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Title: Berlins Drittes Geschlecht
Author: Hirschfeld, Magnus
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Berlins Drittes Geschlecht

von

Dr. Magnus Hirschfeld

7. Auflage


  Motto: »Die grosse Überwinderin aller Vorurteile ist nicht die
  Humanität, sondern die Wissenschaft.«

  Berlin und Leipzig
  Verlag von Hermann Seemann Nachfolger G. m. b. H.

  Großstadt-Dokumente
  Band 3. Herausgegeben von Hans Ostwald



  Vorwort.


  Als ich von =Hans Ostwald= aufgefordert wurde, für die
  von ihm herausgegebenen Großstadtdokumente den Band zu
  bearbeiten, welcher das Leben der Homosexuellen in Berlin
  behandeln sollte, glaubte ich mich diesem Wunsche nicht entziehen
  zu dürfen.

  Wenn ich auch das Ergebnis meiner Untersuchungen
  auf dem Gebiete der Homosexualität bisher nur in wissenschaftlichen
  Fachorganen, besonders in den Jahrbüchern für
  sexuelle Zwischenstufen, publiziert hatte, so war ich mir doch
  lange darüber klar, daß die Kenntnis eines Gegenstandes, der
  mit den Interessen so vieler Familien aller Stände verknüpft
  ist, nicht dauernd auf den engen Bezirk der Fachkollegen
  oder auch nur der akademischen Kreise beschränkt bleiben
  würde und könnte.

  Dies zugegeben, leuchtet es gewiß ein, daß die
  populär-wissenschaftliche Darstellung in einer so diffizilen
  Frage am geeignetsten von Seiten derjenigen erfolgen sollte,
  die sich vermöge ausgedehnter wissenschaftlicher Forschungen
  und Erfahrungen und auf Grund unmittelbarer Anschauung
  die erforderliche Qualifikation und Kompetenz erworben haben.

  Ich war in der folgenden Arbeit bemüht, ein recht naturgetreues
  und möglichst vollständiges Spiegelbild von Berlins
  „drittem Geschlecht“, wie man es vielfach, wenn auch nicht
  gerade sehr treffend bezeichnet hat, zu geben. Ich war bestrebt,
  -- ohne Schönfärberei, aber auch ohne Schwarzmalerei --
  alles streng wahrheitsgemäß unter Vermeidung näherer
  Ortsbezeichnungen  so  zu  schildern, wie ich es zum größten
  Teil selbst wahrgenommen, zum kleinen Teil von zuverlässigen
  Gewährsmännern erfahren habe, denen an dieser Stelle für
  das mir erwiesene Vertrauen zu danken, ich als angenehme
  Pflicht empfinde.

  Manchem wird sich hier innerhalb der ihm bekannten
  Welt eine neue Welt auftun, deren Ausdehnung und deren
  Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden.

  Man hat gelegentlich die Befürchtung ausgesprochen, es
  könnte durch populäre Schriften für die Homosexualität selbst
  „Propaganda“ gemacht werden. So sehr eine gerechte Beurteilung
  der Homosexuellen angestrebt werden muß, so
  wenig wäre dieses zu billigen. Die Gefahr liegt aber nicht
  vor. Die Vorzüge der normalsexuellen Liebe, wie sie --
  um nur von vielen einen zu nennen -- vor allem im Glücke
  der Familie zum Ausdruck gelangen, sind denn doch so
  gewaltige, die Nachteile, die aus der homosexuellen Anlage
  erwachsen, so außerordentliche, daß, wenn ein Wechsel der
  Triebrichtung möglich wäre, er gewiß für die Homosexuellen,
  nicht aber für die Normalsexuellen in Betracht kommen würde.

  Tatsächlich hat aber die wissenschaftliche Beobachtung
  in Übereinstimmung mit der Selbsterfahrung sehr zahlreicher
  Personen gelehrt, daß ein derartiger Umschwung
  nicht möglich ist, da nichts dem Charakter und Wesen eines
  Menschen so adäquat und fest angepaßt ist, wie die nach
  Ergänzung der eigenen Individualität zielende Richtung
  des Liebes- und Geschlechtstriebes.

  Ob und inwieweit die Handlungen der Homosexuellen
  unter den Begriff von Schuld und Verbrechen fallen, ob
  und inwieweit ihre Strafverfolgung zweckmäßig oder notwendig
  erscheint, inwieweit diese überhaupt möglich ist --
  diesen Schluß möge am Ende meines Berichtes der Leser
  seinerseits ziehen.

  =Charlottenburg=, den 1. Dezember 1904.

  _Dr._ =Magnus Hirschfeld=.



Berlins Drittes Geschlecht


Wer das Riesengemälde einer Weltstadt, wie Berlin nicht an der
Oberfläche haftend, sondern in die Tiefe dringend erfassen will, darf
nicht den homosexuellen Einschlag übersehen, welcher die Färbung des
Bildes im einzelnen und den Charakter des Ganzen wesentlich beeinflußt.

Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, daß in Berlin mehr Homosexuelle
geboren werden, wie in der Kleinstadt oder auf dem Lande, doch liegt
die Vermutung nahe, daß bewußt ober unbewußt diejenigen, welche von
der Mehrzahl in nicht erwünschter Form abweichen, dorthin streben,
wo sie in der Fülle und dem Wechsel der Gestalten unauffälliger und
daher unbehelligter leben können. Das ist ja gerade das Anziehende
und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der
Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in
denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern. Während
dort leicht verfolgt werden kann und eifrig verfolgt wird, wann, wo
und mit wem der Nächste gegessen und getrunken hat, spazieren und zu
Bett gegangen ist, wissen in Berlin die Leute oft im Vorderhause nicht,
wer im Hinterhause wohnt, geschweige denn, was die Insassen treiben.
Gibt es hier doch Häuser, die an hundert Parteien, an tausend Menschen
beherbergen.

Was sich in der Großstadt dem Nichtkenner verbirgt, tritt, weil es sich
ungezwungener gibt, dem Kenner um so leichter entgegen.


Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen
Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern
vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar
in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem
männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat.

Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war,
nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel
angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der
weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo
mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder
doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise
entspricht.

Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen von Homosexuellen die
Rede ist, nicht an geschlechtliche Handlungen irgend welcher Art
denken. Kommen diese vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer
Strafbarkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- und
Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen ebenso ausgeprägt
ist wie bei den Normalsexuellen, der Beobachtung, keineswegs sind
sie das Hauptsächliche, sie fehlen sogar häufig. Das Wesentliche
ist das Wesen des Uraniers -- so wollen wir in dieser Schrift den
homosexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen -- sein Verhalten
gegenüber dem männlichen und weiblichen Geschlecht sind die aus seiner
Naturbeschaffenheit sich ergebenden Sympathieen und Antipathieen.

Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften urnischer
Menschen kennt, bleiben doch sehr viele verborgen, sei es, weil ihnen,
was nicht selten vorkommt, tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen,
sei es, weil sie ihre Lebenskomödie, die oft mehr eine Lebenstragödie
ist, mit großem Geschick spielen, indem sie sich den Normalen in allen
Gewohnheiten anpassen und ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen
wissen. Die meisten legen viel Wert darauf, daß „man ihnen nichts
anmerkt“. Ich kenne in Berlin Homosexuelle, auch solche, die durchaus
nicht enthaltsam sind, welche Jahre, Jahrzehnte, ja ihr ganzes Leben
lang ihre Umgebung über ihre Natur täuschten; besonders verbreitet
ist es auch, wenn den Kameraden über Liebesabenteuer berichtet wird,
ähnlich manchen Übersetzern antiker Schriftsteller, die männliche
Person in eine weibliche umzuwandeln.

Die örtlichen Verhältnisse Berlins erleichtern diese Umwandlung
ungemein. Wer im Osten wohnt, dort seine geschäftlichen und
verwandtschaftlichen Beziehungen hat, kann sich mit seinem Freunde
jahrelang im Süden treffen, ohne daß man in seiner Gegend etwas
davon weiß. Es gibt viele Berliner im Westen, die nie den Wedding
sahen, viele am Kreuzberg, die nie das Scheunenviertel betraten. Ich
behandelte lange eine alte Berlinerin, die die Witwe eines Musikers
war; sie hatten ein einziges Kind gehabt, einen Sohn, der nicht gut
tun wollte, früh hinter die Schule ging, Tage lang fortblieb und
vagabondierte. Die Eltern suchten ihn immer wieder, schließlich als
er 21 Jahre alt war, verloren sie die Geduld und ließen ihn laufen.
26 Jahre lang hatte die Mutter nichts mehr von ihrem Jungen gehört
und gesehen; sie hatte die Siebzig überschritten, ihr Mann war längst
gestorben, da tauchte er eines Tages wieder bei ihr auf, ein vorzeitig
gealterter 47jähriger Mann mit struppigem Vollbart, ein Pennbruder,
dessen „Organismus durch Alkohol vergiftet“ war; er wollte fragen,
ob sie nicht noch „von Vatern ein paar alte Kleider hätte“. Das
Eigenartige war, daß Mutter und Sohn in den 26 Jahren Berlin nie
verlassen hatten. In einer Kleinstadt würde ein solcher Fall nicht
möglich sein.

Man sollte es kaum glauben, wie viele Personen in der preußischen
Hauptstadt, die als ein Muster der Ordnung gilt und es auch im
Vergleich mit anderen Weltstädten ist, leben, ohne daß die Behörden
von ihnen wissen. Ich habe mit Erstaunen wahrgenommen, wie lange sich
oft ausgewiesene Ausländer unbeanstandet in Berlin aufhalten, noch
mehr, wie Personen, die polizeilich gesucht werden, Monate und Jahre
unangemeldet hier verweilen, nicht etwa in entlegenen Stadtvierteln,
sondern häufig auf den Sammelplätzen des Verkehrs, wo man sie am
wenigsten vermutet.

Wart Ihr schon einmal im Zimmer 361 auf dem Polizeipräsidium am
Alexanderplatz? Es ist eine der merkwürdigsten Stätten in dieser an
eindrucksvollen Örtlichkeiten gewiß nicht armen Stadt. Hoch über den
Dächern der Großstadt gelegen, befindet sich dieser Raum inmitten einer
Flucht von Zimmern, in denen alphabetisch geordnet zehn Millionen
Blätter aufgestapelt sind. Jedes Blatt bedeutet ein Menschenleben.
Die noch leben, liegen in blauen, die Verstorbenen ruhen in weißen
Pappkartons. Jedes Blatt enthält Namen, Geburtsort und Geburtstag
von jeder Person, die seit dem Jahre 1836 in einem Berliner Hause
eine Wohnung oder ein Zimmer inne hatte. Alle An- und Abmeldungen,
jeder Wechsel der Wohnungen wird sorgsam verzeichnet. Es gibt Bogen,
die dreißig Wohnungen und mehr enthalten, andere, auf denen nur eine
steht; es sind Personen darunter, die ihre Berliner Laufbahn in
einem Keller des Ostens begannen und im Tiergartenviertel endeten,
und andere, die anfangs vorn im ersten Stock wohnten und im Hof vier
Treppen ihre Tage beschlossen. Nach Zimmer 361 werden alle diejenigen
verwiesen, die in Berlin jemanden suchen. Von morgens 8 bis abends
7 Uhr wandern Hunderte und Hunderte, im Jahre viele Tausende die
hohen steinernen Treppen empor. Jede Auskunft kostet 25 Pfennig. Es
kommen nicht nur solche, die Geld zu fordern haben, Leute, für die ein
Mensch erst dann Wert bekommt, wenn er ihnen etwas schuldet, nein, so
mancher klimmt hinauf, der aus fernen Landen heimgekehrt ist und nun
nachforscht, ob und wo noch einer seiner Verwandten und Jugendgefährten
lebt. Die ersten Jahre schrieben sie einander noch, dann schlief der
Briefwechsel ein, und nun hat der Fremdling noch einmal die alte Heimat
aufgesucht. Bangen Herzens schreibt er den Namen und die letzte ihm
bekannte Wohnung seiner Mutter auf den Auskunftszettel -- sie ist lange
verstorben; er fragt nach Brüdern, Schwestern und Freunden, alle, alles
dahin, und tief bekümmert wandert der Vereinsamte die schmalen Treppen
wieder hinunter. Wie viele erkundigen sich da oben vergebens, Eltern,
die verlorene Söhne suchen, Schwestern, die nach ihren Brüdern fragen,
und Mädchen, die nach dem Vater des Kindes forschen, dessen Zukunft
in ihrem Schoße ruht. „Ist nicht gemeldet“, „unbekannt verzogen,“
„ausgewandert“, „verstorben,“ meldet der stets gleichmütige Beamte,
wenn er nach einer halben Stunde wiederkehrt und die Wartenden aufruft,
welche still, ernst und verzagt, nur selten frohen Mutes herabsteigen,
um wieder unterzutauchen in das Häuser- und Menschenmeer des gewaltigen
Berlin.

Die Leichtigkeit, in einer Stadt von 2½ Millionen Einwohnern unsichtbar
zu versinken, unterstützt sehr jene Spaltung der Persönlichkeit,
wie sie auf sexuellem Gebiete so häufig vorkommt. Der Berufsmensch
und der Geschlechtsmensch, der Tag- und Nachtmensch sind oft zwei
grundverschiedene Persönlichkeiten in einem Körper, der eine stolz
und ehrbar, sehr vornehm und gewissenhaft, der andere von allem das
Gegenteil. Das gilt für Homosexuelle ebenso wie für Normalsexuelle. Ich
kannte einen urnischen Rechtsanwalt, der, wenn er abends sein Bureau im
Potsdamer Viertel oder eine Gesellschaft seiner Kreise verlassen hatte,
seine Stammkneipe im südlichen Teil der Friedrichstadt aufsuchte, eine
Kaschemme, in der er mit dem Revolverheini, dem Schlächterherrmann,
dem Amerikafranzl, dem tollen Hunde und anderen Berliner Apachen die
halben Nächte spielend, trinkend und lärmend verbrachte. Die rohe Natur
dieser Verbrecher schien auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft
auszuüben. Noch weiter ging ein anderer, ein früherer Offizier, der
einer der ersten Familien des Landes angehört. Dieser vertauschte zwei-
bis dreimal die Woche abends den Frack mit einer alten Joppe, den
Zylinder mit einer Schiebermütze, den hohen Kragen mit einem bunten
Halstuch, zog sich den Sweater, Schiffer- oder Manchesterhosen und
Kommißstiefel an und trieb sich etliche Stunden in den Destillen des
Scheunenviertels umher, deren Insassen ihn für Ihresgleichen hielten.
Um vier Uhr früh fand er sich im Hammelstall, einer vielbesuchten
Arbeitslosenkneipe unweit des Bahnhofs Friedrichstraße, zum
„Kaffeestamm“ ein, nahm sein Frühstück für zehn Pfennig mit den
ärmsten Vagabonden, um nach einigen Stunden Schlaf wieder zum Leben
eines untadeligen Kavaliers zu erwachen.

Auch eine homosexuelle Dame ist mir erinnerlich, die in einem ganz
ähnlichen Doppelleben oft als Köchin die Tanzlokale von Dienstboten
besuchte, in deren Mitte sie sich außerordentlich wohl fühlte.

Besonders merkwürdig ist diese Halbierung oder -- wenn man will --
Verdoppelung der Persönlichkeit in denjenigen Fällen, wo sie zugleich
mit einer Spaltung in zwei Geschlechter verbunden ist.

Ich besitze die Photographie eines Mannes in eleganter Damentoilette,
der jahrelang unter den Weibern der Pariser Halbwelt eine Rolle
spielte, bis durch einen Zufall ans Licht kam, daß „sie“ in
Wirklichkeit ein Mann und zwar nicht einmal ein homosexueller Mann war.
Auch in Berlin sind wiederholt Männer aufgegriffen, die der weiblichen
Prostitution oblagen. Mehr als eine Frau ist mir in Berlin bekannt, die
zu Hause vollkommen als Mann lebt. Eine der ersten, die ich sah, war
mir während einer Feier in der Philharmonie durch ihre tiefe Stimme und
ihre männlichen Bewegungen aufgefallen. Ich machte ihre Bekanntschaft
und bat, sie besuchen zu dürfen. Als ich am folgenden Sonntagnachmittag
in der Dämmerstunde an ihrer Tür klingelte, öffnete mir ein junger
Mann, der von einem Hunde umsprungen wurde, die dampfende Zigarre in
der Hand hielt und nach meinem Begehr fragte. „Ich wünsche, Fräulein
X. zu sprechen, bringen Sie ihr, bitte, meine Karte.“ „Treten Sie nur
näher,“ erwiderte lachend der junge Bursche, „ich bin es ja selbst.“
Ich erfuhr, daß das Mädchen in ihrer Häuslichkeit vollkommen als Mann
lebte; es war eine wackere Person, die den Kampf mit dem Leben tapfer
aufgenommen, manche Heirat, durch die sie „gut versorgt“ worden wäre,
abgelehnt hatte, weil sie „keinen Mann betrügen“ wollte.

Die Spaltung der Persönlichkeit kann so weit gehen, daß der Tagesmensch
sich über die Lebensführung seines nächtlichen Ichs sittlich entrüstet
und heftig dagegen eifert. Es ist nicht immer bloße Heuchelei gewesen,
wenn jemand, der sich in den schärfsten Ausdrücken gegen die
Homosexualität wandte, eines Tages mit dem § 175 R.-Str.-G.-B. in
Konflikt geriet.

