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Title: Auf Gottes Wegen
Author: Bjørnson, Bjørnstjerne, 1832-1910
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION

_ umschließt im Original gesperrt gesetzten Text

= umschließt im Original kursiv gesetzten Text



BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON

AUF GOTTES WEGEN

ROMAN

       *       *       *       *       *

S. FISCHER, VERLAG, BERLIN

1911

       *       *       *       *       *

Alle Rechte vorbehalten

       *       *       *       *       *



AUF GOTTES WEGEN

ROMAN



Inhaltsverzeichnis



Schultage 6

Jugend 56

Mannesalter 126



Meinem besten Freunde,

dem Staatsrat Frederik Hegel,

zur Erinnerung

       *       *       *       *       *

Aulestad, 11. September 1889.

    Nie warst Du hier; doch fast beständig
    Auf Schritt und Tritt begegn' ich Dir.
    Es ist kein Weg, kein Zimmer hier,
    Wo Dein Gedächtnis nicht lebendig
    Und mich umhegt seit jenen Jahren,
    Da Deine Treue, Deine Tat
    In meinem Kampf mir Heimat waren.

    Wie oft, als ich dies Buch geschrieben,
    Sah mir Dein warmes Auge zu;
    Da waren eins wir, ich und Du
    Und das, was still zum Licht getrieben.
    Weil drum im Buch sich vielfach spiegelt
    Dein frischer Glaub' und echter Sinn, --
    Mit Deinem Namen sei's besiegelt.



Schultage


1

Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu, stand im letzten
Sonnenglanz ein vierzehnjähriger Junge, ganz in sich versunken. Er
blickte gen Westen übers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die
Stadt, den Strand, die mächtigen Berge, hinter denen noch höhere
Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft.

Der Sturm hatte lange und furchtbarer gewütet, als die ältesten Leute
sich entsinnen konnten. Trotz der neuen Mole hatten sich Schiffe im
Hafen losgerissen und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von
Schiffbrüchen die Küste entlang; in der ganzen Umgegend gab es nichts
als zerrissene Netze, fortgeschwemmte Fischreusen, verschwundene
Bootstege. Und immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste komme
noch erst.

Jetzt endlich -- seit ein paar Stunden -- war es vorüber; der Sturm
hatte sich gelegt, die Windstöße, die ruckweise aufeinander gefolgt
waren, hörten auf; kaum noch ein letzter Nachhall war zu spüren.

Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen aufrühren und dann
einfach davonlaufen -- das geht doch nicht! Wellenzüge, soweit das Auge
reichte, höher als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumweißen
Kronen und donnerndem Fall. Über Stadt und Strand hin dröhnte ihr Tosen,
gewaltig, dumpfrollend, wie Bergrutsche in der Ferne.

Jedesmal, wenn die Wogen in voller Höhe gegen die Klippen stürmten,
spritzte der Gischt meterhoch empor; von weitem sah es aus, wie wenn
weiße Meeresungeheuer der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen
versuchten. Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten an ihr Ziel.
Sie brannten dem Knaben, der da stand, auf der Wange; doch er rührte
sich nicht vom Fleck.

Gewöhnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm vermöchte den
Wellenschaum so hoch emporzuschleudern; heute kam er bei stiller Luft.
Das hatte nur _einer_ erlebt; und das war der Junge!

Weit draußen im Westen verflossen Himmel und Meer in der Glut der
untertauchenden Sonne. Etwas wie ein goldenes Friedensreich breitete
sich da hinten aus. Alle die meerschwarzen, weißköpfigen Wellen, die
sich, soweit der Blick reichte, von dort heranwälzten, waren vertriebene
Aufrührer. Reihe auf Reihe kamen sie daher, unter millionenstimmigem
Protest.

Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen Höhepunkt erreicht. Keine
Vermittelung mehr. Nicht der leiseste rote Schimmer drang mehr bis
herüber. _Dort_ die warme Glut, _hier_ das kalte Schwarzblau
über dem Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch droben von der
Stadt sah, kroch in sich zusammen und ward immer kleiner mit jedem Male.
Der Junge wandte den Blick vom Meere landwärts. Und immer unruhiger
wurde er. Das kündete Unheil. Sollte wirklich noch mehr kommen? Seine
Phantasie war aufgeschreckt und, übernächtig wie er war, hatte er keine
Widerstandskraft.

Draußen die Pracht begann zu erlöschen; alle Farben verblichen
gleichzeitig. Das Brüllen von unten, wo die Ungeheuer heraufwollten,
klang stärker; oder war er nur hellhöriger geworden? Galt ihm das? Ihm?
Was hatte er denn wieder getan? Oder würde er vielleicht bald irgend
etwas anstellen? Schon öfter war diese unklare Angst eine böse
Vorbedeutung gewesen!

Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor kurzem hatte ein
Laienprediger geweissagt, die Welt werde untergehen. Alle Anzeichen der
Bibel täten genau stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien
nicht mehr zu mißdeuten. Der Prediger erregte solches Aufsehen, daß die
Zeitungen sich der Sache bemächtigten und erklären mußten, ganz dasselbe
sei schon unendlich oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias
und Daniel hätten _immer_ gestimmt. Aber als der Orkan losbrach,
entsetzlicher denn seit Menschengedenken, als Schiffe sich losrissen und
gegen die Brücken geschleudert wurden, zerschmettert und
zerschmetternd, und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich
bedeckte, und sämtliche Lichter in den Laternen erloschen ... als man
die Brandung bloß noch hörte, ohne sie mehr zu sehen ... dazwischen
Kommandorufe, Getöse, Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und
dabei in den Straßen das Entsetzen, wenn ganze Dächer abgehoben wurden,
die Häuser erbebten, Scheiben klirrten, Steine durch die Luft flogen,
Menschen flüchteten, ferne Rufe die Angst erhöhten ... ja, da gedachten
wohl manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott! Dies ist der
jüngste Tag! Bald werden die Sterne fallen! Besonders die Kinder waren
in einer Todesangst. Die Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben.
Denn noch in der letzten Stunde war man einigermaßen im Zweifel, ob es
auch wirklich die letzte Stunde war, und nach alter Gewohnheit behielt
die Sorge um den irdischen Besitz doch die Oberhand. Man mußte
verstecken und abschließen und eilen, und nach dem Feuer sehen und an
allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber steckte man Gebet- und
Gesangbücher in die Hände und hieß sie lesen, was da von Erdbeben und
anderen Plagen und vom jüngsten Tage stand; man schlug ihnen rasch die
Stellen auf und stürzte davon. Als ob die Kinder jetzt hätten lesen
können!

Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die Decke über den Kopf;
manche nahmen den Hund mit oder die Katze; sie fühlten sich geborgener
so; sie wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und Katze nicht
unter der Decke sterben, und dann setzte es einen Kampf.

Der Junge, der oben auf der höchsten Felsenkuppe stand, war vor Schreck
überhaupt rein von Sinnen gewesen. Aber er war einer von denen, die das
Entsetzen von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die Straße, von
der Straße nach dem Hafen, vom Hafen wieder nach Hause. Nicht weniger
als dreimal war sein Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn
eingefangen, ja, sämtliche Türen hinter ihm verrammelt; aber entwischt
war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht unbestraft; kein Junge
wurde strenger gehalten und so reichlich mit Prügel bedacht wie Edvard
Kallem. Aber ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Prügel setzte es
nicht in dieser Nacht.

Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am Himmel; der Tag kam,
und die Sonne schien hell wie immer. Auch der Sturm ging vorüber, und
mit ihm der letzte Rest von Angst.

Doch hat die Angst einmal ein Menschengemüt so grenzenlos beherrscht, da
bleibt der Schrecken vor dem Schrecken zurück. Nicht allein in bösen
Träumen, nein, auch am Tage, wenn man sich am allersichersten wähnt,
lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten Außergewöhnlichen
über uns herzufallen, uns mit tückischen Augen und Nebelodem zu
verschlingen, uns bisweilen in den Wahnsinn zu treiben ...

Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut in der sinkenden Sonne
und beim Toben der Brandung, --und da war auch schon die Höllenangst
wieder über ihm; die Schrecken des jüngsten Tages umbrausten ihn. Er
begriff nicht, wie er sich so gefährlich weit hier herauf hatte wagen
können, und noch dazu allein! Wie gelähmt fühlte er sich; er wagte
nicht, den Fuß zu heben --wer weiß, ob er nicht beobachtet wurde;
Feindesmächte waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner
verstorbenen Mutter: wenn das wirklich das Ende sei, und die
Auferstehung sie befreie, so möge sie hier heraufkommen zu ihm; nicht zu
seiner Schwester --die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand.

Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im Westen verblich, und im
Osten dunkelte es; der Geist der Kälte schritt unerbittlich weiter und
wurde Alleinherrscher; das gab eine gleichmäßige Größe und die
Sicherheit der Einheit. Nach und nach schöpfte Edvard wieder soviel Mut,
daß er freier zu atmen wagte --erst versuchsweise, dann ganz tief, viele
Male. Jetzt fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht
ohne Angst, daß die Unsichtbaren hier oben Verdacht schöpfen könnten, --
denn sie wollten ihn doch haben. Behutsam glitt er dem Abstieg zu und
fort vom Felshang. Keine Flucht, behüte! Er wußte gar nicht einmal, ob
er überhaupt gehen _wollte_; er wollte es nur versuchen, -- konnte ja
schließlich zurückkommen. Aber der Abstieg hier war nicht leicht und
mußte eigentlich vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es
wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur so weit wäre, daß
er den Fußweg, der vom Fischerdorf drunten über den Berg heraufführte,
wieder erreicht hätte, ja, dann war alle Gefahr überstanden; aber hier
-- nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger Schritt, und noch
einer, und noch ein kleiner! Nur zum Versuch; er würde schon
wiederkommen!

Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und schwierigsten Teil
der Kuppe zurückgelegt und fühlte sich sicher vor den Mächten da oben,
mit denen er feilschte, so schlug er ihnen auch gründlich ein
Schnippchen; in großen Sätzen gings abwärts; wie ein Gummiball sprang er
von einem Felsvorsprung auf den andern, bis er plötzlich unten eine
Zipfelmütze auftauchen sah --so weit, weit unten, daß er sie nur eben
erkennen konnte. Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein
ganzes Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen; nicht der
leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte _er_ Angst einjagen; auf _den_
dort hatte er schon die ganze Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung,
alles zeigte, wie er sich über die Gewißheit freute, ihn nun bald in
Schußweite zu haben. _Der_ sollte es kriegen!

Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen, welcher Gefahr er
entgegenging, langsam, als ob er seine Freiheit und Einsamkeit genösse;
bald hörte man seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen
Absätze gegen die Steine.

Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein Jahr älter als
der andere, der ihm auflauerte; mit einem losen Friesanzug bekleidet,
einen wollenen Schal um den Hals, und große Fausthandschuhe an den
Händen; er trug einen ländlichen Korb -- blaugemalt, mit gelb-weißen
Rosen.

Ein großes Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung entgegen; seit
Tagen war die ganze Schule darauf gespannt gewesen, wie, wo und mit wem
der Zusammenstoß erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche
Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft vor einem Mitglied der
gestrengen Schulpolizei endlich eingestehen mußte, wo er sich
nachmittags und abends herumtrieb und was er da anstellte.

Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern vom Strande draußen --
das einzige Kind. Sein Vater, der vor einem Jahr gestorben, war der
angesehenste Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte schon
frühzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt, weshalb dieser jetzt
das Gymnasium besuchte. Ole war begabt, fleißig und seinen Lehrern
gegenüber von einer Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erklärten Liebling
machte.

Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund (trau', schau', wem?).
Dieser treuherzige, höchst ehrerbietige Junge blieb plötzlich den
Nachmittagsspielen der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte
bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern Nachhilfstunde gab,
war er auch nicht -- das erledigte er gleich nach Tisch; auch nicht bei
Rektors, d. h. bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards
Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen sahen die Knaben
ihn dort ins Haus gehen, aber nicht wieder herauskommen; und trotzdem
war Josefine immer allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren;
sie hatten nämlich Wachen ausgestellt -- die Untersuchung wurde
systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten sie seine Spur
verfolgen; dort aber verschwand sie. Die Erde konnte ihn doch nicht
verschlungen haben! Das Haus wurde durchschnüffelt von unten bis oben,
jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durchstöbert. Josefine
selbst führte die Jungens herum, bis hinauf unters Dach, bis hinunter in
den Keller, in sämtliche Räume, wo nicht gerade die Familie selber sich
aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort sei er nicht; sie
könnten selbst nachsehen. Wo in aller Welt steckte er nur?

Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie "=Les trois
mousquetaires=" von Alexandre Dumas dem Älteren, ein Prachtwerk mit
Illustrationen; da er aber bald heraus hatte, daß das kein Buch für
einen Gelehrten war, setzte er es als Prämie aus für _den_ Kameraden,
der entdecken würde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und Abende zubrachte,
und was er da trieb. Dies Angebot warf den zündenden Funken in Edvard
Kallems Phantasie; er hatte nämlich bis vor einem Jahr in Spanien
gelebt, er las Französisch wie seine Muttersprache, und "=Les trois
mousquetaires=" war der wundervollste Roman auf der ganzen Welt -- das
hatte er immer gehört. Jetzt stand er hier auf der Lauer, für "=Les
trois mousquetaires="! Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er
sie!

Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fußweg erreicht hatte. Der
Sünder war dicht vor ihm.

Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel gemahnte -- die
Nase wie ein Schnabel -- die Augen wild, schon an und für sich und noch
mehr dadurch, daß sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn scharf
und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem Haar umrahmt. Eine
auffallende Beweglichkeit ließ ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt
wollte er ganz still stehen, aber der Körper bog sich, die Füße bewegten
sich, die Arme hoben sich, als wolle er im nächsten Augenblick durch die
Lüfte stoßen. "Bäh!" schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der
Ankömmling fuhr zusammen -- fast hätte er seinen Korb fallen lassen. "So
-- jetzt _hab_' ich Dich! Jetzt hilft Dir keine Verstocktheit mehr!"

Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl -- jetzt stehst Du da! Hoho! Was hast
Du in Deinem Korb?" Und er stürzte auf Ole los. Der aber nahm
blitzschnell seinen Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn
auf den Rücken; es war Edvard nicht möglich, ihn hervorzuzerren.

"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa, Du könntst mir noch
entwischen? Her mit dem Korb!" -- "Du kriegst ihn nicht." -- "Wirst Du
wohl gehorchen? So geh ich einfach hinunter und frag'!" --"Nein, nein!"
-- "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's nicht tu!" -- "Du tust's nicht!" --
"Ich tu's!" -- Und schon drängte er an Ole vorüber, den Berg hinab.

"Ich will's ja sagen -- versprich mir bloß, daß Du's nicht weiter
sagst!" -- "Nicht weiter sagen? Du bist wohl nicht bei Trost?" -- "Doch!
Du darfst nicht!" --"Blödsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem Korb
-- oder ich geh'!" schrie Edvard. -- "Wenn Du's nicht weiter sagst --
--". Die Tränen traten Ole in die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" --
"Nichts sagen, Edvard! Nein?" -- "Ich verspreche gar nichts. Den Korb
her! Fix!" -- "Es ist nichts dabei, Du!" -- "Wenn nichts dabei ist,
kannst Du's doch sagen! Fix!" Ole nahm das, nach Knabenmanier, für ein
halbes Versprechen; flehend blickte er den andern an und faßte sich ein
Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil ich ... ach, Du weißt
ja selber ... auf Gottes Wegen!" Das Letzte sagte er sehr verlegen und
brach in Tränen aus. -- "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich
unsicher. Er war aufs höchste verwundert.

Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer schläfrigen Stunde
einmal die Frage gestellt hatte: "Welche Wege sind die besten?" Im
Lehrbuch stand: "Für den Warentransport sind noch immer die Seewege die
besten." -- "Na -- also welche Wege sind die besten? Du, Tuft?" --
"Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die ganze Klasse war mit einemmal
munter; ein brüllendes Gelächter verkündete das.

Aber bei alledem -- Edvard Kallem wußte wirklich nicht recht, was
"Gottes Wege" bedeute. Ole -- drunten im Fischerdorf -- auf Gottes
Wegen? Vor lauter Neugier vergaß er ganz, daß er Sittenpolizei war!
Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh' nicht, was
Du damit meinst! Gottes Wege -- sagst Du?" Der andere bemerkte sogleich
die Veränderung. Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich;
nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag noch darin. Unter
allen Schulkameraden bewunderte Ole in aller Stille keinen so sehr wie
den Edvard Kallem. Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem
überlegenen Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und der
vornehmste Repräsentant dieser Eigenschaften war Edvard Kallem. Und noch
ein Glorienschein umgab sein Haupt ... er war der Bruder seiner
braunlockigen Schwester.

Einen unerträglichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel. Alle
Augenblicke setzte es deswegen Haue --mal von den Lehrern, dann vom
Vater oder von den Kameraden. Und in der nächsten Minute fing er schon
wieder an. Das ging über den Verstand des Bauernjungen. Und darum wirkte
auch ein freundliches Wort, ein Lächeln von Edvard weit mehr, als es
eigentlich sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der
Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen, die der gewesene
Raubvogel (von dem jetzt bloß noch der Schnabel übrig war) stellte,
verflossen in eins mit dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die
Waffen. Sowie Edvard seine Taktik änderte und treuherzig bat, den Korb
sehen zu dürfen, lieferte Ole ihn aus und fühlte sich völlig beruhigt
und kampfunfähig; er trocknete sich die Augen mit seinen großen
Fausthandschuhen, zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger
--besann sich auf einmal, daß er zu diesem Zweck ein karriertes Sacktuch
besaß, suchte darnach und fand es nicht ...

Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn zurückschlug, blickte
er auf: "Du möchtest vielleicht lieber nicht -- --?" -- "Doch, gern!" --
Edvard schob den Deckel zur Seite. Ein großes Buch lag darunter --die
Bibel. Er wurde starr, beinah ehrfürchtig. Unter der Bibel lagen
verschiedene ungebundene Hefte. Er nahm ein paar heraus, drehte sie um
und legte sie wieder hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er
behutsam wieder an ihren Platz, breitete das Tuch darüber und machte den
Deckel zu. Im Grunde war er so klug wie zuvor, oder vielmehr nur noch
neugieriger.

"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus der Bibel vor?" fragte
er. Ole Tuft errötete. "Doch --manchmal --" -- "Wem denn?" -- "Ach, den
Kranken. Aber oft komm' ich ja nicht dazu --" -- "Zu den Kranken gehst
Du?" -- "Ja -- zu den Kranken geh' ich eben." -- "Zu den Kranken? Du?
Aber lieber Gott, -- was tust Du denn da?" -- "Oh, ihnen helfen --so gut
ich eben kann!" -- "Du?" fragte Edvard mit allem Erstaunen, dessen er
fähig war. Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Mit was denn? Mit
Essen?" --"Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie brauchen.
Umbetten -- --" -- "Umbetten?" -- "Ja! Sie liegen doch auf Stroh. Und
darin liegen sie, bis es stinkt, weißt Du. Manchmal machen sie's auch
noch schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber helfen
können; tagsüber ist ja oft kein Mensch bei ihnen. Die Leute sind bei
der Arbeit, und die Kinder in der Schule. Und wenn ich dann nachmittags
hinkomme, geh' ich hinunter zu den Böten, die mit Stroh fahren; das
kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte weg." -- "Wo kriegst Du
denn das Geld her?" fragte Edvard. -- "Tante spart es mir zusammen, und
auch Josefine." -- "Josefine?" rief der Bruder. -- "Ja! Aber vielleicht
hätt' ich das nicht sagen sollen."

"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte Edvard mit der wachsamen
Strenge des älteren Bruders. Ole überlegte einen Augenblick und erwiderte
dann fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." -- "Von Vater?" -- --

Edvard wußte, selbst wenn Josefine ihn darum bäte, so würde der Vater
niemals Geld unnütz ausgeben; erst mußte er wissen, wozu er es gab. Der
Vater hatte also gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in
Edvards Augen über jeden Zweifel erhaben. Ole fühlte augenblicklich
diesen völligen Umschlag; er sah ihn auch Edvards Augen an. Jetzt kam
ihm die Lust, noch mehr zu erzählen, und das tat er auch. Er berichtete,
er habe oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer müsse er machen,
das Essen aufsetzen, kochen ... -- "Kannst Du kochen?" -- "Freilich!
Und Reinmachen, und Einkaufen, und sehen, ob nicht irgend jemand
hinüberrudert, den ich nach der Apotheke schicken kann; denn oft hat der
Doktor irgend was verschrieben, aber sie haben es nicht geholt." -- "Und
zu alledem hast Du Zeit?" -- "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach
Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich nachts." Und so
erzählte er, des längeren und breiteren, bis ihm selber einfiel, daß sie
noch vor Einbruch der Dunkelheit unten sein müßten.

In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere mit dem Korb
hinterdrein.

Hier, wo die Klippe abfiel, hörte man das Tosen des Meers, als komme es
aus der Luft, wie das Sausen eines vorüberziehenden Vogelschwarms --
hoch, hoch oben. Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne noch
nicht. Doch -- einen einzigen. "Wie bist Du denn eigentlich darauf
gekommen?" fragte Edvard und wandte sich um. Ole blieb gleichfalls
stehen. Er nahm seinen Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen,
ob er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort -- da steckte noch mehr
dahinter -- und zwar war _das_ das Wichtigste. "Kannst Du's nicht sagen?"
fragte er, als wenn es ihm ganz gleichgültig sei. -- "Oh doch -- ich
_kann_ schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand in die andere
zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt konnte Edvard nicht länger an
sich halten; er fing an, Ole ordentlich deswegen zu quälen, was diesem
auch ganz lieb war -- doch immer noch überlegte er. "Es ist doch nichts
Böses?" -- "Nein, etwas Böses ist es nicht." Nach einer Pause fügte er
hinzu: "Im Gegenteil -- eher was Großes -- etwas wirklich Großes sogar!"
-- "Etwas wirklich Großes?" -- "Eigentlich das Größte in der Welt!" --
"Nanu!" -- "Wenn Du's bloß nicht weitersagen wolltest! Keiner
Menschenseele! Hörst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erzählen!" --"Also
-- Du -- was denn?" -- "_Ich will Missionär werden_!" -- "Missionär?" --
"Ja -- Heidenmissionär! Ein richtiger, für die Wilden, weißt Du, die
Menschen fressen!" Er sah -- viel mehr konnte Edvard nicht ertragen;
deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas über Zyklone, wilde Raubtiere
und giftige Schlangen hinzuzufügen: "Auf so was muß man sich einüben,
siehst Du!" -- "Einüben? Gegen reißende Tiere und giftige Schlangen?"
Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich zu finden. -- "Das Schlimmste
sind die Menschen!" sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind nämlich
ganz fürchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und bös, und grausam.
So ohne weiteres hinrennen -- das hat keinen Sinn. Man muß Übung haben."
-- "Aber wieso kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine Heiden --
die im Dorf?" -- "Das nicht. Aber man lernt doch allerhand auch bei
ihnen. Zimperlich darf man nicht bei ihnen sein -- im Gegenteil, die
ärgsten Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank ist und
querköpfig, so ist er meist auch voller Mißtrauen; manche sind geradezu
bösartig. Denk bloß, neulich abends hat ein Weib mich sogar hauen
wollen." --"Hauen?" -- "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte es tun;
aber sie hat bloß geflucht." Oles Augen glühten; sein Gesicht war
verzückt. "Hier, in einem Traktat, den ich in meinem Korbe hab', steht,
es sei der Fehler unserer Missionäre, daß sie hinausgingen, ohne sich
erst zu üben. Denn es sei eine große Kunst, Menschen zu gewinnen, steht
da. Sie zu gewinnen für das Reich Gottes, das sei die schwerste aller
Künste. Und eigentlich müßten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen
an darauf einüben; so steht geschrieben, und das will ich tun. Denn
Missionär sein -- siehst Du -- das ist doch das Höchste auf Erden. Das
ist mehr als König sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in
dem Traktat. Und es steht auch darin, ein Missionär habe gesagt: Und
hätte ich zehn Leben, ich gäbe sie alle zehn hin für die Mission ... Und
das will ich auch."

Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne es zu wissen, den
aufleuchtenden Sternen zugekehrt. Beide standen eine Weile so und
starrten in die Luft. Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in
verschwommenen Umrissen, die Brücken, niedrig, schwer; die Stadt mit
ihren verstreuten Lichtern; weiter draußen der Strand, wollgrau von
Schnee, und daneben das schwarze Meer; hier unten hörte man es wieder,
wenn auch schwächer; das einförmige Tosen verfloß mit dem sternbesäten
Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten unsichtbare Fäden hin und her;
Gefühle knüpften sich an. Von keinem andern wünschte Ole so sehnlich,
gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner leichten Pelzmütze
vor ihm stand; und Edvard dachte, wie viel besser doch Ole sei als er.
Denn daß er selber gräßlich war, das wußte er; das hörte er ja alle
Tage. Er sah seitwärts auf den Bauernjungen; -- die tief über die Ohren
gezogene Zipfelmütze, die großen Fausthandschuhe, der plumpe Schal, die
weite Friesjacke, die breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen
Stiefel --nur -- die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige
Gesicht, wenn es auch ein bißchen altklug war ... Ole wird einmal ein
großer Mann werden!

Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter zur
"Vorstadt". So hieß der Stadtteil, der an den "Berg" stieß und im
wesentlichen aus Arbeiterhäusern, Werkstätten und kleineren Fabriken
bestand. Ordentliche Straßenanlagen oder Beleuchtung gab es hier noch
nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher Morast, der in
der Abendkälte gerade zu gefrieren begann. Die paar Laternen, die
vorhanden waren, hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern quer
über die Gasse gespannt waren, und hinauf- und hinuntergezogen werden
konnten. Sie waren schwarz von Qualm und daher äußerst schlechter Laune.
Hier und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine Laterne,
die über der Haustreppe hing. Unter einer solchen Laterne blieb Edvard
stehen. Er mußte wieder etwas fragen. Nämlich -- wer es eigentlich sei,
dessen Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide kannten?
Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die Treppe und stützte sich mit der
Hand darauf. Er lächelte: "Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja,
die kannte die ganze Stadt; eine tüchtige Frau; aber sie trank; und oft
hatten die Schuljungen am Samstagabend ihren Jux mit ihr, wenn sie, an
eine Mauer gelehnt, dastand und sie ausschimpfte und sich schließlich
umdrehte und zum Zeichen ihrer Hochachtung -- na ja, wie das Zeichen
aussah, läßt sich nicht gut beschreiben! Aber die Bengels warteten bloß
darauf; und die Sache wurde stets mit Jubelgeheul begrüßt.

"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst Du bekehren?" --
"Still doch! Nicht so laut!" bat Ole. Er war flammend rot geworden und
sah sich erschrocken um. Edvard wiederholte flüsternd: "Glaubst Du,
irgend ein Mensch könnte die bekehren?" -- "Ich glaube, ich bin auf dem
besten Wege!" flüsterte der andere geheimnisvoll. -- "Du mußt schon
entschuldigen -- aber ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der
Mund verzog sich zu einem Lächeln. -- "Wart' nur erst und hör' mich an!
Du weißt doch, im Winter ist sie auf dem Glatteis hingefallen und hat
sich bösen Schaden getan?" Jawohl, das wußte er. -- "Seitdem liegt sie
im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen. Sie ist doch so
bösartig und kratzbürstig. Gegen mich war sie anfangs widerwärtig --
kaum zum Aushalten war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und
jetzt heißt es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein Lämmeken', 'mein
Goldsöhnchen', 'mein gutes Kind'. Denn ich habe sie umgebettet und
Kleider und Essen und Bettzeug für sie gesammelt, und die ärgsten Dinge
für sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends Miene gemacht,
mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen wollte, und ihr krankes Bein ihr
dabei wehtat. Sie schrie wie besessen und hob ihren Stock gegen mich;
aber dann nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz fürchterlich und
warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt ist sie wieder ganz sanft, und
neulich hab' ich's sogar gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." -- "Der
Marte von der Werft?" -- "Die Bergpredigt. Und daß Du's nur weißt -- sie
hat geweint." -- "Geweint? Hat sie's denn verstanden?" -- "Nee, sie hat
so geweint, daß sie nicht viel davon gehört hat, glaub' ich. Aber die
Bibel war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen, als ich das
Buch nur herauszog."

Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen Hammerschläge und in
der Ferne eine Dampfpfeife; dann von der Gasse gegenüber das leise
Weinen eines Kindes. -- "Hat sie was gesagt?" -- "Sie sagte, sie sei
viel zu schlecht, um so was anzuhören, hat sie gesagt. Und ich erklärte
ihr, daß dem lieben Gott gerade die Geringsten die liebsten wären. Sie
tat aber, als höre sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch
einmal beim Wäscher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." --"Beim
Wäscher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mußte wieder "Psst!" sagen; der
Wäscher-Lars war nämlich ihr guter Freund. -- "Du kannst mir's glauben,
der ist die ganze Zeit über furchtbar nett gewesen. Im Wäscher-Lars
steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend kommt er und hilft ihr.
Heut Abend ist er früher gekommen als sonst, darum konnt' ich gehen;
sonst bleib' ich viel länger." -- "Hast Du ihr noch öfter vorgelesen?"
-- "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen an; aber heute,
glaub' ich, hat sie was gehört. Denn wie ich ihr das vom verlorenen Sohn
vorlas, sagte sie: ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" -- Beide
Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich doch nicht. Dann
wollte ich versuchen, zu beten. Ach, das nützt ja doch alles nichts!
sagte sie. Aber als ich dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz
verdreht, weißt Du, gerad' als ob sie sich fürchte, und sie richtete
sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen --unter keinen
Umständen! Und dann legte sie sich wieder hin und heulte." -- "Es wurde
also nichts?" -- "Nein, und dann kam der Wäscher-Lars, und sie sagte,
ich solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat? Glaubst Du nicht,
daß ich auf dem besten Wege bin?" -- Edvard war nicht so ganz sicher.

Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen Knax bekommen.

Bald darauf trennten sie sich.


2

In den höheren Schulen herrscht bisweilen ein Geist, der dem Geist der
Stadt, in der die Schule liegt, völlig entgegengesetzt ist; ja, in der
Regel steht die Schule in gewissen Stücken unter ganz selbständigen
Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Schüler in seinem Bann zu
halten, ebenso wie es oft von einem Kameraden oder von ein paar abhängt,
ob unter den Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil, ein
Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht. In der Regel übernimmt
irgend ein einzelner die Führung. Auch in sittlicher Hinsicht ist das
so. Die Knaben arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder haben
mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken.

Gegenwärtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise die Oberleitung in
Händen. Einen so gelehrten Schüler hatte die Schule seit ihrer Gründung
nicht gesehen; er war ein Jahr länger geblieben als nötig, nur um der
Schule den Glanz eines unzweifelhaften =prae ceteris= zu verschaffen.
Die Knaben waren unglaublich stolz auf ihn. Bewundernd erzählten sie,
wie er die Lehrer in der Gewalt habe, und daß er seine Stunden nach
eigenem Belieben wählen und kommen und gehen könne, wie es ihm gerade
passe. Meist arbeitete er für sich. Er besaß eine Bibliothek, deren
Regale längst die Wände so angefüllt hatten, daß sie jetzt den Fußboden
entlang krochen. Ein langer Bücherständer stand auf jeder Seite des
Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten darüber um, daß sogar die
kleinsten Jungens ihn besuchen und mit eigenen Augen sehen mußten. Und
mitten drin, am Fenster, saß er selber und rauchte, in einem bis auf die
Füße reichenden Schlafrock, dem Geschenk einer verheirateten Schwester,
auf dem Kopf eine Samtmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an
den Füßen gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer Patin. Er war ein
Damenprodukt -- wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fünf ältliche
Verwandte bezahlten seine Bücher, kleideten ihn und versahen ihn mit
Taschengeld.

Ein großer, kräftiger Bursche mit einem regelmäßigen, feingeschnittenen
Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts. Es wäre schön gewesen,
wenn es nicht Glotzaugen und einen gierigen und lauernden Ausdruck
gehabt hätte. Ähnlich sein wohlgebauter Körper: er hätte einen
stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht vornüber gebückt gegangen
wäre, als drücke eine Last seinen Rücken, und einen ungleichmäßigen Gang
gehabt hätte. Hände und Füße waren zierlich; er konnte nicht leiden,
wenn man ihn anrührte, war verfroren und zimperlich und hatte einen
durchaus weiblichen Geschmack.

Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er, Großes und Kleines,
ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied war, so bestand er darin,
daß das Kleine ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm;
sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in das Vertrauen
eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten aus dem ganzen Land,
auch solche aus fremden Ländern kannte er. Diese Geschichten zu erzählen
-- am liebsten Skandalgeschichten -- und in aller Stille noch andere
einzuheimsen -- das war ihm des Daseins größte Wonne! Hätten die Lehrer
geahnt, wie diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all ihrem
Inhalt die Luft der Schule verdarb -- sie hätten ihn schwerlich noch ein
Jahr dabehalten. Die ganze Schule war nichts als Kritik und Zweifel;
Klatsch und Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst führten;
schlüpfrige Geschichten waren die Festunterhaltung. Gierig nach Neuem
saß er inmitten seines Rauchgespinstes zwischen seinen Bücherregalen,
wenn jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend kam und
erzählte, nun wisse er, wohin Ole gehe und was er treibe, und nun wolle
er seine Prämie, da stand Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick
zu warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann wollten sie sich
einen vergnügten Abend machen.

Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes halbes ebenso; und
dann erzählte Edvard. Erst, daß Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege.

Anders war ungefähr ebenso paff, wie Edvard vorhin, als er die Bibel
sah. Edvard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so äußerte
Anders einen leisen Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas
weismachen wollen, um sich leichter aus der Patsche zu ziehen; dahinter
stecke etwas. Bauernjungen seien immer Heimlichtuer. Und zum Beweis
erzählte er ein paar ganz amüsante Geschichtchen aus der Schule. Edvard
gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um ein Ende zu machen (er
war im Grunde furchtbar müde), berichtete er, sein Vater wisse alles, er
sei damit einverstanden und unterstütze Ole mit Geld. Jetzt zweifelte
natürlich auch Anders nicht länger. Aber trotz allem -- es konnte etwas
dahinterstecken; Bauernjungens seien nun mal solche Heimlichtuer.

Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von seinem Sitz auf und
fragte, ob Anders etwa glaube, daß einer von ihnen lüge.

Anders trank ruhig einen Schluck Bier und ließ vorsichtig seine
Glotzaugen rollen. "Lügen" -- hm -- ein sonderbarer Ausdruck. Durfte
man vielleicht wissen, was das für Kranke waren, mit denen Ole sich
beschäftigte?

Darauf war Edvard nicht gefaßt. Er hatte sich vorgenommen, gerade soviel
zu sagen, als nötig war, um die Prämie zu bekommen, und kein Wort
darüber. Er stand wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so
möge er's bleiben lassen; aber seine Prämie wolle er.

Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu brechen, was Edvard auch
recht gut wußte. Natürlich sollte Edvard das Buch haben. Aber nun müsse
er erst mal eine amüsante Geschichte hören, wie sich die Kranken draußen
im Fischerdorf aufführten. Der Armenarzt und seine Frau seien gestern
bei seiner Mutter gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der
Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen habe. Ob sie
noch immer von ihrem Fall im Winter bettlägrig sei? Ja freilich; und sie
litte keine Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise
alles, was sie brauche, und der Wäscher-Lars bringe ihr Abend für Abend
Schnaps, so daß sie sich manch liebes Mal einen recht fidelen Schwips
ansäuselten. So bald stehe die gewiß nicht wieder auf.

Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. War etwa die Marte von
der Werft eine von denen, denen Ole "half"? Ja, es ließ sich nicht
leugnen.

Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese Beute aufzunehmen.
Edvard sah, wie sie eingesogen und verschlungen wurde, und ihm war, als
sinke er selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. Aber
wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht verträgt, so ist es, sich
gefangen zu sehen in seiner eigenen Arglosigkeit. Er beeilte sich, den
ehrenrührigen Verdacht, als ob er das Lächerliche an Ole Tufts Vorhaben
nicht durchschaue, von sich abzuwälzen. "Und denk Dir --aus der Bibel
hat er der Marte vorgelesen!" -- Ihr aus der Bibel vorgelesen? Wieder
wurden die Glotzaugen ganz groß, um zu schlingen; aber schnell zogen sie
sich wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schüttelte sich
geradezu; und Edvard mit.

Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte vom verlorenen
Sohn; und Edvard erzählte, was Marte gesagt hatte. Sie lachten um die
Wette und tranken den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders
liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das
Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Hals
kitzelt -- --es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus -- zu endlos
neuer Heiterkeit. Und Edvard mußte alles erzählen -- und noch ein
bißchen mehr.

Als er später mit dem Prachtband unterm Arm nach Hause lief, hatte er
ein scheußliches Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte
ihn nicht mehr, und der gekränkten Eitelkeit war Genüge getan. Aber kaum
war er an der frischen Luft, da glaubte er auch schon Oles gute Augen
vor sich zu sehen. Er wollte das Gefühl abschütteln; er war so
entsetzlich müde; heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen --
ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.

Doch am nächsten Morgen verschlief er die Zeit; er konnte nur gerade
noch in die Kleider springen -- und davonrasen -- mit einer Buttersemmel
im Mund und einem flüchtigen Gedanken an "=Les trois mousquetaires=",
die jetzt ihm gehörten; heut nachmittag würde er sie lesen. In der
Schule schlug er sich mit Hängen und Würgen von einer Stunde zur andern
durch; er konnte keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade immer
so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor Schulschluß war er
vollauf in Anspruch genommen; dann kam Französisch und Naturgeschichte;
von den beiden Fächern war er dispensiert. Und nun ging's die Treppe
hinunter, vor allen andern.

Wie er vor der Tür des Schulhauses stand, kam eben Anders von der andern
Seite her. Der hatte jetzt eine Stunde in der obersten Klasse.
Augenblicklich fiel Edvard der gestrige Abend ein, und es packte ihn
ein Schrecken, was Anders jetzt wohl erzählen würde. Fast in derselben
Sekunde aber erblickte er zwischen zwei Landungsbrücken ein Ungetüm von
einem Dampfer, einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen näherte.
Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, sagten die Leute,
die vorüberliefen. Mastlos, mit zerbrochener Schanzverkleidung, mit
gestützten Schornsteinen, bis oben voll gespritzt von weißem Gischt, nur
eben noch fähig, sich fortzubewegen -- so kam es angezogen. Vielleicht
im Schlepptau eines andern Dampfers --Edvard konnte der Brücken wegen
nichts sehen. Alles rannte hinunter; und er mit.

Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben als er öffnete,
leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt stürzte die Treppe hinunter
in den Hof -- wie durch einen langen Trichter. Ein Orkan in einem
Riesenbauch --. Das Haus erdröhnte. Zuerst ein vereinzelter scharfer
Schrei -- die jubelnde Ichverkündigung des Ersten -- dann ein Gemisch
von Diskant- und Altstimmen -- dann gebrochene Übergangsstimmen, die in
einer etwas dunkleren Klangfarbe darüber hinwischten -- dann ein
gemeinsames Emporsprühen wie von einem gen Himmel flammenden Feuermeer,
bald ein halbes Erlöschen hier -- bald eine freudig aufschießende
Feuersäule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter Glanz über dem
ganzen Hofe.

Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem Feuermeer, mehr wie
durch gefahrvolle Brandungen getragen, gewiegt -- hin und her gespült --
von einem Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. Er wollte
sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem Bretterhaufen am Zaun des
Nachbars; dort war es still; und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt,
sich's ein bißchen bequem machen.

