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Title: Im grünen Tann
Author: Achleitner, Arthur, 1858-1927
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Im grünen Tann


Schwarzwaldnovellen


von Arthur Achleitner



Berlin

Verein der Bücherfreunde

Schall & Grund



Inhalt

Die Herzogskerze
Giftklärle
Der Pelagier



Die Herzogskerze



Über den „toten Bühl“, einen Teil der Hochebene im südlichen
Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Stößen; es seufzt
der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Höhe ächzen die
wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die
Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holznägel gelockert
und die Befestigung mürbe gemacht haben. Öd und rauh, unwirtlich ist
dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst
bezeichnend den „toten Bühl“ nennt, weil die Hügelreihe wahrhaftig an
den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und
häufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdächer der
Walddörfer fällt, wenn drüben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten
des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im spätsommerlichen
Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die
Selbstkritik der Wäldler über ihre engste, selten verlassene Heimat;
hier heißt ein Wiesengrund das „elende Löchle“, dort eine
felsendurchsetzte, von Bergföhren umwucherte Fläche das „öde Land“. Und
verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser
alten Gemarkung mit seiner zähen Anhänglichkeit an die alten Zeiten, an
die sagenhaften alten „Handfesten und Privilegy“ des Grafen Hans, an sie
Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren
Kämpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. „Hotzen“ heißen die Bewohner
des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer künstlich gefälteten Pluderhose,
die oft zehn bis zwölf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack
und Brauch der stämmigen alemannischen Wäldler sein soll. Der über die
unwirtlichen Höhen brausende Wind erzählt den Wäldlern manches von
goldener Freiheit, die auf den herüberblinkenden Schweizer Bergen
herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhängigkeit, wie sie in
den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in
den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und
unberührt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt.

Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das
Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den „toten Bühl“ als
Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft,
so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen
Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der
Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im „toten
Bühl“ liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke
entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz.
Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein
stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt,
daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende
Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die
morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben
stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte
zum „dürren Ast“ benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst
grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das
sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt
durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die
eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen
gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den
Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn
und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die „Einfahr“. Grimmig
gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im „Schild“, im freien
Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier
knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den
Wirt zum „dürren Ast“, noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor,
und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand
wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um
einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum „dürren Ast“
hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu
kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine
Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut
hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit
mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt
und um eine Sache „uszuprobyre“ auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu
prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner
Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der „dürre
Ast“-Wirt auch den Vulgärnamen „Streitpeterle“ wegbekommen, was ihn
diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die
Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß
durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern
und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte
anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit
weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus
dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als
wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der „Salpeterhannes“ sei wieder
lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die
vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an
die achtig Jahre im Grabe ruht.

In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und
noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und
Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg
bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von
Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle
solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst
ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine
fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender
Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu
befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit
zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er
seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und
zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt
er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich
feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel
um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich
darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest
einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften,
Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei.
Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her,
unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen
Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters
schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben.
Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in
seinem Gedankengang zu dem Schluß: „Enthalten seine wohlgeordneten Akten
nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane
Verordnung unmöglich Rechtens sein.“ Und daher nimmt Peter einen Bogen
Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete
Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: „Beschluß! Von
einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu
lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor,
war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner
Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger
hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in
der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805.
Peter Gottstein.“

Mit vieler Mühe hat Peterle diesen „Beschluß“ zu Papier gebracht und
sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich,
bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht
vor sich hin: „Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle
wisse bi Gott!“

Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher
Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick
des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: „Aber Ätti, schon wieder
hascht mit den alten Papieren zu schaffen?“

„Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon
nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten
Instanz!“ Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie
das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt
und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht
sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke
Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die
Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn
auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde,
so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten
Bühler rechnen könne.

Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue
handle und fragt: „Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in
unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!“

„Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen
könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche
bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen
Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!“

„Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur
Unglück gebracht in unser Land!“

„Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben
gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht,
so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der
Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in
meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein
anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein
heiße!“

„Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald
kommen sollen?“

„Frili isch's wahr! Der Jaköble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut
und andere Botschaft dazu, daß die Wälderchnabe ohne Ausnahm' Soldate
werden müsse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi,
daraus wird nichts, sag' ich!“

„Ätti, ich mein', das Schlotgückslen wär' aber doch noch zu ertragen!“

„Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!“

„Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich —“

„Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die
letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem
Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwör' ich: Eher
werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot
steigt! Und die Füsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!“

Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu
beruhigen mit dem Hinweis, daß ein Schlotgücksler doch wahrlich nicht
ein Blutvergießen und sonstiges Unheil wert sei.

Noch poltert der Alte: „Der Gücksler frili nit!“ da schreit des Wirtes
blonder Jaköble wie besessen zur Thüre herein: „Sie kommen!“ und
prasselt wieder zurück und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie.

Augenblicklich stößt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der
Füsi, um den Gücksler gebührend mit einem Schrothagel begrüßen zu
können. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut,
ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und
scharf fordert sie den Ätti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon
greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hängt, immer scharf
geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reißt das Gewehr samt dem
Nagel herunter, mit zitternder Hand schlägt sie den Hahn zurück, dreht
den Lauf dem Fenster zu und drückt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf
erfüllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster
vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urplötzlich resolut
gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt
wortlos die Waffe in die Ecke und verläßt die Stube. Dann folgt ihr
Peter, unschlüssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie
auch schon die Gücksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem
Schleppsäbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit
Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer
Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des
Alten Sohn Jaköble beguckt die seltsame Kommission ungefähr mit der
Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes
Thrinele vor dem gestrengen Kommissär einen Knicks macht und nach seinem
Begehr fragt. Zögernd ist auch der Vater nähergetreten, der seine Fäuste
in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht äußerlich zu schnell
erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verräterisch genug
und die zusammengekniffenen Lippen künden keineswegs Liebe und Sanftmut.

Mit schnarrender Stimme verkündet der Beamte das neue Edikt betr. den
Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einlaß für seinen schwarzen
Begleiter im Namen des Großherzogs von Baden. Sodann fragt der
Federbuschträger, sich zum Alten wendend, was der Schuß zu bedeuten
hatte. Peter zieht sein Gesicht in höhnische Grimasse, Thrinele jedoch
giebt schnell die Antwort, daß das Gewehr sich zufällig entladen und der
Schuß keineswegs der anrückenden Kommission gegolten habe.

„So so! Na, ist Euer Glück! Künftig spritzt aber keinem Beamten Schrot
ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen
machen wollt. — Öffnet also und laßt den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei
Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!“

Nähertretend fragt Peter: „Warum bei mir zuerst?“

„Weil Ihr die wichtigste Person am „toten Bühl“ seid!“

Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was
soll er thun? Daß man ihn mit seinem Einfluß auf die Wäldler
respektiert, ihm gewissermaßen den Vorrang sogar beim Schlotfegen
einräumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das
Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher
zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch
ist sicher anzunehmen, daß die Salpeterer am toten Bühl überall den
Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter
hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke
Federbuschmann mit hinausgeworfen würde aus jeglichem Salpetererhofe,
müßte das ein köstlicher Anblick sein, füglich aber ein Merks für die
Freiburger Regierung, daß noch der alte Geist der Freiheit und
Unabhängigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhöhen. Auf gewöhnlichem Wege
jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom „dürren Ast“
wegzuschieben, däucht Petern in seiner Führerwürde zu harmlos, vom
Gehöft des Streitpeterle dürfen die Kommissionsleute nicht gewöhnlich
gehen, sie müssen hüpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den
„dürren Ast“ mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet.

Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die
Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit größeren Nachdruck zu geben. Über
Peters Gesicht huscht ein höhnisches Lächeln, grinsend sagt er: „Wenn
ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber
einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot
steiget!“

Erschrocken prallt der Beamte zurück und stottert: „Wie? was? Seid Ihr
verrückt? Ich — ich — habe oben nichts zu thun — das ist des Kaminfegers
Sache!“

Auch Thrinele kann das Lachen über die drollige Erscheinung des
Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeißen und kichert vor
sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaßes die Hausthüre
angelweit aufreißt und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt
einladet.

Peter besteht darauf, daß der Kommissär unter der Esse auf den Vollzug
der Kehrordnung warten müsse, andernfalls lasse er den Schornsteiner
nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu
bekommen, auf daß er bei den übrigen Waldbauern nicht auf Widerstand
stößt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen
Hotzen, und Peter ist ja der größte Starrkopf der Wäldler. Auch tobt der
Wind so grimmig um den Bühl, daß der Aufenthalt selbst in der rußigen
Küche vorzuziehen sein wird. So entschließt sich denn der Kommissär zum
Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drängen die Andern nach
ins Haus. Schon hinter der Thür beginnt der Federbuschmann zu husten,
der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der
Schwarze meint, das Feuer müsse ausgelöscht werden, sonst könne er nicht
in den Rauchfang aufsteigen.

Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der
„Regierungsthätigkeit“ des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle
mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den
Mund haltend, giebt der Kommissär Befehl, den Schlot zu kehren, und
gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse.

Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell
einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und
Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel kräftig und
flink nachzuahmen. Gierig züngeln die Flammen auf, es prasselt das
Reisig wie Zunder, im Nu ist die Küche raucherfüllt und in dicken
Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissär
gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen
aus; doch die Gottsteins kümmern sich nicht den Pfifferling um das
Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur
Thrinele thut nicht mit und flüchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre
Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach
und stürmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse
herab, betäubt vom Qualm und krachend fährt er mitten in die
aufspritzende, funkensprühende Glut des Herdfeuers, worüber Peter und
Jaköble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten
vor Lachen über das sie höchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen
springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und
stürmt ins Freie, eine schwarze Fährte ziehend im frischgefallenen
Neuschnee. Brüllend vor Vergnügen stürzen Peter und Jaköble ihm nach, um
das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission,
bis der dicke Kommissär mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein
der toll springende Schwarze hinter den Häusern von Hochschür
verschwinden.

       *       *       *       *       *

Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehört. Die Wolken
sind verzogen, klar ist der Himmel, besät von mildstrahlenden Sternen,
und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den überzuckerten Tann
und die weißschimmernden Bühlhöhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem
toten Bühl wirst vom magischen Licht übergossen, einen langen Schatten
auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen
ihre Äste gen Himmel. Es flimmert die öde Landschaft im glitzernden
Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bühl sticht
schaurig das Schwarz der Tannenwälder ab mit ihrer unheimlichen
Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt;
still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen
Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die Äste und
von der weißen Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur
normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Geräusch im sonst
kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getöse verstärkt, wenn die
größer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlägt.
Schneestaub quillt dann für einen Augenblick auf, alles verhüllend; dann
aber legt sich der weiße Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in
schauriger Hoheit und nächtlicher Majestät.

Vom Kirchturm zu Hochschür schlägt es zehn Uhr nachts in langgedehnten
Tönen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Häuser des kleinen Dorfes im
Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Dörfler sind wohl
längst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit
Ausnahme vielleicht jener Hochschürer, die dem Dörflein den üblen Ruf
eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: „So einem in der Umgebung
nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das
frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgeführt wird, so
heißt's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschür gegangen sein.“
Von einigen Häuschen lösen sich richtig schwarze Gestalten ab,
hochgewachsene Männer, die dunklen Überwurf, wallende Mäntel und auf dem
Kopf gewaltige Pelzmützen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten
alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bühl. Und auch von
anderen Seiten her pilgern Männer dicht vermummt gegen Frost und Kälte;
die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und
Hottingen, von Sägeten, jenem Dörflein, von dem es heißt: Hochschür und
Sägeten giebt eine Trägeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich
schwer), und von Herrischried. Seltsam düster heben sich die Gestalten
ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mänteln
und hohen Mützen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten
Bühl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um
das Kreuz auf, vor dem sie die Mützen lüfteten und das Knie beugten,
zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird
der Menschenring auf der Bühlhöhe, die Männer stehen wie die Mauern im
rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im
gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze
gerichtet.

Und wie die Uhr von Hochschür die Geisterstunde schlägt, hebt einer aus
der nächtlichen Versammlung an zu sprechen: „Im Namen der heiligen
Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen).“

„Gottwilche!“ tönt es mit gedämpfter Stimme in dem dreifachen
Menschenring.

Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann
der Salpeterer am toten Bühl, der die Versammlung einberufen hat zur
Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verläßt, sich an den
Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: „Gott wilche! 's isch e gheimi
Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bühl. Sin Ihr alle da,
die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Männer von Gebisbach,
Altenschwand, Hottingen, Sägeten, Hochschür und Herrischried?“

Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen
Orten.

„Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?“

„Ja! Ich, Ägidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!“ ruft ein
alter Mann aus dem dritten Ring.

Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflüster der
Überraschung, daß sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden,
der drüben Führer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache.

Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung
zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe.

