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Title: Der Dunkelgraf
Author: Bechstein, Ludwig, 1801-1860
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Dunkelgraf" ***

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from scans of public domain material at Austrian Literature
Online.)



                            Der Dunkelgraf.


                                 Roman

                                  von

                           Ludwig Bechstein.



                            Frankfurt a. M.

                  _Verlag von Meidinger Sohn & Comp._

                                 1854.



                             Erster Theil.

                             Der Jüngling.


    _Motto:_

      Sei den Edlen genaht, niemals gesellt zu den Niedern,
    Strebst du zum Ziele des Wegs, oder des Handels Geschäft.
    Gut ist Edler Thun und gut sind ihre Gespräche,
    Aber Geringer Geschwätz führen die Winde dahin.

        (=Falbe= nach =Theogins=.)



1. Der Sohn des Hauses.


Geheimnißvoll murmeln die Wellen und schlagen nur leise an die Ufer des
friedlichen Busens, in welchen das Flüßchen _Jahde_, vorüber rinnend an
den einzelnen Häusern des friesischen Dorfes gleichen Namens und der
Jahdekirche, sich geräuschlos einsenkt, um dann als breite Stromfläche
aus dem zur Fluthzeit fast gerundet erscheinenden Becken mit dem
Weserausstrome sich zu vereinen und in die Nordsee sich zu ergießen. Nur
wenige größere Fahrzeuge liegen an der Rhede von Färhuk vor Anker, mit
Kaufmannsgütern befrachtet, oder auf Einschiffung solcher harrend; es
sind Schmakschiffe, die mit vierzig bis fünfzig Lasten die Erzeugnisse
des Landes Oldenburg dem Verkehr der nachbarlichen Seehäfen zuführen,
und außer ihnen ungleich mehr Barken und Kähne für die Vermittelung des
nächstnahen Handelsbetriebes der ausgedehnten Marschlande. Tief in das
Land eingebettet, mehr einem großen Binnensee ähnlich, als einem
eigentlichen Meerbusen, vor Stürmen geschützt, wie vor heftiger Brandung
selbst bei höchster Fluth, ruht dieses Gewässer, und dabei befahrbar von
den größten Schiffen, von Klippen frei wie von Treibeis, an jeder Stelle
trefflichen Ankergrund darbietend.

Es ist derselbe Jahdebusen, auf welchen in der Gegenwart sich
hoffnung- und freudevoll die Blicke zahlreicher deutscher
Vaterlandsfreunde richten; auf dem die schwarz-weiße Flagge Preußens von
stolzen Kriegsschiffen, die hier ihren Hafen fanden, wehen, und diesem
Winkel zwischen Land und Meer dereinst vielleicht eine hohe
geschichtliche Bedeutung verleihen wird. Sechs Jahrzehnte zurück! Eine
dunkle Frühlingsnacht und dichter Märznebel schleiern all’ die Wellen
und Wogen, die Geesten und Sielen ein; kaum erreicht die dämmernde Helle
der in den Häusern des Dorfes Jahde brennenden Lichter den Deichdamm,
der das Jahder Watt umgrenzt. Ueber das erstorbene flüsternde Schilf und
Riethgras des vorigen Jahres in den mit zahlreichen Wassergräben
durchzogenen Sumpfstrecken um die Dörfchen Jurgengrave und Moorhusen
tanzen lustige Irrwische. Dort liegt das Städtchen _Varel_ mit seinem
stattlichen Herrenschloß und seiner ummauerten Kirche; dunkel ragen
durch den Nebel die Werke des Forts _Christiansburg_ und zwischen diesem
und dem Ort spreitzen sich wie ein riesiges Nachtgeisterpaar zwei
Windmühlen von bedeutender Größe. Aber die gewaltigen Flügel rasten und
ruhen wie eingeschlafen; Stille schwebt über den Wassern, Stille weht
mit Geisterhauchen über das trostlos flache Gefilde. Nur ein ferner
Ruderschlag plätschert noch, dem Ufer näher kommend, durch das tiefe
Schweigen.

An diesem Lenzabende des Jahres 1794, an welchem das verjüngte Leben der
Natur noch nicht zum freudigen Erwachen gelangt war, schritt ein noch
junger, gutgekleideter Mann in Jägertracht und mit Jagdgeschoß
wohlversehen, begleitet von einem Diener und einem braunen Hühnerhunde,
durch den Vareler Busch dem Städtchen zu. Der Jüngling mochte das
neunzehnte Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben; der Diener war nur
einige Jahre älter und ein Sohn des Ortes, eine kräftige friesische
Gestalt, mehr stämmig als schlank, von munterem Blick und einem Ausdruck
von biederherziger Treue. Er trug die Jagdbeute, mehrere Schnepfenarten,
Rallen und Bekkasinen. Sein ihm schweigsam voranschreitender Gebieter
war eine zarte, schlanke Gestalt, die noch größeren Wuchs verhieß. Die
Gedanken des Jünglings schweiften zur Ferne, aber nach einer
unbestimmten. Ein Lenzgefühl zog durch die junge Brust voll
Hoffnungsfreudigkeit und Thatendrang; wie sich’s geheimnißvoll regte im
mütterlichen Schooße der Erde, wie das junge Grün mächtig und
unaufhaltsam zum Lichte der verjüngten Sonne drängte – wie jene Vögel,
von deren Jagd der junge Weidmann heimkehrte, schon wieder nordwärts
strichen, dem allmächtigen Wandertriebe folgend, ebenso jene
Kranichzüge, die er am Tage erblickt, und jene Güüsvögel und
Himmelsziegen, deren gräuliche Stimmen den nächtlichen Wanderer
schrecken – und die alle nur dem einen unumstößlichen Naturgesetze
gehorsamten – so zog es auch den Jüngling fort aus diesen einförmigen
Gefilden, aus einem Kreise einförmiger Thätigkeiten; er sehnte sich zu
lernen, zu leben.

Während der junge Mann mit seinem Begleiter durch die gutgepflegten
Gehölze und dann durch reizende ausgedehnte Parkanlagen dem Schlosse
zuschritt, hatte sich dem Ufer in der Schloßnähe, soweit als möglich,
eine Jacht mit niederländischer Flagge genähert, und mehrere Männer
waren im Gefolge von Dienerschaft, die sich mit Reisegepäck belud, aus
dem Schiffe in einem Boote nach dem Vareler Siel gefahren und hatten das
Land betreten.

Im Herrenschlosse war eine Reihe von Zimmern lichterhellt, so daß der
Schimmer, der heraus auf den dichten Nebel fiel, fast meteorisch
erschien. Es war dies eine ungewöhnliche Erscheinung, denn meist stand
das Schloß unbewohnt, nur in treuer Hut eines alten, redlichen
Kastellans. Das hohe Geschlecht, welchem Amt und Vogtei oder die edle
Herrschaft Varel eigen war, besaß der Schlösser und Güter viele, und die
Glieder dieser berühmten Familie wohnten zerstreut, zumal ihrem Verbande
jenes einigende schönste Band mangelte, welches Liebe heißt.

Im Schlosse hastete Dienerschaft geschäftig umher. Der Erbherr war
angekommen, mit Räthen und Schreibern, nicht in bester Stimmung, wie es
schien, und nach einer durch Frühlingsstürme widerwärtigen Wasser-Reise.
Sein fester Sporntritt erschütterte Fußboden und Fenster des Zimmers, in
welchem er unruhevoll auf- und abging. Es war ein noch junger Herr, erst
zweiunddreißig Jahre zählend, aber sein Gesicht zeigte männliche Reife,
sein Bart und seine Tracht ließen in ihm den Krieger hohen Ranges
erkennen.

An einem Tische, auf welchem zwei silberne Armleuchter brannten, saßen
zwei Männer, bemüht, zahlreiche Papiere und Briefschaften, die einem
Reisekoffer entnommen wurden, sorglich in einer gewissen Reihe und
Ordnung auf den Tisch vor sich hin zu legen; es waren augenscheinlich
Documente, denn von mehreren hingen an schwarzgelben oder rothweißen
Seidenschnüren große Kapseln, und die Farben dieser Schnüre ließen
erkennen, daß es Lehenbriefe römischer Kaiser einestheils, anderntheils
der Könige Dänemarks seien, und daß jene Kapseln die Siegel
umschlossen, welche den Pergamenten, an denen sie befestigt waren, ihre
volle Gültigkeit gaben.

Ein Diener riß die Thüre auf, und rief herein: Der Herr Haushofmeister
Ihrer Excellenz der Frau Reichsgräfin Wittwe!

Warten! antwortete kurz und rasch der Graf, und murmelte halblaut durch
die Zähne: Hat es sehr eilig, das #ancien régime!# – Dann sagte er laut:
Nehmen Sie, Herr Hofrath Brünings, ein wenig Akt von dem, was der
Großbotschafter der #chère grand Mère# auszurichten und vorzubringen
hat, und Sie, Herr Secretär Wippermann, thun, als haben Sie eine
Schreiberei vor, und schreiben ein wenig nach, denn in unsern
Angelegenheiten darf kein Wort auf die Erde fallen und verloren gehen.
Es ist die höchste Zeit für uns, wenn wir nicht als Kirchenmäuse aus
unsern Herrschaften davon ziehen wollen, die Neigungen der Frau Großmama
anzunehmen und zu sammeln, wenn auch nicht eben antike Münzen.

Nach diesen Worten, welche offenbar eine gereizte Stimmung des Gebieters
kund gaben, klingelte der junge Reichsgraf und Erbherr und der Diener
öffnete dem Haushofmeister der alten Gräfin die Zimmerthüre. Der
Angemeldete trat mit tiefem ehrerbietigem Gruße ein; ein Mann von
mittler Größe, würdiger Haltung, bereits ergrautem Haar, von
Gesichtsfarbe blaß und angegriffen aussehend, und äußerst fein
gekleidet. Der Graf erwiederte die ehrfurchtsvolle Begrüßung des Dieners
nur mit einer leichten Fingerbewegung nach dem Haupt, die Herren am
Tische, welche bei seinem Eintritt aufgestanden waren, grüßten ebenfalls
ziemlich flüchtig, und warfen stechende, lauernde Blicke auf den
Haushofmeister.

Nun – Herr Windt – guten Abend! Was bringen Sie? nahm der Gebieter das
Wort.

Zuvörderst, Excellenz! unterthänigsten Willkommengruß im edlen
Herrenhause Varel Namens gesammter Dienerschaft des Schlosses und
gesammter Einwohnerschaft des Ortes, versetzte der Haushofmeister in
gebückter Haltung; dann sich aufrichtend, sprach er weiter: Ihre
Excellenz, die verwittwete Frau Reichsgräfin lassen Höchstihnen durch
mich Hochdero Freude ausdrücken und Dank sagen, daß Excellenz auf
Hochderen Ersuchen hierher gekommen sind, und hoffen, es werde nun
Alles, was bisher verwirrt und gespalten war, durch dieses persönliche
Begegnen sich friedlich lösen und einen lassen.

Hofft die Großmutter das? fragte der Graf. Wie gern hofft’ ich es auch,
müßte ich nur nicht das Gegentheil fürchten!

Wollen Excellenz die hohe Gnade haben, mir zu erlauben, Denenselben
gleich jetzt das mir Befohlene unterthänigst vorzutragen, oder befehlen
Sie eine andere Stunde?

Tragen Sie vor, werther Herr Windt, tragen Sie immerhin vor! versetzte
der Graf im vornehm spöttischen Tone. Jedenfalls wird es besser sein,
Sie tragen vor, ehe das Essen aufgetragen wird. Ich hoffe ja mit
Zuversicht, Sie werden mir nicht gleich den Appetit ganz verderben. Auch
dauert es hoffentlich nicht allzulange?

Wie im Scherz zog der Graf seine Uhr, blickte darauf und fuhr fort: Ich
gönne Ihnen eine volle Viertelstunde, allein setzen wir uns, setzen wir
uns alle, meine Herren; als gesetzte Männer werden wir ohne Zweifel den
Vortrag des Herrn Haushofmeisters, General-Intendanten, Geheimen Rathes
und Factotums unserer geliebtesten Frau Großmutter um so standhafter
anhören. Nehmen auch Sie sich einen Sessel, Herr Windt, und eröffnen wir
somit gleich die erste der uns leider sicherlich hier bevorstehenden
vielen Sitzungen.

Der Haushofmeister achtete nicht auf den spöttischen stichelnden Ton des
jungen Erbherrn, er schrieb ihn dessen Mangel an Schicklichkeitsgefühl
im Benehmen gegen ältere Personen zu und dem Verdruß, durch ihn im
Auftrag seiner Gebieterin hierher bemüht worden zu sein, gerade zu einer
Zeit, wo einerseits der Graf, der jetzt in Holland wohnte, als
persönlicher Freund des Erbstatthalters der Niederlande und dessen
Sohnes, des Erbprinzen von Oranien, vollauf mit der Bewaffnung der
Niederlande gegen Frankreich beschäftigt war, anderseits die politischen
Ereignisse in Frankreich fast alle andern und selbst persönliche
Angelegenheiten einzelner Familien zurückdrängten und in Schatten treten
ließen.

Stets im ehrfurchtsvollen Tone, ruhig und gemessen sprach nun Windt, und
richtete sein Wort lediglich an den Grafen, indem er gar nicht zu
bemerken schien, daß er außer diesem noch zwei andere Zuhörer hatte:
Excellenz! Hochgnädigster Herr Graf! Lange Jahre hindurch sind auf der
Frau Gräfin Wittwe ererbtes väterliches Vermögen habsüchtige Anschläge
gemacht, und durch mancherlei Mittelspersonen ausgeführt worden, so daß
es gewiß jedem billig und edel Denkenden einleuchtet, wie beträchtlich
der vielfache Verlust sein muß, welchen Hochdieselbe dadurch erlitten.
Einer fast von Haus und Hof, fast von ihrem ganzen Erbe verdrängten, ein
halbes Jahrhundert mit ihrem Gemahl, mit ihren leiblichen Kindern und
Kindeskindern in Processe verwickelten, nun bereits im neunundsiebenzigsten
Lebensjahre stehenden Dame kann das Harte, welches diese traurige
Nothwendigkeit für ihre mütterliche, gefühlvolle Seele hatte und stets
haben muß, ebenso wenig vergessen gemacht werden, als der wirklich
erlittene beträchtliche Schaden ihr je zu ersetzen ist.

Erlauben Sie mir, Herr Windt – unterbrach der Graf: nur die eine
Anmerkung, daß in gewisser Beziehung auf die verehrte Frau Großmutter
das Sprichwort paßt: Minder gut, wäre besser! Eben diese mütterliche
gefühlvolle Seele ist es, die das reiche Familienerbtheil zersplitterte,
drückende Verlegenheiten herbeiführte, zu Schritten hindrängte, vor
denen man vor dem Auge der Welt erröthen muß. Die vielen Schenkungen,
oft an unwürdige Spekulanten, die unnützen Aufkäufe, die verderbliche
Sammelsucht, die Eitelkeit, als Gelehrte glänzen zu wollen, und die
maaßlosen Täuschungen aller Art, denen die alte Frau anheimfiel – das
ist’s, das ist die Ursache alles Unheils von je gewesen. Gott sei mein
Zeuge, daß ich und die Familie den Frieden wollen, daß ich und mein
Bruder Johann Carl gern bereit sind, selbst mit Opfern _ihr_, die mit
einem Fuß im Grabe steht, wie uns und unsern Kindern endlich Ruhe zu
gewinnen.

Der Graf sprach diese Worte mit ernster Männlichkeit, keine Spur mehr in
seiner Rede von der vorhinigen leichtfertigen, höhnenden Redeweise, und
sie verfehlten nicht ihre Wirkung auf das Gemüth des Vortragenden.
Dieser fuhr weich und mit Wärme fort: Wonnereich wird es für meine
angebetete Herrin sein, wenn ich ihr verkünde, daß sie den Gedanken
jetzt billigerer Gesinnungen ihrer, ihr dadurch gewiß aufs Neue theuerer
werdenden Enkel mit Zuversicht hegen darf; wenn sie hoffen darf, es
werde endlich einmal dem ebenso verderblichen als widernatürlichen
Rechtsstreit ein Ende gemacht werden! In dieser frohen Hoffnung ist auch
sie auf jede Weise bereit, alle bisher Jahre lang gehäuften,
unbeschreiblichen und zahllosen Kränkungen großmüthigst zu vergessen,
ihren Herren Enkeln ihre ganze großmütterliche Liebe zu schenken, allen
den beträchtlichen Vortheilen, welche die Rechte ihr gewähren, besonders
in Bezug auf die Anspruchsklage wegen der alleräußersten
Beeinträchtigung zu entsagen, jedoch nur unter dem ausdrücklichen Beding
und nicht ohne denselben, daß die hochgnädigen Herren Enkel auch
ihrerseits billigere und den Verhältnissen angemessene Gesinnungen
gegenwärtig dadurch bethätigen, daß sie ohne alle bisherige – in den
vieljährigen Processen bis zum Ueberfluß angewandten Ränke und
Rechtsverdrehungen – die Forderungen Ihrer Excellenz, anstatt der mit
vollem Recht anzusetzenden, in das Unermeßliche sich belaufenden, ganz
unableugbaren Schäden und Kosten – auf Treue und Glauben als richtig
anerkennen, und wo nicht bei Heller und Pfennig vergüten, dennoch eine
annehmliche, beträchtliche Abfindungssumme dafür bieten.

So! – warf der Graf gedehnt ein, und ein Strahl bitteren Hohnes blitzte
wieder aus seinen Augen. Die Frau Großmama sind in der That gut berathen
und wahrhaft eine »weise Frau«. Wenn wir also thun, was sie wünscht und
befiehlt, dann werden wir die theueren Herren Enkel sein – wie aber
dann, Herr Windt, wenn wir das _nicht_ thun an unserer theuersten
Großmama?

Wenn _ich_ mir eine unterthänige Bemerkung und Einrede gestatten darf –
nahm jetzt an seinem Tisch der Hofrath Brünings das Wort, ein Mann mit
einem langen, kalten Diplomatengesicht, voll strengen Ernstes, ohne
Farbe, von stocksteifer Haltung und dabei spindeldürr: so dürften wohl
um Wege des Friedens anzubahnen und der künftigen hocherwünschten
Einigung fruchtbares Land zu gewinnen, die Oelblätter der Friedenstaube,
welche der Herr Haushofmeister dermalen vorzustellen die Ehre haben –
nicht in ätzendes Gift getaucht sein, und ihre grünen Zungen nicht zu
spitzigen Dolchen werden. Euer Excellenz werden Redensarten, wie Ränke
und Rechtsverdrehungen mit gebührendem Protest zurückweisen.

Ich werde das, lieber Hofrath, gewiß, ich werde! versetzte der Graf;
doch mag nun Ihre Rüge für das unbedachte Wort genügen. Wir kennen
unsere hochgnädige, oft sehr ungnädige Frau Großmutter nur allzu gut;
wir wissen, daß sie zwar sorgfältig ihre alten Münzen, aber nie die
Worte gegen ihre nächsten Anverwandten auf die Goldwage legt. Es ist
nicht Kriegsbrauch, einen Abgeordneten in das feindliche Heerlager für
das zu bestrafen, was sein Feldherr ihm auszurichten anbefahl. Fahren
Sie fort, Herr Windt: Sie haben immer noch eine halbe Viertelstunde.

Der Haushofmeister wurde unruhig. Herr Graf, – nahm er wieder das Wort:
wenn ich auch voraussehe, daß ich nicht im Stande sein werde, in dieser
kargen Frist zu Herzen Dringendes und völlig Ueberzeugendes
auszusprechen, so darf ich doch wohl, und wie ich ganz gehorsamst zu
bitten mich erkühne, _ohne_ fremde Unterbrechung vorerst Folgendes
anführen. Das Wichtigste, was ich in vorbereitender Weise und als
Grundlage der späteren Verhandlungen mitzutheilen habe, läßt sich in
dreizehn Punkten zusammen fassen.

Dreizehn? wiederholte der Graf spöttisch betonend: das ist eine sehr
mißbeliebte verhängnißvolle Zahl. Doch lassen Sie hören!

Es sind fast dieselben dreizehn Punkte wieder, fuhr Windt fort, welche
dem im Jahre siebzehnhundert und vierundfünfzig zu Berlin geschlossenen
Vergleich zur Grundlage dienten, welche dem Reichs-Hofrath
siebzehnhundertsechzig vorlagen, und deren Erledigung, ebenso wie eine,
der gepriesenen edlen Denkart derer Herren Grafen würdige Erklärung nur
durch Diejenigen über alle Gebühr hingezögert wurde, welche darin einen
persönlichen Vortheil gesucht und leider nur zu sehr gefunden haben.

Das Diplomatengesicht des Hofrath Brünings schien sich bei diesen Worten
in etwas zu verlängern, und seine Nase noch um ein merkliches spitziger
zu werden, als sie ohnehin bereits war. Herr Wippermann begann sich
unter Kopfschütteln zu räuspern und stampfte unwillig seine Feder auf.
Windt aber sprach ruhig weiter: Ohne weitschweifig zu werden, so nimmt
meine hochgnädige Gebieterin wiederum in Anspruch, _erstens_ das halb
ihrer hochfürstlichen Frau Mutter, halb ihr selbst von der Wittwe de
Moore zu Amsterdam vermachte Kapital; _zweitens_ den vollständigen
Ertrag der Güter von Varel und Kniphausen bis zum Augenblick ihrer
Entsetzung von denselben durch ungerechten Richterspruch und durch
Gewalt, nebst vollständiger Rechnungsablage; _drittens_ die
Kammerzahlungen von den Vareler Einkünften seit siebzehnhundert und
siebenundvierzig, welche die Dänen gewaltsam in Besitz genommen haben,
auf _wessen_ Betrieb, wissen Euere Excellenz am besten; _viertens_ die
receßmäßige Zahlungsleistung aller Forderungen, auf welche der Frau
Reichsgräfin Excellenz Ansprüche der Schadloshaltung zustehen, und von
denen sie als rechtmäßige Erbin, Eigenthümerin und Besitzerin durch das
auf Schikane begründete Oldenburger Urtheil hinweggedrängt worden ist;
ein Urtheil, das vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft, des
entschiedensten Rechtes und der selbstredenden Billigkeit in Nichts
zerfallen muß, weil bei demselben die Frau Gräfin gar nicht gehört
worden sind, und der Hauptgrund aller Verbindlichkeit über den Haufen
geworfen wurde.

Wieder wollte Hofrath Brünings mit Heftigkeit entgegnend auffahren, der
Graf aber winkte ihm gebieterisch, und sagte: Stille! die Frau
Großmutter haben das Wort.

_Fünftens_ – fuhr Windt mit unerschütterlicher Ruhe fort: erneut Ihre
Excellenz, die hochgräfliche Wittwe, die Ersatzforderung von zehntausend
Thalern nebst aufgelaufenen Zinsen für ihre von dem hochseligen Herrn
Grafen versetzten Juwelen. Gewiß werden Recht und Billigkeit liebender,
edel denkender Enkel in diesen Ersatz zu willigen keinen Anstand nehmen,
und nicht der erlauchten Frau Großmutter ferner ansinnen, aus ihrem
Kammervermögen auch noch fernerhin die für diese Schuldsummen
auflaufenden Zinsen zu bezahlen. _Sechstens_ haben der Frau Gräfin
Wittwe Excellenz für die Summe von sechstausend fünfhundert Thaler von
ihrem Silbergeräth verpfändet, und das dafür aufgenommene Geld zum
wahren Nutzen, nämlich zu dringend nöthigen Deichverbesserungen
verwendet, sonst wäre vielleicht heute Varel nicht mehr vorhanden,
sondern wäre in die Reihe jener versunkenen Ortschaften getreten, welche
im Jahre fünfzehnhundert und neun durch die Antonifluth der Jahdebusen
in seinen Schoos aufnahm. _Siebentens_ begehrt meine hochgnädige Herrin
die endliche Rückerstattung des ihr vorenthaltenen, mit den gräflichen
Gütern in gar keinem Zusammenhang stehenden Kapitals von Friedrich Even;
_achtens_ die der Frau Gräfin im Berliner Vergleich zugesprochenen, aber
stets vorenthaltenen Jahrgelder nebst Zinsen vom Jahre siebzehnhundert
vierundfünfzig an. Die durch diese Vorenthaltung erlittene Einbuße ist
eine schreckliche arithmetische Wahrheit. _Neuntens_ Erstattung aller
bisher aufgewendeten Proceßkosten, sowie vieler, bei dem gewaltsamen
Ueberfall geraubten Habseligkeiten, wobei unersetzbare Verluste ewig zu
beklagen sind. _Zehntens_ haben der Frau Gräfin Excellenz ihrem
hochseligen Herrn Gemahl, sowie Kindern und Enkeln mütterliche
Schenkungen von achtzig bis neunzigtausend Thalern gemacht, sollten
Hochdiese nicht ein Recht beanspruchen dürfen, von so überreichlich
begabten Enkeln die Berücksichtigung billiger Wünsche zu erwarten?
_Eilftens_ haben die Frau Gräfin Wittwe Excellenz nie und nirgends auf
Ersatz der höchst bedeutenden Verbesserungskosten verzichtet, welche auf
die Herrschaften, Schlösser und Kammergüter verwendet worden sind.
Dennoch will Hochdieselbe jetzt großmüthig darauf verzichten, und nur
die unbedeutende Summe für die Anlegung der ungemein nutzbaren Meierei
zu Kniphausen in Anspruch nehmen. Nur berühren will ich unterthänig
_zwölftens_ den Werth der sechs schweren silbernen Armleuchter, die der
hochselige Herr Graf vom Silber-Inventar der Frau Gräfin Wittwe genommen
und zu selbsteigenem Gebrauch von Doorwerth nach dem Haag haben bringen
lassen. Endlich _dreizehntens:_ wird die billige Denkungsart
geliebtester Enkel – gegen alle die beträchtlichen übergroßen Vortheile,
welche diese dermalige Entsagung auf die bisherigen, rechtlichen, so
eben erwähnten Ansprüche gewährt und in der Folge noch mehr gewähren
wird – in der Verpflichtung nur einen geringen Ersatz erblicken, außer
der Befriedigung der erwähnten Forderungen auf alle und jede Einsprüche
auf letztwillige Verfügungen der Frau Gräfin Wittwe Excellenz zu
verzichten, auch alle Vermächtnisse und Schenkungen – wie sie immer
heißen mögen, und wie die Hochgenannte über das, was ihr von dem Ihrigen
verbleibt, verfügen möge – unverbrüchlich zu halten und feierlichst und
verbindlichst allen und jeden Ansprüchen und Einsprüchen entsagen,
ebenso der überlebenden Dienerschaft nebst standesmäßigem Trauergeld
ihre Jahresgehalte fortzahlen. – Herr Graf, ich bin zu Ende.

#Tandem tandemque!# rief Hofrath Brünings und Secretär Wippermann legte,
tief Odem schöpfend, seine Feder aus der Hand.

Der Graf lächelte bitter und sprach: Ich danke Ihnen, lieber Windt, daß
Sie nicht gleich ein Scalpiermesser mitgebracht haben, mir von Kopf bis
zu den Füßen auch die Haut vollends abzustreifen, wie weiland Apoll dem
Marsyas! Sie erwarten gewiß jetzt keine Antwort von mir. Darf ich
bitten, mit diesen beiden Herren mein Gast zu sein? Ich habe auch noch
den Kammerrath Melchers herauf bitten lassen.

Soeben wollte Windt Höfliches erwiedern, als der Jäger des Erbherrn,
Jacob, die Thüre öffnete und herein rief: Der junge Herr bittet, Euer
Excellenz aufwarten zu dürfen.

Ach – das Großmuttersöhnchen! Mag kommen! – erwiederte der Graf, mehr
mit einem Tone der Abneigung als der Freude, und jener junge Jägersmann,
der vorhin durch das Abenddunkel und den Vareler Busch nach dem Schlosse
im Geleit seines Dieners und Hundes gewandert war, trat mit rascher,
edler Haltung ein, ging jugendlich unbefangen auf den Erbherrn zu, und
sprach ihn offen und zutraulich an: Guten Abend und willkommen zugleich,
Vetter Wilhelm! Die Großmama freut sich, gleich mir, wenn du wohl bist.

Guten Abend, edler Junkherr Ludwig Carl auf Varel! erwiederte ohne alle
Herzlichkeit der Erbherr, und fuhr fort, da der Jüngling nur ihn im Auge
zu haben schien, und die fast widerstrebend zurückgezogene Hand des
Grafen zum warmen Druck ergriff: Die Herren! die Herren! Wir sind ja
nicht allein, mein ungestümer Vetter!

Diese Zurechtweisung verfehlte ihre Wirkung nicht. Ludwig Carl neigte
sich grüßend gegen die Anwesenden, welche sich jetzt anschickten, das
Zimmer zu verlassen.

Auf Wiedersehen beim Abendessen, meine Herren! rief der Graf, worauf
Brünings und Wippermann sich in das anstoßende Zimmer zurückzogen, Windt
aber durch die Hauptthüre abtrat, nicht ohne einen Blick voll Theilnahme
und Besorgniß auf den Jüngling fallen zu lassen.

Die beiden Söhne des hohen Hauses standen einander allein gegenüber.

Was fehlt dir, Vetter? du bist nicht wie sonst? fragte Ludwig mit der
biederherzigen Offenheit eines jungen Menschen, der Welt und Leben noch
wenig kennt, seinen um dreizehn Jahre älteren nahen Verwandten, und
erhielt zur Antwort: Möglich, daß du Recht hast; ja, ich bin mißmuthig
und unzufrieden, und glaube mir, ich habe dessen übervolle Ursache. Von
meiner Laufbahn und meiner Thätigkeit werde ich hierher gezerrt, muß
widrige Kämpfe mit Wind und Wellen bestehen und hier – wiederum noch
widrigere Kämpfe mit Wellen und _Windt_. Die Großmutter wälzt ganze
Springfluthen von Zorn und Galle und widersinniger Forderungen mir an
Bord, und ich sehe abermals des Haders, Zwiespaltes und der äußersten
Rechtsverletzungen kein Ende. Wär’ ich doch beim Erbstatthalter
geblieben, denn hier auf meinem Eigenthum spiele ich eine wahrhaft
klägliche Rolle!

Ich glaube nicht, daß die Großmama dir Unrechtes ansinnt, versetzte der
junge Herr.

So? du glaubst es nicht! So _lüge_ ich wohl! fuhr der Erbherr wild und
zornig heraus, indem seine Aufregung sich von Minute zu Minute
steigerte, je mehr die Menge gehäufter Forderungen, welche Windt vorhin
vorgetragen, ihm durch die Gedanken wirrte und ihn völlig rathlos zu
machen drohte.

Wenn ich in Alles willigen wollte, ja, wenn ich könnte, was mir in einem
Odem angesonnen wird, so könnte ich mit meiner Gemahlin und meinen
Kindern, so könnte auch der Graf von Athlone, mein Bruder, mit den
Seinen zum Bettelstabe greifen und außer Landes wandern, und wer bliebe
dann die Herrschaft der Herrschaften? Die Frau Großmutter und ihr
Pathchen, ihr Schoos- und Hätschelkindchen, du! Und das scheint der
überlangen Rede kurzer Sinn, daß _wir_ gehen sollen!

Dem Jüngling erschrak das Herz in der Brust bei dieser harten und
heftigen Rede. Wilhelm, ich bitte dich, rief er: wie kannst du solches
denken und sagen?

Denken? warum nicht? zürnte dagegen der Erbherr. Sagen? warum nicht?
Werdet _ihr_ mir Denken und Sagen verbieten oder gar verwehren? Ich
lasse mir nichts verwehren! Ich und mein Bruder, wir sind im Rechte –
du? Wer bist denn du? Was die Frau Großmutter aus dir macht, das bist
du! Ihre Puppe, ihr Spielzeug warst du als Kind, jetzt bist du ihr
Münz-Katalogschreiber, ihr Münzwardein, hahaha! du bist noch mehr, du
leimst und kleisterst ihr die Pappkästchen zusammen, in der sie den
alten Kram einlegt, der oft so schmutzig ist, daß ich ihn nicht mit
Fingern anfassen möchte; kurz, du bist des Herrn Windt würdiger Schüler,
der Großmama würdiger Zögling und Günstling! Für dich und nur für dich
sinnt sie täglich und stündlich darauf, meinen Bruder und mich zu
berauben!

Wilhelm! rief Ludwig mit flammendem Blick. Daß du mich so beschimpfst
und beleidigst, mich, der ich mit liebevollem und arglosem Herzen zu dir
komme, dich in deiner Heimath zu begrüßen, das ist schlecht von dir, das
ist ehrlos! So benimmt sich kein deutscher Edelmann; höchstens ein
flämischer Bauer!

Was? Mir das! Mir – dem regierenden Erbherrn, dem Officier?! schrie Graf
Wilhelm außer sich. Du ehrloser Bube! du Schandfleck unsers Hauses, du
_Bastard!_

Daß dich Gottes Donner treffe für dieses Wort! schrie, jetzt auch zur
heftigsten Wuth gestachelt, der junge Herr und seine schwarzen Augen
flammten wie glühende Kohlen. Verflucht soll die Stunde sein, in der ich
dich wieder meinen Verwandten nenne! Verflucht der morgende Tag, wenn
ich in diesem Hause seinen Abend erlebe! – Du sollst nicht gehen, ich
gehe schon – aber dir und all’ deinen Häusern bleibe zum ewigen Fluche
ewige Verwirrung und ewiger Hader! So lange du lebst, soll dieses
Schimpfwort auf deiner Seele brennen! Bin ich ein Bastard, wie du sagst,
so bin ich einer von hoher Abkunft, aus hohem Hause, du aber sollst noch
herabsteigen in den Koth zu den Leibeigenen, und sollst selbst Bastarde
zeugen in wüster, wilder Ehe, und sollst verachtet von der
Verwandtschaft deines stolzen Hauses steigende Verarmung gewahren!

Der Teufel redet aus dir, Bube, und seine – meine Großmutter! – das war
alles, was Graf Wilhelm noch sprach, den Boden stampfend, daß Alles
klirrte und schütterte; in blinder Wuth griff er nach einer geladenen
Pistole, die mit anderen abgelegten Reise-Waffen auf einem Seitentisch
lag; der Hahn knackte und auf dem Fittig der Secunde schwebte der
Verwandtenmord. Aber in demselben Augenblicke, und wie der Graf die
Waffe zum Schuß erhob, ging ein rollendes Geräusch durch das Zimmer,
wich ein lebensgroßes Ahnenbild zur Seite, aus der verborgenen
Thüröffnung strahlte heller Kerzenschein, und mitten in diesem Glanze
stand in längst veralteter Tracht, im aschefarbenen schleppenden
Seidenkleide eine hagere Greisin mit hellblitzenden blauen Augensternen,
aber verwitterten Zügen; sie hob den rechten Arm und den Finger drohend
gegen den Grafen, die linke Hand nach Ludwig Carl ausstreckend, und den
feingeschnittenen Lippen des zahnlosen Mundes entrollte mit einer
tiefen, fast männlichen Stimme das Wort: _Halt!_ Gegen den jungen Herrn
gewendet, rief die unverhoffte Erscheinung, die der aus einer andern
Welt völlig glich: _Zu mir!_

Der Erbherr senkte den schon zum tödtlichen Schuß gehobenen Arm, seiner
Hand entsank die Waffe; von Grauen überrieselt, blickte er auf die
Erscheinung hin, hinter welcher zwei Diener in reich betreßter Livree
jeder in der Hand einen kerzenvollen Armleuchter hielten.



2. Die alte Reichsgräfin.


Mit festen Schritten trat die Greisin aus der verborgenen Thüröffnung in
das Gemach ihres Enkels, das Bild rollte wieder langsam an seine Stelle,
trennte die Herrin von ihren Dienern und schloß deren Zeugenschaft bei
der bevorstehenden Unterredung aus. Das Bild stellte den Grafen Anton I,
einen von des Hauses Ahnherren dar, in der kleidsamen, stattlichen
Tracht der Kämpfer des dreißigjährigen Krieges.

Die Hand der alten Reichsgräfin erfaßte schützend die Rechte ihres
Lieblings, und den durchbohrenden Blick ihrer blitzenden Augen fest auf
den Erbherrn richtend, sprach sie zu diesem mit ihrer tiefen Stimme und
mit Eiseskälte: Wer bist du, Mensch, daß du es wagst, mit Bastarden um
dich zu werfen und mit Pistolen meinem unschuldigen Enkel zu drohen?
Kennst du _diesen_, unsers Hauses edlen Ahnherrn, deinen Urgroßvater?
Auch _er_ war ein Bastard, wenn dir dieses Wort so wohl gefällt, und
sein Blut rinnt in deinen Adern, wie in denen meines Ludwig. Wer bin
ich, und wer bist du? Ich bin die Erbtochter eines Hauses, das seinen
Ursprung weit hinaus in der Zeiten Frühe leitet, das den Ländern
Dänemark, Schweden und Norwegen seine Könige, Schleswig, Holstein und
Oldenburg seine Herzoge gab und dem Czaarenreiche Rußland seine Kaiser!
Meine Großmutter brachte unserm Hause eine Herzogskrone mit, meine
Mutter eine Landgrafenkrone. Ich bin ein Abkömmling von Helden, welche
die Geschichte mit dem Sternenmantel der Unsterblichkeit bekleidet hat;
ich stamme väterlicher Seits von den Herzogen von Aquitanien; Philipp
von Poitou ist mein Ahnherr! Meine Vorfahren erwarben Ansprüche auf den
Thron von Neapel und meine nächsten Verwandten sind Prinzen von Tarent.
Von urgroßmütterlicher Seite sind die heilige Elisabeth und alle die
hohen Ahnen der Sachsenfürsten aus thüringischem Stamme und der
Kurfürsten und Landgrafen zu Hessen auch die meinen. Und ich, _ich_ war
die verblendete Thörin, die all’ diesen Glanz und Hoheit hingab an einen
Mann, der meiner nicht werth war, an einen simpeln Freiherrn, einen –
Jäger aus Kurpfalz, der durch mich erst vom Kaiser Carl dem Sechsten zum
deutschen Reichsgrafen erhoben wurde, sonst würde ich ihm meine Hand
sicher nicht gereicht haben. Dafür habe ich des Teufels Dank in vollem
Maaße geerntet, und ernte ihn bis zu dieser Stunde; Thörin ich, die ich
glauben konnte, indem ich dich zu gütlichem Vergleiche hierher berief,
es schlage in deiner Brust ein versöhnliches und dankbares Herz, das nur
irregeleitet sei durch deine falschen, rabulistischen Rathgeber! Nein,
du hast ein böses, verstocktes Herz, Wilhelm Gustav Friedrich! Erst
reizest du den harmlosen Jüngling, der deiner Habgier ein Dorn im Auge
ist, weil du glaubst, ich werde ihm etwas zuwenden – durch giftige
Stachelreden, und dann willst du ihn, den Wehrlosen, ermorden! Wohlan,
morde ihn, morde auch mich, deine Großmutter, und schaue dann vom
Vareler Rabenstein herunter, wie dein Geschlecht sich in das reiche Erbe
der Grafen von Aldenburg und der Herzoge von la Tremouille theilt!

Diese Rede der alten Herrin war lang genug, daß während ihrer Dauer die
stürmischen Gemüthswellen im empörten Blute Ludwig’s sich legen konnten,
und sein Schmerzgefühl über die ihm widerfahrene Beleidigung wich dem
Gefühl neuen Dankes, das in der Großmutter jetzt auch die Erretterin
seines Lebens verehren mußte. Auf Wilhelm’s Herz aber fielen die Worte
der alten Frau mit ihrem zermalmenden Gewicht, wie die dröhnenden
Schläge eines Hammers auf das auf einen Ambos gelegte glühende,
funkensprühende Eisen. Unaussprechliche Wuth kochte und glühte in ihm;
seinen Augen entsprühten die Funken, sein Herz hallte das Klopfen der
Hammerschläge nach, und dennoch fand er kein Wort zornvoller
Entgegnung, denn die also heftig und vernichtend auf ihn einredete, war
eine Frau, eine hochbetagte Greisin, und war die Mutter seines
Erzeugers. Als sie schwieg, rang trotz des stürmischen Kampfes in seinem
empfindlichen und höchst reizbaren Gemüthe der Erbherr dennoch nach
Fassung, und sprach: Also das sind die Friedenspräliminarien, Frau
Großmama? Das ist Ihre versöhnliche Gesinnung, die mit Forderungen an
mich herantritt, die mir Schwindel erregen? Und nun dieser Sturm – wo
soll ich Anker werfen in diesem Sturme?

Ankere wo du willst, mein Kreuz ist mein Anker! versetzte die alte
Reichsgräfin, anspielend aus das silberne Ankerkreuz im blauen
Wappenschild der hohen Familie. Du sollst mich kennen lernen, wenn du
mich noch nicht kennst; du sollst erfahren, daß ich nicht beabsichtige,
diesen hier, meinen Ludwig Carl, mit euerm Erbtheil zu bereichern. Was
habt ihr denn sonderlich, wenn ich, ich und noch einmal ich euch enterbe
und diesen, meinen Enkel, an Sohnesstatt adoptire?

Gnädige Großmutter! das will ich nicht, das würde ich nicht annehmen!
rief der junge Herr. Lassen Sie ihnen alles – ich schwur zu gehen, und
ich gehe, so wahr ein Gott lebt! Ich will mich nicht hier behandeln
lassen, wie einen Troßbuben, ich will auch nicht zur Last fallen! Nicht
ahnen konnte ich, so verhaßt zu sein, so sehr verachtet, daß man glaubt,
man dürfe mich wie einen Hund mit Füßen treten. Sie sollen, ja Sie
müssen mir das Räthsel meines Daseins lösen, mir Ihren Segen geben und
mich dann ziehen lassen, wohin Gott mich führt!

Du wirst jetzt schweigen, Ludwig Carl, und mir gehorchen! wandte sich
die Reichsgräfin zu dem Jüngling; und du, Wilhelm, sollst erfahren, was
ich beschließe. Bis dahin vergiß nicht, was du mir schuldest! Vergiß
nicht, wer ich bin, und vor allem: vergiß nicht noch einmal deine eigene
Würde!

Die alte Reichsgräfin schlug in die Hände, Anton’s I. Bild rollte Raum
gebend zur Seite, und den geliebten Enkel – dessen Hand sie während
dieser ganzen Zeit nur vorhin einen Augenblick losgelassen, und gleich
nach ihrem Zeichen wieder erfaßt hatte – nachziehend, trat sie durch die
Thüröffnung in einen genügend breiten Gang, in welchem ihr mit ihr und
in ihrem Dienst ergrauter uralter Kammerdiener Weisbrod und Philipp, der
Diener des jungen Herrn, noch mit den brennenden Kerzen standen.
Alsbald, wie die Thüre sich hinter den Eintretenden wieder geschlossen
hatte, schritten beide Diener ihnen voran und geleiteten sie durch den
längs mehrerer Zimmer vorüberführenden Gang nach den Gemächern der
Gräfin.

Dort sprach die letztere zu ihrem Enkel: Gehe sorgenlos zur Ruhe, mein
lieber Ludwig Carl, doch gieb mir in meine Hand dein Wort, nichts zu
unternehmen, weder gegen ihn, noch gegen dich, bevor du mich morgen um
die neunte Stunde hier noch einmal gesprochen. Weisbrod soll dich zu mir
rufen. Gute Nacht, mein armes, schwergekränktes, liebes Kind!

Damit bot sie dem Jüngling die Hand, er legte stumm die seinige in die
ihre, und zitternd von der Erregung seines Innern küßte Ludwig die ihm
huldreich dargebotene zarte Hand der Matrone, eine Hand, die nur Haut
und Knochen, aber fein und fast durchscheinend war, und ließ sich dann
durch seinen Diener nach seinen Gemächern vorleuchten. –

Der Erbherr hatte sich in einen Sessel geworfen, die Hände vor das
Gesicht geschlagen und lange in einer verzweifelten und entsetzlichen
Stimmung verharrt. Die so überraschende Erscheinung der Greisin hatte
einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht; er verhehlte sich
nicht, daß dieselbe ihn vor einem Mord bewahrt, der mit tiefer und
schwerer Reue ihn belastet haben würde, denn sein Charakter war von
Natur weich und empfindsam, nicht im entferntesten hart oder entartet,
wohl aber heftig und rasch auflodernd.

In dem jener Wand, durch welche die Gräfin gekommen und gegangen war,
entgegengesetzten Zimmer, welches vor kurzem der Hofrath Brünings und
der Secretär Wippermann betreten hatten, hofften beide, nachdem sie den
laut genug geführten Streit und die Stimme der Gräfin mit innerm Beben
vernommen hatten, lange und vergebens darauf, wieder zu ihrem Gebieter
beschieden zu werden, oder ihn bei sich eintreten zu sehen. Der Erbherr
vermochte es nicht über sich, nach dem, was ihm gesagt worden war, vor
die Augen seiner Beamten zu treten, und der Hofrath Brünings zog aus der
Tasche seiner brocatnen Weste eine goldene Dose, tippte darauf, bot sie
dem Gefährten, nahm dann selbst eine Prise, und flüsterte leise zu dem
Secretär: Geben Sie acht, lieber Herr Wippermann! Der Name Varel wird
sich nicht an die Namen von Münster, Ryswik und Hubertusburg anreihen.

Nein, gewiß nicht, Herr Hofrath! Heute und übermorgen kommt hier noch
kein Friedensschluß zu Stande.

Gleichzeitig benießten beide Herren ihre übereinstimmende Prophezeihung.

Der Erbherr ließ die Herren durch seinen Jäger Jacob ersuchen, ihn zu
entschuldigen und mit Kammerrath Melchers und Herrn Haushofmeister Windt
heute ohne ihn zu speisen. –

Philipp, sprach, aus seinem Wohnzimmer angelangt, der junge Herr zu
seinem Diener im platten Deutsch seines Heimathlandes: morgen reite ich
in die Fremde, willst du mit?

Ob ich _will_, mein gnädiger junger Herr? fragte der Diener. Muß ich
nicht, wenn der gnädige Herr mir befehlen?

Du mußt nicht, und ich befehle dir nicht – entgegnete Ludwig. Mein Weg
geht weit, vielleicht sehr weit in die Welt hinaus, noch weiß ich selbst
nicht, wohin er führt. Du hast hier Aeltern, Angehörige, die siehst du
nicht so bald, vielleicht niemals wieder – ich kehre nie wieder in
dieses Land zurück. Ueberlege dir es wohl.

Junger gnädiger Herr! versetzte Philipp: Da Sie eingesegnet wurden, kam
ich auf Befehl der Frau Gräfin Wittwe Excellenz als Ihr Bedienter zu
Ihnen, Sie waren damals dreizehn Jahre alt, ich ein Bürschchen von
fünfzehn; jetzt bin ich schon ins sechste Jahr Ihr Diener und Sie haben
mich immer gut behandelt, ja, Sie haben noch mehr gethan, Sie haben mich
aus dem Wasser gezogen, in das ein Unglück mich geworfen, und mir so
mein Bischen Leben gerettet; das gehört nun Ihnen ganz und gar. Ich will
immer Ihr Diener bleiben. Was hätt’ ich hier? Arbeit oder Soldatenbrod –
nehmen Sie mich mit, ich will Ihnen treu dienen, und Ihnen folgen, und
wenn’s bis an der Welt Ende ging’.

Gut, Philipp, so bleibe es dabei, und so wollen wir einpacken; laß die
Isabella striegeln und den Braunen, und beide gut füttern, morgen reiten
wir von dannen. Dann #fare well,# Varel!

Mit fester Haltung, bittere und zugleich tiefschmerzliche Empfindungen
gewaltsam in sich zurückpressend und in jugendlichen Trotz sich
verkehrend, begann Ludwig seine Habseligkeiten, so viel er deren mit
sich nehmen wollte, zusammenzulegen, damit Philipp sie in den Mantelsack
packe; er lud mit eigener Hand zwei Paar Reiterpistolen und wählte unter
zwei krummen Säbeln für Philipp den dauerbarsten und schärfsten; für
sich eine Damascenerklinge, auf deren Griff ein Silberplättchen das
Wappen der Herzoge von Bouillon zeigte.

Spät suchte Ludwig die Ruhe, noch später fand er sie durch einen kurzen
Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemüth des Jünglings, der bisher im
süßesten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder
ländlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein so schneidender
Mißton herangetreten war, wie an diesem verhängnißvollen Abende, der
vielleicht das Loos über seine ganze Zukunft warf.

Hochbejahrte Personen haben wenig Schlaf; auch der rege Geist der alten
Reichsgräfin bedurfte, trotz der morschen Körperhülle, nur wenige Ruhe,
eben weil er den Körper beherrschte. Daher mußte die Leibdienerschaft
der gräflichen Matrone früh auf sein, das Zimmer angemessen durchwärmen,
den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte sie gern
die ersten Morgenstunden in ungestörter Einsamkeit, und widmete
dieselben ihren numismatischen Studien, ihrem weitverzweigten
Briefwechsel, dem Ordnen ihrer vielfachen Papiere, die deßhalb dennoch
nie die gewünschte völlige Ordnung fanden; dem Nachsinnen und Ueberlegen
über die Verwendung ihrer Einkünfte, wie über die traurigen
Rechtsstreitigkeiten. Letztere dauerten indessen schon zu viele Jahre,
sie war derselben schon zu sehr gewohnt, als daß sie dadurch sonderliche
Gemüthsbewegungen auch jetzt noch hätte erfahren können. In ihrer Seele
war Alles klar, fest, abgeschlossen, ihre Willenskraft war eisern, wie
ihr Sinn, und diese hohe wichtige Errungenschaft fast völliger
Leidenschaftlosigkeit war es eben, die der alten Frau diese über das
gewöhnliche menschliche Ziel hinausreichende Lebensdauer erhielt und
gleichsam sicherte.

Der Nebel der Nacht war gesunken, der Morgen lachte aus blauem Himmel
frühlingshell durch die hohen Fenster, die nach dem Parke hinausgingen,
an dessen Rändern schon blaue Anemonengruppen und Schneeglöckchen sich
blühend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten Zweige der Gebüsche
erschienen saftgeschwellt und zum Theil rosenroth angehaucht, Knospen
öffneten sich schon, und melodische Hainsängerstimmen, die Stimmen von
Amseln und Drosseln, durchflöteten mit schallendem Jubel die
weitgedehnte Holzung, welche den Namen des Vareler Busches führt.

Die Kammerfrau, welche die Schwester des Haushofmeisters war, trug der
Gräfin, die auf bequemem Armstuhl an ihrem großen Schreibtisch saß, an
welchen wieder andere Tische gerückt waren, den Kaffee auf und entfernte
sich in geräuschloser Stille. Diese Stille liebte die Gräfin so sehr,
daß sie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vögel duldete. Nur eine
Cypernkatze, ein Prachtexemplar, genoß der großen Gunst, um die Dame
weilen zu dürfen, sie bisweilen mit ihrem Geschnurr zu unterhalten und
ihre Aufmerksamkeit durch zärtliches Anschmiegen an die hohe Gebieterin
von den ernsten Beschäftigungen ab und auf ihre geschmeidige
Persönlichkeit zu lenken.

Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bücher, voll Karten, Globen,
Münzschränken, hohe Stöße ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder
überzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Münzen waren da und
dort zu erblicken. Dokumente und Briefschaften lagen in Fülle umher, das
ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeitsalon eines reichen
Gelehrten, angefüllt mit Geräthen, selbst mit Vasen und Kunstarbeiten,
sowie mit Seltenheiten ferner Länder, als dem Zimmer einer Dame, denn da
stand auch nicht ein einziges Körbchen, außer dem Papierkorb, da lag
kein Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein
gepreßtes und gemustertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bücher
stolzen Marokineinband mit Goldschnitt, zeigten in Gold gepreßt auf dem
Einband das reichsgräfliche Wappen neben einem fürstlichen, und das
Briefpapier, das in starkem Vorrath bereit lag, hatte Goldschnitt.

Indem die alte Reichsgräfin zwischen dem Einnehmen ihres Kaffees und der
Unterhaltung mit der schönen Katze, die bei diesem Anlaß stets ein
schmarotzender Gast war, sich mit der An- und Durchsicht zahlreicher vor
ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beschäftigte, sprach sie nach Art
bejahrter Personen laut mit sich selbst, indem sie bald dieses bald
jenes Papier oder deren mehrere aufnahm, flüchtig ansah, auch nach
Befinden länger bei einigen verweilte und das so in Augenschein
Genommene gleich wieder in guter Ordnung zur Seite legte, um alsbald
nach einem andern zu greifen.

Fiscalische Sache zu Oldenburg – Akta wegen des jetzigen Processes –
ditto – ditto – ditto – und noch fünfmal ditto – Briefe vom Prinzen von
Talmont – dergleichen vom Marquis de Launoy – armer
Bernard-René-Jourdan, armer Marquis! Freundlicher, milder Schatten, den
die rebellischen Teufel ermordeten, weil sie dir als Gouverneur der
Bastille nicht die Bedingungen halten wollten, unter denen du das feste
Haus übergeben – Entwurf meines Testamentes – Wienerische
Appellations-Sache – Güldenlöwesche Briefe – Briefe von König Friedrich
dem Großen – von meinem Voltaire – von Georgine Cavendish, Herzogin von
Devonshire – von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu
Göttingen – vom Herzog von Holstein-Plön – das Tagebuch der Großmutter.

Dieses Buch betrachtete die Gräfin mit einer gewissen stillen Wehmuth,
die sich aber in keiner Weise äußerlich kund gab. _Sie_ Großmutter einst
– sprach sie – _ich_ Großmutter jetzt, und beide fast in gleichen
Schuhen.

Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldstreifen gebundener
und mit abgegriffenem Goldschnitt verzierter Quartband. – Als die
Reichsgräfin flüchtig hineingeblickt, legte sie es zur Seite, und griff
nach einem in Umschlag mit Bindfaden umschlungenen Papierheft. Mein
Tagebuch – sprach sie – so viel mir davon erhalten blieb – nur achtzehn
Monate aus meinem langen – vielbewegten Leben – mögen auch diese Blätter
hinschwinden – das Buch meiner Tage ist ja doch nun wohl geschlossen.

Auch diese Bogen legte die Reichsgräfin zu dem alten Band, und fuhr fort
mit der Musterung ihrer Papiere: – Ehescheidungsproceß – oh hinweg! –
Briefe von der Gräfin von Jaxthausen – von der Prinzessin von Waldeck –
von der Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe – von königlichen Häuptern –
von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel!

Das Gefühl, welches die alte Reichsgräfin zu diesem Ausruf bewog,
entsprang einem unüberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte sie diese
Blätter nicht so schnell, wie die andern, flüchtig zur Seite legen;
ihre Blicke vertieften sich vielmehr in die festen Schriftzüge des
größten Alterthumsforschers und Münzkenners seiner Zeit, und dieselben
übten auf die Gräfin gleichsam magnetische Anziehungskraft, sie mußte
wieder und wieder lesen, was ihr Pein verursachte, wie der Wundarzt wohl
bisweilen eine Wunde wiederholt brennen muß, auf daß sie gründlich
heile.

Wo ist er, wo ist er, der grausame Brief des strengen Freundes, dem
Wahrheit über Alles heilig ist? Ach, jeder seiner Briefe enthält mehr
Tadel als Lob – für was muß er mich halten? Für eine alte Närrin
jedenfalls. Und wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was
kostet sie mich nicht? Dann unermeßlich viel, ja mehr, als ich
verantworten kann.

Welche Worte auf meine Fragen: »Was ich von den Eroberungen für das
Kabinet Ihrer Excellenz halte? Daß unter den Stücken, die nach Hamburg
gingen und sich dermalen in so schätzbaren Händen befinden, sehr viele
ansehnliche sind, doch müßte ich sie sehen, um über deren Aechtheit zu
entscheiden!« – Eine Pille, doch recht schön vergoldet.

»Wie ich mit der Anordnung des Ennerischen Katalogs zufrieden sei? –
Sehr schlecht – altväterische Art beibehalten, – strotzt von unendlichen
Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfänger
vergeben würde. Man muß erstaunen, aus Frankreich, das mit seiner
Gelehrsamkeit so groß thut und uns Deutsche so gern heruntersetzt, ein
so ärgerliches Zeug erscheinen zu sehen. Ich rede unparteiisch, weil ich
den Verfasser nicht kenne.«

So Eckhel – und _ich_ habe diesen Katalog mit Entzücken begrüßt und ihn
nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu
Amsterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewechselt, der große Summen
für Münzen mir nach und nach abgelockt, enthüllt Eckhel hier als einen
schamlosen Betrüger, und dessen Prachtkatalog mit allen seinen Bildern,
den jener so sündentheuer verkauft, sei nichts als Aufwärmung der
Platten eines elenden holländischen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage
erschienen. Und ich kenne dieses alte Werk nicht, und besitze eine
Bibliothek von zwanzigtausend Bänden! – Und endlich, _mein_ Katalog, das
Schmerzenskind meiner Liebe zur edlen klassischen Münzkunde – wie
lautet über diesen der Richterspruch des unbestechlichen Wiener
Rhadamanth?

»Einen Blick über Ihro Excellenz ganzen Katalog. Ich sehe darin eine
Menge der kostbarsten und seltensten Stücke, aber eben dieser Umstand
macht, daß sich die ganze Sammlung vor den Augen ächter Kenner in keinem
vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner muß in der That über das
unnennbare Glück erstaunen, welches so viele und so schätzbare Münzen
einem einzigen Privatkabinette sollte zugespielt haben. Zur Probe nur
ein Beispiel: auch in den größten Sammlungen, die von großen Fürsten
durch viele Jahre sind zusammengebracht worden, findet man oft nicht
_ein_ Stück von den bosporischen Königen _Ininthimeus_, _Teiranes_,
_Thotorses_ – es ist keines im kaiserlichen Kabinet, keines im
großherzoglichen, keines im gothaischen und mehren andern; ich habe in
meinem Leben keines in Natur gesehen; Herr Baron Herwart, kaiserlicher
Gesandter in Konstantinopel, der für das kaiserliche Kabinet durch mehre
Jahre in der Nachbarschaft bosporanische Münzen sammelte, und dazu
#carta bianca# hatte, war nicht so glücklich, nur eine einzige Münze von
diesen drei Königen zu bekommen, und doch finden sich alle drei in der
Sammlung – Ihrer Excellenz! Sollte ein so undenkbares Glück einen Kenner
nicht mißtrauisch machen?«

Oder nicht auch ein wenig neidisch? unterbrach die Reichsgräfin ihr
Lautlesen mit einem gewissen triumphirenden Gefühl, dann sprach sie
weiter, den fernern Inhalt des Briefes überfliegend: Pellerins Kabinet
sei das bedeutendste in Bezug auf anekdote und sogenannte _einzige_
Münzen gewesen – ganz besondere Umstände haben ihn begünstigt, langes
Leben, verbunden als #commis de marine# mit allen Konsuln der Levante –
ein gewisser La Roche habe in einem kleinen Orte zwischen Grenoble und
Lyon mit ganz besonderer Geschicklichkeit die besten pellerinischen
Münzen nachgemacht – das der Aufschluß und zugleich mein Münzschlüssel.
Eine ganze Schachtel voll angstschweißtreibender Pillen – und der
Schluß?

»Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein
aufrichtiges Geständniß zu gute halten. Schon beim ersten Anblick des
Katalogs wollte ich damit herausrücken, aber ich fürchtete zu
beleidigen. Endlich faßte ich mich, weil es meine Rechtschaffenheit von
mir forderte und es mir zu arg schien, daß sich schlaue Betrüger länger
von der Habe edeldenkender und für die Literatur eingenommener Personen
nähren sollten. – Abbe Eckhel.«[1]

    [Fußnote 1: Urschriftlich; der Brief ist noch vorhanden.]

Genug – er ist nun einmal der Wahrheit unerschütterlich treu; sollte ich
dem redlichen Freunde zürnen? Wer die Wahrheit nicht hören will und
kann, der ist sehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und
die Wissenschaft zu fördern gesucht mit wahrhaft großartigen Opfern –
und das Gute und Große aufrichtig gewollt zu haben, gibt schon ein
Genügen.

Nun aber hierin nicht weiter – Anderes bringt die andere Stunde.

Die Reichsgräfin legte noch einige Schriften und Briefschaften sich zur
Hand, und dann klingelte sie.

Der greise Kammerdiener Weisbrod trat ein.

Ich lasse Herrn Windt bitten!

Was nun werden wird, werden soll, nach dem gestrigen Auftritt? fragte
sich die Matrone. O gewiß, ich muß die ganze Last der Sorge mit in die
Grube nehmen – doch nicht ungestraft sollen sie mir die letzten Tage
meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum
letzten Athemzuge. –

Windt trat ein, er sah noch bleicher aus, als am gestrigen Abend; seine
Gebieterin nahm dies mit ihrem noch immer scharfen Fernblick sogleich
wahr und fragte, als sie auf seinen ehrfurchtvollen Gruß gnädig gedankt:
Was ist Ihnen, lieber Windt? Sie sehen so sehr angegriffen aus?

Ich bin es, Excellenz! – erwiederte Windt, und seine Stimme war matt und
bebend; er war kein Jüngling mehr und die letztvergangene Zeit hatte
körperliche wie geistige Anstrengungen in Fülle auf ihn gehäuft.

Es ist auch kein Wunder – fuhr Windt mit offener Freimüthigkeit fort.
Ich wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht, zu
dem sich etwas Fieber gesellte, da empfing ich dieses kurze Briefchen
von dem Herrn Erbgrafen aus dem Haag: »Ich werde nicht über Doorwerth
nach Varel gehen, mein lieber Windt, aber gerade von Amsterdam über See
und Ostfriesland, weil das viel kürzer ist, und so bitte ich Sie, wenn
Sie mit mir die Reise machen wollen, binnen acht Tagen in Amsterdam zu
sein. Bis dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem« – und so weiter.
Aber ich gestehe Ihrer Excellenz, daß ich weder Muth noch Kraft genug in
mir fühlte, mich bei dem stürmischen Wetter, wie die letzte Zeit des
Aequinoctiums mit sich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn
Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiste zu Lande, eilend,
angestrengt und schlecht. Ich zog mir dadurch eine Lähmung der linken
Seite vom Scheitel bis zur Fußsohle zu, und nur einige Ruhe, Wärme und
meine gute Natur stellten mich wieder her, auch tragen die guten
Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder
vollkommen gesund und meinen Diensteifer frisch lebendig zu machen. Und
ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur
eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren lasse, die ich
zwar nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach gesunder Vernunft und
natürlicher Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur
bitte ich um Dauer des hochgnädigsten Vertrauens. Ich sprach, noch ehe
ich abreiste, in Doorwerth den Jäger des Herrn Grafen, der mit der
Kutsche, zwei Pferden, drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam,
um hierher vorauszureisen, und es wurde mir diese Gelegenheit
angetragen; die Gesellschaft stand mir aber nicht an. Ich nahm
Extrapost.

Sie kennen den gestrigen Vorgang? – fragte die Gräfin.

Ich kenne und beklage ihn, war Windt’s Antwort. Er reißt ein, was ich
mühsam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfährig
entgegenkommende Gesinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden – aber
Höchstihre persönliche Einmischung –

Galt dem Schutz meines Pathen – unterbrach die Herrin, stark betonend.
Ich danke Gott, daß mir vergönnt war, zu rechter Zeit mich einzumischen,
ich wollte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauschen, welche
Gesinnungen gegen mich sich aussprächen, da geschah das Aeußerste, da
mußte ich den Fuß auf die Springfeder setzen, die das Bild wegschiebt,
zwei Secunden vielleicht zu spät, und mein Enkel hätte meinen Enkel
erschossen, und dieses mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit
einer blutigen Unthat befleckt.

Gegen diese Gründe, Excellenz, kann ich nichts sagen – nahm Windt
wieder das Wort.

Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Gräfin.

Ich gedenke das Beste für Euere Excellenz zu thun, was sich nur immer
thun läßt, obschon ich voraussehe, daß es mir ein Stück Lunge kosten
wird; ich hoffe, eine wahre, gründliche und dauerhafte Ruhe zu bewirken,
aber Ihre Excellenz müssen mich in Gnaden gewähren lassen, und die
Erreichung dieser Absicht wäre mir der höchste Ruhm. Ihre Excellenz
dürfen auch nicht das Unmögliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem
muß aller fremde Einfluß abgeschnitten bleiben, denn ich denke, daß,
wenn Hochdieselben mit demjenigen, der nächst Höchstihnen Haupt der
Familie, regierender Herr, Erstgeborener und eigentlicher Stammhalter
ist, einen Vergleich errichten, durchaus kein Dritter, und wäre er der
nächste Agnat, hinein zu reden hat.

So schließen Sie den Bruder und meinen Ludwig so zu sagen aus? fragte
die Gräfin gespannt.

Hören Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was
gefordert wird, ist dem Herrn Grafen zu erfüllen geradezu unmöglich; er
kann nicht die Glieder der gesammten, in England und Holland verstreuten
Familie zu einer bindenden Unterschrift bewegen und zusammenbringen; er
kann nicht einhundertundfünfzigtausend holländische Gulden zu sechs
Procent, wie jetzt üblich, aufnehmen, sie jährlich mit neuntausend
Gulden verzinsen; nicht nach zwölf Jahren dieselbe Summe bezahlen und
sie mittlerweile mit sechstausend Gulden verzinsen, dazu das zu
gewährende Witthum von jährlich viertausend Gulden, und was noch
jährlich an das schrecklich vernachlässigte Doorwerth zu wenden ist.
Wenn der Herr Graf zu solchen Dingen sich verpflichten, so können
Dieselben weder rechnen, noch Wort halten. Er ist und bleibt arm, seine
Kinder vielleicht können dereinst fürchterlich reich werden – er – wird
Reichthum nie besitzen. Doorwerth liebt er, dieses wünscht er gern zu
haben, es ist gut und heilsam, wenn die Güter ungetrennt beisammen
bleiben. Ich bin überzeugt, daß der Herr Graf redlich und im guten
Glauben zu Werke gehen und noch edler und großmüthiger handeln würde,
wenn er es hätte, wie er es nicht hat.

Ei, Sie sind ja plötzlich mein gegnerischer Anwalt geworden? rief mit
schlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgräfin. Wie deut’ ich das? Was
hat Sie denn so umgewandelt? Von der edeln großmüthigen Denkart wurde ja
gestern Abend ein Pröbchen zum Besten gegeben. Wäre ein neuer tragischer
Stoff geworden für Herrn Hofrath Leisewitz in Braunschweig, der ja den
Julius von Tarent geschrieben hat und unserm hohen Hause Dinge und
Thaten aufbürdet, die nie in ihm geschahen; was ganz schändlich ist,
denn nie gab es im Hause der Fürsten von Tarent, das so eng mit meinem
eigenen verzweigt und verwachsen ist, eine solche abominable Geschichte,
und keiner von allen Fürsten dieses Hauses hieß Constantin, Julius,
Guido und wie die von dem laxen Comödienschreiber sonst ersonnenen Namen
noch heißen mögen!

Die Poeten, gnädigste Excellenz – entgegnete Windt, heimlich lächelnd
über den antidramatischen Zorn seiner Herrin – haben ein Ding, das
nennen sie #licentiam poeticam# – welches ich Hochgräflicher Gnaden, die
besser Latein verstehen als ich, nicht zu übersetzen brauche.

Habe nichts dagegen, das Stück ist gut, Herr Lessing hat es gelobt – es
ist sogar, wie mir geschrieben wurde, auf fürstlichen Privattheatern –
ich glaube am Sachsen-Meiningenschen Hofe, unter Mitwirkung
durchlauchter Personen selbst, zur Aufführung gebracht worden; ich
verlange nur, die Herren Dichter sollen nicht Namen aus der Luft
greifen, sollen nicht das erste beste hohe Haus mit ersonnenen Unthaten
beflecken, sondern diese da spielen lassen, wo sie sich geschichtlich
zugetragen haben, und sollen ihre Nasen in die Stammbäume stecken und
die Leute, die sie brauchen, beim rechten Namen nennen. Des Herrn von
Goethe allbewunderter Götz ist auch so ein Ding, das im Nebel und
Schwebel spielt, ohne allen geschichtlichen Boden. Er läßt den
fehdesüchtigen Raubritter für die deutsche Freiheit sterben, während der
alte Kauz daran nicht im Entferntesten dachte, und in aller Gemüthsruhe
über achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, seine schlimmen Streiche
selbst für die Nachwelt aufzuschreiben. – Ja, sehen Sie mich nur an,
lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spaß, daß ich alte Frau mich
noch über Comödien ereifere, aber sehen Sie, ich bin einmal eine
Freundin der Wahrheit, wie mein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren
Freund ist, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrsamkeit auf den Tod
verwundete, und dem ich, ich sage ich, die Hand noch küssen möchte, mit
der er die Feder führte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, sondern die
reine, in seiner gründlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde
Wahrheit schrieb. Doch – wie weit schweifen wir ab von unserm Ziele,
mein lieber Windt – fahren Sie fort, Sie schlimmer #advocatus diaboli!#

Um Gott, Excellenz! Dies Wort ist nicht Ihrer Gnaden Ernst. Ich hätte
noch viel zu sagen – aber wenn Hochdieselbe mir zürnen –

Halten Sie mich für ein Kind, Windt? Fürwahr, dann wäre ich wohl ein
recht altes. Noch denke ich nicht, obschon ich neunundsiebenzig Jahre
zähle – kindisch zu sein.



3. Der Abschied.


Die Reichsgräfin unterbrach dieses Gespräch, indem sie klingelte.
Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu
bescheiden. Dann nahm sie den Faden der Rede wieder auf und sprach zu
Windt: Die gestrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der
dramatischen Poesie mit seinen unbeschnittenen Laubgängen – bleiben wir
bei der Hauptsache: Warum hat sich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine
Windfahne?

Nein, Excellenz! vertheidigte sich Windt: eine solche bin ich nicht,
vielmehr hoffe ich bewiesen zu haben, und denke es ferner zu beweisen,
daß mir die Wünsche und Vortheile Ihrer Excellenz über Alles gehen. Aber
– Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit muß Wahrheit bleiben.
Was auch gestern Störendes, Widriges und aufs neue Hemmendes vorgefallen
sein möge, _das_ darf ich doch kühn behaupten, daß das Gemüth des
gnädigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und
Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz gestimmt war; freilich ist er äußerst
empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort ist im Stande, sein
ganzes Wesen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, sind
wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, daß er Alles um sich nieder
wirft und liegen läßt, es gehe wie es gehe, aber sein Charakter ist und
bleibt redlich. Er ist nicht der Mann, welcher Excellenz beraubt,
geplündert und von Land und Leuten verdrängt sehen will, im Gegentheil,
er theilte mir gerade heraus mit: Will meine Frau Großmutter Varel
wieder zu eigen haben, so nehme sie es gerne, wenn es nur ohne weitere
Schulden und dereinst meinen Kindern bleibt.

In der That – sehr gnädig! – spöttelte die Herrin und machte einen Knix,
aber Windt kehrte sich nicht an ihren Spott.

Der redliche Diener fuhr im Tone vollster Ueberzeugung fort: Halten
Excellenz es mir zu Gnaden, daß ich so frei heraus meine Meinung sage!
Die Hauptsache muß so behandelt werden, daß beide Theile mit Ehren
nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen können. Ich brauche
wohl nicht erst an den Wahlspruch im reichsgräflichen Wappen zu
erinnern.

#Craignez honte!# versetzte die Herrin, den Wahlspruch anführend, und
fügte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen für diese Lehre.

Eher würde ich selbst auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im
Punkt von Hochderselben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles
anzunehmen verspräche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, so würde
_ich_ der Erste sein, der zu ihm sagte: Sie handeln ohne Ueberlegung,
ohne Ehre, ohne Zartgefühl, denn Sie _können_ nicht Wort halten. Ihre
Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er ist Ihnen
entwachsen, er ist noch jung, und bei Gelegenheit wohl spöttisch,
sarkastisch oder überreizt – er ist aber wahrhaftig ein edler Mann, und
der Beste von den Seinen, so viel ich deren in Holland kennen lernte.
Was ich von seinen Handlungen weiß, ist nur ehrenhaft. Um sein gegebenes
Wort zu erfüllen, hat er sich mit seiner Frau Mutter auf eine Art
entzweit, daß sie nie wieder einig wurden. Das kam so: In der
unglücklichen Revolution hing sein Leben im Haag jeden Augenblick an
einem Zwirnsfaden, und gleichwohl zeigte er stets den höchsten Grad von
Entschlossenheit. Um zu seinem Ziele zu gelangen, mußte er sich eine
Partei machen, zu der er auch geringe Bürger und Leute der niederen
Klasse herbeizog. Diese wollten aber unter keiner anderen Bedingung ihm
anhängen, als daß er ihnen gelobe, nach erkämpftem Siege ihr Schout, so
viel wie #Grand Baillif# zu werden, denn das Volk war, wie das stets bei
Revolutionen der Fall ist, mit der Polizei und Gerechtigkeitspflege im
Haag höchst unzufrieden und suchte sie zu beseitigen. Der Herr Graf gab
sein Wort, seine Partei gewann die Oberhand, und das Volk rief ihn aus
Dankbarkeit zu seinem Ober-Amtmann aus. Darüber entsetzte sich seine
Frau Mutter, die geborene Baronesse de Tuyll Serooskerken, auf das
Aeußerste, wie Ihre Excellenz sich denken können.

Ja wohl, wie ich mir allerdings recht gut denken kann! unterbrach ihn
die alte starre Aristokratin. Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau
Mutter des Herrn Grafen drohte, sich gänzlich von ihm loszusagen, wenn
er dem Verlangen des Volkes nachgebe, der Graf aber sprach: Ich bin
Edelmann und muß im Glücke halten, was ich im Unglücke versprochen habe.
Die Zwietracht mit der Mutter blieb, und der Herr Graf blieb
Ober-Amtmann.

So spalten die unseligen politischen Parteikämpfe den Frieden und die
Herzen der edelsten Familien! rief fast im heftigen Tone die alte
Reichsgräfin. Meine Frau Schwiegertochter hat vollkommen Recht! Auch mir
schnitt es tief in das Herz, zu sehen, wie ein Angehöriger meiner
Familie mit dem Pöbel, der Hefe, zu liebäugeln sich herabließ und sich
wegwarf. Aber zuletzt sind Sie selbst solch ein elender Demokrat, Windt!

Der Haushofmeister war einen Augenblick betroffen durch den schneidenden
und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemüth jetzt an der
empfindlichsten Stelle und durch eine der unliebsamsten Erinnerungen
berührt worden war; doch blieb er gefaßt und entgegnete in seiner zwar
unterwürfigen, aber stets würdevollen Redeweise: Ihro Excellenz scheinen
sich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, daß die oranische
Partei, für welche der Herr Graf wirkt, nicht die sogenannte Volkspartei
war, daß erstere vielmehr durch die untern Schichten _gegen_ die
letztere zu wirken suchte, daß aber auch die niederländischen
Republikaner keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf ist als
Oberrichter stets gerecht und unparteiisch erschienen; er hat darauf das
wachsamste Auge, daß Niemand Unrecht erleide, er hilft Allen, denen er
nur irgend helfen kann, seien es sogenannte Patrioten, oder keine, und
viele Unglückliche hat er als geschickter und rechtskundiger Anwalt so
vertheidigt, daß sie schweren Strafen entgingen, denen sie ohne ihn
anheim gefallen wären; daher verdient sein Benehmen, als das eines
Mannes von Wort und von Ehre, weder Tadel noch Mißtrauen. Und was
endlich meine »elende Demokratie« betrifft, wie Excellenz sich
auszudrücken beliebten, so gebe ich dem Wunsche Worte, es möchte das
ganze heilige römische Reich so glücklich sein, lauter Demokraten meines
Schlages zu besitzen, dann würde überall Ruhe, Friede und Ordnung, und
nirgend Empörung gegen Obere sein. Aber jeder Mensch hat minder oder
mehr Gefühl für die _Freiheit_; wer dieses läugnet oder verläugnet, ist
ein feiler Sclave, oder in seiner eigenen Seele selbst ein Stück von
einem Despoten; ich bin keins von beiden. Derjenige jedoch, welcher an
der gegenwärtigen, fanatischen, wahnsinnigen französischen
Freiheitsraserei Theil nimmt und Behagen daran findet, ist ein
Jacobiner, ein Anarchist, ein Verbrecher: das bin ich auch nicht,
sondern stets zu Ihrer Excellenz Diensten.

Wackerer Windt – vergeben Sie mir, wenn ich Sie kränkte! sprach die
Reichsgräfin mit ernstem Gefühl, und immer höher stieg der Mann in ihrer
Achtung, der mit dem redlichsten Diensteifer die Würde des Hauses wie
seine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen setzte.

Der Eintritt des jungen Herrn, der schon fast völlig reisefertig
erschien, unterbrach das Gespräch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig
brachte seiner Gönnerin den üblichen Handkuß als Morgengruß dar und ihr
Herz, so fest und stark es war, hart geworden durch die Jahre und die
Fülle bitterer und schmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem
Andenken an die Trennung von dem Liebling, der heute ihr so bleich und
trauervoll nahte.

Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgräfin entließ Windt, und
gleich nach dessen Entfernung redete sie den Enkel mütterlich liebevoll
an.

Du bist heute so blaß, mein Ludwig Carl – du fühlst was ich fühle. Du
willst fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh?

Theuerste Großmutter! antwortete der Enkel: ich wollte, der Erbherr
hätte seine That gegen mich gestern vollbracht; glauben Sie mir, mir
wäre besser. Mir wurde eine Wunde geschlagen, die niemals heilen wird –
Gedanken stürmen in meiner Seele, die ich niemals dachte – ich kannte
nicht den Haß, nicht das brennende Gefühl der Rache, nicht die Schaam
über einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen soll.
Beste Großmutter! Ich beschwöre Sie, entdecken Sie mir Alles – bin ich
ein Edelmann, gehöre ich zu Ihrer Familie, oder bin ich –?

Wie du kindisch fragst, mein liebes Kind! war die Antwort. Würde _ich_
dich laut und offen meinen Enkel nennen? Würde ich dich mit Sorgfalt und
Liebe auferzogen haben? Würde ich dir gestattet haben, unser Wappen zu
führen? Glaube das Eine fest, und lasse dich durch das Andere nicht
beugen. Du bist auf dem Wege ein Mann zu werden, sei ein Mann! Vergiß
das Herbe und Peinliche der gestrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war
gereizt, er wußte nicht, was er that.

An ihm wird es daher sein, mich um Vergebung zu bitten, entgegnete der
Jüngling, dessen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde wieder
röthete.

Lass’ das jetzt, sprach die Gräfin. Entdecken kann und darf ich dir
nichts, mein geliebtes Kind! Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir
nehmen als deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die
Geheimnisse gewisser Personen zu lösen, die jene mir anvertraut und die
mit sieben Siegeln verschlossen und mit den dichtesten Schleiern
überhüllt sind. Aber etwas Tröstliches kann und will ich dir sagen. Es
ist ein mächtiger Unterschied, den aber die Befangenheit,
Mangelhaftigkeit und Starrheit der Gesetzgebung niemals anerkannt hat,
zwischen den zur Welt gebrachten Früchten böser Lust und wilder
Sinnengier, die ein Rausch des Augenblicks von dem Lebensbaume
abschüttelte, und zwischen jenen Kindern hoher und reiner Liebe, gegen
deren gesetzliche Einigung gebieterische Verhältnisse unübersteigliche
Schranken zogen. Oft verjüngten sich durch solche Sprößlinge uralte
bedeutende Geschlechter, und die Welt hat deß kein Arg. Du hörtest
gestern aus meinem Munde ein Beispiel; ich könnte dir deren viele sagen.
War es gut oder nicht gut, daß der letzte Graf zu Oldenburg und
Delmenhorst, da seine Gemahlin ihm keine Kinder schenkte, den Sohn eines
geliebten ihm nicht ebenbürtigen Weibes in die Rechte des alten Stammes
einsetzte? Ohne diesen Sohn der Elisabeth von Ungnad, Herrin zu Sonneck
– wären wir alle nicht. Möge Gottes Gnade trotz dieser Abstammung von
einer Ungnad mit uns allen sein! _Meine_ Großmutter, die Abkömmlingin
von Königen, wurde Anton’s des Ersten zweite Gemahlin; die erste, eine
Gräfin von Wittgenstein, schenkte ihm nur Töchter; meine Großmutter
wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von dem auch du ein Zweig bist. –
König Alphons der Weise in Aragonien und Sicilien zeugte, da seine
Gemahlin Maria, Tochter König Heinrich des Dritten in Castilien, ihn
nicht mit Kindern beglückte, drei Kinder außer der Ehe. Seinem
erstgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Ersten, dem Papst Eugen
der Vierte selbst die Rechte gesetzlicher Geburt verlieh, hinterließ
sein Vater das Königreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich ward
vertrieben und kam nach Frankreich, wo er starb. Dieser Letztere wurde
der Großvater der Erbtochter des Hauses de la Val, Anna, deren Gemahl
Franz de la Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider ältester Sohn,
Ludwig, wie du geheißen, war der erste Herzog von Thouars, er war mein
Urgroßvater, und unser Haus wurde auf das Engste verwandt und
verschwägert mit allen den hohen, alten, angesehenen Familien derer von
Bouillon, von Orleans, von Montmorency, der de la Tour d’Aubergne, der
Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der
Landgrafen zu Hessen, durch meine Urgroßmutter, und der Herzoge zu
Sachsen, denn meine Urgroßtante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs
Bernhard zu Sachsen-Jena, eine Linie, die leider früh erlosch. Aus
diesen Beispielen magst du entnehmen, daß eine in Dunkel gehüllte
Abstammung, die vielleicht einst noch in Licht und Glanz zu Tage treten
dürfte, je nachdem des Glückes und der Zeiten Gunst oder Ungunst waltet,
noch lange kein Schimpf und kein Makel ist, mindestens nicht in den
Augen der Einsichtvollen und Vernünftigen, denn überhaupt erinnert das
an das alte Sprichwort: »es ist ein wunderkluges Kind, das seinen Vater
kennt.«

Der Enkel schwieg zu dieser Rede und blickte mit träumerischem Sinnen
auf die Werke seines spielenden Fleißes, die Münztafeln.

Du willst reisen, und du mußt reisen – fuhr die Reichsgräfin fort.
Längst fühlte ich das, aber die große Liebe zu dir, die trauliche Macht
der Gewohnheit unseres täglichen Beisammenseins, mein Alter, der
Gedanke, daß unsere erste Trennung wohl eine Trennung für immer ist,
bewältigte meine Einsicht und machte mich schwach und allzu nachgiebig
gegen mich selbst. Das Schicksal führte diesen Anstoß herbei, ich muß
dich von mir lassen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, höre mich
weiter an, und vergiß nie in deinem ganzen Leben – möge es ein langes
und glückliches sein – dieser heutigen ernsten und wichtigen Stunde! Wie
ich auch gepeinigt, gedrückt, bedrängt und so zu sagen fast ausgezogen
worden bin, arm haben sie mich, trotz ihres allerbesten Willens und
trotz herzoglich oldenburgischer und königlich dänischer Hülfe doch
nicht machen können; es hätte so gar wenig gefehlt, so wäre der deutsche
Kaiser vermocht worden, gegen die alte eigensinnige Frau, die ihr Geld
nicht alle hergeben wollte, einige Reichstruppen marschiren zu lassen. –
Da fast Alles von mir kommt, ist’s zuletzt kein Wunder, daß man es von
mir haben will, denn von den Schätzen des Hauses habe ich noch nichts
gesehen, und die Lehengüter im Mond tragen höchstens einmal einen
Steinregen ein. Gleichwohl will ich ihnen nichts vergeben, nicht auf’s
Neue den Vorwurf unüberlegter Schenkungen auf mich laden, wie ich
allerdings gethan. Ich selbst bedarf wenig mehr; ich werde keine Bücher,
keine Münzen und Medaillen mehr sammeln – ich werde nur für dich leben,
so lange der Himmel mir noch meine bereits gezählten Tage fristet.

O gütigste aller Großmütter! rief Ludwig Carl aus, und beugte sich tief
auf die treuen Hände, die seine Jugend gepflegt, und jetzt erhoben
wurden, um sich segnend auf sein schönes Haupt zu legen.

Nach einer Pause stiller und unaussprechlicher Rührung winkte die
Reichsgräfin dem Enkel, ihr ein nahe stehendes, verschlossenes kupfernes
Schatzkästchen zu bringen, während sie aus einer zusammengebundenen
Anzahl kleiner Schlüssel den rechten suchte. Das Kästchen war leicht,
baares Geld augenscheinlich nicht darin. Die Herrin erschloß es, es
enthielt nur Papiere. Eines nach dem andern dieser Papiere nahm sie
heraus und legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr
Platz genommen hatte, indem sie mit kurzen Worten den Inhalt dieser
wichtigen Schriften andeutete.

Dies ist, begann die Aufzählung: der Original-Ehecontract zwischen dem
Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzessin
Emilie zu Hessen-Cassel. Der Brautschatz dieser meiner Urgroßmutter
betrug einhundertundfünfzigtausend Livres, und blieb der Vermählten als
Wittwe vertragsmäßig zu freier Verfügung, nebst einer Summe von
vierundzwanzigtausend Livres für Kleider und Juwelen. Vom Jahr
eintausendsechshundertundachtundvierzig.

Hier der Ehecontract meiner Großmutter, vom Jahr
eintausendsechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, daß die Prinzessin
alle Gerechtsame an väterliche und großväterliche Verlassenschaften,
auch andere künftige Erbfälle anzusprechen habe, nur nicht die ihrer
beiden Brüder und ihrer einzigen Schwester Maria Sylvia. Letzteres hat
sich dennoch durch besonderes Vermächtniß geändert.

Hier ein Document, das der Großmutter anstatt der genannten Ansprüche
von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die
Summe von sechzigtausend Livres fest zusichert. Aus diesem wichtigen
Vergleichsinstrument vom Jahre sechzehnhundertdreiundachtzig geht
hervor, daß die de la Tremouille’schen Gütereinkünfte in den Provinzen
Poitou, Bretagne, Maine, Xaintoque, Auluis und Laudunois auf das in
Paris, Straße Vaugirard, gelegene Palais der Familie gestellt sind.

Hier eine Schrift über die unserm Hause zustehende Baronie Vitré, deren
Ertrag als Bürgschaft für ein Kapital von sechzigtausend Livres
verschrieben ist, welche Summe meiner Großmutter von ihrer Mutter, der
geborenen Landgräfin zu Hessen, vererbt und vermacht wurde. Dieses
Kapital ist ebenfalls auf mich übergegangen.

Hier ein Schuldbrief des Bruders der Großmutter wegen Antheils an
fünfundzwanzigtausend Livres am Erbe der verstorbenen Prinzessin Maria
Sylvia, vom Jahre sechzehnhundertdreiundsechzig.

Hier wieder ein Vergleich vom zwölften Juli siebzehnhundertundeins,
betreffend den Antheil der Großmutter von vierzigtausend Livres der
Verlassenschaft ihrer königlichen Hoheit, Mademoiselle de Montpensier.
Aus dieser Verlassenschaft kam das Herzogthum Chatellerault und die
Vicomté Brossé an das Haus de la Tremouille, und es erhellt aus diesem
Vergleich des Weiteren die Verwandtschaft unseres Hauses mit den Häusern
Orleans, Bourbon, Nassau-Oranien, Bouillon und andern.

Genug mit diesen, der Kasten ist noch halb voll, wir wollen uns nicht
ermüden. Kurz und rund: Ich, deine Großmutter, habe an das herzogliche
Haus de la Tremouille und Talmont in Frankreich #Summa Summarum#
zweihundertundfünfundfünfzigtausend Livres zu fordern, welche als
Erbtheil meiner Frau Großmutter mir überkommen, und die bei dem Stadthause
zu Paris, obschon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich angelegt
sind, so daß sie eine Rente von sechstausenddreihundertundfünfundsiebenzig
Livres, die halbjährlich ausgezahlt wird, abwerfen. Seit dem tödtlichen
Hintritt meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton
des Zweiten, sind diese bis zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt
worden, und weder Krieg noch Friede haben daran gekürzt. Diesen
Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen Reisen und deiner ferneren
Ausbildung, mein in Wahrheit geliebtester Enkel. Hier hast du die
nöthigen Ausweise zu deren Erhebung vom nächsten Monat an. Bedarfst du
der Hülfe von Bankiers, so eröffnen dir diese Briefe Credit in Hamburg
beim Hause des Procurators, Wechselsensals und Senators Egbertus
Bernardus Den Tale, einer niederländischen weltberühmten Firma, und
ebenso beim Hause Chapeaurouge dort, in Amsterdam bei dem Hause van der
Valck, im Haag bei den Gebrüdern Le Ferrier, in Paris bei Grossier Vater
und Söhne.

Wie soll, wie kann ich Ihnen danken für so viele himmlische Güte! rief
Ludwig, ganz überrascht von dem Reichthum, der ihn so plötzlich
überströmte.

Das sollst du sogleich hören, antwortete die Matrone. Dein Dank
bethätige sich dadurch, daß du genau die Lehren befolgst, die ich dir
jetzt bei unserm Scheiden herzlich und schmerzlich mit auf den Lebensweg
gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen
unlautern Trieben, wie vom Laster; meide stets das Gemeine im Denken,
wie im Thun und Handeln. Halte stets treu am gegebenen Wort und
übernommener Pflicht, wenn es dir auch schwer ankommt und Neigung und
Sinne sich dagegen sträuben; ja, scheue nicht die größten Opfer, wenn es
gilt, Pflichterfüllung und Ueberzeugungstreue zu üben. Suche dich
auszubilden und zu lernen so viel als möglich; nützliche Kenntnisse sind
eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mißmuth und Langeweile. Gehe
mit dem Gelde weise und sparsam um, und lerne dessen selbst erwerben;
verlasse dich nicht auf den dir jetzt groß erscheinenden Besitz, denn
diese Quelle könnte leicht plötzlich versiegen. Achte treue Freundschaft
hoch und hüte dich vor falschen Freunden. Suche dein Glück, wenn du dir
Erfahrungen gesammelt, nicht im glanzreichen Hofleben, nicht im Geräusch
der großen Städte und glaube mir, daß die Einsamkeit wunderköstliche
Stunden gewährt. Führt dein Geschick dich auf eine kriegerische Laufbahn,
so vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und Menschenfreundlichkeit; sei
hülfreich dem Unterdrückten, schütze verfolgte Unschuld – sei das Beste,
was du auf Erden werden kannst – ein reiner, guter, edler Mensch!

Ein heiliges überwältigendes Gefühl, wie er gleiches noch nie empfunden,
ging durch des Jünglings noch unentweihte Seele. Thränen stürzten aus
seinen Augen, und er sank lautlos auf seine Kniee vor der wunderbaren
alten Frau nieder, die so treu, so mütterlich, so fest und stark auf ihn
einsprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rührung, ihre Seele war voll
Kraft; dennoch fühlte sie, daß in dieser Stunde ein Theil ihres Herzens
sich von ihr losriß; sie fühlte, wie sie ihren Liebling geliebt, fühlte,
was sie ohne ihn entbehren werde, hätte so gerne alles Glück der Welt
auf ihn gehäuft, hätte ihr Leben in dieser Stunde lassen wollen, wäre
damit eine Bürgschaft zu erkaufen gewesen für sein Leben und für seine
Zukunft.

Noch einmal legte sie segnend ihre Hände auf das Haupt des vor ihr
knieenden Enkels und sprach bewegt: Gott mit dir, sein heiliger Wille
führe dich! Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung
gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die
Menschen. Sei mildthätig und barmherzig, und vergelte Kränkungen nur mit
Wohlthaten, auf daß dereinst in dem Kreise, in den du eingetreten bist,
dein Name im Segen fortdauere von Geschlecht zu Geschlecht! –

Stehe auf, mein Ludwig Carl – laß uns recht ruhig noch diese
Weihestunde mit einander feiern, es ist ja – o Gott – es ist die letzte!

O nein – nein, meine theure, meine angebetete Großmutter! rief der
Jüngling mit schwärmerischem Blick.

Widersprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Großmutter mit dem
alten gemüthvoll-traulichen Tone, den sie meist beim Zusammensein mit
dem Enkel angenommen. Nur in so weit hast du recht, daß ich nicht eher
an das Ueberirdische denken soll, bis ich dir das nächstnaheliegende
Irdische geordnet. Also höre meinen nächsten Lebensplan für dich. In
dieser Brieftasche findest du Wechsel und baares Geld, die deinen
Unterhalt mindestens auf ein halbes Jahr bestreiten lassen, für den
Fall, daß die blutigen Ereignisse in Frankreich jetzt nicht zuließen,
vom Pariser Stadthaus Geld zu erheben, denn dieses Haus ist jetzt ein
Tollhaus und ein Schlächterhaus geworden. Daher rathe ich, überhaupt
jetzt noch nicht nach Paris zu gehen. Jedenfalls wirst du mich durch
Briefe meiner liebevollen Besorgniß um dich, so oft es dir immer möglich
ist, entreißen.

Und welchen Namen soll ich führen, Großmutter? fragte der Jüngling mit
einem eigenthümlichen Erbangen.

Dieses mein Haus gibt dir einen Namen, – den die Welt achten muß, Graf
Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgräfin. Vielleicht – wird
dereinst noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reisepaß auf diesen
unsern Namen besorgt Herr Windt in unserer Hofkanzlei.

O Himmel, wie viel möchte ich dir noch sagen – aber ein Gedanke drängt
den anderen von hinnen, und das Wort _scheiden_ jagt wie ein Cherub mit
dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus seinem stillen
Paradiese. Doch – sieh, wie vergeßlich das Alter ist – fast hätte ich
dir unbehändigt gelassen, was ich eigens als ein Andenken dir
zurückgelegt. Möge dieses Buch und mögen diese Blätter dir werth und
theuer bleiben, ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in
die Ewigkeit hinüber kann ich sie ja doch nicht nehmen, so bewahre du
sie treulich auf. Dieses Buch ist das Tagebuch meiner Großmutter,
Charlotte Aemilie; sie schrieb es mit eigener Hand für ihren Sohn,
meinen Vater, nieder, und meine in Gott ruhende Frau Mutter, die
geborene Landgräfin, bemerkte dies auf dem Titelblatt mit den Zügen
ihres theuren Namens. Das Buch umfaßt sechsundfünfzig Jahre, von der
Vermählung bis zum Tode.

Und diese Blätter hier sind Alles, was mir von meinen treugeführten
reichhaltigen Tagebüchern übrig blieb, was bei der Beraubung, die ich
erdulden mußte, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies
bisweilen darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Botaniker aus
einem einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der
Anatom aus einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehörte,
so wird auch der Einblick in diese Blätter dir mich auf’s Neue vor die
Seele führen, wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend sein, mein
Verhältniß zum französischen, wie zum preußischen Königshause, meine
Befreundung mit Voltaire; viele berühmte Namen findest du darin erwähnt,
deren Träger mir mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen
Abschnitt meines Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeßliches,
vielleicht darf ich sagen: der Verlust meines Tagebuchs ist, wenn nicht
ein Verlust für die Welt, doch einer für meine Familie! Du hast die
letzten Blätter der alten, nicht mehr in die Zukunft, sondern
rückwärtsschauenden Sibylle nun in Händen und bist besser daran, wie
jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana Amalthea ihre
Orakelbücher so theuer anbot – du hast sie umsonst. Und nun, mein
Liebling, nun noch ein Wort über deine Reisen; du findest in der
Brieftasche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche
hochgestellte und einflußreiche Personen; deine Jugend und Offenheit, im
Bunde mit einem bescheidenen und ehrenhaften Benehmen wird dir überall
Wege bahnen, dir Pforten und Herzen öffnen. Bewahre nur dein eigenes
Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gasse. Siehe
zunächst, wie es dir in Holland gefällt, und was sich dir vielleicht
dort bietet; außerdem gehe nach Deutschland, Dänemark, Rußland, die Welt
ist groß und überall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und
bleibe deutsch gesinnt! Das ist mein letztes Segenswort, dies mein: Mit
Gott! – Nun gehe – sage mir kein weiteres Lebewohl, denn mit meinem
_wohl_ leben ist es längst vorüber!

Noch einmal wollte der Enkel vor der Großmutter auf die Kniee sinken,
sie fing ihn aber auf, preßte ihn an sich, drückte einen Kuß mit ihren
kalten Lippen auf seine Stirne, wandte sich und schritt rasch in ein
Nebenzimmer, aus dem sie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit,
sie wollte keine Thräne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der
Thränen längst versiegt und vertrocknet, und es schmerzte sie, die in
ihrem bewegten Leben der Thränen so viele geweint, jetzt keine Thränen
mehr zu haben.

Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem Zimmer,
damit Philipp die Schriften noch recht sorglich verwahre. Auf dem
Fenstergang, der nach dem Hofe hinabsah, begegnete ihm Windt mit
bestürztem Gesicht.

Schlimm! schlimm! schlimm! rief dieser aus. O daß Sie gestern schon, und
nicht heute erst den gnädigen Erbherrn begrüßten – Alles, Alles – Alles
stände anders. #Oleum et operam perdidi!# Da – junger Herr, schauen Sie
hinab in den Schloßhof!

Ludwig folgte mit den Augen dieser Aufforderung und gewahrte, daß so
eben der Erbherr in seinen Reisewagen stieg, der Kammerdiener sich
hinten aufschwang, der Jäger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen saß,
und die drei Reitknechte und Stalldiener auf die übrigen Pferde sich
schwangen – wie die Herren Hofrath Brünings, Kammerrath Melchers und
Secretär Wippermann tiefe Bücklinge vor dem Grafen machten, ein Theil
der Hausdienerschaft neugierig gaffend aus Thüren und Fenstern zusah,
und wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebäude herauf zu werfen,
auf und davon fuhr, von seiner ganzen mitgebrachten Dienerschaft
begleitet. – Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten
aus Hofrath Brünings goldener Dose jeder eine Prise. – #Adieu partie!#
rief Windt droben mit komischem Zorn und schlecht verhehltem ernstem
Aerger. Der kommt sobald nicht wieder! Habe mir die Finger fast
abgeschrieben, bin krank und lahm geworden, habe in Doorwerth geschmorcht
und geschmachtet, bin davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen
Namen, nämlich dürr wie ein Windspiel geworden, habe Himmel und Hölle
beschworen, den regierenden Herrn zu bewegen, zur Schließung gütlichen
Vergleiches hierher zu kommen, habe mir endlich die Zunge fast aus dem
Halse geredet, Ihre Excellenz zu annehmbaren Vergleichsbestimmungen zu
bewegen, habe auf große Kosten Ihrer Excellenz und meiner Gesundheit die
schändliche Reise gemacht von Arnhem erst nach Amsterdam, dann wieder
zurück nach Arnhem und über Deventer durch das reizende Over-Yssel, von
dem schon die alte gereimte Schulgeographie singt:

    Over-Yssel, viel Morast,
    Macht das ganze Land verhaßt –

und noch dazu jetzt im März, nach dem geschmolzenen Schnee – und durch
die Grafschaft Lingen – auch eine schöne Gegend – und über alle tausend
Teufelsnester und Sumpfmoore, so groß, daß man in jedes ein paar kleine
deutsche Fürstenthümer versenken könnte – und Alles nun für nichts und
wieder nichts!

Aber, bester Herr Windt, Sie sind ja ganz außer sich! entgegnete dem
Odemschöpfenden der erstaunte junge Graf. Und an all’ diesem schweren
Unheil soll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht schon vor dem
Auftritt mit mir in Harnisch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn
ich habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu sagen; doch wenn Sie mich
schuldig glauben, lieber Herr Windt, so verzeihen Sie mir, denn ich bin
eben im Begriff, mein Vergehen zu sühnen – ich gehe auch fort.

Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erstaunt aus.

Heute noch, jetzt – in dieser Stunde – und auf immer. Mit meinem Willen
sehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, für so manche
mir erzeigte gütevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl,
und bleiben Sie der Großmutter wie bisher der beste, treueste,
redlichste Diener.

Ludwig drückte dem alten Manne mit Wärme die Hand, und schritt von
dannen, ohne die Gegenrede des von Staunen fast sprachlos Gewordenen
abzuwarten. In seinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp’s
Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Ludwig steckte den Brief zu sich
und befahl zu satteln. Eine halbe Stunde später sprengte er und Philipp
durch das innere Thor aus dem Schlosse, sie ritten den Parkweg. Mit
thränenumflorten Augen blickte Ludwig nach dem Fenster der Großmutter
hinauf, droben winkte wehend ein weißes Tuch den schmerzlichen
Abschiedsgruß.



4. Eine Lebensrettung.


Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die
frühlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fühlte, daß
seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn
zurücktrete, wie ein schöner Traum, daß eine eigenthümliche Welt hinter
ihm sinke, in der er heimisch und glücklich gewesen war, und mit dem
heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht
kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen
und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer
schlechtere Weg durch das Gehölz an den rauhen Boden der Wirklichkeit,
und störte gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglück.
Es galt, dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so
zu lenken, daß sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen
traten. Hie und da lagen noch von Buschwerk geschützte und gehäufte
Schneemassen, die weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen
vermochten, und so waren Herr und Diener herzlich froh, als nach einem
langsamen und beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein
Gehöft erreicht wurde, das aus nur wenigen Häusern bestand und den Namen
Clus führte; es saß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine
Schankwirthschaft.

Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern
die Füße der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in
seinen Gedanken, die auf’s Neue brütend und trübe wurden, in der Nähe
des Gehöfts, während Philipp dem Knechte behülflich war und mit diesem
und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf
des Jünglings Seele zu wirken vermocht hätte. Selbst der klare blaue
Morgenhimmel hatte getäuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so
viele und starke Nebel entdampft, daß sie emporziehend den Himmel wieder
völlig verdüstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und Fernsicht
nicht ganz, aber welche Aussicht und welche Fernsicht ließen sie frei!
Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit reichte
es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen ausgedehnten
Blick. Der Freund schöner, romantischer Gegenden darf nicht in diese
sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseeküstenländern erhebt nur
eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur Rechten
streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwärts bis
Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort
am Nordrande des beschränkten Rundes der Aussicht grenzten der
Kirchthurm von Bockhorn und die Windmühle dieses Ortes jene ab.
Westwärts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg – dort ein
einsames Gehöft – es heißt Grabhorn – dort wieder eins – es heißt
Grabstätte – und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf
einem niedrigen Hügel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte
Reichsgräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und
zeichnete seine düstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die
graue Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den
Fernblick völlig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet,
Gedanken düsterer Melancholie zu wecken und zu nähren.

Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben hervor,
und stärker klopfte sein Herz – was konnte der Brief enthalten?
Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben – nach dem was
vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderseitige
unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr:

»Der gestrige Vorgang trennt uns beide für dieses Leben, keiner von uns
darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen können wir einander die
gegenseitigen, in maßloser Uebereilung ausgestoßenen Beleidigungen, aber
vergessen können wir sie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und
widersinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein
noch unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst – warum sollte ich es zu
vernichten trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehört
nicht mir allein, es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren
Zwecken, denen ich diene und treu dienen werde, es gehört meinem
Vaterlande. Eines nur will ich aussprechen, und das allein ist der
Zweck, weshalb ich überhaupt noch einmal das schriftliche Wort ergreife.
Die alte Frau – in ihrer stets ungerechten und unbeugsamen Härte, in
ihrem unermeßlichen Stolze auf ihre Familie und ihre Abkunft – hat auf
das Empfindlichste die Ehre der Familie angegriffen, der sie sich doch
ohne Zwang verbunden hat. Wenn nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen
beliebte, wie in mir, das Blut jenes Ahnherrn, den sie nannte, fließt,
so wird derselbe nicht wollen und wünschen, daß seine deutsche Abkunft
wegwerfend behandelt und der französischen untergeordnet werde. Auch wir
haben Familienehre, auch wir haben einen Namen von hellem Klang und
guter Geltung, wenn wir auch nicht voll aragonischer Arroganz mit
Königskronen und Sternenmänteln halbmythischer Personen prahlen. Nicht
ererbter Glanz und hohe Namen eines wälschen Geschlechtes, das auch in
den Schoos seiner Verwandtschaft eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern
Thaten, Thaten des Muthes, der Aufopferung und der Treue, haben _unsern_
Vorfahren die Wege zu Ruhm und Ehre gebahnt. Jener berühmte William
schwang sich durch seine Treue und Einsicht von einem Leibpagen empor
zum Baron von Cirenchester, Viscount von Woodstock, zum Grafen – zum
Herzog von Portland, zum Pair von England. Er war es, der Wilhelm den
Dritten, Prinzen von Oranien, auf den Königsthron Großbritanniens hob,
er war es, der den weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und
zu Stande brachte, und den von langjährigen Kriegen erschöpften Ländern
die Ruhe wieder gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glück, in
weiblicher Linie von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel
abzustammen, dem Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode
gab. Meine Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der
Marine, sie sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Töchter des
Hauses vermählten sich in die angesehensten englischen Familien, eine
mit einem Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron,
u. s. w. Mein Großvater war Präsident des Rathes der Staaten von Holland
und Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften
in Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehören.
Der Zwist, in dessen Folge die Großmutter sich von dem Großvater
trennte, entsprang über die von ihrer Familie allerdings herrührenden
deutschen Güter, und die so oft von der Ersteren im Munde geführte
Beraubung ist nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene
Hülfe Dänemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine
wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwischen der englischen Linie
des Hauses und der niederländischen entstanden, hervorgerufen durch die
verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprüche an die
so zerstreut und fern von einander liegenden Besitzungen, ist genugsam
bekannt, doch auch erwiesen, daß sie in Güte und für ewige Zeiten
feierlich vertragen wurden, und nur die Großmutter ist es, die
unaufhörlich ihre an das Fabelhafte grenzenden Ansprüche immer auf’s
Neue erhebt, und wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt
zeigt, in einem und dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen,
daß nur ihr Tod diesen verwickelten Knoten lösen wird.

Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid – nie habe
ich gesucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüssel
einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht
oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam als _Sohn_ des
Hauses im Hause und als der Großmutter bevorzugter Liebling auferzogen
wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan ward.
Gefällt es der Großmutter, die so gern verhüllt und verheimlicht, den
Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so
werde ich sie gewiß nicht antasten; finden sich aber keine
rechtsbegründeten Ansprüche, und werden deren dennoch erhoben, so weiß
ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie
schuldig bin. Damit wünsche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den
Weg, und zeichne

                      _Wilhelm Gustav Friedrich,_
     des heiligen römischen Reiches Graf und regierender Souverain
                      von In- und Kniphausen etc.

    Schloß Varel, am 20. März 1794.«

Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang hatte
ihn versöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder, das heiße Jugendblut
kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen.

So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige »Souverain«, der Souverain
über ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den
nicht ebenbürtigen, ungesetzlichen Sprößling und Eindringling, herab! O
Großmutter, Großmutter! Ich sag’ es noch einmal: wärst du doch gestern
Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem
geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu
führen oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne
Schatten, beides ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sprach die
Großmutter? »Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen
Schatten!« – Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil –
mein Alles – mein Name ist ein Darlehn – auch nur ein Schatten, meine
Geburt – meine Abstammung, meine Herkunft – Alles Dunkel und Schatten –
so bin ich denn ein _Dunkelgraf_ – Hahaha! Es ist gleich sehr
lächerlich, wie zum Verzweifeln!

Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den
trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das
Schmerzgefühl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus
gestoßen zu sehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war so schön
und so sorgenlos, so freudenvoll und so glücklich dahin geflossen, wie
ein heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle
hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Gestein und
glänzende Kiesel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet;
ohne auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu sollen, hatte man
ihm doch eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht,
aber Ludwig sprach und schrieb auch gleich geläufig deutsch und
holländisch, englisch und französisch. An den ritterlichen Uebungen des
Reitens, Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künsten des
Weidwerkes im Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht
gespart worden. Der junge, körperlich zart, aber doch kräftig
entwickelte Mann vermochte das wildeste Roß zu bändigen, ein Boot durch
stürmisch empörte Wellen glücklich zu rudern, und hatte stets Gefallen
an solchen Uebungen der Kraft und Gewandtheit gefunden. –

Wohin denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieser Frage riß Philipp
den Sinnenden aus seinem grübelnden und brütenden Nachdenken, und diese
Frage war eine äußerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer, der
nach Norden zu den Städten und Orten und Inseln der Nordseeküste führte,
und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem
Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete;
doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine
Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt
des Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre
Bemühung lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hände
aufhielten.

Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus seinen träumerischen und
selbstquälerischen Gedanken auf, indem er die Ansprüche des Bauers und
des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an
diese Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen
Plan, keinen Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das
Friesische übersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so
sah sich der Graf Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem
fahrenden Ritter und Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt.
Er überdachte einige Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog
deren Schwere. »Nach den Niederlanden!« Dies setzte sich in ihm als
Hauptgedanke fest, aber welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen
einförmigen über Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der
frischen Nordsee, durch Friesland, wo täglich, ja stündlich sich
Gelegenheit bot, zu Schiffe zu gehen und die Welt zu durchfahren?
Nordwärts lichtete sich der Himmel und die Ferne, und die Bockhorner
Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein Spiel des Windes, rasch umdrehen;
südwärts schleierte die stehende Nebelwand alles ein, und so kam es, daß
Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit die abschreckende Schilderung einfiel,
welche ihm vor wenigen Stunden noch der Haushofmeister seiner
Großmutter, Herr Windt, von seinem Wege gemacht, raschen Entschlusses
auf seine Isabelle sich schwang und dem Diener, der ein Gleiches auf
seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf der sandigen Haidestraße
voransprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere wieder im gemachsamen
Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und führte in schnurgerader
Linie nach und durch Bockhorn, von da am Blauhand Grod und an
cultivirtem und nicht cultivirtem Geestland vorüber, bis fast nahe zu
den Deichdämmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit (soviel als
Herrschaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die Herrlichkeit
Kniphausen.

Schon erhob sich vor den Blicken des Reiters das stattliche
alterthümliche und feste Herrenschloß. Ludwig dachte nicht daran, auf
dasselbe, das Besitzthum des Mannes zuzureiten, der sein einziger, aber
auch zugleich sein bitterster Feind war, sondern wollte dasselbe rechts
liegen lassen, mit seinem Diener noch bis Jever reiten, und dort
Nachtrast halten. Ludwig kannte jenes Schloß; die Großmutter hatte mit
ihm auch dort bisweilen gewohnt, da der Vetter meist sich in den
Niederlanden aufhielt, es war groß und reich ausgestattet. Die Gedanken
des jungen Grafen konnten sich, so lange er in dem Bereiche der
Besitzungen der Familie sich befand, in der er sich selbst von den
ersten Jugenderinnerungen an gefunden und heimisch gefühlt, von dieser
nicht losreißen. Er dachte beim Anblick des Schlosses auch an den
jüngern Vetter, den Grafen Johann Carl, der sein Vaterland verlassen
hatte, um in England Kriegsdienste zu nehmen. Dieser hatte sich mit dem
älteren Bruder nie recht vertragen. Ebenso war der Oheim, der zweite
Sohn der Großmutter, in englischen Seedienst gegangen, hatte sich dort
vermählt und eine jüngere Linie begründet. Diesen hatte Ludwig nicht
gekannt; er war vor des Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775
verstorben. –

Als am Morgen dieses Tages der Erbherr mißmuthig und schweigsam aus dem
Schlosse Varel fuhr, war es seine Absicht, nur bis zum Strande zu
fahren, und sich auf seiner Jacht einzuschiffen, seine Dienerschaft
aber, bis auf die nöthigste, wieder zurückzusenden. Mit aufgeregtem und
grollendem Gemüth, und weit mehr von Haß und Aerger gegen die
Großmutter, als gegen den ihm im Wege stehenden Verwandten erfüllt,
sehnte er sich wieder auf das Meer, dessen stürmisch bewegte Wellen zu
dem unruhevollen Wogen seines Gemüthes paßten. Er wollte dann in rascher
Fahrt aus dem Jahdebusen steuern und längs der Inselkette der
Nordseeküste, von Wangerooge bis Norderney und Ameland segeln, dann
durch die Watten in die Zuyder-See einlaufen und Amsterdam gewinnen, wo
jetzt der Schauplatz seiner politischen Thätigkeit war. Vor der
Einschiffung aber wollte der Graf einen Weg, den seine Vorfahren um die
Mitte des Jahrhunderts angelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch
ihn erneut worden war, besichtigen und mit eigenen Augen schauen, da er
sich einmal im Lande befand, in welcher Weise seine Aufträge vollzogen
worden seien. Dieser neue Weg führte über das Gehöft Buppel zu einem
zweiten, welches vorzugsweise den Namen: »beim neuen Wege« führte,
übersprang dort das kleine Flüßchen Wapel und führte über Heupult nach
Jahde, dessen 1523 erbaute Kirche stattlich in Mitten der Häuser des
bedeutenden Dorfes stand, welche sich wie ein großer Zug wilder Gänse,
oder in Form des Gestirns der Hyaden unabsehbar erstreckten. Mitten
hindurch rann das Flüßchen Jahde und ringsum wurde außer den Häusern und
wenigen vereinzelten Bäumen nichts erblickt, als Dämme und Deiche, die
Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menschen mit dem
gewaltigen Element des Wassers, das fort und fort wühlend, steigend und
fallend, fluthend und ebbend, mit jedem Wellenschlage der Fluth
wiederholend und drohend anpocht, und verheißt, seine Drohungen wahr zu
machen, die es schon oft und zum starren Entsetzen ganzer, großer,
weiter und blühender Landstrecken wahr gemacht hat.

Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und besser
als die Wege außerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas
erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und hohen
Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackausdehnung den Jahdebusen und
seine Geesten umfängt. Als das Deichthor geöffnet war, rollte der
Reisewagen rasch über die harte Kiesfläche des unfruchtbaren
grobkörnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorüber und dem
Vareler Siel zu, wo die »schöne Susanna«, so hieß die Jacht des Grafen,
vor Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern
in der Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick
verfinsterte sich, als er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff
nicht segelfertig sei, und er entsann sich jetzt mit Verdruß, daß er
vergessen hatte, dazu Befehl zu geben, vielmehr wußten der Steuermann
und die wenigen Matrosen, die der Dienst des kleinen Schiffes
erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde mehrere Tage am Lande
bleiben, daher auch sie sich an demselben nach ihrer Art von der
widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber stieg der
Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann seines Schiffes
mit einigen am Lande geholten Arbeitern antraf, der eben nach der Jacht
sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff habe eine
Beschädigung erlitten, zu deren völliger Ausbesserung mehr als die Zeit
eines Tages erforderlich sei, eher könne die schöne Susanne ohne große
Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zürnen noch
Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelsten Stimmung, es
nicht fehlen ließ; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, und da er
mit seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen
konnte, so blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren,
oder nach einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn
angemesseneren Orte zu fahren.

Zur Rückkehr konnte sich der Graf unmöglich entschließen, denn sein
schneller Weggang sollte für die Großmutter eine Strafe sein – er faßte
daher rasch seinen Entschluß, befahl, daß die Jacht sogleich nach ihrer
Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke
von Heppens vorbei, in die Jahde-Strömung einfahren und am Rustringer
Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf längs
des sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs
(Dammes) bis hinunter zur Dan-Geest, ließ das Salze-Brak rechts, fuhr am
Ellenser Grod hin, und verließ erst drunten beim Marien-Siel den
Deichwall, um aus dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter
nordwärts zu eilen. Es verging eine gute Anzahl Stunden, durch
mancherlei Aufenthalt und der Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das
Oertchen _Accum_ erreichte. –

Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp ließen ihre Rosse gemachsamen
Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier
Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und plötzlich rief
Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? – und Ludwig gewahrte
jetzt auch, daß die Pferde in den rasendsten Sätzen galoppirten, daß der
Wagen gar nicht mehr auf der Fahrstraße war, daß er schwankend und
wankend wie eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das
Marschland gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick
umzustürzen drohte, daß der Kutscher wie ein Wüthender an den Strängen
zog und zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menschen
und Thiere die augenscheinlichste Todesgefahr vorhanden war. Das ist
ein Unglück! die Pferde gehen durch! – Dies rufend und sein Pferd in
Galopp setzend, dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig’s das
Werk eines Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele
seines Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser
Weise fuhr, so stürzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar
schmale, aber tiefe Flüßchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg
kreuzte. Mit einem furchtbaren Satze flog die kräftige Isabella über das
Bette des Flüßchens, und Philipp’s Brauner wollte sich nicht an Bravheit
von jener übertreffen lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den
durchgehenden Pferden entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll
Schreck, welcher Gefahr derselbe sich selbst tollkühn aussetzte, stach
seinem Rosse die Sporen noch einmal in die Seite und überholte die
Isabella, um mit kühner Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu
empfangen.

Wenige Secunden später, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knäuel
verwickelt wälzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein
Pferd gerade auf die entgegenstürmenden über und über mit Schaum
bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte
Noth, nicht auch zu stürzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern
standen zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch
versuchend, sich zu bäumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut
furchtbar blutig und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden
hervor, wie durch ein Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von
unerhörter Anstrengung schweißtriefend und an allen Gliedern zitternd,
vom Bock, und suchte seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker
fester Bau, sonst wäre er auf diesem Wege zertrümmert, stand – von fern
her liefen einige Menschen herbei, der Jäger und der Jokei, welche bei
den heftigen Stößen von ihrem Sitz im hintern Halbtheil des Wagens
herabgeschleudert worden waren. Der Graf ritt rasch zum Schlage, – da
lag ein marmorbleiches schönes Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in
regungsloser tiefer Ohnmacht, und ein zartes Kind, ein Mädchen zwischen
drei und vier Jahren, umklammerte mit seinen Händchen die Kniee der
Mutter und barg sein blondes Lockenköpfchen in deren Schoos, ebenfalls
ohne sich zu regen; der Mutter Arme und Hände waren um das Kind
angstvoll geschlungen. Rasch schwang sich der Graf vom Roß, riß den
Schlag auf und hob das Kind heraus.

Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen –
wir todt!

O Himmel, die Gräfin! seufzte Ludwig erschüttert und sprach zu dem
Kinde, einen flüchtigen Kuß auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht
sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein!

Doch – Mutter – sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte.
Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin ist nur ohnmächtig! Mit Hülfe
der herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles
Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand sich
im Wagen ein Fläschchen mit kölnischem Wasser. Decken wurden auf den neu
hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Gräfin wurde sanft und
vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr
Haupt gestützt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig
kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen
gesättigten geistigen Flüssigkeit, die so falsch kölnisches Wasser
heißt, und kölnischer Weingeist heißen sollte, die Schläfe.

Die Gemahlin des Erbherrn von In- und Kniphausen, Ottoline Friederike
Louise, geborne Gräfin von Lynden-Reede, Tochter des holländischen
Gesandten am königlichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und
hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie!

Da bin, Mama! rief das Kind.

O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor.
Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um sie
bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zärtlich an sie
anschmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und bestürzte Dienerschaft
– doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurück. Dort
stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde
stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war
eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch
wunderbaren Zufall auf diesen Weg führte!

Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und versuchte
sich zu erheben, wobei sie aber seiner Unterstützung bedurfte, und mit
einem schmachtenden Blick aus ihren schönen blauen Augen ihn lohnend,
blieb sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Stütze war, und
suchte ihre dahin geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln.

Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den
beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben
Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die
Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne
daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich
fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der
Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das
hintere Theil verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze
die Pferde fort und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen,
und auf die andern Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von
dannen rannten. Wenn der junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen
Augenblick der Rettung dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt,
denn die Pferde hätten sich sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt,
auf die sie unaufhaltsam zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei
Gott beschwören! – Todt! todt! rief schaudernd die junge, schöne, im
vollen Leben reizend blühende Gräfin aus. Todt – ich und meine kleine
Marie! – Stehe auf, Klas – mir schaudert. Ich will dir glauben! – Nicht
todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit seinen Händchen
nach der Hand der Mutter.

Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren
Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach
einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand.

Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline. Sie
hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?

Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf
dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte – zur Seeküste. Ein
glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und
ich danke diesem – aber –

Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren
Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein
anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daß der Abend naht, und wie
ich angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen?
Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden –
und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft
Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres
Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener
folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie
einen bessern Rath?

Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu
besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen,
antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die
Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was
da wolle.

Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem Schlosse,
das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und dessen hohe
zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache Gegend
zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden
hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind
sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne
Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten
Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu
schlichten, und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben,
daß er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier
eintreffen zu können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer
Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei
Tage hier verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam
antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin – was wissen
Sie von meinem lieben Mann?

Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade
liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten,
läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und
Blässe sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin – allerdings komme ich von
Varel, aber um nie wieder dorthin zurückzukehren – und der mich von dort
wegtreibt, ist – Ihr Gemahl!

Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick.

Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer – das
kam wie ein Blitz – ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre!
nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit – auch in mir
flammte nun Zorn auf – es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich –
gehe – denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr
Gemahl, gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel –
wahrscheinlich um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die
zwischen uns trat, nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint
er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich
auf seine Jacht begeben, doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg
über Bockhorn einschlug. Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau
Gräfin, daß ich ganz unmöglich Ihr Schloß betreten kann und darf, das
Haus eines Mannes, der mich haßt und mich, was mir noch schwerer fällt
zu tragen, verachtet.

Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden,
mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen
nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie
beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu
verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür
kennen auch Sie ihn sicherlich – und haben Sie ihn und wär’ es tödtlich,
beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben
Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich
an ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.



5. Der Falk von Kniphausen.


Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, käme, und _mich_ in seinem
Schlosse fände, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen – was
hätte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung,
sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthänig, an
des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das
Glück meines künftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem Himmel
dafür danken, daß mir vergönnt wurde – was wir gewiß für eine Fügung
Gottes halten dürfen – Ihnen den heutigen Dienst mit Hülfe eines treuen
Dieners zu leisten – aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal
nicht!

Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines
Feindes Haupt gesammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber
Cousin, Sie sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und
Verweserin der Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie
sind jetzt mein mir auf Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo
wollten Sie denn nun auch noch hin – da der Abend schon anbricht? Und
Sie wissen ja, daß in unserm Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt!
Wie befindet sich denn unsere noch lebende Ungnade, die Alte?

Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte
Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spöttische Weise
verletzt, welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so
kann ich berichten, daß hochdieselbe nach den Umständen, die deren hohes
Alter mit manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden.

Ich höre das immer gern, lenkte die Gräfin ein. Wie schroff und
wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch
haben, sie zu lieben, achtungswürdig ist sie mir stets erschienen. Auch
ist sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. – Wir alle werden nicht
besser mit den wachsenden Jahren, und ändern kann sich nun einmal eine
Frau von neunundsiebenzig Jahren nicht mehr.

Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über diese würdige Greisin
gefällt werde, hold oder abhold, günstig oder ungünstig – versetzte
Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und
liebende Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden –
und das eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich
nicht glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so
furchtbar gegen mich in Harnisch brachte, daß er seiner selbst vergaß.

Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein
lieber Cousin! erwiederte die Gräfin ernst und voll der mildesten
Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken
lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich
heiße Sie von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen.

Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen
zu gehorchen – die Herrin ließ ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie
ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog,
gebot sie der Dienerschaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die
größte Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und
verwundert, die Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer
Weile erst die Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und
abgehetzten Pferden, von denen das eine sich im Stalle sogleich auf
seine Streu legte und nach einigen Stunden todt war.

Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem
prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wünschte sich weit hinweg, so sehr
ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam – um keinen
Preis hätte er doch hier ihm gegenüberstehen mögen, und deshalb war er
von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenstände, die das
Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, daß sie doch
nichts in seiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände
waren von flandrischen Tapisserien überkleidet, deren Gegenstände im
großartigen Style Raphaelischer Kunstschöpfungen gehalten und
meisterhaft gewirkt waren. Das Getäfel der Fensterwände war von
Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertäfelungen der Zimmerwände.
Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der
Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden Zimmer
verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick ungehemmt über
die Marschlandfläche auf den breiten Silberspiegel des Jahdestroms und
jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine Bezeichnung sandiger
Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen. Dahinter begrenzte das
weit nordostwärts sich hinstreckende Geestland und die Hügelwellen der
Dünen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser Aussicht, welche Graf
Ludwig längst kannte, ließ die innere Unruhe, in der er sich befand,
keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte sich wieder ab, ohne zu
sehen, daß ein Reisewagen, von mehreren Männern zu Roß gefolgt, dem
Schlosse sich rasch näherte.

Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz außergewöhnlichen
Kunstwerk, das auf einem eigens für dasselbe bereiteten Pfeiler von
kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fußhoch und stellte einen
Falken dar, dessen Körper völlig aus Edelsteinen bestand, die dicht
aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefügt, den Kenner
neben dem Werth als Kunstwerk auch den außerordentlichen Geldwerth
dieses eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen ließen. Der Vogel stand
mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem
Fußboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei künstlich
geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus
Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die
Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flügel bestanden aus formgerecht
zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden,
heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten
Stellen des Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der
weißen Federn vertraten. Die Füße waren mit himmelblauen Türkissen
überkleidet, und die schwarzen Klauen waren aus Labradorstein
geschnitten und äußerst natürlich eingefügt[2].

    [Fußnote 2: Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt
    gewesene bewunderungswürdige, Deutschland leider entzogene
    Kunstwerk ist in der Londoner illustrirten Zeitung #Vol. 19.
    Juli to Dec. 1851# S. 133 mit der Unterschrift: _#Jewelled Hawk,
    exhibed by the Duke of Devonshire#_ abgebildet und ausführlich
    beschrieben.]

Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der Hand und
gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes
Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt
Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe in ihrem ganzen Wesen
die holdeste Lieblichkeit offenbarte.

Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch
unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an
dieses kunstvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich sächsischen
Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar eine hohe und
wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Versöhnungspokal, ein werthes
Erbstück der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung
in derselben nach langem betrübenden Zwiespalt, und heißt »der Falk von
Kniphausen«.

Ottoline erfaßte das Kunstgeräth, schlug leicht den Kopf des Vogels
zurück und es zeigte sich, daß das Innere von glänzendem Golde war Einen
Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem
edelsten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als
die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hingetrippelt war, zu sich
emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das schöne Kind liebkosend an
sich drückte.

Die Gräfin kredenzte nippend den köstlichen Wein im köstlichsten
Trinkgeräth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von
Gefühl bewegt und überglüht von einer schönen Wärme des Gemüths: Ich
bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That,
die ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie
vergessen soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem
Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten
Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bieten, als das Gefühl innigster
Dankbarkeit und lebenslänglicher Freundschaft.

Möge diese Lebensdauer eine glückliche und gesegnete sein bis zu der
Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den
Becher ergriff, und mit gehobenem Gefühl seine Augen fest auf ihre
himmelvollen Augensterne richtend, ihn zum Munde führte. Draußen im
Vorsaal ein starker männlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen
der Thür, und der Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen
nicht trauend, wie von Eis übergossen.

Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überrascht aus und flog an
seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr
diese Liebkosung und sprach schneidend: Ich störe hier! – indem er
zurücktreten zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade
betroffen setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und ließ das Kind auf
den Boden gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm
gehalten sein, und sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!

Ottoline fühlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen
Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich
darstellte, auf ihn machen mußte – sie faßte rasch alle ihre geistige
Kraft zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um
Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du
es dankst, daß du mich noch hast, daß unsere Kinder noch eine Mutter
haben, daß unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank
dargebracht nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst,
muß ich deinem Gefühl überlassen. Ich weiß, du wirst so danken, wie es
deiner würdig ist. – Der Erbgraf faßte sich mühsam, aber er faßte sich,
und trat einige Schritte näher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der
Herr Vetter hört hier ein Echo der letzten guten Lehre, welche mir die
Frau Großmutter gab; hätte ich doch kaum geglaubt, daß ein Schall von
Varel bis zu Schloß Kniphausen reiche. Bin ich in der That so hoch
verpflichteter Schuldner geworden, so will ich jetzt nicht mit Worten
danken, sondern später durch Thaten. Niemand soll sagen, Schloß
Kniphausen sei ein ungastliches Haus geworden, also bis auf Weiteres
einstweilen zwischen uns – Waffenstillstand.

Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Augen, eilte Ottoline
zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, füllte ihn auf’s Neue,
hob ihn gegen den Gemahl und sprach: _Ich_ habe den Pokal dem Retter
meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit
uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, daß dieser Pokal ein Denkmal ist
erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche
und wohlwollende Gesinnung, daß die Stunde, die sein Entstehen aus
Künstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein
konnte, als diese, die wir so eben feiern – denn jene Versöhnung
streitender Glieder einer getrennten Familie, die wieder zu einer
einzigen werden wollten, galt doch nur dem Mein und Dein des irdischen
Besitzthums, während wir ungleich inniger danken sollten für ein höheres
neugeschenktes Besitzthum. Darum nicht Waffenstillstand, sondern –
Versöhnung!

Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beschämt mich
zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, daß Sie mir mehr
als verdient, ja überschwänglich gedankt!

Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre
stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October
1791 mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und
wie tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre
Aufforderung verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und
die Großthat des jungen Verwandten würden schwer genug wiegen, um allen
Groll aus ihres Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er
ihr eine Bitte versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm
schwer genug, durch die politischen Verhältnisse und die
Verpflichtungen, die er übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr
und seinen zarten Kindern getrennt zu sein. Mühsam rang der Graf nach
Fassung, bewältigte sein inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr
– kennt meine Gesinnung. Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so
stehe ich zu Diensten. Ich gehorche meiner romantischen Gemahlin und
trinke aus diesem Falken von Kniphausen. Möge sein Wein nicht die
Eigenschaft jenes Getränkes haben, das die Zauberjungfrau im berühmten
Oldenburger Horn unserm Ahnherrn, dem Grafen Otto darbot. – Der Erbherr
trank und reichte den Pokal an Ludwig.

Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen
Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das köstliche Trinkgefäß und
sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen
und edeln Hauses!

#»Drink al ut!«# sprach mit dem sanften Lächeln der schuldlosesten
Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schönen Spruch, den das
Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und
begeistert von so liebevollem Wort leerte der junge Graf den Goldpokal
bis zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das
Ottolinens, völlig die doppelsinnige Schärfe der Anspielung des
Erbgrafen zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier
Lieblichkeit und Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Güte
eines jungen weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die
Versöhnung für vollkommen.

Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer Blick
sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er wahrzunehmen
glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu umgarnen: der
Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits Entdeckungen zu
machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der heimathlichen
Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des Abends beim
Thee ruhig und kalt-höflich, und sah es nicht ungern, daß Ottoline,
indem sie vom Schrecken der überstandenen Gefahr sich doch angegriffen
fühlte, sich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünschend, sprach
sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frühstück, hoffe ich, wollen wir uns
alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der Falk von
Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe
Ottoline sehen. Träumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht!

Der Erbherr fand nicht für angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen
– er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und
schied mit höflichem Wunsche.

Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühstück fand nicht Statt. Das
von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb.

Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in
seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth
umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm
mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er sogleich schlafen können nach
Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er
doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten
werde, aber wie ungern schied er nun!

Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz über ihn. Rasch jagten
sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und
Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden – er hielt wieder den Falk
von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene
Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline
schmiegte sich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie
küßte ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute
der Traum die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm
gegenüber mit der tödtlichen Waffe, und da stand auch wieder die
Großmutter, als ob sie lebe, in der Glorie ihres starren Stolzes
zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber nicht Jenem galt ihr zürnendes,
strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres alten ahnenreichen Stammes
sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete sie ernste Worte mit
tiefer männlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig schon einmal
vernommen hatte. »Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein von allen
unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und Neigung und
Sinne sich dagegen sträuben. Auch du wirst durch die schmerzlichen
Flammen der Läuterung gehen – o gehe rein aus ihnen hervor!« – Diese
Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an deren Stelle;
lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der
Heerlager, berghohe Meereswogen – Stürme und ruhige See – hohe Burgen
und Schlösser – stille Thäler – eine Siedlerklause – eine
dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und in dieses Grab
hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles
Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all’ sein Glück.

Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe
gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forschend an, ob sie den
Blick vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage;
aber sie sah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer
Blick sie erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du
nicht froh?

Ottoline, sprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Busen um, zu
erleben, was ich heute und gestern erlebt, daß ich kommen muß und sehen,
wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem Menschen
kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Mannesehre auf das
Ehrloseste beleidigt und dessen Hand und Mund jenes Geräth für immer
entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphausen niemals wiedersehen,
ich trank, von dir gezwungen gleichsam, zum letztenmal daraus. Dein
überspanntes Gefühl der Dankbarkeit riß dich hin; daß er die
scheugewordenen Pferde aufhielt, war seine Schuldigkeit – die
Dienerschaft erzählte mir bei meinem Eintritt ins Schloß schon Alles –
die Pferde wären auch wohl von selbst vor der Made stehen geblieben. Ein
Mann von Ehrgefühl wäre nicht mit in mein Schloß gegangen.

O Gott! so hätte ich gefehlt, daß ich wiederholt in ihn drang, da er
sich doch entschieden weigerte! rief Ottoline.

So? er weigerte sich also entschieden – und doch nicht entschieden genug
– sein weiches Knaben-Herz vermochte nicht, der süßen Bitte des holden
Mundes meiner Gemahlin zu widerstehen?

Der Ton, mit welchem der Erbherr dies sprach, füllte Ottolinens Herz mit
Weh, ihre Augen mit Thränen; sie begann leise zu zittern.

Du machtest mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte
das Gastrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient,
aus dem Hause werfen – konnte aber auch die Größe seiner That nicht so
hoch würdigen, wie du. Er ist ein Mensch ohne Geburt, ohne Ehre – wir
können nicht ferner mit ihm verkehren – und da sein Dünkel und sein
Bewußtsein, Schoosliebling der Großmutter zu sein, ihm jedenfalls Anlaß
sein wird, die Belohnung, die ich ihm bieten könnte, zurückzuweisen, so
mag er sich mit der, die du etwas vorschnell, nur von deinem Gefühl und
nicht von Ueberlegung geleitet, ihm zu Theil werden ließest, genügen
lassen.

Du machst mir Vorwürfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebrochener Stimme
Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte – ich konnte ja nicht ahnen,
daß –

Hätte er dir verhehlt, daß Spannung zwischen uns getreten? fragte
forschend der Graf.

Nein, nicht ganz – er deutete mir an, indem er sich weigerte, mich zu
begleiten und hier zu weilen, daß du ihm feindlich gesinnt seist, daß
eine unbedachte Aeußerung seinerseits gegen dich, die auf Ehre nicht
habe verletzen sollen, dich so sehr gegen ihn aufgebracht habe, daß du
ihn haßtest, ja verachtest.

Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm.
Es freut mich, daß er dir ehrlich die Wahrheit sagte, wie er es gewesen,
der zuerst mich reizte. Wenn er dies fühlte, war es an ihm, zu
widerrufen, aber was that er, als ich ihm heftig entgegnete? In
wahnsinniger Wuth fluchte er mir, und mit mir dir, unsern Kindern,
unserm ganzen Geschlecht. Ewigen Hader, ewige Verwirrung wünschte er auf
uns herab! In seinen blindwüthenden Fluch wob er, da er doch wissen
mußte, wie sehr ich dich liebe, Trennung ein zwischen dir und mir – zu
einer Leibeigenen soll ich herabsteigen, Bastarde, wie er einer ist,
soll ich mit ihr zeugen, die ganze Verwandtschaft soll mich hassen und
verabscheuen, und in steigender Verarmung soll ich untergehen.

Das war zu viel für ein zartes, noch von keinem unreinen Gedanken
beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, stieß
einen leisen Schrei aus, fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen, in
dem sie einen Schmerz fühlte, als wenn Dolche darin wühlten. Ihr
vorhiniges Zittern ging in Zuckungen über, sie fiel in heftige Krämpfe –
entsetzt sprang der Graf vom Stuhl auf und bog sich über sein schönes
leidendes Weib. Mit stieren Zügen, die sich verzerrten, stieß Ottoline
den Gemahl von sich, und er eilte außer sich vor Schmerz und neuerregter
Wuth zur Klingel, welche die Kammerfrau herbeirief. – Es war sein Werk,
Alles was vorging und folgte. –

Am andern Morgen, als Graf Ludwig sich erhoben, trat Jacob, des Erbherrn
Jäger, bei ihm ein und meldete, daß sein Gebieter bedauere, das
Frühstück nicht mit dem Gast theilen zu können, die Frau Erbherrin sei
in der Nacht wahrscheinlich in Folge der gestrigen Aufregung und des
Unfalles, tödtlich erkrankt.

Ludwig’s Herzblut stockte bei dieser Nachricht – er vermochte den
nichtssagenden Wunsch baldiger Besserung kaum zu stammeln und den
Auftrag, daß er sich der regierenden Herrschaft empfehlen lasse. Philipp
wurde sofort mit dem Befehle entsendet, zu satteln.

In Gedanken der schmerzlichsten, schwermuthvollsten Art setzte Ludwig
seine Reise fort; der Morgen war heute himmlischschön, nebelfrei – ein
seltener Tag in dieser Küstengegend – aber Ludwig’s Gemüth erfreute sich
heute nicht am schönen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schlosse
Kniphausen zurück, dessen hoher Thurm erst dann den Blicken sich entzog,
als Ostringfelde fast erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz lastete auf
des Jünglings Herzen. Das Dörfchen und Gut Ostringfelde liegt am Wege
von Jever nach Varel, und der Weg von Kniphausen über Accum stößt dort
auf den ersteren. Aus den malerischen Baumgruppen des gutsherrlichen
Gartens erhob sich weit sichtbar und die Umgegend weit überschauend eine
alte Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein seltener
Anblick, denn der burgähnlichen größern Schlösser sind nur wenige im
Lande, dessen Charakter so gänzlich abweicht von den an alten Burgen von
malerischer Schönheit reichern Gegenden des mittleren Deutschlands.

Ha! der Marienthurm! – unterbrach in der Nähe dieser Warte Ludwig sein
bisheriges Schweigen, indem er stillhielt und sich vom Pferde schwang.
Halte die Isabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zügel seines
Rosses dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das
Heimathland überschauen, das ich verlasse. Dieser Ort ist mir lieb und
wohlbekannt, hier in der Nähe ließ die Großmutter nach Münzen der alten
Römer suchen, ich war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden.

Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu
besteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch
nicht, wie in späterer Zeit, von neuerwachter Pietät mit einem
Schieferdach gesichert, gestattete dem, welcher Lust hatte, von ihr
einen Blick auf die Gefilde Ostfrieslands zu werfen, diesen Genuß in
vollem Maaße.

Auch eine versunkene Herrlichkeit! sprach Ludwig zu sich selbst, indem
er zunächst hinabblickte in des Thurmes nächste Umgebung: übergrüntes,
von Schutt und Erde bedecktes Gemäuer in weiter Ausdehnung und
verwilderte Gärten. Hier stand das bewunderte Schloß der Erbtochter
Maria, der schönen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Großmutter mir
erzählte. Und dieser Thurm ist der einzige sichtbare Rest jenes stolzen
Baues, an dessen Stelle und aus dessen Steinen unten das niedrige
Herrenhaus, einstockig und einförmig wie alle die Häuser der hiesigen
Landgüterbesitzer, erbaut wurde, niederländisch reinlich, wohnlich und
bequem eingerichtet, aber nie darauf berechnet, herrisch in die Ferne zu
wirken, wie zum Beispiel Schloß Kniphausen.

Dort lag es, dort lag es, stolz und stattlich und von dieser Thurmhöhe
gut erkennbar, das Schloß, nach welchem Ludwig so ernst, so sinnend, so
sehnsüchtig und beängstigt zurück blickte, mit aller verzeihlichen
Schwärmerei eines neunzehnjährigen Jünglings, den zum ersten Male in
seinem Leben der Wunderstrahl des »ewig Weiblichen« berührt hatte, und
ihn liebend »hinanzog« in die hohen und reinen Sphären einer idealen
Welt. Verloren gingen dem jungen Schwärmer die Reize der zwar flachen,
aber doch an Schönheiten keinesweges armen Gegend, des gesegnetsten
Landstrichs im heutigen Großherzogthume Oldenburg; die zahlreichen
Dörfer und Gutsgebäude mit ihren nach niedersächsischer Art einzeln
stehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehöfts gelegenen,
strohbedeckten Häusern; das fette, mit grünen Saaten prangende
Marschland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die sich nur zu
belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landschaft
mannigfaltigen hochmalerischen Schmuck zu verleihen. Dort das Städtchen
Jever, die Flecken Accum und Neustadt, dort das kleine Flüßchen,
welches sich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwärts als Made,
auf längerem Wege beim Rustringer oder Knipenser Siel, theils auf
kürzerem ohne weitere Benennung beim Marien-Siel in den Jahdebusen zu
rinnen. Ludwig konnte genau die verhängnißvolle Stelle an der Made
erkennen, einige alte Weiden machten sie ihm kennbar, wo ihm am
gestrigen Nachmittag so unerwartetes und unverhofftes Glück begegnet
war. Ein Glück, welches nur ein Traum war – ach ein kurzer, schöner und
schmerzlicher Traum.

Lebhaft traten an diesem Orte, auf dieser Thurmzinne, Bilder der
Vergangenheit vor die Seele des Jünglings: der Großmutter ehrwürdige
Gestalt hatte in stillen Stunden in ihrem Arbeitszimmer, wenn er bei ihr
saß und für sie thätig war, ihm diese Vergangenheit entrollt in
überreicher Fülle, und doch barg sich noch so manches Geheimniß unter
den Farbentönen; manche dieser Bilder waren blos oberflächlich übermalt
mit dem trockenen Tone der alltäglichen Geschichte, wie die Lehrbücher
sie enthalten; das reiche farbenglühende Gemälde darunter konnte ja dem
Knaben noch nicht aufgedeckt werden. So war es der Fall mit diesem
einstigen Schlosse, mit diesem Thurme. Der letzte Abkömmling in
weiblicher Linie von Theodorich dem Glücklichen, Grafen zu Oldenburg,
jene Maria, hatte als Erbtheil die reiche Herrschaft Jever besessen. Sie
erreichte ein hohes Alter, ohne sich zu vermählen, und erbaute an dieser
Stelle das herrliche Schloß, nachdem sie im Jahre 1532 von Kaiser Carl
V. als Herzog von Brabant und Burgund die Herrschaft in Lehn genommen.
Eigen und wunderbar war ihr Walten; sie war eine Mutter des Landes und
allgeliebt, und noch heute lebt ihr Wirken und ihr Name im Lande dankbar
gesegnet fort und der Marienthurm selbst wird noch in hohen Ehren
gehalten; der von ihr angelegte Siel führt noch ihren Namen.

Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr
Erbe, aber starr, wie die alte Reichsgräfin, gab es Maria dem, dem sie
die Fülle ihrer gnadenreichen Gunst zugelenkt, Johann dem Sechzehnten,
Grafen zu Oldenburg, indem sie ihm ausschließlich die Herrschaft
vererbte.

Vergleiche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen dem über die
Vergangenheit sinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte Ahnherrin
und noch mit dem Wunsche das Auge geschlossen, es möge ihr
Residenzschloß erhalten bleiben – die örtliche Sage kündete, daß in
dessen Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die
Herrschaft Jever und die Herrlichkeiten Varel und Kniphausen zusammen
werth seien – und der Erbherr die Herrschaft angetreten, so war auch
Zwist und Hader erwacht, und das Schloß sammt der Herrschaft wurde zum
Erisapfel. Siegreich gewann Graf Johann den von seinen um die
Miterbschaft ringenden Verwandten vor dem brabanter Lehnhof anhängig
gemachten Rechtsstreit; aber sein Sohn Anton Günther trat unkluger Weise
das schöne, vom Vater ihm überkommene Erbtheil an den Fürsten von
Anhalt-Zerbst, den Sohn seiner Schwester Magdalene, ab, und von diesem
1793 aussterbenden Hause fiel die Herrschaft Jever als Kunkellehen an
Auguste Friederike, die einzige überlebende Prinzessin des Hauses
Anhalt-Zerbst, welche als Kaiserin Katharina II. auf Rußlands Throne
saß. Dadurch setzte Rußland seinen Fuß zuerst als reichsfürstlicher
Gebieter auf deutschen Boden. So wunderbar fügen und verschlingen sich
die Geschicke mancher Orte und Länder. Der Sprößling des Hauses
Oldenburg und Delmenhorst, Graf Ludwig, stand jetzt im ehemaligen Lande
seiner Väter und Ahnen auf einer russischen Warte. Die weitentfernten
Besitzer hatten das Schloß nicht erhalten können, nicht erhalten wollen,
so war es verfallen, und fast nur die Sage erzählte noch seine
Geschichte, und flüsterte geheimnißvolle Mären von der schönen
Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht minder schönen
Maria, Erbtochter von Burgund, gewesen war, von verschwiegener Liebe und
von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von Dingen und Thaten, mit denen
sich viele Bücher füllen ließen.

Noch einen innigsehnsuchtvollen Scheideblick hinüber zum Schlosse
Kniphausen mit liebevollem, zärtlichem Bangen, und dann ein Losreißen
von dieser einsamen, erinnerungsreichen Stelle – ein zweiter, stummer
tief empfundener Abschied.



6. Ein Geheimniß.


In Frankreich stand die Revolution mit allen ihren Schrecknissen und
blutigen Gräueln in voller schauderhafter Blüthe. Der Erbadel war
abgeschafft, seine Angehörigen waren gouillotinirt oder entwichen, der
König und seine Familie war hingerichtet, allen Fürsten Europa’s war der
Krieg erklärt, und für alle Länder die Beglückung durch Aufruhr, Mord
und Brand ausgerufen und angesagt. Die Girondisten waren der
fanatisirten Volksmasse, die aus lauter Henkern bestand, zum Opfer
gefallen, und Frankreich wüthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind,
auch der allergrausamste nicht, gegen dasselbe zu wüthen vermocht hätte.
Die Unvernunft versuchte, Gott und den Glauben abzuschaffen, und hob die
Vernunft in Gestalt einer nackten Metze auf die entweihten Altäre, bis
es der Willkür des Blutmenschen Robespierre gelang, durch den Convent
anbefehlen zu lassen, daß es eine Gottheit gebe und eine Unsterblichkeit
der Menschenseele. Auch dieses Ungeheuer traf später die rächende Hand
aus der Höhe, aber die Unthaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte
neue, wie aus dem heißen Schlamm immer neues ekles Gewürm kriecht, und
verderbliche Miasmen ausdampfen.

In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geschlossene Friede von
Versailles zwischen England und Frankreich die letzte Epoche gewesen,
welche eine kurze Zeit den Janustempel geschlossen hielt. Frankreichs
Tollheit wirkte ansteckend nach allen Seiten hin und zudem hatte unterm
1. Februar 1793 der französische Nationalconvent auch an den
Erbstatthalter von Holland, wie an England, den Krieg erklärt, und die
Wogen der Nordarmee wälzten sich über die Gefilde von Geldern und
Flandern, während in der Vendée ein seinem Königshause noch immer treues
Volk sich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf stürzte, und Schaaren
der gegen die Vendée geführten Carmagnolen vernichtete. In solchen
Zeiten ist nicht gut reisen, und schwerlich würde Graf Ludwig mit seinem
treuen Diener Philipp Scarre, so war dessen Vatername, ohne manchen
lästigen Aufenthalt oder persönliche Gefahr das nächste Ziel seiner
Reise, Amsterdam erreicht haben, wenn er nicht so einsichtsvoll gewesen
wäre, den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsrast
in Jever verfolgte der junge Reisende seine Richtung gerade nordwärts
auch ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der
Nordseeküste, das Wangerland.

Da lag es, das unermeßliche Meer, mit seiner langgestreckten Inselkette,
und hell, wie ein Silberstreif im Sonnenscheine, zeigte sich in der
Ferne die Insel Wangerooge dem Blick. Im Friedrichs-Siel wurde indeß
kein Schiff angetroffen, welches groß genug gewesen wäre, die Pferde
aufzunehmen, und von seiner treuen Isabella, deren Trefflichkeit ja erst
am gestrigen Tage sich ihm so herrlich bewiesen hatte, hätte sich der
junge Graf jetzt um keinen Preis trennen mögen – ungern genug hatte er
schon auf die Begleitung des Hundes verzichtet, da er sich selbst sagen
mußte, daß er auf einer so wechselnden Reise denselben bald genug
einbüßen werde. Es war daher der Hund einstweilen oder für immer dem
Kammerdiener Weisbrod zu guter Obhut übergeben worden. Die Reiter
setzten ihren Ritt längs der Küste Ostfrieslands noch eine kleine
Strecke westwärts fort, und hatten bald die Freude, in der
Karolinen-Rhede mehrere segelfertige Schiffe zu erblicken, und nach
kurzer Unterhandlung mit dem Kapitän eines derselben, das nach der
Zuydersee steuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitän war in Stand gesetzt,
schon nach Verlauf weniger Stunden die Anker heben zu können; der
frische Ost, der den ganzen Tag wehte, verhieß gute Fahrt nach Westen,
und da das Schiff seinen Curs nicht durch die unsichern Watten zwischen
der ostfriesischen Küste und den Inseln des Wangerlandes nahm, sondern
zwischen Wangerooge und Spikerooge in die Harle fuhr, so gewann es mit
der günstig eingetretenen zurückrollenden Fluth bald das offene Meer,
und fuhr auf sicherer, von Sandbänken unbedrohter Bahn Angesichts der
Inselkette, an Oster- und Wester-Langeroog und Baltrum vorüber, nach
Norderney und Juist zu, während die Nacht sich allmälig und spät
dämmernd niedersenkte und der Mond seine zauberische Strahlenfülle auf
die unermeßliche Nordsee niedergoß.

Die erste Erscheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerksamkeit des
jungen Reisenden, wie seines Dieners in hohem Grade auf sich lenkte, war
ein anderer Reisender, welcher mit dem Kapitän sehr gut bekannt, sogar
vertraut schien, äußerst gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen
eine auffallende Aehnlichkeit hatte, nur daß der Erstere etwas älter
aussah und auch wirklich war, sonst hätte man beide für Zwillingsbrüder
halten können, und wie diese Aehnlichkeit Ludwig und seinem Diener
auffiel, so schien sie auch dem andern Theil aufzufallen. Der Kapitän
hatte um so mehr für schicklich gehalten, die Reisenden einander
vorzustellen; er konnte dies, denn er hatte den Namen des Jüngeren
derselben in dessen Paß gelesen; da aber zufällig der Kanzlist, welcher
diesen Namen mit großem Fleiße geschnörkelt, das /r/ im Namen /Varel/
nicht /r/, sondern /ı/ geschrieben hatte, so war es nicht zu verwundern,
daß der Kapitän statt Graf Varel – Graf /Vavel/ las, und unter diesem
veränderten Namen ihn seinem Reisenden vorstellte. Ludwig vernahm den
Irrthum, fand sich aber nicht veranlaßt, denselben zu berichtigen, um so
mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit ließ, sondern alsbald den Namen
des Reisenden nannte: Herr Leonardus Cornelius van der Valck, Sohn von
Herrn Adrianus van der Valck, berühmten Kauf- und Handelsherrn zu
Amsterdam.

Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das Wort:
Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, und wie ich hoffe, einen
Reisegefährten in Ihre Vaterstadt zu finden, und dies doppelt, da ich
den Namen Ihres Hauses bereits rühmlich nennen hörte, ja ich glaube
nicht zu irren, daß ich unter andern an dasselbe sogar empfohlen und
gewiesen bin, und dessen guten Rath in einigen geschäftlichen
Angelegenheiten mir zu erbitten haben werde.

Der Fremde entgegnete mit einer entsprechenden Offenheit: Mein Herr
Graf, ich, wie mein väterliches Haus sind ganz zu Ihren Diensten, und
mich besonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rückkehr Sie selbst
bei uns einführen darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in
Amsterdam waren, so wird es Ihnen immer von Nutzen sein, in dieser
großen und jetzt noch dazu sehr aufgeregten Stadt einen kundigen Führer
zu haben.

Gewiß, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar für jeden
Dienst sein, den Sie mir erweisen zu wollen so gütig sind.

Der Kapitän endete die anfangs unvermeidliche steife Förmlichkeit der
ersten Unterredung durch den Vorschlag, den zwar etwas kühlen, aber
prächtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punsch zu verplaudern,
welcher die Zustimmung aller Theile erhielt, und ein gegenseitiges
näheres Bekanntwerden in freundliche Aussicht stellte. Ein gut
angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Mast
aufgehangene Laternen streuten freundliche Helle auf die Gruppe der
neuen Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Gespräch in Gang. Auch
die Diener wurden nicht vergessen, jedem ward sein reichlicher Theil von
dem heißen, anregenden Tranke, doch hielten sie sich in angemessener
Entfernung und plauderten unter sich nicht minder vergnügt wie die
Gebieter, und sorgten dafür, daß die kurzen weißen niederländischen
Thonpfeifen nicht ausgingen.

Der Kapitän war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren, und hieß
Richard Fluit; er war aus dem Haag gebürtig; das Schiff, welches er
führte, hieß »de vergulde Rose« und war Eigenthum des Handelshauses van
der Valck. Das Gespräch lenkte sich bald genug den Tagesfragen zu, und
Fluit und Leonhard waren sehr gespannt auf Nachrichten vom dermaligen
Stande der Dinge in Amsterdam, da sie in Hamburg, welches vor einigen
Tagen verlassen worden war, nichts Bestimmtes hatten erfahren können.
Man hatte nur davon gesprochen, daß Pichegru sich mit seinem Heere gegen
die Schelde zu bewegen Anstalten treffe, und Jourdan nach der Sambre
aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der sogenannten Patrioten
gegen die Partei des Erbstatthalters dauere im Haag wie in Amsterdam
fort, ohne daß man von wichtigen oder entscheidenden Vorfällen vernommen
habe. Bei alledem, nahm der Kapitän das Wort: macht das kriegerische
Wesen uns Kauffahrern, die wir es allesammt zum Henker wünschen,
tausendfache Plackerei, nächstdem, daß es die Handelschaft hemmt und den
Verkehr untergräbt. Sonst stand unser einem frei, an Bord zu nehmen, wen
man wollte, und Güter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein
schwerer körperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen,
und muß jeder Kapitän noch ein besonderes Certificat bei sich führen,
daß er diesen Eid geleistet. Darum muß ich jetzt Namen, Rang und Stand,
wie Bestimmungsort meiner Schiffsreisenden besonders aufzeichnen und
dieselben vorlegen, sobald sie verlangt werden. Ich muß sogar den Sohn
meines ehrenwerthen Prinzipals ebenso, wie Sie, Herr Graf, ersuchen,
nächstdem, daß ich Ihren Paß bereits gelesen, Ihren werthen Namen
eigenhändig in dieses mein Passagierbuch einzutragen, Sie haben aber
dafür den Vortheil, dann zu Amsterdam von aller sonst ebenso häufigen
als lästigen Paßportplackerei befreit zu bleiben.

Meine Unterschrift steht zu Befehl, Herr Kapitän, antwortete Graf
Ludwig: doch wünschte ich Näheres über diese Verpflichtung zu erfahren.

Der Kapitän öffnete seine Schreibtafel, zog einen untersiegelten
Stempelbogen hervor und las: »Ich Richard Fluit, gelobe und schwöre zu
Gott, dem Allmächtigen, daß ich auf das unter meinem Befehl segelnde
Kauffahrteischiff, »de vergulde Rose« genannt, Eigenthümer Mynheer
Adrianus van der Valck, Kauf- und Handelsherr zu Amsterdam, welches von
Amsterdam nach Hamburg bestimmt ist, weder für meine eigene Rechnung,
noch für oder von Jemanden, er sei auch wer er wolle, einige mir
unbekannte Handelsgüter, viel weniger das Mindeste von Contrebanden,
noch Militär-Personen im Kriege befangener Puissancen[3], es sei in oder
außer dem Hafen, noch unterwegs, oder sonst irgendwo auf meiner
angedeuteten Reise einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen, daß
ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifest
benannt ist, und ebenso darauf sehen will, daß dergleichen von meinem
Schiffsvolke nicht geschehe. Ich will auch auf meiner Reise kein nicht
gehörig unterschriebenes Cognossement, oder das nicht gehörig an Ordre
gestellt, oder worin die Waaren nicht richtig ausgedrückt sind, am
wenigsten aber Passagiere und Güter ohne richtigen Ausweis an Bord
nehmen, überhaupt aber meine Papiere und Documente in gebührender
Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.«

    [Fußnote 3: Mächte.]

Da müssen wir uns freilich kundgeben, daß wir nicht Contrebande oder gar
militärische Ausreißer und Spione sind, lachte Leonardus, tunkte die
Feder ein und bot sie höflich dem jüngeren vornehmeren Reisegefährten
dar.

Als beide Herren die vorgeschriebene Form erfüllt hatten, betrachtete
der Kapitän sinnend und vergleichend die Handschrift beider, und brach
dann in den Ausruf aus: Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nicht nur daß sich
die Herren einander so ähnlich sind, als ob sie Brüder wären, auch Ihre
Handschriften gleichen sich in einer auffallenden Weise. Da sehen Sie
beide selbst.

Es war in der That so, wie Fluit gesagt; der junge Graf schrieb eine
leichte fließende und dabei doch sichere Hand, und der junge Kaufmann
keine kaufmännische, sondern eine, deren Ductus bis auf den flüchtigen
charakteristischen Schnörkel am Schlußbuchstaben des Namens der des
Grafen völlig gleich kam, so daß beide Namenaussteller selbst darüber
verwundert waren. – Wer weiß, was das bedeutet! nahm Leonardus das Wort:
vielleicht sollen wir näher mit einander bekannt werden, vielleicht
zuletzt gar mit einander verwechselt! – Ha, da könnte Ihnen leicht etwas
Schlimmes begegnen! warf der Kapitän im Tone leicht spottenden Scherzes
hin, gegen den Sprechenden gewendet. Leonardus lächelte und erröthete:
Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gäbe dann freilich keine
Freundschaft!

Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem die
entdeckte Aehnlichkeit eigene, fast beunruhigende Gedanken erregte: oder
ist es unbescheiden, diese Frage zu thun, bei der sich doch mein Gesicht
betheiligt sieht?

Warum nicht, Sie dürfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus:
und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Fast scheint es mir nicht
anders möglich, als daß wir Freunde werden müssen, und ich glaube nicht
die mindeste Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimniß enthülle,
Sie werden dadurch gleichsam mein Verbündeter (es ist nichts
Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und können als solcher mir vielleicht
nützlich werden.

Also ein Geheimniß? fragte der junge Graf gespannt und voll Antheils. –
Dessen Schlüssel auch mir schon längst versprochen wurde! fügte Fluit
hinzu.

In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, so gebe ich Ihnen
einen Beweis des unumschränkten Vertrauens, das Ihr ganzes offenes Wesen
mir einflößt, sprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch ich
bin offen, entgegen dem Nationalcharakter meiner Landsleute, aber ich
habe viele Reisen gemacht, und habe erfahren, daß Offenheit und
Unbefangenheit weiter bringen als Verschlossenheit und heimliches Wesen.
Vertrauen erweckt Vertrauen, und meist ist es der Jugend schönes
Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift sich wohl,
mißtrauisch und sorgsam machen, und gerne stützt es und vertheidigt es
seine Ansichten mit seinen Erfahrungen; diese Erfahrungen muß aber eben,
meine ich, jedes Leben erst machen, damit es im Alter sich auf sie
stützen und von ihnen reden könne.

Es ist so, wie Sie sagen, Herr Leonardus! bestätigte der Schiffskapitän.
Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht sagen, daß er gelebt
habe; und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann
Manches lernen, was er thun und was er meiden soll. Wir wollen erst
unsere Kumme und unsere Gläser frisch füllen, und dann mag die Erzählung
beginnen. – Das Schiff segelte mit frischem Winde durch das nur wenig
und dazu gleichmäßig bewegte Meer und durch die kühle, wunderbare,
sternenklare Nacht. Zur Rechten verlor sich der Blick in die
Unermeßlichkeit, und man sah nicht, wo Himmel und Meer einander küßten,
denn der Himmel warf die Abbilder seiner Sterne wie glühende Küsse in
die Wogentiefe, und die goldenen Funken schienen sich freudehüpfend auf
den silberkräuselnden Wellen zu schaukeln, die zugleich des Mondes Bild
millionenfach gebrochen zurückblitzten. Zur Linken entragten die
Inselflächen noch in Sicht des Schiffes, silberweiß stach ihr vom Mond
scharf beleuchteter Dünensand von der dunkeln Nordseefluth ab, doch die
Orte und Gehöfte darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inseln schienen
wie silberne, riesige Nelumbiumblätter auf die Oberfläche gehoben, um im
Mondstrahl träumend auf das Erscheinen der königlichen Blüthe zu harren.
Nur wenig leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten desselben
findet nur unter wärmeren Himmelsstrichen Statt, und der Ostwind ist
demselben nicht günstig; dennoch schoß das Kielwasser von Zeit zu Zeit
einen schnell verschwindenden Blitz von phosphorischem Schimmer, aber
die hoch empor gespritzten Wasserstrahlen starker Tummler, die das
Schiff auf weite Strecken und in großer Anzahl begleiteten, glichen im
verklärenden Mondenglanze den tausend Springbrunnen eines
morgenländischen Märchens.

Mein Leben, begann jetzt bei frischgefülltem dampfenden Punschnapf
Leonardus seine Erzählung: hat mich von früher Jugend an vielfach zu
Wasser und zu Lande umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen
leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmannschaft mit angeborener
Vorliebe, um so mehr, da sie mir jede Annehmlichkeit des Lebens, und
durch meines Vaters günstige Verhältnisse eine glückliche und
sorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfischfahrern in
Island gewesen, und habe die eisumstarrten Küsten Grönlands und
Spitzbergens gesehen; ich war in Stockholm und in Sanct Petersburg, und
ebenso in London, Paris, Madrid und Lissabon; bald hatte ich in
Geschäftsaufträgen unsers Hauses dieses, bald jenes unserer Schiffe zu
begleiten, denn mein Vater wollte, ich solle recht viel erfahren, alle
Handelsgeschäfte wie alle Waaren der verschiedenen handeltreibenden
Nationen an ihren Stapelplätzen kennen lernen, und ich habe diesen
Wunsch erfüllt, so weit es mir möglich war; ich bin auch in
Konstantinopel und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis gewesen. Mein
Vater gibt mir selbst das Zeugniß, daß ich ein tüchtiger Kaufmann
geworden sei. Ganz anders aber und ungleich mißlicher steht es um die
Erfüllung eines zweiten Wunsches oder sogar Befehles meines verehrten
Herrn Vaters. Derselbe sagte zu mir: Versprich mir, mein Sohn, über dein
Herz zu wachen, keine Verbindung anzuknüpfen, die meine Pläne mit dir
kreuzt, sonst betrübst du mich und gräbst dir die Grube deines Unglücks.
Denn wisse, mein guter Sohn, daß ich für dich bereits gewählt habe, und
zwar ein sehr liebes Kind, jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber
zur lieblichen Jungfrau heranblühen wird. Es ist die Tochter meines
besten Freundes, du kennst ihn, kennst sie, sie ist die einzige Erbin,
und deine Verbindung mit ihr wird der glücklichste der Tage sein, welche
ich noch zu erleben hoffe.

So sprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre stehend,
kannte ja nicht die Zaubermacht der Liebe, und leistete unbedacht und
unbedenklich das schwere Versprechen. Meine Braut zählte damals erst
zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zählt
sie zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf
den die Welt durchschwimmenden Verlobten, und dieser – –

Herr Gott! fuhr der Kapitän auf, Herr Leonardus! Und das Alles sagen
Sie mir jetzt erst! Ach, das bringt mich um Ehre und Credit, schleudert
mich vom sichern Steuerbord in die wogenden Wellen!

Bleiben Sie ruhig, Kapitän! bat Leonardus. Sie mußten es endlich doch
erfahren, daß Sie trotz Ihres beschworenen Eides und bester Ordnung
Ihrer Papiere und Documente, dennoch eine sehr werthvolle Contrebande am
Bord haben. Es ist eben die höchste Zeit, mich Ihnen, mein redlicher
Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Katastrophe, und bedarf
treuer, schützender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der
Heimath, dort harrt meiner die schöne, reiche Braut; unter allerlei
Vorwänden entzog ich mich bisher der Heimkehr, ich kann es nicht länger
thun, und Gott weiß, was nun werden soll! – Der Ton des Sprechenden, der
erst so heiter erschienen war, wurde gegen das Ende seiner Rede
kummervoll und beklommen, er senkte den Blick, starrte in sein Glas ohne
zu trinken, und ein schwerer Seufzer entrang sich seinem Busen.

Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitän. Ich
bin gerade so klug gewesen, wie einer dieser Tummler, die da mit uns
schwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden gewesen, und werde
bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke einfällt, statt auf der
Nordsee zu segeln, im schwarzen Meere der Tinte des Hauses van der Valck
sitzen und in der Ungnade von Mynheer Adrianus.

Ihre gegenseitigen Worte machen mich sehr gespannt darauf, Weiteres zu
vernehmen, gab Ludwig in das Gespräch. Trinken wir einmal, Herr
Reisegefährte! Sollte es mir vergönnt sein, Ihnen einen Dienst zu
leisten, so rechnen Sie ganz auf mich; ich bin völlig unabhängig, Herr
meiner Zeit, und wenn die Wechsel gut sind, auf die ich angewiesen bin,
auch in diesem Punkt so gestellt, daß ich fremder Stützen nicht bedarf.

Ich danke Ihnen tausendmal, mein junger edler Freund, für Ihren guten
Willen! rief Leonardus mit Wärme, und drückte Ludwigs Hand. Vielleicht
führte Sie zu meinem Glück der gütige Himmel uns zu. Hören Sie nun
beiderseits weiter, was ich erlebte. – Eine Landreise führte mich im
vorigen Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in dessen
Hauptstadt le Mans; es war kein Vergnügen in Frankreich zu reisen, und
ist es auch heute noch nicht, aber es galt, unserem Hause sicher
angelegte Kapitalien zu retten, und dieselben nicht in Form der
nichtsnutzen und völlig werthlosen Assignaten ausgezahlt zu erhalten.
Ich vollbrachte mein Geschäft mit leidlich glücklichem Erfolg, weil die
Vendée den Unsinn der Revolutionsgewalthaber nicht anerkannte, hatte
aber Mühe genug, nicht für einen verkappten Franzosen gehalten und
gezwungen zu werden, in Gemeinschaft mit den tapferen Vendéern, die sich
wie ein Mann gegen die Republik und ihre Menschenschlächter erhoben
hatten, die Waffen zu ergreifen. Es war im Monat September, und nach den
glorreichsten Siegen warf ein grausames Geschick dennoch das Todesloos
über das unglückliche Land und seine ihrem König und ihrem Glauben
treuanhängliche Bevölkerung. Zwar erkämpften Elbée und Prinz Talmont
noch einige dieser Siege, aber von Mainz rückte bald darauf die
Garnison, welcher die Capitulation dieser Stadt eine anderweite
Wirksamkeit versagte, sechzehntausend Mann stark aus und marschirte
gegen die Vendée, und bald standen mehrere Heere vereinigt, die eine
Armee von sechzigtausend Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch
durch die Nationalgarde aller Provinzen, durch die das Heer zog,
vermehrt werden sollte. Es erfolgten, wie bekannt ist, die
allerblutigsten Gräuel; die Vendée sollte ausgefegt werden, kein Alter,
kein Geschlecht verschont bleiben, und also geschah es. Doch ich will ja
nicht die Gräuel dieser scheuslichen Kämpfe schildern, sondern ein
unverhofftes Glück, das mir der Himmel auf eine wunderbare Weise in den
Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht nach der anderen nach le
Mans, der tapfere Prinz Talmont und sein Kampfgenosse d’Autichamps waren
bei einem Angriff auf Doué, an der Spitze von fünfundzwanzigtausend
Mann, geschlagen worden; ebenso vor Thuars General Lescure mit
zehntausend, und das Schrecklichste stand bevor. Mit dem Gedanken an die
Beschleunigung meiner Abreise beschäftigt und überlegend, wie ich diese
am geeignetsten einrichten wollte und auf welchen Wegen ich am
schnellsten und gefahrlosesten die nördliche Küste gewinnen könne, gehe
ich eines Abends gegen die Zeit der Dämmerung auf dem reizenden
Spaziergang, der den Namen le Greffier führt, auf und ab, als ich einige
laute Worte, hervorgestoßen von einer rauhen Mannesstimme, vernehme, und
dazwischen Schluchzen und Stöhnen eines leidenden Weibes.

Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim
Nähertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich siehst du nie
wieder! Gehe hin zu deinem süßen girrenden Correspondenten, mit dem du
nun schon einige Jahre zärtliche Briefe wechselst, wir beide sind
getrennt auf ewig, ich scheide mich von dir – ich fluche dir!

Trafen schon diese Worte erschreckend mein Ohr, so erbebte noch mehr
mein Herz, als ich die gemißhandelte Frau ausrufen hörte: Um Gottes, um
des Kindes Willen, Berthelmy, hab’ Erbarmen!

Wessen Kindes, treulose Schlange? schrie der Mann. Fort, fort, ehe ich
mich vergesse, ehe ich dich tödte!

Raschen Schrittes enteilte er, und das arme Weib sank wimmernd in die
Kniee.

Mich bannte starrer Schreck an diesen Ort – dieser Name Berthelmy –
diese Stimme – außer mir stürzte ich auf die Unglückliche zu und rief:
Bist du es, Angés, geliebte Angés! O komme zu dir, fasse dich, der Gott
der Liebe sendet dir einen Retter!

Wie, Sie kannten diese Frau? riefen Ludwig und Fluit staunend wie aus
einem Munde.

Ja, verehrte Herren, ich kannte sie, ich liebte sie, ich hatte sie
verloren, und fand sie hier wieder, wo ich sie nimmer gesucht hätte. Ich
muß, um Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein früheres Ereigniß
einschalten. Es war im Jahre siebzehnhundertachtundachtzig – ich zählte
damals dreiundzwanzig Jahre, als eine Reise mich nach Deutschland
führte, wo ich am Niederrhein, in Bonn, Köln, Düsseldorf und deren
Nachbarstädten kaufmännische Verbindungen anknüpfte; von da reiste ich
in die Pfalz. In Zweibrücken führte mich der Zufall zu einer reichen
Kaufmannsfamilie, Namens Daniels, in der ich neben einigen Brüdern ein
junges Mädchen kennen lernte, zu welcher sich beim ersten Erblicken mein
ganzes Herz hinwandte. Sie stand in der ersten Jugendblüthe, und wurde
nicht mit einem deutschen, sondern mit einem französischen Namen
gerufen, getreu der in Deutschland so häufig in vornehmen Häusern
heimischen Unsitte, die Muttersprache zu verachten und der
fremdländischen zu huldigen. Ich liebte das Mädchen heiß und innig, sie
wurde das Ideal meiner Jünglingsschwärmerei, ich brach meinem Vater das
gegebene Wort, doch nicht in solchem Grade, daß ich ein bindendes
Versprechen gegeben hätte. Dazu kam es nicht, aber es entspann sich ein
außerordentlich zartes, schönes Verhältniß, der Juwel im Kranze meiner
Erinnerungen. Angé’s Eltern und ihre Brüder würden es gar zu gern
gesehen haben, wenn ich ohne weiteres mich Angés gleich verlobt hätte,
denn einmal gefiel ich ihnen, wie ich mir schmeicheln durfte,
persönlich, und dann mochte ihr kaufmännischer Sinn wohl berechnen, daß
der Sohn des Hauses van der Valck in Amsterdam keine ungeeignete
Verbindung mit ihrem Hause in Aussicht stelle. Um nicht mißdeutet zu
werden und das junge Glück unserer seligen Liebe nicht selbst zu
zerstören, vertraute ich dem älteren Bruder des geliebten Mädchens an,
daß ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht über meine Hand verfügen
könne, wenn auch mein Herz noch so sehr dazu drängte; daß aber Geduld
und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begründen würden. Ich genoß mein
Glück und blieb so lange wie möglich in dem schönen Zweibrücken, und als
ich endlich scheiden mußte, wurde fleißiger Briefwechsel zwischen Angés
und mir verabredet, und die Aufschriften und Bestimmungsorte der Briefe
festgestellt.

Froh und zugleich schmerzhaft bewegt schied ich von der Geliebten, und
wir schrieben einander zuweilen, freilich nur in großen Zwischenräumen –
weite Reisen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der
Heimath entführten, oft in weit entlegene Länder, beeinträchtigten sehr
den Briefwechsel mit dem sehnsüchtig auf meine Wiederkehr harrenden
geliebten Mädchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn
in meinem Verhältniß daheim änderte sich nichts. Wohl aber änderte sich
viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb für treulos – ein
Franzose, Kaufmann wie ich, kam in ihr älterliches Haus, sah Angés und
verliebte sich in sie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben
gemacht hatte, als eine junge von ihrem Geliebten verlassene Mutter mit
der Pflege eines zarten Kindes, eines Mädchens, beschäftigt fand.

Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jungfräuliches
Erröthen auf die Wangen des Jünglings.

Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernstem
Blick, der jeden unlautern Verdacht zurückwies: eines Kindes, das ihr
viele Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer
macht.

Etienne Berthelmy, so hieß jener Franzose, ließ sich durch das Kind
nicht abhalten, Angés um ihre Hand zu bedrängen, wies gesicherte
Verhältnisse nach, bestürmte Eltern und Brüder um deren Zustimmung, und
Angés, die mich aufgeben zu müssen glaubte, gab endlich halb
widerstrebend und unter der Bedingung nach, daß sie durch keine andere
Macht, als durch den Tod, von dem Kinde getrennt werden dürfe, weil es
das ihr anvertraute Pfand einer hohen geheimen Liebe sei.

Von einer Reise zurückkehrend, fand ich einen Brief von Angés vor, der
aus Paris geschrieben war; es war ein schmerzlicher Abschiedsbrief,
durch den eine leise Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb
erzwungenen Schrittes und eine unvergängliche Liebe hindurchblickte. Ein
Mann, der weniger innig und treu geliebt hätte, wie ich, hätte diese
Wendung vielleicht nicht ungern gesehen – mich machte sie äußerst
bestürzt und ich weinte meinem verlorenen Glücke bittere Thränen nach.
Je mehr ich Angé’s Brief wiederholt las, desto mehr las ich zwischen den
Zeilen den Wunsch des geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben,
ihr nicht zu zürnen, und ich schwur Ersteres ihr und mir in Gedanken zu.
Ich schrieb unter der angegebenen Aufschrift wieder an sie, und erhielt
auch bald darauf wieder Antwort, und zwar aus Mons. Sie schilderte mir
ihr Leben, erwähnte auch des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern
ihres Mannes, ihres Wohlstandes und ihres im Ganzen glücklichen
Verhältnisses; der Brief überhaupt aber athmete so viele Wärme und so
zärtliche Gefühle für den ersten Jugendfreund, wie sie mich nannte, daß
mein Herz immer aufs neue befangen ward, und daß ich eine starke
Sehnsucht empfand, Angés wiederzusehen. War dieses Verlangen vielleicht
sträflich, nun so fand es auch seine volle Strafe. Ich antwortete
sogleich, sprach mich im angedeuteten Sinne aus, erwiederte die
Offenbarung der alten nie rostenden und ersterbenden Neigung, und fragte
an, ob es möglich sein werde, sie wieder zu sehen, ohne ihr
Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine Antwort auf diesen Brief,
bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem ersichtlich war, daß
Angés meine Antwort nicht erhalten hatte, denn sie klagte, daß ich sie
ganz vergessen zu wollen scheine, und führte an, daß es sie tief
schmerze, sich von mir verachtet zu sehen.

Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, daß mein Brief
verloren gegangen sein solle, denn die politischen Bewegungen in
Frankreich hatten schon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches
Wirrniß zu erregen, und so sagte ich mir: was sollst du lange schreiben,
wie nahe ist nicht Mons? Ich nahm ein Geschäft zum Vorwand und reiste
nach dieser Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem
Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrücken, auf der Mairie, auf
den Paßbureaus, auf der Post, nirgend eine Spur. Nie sei jemand dieses
Namens hier gewesen, wohl aber, so hörte ich auf der Post, ein Brief,
der noch unter dem Gitter als unbestellbar ausgelegt sei, an eine Person
dieses Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht
erholen, wußte nicht, was ich denken sollte, reiste höchst unzufrieden
zurück, und schrieb nun Alles, was ich Angés hatte sagen wollen, in
einem Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur
Weiterbeförderung nach Zweibrücken sandte. Gleich darauf entfernte mich
abermals eine lange Reise vom Hause, und auch bei der Rückkehr fand ich
keine Antwort vor; wahrscheinlich, so redete ich mir ein, hatte die
Einsicht der Eltern für besser gehalten, meinen Brief, als zu nichts
Gutem führend, unbestellt zu lassen. Ich betrauerte sie als verloren,
konnte sie aber nimmer vergessen.

Da führte mich das Geschick zu einer Reise nach Paris, und von da in die
Vendée nach le Mans; da sah ich durch des Zufalls unerforschliches
Walten die Geliebte in einem der schmerzlichsten Augenblicke ihres
Lebens so unverhofft und plötzlich wieder, und die nächste Minute klärte
Alles auf. Sie hatte als Deutsche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes
das le vergessen, hatte das a undeutlich geschrieben, ich hatte Mons
statt Mans gelesen, und an drei Buchstaben lag es, daß unsere Herzen so
lange ohne Kunde von einander blieben.



7. Angés.


Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine scheidenden
Strahlen noch magisch versilberten; kühler wehte die Nachtluft und
unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der »vergulden Rose.«
Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich über das Schiff.

Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach
Leonardus seine Erzählung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine
beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger dem
Weitergange der Erzählung mit lauschenden Ohren gefolgt wären, so
wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie
ferner zu unterhalten, und verließen, obschon nur halb befriedigt und
auf den Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu
begeben.

Lebhaft beschäftigte das Gehörte Ludwig’s Phantasie; sein ganzer Antheil
an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht, und da
er sich wohl denken konnte, daß dessen Verhältniß bei der Heimkehr sich
sehr eigenthümlich gestalten könne, sann er darüber nach, wie wohl
Leonardus handeln müsse und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes mit
jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoßenen und im Zorn
verlassenen jungen und gewiß auch schönen Frau zu vereinen.

Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jüngling sanfter Schlummer, und
das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in
tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht.

Als der Morgen klar und schön wie der gestrige Tag anbrach, war vom Bord
der »vergulden Rose« aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff war
schon auf der Höhe des Juister Riffs und mußte in einem großen Bogen das
nordwestwärts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln, um
dann zu wenden und südwestwärts zu steuern. In der Ferne, wo die Küste
gedacht werden mußte, stiegen leichte Nebel empor, und als die Sonne
aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß sich heraufhob, traten
nach und nach die größeren Inseln Schirmonikoog und Ameland in Sicht.

Nach einigen abgethanen Geschäften und nachdem auch der junge Graf nicht
versäumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp’s
Braunen zu überzeugen, die im Packraum der »vergulden Rose« zwar enge
aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefährten in der
Kajüte des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus
ließ sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht
abgebrochenen Erzählung bitten.

Angés, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blüthe, wie ich sie als
Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas so
Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs
Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir
nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angés versprach
mir, nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und
bald hing die zarte, bebende Gestalt tief verhüllt an meinem Arme und
erzählte mir Alles.

Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beseelt, die kaufmännische Feder mit
den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Bürger-Soldat und hatte,
vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswürdiger junger Mann,
sein Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften
eines tüchtigen Soldaten setzte. Mit dem Wachsen seines Bartes wuchs
auch sein verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen
seine Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht
war. Dabei vernachlässigte er sein Geschäft und kam schnell zurück. Daß
das Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés sei, ließen
weder Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine
sah sich unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé’s reines
Gemüth zu verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine
maßlose Eifersucht, und Angés wurde von ihm und seinen Eltern mit
Argusaugen bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie
sich einen Spaziergang mit dem Kinde vergönnen. Tausendmal bereute Angés
ihren ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen
Schritt, und wünschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte
Menschen, an eine freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die
noch, wie die ganze Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck,
ihr, der Deutschen, der Protestantin zumal, durchaus keine gemüthliche
Ansprache bot.

Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der
einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Geliebte, und sie,
zurückgestoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung.
Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die
eifersüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit
der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungslosen Menschen griff
er in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand
und las Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine,
nach ihrer Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie
ein unsinniger Wüthrich, gebot Angés, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu
verlassen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte sie dies
selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen
stand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der
Unmöglichkeit war, daß ein zartes, schönes und junges Weib mit einem
kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vendée
zuwälzenden Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um
jeden Preis.

Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr trostloser Zustand und
die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemüthes, als Angés dies alles
mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; daß geholfen
werden müsse und daß niemand helfen könne und werde als ich, stand klar
vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und
verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir rasche Entfernung
möglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber
das Kind – von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie sie so heilig
betheuerte, nicht lassen.

Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schönen belebten
Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebespaar halten
mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angés.
Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geschehen
sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die
Straßen durch Patrouillen gesäubert, und niemand durfte ohne wichtige
Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlassen.

Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte
Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung
aus wachsender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich
war ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein so holdes
gequältes Geschöpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen
unbegrenzten Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angés nach ihrem
Wohnhause zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft
besitzest mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und
harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glück.

Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy’s, betagte Leute, hatten sich
bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angés nahm,
was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das
schon schläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm
an, anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde
mit ihm zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefühlen
ihrer auf der Straße harrte. Die Kleine war still, die süße Stimme ihrer
vermeinten Mutter hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte
Last auf meine Arme, und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das
nicht fern vom le Greffier gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die
Nacht war mondhell, ich ließ den Kutscher anspannen, und sagte dem
Wirth, daß eine nahe Verwandte von mir mich begleiten werde. Einige
Goldstücke über den Betrag meiner Rechnung bewogen meinen gefälligen
Wirth, sich zur Mairie zu begeben, um für seine Verwandte, welche mit
ihrem Bruder, der aus Amsterdam gekommen sei, sie abzuholen, und mit
ihrem Kinde nach Holland zu reisen gedenke, einen Paß zu erbitten, und
unser Abenteuer lief ganz glücklich ab; wir waren, als die
Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit aus dem Weichbild
der uralten Bischofstadt und Angés pries den Himmel und mich unter
Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner Bedingung eine
solche That, als die meine war, die förmliche Entführung einer
verheiratheten Frau, unter andern Verhältnissen begehen mögen, aber
hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und
hatte gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in
der bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schöner
Herbstwitterung begünstigt, dem geschlängelten Lauf der von Norden
herabkommenden Sarthe entgegen, rasteten in Alençon, reisten über Sens
und Argentan, Falais und Caën, und gewannen glücklich das Küstenland.
Ein kleines Schiff führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters
»vergulde Rose«, Kapitän Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar
zarte Lilien an Bord zu nehmen, nebst mich und meinen Diener.

Ja – ja – brummte der Kapitän – ein verteufeltes Wagestück – wollen
sehen, wie es enden wird!

Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag,
und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin
am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, sorglos und um die nächste
Zukunft unbekümmert – wissen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals
vielen Champagner und Dry Madeira – es war mein Geburtstag, der 22.
September.

Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag
ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, daß der
meinige auf denselben Tag fällt.

Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän.
Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden
Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten
Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den
Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, für
ein Frühstück nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter
der Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch
zum Frühstück munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreideweiß,
werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländisch
tractiren.

Der Kapitän entfernte sich mit schallendem Gelächter, nachdem seine
Reisenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünscht hatten, um alles
Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig’s Hand, drückte
sie mit Wärme und sprach: Junger Herr! es ist in der That wunderbar, wie
viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil werden läßt.
Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schließen für das ganze
uns noch vergönnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von unbegrenztem
Vertrauen zu Euch!

Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die
Großmutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hüte dich vor
falschen Freunden. – Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein,
nicht werden; sein offenes blühendes Gesicht drückte Biederkeit aus,
seine Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue.
Ludwig bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung
gerne beide Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen
hohen Begriff; mein Lehrer in der griechischen Sprache ließ mich die
Sprüche des großen Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich:
»Gerechte Freundschaft ist der sicherste Besitz! – Kein schöneres Gut
auf Erden, als ein Freund! – Den Göttern gleich verehre willig Freunde!
– Für Brüder achten sollst wahrhafte Freunde du!«

Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich küssend
in Ludwig’s Arme.

Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und erwiderte
den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglingsherzens, das sich
bisher in holder Unbefangenheit und in schönen Idealen hatte nähren und
aufrichten dürfen.

Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte
Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines
Solon mit einem Ausspruch des größten Dichters unserer britischen
Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt:

    Den treuen Freunden will ich weit die Arme öffnen,
    Und wie sein Kind der Lebensopf’rer Pelican
    Mit meinem Blut sie tränken.

Das Erscheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem würdigen
Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen und zu
beleben im Stande ist, unterbrach die Ergüsse jugendlicher Erinnerungen
an tiefeingeprägte unsterbliche Dichtergedanken, und es begann die
heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und wohlgesinnten
Kapitäns.

Schon näherte sich das Schiff der Küste der Insel Ameland, an deren
nördlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der
Watten links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstraße einhalten
mußte. Die »vergulde Rose« behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten
die Inseln Ter Schelling und Vliland näher oder entfernter, die
friesländische Küste aber in stets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken
in Sicht, bis es dieser bei dem sagenreichen Stavoren vorüber am
nächsten kam.

Als Kapitän Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in
die Gläser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden
ausgebracht war, verließ Leonardus schnell die Kajüte.

Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaßen bestürzt und
verwundert über diesen raschen Aufbruch.

Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr
Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und siehe, bald
darauf wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem
freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein über alle
Beschreibung schönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem
unendlich reizenden keuschen Erröthen Angés Berthelmy.

Ludwig und der Kapitän erhoben sich zum freundlichen Gruße der
Eintretenden, und indem sie einen schüchternen Blick auf Ludwig warf,
erglühte sie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr
Bruder!

Ja, mein Bruder, gute Angés, nimm ihn immer dafür! Nicht wahr, sie darf?
fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger
Verwirrung, ja fast mädchenhaft: Wohl, sie darf, welch’ eine
liebenswürdige Schwester gewinne ich dabei!

Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden sich niederzulassen;
sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich selbst traulich
anschmiegend an Leonardus Seite.

Ludwig konnte, nachdem er an Angé’s Schönheit seine Augen vollgeweidet,
diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie war von
blühendster Frische und von der zartesten Färbung der Haut, sie hatte
ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in Ringellocken um
das Engelsköpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln Augen, die man nur
irgend sehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier Jahre zählen,
erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu einem
schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Französisch. – Nur leise nippte
Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien edel, zart,
zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe des
Gemüths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab. Sie
saß vielmehr befangen bei den Männern, und machte sich, oft erröthend,
viel mit dem Kinde zu thun. Das Gespräch lenkte sich der allernächsten
Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin, denn es wurde
allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken.

Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er.
Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unsere Bitte! Nimm
dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in
Amsterdam zu weilen gezwungen bin. Angés kennt mein ganzes Verhältniß,
ich brauche nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann sie nicht
bleiben, ohne unserm guten Kapitän Ungelegenheiten zuzuziehen; daher
vertraue ich sie dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß sie
unter deiner Obhut wohnen, sage, daß sie deine Verwandte sei, deine
Schwester, nimm sie in deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was
du für sie und dieses holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste
Kind aufwendest, will ich ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe
fest, daß ich mich bald wieder werde befreien können, und dann dich
freigeben. Du botest mir deine Dienste freiwillig an, guter Ludwig,
zürne mir nun nicht, wenn ich die dargebotene Hand ergreife als den
Rettungsanker meines sonst unfehlbar sinkenden Lebensschiffes. O
geliebte Angés, theurer Fluit, helft mir ihn bitten!

O, wenn Sie wollten gütig gegen uns sein! sprach Angés mit Flötenlauten,
und ihre Augen standen voll Thränen.

Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus
mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur
der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wünscht, und
ich vollbringe es mit Freudigkeit.

O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und Angés,
und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem einige
Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem Riethgras, und
füllte von Neuem die Gläser, indem er anklingend rief: Auf gutes Glück!
– Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen! riefen die
andern drei, und tranken die schäumenden Becher leer. Lächelnd und
verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Händchen nach dem
Becher und Angés beugte sich liebevoll zu ihm nieder und ließ es nippen,
froh des willkommenen Anlasses, die Thränen der Rührung und Freude zu
verbergen, die ihr aus den schönen Augen stürzten.

Das Schiff segelte, während die Mittagsstunde nahte, ohngefähr in der
Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach
Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, welches der
»vergulden Rose« nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen
zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich
befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe
einen in der Möglichkeit liegenden Zusammenstoß zu vermeiden. Der
Kapitän dankte daher seinen Gästen für die Güte, seinen Geburtstag mit
ihm gefeiert zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet,
zum Steuerbord hinauf, während Angés mit dem Kinde sich freundlich
grüßend in ihre abgesonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem
Lauf der »vergulden Rose« in gerader Richtung folgte, war ein kleiner
Schnellsegler, und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht!

Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus.

Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souveräns, der auf dieser
Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den
Grund segeln würde? fragte Ludwig.

Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die
reichsgräfliche Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der
liebste und thätigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien
boven! Oranien boven!

Dieser volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der
Partei des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete,
war zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer
oranischen Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte diese auch
dort auf der Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann
Befehl, so viel als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht
das Fahrwasser freizugeben.

Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines
Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der »vergulden Rose« blickte.
Ludwig drehte sich, da er nicht wünschte, von Jenem gesehen und erkannt
zu werden, rasch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem sehr
frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte mit
tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost
sagen, daß ihr Zustand sich merklich gebessert haben müsse, sonst werde
Graf Wilhelm sie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände
zurückgelassen haben. Der überaus günstige Nordostwind, der den ganzen
Morgen über geweht, hatte die gut segelnde schöne Susanne überaus rasch
vorwärts gebracht und südwestwärts getrieben; sie hatte erst am frühen
Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch
ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Wasserweg
zwischen der Küste und dem Wangerland einschlagen können. Als die schöne
Susanne der »vergulden Rose« ziemlich nahe vorbei rauschte, erfolgten
die üblichen Grüße, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch zwei
Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam zu
hielt, der vergulden Rose außer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine
einmastige Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nähe der sechs Seemeilen
langen und fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevölkertes,
blühendes Land gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der
Schiffer, wie über diesen weit gedehnten Meeresstrich die Wellen eine
andere Gestalt annehmen, sich eigenthümlicher kräuseln, als auf offener
See, oder im günstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches
Rollen und Rauschen, stärker als an andern Strichen der See vernehmbar,
und es ist gar kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das
eines Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der
versunkenen Dörfer mit grellem und schauerlichem Klange läuten hört.
Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schöne unermeßlich lang
gedehnte, wogenüberströmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren
hinauf sich erstreckte, und der Kapitän murmelte, gleichsam als
trauriger kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: #al daar
verdronken – verdronken en’t jaaren van een duizend twee honderd en
zeventwintig, en een duizend twee honderd en zeventachtig.# – Dort
breitete sich vor Stavoren die lange weiße Düne, der Frauensand, auf
dem ein junges Saatengrün oder einst in das Meer geworfener Waizen als
unfruchtbarer Dünenhafer aufzuschießen begann, und sperrte den Hafen,
hemmte dem früher so blühenden Verkehrsort das Anlegen größerer Schiffe.
Jetzt lief die »vergulde Rose« ein in das riesige Wasserbecken der
Zuider-See. Der Abend sank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht
war, und als abermals ein schöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte,
steuerte das Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer
Fahrt schier phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch
den Nebel der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenspiele von den
Thürmen der gewaltigen Großstadt machte einen eigenthümlichen Eindruck.
Das Getön war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es
überlärmt vom vollen sich früh entwickelnden Leben der Straßen, von
tausend und abertausend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fässer, dem
Geschrei der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe
einer steten Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden
Abschied von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein
Wiedersehen, und Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen
einen ortskundigen, berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie
überall in großen Städten lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die
unersättliche Habgier und das Diebesgelüst, das in jedem Ankömmling ein
Ziel für die Beraubung sieht, in tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was
sich in solcher Absicht an die Ausgeschifften herandrängte, stob von
dannen, als Leonardus in derben wohlverständlichen Lauten der
Muttersprache das lungernde und lauernde Gesindel zurückdonnerte, und
nun manch grollendes: #Zy zyn geene patrioten, zy zyn van den verdoemten
voornaamsten – zy zyn Oranje äppels – Gekken!# und dazu ein dem
Verdrusse Luft machendes Hohngelächter. Mit großer Gewandtheit und
Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein zurückgeschlagener Wagen ward
genommen für ihn, Ludwig, Angés und Sophie, das wenige Gepäck ward
untergebracht, Philipp bestieg den Braunen und führte die schöne
Isabella dem Wagen nach, die freudig wieherte, als sie nach dem langen
ermüdenden Stehen im Schiffsraum wieder sichern Boden unter ihren Hufen
fühlte. Und nun ging es bald rascher, bald langsamer durch wimmelvolle
Straßen und über geräuschvolle Märkte, bis endlich das Gasthaus
erreicht wurde, in welchem Leonardus dem Freund und der Geliebten eine
ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte. Alles zu Ordnende ordnete sich
leicht und rasch. Die Fremden mietheten und bezahlten die ihnen nöthige
Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus, und fanden die trefflichste
Einrichtung und die berühmte holländische Reinlichkeit in sich selbst
übertreffender Weise; Alles auf das Wünschenswertheste, als sei es
längst vorausbestellt. Kein Stäubchen auf Gesimsen und Möbeln, jede
Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn, Papier, Oblaten und
Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der Kalender, nicht auf
dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten mit den
allerschönsten und buntesten Figuren, Männchen und Götzenbildern von
Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte und dem
Sonnenlande Nippon. Prächtige starkbauchige Porzellanvasen hauchten in
ihrer Eigenschaft als Räuchertöpfe köstlichen Wohlgeruch aus, und in
zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche
Erstlinge.

Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das älterliche
Haus begrüßen, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst
einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmittags- und Abendzeit
benutzen, ihn und seine Angés den Genüssen zuzuführen, welche Amsterdam
in so reicher Fülle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle Herr
Adrianus von der Valck Angés sehen; sie solle suchen dessen Herz zu
gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lösen,
das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen,
der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angés hörte diese Pläne
mit einem Gefühle von Wehmuth an, welches sie niederzudrücken strebte,
aber als Leonardus geschieden war, vermochte sie ihre Thränen nicht mehr
zurückzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem
Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und
hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache
Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem geliebten
Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu
entschuldigen, wenn ich sein plötzliches Erscheinen in einem
Augenblicke, welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink
Gottes hielt. Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu
überlegen bei der Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte
sich mir ein anderer Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr
Leonardus mich liebt, wie sehr mein Wunsch wäre, ihm anzugehören, so
darf es ja nicht sein, da ich noch nicht von meinem Manne geschieden
bin, und wieder darf es nicht sein, daß ich mich als Last an des edlen
Freundes Fersen hänge, daß ich zwischen ihn und seines Vaters
Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glück seiner Zukunft an der Hand
einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde, mich dränge. Ich könnte
nur störenden Unfrieden hervorrufen, und dafür möge der allmächtige Gott
mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede ist und was er wiegt im Leben
der Familien; er ist wie ein fressendes Krebsgeschwür, dem nicht Messer,
nicht Salbe des Wundarztes völlig Einhalt zu thun vermag.

Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schönen, noch so
jungen und schon so unglücklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen
Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er
sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte
Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthümliches; es wird Alles darauf
ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Stärke ist, daß er
alle derselben sich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne
selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglück ein Opfer zu bringen. Es ist
nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein solches Opfer nicht erwarten
und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich sein können, falls es
dennoch dargebracht würde.

Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot
Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thränen verklärtem Lächeln
schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz Vertrauen.
Darum preise ich mein Geschick, daß der Himmel Sie uns zuführte, und ich
will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es Leonardus, die zu
fürchtenden Schwierigkeiten zu überwinden, so wird er auch Rath finden,
jene Schritte zu thun, welche nöthig sind, die Scheidung von meinem
Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so muß ich von ihm scheiden,
denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute Sitte
den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war
sie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der
innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kämpfen,
ich fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann
habe ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein
Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine
Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten.



8. Das Haus van der Valck.


Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit seinen
Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mußte erstaunen über
dieses von außen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche
Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer,
Mahagonigetäfel der Wände, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben
der Fenster. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten
Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle Vorhänge,
herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten
ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Fülle
prachtvoller Vasen, von ächt chinesischem und japanischem Porcellan, und
innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Silbergeräthen zur Schau
gestellt. An den Wänden, wo nicht französische oder flandrische Gobelins
diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemälde der
niederländischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten
Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder
Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und
Thüren riesige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare
rother, weißer und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Kästen
mit Riesenschmetterlingen aus Surinam und Amboina, Erzstufen aus Peru,
von den Küsten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen von
blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei
lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdländisches
Gethier, Cacadu’s, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende
Fülle von Gegenständen, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks
solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethörend
wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser
eben vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz
ungesucht zur Schau gestellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem
Freunde das Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast
enges Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem
einige Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer
abgeschieden war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube
an einfachen schwarzlakirten, mit allem Nöthigen versehenen Tischen und
Tafeln saßen. Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geschäftes bequem
angebracht, vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten
Briefschaften, Wechsel, Quittungen und was sonst der tägliche Gang der
Geschäfte erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus
einem etwas größeren, ebenso wie das Kabinet höchst einfach
ausgestatteten Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der
großen Schreibstube war eine eigenthümliche Vermählung der Gerüche von
Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schärfe.

Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig
aussehender Mann mit schneeweißem Haar, darüber eine kleine
Zopfperrücke, welche er mit schwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach
kurzem grüßenden Lüpfen dieses Käppchens auch bedeckt hielt. Er bediente
sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase
klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine
altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strümpfe mit
Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelsteinschnallen.
Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte sich
Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um
möglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmännischen Schreibstuben
üblich sind, und als dieser Aufforderung von ihm genügt war, überreichte
er einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf
prüfend an, und fand alles in bester Ordnung. – Sie sind uns gut
empfohlen, Herr Graf, nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in
Amsterdam willkommen. Welche Absicht führt Sie zu uns und in welcher
Weise kann unser Haus Ihnen dienen?

Die erste dieser Fragen gleich überspringend, da deren Beantwortung von
keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen,
ohne einen Geschäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus
vielleicht nicht zugesagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die
zweite: Meine Frau Großmutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung
einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus
angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem
Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gütigen Rath zu
ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb
selbst nach Paris reisen zu müssen, wohin ich zwar allerdings auch zu
gehen gedenke, nur dürfte vielleicht eine günstigere Zeit dazu
abzuwarten sein.

Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und machte
indessen mit seinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach Außen, indem
er die gefalteten Hände phlegmatisch auf seinem sammtmanchesternen
Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor sich hin: Pariser Stadthaus,
#l’hôtel de ville,# und weiter nichts, aber er begleitete diese Rede mit
einem bedenklichen Kopfschütteln. Darauf drehte er sich auf seinem
Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen
Büchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbände mit
chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung
auf dem Rücken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines
dieser Bücher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und
schlug es auf, indem er suchend murmelte: #De la Tremouille, de la
Tremouille.# Halb laut und unverständlich las Adrianus erst Einiges für
sich, und sprach dann laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Güte haben,
mir Ihre Papiere zu zeigen? – Ludwig reichte das Betreffende aus der von
der Großmutter empfangenen Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte
nun lesend seine Brille fester und schrieb von Zeit zu Zeit mit der
wieder zur Hand genommenen Feder auf die lederne Schreibunterlage
rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß er für dieselben noch Raum fand,
so unendlich viele Zahlen waren schon in ähnlicher Weise auf dieses
alterbraune Leder geschrieben worden.

Nach einer Weile, während der Kauf- und Handelsherr noch mancherlei für
sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir
jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau
Reichsgräfin Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthause zu Paris
belegten zweihundertfünfundfünfzigtausend Livres gehören zu den
immerwährenden Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und
einundzwanzig begründet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden
Frankreichs dahin privilegirt wurden, daß die Verzinsung bei denselben
Kassen nach wie vor bleibe und daran keine Kürzung geschehen könne. Nur
bei Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug
gebracht.

Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu Paris
angelegt ist, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die Kapitalsumme
der später geschaffenen Leibrenten, #rentes viagères,# aber nur vier
Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünfundzwanzig Millionen
bald verschlungen sein würden, wenn der unglückliche Hof und die
zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im Stande
gewesen wären, ihre angelegten Kapitale flüssig zu machen und außer
Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos tolle
Wirthschaft in Frankreich die Besitzthümer der französischen
Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in
Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille,
Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose
Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie sie es hält mit den
Geldansprüchen auswärtiger Souveräne, ist mir noch nicht bekannt. –
Meine Großmutter ist auch königlich dänische Gräfin, warf Ludwig ein,
dessen Aussichten sich merklich verdüsterten; aber der alte van der
Valck entgegnete: Frankreich hat allen europäischen Souveränen den Krieg
erklärt, folglich auch der Krone Dänemark, und diese kann kein
Schutzrecht üben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat
keinen Gesandten in Paris. Es steht überhaupt ziemlich mißlich mit
diesen Geldern, fuhr er fort; nur geordnete Zustände taugen für den Gang
der Geschäfte. Eine Revolution, die sinn- und zügellos alle Banden
sprengt, die, indem sie das Staatsleben läutern will, den Staat in das
tiefste Unglück stürzt, ist nicht fähig, auch nur die mindeste Bürgschaft
für etwas Anderes zu geben, als für ihren vaterlandsfeindlichen und
verderblichen Wahnsinn. Vor einigen Jahren wäre die günstige Zeit
gewesen, daß die Interessenten der immerwährenden Renten ihre Contracte
hätten verkaufen, und sich mit dem gehobenen Gelde bei den Leibrenten
betheiligen können. Aber auch dies würde ohne namhafte Verluste nicht
abgegangen sein. Im Jahr siebenzehnhundertsechsunddreißig war der Cours
jener immerwährenden Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch
hatte er sich kurz vor der Revolution wieder bis zu fünfzig Procent
gehoben, was wäre das indeß gewesen? Im günstigen Fall hätte ein
Betheiligter statt zweihundert Livres nur einhundert erhalten, und wäre
der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig gegangen. Gesetzt, das
Stadthaus vermöchte seinen Credit aufrecht und seinen Gläubigern Wort zu
halten, in was würde es jetzt Zahlung leisten? In Lumpenpapieren, in
Assignaten, für die ich, so wahr ich Adrianus van der Valck heiße, nicht
einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe!

Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich über dessen
etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen; indeß
fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die
Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angeführten
Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stände Alles so
gut wie es schlecht steht, bei den immerwährenden Renten ein Interessent
über fünf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also
schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent
lüstern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchstens für ihn
und eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Cölibat lebte und
bis an ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht
außerdem noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des
Nutznießers Tode erlöschen, er möchte verheirathet sein und Leibeserben
haben oder nicht.

Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lästig fallen, darf an
dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau
Reichsgräfin Excellenz werden sich gnädigst zu erinnern geruhen, was
Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfünfzig verlangt und
wessen sie sich damals erklärt haben, als es sich um den ihrerseits
auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille’schen
Renten für ihre Herren Söhne handelte, den sie sich ausdrücklich
vorbehielt, und bestimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die
Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaßen
belegt bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der
offenbarste Schaden in die Augen springt und jetzt gar Nichts zu hoffen
und zu erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf
von Varel?

Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brausenden Wasserstürzen
auf dessen Schaufelrädern umginge, verstört fuhr er auf, und antwortete:
Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen Menschen, der
Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen Sie mich
nach antiken Münzen, so kann ich Ihnen die griechischen, römischen und
barbarischen nach Städte-, Provinz-, Königs- und Herrschernamen an den
Fingern herzählen, ebenso die römischen Consulares, Familiares und
Kaisermünzen, aber vom neuen Geld verstehe ich nichts. Ich weiß wohl den
Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht den Cours der Papiere, darum
erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich beginnen soll, mindestens zu
versuchen, die angewiesenen Summen ganz oder theilweise zu erheben?

Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name
und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau
Reichsgräfin Excellenz hege, würde erstens einem ihrer Angehörigen
selbst ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauses öffnen,
gebieten Sie demnach über uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das
Haus Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein
und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an,
verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gültige
Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und
sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? –
Nein mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren
Vettern mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft –

Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf ein
Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre
geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwünschte
betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre,
Herr Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja
ja, recht gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht,
machen nur zu oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu
da, ihre Calcule zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig ist, einen
Strich durch die falschen Rechnungen zu machen.

