ihn nicht früher lesen.
Denn ich weiß, daß ich doch bald sterbe, und wenn ich sterbe, werde ich
ganz wie Sven sterben.«

Wie oft habe ich sie nicht solche Worte sprechen hören, und wie oft
haben sie mich nicht bis ins innerste Mark erschauern lassen! Jetzt
gingen sie so spurlos an mir vorüber, als wären sie gar nicht
ausgesprochen. Ich betrachtete sie als die letzten Wellen nach dem
Sturme, als die letzten leichten Nachwellen, wenn das Meer in Aufruhr
gewesen ist. Ich lächelte in der Siegesgewißheit, daß ich sie wieder
errungen, und indem ich ihr Gesicht dem meinen zuwandte, sah ich ihr in
die Augen und sagte:

»Aber jetzt willst Du ja leben?«

»Ja,« sagte sie. »Ich will leben für Dich und für die Knaben und um Sven
niemals zu vergessen.«

An diesem Tage ging sie an meinem Arm über den Kiesweg vor der Villa.
Ihre Schritte waren müde und unsicher, und sie stützte sich schwer auf
meinen Arm, aber wir waren vergnügt wie zwei Kinder, und sie lachte über
sich selbst, weil ihr Gang so unsicher war, daß ihre Beine unter ihr
zusammenknicken wollten, wenn sie ausschritt, lachte mit einem etwas
kränklichen, aber so innig glücklichen Lachen, daß es mich froh machte,
sie stützen zu dürfen.

»Wie glücklich bin ich jetzt wieder, Georg,« sagte sie, als wir wieder
ins Haus gingen. »Und Du mußt es auch werden.«

Dann führte ich sie die Stiege hinauf. Aber bevor sie in ihre Stube
ging, wollte sie noch das Zimmer der Knaben sehen. Da stand sie lange
mit mir und sah alles an, als wäre es für sie während der Zeit, in der
sie krank gelegen war, neu geworden.

»Sie haben es wohl auch oft sehr schwer gehabt,« sagte sie. »Ich war ja
zu nichts fähig. Aber jetzt wird es besser gehen.«

Die Pflegerin half ihr ins Bett, und als die Knaben vom Spielplatz nach
Hause gekommen waren, rief sie sie mit ihrer dünnen, schwachen Stimme,
so verschieden von ihrer früheren tiefen und vollen, daß sie hereinkämen
und erzählten, was sie draußen gemacht und womit sie sich vergnügt
hätten. Das thaten sie auch so gründlich, daß ich mehr als einmal
versuchte, sie zu unterbrechen. Aber sie hinderte mich immer daran. Und
während sie durcheinander sprachen, lag sie die ganze Zeit da und sah
ihre Gesichter an und hörte ihren Worten zu, als brauchte sie Zeit, um
zu verstehen, daß das, was sie jetzt erlebte, Wirklichkeit war und kein
Trugbild. Dann ließ sie sie zu sich kommen, um ihnen den Gutenachtkuß zu
geben.

»Jetzt werde ich bald gesund,« sagte sie. »Und wenn der Sommer kommt,
dann nimmt uns Papa eine Wohnung in den Schären. Ich brauche sie nicht
zu sehen oder zu wissen, wo sie ist. Denn er richtet es immer so gut für
uns Alle ein.«

Mit einem leisen, glücklichen Lächeln schloß sie die Augen und legte
sich im Bett zurecht, um einzuschlummern. Aber als ich die Knaben
hinausbegleitet hatte, nahm ich meinen Mantel und ging allein denselben
Kiesweg auf und nieder, über den meine Frau und ich eben gewandert
waren. Es war ein ruhiger, klarer Frühlingsabend mit leichtem
Nachtfrost.


                                  11.

In diesen Tagen mußte ich oft, ohne daß ich mir klar machen konnte, wie
oder warum, an Elsas und meine Fahrt zum Meere denken. Sie kam mit der
Erinnerung an meinen stummen Kampf, sie dahinzubringen, das zu lieben,
was mir teuer war; und die Erinnerung, wie es mir gelungen und doch
nicht gelungen war, reizte und beunruhigte mich zugleich.

Sie kam mir in den Sinn, als ich in diesen Tagen der Genesung mit der
Hand meiner Frau in der meinen dasaß und sie ihren Kopf an meine
Schulter lehnte.

»Daß ich so weit weg von Dir gewesen bin,« sagte sie eines Abends. »Daß
ich so weit weg gewesen bin. Das war nur, weil ich glaubte, Du wolltest
mich verhindern, zu Sven zu gehen.«

»Das willst Du ja jetzt nicht mehr?« sagte ich.

»Nein, nein,« sagte sie. »Jetzt will ich bei Dir bleiben. Aber ich habe
so viele häßliche und dumme Gedanken gedacht in dieser Zeit.«

Ihre Stimme wurde wie die eines Kindes, das ein Vergehen gesteht, so daß
ich lachen mußte, als ich sie hörte.

»Nein, lache nicht,« fuhr sie fort. »Denn es ist wahr, ich habe
geglaubt, Du verstündest mich nicht, und ich habe es auch gesagt. Kannst
Du mir verzeihen?«

Sie sprach so tief ernst, daß ich ganz gerührt wurde, und um sie nicht
noch mehr zu erregen, antwortete ich in einem Tone, den ich so munter
als möglich zu machen suchte:

»Ist das die einzige Sünde, die Du auf dem Gewissen hast?«

»Nein, nein,« sagte sie, »aber gegen Dich weiß ich keine andere.«

Und sie fuhr fort, indem sie sich enger an mich schmiegte.