Die Männer treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter
durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch
beleuchtete Kreuz, entblößt das von weißem Haar umrahmte Haupt und
spricht mit kräftiger Stimme: „Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid
gegrüßt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bündig das:
Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, Ägidius Riedmatter isch in
stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich
und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und
bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Führerschaft der Salpeterer.
Ich soll den Kampf aufnehmen und führen wie einst der Hannes selber! Und
dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drüben im Albthal
mein heilig und schweres Amt übernommen. Heute in verschwiegener Nacht
am Kreuz des toten Bühl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen
des Murgthales: Wollt Ihr mitkämpfen für die heilige Sache?“

„Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes für die Freiheit
unseres Volkes und für unseren Glauben!“ tönt es rauh, aber feierlich
aus dem dreifachen Menschenringe.

Nun frägt Peter den alten Riedmatter: „Ischt der Geischt des Hannes dir
wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwör' es uns
zur heiligen Dreifaltigkeit!“

„Ich schwör' es!“

„Dann glauben wir dir! Und du, Ägidi, sollst fürder auch unser Führer
sein im heiligen Kampfe. Willst du?“

„Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der
kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache führen und nicht erlahmen in
der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwört mir Gehorsam und
Gefolgschaft!“

„Wir schwören!“

„Und nun höret: Wie einst Hans Albiez müssen auch wir die uralten Rechte
der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im
stillen auch tapfere Weiber, Söhne und Töchter angehören, ist bereit,
dafür das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der
Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Großväter, die
gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir
müssen der Übermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir können, was wir
müssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals
verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die
Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein
gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und
unabhängig bleiben! Und große wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser
ärgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!“

Jähe Überraschung fährt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tönen
zum nächtlichen Himmel.

„Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez',
sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit
wieder, die uns dort drüben die freien schweizer Berge verheißungsvoll
zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft über uns zu Recht
bestanden, nicht der Fürst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht
der Großherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist
nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die
österreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser
Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr über uns und die
Schweiz! Wir müssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur
Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld,
Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur
freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt,
so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die
kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von
Bergalingen sagte: „«Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen:
wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen
Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafür. Bedenkt zu Hause, daß
Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!“» Wir hoffen auf
Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer,
die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern
wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. Über der Grenze wohnen auch
Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben könnt, nichts, versprecht nichts,
verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir
hören! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und
schweiget, was ihr gehört. Amen!“

Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die
Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach
abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl.
Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als
die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl
hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen
Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz,
schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee
deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur....

  Winterszit, schweri Zit!
  Schnee uf alle Berge lit....

       *       *       *       *       *

In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine
Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am
schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's
Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und
ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen
lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das
Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der
stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener
Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die
Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und
weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal
in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher
die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig
und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am
Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak
rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben
oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im
mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm
ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und
rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders
veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten
Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die
alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie
eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So
sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat,
erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die
Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem
Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und
schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und
zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat
ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl
erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die
Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein
interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung
durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt,
war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef
aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann
Peter Gottstein, dem Wirt zum „dürren Ast“ den Beitritt des Binker'schen
Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig
wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur
Antwort gegeben: „I mog nit!“ Nun war's um ihn geschehen, und Vroni
legte los, daß es eine Art hat. „Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?!
Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und
träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget!
Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage,
du Waschlappe du!“ Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft
sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den
Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers
sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken
will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem
Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef
rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs
neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den
schwerwiegenden Worten: „Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!“
da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn
doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und
den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der
verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen
werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die
Hand leisten werde. „Ja, ja, i goh!“ stammelt der eingeschüchterte
Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über
Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten
Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in
seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein
Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben.
Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber
vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig
sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch
Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum „dürren Ast“. Vroni aber muß
eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des
erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich
selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen
heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und
verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und
übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte
unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der
Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon
austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib
verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die
Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil
sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger
Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen.

       *       *       *       *       *

Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus
den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des
Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei.
Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte
Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die
Kleider fahren und fragen, wo es denn „füürig“ sei (wo es brenne)? Aber
da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: „Dunderschiß, nu
numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du
gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch:
Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft
abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in
der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und
laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!“ Damit
drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen
zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf
um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein
Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle
dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos
pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt.
Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es
sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in
Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im „Roten Ochsen“ wartend
liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also
stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo
die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das
Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt,
welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in
Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum „Roten
Ochsen“, in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der
Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den
Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in
Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli.

Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter
Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt,
kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die
Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, „ume Chrützer“
und aufgeschmälzte „Grundbire“ dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler.
So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als
einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die
braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein
badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel
klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das
frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's
lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend;
die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den
Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün
neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein
Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit
pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen
die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und
still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem
schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des
leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck
seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter,
versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen,
er hascht nach ihrem Händchen.

Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen
Pfoten: „O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!“

Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte
zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im
Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im
selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch
tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet,
fragend: „Isch was gange, Jobbeli?“

Etwas zaghaft meint der Bühler: „'s isch nüt gange!“

Der wehmütige Ton reizt nun auch Chüngi zum silberhellen Gelächter,
indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli
an den Tisch setzt, ein Schöppli Durbacher bestellt und dem Bühler auf
die Achsel klopft: „Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im
Wald balzet der Urhahn annersch, haha!“

Das glaubt Jaköble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch
verspürt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen.

Der stämmige Martin verläßt auch das Thema gleich und fragt: „Jobbeli,
hesch du Kuraschi, so müschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!“

„Isch recht!“ stimmt Jobbeli zu, und Chüngi bringt die abgegriffenen
Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das
Glück, bis Fortuna ihre Gunst ausschließlich dem Bühler Büebli schenkt,
so daß Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld
einstreicht.

„Zum Teufel, i verlier' heut no mi Röckli!“ ruft ärgerlich Michel und
wirft einen Sechsbätzner auf den weinbetropften Tisch. „Halt zu mer,
Heckener, bisch mi letzter!“

„Was isch Trumpf?“

„Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!“

„Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!“

„Dunderschiß, hesch du e Glück!“

„Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?“

„I will doch probire, un 's Glück hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez
spiele mer ume Ohrläppli vonemer!“

„Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?“

„Chrütz!“

„Gstoche! Hesch wieder verlore!“

„Bisch du ne Glückskind!“ staunt Michel.

Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein
Messer.

„Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?“

„'n Gwinnst will i einkassiere!“

„Mitem Messer?“

„Frili! Dein Ohrläppli werden mer gli habe!“

„Tod und Teufel!“ prasselt Michel auf und fährt zurück; doch Jaköble
faßt zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrläppchen
abzuschneiden. Chüngi zetert und schreit aus Leibeskräften um Hilfe; die
Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und
Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt
Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes
Blut quillt. Jobbeli flüchtet zur Thür hinaus, auf den Ochsenwirt
prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so daß der
Übelthäter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den
Schwerverletzten ins väterliche Haus.

       *       *       *       *       *

Der gutmütige, schläfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der
Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bühl hinangestapft durch
Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus
„Zum dürren Ast“. Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das
verkündete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte
Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor
der Hausmauer den Schnee von den Füßen abgestoßen hatte. Von der
Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem;
aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni
doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann
gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der
Himmel wissen, der Sepli weiß es nicht. In der warmen Gaststube begrüßt
Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der
Bitte, dem Ätti zu sagen, daß er mit ihm reden möchte. „Und leng mer e
Schöppli, Thrinele!“ fügt er bei und öffnet sein Wams, denn die
Stubenwärme setzt ihm bereits tüchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und
auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu
fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe
herausrücken muß. Und so stottert er denn etwas dergleichen, daß er auf
Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und
dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. müßte.

Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort „Salpeterer“ gehört,
vergewissert sich, daß kein Unberufener in der Stube ist und wispert
dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo
sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen könnten.
Oben sei es noch nicht gar so warm, fügt Peterle bei als Empfehlung des
oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schöppli besorgten Gast
augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. „Den Rock tragsch
selber!“ bedeutet Peter und schreitet voran.

In der oberen Stube angelangt, verschließt der Wirt sorgsam die Thüre
und fragt den Besucher nach seinem Begehr.

Da ist nun der gefürchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In
arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mühsam
heraus, daß sein Weib der Vereinigung beitreten wolle.

Überrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: „Und du,
Sepli?“

„Ja, ich, no!“

„Wie, du willsch nit?“

„I weisch ja gar nüt!“

„So, du weisch nüt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzähle!“

Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung
erfüllt, den Gast für die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung
derselben zu schildern. „Hör zu!“

„Ja!“ sagt Sepli und stärkt sich durch einen Schluck.

„Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiöser Bund, als der
Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil
ankündigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die
zwölf Waldrichter, eröffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno
1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno
dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest
wegen Verjährung, wasmaßen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser
längst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer
stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklärte der
Waldvogt, daß es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft,
sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als
rechtskräftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebühren
und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und
Wortklauberei nützte dem Waldvogt nichts, die Wäldler hielten zum
Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing
die Gärung an — ich han's alles genau in den Akten —, die sich
verstärkte, als einige Jahre später der Abt Blasius III. unter
Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der
Entlassenen, Urgroßahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der
Leibeigenschaftsgefälle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen ließ. Und
in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf,
der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mütterlicher Seite in den
Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem
Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung für die zu Recht erkannte
Sache. Hannes verkündete die Lehre, daß die Grafschaft nicht zu
Österreich, sondern zum Deutschen Reich gehöre, daß sie frei,
reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jährlich zwölf
Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht
auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den
Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die
Machthaber, der größte Teil der Waldeinung schloß sich der gewaltigen
Bruderschaft unter Albiez Führung zusammen. Bloß die ‚Halunken‘ thaten
nicht mit, die feigen Schufte.“

„Wer seist?“ warf Sepli erstaunt ein.

„Die Halunken, die zum Propst und zu Österreich hielten! Die Salpeterer
aber verschworen sich, die fremden Fürsten abzuschaffen, die Steuern,
Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder
Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten über uns! Und Hans ging
nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer
für unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm
einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Tröndle's
thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die
Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Nötige. Die
Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen
Gnadenbrief[5] zu erlangen, ließ Albiez verhaften, im Gefängnis
schmachten, wo ihn eine böse Krankheit von allen Leiden und aus seinem
Martyrium erlöste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die
Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt
Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem
früheren Propst Blasius. Weg mußte die Leibeigenschaft! Mann für Mann
stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hörig
sein!“

„Ah, ah!“ stammelte Sepli.

„Was seist?“

Unwillkürlich plappert der verwunderte Sepli heraus, daß sein Eheweib
ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch
veranlaßt habe, zu Petern zu gehen.

Frohlockend prahlte Peter, daß solche Weiber die richtigen
Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute.
Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen,
und muß die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen
Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib,
um das Sepli zu beneiden wäre.

Den Sepli fröstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wär' er auf und
davon.

„I will dir aber weiter verzähle: was die Regierung auch befehlen
mochte, es nützte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches
Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstücke von den Kirchentüren und
schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur
heiligen Sache stand, wurde ausgestoßen. Man nennt das ‚purifiziere‘!
Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer
mehr Anhänger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Führer
Martin Thoma, den füürigen Müller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und
Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab
die Losung aus: Los von St. Blasien, los von Österreich! Und vor
Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurück mit drei
kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort „leibeigen“ auf ewig abgethan
sein soll, doch bestünden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte
müßten ungekränkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald
Ruhe halten, dem Stift alle Gebühren zahlen und mit Handgelübde
huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen dürfe St.
Blasien das Wort „leibeigen“ nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten
Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten
Achtmannen allsogleich auf freien Fuß zu setzen[7]. Sepli! Das muß
herrlich gsi si! Und dem Abt muß der Schreck in alle Glieder g'fahre si,
denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelübde ab. Und gezittert
werden die Halunken auch gehörig haben, denen es nun an den Kragen
ging.[8] So mußte der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie
der Halunken-Redmann Tröndle von Niederalpfen....“

„Was ist diesen geschehen?“ fragt Sepli, dem der Angstschweiß auf der
Stirne steht, dazwischen.

„Den Biber Hannes, weisch, dem Großvater vom jetzigen Biber in
Herrischried, hat man fast zu Tode „behandelt“; dem giftigen Tröndle
nahm man die Pferde, ließ ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte
seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab für die heilige Sache!“

„Das isch ja Raub!“

„Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und muß
bekämpft were!“

„Ah, ah! Also bekämpft Ihr au mi?“

„Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!“

„I mag aber nit! I fercht' mi!“

Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu
beruhigen mit dem Hinweis, daß es ja heutzutage nicht mehr so scharf
zugehe wie damals, und daß die jetzige Bruderschaft lediglich durch
passiven Widerstand kämpfe. Heute sei auch nicht zu befürchten, daß
wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden.

„Soldaten seist?“

„Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem
(langsam), man versteckte sich nicht hinem Lädemli (hinter dem kleinen
Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte
die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Füsi (Flinten),
Spießen, Heugabeln und Prügeln.“

„Wer isch hernach 'prügelt wore?“

„Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir
mache die Sach' annersch, wir führe nimme Krieg mit Waffen. Es goht au
minem Papier!“

So sehr sich Peter bemüht, den Besucher für die Salpeterersache zu
gewinnen, Sepli will nicht anbeißen, er macht Ausflüchte und schickt
sich zum Gehen an. Ärgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins
Erdgeschoß und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch
einmal überlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthüre
herein, erhitzt, verstört, blutbespritzt, so daß der Vater erschrocken
fragt, was denn passiert sei. Der ängstliche Sepli steht wie
angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was
sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich
davon zu drücken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, daß
Jaköble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom
Hottinger über Riedmatter's Gang nach Basel habe.