Bei dieser Rede richtete der alte Herr seine stechenden Blicke mehr auf
seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhörer
abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen saß, und endlich heilfroh
war, daß sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das
Lüpfen seines Käppchens diese Sitzung aufhob.

Leonardus führte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer, umarmte
ihn mit stürmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz
herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés sehen, sie
liebgewinnen, ein Einsehen haben, sich erbitten lassen!

Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu
müssen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein beängstigendes
Vorgefühl mir sagt, die Sache könne sehr mißlichen Ausgang gewinnen. Es
war etwas Mißtrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er
mich entließ; ich weiß nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf
dich?

In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet,
es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt
er nicht, wenigstens nimmt er keine Rücksichten auf den Vorrang höherer
Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die
Ferne. – Ich nahm dergleichen wahr, bestätigte Ludwig; wozu war der
ganze Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar
keine Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weisung, den
alljährigen Zinsabfall derselben zu beziehen.

Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in
deinem späteren Leben wohl noch oft begegnen, daß sonst ganz
einsichtsvolle und verständige Menschen dich mißverstehen. Gar selten
hört Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, so macht
sie der Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei
der Hälfte ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der
Welt, aber das Geschäft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog
über die Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille’schen
Renten hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals,
dessen niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit
in Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben
wird, die Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun
verfolgte er seine Lieblingsidee und vergaß, denn er ist alt und wird
schwächlich, das eigentliche einfache Hauptanliegen.

Und ich soll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit.
Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur so
heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in
ein Netz von Täuschungen ein, das mir selbst sehr gefährlich werden
kann!

Was könnte denn _dir_ geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus
empfindlich. Du bist frei, bist unabhängig; wird mein und Angé’s
unbegrenztes Vertrauen dir lästig, so kannst du leicht das Band
zerreißen, das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden.

Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine
Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die große
Welt, kenne von ihren Verhältnissen noch so wenig; da ist es kein
Wunder, daß Manches mich befangen macht, daß ich in mir selbst nicht
sicher bin über mein Handeln.

Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, tröstete ihn der Freund.

Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater
bereits Argwohn geschöpft hätte, durch Kundschafter schon unterrichtet
wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe
einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm
Bericht erstattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging?

Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgniß beschwörst du mir da
herauf! rief Leonardus, und seine Züge wurden bleich, die angstvolle
Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn.

Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angés? setzte
Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es
Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hause Nachricht zu geben,
und in dieses Haus sie zurückzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie
ist gut und edel, sie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück
deiner Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr
trenntet euch, da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger
Freundschaft. Sie konnte sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie
es selbst im glücklichsten Fall als Fremdling, als Andersglaubende hier
in Amsterdam seyn? Sie ist Protestantin, ihr katholisch.

Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die wahre
Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele Tausende
solcher gemischter Ehen werden nicht alljährlich geschlossen, und gewiß
die meisten glücklich! Du wirst bald gewahren, daß bigottes Wesen uns
fremd ist; unser Geschäft schärft den Blick für das richtige Verhältniß
in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und noch mehr,
Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöser Ueberzeugung
vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen Gottes.

Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Daß Angés
mitkomme, sei deine Sorge.

Die Freunde machten in Begleitung Angé’s und der kleinen Sophie einen
Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch
so manches Merkwürdige und Schöne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt
Ludwig’s Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig saß an Angé’s Seite. Noch
einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom ruhigen
Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem
sinnbethörenden Lärm, mit all seinen gemischten Gerüchen von Tabaken,
Häringen, Käsen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwägen voll
Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die
in großen Kübeln plätschernd den Fußgängern Wasser in die Augen und auf
die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matrosen,
Lastträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich,
Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die
Pracht der riesigen, majestätischen Schiffe, dort die Pracht der
Gebäude, die Admiralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von
Windmühlen, die alle arbeiten, als dürften sie nimmer ruhen und rasten,
um dieser unzählbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu
verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast
alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der
Neuzeit, und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit
anzugehören.

Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straßen des nordischen
Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die schiffebelebten
Kanäle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer noch voll
unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schöner Ordnung. Die
schönste Brücke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit 35 Bogen über
die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das Palais des
Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tausend Säulen,
der schönsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelfülle, wurde
flüchtiger Besuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes
wartete, ergötzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets
verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte häufig
freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre
Blicke auf sich zog, und saß zuletzt in einer kleinen Welt von im
Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen und
bunten Bändern engelfroh und engelschön, ein Bild zum Malen, wie zum
Küssen.

Späteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen der
reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Märkte, der
Theater, der bedeutendsten Gemälde- und sonstiger Sammlungen.

An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebäuden, Magazinen, Hallen
und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg vorüber
lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem Ludwig und
Angés Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum Abendbesuche im
Hause des Herrn Adrianus van der Valck.

Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus führte seine Freunde mit Absicht
etwas früher ein, er wollte und wünschte, daß seine Eltern erst allein,
ohne fremde Zeugen, die Auserwählte seines Herzens sehen möchten.

Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles
athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner
Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte
Dienerschaft, die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der
Eltern, die ungemein feierlich den Abendgästen entgegentraten, das
Alles kündete Außergewöhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier
seiner Rückkehr in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljährlich
zwei-, höchstens dreimal wurde große Abendgesellschaft gegeben, bei
welcher in dieser Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck
sich kundgeben durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich einfach,
gab höchstens einmal unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem
der alte Herr gemüthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang
anzuthun, und zu welchem nur die nächsten Anverwandten gezogen wurden.
Angés war tief verlegen; sie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus,
daß ihr Anzug, obschon sie völlig passend und keineswegs ärmlich
gekleidet erschien, in diese Räume und was dieselben erwarten ließen,
nicht passe, und noch verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem
die Hausfrau sie ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Gräfin Excellenz
anredete, sich unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genießen,
sie in seinem geringen Hause begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle
von Lob über die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht
der Täuschung, daß Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte?
Hielt der alte Mann sie wirklich für Ludwig’s Verwandte, die Frau eines
seiner Vettern? Konnte, durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen?
Und mußte nicht das beschämende Gefühl sie zu Boden drücken, hier vor
diesen würdigen, hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige
Lügnerin und Betrügerin zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott,
und lauerte auf sie die schmerzlichste Demüthigung? – Während in Angés
diese Gefühle kämpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria
Johanna, geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwürdigen
Matrone, vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen,
als sie Ludwig’s Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als
Ludwig sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an:
Aber Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr?

Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, #min Vlugteling!#
antwortete sie lächelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht
deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus
van der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag’ ich dir, Leonardus, das
wird ein wahrer Priester und ein Rüstzeug des Herrn und unserer
geheiligten Kirche! Und deine schönen Nichten? Hast du denn gar kein
Herz mehr für die holdseligen Jungfrauen, deine nächsten Verwandtinnen?

Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten sind mir ja noch
alle lieb und werth, aber hätte es deswegen so großen Prunkes bedurft?

St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen,
weißt, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines
seligen Herrn Vaters Hause gerade so – #eene goede opvooding hebben, ist
ryke huwelyks-gift# – gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert’s dich,
mein lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit
undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in
Geschäftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen
Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der
Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn
Erbstatthalters, wie von dessen Söhnen? Man muß es mit Niemand
verderben, #by niemand in ongunst raaken.#

Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich schönen
Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen
Blüthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre
Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln,
sorgte auch alsbald für des kleinen Mädchens Zerstreuung, indem sie das
Kind einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und
allerlei Naschwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus
entfernte sich, um seinen Anzug zu verschönern, und Ludwig wandte sich
wieder zu dem alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nöthigte, und
da noch Niemand von den erwarteten Gästen kam, mit ihm ausschließliche
Unterhaltung begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn
kundgab. Ludwig konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung über die
Pracht des Hauses, die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen
Räumen ihn umgab, zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr
Adrianus nur mit einem tiefen Seufzer.

Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser:
Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf,
vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre bürgt mir
dafür, daß Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich
aus gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen
Sohnes sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will
nicht eingehen in meine Pläne, die nur sein Glück begründen wollen; er
ist mein einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann seine Zukunft
golden machen, denn mit mir geht meines Hauses Glück und Glanz zu Ende.

Unglaublich! flüsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare verschwenderische
Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen bedeutende Häuser?

Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen
Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu
meinem Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all
mein Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem
entsetzlichen Fall.

Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes
Erschütterung.

Dieses Haus, Herr Graf – flüsterte der Alte, nur leise hauchend: – ist
die holländisch-ostindische Compagnie!

Wie wäre das möglich? fragte Ludwig.

Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschöpft:
Sie können noch nicht rechnen, haben’s ja selbst gesagt – ein großer
Fehler – ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist
leicht, ist faßlich – aus den vier Species, reine Subtraction!

Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheißen, hinterließ mir und
meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schönes Vermögen. Die
Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt
das Geschäft. Schon unsere Vorfahren hatten die holländisch-ostindische
Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr
Vermögen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere
Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten
dieselben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit
den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der
Engländer; große Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt
Gesetze vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und
Ternate; sie bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und
in das Küstenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und
verbrannten Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet
und erbaut, Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und
zuletzt das Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug
jedes Hundert holländischer Gulden fünfundsiebenzig Gulden Zins, bald
aber standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig
Procent.

Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert
Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das sagen
will, ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten für
die Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straßen,
Kanäle, Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorüber. Die
Compagnie ist ein Bild des irdischen Glückswechsels; als ich geboren
ward, im Jahre siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien
fast auf neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig
auf eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf,
eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher
eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also
eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jährlich
einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la
Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so ständen; ich wollt’ es Ihnen
gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer rascher abwärts, schon
von siebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt
stehen? – Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der
Vogel Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die
Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt – sie sind ft!
in die Luft – kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da,
Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu
bezahlen! #Adieu bon esperançe!# Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui!
Ich will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische
that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig
hatten wir zwölf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf
einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott
danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre
Schulden – aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen
anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und können uns mit vollerem
Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba
Geusen, das heißt _Bettler_ nennen. Unser Alba, der uns in den Staub
tritt, ist die Verarmung.

Erschütternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Riß
eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge
Mann in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein.

Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glück mit
liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll
er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein
Käsekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likörbrenner? O, Herr Graf, Sie
haben Macht über sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten,
auf daß ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit
zur Grube fahre!



9. Eine Abend-Gesellschaft.


In den vordern Zimmern wurden schlürfende Tritte vernommen, weibliche
Stimmen, es rauschten Gewänder von reichen und schweren Stoffen. Herr
Adrianus drückte Ludwig die Hand, erhob sich und sagte: Die Damen
kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenseitige Vorstellung.

Der erwartete Besuch trat ziemlich rasch hinter einander ein, ward
begrüßt, begrüßte verwandtschaftlich-freundlich den heimgekehrten
Leonardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauses van der Valck, und es
erfolgte die förmliche Vorstellung, die für Ludwig und Angés wegen der
Täuschung, die sie sich an diesem Orte erlaubte, viel Peinliches hatte,
was aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu umgehen war. Der alte Herr
Adrianus führte die Damen zunächst dem jungen Grafen vor, welche,
während er ihre Namen nannte, steife Knixe machten; eben so steif war
ihre Haltung und Tracht, letztere sehr einfach, aber reich, und Alles an
Stoffen der Gewande wie am Schmuck von höchster Gediegenheit.

Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines ältesten Bruders
Petrus van der Valck, der schon im Jahre siebenzehnhundertachtundachtzig
starb, trauernde Wittwe. Sie ist die Tochter des Herrn Martinus von
Heynsbroeck und der Frau Anna Maria van der Stoot.

Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieser
kalten, bleichen und langen Gesichter das ganze Geschlechtsregister
anzuhören bekomme. – Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit
jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran.

Meine liebe Schwester, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider
ebenfalls schon Wittwe und zwar des weiland Kauf- und Handelsherrn
Theophilus Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieser Zeitlichkeit
schied, leider ohne männliche Nachkommenschaft; hier aber sind seine
Jungfrauen Töchter, Cornelia Petronella, Helena Maria und Christina
Theodora.

Auch die Gesichter dieser Jungfrauen, von denen eine sogar Helena hieß,
hatten keine helenischen Physiognomien, und keine sah aus, als werde um
ihretwillen ein trojanischer Krieg entstehen. Jetzt trat ein kleiner
junger wohlgenährter Herr heran, mit einem blühenden, vollrunden
Gesicht, ein schmuntzelndes Lächeln umspielte fast stehend seine
frischen Wangen und sein glattes gekelchtes Kinn; man sah ihm an, wie
schwer es ihm wurde, ernst oder gar heilig auszusehen.

Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner
Schwester Clarina, Wittwe. Wie Sie sehen, Herr Graf, ein geistlicher
Herr, Caplan von Sanct Ottilien, welcher sich dem Dienste unserer
heiligen Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer.

Ja wohl! ganz außerordentlich! fügte, Spott in seinen Mienen, Vincentius
Martinus hinzu. Lassen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie sehen
ja, wie schamroth ich werde. Es ist mir eine große Ehre, Herr Graf, Ihre
Bekanntschaft zu machen; Sie sind ein Freund meines Vetters, und wer
dessen Freund ist, ist auch der meine, vorausgesetzt, daß ich solche
Ehre mir anmaßen zu dürfen nicht unwürdig befunden werde.

Wenn mir vergönnt sein wird, Herr Caplan, öfter die Ehre zu haben, in
Ihrer Gesellschaft zu sein – hoffe ich –

Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig’s
zu hören, Vincentius, Blitz – da kommt die Braut, das Meerwunder!

Ludwig erschrak bei diesem Wort. Er hatte geahnet, daß es so kommen
werde, und begann für Leonardus zu zittern, wie für Angés.

Eine hohe stattliche und schöne Jungfrau rauschte herein, gefolgt von
noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; sie verbeugte sich
nach den strengsten Regeln der Complimentirkunst, hielt auch ihren
Bastille-Fächer, das Neueste, was die Mode von Paris nach Amsterdam
gesendet, kunstgerecht, hatte ein höchst regelmäßiges aber kaltes
Gesicht, und war nicht die Jungfrau, der ein liebebedürftiges Herz sich
wohl hätte nahen mögen. Auch sie wurde vorgestellt: Mejuffrow Sibylla
Nikodema van Swammerdam.

Leonardus war zum Tod erschrocken, ihn graute; er sah was kommen werde,
und suchte sich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin
gewirkt zu haben, daß Angés im Hause seiner Eltern war. Klar lag der
Letzteren Absicht vor seiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und
nach mehr und mehr sich sammelnden Gäste, Verwandte von Vater und Mutter
und von Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam; nichts Geringeres war
im Werke, als mit dem Fest seiner Heimkehr das Fest seiner Verlobung zu
feiern. Begrüßen, Vorstellen, zum Sitzen genöthigt werden, um stets
wieder aufzustehen, wenn die Förmlichkeit erneuter Vorstellung und
Begrüßung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, indeß unter
den silbernen Theekannen die blauen Flammen loderten, Flötenuhren mit
zarten und gutgestimmten Glockenspielen beliebte Liederweisen spielten,
und köstlicher Wohlgeruch durch alle Zimmer seine balsamischen Düfte
strömte. Ludwig näherte sich wieder Angés und ihrem Kinde, das sich’s
behaglich schmecken ließ und eine Cyperkatze streichelte, die sich
zutraulich an die Kleine schmiegte.

Freund! flüsterte Angés zu Ludwig, ich wollte, ich wäre nicht hierher
gekommen, mich drückt all’ diese Pracht, ich fühle mich hier so
unendlich arm und so sehr verlassen.

Fast geht es mir eben so, gute Angés. Man hält Sie allen Ernstes für
meine Verwandte; ich wünschte, Sie wären es in der That, dann brauchte
Ihr Herz nicht beklemmt zu schlagen. Vielleicht können wir das Kind zum
Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen.

Sehen Sie, wie außerordentlich feierlich Alles ist, sehen Sie, mit
welchen Blicken der junge Geistliche mich mustert?

Sie werden ihm gefallen! scherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu
verscheuchen.

O Gott, nicht solchen Scherz! seufzte Angés und legte die Hand aufs
Herz, das bange, sehr bange schlug.

Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hülfe ihrer
Schwägerinnen ihre Abendgesellschaft zum Sitzen gebracht, und der Thee
ward herumgegeben mit aller auserlesenen Zubehör; doch saß die
Gesellschaft steif, nach holländischer Weise ziemlich wortkarg,
verlegen, die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen
japanischen Tassen, leicht wie Luft und zart wie holländisches Papier,
in Berührung mit den Theelöffeln ließen sich mit feinem Klang vernehmen.
Da schlug plötzlich die kleine Sophie an ihrem Tisch ein schallendes
Gelächter auf, und rief laut in die Gesellschaft: #Ah – ah – ah – ahi –
ahi! Voila! qu’elques drôles caricatures – qu’elques bouffons!#

Aller Blicke wandten sich voll Staunen nach dem Kinde hin. – Angés
erschrak, dies vorlaute Wesen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was
hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Himmel, wenn sie des
Hauses Gäste meinte!

Doch diesen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des Hauses,
welche die Hände zusammenschlug und lächelnd ausrief: #Voorwaar,
voorwaar – kinderen en gekken spreeken de waarheid!#

Beim Himmel! rief der alte Herr: du hast recht, liebe Frau, nie fand ein
Sprüchwort bessere Gewährschaft, als dein: Kinder und Narren reden die
Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es so,
daß die Mehrzahl der Gesellschaft die aufgeschlagenen Blätter gewahrte.

Sie sehen hier, Damen und Herren, das neueste Costümebuch der #Grande
Opera# zu Paris, fuhr Adrianus schneidend fort: den abgeschmacktesten
und unsinnigsten Mischmasch römischer, mittelalterlich-französischer und
spanischer Maskenanzüge und Comödiantentrachten! Möchte man nicht
manchen dieser Muscadins und Incroyables fragen: Federbusch, wo willst
du mit dem Kerl hin, der dich trägt? Fluch allen diesen blutigen
Possenspielern in ihren rothen, schwarzen und purpurverbrämten Mänteln,
ihren weißwollenen römischen Togen und Tuniken, ihren Federhüten und
Harlekinskappen. Es ist doch nichts als eine heillose Bande von
Gurgelabschneidern, Mordbrennern, Räubern, Bluthunden und Brüllaffen!

Es waren in der That die Trachten dargestellt, in welche die große
Nation jene Beamten kleidete, durch deren Machtsprüche sie ihre besten
Köpfe gouillotiniren ließ. Schlaue Theaterschneider waren es, welche
diese Trachten ausgesonnen hatten; keiner hatte sich selbst vergessen;
nur Frankreich vergaß sich selbst ganz und gar. –

Während die Abendgesellschaft sich mit dem Beschauen dieser Bilder
beschäftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet über die
Gracht geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus stand, waren eine
gute Strecke von demselben abgestiegen und hatten den Dienern die Zügel
ihrer Rosse zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere langsam auf- und
abzuführen. Diese Herren waren alle drei von stattlichem Wuchs, trugen
Soldatenmäntel und waren in Galla-Uniform, im vollen Schmuck blitzender
Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform
eines Vice-Admirals der englischen Marine, und schien dreißig Jahre zu
zählen; der zweite erschien einige Jahre jünger, hatte aber gleich jenem
eine athletische Gestalt und ernste kriegerische Haltung; der jüngste
war ein schlankgewachsener schöner Jüngling, der kaum zweiundzwanzig
Jahre zählen mochte. Sein Auge war äußerst lebendig, sein Wuchs wie
seine Haltung stattlich, und ein freundlich offenes Wesen mußte für ihn
einnehmen.

Noch einmal, lieber Graf! flüsterte der Jüngste dieser Herren dem
Mittleren zu, indem sie dem Hause van der Valck zuschritten, Mäßigung
und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer weiß, was der
alte Herr gesehen oder gehört hat, und wie er Wunder denkt, welche
Freude er Ihnen bereitet, welche Ueberraschung!

Ueberraschung auf jeden Fall, mein –

Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor
der Zeit offenbaren!

Ueberraschung ganz gewiß, wiederholte der Andere mit schlecht verhehltem
Ingrimm. Es ist so, wie soll ich’s denn anders denken? »Wenn dem Hause
van der Valck die hohe Ehre des unterthänig erbetenen Besuches zu Theil
wird – schreibt mir wörtlich der alte Herr – so wird es Hochdenenselben
gewiß zum höchsten Vergnügen gereichen, in meinem Abendzirkel einen
liebenswürdigen jungen Verwandten mit einer doppelt liebenswürdigen
Verwandtin, Gemahlin eines der verehrten Herren Vettern, und einem
Kinde, welches man ein Wunder von Schönheit nennt, zu finden, welche
beide gestern mit meiner Pinke, die »vergulde Rose«, Curs Hamburg,
Carolinen Siel #à# Amsterdam, hier eingelaufen sind.

In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort. Wenn
es nicht deine Frau ist, so bin ich äußerst neugierig auf die schöne
Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schöne junge Frau und ein so
schönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl
nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber
Vetter, du grollst vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger
Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der
Leimruthe einer hübschen Larve gefangen nahm, und so gnädig ist, in
diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck’s die junge Gräfin zu
spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird
er schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das
Feuer scheut. Jeder muß selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu
tragen.

Jedenfalls aber muß dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische
Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu
führen, so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren!

Nur erst prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erst noch einmal den alten
Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jüngste
Begleiter.

Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken
hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Lust, mich mit dir zu
schlagen, daß deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so
beleidigen! Als du wegfuhrst, verließest du sie doch leidend; so
ätherisch sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt für einen Engel, einen
Seraph erkläre, eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist
sehr gut für dich, sie hat keine Flügel, folglich kann sie dir unmöglich
unter den Händen weg voraus geflogen sein.

Was half all’ dieses Reden! Der eifersüchtige Mensch ist stets sinnlos
und handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste,
beste Mensch wäre; die Leidenschaften sind Dämonen und werden es ewig
bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Götter. Und
fürwahr, es erscheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich
Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre
der Reife erreichte, ein Pandämonium ist und bleibt bis zum Grabeshügel.

Ich hoffe, daß ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz
verblendete Mann, aber möglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt
gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hübschen Laffen, dem Lebensretter,
übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen
vier oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser
Vorsprung war ein Leichtes.

Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu
entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und
deiner Rückreise wohlbekanntes Ziel.

Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das
durch die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kündete seine innere
Bewegung an. Jetzt war das Haus erreicht.

Noch ein Wort! sprach der Jüngste der drei Herren. Kein Feldherr
unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine
Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet
aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die
Vorpostengefechte beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf
übermorgen sage ich das Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein
günstiger Friedensschluß den Feind zur Unterwerfung nöthigt.

Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den
Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen.

Herr Adrianus hatte, während die Gesellschaft sich der Betrachtung der
erwähnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung
anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines
Dieners unbemerkt das Zimmer verlassen und empfing mit ehrfurchtvollem
Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren.

Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der
Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen,
Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine
Marie?

Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da,
aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hörte ich dasselbe
Sophie rufen.

Da haben wir’s! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal
wieder ein starker #error calculi# meines hochgnädigen Herrn Vetters!

Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der Eifersüchtige.

Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklärung hinwegfällt, scherzte
der jüngste der drei Offiziere, so dächte ich, wir bildeten heute blos
ein Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als
Bataillonschef selbst jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden
befinden.

Die Gesellschaft im hohen geräumigen Besuchzimmer nahm wahr, daß am Ende
der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Dienern nicht ohne
Geräusch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kronleuchtern, auf deren
jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in demselben
Augenblick erklang von einem großen, in dem Durchgangszimmer
aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flöten-, Trompeten und
Fagottstimmen, mit türkischen Becken und halbem Mondgeklingel, mit
Posaunen- und Paukentönen füllreich und harmonisch bewillkommend die
Melodie der niederländischen Nationalhymne.

Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüsterte er,
während die ganze Gesellschaft sich überrascht und feierlich erhob,
diesen Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater?
Se. Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei
Generale!

Und einer derselben mein gestrenger Vetter, der souveräne Erbherr von
Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und
wahrhaftig, der Andere ist William, der englische Vice-Admiral,
ebenfalls mein Vetter. O Leonardus!

Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen
begrüßende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern
Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den
Vice-Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die
Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und
was sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde
des Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuser van der
Valck und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war.

Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher
Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die
hohen Gäste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden: Diese
Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus.

Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er sah in
ihr ein schönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Gesicht, das machte ihn
innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken
gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich
dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und
Gereiztheit, trieb ihn zu einem raschen Entschluß. Während noch der
Erbprinz zu Leonardus gütig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral
mit wenig verschämter Neugier Angés betrachtete und in sich selbst
hineinmurmelte: Schön, außerordentlich schön, kein übler Fisch, und
darauf ein Gespräch mit Angés anzuknüpfen begann, winkte Graf Wilhelm
Gustav Friedrich seinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und
sprach zu ihm: Ludwig Carl, kannst du vergessen?

Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig
offen zur Antwort.

Ich will es! entgegnete der Erbherr.

Ein gegenseitiger fester, männlicher Händedruck, und die Versöhnung war
besiegelt.

Aber sprich, wer ist diese Dame?

Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und
incognito! flüsterte er.

Zu Angés gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine
Niederländerin, meine Gnädige? Französin ohne Zweifel?

Eine Deutsche! gab Angés zur Antwort.

Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath?

Die Pfalz.

Ah so, die Pfalz, ein schönes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz,
schöne Pfalz-Gräfin –?

Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebührt vielleicht Personen
Ihres hohen Geschlechtes, ich aber muß ihn bescheiden ablehnen.

Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war überrascht von dieser
einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angés kenne
genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus
ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren,
wie Angés eine Pfalz-Gräfin war. Indem er sich so für abgefertigt hielt,
gewann Angés in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder
blosstellen, sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im
scherzhaften Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen
denn das Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unsere
Verwandte sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! – Diese
Worte machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestürzt. – Nicht? nicht?
nicht? stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der
junge Herr Graf selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner
Herren Vettern, wie konnt’ ich zweifeln? – Gewiß, lachte fast laut der
zu Scherz und Spott stark geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie
zweifeln? Die Verwandtschaft des jungen Herrn ist erstaunlich groß, er
hat ganz sicher sehr viele Vettern und auch Mühmlein. Er ist ein Luft-,
ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie
auf Ihre goldenen Theelöffel Acht haben, Herr Adrianus, ich glaube, die
Dame ist eine feine Spitzbübin, und daß sie des Goldes bedürftig, sehen
Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht.

Es fiel dem Vice-Admiral nicht im Entferntesten ein, diese seine
Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts
lieber war als baare Münze, nahm auch diese Worte für solche, und sein
Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld,
wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der
– Landläuferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu
wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur
Steigerung seines Aergers, so eben mit Angés im vertraulich flüsternden
Gespräch erblickte, während der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt
und der Erbprinz sich in ein Gespräch mit der würdigen Familie von
Swammerdam eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmüthige Frau in den
Weg und fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene
beginnen? Mache daß die Täubchen endlich zusammenkommen, denn das
Sprichwort sagt: #waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld
is, daar wil het geld wezen.#

Ja ja, Mutter, ja ja – wenn nur nicht – nun gleich – werde die Sache
einstweilen ordnen – doch sorge, daß die Herren zuvor gut bedient
werden.

Du siehst ja, daß es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden
die Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben höchstihren
Zuckerkuchen in den Thee.

In Adrianus Innerem kämpften widerstrebende Gefühle und ein Zweifel
jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter
dieser Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter
angedeutet, und brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte
dahinter; aber Adrianus hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und
jene Dame, die er eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den
übrigen Gästen blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis
paßte, wie war seine eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den
Erbprinzen dazu eingeladen zu haben?

Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute
Amsterdams bildeten eine höchst achtungswerthe Aristokratie, kein Fürst
brauchte sich ihrer zu schämen, das hatten schon die deutschen Kaiser
Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht
unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu
Amsterdam seine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiser Sigismund’s hinab
erstreckte. – Herr Adrianus war unglücklich in seinem Gemüth und mit
sich selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgänge des heutigen Abends
so schön ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nächsten
Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut
öffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen
salbungsvollen Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander
diese Verlobung in der St. Ottilien-Kirche öffentlich verkündigen. Die
ehrbare Braut, fügsam und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau
ziemt, war Alles zufrieden, was die Häuser van der Valck und Swammerdam
über sie beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit
Sehnsucht oder zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt
herbeizusehnen, dessen doch in aller Gemüthsruhe gewärtig.

Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an,
sein stets schalkhaft lächelndes Gesicht in ein ernsthaftes
umzugestalten, was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu
jugendlich munter, um schon seinen Zügen die stehende Type gottverhaßter
Heuchelei fest einzuprägen, wozu entweder sehr frühe Uebung oder reifere
Jahre gehören. Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange
hagere Gestalt der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den
Mittelpunkt vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsäule
gleich, mit niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von
Leben gab, als daß sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und
noch feiner durchbrochenen Elfenbeinblätter ihres Bastille-Fächers
aufschlug und wieder zusammen klappen ließ.

Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei
es eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen
Gäste in den Halbkreis, und nur Angés wandte sich zu dem Kinde, das
jetzt einige Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte sich zu ihm nieder und
flüsterte der Kleinen zu, daß sie sich bald nach Hause begeben wollten.
Sophie zeigte mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder,
die sich vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies
nur leise flüsternd that, und Angés sich ebenso mit ihm unterhielt, so
störte das nicht im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der
Valck jetzt vor dem Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und
deren Inhalt sich um die unsterblichen Sätze drehte: daß Gott im Anfang
ein Männlein und ein Weiblein erschaffen und in eigener allerhöchster
Person geäußert habe, es sei nicht gut, daß der Mensch allein sei, daß
folglich jeder Mensch, nämlich Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn
sei; daß ferner alles irdische Glück, wonach auch alles Streben
hauptsächlich ziele, in Erfüllung göttlicher Weltordnung und der
Gründung eines häuslichen Herdes gesucht und gefunden werde. Auch sei
durchaus unzweifelhaft, daß Gott und seine heilige Kirche nur mit
Wohlgefallen auf christliche Eheverlöbnisse blicke, die nach den
Wünschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und Verwandten,
und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung über das
irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden.

Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van der
Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van Swammerdam eine
derartige Verabredung schon in früheren Jahren getroffen worden, so soll
dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so verloben wir, ich,
Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner ehrsamen Hausfrau
Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen eheleiblichen Sohn
Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr, Herr Nepomuck
Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame Gemahlin, Frau Susanna
Euphemia van Swammerdam, geborene van Neriske, als Tochtereltern, ihre
eheleibliche einzige Tochter, die »adelyke« Jufferouw Sibylla Nikodema
zu einem rechten christlichen Brautpaar vor diesen allseits achtbaren,
hohen und höchsten Zeugen!

Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine vorher
leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen, die er
bereits in den Händen hielt, leise klingelte, fuhr Angés horchend auf
und eiskaltes Entsetzen überrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr
lauschte sie hin, beide Hände fest gepreßt auf die ungestüm wogende
Brust, auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach
Fassung. – Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen – zuckte es durch ihr
Gehirn – nicht den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés – denn er
ist nicht dein, wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht;
du darfst nicht Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch
auf dich laden! – Und so stand die schöne, zitternde Gestalt im
gewaltigen Kampfe zwischen Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer
vom Pfeil des Todesgottes getroffenen Tochter Niobe’s, bleich wie ein
antikes Bildwerk aus cararischem Marmor.

Und Leonardus? – In seinem Busen wogten und gährten Höllenangst, Zorn,
Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer sich wollte er schon einen
unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach Brauch
und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch schon Vincentius
Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in
diesem Augenblicke aber fühlte er seine Hand fest erfaßt und gedrückt,
und hinter ihm stand Ludwig und flüsterte: Sei Mann! Verstellung, keine
Scene, stelle deine Eltern nicht blos – wir helfen dir heraus!

Diese Worte hörte Angés nicht, denn sie hörte überhaupt nicht mehr, ihr
ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen
Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter geführt, ganz ehrbar zu
seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla’s Hand in seine
Hand legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz
trotz der dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern,
Kandelabern und Gueridons brannten, daß sie gar nichts mehr sah; lautlos
sank sie in sich zusammen.

Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl
erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des
Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten Leonardus,
er sank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief außer sich,
Alles um sich und sich selbst vergessend:

Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache! – Der Erbprinz
bemühte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkosend das
schöne Kind; zufällig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des
Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karminroth von der feinen Haut
die Buchstaben entgegen: #S. C. B.# Er hob mit einem lauten jauchzenden
Ausruf die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude!

Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angés schlug die Augen auf, und sah
das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer
Ohnmacht schneller geweckt, als die stärkenden Essenzen. Eure Hoheit –
wurden fragende Stimmen laut: Was ist’s mit dem Kinde? Und Jener rief
mit schöner Wallung des Gefühles: Dieses Kind – ist mein –



10. Ein Tag in Paris.


Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare,
unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter einem
hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an
allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe und
Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten
gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge folgte dem
anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein, denn
das Unerhörte fand statt, es feierte selbst – die Guillotine.

Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott
glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der
Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize
und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch
übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der
von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von
der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen
der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere
Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?

Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit dem
vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte,
Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst
aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des
heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften
christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön,
obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25.
Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli
(Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl
die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von Oekonomiewerkzeugen
und Küchenkräutern, hinter denen man nur Dreschflegelführer und
Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als sie sich zu
Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer haben? Diese
Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten sein, wie eine
Nation, die sich die Große nannte, solchen Gallimathias gutheißen und
anerkennen konnte?

Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem
Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche
mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben
Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige
Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten,
kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel
und Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken
rothe Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau,
roth, weiß. Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige
Pistolengriffe schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des
Kleeblatts heraus. Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen
und Pulver in dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas
furchtbar Wildes, und zeigte sie so recht vollständig #à la mode#, denn
solcher Gestalten und Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren
sogenannte Carmagnolen.

Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die
Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz
kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf
an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu
dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke
Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können.
Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl durch,
und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen Plätzen
und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück, #Programmes de
spectacle# feil.

Aufzüge waren es, welche die wühlenden Massen in Stocken brachten und
für welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten wurde.
Da zogen Jungfrauen auf das Schönste, wenn auch nicht auf das
Anständigste geschmückt, nämlich in flordünnen griechischen Costümen,
durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen,
Kränze von Aehren und Kornblumen im Haar und Körbchen voll Blumen
tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen
beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte,
wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals
schön, kleidsam und anständig genannt ward. Es kamen Greise, anzusehen
wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die
Wachsfigurenkabinette die Jünger Christi umhängen, die das Abendmahl
feiern, mit schneeweißen Perrücken und abscheulichen Flachsbärten. Diese
tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der
großartigen Farçe ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um sie den
Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, sobald ihr Stichwort fallen
würde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit
Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thorfahrten geschmückt.
Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüstet
worden, um Paris für einen einzigen Tag einen schnell vergänglichen
Schmuck zu leihen.

Die drei jungen Männer in der schmutzigen Carmagnolentracht wühlten sich
langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer
allmählig gelang, an der Wasserseite gegenüber dem Pavillon der Flora
und der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen,
von dem aus sich einigermaßen die Festlichkeit übersehen ließ, welche
sich vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens
erbaute Amphitheater, das sich bis hinan zum großen Balkon des
ehemaligen Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe
Rednerbühne emporragte. Vom Amphitheater führten Stufen bis herab zum
großen runden Wasserbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und
in dessen Mitte statt der zertrümmerten Steinbildsäulen, die dasselbe
früher geschmückt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war,
zusammen gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem
Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende
Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht,
der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkündete,
daß dies »die einzige Hoffnung des Auslandes« darstelle und bedeute.

Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spöttelte einer der
drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefährten, aber in einer Sprache,
die ganz fremdländisch klang und die schwerlich ein Akademiker
verstanden haben würde.

Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der jungen
Männer.

Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll _blinder_
Kinder.

Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von
einer Schaar entmenschter Henker den Fuß auf den Nacken setzen zu
lassen?

Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthschaften und allerlei Gerümpel,
welches die Attribute des Gewerbes und der Künste darstellen sollte.

Ah, der neue Kalender! flüsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel,
Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Sense, lauter
Monatstage; die neuen Heiligen!

Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten
Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernsthaft,
Junge, ernsthaft, sonst ist’s um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln
stempelt dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil.

Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen
sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mütter, der Kinder, der
Jünglinge, der Männer u. s. w. nach der Vorschrift des Programms
vertheilt waren. Gegenüber den drei Zuschauern erblickte man in einigen
Fenstern des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von
Zuschauern und noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine
Gesellschaft, welche dem angenehmen Geschäft des Frühstückens oblag. Der
eine von den drei aufmerksamen Zuschauern flüsterte seinem dicht an ihn
gedrängten Nebenmanne mehrere Namen zu. – Jenes Weib mit dem
abscheulichen Aufputz, dem fliegenden Mähnenhaar und den weit herauf
entblößten Armen, ist die Bürgerin Dumas, die Frau des Präsidenten des
Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in großem Costüme. Dort
stehen neben einander Barrère und Collot d’Herbois, und lassen sich den
Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim
Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine
verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Bürger Villate, der
sich jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein
hungerleidender Seminarist, wofür er sich jetzt entschädigt. Er hat
stets Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen.
Vor Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine
sandte: Die Angeklagten sind doppelt überführt, sie haben nicht nur eine
Gefängnißverschwörung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen Magen.
Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum Frühstück
gelangen können. Lasset sie dafür in den Sack niesen!

Ha! – Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des
Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrängt
harrende Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, daß sie auf
ihn harrt. Sieh – er trinkt – rothen Wein!

Ob ihn nicht schaudert? flüsterte leise fragend der Eine.

O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit längst
überwunden.

Er trägt eine grüne Brille, flüsterte jener wieder.

Farbe der Hoffnung auf die Dictatur. –

Das Frühstück bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten
harrte im Brande der Frühlingssonne des heißen Junitages die Menge,
theils geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der
Einheit (früher d’Horloge) schlug zwölf – sie schlug halb eins – man sah
jenen Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an
seine Stelle getreten, die Männer des Revolutionstribunals, hohe
schwarze Hüte mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze
Talare, darüber breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder
um die Brust mit metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer
Ordensbündnisse – alle Brüder eines Todesbundes, der Menschenleben
hinmordete, wie des Mähers Sense die Wiesenblumen in Schwaden
dahinstreckt. Es schlug ein Uhr – immer noch harrte die Menge, die
Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer fehlte, der vorhin doch da
gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele des Festes – er war nicht
mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus dem Zimmer gewankt
war, vergessen, sein Blumenstrauß; man suchte ihn, man fand ihn auch –
es war der Repräsentant des französischen Volkes, den man gesucht, den
man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der Anstand zu sagen;
es war _Robespierre,_ und Robespierre – war betrunken.

Das war der Mann, der jetzt herbeischritt, bleich, mit gerötheten Augen,
etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen
Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin,
der Mörder der Girondisten, der Mörder von des Königs Schwester, der
Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mörder von Tausenden; eine
Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper
so klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das
war die körperlich und moralisch schreckliche Mißgeburt und die
Gottesgeisel, die sich das große Frankreich gleichsam zum Herrscher
gesetzt, der es seinen freien Nacken beugte. Das war der Gotteslästerer,
der es gewagt hatte, am heutigen Tage ein Fest des höchsten Wesens
anzuordnen.

Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrüßte das berauschte
Scheusal, und es hallte endlos und endlos #Vive Robespierre!# daß es ihn
ernüchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die
Tribüne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht
zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flämisch und
Französisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu – von
glücklichem Tag, französischem Volk und höchstem Wesen, von Tyrannei und
Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des
Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und
diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem höchsten Wesen, in
dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken
und Wünsche zu weihen.

Dieses höchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem
Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren
der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächste sollte 23 dem Beile
verfallen sehen.

Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe der
Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser mit
einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikanischen Wüste
glich, geendet hatte, brausete stürmischer Beifall, obschon nicht ein
Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen.

Feierlich stieg Robespierre von der Tribüne herab und die Stufen nieder,
um symbolisch die »einzige Hoffnung des Auslandes« zu vernichten. Man
reichte ihm einen brennenden Kienspahn, und mit dieser stinkenden
Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit
Brennstoff umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war so getroffen,
daß an die Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Träger das Bild
der Weisheit in reiner, schöner und edler Gestaltung treten sollte –
aber wohl wälzte sich unter Trommelwirbeln und Musikklängen dicker Dampf
empor, wie weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande – wohl krachten
die Bretter und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der
Atheismus mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rührten sich
kaum, sie wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten
Mechanismus jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeräuchert
wie ein westphälischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme
stand als Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trümmer, nämlich der
allegorischen Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und
heitern Stirn; bei ihrem Anblick drängen sich Thränen der Freude und der
Dankbarkeit aus aller Augen.

Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die »Hoffnung des
Auslandes« unerschüttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie
zusammenrissen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöschliches
Gelächter ergoß sich durch des Nationalgartens menschenvolle Räume. Das
kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die
Tribüne und perorirte seine schwülstigen Phrasen von dieser herunter der
Menge zu, Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekämpft
die Könige, ihr seid also würdig, die Gottheit zu verehren! – Unser Blut
fließe für die Sache der Menschheit – das ist unser Gebet, darin besteht
das Opfer, welches wir dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen,
du höchstes Wesen!

Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und Comödianterie,
und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die Menge wälzte sich
aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die Eintrachtbrücke im
dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber.

Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen.

Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen
uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte mehrere
auf uns gerichtete verdächtige Blicke, besonders drängte sich ein Kerl
in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengesicht – dort steht er noch und
läßt uns nicht aus den Augen – an uns heran, entweder hat er Lust zu
stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich.

Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte sich der erste
Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die
jetzt, der noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai entlang
schritten und den Zwischenraum zurücklegten, welcher das Tuilerienschloß
vom Louvre trennt.

Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern, mit
dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdländischen Sprache, in
der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese
Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst
den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragödie?

Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so
viel Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind,
zutrauen, daß ich meine Augen nicht verschließe, zumal wo Alles so wie
hier in die Augen springt, selbst wenn man diese verschließen wollte.

Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und mehr, mit
einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der ganze Garten,
denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem Marsfelde. Die
Freunde schritten langsam und gemächlich auf der hohen Terrasse am Bord
der Seine hin und schauten über die niedrige Steinmauer und über den
Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die Spur der zum
Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von welcher Seite eine
vom Schall nur dumpf getragene Musik herüberklang.

Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion schien, tänzelte hinter
den Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht,
sondern schritt gleichsam spielend, wie ein großer Junge, auf der
Balustrade der Terrasse hin und pfiff sein #Ç’a ira#-Stückchen, indem
er den Sprechenden näher kam und sich bemühte, ihre Rede zu belauschen.

Der mißtrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar
kommt en holl Tidd jüm uhn – liat ley wör.

Die Freunde schauten sich um, und der Eine sprach: Nä es et en slecht
Tidd! Hura! där dü Barlang hen![4]

    [Fußnote 4: Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt sie
    liegen vorn. – Es ist eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch
    sie.]

Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht zuschauen?
fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und lauerte
der Antwort entgegen.

Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward
ihm zur Antwort.

Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger?
fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.

Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie
nicht verstehst, Bürger!

Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch
ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch.

Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser![5] schrie mit starker
Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im
Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in
den Wellen.

    [Fußnote 5: Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!]

Nä uhn Gotts Namen förward![6] rief der Aeltere der drei Gefährten und
bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit
seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen
verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem
Tuilerienschloß verunzierten.

    [Fußnote 6: Nun in Gottes Namen vorwärts!]

Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen Bade
und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein möge, in
welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche erkannt,
gesprochen hatten. –

In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer
ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern,
doch etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer geistiger und
körperlicher Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben
und las sich eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor.

»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande
bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt
mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere,
und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der
Löwengrube; ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern,
daß von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben
glauben wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus
schrieb ich Ihrer Excellenz #aux armes de la ville# – der Herr Graf
hatten kaum Zeit, an die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn
zu thun; den ganzen lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er
schrecklich beschäftigt mit dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit
den Admiralitäts- und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten
unzugänglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute
Erfolge, die sich, wenn ich nach Geldernland zurück bin und klaren
hellen Tag in der Sache sehe, von Doorwerth aus vollends ordnen lassen.
Auch gegen den jungen Herrn Grafen sind der Erbherr nicht mehr
aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der Vice-Admiral, ein trefflicher
heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgestimmt. Uebrigens hat sich
damals der junge Herr im Hause unseres alten Herrn Adrianus ein kleines
Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß nicht durch was, in große
Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande gesetzt, was ihm jedenfalls
nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er hat ein genaues
Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck
geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas
überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein
sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander
zu setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff
unsers jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich
mit seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darüber bis zur
Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren
mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon
vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht
eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich
gemacht habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die
Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen
Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider
ist dazu die Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun
und ob etwas zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in
die Löwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die
Thorheit begangen, sich an mich anzuschließen und mich gleichsam zum
Beschützer jener Dame und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit
Händen und Füßen dagegen sträubte – aber meine gar zu große
Gutmüthigkeit und der Trieb, wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu
helfen, gibt meinem Verstande einen Rippenstoß über den andern. Wir
halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen sich in Begleitung
Philipp’s unter allerlei Maskeraden in die Stadt, ich hoffe aber alle
Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach Doorwerth aufzubrechen
so schnell als möglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo
sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war auch in Utrecht bei
Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Carl; Hochdessen Frau
Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und dero Kinder, Gräfin
Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der kleine erst
zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und legen sich
Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur
englischen Armee sich begeben.

Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo
dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum
abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier
doch von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen.
Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post
wird jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen
übersteigt alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier
einpassirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende
Geschäfte gemacht werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist
vielleicht der einzige, der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir
haben auch zum Schein einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird
Ihre Excellenz mit einem Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn
ich diesem Briefe eine Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen
Haare der unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen
die hellen Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.

Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Grossier
Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da
dasselbe beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille’schen
Rentenzinsen für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen
namhaften Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu
erheben gewesen sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles
Vermögen verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht
nach Paris zu kommen.

Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz Hochdero
getreuester

    Paris, den 8. Juni 1794.

                                                      Windt.

Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar
treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig
ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den
Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald
nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder
zu Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem
stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken
sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das
war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch
so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn
Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir
uns wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln.

Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt hinzu;
dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten Ausflug
gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner ganzen
Schönheit.

In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl
sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre
wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger
Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck,
unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben,
dahin zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten
dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben
so hier zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das
ich reise, glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt,
die Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr
sie hier aufzuthun.

Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich
alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr
einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den
holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem
Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch
schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von
guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und
manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von
hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir
guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés
von ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu
dem so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich
drängen, mit anzusehen.

Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den
vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der
Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel,
eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem
tödtlichen Ausgang für sie alle führen.

Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten
schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis
dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig,
fanatisirt, #ça ira# brüllend, theilweise auch die Farçe mit
sarkastischer Lauge kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der
Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin
vernahmen die Reisenden manches scharfe Wort. Hat sich anschreien
lassen: #Vive Robespierre!# Tod all’ diesen Schreiern! – War betrunken
wie eine Kanone! – Will das höchste Wesen selber sein! – Herunter mit
ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige
Comödiant!

Angés, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz geschlagen
hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt worden
waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern
in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu schreiben,
machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das theuere Kind
und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben gelobt hatte,
so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie freilich
nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor
einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen
Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr
Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft
zum Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so
völlig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf
schönen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße
hält.

Angé’s Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und
ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre
Seele bebte.

Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel
schützend und schirmend die Reisenden umschwebten.



11. Die Reisenden.


Im Geldernlande, westwärts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und
Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner
Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trüb und träge,
als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkräftige
stolze Strom, sein schönes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt,
um sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die
Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen
Herrenschlosse, Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerschaften,
Oeconomiegebäuden, mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen
Feldflur, die ziemlich frei ist von Sümpfen und Morästen, und trotz der
flachen Landschaft, die nur nach Norden hin einige sanfte bebuschte
Anhöhen, was man eben in diesen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen,
doch nicht ohne landschaftliche Schönheit ist. Rings grüne Matten,
Tabaks- und Saatfelder, noch mehr unübersehbare, mit Heerden bedeckte
Wiesen, durchzogen von zahllosen kleinen Kanälen und Wasserrinnen, längs
deren in malerischen Gruppirungen die schönsten alten Weiden, Erlen,
Ulmen und die hochstengeligen Schößlinge buntblühender Stauden wachsen.
Wer je die Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem’s sah und diese
Auen, der muß sich sagen, daß in allen Bildern jenes großen Meisters die
treueste Wahrheit der Natur herrscht.

Im Frühling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige
Landstrich noch einer glücklichen Insel zu vergleichen, um die rings
empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts
weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners.

Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene Kastell,
dessen Bauart ganz die alter niederländischer Schlösser war, der wir so
häufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe Bäume,
Eschen und Rüstern, uralt und von mächtigem Umfang der Stämme, und
deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die ausgedehnten
Gärten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem Töpferthon, in denen
Blumen hätten prangen sollen, allein einigen fehlte die Erde, andere
waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende Hand des
Kunstgärtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern der
Antike geformt waren, blühte, als was sich an Ritterspornen, Lack,
Astern, Levkoien und Trichterwinden alljährlich von selbst aussäete,
oder was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und
Brennnesseln in manchem dieser Gefäße wuchernd aufgegangen waren. Vom
Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten es
wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bäume, obschon es nur eine
Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von diesem Ufer
kaum noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster
Fußweg. Früher war eine Fähre da gewesen, auf der man leicht an Stricken
sich an das linke Rheinufer hinüber leiern konnte, um auf den Landstrich
zwischen dem Rhein und dem schmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen; es
stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fährhaus, aber jetzt standen
außer dem Hause kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlösser
einst befestigt waren, mit denen man die Fähre verwahrte. Einige hundert
Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth durchschnitt
die sich durch die Wiesen schlängelnde Straße, die von Arnhem nach
Wageningen führte, die Wiesenfläche und jenen selten betretenen Fußweg;
der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwärts, bildete eine schöne
Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach Norden fort
gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese führte, der linke Arm zum
Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, längste, am Dörfchen
Oosterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von Doorwerth
aus ein Wanderer in zwei #»Uren Gaans«#[7] erreichte.

    [Fußnote 7: Gehe-Stunden.]

Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein
Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Gesinde die andere.
Außerhalb der Herrschaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke,
zwischen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwohnung stand leer, und
in dem weitläufigen und sehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten
Kastell waltete Aufsicht führend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei
Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der Stadt
zu verrichten hatte, eine Frau von gutmüthigem Aussehen, aber dabei
raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und
Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schönen
Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige
Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und
sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr
ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel
freute sie fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tüchtiger Büschel
reifer Lauch dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender
Crocus.

Es war ein schöner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als diese
wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster
niederländischer Haustracht sich im köstlichen Schatten der nördlichen
Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band
am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchsten Einfachheit, aber
von der möglichsten Größe, wie die holländischen Matrosenfrauen sie
trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und
das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war
etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinste Blümchen. Dieser Fächer,
dessen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht
bedurfte, war indeß bei all seiner Einfachheit ungleich nützlicher und
praktischer, als der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene
Bastillefächer von Paris, und das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur
Kühlung hervorgebracht werden konnte, war ohngefähr das vom Sausen eines
Windmühlenflügels oder dem Hauch eines Blasebalgs.

Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe
der schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so
lauter, als Niemand vorhanden war, der sie hörte: Ob er wohl nicht bald
kommt? Zeit wär’s! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht
durch; die ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfällt,
Schloß, Wälle, Reithaus. Woher kommt’s? Von der übergroßen Oeconomie,
von der Sparsucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal
umgewendet, und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was
jetzt mit zehn Gulden zu erhalten wäre, muß später mit hundert Gulden
wieder hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein
Geld haben, und wo käme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die
Hamster, und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter,
#dy een hair in vieren kloofen.#

In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau
blickte scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr
Gott von Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas,
dem Reiter entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends
abgestrickt, Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in
die Tiefe des geräumigen Strickbeutels versenkt hatte.

Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in
kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, stieg rasch ab und eilte in
ihre Umarmung, die sehr zärtlich, aber zugleich sehr kurz war.

Willkommen, Windt! Gott sei Dank, daß du da bist, Windt!

Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und
unermüdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und
Haar und zuletzt den Kopf muß man daran setzen. Wie geht es hier?

Nicht besser als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach
Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das
ganze Schloß voll Einquartierung.

Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefaßt gemacht hast;
es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß.

Was? Mann? Spaß oder Ernst? Das wäre mir!

Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt
all’ gleich! Der jüngste der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du
doch das Schloßthor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein
Liebling, hast ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen
Freund mit und dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun
was ist es weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken
wird es ja wohl auch noch in Doorwerth geben, und du bist doch niemals
glücklicher, Jule, als wenn du alle Hände voll zu schaffen und für recht
viele Mäuler zu sorgen hast.

Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in
höchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann
kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er denn?

Ei so klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeister. Ich werde
den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschütten, habe vorerst nur Geduld
und laß mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute
Wein-Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht.

Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: so weiß ich, daß ich
einen Mühlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du.

Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte
Windt das Scherzgespräch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand
des anderen sein Pferd am Zügel nach dem Schlosse führend.

Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines für die junge Dame und das
Kind, und eines für den fremden Herrn.

Und für unseren jungen gnädigen Herrn?

Nun, für den so viele, als er für sich befiehlt. Das versteht sich doch
von selbst.

Ei sage, wer sind denn die Gäste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau
Windt.

Und wenn ich’s nun nicht wüßte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand
verrathen? gab Windt zur Antwort.

Du weißt es doch, ganz gewiß!

Liebe Frau, wer weiß, ob ich’s so ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie
mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote,
liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner
wußte sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch
ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete
der?

Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt.

Siehst du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeister auch; er
antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen!

Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim, wenn
du draußen herum gereist bist.

Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte Schnurre
wieder. –

Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermüdende
Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte
der Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der
Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und verschmolzen,
je mehr sich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und hülfreich zu sein,
und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erschloß; ja auf
Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und Angés das
geschwisterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten. Gern und
freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann,
sparsamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit und
Redlichkeit erfüllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der
Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man
war endlich doch, ohne allzugroße Beschwerde und Langeweile zu fühlen,
welche die große Einförmigkeit mancher Wegstrecken wohl hätte
hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, stets
liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen
hielt und mit der mütterlichsten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem
sie sich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen
klugen und treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer
Heimath erzählt, an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen
Sehnsuchtsgefühl dachte, besonders wenn der Anblick der endlosen
Flächen, welche durchfahren wurden, sie drückte.

O wie schön, wie zauberschön, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses
Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll
lieblicher Höhen, rauschender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern
der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und
Windmühlen, und Vögel sehe ich keine anderen, als langbeinige Störche,
Strandläufer und Wassergeflügel – es singt nichts, es piept oder es
kreischt nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlassen!

Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! sprach
Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mächtig
in Angés’ Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns
finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der
Menschen Glück, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend
auf an einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen
alle Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glücklich die, denen doch
nicht allzuspät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in
bergeumgürteter, schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen,
reizlosen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.

Das der Zauberspiegel der Liebe verschönt und die Freundschaft mit
grünen Kränzen schmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize,
besonders wenn der Mensch Gemüth und Seele in dasselbe hinein legt oder
hinein zu tragen versteht.

Gar manches Andere noch brachte das Gespräch auf dieser
gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war
sogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhnische
und diplomatische Gemüth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein
Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich
dargebotene schützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gespräch
sich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden
wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen
zurückgelegt haben würden; erst dem Zuge der Hauptstraßen folgend, von
Paris nach Brüssel, von Brüssel nach Antwerpen, von da über Turnhout und
den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der
Wahl, bis sie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das vom
Rhein seinen Namen führt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur
Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen.
Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach
jenem verhängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit der
Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein – Angés denselben
plötzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut gerufen:
Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre
Ohnmacht zurückgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie
sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und
unter Erröthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, daß
dieses Kind mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines
Freundes Kind, in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch
sei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, so
erkläre ich hiermit, daß ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre
Obhut genommen, sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge
einer heiligen Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten
sei und gesagt habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze
dieser Dame und dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht,
und werde niemals dulden, daß diesen Beiden Unbill widerfahre!

Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand
ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie
sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es
erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu
bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und
dieses Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der
gegenwärtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu übernehmen, bedürfen
Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer
getrost und geradezu an mich.

Alles war voll Staunen gewesen über diese Rede des Erbprinzen von
Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß
zum Grunde liegen müsse. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer
gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.

Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren
Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht übel
gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst
einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen
können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein englischer Vetter
William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist
mit meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn
Letzterer ist erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem
eigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat
oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verstecken.
Ich verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte,
denn ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des
Kriegers, und erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich
vermuthe, wieder für äußerst fein und diplomatisch galt, während es nur
das Zeichen meiner grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem
jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar bestürzten
Leonardus zu handeln, und mich unserer armen leidenden Angés und des
Kindes in solcher Weise schützend anzunehmen, wie es Freundespflicht
war, und wie ich auch gethan haben würde ohne die Aufmunterungen, die
mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden.

Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus ein,
und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesschwert hinweg, das drohend
über meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging auseinander. Mein
Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem
geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst; außerdem will
ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in den der
heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann verließ
und sich in ein Mönchskloster begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre
Enthaltsamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter! – Meine so
eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, sagte
zu mir: #Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien – die kost is te magtig
voor my.#[8]

    [Fußnote 8: Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese
    Kost ist mir zu ungenießbar!]

Meine Mutter schlug die Hände über den Kopf zusammen, sah mit starrem
Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und rief einmal
über das anderemal: #Gód wil dat den besten keeren!#[9]

    [Fußnote 9: Möge Gott dies zum Besten lenken!]

Und gar mein Vater! Als alle Gäste hinweg waren und die Diener alle aus
den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd
und bebend, und sagte nichts, als »Sohn! Sohn!« – Nicht schildern kann
ich den Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf
mich machten; sein Gesicht sah tief verstört aus, es war, als habe diese
unselige Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was
sollte, was konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach
so ruhig und demüthig als möglich: Bester Vater! zürnt nicht
allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und
werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine
Hand als Gatte legen – nein – nie und nimmermehr.

Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als
Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comödie! Ich
gebe dir keinen Fluch, das fällt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu
gut für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir
bleibt, wenn ich die Augen schließe – verstehe mich wohl und recht – die
Hälfte des Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die
Hälfte deines Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und
allgerechten Gott geschworen!

Meine Mutter stieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach
zusammen, was ich that, was nun geschah, weiß ich nicht mehr; erst bei
dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich
Trost, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.

Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angstvollen,
verhängnißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft’ ich
dir und Angés damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht hätte dann
mich, ja mich euere vereinte Verwünschung getroffen.

Wie? Unsere Verwünschung? fragten Leonardus und Angés mit einem Munde,
und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der Weiterrede des
Jünglings.

Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer
bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je
durchlebt. Sie entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel,
bester Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche
belegte, und die furchtbare Erfüllung dieses Fluches macht mich an eine
dunkele dämonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns
umlauert, uns belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre
mitternachtdunkeln Schwingen nimmt und sie hinwegträgt an einen Ort, wo
sie aufbewahrt bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz
außer mir, rief ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in
der That so ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung
mich vor mir selbst erröthen machte und mich vernichtete. »Verflucht
soll die Stunde sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!«
Und siehe – in derselben Stunde geschah es, daß er, wie seine Mienen mir
kündeten, mit versöhnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht
bereuend, mich zu sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel
Jüngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden,
zuerst und zuvorkommend die Hand zur Versöhnung bot. Und ich, einsehend,
wie sehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten
Zornreden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders
handeln können, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters
einzuschlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber
der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfüllte sich und fiel auf
euer schuldloses Haupt.

Alle waren erschüttert von dieser Mittheilung. Leonardus drückte stumm
die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die
in Thränen schwammen.

Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie so
reden hörte, ohne zu wissen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, so würde
ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt der
Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der
Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla
Nikodema van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen
entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris so viele und auch
_dazu_ Zeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt
haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon
dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: #Jacques le
fataliste et son maitre?#

Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf
Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bücher nicht? Soll nie die
neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete
Lebenskreise dringen? Heißt nicht unser Jahrhundert mit schönem Vorrecht
das philosophische?

Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich für keinen
Finsterling und Pietisten! Für keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn
zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, daß
diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die
Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube,
die Verhöhnung und Verläugnung alles dessen, was dem Menschen noch
heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde
von der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich
rede, gibt mir mein Gefühl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein!

Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr Windt?
fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz entfernten
Berufskreise schon völlig klar geworden über das Wesen, den Zweck und
die Aufgabe der Philosophie für den denkenden Menschengeist?

Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts
Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe,
Weisheitslehre. Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen
umhangen umhertollt, liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet,
lehrt sie nicht. Oder sollte ich mich irren? Neu ist freilich die Sache
nicht, das weiß ich; zu allen Zeiten hat es abgeschmackte und
aberwitzige Schrägköpfe gegeben, die unter der Vorspiegelung, erhabene
Lehren der Weisheit zu verbreiten, der Welt die Schnurrpfeifereien ihres
verbrannten Gehirns zum Besten gaben, gerade so und um kein Haar anders,
wie unsere jungen neumodischen Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn
dahin, keiner wandelte eine hohe und erhabene Bahn, keiner nahm
allbewunderten Geistesflug, auf elenden Treckschuiten segelten sie zum
Orkus und in das Meer der Vergessenheit, ins Schlepptau genommen von den
lahmen und zu Tode geschundenen Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die
Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die unaustilgbare Brut solchen Gewürms
erzeugen, aber sein Loos wird immerdar dasselbe sein, das Loos der
Eintagsfliegen, die aus den ekeln Larven im Morast entstehen, heute uns
umschwärmen und morgen dahin sind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernst
glauben, Herr Graf, daß diese nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich,
diese blutige Harlekinade, dieser Freiheitsbäumeschwindel, Bäume, die
sammt und sonders in der neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe?
Ich glaube es nicht, und ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin,
noch zu erleben, daß diese gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken
nimmt, und daß Gott diesem Frankreich einen Tyrannen mit einer
Eisenfaust sendet, der ihm die Brust zusammenschnürt mit allen Stricken
und Ketten der Gewalt, damit es wieder Buße thue im Sack und in der
Asche, und die Kirchen wieder aufthue, und nicht das höchste Wesen,
welches ein ebenso haltloser und einfältiger Begriff ist, als die
französische Gottheit der Vernunft, sondern Gott und seinen eingeborenen
Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in der Wahrheit.

Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm
und schlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube fast,
wenn Sie Macht dazu hätten, Sie strangulirten und guillotinirten alle
neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein
wenig zuzuneigen, zu allererst?

Nun, wenn es auch so schlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner
Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese
ist die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sippschaft, welche in
Gestalt moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts
und der Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfüllung,
der Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der
Zügellosigkeit, des Atheismus und daraus entspringender blutiger Gräuel
des Aufruhrs und der Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den
Staatsrath, nicht in die Kirche, nicht auf die Lehrkanzel gehören,
sondern – an den hellen lichten Galgen! Punktum!

Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hören Sie
auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder.

Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie
wieder diese Sache berühren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht
haben, ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder
zugestehen, noch ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat
das Recht in der Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der
Gaukeltasche, die er gibt, wem er will, sondern das Recht ist von
Ewigkeit her zu Recht beständig, und das Unrecht bleibt Unrecht, und
wenn alle Nationen es für Recht ausschreien. Lassen Sie mich nur noch,
da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste Frage einfach antworten,
es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die neue Erforschung der
Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle? Warum nicht; jede
wirklich neue Wissenschaft, die nützt oder erfreut, soll dies thun, eine
neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die Wahrheit ist keine
Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an ihr nicht neue
Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und Geographie, dort ein
Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe im stillen Ocean. Die
Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da, beide sind nichts
Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und Erkennen ein.
Kein Philosoph der Welt kann einen neuen _Gott_ verkündigen; was bei
neuen Götzen herauskommt, hat Frankreich dargethan, als es seine
Vernunftgöttin durch eine schamlose Comödiantin vorstellen und vertreten
ließ. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die Gottheit und ihr
Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs eine neue
Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es irgend
einer Nation einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter mit
Sperber- und Hundeköpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris
Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwiesen!

Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien
bilden sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schönsten Kreise
spalten sich, der Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und
die Geschwister, »es lösen – wie Schiller sagt – sich alle Bande frommer
Scheu«, und die besten und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen
zu maßlosen Reden, wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und
Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die schöne Ruhe
des Gemüthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn
nicht für immer, vielen Tausenden verloren.

Zum Glück wußten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von solcher
Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen war –
wie wäre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und völlig ohne irgend
eine vorübergehende Mißstimmung denkbar? – die befreundeten Gemüther
immer bald wieder das rechte Maß zu finden und stritten, wenn sie
stritten, immer nur sachlich, nie persönlich. Daher erreichte man
zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft
dieser langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Rast
gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher
seiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen
Sonnenuntergange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne
ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf,
welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze
Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen
Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude
erfüllt, jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mußte
gleich hinter Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen
dicht am Wege sich erhebenden Hügel besteigen und besichtigen konnten,
der seiner Form und Art nach aus der germanischen Frühzeit stammte. Es
war ein in dieser Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich
kurzen rohen Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem
Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher
König aber hier in der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage
entfallen, ebenso der Grund, weshalb der ganze Hügel der Heimenberg
genannt wurde und jener eine Strecke weiter davon einzeln stehende
hochragende erratische Block der Heimensteen.

Wir wollen uns diese sagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf
den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu günstigen
Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, daß wir jetzt die Grenze
unsers neuen Heim, für eine Zeit lang wenigstens, überschritten haben,
daß nach so mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun
soll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als
unser übereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, daß unser
allseitiges Hoffen in Erfüllung gehe!

Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen
rollte durch die wunderschöne Allee auf das stattliche Herrenschloß
Doorwerth zu.



12. Briefwechsel.


Das stille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Doorwerth,
welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieselben ein
Schooß der Ruhe. Näher drängten die politischen Ereignisse; mit
unruhiger fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen,
Nachrichten und Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren
sie selten erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja,
sie waren ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als
Besorgnisse zu zerstreuen, die immer drückender wurden.

Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von
früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern
dessen außerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergönnte; es
wurden zu solchen Uebungen spätere Stunden des Nachmittags gewählt und
die ganze jüngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den
Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die
Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen
wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe
als Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde
still und zurückgezogen, stand Windt’s Frau in häuslichen Geschäften
bei, schloß sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme
dadurch, daß sie ihr sehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach
Arnhem zur Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der
Pariser Reise bereits auf kürzestem Weg von Amsterdam nach Doorwerth
gesendet worden.

Windt war von Geschäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine so
ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die seine dazu, nicht zu
unterliegen, und obschon er beständig über körperliche Leiden zu klagen
hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges
aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrängnisse häufig
mittheilte. Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte
er die Mithülfe der jungen Freunde für dies und das, und nie erschien
der Augenblick, in welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner
des Kastells Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht hätte. So
war der 22. September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen
Freunde feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt
und dessen Frau; Angés und die kleine Sophie saßen mit Ludwig und
Leonardus beim heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern
Schiffskapitäns Richard Fluit gedacht und ihm und der »vergulden Rose«
einige Becher geweiht. War es doch eine schöne Erinnerung an Fluit’s
Geburtstag, der das innige Band der Freundschaft um die Herzen von
Ludwig, Leonardus und Angés geknüpft hatte, und wohl werth, am günstigen
und geeignetsten Tage sie zu erneuen. Die Verbundenen waren still
glücklich; ihre Freude war keine lebhafte und laute, nur Frau Juliane
Windt, des Schaumweins ungewohnt, trank sich ein heiteres Räuschchen;
Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll Gedanken und Geschäfte, Verdruß
und Aerger, als daß er hätte die Empfindungen theilen können, welche
seine jungen Freunde beseelten. Er nahm daher, nachdem er der
Freundespflicht ein Genüge geleistet, und auf Aller Wohl, sein eignes,
das er, wie er bemerkte, sehr brauchen könne, nicht ausgenommen, wacker
mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere Unterhaltung mit dem
zu würzen, was ihn beschäftigte und zum Theil bedrängte.

Dem Rentmeister Görlitz muß der Donner auf den Kopf fahren! Er will fort
und er soll fort. Er ist ein ungetreuer Hund! Die gnädige Frau
Reichsgräfin Excellenz sollen Alles wissen! Die macht mir aber den Kopf
auch warm genug. Ich soll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen,
der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Möcht’ es ja von Herzen gern thun,
kann ich denn? Wo ist der Erbherr? Wissen Sie es? Ich weiß es nicht.
Ohnlängst war er in Amsterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich sicher
wüßte, wo ich ihn träfe, ich reiste lieber heute als morgen zu ihm. Sein
Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, schreibt mir, daß er auf drei
Briefe ohne Antwort gelassen sei, auch die gnädige Frau in Kniphausen
weiß nicht, wo der Herr ist, und bestürmt Melchers mit Fragen. Sie soll
immer leidend sein.

Was sagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit schmerzlichem
Gefühle.

Ich sage leidend. Herr Melchers schreibt es, da können wir nun leider
Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wäre, wäre uns
vielleicht geholfen. Von Einigen hörte ich, er sei bei der Armee, von
Andern, er wolle seine Schwester nach Hamburg zur gnädigen alten
Excellenz bringen, wieder von Andern, er wolle seine Gemahlin und deren
Kinder, nebst der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr ist, mit der
Staaten-Jacht auch nach Hamburg bringen und schwärme seiner Gewohnheit
nach zu Wasser herum, und ich sitze hier und lauere, und möchte rasend
werden, und er gab mir doch sein gräfliches Wort, binnen vierzehn Tagen
hierher zu kommen. Es muß ihm etwas ganz Außerordentliches begegnet
sein. Hab’ ihm tüchtig und derb geschrieben, was hilft es aber, wenn
mein Brief herumwandert wie der ewige Jude, und ihn nirgend findet? Und
Gott allein weiß, wie ich hier, gesetzt der Erbherr käme endlich, mit
ihm unterhandeln werde!

Die Reihe dieser Erörterungen würde noch ungleich länger gedauert haben,
wenn nicht Philipp mit der verschlossenen Brieftasche eingetreten wäre.

Du bliebst heute sehr lange aus, sprach Ludwig zu seinem Diener.

Halten der gnädige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mußte
lange auf der Post warten. Die Posten sind ungewöhnlich spät
eingetroffen; es muß überhaupt was los sein drüben in Arnhem, die Leute
rennen mit den Köpfen aneinander und durcheinander, wie ein
Ameisenhaufen, habe es nicht klein bekommen können, was es gibt, außer,
daß man will in der Ferne kanoniren gehört haben, denn wenn ich mein
Maul aufthue und frage, so versteht mich Niemand, und wenn Jemand mir
antwortet, so verstehe ich auch Niemand, es ist ein dummes Volk hier zu
Lande, ich dächte doch, ich spräche so gutes Deutsch, daß man mich
verstehen könnte!

Alle lachten. – Ja ja, mein guter Philipp, du sollst nächstens bei den
Niederländern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutsch klingt ganz so
rein und schön, wie unser Helgoländisch, das wir in Paris sprachen, als
du den »Ueppasser« in die Seine warfst, scherzte Ludwig. Komm Bursche
und trinke! Es ist heute unser Geburtstag. – Wenn der Kerl nur
verdronken wäre! fügte Philipp mit vollem Ernst hinzu. Auf des gnädigen
Herren gutes Wohlsein!

Windt erschloß die Brieftasche; sie enthielt der Briefe viele. Mit
Freude im Blick rief er aus: Ah! Gott sei Dank, ein Brief vom gnädigen
Erbherrn! Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an
Sie, Dame Angés aus Zweibrücken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van
der Valck; halt, noch einer, auch an Sie! Nun, möge es allseits eine
gute Festbescheerung geben! – Mit sehr verschiedenen Gefühlen im Herzen
der Empfänger wurden diese verschiedenen Briefe entgegengenommen. Welch
eigenthümliches Hereintreten der Außenwelt in den Menschenkreis, der
dieses einsame Schloß belebte! – Windt erbrach hastig den Brief des
Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beigeschlossen. – Ich war schon
gefaßt darauf, leer auszugehen, wie so oft, sprach dieser. Was kann der
Vetter mir zu schreiben haben?

Windt las den Brief des Erbherrn laut vor. »Im Haag, den und den. Ich
habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebster Windt, aber da ich
zur Zeit ihres Einganges weder in Amsterdam noch im Haag war, sondern in
dringenden Geschäften anderswo, so habe ich Ihnen nicht früher antworten
können, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nächster Woche von hier
nach Doorwerth reisen zu können; ich kann unmöglich früher; ich habe
auch, hoffe ich, das nöthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, daß dies
Geschäft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es ist in diesen
Zeiten so drangvoll, daß ich fast nicht weiß, wo anfangen und wie alles
Begonnene vollenden. Adieu mein Bester! Leben Sie wohl.

                                  Wilhelm Gustav Friedrich.«

Mit Hast erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgräfin. Ach, rief er
aus, halb lachend, halb ärgerlich: der hochgnädig ertheilte Urlaub für
mich zur Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor sechs Wochen gebeten! Was
hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns näher rückt? Gott
weiß, wie sehr ich dieser Cur bedürfte, aber kann ich jetzt fort, darf
ich fort? Von Amsterdam die schlechtesten Nachrichten, wo es so steht,
daß man dort weniger die Franzosen fürchtet, als die Patrioten; schöne
Patrioten das, die den Pöbel auf ihre Seite gelockt haben – so machen es
die Hunde von Aufwieglern überall und dann nennen sie sich Patrioten!
Und wir hier? Vom Rheine her die anrückenden Armeen der Coalition, von
Frankreich her die Carmagnolen, vom Norden her die holländische Armee
unter Anführung des Erbprinzen von Oranien, und außerdem noch die
Engländer unter dem Herzog von York, und da sollte ich von hier
fortgehen? Ein schlechter Soldat, der seine Fahne verläßt, Doorwerth ist
meine Fahne! Ich bin Kommandant des Kastells; es ist meiner Obhut
anvertraut, ich werde es hüten und halten!

Sie sind stets der ehrenfeste treue Mann, auf den man sich verlassen
kann in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Ludwig und
fragte: Doch was schreibt Ihnen die Frau Großmutter weiter?

Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus
mittheilte, mit Glossen. Klagt über Kranksein, andere Leute sind auch
krank! Sehnt sich in ein Bad – soll doch hingehen, sie hält kein Feind
ab, und kein Kriegstrouble wie mich; die Veränderung wird der bejahrten
Dame wohler thun und besser bekommen, als alle Recepte und Mittel des
Doctor Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Excellenz in Hamburg ist.
Räth mir das Archiv einpacken zu lassen – ist bereits geschehen – gibt
einen fürchterlichen Ballast Papier – will nicht glauben, wie es hier
aussieht – sollte nur selbst kommen!

Dem Vetter schrieb der Erbherr in einigen flüchtigen Zeilen, daß er ihn
noch in Doorwerth zu treffen wünsche, daß er sich aber vorbereiten möge,
dann mit ihm zur Armee zu gehen, es sei ihm eine Offizierstelle beim
Regiment Orange-Geldern ausgemacht; der Erbprinz wünsche, daß Graf
Ludwig in so bewegter Zeit nicht müßig seine Jugend verträume, sondern
vielmehr eine Laufbahn einschlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im
Leben führen könne, und er, der Erbherr, könne diesem Wunsche und dieser
Ansicht nur beipflichten.

Leonardus und Angés lasen still die Briefe, welche sie empfangen hatten;
Wehmuthsschatten überflogen Angés’ schöne Züge und voll Theilnahme
blickten endlich alle zunächst auf sie, Leonardus mit einem verhaltenen
Freude-Gefühl, Ludwig mit seelenvollster Zuneigung, Windt mit reinem und
gütigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen, dem aber
ein Zusatz von weiblicher Neugier beigemischt war, daher sie auch zuerst
wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen Sie gute
Nachrichten, verehrte Madame?

Angés war nicht geneigt, ausführliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu
machen, sie beschränkte sich daher auf eine höflich ausweichende,
allgemeine Antwort, während Windt mit dem Finger gegen seine Frau
hindrohend nichts sagte, als: Jule! Hat schon wieder die Mühle kein Korn
mehr zu mahlen? Muß schon wieder aufgeschüttet werden? Ich dächte doch,
es wäre genug aufgeschüttet worden? – Aber als die durch den Bund einer
lauteren und seeleninnigen Freundschaft eng Verbundenen unter sich
beisammen waren, da wurde gegenseitig Alles mitgetheilt, was von weiter
Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit
allseitiger Theilnahme nicht nur, sondern auch mit mannigfaltiger
Empfindung vernommen.

Meine Mutter schreibt mir, sprach Angés, daß sie Gott auf den Knieen
gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus
seien nur Schilderungen voll Härte und Roheit und Verdammungsurtheile
eingegangen.

Berthelmy war außer sich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie,
nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich überall gesucht
und suchen lassen; an Leonardus hat er nicht gedacht er konnte an dich,
mein Freund, nicht denken, da er deine Anwesenheit in le Mans nicht
ahnen konnte. Zuletzt mußte er sich doch sagen, daß sein rohes Benehmen
mich fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu
mir in ihm lebte, trotz aller Mißhandlung, die er mir hatte angedeihen
lassen, so mag es wohl sein, daß er sich Vorwürfe machte und sich
doppelt elend fühlte. Er ist noch im Herbst des vorigen Jahres zur Armee
der Vendéer gegangen.

Meiner Rückkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, schreibt mir
die Mutter, stehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der Familie
ein Freudenfest sein. Noch schreibt meine Mutter: Auch für die kleine
Sophie, deren du dich so mütterlich angenommen, liebe Angés, lichtet
sich die Zukunft. Der Prinz tritt offener hervor mit seiner Liebe, die
Prinzessin, vor Gott längst seine Gemahlin, wird es gewiß auch noch vor
der Welt, und jene liebliche süße Frucht dieser Liebe, aus einer Zeit,
wo noch das allertiefste Geheimniß sie umschleiern mußte, darf hoffen,
einst an der Hand erhabener Eltern auf sanftgebahnten Wegen durch das
Erdenleben zu wallen. Jene heißschlagenden, jugendlichen, feurigen
Herzen, die nur ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr
zu erröthen, fehlt es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen
Familie. Dir ist bekannt, liebe Angés, daß des Prinzen Vater schon eine
Prinzessin, seine nachherige Gemahlin, welche älter war als er, feurig
liebte, und in früher Jugend Vaterfreuden sich erblühen sah. Der gleiche
Fall trat bei dem Sohne ein, dem Kinde dieser flammenden und daher auch
früh verrauchten und verzehrten Leidenschaft und wenn wir Louise Maria
Therese Bathilde nicht verdammen, so dürfen wir auch Charlotten nicht
richten, welche, hingerissen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu
ihr und von ihrer heißen Erwiderung dieser Liebe, willenlos der Macht
beiderseitiger Leidenschaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes
wurde, zu dessen Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit
heiligem Eide. Daß du es mit dir hinwegnahmst, nachdem es nur kurze Zeit
bei uns verborgen gehalten worden, war sehr gut; Niemand ahnete etwas
und konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrst, gilt die kleine
Sophie Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von
ihrem Gatten treulos verlassenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei
Allem, was dir heilig und theuer ist, beschwöre ich dich, alle mögliche
Sorgfalt anzuwenden, daß das Kind an Leib und Seele wohl erhalten
bleibe, und gib mir sobald als möglich Nachricht von deiner Ankunft, auf
welche mit aller Macht sehnsuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.«

Hätte es noch irgend eines äußeren Umstandes bedurft, um Leonardus und
Ludwig zu überzeugen, daß Sophie nicht das Kind von Angés sei, so würde
dieser Brief jedes desfallsige Zeugniß zur Genüge vertreten haben.
Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwürdig! Also Sophie Charlotte
heißt diese Kleine? Gerade wie meine Großmutter!

Jetzt entfaltete auch Leonardus seine Briefe, um Angés und dem Freund
aus denselben Mittheilungen zu machen, indem er sprach: Ich habe frohe
und schlimme Botschaft zugleich erhalten; zunächst schreibt mir mein
Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, daß mein Vater
Wort gehalten und mich vor Notar und Zeugen so zu sagen enterbte, indem
er mich auf die bloße Hälfte des Pflichttheiles gesetzt hat.

Leonardus! rief Angés, und schlug bebend ihre Hände zusammen. Und das
um meinetwillen? Das ertrage ich nicht!

Sei ruhig, liebe Angés, erwiederte Leonardus: es muß und es wird sich
wohl auch ertragen lassen. Ich kann mir selbst Geld erwerben, auf den
Summen der holländisch-ostindischen Compagnie ruhen ohnedies die Flüche
der geknechteten Menschheit und entsetzlichen Unrechts millionenfach.
Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menschen ist veränderlich.
Vor der Hand meldet noch mein Vetter, daß mein Vater nicht zu seinen und
unserer jungen Muhmen Gunsten testiren wolle, sondern es solle ein Theil
des Vermögens an die Seitenverwandten fallen, welche zu Bochum in
Westphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck, der aus
Holland nach Deutschland übersiedelte, so viel ich weiß, eine Tochter
des Namens Aloysia hat, und dessen Vorfahren mit den unsern der Sage
nach, die ganze Grafschaft Valkenburg zwischen dem Hochstift Lüttich und
den Herzogthümern Jülich und Limburg besessen haben sollen. – Doch das
werde, wie es wolle, mir soll darüber kein graues Haar wachsen; aber
nun, liebste, theuerste Angés, höre was das Handelshaus in le Mans, an
das ich mit Aufträgen mich gewendet, mir schreibt, höre es, und freue
dich! Es ist das mein schönstes Angebinde zum heutigen Tage: Du bist
frei! »Auf Ihr Geehrtes«, so schreiben meine Handelsfreunde:
»ermangelten wir nicht, sorgfältige Erkundigung nach dem hier
wohlbekannten Kaufmann Etienne Berthelmy einzuziehen. Derselbe führte
als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der West-Vendée
unter Charette stieß, und soll sicherem Vernehmen nach bereits am 11.
October des vorigen Jahres bei der Erstürmung und Eroberung der Insel
Noirmoutier geblieben sein, zum Mindesten soll sein Name auf der
Todtenliste gestanden haben. Sein bejahrter Vater ist mittlerweile auch
gestorben, und seine betagte Mutter lebt noch unter betrübten Umständen
und nährt sich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibsel
ihres einst blühenden Geschäftes.«

Angés saß stumm und ernst da, und hörte diesen Bericht mit einer Fülle
von Gedanken an, die sie erschütterte, endlich reichte sie jedem der
beiden Freunde eine ihrer zarten Hände, und sprach: So fällt denn ein
dunkler Vorhang nieder und schließt einen, ach und wohl den traurigsten
der Acte meines Lebensdrama’s mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum
ist es mir, mich frei zu denken, mich frei zu fühlen, und so wichtig ist
diese Nachricht, daß ich mich nicht mit derselben begnügen kann: ich
kann auf sie nicht bauen und keinen Schritt der Entscheidung thun, bevor
ich nicht die verbürgteste Bestätigung dieser Nachricht in Händen habe;
aber, meine lieben, theuern Freunde, erfüllt mir eine Bitte: laßt mich
scheiden! Meine Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieses
holde und liebe, mir anvertraute Kind, unser Sophiechen, schon in zuviel
Gefahren brachte ich’s, ich will es der Heimath wieder zuführen, der es
entstammt, ihm will ich dort leben, und deine That, Leonardus, deine
Liebe will ich ewig dankbar segnen, deiner Freundschaft, Ludwig, will
ich innig eingedenkt bleiben! Wir müssen uns trennen. Du, Leonardus,
mußt zu deinem Vater zurückkehren als ein reumüthiger Sohn und seine
Verzeihung erflehen. Er wird dir verzeihen, und du wirst noch glücklich
sein. Du, Ludwig, wirst auf dem Felde der Ehre wandeln und eine
selbstständige hohe Stellung dir erringen, die dich völlig unabhängig
macht von deinen Verwandten.

Liebe Angés, nahm Leonardus das Wort: deine Entschlüsse sind ehrenhaft,
und was du sagst, ist gut, aber es ist nicht ausführbar, du kannst jetzt
nicht reisen. Alle Lande am Nieder-, Mittel- und Oberrhein wimmeln von
Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen könnte, aber folge in Einem
deiner Mutter, achte auf das anvertraute Kind; setze nicht dieses zarte
Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich überlegten Entschlüssen
durchzudringen. – Auch ich muß Leonardus beistimmen, setzte Ludwig
hinzu. Hier bist du sicher und wohlgeborgen mit deinem Kinde, Angés, und
reichte das Schloß nicht aus, so gibt es in dem nahen Busch voll
Moorbrüche einzelne Hütten und Häuser genug, zu denen kein Krieger zu
dringen vermag und die Pfade findet; laß erst die herrannahende Wolke
des Kriegsgewitters vorüberziehen, ja, wenn es sein muß, vorüberbrausen,
weiche nicht aus diesem Asyle, es wird sich dir nirgend ein sichereres
bieten und öffnen.

Das Gespräch wurde unterbrochen; Windt klopfte stark an, und trat
erhitzt ein. Hören Sie es, meine Herrschaften? war seine Frage, und da
man nicht zu verstehen schien, was er wolle, so ließ er die Zimmerthüre
offen stehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauschen
aufforderte. Und kaum war dieser Aufforderung genügt, so hörten Alle in
bestimmten Zwischenräumen einen dumpfen Schall.

Was ist es, lieber Herr Windt?

Freudenschüsse sind es wahrscheinlich, zu beiderseitiger hoher
Geburtstagfeier! Eine Kanonade ist es, meine Verehrtesten, und jetzt
entsteht die Frage: Was thun? Feiglinge würden rufen: Rette sich wer
kann! Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Für mich ist das keine
Frage. Halten Sie sich bereit, meine Herren, mich zu unterstützen! Der
Augenblick wird kritisch, sehr kritisch, doch nur keine Furcht. Das
hiesige Archiv fährt, in einige fünfzig Kisten verpackt, nach Arnhem;
alle Papiere des gräflichen Hauses, der Lehn- und Rentenkammer, ich
stelle sie unter den Schutz des dortigen Magistrates. So wie eine
Abtheilung der holländischen oder der englischen Armee sich nähert,
werden Sie, Herr Graf, zu deren Befehlshaber zu reiten so gütig sein,
und um Schutzwachen für Doorwerth, Helsum, Rosendael und Wolfsheese
bitten. Es geht bereits ganz lustig und kunterbund zu, die Wege sind mit
Flüchtlingen aus Brabant bedeckt, Adelige, Geistliche und sonst vornehme
Leute, in Arnhem sind schon Flüchtlinge aus Mastricht angelangt. Dort
packt Alles ein und hat sich schrecklich #beezig#[10] und consternirt.
Die Stadt wird stark befestigt. Etwas Neues ist auch noch, daß der Graf
Johann Carl schon einige Male durch Helsum gekommen ist, ohne hier
vorzusprechen. In Rheenen, wo wir ja ohnlängst durchkamen, soll das
englische Lazareth hingelegt werden. Im Haag sogar, vernahm ich heute,
wird eingepackt, leider ist die prinzliche Partei die einpackende. Doch
zu den schlimmen Nachrichten nun auch eine gute, erfreuliche.
Robespierre ist todt, das blutige Scheusal; mit ihm fielen eine ganze
Anzahl seiner schändlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende
Schuster Simon, der Quäler des Dauphins, dem Racheschwert der
unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wäre Zeit, sich der Freude zu
überlassen, so wollt’ ich’s im vollen Maaße thun. Sie räumen hübsch auf,
die Herren Franzosen, einundzwanzig Henkersknechte sind zugleich mit
ihrem Meister zur Hölle gefahren, und am Tage darauf einundsiebenzig.
Die Zeit ist endlich da, wo die Drachenzähnesaat aufgeht und sich selbst
erwürgt. –

    [Fußnote 10: Rührig.]

Es kamen schlimme Tage für den treuen Windt, die seine Geduld, seinen
Muth und seine Ausdauer im Beschützen des Besitzthums seiner Gebieterin
auf harte Proben stellten. Ein Theil der englischen Armee überfluthete
bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein- und
Ysselufer, und wie es immer zu geschehen pflegt, wenn die Furien des
Krieges entfesselt sind, die Engländer benahmen sich nicht, wie Hollands
Verbündete, sie nahmen blos, und zwar Alles was sie fanden und stahlen
wie die Raben. In allen Ortschaften wurde verkündigt und öffentlich
angeschlagen, Niemand solle über die politischen Ereignisse reden oder
schreiben; alle Boote, Kähne und dergleichen Fahrzeuge mußten nach
Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend- oder Nachtzeit
über den Rhein. Man trug sich mit Listen der Gutsbesitzer und Schlösser,
welche geplündert, oder Herrlichkeiten, welche zerstört werden sollten.
Doorwerth hatte die Ehre, oben anzustehen, Helsum, Mariendael und
Rosendael, drei gräfliche Besitzungen, folgten zunächst. Die
Herrlichkeit Rosendael (sprich Rosendahl), mit prächtigem Schloß und
prangenden Ziergärten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes
Besitzthum zu bergen hatte, der suchte es zu bergen und floh in
nördlicher Richtung aus dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem,
Doesburg, Zuitphen wurden leer von Wohlhabenden, das Gesindel blieb und
plünderte auf eigene Hand und auf Rechnung der Soldaten.

Und mitten in diese Bedrängniß hinein kamen zu Windt drängende Briefe
von der alten Reichsgräfin wie Bomben geflogen, oft ungehaltenen und
ungnädigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich sollte endlich
abgeschlossen, der Erbherr zu einer Entscheidung gedrängt werden, er
sollte Doorwerth käuflich übernehmen und einen Theil der Kaufsumme
gleich baar erlegen. Windt, oft ernstlich krank, mußte fast täglich
Briefe nach allen Richtungen schreiben; mittlerweile flüchteten sich
zahlreiche Bekannte mit ihrer Habe aus der nächstbedrohten Nachbarschaft
zu ihm und hofften in dem Kastell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei
begannen schon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der
Lebensmittel stieg auf eine bedenkliche Höhe. Jeden Tag, ja stündlich
hatte Windt seinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus
bildeten gleichsam mit ihm den Kriegsrath im Kastell; alle drei trugen
aus guten Gründen militärische Uniformen und ebenso steckte die
Dienerschaft in Jäger-Monturen. Nebenausgänge aus dem Kastell waren
verrammelt, das Hauptthor bewacht, die Zugbrücke aufgezogen. Dieser
Widerstand sollte nicht gegen kriegerischen Angriff gelten, sondern blos
Schutz gewähren gegen Raubrotten, und den leistete das so bewehrte und
bewachte Kastell Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich besserer
strategischer Punkt, als die kleine, unbedeutende und halb verfallene
Dunenschanze, die in des Schlosses nächster Nähe nach dem Strome zu lag.
– Wieder war ein Tag voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treulosen
Rentmeister entlassen und seiner Pflicht entbunden, und hatte einen
Brief vom Hofrath Brünings aus Varel erhalten, wo auch kein schönes
Wetter war. Brünings äußerte sich halb ironisch, voll Hoffnung, daß das
»große Werk« nun wohl bald zu Stande kommen werde und schrieb: »Man hört
hier von Holland, in Ansehung der inneren Unruhe, viele düstere
Gerüchte. Gott gebe, daß sie ohne Grund sind. Hier nimmt der Geist des
Jakobinismus noch gar nicht ab. Die reichen Bauern wollen keine Steuern
mehr zahlen, die armen können nicht, unsere herrschaftlichen Kassen sind
leer.«

Und was in unseren hiesigen liegt, ist auch kein Gold und kein Silber,
seufzte Windt. Und jetzt nun soll Doorwerth verkauft werden! Es ist
unsinnig. Aber hab’ ich’s nicht schon vor vier, vor drei und zwei Jahren
voraus gesagt, daß man warten und zögern werde, bis die politischen
Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel setzen würden? Siehe, da
ist’s handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen und
Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er ist krank vor Sorge und
Anstrengung. Er hat sein Leben daran gesetzt, ein neues Corps zu
errichten. Er nimmt sich mit dem edelmüthigsten und tapfersten Sinne der
Landesangelegenheiten auf das Aeußerste an und soll ganz elend aussehen.
Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden können, hat er seinen
patriotischen Zwecken geopfert, und wo sollte er nun Geld für Doorwerth
hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit ist aus
ihren Fugen gekommen, sagt Hamlet. Die so schleunige Wendung der Dinge
macht es dem Erbherrn unmöglich, Geld zu schaffen, selbst wenn er Zeit
hätte, sich danach umzuthun, er hat alle Hände voll mit seinem neuen
Landrattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; sein Cabinet und Zimmer
liegen voll Monturen, Hüte, Schuhe, Gewehre, und Alles läuft Tag und
Nacht bei ihm um, wie sein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde,
weiß Gott! Jetzt sind die Zinsen von der Herrlichkeit Rosendael fällig,
die verpachtet ist – kein Deut zu haben, und ich soll tausend Gulden
Schatzung von den gräflichen Häusern nach Arnhem liefern. Alles Unheil
schlägt zusammen, wie der Donner in die Töpfe!

Mitten in die endlosen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein
Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer
Reiterabtheilung, und sah sich freudig begrüßt; doch konnte sich Windt
nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, auszurufen: Gott wie
sieht unser Herr aus? Wie ein Busch verhagelter Petersilie!

Der Erbherr, allerdings sehr angegriffen und mitgenommen aussehend, saß
bald im vertrauten Gespräch mit Windt; es handelte sich um die
verwickelte Angelegenheit, der beste Wille war da, aber Geld fehlte und
neue Schwierigkeiten thürmten sich entgegen. Windt erhob das große
wichtige Bedenken, ob es besser sei, daß Doorwerth bei einem doch immer
möglichen Ueberzug dieser Gegend durch die französische Armee Eigenthum
eines feindlichen Offiziers sei, Mitgliedes der holländischen
Ritterschaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in
der freien Stadt Hamburg lebenden Gräfin, die dem neutralen dänischen
Reiche angehöre?

Da thäte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dänische
Grafendiplom aus dem Kniphäuser Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen erst
hierher kommen zu lassen – ehe das kommt, steht hier kein Stein mehr auf
dem andern!

Mit nichten, gnädigster Erbherr, entgegnete Windt. Hier ist es schon in
bester Form und beglaubigter Abschrift auf einem Stempelbogen, der »Een
Rigsdaler« gekostet hat. #Nos Christianus quintus his literis
patentibus# und so weiter, beglaubigt, unterschrieben und untersiegelt
mit dem #Kongelige Danske Cancellier Seigl#.

Was Sie für ein Diplomat sind, Herr Windt! Fürwahr, ich bewundere Sie
immer mehr! rief der Erbherr. Ich will Sie der geliebten Großmama nicht
abwendig machen, aber sollte sie die Augen zuthun, so daß ich es erlebe,
so ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umsicht verdient noch
mehr!

Windt verneigte sich und erwiederte: Wollte Gott, es wäre Zeit zu
scherzen, mein gnädigster Herr Graf! Der Frau Reichsgräfin Excellenz
helfen jetzt weder deutsche noch dänische Grafendiplome, und wenn Karl
der Große sie ausgestellt hätte, statt Karl der Fünfte von Dänemark.
Holländische Ducaten sind die Losung, das ist die #vis unita# nicht nur,
es ist auch die #vis unica#, nicht die einige blos, sondern die
alleinige mächtige Hülfe. Alle Einkünfte stocken; hier ist nichts,
Rosendael liefert nichts, Varel liefert auch nichts – und die gnädige
Frau Großmutter Excellenz –

Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergänzte der Erbherr. Ich hatte
Hoffnung, aber sie schwand wieder, denn keiner meiner Vettern und auch
mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich so eben komme, kann oder
will Etwas beisteuern, ja mein Bruder Johann Carl sagte mir geradezu in
das Gesicht: »Wenn, wie zu fürchten steht, der Feind in das Land kommt,
so gebe ich für dein eigenes Leben keinen Heller, geschweige für deine
Güter; denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein
schnelles Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in Utrecht bei Anleihen
den drei- bis vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In
alten holländischen Obligationen.« Wer aber solche besitzt, braucht
nicht zu borgen. Mein bester Freund, Baron Grovesteins, der mir früher
zehntausend Gulden angeboten hatte, sagte mir, daß er mir jetzt nicht
einhundert Gulden leihen würde, und wenn er das Geld in Haufen liegen
habe und mit #Schepeln# messen könne. Es sind einhundert Gulden baar
nicht zu bekommen, und wenn man eintausend dafür verschreiben wollte!

Während dieses Gespräches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange und
ernste Unterredung, in welcher der Erstere dem Freunde die ganze Fülle
seines offenen und redlichen Charakters erschloß und zugleich den Blick
auf ihre beiderseitige Zukunft lenkte.

Folge du, mein Ludwig, sprach Leonardus, jetzt dem an dich ergangenen
Winke, nimm den Kriegsdienst an, der dir ehrenvolle Lebensstellung
sichert, und folge meinem wohlüberlegten und brüderlichen Plane.
Unterdeß wirke ich, und wir werden von einander hören. Angés muß mein
werden, wenn Gott mir das Leben fristet; wäre Letzteres nicht, so bleibe
sie in deinen edeln Schutz gestellt, und dann erfülle die Verpflichtung,
die mein Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugesichert. Sieh,
dann bringst du mir ein ungleich höheres und dankenswürdigeres Opfer,
als ich dir, indem ich beizutragen suche, deine Stellung im Leben
einigermaßen zu sichern. Und nun kein Wort weiter! Der Bruderbund ist
aufs Neue geschlossen, und dieser Kuß besiegle ihn.

Wenn nun Euer Gnaden, sprach Windt weiter zum Erbherrn, sich an den
Herzog von Portland wendeten? Könnte und würde dieser nicht –?

Hab’ es gethan, lieber Windt, hab’ es gethan! antwortete der Erbherr
bekümmert: mein Vetter, der Vice-Admiral, schrieb selbst den Brief, da
ich mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam schnell genug zurück,
denn pünktlich sind diese Engländer und rechnen, ah, sie rechnen, auch
wenn sie in der Pairskammer sitzen. Der Herzog schrieb an seinen
Verwandten und Namensvetter William: Es sei ein recht artiger Einfall
von mir, daß ich fünftausend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er
müsse nur bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem
Maaße erwiedern zu können.

Da stand nun Windt rathlos und sah abermals all’ sein treues Bemühen zu
nichte gemacht, und der Erbherr schaute finster drein und schwieg.

Diese peinliche Pause unterbrach der Eintritt Ludwig’s.

Störe ich? fragte er, und machte Mienen, sich zurückzuziehen.

Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unser Geschäft ist zu Ende.

Darf ich dir Glück wünschen zu Doorwerth? fragte der junge Graf.

Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achselzucken.

Woran fehlt es, daß der Kauf nicht zu Stande kommt?

Hm – am Besten, am Geld! erwiederte Windt verdrießlich.

Doorwerth ist dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene
starrten ihn an.

Es ist dein, ich kaufe es für dich, ich leihe dir das Geld! Hier sind
einstweilen fünfzigtausend Gulden in englischen Banknoten!

Vetter! Vetter! rief der Erbherr außer sich, und die so plötzlich nahe
tretende Erfüllung eines seit Jahren gehegten Lieblingswunsches erfüllte
seine Seele mit hohem Entzücken.



                            Zweiter Theil.

                           Die Flüchtlinge.


    _Motto:_

    Wo ich sei, und wo mich hingewendet,
    Als mein flücht’ger Schatten Dir entschwebt?

        =Schiller.=



1. Sophia Botta.


Anders sah es aus in der Herrlichkeit Doorwerth, aber nicht besser. Die
Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde. Die Engländer, welche Windt nie
anders als »saubere Alliirte« nannte, drohten ein Lazareth in das
Kastell zu legen. Fort und fort hörte man in der Ferne kanoniren, sah
den feurigen Flug der Bomben und die Flammen in Brand geschossener
Magazine. Der Herzog von York that mit seiner Armee sein Möglichstes, um
Holland zu decken, aber von den Zinnen und Warten des Kastells erblickte
man täglich ganze Säulen flüchtender Soldaten, welche die Wege nordwärts
einschlugen. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatze jagten einander bald
verbürgt, bald unverbürgt. Grevecoeur, der Schlüssel zu dem Bosch
(Herzogenbusch) ist über, hieß es; dann sollte der Bosch auch über sein;
dann wurde die Nachricht wiederrufen, unter dem fernher vernehmlichen
Donner des gröbsten Geschützes. »Die Carmagnolen haben fünf Brücken über
die Maas geschlagen – die Menge und Tapferkeit der Franken macht jeden
Widerstand unmöglich, was flüchten kann aus Städten und Orten, das
flüchtet – die Franken sind nahe vor Nymwegen – in die Werke von
Nymwegen haben sich sechstausend Engländer geworfen – die
zurückgedrängte englische Armee will sich wieder bei Gorkum setzen – die
in großer Zahl ausgewichenen Bataver haben ein Comité gebildet, und
durch dasselbe mit der französischen Republik über Vertragsbedingungen
unterhandelt – die Franken sollen die Städte der neuen batavischen
Republik mit Truppen besetzen – die Regierungsform soll provisionell
bleiben, wie sie ist – die entlassenen Beamten sollen wieder in ihre
Stellen einrücken – die Geflüchteten sollen zurückkehren – Holland soll
die französische Republik anerkennen, soll sein Bündniß mit England
brechen, sich mit Frankreich verbinden und an England, Preußen und
Oesterreich den Krieg erklären – des Statthalters und seiner Partei soll
in keiner Weise mehr gedacht werden.« – So drängten sich und wirrten die
Nachrichten durcheinander, als schon der October herbeigekommen war.

Ludwig und Leonardus waren als Führer in das berittene Corps
eingetreten, das der Erbherr errichtet hatte; Angés mit dem Kinde blieb
in Windt’s Schutz gestellt in Doorwerth, und für Frau Windt war es ein
großer Trost, eine weibliche Seele als Freundin zur Seite zu haben, die
ihr manchen Beistand leistete.