Wenn übrigens auch in Berlin trotz der verhältnismäßigen Bequemlichkeit
und Sicherheit sexuellen Verkehrs eine große Anzahl Uranier enthaltsam
leben -- was zweifellos der Fall ist --, so geschieht dies weniger
aus Angst, als weil ihre sonstige Charakterveranlagung sie zur
Enthaltsamkeit führt und ihnen dieselbe ermöglicht. Viele dieser
Homosexuellen leben als Junggesellen völlig einsam; manche bringen
durch intensive geistige Beschäftigung ihren Sexualtrieb zum Schweigen,
einige gelten als Sonderlinge, haben auch in der Tat häufig etwas
Schrullenhaftes, Altjüngferliches, andere entwickeln einen großen
Sammeleifer, der sich nicht selten auf Gegenstände erstreckt, die
mit ihrer Neigung in einem gewissen Zusammenhang stehen; so weiß
ich von einem urnischen Prinzen in Berlin, welcher mit einer wahren
Leidenschaft Soldaten-Darstellungen aller Zeiten und Länder sammelte.
Wieder andere suchen und finden eine Ablenkung und Befriedigung ihres
sexuellen Triebes darin, daß sie Stätten aufsuchen, Schwimmbäder,
Turnhallen, Sportplätze, wo sie Gelegenheit haben, sich am Anblick
ihnen sympathischer Gestalten zu erfreuen, oder aber sie schließen sich
aus denselben Grunde Vereinen an. Namentlich in den eingeschlechtlichen
Vereinen Berlins, wie den Turnvereinen und den Vereinen christlicher
junger Männer, ebenso auch in den Frauenklubs und Frauenvereinen --
vom Dienstboten- bis zum Stimmrechtsverein -- sind urnische Mitglieder
nichts Seltenes, oft ist sogar das urnische Element die treibende Kraft
des Vereins. Vielfach sind sich die Betreffenden ihrer Urningsnatur
gar nicht oder nur wenig bewußt und werden erst aufmerksam, wenn ein
dritter, meist mehr im Scherz als im Ernst, Bemerkungen macht, wie.
„Du benimmst Dich ja wie ein warmer Bruder.“

Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein Mitglied eines spiritistischen
Vereins auf, um sich zu vergewissern, ob er homosexuell sei; ein
Vereinsbruder habe ihm bei einem Streite zugerufen: „Schweig, Du
Zwitter.“ Dieser stark feminine und offenbar recht nervöse Jüngling
berichtete mir, daß er im gewöhnlichen Leben weder zum Weibe, noch zum
Manne sinnliche Regungen verspüre, nur wenn er in den Trance-Zustand
verfiele, was leicht der Fall sei, fühle er sich als eine Indierin und
empfände als solche eine starke Liebe zu einem seiner Vereinsbrüder.

Trotzdem sich die Urninge in ihren Vereinen meist gut zu beherrschen
wissen, kommt es doch hie und da zum „Skandal“, namentlich wenn sich
unter der Wirkung leichter Alkoholmengen die Zügel lockern, welche sie
ihrer wahren Natur sonst anzulegen wissen. Ich will ein in mehr als
einer Hinsicht lehrreiches Beispiel anführen.

Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar in einem religiösen
Zwecken dienenden Hause große Versammlungen und Feiern, die sich
eines ungewöhnlich regen Zuspruches erfreuten. „Das gewinnende,
liebenswürdige Wesen dieses Mannes zog wie ein Magnet.“ Er war eine
Persönlichkeit von angenehmstem Äußern, Mitte der Dreißig, sehr begabt
und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur zu bitten, und die Gaben
flossen in Massen; überall war er maßgebend, geliebt und verehrt,
besonders bei den Frauen.“ Man fand nicht Worte genug über seine
Herzensgüte; er selber berichtete in den Versammlungen häufig, wie er
in den Gefängnissen so oft und gern Trost spendete, wie er nachts junge
Menschen in den Anlagen ohne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause
genommen und bei sich beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde
fröhliches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen des Vereins
beobachtete, wie er mit seinen Schülern Kampfspiele veranstaltete,
mit ihnen rang und ausgelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der
anscheinend so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottesstreiters.
Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Betrübnis und große Entrüstung
des frommen Vereins. Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit
jungen Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten
zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig berührt habe, sogar hinter der
Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und
jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren
Freiheitsstrafe verurteilt.

Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten Uranier, der
demselben christlichen Verein angehörte. „Nie hätte ich,“ so schreibt
er mir, „geglaubt, daß dieser geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe
stürzen könnte, daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten
Kämpfen unterdrückte, um deren Überwältigung willen ich jene fromme
Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen ihres Leiters glichen. Als
sich das geschilderte Trauerspiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr,
sei mir Sünder gnädig“, und bin mit vielen anderen aus dem schwer
geschädigten Verein geschieden.“

Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker nicht sowohl einer
Vereinigung, als vielmehr einer einzigen Person, an der er Gefallen
gefunden hat. Wie viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge
ausbilden, studieren, nehmen sie auf Reisen mit, setzen ihnen Renten
aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testament, bemühen sich um
sie in intensivster Weise, ohne daß es je zu einem Kusse kommt, ja,
ohne daß sich die Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung
bewußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde nicht weniger
sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig lesen, wie ein Bräutigam
die seiner Braut. Und noch seltener ist sich der Empfangende in solchen
Verhältnissen über die wahre Natur seines „väterlichen“ Freundes
klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute Herz“ ihres besten
Freundes des Lobes voll, das hindert aber den jungen Mann nicht,
gelegentlich recht weidlich über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu
ahnen, wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten verletzen
möchte.

Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings an seinen Freund
zur Kenntnis bringen, das recht anschaulich zeigt, wie schwer die
unmerklich in einander übergehenden Grenzen zwischen den geistigen,
seelischen und körperlichen Äußerungen des in Form und Stärke, nicht
aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu ziehen sind. Es
lautet:

  „Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen,
  Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen,
  Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange,
  Ganz still, recht fest und lange, lange,
            Ist das nicht Glück genug --

  Ihm sanft die Hände zu berühren,
  Den Atem seiner Brust zu spüren,
  Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegen
  Und meinen Mund an seine Lippen schmiegen,
            Das ist doch Glück genug --

  Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt,
  Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt,
  Zu sehen, wie in allem, was er treibt,
  Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt,
            Ist das nicht Glück genug --

  Die Ansicht mit ihm auszutauschen,
  Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen,
  Sein Leben schöner zu gestalten,
  Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten,
            Das ist doch Glück genug --

  Ihm sagen können, daß er mir das Höchste,
  Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste,
  Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe,
  Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe,
            Das ist doch Glück genug --

  O, wenn ich es doch nie erlebte,
  Daß ich noch mehr an Glück erstrebte,
  Als mir so reichlich ist beschieden,
  Dann hätten er und ich den Frieden
            Und beide Glück genug.“

Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über
das erste Erwachen seiner Liebe -- er rührt von einem mir bekannten
Studenten her, der sich noch nie sexuell betätigt hat -- bestätigt
den Satz, daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung
und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der
normalsexuellen Liebe unterscheidet.

     „Ich bin in dem „Sündenbabel“ Berlin aufgewachsen, habe mit
     vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule
     besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher
     nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in
     sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit
     bewahrt. Ich habe nie, wie andere Kinder, Vergnügen daran
     gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die
     Kinder kommen“, ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu,
     deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über
     solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15
     Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für
     „unschuldig“; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht
     gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen
     des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen
     sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts
     von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht
     wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner
     „Unschuld“ zu verbreiten.


     In dieser Zeit, ich war 17 Jahre, faßte ich eine
     eigenartige Zuneigung zu einem meiner Mitschüler, dem
     Primus der Klasse; ich war nicht so befreundet mit ihm,
     wie mit meinen speziellen Schulfreunden, und doch hatte
     ich immer eine ganz besondere Freude daran, einmal mich
     länger mit ihm zu unterhalten, auf dem Schulhofe mit ihm
     zusammen zu gehen, oder gar einmal in der Stunde neben ihm
     zu sitzen. Gerade dies erreichte ich zu meinem Schmerz nur
     sehr selten, fast immer saß ich dritter, also noch ein
     anderer zwischen uns, und ich mußte mich begnügen, ihn so
     oft wie möglich anzusehen, wobei ich mir Mühe gab, das von
     ihm nicht bemerken zu lassen. Überhaupt nahm ich mich aufs
     äußerste in acht, daß niemand meine Beziehungen zu ihm, die
     übrigens völlig einseitig waren und blieben, bemerkte; ich
     wußte es damals nicht und weiß mir auch jetzt noch keinen
     rechten Grund dafür anzugeben, warum ich meine Zuneigung
     jedem Menschen gegenüber und besonders vor dem Geliebten
     selbst geheim hielt. Ich hatte wahrscheinlich das richtige
     Gefühl, doch nicht verstanden zu werden, und außerdem war
     ich mir meines Zustandes selbst nur ganz dunkel bewußt,
     ich hätte wohl gar nicht aussprechen und in Worte fassen
     können, was ich da eigentlich dachte und fühlte. Und doch
     war es so herrlich schön, sich vorzustellen, wenn wir
     beide so recht sehr befreundet wären, immer zusammen sein
     könnten, die Schularbeiten gemeinsam machten und uns nie zu
     trennen brauchten. Und wenn ich dann abends im Bett lag,
     malte ich mir alle möglichen Ereignisse aus, die eintreten
     müßten, damit wir recht eng befreundet werden könnten; da
     konnte doch z. B. sein Haus abbrennen, dann würde er keine
     Wohnung haben, und ich würde ihn auffordern, bei uns zu
     wohnen; und dann würde er sogar bei mir im Bett schlafen,
     so daß ich ihn so recht fest umarmen und an mich drücken
     könnte, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn habe.

     Wohlgemerkt: Diese Gedanken kamen mir und erfüllten mich
     mit größter Seligkeit, ohne daß ich eine Ahnung hatte von
     den sexuellen Beziehungen der Geschlechter. Mein Gemüt
     war vollständig rein, unverdorben durch unsaubere und
     schmutzige Geschichten, wie sie andere Großstadtkinder oft
     allzu früh zu hören bekommen, meine Phantasie war nicht
     erregt durch derartige Dinge. Und dennoch kamen mir diese
     „unsittlichen, unzüchtigen“ Vorstellungen? Nein, es lag
     nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, konnte
     gar nicht darin liegen, und diese Tatsachen, die ich an
     mir selbst erlebt habe, die ich gefühlt und gedacht habe
     mit meinem innersten Herzen, sind mir der sicherste und
     unumstößlichste Beweis dafür, daß in der Homosexualität an
     sich keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit
     und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das
     Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht,
     daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht,
     indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz
     zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe
     gleich mit verdammen. -- Jetzt weiß ich, daß das, was sich
     damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste
     Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das
     nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen
     Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.

     Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner
     Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher
     geblieben. Wenn andere „normale“ Männer auf der Straße ein
     hübsches Mädchen sehen, so blicken Sie sich unwillkürlich
     danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen,
     denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich in eine
     Gesellschaft, komme ich auf einen Ball &c., so geschieht es
     oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der jungen Leute,
     den ich nicht kenne, auffällt, und ich ertappe mich nachher
     dabei, daß ich fortwährend darauf geachtet habe, was der
     Betreffende tut, mit wem er tanzt &c. &c.

     Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch
     eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen
     Mitschüler ergriff, der zwar ein ganzes Jahr älter war
     als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich
     darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen
     dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche
     Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem
     Schulhofe, auf der Straße, bei den Turnspielen u. s. w.
     Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr
     reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen
     Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine
     gemeinsamen Interessen zwischen uns, wir hatten keine
     gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise meiner
     nächsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffälliger
     mußte es sein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und
     ich suchte die verschiedensten Vorwände, diese Annäherung
     zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor
     mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was in mir
     vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre,
     ging mir das Licht über die wahre Bedeutung der Sache auf,
     in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor
     seinem Hause machte, die Zeit abpaßte, wann er herauskam,
     um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte
     als an ihn. Ja, ich wußte bald, ich ihn wirklich und
     regelrecht liebte, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich
     nicht den Mut, ja, ich gab mir sogar noch lange Zeit Mühe,
     es ihn nicht einmal merken zu lassen. Unser Verkehr wurde
     aber reger, obgleich ich wußte, daß er sich nicht allzu
     viel aus mir machte; ich benutzte jede Gelegenheit, unsere
     Beziehungen enger und freundschaftlicher zu gestalten, was
     auch äußerlich gelang, ohne daß es jedoch trotz größter
     Anstrengung meinerseits zu einer wirklichen Freundschaft
     kam. Es lag überhaupt in K.'s Wesen, daß er keine Freunde
     besaß, und so hatte ich in dieser Zeit eigentlich nur
     einmal Gelegenheit, die Qualen der Eifersucht kennen zu
     lernen; doch gerade diese Eifersuchtsanwandlung, die mir
     ordentlich zu schaffen machte, brachte mir gleichzeitig
     volle Gewißheit über meine homosexuelle Liebe. Schließlich
     wurde das Gefühl, das mich zu ihm hinzog, so übermächtig,
     und ich wurde der Heuchelei vor ihm und vor mir selbst so
     müde, daß ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer
     zusammen arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Küssen
     überschüttete und ihm alles beichtete. Er nahm diesen
     Ausbruch etwas verwundert, aber doch ganz ruhig hin,
     jedenfalls ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich
     handelte.

     Die nun folgenden Wochen waren die bisher schönsten meines
     Lebens, fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm
     bei allen seinen Schularbeiten, und wenn wir damit fertig
     waren, saßen wir eng aneinander geschmiegt und sprachen
     über alles und nichts. Doch es waren leider nur wenige
     Wochen; denn genau zur selben Zeit stellte sich auch bei
     meinem K. die Liebe ein -- aber nicht zu mir, sondern zu
     einem kleinen Mädchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu
     ihm kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzählen,
     als von =ihr=, und auf dem Schulwege sprach er mit mir
     von =ihr=, und abends ging ich mit ihm fort dahin, wo er
     =sie= treffen wollte, und wartete, bis sie kam, sprach
     ein paar Worte mit ihr, ging ein paar Schritte mit und
     verabschiedete mich dann, um die beiden allein zu lassen --
     ich war ja überflüssig. Ich kann nicht gerade sagen, daß
     ich auch hier eifersüchtig war, im Gegenteil: es floß wohl
     auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freundin über,
     da =sie= es ja war, die ihn glücklich machte. Aber das Herz
     blutete mir doch, wenn er mir z. B. seine Tagebücher gab,
     in denen nur von =ihr= stand, was sie tat und sagte und
     dachte, und wo ich kaum mal mit einem Worte erwähnt wurde.
     Am meisten jedoch schmerzte mich, daß er sich energisch
     weigerte, meine Küsse und Zärtlichkeiten weiter zu dulden;
     denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, daß meine
     Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien, weil ich ihn mit
     allen Mitteln, die mir damals zu Gebote standen, überzeugt
     hatte, daß meine Liebe zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie
     die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er,
     =ihr= untreu zu werden, wenn er sich noch ferner von =mir=
     küssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben“, sagte er,
     „denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere
     Freunde wollen wir sein.“

     Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich
     schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht
     guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß
     ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte
     auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er
     sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit
     wissenschaftlichen, politischen &c. Fragen zu beschäftigen,
     auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu,
     in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher
     nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange
     Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin
     ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.

     Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich auf meine
     Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der
     negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich
     anfingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in
     die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen
     Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst,
     besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse
     war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen.
     Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem
     K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war,
     stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen
     zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen,
     die mir zufällig auffielen, kam nur eine Ahnung des wahren
     Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine
     Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und
     wenn es die größten Umwege kostete, an =seinem= Hause
     vorbei und war glücklich, wenn =er= mal am Fenster stand.
     So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam
     geworden, unwillkürlich weitere Anhaltspunkte suchend, kam
     ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B.
     noch genau, welch tiefen Eindruck es auf mich machte, als
     meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul,
     wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt“;
     ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht
     mitnehmen wollen, um, wenn ich =ihn= treffen sollte, allein
     mit ihm zu sein.“

„Feste Verhältnisse“ homosexueller Männer und Frauen, oft von sehr
langer Dauer, sind in Berlin etwas ganz außerordentlich Häufiges.

Man muß an vielen Beispielen wahrgenommen haben, mit welcher Innigkeit
in solchen Bündnissen häufig der eine an dem anderen hängt, wie sie
für einander sorgen und sich nach einander sehnen, wie sich der
Liebende in die ihm oft so fern liegenden Interessen des Freundes
hineinversetzt, der Gelehrte in die des Arbeiters, der Künstler in
die des Unteroffiziers, man muß gesehen haben, welche seelischen und
körperlichen Qualen diese Menschen nicht selten infolge Eifersucht
erleiden, wie ihre Liebe alles überdauert und alles überwindet, um
allmählich inne zu werden, daß kein „Fall widernatürlicher Unzucht“
vorliegt, sondern ein Teil jener großen Empfindung, die nach der
Ansicht vieler dem Menschendasein erst Wert und Weihe giebt.

Ich behandelte einst eine adelige Dame, die seit einer Reihe von Jahren
mit einer Freundin zusammen lebte, an einem schweren Nervenleiden.
Weder vorher noch nachher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so
liebevolles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie
in diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Müttern, die
sich um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme
Mitbürgerin, sie hatte viel Rücksichtsloses und Eigenwilliges, wer aber
diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unablässige
Bemühen bei Tage und bei Nacht, hielt ihr um dieses starken und
schönen Gefühls willen vieles zu gute. Sie war mit ihrer Freundin
tatsächlich wie verwachsen, berührte man ein schmerzhaftes Glied der
Kranken, so zuckte sie reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der
Leidenden spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, mangelhafter Schlaf
und schlechter Appetit übertrugen sich auf die gesunde Freundin. Der
Fall war übrigens auch dadurch bemerkenswert, daß auch das Personal
der Patientin, sowohl die Krankenschwester, wie das Dienstmädchen,
einwandfrei urnisch waren.