Jobbeli stottert heraus, daß er auf Hottinger nicht mehr warten konnte,
weil er schleunigst flüchten müßte.

„Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!“

Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzählt, seine
Handlungsweise nach Kräften beschönigend, den Vorfall im „Ochsen“ zu
Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust.

Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber
erzählt, daß er — aus „Notwehr“ — den Michel niedergestochen habe, schreit
Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich
das Maidli auf, packt ein Umhängtuch und stürmt hinaus in die abendliche
Dämmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgruß Sepli, der froh ist, das
Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht
zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube,
um sich alles haarklein erzählen zu lassen und zu überlegen, was nun zu
geschehen habe. Ein „Mordchlapf“ und eine Halunkenfamilie: ein übles
Ding, das durch Wehrgeld kaum „abzuschaffen“ sein wird. Wenn es doch
wenigstens Salpetererleute wären, da würde selbst bei einem Mordchlapf
die Abschaffung[10] möglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit
haben, denn der Ätti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der
Partei der „Ruhigen“, wird höchst wahrscheinlich nach dem Büttel
schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bühl
heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn
sich der Bursch bei Zeiten auf die Strümpfe und eine Wallfahrt nach
Maria-Einsiedeln macht. Über der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen,
doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann möchten sie Jobbeli
auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue Ätti dem
Bürschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinüber drücken
soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch
nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Säckingen kommt und
die Büttel wieder herauf zum Bühl werden leicht einige Tage vergehen.
Lauft 's Bürschli dann über Rißwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein,
so kriegen die Büttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine
sofortige Flucht wäre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht
wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen
möchte, so giebt der Ätti sich schließlich zufrieden. Dann aber fällt
ihm bei, daß 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus
verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten
haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzählte
vom Geräufe und dem Messerstich: „Dunderschiß! Sollte der Michel oebbe
gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschiß, da soll doch
der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en
Verdruß!“

Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch Ätti löscht das Licht und
begiebt sich zur Ruhe, hin und her überlegend, wie die böse Sache zu
schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer
betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei
ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthätige Schlaf;
doch endlich überkommt ihn der Schlummer, er träumt hinüber in die
himmlische Grafschaft.

       *       *       *       *       *

Still fallen draußen die Schneeflocken hernieder; es ist völlig
windstill, totenruhig am einsamen Bühl und weit und breit kein
Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich
zeitweilig vergewissernd, daß niemand der frischen Fährte im Neuschnee
folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer über
die Bühlhalde, hastig, als fürchte er just die letzte Strecke. Und
endlich vor dem Hause stehend, wartet der nächtliche Wanderer nicht
erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an
die Thür und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt.
Endlich regt sich etwas, ein schlürfender Schritt wird hörbar, und
gedämpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thüre, wer
Einlaß fordere.

„Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!“ ruft der Mann. Jetzt
öffnet Peter und läßt den nächtlichen Besucher ein und macht in der
dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger
von Herrischried erkennt. „Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du?
Hescht 'n Ägidi troffe am Rhi? Was seit er?“

Hottinger fordert zunächst Labung, ein christlich gemessenes Schöppli,
und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich
durch einen tüchtigen Schluck gestärkt, vermeldet er flüsternden Tones
die Botschaft, dass Ägidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei
und einen österreichischen Oberst[11] gesprochen habe.

Unwillkürlich fährt Peterle auf, in höchster Spannung fragt er, was der
Österreicher gesagt habe.

Der Oberst habe — so fährt Hottinger fort — versichert, mit dem
Österreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnächst
gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12]

„Was seist?“

„Jo, sell hat er gseit, der österreichische Obrist, und Ägidi hat gseit,
ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in
Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!“

Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt
ihn in hohem Maße. Er denkt nicht weiter über die Wahrscheinlichkeit der
Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphärenmusik, sie wird die Säumigen,
die Ängstlichen aufrütteln und in die Arme der Bruderschaft führen. Die
Salpeterersache wird aufs neue aufblühen. Den Accis wird man rundweg
verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer,
und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die
Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter
aus und fragt sodann, ob Ägidi als Führer besondere Verhaltungsmaßregeln
gegeben habe.

Hottinger erzählt, daß Ägidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich
bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der
Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird,
hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu
leisten. Die Bewaffneten werde Ägidi's Sohn, der Magnus führen, dem die
Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf
losgeschlagen werden soll.

Peter reibt sich vergnügt die Hände; nun wird die ersehnte Zeit des
Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hält vor der
Thüre Auslueg, drückt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den
Bühl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber
Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es
schußfertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann löscht
er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe.

       *       *       *       *       *

War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund
gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der
„Chauscht“ („Kunst“, die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen
Kachelofen gewärmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen
Gedanken nachhängend. Mütterchen saß am Fenster und ließ das
Spinnrädchen surren, emsig arbeitend mit fleißiger Hand. Die schweren
Männertritte im Flur ließen Mütterchen auffahren, erschrocken horchte
sie, und auch Ätti zuckte zusammen: solcher Lärm ist etwas Unerhörtes im
Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthüre, der „Ochsen“wirt
schiebt den Kopf herein und flüstert, die Alten sollten nicht
erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret.

Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst stürzt die Mutter auf den
Wirt zu, der erschrocken zurückprallt, sie reißt die Thüre vollends
auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen,
blutüberströmten Sohn, der ohnmächtig auf der Bahre liegt. Zitternd
folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus
dem Mund gefallen ist. Rasch faßt sich die Alte; hier thut Hilfe not.
Auf ihr Geheiß wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine
Dirn muß schleunigst zur Kräuterkäthe um Heilkräuter laufen. Mit
bebender Hand legt Mütterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband
auf die Wunde, indes Biber sich vom „Ochsen“wirt den Hergang des
Unglückes erzählen läßt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem
Salpetererbueben! Unheil über Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber
der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das
Gericht soll eingreifen.

Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Säckingen zu schicken,
auf daß Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden
solle?

Ätti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch
nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus,
so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den
Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen.

„Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Märte?“ fragt der Wirt.

„Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!“

„Gott gib's! B'hüet Gott derwil, Märte! Und wege 's Amt will ich 's
schon besorge!“ Der „Ochsen“-wirt begiebt sich heim, und Ätti nimmt das
Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trägt es in Michels Stube, wo er
den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mütterchen
fragt, wie es mit Michel stünde.

Die Alte schüttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust
legend, ob das Herz noch schlägt. Und einzelne Tropfen aus ihren
rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen.

Unten im Flötz werden abermals Schritte laut, und die Hausthüre fällt
schwer ins Schloß; die alte Biberin winkt Ätti, er solle nachsehen.
Vielleicht ist die Kräuterkäthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und
bedenkt im Augenblick nicht, daß diese noch gar nicht da sein kann.

Ätti schleicht hinunter. Gedämpftes Stimmengewirr dringt in die stille
Krankenstube; Mütterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein
Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War
das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequälter Menschenbrust?

Unwillkürlich verläßt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thüre
hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und Ätti schilt, er will vom Maidli
nichts wissen, er weist ihr die Thür! Und das fremde Maidli beschwört
den Ätti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu
pflegen und zu warten.

Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie muß sehen und hören, was das zu
bedeuten hat.

Großer Gott, 's Thrinele vom toten Bühl ist's, die zur Nachtzeit
gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli
von dem Unglück weiß!

Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer
Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel
nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrückt vor Angst und
Schrecken.

Das Herz abdrücken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dämmert etwas
auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und
Schrecken. Muetti fühlt Mitleid, doch Ätti will nichts vom Maidli
wissen. Wär' nicht übel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die
Schwester vom Mörder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe
gehört zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, Ätti will
davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die
Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in
bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, daß es den Michel
liebt, treu, ehrlich und ehrsam und für ihn in den Tod gehen wolle. Und
im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, daß
sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann
wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belästigen.

Muetti hat sich begütigend, gerührt zu Thrinele herabgebeugt und das
Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein
Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und Ätti ist stumm
geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Muetti
nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. „So goh mit in Gottes Namen!“ Beide
begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger
Krankenpflege übernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des
Schwerverwundeten berührt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt
zurück. Welch' ein Glück!

Muetti läßt Thrinele nun beim Kranken und verkündet dem Ätti die frohe
Kunde. „Wirsch sehe, Ätti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und
machet ihn wieder gesund!“

„Gott geb' 's!“ Und damit erteilt Ätti seine Zustimmung, Thrinele bleibt
im Hause des Biberhannes.

In später Nachtstunde kommt die Kräuterkäthi angehumpelt, doch Thrinele
versichert, all' das Nötige von heilsamen Kräutern schon selber
mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank
eingenommen. Ätti entlohnt die alte Käthi und überläßt die gesamte
Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschäftig ihres
Amtes waltet, dankbar und überglücklich, hoffnungsfreudig. Und Michel
selbst ist wieder völlig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde,
doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kräuterumschlag kühlt, und
wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. Über Thrineles
Anwesenheit hocherfreut, möchte Michel gern sein Entzücken äußern, doch
Maidlis kleine Händchen drücken den Patienten sanft und doch bestimmt
wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald
der Bueb noch ein Wörtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und
heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen
im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des
heißgeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist
überglücklich über die Besserung in Michels Zustand.

       *       *       *       *       *

So winterstarr und still es ist am toten Bühl, so lebhaft geht es zu im
Wirtshaus zum „dürren Ast“, wo eines Morgens die Amtsbüttel erschienen
sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen hätte Streitpeter sicher einen
warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht
eben mit dem Accisor beschäftigt gewesen wäre, der die seit der
Brennzeit fällige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde,
als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, überhaupt nicht
Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten heiß und schwer, und Peter
verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen
Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darüber und spottete über den
„Streitpeter“, den man demnächst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser
Ankündigung machte Peter stutzig, und unwillkürlich ruhiger werdend
fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe.

Spöttisch lächelnd deutete der Beamte an, daß die Regierung auf
Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das
Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde.

Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet
sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklärung.

Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: „Du kommst ins
Wachskabinet als Müsterle für alle Wäldler, wie man sich um Haus und Hof
und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozeßwut!“

„Sell isch' mein Sach'!“ brüllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten
aufgeht. „Und unsere Füsi werden euch flinke Bine mache!“

„Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafür kann man helfen!“

Derweil nun beide streiten, sind die Büttel ins Haus eingedrungen, und
der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hände, als er, durch
das Geräusch der in den Angeln quietschenden Thüre angelockt, nachsehen
kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. „Bisch du der
Jobbeli?“ fragte der eine der Büttel, und wie der Bube bejahte, war er
auch gefaßt und hatte die Hände auf den Rücken gebunden. Wohl zeterte
Jobbeli und schrie nach dem Ätti, doch die Büttel drängten den Burschen
hinaus und machten ihm durch kräftige Püffe flinke Beine. Auf das
Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur
schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein
Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein
Wutschrei gellte durch das Haus. Überrumpelt! Zu spät gekommen! Der Bueb
fortgeschleppt trotz schußfertig gehaltener Flinte! Peter ist völlig
rasend! Er packt das Gewehr und stürmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder
um. Die Büttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnüffelt derweil
der Accisor alles aus! Das wäre noch gefährlicher. Peter läuft ins Haus
zurück, die Flinte schußbereit haltend, und fordert den Beamten auf,
nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor
läßt sich nicht einschüchtern; er verlangt unter Androhung schwerer
Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brüllt vor Zorn und backt
an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter
aber drückt ab, donnernd kracht der Schuß, der ins Gesäß geschossene
Accisor macht einen Luftsprung und stürzt vorne über in den glitzernden
tiefen Schnee.

Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum
Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen
die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene
Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um
einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere
Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt
gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm
anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In
jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer
immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot
sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die
Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald!

„Mer hängenem!“ (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und
drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür
abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und
folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann
offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung,
der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt
und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine
Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen.
Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den
Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf.
Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot
geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der
Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es
hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung!
Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur
Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er
nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann
zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über
Rißwihl gen Kuchelbach.

       *       *       *       *       *

Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende
Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst,
dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser
durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der
Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd,
schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut
allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen
Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und
fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den
Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren
der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein
Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen
und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und
brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu
Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste
fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und
Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn
streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und
Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt
und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es
dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren
scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des
weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue
Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald,
Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die
Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen
benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in
Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das
schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's,
daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten
muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen
dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört
endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den
Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen.

Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und
zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen
sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer
Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den
Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem
Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major
und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis
unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner
Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem
der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle
mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer
stecke, fragt der Major stehenbleibend.

„Der Führer vor!“ wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den
man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und
wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben
auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum
schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl
zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben
stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten
beleuchtend. „Wenn das nur nicht uns gilt!“ meint einer der Herren, der
in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser
Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als
möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt
durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen
wird.

Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die
unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen,
schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf.
Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum „Ochsen“, gleichfalls
finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und
nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die
Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den
Trupp Hartschiere geschaffen werden.

Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der „Ochsen“wirt es für
unmöglich, die Herren aufzunehmen.

„Tod und Teufel! Warum nicht?“ wettert der Kommandant.

„Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?“

„Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit
Kolben einschlagen!“

„Ich kann nit, Herr!“ ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu.

Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre
Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das
Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn
etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte
auf, grausigen Schein über das Dorf werfend.

„Füür!“ tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen
unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine
mächtige Stimme gebietet: „Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau,
nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!“

Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl
mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden
und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge
zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der
„Halunken“, deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es
wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und
heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu
erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor
das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf
Seite der „Ruhigen“ gestanden.

„Bibermärte rus!“ heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und
stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein,
Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach
zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein
Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft
Thrinele: „Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!“

Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler
erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter
Gottstein und rufen: „'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!“
Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den
Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen
Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: „D' Hartschiere chomen!“
die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur
Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken;
sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen
lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig
zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren
Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer
fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und
Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: „Druf, druf,
schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n
Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!“

Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der
gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei
Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette.
Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die
Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein
Kommando ertönt: „Feuer!“ Weherufe werden laut, einige Salpeterer
stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt
hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die
Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die
Offiziere los und pochen den „Ochsen“wirt heraus, der jetzt bereitwillig
sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die
militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten
übergeben und die „ruhigen“ Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird
von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde
abgehalten.

Scharf geht der Kommandant mit dem „Ochsen“wirt ins Gericht, dem sein
feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu
entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem
beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte.
Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf
angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten,
grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung
und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der
Rekrutierung.

Wie der „Ochsen“wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es
nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller
heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die
Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang
nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch
und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt
dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol'
der Satan die Salpeterei!

Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig
geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich
auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der
„Kunst“ hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust
vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den
Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der
Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden,
dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen
glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil
hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art
gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter
zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern
die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn
erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele
den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende
Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße
Geflüster des geliebten Mädchens.

„Liebsch mi no, Thrinele?“ fragt leise der stillliegende Michel.

Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: „Bis in den Tod, Michel!“

„Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu „Kilt“ und
han di 'beten um di Herzli!?“

Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: „Ich han dir 's
aber verbote!“

„Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!“

„Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!“

„So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch
wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli
nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!“

Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen.

       *       *       *       *       *

Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen,
es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die
Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und
im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze
schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen
Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht
von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen.
Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk
weckend. Im „roten Ochsen“ regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter
verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's
Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen;
die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig
allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt
unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern
steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch
schon der Major, grimmig und verdrossen. „Holt den Bürgermeister!“
befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere
marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als
Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten.

Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den „Halunken“
gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben
bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!

„Dann holen wir die Kerle!“

„Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort!
Die heutige Nacht hat's bewiese!“

„Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!“ flucht der
Major.

„Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
Pflicht genüge!“

„Wer wird kommen?“

„Die Buebe von den Halunken!“

Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu
spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen,
während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige
Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur
die Mannschaft wieder austreten und ihr vom „Ochsen“wirt die Morgensuppe
reichen läßt.

Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der
kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern
gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen,
wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten.

In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen
Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes.
Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das
Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten
Kommission. „Behalten“ wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist,
denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch
riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und
grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine
Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür
gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die
Leutnants flüstern sich Witzworte über den „alten Rekruten“ zu, gespannt
blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen
Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.

Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub
bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem
Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne.
Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter
Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich
stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen „Halunken“ seien
und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören.

Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich
gestimmt, sagt er: „Es giebt doch seltsame „Halunken“! Ihr „Halunken“
oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten
Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir
können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem
Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich
beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist
ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!“
Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem
Wunsch für baldige Besserung des Michels.

Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der
Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen
Einöden sind „verassentiert“ und ausgehoben, die Salpeterer aber fern
geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich
ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch
eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden;
vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht
also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab.
Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel
bequem, die der arme „Ochsen“wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos
stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und
nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht
herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den
Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt
glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt
davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner
Partei hielt! Als „Sparrengücksler“ ist er erst recht unter die Wägen
gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum
„Gottwilche“, wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und
die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert.
Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und
Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der „Ochsen“wirt keinen Chrützer!

Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer
bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles
Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern
nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er
läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über
Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den
letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen
Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet.

       *       *       *       *       *

Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung
gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten
Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu
ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer
war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die
entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die
Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich
befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer
emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu
Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen
durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann,
die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger
Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und
Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward
niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant
ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer
anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von
Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die
Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde
Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der
Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei
gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen
Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause
bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt
den Glauben!

Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am
Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum
Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit
brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher
Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die
Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe
zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und
in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige
alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der
Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen
und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt
und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist
Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so
dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit
zu Willen ist.

Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch
erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit
altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln.
Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer
hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu
Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben
zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die
Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen
wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern
sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für
die „Brüder“ verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit
Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von
bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren
Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen
Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner
Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu
Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine „Armee“ rasch
verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der „Feldherr“ selbst nicht
gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die
Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem
Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und
Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im
Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das
Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der
Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es
schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten
Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der
Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als
abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer
anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von
Waldshut anrücken. Die „Adjutanten“ empfangen jeden neuen Trupp und
geleiten die gröhlenden Leute vor den „Thron“ des „Feldherrn“ zur
Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und
läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: „Hut
ab und Mützen 'runter! Ich will reden!“ Allmählich wird es still im
Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft
sich in die Brust. Dann hebt er an: „Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen
der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt
jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero
gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und
neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief,
Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir
gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne
nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die
Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl
Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen
und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest
geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das
genügt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden
wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein
Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so
wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern
begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der
ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot
niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott
gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir
gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser
Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam,
Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!“

Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den
verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und
Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum
Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch
nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß
verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult
beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand
zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt,
gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend.

Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber
steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit
Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und
Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner
Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er
Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso
gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die
trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode
stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit
bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen
und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei.
Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was
Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer
am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.

Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht
einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da
kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: „Die Kroaten
kommen!“ Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit
einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins!
Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die
Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut
und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im
Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen
haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene
Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken
gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich
nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber
zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter
Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken
gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon.
Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel,
zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren
schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf
wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer,
Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären
den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser
werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den
schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche
durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den
Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort
gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren
wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den
Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf
flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der
Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann
einspringen gewollt.

Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen
ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr „Sieg“ zu
Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses
unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht
war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen
Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen
Grabe.

       *       *       *       *       *

Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich
im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem
Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den
Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr
gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere
Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in
südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er
doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein
Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger
und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach
gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach
zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im
Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und
deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles
hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher
Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt
daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre
bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des
Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler
Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte
der Wirt, und sicher ins Verderben.

Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins
Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in
Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten
nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein
Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen
habe, heimgekommen in Wihl erzählt.

Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und
an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.

Verrat brauche das — entgegnet der Wirt — nicht zu sein: die Salpeterer
haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung
ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren
wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen
im Wald.

„Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!“ stammelt Peter ganz verdattert.
Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben — was
müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein.

Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl
nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn
nicht niederhauen werden. „Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!“
versichert der Wirt.

Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi
laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die
Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern.

Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht
er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und
er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend
flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung
getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf
steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache
ist verloren!

Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der
Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem
Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die
Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die
Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in
alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln
herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum
hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den
Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.

Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht
Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um
sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und
Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der
Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine
Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher
noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach
dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft
er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen
Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand
nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien
verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und
angelweit offen steht die Hausthür.

Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
Flucht gejagt.

       *       *       *       *       *

Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde
scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran,
aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut
bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das
Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der
Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser
Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen
stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur
Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die
Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.

  „Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
  Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“

So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten
Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn
auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt
die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im
Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich
fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan,
und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat
sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und
Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das
Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's
Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob
es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar
stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm,
und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch
erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit
auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist
streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man
gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen
geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß
Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei
Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen
wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache
der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die
er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und
Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon
verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh
hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu
Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem
Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat
Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist
bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken,
sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen
Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach
Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner
Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu
spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch
eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die
Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt.
Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich
anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen
könne, wer weiß auf wie lange Zeit.

Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig
spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles
Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“

Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.

„Gohst licht von mir?“

Weinend bittet 's Maidli: „Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg:
Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns
zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!“

Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es
ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den
Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn
Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti
ausgerichtet habe.

Lachend mahnt der Alte: „Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
Frage!“

In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen
geheißen vom Sohn und der Thrinele.

„Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm
Bett!“

Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem
Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans
Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser,
das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's
still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt.

Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: „Michel!“

„Was isch, Ätti?“

„Nüt isch!“

„Wie sagsch?“

Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann
erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von
der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald
er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei
Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu
befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht,
Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli,
des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters
Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer.

Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor
Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu
teilen und zu bleiben in Vaters Haus.

Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann,
verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und
Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. „Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!“
Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er
noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach
Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht
Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in
abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl.

       *       *       *       *       *

Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über
Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl
getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt
habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus
gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu
öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in
die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze
gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und
in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute
die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach
Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht,
eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen
Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten
Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen
Zweifel auf, ob denn wirklich die „heilige Sache“ recht behalten werde.

       *       *       *       *       *

Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und
fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang
schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele
aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht
denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit
längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends
eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen
Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr
verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie
wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden
wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus „heimgesucht“ haben? Mit
dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen
abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden
ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie
es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist
eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus
Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und
Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus
dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer
an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig
prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein,
emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen
ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele
vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und
fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen,
ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer
das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den „Dürren Ast“ nur so
leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem
nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist
fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber
nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins
Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der
Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.

Eine dumpfe Stimme ruft außen: „Flieh', Peter! Im Namen der heiligen
Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!“

Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der
Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte
im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe
hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um
vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im
Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen
Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die
eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines
Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit
genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht
also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon
in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist
verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache
angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie
ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der
Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der
„Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen
müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat
Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus
dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind
unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze
Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte:
was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr
gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und
das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so
wenig!

Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat
angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem
Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele
Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl
und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück
findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis,
und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber
nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins
winterlich einsame Haus.

       *       *       *       *       *

Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen
Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das
erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen
und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die
einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“.
Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht
einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte!
Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es
um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.

Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein
lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen
Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an
den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz,
seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die
Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem
Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer,
so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch
nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt
hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen
spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an
einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel
niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz
rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich,
wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht
auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu
gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht
aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage
erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß
die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.

Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel
Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen
kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz,
behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli
die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die
Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das
knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast
fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten
Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster
fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken
fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen
im kalten Flur.

„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“

„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor
Überraschung und Erregung auf.

„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube,
um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif
gewordenen Hände zu wärmen.

Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt
Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen
niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti
und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.

Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der
ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint
und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“

„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon
erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und
bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde
zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig
und eilig.

„Hasch Hunger, Ätti?“

„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han
schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen
immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der
Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten
Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen
gehalten habe.

„Bi diese Kälte?!“

Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die
Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es
gewagt, neuen Proviant zu holen.

„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein.

„Wie?“

Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu
gänzlich ausgeraubt sei.

Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus
seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war
ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing,
entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben.
Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine
Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren
war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!

Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.

Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos!
Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu
trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache
doch!

„Wie sagsch, Ätti?“

„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an
Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem
Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe
es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel
sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht
doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom
Kaiser!“

„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele
aus.

„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!
Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden.
Guete Nacht, Thrinele!“

Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer
Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.

Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren
Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch
nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem
Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt
werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht
herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer
aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti
selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als
Feind erscheinen....

       *       *       *       *       *

Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein
Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte:
hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei
Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich
das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin
gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken
hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und
bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen
dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem
Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle
zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von
seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit
Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und
abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese
Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die
Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht
der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden
Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft
der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger
Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde!
Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden.
Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und
den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll
mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde
oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß
begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig
während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich
aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der
Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und
den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend,
findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem
verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt,
schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.

„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand
chommen!“

Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus
weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante
Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt
er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.

„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“

„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in
ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und
überreicht sie dem Ätti.

Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung
gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur
gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht,
so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber
nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht
angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer
abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben
und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen,
die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche
vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und
urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.

„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was
doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und
Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre
gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche
entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig
eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß
solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit
Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“

Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das
Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das
genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der
Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte
und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria!
Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz
gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und
sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt
sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es
steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes
und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht
Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner
Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die
Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in
ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine
Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu
besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner,
womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige
einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im
Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.

Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt
Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über
den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um
Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße
etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das
andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's
Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer
Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt
sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen
er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine
Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits
geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um
Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das
bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“
Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem
man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der
Salpeterersache.

Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der
„guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um
ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden.
Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich
sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit
ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt
wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da
stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der
Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen
Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.

Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die
Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der
Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz
unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der
Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee
stehend und auf das „Ereignis“ wartend.

Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und
schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er
die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder
und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der
Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere
heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o
Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich
füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren
ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das
Gottesgericht! Amen!“

Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung
auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt
unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen,
entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.

Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und
verlöscht — — —. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.

„Der Herzog hat recht!“ schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt
sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom
Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum,
ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es
leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt
ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße
Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!

Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht
wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen
Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig
brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter
die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme:
„Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der
Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde
badisch, so wahr mir Gott helfe!“

Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das
Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt,
und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich
flüstern die Leute: „Der Großherzog ist Herr!“

Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der
Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder
Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die
Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die
Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit
Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er
brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich
herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter
bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim
zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer
Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das
Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.

Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus:
ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt
dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht
ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der
nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse
Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen.

Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was
das wohl zu bedeuten hat?

Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus,
krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er
die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt.
Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit
dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch
wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun
knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich
und sagt: „Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde
badisch, Amen!“

Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt
dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend.

Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele,
nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum
fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am
toten Bühl.

Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele
bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis
Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der „Chauscht“ den
Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen.
Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin:
„Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein
Landesherr, ich halt' zu ihm!“

„Ätti!“

„Was isch?“

„Ätti! Darf ich an badisch were?“

„Gewiß wirsch du an badisch!“

Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt,
der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den
Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.

Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti
auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit.
Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei,
und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch
freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte.

Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?

Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust.

„Also isch Bibers Michel der Holderstock?“

Thrinele haucht ein „Ja!“ vor sich hin und hebt die Hände bittend empor.

Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom
Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf
einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: „Es ist usprobyrt am heutigen
Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen
und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am
toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des
Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der

  Beschluß:

  Ich, Peter Gottstein, Wirt zum „dürren Ast“, anerkenne für mich und
  meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und
  werde mit Heutigem badisch. Als „Halunke“ genehmige ich — die
  Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt — die Neigung meiner
  Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell
  Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei
  Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen.
  Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der „Sach'“ wende,
  nichts — die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß
  jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der
  Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze
  Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob
  von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe.

  Gegeben im Wirtshaus zum „dürren Ast“ am heiligen Abend vor
  Weihnachten

  Peter Gottstein,

  verflossener Streitpeter und badischer Unterthan.“

Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das
mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den „Beschluß“
überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt.
Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben,
den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von
Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.

„So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer
minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter
Gottstein als badischer Unterthan!“

Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen
Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die
am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach
Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom
Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist
daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam
wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“
am toten Bühl.

       *       *       *       *       *

Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter
Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang
stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend
einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee
nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“
zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er
es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß
ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt
ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich
Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube
zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das
Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren
den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die
Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits
geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und
badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.

Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit
Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende
Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei
Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger
Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so
geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu
leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur
Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog
gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die
„badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für
einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum
Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die
Kuchelbacher Beteiligung.

Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl
sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen
nachlassen. Was Peter dazu meine?

Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu
ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der
badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für
die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“

Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation
mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und
Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den
Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären
sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der
Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten
dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und
durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend
Unterthanen mehr im Lande.

Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie
Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch
werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die
bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da
die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang
nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer
fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter
allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach
Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch
sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern
abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den
Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand
und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so
unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert
sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn
diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern
bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche
Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten
Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische
Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten,
badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde
feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem
Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib
eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.

Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten,
auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried
ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll
Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer
Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie
das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd
loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter
sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und
abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen
Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei
zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und
andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im
Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der
Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins
mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im
Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte
nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen
auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und
Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall
veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid
sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und
du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und
Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“

Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt
aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den
Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des
Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib
fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.

Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand.

Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht
zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt
soll's büßen!

Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater
besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib
diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das
Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht
und wünscht ihr „en guete Obe“. Das Pärchen aber stapft vergnüglich
voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli.

Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung
von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den
tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: „Thrinele, wo
simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf,
Thrinele!“ Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden
Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter
mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab,
daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der
Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin
flötet im eintönigen Lied.

Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und
Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: „Laßt doch, ihr
Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom
dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch
halte“!

Und Michel ruft zurück: „Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu
hasch es nit anersch gemacht, hihi!“ Dabei hilft Michel dem glühenden
Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich
auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren.

Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es
zuckt in seinen Mundwickeln: „He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli,
Herrluit wöllent in, badische Luit!“ Verwundert kommt der Wirt
herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor
Verwunderung.

„Gell, da guckt Er!“ spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die
Hand.

„Gottwilche!“ ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die
Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu
bereiten.

Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und
setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß
geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der
Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: „Vergiß by Gott nit ze
erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer
lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!“

Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die
Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein
Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die
Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: „Wos
weisch denn du, Biber, von mine Akte?“

„Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi!
Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet
badisch und Ordnung muß si!“

Ein wundersam Plaudern ist's auf der „Chauscht“ im „dürren Ast“, so
wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten
hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und
Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu
verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten
die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß
Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht
Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja
doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich
da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer
aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine
frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh
aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein
Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig
protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es
gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich
statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese
und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der
Wirtschaft.

Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß
Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die
Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil
ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen.

Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der
Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen;
von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins
Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und
huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten
Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der
ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog
aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht
abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der
Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert
werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja
nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein,
wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter
verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch,
dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und
ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!

So ward es abgeredet im „dürren Ast“, und widerspruchslos erklärte sich
Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn
er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten
muß, meint Peter.

Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti
will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang
angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten
Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr
ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.

Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach
herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann,
winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti
entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem
Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die
Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: „Der
Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten“ wird
zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger
Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein
Trauersiegel darunter gesetzt.

       *       *       *       *       *

Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings
weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen,
schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen
und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt
stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden
Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und
Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch
erquickend und labend.

An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem
Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur
Wanderung nach Karlsruhe.

Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und
unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt
Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er
beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne
man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der
Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter
selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es
möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da
lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach
Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel
labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.

       *       *       *       *       *

In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein
wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht,
stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie
aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation
nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in
dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der
Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und
wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und
seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen
glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am
Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der
Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem
verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden
Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten
führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis,
denn Peter platzte heraus: „Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt,
mer wöllent zem Großherzog selber!“ Erst wie der freundliche Herr
ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber
sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange
Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte
der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute
im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen.

Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und
Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit
weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein
Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in
der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein
Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog
fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre.

Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere
treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten,
ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken
verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem
klopft das Herz hörbar.

Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich
spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich,
leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer
derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte
er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll
der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal
fragt Karl Friedrich: „Wer ist euer Führer?“

Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der
Hochschürer ihm laut zuruft: „Peterle, gang füri, er frißt di nit!“ Das
wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und
spricht: „Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der
Wirt zum „dürren Ast“ am toten Bühl im Hauenstein!“

„Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?“

„Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt:
Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!“

Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend
auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck „Halunke“
erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten
aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich.

„Red' Er nur weiter, Peter!“

„Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl!
Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern
Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen
erfüllen wollet!“

Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren
des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken.

„Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr
heut de Schade!“

„Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug
warten lassen!“

„Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus
by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!“

Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch
eine Lachsalve nach der andern heraus.

„Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr,
Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de
Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn
mer wollet blibe katholisch!“

Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: „Höret,
ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen
zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem
Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der
Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige
Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten
die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt
ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater
haben!“

„Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch:
Wos isch minem Jobbeli?“

Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins
Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: „Ihr sollt Euren Sohn
freibekommen, Streitpeter!“

„Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit,
seigt mer gschiedene Luit!“

„Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute
badische Unterthanen!“

„Sell wöllent mer were!“ ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur
Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue
bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter:
„De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!“ Donnernd braust
der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal:
„Hoch, hoch, hoch!“ Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie
bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am
liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt,
aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und
unterließ daher die Liebkosung.

Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum
Abschied mit den Worten: „Bleibt fürder gut badisch!“ Dann zieht sich
der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück.

Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und
Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines
Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.

Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage
verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber
tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß
sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen
gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er
bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze
der Deputation heimwärts durch den „Garten Badens“ hinauf zu den
schwermütigen Schwarzwaldbergen.

Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar
wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf,
seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit
dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach
Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt
selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu
Bibers.

Biber-Ätti hockt beim „Ochsen“wirt und muß auf Peters Bitte sofort
geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen
setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers
vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg
begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe.
Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen
werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die
Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der
Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm,
und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich
haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des
Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine
Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich
gethan habe.

Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: „Isch kein
Wunder!“

Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.

Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein
Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu
thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten
Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle,
ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber
das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter
aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte,
um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut
und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht
nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die
Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der
Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und
dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen
haben.

Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder
lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich
erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl
langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen
hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und
die Freigabe des Jobbeli.

„Hasch en Buebe mit?“ fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage
bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich
durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem
Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und
schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den
Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen,
die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden
dürfe.

Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die
Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch
glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll
übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte
feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den
Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die
Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit
zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. „Wilsch, Peterle?“

„Jo, ich will's by Gott!“

Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt.

       *       *       *       *       *

Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg
und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15]
und schenkte allen jegliche Strafe.

Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im
Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so
ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die — _Herzogskerze_.


Fußnoten:

[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner
kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart,
die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung,
namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive
alte „Handfeste und Privilegy“ pochend wollten sie sich, nachdem es mit
allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch
der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien
Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister
von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im
Haunsteinschen Lande gewann und allgemein „Salpeterhannes“ genannt
wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier
mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen,
daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in
seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode
frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben
habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber
frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit
altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte
Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden,
schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und
Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr
einiger „Salpeterer“ aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias,
entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den
Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c.
hießen „Salpeterer“, die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die
Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden „Halunken“ gescholten und
bitter verfolgt.

[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe.

[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.

[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24
Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die
Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung
gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt
und erst nach abgelegtem Handgelübde: „Fürder wider St. Blasien nicht zu
schimpfen,“ entlassen.

[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach
etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär
von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.

[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung
des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden
müssen.

[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose
Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das
Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu
Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach
nicht aufzuhalten vermochte.

[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und
plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne
Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel)
die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.

[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der
Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch
rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer
getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die
Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die
Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit,
der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche
Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das
Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin
die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger
gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name
schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und
Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des
Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort
auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg
heraufbeschworen.

[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen,
welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die
Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des „Wehrgeldes“ war die Sache
abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt,
„abgeschafft“. Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen „Reisebildern“:
„Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach
einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie
gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter
mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch ‚im
öffentlichen Interesse‘ auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten.“

[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser
Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war
thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den
österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und
andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte
Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die
Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf.

[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und
entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.

[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel
gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod
abhält, so der Vogel ein „rechter“ ist, d.h. ein solcher, dessen
Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. „Über den Kreuzvogel geht kein
Tier, der ist über Schwalben und Störche.“

[14] Aktenmäßig festgestellt.

[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da
seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald
einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in
den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar.
Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.



Giftklärle



Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von
dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins
Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach
Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im
Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte
ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene
schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes,
das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der
äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich
gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen,
aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und
tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die
selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof
aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem
Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht,
und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören,
daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die
aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich
nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels
junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel
gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und
der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da
fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber
sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im
Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete
die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren
Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der
Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt
hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher
ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein
habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am
Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die
Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es
möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern.

Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo
die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. „He, Bärbel! Wie
lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut?
Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über,
aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der
langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!“

Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen
Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem
Hause zu. „Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!“ ruft das Mädchen und
trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu
ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber
die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst
versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt
Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der
rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach
dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der
Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume
ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer
kräftigen sonoren Männerstimme:

  „Was guckscht denn so traurig?
  Sei luschtig und froh!
  's isch oimol ein Leaba
  's isch oimol no so!“

Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des
feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier
verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt
geringschätzig die Achseln.

Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt
weiter:

  „Alt wirscht ja von selber,
  So tanz noh ond spreng,
  Ond weischt a sei's Liedle:
  Sei luschtig ond seng!“

Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt
sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen
Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen
auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel.

Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut
und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe
Verbeugung, zugleich rufend: „Schönsten Dank, gnädig's Fräula!“

Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf
der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den
Zaun: „Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger
und Straßengauner!“

Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem
Halse: „Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!“

Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem
Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung
über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem
sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt
das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr
einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun
die glühende Klärle los und spricht: „Mueßt nit so wild sein, schön's
Klärle, hihi!“ Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.

Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht
isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“

Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor
Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt
ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen
seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden
nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im
Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen.
Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein,
humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den
Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da
schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt
z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung
ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der
Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet,
wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken
und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem
Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und
dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit
an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte.
Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig
aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein
Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters
Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine
Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht
besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der
Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare
auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt
den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter
vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam
im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist
dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen
Fleisch und Blut.

Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es
ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden
mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle
hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe
die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum
Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen
Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die
Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater
wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit
der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch
alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.

Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig
mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So
wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden,
daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft!
Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und
den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die
Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich,
verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser
und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde
nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter
aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob
der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel
begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die
Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie
so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich
darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße
nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die
augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und
über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben!
Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen
Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine
größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf
ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach
dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht,
sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und
klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen
knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und
stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde
entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres
Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.

Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle
mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und
starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit
lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt
und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße
weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen
Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache
wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He
Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was
kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“

Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich
zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten
ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald
die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.

Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das
Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche
entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das
selbstverständlich.

„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind
gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen
werde!“

Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.

Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig
gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die
Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige
Verlassen des Weideplatzes.

Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu
Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.

„Du bleibscht daheim, sag' ich!“

Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen
zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich,
und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im
Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die
Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und
meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er
nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht
übertreten.

Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen
Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe
aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und
jetzt geh' deiner Arbeit nach!“

Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben
vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe
Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die
Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim
Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen,
hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie
solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die
Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.

Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu:
„Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer
nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das
auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was?
Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann!
Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“

„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am
Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“

„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“

„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht
besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten
den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch
gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“

„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der
Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin,
daß er sich schlagen läßt!“

„So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und
die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?“

„Was mich — —“

„Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als
davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver
Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich,
anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten
kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem
weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!“

„Ich hab' auf niemanden aufzupassen!“

„Doch! Auf dich selber, Klärle!“

Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört,
ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und
preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie
nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor
dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem
Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar
aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf
eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane
Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten
nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches
Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum
Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie
gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles
Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem
Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu
Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf
und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die
Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler
laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte
mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe.

       *       *       *       *       *

In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des
entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster
sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen
flüstern immer wieder die Worte des Vaters: „Paß' auf dich selber auf!“
Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als
sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist
sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig
einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn
Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum
Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer
faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage?
Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im
Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab,
leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen
Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine
Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des
sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht
gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem
Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre
eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem
Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist
denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt
sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und
scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders!
Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke
herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen
Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles
Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas
vorbeugend, was gesprochen wird.

Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: „Nein, Martin, du darfst es
glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm
und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber!
Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie
Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und
hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden.“

Und Martin erwidert: „Sie hat doch dich, Bärbel!“

„Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und
ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine
dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr
schließlich nicht einmal verübeln kann.“

„Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend
gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte —“

„Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht
selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht
gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!“

„Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten!
Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den
Händen tragen möcht'!“

„Wie sagst, Märte?“

„Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!“

Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß.

In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht
mehr für sich leise vor sich hin: „Ja, ein wundersam Mädel ist die
Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf
einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen
nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen
möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke!
Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines
gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab'
keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts
fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin.“

Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: „Wohin laufst
denn? Willst schon zur Ruh'?“

„Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!“

Und weg ist das schmächtige Mädel.

Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre
Mucken wie die andere!“

Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört,
zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube
gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf
will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.

Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin
zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die
Knechtstube aufsucht.

       *       *       *       *       *

Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und
goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen,
frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres
Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen
Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge
mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich
gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit
hängenden Zöpfen.

Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu
heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu
genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein
Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit
drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch
immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf
die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so
lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“

Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich
komme gleich nach!“

Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was
Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den
Weibsleuten.

Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor
vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres
Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen
Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer
und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn
der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die
Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr
vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle
ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten
und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle
nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei
Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder
verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen
hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt
nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just
die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes
verlassen würde.

Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel
und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet.
Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte
Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich
verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung
schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die
am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In
Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige
versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun
Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus
gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt
feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben
und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen
die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes
überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine
erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur
Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine
Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche
für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die
Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo
die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist
bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und
welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen
Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln
sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des
Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in
vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber
hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um
diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in
deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.

Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo
Klärle mit hochrotem Kopf steht?

Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?!

Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das
zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen
sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den
Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der
Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich
auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die
Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung
und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die
nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und
Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein
Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet
der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter
beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend.
Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der
Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter
kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt
ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.

Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief
Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im
Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr
gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles
unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben:
„He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer
gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert
Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt
Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den
Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg.

Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt
davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken
und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen.
Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers
zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der
Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg
empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle
gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet'
Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt
sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter
künftig sorgsam auszuweichen.

Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu
sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich,
weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß
und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem
Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar
nicht zu denken.

       *       *       *       *       *

Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der
Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms
II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des
Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der
Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in
Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf
genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis
der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer
recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der
spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese
Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein
Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just
das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher
die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale
heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder
äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen
habe.

Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte
Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine
Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im
geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige
Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn
verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte
der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und
deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht
daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht
fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da
versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung
des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt
erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink,
wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen
lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er
den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich
zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem
Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den
fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch
das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter
pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der
Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er
den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem
Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben
entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen
freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom
Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher
Gottesdienst seinen Anfang nimmt.

Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig
erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor
dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten.
Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet,
schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die
Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He,
Märte, was soll's?“

Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.

„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in
Werktagskleidern?“

„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“

„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu
Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“

Martin starrt Klärle fassungslos an.

„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du
mich zum Schellenmarkt, verstanden!“

Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den
Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das
will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt
er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit
offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag
bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in
den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem
Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel
unterdessen das Haus hüten.

Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu
überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es
vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche
lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem
Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut
thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch
immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!

Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung
erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute
hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie
schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn
er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken,
dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat
mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht,
ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf
den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom
Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.

„Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!“

„Eben deswegen thue ich's!“

„Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein
Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz,
das beste Geläut zu besitzen!“

„Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich
ihm die noch fehlende Schelle einhandle!“

„Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen
handelnd!“

„Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!“

Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo
Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. „He!
Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem
Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll
's Geläut dann beieinander sein.“

Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf
zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die
Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten
ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet
und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die
Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die
Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser,
und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde.
Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber
bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei
Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten
Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen
gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen
bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen,
denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.

Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe.
Klärle erwidert gleichgiltig: „Mit mir nicht! Doch will ich's niemand
verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!“

Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit
Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu
vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend
schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer
sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt
beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er
blau im Gesicht wird.

Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an
Butterspätzlen!“

Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der
Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.

       *       *       *       *       *

So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal,
Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und
Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen
Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen,
Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der
Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum
„Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus
zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze
und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen,
Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge
typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt,
trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter
begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende
Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den
„Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann
neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher,
Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von
den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen
sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf
der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die
Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr
durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das
Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er
den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen
probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein
größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt
über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden,
kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein
Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein
Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch
vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein
Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen
und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln
und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf
Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.

In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut,
taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter,
nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem
„Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen
suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld
überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der
Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge
schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und
dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß
eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen
wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die
Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich
weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut
es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein,
und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor
einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom
Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie
ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel
eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“

Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf,
und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in
Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“

Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die
nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von
einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich.
Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös
gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele
von dir war' mir lieber!“

Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für
so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von
mir!“

„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh
manierlicher um mit den Leuten!“

„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser
einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“

„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge
brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:

  Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle,
  Schneidet ab den Leuten die Ehr':
  So bleib denn fürder: _Giftklärle_,
  Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“

Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute:
„_Giftklärle_!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in
dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen
für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu
Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt
dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt
allenthalben übers „giftige Giftklärle“.

Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge,
die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem
Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu.
Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige
Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf
dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die
Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im
richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber
nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu
bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die
Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der
Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch
sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den
Hof und der — _Giftklärle_ geb' ich sie nicht!“

Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts
wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung
für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den
Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus
und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“

„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die
Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird
beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte,
saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden
des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher
Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer
Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen
selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die
Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf
württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die
Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das
Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem
Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen
die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen
Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im
Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen
Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und
Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der
Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile
beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt
er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite,
packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust
vom Kampfplatz weg.

Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile,
bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und
führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den
kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen
jammernden Hirten tröstend und beruhigend.

Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten
Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger
auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen!
Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und
fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der
Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt
friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den
verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen
Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.

       *       *       *       *       *

Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf
einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine
ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht
grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und
sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten
Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß
sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in
Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen
Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer
Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke
eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem
schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls
bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher
durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde
nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und
bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte
für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust
seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich
die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern
heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach-
und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben
fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo
es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für
Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche
Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen
weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank
oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten
einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte
Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den
kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame
Hütte.

Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den
Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen,
majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes
Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst
der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein
lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt
zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von
der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und
bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm,
in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt.
Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der
alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen
boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme
Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören
bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft
erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung,
verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und
schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat
die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so
daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein
nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch,
wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager
aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des
Moserkopfes.

Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins
Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das
geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch
ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie
verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und
unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die
schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr
hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine
Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder
mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie
sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der
hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort
zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es
krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn,
Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O,
wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es
denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu
behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort?
Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten
können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst
bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie,
daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden
werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal
Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht?
Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof?
Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam
und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und
dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und
dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt,
verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der
Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des
ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem
Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am
heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen,
geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!

Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die
Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.

„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur
Liese.

„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt
teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht
fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“

Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.

„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt.
Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat
Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“

„Mir kann niemand mehr helfen!“

„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“

„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im
Thale und unter den Leuten!“

„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“

Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft
das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre
Knochenhand auf den Scheitel Klärles.

„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so
schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“

Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an.
Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst
damit doch nicht sagen wollen, daß —“

Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes
den üblen Beinamen loswerden wirst!“

Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar
den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf
angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“

„Ja, den Kaspar!“

Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den,
nein, niemals, lieber sterben!“

„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die
Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich
noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter!
Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“

Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren
Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den
ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der
Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz
und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen
durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin
„geläutert“ worden!“

„Du?“

„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible,
das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo,
das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter
gegeben hat!“

„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“

„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal
der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre
denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig
Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten
guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen
Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust,
so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir,
einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu
quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte,
treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein
war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie
vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende
Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer
zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich
mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor
Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken,
stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich
lachend hinwegführen“.

„Wie sagst, Liese?“

Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche
ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in
meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen,
höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der
Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen....
Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist
fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich,
die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich
den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend,
dessen Spur in die Fremde“.

„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“

„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu
pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen
aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann
versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen,
nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose
Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich
fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe
gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine
furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend
kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes,
schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen
hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die
„Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke
jeglichen Tag!“

„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“

„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose
Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich
büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht
anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die
Seele!“

Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die
dürren Finger an die feuchten Augen.

Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: „Was
mußt du gelitten haben, Liese!“

Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich,
tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des
Mädchens Kopf, wünscht eine „geruhsame Nacht“ und begiebt sich zur Ruhe.
Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr
dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt
die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den
Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit
einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.

       *       *       *       *       *

Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert
im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein
und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die
Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher
beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die
Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut
ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab,
verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen,
taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der
Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für
eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen.

Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte
gewahrt, ruft Kaspar: „He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!“ und
schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt
Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick
des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt
und grüßt verlegen: „Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei
der Kräuterliese im finsteren Wald!“

Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen;
unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt
das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf,
es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie
stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will
er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er
sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein
Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt
verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert
Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher
hinzu: „Was führt dich so früh herein in den Tann?“

Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: „Einen Heiltrank will
ich holen von der Kräuterliese!“

„So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?“

Kaspar lacht hell auf und versichert: „Nein, Gottlob, mir fehlt nichts
als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die
Liese helfen mit einem Tränklein!“

Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz.
Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder
da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen
Enttäuschung. „So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den
Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber
gern und drückst dich von der Bauernarbeit!“

„Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter
nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune!
He, Liese!“ Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet
stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des
Zornes zurückdrängt.

Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom
Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte
geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch
eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen
im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese
augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der
alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute
Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff
holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht
selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er
wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: „Weiß schon, was du willst!
Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren
seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid
lästige Leute!“

Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den
Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber
meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: „Ihr Weiber paßt aber
schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die
Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!“ Unter
spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz
vergessend.

Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf
Klärle zu. „Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person
giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher
Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und
du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!“

„Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!“

„Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem
Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du
wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der
Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz
recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr „Giftklärle“ nennen!
Verdienst es nicht anders.“

Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm.

„Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar
schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als
du glaubst! Und es juckt mich, dir den „Gift“ aus dem Körper zu
schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der
„Gift“ ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders
kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem
Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden!
Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf
deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht
mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto
besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur
Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!“

„Liese!“ schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor.

„Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!“

Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus.
Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug
erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die
Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht
das Mädchen von dannen.

Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser
Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge
Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür
gewiesen. „Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!“ flüstert
Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz
im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich
Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu
inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer
Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender
Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht
und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut.
Inbrünstig betet das Mädchen: „Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb
mir den Frieden ins Herz und Erlösung!“

Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: „Der Friede
soll dir werden, Kind!“

Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr
in die Wangen.

„Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!“

„Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der —“

„Was soll's —?“

„Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor
der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!“

„Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!“

„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir
gewendet —“

„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß
ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“

„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“

„Doch!“

„Wie?“

„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du
Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine
Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden
Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit
und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann
dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten,
und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“
Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle
zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und
haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie
Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen,
indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.

       *       *       *       *       *

Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts.
Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden,
nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr
allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die
Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender
Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem
Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht
das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das
wohlthut!

Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein
Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater
hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der
Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein
Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken
Hand über die Augen.

Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich
verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will
dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“

Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein
verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten
huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken
Lippen beben.

„Wach' ich, oder träum' ich!“ flüstert der Alte.

„Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!“ bittet Klärle und
küßt abermals die Hand des Vaters.

„O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und
lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!“ Mit beiden
Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen
herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war,
was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.

Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: „Nicht fragen, Vater! Noch bin
ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!“

„Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder
gut werden!“

Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der
Spülarbeit beschäftigt ist. „Grüß Gott, Bärbel!“ ruft vergnügt, schier
zärtlich Klärle.

Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche
Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei
es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.

Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels
Einsturz.

Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle
der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger
ungescheut und spricht: „Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da,
und nun wollen wir treue Freundschaft halten!“

Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz
verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen.
Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer
Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.

Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt
ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich
hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel
retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.

Klärle ruft: „Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?“

„Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!“ tönt es zurück.

Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum.
Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt
geworden.

Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken.
„Geht an die Arbeit, Leute!“ befiehlt die Tochter.

Das wirkt augenblicklich. „Sie ist doch noch die Alte!“ flüstern die
Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest
überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte.

       *       *       *       *       *

Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und
den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und
Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten
verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung
gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder
unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es
besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der
Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es
nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis,
daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch
das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen.

„Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht
nötig!“

„Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur
Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich
verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!“

„Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist —“

„Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder —“
schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen
Händen.

Erschrocken stottert der Alte: „Aber, Maidle, was hast denn nur?“

Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in
ihrer Kammer ein.

Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den
Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr
verstehen wird.

       *       *       *       *       *

Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein
leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen
ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe
ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen,
nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres
scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle
sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten
Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das
entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die
ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem
Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben,
ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile
im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle
allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am
nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.

Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: „Wer
will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?“

„Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber,
wenn du nicht anwesend wärest!“

„Was hat der Pfarrer vor mit mir?“

„Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja
hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen.
Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt,
daß du dich zum Frieden durchringen wirst.“

Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur
Näharbeit herab.

Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa
siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der
rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend.
Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. „Bist du die
Klärle?“

„Ja, Kleiner, was willst oder bringst?“

„Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es
aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!“

„So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas
aus der Küche zum Botenlohn geben!“

„Nein, nein, ich brauch' nichts!“ zetert angstvoll der Kleine und
springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.

Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den
Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei
entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und
zischt: „Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen
lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!“

„Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!“ meint
trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.

„Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein „Gegengift gegen
die Giftklärle“ schickt, eine „Medizin zur Läuterung der Seele“. So
steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich
werde — nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon!
Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!“

„Klärle!“

„Was willst Vater?“

„Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?“

„An was?“

„Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!“

Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube.

       *       *       *       *       *

Die folgenden Tage wird der „Gegengift“-Sendung mit keinem Worte
erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen
soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen,
fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: „Nun, Klärle, wie ist's?
Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die
Neugier um?“

„Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!“
erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der
Hand.

Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher
andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den
Worten: „Liebet einander im christlichen Sinne.“ Seltsamerweise bleibt
der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm
aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: „Geliebte in Christo dem
Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte
zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben,
nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen
Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person!
Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als
hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht
so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das
Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für
menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie
der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet
einander!“

Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt
sodann die heilige Handlung am Altare fort.

Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der
Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die
Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend
aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter
humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm
aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon
noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die
„Stichelei“ ein Ende machen wird.

„Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!“ sagt der Pfarrer
und begiebt sich in sein Haus.

Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als
wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei
gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun
gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet,
hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle
eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger
Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.

„Grüß Gott, Klärle!“

„Grüß Gott, Vater!“

„Maidle, der Herr Pfarrer —“

„... hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!“

„Du weißt schon?“

„Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O,
wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte
eine große Bitte an dich!“

„Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen
erweisen kann!“

„Ja, Vater, du bist so lieb und gut!“

„Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll
ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?“

„Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom
Jörgenmichel dazu, daß er —“

Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm
Ohr.

„Willst du nicht, Vater?“

„Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm
gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was
Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt
mich stehen!“

Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater
humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört
nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt
sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen
Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie
verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt,
rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch,
jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß
Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber,
wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß
sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt
der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu
hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im
Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum
Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum
Jörgenmichelhof führt.

Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen,
es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.

Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte
Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten,
darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste
Thür im Flötz.

Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der
Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich
klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus
der Kehle: „Oha!“

Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein
Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: „Je, der Gifter in eigener
Person!“

Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: „Bist ja doch zu Hause,
Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen
Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!“

„Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch
aufwarten?“

„Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!“

„So?“ lacht Kaspar. „Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht
schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!“

Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu
erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte.

„Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!“

„So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?“

Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des
Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er,
daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die
Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt,
jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu
bekommen.

Gifter horcht auf. „Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?“

„Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!“

„Hm!“

„Was meinst, Gifter?“

„Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als
‚Gegengift‘!“

„Ah! Und hat sie's genommen?“

„Fuchsteufelswild ist 's worden!“

„So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu
nehmen!“

„Ah, hast es gar schon verkostet!“

„Ich, nein! Was dir nicht einfällt!“

„So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?“

Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt
zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.

Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. „Du, Kaspar! Weilst
vom ‚Gegengift‘ schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas
friedsameren Blutes geworden sein —“

„Ich, wieso?“

„Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der
Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!“

„Schickt dich Klärle?“

„Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!“

„Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem
Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein
Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so
lang sie so ‚giftig‘ bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon
selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir
nicht im Schwarzwald!“

„Kruzitürken!“

„Wie meinst, Gifter!“

„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“

„Warum bist denn zu mir 'kommen?“

„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus,
vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“

„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger
Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“

Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein
Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie
die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und
dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um
's andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!

       *       *       *       *       *

Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des
Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen
Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in
Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain,
schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht
der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen
noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit
des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der
Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten
Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder
großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die
Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt
Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles
Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für
die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem
überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt
stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die
Straße entlang.

Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen
Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in
welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler
sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst
der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen
Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich
im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen
und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die
Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände
&c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht
gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern;
Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und
Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß
sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die
Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft
und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher
stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen
unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen,
giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und
Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale
getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der
Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der
Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe.
Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den
linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit
'm Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus
vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine
Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen
sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars
mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter
nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen
Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig
wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle
„Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit
nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der
Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was
absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht
doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber
die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große
Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.

Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward
ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf
und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein
hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein
Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos
vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum
auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie
angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie
tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er
wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich
geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht,
daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der
erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte
Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den
Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat,
fühlt er sich nicht sicher.

Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn
glühend, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß Gott, Kaspar!“

Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme
bebt bei den Worten: „Du — du — wie ist mir denn — du, Klärle, bietest mir
einen Gruß?!“

Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: „Ja, Kaspar!
Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!“

Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: „Red, Klärle! Was ich thun kann,
thue ich für dich!“

„Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen — du weißt schon welchen — von mir
weg!“ Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am
liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte.

„Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!“

„Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!“

„Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja
gar nimmer bös'?“

Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die
Häubchenbänder flattern.

„Dann bist mir am End vor lauter „Gift“ gar gut 'worden?“

Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor:
„Nimmer dieses Wort?“

„Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch
ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!“

„Kaspar!“

„Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?“

„Ja, Kaspar!“ ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich
überglücklich umschlungen.

Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher
spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen
Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor
Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in
den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer
Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt'
er wie die Gebirgler schuhplatteln.

Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf
und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der
Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die
Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob
das Gegengift gründlich gewirkt habe.

„Und ob!“ rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor
Rührung weinende Kräuterliese.

Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres
Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im
Jörgenmicheleshof aufziehen könne.

Ein energisches „Halt!“ macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter
stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um
Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.

Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt
sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und
droht: „Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines
Glückes ‚nein‘ sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die
Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!“

Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: „He,
Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!“

Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich
endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre
Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun
stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt
ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre
Kosten zu kaufen.

Im „Lamm“ ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im
guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle.


Fußnoten:

[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern
begiftigen („bei diser gnad, _gifte_ und freyheit“). Aus der alten
Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herübergenommen.

[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß
ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der
Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen
Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt
ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den „Schwanen“ zu verlassen und in den
württembergischen „Adler“ zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner
Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von
badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere
Ausschreitungen.



Der Pelagier



Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst „Zankwald“, der
sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und
Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk
über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen
ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die
Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend,
fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des
brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst
einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der
Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den
paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist
Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung
des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit
sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann
hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und
Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die
Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein
nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der
württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III.,
der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert
Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen
stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht
verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein
Zufriedenheit gedeiht.

Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe,
wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt
der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit
einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte
graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte
Erde kommen soll.

Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der
sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber
und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann.
Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg
etwas erweitern zur sogenannten „alten Steige“. Wie der trübe Himmel
heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten.

Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach
Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines
galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem
schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der
Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: „Faß'
ihn! faß, faß!“ Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der
Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der
Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier
aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter
seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben
demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die
Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige
Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt,
den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst
stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es
sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken
gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die
Last seines Karrens.

„Was soll das heißen?“ fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt
sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht.

Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend,
so daß deren Antlitz sichtbar wird:

„Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche
zum Beinhaus!“

„Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär'
dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze
Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine
Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?“

„Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!“ wimmert der
Hörige.

„Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist
verfallen durch den Tod des Eheweibes!“

„Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!“

„Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste
Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den
Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters!
Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!“

Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.

Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine
Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem
Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn.
Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins
und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu
den beneidenswerten freien Leuten!

Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
Waldesgruß an die Tote? — — —

       *       *       *       *       *

Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der
wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen
Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als
sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen
Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang,
den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in
wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine
Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom
Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die
weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der
stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die
Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer
daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte
auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler
Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen
sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in
patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die
Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.

Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem
Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer
er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige
Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der
Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum
vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt
indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen
an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein
Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt.
Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in
den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der
späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im
Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten
Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt,
Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr
durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und
klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom
Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus;
mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen.
Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind
hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd
durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür
wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann
bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält
Totenwache durch die schaurige Nacht.

       *       *       *       *       *

Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem
Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in
rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben.
Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den
Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.

Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den
schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der
Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend
ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“

Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und
fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das
schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein
Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes
der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen.
Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den
gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner
doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen,
preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.

In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt
Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu
zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten
Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger
Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.

„Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P.
Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er
sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!“

Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob:
„Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?“

„Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht
unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir
heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die
Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?“

Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: „Was
lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres
Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der
Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch
taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch
werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt.“

„Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?“

„Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa
körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des
überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe
und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig
eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit
ihren wilden Landsknechten.“

„Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet
dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?“

„Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den
Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und
Wallenstein!“

„Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!“

„Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein
Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie
Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!“

„Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!“

„Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem
Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt
war.“

„Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser
Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch
Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297
Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt
und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn
meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und
darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die
Waffengewalt sprach für uns!“

„Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im
württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und
eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg.
Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder
Nationen! Es ist ein Greuel!“

„Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!“

„Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald
Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!“

„Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer
Kirche erkauft werden soll?!“

„Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach
wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation.“

„Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben
hinzugeben bereit bin. — Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die
Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur
Alpirsbacher Herrschaft gehören?“

„Gotthard vermeldet dies!“

„Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!“

„So meldet Gotthard!“

„Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich
dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere
Kirche!“

„Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit
Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird
ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet
Milde und Güte, Herr!“

„Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf
Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde
ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!“

„Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter
werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!“

„Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!“

„Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard
heimkehrt in sein Land!“

„Er scheint das ja schier zu hoffen?!“

„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann
freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“

„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und
möchte dennoch württembergisch werden?“

Der greise Konventuale seufzt und schweigt.

„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als
der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend
handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und
strafen!“

P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann
gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der
Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar
mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die
Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten
eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch
den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das
Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und
Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant
eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen
geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage
gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden,
ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach,
daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das
Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er
den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot
der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.

       *       *       *       *       *

Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster
schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt,
grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die
Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen
Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium
versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in
Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten
aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht,
und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt
zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr
beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und
wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P.
Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und
schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise
mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“

Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“

„Ein Sendbote ist da!“

„Von wem gesandt?“

„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“

Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine
Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater
Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes
von Ehlenbogen.

Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein,
indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.

Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches
stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St.
Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so
rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu
verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster
opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt
Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die
Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man
ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen
ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen
und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem
Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag
nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht
rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen
Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts
Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt:
„Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben
beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die
Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron
d'Oisonville in Breisach! Georg.“

Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz
aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein
Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich!
Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß!
Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus
gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten
bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen
leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein
zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht
so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der
Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das
deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im
schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende
österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit
Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben,
und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der
exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er
wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die
Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen
ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben
und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf
sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf
er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen
Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben
hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt
Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist
es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein
Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des
Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein.
Sein Scepter bedeutet das Ende....

Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte?
Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird
Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs
Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung
gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?
Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur
Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!

Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament
und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in
unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet
bald darauf der Bote ab.

Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in
der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes
vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig
fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich,
du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst
du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken!
So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“
Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben
und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter
kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter
Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde
alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein
Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche
Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem
Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten
verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es,
solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn
alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die
Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der
alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner
zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort,
ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig
verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man
ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen!
Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit,
auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.

Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen,
dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet
für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier
und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für
die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich
auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster
glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende
Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz
krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes
birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den
Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen
durch sanftes Rauschen.

Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,
Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.

„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der
Pelagier.

„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn
es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“

Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die
Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit
der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb
starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große
Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.

       *       *       *       *       *

Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die
Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz
drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so
hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein
jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist
und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der
Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein
Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob
es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!

Frei sein; wie das herrlich sein müßte!

Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine
starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem
berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier
auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn
zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht
Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte
Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd
heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine
Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein
Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der
plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der
Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen
die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von
diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist
in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die
Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott,
Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren
als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell
jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in
rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten?
Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die
Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig
sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden
Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern.
Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer
finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die
Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch
schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt
es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen
mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden
könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen
durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt,
seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.

Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken,
wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen
stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus
laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet
euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren.
Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die
Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung
macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.

Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen
rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier
bleiben können!“

„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren
sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier.

„Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut
empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten
Quartier geben!“

„Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?“

„Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!“

Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des
Hörigen.

„Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!“

„Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg — —! Ihr, ein
deutscher Abt?“

Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend:
„Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den
Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und
einzuquartieren! Fort mit dir!“

Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein
armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das
Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn
vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze
herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem
Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem
Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen
Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische
Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend
und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.

Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: „Nun, und was befiehlt der
Abt?“

„Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen —“

„Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?“

„Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen,
und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen
und beherbergen.“

„Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst — ich kann's nicht
glauben! Ich muß den Abt selber fragen!“ Und bestürzt eilt der alte
Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten.

Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz
nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein
Gebet für die Tote zu verrichten.

Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um
dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur
Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche
ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und
das fremde Kriegsvolk gerufen!

Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein,
begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine
Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt
sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem
harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das
ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich
immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und
Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den
Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an.

„Sacre bleu, avant!“

Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in
eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein.

Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur
erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine
Soldaten und schwätzt weiter.

Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren.
Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst
wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache
aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.

Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur
Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran,
schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt
ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.

Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums:
die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich
durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf
Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im
Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert
frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie
die Mauern.

Ein neuer Befehl — und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche
und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich
zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite
gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien
herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt
die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch
nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht.

Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder,
aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich
den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer „fassen“
und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem
Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden
zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die
Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein.
Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein
und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.

Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei
Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des
Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut
deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die
Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle
Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem
„Schutz“ stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt
selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard
dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten
untergebracht werden solle.

Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller
Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: „Kloster für alles
sorgen muß!“

Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle,
daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort
Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der
Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den
Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort
erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung
persönlich zu überwachen.

Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen
wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene
Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und
Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch
sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in
welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das
Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann
nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von
dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten
Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum
Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher
kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder
Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte.

Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: „Großer
Gott! was habe ich gethan!“ — — Tief erschüttert sucht er seine Gemächer
auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber.

       *       *       *       *       *

Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei
Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren
Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch
das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um
selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt
er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen
Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete
Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten
und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich
im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer
gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.

Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück
und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so
wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den
wüsten Scenen.

Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der
Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters
und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige
Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen,
zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht
hat.

Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er
völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten
Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und
nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich
auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen,
heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt
hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem
ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim
Würfelspiel.

Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel!
Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren
immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie
einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons
die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen ... Aber hat
nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so
stillfriedlichen Kloster?! —

Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest
pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den
Kapitän zu.

Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt,
halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des
Klostervorstandes.

Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge
draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.

Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme
à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den
Spielern.

Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein,
Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht!
Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin
Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“

Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter
höhnischem Lächeln: „Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de
Alpirsbak sein ik! Bon soir!“

Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert
stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und
würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres
noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen,
überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der
Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur
Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze
Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen
die Herrschaft über Alpirsbach!

Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die
verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und
Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren
in ihre Gemächer zu führen.

       *       *       *       *       *

Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet
verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu
verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind
da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht.
Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in
Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die
finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus
deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste
ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und
all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt
selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von
Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die
Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische
Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch
nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch
jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er...

Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen
Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und
brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei
Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und
machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt
der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen
die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten!

Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend
und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in
seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der
Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen.

„Der schändet deutsche Tugend nimmer!“ flüstert Euseb, ruft dann leise
das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des
Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher
Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und
Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer
Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die
Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der
Herbstnacht in den Tann.

Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und
Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze
Rufe bei Ablösung derselben.

In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den
unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für
das Kloster anflehend....

       *       *       *       *       *

In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen
frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über
den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu
erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt
Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu
requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein
bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um
Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der
Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof
wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen
den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des
erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus
Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen
los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes
Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch
den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere
notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den
Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die
Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend
und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef
Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des
ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem
unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann
abgeschickt, den Abt herabzuholen.

Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges
folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß
deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche
und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede
Waffe verantwortlich sei.

Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des
Kommandeurs nicht verstanden.

„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins
par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann
cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“

Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der
Unthat!“

Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus
tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die
verhängte Kontribution sofort einzukassieren.

       *       *       *       *       *

Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die
Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller,
immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die
gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der
Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den
Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer
neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.

So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit
Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue
Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise
Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel
verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach
Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt
Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die
Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons
giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders
wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere
zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den
unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung
dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum
Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der
Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung
seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des
Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach
Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber
kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt
es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden
muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so
schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu
rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu
werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist
sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem
Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist
unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen
trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus
übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene
Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater
Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen
Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von
der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg
dazu sicher finden werde.

Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in
anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie
durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen
an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den
Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh
wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb
es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre
Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins
Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den
Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie
zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen
Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken
ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld
vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen,
und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne
gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den
Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am
lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer
Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes
Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde,
wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft
werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen,
vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der
Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch
dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den
Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr
sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die
Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen
Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts
mehr wegschleppen konnten.

Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung
unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser
gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut
zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der
von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald
schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener
Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen
niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des
Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des
Aufstandes.

       *       *       *       *       *

Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau
verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der
Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren
Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das
Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten,
dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur
wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die
Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen
Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde
geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige
Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die
Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße,
doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer
mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß
er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen
sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße
veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von
Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger
Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins
Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen.
Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner
Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz?
Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken
die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt
springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an
und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und
schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul
des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen
Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm
schützend Geleit zu geben.

Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam
sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.

Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder
schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt
zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und
Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das
Geleite verjagt!

„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“

Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht
Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu
schützen!“

„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“

„Es galt Euer Leben zu retten!“

„Wie, was?“

„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“

„Wo sind die Musketiere?“

Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit
dem Arm nach rückwärts.

„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“

„Bis auf einen, ja!“

„Bis auf einen — was soll das heißen?“

„Der eine küßt den Erdboden!“

„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“

„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den
Meuchler!“

„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“

„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul
schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“

„Bist du toll?!“

„Nein! Gottlob ist's gelungen!“

„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen?
Meine Schutzbegleitung — —?!“

„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“

Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm
steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er
das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die
Franzosen wollten mir ans Leben?“

Euseb nickt.

„Aber weshalb?“

„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“

„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich
berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden!
Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“

Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul
herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube
nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“

Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt
das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“

Alphons seufzt.

Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die
Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“

„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“

„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem
langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich
das Haupt tiefer sinken läßt.

Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg
südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen
sie, baldigst und für immer!“

„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich
keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem
Hörigen auszusprechen.

„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“

„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es
hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“

„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“

„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster
bringen wird!“

„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger
fortzubringen —“

„Wieso ich?“

„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“

„Wie, du weißt —“

„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet,
denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“

„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und
dem General den Schutz kündigen!“

„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“

Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die
vierjährige Schutzfrist.

„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine
bestimmte Zeitdauer?“

Alphons nickt betrübt.

„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die
Bluthunde los!“

„Das kostet schweres Geld — —“

„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde
gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb
trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.

       *       *       *       *       *

Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist,
als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die
Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und
Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren
mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer
einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen
gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten
Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche
sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder
zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt,
gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den
Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare
Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die
Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder
weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm.
Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten
unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird
zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft,
ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen
Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur
ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige
Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier
und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen
suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder
gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt
und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die
Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen
Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und
Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.

In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den
Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die
Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die
Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen
den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so
daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten
auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und
Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann,
gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd
haben.

Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere
verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur
Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht
nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu
beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen
sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der
alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.

       *       *       *       *       *

Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen
erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort
den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile,
und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen
im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul
herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat
das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt,
auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der
bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was
dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast
überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod
seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen
Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: „Höre, Euseb! Du hast dich wacker
gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes
dazu!“

Der Hörige schüttelt den Kopf.

„Wie, du verschmähst die Gabe?“

„Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh
jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht
betreuen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!“

„Du sprichst in Rätseln, Euseb!“

„Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den
Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!“

„Wenn es mir jedoch nicht gelingt?“

Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und
dumpf spricht er: „Dann jagen wir sie fort!“

Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln
seine Lippen: „Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter
Eberhard!“

Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den
Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.

„Was ist's, droht uns Gefahr?“

Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig,
seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: „Herr! Haltet zu
Württemberg!“

Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im
Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf
schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich
aufspritzt.

Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster
steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die
Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach.
Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer
ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen,
die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei
beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig
um Hilfe.

Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die
Weichen und rast dem Kloster zu.

Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den
brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren
den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die
lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den
Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein,
Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und
Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.

Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der
Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die
Kutte auf, ein Wurf — das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde
Lohe — ein markdurchdringender Schrei — gierig schlagen die Flammen
drüber.

Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden,
zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen
Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt
Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum.

Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen,
brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem
Württemberger Herzog schützen sollen.

Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran.
Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl
des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung.
Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der
brennenden Häuser.

Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde
erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden
habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des
Kapitäns holen — er liegt in der Nähe einer Hegerhütte — und beerdigen
lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier
fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster
schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.

Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt.

Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen
mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein
beleuchtend.

Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der
ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in
den Häusern der geflohenen Unterthanen.

Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst,
und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der
schrecklichen Schweden harrend.

Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen
Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren
im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger
und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die
Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren
Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die
Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft
sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und
stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht
bewaffnet, der Musketiere.

Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und
dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße
sich dicht zusammenschließen müssen.

Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde,
an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und
Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe,
Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen,
Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die
Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus
aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur
Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts
zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine
Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln
Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen
Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere
vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die
Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl
ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten
ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter
Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach
jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein
Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die
Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet
gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen
der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten
Feinde aufs Korn genommen werden können.

Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die
Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel
ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen
gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.

Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem
Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man
liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den
Gnadenhieb auf den Kopf.

Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen
Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual
und Not ist gethan. — — —

       *       *       *       *       *

Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde
verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und
Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder
zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und
heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische
Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des
Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der
Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der
Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe
Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt
habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog
überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle.
Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die
Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.

Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg
fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das
Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von
Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus
einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche
vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften
in derartigem Umfange erworben hatte.

Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen,
die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die
Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu
beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu
ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig
Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den
welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine
Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt.
Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der
liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe
und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden,
versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her
überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert
werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an
Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom
Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte
Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.

Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem
Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom
Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen
dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift
an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll
das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die
Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet.
„Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich
zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder
Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist
hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem
Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und
nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“

Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem
westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard
Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von
Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne
netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift
hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung
zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies
dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“

Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die
trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche
Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und
wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der
Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein.

Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen
die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung
keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang
die Freiheit blühen könnte.

So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des
Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.

       *       *       *       *       *

Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer
Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind
über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs
Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz
nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.

Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen
Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den
Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster
kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor
das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der
Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß.

Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht,
der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr
selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert.
Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen.

Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt
verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene
Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und
führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem
Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur
Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den
Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer
und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner
Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor
der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein
Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf
diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und
tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat
zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr
des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote
Württembergs: „Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten
Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe
jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs
Herrscher aufzufordern.“

Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem,
es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: „Dem
protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der
Gewalt!“

Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. „Hier
ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner
Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs,
sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird.“

Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es
ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend
spricht er. „Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich
protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!“

„Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern,
den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das
unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß
Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und
Alpirsbach muß württembergisch werden!“

„Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!“

„Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl
inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!“

Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem
Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf
kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der
herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft
vom Kloster gefordert zu haben, verläßt.

Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der
folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische
versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher
Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden
sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von
Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher
vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den
Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen
auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt
bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder
gefahren.

Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: „Und wenn die Herzoglichen
kommen, wohin richtet sich unser Schritt?“

„Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!“ kündet der Abt,
verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer.

Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster,
Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen
überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf
Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird.

Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen
gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume
der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende
Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk
zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich
geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung.

Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist
eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann,
zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die
Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit
dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste
genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel
verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport
der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen
die Wagen nach Rottweil.

Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in
württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei
nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das
Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm.
Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von
Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann
dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg.

Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen
Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben
freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend,
stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster.

Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem
gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt
vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd
durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.

Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal
gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die
Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.

Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: „Verloren, verloren!“

Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche
und Unterthanen zu schonen.

Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er:
„Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei
bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von
Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster
ist!“

„Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden
fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und
Besitz Eigentum Württembergs!“

Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt
hinaus.

Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre
Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den
zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie
selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der
Waldheimat.

Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem
neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter
Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb
herangestürmt.

In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender
Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine
Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz
genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit
Württemberg Euseb, der Pelagier.


Fußnoten:

[18] _Pelagier_ sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren
an den Altar des hl. _Pelagius_ übergeben worden sind, Manns- und
Frauenpersonen, die „werden nicht gehalten wie andere eigene Leute“. Sie
bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben
haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden
sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius „in dem langen Münster“
zu Alpirsbach.

[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt
von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. „das Recht, von jeder
Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster
mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene
Stück Vieh zu beziehen.“ Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch
einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl.
Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot,
jedes im Wert von einem Kreuzer.

[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch
kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den
Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III.
gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische
Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses
Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit
Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche
die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen
Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute
vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst
verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin
wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis
gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen
Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und
weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen
unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese
diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der
dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und
Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden.

[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den
Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von
jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen
Tübinger, und „was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den
10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.“)

[22] § 24 Artikel IV.

[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen,
Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren,
Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St.
Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a.

[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur
Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807.





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