Nachdem er sich diese Rückenstütze gesichert und mit seinen Glotzaugen
vorsichtig ausgespäht hatte, ob die Luft auch rein sei, glitt sein Blick
zufrieden über die Menge hin; er genoß das reizvolle Gefühl der
Gewißheit, diesen ganzen Aufruhr durch bloße drei, vier Worte -- seinem
Nachbar ins Ohr geflüstert -- dämpfen zu können. Wie Öl auf eine tobende
See würden sie wirken, und der Lärm würde verstummen, sobald die paar
Worte über ihn hinflossen. Wo war Ole? Da --ein großer Junge hielt ihn
gerade gepackt; sie hatten sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten
im Kreis herum; der Große versuchte den Kleinen zu Fall zu bringen und
half mit dem Fuß nach. Oles schwere Stiefel zappelten in der Luft; die
eisenbeschlagenen Absätze blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der
andere wurde immer wütender und aufgeregter, ohne ihn doch werfen zu
können.

Da beugte Anders sich zu dem ihm Zunächststehenden herab: "Jetzt weiß
ich, was Ole Tuft jeden Abend treibt." -- "Ach, Quatsch!" -- "Doch, ich
weiß es." -- "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" -- "Edvard Kallem." --
"Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" -- "Freilich." -- "Nee -- so
was! Edvard Kallem!"

"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?" fragte jetzt ein Dritter.
Und der Zweite, der es eben gehört hatte, berichtete sofort. Ein
Vierter, ein Fünfter, ein Sechster schoß fort: "Edvard Kallem hat die
Prämie gewonnen! Anders Hegge weiß jetzt, was Ole Tuft jeden Abend
treibt!" Und überall, wo die Worte erklangen, verstummte der Lärm; alles
wollte hören, alles stürzte auf Anders Hegge zu.

Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen, so wurden auch die
andern drei Viertel aufmerksam. Was in aller Welt mochte dort an dem
Bretterhaufen los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten
sich um Anders, sie kletterten auf den Holzstoß, so viel ihrer überhaupt
Platz hatten. "Was ist los?" -- "Edvard Kallem hat die Prämie gewonnen!"
-- "Edvard Kallem?" Wieder loderte es auf. Alle fragten -- alle
antworteten --alle, außer Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad ihn
losgelassen hatte.

Dann wurde es mäuschenstill. Anders Hegge erzählte. Das war sein gutes
Recht; er hatte dafür bezahlt. Er erzählte gut, in einer klaren,
trockenen Art, die allem einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh.
Erst erzählte er, wo Ole sei und was er da treibe -- daß er die
Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage, ihr das Essen koche
und nach der Arznei in die Apotheke laufe; dann -- _weshalb_ er das tue;
er wolle Missionär werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten
üben; er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und wenn dann Ole
fort sei, komme der Wäscher-Lars mit Schnaps, und dann tränken sich die
beiden, Marte und Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen
Schwips an. Zuerst standen die Jungens ganz starr -- so was war ihnen
noch nie vorgekommen! Sie faßten es in der Hauptsache als eine Art
Zeitvertreib auf, und so, wie es erzählt wurde, konnte es gar nicht
anders aufgefaßt werden. Aber Missionär und Bibelvorleser spielen? Das
hatten sie noch nie gehört. Es war lustig, aber zugleich auch noch etwas
anderes; was? -- darüber waren sie sich im Augenblick nicht klar. Da
niemand lachte, ging Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall
gekommen? Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein Apostel werden
wollte; und das war viel, viel mehr als König werden, oder Kaiser, oder
Papst; das hatte Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu
werden, mußte er "Gottes Wege" finden, und Gottes Wege -- nun ja, die
begannen dort unten bei der Marte von der Werft. Dort wollte er sich
üben, Wunder zu tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen
Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu gebieten. Jetzt brach
das Gebrülle los. Doch gerade in diesem Augenblick läutete es; die
Jungens konnten nur eben noch, sich vor Lachen schüttelnd, an Ole
vorüberstürmen.

Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tuft in einen bodenlosen
Abgrund geblickt; das war an dem Wintertag, als er am Grabe seines
Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg poltern
hörte. Die Luft war voll treibenden Nebels, und das Meer wie Blei.
Alles, was er an Leid kannte, führte dorthin zurück; auch jetzt stand er
wieder dort; auch jetzt hörte er wieder die Kirchenglocke von damals.
Gerade als das hohle Dröhnen auf den Treppen und Gängen verhallt, der
letzte Nachzügler verschwunden, die letzte Tür geschlossen und mit
einemmal alles so still war -- da, durch das Schweigen, durch die Leere,
vernahm er eine Glocke -- bimbam, dingdang -- und plötzlich war er auch
schon draußen, vor der geteerten Holzkirche am Strand; die langarmigen,
alten laublosen Birken an der Mauer und die ehrwürdige Tanne vor dem
Portal rauschten; Glockenklänge, schrill, dünn, kamen dahergewankt, und
die scharfen Erdschollen auf dem Sarg schlugen ihm Wunden fürs ganze
Leben. Das unaufhaltsame Weinen der Mutter -- sie hatte es
zurückgehalten bis jetzt -- keinen Laut bis dahin -- nicht am Bett,
nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit einemmal -- ach, nicht
einzudämmen mehr! ... O Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er
brach in Tränen aus.

Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden nicht folgen; und er wollte
überhaupt nicht mehr in die Schule. Auf das hin konnte er keinem von
ihnen mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt bleiben. In
zwei Stunden würde jedermann es wissen und gaffen und fragen und
grinsen. Und das, was er vorhatte, war ja jetzt auch entweiht für ihn;
wozu noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch nicht. Nein --
nur heim, heim, heim!

Aber wenn er länger hier stehen bliebe, so würden sie bald einen aus der
Klasse herunterschicken, um ihn zu holen; er mußte gleich fort --. Nicht
erst nach Hause zur Tante; dort hätte er erzählen müssen. Nicht durch
das große Tor und über die Hauptstraße; die war immer so voll von
Menschen, und er sah so verheult aus! Nein, er mußte durch das kleine
Schlupfloch fort, das Josefine ihm zurechtgemacht hatte, und durch das
sie ihm jeden Nachmittag hinaushalf, ohne daß die Jungens es sahen.

Das Holz war gegen des Nachbars Bretterzaun aufgestapelt; aber zur
Rechten lehnte der Stapel an einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole.
Er löste zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen ging, kroch
hindurch und machte hinter sich wieder zu. Dieses Kunststück wäre
unmöglich auszuführen gewesen, wenn nicht zwischen Schuppen und
Bretterstapel ein freier Raum gewesen wäre; und ein solcher befand sich
dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines großen Steines, der
höher war als der Knabe und ein Stück von der Wand weg stand. Wäre der
Stein nicht gewesen, so hätte die zweite Holzschicht sich an die erste
angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des
Steins und darüber ein freier Raum. Und hier hatten die Kinder sich
Stuben eingerichtet, eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst.
Die hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum Sitzen, und wenn
es auf beiden Seiten in den Holzstapeln festgemacht war, so konnten die
Kinder zur Not sogar aneinander vorüber. Oben drüber hatten sie Bretter
gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand Verdacht schöpfe; es war
ein tüchtiges Stück Arbeit gewesen für die zwei. Allzu hell war es ja
nicht gerade; aber das trug just dazu bei, es recht gemütlich zu machen.
Hier erzählte sie ihm von Spanien und er ihr von den Abenteuern der
Missionäre, sie von Stiergefechten, er von Kämpfen mit Tigern und Löwen
und Schlangen, von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden Affen
und Menschenfressern. Seine Erzählungen hatten nach und nach die ihren
übertrumpft; sie waren reicher und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie
lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie nur zu
ergattern vermochte, und bei allem war er selber im Mittelpunkt der
Dinge. So lange schilderte er, und so glühend, bis auch in ihr die
Sehnsucht erwachte, im Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte
sie ein paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, daß Frauen
Missionäre würden? Das wußte er nun zwar nicht; es war sicherlich doch
bloß Männerarbeit, das Missionieren; aber Frauen von Missionären konnten
sie werden. Ob denn die Missionäre verheiratet seien, fragte sie. Er
nahm das zunächst als dogmatische Frage. Einmal habe er seinen Vater
darüber in einer Versammlung reden hören; irgendeiner habe Zweifel
darüber geäußert; denn Paulus, den man ja doch den ersten und größten
Missionär nennen müsse, sei nicht verheiratet gewesen, ja, er habe sich
dessen sogar gerühmt. Aber der Vater habe erwidert, Paulus habe
geglaubt, Jesus werde bald wiederkommen, und darum habe er sich beeilen
müssen, überall umherzuwandern und das zu verkündigen, auf das die
Menschen sich bereithalten sollten. Die Missionäre von heute dagegen
müßten im Gegenteil auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu
gehörten doch wohl auch Frauen. Er habe selber von Missionärsfrauen
gelesen, die Schule für kleine Negerkinder hielten.

Weiter war keins von den beiden gegangen; aber daß _sie_ doch ganz im
geheimen daran dachte, ging deutlich aus einigen Fragen hervor, wie z.
B., ob es wahr sei, daß die Negerkinder Schnecken äßen? Das behagte ihr
nicht.

Und inmitten dieses Halbdunkels -- ihr brauner und sein blonder Kopf
dicht zusammengesteckt über atembeklemmenden Abenteuern -- hatten sie
unter Palmen gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle waren
sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger gab es da, die sich dicht
vor ihren Füßen im Sand wälzten; gutmütige Affen bedienten sie,
Elefanten trugen sie behutsam, die Bäume hingen voll der Nahrung, deren
sie bedurften.

Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal zu sehen und Abschied
davon zu nehmen.

Eben hatte er sich aufgerichtet, um über den Stein zu klettern, als ihm
einfiel, heut sei Samstag. Samstag von elf Uhr ab hatte sie frei (sie
hatte Privatunterricht), und da setzte sie sich oft während der großen
Pause der Knaben hinter die Holzstapel.

Wenn sie jetzt eben dort säße! Wenn sie alles gehört hätte! Schnell
hinauf auf den Stein, und richtig -- da saß sie unten auf dem Brett und
sah zu ihm hinauf.

Ihr bloßer Anblick und mehr noch die Art, wie sie seinem Blick
begegnete, ließ ihn von neuem in helle Tränen ausbrechen. "Ich -- will
-- heim!" schluchzte er, "und nie -- nie wiederkommen!" Und er ließ sich
zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an, gab ihm
schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich vor den Mund halte, um
sich durch sein Weinen nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und
sie wußte, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er gehorchte, wie immer,
ihrer überlegenen Führung in den Dingen, die zur guten Erziehung
gehören; nur daß er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige
Geschnäuze, und so schnäuzte er sich denn und weinte, und weinte und
schnäuzte sich. Da packte sie ihn hurtig mit ihrer derben
Kleinmädelfaust im Nacken, mit der andern umspannte sie mit festem Griff
seine Hände mitsamt dem Taschentuch und preßte ihm das in den Mund;
während sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen Kopf unheilverkündend
dicht vor seinem Gesicht schüttelte. Jetzt begriff er! Es war auch die
höchste Zeit; denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen, wieder
und wieder, in Zwischenräumen und aus verschiedenen Richtungen. Es fiel
ihm entsetzlich schwer, das Weinen zu unterdrücken, so daß er am ganzen
Körper zitterte; aber er hielt es zurück. Hielt es zurück, bis sie den
Kameraden, den man nach ihm ausgeschickt hatte, wieder hinaufstürmen
hörten. "Ich -- will -- heim!" fing er dann gleich wieder an und heulte
von neuem drauflos -- er konnte nicht anders. Dann gab er ihr das
Taschentuch zurück, nickte, stand auf und zog die Planken in des
Nachbars Bretterwand weg -- immerzu laut schluchzend und in tiefstem
Entsetzen. Kaum waren die Planken weg, so war er auch im Loch; das auf
der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil und die glänzenden,
eisenbeschlagenen Absätze schoben sich weiter und weiter hinein, bis sie
verschwanden. Auf der andern Seite stand er auf, drängelte sich zwischen
der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu ein paar alten
Balken, die da lagen und vermorschten; von dort eilte er zur Hintertür,
und erst, als er draußen, auf freiem Grund und Boden, in einem engen
Gäßchen stand, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Josefine Lebewohl
zu sagen; ja, daß er sich nicht einmal bei ihr bedankt hatte. Auch das
noch, zu all dem andern Unglück! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp
zur Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er auf Umwegen
die Landstraße erreicht hatte. Der gehörte so gewissermaßen zu seinen
Schildknappen, der alte Strandweg.

Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle, wo die
Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht lange. Sie sprang auf den
Stein, glitt an der Wand wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch
hindurch und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich darauf
erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte nach ihrem Bruder; erst
in der Apotheke selbst, wo er sich am liebsten aufhielt; aber da war er
nicht; er hatte nicht einmal seine Schulbücher abgegeben. Dann
durchsuchte sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht; aber vom
Fenster aus sah sie den großen fremden Dampfer, umringt von zehn, zwölf
Booten; natürlich, da war er! Also rasch hinunter zur Brücke. Sie machte
ihr eigenes kleines weißgestrichenes Boot los und schoß hinaus.

Sie ruderte, daß ihr der Schweiß von der Stirn lief, ruderte und blickte
sich um, bis sie das schwere Wrack erreicht hatte, das grüne Ungeheuer,
das dort lag und unter den Pumpen stöhnte. Weit draußen sah sie Edvard,
die Schulbücher unterm Arm, oben auf der Kommandobrücke stehen, im
Gespräch mit seinem Freund Rojert Mo.

Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen. Er und sämtliche
Umstehenden hörten es. Die letzteren sahen ein braunhaariges Mädel, die
Ruder in der Hand, glühend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und
nach der Kommandobrücke starren; sie besannen sich einen Augenblick, was
das wohl bedeuten könne, und vergaßen es dann wieder; Edvard aber gab es
einen Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen; und wie der
Wind war er von der Kommandobrücke herunter, auf Deck, darüber weg, an
der andern Seite des Dampfers hinab -- und über die andern Boote in
ihres geturnt, das er gleichzeitig abstieß. "Was ist los?" Die Bücher
legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die Ruder aus der Hand und
setzte sich. "Was ist los?"

Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie da und sah ihn an,
während er das Boot drehte. Dann stieg sie über das mittlere Sitzbrett,
machte das zweite paar Ruder los und setzte sich ihm gegenüber auf die
hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes Mal zu fragen, und
ruderte drauflos; und nun fing sie, die Ruder über Wasser haltend, an:

"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde blaß und rot; auch er hielt jetzt
die Ruder hoch.

"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause und kommt nicht
wieder."

"Ach was, Du lügst!" Aber seine eigene Stimme widersprach ihm. Er ahnte,
-- sie redete die Wahrheit. Er schlug aus Leibeskräften die Ruder ins
Wasser und ruderte, als wolle er hinter ihm drein.

"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!" Sie selber fing
an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst ihm gleich nach, und wenn's bis
nach Store-Tuft ist! Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in
der Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" -- "Halt's Maul, Du!" --
"Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht augenblicklich nachsetzt und ihn wieder
mit nach Hause bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, -- verlaß
Dich drauf!"

"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du, daß Du's nur
weißt!" -- "Hättest bloß hören sollen, wie Anders Hegge und die ganze
Schule sich aufführten; alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle -- und
wie der arme Bengel geweint hat, als würde er ausgepeitscht -- und dann
schnurstracks heimrannte! Pfui, schäm' Dich! Wenn Du ihn nicht wieder
mitbringst, so wirst Du mal was erleben!" -- "Schafskopf! Siehst Du denn
nicht, daß ich schon rudere, was ich nur kann!" -- Seine Nägel wurden
weiß, sein Gesicht quoll auf, er beugte sich jedesmal fast bis auf den
Boden, um möglichst weit auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren,
setzte sie sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls
tüchtig in die Stangen.

Als er an der Brücke aufstand, um anzulegen, sagte er: "Heut morgen hab'
ich nicht mehr frühstücken können, und jetzt krieg' ich auch kein
Mittagessen. Hast Du Geld bei Dir, daß ich mir ein paar Brezeln kaufen
kann?" -- "Ja, ein paar Pfennige hab' ich", und sie zog die Ruder ein
und holte das Geld heraus. "Nimm meine Bücher!" rief er und sprang
davon. Bald darauf war auch er draußen auf der Landstraße.


3

Der Tag war nicht ganz klar gewesen; eine Unruhe war in der Luft, die
Wolken jagten in anderer Richtung als der leichte Südwind. Es war mild
und taute wieder. Die Wege waren jämmerlich, voll Schneeschlamm und
Schmutz, besonders hier, in der Nähe der Stadt, war alles zu einem Brei
zusammengetrampelt und -getreten.

Der Junge war noch nicht zehn Minuten unterwegs, als seine etwas dünnen
Stiefel auch schon von Wasser vollgesogen waren. Na, das machte nichts!
Schlimmer war es mit der letzten Brezel; denn satt war er nicht, nicht
im entferntesten! Aber auch das machte nichts. Er würde Ole schon bald
einholen; er war schneller zu Fuß, war beweglicher, und er legte ganz
gehörig los. Wenn er ihn nur erst eingeholt hatte -- in Ordnung bringen
würde er die Sache schon, daran zweifelte er keinen Augenblick. Ole war
verträglich, und er, Edvard, würde bei den Jungens für ihn eintreten;
das zum mindesten war er ihm schuldig. Und ihm selber machte es überdies
Spaß; er würde schon noch ein paar von den andern auf seine Seite
bringen, und dann sollte es eine Schlacht setzen!

Doch als er eine ganze Viertelmeile gegangen war, ohne in diesem Matsch
auch nur eine Spur von Oles Stiefeln, geschweige denn von ihm selber zu
entdecken, als er sich gar eine halbe Meile vorwärts geschleppt hatte,
durch die scheußlichste Unwegsamkeit, mit patschnassen Füßen,
abwechselnd schweißtriefend und eiskalt, dann wieder halbtrocken und
wieder schweißtriefend --dazu drohte Regen und Sturm, und die Landschaft
war schauerlich einsam mit ihren langen öden Bergrücken und den
dazwischenliegenden Wäldern -- da sank sein Mut bedeutend.

Und dann -- sonderbar! Nach der ersten Viertelmeile begegnete er keiner
Menschenseele mehr. Spuren sah er genug auf dem Wege, von Pferden und
Menschen und Hunden; alle liefen sie in derselben Richtung wie er, und
die meisten waren frisch. Aber keine Menschenseele war zu erblicken,
nicht einmal in den Gehöften; keinen Hund hörte er bellen, keinen
Schornstein sah er rauchen; wie ausgestorben war alles. Eine leere Bucht
nach der andern; vorspringende Bergrücken, durch Geröll oder Erdrutsche
gebildet, trennten sie; immer wieder eine Bucht, und an jeder Bucht ein
Gehöft oder mehrere, und ein Fluß oder ein Bach; aber nirgends ein
Mensch. Ach, wie oft war der Junge schon einen kahlen Hang
hinangeklettert und oben weitergewandert, bis er die nächste Senkung
überschauen konnte, ohne Ole auf der Landstraße zu erblicken, ohne
überhaupt eine Menschenseele zu erblicken! Er merkte wohl, er würde,
ausgehungert und müde, bis hinaus nach Store-Tuft traben müssen. Das
war fast eine Meile. Dann blieb er zu lange aus, der Vater würde es
erfahren, es setzte dann doch Hausarrest und Verhör und Schelte und
Schläge, vielleicht kam's auch gar noch vor den Rektor, und die ganze
Geschichte ging noch einmal von vorn los ... Er war dem Weinen nahe.
Dieser verdammte Anders Hegge mit seinen lüsternen Fischaugen und seinem
fetten Lächeln bei allem, was ihm behagte! Und die lauernde
Freundlichkeit, das kitzliche Lachen, das Geklatsche -- o pfui! So ein
Scheusal! Und dafür mußte er hier mit schmerzenden Füßen, müde und
verzweifelt, durch den Schmutz stapfen! Das also hatte seine
entsetzliche Angst gestern abend bedeutet! Das war's gewesen!

Ach was, zum Teufel mit dem Geflenne und der Kopfhängerei! Einmal mußt
du ja hinkommen, und Schläge hast du schon mehr als einmal gekriegt!
Trallalla! Und er fing an, ein lustiges spanisches Lied zu singen, sang
Vers für Vers -- kam außer Atem -- mußte langsam gehen, und erschrak
doch, als er seine eigene Stimme nicht mehr hörte. Also ein neues Lied
-- und wieder einmal hinauf -- den ganzen langen Steinhang.

Auch da kein Mensch, bloß Wagenspuren und Fußspuren von Erwachsenen und
Kindern und Pferden und Hunden aus den Gehöften drunten. Alle vorwärts
laufend. Was war denn los? Eine Feuersbrunst? Auktion? Dazu hätten sie
nicht das Fuhrwerk mitgenommen. Vielleicht irgendwo ein Bergsturz? Oder
ein großes Schiffsunglück gestern? Ach, ihm konnte das eigentlich gleich
sein! Gerade, als er über den nächsten Bergrücken klettern wollte, der
eine lange Nase in den Fjord hinausstreckte, sah er zum erstenmal Oles
Spuren; da war er am Wegrand entlang gegangen; er kannte die
eisenbeschlagenen Absätze, ebenso die Holzflecken unter jedem Fuß. Die
Spuren waren ganz frisch; jetzt konnte Ole nicht mehr weit sein! Das gab
ihm neue Kraft. Er lief wacker drauflos.

Ein hoher Tannenwald umfing ihn; alles war still. Als er beim Steigen
mit Singen aufhören mußte, wurde ihm ganz unheimlich zumute. Je höher
er kam, desto dichter wurde der Wald; der Schnee lag fester, Steine und
Heidekrautbüschel guckten neugierig daraus hervor wie Tiere. Und dann
raschelte es hier und knisterte es dort, und irgendwo schrie es; ein
großer aufgescheuchter Vogel flog mit entsetzlichem Flügelschlag auf;
der Junge suchte schweißtriefend nach Oles Fußtapfen, um sie nicht zu
verlieren; die Angst von gestern war plötzlich wieder über ihm. Wenn
er's doch über sich brachte, recht draufloszurennen! Wenn der Wald doch
ein Ende nehmen wollte! Während der unverantwortlich langen Stille nach
dem Auffliegen des Vogels hatte er schließlich das Gefühl: wenn jetzt
bloß noch das winzigste Bißchen dazu komme, so würde er verrückt! Und
der Hohlweg, durch den er mußte! Schon ganz von weitem starrte er
hinein, zwischen die hohen, schwarzen Wände; als ob sie über ihm
zusammenklappen wollten -- sahen sie aus; von oben hingen ein paar
unheimliche Bäume darüber und spähten lauernd hernieder. Als er endlich
drin war, kam er sich wie die allerwinzigste kleine Ameise im Walde vor:
wenn sie bloß stillständen, bis er vorüber war -- wenn bloß keiner sich
auf einmal von oben herunterbeugte und ihn beim Kragen packte, oder
dicht vor ihm oder dicht hinter ihm sich fallen ließ -- oder ihn anwehte
... Er ging mit starren Augen -- wie ein Nachtwandler; die
Kiefernwurzeln zogen sich krumm und verwittert über den lehmigen Pfad
hin ... und alle lebten sie ... Aber nein ... Er tat, als merke er
nichts ...

Ganz fern, hoch oben in der Luft, flog ein Vogel nach der Stadt, aus der
er kam ... Ach! Wer auf seinem Rücken säße! So deutlich sah er die
Stadt, die Schiffe im Hafen, hörte die frohen Weisen, das helle
Ankerrasseln ... das Dröhnen an den Brücken ... den herzensfrohen Lärm
und Spektakel ... die Kommandorufe ... Nanu ... da hörte er ja _wirklich_
Kommandorufe ... Und eine Schiffspfeife ... und noch eine ... eine ganz
derbe ... Und Stimmen! ... Jawohl ... Stimmen ... und dazu
Pferdegewieher! Und Hundegekläff! Und wieder Stimmen und Stimmen! Er
war aus dem Hohlweg heraus, -- ganz kurz war der gewesen! -- und
zwischen den Bäumen hindurch schimmerte die See ... und Schiffe ... Was
war denn das? War er denn wieder in der Stadt? War er im Ring
herumgelaufen? Er war doch immer am Strand entlang gegangen! Er fing an
zu rennen, in Sätzen -- -- Freilich, jetzt kannte er sich wieder aus!
Ja, wahrhaftig, er war immer nur geradaus gelaufen! Und da öffnete sich
der Wald ... und die Bucht ... die hatte er doch schon einmal gesehen?
Und auch die Inseln erkannte er wieder ... Er war auf dem richtigen Weg
... nun war's nicht mehr weit bis Store-Tuft! ... Aber was taten denn
diese Boote da? Was bedeutete dies gleichmäßige, ununterbrochene Gelärm?
Ein Fischzug! Hurra! Ein Fischzug! Mitten in einen Fischzug war er
hineingeraten! Hurra! Hurra! Vorbei aller Hunger, alle Müdigkeit, alle
Furcht! In langen Sprüngen setzte der Junge den Hügel hinunter.

Eins der Netze war eben an Land gezogen, eins stand ausgespannt im
Wasser, eins wurde eben eingeholt. Von allen Seiten strömte es herbei.
Aber es war Samstagabend, es hieß warten, bis zum Sonntagabend, um die
unzähligen gefangenen Fische auszunehmen. Auf den ersten Blick hatte er
das begriffen.

Der ganze Strand war voll Menschen, bis hinauf zur Straße, zu beiden
Seiten, Leute überall, immer mehr Leute. Wagen und Schlitten
durcheinander standen da, mit und ohne Fässer und Tonnen, Pferde vor-
oder ausgespannt -- Hunde zu Haufen; überall junges Volk, und Lachen und
Lärm ... Und draußen, in der Bucht, Boote um die Netze ... die Netze,
die eingeholt werden mußten, und ein Geschrei und ein Spektakel, und
hoch in den Lüften ein Vogelschwarm, naseweise, kreischend,
flügelflatternd -- bis weit hinaus.

Der Himmel ward dunkler, der Dampferqualm machte die Luft noch düsterer
und drohender, die nackten Inseln paßten zu dem heraufziehenden
Unwetter: sie sahen aus, als seien sie eben erst emporgestiegen; die
bewaldete Klippe weit draußen ragte geheimnisvoll, einsam im
Regenschauer empor; die Dampfer rauchten und kreischten und fauchten und
pfiffen um die Wette um sie her; die reinen Konkurrenten.

Die Männer stampften in Flößerstiefeln umher, Ölmäntel über ihrem
gewöhnlichen Anzug; andere trugen -- mehr nach Bauernart -- Frieswams
und Pelzmütze. Die Weiber, dicke Tücher über der gewohnten Kleidung oder
in Männerröcke eingemummt, arbeiteten mit den Männern um die Wette beim
Ausnehmen der Fische; der gewohnte stille Verkehrston war wie
ausgewechselt.

Schon fielen vereinzelte schwere Regentropfen, die dichter und dichter
wurden. Fast alle Gesichter, in die Edvard sah, waren durch und durch
naß. Er wurde ordentlich begafft: ein schmächtiges Stadtjüngelchen, --in
solch einem Treiben -- leicht gekleidet -- mit triefendem Gesicht --
außer Atem, die dünne Pelzmütze platt an den Kopf angeklebt!

Aber wen sah er da vor sich? War das nicht Ingebret Syvertsen, der
lange, schwarze Kerl, der mit Vater Kallem Geschäfte machte? Dort stand
er nun und feilschte -- lang und hager -- in Öltuch gewickelt von Kopf
bis zu Füßen. Der war tüchtig mit dabei gewesen! Wie Silberschimmer lag
noch der Gischt über ihm! "Grüß Gott, Ingebret!" rief der Knabe froh.
Der lange Kerl mit dem nassen Gesicht unter dem Südwester, einen großen
herabhängenden Tropfen an der Nase, mit seinem dünnen schwarzen Bart und
den drei Zahnlücken im Oberkiefer, erkannte ihn auch sofort und lachte;
dann rief er: "Dein Vater ist auch unterwegs, Jung'! Zu Pferde!" --
Irgend jemand sprach in diesem Augenblick Ingebret an; er drehte sich
um, wurde ärgerlich und verwickelte sich in viele Worte; und als er sich
wieder dem Jungen zuwandte, sah er ihn schon weit draußen, hinter dem
ganzen Fischertreiben, auf der Straße.

Edvard war in hellem Schreck davongelaufen ... und erst jetzt, auf der
Straße, fiel's ihm ein -- er lief ja dem Vater geradenwegs in die Arme.
Ob er überhaupt Store-Tuft noch erreichen konnte, bevor er den Vater
traf?

Aber -- was sollte er tun? Gesehen hatten sie ihn, alle diese Menschen;
und sie hatten ihn derart angestarrt, -- sie würden's schon
herauskriegen, wer er war! Und wenn der Vater vorüberkam, würde er's
auch erfahren! Wozu also noch lange durchbrennen! Haue jetzt gleich --
oder Haue später -- das kam auf eins heraus. Fast wollte er wieder
anfangen zu singen. Denn ärger als es war, konnte es doch nicht werden.
Und wirklich -- er setzte auch ein, und zwar die Marseillaise auf
Französisch -- die paßte just für einen, den Schläge erwarteten ...!
Hurra! Aber er war noch nicht mit dem ersten Vers zu Ende, als ihm auch
schon das Herz in die Hosen sank. Die Stimme versagte, und auch der
Takt, und alles hatte auf einmal eine ganz andere Farbe. Ach, und wie
sauer ihm das Gehen wurde! Es regnete jetzt tüchtig. Der Gesang wurde zu
abgerissenen Strophen, bis er ganz aufhörte. Die Gedanken des Knaben
hatten sich verfangen in etwas, das er kürzlich in der Zeitung gelesen
hatte: die Überschwemmung einer großen Kohlengrube in England. Die
Menschen waren davongestürzt, so schnell sie nur konnten, und die Pferde
hinter den Menschen her; dort unten wußten sie sich nicht selber zu
helfen. Die armen Tiere! Ein Junge hatte sich retten können, und der
erzählte, wie ein Pferd hinter ihm hergekeucht war; der Junge war
hinaufgeklettert, das Pferd konnte nicht mit ... Edvard sah das Tier
ganz deutlich vor sich, den Kopf, die schönen glänzenden Augen, er hörte
das Schnauben und Wiehern, und jedesmal machte es ihn ganz krank. In
solchem Entsetzen sterben -- das war etwas! Und all das sollte am
jüngsten Tag wieder auferstehen! Was da wohl alles aus den Eingeweiden
der Gruben und Eingeweiden der Erde hervorkommen würde! Weshalb sollten
die Tiere nicht auch mit dabei sein? Sicher traten sie auch vor und
wieherten und klagten die Menschen an! Du großer Gott, mußten das
Anklagen werden! Und so viele -- wenn man bedachte -- von der
Erschaffung der Welt an! Und wo waren sie alle zu finden? Auf der Erde
und unter der Erde und --und die Wesen, die im Meer lagen, auf dem
Grunde der See? Und die Geschöpfe, die wieder unter ihnen lagen? Denn an
vielen Stellen war ja Land gewesen, wo jetzt See war. Ach ja!

Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht länger schnell
gehen, und er war durch und durch naß.

Viel Ursache, sich nach dem Ziel seiner Wanderung zu sehnen, hatte er ja
auch gerade nicht. Er kannte die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte
hatte er selber aus der Welt spediert; aber hätte er gewußt, daß die
neue noch schlimmer ausfallen würde -- er hätte die alte vermutlich noch
ein paar Jahre länger leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch
unter den Nägeln, und seine Finger wurden steif. Und die Füße! An die
durfte er gar nicht erst denken; dann würden sie nämlich noch schlimmer;
horch, wie es in den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spaß, die
Füße kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte von rechts nach
links und von links nach rechts; aber es machte ihn nur müde. Immer
zäher und zäher ging's, immer mühseliger wurde es; jetzt kam wieder eine
Steigung. Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht Store-Tuft in der
nächsten Senkung? Dicht am Fuß der Anhöhe? Natürlich, das war die
Tuft-Niederung! Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und wenn
es auch nur ein Aufschub war -- es war doch immerhin etwas!
Donnerwetter! Es war schon der Mühe wert, sich zu beeilen! In den Jungen
kam neues Leben. Frisch drauflos!

Übrigens -- der Vater war nicht bloß streng! Er war auch gut. Besonders,
wenn Josefine zu Edvard hielt und ein gutes Wort für ihn einlegte. Und
das würde sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher zu ihm.
Sie würden versuchen, auch den Apotheker zu gewinnen. Er war furchtbar
nett, der Apotheker, und es war auf alle Fälle gut, Hilfstruppen zu
haben, so viel wie möglich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...?

Da tauchte der rote Pferdekopf über der Hügellinie auf! Die großen
Strohschuhe, die der Vater im Winter als Steigbügel benützte, standen zu
beiden Seiten des Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge
wurde zu Stein und stand still.

"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen Sattelzeug
heraus Edvard an; er traute seinen eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater
erging es augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der grauen
Wollmütze streckte sich weiter und weiter über den Pferdehals vor, bis
er sich mit beiden Händen auf den Sattelknopf stützen mußte. Dieser
pudelnasse Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf -- der dort, blaß und
erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der Straße stand -- war das der
Junge, der um diese Zeit zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen
sollte, bevor er sich überhaupt rühren durfte? Am Samstag nachmittag? In
solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und so leicht gekleidet -- hier
draußen auf dem Weg nach Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "Hölle und
Teufel, was treibst Du hier?"

Das Pferd blieb stehen; der warme Atem füllte die Luft rings um den
Jungen und hüllte ihn in Nebel und einen unangenehmen Schweißgeruch.
Edvard vermochte sich nicht zu rühren, wagte nicht zu antworten. Er
starrte bloß durch den Nebel blöd und dumm zum Vater auf; zuletzt wußte
er gar nichts mehr von sich.

Unverzüglich stieg der Vater ab, und gleich darauf stand er, die Zügel
um den linken Arm, die Peitsche in der rechten Hand, vor ihm. "Was
gibts, he? Woher kommst Du? Hölle und Teufel, wirst Du wohl antworten!"

Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zurück; der Vater ihm nach;
und ebenso mechanisch hob der Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu
schützen; den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt. "Wo
willst Du hin?" -- "Zu Ole Tuft." -- "Was willst Du da? He? Ist Ole Tuft
zu Hause?" -- "Ja." -- "Was willst Du bei ihm?" -- "Ich will -- ich will
-- --" --"He?" -- "-- ihn um Verzeihung bitten." -- "Um Verzeihung?
Nanu? Na? He?" -- Und die Peitsche fuhr in die Höhe. Der Junge beeilte
sich: "Er will nicht mehr in die Schule kommen." -- "So? Eklig gegen ihn
gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" -- "Ja." --"Also Deine Schuld,
was? He?" Er kreischte. -- "Ich hab' 'rausgekriegt --" Der Junge
stockte. -- "Was?" --"-- -- daß er ... daß er ..." Er fing an zu weinen.
"-- He?" -- "... daß er Kranke pflegt." -- "Und hast's weitergesagt, he?
Gepetzt? He?" Edvard getraute sich nicht zu antworten, und nun begann
die Peitsche eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt mit
der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie zielte. Er wich immer
weiter zurück. "Stillgestanden!", schnarrte es. Statt dessen sprang der
Junge mit einem Satz bis unmittelbar an den Rand des Straßengrabens.
Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter ihm erhielt, ohne
daß er es wußte, einen tüchtigen Hieb und zerrte so heftig, daß der
Vater fast umgerissen wurde. Edvard vermochte beim besten Willen der
überwältigenden Komik dieser erlösenden Unterbrechung nicht zu
widerstehen; er fing schallend zu lachen an, erschrak aber gleich, als
er es selber hörte, so unsinnig, daß er über den Graben wegsprang und in
den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den Rücken gedreht hatte,
konnte er sich nicht mehr halten, er mußte wieder lachen, und wußte das
durch nichts Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul.

Die Verachtung des Vaters für den Jungen war grenzenlos. Er selber wurde
dadurch ganz kaltblütig, brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich
in den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit der Peitsche nach
Store-Tuft. Weitere Abrechnung folgt, wenn wir dort sind! dachte der
Junge.

Er gehorchte selbstverständlich und kam eiligst --bis auf einen
gemessenen Abstand vom Pferd. -- Und diesen Abstand hielt er auch
unverändert ein. Das Pferd schritt schnell aus, so daß es nicht ganz
leicht war.

Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd den Sohn erbarmungslos
vor sich her durch den Schneeschlamm, trotzdem die Füße des Jungen
wundgelaufen waren -- man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem
er erfrorene Hände hatte -- er steckte sie ab und zu in den Mund;
trotzdem er bis auf die Haut durchnäßt sein mußte -- die Pelzmütze
klebte am Kopf wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber saß trocken,
in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der Hand die Peitsche, mitten
im Gesicht den großen Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand,
der den Aufzug gesehen, hätte ahnen können, daß dieser gestrenge Herr
keinen höheren Wunsch hegte, als den Jungen, den er da so wütend vor
sich hertrieb, lieben zu können.

Aber um einen Menschen lieben zu können -- dazu gehört, daß er so ist,
wie wir wolle -- nicht wahr? Und wenn nun das der Junge nicht wollte?
Und wenn Kallem an Mißgeschick nicht gewöhnt war? Das erste ernstliche
Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, war der Tod seiner Frau gewesen,
und ganz kurze Zeit darauf kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie
alle im Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau, seinem
Geschäft und seinem Sport und seinen stillen Büchern -- er war nämlich
ein eifriger Leser; nichts hatte ihn je gestört oder geplagt. Das
Geschäft besorgte der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das
Haus besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging ohne
Störung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte --bis zum Tode der
Frau.

Aber dann!

Weder er noch andere konnten anfänglich die unerwartete Veränderung
begreifen, die mit ihm vorging. Manche meinten, der Verlust seiner Frau
habe ihn verrückt gemacht; er selber meinte, das spanische Klima sei zu
warm für ihn; er müsse fort, er müsse nach Hause. Der spanische
Geschäftsführer stimmte sofort bei; es war nämlich eine ganz
ausgezeichnete Spekulation, das Hauptgeschäft nach Norwegen zu verlegen
und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen sie denn auf --
vor nunmehr etwa einem Jahr.

Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war, daß der Vater das
erstemal sich vergaß -- übrigens auch ein zweites, und unglücklicherweise
ein drittes, viertes, fünftes, sechstes Mal -- immer war's der
Junge!--brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht. Im
warmen wie im kalten Klima -- der Junge war immer gleich eklig!

Bald kamen auch aus der Schule Klagen über ihn; dann aus der Apotheke,
wo sie bei Kallems altem Freund zur Miete wohnten; dann von den Leuten,
von den Nachbarn, von den Landungsbrücken. Vielleicht mußten auch andere
Eltern Klagen anhören über ihre Jungens; vielleicht waren die Leute in
dieser Gegend überhaupt schnell mit Klagen bei der Hand; davon wußte
Kallem nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wußte er: sein
Sohn war der begabteste Junge in der Schule; das versicherte ihn ein
Lehrer nach dem andern; er wußte ferner, daß es dem Sohn auch im übrigen
an nichts fehle, weder an Gemüt noch an Willen; nur --er war so
gleichgültig und selbstzufrieden, mochte sich immer nur amüsieren,
mochte in alles, was ihn nichts anging, seine Nase stecken, war
gleichzeitig dreist und doch feig, ein schändlicher Spottvogel und
grenzenlos unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld
bringen; und nun gar Kallem, der überhaupt keine Geduld hatte.