»Aber das ist auch das Aergste, was ich sagen und denken konnte. Denn
ich weiß ja, daß Niemand außer Dir mich verstanden hat. Niemand von all
den Menschen, mit denen ich sprach, als ich mich so einsam und elend
fühlte und meinte, daß alles in mir zusammenbrechen müßte.«

Sie schaudert, als sie das sagt, und führt die Hand an die Stirne.

»Das ist jetzt vorüber,« sagt sie. »Und alles ist so ruhig und klar.
Aber jetzt mußt Du noch etwas wissen.«

Sie setzte sich auf und betrachtete mich mit einem Blick, so hell und
tief, als wollte sie mich auf dem Grunde ihrer Seele lesen lassen.

»Du mußt wissen, was das Allerschlimmste war,« sagte sie. »Als ich
umherging und daran dachte, daß ich sterben und Sven folgen würde, und
als ich an das so dachte, daß ich meinte, Du glittest von mir fort, und
alles glitte fort, und die Erde war öde und leer -- da hatte ich solche
Angst, ach, so furchtbare Angst. Denn ich glaubte, ich würde gezwungen
sein, es selbst zu thun. Das war das Allerärgste. Aber jetzt weiß ich,
daß ich es nie zu thun brauche. Das hat Gott mir gelobt.«

»Meinst Du, daß Du doch bald von mir gehen wirst?« sagte ich.

Ich schauderte bei meinen eigenen Worten, und ich fühlte, daß mir die
Stimme nahe daran war, zu versagen.

»Das weiß ich nicht,« sagte sie, indem sie wieder den Kopf an meinen Arm
lehnte. »Ich weiß nur, daß ich es nie selbst thun muß.«

Sie schwieg, und ich fand keine Worte, um ihr zu erwidern. Ich sah sie
an. Sie war wieder ganz so wie in unseren glücklichsten Jahren. Sie
erschien mir gleichsam zarter und jünger, und die Ruhe, die ihre frühere
fieberische Rastlosigkeit abgelöst hatte, gab jeder ihrer Bewegungen
eine vertrauensvolle Zärtlichkeit, die mir im selben Atemzuge Glück und
Schmerz schenkte.

Als sie zu Bett gegangen war und ich hereinkam, um ihr Gutenacht zu
sagen, sah sie mich mit demselben hellen und tiefen Blick an wie früher:

»Du darfst Dich auch nicht daran kehren, daß ich sagte, Du hättest mir
meinen Glauben genommen,« sagte sie. »Das hast Du nie gethan. Das habe
ich mir nur eingebildet. Ach, ich habe mir soviel eingebildet. Ich habe
wohl in einer einzigen Einbildung gelebt.«

Ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht, und indem ich über ihre
Stirne fuhr, um ihn zu verscheuchen, antwortete ich:

»Das habe ich wohl nicht gethan. Das ist wahr. Aber ich hätte doch
verstehen sollen, daß das, was Du glaubtest, Dir kostbar war. So
kostbar, daß ich Dich nie auch nur zu der Möglichkeit anderer Gedanken
hätte führen dürfen.«

Ihr ganzes Antlitz erstrahlte wie von einem inneren Licht, und mit einem
schwachen, müden Ausruf der Freude schlang sie die Arme um mich und
sagte Gutenacht.

Ich löschte die Kerze an ihrem Bett und ging sachte aus dem Zimmer. Mein
Herz war übervoll von Dankbarkeit für alles, was sie gesagt hatte. Es
war, als hätte sie mir einen Schatz für die Erinnerung gegeben.

Im selben Augenblick, in dem ich dies dachte, wurde es mir klar, daß ich
gleichsam schon angefangen hatte, sie in der Erinnerung zu suchen. »Sie
geht von mir,« dachte ich. Und zu meinem Staunen merkte ich, daß ich
jetzt den Gedanken ohne Bitterkeit denken konnte, nur weil ich ihr so
nahe war wie nie zuvor. »Sie stirbt nicht,« dachte ich den Augenblick
darnach. »Sie wird leben.« Und ich merkte den Widerspruch in meinem
eigenen Gedankengang nicht.

Ich saß in meinem Zimmer und versuchte zu lesen. Aber ich war zu erregt,
zu glücklich über den seltsamen Reichtum, der mir zugefallen war. Und
plötzlich sah ich meine Frau in dem Sommer an der Westküste, in dem
Augenblick, als sie sich von dem Fenster der Lotsenhütte mir zuwandte
und ich fühlte, wie wir in derselben Liebe zu dem unendlichen Meere
vereint wurden, die von keiner Grenze weiß. Es war eine Aehnlichkeit
zwischen dem, was ich damals empfand und was mich jetzt mit Glück und
Hoffnung erfüllte, und zugleich kam es mir in den Sinn, wie viele lange
Jahre ich einhergegangen war und mich nach dem Meere gesehnt hatte.