Windt bot Alles auf, mehr und mehr Lebensmittel in das Kastell zu
schaffen, denn es kam ihm im Geiste vor, als wenn der bedrohliche
Zustand sobald nicht enden werde. Man sah ihn häufig, von einem oder
zwei Reitknechten begleitet, in seiner kleidsamen Offiziersuniform durch
die Fluren und die nächstgelegenen Ortschaften reiten; Graf Ludwig hatte
dem redlichen Freund seine Isabella geschenkt, halb aus Liebe zu Windt,
halb aus Liebe zur Isabella, deren Leben er dadurch besser zu sichern
hoffte, als wenn er das treue Pferd der Gefahr beim Heere aussetzte –
und überall war Windt willkommen; seine Anordnungen wurden genau
befolgt, die Bauern liebten ihn, weil er sie von dem Rentmeister
befreit, der sie gedrückt und geschunden hatte, um sich zu bereichern,
und weil Windt sie menschenfreundlich behandelte. Jeden Morgen fast saß
Windt am Schreibpulte und schrieb Briefe an seine Herrin, oft in
fliegender Hast und Hetze, Alles bunt durcheinander, aber sie wollte und
mußte Alles wissen. Doorwerth und dessen guter Verkauf bildete jetzt
einen Theil ihrer noch übrigen Lebenshoffnungen.

»Ich bin im Handgemenge mit den Engländern!« schrieb Windt unter Andern
in seiner eigenthümlichen, raschen und keinerlei Umstände machenden
Weise, die sein ganzes Wesen an Tag legte: »Gestern war ein hoher
Offizier hier, um das Kastell mit Allem, was dazu gehört, für verwundete
Offiziere in Besitz zu nehmen, so wie sie die Kirchen in Helsum, Renkum
und Velp[11] für Kranke in Besitz genommen, letztere liegt bereits voll
davon, ebenso wie ganz Rosendael, wo ein Lager aufgeschlagen ist und
alles Holzwerk, jung und alt, zerstört wird. Der Offizier war genau
unterrichtet, wem die Herrlichkeit gehört, wie viele Einwohner sie
zählt; der Bürgermeister von Wageningen, wo auch Alles voll liegt, hat
ihn mir auf den Hals zu laden gesucht. Der Donner soll diesem
Bürgermeister, den ich kenne, dafür auf den Kopf fahren! Sobald ich
hinüber komme, will ich ihm sagen, was er wissen soll. Ich war gestern
in der Stadt und sprach mehrere Engländer und balgte mich bis zum
Säbelziehen mit ihnen herum. Wer meine Dispute mit den Engländern
angehört hat, kann sich eine Vorstellung vom babylonischen Thurmbau
machen, sie haben mich indessen besser verstanden, als ich mich selbst
verstehe. In Arnhem hat man mich zum Bürgergardehauptmann gewählt.
Gehorsamer Diener! Erst kommt Doorwerth und dann kommt es noch einmal,
und dann kommt Arnhem noch lange nicht.«

    [Fußnote 11: Renkum, niederländisch Renekom, Dorf zwischen
    Helsum und Wageningen; Velp, Dorf ohnweit Arnhem und Rosendael.]

»Ihre Excellenz sind sehr besorgt um das hier befindliche Silber. Dies
kann ich nicht eher bergen, als bis ich mich selbst bergen muß, denn es
ist höchst gefährlich, Werthsachen wegzusenden und selbst zu bleiben;
nichts wegzusenden und Vertrauen zu zeigen, ist das einzige Mittel, um
sich bei den Carmagnolen in Achtung zu setzen; selbst von dem Meinigen
sendete ich weder Kleider, noch Waffen fort. Geld habe ich ohnehin nicht
fortzuschaffen, Geld gibt es nicht. Der schurkische Rentmeister hat die
Renten bis Petri des nächsten Jahres voraus eingetrieben und mir nichts
zurückgelassen, als für mehr als 1000 Gulden unbezahlter Rechnungen. Ich
bin froh, dieses Ungeziefer los zu sein, die Bauern sind auch froh. Ohne
Zweifel wird er sich Ihrer Excellenz in Hamburg vorzustellen frech genug
sein, aber die geringste Höflichkeit, die ihm in Hochdero Hotel zu Theil
wird, nehme ich für mich als die höchste Beleidigung. Wenn er kommt,
lassen Ihre Excellenz ihn durch den Büttel aus den Thoren der Stadt
bringen!«

»Was aus Doorwerth, was aus der ganzen Republik Holland werden will,
weiß Gott allein! Ich bin ein gehetztes Wild, voll Angst und Trübsal,
Mühe und Arbeit, Last und Hast, und Ihre Excellenz sind jetzt für ein
wenig Silber besorgt, aber nicht für mich. Ich bitte meine arme
Schwester, die ängstlich besorgt um mich ist, zu trösten. Es ist immer
noch möglich, so gefährlich es auch aussieht, daß wir diesseit des
Rheines noch einige Zeit von den Franken befreit bleiben, obgleich
General Pichegru darauf gewettet haben soll, den Winter in Nimwegen
zuzubringen und seine Armee diesseits des Rheines Winterquartiere
aufschlagen zu lassen.«

»Heute habe ich den holländischen General-Quartiermeister von hier aus
bis auf den halben Weg nach Nimwegen gebracht, es sieht übel aus auf den
Straßen, es ist eine bitterböse Zeit; wo man hin hört und sieht,
vernimmt man nichts und hört man nichts, als von Raub und Plünderung,
Mord und Brand, Krankheit und Theurung. Das Pfund Butter kostet in
diesem so butterreichen Lande 1 Gulden.«

»Gestern ist die Frau Landgräfin zu Hessen-Philippsthal, Ulrike
Eleonore, welche die Belagerung von Hertogenbosch treulich mit ihrem
tapferen Gemahle ausgehalten, durch Arnhem gekommen. Sie wird mit dem
Landgrafen nach Bückeburg gehen, zur gnädigen Frau Schwägerin, der
trefflichen Fürstin Juliane.«

Diesen Brief konnte Windt erst Abends vollenden. Er schrieb: »Rundum uns
her ist ein fürchterliches Getümmel; so eben komme ich, 7 Uhr Abends,
aus einer Bataille mit Irländern zu Pferde nach Hause, die in Wolfsheese
und längst der Doorwerth marodirten und ein Zetergeschrei unter dem
armen Volke erregten. Ich jagte ihnen aber, unterstützt von meinen
Leuten, ihre Beute wieder ab; allein es wird zu arg mit dem Rauben der
sauberen Alliirten; Bauern, die ihre Habe vertheidigen, werden
aufgehenkt und ihre Häuser werden in Brand gesteckt. Die Irländer
namentlich haben stets Hunger wie die Pierrots in der Pantomime. Und
wenn diese Feinde der Ordnung aus dem Lande sind, dann wird dasselbe
Spiel von den Carmagnolen begonnen werden, wobei, wie eben auch in der
Pantomime, höchst wahrscheinlich die Pierrots von den Harlekinen Prügel
bekommen.«

»Ueberall ist der Teufel los; Gott lasse mich nur jetzt nicht krank
werden, sonst ist hier Alles verloren! Fort und fort Kanonendonner auch
jetzt, indem ich dies schreibe, in der Richtung nach Nimwegen hin.
Vorgestern kam der Herzog von York nach Arnhem; Prinz Friedrich zu
Hessen lag mit seinem Regiment in Rosendael und wohnte wahrscheinlich
dem gestrigen Treffen bei. Ich ritt stracks nach Arnhem, um beim Herzoge
Schutz zu suchen; er war aber nicht zu sprechen; gestern ritt ich wieder
hinüber und war so glücklich, Sauvegarden für die Ortschaften von ihm
zu erhalten, es wäre auch sonst kein Einhalt mehr zu thun gewesen, und
ich bin des Reitens und ewigen Brutalisirens bei Tag und Nacht müde; ich
spüre in allen meinen Knochen einen Höllenschmerz.«

»Was den Kauf von Doorwerth betrifft, über den ich Ihrer Excellenz schon
unterthänig berichtete, so waren der gnädige Erbherr und ich nicht
weniger erstaunt, als Ihre Excellenz selbst es sind über das großmüthige
und räthselhafte Anerbieten des jungen Herrn. Ich hielt es für Pflicht,
diesen zu warnen, eine solche hohe Summe auf das Spiel zu setzen; selbst
der Erbherr sträubte sich lebhaft gegen diesen Edelmuth, allein Graf
Ludwig entgegnete: Dieses Geld wurde mir anvertraut zu beliebiger
Verfügung; wie könnte ich es besser anlegen, als in einem werthvollen
Grundstück, welches ich, da es doch einmal verwerthet werden soll,
dadurch der Familie erhalte? Ich baue unbedingt auf meines Vetters Ehre
und da wird ohne Zweifel dieses Geld in den besten Händen sein. –
Wahrlich Excellenz, ich schäme mich nicht, es zu sagen, daß dieser
Beweis eines wahrhaft edeln Herzens und Charakters Hochihres jüngsten
Enkels mich auf das Innigste rührte und was im Gemüthe des Erbherrn
vorging, konnte ich in dessen Mienen lesen. Wir beriethen nun die Sache
ernstlich; der junge Herr sollte auf Doorwerth einstweilen nur 25,000
Gulden anzahlen, und dafür eine Obligation auf Varel erhalten, die
anderen 25,000 Gulden wollte der Erbherr auch annehmen und auf Rhoon
versichern. Ihre Excellenz sollten die Gnade haben, mir förmliche
Vollmacht zu ertheilen, alle nöthigen Schriftdocumente zu entwerfen, die
Summe in Empfang zu nehmen und in Hochdero Namen bündig zu quittiren,
welche Quittung zugleich als Interims-Verschreibung auf gedachte
Herrlichkeit Doorwerth mit Zubehör gelten solle, bis zu Ertheilung der
förmlichen Obligation und Ausfertigung des zur Sicherheit weiter
Erforderlichen. Diese Verhandlung erfolgte ebenfalls unter beständigem
fernen Kanonendonner; da kam auf einmal der auf Kundschaft ausgesandte
Diener des jungen Herrn, Philipp Scarre, im vollen Jagen angesprengt und
brachte die Nachricht, die Engländer seien geschlagen, ein ganzes
Regiment derselben an der Wahl gefangen genommen, ein anderes völlig
vernichtet, die ganze hannoversche Infanterie unter Graf Walmoden habe
sich nach Nimwegen geworfen. Das nöthigte den Erbherrn zum schleunigen
Aufbruch und es blieb nur noch so viele Zeit, zu verabreden, daß, wenn
der Feind nicht über den Rhein käme, demnächst wo möglich eine neue
Zusammenkunft und Verhandlung stattfinden solle. Einstweilen gebe ich
Ihrer Excellenz anheim, mit den nöthigen Papieren und Hochdero
Zustimmung mich zu versehen, und bin zu Füßen Hochdero unterthäniger
Windt.« –

Feindselig war die Zeit aller Liebe und jeder Liebeshoffnung in den von
der Geißel wilder Kriege furchtbar heimgesuchten Ländern. Wittwen und
Waisen machte der Krieg in Menge, Thränen und Jammer brachte er in
zahllose Hütten, Häuser und Paläste, Glück nirgend hin, in kein einziges
Haus. So war es damals, war es früher, und so ist es immer noch; fort
und fort erneuen sich die Häupter dieser lernäischen Schlange. Der
Mächtigen Laune, oder Ländergier, oder Herrschsucht, ebenso wie der
Völker Wahnsinn beschwören den Dämon des Krieges aus dem finstern Orkus
herauf, sie entfesseln ihn zur Peinigung, zur Knechtung, zur Vernichtung
der Menschheit, und vermögen ihn dann sobald nicht wieder zu bannen.
Kaum ein Jahrhundert vermag die Wunden zu heilen, die ein blutiger Krieg
den Ländern, den Völkern schlägt, aber vergebens und immer vergebens
rathen Religion und Vernunft, Gerechtigkeit und Sitte, Bildung und
Fortschritt vom Beginn solcher Greuel ab; vergebens kämpfen weise Männer
unter dem Wehen der Oelzweige und der Friedenspalmen gegen den Krieg;
dort sind es die Gewalthaber, hier sind es ganze Völker, die beide in
unsinnigster Verblendung seine Furien wachrufen, und sich, gleich den
Fanatikern Indiens, mit Freude vom Donnerwagen Krischna’s bei der Pagode
von Jagernaut zermalmen lassen.

Angés saß bei Frau Windt im stillen Zimmer, die Herbstsonne kämpfte mit
den schweren Nebeln der weitgedehnten Flächen und der nahen moorigen
Brüche. Auch die kleine Sophie saß bei den Frauen, und übte mit Eifer
eine Arbeit, welche sie jene ebenfalls üben sah, eine Arbeit, die der
Krieg aufdrängt dem zarten Geschlecht, die an Schmerz und Pein, an Blut
und Wunden fort und fort erinnert: sie zupften Charpie.

Wer mag wissen, wem diese Leinwand dienen wird, warf Angés trübsinnig
die Frage auf, und ihre angstvollen Gedanken flogen nach Leonardus hin,
der es verschmäht hatte, in Doorwerth müßig zu weilen, während sein
Freund sich vielleicht die Lorbeeren der Schlachten pflückte. Sie sah im
Geist den Freund ihres Herzens verwundet und sich als seine liebevolle
Pflegerin. Frau Windt aber antwortete: Das möchte ich nicht einmal
wissen; am Besten, sie würde gar nicht gebraucht, da brennte ich das
Zeug zu Zunder und steckte mein Licht an ihm an; wär’ auch ein guter
Gebrauch, besser als der, für den diese Leinwand bestimmt ist, nämlich
Solchen zu dienen, deren Lebenslicht mit dem Erlöschen bedroht ist.

Das Kind begann in dieser Zeit etwas Holländisch und etwas Deutsch
sprechen zu lernen, und die beiden Frauen ertheilten ihm den Unterricht
so eifrig und vortrefflich, daß bald sein Deutsch äußerst holländisch
und sein Holländisch äußerst deutsch klang, was manchen Anlaß zum Lachen
gab.

Mit leiser, längst auf dem Herzen getragener Frage wandte sich in dieser
traulichen Stunde, und indem sie mit wahrhaft mütterlichem Wohlgefallen
auf die Kleine blickte, Frau Windt an Angés: Sie wollten mir immer von
dem schönen Kinde erzählen, meine Beste! Heute hätten wir Zeit; es ist
außen einmal etwas ruhig; mein Mann ist nach Arnhem geritten, halb in
Geschäften und halb aus Neugierde, um den Grafen von Artois zu sehen,
den Mann, der sich für den künftigen König von Frankreich hält, aber
nichts thut, sein Königreich wieder zu gewinnen. Er wohnt als Gast auf
der Sip, einem Gute des Herrn von Brantsen, nur ein halbes Stündchen von
Arnhem, und ist umgeben von einem kleinen Kreise Emigranten, welche alle
denken wie der Herr Graf von Artois, und ihr Königthum in Gedanken mit
sich herumtragen, wie die Juden ihre Bundeslade auf der Reise durch die
Wüste. Der Herzog von York hat gestern beim Grafen von Artois gespeist;
auf dem Park wohnt der Prinz Louis von Rohan; gestern ist auch der
Kurfürst von Köln in Arnhem angekommen, und der tapfere und berühmte
Kriegsheld Graf von Clairfait. Man spricht davon, daß das Hauptquartier
der verbündeten niederländischen und holländischen Armee nach Arnhem
gelegt werden soll.

Ein flüchtiges Roth flog auf Angés zarte Wangen bei einem der Namen,
welche Frau Windt ihr nannte, diese bemerkte dasselbe aber kaum, oder
schob es auf Rechnung ihrer Aufforderung an die junge Freundin, ihr
Etwas mitzutheilen, was Angés bisher immer mit Aengstlichkeit zu
verhüllen gesucht hatte. Wenn aber Angés erwog, welche große Ansprüche
auf Dank sich Windt und dessen gutmüthige und liebevolle Frau um sie
verdienten, welch ein trauliches und gewiß auch sicheres Asyl sich ihr,
der Heimathlosen und Flüchtigen, in Doorwerth erschlossen, und endlich,
wie wenig eine Mittheilung an diese Freundin, welche wohl kaum deren
Schicksal weit über die Grenzen Gelderns und höchstens wieder einmal in
die ostfriesischen und oldenburgischen Gefilde führen werde, irgend ihr
oder dem Kinde dereinst Schaden bringen könnte, zumal wenn sie jeden
Namen sorglich verschweige, so hielt sie sich nicht nur für berechtigt,
sondern sogar durch Dankbarkeit verpflichtet, in etwas dem Wunsche der
älteren Freundin nachzugeben. Sie begann daher, wenn auch nicht ganz
ohne Zagen:

Was Sie zu erfahren wünschen, beste Frau Windt, und was ich selbst weiß
und sagen darf, sollen Sie erfahren. Ein junger, schöner und höchst
liebenswürdiger Prinz aus einem sehr vornehmen Hause faßte eine glühende
Neigung zu einer Prinzessin, die nur wenige Jahre älter ist als er
selbst, und einer Familie entstammt ist, in welcher die Leidenschaft der
Liebe stets ein vorwaltender Charakterzug der Träger ihres Namens war.
Vorbedeutungsvoll ist auch jener Prinz gleich nach seiner Geburt durch
Feuer und Flammen gegangen. Ihn wie seine heimlich angebetete Geliebte
trieb die Revolution aus ihrem beiderseitigen Vaterlande, dem schönen
Frankreich, hinweg, und die Einsamkeit eines verborgenen Zufluchtsortes
nährte die wachsende Flammengluth der jungen stürmischen Herzen und riß
sie völlig hin.

Nichts hätte unter andern Verhältnissen den gegenseitig Ebenbürtigen im
Wege gestanden, sich mit einander zu vermählen, aber die Zeit des Jahres
siebenzehnhundertundneunzig war nicht günstig für Freuden und Hochzeiten
der armen Flüchtlinge; war es doch erst kaum ein Jahr, daß der Graf von
Artois, dessen Sie, beste Frau Windt, vorhin erwähnten, wie auch die
Prinzen Condé, Broglio, Bretueil und auch die Polignac’s ihr Vaterland
gemieden hatten; man vernichtete, das heißt man hob in Frankreich alle
Vorrechte der Geburt und des Standes auf, und es war kaum zu wagen, an
eine Rückkehr in das geliebte Vaterland, oder an eine Rückkehr der alten
Ordnung zu denken. Der junge Prinz, welcher bisher mehrere Reisen
gemacht hatte, von denen er immer wieder an den Ort seiner verborgenen
Liebe zurückkehrte sah sich veranlaßt, zu dem Heere zu gehen, das die
Bestimmung hatte, die verlorene Heimath mit Gewalt der Waffen wieder zu
erobern.

Die Bestimmung – ja – aber nicht Macht, nicht Muth genug! warf Frau
Windt ein.

Niemand ahnete die Folgen der glühenden Liebe des Prinzen und der
Prinzessin, fuhr Angés fort. Der geheime und gutgewählte Zufluchtsort
auf deutschem Boden, auf dem Boden meines Vaterlandes, half die
Verborgenheit sichern, doch bedurfte die Prinzessin mindestens _einer_
ganz vertrauten Person, um ihr Geheimniß tragen zu helfen; zu dieser
Vertrauten wurde meine Mutter erkoren. Es ist mir noch, als ob es vor
wenigen Tagen geschehen sei, so lebhaft erinnere ich mich daran, wie
eines Abends in der Dämmerung – ich war noch ein ganz junges Mädchen und
saß mit Leonardus in der Rebenlaube vor unserm Hause im zärtlichen
kosenden Gespräche – eine verschleierte Dame bei uns eintrat, von
jugendlicher Haltung und schönem Wuchs, und mit einer zarten,
außerordentlich wohlklingenden Stimme und im reinsten Französisch nach
meiner Mutter fragte. Ich verließ Leonardus und geleitete die Fremde zur
Mutter, es fiel mir dieser Besuch gar nicht auf, weil meine Mutter vor
ihrer Verheirathung mit meinem Vater in Paris gelebt und in einem
hochangesehenen Hause in einem gewissen dienstlichen Verhältniß
gestanden hatte. Die Fremde schlug ihren Schleier nicht zurück und
fragte meine Mutter, ob sie dieselbe nicht ohne Zeugen sprechen könne,
worauf ich mich sogleich zurückzog, und nur noch auf dem Vorsaal meine
Mutter in jenem Zimmer laut ausrufen hörte: #O ciel! O ma très chère
gracieuse Princesse!# – Ich eilte, weit entfernt horchen zu wollen,
schnell zu meinem in der Laube harrenden Geliebten zurück, und dachte
kaum noch an die Fremde, so sehr beschäftigt ein junges Mädchen seine
Liebe und das Glück, den geliebten Gegenstand sich nahe zu wissen, bis
erstere wieder aus dem Hause trat und von meiner Mutter unter
ehrerbietigen Verbeugungen schied, ohne daß beide dabei ein Wort
wechselten. Meine Mutter weihte meinen Vater in das Geheimniß ein, und
endlich mit großer Vorsicht auch mich, das heißt, sie sagte mir nur, was
sie für mich nöthig hielt, von der Sache zu wissen, weil auf meine Hülfe
Rechnung gemacht werden mußte, um nicht an noch andere Personen das
Geheimniß hinzugeben. Ich hatte so ziemlich die Größe der fremden Dame,
von welcher ich vorerst nur erfuhr, daß sie die Tochter einer Freundin
meiner Mutter sei, daß sie Paris in Folge der Revolution gleich Andern
verlassen habe, und daß sie wohl nach einiger Zeit wieder kommen, und
eine Zeit lang bei uns wohnen würde, doch solle davon nicht gesprochen
werden. Es wurde ein von der Straße ganz entlegenes stilles Zimmer
unseres Hauses eingerichtet, um einen weiblichen Besuch aufzunehmen; ich
erhielt einige neue Kleider und die Weisung, bisweilen und nach und nach
bei Ausgängen verschleiert zu gehen, so daß die Einwohnerschaft gewohnt
werde, mich so zu sehen. Ein neues Dienstmädchen vom Lande wurde
angenommen, welches an der französischen Grenze bereits gedient hatte
und ganz hübsch Französisch sprach. Der Name dieser Dienerin war Sophie
Botta; ihr Geburtsort hieß Westbacherhof, vier Stunden von
Kaiserslautern. Am Tage des Abgangs ihrer Vorgängerin und Sophiens
Antritt fuhr meine Mutter mit mir nach dem unserer Stadt ganz nahen
Dörfchen Ixheim, einem Vergnügungsort der Zweibrückner vornehmen Welt,
und hatte mir vorher genau meinen Anzug bestimmt. Dort fanden wir jene
fremde Dame, die Prinzessin, ohne alle Begleitung, und zwar genau so
gekleidet wie ich. Diese junge Dame sehen und sie liebgewinnen, war bei
mir die Wirkung jenes Augenblicks, als ich sie ohne Schleier sah; welche
Huld, welche Güte, welche süße Verwirrung und Scham strahlte aus diesen
himmlischen dunkeln Augen, voll eines Feuers, das nur durch unendliche
Sanftmuth gemildert war, die über ihr ganzes Wesen sich ergoß! – Diese
Dame, sagte meine Mutter zu mir nach den ersten Begrüßungen und dem
Anknüpfen der Bekanntschaft, wird statt deiner mit mir zurückfahren,
liebe Angés, und du wirst dann die kleine Wegstrecke als angenehmen
Spaziergang zurücklegen. Dabei bezeichnete sie mir die Straßen, durch
welche ich gehen solle, und meinen Weg in das elterliche Haus durch
unsern an dessen Hintergebäude angrenzenden Garten, zu dessen Thüre sie
mir den Schlüssel behändigte. Es wurde mir nun klar, daß die Fremde mit
mir nur _eine_ Person darstellen sollte, sie kehrte mit der Mutter
verschleiert als deren Tochter Angés nach Hause zurück, ich kam in der
Abenddämmerung durch das Hinterpförtchen in das Haus, und konnte durch
eine Treppe im Hofe alsbald in das obere Stockwerk gelangen. Dieser
Plan war außerordentlich leicht auszuführen, und wurde auch eben so
leicht ausgeführt. Das neue Dienstmädchen fand bei seinem Antritt die
Dame, ohne zu wissen, ob sie zum Hause gehörte, oder nicht? Es bediente
daher dieselbe mit gleicher Treue, wie meine Mutter und mich.

Frau Windt hörte Angés Erzählung mit wachsendem Erstaunen an, und
unterbrach dieselbe nur, um für einige Herzstärkungen zu sorgen, die
ihr, der eingebornen und nicht mehr jungen Niederländerin, ungleich mehr
Bedürfnis waren, als Angés. Dann aber drängte die gute Holländerin um
die Fortsetzung der ihren ganzen Antheil lebhaft erregenden Erzählung.

Nach einiger Zeit, fuhr Angés erglühend und fast flüsternd fort: gebar
die fremde bei uns wohnende Dame dieses schöne Kind. Die #Sage-femme#
wurde durch Geld schweigsam gemacht, unsere Sophie mußte zum Schein
krank werden, das heißt, sie mußte die hohe Wöchnerin auf das Sorgsamste
warten und pflegen und ein anderes Mädchen versah indeß ihre Stelle. Die
guten Zweibrückner hörten zwar und glossirten nach deutscher
Kleinstädter Weise das Ereigniß, daß unsere junge Dienerin ziemlich bald
ein Gastgeschenk in unser Haus gebracht, vor dem sich in der Regel
Jedermann zu bedanken pflegt, indeß war man so gütig, meine rechtlichen
Aeltern und auch mich dabei zu bedauern, die man frisch und munter und
jetzt wohlweislich ohne Schleier täglich auf der Straße gehen sah, und
war ferner so gütig, die Schuld einem meiner Brüder in die Schuhe zu
schieben. Auch dieses Reden wäre zu vermeiden gewesen, wenn man das Kind
zeitig aus dem Hause gebracht hätte, aber dagegen widersetzte sich die
junge Mutter, und da das Kind getauft werden mußte, so ließ sich diese
Handlung nicht außer dem Hause vornehmen. Ein schönes Stück Geld bewog
leicht die junge Dienerin, ihren Namen herzuleihen, und so wurde das
Kind nach seiner angeblichen Mutter, der kleinen französisch plaudernden
Westbacherhoferin Sophie Charlotte Botta getauft, und die große Sophie
verließ dann reichlich belohnt und mit zugesichertem Wiedereintritt nach
einiger Zeit, der guten Sitten halber, mein elterliches Haus.

Nun wissen Sie, beste Frau Windt, wie sehr es in unserer weiblichen
Natur liegt, daß wir uns zu kleinen Kindern hingezogen fühlen, besonders
wenn sie hübsch und wenn sie hülflos sind. Mein liebesehnsüchtiges
Herz, das seinen Gegenstand entbehrte, wandte die ganze Fülle seiner
Gefühle diesem Kinde zu und dessen junge Mutter gewahrte dies mit hohem
Entzücken.

O Angés! sprach sie einstens zu mir: wie engelgut Sie sind, wie Sie mein
Kind lieben! Dies kann ich nie vergelten, wie auch nie Ihrer Frau Mutter
deren unendliche Güte. Ach, schon zerreißt der Gedanke an Trennung von
dem Kinde mir das Herz, und doch muß, muß, muß ich von ihm scheiden!
Einst, ich flehe das von Gott, wird es seine Mutter wieder sehen, wird
sie kennen lernen und von aller Welt anerkannt, sich nie wieder von ihr
trennen, wie auch nie von seinem herrlichen Vater! O Henri, o mein
Henri!

Ich ward ganz hingerissen von der Liebe und dem Schmerz der schönen
Prinzessin, bedeckte in ihrer Gegenwart ihr Kind mit Küssen und rief mit
einem flammenden Entschlusse: Darf und soll dieses holde, süße,
unschuldige kleine Wesen bei uns bleiben, so weihe ich mich ihm zur
treuesten Pflegerin, die es auf Erden finden kann! So schwöre ich Ihnen.

Schwören Sie nicht, edles Mädchen, unterbrach mich die Prinzessin. Sie
fühlen jetzt so schön und groß! Wird dies Gefühl Dauer haben können? Sie
sind jung, auch Sie lieben, Sie werden sich vermählen, eigene Kinder
werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen
drängen. Rasch sind Gelübde gethan, schwer, oft unendlich schwer sind
sie zu erfüllen und dauernd zu halten.

Ich weiß, welche Pflicht ich übernehme! entgegnete ich der Prinzessin.
Nie will ich von diesem Kinde mich trennen, wie meinen Augapfel will ich
es hüten und bewachen, und zwar so lange, bis Höchstsie selbst oder von
Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden.

Die Prinzessin umarmte mich unter Thränen; nie vergesse ich den
rührenden Anblick dieser unglücklichen und durch ihr Kind doch so
glücklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief sie schluchzend aus:
welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der würdig wäre der Größe meines
Dankgefühls?

Einen Lohn, Prinzessin? rief ich bestürzt aus. Welchen Lohnes wäre ich
bedürftig? Keines anderen als Ihrer Liebe!

Es wurde nun Alles ernst und ruhig unter Zuziehung des Beirathes meiner
Mutter besprochen. Das Kind sollte von mir aufgezogen werden, vorerst
vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unser an das Haus
anstoßender Garten war geräumig genug, ihm die Wohlthat frischer Luft
täglich zu gönnen, auch war das Kind völlig gesund. Unter geheimen
Aufschriften wurden die Orte bestimmt, wohin allwöchentlich Nachricht
von seinem Befinden gegeben werden sollte, auch ward verabredet, der
Kleinen ein Zeichen einzuätzen, daran die Mutter oder der Vater sie
erkennen könnten, und als das einfachste Zeichen solcher Art schlug ich
vor, die Anfangsbuchstaben ihres Namens S. C. B. zu wählen. Die
Prinzessin schüttelte erst mit dem Kopf, als wolle sie meinen Vorschlag
verwerfen – augenscheinlich mißfiel ihr der bäurische Name – mit
einemmale aber überstrahlte Freude ihr Gesicht, als sie ein wenig
nachgesonnen hatte, und sie rief: Ja, theure Angés, nicht anders, nicht
anders, als S. C. B.! Das muß ja nicht Botta heißen? Nicht wahr? O, es
kann ganz anders heißen! C–B– ja, so ist es recht, so sei es! Wohl kann
es anders heißen, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichstehen
auf Erden an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn sie auch die Zeit,
gewiß nicht für immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene
große Sonne getreten ist.

Voll Verwunderung hörte Frau Windt diese Mittheilung an; mit einer
gewissen scheuen Ehrfurcht blickte sie auf das Kind, das da neben ihr im
kleinen Stübchen unbefangen und in holder Unschuld saß und Charpie
zupfte, vielleicht für die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieses
Kindes und seiner Mutter die Rückkehr in das heißgeliebte Vaterland
erkämpfen helfen wollte. Thränen der Rührung traten in die Augen der
freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angés fiel, denn Frau
Windt erging es wie Faust’s Famulus bei Goethe: sie wußte nun viel, doch
mochte sie gern vollends Alles wissen. Angés fuhr fort:

Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein
einziges Glück, meine liebste Zerstreuung; sein Lächeln war Balsam auf
mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlassen
glaubte, da kam die neue Bekanntschaft, mit ihr mein Unglück. Von allen
Seiten wurde ich bestürmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der
Bedingung, daß ich nicht von dem Kinde mich trennen müsse. Meine Mutter
fragte brieflich an, schilderte alles treulich, doch theilte sie der
Prinzessin nur mit, daß ich mich verheirathen würde und fest
entschlossen sei, das Kind als mein eigenes mit mir zu nehmen – und so
willigte diese denn ein, sandte reiche Geschenke und eine nicht
unbedeutende Geldsumme zur Verpflegung des Kindes und Bestreitung aller
seiner Bedürfnisse. Oh, sie hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die
kleine liebe Sophie, sie hat zweimal an Kinderkrankheiten
darniedergelegen, doch mein brünstiges Gebet für ihre Erhaltung wurde
erhört, auch aus der größten Noth half Gottes allmächtige Hand, der ich
nun hier in stiller Demuth vertraue, und hoffe, daß er das Kind und mich
wieder glücklich nach der Heimath führen und geleiten werde. Dann werden
Sie, beste Frau Windt, schloß Angés mit lieblichem Lächeln: die lange
getragene Doppellast los.

Sie waren und sind mir in Wahrheit keine Last, gute Angés! versetzte
Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath ist
wunderbarlich und führet es herrlich hinaus.



2. #Rep en roer.#


Der unerschrockene und muthvolle Schirmvogt des Kastells und der
Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurückkehrend, eben durch die
Allee und in das Schloß ein, als von der entgegengesetzten Seite aus
einem Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe
Soldatenvolkes sich nach dem Kastell zu bewegte; es mochte dieser Haufe
über hundert Mann stark sein, und es war nicht zu unterscheiden, unter
welchen Fahnen dieses Volk stand und wem es diente; es waren rothe,
blaue, grüne und andere Uniformen und Monturen, und deren Träger
offenbar englische, französische, niederländische und wohl auch deutsche
Soldaten, die sich, wie es schien, zusammengethan hatten, um gänzlich
unbekümmert um den Krieg, den die Nationen, welchen sie angehörten, mit
einander führten, auf eigene Faust einen kleinen Plünderungskrieg gegen
die Habe der Landleute in diesen Gegenden zu führen, und stark genug,
selbst wohlbewaffnet genug, sogar ein herrschaftliches Schloß
anzugreifen, an welchen Schlössern dieser geldern’sche und utrecht’sche
Landstrich außerordentlich reich ist.

Als dieser Haufe in wilder Unordnung, unter Geschrei und lautem Streit,
nebst eitel unnützem Lärm, zu dem sich wohl auch das Losfeuern eines
Gewehres gesellte, sich dem Kastell näherte, gab sogleich der Wächter
auf dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem
Augenblick ertönte, als Windt sich eben aus dem Sattel schwang. Rasch
flog sein Blick zum Thurm hinauf und der Wächter schrie vom Thurme
herunter durch sein Sprachrohr: #Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van
den Rhin!#

Zum Donner mit den Teufeln! schrie Windt, die kleine Pforte auf und
gleich hinter mir wieder fest zugeschlossen! Vorwärts! – Und seinen zwei
Dienern, auf die er sich verlassen konnte, winkend, schritt Windt, ohne
sich um Anderes zu bekümmern, durch das schnell geöffnete heimliche
Rheinpförtchen, dessen schwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Männer
voll entschlossenen Muthes wollten sich einem wüsten Haufen von einem
vollen Hundert entgegenstellen. Aber die gemessenen Pulse der
Sturmglocke hallten über die stille flache Gegend hin, und ihr
hülferufender Schall drang bis Helsum und Renkom, ja bis Wolfheese und
Oosterbeck. Windt stand ruhig in ernster, strenger, stolzer Haltung, die
Hand am krummen Säbel, geladene Doppelpistolen im Gurt; seine Begleiter
waren auf ähnliche Weise bewaffnet; Entschlossenheit blitzte aus jedem
Blick der Männer. Der Haufe kam näher, immer näher, nichts als
Galgengesichter, Auswurf der Armeen, Ausreißer, Sträflinge, denen
gelungen war, den Latten und Ketten zu entlaufen, den Spießruthen sich
zu entziehen.

Achtung! Halt! Was soll’s? donnerte Windt die Rotte an.

Essen! Trinken! Quartier! war die Antwort.

Hier ist kein Quartier! Kann einer von euch lesen, ihr Helden? Hier ist
die Sauvegarde des Herzogs von York!

Gelächter und Gespött war die Antwort. Eine papierene Sauvegarde!
Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Laßt uns ohne Widerstand in das
Kastell, Herr General oder Maire, oder Platzcommandant, was Ihr immer
sein mögt.

Achtung! commandirte Windt. Linksum! Abschwenken, grad aus! Der Nase
nach! Dort ist die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von
Gärten und Buschwerk umgeben war. Einem übermäßig hohen dicken
Strohdach, das an einigen Stellen das Sparrenwerk in etwas
zusammengedrückt und folglich hie und da eine schiefe Stellung
eingenommen hatte, dessen First mit dichten Moospolstern übergrünt war,
aus denen sich zahlreiche rothe Blüthenstengel der Hauswurz erhoben,
entragte ein schadhafter steinerner riesiger Schornstein. Das Gebäude
selbst war steinern und alt, die dicken Mauern waren mit sich selbst in
mancherlei Zwiespalt gerathen; hie und da schien es, als seien vor
undenklichen Zeiten Breschen in das Gemäuer geschossen worden, zu denen
sich nie eine ausbessernde Hand gefunden hatte. Eine Thüre reichte fast
bis unter das Dach, eine andere war im Bogen gewölbt, klein und niedrig.
Ein einziges, aber sehr großes Fenster mit trüben Scheiben erleuchtete
die geräumige und einzige Stube des Krugs; zwischen dem Strohdach
starrten einige schwarze Lucken, wie schlaftrunkene, halbgeschlossene
Augen. Wohnlich sah es nicht aus, reinlich sah es nicht aus, und schön
sah es gar nicht aus, dieses Haus mit seiner Umgebung, welche völlig
derjenigen glich, die auf Rembrandt’s Rattenfänger dargestellt ist. Es
war der Typus der meisten Landhäuser in diesem Gebiete. Dorthin lenkte
Windt den Schritt der Gäste und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und
Branntwein und was sonst vorräthig sei, verabfolgen zu lassen, indem er
ihm einen bedeutsamen Wink gab. Der hungrige Haufe fiel über die
aufgetragenen Nahrungsmittel her, und in ganz kurzer Zeit verschwanden
zahllose Häringe, Käse, Aepfel, Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rüben, Brode
und was irgend Eßbares sich vorfand; inzwischen aber marschirte aus
Helsum und aus Renkom und aus Wolfsheese je ein Trupp gut bewaffneter
Schützen im Eilschritt nach Doorwerth zu. Windt hatte sich zu den
Schnapphähnen gesetzt, aß und trank auch, fragte Dieses und Jenes, ließ
sich erzählen, und hörte mit großer Geduld die Aufschneidereien der
Marodeurs an, unter denen sich besonders ein fadenscheinig gekleideter,
hagerer Franzose hervorthat, der mit seinem Mundwerk stets voran war.
Dieser war auch der, welcher mit seiner Sättigung zuerst fertig wurde,
aufsprang und bramarbasirend ausrief: #Vive Monsieur le Maire! Vive le
Général!# Nun gut Quartier in die Schloß für die brav Einquartier!

Windt hatte einigemal durch das Fenster geblickt und gesehen, was er
sehen wollte. Die ganze Mannschaft des Kastells hatte sich mit der des
Dorfes vereinigt war bewaffnet über die Zugbrücke gegangen und machte in
ziemlicher Nähe Front gegen die Schenke.

Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel sollt ihr Quartier
finden, aber nicht hier! schrie Windt, warf Geld zur Bezahlung seiner
Zeche auf den Tisch, nahm in jede Hand eine seiner lütticher
Doppelläufer, ließ die Hähne knacken und herrschte dem Gesindel zu:
#Allons enfants pertues de la patrie!# Bezahlt, oder beim Satan! Ihr
sollt, wie die Holländer, die Suppe nach der Mahlzeit auslöffeln, die
Prügelsuppe nämlich!

Hu, was machten die ungeladenen Gäste da für Augen! Flüche, Zorn- und
Drohworte schrecklicher Art, Waffengerassel, Toben, Geschrei – dennoch
wagte keiner von allen diesen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben,
denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle
zugleich, die Mündungen der Pistolen – und gar nicht lange dauerte der
Lärm, als er plötzlich von starkem Trommelschall unterbrochen ward –
draußen Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaberstimmen laut wurden
und Bajonette blitzten.

Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige
suchten sich im Hause zu verkriechen, Andere traten in das Freie und
suchten das Hasenpanier zu ergreifen, aber überall war der Weg
verstellt, und aus jedem Munde der Führer scholl der Zuruf: Streckt die
Waffen! Ergebt euch!

Einige riefen auch in der That angstvoll: Pardon! Pardon! und warfen die
Waffen von sich, die Wildesten und Tapfersten aber nicht; der oben
bezeichnete Franzose verzerrte sein Gesicht zu verzweiflungsvoller
Wildheit und schrie seinen Gefährten zu: Seht ihr nicht, daß es nur eine
Handvoll Bauernlümmel sind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch
in’s Bockshorn jagen lassen? Achtung! Stellt euch! Schließt ein Quarrée!

Der Muth erwachte, wie er in Herzen zügelloser Banden erwachen kann, die
Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieser Haufe,
gereizt wie er war, durch hitziges Getränk angefeuert, und aus
angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebene Männern werdend,
sich ernstlich zur Wehre setzte, so stand, wenn auch keine Niederlage,
doch ernstliche Gefahr für Windt’s Person, wie für das Häuflein seiner
Getreuen in Aussicht; allein es sollte schnell und überraschend anders
kommen.

Galoppschlag von Rosseshufen, Säbelgerassel, wehende Fähnlein,
Trompetengeschmetter – sechzig Uhlanen und berittene Jäger (Chasseurs)
vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus, sprengten
auf den kleinen Schauplatz überraschend heran; die Säbel flogen aus den
Scheiden – da fiel kein Schuß, im Nu war der Marodeurhaufe umritten, im
Nu streckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein Vortrab; es
folgte eine starke Schaar niederländische Gardereiterei unter einem
Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O weh, wie
wurde da dem marodirenden Gesindel! Hinter den Gardereitern vom
Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und höchsten
Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der Waffen,
die Brust manches Einzelnen von Sternen und Orden strahlend. Windt
selbst war ganz voll Erstaunen; er ließ sein kleines Commando schnell
alle wohl eingeübten und üblichen soldatischen Ehrenbezeugungen machen;
da sprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, bester Windt!
Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung – allein Noth lehrt
beten! Thun Sie, was Ihnen möglich ist! Besorgen Sie uns einen
Stegreifimbis, wie Sie’s eben haben! Im Kriege nimmt man’s nicht genau;
man hat nicht Zeit für Etikette, oft kaum für Toilette! Seine Hoheit der
Erbstatthalter und seine beiden Söhne, der Erbprinz und Prinz Friedrich
folgen uns auf dem Fuße, mit ihnen ein Prinz von Condé, Prinz Ernst
August von Großbritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens
und Andere.

Ich sinke in die Erde, gnädigster Herr Graf! rief Windt erschrocken.

Oh, versetzte lachend der Erbherr: das wäre in diesem hiesigen Boden gar
keine Kunst, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bisher, auf festem
Boden! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr; wir bleiben nicht Alle – aber
eine gute Besatzung lassen wir Ihnen im Kastell; den Obrist der
Gardereiter mit seinen Adjutanten, Bedienten und Wagen, nebst
fünfundzwanzig Pferden, auch Ludwig und Leonardus mögen hier bleiben!
Das Hauptquartier kommt nach Arnhem, wir müssen von unsern Leuten etwas
in die Herrlichkeit legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Besitzer
dieser Güter nicht in die Sümpfe betten! Das Kastell muß jetzt, es geht
nicht anders, denn ich gab mein Wort, wenigstens verwundete Offiziere
aufnehmen.

Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grüßten alle in Reih und Glied
stehenden und zu Roß haltenden Truppen militärisch, bließen die
Trompeter, füllte ein donnerndes »Oranien boven!« um das andere die
Luft, und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die
vorhin von dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die
Generale Harcourt, Fox und Walmoden folgten.

Das bunte Gewimmel, das sich auf den Wiesenteppichen und in den Alleen
mehr und mehr um Schloß Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes Bild,
und Frau Windt, Angés und die kleine Sophie, die der Schall der
Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, schauten mit Lust, in die sich ein
gewisses Bangen mischte, von einer gedeckten Bastei herab. Hinter den
Prinzen und der hohen Generalität folgte die Legion Rohan, welche unter
dem Befehle des Herzogs von Condé stand, und an diese schloß sich der
Rest des fliegenden Corps leichter Reiter, Jäger von Rhoon an, welches
der Erbherr gebildet hatte und als Chef führte, dessen Namen es trug und
bei welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute standen.

Großes und Wichtiges drängte sich in gleichem Maße wie die Fülle hier
versammelter bedeutender Persönlichkeiten in die Macht des Augenblickes
zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden Worten
flüchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den Gefangenen
werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht auch noch
füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus sie mit einigen Reitern
nach dem Strome mit Zurücklassung aller ihrer Waffen geleiten sollten,
wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf fühlbare Art die
Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der Abtheilung, welche
die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schloß auch Philipp sich
an, der sich im Felddienste zu einer ungemein kräftigen Natur entwickelt
hatte und guten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen bereiten
Herzhaftigkeit an Tag legte.

Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger,
verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres
Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen
Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Häuptling der
nichtsnutzen Bande gespielt. Einmal drückte er sein Pferd so nahe an
diesen Gesellen heran, daß derselbe unwillig in seiner Muttersprache
laut wurde. Ha Kiebitz, dich kenn’ ich! dachte Philipp und ließ den
Marodeur nicht mehr aus den Augen.

Am Rheinufer, wo das Schiff in nächstmöglicher Nähe von Doorwerth
anhielt, gab es nun eine nicht eben ästhetische Scene, vielmehr gab es
viele und sehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der
Reiter auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während dessen
Philipp von seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus
zu halten gab und sich dicht an den Franzosen drängte, auch denselben
bis hart an den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgespühlten
Uferbord folgte und ihn schützte, als einer der Kameraden auch auf
diesen losfuchteln wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe
war, seinen Fuß nach dem Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit
starker Hand am Kragen, riß ihn zurück, schüttelte ihn derb und tüchtig
und rief ihm spöttisch zu: Bürger, wenn ich nicht irre, so dürstet Euch
wieder? He? Und seht so schmutzig aus, Bürger! Habet lange kein Bad
genommen! Nehmet man jarst diar jahn üp! – und mit einem gewaltigen
Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm Philipp den Franzosen, hob ihn
auf beiden Armen hoch in der Schwebe und gab ihm einen Schwung, daß er
einen Burzelbaum in der Luft schlug und Kopfüber hinab in den Rhein
schoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es sahen.

Philipp! Philipp! bist du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu spät diese
That gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in
gutem Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der
verdammte »Ueppasser« von Paris – hat lange nicht kalt gebadet, der
Kerl! – Dort nach dem jenseitigen Ufer hinüber sah man den Franzosen
schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser
gesunkenen Stamm einer alten Weide, an den er sich hielt, seine Rettung
abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem
Wasserstand, zu tief, als daß es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen
wäre, und mit wüthender Grimasse drohte er herüber.

Windt entließ mit freundlichem Danke seine Hülfsmannschaften, nicht ohne
Anweisung, sich auf seine Kosten für ihren raschen Zuzug gütlich zu
thun; der größere Theil der Fürsten und der hohen Generalität setzte
sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange
bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen
Jenen zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und
erlauchten Gäste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum
vorläufig ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Kräfte
auf, das Mögliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine
Bewirthung, zu welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gönner und
Freunde eingeladen, doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch
keineswegs an Eß- und Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine
eines kleinen Saales waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen
berühmter Weine rasch aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das
freundliche Licht des Tages gefördert, und es boten sich westphälische
Schinken, hannoversche Würste, holländische Käse, marinirte Fische,
hamburger Rauchfleisch und dergleichen gediegene Waaren in genügender
Fülle zur Auswahl der Gäste dar, die mit soldatischem Muth mörderlich
einzuhauen und das edle Blut der Reben zu vergießen begannen.

Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau
zu, als er ihr und Angés den Besuch mit kurzen Worten meldete und die
Mithülfe beider Frauen im Beschicken des nöthigen Tischzeuges erbat – ja
Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländischen Sprache eigen
ist und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie
Kraut und Rüben.

Indessen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, so
war Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche
unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren
gehörten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen,
eine jugendlich schöne Gestalt, zarter gebaut, wie sein fürstlicher
Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswürdigkeit
verkündete. Diese beiden jungen Herren hatten sich ein wenig
abgesondert, ohne daß es auffiel, und ihr Gespräch galt nicht dem
belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen – es galt
nur einem kleinen Kinde.

Deine beiden Günstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann, die
Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhoon – sprach der fremde Prinz.

Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete
der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir
ungleich Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines
theueren Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können.

Hier? Und mir? Wie so, Oranien?

Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz:
jener schönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unserer
Herzen schlossen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch
nicht ganz ausgeträumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner
angebeteten Louise, der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten
zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann – zur unaussprechlichen
Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter
liebt. Du gestandest mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältnisse
dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir
Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein
Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und
der Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch
die süßeste Frucht tragen.

Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der
Prinz, hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen.

Höre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flüsterte Jener weiter.
In Amsterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen
Kaufmannes eine junge sehr hübsche Frau und bei dieser ein engelschönes
Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen über gewisse Familienverhältnisse
und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher jene hübsche Frau
von einer Ohnmacht befallen wurde. Während man sich mit ihr beschäftigte,
suchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben, das erschrockene
Kind zu beschäftigen, die kleine Sophie Charlotte.

Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf.

Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm
eingeätzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du
gegen mich Erwähnung gethan hast.

Nicht möglich, nicht glaubhaft! Mein Kind – und in Amsterdam! Es ist ja
ganz undenkbar!

Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein
Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare
Weise.

Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns
Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen!

Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich
Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schützen und vertheidigen,
verbannt es uns und will nichts von uns wissen.

Das laß immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare
Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja
wohl noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte
Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber sprich, Guillaume, sprich von
meinem lieben Kinde!

Angés – du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin –
hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich,
wie ich später von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der
Valck erfuhr, nach le Mans in der Vendée verheirathet; dort entwich sie
den Mißhandlungen ihres eifersüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und
kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit seinem
Vater; ein inniges Freundschaftsbündniß fesselte Leonardus an den jungen
Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hängt mit voller
Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses
Kastells und der Letztere erschloß den Flüchtlingen Leonardus und Angé’s
Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angés’ Heimath, welche
Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umständen nicht
zu denken ist.

Dem französischen Prinzen war, als ob er träume. Wundersameres konnte
nicht geschehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere
Pfand seiner schönen, zärtlichen Liebe wiederfinden sollte.

Ludwig und Leonardus saßen bei Angés und Sophie, Vieles gab es zu
fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem
Wiedersehen vielleicht nur vergönnt war, mußte genutzt werden zu rascher
gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte
Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten
Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der
französische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angés sich von ihren
Stühlen.

Verzeihung, daß wir Sie stören! sprach der Erbprinz, und gegen seinen
Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der
Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame
hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchsten Gnaden. Sie
aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke bei
der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß
in keiner Weise hier etwas zu befürchten ist.

Leonardus war höchlich überrascht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den
fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner Züge
eine Ahnung in ihr aufstieg, wußte sie doch kaum, ob sie dieser eine
Bedeutung beilegen sollte.

Leonardus grüßte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich der
Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verließ.

Sie sind Angés Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung.

Angés antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die Kleine
mit dem holdseligsten Lächeln und ganz unbefangen ihre dunkeln Augen
aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck des
Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem Ausdruck
der Gefühle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als daß ein
irdischer Laut ihn hätte entweihen dürfen.

Angés beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des Kleidchens
empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, küßte die Buchstaben und
küßte Sophie, ja er überströmte sie mit Küssen und Freudenthränen und
endlich rief er erschüttert und voll innigster Sehnsucht der Liebe aus:
O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir wärst, mit mir
diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie! Meine
himmlische Sophie!

Sie sind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang seiner
Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater sind.

Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind?

Weil der Vater sein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein
Vater küssen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie sagte oft: einst
wird Ihr Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küssend in seine Arme
schließen, und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde
jetzt diese Freude, und sie sagt mir, daß Sie mein Vater sind.

Der Prinz war entzückt über den Geist, mit dem sein Kind sich
ausdrückte, wie darüber, dasselbe auch körperlich so schön ausgebildet
zu finden, so daß Sophie in der That für ein Jahr älter angesehen werden
konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zärtlichen
Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der
Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte.
Angés ließ Beide lange im ungestörten Genuß dieses überaus reinen und
beseligenden Glückes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken
mußte, wagte sie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel
Nachricht von Ihrer Hoheit, der Prinzessin?

Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mächtige
Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen
Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des
Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge für
Alles; nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu
Ihrer Verfügung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie
sicher durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren
unbedrohten Lande und in der Nähe der herrlichen Mutter dieses Kindes,
nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schönes Asyl
finden und allen Dank der Liebe ernten, den Ihre aufopfernde Treue
verdient. Und ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend
möglich ist. – Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an
Sophie und an Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler
geharnischter Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amsterdam
hervorgegangen, als angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das
Erbieten des Prinzen zurückzuweisen, dasselbe kam ihren Wünschen ganz
entgegen, denn nach der Heimath, der schönen, gemüthvollen, geliebten
deutschen Heimath sehnte sich ihr ganzes Herz.

Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt
aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen
beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorläufig völlig
unbrauchbar gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt
bis zur Nagelprobe ausgeleert war, so daß es ganz unmöglich war, aus
ihnen in dem Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch
einmal Feuer zu geben. Windt hatte sich glänzend bewährt, auch in diesen
Stücken, und allerseits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum
Siege des heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen
habe. Er empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller
Chefs, die hier versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie
auch an keinem sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an
Ordres, lauten und geheimen, und er konnte seelenvergnügt und aufathmend
seine drei Kreuze schlagen, als der letzte der fürstlichen und
prinzlichen Gäste aus dem Thor des Kastells geritten und über die
Zugbrücke hinüber war.

Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell
Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Gründen der
Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die
Befehle von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach
dem, was vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja
vielleicht auf immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten empfing,
auf die sie hoffte, oder ihre Liebe zu Leonardus so mächtig war, daß sie
jedes Hinderniß ohne Rücksicht brach.

Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war,
sein Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des
Krieges zu entfernen, führte für die drei in Liebe und Freundschaft
verbundene Herzen die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei,
und Alles, was den Freunden vergönnt blieb, war, die scheidende Angés
auf ihrer Reise mit dem Kinde über den Rhein hinüber zu begleiten,
welche Reise sich von Arnhem über Emmerich und Wesel nach Düsseldorf
lenkte, und zwar so weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu
drohen schien. Dann reiste Angés mit Sophie, auch für den Weiterweg in
den Schutz erprobt tapferer Krieger aus der Legion Rohan gestellt,
völlig ungefährdet weiter, bis endlich nach langer Fahrt ein stilles
Gebirgsdörfchen des Schwarzwaldes sie in seinen Friedensschoos aufnahm,
in dem jetzt keines Kriegers Waffe, sondern nur zur Sommerzeit der Mäher
Sense über den duftausströmenden Waldeswiesen blinkte, und kein anderer
Schuß fiel, als zu Zeiten der eines heiteren Weidgesellen, der auf
nichts weniger ausging, als auf Menschenmord. Angés hatte mit festem
Sinn die Gluth ihrer Liebe zu Leonardus in sich verschlossen; mit
starkem Frauensinn hatte sie sich gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie
mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme des geliebten Mannes zog, zu
bewältigen, und sie ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor, obschon
nicht ohne eine tiefschmerzende Seelenwunde. Der Abschied zerriß ihr
Herz, und trübe Ahnungen durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel
wurde, als sich von selbst verstehend, verabredet; Leonardus Briefe
sollten alle auf der Post zu Lahr liegen bleiben und von dort durch
zuverlässige Boten abgeholt werden.

Frau Windt empfing neben manchem schönen Andenken die Zusicherung nie
erlöschender Dankbarkeit. Sie vermißte schmerzlich die gute hülfreiche
Angés, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort
und fort in »Rep und Ruhr« befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein
Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische
Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg
gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets
kampflustigen handfesten Gehülfen. Unterdessen dauerten die Kämpfe fort;
an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der
fortwährende Kanonendonner erschütterte den Erdboden so heftig, daß sich
Windt’s Tisch zitternd bewegte, an dem er saß, an seine Gebieterin
schrieb und ihr Bericht erstattete.

Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich
Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart
bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs
zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen
zwischen Lent und Pandeeren unter stetem fürchterlichen Feuern und in
einem dichten Nebel über die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler Weerd
zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege.



3. Der Spion.


Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz wußte
und ihn verlangte, gewissere Nachrichten über den Stand der Dinge auf
dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen
Maßregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig
und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen
Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag
Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine
Flüßchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den
Bürgermeister nach seinem Ausdruck »zu bezahlen«, dafür, daß dieser
gleichsam über das Kastell verfügen zu wollen sich erdreistet hatte;
dann setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre sie an das
linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch
die unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in
die weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt
erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen
die Linge, über welches sich eine steinerne Brücke spannte und bis zum
Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trübe Flut
wälzte. Längs der Wahl immer westwärts reitend, näherten sich die
Freunde mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da
begegnende Landleute nach den jüngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige
Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und
furchtsam, mißtrauisch und träge, und nahm um so weniger Antheil daran,
ob der Freund oder der Feind siege, weil es längst die Ueberzeugung
gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich schlimmer mit ihm machen
könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße
theilte, denn, sagte er, die Englischen und Holländischen nehmen, was
sie finden – und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen
Fall nehmen können, dies ist logisch und unumstößlich richtig.

Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, sobald sie des Reitertrupps
ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und
Weidenbüsche verkrochen, in Gräben duckten, und sich so eilig unsichtbar
zu machen suchten, wie die Feldmäuse, die hie und da noch aus ihren
Löchern geschlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf
diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig
erzürnte. Die Reiter sahen schon den mächtigen Kirchthurm von Thiel vor
sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle
gelangt, wo zwischen dem Dörfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege
kreuzten, als Windt’s scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er
schon einmal und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher
Mensch eine blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefärbte
Beinkleider; ein breitkrämpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser
Mensch hatte scharf nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt
hinter Erlen und Weiden nieder, die am Ufer eines Grabens standen.

Wieder so ein verdammter Ausreißer! rief Windt. – Er hatte es aber noch
nicht völlig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer
geschickten Schwenkung so rasch um das Gebüsch herum, daß er jenem
Menschen in dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am
Ufer befestigten Kahn springen wollte. Der Flüchtling erschrak, lief
rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus
mit lautem Anschrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser
zurück, während er ein Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp
ritt stracks auf ihn zu, und hätte ihn unfehlbar über den Haufen
geritten, wenn er nicht in die Knie gesunken wäre und gerufen hätte:
#Mille pardon! mille pardon!# während er die Waffe aus der Hand warf.

Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und
Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der
#Ça ira#-Mann von der Balustrade!

Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu thun?

Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt’ ihn gleich von Weitem
an seinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll
ich ihn in die Wahl schmeißen?

Da hätte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend
Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuscht mich
nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.

Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefühl wilder
Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängst als Führer einer Bande das
Schloß mit großer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte.
Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer
Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges
Leben.

Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein armer
von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen, was
ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht
henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen
Hals zu retten; ich scheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem
Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr
war! Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen!

Pardon für ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die
Hauptleute.

Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest,
Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist
wie ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines
Pferdes. Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer
dicht hinter ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu
entwischen, haut ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon!

Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr
General! flehte der Franzose.

Der Teufel ist dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nachdem seine
Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg angetreten.

Nicht uninteressant waren die Aufschlüsse, welche der gefangene Franzose
über seine eigene Person und über die Ereignisse auf dem
Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder
Falsches sei, ließ sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach,
bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernstliche Androhung, abgefragt
wurde, ließ sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen.

Mein Name ist Clement Aboncourt, mein Geburtsort Saarlouis; mein Vater
war Friseur, ich wurde Schneider. Mein Meister war Theaterschneider, das
brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte fleißig neugefertigte
Garderobestücke an meinem eigenen Leib und fand, daß sie mir herrlich zu
Gesicht standen; ich wurde Schauspieler und siedelte von einer der
zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern über. Die
Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden zu sein,
in den angenehmsten Verhältnissen nicht gut zu thun, stets sich auch mit
den besten Directoren auf gespannten Fuß zu setzen und nur den
Augenblick abzuwarten, der eine bessere Aussicht eröffnet, um
contractbrüchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Maße eigen.
Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent für das Fach der Komiker
wie der Intriguants hatte, stets der bescheidenen Ansicht, die fast
jeder von seiner Person festhält, daß ich bei jeglicher Gesellschaft,
mit der ich spielte, das bedeutendste Talent sei, der hervorragendste
Mime, alle Collegen neben mir nur Stümper und Lumpe; was Wunder, daß ich
zeitig begann die Wandelbühnen zu verachten, daß das einzige Paris mein
Ziel wurde? Dort gelangte ich hin, fand auch Anstellung auf einem
Vorstadttheater und trat in gleicher Weise wie früher von einer Bühne
zur andern; ich spielte indeß mit sehr mäßigem Beifall, und gefiel
zuletzt mir selbst noch weniger wie dem Publikum, so daß ich mich
doppelt verkannt sah. Die Revolution fegte alle den kleinen Bühnenkram
zur Seite, ich wurde brodlos und war zuletzt froh, ein kleines
Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die Zeit, wo
ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Ausländer in
Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Absicht hegte, Sie als
Spione des Auslandes, für welche ich Sie hielt, unter das Beil zu
liefern. Die nicht eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein
Vorhaben und hatte für mich sehr trübe Folgen. Einer meiner Collegen –
befehligt, gleich mir, auch auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein
scharfes Augenmerk zu richten – stand am jenseitigen Ufer der Seine,
blickte nach mir herüber und sah mich plötzlich den unfreiwilligen
Saltomortale herab in die Seine machen. Er gab mich an, und ich wurde,
nachdem man mich verhört hatte, mit dem Prädicat eines grenzenlosen
Dummkopfs und dem Rathe, ohne Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris
zu verlassen und es nie wieder zu betreten, meines Aemtchens entsetzt,
und hatte nun zu dem vielen Wasser, das Sie mich hatten schlucken
lassen, nicht einmal trockenes Brod. Der Hunger mehr noch als der Durst
trieb mich jetzt zur Armee, und so kam ich in diese Gegend. Wie es den
armen Soldaten geht, werden Sie wissen, meine Herren, Hunger, Durst und
Kälte und feindliche Kugeln, das sind die ganzen Annehmlichkeiten, die
heut zu Tage ein tapferer Franzose zu erwarten und zu genießen hat, der
für die glorreiche Republik kämpft. Ich eignete mir eine Flasche Cognac
zu, um eine Schutzwaffe gegen zeitweiligen Durst und die unerträgliche
Kälte zu haben, und der Eigenthümer derselben wagte die Behauptung, daß
ich dies heimlich gethan, erklärte auch einige Zehnlivresstücke, die
sich in meiner Tasche fanden, für die seinigen, ja, er steigerte sogar
seine schändlichen Anklagen zu solcher Höhe, daß er behauptete, diese
schlechten Hosen, welche ich hier anhabe, seien auch die seinigen.
Darauf hin war man so über alle Maßen grausam, mich henken lassen zu
wollen, und es kostete mir unsägliche Mühe, bevor der Strick um meinen
Hals wirklich zugezogen wurde, mich einer so entehrenden Behandlung ganz
zu entziehen, indem ich nämlich durchging, eine Sache, in welcher meine
theatralische Laufbahn mir jene Ausbildung verliehen, welche meine
Muttersprache mit dem trefflichen Worte #Routine# bezeichnet. Ich ging
zu einer andern Heeresabtheilung über, bei der ich mich als
Auskundschafter meldete, und als solcher willkommen war. Als solcher
mischte ich mich unter die Marodeurs, an deren Spitze ich ohnlängst der
Ehre theilhaft wurde, Ihnen, sehr geehrte Herren, zu begegnen, um die
Ausreißer unsers Heeres wo möglich an den Galgen zu liefern. Mir fiel,
bei meiner Ehre sei es geschworen, nicht ein, zu plündern, ich war der
Unschuldige unter jenen Schuldigen, ich mußte nur so thun, wie ich that,
um im Vertrauen jenes Gesindels zu bleiben, und ich sehe in der That
nicht ein, weshalb jener Herr sich so darauf steift, mich in alle
möglichen Flüsse Europas zu werfen, da ich doch ein Franzose bin, der
gern auf dem Trocknen ist und der in diesem Lande verbreiteten Secte der
Wiedertäufer ganz und gar nicht angehört.

Dieser mit kläglichem und beweglichem Geberdenspiel von Seiten des
Spions gehaltene Vortrag belustigte die Zuhörer und benahm jedem
Einzelnen derselben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den
gefangenen Mann zu übenden Grausamkeit. Ihn unschädlich zu machen,
mindestens für die Sache Hollands, konnte genügend erscheinen, doch
wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Person des Spions
mindestens dadurch nutzbar machen, daß Clement Aboncourt nun offen und
haarklein Alles sagen sollte, was ihm vom Stande der französischen Armee
oder sonst von seinen Landsleuten bekannt sei. Unter dieser Bedingung
sollte Aboncourt das Leben geschenkt und er nur so lange im Kastell in
Haft gehalten werden, bis entweder der Feind über den Rhein und die
Yssel in’s Land brechen oder ein Friedensschluß zu Stande kommen würde,
dem die hartmitgenommenen Länder sehnlich entgegenhofften.

Nun denn, was ich weiß, will ich sagen, begann Clement Aboncourt seine
Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn
ich offen rede, denn ich bin ein Mensch, der einen Hals besitzt, welchen
ich zu ganz anderen Verrichtungen bestimmt glaube, als der, durch einen
Strick zugeschnürt zu werden. Eine Abtheilung der französischen Armee,
etwa viertausend Mann, bewerkstelligte zur Nachtzeit eine Landung auf
den Bommeler Waard oder Weerd; sie wurden aber mit so großer Höflichkeit
empfangen und ihnen mit so vieler Artigkeit zurückgeleuchtet, daß nur
wenige von ihnen das jenseitige Ufer der Maas, die sie überschritten
hatten, wieder gewannen. Das Fort Sanct André, das die große Insel
zwischen Maas und Wahl, welche beide Ströme vor ihrem Zusammenfluß
bilden, an der östlichen Spitze beschützt, wurde fünfmal mit der
größten Wuth bestürmt und ebenso vielmal wurden wir zurückgeschlagen.
Die holländische Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl
wird das Alles nichts helfen, das Fort wird auf’s Neue nun mit sechs
Schiffen, drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beschossen
werden. Schon rücken unsere Regimenter auf dem rechten Wahlufer
herunter; ich eilte den Vorposten voraus, und wenn die Herren eine
Stunde oder nur eine halbe Stunde sich dorthin wagten, wo sie mich
gefangen nahmen, so säßen wir jetzt Alle miteinander ganz sicherlich
nicht hier.

Es ist ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er sich
unwillkürlich an seinen Hals griff: es ist Alles, wie Hand umwenden.
Heute mir, morgen dir – sagen die Deutschen. Wir müssen die Wahl nehmen,
wir müssen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder
ganz zurück, denn wir sind ausgehungert, völlig ausgehungert, trotz
allen Siegen – es fehlt am Besten!

An Geld? fragte Windt spöttisch. Ich dächte, dieses stehlt ihr ihr – wie
wir vorhin hörten.

Nein, mein General, versetzte der Spion: Geld ist nicht das Beste – es
fehlt an Etwas, was sich nicht nur so stehlen läßt, es fehlt an Salz und
das bringt die Armee fast zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt,
desto salziger wird ihre Haut. – Aha, spottete Leonardus, und da hofft
ihr in Holland Salz zu finden, weil es so viele Häringe einsalzt!

Leider! – leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, versalzen
wird! seufzte der Spion mit einer Grimasse und fuhr fort: Das letzte
Salz in Herzogenbusch, so viel als man gewöhnlich um acht
niederländische Gulden kauft, ist zu fünfhundert Gulden verkauft worden.

Ist die Grave über oder ist sie nicht über? fragte Ludwig.

Das weiß ich nicht, mein Herr Oberst, erwiederte Aboncourt: allein ich
bezweifle es, sonst würde die Maas mehr von Feinden geräumt sein und es
wäre weniger Mangel in unserer Armee vorherrschend, die immer einen
schweren Stand haben wird; denn es marschiren in diesen Tagen
zweitausend Kaiserliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines
geheimen Tractates fünfundzwanzigtausend kaiserliche Soldaten in seinen
Sold genommen, die nach und nach anrücken, um die Wahl zu decken; die
englische und hannoversche Reiterei dagegen geht nach Westphalen.

Woher weiß so ein miserabler und lumpiger Kerl, wie du einer bist, das
Alles? fragte Windt barsch.

Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken Sie
mich lieber, als daß Sie mich schimpfen! Da ich in Ihnen einen guten
Legitimisten voraussetzen darf, so bedenken Sie, daß ich ein König war.

Auf deinen Schmierbühnen, du Meerschwein!

Ja leider – nirgends als dort, sonst wäre ich nicht hier! fuhr jener
unter komischen Seufzern fort: denn wenn ich ein König oder ein
königlicher Prinz in der Wirklichkeit wäre – ich wollte mich bei Gott
anders und besser halten, wie zum Beispiel der Herr Graf von Artois.

Was ist’s mit dem? fragte Ludwig aufmerksam.

Je nun – antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Hauptquartiere der
feindlichen Verbündeten, läßt sich als Gast von den deutschen und
niederländischen Edelleuten bewirthen, schmarozt wie ein Abbé und führt
ein müßiges Schlaraffenleben. Er stolzirt in einem rothen goldgestickten
Rock einher und trägt am Hut eine weiße Cocarde, so groß wie ein Teller.
Ludwig der Sechszehnte mochte sein wie er wollte, besser wie dieser war
er auf alle Fälle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn
die Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieses Grafen Artois
bilden, ihn mit der weißen Cocarde sehen und er ein weissagendes Gesicht
schneidet, denken sie Wunder, wie gut ihre Sache stehe und wie bald man
sie zurückrufen werde, und rufen gläubig aus: #Ah! Nos affaires sont
bien, le Comte d’Artois a souri à la lecture de ses lettres.#

Ja ja – brummte Windt: sie haben einen starken Glauben und der Glaube
kann Berge versetzen.

Aber nicht Armeen, fügte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weißt du
nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Veränderungen, spricht man im
feindlichen Heere nicht von einem Waffenstillstand?

Waffenstillstand wäre unser Tod! erwiederte der Spion: der wäre
wahrlich für keine Partei eine goldene Brücke, denn die Heere blieben
zehrend wie Heuschrecken in den Ländern liegen. Und der Winter wird
streng, das werden Sie wahrnehmen. Der National-Convent hat der Armee
sogar das Beziehen von Winterquartieren verboten, er wird in keinen
Waffenstillstand willigen. – Neues ist, wenn Sie es nicht bereits
wissen, daß der Herzog von York plötzlich von der Armee abberufen worden
und nach England gereist ist und daß Prinz Friedrich von Oranien ihn bis
nach dem Haag begleitet hat. Dieser Prinz wird preußische Dienste
nehmen, da er durch seine Mutter und seine Gemahlin Preußen so nahe
steht. Das hannoversche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der
Graf von Walmoden führt den Oberbefehl; die englischen Truppen gehen zum
Theil nach ihrem Vaterlande zurück; General Harcourt führt über diese
das Commando. Man sieht ein von Seiten Ihrer Armeen, daß man alles
tapferen Widerstandes ohnerachtet die Wahl nicht länger vertheidigen
kann, sie ist unser und wir rücken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt
plötzlich den Rhein Ihrerseits befestigen wollen, aber zu spät. Wissen
Sie, wie viele Schanzen in der Herrlichkeit Doorwerth aufgeworfen
werden?

Schanzen? Nein! rief Windt gespannt aus.

So will ich es Ihnen verrathen und will auch gestehen, daß ich neulich
nicht nahe bei Ihrem Kastell landete, um es zu plündern oder um zu
zechen, sondern, daß mein Auftrag, dessen ich mich auch vollkommen
entledigt habe, dahin ging, die Beschaffenheit der bereits vorhandenen
Schanzen zu untersuchen; ich fand aber keine als die halbverfallene
Dünen- oder Hünenschanze. Nun will man in aller Eile fünf neue
aufwerfen, eine Ihrem Kastell gerade gegenüber.

Herr Gott! schrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus
beschossen wird, das Kastell drauf! Das darf nimmermehr geschehen! Da
wäre Alles verloren!

Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! suchte Ludwig zu
beschwichtigen, aber Windt rief leidenschaftlich: Nein! Da ist nichts
abzuwarten, #aut Caesar, aut nihil!#

Vielleicht wird Friede oder doch Waffenstillstand auf alle Fälle! nahm
Leonardus das Wort.

Ich will Ihnen auch sagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die
Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet sind, falls Sie das nicht schon
wissen.

Nicht so ganz genau, erwiederte Ludwig.

In Arnheim bleiben die hannover’schen Truppen, berichtete der Spion: in
Zuitphen wird das Generalquartier der Hessen aufgeschlagen; nach
Doesburg kommen die Hessen-Darmstädtischen Truppen; die Franzosen unter
dem Prinzen von Condé und im englischen und niederländischen Solde
kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artois wird sich
nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechselt diese Ortsnamen
leicht.

O ja, wenn man ein Franzose ist! spottete Windt.

Nun? Ist Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz unbefangen der
Spion und ließ sich nicht beirren, als ihm ins Gesicht gelacht wurde,
sondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiserlichen Armee ist in die
Weselgegend bestimmt, unter General Joseph Freiherrn von Alvinczy.
Zweitausend Mann von diesen Truppen gehen noch nach Arnhem und eine
gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl.

Diese und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter dessen
Zuhörern eine günstigere Stimmung; sie sahen einen Mann, den das Leben
in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu
kennen schien, als eben dieses Leben, so armselig und mühevoll es war,
zu fristen und zu erhalten. Man versah ihn daher mit allem Nöthigen und
hielt ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand
gefangen genommen und auf eigene Hand ihm das Leben versichert hatte,
ihn den Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn sonst wäre ihm
höchstwahrscheinlich Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden.

Kastell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Festung, als einem
Lustschloß; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppengattungen und so
umfangreich und zahlreich die Räume des Schlosses waren, so blieb für
Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach übrig. Die Einquartierung
oder Besatzung des Kastells und der Herrschaft wechselte häufig, da die
Verhältnisse beständige Truppenbewegungen herbeiführten. Als die
englischen Jäger und Uhlanen fort waren, kam niederländische
Gardereiterei, welche in den Ortschaften der Herrlichkeit ihre
Cantonnirung angewiesen erhielt. Dieser folgte das englische Freicorps
von Salm-Kyrburg; dazwischen hatte Windt über tägliche Lasten zu klagen,
Durchmärsche, Plünderungsversuche, Aerger und Verlust im Uebermaß. Dem
erwähnten Freicorps folgten Jäger vom Regimente Hompesch – diesen ein
Bataillon von Hohenlohe – dann kam das achte und das vierzehnte Regiment
englische leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden war mit
Truppen überschwemmt.

Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus Arnhem
herüber geritten, und eines Tages geschah es, daß der Erbherr den
Prinzen Ernst August von Großbritannien und noch einen Herrn in sein
Schloß einführte, die Bewohner desselben freundlich begrüßte und sich
genau nach allen Verhältnissen erkundigte, da diese jeder kommende Tag
wieder anders gestaltete. Prinz Ernst August, von dem Niemand glauben
konnte, da ihm noch drei ältere Brüder, Georg, Friedrich von York und
Wilhelm, Herzog vom Clarence lebten, welche alle zum Königsthrone
gelangten, daß auch er einst die Krone eines Königreichs tragen werde,
forderte Windt und Leonardus zu einem Recognitionsritt in die Umgegend
auf, und der Erbherr sagte zu seinem Vetter Ludwig, er möge ihm und dem
zweiten Gast einstweilen Gesellschaft leisten, indem er seinen Vetter
diesem Gaste vorstellte. Dieser Fremde war der niederländische Gesandte,
Graf Brantsen, derselbe, der die Ehre gehabt, auf seinem Schlosse Sip
den Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich
beisammen saßen und ihr Gespräch sich, wie es nicht anders sein konnte,
auf die bewegte Zeit lenkte, äußerte sich der Gesandte: Dieses Wirrsal
kann keine Dauer haben; es müssen Schritte geschehen, die den Völkern
und Ländern den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geschieht
dies noch lange nicht. Dazu führt ungleich schneller und unblutiger jene
kleine feine Waffe, zu deren Führung es nicht der beiden Hände oder doch
der ganzen Faust, sondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewisses Maß
von Kenntnissen, mit einem klaren Verstande, nebst redlichem Willen.

Du wirst verstehen, lieber Vetter, was der Herr Ambassadeur meinen,
erläuterte der Erbherr: und seine Güte, die ich für dich in Anspruch zu
nehmen mich erkühnte, um dir einen recht guten und treuen Dienst zu
leisten, hat mir zugesagt, dir nützlich sein zu wollen. Sieh, lieber
Vetter, ich glaube dich nicht falsch zu beurtheilen, wenn ich meine, daß
du nicht für den Kriegerstand geboren bist. Dir sagt wohl mehr, wie du
von Jugend auf es geführt hast, ein beschauliches Stillleben zu, und ich
möchte dich glücklich wissen, denn du weißt, und ich weiß, was ich dir
Alles danke. Was soll dir dieser Krieg und besonders die Art, wie er
jetzt in diesem Lande geführt wird? Man spricht nicht von Schlachten, in
denen ein junges Heldenherz sich Lorbeeren erkämpfen kann, sondern von
Winterquartieren, man denkt nicht auf Vorzüge, sondern auf Rückzüge, man
ficht nicht mit der Waffe der tapfern Hand, sondern nur mit grobem
Geschütz. Zum Vorrücken in höheren Dienstrang ist keine Gelegenheit, und
für was solltest du dein Leben auf das Spiel setzen? Du bist in
Deutschland geboren, weshalb solltest du für Holland kämpfen? Daher bin
ich der Meinung, du weilest nicht länger hier unter dem rauhen und doch
so nutzlosen Getöse der Waffen, sondern versuchst in einer andern
Laufbahn dein Glück, versuchst wenigstens in ihr den Grund einer
zukünftigen ehrenvollen Stellung im Leben zu legen. Unser Windt ist ein
trefflicher, lieber, edeldenkender Mann, ich schätze ihn
außerordentlich, und seine Frau ist ja überaus brav und rechtlich,
allein beide sind doch auf die Dauer kein Umgang für dich; du mußt
eintreten in höhere Lebenskreise. Dein Blick muß geschärft, deine
Ansicht vom Leben und dessen höchsten Aufgaben geläutert und
festgestellt, ja selbst dein Herz muß geprüft und gebildet werden durch
höheren Umgang. Sage selbst, ob ich nicht Recht habe?

Ja, du hast Recht, Vetter, sprach Ludwig, doch so schwankend, als
erwache er aus einem Traume.

Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sündenpfuhl, ein Sodom und
Gomorrha, Andern als eine Löwengrube, noch Andern als Niniveh und
Babylon erscheinen, welches demnächst der Zorn des Höchsten zertrümmern
wird – dem Auge des vorurtheilfreien Weltmannes erscheint es anders,
erscheint es immer als die europäische Weltstadt, in der das gesellige
Leben seinen höchsten Blüthenstand erreicht, in der dasselbe am
heißesten pulst, und das stets die höchste Bildung über alle
Lebenskreise ausstrahlt. Der Herr Gesandte geht in diesen Tagen nach
Paris ab, und ist so sehr gütig, dich als Attaché mit dorthin nehmen zu
wollen. Bei wenig Mühe wirst du leicht und sicher die Pflichten und
Dienstleistungen, die dir dann obliegen werden, das Abfassen mancher
Correspondenzen und dergleichen, dir aneignen, und hauptsächlich jene
gesellige Gewandtheit, die ebenso fern von unwürdiger Kriecherei als
lächerlichem Hochmuth den gebildeten Mann befähigt, sich mit Anstand und
sittlicher Haltung in allen Kreisen des Lebens zu bewegen.

Sie sind sehr gnädig, Herr Graf, richtete Ludwig sein Wort an den
Gesandten, daß Sie sich eines so jungen und noch so unbedeutenden
Menschen, wie ich bin, annehmen wollen. Es ist wahr und ich gestehe ein,
daß mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienst ist nicht meine Sphäre,
es lebt kein Verlangen in mir, auf die Länge hin Soldat zu sein, wie
ehrenvoll dieser Stand auch ist, aber ich fürchte sehr, daß ich Ihnen
eine Last sein werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu
sein, um die schwierige Bahn eines Diplomaten –

Man wird nicht über Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf,
unterbrach der Gesandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage
in den alten Sprachen. Sie sprechen und schreiben viele der neueren:
niederländisch, französisch, englisch, deutsch, das ist schon viel.
Selbststudium durch gediegene Schriften wird in der höhern
diplomatischen Geschichte der europäischen Länder und Höfe Sie bald
befestigen; die Grundzüge des europäischen Staats- und Völkerrechts
werden Sie sich bald aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris
einen Cursus dieser Wissenschaften an der Universität zu hören;
vertrauen Sie mir nur, ich werde Sie gut und sicher und mit Wohlwollen
führen.

Ludwig verbeugte sich verbindlich dankend, dann aber ward er nachsinnend
und sprach endlich zu seinem Verwandten: Aber Leonardus?

Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amsterdam, wandte der Erbherr
seine Rede erläuternd an den Gesandten: derselbe Mann, der mit Seiner
Königlichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt vorhin zum
Recognosciren ausritt, ist der Freund meines Vetters und wird gewiß
nicht derjenige sein wollen, der dessen künftigem Glück hemmend in den
Weg tritt.

Er ist ein Freund, ein Freund im schönsten und edelsten Sinne des
Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinste Schatten fallen
darf! rief Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm schien, als erkenne sein
Verwandter nicht seines Leonardus volle Seelengröße vollständig an. Es
bedarf nicht, daß ich ihn rühme, fuhr Ludwig fort: ich will nur sagen,
daß ich nicht gesonnen bin, mich von ihm zu trennen; ich habe, kaum aus
der Welt meiner Jugendjahre getreten, bereits der tiefschmerzlichen
Trennungen schon zu viele erlebt.

Dem Erbherrn zuckte es bei diesen Worten in der Brust, als brenne ihn
plötzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augenblicke, die
bittere Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, während
der Gesandte das Wort nahm: Wenn Herr Leonardus van der Valck so treu an
Ihnen hängt, Herr Graf, als Sie an ihm, so wird ihm nichts im Wege
stehen, uns nach Paris zu begleiten. Kann ich ihn auch nicht – und wer
weiß, ob es nicht in der Folge doch geschehen könnte – in meinem Bureau
anstellen, so kann ich ihn doch unter den Schutz der Gesandtschaft
stellen, er kann als Volontair #pro forma# mit Ihnen arbeiten; Sie
können ungetrübter, als irgendwo, das Glück ihrer beiderseitigen
Freundschaft genießen. Hier im Getümmel der Waffen droht Ihnen
unversehens vielleicht die schmerzlichste Trennung.

Leonardus mag entscheiden! sprach Ludwig fest. Wir sind, was wir
äußerlich nur scheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brüder – und da
mir die Süße der Familienbande versagt ist, meine Heimath mir fernab
liegt, da ich losgerissen bin von geliebten Herzen, so will ich doch an
dem einen Anker mich halten, so lange es Gott vergönnt, ich will
Leonardus, den ich zum Bruder mir erwählt, auch Bruder bleiben bis zum
letzten Athemzuge meines Daseins.

Schnell und rasch war die Wendung in Ludwig’s Schicksal; Leonardus, der
des Freundes Gefühle so innig theilte, willigte mit Freuden ein, denn
auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu führen die
Nothwendigkeit gebot, auf die Dauer nicht zusagen. Aber wie ganz anders
war der jetzige zweite Abschied Ludwig’s von dem redlichen Windt? Beim
ersten Abschied galt dieser dem jungen Grafen nur als der unwandelbar
treue Diener der alten Großmutter, als ein etwas steifer, förmlicher
Kanzleimensch, ein gutes, brauchbares Inventarstück, das sich durch
seine Dauerbarkeit empfahl. Um wie Vieles höher war Windt in Ludwig’s
Achtung, ja in seiner dankbaren Liebe gestiegen? Welche Verdienste hatte
sich der treue Mann nicht um Leonardus, um Angés, um jenes Kind
erworben, und um Ludwig selbst, ja auch um dieses Schloß, diese
Herrschaft. Ludwig schenkte ihm alle seine Waffen, nur die
Damascenerklinge mit den bourbonischen Lilien auf blauem Grunde am Griff
behielt er für sich. Auch Philipp’s Brauner blieb Windt zum Geschenke,
und Leonardus’ Reitknecht trat in dessen Dienste, da einer von seinen
Dienern ihn verließ. Windt und seine Frau weinten, als die Freunde
schmerzlich bewegt von ihnen Abschied nahmen. Der Erbherr wünschte
aufrichtig Glück – vielleicht noch etwas aufrichtiger als damals in
seinem Briefe. Was lag nicht Alles zwischen jener Trennung und der
heutigen? Philipp begleitete als gemeinschaftlicher Diener die Freunde.

Der Gesandte war ein angenehmer und liebenswürdiger Mann, feingebildet,
ganz für seine Stellung geschaffen. Leicht gewannen die Freunde seine
Gunst, und schon seine Unterhaltung war in hohem Grade belehrend. Sie
fuhren mit Extrapost von Station zu Station, das Gepäck kam nach; der
Gesandtschaftspaß beseitigte jede Gefährdung.

Unterwegs peitschte der Postillon nach dem Rücksitz – es war in Rheenen
– um einen Mann, der sich hinten aufgesetzt, zum Herabspringen zu
bewegen; jener hielt und duckte sich lange, endlich sprang er doch
herab. Ludwig bog sich aus dem Schlage und blickte zurück. Die
Postkalesche rollte unaufhaltsam fort – der Mann zog den Hut und machte
Bücklinge und komische Grimassen. Es war Clement Aboncourt.



4. Drei Frauenherzen.


Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Häusern
der schönsten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener
Aufführung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige
vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter
sicherten die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene
riesige Löwenköpfe trotzten an dem schweren Eichengetäfel der
Thürflügel, die mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitterform
überdeckt waren, wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche
Karyatiden, und über demselben hoben sich unter einer fürstlichen Krone,
kunstvoll in Marmor gehauen, zwei schräg aneinander gelehnte
Wappenschilde.

Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis
Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz.

Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgräfin.

Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Außenwand dieses Palastes mit
reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmückt, und
hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten herrliche
Blumen, die schönste Winterflora, die nur immer von den Gewächshäusern
der bedeutendsten Kunstgärtnereien Hamburgs geboten werden konnte. Die
Matrone saß in einem höchst vornehm, aber wohnlich eingerichteten
Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war, dessen Sophas
schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wände einige
Oelbilder von guten Künstlern zierten, darunter auch an einer Wand
vereinigt drei reizende Seitenstücke von der Meisterhand Philipp
Wouwermann’s, darstellend die drei Schlösser Varel, Kniphausen und
Doorwerth, mit im Genre dieses berühmten Künstlers mannichfach belebten
Vordergründen. Die Matrone saß, wie sie gewohnt war, von Büchern,
Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel am
Schreibpult, und überlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift:

                         »#Interims#-Quittung.

    Für zwanzigtausend Mark Hamburger #Banco,# welche Uns von Seiten
    Unsers ältesten Herrn Enkels, des Grafen #Wilhelm Gustav
    Friedrich,# Grafen zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon
    und Pendrecht u. s. w., nach Maßgabe der mit demselben in
    Betreff Unserer habenden und dargelegten beträchtlichen
    Anforderungen sowohl, als wegen einer #Cession# Unserer
    Herrlichkeit #Doorwerth cum pertinentis# geschlossenen
    Haupt-#Conditionen# zum Vergleich (dessen völliger Abschluß und
    Vollziehung durch die inmittelst eingetretenen Zeitläufte bisher
    behindert worden) in Abschlag des am 3. September jüngst bereits
    zu entrichten gewesenen ersten #Terminis# von fünfzigtausend
    Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis
    reservandis# in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen.

                                          Charlotte Sophie.«

So wird es ja wohl recht sein, sprach die Schreiberin, wenn der Rath
Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der
Juristen Gewohnheit, der Styl aber ist abscheulich, in welchem man
solche Dinge sich förmlich abquälen muß. Wenn ein Lateiner so
geschrieben hätte, ein Franzose so schriebe! Für unsere Kanzleien und
Gerichtshöfe leben und streben die edelsten und berufensten Geister der
deutschen Nation vergebens. In diese Marterkammern unserer Sprache
dringt kein Hauch von Klopstock, kein Geistesstrahl von Lessing, kein
Blitz von Goethe. Ihre »Instrumente« bleiben ewig stumpf und darum um so
peinlicher.

So, dies wäre gethan, das Geschäftliche abgemacht, jetzt zum rein
Menschlichen! – Die Reichsgräfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein.

Ich bin fertig, sagen Sie das meinen lieben Gästen, der Herzogin und der
regierenden Reichsgräfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene
entfernte sich wieder.

Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Gräfin ihre
Dienerin zurück. Weißbrod soll keinen Fleiß sparen, daß die
Arrangements zu meinem heutigen Cirkel nichts zu wünschen übrig lassen.
Vier Spieltische; die neuesten Zeitungen in das Lesecabinet, die Sessel
mit der Krone, welche mit blauem Purpursammet beschlagen und mit
silbernen Lilien gestickt sind, an eine besondere Tafel zu sechs
Gedecken. Dann ordnen Sie einstweilen meine Toilette, keine Brillanten,
nur Perlen, die schwarze Sammetrobe mit den aufgestreuten
Trauerweidenzweigen von Silber-Filigranarbeit. Man muß den Schmerz ehren
und der Theilnahme einen sichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein
anderer Schmuck meinen Jahren.

Ich bin gespannt, sprach die Reichsgräfin dann zu sich selbst weiter. Es
widerfährt meinem Hause eine schöne Auszeichnung, doch wer dürfte hier
in Hamburg auch nähere Rechte auf dieselbe haben, als ich, die nächste
Verwandte? Wohl vereinen hier sehr glänzende Cirkel einheimische und
fremde geistreiche Männer aller politischen Farben, der alte blinde
Busch und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben sich alle
Mühe, ausgezeichnete Fremde an sich zu ziehen, und Sieveking machte ja
sein Neumühlen im vergangenen Sommer förmlich zum Taubenschlag, allein
diese Gesellschaften sind zu gemischt, es kann nicht ein Jeder sie
besuchen, mein Vetter zum Beispiel, Prinz Talmont, würde sich
unglücklich in einem solchen Kreise fühlen.

Die Flügelthüre des Zimmers wurde vom alten Weißbrod und einem jüngeren
Lakaien in reich gallonirter Livrée ehrerbietigst geöffnet und es trat
eine Dame von wunderbarer Schönheit ein, eilte freundlich auf die alte
Reichsgräfin zu und begrüßte sie nach allen Regeln höfischen Herkommens.
Es war keine junge Frau, aber ihr Wesen, die liebliche Fülle ihrer
Formen, die frische Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer Augen
kündeten jene innerliche Jugendlichkeit an, die nicht welkt mit der
äußern körperlichen Hülle, der im warmen Herzen die Nährquelle dauernder
Schönheit entspringt.

Georgine! Mein lieber Gast! Meine Sonnenblume! begrüßte die Gräfin jene
Dame mit Herzlichkeit.

Ach, Mutter – Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden diesen süßen
heiligen Namen – entgegnete jene, sagen Sie Herbstblume! Die Sonnenzeit
ist dahin – leider!

Alles Schöne im Leben geht dahin, mein geliebtes Kind!

Altes Kind, das ich bin – ja wohl!

Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich über seine Jahre betrübt,
spöttelte lächelnd die Reichsgräfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist
Ludwig?

Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von
Erinnerungen stürmte auf sie ein, und mit einem Gefühle tiefster Wehmuth
sich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüsterte sie: Darf ich
denn noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter!

Du darfst es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, entgegnete
sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner
herrischen überstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein
drittes Anrecht, ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermählen,
nur wenige Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den
Gemahl schon ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem
Sturme eurer Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wäre Alles
noch in das rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der
Großschatzmeister von Irland, hätte dir entsagen müssen, da starb mein
armer Sohn Johann Albert auf seinen Gütern in Norfolk, und du, Aermste,
wurdest als heimlich verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine
traurige, aber eine süße Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines
Schutzes und meiner Liebe zu nehmen, und Schloß Varel lag so einsam und
so fern von London, und du warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und
ich konnte unseres Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst
es, die dir anrieth, deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen,
dem Willen deines Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes
anzunehmen, der sich mit glühender Neigung um die Gunst der gefeiertsten
Schönheit Londons bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer
Herzogskrone dein Haupt schmücken wollte. Du warst nicht nur schön, über
alle Maßen schön, meine theure Georgine, du warst auch klug, du
bezwangst dein Herz, folgtest meinem mütterlichen Rathe und bist noch
immer, nachdem zwanzig Jahre seit deiner Vermählung vergangen sind, eine
schöne, bewunderte, beneidete und eine glückliche Frau!

O, ich weiß, welche Fülle von Liebe, Güte und Großmuth ich Ihnen danke,
beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und Ludwig?
fragte sie leise, von Neuem erglühend.

Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein sollst
ihn hören; es schlägt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil
an ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück
sagen können, wenn junge Herzen so voll Liebe für ihn schlügen, wie hier
zwei ältere und mein – uraltes.

Das ewig frisch und jung bleibt!

Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig
treu und wahr bleibt, so lange nämlich diese irdische Ewigkeit noch
dauert.

Nicht auch _drüben_, meine Mutter?

Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, so denke
ich nicht, daß dort ein Herz sich selbst untreu werden könne, zumal wenn
es hienieden sich und Andern treu war.

Dies Gespräch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jüngeren,
sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von
den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrüßt sah.

Wie ist Ihnen, meine Beste? fragte die Herzogin.

Jene verneigte sich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht
zum Besten, meine Hochgnädige! Mich drückt die Winterkälte, meine Brust
kann diese Luft nicht ertragen, und meine Nerven sind stets in
fieberhafter Erregung.

Meine arme Ottoline! sprach mit Theilnahme die Reichsgräfin. – Bitte,
meine Damen, lassen Sie sich nieder! Es ist betrübend, daß der Schöpfer
es für uns arme Menschen so eingerichtet hat, daß die Freude nur einfach
ist, nur geistig, aber der Schmerz doppelt, geistig und körperlich.

Oh, theure Großmutter! entgegnete mit einem Seufzer deren jugendschöne
aber bleiche Enkelgemahlin: auch die körperliche Freude ist da, wer so
glücklich ist, sie zu besitzen, wir haben nur ein anderes Wort dafür, es
ist die Gesundheit. Wir sind uns ihrer nicht bewußt, so lange wir sie
ungestört besitzen, wir denken kaum an sie, aber so bald sie uns
verläßt, ja wenn sie nur uns zu verlassen droht, da möchten wir mit
tausend Banden die entfliehende halten und an uns fesseln.

Die alte Reichsgräfin suchte dem Gespräch wie den Gedanken ihrer
geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wußte es geschickt so
zu lenken, daß auf Ludwig die Rede kam, indem sie erst Windt’s und
Doorwerth’s, dann des Erbherrn und seines Vetters William, des
Vice-Admirals, der zur Zeit auch ein Gast ihres Hauses war, beiläufig
erwähnte, dann seinen Namen nannte, und mit heimlicher Freude sich daran
ergötzte, wie bei diesem Klange auf Ottolinens bleiche Wangen ein
sanfter Rosenschimmer flog, und die Herzogin ihre Blicke erglühend
senkte. Da sie nun inne hielt und die Letztere es nicht über sich
vermochte, auch nur einen Laut zu äußern, um nicht ihr Gefühl vor der in
ihr Geheimniß durchaus nicht eingeweihten Enkelin der Reichsgräfin blos
zu geben, so war Ottoline fast genöthigt, das Wort zu nehmen, und fragte
mit sanfter Theilnahme: Wie geht es dem jungen Herrn und wo weilt er
jetzt?

Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit liegenden
Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er würde für
diese freundliche und gnädige Frage sehr dankbar sein, wenn er sie
ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris.

In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin.

Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so dürfte dieser
Brief zur Lösung dieser Frage wohl das Meiste beitragen.

O, gewiß, beste Gräfin! theuerste Großmutter! riefen Georgine und
Ottoline, und die Reichsgräfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat
mir bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht
gegeben, von dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu
der neuesten Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der
Meerfahrt am Bord der »vergulden Rose« bis Amsterdam, wie im Hause des
reichen Handelsherrn Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter
sich versöhnte.

Ja, sie versöhnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und
ich mußte so tief und bitter und schmerzlich leiden über den Zwist der
Männer, daß mir fast das Herz darüber brach, und halb – ist’s ja ohnehin
gebrochen. Ich bin noch nicht wieder gesund und noch nicht wieder froh
geworden, seit ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem
Tranke lag gewiß ein Zauber!

Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die
Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er
Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu
bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und
begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen
Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften
Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge
um dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen
flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen
Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers
Barbarossa zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers
ruhen und träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der
liebe Knabe. Er malt gut und treffend.

Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in
der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns
verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.

Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen.
Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las:

    »Meine theuerste, geliebteste Großmutter!

»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten
Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und schönen
Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in
Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen
Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden
Kinde zu geleiten.«

»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen Gesandten
hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß diese
Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und
Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei
Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm
Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau Gemahlin,
o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe günstig
lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue schmerzlich,
daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie vergönnt
sein wird.«

Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin:
denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter
Ludwig!

»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch
kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich
mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder
Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen
stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der
enthält die Quintessenz aller Ereignisse.«

»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden zu
vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die
ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die
günstigen Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru
Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann
wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch
die meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich
fürchte sehr für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem
Vaterlande und der treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den
Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine
Freiheit ist bedroht. Ihr zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann
Carl, ist zur Zeit, wo ich dies schreibe, Statthalter in Utrecht – ich
fürchte ebenfalls, daß diese Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer
sein wird. Der Vice-Admiral soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg
aufhalten; sollte dies der Fall sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen
wohnen, und dann bitte ich gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist
ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz
seiner Neigung zu Spott und Satyre.«

»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht
zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle mich
heimlich krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der
spätherbstlichen Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein
Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen
befragte, sagte mir, ich müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.«

Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre
ich mich gesund baden würde!«

Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die
Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach
England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie
ihn in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten.

In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.

Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will
ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner
Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen.

Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam,
warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen
Sie sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz
Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres
Vice-Admirals, und besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich
aber muß unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste
Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich
noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln?
Mein Segeltuch heißt Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker,
der wird zum Kreuz über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief
unseres Ludwig:

»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt,
fast hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler
meinerseits gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die
englische Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter
erzeugten allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert und
friert jetzt. Die Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen
etwa so: ein Louisd’or in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres
werth, nämlich stets in Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend,
eine Flasche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter
fünfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen
dreitausend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so
gütig, mir für seinen einzigen Besuch nur sechshundert Livres
abzunehmen. Silbergeld ist äußerst willkommen, wer dessen hat, bekommt
ein Pfund Zucker gegen baar für vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz
kostet vierundzwanzigtausend Livres. Da wir an Gold und Silber keinen
Mangel haben, so kommen wir leidlich durch, aber von Vergnügen, von
geistvollen Kreisen, von jenen schönen und angenehmen Vereinigungen
gebildeter Menschen ist keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und
küsse meiner theuersten Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung
die treuen Hände, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier
fühle ich erst recht, was es sagen will, den Pardisesgarten, jener
stillen und reinen Freuden hinter sich zu haben.

                                 Ihr ewig dankbarer Ludwig.«

Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt,
äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt,
wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen,
Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser
geschaffen sei.

Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die
Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe
Schule nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will
es nur eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der
Salons ein, sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der
Alterthumskunde – ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen
Leibesübungen. Er übte sie, ohne an einer dieser Künste vorzugsweise
Gefallen zu finden. Ich glaube, daß er nie tanzen wird, musikalisch ist
er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Lesen
die meiste. Weil ich fühlte, wie mangelhaft und unvollendet noch seine
Erziehung sei, entschied ich mich dafür, ihn reisen zu lassen, damit das
Leben ihn in die Schule nehme und er durch das Leben sich selbst bilde.
Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle jenes heimathlichen Schlosses,
das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch schon das Leben erfaßt, aber
nicht wie ich gehofft und gewünscht habe. Viel zu tief sah er im Beginn
seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die nun im Wachen und Träumen vor
seiner Seele stehen und ihn zurückwinken nach der kaum verlassenen
Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein seltsames Verhältniß
verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar sehe. Er und
Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel läßt die
Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen, daß
ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel
ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich dies
selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines
Freundes verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes
Kleeblatt auseinanderging.

Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte
Ottoline mit mühsam errungener Fassung.

Gewiß, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgräfin: eben
weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefährlichen
Kampf. Ein unedler Mensch versucht sein Glück, betrügt und verräth den
Freund, wenn der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit
Entschiedenheit abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er’s
leicht und sieht sich nach einer andern, vielleicht williger ihm
entgegenkommenden Neigung um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht
in solche Labyrinthe verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung
einer edeln Frauenhand ihn auf die Pfade des richtigen Lebensweges
führen kann. Wie glücklich wäre ich, wie sehr verdient um meinen Enkel
würden Sie sich machen, Frau Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach
England dort in Ihre Kreise einzutreten vergönnt würde. Das schwebte mir
schon lange vor, doch wollte ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei
gewähren lassen und zusehen, wohin seine Neigung ihn lenke.

Georgine fühlte, wie unendlich viel für sie in diesen Worten lag, die
Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen
wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr
Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, senden Sie ihn
mir, er soll mit offenen Armen empfangen werden. Sind wir doch längst
als Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir
und Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name
gemeinsam, der Name Cavendish.

Und ich will alle meine Wünsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen, daß
es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und
Segen führe, was Sie Beide vereint Gutes für Ludwig beschließen! rief
Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thränen in ihrem
Tuche. –

Ach, nur zu schnell verrauschen die schönen Augenblicke, in denen der
Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fühlen über alles
Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus
Erdenstoff gebildet – auch diese Minuten flogen schnell dahin – die
Thüre ging auf und Weisbrod brachte einen Brief.

Die Reichsgräfin nahm denselben, entließ den alten Diener mit gnädigem
Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt’s; es ist
angenehm, daß nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen
haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir
verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hören wir noch,
bevor wir an unsere Toilette für den heutigen Abend denken, was unser
ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen
und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu
Füßen, oder #aux pieds#. Außerdem überspringt er alle die läppischen
Schnörkel der gedruckten Briefsteller, drückt sich aus, wie er spricht,
und stets ungemein verständlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei
hat er einen völlig klaren praktischen Blick in die Verhältnisse, die
ihn umgeben. Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels
Brief. Wir werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet.

Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechselnd bald leise für
sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die
Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit
Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. »Daß mein Nest
ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre
Excellenz bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule.
Ich sah die schöne junge Frau Angés, wahrscheinlich Wittwe, mit dem
himmlischen Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Das kleine Mädchen ist
ein Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Verstand weit über sein
Alter hinaus. Es ist ein Glück, daß sie fort sind, lieb ist mir auch,
daß der junge Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als
Hauptleute waren beide nur ein fünftes Rad am Wagen, und es herrscht bei
mir fortwährend eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage
schlimmer. Ich sitze, wie ein züngelnder Wappenlöwe, als Thorwächter in
einer Trophäe zwischen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und
Hellebarten.«



5. Die Emigranten.


Die fernere Mittheilung aus Windt’s Brief wurde durch Weisbrod’s
Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten
brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war französisch geschrieben; Baron
von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau
absagen zu müssen. Frau Gräfin von Schimmelmann schrieb: »Empfangen Sie
unsere Entschuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen
können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet
an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unserem
großen Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit
Ungeduld den Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefühle meiner größten
Ergebenheit zu wiederholen, mit welchen ich – und so weiter.

Und hier noch – ein versiegeltes Billet – ah, von unserem ehrwürdigen
alten Legationsrath und markgräflich badenschen Hofrath, was schreibt
doch der? »Gnädigste Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entschuldigt wohl
mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gnädige
Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen
Welt. Der Kreis, in welchem Sie so gnädig sind, mich dulden zu wollen,
besteht, wie ich höre, aus Personen, deren Unglück mir gewiß heilig ist,
ohne daß ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutschen
ihnen, den Ausländern, den Flüchtlingen, angedeihen lassen. Ich müßte
mir selbst untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das
Wort meiner Ueberzeugung:

    Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’s
    Nie ein, den Fremden vorzuziehn;
    Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht,
    Verachtet euch
    Weil ihr ihn vorzieht. –

Diese Worte dürften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich immer
noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!«

Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser kühne Mann?

Es ist Deutschlands größter Dichter – es ist unser Klopstock, antwortete
Ottoline.

So ist es, bestätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten
deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch,
starrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten sehr – wahrhaftig.

Die Reichsgräfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt’s Brief wieder auf
und fuhr fort darin zu lesen.

»Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir
erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen,
unter dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben
werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefährlich, sich mit
Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen
sind auf nichts so wüthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen
Vorschub leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein
Emigrantenfreund. Das Betragen dieser Leute ist die verkörperte Anmaßung
und ihre Belohnungen für erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich
habe sie im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen,
diese machte ein junger, sehr schöner Prinz von Condé.«

»Durch den hannover’schen Feldpostmeister, frühern Secretär bei Graf
Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen,
daß alle die hiesigen Vorfälle darin ganz unwahr und falsch angegeben
und des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in
Arnhem in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach
Osnabrück begeben.«

»Ich bin so mit Fremden und Geschäften besetzt und beladen, daß es kein
Quartiermeister bei der Armee im stärkeren Grade sein kann. Außer den
Jägern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie,
hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängst fiel zwischen den
hessischen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten englischen
Dragonern ganz in unserer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten
acht Todte und vierzehn Verwundete.«

Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander
selbst bekämpfen!

Die Reichsgräfin las weiter:

»Man bricht sich die Hälse um eine einzige Bauernhütte, während bei dem
Feinde die vollste Eintracht herrscht.«

»Prinz Ernst August von England war zum öftern hier, er hat mich gerne
bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der holländischen
Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die freundschaftlichsten
Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus allerlei Lebensmittel,
ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der Commandant der Jäger von
Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus Kurland, hat mir Büschings
Erdbeschreibung in prächtigem Einband verehrt; die Emigranten hingegen,
die mir die meiste Last gemacht haben, sind undankbare Menschen und
drücken die Ohren auf den Hals. Um unsere Truppen sieht es trübselig
aus, sie stehen bis über die Kniee im Morast und Eis, und Holland ist in
Nöthen, wie das Sprichwort sagt.«

»Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht, eine
Batterie gerade dem Kastell gegenüber anzulegen und ihm bewiesen, daß es
eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen. Zum
Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch völlig
überflüssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden.
Die Kälte, wie sich einer ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden
Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe
es! Haben es die Engländer bei uns schlimm gemacht, so machen es die
Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes
haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben
Menschen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todt
gefunden. Das schöne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebäuden
bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Häuser
brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung
gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde
unterzubringen; alle Vorräthe gehen zu Ende, ich muß bei Ihrer Excellenz
um ein Stück geräuchertes Fleisch betteln.«

»Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn
Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der
Feind hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind!
Der französische General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von
siebentausend Holländern und Brabantern, lauter _Patrioten_, die für den
Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den fest
zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspännigen Geschützen und
den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz
Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er
steht an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und
führt es nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon
einen lahmen Arm bekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß
ich ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge gesund oder
verwundet zurückkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder
verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlässigkeit und Verwirrung
an der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben,
oder es müssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein
Verstand ist so klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr
verstehe, welches wohl das Wahrscheinlichste ist. – Unser Erbherr eilte
sogleich, als die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von
Geldermaalseen aus und von Heßel aus sollte nun der Feind durch drei
Heersäulen holländischer, englischer und hessischer, darmstädter und
hannoverscher Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische
Colonne kam zu spät. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich
sehe schon ihre Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden
ihre Kanonen unter meiner Nase feuern. Es geht gräulich zu und wird noch
schlimmer. Das Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menschen;
wenn ich weggegangen wäre, so wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde.
Die Leute sehen, was ich für sie thue und theilen ihren letzten Bissen
mit mir; so eben geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes
Brod und fünf Eier, weil sie wissen, daß wir an Allem Mangel leiden.
Solche Leute zu verlassen, wäre himmelschreiend. Ich lege mich zu
Füßen.«

Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte sich von den
beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin,
der Herzogin: Ach, liebstes Kind! Da steht noch eine schlimme
Nachschrift, die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte sie
niedergeworfen. Hören Sie die Hiobsbotschaft!

»Man spricht für gewiß, daß demnächst Pichegru in Utrecht einziehen und
dann straks aus Amsterdam losrücken werde, daß unsere Flotte im Texel
sitzt und eingefroren ist, daß die Stelle des Erbstatthalters, welcher
bereits flüchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser für sich und den
Erbprinzen auf seine Würde Verzicht leisten werde und müsse – und
endlich – erschrecken Sie nicht – soll der Erbherr gefangen genommen und
nach der Citadelle Woerden abgeführt worden sein.«

Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend.

Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgräfin. Und mit dieser Nachricht,
mit diesen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigrées
#grande Assemblée#. –

Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein,
zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die
Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz
abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die
Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm.

Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der
großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze
Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große
Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen
turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte
auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an
dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche
Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs
darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von
einer fast fabelhaften Kürze und die schönen herrlichen Formen des
weiblichen Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein
auffallender Gegensatz zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die
Kleider und Roben selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und
garnirt, doch herrschte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu
großen und füllereichen Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war
die bekannte des Zeitalters, bei den Deutschen mehr einfach, bei den
Franzosen mehr als je gesucht und auffallend, als wolle man den guten
Deutschen so recht bemerklich machen, was Mode sei. Die Herzogin trug
sich nach altenglischer Weise, sie trug noch eine Art Reifrock, hatte
die wundervollste Taille, eine Büste zum Anbeten, strahlte von Juwelen
und überstrahlte alle, selbst die jüngsten Damen, an Glanz und Pracht
ihrer äußeren Erscheinung. Viele Französinnen blickten mit Neid auf die
schöne Tochter Albions, und Georgine schien in Wahrheit die ihr in
Ueberfülle dargebrachten Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee
gleiche, die aus einer andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu
bezaubern, was gewürdigt ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.

In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen der
Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze
Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland
Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp
eines regierenden Hofes – #grand cortège# – ein Heer von Kammerdienern
voraus, eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere
– dann nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend
seine Nichte Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte
Herzogin von Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von
Angoulême, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des
Grafen von Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor
Amadeus III. von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph
von Bourbon, Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin
Charlotte von Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne
weibliche Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher
Militärtracht, dem ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem
Waffenschmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser
Letztere war der nächste Verwandte der Reichsgräfin, war Charles
Bretagne Marie Joseph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und
Talmont; er stand im Heere des Herzogs von Condé, das er mit ihm auf
kurze Zeit verlassen hatte, und die Abzeichen seiner Trauer galten
seinem Vater, dem Herzog August Philipp, dem tapfern Vertheidiger des
Königthums, der früher als treuanhänglicher Adjutant des Grafen von
Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten hatte, endlich aber als
Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen Vendéer in
Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus mit dem Tode
büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernst einherschritt,
und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich und Andere
zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen wie des
Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte.

Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und
förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche
dasselbe etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die
Räume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser
von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier
gesucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs
Himmel in das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer
vermochte dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen?
Man sprach, man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging
sich auch zum Theil in hohlen Phrasen.

Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem
schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah
– la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg.

Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf
und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund,
wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch
vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen,
meist falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer
Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die
Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen
Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an
die man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an
baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents
ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose
Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen
baldigen Umschlags gedeutet.

Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen
herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein
gefertigt und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete,
erblickten die um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem
schwarzen schmalen Seidenbändchen gebundener greiser Locken.

Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach
die Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche
freilich nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht
mit dem Blute des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese
Locken, die einst blond waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß
färbte. Eine treue Hand setzte sich in den Besitz dieses Haares und
übergab es der meinen, und die meinige soll nicht weniger treu befunden
werden. Sie alle, meine hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren
gemeinsame Abstammung aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause
Bourbon verbindet, sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine
dieser Locken zum Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer
unglücklichen Königin, es ist das Haar Marie Antoinettens von
Frankreich!

Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen zwei
feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch
verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite
die Chiffre #MA# und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der
andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu
unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.

Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach
ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die
Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen
Talmont wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé
hervortrat, bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten
sich hingaben, indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres
Thomson mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl zu verletzen, oder
irgend einem Würdigen damit weh zu thun, das sei ferne; aber im
Allgemeinen ist auf Ihre geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort
anwendbar, welches lautet: »Wo bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer
lockenden, ihre immer täuschenden Wünsche, wo seid ihr und was Anders
erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewissensbisse? Ach und
dennoch, schwer niederbeugender Gedanke! ist kaum ein Auftritt des
gauklerischen Trugspiels abgespielt, so erwacht aufs Neue der getäuschte
Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt von neuer Hoffnung, zu des
schwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.«

Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er
hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich
noch viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir
aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines
französischen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das
ausdrückt, was wir alle fühlen, die wir im Unglück und aus unserem
Vaterlande verbannt sind; es ist Corneille, den ich meine. »Ein großes
Herz kann einem Thron entsagen, und kann dies mit Ehren thun; die That
der Tugend wird gekrönt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig
verzichtet, was sein Herz mit flammender Liebe umfaßt, der ist ein
Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was unser aller Herzen mit flammender
Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist unser Frankreich, unser
Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere Vaterlandsliebe ist
unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und
Verbannung, wie Anchises aus Troja’s Flammen die sichtbaren Bilder
seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzosen diese Liebe,
diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann sind wir ganz vernichtet.
Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, daß unsere Namen
ausgetilgt würden von den Tafeln der Geschichte.

Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die
allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen
ausgedrückt wurde – noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und
berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig
entsagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich
nicht ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es
geschehen lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog,
zufrieden und beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich
bewahrt blieb, daß Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor
ihrer Vermählung schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne
gar nichts schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes
mütterliches Erbtheil sein?

Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem
sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche
Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen
sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von
rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen.

Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen: Was
Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle
Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller
Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da
wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden
Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich
wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum
Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die
ich meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den
erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem,
was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben!
Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu
übertreffen.«

Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von
Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese
Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß,
Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben
es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat
uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu
verlassen!

Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und
es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und
nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz
Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte:
Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer.
Bleibe Jedem das Seine!

Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und
gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner
nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein
Eintritt.

Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so
unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt
Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer Angelegenheiten
gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artois
begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur Armee an den Rhein.
Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort suchten ihr Asyl in Baden
wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen Freundin noch einige sehr
wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglück Ludwigs zum
Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte weibliche Hände den
Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines Lebensganges
bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher schwaches Mühen!
Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts läßt im Voraus
sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand des
Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand, diesen
Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher Lebensfaden
blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind
lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche
völlig nachtschwarz.

Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen
Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach
England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei
der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise
ziehen, ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine
glückliche Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady
zu Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten
treten, und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der
englischen Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines
Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm
ein Landgut kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne.
Glücklich sollte er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glück und
Lebensfreuden in Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt.
Auch noch ein Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf
daß er ein neues Geschlecht begründe, das mit ihm beginne.

Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach
England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte oft
in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu
machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschäftigungen; denn
ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen
zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt,
deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der
Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.

Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth
verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte viel
darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geschäftsführer der
Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die
Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend; sie kalkulierten und
spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz ausgegrübelt hatten,
zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben durch beider Rathgeber
überwiegende Gründe sich bewogen fand.

                #Additamentum# zur #Interims#-Quittung

    in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten
    gewesenen ersten #Termins# von Fünfzig Tausend Gulden
    Holländisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis reservandis#,
    und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang genommen worden,
    daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen nichts
    #praejudic#irliches eingeräumet sein soll, die gedachte
    #Cession# Unsrer Herrlichkeit #Doorwerth# und übriger in der
    Provinz #Geldern# belegenen Güter auch von selbst wegfallen
    würde, falls gedachter Unser Herr Enkel die eingegangenen
    Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem völligen
    Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige
    Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir
    Uns jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen
    ausgezahlte #Summe# der Zwanzig Tausend Mark Hamburger #Banco#,
    nach desfalls zu nehmender Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an
    Unseren aus den Gräflich #Aldenburg#ischen in Deutschland
    belegenen Gütern zu beziehenden #Aliment-# und Jahresgeldern
    #successive# kürzen zu lassen.

    Hamburg den 1. Februar 1795.

In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer
Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte
Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser
Sache ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden
saß.

Jetzt besaß der Erbherr Doorwerth und besaß es auch nicht.



6. Der Freunde Trennung.


Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in
Scheveningen eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee
verlassen; Pichegru war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter
Soldaten, von denen ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in
Strohsocken leise schritt, in Amsterdam eingezogen. Aber diese
erbärmlich aussehenden Soldaten waren Helden, die mit Muth für die Sache
der Freiheit kämpften, für die sie nun einmal begeistert waren, die mit
eiserner Ausdauer Kälte und Ungemach und jede Beschwerde eines
Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit solchen Truppen wären Welttheile zu
erobern gewesen, warum nicht ein Land, in welchem die Mehrzahl der
Bevölkerung den Feind als Freund begrüßte und ihm entgegenjubelte? Und
was einzig dasteht in der Weltgeschichte, war geschehen; einige
Geschwader, nicht Schiffe, sondern leichte Reiter hatten Hollands stolze
Flotte erobert. Denn die Flotte saß im Eise fest und ließ sich nicht
träumen, daß Cavallerie den Kampf mit Schiffen unternehmen werde.

Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der
Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschäfte trat
der einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine
vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr
Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel
der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und sank mit dem, was
dahinsank. Dasselbe Jahr, das die holländisch-ostindische Compagnie zu
ihrer Auflösung führte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben
wollte, raffte ihn dahin.

Mit bekümmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der Hand
trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist
gestorben – der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir – meine
Mutter ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin,
werden lachen. Ich reise nach Amsterdam, um die Mutter zu trösten, deren
Liebe mir geblieben ist, und die Hälfte meines Pflichttheils mir zu
sichern. Bei der Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war,
und die vielleicht binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich –
am Ende auch du, Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen.

Sollte ich es wagen dürfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurück,
auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an
Frische verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm
das Wort meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unversöhnt mit
dir von hinnen ging!

Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite nur
Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des Hauses
Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des Geschäfts;
ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er entließ den
ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhältniß. Jetzt liegt mir
ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe immer
noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinson auf seiner
Insel.

Gewiß bist du nicht arm, bestätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war
nur das größte Verhältniß gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um
Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe.

Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte
nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr.

Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig
schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glück!
Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad – ich irre im
Dunkel – oh – mein Schatten!

So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit mir.
Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb
schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann
gehst du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird.
Ludwig, du neigst dich zu düsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so
jungen Jahren; doch ich kenne diese innern Kämpfe.

    »Wir müssen Alle ringen,
    Des Kampfs bleibt keiner frei;
    Doch soll ein Sieg gelingen,
    Frag’ nicht, ob schwer er sei?«

Sieh’ mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich
nicht über Trümmern schöner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der
Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene große
und edle Seele meiner Angés riß sich los von mir, auf daß unsere Liebe
eine reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in späten Tagen
zurückblicken sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefühle – ich ließ
sie ziehen, und nur schwach ist meine Hoffnung, daß ich sie wiedersehe.
Aber darum doch kein unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie
der rastlose Schiffer, immer auf’s Neue hinaus in den Sturm und Drang
der Lebenswogen, mitten durch die Brandung, denn im Sturme läutern sich
die Gefühle, und immer muß der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine
Selbständigkeit und seine sittliche Freiheit.

Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu und
deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit überwinden,
die, wie ich fühle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel soll meine
Kraft sich aufrichten.

Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das
Wort. Wir müssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der
Unverwundbarkeit zu rüsten; das Herz darf nicht brechen unter den
Keulenschlägen des Schicksals, es muß hoffen und dauern. Wir wissen
nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben;
so lange uns dies aber noch vergönnt ist, muß Einer im Andern und Einer
für den Andern leben.

Und wie hast du schon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief
Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innigkeit. Welchen
großen Theil deines Vermögens gabst du in meine Hand, auf kein anderes
Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von dessen Abfall in einer kleinen
deutschen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann schon leidlich
gut als unabhängiger Rentner leben könnte.

Leonardus konnte sich, so sehr Trauer sein Gemüth füllte, bei diesen
Worten Ludwig’s eines Lächelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit
Freude wahr, daß mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir
sagte: werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja,
recht gut rechnen!

Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig
ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum
kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den
ungleich größern Theil hat er für sich verwendet. Noch haben wir keine
Quittung, noch keine rechtsgültige Verschreibung in Händen.

Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn
Leonardus.

Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt.

Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne
Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlörest du es, und
das und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich
kenne vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Höre
mich an, liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und
mehr rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Künste; ich brauche
dir ohnehin nicht zu sagen, daß die Mathematik, in welcher auch die
Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schließt, die
Gestirnkunde und die Meßkunst des Himmels und der Erde. Aber auch die
vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu
verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher,
der nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beispiel dein Herr
Vetter. Er besitzt schöne Güter, aber sein Herr Vater überlud diese mit
Schulden, und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete
dies furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wußte,
daß sie ihren Söhnen ein Heer von Processen und achtzigtausend
Reichsthaler Schulden hinterließ; die fressen viele Zinsen, lieber
Ludwig. Es soll kläglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den
letzten Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat
dies Alles auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erschütternden
Eindruck gemacht. Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der
Seinen und anderer Leute Vermögen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine
Kirchenmaus, hülflos und gefangen – ist gegenwärtig ihm ebensowenig zu
helfen, als Etwas von ihm zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber
kommt, daß man für gewiß sagt, daß die einhundert Millionen Gulden,
welche Holland an Frankreich bezahlen soll, aus den Gütern und
Besitzungen des Statthalters und seiner Anhänger genommen werden sollen;
wir müssen daher Gott danken, daß in des Erbherrn Papieren, welche
durchzusehen man nicht ermangelt haben wird, sich noch keine
Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet, denn dann wäre die
Herrlichkeit zum Kukuk, während sie als Besitzthum einer deutschen und
dänischen Gräfin Niemand antasten wird – und so lange Doorwerth im
Besitz deiner Frau Großmutter Excellenz, wäre es auch nur scheinbar,
bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem ist noch Sorge
getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als totaliter
verwüstet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verschreien, so daß sie als
ein völlig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum einer
Abschätzung unterworfen werden wird.

Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig.

Ich! erwiderte Leonardus.

Du? fragte Ludwig mit großen Augen.

Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu
Paris gewesen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann sehr
leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten
Männer in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten
waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth
so entwerthet, das heißt, erscheint es so, dann wird der Erbherr in
England geltend machen können, daß er sein Eigenthum für die gemeinsame
Sache zum Opfer gebracht, daß er englische Truppen im Uebermaß
verköstigt; er wird darthun, daß England die Herrlichkeit habe ruiniren
helfen, und von dem Inselstaate eine Entschädigung fordern, und eine
solche vielleicht wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst
müssen bezeugen, daß sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren;
vielleicht aber erlangt er sie auch nicht.

Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein
unseliger Fluch! rief Ludwig.

Nun, ich muß bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu quälen, schloß
Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der
beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.

Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit
untröstlicher über den Tod des Gatten, als über dessen starren
Eigensinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verständiges Wesen
benahm jenes Bangen der alten, stets das Schlimmste fürchtenden
Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemüht, alles Nöthige zu ordnen, das
Vermögen seiner Mutter gegen das seines Vaters festzustellen, und die
Erben in diejenigen Rechte einzusetzen, die sie nach dem Gesetze
beanspruchen konnten. Als er mit Ludwig und Vincentius Martinus, der
auch einigermaßen bedacht worden war, sich gemeinschaftlich über seine
Angelegenheiten unterhielt und der Letztere äußerte: Du wirst doch,
lieber Leonardus, nun bei uns bleiben, wirst dein eigenes Geschäft
beginnen und uns die Freude machen, dich in unserer Verwandtschaft zu
behalten und deine alte Mutter pflegen? – da antwortete Leonardus: Ich
werde thun, was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes
Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr bedürft meiner
nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der seinen Mantel
theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, so soll mindestens keiner
von euch der Arme sein, der meine Mantelhälfte bekommt – ich will es
machen wie mein Vater, will die nächsten Verwandten hintansetzen und mir
selbst einen Erben suchen, der mein Mantelkind sein soll. Hier steht er,
es ist mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus.

O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich
nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und
gefreit wird, wo man irdischer Güter nicht bedarf. Wie viel thatest du
schon für mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen für
mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen
konnte; mir zu Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit überladen!

Was thut’s? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei
Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.

Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus
zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts
weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen
Gehorsam und in die beschränkte Sphäre seines Amtes, als daß er das
herrliche Glück einer idealen Freundschaft hätte fassen können, und
zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in
diesem Sinne, doch verblümt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht,
Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen,
welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu
fertigen?

Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher
Vetter, spöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Rost
des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost
briet. Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus,
nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Daß ihr
mich gern ins Haus schlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggesellen,
glaub’ ich euch gern, werdet’s aber nicht an mir erleben – ich will mir
erst noch ein und das andere Stück Welt besehen. Indeß mache dich auf
ein recht langes Leben gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn
ich denke es noch eine hübsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du
sollst auch stets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht
mehr schreibe, so denke, daß ich gestorben bin, und lies dann für meine
arme Seele so viele heilige Messen, als dir für mein unsterbliches Theil
heilsam dünkt.

Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er
dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschütze, nicht unter die Räuber und
Mörder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als
Geschäftsträger am hiesigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren
Ambassadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Priesterlein und
Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!

Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten
Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, sich
darüber ärgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prickelnden
Stichelreden ruhig hin.

Schwerer war des Sohnes Stand bei seiner Mutter, als er dieser
mittheilte, daß er die Absicht habe, sie wieder zu verlassen, denn
Leonardus hatte sich gelobt, das Leben daran zu setzen, um mit Angés
vereinigt zu werden; er wollte zunächst wieder eintreten in das
diplomatische Corps, da er sich volle Befähigung zu dieser Laufbahn
zutraute und er zur Zufriedenheit des Gesandten gearbeitet hatte; er
hatte deßhalb schon vorsorglich bewirkt, daß ihm der Eintritt offen
gehalten wurde; dann wollte er noch einmal nach le Mans reisen und nicht
ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte Ueberzeugung von
Etienne Berthelmy’s Tode in Händen habe, oder bis er diesen, falls er
noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot über nicht geringe
Geldmittel, denn einmal hatte er auch für sich selbst auf seinen weiten
Reisen gearbeitet, war von Einsicht unterstützt und vom Glück begünstigt
worden, und dann war auch der alte verstorbene Herr Adrianus van der
Valck keineswegs so arm geworden, als derselbe damals Ludwig glauben zu
machen versucht hatte, und endlich blieb ihm an der treuen Mutter für
Fälle der Noth noch eine mächtige Stütze. Es war nicht blos Großmuth,
daß er damals die Hälfte des Kaufgeldes für Doorwerth für den Erbherrn
hergab; Leonardus rechnete darauf, daß er in dieser Herrschaft auf einem
der Schlösser ein stilles Asyl finden könne für sich und seine Liebe,
sei es in Miethe, sei es als Mitbesitzer, je nachdem ihm nun der Erbherr
sich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldner; daher war
Leonardus auch geneigt, die zweite Hälfte jenes Kaufschillings zu
beschaffen, aber daß nun freilich der Erbherr das Geld größtentheils
anders verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte,
das war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr
Adrianus so ernst gesprochen, daher beschloß Leonardus, vorläufig auf
weitere Schritte bezüglich des Güterankaufs im Geldernlande zu
verzichten.

Die Freunde trennten sich, als die Zeit da war, daß Leonardus nach Paris
zurückeilte, nicht ohne Kummer und trübe Gedanken. Ludwig machte sich
Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben so verhüllt vor ihm lag, wie
seine eigene, und Leonardus war von Besorgniß erfüllt über des Freundes
Gesundheitsumstände und dessen Neigung zu stillbrütender Schwermuth, die
in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden
konnte. Beide trennten sich, als die Scheidestunde da war, mit den
Schwüren fester Treue, mit dem heiligen Versprechen öfteren brieflichen
Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach
England bestimmtes Schiff aufzufinden, und siehe, hell strahlte im
erneuten Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der
»vergulden Rose«, welche in anderen Besitz übergegangen war nach dem
Tode des alten van der Valck, aber immer noch den treuen Kapitän Richard
Fluit zum Befehlshaber hatte. Groß war das Glück der drei Freunde, sich
so unverhofft wieder zusammen zu finden, und daß Fluit es nicht fehlen
ließ, dieses Wiedersehen seemännisch zu feiern, lag in der Natur der
Sache.

O könnt’ ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei
beim kreisenden Becher in der Kajüte beisammen saßen: könnt’ ich doch
wieder mit euch hinfahren in so schöner Nacht, wie damals, denselben
Strich, den wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erstlich sieht es mit
aller Seefahrerei äußerst windig aus, wenn nicht bald Thauwetter
einfällt, und dann hab’ ich Frachten nach England, nicht nach Hamburg,
muß nach Plymouth segeln!

Ludwig und Leonardus sahen bei dieser Mittheilung Fluit mit strahlenden
Gesichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das ist der rechte Cours!
Möchte beim Himmel unter solchen Umständen selbst mit – doch – es kann
nicht sein – aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er
mit Euch die Fahrt hinüber macht?

Ei, das wäre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Kost, freie Kajüte, freien
Schiffskeller, in welchen, unberufen sei es gesagt, seit die »vergulde
Rose« die Meere befährt, noch nie ein Tropfen Wassers gekommen – ich
meine den Schiffsweinkeller, nicht den süßen Wasservorrathkeller,
versteht sich.

Wir werden uns darüber einigen! sprach Ludwig lächelnd: aber wahrlich,
das achte ich als ein Zeichen von meines Geschickes Gunst, daß ich mit
dem braven Freund und nicht mutterseelenallein in das Meer hinaus
steuern soll, daß ich im Lande meiner nächsten Bestimmung und zumal in
der wimmelnden Hafenstadt wieder einen so kundigen Führer finde, wie ich
ihn einst in meinem Leonardus zu Amsterdam fand.

Vieles hatten sich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils
was ihre eigenen Gemüther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich,
die Zeit ließ es nicht am mannichfaltigsten Stoff zu Gesprächen fehlen.
Die Patriotenpartei in Holland hatte nun gesiegt, sie hatte das
Verderben über ihr eigenes Vaterland heraufbeschworen, wie das stets der
Fall ist, wenn die Unvernunft alles gerechte Maß überschreitet und nicht
eine verstandvolle geregelte Regierung das Steuer des Staatsschiffes
lenkt, sondern ein Haufe entflammter Schreier und selbstsüchtiger
Volksmänner dem Volke seine Beglückungsideen vorschwindelt. Die
Franzosen, die Feinde waren es, die der niederländischen
Patriotenbrutalität selbst Schranken setzen mußten; die Mannszucht der
Franzosen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland damals achtungswerth
– Windt empfand dies im vollen Maße und sprach sich darüber in seinen
Briefen an seine Gebieterin mit gewohnter Unumwundenheit aus. Holland
kam fast ganz um seine einst mit so großen Opfern erkaufte Freiheit, es
wurde wenig mehr, als eine französische Provinz; es mußte den Schiffen
Frankreichs freie Fahrt auf seinen Strömen gestatten, mußte 100
Millionen Gulden Kriegskosten aufbringen, mußte, so lange der Krieg
dauerte, die 25,000 Mann starke französische Besatzung verköstigen und
kleiden, und dabei wurde sich des Kunststückes bedient, daß, wenn 25,000
Mann ausgerüstet waren, diese wieder in das schöne Frankreich
zurückmarschirten, worauf andere 25,000 Mann nachrückten, die abermals
gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf diese Weise
gekleidet, was den niederländischen Tuchfabriken außerordentlich zu Gute
kam, die nie bessere Zeiten gesehen hatten. Nicht minder hob sich der
Lederhandel. Frankreich ließ dem niederländischen Volke und seinen
politischen Gauklern das Spielwerk eigener Constitutionen und
unterjochte das Land dabei gründlich; es ließ ihnen die ansteckende
Nachäfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtausch gegen die
bisher bestandenen guten alten; es nahm Holland sein Gold und Silber und
gab ihm sein Lumpenpapier, seine Assignaten; es zerstörte seinen
blühenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die Waffen,
hauptsächlich in allen überseeischen Provinzen, dadurch verlor Holland
den größten Theil seiner Besitzungen am Cap der guten Hoffnung und in
Indien; es verlor seine zehn Millionen Gulden werthe indische Flotte;
Hollands Flagge beherrschte nicht mehr, wie einst, die Meere. Die
Vermögenssteuer wurde von zwei ein halb auf sechs vom Hundert
gesteigert. Diese und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf
Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glück,
welches Frankreich und die französische Freiheit, Gleichheit und
Brüderschaft Holland schenkte und das die Patrioten Hollands ihrem
Vaterlande bereitet hatten. –

Als Leonardus von seiner Mutter Abschied nahm, reich von ihr beschenkt,
und die alte Frau, aufgelöst in Schmerz und Thränen, in seinen Armen
weinte, rief sie: O, mein Leonardus! So muß es denn sein, daß du
scheidest! O vergiß mich nicht, mein einziger Sohn, vergiß nicht deine
alte Mutter!

Beruhiget Euch, liebe Mutter! versuchte Leonardus sie zu trösten. Wenn
ich erreiche, was ich zu erreichen strebe, dann komme ich zu Euch, oder
Ihr ziehet zu mir. Jetzt aber muß ich noch einmal hinaus in die Fremde,
ich muß meinem Glücke nachgehen und nachstreben, da es mir nicht von
selbst in den Schooß fällt.

Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber
um Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht
ertrüge ich nicht, sie würde mich augenblicklich tödten.

Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte
Leonardus ihr zu.

Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna van
der Valck.

Ihr sollt sie nicht empfangen, es stürben denn zwei, wiederholte
Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der längst in seiner
Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Großmuth
und Hochherzigkeit der Gesinnung erfüllt war, daß sie an die edelsten
Seelen des Menschengeschlechts hinanreichte. –

Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen,
die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fügung erst
nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und
dorthin. Ludwig hatte das glücklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit
lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er
trat in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands;
er sah sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, daß es
ihm fast die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry
Cavendish als Vetter begrüßen, der später eine Königin von
Großbritannien durch die Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu
verlassen und auf lange Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren;
der zur Herrschaft eines General-Gouverneurs von Indien sich
emporschwang und von den Eingeborenen das schwere Zugeständniß erzwang,
auf das Verbrennen ihrer Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen
stolzen Herzog William Cavendish, einem der unbeugsamsten Häupter der
Opposition, wurde Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen
Unterhaltungen mit diesem geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr
Politik und mehr Einblick in das höhere Staatsleben und die höhere
Staatenlenkung, als mancher sehr achtungswerthe Staatsmann durch sein
ganzes Leben in seinen Kopf zusammen zu bringen vermag. Entschiedener
Gegner Pitts und Freund von dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt
der Herzog gegen Niemand mit seiner politischen Ansicht zurück, und
seine Gemahlin, die herrliche, reizvolle Prachtgestalt, die Alles um
sich fesselte, theilte die Gesinnung ihres Gemahls und gab Proben ihrer
eigenen thätig eingreifenden Begeisterung für die Erreichung politischer
Zwecke, welche die Welt in Staunen setzten. Sie war es, diese
allbewunderte Georgine, die einen Bund gleichgesinnter Freundinnen
gründete, der persönlich in die Wahlen sich einmischte, als es galt,
Charles James Fox die Stimme des Volkes für die Stelle eines
Parlamentsmitgliedes von Westmünster zu gewinnen; sie war es, die auf
offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für seine Stimme für Fox
zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmähend, gebeten – ihm
einen Kuß ihres wonneschönen Mundes vergönnt hatte.

Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit
der zärtlichsten Liebe für Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war
für den jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berühmteste Aerzte
mußten ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne daß sie
ergründeten, was dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein
ernster Beruf und ein entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn
verstand. Und dies Herz fand Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist
den seinigen emporflügelte, die ihm den Blick schärfte für die Geschicke
der Länder, für den Gang der Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen
Flug der Gedanken zu fliegen und zu lernen, daß doch so Vieles nichtig
und unwesentlich, was Viele für so groß und wichtig halten, wobei sie
meist mit dem eigenen unbedeutenden Ich beginnen.

Wohl hörte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der
holden Rede seiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er sich nirgend so
sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war
eben mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es
war jener wundersame Zauber, der sie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie
das Fächeln eines süßen Maienlüftchens die Blüthenlauben eines
Rosengartens. Magisch fühlte Ludwig von Georgine sich angezogen, wie ein
höheres Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte sie mit
zartem Gefühl ihn stets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder
half sie ihm wählen, deren Inhalt ihm müßige Stunden belehrend ausfüllen
half, sie wandelte mit ihm durch die Labyrinthe der speculativen
Philosophie, sie berichtigte seine Ansichten, verwarf oder bestärkte
seine Meinungen, lehrte ihm Sinn für Unabhängigkeit, und wie der
denkende Mensch nur durch strenge und unausgesetzte Selbstüberwindung
und Selbstbeherrschung letztere sich gewinnen könne. Georgine erzog
Ludwig zum zweitenmale, und zwar besser und in ungleich kürzerer Zeit,
als die Großmutter diesen erzogen hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit
mit stillem Ernst paarend, verscheuchte Georgine Ludwig’s anfänglichen
Trübsinn, war auf Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher
praktisch-nützlichen Beschäftigung hin, zu kleinen Ausflügen und
erzählte ihm von der Pracht der Schlösser, Parke und Berge der
Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit Sehnsucht erwartet, um dann durch
die grünen Gefilde hinzuziehen zur Lust, zur Jagd, zum Besuch der
Schlösser mit der Fülle von tausend Annehmlichkeiten und aufgehäuften
Schätzen der Literatur und Kunst. Wohin Ludwig nur immer seine Blicke
wenden mochte, gab es Neues zu beschauen, zu bewundern und zu lernen,
und Albions milde Natur, früh erwachend trotz des strengen Winters,
unter dessen Härte andere Länder zu klagen und zu leiden hatten, athmete
reinen Hauch der Genesung, und in mancher ländlichen Abgeschiedenheit
meilenweiter Parke bot sich in lieblichen Cottagen die süße Beschränkung
eines idyllischen Friedens. Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil
es so in seinem Wesen, in seiner Jugendbildung und in seiner
Gemüthsrichtung lag; er war auf die Dauer nicht für die Politik zu
gewinnen, nicht für die Freuden der Jagd, noch viel weniger für
Fuchshatzen und Kirchthurmrennen – und mit Lächeln hörte er es an, als
die feurige Georgine ihn einmal gradezu deßhalb ausschalt und zu ihm
sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher Träumer!

Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes,
aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der
Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter
gekannt, nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterkuß meine
Lippen berührt und geweiht und geheiligt. Die Großmutter sagte mir beim
Abschiede, ich solle deutsch gesinnt bleiben; kann ich nun dafür, wenn
mein Gehorsam so blind ist, daß ich nicht in Holland, nicht in
Frankreich und nicht in England meine deutsche Natur zu verläugnen
vermag? Daß ich nie ein Holländer, nie ein Franzose und nie ein Brite
werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn mein Wunsch, meine Forderungen an
das Leben nur bescheiden sind, wenn ich höheren Zielen nachzustreben
kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld mit mir, der nur zu tief
empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich wie ich bin, oder heißen
Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem schönen Asyle, das in Ihrer
Nähe sich mir aufgethan!

Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor
Ludwig sorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die
hochstehende, vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die
achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Königin aller Schönheit und
aller Würde; die reiche unendliche Fülle ihres Gemüthes hatte sie ihm
zum Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf daß nicht
der weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer
unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu
ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntniß dann vergehe, wie Semele
verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte.

Sie liebte ihn, den schönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit
aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber sie bebte zurück vor der
Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prüfen, mit der er tragen würde
das unaussprechlich tiefe Geheimniß. Aber sie vermochte sich nicht mehr
zu halten. Sie überstrahlte Ludwig mit einem wunderbar süßen und
zärtlichen Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte – ach, er stand
so scheu, mit so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wußte
nicht, wie ihm geschah, als Georgine ihn plötzlich sanft umfing, seine
Stirne küßte und mit bebender Stimme flüsterte: Ludwig! Ludwig! Du
klagst, daß nie ein Mutterkuß deine Lippen berührt und geweiht und
geheiligt habe! Nun denn so empfange diesen Kuß! Ludwig, mein Ludwig!
Ich bin deine Mutter!



7. Eine Rückkehr.


Sie waren weit von einander getrennt, die beiden Freunde Ludwig und
Leonardus, die sich in so treuer ausdauernder Liebe zusammen gefunden.
Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Fluit nach Plymouth
gesegelt, den letzten Abschiedsgruß zugewinkt, hatte er nirgend mehr
eine bleibende Stätte. Er ging nach Paris zurück, fand, daß man seiner
nicht nothwendig im diplomatischen Corps bedürfe, und nahm weiteren
Urlaub. Auf dem geradesten Wege eilte er nach le Mans, wo er wieder als
Kaufmann auftrat und einige Geschäfte abschloß, die dann ein ihm
befreundetes Amsterdamer Handelshaus zur Vollziehung brachte. Bald
begann er seine Nachforschungen nach Berthelmy – sie waren und blieben
jedoch erfolglos. Er machte Bekanntschaft mit dem Maire, bewirthete und
beschenkte diesen, um ihn willfährig zu machen, und dieser beschied ihn
auf die Mairie, wo in seiner Gegenwart Nachforschungen in den Acten
angestellt werden sollten. Als Leonardus sich eingefunden hatte, sprach
der Maire, der zwischen Actenhaufen vergraben saß, nachdem er den
Fremden zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Bürger, die Ereignisse
der jüngsten Zeit. Sie war sehr blutig für die Vendée. Ich fürchte sehr,
man hat nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen
Tausende niederzuschreiben, welche der Krieg hinwürgte. Von der Familie
Berthelmy lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie
suchen, soll geblieben sein, sein Weib ging davon, oder verschwand auf
räthselhafte Weise, seine Eltern sind beide todt, Geschwister hat er
nicht gehabt. Daß er mit zu Felde zog, ist durch Acten verbürgt, daß er
blieb, ist nicht verbürgt.

Kann man denselben nicht in den öffentlichen Blättern ausschreiben
lassen? fragte Leonardus.

Wohl könnte man das, entgegnete der Maire: allein es würde wenig
fruchten. Lebte der Bürger Etienne Berthelmy noch, so würde er längst
wieder hier erschienen sein, um sein kleines Erbtheil in Empfang zu
nehmen; sollte er aber wirklich noch am Leben sein, so würden ihn
dennoch unsere Zeitungen schwerlich erreichen.

Könnte er nicht für todt erklärt werden?

Nein, Bürger, zu einer solchen Erklärung ist die Zeit seiner Abwesenheit
viel zu kurz. Aber weßhalb dies Alles?

Ich bin ein Verwandter von Berthelmy’s vormaliger Frau; sie hat
Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als
bis sie rechtlich von ihrem Mann geschieden ist.

Der Maire lächelte und sprach ironisch: Diese gute Frau scheint eine
schlechte Bürgerin zu sein, daß sie noch so veraltete Rechtsbegriffe
hegt. Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres
General Marceau in hiesiger Stadt fünfzehntausend Menschen an einem und
demselben Tag erschießen ließ, ohne Ansehen des Alters und des
Geschlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unterworfen; wir
haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Bürgerin
Berthelmy steht es völlig frei, sich als geschieden zu betrachten und zu
freien, wann und wen sie will.

Angés Berthelmy ist eine Deutsche! warf Leonardus ein.

Ah so! versetzte der Maire gedehnt. Die Deutschen sind noch halbe
Barbaren, sie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vorurtheile,
aber unsere glorreiche Republik wird sie schon in gleicher Weise
beglücken, wie die Vendée beglückt worden ist. Wenn dir zu rathen ist,
Bürger, so suche so schnell als möglich aus diesem Lande zu kommen, denn
die höllischen Colonnen morden Jeden, der ihnen aufstößt und nicht zu
ihnen gehört, er trage gute und richtige Pässe bei sich, gehöre einer
Gesandtschaft an, oder nicht. Diese Colonnen sind selbst eine
Gesandtschaft – die des Todes.

Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefühle im Herzen. In tausend
Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigsten, gräuelvollsten
Kriege zerwühlten und zerrütteten Lande sein Leben bedrohten, hatte er
sich gestürzt, und so völlig fruchtlos, so ganz vergebens! Was nun
weiter? Sollte er Angés aufsuchen? Und mit welcher Nachricht konnte er
vor sie treten, wenn er sie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung in
einer Zeit, in welcher jeder Tag Tausende hinmordete, in welcher an
geregelte Zustände auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten
über Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der sich durch
nichts hervorgethan hatte, der im großen Strome des unglücklichen
Vendéerheeres spurlos verschwunden war?

Düster wurde es bei solchen Betrachtungen in Leonardus sonst so frohem
und hellem Gemüth, sein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen
sein Schicksal aufgeregt, die ihm fast die Sinne verwirrten. Er wünschte
jetzt, Berthelmy möchte noch leben, möchte ihm lebend entgegentreten,
mit Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kämpfen und ringen auf Tod und
Leben um den Besitz des geliebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm
entgegen, nichts stellte sich ihm in den Weg, ungefährdet konnte er
Paris wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles
erschien ihm schaal und farblos, nur in weiter Ferne schwamm in einer
lichten Aetherstelle die rosenrothe Wolke seiner Liebe, seiner
Sehnsucht, unerreichbar für ihn, gleich jener Wolke, die der kühne Held
statt der Göttin umarmte. –

Windt hatte einen Brief an die Reichsgräfin vollendet, den er, bevor er
ihn absandte, seiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte das, sie
erfuhr auf diese Weise manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und
sie oft unmittelbar mit berührte, zu dessen besonderer Mittheilung ihr
Mann jedoch keine Zeit fand.

Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefschreiben, sprach Windt zu
seiner Frau: ach! es ist jammerschade, daß du keine Federheldin geworden
bist, liebe Jule, du müßtest sonst mein Geheimschreiber sein, mein
Wippermann.

Bin froh, sehr froh, lieber Windt, bin sehr froh darüber, hätte sonst
noch mehr zu thun! vertheidigte sich Frau Windt. Hab’ ich nicht ohnehin
alle Hände voll zu schaffen, und fast Tag und Nacht?

Hast recht, liebe Alte! begütigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen,
kann uns nimmermehr vergütet werden. Unsere alte Gnädige, oder unsere
gnädige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht, – nun, ich hab’
es ihr geschrieben, wie mich im Januar die Kaiserlichen aus dem Bette
geholt und geplündert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben
davon kam, wie ich mehr wie hundertmal Bajonnette und Carabiner mit
aufgezogenen Hahnen auf meiner Brust hatte, wie sie mir mein letztes
Geld, meine mühsam gesparten hundert Ducaten, die ich zu einer
Brunnenkur in Pyrmont bestimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre
stahlen. – Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das
Schönste genießen, brauche nicht erst nach Pyrmont, denn meinen Wein
haben die Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flasche! Was
brauch’ ich Uhren? Ich armer geschlagener Mann weiß ohnehin, wie viel es
geschlagen hat, und wozu Gewehre, da ich doch gänzlich wehrlos war?

O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau
Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du,
so wie du gingst und standest, das Kastell verließest.

Um beim französischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten
gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt;
und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch
gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen
in meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmüde, und mußte mich
im Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort für das
Kastell um französischen Schutz zu betteln.

Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein
Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und
vielgeprüften Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle
Feuerproben der drangvollsten Erlebnisse bestanden.

Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen
und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist
die alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie muß unterrichtet
werden, wie es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglück in dieser
Zeit Schlösser am Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen,
wie es gekommen ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich
war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets
ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird;
ich bin eben immer der dumme gutmüthige Narr.

Gut bist du, Windt, das muß wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch
und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, öffnete ein geheimes
Wandschränkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten, und
brachte eine Flasche alten #Port à Port# daraus zum Vorschein.

Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther
Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trüb wie
Lehmbrühe.

Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein zu
wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wär’ ich ohne
deine treue Hülfe! rief Windt, ließ sich willig einschenken, trank und
begann zu lesen:

»Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Post von Amsterdam nach
Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe,
und daß ich gegenwärtig eine französische Schutzwache im Kastell habe.
Mir ist von den französischen Generalen und Commandanten mit einer
Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen
meinen Gesuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie
genug rühmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von
den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben
französische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jäger, Dragoner,
Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, daß ich allen bei
ihrem Abgang das beste Zeugniß ausstellen konnte. Was ich aber vorher
gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten,
während der Gefechte, in die ich zweimal persönlich hinein gerieth, als
ich Hülfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich.
Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch
sonst um Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der
hiesigen Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben,
brauchen nicht zurückzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden
sie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und
bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande,
in meinem unbändig großen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine
Lage, die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte
hier am siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden
Excellenz aus den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich
mit Bestimmtheit mittheilen, daß er in seinem Unglück frisch, munter,
fröhlich und guten Muthes ist – sehr gut für ihn. Sobald als möglich
denke ich selbst ihn aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu dürfen und zu
erfahren, wie es um ihn steht. Wenn Excellenz wüßten, wie schlecht die
Emigranten es hier getrieben haben, sie schlössen Ihre Thüre vor Jedem
derselben zu. Hätten diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem
Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wäre
nicht so unglücklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die
unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wären es nicht.«

Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hättest du nicht schreiben
sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, daß
der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?

Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie
sonst für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und
voreilig ausgewichen wären, sondern anders gehandelt hätten, so wäre der
sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer
war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines
eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz
schrieb, ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie
liebt und die sie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend
ihren »alten Wahrsager,« und ich antwortete: Excellenz haben ganz
recht, ich sage immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz
meinen Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gnädig sind, meine
Wahrheiten nicht übel aufzunehmen.

Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort:
»Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu
schreiben: #Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam.# Ueber
Amsterdam ist und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum
Pettschaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer
Devise, sonst schmeißt die Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam
von Seiten der Municipalität eine Commission ernannt, an welche Briefe
nach Hamburg und Bremen offen eingeliefert werden müssen, ich schließe
daher diesen meinen Brief an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf
Ludwig hier gewesenen braven Holländers Leonardus van der Valck ein und
ersuche Excellenz, Rückantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen
zu lassen, auch wollen Hochdieselben sich über die närrische Adresse
dieses Briefes nicht wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen
einer Herrlichkeit, #Seigneurie#, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer
Excellenz Geltendmachung dessen betrifft, daß Hochdieselben eine
dänische Gräfin sind, so wünschte ich, Sie hörten darüber einmal die
Aeußerungen der französischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es
gibt für diese keinen Respect mehr vor Fürsten, Grafen und Herren, wie
man im lieben deutschen Reiche, Gott behüte es vor dem Franken-Reiche!
zu sagen pflegt. Sehr lieb ist mir, daß der Wechsel auf die
zwanzigtausend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen können Excellenz
dieser Angelegenheit halber ruhig schlafen. Sie sind noch zur Zeit
durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines vielleicht
übertriebenen Diensteifers, ich machte in der Stille mit dem Erbherrn,
mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mündlich auf
Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil
Sie dessen bedurften und Sie gleich mir Emigranten zu verköstigen
hatten; fast scheint mir, und die Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies
vermuthen, als seien Glauben und Treue zu den verrufenen Münzen
gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als ächte in Hochdero
berühmter Sammlung prangen, und über welche Ihnen der Herr Abbé Eckhel
in Wien so vieles Aufklärende geschrieben hat.«

Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst es
zu arg, du beleidigst!

Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: »Es
war Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir
schriftlich machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen
fünfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen
diese Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das
liegt im Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und
rechnen und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll
Zahlen stehen, sie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht
des gesunden Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft’s – die Zeit ist
einmal aus den Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mißkennung mich
bewegen könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer
Excellenz hochweise Räthe meinem Diensteifer längst eine Schranke
gesetzt, dann wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen,
Blut und Leben, Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz
Herrlichkeit, so weit nur in eines Menschen Kräften steht, zu schützen
und zu schirmen. Wer auch hier war von fremden Offizieren, Engländer,
Holländer, Kaiserliche und jetzt die Republikaner, keiner hat glauben
wollen, daß ich nur ein Bedienter sei, sondern Jeder meinte, daß ich
ganz bestimmt der Herr oder Erbe von Doorwerth selbst sein müsse. Alle
Güter rings um die Herrlichkeit sind totaliter devastirt, Doorwerth
allein ist noch im leidlichen Zustand. Der Strich von der hiesigen
Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich; von Arnhem bis Zuitphen
kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen Alleen sind über Bord,
keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt steht mehr, die größten
und schönsten Häuser sind Pferdeställe oder Lazarethe, das Holz der
Thüren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder seit Kurzem
fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müssen, habe augenblicklich sechs
Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen Husaren. Im Dorfe liegt
eine Compagnie Volontärs, in Helsum liegen zwei, und noch dreizehn
Husaren für die Correspondenz, in allen andern Orten der Herrschaft
liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem Hause. Nachdem
ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen der Alliirten,
dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen Andenkens, dann
den schleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen zur Nachtzeit hier
einfielen, darauf die heftige, fast unerträgliche Kälte, darauf wieder
den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee, welcher die Sambre-
und Maas-Armee auf dem Fuße folgte – nachdem ich dies Alles vertragen
und überstanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer Wassersnoth, wie sie
seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in Helsum Brücken
schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein Paar Scheuern
abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, sonst hätte sie sich
hier gestauet, wie ein überschwellender Krötendeich, und uns vollends
mit Haut und Haar aufgefressen.«

»Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun, um
meine alten Tage zu sichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen,
die dem Gefühl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit
entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz nothwendig eine
durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde
gehen soll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen,
denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft
auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht
beschließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben bedeutende
Allodialgüter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten wahrhaft
treuen Diener lebenslänglich zu versorgen. Eine Pension in Geld wirft
Doorwerth nicht ab, und für den hiesigen Rentmeisterdienst müßte ich
danken.«

»Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum
aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglück, daß sie die ganze
Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General
Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar
angenommen, aber ihn zur Stärkung der Kranken und Verwundeten bestimmt.
Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum, Deventer, und
ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und überall sind
Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur Zeit noch
unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen Bäume,
die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen kläglich zu
Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso
vergebliche als fruchtlose Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel.
Unterthänigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes über unser
hiesiges Befinden zu sagen, meine Frau grüßt dieselbe bestens. Meine
Schwester soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg,
schreiben, ihn von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal
Nachricht von seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen
entschuldigen Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich
wieder Zeit finde, weitern Bericht zu erstatten, da es beständig um mich
her von Fremden wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.«

Stets auf meinen Füßen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die
wackere Hausfrau.

Das bin ich so schon, das brauch’ ich nicht zu schreiben, das kann die
alte Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt.

Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen Gestalt
durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er sich,
indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den
Dammweg warf, der nach dem Schlosse führte; er gewahrte einen Reiter,
welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs
empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke
hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gültiges Papier, das
sein Einlaßgesuch rechtfertigte, darzureichen.

Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer
schärfer hinblickend. Täuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich
das deuten? Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger
Rauchfleisch, westphälische Schinken, Edamer Käse, frische Butter. Vor
Allem koche eine Suppe. – Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner
Verwunderung und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt
voll Hast aus dem Thurmgemach, sprang die Treppe in schnellen Sätzen
hinab, und schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben
eingelassenen Reiter entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte,
abstieg und in Windts Arme sank.

Sind Sie’s denn? Sind Sie’s denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus?
Herr Leonardus van der Valck?

Wohl bin ich’s, heute und morgen bin ich’s noch, mein lieber, redlicher
Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange
und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der
meinen gleicht, so ist es mein Geist.

Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet sein? rief Windt
erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr übel aus. Doch kommen Sie
herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Für Ihr Pferd wird gesorgt, ich
erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß
Sie es seien, der da geritten kam.

Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der
Unterstützung des Freundes, so matt und angegriffen fühlte er sich, und
als ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau
begrüßte, saß er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf
einem Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob
die Hände vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner
jüngsten Vergangenheit wie einen bösen Traum verwischen.

In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes
Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler
ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in
steter Kenntniß, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange
keine Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geschrieben,
dankerfüllt, und ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem
Kinde glücklich das Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie
sie schrieb, im angenehmsten und wünschenswerthesten Verhältniß, hatte
Windt herzliche Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren
Aufenthaltsort nicht genannt, »größerer Sicherheit halber«, schrieb sie,
»da dieser Ort als Asyl nicht mein Geheimniß allein ist, da politische
Rücksichten dazu nöthigen, den Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu
verbergen.« Wer an sie schreiben wolle, möge die Firma ihres älterlichen
Hauses benutzen und in diese Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun
Leonardus wieder gekommen und konnte aus erster Hand die soeben
anlangenden Briefe empfangen.

Er erholte sich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unendlichen Friedens
ihn überkam, sprach er: O hätte ich doch diesen einsamen lieben
Zufluchtsort nicht verlassen, mir wäre wohler, als mir jetzt ist! Mein
ganzes Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war
nichts als eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat
mich mit raschen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht.

Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines
Wesens.

Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden
wollen, sprach Leonardus.

Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieses
Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt.

Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager,
schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus.

Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm Frau
Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb ist,
werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da läßt
sich nur wenige Bürgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht,
es ist seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch
nicht anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchsten Zimmer dieses
Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lärmen im untern Hause
und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der Kanonaden
nicht wieder.

Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet,
und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu
erholen. O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich
erlebte! Jetzt kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erschüttert
mich allzusehr. Lassen Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe,
seine Freundschaft wird ein Balsam für mich sein. O, wie sehr sehnt sich
mein Herz nach Nachricht von ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an
meiner Seite gewesen und vielleicht der treue Philipp, Alles wäre besser
geworden.

Beruhigen, erholen, pflegen Sie sich, betrachten Sie dies Haus als das
Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle
Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den
Geschäften sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie
unser junger Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen
Brief an Graf Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen,
wenn ich über ihren Liebling eine günstig lautende Nachricht hinzufügen
kann. Du, liebe Frau, besorge droben Alles nöthige, so gut du’s hast. –

Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin
zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in
demselben Gemach gesessen, wenn es draußen stürmte, so wie jetzt.
Weithin standen die Wiesenflächen unter Wasser, das Dorf und Kastell
gleich einer Insel, die Ströme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die
Maas hatten ihre Betten überschritten, selbst die Dämme waren bedroht;
ohne Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an
einzelnen Stellen waren in der Allée schon beträchtliche Rinnen, die das
mehr und mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende
Stunde drohte sie noch größer zu machen.

Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth. Schon
war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden, welche
Fülle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier hatten
sie beisammen gesessen, hatten Pläne geschmiedet für die Zukunft, deren
schönster der war, daß Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit der
Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in
Rosendael wohnen in dem schönen Herrenhaus mit seinen herrlichen Gärten
und Parken. Was ließ sich nicht Alles an diesem thun, wenn der Geschmack
und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten Menschen hier
schaffend thätig war? Da sollte Angés bei ihm wohnen, seine liebe,
treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich naturgemäß
entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen Wunderblume,
welche die Kunstgärtner die Königin der Nacht nennen. Ach, das waren
schöne Träume gewesen!

Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen worden
von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne
Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das
Schachspiel die Gedanken zu ernstem Nachsinnen hingelenkt, jenes
bedeutsame »Spiel der Könige« mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war
vorüber, und Leonardus van der Valck saß jetzt in ungleich anderer Lage
und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind
erschütterte mit heftigen Stößen den Thurm, und dumpf mischte sich mit
seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend
überfluthenden Gewässer, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen
Dörfer, Gehöfte und Schlösser herausragten. Leonardus öffnete
erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor
vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie
keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte.

Ludwig schrieb: »Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam habe
ich so viel erlebt, daß ich das Meiste und Beste auf die mündliche
Mittheilung versparen muß, denn ich kann unmöglich diesem armen Papiere
anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hände geht, was mein Inneres
voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb mit
diesen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben
sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder
umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von Plymouth
an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut unterzubringen und
für den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich reiste tiefer in
das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur geschmückt, Park
an Park; ich fand überall schon vorbereitete gute Aufnahme, fand
geistvolle Verwandte, fand mich in die höchsten Kreise gezogen, und fand
endlich das Allerhöchste, was mein Herz mit nie gekannten Gefühlen
erfüllte, es in Seligkeit schwelgen ließ, Alles auf Erden mich vergessen
machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde, selbst
meine Großmutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur mit
leisem Flüsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare
Geheimniß dir vertrauen, und selbst dir nur halb.«

Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird
er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken,
nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen
pflücken, die im irdischen Eden seiner Liebe blühen!

»Und doch, Leonardus! Bei dieser Fülle von Glück kann und darf ich nicht
länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten
Rücksichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer
wankende Gesundheit die Rückkehr nach dem Festlande.«

Wie – er liebt, er betet an, wie diese glühende Sprache seines Briefes
bekundet – und will doch fort, aus zartesten Rücksichten? Das ist mir
ein Räthsel! sprach Leonardus zu sich selbst. – »Die hiesige Luft, so
sehr sie gepriesen wird, ist meiner Gesundheit ganz und gar nicht
zuträglich, und was die Seeluft betrifft, so mag ein empfänglicherer
Sinn, als der meine, dazu gehören, deren Einwirkung auf den kranken
Organismus wahrzunehmen. Ich sehne mich nach deutscher Luft, es wird mir
nirgends wohl werden, als in der deutschen Heimath. Leider kränkle ich
immer noch, trotz all’ der freudigsten und wohlthuendsten Erregungen,
die mir in England, in London und auf all’ den herrlichen Landsitzen zu
Theil wurden. Ich möchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das
an, einem deutschen Arzt anvertrauen; man hat mir Starke genannt,
welcher ein berühmter Arzt in der kleinen sächsischen Universitätsstadt
Jena ist. Ueberhaupt hörte ich stets vieles Gute von den kleinen
sächsischen Städten und Höfen; humane und gebildete Fürsten regieren
dort ihre Länder; gründen, fördern und erhalten Anstalten für
Wissenschaften und Künste; legen zu diesen Zwecken bedeutende Sammlungen
an und vergönnen deren belehrenden Genuß und Gebrauch ihrem Volke;
während, was hier die Herzoge und Lords sammeln, gleichsam vergraben
wird und ärger gehütet, als das goldene Vließ zu Kolchis. Ich denke es
mir sehr angenehm, einmal in dieses Herzland des heiligen römischen
Reiches zu reisen, ein Reich, von dem wir keine rechte Idee haben.
Hoffentlich wird mir dort wieder wohl, und vielleicht finde ich den
inneren Frieden, der mir, selbst im Schooße des Glückes, noch mangelt.
Ach, wie hat mich in England das rastlose Ringen und Streben der
Vornehmen nach Erreichung politischer Zwecke gedrückt und unangenehm
berührt – selbst meine Munterkeit litt darunter; was ich ersehne, mein
Leonardus, das ist Stille, das ist Einsamkeit, wie die Großmutter mir
beim Scheiden sagte: Glaube, daß die Einsamkeit wunderköstliche Stunden
gewährt.«



8. Die Gabe der Mutter.


Der Eintritt Windt’s unterbrach Leonardus im Weiterlesen, und dieser
theilte nun dem redlichen Freund die Besorgnisse mit, welche Ludwig in
Bezug auf seine Gesundheit aussprach, so wie die herzlichen Grüße, die
der Brief an das Haus Doorwerth und dessen Bewohner enthielt. Der Graf
schrieb weiter: »Wüßte ich dich, mein lieber Leonardus, in Amsterdam zu
finden, oder in Doorwerth, so käme ich noch einmal dorthin, und würde
mit Sehnsucht den Augenblick erwarten, der uns wieder vereinigte, um dir
so recht herzlich für alle mir erzeigte brüderliche Freundschaft zu
danken. Den geraden Weg von Kastle Chatsworth, einem Schloß des Herzogs
von Devonshire, wo ich jetzt weile, über London nach Hamburg scheue ich;
er ist mir zu lang; vielleicht ermittelst du mir einen Ruhepunkt aus,
ich werde einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich äußerst freue.
Möchte ich doch von dir, von Windt und auch über das Geschick meines
Vetters, des Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Aristokratie
Alt-Englands schätzt meinen Vetter außerordentlich hoch wegen seiner
treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und dessen Söhne, die beiden
Prinzen, und ich freue mich, ihn so hoch geachtet zu sehen. Wüßte ich
ihn nur frei und in besseren Verhältnissen; seine Lage macht mir
schweren Kummer. Unser Windt wird wissen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt
lebt, und wie sie sich befindet. Mein Gedanke sucht sie bei der
Großmutter in Hamburg, doch vielleicht hat das Geschick ihres Gemahls
für sie einen anderen Wohnort zur Folge gehabt. Noch werden die
Schlösser Varel und Kniphausen öde stehen – ich möchte wieder einmal
dort sein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach – wo möchte ich nicht
alle sein! Und doch habe ich keine Wünsche, die in das Schrankenlose
hinausschweifen, ich glaube vielmehr, daß ein beschränktes Verweilen an
einem bestimmten Ort meinem Geist besser zusagen wird, als das
Umherschwärmen von Lande zu Lande. Meine Natur scheint mehr zur
Abgeschlossenheit sich hinzuneigen, obschon ich die Menschen liebe und
gerne recht Vielen Gutes erzeigen möchte.«

»Du glaubst nicht, lieber Leonardus, wie unruhig mich der Gedanke macht,
daß ein Hinderniß für mich eintreten könnte, wieder bei euch zu sein,
und wie ein Wiedersehen mit dir und Windt sich am Besten herbeiführen
ließe, ohne euch zu belästigen, und mir zu viele Zeit zu rauben.
Allerlei Pläne gehen mir im Kopfe herum. Der Großmutter habe ich bereits
meine baldige Ankunft in Deutschland gemeldet; sie, die erfahrene Frau,
wird mir am Besten rathen, was ich thun soll zur Wiederherstellung
meiner Gesundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man sonst
häufiger bei Frauen, als bei Männern findet, zumal bei jungen.
Unregelmäßiges starkes Geräusch ist mir sehr zuwider, üble Gerüche,
überlaute Reden, Gezänk, das greift mich Alles an; regelmäßiges
Geräusch, wie das Rauschen der Mühlräder, der Donner der Wasserfälle,
die Klänge der Orgel, macht mir eher Vergnügen; hoffentlich wird die
Ueberreiztheit, die mein Wesen oft bis zu einer krankhaften
Empfindlichkeit steigert, sich ja wieder heben lassen, und ihr, meine
Freunde, werdet Geduld mit dem Halbkranken haben.«

»Vom Leben in England ließen sich Bücher voll Mittheilungen schreiben,
darüber mündlich; über das politische Verhältniß Englands gegenüber den
übrigen Mächten Europa’s ist mir hier im Lande die Gewißheit und
Ueberzeugung geworden, daß es das bestregierteste Land unter der Sonne
ist. Wie die tausend und abertausend noch so verwickelt
zusammengesetzten Maschinen Tag um Tag, oft auch Nacht für Nacht ihren
geregelten Gang gehen, so das große Getriebe der Staatsmaschine. England
ist die einzige Macht, die in ihren Grundsätzen fest und
unerschütterlich beharrt. Im Lande nimmt Niemand wahr, daß England
Kriege führt, da geht stets Alles seinen ruhig geregelten Gang. Nur die
Theurung ist fühlbar, freilich zuletzt auch mehr für den an hohe Preise
für alle Bedürfnisse nicht gewöhnten Ausländer, als für den Inländer,
der es nicht anders weiß, und dessen Einnahmen zu dieser Theuerung im
geeigneten Verhältniß stehen. Manche Unannehmlichkeit drängt sich dem
Ausländer, zumal dem Deutschen, auf, dennoch verlasse ich England mit
hoher Achtung vor seinem Staatsleben, seinem Volke und seiner
Betriebsamkeit. Die Vervollkommnung der Dampfmaschinen ist in einem
riesenhaften Fortschritte begriffen; denke dir, man trägt sich jetzt mit
der Idee, auch Schiffe zu bauen, welche, statt durch Segel und Ruder,
blos durch Dampf getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles
übertreffen und das Unglaubliche leisten sollen. Es wird damit wohl so
schnell nicht gehen, die Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber
kann wissen, wohin der Fortschritt auf seinen Riesenflügeln den Geist
der Erfindung trägt?«

»Lebe wohl, mein Leonardus, und schreibe mir unter der beigelegten
Adresse, sobald du diese Zeilen empfangen hast.« –

Dieser Brief hätte mich lange suchen können, sprach Leonardus mit einem
Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie hätten denselben nach Paris
gesandt, ich komme nicht von Paris, und wäre der Brief mir von dort aus
nachgesendet worden, er würde mich schwerlich gefunden haben. Was ist
Ihre Ansicht, lieber Herr Windt? Was können wir thun, um dem Wunsche
Ludwig’s zu entsprechen?

Erst ruhen Sie sich bei uns aus und pflegen sich, mein verehrter Herr
und Freund! entgegnete Windt. Sie sind leidend, ich sehe es Ihnen an,
Sie sind kränker als mein guter junger Herr Graf, der ist nur ein
#malade imaginaire#. Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle
sein! Beim Kreuz! da würde ihm das Kranksein, Siecheln und Süchteln
gleich vergehen! Bin auch krank gewesen, war ganz auf dem Hund – aber
die Unruhe bei Tag und Nacht hat mich wieder gesund gemacht. Wenn der
junge Herr nicht tüchtige Arbeit bekommt, so weiß ich nicht, wie er das
Leben ertragen will. Gottes Gnade hat mir im letzten Winter eine
Gesundheit verliehen, für die ich nicht genug danken kann, nie aber
brauchte ich dieselbe auch nothwendiger, doch fange ich an mich unwohl
zu fühlen, mein Lebensschiff muß einmal frisch kalfatert werden – eine
Erholungsreise thut mir Noth. Ich wollte nach Pyrmont, hat sich was! –
Die Kaiserlichen haben mir meinen Sparpfennig abgepreßt, kann also nicht
hin; auch brenne ich danach, das Geschäft meiner Gebieterin mit ihren
Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich mich nicht ruhig
niederlegen, ich bin nun einmal so. Wir wollen miteinander nach
Amsterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf Ludwig auch kommen,
der Erbherr sitzt nicht mehr in Woerden, sondern ist nach Muiden
gebracht worden. Mir ist noch gar nicht wohl bei der Sache; die
Untersuchung wird streng geführt, der Rathspensionär van der Spiegel,
der tapfere Admiral van Kinsbergen und unser Erbherr sind
Leidensgenossen, und wir haben Terroristen im Rathe der Generalstaaten
sitzen. Ich habe Nachricht, daß die Gefangenen entweder nach Amsterdam
oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darüber bald
Entscheidung verschaffen, nur kann ich hier nicht gut abkommen, so lange
noch französische Einquartierung hier liegt, denn es ist in der ganzen
Herrlichkeit kein Mensch, der Französisch spricht, und Niemand kommt so
gut als ich mit den Franzosen zurecht.

Sie erwähnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was ist das für ein
Kurort? fragte Leonardus.

Einer der besten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeister. Dieser
Badeort vereinigt Stahl- und Soolquellen, die Ersteren übertreffen alle
Stahlbrunnen Deutschlands, das wäre auch gut für unseren jungen Freund,
Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenstärkend und belebend, er verjüngt,
deshalb wollte ich hin, und Sie sehen mir gerade darnach aus, als ob
Pyrmonts Quellen auch Ihnen Stärkung und Genesung wieder geben könnten!

Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiseplan, und als sie
ihn gefaßt hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte,
gegen die Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er
Einen von ihnen oder Beide, und im schlimmsten Fall, bei Verhinderung
wider alles Verhoffen, wenigstens Briefe vorfinden.

       *       *       *       *       *

Es war ein schmerzliches Scheiden zwischen Mutter und Sohn. Georgine
fühlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die
Nothwendigkeit, daß ihr Geheimniß verschleiert, ja begraben bleibe, sie
konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei sich behalten,
sie mußte ihn von sich lassen, mußte den bitteren Kampf kämpfen und ihr
Mutterherz stark machen. Sie sprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte
verschwiegene Stunde nahte, in welcher Mutter und Sohn noch einmal
weinend ihre theuersten Gefühle aussprachen.

Zuletzt sagte die schöne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine
Entschädigung schuldig, mein Sohn, dafür, daß du die Mutter in der
schönsten Zeit entbehren mußtest, in der dem Kinde der Besitz einer
geliebten Mutter ja Alles ist, und das ist eine Schuld, die ich niemals
ganz abtragen kann; aber Etwas mußte ich doch für dich thun, es war
meine heilige Pflicht. Deine Großmutter liebt dich innigst, und gewiß,
ihr lebhaftester Wunsch ist, dich einst reich und glücklich zu wissen;
wohl möchte sie dir Etwas von deines Vaters Erbe zuwenden, aber sie kann
und darf es nicht, wenn sie nicht durch offenes Aussprechen unseres
Geheimnisses mich blosstellen und dich dem Hasse deiner Verwandten offen
Preis geben will. Dein Bruder, der Vice-Admiral, der es nie erfahren
möge, daß du sein Bruder bist, ist ein braver Mann, aber nicht frei von
Eigennutz, auch hat er zunächst Verpflichtungen gegen die Seinigen; er
würde dir bitter zürnen, wolltest du Ansprüche an ihn erheben, zu denen
dir kaum ein Recht zusteht, da es das Unglück so gefügt hat, daß dein
theurer Vater vor unserer Vermählung mit Tode abging. Du wirst William
noch näher kennen lernen, er ist minder edel, als der Erbherr. Des
Kaufes von Doorwerth entschlage dich und warne deinen Freund, nicht die
Halmen seines Vermögens in das Schuldenmeer deines Vetters zu
schleudern, die den Sinkenden doch nicht oben schwimmend erhalten
können; übernimm nicht die schwere Bürde der Bürgschaft für Andere
gegenüber deinem redlichen Freund, damit du es nicht bist, der ihn um
das Seine bringt, damit nicht aus Freundschaft Feindschaft entstehe. Was
die Großmutter noch für dich thun kann, wird sie thun, ich aber
bezweifle, daß es Viel sein wird, sie hat schon gar zu viele Schenkungen
gemacht, welche ihre dereinstige Hinterlassenschaft bedeutend schmälern
und wegen deren es an langwierigen Processen nicht fehlen wird, die sich
über ihrem Grabe so endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe
der Herbstspinnen auf einem Stoppelfelde. Dich glaubte sie recht
glücklich zu machen, sie dachte dir die Nutznießung der Tremouille’schen
Renten zu. Die gute Großmutter! – Sie konnte die Revolution nicht ahnen,
sträubte sie sich doch mit aller Starrheit, an dieselbe nur zu glauben,
wie sie schon da war, sonst hätte sie wohl früher einsehen lernen
können, daß jenes ganze große Kapital sammt allen Zinsen
unwiederbringlich verloren ist. Doch ich will nicht, daß mein Sohn, der
Sohn meiner ersten flammendsten Liebe und unendlicher Schmerzen, leer
und blos in die Welt hinaus gestoßen werde, ich habe gethan, was ich
thun konnte und was ich thun mußte. Empfange, mein Ludwig, dieses
Patent, das mir der König auf meine Bitten bewilligt, denn ich darf mit
Stolz sagen, König Georg der Dritte von Großbritannien ist mein Freund,
seine Gemahlin, die Königin Sophie Charlotte, die den Vornamen deiner
Großmutter trägt, ist meine Freundin, dieses Patent erhebt dich in die
Baronetage von England und ertheilt dir historisch den Ritterschlag mit
dem Zurufe: #»Rise Sir!«# Stehe auf, Herr! – Diese Documente bestätigen
dich in dem Besitz der Baronie Versay, deren Ertrag deine Zukunft
sichert, und ich habe alle Verfügungen bereits getroffen, daß diese
Renten dir sicherer und gewisser zugehen, als jene leider verlorenen des
edeln Hauses de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Besitzthum, und
geht auf deine rechtmäßigen Erben über; bliebest du hingegen ohne Erben,
so fällt ihr Besitz zurück an die Meinen. Es steht dir frei, wo du auch
weilest, dich Graf von Varel oder Baron von Versay zu nennen; das gilt
von jetzt an ganz gleich, du kannst auch beide Namen vereinigen. Es
steht dir ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden.
Das Weib deiner Liebe wird deine rechtmäßige Gemahlin, sei sie aus
hohem, sei sie aus geringem Stande, nicht ein Fürst braucht sie zu
adeln, du wirst es sein, der sie erhebt, wenn sie nicht aus adeliger
Familie ist. Frauen bedürfen in Albion keiner namhaften Ahnen, weil –
fügte Georgine lächelnd hinzu: der Stammbaum einer jeden in den Himmel
hineinreicht.

Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Fülle von Güte und
Liebe überschütten Sie mich! Wie zeigt Ihr großes Herz mir den Himmel
offen, aus dem Sie abstammen, ach, nur einen seligen Augenblick, da sich
mir dieser Himmel so schnell und wohl auf immer verschließt.

O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum so düstere Gedanken? entgegnete
Georgine, fest des scheidenden Lieblings Hände in den ihrigen haltend.
Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Einst komme ich, und finde dich
glücklich an der Seite eines treuen deutschen Weibes, und sonne mich an
deinem Glücke – dann wohnst du still und waltest in ruhiger
selbsterwählter Thätigkeit an einem Orte, wo mich Niemand umspäht, wo
ich Mutter sein darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung
ahnet, wer eigentlich die alte Frau ist, die dich besucht und eine
Zeitlang bei dir weilt.

Ludwig knieete zu den Füßen seiner schönen Mutter nieder; die herrliche
Gestalt beugte sich über ihn, küßte und segnete ihn, und da er, von
Schmerz fast gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob sie ihn mit
kräftigen Armen und rief: #Rise, Sir!# _Erhebe dich, Mann!_ umschlang
ihn noch einmal mit aller Flammenglut ihres Herzens, küßte ihn noch
einmal und noch einmal, dann enteilte sie und sah ihn nicht wieder. –

Leonardus hatte sich im Hause der Freunde erholt; es kamen schöne Tage,
und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Stürmen, die über
Doorwerth dahin gebraust waren, obschon diese Ruhe freilich noch immer
keine dauernde war.

Windt und Leonardus nahmen für eine Zeitlang herzlichen Abschied von der
braven Hausfrau und traten ihre Reise an. Das Land jubelte, aller Orten
wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede.

Lieber Gott! sprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht, als
die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geschlängelten Laufe des
schmalen »krummen Rheins« folgten, durch reizende Fluren, durch die der
wahrhaft mäanderische Fluß sich schlängelnd wand, vorüber an den
herrlichsten Lustschlössern, Gärten und Parken, in denen die
niederländische Gartenkunst ihre höchsten Triumphe feierte und die des
Krieges rauhe zerstörende Hand zum Glück unberührt gelassen hatte –
lieber Gott, wie die Leute über den Frieden jubeln! Wie lange wird er
denn dauern? Ungleich vernünftiger wäre es, keinen Krieg zu beginnen und
der Länder und der Völker Loose nicht auf ein maßlos ungerechtes Spiel
zu setzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des
Krieges sich die Länder verbluten? Seuchen reißen ein, die Menschen
sterben wie die Mücken; fünfundzwanzigtausend fremde Hungerleider müssen
wir täglich sättigen; Doorwerth muß doppelte Schatzung zahlen, als wenn
es nicht schon doppelt und dreifach und zehnfach geschätzt worden wäre!

In Utrecht ließ es sich der wackere Mann gleich nach der Ankunft
angelegen sein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des
Erbherrn zu erfahren. Er begab sich, während Leonardus im Gasthaus
zurückblieb, zunächst in das Haus, das der Graf Johann bewohnte. Es kam
ihm ein flottes Bürschchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mütze mit
der dreifarbigen Cocarde der Republik, nöthigte ihn in das Zimmer und
fragte höflich: Was wünschen Sie, Bürger? Wünschen Sie Wein oder
Liqueur, Curaçao, Extrait d’Absynthe, Eau de Genever?

Windt sah den Mann groß an, ob das Gastfreundschaft sein sollte, oder ob
er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er sah sich in dem Saale um,
da stand noch das Prachtmobiliar, das einst auf seine Bestellung in
Hamburg gefertigt und dem Enkel bei dessen Verheirathung von der
Großmutter zur Aussteuer gesendet worden war; auf dem schönsten
Sammt-Polsterstuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfänger, mit einem so
ächt confiscirten Gesicht, als nur irgend ein Rattenfänger haben kann,
und knurrte den Gast, in welchem er den Aristokraten sogleich
herauswitterte, grimmig an.

Nicht das Eine, nicht das Andere wünsche ich, Bürger, erwiederte Windt:
ich wünsche den Hausherrn zu sprechen.

O, die nicht sein hier – gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden
sein hier, ich nicht werden sein hier, #il est emigrée# – sie sind
gegangen fort. Ich aben die Err su sein #un Vivantier, si voulez vous de
vin, ou si voulez vous des liqueures.# Von die slecht #emigrées# weißen
ik nix.«

Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des
Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher
eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll
französischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden.

Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus
seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den
Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen
verändertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die
Mühen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflüsse der Witterung und
suchte die Besorgniß seiner Mutter soviel als möglich zu zerstreuen.
Windt besorgte alle seine Geschäfte in Amsterdam, ging nach der
vormaligen Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er
zum Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus binnen
vier Tagen habe geräumt werden müssen, daß man das Mobiliar des Erbherrn
gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts
wisse.

Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal der
tausend Säulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man
fleißig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und über
die Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie überall, nämlich so,
daß die Weltgeschicke sich nachträglich ganz anders gestalteten, wie die
politischen Kannegießer sie prophezeiten.

Windt hatte ein niederländisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte
die Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt!

Was gibt es, was haben Sie? fragte gespannt Leonardus.

Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles
verrathen! Da muß der Donner hineinfahren!

Darf ich nicht erfahren –? fragte Leonardus.

Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den Plan
verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt’ ich ihm
umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte
Jener, und flüsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte
darum, auch Fluit wußte darum; dieser befehligt jetzt, weil England den
holländischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des
Erbherrn, die schöne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die
Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen,
Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild,
andere Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor
Muiden in der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht
entkam, aber ohne die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um
ihnen das Entwischen schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein
gottverdammter Schwätzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus,
ehe sie erfolgt war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese
Anzeige, die das Uebel nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch
strenger macht, und auf’s Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schärft. Da
lesen Sie!

Leonardus nahm das Blatt und las:

    »Bericht an das Publikum.«

»Da wir es als eine unserer ersten und vornehmsten Pflichten betrachten,
der Wahrheit so viel als möglich zu huldigen und einer offenbaren und
ehrlosen Lügenmäre mit aller Verachtung, welche dieselbe verdient, zu
begegnen, so können wir nicht anders als höchst entrüstet über den
Inhalt eines gewissen Schandlibells sein, das man ohnlängst verbreitet
hat, und worin gesagt wird, »daß auf die Vorstellung des französischen
Gesandten der Ex-Rathspensionär van der Spiegel und der van Rhoon,
Ex-Oberamtmann von dem Haag, für unschuldig erklärt wären, ihre Freiheit
wieder erhalten hätten und mit einer Jacht aus ihrem Gefängniß zu
Woerden oder Muiden abgeholt worden seien«. Wir sind von hoher Hand
unterrichtet, und vollkommen versichert, daß diese Zeitung von allem
Scheine der Wahrheit entblößt ist, ihren Ursprung nicht verläugnen kann,
und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes
schroff hervortretenden gewinnsüchtigen Absichten aufzuopfern und die
schnödeste Arglist ins Werk zu stellen, um den besseren Theil der Nation
irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemüthern hervorzurufen, und
Mißtrauen im Busen gegen ländliche und städtische constituirte Mächte
und deren Verhalten zu wecken. Es ist hohe Zeit, solcher Menschen
Handlungen öffentlich aufzudecken, und mit den schwärzesten Farben sie
zu schildern, da sie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr
anzufachen, die gute Ordnung umzustoßen, die Gesetze kraftlos zu machen
und sich, in Mitten der Parteien und der Empörung, über die sie sich
heimlich erfreuen, die verkehrte Begeisterung einer verblendeten Menge
zu Nutzen zu machen, um ihren ehrlosen Zweck zu erreichen und ihre
eigene Größe auf den Steinhaufen einer zertrümmerten Republik zu
befestigen.«[12]

    [Fußnote 12: Wörtlich: #de verkeerde geestdrift van eene
    verblinde menigte ten nutte te maken, om hun eerloos doel te
    bereiken, en hunne eigene Grootheyd op de puinhoopen van eene
    verbrysselte Republik te vestigen.#]

Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine
Zeitungstirade von einem holländischen enragirten Parteimann, und
darüber können Sie sich ärgern? Was hätten diese #Mannekins#, wenn sie
nicht fort und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen
absetzen könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und
ganz Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris
lieber geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel
und Hagelschlag, daß es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch
wieder gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieses Kerlchen von
einem Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich
entkommen wären, da es jetzt schon bei der bloßen falschen Nachricht
solch ein Geschrei erhebt?

Das ist’s nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt
verstimmt; sondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht
spreche, weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln
wird.

In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch
an demselben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem
Haag abgeführt worden seien, und schon der folgende Morgen fand beide
Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schöne und reiche
Stadt ohnehin ihr Reiseziel war.

Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits angekommen
und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und Leonardus ein
Austausch der innigsten und zärtlichsten Gefühle, während Windt darauf
gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war, sogleich
Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf sein Ziel
schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der
Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht,
welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame
nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung,
bei der Frau Gräfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer
des Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in
Briefen an die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn
eine ziemliche Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen
Schuldner so sanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu fassen und
ihm das Versprechen abzunöthigen, baldigst zu zahlen. Auch Gräfin Lynden
erhob große Klage darüber, daß Doorwerth so entsetzlich verwüstet sei;
Windt lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame
mit den Augen, und hütete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage
den Herrn von der Park in seinen guten Vorsätzen wankend zu machen.

An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt’s
hauptsächlichste Frage.

Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken,
ward ihm zur Antwort.

Ich muß ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete Windt
mit Bestimmtheit.

Versuchen Sie’s auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach
Gräfin Lynden. Die Wächter sind unbestechlich.

Fällt mir auch gar nicht ein, diese braven Bürger der batavischen
Republik in Versuchung zu führen, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit
Geld zu Bestechungen versehen.

Ehe eine halbe Stunde verging, seit Windt vom Tische der Gräfin weg war,
stand er schon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Diese Herren
hatte doch noch das Bürgerregiment gelassen, obschon der Titel vielen
tausend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im Auge
war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem er
seine Persönlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe
den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos
über Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein muß, im Beisein von
Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu
sein, und möchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu
reisen, wo dieselbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen.

Die hochmögenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar
kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissäre
Bürger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten
Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste
Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müssen, eine gedruckte
Erlaubnißkarte.

Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine schreckliche.
Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von Oranien inne
gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stückchen auf der
Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu ihm
eintrat, und war vor Erstaunen außer sich, als er den alten Bekannten
erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anständig ausmöblirt, auf einem
Tisch lagen Malergeräthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem
anderen befanden sich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten
redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen
Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase köstlichen Kapweins.

Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt – scherzte der Erbherr, und
winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch große
Tugenden besitzt.

Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf
dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren,
weil Sie nicht mehr so wie früher gleich einem Seeraben umherschweben
können, aber ich sehe schon aus Allem, daß Sie guten Muthes sind, und
das ist sehr viel werth, denn ein alter Lateiner soll gesagt haben: Mit
gutem Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt.

Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein
alter Grieche, hieß Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Großes
kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und
wäre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie
mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Großmutter, von
meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig?

Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir
holen den Grafen ab, er fühlt sich leidend und sehnt sich nach
Deutschland.

Zur Großmutter, kann mir’s denken!

Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewußt ist,
wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen
genesen.

Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lächeln. Alles
leidend – Sympathie schöner Seelen!

Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rüstigkeit ihre Tage
fortzuleben, sie schreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder
meine Schwester schreiben, und kapitelt mich häufig sehr ungnädig ab,
während ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Güter in gutem Stande
zu erhalten.

Was wird es mit Doorwerth?

Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß so oder so ein
Ende nehmen; längeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Für
Doorwerth muß Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene
unglückliche Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden.

Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller
Gemüthlichkeit die Gläser wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann
bin, daß ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann.
Richten Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer besten Einsicht
ein. Ich habe außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er
betonend und mit einem Wink auf den Aufseher hinzu. Meine Lage, die
jetzt leidlich scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht
unmöglich, daß ich dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz
erschossen zu werden. Meine Schriften liegen sämmtlich unter Siegel; aus
ihnen würde man vielleicht mildere Urtheile über mich gewinnen, allein
man untersucht sie zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der
National-Convent organisirt ist, und dann – nun, wie Gott will! Man wird
mich als einen Mann finden!

Als einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, bestätigte tiefbewegt der
Haushofmeister.

Ich muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht
hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen!

O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund
schlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer
deutscher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heillosen, wollte
sagen, theillosen Republik. Müsset meiner Sprechart was zu Gute halten.
Ich schwör es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten
Respect!

So laß’ ich’s gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu
verstehen, die in diesen Worten lag.

Windt drängte, was er zu sagen hatte, in geflügelte Worte zusammen;
gute Wünsche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in
der nächsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu
ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen könne, dorthin zu
reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo
die Reichsgräfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt
bereits in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr
ohne Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten.

Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm
an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen,
abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen
Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert
zu haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher
Unterhaltung auf einem ihrer Zimmer.

Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzählung von Dem schuldig
geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans
verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der
ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jüngst zu Doorwerth
angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemüthlichen Plauderstunde
für Windt und Leonardus die unvermeidlichen holländischen Thonpfeifen,
und als der köstlichste Tabak das Zimmer durchduftete, begann Leonardus
seine Erzählung.



9. Die Abenteuer des Leonardus.


Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und
unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz
vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei
ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen
Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege
über sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es
mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal
nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich
glaube jetzt, daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund
Windt, mir deßhalb die Ehre nicht an, mich für einen neumodischen
Philosophen zu halten, ich habe nie ein philosophisches Buch gelesen,
ach, es bedarf der Bücher nicht, das Leben dictirt uns seine
schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hinein. Ich
stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rhein; ich war wieder
Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in Amsterdam, bei dem ich
mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender Compagnon,
eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in kriegerischer
Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr, besonders in
Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen Zufuhren
stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen sich die
alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen; ich war
daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen, und
gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer
noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu können, bedeutende
Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr
billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake
zu einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann.
Meine Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu
Statten. Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den
blutigsten und grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen,
und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der
Reaction unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es
auch an den beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus.
Den Rhein solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner
Schönheit! Der schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist
freilich dagegen nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize
der Natur achten zur Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle
Städte, alle Dörfer und Höfe mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz
war Kriegsschauplatz geworden, die ich so ganz verändert und von Heeren
überschwemmt wiedersah. Mein liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst
Hand in Hand mit Angés das süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens
genossen hatte, war im Spätherbst des vergangenen Jahres nach den
Schlachten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen
und Sachsen bei Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum
Sammelplatz des geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend
Mann verloren hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt,
drängte es seine Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich
erschien im Elternhause Angé’s in Zweibrücken, welche Stadt französische
Besatzung behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine
willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé’s Unglück
verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein
verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau
Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja
Ihrer Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen
eigenen Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so
weit solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu
bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück
daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und
strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach
Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll
Zärtlichkeit an ihr, und eine Fügung war’s, gewiß eine wunderbare, daß
ich ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage
zu werden.

Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür
zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre
gleich in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine
so weite Irrfahrt gemacht.

Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder
Berthelmy’s Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu
entgegen gefahren.

Ich will es glauben, versetzte Angé’s Mutter, und ich fragte sie nun: Wo
lebt jetzt Angés?

Ich weiß es nicht!

Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht,
verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu
viel weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter
mein ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im
Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen.

Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie
mir dies zu verbergen, und fragte auf’s Neue: Was wollen Sie von Angés?

Ich komme von le Mans!

Haben Sie Berthelmy’s Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit
leuchtenden Augen.

Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer
gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr;
der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen
aller Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden,
Niemand frage danach.

Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau.
Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns
Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns
nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:

    Eine feste Burg ist unser Gott,
    Eine gute Wehr und Waffen,
    Der hilft uns treu aus aller Noth,
    Die uns jetzt hat betroffen!

Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!

Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu
beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern
einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie
ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe
nicht, seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal
fragen, sie und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird
mein Loos gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde,
ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!

Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch, das
Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes
niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich
Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.

Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds.

Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und Hagenau
nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr und
Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte und
wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich aufgenommen
hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer Bretterwand,
und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im
anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei
Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in
französischer Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt
vor; ich verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres
Gespräches zu erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich
selbst berühren würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher
tagte es in mir, diese eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich
ihren rauhen Klang gehört, und doch hatte er sich tief in meine
Erinnerung eingeprägt. O ich beklagenswerther Mann, die geliebte Angés
suchte ich – war ihr schon nahe – und fand – Berthelmy – und Berthelmy
war es, der nahe bei mir gegen seinen Gefährten zornvoll und erbittert
über Angés sprach.

Ausgemittelt hab’ ich’s endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der
falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten,
wenn sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand
bietet, das Netz des Verderbens um die niederträchtigen
Vaterlandsfeinde, die sich hier auf deutschem Boden verborgen halten, zu
schlingen, und denen sie sich dienstbar gemacht hat noch obendrein!

Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner
eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen
hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns
lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein
Schüler, mußt mir gehorchen.

Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die
Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle
Parteiung und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht
so gewesen, wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!

Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du
bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine
gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst,
auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig
sein.

Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? –

Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in
kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie
wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und
hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit
als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen
Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre
Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo
diese willkommen war und erwartet wurde.

Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an
Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor, daß
er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum
Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an
jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben
vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen,
zufällig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich
angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und
Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine
Angés ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß
Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand,
auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde
ich von meiner angestrengten Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die
Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich
anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mußte daran
gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr möglich
war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn
fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen
war, und der mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen
und in Haft zu nehmen.

Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer
die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren
noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher
Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht
nahen; ich umkreis’te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer
Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde
weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde
Unterricht in Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter
Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch,
und der Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl
that mir diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht
haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen
Fluren am Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge
Deutschlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so
einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr
Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die
Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führten,
stets im Auge behielt; dabei spähte ich fleißig umher, ob ich nicht
etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und still.
Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hause im
sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; sie traten
heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich schönen Sylphen, welche
ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich im Tagesglanze
umherzuschweben.

Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah
ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen
Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der vom
Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen
trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes. Ich nahm
einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein
Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als ich aus
diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis
jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener
entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn
Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach dem
Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere,
als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine
Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun
ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und
das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle
und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy?
Kennst du deinen Mann nicht mehr?

Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig:
Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den
ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich
ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!

Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O
vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!

Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!

Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von
allen Bergwänden des Thales zurückhallte.

Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu
tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten
Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich
sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit
brechendem Blick: Leonardus! Leonardus!

Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf
mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er
rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun
versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes,
der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug,
daß er nieder taumelte.

In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte den
lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten
Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig
zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha!
das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu
Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener
Hunde, die mich fingen und in’s Wasser warfen! Sollst an mich denken,
Hund! – Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.

Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung
Leonardus’ die Freunde aus.

Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und
drückte dem Freund bewegt die Hand.

Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der
schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er
dann fort:

Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich in
einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und
blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein
verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern,
auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß
keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber
dafür war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.

An meinem Schmerzenslager saß der alte Diener, den ich bei Angés
erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so
wie ich dies zu thun versuchte, kam Blut.

Nur langsam besserte sich’s mit mir; nur langsam heilten die Wunden, am
längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich
noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden
mahnt und an meinen nahen – Hingang. Dieser mag kommen, wann er will,
ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.

Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte,
kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen
Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren
himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen
Thränen entquoll, der nicht enden wollte.

Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von
Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart
besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich zu
preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese
Seligkeit verdankte.

Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch
folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte
Diener, welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes
gehört, hatte er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite
gestoßen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend,
erfaßte er das Kind, hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem
Dorfe zurück. Angés war ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen
blutigen Kampf zwischen mir und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten
unter den entsetzlichsten Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und
Seelenangst auf sie zugleich ein, und der Schreck warf sie machtlos
nieder, da sie einen Moment später sehen mußte, wie Berthelmy über und
über im Gesicht blutend, taumelte, und mich der tückische Aboncourt zu
Boden riß. Daß der Unmensch mich auf die Brust trat, gewahrte sie schon
nicht mehr.

Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute
vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn
auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst
gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite
niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen.
Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der
Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen
Städtchen herbeirief. Gensd’armen mußten die ganze Gegend nach jenen
Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn
leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese
Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich nicht
in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten wir
uns oft und wußten es nicht zu sagen.

Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy fesselte,
war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein eigen
sein mit Leib und Seele, aber nur – was frommte es mir, und wie lange
hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir
unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth
geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in
Furcht und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und
fort den Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und
nicht um mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war
eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende
göttliche Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt,
ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und
auch auf dich, mein Leonardus.

Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe
dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen
in den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche
ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt
sie zu versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute
des Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen
und lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die
mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die
kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das
Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen
Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging
in jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und
schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen
Stunden kehren nie zurück – können nicht wiederkehren; ich darf und
werde Angés niemals wiedersehen.

Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung
und voll innigster Theilnahme Leonardus’ Erzählung an. Endlich, nach
langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig
den Freund: Und du verließest Angés?

Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung, durch
die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege
befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das
Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte.
Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den
Wäldern, theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu
Tränken gepreßt Wunder an mir gethan.

Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in
glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener
Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres
Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der
verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf
Angés’ Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch
einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe
im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur
Vestaflamme, die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie
eine reine Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem
gealterten Herzen wohlthut.

Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager
stand. Es war Angés’ Hand – ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las:

    »Mein ewiggeliebter Leonardus!«

»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem
Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer
verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene
fordern es. – Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden
einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter
zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll
dein Name sein! In Ewigkeit und für die Ewigkeit deine, nur deine
treuverbundene

                                                     Angés.«

Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste fort
und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog,
wußte mir Niemand Etwas zu sagen – Angés, Sophie, der alte Diener – auch
ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt –
wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie – alle waren fort,
und keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein – ich hatte mein
Weh getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand
sprach zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in
einer fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich
so schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke.

Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen – könnt ihr euch
denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner.
So niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so
hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich
mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und
unfreundliche Begegnung – ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den
ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen
hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich
wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es
war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was
konnte ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte?

Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus’ Züge, und
die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit seiner
Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach
Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo
heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die
gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden.

Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch
wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor er
eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück
wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen,
von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen
den Freunden folgen. –

Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das Schleunigste
vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die
Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und hatten dort die
Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend
mit ihm heiter zu verbringen.

Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war keine
erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen, er
sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch
nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe
gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland
war für den Kranken jetzt nicht zu denken.

Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes
gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft,
ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die
Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja
regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die
Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog,
steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt
werden, um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem
wieder an.



10. Der Abschied.


Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war
außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre
unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt’s, entlud. Die
Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach
dem Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt
lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen
hatte sie geöffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden
geworfen.

Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll!
brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir
Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein
anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter
Mann, ist treu wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß
er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von
Kaisern!

Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein
unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar
nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen.

Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich
Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die
Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der
ganze Mann erkannt!

Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.

#A la Citoyenne Varel# am Jungfernsteig #à Hambourg, franco Amsterdam.#

An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man
Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die
Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck
muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten
ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen?
Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel!
Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens,
und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die
Umschrift? Lesen Sie!

#»Je suis libre!«# las die zitternde Kammerfrau.

#Je suis libre!# fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die
Livrée will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen
Bedienten! Ich will ihm sein #»je suis libre«# anstreichen, ich, sage
ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen
Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Bürgerin Varel!
Bürgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen!

Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders
Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief
wurde mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt.
Gleich im Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die
alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der
Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen
Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine
hohen Verwandten zu schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein
Citoyen – wie ich eine Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe
Windt! Vielleicht will er auch mit mir _theilen_? Ich soll nicht mit
meinem angeborenen und angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat
wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde
führte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über
die närrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein
vernünftiges Wort, aber nicht närrisch ist diese Aufschrift – sie ist
verrückt! Was die Herren französischen Generale über meine gräfliche
Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder
Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein
Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Fürsten,
Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den
Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden
wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder sich
Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die Paduanischen
nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie
– ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur unter den
Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche
Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn
dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!

Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die
Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie
ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie
von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen
und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht
ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle
diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie
bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für
sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so
ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den
Freiheitsbäumen? Hat noch keinen setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt
doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. – Durch
diesen Gedanken versöhnlicher gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem
zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der
Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht
über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfin
von Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Holländer wurde Meldung
gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger
in das Kastell gebracht würden. »Ich bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den
hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar
unter dem Namen #le citoyen d’Autrefér# – denn Doorwerth können sie
nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich habe so viele
Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so viel Zeit,
um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen
Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins
Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern
unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach
Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne
Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne
habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum einigen
Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den
Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest
bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast
täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das
Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem
Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber
hatten ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien
stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen
Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«

»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb krank
ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder
hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend
Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend
Mark Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung,
noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer
Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin
ein sehr empfindsames Gemüth, und fühlt sich nirgend recht heimisch,
nirgend recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt
glücklich zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen
Lebens ganz sicher gestellt sind.«

Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es
gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich
schon als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es
gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne
unsers Calvin, aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je
gegeben, deren Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist,
über die das irdische Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt
ihre Pilgerbahn vollenden. Aber sie sind selten, die auserwählt
Glücklichen und glücklichen Auserwählten, ich und mein Haus gehören
nicht zu ihnen! –

Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und
Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die
Freunde Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich
endlich vergönnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit
seinem nicht minder biedersinnigen, doch höher gestellten Bruder, dem
fürstlichen Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab
er sich im Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont
verzichtete, nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte
lebten, wo ebenfalls heilkräftige Gesundbrunnen der Erde mütterlichem
Schooße entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen
kommen ließ. Selbst jetzt versäumte es sein Diensteifer nicht, die
Nachrichten aus Holland, die er sich dorthin senden ließ, nach Hamburg
zu schreiben, und kein Fürst Europa’s hatte einen so zuverlässigen und
unermüdlichen Geschäftsträger, als die kleine halbsouveräne Reichsgräfin
und Herrin von Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft
Ausflüge in die Gegend, die wohl selbst bis Bückeburg ausgedehnt wurden,
und die Luft der waldigen Gelände, der Anblick malerisch sich
hinziehender schön bewachsener Hügel- und Bergketten wirkte in
Verbindung mit dem so ganz veränderten Klima höchst vortheilhaft auf
Alle ein, selbst Leonardus fühlte sich erleichtert und schöpfte wieder
neue Lebenshoffnung.

Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin,
daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem
Tage vermehre, da die Oranische Partei gegen die Batavische Republik
aufs Neue rüste. »In Osnabrück liegen 1500 holländische Offiziere, die
ihren Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben
bereits,« schrieb Windt, »unter sich die Chargen vertheilt und hoffen
auf den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias.
Auch würde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrück kommen, und das
Schloß daselbst ist bereits für ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen
wir auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück
vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur
von Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach
Holland zurückzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden,
der ihm alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt
keinem Zweifel, daß sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In
der Gegend von Osnabrück steht ein Corps preußische Jäger, ein Regiment
Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrück marschirt, zwei Regimenter
Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin
aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Engländer. Das Alles
ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beistand zu
Lande leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern
Geldern und Ober-Issel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren
Plünderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei
Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche
Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt
nicht blos vollkommene Demokratie, sondern fast völlige Anarchie. Zum
Glück wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten
nichtsnutzen Klubs, Societäten, #Genoodschappen# und dergleichen
gänzlich aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam für das
allgemeine, wie für das besondere Beste wirken wird. Die würdige, weise
und edle Frau Fürstin Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach
Philippsthal, ihrer Heimath, um dort einen längeren Aufenthalt zu
nehmen; ich habe derselben daher nicht Ihrer Excellenz Grüße und meinen
unterthänigsten Respect zu Füßen legen können. Ihrer Excellenz Meinung,
bezüglich des Verkaufes von Doorwerth, Alles auf bessere Zeiten zu
verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich habe der Frau Gräfin
Lynden so zugesetzt, daß sie für die dem Erbherrn geliehenen
fünfzigtausend Gulden einstehen will; davon würde dann der erste Termin
vollends bezahlt werden können. Für den zweiten sehe ich bei den
gegenwärtigen so sehr mißlichen Umständen der Familie, und den
Unglücksfällen und Widerwärtigkeiten, welche dieselben betroffen haben,
allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa
fünfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Gräfin
Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so
bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Höchstdero Füßen der alte
Windt.«

Mit Antwortschreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch Ludwig
eine Zuschrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn später noch ungleich
wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft hängt an
einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und das Wohl und
Wehe seiner Zukunft!

Die alte Reichsgräfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich,
und hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt.

