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Title: Der Schulmeister und sein Sohn - Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
Author: Caspari, K. H. (Karl Heinrich)
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Schulmeister und sein Sohn - Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1913 so weit
    wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
    wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche
    Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern
    die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt wird.
    Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im
    Text mehrmals auftreten.

    Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Texts
    versetzt. Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende
    des betreffenden Kapitels verschoben.

    Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
    Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
    folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

        Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
        gesperrt:  +Pluszeichen+
        Antiqua:   ~Tilden~

  ####################################################################



[Illustration: Ich fand ihn am Fenster stehen und dem abziehenden Volk
nachsehen (4. Kap.)]



                         Der Schulmeister und
                               sein Sohn

                        Eine Erzählung aus dem
                      dreißigjährigen Kriege von
                             K. H. Caspari

                          Neunzehnte Auflage
                        :: Mit acht Bildern ::

                            [Illustration]

                                 1913

                 Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart



                            [Illustration]

                         Gedruckt in Stuttgart
                         bei J. F. +Steinkopf+



Inhaltsübersicht.


                                                                   Seite

    Erstes Kapitel. Des Autors Stand und Herkommen                     7

    Zweites Kapitel. Der Sohn                                         10

    Drittes Kapitel. Valentin beim Handwerk                           14

    Viertes Kapitel. Valentin der Schreiber                           21

    Fünftes Kapitel. Der Jäger von Erlach                             26

    Sechstes Kapitel. Die Warnung                                     33

    Siebtes Kapitel. Der Torwart                                      37

    Achtes Kapitel. Der Überfall                                      41

    Neuntes Kapitel. Die Plünderung                                   46

    Zehntes Kapitel. Die Entdeckung                                   50

    Elftes Kapitel. Ein Gottesgericht                                 56

    Zwölftes Kapitel. Die Flucht                                      63

    Dreizehntes Kapitel. Die Pest                                     69

    Vierzehntes Kapitel. Die Heimkehr                                 79

    Fünfzehntes Kapitel. Der Brief                                    83

    Sechzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)                      87

    Siebzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)                      91

    Achtzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)                      98

    Neunzehntes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)                     104

    Zwanzigstes Kapitel. Der Brief (Fortsetzung)                     112

    Einundzwanzigstes Kapitel. Der Brief (Schluß)                    124

    Zweiundzwanzigstes Kapitel. Valentins Tod                        136

    Dreiundzwanzigstes Kapitel. Noch ein Gottesgericht               141

    Vierundzwanzigstes Kapitel. Schluß                               147



Vorrede zur ersten Auflage.


Was unsere heutigen, in tabellarischer Form abgefaßten Kirchenbücher
wohl keinem unserer Nachkommen gewähren werden, das haben mir schon oft
die +alten+ Kirchenbücher gewährt, -- einen wohltuenden Blick in
das kirchliche Gemeindeleben ihrer Zeit.

Auf meiner früheren Pfarrei Sommerhausen habe ich oft mit wahrer
Erbauung das während des Dreißigjährigen Krieges von dem alten
Schuldiener, +Udalrikus Gast+, geführte Kirchenbuch durchlesen,
der seine Einträge durch allerlei geschichtliche oder andere, aus einem
warmen, einfältigen, durch und durch christlichen Herzen kommende
Bemerkungen zu begleiten pflegte. Ich habe den Mann dadurch sehr
lieb gewonnen, und wie ich mir aus seinen reichlichen Bemerkungen
seine innere Anschauungsweise klar zu machen suchte, so habe ich
aus seinen Einträgen unter Hinzunahme eines vorgefundenen Briefes
von ihm, einiger Familienpapiere, eines Alten Testamentbuches, --
und soweit die Ortsgeschichte in sein Leben eingreift -- aus einer
sehr interessanten, geschriebenen, durch die Güte des Erlauchten
Herrn Grafen Ludwig von Rechteren mir mitgeteilten Chronik des Hauses
Limpurg, dessen Besitzung Sommerhausen war, seine Lebensgeschichte
zusammenzustellen gesucht.

Ich habe es vorgezogen, die Erzählung derselben dem alten Schuldiener
selbst in den Mund zu legen; doch wird der scharfsinnige Leser leicht
herausfinden, wo er wirklich redet und wo ich ihn nur reden lasse,
da ich mich ohnehin rücksichtlich des Stils weniger bemühte, die
altertümliche Sprache getreu zu kopieren, als nur die geradezu störende
Sprache der modernen Zeit ferne zu halten.

Hiemit wünsche ich dem Büchlein einen geneigten Leser und -- Gottes
Segen.

    +Eschau+ bei Aschaffenburg, den 30. Mai 1851.

    +Der Verfasser+.



Motto:

    Die Welt ist außen schöne, ist grün, weiß und rot,
    Doch innen schwarzer Farbe, -- finster wie der Tod.

    +Walther von der Vogelweide+.


    Es glänzet der Christen inwendiges Leben,
    Obgleich sie die Sonne von außen verbrannt.
    Was ihnen der König des Himmels gegeben,
    Ist keinem als ihnen nur selber bekannt.

    +Chr. Fr. Richter+.



Erstes Kapitel.

Des Autors Stand und Herkommen.

    Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet ihm
    genügen.

    1. Tim. 6, 6.


Seit alten Zeiten ist’s geschehen, daß jezuweilen merkwürdige Männer
eigenhändig ihre Erlebnisse der lieben Nachwelt in einem Büchlein
verzeichnet haben. Wohl ein mancher meiner Leser hat die Commentarios
eines Julius Cäsar auf der Schule, oder daheim in Winterabenden die
Lebensbeschreibung des mannhaften Ritters Götz von Berlichingen
gelesen, und seine Gedanken dabei gehabt, wie derlei Männer aus großen
Nöten und Gefahren unversehrt und gekrönt mit Ehren hervorgegangen sind.

Ein solcher Leser dürfte schwerlich eines Lächelns sich erwehren, daß
auch ich, +Udalricus Gast+ von +Sommerhausen+ im Frankenland,
mich unterfangen will, aufzuzeichnen mit Gottes Hilfe, was in dieser
letzten betrübten Zeit sich mit mir begeben. Denn ein Cäsar bin ich
nicht und auch kein Ritter, sondern nur ein armer +Schuldiener+,
der die liebe Jugend Tag für Tag an die fünfzig Jahre lang in Gottes
Wort unterwiesen schlecht und recht, und ist je mitunter meine saure
Arbeit nicht vergeblich gewesen, so weiß ich unwürdiger Knecht recht
wohl, daß nicht der da pflanzt und begießt, etwas ist, sondern nur der,
welcher das Gedeihen gibt. Wunder aber erzählen von dem Gott, der
da hilft, und dem Herrn Herrn, der vom Tode errettet, -- +das+,
lieber Leser, kann ich auch, und weil es eben ein so großes Werk
ist, wenn er das Seufzen der Armen und Vergessenen hört, wie wenn er
der Gewaltigen Wagen und Rosse zum Sieg führt, und weil der Vater im
Himmel nicht bloß hört auf das Lied des stolzen Schwanes, wenn er’s
anhebt, unter dem Schilfrohr des Sees zu sterben, sondern ja wohl auch
das Schreien des Raben nicht verachtet in seinem verborgenen Nest,
und nicht die Stimme des Sperlings, will ich auch mein Loblied nicht
verhalten, und lauten soll es:

    ~Soli Deo Gloria!~
    +Dem Herrn allein die Ehre+!

Ein Leben, das nach dem Spruch verläuft: „Armut und Reichtum gib mir
nicht!“ darin keine großen, seien es erfreuende oder betrübende,
Glücksfälle vorkommen, ist zwar großen Dankes wert, -- doch läßt sich
nicht viel davon erzählen. Neunundfünfzig Jahre lang bin ich auch
meinen Weg gegangen, wie viele tausend; dann erst hat Gott mich auf
absonderliche Wege geleitet. Darum von jenen neunundfünfzig Jahren nur
ein weniges zum besseren Verständnis.

Mein nun in Gott ruhender Vater, +Paulus Gast+, war seines
Handwerks ein Schneider drüben in +Winterhausen+. Mein Mütterlein
hab ich nicht mehr gekannt, sondern als sie mich ans Licht dieser Welt
geboren, hat sie mich nur noch gesegnet und meinem Vater anempfohlen,
dann hat Gott zu meinen drei älteren Geschwistern sie heimgeholt ins
Himmelreich. Da ich meines Vaters einziges Kind war, meinte er, ich
sollte einst ein besseres Brot haben, als er selber, und bestimmte mich
zu einem Schulmeister. Da habe ich zuerst Lesen, Schreiben und Rechnen
aus dem Grund gelernt bei dem Präzeptor Holberg, dann Latein bei dem
seligen Pfarrherrn Burkhardus Thüngersheim, dann hab ich wieder unter
dem alten Präzeptor mich im Schulhalten geübt, und bin endlich nach
wohlbestandenem Examen von dem Rat in Sommerhausen mit dem Amt eines
Schuldieners betraut worden.

Es haben viele Menschen sich mit mir gefreut, zwei aber insonderheit:
+mein alter Vater und Margareta Späthin+, der ich nun meine Hand
vor dem Altare Gottes geben konnte, -- mein Herz hatte ich ihr schon
seit zehn Jahren gegeben. -- Nun ist sie auch daheim bei dem Herrn
und trägt das Feierkleid und hat den Palmzweig in Händen, während ich
alter, verlassener Mann noch das Werktagskleid tragen muß und mit
nassen Augen hinaufblicke, wo sie mit unsern Kindern allen den Herrn
schaut von Angesicht zu Angesicht.

Im Jahre 1610, gerade an meinem 37. Geburtstag, sind wir aufgezogen
auf meiner Stelle in Sommerhausen, wo die Bürgerschaft uns Haus und
Gärtlein schön und wirtlich hatte einrichten lassen.

Das Städtlein +Sommerhausen+ liegt im gesegneten Frankenlande. Es führt
billig eine Sonne in seinem Wappen, die auf eine Weintraube scheint.
Denn des Getreidelandes liegt wenig in seiner Gemarkung, dagegen
viel fruchtbarer Weinberge, und es ist ein schöner Anblick, wenn die
Weinberge grün sind, und die Häuser und Mauern mit ihren vielen Türmen,
wie im Segen des Herrn, in ihrem Schatten liegen. Auch ein stattlicher
Strom fließt an seinen Mauern vorbei, der +Main+, der vom Bayreuther
Lande herunterkommt und hier die Grenze macht zwischen den beiden
Flecken Sommerhausen und Winterhausen. -- Gott segne dich, liebes
Städtlein, und deine Weinberge bis auf Kind und Kindeskind. Hier bin
ich in der Frühstunde fröhlich und voll guter Hoffnung an mein Tagewerk
gegangen, hier hab ich des Tages Last und Hitze getragen, hier will
ich, wenn’s Gottes Wille ist, auch die elfte Stunde schlagen hören
und hingehen, wenn der Herr des Weinbergs ruft zum Feierabend, mein
Gröschlein zu empfangen. +Das walte Gott+!



Zweites Kapitel.

Der Sohn.

    Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn!

    Psalm 127, 3.


Am 12. Oktober 1613, morgens drei Uhr, ward unser erster Sohn geboren.
Es war an einem kalten, stürmischen Herbsttag, und doch, als ich in
das schwarze, fliegende Morgengewölk hinausschaute, hatte ich des
Sonnenlichts genug im Herzen. Da ich am Bette meiner Margarete stand
und das Knäblein zum erstenmal auf den Armen hielt, war’s mir, wie
wenn der gnädige Gott nun alle Seile seiner Liebe um uns geschlungen
hätte, und ich sprach mit Jakob: „Herr, ich bin zu gering all der
Barmherzigkeit und Treue, die du an mir getan hast!“ -- In der heiligen
Taufe ward es vertreten von +Valentin Orplich+, dem +Bäcken+, der
ihm den Namen +Valentin+ beilegte. Ich hab’s nicht unterlassen, auf
dem Heimweg aus der Kirche Gott anzurufen, daß er einen rechten,
christlichen „+Valentinus+“ aus ihm machen wolle, einen Helden, stark
und streitbar wider diese Welt und alle Feinde seiner Seligkeit.

In der Zucht und Vermahnung zum Herrn hab ich den Knaben aufgezogen,
soweit es einem blinden und schwachen Menschen möglich ist. +Gewollt+
wenigstens hab ich es redlich, und mein Weib, die in der Einfältigkeit
ihres Herzens oft einen Rat wußte, wo ich keinen finden konnte, ist mir
treulich darin beigestanden. Wir meinten, daß der Herr nicht umsonst
sage: „+Die frühe+ mich suchen, werden mich finden.“ Es ist das Herz
der Kindlein wie ein weiches Wachs, darin das liebliche, hehre Bild des
Herrn Christus noch leichtlich sich prägen läßt. Später kann solches
nicht mehr geschehen, oder aber -- es braucht heißer Trübsale, das Herz
wieder weich zu machen.

Mit seinem sechsten Jahre nahm ich ihn in die Schule. Und schon
nach einem Jahre konnte er den Morgen- und Abendsegen mit lauter,
vernehmlicher Stimme beten, und wir hatten eine herzliche Freude,
wenn wir ihm zuhörten: er rezitierte just in dem Tone, in welchem
Herr Theodoricus zu predigen pflegte. Unter der Jugend des Fleckens
hatte er ein großes Ansehen, als er heranwuchs, denn er war sehr
klug und herzhaft, und dabei hatten ihn doch alle lieb als einen
guten Kameraden, weil er ein weiches Gemüt hatte und dienstfertig war
gegen jedermann. Das weißt du aber, lieber Leser, wie man den Wein
am liebsten hat, der stark ist und süß, so hat man auch den Menschen
am liebsten, der beides zugleich ist, herzhaft und milde, tapfer und
doch weichen und liebreichen Gemütes. Des Schenkwirts Büblein hat er,
wiewohl erst selber zehn Jahre alt, mit großer Lebensgefahr unter
den wilden Pferden hervorgerissen, als eben das Rad des Güterwagens
ihm über den Kopf gehen wollte, hat ihm seine messingene Sonnenuhr
geschenkt, als es nicht aufhören wollte zu weinen, und ist dann weiter
gegangen, als ob nichts geschehen wäre. Im teuren zweiundzwanziger
Jahre, als der leidige Krieg uns ganz ausgezehrt hatte, hat er manchen
Tag sein Stück Brot, das klein genug angefallen war, weil die Not schon
dazumal sehr groß war, den armen Nachbarskindern gebrochen, die unter
den Schulbänken die Brotkrumen zusammenklaubten, welche die Kinder
reicherer Leute hie und da hatten fallen lassen.

