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Title: Celsissimus
Author: Achleitner, Arthur, 1858-1927
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Celsissimus.



Salzburger Roman



von

Arthur Achleitner.



Berlin.


Alfred Schall,

Königliche Hofbuchhandlung.

Verein der Bücherfreunde.



Vorwort.


Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt.

Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit
denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16.
Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der
damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines
Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt
erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen
Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche
Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.

In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die
Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des
Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung
der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates,
Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen
mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der
Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben.

Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft
sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die
unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne
Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird.

München, im Herbst 1900.

Der Verfasser.



1.


Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem
glänzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert
werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich,
in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte. Demgemäß mußte alles
aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitläufen möglich
zu gestalten; der sonst behäbige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese
hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die
Stadträte, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um
kräftige Unterstützung angegangen, wasmaßen es gilt, dem prunkliebenden
Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wußte man
männiglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein
Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon
einen Begriff, die unerhörte Pracht, welche selbst der unbarmherzige
Salzburger Regen nicht zu beeinträchtigen vermochte, blendete nicht
bloß Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen
kunstverständigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher
keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu
den Willen, und die reichen Patrizier das nötige Geld; man will dem
Landesfürsten zeigen, daß auch die Bürger der Residenz sich auf üppige
Feste verstehen.

So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als
in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit,
jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.

Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine
kaufmännischen Talente, noch mehr aber durch seine schöne Tochter
Salome, die als das herrlichste Geschöpf Europas gepriesen ward, hatte
die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht
werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen
grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener
Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult
durch viele Reisen in Italien und Griechenland; „Vater Puchner“, der
Zäpfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten
Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoß mußte die Musikanten
besorgen und die Anleit zum Balle geben.

Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der Räumlichkeiten der
Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und
großes Ansehen genoß, und schließlich ward für diesen Festabend eine
besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die männliche
Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht
nötig ist, denn diese weiß sich schon selber aufs schönste
herauszuputzen.

Zu Fuß und vielfach nach welscher Art in Sänften waren die Honoratioren
der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und
erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten
sich Salzburgs Frauen und Mädchen, in einer Gruppe standen eifrig
parlierend die Junker und jungen Bürgersöhne, die Ratsherren hielten den
vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung
bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt,
daß ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht,
wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberköpfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja
auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb
kontrastierten dagegen die hölzernen Bierbitschen. Daß alle diese
schönen Gefäße teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien,
hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, daß vor Tafelbeginn
der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen
Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwärter fragte man nicht,
und so schluckte so mancher aus den Gefäßen, ohne lang zu fragen, ob es
erlaubt und wessen der Inhalt sei. „Was man hat, besitzt man!“ gröhlte
ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.

Im Hauptsaale, so schön und großartig, daß darin ein römischer Kaiser
logieren könnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen
wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu
beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit
aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher
Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit
senkrecht aufragendem Stoß, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der
Untersberg, aus dessen Quellen Weißwein als Bergbrünnlein
herniederrieselten.

Lustige Weisen der Zinkenbläser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und
Schellengeklingel tönten von der Galerie herab, den buntgeschmückten
Festgästen die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch hörte man
nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell
lärmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im
Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der
Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschöne Tochter bot, versetzte
die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des
Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides äußerte.

Salome, ein Mädchen mittlerer Größe von kaum zwanzig Lenzen, war soeben
in den für die Frauen reservierten Raum getreten; lächelnd begrüßte sie
die Damen, nickte den Mädchen zu und schritt langsam zur
Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen
wußte, wiewohl sie wahrlich weiß, daß Salome über Prachtgewänder dank
der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz
ist über das runde Madonnenantlitz des Mädchens ausgegossen, der
schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmaß auf mit einer Fülle
reizendster Formen, die ein Männerauge in hellstes Entzücken versetzen
muß. Blendend weiß die reine Stirne, von blonden Löckchen umrahmt, die
Zähnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im
Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein
Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art,
die es vermeidet, das eigene schöne Ich irgendwie in den Vordergrund zu
drängen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen,
ein Lächeln inneren Triumphes auf den leicht geöffneten Lippen.
Fürstlich muß die Erscheinung des Mädchens genannt werden im weiten
blauen, mit Nörzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und
silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am
Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Ärmel verbrämt mit
golddurchwirktem Tuch.

„Gott zum Gruß, liebwerte Muhme!“ lispelte Salome und erwies der
Bürgermeisterin gebührende Reverenz.

Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Überraschung und mußte erst
verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: „Salome! Wie eine Fürstin
siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die
fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!“

„Gefällt Euch das Kleid nicht? Das thät' mich schmerzen, der gute Vater
ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!“

„Schon, gewiß auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das
ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zähren, das hat
mein Ahnl schon gesagt!“

„Des will ich warten, Muhme!“ lachte silberhell die schöne Salome, „ich
habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will
die anderen Frauen ich begrüßen!“

Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den
Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der
hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln
begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres
besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der
Getränkevorräte vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, daß die
köstlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer
bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgersöhne
hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner
opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung.
„Festgäste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt
sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken.
Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat
besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als
dieser Raifel, und der Höpfwein gar, der hat einen Stich!“

Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von
Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. „Die Pest
hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg,
das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und
die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!“

„Die laßt nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist
städtisch und gehört uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist
Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!“

„Wollt Ihr gleich stille sein!“ mischte sich Vater Puchner dazwischen,
dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwähnung des noch dazu
eben erwarteten Landesfürsten. „Wollet Ihr gröhlen, wartet bessere
Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten
Herrn!“

Dem Lechner saß der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte
unbekümmert los: „Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam
Wappen! Wißt Ihr, Bierwanst, was der Wölfen Dieter im Schilde führt? Ich
will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weißen Felde! Das ist die
Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das
Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der
Erlauchte könnte Euch darauftreten, daß Ihr zwillt!“

Bestürzt rief Rat Thalhammer: „Haltet ein, Ihr schwätzt Euch um den
Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spaß von solcher Seite und läßt uns
entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!“

Grimmig pfauchte Lechner: „So laßt Euch auf den Köpfen tanzen, daß es
staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den Wölfen Dieter samt seinen
Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem
geckenhaften Junker!“

Lärmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des
Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen
Landesherrn anzublasen.

Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf
stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdenträgern seines Hofes. Der
Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schmächtig, fast klein
zu nennen, unschön die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften
Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und
den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem
Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden
Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum dreißigjährig ging
von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes,
an eine unbeugsame Willensstärke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs
atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs
an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum
Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwäbischen und
lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann „geschwinden
Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes“, der infolge seiner
Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo
seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Großneffe des regierenden
Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen
beherrschte.

Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II.
liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und
Baretts benötigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern
geschlagen. In dieser Kleidung war der schwäbische Landjunker von
Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren
zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwählte Herr von Raittenau
liebte es auch nicht, an seine schwäbische Abkunft erinnert zu werden,
wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen.
Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der
Hohenems, ihr medizäisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiß und
stürmisch auf zu Rom wie — verspürbar allenthalben zu Salzburg.

Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die
Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem
in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst
Seine Hochfürstliche Gnaden begrüßte, ohne den gekrümmten Rücken zu
heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle
Erscheinen des gnädigen Fürsten stammelte.

Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den
Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien,
als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.

„So mögen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen
in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück
hat....“

„Will nicht hoffen! Liebe ‚zitternde‘ Häuser nicht! Soll ich aber den
Fuß in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!“ sprach ironisch
lächelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit
seinem gutgenährten Bäuchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich
schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da
drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche
Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben
die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich längst im
Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der
Stiegenmauer.

Die Stadträte beugten sich wie ein Ährenfeld im Winde vor dem Gebieter,
dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso
überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich:
„Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst
die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzögerung, und
Frauen soll man niemals warten lassen!“

Auf einen Wink des Fürsten schritt der Kämmerling an die offene Thür des
Frauenwartegemaches und sprach: „Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die
Damen bitten, in den großen Saal zu treten!“

Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ängstlich zugleich
wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen Mädchen
schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht.

„Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!“ wisperte die
verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor
dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch
einigermaßen Anteil zu haben, auf daß sothane Ehre in der Verwandtschaft
bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie
verständlichen Stoß mit der knöcherigen Faust und tuschelte dazu: „Geh
du voraus, dein Kleid verträgt es!“

„Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wüßte auch keinen
Grund zu Angst und Sorge!“ erwiderte leise die schöne Salome, und
schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten
nun die Frauen und Töchter und guckten sich die Augen und Hälse wund
nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht.

Noch ehe Salome die Lippen geöffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für
das gnädige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich
in seiner impulsiven Art dem schönen Fräulein entgegengegangen, und
lebhaft rief der Fürst: „Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des
Festes Königin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung
entgegennehmen!“ Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem
zierlichen Händchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf.

„Hochfürstliche Gnaden!“ stammelte überrascht die schöne Salome und
wollte die Hand zurückziehen.

„Nicht doch, bellissima! Gewährt die Gnade, daß des Stiftes Salzburg
Herr der Schönheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir
geruhen, das Fest zu eröffnen!“

Salome hatte sich gefaßt, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem
Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wußte, daß sie strahlend
schön, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Mädchen ist,
und in diesem Triumph legte das Fräulein, holdselig lächelnd, den vollen
runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den
Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten
Patrizier und deren Frauen, Söhne und Töchter thaten das klügste, indem
sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten.
Gelegenheit zum schwätzen war dabei reichlich genug vorhanden, die
Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnrädchen. Neues genug bringt der
neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eröffnen,
sich ein Fräulein herauszufischen, und das zur Festeskönigin erküren
und auszurufen, welch neues, ungewöhnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da
doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt hätte! Aber so
schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus
fürstlichem Geblüt! Es muß ihr ja der Neid lassen, daß sie schön ist,
hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist,
wäre es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte!
Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so
viel Perlen zu tragen!

Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig,
als er mit der Schwägerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner
Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiß auch
dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der
junge Gebieter viel auf höfische Formen hält. Aber eben die so
plötzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht
gefallen, sie verletzt durch ihre Außerordentlichkeit. Einem Stachel
gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der
Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die
Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem
Übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die
Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewöhnlichen
Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die
Tochter aus dem Arm zu reißen.

Die Muhme-Schwägerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in
Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine
Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den
stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der
Gebieter die Hand Salomes geküßt, als wäre die Nichte eine wahrhaftige
Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze
Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiß,
welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem
Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten
Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur
ein Wort kosten, und die Muhme erhält den päpstlichen Segen separat, nur
für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit
ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, daß der Gemahl nichts weniger denn
solche römische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit höher schätzt
als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen ließe,
alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen, — der
Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich
fester auf den Arm des Schwagers.

Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker,
auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand
aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der
gründlich vergrämte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht
viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und
sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister
wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat
sein Blut erhitzt. Nicht minder ärgert es Alt, daß sein Eheweib an des
Bruders Seite ersichtlich verklärt, schwimmend in Glückseligkeit,
hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche
Karessieren gewissermaßen sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte:
„Dumme Gans! Und Wilhelm könnte auch etwas Besseres thun, als mit der
alten Schachtel hinterdrein zu laufen!“

Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, krähte mit
heiserer Stimme: „Guckt ihn an, den Erzbischof, der tänzelt wie ein
spanischer Junker!“

Und ein anderer, dessen Augen bereits gläsern geworden, brachte
schluckend heraus: „Fein — wird—'s im E—e—er—z—st—st—stift!“

Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen;
der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jäh abbrach, und
sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter
Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: „Lieber Alt! Niente
di male! Ihr verzeiht mir wohl, daß ich im Banne der Schönheit auf Eure
Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Königin in
persona eröffnet habe. Salzburgs schönste Mädchenblume rechtfertigt
mein Verhalten und erklärt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich
ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg,
dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber
Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so laßt uns das Mahl beginnen,
doch wünsche ich, daß zu Tisch mir des Festes Königin zur Partnerin
verbleibe!“

Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle
Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mußte einen
Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der
Stadtvater deutlich genug, gehört auf solche Huld eine höfliche
Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,
denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken
verlangen eine überlegte gemächliche Aneinanderreihung. „Hochfürstliche
Gnaden haben geruht!“ Das war der erste Anlauf, und nun muß einen
Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden könnte.

Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: „Ihr seid also nimmer
ungehalten, solche Versöhnlichkeit ehrt Euch und läßt den milden Sinn
des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure
Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade
ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte
ich die Verkörperung der Schönheit, des Festes Königin!“

Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des
Bürgermeisters unter.

„Eure Gemahlin nehmen wir mit!“ rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu,
dem darob die Ohren sausten.

Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die glänzende
Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein
Tusch der Musikanten verstärkte die brausenden Hochrufe, und in
lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die
Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht
hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Überglückliche ihre
Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen
verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite drängte,
lachten auf ob der Beteuerung, daß der Fürst Verlangen trage nach der
Stadtmutter, und ließen die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau
bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun
wohl oder übel zu Tisch geleiten mußte.

„Der Schönheit Majestät wolle mich beglücken!“ flüsterte Wolf Dietrich,
als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel näherte.

„Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in
unverdientem Maße!“ erwiderte lächelnd Salome und senkte bescheiden die
Lider.

„Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom,
vermag wahre Schönheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie
gebührend zu preisen. Ich huldige der schönsten Königin, so die Erde
trägt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!“
Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich
seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur
Bedienung der Dame.

Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei
Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die
Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten
placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde
die Ausnahme gemacht. Dafür saß nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern
Alt, also immer noch in auszeichnendster Nähe des Landesherrn und
Ehrengastes.

Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine
Tischgenossin gewendet: „Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon
einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen
Palazzo geführt?“

Salome erhob das strahlend schöne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und
lispelte: „Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich
in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb
muß zum Einhub die Tochter kommen.“

„So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!“

Salome nickte.

„Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen
Liebreiz in sich verkörpert, ist er hier in unserem Kreise?“

Leise erwiderte Salome, daß der Vater zur Linken neben der Muhme Platz
genommen habe.

„Und die Mutter?“

„Die Teure ist seit langem uns entrissen!“

„Wie schmerzlich muß es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch
wollen wir in der Gegenwart bleiben!“ Wolf Dietrich lehnte sich in
seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den
bischöflichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm
Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender
Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann
kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich,
mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem
Handelsherrn zu: „Wilhelm Alt, meinen Gruß! Verzeiht, daß so verspätet
ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der schönen Tochter und
den Dank Euch sage dafür, daß es mir vergönnt, die Königin des Festes
zur Partnerin zu haben!“

Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem
Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb
der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen
als ein seiner Bedeutung wohlbewußter, reicher Patrizier. Ein von Liebe
und väterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein
zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mißtrauisch
zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so
wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache.
Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet höflich und
ehrerbietig, aber fühlbar frostig.

Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer Härte, den
Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und höhnisch; doch
weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den
Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glättete sich,
lächelnd grüßte der junge Kirchenfürst unter den Worten: „Wir danken
Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht
länger entziehen!“

Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder
ein, sofort von der Schwägerin interpelliert, was denn alles der gnädige
Herr gesprochen. „Ich hör' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter
ist daran schuld!“ fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm
Alt war boshaft genug, um der Schwägerin zuzuwispern: „Einen Hopser will
er später mit Euch machen!“ Frau Alt schien das Geflüster doch
vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie
heraus: „Nicht möglich?“ Das klang so drollig, daß auch Salome ein
Kichern nicht unterdrücken konnte.

Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang:
„Ein gelb Essen ist lind zu essen“[1] serviert worden war, und sprach
zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: „Nun wir die linde Speise
hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen,
was die Herzen meiner Salzburger beweget.“

Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat
bitter genug empfunden hatte, daß der Landesherr kaum nach seinem
Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbischöfe
schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des
Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare
Veränderung dieser Instanz hervorrufen mußte.

Ludwig Alt traute aber der „linden“ Stimmung des jungen Gebieters nicht
völlig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt,
namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit
auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: „Wenn wir in schuldiger
Ehrfurcht eines vom gnädigen Herrn erbitten dürften, so wäre es, daß das
Stadthaupt und der Rat gewissermaßen doch auch noch etwas zu sagen
hätten!“

Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn
hatte im Nu erfaßt, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er
die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: „Wie meint Er das?“

„Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur
noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft
getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischöflichen
Behörde übertragen wurde, und —“

In diesem gewichtigen, ja gefährlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der
in höchster Spannung dem bedeutungsvollen Gespräch zugehört, dem Bruder
warnend auf den Fuß.

„Und?“ fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.

Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und
im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: „Und diese Exekutive
erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist
und nichts zu sagen hat!“

Wolf Dietrichs Wangen färbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende,
erblaßte. Ahnunglos plauderten und aßen die Festgäste, nur in der
nächsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe.

Wieder meisterte der Landesherr sein heißes Blut, kühl, fast höhnisch
sprach er: „Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer
zu deuten, so spukt in euren Köpfen der Geist der Rebellion!“

Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: „Verstattet
gnädigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!“

Überrascht rief Wolf Dietrich: „wie? Majestät Schönheit will sich ins
Gebiet der Politik begeben?“

„Verzeihung, gnädigster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in
den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen
Berechtigung zu. Ein Weib, ein Mädchen nun gar soll schweigen, so im
Kreise bedeutender Männer das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.
Ein Weib —“

„Ein fürstlich Weib!“ murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick
schien die schöne Gestalt Salomes umfassen zu wollen.

Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: „Ein Weib
versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches
Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein
kluger Manneskopf, wasmaßen das Weib meist nicht von Nebendingen
beeinflußt ist.“

„Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!“ lachte der Fürst amüsiert.

Tapfer behauptete Salome: „Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben,
daß ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht
beeinflußt bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in
meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu
bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber
hinaus.“

„O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschöpf der Erde die
Schrecken des Alters heraufbeschwören, stören den harmonisch schönen
Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte,
holde Göttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich
kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!“

„Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch,
gnädigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe —“

„Hört ihr es!“ wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, „so
spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen
Willen, und wären der Unterthanen alle wie Schönsalome, es wäre eine
Freud' und Lust, Herr zu sein! — Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen
mag!“

„Mein Ohm,“ erwiderte Salome, „der allverehrte Bürgermeister hat es
ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, daß zu viel
genommen ward von den Rechten Salzburgs, daß der Rat erniedrigt sei zu
bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist
nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite
des gnädigsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!“

Galant erwiderte Wolf Dietrich: „Schönheit adelt und erhebt!“

„Mit nichten, gnädigster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren,
das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei
engelschön sein!“

„Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!“
schmeichelte der Fürst, und fügte bei: „Doch Eure Prämisse stimmt nicht:
Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von
niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur
nicht von Adel! — Ist irrig die Prämisse, kann die Folgerung nicht
richtig sein! Was aber wünscht die verkörperte Anmut in so bemeldter
Sache?“

„Gebt, gnädigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, laßt ihr ein
gewisses Maß der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen
sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Roß dem
leisesten Befehl des Herrn!“

Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis
Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub:
„Verführerische Worte, süßer Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die
Landschaft störrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses
mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!“

Salome wagte einen legten Versuch: „Verzeiht mir, hoher Herr! Die
Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermaßnahme
zugestimmt!“

„Ja doch! Lästig ist genug die hergebrachte Pflicht, daß der Fürst die
Landschaft angehen muß bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schöne
Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge
Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht
aus! Wißt Ihr, warum die Stände so steuerfreudig gewesen und immer ohne
Sträuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Rätsel lösen: Hoffnung
war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die
Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den
früheren Rechten zurückzuerlangen!“

„Und täuschte sothane Hoffnung?“ fragte Salome unter Augenaufschlag und
richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge.

Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schönen Mädchen, vermochte Wolf
Dietrich kein schroffes, wahres „Ja“ zu sagen, er griff zu Worten der
Ausflucht, indem er eine spätere Reformierung der Angelegenheit
zusicherte.

Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah
dieses Wölkchen sofort. „Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden
Tischgenossin einen Trost gewährt zu wissen, daß Privilegien anderer
Klassen noch reformfähig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die
bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir
ungerecht. Muß der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus
auch! Und damit dixi!“

Beide Alts wußten in ihrer grenzenlosen Überraschung nichts anderes zu
thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: „Muß der Bürger und
Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!“

Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort „zahlen“
verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche
Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhäufung von
bischöflichen Lasten, das ständige Anziehen der Steuerschraube ein
Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen
ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwägerin zu beruhigen durch den
Hinweis, daß es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das
sei nur in der Ordnung.

„O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!“ meinte Frau Alt.

„Schweigt doch, Schwägerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint,
sondern die reichen Klöster und Stiftsherren, die sollen nur auch
zahlen, der Fürst hat da ganz recht!“

Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Äußerung vernommen,
und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen
Fürsten in rosige Laune. „Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden
den modus viviendi; der Anfang zu einer Verständigung zwischen Fürst und
Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten.“
Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: „Will die Wolke nicht weichen
von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der
Majestät Schönheit einen Dienst erweisen, sprecht, Göttin, Ihr seht den
Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl
Eurer Gnade!“

Salome lächelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kräuselten
sich zu leisem, gutmütigem Spott: „Das zu glauben, hoher Herr, fällt mir
schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der
Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich möchte meinen gnädigen
Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!“

„Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius könnte
von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit
Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave
möcht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!“

Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome:
„So mein gnädiger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die
Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche
Gnaden um die Verlaubnis, ein Gläschen rheinischen Weines trinken zu
dürfen auf das Wohl unseres gnädigen Herrn!“

„Das wollen wir freudig thun, schöne Göttin; doch nicht harter
Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der
unter Vicenzas Himmel gedeiht!“ sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum
Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben
sei.

„Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen,
gehört — Thalhammers feinerprobte Zunge!“ schnatterte Ludwig Alt, dem die
unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte.

„Wie? Was meint Er?“ rief erstaunt der Fürst.

„Gnädiger Herr wollen mir erlauben, daß ich den dunklen Sinn der Worte
meines Ohms erhelle!“ warf Salome schnell ein, „der gute Ohm wollte
sagen, daß nur Rat Thalhammer wissen könne, ob für diese Tafel
gewünschter Edelwein vorhanden sei!“

Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schönen
Tischgenossin: „Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir
können solche Redekunst fürwahr gebrauchen!“

„Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?“ spottete
Salome.

„Ihr möget recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten
gut, doch nicht die Blüte weiblicher Schönheit und Anmut! Die Jugend
will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische
Alter!“

Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der
Tafel saß, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte
Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf
Dietrich stieß mit Salome an: „Auf Euer Wohl, Königin! Jeder Tropfen
dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe
und Wein, verlängere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute
eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die Göttin Schönheit, es lebe
Salzburgs holdeste Mädchenblume!“

Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Röte bedeckte ihre Wangen, der
Becher zitterte in ihrer schmalen Hand.

„Will meine Königin mir nicht einen Blick aus den süßen Augen gönnen?“
flüsterte Wolf Dietrich.

Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zögernd
sprach sie: „Zu viel des Lobes und der Gnade fällt auf mich! Bethörend
wirken die Worte! Zu groß ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der
Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! Laßt mich im
Erdreich, in dem nur ich gedeihe! —“

„Ist das Euer Trinkspruch, Salome?“ fragte etwas gedehnt der Fürst.

„Mein gnädiger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew.
Hochfürstlichen Gnaden und —“

„Und?“

„Und bitte, es möge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!“

„Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade
und —“

„Und?“

„Und Liebe!“ flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen
flammenden Blick zu Salome, die jäh errötete und verstummte.

Verschiedene Gänge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden,
doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet,
daß er nicht im Gespräch gestört sein wolle. Diesem Beispiel war auch
Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem
Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister
auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei
sich hatte, sollte nun köstlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und
zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich,
des öfteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die
Tafelnden sich die Hände reinigen könnten. Auch heute war das der Fall
gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhöhung des
Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben
jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung
bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2]
Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und
hatte angeordnet, daß zum „Fasanen-Gang“ dieser Gebrauchsgegenstand
solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am
meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde.

Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespräch mit Salome vertieft
und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft.

Längeres Zaudern würde eine auffällige Unterbrechung des Mahles
herbeiführen, der Bürgermeister mußte daher das Zeichen geben, und
sogleich erschienen die Aufwärter, deren jeder eine in der Form noch
ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes
legte. Von der schwätzenden Menge ward das neue Instrument vielfach
nicht beachtet; einigen Gästen aber fiel es doch sofort auf, sie
ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von
einigen vielgereisten älteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen
Tischinstrumente erklärt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen
nicht fehlen. Unter großer Lebhaftigkeit ward aufgespießt, was den
überraschten Gästen erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just
recht. Völlig unbeachtet blieb die Neuerung am Präsidium der Tafel; den
Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt,
und der Landesvater widmete sich ausschließlich seiner Tischnachbarin.

Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig
wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es möge der gnädige Herr
doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmaßen diese Leib und Seele
zusammenhalte. So ließ sich denn der fürstliche Ehrengast von den
Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der
neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Überraschung.

Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die
Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und
enttäuschte ihn derart, daß Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: „Der
kennt alles!“

Und Wilhelm raunte zurück: „Stimmt! Der wird uns in allem über!“

Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und
dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn
der in großen Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf
Männlein und Weiblein seine Wirkung aus. „Meine Salzburger lieben den
süffigen Wein!“ meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich
beteuerte, daß das gewöhnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte,
denn süße Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen
Transport nur den bemittelten Ständen erreichbar.

„Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?“

„Ew. Hochfürstliche Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ja; man bringet
auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als nämlich vom
Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsaß, Franken, auch Osterwein (aus
Österreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus
Welschland, so man sie heißet Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von
Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und
Farnätscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Höpfwein und
dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero
unterthäniger Knecht!“

„Ich staune! Wußte wahrlich nicht, daß meine Salzburger so gern und viel
der schweren und teuren Weine trinken!“

Voreilig sprach Ludwig Alt: „Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn!
Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so
viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten
Wandels befleißigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Männerleut
und Weibes, ein Halbes können Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern
lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem
Weinteufel!“

„Und der Bürgermeister weiß sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu
steuern?“ fragte der Landesherr.

„Dero Gnaden unterthänigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten
kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!“

„So! Nun es erscheinet mir günstig, daß der Landesherr sich Rats weiß,
ich weiß ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu
publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den
Leib, ich zwing' ihn, darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!“ sprach
Salome, der die übermäßige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich
berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgersöhne ohne Rücksicht
auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in großen Mengen
zusprachen.

„Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergötzt!
Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die
Maßnahmen der Regierung beraten zu können. Seid Ihr dazu gewillt?“

Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und heiße Röte
schoß in des klugen Mädchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren
Körper, bebenden Tones erwiderte sie: „Wie sollt' ich je in solche Lage
kommen? Gebannt in die engen Schranken der Häuslichkeit, gezwungen nach
Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will
ich sagen, da Fürstentöchter es kaum anders haben und verdorren schier
in dumpfer Kemenate!“

„So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?“

„Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnädigster Herr! Ich kenne die
gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne
heiß, wär' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns
einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die
uns Mädchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren
von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt
zu wissen, daß fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom.“

„Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche
Fürstentöchter genügen. Ihr aber, Schön-Salome, wollt mit Gram
herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespräch, die
feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die
Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur
staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon
einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und
warum? Weil Eures Verstandes Schärfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum
der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethätigt ist vom aufgeweckten
Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe
Ziele, die in Mädchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich
die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes höhere Regionen!
Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!“

Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte
beginnen. Die höfische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof,
sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit
Salome noch gesprochen. „Ich sehe Euch bald wieder!“ flüsterte er dem
schönen Fräulein zu, und ein heißes Verlangen flog durch seinen
geschmeidigen Körper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der
Fürst, um den nun die Höflinge sich scharten.

Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in
formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher
Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest
und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den
Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich
von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach
allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und
Trommelwirbel ertönte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten.

Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube
zurück, um sich vom Bürgermeister Näheres über die fürstlichen
Äußerungen erzählen zu lassen, und die Frauen hielten ein
Plauderstündchen ab, das völlig Salome und den ihr vom jungen Fürsten
gewordenen, geradezu auffälligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst
fühlte sich erschöpft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgersöhnen
zum Tanz führen zu lassen, war dem Fräulein unmöglich. Zu viele
Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar
ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat
Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die
Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause.

Ein durchdringender Blick schien in des Mädchens Seele lesen zu wollen,
nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, daß die Muhme
Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren
einige im Erdgeschoß des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt,
den Damen die Leuchte vorauszutragen.

Unauffällig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten
Gasse der Knecht das Lämpchen vorantrug. Die frische Luft der
Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen
Odem ein. Frau Alt kam außer Atem durch das hastige Fragen, was der
Fürst denn alles zu erzählen wußte, und durch die begeisterten Lobreden
auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, daß
Salome sich schweigend verhielt, und daß der Knecht um eine halbe
Gassenlänge vorausgegangen ist. Jäh verstummte die geschwätzige
Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine Männerstimme ertönte:

„Die Schlanke ist's! Schnell!“

Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward
von vermummten Männern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen
herangebrachte Sänfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu
weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die
entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre
Jammertöne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle
menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht
schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben böse Geister das Mädchen
von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken?

Der Knecht kam mißmutig ob solcher Verzögerung zurück und machte aus
seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der
Bürgermeisterin, daß sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse.
„Ist 'leicht etwas passiert?“ fragte er.

„Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist
verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!“
kreischte verzweifelnd Frau Alt.

Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr
mit dem Lämpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als
wollte er im Schnee das verschwundene Fräulein suchen.

„Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister,
vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die
Büttel fahnden! Laßt Sturm läuten! Huhu, dort kommt wieder so ein
schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!“

Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und riß sie
mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im
Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die
Festgesellschaft geradezu lähmend, sie ernüchterte die Männer und
verursachte Weibern Krämpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu
fassen und rief immer wieder: „Nicht möglich! Ein Mädchenraub in unserer
stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!“

Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach rächen zu wollen,
wer immer der Mädchenräuber sein möge.

Sämtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause
verlangenden Festgäste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch
nichts von Räubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie
ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach
erleuchteten Gassen Salzburgs.

Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter
Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und
hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Roß, Wagen oder mit einer
Sänfte Auslaß begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten
Erklärungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre
Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein
furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte.



II.


Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten
Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig
festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die
höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom
Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich
zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in
Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.

Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu
Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen,
treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im
ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus
schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung.

Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung
unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen
Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und
geheimnisvoll gesprochen ward.

Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes
näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines
Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem
Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er
selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein
und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien,
die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu
vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand
der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte
kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche
Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar
an. „Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in
meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?“

Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand
ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem
Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not.

„Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde
einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!“ grollte der Fürst.

„Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer
warten, derweil stirbt mir der Mann!“

In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er
nach dem Begehr des armen Weibes.

„Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus
der fürstlichen Kuchel....“

„Ist jemand schwer krank bei dir?“

„Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!“

„Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?“

Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am
üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu
können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in
später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen
Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das
gemeine Volk.

Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus
augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe
verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte
sich der junge Fürst zum Kämmerer: „Du besorgst, was ich dir befohlen.
Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen
nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!“

Der Kämmerer wagte zu sagen: „Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und
schlecht der Weg hinan zum Berg!“

„Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten
Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke
Beine!“

Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen
schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute
Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte
des Elends.

Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster
noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet,
nach Luft und Fassung schnappend.

Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf
Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den
an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf
einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett,
gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.

Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich
die Arme zum Fürsten empor: „Habt Dank, o Herr, und helft in größter
Not!“

„Schrecklich!“ flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, „dieweilen man prasset
am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!“ Auf einen
Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die
inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein
Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht
ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie
Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse.

Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile,
frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte,
kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht.

Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur
für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er
einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt
ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen
Fürsten.

In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch
seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu
fragen begann: „Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?“

In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: „Es ging alles nach
Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst,
als alles längst vorüber und verschwunden war.“

„Und hier?“

„Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau,
bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt.“

„Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?“

„Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!“

„Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die
Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde
Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel
stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling
bis nach Kärnten.“

„Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?“

„Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein!
Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du
bewachst deren Thür selbst!“

„Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero
treuer Diener wird wachen und sorgen!“

Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war
unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder
Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre
dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte,
vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß
des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]:

  „Thuerhuetter.

  Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts
  auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer
  lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß
  personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte
  officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen
  sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem
  andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter
  anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen
  stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt
  einander vnderweilen abwexlen.“

Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten
gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der
Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem
Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige
Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren
denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu
unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den
Kämmerlingen gelassen werden dürfe.

Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde
hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist
ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde.

Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer
Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche
das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar
kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der
reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das
totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso
das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam
zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer
erfolgen könne.

Alt erwiderte barsch: „Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig,
dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich
augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!“

„Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des
gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts
zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und
Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir
befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!“

„Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte
noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die
Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es
kaum mehr werden!“

Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und
der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen.

Alt rief: „Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt
keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!“

„Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines
regierenden Fürsten!“

„Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht,
schlimmer denn wie im welschen Reich!“

Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das
Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles
Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. „In welchem
Betreff soll ich Euch melden?“ „Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter
schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne
stark und lang genug sei!“

Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren
Apartements.

Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen
Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: „Was
soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!“

„Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein
außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub — der Handelsherr Wilhelm Alt —“

„Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem
Maße aufgeregt?“

„Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe,
den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe
ermöglichet“

„Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es
war ja zu erwarten!“

Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich
erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte
er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts
vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.

Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende
Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich
nimmer meistern, heiser rief er: „Wo ist meine Tochter?“

Kühl erwiderte Wolf Dietrich: „Wie soll ich das wissen? Was ist
geschehen, was wollt Ihr von mir?“

Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf
klangen seine Worte: „Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener
Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!“

„Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem
Fürsten!“ rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg.

„Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und
wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt,
Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines
Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der
Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr
verhalten, Euer Eid lastet darauf!“

„Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan
gehört zu Füßen seines Herrn!“

„Helft mir zu meinem Kinde!“ flehte der angstgepeinigte Vater.

„Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!“

„Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind
fordere ich von Euch!“

„Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab,
das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte
Worte mehr vernehmen!“

„Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge
um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die
Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei
den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß
gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!“

„Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?“

Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: „Ihr wißt um Salome!
Es kann kein Zweifel sein!“

„Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die
erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der
Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner
Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des
längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des
Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen
Sippen!“

„Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem
seiner Priester!“

„Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!“

„Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge
trüben mir den Sinn!“

„Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!“

„Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu
meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt
wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der
Wirkung!“

„Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den
Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist
in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu
erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein
unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut
keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!“

„Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter,
rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!“

Wolf Dietrich flüsterte: „Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das
Bürgerpack!“

„Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an
Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch
zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!“

„Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der
Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem
aufgeblasenen Bürgerstolz?!“

„Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!“

„Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich
drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen
ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist
Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe
Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug'
gesehen!“

„Nicht gesehen!“ Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte
im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. „Nun werd' ich
irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre!
Fluch!“

Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf
Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des
Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum
Nächtigen dienten.

In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf
Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich
erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit
der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten
anzunehmen.

Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: „Eine Gefangene hat keinen
Willen!“

Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem
Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin
Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem
Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach:
„Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!“

Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des
Gemaches. „Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit
mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse
wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?“

Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen
Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des
Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: „Mit welchem Recht? Erlaubet
mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz
erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure
Gunst!“

„Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt!
Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr
verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!“

„Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz
verdammet!“

„Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr
gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem
schwergekränkten Vater!“

„Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie
sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch
auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung
Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch
zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue,
so er Euren Sinn verletzt!“

„Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und
Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!“

„Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich
verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei:
offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche
Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen
Worten!“

„Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin
bereit zu hören!“

„Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird
gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der
Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den
Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen
wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir!
Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß
südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu
Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung
für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele
dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt,
die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im
kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das
schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr
sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und
Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich
beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt
Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir
halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir
schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben
soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes!
Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht
und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf
Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens:
Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?“

Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome
in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte
den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch
schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein
Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend,
strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. „Es kann
nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich
schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!“

„Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort,
hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite,
seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein
stiftisch Land!“

Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine
Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin,
ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk,
reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg
groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu
handeln nach eigenen Gedanken! — „Es kann nicht sein!“

„Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?“
rief erregt der feurige Fürst.

„Es kann nicht sein, o Herr! — Euer Kleid —“

„Wie?“

„Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der
Geistlichen muß — unbeweibt verbleiben wie der höchste —!“

„Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im
Klerus meines Landes ungepönt gethan?!“

„So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben
Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine
verbotene Ehe?“

„Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech'
das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet'
ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!“

„Laßt mich zum Vater!“ rief erregt Salome.

„Solch' Antwort vermag ich nur als ‚nein‘ zu deuten, und niemals kehrt
Salome zu mir zurück!“

Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals
zum Fürsten und rief ihm zu: „Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um
Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur
ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!“

„Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der
Wiederkehr der — Fürstin!“

Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem
Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie
auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der
Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich
geraubte Mädchen völlig frei zu sehen.

Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung
in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu
Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei.

Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im
Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da
Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem
Jubelruf eilte sie in seine Arme. „Vater, lieber Vater!“

„Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!“

Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der
verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube
hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen
Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.

Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: „Ist dir kein Leids
geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen?
Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!“

„Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!“

„Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!“

„Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer
schlimmen That!“

„Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh'
die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er
soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!“

Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.

„Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder
unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden
meiner Tochter sonst so heller Verstand?“

Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt
forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte.

„Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein
Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn
verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der
ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine
Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein
furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei
meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir
gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend
giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn
dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet
bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in
Ehren sterben, als — ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich
lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!“

Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich
Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen.

„Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat
der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher
Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe
ihm und dir! Mein Fluch —“

„Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht
erscheinen lassen könnte!“

„Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?
Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters
Haft und Gewalt?“

„Ja, aber —“

„Ich brauch' dein ‚aber‘ nicht und weiß genug! Die Schande ist
eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste
Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach,
ich will meine Rache haben und mein —“

„Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt,
makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt
gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!“

„Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt
eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was
hat er sonst gesprochen?“

„Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich
mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei,
zurückzuweisen —“

„Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?“

Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: „Ich konnt'
die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur
Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben....“

Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones
rief Wilhelm Alt: „Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert
sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens
Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das
Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug
davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten,
wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein
zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat
dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich
aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht!
Niemals!“

Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb
Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem
Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt
das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? „Ich weiß es nicht!“ flüsterte
Salome, „ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf
geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den
ich zu gehen habe!“

Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie
nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die
Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah
sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als
Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung
fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des
Landes und Volkes, — und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das
Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört
seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor
Schmerzen.

Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee
herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt.
Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er
schien Salome meiden zu wollen.

Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht
zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber
wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein „nein“
den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag
abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der
Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die
Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in
beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten
Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn
gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden?

Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich
der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle
Gemach und rief: „Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?
Bist du hier?“

„Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!“

„Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der
Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren
dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem
Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome!
Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei
gelobt, daß wir dich wieder haben!“

Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und
geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als
Sitzplätze dienten.

„Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!“

Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick
und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof.

„Also doch!“ sprudelte es Frau Alt heraus.

„Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?“

„I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so
huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für
unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!“

„Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen
Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht
von Schande!“

„Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf!
Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder
sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's,
da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine
Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr
und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht,
mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst!
Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein
ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes!
Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom
könnten in Beziehung kommen!“

„Was kümmert mich der Papst!“

„Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser
und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!“

„Was wollt Ihr erleben?“ fragte ernannt das Mädchen.

„Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst?
Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte
sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!“

„Er kam am andern Morgen und — o Gott, das ist es ja, was mich so
unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!“

Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste
gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und
drang auf eine völlige, genaue Beichte.

Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme
auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome
erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen
und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu
erheben.

„O diese Ehre!“ stammelte in maßloser Überraschung die Muhme.

„Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!“

„Das faß' ich nicht!“

„Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist
empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden
an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort
sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!“

„Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es
genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig
ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht
verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig
genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach
eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht
gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch
dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun,
mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs
Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du
dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?“

„Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der
Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!“

„Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?“

„Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er
einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin
ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ‚nein‘ und weise des Fürsten
Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!“

„Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich
treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar
ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß
du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht,
verbanden?!“

„Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch
fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!“

„Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner
Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das
klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese
Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit
meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher!
Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes
Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen.“

„Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich
vor dem gestrengen Vater!“

Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu
reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen
beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker
auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse.

Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er
den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde.
Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das
eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen.

Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und
Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt
des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte
Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede
wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die
Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als
möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief
beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn,
und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von
der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward
der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der
Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in
eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.

Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im
Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung
in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder
verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und
Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und
Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den
nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig
zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den
Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und
sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied
zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser
Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle
Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne.

Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf
Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und
später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause
einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine
Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der
Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang
Weibergeschwätz kalt gelassen hat.

Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem
Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den
des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die
Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner
Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr
Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein
auswärtiges Kloster thun möge.

In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge,
weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die
Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der
Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein
Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft
eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung
des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu
auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn
Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.

Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete
lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine
Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit
dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach
dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins
fürstliche Palais zu verbringen sei.

Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes
kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach
Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde.
Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch
diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und
heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde
über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu
sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause
der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung.

Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin
schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine
Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit
kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an,
was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg
sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der
Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: „Ich komme
zu Hof, ich komme zu Hof!“

Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der
Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst
hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu
bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst
getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die
überglückliche Frau nicht sehen.

In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende
Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und
galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend
vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ.

Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge
Fürst: „Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir
neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende
Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein
fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so
ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des
hartköpfigen Pfefferkrämers?“

Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in
etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: „Euer
Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und
handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!“

„Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine
Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des
Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!“

Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer
Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung
auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung.

„Wie das? Was meint Ihr?“ fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich
und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher
gestützt hatte.

„Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!“

„O non, o non!“ wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des
Ausdruckes, „zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für
gewöhnlich konfiterieret!“

„Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur
demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich
glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was
hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas
erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero
unterthänigste Dienerin in Rom kostet!“

„Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?“

„Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit,
aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran
teilhaben, bloß ich allein!“

Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann
sprach der Fürst freundlich herablassend: „Sothaner Wunsch ehret Euch
und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige
Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?“

„Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es
ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der
Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher
selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in
Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere
schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im
stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für
Lebenszeit!“

„Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und
Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!“

„O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr
bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber
in fürstlichem Gewande!“

„Auch ich!“ hüstelte Wolf Dietrich belustigt.

„Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen
Rabenvater Mores zu lehren!“

„Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome
aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?“

„Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis
besser wird und trocken der Weg.“

„Und wohin?“

„Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an
Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten
und hinab ins Welschland!“

„Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?“

„Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe
Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit
wohl auf Erden geben!“

„Nein, gewiß nicht! Ein ‚undankbarer‘ Mensch, dieser Wilhelm Alt!“
sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu.
auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und
nebstbei bin auch ich geehrt,

[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen,
ist aber 1:1 aus dem Original übernommen]

„Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte
Fürstin ist!“

„Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!“

Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs
Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten,
was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere
Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein
Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame
und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten.

Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu
sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die
Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß
Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das
Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte.

„Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!“ zischte die vergrämte
Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in
den Füßen endlich das Heim erreichte.

Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das
Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte
mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den
Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs
beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen
wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch
war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit
Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber,
von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens
nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf
die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz
empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein
verbreitet sei.

Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte
sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt
gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters.

Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste,
daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte.
Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: „Ein Wagen soll Euch
morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe
ich's erfahren!“

„Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich
eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein
ganzes Leben!“

„Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!“

Geräuschlos entfernte sich die Magd.

Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill
um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem
Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das
Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer
Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit,
die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome
empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung
beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch
Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens
inniger, hingebender Dank dargebracht werden.

In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend
Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei,
mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu
bestellen.

Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur
Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den
Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem
strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen
wissen.

Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte
Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und
fortschaffen zu können.

Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das
Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach
und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am
Leibe trage.

„Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?“ fragte Klara.

Salome errötete und flüsterte: „Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst
wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!“

Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein
Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich
hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses
selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und
nach rückwärts giebt es keinen Ausweg.

Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk
dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es
lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten.

Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die
arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich
mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung,
wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten.

Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die
schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus
Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht
verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.

Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der
Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit
geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und
verschwanden um die erste Ecke.



III.


Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden
Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als
sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den
Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen
Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach
bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im
Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden.

Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des
gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des
Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste
thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen
Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt
von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten
zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen.

Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem
balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens
gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend,
urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen
Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an
fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in
einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ
zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen
Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal.
Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden
Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf
Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's
mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen
Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der
Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem
eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden
Gestalt Salomes ansichtig ward.

Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte
Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand
strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im
brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde.
Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene
Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb,
die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende
Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein
rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.

Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der
Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt
rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der
Ursache der Verstörtheit fragend.

Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen
wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe.

Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ
sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er
bei Salome. „Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer
Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht
und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!“

„Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich
verschreckte!“

„Ein Mahnen? Was sollt' es sein?“

„Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten
Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst
nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume....“

„Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!“ schmeichelte
der galante Fürst.

„Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur,
die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der
fördernden Hand —“

„Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer
Schlichtheit!“

„Doch niemals wird sie eine Edelrose!“

Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich:
„Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!“

Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens.

„Was ist dir nur, Geliebte?“

„Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das
Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!“

„Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles,
meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist
meines Daseins oberstes Gesetz!“

„Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie,
eine Edelrose wird es niemals werden!“

„Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an
meiner Seite einer Fürstin gleich —“

„Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine
Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn
ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!“

„Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich
will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als
Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames
Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!“

„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten,
aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch
meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten
Paar von Euren Unterthanen!“

Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur
Antwort leicht geöffneten Lippen.

Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des
schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen
Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen
Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im
Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges.

„Soll warten! Ich komme alsbald!“ erwiderte der Fürst, und geleitete
Salome in die Burg.

Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias
das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge
Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt
von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab.

Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen
Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem
Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an
priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere
Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit
in allen Dingen zu sein.

Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge
die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut
durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte
Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen
Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant
noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs
Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer
fassungslos und schluckte, er brachte nur das „salve“ heraus, alles
andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.

Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in
Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war,
wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen,
der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend
scharf rief: „Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei
und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit ‚salve‘
begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!“

Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer
keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und
höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete
sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen,
kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: „Mit gnädiger Verlaubnis!
Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß
Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten
Erzbischof!“

Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit
dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet
sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein
Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das
aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin
kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung:
„Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt — mit dem
schuldigen Gehorsam!“ Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu
entfernen.

Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an
Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.

Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte
das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein „Nun?“

„Euer erzbischöfliche Gnaden....“

„Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!“

„Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung
zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken
blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im
kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen....“

„Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und
Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?“

„Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten,
wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel.“

„Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon
geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis
höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche
Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!“

„Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren,
wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen
Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten
wurde.“

„Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?“

„In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein
gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer
davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela.
Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb
Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat
so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch
einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im
Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der
Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum
infamia, conjugatus est....“

„Wer ist das?“

„Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und
verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen
Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt
gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib,
hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die
unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr
Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem
Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand!
Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige
Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache
der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die
scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die
Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben
können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den
schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich
lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel
soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke,
zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum
Himmel schreien!“

Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte
innezuhalten und Atem zu schöpfen.

Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika
des Asketen: „Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet!
Den Mann will ich sprechen!“

„So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren
ein Exemplum?!“

„Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag,
das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!“

„Das Paar?“ fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.

„Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine
Meinung fassen über Mann und Weib!“

„Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines
Sprengels?“

„Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind
sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an
wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese
Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten,
nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade
Euch hiezu als Gast!“

„Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen
und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!“

Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam
unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand
des Fürsterzbischofes.

Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das
Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich
in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: „Conjugatus
est!“

Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche
Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf
Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg
Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige
der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge
zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der
hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk
und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das
Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde.

Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der
Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich,
der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief
verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.

Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham
über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete,
fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und
Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen
und der Mund weit offen stand.

Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert
und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der
Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der
rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch
die Schwester des Erzbischofes sei.

Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne
abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er
geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach
den verblüfften Pfarrer an: „Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade
gewähret, zu huldigen der — Fürstin!“

„I — ich —!“ schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten
Satz: „Ich glaub's gleich?!“ herauszubringen.

Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: „Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin
Salome, meines Lebens Sonne und Glück!“

Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte,
doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.

Der Pfarrer aber stotterte: „Fürstin? Ergo conjugatus est
archiepiscopus?“

Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck
des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung.

Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die
Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die
Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger
Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: „Haltet ein,
Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn
setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen
Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum,
nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für
alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch
zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges
Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund?
Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach
des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden,
geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der
höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum,
vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner
Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet
mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist
mit mir, Euch aber droht Verdammnis und — —“

Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.

„Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!“ rief gellend der fanatische
Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg
führten.

Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des
ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa
konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine
Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung.

Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen
Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler
ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener
Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der
Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den
Körper erbeben machte und nach Rache lechzte.

Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich
hieß barsch, jedermann abzuweisen.

„Es ist Domkapitular Graf Lamberg!“ wagte der Kämmerer schüchtern
einzuwenden.

„Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ'
ihn sogleich zu mir!“ Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die
Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch
gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die
aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der
Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz.

„Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!“ rief Wolf Dietrich und
schritt dem Kapitular entgegen.

„Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme
in dringlicher Angelegenheit!“

„Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg
kommt mir sehr gelegen!“

Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen
ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen,
besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im
Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen
ließ.

Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: „Lamberg, du kommst wie
gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht
schreite über einen Vermessenen!“

Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig
flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen.

Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich
umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler
Gewitternacht.

„Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu
gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!“

Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick
herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der
Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit
beruhigen wollte, und erwiderte: „Hochfürstliche Gnaden wollen in dem
tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des
Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des
hochwürdigsten Erzbischofs!“

„Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem
Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu
weisen?!“

„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches
Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die
Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß
in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten
Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde
erblickt im Wandel seines Bischofs.“

„Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?“ rief vorwurfsvoll
der Fürst.

„Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und
Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger
Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der
Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war
nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser
Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein.“

„So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen
lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!“

„Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten
fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer
Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam
juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach
Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann
vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer,
kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten,
dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen
Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten
Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde,
für Verbrechen wider die Kirche hält!“

„Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in
meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!“

„Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts
von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann
meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde
Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen....“

„Und den Erzbischof?“

„Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen,
so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit
einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!“

„So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?“

„Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur,
jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig
wirken beim Ausmaß der Strafe!“

Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte
durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: „Ja, so spricht
ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu
lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken,
wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert.“

„So ist es unerschütterlicher Wille?“

„Ja! Und — Dir will ich's anvertrauen — erst heute wieder bat meines
Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!“

„Nunquam!“

„Wie?“

„Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals
zu thun!“

„Perchè?“

„Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?“

„Ich bitte dich darum, mein Freund!“

„Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures
Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an
eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!“

Stolz erwiderte Wolf Dietrich: „Ich bin der Fürst und Herr des Landes!
Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem
Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio,
ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt!
Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die
größte, kann gestatten?“

„Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg
man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an:
Verzichtet auf das ehlich Band!“

„Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz
ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in
weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund
gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der
Papst — sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen
verstattet ist —?“

„Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären
nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der
Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie
beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom,
unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung
kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals
gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen!
Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des
Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr,
obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider
päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den
Verdacht des Luthertumes bringet?!“

„Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?“

„Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die
Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der
unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich
eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten,
achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt
an Bayern, Kaiser und Papst!“

Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des
vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn
der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: „Was kümmert
mich der Bayer, was der Kaiser!“

„Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und
ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An
Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über
des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten
können!“

„Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!“

„Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach
als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es,
zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!“

„Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber
sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?“

„Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die
Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!“

„Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!“

„Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!“

„Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und
manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst
büßen für die Wonne des profanen Lebens!“

„Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug
wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit! — Doch wenn Hochfürstliche
Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich
veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!“

„Was soll es sein?“

„Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich,
die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs
Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!“

„Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!“

„Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des
Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen
lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu
helfen.“

„Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt
sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer
zahlen soll, schreit immer! — Doch genug von solchen Dingen. Behagt es
dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum
Abendbrot sehen wir uns wieder.“ Launig fügte Wolf Dietrich bei: „Graf
Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem
Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner — Fürstin?“

„Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane
Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die
Honneur bezeigen zu dürfen!“

„Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir,
Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft
verständigen!“

Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald
holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen
Burg anzuweisen.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte
Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar,
die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich,
hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer
Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte
und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch
der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem
Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen
Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters
Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem
Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom
hochwürdigsten Erzbischof.

Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen
Geistlichen gemahnende Gestalt. „Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur
Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?“

Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge
herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen.

„Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird
unten im Dorf gereicht!“ rief grob der Vogt.

„Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist
mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!“

„Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und
hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich
mache Euch Beine!“

Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand
gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem
Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung
gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares,
insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen
Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf
das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: „Vogt!
Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube;
der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!“

Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und
erwiderte unterwürfig: „Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat,
sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug
darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!“

Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild
die Frage: „Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?“

Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: „I freilich,
schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der
Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr
Erzbischof von uns will?“

„Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und
vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch
erquicken!“

„I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch
lohnen dereinst an Euren Kindern!“

„Pst, pst!“ mahnte der Kurat.

„I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid
Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so
schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang!
Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd'
und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber
und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!“

Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte
Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;
Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken.

Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und
murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: „Gott vergelt'
Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und
Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr'
und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!“

„Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!“ lispelte die Greisin und
nippte dann vom goldigklaren Wein.

„Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr
nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!“ sprach Salome,
der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk
zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster
in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des
Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome,
dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen
Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig
machen.

„O,“ meinte die Greisin, „fertig sind wir allzeit, da giebt's kein
Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist
Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein
gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O,
das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!“

„Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!“ lächelte Salome.

Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite,
um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter
einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das
Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: „Ei, Salome und in
Gesellschaft?“

„Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom
beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh'
vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese
Stube wir geraten!“

„Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so
wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!“

Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich
bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der
sogleich verschwand.

Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den
ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: „Wie lang seid Ihr
schon Priester?“

„Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit
zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd'
ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der
Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr.“

„Vierzig Jahre in der Einöd'!“ sprach mit besonderer Betonung Wolf
Dietrich und nickte Salome zu.

Voreilig meinte die Greisin: „In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen
die Jährlein wie der Bergbach geschwind!“

Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: „Verzeihet, Hochwürdigste
Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt',
nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!“

„Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von
Cölibat und päpstlicher Verordnung?“

Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig,
zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß
damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen
Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß
genommen habe an der Priesterehe.

„Beklagenswerte Zustände im Landklerus!“ sprach Kapitular Graf Lamberg.

Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich
regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome
bewegen mochte.

Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen:
„Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem
Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen
in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit
hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von
Priesters Hand!“ Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein
plapperte eilig: „I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich
lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle
Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der
schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was
hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund,
ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch
und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen
und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein
harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder
heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der
jeglicher Pflege bedarf, — kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen
mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib
nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott
gegeben vor dem heiligen Altar?“

Wolf Dietrich nahm das Wort: „Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein
Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen
ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört
zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht
und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!“

Angstvoll rief Salome: „Gnädiger Herr!“

Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte:
„Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben
greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich
gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet!
Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten
Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!“

Graf Lamberg wollte mahnen: „Exempla trahunt!“

Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: „Das mag im allgemeinen gelten,
und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will
mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der
Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in
seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem
ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim
mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll
lassen Euch in Ruhe!“

Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in
innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf
die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte.

Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: „Hab' ich's nach
Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum
Küchenmeister!“

„O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!“ lispelte erglühend Salome
und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube.

Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine
Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu
leisten. „Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von
Salzburgs Stift und Dom?“

„So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu
sagen, zu schweigen und zu gehorchen!“

„Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im
Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch
möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab'
gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von
meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt
mein Freund?“

„Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!“

„Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern.
Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?“

„Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb'
und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger
dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger
so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll
Ordnung werden im Erzstift!“

„Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher
Einsicht!“

„Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden
ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch
gegen....“

„Du meinst Salome!“ sprach hastig Wolf Dietrich. „Du bist klug und weit
reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit
stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger
Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar
verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden!
Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit
einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!“

„Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag
paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen
Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!“

Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ
sich völlig tiefem Sinnen.

Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der
schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des
genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der
schönen Salome.



IV.


In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da
der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die
bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im
Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese
steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu
begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen
finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton
dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die
Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst
den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal
bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung
gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen
überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur
veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu
beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten
die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften
Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den „Saufteufel“. Es
konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen
nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die
Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein
hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat
faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur
Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen
wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst
gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig
erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im
eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung
jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die
Hofkammer abgeliefert werden.

Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die
Weinsteuer „für ewige Zeiten“ Geltung haben solle, brachte das Blut auch
der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur
Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel
treffen, und das machte die Landschaft rebellisch.

Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den
Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ.

Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren
verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute
der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände
gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen.

So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und
Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den
Beschwerdeweg beschritten.

Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als
durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte
Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu
verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte.

Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und
Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu
treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch
berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu
gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die
Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich
stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch
einige Erholung zu gönnen.

Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines
raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr
losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog.

Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich
vorgelassen.

Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in
Händen und rief dem Freunde zu: „Komm nur schnell heran, setze dich zu
mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe
ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie
wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in
einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn
aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!“

Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: „Auf welche
Privilegien beruft man sich?“

„Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!“

„Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den
früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst
eingebüßt haben.“

„Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im
Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von
den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten
gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen
eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!“

Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung.

„Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs
nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer
sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist
der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist
perpetuell, — so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die
Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen.“

„Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!“

Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: „So
werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat
der Mauten und Zölle!“

Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er
eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: „Du
hast Bedenken? Sprich, Lamberg!“

„Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte
Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise.“

„Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil!
Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!“

Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: „Die Zeit ist schlimm, die
Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender
Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und
weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen
Fürsten....“

„Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!“

„Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst!
Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten!
Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen
wollen und zum Wanken bringen?!“

„So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die
Rebellen in den Sand!“

„Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom
Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als
treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in
bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen.“

„Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet,
ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir
brauchen Geld!“

„Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein
partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst
empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch
gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern.“

„Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der
Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes
Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil
nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!“

„Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher
Hinsicht von Segen begleitet finden.“

„Wie meinst du das, Freund Lamberg?“

„Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß
gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und
Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages
durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und
unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält
vor — Auswanderung!“

Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im
Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und
gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: „Niemals
ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu
zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!“

„Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und
Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der
Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion
zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert.“

„Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!“ warf Wolf Dietrich
ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: „Traurig genug, daß der
regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach
meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!“

„Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege
einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu
einer Auflösung raten!“

„Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung
können sie warten bis — in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!“

Überrascht fragte Lamberg: „Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere
Bauten?“

„Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich
später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim
schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch
noch einzufordern —!“

„Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?“ fragte
Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau
kannte.