Unweit diesem Paare lebte ein anderes. Er war Referendar, sein etwa
18jähriger Freund Damenschneider. Dieser war so feminin, daß ich dem
Referendar einmal bemerkte, so gut wie in dieses Neunzehntel-Weib
hätte er sich doch auch in ein ganzes Weib verlieben können. Unter
anderem war seine Stimme so weiblich, daß, wenn er telephonisch nach
mir verlangte, was im Interesse seines Freundes einige Male vorkam,
mein Sekretär stets meldete. „Eine Dame wünscht sie zu sprechen.“
Beide lebten in großer Harmonie, tags ging jeder seinem Berufe nach,
der eine auf das Gericht, der andere in die Schneiderwerkstatt. Als
der Referendar Berlin verließ, nahm er den Freund mit sich. Dieser
hatte zuvor seinen Vater, einen biederen Berliner Handwerker, um
eine aufklärende Unterredung gebeten, bei der, wie er mir schamhaft
erzählte, das Zimmer verdunkelt werden mußte. Der Vater war garnicht
verwundert, er habe schon längst ähnliches vermutet, und erklärte sich
mit allem einverstanden.

Der kleine Damenschneider hatte einen Arbeitskollegen, der nicht
minder mädchenhaft war, wie er selbst. Ihr Beruf ist mehr wie irgend
ein anderer in Berlin von urnischen Elementen durchsetzt. Dieser
Kollege verliebte sich in den Bruder des Referendars, einen Ingenieur,
der kurz vorher wegen unglücklicher Liebe zu einem Studenten einen
ernsthaften Selbstmordversuch unternommen hatte. Als er schwer
verletzt im Krankenhause lag, hatten sich die beiden gleichveranlagten
Brüder, die bis dahin nichts von einander wußten, zu erkennen gegeben.
Allmählich entwickelte sich nun zwischen dem Ingenieur und dem anderen
Damenschneider ein zweites Liebesbündnis, und es entbehrte nicht einer
gewissen Drolligkeit, wenn die beiden schön und stark gewachsenen
Brüder mit ihren Schneiderlein Willi und Hans -- nicht viel anders
wie andere mit ihren Putzmacherinnen -- am Sonntag den Grunewald
durchstreiften.

Daß sich die Eltern mit der urnischen Natur, ja sogar mit dem
homosexuellen Leben ihrer Kinder abfinden, ist in Berlin durchaus
nichts Seltenes.

Vor kurzem wohnte ich auf einem Berliner Vorortkirchhof der Beerdigung
eines alten Arztes bei. Am offenen Grabe standen der einzige Sohn
des Verstorbenen, zur Rechten die bejahrte Mutter, an der andern
Seite der zwanzigjährige Freund, alle drei in tiefster Trauer. Als
der Vater, bereits über 70 Jahre alt, vom Uranismus seines Sohnes
hörte, war er der Verzweiflung nahe, er suchte mehrere Irrenärzte
auf, die ihm mancherlei raten, aber nicht helfen konnten. Dann
vertiefte er sich selbst in die Litteratur über den Gegenstand und
erkannte mehr und mehr, daß sein Sohn, den er über alles liebte, von
Geburt an homosexuell gewesen war. Bei seiner Niederlassung hatte er
nichts dagegen, daß er den Freund zu sich nahm, ja die guten Eltern
übertrugen ihre volle Liebe auf den jungen Mann, der aus einfachstem
Stande hervorgegangen war. Beide hatten auf einander sichtlich einen
guten Einfluß; während sie einzeln nur schwer imstande gewesen wären,
vorwärts zu kommen, gelang es ihnen zu zweit vortrefflich, indem
das Wissen und die Liebenswürdigkeit des einen in der Energie und
Sparsamkeit des anderen ihre Ergänzung fanden.

Auf dem Sterbelager nahm der alte Doktor von seiner Frau und seinen
„beiden Jungen“ Abschied und der Anblick dieser drei Menschenkinder,
wie sie unter den Klängen des Mendelsohnschen Liedes: „Es ist bestimmt
in Gottes Rat“ ihre Tränen und Trauer vereinigten, griff ungleich
tiefer in die Seele, als die Rede des jungen Pfarrers, der in schrillem
Tonfall die Taten des ihm gänzlich unbekannten Toten pries.

Nicht vereinzelt kommt es in Berlin vor, daß urnische Junggesellen
sich bei den Familien ihrer Freunde einmieten und dort wie Angehörige
des Hauses angesehen werden. Es gibt Mütter, selbst wissende, die
oft in überschwänglicher Weise das Glück preisen, daß ihr Sohn einen
so großartigen Freund, ihre Tochter eine so ausgezeichnete Freundin
gefunden; diese Freundschaft sei ihnen viel lieber, als wenn sich
ihr Sohn mit Mädchen herumtreibe, ihre Tochter sich von Männern den
Hof machen ließe. Verstieg sich doch einmal eine Mutter, die mich
wegen eines geschlechtlich infizierten Sohnes aufsuchte, zu dem
merkwürdigen Ausspruch: „Ich wünschte, mein zweiter Sohn wäre auch
homosexuell.“ Manchmal liebt der Freund den Sohn des Hauses und wird
von der Tochter geliebt, wie überhaupt zwischen den verschiedenen
normalsexuellen und homosexuellen Personen desselben Kreises hie und
da ganz sonderbare Verwicklungen vorkommen. Für den Psychologen und
Schriftsteller, welcher das urnische Moment in den Beziehungen der
Menschen untereinander zu erkennen weiß, erweitern sich dadurch die der
Beachtung und Darstellung würdigen Konflikte in ungeahnter Weise.

Ich kannte in Berlin einen Uranier, der die Schwester eines Jünglings
heiratete, nur um mit dem Bruder oft und unauffällig zusammen sein
zu können. Die Ehe, welche in Wirklichkeit keine war, ging nach
einigen Jahren auseinander, nachdem der normalsexuelle Bruder seinen
Schwager -- nicht etwa im Bösen, sondern im Guten -- um sein ganzes
beträchtliches Vermögen gebracht hatte.

Ein anderer Homosexueller liebte einen Mann, welcher mit einem Mädchen
ein inniges Liebesverhältnis anknüpfte. Der Urning war auf das Mädchen
sehr eifersüchtig, und auch diese war auf den Freund, der ihren
Geliebten so viel in Anspruch nahm, nicht gut zu sprechen. Der Mann
aber hielt auch dem Mädchen nicht die Treue und bereitete ihr ebenso
wie dem Freunde durch seine leichtsinnigen Streiche vielen Kummer.
Beide kannten sich nicht persönlich. Eines Morgens aber kam das
Mädchen zu dem Urning, um ihm mitzuteilen, daß dem Freunde während
der Nacht ein schwerer Unfall zugestoßen sei. Die gemeinsame Sorge
machte sie allmählich zu Freunden. Da entzweite sich der Mann und sein
Mädchen, sie war bitterböse und schien unversöhnlich, er aber hielt es
vor Sehnsucht nicht aus, es trieb ihn immer wieder zu ihr, sie aber
wies ihm die Türe. Schließlich wandte er sich hilfeflehend an seinen
urnischen Freund, und dieser, der sich schon im stillen gefreut hatte,
daß das so quälende Liebesverhältnis zu Ende sei, ging zu dem Mädchen
und versöhnte beide.

Solche und ähnliche Falle könnte ich aus der lebendigen Quelle des
Berliner Lebens in großer Zahl berichten -- doch wir wollen jetzt
von dem Leben und Leiden einzelner Urninge zu dem Leben und Treiben
urnischer Gruppen übergehen.

Denn wenn auch viele Uranier in selbstgewählter Einsamkeit leben, die
nirgends so erreichbar ist, wie in weltstädtischer Menschenfülle,
andere wiederum sich ausschließlich einer einzigen Person widmen,
so ist doch die Zahl derer nicht minder groß, welche mit anderen
homosexuellen Personen und Kreisen Fühlung suchen, und auch hier bietet
sich in Berlin überreichliche Gelegenheit.

Es ist recht bedauerlich, daß sich manche Urninge, die durch ihr
Wesen und Wissen jedem Kreise zur Ehre gereichen würden, schließlich
in normalen Gesellschaften überhaupt nicht mehr wohl fühlen. Die
erheuchelten Komplimente und Interessen, die ihnen besonders häufig
zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und wenn sie
einmal die Geselligkeit kennen gelernt haben, in der sie sich frei
geben können und Verständnis finden, ziehen sie sich aus andern Kreisen
mehr und mehr zurück.

Daß gesellige Leben der Urninge untereinander pulsiert in Berlin
in mannigfacher Gestaltung, sowohl in geschlossenen, als auch in
allgemein zugänglichen Zirkeln ungemein lebhaft. Größere und kleinere
Gesellschaften von Homosexuellen für Homosexuelle sind zu jeder
Jahreszeit, namentlich aber im Winter, an der Tagesordnung.

Vielfach beschränken sich dieselben auf eine bestimmte soziale Schicht,
auf gewisse Stände und Klassen, doch werden die Grenzen schon um der
Freunde willen bei weitem nicht so streng innegehalten, wie dies bei
Normalsexuellen üblich ist. Mancher Urning würde nichts so übel nehmen,
als wenn man seinem Freunde, und sei er noch so einfachen Herkommens,
die gesellschaftliche Ebenbürtigkeit absprechen würde.

Ich werde in Anerkennung meiner Arbeit für die Befreiung der
Homosexuellen oft ersucht, Gesellschaften gleichsam als Ehrengast
beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen kleinen Teil dieser
Aufforderungen annehme, so haben sie mir doch einen genügenden Einblick
in das gesellige Leben der Berliner Urninge verschafft.

Einmal war ich in besagter Eigenschaft auf einer Gesellschaft
unter lauter homosexuellen Prinzen, Grafen und Baronen. Außer der
Dienerschaft, die nicht nur in Bezug auf die Zahl, sondern auch in
Hinsicht auf ihr Äußeres besonders sorgfältig ausgewählt schien,
unterschied sich die Gesellschaft in ihrem Eindruck wohl kaum von
Herrengesellschaften derselben Schicht. Während man an kleinen
Tischen sehr opulent speiste, unterhielt man sich anfangs lebhaft
über die letzten Aufführungen Wagnerscher Werke, für welche fast alle
gebildeten Urninge eine auffallend starke Sympathie hegen. Dann
sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht über Politik, um
allmählich zum Hofklatsch überzugehen. Sehr eingehend verweilte man
beim letzten Hofball, auf dem das Erscheinen des jungen Herzogs von
X. viele Urningherzen hatte höher schlagen lassen, man schwärmte von
seiner blauen Uniform, von seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit
und berichtete, wie man es erreicht hätte, seiner königlichen Hoheit
vorgestellt zu werden. Dann erzählte man sich Anekdoten über abwesende
Urninge der Hofgesellschaft, von denen mir eine, die besonders herzhaft
belacht wurde, im Gedächtnis geblieben ist. Ein Fürst war kurz zuvor
bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur er so
wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner Umgebung,
zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens unerwartet früh
aufgestanden, um sich im Schloßgarten zu ergehen. Als er den Korridor
kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der zu so zeitiger Stunde nicht
auf diese Begegnung vorbereitet war, in einem höchst sonderbaren Anzuge
oder besser Aufzuge; der allseitig sehr abgerundete Gutsherr trug eine
rotsammtene, mit Blumen und Spitzen reichbesetzte Matinée. Der Anblick
dieser Gewandung war so komisch, daß der fürstliche Besucher in einen
förmlichen Lachkrampf verfiel.

Eine andere Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Sälen eines
der vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlhabender Uranier feierte
sein Namensfest. Es waren mit geringer Ausnahme nur Freundespaare
zugegen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammenlebten; jeder
führte sein „Verhältnis“ zu Tisch. Dem Festmahl ging im Nebensaal auf
einer aufgeschlagenen Bühne eine Theatervorstellung voraus, bei der
ausschließlich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Soloscherzen trug
der Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene als Falstaff
aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man Nestroys Wiener
Posse: „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“. Alle weiblichen Rollen,
an denen es in diesem Stücke nicht fehlt, lagen in den Händen femininer
Urninge, namentlich erregte ein bekannter Baron in der Titelrolle durch
seine natürliche Darstellungsweise stürmische Heiterkeit. Nach dem
Diner folgte Tanz, und trotzdem die Weine reichlich flossen, geschah
nichts Indezentes. Da einige Gäste in Damentoilette waren, machte
man sich den harmlosen Spaß, Urningen, die sich besonders männlich
vorkamen, weibliche Kleidungsstücke, wie Hüte und Shawls anzulegen;
manche machten gute Miene zum bösen Spiel, andere aber wurden recht
verdrießlich, denn man findet Urninge, denen alles, was zum Weibe
gehört, so wenig zusagt, daß ihnen der Gedanke, selbst Weibliches an
sich zu haben, unerträglich ist.

Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind Gesellschaften in
Berlin sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein Beispiel
ans der Erinnerung heraus. Ein mit Glücksgütern nicht sehr gesegneter
Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen Vorortskneipe
hatten sich die Geladenen, darunter seine zwei normalsexuellen
Brüder, eingefunden. Man tat sich an Bockwürsten, Kartoffelsalat und
Schweizerkäse gütlich, während der Sohn des Wirtes die Gassenhauer
des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde“,
auch „Herr Schwan geborene Hilde“ genannt, ein bekannter Berliner
Urning, auf. Er stellte eine Berliner Köchin, welche zum Theater
gehen wollte, dar und wirkte besonders belustigend, als er zum Schluß
die Barfußtänzerin Isadora Duncan parodierte. Ein Damenimitator
niedrigster Gattung, der zufällig im Vorraum der Wirtschaft saß, wurde
gebeten, sein Repertoire vorzutragen. Dazwischen trat ein echter Mann
auf, ein Kohlenträger vom Landwehrkanal, ein „schwerer Junge“, mit
tätowierten Armen, glattangelegtem Scheitel, gestricketem Sweater und
jener eigentümlichen Mischung von Plumpheit und Grazie, wie sie den
Arbeitern dieser Gattung eigen zu sein pflegt. Er sang eine große Reihe
nicht eben dezenter Lieder im Berliner Volkston, ohne eine Spur von
Stimme, mit vielen Sprachfehlern, jeden Satz unterstützt von grotesken
Bewegungen, denen zwischen den Versen Drehungen des Körpers folgten,
alles in seiner Ungeschicklichkeit so zusammenpassend, daß es nicht
ohne Wirksamkeit war. Allmählich rückte man Tische und Stühle bei
Seite und ging zum Tanze über, bei dem sich eine Episode von schwer
wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mitten im Tanzen
war, trat plötzlich -- die Polizeistunde war längst überschritten
-- ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene ein. Nur einen Augenblick
stockte die fröhliche Stimmung, dann faßte einer der Anwesenden -- ein
urnischer Musiker -- den Schutzmann rasch entschlossen um die Taille
und walzte mit ihm los. Dieser war so verblüfft, daß er kaum Widerstand
entgegensetzte, eifrig mittanzte und sich bald mit dem Wirtssohn und
dem Kohlenträger in die Rolle des begehrtesten und aufgefordertsten
Tänzers teilte.

Es gibt natürlich auch viele urnische Gesellschaften, die einen
ungleich ernsteren Charakter tragen. So sammelte ein alter Berliner
Privatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um sich
in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim. Es waren meist zehn bis
zwölf Herren aus akademischen Ständen zugegen, von denen nur zwei
bis drei nicht homosexuell waren. Der Alte, welcher seine Gäste mit
schweren Südweinen, Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen
bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Iffland gekannt,
war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und
schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die
Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da
debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon
ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum;
mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während
die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich
der § 51 des R.-St.-G.-B., welcher von dem Ausschluß der freien
Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen
verwenden ließe.

Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge
tragen die am Weihnachtsheiligabend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr
als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familienglücks der
urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch
trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht
stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich
sammelte.

Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus.

Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine
große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden,
zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen,
Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von
Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein
großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten
Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden“ verkündigt. Dann wurden
die kleinen Geschenke fein säuberlich in Seidenpapier geschlagen und
um den Baum herumgelegt, für jeden etwas: ein Kalender, ein Buch, ein
kleiner Schmuckgegenstand, wohl gar ein Kettenring, ein Taschenspiegel,
eine Schnurrbartbinde. In der Frühe des Vierundzwanzigsten hat der
Hausherr das große Tischtuch von feinstem Leinen aus dem Schranke
hervorgeholt, mit dem Diener die Tafel gedeckt, das Silber verteilt,
die Servietten gefaltet, mächtige Obstschalen gefüllt, jeden Teller mit
einem Blumensträußchen versehen und vor den Kristallgläsern zierliche
Tischkarten gelegt. Dabei kommt man manchmal bei diesem ober jenem
der Eingeladenen in nicht geringe Verlegenheit, wenn man sich seines
wirklichen Namens nicht entsinnen kann. Man hat ihn das ganze Jahr mit
einem weiblichen Spitznamen angeredet, von dem man aber an diesem Abend
gern Abstand nehmen möchte.

Noch eine zweite Tafel wird im Korridor gedeckt, dort sollen die
Kinder und das Dienstpersonal ihr Weihnachtsmahl einnehmen -- jawohl
die Kinder -- ein seltener Anblick im Urningsheim. Man hat nämlich
zur Bescheerung die zwei Kleinen der Waschfrau und die drei Enkel
des Portiers geladen. Es wird Wert darauf gelegt, daß am Nebentisch
dieselben Gerichte wie an der Haupttafel genossen werden und daß auch
hier alles recht feierlich aussieht.