Dieser schmächtige, geschmeidige Krabat, der da mit feigen Seitenblicken
auf das Pferd und die Peitsche vor ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in
seines Vaters Leben gebracht. Nicht allein, daß er ihn im tiefsten
Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bisweilen seine
Ohnmacht fühlen lassen -- bis zur Hilflosigkeit; in solchen Augenblicken
hätte er den Jungen am liebsten in Stücke geschlagen.

Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen, flehen. Noch in
dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn ins Gebet genommen, hatte mit den
eindringlichsten Worten die schmähliche Angst des Knaben zu bannen
versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erzählungen aus der
Naturgeschichte erklärt, wie alle Prophezeiungen vom Untergang der Welt
nur Erfindungen seien, Lügen... Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" --
und glaubte kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das
Unwetter losbrach, war er wie verrückt gewesen -- und auf und davon in
der jammervollsten Todesangst! Und heute trifft er ihn hier, auf offener
Landstraße, eine Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz
--selbstverständlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er den bravsten
Jungen der ganzen Schule, einen kleinen Kerl, über den Kallem sich manch
liebes Mal gefreut und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner
kleinen Mission unterstützt hatte, wenn Josefine ihm davon erzählte; --
und obendrein...

"Sieh mal an! Hölle und Teufel! Ob er nicht zu allem hin noch lacht!"
dachte er, während er dabei tat, als sehe er es nicht. Und worüber
eigentlich? Na ja, über das Pferd da hinter ihm, mit "Hölle und Teufel"
auf dem Rücken -- und die Peitsche -- und die gleichmäßigen schweren
Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp -- -- schwapp-schwapp -- --
schwapp-schwapp! Und das alles wuchs nach und nach ins Maßlose, wuchs
an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten Etwas wurde ...
Der Junge versuchte hastig, an etwas anderes zu denken, -- er stürzte
sich kopfüber in die englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser
füllte -- er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte. Aber er
kam nicht bis zur Grube hinunter; nichts als die helle Landstraße und
"schwapp-schwapp -- schwapp-schwapp" -- und Hölle und Teufel, und die
Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb Beinen --
hi-hi-hi!

"He?" schrie es hinter ihm.

Der Laut rieselte dem Jungen den Rücken hinunter wie ein spitzes Stück
Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft.

Dicht am Fuß der Böschung lag es, die sie eben hinab mußten. Es bestand
aus ziemlich vielen Gebäuden, deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab.
Auf der andern Seite lärmte der Fluß, mit Mühle und Sägwerk. Die Inseln
draußen und die Landspitzen zu beiden Seiten schlossen die Bucht so
völlig ab, daß das Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten
Rändern. Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um sämtliche
Gebäude Obstgärten, zum Teil recht ansehnliche.

Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf --endlich! Dort kochte
die Mutter das Mittagmahl für Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren
wurden übermächtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht nach einer
warmen Stube und trockenen Kleidern und Heimweh nach seiner Mutter und
der Heimat in Spanien hätte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber
dann dachte er daran, wie der Vater wieder sagen würde: "Hölle und
Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang er sich.

Ängstlich blickte er nach dem Hof.

Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten zu -- ein rot
angestrichener, zweistöckiger Holzbau mit weißen Fensterrahmen. Dahin
steuerten sie, der Knabe immer voran, der Vater hinterdrein.

An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof; gegenüber lagen die
Ställe für das Vieh -- Schafstall, Kuhstall, Pferdestall -- alles unter
einem Dach. Die Gebäude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur
Scheune; gegenüber der Holzschuppen und die anderen Wirtschaftsgebäude.
Auf dem Hof standen Ziegen und knabberten Tannennadeln, umschwärmt von
Spatzen in unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar vor
der Kornscheuer statt.

Jetzt erblickten die Ziegen die Ankömmlinge. Sie hoben die Köpfe und
streckten die Hälse, alle auf einmal, Augen gespannt, Ohren gespitzt,
starr, den letzten Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs
äußerste. Bloß der Bock kaute weiter, während er den beiden schwerfällig
und gleichmütig entgegensah. Der Spatzenschwarm schwirrte geräuschvoll
davon.

Zwischen der Giebelseite des Hauptgebäudes und dem Stall hielt der Vater
und stieg ab. Der Junge war schon drin und begaffte das Scheunendach,
das beschädigt war und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch
nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher mit auf den
Fischzug gegangen; die Leiter stand noch auf ihrem Gestell gegen die
Scheune gelehnt. "Halt!" rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und
wandte sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem Schleifstein
festzubinden, der an der Giebelwand des Hauptgebäudes lehnte. Der Junge
sah zu. "Merkwürdig, wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er trat
vor und deutete mit der Peitsche nach der großen Steinschwelle vor dem
Hauseingang; dahin sollte der Junge vorangehen. Das tat er denn auch.
Erst kam er an einem Gitterschlitten vorbei; zwei Kätzchen spielten
zwischen den Sprossen, eins innen, das andere außen. Die Fenster, an
denen sie vorbeikamen, gingen so tief herunter, daß sie durch die ganze
Schlafstube, die auf der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann
ebenso in die Wohnstube sehen konnten. Da saß Ole, in einem weißen Hemd,
das ihm bis auf die Füße reichte, am Herd mit hochgezogenen Beinen;
neben ihm stand, über ein paar Töpfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen
hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg über die Schwelle und hinein in den
Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch, alter und frischer, und ein
Geruch von etwas, was er nicht kannte, entgegenströmte. Wieder deutete
der Vater voran -- nach rechts; auch links war eine Tür, eine
feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er nicht hinein. Na,
dachte der Junge, soviel hätt' ich auch gewußt, daß wir irgendwohinein
wollen, wo Menschen sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte
seine steifen Finger auf die Klinke und drückte.

Der Herd war in der Ecke links, dicht an der Tür. Und große Augen
machten sie, die zwei, die da saßen! Oles Krauskopf guckte nur eben aus
Vaters blauweißem Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich
hochgewachsen und hatte feine Züge. Sie trug eine schwarze Haube. Das
blonde, mit Wasser glattgekämmte Haar schmiegte sich um die Wangen,
wodurch ihr Gesicht lang erschien. Sie richtete sich von ihren Töpfen
auf und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle beide kannte. Ihr
Gesicht war ernst, doch freundlich; ein bißchen ängstlich schien sie,
oder unsicher; die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so
richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine Kleider samt Hemd und
Strümpfen hingen an einer Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt
war, zum Trocknen; auf dem andern Gestänge lag Holz und allerlei sonst.
Ringsumher Hausgerät und Geschirr, wie immer am Werktag.

Die Stube war nicht gemalt, sondern vertäfelt; unter den Fenstern zu
beiden Seiten liefen rotgestrichene Bänke entlang; in der Ecke links,
auf der andern Seite des Fensters, stand ein Tisch mit einem Bücherregal
darüber; am Tischende, gleich neben der Kammertür, hing die Schlaguhr;
sie ging so gleichmäßig und unbekümmert, als sei der Unfriede niemals
über diese Schwelle gekommen. Draußen sah Edvard die Kätzchen im
Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs Gitter heraus-, das
andere von außen hineingreifend. Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht.
Ole lächelte; denn auch ihm war bang zumute. Aber die Töpfe!

Die Töpfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der verhungerte und
durchfrorene Edvard. In dem einen kleinen waren Kartoffeln; die waren
schon fertig. Aber zwei hingen noch überm Feuer. Ob Fisch war in dem
einen? Und im andern -- --?

Die Mutter war verlegen; sie wußte nicht, was anfangen. Da standen sie,
unbeweglich, der barsche Mann und der Junge. Gerade als sie die beiden
zum Sitzen auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff
der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was geschehen sei -- he?
Der Bengel komme und wolle um Verzeihung bitten und sich seine Strafe
holen. Das sei notwendig; denn er sei ein böser Junge, bei dem nichts
nütze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten.

"Ach -- aber -- so schlimm ist es doch nicht!" sagte die Mutter mild.
Ihr war ganz angst, und Ole wurde so bläulich bleich wie sein Hemd. --
"Doch! Er soll seine Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung! Und
zwar auf der Stelle -- das rat' ich Dir!" -- Ole fing zu weinen an.
Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er stand auf und sah
die Mutter an. "Da -- --" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus.
Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel legen.

"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche zuckte. "Mutter!"
schrie Ole. Edvard mußte vor. Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht
mehr sehen. So etwas war er nicht gewöhnt. Edvard wich zurück; der Vater
hinterdrein, daß die Sporen klirrten. Edvard lief, in seiner Not, mit
ausgestreckten Händen auf Oles Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole
fing an, aus vollem Hals zu schreien. So großes Mitgefühl war zuviel für
den armen Edvard; auch er heulte los, während er rund um die Mutter
herumlief. Ein solcher Lärm war es, daß die Ziegen wieder, mit dem
Futter im Maul, dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen, die
zurückgekommen waren, schwirrten husch-husch aufs Dach.

Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen den Weg. Mit einem
blitzschnellen Satz war er am Vater vorbei, zur Tür hinaus, die
weitoffen hinter ihm stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten
auseinander. Und der Junge -- die Leiter hinauf -- und aufs Dach. Sobald
er oben stand, fing er an, die Leiter nachzuziehen. -- "So ein Bengel!
So ein Bengel!" schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" -- Und
fort war er.

Sobald der Sohn ihn kommen sah, ließ er die Leiter fahren, daß sie
polternd herunterfiel. Der Junge selber lief wie eine Katze das Dach
hinauf, bis zum First, guckte sich um und balancierte da, als hätt' er
sein Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt fühlte er augenscheinlich
keine Schmerzen mehr in den Füßen!

Des Vaters Angst überstieg alle Grenzen. "So pass' doch auf, Du! Pass'
auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du wohl machen, daß Du 'runterkommst!
Und zwar auf der Stelle! Mach', daß Du 'runterkommst, Du Lümmel!" Und er
rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und drohte hinauf.

"Fällt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof hinunter! Jawohl!"

"Bengel! Bist Du toll? Hölle und Teufel! Willst Du's wohl bleiben
lassen!"

"Ja, wenn Du mich nicht haust!" -- "Ich verspreche gar nichts!" -- "So?
Du versprichst gar nichts?" Und der Junge kletterte noch ein bißchen
höher hinauf.

-- "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" -- "Also Du versprichst es?" --
"Ich versprech's ja -- zum Teufel! Willst Du machen, daß Du
'runterkommst?" --"Auch nicht an den Haaren reißen -- und nicht hauen --
und nichts?" -- "Ja doch, ja! Mach', daß Du 'runterkommst! Herrgott --
Du rutschst ja aus! Edvard!" -- Er kreischte. -- "Also es gilt --? Du
hast's versprochen?" -- "Junge, wenn ich Dich hier hätte -- Du solltest
-- --" er drohte mit der Peitsche hinauf. "Ja doch -- ich hab's
versprochen! Ich versprech' alles! Pass' auf!" -- "Darf ich bis morgen
hier bleiben?" sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" -- "Ich
antworte überhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!" -- "Also nicht?
Na denn -- --" -- "Du Starrkopf! Du miserabler Bengel!" -- "Also Du
sagst ja?" -- "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens fort vom
Dachrand, Du Satanslümmel!" -- "Du, Vater, eigentlich wär' mir's lieber,
wenn Du zuerst weggingst!" -- "O nein! Das schlag Dir nur aus dem Kopf!
Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder hier unten sehen!" --
Schließlich war das dem Jungen auch recht. Der Vater legte die Leiter
an, und der Junge kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als
bis der Vater ein Stück weit auf den Hof hinaus gegangen war. Und er
hielt sich in gemessenem Abstand, trotzdem der Vater gern mit ihm
geredet hätte und beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht
ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so naß war, und zwang den
Vater dadurch, zu gehen.

Fünf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen strampelnd auf der Diele
-- Edvard in einem gleichgroßen Hemd wie Ole und im übrigen ebenso
unbekleidet; beide waren dabei, ein paar dicke wollene Strümpfe
anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie tragen, und die weit hinauf
bis an den Schenkel reichen. Sie fanden es am bequemsten, das Geschäft
auf dem sandbestreuten Fußboden vorzunehmen. Sie pufften einander in die
Seiten und den Rücken und lachten, als sei all das, was wir soeben
miterlebt haben, schon vor wer weiß wie langer Zeit geschehen. Ole
machte alles nach, was Edvard vormachte; und sie lachten so, daß zuletzt
auch die Mutter mitlachen mußte; dieser Edvard hatte auch die
unglaublichsten Einfälle! Die Strümpfe mußten sie anziehen, damit sie
nicht froren, wenn sie beim Essen am Tisch saßen; denn da gab's keinen
Herd für die Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig, daß
sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das andere Gericht war;
es war Rahmbrei. Das hatte Edvard noch nie gegessen. Ole sollte ein
bißchen vergnügter werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte
die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte in die Hände und
lachte das Essen an.

Aber Ole saß mit einemmal so ernst und still da! Nanu, was jetzt? Die
Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen? Und die Mutter stand vor
ihnen -- auch sie ernst, die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen.
Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und weiter weg,
oder als schöben sich Nebel davor und löschten alles Licht darin aus.
Und dann begann sie, wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen,
langen Tischgebet, in einem einförmigen, leisen Ton, als rede sie still
mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier. Edvard fühlte sich wie
ausgestoßen. Die Verlassenheit, die Angst kamen wieder über ihn, die
alten Bilder, die alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg,
zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter sinken.

Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen, und die Art und
das Wesen der Mutter waren für ihn etwas ganz, ganz Neues; und er
verstand sie nicht, wenn sie so murmelte. Noch lange nachher saß er
still da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange sie aßen,
war er einsilbig; kaum daß er einmal lächelte. Das Essen war eine
Gottesgabe; deshalb mußte Ernst herrschen.

Aber sie aßen denn auch mit Ernst! Die Mutter fragte schließlich, ob es
nicht besser sei, ein bißchen für den Abend aufzuheben. Nein, meinten
sie, dies sei ja doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen
in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer diente; es war dort
schon alles zurecht gemacht; und jetzt wollten sie noch ein Stündchen am
Herd sitzen, dann aber zu Bett gehen.

Die Mutter merkte, daß sie am liebsten allein sein mochten und ließ sie
denn auch allein.

Und dann später in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste Spektakel!
Die Pelzdecken und Federbetten stoben nur so um sie herum; dann wurde es
allmählich ruhiger, und endlich kam es zu einem Gespräch. Ole erzählte,
wie die Jungens sich benommen hatten, und Edvard versprach, er wolle den
und jenen dafür durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber wäre; wenn
der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen" und all dem, so würde er,
Edvard, ihn ordentlich durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse
schon, wer ihm dabei helfen würde; das reine Kinderspiel!

Als sie müder wurden, kam die Sentimentalität; Ole sprach von Josefine,
und Edvard ging auf seinen Ton ein und versicherte, sie sei
unvergleichlich gewesen heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert
war. Und Ole fand das groß. Ja, Josefine hatte etwas Großes; darin
stimmten sie beide überein.

Edvard konnte nicht begreifen, weswegen Ole Missionär werden wollte. Was
zum Kuckuck hatte es denn für einen Sinn, auf wilde Abenteuer
auszuziehen, wo es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte
Pastor werden, und er Arzt, und beide würden sie im selben Kirchspiel
leben. Wäre das nicht famos?

Edvard malte das immer weiter aus; sie würden Hof an Hof wohnen und oft
zusammenkommen, besonders abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der
Vater und der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten sie
sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd dazu halten, und
zusammen ausfahren; das war gemütlicher als allein. Oder sie konnten am
Strand wohnen und gemeinsam ein großes Boot haben -- alles gemeinsam.

Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch Edvard davon
nichts sagte. Aber es war klar, daß sie mit dabei war. Und Ole fand
das so zart von Edvard, und war ihm so ungeheuer dankbar; und das
gab den Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof waltete
und schaltete ...

Also schließlich war er einverstanden; es wurde bestimmt, der eine
sollte Pastor werden und der andere Doktor, und sie wollten
zusammenwohnen. Das letzte, wovon sie sprachen, waren Fischzüge.

Sie hörten noch gewissermaßen die schweren Schritte und die Reden der
Männer, die vom Fischzug heimkehrten, aber sie waren so müde.



Jugend


1

Erstes Paar vor!

Auf dem Land draußen, etwa fünf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte
sich das junge Volk versammelt. Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu
abfallendem Teil sie saßen, war lustig bunt von Sommerkleidern,
besonders von Mädchenkleidern:

"Gelbe, schwarze, braune, weiße,
Grün und violett und blau --"

-- manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; Filzhüte,
Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte Köpfe, Sonnenschirme. Eben stieg
ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Klänge eines
vereinten Männer- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein
eigentlicher Vorsänger; ein junges, brünettes Mädchen in braunkariertem
Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gestützt, und
führte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der
andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen.
In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen,
zur Hälfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt.

Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bündnis unten in der
schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer höher ansteigenden Klippen
überschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem
Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen
worden ist. Die Berge -- wie schwer und stumpf in Linien und Farben --
holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen
schmutzigen Schnees, -- Ungeheuer einer wie der andere.

In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in
fröhlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer
des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest
gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unverschämt Stumpfe und
Rohe -- ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude!

Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das
junge Volk begriff, daß er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das
darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt
gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, daß die Natur den
Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein
will; unter oder oben -- entweder -- oder! Und sie waren oben; denn das
Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte
Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der
sie leben, daß auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene
Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien
ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.

Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die
Menschen, die hier saßen und sangen, geboren und aufgezogen; nein,
ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer
landeinwärts gelegenen Höhen. Kurz vor dem Gesang noch war ein
Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau
wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem
eigenen Innern zu überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange,
strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen spannen lassen.
Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben
jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.

Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den --
wie er da unten rechts, ein bißchen abseits, auf seinen Ellbogen
gestützt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne
Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die
aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; _die_ Stirn muß gute Stöße
ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie
ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein
bißchen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillengläser, oder es
war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der
Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es näher betrachtete, so
wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als
Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend
aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und
schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasaß, voll Ingrimm, und sich
den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, -- -- viel lieber hätte
er sich eine Keilerei gewünscht! -- selbst jetzt flog ein Schimmer von
Humor über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.

Wer etwa zweifelte, der brauchte bloß einen Blick auf die andere Seite
der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bißchen weiter oben,
an einen Baum gelehnt saß. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch
in den Zügen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes
Gesicht, das nicht an der Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder
im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten
Familie. Er ähnelte auffallend den herkömmlichen Abbildungen von
Melanchthon; nur daß vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen
ein bißchen zu hoch geschürzt waren. Die Ähnlichkeit im ganzen --
besonders in Stirn, Augenstellung und Mund -- war so groß, daß er unter
seinen Studienkameraden auch tatsächlich den Namen Melanchthon führte.
Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert;
und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht
kräftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner
Edvard Kallem.

Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne daß
es darum zu einem Zusammenstoß gekommen wäre; heute aber war etwas
geschehen, das zu einer Entscheidung führen sollte.

Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, im Kreis der
Singenden, saß eine hochgewachsene Mädchengestalt in dotterfarbenem
seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen
Falten bis an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern
reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gräser zum Kranze. Man konnte
sofort erkennen, daß sie die Schwester des Siegers sein mußte, nur
dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform -- wenn auch ihre
Stirn verhältnismäßig höher war, überhaupt das ganze Gesicht
verhältnismäßig größer -- zweifellos zu groß. Die scharfe Familiennase
war sanfter gebogen in ihrem regelmäßigen Gesicht; _seine_ schmalen Lippen
waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenmäßig,
die Augen größer --. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei
beiden verschieden; bei ihr -- wenn nicht kalt, so doch verschlossen und
ruhig; niemand hätte so leicht diese tiefen Augen ergründet. Und doch
war auch der Ausdruck bei beiden merkwürdig verwandt. Der Kopf saß auf
einem starken, von kräftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch
die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen
Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit
der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen Körper, wie
überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugeknöpftem
machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und
wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei,
die da miteinander gefochten hatten.

Hervorgerufen war der Kampf durch einen großen, schwarzen Hund; der lag
jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz glänzte
in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten Stöcke ins Meer geworfen und
den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen:
"Samson! Samson!" -- das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem
zu einigen Umstehenden: "Samson -- das bedeutet Sonnengott". -- "Was?"
fragte ein junges Mädchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" -- "Gewiß. Wenn
auch die Theologen sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es ganz
jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu ärgern oder um daran
weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft hörte es zufällig und fragte etwas
überlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht
sagen, daß Samson Sonnengott bedeutet?" -- "Weil dann die ganze
Samsonerzählung nicht mehr als Vorbild für den Christusmythus zu
brauchen wäre." Das Wort saß; und das sollte es auch. Lächelnd,
überlegen sagte Ole: "Samson läßt sich wohl trotzdem als Vorbild
gebrauchen --ob er nun Sonnengott heißt oder nicht!" -- "Ja -- ob er
Sonnengott _heißt_ oder nicht; wenn er aber der Sonnengott _war_?" -- "So?
Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. -- "Das sagt doch der
Name." -- "Der Name? Sind wir etwa Bären oder Wölfe, weil wir nach Bären
und Wölfen heißen? Oder Götter, weil wir nach Göttern heißen."
Verschiedene aus der Gesellschaft hörten das mit an; jetzt kamen auch
andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an
sie.

"Der Fehler ist," sagte Edvard, "daß in die Geschichten, die von Samson
handeln, überhaupt erst Sinn kommt, wenn man weiß, daß er der Sonnengott
war." --"Ach! Heutzutag müssen ja sämtliche Ahnen und Urgeschichten
aller Völker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein
paar amüsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten.
Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in
Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue
Religion bildete, da wurden unsere eigenen Götter, die ursprünglich
indische Sonnengötter waren, zu Stammvätern; ihre Altäre, an denen das
Volk geopfert hatte, wurden in Grabstätten umgewandelt. Auf diese Weise
wurden auch die alten Sonnengötter der Juden umgewandelt in Stammväter,
als der Jahvekultus sie als Götter verdrängte. -- "So? Und woher will
man denn das wissen?" -- "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie
sinnlos, zu glauben, daß die Stärke eines Menschen in seinen Haaren
liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, daß es die Sonnenstrahlen
sind -- zur Sommerzeit lang, im Schoß des Winters kurz geschnitten --
kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frühjahr hin
wieder wuchsen --nicht wahr? -- da konnte der Sonnengott wiederum die
Säulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem
Aas; wenn wir aber hören, daß es --so oft die Sonne durch ein
Himmelszeichen ging, z. B. durch den Löwen, -- hieß: die Sonne schlug
den Löwen -- ja, dann verstehen wir, daß die Bienen Honig im Aas des
erschlagenen Löwen sammelten, d. h. in der wärmsten Zeit des Sommers."

Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im höchsten Grade
verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, daß er
sie ansah; aber es war nicht mißzuverstehen: was Edvard anfänglich ohne
jeden andern Gedanken als den, ein bißchen zu protzen, begonnen hatte,
das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, daß Josefine zwischen
ihnen stand. "Bei den Ägyptern", erzählte er, "begann der Frühling, wenn
die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging,
und aus Freude über die Erneuerung schlachteten alle ägyptischen
Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die
Juden dies später zu etwas umgewandelt haben, das sie von den Ägyptern
unterscheiden sollte, so ist das eine Fälschung. Gerade wie mit der
Beschneidung; auch die haben sie aus Ägypten. Aber so was verschweigen
die Herren Pfaffen."

Von all dem wußte Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium
hatte sich streng auf die Theologie beschränkt; er hatte auch gar keine
Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich
selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln
abzugeben. Hätte er das nun geradeheraus gesagt, so wäre kaum weiter
etwas daraus entstanden. Aber auch er fühlte, daß Josefine zwischen
ihnen stand und sich bestechen ließ. So begann er voll Hohn alles als
bloße Erdichtung zu bezeichnen, die heute glänzt und morgen zergeht.

Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz
einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen,
daß die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart,
sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der
Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus Ägypten. Ebenso die Gebote. Kein
Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz
offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewußt
haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der Hölle? Woher der
jüngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all
dem nichts gewußt. Die Pfaffen sind -- na, einfach Leute, die nicht
ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine
senkte den Kopf; die Jugend, besonders die männliche, war offenbar auf
Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bißchen über den
angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnüglich.

Ein junger Mann ergoß seinen Spott über die Schöpfungsgeschichte; Kallem
besaß geologische und paläontologische Kenntnisse und wußte sie gut
anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erwähnte bloß
ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die
Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen.
Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von
einem Dogma zum andern; am längsten stritten sie sich über die Lehre von
der Versöhnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, daß noch
nicht einmal die persönliche Verantwortlichkeit des Individuums
existierte, bloß die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt;
jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an,
seinen Glauben zu bekennen. Als ob _das_ was helfen konnte! Behauptungen
-- Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu spät erkannte Ole Tuft, daß
er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein
tiefes Weh; er kämpfte ohne Hoffnung, aber er kämpfte dennoch und rief
es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten
zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach,
sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis
ans Ende der Welt! -- Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? --
Gottes Wort -- das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die
Schöpfung (oho!), der Sündenfall (hört! hört!), der Erlösungstod (hört!
hört! hört!) -- -- --Er schrie, die andern schrien, Tränen traten ihm in
die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und schön.

Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf
dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht
"reinlegen" -- und vor allen Edvard Kallem.

Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit der Sopranstimme.
Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern
fielen nach und nach ein -- die Herren ein bißchen später als die Damen.
Die Gesellschaft bestand zufällig -- bis auf wenige Ausnahmen -- aus
einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem
Fleiß und einer Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen
Stadt möglich ist.

Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen um sie herum. Sie
sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen beschäftigt.

Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so
heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht
beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner hätte nach ihrer
heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung ahnen können, daß
nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Güte war. Und
jetzt, kaum drei Stunden später, saß Ole Tuft da als Ausgestoßener. Wie
weh das tat! Ein plötzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben --
vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos
höhnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr -- keinen Blick!

Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten
einander geschrieben, als er in Kristiania war -- er alle vierzehn Tage;
sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause
war, kamen sie täglich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der
französischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel
eifriger geführt, auch ihrerseits, -- und als sie wieder nach Hause kam
-- so sehr sie sich auch sonst verändert hatte -- im Verhältnis zu ihm
war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen
Studien, so daß er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu
Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann
prophezeite ihm, es würde ganz glänzend ausfallen. Daß man ihn so
unterstützt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch
ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor,
beim Apotheker und auch sonst eingeführt; auch jetzt verschaffte sie ihm
Zutritt überall. Für gewöhnlich war sie wortkarg und manchmal recht
schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverhältnis von unverbrüchlicher
Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr
paßte); aber das gehörte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht
schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein
Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, daß er sie
liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig.
Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein
Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben
sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte
selbstverständlich auch Gott -- aber durch Josefine. Sie war in seinen
Augen das schönste, gesundeste, tüchtigste Mädchen im ganzen Land -- und
sehr reich. Das zählte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger
Träumer gewesen. Nur daß die Träume jetzt nach einer andern Richtung
gingen.

Seine Studienkameraden wußten das recht wohl; sie nannten ihn, außer
"Melanchthon", den "Bischofprätendenten der Fjorde" oder auch den
"Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als
solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand
ihm diese lächelnde Überzeugtheit ganz gut. Außerdem -- er sah so gut
aus -- hatte ein so hübsches, offenes, rosiges Gesicht --; da wirkt der
Ehrgeiz nicht leicht abstoßend.

Und jetzt fühlte er -- er war abgestürzt von seiner ruhigen, lächelnden
Höhe! Jeder, der sich immer sicher gefühlt hat und zum erstenmal eine
gründliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten!
Das Schlimmste war -- Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder
blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Gräser, als sei
er überhaupt nicht vorhanden.

Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, oder als sei er
tatsächlich nicht mehr da. Er saß, ohne zu sitzen, hörte, ohne zu hören,
sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum
Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, aß, trank, schwatzte,
lachte; bloß er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus -- nach
dem jenseitigen Ufer der Bucht -- oder in weite, weite Fernen ... Ein
junger Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien -- daß sie so gar nicht
günstig lägen. -- -- Ein Mädchen mit schrägstehenden Zähnen, roten
Zöpfen und Sommersprossen -- er hatte ihr einmal Unterricht gegeben --
versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das
von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und
fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stieß mit ihm an; sie
erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide
einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fühlte den
Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er
überall Zweifel und Hohn, selbst in der Fröhlichkeit der andern. Edvard
war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles drängte sich um ihn. Ihm
zu Ehren -- er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt -- war ja auch
der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, daß Josefines
Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und hörte, wie die Zusammenstellung
der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem
kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter
sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschließen sollte? Ganz
drüben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen;
sämtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort,
und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem
sonderbaren Gefühl von Angst. Der Lärm tat ihm weh, das Lachen war wie
ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getränk brannte, die
Menschen waren wie Automaten -- das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge
so erdrückend nahe.

Da Windstille eingetreten war, mußte die Gesellschaft zu Fuß nach der
Stadt zurückgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu
marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Gehöften Sommergäste
herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen
schlossen sich ein Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab
es einen Aufenthalt, und jedesmal lösten sich einzelne Gruppen los.
Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. Er konnte die
Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen.

Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards
plötzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das
verletzte religiöse Empfinden ... alles verfloß in dem _einen_ Gedanken,
daß _sie_ nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick;
daß sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich ließ. Das
ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wußte es
und er schämte sich dessen nicht. Sein früherer höchster Erdenwunsch --
Missionär zu werden -- war von ihm abgefallen wie eine Haut, als
Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm
gesagt hatte, er möge doch nur nicht Missionär werden, hatte er
erwidert: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber als
Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine nähere Wirklichkeit
hineinwuchs, da gab er es auf, ohne daß sie auch nur ein Wort darüber zu
verlieren brauchte. Daß es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen
_so_ liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders.

Unter solchen und tausend ähnlichen Gedanken blieb er nach und nach
zurück und bog vom Weg ab in ein Wäldchen ein; dort warf er sich nieder
und wartete, bis die Sommergäste zurück- und vorbeikommen würden. Er
drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, das ihm Wangen und
Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm
... Solch dürftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so
war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen
gelernt; ohne sie war nichts als Schatten.

Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm.

Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekümmert
hatte, während er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr
gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich
gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren!
Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich
zugute schreiben! Denn hätte er's -- ihretwillen -- nicht so
gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen
hatte -- so hätte er mehr gewußt von den Dingen, um die sich's handelte
-- hätte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mußte er um
seiner Treue willen erdulden.

Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr
zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding
gewesen, mit großen schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten
Händen und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenküken"
genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme
Entenküken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb
und trotzig und immer -- drei Schritt vom Leibe. Und dann -- sie war so
oft der Anlaß, daß er Schläge bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu
erzählen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür
verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erzählen. Das
empörte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, daß er
das väterliche Haus verließ. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater
und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte
sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz
regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht
geglückt war, das glückte _ihm_. Der Junge wurde sofort aus der Schule
genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften,
leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge
waren sein Höchstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschließlich
derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen Fächer eignete
er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie möglich an, und nach
der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim
war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte,
und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich
gleich Null. Später nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins
Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem
Apotheker ab. Also kamen auch während der Ferien Bruder und Schwester
nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine
erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen
Bruder gesehen und gehört hatte -- modern in Kleidung und Gedanken,
feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der
weiblichen -- hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits übersah
sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber
sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war
-- wenn auch nur ganz still in einer Ecke.

Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenüber
sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht",
einer "Plappermühle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr
erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekränkt dasaß, sammelte
Ole sich Schätze in ihrem Herzen.

Mit Edvard war eine große Veränderung vorgegangen; seine Neugierde war
zur Wißbegier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig
durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von
denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen,
seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in
Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu
Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht;
auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die
Schwester, die er _jetzt_ sah, die kannte er nicht. Nach der ersten
Begegnung war er ganz von ihr erfüllt.

Schön sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen größter Verwunderung),
sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen
und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern
mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie
mit ihr schwanger ging. Wäre nicht dieses Unnennbare -- die Augen
gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet -- wären
nicht die Augen gewesen, sie hätte unter Spaniern ruhig für eine
Landsmännin gelten können. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte!
Sie sprach gut --lebendig und rasch -- war aber eigentlich wortkarg, und
hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke
Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht
eher scheu.

Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und während der
Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es
sich machen ließ, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob
er sie gern "entdeckt" hätte, und war auf ihrer Hut; aber es
schmeichelte ihr, daß er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und
daß seine Augen stets die ihren suchten.

       *       *       *       *       *

Während Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens
preßte, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den
Bruder hatte tanzen sehen -- mit der und mit jener -- manchmal mehrere
Tänze mit einer und derselben -- und mit ihr bloß eine "Pflichttour".

Und jetzt?

Jetzt war sie Edvards Schwester -- seine geliebte Schwester -- und Oles
und ihre Wege gingen auseinander ...

Weshalb mußte Edvard sich in ein Verhältnis eindrängen, von dem er doch
gar nichts wußte? Sich Rechte anmaßen, die er sich durch nichts verdient
hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer
für sie passe -- und wer nicht?

Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhöhnen in dem, was ihm
Lebenssache war? Und nicht allein ihn -- sondern Gott selber.

Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein
seltsam heller Lichtschimmer -- und in diesem Schimmer stieg etwas
Großes empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es
ihn im Nacken packte, während er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen
gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum --
von dort bis hier --: "Was hast Du aus mir gemacht?"

Ah -- wie plattgedrückt kam er sich vor -- wie in die Erde
hineingepreßt! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem
Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren
heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen Götter haben
neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! -- Und Deine
fleischlichen, Deine eitlen Träume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht
wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" -- -- --

Über ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen.

Es war nicht das erstemal, daß der Ernst des Alten Testaments von den
Höhen auf ihn herniederstürzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All
diese Fragen -- ob "groß" -- oder "klein" -- ob er das "Höchste" wagen
oder sich, wie die andern, mit dem Mittelmäßigen begnügen sollte -- sie
waren ihm nichts Neues.

Doch wenn er dann Josefine wieder traf -- bei guter Laune -- so waren
diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten Händedruck schob
sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden Übergang
strömte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. Nimmermehr hätte
Josefine sich heut von ihm abgewandt, bloß weil der Bruder es wünschte!
Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefaßt hätte, dann hätte sie gerade
entgegengesetzt gehandelt. Nein -- weil er ein Schwächling war, wandte
sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich
nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte
sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den
andern auf dem Hügel gesessen und später, beim Essen, mit einigen
Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie
sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich
sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja
doch treu.... Ganz gewiß! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller
Welt hatte er das nicht gleich gesehen?

Er hätte gern gehabt, daß sie ihm auf eine oder die andere Weise
geholfen oder ihn wenigstens getröstet hätte, ihm gezeigt hätte, wie
leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel
ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war,
und die Leute sie beobachteten.

Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewußtsein dieser
erfreulichen Entdeckung sprang er das Gehölz hinab über den
Straßengraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.

Großer Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie
sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, großen
Blick, bei all ihrer Majestät!...

Der späte Sonnenuntergang hinterließ keine Röte am Himmel; die Nacht war
grau und schlaff, der Weg, am Fuß einer kahlen Anhöhe entlang, anmutlos;
zu beiden Seiten kleine Anwesen, die Häuser auf der Anhöhe, ärmlicher
Kleinbetrieb, da und dort ein paar dürftige Sommervillen, niedrige Bäume
und vereinzelte Büsche.

Er sah es und sah es nicht, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.
Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der
auf die Stadt zuging. Ole mäßigte seine Schritte, um diesen einen nicht
einzuholen, und merkte gar nicht, daß vor dem, der dort ging, einer war,
der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War
das nicht...? Oder täuschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun
auch den Gang, die Figur! Es gab nur _eine_ solche! Josefine kam zurück,
um ihn zu holen! Das sah ihr ähnlich.

"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr großes Gesicht war gerötet,
ihr Busen wogte, die Stimme klang gedämpft, der Sonnenschirm, den sie in
der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah
ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie
unwillkürlich lächelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit
durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem
flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger
Widerschein von Glück und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte
ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorwärts: er
solle gehen.

Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte;
sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie.

Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen,
erweckt leicht das Gefühl von etwas Halberreichtem, -- für die beiden
wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist.
Sie ließ ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren
begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du,
ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..."
Tränen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie
wieder. Und damit waren die Stürme des Tages abgetan.

Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als führe sie einen
Arrestanten. Er fühlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark
und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im
Takt, der elektrische Strom ihrer Nähe trug ihn. Sie waren ganz allein,
und es war ganz still; sie hörten ihre eigenen Schritte und das Rascheln
des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ängstlich
still, als könne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das
einzige Unvollkommene war -- denn etwas Unvollkommenes muß ja immer sein
-- daß er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen und sie in
seinen Arm zu stecken -- auf die allgemein übliche Weise; dann konnte er
sie drücken. Aber er wagte es nicht.

Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, daß kein
Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. -- "Sonst wäre es
heller", erwiderte sie lächelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren
zusammengetroffen, die Klänge hatten sich vermischt und spielten noch
lange miteinander wie Vögel in der Luft.

Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. Während Ole
darüber nachsann, was er das nächste Mal sagen solle, wurde er gerührt
und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als
sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er
davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends;
aber von diesem Elend schrieb sich seine Erhöhung von heute her, heute,
da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm führte....
Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei.

Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz
allein jetzt, wir zwei beiden?" --auf schlauen Umwegen wollte er darauf
zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so
antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz
still. Und plötzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie
es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und
mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei
anzusehen. Sie gingen weiter.

Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; das Takelwerk der
Schiffe floß zu Türmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen
Maste von Zuckerwerkschiffen. Die Häuser in flaumigen Umrissen, fast
farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und
hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener
Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "Möchtest Du
mir nicht etwas erzählen?" fragte sie schnell, als könne sie es nicht
mehr aushalten. Er fühlte sich wie erlöst und fragte, ob er vom -- Licht
erzählen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?

Er fing an; aber er wußte es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie
eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fühlte
er -- er konnte nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem
Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erzählen!" sagte
er. "Du weißt, -- wo wir gestern unterbrochen wurden." -- "Also nehmen
wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. -- "Du magst
nicht?" -- "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das
Vorhergehende wieder gutmachen. So erzählte er denn den Schluß der
Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk,
das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. _Der_ Stoff lag
ihm; seine westländische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas
Schwebendes, die streng schulgemäße Behandlung des Wortes, die den
ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des
Dialekts, paßten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes
Melanchthonantlitz schwärmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte
jedesmal in sein reines Herz.

So kamen sie in die Stadt. Die Erzählung ergriff sie, und beide waren so
eifrig geworden, daß sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand
begegnen könne, oder daß zu beiden Seiten Häuser standen; er redete nur
ein bißchen leiser, und sprach weiter.

Aber als sie sich der Straße näherten, wo seine Tante wohnte, und wo er
hinein mußte, hielt er inne, trotzdem seine Erzählung noch nicht zu Ende
war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein
paar Häuser weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mußte er sich hier von
ihr trennen. Dies Dilemma war übrigens nicht neu.

Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies
"Aneinanderkleben" -- daß einer mitging bis an die Haustür des andern,
wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag -- nie leiden
mögen. Schon seit ihrer Kinderzeit -- weil man sie immer mit ihm geneckt
hatte. Aber sie wußte -- _er_ legte hohen Wert darauf.