„Sprich, Freund!“

„Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in
Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei
bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von
Küenburg noch nicht bezahlt ist....“

„Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst
muß darben! — Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf
berechtigten Weihsteuer?“

„Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück
Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses
allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen,
an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande,
neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer
müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und
Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber
erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen
allenthalben!“

Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für
das ehrlich offene Wort. „Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen!
Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich
begrüßen zu können!“

Ausweichend erwiderte Lamberg: „Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten,
möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen,
um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!“

„Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und
haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung.
Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg
meiner Salome Gesellschaft leisten!“ Dies sprechend gab der Fürst ein
Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der
Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. „Auf Wiedersehen, Graf, bei
Tisch!“

Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das
fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der
Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern
als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf
Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche
vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten
aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre
machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete
dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom
Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen
Originals zu sein schien.

Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst
vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei.

Lamberg erwiderte kühl: „Ich kenne das Original zu Rom!“

„Das wäre etwas für die Salzburger, welche glauben, im Palazzo eines
Erzbischofes dürfen nur Heiligenbilder sein!“ meinte der Kämmerling.

„Es wird ausschließlich eigene Angelegenheit des durchlauchtigen
Fürsten sein, den Palast nach Gutdünken auszuschmücken!“ sprach
abwehrend Graf Lamberg und schritt weiter, um sodann in einem luxuriös
ausgeschmückten Gemache des Bescheides zum Empfang zu harren, indes der
Kämmerling sich behufs Meldung zur Kammerfrau Salomes begab.

Lamberg, der viel in Rom gewesen und in vornehmen Häusern verkehrt
hatte, wunderte sich über die kostbare Ausstattung der fürstlichen
Gemächer keineswegs, da selbe welschem Geschmack und italienischer
Prachtliebe entsprach; aber der Kapitular brachte den Luxus in
Zusammenhang mit der eben gehörten Klage des Fürsten über den
herrschenden Geldmangel, und in diesem Sinne war die Ursache der
Kassenleere unschwer zu erraten. Lambergs Gedanken bewegten sich denn
auch in dieser Richtung und führten zu Bedenken schwerer Art für die
Zukunft. So kurze Zeit der Fürst regiert, er ist bereits auf
gefährlichem Wege, und seine Liaison mit der Kaufmannstochter wird
sicher noch zu den ärgerlichsten Folgen führen. Daß Rom daran noch
keinen Anstoß genommen, vermag sich Lamberg nur aus der kurzen Spanne
Zeit seit Entrierung dieses Verhältnisses sowie aus dem Umstand zu
erklären, daß der Nuntius bislang nicht in Salzburg gewesen ist. Einen
guten Ausgang kann aber diese Liaison nimmer nehmen, darüber ist sich
Lamberg klar und deshalb entschlossen, nach Möglichkeit wenigstens eine
wirkliche Ehe zu verhindern und damit den drohenden baldigen Sturz des
Freundes.

In diesen Gedanken versunken war Lamberg tiefernst geworden und
schreckte fast zusammen, als der Kämmerling meldete, daß die Gebieterin
bereit sei, den Grafen zu empfangen.

Lamberg zwang sich zu höfischen Formen und scheuchte die ernsten
Gedanken hinweg. Ganz Höfling und mit lächelnder Miene trat er in das
mit fürstlichem Prunk ausgestattete Empfangsgemach, in welchem Salome
auf einem goldgestickten Tabouret mit einer Perlenarbeit beschäftigt
saß. In blaue Seide gekleidet, sah die Favoritin im Goldschmuck ihres
blonden Haares wahrhaft entzückend aus, und Lamberg mußte den Fürsten in
diesem Augenblick wirklich entschuldigen.

Salome hatte den eintretenden Kapitular mit schnellem, forschendem Blick
gemustert, dann aber sprach sie lächelnd: „Willkommen, Graf, in meinem
Reich!“ und lud durch eine Geste den Besucher ein, an ihrer Seite Platz
zu nehmen.

Nach tiefer Reverenzerweisung folgte Lamberg dieser Einladung und
erwiderte: „Seine Hochfürstliche Gnaden haben mich zur Tafel befohlen
und mir aufgetragen, vorher in diesen Räumen meine submisseste
Aufwartung zu machen!“

Salome hatte augenblicklich die Situation erfaßt und schnell sprach sie:
„So kommt Graf Lamberg nicht freiwillig, gehorcht lediglich einem Befehl
des gnädigen Fürsten?!“

„Gewiß!“ klang es trocken, doch fügte der Kapitular sogleich hinzu: „Wie
sollte auch ein schlichter Unterthan zur hohen Gnade eines Empfanges
ohne Befehl gelangen!“

„Graf Lamberg darf doch wohl stets freundlichen Empfanges gewärtig
sein!“

Sich dankend verbeugend sprach der Kapitular: „Ich kann nur heißen Dank
für die wohlwollende Gesinnung zu Füßen legen der ebenso schönen als
guten gnädigen Frau!“

„Frau?! Ihr wißt so gut wie ich, daß keinen Anspruch ich genieße auf
dieses Ehrenwort, und offen sei's gesagt: Ich leide schwer unter
sothanem Mangel der Legitimität!“

„Gnädige Gebieterin leiden zu wissen, berührt schmerzlich Dero
unterthänigsten Diener!“

„Wenn Ihr heget Mitgefühl, so leiht Euren Arm, weihet mir Eures Geistes
Kraft, helft mir erreichen das ersehnte Ziel!“

„Ihr überschätzet wohl im heißen Drange meine schwache Kraft, gnädige
Gebieterin! Wie sollt' ein Unterthan vermögen des hohen Herrn Pläne zu
beeinflussen?!“

„Graf Lamberg ist des Fürsten Freund und gewichtig jedes Wort! Warum nur
will Graf Lamberg nicht sein auch meines Wesens warmfühlender Freund?“

Der Kapitular richtete blitzschnell einen forschenden Blick auf Salome,
senkte dann wieder die Lider und sprach leise: „Was könnt' meine
Freundschaft Euch auch nützen?!“

„Mein Ohr vernimmt das ‚Nein‘, so warm auch klingt der Ton der leise
abwehrenden Rede!“

„Nicht doch, gnädige Gebieterin!“

Salome richtete sich auf, fest im Ton sprach sie: „Ihr wollet nicht, ich
ahnt' es längst! Mir sagt mein Herz, Graf Lamberg ist der Feind des
legitimen Bundes!“

Jetzt gab auch der Kapitular in der Erkenntnis, durchschaut zu sein, das
Spiel mit Ausflüchten auf, trocken erwiderte er: „Streng und scharf
umzogen ist der Bereich meines Wirkens! Spräch' ich im Amte, mißbilligen
müßt' ich jeglichen Bund im Sinne kirchlicher Gesetze. Unmöglich ist
jedoch die Legitimität, die Strafe Roms wird folgen rasch solch
verhängnisvollem Schritt!“

Höhnisch klangen der Favoritin Worte: „Die Strafe Roms! Wie straft Rom
wohl einen Marx Sittich und sein unkirchlich Leben?“

Erstaunt, völlig überrascht rief Lamberg: „Ihr wißt davon?!“

„Jawohl! Warum nahm des Papstes Heiligkeit keinen Anstoß an der Ehe des
verwandten Kardinals? Entspricht der tolle Lebenswandel seines Sohnes
Robert und der Tochter Althäa den Gesetzen, die auch für einen Kardinal
gelten müssen?“

„Marx Sittich ward Vater, ehe der Kardinalspurpur ihn bekleidete! Und
Rom ist nicht Salzburg!“

„Ausflüchte, weiter nichts! Was bei dem einen nicht strafbar ist, kann
beim anderen zum mindesten geduldet werden! Und Wolf Dietrich kann das
pater noster lateinisch beten! Kann das der Kardinal auch?“

„Das wißt Ihr auch?“ stammelte in maßloser Überraschung über solche
intime Kenntnis römischer Verhältnisse Graf Lamberg.

„Nimmt Euch das Wunder?“

„Wenn ich denke an das Unmögliche: ja!“

„Was soll unmöglich sein?“

„Unmöglich ist, daß der gnädige Fürst solche Informationen selbst
gegeben!“

„Meint Ihr?! Schlimm wäre es, sähe der Fürst in mir nicht auch die
vertraute Freundin, mit der man alles bespricht. In diesem Teile hat
eingelöst der Fürst sein Wort: zu teilen Thron und Leben mit mir! — Ihr
möget viel von Politik mit dem Gebieter reden und geben manchen
Ratschlag, eine Instanz steht dennoch über Eurer Pläne feingesponnenes
Gewebe....“

„So existieret das Faktum eines Konseils in Seidenrocken?! Das wußt' ich
wahrlich nicht!“

„Nun wisset Ihr's! Und Eure Wissenschaft will ergänzen ich: Seid Ihr
fürder nicht für mich und den ersehnten legitimen Bund, so seid Ihr
nicht Freund, seid Ihr ein Feind, und gegen Feinde werd' ich mich zu
wehren wissen!“

„Ich bin nichts weiter als der treuergebene Diener meines gnädigen Herrn
und habe dessen höchstes Wohl und dessen Thrones Sicherheit zu fördern
bis zu meinem dereinstigen Ende!“

„Für des Fürsten Wohl laßt mich nur sorgen! Und seines Thrones
Sicherheit weiß Wolf Dietrich wahrlich selbst zu schützen!“

Jetzt zuckte Lamberg die Achseln und spöttisch sagte er: „In diesen
Zeiten drohender Rebellion im Erzstift wird Frauenpolitik kaum Ruhe
schaffen!“

Ein diskretes Klopfen an der Thüre veranlaßte die sofortige
Unterbrechung des Gespräches, die auf Geheiß Salomes eintretende
Kammerfrau meldete das Nahen des Fürsten und zog sich dann diskret
zurück.

Leise sprach Salome: „Wie will Graf Lamberg es nun halten?“ und erhob
sich von dem Sitze.

Gewandt, aalglatt erwiderte der Kapitular: „Die gnädige Gebieterin wolle
verfügen über mich!“

„Gut denn, kommt des öfteren als Freund!“

Der Eintritt Wolf Dietrichs überhob Lamberg einer Antwort. Man plauderte
noch ein Weilchen, dann reichte der Fürst Salome den Arm und geleitete
die Dame seines Herzens, gefolgt von Lamberg, in den Speisesaal, in
welchem Höflinge und einige zur Tafel geladene Patrizier bereits
harrten.



V.


Der Hausfaktor im Kaufhause Wilhelm Alts trat schlürfenden Schrittes,
ängstlich besorgt, jeglichen Lärm zu vermeiden, in das Gemach, in
welchem der Handelsherr auf seinem Lager ruhte, und meldete, als Alt den
faltenreichen Kopf nach dem Eintretenden drehte, mit halblauten Worten,
daß der Ratsherr Puchner zu Besuch gekommen sei.

Das vergrämte Antlitz des Kaufherrn erhellte sich für einen Augenblick,
doch Alts Stimme klang wie immer hart, als der Unbeugsame, welcher
infolge der aufregenden Flucht der vielgeliebten Tochter kränkelte, dem
Faktor zurief: „Laß ihn herein und hindere jegliche Störung!“

In Erwartung des Besuches blieb Alt halbaufgerichtet im Bette sitzen,
ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Gemach und huschte über Alts Gestalt,
um rasch wieder zu verschwinden.

Leise trat Peter Puchner ein und drückte die Thür sanft ins Schloß.

„Ei, Freund Puchner! Nur nicht so ängstlich! So schlimm steht es noch
nicht um mich, daß ein kleines Geräusch mich schon von dannen bringen
mag! Willkommen, Puchner!“

„Gott zum Gruß, Freund Alt!“

„Nimm einen Stuhl und setz' dich zu mir ans Lager! Ich kann nicht auf,
zu schwach sind geworden die Füße! Der Alt ist alt geworden baß, ich
kann's nicht länger leugnen!“

Puchner saß an der Bettlade und wehrte ab: „Sag' doch dergleichen nicht!
Freund Willem, die trutzige Wetterfichte, die trotzt noch manchem
Sturm!“

„Nein, nein! Hab' an dem einen Sturm just genug! Doch davon soll die
Red' nicht sein! Was ist dein Begehr, Puchner? Kommst du in Heimgart
oder hast ein Geschäft im Aug'?“

„Nicht von Geschäft soll die Rede sein, wasmaßen ja alles darnieder
liegt in dieser trostlosen Zeit, die uns das Wasser wird gar schwer auch
noch versteuern. Nein, Willem! Nachschauen bei dir wollt' ich und
fragen, wie es dir ergeht; hab' dich seit Monden nicht gesehen. Ist
nimmer allzufrüh, daß der Freund kommt fragen!“

„Hab' Dank, Puchner! Es muß ertragen werden! Komm' ich nur wieder auf
die Füße, mit dem Saldo räum' ich auf!“

„Bist immer unversöhnlich noch, Freund Alt?“

Ein schrilles Lachen kam von des Kaufherrn höhnisch aufgezogenen Lippen:
„Unversöhnlich? Ja! Niemals kann verzeihen ich den Schritt, der die
Ehr', mein Leben hat geschändet und vergiftet! Rache will ich haben,
Rache, das ist meines Lebens einziges Ziel!“

„Bleib' ruhig, Freund! Und nehm's nicht gar zu schwer!“

„Ha! Du redest wie der Blinde von der Farb'! Wärst du in meiner Lage,
ich denk', Taubenblut flöss' nicht in deinen Adern und dein alter Kopf
würd' sinnen auf Rache und Vergeltung!“

Puchner seufzte und schwieg.

„Nichts weiter davon! Kommen wird der Tag und getreulich will als
Kaufmann ich die Rechnung stellen! Genug! — Was ist in der Landschaft
wohl des Neuen verhandelt worden?“

„Heut war Sitzung, die stürmisch arg verlaufen. Die Stifter wie die
Gestrengen aus der Adelssippe, die wetterten nicht wenig, daß zahlen sie
sollen gleich dem Bürgersmann.“

„Das will ich gerne glauben! Was der Fürst bis jetzt gethan, dies
Steuermandat ist das einzig', was der Gerechtigkeit entspricht!“

„Dem Erzbischof wird's Kampf genug noch kosten!“

„Warum soll der nicht auch den Ernst des Lebens spüren!“

„Er spürt das, glaub' ich, längst; doch versteht er's wahrlich, nicht
übergroß werden zu lassen die Last der Sorgen. — Die Landschaft hat
zugestimmt.“

„Wirklich? Wie ist mir doch? Ich vermeine, es hieß, die Steuer sollte
gelten ‚für ewige Zeiten‘? Hat solche Fußangel keiner gesehen, die
Schlinge um den Hals nicht gefühlt?“

„Doch! Mehr als einer sprach sein Bedenken aus; aber es fehlte nicht an
Stimmen, die zur Annahme rieten, weil mehr und Höheres zu gewinnen sei,
so man jetzund ist dem Fürsten zu Willen.“

„Mit dem Strick um den Hals kann man nicht König werden!“

„Das ist wohl richtig. Aber des Fürsten Freund, der Domherr Graf von
Lamberg, hat vertraulich wichtige Kunde werden lassen dem Ausschuß!“

„Trau einer diesem list'gen Fuchs!“

„An gutem Willen mag es dem Domherrn wohl nicht fehlen. Lamberg ließ uns
wissen, daß die Annahme des Hauptmandates mit sich bringe den Nachlaß
der Handelssteuer um ein Dritteil.“

„Und das habt Ihr frischweg geglaubt?“

„Die Kaufmannschaft stimmte zu, der Vorteil ist handgreiflich.“

„O Einfalt! Einem Wolf Dietrich trauen, es ist unsäglich dumm!“

„So schlimm, als man ihn ausschreit, ist er nicht; gar manchen schönen
Zug erzählt man sich von ihm. Wird er erst älter sein, gereifter, er
wird noch gut und recht für unser Land, es steckt Gutes in ihm, ich
glaub' es selber!“

„Puchner, mir bangt um dich!“

„Aus dir spricht nur der Haß und Zorn. Hast überwunden einmal die
bittere Zeit, wirst auch Lobenswertes finden du am Fürsten, der Großes
will und Edelmann ist jeder Zoll.“

„So kann's nicht fehlen: Lobt der Bürger den Edelmann, hat der Adel das
Recht, den Dummen die Haut über den Kopf zu ziehen.“

„Derweil will für dumm ich gelten, ich hab' gute Hoffnung auf den
Fürsten! Bin ich recht berichtet, will erklärlich mir erscheinen die
Hast in den Mandaten.“

„Wie meint Freund Puchner?“

„Der Fürst ist schlecht bei Cassa!“

„Bravo, Alter! Erst sinnlos wirtschaften, das Geld mit vollen Händen
wegwerfen, prunken und prassen, und nun die Kassen leer, preßt der
Schlemmer das Volk aus wie Limonien, und eines Volkes weise Landschaft
findet das in schönster Ordnung. Puchner, ich rate dir, melde dich beim
Kaiser, der macht dich zum Reichspfennigmeister. Zacharias Geizkofler
ist zwar erst jung im Amt und tüchtig, hat sein Geschäft gut erlernt bei
den Fuggern zu Augsburg, du aber bist selbst diesem Manne über. Wenn der
Kaiser kein Geld hat, lobt ihn der Puchner und findet erklärlich jedes
Geld erpressende Mandat! Alle Achtung, Puchner!“

„Spott' nur zu, Willem! Wer auf dem Geldsack sitzt, hat leicht
Sparsamkeit predigen. Des Lebens Not hat Willem Alt nie gelernet kennen.
Was weißt du, wie zu Mute sein mag einem Fürsten ohne Mittel?!“

„Dann hätt' er sich nicht lassen sollen wählen!“

„Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu
streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich
wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt....“

„Den find' ich auf Erden nimmer! — Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner,
und komm' bald wieder!“

Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte;
Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem
Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden
Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand
jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der
Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen
über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung,
über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches
Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf
Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe.
Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter
beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der
höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit
Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren,
daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden
Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre
bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen
einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen.



VI.


Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in
weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die
wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es
ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der
Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur
der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des
Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei
Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die
Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die
Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu
finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert
werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches
mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich
zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche
Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein.
Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne
Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem
Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein
stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den
Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner
und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und
Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.

Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es
schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die
Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen
und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.

Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an
Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg
über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen
Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her
wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum
Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des
Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die
gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der
Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die
Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen
durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im
letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den
vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der
Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das
Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der
Nebelschleier stark verdichtet.

Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und
die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines
Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der
Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen
Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden
Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der
Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit
totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe.
Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben
diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten
Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung
einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu
erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und
schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte,
erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe
noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der
Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.

Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und
den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu
überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.

Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten,
behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt
werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das
reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem
Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick
der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere
Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die
nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist
unvollendet geblieben.

Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht
verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen,
milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe.

Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein
gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige
Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“

Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde
Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“

Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten
Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.

„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs
danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte
Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt
mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz,
geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,
bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe
Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“

„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern
gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher
betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl
Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen
und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des
Weibes!“

„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz
mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich
nicht klären —“

„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“

„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den
Weg bis zur schweren Stunde!“

Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun
flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief
durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih',
Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo
wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem
Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann
nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach
Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“

Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich.

„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich
geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund
vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und
stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“

Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf.

„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste
mit dem roten Hut —“

„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin.

Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,
doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich
stelle gegen meine Promotion.“

„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“

„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich
dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern
wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier
fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser
Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug
davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei
gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu
gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines
Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!
Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich
mir, bist Gattin mir und —“

„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt
sich nicht wird zu erfreuen haben!“

„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit
Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,
so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“

Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige
Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache
ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und
verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend
zurückblieb.

Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden
war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte,
Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den
Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten
möchten.

Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus
nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das
bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf
Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers
Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“

Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für
deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen.

So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät
abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach
Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“

Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre
Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf
fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten
Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so
namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie
immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten.

Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde
von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher
Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd
den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter
Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch
hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr
versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller
Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden
wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum
Klagen brachten.

Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des
Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste
Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach
Landsknechtbrauch.

Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen
erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in
Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der
schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut
geschlagen hatte.

An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer
von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von
fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.
Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern
war.

Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten
Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns
Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich
geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem
Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,
liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen
solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen
Fürsten!“

Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht.

Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort
verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe
seine Hand auf!“

Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände
auf.

Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter
Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und
Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig
gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf
bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße.

Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne,
brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von
der Stirne lief, kein Wort hervor.

Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und
ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum
Schluß um Gnade.

Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit
dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und
laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere
Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das
Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche
Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten
Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines
jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein
wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen
zusteht.“

In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den
beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger
weißbekrustete.

„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief
der Feldwebel.

Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein
sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig
Knechte zur Beratung beizugeben.

„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und
bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit
Besprechung untereinander pflogen.

Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals
einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.

Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten.
Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder
geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann,
der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes
„Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die
Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte
Hand!“

Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen
Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder
zu einigem Ansehen zu gelangen.

Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist
schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein
Fähnrich nach Brauch!“

Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die
Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die
Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.

Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches
und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach
innen gefällter Fahne verschlossen.

Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter
Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse
gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein
eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und
der den sicheren Tod bringen muß.

„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den
Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes
des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte
und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den
Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.

Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und
fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“

Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße,
ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der
Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot
aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein
Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das
Leben entflohen ist.

„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel.

Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen.
Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von
tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.

Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal
Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen
abschossen.

Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.



VII.


Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die
Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen,
es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die
Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe.
Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus
eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates,
sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus
der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So
mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe
anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung
ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite
debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse
Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der
Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die
eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit
leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels
durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den
Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn
völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen
scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren,
auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr
aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen
Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der
Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja
und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr
bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der
Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn
müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft
werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine
neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.

Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“
zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste
Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle
der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das
aus eigenem Säckel bestreiten.

Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte
und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der
praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt
überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf
Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen
Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst
möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus
unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im
Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene
Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich
hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige
Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen
war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch
auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden
einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus
Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei
seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen,
sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg
sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister
eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich
schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den
Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.

Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die
Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien
schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und
vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der
Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die
vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus
der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde
sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen
können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der
Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem
Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen,
daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“

Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche
Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal
geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt
sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in
passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer
Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er
kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden
Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie
hätt' es nicht geglaubt....“

„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte.

„Ich hätt's nicht geglaubt!“

„Was?“

„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's
eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich....“

Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer.

„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede!
Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben....“
stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister.

„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch,
deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten
Herrn!“

„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den
schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und
derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen
die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank
dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und
Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“

„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet,
daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“

„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die
Gab' der Rede nicht beschieden!“

Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte
sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen.

Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen
einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer
erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.

Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten,
Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im
Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge,
wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und
Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten.

Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der
Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur
die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl
gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen
von den Armen.

Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur
Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde
gleich vorgelassen.

Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf
Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale
entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten.

Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch
raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und
ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein,
ich komme nicht...!“

„Wie meint der Bürgermeister?“

„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!
Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und
Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und
Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen
für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“

„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des
Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset.
Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in
solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in
der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich
der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben.
Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich
nicht überlaufen werden!“

„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen
wirst!“ plapperte Alt heraus.

Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der
Fürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner
Meinung schuld an bemeldter Teuerung?“

„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die
Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“

„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher
hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir
erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores
lehren.“

„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker
rebellisch machen!“

„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den
Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten
Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“

Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das
Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand
plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem
Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten
Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen
hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel
teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht
erzwingen ohne Gewichtsverringerung.

„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“

„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“

Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den
letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug
davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den
Unterthanen!“

Damit war der Bürgermeister entlassen.

Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher
einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger
befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch
der Kapitular weilte auswärts.

Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da
niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf
Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und
fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner
ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung
vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr.
Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten,
welche die Ritterzehrung verursache.

Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine
Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß
eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert
Gulden vierundzwanzig Kreuzer.

Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die
Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit,
neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs
Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei
Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der
Finanzgewaltige im Rate nicht aus.

Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:
„Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf
Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein
Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe
empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“

Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „Euer
Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“

Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei
war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein
dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im
salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger
wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese
Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte
er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen
bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe,
den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der
Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger,
daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas
gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das
gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem
einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte,
eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen.

Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der
fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für
Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt
werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse
Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang
einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten
Almosenschatulle[9], beinahe leer.

Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die
Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen,
Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue
Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon
graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten
Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen
Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das
„Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder
Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes
an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu
warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten
eingeholt.

Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in
höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die
remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die
Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.

Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand
er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und
Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also
fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der
Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen
werden!

Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide
gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die
Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.

Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens
als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was
an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die
Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld
wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache.

Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die
Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der
wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig
gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die
Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu
verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des
Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer
schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land
hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im
Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der
lutherischen Seite war.

Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den
Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der
Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern
nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie
die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger
hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die
Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das
heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf
Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen
und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen.

Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die
Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken,
die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel
ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.

       *       *       *       *       *

Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner
Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und
Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell
auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie
betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen
Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung
der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten
höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof
kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller
Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in
dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer
schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige
Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er
war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen
hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und
Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft
gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt
dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines
viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne
ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht
Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in
Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern
brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung
that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen.

Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf
seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten
Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun
hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte
Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die
Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“

Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise
Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag
abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein,
denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich
schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter
erreichten.

Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles
hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen
Schluck vorher!“

Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut
ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut
not!“

„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg
flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein
Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall.

Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre
Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz
richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen
Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer
ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und
schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht
über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt
das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der
Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof
hören!“

Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf
standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es
ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen
ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die
Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen
verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht
erschwingen!“

„So ist es!“ riefen die erregten Bauern.

Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen
supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten
Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen,
sonst ist's g'fehlt!“

Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau
erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch
nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden
bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja
ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden.
Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“

Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum
Fürsten!“

Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der Herr
Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,
und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.
Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“

Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut!
Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind
verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es
kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht
in unser Gericht!“

Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach'
ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!
Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller
Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“

„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns
selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns
supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann
merken!“

Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht
dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen,
wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch
gehalten werden!“

„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht,
den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der
Steuerteufel nicht verkümmern!“

In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht das
Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“

Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches
Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch
andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit
erklärt hätten.

Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung
der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr
sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der
leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden
pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich
will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur
demütigen Supplikation geraten!“

Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt
uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission
durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“

Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft
akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“

Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen
und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte,
die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an
der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der
Steuerkommission.

Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte
Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das
Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und
Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und
steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger
muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein
Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu
dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern
gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht
widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist
unser Herr!“

Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein
geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit
Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“

„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten.

In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es
so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem
Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis
erhält.

Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie
durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen
Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben
könne.

Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist
im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“

„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen,
Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln
Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“

Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und
fluchend.

Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach,
das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.

Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit
zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung
vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse,
erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich,
weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten,
gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von
den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten
das Leben kosten kann.

Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß,
das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in
Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel
nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von
einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die
Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist
vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.

In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill
zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte
diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in
Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte
erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen
hat.

Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten
Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten
Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants
Kaiser vorfand.

Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem
Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach
gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die
Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern
rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An
150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des
Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau
gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller
Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun
erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht
zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft
dauern werde.

Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der
Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska
erfüllte ihn mit Angst.

In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der
Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.

Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur
rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der
Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte
begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich
Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche
Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle
Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und
von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald
von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die
eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr
schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben
an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben
schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens
abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche
Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit
fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein
anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von
achtzig Gulden versprochen sein.

In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für
Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung
erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl,
die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden
und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.

Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter
zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen.

Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der
Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.

Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht,
hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die
Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus
abgeliefert werden.

Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der
größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben
für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod
durch das Schwert.

Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf
Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant
seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab
und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise
Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung
Hohensalzburg.

Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in
einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen:

  „Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.
  Juli ist besonderes nichts vorgekommen.

  Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg
  Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse
  ankommen.

  Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt
  worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer
  zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer
  geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.

  Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin,
  darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle
  Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1
  Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein,
  21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die
  Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli
  1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch
  die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden
  genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen
  Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen
  zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich
  ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden
  hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren.
  Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen
  aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles
  verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst
  beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären
  zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich
  Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen
  und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die
  Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen
  gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl.
  Gnaden Bericht.

  Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag
  30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum
  Ende.

  Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine
  Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste
  nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen
  ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.

  Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.

  Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr
  hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche
  ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen.

  Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl
  schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.

  Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz
  im Zimmer gehabt, ausblieben.

  Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung.
  Gott schicke es, daß mit Glück erfolge.

  Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder
  ausgeblieben.

  Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.

  Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren
  angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen
  meiner Urbargüter gethan haben sollen.

  22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß.
  Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir
  bald mit Glück wieder daraus.

  (Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.)

  Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.

  Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der
  Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen
  Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder,
  Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen
  darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für
  Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem
  Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe
  ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden,
  unterschrieben.

  Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein.
  Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich
  hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und
  Urbarsbeschreibung examinirt worden.

  Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen
  und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott
  verleihe bald glückselige Erledigung.

  Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den

  Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. October
  ausgesagt, unterschrieben.

  Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmer
  gelegen.

  Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacrament
  empfangen.“

Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut
gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des
Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus
den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise
hervor.

  „Herr Ehinger.

  Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig
  zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller
  Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch
  gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich
  Urlaub.“

  „Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer
  Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich
  treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte
  ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch
  die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner
  Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes
  Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß
  sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges
  und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten
  Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung
  zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen.“

  „Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer
  Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist
  ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht
  um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager
  Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern
  Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne
  sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß
  hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns
  Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott
  meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier
  40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei
  es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich
  guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder
  Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal
  durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die
  Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich
  19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr
  Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer
  Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich
  Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen,
  ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode.“

Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in
aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern
eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von
den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies,
da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das
Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten
supplizieren.

Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrliche
Bestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge ein
gewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das die
Gemüter für immer im Bann halten solle.

Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor,
zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen
Lande still.

Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür
einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein.
Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt
die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: „Man hat auch keinem
nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer
sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in
der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine
Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat
nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das
allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und
Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat.“



VIII.


Von Hohen-Salzburg donnerten die großen „Stücke“ und ihr mächtig Krachen
brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch
die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur
Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung
lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des
Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten
den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und
Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz
verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden
sei, das erste Kind!

Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe der
Residenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um das
unglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot aller
Lungenkraft.

Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung
durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward
Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker
Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch
nicht Vater sein könne, und die „Stücke“ seien nicht dazu auf der Veste,
um ein Kind anzudonnern.

Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn
bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr
sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer.
Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf
Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige
Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei
Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden
die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur
Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der
Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann
zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie
jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend
zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines
fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch
die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste
Kritik provozierend.

All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen
und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es
wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an
den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten
sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs
schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner
nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig
schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in
solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller
Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch
Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß
Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren
Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der
Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome
verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte
Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine
Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica
zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter
Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand
lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht
vom Arm des Gebieters getroffen worden waren.

Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung
des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den
Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren.

So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu
in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen
Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf
Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame
eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse
erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das
ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt.

So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um
jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der
ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag,
und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte.

Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und
flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende
Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit
keinen Ausdruck gäbe.

Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen
flüsterten: „Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?“

Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das
Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da
lachte der Fürst herzlich auf: „So gebrechlich wird ein Raittenau nicht
sein!“

Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach
bewegt: „So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!“

„Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!“

„O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!“

„Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den
Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem
kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!“

„Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens
wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!“

In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände,
hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die
Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt.

Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig
unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte.

Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Flucht
mehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seiner
Gewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinen
Zügen.

In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob
niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen
zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und
sogleich vorgelassen.

Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch
den Ruf: „Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens
Dank dafür! Herzlich willkommen!“

„Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die
Glückwünsche zu Füßen zu legen!“ sprach Graf Lamberg ehrerbietig und
verbeugte sich tief vor dem Gebieter.

„Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine
freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs
Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe
keine Meldung!“

„Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr
überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird
klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch
kommen an den Hof.“

Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage:
„Glaubt Lamberg wirklich?“

Der Kapitular antwortete vorsichtig: „Es wäre Pflicht nur und schuldige
Dankbarkeit!“

„Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! Der
Beispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkunden
will ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen Wolf
Raittenau.“

Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu
richten, sprach aber nichts.

Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art
hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden
solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein
Raittenau.

Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen
aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht,
unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als
der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit
verhaßt.

Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und
gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in
diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner
Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der
Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die
Residenz müsse verlegt werden.

„Die ganze Residenz?“ fragte überrascht Graf Lamberg.

„Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden
ist, das ‚Altenau‘ ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei
Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk,
meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen,
daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in
Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge
Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd'
ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut'
hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei
andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem
Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis.
Wird nicht zu frühe sein damit!“

„Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich
erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der
gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten....“

„Was?“

„... raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im
Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß
in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich
informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!“

„Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es
ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es
ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat
bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das
Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen.“

Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen
ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte.

In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: „Warum nicht jetzt? Wer kann mich
hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich
will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so
einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner
Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!“

Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst
nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur
gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe;
der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: „Es wird Euer
Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu
mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und
Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens.“

Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als
horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur
Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ,
bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit,
die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben
zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen
getroffen werden sollen.

Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um
ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis
auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder
gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem
hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf
Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende
Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem
fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen.

Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit
der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der
erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß
doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes
ohne gültigen Ehebund folge, — der Fürst, der das Warten nicht kannte,
durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so
mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme
Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift
citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen
das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche
Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der
Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über
den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso
überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe.

So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden
Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am
nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung
verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu
gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur
Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen
Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig
Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend,
auch als die Ausweisung angedroht wurde.

Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich
zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung
„zu verhütung mehreren unraths“ über den Wegzug der ketzerisch
Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis
ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis
zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut
war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren
Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder
schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen
Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie
verfügen würde.

Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und
Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden,
sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift
verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden,
übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung
der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel
sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine
Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die
Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt.

Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den
Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere
vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren
Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht
rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin
belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit
brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten.

Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der
Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja
doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein,
wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich
in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu
jeglicher Stunde.

Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward
der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der
auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet
knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider
der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf
Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der
Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn
schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen
aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen
Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte
der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige
Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller
Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde.

Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich
nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord
und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten
übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und
drohte mit dem Malefizrichter.

Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde
von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens
Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm
geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte
Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die
Todesstrafe ausgesprochen werden.

Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör
ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat
nicht begangen habe. Auch konnte eine „Beschädigung“ (Verletzung) des
Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst
verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den
Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf
Hinrichtung durch das Schwert.

Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem
Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm
gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten
Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der
Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren
nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches.

Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den
Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der
gnädige Fürst habe Pardon gegeben.

Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der
Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt
bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den
Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden,
gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im
letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten.

Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen
unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein
Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man
wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate
fanden Beachtung.

Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den
Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu
dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die
Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der
Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal
wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die
Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion
zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als
Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern.
Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten
werden.

Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die
mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen.
Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der
zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am
Gründonnerstag bringen.

Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in
eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln
die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der
brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten,
zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.

Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich
ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu
nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der
Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.

Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die
Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren
und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte
dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das
Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der
massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan.

Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund
flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun
predigen werde.

Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm
eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen.

Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede
zu verlieren, die also begann: „Am heutigen Tage folgen dem Beispiel
Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher,
häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen
durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß
die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen
erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen
Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder _eines_
Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist
der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der
Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: ‚Ich habe euch ein Beispiel
gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr
und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander
die Füße waschen.‘ — Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur
Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen
vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und
Gebieter.“

Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den
Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach
der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche
die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten
schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen
Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und
Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich
auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser
sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde;
besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er
führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an
vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum.

Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige
Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge
erkennen sollen.

In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren,
es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu
Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen
habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im
Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.

Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu
seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels.
Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren
die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie
zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des
Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden.

Salzburgs Bevölkerung hatte abermals eine Gelegenheit zu ausgiebigen
Erörterungen, die Predigt des Erzbischofs giebt Gesprächsstoff auf lange
Zeit. Allein ein ebenfalls gänzlich unerwartetes Ereignis lenkte die
Aufmerksamkeit der Salzburger auf ein anderes Gebiet. Über Nacht war
nämlich von Seite des Fürsten ein Krieg erklärt worden, und zwar den
salzburgischen — Hunden.

Wolf Dietrich hatte seine Privatwohnung in den Trakt gegen den Aschhof
verlegt und schon in der ersten Nacht revoltierten Hunde dortselbst mit
einem Lärm, daß von Schlaf keine Rede sein konnte. Und die rebellischen,
bellenden Biester kümmerten sich nicht im mindesten um die Zornesrufe
des Landesfürsten, im Gegenteil ward ihr Geheul um so ärger, je
kräftiger Wolf Dietrich schimpfte. Es graute der Morgen kaum, da war der
Krieg schon erklärt; ein Wachthüttlein mußte im Hof aufgestellt und von
einem Nachtwächter bezogen werden, und der Hundschlager (Wasenmeister)
erhielt Befehl, an allen Werktagen die salzburgischen Hunde auf allen
Gassen einzufangen und abzuschlagen.

Der Hundschlager verstand keinen Spaß und begann sein Handwerk mit einer
alle Hundefreunde mit Schrecken erfüllenden Gründlichkeit. Vom frühesten
Morgen bis zur Dämmerung am Abend war der Hundemeuchler unterwegs und
fing die Biester mit Stricken ein, erdrosselte sie gleich auf der
Straße, unbekümmert um das Gezeter der Hundebesitzer. Der Schlager
konnte rücksichtslos vorgehen, denn der ihm gewordene Befehl lautete auf
Vernichtung aller Hunde, so gefangen werden konnten. Wer seinen Hund
lieb hatte, mußte sehr acht geben auf den Schlager und durfte den Hund
nicht aufsichtlos lassen.

Die grausame Verfolgung merkten mit der Zeit die Biester selbst, die vor
ihrem Todfeind ausrissen, wo immer es ging. Doch der Schlager erwies
sich überaus findig, er warf lange Schlingen mit großer Sicherheit aus
und fing die Köter mit unfehlbarer Sicherheit. Der Aschhof war auf diese
Weise bald von vierfüßigen Nachtwandlern befreit, doch blieb der Befehl
zu weiterer Vernichtung in Kraft, Salzburg hatte nach fürstlicher
Auffassung überhaupt zu viel Hunde.

Dem Schlager erwuchs zu große Arbeit durch das Wegführen der
Hundekadaver, er tötete jeden eingefangenen Hund, indem er ihn mit dem
Kopf um die Erde oder Häuserecken schlug, und ließ die Kadaver einfach
auf den Gassen liegen. Bei solcher Massenverfolgung und -Tötung konnten
Fehlgriffe insofern nicht ausbleiben, als auch Tiere weggefangen und
gemeuchelt wurden, die einflußreichen Leuten bei Hof gehörten. Die
Metzger beschwerten sich, daß einerseits der Viehtrieb ohne Hunde
erschwert sei, und daß der Schlager die Hundekadaver als Bosheit vor den
Fleischbänken liegen lasse. Alte Jungfern beweinten den Tod ihrer
vierbeinigen Lieblinge und inscenierten Aufläufe. Kurz es schien, als
sollte Salzburgs Bevölkerung abermals rebellisch werden, und die Kunde
davon kam auch dem Fürsten zu Ohren. Zu einer Revolution der Hunde wegen
wollte Wolf Dietrich es nun aber doch nicht kommen lassen. Die
Beschwerden wurden geprüft, für begründet befunden, und nun erfolgte die
Verhaftung des Schlagers.

Die Aburteilung endete mit Entlassung „mit Spot und Schant“.



IX.


An einem furchtbar heißen Augusttage wanderte ein Franziskaner-Frater
auf Terminierung (Almosen-Sammlung) schwerbepackt einem Wirtshause zu,
das am Fuße des dichtbewaldeten Geißberges bei Salzburg gelegen war. Der
Bettelmönch keuchte unter der Last seines mit Getreide, Mehl und Speck
gefüllten, mächtigen Sackes, und außerdem trug der krank aussehende
Frater statt eines Stockes einen kleineren Sack in der Hand, der eine
lebende Spende irgend eines frommen Bauers enthalten mochte, denn bei
jedem Schritt zappelte das Lebewesen im Sack.

Und so oft der Bruder unwillig den Sack schüttelte, quieckste das
Almosen aus Leibeskräften, wasmaßen die Spende ein Spanferkel war. Jener
Älpler in der Kuchler Gegend konnte dem terminierenden Klosterbruder
Hartgeld nicht geben, weil er selbst keines besaß, er spendete eben vom
Ferkelüberfluß, der ihm geworden, in der Meinung, daß die Franziskaner
zu Salzburg zur Abwechslung wohl gewiß gerne mal einen Ferkelbraten
essen würden.

Der Frater nahm das lebende Almosen dankend in einem Sack mit und
schleppte sich schwerbepackt weiter gegen Salzburg. Unweit des
Wirtshauses am Fuße des Geißberges aber ward die Müdigkeit zu groß, der
Bruder zitterte am ganzen Leibe, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne
trotz der übermäßigen Hitze, stöhnend mußte der Frater am Straßenrain
sich setzen, es ging nicht mehr weiter. Das Spanferkel quieckste
schrecklich und versuchte im Sack die Flucht.

Angelockt von solchem Lärm erschien der Wirt der nahen Schenke vor der
Schwelle und hielt Auslug. Kaum hatte der behäbige Zapfler den blassen,
müden Mönch erblickt, da schritt er auf ihn auch schon zu, um helfend
beizuspringen.

„Was fehlt Euch, Bruder? Ihr sehet baß übel aus!“

Der Frater stöhnte, mit Mühe brachte er heraus, daß ihm eine
unerklärliche Krankheit angeflogen sein müsse. „Reichet mir barmherzig
einen Schluck Weines, Gott wird Euch die Gutthat lohnen!“

„Sollt Ihr haben! Kommt nur mit in die Stube! Laßt mich die Säcke
tragen! Ihr habet wohl eine Spansau mit?“

Der Klosterbruder nickte und bat, es möge der Wirt das Ferkel im Stall
einstweilen einstellen und füttern bis zur Abholung.

„Gern soll das geschehen!“ sprach der mönchefreundliche Wirt und trug
den Sack mit dem Ferkel zum Stall. Auf Geheiß des Zapflers holte eine
Dirn den andern großen Sack, und so von der Traglast befreit, vermochte
der Frater allein und ohne Hilfe die Gaststube zu erreichen, wo ihm ein
Humpen Weines gereicht wurde.

Ein Stündlein Ruhe und der kräftigende Wein halfen dem armen Bruder
wieder auf die Beine, sodaß er nach Erstattung herzlichen Dankes den
Terminierungssack wieder auf die Schulter zu nehmen und gen Salzburg zu
wandern vermochte. Das eingestellte Ferkel will er auf neuer
Terminierung gelegentlich wieder holen.

In der Hitze war es ein schlimmes Wandern; schon nach einer Stunde
fühlte sich der Klosterbruder abermals matt zum Sterben, und in der
Meinung, es gehe zu Ende, setzte er sich an den Straßenrain und machte
Reu' und Leid, die Sterbgebete flüsternd.

Ein Bäuerlein kam des Weges mit einem Fuhrwerk und sprach den
armen Bettelmönch mitleidig an, der todesbleich, ein mit dem Tode
ringender Mensch, bat, es möge der Bauer ihn um Gottes Lohn ins
Franziskanerkloster nach Salzburg bringen.

Den Sack mit den Naturalien hatte der Bauer flink aufgeladen,
schwieriger ward es mit dem Bruder, der die Gewalt über seine Gliedmaßen
bereits verloren hatte. So blieb dem barmherzigen Bauer nichts anderes
übrig, als den Frater gleich einem Getreidesack auf den Wagen zu legen.

Dann ward in die Stadt gefahren, und am Steinthor angehalten, gab der
Fuhrmann der Thorwache an, er habe einen kranken Franziskaner im Wagen
benebst dessen Almosensack.

Der Türmer, ein vorsichtiger Mann, trug Bedenken, einen Kranken in die
Stadt zu lassen, wasmaßen allerlei beunruhigende Nachrichten umlaufen
vom Herrschen der Pest in Hallein. Auf die Frage, was denn dem
Klosterbruder fehle, konnte der Bauer nur versichern, daß er das nicht
wisse, wahrscheinlich werde dem Frater die Gesundheit fehlen.

Der Türmer trat an den Wagen und fragte den Bruder, dessen Augen schon
fast glasig geworden, ob der Frater wirklich ins Salzburger Kloster
gehöre.

„Freilich, das hat er mir ja selber gesagt!“ beteuerte der Bauer, dem es
pressierte, in die Stadt zu kommen.

„Ja, wenn der Kranke nach Salzburg gehört, muß er wohl eingelassen
werden!“ argumentierte der Wächter und gab die Einfahrt frei.

Bis das Fuhrwerk die enge Steingasse durchfahren, die Salzach auf der
Brücke übersetzt und die Klosterpforte erreicht hatte, war der Frater
bereits verstorben, der Bauer konnte nur mehr einen toten Mann
abliefern.

Rasch trugen die Fraters den Toten ins Kloster, der Bauer folgte rasch
mit dem Almosensack, aus welchem der ob der entsetzlichen Hitze weich
gewordene Speck tropfte. Die Schreckenskunde, daß ein Frater vom
Terminieren tot heimgekommen, alarmierte das Kloster, und ein
heilkundiger Pater eilte sogleich herbei, um am Leichnam vielleicht ein
Zeichen für die Todesart zu finden. Erschrocken prallte der
klösterliche Medikus zurück und rief: „Großer Gott! Ein Pestfall!“

Das hörte der Bauer, welcher bislang neugierig im Kloster und bei der
Leiche geblieben war, und mit rasenden Sätzen flüchtete der Mann nun
hinweg, sprang auf sein Gefährt und jagte das Roß unter Peitschenhieben
dem Einstellhause zu.

Die rasende Fahrt mußte auffallen, zumal schon das Trabfahren in den
engen Gassen verboten ist, und am Keutschachhofe fielen einige Trabanten
dem Roß in die Zügel und brachten es zum Stehen.

„Auslassen, auslassen! Die Pest, die Pest!“ zeterte der entsetzte Bauer,
und scheu wichen die Trabanten von dem Gefährt hinweg.

Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde von dem eingeschleppten
Pestfalle, überall Schrecken und Todesangst erzeugend.

Während man im Rathause noch nicht wußte, was beginnen, hatte Wolf
Dietrich bereits mit seiner Energie eingegriffen. Ein Offizier mit
zahlreicher Mannschaft rückte im Eilmarsch vor das Franziskaner-Kloster
und überbrachte den Befehl des Erzbischofes, wonach binnen einer Stunde
alle Bewohner des Klosters, eingeschlossen den an der Pest verstorbenen
Frater, das Haus verlassen und zu Schiff auf der Salzach wegfahren
müssen.

Wohl protestierte der Guardian, die Mönche baten, den Frater doch vorher
beerdigen zu dürfen; allein der Offizier beharrte auf dem ihm gewordenen
Befehl, und als die Mönche keinerlei Miene zum Abrücken machten,
erklärte der Offizier, nun Gewalt zu brauchen. Die Helebardiere, auch
Musketiere darunter, drangen in die Klosterräume, es ward bitterer
Ernst. Wie die Mönche standen, mußten sie abziehen, nichts durfte
mitgenommen werden von den kleinen, bescheidenen Habseligkeiten, nur den
Toten mußten die Fraters auf der Bahre wegtragen.

Von den Kriegsknechten eskortiert, wurden die Franziskaner im Eilmarsch
zur Salzach getrieben, wo auf fürstlichen Befehl ein Salzschiff zur
Fahrt bereit stand. Leer blieb das Kloster, dessen Pforte verschlossen
worden war.

Der Transport erregte Erbitterung bei den mönchefreundlichen Bürgern,
doch hielt die Angst vor der Pest und Ansteckungsgefahr die Leute ab,
sich einzumengen.

Die Franziskaner jammerten, als sie gezwungen wurden, die Plätte zu
besteigen, laut und beweglich, aber es nützte nichts.

Die Schiffsknechte, wenig davon erbaut, einen an der Pest Verstorbenen
an Bord zu haben, zogen das Ländseil ein, und stießen ab. Von den Wellen
erfaßt, drehte sich das breite Schiff und glitt dann, gut gesteuert,
schnell hinab. Die Mönche beteten laut....

Scharf griff der Fürst weiter ein. Schergen fahndeten nach dem Bauer,
der den toten Bettelmönch in die Stadt verbracht, und lieferten ihn in
ein Haus in der Riedenburg ein, das sofort als Pesthaus isoliert worden
war. Bis das aber geschehen konnte, war der Bauer doch schon mit
verschiedenen Leuten in Berührung gekommen.

Nach wenigen Tagen gab es Pestfälle in der Stadt, Angst und Aufregung
wuchsen. Ärzte und deren Gehilfen, von Soldaten begleitet, hielten
strenge Ordnung, Erkrankte sowie alle Inwohner eines Hauses, wo sich ein
Pestkranker befand, wurden zwangsweise aus der Stadt in das Pesthaus in
der Riedenburg geschafft, rücksichtslos, unerbittlich wurde dieser
Befehl vollzogen, ohne Ansehung der Personen.

Still ward es in Salzburg und heiß über alle Maßen. Unbarmherzig brannte
die Augustsonne herab. Fest geschlossen waren die Thore, der Eintritt in
die Bischofstadt blieb verweigert, denn im benachbarten Salzstädtlein
Hallein herrschte ein großes Sterben, es hieß, es starben oft an einem
Tage vierzig Menschen. Und schrecklich lauteten die Nachrichten, daß die
Pest auch im angrenzenden Bayerlande wie im Österreichischen viele Opfer
fordere.

An fünfzig Personen aus Salzburg starben im Schinderhaus zu Riedenburg.
Auf Befehl des Fürsten mußten deren Verwandte wie auch sonstige Inwohner
aus der Stadt auf die Felder verbracht werden und dort verbleiben, die
Rückkehr war aufs strengste verboten.

Gesunde Leute zu Salzburg zwang man, tagsüber auf einige Stunden sich im
Freien zu ergehen, auf daß sie doch etwas an die Luft kämen.

Als die Kunde zu Wolf Dietrich drang, daß die Ausgestoßenen auf den
Feldern bittere Not litten, keine Verpflegung hätten, indem die
umwohnenden Bauern in ihrer Angst vor Ansteckung sich weigerten, Nahrung
abzugeben und die Leute scheu mieden, da sorgte der Erzbischof sogleich
und schickte Atzung jeglichen Tag, auch mußten auf seinen Befehl Ärzte
und Priester zur Wartung und Pflege der Kranken hinaus.

Endlich umzog sich das Firmament mit Wolken, von den Bergen blies
frische Luft, ein Regen erquickte Land und Leute.

Die Salzburger faßten wieder Mut und wurden beweglich; Bürger thaten
sich zusammen und supplizierten zum Fürsten, es solle der Erzbischof
doch nicht so grausam sein und die Kranken im freien Felde belassen oder
doch wenigstens auf der Schanz zu Mühlen (Mülln) unter Dach bringen,
wofür die Bürgerschaft zur Deckung der Kosten eine Steuer extra zahlen
wolle.

Diese Supplikation, hauptsächlich wohl der anmaßende Ton und Undank,
erbitterte den Fürsten schwer, es erfloß ein Mandat, worin die Bürger
als Aufwiegler und Unruhestifter erklärt und mit insgesamt achthundert
Gulden Strafe wegen ihrer Ungebühr belegt wurden.

Die kühle Witterung hielt an und brachte Besserung im Krankenstande.

Auf Befehl des Fürsten durften die Exilierten, nachdem die Ärzte hierzu
ihre Einwilligung gegeben, wieder ihre Stadtwohnungen beziehen, und auch
den Franziskanern wurde die Rückkehr wieder gestattet, deren Kloster
vorher völlig in stand gesetzt worden war. Im ganzen waren zu Salzburg
neunzehn Häuser infiziert gewesen und etwa fünfzig Personen daraus
verstorben. Damit erlosch die Pest in der Bischofsstadt und die
Schrecken wichen. Zurück blieb nur der Ärger über die achthundert Gulden
Strafe, welche unweigerlich an die Hofkasse gezahlt werden mußte.

Spätherbst war ins stiftische Land gezogen, die Wälder prangten in
leuchtenden Farben.

Vom Franziskanerkloster wurden die Brüder ein letztes Mal vor dem Winter
zum Terminieren ausgeschickt, einmal um für den eigenen Bedarf Vorräte
zu bekommen, dann aber auch nach alter Satzung dieses Ordens Naturalien
für die Armenbeköstigung zu erhalten.

Den Frater Anselm traf die Tour auf dem rechtseitigen Salzachufer bis
gegen Golling, und mit einem mächtigen, anjetzo noch leeren Sack zog der
Bruder aus um im Oberland mit dem Terminieren zu beginnen.

Viel war im von Steuern, Mißernte und der Pest heimgesuchten Ländchen
nicht zu holen, die Gaben flossen spärlich.

Auf dem Rückweg von Kuchel gelangte Frater Anselm auch zum Wirt am
Geißberg am späten Abend, und leer war bereits die Zechstube, nur eine
Magd wusch hölzerne Bierbitschen, schon halb schlafend dabei und nicht
eben erbaut davon, daß knapp vor Hausthorschluß noch ein später Gast
eintrat.

Frater Anselm grüßte mit frommen Worten und bat um barmherzige
Beherbergung für Gotteslohn.

Die Dirn guckte erst ein Weilchen, das Mönchhabit schien sie zu
beruhigen, und da der Frater sonst keine Wünsche auf Verpflegung
äußerte, war die Magd bereit, ihm ein dürftig Kämmerlein im niederen
ersten Stockwerk anzuweisen. Das Fenster der düsteren Kammer, die außer
einem Fuhrknechtbett nur noch Futtersäcke enthielt, ging dem von Mauern
umschlossenen Hof zu.

Frater Anselm glaubte ersticken zu sollen in dieser dumpfen Kammer; vom
fleißigen Terminieren an frische Luft gewöhnt, war es ihm Bedürfnis,
hier das Fenster zu öffnen, an dem er nun eine Weile stand und Atem
schöpfte. Totenstill und nachtschwarz war es um ihn. Doch plötzlich ward
unten im Hof eine Thür geöffnet und eine Stimme rief: „Jackel! Vergiß
nicht, morgen gleich in der Früh wird der ‚Franziskaner‘ abg'stochen!“

Und eine andere Stimme antwortete: „Ist recht, Wirt!“

Todesangst erfaßte den Frater, der jedes Wort gehört hat und nichts
anderes denken kann, als daß er in eine Räuberhöhle geraten sein müsse
und daß man ihm, dem armen Bettelmönch, ans Leben wolle. Bis zum Morgen
darf nicht gewartet werden, Frater Anselm möchte noch ein Weilchen
leben, er muß fliehen aus dem Mörderhause.

Wie aber entweichen, ohne den Mördern in die Hände zu laufen? Ein
vorsichtig Betasten des Thürschlosses, der Versuch des Aufklinkens
ergab die Gewißheit, daß der späte Gast wahrhaftig eingesperrt ist. Die
Magd muß das Schloß von außen versperrt haben.

Ein verabredetes Spiel also! Nun zum Fenster! Aber erst muß alles im
Schlafe liegen. So wartete der Mönch eine lange Zeit, von Todesangst
gefoltert, bis andauernde Stille dem Fluchtversuch günstig erschien. Mit
zitternden Händen löste der Franziskaner den weißen Strick von seiner
Kutte, knüpfte die Enden ineinander, band das eine Ende am Fensterhaken
fest und ließ sich am Strick hinab in den Hof. Gottlob hielt der
Kuttenstrick diese Prozedur aus, und zum Glück befand sich kein Hund im
Hof. Aber dieser Hof ist ringsum mit einer hohen Mauer umschlossen, das
Hofthor ist fest verschlossen, und eine zweite Thür dürfte direkt ins
Haus der Mörderbande führen. Also ist der Mönch rettungslos gefangen,
eine Flucht unmöglich. Die Nachtkälte zwingt dazu, einen geschützten
Unterschlupf zu suchen. Soll der Franziskaner am Kuttenstrick wieder
hinaufklettern und den Rest dieser Schreckensnacht in der Kammer
verbringen? Nein, lieber in den Verschlag im Hofe kriechen, der freilich
nicht eben einladend duftet. Die Thür ist unverschlossen, also hinein.
Am Grunzen der überraschten Bewohner konnte Frater Anselm unschwer
erkennen, daß er im Schweinestall sich befindet. Eine mißliche
Unterkunft, die aber vielleicht gerade seiner Rettung dienlich sein
kann, denn im Schweinestall werden die Mörder ihr Opfer kaum suchen.

Mählich beruhigten sich die Borstenträger, nur ein Ferkel bekundete
zudringliche Neugierde und ließ erst nach energischen Stößen und
Fausthieben von näheren Untersuchungen des einquartierten Gastes ab.
Zusammengekauert hockte der Mönch im Stall und trotz der fürchterlichen
Angst überfiel ihn eine Art Halbschlummer, die Müdigkeit war zu groß.

Ein Haushahn krähte sein Kickeriki in die frische Morgendämmerung und
weckte den Franziskaner zur rauhen Wirklichkeit. Und bald darauf ward es
lebendig im Hause. Eine Thür wurde geöffnet, Menschen traten in den Hof,
und in nächster Nähe des Schweinestalles rief eine Stimme, bei deren Ton
der Mönch erzitterte: „Also Jackel, fang den ‚Franziskaner‘ 'raus und
hau' ihm gleich mit der Hack' auf den Schädel!“

Frater Anselm fühlte sein Herz stille stehen, von Todesangst erfaßt
murmelte er ein Stoßgebet zum Himmel und empfahl seine Seele der
göttlichen Barmherzigkeit.

Die Thür zum Schweinestall ward aufgerissen, und im selben Augenblick
faßte der Mönch blitzschnell den Entschluß, durch vehemente Flucht sich
durchzuschlagen, den ersten der Mörder niederzustoßen. Gedacht, gethan,
der Franziskaner prasselte aus dem Stall heraus wie ein Ungewitter und
warf den Knecht über den Haufen.

„Hui!“ schrie der entsetzte Wirt, der am Boden liegende zappelnde Knecht
zeterte über Mord und Totschlag. Auch der Franziskaner schrie in seiner
Todesangst und rannte wie besessen dem Hofthor zu.