Freilich solche Vorzüge, als da sind ein weiches Gemüt, ein tapferes
Herz, ein fröhlicher Mut, eine freundliche Rede, sind nur +Naturgaben+,
die ein Kind noch lange nicht geschickt machen zum Himmelreich, obwohl
sie vor Menschen es zieren. Wohin ist Absolom gekommen mit seiner
lieblichen Rede, wohin Saul mit seinem hochherzigen Wesen? -- +zum
schweren Fall+! Ein Mensch mit solchen Eigenschaften ist wie ein
Schiff, das ausgerüstet mit vielen Segeln seine Fahrt beginnt. Wenn’s
unter den rechten Fahrwind kommt, tut’s einen stattlichen Lauf in den
Hafen, wenn aber ein böser Wind ihm in die Segel fährt, wird’s um so
schneller zerscheitert. Der rechte Fahrwind aber ist der +Geist des
Herrn+. Ich hätte das wohl wissen können, aber wo ist der Vater, dem’s
nicht süß eingeht, wenn alle Welt sein Kind als ein liebwertes lobt und
preiset?

Anno 1626, am heiligen +Pfingstfest+, ist mein Valentin das erstemal zu
Gottes Tisch gegangen. Am Morgen des Tages lagen wir alle miteinander
auf den Knien und beteten, daß der barmherzige Gott seine Seele
schmücken wolle mit bußfertigem Sinn und fröhlichem Glauben, -- den
Leib zu schmücken unternahm seine Mutter. Sie scheitelte ihm sein
schwarzes Haar und zog ihm ein schwarzes Mäntelein an und gab ihm einen
schönen Rosmarin in die Hand, den sie schon seit Jahr und Tag dazu
gezogen hatte. Meine kleinen Kinder, deren ich unter der Zeit drei,
nämlich zwei Töchter und ein Söhnlein bekommen, als sie ihren Bruder
so schön geschmückt sahen, legten still die Hände zusammen und schauten
nur von ferne ihn an, als ob er bereits nicht mehr ihresgleichen wäre.
Der Valentin aber bat noch einmal seinen Eltern und Geschwistern alles
ab, was er ihnen jemals zuleide getan, dann ging er mit dem Zuge der
andern Kinder ins Gotteshaus.

Es waren ihrer gerade +zwölf+ in diesem Jahre, die ihr erstes Nachtmahl
feiern wollten. Als ich vom Altare, wo sie paarweise das Sakrament
empfangen hatten, sie wieder zurückkommen sah, konnte ich mich einer
großen Wehmut nicht erwehren. In den Gängen zwischen den Kirchenstühlen
stand das kaiserliche Kriegsvolk, das die Woche zuvor im Städtlein
Quartier genommen, Mann an Mann, und diese trotzigen Gesellen im
eisernen Wams und den wilden Spitzbärten mahnten an die eiserne Zeit,
die uns bereits seit acht Jahren der leidige Religionskrieg gebracht
hatte.

Als ich die kleine, andächtige Kinderschar durch diesen wüsten Haufen
sich hindurchwinden sah, fühlte ich’s recht deutlich, wie wahr unser
Pfarrherr Theodoricus gesprochen, als er den Nachtmahlskindern ihre
Vermahnung über den Spruch gehalten: „Siehe, ich sende euch wie Schafe
mitten unter die Wölfe.“ -- Ist doch auch unter den Zwölfen, die der
Herr sich gewählt, ein Judas gewesen, und heutzutage, in dieser Zeit
der Trübsal, da der Krieg mit eisernem Fuße über die Auen des Herrn
geht, o wie manches Schäflein, das den Hirten verläßt und dem Wolf zum
Raube wird! Was ist’s, daß jetzt eine fromme Rührung die Herzen dieser
Kinder und deines Sohnes bewegt, werden sie auch Öl in den Lampen
haben? Wie manch schöner Stern, der am Firmament des Himmels aufgeht,
ist nur eine trügerische Sternschnuppe, die fällt und auslöscht in
Nacht und Finsternis?

So mußte ich fortwährend denken, bis ich ganz kleinmütig ward; da aber
fing ich an zu beten: „Herr Jesu, du Erzhirte deiner Schafe, nimm dies
arme Häuflein und auch meinen Valentin unter deinen Hirtenstab. Führe
sie, wie dir’s gefällt, -- in die Höhe oder in die Tiefe, durch die
grüne Aue oder durchs finstere Tal, -- nur führe sie so, daß keines von
dir abkommt. Bringe wieder das Verirrte, damit dies kleine Häuflein der
großen Herde beigesellt werde, die du droben weidest und hinführest zu
den lebendigen Wasserbrunnen. Amen.“

+Er hat’s getan, -- ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.+



Drittes Kapitel.

Valentin beim Handwerk.

    Horch, horch! ein wilder Ton schallt durch die Welt,
    Nicht Fried, nicht Ruh, nicht Glück herrscht länger drin! --
        Seit sie eingeritten in unseren Toren
        Mit Schulterstück und rostigen Sporen,
        Ist Aussaat und Arbeit so gut wie verloren!

    Altenglische Ballade.


Eine Weile war es uns ein Anliegen gewesen, was aus unserem Sohne
werden sollte, -- doch waren wir darüber einig geworden. Freilich, mein
Weib hatte schon bei des Knaben Geburt sich an dem Gedanken erfreut,
ihre Erstgeburt, wie sie sagte, dem Herrn zu opfern, und hoffte den Tag
noch zu erleben, wo er auf der Kanzel stehen und die Gemeine erbauen
werde, aber -- der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s.

Es waren nämlich mittlerweile die Zeiten der Prüfung und der
Heimsuchung über die evangelische Kirche gekommen, und auch bei uns,
in +Limpurgischen+ Landen, sah es bereits aus, als wenn der Leuchter
des Evangeliums, nachdem er hundert Jahre hell gebrannt, wieder
von seiner Stätte gestoßen werden sollte. In +Markt-Einersheim+,
+Possenheim+ und +Hellmizheim+ hatte das +Würzburger+ Domkapitel die
evangelischen Kirchen geschlossen, und die Seelsorger hatten sich auf
den Speckfeld geflüchtet, wo sie sonntäglich ihre Gemeinden unter
großen Anfechtungen versammelten und ermahnten, um des Herrn willen das
Unrecht zu ertragen, aber dabei fest zu beharren im wahren Glauben.
Solcher Ermahnung bedurfte es, weil die Kirchgänger vom streifenden
Volk abgefangen und mißhandelt, oder auf den Turm in Iphofen gesetzt
wurden und zuletzt mit schwerem Gelde sich loskaufen mußten.

In solchen Zeiten sollen nur die das Hirtenamt führen, denen offenbar
eine Berufung von dem Herrn dazu wird. Das sind die Zeiten, in denen
der Wolf kommt. Wehe da der Herde, über die ein Mietling gesetzt ist,
und wehe -- dem Mietling! Einen gewissen Fingerzeig, daß Gott unsern
Valentin in seinem Weinberg brauche, hatten wir nicht wahrgenommen,
drum beschlossen wir kurz und gut, ihn zum Handwerk zu bestimmen.

Verachtest du den Handwerkerstand, lieber Leser? -- +Ich nicht!+
Wer hat’s so vor Augen, was alles er mit Gottes Hilfe zustand gebracht
hat, als der Handwerker? Wer kann am Feierabend mit so voller
Zuversicht sagen: „Mein Tagewerk ist getan, und habe nichts verkehrt
angefangen, und nichts zu tun übrig gelassen?“ Drei Stücke gehören
dazu: ein gesunder Leib, eine geschickte Hand und ein christlich Gemüt,
daß einer sein Werk, wie groß oder gering es sei, im Glauben tue, als
auch zu Gottes Ehren. Wo du diese drei Stücke bei einem Handwerksmann
findest, glaube mir, lieber Leser, da hast du einen glücklichen
Menschen gefunden.

So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu
+Valentin Orplich+, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen
Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu
fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als
stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er
werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm:
„Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot
erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘
-- Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für
alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ -- Drauf war er’s zufrieden,
und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei,
den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des
elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, --
‚+im Schatten des Vaters+,‘ sagt man, ‚+wird der Sohn groß+!‘

So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein
Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich
herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße
stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit
sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das
Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein
Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat
seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er
war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister
sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Geschäft ihm in
die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister
nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer,
doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den
Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen.

In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein
gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich
vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der
Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen
Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen,
welcher der +Venusberg+ heißt. Dort brächten sie in heidnischen Greueln
und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den Berg
nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag des
Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander und ein
Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande und blase
wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre, werde alsbald
wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind dahinten, frage
nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern wolle sofort dem
Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem Spielmann immer
auch ein Warner da, der +treue Eckart+ genannt, der bäte und flehte,
dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei zeitlich und ewig um die
geschehen, welche sich verlocken ließen; aber nur wenige gäben ihm
Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei, führe den ganzen
Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören müßten, um des
Teufels Feste zu feiern.

Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann
mit der wundersamen, verlockenden Weise ist der +listige Versucher+,
der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und die rechte
Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem +Heil+ ihn abzuführen.
Der getreue Eckart aber ist +Gottes Wort+ und das +Gewissen+, die dem
Menschen die Wahrheit verraten und sein Los ihm voraussagen, wenn er
sich von dem Versucher betören lassen will, -- aber bei den meisten
+leider umsonst+.

In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum
Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze +Zechgesellschaft+ in der
unteren Schenke, -- die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der
Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten
sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend
sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben sind.
Da war im zweiundzwanziger Jahr +Michel Hamsterloch+, der Kornwucherer,
-- der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten Taler auf
dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du sollst nicht
Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, bis ihn drei
kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen ausplünderten
und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der +Jäger von Erlach+, der
hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor Lust ihm die
Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er auch seinen
elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten werde. Da war
des Schenkwirts +Rosamund+, das liebliche Mägdlein, -- das hörte das
süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit und breit gerühmt
wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm verlassen ward, und
sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in den Fluten begrub
und unter den Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer Eckart gewesen,
doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)

Aber auch +das+ vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund,
daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von
+Zeit zu Zeit+ den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt
seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine
Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen
Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen
ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht
mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker
verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt
allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s
zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und
die Gemeinde den Seelsorger, -- der Tunichtgut achtet sich berufen, die
Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird
verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und
Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat
Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater
ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt,
will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot
treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück
und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat.
Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die
Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und
taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder
nüchtern wird und zur Vernunft kommt.

Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religionskrieges, und obwohl
unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte
doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder
nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚+Bet und arbeit, so hilft
Gott allezeit+‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer
ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen,
und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der
Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs
Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften
Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde;
die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt
laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit
Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit
der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische
Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚+dummen
Jakob+‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen
Mann verstanden. -- Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das
freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und
nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und
Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch
diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die
törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier
umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.

       *       *       *       *       *

Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so
zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht
eigentlich über ihn zu klagen, aber so oft ich ein Näheres über seine
Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter,
er gefällt mir nicht mehr, -- er ist unlustig geworden und Ihr werdet
sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang,
mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte
Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam.



Viertes Kapitel.

Valentin der Schreiber.

    Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los,
    Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben,
    Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß,
    Da meint er sein Glück zu heben.
    Er gräbt und schaufelt so lang er lebt,
    Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.

    Schiller.


Eines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen
Valentin aufzuwecken, -- da hörte ich Stimmen auf der Gasse und
Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen
Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter
kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und
trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und
Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten
sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die
Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen
die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte
und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den
Kriegszeiten aufgekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin
der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen
wird, und das also anhebt:

      1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret[1],
    Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret,
    Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht,
    Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.

Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das
Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum
Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft
schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen.
Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch
das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern
die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit
wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen
Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit
und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.

Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand
ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden
Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn
betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend
und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die
abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die
weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie
ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne
Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als
ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am
Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln backen -- schlechter könne
es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.

Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle,
wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und
Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der
+Amtskeller+ habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es
sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er
Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink
von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen,
sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem
Gewissen einen andern Beruf ergreife -- wir sollen dann gewiß unsere
Freude an ihm erleben.

Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und
daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte
auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem
Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er
verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst
ein gutmütiger, freundlicher Mann war, -- doch aber bei so bewandten
Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn,
wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller
und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem
neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand
gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines
Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid
ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder
Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein
Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt jedem seine Weise, auch Eurem Sohn,
denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch,
der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s
zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts
und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden.
Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich
Ehre von ihm haben.“

Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den
Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm
der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor
uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst
hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem
Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet:
Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das
alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die +Ehre+ und
der +Amtskeller+ galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater
und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten
Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am
Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen
Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz
gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder
auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens
vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser
auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu
und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. -- Um auf schlimme Wege
ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die
sollte er auch bald genug finden.


  [1] Das Lied ist von +J. W. Zinkgref+ im Jahre 1624 gedichtet und
      seine übrigen Verse heißen:

      2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen!
      Schlagt ritterlich darein! -- Eu’r Leben unverdrossen
      Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch
      Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!

      3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen,
      Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,
      Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck,
      Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck.

      4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,
      Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme
      Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut
      Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut.

      5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe,
      Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe,
      An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein,
      Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein.

      6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden
      Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten,
      Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier,
      Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür.

      7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben,
      Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben:
      Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin,
      Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.

      Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses
      Liedes ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied
      aus dem Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „+Kein besser
      Leben ist auf dieser Welt zu denken+“ usw.



Fünftes Kapitel.

Der Jäger von Erlach.

    Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an
    jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten,
    die auf seine Güte hoffen.

    Ps. 147, 10. 11.