Während des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten,
wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier
verabschieden --? Oder --? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war es --
durch die Wiederholung -- etwas Großes geworden. Sie war sich selber
nicht klar über den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie
sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum
Abschied. Sie sah, wie enttäuscht er war. Und um es gleich wieder
gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren großen Augen an, drückte ihm
fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz
anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelübde
fürs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch
gemeint. Für seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und
immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte einen
Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück und ging. Unten wandte sie sich
noch einmal nach ihm um -- dankbar, daß er weder in Wort noch Tat _ihrem_
Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut.

Wenige Minuten später stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um
sich zu Bett zu legen, und überhaupt hellwach. Sie hatte nicht die
geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf
den Dächern -- oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den
Hof hinaus, den großen Schulhof, dessen Abschluß die Turnhalle bildete;
einige Turnapparate standen auch draußen. Von der Straße aus lag das
Zimmer im ersten Stockwerk -- von der Hofseite im Erdgeschoß; hundertmal
war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tür zu
benützen. Sie öffnete das Fenster und verspürte fast Lust, auch heute
wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten
wäre sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand
er nicht. Vielleicht hatte sie ihn bloß deswegen schon oben
verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte.

Bei näherem Überlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof
hinaus. Es geschah nicht selten, daß junge Leute, wenn sie von einer
Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei
an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten
Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am
Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden
-- das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb --
vornübergebeugt -- am offenen Fenster stehen -- -- sah vor sich, was
eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog.

Da hörte sie draußen Schritte -- erst auf der Treppe, dann auf dem
Sandweg, der hierherführte. Sollte das Ole sein --? War er so
sentimental, daß es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn
er es wirklich wäre! Gott gnade ihm, wenn er's war! -- Sie lauschte in
höchster Spannung. Nein -- die Schritte waren zu rasch. Das war -- --
sie fühlte es -- -- dort stand -- -- ihr Bruder ...

Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam
direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war,
streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen
schielten ein bißchen -- das sicherste Zeichen, daß er erregt war. "Gut,
daß Du noch wach bist; ich hätte sonst geklopft." Forschend suchte sein
Blick den ihren; er ließ ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst
gekommen?" -- "Ja, eben erst," -- Sie war plötzlich ganz in seiner
Gewalt; und hätte er sie um das Unmöglichste befragt -- sie hätte
antworten müssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich
Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du wärst
zurückgegangen zu Ole." -- "Ja." -- Er hielt _inne_; seine Stimme
zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" -- Es
dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprühte.
"Ich glaube!" sagte sie.

Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie hätte am liebsten
laut hinausgeweint. War es so töricht, was sie getan hatte? Eine
entsetzliche Angst überfiel sie. Da faßte er mit beiden Händen ihren
Kopf, zog ihn zu sich nieder und küßte sie auf die Stirn. Sie brach in
Tränen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie --
Wange an Wange.

"Na ja -- wenn es nun einmal so ist -- so wünsch' ich Dir alles Gute,
Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann ließen
sie einander los.

"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte
ihm alle beide. -- "Heut, Edvard?" --" -- Ich war ein Narr! Leb' wohl,
Josefine!" Sie machte ihre Hände frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen
und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!"
schluchzte sie. "Nein, nein! Du mußt nicht!... Noch einmal!" -- Und um
ein Ende zu machen, preßte er sie wieder in seine Arme, küßte sie und
ging davon, ohne sich umzusehen.


2

_Zweites Paar vor!_

Im März des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem vor seinem zweiten
medizinischen Examen stand, kamen plötzlich Dinge, die ihn auf ganz
andere Art in Anspruch nahmen.

Und das müssen wir jetzt berichten.

In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen Studien
mehr und mehr sich um die Physiologie kristallisierten, war unter allen
Physiologen der tüchtigste ein junger Student der exakten
Wissenschaften, Tomas Rendalen. Er war etwas älter als Edvard Kallem,
und weil es an und für sich merkwürdig war, daß ein Nicht-Mediziner in
diesem Fach Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit auch
Edvard Kallem, ohne daß dieser sich darum näher an ihn angeschlossen
hätte. Rendalen gehörte auch keineswegs zu denen, die für den ersten
besten zu haben sind.

Erst später, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als sie mit demselben
Dampfer aus den Weihnachtsferien nach Kristiania zurückfuhren, kam es zu
einer Art Annäherung. Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen in
seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich die Nacht über. Und ein
paar Abende darauf, als Rendalen =ihn= besuchte, wanderten sie zwischen
ihren beiden Wohnungen, die übrigens ganz nah beieinanderlagen, auf und
ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so genialer Mensch war Edvard
Kallem seiner Lebtag noch nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen
seinerseits kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der Klinik gegangen
war, dahergestürzt, bloß um zu erklären, von all seinen Freunden und
Bekannten sei Kallem ihm der liebste.

Rendalen war eine ursprünglichere, kraftvollere Natur als Kallem; er war
eine Mischung von Zahm und Wild, von Leidenschaft, Schwermut, Musik,
voll hoher Mitteilungsfähigkeit, aber mit verschlossenen Kammern, die
sich selten oder nie öffneten. Eine grenzenlose Energie -- und dabei
manchmal so von aller Kraft verlassen, daß er überhaupt nicht mehr
weiter konnte; die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad
gesprungen wäre. In der ganzen Charakterlandschaft nicht _eine_ gerade
Linie -- lauter Unebenheiten, und doch über allem das Licht eines großen
Geistes. So unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm die
Enttäuschungen -- die ganze Persönlichkeit war in ihrer Unmittelbarkeit,
ihrer Geradheit so gewinnend, daß man ihn lieben mußte.

Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung, und darin wiederum
auf den _einen_ Kern: jedes Kind über das "gefährliche Alter"
wegzubringen, das auf so ganz ungleiche Art sich äußere. Manche gingen
daran zugrunde; manche trügen Wunden davon, die erst spät heilten; die
mit gesundem Geblüt, unter besseren Verhältnissen Aufgewachsenen,
könnten heil ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl. Alle
Erziehung, aller Unterricht müsse sich auf das eine Ziel konzentrieren:
einen _sittlichen_ Menschen zu schaffen. Das war sein A und O.

Unermüdlich war er im Vortrag seines Unterrichtplans, seiner
Behandlungsweise; im Beschreiben der Schuleinrichtung und des
Zusammenarbeitens mit der Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer
weithin bekannten Mädchenschule an der Westküste, und die wollte er
übernehmen, um seine Pläne ins Werk zu setzen. Sein großes Ziel war die
Simultanschule --Knaben und Mädchen zusammen. Aber erst hieß es, den
Unterricht in allen Hauptfächern reformieren, und zwar so, daß die
Fächer leichter gemacht wurden, und nicht bloß zugänglich für die
Begabtesten. Und das wollte er an der Mädchenschule ausprobieren.

Er besaß eine nicht unbedeutende Sammlung von Schulmaterial aus Amerika
und vielen europäischen Ländern, einen Schatz, den er unablässig
vermehrte. Auch eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein
eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, Vangen, zusammen,
der zu Weihnachten fertig geworden war und sich jetzt auf das praktische
Examen vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam bewohnten,
waren angefüllt mit Rendalens Sammlungen und Bibliothek.

Sein Äußeres war auffallend. Rotes, ins Blonde hinüberspielendes Haar,
das starr in die Höhe stand, Sommersprossen, blinzelnde graue Augen
unter weißen, kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase
breit und leise aufwärts strebend, der Mund zusammengekniffen; kurze,
sommersprossige Hände, jeder Finger voll Energie; nicht groß, aber
vorzüglich gebaut; sein Gang, auf auswärts gerichteten Füßen, war
leicht, als gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er auch
kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den Turnseilen. Auch Edvard,
der immer gern geturnt hatte, wurde durch ihn zu dreifachem Eifer
angespornt; denn Rendalen besaß, wie kein zweiter, die Fähigkeit, andere
für das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft in
dieser Zeit war, auf den Händen zu gehen; und gerade das konnte Kallem
zum Entzücken; dies setzte vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm
hatte, die Krone auf.

Sie hatten viele Berührungspunkte. Beide waren Spezialisten, beide
bedeutend in dem, was sie sich als Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem
Denken, voll reformatorischen Mutes, beide zum äußersten auf ihre Person
bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, --Rendalen legte sogar
übertriebenen Wert darauf. Beide hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel
der Gedanken, das schon errät, wenn erst die Hälfte gesagt ist. Beide
ergänzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen war musikalisch,
war ein Meister auf dem Klavier und sang recht gut. Kallem sang noch
besser, und Rendalen feuerte ihn immer mehr an.

So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab --
er hielt sich gleichzeitig immer in einer gewissen Distanz, über die
niemand hinwegkam. Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an
Vangen sah man recht eigentlich, daß immer eine bestimmte Scheidewand da
war. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedürfnis; er hatte ebenfalls
diese Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.

Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die das Verhältnis
einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. Die
Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; Kallem war
geschmeidiger und fügsamer. Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so
spielte er stundenlang Klavier, spielte, als ob überhaupt niemand im
Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. Überhaupt war er es, der
bei jedem Zusammensein den Ton angab. Er war launisch und hatte lange
Schwermutsperioden, wo nur selten jemand ein Wort aus ihm herausbrachte.
Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschäftigt war, das
seine Seele gefangen nahm, und dann gab er allen den Laufpaß. War er
aber in der mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so war die
ganze Luft um ihn herum mit Elektrizität geladen.

Das medizinische Studium war für Kallem jeden Tag eine neue Entdeckung,
und bei ihren gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie einander
getreulich alles zu -- jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar
waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, so doch sicher
von sechs bis sieben in der Turnhalle. Meist aßen sie hinterher
zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier hatte.

Anfang März kam Rendalens Mutter auf Besuch. Sie wohnte bei den
Wirtsleuten des Sohnes, die vor kurzem erst nach der Stadt gezogen
waren: ein blinder Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite
gelähmt war, und eine außerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast
noch ein Kind -- die seltsamste Ehe, die man sich denken konnte.
Rendalen sprach oft von ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der
Stadt war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen,
merkte er, daß Rendalen seine Begleitung nicht wünsche. Aber auch, als
die Mutter nach acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder
turnte Rendalen länger als Kallem, oder er ging nach den ersten paar
Übungen gleich wieder weg; er wünschte offenbar nicht, daß Kallem ihn
begleiten solle. Wahrscheinlich hat er wieder seinen Schwermutsrappel!
dachte Edvard.

Aber eines Vormittags, als Kallem etwas früher als gewöhnlich nach Hause
gekommen war -- in der Regel war er den ganzen Vormittag fort -- hörte
er draußen läuten. Das Mädchen öffnete, und Rendalens Schritt erklang im
Vorzimmer. Er trat hastig ein, -- finster, wortkarg. Er habe ein
Anliegen: ob Kallem nicht die Wohnung mit ihm tauschen wolle.

Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmütig, um sich irgendwelche
Verwunderung anmerken zu lassen; er fragte auch gar nicht nach dem
Grund, sondern sagte bloß, seine beiden kleinen Zimmer würden wohl
schwerlich für Rendalens Sammlungen und sein Klavier ausreichen. Und
Vangen? Oder wolle er nicht länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch,
freilich! Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein großer Saal, auf den
er, Rendalen, es schon längst abgesehen habe; die Wirtin würde ihn gern
vermieten. Und ihm passe er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in
diesem Saal! -- "Hast Du bereits mit der Wirtin darüber gesprochen?" --
"Nein; das will ich jetzt." Und damit war er hinaus. Dann kamen beide,
er und die Wirtin, wieder herein. Und wenige Minuten später war alles
abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug bewerkstelligt. Als der
wackere Vangen auf seinen langen Beinen vom Mittagessen nach Hause kam,
saß Kallem im ersten Zimmer rechts neben der Korridortür in Schlafrock
und Pantoffeln und erzählte ihm, Rendalen wohne jetzt in der
Sehestedsstraße, in Kallems früherer Wohnung; sie hätten getauscht.
Beide lachten.

"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. Das war aber auch
das einzige, was er sagte.

Kallem dachte natürlich über die Ursache dieses hastigen Umzugs nach und
hatte auch die Absicht, sich jedesmal einen ausführlichen Schwatz mit
dem Mädchen zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen oder ihm
Frühstück und Abendbrot zu bringen, das er im Hause einnahm. Sie sah
aus, als wisse sie etwas. Marie hatte ein eigentümliches Lächeln,
ungefähr als wenn sie sagen wollte: "O -- ich durchschau' Euch alle
miteinander -- auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich als sie ihm zum
erstenmal die Tür aufmachte, hatte sie dieses Lächeln. Ihre Augen waren
bis über die Hälfte verhüllt von den Lidern, die in einer hängenden
Falte darüber lagen. Die Nase war platt und aufgestülpt und zog beim
Lachen den Mund wie an zwei straffen Bändern in die Höhe, daß die
Oberlippe vorstand und eine Reihe Zähne zeigte, die sich um den Platz zu
streiten schienen; sie blitzten mit dem Lächeln um die Wette. Alles, was
sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und Spottlust; unter den
Lidern schoß es hervor, in den Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche
Stimme. Im übrigen ein kerniges Mädel, gut gebaut, klug wie der Teufel
und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurückhaltend und vorsichtig in
Worten und Benehmen. Aber das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er
sagte: "Mein Name ist Edvard Kallem -- ich werde in Herrn Rendalens
Zimmern wohnen!" antwortete sie lächelnd: "Oh!" -- als kenne sie alle
seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwähnte er Rendalen irgendwie,
so sah sie aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten
von ihm; aber trotzdem -- zum besten gab sie nichts.

Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebäude, schräg gegenüber
der Universität. Die Haustür ging auf die Straße, an der auch Kallems
Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben Korridor
wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h. das eine Zimmer -- das andere,
sein Schlafzimmer, lag außerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte
noch ein drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. An der
Korridortür befestigte Kallem seine Visitenkarte, unter einem großen
Schild, auf dem "Sören Kule" stand; das war der Name des Wirts. Tags
darauf, an einem Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.

Der blinde, gelähmte Mann saß in einem großen Rollstuhl. Er war noch
jung, der Unglückliche, kaum über dreißig, von übermäßig dicker Gestalt,
mit schweren Gesichtszügen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" auf
Kallems Klopfen klang schwerfällig. Kallem nannte seinen Namen. Der
andere saß da, ohne sich zu rühren und antwortete langsam: "So, so! --
Ich bin nämlich blind. -- Und kann mich auch nur wenig bewegen." Er
sagte es mit nordländischem Tonfall. Die einzelnen Silben kamen wie das
plumpe Trotten von Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszüge
waren, trotz ihrer Fülle, scharf geschnitten und klar; es war
augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war Mediziner genug, um auf
der Stelle zu erkennen, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit
war. Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien von
Spanien an den Wänden brachten ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht
von dort das Geschenk mitgebracht hatte, mit dem das galante Völkchen da
unten so freigebig ist.

"Bitte, nehmen Sie Platz!" ertönte es endlich wieder. In die bewegliche
Seite des Körpers schien eine Art Leben zu kommen, während er den Kopf
nach einer Tür links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete; niemand kam.
Die Stille färbte sich grau vor seiner Stimme, seinem gleichgültigen
Wesen, seiner schwerfälligen Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig -- da
lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe er Kinderstimmen
gehört? _Hier_ waren Kinder? "Ragni!" dröhnte es noch einmal, langsam.
Dann --leiser: "Sie wird in der Küche sein und das Essen richten!"
Wieder dieselbe graue Stille. Schellengeläut von der Straße her zerriß
sie einen Augenblick; dann zog sie sich um so lastender wieder zusammen.
Die Möbel waren -- für eine kleine norwegische Stube im Winter -- zu
schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen und verblichen. Die
Kupferstiche und Photographien hingen in großen Rahmen, die nicht dicht
schlossen, so daß Staub und teilweise Feuchtigkeit das Papier verdorben
hatten. Nur das Kinderspielzeug und der Flügel hoben sich von dem andern
ab; der Flügel schien ganz neu zu sein und stammte von der besten
Pariser Firma -- augenscheinlich ein Konzertflügel. "Die gnädige Frau
spielt so gut -- habe ich gehört?" -- "Ja." -- Kallem wußte, daß sie
sich von Kind auf für die Musik ausgebildet hatte, und -- um etwas zu
sagen --griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium in
Berlin studiert, nicht wahr?" -- "Ja!" --Im Zimmer rechts, das an das
Eckzimmer stieß, wurden Stühle gerückt. Kallem griff dies Thema auf. --
"Ich bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich höre?" -- "Ja." --
"Ein Verwandter von Ihnen?" --"Ja, eine Tante." -- Wieder wandte Sören
Kule den Kopf nach links und rief gleichgültig: "Ragni!" Niemand
antwortete, niemand kam. "Mir war, als hörte ich draußen jemand gehen",
sagte er, wie um sich zu entschuldigen, daß er gerufen hatte. Kallem
stand auf und verabschiedete sich.

Einige Tage später gab er Rendalen eine humoristische Schilderung dieses
Besuchs. Rendalen lachte. Er selber sei nur selten dort gewesen; aber er
habe viel gehört von "Sören Kule". Er versicherte, seinetwegen möge den
Kerl der Teufel holen -- er habe nicht die geringste Lust, über ihn zu
sprechen. Und er setzte sich ans Klavier und spielte.

Wieder einige Tage später -- wem begegnete Kallem draußen im Korridor?
Wem anders, als seinem zukünftigen Schwager, Herrn Ole Tuft --
Kandidaten der Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein
Schlußexamen zu machen. Große Wiedersehensszene! Der eine hatte keine
Ahnung von Kallems Umzug, der andere keine, daß Ole Tuft im Hause
verkehre. Kallem lud ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und
erfuhr nun, daß Ole heute zum erstenmal hier war. Er verkehrte bei der
Tante der Wirtsleute, die gestern hier eingezogen war. Edvard Kallem
wußte jetzt gleich, zu welcher Art Menschen sie gehöre, und ließ das
Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den Sören Kule kenne.
Nein, nur durch die Tante. Die ganze Familie stamme aus Nordland. Wer
eigentlich dieser Sören Kule sei? Ein wohlhabender Fischhändler, der
blind und lahm geworden sei; er habe sein Geschäft verkaufen müssen und
dies Haus in Kristiania erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er.
Sie hätten Verwandte in der Stadt und seien erst im Oktober hergekommen.
-- Ob Ole Tuft wisse, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit
sei? -- Nein. -- Kallem erklärte, wie darüber eigentlich kein Zweifel
sein könne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf er's dann wagen, zu
heiraten! Und dazu zweimal!" --"Er ist zum zweitenmal verheiratet?" --
"Ja! Seit etwa einem halben Jahr -- oder auch vielleicht einem Jahr.
--Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." -- "So stammen die Kinder
aus seiner ersten Ehe?" -- "Ja. Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk
doch -- achtzehn Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" -- "War er schon
so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" --"Nein, das glaub' ich
doch nicht. Kränklich, ja -- aber nicht so. Die wenigsten werden es ja
begreifen können." -- "Hast Du sie gesehen?" -- "Nein. Aber sie soll ein
'feines' kleines Geschöpf sein, sagt die Tante, und musikalisch. Sie hat
schon öffentlich gespielt." -- "In Nordland wahrscheinlich?" -- "Sie
sollen ungeheuer kritisch sein da oben." -- Er kam wieder auf die Ehe
zurück. "Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht --der Kinder
wegen." -- "Also Pfarrersleute?" -- hätte Kallem fast gesagt; aber er
besann sich beizeiten. "Wählerisch ist sie jedenfalls nicht -- bei
Gott!" --sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bißchen über
gleichgültige Dinge. Die Schwester wurde nicht erwähnt. Eine Weile
später ging Ole zur Tante hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem
war diesen Vormittag zufällig daheim und hörte die Frau des Hauses
spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern; dann aber ein Stück, so
meisterhaft vorgetragen, daß er einen Spalt seiner Tür öffnete, um
besser zu hören. Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt
konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand und dieser Lyrik,
solch einen verfaulten Fleischklumpen heiraten? Es war ein Rätsel. Er
ging damit zu Rendalen; aber Rendalen wußte gar nichts. Immerhin war er
just bei guter Laune und äußerte sich voller Begeisterung über ihr
Spiel; wenig Kühnheit war darin, aber ein Gesang, ein erotischer
Farbenreiz, die ihresgleichen suchten. Er spielte ein russisches Stück
-- wie sie --oder doch -- wie er hinzufügte -- so ungefähr; er spielte
es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe. "Dumm sieht sie
aus!" schrie Rendalen. "Einfach dumm! Die Stirn könnte ihre Rettung
sein; aber da zerrt sie die Haare darüber. Auch die Augen könnten sie
retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen gesehen, das so
blödsinnig schüchtern gewesen wäre mit seinen Augen!" -- "_Hat_ sie denn
Augen?" -- "Herrgott! Und was für vieltönige! Die meisten singen glatt
unisono -- wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber manche -- ganz wenige --
singen strahlende Akkorde! Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann fühlst
Du's. Aber für gewöhnlich kleben sie an den Tischbeinen oder bohren
Löcher in die Ecken -- oder zünden das Feuer im Ofen an. Manchmal fahren
sie ein Stück an der Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg
findet." Er war ganz belustigt über seine eigenen Bilder und setzte sich
an's Klavier, um einen raschen Tanz zu spielen. -- "Ist das nun nicht
des Teufels, daß solch ein musikalisches Geschöpf -- ach was! Bloß
nicht sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater, und Kallem
mußte mit.

Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem sie nicht gesehen, wie
sehr er sich auch bemühte hatte. Dann machte er einen Familienball mit,
-- der Sohn des Hauses war sein Studienfreund -- und bei einer
Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte, was er wählen
wolle -- "Nußkern" -- oder "Heckenröschen"? Besonders geistvoll war es
ja nicht; aber Edvard wählte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine
Musikerstirn und reizende, gewölbte Augenbrauen; im übrigen war sie
schweigsam und unbedeutend. Ziemlich groß, abfallende Schultern, schöne
Arme, nicht voll, aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze
Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein, als möchte sie so
rasch wie möglich von ihm loskommen; und wie er sie an ihren Platz
zurückführte, hatte sie ihn kaum angesehen. Er war höchst erstaunt, als
sie ihn bei der nächsten Tour holte. Vielleicht kannte sie nicht viele
Menschen, und ihre Bekannten waren gerade nicht frei. Sie sah sich scheu
um, kam dann mit kleinen, zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte
sich, ohne jedoch aufzublicken. Es schien fast, als fürchte sie sich,
und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr sein und setzte
sich neben sie. Aber als sie auf alles, was er auch sagen mochte, nur
mit "Ja" oder "Nein" oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so
gefeierten Kavalier doch zu viel; er stand auf und verließ sie. Kurz
darauf hatte er wieder die Wahl zwischen dem "Nußkern", den er vorhin
verschmäht hatte, und einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nußkern".
Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding, das eine
Mischung von nordländischem und Bergener Dialekt sprach. Sie erzählte
ihm, ihr Vater stamme aus Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie
sei hier bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele Bälle mit; sie
hätten so viele Verwandte in der Stadt. Alles das singend -- echt
nordländisch. Leider müsse sie bald wieder nach Hause; sie bangten sich
so nach ihr daheim, und die alten Leute möchten nicht gern allein sein.
Kallem war natürlich der galante Mann und tat, als interessiere ihn das
alles sehr; sie waren bald dicke Freunde. Sie plapperte wie ein Mühlrad;
sie sei hierhergekommen, um ihrer Schwester beim Umzug zu helfen. Die
Schwester sei so unpraktisch -- ganz im Gegensatz zu _ihr_; sie könne
überhaupt nichts als Klavierspielen. Von kindauf habe sie gespielt, und
sie sei zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die Ohren zu
spitzen. Und wirklich -- die Schwester war seine Tänzerin von vorhin,
die er so langweilig gefunden hatte -- seine Hauswirtin, Frau Ragni
Kule. Der "Nußkern" war übrigens gar nicht ihre Schwester; sie waren
Stiefschwestern. Und der "Nußkern" war auch nicht, wie er glaubte, die
ältere; im Gegenteil -- die Schwester war bald neunzehn und _sie_ knapp
siebzehn.

Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz erstaunt, sie sei ja
seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie
sah aus, als fühle sie sich auf einer Sünde ertappt und wußte nichts zu
ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum haben Sie mir denn das
nicht gesagt?" fragte er eifrig und eindringlich. Über diese neue Sünde
-- daß sie es verschwiegen hatte -- wurde sie noch viel zerknirschter;
sie wußte keine Silbe zu erwidern. Da sagte er -- übermütig und
ungeduldig: "Das Sprechen fällt Ihnen wohl schwer, gnädige Frau?" Sie
wurde sehr blaß. In ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas
herzzerreißend Unglückliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natürlich
daher, daß er von vornherein wegwerfend von einem Geschöpf dachte, das
sich dazu hergegeben hatte, solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu
heiraten. Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar sein
Mitgefühl, daß er rasch hinzufügte: "Ich weiß ja, Sie verfügen über eine
Sprache, die Ihnen leichter fällt, als den meisten andern." Und nun ging
er ganz natürlich auf ihre Musik über, führte sie zu einem Platz,
erzählte, er habe sie spielen hören, und erwähnte Rendalens kompetentes
Urteil. Dann lenkte er die Unterhaltung auf allerhand berühmte
Virtuosen, die er selber gehört hatte und fesselte sie auf diese Art;
denn auch sie hatte viele von ihnen gehört. Nach und nach faßte sie
soviel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie habe ihn
nicht wiedergesehen, seitdem er ausgezogen sei. -- Es gehe ihm recht
gut. --Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, daß sie lachen
mußte. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie lachte; ganz und gar nicht.
Einen Augenblick konnte dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen
kommen. "Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. Es klang
ebenfalls ein bißchen singend nordländisch; aber weniger als bei der
Schwester. Die Stimme war in all dem Lärm ziemlich schwach, aber sehr
süß. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse nichts; und
dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! "Ob es wegen des Zimmers war?" --
"Des Zimmers?" fragte er zurück. -- "Ja -- daß er vielleicht gehört hat,
die Tante möchte es gern -- die Tante meines Mannes!" berichtigte sie
und war schon wieder ganz verlegen. -- Ob sie ihm denn gekündigt hätten?
-- Keineswegs! -- "Na, dann konnte er sich doch auch nicht gekränkt
fühlen!" -- Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen sei nicht einmal
gekommen, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verließ sie nie
ganz; sie stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. "Waren
Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" -- "Ja!" sagte sie und lächelte. --
"Weshalb lächeln Sie?" --"Ach -- es ist vielleicht nicht ganz recht --
aber sie war wie ein Mann." -- Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie
verlegen und wollte es zurücknehmen; sie habe bloß gemeint, Frau
Rendalen sei so tüchtig. Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk
damit; sie mußte wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie
süß. "Aber Sie können ja sprechen?" Sie sah ihn verstohlen an; machte er
sich lustig über sie? Dann erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt
hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die
Stirn frei. Schau', schau'!

Wie schön sie tatsächlich war! Daß er das nicht gleich gesehen hatte!
Daß andere es nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht freilich
kindlich, unentwickelt, und die schlanke Figur ein bißchen schmächtig.
Ihre Stirn war entzückend; die Brauen waren fein gebogen, aber hell und
nicht stark. Die Augen bekam man auch jetzt nur schwer zu sehen; aber er
wußte nun, daß sie in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und daß sie
reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; -- der
Mund stand ein bißchen offen; er war klein, und wirkte dadurch ganz
besonders "süß". Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das
Haar nicht stark, jedoch mit einem rötlichen Schimmer über dem Blond.
Aber die Hautfarbe! Vom reinsten zartesten Weiß. -- Man konnte den Blick
nicht mehr davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! Man sah es
freilich nicht gleich, wenn die Farbe des Kleides sie nicht hob und die
Beleuchtung schlecht war. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein
Armband. Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, die er
gern gesehen hätte. "Sie lieben also die Musik über alles?" -- "Ja,"
erwiderte sie; "es ist ja das einzige, was ich kann!" Sie blickte vor
sich nieder. Er überlegte, ob er eigentlich nichts fragen könne, was sie
nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem mußte er sich selber
in acht nehmen; war er nicht auf dem besten Weg, sich zu verlieben?
Leider müsse er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu
unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als finde er sie
nicht wieder; aus der Entfernung wurde sie gewissermaßen unsichtbar.
Sobald es der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte
augenscheinlich nichts dagegen. Diesmal war sie ein bißchen
zutraulicher, ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und lächelte ihm
gerade in die Augen. Ei, ei! Das war mehr, als Rendalen erreicht hatte!
Seine Verliebtheit hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs
durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen nach Hause
begleiten dürfe. Er habe doch ein größeres Anrecht darauf als andere,
weil sie seine Wirtin sei. Das wurde sofort angenommen; sie überlegte
gar nicht. Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen
"Nußkern" und "Heckenrose" hatte wählen lassen, würde sie begleiten;
aber sie könnten ja beide mitkommen. -- "Natürlich!" sagte er munter;
heimlich dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nußkern" nehmen!

Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne sanken
vereinzelt und bedächtig, als wähle jeder sich seinen Platz und habe
jeder sein Geschäft. Kein Windhauch mischte sich darein. Die beiden
Damen erschienen, wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen[1] an den Füßen.
Drinnen waren Musik und Tanz noch in vollem Gang; im Vorsaal und auf der
Treppe klang helles, junges Lachen und von draußen das Schellengeläut
der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" konnte so früh nicht
fort, da er Wirt war; aber er schaffte einen Stellvertreter herbei, der
auch sofort seine Dame unter den Arm nahm und in großen Sätzen mit ihr
den Hügel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der seinen ebenso machen
wollte, wurde sie ängstlich, klammerte sich fest an ihn, während sie
mitrennen mußte, rannte atemlos und bat, er möge das doch lassen. Sie
benahm sich, als wenn sie nicht gut sähe. Er blieb stehen und fragte, ob
das der Fall sei. Nein, aber sie habe eine Todesangst, sie könne fallen.
"Sie sind wohl überhaupt sehr ängstlicher Natur, wie?" -- "Ja, das bin
ich", sagte sie treuherzig. Süß war sie ja; aber im Grunde doch eine
rechte Zimperliese. Sie gingen nun ein Stück weit, ohne zu sprechen; die
beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der
Mühe wert, sich darüber zu ärgern; sie wird eben nicht anders können.
"Es ist noch nicht einmal ein Uhr", sagte er. -- "Nein, aber das jüngere
von den Kindern ist nicht wohl; das Mädchen wacht bei ihm, und die muß
morgen wieder früh heraus." Der nordländische Singsang ihrer Stimme
versetzte ihn ans Meer. "Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer
so", sagte er. "Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westländern
so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders beim
Spielen, das Meer geradezu gehört. "Aber ist es nicht wunderbar, daß das
Meer einen immer frisch macht, wenn man in seiner Nähe ist, und
schwermütig, wenn man daran denkt?" -- -- Ein paar Schlitten kamen rasch
von oben herunter; die beiden mußten ausweichen, und sie zog ihn mit
sich bis an den äußersten Rand des Wegs, während es vorübersauste, drei
Schlitten hintereinander, in rasendem Tempo.

Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläut, bis es sich verlor;
wieder trat die Stille ein, deren die Schneeflocken bedurften, um sich
bemerkbar zu machen.

"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee fällt", sagte sie.

Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das Gespräch ging eine
Zeitlang zwischen dem "Nußkern" und den Herren hin und her, bis wieder
ein Hügel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen sie
nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hören. Aber sobald die
Straße dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen
sich die Paare wieder zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil
der Wanderung zu Ende.

Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: sie -- mitten
unter den Schneesternen -- das Weißeste, Feinste, was er je gesehen
hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll
musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher
Unbestimmtheit. Allmählich, während alle diese Eindrucksperlen vom
Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren
Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal
sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt
über den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefühl, als ginge es
über ihn selber hinweg. Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu
begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das
Bild so schön. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fünf oder
sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer
Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem
Fußsteig zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander
gegenüberstanden. Er grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch;
aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt sah sie nichts
weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen
der Abend bekommen sei, und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die
andere beugte sich über die Kinder, -- zwei reizende kleine Mädchen,
angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er
lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken
angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im
Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer
Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern
herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und
Kuchen an, aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt überließ
sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze mit
Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig verschwand, wodurch
das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern,
die ihr alle zu weit waren -- später hörte er, daß sie von ihrer
verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den
Kindern beschäftigte, wozu er -- als großer Kinderfreund -- ein
auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder näher; noch dazu
unten auf dem Fußboden. Das Kleinste hatte sich mit dem
Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit
für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes mit seinem
Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen Gefühl ihres Vergehens
und konnte nicht aufhören zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so
wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte,
beileibe keinen andern, und Kallem war -- obgleich er wußte, daß
allzuviel nicht gut war für das Kind -- natürlich völlig damit
einverstanden. Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich eine Serviette
geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau
stand daneben und ließ sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine
noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die
Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß,
wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und
fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während dieser wichtigen
Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn
sie lachte, war sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein.
Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mädelchen auf dem Arm. Sie
waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf
den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, die kleine
Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit
ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine
Weile fest.

Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihm sein
Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu
besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen,
Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kämen.

"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" -- mit ihrem leisen
nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich
hin, so oft er an sie dachte. Dann hörte er die Stimme, sah die Augen,
wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht
süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch
Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. Aber daß
sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah -- vielleicht, weil es
heller Tag war --, das behielt Kallem für sich. Er erzählte, wie putzig
sie gewesen war in ihren zu großen Kleidern, die aussahen, als seien sie
für einen Backfisch gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der
Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen
Ton.

Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und süße
Früchte, lief vor ihnen auf den Händen und sprang über die Stühle, und
sie waren unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm allen Spaß; er
las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja
doch alles nur der Mutter wegen!"

Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften jetzt eine Zeitlang
nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nächsten Abend
hörte, wie die Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor war,
um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie
zurückholte. Er klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Kindern
den Rest von dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es.
"Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an;
prügeln hätte er sie können. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch,
wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch die
Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der
Küche zu sich herein.

Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie
grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur,"
fügte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da
gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei.
Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nächsten
Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles
sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz
so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder
ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war über ihm, als sie
voll Fröhlichkeit nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem
Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht süß, die
kleine Juanita?"

Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte
und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern
waren tief unglücklich, am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. Sie
weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen
Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen und sie mit den
Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie
nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben
ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg über; auch als
die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustür standen, wußte
sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe
fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit ihm spazieren
fahren wollten; das würde sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf.
"Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür
öffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, morgen
vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten,
tränenvollen Augen an.

Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich
verlassen fühlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da füllte sie
die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus
dem Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich
einsam.

Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er
selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf
seine schwerfällige Art dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die
Kinder sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat
seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er
selber saß dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau
hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah
Kallem auch zum erstenmal die Köchin, ein derbes, ältliches Mannsweib,
deren nordländischer Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung
klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die
Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen
Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in
diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem Zimmer
aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, daß er besonders
aufmerksam zugehört hätte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie
des Gesichts, das jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine
ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen
hatte. Welche Entwicklung müßte sie erst durchmachen, damit auch die
untere Hälfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von
einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der
dortigen Universität ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin,
studierte bei ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und dieses
schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der spröden Haut auf den Lippen
zu wecken und zu formen. Aber wie rührend war dabei diese ganze
kindliche Unmündigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des
Mannes auf der Stuhllehne -- der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter
Flußgott in Hosen! Während des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und
herein trat ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte Dame
mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das
war die Tante. Sie war größer als Kallem und entsprechend stark. Die
junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen
schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu
einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre
gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich
schwerfällig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie
frei zu machen; daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der
ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis.

Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, störte ihn bei den
Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben
hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen
Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame
bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfänglich voll
Ingrimm dagegen protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das
Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte geweckt werden;
sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen;
vor allem mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu
ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst übernommenen
Fürsorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung
mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder im
Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm und keinem andern
gehöre, und daß sie befreit werden müsse!

Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte.

Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch
ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und
verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner
Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor
mit jeder Begegnung ein bißchen von ihrer Scheu; es war, als vermöge er
sie zu trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht
täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrügliches Zeichen
hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, daß er abends zu Hause bleibe,
hauptsächlich, um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt
seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange.

Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei
nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war
nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie
nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer Lösung; aber
seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis nach poetischem Spiel, bei
dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer
Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, der nichts,
was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam.

Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder
wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand,
denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich
Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natürlich
bloß, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit der
Schneeschmelze, und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß er
auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, -- worüber sie
sehr erfreut war -- nahm sie als selbstverständlich an, daß er im
Schlitten oder Wagen kommen werde.

Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Räumen brachen sie
endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus.
Draußen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er --"eben geht
der Mond auf." Sie dachte, sie würden einen von den Schlitten nehmen,
die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor
der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus, schritt aber
tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und
zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm
lachte; er habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie
versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen
verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten doch fahren.
Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter
Gewissensbissen versicherte er, sie würden nur bis zum nächsten
Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so
besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an seinen Arm,
starrte geradeaus und stieß leise Schreie aus; etwas weiter wurde es
schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt,
trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein
bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu
schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen.
Natürlich ging es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen
Pausen.

Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee
oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, daß bald
ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht
wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel.
Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie
das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in
rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie
hindurch und weiter zu fahren. Da droben mußte ein Orkan toben; hier
unten war es still. Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines
Fehlgriffs wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft mit ihren
zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung noch; ganz gewiß würde etwas
Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, zog
jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an
seiner Seele vorüber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefühl eigener
Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an:
sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel
eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn
ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die
Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie
gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und
ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt hätten; der eine
schob im Stillen die Schuld auf den andern, während sie kämpften, als
gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich
ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und
ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr
das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen -- er antwortete
nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfüllt, daß sie den
Übergang nicht einmal merkte.

Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu beiden Seiten hohe
Häuser, die Schutz boten gegen die Sonne, so daß der Schnee nicht
geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der
Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. Sie blieb stehen,
holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen
einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie
ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; beide
lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfährt!" sagte
sie. "Es ist spät." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz
leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem
Fußweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmählich sicherer.
"Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer
zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden.
Sie waren an eine tückische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser
gefroren war und sich später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie
glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er
ausglitt und fiel -- der eine über den andern. Er machte seinem
übervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den
Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen
Augen da.

Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und
legte sie über sein Knie, zog mit den Zähnen seinen rechten Handschuh
aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht
war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt
rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer
auf sie herab, "süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen
auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg die Röte auf, ihre
Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefühlt,
nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude
nicht mehr zügeln, -- er zog ihren Kopf zu sich empor und küßte sie
ein-, zwei-, dreimal. "O Du -- wie ich Dich liebe!" flüsterte er und
küßte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort
auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern
taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen
mußte. Daran hielt sie sich und neigte sich darüber, als könne sie
allein sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich
aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte
er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an
hätte tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch
ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie
nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und
als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem
Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne ihm zu
sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste,
kam ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, während er sie
in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetönt, aber jetzt erst
brach es in voller Melodie hervor.

"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir sind gefallen, und sie
hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin,
während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch
immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb von der Seite.
Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft und den Schleier herabgezogen.
Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie,
legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen;
er wollte nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stelle. Es
ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den
Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie
sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr
ab.

Er fühlte sofort -- jetzt ging sie von ihm. -- -- --

Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen wie seine eigene
Dummheit und Ungebärdigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die
Straßen und schlich dann nach Hause wie ein geprügelter Hund. Am
nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu fragen. Aber abends
erzählte sie ungefragt, die gnädige Frau sei nicht wohl gewesen; sie
habe Erbrechen gehabt und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries
mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtige Wut. Sie hatte noch
obendrein die Unverschämtheit, in seinem Gesicht zu forschen. Trotzdem
mußte er sich den Tag darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gnädige Frau
sei auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch den nächsten
Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu sehen; auch von den Kindern hörte
er keinen Ton. Sie spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu
Hause, um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen den
gewohnten Weg an seiner Tür vorbei, wenn sie ausgingen; sie gingen die
Hintertreppe hinunter. Nie traf er sie mehr. Sie wählte neue Wege.

Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück voll von Plänen gewesen.
Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen, und ein endloser
Traum, ein fruchtloses Grübeln löste seine klaren Tage und seine
gesunden Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, jedesmal mit
brennender Selbstquälerei. Er verachtete sich selbst, ließ sich zu
Kneipereien mitschleppen und verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre
Lippen berührt, ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit einem
Schleier überzogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, das von Musik
Getragene in all seiner Anmut und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er
begehrte. Aber er hatte Sinn für Humor und eine gesunde Natur; er wollte
sich nicht in Selbstquälerei und törichter Begierde verzehren. Er wollte
sogleich ausziehen, und zwar unter dem Vorwand einer Reise. Damit
glaubte er über alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen Zaun.
Er hielt es nicht aus, daß ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht
einmal das unverschämte Lächeln des Mädchens mehr aus.

Auf einmal frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein Umzug mit dem
Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen hatte kurzen Prozeß gemacht. Es
war doch nicht etwa aus demselben Grund gewesen -- --? Er schlug eine
Lache auf. Natürlich -- genau dasselbe war auch dem widerfahren!

Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte hier gewohnt;
während der Zeit war Ragni viel mit den beiden zusammen gewesen;
Rendalen und sie hatten vierhändig gespielt. Das hatten sie auch nach
der Abreise der Mutter fortgesetzt -- und immer auf seinem Flügel, das
wußte er ... Er empfand dieses Zusammentreffen wie eine Demütigung.

Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem überhaupt nicht;
der hatte sich auch nicht das Geringste erlaubt. Aber daß sie auch ihn
so unruhig machte, daß er auszog! Sie mußte also etwas derartiges an
sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung ein. Ja, noch
mehr, er empfand es als eine gesteigerte Versuchung. Am selben Abend
noch sagte er Marie, er müsse verreisen, entweder morgen oder den Tag
darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie um die Rechnung
bitten; selbstverständlich bezahle er das volle Quartal. Das Mädchen sah
ihn an; sie erriet sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich
daran, -- hatte sie etwas zu erzählen? Sie fragte in ihrer bescheidenen
Art, ob er die Rechnung sogleich wünsche. Nein.

Am nächsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber am folgenden sollte er vor
sich gehen. Er wollte ein paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine
neue Wohnung suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags ging
er aus und mietete -- und zwar in einem ganz andern Teil der Stadt. Dann
überlegte er eine Weile, was er als Grund angeben solle, namentlich
Rendalen gegenüber. Er beschloß, ihm die volle Wahrheit zu sagen, den
andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung mehrfach gestört
worden; es war ja auch wahr. Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause,
ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging dann wieder
ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in einen tiefen Schlaf
fiel; den hatte er auch nötig. Gegen sieben kam das Mädchen und heizte
ein, ohne daß er es merkte. Etwas später erwachte er, hörte das Prasseln
und sah die Helle und schloß daraus, daß es über sieben sein müsse.
Seine Gedanken waren sofort drüben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich,
wenn sie erführe, daß er fortziehe, so würde er sie noch einmal spielen
hören. Bisher hatte er sich hierin getäuscht; aber trotzdem konnte er
den Glauben, daß seine Abreise ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf
dem Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen und
Abschied nehmen? Sollte er Licht anzünden? Sollte er wieder ausgehen? Er
stand auf und starrte ins Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal eine Tür
gehen und mehrere Stimmen -- ein paar Damenstimmen mit stark
nordländischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl neu angekommene
Verwandte, die zum Besuch dagewesen waren. Die Damen wurden bis zur Tür
begleitet; er hörte die langsame Sprechweise der Tante, auch eine
Männerstimme hörte er -- war das Ole Tuft? Nur die, nach der er
lauschte, hörte er nicht. Allgemeines Abschiednehmen, die Tür wurde
zugemacht. Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts -- wirklich, es war
seine Stimme. Er mußte also eben gekommen sein, als die andern gingen.
Beide verschwanden im Zimmer der Tante, die Tür schloß sich hinter
ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tür geschlossen. Wieder
klingelt es, wieder geht eine Tür auf und herausstürmen jubelnd die zwei
Kinder; sie wollen die Gelegenheit benützen und zu Kallem hinein; aber
sie dürfen nicht. Unter Gelächter wird im Korridor Jagd auf sie gemacht;
sie werden eingefangen, und eine Tür wird hinter ihnen zugeschlagen;
gleichzeitig öffnet sich die Entreetür; eine der Damen hatte ihre
Überschuhe vergessen. Und jetzt hörte er Ragnis Stimme: sie wolle Licht
holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im Singsang der nordländischen
Schifferlieder wurde das abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich
an der Tür; sie seien nur nicht leicht anzuziehen -- es seien ganz
"neue"! So! Nun saßen sie. Wieder ein zärtliches "Adieu, adieu!" und als
Antwort ein "Auf Wiedersehen am Freitag!" Das letzte sagte Ragni.
Täuschte er sich --oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen,
der sich in der Nähe einer Gefahr glaubt? Nicht so recht ihre gewohnte
Stimme? Sprach sie, ohne es zu wollen, von ihm? Er schnellte auf und war
an der Tür, noch ehe sie draußen zugemacht hatte. Wenn er öffnete,
standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sollte er --? Er lauschte wie
auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen; vielleicht stand sie draußen?
Sein Herz schlug Sturm, während die Hand leise, leise auf die Türklinke
drückte und lautlos öffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer
gestarrt hatten, lag der Gang draußen im Stockfinstern. Er tastete sich
nach der Entreetür, fühlte das Schloß, tastete sich weiter vor; aber es
war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich
ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag gesprochen. Weshalb
hatte er sie dann nicht gehen, keine Tür hinten öffnen hören? Sie mußte
hier im Flur sein. -- Er hörte sein eigenes Herz schlagen; aber vorwärts
mußte er. Jetzt fühlte er Kleider zwischen den Fingern; eisig
durchrieselte es ihn; aber gleich kam ihm die Besinnung wieder -- die
Kleider waren kalt und leer. Dann räusperte sich drinnen jemand -- das
war Kule. Von der Küche oder vom Eßzimmer her tönte Geplauder -- das
waren die Kinder. Bei diesen freundlichen Lauten aus einer Welt des
Guten stand er still wie ein Verbrecher. Er hätte das nicht tun sollen.
Nun hörte er die langgezogenen Fragen der Tante und Oles klare
Antworten, d. h. die Töne, nicht die Worte. War Ragni im Korridor? Sie
konnte ja etwas gesucht haben und, erschrocken über sein Auftauchen,
stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er sie erschrecken,
so daß sie geradenwegs auf eine Tür zustürzte und sie öffnete. Dann
stand er im vollen Lichte da! -- -- --

Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar Schritte vorwärts. Er
hatte Pantoffel an; man hörte ihn kaum; aber er wünschte, sie möchte
nicht da sein. Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des
Korridors; je näher er kam, desto deutlicher hörte er es; er sah sie im
Geist auf ihren Stühlchen knien und Häuser auf dem Tisch bauen. Er
schämte sich. Was wollte er eigentlich? Aber während er sich das fragte,
ging er weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem Mantel
zu einem Schal, vom Rahmen einer Tür nach den Vorsaalfenstern, von denen
er einen Schimmer sah. Ein Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang
gedämpftes, ungleiches Schellengeläut; bei diesem Übergangswetter
benützte man beides, Wagen und Schlitten. In der Küche fiel etwas zu
Boden; Kule räusperte sich wieder; die Zeit mußte ihm lang werden;
vielleicht brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Küche
stand anscheinend die Tür offen, denn auf einmal waren die Kinder
draußen und fragten, was hinuntergefallen sei. Das Nordlandmädchen
antwortete schwerfällig, in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit,
eine Un-ter-tas-se wäre hinuntergefallen, sie sei vom Bo-rt
heruntergerutscht. Weiter! War Ragni überhaupt hier, so stand sie in der
hintersten Ecke. Wie sie sich ängstigen mußte! Was mochte sie von ihm
denken! Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter Dieb.
Jetzt vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber weiter
hinten wieder nichts, kein Lichtschimmer unten oder oben an den Türen,
auch aus den Schlüssellöchern nicht; nicht einmal geradeaus vor dem
Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? Er bildete sich ein, daß er
sie dann sehen müsse.

War sie vielleicht zur Tante hineingegangen -- dicht neben seiner Tür?
Oder hatte sie ganz einfach die Tür zur Stube der Kinder oder zum Zimmer
Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im
selben Moment geschlossen, als er seine öffnete? Und saß nun drinnen und
träumte? Das nahm er jetzt als ganz sicher an; denn er wünschte, es
möchte so sein. Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten an
der Tür; er hörte die Kinder und links die Köchin, die in ihrer Küche
rumorte und ab- und zuging. Jetzt kehrte er um und fühlte sich gleich
freier. Mit ausgestreckten Händen ging er zurück, diesmal schneller. Da
faßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, Funken
sprühten vor seinen Augen; er blieb stehen. Aber der Arm regte sich
kaum, und er faßte wieder Mut. Langsam ließ er die Hand vom Arm um ihren
Leib gleiten und umschlang sie behutsam. Warm und weich fühlte es sich
an; sie stand ganz still, aber ein Zittern ging durch ihren Körper. Er
zog sie leise an sich. Mit der andern Hand faßte er die ihre und
drückte sie; auch diese zitterte. Er drückte sie wieder -- und nun
glitten sie langsam, Schritt für Schritt vorwärts -- sie ohne
Widerstreben, aber auch nicht freiwillig. Er hörte kaum seine eigenen
Schritte, die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. Aus den
Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher
Schimmer aus seiner eigenen Tür. Jetzt waren sie dort; er stieß die Tür
behutsam auf und wollte sie hineinführen. Aber nun blieb sie stehen und
wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch,
sah das blasse Gesicht, während er sie sachte bis zur Schwelle schob
--dann hinüber -- und die Tür hinter ihnen anlehnte. Drinnen ließ er sie
los, um so leise wie möglich ganz zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er
sie verlassen hatte, mit dem Rücken gegen ihn, beide Hände vors Gesicht
gepreßt. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang sie, um sie an
sich zu drücken, und jetzt ging ihr Weinen in Schluchzen über. Sie
schluchzte so schmerzlich, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern wurde,
und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos ließ sie sich nach dem
Sofa führen; sie weinte so verzweifelt, daß ihn plötzlich nach Licht
verlangte, wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig die Lampe
zurecht; dann fiel ihm ein, daß er erst die Gardinen zuziehen mußte; und
nun erst zündete er an.

Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nächte lang in seinem Innern
verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch zitterte, an den sie sich
lehnte.

Hundertmal hatte er über Liebhaber in Romanen und Theaterstücken
gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt schob er das eine Tischende
beiseite und ließ sich vor ihr aufs Knie gleiten wie der demütigste
Sünder. Er suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Händen ihr
Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten sich stoßweise unter
ihrem heftigen Schluchzen. Er fühlte jeden Ruck und bat und bat, sie
möge ihm doch vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als er
damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er liebe sie, sie
gehörten zusammen. "So weine doch nicht so!" bat er, "das halt' ich
nicht aus!" Er nahm sie bei den Händen, zog sie neben sich aufs Sofa,
lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er küßte
ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. Was er auch begann --
sie weinte. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses
Schluchzen war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit zu sich
hereingenommen hatte? Er habe sich so nach ihr gesehnt, daß er nicht
habe widerstehen können, als er sie draußen im Gang gehört habe. Sie
könne doch nicht wollen, daß er ohne Abschied weggehen solle? Und sie
nie wieder sehen? Sie schüttelte den Kopf, machte sich von ihm los,
legte das Gesicht auf den Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein,
noch heftiger als zuvor. "Soll ich _nicht_ fort?" fragte er. Doch sie
hörte es gar nicht. Da ließ er sie ruhig weinen; erst nach einer langen
Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du
willst." Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und schmiegte sich
an seine Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen, und während er sie so
hielt, fühlte er --sie faßte es schöner und tiefer auf als er.

Ein Geräusch wurde an der Tür hörbar und gleich darauf wurde sie
geöffnet. Das Mädchen kam mit dem Abendessen. Erschrocken ließ er die
Frau los und stand auf. Ragni aber legte sich einfach wieder über den
Tisch und schluchzte. Das Mädchen setzte das Brett behutsam auf die Ecke
des Tisches, die frei war, stellte ebenso behutsam die Lampe weg und
schob das Brett nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber
das Lächeln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich schon längst
erwartet!" So wunderbar verschieden kann man eine und dieselbe Sache
sehen, daß Kallem jetzt fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte
Freude darin. Still war das Mädchen gekommen, still ging es wieder
hinaus und schloß die Tür hinter sich, so leise wie er selber vorhin.

"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete nicht; ihr schien das
alles viel zu klein; das Leid, das sie bedrückte, überwog alles. Er kam
zurück und preßte sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich
unglücklich!" -- und das war eigentlich das einzige, was sie sagte,
solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; alles was ihm einfiel,
kam ihm dumm vor. Er machte wohl einen leisen Versuch, und half mit
Liebkosungen nach; aber sie wehrte das eine wie das andere ab; sie stand
auf -- sie wollte fort. Er fühlte sich außerstande, sie zurückzuhalten,
sondern geleitete sie zur Tür. Ehe sie öffnete, wandte sie sich nach ihm
um, voll schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er löschte die
Lampe, und sie glitt hinaus.

Aber im selben Augenblick, als sie die Tür hinter sich schloß, fiel ein
schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zum Zimmer
der Tante führte; dort wurde eben die Tür geöffnet, und sie selbst stand
davor -- in Ragnis aufgescheuchter Phantasie groß wie ein aufgerichteter
Walfisch. Natürlich -- die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters
schluchzen hören und sofort erfaßt, was Ragnis seltsames Wesen in all
den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer Tür Wache, und im
selben Moment, als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stieß die Tante ihre
Tür auf, so daß der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante
streckte die Hand aus; das hieß so viel als: "Hier herein, mein Kind!"
Und Ragni kam. Die Tante ließ sie an sich vorüber. Sie war nicht allein.
An der Wand gegen das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand
ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener blonder
Mann mit mildem Antlitz -- Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen
aufmerksam geworden und war sogar an Kallems Tür gewesen. Ragni sank auf
einen Stuhl zwischen Sofa und Tür.

       *       *       *       *       *

Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, schickte sie ihm
einen Zettel, auf dem sie schrieb, die Tante habe gehört, wie sie bei
ihm geweint habe, ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tür gewesen.
Weiter kein Wort; doch -- ganz unten, fast unleserlich: "Nie wieder!"

Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand Kallem diese beiden
armen Wörtchen: "Nie wieder!" doch so beredt, daß sich seine Augen mit
Tränen füllten; aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mußte etwas
geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet genommen! Er
hatte nichts gehört; es mußte sehr still zugegangen sein, oder sie waren
nicht im anstoßenden Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!

Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, Furcht, Rachelust,
grenzenlose Liebe, Enttäuschung, Wut!

Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? Richtig! Zu Ole
Tuft, diesem verdammten Duckmäuser, der sich in seine Angelegenheiten
mischen wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel wollte er denn
eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren das vielleicht auch "Gottes
Wege"? Durch Schlüssellöcher gucken und an den Türen horchen? Dieser
Kerl, der ihm "auf Gottes Wegen" seine prächtige Schwester genommen
hatte -- wollte der ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er
nicht zu ihm selber? Weshalb es der Tante sagen?

Er hatte die größte Lust, ihn aufzusuchen und ihn tüchtig durchzubläuen,
ihn halbtot zu schlagen! Verdient hätte ers, weiß Gott! Er schlug
wirklich die Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen die
großen Augen seiner Schwester vor ihm auf und sahen ihn fest an. Er
konnte sich wenden und drehen, wie er wollte -- sie waren da, die tiefen
Augen. Und dann fühlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem letzten
Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. Aber damit war er in
die Nähe seiner früheren Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein.
Zu dem wollte er! Kein Tüttelchen wollte er ihm verheimlichen; es war ja
allein schon ein Glück, sich aussprechen zu können. Als er sich
Rendalens Haustür näherte, sah er jemand herauskommen. War das nicht --
--? Ole Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... In Kallem
kochte es; aber Tuft ging nach einer andern Richtung und sah den
Schwager nicht.

Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Hätte er ihn gekannt, so
hätte er begriffen, daß es ihm nur galt, zwei Seelen vom Untergang zu
retten. Um dieser beiden teuren Seelen willen lebte er in einem
schlaflosen Fieberzustand; ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher
konnte er sich weder Rast noch Ruhe gönnen. Selbst zu Kallem zu gehen --
das hatte seine Gefahren, wäre auch sicherlich zwecklos gewesen. Hier
mußten andere einschreiten. Hätte Kallem das geahnt, er wäre -- anstatt
zu Rendalen zu gehen -- Tuft nachgelaufen und hätte ihn durchgeprügelt,
bis er kein Glied mehr hätte rühren können.

Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz
erfüllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen öffnete selbst, und
zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und
den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste gekleidet und
geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurück wie
ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat,
aufs äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür zu, schloß
sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher hin. "Zu Dir wollte ich
eben!" zischte er. Er war ganz weiß zwischen seinen Sommersprossen, die
schmalen Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen sprühten. Und
nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, diese Hände eines Hünen, bis
sie ganz weiß wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den
Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure persönliche Macht,
die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum
Henker ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, aber doch
gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzählt. Aha! Jetzt
wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste
unter der Sonne -- Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.

"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz
von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts
an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich ausgezogen
bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht über ein Menschenkind als Du?
Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich
die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser
gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein
derartiger Hohn wirken ansteckend.

"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn
man eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht
röter werden können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens
versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er
geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, daß sie
tatsächlich brannten. "Ich hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu
schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm
Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, als auch schon
Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bückte sich und stand
unverletzt, mit spöttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten
Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrückt?"
rief er, so laut er konnte.

Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und festhielte, stand
Rendalen plötzlich da, und nach und nach kam es über ihn wie eine Art
Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot
seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem
Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem
ging so heftig, daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen.
Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn immerhin war er
selber doch auch so wütend, daß er es nicht über sich brachte, zu ihm
hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rätsel -- eben noch der wildeste
Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als sein
heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses unglückliche Gesicht -- so
über alle Beschreibung unglücklich! Was in aller Welt bedeutete denn
das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn wieder
erwachte, und ohne weiteren Übergang trat auch er ans Fenster und
stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu
nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es
nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es nicht; er
sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht -- meinte,
es sei Spott? Da lächelte Kallem ihn an -- und dies Lächeln war nicht zu
verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder
Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem:
"Nicht ein Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" Rendalen
begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze
so plötzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch
dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort --
ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er
schlang die Arme um des Freundes Hals.

Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige Vertrauen
hinterher nicht unbedingt gewesen wäre. Rendalen erfuhr alles, genau,
wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es
machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen
wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da
aber wurde Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war unglücklich
über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das
Gespräch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er
die Form gefunden hatte für das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich
habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen."

Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den
Tisch gestützt, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er
unaufhörlich hin- und herdrehte und von außen und innen besah. "In
unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen.
Mein Vater war geisteskrank. In mir -- ja, Du kennst ja das Unbändige in
mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als
Du das sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... das traf! Es
sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch
nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein
--beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. Aber
hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon früher." -- Er
legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und
wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb lachend
sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewählt?" -- "Was Teufel
sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl
gehalten."

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines Angesichtes einen Brief
an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto
unmöglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen
Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe ist, und was für tiefe
Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. Er zerriß den Brief. Rasch
entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft
nicht mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern helfen würde?
Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle
Ungerechtigkeit haßte. Und etwas Ungerechteres als Ragnis
selbstgewähltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß
sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er ihm denn von ihrer
Liebe -- ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen
würde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er
seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das
Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und
ihrer Ausbildung wegen lange dauern würde, bis sie sich heiraten könnten
-- er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei
sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu
glauben, daß er es brechen würde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort
nehmen und ihr helfen.

Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf hatte er die
telegraphische Antwort, daß alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und
daß das Nötige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm
bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan --
sie zu seinem Vetter in Madison hinüberzuschaffen -- ins Werk zu setzen.
Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder
"Nein".

Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, vermittelte ihre
erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Straße statt und außerhalb der
Stadt, und war nur kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr
sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden könne, und
wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß er es für unmöglich hielt,
weiter zu gehen. Unter keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen.
Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um
ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu
seiner Mutter zu schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem
dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu
überlegen; sie gab demütig zu, so gut könne sie selber sie nicht
erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas
eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, wenn sie
wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als
Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal dermaßen aufgeregt wurde, daß alle
Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der
Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder
seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer
Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat
Marie, sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren
sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch
bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her.
Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung.
Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach
Amerika! Und von New-York allein nach Madison -- das war noch das
Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie erbot sich,
mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber
beide die Kinder verlassen -- das konnten sie unter gar keinen
Umständen; der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mußte also
bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren.

Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord gebracht werden,
ohne daß jemand davon erfuhr. Also mußte das Nötigste für die Reise
gekauft werden; das mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet
werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie
noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes über die Reise selbst
ausgemacht war, verführen ließ, die Reisegarderobe einzukaufen; das
machte ihr Spaß. Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen
können, oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war vorsichtig bis
aufs äußerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte
sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Köchin überwacht
glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen,
und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre
Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die
Zusammenkünfte. Daß die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der
schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin über war.
Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen
Kräfte in Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit erhöht
den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte,
wagte er es, einen kühnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis
zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig zu
machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu
vergewissern, daß sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frühzeitig
auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, daß
auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war
Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck und Billet waren längst dort.

Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis
Gepäck war schon früh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen,
der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte
an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die
Furcht, daß etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend
gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der
Innigkeit, die er für sie empfand, und schien sie kaum lassen zu können.
Sein Schmerz nahm keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm
ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge erzählte er ihr hastig,
alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier
sei das Billet.

Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen ihm und allem
übrigen -- ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand
sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn
und verharrte so. Er küßte sie -- wie zum Willkommen --sie hielten sich
eng umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern
jemand vorbeikommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel,
und in diesem Halbdunkel hörten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen.
Ihre Umarmung ging endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann
von gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie
Sordinespiel. Und das Flüstern sprach von dem Tag, an dem er ihr
nachreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein
treuer Freund er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke,
wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher sein sollten
-- seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe -- und
all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.

Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die
Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestörter
Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in
den Schmerz hinein, daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr
leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die
sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie ließ es nicht zu. Wenn er
ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so würde sie ihm etwas
sagen. Er sei der weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache
heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. Von Kind auf habe
sie auf den weißen Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals
sei sie zwölf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am
traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut
gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht
weiter erzählen; es würde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von
dem weißen Pascha geträumt -- wenn er doch nur kommen wolle! Daß er
kommen würde, das wußte sie ganz sicher. Sogar als sie zu den
"Walfischen" hinunterstieg, wußte sie, er würde ihr nachkommen; er fand
schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha;
aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der richtige kommen
konnte. -- Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen
Schneefall getroffen. Weshalb mußten sie sich gerade da treffen? Da
hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha sei?
Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita
getragen; da war sie schon beinah sicher, daß dies keinem andern habe
einfallen können. Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so
ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. -- Er fragte, ebenfalls
flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, was sie damals, vor einem
Jahr, veranlaßt habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein
Schauder durchflog sie bei seiner Frage. -- Und trotzdem -- obgleich sie
verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weißen Pascha
warten können? -- Mehr als je. --Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe
ist? -- Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg.

Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten hätte wissen
mögen, brach er dennoch ab.

Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an Bord erwarte;
dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde
für sie sorgen. Sie standen beide auf.

Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfaßte sie, barg
seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das
Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten
sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen.
Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens
begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie
zusammen sehen.

Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den
folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was
er je durchgemacht hatte.

Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst
nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte.

Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, daß die Tante
ihn sehen mußte. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht.

Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht
denken, daß der Mann zurückblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt
hatte, um dessentwillen es geschah.

Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie
streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur
die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen;
und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es
übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und
jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war
ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn
gehabt.

Wenn sie es jetzt bereute -- warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb
sich so hinterlistig benehmen?

Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; hatte er ihren Ruf
zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, daß sie ein
Verhältnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern,
da alle wissen würden, daß er der Schuldige war.

Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und beide
steuerten sofort auf ihn zu. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn
Ragni lächelnd hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er die
Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie erzählten, daß "Mama"
auf einem großen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu
Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.

Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den
Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ältere
Schwester das bestritt, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine
andere: "Das ist Mama."

Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten Operation beigewohnt;
infolge eines bösen Mißgeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei
seiner gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck auf ihn
gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging,
kam es ihm vor, als sei er selber der unglückliche Operateur. Er hatte
Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt
verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von
Muskeln, Sehnen und Adern ...

Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek und studierte
in einem Kartenwerk, als plötzlich lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm
stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier
aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.

Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu fürchten;
Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht
einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole
ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich, was bald alle,
die der Sache näherstanden, erfahren mußten -- daß Edvard Kallem der
Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. Oder
irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel,
Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit -- die Prophezeiung, daß ein
solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese Herzlichkeit echte,
ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt mit dem Gehorsam eines jungen
Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"?

Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig sei und nach Hause
zurückkehre; das Glück strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er
Grüße bestellen solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und
Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann geschehen würde; der
Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine
geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in
der Bibliothek aus- und eingingen.

Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der Bibliothekstreppe stehen,
während Ole Tuft in seiner etwas schwerfälligen Art über den Platz
schritt. Wahrlich --da ging einer, der sicher war in sich selbst; _sein_
Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.



Mannesalter


1

"-- -- Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in der göttlichen Gnade.
Sie kann ihn nicht im Sünder, in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst
haben; denn dieser ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch
nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben kann. Nur Gottes
erhabener Wille kann ihn rechtfertigen."

Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand, aus dem er flüsternd
auswendig lernte. Die Sonne schien hell durch die beiden Fenster, die
nach Südwesten lagen und weit offen standen; durch das hintere ergoß
sich milchweißer Glanz über den graugestrichenen Fußboden; das unruhige
Laub junger Espen zeichnete sich auf den Scheiben ab; die Espen mit
ihren zitternden Blättern standen draußen am Staket. Aus dem Garten
strömte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen herein; der Pastor
unterschied jede Mischung in den Luftströmungen; er hatte die Bäume und
Blumen selbst gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug
nur um ein Winziges stärker wurde, so sandten die sprossenden Birken und
die frischen Triebe der Tannen, die außerhalb seines Pfarrhofs standen,
eine scharfe Welle herein, die rücksichtslos die Strömung des Gartens
wegspülte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft
verschiedenartiger Gerüche vom offenen Feld nach. Es roch nach Wachstum.

Psst!

"-- -- Was kann Gott dazu bewegen, so gnädig zu sein gegen den armen
Sünder, der aus sich selbst nicht das Geringste vermag? Seine
unbegreifliche Liebe zum Sünder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann
ihn dazu bewegen."

Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein --da konnte er nicht
widerstehen -- er mußte den Dampfer sehen, wie er in großem Bogen von
der Brücke weg über die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei Hälften
teilte; der größere fiel der Insel draußen zu, der kleinere dem Strand
vor der Stadt. Der Pastor nahm sein Fernrohr vom Pult. Die Brücke unten
war voll bunter Sonnenschirme; dazwischen Männerhüte, meist in dunklen
Farben; hie und da leinene Hauben und Kopftücher, gewöhnlich mehrere
beieinander.

Jetzt hörte man von rechts Schritte im Sand; sie kamen aus dem Garten
seiner Mutter und lenkten auf den seinen zu -- Schritte eines
Erwachsenen, und auf jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte.
"Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" --"Haha!" -- Die Gestalt
einer Frau tauchte auf, die den Eindruck von Kraft hervorrief. Ein
starker Hals und eine volle Brust, der ganze Wuchs ungewöhnlich schön;
das Gesicht dunkel, ziemlich groß, mit gebogener Nase; das Haar fast
schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit hochroten Blumen gemustertes
Musselinkleid mit einer Passe von hochroter Seide, um den Leib einen
seidenen Gürtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem schwarzen
Haar und den tiefen Augen bildete das einen bezaubernden Gegensatz; sie
pries den warmen Frühlingstag mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie
in das lächelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte sich der rote
Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An der Hand führte sie ihren
vierjährigen Knaben, ein hübsches Kerlchen mit blondem Haar und einem
Gesicht wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge ließ die Hand
der Mutter fahren, öffnete die Tür zwischen den beiden Gärten und sprang
vorbei, um die nächste Tür, auf den Weg hinaus, zu öffnen. Als die Frau
vorüberkam, flüsterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du siehst ja reizend
aus!" Es klang bittersüß. Wie konnte eine Pastorsfrau sich so kleiden!

Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach der offenen Gartentür
und weiter auf dem Weg nach der Stadt zu. "Wohin?" -- "Zum Schiff, und
zusehen!" rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken unter dem Hut, ihre
Figur im Sonnenlicht, der Gang, die Farben ... der Pastor lag im
Fenster, trommelte auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen
Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kräftigen Aufstemmen aller
fünf Finger von der Fensterbank erhob.

"-- -- Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch nicht wie ein
Heerführer einen Waffenstillstand gewährt oder ein König eine Amnestie
erläßt (nein, 'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag'
ich gleich -- Erlaß? ... Nein, das genügt nicht. 'Gnadenerlaß'! Also:)
Doch nicht, wie ein Heerführer Waffenstillstand gewährt oder ein König
einen Gnadenerlaß, ist die göttliche Rechtfertigung; nein, das
widerspräche der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung ist allerdings
eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. Sie muß eine
rechtliche Grundlage haben, d. h. den Forderungen des Gesetzes, die
Gottes eigene sind, muß _Genüge geschehen_."

Eigentlich ist das doch sehr juristisch.

Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult zwischen den
zwei Fenstern lag; er verglich es mit dem, was er in der Hand hielt.
Dabei hörte er das laute Getöse des Dampfers, der jetzt gerade auf der
Bucht unten vorüberfuhr. Er mußte aus dem Fenster spähen, und die Folge
davon war, daß er, ohne es zu wissen, sich behaglich hinauslehnte. Die
Sonne schien auf das weiße Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie
zwischen Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel kein
Wolkenstreifen, so daß der Rauch sich vom freien Grund abhob; ebenso
ungedämpft hörte man den Lärm. Der Pastor ließ den Blick vom Dampfer
nach der Stadt, zum Strand, über die Bucht hin schweifen, bis zu den
Bergen auf der andern Seite der Bucht; die ganz hinten, die blauen
drüben waren noch nicht frei von Schnee. Das Getöse des Dampfers hallte
über die weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene
ablöste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte sein Auge vom
Großen aufs Kleine. Das alles hatten er und Klein-Edvard miteinander
geschafft, oder vielmehr, er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich
unnütz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die Beete, auf denen
bis jetzt noch nichts kam; dann die ersten, die schon ganz fertig waren
und leider auch schon gejätet werden mußten. Dabei konnte Edvard auch
helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich nun einmal vorgenommen,
in diesem Jahre solle kein anderer den Garten anrühren; außerdem war das
Bücken gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne es zu wollen
dachte er daran, wie ihm seine Frau dann manchmal ein Glas Wein und ein
Stückchen Kuchen brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere
Schwächen zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte hinüber auf
den Weg, wo sie verschwunden war, und richtete sich straff in die Höhe:

"-- -- Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes sind, muß Genüge
geschehen. Könnte das durch den Sünder selbst geschehen, so wäre die
Rechtfertigung keine Gnade; folglich muß es durch den _Geist_ geschehen.

Aber auch diese Erfüllung des Gesetzes durch einen andern muß aus Gottes
erlösender Gnade kommen, wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie
juristisch!) aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnadenhandlung
allen zugute kommen, so muß die Gesetzerfüllung für das _ganze sündige
Menschengeschlecht_ gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche
Erfüllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Sühne'
zustandebringen.

Für den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, daß diese Grundlage
für eine Weltsühne, diese Auslösung der Schuld des ganzen
Menschengeschlechts ein für allemal durch _Jesum Christum_ geschaffen
worden ist, und daß sie jedem einzelnen Sünder zugute kommen kann."

Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? Was, nirgends
mehr? Er ging ans Fenster und blieb dort stehen. In einer geraden Linie
schoß jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, daß
sie fast bis an die Insel stieß. Das große Kirchdorf drüben rechts auf
der Höhe, deren Ende die Landspitze bildete, schaute vom Hang herüber.
Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, grün und
fruchtbar; stolze Besitztümer -- das sah man an der Entfernung zwischen
den einzelnen Gehöften. Die Seite des Hügels, die sich nach der Insel
erstreckte, hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch den
Sund, mußte das Dampfschiff in den großen Fjord verschwinden.

Dies dumpfe Dröhnen des Dampfers! Ist es nicht, als habe die Natur
Sprache bekommen? Die ganze Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn
z. B. über die ganze Landschaft eine Saite gespannt wäre, und ein
Bogen striche darüber, dann müßte das klingen wie das Dröhnen des
Dampfers. -- --

Psst!

"-- -- Gott hat gewollt und bewirkt, daß ein Sünder gerechtfertigt
werden kann durch Gottes Gnade, und zwar dadurch, daß Christus dem
Gesetz Genüge getan hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben
die Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stück von der
Gerechtigkeit abschneiden, die Christus für die Welt gewonnen hat. --
Nein -- das klingt vielleicht zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."

Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide Ellbogen gestützt,
als wolle er überhaupt nicht mehr aufstehen. Er sah den Weg hinunter,
auf dem Josefine mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte über die
Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, das dort
drüben links spielte; von hier aus konnte er es nicht sehen, aber er
wußte, daß es dort spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen
wieder geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. Dort draußen
hatte die Insel einen Waldhut auf, dem der Rauch des Dampfers eben einen
Flor umlegte. Der Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? Nein,
jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese Zeit schlägt er so oft
um. Jetzt duftete es nicht mehr vom Garten und von den Bäumen und
Feldern herein; bald wird wohl ein Flügelschlag schwarze Streifen ins
Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife stöhnte und keuchte links unten an der
Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein Güterzug rangierte.

Wie still es sonst war! Er hörte in weiter Ferne ein paar Kinderstimmen,
jede Schwingung darin. Ab und zu klopfte und hämmerte es in dem neuen
Haus drunten an der Ecke der Strandstraße und des Wegs, der hier
heraufführte. Es klang, wie es in leeren Räumen zu klingen pflegt. In
der Ferne immer noch gedämpfte Staccatotöne des Dampfergedröhns. Das
Haus, in dem er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu
verdanken, daß er einen so weiten Blick und einen so hellhörigen
Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstücke parzelliert wurden,
so war es damit vorbei.

Darüber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht selber aufkaufen? Er
hätte es gern getan; aber Haus und Grundbesitz und alles, was sie
hatten, gehörte seiner Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermögens
steckte in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in dem seine
Mutter wohnte.

Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau verheiratet zu sein,
selbst wenn im Ehekontrakt steht, daß sie allein das Verfügungsrecht
über ihr Vermögen hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben
freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; es ist auch
meist der Schlüssel zu einer gewissen Macht -- namentlich für einen
Pastor. Viel Gutes läßt sich damit tun, was andere sich versagen müssen,
und das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, und hatte es mit
Behagen empfunden. Das paßte ihm.

Aber. -- Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: wie die Frau ist,
die über das Vermögen zu verfügen hat. "Aber wie nun die Gemeinde ist
Christo Untertan --."

Psst! -- Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: "Die äußere Grundlage
für die Rechtfertigung war also, daß Jesus dem Gesetz Genüge getan hat;
die innere Bedingung ist, daß der Sünder das _glaubt_. Wie versöhnt auch
Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem Sünder seine Gnade
schenken, der in Gemeinschaft steht mit Christus, '_weil er an ihn als
seinen Erlöser glaubt_'."

Das Heft sank; der Pastor wußte selber nicht, was er las. Denn die
Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken gefangen. Ist das Weib nicht
Untertan in allen Dingen,... ja, dann sät eben der Umstand, daß die Frau
das Verfügungsrecht über das Vermögen hat, eine Saat der Ungleichheit.

So tief war er hiervon überzeugt, so stark waren die Beweise, die er
sich dafür zurechtlegte, daß er fern und nah nichts mehr sah und hörte,
-- es nur noch wie die Erzählung eines andern in sich aufnahm. Er
trommelte auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die
beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen Schwingungen
sich über und unter seinem Fenster umkreisten, hatten keine Ahnung von
all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man ein Vermögen
besitzt, über das man nicht verfügen kann. Etwas weiter drüben, hinter
dem Schemel des Jungen, der seit ein paar Tagen vergessen dalag,
läutete eine anmutige Declytera mit langem Blütenstengel voll roter
Glöckchen zur Hochzeit -- zur Hochzeit -- ohne das geringste Verständnis
für Epheser 5 Vers 24. Der Pastor übersah sie darum auch. Ja, nicht
einmal Gärtner Nergaards Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum
erstenmal hier oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, seit
der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) -- nicht einmal die
Bienen hörte er, wie sie um die frischen Triebe hinter dem Haus surrten.
Eheliche Kümmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem eine Kappe
über den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen aufs Haar brennen! Über
das sanft abfallende Kirchdorf drüben zur Rechten mit seinen drei
Schattierungen von Grün: Wiesen, Äcker und Wald, --glitten seine Augen
so blind hin wie der Wind. Eben jetzt zog sich ein Streifen Schwarz über
die Bucht, wie versuchsweise, -- ein paar vereinzelte Furchen; er war
mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben muhte eine angepflockte
Kuh sehnsuchtsvoll nach: Wasser -- Wasser! Alles um ihn her ein Warten
-- und ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die warme
Blütenduftluft zerriß ... ein einziger, langgezogener Schrei. In diesem
Schrei hörte er jede Schwingung; der packte ihn an der Brust wie eine
erbarmungslose Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem still
und wartete auf den nächsten. Aber er kam nicht, der nächste ... es
mußte schon beim ersten sich vollständig erschöpft haben ... nein! da
gellte es wieder! War der erste Schrei verzweifelt gewesen, so war
dieser die Todesangst selbst ... und wieder einer ... und noch einer!
Der Pastor stand blaß -- alle Sinne gespannt -- da. Da erklangen von
rechts rasche Schritte im Sand. Es war seine Mutter, die an dem Türchen
zwischen den beiden Gärten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit
schwarzer Haube über dem schneeweißen Haar, das an den Wangen
herabgekämmt war und einen steifen Rahmen um das vorsichtige, ein
bißchen trockene Gesicht bildete.

"Nein!" stieß der Pastor hervor, "nein, Gott sei Dank, Edvard ist das
nicht! Solches Getue leistet sich der nicht, wenn er weint! _Mein_ Bengel
macht kein solches Geschnörkel! Der heult schlankweg drauf los!"

"Schlimm genug ist's -- einerlei, wer's ist!" antwortete sie.

"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen sogleich für den armen
Knirps, der da so jammervoll schrie. Aber nachdem das erledigt war,
dankte er doch Gott, daß es nicht _sein_ Junge war. Das mußte man ihm
schon erlauben!

Währenddessen kam ein hochgewachsener Mann in hellem Anzug und Panamahut
den Weg herauf. Die ganze Zeit über blickte er nach dem Haus und dem
Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber nicht. Der Fremde
kam über die Straße herüber und geradenwegs auf die Treppe zu. Ein
hochgewachsener Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer Brille,
und eigentümlich raschem Gang. Wer in aller Welt...? -- Der Pastor trat
vom Fenster zurück, eben als der Fremde die Treppe erreichte. Er mußte
sie in zwei Sätzen genommen haben, denn schon erklangen Schritte im
Gang. Es klopfte.