Alle Hausinsassen kamen ob des Lärmes herbeigesprungen. Der Wirt, bleich
wie der Tod, zitterte wie Espenlaub und richtete Beschwörungsworte an
den Franziskaner, der schreckerstarrt an der Hofmauer stand und die
Sterbgebete murmelte. Durch die offene Stallthüre aber hüpften die
Schweine heraus, quiecksend und schreiend den Wirrwarr im Gehöft
vermehrend.

„Bist du ein Geist oder der Teufel in Verkleidung?“ schrie der Wirt und
machte das Kreuzzeichen gegen den Mönch.

Frater Anselm faßte augenblicklich Mut; wer das Kreuzeszeichen macht,
kann kein Mörder sein. Er rief: „Im Namen Gottes des Herrn frag' ich
Euch: Was wollet ihr von meinem Leben?“

„Seid Ihr ein Geist oder ein sterblicher Mensch?“

„Ich bin ein Franziskanerbruder, also ein Mensch!“ Jetzt änderte sich
die verworrene Situation sofort; der Wirt gestand, daß er ein Ferkel,
das vor geraumer Zeit ein Bettelmönch eingestellt, „Franziskaner“
genannt und gestern Auftrag gegeben habe, dieses Franziskaner-Ferkel
abzuschlachten. Wie nun statt dieses Ferkels ein Kuttenmönch aus dem
Schweinestall herausgesprungen sei, habe er nicht anders geglaubt, als
daß wegen des begangenen Frevels, ein Schwein „Franziskaner“ genannt zu
haben, das Ferkel in einen Bettelmönch verwandelt und ein Geist geworden
sei.

Flink nützte Frater Anselm die Lage aus, indem er gewaltig über solchen
Frevel loszog und die Strafe Gottes in nächste Aussicht stellte.

Die Strafpredigt zwang den verdatterten Wirt in die Kniee, reuig bat er
um Verzeihung und gelobte das aufgefütterte Ferkel sogleich dem
Franziskanerkloster zurückstellen zu wollen.

Mehr konnte Frater Anselm nicht verlangen und schließlich lachte er über
die ausgestandene Angst und sein Mißgeschick, und die Gehöftbewohner
lachten tapfer mit. Das Franziskaner-Ferkel wurde eingefangen und
gebunden, dann mußte Frater Anselm sich bewirten lassen, und schließlich
ward angespannt, der Wirt fuhr den Mönch mit dem Terminiersack und dem
schreienden Ferkel nach Salzburg ins Franziskanerkloster.

Wenn ein Umstand den Wirt etwas beklommen machte, war es die Mitteilung,
daß jener Franziskaner, der das Spanferkel eingestellt hatte, an der
Pest verstorben sei.

Der Gedanke an die damalige Ansteckungsgefahr ließ den Wirt nachträglich
erschauern. Indes die Seuche ist seit Monaten erloschen, es hat keine
Gefahr mehr, und anstandslos durfte der Wirt durch das Stadtthor
einfahren.

Im Kloster lachte man weidlich über diese Franziskanergeschichte, und
weil das Ferkel so prächtig aufgefüttert worden war, verübelte man dem
Wirt den Unterschlagungsversuch nicht weiter, zumal er ja nicht wissen
konnte, daß jener anspruchsberechtigte Mönchsbruder mit Tod abgegangen
war. Fürder wurde besagter Wirt einer der eifrigsten Almosenspender für
die wackeren Franziskaner und alljährlich lieferte er dem Kloster aus
eigenem Antrieb ein Ferkel zur Sühne.



X.


Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin
und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen.
Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel,
sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren
Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden
respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende
Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens
offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus
Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis
sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde
umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien
bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des
Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten „ewigen Statut“
einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender
Weise lautete: „Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet
werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein
unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten
werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden
haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und
beschirmt werden.“

So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der
immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater
steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt
Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das
kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur
Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am
geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes
Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden
weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden
habe.

Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des
Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn
Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei.

Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten
Körper, bebend jammerte sie: „Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei
zur Vergebung!“

Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen
sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine
Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.

Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im
Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß
Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden.

Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm
eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und
fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln,
grüßte höflich und flüsterte: „Es kann nicht lange mehr dauern!“

Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht
nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte,
die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube.

Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier
brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun
Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie
abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: „Hinweg mit der
fürstlichen Buhle!“

Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte
schluchzend im bittersten Weh: „Vater, lieber Vater, vergebt mir!
Verzeiht!“

„Hinweg! Ich will in Ehren sterben!“

„Vater, habt Erbarmen!“

„Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!“

„Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde
meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir
Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein
schmerzdurchwühltes Herz!“

„Hinaus! Ich will nichts hören!“

„Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die
Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen —“

„Das wußt' ich zum voraus!“

„Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All'
äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!“

„Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem
ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!“

„Vergebt mein guter Vater! Hart ist die Strafe, doch willig soll sie
ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig
Kind!“

„Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!“

„Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das
meines Lebens höchste Sehnsucht ist!“

„Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will
ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen
soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam
Schicksal verdientermaßen!“

Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist
ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen
mußte.

Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an
des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände
flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.

„Nein!“ flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen.
Ein Zucken, ein Seufzer — das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt
gestorben.

Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die
Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend.

Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und
verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und
Trauerkleider anzulegen.

Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht
in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal
zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der
Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters
gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine
Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als
Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit
allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten
zu lassen.

Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: „Mein gnädiger
Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht
begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!“

„Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater
meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!“

„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist
geschieden im Zorn — unversöhnt mein Flehen war vergeblich!“

„So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?“

„Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich
um sein Erbarmen —“

Wolf Dietrich rief mißmutig: „Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich
verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge
Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben.“

Aufschluchzend jammerte Salome: „Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen
geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf
den bitteren Gang!“

„Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein
Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer
er wolle; die Kluft ist zu hoch!“

„Weh' mir!“ rief Salome und brach zusammen.

Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein,
er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und
gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.

Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens
und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den
Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen
Verbeugungen begrüßten.

Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die
Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres
Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig
waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde.

Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich
strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward
gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des
Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.

Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf
den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen
haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich
halblaut zum Kapitular: „Will Lamberg dafür sorgen, daß still und
schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde,
werd' ich dem Freunde dankbar sein!“

Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im
Verhalten des Fürsten.

Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das
Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: „Salzburg hat einen
hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist,
verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die
Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt
meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu
veranlassen.“

Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten
wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein
Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles
hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun
speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum
Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die
inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais
verließen.



XI.


Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen,
es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum
Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine
Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen
das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes
geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser,
teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren
als Lagerorte oder „Legstätten“ für dieses Salz bestimmt; Hallein für
die Ausfuhr zu Lande „auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren“,
Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu
Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben,
nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der
Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt
gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in
früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und
Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III.,
welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises
zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun
der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom
Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie
alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge
abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen
und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst
erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe
des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt
hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung,
zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung
des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich
hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der
Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem
Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog
schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung
durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor
wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers
über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern
für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch
einen Kreuzer darüber gestattete.

Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und
demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu
erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen
Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und
berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang
ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute
Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte.

Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin
er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern
teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten
Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach
einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so
geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten
Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst
bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen
vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die
keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines
Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem
Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf
Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des
weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden,
konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in
Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht
genannt werden mußten.

Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen
Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu
finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig
besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote
Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch
empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl
erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu
hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem
klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder
zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den
Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst
nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche
Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht
immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer
Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht,
besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn
Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die
Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die
Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht
auf Rom fallen gelassen werde?

„Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!“ flüsterte der Fürst und
ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer
bemühen.

Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt,
anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen,
doch mit fragenden Augen.

Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen,
richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an
Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen
hervorgerufen habe.

„Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast
du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu
besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage.“

Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die
jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war.

Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt
nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.

Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: „Nach allem,
was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das
Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine
bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet,
genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich
soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis
steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe.“

Überrascht rief Wolf Dietrich: „Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer
hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen
finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies
auch der Kaiser thut.“

„Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?“

„Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl
eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben
Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen.“

„Weiß das der Bayernherzog?“

Wolf Dietrich zuckte die Achseln: „Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt;
ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München
gekommen ist.“

„Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen
vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß
Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz
nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch
zahlen.“

„Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis
des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es
ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!“

„Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt
man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des
Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so
sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben,
sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern“

„Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer
Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist
feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im
neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem
alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist
genehm.“

Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und
erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.

Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst
sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der
Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen „seltsam
geschwinden Kopf“ zu nennen.

Salome warf ein: „Das ist doch weiter nichts Schlechtes?“

„Es wird darauf ankommen, wie der Papst dies meint; der
freundnachbarliche Bayer wird schon dergleichen erzählt haben, auf daß
der Papst den vermeldten Ausdruck gebrauchte. Klemens soll mich auch als
ein „periculosum ingenium“ betrachten —“

„Was heißt das?“ fragte Salome.

„Man kann es verdeutschen mit ‚gefährlicher Kopf‘!“

„Auch diese Benennung will wir nicht schlimm erscheinen, sofern der neue
Papst nicht schlimme Absichten heget.“

„Das eben ist mir nicht bekannt. So viel glaube ich aber aus den
Vorgängen schließen zu sollen, daß man zu Rom mir nicht mehr wie ehedem
wohlgesinnt ist; es weht ein ander Wind und der Bayer hat volle Backen.“

„Laßt sie blasen, gnädiger Herr! Dankbar ist Rom nie gewesen. Besser ein
klar Erkennen und Vorsicht, denn ein Fortglimmen trügerischer
Hoffnungen. Der Fürst von Salzburg bleibt was er ist, auch ohne roten
Hut!“

Wolf Dietrich fuhr zusammen vor Überraschung, daß Salome so schnell auch
hier den Kern der Sache erfaßte.

„Hab' ich recht geraten?“ fragte die kluge Frau.

„Ja, Geliebte! Dein feiner Kopf hat richtig geraten, zerschellt ist
meine Hoffnung, ich kann damit nicht länger hinterm Berge halten. Der
Erzbischof Wolf Dieter wird — nicht Kardinal!“

„Das wird der Übel größtes noch nicht sein. Schlimmer wär' ein Streit
mit Bayern und dem Kaiser!“

Trotzig rief der hochfahrende Fürst: „Kommt dazu es jemals, stell' ich
meinen Mann und werd' das Schwert zu führen wissen. Doch nun genug der
leidigen Politik, es giebt schönere Dinge noch auf Erden, und meiner
Salome dankbar die Hand zu küssen, will mich ein schönes Ding bedünken.“
Galant küßte der Fürst die schmale Rechte seiner Herzensdame und
geleitete Salome in ihre Gemächer, wo er längere Zeit verblieb.

Wochen vergingen. Zur großen und angenehmen Überraschung war Bayern auf
den proponierten neuen Vertrag eingegangen und dessen Ratifizierung
erfolgt. Wolf Dietrich konnte triumphieren, Bayern hat sich, ohne es zu
merken, übervorteilen lassen, und allen Einfluß bei der Steigerung des
Salzpreises, mit welcher der Salzburger nun sofort vorging, verloren. Zu
spät erkannte man in München den Fehler; der Herzog konnte den Vertrag
nicht rückgängig machen, er vermochte nur Anstalten zu treffen, um
seinen Salzverschleiß zu steigern. In diesem Beginnen lag aber der Keim
zu großen Zwistigkeiten. Bayern entzog durch eine Brücke bei Vilshofen
der Stadt Passau den Zwischenhandel mit Salz, dasselbe geschah durch
Erbauung einer Brücke bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger lahm
gelegt wurden. Natürlich protestierten beide Städte, und Prachatitz in
Böhmen, der Hauptplatz des sogenannten „goldenen Steiges“ nach Böhmen,
wohin das Salz von Passau aus ging, schloß sich dem Protest an, man
klagte beim Reichskammergericht in Speyer.

Einstweilen konnte dieser Prozeß dem Erzbischof von Salzburg
gleichgültig sein und Wolf Dietrich zuwarten, wie sich der Bayer aus der
Schlinge ziehen werde. Allein die Angelegenheit spitzte sich zu, da nun
auch der Kaiser selbst sich interessiert zeigte, denn das salzburgische
Salz, das dem seinen von jeher Konkurrenz gemacht hatte, war durch den
Vertrag mit Bayern beständig billiger als das aus den Werken von
Hallstatt und Ischl gewonnene; es wurde also weit mehr gekauft als das
kaiserliche Salz, anderseits erhielt aber Bayern soviel Salz aus dem
Erzstift, daß es das bis dahin vom Kaiser bezogene Salz leicht entbehren
konnte.

Kaiser Rudolf unterstützte daher die Klage Regensburgs beim
Kammergericht in Speyer, und Wolf Dietrich hatte Ursache, mit aller
Spannung dem Urteil dieses Salzprozesses entgegenzusehen. Ein Jahr
verging jedoch, bis das Reichskammergericht das Urteil sprach, das
Bayern und Salzburg befahl, jenen Vertrag zu lösen.

Inzwischen hatte es sich zu Salzburg ereignet, daß Wolf Dietrich
abermals und zur großen Überraschung der Kirchenbesucher die Kanzel der
Pfarrkirche betrat und eine Ansprache an die verdutzten Gläubigen hielt,
von welcher der Chronist berichtet: „Er (der Erzbischof) ist ainesmales
ganz unverthraut in der Pfarrkirchen auf die Canzel getreten und von
wegen des Türgkhen, der mit Gewalt aufgewesen, das Volk zu dem vierzig
stündigen Gebet ganz treulich und vätterlichen vermant, auch wie hoch
und groß das von Nötten und wie großen Nuzen man damit, wo solches mit
Andacht beschicht, könne schaffen, woher solches Gebet seinen Ursprung
habe und was vor alten Zeiten solches gewürkt und ausgericht habe. Auch
ist damallen aufkommen das Geleit zu dem Türggen-Gebet täglich umb die
zwölfte Uhr; da mueste Jederman, wo man gangen oder gestanden, mit
abdöcken Haupt niterknieent betten; die solches underliessen und solches
Leuten nit in Acht nammen, denselben namen die Gerichtsdiener ihre Hüet;
ob sie dieselben aber behaltn oder ablegen müßten, oder wie sie es
darmit haben gemacht, kan ich nit wissen, jedoch hat sich dieser Brauch
mit der Weil wider verloren, aber leütten thuet man noch.“

Hatte somit Wolf Dietrich mit dieser Kanzelrede seine Anteilnahme an
Reich, Kaiser und Türkennot bekundet, die Nachricht aus Speyer bewirkte
eine jähe Sinnesänderung. Eben tagte ein bayerischer Kreistag, um über
ein Hilfsgesuch des Kaisers für den Türkenkrieg zu beraten, und zu
dieser Versammlung hatte Wolf Dietrich einige seiner Räte entsendet.

Das Urteil des Speyerer Kammergerichts rief im Erzbischof den größten
Zorn hervor und setzte seinen ohnehin „geschwinden Sinn“ in lebhafteste
Bewegung. Ein Kurier mußte mit unterlegten Pferden zum bayerischen
Kreistag reiten und den salzburgischen Räten das Abberufungsschreiben
einhändigen.

Herzog Max von Bayern, nicht wenig bestürzt ob des brüsken Vorgehens des
fürstlichen Nachbars, bemühte sich, die salzburgischen Gesandten zum
Bleiben zu veranlagen, doch diese kannten ihren Gebieter und rückten
schleunigst heim. Max schlug durch seine nach Salzburg geschickten
Hofräte vor, es wolle Salzburg und Bayern eine Gesandtschaft gemeinsam
an den Kaiser senden und ihn um Zurücknahme des Speyerer Urteils bitten
lassen.

Wolf Dietrich aber wollte auf niemand mehr hören, seinen Vorteil nicht
aufgeben, und forderte, es solle der Kaiser urkundlich geloben, die
Gegner Bayerns und Salzburgs nicht mehr zu unterstützen. Verweigere dies
der Kaiser, so werde Salzburg auch seine Türkenhilfe nicht bewilligen.

Diese schroffe Haltung Wolf Dietrichs rief das größte Aufsehen im Reiche
hervor, man staunte in allen Gauen Deutschlands über das beispiellos
kühne, scharfe Vorgehen eines doch, was Landbesitz anlangt, kleinen
Fürsten. Aber der Trotzkopf siegte, der Kaiser gab das Versprechen, in
jener Prozeßangelegenheit nicht mehr weiter zu gehen.

Es nun mit dem Kaiser ganz zu verderben, widerriet die Klugheit wie die
Erkenntnis des Fürsten, daß Bayern doch auch empfindliche
Schwierigkeiten bereiten könnte, zumal die Übervorteilung immer
offenkundiger ward. Wolf Dietrich gab nach. Auf einem neuen Kreistag
ließ er durch seine Gesandten seine Meinung dahin abgeben, daß er dem
Kaiser wohl Unterstützung gewähre, jedoch nicht in der verlangten Höhe.
Auf Salzburg trafen nämlich 844 Mann Türkenhilfe, der Erzbischof
gewährte aber nur 500 Mann, die aber nicht mit den anderen Reichstruppen
marschieren dürfen und von einem eigenen salzburgischen Oberstleutnant
befehligt werden müssen. Diese Sonderstellung lehnte jedoch die
Majorität des Kreistages ab, und Wolf Dietrich berief daher seine
Gesandten ab.

Das Motiv seiner Haltung war, dem Kaiser nicht gänzlich die Hilfe zu
versagen, immer weniger zu gewähren als gefordert wurde, um dadurch auf
den Kaiser in der schwebenden Salzangelegenheit einen Druck auszuüben.
Und so sollte es im Laufe der Zeit dahin kommen, daß _durch Salzburgs
Verhalten die Grundlage des Deutschen Reiches erschüttert wurde_.

Kaiser Rudolf spürte Wolf Dietrichs Druck, so klein das Erzstift auch
war; er fand es geraten, eine Verständigung anzubahnen über die
Salzangelegenheit zwischen Bayern und Salzburg, damit der Salzburger
seinem Hilfsgesuche nicht mehr entgegenwirke.

In der Bischofsstadt traten Delegierte des Kaisers, Bayerns und
salzburgische Hofräte zu einer Beratung zusammen und entwarfen einen
neuen Vertrag, wonach Salzburg in der Hauptsache im status quo
verbleibe, Bayern den gesamten Salzhandel zu Wasser behalte, ja daß man
der Stadt Passau nur so viel Salz verabreichen dürfe, als diese selbst
verzehre. Es handelte sich also lediglich darum, die Konkurrenz des
kaiserlichen und des salzburgischen Salzes in Böhmen einigermaßen für
den Kaiser erträglicher zu gestalten; dem Kaiser sollte deshalb
gestattet werden, selbst jährlich 250000 Kufen von Bayern zu
festgesetztem Preise und für bestimmte Städte in Böhmen zu beziehen; von
jeder dort eingeführten Kufe wollte Bayern ferner dem Kaiser fünf
Kreuzer bezahlen; Preissteigerungen sollten aber möglichst vermieden
werden.

Der Kaiser lehnte diesen Vertragsentwurf ab.

Wolf Dietrich beschloß daher, den Wert seiner Freundschaft dem Kaiser
begreiflich zu machen. Schon früher einmal hatte der Erzbischof sich mit
dem Pfalzgrafen von Neuburg liiert, um auf einem Reichstage eine Reform
des kaiserlichen Kriegswesens zu betreiben, auch war Wolf Dietrich auf
dem gleichen Reichstage rhetorisch als eifriger Vorkämpfer des
Katholizismus aufgetreten. Der verlorene Kardinalshut wie die Weigerung
des Kaisers in der Salzfrage veranlaßten den Fürsten eine Schwenkung zu
vollziehen, Wolf Dietrich stellte sich auf den Standpunkt der
protestantischen Bewegungspartei und wies seine Gesandten an, den
Frieden mit den Türken unbedingt zu befürworten, obgleich die Lage der
Dinge in Ungarn den Krieg gebieterisch forderte.

Auf dem Reichstage zu Regensburg prasselten die Meinungen aufeinander,
die salzburgischen Gesandten traten instruktionsgemäß den kaiserlichen
Wünschen sogleich entgegen, sie verzögerten die Beratungen unter
Hinweis auf Mangel an speziellen Instruktionen und hielten mit den
gleichfalls dissentierenden Pfälzern.

Als aber die Mehrheit für die Bewilligung einer Geldhilfe nach
Römermonaten[16] entschied, erklärten Wolf Dietrichs Delegierte: Da die
Hilfe freiwillig sei, so könne niemand über sein Vermögen hinaus zu
Leistungen angehalten werden; der Mehrheitsbeschluß sei also für
Salzburg nicht verbindlich; wenn aber der Kaiser, der achtzig
Römermonate gefordert, keine Kreissteuern mehr fordern werde und sich
verpflichte, diese Türkensteuer erst nach Ablauf der früher bewilligten
zu verlangen, und wenn außerdem auch die Reichsritter, die Hansa und die
ausländischen Staaten zu Leistungen herangezogen würden, so erkläre sich
Salzburgs Herr und Erzbischof allerdings zur Zahlung von acht
Römermonaten bereit.

Der ganze Reichstag staunte ob der Entschiedenheit der salzburgischen
Erklärung, über die Weigerung, sich einem Mehrheitsbeschlusse zu fügen,
über die Ignorierung der Verbindlichkeit eines solchen Beschlusses
seitens eines einzelnen Staates. Das Aufsehen mußte um so größer werden,
als Salzburg ein katholischer Reichsstand war, der gegen Kaiser und
Reichsverfassung opponierte. Salzburg erschütterte die Grundlage des
Reichs.

Graf Lamberg, welcher unter den Delegierten sich befand, erkannte die
Verstimmung gegen seinen Herrn nur zu gut, konnte aber an solcher
Wirkung der salzburgischen Forderungen nichts ändern. Er bemühte sich
jedoch, mit dem Bayernherzog einen modus vivendi zu schaffen, freilich
nur mit dem Resultat, daß Herzog Maximilian erwiderte: auch ihn kämen
die hohen Reichshilfen schwer an, aber er nehme diese Bürde auf sich,
weil er wünsche, zur Rettung des gemeinsamen Vaterlandes beizutragen.

Noch nach einer anderen Seite hin war der kluge Graf Lamberg thätig, er
urgierte den Salzvertrag in der Umgebung des Kaisers und erhielt die
Zusicherung, daß die Ratifizierung in späterer Zeit erfolgen werde, weil
der Kaiser auf die Hilfe Salzburgs nicht verzichten könne.

Mit dieser wichtigen Nachricht reiste Lamberg sogleich nach Salzburg.



XII.


Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten
in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche
leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des
Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark
abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der
Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen,
wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten
Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in
überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend
ausgeliehen wurden.

Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten
angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,
am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der
uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls
abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung,
die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten
gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf
Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz
bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut
des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und
vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für
seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er
nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die
geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten
verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder,
Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit
wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach
Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen
und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und
Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu
verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu
verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein
italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den
eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten
fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu
machen.

Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie
seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große
Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des
prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des
Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt.
Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den
Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im
Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in
diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend
konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage
aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr
hindurch bis zum nächsten Frühling.

Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die
Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie
Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in
den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von
solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim
Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und
wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von
Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser
der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein
Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung
erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des
Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die
Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern.

Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte
sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum
Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu
Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später
kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der
Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die
ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.

Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner
willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten
das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch
eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde,
ein Meisterwerk der Baukunst.

Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf
Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem
Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und
Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um
Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein
Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom
mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich
in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie
Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem
Geschmack.

Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen
Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte
im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger,
die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der
zweifellos enormen Kosten.

Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und
steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt
in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem
frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich
in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft
und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem
erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten
Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome
zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer
Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille
Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten
Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach
Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln
vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche
freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß
Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so
wurde die Übernachtung beschlossen.

Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,
es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht
schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.

In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre
Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still
durch die Fenster.

Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule
aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare
Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich
knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das
Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm
nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer
leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer
zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern
nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die
Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.

Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf:
„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. Der
Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.

Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen
feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf
die Residenz.

Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte;
man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei.
Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie
die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die
Residenz zu retten.

Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen
Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und
ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne
begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen.

Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die
Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die
Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und
anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden
sollen.

In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte
zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und
Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein
Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.

Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große
Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht
hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das
Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.

Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des
Landesherrn.

Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,
richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die
Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser.

Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur
Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,
alles fragte nach dem Erzbischof.

Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte
nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern.

„Wo ist der Fürst?“ hieß es.

Heiser rief der Meldereiter: „Er kommt nicht!“

Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen
konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr
durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher
Not.

Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit
dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom
Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: „Brennt es, so lasse man es
brennen!“

Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die
Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs
gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht
ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den
Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst
verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht,
das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte
dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst
der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.

Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich
diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter
verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man,
dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar
nach Rom übermittelte.

Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige
Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des
Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ.

Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in
der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr
abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen
Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder
celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt.
Peter abgehalten.

Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es
nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der
fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam.
Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof
diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.

Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit
zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf
Dietrich eine Audienz.

Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund,
sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß
der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag.

Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den
Kapitulator forschend an. „Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue
Kunde von Prag eingelaufen?“

„Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die
ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn.“

„Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu
vermelden wäre in meiner Stadt!“

„Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir
will gefährlich erscheinen.“

Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen
durchdringend. „Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht
hindern!“ meinte der Fürst dann geringschätzig.

„Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann
gefährlich werden.“

„Wohinaus will Lamberg zielen?“

„Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung,
die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß.“

„So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein
Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!“

„Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir
verstatten?“

„Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!“

„Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch
vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser
deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit
zugleich.“

„Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und
Herr zu thun und lassen habe?!“

„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine
unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch
eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen.“

„Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird
mir wohl anjetzo eingekerbt?!“

„Viel schlimmer, gnädiger Herr!“

„Wie?“

„Hart ist's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und
zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte.“

„Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?“

„Der Brand....“

„Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn
nieder!“

Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit
hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst
ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: „Niente di
male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen
das heiße Blut.“

„Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?“

„Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb
wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber
nicht....“

Jetzt rief Lamberg überrascht: „Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch'
infamen Argwohn entschuldbar?“

„Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß
widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die
Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward
zum Brandstifter.“

Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung
nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte
sich Wolf Dietrich amüsiert.

„Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen
lassen?“

„Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der
abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!“

„Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!“

„So sprich, teurer Freund!“

„Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten
Domes.“

„Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!“

„Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag
vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft.“

„Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch
Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will
einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen.“

Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben,
konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.

Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus
Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt
geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht
schlummerte ein.

Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie
im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute
Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen,
der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig
Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein.

Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom
noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch
die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen
Kirchen provisorisch untergebracht.

Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen
zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als
Erzbischof — nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer
Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig
und müsse daher abgetragen werden.

Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der
massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das
Ziel doch erreicht, — der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis
auf den Grund geräumt.

Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung
erbauen.



XIII.


Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch,
seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen
Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder
Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt.
Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit
am Hofe des baulustigen Erzbischofs.

Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach
nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu
Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen
Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten
damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs
entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie
ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche
Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu
wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu
bringen.

Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II.,
dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus
den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen.
Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten
den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche
sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer
unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen
Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der
Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die
Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch,
daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben,
wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen
hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag
geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem
Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem
bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte,
als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang
des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte.

Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwar
im Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen über
Geldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich dem
Kaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssen
erklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argen
Widerspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als in
München bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise der
Erzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco de
Mendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die den
Admiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nicht
nur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter den
Kirchenfürsten Deutschlands sein müsse.

Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte,
wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner
wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels
Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche
Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener
Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der
Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen.

Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation
nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn
auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als
Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg,
indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der
gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener
Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes
gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende
Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten
frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen
verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an
Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift
anheimfallen.

Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft
vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem
diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen
sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das
Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der
regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als
Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit
hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel
bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom
Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im
Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz
machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit
ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit
Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel
obwalten konnte.

Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der
Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe
der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem
fürstlichen Fiskus eingeliefert.

Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten
zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen
Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer
weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch
imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten
des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die
Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig
empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es
überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und
Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war.

Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten
manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer
wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den
Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen.

In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß
kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms.
„Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues
Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des
kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig
Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich
überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!“

Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu
trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt
werden könne.

Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: „Das sagt
Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich
gebrochen?!“ „Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt
heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im
innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle
eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren
Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden
könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!“

Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte
die weiße Stirn Salomens.

Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: „Mein
gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!“

„Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!“

„In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in den
Hintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinen
Kräften sorgen —“

„Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daß
Ursach' ist zur geringsten Klage?!“

„Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die
Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich
richten....“

„Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder
Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für
unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!“

„Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat der
Stiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingt
solche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimen
Abstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?“

„Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt'
kalt dies lassen!“ erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst.

„Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein,
anzuerkennen solche Urkunde“

Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick,
wohinaus Salome wolle. „Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht
nicht wohl aus!“

„Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!“

„Der — Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr ins
Staunen!“

„Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort,
mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des
Stiftsherrn Urkund' — —!“

„Hm!“ Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten
Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen
Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum
Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei
Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und
von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf
Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht
nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: „Solch' wichtige Sache
will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug'
behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!“

„Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht,
es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht
viel des Guten zu versehen ist!“

„Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!“

Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher
Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur
das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte
aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines
gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf,
den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht
aus dem Auge verlieren zu wollen.

Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine
Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben
gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg
berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der
Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und
katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die
Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die
protestantische Bewegungspartei habe nun die „Union“ errichtet, eifrige
Katholiken seien daran, als Gegengewicht die „Liga“ zu gründen, und so
frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen
oder nicht.

Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es
unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend
welchen Ausdruck zu geben.

Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und
überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend
aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: „Will der Bayer und
sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe
genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der
Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf
Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am
Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen
Jesuiten-Max dazu!“

Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit
ward mit keinem Wort erwähnt.

Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vom
Halse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafter
Stimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die ob
der Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete.

Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf
ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. „Willst wissen, Geliebte, was
meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!“

„Betrifft es mich, gnädiger Herr?“ fragte, schalkhaft werdend, Salome.

„Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!“

„Wen meint mein Gebieter mit sothanem ‚Max‘?“

„Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen,
der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in
Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!“

„Und das wäre?“

„Der Herzog führte Krieg gegen — der hübschen Weiber kurze Röcke und
pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!“

„So streng soll der Bayern-Herzog sein?“

„Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich
Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu,
die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das
Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine
kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome
gepönt, verliert den schönen Kopf!“

Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich
überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm
den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger
wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige
Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu
orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der
Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch
Salome nicht schwer.

Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet
ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine
Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in
lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs
Raten verlegen und deutete das „aut Caesar aut nihil“ dahin, daß der
Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun
wolle.

Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: „Wo
der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit,
wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die
Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von
Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!“

Vorsichtig fragte Salome: „So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft
im Erzstift an?“

Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: „Soll er wie er
will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger
Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!“

„Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!“

„Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins
Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich
kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem
Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und
österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta
salisburgensis, von dem ich gesprochen!“

Ängstlich fragte Salome: „Mußte das sein?“

„Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein
Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen.
Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es
fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron
verschlossen!“

„Was sagt der Bayer zu solchem Statut?“

„Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in
Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern,
wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!“

„Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?“

„Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich
weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten
angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will
nicht!“

„Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?“

„Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken
haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist
nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes
Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr
kräftigt es den Bayer.“

In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt
gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich
keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema
wechselnd fragte Salome: „Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl
zur Tafel führen?“

Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach
mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen
und Kämmerlinge.

Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der
Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos
erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf.

Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der
Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen
aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch
die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf
Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit
ausweichendem Bescheid heimkehren ließ.

Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat
Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag,
zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche
Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer
Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten,
auf „daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden“.

Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine
Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu
präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser
Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes
zur Verfügung haben sollte.

Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das
kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem
schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern.

Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl
gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis
zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit
den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald
erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur
schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in
München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das
Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war.

So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel
auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind
gegen die aufziehenden Gefahren.

Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und
beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und
ihrer Ersparnisse.

Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich
keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug
vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die
Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen
und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem
Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen
eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit
feenhafte Schloß ‚Altenau‘[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an
Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von
Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse:

  Raittnaviae stirpis divino e munere princeps
  Ad rapidas Salzac praetereuntis aquas
  Impatiens otii, spirans magis ardua quondam,
  Nunc, ubi per morbos corpore deficio,
  Has tacitas aedes fessus portumque silentem
  Hunc mihi semestri tempore constituo.

Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Ufer
und gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartiges
Gepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitere
Bebauung dieses Ufergeländes gegeben haben.

Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben
Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur
Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses
nach ‚Altenau‘, und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf
Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte
der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer
dräuenderen Sorgen hinter sich.

Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich
in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet:

  „Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf
  Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß
  oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten
  Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von
  allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen,
  pauen und aufrichten lassen, — auch solchen Pau Altenauen genennt. In
  solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich
  oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten
  daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil
  darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem
  fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die
  Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und
  gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet
  vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu
  Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen
  merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg
  schaffen können.

  Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im
  Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es
  sich begeben.... Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven
  nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch
  vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten
  worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn
  welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen
  recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis
  und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib
  von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß
  ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid
  herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert
  wirdet.“



XIV.


Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohl
in Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auch
Salomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seine
Unterstützung gebeten hatte.

Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser
erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad
vorgeschützt.

Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von
zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel
verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken,
vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein
unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig,
auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig.

Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens,
erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen
Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler
Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu
erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an
eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund
entbehrt.

Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salome
mit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vom
Dienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um dem
Kaiser Meldung zu erstatten.

Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten
und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer
Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen
um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen
Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort
„Salzburg“ fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie
geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling
diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte.

Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: „Frau von Altenau aus Salzburg
bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang.“

Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und
murmelte: „Altenau aus Salzburg — kenn' ich nicht! Salzburg — der
widerhaarige Fürst — ja ich weiß — bin müde, führ' er den Bittsteller
herein, soll kurz es machen!“

Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: „Euer Majestät
unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!“

Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die
Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob
sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten.

Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand
führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der
tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die
Dame bat, sich zu erheben.

Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde
freundlicher.

„Gnädigster Kaiser und Herr!“ sprach bebenden Tones Salome und richtete
den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, „wollen
Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen
vorbringen zu dürfen.“

Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach
der Kaiser: „Ihr seid verheiratet? Mit wem?“

Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, das
schreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. Nach
Atem und Ruhe ringend, stammelte Salome: „Gnädigster Herr und Kaiser!
Mein Bund entbehrt — des kirchlichen Segens!“

„Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!“ rief Rudolf und wich einen Schritt
zurück.

„Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!“

„Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern
vor jeder österlichen Beichte! — Wer ist der Mann, der sich nicht scheut,
den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?“

Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie:
„Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten von
Salzburg.“

„Des Erzbischofs Wolf Dietrich?“ rief überrascht und betroffen der
Kaiser aus.

Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den
Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in
seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob.

„Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treue
Dienerin ihres geliebten Herrn!“ flehte Salome.

Herb klangen des Kaisers Worte: „Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz,
verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen
Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das
Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der
heiligen Kirche! —“

„Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und
verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!“

Unwillig und erregt rief Rudolf: „Weiß der Erzbischof nichts von
Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür
ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom
Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß
ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem
keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den
Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?“

Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in
bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau:
„Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die
Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich,
die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und
kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im
salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und
Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet,
konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger
Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen,
die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich
unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen. —“

„Ihr seid verblieben dennoch?!“

„Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr'
ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola
nicht —“

„Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte —“ rief
erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser.

„Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue
bewahrte mir der Herr!“

„Und Verdammnis wird sein Euer Los!“

„In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen die
Priester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wie
lebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der von
Köln!“

„Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!“

„Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da
nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben
schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!“

Zaghaft und scheu sprach Rudolf: „Hab' recht ich Euch verstanden, so hat
unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er
doch die kirchliche Trauung hat vermieden?“

Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit.

„Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat
geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?“

Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: „Des
Kaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für — meine
Kinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!“

Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben.

Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und
hoben die Händchen bittend empor.

Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: „Was ist
Euer Begehr?“

Innig flehte Salome: „Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer
Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten,
will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich
des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den
Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund'
meines Herrn und Gebieters!“

„So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?“

„Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinen
Namen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zu
Langenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit den
unschuldigen Kindern!“

„Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!“ sprach mild der
Kaiser.

„Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reiches
mächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumb
Geber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigen
Bitte aus tiefstem Herzensgrund!“

„Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen
gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch
den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein
kaiserliches Wort!“

Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie
entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die
kaiserliche Rechte.

„Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit
keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter
ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer
Landsassen....“

„O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solche
Huld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank....“

„Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?“

„Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte es
Altenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt.“

„So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht
fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott,
kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures
gnädigen Kaisers!“

Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln
lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht.

Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern das
Gemach.

Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin:
„Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmt
gefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten!
Mir grauet vor solcher Beicht'!“

Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er
selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen
seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung.

Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau
und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte
ehelicher Geburt.



XV.


Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr
und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch
seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in
leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga
unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs
Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das
Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der
Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle,
hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich,
genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die
bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich
erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen
Salzburgs den Titel „celsissimus“ (der „erhabenste“) beilegte.

Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen
diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig
hin; aber in München ärgerte man sich über den „celsissimus“, man
verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die
Liga.

Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche
Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt
wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße
auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und
Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der
Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde.

Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen
empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer
nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener
Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des
Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch
auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag
und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu
Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz
des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher
Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden.

Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im
Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der
Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse
Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr
plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war
gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich
nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen.

Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte:
„unbeschadet seiner Gefälle“, es mußte daher der Herzog die Summe von
34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei
nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog
der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse
im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um
Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede
Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden
mußten.

So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden
übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den
Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga.

Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl
zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu
sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch
von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn
der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im
Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das
Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten
führten, ausgedehnt wurde.

Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des
Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre
Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie
zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem
Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden
belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der
denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und
ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern
selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also,
so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und
recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn
eher von sich selbst als von den Fertigern fordern.

Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres „Nein“, worauf
Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen
ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch
nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche
Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen
Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf
Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als
Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf
Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren
bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer
Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge
gerne zur Kenntnis genommen worden sei.

Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten
Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen
Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu,
die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch
sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu
München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf
Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu:
„Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für
Straßenbau zur Stelle!“ Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein
neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang,
Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu
konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise
könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden.

Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende
von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl
aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee
führte.

Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von
statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt
werden.

Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nur
noch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, die
Salzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt.
Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren und
Rossen stationiert worden war.

Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit
seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er
den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit
dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte
sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede
Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen.

In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern
erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei
Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz
nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten.

Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land
von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische
Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des
salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für
Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die
Forderung Maximilians zurück.

So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten
die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf
einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von
Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000
Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue
Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18].

Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch
einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet,
Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von
Böhmen — Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig — Tirol auf
neuen Wegen einzuführen.

So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens
verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste
hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem
Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern
dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen
Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg
durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der
schwersten Geldstrafen.

Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten der
Union begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchte
Maximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nach
Salzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot dem
Erzbischof Beistand an.

Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr
mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem
geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der
Unions-Bewegung war.

Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern
für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur
Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen
zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr.
Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern
abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert.

Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und
eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des
Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß
Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu
besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch
den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ,
die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge,
weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des
Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten
Worten vor einem Krieg.

An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im
Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß
gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst
liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf
Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu
fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen
Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.

Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: „Ob schlimm,
ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft,
will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende
mache und die Propstei dem Bayer nehme.“

Erschreckt fiel Salome ein: „Thut das nicht, gnädiger Herr, um aller
Heiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!“

„Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille,
befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich
geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit
langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der
Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!“

„O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird
der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und
rächen solche That!“

„Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe
gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann
sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!“

„Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu
klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein
Feldherr und stark sein Kriegsvolk!“

„Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als
Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir
bei!“

„Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen,
Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß
abfällt das Stift von Rom!“

Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge,
und sprach: „Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich
wechseln!“

„Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädiger
Herr!“

„Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die
Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich
nichts!“

„Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug,
verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil....“

„Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen?
Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München
machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's
nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land
wird nimmer bayerisch!“

„O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die
vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!“

„Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich,
Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!“

In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten
und rief mit flehend erhobenen Händen: „Höret nimmer auf Soldatenwort!
Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt
der ergrimmte Bayer!“

„Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!“ sprach mild der Fürst
und hob Salome zu sich empor. „Die treulich Mutterliebe spricht aus dir,
die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue
mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!“

Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: „Könnte
verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der
deutschen Fürsten?“

„Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und
das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!“

Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete den
kriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ Wolf
Dietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott und
Hauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten.

Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein
Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem
militärischen Kleide weichen müssen.

Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den
Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten
gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang
anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas
ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und
Domherren.

Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit
langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln
huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte
der Erzbischof: „Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher
Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis
spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach
Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein
waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand
wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle
erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger
Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab!
Gott befohlen!“

Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung des
Befehles und verließen sogleich die Residenz.

Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611
erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten
der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß
der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen,
die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage
beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen
Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle.

Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine
bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher
Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos
erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf
Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis
schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der
Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe
den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der
Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein
Schiedsgericht.

Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den
Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof
von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden
einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den
durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen.

Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich im
Hochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmig
geärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauter
Zwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände.

Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen
seine Worte, als er sprach: „Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest
sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog
schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!“

Wolf Dietrich fuhr auf: „Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab'
ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!“

„Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat
das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die
Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!“

„Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!“

Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den
Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht
einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern
bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin
aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu
öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der
Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.

Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: „Da kommt
der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert,
ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh
sein, wenn man ihn lasset unbehelligt.“

„Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an das
Reichskammergericht wendet!“

Wieder lachte Wolf Dietrich: „Dann kann der Bayer warten bis zum
jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!“

„Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die Wegnahme
Berchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?“

„Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das
Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet,
meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!“

Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: „Dann,
Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ich
sehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das der
Herzog wird mit Krieg überziehen und —“

„Und?“

„Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!“

„Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!“

„Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden
nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem
Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer....“

„Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des Bayers
Sieg wünschet über das Erzstift!“

„Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen der
Unterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!“

Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen
seine Worte: „Du glaubst — an meinen — Sturz?!“

„Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In
letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich
beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den
unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder!
Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers
Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder,
wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch,
so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre
Euch in dieser letzten Stunde!“

„Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel!
Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg dem
Kapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehren
Mores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar!
Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wie
ich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und den
Bayer!“

Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: „Nehmt mein Leben,
Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört
das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!“

Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: „Ich trotz' allen!
Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und
Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring'
den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist
deine Freundschaft!“

Todesbleich erhob sich Lamberg, schmerzverzerrt waren seine Züge, er
zitterte, in abgerufenen Sätzen erwiderte der schwergekränkte Freund:
„Mein Hab' und Gut, was ich erspart und sonst mein eigen nenne, es ist
Euer, gnädiger Herr, verfüget darüber bis zum letzten Heller! — Dem
Kapitel werd' ich melden des Fürsten Begehr! Ich fürchte....“

„Ich weiß genug! Feig und hinterlistig sind sie alle, Verräter!“

Ein gebieterischer Wink des erzürnten Fürsten, und Lamberg wankte aus
dem Gemach. Trotz erlittener Kränkung und Schmach wollte der treue
Freund nach Möglichkeit dem Gebieter beistehen, Lamberg suchte die
beiden Lodron, den Domdechant v. Weittingen, die Kanoniker Törring,
Wolkenstein und Freyberg auf, er flehte Kuenburg, Schrattenbach und
Welsberg an, dem Fürsten die Hilfe zu gewähren, allein das Kapitel war
dem harten Gebieter zu sehr abgeneigt, verbittert, niemand wollte aus
Kapitelfonds Mittel zu einem leichtfertig vom Zaune gebrochenen Krieg
bewilligen. Das hatte der weitausblickende Graf Lamberg im voraus
gewußt, dennoch schmerzte es ihn bitter, den Herrn verlassen zu sehen in
der Stunde der Gefahr und Not. Einen Schritt noch wollte der treue
Freund unternehmen: Salome warnen, ihr rechtzeitige Flucht unter
Mitnahme ihres Eigentums anraten, die fürstlichen Kinder in Sicherheit
bringen. So eilte denn Lamberg in das Schloß Altenau und ließ sich bei
der Fürstin melden. Allein da Wolf Dietrich bei seiner Familie weilte,
wurde der Warner nicht angenommen, der vergrämte Fürst ließ Lamberg im
Namen Salomes wissen, daß zu einem Empfang kein Anlaß vorliege.

„Jacta est alea!“ flüsterte der treue Freund und kehrte über die
Salzachbrücke in die innere Stadt zurück.

Wolf Dietrich ließ mobilisieren; von Salzburgs Bürgerschaft wurden 400
Mann bewehrt, im ganzen Stiftsland wurden waffenfähige Leute ausgehoben
und bewehrt an verschiedene Posten verteilt, so 100 Mann nach Mattsee,
100 längs der bayerischen Grenze, etlich 100 nach Laufen, 170 nach
Tittmoning, etlich 100 auf Rauschenberg, ebenso viel nach Lofer und
Glanegg u.s.w. Die Vorstadt Mühlen bekam 800 Mann Besatzung, der
Mönchsberg 300, der Nonnberg 200, die Thore, welche die Zufahrt zur
Salzachbrücke schützten, wurden mit 600 Mann bewehrt, die Schranne mit
100 Mann, die Traidkästen mit 700 Mann belegt.

Inmitten dieses kriegerischen Getriebes fühlte sich Wolf Dietrich, der
in seiner Verblendung den kriegserfahrenen Herzog Max gänzlich
unterschätzte, nicht nur sicher, er ward geradezu übermütig, als ihm
gemeldet wurde, daß insgesamt 13000 Mann Bürger, Bauer und Kriegsvolk zu
seinem Schutz in Waffen ständen. So harrte der Fürst eines Angriffes von
Bayern her, doch kam weiter nichts als ein Schreiben des Herzogs, und
zwar nicht mehr an den Fürsten, sondern an das Domkapitel. Herzog Max
mochte wohl über die im Kapitel herrschende Stimmung unterrichtet
gewesen sein, daß er nun eine Auseinandersetzung mit den Kapitularen
und Kanonikern anstrebte, bevor die Waffen sprechen sollten.

Eine Kapitelsitzung fand sogleich statt und ergab das Resultat, daß
Dompropst Anton Graf Lodron beauftragt wurde, das herzogliche Schreiben
dem Erzbischof zu überreichen, um jeglichen Schein einer Falschheit zu
beseitigen.

Brüsk empfing Wolf Dietrich den Propst und fragte sogleich, ob das
Kapitel bereit sei, dem Fürsten Hilfe zu gewähren.

Graf Lodron erwiderte: „Gewiß ist das Kapitel bereit, den gnädigen Herrn
und Fürsten zu unterstützen!“

„Wie? Also doch?! Lamberg hat mich des Gegenteils versichert!“

„Hochfürstliche Gnaden wollen recht verstehen: das Kapitel bietet seine
Hilfe an zum schriftlichen Austrag der Streitsache auf Grund des
eingelaufenen herzoglichen Schreibens, das zu überreichen ich vom
Kapitel beauftragt bin!“

Zornerfüllt, ergrimmt über solche Enttäuschung rief Wolf Dietrich: „Vom
Kapitel brauch' ich zum Kriege Geld! Eure Weisheit könnt für Euch selbst
behalten Ihr! Und ahnden werd' ich, daß hinter meinem Rücken wird
verhandelt! Das Kapitel hat, so gebiet' ich, der Fürst und Herr, sich
aller weiteren Verhandlungen zu entschlagen! Ich habe mir nimmer von den
alten Domherren Vorschriften machen lassen, erst recht nicht von dem
jungen Nachwuchs! Das ist meine Antwort auf Euer falsch Gethue!“

Würdevoll legte Graf Lodron das herzogliche Schreiben auf den Tisch des
Fürsten, verbeugte sich, sprach ernst und bedeutungsvoll: „Ich habe im
Namen des Kapitels gesprochen, dessen Hilfe in bemeldter Sache
angeboten. Das weitere zu befinden, wird das Kapitel nicht müßig sein.“
Der Dompropst erwies dem Erzbischof alle gebührenden fürstlichen Ehren
und ging.

Wolf Dietrich konnte im stillen Gemach seine Wut austoben lassen. Zum
Abend ward er ruhiger und konzipierte selbst die Antwort für das Kapitel
auf das bayerische Schreiben, in welchem Max den Nachweis für die
Widerrechtlichkeit der vom Fürsten vorgenommenen Schritte darzulegen
bemüht war.

Dieses Konzept überbrachte am nächsten Morgen der Untermarschall des
Erzbischofs Thomas Perger, der Kanzler Dr. Kurz nebst dem Vizekanzler,
Licentiat Gruber, dem Kapitel, und in einer ad hoc einberufenen Sitzung
gab der Kanzler die Erklärung des Fürsten ab, daß der Erzbischof das
Kapitel wie das Erzstift gegen alle Feinde genugsam zu schützen wissen
werde. Das fürstliche Konzept wurde verlesen und verworfen. Man entließ
die Sendboten Wolf Dietrichs mit dem Bescheide, daß das Kapitel es
besser erachte, die Antwort an den Herzog von Bayern selbst abzufassen.

Ein feierlicher Moment folgte, als die Herren sich entfernt hatten,
sämtliche Kapitelherren schwuren auf das Evangelium, einander in dieser
Gefahr treu und fest beizustehen. Dann wurde beschlossen, schriftlich
den Herzog von Bayern zu ersuchen, daß er die Gelegenheit benutzen möge,
um das Erzstift vom Untergang zu retten. Ein Kammerbote mußte auf
flinkem Roß dieses Schriftstück nach Burghausen bringen, wo der Herzog
weilte und seine Kriegsmacht zusammenzog.

Der trübe Oktobertag neigte zur Rüste, da verbreitete sich mit
Windeseile in der Stadt Salzburg die Schreckenskunde, daß Herzog Max
Mühldorf bereits eingenommen, sich dort habe huldigen lassen, und nun in
Eilmärschen mit 20000 Mann gegen Laufen rücke. Ein allgemeiner Wirrwarr
entstand in Salzburg, ein Schrecken, der die Leute das ärgste befürchten
ließ, so daß Begüterte zur Flucht sich rüsteten und viele Bürger Miene
machten, die Waffen wegzuwerfen.

Die Alarmkunde drang auch in die Residenz und erschreckte Wolf Dietrich
so sehr, daß er um seinen Weihbischof Claudius schickte und inzwischen
in fliegender Hast einen Brief entwarf, worin er den Herzog um Frieden
bat, ohne jedoch Zugeständnisse von Belang zu geben. Mit diesem Briefe
mußte der Weihbischof eiligst dem Herzog entgegenfahren. Nach dessen
Abreise ward der Fürst wieder ruhiger, und am nächsten Morgen dachte er
an keine Gefahr mehr, von der Überzeugung durchdrungen, daß der Brief
seine Wirkung thun, den Herzog zur Umkehr veranlagen werde.

Um 9 Uhr morgens erschien das Kapitel in der Residenz und ließ feierlich
um Audienz bitten, die sofort gewährt wurde. Der Fürst zeigte sich aber
ungnädig und befahl, es mögen sich die Herren kurz fassen.

Domdechant v. Weittingen nahm das Wort, führte aus, daß das Kapitel den
Frieden selbst betreiben möchte, weshalb Hochfürstliche Gnaden erlauben
möge, daß vier Kapitulare zum Herzog reisen dürfen.

Barsch rief der Erzbischof: „Nein, das erlaube ich nimmer! Das Kapitel
versteht von bemeldter Sache nichts und hat kein Interesse daran! Ich
bin nicht gesonnen, dem Herzog das Holz zum Sieden zu geben, so lange
nicht, bis ich ein ander Wasser trinke! Dabei bleibt es, und die Herren
mögen sich nach Hause begeben!“

Steif verneigten sich die Kapitelherren, eisig kühl entfernten sie sich.

Diese Ruhe imponierte Wolf Dietrich ungleich mehr, als wenn die
Kapitulare stürmischen Protest erhoben hätten. Sie schüchterte den
Fürsten geradezu ein, und in seiner Angst ließ er den eben
heimgeschickten Domdechant Bitten, schleunigst in die Residenz zu
kommen.

Weittingen gehorchte sofort und erstaunte nicht wenig, als Wolf Dietrich
ihn bat, zum Herzog zu reisen und über den Frieden zu verhandeln, zu
welchem Zweck der Fürst dem Dechant eine Legitimation einhändigte.

Kaum war Weittingen fort, ließ der Erzbischof den Kapitular von Freyberg
holen, klagte diesem seine Beängstigung und bat ihn, ebenfalls zum
Herzog zu reisen und den Frieden zu betreiben.

Noch am selben Abend erhielt Wolf Dietrich ein Schreiben des Erzherzogs
Ferdinand von Innerösterreich, worin dieser, der auf Bayern
eifersüchtig war, seine Vermittlung beim Kaiser anbot. Hoffend, daß
dadurch der Anmarsch gehemmt werden könnte, schickte Wolf Dietrich auch
dieses Schreiben des Erzherzogs an Maximilian.

Boten flogen hin und her, Herzog Max hatte, bevor die Salzburger
Gesandtschaft bei ihm eingetroffen war, ein Schreiben an Wolf Dietrich
geschickt mit der Aufforderung, den status quo herzustellen binnen zwei
Tagen, worauf die Feindseligkeiten beendet werden würden.

Demütig schrieb Wolf Dietrich wieder zurück, es möge kein unschuldiges,
katholisches Blut vergossen und ein zehntägiger Waffenstillstand
bewilligt werden, während dessen die beiderseitigen Gesandten über die
Friedensbedingungen verhandeln sollten.

Inzwischen waren aber die Gesandten in Burghausen eingetroffen und vom
Herzog empfangen worden.

Zur größten Überraschung Maximilians forderten die Domherren aber nicht
Frieden um jeden Preis, sie baten, es möge der Herzog den Urheber des
Streites, den Erzbischof vom Erzstift beseitigen.

Im Flug überdachte Maximilian alle Kränkungen und Schädigungen, die Wolf
Dietrich ihm erwiesen, der Herzog erkannte, daß mit diesem Ansinnen des
Kapitels ein hohes Ziel, Salzburg selbst für Bayern zu gewinnen sei.
Allzeit vorsichtig, gab der Herzog nicht sofort Bescheid, ließ die
salzburgischen Gesandten reich bewirten und vertröstete sie auf den
nächsten Tag.

Mit seinen Räten besprach sich der Herzog schier die Nacht hindurch, und
alles ward sorglich erwogen. Was gegen Wolf Dietrich vorliegt, fand
genaueste Kritik, den Ausschlag gaben die wohlerfaßten Worte der
Kapitelsgesandtschaft von „schweren Praktiken zu höchstem Nachteil des
Erzstiftes“, Worte, die der herzogliche Kanzler dahin übersetzte, daß
Wolf Dietrich den Übertritt zum Protestantismus und die Säkularisation
des Erzstiftes beabsichtige.

Herzog Max erinnerte sich sogleich der aufgefangenen Briefe des Fürsten
Christian von Anhalt an Wolf Dietrich mit Andeutungen, daß der
bevorstehende Tod des Kaisers die beste Gelegenheit gäbe, die Union mit
bewaffneter Hand auszubreiten.

Daß in einem Kriege der Union gegen die Liga der Salzburger nicht auf
Seite der letzteren stehen würde, konnte für Herzog Max keinem Zweifel
unterliegen.

So endete die lange Sitzung mit dem Beschluß, auf den Vorschlag des
Salzburger Kapitels einzugehen, Wolf Dietrich aus dem Erzstift zu
verjagen.

Am Morgen erhielten die Gesandten aber nur den vorsichtigen Bescheid, es
beharre der Herzog auf seinen Forderungen: Herstellung des status quo
ante, Leistung einer Kaution, auf daß der Fürst nicht zu Bayerns
Nachteil mit anderen in Verhandlungen wegen des Salzwesens trete, und
Entscheid binnen zwei Tagen.

Die Kapitulare kehrten nach Salzburg zurück und meldeten dem Erzbischof
die Bedingungen des Herzogs. Wolf Dietrich lachte darob und spottete:
Mit dem Dutzend Feldstücke werde der Bayer wohl keine Salzburger Berge
einschießen.

Von ihrem Vorschlag zu einer Okkupation Salzburgs und Absetzung des
Erzbischofs durch Herzog Max sagten die Kapitulare nichts und zogen sich
zurück.

Tags darauf trafen der Weihbischof und Graf Paris Lodron wieder in
Salzburg ein, empört darüber, daß der Herzog sie gar nicht empfangen
hatte. Diese Mißachtung seiner Sendboten ärgerte Wolf Dietrich, im Zorn
rief er, diesen Affront bitter rächen zu wollen.

Graf Lodron glaubte dem Gebieter doch ein Einlenken empfehlen zu sollen,
wasmaßen der Stadt wie dem Erzstift große Bedrängnis drohe und der Bayer
nicht viel Federlesens machen werde.

„Blaset doch nicht Trübsal! Ich bin Mannes genug und werd' den Bayer
zwingen!“ prahlte Wolf Dietrich. „Ihr seid jeden Mutes bar, feige
Memmen! Schaut Euch um, überall habe ich Mannschaft genug, dem Herzog
den Eintritt zu wehren! Verharret Ihr aber in solcher Feigheit, so werde
ich Euch türmen lassen in der Feste!“

Betroffen entfernten sich die beiden Herren, denen der Übermut des
Fürsten ebenso unbegreiflich erschien wie seine Zuversicht auf einen
geradezu undenkbaren Sieg.

Am selben Abend des 22. Oktober lief in der Stadt die Schreckenskunde
ein, daß Herzog Max Stadt und Schloß Tittmoning trotz heldenhafter
Verteidigung seitens der aus 170 Pinzgauern unter dem Befehl des
Hauptmannes Schneeweiß bestehenden Besatzung erobert habe.

Als Wolf Dietrich diese Meldung erhielt, rief er: „Macht nichts!
Tittmoning ist nicht Salzburg!“ und entwickelte nun eine die verzagte
Bevölkerung der Bischofsstadt überraschende Thätigkeit, indem er sein
kleines, falbes Roß bestieg und von einigen Offizieren begleitet auf die
Schanzen ritt, die Leute zur tapferen Gegenwehr ermunterte und
Belohnungen versprach, so recht viele der Bayern weggefangen würden.