Wie eine Vision tauchte eine Erinnerung vor mir auf, die ich lange
vergessen hatte. Ein Knabe steht auf einem hohen Berg und sieht hinaus
übers Meer. Die Klippe ist steil, und unter ihm tosen die Wogen in
wildem Schäumen. Der Knabe hat den Rock aufgeknöpft. Er hält ihn mit
beiden Händen ausgespannt, so daß er wie ein Segel wirkt. Es ist ihm
göttlicher Genuß, zu fühlen, wie er dem Sturme trotzt, der ihn von der
Klippe zu heben und ins Meer zu schleudern droht. In dieser Freude wird
er durch eine Stimme gestört, die seinen Namen durch den Wind ruft. Ein
paar Arme, stärker als seine eigenen, umfassen ihn und tragen ihn mit
Gewalt von der gefährlichen Stelle und vom Anblick des Meeres, das von
Gefahren und Mut rauscht.

Der Knabe bin ich selbst, und ich lächle wehmütig bei der Erinnerung,
während die Stunden der Nacht weiterschreiten, ohne daß ich es merke,
und ich einsam sitze und in das blicke, was geschehen soll. Jetzt habe
ich das erreicht, wonach das Kind sich sehnte, aber der Sturm hat mich
weiter geführt, als ich selbst wollte. Jetzt wollte ich, daß sich die
Elemente entweder zur Ruhe legten oder daß Jemand, der stärker wäre als
ich, mich von der Gefahr fortführen könnte, von der ich nie glaubte, daß
ich sie fürchten würde.

Aber ich weiß zugleich, daß das nicht geschehen kann. Und mit beschämten
und schaudernden Gefühlen denke ich an das Leiden meiner Frau, das
größer ist als das meine.


                                  12.

Nicht lange nach diesem Tag wurde ich durch eine Telephonbotschaft
heimgerufen, die mitteilte, daß meine Frau von einem heftigen
Krampfanfall getroffen worden war. Man fügte hinzu, daß es ernst sei,
und bat mich, meine Heimkehr zu beschleunigen.

Am selben Tag hatte ich meiner Frau frühmorgens Lebewohl gesagt, bevor
ich zu meiner Arbeit fuhr. Es war der erste Mai, und wir hatten davon
gesprochen, den Kindern auf irgend eine Weise einen fröhlichen Tag zu
bereiten, so wie es früher im Hause der Brauch gewesen. Es war mir auch
zuerst unmöglich zu fassen, daß das, was ich gehört hatte, Wirklichkeit
sein könnte.

Ich benützte daher die Zeit, die mir blieb, bis der Zug abging, um ein
wenig Obst und anderes zu kaufen, was für den frohen Tag notwendig war.
Natürlich ist das etwas Vorübergehendes, sagte ich zu mir selbst, wie
ich da mit meinen Packeten im Coupé saß. Um die Zeit rascher
hinzubringen, nahm ich meine Zeitungen zur Hand und versuchte zu lesen.
Es gelang mir im Anfang, weil ich mich anstrengte, alles gleichsam so
alltäglich wie möglich zu nehmen, damit meine Angst mir nicht
übermächtig würde, wenigstens solange ich im Coupé säße. Aber je näher
ich meiner Wohnung kam, desto stärker fühlte ich, wie mich nur die
Unruhe zu allem trieb, was ich vornahm. Die Gedanken wollten den Augen
nicht folgen, die mechanisch über die Zeitungsspalten glitten, und bald
merkte ich, daß die Augen ohne Ordnung ihren Weg von der einen Spalte zu
der anderen suchten. Ich faltete die Zeitung zusammen, und wie ein Blitz
durchzuckte es mich: »Du fährst dem entgegen, was Du gefürchtet hast. Du
kannst nicht leugnen, daß Du beständig gefürchtet hast. Nie hast Du
geglaubt, daß sie leben würde. Du hast es Dir nur selbst vorspiegeln
wollen. Jetzt hat die Stunde geschlagen, und Du entgehst ihr nicht.«

Eine unnatürliche Ruhe kam über mich. Vielleicht kam dies daher, daß ich
jetzt der letzten Gewißheit entgegenfuhr, vor der ich fühlte, daß mit
ihr aller Kampf zu Ende sein mußte. »Gott, soll sie sterben,« murmelte
ich, »möchte sie doch ohne Schmerzen sterben können!« Und noch immer
wunderte ich mich, daß ich so ruhig sein konnte. Ich sah mich auf dem
Perron um, als der Zug stehen blieb. Ich hatte erwartet, daß Jemand mir
entgegenkommen würde, aber Niemand war da. »Dann lebt sie noch,« dachte
ich mit derselben eigentümlich klaren Ruhe. Und im nächsten Augenblick
dachte ich: »Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß alles zu Ende
ist. Man hat eingesehen, daß ich nicht hier vor fremden Augen
erschüttert werden will.« Aber selbst vor dieser Möglichkeit behielt ich
dieselbe wunderliche Gefühllosigkeit bei. Langsam begann ich heimwärts
zu gehen, schwer stieg ich den Hügel hinan. Ich blickte zum Fenster auf,
und ich glaubte sie noch sehen zu können, als sie zum ersten Male nach
ihrer ersten Krankheit wieder angekleidet und auf war. Ueber das
schwarze Kleid, das sie jetzt immer trug, hatte sie ein helles Cape
geworfen, und das Fenster stand weit offen. Sie beugte sich hinab und
winkte, ungeduldig, weil ich nicht schon früher aufgeblickt hatte, und
sie bebte vor Eifer, mich damit erfreuen zu können, daß sie auf war und
allein gehen konnte. Diese Erinnerung durchzuckte mich, und mechanisch
sah ich zu dem Fenster auf, obgleich ich wohl wußte, daß jetzt Niemand
da stehen und mir zuwinken würde.