Der Beginn ist erst auf 8 Uhr festgesetzt, da einige vorher in einem
verwandten oder befreundeten Hause der Bescheerung angewohnt haben, ehe
sie in den Kreis ihrer Freunde kommen. Endlich, als alle eingetroffen,
verschwindet der Hausherr in den bis dahin verschlossenen Salon, zündet
die Kerzen an, wirft noch einen Blick auf die Geschenke und ruft
zunächst die Kinder und jenen Gast herein, der ihre Weihnachtslieder
am Klavier begleiten soll. Nun werden die Doppeltüren geöffnet, und
hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der
seligen, fröhlichen Weihnachtszeit.

Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt
eine Träne, selbst die „lange Emilie“, der sonst immer lustige
Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit
zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen
dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß
ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst
verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die
Kluft, die sie von den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo
sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem
guten Buch“ im „möblierten Zimmer“ verbrachten. Manche gedenken
ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich
nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt
hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf
ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für
die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des Weibes, das sie über
alles liebte und das sie über alles liebten -- ihrer Mutter.

Jetzt sind die Kinderstimmen verklungen, man reicht sich die kleinen
Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten
und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie
sonst; man spricht von dem guten X., der letztes Jahr noch am heiligen
Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt.

Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber
der ernste Unterton bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch
weltschmerzlicher Sentimentalität.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Wann
endlich“ -- so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am
Weihnachtsheiligabend -- „Wann endlich wird man erkennen, daß auch zu
uns der Erlöser kam, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten von
seiner gütigen, edlen, barmherzigen, allumfassenden Liebe?“

Es war in der Frühe des letzten Weihnachtsmorgens, als ich zu einem
urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß,
daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte.

Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze
Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern,
Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt.
Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt
lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam
tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben
die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren
blutdurchtränkte Lappen geschlungen.

Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater,
einem angesehenen Bürger Berlins, überworfen, keiner gewann es über
sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend,
dem ersten, den er fern von der Familie verlebte, herumgeirrt durch
die menschenleeren Straßen der Millionenstadt. Von der Gegenseite
der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die
glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen
der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige
Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des
Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte.

Als sie oben die Lichter löschten, war er in die nächste Budike
gegangen, hatte an einem abgelegenen Ecktisch ein Schnapsglas nach dem
andern geleert, in einer zweiten und dritten Destille das Gleiche getan
und in verödeten Kaffeehäusern für schwarzen Kaffee mit Kirsch sein
letztes Geld verausgabt.

Nachdem er dann in der kalten Winternacht heimgekehrt und die vier
Treppen im Hofe heraufgewankt war, hatte sich seiner ein ungeheurer
Erregungszustand bemächtigt. Er hatte alles zertrümmert und die
brennende Lampe zerschlagen in der Erwartung, daß er sich an
geöffneten Pulsadern verbluten würde. Ein von den Wirtsleuten eilends
herbeigerufener Arzt hatte durch die Türspalte gelugt und rasch ein
Attest zur Überführung in die Irrenabteilung der Charité geschrieben.

Ein Freund des Kranken holte mich zu ihm; ich wusch und verband ihm
an jenem Weihnachtsvormittag eine Wunde nach der andern; er klagte
nicht und sprach kein Wort, aber die flammenden Augen sprachen und
die blassen Lippen sprachen und jede einzelne Wunde sprach von seinem
tiefen Leide und der hohen, heiligen Aufgabe derer, die an dem
Befreiungswerke der Uranier arbeiten. --

Neben den Privatgesellschaften, Diners, Soupers, Kaffees, 5 Uhr Thees,
Picknicks, Hausbällen und Sommerfesten, die die Berliner Homosexuellen
in nicht geringer Menge veranstalten, sind die Jours fixes zu erwähnen,
von denen jeden Winter einige von Urningen und Uranierinnen für ihre
Freunde und Freundinnen eingerichtet werden.

Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang bei einem
urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang und Stand
erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in Tee und
Gebäck, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten Winter
war es besonders der _Jour_ fixe eines urnischen Künstlers, der
sich großer Beliebtheit erfreute. Der überaus gastfreundliche Wirt
empfing seine Gäste, unter denen sich viele homosexuelle Ausländer,
namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen
Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einer Art
Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Prinzeßrobe und
Amtsrobe. Die Musikvorträge, zumal die Gesänge des Hausherrn in
Baryton und Alt und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten
standen künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig einen
österreichischen Studenten der Chemie, der stets schweigsam und ernst
dasaß, sich aber sichtlich unter Seinesgleichen wohl fühlte, da er
immer wiederkam. Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren
und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines Abends in eine
Urningskneipe und ließ sich vom Klavierspieler Koschats „Verlassen“
spielen; als die melancholische Weise erklang, nahm er unbemerkt
ein Stückchen Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu Boden
streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen“ verzeichnete der
Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, wie
er sich in Berlin nur allzu oft ereignet.

Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ursache, aber fast
stets ist der indirekte Zusammenhang zwischen der Homosexualität
und dem gewaltsamen Ende leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer
Offizier, im Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er
hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu Schulden
kommen lasten, sie wurde lautbar, und ein schlichter Abschied war die
Folge. Er hat nichts anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun
sucht er kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine
nach der andern, die Familie will nichts mehr von ihm wissen, er steht
allein, verliert jeden Halt, sinkt immer tiefer, greift zum Alkohol,
zum Morphium und endlich zur erlösenden Waffe. So kenne ich viele
Tragödien; erst vor wenigen Wochen endete ein früherer Leutnant auf
diese Weise. „Ursache: Schulden“, schrieben die Zeitungen; jawohl,
Schulden, aber die Grundursache lag tiefer, es war der Verlauf, wie
ich ihn soeben schilderte; -- an der Homosexualität war er zu Grunde
gegangen.

Vor einigen Tagen nahm ich einem homosexuellen Lehrer, der mich
aufsuchte, ein Fläschchen Blausäure fort. Er hatte keine strafbare
Handlung begangen, sich nie gleichgeschlechtlich betätigt; er war
eben erst in den Schuldienst getreten, als dem Direktor ein anonymes
Schreiben zugegangen war, der neue Lehrer sei ein Päderast; der Chef
ließ ihn kommen, und auf Befragen gab er zu, homosexuell veranlagt
zu sein. Man gab ihm den wohlmeinenden Rat, auf seine Entlassung
anzutragen, er tat es, fand aber nicht den Mut, es seiner alten Mutter
zu sagen, die gedarbt hatte, damit er Lehrer werden könne. Nun irrte
auch er nach Stellung umher in dem großen Berlin, in dem es so viele
Stellen, aber so viel mehr Stellenlose gibt.

Es sind gewiß mehr als zwanzig Homosexuelle, die ich im Laufe der
letzten acht Jahre vor dem Selbstmord bewahren konnte; ob ich ihnen
einen guten Dienst erwies, ich weiß es nicht, und doch erfüllt es mich
mit stiller Freude, daß ich ihnen das Leben und sie dem Leben erhalten
konnte. --

Einen den geschilderten Jourfixen ähnlichen, wenn auch schon mehr
vereinsartigen Charakter tragen die regelmäßigen Zusammenkünfte,
wie sie von Homosexuellen an bestimmten Abenden in bestimmten
Lokalen veranstaltet werden; auch hier ist es gewöhnlich eine
Person, um die sich die anderen gruppieren, nur bewirtet sich
jeder aus eigenen Mitteln. Vielbesucht war lange Jahre der Klub
„Lohengrin“, welcher sich um einen unter dem Namen „Die Königin“
bekannten Weinhändler zusammenfand. Während hier die Unterhaltung
in musikalischen und deklamatorischen Darbietungen bestand, tragen
manche dieser Vereinigungen, wie die „Gemeinschaft der Eigenen“, die
„Platen-Gemeinschaft“, einen mehr literarischen Charakter. Auch ein
Kabaret, das von Urningen geleitet und hauptsächlich von diesen besucht
wird, gibt es in Berlin.

Auf allen diesen Veranstaltungen tritt die eigentliche Sexualität
genau so zurück wie in den entsprechenden normalsexuellen Kreisen.
Das Bindemittel ist lediglich das aus der Gemeinsamkeit der
Lebensschicksale sich ergebende Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Haben alle die genannten Gesellschaften einen mehr geschlossenen
Charakter, so ist die Zahl derer, die allgemein zugänglich sind, noch
viel bedeutender. Daß manche Restaurationen, Hotels, Pensionate,
Badeanstalten, Vergnügungslokale, trotzdem sie jedermann offen
stehen, fast ausschließlich von Urningen besucht werden, wird weniger
merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, daß viel weniger scharf
gekennzeichnete Gruppen in Berlin ihre Lokale haben, die fast ganz von
ihnen existieren; so gibt es Restaurationen, in denen nur Studenten,
nur Schauspieler, nur Artisten verkehren, andere, die nur von Beamten,
nur von Kaufleuten bestimmter Waren, von Liebhabern bestimmter
Spiele und Sports leben, wieder andere, die nur von Buchmachern,
Falschspielern oder irgend einer Verbrecherkategorie besucht werden.

Man kann Lokalitäten unterscheiden, die von Urningen bevorzugt, aber
auch von anderen Personen aufgesucht werden, und solche, die lediglich
von jenen frequentiert sind. Zu ersteren gehört ein sehr großes
Münchener Bierrestaurant der Friedrichstadt, in dem seit Jahren zu
bestimmten Stunden stets an hundert Homosexuelle und mehr zu finden
sind. Auch in bestimmte Kaffeehäuser ziehen sich die Urninge mit
Vorliebe hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten ist; oft
sind es Lokale, wo der Wirt oder ein Kellner selbst urnisch sind, meist
werden bestimmte Abteilungen der Wirtschaften besonders bevorzugt. Die
urnischen Damen treffen sich vielfach in Konditoreien; so befindet sich
im Norden der Stadt eine, die täglich zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags
von urnischen Israelitinnen zahlreich besucht wird, welche hier Kaffee
trinken, plaudern, Zeitungen lesen, Skat und mit Vorliebe Schach
spielen.

Im Sommer sind es stets gewisse Gartenlokale, in denen sich die Urninge
in großer Zahl einfinden, während sie andere, wenigstens in Gruppen,
meiden. In einigen dieser Konzertgärten macht sich neben der weiblichen
auch die männliche Prostitution bemerkbar.

In einem der vornehmsten Berliner Konzertlokale war vor einigen Sommern
das Treiben der Homosexuellen so arg geworden, daß Kriminalbeamte
hinbeordert wurden, um dem rücksichtslosen Gebahren, das nicht schwer
genug gerügt werden kann, ein Ende zu bereiten.

Es muß der Berliner Polizei zu ihrem Lobe nachgesagt werden, daß
_agents provocateurs_ bei ihr außerordentlich selten sind. Es wäre
den Beamten gewiß leicht, Homosexuelle herauszufinden, indem sie sich
selbst als homosexuell gerierten; es soll dies in früheren Zeiten auch
vorgekommen sein; mir ist nur ein Fall bekannt, und zwar spielte sich
dieser in dem erwähnten Konzertlokal ab, in dem ein Urning den ihn
beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß
ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er
auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und
später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung“ verurteilt wurde.

Neben diesen Lokalen gibt es in Berlin eine ganze Anzahl, die ganz
ausschließlich von Urningen besucht werden. Ihre Zahl genau anzugeben,
ist sehr schwierig. Medizinalrat =Näcke=[1] dürfte wohl recht haben,
wenn er annimmt, daß in Berlin mehr als zwanzig Urningskneipen
vorhanden sind. Immer wieder höre ich gelegentlich in meiner Praxis
urnische Restaurationen erwähnen, die mir bis dahin unbekannt waren.
Jede dieser Wirtschaften hat noch ein besonderes Gepräge; in der
einen halten sich mehr ältere, in einer anderen mehr jüngere, wieder
in einer anderen ältere und jüngere Leute auf. Fast alle sind gut
besucht, an Sonnabenden und Sonntagen meist überfüllt. Wirte, Kellner,
Klavierspieler, Coupletsänger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell.

Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum ersten Male in
solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Erschütterung weinen
sehen.

In allen diesen Kneipen geht es durchaus anständig zu; hie und
da werden sie von der Kriminalpolizei oder deren Geheimagenten
kontrolliert, doch hat sich fast nie eine Veranlassung zum
polizeilichen Einschreiten ergeben.

Rudolf Presber hat kürzlich in einem Feuilletonartikel unter dem
Titel: „Weltstadttypen“ eine anschauliche Schilderung einer solchen
Urningskneipe entworfen. Er schreibt:

„Die letzte Station dieser interessanten Nachtfahrt machten wir in
einem feineren Restaurant. Hier führen keine ausgetretenen klitschigen
Stufen hinunter, sondern sauber gescheuerte Treppen hinauf. Bessere
Gegend und ein besseres Haus. Die Ausstattung der Räume behaglich,
nicht ohne Wärme. Bilder an den Wänden in goldenen Rahmen. Statt
des gräflichen Orchestrions, das kaum in einer der früher gesehenen
Kneipen fehlte, neben riesigem Notenpack ein anständiges Klavier. Und
davor ein ganz erträglicher Spieler und daneben ein hagerer Jüngling
mit sprossendem Bart, mit weibischen Bewegungen und einem gequält
süßen Lächeln, einen breitrandigen Frauenhut mit wehendem Schleier
auf dem pomadisierten Kopf. Der Jüngling singt -- Sopran.... Die
beiden Stuben gut mit Gästen gefüllt. Kein schlechtes Publikum, so
scheint's. Keiner spuckt auf die Dielen, keiner hat einen Zahnstocher
zwischen den Zähnen, keiner säubert sich die Ohren oder kratzt sich
die Beine, wie wir's den ganzen Abend über schaudernd genossen. Ein
paar würdige alte Herren, ein paar ausrasierte Sportstypen, ein paar
Künstler mit gebrannten und gelegten Locken. Dem Harmlosen mag hier
zunächst wenig auffallen. Vielleicht nimmt's ihn nur Wunder, daß
auch der zweite Sänger -- Sopran singt. Vielleicht erstaunt er, daß
in keiner der gutgefüllten Stuben ein weibliches Wesen zu sehen ist
... Man trinkt mäßig an sauber gedeckten Tischen. Kein unanständiges
Wort wird gesprochen, und die Lieder, die gesungen werden, haben
keine zotigen Pointen. Eher scheint das Sentimentale dieser andächtig
lauschenden Versammlung zuzusagen. Und als einer der Sopransänger, sich
in den Hüften wiegend, als schlenkere er niederfließende rauschende
Frauenröcke, ein gar schmelzendes Liedchen beendigt, wendet sich ein
an unserem Tisch sitzender, vornehm aussehender Greis an einen von
uns, tippt ihn mit ganz leichter Vertraulichkeit auf den Arm und fragt
bescheiden, aber mit seltsam leuchtenden Augen: „Gefällt's Ihnen bei
uns?“

„Keine Übeltäter hier, keine Verbrecher an der Person, keine
Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines
geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen.
Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert
haben. Redlich arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt,
deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die sich doch unter
dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagraphen scheu
und heimlich zusammenfinden müssen, fern von den normalen Glücklichen
ihre stets vom Gesetz, von der Verachtung, von der Erpressertücke
gefährdeten unbesiegbaren Triebe den Gleichfühlenden einzugestehen.

Im gefunden Herzen ehrliches Mitleid mit diesen Kranken, die eine
letzte mittelalterliche Unvernunft den Verbrechern gleichstellt,
treten wir hinaus auf die stille Straße. Wolkenlos spannt sich der
Sternenhimmel der Julinacht über den mondbeglänzten Dächern. Mit
dem riesigen Schlüsselbund rasselnd, schleicht ein Nachtwächter an
den lichtlosen Häusern entlang. In einem Torbogen drückt sich ein
Liebespaar inbrünstig die Hände. Fern und ferner klingt der Sopran....“

So Presber. -- Eine andere Urningskneipe, die wir betreten, besteht aus
vier ziemlich großen Zimmern. Es ist schwer Platz zu finden. Im zweiten
und vierten Raum stehen Klaviere, in dem einen trägt „die Engeln“ die
neuesten Lieder vor, in dem andern wird getanzt, nicht Mann und Weib,
sondern Mann und Mann. Sie tanzen mit sichtlicher Hingebung; der
weibliche Teil schmiegt sich schmachtend dem männlichen Partner an;
die schlechte Musik materialisiert sich förmlich in ihnen; wenn der
Klavierspieler abbricht, scheint es, als ob sie aus melodientrunkener
Tonseligkeit zu rauher Wirklichkeit erwachen.