In +Erlach+ hatte die +Seinsheimische+ Herrschaft seit einem
halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig,
hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die
untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff
und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er
grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine
Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner
Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele
hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was
einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm
wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche
Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.

Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der
Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch
mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend,
und als +Veit Geißendörfer+, der Torwart, ihm solches verwies,
weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes
leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte,
der Amtskeller solle ihn strafen, wenn er Lust dazu trüge. Er frage
den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! -- Der Torwart
meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu
greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch
der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er
unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.

Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand,
der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden
könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein
Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender
Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König +Gustav Adolf
von Schweden+ mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm
das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung
über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens
sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen
Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu
Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh
ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so
huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann
zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten,
und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede
unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, --
da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“

Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche
Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel,
die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte,
wieder hervorgeholt und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden.
Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher
geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße
folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute
Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller
vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und
ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde
nichts dawider haben, -- er war aber mittlerweile weit weg an den
Rhein gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet,
gehen sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich
an sie, wie es seine Art war, -- mit einem Male aber schaut ihm der
eine von den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt:
„Heißt Ihr nicht +Franz Sorawitz+, und habt unter dem +Friedländer+
gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So
seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann
vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig
Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? -- Das sollt
Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein.
Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes
Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß
über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der
andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden
auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht
geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen
solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch
und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie
seinen Hauptmann. Dann sprangen die Schweden auf ihre Pferde und
jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.

Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf
offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken
war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte,
welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der
andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers
angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne
Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter
dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was
seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen
mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier
am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der
gesprochen hätte wie ein Mann! -- Für was habt ihr denn Mauern und
Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt?
-- Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein
Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen.
+Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!+“

Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand
mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und
seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern
könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre.
In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon,
um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und
stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die
Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs jungen
Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die
schlimmen Gäste zu erwarten.

Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und
ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein.
Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not
keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen
fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle
Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs
von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein
Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie
schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft
ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.

Da kam von ungefähr +Klaus Mündlein+ mit einem Karren Holz rechts
den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war,
und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen
die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn
nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore
hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der
Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht
auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann
wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger,
was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger
bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und
ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der
Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.

Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie
wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten
aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege
hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken
vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies
würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie
aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern
hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das
Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber
der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten,
auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er
hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und
sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach
dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den
letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner
ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.

Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen.
Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie
Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende
Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir
hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein
Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub,
die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte
ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die
Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen.
Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen
den Klaus, der noch am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein
großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam
auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte:
„Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich
ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den
Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die
dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles
Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug
jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er
das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum
besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“

Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne
gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und
Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn
man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter
Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger,
hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller
aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk
auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.

In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und
ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. -- Das war
es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie
und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches
Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als +Hans Ebeling+, der Türmer,
der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „+Nun lob, mein’ Seel’,
den Herren+,“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter
vorübergezogen war.

[Illustration: In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und
Bankettieren (5. Kap.)]

Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der
Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten,
hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg
verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu
finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun
recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien
mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen
nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du
gesagt hast!“



Sechstes Kapitel.

Die Warnung.

    Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide
    Und redet frech die Sprache Kanaans.

    Der Alchymist.


Folgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm
mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst
du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber
Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der
Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du
in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel
helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu
hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen,
denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und
gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dürfen, um es
dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte
und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen
und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen,
das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen
läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten,
wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s
gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet!
Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir
dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden
seinerzeit, -- wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen
Trost aber haben wir jetzt?“

Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich
wolle? er könne mich nicht verstehen.

Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum
+krank, todkrank+, und wir, deine Eltern, zittern und zagen wiederum,
daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der Vater im
Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist der
Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald --
bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern
abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund
sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der
ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes
Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut
redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst du,
unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum sind
wir wiederum bekümmert, und +diesmal+ haben wir +keinen Trost+!“ Ich
sprach noch viel, wie mir’s die väterliche Liebe, mein bekümmerte Herz
und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle guten Rat annehmen
und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare nicht mit Herzeleid
in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer geworden.

Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter
Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun
habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders
zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe
ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen
beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben
nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit
ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern
ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und
nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse
man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon
zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es
habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s
in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten
also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen,
daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe,
wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen
Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen,
auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein
Vorgesetzter, -- den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir
würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.

Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn wiewohl der
Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm
doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige
denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur
in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine
Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich
sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche,
die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn
er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des
Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind
geredet.

Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von
Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren
wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen
bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten +Veit+,
der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den
Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten,
ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger
gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr
von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht,
antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz-
oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für
einen wüsten Gesellen, -- nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das
Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei,
und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn,
dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage
kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch
ist, da ist auch Feuer!“

Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes,
dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken,
der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten +Veit
Geißendörfer+, des Wächters auf dem untern Tor.



Siebtes Kapitel.

Der Torwart.

    Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
    Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen,
    So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’,
    Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.


Am 10. Sonntag ~post trinitatis anno~ 1632 hatte der Amtskeller
nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen
für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden
Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf
dem +Speckfeld+ an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte
der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die
Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller
alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm
geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein
weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort
gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich
aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta
mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.

Unser hochbetagter Pfarrherr, ~M.~ +Hieronymus Theodoricus+, hatte am
Morgen über das sonntägliche Evangelium gepredigt, das, wie bekannt,
von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit Jerusalem
unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt auch die
Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, und
hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu beten,
damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne und
bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene.
Gesungen hatten wir: „+Es ist gewißlich an der Zeit+,“ und als ich
die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst
und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen
liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie
das Gesangbuch, -- ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die
man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, so
oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich bewegte
und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des Erzengels
allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm
entgegen!“ Das ist ein lutherisch ~Dies irae~, das kein Menschenkind
sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle müssen offenbar
werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.

Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die
betrübte Zeit, kam +Veit Geißendörfer+, der Wächter auf dem untern
Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte
sich zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für
sein Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit
dem seligen Schenk +Konrad+ von +Limburg+ gegen den Erbfeind der
Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn
einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein
wackerer Kriegsmann stets sich gehalten, wiewohl er nicht zu den
ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der
Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war
er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der
Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende
bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern
Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so
hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen.
-- Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute
eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein
Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein
gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein
Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier
öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und
Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder
abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir
dann fröhlich miteinander verplaudert.

Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen -- und das war ein
Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume
verhielt es sich also:

Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen
von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen.
Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der
Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume
sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt;
alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem
Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe
geeilt und habe den Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden
können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein
Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann
plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf
in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt:
„Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm
seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie
ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall
gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe
er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen
vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das
sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit
werde einschlagen müssen.

Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen,
doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele
wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft
eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß
wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind
heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat.
So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit
Joseph: ‚+Träume kommen von Gott!+‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch
lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm,
und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust
vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl,
vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es
gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung
und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich glaubt, wird leben, ob
er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr
sterben.‘ +Glaubest du das?+“ -- „Das glaube ich,“ sagte der
Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und
drüben singen auf dem Gottesacker:

    Sein Trübsal, Jammer und Elend,
    Ist kommen zu einem seligen End’.
    Er hat getragen Christi Joch,
    Ist gestorben und lebet doch.“

Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im
Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein
Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor
dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. -- „Laßt Euch das
nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand
wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ
eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf
grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott
Euch und mir für den Streit auf Erden -- +ehrlichen Kampf und seligen
Tod+!“ -- „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und
ging von dannen.



Achtes Kapitel.

Der Überfall.

    Sein Jammer, Trübsal und Elend
    Ist kommen zu einem seligen End’.
    Er hat getragen Christi Joch,
    Ist gestorben und lebet doch!


Am folgenden Tage feierte mein Kollege +Johannes Fentsch+ drüben in
+Winterhausen+ seine silberne Hochzeit. Mein +Johannes+, den er aus
der Taufe gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus in unsern
Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben gefunden,
um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem Taufpaten
zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit das Tor
aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten wurde.
Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm und
zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen
herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege
so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander
ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.

Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer
fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel
erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich
ging er damals mir zur Seite, als wir seinen +Udalricus+, sein
einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen
und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice,
Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid
angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos
seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der
Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend
angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo
man sagen müsse: +Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die
nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!+

Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte,
blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute
hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein
goldiger Schein lag auf dem Gipfel der Weinberge, -- über dem Tal aber
und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern
lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes
aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu,
das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.

In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und
die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen
sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen,
sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen
Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem
Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem +Hans Mündlein+ und
seinem Sohn +Klaus+ einen guten Morgen bieten wollte, die heute
die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten.
-- Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam,
fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum
seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die
bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.

Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder
herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er
sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes
Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer
hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert,
was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, -- siehe, da
kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten
sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter
ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte
nach dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern
Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.

Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß
mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen
Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf
das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm
aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.

„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten
Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte,
das Tor zuzumachen, -- aber die beiden Kroaten waren auch schon da und
mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie
warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem
Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber
behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den
Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins
Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein
unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.

Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und
mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will
ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier +Nikol Paradeiser+
und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab
seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den
Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus
Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der
Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter
dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für
geratener, sich nicht in den Handel zu mischen. -- Der Alte ließ sich
nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der
Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde
des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den
Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er
sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten
Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“
jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins
steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.

Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft,
Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei,
ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um
nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu
kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch,
schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja,
Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen
wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind
groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter
Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“
worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen
langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter
der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den
Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.

Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim
Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen
und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem
Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei
voll Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben,
sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch
geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert
und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie
sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und
geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg
nach +Lindelbach+ liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den
Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen
guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der
Veit schon auf ihn gewartet. -- Ich führte ihn schnell nach Hause,
fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von
allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in
solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die
Soldaten vorbeijagen sehen, -- der Valentin war nicht daheim, sondern
eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk
im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und
nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars
Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen
nach zum gräflichen Schlosse.



Neuntes Kapitel.

Die Plünderung.

    Mit leichter Müh’ gewonnen -- lustig nun zu Pferd.

    Shakespeares Heinrich IV.


Auf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei
befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt
und schaute erschreckt dem Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu
treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen
im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während
die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und
jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im
Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer
in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und
dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß
der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen
singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den
Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt
zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute
und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige
seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten
und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten.
„Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend
Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr
alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht,
wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ -- Der Amtskeller bat um
Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht
tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und
nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm
auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm
den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme:
„Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch
nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol
Paradeiser heiße!“ Jedermann sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen
war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart
quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der
totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher
wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen
wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers
Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er
hätt’ es Euch auch getan!“ -- „Herr Amtskeller,“ rief ich über das
Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will
lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind
Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“

Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er
der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die
Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter
einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld
brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die
Pferde und war im Nu wieder davon.

Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie
uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten,
schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die
Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen
habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber
sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten
abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl
mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen,
da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid,
den alten Mann beschuldigt zu haben. -- Es war aber offenbar, daß
sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie
die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem
Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor
aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen
und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie
das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für
den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart,
von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles
dieses war ihnen nur zu gut gelungen.

[Illustration: Seine Mutter kniete neben dem Leichnam und schluchzte
heftig (10. Kap.)]

Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so
war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit -- Gott sei’s
geklagt! -- etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese
Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort
eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und
die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft
über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der
Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas
an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der
ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen,
könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt,
als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt.
Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt
nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst
müsse kein Gott im Himmel sein!

Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „+Verrat+“ lief es mir
eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in
Limburgischen Landen ohnehin alle Wetter gingen, wo ich unser armes
Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich
nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich
fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt
fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein
könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und
gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute
rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem
Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein
Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst
nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er
daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, -- aber ich sah ihn
nirgends.



Zehntes Kapitel.

Die Entdeckung.

    Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles,
    Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz
    Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.

    Thompsons Jahreszeiten.


Während alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren
Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen,
und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren
getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit
seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des
Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den
Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.

Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der
Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen,
an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und
getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte
im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die
Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten,
weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten
Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte
Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem
Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie
ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob
Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr
und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu
sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie
stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht
mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits
hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum
Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein
stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand,
das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert
bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf
seine schluchzende Mutter.

Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter,
oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben
dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen
Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht
geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um
die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen,
oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den
Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen
Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer
ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie
auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.

Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt.
Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn
sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und
einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten
Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn
sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich
wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom
Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines
gewaltsamen Todes gestorben, -- sonst schien er zu schlafen. Seine
Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen
wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter
Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus
ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er
aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt,
stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand
seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte.

Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich
gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets
bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende
und wie er sterbend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich
gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und
fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier
Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte
klagen helfen.

Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht
bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist
auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende
vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem +Johannes+
durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun
eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört
worden; -- da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts
weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei
er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen
und zu Boden sinken wollte.

Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß
ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an
meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach
Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von
Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen
Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen
gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein
Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten,
wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der
einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der
Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den
Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne
ihn wohl, er habe ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von
Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin
zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn
gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen
und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem
Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er
besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der
Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach
trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit
ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei
er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an
der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen
gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den
Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern
sei eilends nach Hause gegangen.

Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während
des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und
gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann
gleich bekannt vorgekommen, -- er habe nur nicht recht gewußt, wo
er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe
verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch
spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst
dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber
der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe
ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen.

Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Botschaft ihm gebracht
wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne
sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater
Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder
sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes
Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit
anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes
Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand
auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes
Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen,
wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die
Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer
dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein
den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und
seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob
er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht
verdient um dich und deine Kinder!“

Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward,
hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich
aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich
kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind
groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich
rechtfertigen solle.

Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei
den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr
nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er
in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die
Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den
seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn
der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer
gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm
auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle
Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und
werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein
Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst.

Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib
und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und
bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und
die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend
Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um
das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause
gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.)



Elftes Kapitel.

Ein Gottesgericht.

    Wo der Herr sein Häuflein richt’t,
    Da bleibt kein Gottloser nicht,
    Summa: Gott liebt alle Frommen,
    Doch wer bös’ ist, muß umkommen.

    P. Gerhardt.


Was an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist
nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren
wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der
Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:

    Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen,
    Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen,
    So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’,
    Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!