Da stand der Gedanke vor mir: »Durch mehr als ein und ein halbes Jahr
warst Du darauf gefaßt, daß sie sterben würde, und Du hast sie
betrauert, als wäre sie schon dahin, jetzt kannst Du nicht mehr fühlen.
Der Schmerz hat sich selbst verzehrt, er ist in einer eigenen Flamme
erloschen, und nur die Asche ist übrig.«

Kurz darauf stand ich im Schlafzimmer und sah, daß meine Frau bewußtlos
war. Ich lauschte ihren Atemzügen, nahm ihre Hand und versuchte, zu ihr
zu sprechen. Ich begriff, daß alles vergeblich war, und ging hinab, um
selbst mit dem Doktor durchs Telephon zu sprechen, nicht weil ich
glaubte, daß er nötig war, sondern weil ich meinte, ich müßte es. Er
versprach zu kommen, und leise ging ich wieder die Stiege hinauf, auf
der mich durch die geöffneten Thüren aus dem Krankenzimmer der Laut der
Atemzüge meiner Frau erreichte, die allein in dem ganz stummen Hause zu
herrschen schienen.

Da sah ich Olof, der stille auf der Treppe stand und zu horchen schien.
Ich legte meine Hand auf seine Schulter und gedachte an ihm vorbei zu
gehen. Aber der Knabe hielt mich auf.

»Warum schnarcht Mama so wunderlich?« sagte er.

Er wurde rot, als hätte er etwas Unpassendes gesagt, und versuchte zu
lächeln, ohne daß es ihm gelang.

»Das pflegt sich so anzuhören,« sagte ich, »wenn ein Mensch nahe daran
ist zu sterben.«

Der Knabe brach nicht in Thränen aus. Er nickte nur und sah weg.

»Er hat es erwartet so wie ich,« dachte ich.

Und im selben Augenblick sah ich, wie groß und wie klein er war.

Da war es, als bräche etwas in mir auf. »Hier steht das Schlimmste
bevor,« dachte ich, »das, in das Du Dich noch nicht hineingedacht hast.
Die Kinder, die Kinder!« Und während die Pflegerin allein bei der
Kranken saß, ging ich mit den Knaben hinunter, um zu Mittag zu essen und
mit ihnen von dem zu sprechen, was geschehen sollte.

Wie wir mit einander sprachen an diesem Tag und den folgenden! Wie wir
unsere Stimmen dämpften, als fürchteten wir, sie zu stören, deren Ohr
von keinem Laute mehr erreicht werden konnte! Meine Knaben erschienen
mir plötzlich wie ein paar Altersgenossen, die allein alles geteilt und
alles verstanden hatten. Für sie war nichts Wunderliches daran, daß Mama
zu Sven ging. Das hatte sie ihnen ja selbst so oft gesagt. Es lag nichts
Störendes für sie in dem Gedanken, daß Mama fortging, weil sie nicht zu
leben wünschte. Sie wurden von keinen Theorieen beunruhigt. Sie
kritisierten nicht. Sie versuchten keine Auslegungen dessen, das nur
einfach und groß war. Sie wußten bloß, daß, wenn Mama sterben und von
ihnen gehen wollte, dies nur deshalb geschah, weil sie krank und schwach
war und weil sie nicht zu leben vermochte. Wenn Jemand ihnen gesagt
hätte, daß ihre Mama dadurch zeigte, daß sie sie weniger liebte, würden
sie gelacht haben oder empört gewesen sein.

Jetzt sprachen sie zu mir von so mancherlei, das ich nicht gehört hatte.
Und wie wir sprachen, begann in mir selbst der Schmerz gleichsam aus der
Ferne zu erklingen. Ich wußte, daß er einmal kommen würde, mit Linderung
kommen. Aber noch konnte er nicht ganz die Ruhe überwinden, die mich
beherrschte und die ich selbst dann noch beibehielt, als der Doktor das
Krankenzimmer verlassen und mir all das gesagt hatte, was ich schon
wußte.

Aber bevor er kam, wurde ich durch Schreie hinauf ins Schlafzimmer
gerufen. Als ich eintrat, lag meine Frau in krampfhaften Zuckungen, die
im Gesichte anzufangen schienen und sich von da fortpflanzten, bis sie
ihren ganzen Körper erschütterten. Wir konnten nichts thun. Und von Zeit
zu Zeit kamen die entsetzlichen Anfälle wieder.