Besonders eigenartig sind die Kaffeegesellschaften, wie sie nicht
selten in diesen Lokalen stattfinden. Der Wirt, der Coupletsänger
oder irgend ein Stammgast feiern ihren Geburtstag und haben diesem
Fest zu Ehren ihre „Freundinnen“ zu sich gebeten. Zur festgesetzten
Nachmittagsstunde erscheinen die Gäste, meist Urninge des Handwerker-
und Arbeiterstandes. Jeder überreicht dem Geburtstagskinde ein
Angebinde, eine selbstgefertigte Handarbeit, eine Probe eigener
Kochkunst, ein paar künstliche oder natürliche Blumen. Die Begrüßungen
sind sehr lebhaft, zierliche Knixe und Verbeugungen, denen sittsame
Freundschaftsküsse auf die Wange folgen. Wie sie sich dann drehen und
zieren, sich Schmeicheleien sagen, das Herausziehen der Hutnadel, das
Aufraffen des Rockes, das Zurechtziehen der Taille, das Hinlegen der
nicht vorhandenen Schleppe markieren, sich dann endlich mit den Worten:
„Haben Sie schon gehört, meine Teure“ niederlassen, alles das ist
von schwer zu schildernder Drolligkeit. Einzelne „Honoratioren“, wie
die „Baronin“, die „Direktorin“, die „_Chambre separée_'sche“ werden
besonders freudig und respektvoll begrüßt, die Zuspätkommenden mit
launigen Scheltworten empfangen. Eine Stunde später, als man „geladen“,
sitzt alles bei Tisch und während sich nun ein Schnattern und Plappern,
ein Lachen, Juchzen und Kreischen in so verwirrendem Durcheinander
erhebt, daß einem männlichen Gaste angst und bange werden kann,
verschwinden mit erstaunlicher Geschwindigkeit Berge von Kuchen und
Ströme von Kaffee. Nachdem den Sprech- und Kauwerkzeugen einigermaßen
genüge geschehen, werden die mitgebrachten Handarbeiten hervorgeholt,
man häkelt, strickt, stickt und näht, zugleich aber tragen die
künstlerischen Kräfte, welche in Urningsgesellschaften selten fehlen,
mit Gesängen, Deklamationen und Vorträgen zur Unterhaltung bei.
Ihren Höhepunkt aber erreicht die Stimmung, wenn das Geburtstagskind
unter lautem Beifall aller von einem der Gäste graziös zum Flügel
geleitet wird und in wohllautendem Alt mit ebenso viel Sehnsucht, als
Unwahrscheinlichkeit sein Lieblingslied: „Ach, wenn ich doch ein Räuber
wär'“ zum Besten gibt. Kein Mißklang trübt das harmlose Treiben weniger
flüchtiger Stunden, bis die Abendbrotzeit die muntere Schar wieder in
alle Winde verscheucht.

Wer zum erstenmale den Gesprächen in diesen Kneipen lauscht, wird
erstaunt sein über die große Zahl weiblicher, oft sehr absonderlicher
Namen, die an sein Ohr dringen. Bald wird er gewahr, daß es sich um
Spitznamen handelt, welche die Gäste sich untereinander beilegen. Die
Gründe dieser verbreiteten Sitte sind verschiedene; einmal verschweigen
die meisten Personen, die sich hier einfinden, begreiflicherweise
ihre wahren Namen, so daß die anderen, im Bedürfnis, sich über sie zu
unterhalten, zu selbstgewählten Bezeichnungen greifen, außerdem fühlt
man instinktiv, daß die Anrede „Herr so und so“ bei vielen, =keineswegs
bei allen=, in so starkem Gegensatz zu ihrem femininen Wesen steht, und
endlich bietet sich in der Wahl dieser Necknamen eine gute Gelegenheit,
den ja auch gerade im Berliner tief wurzelnden Drang nach Scherz und
Humor zu befriedigen. In vielen, namentlich virileren Urningskreisen
ist der Gebrauch derartiger weiblicher Spitznamen übrigens verpönt.

Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Umgestaltungen der
entsprechenden männlichen Vornamen; so wird aus Paul Paula, aus Fritz
Frieda, aus Erich Erika, aus Georg Georgette, aus Theodor Dorchen oder
Thea, aus Otto Ottilie oder auch Otéro. In einem Berliner Urningsliede,
in welchem geschildert wird, wie eine Mutter auf die Nachricht, ihr
Sohn sei „pervers“, in großer Besorgnis zu ihm eilt, und dieser sie
beruhigt, indem er ihr als Zeugnis seiner Normalität die an ihn
gerichteten Liebesbriefe vorzeigt, welche die Unterschrift „Luise“
tragen, heißt es am Schlusse:

  „Beim Abschiedskuß an meiner Tür,
  Da dachte ich dann still bei mir:
  Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt,
  Daß meine Luise -- Ludwig heißt.“

Oft sind diese weiblichen Namen noch mit Unterscheidungszusätzen
verbunden; so gibt es eine Näsenjuste, eine Schmalzjuste, eine
Klammerjuste, Klamottenjuste, Handschuhjuste und Blumenjuste, eine
Lange-Anna, Ballhausanna und Blaueplüschanna, eine Hundelotte und eine
Quietschlotte, eine Spitzenkaroline und eine Umsturzkaroline (weil
er durch seine lebhaften Armbewegungen jeden Abend mindestens ein
Glas Bier „umstürzen“ soll), eine Butterriecke, eine Käseklara, eine
Lausepaula, eine Harfenjule und eine Totenkopfmarie.

Viele Urninge erhalten altdeutsche Beinamen, wie Hildegarde, Kunigunde,
Thusnelda, Schwanhilde und Adelheid, oder klangvolle Adelsnamen, wie
Wally von Trauten, Berta von Brunneck, Asta von Schönermark oder noch
hochtönendere; so findet man in diesen Kneipen neben der Markgräfin,
der Landgräfin, der Burggräfin und der Kurfürstin (weil sie in der
Markgrafen-, Landgrafen-, Burggrafen- und Kurfürstenstraße wohnen)
die Marquise de la place d'Alexandre (wohnt am Alexanderplatz), die
Herzogin von Aschaffenburg, die Herzogin d'Angoulème, die Großfürstin
Olga, die Königin Natalie, die Carmen Sylva, die Kaffeekönigin, die
Polenkönigin, die Oberstallmeisterin, die Excellenzfrau, die Kaiserin
Messalina und die Kaiserin Katharina.

Manche führen ihre Namen von ihrem Beruf; so wird ein urnischer
Ballettänzer „Jettchen Hebezeh“, ein Damenschneider „Jenny Fischbein“
und ein Damenkomiker „Pokahuntas, die hinterindische Nachtigall“
genannt.

Ich bemerke, daß sämtliche hier angeführten Spitznamen von zwei
Gewährsmännern innerhalb kurzer Zeit in einem einzigen Berliner
Urningslokal gesammelt wurden. Von Beinamen, die der Zoologie
entstammten, fanden sie unter anderen: die „Schweizerkuh“, das
„Meerschweinchen“, „die Gipskatze“ (weil er sich stark pudert), „die
Krückente“, „die Ententrittsche“ (weil er beim Gehen „watschelt“),
„die schwarze Henne“, „die Nebelkrähe“, „die Spitzmaus“, „die
Brillenschlange“ und „die Kreuzspinne“; von botanischen Bezeichnungen:
„das Blauveilchen“, „das Apfelröschen“, „das Resedaköpfchen“, „Paprika“
(auch „Papp-Rieka“ genannt), „die Rosine“ und „die Weintraube“ (weil er
so leicht gerührt ist).

Mit großer Vorliebe wird den Titeln oder hervorstechenden Eigenschaften
ein „in“ oder „sche“ oft in sehr origineller Weise angehängt; der
Direktor wird zur „Direktorin“, der Geheimrat zur „Geheimrätin“, ein
Rechtsanwalt heißt „die Anwaltsche“, ein vornehmer Urning, der mit
seinen Freunden häufig im Chambre separée speisen soll, heißt „die
Chambreseparéesche“, ein anderer, der viel das Sonnenbad besucht, „die
Lichtluftbadsche“, während ein Klavierspieler „die Klaviersche“, einer
der sich stark schminkt „die Zinnobersche“ und ein Elektrotechniker
kurzweg „die Elektrische“ genannt wird.

Eine Gruppe für sich bilden die „Soldatentanten“, welche vielfach
ihre Spitznamen nach denjenigen Truppenteilen bekommen, für die sie
sich besonders interessieren; so gibt es eine „Ulanenjuste“, eine
„Dragonerbraut“, eine „Kürassieranna“, eine „Kanoniersche“, ja sogar
eine „Schießschulsche“, der seinen Namen davon führt, weil er mit
Vorliebe die Wirtschaften in der Umgegend der Schießschule aufsucht.

Von anderen Berliner Spitznamen, die weniger leicht zu rubrizieren
sind, erwähne ich noch: „Minehaha, das lächelnde Wasser“, „Rebekka, die
Mutter der Kompagnie“, „Anita mit dem Giftzahn“, „Cleo die Marode“,
„Traudchen Hundgeburt“, „Die heilige Beryllis“, „Die Genossin meiner
Schmach“, „die freie Schweizerin“, die „gute Partie“, „die hohe Frau“,
„die Rollmopstante“, „Susanne in der Wanne“, „die weiße Wand“ (pudert
sich stark), „Rotundelein“, „Locusblume“, (Namen zweier Urninge, denen
man nachsagt, daß sie öfter, als notwendig, die Bedürfnisanstalten
aufsuchen), „das Waldmensch“, „die Mutter Wolffen“, „Violetta“,
„Aurora“, „Melitta“, „Rosaura“, „Kassandra“, „Goulasch“, „die Ahnfrau“,
„die Grabesbraut“, „der Abendstern“ und „die Morgenstunde“, weil er
Gold im Munde, nämlich mit Goldplomben versehene Zähne hat.

Auch die Uranierinnen führen in ihren Kreisen, besonders auch in ihren
Lokalen, deren es ebenfalls eine Reihe gibt, analoge Namen. Nur findet
man bei ihnen im Gegensatz zu den Männern meist einfache Vornamen,
selten Beinamen, die sich auf irgend eine besondere Eigenschaft ihrer
Trägerin beziehen; bevorzugt werden einsilbige Namen, wie Fritz, Heinz,
Max, Franz, namentlich Hans; doch findet man auch solche, die Arthur,
Edmund, Theo, Oskar, Roderich, Rudolf genannt werden.

Merkwürdig viele Namen von Uranierinnen sind der Geschichte und
Litteratur entnommen; ich nenne von Berlinerinnen: Napoleon, Nero,
Cäsar, Heliogabal, Caligula, Antinous, Gregor, Carlos, Posa, Mortimer,
Götz, Tasso, Egmont, Armin, Teja, Blücher, Ofterdingen, Karl Moor,
Franz Lerse, Jörn Uhl, Don Juan, Puck und Hiddigeigei.

Weniger schöne Spitznamen weiblicher Urninge sind Bubi, Rollmops,
Kümmelfritze und Schinkenemil.

Besondere Berücksichtigung verdienen unter den Berliner Urningslokalen
die „Soldatenkneipen“, welche, meist in der Nähe der Kasernen gelegen,
in den Stunden vom Feierabend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten
sind. Um diese Zeit sieht man in diesen Wirtschaften meist gegen 50
Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, die hingekommen sind, um sich
einen Homosexuellen zu suchen, der sie freihält, und selten kehrt
jemand in die Kaserne zurück, ohne das Gewünschte gefunden zu haben.
Diese Lokale sind meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem
Militär nach kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend
ein Unbekannter, gewöhnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen“
hat. Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere
ähnliche Lokale in derselben Gegend auf. Erst vor kurzem flog wieder
im Südwesten der Stadt eine typische Soldatenkneipe auf, die „zur
Katzenmutter“ genannt wurde; ich weiß nicht, ob der sonderbare Name
von der alten Wirtin herrührte, in deren schleichendem Gang und
rundem, schnurrbartgeziertem Gesicht etwas unverkennbar Katzenartiges
lag, oder von den Katern und Katzen, die zwischen Tischen und Stühlen
herumsprangen und deren Bildnisse die Wände des seltsamen Lokals
schmückten.

Würde ein Normalsexueller derartige Lokale betreten, er würde sich
vielleicht wundern, daß dort so viele fein gekleidete Herren mit
Soldaten sitzen, im übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges
finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen
Freundschaften zwischen Homosexuellen und Soldaten halten oft über die
ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning
erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern
von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land
bestellt, „Frischgeschlachtetes“ als Zeichen freundlichen Gedenkens.
Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden
Brüder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach
einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen.


Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung
seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig
gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann
nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa
Platz, während der Urning, bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die
mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln
stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber
zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um
ein Beträchtliches übersteigt.


Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen
Dienstes besprochen; was der „Alte“ (Hauptmann) beim Apell gesagt hat,
was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht
am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich
geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die
Feldflasche mit Rotspohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu
haben.

Am Parademorgen aber steht der Urning in der Belle-Alliancestraße an
der verabredeten Stelle schon ganz früh, um ja noch in der ersten Reihe
Platz zu bekommen. Hoffentlich ist sein Soldat Flügelmann, daß man ihn
auch ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zurückkommt,
und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen“ in den Cirkus,
nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage als Extrasold
erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbüchse versenkt hat.

Ein noch größerer Feiertag aber ist das
„Kaisersgeburtstagskompagnievergnügen“. Da geht der Homosexuelle als
„Cousin“ mit seinem Freunde hin. In rührender Glückseligkeit tanzt er
mit dem Mädchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er
hat keine Ahnung, wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen
und während er das Mädchen umfaßt hielt, nur an ihn gedacht. Womöglich
spricht auch der Hauptmann mit ihm als Cousin seines Gefreiten oder
Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daß der Homosexuelle
zu seinem Leidwesen diesem Festtage fern bleiben muß, wenn er nämlich
einige Tage zuvor mit einem der anwesenden Offiziere irgendwo an
demselben Diner teilgenommen hat.

Die Gründe, welche den Soldaten zum Verkehr mit Homosexuellen
veranlassen, liegen nahe; es ist einmal der Wunsch, sich das Leben
in der Großstadt etwas komfortabler zu gestalten, besseres Essen,
mehr Getränke, Zigarren und Vergnügungen (Tanzboden, Theater &c.) zu
haben; dazu kommt, daß er -- der oft sehr bildungsbedürftige Landwirt,
Handwerker oder Arbeiter -- im Verkehr mit dem Homosexuellen geistig
zu profitieren hofft, dieser gibt ihm gute Bücher, spricht mit ihm
über die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich
schickt und was er nicht tun soll; das oft drollige, komische Wesen
des Urnings trägt auch zu seiner Erheiterung bei; wenn sein Freund
ihm abends Couplets vorsingt oder ihm gar, mit dem Lampenschirm als
Kapotte und einer Schürze weiblich zurecht gestutzt, etwas vortanzt,
amüsiert er sich in seiner Naivität über alle Maßen. Weitere Momente
sind der Mangel an Geld oder an Mädchen, die dem Soldaten nichts
kosten, die Furcht vor den beim Militär sehr übel accreditierten
Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleibenden
Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue geschworen und
die in jedem „Schreibebrief“ ängstlich an diesen Schwur gemahnt.

In der Nähe der geschilderten Kneipen befindet sich vielfach auch
der „militärische Strich“, auf dem die Soldaten einzeln oder in
Paaren gehend Annäherung an Homosexuelle suchen. Ich will hier auf
eine wichtige Erscheinung hinweisen, auf die mich ein weit gereister
Homosexueller aufmerksam machte, und deren Richtigkeit mir auf Befragen
seitdem von zuverlässigen Gewährsmännern übereinstimmend bestätigt
wurde. Die „Soldatenprostitution“ ist in einem Lande um so stärker, je
mehr die Gesetze die Homosexualität verfolgen. Offenbar hängt diese
Tatsache damit zusammen, daß man in Ländern mit Urningsparagraphen von
den Soldaten am wenigsten Erpressungen und andere Unannehmlichkeiten zu
fürchten hat.

Außer in London, wo sich in den belebtesten Parks und Straßen
vom Spätnachmittag bis nach Mitternacht zahlreiche Soldaten in
unverkennbarer Weise feilbieten, fand unser Gewährsmann in keiner
Weltstadt jeden Abend solche Auswahl an Soldaten verschiedener
Waffengattungen, wie in Berlin. Es gibt etwa ein halbes Dutzend
Stellen, auf denen die Soldaten nach Einbruch der Dämmerung in
bestimmter Absicht auf- und abgehen. Wie die Lokale, wechseln auch die
„Striche“ ziemlich häufig, so ist erst neuerdings ein vielbegangener
Weg, das Planufer, den Soldaten verboten worden.

Sehr verbreitet ist die Soldatenprostitution namentlich in den
skandinavischen Hauptstädten; in Stockholm läßt man seit einigen
Jahren sogar eigene Militärpatrouillen auf Soldaten fahnden, die
zu dem erwähnten Zwecke „herumstreichen“, doch hat dies, wie unser
Gewährsmann, der lange in der schwedischen Hauptstadt lebte,
versichert, nichts geholfen.

In Helsingfors, der Hauptstadt Finlands, einem Orte von etwa 80.000
Einwohnern, ist die militärische Prostitution ganz besonders stark
hervortretend. Etwas geringer ist sie in Petersburg, wo auf einem
vom Centrum der Stadt weit entfernten Platz besonders Matrosen
Bekanntschaften mit Homosexuellen suchen.

Unser Gewährsmann vergleicht mit diesen Städten Paris, wo er „in
18 Monaten nur Rudimente eines militärischen Strichs“ nachweisen
konnte, sowie die einschlägigen Verhältnisse in Amsterdam, Brüssel,
Rom, Mailand, Neapel und Florenz (Städte ohne Urningsparagraphen)
und gelangt zu dem Schlusse, „daß in allen europäischen Ländern mit
strengen Strafbestimmungen gegen den homosexuellen Verkehr die Hingabe
von Soldaten in einer Weise auftritt, die man nicht für möglich halten
sollte, wenn man es nicht mit eigenen Augen beobachtet hat, während man
in Ländern ohne Urningsparagraphen fast nichts von dieser Erscheinung
bemerkt“.