Nach einer Stunde etwa begab sich der lebhafte Fürst in die Residenz
zurück, dinierte mit den Offizieren, und nachts zehn Uhr ritt er
abermals auf die Schanzen und revidierte persönlich die Wachen, die sich
neuerdings verzagt zeigten, da es hieß, der Bayern-Herzog rücke mit
24000 Mann heran und werde bis zum Morgengrauen vor Salzburg erscheinen.

Wolf Dietrich verstummte, es erfaßte ihn eine Angst, die er nicht
bezwingen konnte. Jäh riß er sein Roß herum und jagte im Galopp zur
Residenz. Vor derselben angelangt befahl er, den Falben gesattelt bereit
zu halten, stieg eilig ab und begab sich in sein Arbeitsgemach, um einen
Brief an den Herzog zu schreiben. Damit fertig, befahl er, es solle ein
Domherr sofort dem Herzog solchen Brief überbringen und zwar in der
fürstlichen Hofkutsche.

Die Boten sprangen hinüber ins Kapitelhaus, kamen aber sogleich wieder
mit der Meldung zurück, daß keiner der Domherren eine solche Mission
übernehmen wolle.

Wolf Dietrich erbleichte bei dieser Kunde, doch faßte er sich schnell
und befahl, es solle der Guardian der Kapuziner nebst einem
Ordensgeistlichen zum Herzog fahren und den Brief überbringen. Diese
Geistlichen wurden aus den Zellen geholt und vor den Fürsten gebracht,
der dem Guardian hastig instruierte und auftrug, dem Herzog zu sagen:
Der Erzbischof wolle für seine Person lieber das Äußerste dulden, bevor
er seine Unterthanen in ein Blutbad stecke.

Demütig sprach der Guardian: „Hochfürstliche Gnaden, ich gehorche! Aber
es ist zweifelhaft, ob ich den Herzog rechtzeitig noch erreiche und....“

„Kein aber! Fort! Fahret im Galopp!“

Die Patres wußten kaum, wie sie in den Hof gelangten, die erregte
Dienerschaft drängte sie in die Kutsche, die Pferde zogen an, in
rasender Eile rasselte das Gefährt durch die Stadt zur bayerischen
Grenze.

Allein in seinem Gemach überließ sich Wolf Dietrich völlig der Angst, er
warf sich auf den Betstuhl und flehte um die Hilfe des Allmächtigen.
Doch kein Himmelstrost wollte ihm werden durch das Gebet, die Furcht war
übergroß, die Gedanken jagten einander; jäh schrie der gepeinigte Fürst
auf, ein Gedanke war über ihn gekommen: Salome! Die Kinder! Soll seine
Familie dem rachegierigen Herzog in die Hände fallen, büßen die
Unschuldigen für den Vater?

Aufspringend, zitternd am ganzen Körper, rief Wolf Dietrich mit heiserer
Stimme die Kämmerlinge herbei und befahl, es solle sofort alles zur
Flucht bereit gehalten werden, Wagen und Truhen, man solle alle Schätze
und Geld verpacken.

Dieser Befehl rief völligen Wirrwarr hervor. Der Fürst eilte hinüber in
den Hof, befahl einigen Dienern, ihm zu folgen, und ritt im schärfsten
Tempo trotz Nacht und Wind nach Schloß Altenau, das alsbald alarmiert
ward. Kammerfrauen mußten Salome wecken und die Kinder aus den Betten
holen und ankleiden.

So groß der Schreck ob dieser Alarmierung war, Frau von Altenau zeigte
sich gefaßt, als Wolf Dietrich verstört zu ihr ins Nebengemach trat und
von namenloser Angst gefoltert zu eiligster Flucht drängte.

Ein Blick aus Salomens blauen Augen traf fragend den bebenden Fürsten.

„Ja, ja, Salome! Alles ist verloren! Ich hab' verspielt! Klage nicht,
spute dich! Ich muß dich und die Kinder retten vor dem rachegierigen
Bayer! Reise sogleich ab, die Wagen werden sofort kommen. Fliehe ins
Gebirg, in Friesach oder Gmünd treffen wir zusammen!“

„Es wird geschehen, wie mein Herr befiehlt! Muß aber so überstürzt die
Flucht ergriffen werden?“

„Ohn' Verzug! Wir sind keine Stunde mehr sicher! O Gott, steh' uns bei!
Rette dich und die Kinder!“

„Und mein gnädiger Herr?“

„Ich will auf die Rückkunft der Kapuziner warten!“

„Dann ist es meine Pflicht auszuharren....“

„Nein, nein! Flieh' sofort und bring' die Kinder in Sicherheit!“

Wolf Dietrich umarmte die treue Frau, bat sie, alles eiligst zu
besorgen, und entfernte sich, mühsam den Trennungsschmerz
niederkämpfend.

In wenigen Stunden dieser Nacht war alles zur Flucht bereit gestellt.
Sieben Wagen wurden mit allem Silbergeschirr und den in großer Eile
zusammengerafften Kleinodien, dem Kirchenschatz und Bargeld, in Truhen
verpackt, beladen und in der Morgendämmerung in der Richtung nach
Golling abgeschickt.

Mit zwei Söhnen und drei Töchtern samt großem Gefolge fuhr Salome diesen
Wagen nach, gefaßt, doch mit Thränen in den Augen. Ein letzter Blick
galt, als das Steinthor im Rücken lag, der Stadt, der nun verlorenen
Heimat. Da lähmte ein Gedanke schier Kopf und Herz, der Gedanke an den
in Groll geschiedenen, zu Salzburg begrabenen Vater und an seinen Fluch,
der sich nun zu erfüllen scheint. Welch' ein Abschied von der Heimat!
Ein Sturz von schwindelnder Höhe! — —

Die Flucht Salomens und Wolf Dietrichs Kinder, die Fortschaffung aller
Schätze und Kostbarkeiten gab für die wohlhabenderen Salzburger das
Zeichen zur allgemeinen Flucht; wer konnte, brachte sich und seine Habe
in Sicherheit, kaum konnten genug Fuhrleute beschafft werden, um Hausrat
und Waren fortzubringen. Für die Zurückbleibenden gab es Schrecken genug
durch die immer drohender lautenden Gerüchte; hieß es doch, der
Bayern-Herzog habe geschworen, die Stadt zu zerstören, den Erzbischof
lebendig oder tot zu fangen, er wolle Salzburg von diesem „Türken“
befreien, und das Schwert des Herzogs werde nimmer ruhen, bis der
Erzbischof unschädlich gemacht sei.

Nichts als Schrecken und dazu noch Hungersnot; es gebrach an
Lebensmitteln, so daß in Salzburg fast kein Laib Brot mehr zu finden
war.

Noch wartete Wolf Dietrich auf die Rückkehr der ausgesandten Kapuziner;
wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, so hoffte der
gebrochene, verzweifelnde Fürst noch auf eine Nachricht, auf Verzeihung
des gefürchteten Herzogs.

In seiner Angst wollte Wolf Dietrich nicht mehr allein bleiben, er
sehnte sich nach Zuspruch und ließ die Kapitulare Törring und Freyberg
bitten, ihn zu besuchen.

Die Herren kamen und trösteten wohl, doch riet Freyberg, es solle der
Fürst doch lieber Salzburg verlassen und auf Hohenwerfen so lange
Quartier nehmen, bis der Streit beigelegt sei; auch würden die
Verhandlungen dadurch erleichtert werden.

Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen
zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu
leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach
er denn schmerzbewegt: „Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe,
sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines
Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!“

Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht
nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu
erwarten.

Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er
verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der
Kapuziner.

Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum
Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen
die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten
korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. „Daran geschehe ihm
unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle.
Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt,
begehre derowegen Gnad und Verzeihung.“ — Das zweite Schreiben war an das
Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner
Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun,
was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde.

Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit
sie leicht gefunden werden konnten.

Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner
noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf
und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden.
Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen
Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den
Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten
Kämmerern sprach: „Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen
Herrn!“

Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem
Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten.

Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten
Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben.
Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in
schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde.

Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor
dem anrückenden Feinde.

Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das
zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden,
und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln.
Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen
Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen,
jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und
Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog
entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens
des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun
nach seinem Gefallen schaffen könne.

Das erste Verlangen Maximilians galt der Räumung Berchtesgadens und der
Holzlieferungen für das Reichenhaller Sudwerk, Forderungen, welche das
Kapitel bereitwilligst bewilligte. Ja noch mehr: das Kapitel drang
darauf, daß die Salzfrage gelöst werde und der Herzog auch eingreife,
den Erzbischof in persona und die Güter dem Erzstift wieder
zurückzubringen.

Maximilian zauderte; es hatte doch etwas Mißliches, den Erzbischof,
einen vornehmen Reichsstand und hohen geistlichen Würdenträger verfolgen
und verhaften zu lassen. Es widerrieten auch die Hofräte des Herzogs
einer solchen Maßregel. Da aber die Gesandten Namens des Kapitels
erklärten, daß im Erzstift nicht früher Ruhe werde bis nicht Wolf
Dietrich definitiv abgesetzt und gefangen sei, so gab der Herzog am 25.
Oktober den Befehl zur Verfolgung des Erzbischofs durch 100 Reiter unter
dem Befehl des Rittmeisters Hercelles, der noch in der Nacht ins Gebirg
aufbrach und hinter dem Flüchtling einherjagte.

Tags darauf ritt Herzog Max, vom Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber
begleitet, gefolgt von 200 Reitern und 1000 Mann Pikenieren und
Schützen, in Salzburg ein.

Scheu hielten sich die Bürger in den Häusern, der Plünderung gewärtig.
Doch zum freudigen Erstaunen ließ der Herzog auf dem Marktplatz halten
und durch den Profoßen verkünden: „Wenn sich ein Knecht ungebührlich
halten würde oder bei eines Pfennig Wert entwendet, soll der Profoß
Macht und Gewalt haben, Hand anzulegen und solchen Übelthäter an den
lichten Galgen zu henken.“

Und sogleich begannen Zimmerleute aus der bayerischen Heeresmacht an
der Pfeifergasse und an anderen Orten Galgengerüste aufschlagen.

Dann ritt Maximilian freudigen Herzens, einen Sieg errungen zu haben,
ohne jedes Opfer, zur Residenz, wo ihn der Domdechant mit den
Kapitularen feierlich empfing und als Geschenk einen „schönen
Schreibkasten“ anbot, den Wolf Dietrich dem König Mathias zur Hochzeit
bestimmt hatte und der tausend Gulden gekostet hatte.

Ein Festmahl schloß sich dem feierlichen Empfang an, und während
desselben erklärte der Herzog, daß er sich nur als Protector urbis
betrachte und sich nicht in die Landesregierung des Erzstiftes einmengen
wolle. Inmitten dieses glänzenden Mahles, das allerdings nur durch die
großen Anstrengungen in Zufuhr von Lebensmitteln aus benachbarten
Städten und Dörfern ermöglicht werden konnte und wofür das Kapitel keine
Kosten scheute, traf erschöpft und wund geritten zu allseitigem
Erstaunen der Untermarschall Perger mit einem neuen Schreiben des
geflohenen Erzbischofes ein, mittels dessen Perger zur Abgabe von
Erklärungen legitimiert erschien.

Um eine Störung der Versammlung zu vermeiden, wollte der Dechant den
Vizemarschall erst am nächsten Tage vornehmen, allein der Herzog hatte
von dessen Ankunft bereits gehört und war neugierig darauf, was der
Flüchtling wolle melden lassen. So ward Perger denn vorgelassen und
seine Erklärung lautete zur nicht geringen Befriedigung des Kapitels:
der Erzbischof habe niemals beabsichtigt, protestantisch zu werden,
wollte auch niemals das Erzstift säkularisieren, er sei vielmehr bereit,
aus Liebe zum Frieden gegen eine jährliche Pension zu — resignieren.

Der Herzog schmunzelte, und die Kapitulare nicht minder.

       *       *       *       *       *

Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den
Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg
Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie
glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser
Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in
rascher Flucht suchen!

Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende
Raben flogen über die Burg hinweg.

Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes.

Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille,
traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte,
als Hufgeklapper hörbar wurde.

Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am
Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer
begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des
Erzbischofes zu Salome.

„Ruh' in Frieden!“ flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann
der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern.
Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird?
Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich.
Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe
Stunde ist keine Menschenseele sichtbar.

Weiter!

Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die
Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf
Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige
Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr
von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des
mißgünstigen Bergortes Schladming.

Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den
Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann
ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise
nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee
und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war.
Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte
nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort,
grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf.

Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier
genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu
schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch
wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer
entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß
zurück nach Salzburg reiten.

Wenige Stunden nach Wolf Dietrichs Ankunft trafen die vorher avisierten
Herren Rudolf v. Raittenau, des Fürsten jüngerer Bruder und Vizedom von
Friesach, und Christof von Welsperg in Moosheim ein, die das Geleite
Wolf Dietrichs nach Kärnten zu übernehmen hatten.

Der Fürst begrüßte die Herren durch freundlichen Händedruck und mit
wenigen Worten. „Ein schmerzlich Wiedersehen!“ meinte er unter bitterem
Lächeln zum Bruder, der trösten wollte und ängstlich zur alsbaldigen
Fortsetzung der Flucht zur Grenze drängte.

Doch Wolf Dietrich wollte längere Rast hier halten und glaubte, die
Entfernung und die dazwischen liegenden Tauern werde genügende
Sicherheit bieten. Zudem war die Witterung trostlos geworden, der Ritt
nochmals zur Paßhöhe des Katschberges drohte strapaziös zu werden.

So blieb der Fürst, meist in sein Gemach eingeschlossen, zwei Tage in
dem elenden Nest.

Rudolf Raittenau mißtraute der Situation in höchstem Maße und hatte
gleich nach seiner Ankunft in Moosheim einen berittenen Boten zurück
nach Radstadt geschickt, um beim dortigen Pfleger Kundschaft über
etwaige Ereignisse zu Salzburg und eine mögliche Verfolgung des
flüchtigen Erzbischofs einzuziehen.

In der Nacht zum 27. Oktober kam dieser Bote auf dampfendem Roß zurück
und überbrachte die alarmierende Kunde, daß Salzburg von bayerischen
Truppen besetzt sei und das Domkapitel Befehl an alle Pfleger und
salzburgischen Beamten erlassen habe, den Erzbischof gefangen zu nehmen
und nach Salzburg einzuliefern.

Nun gab es für den besorgten Rudolf v. Raittenau kein Zaudern mehr, der
Fürst wurde geweckt, alle Vorkehrungen getroffen, und in frühester
Morgenstunde, ungeachtet der gefahrvollen Witterung, erfolgte der
Aufbruch.

Keuchend erklommen die schnaubenden Rosse den steilen Katschberg.
Seltsamer Weise war bei diesem Ritt der zur Führung bestimmte
salzburgische Postmeister Hans Rottmeyer nicht an der Spitze geblieben
und hatte seinen Platz hinter den Herren eingenommen. Wolf Dietrich saß
vertieft in trüben Gedanken im Sattel, sodaß er für alles um sich kein
Interesse hatte. Die Herren hingegen trachteten, so schnell wie möglich
an die Grenze von Kärnten und damit in Sicherheit zu kommen.

Rottmeyer hielt, so oft sich Gelegenheit bot, nach rückwärts Ausguck,
es schien, als erwarte er jemanden, der nachkommen werde.

Die letzte Ortschaft auf salzburgischem Boden, Kremsbrücken, war
erreicht, die erschöpften Rosse drängten instinktmäßig zur Taverne.
Rudolf v. Raittenau bat, die Reise bis zum nahen kärntnerischen Gmünd
fortzusetzen und erst jenseit der Landesgrenze einzukehren.

„Die Ross' müssen getränkt werden!“ erklärte der für den Troß
verantwortliche Postmeister und fügte in auffallend despektierlichem
Tone bei, daß er sich seine Pferde nicht ohne besondere Entschädigung zu
Schanden reiten lasse.

Wolf Dietrich hielt selbst ein so scharfes Fluchttempo für unnötig und
gab Befehl zum Tränken der Rosse.

„Im Sattel bleiben!“ rief Rudolf v. Raittenau, dem Unheil schwante.

So verging eine Halbstunde, zumal der Postmeister auch noch die
Sattelgurten anziehen ließ und den Hufbeschlag revidierte.

Mißtrauisch betrachtete Rudolf diese Vorkehrungen, so sehr sie sonst ja
einleuchtend und gerechtfertigt erscheinen mußten. Und wie fortgezogen
ritt der jüngere Raittenau voraus und hielt inmitten der gegen
Eisentratten-Gmünd führenden Straße Umschau, insbesondere zurück gen den
Katschberg.

Plötzlich zuckte Rudolf zusammen, blickte schärfer hin, kein Zweifel,
ein Reitertrupp jagte heran. Das können nur Feinde sein, vielleicht
bayerische Reiter, die Wolf Dietrich abfassen wollen.

Wie Wirbelwind sprengte Rudolf zur Taverne, schrie Alarm und drängte zur
schleunigsten Flucht.

„Rottmayer an die Spitze!“ befahl der bleichgewordene Fürst.

Der Postmeister jedoch machte keine Miene, sein Roß zu besteigen und
erklärte höhnisch: „Wir sind hier bereits auf kärnterischem Boden, ich
bin hier nicht mehr Euer Diener!“

Zornig wollte Wolf Dietrich den feigen Unterthanen sogleich strafen,
doch Rudolf griff in des Falben Zügel und riß das Roß mit sich vorwärts.
„Fort, fort, Galopp! Die Bayern kommen hinter uns!“ schrie der besorgte
Bruder.

Kostbare Minuten vergingen, bis die Pferde völlig auf der Straße waren
und in Galopp übergingen. Wohl jagten die beiden Raittenau voraus, doch
die bayrischen Reiter waren scharf hinterdrein, der Abstand verminderte
sich zusehends, und knapp vor dem Städtchen Gmünd war der bayerische
Rittmeister Hercelles auf Pferdelänge in die Nähe des Fürsten gekommen.

„Halt!“ rief Hercelles und hob die Schußwaffe.

Wie Sturmgebraus prasselten fünf bayerische Reiter heran, bogen vor dem
sein Pferd parierenden Fürsten aus, und umringten die Brüder wie den
Troß mit blank gezogenen Pallaschen.

„Herr Erzbischof! Ihr seid mein Gefangener!“ rief Rittmeister
Hercelles, trieb seinen Gaul zum Fürsten und forderte den Degen ab.

Einen Blick der Verzweiflung richtete Wolf Dietrich auf seine
Begleitung, sein Bruder hatte blank gezogen, senkte aber in Erkenntnis
der Unmöglichkeit eines Durchschlagens die Wehr.

Bleich, zitternd hob Wolf Dietrich das Rappier aus dem Gehänge und
überreichte es Hercelles mit den Worten: „Nun ist alles verloren! O
Gott, ich habe solch' Schicksal verdient und bin an allem Schuld! Gott
der Allmächtige muß mich billig meiner Missethat wegen strafen! Hier das
Rappier, ich bin Euer Gefangener!“

„Ich habe Befehl, Euer Gnaden nach Werfen zu bringen! Zunächst geht es
zurück nach Moosheim!“ sprach Hercelles.

„Ich gehorche!“ erwiderte Wolf Dietrich fassungslos und ließ das Haupt
nach vorne sinken.

Gierig stürzten die bayerischen Reiter sich auf den Erzbischof, banden
ihn fest auf den Sattel gleich einem Räuber und Mörder, dann jagten sie
die Dienerschaft davon und nahmen das fürstliche Reisegepäck zur
willkommenen Beute.

Wolf Dietrich duldete stumm. Rudolf von Raittenau protestierte, erzielte
aber lediglich die brüske Antwort Hercelles', daß das Kriegsrecht sei
und mit einem vogelfreien Flüchtling keine Umstände gemacht werden
würden. Passe es dem jungen Herrn nicht, würde auch er gefesselt
zurücktransportiert und in der Burg Hohenwerfen getürmt.

Der Vitztum Rudolf pochte auf seine Stellung und seinen Rang als
Edelmann, worüber der Rittmeister so zornig ward, daß er auch diesen
Raittenau für „vogelfrei“ erklärte, worauf die bayerischen Reiter dem
Vizedom die Kleider vom Leibe rissen und ihn gleichfalls festbanden.

Mit Stricken ward auch Herr v. Welsperg auf sein Roß gebunden.
Hohnlachend trieben die Reiter nun ihre Gefangenen auf der Straße über
den Katschberg zurück nach Moosheim, wo sie in einer Stube interniert
und bewacht wurden. Tags darauf ging diese erzwungene Reise nach Werfen.

Unterwegs drang zu Wolf Dietrichs Ohr die schreckliche Kunde, daß Salome
mit den Kindern in Flachau gleichfalls gefangen genommen sei, doch
konnte der nun völlig gebrochene Fürst nichts über den Ort ihrer
Verbringung erfahren.

Nacht ward es, als der traurige Zug Werfen erreichte, und unter
Fackelschein ging es hinauf zur Burg Hohenwerfen, deren festestes Gemach
mit vergittertem Fenster dem gefangenen Erzbischof und entthronten
Fürsten zum Kerker bis auf weiteres angewiesen und scharf bewacht wurde.

Allein hinter Schloß und Riegel warf sich Wolf Dietrich in die Kniee und
überließ sich weinend dem Jammer um das verlorene Glück des Lebens.

Interniert blieben auch die anderen Gefangenen auf Hohenwerfen unter dem
Burgkommandanten, dem bayerischen Offizier Liegeois, der mit Strenge
seines Amtes als Kerkermeister waltete.

       *       *       *       *       *

Nur kurze Zeit (bis zum 6. November) verblieb Herzog Maximilian in
Salzburg, doch genügte dieser kurze Aufenthalt, um herauszufühlen, daß
Salzburgs Volk dem Okkupator ebenso mißtraute als es dem vielgeschmähten
Landesherrn Wolf Dietrich trotz seiner Fehler die Anhänglichkeit
bewahrte. Auch liefen nicht eben erfreuliche Nachrichten aus dem Reiche
beim Herzog ein, unter anderem auch die Kunde, daß der Kaiser den
Gewaltakt mißbillige, verschiedene Reichsstände den Verdacht hegten, daß
es dem Herzog von Bayern überhaupt nur um Eroberung und Einverleibung
Salzburgs zu thun sei. Bei solcher Stimmung innerhalb der Reichsstände
und angesichts der Schadenfreude der Unionisten hielt es der Herzog
geraten, solchen Verdacht von sich abzuwälzen, und zwar durch Briefe an
den Kaiser und einige an die Reichsstände inhaltlich der Erklärung, daß
der Erzbischof nicht Gefangener Bayerns, sondern des Domkapitels sei,
daher auch nicht Bayern, sondern das Kapitel das Erzstift administriere.
Zugleich reiste Maximilian zurück nach München und rief auch seine
Truppen auf bayerisches Gebiet zurück.

Daß man Wolf Dietrich nicht hinter Burgmauern zu Grunde gehen lassen
könne, fühlte man im Kapitel doch bei allem Haß gegen den Fürsten.
Zunächst wurde ein Kurierdienst zwischen Salzburg und Werfen
eingerichtet und dem Erzbischof zu wissen gethan, daß bezüglich seiner
Zukunft Verhandlungen angeknüpft werden würden.

Wolf Dietrich verlangte den Domherrn Nikolaus von Wolkenstein zu
geheimer Zwiesprache, doch dieser Kapitular lehnte es ab, den
Erzbischof zu besuchen. Verbittert forderte der Fürst sein Brevier und
Zulassung seines Beichtvaters P. Magnus.

Inzwischen hatte das Kapitel beschlossen, den Domherrn v. Freyberg und
Vizemarschall Perger zur Entrierung der Verhandlungen nach Hohenwerfen
zu senden, und am 30. Oktober trafen beide Herren in der Burg daselbst
ein.

Der Kommandant Liegeois verweigerte ihnen den Zutritt zum Erzbischof
rundweg und so lange, bis nicht vom General Tilly spezieller Befehl
hiezu erfolgt sei. Mit keinem Auge bekamen die Gesandten ihren einstigen
Gebieter zu sehen, sie mußten unverrichteter Dinge nach Salzburg
zurückfahren.

Das Kapitel erhob nun im schriftlichen Wege Beschwerde zum Herzog nach
München. Die lange Zwischenzeit bis zur Antwort blieb Wolf Dietrich ohne
Zuspruch gefangen in Hohenwerfen.

Endlich kam von Maximilian die Erlaubnis zum Beginn der Unterhandlungen
mit Wolf Dietrich, dem aber zu bedeuten sei, daß der Erzbischof
Gefangener Bayerns(!) sei; auch dürfen die Güterwagen, welche man der
Frau v. Altenau abgenommen habe, unverletzt nach Salzburg zurückgebracht
und dem Kapitel ausgefolgt werden.

Zu den Verhandlungen mit Wolf Dietrich wurden die Kapitulare v. Törring,
v. Wolkenstein, Graf Paris Lodron und Untermarschall Perger abgeordnet,
die alsbald — es war der November ins erregte Land gezogen — nach Werfen
übersiedelten.

Das Kapitel beauftragte auch den Pfleger von Radstadt, Frau v. Altenau
und ihre Kinder freizulassen, sofern sie das eiserne Kistchen mit
Juwelen samt Schlüssel an das Kapitel schicke. Ihr Eigentum werde nach
vorgenommener Besichtigung wieder ausgefolgt werden.

Salome gehorchte und reiste alsbald mit den Kindern nach Steiermark ab;
später übersiedelte sie nach Wels, wo sie lebenslang in Trauerkleidern
blieb, viel weinte und ihr Leben in verhältnismäßig jungen Jahren
beschloß[20], ohne je ihren geliebten Herrn wiederzusehen.

Im Kerker fand Wolf Dietrich mählich seinen alten Stolz und Trotz
wieder, besonders trug zu seiner Erbitterung der Wechsel in der
Burgkommandantur bei, indem der ohnehin brüske Liegeois durch den rauhen
Obristleutnant Hannibal von Herleberg ersetzt wurde, welcher spezielle
Befehle direkt vom Herzog Max bekommen hatte.

An einem trüben Novembertag begann die Kommission des Kapitels im
Burgsaale, wohin Wolf Dietrich geführt wurde, die Verhandlung. Die
Herren erschraken ob des üblen Aussehens des Erzbischofs, dessen Antlitz
totenbleich und, seit langem der Pflege entbehrend, von wirrem Bart
umwuchert war. Gerötet schienen die Augen, doch funkelten sie im alten
Feuer, trotzig klang die Stimme, aufrecht stand der Erzbischof und
begrüßte die Gesandten wie im Vollbesitz seiner Macht durch
hoheitsvolles Kopfnicken. Nur Perger sprach er freundlich an, wenn auch
nur mit wenigen Worten.

Als man Platz in den hohen Stühlen genommen und Graf Lodron das Wort
nehmen wollte, fuhr Wolf Dietrich auf und rief heftig: „Ein Wort zuvor!
Wie lange soll meine Haft auf meiner Burg währen?“

Lodron räusperte sich verlegen, die Kapitulare zuckten die Achseln.

„Eh' ich nicht weiß vom baldigen Ende widerrechtlicher Haft, will von
Resignation ich nimmer hören!“

Zögernd sprach Graf Lodron: „In Freiheit, so glaubt das Kapitel, werden
Euer Gnaden nicht nach Wunsch die nötige Urkund' unterzeichnen, daher
muß die Haft bis dahin währen!“

Wolf Dietrich sprang auf und rief grollend: „Nimmer werd' ich
einwilligen! Nur wenn frei, setz' meinen Namen ich darunter! Sagt das
den undankbaren Herren! Gewalt zwingt keinen Raittenau!“

Der Obristleutnant Herleberg trat in den Saal, angelockt von dem Lärm
der Stimme des Gefangenen.

Erbost darob protestierte Wolf Dietrich energisch gegen die Einmischung
eines bayerischen Büttels.

Nun machte der Offizier ein rasches Ende, erklärte mit zornbebender
Stimme, daß die Haft verschärft werde durch Entzug von allem
Schreibmaterial und künftig niemand außer den Kapitularen zugelassen
werden würde.

Hochfahrend höhnte Wolf Dietrich: „Wollt selbst die Büttelwach' Ihr
halten, sei's drum, nur bleibet außen und verschont mich vor Eurem
Anblick!“

Soldaten traten ein, um den Gefangenen in den Kerker zurückzuführen.
Wolf Dietrich wandte sich schnell zu Perger und fragte ihn, wo Lamberg
weile.

Die Auskunft, daß der Getreue nach Gurk verzogen sei, stimmte den
Erzbischof ersichtlich trübe, ruhig ließ er sich hinwegführen.

Mit größter Strenge, die sich zu raffinierter Grausamkeit steigerte,
ward Wolf Dietrich auf Hohenwerfen gefangen gehalten; das Fenster seines
Kerkers wurde mit einem Brett verschalt, so daß nur gedämpft in mattem
Strahl das Tageslicht eindringen konnte; alle Schreibmaterialien blieben
dem an geistige Thätigkeit gewöhnten Fürsten entzogen, und
Obristleutnant Herleberg wachte darüber, daß niemand Zutritt zum
Gefangenen erhielt.