Der Doktor machte ihnen durch Injektionen ein Ende, und die frühere Ruhe
kehrte wieder, aber das Bewußtsein kam nicht zurück. Noch fast zwei Tage
lag sie in derselben Betäubung, in der ich sie zuerst gefunden.
Unaufhörlich, lange nachdem die Zuckungen aufgehört hatten, glaubte ich
ihr Antlitz verzerrt und in derselben grauenvollen Weise bebend zu
sehen. Da erinnerte ich mich an Svens Totenbett. Ich wußte, daß ich
damals dasselbe Bild gesehen, von der Verzerrung des Gesichtes und des
Mundes bis zu dem Zittern der Glieder und den krampfhaft geballten
Händen. Ich gedachte ihrer Worte: »Wenn ich sterbe, werde ich ganz so
sterben wie Sven.« Ich erinnerte mich, daß ich bei mir selbst gelächelt
hatte, als ich diese Worte hörte, ich hatte sie für einen Ausdruck der
Ueberspanntheit erklärt. Jetzt, wo sie sich verwirklicht hatten, konnte
ich sie nicht aus dem Sinne schlagen. Woher wußte sie es? Oder wie
konnte sie es so sicher sagen, wenn sie nichts wußte? War dieses
Zusammentreffen bloß ein Zufall? Und kann man überhaupt alles Zufall
nennen, was man sich nicht erklären will?

Ich saß Stunden am Bette meiner Frau und ging bloß hinaus, um Luft zu
schöpfen oder zu ruhen. Ich saß mit den Knaben am Krankenlager, und wir
flüsterten mit einander, sprachen Worte, die niemals wiederkommen
werden, und deren sich Keiner von uns mehr entsinnen kann. Ich schlief
in den Kleidern auf dem Bett neben Elsa, meiner kleinen Elsa, die
niemals mehr erwachen sollte, und ich saß allein wach, damit die
Pflegerin Ruhe fände und ich wenigstens die Erinnerung an ein paar
Stunden besitzen könnte, in denen niemand Anderer als wir Beide im
Sterbezimmer gewesen waren.

Man sagt von Sterbenden, daß ihr ganzes Leben an ihnen vorüberrauscht,
bevor das Ende eintritt, und es muß wohl so sein, daß man da alles, was
man selbst erlebt hat, vielleicht in einem neuen Lichte sieht. Für mein
eigen Teil weiß ich, daß ich in der letzten Nacht, als es so langsam Tag
wurde und die Knaben ermattet zur Ruhe gegangen waren, mein eigenes
Leben und alles, was sie und ich mit einander erlebt hatte, so sah, wie
ich es nie zuvor gesehen. Und ich sah, daß ich von allem, was sie mir
gesagt, mir das eingeprägt hatte, was ich hätte vergessen sollen, und
gerade das vergessen hatte, was ich vor allem hätte beherzigen müssen.
Ich hatte mir das gemerkt, was sie nach meinem eignen Wunsche sprach,
und alles vergessen, was sie dagegen gesprochen. Während ich glaubte,
alles für sie zu thun, hatte ich daher für mich selbst und mein eigenes
Glück gearbeitet. Alles, was ich erlebt hatte, sammelte sich in diesem
Gedanken wie in einem einzigen Brennpunkt.

Denn hinein in das Thal des Todes hatte sie mich geführt. Das sah ich
jetzt, als die graue Luft vor dem Fenster sich erhellte und ein weiter
Rand der Morgenröte sich rings um das Himmelsgewölbe abzeichnete. Von
selbst und aus eigenem freien Antrieb hatte ich niemals dorthin
getrachtet, hatte nur gestrebt, von dort fortzukommen und zu vergessen,
daß solches vorhanden war. Und wie ich nun hier saß, wollte es mich
bedünken, daß ich jetzt ebenso wenig von der Welt wußte, als da ich
zuerst zum Leben in dieser Welt voll Widersprüche erwachte, und über
alles verwundert, was mir dort begegnete, meine ersten Schritte machte.
Immer war ich mit etwas wie Verwunderung in mir umhergegangen, immer mit
einem Gefühl, daß das, was ich erlebte, nur zur Hälfte Wirklichkeit sei,
immer hatte ich mich gleichsam von dem, was war, dem Unbekannten
entgegengestreckt, das kommen sollte. Immer hatte ich vom Glücke
geträumt, und das Glück hatte sich mir nie anders gezeigt, als in
Gestalt eines Heims. Dieses Glück hatte ich errungen, es errungen, wie
nur einer unter Tausenden es erringt, aber der Tod, an den ich nie hatte
denken wollen, war unsichtbar hinter mir hergeschlichen. Er nahm meinen
kleinen Knaben mit den Engelsaugen und dem goldenen Haar. Und als er
starb, beugte er sich tiefer über mich denn zuvor, breitete seine
schwarzen Fittiche über mein Haus und ließ mich nicht früher los, als
bis er mir und den Meinen sie geraubt, die uns teurer war als alles im
Leben, weil sie uns teurer war als das Leben selbst.

Ich stand auf und sah hinaus. Ich lauschte ihren Atemzügen, und ich
konnte es nicht glauben, daß es meine Frau war, die hier lag und sterben
sollte. Ich beugte mich hinab und benetzte ihre Zunge und ihre Lippen
mit Wasser, und ich betrachtete ihre Züge, bis es vor meinen Augen
schwarz wurde und ich nichts sehen konnte. Aber ihr selbst glaubte ich
nahe zu sein, und war noch eine Erinnerung in ihr, die, unerreichbar für
mich, von allem getrennt, was wir Sterblichen Dasein nennen, sich mit
ihrem eigenen Leben beschäftigte, so wußte ich, daß ich mit darin war.
Ich war mit darin so, wie ich mich nie selbst sehen sollte und kein
Anderer als sie mich sehen konnte.