Die gebräuchliche Bezeichnung „Soldatenprostitution“ entspricht
übrigens dem sonstigen Begriff der Prostitution nicht, da es sich ja
bei den Soldaten keineswegs „um eine berufs- oder gewerbsmäßige Hingabe
des Körpers“ handelt. Ich möchte hier der weitverbreiteten Ansicht
entgegentreten, als ob dem Verkehr zwischen Soldaten und Homosexuellen
gewöhnlich Akte zu Grunde liegen, die an und für sich strafbar sind.
Kommt es zu geschlechtlichen Handlungen, was durchaus nicht immer der
Fall ist, so bestehen diese fast stets in Erregungen durch Umarmen,
Aneinanderpressen und Berühren der Körperteile, wie dies überhaupt
bei homosexueller Betätigung die Regel ist. Die Vorstellung, der
homosexuelle, namentlich auch der weiblicher geartete, sei Päderast in
des Wortes üblichem Sinn, ist eine vollkommen irrtümliche. In meiner
Praxis ereignete sich kürzlich eine Episode, die mir zeigte, wie stark
auch noch in Berlin diese Meinung vorherrscht. Bald nachdem in den
Zeitungen infolge der von mir unternommenen statistischen Umfrage über
die Zahl der Urninge viel von Homosexualität die Rede war, suchte
mich ein biederer Schlächtermeister aus dem Osten auf, ein völlig
normaler Familienvater, welcher sich allen Ernstes mit folgenden Worten
einführte: „Ich habe seit einigen Wochen ein so starkes Jucken in der
Nähe des Afters und wollte Sie daher bitten, einmal nachzusehen, ob ich
homosexuell veranlagt bin.“

Die Seltenheit eigentlich päderastischer Akte ändert aber nichts an
der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der betreffenden Strafbestimmung,
da das gesellschaftlich Vernichtende bereits die Voruntersuchung ist
und das Gericht -- wenn bestraft wird, auch ganz mit Recht -- sich
nicht so streng an die bestimmte Art der Betätigung hält. Im übrigen
wiederhole ich, daß das rein sexuelle Moment im Leben und der Liebe des
Homosexuellen keine größere Rolle spielt, wie im nichturnischen Leben;
ich würde diese Frage ihres intimen und privaten Charakters wegen
überhaupt nicht in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen haben, wenn
sie nicht von den Verfechtern einer falschen Moral immer wieder als
Hauptsache in den Vordergrund gezerrt würde. --

Es gibt noch einen zweiten Stand, der in Berlin seit langer Zeit mit
den Urningen vielfache Beziehungen unterhält; das sind die Athleten.
Die zahlreichen Athleten-Vereine der Hauptstadt setzen sich zumeist aus
unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr zusammen;
größtenteils sind es Schlosser, Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter.
Bei diesen Leuten gilt Kraft, Gefahr und Kühnheit alles. In ihren Augen
ist „der Kampf zwischen Rußland und Japan überhaupt kein Kampf, weil so
viel geschossen und so wenig gerungen, gestochen und geboxt wird“.

Wir betreten einen Athletenklub, welcher mit Homosexuellen im
Zusammenhange steht. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft wird
„gearbeitet“. Der kleine Raum ist von Öl-, Metall- und Schweißgeruch
erfüllt, jener eigentümlichen Ausdünstung, wie sie den Körpern der
Eisenarbeiter zu entströmen pflegt. Auf dem Boden liegen Eisenstangen,
Hanteln, Gewichte von 100 und mehr Pfund, daneben eine Matratze, auf
der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende Athleten sind zugegen,
teils in schwarzem Tricot, teils mit entblößtem Oberkörper, Brust und
Arme tätowiert.

An der Fensterseite des Zimmers steht ein langer, schmaler Tisch,
von Bänken umgeben, auf denen eine Anzahl Herren sitzen, deren
vornehme Züge und Anzüge mit denen der starken Männer seltsam
kontrastieren. Oben am Tisch sitzt die Präsidentin oder Protektorin des
Athletenklubs, ein Damenschneider, auf den das Wort Martials zutrifft,
„daß er mit einer kleinen Ausnahme alles von seiner Mutter hat“.
Kein Uneingeweihter würde in ihm ein Mitglied des Athletenklubs --
geschweige denn dessen Präsidentin vermuten.

Auf dem Tisch befindet sich eine Sparbüchse, in welche die Gäste ihr
Scherflein zur Deckung der Unkosten, Anschaffung von Gewichten und
Matratzen tun. Außerdem berichtigen sie die Zechen ihrer Athleten, die
vor und während der Arbeit in Selter, Limonade und Zigaretten, nach dem
Gewichteheben und Ringen in Bier und Abendbrot bestehen.

Die urnischen Freunde sorgen, daß fleißig geübt wird, die plastische
Schönheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln wird von den
sachverständigen Gönnern eifrig verfolgt, jeder „Gang“ auf das
lebhafteste kritisiert.

Manche Homosexuelle verbinden sich mit den Athleten besonders
auch deshalb, um, wenn sie irgendwie belästigt oder infolge des
unglücklichen § 175 erpreßt werden, handfeste, unerschrockene Männer
zur Verfügung zu haben, auf deren Schutz und „tatkräftige“ Freundschaft
sie sicher bauen können.

Von einigen Wirten urnischer Lokale, aber durchaus nicht von diesen
allein, werden namentlich im Winterhalbjahr große Urningsbälle
veranstaltet, die in ihrer Art und Ausdehnung eine Spezialität von
Berlin sind. Hervorragenden Fremden, namentlich Ausländern, die in der
jüngsten der europäischen Weltstädte etwas ganz Besonderes zu sehen
wünschen, werden sie von höheren Beamten als eine der interessantesten
Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie sind auch bereits wiederholt
beschrieben, so neuerdings von Oskar Méténier in „_Vertus et Vices
allemands, les Berlinois chez eux_“.[2] In der Hochsaison von Oktober
bis Ostern finden diese Bälle in der Woche mehrmals, oft sogar mehrere
an einem Abend statt. Trotzdem das Eintrittsgeld selten weniger als
1,50 M. beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast
stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts
Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie
ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst
nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind.

Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommées, vor allem
der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach
selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball
im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren
gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle
noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu
füllen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- oder Straßen-Anzug,
sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in
undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt,
wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein
Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern,
manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen
Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs.
betragen sollte.

Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich,
daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere
mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr
erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem
der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse,
auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber
doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann“ war. Wirkliche Weiber sind auf
diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann und wann bringt
ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder -- seine Ehefrau mit. Man
verfährt im allgemeinen bei den Urningen nicht so streng wie auf den
analogen Urnindenbällen, auf denen jedem „echten Mann“ strengstens der
Zutritt versagt ist. Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken
auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten
Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes
„als Weib“ kommen. Die schönsten Kostüme werden auf ein Zeichen, des
Einberufers mit donnerndem Tusch empfangen und von diesem selbst
durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr erreicht der Besuch
gewöhnlich seinen Höhepunkt. Gegen 2 Uhr findet die Kaffeepause --
die Haupteinnahmequelle des Saalinhabers -- statt. In wenigen Minuten
sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, an denen mehrere hundert
Personen Platz nehmen; einige humoristische Gesangsvorträge und Tänze
anwesender „Damenimitatoren“ würzen die Unterhaltung, dann setzt sich
das fröhliche Treiben bis zum frühen Morgen fort.

In einem der großen Säle, in welchem die Urninge ihre Bälle
veranstalten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend für
Uranierinnen statt, von denen sich ein großer Teil in Herrenkostüm
einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann man
alljährlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten Kostümfest
sehen. Das Fest ist nicht öffentlich, sondern gewöhnlich nur denjenigen
zugänglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. Eine Teilnehmerin
entwirft mir folgende anschauliche Schilderung: „An einem schönen
Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten Berliner Hotels
Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in Kostümen aller Länder
und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen flotten Couleurstudenten
mit mächtigen Renommierschmissen ankommen, dort hilft ein schlanker
Rokokoherr seiner Dame galant aus der Equipage. Immer dichter füllen
sich die strahlend erleuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker
Kapuziner ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots,
Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offiziere, Herren und
Damen im Reitanzug, Buren, Japaner und zierliche Geishas neigen. Eine
glutäugige Carmen setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener
schließt mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in buntesten
Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein höchst eigenartiges
anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die Festteilnehmerinnen an
blumengeschmückten Tafeln. Die Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt
in kurzer kerniger Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische
fortgeräumt. Die „Donauwellen“ erklingen, und begleitet von fröhlichen
Tanzweisen, schwingen sich die Paare die Nacht hindurch im Kreise.
Aus den Nebensälen hört man helles Lachen, Klingen der Gläser und
munteres Singen, nirgends aber -- wohin man sieht -- werden die Grenzen
eines Kostümfestes vornehmer Art überschritten. Kein Mißton trübt
die allgemeine Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten
Dämmerlicht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie
sich unter Mitempfindenden wenige Stunden als das träumen durften,
was sie innerlich sind. Wem es je vergönnt war, schließt Frl. R.
ihren Bericht, ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher
Überzeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten Uranierinnen
eintreten, denn er wird sich darüber klar geworden sein, daß es überall
gute und schlechte Menschen gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung
aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen
zum Guten oder Bösen stempelt.“

Nicht weniger wie die Bälle, sind auch die „Herrenabende“ besucht,
theaterartige Veranstaltungen, welche von Zeit zu Zeit von Urningen für
Urninge gegeben werden. Gewöhnlich sind sämtliche auftretenden Künstler
„Zwischenstufen“; besonders beliebt ist es, berühmte Literaturwerke
homosexuell zu parodieren, und es erregt nicht geringe Heiterkeit,
wenn die Engeln als Marthe Schwertlein, die Harfenjule als Salome oder
gar Schwanhilde, als Maria Stuart, Königin Elisabeth und Amme in einer
Person auftritt.

Außer den Restaurants gibt es in Berlin auch Hotels, Pensionate und
Badeanstalten, die fast ausschließlich von Homosexuellen besucht
werden; dagegen habe ich ein von Pastor Philipps neuerdings, wie
bereits früher, erwähntes Berliner Gemeinschaftshaus der Homosexuellen
bisher nicht ermitteln können.

Die Homosexualität in Badeanstalten ist in Berlin bei weitem nicht so
verbreitet, wie in anderen Großstädten, namentlich in St. Petersburg
und Wien. In der österreichischen Hauptstadt befindet sich ein Bad, das
durch den ganz außerordentlich starken Zusammenfluß von Homosexuellen
an bestimmten Tagen, zu gewissen Stunden einzig dastehen dürfte. In
Berlin weiß ich von vier mittelgroßen Badeanstalten, die nur von
homosexueller Kundschaft leben. Auch einige Schwimmbassins sind zu
bestimmten Tageszeiten Treffpunkte der Homosexuellen.

Vielfach sind in diesen Anstalten, ebenso wie in den Restaurationen
und Hotels, der Besitzer oder ein Angestellter homosexuell. Dieselben
sind ursprünglich meist nicht in der Absicht gegründet, urnische
Bekanntschaften zu vermitteln oder gar der Unzucht Vorschub zu leisten
(im Sinne des § 180 R.-St.-G.-B.), vielmehr hat es sich allmählich
herumgesprochen, daß der Eigentümer oder der Oberkellner oder ein
Masseur „so“ ist, worauf sich dann viele Urninge dorthin ziehen, weil
sie sich dort ungenierter fühlen.

Die Besitzer sind sich oft gewiß nicht darüber klar, daß sie dabei
Gefahr laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in
Konflikt zu geraten. Vor kurzem erregte ein Prozeß wegen homosexueller
Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier
angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt ein
Pensions-Hotel führte, das überwiegend von homosexuellen Damen und
Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten -- meines Erachtens
nicht mit Unrecht -- darauf hinwiesen, daß sie keine höheren Preise
forderten und erhielten, wie sie in ähnlichen Etablissements üblich
sind, ferner, daß sie sich nicht befugt hielten, zu kontrollieren, was
ihre Gäste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabgeordneter gehörte,
auf ihren Zimmern mit ihren Besuchern täten, wurden beide zu einer
Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt.

Einer wieviel größeren Gefahr setzen sich die Hotelwirte aus, bei
denen sich für wenige Stunden die männlichen Prostituierten mit ihren
Herren einfinden, sowie die urnischen Absteigequartiere, deren es
in Berlin eine ganze Anzahl geben soll. Diese Quartiere sind eine
unmittelbare Folge der durch den § 175 geschaffenen Verhältnisse. Sie
werden besonders von Uraniern vornehmer Gesellschaftskreise, auch viel
von uranischen Offizieren auswärtiger Garnisonen benutzt, die sich aus
wohlbegründeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verrätern in die
Hände zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, die ihnen etwas
„ganz Sicheres“ besorgen sollen.

In Brüssel wurde in diesem Sommer ein Schuhmacher mit seiner Frau
verhaftet, bei dem man zahlreiche Albums mit Photographieen vorfand,
die den Nachfragenden zur Auswahl vorgelegt wurden. Ähnliches kommt
auch in Berlin vor. Wie mir verbürgt mitgeteilt wurde, gibt es
Vermittler, bei denen sich Herren mündlich und schriftlich, ja sogar
telegraphisch Personen unter Angabe aller möglichen fetischistischen
Liebhabereien bestellen, einen Kürassier mit weißen Hosen und hohen
Stiefeln, Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidern, einen
Bierkutscher, einen Steinträger in Arbeitsanzug, ja sogar einen
Schornsteinfeger. Fast alle finden dann zu der bestimmten Stunde
das Erbetene vor. Auch für urnische Damen existieren ähnliche
Vermittelungslokale.

Unbewußt leistet auch die Berliner Tagespresse den Urningen
umfangreiche Mittlerdienste. In manchen Blättern findet man fast
täglich mehrere Inserate, die homosexuellen Zwecken dienen, wie „junge
Frau sucht Freundin“, „junger Mann sucht Freund“. Ich gebe hier einige
Beispiele derartiger Annoncen wieder, die innerhalb kurzer Zeit
Berliner Zeitungen verschiedenster Parteirichtung entnommen wurden.

Wie mir mehrfach versichert wurde, werden diese Inserate von denen, für
die sie berechnet sind, sehr wohl verstanden.

     =Älterer Herr=, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit
     Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt. _=S.O.=_ 2099 an die
     Exped. d. Bl.

       *       *       *       *       *

     =Älterer= Junggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“,
     Morgenpost Bülowstraße.

       *       *       *       *       *

     =Herr=, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an
     Hauptexpedition Kochstraße erbeten.

       *       *       *       *       *

     Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m.
     led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off. =_A. B._= 11
     Postamt 76.

       *       *       *       *       *

     =Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m.
     energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb.
     unt. _T. L. W._ Expedit. d. Blattes.=

Wir haben bereits wiederholt die männliche Prostitution erwähnen müssen
und dürfen diese gewiß beklagenswerte Erscheinung nicht übergehen,
wenn wir eine einigermaßen vollständige Schilderung der vielseitigen
Gestaltungsformen geben wollen, in denen uns das urnische Leben Berlins
entgegentritt.

     =Fräulein=, anständ., 24 Jahre, sucht hübsches Fräulein als
     Freundin. Offerten unt. Nr. 3654 an die Exped. erbeten.

       *       *       *       *       *

     =Dame=, 36, wünscht freundschaftlichen Verkehr. Postamt 16,
     „Plato“.

       *       *       *       *       *

     =Herzensfreundin=, nette, sucht geistvolle, lebenslustige
     Dame, 23. Psyche, Postamt 69.

       *       *       *       *       *

     =Suche gebild. Freundin, Anfang 30, am liebsten Blondine.
     Off. u. _H. R._ 1622 Exp. d. Bl.=

       *       *       *       *       *

     =Schneiderin=, 22, wünscht „Freundin“, Postamt 33.

Wie jede Großstadt, hat auch Berlin neben der weiblichen eine männliche
Prostitution. Beide sind eng verwandt durch Abstammung, Wesen,
Ursachen und Folgen. Hier wie dort kommen stets zwei Gründe zusammen,
von denen bald der eine, bald der andere den Ausschlag gibt: innere
Anlagen und äußere Verhältnisse. In denjenigen, die der Prostitution
anheimfallen, ruhen von Jugend an bestimmte Eigentümlichkeiten, unter
welchen ein mit dem Hang zur Bequemlichkeit verbundener Drang zum
Wohlleben am deutlichsten hervortritt. Sind bei diesen Eigenschaften
die äußeren Verhältnisse günstig, sind namentlich die Eltern vermögend,
so verfallen die jungen Leute nicht der Prostitution; tritt aber
häusliches Elend hinzu, kümmerlicher Lebensunterhalt, Arbeits- und
Stellungslosigkeit, Mangel an Unterkommen und womöglich die größte
aller Sorgen, der Hunger, dann halten wohl von Natur aus stabile, in
sich gefestigte Charaktere stand, die labilen aber suchen die nie
fehlende Versuchung, sie erliegen und verkaufen sich, trotz der Tränen
der Mutter.

Es gibt Menschenfreunde, die die Besserung von der Freiheit des Willens
und andere, die sie vom Zwang der Verhältnisse erwarten; nach Erziehung
und Religion verlangen die einen, nach dem Zukunftsstaat die anderen.
Beide sind zu optimistisch. Wer helfen will, muß innen und außen
ansetzen, die Verhältnisse zu bessern trachten, daß kein Mädchen und
kein Jüngling es nötig hat sich zu verkaufen, und die Personen bessern
unter besonderer Rücksicht der Vererbungsgesetze, daß niemand die
Neigung verspürt, sich als Ware feilzubieten.

Ihr sagt, das ist nicht zu erreichen, ich aber meine, nur was man
aufgibt, ist verloren.

Das Arbeitsfeld der Prostitution ist die Straße; bestimmte Gegenden und
Plätze, die sogenannten „Striche“. Ein Homosexueller zeigte mir einmal
einen Plan von Berlin, auf dem er diese mit blauen „Strichen“ versehen
hatte; die Zahl der so bezeichneten Stellen war keine geringe.

Seit alters spielt auf diesem Gebiete der Tiergarten in einigen seiner
Partieen eine besondere Rolle. Es gibt wohl keinen zweiten Wald, der so
mit Menschenschicksalen verwoben ist, wie dieser über 1000 Morgen große
Park.