Ach, das war kein Kleines! -- Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt
es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen
getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege
getan haben, so weiß ich’s nicht, -- ich wenigstens konnte dieses
Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in
der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand
jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den
Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du
hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen,
wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich,
du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig
geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte
ich mich an, daß ich nicht +streng+ genug, und dann wieder, daß ich
nicht +lind+ und +gütig+ genug gegen ihn gewesen, und warf mich bald
auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein Stachel darin,
der sich grausam in mein Herz bohrte.

Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken
unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein
miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen,
mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den
Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu
sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie
konnte nicht einmal weinen. Endlich, als es auf Mitternacht zuging,
sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und
denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott
finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen
Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war,
fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend,
meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war,
sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, -- er sei mit
einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen
sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen:
„Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die
andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen,
während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr
ausgestreckt habe.

In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich
hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok,
und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich
stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „+Ich lasse
dich nicht, du segnest mich denn!+“ Als nun die Morgenröte anbrach,
war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden
Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in
guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.

Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts
bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und
zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist
wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, -- es
kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr meinen
Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort.
Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner
gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben
hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den
aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene
Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So
beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest
zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht
verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft
anzuweisen, -- ich aber ging in die Schule.

Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber
Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem
andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern
Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild
gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher
steigen +sie+ in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit welch
herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, teils
verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in dieser
Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe und Kinder
desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen Händen
hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden von dem
Gott, dessen Wahrzeichen lautet: +Holdselig den Freunden, erschrecklich
den Feinden!+

Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die
mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf
von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe
den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht
sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die
Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem
Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem
Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um
gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, -- dort
fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem Karren
war, wie ich hörte, der +Meister+ von +Sulzdorf+. Er erzählte: es seien
heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf gekommen, hätten ihn
geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten ihn dann in die Tannen
hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über einen Baumstamm liegend,
mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. Weil der Baumstamm auf
der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der Schultheiß von Erlach, der
auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den Leichnam nach Sommerhausen
zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf ihrem Gottesacker geben
würden, und weil auch keiner der Bauersleute sich dazu verstanden, ihn
nur mit einem Finger anzurühren! -- Das habe er nun getan, und die
Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger anfangen, was ihnen gut
dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie wollten ihn auch nicht, er
solle ihn in den Main werfen oder auf den Schindanger tragen, sagte
Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder siedet oder bratet ihn
meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den Jäger bei den Füßen
und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, -- dann setzte er
sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der Tasche und fing an
zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr kümmern wollte.

Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von +Goßmannsdorf+
gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und
Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie
sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig
vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern
sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen,
um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe
sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel
voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft
gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen
Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe
sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein
in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange
das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe
sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie
habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber
nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch,
wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber
sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf
gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe,
habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den
Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach
+Kleinochsenfurt+ ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles
erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen
zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut
und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.

Mittlerweile hat +Georg Ebert+, der Schmied, mit einem Stecken
des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der
leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen
Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem
Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können.
Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen
Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein
Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit
dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.

Wie dem auch sein mochte, -- hier hatte Gott gerichtet und sein Wort
erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm
gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids
getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und
durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines
bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer
ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte
und unerforschlich seine Wege!“

Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der
Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister
übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein
ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun
auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden,
wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft,
-- es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras
da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein
häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt die Stätte
zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis
zum großen Tage des Gerichts.

+Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich
aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin,
ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.+ Ps. 37.



Zwölftes Kapitel.

Die Flucht.

    Was bringt Frieden? Lauter Freud.
    Was bringt Kriegen? Lauter Leid.
    Was bringt Frieden? Wein und Brot.
    Was bringt Kriegen? Hungersnot.
    Was bringt Frieden? Mut und Gut.
    Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut.
    Was bringt Frieden? Fröhlichkeit.
    Was bringt Kriegen? Herzeleid.
    Friede kommet aus dem Himmel,
    Aus der Höll das Kriegsgetümmel.

    Alter Spruch.


Bis hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab
dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt,
über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller
hinüberführen.

Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest
du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die
Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, -- aber dem ist nicht
so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die
Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weisheit und
Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit
gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten
können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist
der beste!

Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die
Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst
und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut,
sondern auch, -- das weiß Gott! -- unser Blut und unsere Tränen hängen
an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische
Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so
müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in
den Hütten seiner Väter wohnen.

Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen
haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit
schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken
und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend,
dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe
vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh
ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an
Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts
zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634
hereinbrachen.

[Illustration: Unser Nachbar, der Schreiner, brachte ein Kreuz (13.
Kap.)]

Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die blutige
Schlacht bei +Nördlingen+, und nun zog das von dem edlen Schwedenkönig
verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her gegen die hiesige
Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel Unfug verübt, haben
das Dörflein +Lindelbach+ geplündert, den Kelch aus der Kirche
geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. Solches geschah aber
meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie bei jedem Heere gefunden
werden, und wurde mitunter streng bestraft. Vornehmlich solange der
König +Gustavus Adolphus+ noch lebte, hatte die schwedische Armee den
Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht und Manneszucht gehalten wurde:
der geborene Schwede oder Finnländer, als sie zuerst zu uns kamen,
betete stets, ehe er an den Tisch sich setzte, und wenn er gegessen
hatte, reichte er dem Hauswirt und der Hauswirtin die Hand und dankte
freundlich für die empfangene Bewirtung. Das +kaiserliche+ Volk aber
trieb den Krieg als ein Handwerk, war im Kriegslager aufgewachsen,
verachtete den Bürger und fürchtete weder Gott noch Menschen.

Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, zu
dem Reiterregiment des Grafen +Piccolomini+ gehörend, im hiesigen
Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch die Straße,
dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu wirtschaften,
daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. Nicht allein,
daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln und Geld
vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch diejenigen,
welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot schmeckte,
aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen die Männer,
die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen und schossen
ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den unschuldigen
Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn eine Kuh
oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie abzogen,
die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen Betten,
die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf die
Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf den
ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus ihren
Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als das
nackte Leben.

Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem
Kaiser +Ferdinandus+ an der Spitze seiner Armee hier durchkomme und
sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann
wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres
zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die
meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu
retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und
dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich
sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder
todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre,
daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr
Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger
hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich
mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen,
sich über den Main in den +Gau+ zu flüchten, andere aber, darunter
auch wir, hofften in +Kitzingen+ und in den benachbarten Orten ein
Unterkommen zu finden.

Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir
uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das
Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre
Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem
Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als
plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und die Hintersten auf die
Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und
das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog
ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27.
Psalm vor: +Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich
mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir
denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet
sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet,
so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte
ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang,
zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu
besuchen.+

Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und
alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten
Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum
heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des
Allmächtigen, als aber +Hans Ebeling+, der Türmer, anhub zu singen:

    Das Wort sie sollen lassen stahn
    Und kein’n Dank dazu haben,
    Er ist bei uns wohl auf dem Plan
    Mit seinem Geist und Gaben.
    Nehmen sie den Leib,
    Gut, Ehr’, Kind und Weib.
    Laß fahren dahin,
    Sie haben’s kein Gewinn,
    Das Reich muß uns doch bleiben, --

da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit
lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken
zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied
sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und
getröstet fühlte.

Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der
+Amtskeller+ trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen
aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten
also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte:
darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war
dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, -- denn er
ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und
gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben.

Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo
er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging
mit den Meinen nach +Kitzingen+, wo Gott einem alten Mann, den ich
nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und
vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat +Sebastian
Popp+ geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt.
Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig!



Dreizehntes Kapitel.

Die Pest.

    Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
    Hat Gewalt vom höchsten Gott,
    Heut wetzt er das Messer,
    Es schneidet schon besser,
    Bald wird er drein schneiden,
    Wir müssen’s erleiden,
    Hüte dich, schön’s Blümelein.

    Altes Lied.


Nach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil
wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder
nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem
Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den
Heimweg.

Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker
kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch
zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner
konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt
hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den
Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große
Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen,
das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es
lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der
Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine
Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor
großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich
zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem
fremden Volk in den Häusern lägen, der alte +Merten Geuder+, der
Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot
mit ihnen, -- das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre
Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß
die Männer die Wahrheit gesprochen.

Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen,
die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich
wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens,
wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr
da, in welchem nicht ein Toter lag.

Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In
meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf
den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft
schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl
es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von
ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter
Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen
Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs
lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die
Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist.
Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen
Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr
mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun
nicht mehr hungern und dürsten, +es wird auch nicht mehr auf sie
fallen die Sonne oder irgend eine Hitze+, denn das Lamm mitten im
Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen!
Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß
es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe
entbundenen Seele galt.

Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man
der Worte gedenken: +Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und
dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.+ Wenn man es mit
ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war,
wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause
nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr
den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute
Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei,
sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut,
wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der
Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen
als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen
hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in
+eine+ große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so
daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man
einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.

Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie
umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer
in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:

    „Eßt Bibernell,
    Sterbt ihr nicht so schnell!“

Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die
Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein
Wasser an sein Bett und eilten aus seiner Nähe, und sobald er die
Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und
selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn
vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem
Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil
dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.

Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal,
aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die
Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches
Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei +gut+ von Natur,
die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier nicht grausamer
und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen angeborenen Trieben
nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes nicht gezähmt und die
Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.

Der Herr hatte beschlossen, daß +mein+ Haus auch leer werden sollte:
an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine Töchter,
Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es Abend ward,
hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen lassen, mein
Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch ohne mich mehr zu
kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie etlichemal mit starker
Stimme: „+Valentin+! +Valentin+! +Mein Sohn, mein Sohn!+“ rief. Als
es aber Mitternacht ward, richtete sie sich plötzlich auf in ihrem
Bett, schaute mit gerötetem Antlitz über sich, als ob sie dort jemand
gewahre, und rief laut, ihre Arme ausbreitend:

    „Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig,
    Von Gnaden stark, an Wahrheit mächtig,
    Mein Licht wird hell, mein Stern geht auf!“

Dann sank sie in das Kissen zurück und war heimgegangen. --

    „Dein Leid, mein Leid,
    Meine Freud’, deine Freud’,
    Deine Not, meine Not,
    Mein Brot, dein Brot,“

so hatt’ ich an unserem Hochzeitstage in ihr Gesangbuch geschrieben:
das war unser Ehevertrag gewesen, und treulich haben wir denselben alle
beide gehalten, bis nach vierundzwanzig Jahren Gott selber ihn gelöst
hat.

Wie mir’s war in jener Nacht, als ich mit meinem Johannes bald an das
Bett seiner Mutter, bald an das seiner Geschwister trat, -- ich weiß
es nicht mehr. Der Herr hatte meine Seele betäubt, daß ich war wie ein
im Schlaf Wandelnder. Folgenden Tags grub ich, Hans Ebeling und mein
Söhnlein ein Grab aus, hart neben dem Grab des alten Veit, wickelten
die Leichname in weißes Linnen und senkten sie ein unter Gebet und
Tränen. Als wir damit zu Ende gekommen, brachte unser Nachbar, der
Schreiner, ein Kreuz und sprach: „Schulmeister, das ist für Eures
Weibes Grab. Mit ihrem gottseligen Wandel hat sie im Leben Christi
Lehre geziert in allen Stücken, so soll auch sein Kreuz sie zieren in
ihrem Tod!“ Ihm wolle auch der Herr seinen christlichen Liebesdienst
lohnen am großen Tage der Vergeltung.

Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen
Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein +Johannes+
zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und beschloß, noch am
selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken, wo ich ihn bei dem
Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um das Aufhören der Pest
abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich ließ also den Knaben sogleich
aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor einbrechender Nacht die
Stadt erreiche.

Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf.
Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten
uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im
Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder
aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen
heraus, und siehe! -- mit einem Male stand über dem Tal ein schöner,
glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte,
mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just
auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein
Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort
hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe
Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies
wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge,
wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ -- „Wie Gott will, mein Kind, du
meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und
empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen.

Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn
willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach
die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm,
daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein
zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk
belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen
nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme.

Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen desselben Tages, an
welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den
Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind
werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, -- aber ich sah
nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem
Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war.
Drin sah ich meinen Johannes liegen.

Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem
Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf
schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß
er +tot+ sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller
seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod
aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater
zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er
sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der
Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen,
weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch
nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter
und Geschwistern begraben sein wolle.

Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich
meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und
wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten
Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug
es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon
erfahren hatten, -- die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich
aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach.
Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein
Psalmbüchlein, das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte
mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling
mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker
zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige
Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig
geblieben waren unter dem großen Sterben.

Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein
Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande
zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus
meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus
meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und
sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr
lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe
mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will
schreien zu dem Ewigen für und für!“

Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret
fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen
lassen mit Trauern und Weinen, +Gott aber wird euch mir wiedergeben
mit Wonne und Freude ewiglich+.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen
Himmel und rief: „Schauet da +hinauf+, lieber Bruder, und nicht bloß
da +hinunter+! ‚+Deine Toten werden leben+, spricht der Herr.‘“ --
Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und sein Wort hat mich
wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer und einfältiger Mann
war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir vorhielt, aber wenn der
Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s uns besser ein. Es ist
der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem Nachbarhaus besser
schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben Korne gemahlen und von
demselben Meister bereitet ist.

Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu
sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus
großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen,
und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen.
Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen
mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin -- freilich mit großer
Schwachheit -- dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und
Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte.
So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines
Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem
geneigten Leser hiehersetzen will.