Und während meine Gedanken so um alles kreisten, was wir Beide zusammen
erlebt hatten, vergaß ich mich selbst und sah nur sie. Jung und
hingebend trat sie mir entgegen, aber in allem Glück, das um sie
strahlte und ihre Schritte leicht machte, lag eine Wehmut, die umso
stärker war, weil sie so lange schwieg. Ich glaubte mich jetzt erinnern
zu können, daß ihr ganzes Wesen früh, früh schon auf einem Plane stand,
der nicht der Anderer war. Sie war geschaffen, glücklich zu sein und
dann zu sterben, und der Tag kam, an dem es eine Grausamkeit wurde, zu
versuchen, sie zum Leben zu zwingen. Sie konnte nicht eine Zeitlang
trauern und dann vergessen. Sie konnte nur trauern und sterben. Alles
über dem Gefühl ihres Schicksals vergessend, hätte ich wissen müssen,
daß sie immer die Wahrheit sprach und am meisten dann, wenn ihre Rede
mir wunderlich und unmöglich schien. Aber am allerwahrsten war sie, wenn
der Schmerz die Worte auf ihre Lippen preßte und sie mich bat, sterben
zu dürfen.

Warum hatte ich sie nicht gewähren lassen? Warum hatte ich versucht, sie
gegen ihren Willen und über ihre Kraft zu zwingen? Begriff ich denn
nicht, daß sie nur durch eine unerhörte Kraftanstrengung durch zwei
lange Jahre in meinem Heim gekommen und gegangen war, mit uns, die wir
lächeln wollten, gelächelt, mit uns, die wir spielen wollten, gespielt
hatte?

Wie hatte ich so grausam sein können, und wie kann man so grausam sein,
nur weil man nicht recht und klar zu sehen vermag?

Und diese Fragen sammelten sich zuletzt in der neuen: Wie hat sie mich
lieben können, wenn ich sie gegen meinen Willen so gequält habe?

Denn als hätte ich ihren Gedanken folgen können, die schon von den
meinen getrennt waren, schien es mir, daß ich dies gegen meinen Willen
gethan hatte und daß sie das für mich fühlen mußte, obgleich ich es
früher nicht hatte glauben wollen. Aber nie sollte mir eine Antwort auf
diese Frage werden, nie sollte sie aus dieser Betäubung erwachen, und
mit Verzweiflung im Herzen, würde ich mich eines Tages dem neuen Leben
zuwenden, das mich ohne sie erwartete.

So suchte ich in der Ahnung dem Weg zu folgen, den ihre Gedanken nahmen,
während sie tiefer und immer tiefer in die Gewalt des Todes glitt. Es
war, als hätte ich mich selbst und mein eigenes Leben dem Tode gegeben
und als machten wir Beide zusammen, sie und ich, unsere Rechnung mit der
Welt. Alles außer und in mir wurde so schwindelnd hoch und groß, daß ich
glaubte nichts erreichen zu können. Es war kein Trost in all diesem, nur
ein verzweifelter Abschied. Träge schritten die Stunden vorwärts, und
schon kam der Augenblick unwiderstehlicher Müdigkeit, wo man die Augen
schließt und die Hände zusammenpreßt in einem einzigen Gebet, daß alles
zu Ende sein möge.

Da hörten plötzlich die regelmäßigen Atemzüge auf, und ich fühlte, wie
mein Herz gleichsam starr wurde. Ich glaubte, daß nun der Tod komme, und
ich eilte hinaus, um die Knaben zu wecken. Sie kamen herein,
schlaftrunken und ernst, und setzten sich am Bette nieder, und in diesem
Augenblicke erinnerte ich mich an das, was sie einmal gesagt hatte:

»Wenn ich sterbe, will ich, daß kein Anderer außer Dir und den Knaben um
mich ist. Nur zu Euch gehöre ich.«

So saßen wir nun auch, und während wir uns nicht erklären konnten, was
ihre erleichterten Atemzüge bedeuten sollten, und das Ende erwarteten,
merkten wir, daß ihre Augen gleichsam arbeiteten, um sich zu öffnen, und
wir sahen, wie sie sich dorthin wendete, wo Svens Porträt an der Wand
hing, und hörten sie sagen:

»Nenne.« Schwach und leise sprach sie das kleine Wörtchen aus, aber sie
hatte doch gesprochen. Krampfhaft faßten wir uns bei den Händen, und
unsere Thränen flossen, nicht aus Schmerz, sondern aus Freude, daß wir
wieder ihre Stimme gehört hatten.

Von diesem Augenblick an wußte sie, daß wir da saßen. Von diesem
Augenblick an war gleichsam ein Abschiednehmen in jeder Miene, jeder
Bewegung und jedem Worte. Wenn sie unsere Stimmen hörte, schlug sie ihr
eines Augenlid auf, ganz wie Sven es einmal gethan hatte, und wir
konnten merken, daß sie uns erkannt hatte und sich unserer Liebkosungen
bewußt war.

Noch einmal nannte sie Svens Namen, als hätte sie sagen wollen, daß sie
ihn sähe, daß sie zu ihm ginge. Aber dann sank sie zusammen, und wir
saßen atemlos da, gierig nach einem Zeichen haschend, daß sie uns noch
nicht verlassen, noch nicht von uns gegangen war.