Nicht seine landschaftlichen Schönheiten, nicht der künstlerische
Schmuck, der Menschen Leben, Lieben und Leiden verleihen ihm seine
Bedeutung. Vom frühen Morgen, wenn die Begüterten auf den Reitwegen
ihr Herz entfetten, bis zum Mittag, wenn der Kaiser seine Spazierfahrt
unternimmt, vom Frühnachmittag, wenn im Parke tausend Kinder spielen,
bis zum Spätnachmittag, wenn sich das Bürgertum ergeht, hat jeder
Weg zu jeder Jahreszeit und jeder Stunde sein eigenes Gepräge. Hätte
Emile Zola in Berlin gelebt, ich zweifle nicht, daß er diesen Forst
durchforscht und von dem, was er wahrgenommen, ein Werk von der Wucht
Germinals geschaffen hätte.

Wenn es aber Abend wird und sich anderen Welten die Sonne neigt, mischt
sich mit dem Hauch der Dämmerung ein Hauch, der suchend und sehnend
aufsteigt aus Millionen irdischer Wesen, ein Teil des Welt=geistes=,
den manche den Geist der Unzucht nennen, und der doch in Wahrheit nur
ein Bruchstück der großen gewaltigen Triebkraft ist, die, so hoch wie
Nichts und so niedrig wie Nichts, unablässig gestaltet, waltet, bildet
und formt.

Überall treffen sich an den Kreuzwegen des Tiergartens verabredete
Paare, man sieht, wie sie sich entgegeneilen, sich freudig begrüßen und
aneinander geschmiegt im Gespräch der Zukunft entgegenschreiten, man
steht sie sich auf noch freien Bänken niederlassen und schweigend sich
umarmen und neben der hohen, der unveräußerlichen geht die niedere,
käufliche Liebe einher.

Auf drei weit auseinander gelegenen Wegen halten sich Weiber,
auf zweien Männer feil. Während in der Stadt die weibliche und
männliche Prostitution durcheinander flutet, hat hier jede ihren
„Strich“ für sich, von den männlichen ist der eine allabendlich
fast nur von Kavalleristen erfüllt, deren Säbel in der Finsterniß
seltsam aufblitzen, während der andere, eine ziemlich lange Strecke,
größtenteils von den verwegenen Burschen eingenommen wird, die sich
im Berliner Volkston mit Vorliebe selbst „keß und jemeene“ nennen.
Hier ist eine jener alten halbrunden Tiergartenbänke, auf der in den
Stunden vor Mitternacht an dreißig Prostituierte und Obdachlose dicht
nebeneinander sitzen, manche sind fest eingeschlafen, andere johlen und
kreischen. Sie nennen diese Bank die „Kunstausstellung.“ Dann und wann
kommt ein Mann, steckt ein Wachsstreichholz an und leuchtet die Reihe
ab.

Nicht selten tönt in das Juchzen der Jungen ein greller Schrei, der
Hilferuf eines im Walde Beraubten oder Gemißhandelten, oder ein kurzer
Knall schallt in die von den entfernten Zelten in vereinzelten Stößen
herüberdringende Musik -- er kündet von einem, der sein Leben verneinte.

Und wer Originale sucht, von denen sehr zu Unrecht behauptet wird, sie
seien in der Großstadt ausgestorben, im Tiergarten sind sie reichlich
zu finden. Seht Ihr die Alte dort mit den vier Hunden am Neuen See?
Seit vierzig Jahren macht sie mit kurzer Sommerunterbrechung zu
derselben Stunde denselben Spaziergang, nie von Menschen begleitet, von
jener Zeit ab, da ihr am Hochzeitstage zwischen der standesamtlichen
und kirchlichen Trauung der Mann am Blutsturz verschied; seht Ihr
dort die ausgedörrte, gekrümmte Gestalt im struppigen Graubart? Das
ist ein russischer Baron, der erspäht sich abends eine einsame Bank,
dort läßt er sich nieder und schreit „rab, rab, rab“, ähnlich wie ein
Rabe krächzt; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen Lockruf einige
„kesse Schieber“ hervor, es sind seine Freunde, unter denen er die
„Platten“, gewöhnlich drei bis fünf Mark, verteilt, die ihm von seinem
Tageszins geblieben sind.

Die männlichen Prostituierten zerfallen in zwei Gruppen, in solche,
die normalgeschlechtlich und in solche, die „echt“, d. h. selbst
homosexuell sind. Letztere sind zum Teil stark feminin, und einige
gehen auch gelegentlich in Weiberkleidern aus, was jedoch in den
Kreisen der weiblichen Prostituierten übel vermerkt wird. Es ist dies
zwischen beiden fast der einzige _casus belli_, denn die Erfahrung
hat sie gelehrt, daß sie ohne diese Vorspiegelung falscher Tatsachen
einander nicht die Kundschaft fortnehmen. Eine ziemlich gebildete
Prostituierte, die ich einmal nach einer Erklärung des guten
Einvernehmens zwischen den weiblichen und männlichen Prostituierten
fragte, antwortete mir: „Wir wissen doch, daß jeder „Freier“ nach
seiner Façon selig werden will.“

Unter den Berliner Prostituierten kommen vielfach eigentümliche
Paarungen vor. So tun sich normale männliche Prostituierte, die
sogenannten Pupenluden, nicht selten mit normalen weiblichen
Prostituierten zu gemeinsamer „Arbeit“ zusammen, auch von zwei
Geschwisterpaaren ist mir berichtet, von denen sowohl die Schwester
wie der Bruder diesem erniedrigenden Gewerbe obliegen; sehr häufig
leben zwei weibliche und nicht selten auch zwei männliche Prostituierte
zusammen, und endlich kommt es auch vor, daß sich homosexuelle
weibliche Prostituierte mit homosexuellen männlichen Prostituierten
als Zuhältern verbinden, die sie für weniger brutal halten, als ihre
heterosexuellen Kollegen.

Bekannt ist es, daß es unter den weiblichen Prostituierten eine große
Anzahl homosexueller gibt, man schätzt sie auf 20%. Mancher wundert
sich über diesen scheinbaren Widerspruch in sich, da doch das käufliche
Dirnentum vor allem der sexuellen Befriedigung des Mannes dient.
Vielfach meint man, es liege hier eine Übersättigung vor, das ist aber
in Wirklichkeit nicht der Fall, denn es läßt sich nachweisen, daß
diese Mädchen gewöhnlich schon homosexuell empfanden, ehe sie sich der
Prostitution ergaben, und es beweist die Tatsache ihrer Homosexualität
eigentlich nur, daß sie den Verkauf ihres Körpers lediglich als ein
Geschäft betrachten, dem sie mit kühler Berechnung gegenüberstehen.

Merkwürdig ist das Verhältnis der sich liebenden Prostituierten
untereinander. Bis in diese Kreise ist das System der doppelten Moral
gedrungen. Denn während der männliche, aktive Teil, der „Vater“
sich frei fühlt und sich auch außerhalb seines gemeinschaftlichen
Schlafgemachs weiblichen Verkehr gestattet, verlangt er von der
weiblich passiven Partnerin in Bezug auf homosexuellen Umgang die
vollkommenste Treue. Bei entdecktem Treubruch setzt sich sein
Verhältnis den schwersten Mißhandlungen aus, es kommt sogar vor,
daß der männliche Teil dem weiblichen während der Zeit ihres
Liebesbündnisses verbietet, ihrem Gewerbe nachzugehen.

Die weibliche Straßenprostitution Berlins unterhält auch vielfach
Beziehungen mit urnischen Frauen besserer Gesellschaftskreise, ja
sie scheut sich nicht, Frauen, die ihr homosexuell erscheinen, auf
der Straße Anerbietungen zu machen. Dabei ist zu bemerken, daß die
Preise für Frauen durchgängig geringere sind, ja, daß in vielen Fällen
jede Bezahlung abgewiesen wird. Mir berichtete eine junge Dame, die
allerdings einen sehr homosexuellen Eindruck macht, daß ihr auf der
Straße Prostituierte Angebote von 20 Mark und mehr gemacht hätten.

Sowohl die weibliche, wie die männliche Prostitution bedrohen durch ihr
böses Beispiel nicht nur die öffentliche Sittlichkeit, nicht nur die
öffentliche Gesundheit -- denn es ist durchaus nicht selten, daß auch
durch männliche Prostituierte ansteckende Krankheiten von der Skabies
(Krätze) bis zur Syphilis übertragen werden -- sondern auch in hohem
Maße die öffentliche Sicherheit.

Prostitution und Verbrechertum gehen Hand in Hand; Diebstähle
und Einbrüche, Erpressungen und Nötigungen, Fälschungen und
Unterschlagungen, Gewalttätigkeiten jeder Art, kurz alle möglichen
Verbrechen wider die Person und das Eigentum sind bei dem größten
Teile der männlichen Prostituierten an der Tagesordnung, und
besonders gefährlich ist es, daß diese Delikte von den verängstigten
Homosexuellen in den meisten Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden.

Verfallen in Berlin unter einer uranischen Bevölkerung von 50000
Seelen -- diese Zahl ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen -- im Jahr
durchschnittlich 20 „dem Arm der Gerechtigkeit“, so fällt mindestens
die hundertfache Zahl, nämlich 2000 im Jahr, den Erpressern in die
Arme, welche, wie die Berliner Kriminalpolizei gewiß gern bestätigen
wird, aus der Ausbeutung der homosexuellen Natur einen weitverbreiteten
und recht einträglichen Spezialberuf gebildet haben.

Die engen Beziehungen zwischen den Prostituierten und Verbrechern
gehen auch daraus hervor, daß beide sich desselben Jargons -- der
Verbrechersprache bedienen. Suchen sich „die Strichjungen“ ihre Opfer,
so nennen sie das „sie gehen auf die Krampftour“, das Erpressen selbst
in seinen verschiedenen Abstufungen nennen sie: „abkochen“, „brennen“,
„hochnehmen“, „prellen“, „neppen“, „abbürsten“, „rupfen“ und „klemmen“;
es sei hier übrigens bemerkt, daß es in Berlin auch Verbrecher gibt,
die das Rupfen der männlichen Prostituierten als Spezialität betreiben,
indem sie diese mit Anzeige wegen Päderastie oder Erpressung bedrohen.
Die „schwule Bande“ teilen sie nach ihrer Zahlungsfähigkeit in „Tölen“,
„Stubben“ und „Kavaliere“, das erbeutete Geld nennen sie „Asche“,
„Draht“, „Dittchen“, „Kies“, „Klamotten“, „Mesumme“, „Meschinne“,
„Monnaie“, „Moos“, „Pfund“, „Platten“, „Pulver“, „Zaster“, „Zimmt“, das
Goldgeld: „stumme Monarchen“, Geld haben heißt „in Form sein“, keins
haben „tot sein“, kommt ihnen etwas in die Quere, so sagen sie „die
Tour sei ihnen vermasselt“, fortlaufen heißt „türmen“, sterben „kapores
gehen“, werden sie von den „Greifern“, d. h. den Kriminalbeamten
oder den Blauen -- das sind die Schutzleute, abgefaßt, so nennen
sie das „hochgehen“, „auffliegen“, „alle werden“, „krachen gehen“
oder „verschütt gehen“. Dann kommen sie erst auf die „Polente“, das
Polizeibureau, darauf ins „Kittchen“, das Untersuchungsgefängnis, um
dann, wie sie sich euphemistisch ausdrücken, in einen „Berliner Vorort“
zu ziehen, darunter verstehen sie Tegel, Plötzensee und Rummelsburg,
die Sitze der Strafgefängnisse und des Arbeitshauses. Nur sehr selten
verlassen sie diese gebessert: Wohlhabende Urninge geben sich oft große
Mühe, Prostituierte von der Straße zu retten, doch gelingt auch dieses
nur in sehr vereinzelten Fällen. Viele „zehren“, wenn sie älter werden,
„von Erinnerungen“, indem sie ihnen als homosexuell bekannte Personen,
die ihren Standort kreuzen, um kleine Geldbeträge „anbohren“, was sie
als „Zinseneinholen“ oder „tirachen“ bezeichnen.

Gewöhnlich hat diese gefährliche Menschenklasse einen guten Blick
dafür, wer homosexuell veranlagt ist, doch kommt es auch sehr häufig
vor, daß sie völlig normalsexuelle Personen bedrohen und beschuldigen.
Ich gebe als Beispiel einen Fall, wie ich ihn vor einiger Zeit in
folgendem Schreiben geschildert erhielt:

     „Im vorigen Herbst traf ich auf der Durchreise nach dem
     Süden mit dem Abendzuge in Berlin ein und nahm für eine
     Nacht Quartier in der Nähe des Zentralbahnhofes, um am
     andern Morgen weiter zu reisen. Den milden freundlichen
     Abend wollte ich zu einem Spaziergange benutzen.

     Beim Verlassen der Passage sah ich eine Anzahl junger
     Burschen zusammenstehen, von denen der eine, etwa 20 Jahre
     alt, ein Schnupftuch laut wimmernd an die Backe preßte.
     Unwillkührlich faßte ich ihn deshalb schärfer ins Auge,
     als man es sonst tut, drehte mich auch noch einmal in
     meinem Mitleid nach ihm um, als ich in die Mittelallee der
     Linden einbog, um auf das Brandenburger Tor zuzugehen, in
     der Absicht, das mir bis dahin unbekannte Bismarckdenkmal
     noch flüchtig zu besichtigen. Nach kurzer Zeit sah ich
     denselben jungen Mann, nunmehr allein, das Tuch noch
     immer an die Backe gepreßt, mir vorausgehen und dann an
     einer Litfaßsäule in der Nahe des Tores stehen bleiben.
     Ich dachte mir nichts besonderes dabei und ging weiter.
     Da trat er an mich heran und bat um ein Almosen, indem er
     mir mit verschleierter, winselnder Stimme und flehentlich
     bittend, ich solle ihn nicht der Polizei verraten, einen
     langen Roman vortrug: er sei aus dem Osten, der Bromberger
     Gegend, hergekommen, habe keine Arbeit gefunden, sei
     jetzt ganz mittellos und habe seine Effekten für 16
     Mark versetzt; sobald er soviel zusammenhabe, um diese
     einlösen zu können, wolle er in die Heimat zurück. Wir
     waren inzwischen an die Bedürfnisanstalt, rechts vor dem
     Tore, gekommen; ich gab ihm 50 Pfennige mit dem Bemerken,
     er solle sich durch Arbeit so viel verdienen, um seine
     Effekten auslösen zu können, ich sei hier selber fremd und
     nur auf der Durchreise; jetzt solle er seiner Wege gehen.
     Ich trat dann in die Anstalt ein und hörte wohl, daß hinter
     mir noch jemand eintrat, achtete aber nicht weiter darauf.
     Als ich mich nun auf der anderen Seite entfernen wollte,
     um den Weg nach dem Bismarckdenkmal einzuschlagen, sah ich
     meinen Burschen grinsend und ohne Tuch mir den Weg verlegen
     mit den Worten: „Wenn Sie mir jetzt nicht 16 Mark geben,
     zeige ich Sie an, dann kommen Sie ins Loch.“ Zugleich
     sagte er zu meinem namenlosen Erstaunen: „Ick zeige Ihnen
     an, Sie Hallunke, wat Sie in Ihrer Wollüstigkeit mit
     mir gemacht haben. Zahlen Sie 16 Mark, oder ick schrei,
     det janz Berlin zusammenläuft.“ -- Ich bemerke, daß ich
     58 Jahre alt, längst mehrfacher Großvater bin und einer
     höheren Beamtenklasse angehöre. Wenn nicht mein Ruf, so
     stand doch die Fortsetzung meiner Reise auf dem Spiel,
     wenn ich in eine, noch dazu so ekelhafte, Untersuchung
     verwickelt wurde. Ich trat daher schnell an den Rand der
     Charlottenburger Chaussee und winkte eine leere Droschke
     heran, bis dahin immerfort von den unflätigen Reden des
     Burschen verfolgt. Ehe noch die Droschke hielt, schrie der
     Chanteur -- jetzt mit völlig veränderter Stimme --: „Solch'
     alter Hund, warte nur, Du sollst brummen.“ Zugleich machte
     er Miene, vor mir in die Droschke einzusteigen. Es blieben
     bereits einige Passanten stehen, einen Schutzmann aber
     konnte ich nicht entdecken. Da griff ich in die Tasche,
     hielt ihm ein Zehnmarkstück hin und warf es aufs Pflaster,
     so daß er ziemlich weit laufen mußte, um es aufzuheben.
     Diesen Moment benutzte ich, sprang in die Droschke
     und trieb den Kutscher zur Eile an, indem ich ihm den
     Zentralbahnhof als Ziel angab. Auf die Frage des Kutschers
     nach dem Zusammenhange der Dinge sagte ich ihm, der Mensch
     sei offenbar betrunken gewesen und habe von mir Geld
     verlangt, worauf dieser mir gutmütig entgegnete: „Ja, ja,
     det is hier eene Jaljenbande. Sie hatten det Aas man den
     Nickel nich jeben sollen.“ Er ahnte nicht, daß es zehn Mark
     gewesen waren. Ich verzichtete nun auf das Bismarckdenkmal
     und andere Sehenswürdigkeiten Berlins, legte mich ins
     Bett, schlief garnicht, und fuhr in aller Frühe dem Süden
     zu. Seitdem bin ich mehrfach in Berlin gewesen, habe mich
     aber wohl gehütet, Jünglinge mit oder ohne Schnupftuch
     an der Backe aus Mitleid ins Auge zu fassen. Mir ist es
     nicht zweifelhaft, daß dieses ostentative Drücken des
     Schnupftuches an die Backe ein Chanteurkniff war, um die
     Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und unter diesen
     sich alsdann eine geeignete Persönlichkeit für seine
     Chantage auszusuchen, so einen Gutmütigen aus der Provinz,
     wie ich einer war. --

     Sicher ist es hohe Zeit -- so schließt der Berichterstatter
     -- diesem Verbrechertum durch Aufhebung des § 175 ein Ende
     zu bereiten.“

Ich greife noch einen zweiten typischen Fall heraus, über den die
Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Nov. 1904 berichtet:

     th. Der 10. Strafkammer des Landgerichts I lag gestern
     wieder ein Fall vor, in dem ein verkommener Mensch den
     § 175 St. G. B. zu =Erpressungsversuchen= benutzt hat.
     Der übel beleumundete Arbeiter Karl R. hat einen Herrn,
     der im Leben nichts mit ihm zu tun gehabt hat, fort und
     fort mit Briefen bombardiert, in denen unter Hinweisen
     auf § 175 allerlei aus der Luft gegriffene Behauptungen
     aufgestellt wurden und als Refrain der Versuch, Geld zu
     erlangen, deutlich durchblickte. Der Adressat hat diese
     Erpresserbriefe zunächst unberücksichtigt gelassen, da
     er mit einer so schmutzigen Sache in gar keine Berührung
     kommen wollte. Als aber durch diese Briefe fortgesetzt
     Beunruhigung in seine Familie getragen wurde, erstattete er
     Anzeige. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3
     Jahren Gefängnis.