      +Es ist zu viel!+
    Mein Gott, wie kann ich es ertragen!
    Mit Weib und Töchtern und dem Sohn
    Eilst du in Einem Jahr davon.
    Das heißet vierfach hart geschlagen.
    So blieb ich deiner Pfeile Ziel?
    +Es ist zu viel!+

      +Herr, wie du willst!+
    Soll ich noch mehr zum Kreuz mich schmiegen
    Und andrer Fäll’ gewärtig sein,
    Wohlan, ich gebe mich darein.
    Ich will in Staub und Asche liegen,
    Bis deiner Plagen Maß erfüllt.
    +Herr, wie du willst!+

      +Gib nur Geduld!+
    Und zünd in dem betrübten Herzen
    Des Trostes helle Kerzen an,
    Denn was mich noch erfreuen kann
    Bei so viel überhäuften Schmerzen,
    Ist einzig deine Vaterhuld.
    +Gib nur Geduld!+

      +Du meinst es gut+,
    Auch wenn du mich mit Wermut speisest
    Und aus dem Taumelkelche tränkst,
    Denn dein Gebrauch ist, wenn du kränkst,
    Daß du den Weg zum Himmel weisest.
    Dies stärket wieder meinen Mut:
    +Du meinst es gut!+

      +Mein liebstes Kind+
    War auch ein Gut, von dir erborget,
    Drum geb ich es jetzt willig ab,
    Weil ich nicht Macht dawider hab,
    Und denk: wie wohl ist es versorget,
    Befreit von Kreuz, Tod, Höll’ und Sünd’,
    +Mein liebstes Kind.+

      +Nun gute Nacht+,
    Ihr heiß von mir geliebten Seelen!
    Lebt wohl in jenem Vaterland,
    Darin euch lauter Lust bekannt,
    Und glaubt, mich soll’s nun nicht mehr quälen,
    Daß ihr so schnell den Lauf vollbracht,
    +Nun gute Nacht!+

      +Ich folge nach+,
    Wenn es dem höchsten Gott gefället,
    Da werdet nach der Traurigkeit
    In unzerstörter Herrlichkeit
    Ihr wiederum mir zugestellet,
    Und hiemit end’t sich meine Klag’,
    +Ich folge nach!+

+Amen, Amen! Ja, ja, es soll also geschehen!+



Vierzehntes Kapitel.

Die Heimkehr.

    Scheiden bringet Herzeleid,
    Wiederkommen -- Trost und Freud.

    Altes Lied.


Unter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich
meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn
Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli.

Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war
nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und
kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und
Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen
ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß
der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr,
und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den
Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen
brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten,
das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem
Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall
auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah,
so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa
ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind,
der ihn anfallen wollte.

Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am
Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames
Kämmerlein. Gegenüber aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang
eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein
Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und
ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit
schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und
begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein
Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den
Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines
alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die
Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem
Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang
umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und
als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein
kleines Bündelein in seiner Hand.

Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem
und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der +Valentin+ ist
da!“

Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten
und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn
und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als
verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die
Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns
verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts
getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen,
Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre
meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet
vergeblich, -- alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald
Angst, bald Freude, wenn ich an dem Angekommenen hinaufsah, er war
mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid
davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die
Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und
Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so
liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden
herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern
ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu
Boden gesunken.

[Illustration: Ich öffnete die Stubentüre und trat hinaus mit einem
Licht (14. Kap.)]

Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch,
in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir
die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger
darauf deutete. Es waren die Worte: +Vater, ich habe gesündiget in
den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn
heiße!+ Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte
gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden,
er war verloren und ist gefunden worden! -- „+In Gottes Namen+,“
sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn.

Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine
Mutter?“ -- „Sie ist tot!“ antwortete ich.

„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. -- „Tot!“

„Und mein Brüderlein Johannes?“ -- „Tot, mein Sohn!“

„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. -- „Tot, auch
tot!“

„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen
und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen,
traurigen Ton, der mir durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum
erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen
ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen:
aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine
Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern
hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war
schneeweiß.

„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von
Hause weg bist?“

„Gut, mein Vater! -- Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und komme
heim mit heiler Seele. -- Ich bin noch nicht daheim, aber ich +komme+
heim -- bald -- sehr bald. -- Das Haus bricht, darin meine Seele
geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar. Dem Herrn
sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen können: Der
verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein Vaterhaus!“

Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit
nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich:
„Bist du krank, Valentin?“

„Sehr krank und sehr müde -- ach, ich habe meinen letzten Weg auf
dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir,
daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon
getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt,
-- es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in
Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles
geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die
Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“

Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott
gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte ihn in
das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl
seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das
kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas
Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment,
darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine
Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider
diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott
mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch
eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“

Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse
verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben
Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden
dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen
denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein
tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen
Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes.



Fünfzehntes Kapitel.

Der Brief.


    +Wertheim+, den 20. Mai 1639.

    =An meinen Vater Udalricum Gast und meine Mutter
    +Margareta+, eine geborene +Späthin+,
    in Sommerhausen.=

Von dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will
ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und
herzliebe Mutter. Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch
so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen
von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich
über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich:
meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann
ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß
Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon
voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet
nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem
Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit
mir sündigem Menschen!

Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! -- Daß ich’s geworden bin in
Euren Augen, ist also gekommen:

Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß,
hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß
ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die
für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend
Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger
vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen
und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz
gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht
hinausführen würde.

An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann,
den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen
gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen,
sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem
heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie
Dienst nehmen wollte, so könne er mir denselben empfehlen, und sei
jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz
auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war
und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade
verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie
diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick
geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine
bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich
damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf
den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute
in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann
wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher
sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte
mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter,
daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen
gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde
darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger
aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß,
Bruder!“ -- Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld
erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach
ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische
antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit
ihm zusammentreffen.

Nun aber hatte der Jäger, wie mir nachher des Paradeisers Roßbube
erzählte, den Hauptmann aufgefordert, am Montag in aller Frühe, sowie
das Tor aufgetan würde, den Flecken selber zu überfallen und aus der
Kellerei das Geld zu holen, was, da man keines feindlichen Überfalls
gewärtig sei, sich leicht ins Werk setzen lasse und sicherlich gelingen
müsse. Dem Jäger solle er dann hundert Taler abgeben, mich aber solle
er mit fortnehmen, damit ich auf ihn, den Jäger, keinen Verdacht
bringen könne. Falls ich in den Tannen nicht zu ihm käme, solle er
nur irgendwie dafür sorgen, daß ich der Bürgerschaft als Verräter und
Angeber kundgetan würde. Er selber wolle mich dann schon so schrecken,
daß ich dem Hauptmann durch Wasser und Feuer nachlaufen solle.

So haben diese zwei Bösewichter auch getan, und als an jenem Morgen der
alte Veit und mein Gespiele Klaus Mündlein erschlagen und die Kellerei
geplündert war, und ich vor der Stimme meines Gewissens und vor
unsäglicher Herzensangst bereits nicht mehr wußte, wo aus und wo ein,
kam jener Bauer von Erlach und richtete mir des Paradeisers Botschaft
aus, und wie ich mich umwandte, um Euch, lieber Vater, aufzusuchen und
alles zu bekennen, stand plötzlich der Jäger vor mir und mahnte mich,
eilend zu fliehen, weil ich sonst mich und Euch in Jammer und Schande
bringen würde: ich solle nur in Gottes Namen dem Hauptmann folgen,
zumal derselbe ja doch nur Kriegsgebrauch geübt habe, ich aber keinen
Menschen von meiner Unschuld würde überreden können, am wenigsten den
Amtskeller.

Er schien mir die Wahrheit zu sagen, und ich folgte dem bösen Rat.
Im Wald holte mich der Jäger ein und brachte mich zu dem Hauptmann,
der mich mit Lachen empfing; der Jäger aber sagte: ich solle nur
guten Mutes sein -- er wolle den Leuten schon wacker Sand in die
Augen streuen, und wenn ich in etlichen Jahren als ein Leutnant oder
Rittmeister heimkäme, wie er nicht zweifle, solle kein Hahn mehr nach
den alten Geschichten krähen.

Es hat des Hauptmanns Roßbube mir nachgehends noch erzählt, wie er
glaube, daß der Jäger noch an selbem Tage seinen Lohn erhalten. Denn
als er mit dem empfangenen Gelde sich hinwegbegeben, sei der Hauptmann
mit einem bösen Buben aus der Kompagnie, der sich zu allen bösen
Stücken habe brauchen lassen, ihm nachgeschlichen, und als sie wieder
zum Haufen gekommen, habe er wohl bemerkt, wie der Hauptmann einen
ledernen Beutel, der dem Jäger zugehört, und in den dieser das Geld
getan, aus der Tasche gezogen und über den Weg hinüber in die Hecken
geworfen, woraus er gleich vermutet, daß sie den Jäger kalt gemacht
und das Geld ihm wieder abgenommen hätten. Wie dem sei, er wird dem
gerechten Richter nicht entgangen sein!



Sechzehntes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

    Vorgetan und nachgedacht
    Hat manchen in groß Leid gebracht.


Ich zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben
das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer
Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden.
Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen
konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der
Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer
und mochte sehr niedergeschlagen aussehen.

„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das
Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen
und Würfel spielen, als auf der Erde liegen und in die Tannenäste und
in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei
den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und
morgen vull!“

Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich
in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher
Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer
gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.

„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen!
-- solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht
brauchen.“

„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst
nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich
nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit
sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen
mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem
Diebsgesind Geld zu stehlen!“

Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach
Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen
Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da
wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den
Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht,
du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube
des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem
einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und
Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder
ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach
mir mit dem Fuße.

Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn
meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den
Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber
fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich
los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit
gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als
er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte,
gebot er, mich zu binden -- denn morgen müsse ich hängen.

So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben
hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte,
und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen
sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht
entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum
steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und
schliefen.

Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken.
Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht
anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl
dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein
Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und
nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben,
wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen
können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht
hingerafft in meinen Sünden!

Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich
in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme
spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s, wenn ich Eure Stricke
durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten
zu den +Schwedischen+? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von
+Kitzingen+, -- soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht
leise, -- ein Messer habe ich schon bei mir!“

Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube
war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die
Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“

„Wozu?“ fragte der Roßbube. -- „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem
verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht
und noch so jämmerlich traktiert hat!“

„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt
Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen
machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“

Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich
geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er
die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht
oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend
wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die
Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir
alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und
das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er
einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann
mitgenommen, und bot mir auch davon an, -- ich wollte von diesem
Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum
zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war.

Als es Tag geworden, meldeten wir uns bei dem schwedischen Wachtposten,
und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger,
freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der
Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm
er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem
Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht
werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner
vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch
mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und gen +Nürnberg+ ziehen,
wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann ich
nicht sagen.



Siebzehntes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

    Morgenrot, Morgenrot,
    Leuchtest mir zum frühen Tod!
    Bald wird die Trompete blasen,
    Dann muß ich mein Leben lassen,
    Ich und mancher Kamerad.

    Volkslied.


So hatte nun mein Kriegsleben angefangen! +Stolz hat’s begonnen,
trübselig geendet+, doch ’s ist so auch gut!

Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das
sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein
Rekruten, blutjungen Leuten, die teils aus +Schweden+, teils
aus +Finnland+ gekommen und unter die Dragoner treten sollten.
Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne,
die es noch zu halten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch
Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt.
Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische,
und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als
„verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir
wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt,
wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht
viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen
in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen, +Olufsohn+ geheißen,
mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb,
ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange
gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein
rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte
mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte,
fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber
ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für
ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer
ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem
König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun
und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren,
die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen
gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner
Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn
seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm
auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit
großer Gelassenheit gefallen ließ.

Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Friedländische Lager
abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee
mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach
Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß
und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit
meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug
des Königs -- weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war
-- eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn
Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr
und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern
kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz
aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie
darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber
dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt!

Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl
zu, dem König zu folgen, der wieder auf +Donauwörth+ zu gezogen.
Dort bin ich bei +Rain+ am Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen.
Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im
Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen,
aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die
Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das
General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich
hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit
dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück
Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute
gekostet.

Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles bereitet, lagen wir abends
um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das
gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein
Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und
Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt!
Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen
Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen
anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an:

    „Und wenn die Kugel geschossen ist,
    Die mir mein’ Seel’ ausbläst,
    Dann sag ich: bis zu dieser Frist
    Bin ich allzeit voll gewest!
    Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit
    Hinüber in die Ewigkeit!“

Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und
stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. -- +O Herr, erbarme
dich!+ und vergilt mir nicht nach meiner Missetat!

Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam,
brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saß +Olufsohn+. Er
hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem
Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte,
was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken
gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er
seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die
Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und
daraus gelesen.

„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen,
statt daheim zu hocken! -- Da hättest du auch einen tapfern Mut
bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze;
wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei
Gedanken das Herz schwer zu machen!“ -- Er aber schüttelte den Kopf,
sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder,
nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht.

Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden
in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch
war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König
hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien
einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde.
Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch
nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle
ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun
begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir
sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und
in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen
auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn
tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein
Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die
Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte
geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei.

Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte
einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen.
Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke
gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben,
traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten und
das Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in
den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät
lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts
getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es
sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge,
von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein
schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem
Tod in den Rachen laufen wollte. -- „+Nun, wer hat Lust?+“ fragte der
Korporal wieder und lachte, „+keiner+?“

„+Ich+,“ sagte +Olufsohn+, „+und ich auch+!“ wiederholte einer von den
+Finnländern+. Olufsohn, der neben mir gehalten, stieg ab und wollte
mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte: „Was du vermagst,
vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte: „+Ich bin der Dritte!+“
So gingen wir an dem König vorüber, der uns freundlich zunickte, liefen
mit den Planken unter mörderischem Schießen über die Brücke und machten
sie fest. Als es geschehen, wollten wir uns so schnell als möglich
davon machen, -- da krachten wiederum die Stücke der Bayrischen, und
der Finnländer stürzte, zum Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom
Kopf geschossen, ich aber blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes
Regiment im vollen Jagen über die Brücke setzen, wobei viele das Leben
verloren, zuerst der +Korporal+, dessen Pferd, von einem Schusse
getroffen, sich aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte.
„Nun kommt er ja naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern
gemeint hat,“ sagte einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil
er sich gegen ihn zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott
sei der Seele gnädig!“ Von den übrigen ward hierauf die bayrische
Schanze genommen. Hiemit entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe
des Städtleins ist nun alsbald geschehen.

[Illustration: Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen
und las in einem Büchlein (17. Kap.)]

Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an
die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben,
dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke
fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also,
und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein
Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler
auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der
aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie
es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe;
wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe
sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe
gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine
sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, -- dem möge das Geld
durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. -- „Es sei so,
mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und
die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen
auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr
Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er
doch nicht gar leer ausgeht.“

So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig
Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die
Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte
zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl
ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren
trocken; der schwedische Fuchs habe es aber wohl verstanden, wie man
dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar
süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“
und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal.

Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte
ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen,
denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege
ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm
nicht feind sein konnte.



Achtzehntes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

    I bi bi’m Paschal Paoli
    In Corsika Draguner gsi,
    Und gfochte hani, wie ne Ma’
    Und Bluet an Gurt und Säbel gha.

    Hebel.


Als ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob
davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß
ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen
würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches
geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief
schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch
dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu
rühmen und zu freuen Ursache hättet.

Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte,
damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leib und Leben dran zu wagen, war
ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm
achtete, wenn anstatt eines Helden +Glück+ eines Helden Tod mein
Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu
Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben -- das hab ich nicht, wiewohl
ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und
Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte,
und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem
Glauben, daß er +Gott zu Ehren+ das Schwert trage und +Gott+
diene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel
glücklicher vorgekommen denn +ich+, wenn er etwa seiner alten
Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm
geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue
und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn
sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein
prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten
Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus,
tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar
sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg
priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben.

Bei +Lützen, wo Gustavus Adolphus+, der große christliche Held,
sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch
zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen
Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht bei
+Nördlingen+ uns zusammengezogen.

Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des Generals +Horn+
Befehl gebetet und das Lied gesungen: „Verzage nicht, du Häuflein
klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig
hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch
gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir
mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten
hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk
bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit
von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen,
aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte,
wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken.

Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach
überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug,
ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden
angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns
doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern
etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze
Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das
greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken
und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den
Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten
still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu
holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen
gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an
uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und
kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von
dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrich stürzen,
und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß
ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der
Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die
Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen
und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu
bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz
nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich
befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm: +nun+ hoffte ich eine
Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn
aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre,
und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die
Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte.
Nun ließ ich mein Pferd los, -- aber im selben Augenblicke hatte
auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die
andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter
den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den
Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich
die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn
und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war
ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu
gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er
so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte
seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und
ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach
mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte.

Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füße kommen konnte, war
alles vorüber, -- unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen,
und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir
und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete
im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich
dem Feinde abgenommen.

Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte,
daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich
zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir
nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, -- übrigens haben wir die Fahne
wieder! -- und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, --
denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen -- so sei doch dafür
der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, -- da sahen
wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller
gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte.

Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle
gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn
zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so
wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts
hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um
sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon.
Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch
bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden
Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte,
weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder[2] aus dem Hause
gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden
Tag unser Regiment ein, das, so gut es anging, nach seinem schweren
Verlust sich wieder gesammelt hatte.

Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir
zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch
davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe.
Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin
selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege
uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen
treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“

„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so
schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne
gestickt: ‚+Gott mit uns!+‘ und Gott war mit meiner und meines
Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“
Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte
empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte
und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist
tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und
der getreulicher sie bewahren würde, denn +dich+. +Glück zu dem
Fähndrich!+“

Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und
Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles
des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir:
„Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du
fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal
aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es
muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“


  [2] Marodeurs.



Neunzehntes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

    Kaum gedacht, kaum gedacht,
    Ward der Lust ein End gemacht.

    Altes Volkslied.


Nun fing ich an, mit Gott und der Welt zu hadern und immer tiefer in
das wüste Leben hineinzugeraten. Hatte ich etwas, so lag ich tags damit
auf dem Spielplatz und des Nachts an den Trinktischen der Marketender,
so daß stets nach großem Überfluß wieder bitterer Mangel bei mir
einkehrte. Bald war mir der Krieg verleidet, weil ich doch kein Glück
dabei zu haben schien, bald stachelte mich wieder die Ehrbegierde
wie ein scharfer Sporn, alles dran zu setzen, um endlich doch etwas
Rechtes zu werden, und dann, mit Ruhm und Ehre gekrönt, mich wieder bei
Euch sehen zu lassen. Bald ging ich allen meinen Kameraden in wüster
Ausgelassenheit und Mutwillen voran, bald wieder war ich so schwermütig
und eines finstern Geistes voll, daß ich jedwedem Menschen aus dem Wege
ging. Olufsohn hat mir manchmal eine gute Vermahnung getan, aber ich
schlug es alles in den Wind, und wo ich’s konnte, vermied ich seine
Gesellschaft, obwohl ich eigentlich mein Herz nicht von ihm kehren
konnte: denn das sah ich wohl, wie er allein ein redliches Gemüt
gegen mich hatte, während die andern mir wohl freundlich und süß ins
Angesicht redeten, hinterrücks aber mich verachteten und verkleinerten,
und eher mir geschadet als genützt und geholfen hätten.

Da hat nun der himmlische Freund, der den Olufsohn als einen deutlichen
Bußprediger mir an die Seite gesetzt, mich gleichwohl nicht fahren
lassen, sondern mich noch einmal gedemütigt, und bereits zum dritten
Male mir gezeigt, daß Unglück die Gottlosen verfolgt, wenn sie meinen,
das Glück schon in Händen zu haben. Nachdem ich unter dem Kriegswesen
schier durch ganz Deutschland hin und her gezogen und mein Regiment
auch unter des Herzogs +Bernhard von Weimar+ Oberkommando gekommen
war, standen wir am 9. August 1638 bei dem Dörflein +Wittenweyer im
Breisgau+ den Kaiserlichen und Bayrischen unter des Grafen +Johann
von Götz+ und des Herzogs von +Savelli+ Oberbefehl gegenüber.
Tags zuvor, an einem Sonntag, hatten wir bei dem Dorf Friesenheim die
kaiserliche Reiterwacht angesprengt, daß der Leutnant und acht Reiter
gefangen, der Rest aber bis unter die kaiserliche Armee verfolgt ward,
weswegen unsere Kompagnie, die solches ausgerichtet, von dem Herzog ein
treffliches Lob davongetragen hatte.

Folgenden Tags ließ der Herzog in der Frühe den Gottesdienst und die
Predigt abhalten, die tags zuvor wegen des Überfalls war eingestellt
worden, dann durften wir ein wenig Speise zu uns nehmen und mußten
aufsitzen. Unser Feldgeschrei war abermals „+Gott mit uns+;“ oder bei
den Franzosen und den andern alliierten Nationen, welche das Deutsche
nicht wohl aussprechen konnten, „+Emmanuel!+“ Die Götzischen und
Savellischen aber riefen: „Ferdinandus!“

Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen der
Generalmajor +Taupadel+ geführt, von der Kaiserlichen und Bayrischen
stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und zurückgetrieben. Wir
wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des kaiserlichen Volks
herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen sich zu trennen,
und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu der Reserve
zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten und tiefen
Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in den Rhein
ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen angeschwollen
war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über deren Eingang
ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen etliches
französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen
die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm
verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war
nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind,
wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen
würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich
wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen
und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor
Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte
Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu:
der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann,
widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie
halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher
aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten
konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in
seiner Nähe.

„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft
Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so
lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst,
so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“

„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer
will mithalten?“ sagte Olufsohn, und bemühte sich, von seinem Pferde
zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und
am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht
imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein
wackerer Soldat verloren!“

Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der
heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und
der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen
will, so will ich’s selber tun!“ -- „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte
Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie
+Valentinus Gast+, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der
Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen
finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als
er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“

„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern
tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. -- Du willst
Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde,
bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst
morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen
Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob
ich’s selber wäre!“ -- Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die
dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das
Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom
Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns
fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der
Hand noch zum Abschiedsgruß winkte.

Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und hätte hellauf
jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen
hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein
sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns,
Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ -- „Lob und
Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an
ein Entlaufen nicht zu denken.

Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor
geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern
die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr
Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer
Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle
über die Klinge springen!“ -- „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich
hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! --
Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister
und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten
einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten
sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen
zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande
durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben
nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann
gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst
griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den
Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht
weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft,
jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn
nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den
Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen hineinstürzten und nicht
mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den
andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden.

Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches
Gewitter losgebrochen, -- es ward schier ganz finster, stürmte und
blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß
die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte
die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte
nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war.

Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren
noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben
mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn
wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer
Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal
sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete
mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den
angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu
gelangen. -- „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so
sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen
in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten:

    Wann es nun muß gestorben sein,
    So geb ich willig mich darein.
    Und denk in dieser letzten Not
    An meinen lieben Herren Gott.
    Und im Gebet ja immerzu
    Ich Jesu Namen rufen tu,
    Und schrei mit Herzen und Begier:
    Herr Jesu, nimm mein’n Geist zu dir! Amen.

Mittlerweile war ein Kaiserlicher herzugetreten, hatte ihm den Fuß auf
die Brust gesetzt und wollte ihm mit gehobenem Degen den Rest geben,
hielt aber inne, da er ihn beten hörte. Als aber das Amen gesprochen,
ließ er den Degen herniederfahren und durchstach ihn.

Nun kamen die Kroaten heran und machten ein kurzes Spiel. Wir durften
uns nicht gegen sie umkehren, und so schossen sie denn mit ihren
Pistolen einen um den andern nieder, bis ich noch allein dastand. Da
meine Muskete abgeschlagen und mein Degen zerbrochen war, wandte ich
mich und eilte wieder die Treppe hinauf in den Turm, wo ich an der Wand
eine Hellebarde wahrgenommen, um mich mit derselben, bevor ich auch
erschlagen würde, wie meine Kameraden, noch ritterlich zu wehren bis
auf den letzten Blutstropfen. Die Kaiserlichen drangen mir nach auf
dem Fuße, und einer schrie: „Willst du nun Quartier, Kerl?“ Die Stimme
deuchte mir bekannt, -- ich sah mich nach ihm um und erkannte in ihm
jenen Bösewicht, der sich den Hauptmann +Paradeiser+ genannt.
„Gott sei’s gedankt, daß ich diesen Tag erlebe! +Du oder ich!+“
rief ich und riß die Hellebarde von der Wand, aber eh ich noch an ihn
kommen konnte, hatte mir ein anderer seine Muskete so um die Ohren
geschlagen, daß ich taumelte und zu Boden fiel. Alsbald fiel selbiger
Paradeiser und die andern über mich her, plünderten mich und rissen mir
die Kleider vom Leibe. Zuletzt, als sie mich bis aufs Hemd entkleidet,
hoben sie mich auf und warfen mich, da sie mich für tot halten mochten,
über die Mauer hinunter in den Strom.

Hier kam ich wieder zu mir, traute mich aber nicht heraus, weil die
Kaiserlichen noch da waren, sondern hielt mich an einem überhängenden
Weidenzweige so weit in die Höhe, daß ich mitunter den Kopf über das
Wasser heben und Atem holen konnte. Sie gingen aber nicht vorwärts,
wie ich gehofft, sondern standen ratschlagend beieinander und schauten
links die Ebene hinauf. Ich wußte nicht, warum sie stutzten, hörte
aber bald links oben immer lauter das Geschrei näher kommen: „+Gott
mit uns! Gott mit uns! Emanuel! Emanuel!+“ -- Während nämlich
unser rechter Flügel gleich anfangs weichen mußte, hatte der Oberst
+Rosa+ nebst dem Grafen von +Nassau+ der Kaiserlichen rechten
Flügel zurückgeworfen, der Herzog, welcher das Zentrum kommandierte,
hatte unsern rechten Flügel, der sich bei der Reserve glücklich wieder
gesammelt, an sich gezogen und siegreich den Feind von der Walstatt
getrieben. Das kaiserliche Volk zog sich nun auch die Ebene hinauf, wo
der Streit entbrannt war, ließ aber einen ansehnlichen Haufen bei dem
Turme zurück, so daß ich immer noch nicht wagen durfte, aus dem Strom
zu steigen.

Endlich, als der Herzog das Feld behalten, und ich der Unsrigen
Lobgesang aus der Ferne hörte, -- sie sangen aber den 124. Psalm:
+Wär’ Gott nicht mit uns dieser Zeit!+ usw. -- begann der Haufe
im Turm abzuziehen. Ich faßte nun frischen Mut, denn es war bereits
Abend, und ich konnte mich vor übergroßer Schwachheit kaum mehr halten.
Da aber entdeckten mich durch das Weidengebüsch einige der abziehenden
Kroaten und rissen mich sofort aus dem Strom. Sie schlugen mich
fast zu tot, setzten mir die Spieße auf die Brust und wollten mich
durchstechen, einer aber sagte: „Halt, es ist ein Offizier! ich hab ihn
heut in dem Turm den Haufen kommandieren sehen, gebt ihm Quartier, er
mag sich wohl ranzionieren!“ So banden sie mich, wie ich war, auf ein
Pferd und jagten mit mir davon.



Zwanzigstes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

    Ach wie bald, ach wie bald
    Schwindet Schönheit und Gestalt!
    Prahlst du gleich mit deinen Wangen,
    Die wie Milch und Purpur prangen,
    Ach, die Rosen welken all!

    Volkslied.


Wir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem
Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im
Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd
bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten,
bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern
wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun
sei’s mein Letztes.

Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich
totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte
mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme
ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas
von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder
zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt,
die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl
der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er
unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs
Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. -- Es war aber das
die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei
Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben
hatte. So bin ich denn in großer Krankheit und andauerndem heftigem
Fieber von dem Haufen nach +Breisach+ geschleppt worden mit noch
andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen
hatte.

[Illustration: Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße (19.
Kap.)]

Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine
Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von
der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen
alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle
die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach
vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. -- Ach! zu mir
hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „+Oh,
wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner
Zeit, was zu deinem Frieden dient!+“ -- aber es war vor meinen Augen
verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen
konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.

Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig
Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer
alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene,
und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern
wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines
Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir
saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich
ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine
Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde,
hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete
es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam
wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde ich von unsäglichem Hunger
gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, -- aber wir sollten noch
Schrecklicheres erleben.

Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste
belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe
am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als
ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei
noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten
auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die
Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es
blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des
Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen,
heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und
sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben,
weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis
zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen
gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde
und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und
Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage
in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die
Festung nicht übergeben, -- so sollten wir selbst zusehen, was wir tun
könnten, uns das Leben zu fristen!

Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und
Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche
beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig
wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere
lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere
und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten wieder einige
Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem
Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, -- denn ihr würdet’s
doch nicht glauben.[3] Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch
unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als
auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer
geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in
seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern
noch eine Frist zur Buße geben -- freilich eine letzte.

Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die
Türe und rief -- denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder-
und Totengeruches -- von oben herab uns zu: wenn noch einige von den
Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, -- es sei ein
Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die
Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir
erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen,
wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt,
unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer
nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten
im Hof hin und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem
Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als
wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des
Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und
Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war
ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den
Füßen halten, der Kommandant, Freiherr +von Reinach+, selber
mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von
der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht
gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter
übergeben werden.

Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im
Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief
dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die
Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und
unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt
allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm
nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer
gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler,
Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde
genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen
Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um
Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort
einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den
Akkord zu halten.

Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger,
welche schwedische Dienste nahmen, den Rhein hinunter gebracht zu
werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment
liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder
zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes
Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war,
weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen
würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und
gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich
einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und
Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum
Willkomm. Sie kannten mich nicht, -- denn ich sah aus wie ein Gerippe,
auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser
bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider
trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als
ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle?
Ich nannte ihnen meinen Namen, -- da fingen sie laut an zu lachen und
riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich
einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden?
Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ --
Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches
ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich
sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins
Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein
Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht
haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns
auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“

Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des Todes achteten, weil
sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben.
Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und
wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich
weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan,
und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem
Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.

Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich
vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern
in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und
einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das
Stroh und -- ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe
getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft
ausgestanden -- plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem
Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand
hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in
meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich
ganz gewiß, es sei aus!

Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme
nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein
habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und
ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. -- Es war +Olufsohn+.
Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah,
kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind,
„Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden,
weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß
ich dich also finden muß.“ -- Ich nahm seine Hand und sagte: „Gott
segne dich, +Olufsohn+! So hab ich doch noch einen guten Freund in
der Welt und will gerne sterben!“ -- Er aber erwiderte: „Das wolle Gott
nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch
meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt,
ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo
der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der
gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen
in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend
aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß
ich dem Lazarett zugewandert.

Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und
ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber
sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und
wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem
Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der
Feldscherer nachgeschickt würde.

Dies geschah, -- und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich
mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich
in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen
Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem
Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht
an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in
der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin
ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer
wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es
wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.

Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert führen sah
wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig
und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich
stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich
gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind
pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es
ehedem nicht, wie ein rechter Christ +beides ist+: +tapfer wie
ein Löwe und sanft wie ein Lamm+, hie aber habe ich’s erfahren. O
du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin
hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen
und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich
bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin
ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was
dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst
herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.

Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter
Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein
und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört,
daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen
sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein
Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und
selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was
ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem
Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.

An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn
mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft
ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu
und wieherte hell auf vor Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte
mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder
heimkehren mußte.

Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen,
wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen
gesund sein würde? -- „+Mit dem ist’s aus!+“ lautete die Antwort,
„die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß
er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und
sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen
Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und
scheint keinen Gedanken daran zu haben.“

Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen
würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „+Dies+ das
Ende? -- Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß
und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über
mir gewaltet, -- wider den hilft kein Streiten!“

Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen
Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon
Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren
würde. -- „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. -- „Nicht mit?“
fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ -- „Heimgehen will
ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen,
von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend
heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß
ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen
bin.“ -- „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit
deinem Gott; wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber
gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme,
daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn,
er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von
dem Obersten bekomme. -- „+Ist’s also ernst?+“ fragte er traurig.
-- „+Ja, ’s ist ernst!+“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört,
was der Feldscherer mit dir geredet hat. +Morgen scheiden wir!+“

In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen
und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und
der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich
ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte,
und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.

Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen,
es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es
gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur
einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, -- denn das
Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei
Nördlingen, -- ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude
nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte,
wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen
zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete.
Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs
Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.

Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in
Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle
grüne Reiser auf den Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir
ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich
meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt
-- ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor
dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum
Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für
alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn
nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich
und ging schnell davon.

Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan,
über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’
ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen
Blick zurückzuwerfen, -- sie setzten sich eben in Marsch, einzelne
Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen
durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem
Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve!
-- -- „+Was geht’s dich an?+“ sagte ich, „+dein Weg ist der
weiteste+!“ wandte mich und zog meine Straße.


  [3] Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung
      eines Zeitgenossen, welcher ~Theatr. Eur. III~ also schreibt:

      „Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche
      Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen
      Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen
      müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu
      beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese
      Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein
      und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll
      man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit
      keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und
      noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere,
      vorzunehmen bist gezwungen worden?

      „Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß
      in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal
      verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden?
      Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten
      Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen,
      wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige
      Gedärme weggefressen worden?

      „Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene
      Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit
      den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem
      schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann
      derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet,
      und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen
      Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als
      den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen)
      aufgefressen wird?

      „Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und
      Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers
      widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten
      ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem
      Quartier jämmerlich schlachten und verzehren?

      „Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen
      aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger
      Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“

      „Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines
      Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst,
      nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor
      ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund
      Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl.,
      vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“

      „Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute,
      eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund
      und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und
      deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes
      Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei
      allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber
      belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“

      Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die
      Eroberung von Breisach verfertigte ~Distichon Chronologicum~ eine
      Stelle finden. Es lautete: ~Heroi in victo Bernhardo de Weymar
      Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum~:

      „~InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLI IVngitVr & tanto DIgna
      pVeLLa VIro~.“



Einundzwanzigstes Kapitel.

Der Brief. (Schluß.)

    Darum still, darum still,
    Füg ich mich, wie Gott es will.

    Volkslied.


Als ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine
große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein
Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange
des Lenzes waren, brannte sehr heiß, -- so legte ich mich denn nieder
in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das
Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen
dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff
ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen,
sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der
erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein
Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich
auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt
hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der
Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein:
der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine
Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu
machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott
dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von
Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten
läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel
gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr,
der Gott Israels! +Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du
nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.+

Ich mußte diesem Worte nachdenken! -- +Das+ hatte ich ja selbst
schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „+Bann+“
auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und
mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und
träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft
herzhaft wie ein Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und
Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft
schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder
zerronnen!

Ich gedachte +Olufsohns+. -- Wie ganz anders war’s dem gelungen!
Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein
armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht
tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog
er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach
so viel abgestandenen Mühen und Gefahren -- ein Landläufer und Bettler,
wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen,
ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf
mir allenthalben ein Bann gelegen?

Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s
wie Schuppen von den Augen -- +es war ein Unterschied, ein großer
Unterschied zwischen mir und ihm+: er hatte seines Vaters Segen
beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn
gemacht. Ein Gebot hatte +ich+ unter die Füße getreten, +er+
aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „+Du sollst deinen
Vater und deine Mutter ehren!+“ und der Herr war Richter gewesen
zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „+auf
daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden+!“ Mich aber
hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel
gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht,
siehe! das ist der +Bann, der auf dir liegt+!“ So sagte mir die
Stimme meines nun aufgewachten Gewissens.

Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan
würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den
heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch,
herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch,
lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der
Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht
vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer
Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch
sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern
erzählen, daß „+wenig und böse+“ die Zeit Eures Lebens gewesen um
des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir:
es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt,
wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben
Jahre lang gewesen war, -- ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst
fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale
wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich
damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich
beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen.

„+Wehe, wehe, wehe!+“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der
Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum
liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in
der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen -- nur so lange noch, bis
ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht,
bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten
Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir
ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und
ihm sagen kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir,
ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“

So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem
anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder
Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte
mir nicht Ruhe noch Rast.

Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den +Mainstrom+ wieder. Nun
hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders
beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen
Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen
werd ich Euch nicht mehr!

Als ich an ein Dörflein kam unterhalb +Wertheim+ --
+Bestenheida+ genannt -- konnt ich vor heftigem Stechen kaum
mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon
dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse,
wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg
gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er
mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon.
Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu
mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen,
leeren Zimmer.

Ich konnte nicht aufstehen. Endlich trat ein kleines, etwa zehnjähriges
Mägdlein herein, sah nach mir, und als es bemerkte, daß ich die Augen
offen hatte, trat es heran und wünschte mir einen guten Morgen. Ich
fragte, wo ich denn sei. -- „In Wertheim im Armenleutehaus!“ erwiderte
das Kind. „Gestern nacht hat Euch ein Bauer gebracht. Es hat die Pest
hier in der Stadt regiert, und es ist alles im Hause gestorben; ich
allein bin übrig geblieben und gehe den kranken Leuten zur Hand.“

„Wer bist du denn, mein gutes Kind?“ fragte ich. -- „Ein Waisenkind!
Mein Vater war Bauer droben auf des Grafen Hof, dann sind eines Tages
die eisernen Männer gekommen, haben unser Haus abgebrannt und den Vater
totgeschlagen, meine Mutter ist an der Pest gestorben und mich haben
sie hierher getan.“

„Ach, da kannst du auch etwas erzählen,“ sagte ich, -- „der Krieg
bringt viel Unglück in der Leute Häuser.“

„Nein,“ sagte das Kind, „erzählen kann ich nichts, aber +beten+!
Meine Mutter hat mich’s gelehrt -- ich bete alle Tage! -- Soll ich
einmal beten?“ -- „Ja, bete!“ sagte ich, und das Mägdlein faltete die
Hände und hub an:

    „Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit,
    Sein Will’, der ist der beste;
    Zu helfen den’n er ist bereit,
    Die an ihn glauben feste.
    Er hilft aus Not,
    Der fromme Gott,
    Und züchtiget mit Maßen!
    Wer Gott vertraut,
    Fest auf ihn baut,
    Den will er nicht verlassen.

    Gott ist mein Trost, mein’ Zuversicht,
    Mein’ Hoffnung und mein Leben,
    Was mein Gott will, daß mir geschicht,
    Will ich nicht widerstreben:
    Sein Wort ist wahr,
    Denn all mein Haar
    Er selber hat gezählet;
    Er hüt’t und wacht,
    Stets für uns tracht’t,
    Auf daß uns gar nichts fehlet.

    Drum will ich gern von dieser Welt
    Scheiden nach Gottes Willen
    Zu meinem Gott; wenn’s ihm gefällt,
    Will ich ihm halten stille.
    Mein’ arme Seel’
    Ich Gott befehl’
    In meinen letzten Stunden:
    O frommer Gott,
    Sünd’, Höll’ und Tod
    Hast du mir überwunden!“

Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein
Lob zugerichtet! -- Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt,
und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des
Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte
ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den
letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei
Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein
Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir
kein nütze!“

„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht,
einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“

„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon
dagewesen, -- aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht
aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“

Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden
Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden
verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein
so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber
nun all mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen
und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den
Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von
hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch
mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes
Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen,
aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und
löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer
Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt +tiefer, viel tiefer graben+! Womit
Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren
+himmlischen+ Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt,
wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht
Psalm 51 und lautet: =An dir allein= +hab ich gesündigt und
Übel vor dir getan+, auf daß du recht behaltest in deinen Worten!
+Das+ Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge
Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, -- ich gönn Euch
herzlich diese Freude, -- aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr
am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde
vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr
bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre
kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu
Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn
zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was
für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen
und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts
ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber
dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk
an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung,
der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und
lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat.
Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger
dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer
werten Wort, daß +Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder
selig zu machen+.“

So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß
sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn
hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich
gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen
Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind
gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des
Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s
sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und
dem Abgrund ewigen Jammers, -- gerade da hat der Herr die Decke von
meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des
Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen
Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten,
der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort
gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese
sein!

Ach, ich habe seitdem viel geseufzt, viel geklagt, bin auch von viel
schweren Zweifeln und Anfechtungen geplagt worden. Meine Seele ist,
wie’s im Psalm heißt, voll Jammer, und mein Leben ist oft nahe bei
der Hölle gewesen, ich bin so müde geworden von Seufzen, ich habe
wie David mein Bette geschwemmt und mein Lager genetzt mit Tränen
manche Nacht, aber ich habe doch auch immer wieder vernommen das Wort
Gottes, meines Heilandes: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst,
ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! und darum hab
ich großen Frieden. O, ich hab es lebendig und kräftig erfunden, das
Wort des Herrn, und scharf wie ein zweischneidig Schwert, und hab es
durchdringen gespürt, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark
und Bein, aber ich hab’s auch erfunden als die Salbe in Gilead, die
alle Wunden heil macht. Gott segne dich, Olufsohn, daß du noch einmal
ein Samariter an mir geworden bist und hast Öl und Wein mir gegeben
auch für meine arme Seele. O mein Gott, ich hatte viel Bekümmernis in
meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzten meine Seele.

Gott ist mein Zeuge, wie sehnlich ich immer noch wünsche, Euch noch
einmal zu sehen und ein Wort der Vergebung aus Eurem Munde zu hören,
doch aber -- es wird täglich weniger mit mir, und Gott hat’s anders
beschlossen. Ich gebe mich darein! Hat er mir die größere Gnade
gewährt, daß er mich errettet hat aus den Stricken des Verderbens,
in denen ich gefangen lag, will ich nicht murren, wenn er nun die
geringere Gnade versagen will. Hab ich Gutes von Gott empfangen, sollt
ich das Böse nicht auch hinnehmen?

    Warum sollt ich mich denn grämen,
    Hab ich doch Christum noch,
    Wer will mir den nehmen?
    Wer will mir den Himmel rauben,
    Den mir schon Gottes Sohn
    Beigelegt im Glauben.