Da schlug sie ihr linkes Auge auf, so wie Sven es einmal gethan, und ihr
Blick suchte den meinen. Ich beugte mich über sie und sah, daß sie
versuchte zu sprechen. Aber sie vermochte es nicht, und mit einem
Ausdruck unsäglichen Leidens sank sie zurück in die Betäubung, die der
Vorbote des Todes ist. Mehrere Male wiederholte sie denselben Versuch.
Bei jedem Male trat in ihr Gesicht dieser Ausdruck verzweifelter
Ohnmacht, und mit jedem Male wurde er herzzerreißender. Es war, als
gehörte sie uns nicht mehr an, aber als gäbe es doch etwas, was sie uns
sagen wollte, ehe sie für immer schied, als könnte sie nicht sterben,
ohne es den Ueberlebenden mitgeteilt zu haben. Es war entsetzlich, ihren
Kampf anzusehen, und noch entsetzlicher, vielleicht ihre letzten Worte
zu verlieren. Wieder beugte ich mich über sie hinab, und
verzweiflungsvoll flüsterte ich eine Bitte in ihr Ohr. Da schlug sie ihr
Auge zu mir auf, und ich sah, daß sie mich hörte. In einer Spannung, als
hinge mein ganzes zukünftiges Leben von ihren Worten ab, näherte ich
mein Ohr ganz ihrem Munde.

Da hörte ich ihre Stimme. Sie kam aus so weiter Ferne, wie noch keine
Stimme in meinem Ohr erklungen ist. Sie war so schwach, daß ich sie kaum
unterscheiden konnte. Es war kaum sie selbst sondern eher ihr Geist, der
sprach. Aber deutlich und klar vernahm ich die Worte, und Niemand außer
mir konnte sie hören:

»Ich ... habe ... Euch ... so lieb.«

Ich muß vor Schmerz aufgeschrieen haben. Denn ich fühlte Hände, die mich
umfaßten und stützten. Und der Ausruf, der sich mir entrungen, hatte die
Sterbende erreicht. Denn von meiner Frau kam ein verzweifelter Laut des
Schmerzes, der sagte, daß sie mich hören konnte, ohne es doch zu
vermögen, ihre leblose Hand auf mein Haupt zu legen. Diesen Laut kann
ich noch zu dieser Stunde hören.

Um diese Worte sagen zu können, war sie stundenlang ringend dagelegen.
Und als sie sie gesagt hatte, sank sie in Ruhe zurück. Es war Friede
über ihren Zügen. Sie wünschte nichts mehr, verlangte nichts mehr. Sie
hatte ihre Rechnung mit der Welt abgeschlossen, als sie, bevor sie
starb, gesagt hatte, wie sehr sie die Knaben und mich liebte.

Ein paar Stunden später hatte sie die Augen geschlossen. Es geschah ohne
Todeskampf, stille und ruhig, so wie wenn ein Licht herabgebrannt ist.

Sie lebte ihr eigenes Leben und starb ihren eigenen Tod.

Sie war so schwach, daß sie keinen Todeskampf hatte. Sie hatte vorher
lange genug gekämpft.

Aber sie war stark genug, um uns, bevor sie ging, ein Wort zu schenken,
an das wir uns erinnern und von dem wir leben konnten. Ihre Liebe war
stärker als der Tod.

Segen über sie!


                                  13.

Ich öffnete den Brief, der zu oberst in der kleinen Kommode meiner
eigenen Kindheit dort drinnen in Svens Heiligtum lag. Da las ich dieses:

   »Ich habe so oft vom Sterben gesprochen, aber einmal wird es ja doch
   geschehen. Wer dieses Blatt zuerst findet, soll es Dem oder Denen
   zeigen, die mein Begräbnis anordnen werden. Oh Gott, wenn ich dieses
   Wort niederschreibe -- wäre ich so nahe dem Grabe, wie das Wort dem
   Papier. Ich wollte ja für Geliebte leben, die mehr für mich gethan
   haben, als Menschen für einen Anderen thun, und ich versuche, so gut
   ich kann. Aber wenn es nicht gelingt -- und es ist mir so zu Mute --
   dann möchte ich in mein weißes Kleid gekleidet werden. In meiner
   untersten Kommodenlade ist all das Linnen, das Nenne, mein Engel,
   benützte. Aber gebt es mir mit. Laßt so viel von dem, was sein ist
   und in meinem Sarge Platz hat, mit hineinkommen. Auch auf seinen
   harten, kleinen Spielsachen werde ich weich liegen. -- --

   Ein letzter Wunsch noch. Sterbe ich zuhause, so versucht, wenn es
   möglich ist, mich in Nennes Zimmer aufzubahren.

   Dank für alles, alles. Aber ich war ein unglücklicher Mensch und
   konnte nicht leben trotz aller Liebe und Zärtlichkeit -- --.

                                                                  Eure
                                                                Elsa.«

Und so wurde sie in das weiße Kleid gekleidet, das sie nicht getragen,
seit sie sich an der Erde nicht mehr freute und an allem, was der Erde
war. Alles geschah, so wie sie es gewünscht, und in Svens kleinem
Zimmerchen ward ihr letztes Lager gebettet. Da lag sie, das weiche,
schwarze Haar gelöst über das weiße Gewand fallend, und rings um sie
waren alle Blumen des Frühlings. Hinter ihr erhob sich zu dem kleinen
Fenster eine purpurrothe Azalee, und auf dem Bette lag ein Regen von
gelben Rosen.