Schließlich noch aus vielen einen dritten Fall, der ebenfalls in
mehr als einer Richtung bezeichnend ist. Ein Homosexueller war einem
Prostituierten in seine Wohnung gefolgt; dort angelangt, sagte der
letztere mit eisiger Ruhe: „Ich bin Staudenemil (Staude heißt Hemd),
ein bekannter Erpresser, gib Dein Portemonnaie.“ Nachdem er dieses
erhalten, zog er seinen Rock aus, streifte die Hemdsärmel hoch, so daß
die mit obscönen Tätowierungen bedeckten Unterarme sichtbar wurden,
schleppte dann den Homosexuellen am Kragen an das Fenster seiner im
vierten Stockwerk gelegenen Wohnung und drohte ihn herunterzustürzen,
wenn er nicht alle Wertgegenstände herausgäbe, die er bei sich führe.
Als er sich überzeugte, daß er nichts mehr hatte, fragte er ihn,
wieviel Geld er zur Rückfahrt brauche, „schenkte“ ihm für dieselbe 50
Pfennig und „nun“ -- so fuhr er fort -- „kommst Du mit und saufst mit
mir Knallblech (Champagner), jetzt bist Du mein Gast.“ Wirklich ließ er
nicht locker, bis der Homosexuelle einen großen Teil dessen, was er von
ihm „geerbt“, mit ihm „verschmort“ hatte.

Wie kommt es, daß diese gefährlichen Subjekte so selten angezeigt
werden? Der Homosexuelle und auch die meisten Normalsexuellen scheuen
den Skandal, sie wissen, daß, wenn sie eine Anzeige erstatten, der
Beschuldigte sofort teils aus Rache, teils zu seiner Rechtfertigung
eine Gegenanzeige auf Grund des § 175 erstattet, und wenn auch die
wohlunterrichtete Berliner Kriminalbehörde seit der einsichtsvollen
Amtsführung des verstorbenen verdienten Kriminaldirektors von
Meerscheidt-Hüllessem, dem die Urninge der Hauptstadt zu größtem Dank
verpflichtet sind, auf die Aussagen der Erpresser und Diebe, sowie
der Prostituierten im allgemeinen nichts gibt, so zeigen sich die
Staatsanwälte und Richter oft weit weniger orientiert. Es ereignet sich
oft genug, daß der Erpresser zwar bestraft, sein Opfer aber auch aufs
schwerste kompromittiert, benachteiligt, in seiner Stellung vernichtet
wird. Ich erinnere nur an den in Berlin abgeurteilten Chantagefall
Aßmann und Genossen, dessen Opfer der unglückliche Graf H., Großvetter
unseres Kaisers, war. Ja, ich habe Fälle erlebt, in denen die
Staatsanwaltschaft auf die Aussage derartiger Individuen die Anklage
erhoben hat. Ein Fall ist mir namentlich im Gedächtnis geblieben.

Ein alter, homosexueller Herr hatte einen Mann, dessen Bild sich
im Berliner Verbrecheralbum befand, wegen Diebstahl angezeigt. Der
wiederholt vorbestrafte Dieb machte eine Gegenanzeige, er sei von
seinem Ankläger im Schlaf vergewaltigt worden. Unglaublicherweise
schenkte das Gericht dieser Angabe Glauben, vereidigte diesen Zeugen
und verurteilte den Homosexuellen, der bereits zweimal aus § 175
vorbestraft war, zu einem Jahr Gefängnis. Ich war als Sachverständiger
geladen und werde es nie vergessen, wie der alte Mann -- ein Hüne
von Gestalt -- bei dem ihm völlig unerwarteten Urteilsspruch in
sich zusammensank, dann sich aufbäumte und mit entsetzlichem,
gellenden Aufschrei seinen Richtern das eine Wort. „Justizmörder“
entgegenschleuderte.

Gewiß sind dies Ausnahmefälle, gewiß haben es die Homosexuellen, wie
mir einmal ein hoher Staatsbeamter entgegenhielt und wie es ja auch
aus meinen Schilderungen hervorgeht, in Berlin „bereits ganz gut“.
Darin liegt ja aber ein Beweis mehr für die Unhaltbarkeit eines
Gesetzes, das, wie sich kürzlich ein Urning ausdrückte, „nicht die Tat,
sondern das Pech“ bestraft. Ich wies bereits darauf hin, daß, wenn
man den überaus diskreten Charakter der in Frage kommenden Handlungen
berücksichtigt und in Betracht zieht, daß die beiden Täter, ohne die
Rechte Dritter anzutasten, die Tat unter sich und an sich vornehmen,
nur ganz ungewöhnliche Nebenumstände in verschwindend seltenen
Ausnahmefällen ein Bekanntwerden ermöglichen können.

Und trotzdem -- würden die Kriminalbehörden -- auf der von
Meerscheidt-Hüllessem eingerichteten „Berliner Päderastenliste“ stehen
mehrere tausend Namen -- gegen die Homosexuellen so vorgehen, wie sie
gegen wirkliche Verbrecher vorgehen, es würde sich in sehr kurzer
Zeit die völlig Undurchführbarkeit der bestehenden Strafbestimmungen
ergeben; dasselbe würde der Fall sein, wenn entsprechend der Kölner
Resolution der evangelischen Sittlichkeitsvereine, die „wirklich
krankhaft Geborenen“ unter den Homosexuellen in Heilanstalten
untergebracht werden würden. Ich betone, um keinen Irrtum aufkommen zu
lassen, hier nochmals, daß es sich bei den Forderungen zu Gunsten der
Homosexuellen lediglich um das handelt, =was erwachsene Personen in
freier Übereinstimmung unter einander vornehmen=; daß vor denen, die
Rechte Dritter verletzen, die sich an Minderjährigen vergreifen, die
Gewalt anwenden, daß vor den Sternbergen und Dippolden die Gesellschaft
geschützt werden muß, ist selbstverständlich.

Vor einiger Zeit äußerte sich in einer Berliner Lehrerzeitung[3]
ein Lehrer, daß man in Anbetracht der wissenschaftlichen
Forschungsergebnisse sich wohl oder übel mit der Frage beschäftigen
müsse, wie die Homosexuellen „auf eine den Zwecken der Gesellschaft
fördersame Art“ in dieselbe einzureihen wären.

Ist denn diese Frage nicht längst gelöst?

Wo ist in Berlin ein Kunstfreund, der sich nicht an der
Darstellungskunst einer urnischen Tragödin, wo ein Musikfreund, der
sich nicht am Gesange eines urnischen Liedersängers erfreut hätte!

Bist Du denn sicher, ob nicht der Koch, der Deine Speisen bereitet,
der Friseur, der Dich bedient, ob nicht der Damenschneider, der Deiner
Frau Kleider fertigt, und der Blumenhändler, der Deine Wohnung ziert,
urnisch empfinden?

Vertiefe Dich in die Meisterwerke der Weltliteratur, durchmustere die
Helden der Geschichte, wandele in den Spuren großer einsamer Denker,
immer wirst Du von Zeit zu Zeit auf Homosexuelle stoßen, die Dir teuer
sind und die groß waren trotz -- manche behaupten sogar durch -- ihre
Sonderart.

Ja weißt Du gewiß, ob unter denen, die Dir am nächsten stehen, die Du
am zärtlichsten liebst, am meisten verehrst, ob nicht unter Deinen
besten Freunden, Deinen Schwestern und Brüdern ein Urning ist?

Kein Vater, keine Mutter kann sagen, ob nicht eines ihrer Kinder dem
urnischen Geschlechte angehören wird.

Ich könnte auch hier viele Beispiele anführen, will mich jedoch auf
die Wiedergabe zweier Briefe beschränken, von denen der eine von einem
Vater, der andere von einer Mutter stammt.

Von den 750 Direktoren und Lehrern höherer Lehranstalten, die im
Jahre 1904 neben 2800 deutschen Ärzten die Petition an den Reichstag
unterschrieben, welche die Aufhebung des Urningsparagraphen fordert,
schrieb ein Berliner Pädagoge, „daß er noch bis vor kurzem, unbekannt
mit der in Rede stehenden Materie, an die Notwendigkeit des § 175
geglaubt hätte; erst nach dem Tode eines edlen, für das Schöne, Wahre
und Gute begeisterten Jünglings, dem die Entdeckung konträrsexueller
Neigungen den Revolver in die Hand drückte, -- seines Sohnes -- seien
ihm die Augen übergegangen und aufgegangen.“ „Ein schwergebeugter
Vater“, schließt er, „dankt dem wissenschaftlich-humanitären Komitee[4]
für sein menschenfreundliches Wirken.“

Und eine Mutter schreibt:

  Hochgeehrter Herr!

     In Anbetracht Ihrer Absicht, durch die Geburt und weiter
     durch den § 175 des St. G. B. unglücklich gewordenen
     Menschen helfen zu wollen, erlaube ich mir, folgende Fragen
     an Sie zu richten, von deren Beantwortung das Wohl und Wehe
     zweier Menschen abhängt: „Ist Hoffnung vorhanden, daß der
     genannte Paragraph im Laufe dieses Winters im Reichstag
     zur Lesung gelangt und glauben Sie an die Möglichkeit
     der Aufhebung dieses Gesetzes? Ein mir sehr nahe
     stehender Verwandter[5] gehört zu diesen Unglücklichen.
     Er ist ein hochbegabter junger Mann, der sich durch
     seinen rechtschaffenen, braven Charakter, durch seinen
     sittenreinen Lebenswandel die Achtung seiner Mitbürger,
     insbesondere seiner Kollegen und Vorgesetzten in hohem
     Grade erworben hatte. Durch seine bedeutenden Kenntnisse
     verschaffte er sich bald eine gesicherte, einträgliche
     Stellung, bis sich ihm das Verhängnis nahte in Gestalt der
     abscheulichsten Erpresser. Leider war er schwach genug,
     einmal der Verführung zu folgen. Nachdem er Tausende
     geopfert, und seine Gesundheit durch die fortwährende Angst
     und Sorge vor Entdeckung untergraben war, mußte er alles
     aufgeben, seine Heimat, Eltern und Existenz, um der Schande
     zu entgehen. Nach vielen Versuchen, sich ohne Heimatsschein
     in der Schweiz eine ähnliche Stellung zu erwerben wie
     bisher, aber ohne Erfolg, faßte er den Gedanken, nach
     Amerika auszuwandern. Dort wollte er sich durch eisernen
     Fleiß und solidestes Leben einen neuen, bis dahin ihm fern
     stehenden Beruf gründen und hat auch hierin schon Examina
     bestanden. Aber durch viele Widerwärtigkeiten verliert er
     den Mut und setzt seine größte Hoffnung auf die Aufhebung
     des bewußten Paragraphen. Seinen Vater hat inzwischen der
     Tod ereilt, ohne daß der einzige Sohn an sein Sterbelager
     eilen konnte, und die Mutter steht allein mit ihrem großen
     Herzeleid, mit der ewigen Sehnsucht nach ihrem braven
     unglücklichen Kinde, und ist oft der Verzweiflung nahe.
     Dieselbe würde Ihnen, hochgeehrter Herr, in unbegrenzter
     Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie ihr Hoffnung auf die
     Erfüllung dieses ihres größten Wunsches machen, oder in
     irgend einer Weise Rat erteilen könnten.“

Dies der Brief einer Mutter. Wem kommen bei diesen und ähnlichen
Begebenheiten nicht Goethes Worte in den Sinn. „Opfer fallen hier,
weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört“.

       *       *       *       *       *

Wir sind am Ende unserer Wanderung, und ich danke dem Leser, der mir
diese weite Strecke gefolgt ist, welche über so viele dunkle Abgründe
menschlichen Elends, wenn auch über manche Höhe führte. Ehe wir uns
trennen, laß mich Dir noch zwei Geschehnisse aus der Vergangenheit und
Gegenwart berichten und eine Frage daran knüpfen.

Es war einmal ein Fürstbischof, Philipp, der residierte in der alten
Stadt Würzburg am Main. Es war in der Zeit von 1623-1631. In diesen
acht Jahren ließ der Bischof, wie uns die Chroniken rühmend berichten,
900 Hexen verbrennen. Er tat es im Namen des Christentums, im Namen der
Sittlichkeit, im Namen des Gesetzes und starb im Wahne, ein gutes Werk
vollbracht zu haben.

Wir aber, die wir wissen, daß es niemals Hexen gab, werden noch heute
von tiefem Schauder erfaßt, gedenken wir dieser zu unrecht gerichteten
Frauen und Mütter.

In unserer guten Stadt Berlin leben zwei geistliche Herren, von denen
der eine Philipps, der andere Runze heißt. Sie sagen, sie verkünden die
Lehren des verehrungswürdigsten Meisters, der da die Worte zum Volke
sprach: „Wer unter Euch frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein
auf sie.“

Wie ihre Vorgänger in den Lahmen Gezeichnete, in Geisteskranken
Besessene und in den Seuchen Strafen des Himmels sahen, so sehen sie
in den Homosexuellen Verbrecher und bezeichnen unseren Kampf für die
Homosexuellen als „ruchlose Schamlosigkeit“ (Kreissynode II Berlin vom
17. Mai 1904.)

Sie wähnen ein ebenso gutes Werk zu tun, wie weiland Fürstbischof
Philipp, wenn sie schwere Freiheitsstrafen für die Homosexuellen
fordern.

Nun prüfe, was ich Dir von den Berliner Urningen erzählte -- daß
alles der Wahrheit entspricht, dafür stehe ich ein -- erwäge es mit
Deinem Verstande und Deinem Herzen und entscheide, wo mehr Wahrheit,
mehr Liebe, mehr Recht, ob bei jenen Männern der Kirche, die sich
gewiß für sehr frei von Schuld halten, sonst würden sie schwerlich so
viel Steine auf die Homosexuellen werfen, oder auf Seiten derer, die
nicht wollen, daß sich die Opfer menschlichen Unverstandes noch hoher
häufen, die entsprechend den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung
und der Selbsterfahrung vieler tausend Personen wünschen, daß endlich
Verkennungen und Verfolgungen aufhören, an welche die Menschheit ganz
zweifellos einst mit ebenso tiefer Beschämung zurückdenken wird, wie an
die Hexenprozesse Philipp's, des streitbaren Bischofs von Franken.



FUSSNOTEN


[1] Näcke, P., _Dr._ Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin; mit
Bemerkungen über Homosexualität. Archiv für Kriminalanthropologie und
Kriminalistik. Band XV. 1904.

[2] In Paris 1904 bei Albin Michet erschienen.

[3] Pädagogische Zeitung 33. Jahrgang Nr. 33, Berlin, 18. August 1904,
Leitartikel: Die Erziehung und das dritte Geschlecht von Paul Sommer.

[4] Dieses 1897 begründete Komitee, Sitz Charlottenburg, Berlinerstraße
104, hat sich die Befreiung der Homosexuellen zur Aufgabe gesetzt.

[5] Anmerk. Wie die Dame in einem zweiten Schreiben mitteilt, ist
dieser nahe Verwandte ihr Sohn. Von seinen Erpressern erhielt der Vater
als Hauptanstifter 2 Jahre 9 Monate, dessen zwanzigjähriger Sohn, der
„Freund“ des Geflüchteten, 1 Jahr 9 Monate Gefängnis.

       *       *       *       *       *


Band 1-10 der Großstadt-Dokumente behandeln folgende Themata:


     =1. Dunkle Winkel in Berlin=
         von Hans Ostwald.

     =2. Die Berliner Bohème=
         von Julius Bab.

     =3. Berlins drittes Geschlecht=
         von _Dr._ Magnus Hirschfeld.

     =4. Berliner Tanzlokale=
         von Hans Ostwald.

     =5. Zuhältertum in Berlin=
         von Hans Ostwald.

     =6. Sekten und Sektierer in Berlin=
         von Eberhard Buchner.

     =7. Berliner Kaffeehäuser=
         von Hans Ostwald.

     =8. Berliner Banken und Geldverkehr=
         von Georg Bernhard.

     =9. Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung=
         von Albert Weidner.

    =10. Berliner Sport=
          von Arno Arndt.

=Preis pro Band 1 Mark.=

  Von Hans Ostwald ist ferner in 2. Auflage erschienen
  =Berliner Nachtbilder.=

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. Verlag von Hermann Seemann
Nachfolger, Berlin SW., Tempelhofer Ufer 29.

  Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
  Druck von J. Harrwitz Nachfolger,
  G.m.b.H., Berlin SW., Friedrichstr. 16.





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