»Du glaubst nicht, lieber Ludwig,« schrieb die Großmutter, »wie sehr mir
das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem Maaß
meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig
zusehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das
Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu
seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe,
wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich möchte noch
einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit
Sammlung alter Münzen vertreiben, sondern ich würde der Länder und
Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich
dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich,
daß deine Eigenthümlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die
Dauer beschreiten ließ, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel
vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung,
Zurücksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas
Hohes, nach dem Höchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben,
selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe
wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut
nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze
Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die
Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den
Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an
den Grafen von Bernstorf, königlich dänischen Gesandten zu Berlin, nicht
minder an den holländischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre
Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von
Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von
Vogel übergeben, welcher jetzt holländischer Gesandter am englischen
Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der
Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem
erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigsten
herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum
anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll
Engelgüte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die
Kronprinzessin von Preußen K. H., geborene Prinzessin von Mecklenburg
Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche
die Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und
sprach ich sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu
Sachsen-Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da
Darmstadt sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese
Prinzessin und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und
Liebenswürdigkeit, und wenn du in Deutschland reisest, so versäume ja
nicht, dich an dem preußischen, mecklenburgischen, hessischen und
sächsischen Höfen vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir
ohnehin verwandt, denn schon die Tochter König Christian des Sechsten
von Dänemark, Luise, vermählte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu
Sachsen-Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schönes Heirathsgut
mit, und reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man
in dem gebildeten und glücklichen Sachsenlande höher als sonst wo zu
schätzen weiß. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines
Namens, um dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findest einen
sehr gebildeten, umgänglichen und menschenfreundlichen Hof; findest
wissenschaftliche Anstalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung
ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist
auf alle diese Ernestiner Etwas übergegangen vom Geist und Strebesinn
ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Fürst,
der für die Wohlfahrt eines Landes und Volkes Alles that, und für
Wissenschaften und Künste mit Aufopferung thätig war.«

Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kronprinzessin
von Preußen und las:

    »Madame!

Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie
mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre kostbarsten Interessen
legten. Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an
meinen Gemahl zu schreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun
wird, um Ihnen zu dienen. Gebe der Himmel, daß diese Angelegenheit nach
Ihren Wünschen gelinge. Wenn er meine Wünsche zu erhören geruht, so wird
Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr
aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu
haben. Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein

                                      Ihre ergebene Dienerin
                                             Luise.«[13]

    [Fußnote 13: Die Urschrift dieses Briefes ist französisch.]

Diese Zeilen einer reizendschönen, edelgesinnten und über alle Worte
herrlichen jungen Fürstin, welche von Gott berufen war, dereinst der
angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen
deutschen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt
dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand.

Die Großmutter schrieb noch: »Du findest in diesen Sächsischen
Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemäldesammlungen,
Münzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du
doch nach Thüringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu
Rathe ziehen willst, ja nicht zu versäumen, den Weimarischen Hof zu
besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das
Beisammenleben strebender Geister in der schönen Literatur dich auf, und
du gefällst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine
Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen
Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann
gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du
wirst, von mir empfohlen, dich überall gut aufgenommen und
ausgezeichnet sehen. Versäume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht
eines dieser kleinen Herzogthümer dich einst dauernd fesselt, und es
steht dieser mein Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei
unserm Scheiden gab, auch – wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in
Einsamkeit dein Glück zu finden – denn du kannst dort ganz nach deinem
Gefallen leben und bist, wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hältst,
von deinem Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.«

Ja, ja – das wäre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein
Asyl – ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angés. – Ich will der
Großmutter Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte sehen, aber
Leonardus – wird er mit können? Und Angés? Wird sie mit wollen? Und wo,
ach wo sie finden, da sie sich selbst dem heißgeliebten Jugendfreund in
züchtiger Strenge entzogen hat? – Diese Betrachtungen unterbrach
Leonardus, welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem
letzten Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende –
wir scheiden!

Was fällt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und stützte den
auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und
dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt!

Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! sprach Leonardus. Ich
fühle, daß ich sterben muß, nichts weiter – und mir ist, wie einem eben
ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder – ich habe keine Stunde
mehr zu leben – die Besserung war nur ein trügender Schein. Nun – mein
Haus ist bestellt – diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam
gerichtlich bezeugen lassen. Was ich besitze, – ist Alles dein –
geknüpft an meine letzte Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet
findest, für den Fall, daß mir nicht vergönnt gewesen wäre, sie noch
mündlich an dein Herz zu legen. In mir stirbt Leonardus Cornelius van
der Valck aus Amsterdam – in dir lebt Leonardus Cornelius van der Valck
aus Amsterdam fort – mindestens so lange noch, als meine gute Mutter am
Leben bleibt – ihr _darf_, ihr _soll_ der Sohn nicht sterben! Du
schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch bei dir wäre, du
empfängst und beantwortest in meinem Namen alle an mich eingehenden
Briefe; ich habe das so testamentarisch geordnet, die Gleichheit
unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so mögen dann
meine nächsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel dessen eben noch
vorhanden sein wird. Außerdem aber bleibt Alles _deinen_ Erben ohne jede
beschränkende Klausel. – Ich sterbe für Angés – siehst du sie, so sage
ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre sie je in Noth, und diese käme zu
deiner Kenntniß – dann brauche ich wohl nicht erst eine Bitte
auszusprechen – dein eigenes Herz – wird – o Gott – ich kann nicht mehr
– meine Brust – zerspringt! –

Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang den
Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte.
Sprich, was kann ich für dich thun?

Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der
sterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres
Herz sich an das meine anschloß! Es war ein schöner, nur zu kurzer
Lebenstraum – wir hätten wohl länger mit einander gehen sollen – das
Schicksal – o Gott!

Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer sich. Ich sah
noch Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund – meinen
Bruder dahin gehen sehen?

Windt, der Arzt und Philipp stürzten in das Zimmer – Hülfe ward
versucht, der Arzt fühlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen
Wink bedeutete er der Umgebung, daß hier seine Hülfe zu spät sei. Schon
umflorte der Tod die brechenden Augen – Leonardus tastete nach der Hand
des Freundes und lallte mit gedämpfter Stimme: Ludwig – dunkel – Gute
Nacht!

Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden.

O Angés!

Dies war sein letzter Hauch.

Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig’s Leben. Er stand stumm,
vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp
weinte.

Windt’s klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkräftig,
entschieden handelnd.

Auf dem Schriftenpaket stand unter der Aufschrift: an Graf Ludwig, die
Weisung: _»Sogleich_ nach meinem Tode zu eröffnen!« Ludwig wollte dies
nicht thun, sein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches
Gefühl.

Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur,
ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist
Gesetz. Ich habe alle Ursache, zu glauben, daß der verklärte Freund
Wichtiges für den Fall seines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu
öffnen.

Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: »Da ich für meine Mutter
fortleben will, so muß eine Täuschung Statt finden, die Niemand schadet.
Ein Paß liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich
auf Reisen bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein
Todtenregister geschrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valck
aus Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn
ein solches Blatt, eine solche Kunde würde leicht nach Amsterdam
gelangen. Ich wünsche in der Stille, in früher Morgenstunde begraben zu
werden, ohne alles Gepränge, wünsche weder Kreuz noch Stein mit einer
Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines
letzten Wunsches zur ersten Pflicht.«

Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun
kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den
Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber
überlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nöthigen.

Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der
Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte
hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen
dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder
lebend in dieses Zimmer eintreten werde.

Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu sehen,
doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl,
durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit
dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen
der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt.
Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein
fremder Badegast gestorben war. Da Leonardus nur den Freunden gelebt
und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer Name
nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller Rechtsform
aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer Sprache,
welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als
Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung
überflüssig.

In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus
eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp
fragte: Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort.

In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim Ordnen
von des Freundes nachgelassenen Papieren.

Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden
sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen
und in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden
Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der
besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend
holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als
Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp
empfing als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich
ferner eine kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die
Leonardus die Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu
unschätzbar war. Von dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte,
lagen Uebersichten vor, es ergab dasselbe eine Jahresrente von
fünftausend Gulden; diese hatte Leonardus dadurch erworben, daß er sein
einst zu erhoffendes Muttererbe an seine Verwandten mit Zustimmung
seiner Mutter käuflich abgetreten hatte – um nach ihrem Tode, falls er
denselben erlebte, aller Geschäfte dort überhoben zu sein. Von dem Tode
der Frau van der Valck an aber vermehrte sich dieser Rentenbezug um
abermals fünftausend Gulden.

Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen geeignet
anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von Leonardus
Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und der ganzen
Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts!
Die fünfzigtausend Gulden, darüber wir Quittung in Händen haben,
gehören jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen, dann will
ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem aber auf
keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach Hamburg
zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja doch
der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende
Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige
sind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann!

Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit
Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel
meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes
selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte
haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am
letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein
Güterbesitzer davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als
Gratification in die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das
gemahnt mich gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute
das Wort Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare
geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre
Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit
Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und
schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre
eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein
Wasserschloß besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen
nicht. Ich werde nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde
reisen, schlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés
suchen! Ich will, wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie
theilt gewiß mit mir die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber,
Windt, wir beide wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir
wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie
vorgeht, besonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und
vergessen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir
in allen Verhältnissen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben.



11. Erlebnisse.


Ludwig leistete dem Rathe der Großmutter Folge; von seinem treuen Diener
begleitet, mit guten Pässen versehen und mit allen Mitteln ausgestattet,
war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen. Seine edle
gewinnende Persönlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der
Aufmerksamkeit. Er verhüllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich
zu offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er
suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing
noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Häufig, ja fast
immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des
Verstorbenen; der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es
war ja gleichviel, wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die
Spuren eines stillen Leidens, ließen ihn ohnehin älter erscheinen, als
er wirklich war. Graf Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte
überall ein offenes Auge für die Reize der Natur, die Beschaffenheit und
Ergiebigkeit des Bodens, für den Stand der Kultur in den verschiedenen
deutschen Ländern, für die Sammlungen der Künste und Wissenschaften, und
fühlte sich angezogen vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst
galt entweder für einen Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes
völlig fehlerfrei sich ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch
den längeren Aufenthalt in den Niederlanden allerdings manche
Eigenthümlichkeit dieser Nation an ihm haften geblieben war, und um so
lieber gab er sich für einen solchen aus, wenn er als Leonardus
Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner Weise, sich schriftlich
auszudrücken, so schön er auch Deutsch zu schreiben verstand, floß
bisweilen eine niederländische Redeform mit ein.

Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen Reisen
dadurch, daß sich die Leute weit mehr darüber die Köpfe zerbrachen, wer
und woher der Diener eigentlich sei, als woher der Herr stamme. Wenn
Philipp zu seiner Erholung Abends in bürgerliche Bier- und
Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen
seinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden sei, für
wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft
genug schildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei,
absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm- und
Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer sein
Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein
Kaufmann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, daß
sie ihm das gleich angesehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, sein
Herr sei ein Graf, dann hieß es ebenso bestimmt, man sähe ihm den Grafen
auf hundert Schritte an.

Diese oft sehr aufdringliche und lästig werdende Neugier der guten
Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste
Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die
so häufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu
ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und
einem besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten.

So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe,
überall räthselhaft schnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er
vorwies; man zog ihn zu den fürstlichen Tafeln, erzeigte ihm
Aufmerksamkeiten, unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten
Modesprache der Höfe; aber da er nirgend lange verweilte, so ging seine
Erscheinung gleich andern flüchtig vorüber und wurde schnell wieder
vergessen. Er aber gewann für sein ganzes späteres Leben den Vortheil,
manchen großen und berühmten Mann persönlich kennen gelernt zu haben,
auch Einblicke gethan zu haben in manches Verhältniß, das glänzende
Außenseiten zeigte und innerlich morsch und zerrüttet war. Häufig trat
dem Reisenden offen und unverhüllt die Selbstsucht der Menschen
entgegen, der gelehrte Dünkel, die Schriftsteller-Eitelkeit, der
Künstler-Stolz, stets mit einem guten Theil Anmaßung und Rechthaberei
gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht in ihrer ganzen
Widerwärtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen möglichen
Larven.

Nirgends ließ sich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie
sehr man auch bemüht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien
wohl des Besitzens werth zu sein. Jugend, Schönheit, Reichthum, Adel,
Verstand und Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles
Gemüth, für ein sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise
Melancholie in seinen Mienen, sprachen auch die Züge eines ganz
besonders in seinem Charakter hervortretenden Wohlthätigkeitssinnes, der
aber sorgsam sich und seine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu
Tage kam, wer der gewesen, der manche Thränen der Noth und verschämter
Armuth getrocknet, und die Beglückten ihm danken wollten, dann war er
gewöhnlich schon abgereist.

Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war
entzückt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets
leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß zu Kniphausen
bewohnte, und oft die Besuche der Großmutter ihres immer noch gefangen
gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing.

»In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: »habe ich an den Doctoren Starke
und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost
gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz außer
Sorgen sein, ich solle wo möglich guten starken Wein trinken, und kein
Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache.
Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die
Studenten, die dessen bis zum Uebermaß in sich hineingießen und eine
Bravheit darin erblicken, sich durch Unmäßigkeit die Gesundheit zu
untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und
Professor Schiller kennen gelernt, den berühmten Dichter, dessen erste
Stücke Ihnen, geliebteste Großmutter, damals äußerst mißfallen haben. Er
ist ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hält
sich sehr zurückgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten
weiter gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die
Region des Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle
Ansprüche. Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine
wahrhaft hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburg und
Ihres wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann,
Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern,
damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben könne. Sie
glauben nicht, geliebteste Großmutter, wie armselig in diesen Ländern
die Gelehrten bezahlt werden; während manche Professuren und andere
Stellen häufig als Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit
permanente Hungercuren und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu
sagen pflegt, zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.«

»Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht: _Wallenstein_,
zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen wird.«

»Ich war auch in Weimar, und bin dort mit großer Güte und
Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach Ihrem
Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr und
mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle Ansehen
Sie, theuerste Großmutter, in ganz Deutschland genießen. Sie hatten
vollkommen Recht, als Sie mir sagten, daß man in diesen sächsischen
Staaten die Wissenschaften höher schätze, als irgend wo anders. Bei
äußerlich ziemlich beschränkten Mitteln geschieht für dieselben das
Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um sich sehen, daher
entspringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieselben Alle
nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich
unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin
über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte
und bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der
Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs – sonst in
meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht,
Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht
angesteckt von der klein- und spießbürgerlichen Klatschsucht, die sich
darin gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus
dem Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte solches Thun geradezu
für eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu
sagen, daß der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialität, seine
Mutter eine Fürstin von der anerkennenswerthesten Hoheit der Gesinnung,
und seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswürdigkeit und
Herzensgüte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Großmutter, mir diese
Personen schon früher geschildert haben.«

»Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so
sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg,
aufwartete; dieser ist ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der
für das Wohl seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemüht ist, und der
mir die größte Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken
abnöthigte. Am Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den
trefflichen Sohn einer ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin
Luise Dorothea, geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich
Ihnen, geliebteste Großmutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen
und Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im
Briefwechsel stand. Der Herzog ist ein sehr gelehrter Herr, so wie ein
Freund und Beschützer der Gelehrten, er erweist den französischen
Emigranten viele Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mußte
mir das herzogliche Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünschte lebhaft
meine beste Großmutter zu mir, um diesen für Sie gewiß sehr anziehenden
Genuß zu theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit
besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin
verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das
theuerste Buch der Welt, die berühmte Handschrift des Jacob von Strada
über die orientalischen Münzen in 31 Folio-Bänden, mit 9000 Abbildungen,
deren jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet
hat.«

»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses
bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog
Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen
nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und
Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer
Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust,
diese auf seinen Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen
Kunstsammlungen wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem
Wort, Herzog Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch
einer Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverständniß
lebt, ist für Gotha ganz das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der
Wissenschaften und Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.«

»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen
Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle
diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die
vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen
gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der
Herzog, ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«

»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende
Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus
Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande
und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit unendlicher
Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig
lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als
einen kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels
verwendete Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines
Thorschreibers.«

»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von
Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch
verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber
er ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern
mittheilsam über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet,
daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte;
dagegen ist die Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche
Erscheinung; sie singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt
in jeder Osterwoche in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen
Kreise ihrer Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu
ertragen; durch frühere üble Wirthschaft ist das Land in große
Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter
und ein Sohn starben bald nach der Geburt, doch versprechen die leben
gebliebenen Prinzen und Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind
schöne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des
Hofes sind die gewöhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd
auf nahen Jagd- und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen,
Eishausen und Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein
stattlicher spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und
weit das Land überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen
erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und
es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des
Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise,
geborene Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des
hiesigen Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach
Coburg führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie
geschaffen für die Einsamkeit der Weltüberwinder.«

»Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Ländchens in der
Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich
nahen. Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie
Kanibalen und ärger als die so übel verschrieenen Kroaten im
dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines
herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit
dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus
Herzog zu Sachsen-Hildburghausen, schon einige Feldzüge des Prinzen
mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich
vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande
abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und
Republikanern verhandeln muß, und hier sich Alles schrecklich vor beiden
fürchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persönlichem
Muth einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Räthe
wird ebenfalls schwerlich große Heldenthaten verrichten.«

Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen.
Schon in Heldburg hörten sie von Bürgern und Landleuten, die neugierig
auf die Höhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich
hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es
brenne, und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General
Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt
werde. Rasch galoppirten die Reiter den sandigen Weg zur Höhe hinan,
und der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkischen,
sonst so friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich
unter ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden
sollten, in denen sich die Söhne eines und desselben Landes, im blutigen
Streite zwischen Königthum und Republik, zerfleischen wollten. Große
Heereszüge schwenkten durch die sanftgehügelten Ebenen, dort blitzten
Flinten und Bajonette, dort Helme und Cürasse im Sonnenglanze; dort
zogen in endloser Reihe Rüst- und Pulverwagen und Geschütze heran, dort
schlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den
Thürmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in
diesem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom
nahen Marktflecken Hellingen scholl wüstes Geschrei und Gebrüll des
Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher
nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und
außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen
Scheußlichkeit, die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte.

Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig’s Begleiter, ein wackerer und sonst
unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gräuel. – Was
meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig die
Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein stürzen?

Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte
bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend,
fragte er: Wie steht’s, willst Du mit, Philipp?

Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erst fragen,
gnädiger Herr!

Und Sie, Herr Grimm? –

Das ist mir nur ein Spaß! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen
Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf
erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich
königlicher Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die
Reißaus-Armee, die er zu befehligen hatte, seine »sechzigtausend
Läufer«, wie der alte Fritz sagte.

Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem
Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom
General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief für
das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach.

Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort
durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide,
das noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die
eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der
Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus
diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde
mit Kolben gestoßen, geschlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten
bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem
fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern an
den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den schändlichsten Muthwillen
gegen Mütter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf den
Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Häusern
wurde Alles geraubt, zerstört, verwüstet, aus den Fenstern schüttelte
man die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte
der rasende Feind die Fässer voll Frankenweines und ließ, was er nicht
trank, auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und
den Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall
einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine
Begleiter das unermeßliche Elend nur in diesem einen Dorfe, und doch
ging es so in jedem, das die Heersäulen der Franzosen auf ihrem Zuge
berührten.

Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig herrisch
einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstieß.

Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten,
die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der
Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räucheriger, architectonisch
mit Schnitzwerk und krummen, verschränkten Kreuzbogen gezierter Bau war,
gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schöner Neubau vollendete
Kirche seltsam abstach.

Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur
liegenden Küche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag
ganz voll von Geflügel aller Art: Gänse, Enten, Tauben, Rebhühner, denen
allen die Köpfe fehlten. Ein Koch war beschäftigt, zu sieden und zu
braten, Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das
ganze Haus füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militärisch grüßte
und die Frage an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung
nicht sprechen könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus
dem Hause, ein Mann von Mittelgröße und martialischem Aussehen; ihm auf
dem Fuße folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem
Bau, dabei von vollendeter Formschöne und nicht unfreundlichen Zügen;
hinter diesen schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von
vielleicht fünfzig bis sechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge.
Ludwig und der Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein
Bürgergeneral! begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf
ich bitten, mir einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu sagen, mit
wem ich die Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein
Abgeordneter des Herzogs von diesem Lande.

Ich bin General d’Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein
General-Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David.
Womit können wir dienen?

Bürger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der
Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses
Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, daß er die
dem Gesammthause Sachsen zugestandene Neutralität auch gegen das Haus
Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese
Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein
Neutralitätsvertrag nicht vollständig zu Stande kommt, soll dem
herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die
Feindseligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht
geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen,
Bürger-General, in diesem friedlichen und neutralen Lande!

D’Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan eigenhändig
unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Hand darauf und
entgegnete, indem er es zurückgab: Was wissen wir vom Geschmier der
Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei!

Der Herr General erlauben gnädigst – nahm jetzt auch der herzogliche
Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch
vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl
ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlängst in einem
Nachbarort französische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt
haben, daß die Sächsische Neutralität beim ganzen Heere respectirt
werden und jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll.

Nun denn! wandte sich d’Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen wir
die Neutralität respectiren, so viel sich thun läßt. Gib sogleich
Befehl, Bürger David, und allen Bürger Kapitäns sei es gesagt, es soll
sich Keiner unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu
rauben oder auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner!

Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen
Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drängte sich an
seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüsterte: Um
Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstören uns die ganze Orgel!

Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte,
trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstören
unsere schöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie!

Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er in
der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte
mit raschen Schritten dem Schulmeister, der ihm voran in die neue Kirche
eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und
theilte auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstörenden
Soldaten so viele und schwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut
aufschrieen und schwuren, in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren.

Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David
und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine
Viertelstunde, so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle
nachrückenden Truppen mußten sofort ohne Rast hindurchziehen, aus der
Kirche kam d’Hautpoule sehr erheitert zurück und sprach zu Ludwig und
dem Beamten: Nichts wirkt schneller und heftiger, wie Prügel. Diese
Sprache verstehen die Hallunken aller Völker, Prügel sind die wahre
Weltsprache, und die Gelehrten werden sich vergebens die Köpfe
zerbrechen, um eine bessere zu erfinden.

Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof zurück;
das Geschrei der Einwohner verhallte allmählig. Mortier, so riesenhaft
seine Leibesgröße war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut seines
Gesichts und seiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem Grafen, dem
Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und versicherte allen, er meine es
gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten.

Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte
stand, welche mit Wein gefüllt war. D’Hautpoule war sehr artig gegen den
Besuch aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil
zu nehmen, fuhr mit bereitstehenden Biergläsern eigenhändig in die
Bütte, füllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gästen und dem Pfarrer
dar und rief lustig und froh gelaunt. #A votre santé et bonheur!# Alle
andere Offiziere, soviel die Stube faßte, drängten sich herzu, schöpften
ebenfalls und tranken; man setzte sich auf hölzerne Stühle, der General
saß auf einem dreibeinigen Schemel, Mortier und David hatten die
Ofenbank besetzt. Der Koch brachte mächtige Bratenstücke herein, der
Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch Messer und Gabeln waren
vorhanden, man aß aus der Hand, nur der General schnitt sein Fleisch mit
einem Schnappbastelmesser. Die Bütte Wein war bald geleert, eine zweite
wurde aus dem Keller herauf geschafft, dann erfolgte ein rascher
Aufbruch, ein kurzes Adieu.

Ein Wehe war dahin, wie geschrieben steht in der Offenbarung, »aber
siehe, es kommen noch zwei Wehe.« Dem Volke d’Hautpoule’s folgte die
Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General
richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig
entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieses Landstrichs,
auf Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der
Divisionsgeneral Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach
dem Schlosse begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde, 25,000
Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um
den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier
in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte,
litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und
zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort
beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber
wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen
Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende
schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in
seinen Tornister.

Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten
Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde
wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie
Teufel.



12. Das Wiedersehen.


Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage
nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu
leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten
Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der berühmte
Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise
wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie
nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem
Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten
litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach
Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken Flügel befehligte, und
dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so
wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach
angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus,
keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche
die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.

Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von Hildburghausen
aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen Bemühen es so
eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode, womit ein
Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntniß der Sprache zu
befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles Schreckliche, was
er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin kamen, daß
die französischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den Main herauf
bis Haßfurt gerückt seien, wo sie brandschatzten und plünderten,
zitterte das arme Städtchen bereits. Die ersten Truppen waren
kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister
von Wartensleben’schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait
und Beaulieu, und überschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes
Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen,
Tiroler Scharfschützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour,
Royal Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale
suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und
Oberst von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das
kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen über den Main,
kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen begannen.
Alles wurde durchsucht, durchwühlt nach verborgenen oder vergrabenen
Schätzen; mit dem Waizen der jüngsten Ernte wurden die Pferde gefüttert;
die Gegend von Königsberg hat schönen Weinbau; man schlug die Zapfen aus
den Fässern und ließ den Wein in die Keller laufen, das gemahlene
Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe geschüttet, kurz,
jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult, Laval und
Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf Silber zu
speisen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen Städtchen
nicht Silber und Servietten genug besaß; am Schlimmsten erging es auf
den Dörfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wäsche,
Stiefeln, Schinken, Würste die willkommenste Beute.

General Lefebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern
zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die
schwierige Sachlage überschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten
könne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Koloß dieser
Heereszüge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen
Schutzbrief für das Land Hildburghausen, namentlich für die Residenz,
und nächst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren
und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo
es nöthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in
Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die
französischen Armeen völlig diese Gegend verlassen haben würden.

So eigenthümlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher Ludwig
dieselbe vorbrachte, seine rührenden, menschlich schönen Beweggründe,
die Mittheilung besonders, daß in demselben Lande, für welches jetzt
Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine Anzahl
gefangener französischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren, vom
Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worüber der
Hildburghäuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte schriftliche
Dankesbescheinigung bei sich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die
Erfüllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur
Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch sollten keine
Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die
Etappenstraßen nicht verlassen.

Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig nahm
mit seinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das coburgische
Städtchen Rodach. Er sorgte dafür, daß die zehn Mann Bedeckung sich
häufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser Leute Zuneigung.
Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und kürzten den Weg durch
heitere Gespräche und muntere vaterländische Chansons.

Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem
eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und
hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstraße
liegt, die vom deutschen Süden nach dem deutschen Norden führt. Der
Beamte war müde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube
niedergelassen; Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längst gute
Kameradschaft mit einander gemacht, und saßen beim Bierkrug gemüthlich
beisammen, während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie
jene der Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele
Dorfjungen vor dem Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu
sehen, die zum Theil vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein
tranken. Ludwig ging in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken
schweiften weit in die Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen,
nach der Großmutter, nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach
Paris, Amsterdam, dem Haag, nach London, nach Castle Chatsworth.

Wenn sie Zauberspiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu
sich selbst: und sähen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in
dieser eigenthümlichen Umgebung, an der Landstraße, dort drüben das
große, schöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der französischen
Republik umgeben, sie würden sich wundern, würden fragen: Was soll das
bedeuten? Wo ist er, und wie kommt er dorthin?

Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft,
das Obst an den Bäumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem
traulichen Gemurmel wälzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur.
Welche Gegensätze, hier diese schöne ländliche Stille, und nur wenige
Stunden jenseits der südlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges,
Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere
geschlagen, zersprengt, flüchtig und von der Hand der Vergeltung alle
strenge Züchtigung empfangend für das Unglück, womit sie die Länder
heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten!

Von der Ferne, aus der schönen Allee, die von Eishausen nach dem nahen
Dorfe Adelhausen führt, schallten Posthornklänge, es schien eine
Extrapost zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt.
Die Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen
im Chor ein französisches Liedchen:

    #Zon, ma Lisette,
    Zon, ma Lison!
    Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon. :|:
    Pour combler mon amour
    Faisons sur ma couchette
    Ce que la nuit le jour
    Chacun fait en cachette.
    Zon, ma Lisette,
    Zon, ma Lison,
    Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:#

Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hörten sie
den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten
Gassenhauer! sprach Ludwig.

Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte
Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein
Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit
ängstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht
halten! Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! – Ein Lakai auf dem
Bock wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile.

Ludwig blickte, während der Postillon mit Unmuth an den Zügeln riß, um
die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das
schöne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen,
ganz gewiß, neben ihm saß eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein
junges bildschönes Mädchen, und dieses Mädchen rief mit heller Stimme:
»#Oh mon Dieu! mon Dieu!# Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell
Doorwerth.«

Maßloses Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen heraus
schrie jetzt ein bärtiger Sergeant: #Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon! un
Prince de Condé!# und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft
zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im
gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Höhe hinan, die dicht
hinter Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es
war kein Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als
Freund des Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte,
derselbe, der, wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind
besucht hatte, während Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von
Großbritannien und Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit
machte. Das Kind, das Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen
Augenblick gesehen, dessen süße und liebliche Stimme sein Ohr so eben
berührt, es war Sophie gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche
Sophie, Angé’s theuere Schutzbefohlene! – Noch hatte Graf Ludwig alle
diese Vorstellungen kaum ausgedacht, so fuhr eine zweite
Extrapostkutsche heran, neben dem Kutscher saß ein Kammermädchen; aus
dem Schlage wehte ein grüner Schleier, ein Blick auf die im Wagen
sitzende Dame und Ludwig schrie Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd!

Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb
stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig
vorüber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den
Schleier zurück schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O
Angés! – Aber der Postillon, im Wahne, daß seinen Reisenden Gefahr
drohe, denn die Dame war nicht allein, es saß noch ein ältlicher Mann im
Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten
Wagen nach.

Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend auf
und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem
Glauben bestärkte, daß er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die
Pferde zur Höhe hinan, daß sie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte
der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher mit
einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte,
der Postillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den
Schlag, und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Bist du es
wirklich?

Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! – Und du? – Wie
treffen wir uns hier?

Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angés? Woher?
Wohin?

Weit – weit fort! mein lieber Freund! Es ist keine Sicherheit mehr in
Deutschland! Wir sind verscheucht aus jedem Asyle. Die Prinzessin
flieht, ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Diensten Seiner
königlichen Hoheit des Prinzen.

So sehe ich dich, nur um dich abermals zu verlieren, Angés? rief der
Graf erschüttert aus.

Es ist so des Schicksals Wille! seufzte Angés und Thränen entströmten
ihren Augen.

Warum entzogst du dich unserm treuen Leonardus? fragte er sie nach einer
Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone.

O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht
anders, ich mußte so handeln! Sprich Freund, – wo ist er? Siehst du ihn
wieder? Erzählte er dir von mir? Gewiß, das that er, sonst könntest du
mich nicht so fragen!

Ludwig schwieg betreten – er fand nicht alsbald die Antwort; erst nach
einer Pause erwiderte er: Angés, ich muß dich ruhiger sprechen. Ich kann
unmöglich so mich mittheilen. Wird die Herrschaft nicht Rast machen?

Nur so lange, als auf der nächsten Station umgespannt wird, war ihre
Antwort.

Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angés erschrak, sie wähnte, es sei ein
Verfolger. Ludwig beruhigte sie, gebot seinem Diener zurückzureiten und
dem Beamten zu sagen, er möge mit der Schutzmannschaft nachkommen.
Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angés saß, aus den Augen
zu verlieren, aber welche mächtige Gefühle durchwogten kämpfend seine
Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, sie verließ wahrscheinlich
Deutschland, weshalb that sie das? O, sie liebt nicht heiß, nicht
wahrhaft! sagte Ludwig sich selbst. Was kann sie zwingen, ihre Freiheit
hinzuopfern? Wie in aller Welt vermag sie das über sich? Ach, und wie
schön ist sie noch! Wie himmlisch, wie rührend schön!

Ich reise in Deutschland, erzählte Ludwig flüchtig im Nebenherreiten, –
komme über jene Höhen da droben, war bei der Armee – o Angés, ich hatte
mir vorgenommen, demnächst nach Süddeutschland zu gehen und unablässig
nach dir zu suchen.

Angés erglühte, ihre Lage war peinlich, sie konnte nicht frei ihrem
Gefühle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angestrengte
rastlose Reise sehr angriff, machte ein grämliches Gesicht, sie ließ
also Ludwig sprechen und antwortete fast nur durch Zeichen und
Lächeln. –

Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus
einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte sich auf
einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der
Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug
durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künste, Wahrsagen, Betteln
und am Liebsten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der
verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die
braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die
deutschen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich,
damit auch der höhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm
gekleidete herzogliche Rath, der stattliche und gravitätische Grimm, der
seinen Zopf ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz
Joseph Hollandinus den seinen getragen hatte – das Alles hätte einem
Maler mannichfachen Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher
Gruppirung geboten. Kammerdiener Grimm, der wohl schon häufiger mit
Zigeunern verkehrt haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun,
du schwarze Hexe! Willst du mir nicht prophezeien?

Gern, mein allerschönster Herr! entgegnete die Alte – lasse mich nur in
deine große und gewiß sehr freigebige Hand blicken. – Alles drängte
näher heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im
Dorfe zerstreuen.

Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch
im Felde gewesen, da steht’s, bist an manchem Galgen vorbei geritten,
hast viel geliebt, alter Junge – bist dem Weibsvolke noch immer nicht
gram! Ach, und diese Länge! Diese Länge! Mann, du hast eine Lebenslinie,
die ja fast schnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab’ Acht! Die
Natur hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel
erleben! Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du später nicht mehr
dienen! Sie werden dich und du wirst sie verlassen – wirst aber gute und
geruhige Tage haben, wirst steinalt werden.

Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll,
dann würde ich am Ende auch so eine Schönheit wie du werden, so eine
Vogelscheuche und Nachteule!

Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die
Alte.

Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was
Gescheidtes! rief Grimm.

Mit raschem Griff erfaßte er eine frische junge Frau, die er zu kennen
schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstände in den Kreis der
Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf!
Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde sich freuen – wer
weiß, ob dieses alte Teufelsgehänge da nicht deines Mannes Großmutter
ist? Ist auch so vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie diese da, –
kein Mensch weiß, wo er eigentlich her ist – doch will er ja aus dem
Zigeunerlande Böhmen sein, aus Hirschberg. – Wir sind nicht aus Böhmen,
Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt,
das Wort: Wir stammen aus Aegypten!

Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief
Grimm. Ich will’s euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo
ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehüpft! Nun geschwind,
geschwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland
Jungfrau Grätzer – ach, es war das schönste Mädel weit und breit! Laß
dir wahrsagen!

Mit großem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand,
und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei durchzumachen
haben, schönes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink auf deinen
Füßen sein! Wirst in einem großen Hause wohnen, aber das Haus wird nicht
dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand kennt, der kann
dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer treu sein – treu
wie Gold und mußt noch eine große Kunst lernen, die wenig Weiber können,
ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind!

Und welche Kunst denn? fragte schüchtern die junge Frau.

Ja, umsonst ist der Tod, mein liebstes Herzchen! entgegnete die Alte.

Hier hast du etwas, alte Wetterhexe! rief Kammerdiener Grimm. Aber mach
es kurz!

Die Alte richtete sich hoch auf, überflog mit einem flammenden Blick den
ganzen Kreis, der sie umgab, und sagte dann mit tiefem und
bedeutungsvollen Ausdruck:

    Schweig und leid’ –
    Es kommt die Zeit,
    Da schweigen macht Leides queit! –

Der Wagen und der denselben begleitende Reiter hatten jetzt den Endpunkt
der Höhe erreicht, die sich auf dieser Seite steilab zum Wiesenthale der
Werra niedersenkte, im goldenen Reize des Sommerabends breitete sich zu
Füßen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779 neu erstandene
herzogliche Residenzstadt Hildburghausen mit regelmäßig und schön
gebauten Häusern und neuen Ziegeldächern aus, an ihrer südlichen Seite
das große, stattliche Residenzschloß, vor dem ein Wasserspiegel wie
Silber erglänzte. Das kleine Thalflüßchen, die Werra, die sich durch die
breiten Wiesenflächen schlängelt, erhöhte noch den Reiz der Landschaft.

Bald war die Stadt erreicht und Angés sah mit Sorgen dem Augenblick
entgegen, wo sie Angesichts der Prinzessin, an welche sie ihr Leben
gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich sprechen sollte. Sie
bat daher Ludwig, noch ehe die ersten Häuser erreicht waren,
vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen.

Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt sein Pferd an. Zum
alten Jacques sagte Angés: Dieser Herr ist mir ein sehr werther Freund,
und ist zugleich der innigste Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den
Sie so treulich pflegten!

Der alte Jacques antwortete Angés gar nicht, er schlief. Ludwig war sehr
verstimmt; Angés’ Furchtsamkeit und ihre große Rücksicht auf jene
Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als heimathlose
Flüchtlinge, verletzte sein Gefühl, trat seinem Ehrgeiz, seinem
Selbstbewußtsein, trat vor Allem einer sich selbst nie vollkommen
eingestandenen zärtlichen Neigung feindlich entgegen, und er überlegte
wirklich einen Augenblick, ob er Angés während des gewiß nur sehr kurzen
Aufenthaltes noch einmal sprechen, oder sie ohne Wiedersehen dahin
ziehen lassen solle, wohin das stärkere Band sie zog?

Aber nur einen Augenblick schwankte er so. Ein zärtliches Herz sucht und
findet tausend Entschuldigungen bei einem Zweifel, und sein Vertrauen
gleicht einer rauschenden Fontaine, die wohl bisweilen kleiner wird, in
sich selbst zusammen zu sinken droht, dann aber wieder frisch und
kräftig ihre leuchtende Garbe in die Höhe treibt.

Ludwig, den Philipp, während es noch die Anhöhe hinaufwärts ging, zum
zweitenmale eingeholt hatte, stieg ab, gab dem Diener sein Pferd und
ging nach dem Posthause, das zugleich ein Gasthof war.

Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die
Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich
darauf in ein zweites Zimmer zurück und verschlossen dasselbe. Ludwigs
Blicke suchten Angés, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques
grüßte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr
Leonardus, Sie wieder so frisch zu sehen, hätt’s nicht gedacht, daß Sie
sich so schnell erholen würden. Waren doch recht herunter! Die
verdammten Hunde die – werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch
nicht eine Spur von den Canaillen zu entdecken gewesen!

Ludwig erwiederte nichts, er sah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor
gekannt, für Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angés hinter
ihm, faßte seine beiden Hände und sah ihn dabei so innig, so flehend an,
– hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieses Blickes
willen vergeben müssen.

Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte
der Kammerdiener Angés. – Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lächelte
schmerzlich über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen
klopfte ängstlich das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei
diesem flüchtigen Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht
mittheilen? Sollte er ihr dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg,
wo sie Niemand hatte, der mit freundlichen Worten des Trostes heilenden
Balsam auf ihr wundes Herz legte? – Aber durfte er es ihr denn
verschweigen, durfte er die Grüße des sterbenden Freundes, die ihm
aufgetragen waren, unterschlagen? – Der Kampf war bitter, der in ihm
rang – Angés’ Worte unterbrachen denselben: Lieber Freund! Seine Hoheit,
der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie – die wäre hier nicht am Ort!
Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar!

Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft
eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich
entgegen und verriegelte sogleich die Thüre.

Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil
wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles
Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte, – ob er die Prinzessin gesprochen,
die sich dieses Kindes jetzt mit so großer Liebe angenommen zu haben
schien, und welche von Angés als Gesellschafterin auf dieser eiligen
Reise aus dem deutschen Süden in den fernen Norden begleitet wurde –
darüber können wir nichts berichten.

Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des Prinzen
trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine
Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso
rasch ein, – Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés
folgte, drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und sagte
ihr nichts, als: Angés! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener,
seinen Sitz einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie
recht wohl, mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl
zu sehen! – Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den
Grund zurück, Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem
wehenden Tuche. Ludwig stand wie betäubt.

Am Abende dieses Tages saß er noch lange und schrieb mehrere Briefe,
einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte über
seine jüngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach
Amsterdam an Leonardus Mutter – eine für ihn doppelt schmerzliche
Aufgabe, als deren Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist
des verklärten Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen
tiefempfundenen Brief schrieb er ferner an seine mütterliche Freundin in
England, die jetzt auf dem Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine
Stelle in diesem Briefe lautete: »Mein Leben, o meine innigstverehrte
Freundin, ist fast nichts als eine Kette der schmerzlichsten
Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich fühle es, ein Stück vom
Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich nicht fürchten, am
Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben und den Menschen ein
Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir mein Herz so grausam
nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon so viel Leid tragen
zu müssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und Jünglingsjahre flossen
ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus heiterem Himmel,
die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war so mit herber Säure
gemischt, daß ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnürte. Im Paradiese
war ich und wußte es nicht, eine einzige böse Stunde, und ich war aus
ihm, verstoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an meinen
unseligen Fluch mich quält, der mir selbst zum Fluche wird! Immer stehen
vor meiner Seele jene drei Gemälde Wouwermann’s, welche das Wohnzimmer
der Großmutter in ihrem Hause zu Hamburg schmücken. Das eine, Schloß
Varel, mit einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd heimkehrender
Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches Gewimmel. Auch
ich kehrte einst fröhlich und heiteren Muthes unbefangen dorthin zurück,
ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für der
Großmutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der
theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem Rücken
an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphausen, von demselben Meister.
Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Roß und zu Fuß,
die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir jener
Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von Kniphausen, des
Wunderpokals, den _ihre_ Lippen für ewig weihten! Dieses Kleinod möchte
ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt, nicht die Diamanten der
reichsten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt es? Scheiden und Meiden.«

»Und neben dem Bild von Kniphausen hängt das von Schloß Doorwerth, von
der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das
Fährhaus, in der Tiefe das stattliche mächtige Kastell mit seinen
Thürmen, Basteien, Schießscharten und der Zugbrücke. Kriegerisch blickt
es auf die flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach
der ihm eigenthümlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt
am Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fuß und Roß, eine
Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dünenschanze. Erlebte ich dort
nicht des kriegerischen Wesens genug? Mußte ich nicht auch dort scheiden
von Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?«

»Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demjenigen,
welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in
Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schön, wie
umblühte es der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten
wandeln auf diesem Bilde – und was nahm ich mit hinweg? Wieder den
tiefsten Schmerz einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, so wird
es fortgehen, bis ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich
liebe, mehr um mich haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben
des Dunkelgrafen verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug.
Vom wackersten Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten
Freund mußte ich begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, daß ich
stets zittere, wenn mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht
wieder eine Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt
mich mein dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein
unseliger Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und
erst heute, ein Wiedersehen, an dessen nächste Secunden abermals eine
Trennung sich knüpfte. Körperlich bin ich gesünder geworden, geistig
leide ich mehr als je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen
würdigen und erhabenen Zweck, das ist ein Unglück, ich selbst kann mir
keinen schaffen, das ist ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung
noch nicht aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht
weit suchen.«

»Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich
erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus
der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten Lebensweg
Ihres

                                                    Ludwig.«

Der herzogliche Beamte rückte mit dem Kammerdiener Grimm und den zehn
Mann Schutzmannschaft Abends in Hildburghausen ein. Als er seinem
Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg seiner Sendung Bericht erstattete,
in der Meinung, der Graf habe dies schon am Abend vorher gethan, fragte
der Herzog: Wo ist der Varel, wo ist er? Ist nicht bei mir gewesen, hat
mir Nichts gesagt, sagt überhaupt nicht gerne was, der Sonderling, der!

Der Büchsenspanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, höfliche
Abschiedskarten.

Graf Ludwig war abgereist.

Am nächsten Tage war er vergessen.

Was er Gutes für das Land gethan, auch die ausgewirkte Schutzmannschaft,
das Alles wurde jetzt dem Verdienst des Beamten angerechnet, der den
Grafen begleitet hatte, er empfing das volle anerkennende Lob seines
Herrn, des Herzogs, und nahm es bescheiden hin, wie einem treuen Diener
ziemt.

Eins nur fesselte aus jenen Tagen in Hildburghausen dauernd des Grafen
Erinnerung. Das war jenes stille friedliche Dorf, wo er zuerst Sophie,
wo er Angés wiedergesehen hatte.



                            Dritter Theil.

                          Das stille Schloß.


    _Motto:_

    Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
    Der hier in dem Schlosse gehauset.

        =Goethe.=



1. Eine Sterbestunde.


Trübe schaurige Herbsttage, mit denen des Jahres unfreundlichster Monat,
der November, die Fluren überschleierte, wechselten mit unheimlichen
Nächten. Zwischen heftigen Sturmstößen, welche die Schlösser
erschütterten und sie in ihren Grundfesten erbeben machten, wurde zu
Varel wie zu Kniphausen von fern her der Wogendonner der Nordsee
vernommen, sie und die Flut im Jahdebusen schlug hohe Wellen. Es regnete
und schneite zu gleicher Zeit fast unaufhörlich durcheinander. In ihrem
Zimmer saß die alte Reichsgräfin, starr, mit ganz verfallenen Zügen,
aber immer noch körperkräftig und noch weniger verlassen von den Kräften
ihres seltenen Geistes. Sie war ganz allein; die schöne Cyperkatze, die
sich einst so traulich an sie angeschmiegt, war längst gestorben. – Im
leisen Selbstgespräch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnlosen
Mundes, und gab den Empfindungen Worte, die ihr Herz in schwerem Kampf
bewegten.

Es ist Alles eitel unter der Sonne, Alles, sprach sie mit den Worten
Salomo’s, deren erschütternde Wahrheit der Mensch mehr und mehr erkennen
lernt, je näher er dem letzten Ziel dieses irdischen Lebens kommt. Hier
stehe ich nun, eine in sich selbst zusammenbrechende Ruine, und was habe
ich nicht Alles erlebt, gethan, geschaffen, für wie Viele mich abgemüht,
und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie jener
große Weise des Alterthums, kann ich nicht sprechen gleich ihm: »Ich
machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume
darein?« – Mein Marienthal grünt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt
sich seiner kühlen Schatten. »Ich machte mir Deiche, daraus zu wässern
den Wald der grünenden Bäume.« Noch andere Deiche schuf ich, die das
Land beschützen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf für
dieses Land. »Ich hatte Knechte und Mägde und Gesinde,« habe sie noch,
füttere und nähre Viele umsonst, deren ich nicht mehr bedarf, die aber
meiner bedürfen. »Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und war den
Königen und Ländern ein Schatz«, spricht der weise Prediger. So that
auch ich; ich sammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in
Erz, welches der edle Rost von Jahrtausenden ziert, meine Münzen. Und
was wird das Loos dieser Sammlung sein? Die sie nach mir besitzen,
werden gemünztes Gold und Silber nöthiger brauchen, werden meinen Schatz
verkaufen, und er wird allmählig wieder kommen in die Hände der Händler,
wird zerstreut werden, wie er vor mir zerstreut war, denn es ist Alles
eitel, ja, »da ich ansah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte,
und die Mühe schätze, die ich gehabt hatte, siehe da war es Alles eitel
und Jammer und Nichts mehr unter der Sonne.« Jammer, ja wohl, Jammer! O
du hoher Prophet, du Weiser im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte
sah ich verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes
Besitzthum sah ich verloren gehen und mich dessen beraubt werden, womit
ich Andere glücklich machen wollte, mein geliebtester Enkel ist weit,
weit von mir gegangen, wird mir nicht die Augen zudrücken, zieht einem
jungen schönen Stern liebend nach, und drüben in Kniphausen bricht ein
reines, edles Herz an einem Weh, das unaussprechlich ist. Jammer!
Jammer! Und so werde ich mit vollem Rechte sagen müssen mit dem
Prediger: »Mich verdroß alle meine Arbeit, die ich unter der Sonne
hatte, daß ich dieselbe einem Menschen lassen mußte, der nach mir sein
soll. Denn wer weiß ob er weise oder toll sein wird, und soll doch
herrschen in aller meiner Arbeit!«

Fort mit den thörichten Gedanken! rief aus ihrem trüben Sinnen sich
aufrichtend die Reichsgräfin; mit derartigen Gedanken sich zu quälen,
ist auch eitel, und »der Herr,« singt der Psalmist, »der Herr weiß die
Gedanken der Menschen, daß sie eitel sind.«

Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich lasse die Herren bitten!

Es stand ein großer grüner Tisch im Zimmer, fünf Polsterstühle
umstanden denselben. Die Reichsgräfin ließ sich auf dem Sessel am oberen
Ende dieses Tisches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden
Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen
ein; es waren der Hofrath Brünings, der Rath Melchers, der Secretär
Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel
hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte,
wenig paßte.

Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen! sprach
mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem
Winke Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die
Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns
heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue
aufzunehmen, deren völliger Abschluß stets durch unverhoffte
Widerwärtigkeiten hinausgeschoben und verzögert wurde, von denen die
wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ältesten Enkels, des
regierenden Herrn, war. Nach unsäglicher Mühe, die wir es uns kosten
ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich
gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen
zurückzugeben, was nimmermehr geschehen wäre, wenn ich nicht Himmel und
Hölle beschworen hätte, denn ich muß es immer sein, die in meiner
Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England übergesiedelt und
hat mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatverträge
abgeschlossen. Höchst erwünscht wäre für uns die Anwesenheit meines
ältesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere
Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drüben das
Aeußerste zu befürchten ist, so würde es zwecklos sein, unsere Berathung
auf die nächste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der
lebhafteste Wunsch meines ältesten Herrn Enkels war und ist, sich im
Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr
Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und
beiderseitigen Wünschen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im
besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem
Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglückliche
Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch,
meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu
Stande kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie
zu Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und
mein Leben neigt sich rasch zu Ende – ist es doch ein Wunder, daß der
altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hören Sie den entsetzlichen
Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe
haben mich gar oft durchschüttert, endlich bricht der Damm, endlich
fluthet die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens
dahin! Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmächtigten meines
ältesten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten
Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles
genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten
Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, während
ich mich zurückziehe, allseits nach bester Einsicht.

Die Reichsgräfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem
Zimmer in das anstoßende Gemach.

Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die
Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abänderung erfahren
hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe
sollten ab sein für immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig
vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprüche sollten fallen,
wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen
künftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei
Lebzeiten der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten
werden, dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht
worden, nämlich 150,000 holländische Gulden in näher zu bestimmenden
Terminen, 14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem
Tode der Reichsgräfin an deren Miterben für den Besitz der deutschen
Güter ebenfalls in den bisher gewöhnlichen Terminen, und über diese
Summe solle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei
stehen, ebenso wie über ihren sämmtlichen Hamburgischen Nachlaß, jedoch
mit Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen
Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angeführt werde,
damit nach Illustrissimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen
Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwürfniß
hinfort Alles ehren- und standesgemäß verhandelt werde.

Es sind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieselben Artikel, mein
verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gnädigen Herrn
Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben.

Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um
Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen,
daß es auf keine längere Verzögerung abgesehen ist von Seiten des
regierenden Erbherrn.

Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs-Artikel
einzuschalten sein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung
alles Zugesagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die
Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum eigenthümlichen Besitz
übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den bestimmt
ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe unsers Enkels, des
hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und
vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und übergeben,
kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit Doorwerth;
auch ferner wörtlich den Passus, daß inmittelst Seine Hochgeboren der
regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als Allodial-Güter
handeln könne nach seinem Wohlgefallen.

Ich weiß doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der
Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu
Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt
von mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus
nicht ein, und ich würde meiner gnädigsten Gebieterin ebenso wenig
anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angeführten
Stellen wörtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht
wirklich statt der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger
Banco die erstbedungene Zahlung von fünfzigtausend Gulden völlig und
baar entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschäft
bleibt doch immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen
oder kann Hochderselbe nicht zahlen?

Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete
Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so
würde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten!

Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr
ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im
Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin äußern muß, selbst wenn
Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in
keiner Weise persönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die
großmöglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und können Sie
es verhehlen, daß derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren
schon vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir
bestätigen wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgesagt, ebenso der beste
Freund, Graf Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von
Portland? Und nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen
Herrn damals die Summe von fünfzigtausend Gulden zur Verfügung stellte,
mit der dieser ebenso großmüthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen
glaubte, damit aber nur Wasser in die Zuider-See goß! Nie wird diese
Summe, die, statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden,
für politische Gaukeleien zersplittert wurde, zurück bezahlt werden
können, denn sie wird ja nicht einmal verzinst.

Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus,
die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und
Ehrenmannes, eine politische Gaukelei?

Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon
ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Gesicht, das zu
dem feinen, spitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brünings einen
sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns über
politische Ansichten zu streiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und
will die Meinen nicht bekämpfen lassen. Gaukelei im erwähnten Sinne
nenne ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete,
die der Welt unnütz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne
Ueberlegung beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen.

Für Leute solchen Schlages, warf Brünings voll sittlicher Entrüstung und
tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine
Vaterlandsliebe, keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen schlägt nie das
Herz in der Brust unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jammerruf
der geknechteten Menschheit, sie verschließen ihr Ohr der Wehklage um
die hingemordete Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des
Vaterlandes!

Mit Absicht verschließe ich nie mein Ohr, hochgeschätzter Herr College,
versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser
Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten
keine Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in
toller Nachäfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und
diese womöglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder
waren es Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hüte
auf den Köpfen behielten und einander den Titel _Bürger_ beilegten? Doch
genug, bester Herr College, über dieses in der That affreuse Kapitel.

Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder
zurück und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die
Streitenden mit ironischem Lächeln. Wir werden hier am friedlichen
Jahdebusen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geschichte gährt
und streitet. Wir Deutsche sind überhaupt niemals unpolitischer, als
wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also
sind der Ansicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die
Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung
leisten zu können?

Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau
Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertundfünfzigtausend
Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung
und Austausch der Contracte, fünfzigtausend Gulden angezahlt werden, mit
Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco.
Acht Wochen später und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit
Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern
mit hunderttausend Gulden erfolgen, und außerdem soll der Erbherr,
innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit
ist, der hochgräflichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf
fünfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behändigen.

Eine Obligation, nahm Brünings hastig das Wort, welche der gnädige Herr
sehr gut ausstellen kann, da ausdrücklich bedungen ist, daß diese Summe
nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin selbst, noch von einem
sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich
günstigere Finanz- oder besondere Glücksumstände ereignen.

O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den
Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe
in der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glücksumstände? Da thun
Sie mir leid, das sind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers!
Bedenken Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach
sind Sie nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist
die Obligation eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer bürgt für ihn?
Auf welche Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo fließen ihm
außergewöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in
welcher Niemand sagen kann, daß sein Vermögen gedeckt und gesichert sei,
und seine zeitlichen Umstände nicht schneller Umwandlung erliegen?
Möglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz
hingearbeitet. Dann sind wir die längste Zeit Herren in den
Herrlichkeiten gewesen. Dänemark greift zu und vereinigt dieses Land mit
Holstein.

Nun denn, sprach Brünings: wenn es so steht, daß an die Stelle
erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn statt
bedachter Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich
rathen, mit dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschäft noch zu warten, und
Alles einer sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung
anheim zu geben.

#Concedo#, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht’ es gleich,
daß wir uns einigen würden; inzwischen wird wohl für meine hochgnädige
Gebieterin das Beste sein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie
es auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein
Gerathewohl hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen
Schicht!

Und sind so weit wie zuvor! rief plötzlich die Stimme der still wieder
eingetretenen Reichsgräfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Rußland,
Frankreich, England, Oesterreich, Preußen, Deutschland, Schweden,
Dänemark und die Türkei mit einander Kriege führen und zuvor die
Streitfrage diplomatisch ausfechten wollten, so könnte kaum langweiliger
und unentschiedener gehandelt werden, als hier der Fall ist um ein
einziges Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich _will_ es meinem
ältesten Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht überein, warum
wird nicht abgestimmt und abgeschlossen kurz und rund, wie ich es will?

Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es
völlig einerlei ist, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen
stimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen ist, hingezögerte und
verklügelte Verhandlung wurde hier plötzlich durch den Eintritt des
alten Dieners Weißbrod unterbrochen, welcher sich mit der Meldung zu der
Reichsgräfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gnädigst die Störung,
aber die Sache ist dringend. So eben kam ein reitender Bote, über und
über triefend, und halb erstarrt, von Kniphausen herauf.

O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung
ergriffen:

Der Bote kommt vom gnädigen Herrn! berichtete Weißbrod: er hat keinen
Brief, der Herr haben ihm mündlich aufgetragen und auszurichten
anbefohlen, daß –

Was? Heraus damit, rief die Gräfin fest und entschieden, als Jener in
seiner Rede stockte.

Des Erbherrn Gemahlin wären sehr krank und wünschten dringend Ihre
Excellenz noch einmal zu sprechen.

Ottoline! Das arme Herz, ich hab’ es geahnt, sprach die Reichsgräfin
leise vor sich hin: wohl denn, es geschehe ihr Wille.

Aber Excellenz, rief Weißbrod bestürzt; das entsetzliche Wetter!

Gegenüber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Lasse
gleich den großen Glaswagen anspannen, sage der Windt, daß sie mich
begleiten soll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den
Gefallen zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene
Quittung mit – das Weitere flüsterte sie so leise, daß nur der
Haushofmeister es vernahm, dann wandte sie sich wieder zu den Uebrigen.
Ihnen, meine Herren, danke ich für die abermalige fruchtlose Bemühung
ganz nach Verdienst. Ich sehe ein, daß Sie allseits es redlich und treu
mit mir meinen, aber langweilig ist die Sache, sehr langweilig. Selbst
das hochweise Kammergericht zu Wetzlar ist nicht langweiliger und
weitschweifiger. Und nun soll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden,
gar Nichts, nun will ich nicht mehr! Niemand soll wieder davon mit mir
zu reden anfangen, ich verbitte und untersage dies ernstlich. Adieu,
meine Herren!

Bitterböse rauschte die Reichsgräfin aus dem Zimmer und warf dessen
Thüre mit ungnädiger Heftigkeit hinter sich zu.

Ein böses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brünings und zog
die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr
Haushofmeister, erkälten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die
bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen
haben.

Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen über
Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach Kniphausen
dahin. Herr Brünings aber hatte sich doch geirrt; die hochbejahrte Frau,
die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den Wunsch einer dem Tode
nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in Schleier gehüllt und saß
während der ganzen Fahrt still und regungslos im Wagen. Vor ihr hatten
Windt und dessen Schwester den Rücksitz eingenommen. Da die Herrin nicht
redete, wagten auch ihre Begleiter nicht zu sprechen. Die Made war
furchtbar angeschwollen, fast war die Brücke bedroht, jetzt zeigte sich
formlos in Nebelschleiern das stattliche Schloß, grau wie ein
Gespensterhaus.

Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei
herüber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer sein
Nest hatte, schrie so laut und ängstlich. Noch eine bange Viertelstunde
und Schloß Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des
Jahres 1799.

Der Erbherr trat der Reichsgräfin verstört entgegen, es war ein
trauriges Wiedersehen. Großmutter und Enkel wechselten nur wenige Worte,
die Dienerschaft stand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele
hatten verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche
Sorge sehr verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er
hatte seine Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und
verletzendes Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und
ihrer idealen Anschauung des Lebens stimmte – wenn auch, was ihrem
scharfen Blick nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau,
die erst während seiner Abwesenheit in das Schloß gekommen war, und,
obschon die Tochter eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch
ungemein viel Bildungsfähigkeit besaß, ihn sichtbar interessirte und
unruhig machte. Es war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes.

Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab, in
welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand;
Windt war bei ihm, ihre Gespräche galten Doorwerth.

Im Zimmer Sara’s weilten Ottolinens Kinder; die älteste Tochter Maria
Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mädchen von
sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück
gewesen, und nun dieses liebevolle, zärtliche Herz verlieren sollten.

Am Lager der schwer kranken Herrin saß die alte Reichsgräfin. Ottoline
hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den
tiefeingesunkenen großen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone
empor.

Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche.

Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgräfin; er zog seinem
Glücke nach – fast fürchte ich, er findet es niemals.

Ach, – der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals
mein Leben für so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spät ihn
kennen, – ach – ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich sieben
Schwerter im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein
Schwert der Buße, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der
Hoffnungslosigkeit, ein Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen
– und nun – sind sie alle von mir genommen – ich fühle keinen Schmerz
mehr – ich fühle mich leicht – aber kalt. Meine Füße haben schon keine
Empfindung mehr.

Nicht zu viel sprechen, meine Beste! mahnte sie die Reichsgräfin.

Ach, ich ließ Sie ja bitten, würdige Großmutter, flüsterte Ottoline:
weil ich sprechen wollte zu Ihnen – mit Ihnen – von ihm. Jetzt, wo alle
Banden abfallen von der frei werdenden Seele, jetzt sage ich es, und
sage es Ihnen, und bitte Sie, es ihm wieder zu sagen, daß ich ihn
unendlich geliebt habe – ja unendlich – unendlich! Das sagen Sie ihm,
beste Großmutter – und er soll meiner nie vergessen – ach, ich möchte so
gern – ihm ein Andenken geben – wäre nur der Falke mein – der Falke, aus
dem wir tranken – den ich ihm kredenzte – er sollte ihn haben – das
wollte ich Ihnen sagen, Großmutter – das ist mein letzter Wunsch auf
Erden.

Ich sichere dessen Erfüllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein
stummer, aber leuchtender, schon halb verklärter Blick dankte ihr; dann
erhob Ottoline beide Hände, und rief: Meine Kinder! Wo sind meine
Kinder? Ich will sie noch einmal sehen und sie segnen!

Die Reichsgräfin gebot die Mädchen zu bringen, sie nahm sie selbst in
Empfang und führte sie an das Lager ihrer sterbenden Mutter. Ottoline
weinte ihre letzten Thränen, der Erbherr trat herein im stummen
männlichen Schmerz, der Schloßkaplan, die Kammerfrauen, Windt, die
Dienerschaft, Alle still, leise schluchzend.

Bereits am Morgen dieses Tages hatte Ottoline das heilige Nachtmahl
empfangen. Jetzt begann der Schloßkaplan laut zu beten, während die
ganze Dienerschaft auf die Kniee sank.

Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, sie
verschied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leisen Röcheln – und
über das stille bleiche Antlitz, über die vom Tode selbst
sanftgeschlossenen Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern lagerte
sich der Friede Gottes.

Noch einmal erhob der Geistliche die Stimme, indem er nahe zum Lager der
Verblichenen trat, die Hände erhob und das Zeichen des Kreuzes über sie
schlug. –

Die Reichsgräfin weilte später mit dem Erbherrn im Fremdenzimmer, beide
im stummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des Schmerzes
machen nicht gesprächig.

Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jäger, trat ein.

Rufe er den Hausmeister Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt!

Was wollen Sie befehlen, gnädige Großmama? fragte der Erbherr,
überrascht von diesem Worte.

Du sollst es gleich erfahren, gab die Reichsgräfin zur Antwort, und
Beide schwiegen wieder.

Die beiden gerufenen Haushofmeister traten fast zu gleicher Zeit ein.
Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgefütterte
Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin.

Nun, gnädige Großmama? fragte der Erbherr. Was haben Sie?

Ich will meinen Falken mitnehmen!

Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich weiß nicht anders, als daß die
Edelsteine Fideicommiß sind?

Mein Diamantenschmuck, ja, die Diamanten deiner theueren Verstorbenen
desgleichen, der Schmuck, dessen sich Frau von Varel, deines Bruders
Gemahlin, geborene Gräfin Lynden, außer ihrem eigenen bedient,
desgleichen. Der Falk von Kniphausen aber ist mein – ich ließ ihn hier,
weil er hier an würdiger Stelle stand, und weil Ottoline an ihm ihre
Freude hatte. Doch damit in dieser ernsten Stunde deine Gedanken nicht
mich und nicht dich selbst verletzen, mein theuerer Enkel, so bitte,
lieber Windt – das Papier, das ich Sie ersuchte, zu sich zu nehmen.
Hier, mein guter Wilhelm!

Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung über
den Falken, »gefertigt auf Befehl der Reichsgräfin Sophie Charlotte,
Herrin zu Varel und Kniphausen, mit namhafter Angabe des zu dem
Kunstwerk verwendeten Goldes, so wie aller Edelsteine, und der hohen
Frau Bestellerin zu Dank vergnügt quittirt von den Gebrüdern Dinglinger,
Königlichen Hofjuwelieren zu Dresden«.

Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgräfin schob den Falken
mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen.



2. Das Andenken.


Graf Ludwig weilte wieder auf deutschem Boden. Er war jenen Reisenden
hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewöhnliches Vertrauen hatte ihn
beglückt, Angés hatte dieses Vertrauen bewirkt, ja selbst Sophie, das
herrlich sich entfaltende Kind, hatte dazu beigetragen. Den Herzog
nöthigten Pflicht und Ehre, seinen Lieben nur bis zur Grenze des
Sachsenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reise den Grafen,
der ihn im Thüringerwalde einholte, kennen und hochachten, und ihm, dem
ganz unabhängigen, der Sprachen wie der politischen Verhältnisse
kundigen Mann, vertraute er unbedenklich den Schutz und die Führung
seiner Lieben an, beruhigter eilte er zum Heere zurück und an die Spitze
des Corps, welches unter Prinz Ludwig Joseph von Condé errichtet war und
dessen Namen trug. Manche tapfere That wurde vollführt, bis der
Präliminarfriede von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die
Verabschiedung des Condéischen Corps bewirke. Aber dieses wollte sich
nicht auflösen; da erfolgte von Seiten des Kaisers von Rußland eine
Einladung an das ganze Corps, und der Prinz von Condé ging ihm voraus.
Der junge muthige Herzog, dem noch höher als die Liebe, der Muth die
Seele schwellte, blieb als Oberbefehlshaber des Corps an dessen Spitze,
leitete den Marsch durch Oesterreich, führte das Heer, 10,000 Mann
stark, nach Volhynien, eilte nach Petersburg, seine Angehörigen zu
begrüßen, und fand dort Gelegenheit, den Grafen Ludwig für seine treue
Anhänglichkeit und außergewöhnlichen Dienstleistungen angemessen und
durch eine entsprechende äußere Stellung zu belohnen.

Das Jahr 1799 rief den Prinzen von Condé und sein Heer wieder unter die
Waffen; der Herzog führte zwei Emigrantenregimenter und das russische
Infanterieregiment Titow nebst andern Truppen und rückte nach Schwaben
und der Schweiz vor, wo die rühmlichste Tapferkeit entfaltet wurde und
der Herzog große Triumphe feierte. Verhältnisse des höheren politischen
Lebens, hauptsächlich der Rücktritt des Kaisers Paul von Rußland von
der Coalition, bestimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerste,
was er besaß, in Petersburg bisher genossen hatte, zu verzichten, er gab
Weisungen, daß die Frauen und ihre Dienerschaft sich in eine deutsche
Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben sollten. Da der Rath des
freundlichen Geleiters, den man als einen weitläufigen Verwandten durch
seine mütterliche Abstammung betrachtete und ihm volles Vertrauen
schenkte, von der Prinzessin erbeten wurde, so schlug Graf Ludwig
Hamburg vor, nicht nur, weil er selbst sich wieder nach Deutschland
zurück und in eine bekannte Gegend sehnte, sondern auch, weil er die
Ueberzeugung hatte, daß die Prinzessin dort ganz nach ihren Wünschen
zurückgezogen und in völliger Freiheit leben könne, während bei aller
Aufmerksamkeit, die man ihr erwies, das Leben am russischen Hofe ihr
doch auf die Dauer drückend geworden war.

Im Verhältniß Ludwig’s zu Angés hatte sich Nichts geändert; es war und
blieb wie es von je gewesen, eine auf die höchste gegenseitige Achtung
sich gründende, reinste Freundschaft. Zart und schonend hatte ihr
endlich Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thränen waren
noch gemeinschaftlich um Leonardus geflossen; Ludwig hatte des Freundes
Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der
Erinnerung gemalt und mit vielem Glück getroffen, der Freundin
anvertraut. Es war das Bild der treuen Großmutter, der herrlichen
Mutter, es war das Bild der reizenden Ottoline und jenes der lieblichen
Angés, es war der Kranz von Bildern edler Menschen, die alle tiefen,
wunderbaren und unvergänglichen Eindruck auf sein Herz gemacht hatten,
jede einzelne Persönlichkeit auf verschiedene Weise, und alle einig in
dem Bestreben, ihn zu beglücken. Ottoline hatte ihn freilich so wenig
mit reichen Gaben bedenken können, wie Angés, aber sie hatte sein Herz
mit hohen Empfindungen erfüllt; der erste Strahl aus einem reinen
Frauengemüth war aus ihren Blicken in seine Seele gefallen, hatte ihm
seine Jugend verklärt, seinen Geist erhoben, dem fortan kein unreiner
Gedanke nahte. Und in Angés hatte Ludwig erkennen lernen, welchen
Reichthum edler Gefühle ein Frauenherz birgt; er hatte in ihr jenen
wahrhaften Seelenadel gefunden, der seinen Ursprung nicht aus alter
Abstammung und hoher Geburt herleitet, sondern aus dem eigenen
unentweihten Gemüthe, das wohl sich emporzuringen vermag auf den Gipfel
reinster sittlicher Größe und Hoheit.

Angés war die große und doch so zärtliche Seele, die über sich selbst
den herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu
bekämpfen und ihr zu widerstehen, die Beide der Liebe so würdig waren,
die an ihrem Beispiel lernten, sich selbst zu beherrschen, und von denen
sie den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller
innigen Freundschaft den Andern liebte.

So beharrend in würdiger und edler Selbstbeherrschung war Angés sich
selbst treu geblieben, und so hatte auch die Prinzessin ihr Wesen und
ihren Charakter von je erkannt und hochgeschätzt; sie wurde von dieser
wie eine Schwester behandelt und Angés blieb auch später die Ausbildung
und Leitung des geliebten Kindes überlassen. Die Einrichtung war so
getroffen, daß Angés nur in den nöthigen Fällen mit der Prinzessin
öffentlich erschien, daß die Wohnungen getrennt waren und keine Seele
den Antheil errathen konnte, den die Prinzessin an dem Kinde nahm.

Graf Ludwig wußte, als er in Hamburg mit seinen Schutzbefohlenen
anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgräfin Ottoline;
er hatte auch von der Großmutter lange keine Nachricht erhalten und
leicht konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Indeß vermuthete er seine
würdige Gönnerin in Hamburg, und hatte sich nicht getäuscht. Er miethete
sogleich in der Nähe des großmütterlichen Hauses eine Wohnung für sich
und seine Begleitung und erfuhr, daß auch Windt anwesend und die
Reichsgräfin bedenklich erkrankt sei.

Ludwig suchte den alten Freund auf, und diesen versetzte das
unvermuthete Wiedersehen in eben so viel Freude als Bestürzung.

Sie finden Ihre Frau Großmutter bedeutend krank, Herr Graf! sprach
Windt; und was die Vergleichssache angeht, so sind wir noch keinen
Schritt weiter, außer daß der jüngere Graf, Johann Carl, sich ganz nach
England übersiedelt hat und bereits Generallieutenant geworden ist.
Derselbe hat mit dem Erbherrn und dem Vice-Admiral William eigene
Verträge abgeschlossen für den zu erwartenden Todesfall der Frau
Großmutter, und geben Sie Acht, liebster Herr Graf, wenn sie die Augen
zuthut, so wird es heißen: »Sie haben meine Kleider getheilt und um
meinen Rock haben sie das Loos geworfen; ja ich vermuthe fast, sie haben
dies bereits gethan, denn ich hörte neulich ein Vöglein pfeifen, unter
uns gesagt, Herr Wippermann hat geplaudert, als ich ihn jüngst in einen
Austernkeller mitnahm und seine sonst schwere Zunge mit Champagner
löste; die Sache soll so abgekartet sein, daß der Erbherr Varel und
Kniphausen behält, so wie die Güter in Holland, wenn er sie nämlich
wieder bekommt, der Admiral aber die Herrlichkeit Doorwerth mit allen
ihren Schlössern, Dörfern, Höfen, Wonnen und Weiden, Aeckern und Wiesen
und auch ein hübsches Stück Busch; dafür findet er den Grafen Johann
Carl mit Geld ab und tritt in dessen ganzes Erbrecht ein.

Mögen sie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es sie nur
zufrieden stellt. Also der Erbherr ist frei? das freut mich; wie lebt
er? wie leben die Seinen? fragte Ludwig.

Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie schmerzen,
Herr Graf; ich sehe schon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich
hatte Befehl, Ihnen den betrübenden Fall zu melden.

Um Gott, welchen Fall?

Ottoline, die regierende Frau Reichsgräfin, diese sanfte Dulderin,
wandelt nicht mehr unter den Lebendigen.

O, mein Gott! seufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durchschauerte sein
Gemüth.

Sanft, wie sie gelebt, war ihr Verscheiden; ihre Kinder segnend, gehoben
durch die Tröstungen der Religion, ging sie ein zum Frieden. Sie hat
viel und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat sie, wie mir Ihre
Frau Großmutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht.

Und der Erbherr, wie trug er diesen Verlust? fragte der Graf.

Er empfand ihn tief und schmerzlich, ganz gewiß, antwortete Windt, wenn
er auch die Größe des Verlustes nicht zu ermessen wußte. Doch verdammen
wir ihn nicht, Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, langes
Fernsein vom heimischen Herde, die rauhe Soldaten- und Seemannsnatur. –
Sie begreifen was ich noch sagen könnte. Doch die Zeit wird das Weitere
lehren.

Und die Großmutter, seit wann ist sie krank? fragte Ludwig.

Ihre Krankheit ist das Alter! versetzte Windt. Denken Sie,
fünfundachtzig Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man keinen
Hund aus der Thür jagt, von Varel nach Kniphausen hinüber, um den
Wunsch der sterbenden Erbherrin zu erfüllen. Aber es ergriff sie schwer,
nicht auf dem Hinweg, nicht auf dem Herweg sprach sie mit mir und meiner
Schwester auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden,
reisten wir hierher, doch ist sie seitdem nicht wieder aus dem Hause
gekommen und ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, daß sie lebend auch
nicht wieder über dessen Pforte kommt.

Sie sagen mir viel, o, allzuviel Trübes und Schmerzliches, liebster
Windt! seufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein
Hierherkommen, ich wollte der Großmutter eine Prinzessin wieder
zuführen, die eine Verwandte und die ein Engel an Liebenswürdigkeit ist,
die auch schon hier war, und jenes Kind, das Sie so liebevoll in
Doorwerth gehalten, jene kleine Sophie, die jetzt eilf Jahre alt ist und
noch Jemand.

Angés! rief Windt voll ungeheuchelter Freude. So haben Sie sie gefunden,
und sie hat endlich – ihr Herz – Ihnen –?

Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernst. Angés ist sich
gleich geblieben, und ich habe überwunden. Es war ein herber Kampf mit
Liebe und Leidenschaft, der Sieg war schwer, aber jene Strophe stärkte
mich, die mein verklärter Freund mir einst zurief.

    »Wir müssen alle ringen,
    Des Kampfs bleibt Keiner frei;
    Doch soll ein Sieg gelingen,
    Frag’ nicht, ob schwer er sei.«

Wir siegten und wandeln nun in treuer Freundschaft verbunden neben
einander wie Bruder und Schwester.

Windt ließ die alte Reichsgräfin durch seine Schwester auf das
Erscheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fühlte
sich dadurch neu belebt; sie sammelte nochmals ihre ganze Kraft und in
der That war es das letzte Gefühl irdischer Freude, das sie hob und
kräftigte; sie konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit
ihm zurufen: Sei mir tausendmal willkommen, mein geliebtester Enkel! Du
heißersehnter Liebling! Dich noch einmal zu sehen, ist Wonne meinen
alten fünfundachtzigjährigen Augen, ist mir eine köstliche Arzenei,
heilsamer als Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke für mich
zusammenbrauen läßt!

Ludwig stand bewegt am Lager der gänzlich abgezehrten Greisin, deren
Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar
waren.

Nach einer Pause, die der augenblicklichen Aufregung folgte, sprach sie
in Gegenwart von Windt’s Schwester, die auf den Wink der Herrin bleiben
mußte: Du kommst noch eben recht, um dir ein Andenken zu holen, das
außerdem nicht in deine Hände gekommen wäre, es ist ein Doppelandenken
und Ottoline bestimmte dir’s, rathe, Ludwig, was es ist?

Ottoline mir ein Andenken? Wie sollt’ ich das errathen, beste
Großmutter!

Die kranke Reichsgräfin winkte ihrer Kammerfrau, und diese brachte ein
Lederfutteral herein.

Nun öffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und
Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu
gönnen, dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich.

Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen Kunstwerks
strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr vor
Staunen.

Von nun an dein Eigenthum, flüsterte die Kranke.

Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft
werth, ach – und für mich – noch unendlich mehr – o jener Tag – ach,
Ottoline!

Und wenn es zehn Grafschaften werth wäre, sprach die Gräfin: so wird es
dir auch werth bleiben – du wirst es nicht verschachern und
verschleudern, wie meine herrliche Münzsammlung dereinst verschleift und
verschleudert werden wird, über die ich bethörter Weise schon früher
verfügte. Dir – dir hätte ich sie geben und hinterlassen sollen!

Sie haben mich ja schon so überreich begabt, beste Großmutter! fiel
Ludwig ein.

Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich – die Andern sollen
ihn nicht haben – sie sollen nicht wieder daraus trinken – du – nur du
– und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn – behalte ihn. Die
Urkunde, daß ich dir den Falken schenke, steckt bereits im Innern des
Vogels. Trinke dich gesund daraus, #drink all ut!#

Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen
griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch
nicht, vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange.

Am folgenden Tage fühlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob
der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frühen
Jugend an am Nächsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war,
sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er
ihr von seinen bisherigen Schicksalen erzählen möge. Dies that denn auch
der Graf ausführlich; die Alte hörte schweigend zu und blieb ganz ruhig,
dann sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir
die Ehre ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird
mir dies nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch
gute Tage sah, viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist
wichtig. Sie wird auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil
ich ihren Angehörigen Gutes erzeigte.

Theuerste Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt der
Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von
Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen,
Ihnen das Kind zuzuführen.

Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin.

Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war
Ludwig’s Antwort.

Ist das hohe Paar nicht vermählt? forschte die Reichsgräfin weiter.

Wohl sind sie vermählt, diese einander so heiß und feurig liebenden
Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner
königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in
einer katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung
empfing. Aber sie haben beschlossen, ihre Vermählung noch als ein
Geheimniß zu bewahren, bis zu einer günstigeren Zeit, bis die
beiderseitigen Verhältnisse sie sicherer stellen, und es sollen die
nächsten Angehörigen nicht mehr erfahren, als was sie bereits wissen,
daß nämlich der Herzog und die Prinzessin einander in untrennbarer
Liebe angehören. Ueber die holde Tochter soll noch, zu deren eigener
Sicherheit, das tiefste Schweigen beobachtet werden.

Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hören, sagte die Gräfin: und so
bitte ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen.
Jedenfalls weilt sie hier doch incognito?

Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, versetzte
Ludwig.

So gehe und führe sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag
habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind,
entferne dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen lassen, wenn der
Genius mir die Fackel umstürzt. Noch einmal fesselt dich die alte
Großmutter, die dich so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr
Sterbebette, dann bist du ganz frei und die weite reiche Welt ist dein.

Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich
bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürstet – Liebe!

Harre und hoffe! dir kann noch das höchste, das reinste Glück der Liebe
erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren schon die schönsten Rosen seines
Lebens abgepflückt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich
sage dir, Ludwig, du wirst noch viele beglückte Tage sehen.

Der Graf ging und einige Stunden später befand sich die Prinzessin und
das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen
Formeln der Höflichkeit gewechselt waren, klingelte die Gräfin ihrer
Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen
Comtesse die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den
meine Freunde scherzhafter Weise immer mein »grünes Gewölbe« nennen.

Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der Wand
geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein schönes
Bild! Das ist ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten wandte
sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem
Schlosse bin ich gewesen – in diesem Thurm hier – zur rechten Seite –
haben wir gewohnt, meine liebe Angés und ich – dort von jener Zinne
haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schloß versammelt
waren, und die Prinzen dorthin kamen – mein theurer – Oncle!

Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann
führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoßenden Sälen
noch andere schöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die
Reichsgräfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu
besprechen, was keine Zeugen litt.

Als diese später mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in
dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg
die Prinzessin mit Mühe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit
Sophie allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestüm die holde
Tochter, küßte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne
und erfülle, was in dieser Stunde über deine Zukunft beschlossen ward!

Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne
eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen.

Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende
Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernst,
als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer
Olympierin. –

Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz
über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er sprach:
Wieder eine Seele weniger auf Erden, die für mich betet. Wäre ich
Katholik, so würde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um
droben für mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe
und ehre, von hinnen ziehn?

Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die
allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und
dich dennoch aufrecht halten müssen.

Das sagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der
Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft
blickte. Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Völkern,
unter den Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schooß der
Familien. Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig,
damit nicht der Haß gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll
nicht wissen, daß er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, daß ein
Bruder wider den anderen streiten wird. Lass’ sie Alles an sich reißen,
meine lachenden Erben, du hast genug, und ein Höheres ist dir noch
beschieden, wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin,
ohne erlebt zu haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen
Opfern und Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden;
aber nein, die wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der böse
Feind die Saat des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von
Jever, Varel und Kniphausen säete. Laß fahren dahin – sie haben’s nicht
Gewinn!

Eine erhabene Seele, diese verklärte Großmutter! sprach Angés. Und was
prophezeite sie sonst noch?

Daß ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust würde zu beweinen
haben, erwiederte Ludwig; daß mir beschieden sei, arm an Freuden und
dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein
Sturm der Außenwelt berühre. Wachsamkeit empfahl sie mir, »darum« so
sprach sie: »habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, daß er dir
ein Bild der Wachsamkeit sein möge, neben einer werthen Erinnerung.
Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geschrieben steht im
achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein
einsamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!«

Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes köstliche Geräth in
Falkengestalt, das sie mir schenkte – fügte Ludwig hinzu.

Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein höheres,
herrlicheres! sprach Angés ahnungsvoll und lächelte still vor sich hin.

Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war
Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe – ein überreicher Wunderhort der
edelsten seelvollsten Weiblichkeit.



3. Das Gelübde.


Romantischer Naturfriede und klösterliche Waldeinsamkeit umflossen und
umschatteten das reizende Münsterthal zu Sanct Landelin, über das noch
vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straßburg geherrscht hatte. Zum
zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden
aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo
gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat
verübt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine Wiederholung
solchen Ueberfalles nicht befürchtete; denn man hielt sich sicher unter
dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten Kirchenfürsten, der im
Schlosse des Städtchens als römischer Hauptpriester und letzter
vormaliger Fürstbischof von Straßburg seine Residenz aufgeschlagen
hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten Zeiten schon das
Kloster und Münster in großartiger Ausdehnung geübt hatte, Manchem eine
gesicherte Zufluchtsstätte bot, und häufig Verwandte und Freunde bei
sich sah.

In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der
Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Züge andachtsvoller Wallfahrer
und Pilger strömten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige
Landelin, der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem
Tode Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben sich rund umher und gaben
dem Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Dörfer und Höfe der
Nachbarschaft waren früher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das
große Weinfaß, welches einst im Keller des Münsters aufbewahrt und von
den alljährlich neu zuströmenden Spenden des Weinzinses vollgefüllt
gehalten wurde, war das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg,
denn dieses letztere faßt nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000
Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.

Edlen Beschäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, verweilten
hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte
ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der
sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschäftigte sich
mit anziehenden Studien über die Geschichte dieser Landestheile; er
nahte Angés nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen
holden Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu begleiten, die aber niemals
wieder nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der
Richtung nach dem Städtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden.
Hier begegneten sie bisweilen einer schönen verschleierten Dame, die das
fürstbischöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürstbischofs war;
dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei
denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das diese Personen in
mannichfacher Weise miteinander verband. Außer Jacques folgte auch stets
Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und spähte sorglich nach irgend
einer drohenden Gefahr umher.

Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er
liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland
zurückgeführt, mit wechselndem Kriegsglück gekämpft, bald sah er seine
Brust von der Hand des Kaisers von Rußland mit dem Großkreuz des
Maltheserordens geschmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und
ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lüneviller Friedensschluß. Dieser
führte die völlige Auflösung des Condéischen Corps herbei. Einer der
Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England
begeben, und es ward lebhaft gewünscht, daß ihm sein Vater und sein Sohn
jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen
schützte und unterstützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den
Sohnessohn fesselte die Liebe, die mächtige, starke Liebe oder – sein
Verhängniß, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens
glücklichste Zeit, füllte die Stunden einer schönen Muße mit dem
Vergnügen der Jagd aus, die er leidenschaftlich liebte, gab sich der
Lust am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reisen und Ausflüge,
kehrte aber stets mit neuer Sehnsucht zu ihr zurück, der alle sein
Denken und Empfinden geweiht war.

Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden gekommen,
dessen Kurfürst nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte, die dessen
unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des Herzogs
besondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein noch
größeres Jagdgebiet einräumte, als derselbe bisher schon inne gehabt
hatte.

Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu
begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder.
So sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so
weniger fand Ludwig sich von seiner männlichen Umgebung angezogen. Dafür
diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in
verschwiegener Stille üben. Glückliche geben ja gerne, und der Herzog
war so überaus glücklich, Ludwig nahm Philipp zu Hülfe, um verschämte
Arme aufzufinden, und manche stillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde
durch vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens
umgewandelt. Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und
wie gern verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthätigen
Fürsten.

In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur
ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, schöner als
er ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der
tönende Memnonruf, der ihn für eine neue, beseligende Liebe weckte. Die
kleine Sophie entfaltete sich frühreifend zur holdesten Jungfräulichkeit
und Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren
ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne
schuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinsten Freundschaft besaß,
einem beglückenden Loose zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der wie
in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti neigungweckende
Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem Herzen zum andern. Im
Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich dereinst zu sonnen,
ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glücks, dieser Gedanke
bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den äußeren
Verhältnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen beruhigend,
vielleicht hielt sie ihn für reicher als er war. Sophie konnte unter
günstigen Verhältnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen
werden, denn das Vermögen der Familie Condé-Bourbon, das man diesem
Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermögen war
unermeßlich.

Nach diesem Reichthum richtete sich indeß gar mancher Blick der Habgier
und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem edlen und
unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über’s Meer
herüber voll banger Besorgniß. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen des
Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mißdeutung; sie
nährten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen
vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der
Tannhäuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart?
Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein
unsichtbares Netz – sie hieß Verrath.

Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu Wanstead
in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben.

Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten:
hegt seltsamen Verdacht. Höre, was er schreibt, meine Charlotte: »Man
behauptet hier in Wanstead, daß du eine Reise nach Paris gemacht habest,
Andere sagen, du seist nicht in Straßburg gewesen. Es leuchtet wohl ein,
daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das
Spiel zu setzen.«

Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten hinterbracht
hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen begann.

Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog.

Und thatest du wirklich keinen so gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder
thatest du ihn? Vergaßest du mich und unser Kind? fragte mit
liebevollster Besorgniß und voll Seelenangst Charlotte und schloß den
Gemahl in ihre Arme, als fürchtete sie, ihn zu verlieren.

Der Herzog küßte sie und erwiederte halb zärtlich, halb schwermüthig:
Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn
gethan hätte, wer wollte mir ihn, außer den Feinden unseres Hauses,
verargen? Diese hier ausgesprochenen Befürchtungen liegen so nahe, und
es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine
Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten könnte, mich mit
den Feinden unseres Hauses in Verträge einzulassen; Andere hingegen, daß
ich Tag und Nacht darauf sänne, eine Lage, die mich niederdrückt und
völlig lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand!
Wann war England Frankreichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich
unterstützt es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns,
die wir unser geliebtes Vaterland so heiß, so innig lieben! Ist das
nicht fürchterlich? Mein Vater – fuhr der Herzog fort, kennt mich
besser. Er schreibt über den ersterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht
theile, aber daß die Gefahr mir sehr nahe liege. »Hüte dich,« schreibt
er, »und vernachlässige keine Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern,
im Fall der erste Consul beabsichtigten sollte, dich aufheben zu
lassen.«

O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen
Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der
Ufernähe des Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe!

Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch
weiter von dem theuern Lande entfernen? – Der Herzog blieb, aber die
Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen.
Eine Jugendfreundin, eine deutsche Fürstin, deren Residenzschloß in der
romantischen Künzelsau im Jaxtkreis des Landes Würtemberg gelegen war,
sollte ein neues Asyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler
des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurückziehen, und dort unter den
Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut
Pläne, damit das Schicksal sie vereitle.

An einem überaus schönen Morgen ergingen sich Sophie, Angés und Ludwig
unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Bedienung in der Nähe
von dem Münster und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer von
uralten Bäumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein
Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie und
der Jünger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte
Martyrsäule. Trunknes Entzücken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens, die
in lieblicher Jugendschöne ihm gegenübersaß, in ihren Blicken jene
Verklärung, welche das erste Erwachen jungfräulicher Empfindungen
begleitet, jenes süße Bewußtwerden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz
unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth und
Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge dahin
und dorthin, da schlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen
Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornröschen im
deutschen Märchen ihre Augen aufschlug, als der Königssohn sie küßte.

Ludwig durchströmte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe,
doch verschloß er tief in seiner Brust was er fühlte, denn noch dünkte
ihm dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch
schon ein hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in
seinem Schutz dies Kleinod gern geborgen wissen.

Die Sommerluft hauchte erfrischende Kühle; aus der Vorhalle der nahen
Kirche rieselte plätschernd Sanct Landelin’s geheiligter Wunderquell,
von dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen
im stillen Gebete andächtige Waller und beteten leise und eifrig ihren
Rosenkranz ab. Auf des Münsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte
sich die Unterhaltung und Ludwig erzählte: Ein edler Schotte, Namens
Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, sein
Vaterland, in welchem früh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um
in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands
dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in
Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein
Gedächtniß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der fromme
Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfürst Gisock beherrschte.
Landelin ließ sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als Einsiedler
nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon kam zu
Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die neue
Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann zu
ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut.

Ach! schrie Angés auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres
Herzens; war es ihr doch, als empfinde sie selbst einen Stich, so
ergriff sie diese Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Gefahr, die
ihr selbst weiter aufwärts im Thale einst gedroht hatte. Ihr Ausruf
erschreckte die Gefährten, ja sie störte damit sogar die Andacht der
Betenden, denn ein Paar Mönche in dunkeln Kutten kehrten sich nach ihr
um; sie weckte auch Philipp’s Aufmerksamkeit, der in der Nähe weilte,
und mit raschen Schritten hinzu trat. Angés, seltsam bewegt, bat Ludwig,
in seiner Erzählung fortzufahren. Philipp sah scharf nach den Mönchen,
mit Blicken voll Mißtrauen, der Graf fuhr fort: An der Stelle, wo der
fromme Landelin unter den Dolchen der Meuchelmörder sein Leben verblutet
hatte, entsprang ein Heilquell, welcher Kranken zu wunderbarer Genesung
verhalf. Die Gefährten des Märtyrers trugen den entseelten Leichnam
thalaufwärts, wo sie ihn zur Erde bestatteten. Die Stelle, wo Landelin
starb, und die, wo er seine irdische Ruhestätte gefunden hatte, wurden
dem Volke bald heilig, des Blutzeugen Märtyrtod und sein Wunder gewann
den ganzen Gau für die Christuslehre. Dieser Ort trägt von ihm den Namen
Sanct Landelin, über dem Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche,
voll Gnadenbilder und begabt mit reichem Ablaß. Zahlreiche Mönche
siedelten sich hier an und weilten in diesem Thale an den Ufern der
Umlitz, wie der Thalbach in früheren Zeiten genannt wurde; sie erbauten
Hütten in der Nähe jenes geweiheten Grabes. Von diesem Verweilen der
Mönche erhielt der allmählich entstehende Ort den Namen Münchweiler, und
außerdem entstand auch noch auf jener nahen Anhöhe über dem
Wallfahrtsort das Kloster Mönchszelle. Dessen Bewohner versahen den
Gottesdienst in der Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige
Völkerkämpfe; die Franken brachen heraus in dieses Alemanische Land und
verheerten es, das Klösterlein versank bald in tiefste Armuth. Da
geschah es, daß ein frommer Mönch desselben, Namens Widegera, aus dem
Breisgau, im Jahr siebenhundertundzwanzig Bischof zu Straßburg wurde,
und viel zur Erhaltung von Mönchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag
dazwischen wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kämpfe, Etto,
der Sohn Herzog Etticho’s, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim
gründete, durch Kaiser Karl den Großen Bischof von Straßburg. Er war es,
der Mönchszelle aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen
Landelin das Münster neu erbaute, das wir als Ettenmünster nun vor uns
in den stattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre seinen
Namen Etto als Ettenheimmünster fortführt. Zugleich wurde Etto des
Münsters erster Abt, an der Spitze einer Reihe von zweiundfünfzig
Aebten, die durch gute und böse Zeiten hindurch dieses Kloster
regierten. Immer schlimmer wurden indeß die bösen Zeiten und die guten
hörten endlich ganz auf; der goldenen und silbernen folgte die eiserne
Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem Waffenlärm und ihrer Hab- und
Raubsucht, wobei von den natürlichen Schirm- und Schutzherrn, den Herren
von Geroldseck einer nach dem andern sich als Feinde des Klosters
erwiesen und es mehr und mehr verkürzten, bis mit dem Frieden von
Lüneville dessen Aufhebung erfolgt ist.

Nach dieser Mittheilung erhoben sich die Spaziergänger zum Weggehen und
wandelten wieder ihrer nahen ländlichen Wohnung zu. Langsam und
keineswegs bemüht sie einzuholen, folgten ihnen in gemessener Entfernung
die erwähnten Mönche auf demselben Wege, aber zwischen ihnen und der
Herrschaft ging Philipp, nicht ohne sich oft nach Jenen mißtrauisch
umzusehen.

Graf Ludwig hatte sich kaum von Angés und Sophie verabschiedet, als
Philipp mit sorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck seiner Züge
machte den Grafen betroffen.

Nun, Philipp, was hast du? fragte er ihn verwundert.

Gnädiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er ist da!
Ich hab’ ihn gesehen!

Wer ist da und wen hast du gesehen? fragte Ludwig.

Der Citoyen, der Wasserspringer, gnädiger Herr! versetzte Philipp. Das
Spitzbubengesicht vergess’ ich all’ mein Lebtag nicht, ich erkannt’ es
gleich wieder, obschon ich’s nur einen Augenblick sah. Einer der beiden
Mönche war’s, die uns langsam nachfolgten, die vorher, wie Sie die
Geschichte von dem alten Kloster erzählten, dort in der Vorhalle der
Kirche knieten. Wie dieser Kerl den Kopf wandte, wie er herübersah nach
Ihnen und den Damen, da hatte ich’s los: Es war ein Blick, wie der einer
Schlange. Geben Sie Acht, Herr Graf, das könnte nichts Gutes bedeuten!

Diese Nachricht überraschte und erschreckte Ludwig und er nahm sie
keineswegs leicht auf.

Vielleicht irrtest du dich, vielleicht auch nicht, sprach der Graf;
immer wird es wohlgethan sein, daß wir auf der Hut sind. Siehe zu, ob du
die Mönche wiederfindest, spähe aus, wohin sie gehen, wo sie bleiben,
ich werde das Meinige thun. Sobald du zurückkommst, sattle das Pferd,
ich werde nach der Stadt reiten, du aber bleibst so lange in der Wohnung
der Damen als Wächter und hütest sie sorgsam mit all der Treue, die ich
an dir kenne.

Mir soll Keiner kommen, gnädiger Herr, darauf verlassen Sie sich. Wehe
dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten seligen Herrn Leonardus van
der Valck hinüber zu befördern, ich zermalme, ich zerquetsche ihn, und
sollte es mich den Kopf kosten!

Ludwig blieb im tiefernsten Sinnen allein. Philipp’s Meldung weckte
allerhand sorgenvolle Gedanken in ihm auf; schon längst hatte er
wahrgenommen, daß sich, begünstigt von der Freiheit des Gnadenortes, gar
mancher verdächtige Geselle in dieses Thal gestohlen, daß Späheraugen
umherschlichen, daß vom nahen Frankreich aus jene Netze herübergeworfen
wurden nach dem Fürsten, der, so oft man ihn auch warnte, an eine Gefahr
nicht glaubte und nicht glauben wollte.

Philipp erschien nach einiger Zeit wieder und meldete seinem Gebieter,
daß es ihm nicht gelungen sei, von jenen beiden Mönchen auch nur die
leiseste Spur zu entdecken, beharrte aber auf seiner Behauptung und
betheuerte hoch und heilig, daß Jener kein anderer als Clement
Aboncourt, der Spion, gewesen sei.

Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nähe der Wohnung der beiden Damen
zu bleiben, auch Jacques zur Wachsamkeit aufzufordern; dann ritt er nach
dem Städtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzessin
forderte. Gütig und mit dem freundlichsten Wohlwollen wie immer
empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und unumwunden
nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung seines Dieners mit, sondern
brachte auch so manches Andere zur Sprache, was Ludwig von andern
Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gasthäuser flüchtig und
gesprächsweise vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, daß
französische Emissäre, Commissäre und Spione sich im Münsterthale
verbreiteten, sogar in die Stadt sich wagten, und daß jedenfalls ein
Schlag gegen die in derselben verweilenden Emigranten sich vorbereite.
Man sprach laut davon, daß die stärksten Vermuthungen gehegt würden, die
in diesem Lande verweilenden Angehörigen und Anhänger des vertriebenen
Königshauses betheiligten sich an Anschlägen gegen das Leben des ersten
Consuls den die Bourbons naturgemäß hassen mußten. Schon waren Thaten
geschehen, die es offenkundig machten, daß es Menschen gab, welche nicht
an die Göttlichkeit der Sendung des neuen Messias von Frankreich
glaubten, obschon dieser, mit hohem Muthe gewappnet, seine Feinde vor
sich niederwarf und die staatliche Ordnung wieder herstellte.

Graf Ludwig entdeckte der Prinzessin, daß man sich in die Ohren
flüstere, der Herzog sei mit George Cadoudal im Einverständniß, habe für
denselben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von
Artois ausgewirkt, stehe auch mit Pichegru im geheimen Bündniß und es
sei ganz zweifellos, daß eine große weitverzweigte Verschwörung
existire, die der Herrschaft und dem Leben des ersten Consuls ein Ende
zu machen beabsichtige. Zu diesem Ende reise der Herzog von Zeit zu Zeit
verkleidet zu George, wo demselben im Kreise der Verschwornen königliche
Ehren erwiesen würden.

Die Prinzessin erschrak heftig über diese Nachrichten und traf auf der
Stelle ihre Anstalten.

Ich sehe klar, sprach sie, daß hier ein ganz anderes Complott vorliegt,
als blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man weiß, daß wir
auf dem Punkte stehen, unsere bis jetzt heimlich gehaltene Verbindung
vor aller Welt zu erklären, man sieht ein, daß durch diese Verbindung
das Vermögen des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, sondern an
dessen rechtmäßige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig
vom Hause Condé abhauen, auf daß der ganze Stamm verdorre, und will dies
durch Verdächtigungen bewirken. Tausendfacher Dank sei Ihnen gesagt,
mein bester Graf! Sie sind der Freund, auf dessen Hochherzigkeit ich in
allen Fällen fest vertraue. Lassen Sie uns rasch und entschieden
handeln, retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut übergebe ich, die
Mutter, es für Leben und Sterben. Der Herzog hört auf keine Warnung, ist
blind für die Gefahren, die ihn umdrohen; ich muß selbständig handeln,
Mutterpflicht und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, bester Graf, rüsten
sofort Alles zur Abreise, Sie gehen noch heute, höchstens morgen mit
Sophie, die ich nur noch einmal sehen und segnen will, in Begleitung von
Angés, Jacques und Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort
durchaus Herkunft und Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den
Herzog überzeugen und bewegen, daß er mit mir Ihnen folgt und sich dem
gefährlichen Netz entzieht, das sich hier um ihn und uns Alle
herumspinnt. Säumen Sie nicht, ich werde sogleich den Wagen senden und
Sophie herüber holen lassen, für die ich zittre. Ach, bester Graf,
welch’ unschätzbares Gut vertraue ich Ihnen an! O, Himmel, und ich bin
so ganz ohne Bürgschaft!

Gnädigste Frau Prinzessin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form
der Courtoisie der Graf die Sprechende: sagen Sie nicht ohne Bürgschaft!
Ich stelle Ihnen diese Bürgschaft, bei Gott dem Allmächtigen, ich stelle
sie! – Und indem der Graf in leidenschaftlicher Erregung auf seine Kniee
sank, fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieser feierlichen
Stunde zum Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer
Hoheit, ich jetzt kniee, stelle ich Ihnen meine Bürgschaft: das Herz
eines deutschen Mannes, und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut,
meine Zukunft, mein ganzes Erdendasein dem himmlischen Geschöpf, welches
Sie Ihre Tochter nennen! Ich will ihr Alles sein, wozu Sie mich
ernennen, wozu sie selbst mich erwählt, Vater, Bruder, Freund,
Beschützer, Wächter, Alles, Alles! Ich will um Sophien willen der Welt,
ich will dem Leben entsagen, wenn dies gefordert wird! Unter hundert
Schleiern will ich sie verbergen, ihr Geheimniß will ich bewahren, und
wenn Sie, oder der erlauchte Vater es nicht lösen, so soll keine Macht
oder Gewalt, selbst nicht die furchtbare Macht des Todes das
dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen schließt. Ich weiß,
Hoheit, was ich Ihnen verspreche – ich bin frei, bin unabhängig, bin
durch schmerzliche Erlebnisse abgelöst von der Welt – und – daß ich es
sage, weil ich es sagen muß, o Prinzessin, zürnen Sie nicht, richten Sie
nicht – ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an!

Graf, sprach die Prinzessin, im Innersten erschüttert, während ihre
Thränen unaufhaltsam strömten und sie dem Knieenden beide Hände bot, ihn
emporzuheben: Sie sind ein edler Mensch! Sie sind würdig des höchsten
Glückes, das die Erde bieten kann, o möcht’ Ihnen für Ihren treuen und
festen Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir
Sophie, daß ich Sie Beide segne. –

Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und große Entschlüsse in seiner
Seele. Noch an demselben Abend fuhr er mit Sophie und Angés nach der
Stadt, – auf dem Kutschersitz saß wohlbewaffnet Jacques, hinten auf
nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf dem Hin- noch auf dem
Rückwege zeigte sich Etwas, das Besorgniß hätte erregen können.

Liebevoll vertraute die Mutter ihrem Kinde, daß die größte Gefahr ihnen
Allen drohe, daß Graf Ludwig großmüthig entschlossen sei, ihr Retter,
ihr Ritter, ihr Beschirmer zu werden, daß sie in eine kurze Trennung von
dem liebenden Mutterherzen sich fügen müsse und daß, es komme wie es
wolle, ihr Geschick sich an das des Grafen knüpfen werde.