Sie sah aus, als ob sie schliefe, und ihr Gesicht hatte sich im Tod
verjüngt.

So ging sie zu Sven, wie sie selbst gesagt, und darum ist dies das »Buch
vom kleinen Brüderchen«, das kam und seiner Mutter Engel wurde, wenn
auch nicht so, wie wir gehofft hatten. Denn er nahm sie mit, als er
ging.


                                  14.

Aber dieses Buch ist zugleich die Erzählung von einem Kampf mit dem
Tode. Es ist die Erzählung von einem Manne, der kämpfte und überwunden
ward, aber der sich seiner Niederlage nicht schämt.

Ich bin seither weit umhergezogen, und ich habe viele Menschen gesehen.
Aber alles ist mir fremd gewesen und alles tot, bis dieses Buch
geschrieben ward. Es ward geschrieben in lichten Sommertagen, da wo die
Schären aufhören und das offene Meer beginnt. Und es ward geschrieben
von einem einsamen Manne, der nicht mehr einsam ist.

In langen Wochen hat er über das Meer hinausgeblickt, das gleich dem
Menschenleben, das des Lebens wert, niemals ruhig ist. Er sah dort, daß
über tosenden Gewässern Leuchtthürme blinken, und sollten auch die
Leuchtthürme erlöschen, so funkeln doch des Himmels Sterne.


      Von Gustaf af Geijerstam ist im gleichen Verlage erschienen:

  Das Haupt der Medusa. Roman.                      Sechstes Tausend.
  Die Komödie der Ehe. Roman.                         Achtes Tausend.
  Nils Tufvesson und seine Mutter. Bauernroman.      Viertes Tausend.
  Frauenmacht. Roman.                                 Achtes Tausend.
  Wald und See. Novellen.                            Viertes Tausend.
  Kampf der Seelen. Roman.                           Viertes Tausend.
  Alte Briefe. Novellen.                             Viertes Tausend.
  Karin Brandts Traum. Roman.                         Achtes Tausend.
  Gefährliche Mächte. Roman.                        Sechstes Tausend.
  Die Brüder Mörk. Roman.                            Viertes Tausend.
  Thora. Roman.                                  Zwanzigstes Tausend.
  Das ewige Rätsel. Roman.                          Sechstes Tausend.
  Die alte Herrenhofallee. Roman.                   Sechstes Tausend.
  Gesammelte Romane.                                Sechstes Tausend.


                    S. Fischer, Verlag, Berlin W. 57

                         Gustaf af Geijerstams
                           Gesammelte Romane

              Fünf Bände in schöner gediegener Ausstattung
                Geheftet 12 Mark, in Leinen geb. 15 Mark

   1.  Bd.:  Porträt / Einleitung von Friedrich Düsel / Auf der letzten
                Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte /
                Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.
   2.  Bd.:  Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.
   3.  Bd.:  Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.
   4.  Bd.:  Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.
   5.  Bd.:  Die Brüder Mörk / Die alte Herrnhofallee.

   Geijerstam ist ein Erlebnisdichter. Er schöpft von innen und
   verlegt auch seine Wirkungen nach innen. Seine Eheromane sind
   nicht bloß »Ehegeschichten« schlechthin, Geschichten vom
   Sichfinden und Sichverlieren der Geschlechter -- es tauchen darin
   fast alle die leisesten, feinsten und heimlichsten
   Seelenkonflikte und Seelenprobleme auf, all die uns moderne
   Menschen innerlich bewegenden Fragen, die den Wert der
   differenzierten Persönlichkeit entscheiden. Geijerstams Wirkung
   gedeiht jetzt zur vollen Blüte, an der Schwelle einer Zeit, die
   keine größere Sehnsucht kennt als die, fern vom verwirrenden Lärm
   der hastenden, nach materiellen Gütern jagenden Welt sich ein
   Eigen- und Innenleben aufzubauen, aus dessen Tiefen wieder rein
   und voll die Glocken der Seele heraufläuten.


                  Druck von Rosenthal & Co. in Berlin


                     Anmerkungen zur Transkription

Verlagsanzeigen wurden an das Ende des Buches verschoben.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des
schwedischen Originales, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 28]:
   ... eine Antwort wird. Doch nie hätte ich das damals ...
   ... eine Antwort wird. Doch wie hätte ich das damals ...

   [S. 57]:
   ... Wetter zerstörte. ...
   ... Wetter zerstörten. ...

   [S. 118]:
   ... »Betrübt Dich das?« antworte ich und lächelte. ...
   ... »Betrübt Dich das?« antwortete ich und lächelte. ...

   [S. 163]:
   ... An einem Morgen erinnere ich mich, daß er ...
   ... An einen Morgen erinnere ich mich, daß er ...

   [S. 165]:
   ... mit der Sven antworte: ...
   ... mit der Sven antwortete: ...

   [S. 188]:
   ... kann. Ich hoffe trotz allem, daß mein Kind ...
   ... kann. Ich hoffte trotz allem, daß mein Kind ...

   [S. 290]:
   ... sammelte sich in diesem Gedanken wie ein einem ...
   ... sammelte sich in diesem Gedanken wie in einem ...

   [S. 297]:
   ... ich fühlte Hände, die mich umfaßten und stützen. ...
   ... ich fühlte Hände, die mich umfaßten und stützten. ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Das Buch vom Brüderchen - Roman einer Ehe" ***

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