Vergeblich wandte Wolf Dietrich sich an den Diener, der stumm zu
bestimmten Tageszeiten die Speisen brachte, um Auskunft über den
mitgefangenen Bruder Rudolf v. Raittenau zu erhalten. Es nützte ein
zorniger Befehl so wenig wie die rührende Bitte des gestürzten
Landesherrn.

Oft war Wolf Dietrich daran zu verzweifeln; auf den Knieen flehte er zum
Allmächtigen um Beistand und verrichtete inbrünstig die Gebete. Mählich
ward der Erzbischof ruhiger, damit aber auch hoffnungslos und
kleinmütig.

Wieder verging eine Woche, bis die Gesandten des Kapitels auf
Hohenwerfen erschienen. Auf Verlangen wurde Untermarschall Perger
zunächst allein in den Kerker geführt. Erschüttert stand Perger vor
seinem gedemütigten Herrn und Fürsten und weinte bittere Thränen beim
Anblick Wolf Dietrichs, der ihn mit schier gebrochener Stimme begrüßte
und nach Rudolf und Salome fragte.

Perger vermeldete die Befreiung Salomes und ihre Abreise nach
Steiermark; bezüglich des Vizedoms Rudolf v. Raittenau werde die
Freilassung erfolgen, sobald die Verzichtsurkunde unterzeichnet sein
wird.

Ängstlich fragte Wolf Dietrich, wie es mit der Dotation Salomes und der
Kinder gehalten werden solle.

Perger konnte nur sagen, daß auch hierfür Sorge getragen werde, nur
bestünde das Kapitel zunächst auf der Resignation.

In Thränen ausbrechend schlug der Fürst die Hände vor das Antlitz und
schluchzte.

Nach einer Weile erhob sich Wolf Dietrich, er hatte den schweren
Entschluß gefaßt und sprach: „Wohlan! Ich will die Urkund'
unterzeichnen! Führe mich!“

Der Kerker wurde geöffnet; von Perger geleitet und von bayerischen
Soldaten gefolgt, schritt der Erzbischof durch die Burgräume zum großen
Saal, wo die Kapitulare versammelt waren, die sich beim Eintritt des
Fürsten achtungsvoll erhoben und stumm durch Verbeugungen grüßten.

Kühl richtete Graf Lodron an Wolf Dietrich die Frage, ob dieser bereit
sei zur Anhörung der Urkunde.

Der Fürst nickte und ließ sich dann seufzend in einen Stuhl sinken.

Laut und deutlich verlas Graf Lodron das lange Schriftstück, dessen
Hauptpunkte lauteten: 1. Wolle Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau
freiwillig resignieren und dem Papst um die Einwilligung schreiben; 2.
soll der Erzbischof in des Domkapitels Verwahrung seinem Stande gemäß
gehalten werden, jedoch stehe es ihm frei, beim Papst und Herzog Max von
Bayern um die Entlassung anzusuchen; 3. dem Erzbischof sollen zu einer
jährlichen Pension 20000 Gulden bezahlt werden; 4. sollen demselben noch
besonders 10000 Gulden zu einer Abfertigung erstattet werden; 5. anstatt
des Silbergeschirres gebe man ihm 5000 Gulden und eine standesgemäße
Fahrnis; 6. alle ausstehenden Gelder und Schuldverschreibungen sollen
dem Erzbischof zur freien Verfügung eingehändigt werden; 7. sollen
demselben alle seine Kleider, Kleinodien &c. zugestellt werden nach des
Domkapitels Befinden; 8. alle bei dem Erzstift vorhandenen Schulden
sollen ohne Entgeld des Erzbischofs bezahlt werden; 9. gleichwie das
Domkapitel an den Erzbischof weiter nichts zu suchen habe, also soll
auch dieser solches zu thun nicht Macht haben; sondern das, was
vorgefallen, soll beiderseits ganz vergessen sein; jedoch soll alles
dieses erst nach eingelangter päpstlicher Bestätigung in seine Wirkung
kommen; 10. soll des Erzbischofes Bruder Rudolf, Vizedom zu Friesach,
bei allen seinen Gütern ruhig verbleiben und die Versicherung dessen
durch das Domkapitel auch bei dem Herzog von Bayern ausgewirkt werden;
11. soll sich das Kapitel bei dem Herzog von Bayern dahin verwenden, daß
dem Erzbischof bis zu völliger Entledigung eine größere Freiheit als
bisher gestattet werde; 12. weil dann, was die Bewilligung der Freiheit
und die Versicherung der Pension betrifft, an dem Herzog von Bayern
vorzüglich ist, so soll dieser von beiden Teilen um Bewilligung ersucht
werden.

Mit keinem Laut hatte Wolf Dietrich die Verlesung dieser inhaltsschweren
Urkunde unterbrochen; als Graf Lodron geendigt, rief der Fürst
wehmutsvoll. „Und was wird aus meiner Gemahlin?“

Kalt erwiderte Lodron: „Für Frau v. Altenau wird das Kapitel Sorge
tragen, sofern die Urkunde ohne Weigern unterzeichnet ist.“

Wolf Dietrich kämpfte den letzten Kampf, ein Zittern lief durch seinen
Körper, er rang nach Atem und Entschluß.

Still war es im Saale, die Kapitulare saßen wie zu Stein erstarrt.
Perger hatte Thränen in den Augen und fühlte sich versucht, dem
entthronten Gebieter einige Trostworte zuzuflüstern, doch als er sich
hierzu erheben wollte, schreckte ihn ein strenger Blick Lodrons zurück.

Ächzend erhob sich Wolf Dietrich und bat mit leisen Worten um Tinte und
Feder.

Das Schreibzeug lag auf dem langen Tisch bereit; Lodron deutete darauf
und trat an des Erzbischofes Seite.

Flüchtig las Wolf Dietrich die Einleitung der Urkunde, deren Text dem
verlesenen Wortlaut völlig entsprach. Ein tiefer Seufzer — dann ergriff
der Fürst die Feder und schrieb seinen Namen darunter.

Es war geschehen. Eine tiefe Bewegung erfaßte die Versammlung.

Ergriffen trat Wolf Dietrich zurück und bat in erschütternden Worten um
Mitleid für Salome und die unschuldigen Kinder.

Kühl erwiderte Graf Lodron: „Es wird nach Möglichkeit dafür gesorgt
werden!“ Zu den Kapitularen gewendet rief der Graf: „Die Kommission hat
zum Zeugnis die Urkund' mit zu unterfertigen.“

Schon wollte der Fürst sich entfernen, da ersuchte ihn Lodron, einen
Augenblick zu verweilen.

„Was soll noch geschehen?“ rief schmerzbewegt Wolf Dietrich aus.

„Euer Gnaden wollen noch eine Vollmacht unterzeichnen, zur Vertretung
Eurer Hochfürstlichen Person am päpstlichen Hofe! Die Urkund' ad hoc
liegt bereit! Ich bitte um Unterfertigung!“

Wolf Dietrich unterschrieb nach flüchtiger Durchlesung auch dieses
Schriftstück und sprach dann kurz mit Perger, den er bat, sich um Salome
zu sorgen Mit keinem Wort gedachte der Fürst seiner selbst, seine
Fürsorge galt nur Salome und den Kindern.

Schluchzend gelobte Perger, nach Kräften einzustehen und eine
finanzielle Sicherstellung der Frau v. Altenau zu erwirken.

Herleberg trat in den Saal und fragte: „Sind die Herren fertig?“

Als Lodron bejahte, befahl der Burgkommandant die Verbringung des
Gefangenen in den Kerker.

Wolf Dietrich reichte Perger die Hand, die dieser unter Thränen küßte,
nickte den Kommissaren zu und schritt aus dem Saal, begleitet von
gleichmütigen bayerischen Soldaten.

Trübe Tage ohne Sonnenlicht folgten diesem 17. November. Der Gefangene
harrte der ersehnten Befreiung; in düsteren, langen, qualvollen Stunden
malte sich Wolf Dietrich aus, wie er, in Freiheit gesetzt, zu Salome und
den Kindern eilen, ein neues Leben beginnen werde. Und auch
Rachegedanken keimten auf in der verbitterten Brust; die Reichsstände,
der Kaiser sollen aufgerufen werden, auf daß die Gewaltthat gepönt werde
an den falschen Kapitularen und am Bayern-Herzog.

Am 22. November zu später Abendstunde ward der Kerker geöffnet, der
Eisenmeister von Hohenwerfen verkündete dem Erzbischof, daß dieser
sogleich in verschlossener Kutsche und unter Bedeckung bayerischer
Reiter die Reise nach Salzburg anzutreten habe.

Wolf Dietrich zuckte zusammen; das Ziel Salzburg hatte er nicht
erwartet, eher auf Verbringung über die Landesgrenze nach Kärnten
gehofft. Doch willig ließ sich der Fürst bei Fackelschein den Steilberg
hinabführen, und unten bestieg er die harrende Kutsche, in welcher ein
bayerischer Offizier bereits saß.

Die Nacht wurde durchgefahren. Früh morgens gegen fünf Uhr hielt der
Wagen am Fuße des Nonnbergs, Wolf Dietrich mußte aussteigen. Eine Anzahl
bayerischer Fußsoldaten unter Kommando eines Leutnants nahm den
Gefangenen in die Mitte und eskortierte ihn hinauf zur Veste
Hohensalzburg.

Wie das breite Thor hinter dem Fürsten geschlossen ward, ächzte Wolf
Dietrich in einer bitteren Vorahnung.

Gefangen in seinem Hauptschloß der Erzbischof von Salzburg, einer der
ersten Reichsfürsten.

Ohne Verzug unternahm das Domkapitel nach Internierung seines
abgesetzten Oberherrn die nötigen Schritte, um sich vor Kaiser und Papst
zu rechtfertigen. Deputationen des Kapitels reisten nach Rom und Prag,
die besten Redner waren zu Sprechern auserwählt.

Beim Kaiser hatte es Schwierigkeiten, denn Seine Majestät verwies Graf
Lodron und dem Kapitel ernstlich das Vorgehen gegen den Erzbischof.
Durch kluges Benehmen und wohlbedachte Reden gelang es aber, den Kaiser
umzustimmen, ja zu einem Schreiben an den Papst zu veranlagen, wonach
der Kaiser bat, es möge Se. Heiligkeit die Sache auf sich beruhen lassen
und dem Salzburger Domkapitel erlauben, zur Wahl eines neuen
Erzbischofes zu schreiten.

Weniger glatt wickelte sich die Angelegenheit bei Papst Paul V. ab, der
bei aller Wertschätzung des Herzogs Max und Hochhaltung seiner
Verdienste um die katholische Kirche doch das direkte Mißfallen über
des Herzogs rasches Verfahren gegen Wolf Dietrich zum Ausdruck brachte.

Dieser Tadel veranlaßte den Herzog, durch seine Räte eine Anklageschrift
gegen den gehaßten Erzbischof aufsetzen zu lassen, in welcher alles
Material, auch haltlose Verleumdungen, aus der langen Regierungszeit
Wolf Dietrichs zusammen getragen wurde. Als Hauptverbrechen wurde das
Verhältnis des Erzbischofs zu Salome Alt hingestellt und behauptet, Wolf
Dietrich sei trotz des Zölibatsgebotes mit Salome verheiratet gewesen.
Ein ungeheures Sündenregister, auch die Behauptung vom Abfall von der
katholischen Kirche, Verbindung mit der Union, beabsichtigtet
Säkularisation des Erzstiftes, Konspiration mit Christian von Anhalt,
dem Oberhaupt der protestantischen Union u.s.w. war enthalten, wanderte
mit einer eigenen Gesandtschaft nach Rom, und der Herzog betrieb die
Exkommunikation und öffentliche Absetzung Wolf Dietrichs als Ketzer und
Apostaten.

Dem Papst war aber nicht darum zu thun, diese Angelegenheit, welche
durch die bayerische Anklageschrift einen gehässigen Charakter bekommen
hatte, zur öffentlichen Diskussion Europas zu stellen; Paul V. ließ die
Sache vielmehr von einer Kardinalskongregation in aller Stille
untersuchen.

Das Ergebnis lautete nach monatelanger Untersuchung: 1. Der Verdacht,
Wolf Dietrich habe Ketzer begünstigt, konnte nicht bewiesen werden; 2.
die Resignation ist solange ungültig, bis Wolf Dietrich den Verzicht
vor einem päpstlichen Nuntius abgegeben habe.

Der Herzog mochte vielleicht solch milde Auffassung in Rom befürchtet
haben, weswegen seine Gesandten Auftrag hatten, in diesem Falle rundweg
zu erklären, daß der Herzog von Bayern die Verantwortung für alle daraus
entspringenden Gefahren auf das Reich und die katholische Religion
ablehne und von neuem das Äußerste versuchen werde, um „diesen Mann“
beiseite zu schaffen.

Diese Erklärung unter erneutem Hinweis für die Kardinäle, daß Wolf
Dietrich Protestant werden wollte, sowie das Drängen des Kapitels
verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht, die Stimmung im Vatikan
schlug zu Ungunsten Wolf Dietrichs um. Der Papst delegierte den in Graz
regierenden Nuntius, Anton Diaz, zur Abnahme der Resignation wie zur
Erklärung, daß Wolf Dietrich nun päpstlicher Gefangener sei.

Der Winter wich zögernd aus Salzburgs Bergen, der Vorfrühling setzte ein
mit Sturm und Regen. Wolf Dietrich saß noch immer auf Hohensalzburg
gefangen, abgeschlossen von der Außenwelt, und genoß bei erträglicher
Verpflegung nur die minimale Begünstigung, an regenlosen Tagen einige
Stunden lang im Burghofe sich ergehen zu dürfen.

Im März endlich traf der Nuntius Diaz in Salzburg ein und wurde nun ein
Tag zur Abnahme der Resignation bestimmt. Als Ort hierzu wurde die
Klosterkirche auf dem Nonnberg ausersehen und diese von Soldaten ringsum
dicht besetzt.

Unter militärischer Eskorte kam Wolf Dietrich von der Veste herab in
diese Kirche und wurde in die Sakristei geführt, wo der Nuntius nebst
drei Dienern harrte. Sofort wurde die Sakristei verriegelt.

Einer der Diener mußte die Stelle des Notars, die übrigen Dienste als
Zeuge leisten. Dem Erzbischof wurde die päpstliche Verzichturkunde
vorgelesen und befohlen, zum Zeichen seiner Einwilligung die Hand auf
die Brust zu legen.

Wolf Dietrich protestierte gegen einige Stellen, die zu ändern der
Nuntius gelobte.

Nun in die von Soldaten gefüllte Kirche gebracht, wurde der Erzbischof
nochmals aufgefordert, das Zeichen zur Resignation zu geben.

Mit einem verzweiflungsvollen Blick übersah Wolf Dietrich seine
waffenstarrende Umgebung. Hilfe kann es nimmer geben, es ist alles
verloren. So legte denn der Erzbischof die Rechte auf die Brust, die
Resignation vor dem Nuntius war dadurch rechtskräftig geworden.

Eine militärische Eskorte brachte den Entthronten wieder hinauf zur
Veste.

Nun lebte Wolf Dietrich der Hoffnung, daß der Papst ihn vielleicht zum
Sommer freilassen werde.

Allein der zum Nachfolger im Erzstift designierte Marcus Sitticus hetzte
in Rom gegen Wolf Dietrich, den er einen höchst gefährlichen Menschen
nannte, und Herzog Max ließ an den Vatikan berichten, daß Wolf Dietrich
zweifellos im Falle einer Freilassung sofort die Union zur Hilfe
ausrufen werde, wodurch die katholische Religion in die größte Gefahr
kommen müßte.

Rom konnte sich solcher Einwirkung nicht verschließen, der Befehl zur
Freilassung kam nicht.

Zehn Monate schon harrte und hoffte Wolf Dietrich in strengster
Gefangenschaft, ohne Schreibzeug, ohne Lektüre; man hatte ihm nur die
heilige Schrift und das Brevier gelassen.

Von den bewachenden Soldaten fühlte im Laufe der Zeit einer ein
menschlich Rühren, der Bayer empfand Mitleid für den gestürzten Fürsten
und zeigte sich für dessen Bitten um Schreibzeug zugänglich.

In einer Nacht brachte der bayerische Soldat das Gewünschte, und im
Morgengrauen schrieb Wolf Dietrich an den Papst in lateinischer Sprache
eine Vorstellung, in welcher er die bisher erlittene schmähliche
Behandlung schilderte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und
Verdächtigungen zurückwies und gegen den Nuntius Diaz bittere Klage
erhob. Sein Verhältnis zu Salome gab er unumwunden zu. Er bat zum
Schlusse um Abberufung des ihm gehässigen Nuntius und um eine
Untersuchung durch die Bischöfe von Seckau und Lavant.

Dieses Schreiben verbarg Wolf Dietrich sorgsam des Tages über vor den
Augen des inspizierenden Kerkermeisters. Als in der Nacht der bayerische
Soldat wieder die Wache hatte, gab er diesem den Brief mit der Bitte um
Beförderung zur Post.

Am nächsten Tage erbat der Soldat Erlaubnis zu einem Gang in die Stadt,
die anfangs ohne Argwohn gegeben wurde. Der Mann lieferte das Schreiben
Wolf Dietrichs zur Post und leistete sich hierauf mit dem vom Erzbischof
erhaltenen Lohn eine Stärkung in der Trinkstube. Die Ausgabe eines
größeren Geldstückes wie die Bestellung einer für einen Soldaten üppigen
Mahlzeit erweckten Verdacht, man schickte um die Ronde, und vor dem
Offizier gestand der eingeschüchterte Soldat die Briefbeförderung.
Sofort wurde die Post militärisch besetzt und das leicht herausgefundene
Schreiben an den Papst konfisziert und an das Kapitel ausgeliefert.

Die Folge dieser Entdeckung war eine Auswechslung der Wachen in der
Veste und Androhung schwerster Strafen für den geringsten Verkehr mit
dem Gefangenen.

Im Juli 1612 wurde die bayerische Militärbesatzung von Hohensalzburg
abberufen, dafür kam eine salzburgische Söldnerwache auf die Veste.

Als Gefangener des Papstes mußte Wolf Dietrich nun dem Nuntius den
Treueid schwören und geloben, dessen Befehle zu befolgen. Die
Gefangenschaft wurde nun — verschärft.

Wiewohl doch in der Verzichturkunde ausdrücklich die Freilassung
gewährleistet war, Wolf Dietrich blieb gefangen. Fruchtlos waren die
Gesuche mehrerer deutscher Fürsten, die empört über den Wortbruch und
die schimpfliche Behandlung eines hohen Kirchenfürsten sich für den
Unglücklichen verwendeten. Selbst Kaiser Mathias schrieb an den Papst
und legte Fürbitte für Wolf Dietrich ein, ohne den geringsten Erfolg.
Zum Erzbischof wurde Marcus Sitticus gewählt und der neue Kirchenfürst
wußte dem Papst begreiflich zu machen, daß es eine Schande für den
apostolischen Stuhl sei, wenn Wolf Dietrich zu seinem früheren
sündhaften Leben zurückkehren würde; auch wies der neue Herr auf die
großen Gefahren hin, welche durch eine Verbindung dieses unruhigen
Kopfes mit den Ketzern für ganz Deutschland entstehen könnten.

So ward denn in Rom beschlossen, die Angelegenheit in die Länge zu
ziehen, bis der ohnehin kränkliche depossedierte Erzbischof vollends
apathisch gemacht oder aufgerieben sei.

Damit hatte es aber lange Zeit. Wolf Dietrich, der von Zeit zu Zeit
Besuch von Kapitularen wie ja auch von seinem Leibarzt bekam, machte
eines Tages geltend, daß er allerdings seine geistlichen Befugnisse und
Würden an den Papst zurückgegeben, nicht aber zugleich auf seine
Stellung als deutscher Reichsfürst verzichtet habe.

Dies schreckte das Kapitel für die ersten Tage, dann blieb alles beim
Alten.

Drei Jahre vergingen in solcher schmählichen Gefangenschaft. Einen
letzten Versuch machte 1615 die Raittenausche Familie in Rom, und nun
befahl der Papst, es solle Wolf Dietrich freigelassen oder wenigstens
die Pension bei einigen Augsburger Kaufleuten hinterlegt werden.

Der neue Erzbischof fragte Herzog Max um Rat, dieser stellte die
Gefährlichkeit einer Freilassung vor, und in diesem Sinne ward nach Rom
geschrieben. Und der Papst wurde der Salzburger Sache endlich
überdrüssig und ließ sie ruhen, wie sie eben lag.

Trotz aller Verträge und Versprechungen blieb Wolf Dietrich gefangen;
man zuckte, wenn von solcher Treulosigkeit gesprochen wurde, die Achseln
und suchte den Wortbruch mit politischen Rücksichten zu rechtfertigen.

Von allem Verkehr abgeschnitten, krank, verlor Wolf Dietrich mit den
Jahren alle Energie, ein völlig gebrochener Mann begann er seine
Gefangenschaft als sichtbare Strafe Gottes anzusehen. Er beschäftigte
sich mit Bibelstudien und widmete seine besondere Aufmerksamkeit den
Paulinischen Briefen.

Ein Schlagfluß lähmte seine ganze linke Seite, dazu kam Wassersucht und
ein Steinleiden.

Als am 16. Januar 1617 der Burgkommandant, sein ehemaliger Kriegsobrist
Leonhard Ehrgott, in die Wohnung Wolf Dietrichs trat, fand er den
Gefangenen entseelt auf dem Bette liegen.

Es hatte ausgelitten Celsissimus!



Fußnoten:

[1] Eierspeise.

[2] In Salzburg kamen die Gabeln erstmalig im Laufe des 16. Jahrhundert
auf. Zillner, Kulturgeschichte 1871.

[3] Aus den Mittheilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde
XII, 1872.

[4] Um die Mitte des 16. Jahrhunderts trat eine lebhafte Bewegung auf
zur Spendung des Abendmahles unter zweierlei Gestalten. Hinrichtungen
der Kelchforderer vermochten die kalixtinische Bewegung nicht völlig zu
ersticken. Später gestattete der Papst auf dringendes Betreiben Bayerns
und des Kaisers einigen Diözesen (auch Salzburg) den Empfang des
Abendmahles unter zweierlei Gestalten in der Hoffnung, daß sich das (von
lutherischen Prädikanten) aufgestachelte Volk wieder mehr der römischen
Kirche anschließen werde. Die Bauern verlangten aber nun noch viel mehr
und gaben ihren Forderungen durch Zusammenrottungen Nachdruck.
Erzbischof Johann Jakob erließ ein strenges Mandat zur Bekämpfung des
Aufruhrs ohne besonderen Erfolg; die Hoffnungen, welche man auf die
Erlaubnis der Abendmahlspendung unter zweierlei Gestalten gesetzt hatte,
bestätigten sich nicht, es wurde 1571 die Erlaubnis wieder
zurückgezogen. Infolgedessen gährte es in den Landstädten Salzburgs
gewaltig. Man brachte die Widerspenstigen durch Belehrung oder Gewalt
teilweise zum Schweigen, Hartnäckige aber wurden unnachsichtig des
Landes verwiesen. Trotzdem setzte sich die Reichung des Kelches, welche
zweifellos von den Prädikanten begünstigt wurde, noch bis zur
Regierungszeit Wolf Dietrichs fort. (Vergl. Maher-Deisinger, „Wolf
Dietrich von Raitenau“ München 1886. Rieger.)

[5] Damals gedieh Wein sogar auf der Südseite des Festungsberges.

[6] Unter Weihsteuern oder Herrenantrittsgeldern verstand man die
Steuer, welche beim Regierungsantritt von den Grundholden zu entrichten
war; sie betrugen 5 % der Gesamtsumme ihrer Abgaben.

[7] Entlassene Landsknechte, die im Lande herumzogen, bis sie wieder
angeworben werden. Sie „garteten“, d.h. bettelten u.s.w., und wurden
„Gartbrüder“ genannt.

[8] d.i. ein Urteil durch die Stimmenmehrheit. Vergl. A. Richter, die
deutschen Landsknechte, und F.W. Barthold, Georg von Frundsberg.

[9] Daß Wolf Dietrich im höchstem Maße ein Wohltäter der Armen gewesen,
besagt folgende Stelle in P. Hauthalers vortrefflicher Bearbeitung der
alten Steinhauserschen Chronik „Diser Erzbischoff kan und mag auch
billich ein Vatter der Armen genent werden Ursach dessen, daß er nit
allain den hausarmen Burgern und Inwohnern der Statt Salzburg, sondern
auch den Armen im ganzen Erzstift dermaßen so reiche Almusen täglich
spendirn und raichen hat lassen, als vorher nit bald bei einem Fürsten
zu Salzburg beschechen, dann er alle Sambstag ain sehr große Anzahl
armer Leit mit dem wochentlichen Genadengelt, etlichen ganze Taller,
andern ganz Gulden, halb Gulden, zu sechs, fünf oder vier Pazen raichen
und nach Gestalt der Sachen und Erforderung der Noth hat lassen begaben.
Ja, es seind auch die armen Leit von frembden und auslendigen Orten
haufenweis zuegezogen, deren Kainen, so an ihne suppliciert und das
Allmusen begert, er unbegabt hat lassen abziechen. In der vierzigtägigen
Fasten hat er den hausarmen Dürftigen zu Erkaufung der Fastenspeis
insonderhaft ain große Summa Gelts wochentlich lassen spendiren, auch
wann dieselber Armen und Andere, die das Genadengelt empfangen und
genossen, umb die osterliche Zeit auf bestimbte Täg nach Mitfasten nach
gethaner Beicht communiciert, sein sie zum Mittentag alle zu Hof mit
etlichen Speisen gespeiset, Jegklichem ein Hofroggen aufgelegt, mit Wein
und Bier versechen und noch ainem Jedweden ain halber Gulden darzue
geraicht worden. Disen halben Gulden mit sambt der Malzeit haben auch
die armen Schueler so wol zu sant Peter als im Thuemb empfangen und
genossen.“

[10] Das Original befindet sich im städtischen Museum zu Salzburg. Der
Herausgeber verdankt eine Kopie der Güte des Herrn Museumdirektors
Kaiserl. Rat Dr. A. Petter.

[11] Gerhab = Vormund

[12] Gebetschnur (Rosenkranz). Eine überaus bezeichnende Aufforderung,
daß der Gefangene seine Rechnung mit dem Himmel machen solle!

[13] Keuche = Gefängnisort.

[14] So meldet der Chronist Steinhauser.

[15] Die Hallfahrt, ein Salzmaß hielt 225-3/4 Kufen und kostete damals
86 Gulden; eine Scheibfahrt hielt 231 Kufen und kostete 88 Gulden; eine
Kufe hielt 130-148 Pfund.

[16] Vergl. Mayer-Deisinger Spezialwerk „Wolf Dietrich“, München
1886. — Römermonate, die im früheren deutschen Reich von den Ständen an
den Kaiser zum Behuf der damals üblichen Römerzüge zu zahlende Abgabe,
nach Aufhören der Römerzüge in eine regelmäßige Abgabe zur Führung von
Reichskriegen &c. verwandelt. Ein Römermonat war auf 128000 Gulden
veranschlagt, betrug aber stets bedeutend weniger.

[17] Brannte später ab, wurde in veränderter, heute noch erhaltener Form
aufgebaut und vom Erzbischof Marc Sitticus, dem Nachfolger Wolf
Dietrichs „Mirabella“ genannt.

[18] Für Bayern hatte dieser Salzstreit zur Folge, daß Maximilian durch
einen braunschweigischen Mathematiker Heinrich Vollmar und seinen
Hofbaumeister Simon Reiffenstuhl jene künstliche Wasserleitung anlegen
ließ, in welche die Reichenhaller Soole durch sieben Druckwerke von
Reichenhall bis zur Stadt Traunheim geführt wird. Diese Gegend war
holzreicher und bot daher zum Versieden der Soole bessere Gelegenheit.
Auch große Brunnenhäuser wurden gebaut und eine Straße an den Bergen hin
durch die Felsen gesprengt. In den Jahren 1612-1616 wurde das Werk
vollendet. Die Kosten desselben wurden zum Teil gedeckt durch die
Kriegsentschädigung von 150000 Gulden, welche Maximilian von Salzburg
erhielt. Schwann, Geschichte von Bayern III.

[19] Dieselbe ist heute Eigentum des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs
Eugen von Österreich, und läßt Seine Kaiserliche Hoheit die Burg
vollständig und historisch getreu renovieren.

[20] Einer ihrer Söhne, der im Jahre 1605 geborene Johann Georg Eberhard
von Raittenau trat 1623 unter dem Klosternamen Egidius in den
Benediktinerorden zu Kremsmünster und zeichnete sich durch Frömmigkeit
und Gelehrsamkeit, insonders in der Baukunst und mathematischen
Wissenschaften aus. Als berühmter Architekt starb er 1675.





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