Sophie weinte, wie es nicht anders sein konnte, aber sie sprach unter
Thränen zur Mutter die verständigen Worte: Was Sie befehlen, meine
gnädigste Mutter, ist meine Pflicht. Was der Herr Graf mir befehlen
wird, werde ich befolgen, als seien es Gebote aus Ihrem Munde. Ich kenne
und ehre den Herrn Grafen aus frühen Kindheittagen; er war schon, als
ich noch ein Kind war, auf dem Schiffe in Amsterdam, auf der Reise und
zu Schloß Doorwerth die Güte selbst gegen mich, er war auf der Reise
nach Rußland mein Führer, mein Lehrer, ebenso in Hamburg, ich danke ihm
so viel, daß ich nichts erdenken kann, was ich besäße, um ihm damit für
alles Das zu lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwiesen hat.

Den größten Dienst steht der Graf jetzt im Begriffe, uns und dir zu
leisten, aus der größten, drohendsten Gefahr dich zu retten, sprach die
Prinzessin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, in Mariens, in
aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures Kind! Wir sehen uns
wieder! Gott gebe bald, recht bald!

Der Herzog war nicht bei dieser Abschiedscene zugegen, er war nicht im
Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd.

Es war zu sehr früher Morgenstunde, der Tag graute kaum, – Alles war
still und feierlich in den Nachbarorten Ettenmünster, Münchweiler und
Sanct Landelin. Die mannichfaltigen großen Gebäude erschienen noch
höher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, die Thalferne war
nebelgrau umflort und düster. Der Ettenbach rollte stark hinab nach der
Stadt, als eile er, recht wie ein fleißiger Arbeiter in der Frühstunde
zu Felde zieht, seine Mühlen zu treiben, oder seine Thalwiesen wässernd
zu befruchten. Alles war gepackt, geordnet und zur Reise bereit. Zwei
Wagen sollten die Reisenden aufnehmen, im ersten sollten der Graf,
Sophie und Angés, im zweiten die Dienerschaft fahren.

Als es nun zum Einsteigen kam, weigerte sich Angés entschieden, sich zu
Ludwig und Sophie in den Wagen zu setzen, behauptete das Rückwärtsfahren
nicht gut zu vertragen, und was sie sonst für Vorwände zur Hand nahm;
der wahre Grund aber lag in Angés zartem Sinn, sie wollte Sophie jetzt
einzig beim Schmerz über diese Trennung von den geliebten Eltern der
Tröstung ihres Begleiters überlassen, denn es gibt Augenblicke im Leben,
wo zwischen zwei Personen auch die allervertrauteste Dritte stört.

Der Postillon des ersten Wagens stieß in’s Horn, stimmte die Melodie
eines schwarzwälder Volksliedes an und dasselbe schien allen bewaldeten
Bergwänden des Münsterthals so wohl zu gefallen, daß sie’s im Echo
nachtönten. – Diese Posthornklänge und des Wagens Rollen auf harter
Straße, die frisch mit Bergkies bedeckt war, ließ einen gellenden
Aufschrei überhören, der plötzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen
ausgestoßen wurde, einen Schrei, der herzzerschneidend alle Diejenigen
durchdrang, welche ihn vernahmen.



4. Katastrophen.


Der anbrechende Morgen war trüb und düster, und über der Straße, die
durch das Gebirge nach Tübingen zu führte, hingen schwere Nebel, die an
den Waldbergen hinzogen. Ein solcher Morgen weckt keine frohe Stimmung,
und der heutige entsprach außerdem noch so ganz der Lage der Reisenden.
Sophie war still und ergeben, sie fühlte sich geschützt, einer drohenden
Gefahr entrissen, von der Zukunft hoffte sie nichts; ihre Gedanken
kehrten zurück zu den geliebten Herzen, die sie hatte verlassen müssen;
ihre einzige Hoffnung war die Verheißung des baldigen Wiedersehens.

Graf Ludwig war von anderen Betrachtungen bewegt. Er fühlte sich stolz
und mächtig gehoben in dem Gedanken, daß Sophie ihm nun so unerwartet
schnell anvertraut sei; er gedachte seines heiligen Gelübdes, und schwur
sich noch tausendmal zu, es zu halten. Er sprach zu Sophie sanfte,
ehrerbietige Worte, und wußte gleich in der ersten Stunde seines
Alleinseins mit ihr mit sicherem Tacte den Ton zu finden, der sich für
beide ziemte.

Was ich von Ihnen erbitte, nahm er das Wort, ist, daß Sie mir erlauben
wollen, auch fernerhin zu Ihnen in dem Tone reden zu dürfen, den unsere
vielfachen gemeinschaftlichen Reisen und das nothwendige Incognito der
späteren Zeit uns finden ließen. Ich werde Sie ehren, als seien Sie eine
Königin, ich werde Sorge tragen, daß diese Ehrerbietung von Allen
ausgehe, die Sie künftig umgeben und Ihnen dienen, aber ich werde Sie
nicht Prinzessin nennen, denn dieses Wort würde nur die argwöhnische
Neugier wecken. Sie müssen um Ihrer eigenen Sicherheit willen stets vor
den Augen anderer Menschen verschleiert erscheinen, und bei Ihrem Leben
gegen keine Seele sich mittheilen. Es ist eine große Last, die das
Schicksal einem noch so jungen Herzen auferlegt, und manche
Lebensfreude, auf welche Jugend, Schönheit und Anmuth Anspruch haben,
wird Ihnen versagt bleiben, doch wird Alles geschehen, um Sie, so viel
es möglich ist, zu entschädigen, und gewiß wird nach einiger Zeit diese
Fessel auch wieder von Ihnen genommen; Sie werden an der Hand der
erlauchten Eltern wieder in die Welt treten und die Huldigungen
empfangen, welche Ihnen gebühren.

Ich habe keinen anderen Wunsch, Herr Graf, entgegnete Sophie, als den,
mit meinen Eltern recht bald wieder vereinigt zu werden; bis dies
geschieht, werden Sie mich in Allem folgsam und gehorsam finden, was Sie
mir anbefehlen.

Ich werde Ihnen nie Etwas befehlen, Sophie, entgegnete Ludwig; aber jede
der Bitten, die ich an Sie richte, wird Ihr Wohl zum Zweck haben.

Ihre Wünsche werde ich so achten, erwiederte Sophie, als wenn mein Vater
oder meine Mutter dieselben mir an’s Herz legten. –

Die Fahrt hatte schon eine Zeitlang gedauert, als an einer Stelle, wo es
langsam bergan ging, der Graf sich aus dem Wagen bog, um zu sehen, ob
der zweite Wagen hinter ihm sei? Ludwig bedauerte im Stillen Angés
Weigerung, sich zu ihnen in den ersten Wagen zu setzen; er hätte gerne
ihre Stimme gehört, sich ihrer gemüthvollen Unterhaltung erfreut, es war
ihm nicht möglich, ganz ohne Befangenheit mit dem fürstlichen Kinde zu
sprechen, und sich gleich völlig in das ihm so neue Verhältniß hinein zu
finden und einzuleben. So sehr die Glut der Liebe ihn durchzitterte, so
sehr hielt die höchste Achtung, die ehrfurchtvollste Scheu ihn ab,
Sophien schon jetzt diese glühende Neigung zu offenbaren.

Der Wagen folgte in ziemlicher Entfernung, halb vom Nebel
eingeschleiert, der rings die Fernsichten hemmte, und nicht einmal die
benachbarten Berggipfel erkennen ließ.

An einer Waldschmiede hielten nach der Fahrt von zwei Stunden die
Postillons, um einem der Pferde ein losgegangenes Eisen festnageln zu
lassen, und da glücklicher Weise neben der Waldschmiede auch eine
Waldschenke stand, so benutzten die Lenker des Viergespannes diese
Gelegenheit zur Einkehr in dieselbe.

Ludwig stieg einige Augenblicke aus und sah dem nachkommenden Wagen
verlangend entgegen, um Angés zu grüßen, und sie auf Sophiens Wunsch zu
ersuchen, im ersten Wagen bei ihnen Platz zu nehmen.

Jener Wagen kam langsam nach, als er nahe genug war, sah der Graf zu
seiner Bestürzung, daß es eine völlig fremde Kutsche sei. Er rief den
Kutscher an, ob er nicht einen Reisewagen mit Gepäck und vier Pferden
überholt habe? Dieser, eine nichts weniger als gutmüthige Schwarzwälder
Physiognomie, schüttelte sein mit einem breiten Hute bedecktes Haupt,
ohne ein Wort weiter zu sagen, und peitschte sein Gespann, welches
einige Neigung zeigte, auch vor der Waldschenke zu halten.

Das war Ludwig unangenehm, ja es berührte ihn peinlich, daß jener zweite
Wagen nicht nachkam – er sah die Zögerung des Postillons nicht ungern,
hoffte und hoffte, blickte verlangend und voll Ungeduld auf den
zurückgelegten Weg, so weit dieser sich überschauen ließ, und immer
vergebens. Der zweite Wagen kam nicht, die Fahrt des ersten ging weiter.
Die Station wurde erreicht, wo die Pferde gewechselt wurden, neuer
Aufenthalt – der zweite Wagen blieb noch immer aus. Es wurden
einstweilen frische Pferde für ihn bestellt und dem zurückreitenden
Postillon aufgetragen, den Nachfolgenden Eile anzuempfehlen.

So ging es von Station zu Station, immer banger wurde es dem Grafen um’s
Herz. Was war geschehen? Was konnte diesen räthselhaften Aufenthalt
veranlaßt haben? Der Abend dämmerte nieder und der Tag, der für Ludwig
so verheißungsreich begonnen, sank ihm sehr trübe, seine Verlegenheit
mehrte sich von Stunde zu Stunde; er begann jetzt unwillig zu werden
über Angés’ Laune, wie er es nannte, und mußte doch diesen Unwillen vor
Sophie unterdrücken, durfte die noch Ahnungslose nicht schrecken und mit
seinen Befürchtungen ängstigen.

Tübingen war erreicht, das Ziel des ersten Reisetages, wo Nachtrast
gehalten werden sollte, und Ludwig’s Verlegenheit wuchs mit jeder
Minute. Sollte die Prinzessin der weiblichen Bedienung entbehren, sie,
die von Kindheit auf die sorgsamste Aufmerksamkeit gewohnt war?

Ludwig ordnete an, daß eine Staffette dem Wagen entgegen gesendet werde,
die die ganze Straße entlang nach der zurückgebliebenen Reisebegleitung
forschen und nöthigenfalls bis zur Post nach Ettenheim weiter befördert
werden sollte, wenn keine Spur sich fände.

Nach einer Stunde sorgenvollen Harrens kam die Staffette zurück und rief
zum Fenster des Gasthauses hinauf, aus dem der Reisende heruntersah, daß
der Wagen sogleich kommen werde.

Voll hoher Freude warf der Graf ein paar brabanter Laubthaler in den Hut
des Postillons, der von dannen ritt, und bald rollte in der That der
langersehnte Wagen heran. Voll Unruhe und Ungestüm eilte Ludwig die
Treppe hinunter, um Angés selbst aus dem Wagen zu heben.

Philipp war bereits von seinem Außensitz herabgesprungen, sein sonst so
frisches rothes Gesicht war bleich; er blickte seinen Herrn mit dem
Ausdruck tiefen Kummers an, öffnete den Schlag, – Sophie Botta, die
Dienerin, stieg aus, aufgelöst in Thränen, der alte Jacques folgte –
Angés fehlte.

Was ist das? Wo ist Angés? fragte Ludwig erschrocken.

Philipp antwortete: Ach, bester gnädiger Herr! Ach das Unglück! Kommen
Sie in das Haus!

Der Graf eilte in raschen Sätzen die Treppe hinauf und gebot Philipp,
ihm sogleich zu folgen. Sophie öffnete die Thüre des Zimmers, in welches
sie abgetreten war, Graf Ludwig winkte ihr stumm, zog den Diener in sein
Zimmer und stammelte: Sprich! Sprich! Was ist’s mit Angés? Wo habt ihr
sie gelassen?

Ach, erschrecken Sie nur nicht allzusehr, gnädiger Herr! stammelte
Philipp. Ach, der liebe gute Engel!

Angés! schrie der Graf: was ist’s mit ihr?

Sie ist nicht mehr – sie ist todt – schändlich ermordet!

Todt? Ermordet, sagst du?

Wie ich Ihnen sage, schluchzte Philipp.

Jetzt kam auch die Kammerzofe herauf, überlaut weinend, und da die
Prinzessin diese hörte, öffnete sie wieder die Thüre und ließ sie zu
sich eintreten; bald wurde auch das junge Herz Sophiens von einer
Nachricht erschüttert, die ihr das Blut erstarren machte.

Es dauerte eine ziemliche Weile, bis es zu einer zusammenhängenden
Erzählung des Ereignisses von Seiten Philipp’s kam.

Wir waren eben im Einsteigen begriffen, berichtete dieser: als der Wagen
des Herrn Grafen wegfuhr. Die Jungfer saß bereits auf dem Rücksitze,
Angés wollte gleichfalls einsteigen, ich und Jacques hatten nur noch
einen Koffer aus dem Hause zu schaffen, den ich vor mich auf den
Kutschersitz nehmen wollte, und im Augenblicke, wo ich zuerst meinen Fuß
auf die Stufe vor der Schwelle des Hauses setze, höre ich einen
entsetzlichen Schrei, sehe Angés sinken, während eine Gestalt wie ein
Schatten um die Ecke des Hauses huscht. Ich lasse gleich den Koffer
fallen, schreie Jacques zu: Helft dort! und stürze dem Schatten nach,
dort prasselt ein aufgestellter Haufen Holz zusammen, Scheiter fallen
auf mich – aber mich hält nichts zurück, jetzt hart an der Ferse bin ich
ihm – es war eine dunkle Gestalt – sie will über einen Zaun – verfängt
sich in der Kutte, wendet sich – ratz! reißt die Kutte in Fetzen, und
auf mich stürzt’s und ich hab’ einen wüthenden Stich in der linken
Schulter. Da pack’ ich die Hand und breche sie am Gelenke ab, – sie
kracht, aber fest bleiben die Teufelsfinger um den Dolch gekrallt. – Ich
trete den Kerl zusammen, fasse ihn an der Gurgel und stoße ihn gegen
eine Mauerwand, so lange und in einem fort, bis der Athem ihm ausgeht.
Nieder werf’ ich ihn, mit Füßen tret’ ich ihn, an den Haaren schleif’
ich ihn vor nach der Stelle, wo er seine blutige That vollbracht – wo
Jacques die arme unglückliche Angés als Leiche in den Armen hält, und
laut um Hülfe ruft und jammert. Es gibt Lärm, die Postillons springen
von ihren Pferden, die Jungfer stürzt aus dem Wagen, die Hausleute eilen
herbei – ach, was half das Alles? Angés war starr und kalt – von einem
Dolchstoß mitten ins Herz getroffen – der Mörder mußte sich hinter dem
Wagen versteckt gehalten und ihr beim Einsteigen den Mantel erst
abgerissen haben, denn dieser lag am Boden, dann hatte der Hallunke
seinen sicheren Stoß geführt.

Das Unglück war da, das große, entsetzliche Unglück. Nach dem
Schultheißen, nach Polizei, nach Gensd’armen wurde gerufen, die ganze
Ortschaft kam in Allarm. Dort lag noch der feige elende Mörder – Angés
war in das Haus getragen worden, das sie bewohnt – ach, wer hätte eine
solche Rückkehr geahnt! – Es wurde heller Tag – das Volk sah nicht die
ermordete Angés, den Mönch sah es, und schrie: Ein frommer Pater ist
erschlagen! Mord! Mord! Die Postillons wurden gezwungen, ihre Pferde
abzuspannen. Jetzt sah ich erst, daß ich selbst beträchtlich blutete, es
wurde mir ganz elend – ich trank ein Glas Rum und riß meine Kleider ab.
Ein Bader fing gleich seine Kur mit mir an, mitten in der Wirthshausflur
– des drängenden Volkes wurde immer mehr – sie wollten den Leichnam des
Mannes aufheben und ihn in die Kirche tragen, wie ich aus ihren Reden
vernahm – da stieß ich den Bader zurück und schrie: Den Hund, den
Meuchelmörder in die Kirche? In das Gotteshaus? Auf den Schindanger
gehört er, wenn ihr es wissen wollt! Ein frommer Pater wäre er, bildet
ihr euch ein? O, ich weiß auch, wie ein Pater beschaffen ist! Schaut
her! – Dabei riß ich ihm die Kaputze vom Kopfe, und es war nun hell
genug, daß jeder sehen konnte, daß der Kerl keine Tonsur hatte. Der ein
Pater? Ein französischer Spion ist’s, wenn ihr’s wissen wollt!

Wie? War es etwa jener Clement Aboncourt? rief Ludwig tief erschüttert
aus.

Nein, gnädiger Herr, – der war es nicht, aber der Spießgeselle, der mit
ihm ging, auf alle Fälle derselbe Hund, der dem guten Herrn Leonardus
den Tod brachte. Jetzt erschien Polizeimannschaft – da man an mir Blut
sah, und zwar dessen nicht wenig, so sollte ich der Mörder des Mörders
sein, – und schlecht genug wär’ es mir auch sicherlich ergangen, wenn
der Kerl wirklich todt gewesen wäre; aber mit Einemmale fing er an,
Gesichter zu schneiden und zu gurgeln und wurde wieder lebendig, wie
eine Katze, die man heute dreimal todt schlägt, und übermorgen läuft sie
wieder auf dem First des höchsten Daches, als wäre ihr nichts geschehen.
Er wurde sogleich mit Stricken geschnürt und ins Gefängniß gebracht. Wir
wollten Ihnen nun nachfahren, denn wir konnten ja doch nicht helfen –
die Postillone spannten wieder an, aber sie mußten dennoch zurück. Die
Polizei bestand darauf, daß wir mit nach der Stadt fuhren, um dem
Gericht über Alles Aufschlüsse zu geben. Daraus entstand der endlos
lange Aufenthalt – da mußte Alles an den Tag, wer wir seien, woher wir
kämen, wohin wir wollten und wer den Mörder so übel zugerichtet habe? –
Ich sagte, daß er mich gestochen und daß ich mich zur Wehre gesetzt
habe. Was der Nichtswürdige aussagte, habe ich nicht erfahren, ich
drängte zur Eile – die Zofe lief von einem Polizeisoldaten begleitet, zu
einer hohen Dame, die bewirkte, daß wir freigelassen wurden und
fortfahren durften. Jener Mörder wird wohl der Vergeltung nicht
entgehen, aber uns allen war bitterlich weh um’s Herz über der
unschuldigen Frau Angés’ Tod, die wir noch einmal sahen, und die so
überirdisch schön da lag, wie eine blasse geknickte Lelibloem – so
plötzlich dahinzugeben das noch so junge liebliche Leben!

Welch’ ein Schmerz für Ludwig wie für seine Schutzbefohlene!

Das war ein mehr als trüber Beginn des neuen Lebensabschnittes, der mit
dem heutigen Tage für Beide angebrochen war – das war eine schwere
Prüfung, eine finstere Vorbedeutung.

Der Graf ließ Philipp sogleich wundärztlich behandeln; die Wunde war
übrigens nicht von Bedeutung. Des treuen Burschen Natur war nicht zart
und empfindlich, er hatte zwar in der Nacht ein wenig Fieber, war aber
am andern Morgen bei sehr früher Zeit wieder auf, und bereit, den
Befehlen seines Herrn zu folgen. Dieser versah ihn mit Geld; er sollte
sogleich mit Extrapost zurückfahren und Angés’ Leichenbestattung in
ehrenvoller angemessener Weise anordnen, dabei auch der Prinzessin Kunde
vom Befinden ihres Kindes bringen, das der treuen Pflegerin seiner
Kindheit und Jugend den traurigen Zoll der aufrichtigsten Thränen nicht
versagte, ja ganz außer sich war über alle die Betrübniß, die auf sein
Herz einstürmte.

Daß die Weiterreise nach Ingelfingen keine heitere war, lag in der Natur
der Umstände; düstere Wehmuthschatten umwölkten die Stimmung der
Reisenden, aber die tiefe und gerechte Trauer, welche der Graf und
Sophie bei diesem plötzlichen, schrecklichen Hinscheiden ihrer
gemeinsamen Freundin empfanden, näherte ihre Herzen einander mehr, als
die hellsten Freudentage vermocht hätten.

Ingelfingen war erreicht; nach wenigen im ersten Gasthaus daselbst
zugebrachten Tagen ward eine Miethwohnung in der Apotheke bezogen. Die
Fürstin, an welche der Graf und Sophie empfohlen waren, war abwesend,
unsere Reisenden waren also auf sich allein beschränkt, die äußerste
Zurückhaltung wurde beobachtet, besonders von Seiten Sophiens; sie
verließ, erschreckt und eingeschüchtert durch jenen schauderhaften Mord
an ihrer geliebten Angés, kaum ihr Zimmer. Denn konnte nicht sie es
sein, die der Dolch des Mörders gesucht und verfehlt hatte? War es nicht
möglich, daß jene Habgierigen, welche nach ihrem einstigen Vermögen
trachteten, mit Mörderdolchen ihr nachschlichen, um sie aus der Welt zu
schaffen? Ihre jugendliche lebhafte Phantasie malte ihr dies Schreckbild
mit den düstersten Farben aus.

Graf Ludwig hatte den einen Wagen mit Philipp zurückgesendet; für den
anderen kaufte er ein schönes Rossepaar und fuhr häufig mit der
Prinzessin spazieren, welche stets verschleiert neben ihm saß. Bisweilen
lustwandelte sie auch am Arm ihres Beschützers, ebenfalls tief
verschleiert, und Alles an ihnen ließ die Einwohner des Städtchens
errathen, daß der fremde Herr wie die fremde Dame den höchsten
Gesellschaftskreisen angehörten. Die Ingelfinger waren gerade so
neugierig wie alle andern Kleinstädter im lieben deutschen Vaterlande,
zerbrachen sich die Köpfe darüber, wer dieses so geheimnißvolle Paar
sein möge, und da es ganz unmöglich war, Etwas über dasselbe zu
erfahren, so suchte man in der Phantasie Rath und Auskunft dafür, und
bald circulirten allerlei abenteuerliche Gerüchte über das fremde
Liebespaar.

Trotz der Nähe der Geliebten war Ludwig’s Herz sorgenbelastet und
schwer, denn er fühlte sich fast von allen Banden losgerissen, die das
Leben so freundlich knüpft und in einander verschlingt. Wen hatte er
denn noch draußen in der Welt, seit auch Angés ihm entrissen war? Nur
noch das Herz einer Mutter, der sich schriftlich mitzutheilen die
Verhältnisse verboten; doch blieb Georgine nicht ohne Nachricht und nahm
aufrichtigen Antheil an des entfernten Lieblings Wohl und Wehe. Mit den
eigenen Verwandten war der Graf außer Verbindung gekommen, sie sahen
seine Abwesenheit nicht ungern, es hatte Keiner nach dem Tode der
Großmutter gefragt, ob Ludwig nicht auch Ansprüche oder Wünsche habe,
und er selbst hielt sich in stolzer Zurückhaltung von den Verhandlungen
über das großmütterliche Erbe ferne, obschon er nicht ohne ein gewisses
Vergnügen die Briefe Windt’s las, die ihn in seiner Einsamkeit
auffanden.

»Für mich gibt es jetzt,« schrieb ihm einst der alte Freund: »alle Hände
voll zu thun, bald in Varel, bald in Doorwerth, bald in Hamburg. Die
Herren, der regierende Graf und der Vice-Admiral, haben sich in Varel
ganz gut verglichen; nur schade, daß sie nicht bei diesem Vergleich aus
dem Falken von Kniphausen trinken konnten! Ich bin jetzt in Hamburg und
betreibe den Verkauf des Nachlasses meiner hochseligen Gebieterin, so
weit die Erbherren denselben nicht für sich behalten wollen. Graf
William ist noch hier und überhäuft mich erschrecklich mit Schreibereien
und Uebersetzungen aus dem Deutschen und Holländischen, um sich
vollkommene Kenntniß in der Nachlaßsache zu verschaffen. Ich sitze bis
über die Ohren unter den vermaledeiten Papieren, welche ich nebst dem
ganzen Testamente lieber heute als morgen dem Feuer opferte. Hier in
Hamburg sieht es auf allen Seiten elend und jammervoll aus. Ich warte
nur auf Nachricht vom Erbherrn, der mir von Varel aus schreiben will, ob
und wann es nöthig sei, daß ich dahin komme und mit ihm nach Doorwerth
gehe; das hält mich allein noch hier auf, sonst würde ich meine brave
Schwester zu meinem Bruder nach Bückeburg gebracht haben, der sie zu
sich nehmen will. Glauben Sie mir, bester Herr Graf, man wird endlich
müde. Denken Sie, daß ich jetzt fast ganz auf meine Kosten hier leben
muß, ich bin nicht besonders bedacht worden, es wurde mir auch noch
keine Sicherheit angeboten, und ich werde zuletzt dem Spott, dem Hohn
und dem Jammer ausgesetzt sein für sechsunddreißigjährige Dienste.«

Wie, sollte Windt Noth leiden? rief Sophie mit Bestürzung. Das dürfen
wir nicht zugeben. Ich bitte Sie, Herr Graf, sorgen Sie für den braven
Mann, der so treu an Ihnen hängt.

Wie erfreut und rührt mich Ihr schönes Gefühl, entgegnete Ludwig bewegt.
Ich werde das Meine thun, obschon es mir kaum glaublich ist, daß Windt
so blosgestellt sein sollte. Hören wir weiter, was er mittheilt:

»Das Münzkabinet hat seinen Erben gefunden; warum die Hochselige es
Ihnen, Herr Graf, nicht vermacht hat, ist mir ein großes Räthsel, das
sie noch nach ihrem Tode mir zu lösen aufgibt, wie sie’s im Leben so oft
gethan hat. Die herrliche Bibliothek muß unter den Hammer, der
Buchhändler Perthes will so gut sein und die Anzeige der Auction
verbreiten, sowie auch den Catalog drucken. Das Porzellan, Glas, die
Leuchter, Spiegel u. dgl. kommt Alles unter den Hammer, auch ein Theil
der Bilder. Soll ich nicht die Ansichten der drei Schlösser für Sie,
Herr Graf, ersteigern? Ich gönnte Ihnen die Besitzungen freilich lieber
alle drei #in natura#. Das Silber, über sechshundert Pfund, hat die
hochselige Excellenz sammt und sonders einer Jugendfreundin in Sachsen
vermacht, ein hübsches Andenken, die Herren Grafen sind wüthend darüber,
können aber nichts dagegen machen, höchstens es zurückkaufen.«

#Habeant sibi!# sprach Graf Ludwig: was nützt aller Reichthum, wenn der
Mensch nicht innerlich beglückt ist? Ich will dem braven Windt eine
lebenslängliche Rente sichern; verdient irgend ein Mensch auf der Welt
Dank, Lohn und Anerkennung, so ist er es; es wäre himmelschreiend, wenn
er sich über Undank beklagen müßte!

Ein anderer Brief Windt’s, in Doorwerth geschrieben, den Ludwig allein
las, begann:

»Ich sitze hier am Orte meiner Qual, und inventire, registrire,
katastrire wie närrisch darauf los, damit der Herr General-Erbe, der
Herr Vice-Admiral, welcher Doorwerth übernimmt, Alles im besten Stande
finde; dann heißt es bei mir: fahr’ zu, Kutscher, dann gehe ich nach
Stadthagen, setze mich endlich zur Ruhe, und will nichts mehr hören und
sehen von Doorwerth, Kniphausen, Varel und Hamburg. Wer hätte das
gedacht, daß Alles so wunderlich gekartet würde, daß Graf William, und
nicht Graf Wilhelm Gustav Friedrich die Herrlichkeit übernähme, der doch
erst Alles daransetzte, sie zu erlangen. Es ist in den letzten
Lebenstagen der hochseligen Frau Gräfin und bei der Anwesenheit dieses
guten Grafen William vielfach #à la# Cagliostro zu Werke gegangen
worden, doch was geht das mich an? Der Vice-Admiral ist nach London
gereist. Von Berlin aus ist Anfrage ergangen, ob das Münzkabinet nicht
verkauft würde; der Anfrager soll ein berühmter Antiquarius sein, der
dasselbe jedenfalls zu schätzen weiß. Wenn der Erbe es ihm gibt, so wird
sich eine Weissagung der Hochseligen erfüllen, welche dieselbe oft
aussprach: Von diesen Münzen und Medaillons, die ich mit Mühe und großen
Opfern zusammengebracht, wird es einst heißen: Gehet hin in alle Welt.«

»Das Reich ist noch nicht ganz einig, erst im kommenden Herbst soll die
Frucht der Harmonie reifen; wenn sie sich nur nicht spalten, wie ein
Granatapfel, der unzeitig vom Stamme fällt.«

»Vom Erbherrn ist Nichts zu hören, Nichts zu sehen, nur unverbürgt habe
ich vernommen, daß er bei seinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen
von la Tremouille und Talmont zu sich dorthin habe kommen lassen.«

»Nachträglich noch eine, mir erst kürzlich zugekommene neue Märe, die
ich aber durchaus nicht gesagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir
gewiß unvergeßliche verewigte Frau Erbherrin ist vergessen und alle
Liebe der Demoiselle Sara Gerdes, vormals Kammerjungfer, dann Kammerfrau
der hochseligen Erbherrin, dermalen zum Range einer Schloßverwalterin zu
Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genießen wird, die
Stellvertreterin einer Ottoline zu werden. Dieses nicht mehr junge
Mädchen stammt aus Bockhorn, das, wie Ihnen genugsam bekannt ist,
zwischen Varel und Kniphausen liegt, und der Großvater derselben zählte
zu den Hörigen der Herrschaft, der Vater aber ist jetzt ein freier
Landbebauer. Was sagen Sie dazu?«

Diese Meldung erschütterte den Grafen Ludwig sehr; als er allein war,
rief er fast in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dämonen
habe ich heraufbeschworen über das Haus, dem ich entstamme! – Nun sehe
ich, wie sich Alles, Alles erfüllen wird, der dauernde Hader, die
Zwietracht, die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten
Punkt!

Sich zu zerstreuen, ging er hinunter in die Wohnung seines Hausmanns,
des Apothekers, der ein sehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war.
Es war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Städtchens, sich Sonntag
Vormittags zu einem Glase Wein in der Apotheke einzufinden, und die
Weinstube hatte dadurch, daß auch der fremde Herr, der im Hause wohnte,
dieselbe besuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig sich eine
Menge solcher Zeitungen des Auslandes kommen ließ, von denen sonst nie
ein Blatt nach Ingelfingen gedrungen wäre. Erfuhren auch die Herren
nicht, was sie für ihr Leben gern gewußt hätten, wer eigentlich dieser
vornehme, zurückhaltende schöne Mann sei, so sahen sie doch seine
Persönlichkeit in ihrer nächsten Nähe, sahen, daß ihm der Wein nicht
minder mundete wie ihnen, und hörten ihn gern sprechen, wenn er über die
Ereignisse der Zeit über die Hoffnungen und Befürchtungen in politischer
Beziehung sich äußerte. Auch hatte der Postmeister der Gesellschaft
vertraut, der fremde Herr empfange fast mehr Briefe, als der erste
Kaufmann von Ingelfingen. – Sophie beschäftigte sich stets in Gegenwart
ihres Kammermädchens, wenn der Graf ihr nicht Gesellschaft leistete, mit
leichter weiblicher Arbeit, oder las gute französische Bücher, übte sich
auch bisweilen im Deutschen, worin jedoch ihre Fortschritte nur langsam
waren; besonders fiel das Nachmalen der deutschen Schrift ihr schwer.
Manche stille Thräne weinte sie um die dahingeschiedene Angés und die
Trennung vom Mutterherzen, und ängstlich vermied sie Jemanden zu
begegnen; ein fremder Tritt auf der Treppe oder im Vorsaal machte sie
erbeben. Philipp ritt oder fuhr während des Aufenthaltes in Ingelfingen
fast wöchentlich einmal als Sendbote in das badische Land; denn es wurde
ein lebhafter Briefwechsel mit der Prinzessin unterhalten.

Ludwig beschäftigte sich in seinen zahlreichen Mußestunden mit Studien,
zu denen seines Hauswirthes Beruf und Büchersammlung den meisten Anlaß
bot. Da standen wohlgeordnet die Werke der Koryphäen der
pharmaceutischen Wissenschaft neben einander: Göttling, Buchholz,
Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache
für Scheidekünstler vertreten; eine Sammlung von Pharmacopöen, die mit
der Schule von Salerno begann und mit der berühmten und allverbreiteten
würtembergischen Pharmacopöe abschloß, ließ Einblicke thun in den Geist
und in die Fortschritte der pharmaceutischen Wissenschaft und Chemie.
Praktische Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden können, wie
die Bereitung und Destillation der Naphten, ja selbst das Pulvern zäher
Harze, die nur Winterkälte so hart macht, daß sie zu Staub zermalt
werden können von der schweren Wucht der Mörserkeulen, des Gelbanum, die
Asa u. a., boten dem Beschauer manches Anziehende dar, nicht minder
chemische Experimente, die mannichfach erfreuten.

Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn
persönlich kennen zu lernen. Ueber politische Verhältnisse äußerte er
sich nur mit großer, fast diplomatischer Vorsicht und vermied
absichtlich, als Parteimann zu erscheinen; doch verhehlte er nicht, daß
ihm die alte Dynastie Frankreichs lieber war, als die gegenwärtige
Regierung, daß er aber noch zur Zeit ungleich mehr die Revolution selbst
verabscheue, als ihren muth- und kraftvollen Bezwinger.

Während nun fort und fort die Wißbegierde in Ingelfingen wach blieb, zu
wissen, wer der fremde Herr eigentlich sei, ob er nicht, wie Einige
muthmaßten, ein französischer Prinz, ja ob er nicht gar Monsieur selbst
sei, weshalb ihn auch einige Male der Postmeister Monseigneur anredete,
was aber mit guter Absicht von Ludwig ganz überhört wurde, machte ein
unseliges Ereigniß dem Aufenthalte des Gegenstandes so vieler heimlichen
Fragen und so vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urplötzliches
Ende.

Philipp kam von Ettenheim zurück, mit demselben bestürzten und
verstörten Aussehen, wie damals, als er die Botschaft von Angés’
Ermordung überbrachte, und erstattete seinem Herrn einen Bericht, der
diesem das Haar emporsträuben machte.

Gnädiger Herr! begann er athemlos: Sie müssen mir sogleich einen sichern
Paß verschaffen, daß ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier weilen,
ich muß weiter!

Was ist geschehen? fragte Ludwig betroffen.

Was geschehen ist? Herr Gott im Himmel! Unerhörtes und Entsetzliches ist
geschehen! Lesen Sie, gnädiger Herr! Damit übergab er seinem Gebieter
einen Brief, der in Eile zusammengefaltet und äußerst flüchtig
gesiegelt war. Er war von der Prinzessin, und diese schrieb ihm:
»Fliehen Sie, Graf, fliehen Sie mit Sophie, weit, so weit als Ihnen
möglich ist! Retten Sie die Tochter, da der Vater unrettbar verloren
ist. In Verzweiflung schreibe ich diese Zeilen. Der Herzog war gewarnt,
treu gewarnt, es war verabredet, daß wir morgen oder übermorgen nach
Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten, vorher aber sollte eine feierliche
Erklärung unserer Verbindung auch vor dem Auge der Welt Geltung
verschaffen. Es war bereits ein offenkundiges Geheimniß, daß von Seiten
Frankreichs dem Herzog nachgestellt und aufgelauert werde, Schaaren von
Spionen trieben sich in dem Städtchen herum, Alles war schon
ausgekundschaftet, aber keine Warnung fruchtete und statt zu fliehen,
ging der Herzog unbesorgt auf die Jagd; den nächsten Tag erst wollte er
die Rathschläge seiner Treuen befolgen. Wie Alles so entsetzlich schnell
gegangen, weiß ich selbst noch nicht, ich begreife überhaupt Nichts, als
daß wir Alle unaussprechlich elend sind! Es wurde Lärm in der Nacht, die
ganze Bürgerschaft rannte auf die Straßen, der scheuslichste Verrath
ward geübt worden, der Herzog wurde in seiner Wohnung überfallen und
gefangen genommen; der Kirchthurm war von Bewaffneten besetzt, damit
Niemand Sturm läute, unter meinen Fenstern sah ich meinen geliebten
Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren vorüberfahren, von Wachen mit
Gewehren und blitzenden Bajonetten umgeben – ach, mir ahnet, ich sah ihn
zum Letztenmale! Es mußte ein ganzes Bataillon französischer Soldaten
vom Rhein herübergekommen sein, um diesen Landfriedensbruch und
gewaltsamen Menschenraub zu verüben. Die Umgebung meines theueren
Gemahls war mit verhaftet, – ach, noch einige Tage vielleicht, und
unsere Sophie hat keinen Vater mehr! – Ich warf mich in einen Wagen,
folgte dem Gefangenen bis nach Straßburg, ich flehte meinen Gemahl
sprechen zu dürfen, vergebens, ich sah – ich sprach ihn nicht! Wo sie
Henri hinschleppen, weiß ich nicht – nach Paris ohne Zweifel – der Löwe
verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons! – Gott mit Ihnen – mit
Sophie – ich kann nicht mehr – ich bin vernichtet!

                                                        Ch.«

Der Graf starrte wie betäubt auf den Unglücksbrief! – So fällt auf mich
ein Schlag nach dem andern, sprach er dumpf vor sich hin, doch – ich
muß – ich will sie tragen alle diese Schläge, nur Sophie soll sie nicht
mitfühlen.

Was hörtest du selbst noch außerdem von dem schrecklichen Unglück, das
mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig seinen Diener.

Ich lag auf Kundschaft, berichtete dieser, hatte nachgeforscht, wie es
um jenen Hallunken stände, den Mörder der guten Angés, und ob er schon
gerichtet sei. Hat sich was – gerichtet! Entsprungen war dieser Teufel
abermals, entsprungen mit Hülfe seines schurkigen Spießgesellen. Beide
waren Spione und verkleidete französische Gensd’armen gewesen. Ich hatte
mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den
Herumtreibern und ließ ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor
Wuth und Grimm gegen diesen verruchten Menschen, wo er hinschlich,
schlich auch ich hin, stellte mich so, daß er mich nicht gewahrte, ich
aber ließ ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich schwur es
mir zu, Beide zu verderben, oder mindestens den von ihnen, der in meine
Hand fallen würde. Wohl merkte ich, daß das Volk Etwas vorhabe, aber
was, darum bekümmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der
Nacht des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hörte ich in meinem
Versteck plötzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die
Wachen umringten ihn, er wurde auf einen Karren gesetzt und durch den
Ort geführt, ich schlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut
gemerkt. Der Morgen kam herauf, es ging auf eine Mühle zu, nahe der
Stadt vorbei, die dicht umbuscht war; der Ettenbach, der diese Mühle
trieb, rauschte stark und gewaltig, angeschwollen vom geschmolzenen
Schneewasser des Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen
meines Vorhabens, denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen
Mann nicht herausholen. Alle meine Gedanken schossen hinter ihm drein,
als wollten sie ihn fesseln, und ich glaube, sie haben ihn gefesselt;
denn auf einmal blieb Clement Aboncourt zurück, um an seinem Tornister
etwas zu ordnen. Niemand war in der Nähe, die Gefangenen sind in das
Mühlhaus geschleppt worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm
Damm, auf dem der Weg hinläuft, wälzt sich die rasche Fluth dem Rheine
zu. Der Spion war in meiner Macht. Ein Wurf meiner längst bereit
gehaltenen Schlinge, wie nach einem Pferd auf unseren Marschen, ein Ruck
– und mein Mann stürzt’ rückwärts nieder – ich auf ihn los! Bist du’s,
vermaledeiter Satan und Mordgeselle! Ich schau’ ihn an, er war’s, er
verdrehte die Augen, er zappelte und schlug mit krampfhaft geballten
Fäusten nach mir. Ich stieß ihn in den brausenden Waldbach, und die
Wellen thaten hohe Freudensprünge, als der Hallunke hinabflog, seinen
Tornister warf ich gleich hinterdrein ihm auf den Kopf. So hat doch
einer seinen Lohn, denn der blieb unten; ich lief eine Stunde dem
Mühlenbach entlang, um zu sehen ob er wieder auftauche, aber der
wohlverdiente Strick hat ihn daran verhindert.

Ludwig wandte sich schaudernd ab.



5. Verschiedene Nachrichten.


In der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen herrschte am 18. März des
Jahres 1804 eine ungewöhnliche Bewegung. Der interessante Fremde, den
man so gerne in der Gesellschaft gesehen und reden gehört hatte, war mit
seiner Begleitung plötzlich abgereist. Er hatte noch am Samstag spät am
Abend Extrapostpferde bestellt, und war am frühen Sonntag von dannen
gefahren, gar zu gern hätte man gewußt wohin, Niemand aber konnte
Auskunft geben. Dem Hausbesitzer war in blankem Golde die Miethe bis zum
Ende des Monats bezahlt worden, außerdem hatte ihn noch ein Geschenk
gelohnt, dessen er sich gar nicht versehen, und das ihm die größte
Freude machte; es war eine nagelneue, in Paris gefertigte Voltaische
Säule mit sechzig Plattenpaaren von Laubthalergröße und allem Zubehör.
Für den Postmeister, der ein sehr starker Raucher war, war ein kostbarer
großer ächter Meerschaumkopf mit Silberbeschlag zurückgelassen worden,
und für die übrigen Herren des Weinstübchens Kruggestellgläser mit
silbernen Deckeln, auf welchen das Wort »Andenken« stand und die
Buchstaben L. C. v. d. V. eingegraben waren.

Der Apotheker war eben bemüht, vor seinen Gästen die Säule aufzubauen,
die davon noch gar keinen Begriff hatten, als ein neuer Gast eintrat und
der Gesellschaft die so eben eingetroffene Nachricht von der
Gefangennehmung des Herzogs auf dem friedlichen badischen Gebiete durch
französische Gensd’armen und Offiziere hohen Ranges mittheilte, obschon
diese Nachricht mit vielen Unrichtigkeiten vermischt war.

Es konnte nicht fehlen, daß die schnelle Abreise des Unbekannten mit
seiner stets verschleierten Begleiterin sofort mit diesem von Frankreich
aus auf deutschem Boden verübten schändlichen Gewaltstreich in
Verbindung gebracht und lebhaft besprochen wurde. Bald waren alle
Anwesenden fest davon überzeugt, daß jener fremde Herr gleichfalls ein
geflüchteter Bourbone gewesen sein müsse.

Vom Postmeister erfuhren auch noch nachträglich die Gäste, daß die
Dienerin des Fremden die hohen Reisenden nicht begleitet habe, sondern
reichlich beschenkt mit der Post auf entgegengesetztem Wege wieder
zurückgereist sei.

Ludwig und Sophie hatten an Angés’ Mutter gedacht, sie überlegten, was
diese gute Frau leiden müsse, wenn sie nichts Näheres über den Tod ihrer
Tochter erfahre; auch sehnte sich Sophie Botta nach ihrer geliebten
Pfalz zurück; die Prinzessin selbst hatte ihr dieses Bekenntniß
abgefragt, und in ihren Entschlüssen entschieden und von einem hohen
selbständigen Gefühle geleitet, hatte sie sofort dem Grafen erklärt, sie
wolle freiwillig auf die fernere Begleitung der Dienerin verzichten; sie
könne ihre einfache Toilette allein ordnen, und wenn ein Ort längern
Aufenthaltes erreicht werde, so werde es auch an weiblicher Bedienung
nicht fehlen. Gleichwohl trennte sich die junge Prinzessin nicht ohne
Wehmuth von der einstigen Wärterin und Dienerin und entließ sie mit
vielen Geschenken, gab ihr auch Angés’ ganze Garderobe mit, mit dem
Auftrag, den sämmtlichen Nachlaß der armen Mutter ihrer unglücklichen
Freundin zur Verfügung zu stellen, nebst Allem was Angés sonst noch
angehört hatte, selbst deren Bild nahm Ludwig nicht wieder an sich; die
Mutter sollte es gleichfalls haben. So waren denn Ludwig, Sophie und der
treue Philipp ohne weiteres dienendes Gefolge abgereist; wohin? wußte
Niemand. –

Bald trugen die Zeitungen durch die ganze Welt die Kunde von dem
scheußlichen Mord, den der Gewalthaber Frankreichs an dem gefangenen
Herzog hatte verüben lassen, und ein Schrei der Entrüstung ging durch
ganz Europa über diese rasche blutige That auf Verdächtigungen hin, die
jeder Wahrheit entbehrten.

Mit stets erneutem Schmerz vernahm Graf Ludwig auf der Fortsetzung
seiner Reise immer und immer wieder diese Nachricht, und mußte auf das
Sorgsamste Alles aufbieten, um dieselbe vor seiner holden Begleiterin zu
verbergen, die er in ruhigerer Stimmung und vielleicht erst dann, wenn
er einen Brief der Herzogin in Händen hatte, von dem schrecklichen
Vorfall unterrichten wollte.

Die Freunde in der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen wurden einige
Zeit nach der Abreise der Fremden auf’s Neue und sehr lebhaft an den
geheimnißvollen Herrn erinnert, als eines Abends der Postmeister ernster
als gewöhnlich eintrat und ein Zeitungsblatt hervorzog. Wir haben
gewissermaßen Trauer bekommen, sagte er nach einer Pause bewegt. Da
bringt unser Schwäbischer Merkur eine merkwürdige Nachricht, welche im
Auszug lautet, daß sicherem Vernehmen nach ein französischer Emigrant
von Bedeutung, der sich vor einigen Monaten längere Zeit zu Ingelfingen
aufgehalten haben solle, zu Mainz mit Tode abgegangen sei. Es war, so
wird gemeldet, ein Mann von ungemein viel Liebenswürdigkeit im Charakter
und Benehmen, auch wissenschaftlich gebildet und vielseitig bekannt mit
hervorragenden Persönlichkeiten. Seiner äußern Gestalt nach war er von
Mittelgröße, hatte schwarzes Haar und dergleichen Bart, erschien stets
auf das Feinste, dabei sehr einfach gekleidet; seine Sprache war meist
die französische, doch ließ er bisweilen niederländische Accente durch
den Strom seiner lebhaften und geistvollen Unterhaltung klingen. In der
deutschen Sprache drückte er sich mit vollkommener Reinheit aus. Dieser
Fremde, der durch nichts auffiel, als durch sein vornehmes und
gebildetes Wesen und seinen Ernst im geselligen Umgang, scheint seinen
nahenden Tod gefühlt, und kurz vor demselben alle seine Papiere
vernichtet zu haben, denn es fand sich nicht das Mindeste bei ihm vor,
was irgend einen Aufschluß über seine Persönlichkeit hätte geben können.
– Der Postmeister schwieg und die Theilnahme der guten Bürger zu
Ingelfingen wurde laut:

Es ist unser Mann, daran ist gar kein Zweifel! O weh! – Schade um den
Mann! – Er hätte hier bei uns bleiben sollen, so wäre er vielleicht
nicht gestorben! – Zu Ingelfingen ist gut wohnen. – Er konnte sich hier
ankaufen – es stehen ja jetzt in dieser erbärmlichen Zeit gegen zehn
Häuser zum Verkauf ausgeboten. – Er konnte hier Bürger werden – wäre
wohl in den Stadtrath gewählt werden. – Wie viele französische
Emigranten haben sich nicht in den letzten Jahren in deutschen Städten
und Städtchen niedergelassen, und sind angesehene Leute geworden? –
Schade um ihn!

Während Ludwig also mit aller Theilnahme biederer schlichter Herzen für
todt beklagt wurde, saß er mit Sophie gesund und wohlbehalten im
Gasthaus einer fremden Stadt. Die edle Jungfrau vergoß die
schmerzlichsten Thränen – der Tod ihres armen Vaters war ihr endlich
enthüllt worden. Die Mutter selbst hatte darüber an sie und ihren
Begleiter geschrieben. Ach, wie erschütternd waren die Einzelnheiten
jener schrecklichen Katastrophe! Wie viele Herzen wurden von ihr auf das
Tiefste berührt, auf das Härteste betroffen! Dort weinte ein mit hohem
Ruhme genannter Heldengreis um den Enkel, und hätte gern allen
verdienten Lorbeer, ja das eigene Leben dahingegeben um jenes theure, in
blühender Jugend hingemordete Leben zurückzurufen. Schmerzlich beklagte
der tapfere Vater den Tod des inniggeliebten Sohnes. Ach, und die
geliebte Vermählte! Welch hohes Glück hatte sie besessen und nun auf
immer und unersetzlich verloren!

Alles hätte anders kommen können, wenn nicht die bübische Feigheit eines
Kammerherrn, der beständig um den unglücklichen Herzog war, jeden
Versuch einer Vertheidigung von Seiten des Letztern bei dem nächtlichen
Ueberfall verhindert hätte, falls es nicht Schlimmeres als Feigheit war.
Ein Wort dieses Mannes, das einzige Wort: Ich! auf die Frage der
Häscher: Wer von Ihnen Beiden ist der Herzog? konnte den Letzteren
retten, und dies Wort konnte unbedenklich ausgesprochen werden, denn den
armseligen Höfling hätte man wahrlich nicht hingerichtet. Aber Jener
schwieg, und der junge Fürst ward zum Tode abgeführt. Mit Verachtung
wies er den feigen Verräther zurück, als derselbe in Rheinau sich zu ihm
in den Wagen setzen wollte. In Straßburg wurde der Herzog von seiner
Dienerschaft völlig getrennt, seine Hände wurden in Fesseln gelegt. Fünf
Tage lang dauerte mit nur wenigen Unterbrechungen die traurige Reise bis
nach Paris, der Gefangene wurde in den Tempel gebracht, dort harrte
schon der Befehl, ihn nach Schloß Vincennes zu senden. Die richterlichen
Verhöre, die mit ihm vorgenommen wurden, und die der Welt wörtlich
mitgetheilt sind, brachten keine Schuld heimlicher Verschwörung gegen
das Leben des ersten Consuls auf den Herzog, aber wer waren seine
Richter? Werkzeuge in der Hand eines Despoten! – Das ist der Inhalt
jenes Justizmordes #in nuce#, was auch Alles für und gegen ihn
geschrieben wurde. Ein Brief, der dem Herzog unterwegs an die
Prinzessin, die er noch nicht öffentlich seine Gemahlin nannte, zu
schreiben erlaubt worden war, wurde von einem der Schergen
unterschlagen. Mit Mannesmuth beantwortete der Herzog alle Fragen,
gestand ein, den ganzen Krieg mit dem Condé’schen Corps mitgemacht zu
haben, sagte aber aus, daß er den Gehalt von England als Pension
beziehe, um zu leben, nicht um damit zu conspiriren. Die Richter des
Herzogs darf die Geschichte nicht schonungslos verdammen; es war ihnen,
lauter Offizieren von hohem Range, und ohne daß sie irgend vorbereitet
waren, ohne daß sie Kenntnisse vom Rechte hatten, befohlen, den Herzog
zu richten, sobald er eingestehen werde, die Waffen gegen Frankreich
getragen zu haben. Dies gestand derselbe mit aller Freimüthigkeit ein,
und fügte seinem Geständniß die Worte hinzu: »Nie kann ein Condé anders,
als mit den Waffen in der Hand nach Frankreich zurückkehren.« Das
Todesloos fiel. Ohne legalen Richterspruch, ohne einen Vertheidiger
wurde der Meuchelmord vollzogen. Die Richter waren noch in einem Zimmer,
gleichsam abgesperrt, beisammen, um zu berathen, auf welchem Wege ein
gemildertes Urtheil vom ersten Consul zu erlangen sein dürfte, da
knallten schon im Festungsgraben die tödtlichen Schüsse. Die Richter
waren sehr unglücklich – auf sie und nicht auf den Vollstrecker der
übereilten Hinrichtung lenkte sich das Verdammungsurtheil der ganzen
gebildeten Welt. Hier hatte die Willkür das Urtheil vollzogen, ehe es
noch begründet und in gesetzlicher Form bestätigt war. Der Herzog mußte
sterben, denn er war in der Gewalt des Mannes, der ihn fürchtete und
haßte, und war – ein Bourbon!

Mit mildem Trost sprach Ludwig zu der tiefgebeugten Tochter, und seine
Worte fielen in ihr Herz, wie heilender Balsam sanft auf Wunden
träufelt. Das schöne thränennasse Antlitz zu ihm erhoben, faßte Sophie
Ludwig’s Hände und sprach mit leisem Beben: Nun habe ich also keinen
Vater mehr! Nun seien Sie mein Vater! Sie, dem ich anvertraut bin als
ein armes, heimathloses Kind – ach eine Waise – o, wie schwer wiegt
dieses Wort; ich will ihnen so gern gehorchen, ich will Sie ehren gleich
meinem Vater, und wenn ich fehle, so üben Sie Nachsicht mit meiner
Unwissenheit und meiner Schwäche!

Wie unendlich liebreizend erschien sie ihm da in ihrem tiefen Schmerze!
Sie glich einer prächtigen Incarnat-Passiflore, in deren Nektarkelche
Thränen zittern, die gebeugt steht und doch voll Schönheit ist, die in
Demuth sich neigt und doch voll Hoheit prangt.

Ein Gegensatz, wie das Leben ihn häufig bietet, zu diesem wahren
Schmerz, dieser schwermuthvollen Trauer, dieser Verehrung auf der einen,
und der kindlichsten Hingebung an den Mann ihres Vertrauens auf der
andern Seite, bildete eine andere Trauerbotschaft aus Holland, die aber
nicht so herzzerreißender Art war; dort hatte nur eine betagte schlichte
Frau den Zoll der Natur bezahlt, und war abgerufen worden in das
verhüllte Jenseits. Leonardus Mutter, Frau Maria Johanna van der Valck,
geborene van Moorsel, war nicht mehr.

Vincentius Martinus schrieb Folgendes an seinen noch stets am Leben
geglaubten Vetter Leonardus, nachdem er ihn in einer frommen Einleitung
seines Briefes auf die Trauerkunde vorbereitet und ihm dann die
schmerzliche Nachricht mitgetheilt hatte: »Ich komme so eben aus der
Kirche, mein theuerer Leonardus, woselbst ich für die Seele deiner guten
Mutter eine Messe gelesen habe; von deinem kindlichen Sinn darf ich wohl
voraussetzen, daß du es gut heißest, wenn ich für die Seligentschlafene
die Zahl dieser Seelenmessen bis auf Einhundert steigere, und dir dann
nach deren Vollendung das #Laus Deo# darüber einsende. Die Wohlselige
hat noch auf ihrem Todtenbette, und als ich sie mit den heiligen
Sterbesacramenten als christliche Wegzehrung auf der langen Pilgerschaft
nach der Ewigkeit versah, für dich gebetet und dir alles Glück
gewünscht, auch läßt sie dir noch innigst und herzlich für die lieben
und guten Briefe danken, welche du ihr von so verschiedenen Orten aus
geschrieben hast; nur konnte die selige Tante nie begreifen und ich
konnte es derselben auch nicht begreiflich machen, weshalb du dich
eigentlich jetzt und wie es scheint ohne ein Geschäft, welches doch die
Basis eines ehrbaren und christlichen Lebens ist, in Deutschland
herumtreibst. Nun, ich gewahre mit Freude, wie gut mein Gebet für dich
anschlägt, mein geliebter Vetter, und wie der heilige Rochus dich noch
immer beschützt. Nach den Verträgen, die du mit den Verwandten
abgeschlossen hast, beziehst Du nun von dem Hause van der Valck eine
Jahresrente von zehntausend Gulden, erst fünftausend, und nun nach dem
Tode deiner frommen Mutter nochmals fünftausend. Gratulire! Ach, wie
gern hätte die Wohlselige mein armes Kirchlein zu Sanct Ottilien
bedacht, aber die Hände waren ihr ja durch jene Verträge gebunden.
Möchtest du, werther Leonardus, nicht deine milde Hand aufthun und ihren
besten Wunsch erfüllen? Ich würde dich dann auch der ganz besonderen
Gnade dieser heiligen und gebenedeiten Schutzpatronin empfehlen und ihre
Fürbitte durch mein eifriges Gebet für dich erflehen. Du wirst wissen,
geliebter Leonardus, daß die heilige Ottilia die Schutzpatronin der
Augen ist, und sie wird durch mein Gebet Fürsorge tragen, daß deine
Augen stets erfreuet werden, wie geschrieben steht: Unsere Augen sehen
nichts wie Manna, und ferner: Gib mir die, so meinen Augen wohlgefällt.
Anliegende versiegelte Kapsel, die wohl ein Bild enthalten dürfte, gab
die Verblichene mit dem ausdrücklichen Wunsche in meine Hände, dasselbe
dir gleich nach ihrem Abscheiden zu senden, welcher Pflicht ich hiermit
nachkomme. Möge dies letzte Andenken für dich viel Erfreuliches
enthalten!«

»Komisch ist, trotz aller Trauer, die ich dir pflichtschuldigst melden
muß, daß nach dem Tode deiner seligen Frau Mutter mehr Lusttragende, sie
zu beerben, als Leidtragende, sie zu bestatten, von allen Seiten
herbeikamen. Wir sind auf einmal äußerst reich – an lieben Verwandten
geworden, und der Baum der van der Valckischen Sippschaft hat mehr
Aeste, als mir bekannt war; bis nach Herzberg im Harzgebirge in
Deutschland, ja bis nach Dahne im Königreich Preußen wohnen
Menschenkinder, die unsere Verwandten sein wollen. Meinerseits konnte
ich alle diese guten Seelen nur auffordern, sich mit mir, oder falls
ihnen dies lieber wäre, mit Hiob zu trösten, und ihnen versprechen, daß
ich sie in mein frommes Gebet einschließen wolle, doch glaube ich fast,
daß ihnen daran Nichts gelegen ist, denn die gottlose Welt hat den
rechten Glauben verloren.«

»Noch muß ich dir, geliebter Leonardus, eine Nachricht als Neuigkeit
mittheilen, welche dir gewiß eine große Freude machen wird. Du erinnerst
dich sicherlich noch des vormaligen Schiffskapitäns auf deines
wohlseligen Herrn Vaters »vergulder Rose«; diese Pinke hat Herr Richard
Fluit verlassen, und statt der »vergulden Rose« eine guldene Herbstaster
geentert, mit der er in den geruhigen Hafen des heiligen Ehestandes
eingelaufen ist. Ich selbst war das auserwählte Rüstzeug, wie deine
selige Frau Mutter zu sagen pflegte, welches in unserm armen Kirchlein
zu Sanct Ottilien das traute Paar ehelich verband, und wer war die
Braut? Wenn du das erräthst, bester Leonardus, so heiße ich Jantjé und
esse hundert Austern mit sammt der Schale.«

»Vernimm und staune! Herrn Fluit’s Erwählte ist Niemand anders, als die
wohledelgeborene und tugendbelobte Mejouffrouwe Sibylle Nikodema van
Swammerdam, vormals deine Verlobte, und mit ihr macht Fluit, was den
Geldpunkt anbetrifft, ein ungeheueres Glück, welches du, geliebter
Leonardus, dir seinerzeit hast entgehen lassen. Wie schön wird jene
Flöte zu dieser Meertrompete stimmen, wenn sie Beide zu tönen anfangen!
Beide lassen dich als alten Freund herzlich grüßen. Schicke ihnen ja ein
schönes Hochzeitgeschenk, damit du Aussicht auf eine Pathenschaft
gewinnst, falls die alte Meerminne und ihr Zeekoning einen Dolphyn mit
einander gewinnen sollten.«

Das ist nun der Mann nach dem Herzen Gottes, das Kirchenlicht! sprach
Ludwig unmuthsvoll und warf den Brief, den er Sophien nicht sehen lassen
wollte, bei Seite.

Hierauf enthüllte er das versiegelte Päckchen und fand eine zweite
Verpackung mit der Aufschrift: »An meinen lieben Sohn Leonardus
Cornelius, zu öffnen am ersten 22. September nach meinem Tode.« – Es war
dies die eigene Handschrift der Verstorbenen. Mithin stand der Inhalt,
wie anzunehmen, mit dem Geburtstag des verstorbenen Leonardus in
Verbindung. Ludwig ehrte den Willen der Verblichenen und legte
schweigend das Päckchen zur Seite, indem er dasselbe gut verschloß.

Nicht lange nach dem Empfange dieses Briefes liefen auch wieder
Nachrichten von Windt ein, und zwar war es kein gewöhnlicher Brief,
sondern ein ziemlich bedeutendes Paket, welches in Frankfurt am Main
angekommen und dort eine geraume Zeit auf der Post liegen geblieben war,
bevor der zum Empfang Berechtigte selbst in diese Stadt kam. Dieses
Paket trug die Aufschrift: »Documente« und enthielt eine hohe
Werthbezeichnung.

Sehr neugierig darauf, welche Documente man ihm, dem gleichsam
Vergessenen und Abgefundenen, noch nachträglich zu senden habe, öffnete
Ludwig.

»Es ist Jammerschade, hochverehrtester Herr Graf,« schrieb Windt: »daß
Sie nicht ohnlängst mit in Kniphausen waren! Das war eine Herrlichkeit
in der Herrlichkeit! Ich übersende Ihnen treu copirte und vidimirte
Abschriften mancher Actenstücke, aus denen Sie sich über den Stand der
Dinge ungleich besser unterrichten können und werden, als ich mit meinem
Geschreibsel es vermöchte; kurz, es ging hoch her und Niemand fehlte
dabei als Sie, oder doch der Falk von Kniphausen!«

»Unter #A# finden Sie im Original, welches auf mein Ersuchen auch eigens
für Sie gefertigt, unterschrieben und besiegelt wurde, den zu Varel
geschlossenen Vergleich zwischen dem Erbherrn und dem Besitzer von
Doorwerth; unter #B# einen Auszug des Testamentes meiner hochseligen
Gebieterin, und unter #C# ein dem Kopfe des Herrn Hofrath Brünings
entsprungenes Memorandum, welches aber mit der aus Jovis Haupt
entsprungenen Minerva Nichts gemein hat, als daß ihm ein Harnisch mit
Drachenschuppen um den Leib geschnallt ist. Was dieses #invita Minerva#
entstandene Curiosum enthält, werden Sie selbst lesen, es geht Sie an.«

»Der junge Sohn aus der Gewissensehe, welche der Erbherr mit Demoiselle
Sara Gerdes geschlossen hat, und bei dem der Herr Vice-Admiral
Pathenstelle versah, ist hier in Hamburg, wo die Mutter im Palast der
hochseligen Frau Großmutter ihre Wochen hielt, auf die Namen William
Friedrich getauft worden, und befindet sich wohl. Diese Frucht aus dem
ländlichen Garten von Bockhorn ist so schön, als immerhin eine andere im
Park eines reichsgräflichen Ahnenschlosses erzeugte. Der Erbherr hat zu
Varel seinem Pfarrer Hansing anderthalb Jahre nach dem Tode der
holdseligen Erbherrin Ottoline erklärt, daß er als Wittwer, durch
Familienverhältnisse und aus andern Gründen zu einer anderweit
standesgemäßen Verbindung nicht schreiten wolle, aber auch nicht ohne
Liebebeglückung durch das ihm noch vergönnte Leben zu wandeln gedenke,
und feierlich jene seine Geliebte zur Stellvertreterin seiner verewigten
Gemahlin erkoren und ernannt, mit der er, in vor Gott gültiger
Gewissensehe zu leben gedenke, auch ohne die formelle kirchliche
Sanction, mit dem Vorbehalt, die letztere so wie die Erhebung seiner
zweiten Lebensgefährtin zur rechtmäßigen Gemahlin und Reichsgräfin zu
einer ihm geeignet scheinenden Zeit nachzuholen.«

»Der Erbherr ist Souverän, er liebt jene Frau und ehrt sie, ihr Betragen
ist würdevoll und gütig, sie ist ihrem Sohn eine zärtliche Mutter und
Alles geht seinen guten Gang, Niemand hat dermalen ein Recht, die in
ihrem Gewissen ehelich Verbundenen zu verdammen, wohl aber werden die
Agnaten früher oder später dies thun, und es wird in der Folge wieder zu
Streitigkeiten kommen, die dann wahrscheinlich kein Friedenstrank aus
dem Falken von Kniphausen beizulegen vermögen wird, #posito# sie hätten
den Falken.«

»Ich sitze immer noch hier in Hamburg und plage mich wie ein Pferd,
obschon ich todtmatt bin.«

»Aus der bereits erwähnten Anlage ersehen Sie, bester Herr Graf, daß man
nicht übel Lust hat, Ihnen die #rara avis#, den Falken, wieder
abzulocken und denselben auf eine oder die andere Art wieder nach
Kniphausen zu bekommen. Mir ziemt nicht, Ihnen Rathschläge zu geben, ich
aber wüßte was ich thäte – ich rückte ihnen den Falken auf ewig aus den
Augen.«

»Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und läßt gehorsamsten Respect
vermelden. Der schreckliche Tod der armen Angés hat uns Beide
außerordentlich erschüttert. Sie war zu gut für diese Welt, und ihr ist
wohl, wenn nur nicht ein so bitteres Sterben ihr zu Theil geworden wäre.
Sanft ruhe die Asche dieser wahrhaft guten und edlen Freundin!«

»Ich war sehr krank, und bin nur wie durch ein Wunder dem Tode
entronnen. Der liebe Gott muß noch etwas Absonderliches mit mir vor
haben, dazu er mich aufspart. Der Reimarus gab mich völlig auf, auch
hatte ich bereits, ehe es so ganz schlimm mit mir wurde, Auftrag
ertheilt, daß der Consul Höfer meine Habseligkeiten und Papiere
versiegeln sollte, und ebenso hatte ich das Begräbniß in hiesigem Dom
angeordnet. Gottes Gnade hat mich abermals errettet, aber fort will ich
von hier – muß fort, meine Aufenthaltskosten übersteigen mein
geringfügiges Legat. Ich habe mir einen kleinen Wagen gekauft, darin
will ich sobald als möglich mein Bette anbringen, und gen Stadthagen
segeln, möge es mir eine Stadt Hafen sein! Ich bedarf dessen, ich sehne
mich nach Ruhe; wer weiß wie bald bestürmt Sie, mein gnädiger lieber
Herr Graf, der alte Windt nicht mehr mit seinen unruhigen Briefen! Alles
Glück sei mit Ihnen, und bedürfen Sie meiner für Ihre Aufträge in irgend
einer Sache, so werden dieselben von mir vollzogen, ich mag sein, wo ich
immer sei, nur nicht, wenn ich im Himmel bin; doch selbst dort noch

                                    Ihr ganz ergebenster W.«

Mit neugierigem Verlangen griff der Graf nach den Documenten und sprach
schmerzlich lächelnd: Ich will doch nicht hoffen, daß sich um mich ein
Schriften- und Actenwerk drängt, wie um die alte selige Großmutter; am
Besten wird es sein, ich werfe, was mir nicht gefällt, gleich in’s
Feuer.

Das erste Papier war ein mit zwei schwarzen Siegeln versehener und vom
Erbherrn wie von dem Vice-Admiral eigenhändig unterschriebener Vertrag
in französischer Sprache, welcher ins Deutsche übersetzt lautete:

Wir, die Unterzeichneten, Wilhelm Gustav Friedrich, regierender Graf von
Rhoon, Herr von Varel und Kniphausen, und Wir, William, Graf und Herr
von Doorwerth mit Zubehör #(cum annexis)# erklären und erkunden, daß
alle die Rechtsfragen, Streitpunkte und Zwistigkeiten, die vorher
zwischen der Reichsgräfin Charlotte Sophie, verwittweten Gräfin und Frau
zu Varel, In- und Kniphausen, geborene Gräfin von Aldenburg einerseits,
und dem obengenannten regierenden Grafen, wie auch die zwischen seinem
seligen Vater, dem Herrn von Varel, seiner Frau Mutter und seinem
Großvater anderseits Statt gefunden haben, auf eine freundliche Art für
immer abgethan und verglichen sein sollen, so daß Wir, der regierende
Graf und Herr von Doorwerth, als einziger Erbe der seligen Frau Gräfin,
unserer Großmutter, im vollkommensten Einverständniß über Alles sind,
was Rechte und Vorrechte in unsern Familien betrifft, und daß wir so
wohl für uns als für unsere Nachkommenschaft, die es angeht, uns
verbunden haben, niemals diese gemeinschaftliche Uebereinkunft zu
verletzen. Damit aber unsere oben ausgesprochene, gemeinschaftliche
Vereinigung weder Zweifel noch Widerspruch erleide, so haben wir diesen
gegenwärtigen Act unterschrieben und besiegelt. Geschehen zu Varel etc.

Es waren die richtigen beiderseitigen Wappen; das des Erbherrn stand in
einem gekrönten hermelinverbrämten Fürstenmantel, über dem Wappen vier
schwebende Kronen, deren jede ein besonderes Kleinod trug. Zwei Löwen
dienten als Schildhalter, die auf Palmenzweige traten, um die sich eine
Bandrolle mit dem Wahlspruch: #Craignez honte# wand. Das Wappen des
Vice-Admirals war im Ganzen ebenso, aber es stand nicht in einem
Fürstenmantel, auf dem Wappen ruhten vier gekrönte Helme mit den
Kleinodien, und der Wahlspruch fehlte.

Ja wirklich, Windt hat Recht, spöttelte Ludwig, zu dieser Einigungsacte
hätte nothwendig aus dem Falken von Kniphausen getrunken werden müssen,
wie vor Zeiten bei der uralten Einigung der streitenden Linie. Schade,
daß sie ihn nicht an Ort und Stelle hatten!

Die Auszüge aus dem Testament der Großmutter, welche Ludwig rasch
überflog, enthielten meist ihm Bekanntes; das Testament umfaßte so viele
Legate und Schenkungen, daß den Erben alles Lachen darüber vergangen
war.

Nun aber, was soll diese dritte Schrift? rief der Graf, und hob sie
verwundert empor; sie war 22½ Seiten lang und von einer Advocatenhand
geschrieben. Dieselbe berührte die einem jungen Menschen zu dessen
Erziehung, Ausbildung und zu Reisen gemachte Schenkung, über die sich
ein Nachlaß, eine Aufzeichnung vorgefunden hatte; gedachte ferner eines
Testamentes, in welchem der Falk von Kniphausen ausdrücklich erwähnt
worden sei, als spurlos verschwunden, kam dann auch auf das vorhandene
Testament zu sprechen, kraft dessen der Vice-Admiral Graf William zum
Universal-Erben eingesetzt sei; sprach klagend über die vielen
Schenkungen, und vermißte in denselben die Anführung des werthvollen
Geräthes, jenes Falken von Kniphausen, das ganz unschätzbar sei. Da nun
»dem Vernehmen nach ein gewisser junger Herr dieses Kleinod von der
Erblasserin aus freier Hand und aus eigenem Willen in unbekannter Form
und Weise erhalten habe, so erscheine wünschenswerth, den dermaligen
Aufenthaltsort jenes Herrn zu erkunden, und denselben wo möglich zu
bewegen, jenes hochwerthvolle Familienkleinod, sofort er sich über den
rechtmäßigen Besitz werde genügend ausweisen können, gegen eine
Geldsteuer wieder an die Familie abzutreten, sintemalen alte Sagen und
Ueberlieferungen im Umlauf gingen, deren superstitiösem Wahn allerdings
keine Folge zu geben, daß an diesen Falken das Glück des hochgräflichen
Hauses so gebannet sei, wie das Glück der Grafen von Ranzau an jene
Kleinode aus Zwergengold: fünfzig Rechnenpfennige, ein Häring und zwei
Spindeln. Es werde sonder Zweifel der dermalige Inhaber besagten
Kleinods sich mit ohngefähr vier- bis fünftausend Mark Hamburger Banco
zu Dank begnügen lassen, um so mehr, als der hochgnädige Erbherr die
frühere übergroße Schenkung großmüthig wolle passiren lassen,
ohngeachtet ihm C. 32, #Cod. de donationibus# und die prononcirte
Meinung Schaumburgs #in Comp. ff. ad tit. de donat. §. X#, nebst andern
mehr, hinlänglichen Stoff zu Einreden an die Hand geben könnten.

Ludwig hatte Mühe, in Sophiens Gegenwart seinen Zorn zu beherrschen, der
bei Lesung dieser Schrift in ihm aufflammte, aber seine Hände zitterten,
während er dieses Memorandum las, bis er es plötzlich, wie es war, mit
dem Ausruf: Dänische Spinne! von oben bis unten zerriß und
zusammenknitterte.

Was sagte die selige Großmutter? rief er entschlossen. »Sie sollen ihn
nicht haben!« sprach sie. »Sie sollen nicht wieder daraus trinken!« Und
die Worte eines Sterbenden sollen uns heilig sein! Wohl ist dieses
kunstvolle und köstliche Geräth ein hochwerthes Kleinod und für mich in
der That ganz unschätzbar – o es schließt Herzen unsichtbar in sich ein,
theure edle Herzen! Aber bedarf es für diese Herzen eines sichtbaren
Andenkens? Nein, bei mir nimmermehr, so lange ich athme. Darum will ich
rasch mich scheiden von seinem Besitze, ehe List oder Uebereilung oder
Raub oder Bitte es mir abdringen.

Schnell war sein Entschluß gefaßt; in den nächsten Minuten saß er schon
am Schreibtisch und schrieb an die Herzogin Georgine:

    »Hochgnädigste mütterliche Freundin!

Aus der Hand meiner sterbenden Großmutter empfing ich das beifolgende
Kunstwerk. Stets auf Reisen und noch ohne dauernden Wohnsitz macht es
mir große Sorge, daß ein unglücklicher Zufall mich um dieses mir doppelt
heilige Unterpfand hoher Liebe bringen könnte. Die Urkunde über meinen
völlig rechtmäßigen Besitz ist dem Kunstwerke beigegeben. Ich sende es
Ihnen, wo es sicher und in treuer Hand bewahrt bleibt; heben Sie mir
diesen Falken liebevoll auf, bis ich denselben zurückfordere. Geschieht
dies nicht, so sei und bleibe der Juwelenfalk, der unter keiner
Bedingung an einen andern als an mich selbst, wenn ich denselben wieder
fordere, gegeben werden darf, ein Eigenthum Ihrer hohen Familie und
erfreue noch durch die Kunst der Arbeit, die Pracht seines Glanzes und
den Werth seiner Juwelen die spätesten Nachkommen. Gewiß, Sie lassen
mich keine Fehlbitte thun, edelste großmüthigste Freundin, und bauen
diesem Falken seinen Horst im Castle Chatsworth, wo derselbe Sie an mich
und an mein Herz erinnern möge, das voll Dank und verehrender Liebe ist
und es bis zum letzten Hauche bleibt.«

Noch Eins geschehe! sprach Ludwig, indem er sich erhob und Philipp
klingelte. Wie sprach die Großmutter ferner? »Nur du – und die, welcher
du dein Herz schenkst, sollen aus dem Falken trinken.« So sprach sie,
und auch das erfülle sich!

Der Diener kam; Ludwig gebot ihm den Falken zu bringen, und eine Flasche
des edelsten Weines zu bestellen. Als Alles da war, nahm der Graf das
Gefäß und den Wein und ging zu Sophie hinüber.

Die Prinzessin staunte mit leuchtenden Augen die Pracht des Falken an;
sie hatte Aehnliches noch nie gesehen. Noch mehr aber war sie
verwundert, als sie gewahrte, daß der Kopf des Vogels sich aufschlagen
ließ, und das Innere eine goldene Höhlung zeigte.

Ludwig goß den Wein in den Pokal und bedeckte ihn dann wieder mit dem
Haupte des Vogels. Dann sprach er: Sophie, dieses Geräth wurde mir
anvertraut von jener verehrten Greisin, bei welcher Sie einst mit Ihrer
erlauchten Frau Mutter zu Hamburg einen Besuch machten. Sie sprach
damals zu mir das bedeutungsvolle Wort: Trinke du daraus und Die,
welcher du dein Herz schenkst. – Sophie, ich stehe allein in der Welt,
fast Alle, denen ich früher mein Herz geschenkt hatte, sind mir
gestorben, wem sollte ich nun mein Herz schenken? Darf ich es wagen, Sie
einzuladen, Sophie, daß Sie mir diesen Trank mit Ihren reinen Lippen
weihen?

Ein hohes Roth trat auf ihre Wangen; sie entgegnete sichtbar ergriffen:
Ich habe gelesen, daß bei den alten Ritterspielen edle Frauen und
Jungfrauen den Siegern die Pokale kredenzten, oder diese ihnen als
Kampfespreise reichten; das nannte man Dank. Mein ganzes Herz, Graf, ist
Dank, inniger Dank; darum erfülle ich gern, herzlich gern Ihren Wunsch
und trinke von diesem Weine auf das Wohl eines edlen Siegers! – Sie
schlug des Vogels Haupt zurück, führte mit fester Hand den schweren
Goldpokal zum Munde und flüsterte, bevor sie trank: Auf Ihr Wohl, Graf
Ludwig, und auf eine bessere, schönere Zukunft!

Nachdem ihre Lippen den Juwelenkelch berührt und dessen Wein gekostet
hatten, gab sie den Falken mit freundlichem Blick in des Grafen Hand
zurück, und auch er trank mit einem vollen, überströmenden Gefühle, das
keine Worte fand; dann sprach er: Und diesem mir doppeltgeweihten Gefäß,
aus dem ich nun zweimal süßen Zauber getrunken, muß ich entsagen;
glauben Sie, theure Sophie, das ist kein leichter Entschluß, aber ich
will Sieger über mich selbst sein, ich will es, weil ich es mir selbst
gelobt habe.

Noch an demselben Tage kam der Falk von Kniphausen zur Post,
wohlverwahrt und weich gebettet, um bald darauf über den Kanal zu
reisen, von zarter Hand enthüllt und mit Staunen begrüßt zu werden. Die
ganze reiche Grafschaft Devonshire bewahrte kein Kleinod von
Künstlerhand, das diesem an Pracht, Schönheit und Werth sich
gleichstellen konnte.



6. Ein Tag in Wien.


Eine lange Zeit der Unruhe war über den Grafen verhängt, der so sehr
nach Ruhe und abgeschlossener Stille sich sehnte. Briefe kamen von
Sophiens Mutter, alle mehr oder minder voll Furcht und Bangen, wie voll
Klagen, daß sie durch Bande der Pflicht gebunden, nicht in der Lage sei,
mit der geliebten Tochter sich wieder zu vereinen. Dennoch wollte sie
deren Leben und Zukunft so gern gesichert sehen. An einem deutschen Hofe
durfte dies nicht geschehen, denn an einem solchen konnte die junge
Prinzessin nicht incognito auftreten, sie würde, wenn ihre Herkunft
bekannt geworden wäre, jedenfalls eine mißliche Rolle gespielt haben. Da
fiel der besorgten Mutter zuletzt ein Ausweg ein, sie wollte sich einem
hohen Freund anvertrauen, dem es ein Leichtes war, ihrer Tochter, und
wenn diese es wünschte, auch deren treuen Beschützer und Begleiter ein
sicheres und unnahbares Asyl zu gewähren. Prinzessin Charlotte hatte
beim Aufenthalt in Petersburg den Großfürsten Alexander kurz vor seiner
Thronbesteigung kennen gelernt. Die persönliche Liebenswürdigkeit dieses
jugendlichen Monarchen, den selbst Napoleon einen Apoll nannte, hatte
auch die Prinzessin für ihn eingenommen.

Sie hatte ihn dann am Hofe zu Baden bei seiner Vermählung mit der
schönen Tochter des fürstlichen Hauses, Prinzessin Elisabeth,
wiedergesehen, rechnete auf des Kaisers Huld und Gunst und schrieb an
ihn.

Alexanders Antwort sandte die Prinzessin an Ludwig, sie lautete:
»Stellen Sie, Prinzessin, mir diejenigen Personen vor, deren Schutz Sie
von mir wünschen, ich werde Alles zu deren Zufriedenheit und zu Ihrer
Beruhigung thun. Sie kennen meine Gesinnung und meine Theilnahme an dem
Unglück, das Sie betroffen, ich habe bei dieser grausamen Verletzung des
Völkerrechts und jenem Meuchelmord, vor dem ganz Europa noch immer
schaudert, als deutscher Reichsfürst Schritte gethan, daß Genugthuung
für die Gebietsverletzung des Kurfürstenthums gefordert werde, allein
welche Genugthuung wäre hinreichend, Ihrem Herzen zu genügen. Kaum die,
daß ich im Bunde mit Oesterreich Frankreich den Krieg erklärt habe.«

»Reisen Sie, bester Graf,« schrieb die Prinzessin an Ludwig, »mit Sophie
zum Kaiser, hören Sie dessen Befehle, ich überlasse alles Weitere Ihrer
Einsicht, Ihrer Freundestreue, Ihrer Ehre und Ihrer Anhänglichkeit an
mich und mein Kind. Der Himmel führe Sie Beide! Sie treffen, wenn Sie
nicht säumen, den Kaiser noch in Wien. Eilen Sie dorthin und beruhigen
Sie bald eine unglückliche Mutter, die für ihr Kind zittert, während sie
bereits um ihren gemordeten Gatten der Verzweiflung anheimfiel!« –

Graf Ludwig billigte in seinem Innern diesen eigenthümlichen Vorschlag
keineswegs. Es war eine Abneigung in ihm gegen alles Russische, wie sehr
er auch den persönlichen Eigenschaften des jungen Kaisers Verehrung
zollte. Diese Abneigung entsprang gleichsam einem ererbten
Familiengroll, der im Blute lag; das Haus, dessen Sohn Ludwig war,
konnte es nie verschmerzen, daß die russisch gewordene Herrschaft Jever
– in ihr bestand das deutsche Reichsfürstenthum Kaiser Alexanders I., an
welches Ludwig durch des Kaisers Brief erinnert wurde – die einst dem
Hause gehört hatte, jetzt von diesem abgerissen war, daß zwischen Jever
und Kniphausen der russische Grenzpfahl stand, von dem ein Adlerkopf
nach Kniphausen, und der andere nach Varel sich neigte, gerade als ob in
diesem schlimmen und starken Vogel Lust vorhanden sei, auch diese beiden
Herrlichkeiten zu rauben. Es kämpfte daher mächtig in dem Grafen, ob er
der erhaltenen Aufforderung Folge leisten solle oder nicht, zumal sich
schon halb und halb in ihm ein Plan gebildet hatte, von dem er sich ein
reines Zukunftglück versprach, der Sophien Schutz und ihm Freiheit zur
Hingabe an seine Lieblingsneigungen und an ein ihm besonders zusagendes
gemüthliches Stillleben gewähren sollte.

Gleichwohl ehrte Ludwig die Prinzessin, Sophie und das Geschick Beider
zu sehr, um nicht zu fühlen, daß er vor dem Wunsche der Ersteren seine
eigene Neigung aufopfern müsse. Er theilte daher der jungen Prinzessin
den Brief ihrer Mutter mit und diese, obgleich erst fünfzehn Jahre
zählend, war doch hinlänglich durch den Schmerz für den Ernst des Lebens
gereift, um nicht die Bedeutung eines solchen Schrittes vollkommen
würdigen zu können.

Sie schlug das seelenvolle Auge zu Ludwig auf und sprach bewegt: Ich
habe keinen Willen, ich folge der Mutter, ich folge Ihnen, ich beuge
mich in Demuth Allem, was über mich verhängt wird.

Sophie, entgegnete Ludwig: mich schmerzt, was Sie mir erwiedern, obschon
ich weiß, daß Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen. Wenn
auch die Verhältnisse Ihnen die tiefste Zurückhaltung und
Verschlossenheit der Welt gegenüber als eine schwer zu tragende Fessel
auferlegen, so dürfen Sie doch mir gegenüber sich frei und offen äußern,
denn Sie wissen ja, fügte er, um den Ernst seiner Rede zu mildern, im
leichten scherzenden Tone hinzu: daß Sie nicht meine Untergebene,
sondern meine Gebieterin sind. Daher dürfen Sie Ihr Verhältniß zu mir
nicht so nehmen, als seien Sie ein willenloses Lamm oder ein Opfer der
Politik, nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie
nicht willigen, da ich im Voraus weiß, wie Ihre klare Einsicht Ihnen
sagt und Ihr Gefühl Ihnen sagen wird, daß ich nur an Ihr Heil sinne und
denke.

Gewiß, dies fühle ich lebhaft, lieber Graf! versetzte Sophie: und ich
will mich bessern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, so glaube
ich, gehorchen zu müssen, wenn Ihre Meinung damit übereinstimmt. Sie
müssen wissen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majestät des Kaisers von
Rußland etwas Günstiges für uns zu hoffen ist; nur das Eine erlaube ich
mir zu bemerken, daß, wenn der zugesicherte Schutz eben in einem
Aufenthalt im russischen Reiche, auf einem der Kronschlösser oder
zuletzt gar in einem russischen Kloster bestehen sollte, ich sehr dafür
danke. So lebhaft hat Rußland mich nicht angezogen, und so sehr hat es
mir selbst in Sanct Petersburg nicht gefallen, daß ich den Wunsch fassen
könnte, in Rußland meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutschland
geboren, und wenn sich mir auch für die Zukunft das Vaterland meiner
Eltern verschließt, so will ich doch ungleich lieber in Deutschland
wohnen, als in irgend einem andern Lande, denn Deutschland gefällt mir
und ich liebe es.

Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zögern das Wort: dem Befehl Ihrer
Frau Mutter Gehorsam leisten, es steht dann immer noch bei Ihnen, eine
dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage ist nur
die, wird Ihre Gesundheit die Anstrengung einer Reise mit Courierpferden
vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien ist weit und Eile ist
dringend nöthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der Kaiser
Alexander in den nächsten Tagen nach Wien kommt, so ist doch diesem
Monarchen in so bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt vergönnt.

Ich bin Gott sei Dank gesund, mein bester Graf, erwiederte Sophie: und
habe Jugendkraft. Frische Luft thut mir wohl, und die Reize wechselnder
Landschaften und Orte, die ich ohne Schleierhülle betrachten darf, geben
anmuthige Zerstreuung, wenn gutes Wetter solche Fahrt begünstigt. Sie
wissen ja, daß ich armes Mädchen so zu sagen eine geborene Reisende bin.
Nicht in der Nähe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe
ich noch recht zum Selbstbewußtsein gelangte, wurde ich als Kind in
weite Ferne geführt. Zu Wasser und zu Lande war immer Gottes Hand über
mir. Sie wissen dies Alles, weßhalb sollte also eine Reise nach Wien
mich schrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es sein muß!

Wohlan denn, so schreiben Sie, während ich alles Nöthige anordne, einige
Zeilen an Ihre Mutter, daß wir ohne Verzug nach Wien abreisen, und ihr
vom Erfolg dieser Reise sogleich von dort aus Nachricht geben würden.

Ludwig schrieb seinerseits noch einige rasche Briefe, ließ durch
Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die seine einpacken,
und war jetzt erst recht von Herzen froh, daß er den Falken fortgesendet
hatte, dessen Besitz eine stete Sorge für ihn gewesen wäre.

Auf dem geradesten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Würzburg, und
von da nach Nürnberg, wo man sich eine Nachtrast gönnte, dasselbe war am
folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten schon waren die
Reisenden bei guter Zeit in Wien.

Kaiser Alexander empfing sie mit der ganzen Herzlichkeit seines Wesens
und seiner Humanität, die ihn zu einem der ausgezeichnetsten Monarchen
des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen liebenswürdigen
Prinzessin sein inniges Beileid, und sprach mit freundlicher
Herablassung zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begrüße ich als alten
Nachbar! Wenn Sie mich als solchen vielleicht nicht gern gesehen haben
sollten, so will ich Ihnen zum Troste sagen, daß diese Nachbarschaft
sich in Kurzem lösen wird, ich bin entschlossen, meine Herrschaft Jever
an Holland abzutreten, und gratulire Ihrem Hause im voraus zum neuen
Nachbar.

Diese Aeußerung des Selbstherrschers aller Reussen setzte Ludwig
einigermaßen in Verlegenheit, denn was sollte er ihm darauf erwiedern?
Sein Name allein mochte den Kaiser glauben gemacht haben, er habe irgend
noch ein Mit-Anrecht an jene Herrschaft, doch viel zu wichtig war der
Augenblick, um ihn auf derartige Erörterungen zu verwenden. Es war
Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiser hatte keine Zeit für
Familienangelegenheiten, Fürst Metternich war schon angemeldet, dieser
konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte sich wieder zu
Sophien und fragte sie, ob sie der Gast seiner Gemahlin in Sarskoe-Selo
sein wolle? Dies kaiserliche Lustschloß stehe ihr offen, oder, wenn sie
dies vorziehe, würde sie ein gleiches Asyl zu Oranienbaum finden. – Ihre
nächsten Verwandten, mein lieber Graf – wandte sich der Kaiser wieder
scherzend zu Ludwig: sind ja sehr für Oranien, und gewiß auch Sie
selbst! Wissen Sie auch, daß der regierende Graf von Varel und
Kniphausen vor Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten
Ansprüche und Anwartschaften auf Jever geltend zu machen? Er war sehr
dringend, und ich habe ihm ein Jahrgehalt von fünftausend Silberrubeln
als Entschädigungssumme auf Lebenszeit zugesichert, mehr konnte ich
nicht thun. Ich habe dem Souverän von Varel und Kniphausen mein
aufrichtiges Bedauern darüber ausgesprochen, daß die Verhältnisse
gebieterisch fordern, die Ueberzahl dieser reichsgräflichen und
reichsfreiunmittelbaren deutschen Standesherrn, da factisch das deutsche
Reich aufhört, zu mediatisiren. – Wollen Sie, Herr Graf, in meinen
Militärdienst treten, so sollen Sie mir willkommen sein.

Bei dieser Anrede des Kaisers durchzuckte blitzesschnell ein Gedanke
Ludwig’s Seele. Ich soll von Sophie getrennt leben, sie soll am Ende gar
Hofdame in Sarskoe-Selo werden – und wozu dies Alles? Bedürfen wir
dieser kaiserlichen Gnaden?

Allerunterthänigst muß ich für das Glück und die Auszeichnung danken,
Eurer Majestät Offizier zu werden, antwortete Ludwig im bescheidensten
Tone: ich bin körperlich zum Militärdienst untauglich. Die Prinzessin
Sophie wird die Huld Eurer Majestät zu würdigen wissen und sich für die
Annahme einer der Gnaden entscheiden, die allerhöchst ihr anzubieten
Eure Majestät geruht haben. Majestät geruhen den Ausdruck
unterthänigsten Dankes im Voraus entgegen zu nehmen.

Der Kaiser nickte gnädig zum Zeichen der Entlassung, und bat Sophie
noch, ihre schöne Mutter von ihm zu grüßen. Die Prinzessin zitterte an
Ludwig’s Arme, als sie, in ihren Schleier gehüllt, durch die mit
besternten Kammerherren und hohen Militärchargen angefüllten Vorsäle,
durch die Schaar goldbetreßter Diener schritt; sie athmete tief auf, da
sie endlich im Wagen saßen, um nach ihrem Hotel zurückzufahren.
Verwundert sahen die Höflinge dem Paare nach. Wer war der Mann, der eine
Prinzessin, wie man sprach, zur Audienz beim Kaiser führte, im
schlichten schwarzen Bürgerkleid und hatte nicht einmal einen Orden auf
der Brust!

Was sagten Sie dem Kaiser, Graf? Ich hörte es nicht genau vor Zittern
und Zagen, fragte Sophie. Ich würde mich für Annahme einer der mir
angebotenen Gnaden entscheiden? War es nicht so?

Allerdings, ich konnte nicht anders sprechen, entgegnete Ludwig: ich
konnte, nachdem ich für meine Person abgelehnt hatte, nicht auch in
Ihrem Namen, ohne vorher Ihren Willen zu kennen, Nein sagen.

Und wünschten Sie, daß ich Ja sagte, Graf? fragte Sophie. Wünschen Sie
mich los zu werden? Habe ich Ihnen nicht bereits meinen Willen und
meinen Entschluß, in Rußland nicht zu verweilen, offen ausgesprochen?

O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf freudig
bewegt und führte ihre Hand an seine Lippen. Ich zitterte Ihrer
Entscheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein
Recht. Alles Glück, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz
Ansprüche haben, wären Ihnen vom Kaiserhofe zu Theil geworden; Ihre Frau
Mutter hätte das wohl am Liebsten gesehen.

Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit sanftem Erröthen: will
mit Ihnen gehen, wohin Sie mich führen, in die Stille, nur in die
Stille, auch Sie lieben ja die Stille, und ich sehne mich gleichfalls
nach ihr.

Ludwig war selig in seinem Gefühl – eine Vorahnung heiliger Stille,
süßen Friedens kam über ihn und erfüllte sein ganzes Herz. Er sah nun,
wie kein Gedanke in Sophie den Wünschen widerstrebte, die den holden
Traum seiner Zukunft ausmachten.

Bei der Rückkehr in das Gasthaus trat ein stattlicher Herr dem Paare
entgegen, kraftvoll gebaut, von militärischer Haltung, viele
Ordensinsignien auf der Brust. Ludwig gab es einen Stich in’s Herz, er
wollte schnell mit seiner Begleiterin an ihm vorübergehen, aber Jener
vertrat ihm den Weg, und rief erstaunt: Ludwig! Vetter! Du hier?

Wie du siehst, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Augenblick zu
deinem Befehle, erlaube nur, daß ich diese Dame erst nach ihrem Zimmer
begleite.

Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; Sophiens edle
Haltung, ihre zarte Gestalt fielen ihm auf. Nicht übel, murmelte er:
nicht übel! – Ja, das muß wahr sein, schöne Mädchen gibt es in der
Kaiserstadt, oder sollte das eine Fremde sein?

Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem zarten und
innigen Verhältniß Ludwig’s zu den hohen Frauen, die das Schicksal in
jene Asyle am Rhein geführt. – Da Windt Ludwig’s nie gedacht hatte,
zumal der Erbherr immer sichtlich vermied, nach ihm zu fragen, so konnte
dieser auch Nichts erfahren, und wenn Ludwig’s je einmal, wie es bei der
Unterredung bezüglich des Falken der Fall gewesen war, Erwähnung
geschah, so berührte der treue Intendant doch auf keine Weise jenes
Verhältniß.

Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flüchtigen Worten mit, daß
jener Herr derselbe Verwandte sei, von dem so eben Kaiser Alexander
gesprochen habe; dann eilte er wieder zu diesem hinab, worauf die beiden
Vetter sich mit einander in ein abgesondertes Zimmer begaben, um ihr
Wiedersehen nach so langer Trennung bei einer Flasche Champagner zu
feiern.

Das Gespräch lenkte sich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht
gemüthlichen Stimmung; das drohende Gespenst der Mediatisation schien
nicht auf dieselbe einzuwirken. Was ihm am Meisten am Herzen lag, der
Wiedergewinn jenes kostbaren Trinkgeschirres, das er in Ludwig’s Händen
wußte, wurde auch bald Gegenstand der Unterhaltung. Als Graf Ludwig von
dem Tod der Großmutter erzählte, daß er noch ihren letzten Segen
erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit:

Und noch mehr, noch Besseres erhieltest du von ihr. Du empfingst auch
noch den Falken!

Allerdings, und zwar mit verbriefter und besiegelter Urkunde
rechtmäßigen Besitzes in Folge freier Schenkung, versetzte Ludwig.

Was gedenkst du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit schlecht
verhehltem Aerger.

Nichts, antwortete Jener trocken.

Man sollte doch dies Geräth bei der Familie lassen, Vetter! sprach der
Graf nach einer Pause.

Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zukünftigen? fragte mit
scharfer Betonung Ludwig, und diese seine Frage verwirrte den
regierenden Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, so hätte sie ihn
aufgebracht; doch bezwang er sich und sprach ruhig weiter: Mit einem
Wort, Vetter: wir, der Admiral und ich, hätten den Falken gern wieder,
überlass’ ihn uns, tritt ihn uns käuflich ab, stelle deine Forderung,
wir schaffen die Summe!

Ludwig blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als wolle er sich die
Sache überlegen, dann sprach er: Wirklich? Ihr schafft die Summe? Ach,
da thut es mir in der That recht leid, daß ich nicht im Stande bin,
euren so billigen Wunsch erfüllen zu können.

Warum nicht?

Weil ich nicht mehr im Besitz jenes seltenen Vogels bin.

Um des Himmels Willen, was muß ich hören! fuhr der Graf erschrocken auf.
Wurde er dir entrissen? Gabst du ihn hin? An wen gabst du ihn und wie
theuer?

Nie würde ich so unwürdig handeln, dieses werthvolle Familienstück zu
verkaufen, Vetter! Das denkst du gewiß nicht von mir!

Nun denn, wo kam der Falke sonst hin? fragte der Erbherr in ungeduldiger
Spannung.

Ich habe ihn verschenkt, war Ludwig’s ruhige Antwort.

Verschenkt! Hör’ ich recht, verschenkt! schrie Jener außer sich. Ich
bitte dich, Ludwig! Wußtest du, was du thatest?

Ich wußte, was ich that, mein lieber Vetter, ich war bei vollem
Bewußtsein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den
Händen zu geben, schenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und sehr
reichen Dame, die ich liebe.

Der Reichsgraf stieß sein Champagnerglas so heftig auf den Tisch, daß es
klirrend zersplitterte.

Fahr hin, Glück von Edenhall! sprach dazu Ludwig ganz kaltblütig, mit
einer Anspielung auf eine bekannte Sage.

Was ist’s mit dem Glück von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und
hastig, indem er seinen Grimm zu bemeistern suchte.

Als ich in England, in der Grafschaft Devonshire war, erzählte Ludwig,
nachdem er ein frisches Glas und eine frische Flasche Champagner
bestellt hatte: fand ich auf dem reizenden Schloß Chatsworth, in einem
Zimmer, darin die unglückliche Maria Stuart sechzehn Jahre ihres Lebens
vertrauerte und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte schottische
Chronik, darin ich von einem schönen Krystallbecher las, welcher dem
Grafenhause von Castle Edenhall in Cumberland als Geschenk einer Fee
gehörte, und »das Glück von Edenhall« genannt ward. So lange es
existirte, sollte des Hauses Glück unwandelbar blühen. Ein Sproß des
Hauses von wildem Sinn wollte das Glück versuchen, stieß das Glas auf,
und da zerbrach es unter schrillem Klang. Wie jener Becher zersprungen
war, wich alles Glück vom Hause der Lords von Edenhall, es spaltete sich
die Familie, ein Unfriede herrschte darin und Alles ging zu Grunde.
Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke, wenn Jemand mit Absicht oder
auch ohne Absicht ein Geräth zerbricht: Fahr hin, Glück von Edenhall!

Eine düstere Wolke des Mißmuths lagerte sich über die Stirne des
Reichsgrafen.

Erst nach einer Pause fragte er, als könne er den Gedanken noch immer
nicht fassen, mit erneutem Erstaunen: Du hast also wirklich den Falken
verschenkt? Sage mir, Mensch, hast du den Stein der Weisen gefunden?
Kannst du Gold machen?

Wer weiß, entgegnete Ludwig geheimnißvoll, dem es eine wahre Lust war,
den Grafen durch Zweifel zu quälen. Als ich die Bäder von Buxton
gebrauchte, besuchte ich auch die in jener Gegend gelegene berühmte
Peakhöhle bei Castleton; ich stand in der gothischen Geisterkirche
dieser majestätischen Stalaktitenhöhle, einer Kirche, welche die Hand
der Natur für den Weltgeist wölbte; ich lauschte dort einem Chorgesang,
der wunderbar erklang, tief schwermüthig, und was tönten diese fernen
Stimmen unsichtbarer Sänger? Es waren Strophen einer altschottischen
Ballade, davon lautete die letzte:

    »O leide, leide, mein wackrer Falk,
    Die Federn fallen dir aus!
    O leide, leide, mein liebster Herr,
    Seht blaß und elend aus!«

Ja, es war schön und reizend im Castle Chatsworth. Und siehst du,
Vetter, dort könnte ich wohl auch den Stein der Weisen gefunden haben.

Wie finde ich dich so ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter
Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du scheinst viel Glück gehabt zu haben! Bist
wohl sehr reich?

Hm, es geht an! versetzte Jener mit leichtem Tone, so reich bin ich
mindestens, daß mich nicht nach russischen Rubeln gelüstet!

Wie kommst du darauf, Mensch, der Grafschaften verschenkt? fragte
betroffen der Reichsgraf.

Siehst du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Grafschaften
verschenke, so befreie ich mich dadurch nur von einer großen Furcht und
Sorge, und ich habe mir nun einmal fest vorgenommen, sorgenlos zu leben.

Welche Sorge meinst du? fragte Wilhelm gespannt.

Ich meine die Sorge, mediatisirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken.

Was, Mensch? Bist du ein Dämon! Welche Geheimnisse trägst du mit dir
herum? Wer hat dir von russischen Rubeln gesagt? Wer von Mediatisirung?
Niemand weiß etwas davon!

Willst du es durchaus wissen? – Ja! – Nun denn, der Kaiser von Rußland,
vorhin, als ich bei ihm war.

Beim Kaiser von Rußland, rief Graf Wilhelm, dessen ganz verstörter
Zustand nunmehr Ludwig’s Mitleid rege machte. Er sprach daher mit vieler
Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zürne mir nicht; ich war ein wenig
böse auf dich und neidisch auf den Vice-Admiral.

Ha! glaub’s wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm.

Nicht doch, versetzte Ludwig, sondern daß ihr mich so ganz vergessen und
zur Seite geschoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir stehen
und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht hätte
ich deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die
fünfzigtausend holländische Gulden, die ich dir in Doorwerth lieh und
lasse dir davon einen andern Falken machen. Ich schenke sie dir, sammt
den Zinsen von zwölf Jahren.

Redest du im Ernst, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der
Reichsgraf.

Mir war selten so wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vetter so
unvermuthet wiederfinde, versetzte Ludwig.

Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pause mit Wärme fort: du
zeigtest mir damals selbst im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die
ärgste Kränkung angethan; selbst von dir zuerst beleidigt, hätte ich
dich nicht so wieder beleidigen dürfen, wie ich es that; du konntest
mich fordern und todt schießen; du hast mein Leben aufgespart zu vielem
herben Weh, aber auch zu unendlichen Wonnen, die mir entgegenblühen,
darum nimm mich nun, wie ich bin, aufrichtig und ohne Falsch. Auch
warst du es, der als der Aeltere mir zuerst die Hand zur Versöhnung bot;
dein Edelmuth gewann dir meine ganze volle Liebe, und nun von allen
diesen Geschichten kein Wort mehr. Laß uns anstoßen: Unsere lieben
Todten sollen leben!