So lebt denn wohl, +herzliebe Eltern+! Gottes Lohn für jedes
Samenkörnlein göttlichen Wortes, das Ihr von früh an in meine Seele
gelegt! -- endlich ist’s doch aufgegangen, als das Unwetter der
Trübsale es befeuchtete. Vergebt, vergebt! es wird Euch doch eine
Freude sein, wenn Ihr am großen Tag des Herrn die kleine Herde
beisammen findet, über die Ihr das Hirtenamt geführt, -- +dort+,
wo der Erzhirte auch den Verlorenen Euch hinzubringen wird. -- Ihr,
meine lieben +Geschwister+, gedenket mein wiederum im Guten und
betet, daß Gott Euch nicht auf meinen Weg kommen lasse, -- denn auf dem
heißt’s: +Mit Lust gesündigt, mit Pein gebüßt!+

Zehn Tage habe ich bereits an diesem Brief geschrieben, der naß
geworden ist von vielen Tränen. Heute muß ich ihn schließen: meine
Augen werden dunkel, meine Hand zittert und kann nicht mehr die Feder
führen, und die Gedanken vergehen mir wie ein Licht, dem die Flamme
gebricht. Sagt auch dem +Amtskeller+, daß ich ihn tausendmal um
Verzeihung bitte wegen alles dessen, was ich ihm zugefügt. Er ist mir
stets ein gütiger Herr gewesen und wird einem sterbenden Menschen
keinen Groll nachtragen. Laßt auch, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, in
Sommerhausen, wie es bräuchlich ist, am Sonntag darnach den Pfarrherrn
von der Kanzel der Gemeinde kundtun, daß Valentinus Gast in dem Herrn
gestorben sei, und weil ich als reumütiger Sünder, aber mit guter
Zuversicht auf meinen Heiland aus dieser Welt gegangen, soll er nicht
anstehen, wie bei andern Christenleuten auch zu sprechen, daß der Seele
Gott genade, dem Leib aber am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung
verleihen wolle mit den andern allen!

Nun erst kann ich sprechen: Was mein Gott will, das gescheh’ allzeit!

    Christus, der ist mein Leben,
    Und sterben mein Gewinn,
    Dem tu ich mich ergeben,
    Mit Freud fahr ich dahin.

Aus sechs Trübsalen hat der Herr mich errettet, so wird auch in der
+siebten+ kein Unglück mich rühren. Der Gott, der mich nun durchs
finstere Tal führen wird mit seinem Stecken und Stab, der geleite auch
Euch, Vater, Mutter und Geschwister, bis wir im himmlischen Jerusalem,
der hochgebauten Stadt, uns wiedersehen werden. Bis dahin +lebet wohl
und gedenket mein in Frieden+! Darum bittet Gott und Euch

    Euer getreuer Sohn

    =Valentinus Gast=,

    der Verlorene, aber +Wiedergefundene+.


    Am 3. Juni 1639.

~P. S.~ Sollte des Herrn Hand dem Lämplein, das schon dem
Verlöschen nahe, noch einmal Öl zugießen, werde ich mich zu Euch auf
den Weg machen. Daß er mir sauer werden wird, werde ich nicht achten.
Kann ich’s nicht mehr hinausführen, und sollte mich unterwegs mein
Stündlein ereilen, wird sich wohl ein Christenmensch finden, der meinen
Brief Euch zustellt, -- ich will das Wenige, was ich noch habe, vor
meinem Ende ihm dafür anbieten. Sollt ich +allhier+ sterben, wird
der Wertheimer Pfarrherr Euch den Brief sicher übermachen, wie die
Straße von dem kaiserlichen Volk wieder frei ist. -- Werde ich Euch
noch einmal sehen? Ach, wer mir’s sagen könnte! Von außen scheint’s
manchmal besser zu werden, aber innen nagt der Wurm! -- +Nun wie Gott
will!+ Amen, Amen.



Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Valentins Tod.

    Da neigt er sich nun eben,
    Verwelkt und sinket hin,
    Den ich sah aufwärts streben
    Mit also stolzem Sinn,
    Der Knabe, jung von Tagen,
    Sein Haupt herniedersenkt,
    Ach, ach, nun muß ich klagen,
    So sehr ist es erkränkt;
    Die Seel’ schon auf der Zungen
    Wird er’s jetzt hauchen aus,
    Nun muß es sein gerungen
    Mit Tod und letztem Strauß.

    Spee’s Trutz-Nachtigall.


Als ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen,
verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige
Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden
meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens
war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war
durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele
freute sich Gottes, meines Heilandes.

Da gedachte ich auch, wie die droben -- mein Weib und meine Töchter
und mein Johannes -- auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des
Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und
Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn
gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut,
vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher
waren sie mir wohl immer vorgekommen als solche, die geschieden aus
großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als die +Seligen+,
angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und
verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte,
ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine
Gedanken! -- der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind
und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren.

Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht
von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern
und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und
durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben,
betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und
Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte
ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem
getreuen Gott, -- derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den
Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut
nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken
hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit
seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus
einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein
Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten
bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.

Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr
matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte,
daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit
begraben sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem
ich für ihn oder für mich zu beten hatte.

Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn
fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter
unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:

    „Nur elf Jünger blieben treu,
    Gib daß gar kein Abfall sei.“

Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen
Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die
Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich
angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn
Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, -- doch hat der
gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen
Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit
meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und
das Brot essen werde im Reich Gottes! -- -- Gott segne dich, Olufsohn!“

Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan,
und dankte dem Herrn, daß er es erhört.

Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für
sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet.
Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr
sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann
wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte,
so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem +Siegesbette+
denn an einem +Siechbette+ zu stehen meinte.

Endlich schlug es +ein Uhr+! Da hielt er den Atem an, wie wenn
er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, -- es war
wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit
bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“
rief und seinen Spruch anhub:

    „+Eins ist not!+ du treuer Gott,
    +Schenk uns einen sel’gen Tod+!“

„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank
auf sein Kissen zurück. -- „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn,
-- da hatte sein Herz den letzten Schlag getan.

Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete
die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner
seligen Mutter geworden waren, und betete, -- unten auf der Straße aber
wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das
Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen
einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend,
zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten
und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da!
sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals,
da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und
darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird.
Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem
Weinen: „+Armer, armer Valentin!+ was ist aus den hochgehenden
Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen,
wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, -- auf der
grünen Heid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins
arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du
seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch -- wie muß ich dir,
mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit
dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß
du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen
in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde. +Der
Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei
gelobet!+“

Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah,
daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und
weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete
mich mit viel lieblichen Worten.



Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Noch ein Gottesgericht.

    Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.

    Sprichwort.

    Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde!
    Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt.
    Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen,
    Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.

    Shakespeares Macbeth.


Gegen Morgen schickt der +Pfarrherr+ zu mir und läßt mir
ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse
nehmen und mit hinter nach +Eibelstadt+ gehen, ein Soldat sei vom
Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige
Nachtmahl empfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den
Weg.

Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und
erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein
gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen
Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und
eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und
den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt.
Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr
treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt.

In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrn +von Greifenklau+ Haus
gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte.
Als ich die Lichter angezündet und die ~vasa sacra~ hergerichtet,
wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit
meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das
Rathaus ist.

In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel
Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern
gedachte des Hingeschiedenen.

Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann
mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich
freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei.
Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister
fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände
bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach
dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er
unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem
Morgen gekommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten
in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das
Städtlein heiße?

„+Sommerhausen!+“ erwiderte ich. -- „Sommerhausen?“ sagte der
Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen
Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten
einer unter unserem Regiment gedient.“

„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter
das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die
herumliegenden Soldaten, -- es waren schwedische Dragoner, was ich
jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“
fragte ich, indem mir das Herz klopfte.

„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der
Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter
Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort
steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da
sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst
schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen,
wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin
nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen
Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“

„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt,
nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer
Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.

„Ich heiße +Olufsohn, Swen Olufsohn+!“ gab er mir zur Antwort, „und
bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem Gordonschen,
und dieser mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, hat geheißen
+Gast+, -- +Valentinus+ war sein Vorname! Kennt Ihr den Namen?“

Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname
geheißen!

„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja
mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich
auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt:
Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“

„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden
Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“

„Ja!“ erwiderte ich, „+er ist heim+ gekommen -- seit drei Tagen zu mir,
seinem +leiblichen+ Vater und zu seiner +irdischen+ Heimat, und heute
nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser Städtchen zogt, zu
seinem +himmlischen+ Vater und zu seiner +himmlischen+ Heimat. Euch
aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“

Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines
Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun
wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch
Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er
habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht,
er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er
selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott
so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen,
er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar
ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen
lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was
meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlichkeit und
Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich
sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn
sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.

Während wir noch also miteinander redeten, kam der +Pfarrherr+ ganz
erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und
sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben!
Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen
aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein
verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen!
Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine
Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber,
als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten,
da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten
freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei
jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum
Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst
zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die
Stube.

[Illustration: Sie kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu
sehen (24. Kap.)]

Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß
aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei
Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen
umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren
Stimme, „du Graukopf, -- hab ich dir nicht schon einmal den Schädel
gespalten? -- Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und
jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher
in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine
Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? +Vorwärts,
vorwärts+, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute
gibt’s Dukaten -- wird +alles+ geteilt, brüderlich! -- aber dem
Grünrock seine gehören mir, -- pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück
ihm die Kehle zu, -- ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes!
’s sind zwei über einen! -- Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen
starren! So -- jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der
+Graukopf+ lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei,
du kennst mich schon!“

„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist +Nikol Paradeiser+, der den
alten Veit erschlug!“

„+Nikol Paradeiser?+“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel
hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner!
Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht
stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! -- So ist’s
recht, -- Teufel, da liegt er ja wieder! -- Hopp, hopp, Schimmel! --
+Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!+ Laß mich doch, alter Tropf,
du wirst mich doch nicht zwingen?“

„+Das ist Gottes Gericht+, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich,
„dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen
einen Mord begangen!“

„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die
ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, -- „ich
bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid
darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter
dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben
und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der
Geschichte gesprochen, -- mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht
er!“ und es ist mir ein Schrecken durch alle Glieder gefahren, denn
ich sah ihn auch leibhaftig.“

„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein
für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat
euch geschlagen. +Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von
nun an!+ -- Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen
geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er
seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes
Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und
fallen, da sie niemand jagt!“

„+Niemand jagt?+“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist
er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will
dir den Rest geben, -- ich will -- ich will“ -- damit schleuderte
er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von
sich und sprang aus dem Bett, -- der Rittmeister lief herzu, wollte
ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke
jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und
war tot.

Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes
mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der
Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber
und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister
Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.



Vierundzwanzigstes Kapitel.

Schluß.

    Dem Leib ein Räumlein gönn’
    Bei frommer Christen Grab,
    Auf daß er seine Ruh’
    An ihrer Seite hab’!


Als der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin
Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war
nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe
weiterziehen müssen.

Es hatte +Hans Ebeling+ meines Weibes und meiner Kinder, dazu
des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden
Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes
hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte.
Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben
noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um
ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube,
ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte
schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort
einmal eine Liebe erzeigt, -- selbst des +Hans Mündleins+ Witwe
kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen
Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen,
erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie
jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen
ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das
war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr
schlug, hörten wir einen starken Schritt auf der Straße und laut
Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin
ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff
mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald
kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm,
Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen
noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten
des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes
gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid
um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir
gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“
Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und
Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter
auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, --
dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu.

Voran gingen die Schulkinder, dann die Bürgerschaft, so nicht zur
Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald
das Lied anstimmten: „+Jerusalem, du hochgebaute Stadt!+“ Als die
drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden,
welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein,
wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst,
geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern
Dragonern, welche den Zug schlossen.

Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage
sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben
nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun
laßt uns den Leib begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die
Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, -- dann war alles vorüber, und
wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen.
-- Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis
bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt
begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch
übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir
alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen
Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem
Rittmeister -- nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die
Wallfahrt auf Erden dauert.

       *       *       *       *       *

Du fragst: „wie mir bei dem allem zumute gewesen?“ lieber Leser? --
Es war mich ehedem oft in meinem Jammer die Sehnsucht angekommen,
abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber doch hielt’s mich dann in
diesem Jammertal fest, weil ich ja auf den Valentin zu warten hatte,
jetzt aber hörte ich meiner Margareta Stimme: „+Komm!+“ und meiner
Kinder Stimme: „+Komm, komm!+ du hast auf Erden nichts mehr zu
suchen, bei uns aber ist dein Platz noch leer!“ und so oft ich ihre
Stimme hörte, seufzte ich: Hüter, ist die Nacht schier hin? So ist
mir’s seitdem allezeit zumute, wie sie sangen bei meines Valentins
Begräbnis:

    Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
    Wollt Gott, ich war in dir!
    Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat,
    Und ist nicht mehr bei mir!
    Weit über Berg und Tale,
    Weit über blaches Feld
    Schwingt es sich über alle,
    Und eilt aus dieser Welt.

Ach, mein Herr und Gott, wann wird die Stunde da sein, da du das
„Komm!“ zu mir sprichst, da ich, der Zurückgelassene und Einsame, meine
Nachfahrt halte?

Die Kriegsnot hat jetzt, indem ich dies schreibe, aufgehört, der
Friede beginnt langsam die grausamen Wunden zu heilen, die das Schwert
während dreißig langer Jahre geschlagen, doch meine Seele begehrt
einen +besseren+ Frieden zu schauen. Mein Abschied ist gemacht,
mein Schifflein liegt fertig am Gestade und harrt nur des Befehls zur
Abfahrt, mit dem der große Gott nicht allzu lang mehr warten wird.
+Bald, bald läßt er seinen Diener im Frieden fahren+, und ob mein
Schifflein auch keine gute Fahrt gehabt, sondern in manchen Sturm
gekommen und in manche Tiefe ist geschleudert worden, -- doch aber
hast du, mein Gott, Gnade gegeben, daß in Wind und Wetter, in Sturm
und Nacht, in Angst und Not allezeit meine +Augen deinen Heiland
gesehen+, und der hat mir gnädiglich die Hand gereicht, so oft ich,
ein kleingläubiger Petrus, zu sinken anhub und schrie und sprach:
„Herr, hilf mir!“

+Haben deine Augen Ihn auch schon gesehen, lieber Leser, und seine
holdselige Gestalt festgehalten bis heute?+ Dann tritt her zu mir
und stimme mit ein und hilf mir rühmen und danksagen:

    ~Soli Deo Gloria!~
    =Dem Herrn allein die Ehre!=
    Amen!

Also geschrieben zu Sommerhausen im Juli ~anno Domini~ 1650.

    =Udalricus Gast=,
    zur Zeit vierzig Jahre Schuldiener allhier.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Schulmeister und sein Sohn - Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege" ***

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