Theuere Namen klangen durch Ludwig’s Erinnerung: Ottoline, Leonardus,
Sophie Charlotte, Angés. Thränen entstürzten seinen Augen, er sprang
auf, umarmte Wilhelm mit stürmischer Innigkeit und eilte fort.

Der Abend dieses Tages fand Sophie und Ludwig schon nicht mehr in Wien.
Rasch, wie sie gekommen waren, verließen sie die Kaiserstadt wieder,
aber sie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie rasteten
in Pölten, und gönnten sich an den übrigen Tagen Zeit, von der schönsten
Witterung begünstigt, die herrlichen Ufer des Donaustromes zu bewundern.
Sie sahen Regensburgs alte versinkende Herrlichkeit, sahen das alte
Nürnberg und sein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und Coburg
reisten sie dann nach dem Dorf Eishausen; der Graf hatte Befehl gegeben,
dort anzuhalten, und führte die junge Prinzessin durch die Hauptstraße
des Ortes.

Erinnern Sie sich nicht, schon einmal hier gewesen zu sein? fragte er
sie.

Allerdings ist es mir so, erwiederte sie: doch weiß ich mich nicht mehr
zu entsinnen, wann es war.

Es ist derselbe Ort, sprach der Graf, in welchem ich Sie und die selige
Angés nach langer Trennung zum Erstenmale wiedersah, als Sie mit Ihren
theueren Eltern nach Rußland reisten.

Ach ja, jetzt entsinne ich mich! rief Sophie gerührt: Dort stand eine
schöne Kirche, dort ein ziemlich großes Schloß, hier vor dem Wirthshaus
war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater fürchtete von ihnen
erkannt zu werden, wir fuhren daher sehr schnell weiter.

Nach kurzer Rast wurde die Reise nach Hildburghausen fortgesetzt. Als
der Weg sich von dem hohen Stadtberg thalwärts niedersenkte, als zur
Rechten der Blick auf Wald, Wiesen und Dörfer frei ward, zur Linken auf
grünende Berggärten und heitere Gelände, und unten im Thale die schöne
Stadt so friedlich ruhte, das Abendsonnengold gerade wie damals über die
ganze Flur ein magisches Zaubernetz warf und eine Glocke vom stattlichen
Kirchthurme herab die Feierabendstunde verkündete, da überkam unsere
Reisende ein unnennbar süßes Gefühl der Ruhe, der sanften traulichen
Befriedigung. Es war als schließe hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll
Unfriede, voll Haß und Verfolgung sich ab, und ein neues Leben, nur dem
Frieden und der Liebe geweiht, thue sich vor ihnen auf.

Dasselbe Gasthaus, in dem damals die fürstlichen Reisenden während des
Pferdewechsels eingetreten waren, der »Englische Hof« in Hildburghausen,
nahm sie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu ungleich längerem
Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft suchte der Graf um eine Audienz bei
der regierenden Herzogin Charlotte nach. Diese gebildete Fürstin, deren
Geist und edles Herz noch heute im treuen Andenken von Stadt und Land
fortlebt, empfing den Grafen mit Güte und dankbarer Erinnerung.

Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang
hier aufhalten zu dürfen, sagte Ludwig nach der ersten Begrüßung. Ich
suche mit einer Gefährtin von hoher Geburt die Einsamkeit, die tiefste
Stille. Ueber jener Dame Abkunft schließt mir ein theures Gelübde den
Mund, das nur ein strenger Befehl lösen würde, der dann zugleich mein
Verbannungsurtheil, meine Ausweisung wäre. Mein Ehrenwort leistet dafür
Bürgschaft – ich selbst darf nichts sagen, wie gerne ich auch einem so
edlen Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen würde.

Ich verstehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin
lächelnd. Wir sind hier am Hofe etwas schwatzhaft geartet, meinen Sie
nicht? Nun, Sie mögen nicht so ganz unrecht haben! Uebrigens sollen Sie
sehen, daß ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich
den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, Ihr
Geheimniß jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, für deren
Ritter Sie sich erklären, nach Kräften zu schützen. Je länger es Ihnen
bei uns gefällt, um so mehr soll es mich freuen; aber von Einem seien
Sie zum voraus fest überzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr
Geheimniß zu kommen, so werden’s andere Leute dafür um so eifriger sein.
Mit einem Wort: Hüten Sie sich vor der delphischen Weisheit unserer
guten Residenzbewohner.



7. Das große Räthsel.


Die Fürstin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheimnißvolle
Paar sein möge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit
vielem Aufwande im »Englischen Hof« wohnte, war schon nach wenigen Tagen
das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Residenz, und die
Nachbarn betrachteten das so wohl bekannte Hotel um seiner
geheimnißvollen Gäste willen mit Blicken des Befremdens und der
Neugierde.

So lange die unbekannte Herrschaft noch im Gasthaus wohnte, durfte nie
ein Kellner die Zimmer derselben betreten. Man hatte eigenes Tafel-,
Tisch- und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen
der Fremden von auswärts an, ebenso waren Service angekauft worden.
Später miethete der Graf die schönste Wohnung, welche in Hildburghausen
zu haben war, in einem Eckhause am Markt, das nach jener Zeit als
Regierungsgebäude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein
Nachbar konnte ihm in die Fenster blicken. Täglich fuhr er, nur von
einem einzigen Diener begleitet, mit der stets verschleierten Dame im
eignen eleganten Wagen spazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie sich
selbst im herzoglichen Marstall kein schöneres befand, erregte die
allgemeinste Bewunderung.

Allmählig füllten sich alle Gesellschaftskreise der Stadt mit
Nachrichten über den räthselhaften Fremden und seine Begleiterin. Daß
die öffentliche Meinung den Grafen für einen französischen Emigranten
hielt, war in den Verhältnissen und Ereignissen der Zeit begründet;
darüber war man im Allgemeinen einig – aber noch gar manches Andere
blieb dafür um so räthselhafter und spottete aller Nachforschungen.

Zu ihrer großen Belustigung hörten sie bald, mit welcher Romantik die
erfinderische Fantasie der guten Kleinstädter sie Beide umkleide; und
es gewährte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, sich die
Abenteuerlichkeiten erzählen zu lassen, die über sie im Mund der Leute
umgingen.

Mit Hülfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im
steten Verkehr mit der Außenwelt, während sie Ludwig zugleich ein Mittel
boten, Sophien in mannichfaltiger Weise zu unterhalten und zu belehren.
Beim Thee, den sie selbst mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor,
oder er erzählte ihr aus seiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der
Großmutter, aus der Geschichte seines Hauses, von seinem Aufenthalt in
England, so daß keine Stunde der Langeweile die junge lebhafte
Prinzessin beschlich. Graf Ludwig verstand es, den so häufig trocknen
Ton der Zeitblätter zu würzen und sie mit vielem Humor zu erläutern. Die
Zeit war schwer, viel Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf
Deutschland drückte lähmend wie ein Alp Napoleons Herrschaft. Jede freie
Aeußerung, welche deutschen Sinn athmete, wurde unterdrückt, und
deutscher Vaterlandsliebe drohten Fesseln und Kerker. Da mußten die
einsamen ganz auf sich beschränkten Fremden in der kleinen Stadt noch zu
einem andern Mittel greifen, um die Stunden zu verkürzen und das Leben
zu weihen, und dieses Mittel bot ihnen die Poesie. Mit Entzücken nahm
Sophie den Geist deutscher Dichtung auf, mit Begeisterung führte sie der
Freund in die schöne Literatur ein.

Mit den Zeitungen über die trübe Zeit brachte Philipp eines Tags auch
einen Brief, der das Poststempel London trug. Ludwig erschrak beim
Anblick des Trauersiegels, er ging hastig in ein Nebenzimmer, zitternd
öffnete er – ach, schon sagte sein Herz ihm Alles!

Meine Mutter! O meine schöne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in
seinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er sich auf’s
Sopha.

Sophie eilte herbei, sein Anblick erschreckte sie auf’s Heftigste und
bestürzt rief sie aus: Was ist Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren
Schmerz nicht theilen? O, sagen Sie mir, welche Schreckenskunde Sie so
tief erschüttert?

Ach, meine Mutter! seufzte Ludwig: oder doch zum Mindesten geliebt von
mir wie eine Mutter! Lesen Sie, theure Sophie, am dreißigsten März, neun
und vierzig Jahre alt, und welche Frau!

Aus Ihrem Schmerz entnehme ich die Größe Ihres Verlustes! sprach Sophie
bewegt. Lassen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einst die meine
theilten! Erzählen Sie mir von der Verklärten, das wird Sie erleichtern
und mich zugleich in den Stand setzen, Ihren herben Verlust zu theilen.

Ludwig fühlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieses jungen reinen
Herzens war, und suchte sich zu fassen. Auf’s Neue erkannte und segnete
er den Engel, den das Schicksal ihm in Sophien zur Seite gestellt hatte.
Auch dieser Kelch mußte geleert, auch dieses Leid ertragen werden.

Mitten in diesem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bückeburg;
der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Januar erfolgte Ableben
seines Bruders, des reichsgräflichen Haushofmeisters Windt. Er war in
Stadthagen sanft verschieden und ruhte ohnweit des Grabes seiner treuen
Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war.

In dem untern Stock des Hauses, welches der Graf bewohnte, befand sich
die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in derselben Feuer
aus, welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit gelöscht wurde.
Dennoch trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen
veranlaßte, die Miethe auf der Stelle zu kündigen. Bald fand sich ein
anderes Haus, in der schönen neuen Vorstadt gelegen, welche auch von
Emigranten angebaut war. Im Anfang war die Eigenthümerin dieses Hauses
unschlüssig, ob sie den Fremden ihr Haus einräumen solle; denn das
Geheimnißvolle ihrer Personen und die vielen über sie umlaufenden
Gerüchte und Mährchen schreckten sie ab. Als betagte Wittwe eines hohen
Staatsbeamten, und als eine Frau von Welt und Bildung, mochte sie sich
keiner Gefahr aussetzen, und da sie vernommen hatte, daß die Herzogin
den geheimnißvollen Fremden kenne, so ging sie zu dieser und fragte sie
geradezu, ob sie ihr rathe, den Grafen und seine Umgebung in ihr Haus
aufzunehmen? Leicht beseitigte diese jede Besorgniß bei ihr und der Graf
mit seiner Begleiterin und seiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk
ihres Hauses Besitz.

Stille, lautlose Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den
Mitbewohnern fast peinlich vorkam, waltete um diese Wohnung und brachte
den Grafen in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings, während er doch
nur Sophiens Wunsch erfüllen wollte, die in dieser völligen
Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt einen Genuß, einen Trost fand. Das
Publikum hingegen, das die junge Dame selten und dann stets nur
verschleiert erblickte, fing allmälig an zu argwöhnen, man halte sie mit
Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgesperrt und der Graf sei
eine Art Othello oder Ritter Blaubart.

Heute flog diese, morgen jene Neuigkeit über die geheimnißvollen Fremden
durch die Stadt und bildete den Inhalt der Gespräche ebensowohl an der
Gasttafel im »Englischen Hof,« als auf der Bank der äußersten
Vorstadt-Kneipe. Einmal erzählte man sich, der Postillon habe sich auf
dem Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzenden Etwas mitzutheilen, und in
Folge davon habe der fremde Graf dem Postmeister ein Billet geschrieben,
des Inhalts, daß er sich diesen Postillon wie jeden andern, der sich
unterstünde, während des Fahrens zurück und in den Wagen zu sehen, ein
für allemal verbitten müsse. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an
das Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als
gegangen, nachdem ihn der erzürnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht
hatte. So ging es fort und fort, eine sonderbare Nachricht verdrängte
die andere, der geheimnißvolle Graf, der sein Leben mit der Tarnkappe
verschlossenster Zurückhaltung und mit dem Mantel der tiefsten
Verschwiegenheit umkleidete, ließ die Leute zu keiner Ruhe kommen.

Um den Garten des Hauses lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der
Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frühen Morgenstunden
spazieren gingen, dann lustwandelten sie gewöhnlich in der alten
schattigen Allee, welche sich um die Hälfte der Stadt längs der
Umfassungsmauer hinzog, zu andern Tagesstunden aber ergingen sie sich in
dem geräumigen Gemüsegarten dicht am Hause. Nachbarskinder bohrten
Löcher in die Bretter der Umzäunung und blickten neugierig hindurch,
denn schon in die Kinderwelt herab war das Mährchen, das sich so gerne
den Kindern, seinen Lieblingen, befreundet, herabgestiegen und hatte
verkündet, daß da drinnen eine verwünschte Prinzessin umgehe, welche
keinen Mund habe; während Andere behaupteten, die fremde verschleierte
Dame habe einen Todtenkopf.

Darüber kam es zum Wortwechsel, von diesem zu Prügeln, und während die
liebe Gassenjugend draußen vor dem Garten zu Rittern der Poesie des
Volksmährchens wurden, standen Ludwig und Sophie an der bretternen Wand
und belachten herzlich der großen und kleinen Kinder Abenteuersucht.
Gewöhnlich mußte dann Philipp Brettstückchen sägen und die Löcher im
Zaune wieder zunageln.

Nie gab es auffallendere Gegensätze, als das Leben dieses
geheimnißvollen Paares, wie es nach Außen hin in seiner räthselhaften
Abgeschlossenheit der alltäglichen Umgebung erschien, und Jenes, das
Beide in Wirklichkeit führten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit,
nach Außen die romantische und selbstersonnene Täuschung.

Mitunter gab es auch Tage, an welchen die Postpferde schon zu sehr
früher Morgenstunde vor dem Hause sein mußten; Philipp half dieselben
rasch an den Wagen des Grafen spannen und schwang sich dann zum
Postillon auf den Bock empor. An solchen Tagen durften weder die Köchin
noch die Aufwärterin das Haus betreten. Einmal geschah es indessen, daß
die Erstere, welche einen Schlüssel zur Küche bei sich führte, bei einer
solchen Abwesenheit der Herrschaft das bestehende Verbot brach. Sie
übersah aber, daß ein Spinnfaden quer über das Schlüsselloch gezogen
war. Als die Herrschaft zurückkehrte, wurde diese Köchin mit Belassung
ihres Gehaltes für den vollen Rest des Jahres auf der Stelle
verabschiedet.

Wohin die Fremdlinge fuhren? – Jede nächste Poststation bot andere
Pferde, andere Postillone, wer konnte also erfahren, wie weit und nach
welcher Richtung hin ihr Reiseziel ging? Viele vermutheten, ein
religiöses Bedürfniß führe sie zu den Gnadenorten des nachbarlichen
Frankenlandes, nach Vierzehnheiligen, oder nach Sanct Ursula, oder zum
Gipfel des heiligen Kreuzbergs.

Dem in so geheimnißvoller Eintracht verbundenen Paare, dessen Leben der
gesammten Umgebung ein so großes Räthsel war, kam ein wichtiger Tag.
Längst hatte Sophie im Stillen dessen gedacht, längst sich mit ihm
beschäftigt, zweierlei sollte den Mann überraschen, an den ihr Geschick
sie so wundersam gebunden, ja gekettet hatte. Es war der 22. September
des Jahres 1808.

Heimlich, in stillen, unbelauschten Stunden hatte sie sich bemüht,
Deutsch schreiben zu lernen, was ihr anfangs sehr schwer fiel.

Noch nie war, außer im innersten verschwiegensten Herzen, das traute Du
über die Lippen dieser Liebenden gekommen. Dem Genius der französischen
Sprache ist es fremd, nun aber war das deutsche Sie Sophien nicht minder
fremd und unbegreiflich, und das Ihr klang ihr im Deutschen so seltsam,
daß sie bei sich beschloß, in dem Briefe, der ihre erste Uebung im
deutschen Styl werden sollte, das Du zu brauchen, selbst auf die Gefahr
hin, daß es so kindlich klinge, als wenn ein Kind sein erstes Gebet
stammelt.

So entstand jener noch vorhandene und in Hildburghausen wohlbekannte
Brief, der so manche falsche Auslegung fand, der so Viele glauben
machte, er sei, weil nicht nach den Regeln der großen deutschen
Sprachschulmeister Campe, Adelung und Heinsius stylisirt und
geschrieben, nur ein Zeugniß von Mangel an Bildung oder von ganz
untergeordneter Stellung jener Persönlichkeit, die das Räthsel ihrer
Existenz mit so dichten Schleierhüllen umwob.

Und dabei bleibt es immer noch eine große Frage, ob jener Brief nicht
Abschrift einer fremden, der Orthographie unkundigen Hand war. – Du!
klang es in Sophiens Seele zu Ludwig, wie es längst in der seinen
geklungen; Du! hallte diesen trauten Klang das jungfräulich erbebende
Herz nach, da es sich gedrungen fühlte, dem edlen Mann mehr zu sein als
Pflegbefohlene, mehr als Tochter.

Als der Graf an diesem 22. September früh nach seiner Gewohnheit das
Lager verlassen und aus seinem Schlafkabinet in sein Wohnzimmer trat,
lag auf einem geschmückten Tisch ein frischer Kranz, und neben diesem
eine schöne Stickerei, ein Sophakissen im Geschmacke jener Zeit,
erhabene Blumen von geschorener Seide. Diese Blumen waren Lilien, drei
an der Zahl, auf einem himmelblauen Felde, und neben diesen drei zarten
Lilien, welche mit täuschender Kunst die Natur nachahmten, stand von
Silberlahn gefertigt, ein Anker. Zwischen diesem Kunstwerk und dem
Kranze lag ein Brief, ohne Aufschrift, gesiegelt mit einem Petschaft,
dessen Abdruck in einem kleinen ovalen Schildchen unter einer
Königskrone drei Wappenlilien zeigte.

Bewegt nahte Ludwig diesen freundlichen Gaben einer so unendlich theuern
Hand; sein Geburtstag, an den sie ihn sogleich erinnerten, war ihm
wichtig geworden, seit er Leonardus kennen gelernt hatte. Er brachte
still seinen Dahingeschiedenen ein Todtenopfer. Dahin, dahin waren sie
Alle, nur er sonnte sich noch am lieblichen Strahle des Daseins. Aus dem
Leben waren sie geflohen, hatten ihn treulos verlassen, Jeder von ihnen
war ein Strahl gewesen, der sein Dasein geschmückt und verklärt hatte,
jetzt waren diese Strahlen alle zusammengeflossen zu einem Strahle, der
ihm ein einzig holder, ach! sein letzter Stern war.

Mit freudigem Beben öffnete der Graf endlich den Brief und las; er las
nicht die fehlerhaften Zeilen einer Anfängerin in der deutschen
Rechtschreibekunst und Grammatik, er las das beredte Gefühl und den
heiligen Ausdruck einer unschuldigen, liebenden Seele!

    »Lieber guter Ludwig!

Ich wünsche dir zu deinem Geburtetag[14] viel Glück und Segen! Der
Himmel erhalte dich gesund bis in das späteste Alter. Ach, lieber
Ludwig, es sind schon viele Geburtetage, die ich bei dir erlebe, und der
Himmel segne dich für Alles, was du schon an mir gethan hast, und an mir
noch thust!

Ach, lieber guter Ludwig, es thut mir leid, daß ich dir zu deinem
Geburtetag keine bessere Freude machen kann. Ich habe hier eine
Kleinigkeit für dich gestickt, ich schäme mich, daß sie nicht besser
ist. Aber gewiß wirst du, lieber guter Ludwig, es doch von deiner armen
Sophie annehmen, als einen Beweis meiner Liebe und Dankbarkeit. Ach,
verzeihe mir, mein guter Ludwig, wenn ich bisweilen fehle! Ich bitte den
Himmel, daß er mich lehre, meine Fehler zu verbessern. Möchtest du doch
mit mir zufrieden sein, ich aber im Stande, alles dir nach Wunsch zu
thun, alles dir angenehm zu machen. Ach, lieber guter Ludwig, ich weiß,
daß meine Lage schrecklich war und ich danke dir nochmals! Der Himmel
segne dich für alles! Behalte mich lieb, lieber Ludwig! Ich bleibe im
Schutze Maria’s und dem deinen.

                            Deine arme Sophie bis in’s Grab.

    Den 22. September 1808.

    [Fußnote 14: Dem holländischen #Geboortedag# nachgebildet. Der
    Brief ist, bis auf die verbesserte Rechtschreibung, ganz
    urkundlich.]



8. Der Geburtstag.


Voll unaussprechlicher Rührung stand Ludwig noch lange vor seinem holden
Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und netzte
mit seinen Thränen diese theuren Zeilen.

Ohne daß er es gewahrte, trat sie leise ein, ätherisch schön,
geschmückt, in hellen Farben, von Gewändern umflossen, die sie reizend
kleideten, eine liebliche feengleiche Gestalt, blühend wie die schönste
Rose Irans, das holde Antlitz von bräutlicher Röthe überhaucht, ein
verkörpertes Ideal jungfräulicher Schönheit. Endlich blickte er auf.
Sophie! Ludwig! – und sprachlos sanken sie einander in die Arme, Herz an
Herz, und geschlossen war der hohe Liebesbund für ein langes, reiches,
vollbeglücktes Leben. Vergessen war alles irdische Leid, abgefallen
aller bisherige Zwang der scheuen Zurückhaltung; wie zwei Lieblinge des
Himmels standen sich die edlen Gestalten gegenüber, froh bewußt ihrer
Bestimmung, ihres Zieles, daß sie nun einander angehörten für das
Erdensein, für eine gemeinsame Bahn, ein gemeinsames Streben. Der Tag
war reizend angebrochen, es war Herbstesanfang, während die Liebenden
auf die Sonnenhöhe des Lebens traten; die Morgensonne strahlte hell in
die Zimmer, die Natur lachte noch in voller Sommerfrische, und hatte das
reiche Füllhorn mannichfaltiger Blumenpracht über die Schöpfung
geschüttet.

Voll seliger Freude machten Sophie und Ludwig an diesem Tage ihren
Morgenspaziergang; ach, welch strahlendes Entzücken blitzte aus diesem
holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhülle! Wer hatte diesen
zarten Fingern in den feinen Glacéehandschuhen solchen warmen Druck
gelehrt? Wer diesen frischen Mund der Liebe lieblichkosendes Flüstern?

Fast hätte in seinem Glück, das so überraschend und übergewaltig an
diesem Tage auf ihn einstürmte, Ludwig jenes kleinen Päckchens
vergessen, welches Vincentius Martinus gesendet, und welches Leonardus
Mutter ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken bestimmt hatte.
Endlich dachte er daran, entsiegelte es, las, und las mit immer
wachsendem Erstaunen.

»Mein geliebter Leonardus!« so begann der letzte Brief einer todten
Mutter an ihren todten Sohn: »wenn deine Augen auf diesen Zeilen weilen,
wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, daß du an
einem guten und dir Heil und Glück bringenden Tage lesen mögest, was ich
niedergeschrieben habe, weil ich ein Geheimniß nicht mit unter die Erde
nehmen will, das mich bisweilen bedrückte, das ich aber nicht offenbaren
wollte aus Liebe zu dir. Du wirst mir nicht zürnen, mein lieber
Leonardus, denn ich habe dir immer und immer die lebendigste Muttertreue
bewiesen, obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht
dein Vater ist, du, lieber Leonardus, unser Sohn nicht bist, obschon für
unsern Sohn gehalten und als unser Sohn gehalten. Das eigenthümliche und
seltsame Ereigniß, welches unser eigenes Kind uns nahm und ein fremdes
Kind in unsere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirst darüber
erstaunen, doch mir nicht zürnen, wenigstens glaube ich nicht, daß du
dazu Ursache hast.«

»Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte
ein, einen längeren Aufenthalt erforderndes Handelsgeschäft in London
abzuschließen; wir waren noch im ersten Jahre unseres Ehestandes,
liebten uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung
entschließen; ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar
dort nach einiger Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den
Namen Leonardus Cornelius beilegen ließen. Mit diesem Sohn, einem zarten
Säugling, und mit meinem Manne schiffte ich mich später zur Rückfahrt
ein. Das große Kauffahrteischiff, auf welchem wir fuhren, war unser
Eigenthum; mit uns fuhr eine deutsche Herrschaft, nämlich eine schon
bejahrte, wenigstens fünfzig Jahre zählende sehr stolze, aber doch auch
wiederum sehr gute und außerordentlich kenntnißreiche Dame, welche mein
Mann sehr verehrte, sie stets Frau Reichsgräfin nannte, und mit welcher
er allerlei Geldgeschäfte abzumachen hatte. Diese Frau war begleitet von
einer jungen Dame, ihrer Schwiegertochter, deren Gemahl in England
zurückgeblieben war. Es war zwar auch eine sehr stolze, gegen mich aber
doch gütige Frau, welche, gleich mir, auch in London geboren hatte, und
ihr Kind von einer Amme stillen ließ. Wir erzeigten uns gegenseitig alle
Freundlichkeit und Gefälligkeit, unterhielten uns vielfach über unsere
Kinder, fanden sogar ein wenig Aehnlichkeit zwischen beiden, und
theilten uns nach Frauenweise unsere gegenseitige Herkunft und
Jugenderlebnisse mit. Diese Dame hieß Reneira, und war die Tochter eines
Baron van Tuyl zu Serooskerken; sie zählte erst einundzwanzig Jahre; ihr
Gemahl war der Reichsgraf Johann Albert von Jever, Varel und Kniphausen,
und eine ältere Schwester von ihr, Maria Katharine van Tuyl zu
Serooskerken, war an ihres Gemahles älteren Bruder verheirathet. Beide
Männer waren die Söhne der Reichsgräfin, welche sich mit auf unserem
Schiffe befand. Als wir bereits zwischen dem »Helder« und dem »Texel«
hindurch waren, und die Insel Wiwingen in Sicht hatten, sprang der Wind
um, wuchs und wuchs und wurde zu einem furchtbaren Sturme. Du kennst
Seestürme aus eigener Erfahrung hinlänglich, mein geliebter Leonardus,
aber die Feder einer alten schwachen Frau ist nicht vermögend, den zu
schildern, der mit allen Schrecken der empörten Elemente uns heimsuchte.
Alles stürzte durcheinander, wir armen Frauen, unsere Kinder, unsere
Dienerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangst, Nothschüsse, Gekreisch,
Hülferufe, und Alles in stockfinsterer Nacht, denn unter Deck mußten
alle Lampen und Laternen ausgelöscht werden, um Feuersgefahr zu
verhüten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit furchtbar lang, es
war das Grauenhafteste, was ich jemals erlebt habe. Wir Frauen waren
mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern und
Dienerinnen in der großen Kajüte, und erwarteten mit jeder neuen Welle
unser Ende. Unser Aller bemächtigte sich zuletzt eine gänzliche
Hoffnungslosigkeit, eine tödtliche Abspannung, denn der Sturm dauerte
zwei Tage und zwei Nächte und das Schiff litt über die Maßen. Als der
zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die
Mannschaft wurde nun an die Pumpen beordert, obschon sie so ermattet
war, daß fast kein Matrose mehr ein Glied rühren konnte. Jetzt wurden
die Boote ausgesetzt, man trug uns Frauen in dieselben, da das Schiff zu
sinken drohte, kaum war es möglich, uns hinunter zu bringen; während
dies geschah, hörte ich plötzlich einen Schrei der Amme jener deutschen
Dame, gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin selbst, und
verworrene Stimmen riefen, daß ihr Kind todt sei! Um so fester drückte
ich das meinige an meine Brust; Jene kamen in ein anderes Boot, bald
trennten uns die donnernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes
Hand über uns, und ich war die Glückliche, die ihr eigenes Leben und das
ihres Kindes gerettet sah, als der Sturm sich endlich legte und ein
Schiff uns aufnahm. Auch unser großes Schiff sank nicht; als der Sturm
nachließ, gelang es den weiteren Bemühungen der Mannschaft, das Leck zu
stopfen und das Schiff wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu
Hause angekommen, so fiel ich in eine lange schwere Krankheit, in
welcher mein Mann und alle die Meinen um mein Leben zitterten, und von
der ich erst nach vier Wochen wieder genaß. Während dessen hatte mein
Kind entwöhnt werden müssen, das auch leidend geworden war, doch hatte
Gott es mir und mich ihm erhalten. Ohne die treue und sorgliche Pflege
meiner Schwägerin Adriane van der Valck, welche damals noch
unverheirathet war, wäre weder ich noch das Kind mit dem Leben davon
gekommen. Wer beschreibt aber mein Gefühl, als, nachdem ich wieder außer
Gefahr war, Adriane, die bei mir saß, das Kind wiegte, und mich zu
unterhalten bemüht war, mich fragte: Warum ist denn deinem kleinen
Leonardus ein fremdes Hemdchen angezogen worden, liebe Schwägerin, und
von wem liehst du denn die feine, gestickte Windel? – Adriane!
entgegnete ich: du scherzest wohl? Ich besitze selbst feine Windeln
genug und brauche keine zu leihen, so wenig wie fremde Hemdchen.«

»Nimm es mir nicht übel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane; ich
wußte nicht, daß du in deine Kinderwäsche Grafenkronen hast sticken
lassen.«

»Grafenkronen, Adriane? Ich bitte dich, wie wäre das möglich? rief ich
aus. – Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemdchen und eine
gestickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich sah mit starrem
Schrecken, daß diese Wäsche nicht mein und nicht meines Kindes war.
Jetzt packte mich ein jäher Schauder, ich wollte aufschreien, denn klar
stand Alles plötzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und sagte
dumpf vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geschehen sein – die
Wärterin wird sich vergriffen und die Wäsche verwechselt haben – es war
noch ein zweites Kind mit auf dem Schiffe. Aber ich hörte auch im
Getümmel des Sturmes die Nachricht, daß es todt sei, jenes arme Kind, ja
todt – todt!«

»Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind
gerettet, mein Leonardus war todt, Beide waren in jener schrecklichen
Stunde, wo uns Müttern die Kinder mehrmals aus den Armen stürzten,
verwechselt worden.«

»Dieser Gedanke schnitt mir wie ein Messer durch die Seele, aber ich
machte mich stark, sprach ihn nicht aus, sondern liebte das fremde Kind
wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gegeben. Nun
entsann ich mich auch, daß jener Sohn der fremden Gräfin William hieß,
diesen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, bist dieser
William, bist ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphausen.«

Wunder! Wunder über alle Wunder! rief Ludwig aus und sprang von seinem
Sitz empor. Hörst du es, theure Sophie? So sprach die Stimme der Natur
in Leonardus und in mir stark und mächtig als wir zum Erstenmale uns auf
der »vergulden Rose« sahen.

Ich verstehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den
Zusammenhang noch nicht zu fassen vermochte, sonderbar bewegt.

Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von
einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder!
Doch lesen wir weiter.

»Wohl machte mein Gewissen mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ein Kind bei
mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengründe,
mit denen ich die innere Stimme wieder beschwichtigte. Wäre die
Verwechselung gleich entdeckt worden, ehe ich so schwer erkrankte, so
konnten die nöthigen Schritte geschehen. Aber nun, mein Mann war ganz
glücklich, einen Erben zu haben, und sein Sohn war ja doch todt. Jene
Frau hat nun ihren Schmerz um ihr vermeintliches todtes Kind überwunden,
dachte ich, und ich selbst hatte im Stillen diesem meinem Kinde viel
herbe Thränen nachgeweint, aber dafür das mir angeeignete fremde Kind,
dich, mein Leonardus, um so lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein so
spätes Eingeständniß meinen geliebten Mann erzürnen und betrüben, sollte
ich nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich
entdeckte mich bei diesen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und
der sprach mir göttlichen Trost in die Seele. Gottes unerforschlicher
Wille hat vielleicht, ja ganz gewiß, es so gefügt; beten Sie ihn in
Demuth an. Vergebens ist das nicht geschehen, und die unergründliche
Weisheit des Herrn wird Sie nicht ungetröstet lassen. Erziehen Sie
dieses Kind in der Furcht des Herrn und zu seinem Wohlgefallen.«

»Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft sehr lebhaft
bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt ist, die
Geschäfte jener hohen Familie in Amsterdam besorgte, nach derselben, so
daß Herr Adrianus mich sogar einmal eine neugierige Frau schalt; aber
denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind
der vornehmen Dame, _mein_ Kind – sei damals nur in der ersten
Verwirrung für todt gehalten worden, es lebe und verspreche fröhlich
heranzuwachsen. Wie freute sich darüber mein Mutterherz! Aber sollte ich
nun reden? Sollte ich nun jene Mutter mit einer Eröffnung betrüben, die
damals die Verwechselung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des
Kindes, wenn diese den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte
jedenfalls die anders gezeichnete Wäsche erkannt, dieselbe beseitigt und
geschwiegen, sonst wären wohl Briefe an uns gelangt.«

»Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem Sohn,
denn ich liebte ihn, mußte ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem
Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und
verkürzt warst du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauses van der
Valck überwog den jenes Hauses, zumal dasselbe später durch die
französische Revolution unendlich und viel an Kapitalien verlor, die in
Frankreich angelegt waren und das Vermögen sich durch mehrere Erben
theilte, du aber unser einziges Kind bliebst, und wenn du auch kein Graf
geworden bist, so ist der Adel unseres Hauses wohl so alt, wie jener des
gräflichen; unser Wappen-Falke im purpurrothen Felde ist so viel werth,
wie das Wappen jener Familie; unsere Vorfahren waren auch Grafen, die
Grafschaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehörend, umfaßte ein
weites Land, Stadt und Schloß Valckenburg, auf Französisch Fauquemont,
an der Geul waren die Herrensitze. Du hast dich, lieber Leonardus,
unseres Namens daher nicht zu schämen und wirst deiner alten Mutter,
obschon sie nur deine Pflegemutter war, nicht zürnen, daß sie dich so
geliebt hat, und dich ewig lieben und im Himmel, wo sie zu weilen
hofft, wenn du dieses liest, für dich bitten wird.«

Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugehört.

Und was würdest du nun thun, lieber Ludwig, fragte sie sonderbar bewegt,
wenn du Leonardus wärst?

Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben würde, entgegnete der Graf
feierlich. Tief in Grabesschweigen würde ich ruhen lassen alles
Vergangene, was längst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand
diese Aufschlüsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich
mich, daß Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu frommen
solche Aufschlüsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen können sie,
oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen Ahnenreihen,
Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines ungetrübten innern
Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was gilt uns Condé? Du
hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde Sophie, indem du
jene Sinnbilder auf dein Geschenk für mich sticktest. Was sollen uns die
Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schöner. Was sollte uns
ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schöner als das Sinnbild der
Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue.

Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer
noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit.

Und weißt du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau
Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von
Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die stärksten Zweifel erheben
lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von
Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel
und ihrer Herrin Kind mit Stücken aus der Garderobe des reichsgräflichen
bekleidet haben?

Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die
Stimme der Natur?

Eins konnte Zufall und Täuschung sein wie das Andere. Mir bleibt
freigestellt, für gewiß anzunehmen, daß unser verklärter Freund mein
leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem
Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer
eine Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbäume und seine irdischen
Besitzthümer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch
dieses Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel. –

Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glück den
Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu
gebieten hatte, unterstützten den Plan und erleichterten ihm dessen
Ausführung; sie vergönnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des
Geheimnißvollen um sich und seine nächste Umgebung zu verbreiten.

Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geräuschvoll war, so strebte er
unablässig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu
seiner Freude in dem herrschaftlichen Schloß im Dorfe Eishausen. Dieses
Schloß, früher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen
Liegenschaften herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum,
der einem Verwalter zur Wohnung angewiesen war, völlig leer. Drei
Stockwerke umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen
schönen geräumigen Saal.

In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glückes still und
ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zuverlässigen
Mann, der sich des Geschäfts unterziehen wollte, das Schloß von der
herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des
Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines
Geburtstages still und glücklich in den Räumen dieses Hauses.

Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlüberdachten
Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den einfachen
ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz abweichend war,
so wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde gelangte, bis in’s
Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald war auch hier der
Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und wiewohl der große
Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm auszusetzen. Es
erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der Mann sich so
abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem Wege ging.
Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er durch
reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten erwies,
erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie stand
in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als in
dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen Bewohner
hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb. Kluge und
alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so
anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten
Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge
Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame.

Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine
Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse.
Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem
lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem
Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer
Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als
fortlebender Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart
jenes frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. – Ebenso
gaben die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher
Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld
speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig
untersagte seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den
Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es,
die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt,
und so kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr – ein
Sonderling – ein Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener
Verbrecher – an der Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen
sprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen
Eigenheiten hervortreten ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das
Lächerlichste und Boshafteste verdreht und entstellt, wurde aufgetischt
als Neuigkeit, wurde glossirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß,
ohne jedoch dabei nur im Geringsten den vielen vortrefflichen
Eigenschaften der beiden Verbundenen die geringste Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen.



9. Ein alter Bekannter.


So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 herangekommen.
Zahlreiche Truppendurchzüge fanden statt und auch das Schloß zu
Eishausen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem
gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts wesentlich
geändert, bis ein ebenso unerwartetes als erschütterndes Ereigniß
eintrat, das wir hier erzählen wollen.

Eines Tages geschah es nämlich, daß neue Einquartirung anlangte, ein
französischer Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren
Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben
zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem
Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit
Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten,
die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Führer
über den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmärschen dem
Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die
armen, durch wochenlange Eilmärsche entkräftete Soldaten durch Speise
und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein großes Glas
Bordeaux dar, dessen finstere Züge sich bei dem langentbehrten Genuß zu
erheitern begannen. Plötzlich schrak Philipp heftig zusammen, so daß ihm
fast die Flasche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte,
einen Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerührt, dem
französischen Kapitän in’s Gesicht, faßte dabei krampfhaft des
Verwalters Arm, ließ ihn dann schnell wieder los und eilte davon. Auch
der Franzose zeigte sich plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp
mit dem gleichen Schrecken angestarrt, stürzte das Glas Wein vollends
hinunter und rief: #C’est impossible! Impossible!#

Während dessen war Philipp nach seiner Stube gerannt, versah sich hier
mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im
hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das
Werk weniger Minuten.

Der Hauptmann saß während dessen, den Kopf in die Hand gestützt, am
Tische, wie in düsteres Hinbrüten versunken. Jetzt fuhr er mit glühenden
Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit
rauher Stimme auf Französisch schnell hintereinander mehrere Fragen an
den Verwalter, die dieser, der französischen Sprache unkundig, nicht
beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann
hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will
zu ihm, ich muß ihn sprechen! – Der hochbejahrte Verwalter gerieth in
eine große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das
Haus, ein Mann von rüstiger Kraft und herkulischem Körperbau; dieser
befreite sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestüm des
Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was
schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, daß wir euch zu essen und zu
trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager
obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt
ihr, es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat #anno# dreizehn
geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben – untersteht’s euch nur!
Hinauf geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr
schießt euch todt wie einen tollen Hund, daß ihr’s wißt. Denkt ihr
Lumpenhunde, wir fürchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die
Sturmglocke, schlagen euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn kräht
mehr nach euch! – Der französische Hauptmann gerieth bei dieser
energischen Drohung in eine kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es
war, konnte sein Gesicht nicht werden; grimmig schleuderte er das Glas,
aus dem er getrunken, mit einem wilden Fluche zur Erde, knirschte in
ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen, rief seinen Leuten einige Worte auf
Französisch zu und stürzte aus dem Hause. Philipp stand in der
Stallthüre und hatte schon das gesattelte Pferd am Zügel, seine Absicht
war, nach Hildburghausen zu jagen, Hülfsmannschaft für den bedrohten Ort
herbeizuholen und den Hauptmann in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte
ihn und jener hatte Philipp erkannt – es war kein Anderer als Berthelmy,
Angés’ verruchter Meuchelmörder. Wie der treue Diener ihn aus dem Hause
stürzen sah, ließ er das Pferd los und eilte Jenem nach. Berthelmy ging
zwischen dem Dorf und dem Bach, welcher sich rasch und rauschend ergoß,
auf die Wiesenfläche – augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner
kritischen Lage irgend einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in
ohnmächtigem Grimme; es war, das sah er selbst wohl ein, kein Spaß mehr
mit diesen deutschen Bauern zu machen, die Erinnerung des Landvolkes an
den Druck, an den Uebermuth der Franzosen war noch zu neu und lebendig;
überall mußten dies die Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine
empfinden, das Landvolk besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen
Flüchtlingen und Manchen derselben traf blutig die rächende Nemesis.

Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus
nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg überschritt und längs des mit
hoher Planke umfriedeten Wiesengartens abwärts, dem Bache der Rodach
nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm,
hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn
es sein müßte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen.

Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an einer
Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte, kehrte
er wieder um, – da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde gewachsen und
vertrat ihm den Weg.

Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit
der Gier halbverhungerter Menschen über die Speisen und Getränke her,
die man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein
Bauernhaufe vor dem Schlosse, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und
Dreschflegeln.

Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu,
daß sie nun suchen sollten davonzukommen.

Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den sie erst jetzt
vermißten. Bald sahen sie ein, daß sie dieser Uebermacht gegenüber den
Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernschaar verstellte den Flüchtigen
den Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte sie einen Feldweg
einzuschlagen, der sich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden
nach Streifdorf und südwärts zog, und gab ihnen unter deutschen
Kernflüchen noch eine Strecke weit das Geleite.

Mittlerweile sank die Herbstnacht in das Thal herab; die laut
plaudernde Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es
wieder ganz still um das Schloß, ja recht todtenstill, nur die Wellen
der Rodach unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum.

Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause geschlichen,
der Verwalter erschrak über seinen Anblick, denn Jener war bleich wie
der Tod, stöhnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd mit
gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. – Er mußte
sogleich zu Bette gebracht werden.

Voll Bestürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp
unter heftigem Schmerzgestöhn, was sich zwischen ihm und dem
französischen Hauptmann auf der Wiese hinterm Schloß, dicht am Ufer der
Rodach, begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den
abscheulichen Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derselbe
nicht lebend das Schloß wieder verlassen dürfe, stand sogleich sicher
vor seiner Seele. So ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg,
und warf sich mit einer wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein
kräftiger Mann, wehrte sich verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die
Rache Riesenstärke; bald war der verruchte Mörder der herrlichen Angés
völlig in seiner Gewalt, Philipp’s Faustschläge betäubten ihn und obwohl
es Jenem noch gelang, seinen Angreifer mit einem Stilett tief in der
rechten Seite zu verwunden, so achtete Philipp dessen doch nicht, und
auf Berthelmy’s Brust knieend, drückte er ihm so lange die Kehle zu, bis
derselbe kein Glied mehr regte. Dann schleifte er den Leichnam an den
Haaren nach der nahen Rodach und warf ihn in den dunkelschäumenden Bach.

Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des
treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere
Betrachtung zurückdrängen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach
dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand
des Kranken bereits so sehr verschlimmert, daß der Arzt an seinem
Aufkommen zweifelte. Berthelmy’s Stilett hatte noch einmal, zum
Letztenmal den Weg zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter
unsäglichen Schmerzen gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst
einige Wochen nach seinem Tode fand man die Leiche des von ihm
erdrosselten Berthelmy in den Weidengebüschen der Rodach auf.



10. Stillleben.


Wo bliebe ein irdisches Dasein von den Stürmen des Schicksals unberührt?
Und wo blühte das Menschenleben, dem alle Hoffnungen sich erfüllten?
Auch hinter Ludwig und Sophie hatte sich damals, als sie das Schloß von
Eishausen bezogen, die Welt der Stürme und der herben Geschicke nicht
völlig abgeschlossen, aber dennoch waren sie glücklich; der Himmel
verlieh ihnen Mäßigung, jene kleinen Leiden als das Unabwendbare zu
ertragen, und Tugend, großer Freuden würdig zu sein. So schwanden ihnen
die Jahre dahin, nur ihre Herzen und deren treuer Liebesbund alterten
nicht.

Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat
Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter
ironischen Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath
Wippermann, früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der so
gütig ist, mir zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir
als neueste Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen
gefunden hat, über alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner
mit Madame Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch
das öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken.

Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrücke nicht, bester
Ludwig?

Der Graf schlug den Brief auseinander und las: »Seine Erlaucht haben
sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer
nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchstihrer
Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche
reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.«

Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie.

Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt
der Eingebung seines Gemüthes und verachtet die Formen des alten
Herkommens.

Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des Hauses?
Werden diese ihr volle Gültigkeit zugestehen? fragte Sophie weiter.

Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader
nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen,
aber ein hoher Trost ist im Buche aller Bücher enthalten, welcher
lautet: »Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem
er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfahen.« Mein Vetter ist
treu und beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen
durch trotz aller widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand
hat ein Recht, ihn zu tadeln, daß er seinem Herzen folgt, daß er der
Frau, die er wahrhaft liebt, daß er der Mutter seiner Söhne, und dadurch
den letzteren selbst die Rechte gibt, die ihnen gebühren, die aber ganz
sicherlich auf das Heftigste werden angefochten und bestritten werden.

Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten
deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen
Ländern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du
selbst hast mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in England
ungleich vernünftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich
herrscht für die Herzen mehr edle Freiheit.

Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren
Zöpfe so lang und unförmlich sind, wie das weiland römische Reich
selber. Da darfst du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen,
sondern nur nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit
und wird es ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein
reformatorischer Titane von Gott berufen den ganzer Plunder des alten
sogenannten römischen Rechts mit all’ seinen Pandekten, Institutionen,
Digesten, Glossen und wie das Zeug weiter heißt, aus Deutschland
hinausfegt, und an die Stelle der Verdrehung, der wälschen
Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und Fälschung den Altar des
einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen Wahrheit errichtet. So
lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe zu klagen:

    Es erben sich Gesetz’ und Rechte,
    Wie eine ew’ge Krankheit fort;
    Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
    Und rücken sacht von Ort zu Ort.
    Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage,
    Weh dir, daß du ein Enkel bist!
    Vom Rechte, das mit dir geboren ist,
    Von dem ist leider! nie die Frage.

so lange wird es auch mit unsern Rechtszuständen nicht besser werden.
Und liegt nicht, um das nächste Beispiel aufzugreifen, selbst für mich
in diesen Goethe’schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die
Processe im reichsgräflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rücken
sie nicht sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher
im Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im
Weiterschreiten rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung
raubt, alle Liebe ertödtet. Ist es nicht naturgemäß und vernünftig, daß
der Sohn des Vaters Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht
wandelt diese Vernunft in Unsinn, sie knüpft an tausend Clauseln,
Formeln und Bedingungen das Erbrecht an, und macht die Söhne der
reinsten Liebe zu ausgestoßenen, ja durch die Geburt schon im
Mutterschooße gebrandmarkten Bettlern. »Wohlthat wird Plage.« Weißt du,
daß Hofrath Brünings mir einen Proceß an den Hals werfen wollte wegen
des Falken von Kniphausen? Ich sollte mein Recht auf dieses Geschenk der
Großmutter sonnenklar documentiren, sollte schwören, daß der Falke
rechtlich mein sei, ich sollte mich vor Gericht stellen, sollte in
meiner schönen Einsamkeit die ganze Plage der Verhandlungen mit
Advocaten haben und durch diese Gabe der unvergeßlichen Frau das
centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe’s empfinden:

    Weh dir, daß du ein Enkel bist!

Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen
dänischen Spinne zu verstehen gegeben, daß sie ein giftiger Kanker ist,
und mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht
verzichte, »das mit mir geboren ist«.

Du wolltest mir längst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten
mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in
deiner Familie erblich sind. Nicht, daß ich neugierig darnach fragen
will, aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen »und doch einmal die
bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.«

Ich werde dir diese äußerst verwickelten Verhältnisse in gedrängtester
Kürze mittheilen, meine theuerste Freundin, antwortete Ludwig. Es sind
sehr viele Schriften darüber vorhanden, und kam jemals in Deutschland
»ein lautes Geheimniß« wie Calderon eines seiner Stücke nannte, vielfach
zur Aufführung, so ist es das unseres Hauses. In der Mitte des
siebzehnten Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton
Günther, als der letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und
Delmenhorst. Es war der Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem
die Erbtochter von Brabant, Marie, ihre Grafschaft Jever schenkte und
vererbte. Wenn sein Stamm mit ihm ausstarb, so fielen die Güter, welche
Mannslehen waren – mit Töchtern war das Haus in Ueberfülle gesegnet – an
das stammverwandte Königshaus Dänemark, und sein Sohn, der mit einem
deutschen Freifräulein außerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun
dennoch dieser Sohn ein tüchtiger Mann zu werden verhieß, so verschaffte
ihm der Vater erst den Adel, dann die Erhebung in den Reichsfreiherrnstand,
er hieß nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu Varel, und endlich
erwirkte der treugesinnte Vater ihm sogar die Würde eines Grafen des
heiligen römischen Reichs mit ausnehmend schönen Begabungen und
Bevorzugungen, wie sie gar nicht besser zu wünschen waren, zum großen
Verdruß der Seitenverwandten, der Könige von Dänemark und des
Herzoghauses von Holstein-Sonderburg und Holstein-Plön, ja sogar das
Münzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater endlich in seinem
vierundachtzigsten Jahre starb, so gebot der Sohn, Reichsgraf Anton der
Erste, über sehr ansehnliche Herrschaften, über die Herrlichkeiten
Kniphausen und Inhausen, über die Herrlichkeit und das Amt Varel, über
die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das sind freieigene
Güter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder Familienfideicommisse.
Dieser Graf vermählte sich in zweiter Ehe mit der Großmutter meiner
Großmutter, welche letztere du, liebe Sophie, in Hamburg kennen
lerntest, starb aber schon acht Monate vor der Geburt seines einzigen
Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der ersten hatte er nur Töchter,
welche in die Familien Güldenlöwe, Gödens, Haxthausen, Bielcke und der
Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, während die gräfliche
Wittwe in Doorwerth residirte, Dänemark, Holstein und Oldenburg
verschiedene Ansprüche auf das Erbtheil, bis zu deren abermaligem
Verdruß der Sohn erschien, und wackere Vormünder diesem seine Rechte
wahrten; gleichwohl gab es der Verclausulirungen dabei eine Ueberfülle,
welche dir mitzutheilen, äußerst langweilig und unerquicklich sein
würde; nur ein Hofrath Brünings und ein Rath Melchers können Honig aus
dieser Distel saugen! – Leider war auch dem Sohne, der sich zweimal
vermählte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beschieden und er starb
ohne Söhne, nur eine einzige Tochter hinterlassend. Diese Tochter war
meine selige Großmutter, die gütige Pflegerin meiner Jugend, die
großmüthige Beschirmerin meiner Jünglingsjahre, deren Andenken ich
dankbar segnen werde, so lange ich noch zu denken und zu segnen vermag.
Weil die meisten Güter Allode und Familienbesitzthum waren, konnten
dieselben meiner Großmutter nicht entrissen werden; sie vermählte sich
mit einem in Holland geborenen, aber aus Deutschland, aus der Pfalz,
unserer Angés Heimath, abstammenden Edelmann, mit dem sie jedoch nicht
in glücklicher Ehe lebte, vielmehr sich von ihm trennte und Noth hatte,
sich gegen Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nächstdem,
daß auch mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu
beitrugen, ihr das Leben sauer zu machen. Sie war voll Kenntniß, Wissen,
Geist und Gelehrsamkeit; sie stand mit den gelehrtesten Männern Europas
im Briefwechsel, besonders über Alterthums- und Münzkunde, und weilte
oft lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am französischen Hofe. Am
Berliner Hofe betrieb sie ihre Angelegenheiten trotz eines Diplomaten,
und hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendsten Namen jener
Zeit am Hofe zu Berlin und Potsdam sind erwähnt in einem Bruchstück
ihres fast ganz verloren gegangenen umfassenden Tagebuches; bald speiste
sie mit dem König, bald mit der Königin, bald mit dem Prinzen von
Preußen, oder empfing Besuche hoher Personen, wie des Markgrafen von
Bayreuth; schon ein flüchtiger Blick in diese Blätter begegnet einer
Menge Namen von Grafen und Gräfinnen, Ministern, Künstlern, Gelehrten;
das wirrt durcheinander, wie das Maskengewimmel eines großen Ballsaales.
Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d’Argenteau, Algarotti,
Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Knesebeck,
Nöllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Großmutter
auch zusammen mit einem nahen Verwandten ihres Gemahls, dem Vater des
jetzigen Herzogs von Portland, den sie stets Mylord William nennt. Unter
Anderem schrieb sie: »Tyrconel,« dies war der Name eines Gesandten,
»jagte mir großen Schrecken ein, daß Frankreich ohnfehlbar gegen mich
sei, und daß er nichts Gutes voraussehe.« An einer andern Stelle heißt
es: »Am Hofe der regierenden Königin traf ich den Grafen von
Bentheim-Steinfurth, der mir gleichfalls einen großen Schrecken
verursachte. Ich versprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu führen.«
An einer dritten Stelle schreibt sie: »Voltaire sollte bei mir diniren,
er mußte aber nach Potsdam zurückkehren und konnte sich nur eine Stunde
bei mir aufhalten. Kurz darauf besuchte er mich wieder und beruhigte
mich in Betreff des Königs. Ich schrieb nun selbst und sandte meinen
Läufer nach Potsdam; am folgenden Tage kam derselbe mit guten
Nachrichten vom König zurück.« – So war ihr Leben ein außerordentlich
bewegtes, bis sie sich endlich auf ihre Schlösser zurückzog, und auf
diesen oder in ihrem Hause zu Hamburg der Wissenschaft lebte. Ihr Enkel,
der Reichsgraf, dessen Schicksale du ja größtentheils bereits kennst,
mußte erleben, daß bereits in Folge des Friedens von Campo Formio sein
Lehensverband zwischen dem Herzogthum Brabant und der Herrschaft
Kniphausen sich löste, daß der französische König von Holland alle seine
Besitzungen und Herrschaften in Ostfriesland militärisch besetzte, daß
der Tilsiter Friede Jever, nachdem Rußland es abgegeben, an Holland
brachte, und daß Kaiser Napoleon seinem Bruder, dem König von Holland,
über Varel und Kniphausen die Souveränetätsrechte verlieh, die dem
rechtmäßigen Gebieter durch dessen Mediatisirung entrissen worden waren.
In dem Jahre 1811 verschlang das nimmersatte Kaiserreich Alles, wie es
war, große Lande und kleine Ländchen, Holland, Oldenburg, Varel und
Kniphausen. Dafür bekam der Graf den Union-Orden, der ihm, nach
Vereinigung Hollands mit Frankreich, in den Reunion-Orden umgewandelt
wurde. Der Graf wünschte ganz andere Wiedervereinigungen herbei, als das
Verhängniß der Napoleonischen Herrschaft ihr Mene Tekel schrieb; allein
ein gewisses Vorhaben mißglückte ihm; er wurde in Haft genommen und von
Vandamme mit dem Tode bedroht. Nur der Reunion-Orden war es, der ihn
rettete und schützte. Gleichwohl wurde er verbannt, und über seine Güter
die Confiscation verhängt. Erst das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile
hatte Oldenburg die Herrschaften in Besitz genommen und wollte dem
Grafen nicht einmal die Rechte eines Mediatisirten zugestehen. Darüber
entstanden Prozesse, die noch immer schweben und den Grafen der
Verarmung mehr und mehr zuführen. Wie wunderbare Geheimnisse doch in der
deutschen Sprache ruhen! Sie sagt nicht: ein Proceß sitzt, steht, liegt,
nein, sie sagt: er _schwebt_, wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder
Geier in den Lüften schwebt, und mit scharfem gierigen Auge herab auf
seine sichere Beute blickt – und zuletzt – da _ruht_ der Proceß, wenn er
endlich aus ist, wie wir auch ruhen, wenn es aus ist mit uns; mir ahnet
aber, daß die Processe unseres Hauses eine wahrhaft Ahasverische Natur
in sich tragen und immerdar _schweben_ werden, gleich bösen
Nachtgeistern.

Welche traurige Aussicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich,
daß du, mein Theurer, losgerissen bist von jenem Hause und seinen
Geschicken!

Ich kann auch froh sein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will
nichts wissen von Processen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von
seiner Sara drei Söhne, diese wachsen heran, sein Bruder, Graf Johann
Carl hat auch drei Söhne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren
werden die legitime Abkunft der ersteren bestreiten, und wir können noch
einen Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit
Schwertern, sondern mit Advocatenfedern, aus den großen Schwebeschwingen
des vorhin genannten Raubzeugs; Blut wird dabei nicht fließen, aber
außerordentlich viele Tinte, und diese wird noch fortfließen, wenn
längst unser Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs
gelandet ist.

So machte der Graf häufig der Geliebten Mittheilungen aus seiner und
seiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles ließ sich für sie nicht
daraus lernen. – Da die Zeit es ihm außerdem vergönnte, so las Ludwig
sehr viel, und machte sich bewandert in schöner Literatur, Philosophie
und Geschichte. Auch Physik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzählt, der
Graf habe sich auch viel mit Meteorologie beschäftigt, wozu des Hauses
Höhe sich gut eignete; eine Hausapotheke bot jenen Bedarf einfacher
Mittel in leichten Krankheitsfällen, deren Besitz und Kenntniß dem
Landbewohner von großem Vortheil ist.

Der unmittelbar nächste Nachbar des Schlosses war der Kammergutspachter,
und der Graf empfand durch ihn hinlänglich die Wahrheit des
Dichterwortes:

    Es kann der Beste nicht in Frieden leben
    Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt.

Wie sich bei Anwesenheit des flüchtigen französischen Hauptmanns und
seiner Handvoll Leute die rohe Bauernnatur in Verhöhung des Unglücks von
Seiten dieses Mannes offenbart hatte, so zeigte sich sein Charakter auch
gegen jeden Andern. Der Geschäftsträger nannte ihn in Briefen an den
Grafen »Monsieur Grobian«, und der Graf selbst schrieb in einer seiner
häufigen Beschwerden, daß die Bauern diesen Mann nur den »kleinen
General« zu nennen pflegten, wahrscheinlich, weil derselbe ein
absolutistisches Commando auf seiner Pachtung führte. Obschon er von dem
Bewohner des Schlosses nur Vortheile hatte, und dieser sich gegen ihn
und die Seinen stets gütig erwies, trat immer auf’s Neue die bäuerische
Grobheit und Habsucht in unverschämten Forderungen zu Tage. Des Grafen
Pferde konnten nicht wohl anders in Stallung und Futter gegeben werden,
als auf dem Gute. Unversehens beliebte es dem Pachter, die reichliche
Bezahlung dafür noch zu steigern. Da sandte der Graf noch in der Nacht
zum Schulzen, ließ ihn wecken und rufen, und verkaufte ihm die
herrlichen Rappen um einen Drittheil ihres Werthes; vielleicht auch
schon dadurch verstimmt, daß der nach Philipp’s Tode zum Kutscher
angenommene junge Mensch sich untauglich erwies. Dem Pachter wurde aber
nach wie vor Stall- und Futtergeld fortgezahlt, damit er fühle, daß
nicht des Geldes halber die Pferde abgeschafft seien, sondern daß man
blos seiner Unverschämtheit sich unterzuordnen nicht geneigt gewesen
sei.

Um sich und Sophien für die Entbehrung der Spazierfahrten zu
entschädigen, miethete der Graf einen großen Wiesengarten, dicht vor dem
Schloß, in welchem ein kleiner Beetgarten gelegen war. Zwischen dem
Schloß und dem Garten rauschte die Rodach hin, von einem langen Steeg
überbrückt. Hohes Buschwerk von Weiden, Ulmen und Rüstern friedeten
diesen Wiesengarten ein, durch welchen der Graf einige Wege anlegen
ließ, damit derselbe ihm und der Freundin künftig zu Spaziergängen
diene; eine Bretterwand von 8 bis 10 Schuh Höhe wurde neu angelegt, um
der Außenwelt den Einblick in das schöne Geheimniß dieses friedlichen
Stilllebens zu wehren.

Dieser Garten nun war die stille Insel, auf welcher in schöner
Jahreszeit Ludwig und Sophie sich täglich ergingen. Klösterlich
abgeschlossen gegen die Außenwelt, ganz sich selbst lebend, sich selbst
genügend, genossen sie die einfache Schönheit dieser ländlichen
Einsamkeit. Eine Geißblattlaube, von einem Fliederbaum überschattet, bot
das trauliche Ruheplätzchen, wo sich plaudern und lesen, arbeiten und
ruhen ließ. Frieden murmelte der Rodach leisere Welle, Frieden
flüsterten der Weiden silbergraue Blätterzungen, Frieden tönten der
Aeolsharfe schwellendschwebende Accorde vom hohen Hause in den Garten
nieder, Frieden sangen die lieblichen Kehlen munterer Vögel, Grasmücken,
Weidenzeisige, Grünlinge und Bachstelzen. Sophie blieb das schöne Wesen
ihrer Kindheit und Jugend, von stillem Ernst, dessen Siegel das Leben
ihr aufdrückte, gleichsam geweiht. Selten nur kamen Nachrichten von
ihrer Mutter, diese Dame reiste noch in hohen Jahren umher, sie war
nicht traurig darüber, ihr Geheimniß so fern, so treu bewahrt zu wissen,
Niemand lebte mehr, der ihr eine Verlegenheit hätte bereiten können,
außer Ludwig und Sophie, und zu diesen fand Jene nie den Weg. Und so war
es gut, denn alle Theile waren zufriedengestellt. Was in Sophiens
Innerem vorging, ob sie sich hinaussehnte in die Welt, ob sie sich als
eine Gefangene fühlte, ob sie heimlich einer ungenossenen Jugend
nachweinte? Nur Ludwig war der Vertraute ihrer Seele, keinem andern
Herzen konnte ihr reiches und schönes Gemüth sich je erschließen, doch
war ihr, jenes stillen Ernstes ungeachtet, ein kindlich heiterer Sinn
geblieben und ein tiefes Empfinden.



11. Der Freundin Tod.


Friedlich zogen ihnen so die Jahre vorüber, ihre Körper alterten, aber
die Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen
glänzte die alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freundschaft am
Altar ihrer Herzen nährte mit heiliger Hand ihr reines Vestafeuer.

Die Einsiedler im stillen Schloß zu Eishausen berührten die staatlichen
und politischen Verhältnisse des Landes, das ihnen nun seit einer Reihe
von fast zwanzig Jahren ein friedliches Asyl geboten hatte, nur wenig,
doch blieben sie immerhin nicht ganz von dem damals stattfindenden
Regierungswechsel unberührt; denn zu allernächst wußten sie ja nicht, ob
unter einer neuen Regierung ihnen das Asyl, das nun nach so manchen
widerstrebenden Gefühlen, nach so manchem Kampf ihnen lieb geworden,
belassen werde? Sie wußten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu,
sondern nicht auch neugierig sein werde. Aber auch von dieser Seite
wurde die zarteste Rücksicht gegen den Grafen beobachtet. Ein so lange
Jahre still und unbescholten geführtes Leben und die Wohlthaten, welche
derselbe nicht nur den Bewohnern von Eishausen, sondern auch den Armen
der nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entscheidendes Gegengewicht
gegen jede Verdächtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der
unbekannte Bewohner des Schlosses zu Eishausen habe schriftlich oder
persönlich dem neuen Landesherrn sich entdeckt; dies geschah jedoch nie,
es wurde durchaus keine Enthüllung von Seiten des Grafen verlangt.

Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt sich
zutrug, während Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben so wenig
wußten, als im ersten Jahre seiner Anwesenheit. Er hatte die schwere
Kunst verstanden, die Leute zu nöthigen, ein stilles Geheimniß mitten im
lauten Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von
Niemanden geahnet, ein anderes großes Geheimniß, mit dem sich nicht
eine kleine Stadt oder ein kleines Dorf, sondern mit dem sich ganz
Deutschland, ja, die halbe Welt beschäftigte, an das Eishäuser Geheimniß
episodisch heran. Es war Sommer, die Blätter der Weiden rauschten, über
der Flur lag tiefes Schweigen.

Ludwig und Sophie standen an einem Fenster und blickten nach dem Dorfe
hinüber; der Klang eines Posthorns erregte ihre Aufmerksamkeit. Bald
darauf hörten sie das Rasseln eines Wagens, der im Dorfe anhielt.

Eine Weile nachher erschien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem
Schloß führte, ein stattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiserock, sein
Gesicht, voll und breit und lebhaft geröthet, drückte Wohlwollen aus; er
nahm den Hut ab, da es sehr warm war, und zeigte, daß er blondes Haar
hatte, die Augen erschienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein
junger Mensch von unsicherer Haltung und schwankendem Gange; seine Züge
hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte Reisemütze,
und that diese jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die
Umgebung warf, drückten eine sonderbare Theilnahmlosigkeit aus, während
die seines älteren Begleiters forschend und fast neugierig umhersahen;
diese Blicke glitten suchend an allen Fenstern des Schlosses hin, und
hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben bald
stehen, bald schritten sie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem
Schlosse zu.

Soll dieser Besuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche verschleiert
am Fenster stand, und nur hinter der grünen bemalten Gardine verstohlen
hinabschaute.

Uns nicht, meine Liebe, aber unserm Geheimniß! antwortete Ludwig. Wenn
mich nicht Alles trügt, so kenne ich diesen jungen Menschen.

Wie wäre das möglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er scheint mir
nicht älter als höchstens achtzehn bis zwanzig Jahre zu sein. In diesem
Zeitraume hast du ja das Schloß nicht verlassen?

Und dennoch sah ich ihn schon, versetzte der Graf, schritt in sein
Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demselben mit einem Buche zurück,
dem ein Bild vorangestellt war, welches dem jungen Menschen vollkommen
glich.

Die Fremden standen noch unten. Der Herr deutete lebhaft sprechend,
und, wie es den Anschein hatte, fragend, nach verschiedenen Richtungen
hin. Der junge Mensch folgte jeder dieser Handbewegungen mit seinen
Blicken, und machte häufig nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den
Händen entschiedene Bewegungen des Verneinens.

Sieh dir diesen Jüngling recht genau an, sprach Ludwig zur Freundin. Das
ist ein Mensch, dessen Herkunft noch ungleich geheimnißvoller für die
Welt ist, als die unsere, er ist das öffentliche Räthsel Deutschlands.
Sieh, jetzt wenden sie sich, sie gehen wieder, er ist fremd hier,
gehorsamer Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns für die gütige
Aufmerksamkeit! Reisen Sie recht glücklich!

Du machst mich sehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit steigendem
Erstaunen.

Ich durchschaue Alles, gab ihr der Graf lächelnd zur Antwort. Der junge
Mensch ist der Findling Nürnbergs, dessen Geschichte ich dir erzählte,
so weit mir dieselbe aus den über ihn erschienenen Schriften bekannt
geworden ist, es ist Kaspar Hauser.

Das unglückliche Kind grausamer Eltern! rief Sophie bestürzt aus.

Derselbe, sprach Ludwig. Sein Begleiter und Führer war der Gothaische
Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit
und breit, das hellsehendste Wächterauge in ganz Deutschland für die
öffentliche Sicherheit.

Ich denke mir diesen Besuch einfach so: Polizeirath Eberhardt möchte
längst gern wissen, wer ich bin, wer du bist, seinem Polizeibewußtsein
ist es unerträglich, daß ein Mensch lebt, dessen Paß nicht jeden
Augenblick vor aller Augen dargelegt werden kann, daß ein Mensch lebt,
dessen Herkunft die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann ist ohne
Zweifel in seinem vollen Rechte, ja ich schätze ihn aus der Ferne sehr
hoch. Sein Freund ist der berühmte Rechtsgelehrte und Criminalist Anselm
Feuerbach zu Anspach, der sich Kaspar Hausers auf das Eifrigste
angenommen hat und noch immer Alles aufbietet, um Spuren der Herkunft
seines Schützlings aufzufinden. Jedenfalls lenkte Eberhardt jenes Mannes
Verdacht auch auf uns und dieses Schloß, und daraufhin wurde Ersterem
der arme Kaspar Hauser anvertraut um zu versuchen, ob nicht beim Anblick
der hiesigen Oertlichkeiten Jugenderinnerungen im Gemüthe des Jünglings
wach würden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein
einsames und stilles Schloß, bewohnt von einem gänzlich von der
Gesellschaft getrennten Paare, über dessen Herkunft die dichtesten
Schleier gebreitet sind. Könnte nicht hier jener unglückselige Knabe
geboren worden, nicht hier sein Kerker gewesen sein? Wehe uns, wenn der
junge Mensch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieses Ortes mit seiner
früheren Umgebung getäuscht, Vermuthungen ausgesprochen hätte, unsere
Ruhe wäre dann auf das Aeußerste bedroht.

Der Himmel sei gepriesen, daß sie wieder fort sind! sprach Sophie und
suchte des Freundes Besorgnisse zu zerstreuen. –

In das Publikum kamen immer neue Märchen über den geheimnißvollen
Grafen. Was längst gesichert erschien, Ludwigs völlig ungestörter
Aufenthalt in Eishausen, das wurde jetzt erst als bedroht angesehen und
erregte Besorgniß. Die Stadt und die dortige obere Behörde hätte nur
ungern den Mann aus dem Lande scheiden sehen, der fort und fort durch
großmüthige Unterstützung der Armen und Nothleidenden sich nützlich und
wohlwollend erwies, und beschloß deßhalb, dem Grafen ein sichtbares
Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das
Ehrenbürgerrecht der vormaligen Residenzstadt Hildburghausen. Es konnte
nicht fehlen, daß dieses Zeichen dankbarer Würdigung und Hochachtung
seines Charakters Ludwig tief rührte und innig erfreute, und um so
lieber blieb er nun in der stillen Häuslichkeit und in dem engen Kreise,
den nun schon so lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und
Sophie die traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Bürger
der Stadt Hildburghausen zu heißen, sondern auch der That nach es zu
sein, erwarb er käuflich ein Wohnhaus in der Stadtnähe, mit einem an
dasselbe stoßenden Garten und ließ auch noch einen an diesen
angrenzenden Wiesengarten von einem dritten Besitzer erkaufen. Bald
umgab auch dieses Haus der Zauber des Geheimnißvollen; hohe dichte
Bretterumzäunungen friedigten das neue Besitzthum, Hof und Gärten ein;
Läden, welche stets verschlossen blieben, verwehrten das Erdgeschoß
gegen jeden zudringlichen Blick.

Das Haus wurde völlig zur Wohnung eingerichtet und angemessen möblirt,
auch ein neuer, höchst eleganter Wagen wurde eigens von Frankfurt
verschrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazierfahrten
Sophiens und Ludwig’s mit vier Postpferden, welche jedesmal erst von
Hildburghausen nach Eishausen gebracht werden mußten. Bei diesen Fahrten
wurde nie die Stadt berührt, indem sich ein Weg, die Mareistraße
genannt, in ziemlicher Entfernung um dieselbe herumzog, unmittelbar in
die von Coburg über Rodach kommende und nach der Meiningen oder nach
Römhild führende Straße einmündete, und zwar ganz in der Nähe des
Dörfchens Walrabs, das sich in geringer Entfernung von dieser Straße an
eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in diesem Dorfe erwarb der Graf
ein Haus, und da sich beim Heimfahren nahe dem Stadtberge oder
eigentlich an demselben ein umbuschter Berggarten mit Häuschen häufig in
einem besonders malerischen Lichte zeigte, so wurde auch dieses käuflich
erworben, um zu schöner Jahreszeit einen Ruheplatz daselbst zu haben.
Dieser Berggarten bot neben einer der schönsten Aussichten auf die
freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem stattlichen ehemaligen
Residenzschloß und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straßen und
auf die ganze friedliche Landschaft, zugleich mancherlei Schattenstellen
unter vielen gemischten Holzarten, auch eine zwar nicht lange, doch tief
schattende Allee niedriger aber stockstämmiger Kastanienbäume, welche
Ludwig ganz eigenthümlich ansprach, indem es ihm war, als habe er schon
einmal in dieser Allee gewandelt, aber er konnte sich durchaus nicht
besinnen, wann und wo er eine ähnliche Oertlichkeit früher gesehen habe.

Obschon der Graf der Außenwelt stets rege Theilnahme widmete, so mußte
er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf Erden. Ohne
der früheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in so rascher Folge
entrissen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verlust nach dem
andern zu beklagen, deren jeder in seiner Weise unersetzlich für ihn
war. In des treuen Philipp’s Fußtapfen vermochte schon kein neuer Diener
einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernster, und es traten ihm nun
zuweilen auch die Gedanken an das eigene Scheiden nah, als bald nach
einander der redliche Geschäftsführer und der so äußerst gefällige
hochgebildete Freund, der Geistliche des Dorfes starb. Als zu
ungewöhnlicher Frühstunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den
Tod des wackeren Predigers verkündeten, stimmte ihn dieses Geläute zur
tiefsten Wehmuth. Eine Thräne glänzte in seinen Augen und bewegt rief
er aus: Wieder ein Band mit der Welt zerrissen, und wohl das letzte!
Fast will mich bedünken, als lebe ich zu lang!

Nicht blos, um in Hildburghausen und dessen Weichbild selbst als
Ehrenbürger Grundbesitz zu haben, hatte der Graf Häuser und Gärten
käuflich erworben; mit treuer Sorge für die Menschen, die ihr Leben an
das seine geknüpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht,
deren Loos sicher zu stellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle
Genius nahen sollte. Zumal Sophien gegenüber war es eine heilige
Pflicht, vorsorglich zu handeln, ja ihm selbst konnte der Tag noch
kommen, wo er freiwillig oder durch Kündigung der Miethe das Schloß
verließ, dann war es gut, sogleich ein Besitzthum zur Verfügung zu
haben; war doch ohnehin des Verwunderns darüber kein Ende, daß der
Bewohner des stillen Schlosses in demselben wohnen blieb und jährlich
500 Gulden Miethe zahlte, während er ein recht geschmackvoll, obschon
ohne Luxus eingerichtetes Haus mit großem Garten sein Eigenthum nannte,
und zumal in nächster Nähe der Stadt, wo für den Verkehr mit der Post,
mit Kaufleuten, mit dem Geschäftsführer so ungleich größere
Bequemlichkeiten sich darboten, als auf einem anderthalb Stunden weit
entlegenen Dorfe. Man hatte damit abermals einen Grund mehr gefunden,
den Grafen als Sonderling zu bezeichnen, aber unbekümmert um Wohl- oder
Uebelmeinen der Menge spann sich das Leben im stillen Schlosse
geräuschlos fort, unbewegt und doch voll innerer Bewegung.

Das Jahr 1830 war schon herangekommen mit seinen wichtigen politischen
Ereignissen, wie mußten diese die Einsiedler zu Eishausen berühren und
erschüttern! Abermals brach in Frankreich ein Revolutionssturm los,
bebte der Boden, brach der Königsthron jenes Grafen von Artois, der als
Karl X darauf saß, er brach durch die entsetzliche Wucht von vier
leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zusammen. Es war eine
Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele
erschreckte und nachdenklich machte.

Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Eingange, welcher
theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einsiedlerin
enthielt, schrieb die Prinzessin: »Wir Alle sind außer uns, alle
Ereignisse der Politik, welche jetzt die Aufmerksamkeit von ganz Europa
auf sich lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikanische
Propaganda ihre Minen, und schon sind deren in Belgien, Polen, in
Italien und in verschiedenen Theilen Deutschlands gesprungen – alle
diese Ereignisse, sage ich, werden zurückgedrängt durch eine
Begebenheit, welche uns zu allernächst auf das Schmerzlichste berührt
und niederbeugt. Den letzten Stamm des Hauses Condé hat der Tod
gebrochen, und welch’ ein Tod! – Ein schändlicher, verrätherischer,
meuchelmörderischer Tod unter der schwärzesten Maske! Am 29. August
dieses Jahres wurde Herzog Louis Henri Joseph von Bourbon, Prinz von
Condé, auf seinem Landsitz zu Chantilly am frühen Morgen in seinem
Schlafzimmer an einem Fensterkreuz erhängt gefunden, und die Schmach
eines Selbstmordes auf sein unschuldiges Haupt gewälzt. Schmerz und Zorn
zugleich nehmen mir die Feder aus der Hand – des Herzogs Testament ist
eröffnet – lachende Erben nehmen das ungeheure Vermögen in Empfang und
die gerechtesten Ansprüche Anderer werden mit Füßen getreten! – O, meine
Sophie! Du bleibst, was du bisher gewesen bist, eine arme Waise, meine
letzte Hoffnung, dir das Glück des Reichthums noch im irdischen Leben
verschaffen zu können, denn drüben bedürfen wir dessen ja nicht, ist
zertrümmert, wie Helm und Schild dem Letzten seines Stammes zerbrochen
in das Grab nachgeworfen wurden!«

Laß doch Alles dahin sein, liebes Kind, sprach Ludwig mit der Ruhe eines
Weisen zur Freundin, die von dieser Nachricht auf das Tiefste ergriffen
wurde und in Thränen ausbrach; nur keine Thränen um irdische Habe,
wahrlich, sie ist so köstlicher Thränen nicht werth, zumal solcher Habe,
die Andere besaßen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen
Selbstmord, möchte aber auch Niemanden verdächtigen. Wir leben wieder in
einer bösen Zeit und können nicht wissen, wie Alles sich gestalten wird.

Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge
wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem
erschütterten. – Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl,
entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, so Manches stürmt
jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ängstlich und
besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie – wenn ich dir entrissen würde.

O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie
abwehrend.

Wozu verhüllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und
streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder
färbt der Herbst die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing,
hat mich bis zum Kranksein erschüttert. Was ich einst voraussagte, es
ist geschehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf,
treten auf zum Kampfe gerüstet, und befehden einander in diesem
unseligen Jahre mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen
offen vor das Auge der Welt den Familienzwist, und die Kinder meines
Vetters Johann Carl nennen die Kinder meines Vetters, des regierenden
Herrn aus der Ehe mit Sara Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene –
und so erfüllt sich mir zur Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener
verhängnißvoller Fluch! Ist das nicht schrecklich? Soll das nicht jedes
Herz erschüttern? Kaum traute ich meinen Augen, als ich die öffentliche
Ankündigung dieser Streitschriften in den Zeitungen las. Und du weißt,
liebe Sophie, was Alles vorherging, wie der regierende Reichsgraf leiden
mußte, und das gönn’ ich ihm nicht! – Als Wilhelm Gustav Friedrich durch
die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft und Verbannung befreit war,
sequestrirte Oldenburg immer noch seine Güter, und es mußte erst ein
abermaliger Berliner Vergleich zu Stande kommen, zu welchem die
Großmächte Oesterreich, Preußen und Rußland die helfende Hand boten, daß
ihm Kniphausen wieder eingeräumt ward, daß er die Regierung mit
Landeshoheit wieder antreten, manches der früheren Rechte wieder
zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältnisse, die ja nie
glänzend waren, sieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt wie eine
Natter. – Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ältesten Sohne,
Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutschen Güter abgetreten und
ist nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines
großbritannischen General-Majors anständig lebt. Was aus dem Streite
weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald
schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die
Versöhnung! Aber das prophezeie ich, daß diese Zeit spät, sehr spät
kommen wird und erst dann, wenn ich längst von meinem stillen Schauplatz
abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen ich
lebte, längst alle todt sind. Möchte mein so unbesonnener Fluch, der die
dunkelste That meines Lebens war – ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen!
– dann mindestens gesühnt sein, wenn ich selbst der Sühnung vor dem
ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwünschungen über
seine Lippen gehen lassen, denn es hört sie eine dunkle dämonische Macht
und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen.

Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm
in der Nacht so unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt
aus ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erschien.

Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des Kranken.
Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie im
Fieber:

Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin
geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhältnisse der
Außenwelt – o wie unglücklich wird sie sein – o wie erbarmungswerth –
und das ist dann mein Werk, ich Unglückseliger! Ich rang nach dem hohen
Gute, ich errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem
Gelübde. Das Gelübde hab’ ich unerschütterlich gehalten, aber meine
Eigensucht hat nicht daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden
könnte!

Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen
Fieberglut, er fühlte sich völlig machtlos und sah im Fieber, wie eine
hohe, dunkelverhüllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten
Lilie glich, auf ihre Arme nahm und sie von hinnen trug, weit, weit
fort. Immer sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen,
immer weiter und weiter schritt jene Gestalt in eine unermeßliche öde
Ferne, wurde immer kleiner, endlich war sie so weit, daß sie mit dem
Dunkel der Ferne verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und
heller, je weiter sie von ihm weggetragen wurde – endlich war auch sie
nicht mehr sichtbar, sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner
Stern.

Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fühlte sich
der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in
einen ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das Bett
hüten. Wie er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande
war, erhielt der Geschäftsführer einige Zeilen, mit zitternder Hand
geschrieben, die ihn, was nicht selten geschah, zu einer Unterredung
nach Eishausen einluden.

Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing,
welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war sehr
krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben ist. Ich
habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre,
ersetzt. Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngst an mich
gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen
Schuldigen – sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde.
Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gemäß
ist, doch ohne Weitläufigkeiten; Sie wissen, daß ich diese nun einmal
nicht liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten,
Schreiber – nur das nicht!

Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschäftsführer, Eurer Gnaden
gehorsamst auseinanderzusetzen, daß und wie –

Schriftlich, lieber Herr, schriftlich, wenn ich bitten darf! unterbrach
ihn Ludwig. Ich bin noch so angegriffen – ich danke Ihnen und bleibe
Ihnen im voraus verbunden.

Am folgenden Tage schrieb dieser Mann an den Grafen Folgendes: »Nach dem
gestrigen Besuche, wo Euer Gnaden zum Erstenmale der Dame erwähnten,
hoffe ich Eurer Gnaden Wünsche richtig zu erkennen. Sie wünschen Ihre
hier belegenen Besitzungen an eine Dame, deren Namen Hochdieselben noch
angeben werden, zu übertragen und diese als Eigenthümerin einzusetzen,
damit diese Dame, bei einer Abreise, oder Abwesenheit, oder dem Ableben
von Euer Gnaden stets als solche verfügen und handeln kann. Dieses wird
sich auf das Gültigste und Kürzeste leicht, vielleicht auch ohne die
persönliche Gegenwart von Gerichtspersonen machen lassen. Ich bin so
frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden derartigen Verfügung oder
Cession zu gnädigster Ansicht und Prüfung beizulegen.«

»Die Form der Abtretung der erwähnten Grundstücke an die Dame ist
dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauftragen, die alten
Kaufbriefe an die Behörde zurückzugeben und einen neuen auf den Namen
der Dame ausfertigen zu lassen.«

Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in großer Betroffenheit.

»In Betreff anderweiter Gegenstände ist keine andere gültige Form
einzurichten, als die, daß Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine
Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegenwärtig ist und
sagt: Ich nehme diese Schenkung an.«

»Letzteres hat jedoch nach hiesigen Gesetzen nur Rechtskraft und
Rechtsgültigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten beträgt. Ueber
diese Summe hinaus ist die Schenkung nur gültig, wenn sie in Gegenwart
von Gerichtspersonen geschieht.«

O mein Himmel, wie wäre das möglich! stöhnte der Graf, und seine Hände
zitterten.

»Meine unmaßgebliche Meinung wäre dahin gerichtet, Hochdieselben wollten
erlauben, daß ein Assessor des hiesigen Stadtgerichts hinauskommen
dürfte, vor dem der ganze Actus für jetzt und alle Zukunft binnen drei
Minuten zu beendigen wäre, indem ich Hochdero gnädige Dispositionen
schon vorher zu Papier gebracht hätte, Euer Gnaden nur Namen und Daten
ausfüllten und diese Schrift der Gerichtsperson dann mit den Worten
übergäben: Dieses ist mein Wille, nehmen Sie denselben zu Protocoll. Das
Uebrige besorgen dann die Gerichtspersonen in einem andern Zimmer, und
es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Instrument zu Hochdero
Unterschrift vorgelegt; dabei werden, dafür stehe ich ein, Assessor und
Secretair unaufgefordert kein Wort sprechen. Durch diesen Act wird bei
einem etwaigen Sterbefall die Versiegelung überflüssig gemacht und jeder
obrigkeitlichen Einmischung in Hochdero beiderseitige Hinterlassenschaft
vorgebeugt. –«

Diese Schenkung, so weit sie Sophien betraf, gelangte nie zur
Ausführung, denn Jene kam nicht in den Fall, derselben zu bedürfen.

Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe
von Jahren blieben sie in ihrer stillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute
sich, wenn auch bisweilen schwankender, doch im Ganzen guter Gesundheit,
aber Sophiens zartes Wangenroth, das so ungesehen von der Welt
verblühte, wie eine schöne Blume im Hochgebirge oder in tiefer
Waldeinsamkeit, wurde allmälig bleich, immer zarter und durchsichtiger
wurde ihre Haut, ihre Blicke aber leuchteten in einem noch höheren
Glanze. Ein leises kurzes Hüsteln – der Anflug einer hohen Röthe auf den
Wangen – das Alles sagte genug und ließ ahnen, was kommen mußte.

So viel wußte Ludwig aus Büchern, daß hier ärztliche Hülfe nichts mehr
fromme, daß hier einzig Mittel der Linderung in Anwendung kommen
könnten, die milden Kräfte der Pflanzenwelt, das isländische Moos, die
süßen Wurzeln der Quecke und Althea.

So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieser schaurige Monat, der
das letzte Laub von den Bäumen weht, der der Mutter Erde das Leichentuch
zu weben beginnt.

Ein unermeßlicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Leben mit all’
seiner genossenen Süße lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in seiner
holdesten Gestalt!

Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne
Qual. Menschen konnten das Weh dieser Trennung nicht ermessen, und
Menschen waren auch keine Zeugen derselben. Da schluchzte keine weinende
Dienerschaft auf den Knien, da sprach kein Priester Worte des Trostes,
wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger weinender,
alternder Mann, und hatte keinen Trost, nicht für sie, nicht für sich.

Ich sterbe gern, flüsterte Sophie mit matter Stimme. Ich danke dir, mein
Ludwig! Wie ich soviel, wie ich Alles dir danke – so danke ich dir auch
noch für deine Treue – in dieser letzten Stunde! – Vergiß deine arme
Sophie nicht! – Du bleibst nun allein – o tritt wieder hinaus in die
Welt – begrabe dich nicht länger in der Abgeschiedenheit, denn nur um
meinetwillen hast du dich in diese Einsamkeit zurückgezogen. – Ich habe
viel entbehrt, was das Leben andern glücklicheren Menschen bietet, aber
ich habe dich gehabt, du hast mich reich entschädigt – und wir waren
glücklich. Alles, was ich habe, gabst du mir – Alles was ich bedurfte,
warst du mir – noch einmal das altgewohnte Wort: mein Ludwig – ich danke
dir!

Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Gestalt, die auf
ihr Ruhebette hingegossen lag, in seinen Armen, er küßte noch ihre
letzten Thränen an den langen dunkeln Wimpern auf.

Die Stimme versagte der Sterbenden – das reine Herz hörte auf zu
schlagen, ihr Auge brach. Ludwig küßte seiner Verklärten die brechenden
Augen zu, hielt sie noch eine Weile in seinen Armen, dann ließ er sie
sanft in die weichen Kissen niedersinken und stieß einen lauten dumpfen
Schrei des Schmerzes aus, indem er besinnungslos zu Boden sank. Der Tag
war der fünfundzwanzigste November. Am vierundzwanzigsten November war
Ottoline gestorben. Ob sie einander droben begegneten, die beiden guten
Genien des armen Grafen? –

Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mußte gleichfalls
geschehen. Ludwig ließ Alles durch die Bedienung und den schnell
herbeigerufenen Geschäftsführer besorgen und anordnen. Er selbst war
ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, fast ohne Besinnung. Ach, wie
marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nöthigen Fragen und
alle die Anordnungen, die solch ein Trauerfall hervorruft!

Tief versenkt in starres, schmerzliches Hinbrüten saß er da, ganz
verloren in Erinnerungen an das selige Einst, und jetzt – jetzt fand er
auch mit Einemmale die Erinnerung wieder an das stille, ihm so heilige
Grab, und an jene Schattenallee im hochgelegenen Bergeshain, wie er
letzteren einst im Traume geschaut, in Ottolinens Schloß geschaut, und
wie er – so wunderbar ihn selbst besaß. – Hier die Klause, dort die
Grabeszelle! so stand der Gedanke fest in ihm, und so führte er ihn auch
aus.

Wortkarg, zurückhaltender als je, einsam und allein stand der Graf da.
Keines Freundes tröstender Zuspruch konnte ihn erreichen, keine
Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos ließ er geschehen, was nicht zu
ändern war, todtkrank weilte er beständig in seinem Zimmer, in stummem
und darum doppelt unsäglichem Schmerz.

Und in diese schmerzliche Stille trat nun die Außenwelt mit ihren
Ansprüchen, mit ihrer Allwissenheit; die Außenwelt, die da Buch führt
über Leben und Sterben, über Sein oder Nichtsein. Des Ortes Küster kam,
vom Geistlichen entsendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verstorbene, die
lebend nie seiner Kirche bedurft, nie derselben begehrt, mußte in das
Kirchenbuch mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath
eingetragen werden! Ludwig war in seinem tiefen Schmerz kaum fähig,
eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem
Geburtsort.

Sophie Botta! flüsterte er endlich seufzend. – Und woher? – Aus West –
Westbachen – Westbacherhof wollte er sagen. – Sophie Botta aus
Westphalen, schrieb der Küster nieder.



12. Sterben und Erben.


Die Schauer der Herbstnacht wehten um den entblätterten Berghain. Stille
dunkle Gestalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier getrieben,
denn es war bekannt geworden, daß auf dem Schulersberg, so hieß dieses
Besitzthum des Grafen, die Dame beigesetzt werden solle, welche eine so
lange Reihe von Jahren hindurch im Schlosse zu Eishausen gelebt und sich
den Blicken der Neugier nie, ja selbst nicht einmal der vertrauten
Dienerschaft entschleiert gezeigt hatte.

Mild berührt vom Friedenskusse des Todesengels lag sie in ihrem Sarge,
den ein alter Tischler unter Thränen gezimmert hatte. Ein weißes Kleid
von schwerem kostbarem Atlas umwallte die zarte Gestalt, sie lag da wie
ein Kind, mit lächelnden Zügen, man sah ihr kein Alter an, sie glich
aber auch keiner Gestorbenen, sie glich dem Marmorbilde eines Ideals aus
der Meisterhand eines großen Künstlers. Da war kein Zug von Schmerz und
keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, sanfter heiliger
Schlummer.

So lag sie im offenen Sarge, an welchem Ludwig stand mit
schmerzerfüllter, erschütterter Seele, an welchem er einsam stand – o,
so unermeßlich einsam! – Er barg manche theure Reliquie unter den
Todtenkissen, eine Mitgift für das Grab, ein Geschenk für die Verwesung,
eine Speise für den Moder, zuletzt ein zerbröckelnder Fund für die,
welche einst, wenn sie es vermögen, die heilige Asche dieser
Verstorbenen durchwühlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Vaters,
ihrer ohnlängst verstorbenen Mutter, Locken von Angés, auch manchen
werthvollen Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was sollte er damit,
was sollten Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften besaß,
die nur im Entferntesten Sophiens Geheimniß berührten, barg er
gleichfalls unter ihrem Gewande. In den gefalteten Händen hielt sie ein
kleines Kruzifix aus Elfenbein vom höchsten Kunstwerth; das jetzt braune
Haar, welches einst so reizend blond das Haupt des schönen Kindes
umwallte, schmückte ein Kranz von weißen Immortellen, befestigt mit
einer Nadel, die eine große Perle zierte.

Noch einen Blick, einen langen, zärtlichen Blick, noch eine Bewegung des
Segnens, dann legte Ludwig selbst den Deckel des Sarges über seine
schöne Todte und wankte zur Klingel.

Dunkele Männergestalten kamen herein, der Graf ging in sein Zimmer
zurück, unten stand schon Alles bereit, scharrende Pferde, der
Leichenwagen, Laternenträger, die Todtenfrauen und eine große
schweigsame Volksmenge.

Langsam rollte der Wagen von dannen, stille Männer und Knaben mit
Laternen schritten voran und zur Seite, Andere folgten.

Keine Glocke erklang, kein Geistlicher folgte dem Sarge.

Die Novembernacht war still, es begann leise zu schneien. Am Fenster
stand der Graf und blickte mit thränenlosen Augen dem Schimmer nach, der
sich seinem Auge erst eine Zeitlang entzog, als der stille Zug durch
Steinfeld sich bewegte, dann jenseits dieses Dorfes wieder sichtbar
werdend, mehr und mehr zur Höhe emporstieg. Hoch zogen sich die Lichter,
es war, als wenn irrende Sterne aufwärts wollten, hinauf zu den
Brudersternen am ewigen Himmel.

Jetzt wußte es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantasien lag, die
dunkele Gestalt gewesen war, die seine Lilie ihm entführte, seine helle
Lilie, die zuletzt zum Steine wurde; droben verschwanden die Lichter
über die Berghöhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins
sichtbar – recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuschauen, jetzt
erlosch auch dieses und war fort, den andern nach. –

Wo der Weg zu Thal sich senkt, an derselben Stelle, die einst den
Liebenden einen reizenden Fernblick eröffnet und so manchen Traum von
einer schönen liebverklärten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da
hoben die Träger den Sarg herab, da ordnete sich der kleine Zug, voran
und hinter dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, still durch die
dunkle Nacht, dem Berghain, dem Grabe zu.

Ueber dem Berghaus war die öde, einsame Stätte, wo die Hülle der Tochter
so hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdische Ruhe finden
sollte.

Damit nicht noch um ihre Asche die Lügenmäre ihr Gespinnst webe, hatte
der Graf ausdrücklich geboten, den Sarg vor der Einsenkung noch einmal
zu öffnen und Allen, die bei derselben zugegen, nun das milde Angesicht
zu zeigen, das sich so lange Jahre hindurch hinter dichtem Schleier
verborgen gehalten hatte.

Lautlos standen Alle; da lag sie im Silberglanze, im hellen Schein, die
marmorbleiche schöne Leiche.

Heimlich schauerte die Nacht. Thränen flossen; leise schloß man den
Sarg, und nun wurde dieser hinabgesenkt. –

Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er sie nie
durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich kommen
mußte, die Einmischung der Behörden.

Es war nicht Alles formell hergegangen bei diesem Begräbniß. Sophiens
Hülle ruhte schon im kühlen Erdenschooße, als erst Anzeige, und zwar die
zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der
geheimnißvollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte
Bericht von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Auskunft, die sich
über den Grafen nur wohlwollend äußerte; daß derselbe mit der
Verstorbenen seit länger denn 30 Jahren ruhig und geschätzt im Lande
gelebt, daß noch von keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine
Beschwerde an und gegen ihn erhoben worden sei, daß er viel Vermögen
habe und sich der Stadt und der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht
habe, als durch Wohlthun; es seien weder Kinder noch sonst Jemand da,
die Ansprüche an die Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben
berechtigt seien. So viel Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um
schonend und zart behandelt zu werden, und ein Einschreiten der
Civilbehörde _vor_ des Grafen Tode sei wohl nicht rathsam, zumal
derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende milde Stiftung für die
Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung bei seiner
Eigenthümlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein werde. –
Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten die
gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art ließen die
gewünschte Schonung versagen.

Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen an.
Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern,
doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte sich ungern dem eisernen Willen
des Gesetzes, aber er fügte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war
krank; der Kammerdiener und eine alte treue Dienerin führten die Herren
in die Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten,
daß dieser Nachlaß von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der
Dienerschaft zugedacht sei.

Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der
Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mußte der Geschäftsführer
den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlägerig war, vertreten.

Welch’ ein Inventar! – Ueber siebenzig Oberröcke und Kleider, theils von
Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen
Kleiderstoffen, gegen dreißig Shawls und Longshawls, ohne die übrigen
Halstücher, ebenso viele Hüte nach den neuesten Formen der Mode, und in
diesem Verhältniß alles Uebrige in staunenswerther Fülle. Schmuck fand
sich wenig, außer was Sophie als Kind schon besessen, für wen hätte sie
sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmücken sollen? Sie
selbst, ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schönste
Schmuck, wie er aus der Idee des Schöpfers als Meisterwerk
hervorgegangen war; gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren
Ringe, Armbänder und dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am
Meisten überraschend aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge
baaren Geldes, die in verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit
Perlen oder mit Fischschuppen gestickten Börsen sich vorfand. Jene
Ducaten von theurer Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth
geschenkt, sie waren nicht ausgegeben worden, außerdem fanden sich
Friedrichsd’or, Kronen-, Species- und einfache Thaler. Der Graf übernahm
gegen Zahlung der Taxe den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das
Gericht seiner Dienerschaft aushändigen; die Summe, welche er zahlte,
wurde beim Gericht hinterlegt, und von einer dringlichen Aufforderung,
Namen, Stand, Geburtsort und Alter der Verstorbenen ganz genau
anzugeben, um so mehr Umgang genommen, als der Graf diese Auskunft zu
geben sich entschieden weigerte und fest erklärte, sofort das Land
verlassen zu wollen, wenn die Behörde darauf bestehen würde.

Dieselbe begnügte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben.

Nach diesen Stürmen lagerte sich wieder die tiefste Stille über das
Schloß zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach
sich oft mit schmerzlicher Rührung Goethe’s Worte vor, die so ganz auf
ihn, auf seine Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paßten:

    Du versuchst, o Sonne, vergebens
    Durch die düst’ren Wolken zu scheinen,
    Der ganze Gewinn meines Lebens
    Ist, ihren Verlust zu beweinen.

Die Poesie war auch hier wieder die milde Trösterin, die ihm, dem
Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele
fächelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise
auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab.

Fast das einzige geistige Band mit der Außenwelt blieb ein Briefwechsel
mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach
Hildburghausen gezogen war, doch so, daß sie jeden empfangenen Brief
zurückgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedürfniß,
sich mitzutheilen, ist allzumächtig in der Menschenseele, als daß auch
der allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im
Stande wäre.

Aus Ludwig’s wehmuthvollster Zeit ergoß sich seine Klage in den Worten:
»Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte Ehe; es
ist mehr: es ist die Zerreißung eines zusammengewachsenen
Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. – – Ich
lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen
meinem Körper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstände meinem
Geist. Das Haus ist wie verödet.«

Ja, öde war es außer ihm, in ihm. Selbst jene Thiere, welche Sophie
geliebt hatte, starben ungeachtet sorglichster Pflege schnell nach
einander; des Pachters Hund, den sie oft aus dem Fenster herab
gefüttert hatte, heulte einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag
er todt unter den Fenstern des Schlosses.

Als der Frühling kam, die Auen neu ergrünten, da zog es den Grafen mehr
denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Einsamkeit. Hier war
die Stelle, die einst sein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieser
Traum zur Wahrheit geworden! Gesehen und gehört hatte Ludwig
lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der
Heerlager, berghohe Meereswogen, Stürme und ruhige See – hohe Burgen und
Schlösser, stille Thäler – und zuletzt – die Siedlerklause dort im
stillen Schloß, hier die dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames
Grab, und in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles
Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins –
all’ sein Glück.

Alles hatte sich erfüllt, Alles – und er stand am Ziele. Sanft elegisch
war seine Stimmung, und sie fand die verwandten Klänge im stillen Weben
der Natur, durch deren hellste, sonnigste Lenzespracht doch bisweilen
Ahnungen wehen, die des Menschen Herz mit Schauern durchrießeln.

Die Neigung zum Wohlthun blieb ihm durch alle Jahre hindurch, die ihm
noch zu leben vergönnt waren. Mit Geschenken an Arme feierte er Sophiens
Todestag, mit Geschenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja,
selbst als Leonardus van der Valck spendete er noch Liebesgaben nach
verschiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch
Vincenz Martinus war nicht völlig in den Hintergrund getreten. Eine
Stelle im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete:

»O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit
einander Briefe wechseln? Deine letzte geehrte Zuschrift traf mich nicht
mehr in Amsterdam, ich wohne seit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo
nach dem deutschen Scherzwort der König David geboren ist, vergleiche
Psalm 38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbestallter, und bete
täglich auf das Allerfleißigste zu den lieben Gottesheiligen auch für
dich, geliebter Leonardus. Neues weiß ich dir aus Amsterdam nicht zu
melden; daß dein alter Seekapitän Richart Fluit in der That und gegen
menschliches Vermuthen von seiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen
Delphin erzielt hat, schrieb ich dir wohl schon vorlängst. Wir dachten
damals oft an dich, als wir den kleinen Seekönig und Heiden tauften.
Unsere Muhme Carolina Petronella, geborene Lippert, welche sich an den
Brauereibesitzer Wirix verheirathet hatte, ist nun auch schon lange eine
#»bedroefde weduwe«#. Du rühmtest mir einstmals den sinn- und
deutungsvollen Reichthum der deutschen Sprache gegenüber der unsrigen.
Nenne mir doch in der deutschen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin
sich der Schmerz und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen
Frau so ausgeprägt zeigte, wie im Worte #Weduwe!# das ist: #wee te wee!#
Weh zu Weh! – Unsere anderen Muhmen, Cornelia’s Schwestern, Helena und
Christina, können leider noch nicht in den traurigen Fall kommen,
betrübte Wittwen zu werden, dieweil sie noch immer ledigen Standes sind.
Ich habe ihnen dringend gerathen, in ein Kloster zu gehen, aber sie
wollen nicht.«

»Helena Maria und Christina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn
sie neben einander gehen, muß ich immer an die Säulen des Herkules
denken, oder an ein römisches Jugum, nur Schade, daß Niemand Neigung
trägt, seinen Nacken jemals unter diese antike Reliquien zu beugen, noch
viel weniger, sie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter – dir darf
ich es sagen – ich habe niemals viel auf Reliquiendienst gegeben. Dabei
fallen mir alle meine alten Sünden – nicht doch, wollte sagen: meine
alten Tanten in Bochlio, zu Herzberg und zu Dahme ein, die sich
vordessen auf deines wohlseligen Herrn Vaters Erbtheil spitzten, aber
vergeblich. Jene deutschen Falken, die für ihr Leben gern Valcken sein
möchten, warten auch auf deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den
Gefallen, bald zu sterben, sondern laß’ sie zappeln!«

»Ach, Leonarde! die Welt ist verderbt, ich sehne mich nach Ruhe. Ich
habe das ewige Predigen, Beichtehören, Messelesen und was d’rum und
d’ran hängt, von ganzem Herzen satt. Kein glückli