"Herein!"

Die Tür wurde geöffnet; doch der Fremde blieb draußen stehen.

"Edvard!"

Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! Und ohne Dich
anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" Und der Pastor lief auf ihn zu,
streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn herein. "Willkommen!
Herzlich willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte vor
Freude.

Edvards sonnverbrannte Hände drückten zur Antwort des Schwagers Hände,
seine Augen glänzten hinter der Brille; gesprochen hatte er noch nicht.

"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der Pastor und legte beide
Hände auf Edvards Schultern. "Bist Du denn Deiner Schwester nicht
begegnet?" --"Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." --"Und Du
bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher hier sein? Es ging Dir wohl
zu langsam mit dem Jungen, was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen
blickten voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. --"Nicht nur
deswegen. Du wohnst hübsch hier."

"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hübsch wohnen, wenn ich auch
unseren Stadtteil im Norden dem Zentrum vorgezogen hätte." -- "Ich hatte
ja wohl keine Wahl." -- "Nein, das ist wahr. Wenn Du das Krankenhaus
übernehmen wolltest, so mußtest Du auch die Doktorwohnung dazu nehmen;
die beiden gehören zusammen. Übrigens nicht zu teuer -- das sagen alle.
Und sehr bequem -- und eine Menge Grundbesitz dabei. Na, jetzt hast Du
Dich aber auch lang genug draußen herumgetrieben. Wahrhaftig -- mehr als
lang -- so in einer Tour. Aber warum hast Du denn nicht geschrieben?
Warum Dich nicht angemeldet? Herrgott -- ich hab' Dich ja nicht einmal
gleich erkannt! Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht verändert!"
Er betrachtete das hagere Gesicht des Schwagers, das ihm nur weicher im
Ausdruck erschien als früher. Dabei plauderte er unaufhörlich weiter,
während sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. Jetzt wandte
Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole -- Du hast Dich verändert!" --
"Wirklich? Das hätt' ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." --
"Doch -- Du hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." -- "Geistlich?
Haha! Du meinst, ich bin ein bißchen dicker geworden? Ich kann Dir
versichern, ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen;
ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergänge; aber -- -- --
siehst Du, meine Frau pflegt mich eben zu gut. Und die Menschen hier
sind zu liebenswürdig zu mir." -- "Du solltest es machen wie ich." --
"Wie machst Du's denn?" -- "Ich lauf' auf den Händen!" -- "Hahaha! auf
den Händen? In meiner Stellung?" -- "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal
durch das ganze Kirchenschiff auf den Händen liefest -- _das_ wäre eine
Predigt!" -- "Hahaha! Und Du kannst wirklich noch auf den Händen
laufen?" -- "Und ob!" -- Und im selben Augenblick lief er auch schon.
Die lose, kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei über den Kopf, der
Pastor betrachtete sie, das Rückenteil der Weste, das Hemd zwischen
Weste und Hosenbund, ein Stück von den Hosenträgern, die Hosen, die
Strümpfe, die braunen Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem
hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer gemacht. Der
Pastor wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten solle. Kallem stand
tiefatmend und erhitzt auf, nahm seine Brille ab, putzte sie und begann
kurzsichtig die Bücherregale zu betrachten.

Nun fühlte der Pastor, daß irgend etwas vorgefallen war -- etwas,
worüber der Schwager sich ärgerte. Hatte die Schwester etwas gesagt, das
ihn verstimmen konnte? Doch nein -- was hätte das wohl sein sollen! Bei
ihrer Bewunderung für ihn! Das beste war -- gleich ehrlich und offen
fragen; warum nicht lieber gleich Klarheit schaffen? Kallem hatte die
Brille wieder aufgesetzt und ging an ihm vorbei, zum Pult; darüber hing
ein Christus von Michelangelo -- ein Holzschnitt. Er sah flüchtig zu ihm
auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult lag. Und ehe der
Pastor noch eine Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische
Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand gekauft." -- "Die?
Du?" -- "Ja. Ich hab' sie seither nie bekommen können. Dort lag sie im
Schaufenster aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." -- "Nein! Das
ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. "Das ist in der Hauptsache nichts
als unhaltbare Juristerei." Verwundert über diese Antwort des Pastors
und den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem sich um: "Ist
diese Denkweise unter den jüngeren norwegischen Theologen allgemein?" --
"Ja. Ich habe mir das alles wieder zusammengesucht, um morgen die
verschiedenen Ansichten über die Versöhnungslehre genau
auseinandersetzen zu können." -- "Aha! Na ja -- eine ganz gute Manier!"
-- Kallem sah zum Fenster hinaus. Zum vierten oder fünften Male schon.
Sicher -- da stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. Er
stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, von wo aus er jetzt
den roten Sonnenschirm seiner Frau über dem Musselinkleid auftauchen
sah. Sie ging langsam und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend
unaufhörlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war fortwährend zu ihr
emporgewandt, während er den unebenen Weg entlang stolperte. Die beiden
gingen drüben auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun ging
eine Dame ... Eben hob sie ihren grünen Sonnenschirm in die Höhe (wie
hübsch der war!) -- eine Dame, nicht so groß wie Josefine, aber
schlanker; sie sah sich um; ihre Bewegungen waren merkwürdig leicht; ihr
Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostüm von
fremdartigem Schnitt; es mußte eine Ausländerin sein. Freilich, jetzt
erklärte es sich, weshalb Edvard vorausgegangen war; er hatte allein
sein und die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, die da
neben Josefine geht? Sie muß mit demselben Dampfer gekommen sein wie
Du?" -- "Ja." -- "Du kennst sie?" -- "Ja. Es ist meine Frau." -- "Deine
... Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, daß beide Damen
heraufsahen. Er zog den Kopf zurück und wandte sich um. Aber er sprach
ins Leere. Der Doktor sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort kam
auch von draußen: "Ja, seit sechs Jahren." --"Seit sechs --?" Des
Pastors Kopf fuhr wieder zum Fenster hinaus; ein aufs höchste
verwundertes Gesicht starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er.
Wie lang ist es doch her, daß ...? Mein Gott, es ist ja knapp sechs
Jahre her, daß ...

Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, die Fremde dicht
am Zaun, während Josefine und der Junge jetzt herüberkamen. "Du,
Mutter, warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den Kopf?" Keine
Antwort. "Mutter, warum fallen sie denn nicht auf die Beine?" Keine
Antwort. "Weil der Oberkörper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte
es. Alle drei sahen hinauf.

Im selben Augenblick verließ er das Fenster, um ihnen entgegenzugehen;
der Pastor hinterdrein; aber er blieb auf der untersten Treppenstufe
stehen.

Die Augen der Dame füllten sich mit Tränen, während Kallem auf sie
zukam; vergebens versuchte sie, es zu verbergen, indem sie bald nach
rechts, bald nach links blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine
Edvard war auf seinen Vater zugelaufen und erzählte ihm, Nicolai
Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert (er deutete dabei nach
dem neuen Haus hinunter) "und 'runtergepurzelt". Und "die neue Dame"
habe ihm ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien den Pastor
gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, als der Junge erwartet
hatte; deshalb lief er ums Haus herum zur Großmutter, um es der zu
erzählen.

"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte Edvard Kallem,
während er die Hand seiner Frau faßte und dem Pastor in die Augen sah.
Dieser suchte nach Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinüber,
die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.

Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche gegen die vielen
Scheidungen mit darauffolgender neuer Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel
geschrieben mit der Überschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte darin mit
unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß nach der heiligen Schrift kein
anderer Scheidungsgrund gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim
Ehebruch betreffe, sei frei und könne sich wieder verheiraten; wenn
jedoch ein Mensch sich aus anderen Gründen scheiden lasse und sich
wieder verheirate, während sein Ehegenosse noch lebe, so bestehe die
erste Ehe fort und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen
hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das geschrieben. Und eben,
weil jene Begebenheit mit Kallem und Ragni Kule ihm noch frisch im
Gedächtnis stand, erzählte er in diesem Artikel, wie die Frau eines
kranken Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, überdrüssig
geworden sei und heimlich ein Liebesverhältnis mit einem andern
unterhalten habe, wie sie dann gleich nach der Entdeckung geflüchtet sei
und sich habe scheiden lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "daß
eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu mit dem, der ihr
geholfen hatte, ihren Mann zu betrügen? Wer könnte eine solche Ehe
anders nennen als fortgesetzten Ehebruch?"

Wort für Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau stimmte völlig mit ihm
überein; sie haßte die Frau, die ihren Bruder verführt hatte, im voraus.
Und nun standen beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.

Etwas Undenkbareres hätte das Wiedersehen gar nicht bringen können! Und
dabei waren sie so sicher gewesen, daß der Bruder all solche
Leichtfertigkeit von sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der
Wissenschaft, dem schon eine Professur angetragen war, unter sämtlichen
jüngeren Ärzten vielleicht der Mann, von dem die Kollegen am meisten
erwarteten.

Das war eine Enttäuschung, die nicht zu verwinden war! Und der Gedanke,
daß sie nun mit diesen beiden an einem und demselben Ort leben, sie
ihren Bekannten in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen
sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen ihr Zusammenleben für
Ehebruch erklärt hatte!

Natürlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig nach der
Wesenseigentümlichkeit des zeitgenössischen Norwegens forschte, daß er
sogar Johnsons Dogmatik las! Natürlich las er vor allem die Zeitungen.
Er hatte es gelesen, und das erklärte alles! Sie stand da und wußte
nicht wohin, klammerte sich bloß an ihn an. Und er? Sein rechter Arm
umschlang sie jetzt, als wollte er sich laut zu ihr bekennen. Sie hielt
mit ihrer Rechten hartnäckig den Sonnenschirm über sich, als könne der
sie schützen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch mußte
heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, nahm sie verstohlen das
ihres Mannes.

"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor mechanisch. Das
geschah. Er führte sie im Haus umher, während Josefine sich entfernte,
um für Erfrischungen zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem Garten
zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, das nach der Straße ging, dann
in die dahinter liegende Eßstube, von dort in die Küche, die an der
Nordseite des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. Auf
derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein Fremdenzimmer, das an
das Studierzimmer stieß und eine Altane hatte, die mit der Treppe am
anderen Ende der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene
Schlafzimmer usw. Das Herumführen dauerte kaum fünf Minuten. Von Seiten
des Pastors nur die allernotwendigsten Worte; von Seiten Kallems ein
paar spöttische Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen ersah,
daß der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief und Josefine mit ihrem
kleinen Sohn oben, und dann, als er die seltene Sammlung von Bildern
berühmter Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der großen
Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, die Josefine anbot,
lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.

Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. Jetzt, zum Schluß,
glitt ihre lange, schmale Hand durch die Hände des Schwagers und der
Schwägerin wie ein Hermelinschwänzchen durch ein Mauerloch. Die Augen
huschten scheu über sie hinweg wie der Schatten eines Flügels. Der
Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; Josefine blieb an dem großen
Fenster stehen.

Kallem ging so rasch, daß Ragni alle drei Schritt einen kleinen Sprung
machen mußte. Der Pastor stand noch draußen und sah es. Diese Hast
steigerte die Erregung, in der sie sich befand, und als sie ungefähr in
der Mitte zwischen der Strandstraße und dem Pfarrhof waren, bat sie
ihn, stehen zu bleiben, und fing zu weinen an.

Kallem stutzte über diese von der seinen so verschiedene Gefühlsskala;
er war empört. Aber bald merkte er, daß sie wahrscheinlich gerade über
seine eigene Art sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den
Zaun, und stellte sich mit dem Rücken dagegen: "Hab' ich mich nicht
richtig benommen?" -- "Du warst so böse -- hu, so böse, und nicht bloß
gegen sie und ihn, sondern auch gegen mich; ja, Du, -- ganz besonders
gegen mich! -- Nicht angesehen hast Du mich -- überhaupt nicht die
geringste Rücksicht darauf genommen, daß ich dabei war!" -- "Aber,
liebes Herz, das hab' ich doch gerade Deinetwegen getan!" -- "Dann laß
mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" Und sie warf
sich an seine Brust. -- "Aber, Kind, --hast Du denn nicht gesehen, wie
Josefine war?" --"Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der Hut
saß im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird mich noch einmal töten!"
Und wieder flüchtete sie an seine Brust. -- "Na, na!" sagte er, "sie
soll Dir schon kein Härchen krümmen. Aber verteidigen werd' ich Dich
wohl noch dürfen!" -- Sofort tauchte ihr Kopf wieder auf. "Nicht so! Ich
hätt' überhaupt nie geglaubt, daß Du so sein könntest! Es war so ... so
unvornehm, Edvard!" Und sie faßte ihn am Rockkragen und zupfte daran. --
"Nun hör' einmal", sagte er ruhig, -- "das, was der Kerl über uns
geschrieben hat, das war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das
war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." Hierauf erwiderte
sie nichts. Nach einer Weile hörte er ein leises: "Ich passe nicht da
hinein!" Er beugte sich über ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins
von beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes Haar
hinein: sie müsse nicht gleich so verzweifelt sein, nicht gleich von
Sterben oder Fortgehen sprechen. "Wir müssen das mannhafter nehmen,
verstehst Du, Schatz?" -- "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich
wieder auf. "Aber Du mußt nicht vergessen, daß ich jetzt dabei bin; Du
kannst nicht so sein, als wenn Du allein wärst!" -- Nein, das merkte er
denn auch, und hatte ein recht böses Gewissen.

       *       *       *       *       *

Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer, das nach der Straße
hinausging; es hatte ein einziges Fenster, das größer als zwei
gewöhnliche war, und da stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz.
Der Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen bösen Zufall, daß er das
im "Morgenblatt" geschrieben hatte. "Dein Bruder hat mir erzählt, er sei
schon seit sechs Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber
nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!" und wandte
sich wieder zum Fenster zurück. Der Pastor meinte auch, das könne nur
ein schlechter Witz sein. Sie hätten sich doch nicht trauen lassen
können, ehe sie gesetzlich geschieden war. -- "Ganz merkwürdig war er --
auf einmal fing er an, auf den Händen zu laufen!" Wieder wandte sie sich
nach ihm um, mit ihren größten Augen. "Jawohl, auf den Händen ist er
gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze Studierzimmer herum. Er
behauptete, so sollte ich einmal zum Altar gehen. Wenn er Luther
verhöhnt, so muß ich mich ja wohl damit abfinden, daß er auch mich
verhöhnt!"

Sie wünschte offenbar nicht, daß er gerade jetzt über diese Begegnung
sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er zog sich ins Studierzimmer
zurück; aber er sah keineswegs bloß mißvergnügt aus, während er sich
seine Pfeife stopfte.

Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen und dem
Zusammenleben mit dem Bruder versprochen. Sie hatte nicht die leiseste
Andeutung hören wollen, daß es möglicherweise anders kommen könne, als
sie erwartete. Wer weiß -- was sie jetzt litt, war ihr vielleicht ganz
gesund!

Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er hätte sein sollen? O
ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott, daß er es nur immer so sanftmütig
ertrug! Denn bei dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl.

Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde wieder zur Hand
genommen; aber der Gedanke an Josefine drängte sich dazwischen. Nie
hatte er in ihrem ehelichen Verhältnis die Sicherheit gefühlt, deren
andere sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten --und dies
letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos, weil alle ihre Gedanken
sich mit dem einen beschäftigten, der nun bald zurückkehren würde ...

"Psst!"

"-- Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks in uns, ein Vorgang
ein für allemal. Alle Sünden sind ausgelöscht; in Gottes Augen sind wir
ebenso rein und heilig wie Christus."


2

Die beiden, die dort unten auf der Straße Frieden geschlossen hatten,
wanderten Arm in Arm weiter. An der Ecke der Strandstraße stand auf
einem Gerüst Maurer Andersen, ein vierschrötiger Mensch mit langem,
braunem Bart und einer Schutzbrille -- der ganze Mann weiß von Kalk. Er
erkannte die hellgekleidete Dame wieder, die seinem Jungen beigesprungen
war, und da sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, den er
vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, das müsse der neue
Doktor sein. Der Pastor war ja sein Schwager; von dem kamen sie jetzt
jedenfalls zurück. Andersen hielt mit der Arbeit inne und grüßte; Ragni
hielt ihren Mann an und sagte etwas -- das sah Andersen. Er rief den
Arbeitern, die da hämmerten, zu, sie möchten einen Augenblick still
sein, und fragte dann, was sie gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der
Junge jetzt schlafe. Jawohl; aber sie möchten doch recht gern, der Herr
Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder wach sei; "Sie sind ja doch
wohl der neue Herr Doktor?" -- "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort
die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die im nächsten Haus;
ein Vorübergehender blieb stehen, guckte die beiden an, ging weiter und
erzählte es der ganzen Straße. Andersen benützte die Gelegenheit, auch
gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. Jawohl, die würde sich der
Doktor nächstdem einmal ansehen. Aus den Fenstern und auf der Straße
sahen ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es weiter? Bald
hatten sie vergessen, was kürzlich vorgefallen war, und fühlten -- hier
konnten sie heimisch werden!

Unter denen, die unwillkürlich grüßten, befand sich ein junger Mann mit
fast zu üppigem Haarwuchs, blassem, merkwürdig gewölbtem Gesicht,
schmächtig gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes lag
über ihm. Als sie ihn ansahen, errötete er. "Da hast Du wahrhaftig schon
eine Eroberung gemacht!" flüsterte Kallem. Kurz darauf kam ein
sonderbarer Gesell ihnen entgegen, lang, vornübergebeugt, in Bluse und
Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht ungewaschen, fast
rußig. Er trug allerlei Handwerkszeug in seinen schmalfingrigen Händen;
die hingen an außergewöhnlich langen Armen, die im Bogen hinter ihm
herschlenkerten. Hätten sie im Takt geschwungen, sie hätten
zusammenstoßen müssen. Eine Mütze trug er nicht; das kurzgeschnittene
Haar ließ die ganze Kopfform erkennen. Die Stirn war weder breit noch
hoch, aber ungewöhnlich fein gebaut. Die Wangenpartie länglich, mit
vortretenden Backenknochen. In den kleinen, eiskalten Augen und um den
zusammengekniffenen Mund etwas Höhnisches. Die Nase klein und flach, das
Kinn ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flüsterte Kallem. "Pfui!"
antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit forschendem Blick an ihnen
vorüber. Kallem blickte ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei
waren, drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. "Wer ist
der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst Kallem an, und dann den
andern. "Das ist Kristen Larssen." -- "Ein Feinschmied?" -- "Was für'n
Ding?" -- "Feinschmied." -- "O ja. Aber Uhrmacher ist er auch. Und
Büchsenmacher. Alles mögliche."

Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne Steindamm. Im Wasser
lag allerhand verfaultes Zeug, ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte
etwas Unfertiges. Ein großes Haus neben einem kleinen; einmal ein
steinernes Haus, dann ein hölzernes; und alles wie in der Eile und mit
geringen Mitteln errichtet. Die Häuser lagen nicht einmal in einer
geraden Linie, und die Straße war kaum eine Straße zu nennen. Die Leute,
denen sie begegneten, noch nicht Städter, und doch auch nicht mehr
Landleute. Durchgehends "mißtrauisch und freundlich", wie Kallem sagte.
"Mischware".

Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von wo der Weg zur Kirche
hinaufführte. Diese lag frei, hoch und schlank auf der Höhe. Hier waren
sie Josefine begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn dort
oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park mit einem Garten vorn,
lag ihr Haus. Von hier aus konnte man es nicht sehen.

Die Straße gabelte sich unmittelbar vor der Kirche und führte nach zwei
Seiten weiter. An dem Weg rechts mußte ihr Heim liegen. Als sie sich der
Kirche näherten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und darin das Dach
des großen Krankenhauses. Endlich --sie gingen ganz langsam, voller
Spannung, ohne ein Wort zu reden -- endlich der große Garten, und darin
ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu breit, die Fenster groß
und alle weit offen. Eine Veranda auf einen sandbestreuten Platz hinaus,
zu dem eine Treppe hinunterführte. Daneben der Blumengarten, weiterhin
der Gemüsegarten, und zu beiden Seiten, der Stadt zu, ein ziemlich
großer Obstgarten. Die beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das
also war es! Sechs lange Jahre hatten sie -- jedes für sich -- dafür
gearbeitet, es erträumt in wer weiß wie vielen Formen -- nur nicht in
dieser! Es hinverlegt nach wer weiß wie vielen Orten -- bloß nicht
hierher! All die geträumten Bilder waren ausgelöscht von dem, was sie
hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, maßen Weite und Leuchtkraft
der Landschaft, und wandten sich dann lächelnd einander wieder zu.
Seltsam --gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen --kein Laut,
kein Geräusch, das an etwas -- nah oder fern -- erinnerte! Sie und ihr
Heim! Das eine von ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und
Fühlen wurde geschärft durch das Bewußtsein, daß das andere ebenso sah
und fühlte. Ragni löste ihren Arm aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun
hinüber -- er war aus Wachholderstäben --, faßte durch die Stäbe, und
pflückte ein paar Gräser und einen grünen Zweig; damit kam sie zurück
und befestigte es an seinem Rock. Er sah etwas weiter oben einen Büschel
Glockenblumen, ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit
zurück; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; als es schließlich
viele waren, sah es hübsch aus.

Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, unausgepackte Möbel, Stroh,
Sägespäne, Matten. Ragnis großen Flügel hatte man augenscheinlich soeben
ausgepackt und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu
sehen.

Ein großer, freistehender Taubenschlag war da. "Denk doch, wenn jetzt
Tauben angeflogen kämen? Tauben müssen wir uns halten!" -- "Aber denk
erst, wenn ein Hund gesprungen käme! Einen Hund müssen wir uns halten!"
-- Von hier aus führte keine Tür ins Haus; erst vom Weg aus, der Park
und Garten trennte. Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal
um, der weiten Landschaft zu.

In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land besaß, der
sonnenfreudigsten, da lag den beiden das eigene Heim, die Mitte des
Kompasses. Ragni lugte seitwärts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine
Spur! Kallem ahnte, nach was sie sah, und lächelte. Sie hörten durch
die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt hörte man sie mit Radau und
Gelächter die Verandatreppe herunterkommen; sie gingen auf den Flügel
los, ohne die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie
schwatzten, probierten, mühten sich ab, unter all dem überflüssigen
Gelärme, das eine Arbeit, an die die Leute nicht gewöhnt sind, zu
begleiten pflegt. Dann zogen sie mit dem Flügel zur Veranda ab, und bald
hörte man sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und Ragni blickten
in den Park; hohe, schöne Bäume und hinten zwischen den Stämmen das
Krankenhaus, ein mächtiger Holzbau auf Steinfundament, mit großen,
kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die Tür in den Garten
und auf ihr eigenes Haus zu.

Zuerst ein kleines Wirtschaftsgebäude; sonst aber lag das Hauptgebäude
nach allen Seiten frei.

Die Obstbäume fingen schon zu blühen an; es mußte warm sein hier oben.
Und der Garten! Ragni dachte mit keinem Gedanken daran, daß der
wohlbestellte Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst
zuzugreifen. Das Haus mußte neu gestrichen werden; es sollte auch eine
andere Farbe bekommen, nicht diese ärmliche gelbe. _Ihr_ Haus, _ihr_ Heim!
Kallem trat dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er wollte
gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum Vordereingang
hinein, die Verandatreppe hinauf. So gingen sie zwischen den Kisten und
dem Stroh hindurch und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war im
Verhältnis zu seiner Länge und Breite niedrig, das Dach ragte weit vor
und lag schwer darauf. Aber es war gut.

Auch die Veranda hatte keine Verhältnisse; sie war breit und die Treppe
bequem.

Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, was ihnen in die Augen
fiel, war eine Enttäuschung; die Eingangstür, eine Glastür, befand sich
nicht in der Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der südlichen
Wand. Sie sahen bald, daß es nicht anders möglich war, wenn die Veranda
in der Mitte des Hauses liegen sollte; rechts lagen nämlich noch zwei
Zimmer in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen die Männer,
die den Flügel hineingetragen hatten, alle wieder heraus; sie dachten
sich gleich, wer die beiden waren, und als sie Ragni erblickten, nahm
erst der eine, dann nahmen alle andern Hut oder Mütze ab. Kallem grüßte,
Ragni schlüpfte zu ihrem Flügel hinein, der mitten im Zimmer stand,
holte den Schlüssel hervor und öffnete ihn, als müsse sie ihn gleich auf
der Stelle genau prüfen; sie konnte nicht anders, sie mußte hören, ob er
noch gestimmt war. Mit den Handschuhen an den Händen schlug sie
Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten Klängen dieser Hymne an die
Heimat nahm Kallem den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es
sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.

Ragni hatte ihnen den Rücken zugewandt und bemerkte daher nicht, daß nun
von rechts noch zwei Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem,
glänzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, das gern
hereingeguckt hätte und doch auch nicht gern gesehen sein wollte. Aber
jetzt öffnete sich auch die Tür gerade vor ihr, und ein Bauernmädchen
spähte bescheiden herein, was das wohl für seltsame Töne sein mochten.
Ragni dachte sich gleich, daß es ihr Dienstmädchen sei, das aus der
Küche kam, und ging ihr entgegen. "Du bist Sigrid?" -- Ja, freilich, es
war Sigrid. -- "Und wir sind Doktors." -- "Kann mirs denken!" sagte sie
und kam jetzt ganz herein, ein kräftiges, anmutiges Geschöpf. "Ist es
das erstemal, daß Du bei fremden Leuten bist?" fragte Kallem. -- Jawohl,
es sei das erstemal. -- "Und bei uns ist es das erstemal, daß wir
haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz famos gehen!"

Ragni ging mit hinaus in die Küche. Dort fiel ihr sofort ihr neues
Tischservice in die Augen, das eben ausgepackt und abgewaschen war.
Jetzt aber konnte sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den
Korridor und die Treppe hinauf; sie mußte allein sein. Die Tür zu ihrem
Schlafzimmer stand gerade vor ihr offen; sie ging hinein und trat auf
die Altane, die über der Veranda lag. Womit hatte sie solch großes Glück
verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im Vergleich zu dem, was
hier in dem Haus eines reichen Mannes für sie bereit stand? Und doch --
in diesem großen, unverdienten Glück war eine Angst ... Auch von hier
spähte sie hinüber -- gen Norden. Ob das Pfarrhaus zu sehen war? Nein,
es war nicht zu sehen.

Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie sogleich gefühlt.
Und ob der Bruder das auch häßlich fand -- er hing doch an seiner
Schwester; ja, etwas war an ihr, das er ganz besonders liebte; in
solchen Dingen täuschte sie sich nie.

Kallem besah sich die Räume unten. Das Paar an der Tür rechts hatte sich
wieder zurückgezogen, und die Männer waren bei der Arbeit. Das
Verandazimmer war groß; die Fenster gingen auf einer Seite nach der
Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er würde Ragni vorschlagen,
jene zu verhängen. Einfarbige, hellgraue Wände, die Decke hellblau mit
goldenen Sternen; die Farben waren alt; nur der Fußboden war neu
gestrichen, ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie noch dabei,
frisch zu tapezieren. Was, immer noch nicht fertig? Und auch im nächsten
Zimmer noch nicht? Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die
kleine Frau, die vorhin in der Tür aufgetaucht waren. "Guten Tag!"
grüßte Kallem. "Guten Tag!" erwiderte das runde, glänzende Gesicht mit
dänischem Tonfall. Kallem trat näher an den Tisch heran, vor dem der
Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die Frau hielt sich dicht an
seiner Seite; jetzt verkroch sie sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre
Frau?" -- "Jawohl, meine Frau; und außerdem mein Gesell; Gesell und
Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" Das kleine
Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch fast unhörbar. Der Mann hatte
hervorstehende rollende Augen, in denen ein Schelm saß. "Ich dachte, Ihr
wärt fertig." -- "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr Doktor!" Sie
gluckste vor Lachen, aber immer wie aus einem dicken Pack heraus. --
"Ist Ihre Frau auch Dänin?" -- "Nein, Norwegerin; aber wir passen
trotzdem gut zueinander." Sie duckte sich, fortwährend kichernd, noch
tiefer hinunter.

Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; Kallem sah sofort,
daß es das Eßzimmer werden mußte, wahrscheinlich auch das Wartezimmer
für die Kranken. Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und nach
Südost, war selbstverständlich sein Arbeitszimmer, in dem er Patienten
empfing, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er ging gar nicht erst
hinein, sondern vom Eßzimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts
die Küchentür. Auf dem Küchentisch sah er eine Reihe Bierflaschen
stehen; einige leer, andere noch voll. "Wem gehören die Flaschen?" --
"Dem Sattler." --"Sie meinen dem Tapezierer?" -- Kallem begriff mit
einemmal, was da für "Hindernisse" vorgelegen hatten, und daß der Mann
betrunken war, und die Frau noch mehr. _Da_rum waren die Männer so lang im
Hause geblieben, bis sie den Flügel geholt hatten! Sie waren mit Bier
traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den Dänen mal heraus!" Das
Mädchen ging, und sofort kam auch das runde, glänzende Gesicht mit
hundert Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter die Frau, die
einmal rechts und einmal links davon hervorguckte.

"Die Flaschen da gehören Ihnen?" -- "Nicht so ganz!" -- "Ihr seid also
mehrere?" -- "Ja -- beim Trinken!" -- "Aber Sie haben sie bezahlt?" --
"Das Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die muß man zurückgeben." Die
Frau kicherte.

"Darf ich fragen, wie Sie heißen?" -- "Sören Pedersen heiss' ich,
jawohl, Sören Pedersen!" -- "Also hören Sie mal, Sören Pedersen, wollen
Sie mir die Flaschen da verkaufen?" -- "Das Bier, meinen Sie?" -- "Das
Bier." -- "Aber gern!" -- "Dann haben wir heut Nacht doch was zu
trinken; wir müssen nämlich durcharbeiten heut Nacht; wir möchten morgen
fertig sein. Wir arbeiten mit. Wollen Sie?" -- "Wenn der Herr Doktor
befehlen." -- "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute mit uns zu Abend
zu essen?"

In drei, vier Sätzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand
im Sonnenglanz draußen auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er
fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.

Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem
Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte -- von hier aus
konnte man es sehen -- auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die
Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinüber, nach
rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie können uns doch zum
Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet wären? Nicht?
Das wollen wir doch sehen!"

Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der Wände in ihrem
Schlafzimmer; mattweißer Ölanstrich, wie sie es sich gewünscht hatte.
Alles sollte weiß sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und
Portieren, die von der Decke herab über den beiden Betten, dem
Altanfenster und der Tür hängen sollten. Die waren blau in Farbe und
Muster, zu den Ornamenten an den Betten und übrigen Möbeln passend. Sie
wurde ganz gesprächig; aber Kallem mußte das Krankenhaus besehen; und da
wollte sie mit.

Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen,
waren ein paar alte schöne Bäume: die standen viel zu nah -- die mußten
weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen großen freien Platz mit
einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in
den Park führten. Das Krankenhaus war zweistöckig, gelb gestrichen, mit
ungewöhnlich großen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau,
einem mächtigen Steinsockel, war die Wohnung für die Dienerschaft und
den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen
Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite
des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr großen Hofraum
ein. Kallem freute sich, als er längs des Gitters Ahornbäume stehen sah;
er wußte, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die
Kranken aufgeschlagen sein -- den ganzen Sommer über.

Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen
fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür,
der angab, wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier sahen sie
dann im inneren Hof; ein älterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er
trug eine Brille, über die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er
merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" -- "Ja."
Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er
sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug
--trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den
Hals; er hielt sich in der Entfernung, grüßte auch nicht. Der Portier
ging mit ihnen.

Das Haus hatte -- zu beiden Seiten eines hellen Korridors -- je eine
Reihe Zimmer, die nach vorn groß, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden
Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch
Verwalter und ältester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die
übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette
Leute, Männer wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, -- die
waren die allerfreundlichsten.

Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten,
verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon
für den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein
neuer, gebohnter Fußboden mußte sogleich gelegt werden. Der
Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger
geringerer Mängel -- z. B. die kleinscheibigen Fenster -- war das Haus
gut; die Zimmer hoch, die Gänge geräumig; das Ganze machte den Eindruck
von Helle; es gefiel ihm sehr.

Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering.
Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten
-- zwei Knaben und ein etwa zehnjähriges Mädchen, magere, wachsbleiche,
armselige Geschöpfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine
amerikanischen Zelte legen zu können. Der frühere Besitzer des
Krankenhauses, der alte Doktor Kule -- ein Onkel von Ragnis erstem Mann
--, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im
Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen wollte. Hier konnte er
sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte
freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem
Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte die Oberaufsicht; aber er
war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden
Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und fürchterlich
hungrig, nahmen in der Küche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken
ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das große Ereignis: daß sie
zum erstenmal im eigenen Hause aßen.

Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni
an den Flügel. Sie hatte sich --seit fünf oder sechs Jahren -- ganz
heimlich an Übersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der
Versliteratur versucht. Ein bißchen warm vom Wein -- ein bißchen
verlegen -- schlug sie ein paar Akkorde an -- bat ihn, sich nicht vor
sie hin zu stellen -- schlug wieder Akkorde an und sang mit einer
kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang:

    Wir sind daheim!
    Unser Wesen und Sein
    Soll hier blühn und gedeihn
      Aus zartestem Keim!
    In Dingen, Gedanken,
    In Stimmen, in Blumen,
    Soll alles sich ranken
      Um uns.

      Hier wird mein Sinn
    Durch dich offenbart.
    Und du, der nun sehend ward,
      Sieh, wer ich bin,
    Die sündig und selig-fröhlich,
    Beglückt dich und kränkt,
    Und stets sich versenkt
    Harmonisch und selig
      In dich!


3

Den nächsten Morgen wachten sie durch ein lautes, anhaltendes Dröhnen
auf. Als sie ganz munter wurden, merkten sie, daß es die Kirchenglocken
waren, die zum Kirchgang läuteten; beide hatten lang geschlafen; aber
sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also bis in den hellen Morgen
hinein, gearbeitet.

Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im Badezimmer nebenan, wo
er sich mächtig abduschte. Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn
gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf
die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle
ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte
schon gestern gemerkt, wie gräßlich kalt das Wasser war und lag nun mit
großen, offenen Augen da und überlegte, ob sie mogeln oder es wirklich
wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem
allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch
anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den köstlichen
Tag rühmte -- er vergaß die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst
gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so
leicht erkältete, sollte sie sich's zum täglichen Brot machen, und ganz
besonders hier, wo Wärme und Kälte so schroff wechselten. Also --! Sie
setzte ihr kläglichstes Frätzchen auf -- sie versuchte, darüber
wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie
ihr Gelübde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's später
noch oft. Sie küßte ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er küßte sie,
und sagte, sie sei ein süßes Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein,
streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ...
Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die
Decke über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug
beides nach der Tür; und jetzt bat sie so rührend um Gnade, und das
klang so verängstigt, daß er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang
die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen
Gliedern zerschellte alle Logik.

Die Glocken läuteten und läuteten. Wagen rollten vorüber, alle von der
Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tür
stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schlägen
aussetzten, hörte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von draußen
die Vögel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben
eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer
abstoßen sehen, vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mußte ein
Fest sein, zu dem die Leute strömten.

Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windstoß füllte sich
das Zimmer mit Wohlgeruch; es strömte förmlich von Bäumen und Wiesen
herein. Zwischen dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die Luft
war trunken.

Eine Weile später standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute
zur Kirche gehen. Aber fortwährend zogen daneben mit Menschen
vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer war
schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide
verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem
eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. Über- und
nebeneinandervorbei flogen sie -- die Schatten auf dem Sand machten die
Schwingungen nach; die Vögel waren bald ganz unten, dann wieder höher;
wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten,
senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nächstes Jahr", sagte
sie flüsternd, "wollen wir Nistkästen anbringen!"

Sie kleideten sich völlig an, gingen hinunter und frühstückten. Sören
Pedersen und seine Frau waren längst da und hatten längst gefrühstückt;
sie waren schon in voller Tätigkeit.

Sie erfuhren jetzt, daß fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel
fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte
und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon
die Fußgänger unterwegs; jetzt kämen die zu Wagen, und außerdem noch ein
ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig
Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen -- "ein ganz
absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frühstückten im Verandazimmer.
Aber das Frühstück wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat
lächelnd, bescheiden, ein älterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es
war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben
von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine
angenehme, leise Stimme und ein ruhiges Lächeln bei allem, was er sagte.
Er setzte sich etwas abseits, während sie weiter aßen, und machte einige
kurze Angaben über die Kranken in der "Anstalt" und über den allgemeinen
Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er
bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung
machen müsse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und
Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert
sei. Selbst das rein Geschäftsmäßige klang freundlich in Doktor Kents
Mund. Als sein leichter Einspänner vorfuhr -- er hatte einen
Krankenbesuch auf dem Lande zu machen -- bat Kallem, er möge ihn
mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen
größeren Wagen und saßen bald alle drei darin. Als sie eben abfahren
wollten, fiel Ragni ein, daß der Flügel leicht übergestimmt werden
mußte, und sie fragte Sören Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen
könne, wenigstens einmal fürs erste. Freilich -- Kristen Larssen. So kam
es, daß die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen Larssen begann. Kent
erzählte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden
aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in
Konflikt geraten -- Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es
geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der
Sünden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz
allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgeräte
stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch --kalt, wie Eisen im Winter,
und Sören Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn
das eigentlich für Leutchen seien? -- Ihre Antezedentien kenne er nicht;
_sie_ stamme aus hiesiger Gegend, _er_ von Fünen. Beide tüchtig in der
Arbeit; aber man habe bald gemerkt, daß sie tranken. Der Pastor hatte
dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, während sie bei ihm
in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise glückte es; sie hörten
nicht allein auf zu trinken, sondern Sören Pedersen wurde ein überaus
eifriger Temperenzler und äußerst fromm; er konnte schließlich die ganze
Bibel auswendig. Buchstäblich wahr -- ganz auswendig! Er erzählte selber
oft, daß es sein größtes Vergnügen sei, wenn Aase ihm zuhöre, und in
kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem
Kopfe vor, während die Leute dabei saßen und nachlasen. Der Pastor
meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen höheren
Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mußte auch mit! Da man ihm hierin
nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an
allem irre.

So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, der sich gerade
damals hier in der Stadt niederließ. Kristen Larssen hatte von Sören
Pedersens Gabe zum Auswendiglernen gehört und versuchte, hinter den
Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus;
"alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding
unmöglich."

"Das steht in Matthäus", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der
Richter steht, daß der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den
Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!"

Der ehrliche Sören Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, daß der Gott
der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. -- "In einem und
demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner
geschrieben: Du sollst nicht töten! -- und gleichzeitig auch, daß der
Herr unablässig gebot, zu töten. Also sind da Widersprüche."

Das war für Sören Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel
auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenhänge, und verlangte
nun in jeder religiösen Versammlung Auskunft darüber. Schließlich hatte
er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, nach denen er fragte;
es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die
anderen nahmen Ärgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den
Zusammenkünften ausgeschlossen. "Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen
erzählen darf" -- sagte Doktor Kent -- "aber Ihr Schwager hat Sören
Pedersen und Frau Aase eigenhändig hinausgeworfen -- zum Betsaal hinaus!
Sie waren früher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr
Schwager ist sehr stark; aber Sören Pedersen behauptete sich, bis der
Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie
sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." Kallem und Ragni lachten
ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammenstoß miterlebt", fuhr
Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; ich gehöre
zur Schulkommission. Sören Pedersen und Frau Aase waren auch da und
allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lügen!" sagte unter anderem der
Pastor. Da stand Sören Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der
Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten
Mund." Wieder wurde Sören Pedersen hinausbefördert."

Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Histörchen
fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle freie Ebene, unterbrochen
von größeren oder kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt -- eines
Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Gehöfte stattlich,
die Felder fruchtbar, der Weg führte in Windungen abwechselnd durch
Wälder und Felder, über Hügel und Bäche. Steingehege, wo man's am
wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von
den Prärien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mußte all
diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein
wie gestern, der gleiche kräftige Duft von Wiese und Wald -- und dazu
eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!

Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. Ragni freute sich
über den Reichtum ringsumher. Von allen Fächern war ihr Botanik das
liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte,
und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen
Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wüchsen? Doktor Kent
meinte, sie müßten vor langer Zeit einmal eingeführt worden sein,
vielleicht von den Mönchen aus dem Kloster drunten.

Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald,
größtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linnäa; da hielt
es sie nicht länger im Wagen; alle drei stiegen aus.

Die Linnäa hatte eben angefangen ihre glockenförmigen lichtroten Blüten
zu öffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu
tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein könnten!
Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen -- nein, sie war ja
im Frühling abgereist -- also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich
empor; und da entdeckte sie auch die =Pyrola uniflora=[2] -- einsam, mit
wehmütig gesenktem Köpfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie
fragte, wie sie auf norwegisch heiße. Er fragte Kent, ob man sie nicht
den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und
erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter
von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Blütenkelch
entgegenströmte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja
gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein
bißchen weiter zurück -- fort von den andern. Sie hörte sie plaudern; im
Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie hörte ein paar aufgescheuchte
Vögel. Doch jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, hörte sie bloß noch das
Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine
Sauerkleeblüte fand sie noch, einen kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte
sie aus ihren vielen kleeartigen Blättchen hervor; -- ob sie wußte, daß
sie ihre Genossen verloren hatte?

"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die
Linnäen und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; bloß deswegen war
der eine, letzte noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den
Siebensternen[3], die große Familienzusammenkunft abhielten. Alle
warteten darauf, sie zu sehen; kein Fuß noch war hier geschritten in
diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erzählte, daß sie
von weit, weit hergekommen sei -- erzählte ohne Worte; die waren unter
ihnen nicht nötig: Tür um Tür hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen
einzudringen; kaum hatte sie die eine geöffnet, so lag dahinter eine
andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die
Linnäa sah, wußte sie -- jetzt stand sie vor der letzten Tür. Und hier
war das Innerste. All das Große, Gefahrvolle draußen -- vom Meer an --
all das Mächtige und Böse, das Bunte und Geschäftige, all die
Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein;
hier herein müssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend
Stücke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer.

"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das innerste Geheimnis." --
"Ach! Sagt es mir!" -- "Gut sein!" -- "Ach ja, ich glaube, das ist auch
das einzige, wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die andern
nicht -- --?" -- "Laß die andern sein, wie sie wollen. Du aber sei gut!"

Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste gedrungen. Sie
verstand jetzt, was das Stärkste war. Die Sternblumen.

"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald hallte wieder von seiner
klaren Stimme. "Ja!" -- Ein paar von der Familie wollten gern mit; sie
hob sie zu sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am Waldrand
stand eine =Actaea=[4] -- die stand dort, damit sie ihr den Weg ins
Innere hätte weisen können, falls sie hier ausgestiegen wäre. Jetzt
wollte sie mit. Und dicht am Weg stand ein Busch und darunter,
wohlverborgen, eine ganze Gesellschaft Maiglöckchen; wo hatte sie nur
ihre Augen gehabt? Sie wußten, woher sie kam; auch sie waren als Wachen
ausgestellt, um ihr den Weg ins Innere zu zeigen. Sobald sie einander
sahen, verstanden sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme
sind". Einige wollten mit.

"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf den Fahrweg hinaus.
Jetzt sah sie, wie weit zurück sie war. Die beiden Männer standen am
Wagen und unterhielten sich; sie waren ganz oben auf der Höhe. Die
schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schmächtige Figur des Doktors
hoben sich scharf ab. Beide hatten alle Hände voll. Sie kam eilig heran
und hörte schon von weitem Kallem Vortrag halten über einen jungen
Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; er gab, auf
Deutsch, die begeisterten Worte eines deutschen Botanikers über diese
prachtvolle Giftpflanze wieder, die er in Norwegen gefunden hatte.
Doktor Kent überreichte ihr liebenswürdig eine =Pelygala amara=[5]; er
wußte, daß ihr, die von Amerika kam, diese blaue Blume neu war. Sie
bedankte sich herzlich. Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an,
ihre Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich auszusuchen, was
ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen Moor; Kent hatte die Blüte einer
Moortanne im Knopfloch stecken; sie hatten überhaupt alles mitgenommen,
sogar ein Schmerkraut. -- "Das Raubtier!" sagte Ragni. Das wollte sie
nicht haben; es sei auch so "schmierig"! -- "Du bist doch in allem
Ästhetiker!" bemerkte Kallem. Sie warf ihm einen gewürzten Blick zu,
etwa wie der Duft ihrer Linnäen. "Ist Ihnen aufgefallen, daß wir ganz
allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er erzählte, alle Leute
seien in der Kirche: der alte Meek halte heute, an seinem
fünfzigjährigen Jubiläum, seine Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war
er bei seinem Vater Vikar gewesen -- wie das damals so Sitte war -- und
hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er siebzig, und wollte mit
seiner Enkelin eine Reise ins Ausland unternehmen! -- "Also ein rüstiger
Herr?" -- "Ja, und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer zu Fuß. Er
war unser Zwischenhändler." -- "Zwischenhändler?" -- "Nun ja, jeder
Bezirk hier hat so eine Art Vermittler zwischen Wissenschaft und
Praxis. Ihm hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, und
durch die eine Gemeinde auch die andern." -- "Er ist also beliebt?" --
"Er ist der beliebteste Mann weit und breit in der ganzen Umgegend." --
"Wie ist er denn auf der Kanzel?" -- "Na ja, er hat fünfzig Jahre lang
von seiner Kanzel herunter Geschichtchen erzählt. Seinerzeit wurde viel
darüber gespottet; manche fanden es auch profan; aber jetzt machen es
ihm verschiedene nach." -- "Was für Geschichten denn?" -- Also -- die
letzte, die Kent gehört hatte, handelte von einer Frau in St. Louis in
Amerika, die dreißig Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte und trotz
ihrer siebzig Jahre noch immer die unbotmäßigste Gefangene war. Da
sollten die Gefangenen in ein anderes Haus überführt werden, dessen
Vorsteherin Quäkerin war. Die Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen;
sie setzte sich aus Leibeskräften zur Wehr, so daß man sie binden und
auf einem Stuhl forttragen mußte. Als sie mit ihr ankamen, stand die
Leiterin des Gefängnisses in der Tür und nahm das rasende Weib in
Empfang. "Bindet sie los!" sagte sie. -- "Aber wird das auch gehen?" --
"Bindet sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, beugte ihre neue
Oberin sich über sie, umarmte sie und gab ihr einen Willkommenkuß, wie
eine Schwester der Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und
sagte: "Kannst Du wirklich glauben, daß an mir noch was Gutes ist?" Und
von Stund an gehorchte sie ihr.

Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in einen Bauernhof ein, der
ein Stück oberhalb des Weges lag. Vor der Altane sprang ein großer
schwarzer Hund auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber bloß ein
paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, beschnupperte
sie, lief zurück und legte sich wieder.

Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die Pferde um und fuhr ein
bißchen zur Seite. Die beiden Ärzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni
wanderte auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen Alten
im Bett liegen; seine Frau saß neben ihm; sie sang mit zitteriger Stimme
dem Kranken etwas vor und fuhr auch, als die Tür sich hinter ihr
öffnete, ruhig fort.

Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich auf die
Scheunentreppe.

Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen könnte, wie ein ruhender
Bauernhof! Nicht der Wald, denn irgendwo raschelt und raunt es da immer;
man muß lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst wenn es
schweigt; völlig in Frieden ist es nie. Nicht die Wiese; denn da wimmelt
es von Leben. Und so überall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof
--. Das Hühnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, der Hund
liegt ganz still und die Katze geht ein paar Schritte, und bleibt
stehen, und geht wieder ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben
der Egge, der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel
hängen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da lebt, ruht wie
du; und was sich etwa noch regt, erhöht nur den Frieden. Das Schwein,
das du ganz dort hinten wühlen siehst, ist nur mit sich selber
beschäftigt; das Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur
sein eigenes Behagen; die Vögel, die kommen und dich grüßen, tragen dir
die Sorglosigkeit zu, die in allem Frieden liegt.

Doch mitten in der Ruhe schoß in Ragni wieder die Angst auf, die sie
seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. War etwas in ihrem eigenen
Gewissen, das sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal die
Kinder ihrer Schwester? -- Nein! Denn unter solchen Verhältnissen hätte
sie nicht einmal denen etwas sein können. Also, was denn? Was hatte sie
getan? Ihn geliebt. Weshalb sollte sie das nicht dürfen?

Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgebäuden herum, und da fand
sie zwei Arten =Orobus=[6], nicht weit voneinander -- erst draußen auf
der Wiese die Vogelerbse, und dann noch eine andere Art im Gebüsch; auf
den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. Als sie
zurückging, fand sie einen prächtigen Hahnenkamm und eine dritte Art
Veilchen; zwei hatten die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora!
Und da! Da wieder! Die entzückendste Veronica; o weh, die Krone fiel ab;
aber da ist wieder eine; die hält. Später hörte sie, daß in dieser
Gegend die spröde Blume auch "Männertreu" genannt wurde.

Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem,
tief über den Kranken gebückt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam
Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber
sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe
Gestalt in der Tür; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte!

       *       *       *       *       *

Nachmittags saßen sie zusammen in dem nach Südosten gelegenen
Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bücher war jetzt alles in
Ordnung. Sören Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Eßzimmertür herein;
er pfiffig, sie verschüchtert. Eben kämen der Herr Pastor und seine Frau
durch den Garten.

Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begnügte er
sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins
Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die Gäste zu empfangen.

Die Begrüßung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu
entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom
Abendgottesdienst komme. Sie hätten überhaupt bloß anfragen wollen, ob
Schwager und Schwägerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten?
Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr.
-- Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und
Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz
still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu
über.

Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein "Prachtstück".
Während sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren
die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so schön?" -- "O-- --"
-- n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fügte hinzu:
"Ach ja, bitte!"

Ragni sah ihren Mann an -- wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe
ausschaut. "Ragni muß in Stimmung sein, um spielen zu können!" sagte er.
"Natürlich -- Sie werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man
setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, Josefine ein
bißchen abseits; Ragni blieb stehen.

"Natürlich -- Ihr müßt beide müde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die
lange Reise -- -- und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von
Doktor Kent höre, seid Ihr bald fertig?" -- Ja. Sie hätten aber auch
eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sören Pedersen und seiner Frau.
Ragni fürchtete auf einmal, die beiden könnten noch im Eßzimmer sein und
lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie
nicht.

Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen väterlichen Ausdruck
angenommen. "Wir haben Sören Pedersen und seine Frau für Euch nehmen
müssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich müßte man
solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." -- "So?" -— "Tüchtige
Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben
tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen großes Ärgernis
in der Gemeinde." -- "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei
und fuhr ihm leicht mit der Hand über den Kopf; sie tat, als wolle sie
etwas vom Flügel holen. Der Pastor ließ sich durch den leichtfertigen
Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den
beiden, was wir nur konnten -- sie trinkt geradeso wie er. Ihr würdet
Euch wundern, wenn Ihr wüßtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen
sind. Aber alles vergebens -- ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will
nicht näher auf die Sache eingehen." Und er blickte hinüber zu seiner
Frau, die in ihrem enganschließenden Kleid dasaß, kraftvoll,
undurchdringlich, aus einem Guß und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle.
Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes
eigentliches "Sehen". Kallem wäre am liebsten aufgesprungen und hätte
sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den
andern, ihm gerade gegenüber.

"Zu dumm," sagte er, "daß der alte Doktor ein Haus dicht neben das
Krankenhaus gebaut hat. Daß man fremde Menschen immer so dicht auf dem
Leibe haben muß!" -- "Der Alte hat es für seinen Schwager gebaut. Und
nun ist der auch tot." -- "Ja, das hab' ich gehört. Wenn ich in der Lage
wäre, noch mehr Geld in Häuser zu stecken, so würd' ich es kaufen,
trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine wandte sich kaum
merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube
nicht, daß es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine
Weile war es still.

Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut vormittag im
"Morgenblatt" einen Artikel über die Unsicherheit der amerikanischen
Verhältnisse im einzelnen und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer,
der die Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. Wenn er
einmal jemand anders ansah -- wie eben Ragni, die ja aus Amerika kam --
so war das nur vorübergehend; gleich wandte er sich wieder seiner Frau
zu.

Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hübscher Mann, besonders seit
eine gewisse Behäbigkeit den knochigen Untergrund des Gesichts
ausgefüllt hatte; die Stimme klang frisch, und die Melanchthonaugen
strahlten warm in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes
Auftreten hatten etwas Mildüberredendes; aber man fühlte hinter der
Milde die Kraft!

Ganz unerwartet machte Josefine eine aufwärtsdeutende Bewegung mit dem
Kopf. "Ja, natürlich, es ist Zeit, daß wir gehen!" sagte Tuft und stand
auf. "Ich verschwatze mich immer. -- Also, Ihr kommt mit, nicht?"
Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber der hatte auch noch eine
Frau, die ihm Blicke zuwarf -- graue -- und sehr weiche. "Danke! Aber
wir sind zu müde. Ein andermal!"

Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat dann ans Fenster und
sah ihnen nach, wie sie hoch und stattlich davonschritten. Bald lag die
Kirche hinter ihnen. Alle Vorübergehenden grüßten ehrerbietig. Als sie
schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. Dann schlenderte er
ein paarmal durchs Zimmer und schlug plötzlich einen Purzelbaum. "Du,
hol mir doch Sören Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war er
draußen, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends zu finden. Sigrid
berichtete, sie seien gleich gegangen, als Pastors erschienen.
"Schockschwerenot! Pass' auf, jetzt trinken sie sich einen an! Lauf
schnell und lade sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!"
Das Mädchen rannte davon. "Laß nicht locker!" rief Kallem ihr nach. "Ob
sie wollen oder nicht!"

"Hören Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, als die beiden
wieder im Wohnzimmer standen, sie natürlich hinter ihm -- "Hören Sie
mal, der Herr Pastor sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe
Sie nicht davon abbringen können?" -- "Da sagt der Herr Pastor bloß, was
wahr ist." -- "Aber das ist eine böse Krankheit, Pedersen!" -- "O ja --
hinterher!" -- "Wollen Sie es mir überlassen, Sie zu kurieren?" -- "I,
warum denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst -- es wird lange dauern."
-- "Zwei Minuten." -- "Zwei Minuten?" Er lächelte. Aber bevor er
ausgelächelt hatte, hatte Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen,
die einen mächtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der Sattler
wechselte die Farbe und wich zurück. Der Doktor ging ihm nach und hieß
ihn sich setzen. Er gehorchte augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase
wurde es fast übel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor über
die Achsel zu ihr, und wie hingeweht saß sie auf einem Stuhl. Der Doktor
hatte gestern sofort erkannt, wen er da vor sich hatte; es dauerte keine
zwei Minuten, so war Sören Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem
diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, die Augen wieder zu
öffnen; beide gehorchten sofort. "Nun hören Sie mich an, Pedersen: von
jetzt ab hören Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form
zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier --_einen_ -- _einen ganzen_
Monat lang! Hören Sie? Wenn der Monat vorbei ist -- es ist jetzt halb
sieben --so kommen Sie wieder hierher -- auf die Minute!"

"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien Sie. Und hinterher
singt Ihr beide." -- "Wir können nicht singen." -- "Einerlei? Ihr
singt!"


4

Josefine verließ die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der
Westküste, wo er Seebäder nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas später
nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt.
Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und
hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Maße gewonnen, daß sie, als
vor zwei Jahren die Stadt aus der Diözese ausgepfarrt wurde, einstimmig
um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang
hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl
gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er
nicht zu Hause war, erzählte Ragni, daß sie verreise, verabschiedete
sich und bat, den Bruder zu grüßen.

Ragni war sich sofort klar darüber, daß diese Reise nur ein Vorwand war,
um sie nicht in die Gesellschaft einführen zu müssen; sie wollten nicht
für sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mißtrauisch war, sagte sie
jedoch nichts davon. Er vergaß bald die ganze Geschichte; denn er hatte
ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mußte
seine Praxis übernehmen zum Dank dafür, daß Kent vor Kallems Ankunft das
Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger
Militärarzt und augenblicklich bei den Übungen. Er hieß Arentz und
zeichnete sich durch überaus breite, tadellos geplättete Vorhemden aus.
Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort für Wort das Lehrbuch
wieder -- er mußte sich anfangs Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"[7] zu
nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern
leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Straßen Kallem unerträglich
wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er
selber ein freier Mann sein, so mußte er sich anders einrichten.

Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und spät abends
heimkommen. Vielleicht saß er einmal ein Weilchen bei ihr auf der
Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der
Arbeit war; aber selten. Er mußte wieder hinein, zu seinen Büchern.
Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurückkam; er
glaubte, die versäumte Zeit nachholen zu müssen und fortan saß er
beständig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schließlich
siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre
eigenen Bücherfächer; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.

Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte.
Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte
nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause
aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden,
oder -- wie es meist der Fall war -- am Fenster stand und hinausstarrte.
Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu
begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut denken, wie da; das
habe er von seinem Vater.

An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten kam er nach Hause,
ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie
eine Schwalbe. Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht
immer darauf, was sie spielte.

Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres
Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das
Märchen". "Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und
gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den
Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine
Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im
Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie
beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir
jetzt hinein und segeln?" sagte sie.

Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen.
"Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam
zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer
wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen
hören konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander
vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des
einen zieht und die des andern schiebt nach."

Eines Abends auf der Veranda -- es regnete, aber sie selber saßen
trocken unter dem vorstehenden Dach -- sagte sie: "Solche Häuser müßten
einen Kopf haben." -- "Einen Kopf?" -- "Ja, zwischen den Flügeln, wie
jedes andere brave Huhn." -- "Ach, so meinst Du's!" -- "Ich habe immer
das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und würde bebrütet." -- "Sag'
mal, wie kommt es, daß Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der
Bibel heimisch geworden bist?" -- "Weil ich einen Vater hatte, der mir,
als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzählte; Pflanzen,
Tiere und Menschen wurden zu _einer_ Familie. Das war so etwas für mich.
Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete,
Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen
und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht.
Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich lieb
hatte, und mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mensch, den ich
fürchtete."

Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung
schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"

       *       *       *       *       *

Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, -- so bei der
Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem
schweigsameren, mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun
gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang
August, kam er herauf, in seinem höchsten Staat -- einem langschößigen,
braunen Rock mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu
kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder.
Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat
machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem
Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da
im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit
schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen
Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte
weiße Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was
ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die
Erklärung, er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle.

Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen
würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir
ganz recht!

Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder
sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische
Bücher leihen könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am
besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand ein bißchen Englisch
gelernt.

Ob er denn ans Auswandern denke? -- Ja, könnte schon sein; "aber
hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften ... dazu hab'
ich keine Lust." -- "Wie alt sind Sie?" -- "O, so reichlich an die
Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein,
Larssen, -- meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa
abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umständen. Aber Kallem
machte ihm begreiflich, daß man die Aussprache nur durch mündlichen
Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der
Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larssen die englische Sprache
gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen
rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr
aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug
zu tun. Sie selber war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein
wollte. Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran
dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren
Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich
in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da
erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie nötigte ihm ihre Hilfe
geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie
saßen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten
Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Köpfe über dasselbe
Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein,
feingeformt, rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht,
verkniffen -- ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine
sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mußte sich
offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß
auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er
sorgte sogleich dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und daß jedes an
einer Seite des Tisches saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon.
Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und
versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch
ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn
zu beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war
er so geworden?

Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf.
Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf
dicht in ein großes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem
Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd;
sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und
mißtrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie
müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die
Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen
Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in
einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber
jetzt erst daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr.
"Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den
Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und
sie legte ihn in den Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf
ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen
voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel außer dem Haus zu
tun," sagte sie, "das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente
als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch,
ein Bett, eine Schlafbank, drei hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und
überall ein scharfer, übler Geruch.

Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören Pedersen vorbei, dem er
bei der Etablierung eines Geschäfts geholfen hatte, das recht gut ging.
Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der
andern eine Flasche, und Sören Pedersen und seine Frau schrien oder
sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klägliches
Hundegeheul. Kristen Larssen lachte -- ein Lachen, wie es nur aus den
tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem
weitaufgerissenen Maul -- die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen
Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch
ein Interesse für die beiden -- wer weiß? Ob er das Tag für Tag so
trieb?

       *       *       *       *       *

Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in
höherem Grade kennen lernen.

In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten
Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden
waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald
wieder von hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten
Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese
Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau,
die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch
wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich
warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewöhnlich starke Dame
vorgestellt, kaum dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte
jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen
unangenehm ist," sagte sie -- -- "ich bin nämlich die Schwester von
Sören Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie
schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht ganz genau
ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man
einen Mann findet, wie Ihren!" -- -- und sie drückte Ragnis Arm. Sie war
sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine
Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon daß ihr Gesicht und
ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das
alles so gut -- bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie
mußte an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine
Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester -- Dr. Kent war
nicht verheiratet -- gingen ihnen entgegen -- auch die übrigen fast
alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang
das: "Nein! wie prächtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen
macht!" der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene fragten Kallem
und Ragni sich, wem die beiden ähnlich sähen; diese Gesichter hatten sie
schon irgendwo erblickt.

Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig, ein bißchen
wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark
zurückgeworfen; dichtes, weißes Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt weiß
ich's!" flüsterte Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen
Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du weißt doch -- der so
schön war?" -- "Ja, richtig! Dasselbe gewölbte Antlitz! Man könnte
glauben, sie gehörten zu den Bourbonen." -- Der Alte dankte für die
Willkommgrüße mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die
Augen waren nicht unbefangen -- eher forschend und resigniert. Kein
Eindruck von Sicherheit, wohl aber von großem Wohlwollen und von
Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der höheren Beamten ihn anredete,
kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes über ihn. Der "neue
Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer
inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide müssen zueinander passen!
Darf ich vorstellen: Frau Kallem -- Fräulein Kraby." Ein bißchen
schüchtern begrüßten sie einander und sprachen bald darauf von dem
jungen Mann, der ihr so ähnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr
musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den
ganzen Abend überhaupt nicht mehr voneinander.

Selten -- ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals -- hatte Ragni
jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefühlt hatte.
Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so
liebenswürdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes
Denken. Und in wenigen Tagen verließ sie die Stadt für immer! Es gab
ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmütigen Reiz, daß sie sich heute
wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, daß
Ragni später, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat,
etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin
soviel von sich geben, als sie konnte.

"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, daß ich ein
vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus
"Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches
Lied; aber als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, waren
alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der bei solchen
Gelegenheiten gern das große Wort führte, um Wiederholung bat. Sie
spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden
Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers
"Kinderspiel" -- der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit
derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann
eine Weise von Sinding -- im alten Stil -- jeder Ton ein Wort für sich;
dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schluß den
Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen
wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen -- --
reine Märchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der
Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete.
Der alte Meek kam voll altfränkischer Ehrerbietung; "Großvater ist so
musikalisch!" flüsterte Tilla.

Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie
länger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni
schlossen sich an.

Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die
Übergänge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind;
immerhin nicht so mild, daß Sommermäntel und Überzieher überflüssig
gewesen wären. Überall Spaziergänger. Als man beim Doktorhaus angelangt
war, fragte Ragni, die sonst so zurückhaltend war, ob sie nicht mit
hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie,
wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bißchen Musik zu hören, so
sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer
wurden angezündet, der Flügel wurde geöffnet, und eine italienische
Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz
beglückt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der
hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die Frau Doktor spielen
zu hören -- natürlich bloß, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei
leider ein solcher Musiknarr, daß er mit neunzehn Jahren noch nicht
einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglück nun eben
nicht ändern könne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur _gute_ Musik
höre. Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte,
ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafür war der
Alte ungeheuer dankbar und sagte, er wäre dem Doktor noch dankbarer,
wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da
nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube
auch zu wissen, was es sei.

Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel.

"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hören!" sagte er. Und mit
Fingern -- viel weniger steif, als man es ihm zugetraut hätte -- und
einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke
rühre -- vor allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung der Fistel,
summte er:

    Wann wird es wirklich Morgen?
    Wenn goldner Strahlenglanz
    Über Firnen hüpft im Tanz,
    Tief in den Abgrund dringend,
    Beschwingend
    Den zum Lichte kletternden Stengel,
    Daß er sich träumt als seligen Engel.
    Dann ist es Morgen,
    Wirklich, wirklich Morgen.
      Doch wenn's wettert und sprüht,
      Und krank mein Gemüt,
      Kann das Morgen sein?
      Nein.

    Wohl ist es wirklich Morgen,
    Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,
    Und Vöglein Tautropfen trinken
    Und zwitschernd dem Baum zum Lohne
    Eine Krone
    Von jungfrischem Grün versprechen,
    Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.
    Dann ist es Morgen,
    Wirklich, wirklich Morgen.
      Doch wenn's wettert und sprüht
      Und krank mein Gemüt,
      Kann das Morgen sein?
      Nein.

    Wann wird es wirklich Morgen?
    Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
    Sonne der Seele bringt,
    Wenn in deinen Armen
    Erwarmen
    Alle die Menschen, groß und klein,
    Dann gegen alle nur gut zu sein.
    Dann ist es Morgen,
    Wirklich, wirklich Morgen,
      Die gefährliche Kraft,
      Die das Höchste schafft,
      Ist sie's, die dir nah?
      Ja.

Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals
über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für
ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner
Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die
andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der
"Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. Sein Vetter habe
sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei
sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß Kallem schon am
nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, und daß dieser drei Tage darauf samt
Klavier, Büchern und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems Haus
installiert war -- in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem
hatte auch den stärksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden.


5

Fortan saß ein langhaariger, aufgeschossener Mensch mit am Tisch, -- die
Beine um die Stuhlbeine geschlungen --und mit schmalen, roten Fingern,
die voller Frostbeulen waren und so feucht, daß Ragni es nicht über sich
brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem,
was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Schöne, das sie bei der
ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie
ausgelöscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingeübt; und
regelmäßig blieb dann sein Rock oder sein Ärmel an der Türklinke hängen,
oder die Tür wollte nicht beim ersten Versuch zugehen -- oder er
verhedderte sich mit den Beinen, oder er riß einen Stuhl um oder rannte
mit dem Mädchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder
hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die schönen Augen waren
schläfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das
Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm
standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf,
und antwortete "Ja" oder "Nein" -- als habe er glühende Kohlen im Mund.
Aber fressen tat er -- nach Ragnis Ausdruck -- wie ein Scheunendrescher.
Und wenn er dann mit den feuchtkalten Händen an seinen Hosen
herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er
noch schlimmer als Kristen Larssen!

Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen
Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte,
damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf
bis zu Fuß neu kleiden mußte, -- alle seine Tuberkulosefreunde!

Nicht nur, daß die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern daß
alle Türen offenstanden --! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht
mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, -- was hatte das für
einen Zweck? Wenn das, was _ihr_ die tiefste Qual bereitete, _seine_
höchste Freude war? Ein bißchen Eifersucht war auch dabei: er hatte
überhaupt keinen Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache
mit seiner Schwester ließ er auch einfach so hängen. Pastors waren schon
längst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flüchtigen Besuch
gemacht -- im Garten -- und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem
gebracht; die beiden Schwäger trafen sich auf der Straße und an den
Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat
viel für die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors
gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann doch erwartet
hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich
keinen Augenblick unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies
Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, daß es ihr in gewisser Art
die Stadt verschloß. Und sie mochte ihn damit nicht quälen. Er hatte die
ganze Freiheit des vielbeschäftigten Mannes, der über alles hinweggeht,
was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner täglichen Jagd auf Tuberkulose
waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte,
weit wichtiger als "diese ganzen religiösen Katzbalgereien", -- leider
auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die _ihr_ ein
Lebensbedürfnis waren.

Ganz hinten in dem großen Krankenhausgebäude war ein langgestrecktes
Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal
ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden
Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pünktlich nach
Hause, machte selber seine Turnübungen, forderte seinen Begleiter zu
einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache.
Der verschüchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein
Klavier kaum angerührt; er war zu befangen der Hausfrau gegenüber.
Deshalb setzte sich Kallem täglich gegen Abend eine halbe Stunde mit
einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und während der Zeit mußte Karl spielen.
Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer
wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich
schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder
heimlich hinaus. Schließlich -- auf eindringliches Zureden Kallems --
faßte sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen
Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bißchen
vierhändig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu.
Verzweiflung erfaßte ihn; aber das Glück wollte, daß er fast seinen
Klaviersessel umriß, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch
beinah auch ihren umwarf -- und darüber kamen sie beide ins Lachen, und
das half über das Schlimmste hinweg.

Da saß sie nun -- frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um
Hals und Handgelenk Spitzen, die weißen langen Spielfinger neben seinen
schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein
Resedaparfüm entströmte ihrem Kleid -- ein Duft ihrem Haar ... Er
zitterte vor Verlegenheit. Wie häßlich er sich selber vorkam! Und wie
sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, daß er bald
ganz müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewiß nicht recht
aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf.

Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krümmte sich -- er
wollte davonlaufen -- zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht
zum Essen, war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte
nach ihm. Da erzählte Ragni, wie kläglich es gegangen sei; schon nach
einer halben Stunde sei er müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig
leisten könne -- das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner
ewigen Ästhetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen,
opferte seinen ganzen schönen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen
Abend, mit ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie
flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und
geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm
Englisch.

Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber
in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis.
Eben darum fand sie es selber gräßlich feig, daß sie weitermachte, ohne
zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewiß nicht! Zäh, -- pünktlich
auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen,
engärmeligen Rock, mit dem unerträglichen, jahrealten Schweißgeruch des
Arbeiters, der aus Kleidern und Körper aufstieg. Der Atem drang über den
ganzen Tisch herüber; sie fühlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr
drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch
auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten,
fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die
furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln
Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger
der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann räusperte er sich;
und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf
die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, -- immer mißtrauisch auf
irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verständnis oder Logik bei ihr
lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen.

Wenn er so dasaß und langsam, wohlüberlegt sich Wort für Wort
durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen,
weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so
fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte;
und dann blickte er auf -- unwillig, mißtrauisch. Sie wiederholte ihre
Korrektur -- unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug
machen; immer mußte er um eine noch deutlichere Erklärung bitten. Also
sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gnädig, es hingehen
zu lassen -- auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wußte sie
es -- wußte, was jetzt kommen würde, wußte, daß der böse Atemhauch sie
überfluten würde, Welle um Welle.

Was es diesen Mann kostete an Arbeit, daß er so sicher aufzutreten
vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war,
wieder machte, was für Fähigkeiten in ihm steckten, daß er diese vielen
seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht hätten, überhaupt
stellen konnte -- das übersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr
fürchterlich -- von innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar
wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem
silbernen Löffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie
zur Rache.

Ein sehr angenehmes Verhältnis entwickelte sich daneben in ihrem
täglichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem Mädchen. Sie freundeten
sich an. Beide gleich geschickt -- Ragni im Anordnen, das Mädchen im
Ausführen. Ragni arbeitete gern und rasch; das Mädchen war klug und
wißbegierig. Eins freute sich am andern.

Vierzehn Tage nach dem mißglückten Versuch mit dem Vierhändigspielen
sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal
versuchen?" -- "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er
entsetzt. -- "Ich habe schon etwas Vierhändiges hervorgesucht, das Ihnen
sicher nicht zu schwer ist!" -- Und sie legte es aufs Klavier, während
er -- auf zwei Meter Abstand -- stehen blieb und herüberschielte, rot
und immer röter wurde und sich mit den Händen durchs Haar fuhr. "Kennen
Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stücken!
"Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer
Kallem öfters vorgespielt. Da stand es -- für vier Hände gesetzt; sie
wollte auf diese Weise alles wieder gut machen.

"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die
langen Spielfinger -- dieselbe Büste -- dieselben seltsam traumvollen
Augen, die ihn manchmal anblickten, daß er erschauerte. Aber er selber
war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person
zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hüpfte unter ihren
geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen
konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn
auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und
sie versprach gnädigst, nach diesem Anfang noch häufiger mit ihm zu
spielen.

Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie
haben doch nichts zu tun?" -- "Nein." -- "Wollen wir einen kleinen
Spaziergang machen?" -- "Gewiß ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"

Wie der Blitz war er wieder da in Überzieher und Pelzmütze, sie wartete
schon in ihrem hübschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett.

"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fühlte, sie
allein müsse die ganze Zeit über reden; und so schilderte sie denn die
Schneestürme auf den amerikanischen Prärien, und was für Folgen sie für
Menschen und Vieh hätten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach
röteten, wie ihre kleinen Füße spielend ausschritten. Der Oktobertag war
sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; der Laubwald im
Entblättern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie
ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er
kannte! Er hätte sich freudig für sie in den Straßenstaub werfen, sich
erschießen, ins Wasser springen können! Und das war keine erdichtete
Frauengestalt -- sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid
unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau,
für die alle seine Kameraden schwärmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er
wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging
sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu
erzählen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den
heimischen Wäldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten
Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein großes Bauerngut des
Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft
mit ihm hinaufgewandert über das Flußeis -- in die unendliche Einsamkeit
der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfällen, beim Fallenstellen, auf
der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrücke, von denen sie keine
Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und
Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, daß sie ihn
fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.

Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurück. Noch
einmal spielten sie das vierhändige Stück, und viel besser. Sie wollten
es gut einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem
Arbeitszimmer saß. Kallem -- das war für ihn das Höchste, was er kannte.

Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über den "Birkhahn"; sie
gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, -- bald
übermütig heiter, bald voll Mißmut, ungeduldig und auffahrend,
demütig-unterwürfig -— mit kurzen Anfällen von Fleiß und langem =Dolce
far niente=; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie
fing an, ihn wieder fast schön zu finden, und überwand sich sogar, ihm
die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim
Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, daß Kallem ihm
vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das
nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an
Karls Vater. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern und Aufsätzen im
Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte -- für
sich oder mit ihr.

Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergängen begegnen. Sobald
der erste Schnee gefallen war, -- er kam schon Anfang November -- gingen
sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim -- jedes auf einer
Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehörten sie draußen auf dem Eis zu
den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl für sich
allein: Karl sollte auf den Händen laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst
hob der Doktor die langen Beine des andern in die Höhe und hielt sie
fest, während Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs
nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe,
vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni
lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber
wurde er eifrig. Einmal mußte es ja doch gelingen! Es gelang nämlich
nie -- -- er war "zu lappig"! Schließlich wurde es für ihn eine
Ehrensache; und für sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich
darum zu tun, daß er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein
Hang zum Träumen, zum "die Zeit verquasen", verdroß sie; und das sagte
sie ihm auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen.
Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. Es half ihm nichts, daß
er zerknirscht war, daß er hundert Annäherungsversuche machte, daß er
sogar weinte, -- sie ließ ihn in der tödlichen Angst, daß sie ihn bei
Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das
nicht zur Sache gehörte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn
überhaupt nicht -- bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn
nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens
hatte Kallem keine Ahnung.

Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis
mußte er einschränken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor
Arentz, den jungen Militärarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst
machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil
an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt
gewannen.

Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden
zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr
Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war größer und stärker als sein
Vater, sein Gesicht großzügiger -- mehr "bourbonisch"; aber es hatte
etwas Schwermütiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die
Einladung an und traf sofort die nötigen Verabredungen mit seinen
Kollegen, damit er abkommen könne. Aber als die Zeit herankam, wurde
Doktor Kent krank, und Ragni mußte, so ungern sie es auch tat, mit Karl
allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie
gekauft, pelzgefütterte Stiefel und ein Fußsack, auch eine kostbare
Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grönländerin sah sie aus, als
sie alles anhatte.

Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bißchen geweint -- es
war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug
saß und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus;
Kallem mußte einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war,
stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und fröhlich dasaß.
"Hör' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du
bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den
Hals.

Dann fuhren sie davon.

Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, daß er einmal völlig
Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gestört.
Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig.
Er nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging es besser.

Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte,
sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein
Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten
lagen Stroh und Betten -- man mußte einen Kranken gebracht haben. Er
hörte Kinder weinen. Wer war da verunglückt? Maurer Andersen war's --
der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben
vor dem neuen Haus begrüßt hatte. Im Winter, während das Handwerk brach
lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen
Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch einen Zufall
hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem
die untröstliche Frau, die erzählte, wie der unermüdliche Mann noch bis
Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim wäre,
habe er einen abkürzenden Weg eingeschlagen -- er sei nun mal so ein
"Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen
Finnenschuhen abgerutscht und gestürzt und habe das Bein gebrochen. Und
da liege er nun, und könne sich nicht rühren. Das sei nun sein
Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schloß sie. "Und
erst die Kinder!"

Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der
starke Mann mit dem großen braunen Bart, der über das Hemd wallte, war
nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Lider
geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzündet, die
Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war
vielleicht noch größere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit
bläulichroten Flecken; die Finger an beiden Händen weiß und gefühllos;
die Handrücken noch einmal so groß wie sonst und mit Wasserblasen
bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der
Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so groß wie ein Markstück;
ein Knochensplitter ragte daraus hervor -- wie ein Finger. Dem gegenüber
war die ganze übrige Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung.

Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein
dürfe nicht abgenommen werden. Das könne man erst am andern Morgen
entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder,
während er ihn zurecht legte. Er ließ das Zimmer sofort halbdunkel
machen, ließ Borwasserumschläge über die Augen legen und beorderte eine
regelmäßige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des
Kranken wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen Watteschicht
bedeckt; ebenso verfuhr man mit den Händen. Die Beinwunde wurde mit
Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die
Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine
Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fühlte, sollte
er alle zwei Stunden Naphtha bekommen -- bei zu großen Schmerzen eine
Morphiumeinspritzung.

Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte,
über unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als hauptsächlich
im Schienbein, in der Nähe des Spanns; beständig quälte ihn die Angst,
daß ihm der Fuß abgenommen würde.

Am nächsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder
Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortwährend drehten sie
sich um den Fuß, der erhalten bleiben sollte. Er äußerte den Wunsch, den
Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da
war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der
Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken
untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber äußerst lichtscheu; man
wandte Atropin an, und die Umschläge wurden durch eine leichte Binde
ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor
kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mußte Andersens
rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen
werden. Aber das durfte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. Da
brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte,
zusammen, so daß Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor
ging mit.

Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem großen
halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen
sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht,
umwickelten Händen, und ihn klagen hörte. Aber bald fühlte er nur noch
Bewunderung -- so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er äußerte
den Wunsch, man möge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen mich
ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er
noch von Herzen am Schmerzenslager für den Kranken und seine
Angehörigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte:
"Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fußes wegen!" und lag
dann ganz still, während der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine
Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den
Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden,
damit man den Schaden gründlich untersuchen könne, und da die Schmerzen
noch immer unerträglich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fuß
darf nicht abgenommen werden!"

Die genauere Untersuchung ergab, daß das obere Ende des Wadenbeins bis
schräg an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, daß eine
größere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, daß sie mit
einer großen Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf
erstreckte, gefüllt war.

Das Bein wurde selbstverständlich abgenommen; in einer Viertelstunde war
es geschehen.

Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in
dem Glauben zu lassen, daß das Bein ihm erhalten sei. Man mußte ihn vor
jeder Gemütsbewegung schützen, damit er ja nicht in Versuchung komme,
sich aufzurichten, den Fuß zu bewegen oder seine Lage zu ändern; wenn
ein Blutspfropfen sich von der Thrombe löste, konnte es mit ihm zu Ende
sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis
an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und
Jute verbunden und mit der Außenseite an einen langen Klotz
festgebunden.

Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz
ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber löffelweise, damit er sich nicht
rührte, ebenso Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.

Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der
Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erzählte ihr den ganzen Hergang,
wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege.
Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb;
eine reinere Seelenstärke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm
ablaufen," schloß er, "so haben Sie viele Freunde!" -- "Gott lebt
noch!" flüsterte sie.

Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder
löffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fühle sich
wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in
der Ferse. Im Lauf des Nachmittags stärkten sich seine Lebensgeister,
und er wünschte, der Pastor möge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn
holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als
ob der Fuß noch nicht abgenommen sei.

Es zeigte sich gleich, daß Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als
seinen Fuß. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, daß Gott mich erhört
hat!" sagte er; "dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!"

Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet
dafür emporzusenden, daß der Fuß dem Kranken ein Pfand der göttlichen
Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erlöser verbunden
habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt
müssen Sie noch beten, daß er mir auch später den Fuß nicht nimmt!" --
Wie er darauf komme? -- "Weil ich solche Schmerzen drin habe." -- Aber
eben habe er doch geglaubt, daß Gott ihn erhört habe? "Ja, aber man muß
beten ohne Unterlaß!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der
hartnäckige Mann unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr
Pastor möge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es
mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in
ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz blaß
bei ihm erschien und erzählte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht
noch einmal!" schloß er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes
Werk getan!" Der Pastor stand in Überzieher und Mütze, die Hand auf der
Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden,
verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit können wir uns dem Gott der
Wahrheit nähern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also,
wenn Du Andersen jetzt sagst, daß das Bein abgenommen ist, so kann ihn
Gott erretten?"

"Ja!" antwortete der Pastor ärgerlich, ohne sich umzuwenden.

Kallem wagte unter diesen Umständen nicht, zu verreisen. Er schrieb
ausführlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er könne.

Am nächsten Morgen fand er alles in gewünschter Ordnung, betonte aber
wieder, der Kranke müsse völlig still auf dem Rücken liegen, dürfe auch
nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige
Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er könne keine Gemütsbewegung
vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen
zurück.

Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht
zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am
Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet
sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allmächtig war im
Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs
bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; er
wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der
Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuwärmen; das Wetter
war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die
beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer kam. "Das wußt'
ich!" sagte er.

Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe.

"Jawohl."

Die ändern gingen hinaus. Jetzt erzählte Andersen, daß er in seiner
Kindheit einmal einem Jungen ein Bein gestellt habe mit eben dem Fuß,
der jetzt krank sei. Gott werde ihn doch nicht etwa dafür jetzt strafen
wollen? "Nein, nein!" -- Er sei nun aber einmal auf den Gedanken
gekommen, und fühle das Bedürfnis, das heilige Abendmahl zu nehmen. --
Weiter liege nichts Besonderes vor? -- Nein. -- Der Pastor bat ihn, sich
zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen schwieg und sie
beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Sünden
und wollte ihm das Brot und den Wein reichen. -- "Nein, warten Sie noch
ein bißchen! Vergebung der Sünde habe ich nun; jetzt ist die Tafel
blank. Jetzt schreiben wir den Fuß darauf, damit man's im Himmel lesen
kann. Ich fühle mich so froh, so von Herzen froh!"

"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, lieber Andersen." --
"Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott meiner Frau und meinen
Kindern, daß mein Fuß wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er
streckte die erfrorenen Hände aus.

Dem Pastor trat der Schweiß auf die Stirn. "Das kann ich nicht!"
flüsterte er, völlig ohne Bewußtsein dessen, was er sagte.

Andersens Lippen bebten, die umwickelten Hände tasteten umher; er wollte
sich damit in die Augen fahren, stieß jedoch auf den Verband. "Wir
können nicht in Gottes Ratschluß eindringen!" sagte der Pastor.
"Gesetzt, -- das, was wir wollen, wäre unmöglich?" War es ein Etwas in
des Pastors Stimme, oder war es der Widerstand an sich, was Andersen
mißtrauisch machte?

Ohne zu antworten riß er sich den Verband von den Augen, richtete sich
auf, ganz rasch, warf die Decke zur Seite und fiel wieder auf das Kassen
zurück. Er faßte nach seiner Brust, schrie, er müsse ersticken, und fing
an zu keuchen und zu röcheln; ein Blutstropfen war in die Lunge
gedrungen.

Der Pastor hatte das, was er in Händen hielt, weggestellt und eilte nach
der Tür, vor der der Hausmeister und die andern warteten; sie rannten zu
Doktor Arentz und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, war
Kallem zurück. Der Pastor war schon fort. In der Nacht starb Andersen.


6

Der Hausmeister war der erste, der es büßen mußte. Noch am selben Tag
mußte er aus dem Hause.

Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine
außergewöhnlich tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, können Sie den
Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu,
packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den
Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein
gutes Dienstmädchen?" -- "Ja." -- "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht
nötig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden
Ihnen helfen."

Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei ließ
es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut
machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften unterstützte.

Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern
hörte er, daß er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklärlich.
Josefine begegnete Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat,
als sähe sie ihn nicht.

Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt
geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn
sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte
retten können?

Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich dem Pastor und
seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld herausrücken zu einer
Buchhandlung -- und zwar weit mehr, als ihr lieb war.

An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind.
--

Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich
nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut
angefahren, just als der Gutshof und die Landstraße draußen von
angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung
wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen,
und hierher wollte man am Schluß zurückkehren und noch tanzen.

Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man glaubte, er gehöre zur
Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gäste
sich eben anzogen, bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie dachten
nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte
Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie
sich von rückwärts her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei aus
und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke
stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinquälte, zog sie, ohne
ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die Beine
in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; jetzt war die Kunst
erlernt! Der Vater mit seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht
stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen
Geschöpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme
-- das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu
nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren.

Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, bis die Meldung
kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit
einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach
Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige und
zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur mit grauschwarzen Knoten
-- im Mondschein -- über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald
zwischen den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und
Geschwätz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war
unmöglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit
seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem
vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte -- er mußte ihr ab und zu
einen Kuß geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt
hatte! Während er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre
Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! Nie hatte er
gewußt, daß sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke
kam ihm, später am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte,
tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker
Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt hielt und sie dahintrug, daß sie
kaum mit den äußersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins
der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder
irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie
einen Kreisel -- immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige
Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze
Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen
Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber.
Die Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, in einer
Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mußten es aufgeben. In einemfort
wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung -- alles war gleich fröhlich.

Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag
hinunterkam, ein bißchen müde und taumelig und sehr verwundert, daß sie
gar nicht gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, daß er
abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging,
hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch
hingekritzelt hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie
nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen
mögen; aber eine größere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so
fröhlich zu sehen.

Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine
Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war
von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und
lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!

Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er ließ sie lieber, wo sie war;
besser konnte sie es ja nicht haben.

Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster
Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen
Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer
Lungenentzündung darniederlag. Hauptsächlich um ihretwillen hatte Kent
telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn
nun die kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der neunte Tag
vorbei. Würde sie ihn überleben? Der obere und der untere Lungenflügel
waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr
schwach -- dazu noch andere schlimme Zeichen -- sollte er dem Herzen in
dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das
Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin -- rationell war es. Wo er ging
und stand, was er auch vornahm -- überall verfolgte ihn diese Frage. Die
fünf Kinder der Kranken waren bei Sören Pedersen und Aase untergebracht;
in solchen Fällen waren die Zwei unbezahlbar.

Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf
-- Aug' in Auge mit dem Tod.

Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein
kümmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von König Karl XV.
zu Pferd -- unter Glas und Rahmen --, ein paar mit Stecknadeln
befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing
herab. Die dalag, war dereinst eine schöne Frau gewesen, war sicher auch
jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie
da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitshände auf
einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr saß, der war nicht
stark, wie sie -- ach nein -- der war ein rechter Schwächling! Ein gutes
Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als
vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der
Wand so verwahrloste. Müde, abgezehrt von Nachtwachen saß er da --
allein --, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen hätten, sondern
weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis
das Schwerste beginnen würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die
Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten
verhindern, daß allzu fröhliche Weihnachtsgäste hier vorbeizögen; nachts
lösten sich die Wachen ab. Er hörte das von der Frau, die gegen elf Uhr
wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun -- außer für den
Doktor, und der wußte nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun.

Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach
wurde der Puls kräftiger. Kallem faßte Hoffnung, wagte aber nicht, sie
den flehenden Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. Ein
paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine
Dosis; und wieder hob er sich. In größter Spannung saß er da und
beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die
Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz,
vergaß ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gestöhnt
und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengeläute
war längst verklungen, die letzte Tür geschlossen -- die Nacht leer und
grau. Fünf Kinder -- das älteste zehn Jahre -- konnten in jeder Sekunde
ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort saß und bald nickte,
bald sich über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die
Hände faltete -- und von der Frau hinüberstierte zum Arzt -- auch der
verlor seine Versorgerin.

Sowie der Puls nachließ, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder
kräftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise
wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war
-- demnach, was die Leute sagten -- abgelaufen -- und noch immer
derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und
Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es
wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja -- jetzt war es
bald zu Ende mit den Kräften. Der Mann sah es ihm an und kämpfte, um
nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein
Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf?
Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett
weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen
ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem
Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des
Arztes Gesicht über auf seines. Der Mann stand auf -- wieder krampfte
alles in ihm sich zusammen -- gleich würde es ausbrechen. "Gehen Sie zu
Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich über eins der drei
Betten, preßte das Gesicht in die Kissen, -- und jetzt brach es los.

Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd saß und sich jetzt
erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie
half ihm in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie hinter
sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends
Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten
Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am
Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest.
Er klopfte noch einmal; denn er wußte ganz sicher -- die beiden hatten
ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und
übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte
Sören Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie
aufwachen, daß ihre Mutter wieder gesund wird." -- "Das ist aber ein
Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte man Aases
hochländisches: "Ach nee -- ist's denn die Möglichkeit?" -- "Kommt
morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.


7

Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und
gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu großen Wehen
zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit
ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte,
mußte bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging
er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste große
Weihnachtsball!

Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, wo der Tanz ein Geschäft
ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und
Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der
Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball
aufgewirbelt wird, besonders auch unter der ländlichen Jugend, die mit
dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der
Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die
bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die Hälfte von
dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt,
ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig
kaum zu kennen scheint.

Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prächtige Sissel
Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und
Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren
zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen keineswegs davon erbaut
war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich
überhaupt ähnlich.

Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die
von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht
Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen,
und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer Andersens Tod geredet:
Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade
genug, die von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, daß einer
an der Wahrheit stirbt" -- und ähnliches Gewäsch, das Aase höchst
bedeutend fand.

Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch.
Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über
ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig --
namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte
war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.

Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine
Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob
Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein
öffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin
war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten
miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er
sah sie vor sich -- hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, glühend
vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr -- er
verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von
Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte
die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid und ging hinauf, um sich
umzukleiden!

Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in großen
Fetzen, die einander jagten. Wäre es nicht windstill gewesen, man hätte
überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum daß ihr
Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen
hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch
so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur
Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt hätte; kein Baum im
Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren
weg -- eingehüllt -- fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt
in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen Stab darüber. Er und die
Kirche -- die Kirche und er; und sonst nichts! Die Häuser unten in der
Straße wichen zurück; sie spielten Versteckens -- mit ausgestreckten
Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am
Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie weiße
Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar -- die
Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie
nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz
finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser
verwunschenen Welt.

Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der
Schnee, der fiel -- das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal
aus dem Häuschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war.
Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen
Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier zu Zeiten eine lebendige
Stadt war.

Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß rumpeln -- Fuchs und
Eisbär, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte,
die Schneeflocken rieselten herab, und die Häuser standen und
faulenzten.

Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten eines qualmigen
Feuernebels ein großes Haus erblickte; da drin war's -- da dudelte es
und stampfte. Und er steuerte drauf los.

War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ähnliches
-- mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah
er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren
nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als
er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm
noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und
dem Punsch zu. Kallem haßte und verachtete Tabak und Punsch und
Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne
sich zu "stärken".

Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr -- es
war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte -- entweder war er zu
spät nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar
glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten --
jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus --
begrüßten ihn und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn
mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im Flur noch weitere
solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur
hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte -- unstete
Augen -- ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer
drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie
lachten -- über nichts, schwatzten -- von nichts, stets auf dem Sprung,
daß man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik
schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in
gelbrotem Dunst.

Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen
Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an
der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob -- eine echt
norwegische Mischung.

Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser
waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine
Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im
Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art
neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania.
Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz
Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre
machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen
schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben,
sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren
im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette,
Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche
blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.

Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration
zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe -- mit ihrem Punschgeruch
und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen
gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher
Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber -- er im
Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie
hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich
nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer,
blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der
zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit
einer Frau von mindestens vierzig Jahren, -- zweifellos seine eigene
Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige
Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das
Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das
unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den
rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts -- trat er auf den linken
Fuß, beugte er sich nach links -- immer ganz gewissenhaft im Takt, und
dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte
nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil -- sie amüsierte
sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt
hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann
vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit
frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz
verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen
Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und
zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein
Turm vorbei -- ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen,
schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu
rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm
einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen
übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie
Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen.
Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht
hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle,
wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson
selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu
tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.

Aber -- Donnerwetter -- da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen
aus einem Nebenzimmer -- ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und
eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste
Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe -- das üppige Haar,
in den gewohnten Knoten gebunden -- die wilden Augen -- ja, wild waren
sie! --und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte!
Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers!
Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte
sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob
alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald
linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen
Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten,
und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten
zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer
war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der
vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen
Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es
auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen -- und zwar
mit ihr -- und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem
glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an -- sah sie so an, daß er
wußte, sie _mußte_ dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als
ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still.
"Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder
an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing.
"Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem
gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" -- "Ich habe zu
danken -- für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber
ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine --" er zog seine
Handschuhe an -- "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem
Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte
er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre
dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich
inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein
Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie,
um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er
und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich
aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß
er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich
und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich
nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so
ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und
genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu
sahen sie einander an, immer gleichzeitig -- er sehr rot, sie sehr
bleich.

Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen
fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht
miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher
Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in
Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie
aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht -- sie waren glücklich.
Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht
voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten
zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der
Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten,
eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten
sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren
kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu
Pferde!

Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite
Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an
den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte;
und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder
das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters
dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre
Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit -- wie an jenem letzten
Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht
auf Erden.

Da hörte die Musik auf.

Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte
-- voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den
Kavallerieleutnant -- sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band,
er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.

Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände
tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.

Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er
mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich
lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken -- wenn
ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie
es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das
Christentum war es kaum -- was aber war es? Sie tat alles, was sie
wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als
die meisten.

Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond
nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt,
mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!

Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame
Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen --
Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum
mit den äußersten Zehenspitzen berührte; -- sie wirbelte mit den kleinen
Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem
schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit
nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" --
und damit schlief er ein.

Und am andern Tag -- er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und
war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen -- denn da pflegte Ragni
ihm vorzuspielen -- da öffnete sich die Tür und -- er traute seinen
eigenen Augen kaum -- ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte
Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig
und zärtlich -- und hob sie in die Höhe.

"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich
beisammensaßen -- "weißt Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann
-- ich hatte Sehnsucht." -- "Du hast eine schiefe Nase!" -- "Und Du --
na, warte nur -- auf dem Ball bist Du gewesen!" -- "Du hast eine schiefe
Nase!" -- "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weißt Du -- Karl ist
gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" -- "Karl?" -- "Gegen
mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett -- man kann sich gar nicht
vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders
-- heftig -- furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." -- "O, das
kann ich mir ganz gut denken." -- "Und weißt auch Du, warum ich
abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja
immer um uns." --"Du lieber Gott -- hast Du _den_ nun _auch_ schon wieder
satt?" -- "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen
-- -- -- das wird --" -- "Langweilig?" -- "Na ja, meinetwegen langweilig;
aber es ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch was möcht'
ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich Ästhetiker!" --
"Nun, und --?" -- "Sag' Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin!
Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, ja?" -- "Aber
ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die -- --" -- "Nein, nein! Auch
keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.

"Aber liebste, süßeste Ragni --!" -- "Ach Gott, ich weiß ja, es ist
schrecklich egoistisch; aber ich _kann_ ganz einfach nicht! Ich bin für so
was nicht geschaffen!"

Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die
Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom
Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins
Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie
sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben
untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte;
sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der
Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten
von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und
Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden,
zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.


8

Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich
über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte
herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und
sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören
Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem
lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im
Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier
hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören
Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei.
Kristen Larssen? -- Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt
das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte
sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum
Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase
hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine
Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die
ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte
Sören die Nichte: "Aases Aase".

Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern
hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen
Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und
strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht
ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube.
Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch
hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den
Weihnachtstagen?" -- "Hm ... Sülze haben wir gehabt." -- "Haben Sie
schon früher solche Anfälle gehabt?" -- "O ja ... ab und zu." -- "Aber
nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. -- "Haben Sie
Schmerzen jetzt?" -- "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." -- "Unter der
Brust und im Magen?" --"Ja." -- "Und die Schmerzen kommen häufig
wieder?" -- "O ja." -- "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der
Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der
Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen
wußte schon lange davon. -- "Ist sie gewachsen?" -- "O ja." --"Jeden Tag
mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer.
Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen
der Frau folgten ihm -- ihre Stricknadeln gingen immer langsamer -- es
war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige
Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen -- er merkte es.
Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm -- forschend. Kallem hieß
sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen -- Tag und Nacht --
wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer,
und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein
Tun mit mißbilligenden Blicken; _sein_ Holz war es freilich nicht! Um Zeit
und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen.
Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah
er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was
ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der
von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das
erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so
behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache
dabei deutlich zum Vorschein kam.

Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, der Tisch -- alles lag
wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten -- Gewehre,
Uhren, Nähmaschinen, Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge.
Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hörte, das sei das
einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während
Sören Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; jetzt wußte
er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Diät und schmerzstillenden
Mitteln und forderte dann Sören Pedersen auf, mitzukommen.

Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, daß es mit Kristen
Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener
Magenkrebs.

Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens runder, glänzender
Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das
Gesicht blieb ganz leer -- mit offenen Türen und Fenstern -- zurück.

"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn
besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte
sprechen wollen, vergaß Kallem ganz und gar.

Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß der Tausendkünstler
Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt
kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter
Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein
Bekannter, den er auf der Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen
Larssen erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken besuchte,
-- nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte -- wurde
die Sache mit keinem Wort erwähnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen
den Fingern seine Erfindung -- ein bißchen matt, nach einem
fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah
abschreckend häßlich aus. Die Frau strickte; nur daß sie ein bißchen
näher am Bett saß. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das
war das einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war.

Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, der frühere
Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht,
ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle käme.
Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn doch nicht aufhalten; er
habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor
gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht
gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine
aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und
die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte
sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden -- und
entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er
nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das
verschiedentlich Ärgernis.

Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor
vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedämpft einen Choral an. Andere
kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben einen
Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn
unablässig stächen -- und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so,
daß Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen
mußte. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer
suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklärten, wie alles bloß in
bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmöglich einem
Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und
antwortete grob.

Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er
ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der
Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob
die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum
weiter nicht um die Sache draußen; er bat nur, man möchte die Fenster
verhängen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, und
kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte er ihm, es könne
noch zwei bis drei Monate dauern --die Schmerzen würden sich immer
häufiger einstellen --wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich
heftig. Die Frau hörte es mit an.

Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Straße -- in
einiger Entfernung -- ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand.
Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine
Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster
hereingesehen?" -- "Ich --," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter
der Kapuze -- "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster
sieht!" --"Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster
gesehen. Und Du weißt, wer es war?" -- "Ja. Aber ich bin gekommen, um
mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." --
"Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in voller Aufregung
war.

"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die Verantwortung auf Dich,
wenn Larssen in die Hölle komme?" -- "Ich glaube überhaupt an keine
Hölle!" -- "Und das hast Du ausgesprochen?" -- "Ich weiß nicht. Ich
glaube nicht." -- "Es gibt nämlich Menschen, die sind anderer Ansicht
als Du, und die sind empört über derartige Aussprüche. Durch dergleichen
verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir
nur sagen." -- Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja,
natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso
verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch
bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu glauben. Also
sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" --"_Das_ verlangen sie doch auch gar
nicht von ihm!" --"So? Und was denn?" -- "Das weißt Du so gut wie ich,
Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen -- verhöhne nicht
ernste und wohlmeinende Menschen!" -- "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich
sage bloß -- sie können sich und ihm die Mühe sparen." -- "Ist er denn
so kalt?" -- "Kalt oder warm -- das kommt lediglich auf die Veranlassung
an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" -- "Aber der
Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz gewiß -- so ist es
bei ihm gewesen!" -- "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm
ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es
nicht!" -- "Ja, was ist es dann?" -- "Tausenderlei. Die, die ich meine,
denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der
Dreieinigkeit gesehen hat -- ein mächtiger Körper mit drei Köpfen darauf
-- und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite
-- Vater und Mutter -- sei (Du weißt doch, der heilige Geist war im
Anfang weiblichen Geschlechts --) konnte sie nicht mehr an die
Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt -- sie ist
recht warm!" -- "Pfui!" stieß Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm
mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie _unrein_!" -- Kallem fühlte im
Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war böse und sah
böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder
der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur
die Kapuze; aber sie kam von Herzen.

Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie
sich noch prügelten. "Ich glaube beinah, Du", -- zischte sie! Und
sprühte vor Hohn und Wut. -- -- Und wandte sich voll Verachtung ab --
und ging.

Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Straße. Aber
er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mußte Ragni es entgelten!

Das Wort "unrein" in Josefines Mund -- meinte Kallem -- sei auf die
Vergangenheit gemünzt. Und darum war er empört. Wieviel größer wäre erst
seine Empörung gewesen, wenn er gewußt hätte, daß es eigentlich auf die
Gegenwart ging? Daß Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurückhielten,
hatte auch darin seinen Grund, daß der Gotteslästerer Larssen Liebkind
war in Kallems Haus, daß Ragni Englisch mit ihm trieb, daß Kallem wie
ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war für den größten Teil
der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ankömmlinge, Mann und
Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit Sören Pedersen und
seiner Frau) -- so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl
Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in
seiner Begleitung. Schließlich reisten sie sogar zusammen in das
Walddorf hinauf -- so viel war gar nicht einmal nötig, wo es sich um
eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon
einmal beim Ehebruch ertappt worden war.

Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu
warnen. Hätte sie in Ruhe sprechen können, so hätte sie ihm das alles
gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie
mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück.

Und nun brach ihre zurückgedrängte Leidenschaft sich Bahn; zuerst in
bitterem Haß auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht
hatte, allmählich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer
Andersens Tod -- je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schärfer trat
der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungünstigsten Zeit.
Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugeständnisse, die er
_ihr_ gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufräumen. Schlimmer
konnt' es sich gar nicht treffen.

Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie
lebte in ständigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen
Fuß über die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, außer
zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das
ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre
Freundinnen waren ihr ein Ärgernis, -- des Pastors ständiges Werben um
sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag
hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tür gesessen und gehört,
wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen
hätten, ob sie Wein getrunken hätten und wievielerlei Sorten.
"Großmutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er
ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn
Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!"

Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber daß sie wußte --hinter den
christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, -- das
machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen,
wie es ihr paßte -- mochte er dasselbe tun.

Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er
um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit
demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht daß sie ihn
dazu verlockt hätte -- im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte
-- sie hatte immer rasch alles genug -- starke Strömungen gingen in ihr
-- dann erschien sie ihm am schönsten, am begehrenswertesten, wie die
Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen.

Aber die große Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes
gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben versäumt hatte.
Das war die Frucht der Nachgiebigkeit!

Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, daß er mit seiner
Frau darüber hätte sprechen können --da war _sie_ stumm -- in ihrem
eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich
sofort klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere --sich
rächen nannte sie's immer --, aber bald auch darüber, daß ihr Bruder ihr
eigenes unklares Verhältnis durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt
hatte, wußte sie, daß niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten
Begegnung wußte sie, daß er ihre Einmischung in Glaubenssachen
verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgültig
abgerechnet; immer nur sich damit begnügt, ihres Gatten Glaube und
Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte
es nicht länger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht.

Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelmäßig die
Großmutter, nach ihr die Mädchen und gleich darauf der Pastor. Zur
Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus,
wenn Gäste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schluß ein
Gebet, wie es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit
waren diese Gebete lang und inbrünstig -- und Josefine blieb weg.

Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel -- die
öffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends
statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die
Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf -- zu Bett;
da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlüpfrig! Aber
heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer
gehört, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab,
und ließ die große Lampe brennen. Aber als er draußen an die Türklinke
faßte, sagte sie: "Du darfst nicht herein." -- "Doch!" -- "Nicht, solang
ich beim Auskleiden bin!" -- "Ich werde warten." --Er ging wieder
hinunter, und sie machte sich langsam fertig.

Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem Studierzimmer; rechts,
durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, über dem
Fremdenzimmer; links eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine
Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da hörte sie ihn jetzt
kommen -- zum zweitenmal -- mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett.
Die Zimmertür lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten
standen rechts von der Tür; das ihre zunächst. Der Junge schlief auf der
andern Seite, nach der Garderobe zu.

Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er öffnete einfach die Tür.
Sie lag da, in ihrem weißen Nachtkleid, das schwarze Haar in einem
Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem
Sprung, sich aufzurichten.

Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte sie etwas von ihm
ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. Er sah finster drein. --
"Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche
Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. -- Und wir dürfen die
Abrechnung nicht länger hinausschieben!" -- Er sah sie an -- voll
Schmerz. Sie sah ihn an -- stumm. -- "Du weißt, was es ist. Ich lebe
hier, bei Dir in Wohlsein und Genuß und draußen in der Gemeinde
allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben wächst sich der
Gottesmensch nicht zu seiner natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem
wurde ich gewogen -- und zu leicht befunden!" -- Er barg sein Antlitz in
den Händen und saß lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste
Josefine!" Und er blickte auf. -- "Hilf mir! Ich muß alles anders machen
um mich her! Ich muß mein ganzes Leben anders gestalten!" --"Wieso?" --
"Ach -- ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen
beide zugrund -- an unserem Eigenwillen!" -- "Alle die -- die Versuche,
die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem
Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir paßt. Sei Du,
wie's Dir paßt! Und unser Haushalt -- nun ja, der ist einfach nicht
anders, als eine Familie von Geschmack und Vermögen ihn erfordert;
behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich
ein, wie Du magst. Wünscht Du eine getrennte Lebensweise -- bitte! Sag'
es nur!" -- "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem
Umzug im Haus oder einem veränderten Küchenzettel!" -- "Immer dieselben
allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" --
"Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfaßt!" -- Sie wurde blaß.
-- "Soviel ich weiß", sagte sie hart, "paßte es _mir_ nicht, so
fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" -- "Das
lässest Du mich jedesmal wieder hören. Aber ich schäme mich nicht, daß
die erste Krise von meiner allzu heißen fleischlichen Begierde und von
Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schäme mich
dessen nicht. Denn als ich die Absicht äußerte, einmal von Grund aus zu
reformieren --" -- "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn.
"Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber
an, Ole!" -- Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht,
was Gott von uns will! Ich bleibe dabei -- es ist etwas Ungeistliches an
Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du
Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht
nach dem Unendlichen -- sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen,
Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun magst Du nicht! --
Du antwortest nicht? Möchtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt --
zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide -- auch um Deinetwillen!"
Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle
Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. -- "Ich meine, wir
sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann
wird Gott uns weiterhelfen." -- "Leeres Geschwätz versteh' ich nicht!"
erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" -- "Wir sollen
im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für sie leben." --"
Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine
Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe
auch die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein Verein von
besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen
sie Arbeit und Unterstützung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der
Gesellschaft und verteilte die Arbeit). -- "Ja," antwortete ihr Mann
zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin
besteht es nicht -- selbst als große Dame zu leben und dann und wann
einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein --man muß mitten unter
ihnen und ganz für sie leben!" -- "Sollen wir das Haus verkaufen? In die
Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" -- "Wenn Gott uns dazu treibt --
ja! Aber es muß in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat
es keinen Wert." -- Sie antwortete mit keiner Silbe.

"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes
Christenleben zu führen?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die
ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weißt ja, ich sehe
nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das
würde keinem nützen, und mir würde es schaden." -- "Sag' das nicht! Wenn
wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafür
leben, andern Gutes zu tun?" --"Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch
verletzt --einerlei! Aber daß ich an Jesus glauben muß, um den Armen zu
helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." -- "Wenn
Du an Jesus _glaubtest_, so würdest Du den Grund erfassen." -- "Ich habe
nie gesagt, daß ich nicht an Jesus glaube." -- "Ach, Josefine, das ist
kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen
schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der
jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte
sich über sie; Tränen standen in seinen Augen. "Wie herrlich könnten wir
miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest -- bei den
Gaben, die Du hast -- und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie
zärtlich umfassen. -- "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.

Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder
zurück, beide Hände unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem
Aufruhr. "Ich weiß nicht, ob wir es vor Gott verantworten können, unter
diesen Umständen zusammenzubleiben", sagte er. --"Gut! Tu, was Du
willst!"

Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu antworten. Der
Kleine stöhnte im Schlaf und wälzte sich herum, als beunruhige ihn
etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen
Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es
war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die
Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch
der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn es so weiterging.

"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns
beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!"

Das Breite und Mächtige in ihm, das hinter der Herzensgüte lag, war am
Hervorbrechen; sie fühlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie hörte
ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne
Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.

       *       *       *       *       *

Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit über seine Krankheit
erfahren hatte, erschoß er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren
Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus
vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gerücht, Kallem habe Larssen
seinen Revolver zu diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau
selbst, von Sören Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt.

Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, ohne Dank. Zu
seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber
auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden,
keinerlei Abschluß, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie
gebeten, zu Sören Pedersen zu gehen, und während der Zeit war er aus dem
Bett gekrochen und mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte
er die Tat vollbracht.

Das herkömmliche Begräbnis wurde verweigert und eine Ecke an der
nördlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei Männer stramm, um ein
Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in
die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fügung Gottes
sahen. Zu einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich nachmittags, ohne
Glockenläuten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen
hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune
auf; er war betrunken und machte sich fortwährend bemerkbar; dabei war
er so dünn gekleidet, daß man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur
ansah. Sören Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten;
aber vergebens. Von Sörens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die
Nase und etwas von den Backen; das übrige war von unten durch einen
mächtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von
oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die Hände
staken in nordländischen Handschuhen, -- einem Paar von jenen
Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen -- und die Füße
in Pelzschlurren. Sören Pedersen war in die Breite gegangen; der
Überzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie ein
Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten
Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem
bis an die Füße gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf
ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt,
ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erzählte, er habe ihr
geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus
abgeschlossen; den Schlüssel trüge er in der Tasche. Und er zog ihn
hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei
Verwandten -- ein paar Meilen von hier --bleiben; später wollte sie dann
weiter nach ihrem Heimatort. Außer diesen vieren waren nur noch zwei
Männer da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein
Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne
Unterlaß Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war
verwachsen und triefäugig.

Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl
Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle
warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der
jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die
andern grüßten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte
sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als
nichts geschah, sagte er:

"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht;
ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religiösen Dingen anders
gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür büßen
müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem
freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern
ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen;
das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies
gesagt und noch hinzugefügt habe, daß er der begabteste Mensch war, dem
ich hier begegnet bin, so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von
ihm weiß.

Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn
wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte,
die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.

Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen.
Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders
alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und
damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt -- alle die
schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"

Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere
sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an
das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine
danken! Und -- und -- vergib uns unsre Schuld! Und -- und -- leb' wohl!"
Beinah wäre er hineingetaumelt. Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am
Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, Aasechen, Du
betest das Vaterunser so schön! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen
Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer
nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das
Vaterunser.

Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als
wolle er in Stücke gehen.

Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nähe sehen,
in Tränen aufgelöst, erschöpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und
ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems
Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in
grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen
konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso
nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wußte in ihrem
Innern, daß sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei,
der Stadt zu; Sören Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni
aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die Brust werfen und laut
weinen mögen.


9

Kristen Larssens Haus stand leer; kein Käufer oder Mieter fand sich. Das
Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurück, die seine
Freunde gewesen waren. Hätte Sören Pedersen nicht größere Kundschaft auf
dem Land als in der Stadt gehabt, es wäre ihm schlecht ergangen. Ragni
merkte nicht, daß man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch
mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten
vorsichtig. Schon daß Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur
Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.

Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts
davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen,
wenn er sie zum Lachen brachte, während er ihr die Schlittschuhe anzog,
oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, während sie, jeder auf
einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen
Kjaelke[8] fuhren oder, -- war Besuch da -- vierhändig spielten: immer
hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mißzuverstehen war, oder
ein Wort gehört, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten
beobachtet, die nur möglich waren zwischen Menschen, die an noch größere
gewöhnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem
-- was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe.

Sören Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland
verbreitete Familie, die eine blühende Phantasie hatte, besonders in
sinnlichen Dingen.

Man mußte nur Lilli Bing loslegen hören, wie Ragni Kule seinerzeit
"Abend für Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag
ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn
sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerwärtigen Sören
aushalten!"

Daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen
brauchte, ließ sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie
keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Daß keiner von
denen, über die es herging, etwas davon hörte?

Daß nicht einer von den üblichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das
eine läßt sich nur damit erklären, daß sie fast keinen Umgang hatten,
das andere damit, daß man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht
darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher
Beziehung! Im Frühjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum
Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag früh
sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. Man wußte, daß er
selbst den ganzen Tag auswärts war und die beiden den ganzen Tag in Haus
und Garten zusammen steckten.

Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger
Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mußte. Ragni
hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein
unsteter Fleiß hatte ihr Mühe verursacht, und sein leidenschaftliches
Wesen nahm mit der Körperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie
dämpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie
liebte Gleichmäßigkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm
einmal schlimm ergehen; er führe viel zu große Segel.

Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er
sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in
den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um
sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewöhnt hatte, unter
Ragnis Augen zu denken und zu leben, -- im Kampf mit ihr, im Gehorsam
gegen sie, und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch
darauf, selbständig zu werden. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten
machen.

Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage bei einem Freund war,
dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in
Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der
Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand
nicht, was er meinte, und floß über von Lobpreisungen und Bewunderung
für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles! Aber
-- offen gesagt -- hast Du nicht ein Verhältnis mit ihr? Die Leute sagen
es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft
ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht,
Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren;
allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei
und machte ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß die
Leute sich -- bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit -- allerhand
dächten. -- --

Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren
war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten
daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als
er ins Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er unglücklich
war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig,
daß die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch
Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung
miteinander vierhändig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem
letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos
geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben mußte. Und so
war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt
sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht.
Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" und prophezeite, daß
sie in allernächster Zeit eine Liebeserklärung bekommen würde,
wahrscheinlich in Versen -- er habe selbst seinerzeit mehrere
verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle sich
nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter billiger von ihrer
schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.

Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte,
nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von
ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist
schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an,
seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden Händen
sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit
selbst.

In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß auf; denn Karl war
so verzweifelt vor Schmerz, daß man überhaupt nicht mit ihm sprechen
konnte und den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni
wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen
Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen
blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich
zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, das
etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und
ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht
ahnen, daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was er je getan,
das Tiefste fühlte, was er _je_ gefühlt hatte.

Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie
Kallems Ernst. Besonders aber auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob
Kallem es nun erfahren hatte?

       *       *       *       *       *

Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterließ einen
unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie
machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen
solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht
voraussehen müssen, daß es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas
zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem
soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches
Verständnis für alles gehabt, was sie anging.

Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich
beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn
einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle
Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung
des Krankenhauses in aller Munde.

Aber während sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus,
ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade
weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den
sie beide längst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er
nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne
daß der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.

Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts
dafür tun?

Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als daß
_er_ den Anfang hätte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu
sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu
sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen können? Was war der Grund? Die
Angst vor der Untersuchung -- vor der Operation? Er sah sie selten, ohne
daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er
entbehrt das Kind. --

Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin -- von Karl
Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst
eingestehen mochten.

Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine
Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der
ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes,
Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen öfter schreiben?"
Beide merkten sofort, daß die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen
Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade
das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß sie mit ihm in
Briefwechsel treten solle. Das könne ihm in mehr als einer Hinsicht
während seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.

Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl
gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin,
schrieb -- humoristisch -- weil sie so am besten damit fertig wurde, und
erhielt Antwort -- erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze
Tagebücher.

An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse
zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen
langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich vom
Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen ließ, wie Milch in einem
Butterfaß. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen
weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte
der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das
nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.

Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel zu brechen; aber sie
mußte sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese
nordländische Einförmigkeit -- das war Sören Kule! Seine blinden Augen
waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die
Antwort kam, während der Wagen schlottrig weiterrumpelte.

Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann ist nicht auf Reisen!
Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt
hatte?

Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort
an -- und er sah sofort, daß sie in die Wohnstube geflüchtet war, um
sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an
seine Brust; sie witterte böse Geister in der Luft.

Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den Besitzungen übernimmt,
die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat
Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei
der Arbeit gewesen!

Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht
gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.

Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm
reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, daß er um Ragnis
willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.

Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park
neben dem Krankenhaus!

Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nähe
sollten sie ihn jetzt täglich haben! Lange ging er umher, um seine
Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus
stand, war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. Ein
kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur
hörte er von der Küche her das Geräusch des Aufwaschens und sah hinein;
da stand das nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so
unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür
aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Brillenmann mit
der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und
wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich -- der Herr Kallem?" sagte
sie singend. "Ja." -- "Gestern hab' ich's gehört, daß Sie hier wohnen."
Ihr Lächeln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon
längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" --"Gestern." -- "Von
Kristiania?" -- "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und
das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür;
er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen schlauen Augen,
die mißtrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der
Zimmertür. Kallem schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und
machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander
gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich wieder und die Nordlandköchin
guckte heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes
Geheimnis. "Ist das _Dein_ Mann?" -- "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah
wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige
setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er
blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt wurde. Bald
vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in
Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft.
Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen,
habe das Steuermannsexamen gemacht, spräche Spanisch und sei Kules
Sekretär und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die Kinderchens"
im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehöre jetzt
nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei
uns gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die gnäd'ge Frau?
Was macht denn die gnäd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt,
wa--as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die Tür,
der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und Kallem ging an ihm
vorbei zu Kule hinein.

Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den
Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Möbel, nur
daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und
kein Kinderspielzeug.

Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen
auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand
unbenutzt daneben.

Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine
Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere stöhnende Laute deuteten
an, daß die Wogen in ihm hoch gingen.

Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die
Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß
sie Nachbarn seien. -- Doch, das wisse er. -- "Das hätte ich nicht
gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner Worte erklären, was
er damit meine. Kule schwieg.

"-- Sie werden hier wohnen bleiben?"

"Ja."

Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er
fühlte, es war unmöglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin
zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich
nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.

Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n schönen Gruß an die
Gnä--di--ge!"

Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber
diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also -- fortan war er ihr
Nachbar. So hieß es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen,
wie andere auch.

Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus
zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht -- in keiner Form. Er mußte
erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte.

Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst die Lampe angezündet,
als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht -- ja,
sie hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel,
und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.

Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil sie schuldlos war,
nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja
nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, _die_ konnte sie nicht ertragen,
die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen
Larssens Grab gesagt hatte.

Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie
hätten doch vieles, was Wärme gab. Freilich -- aber der gute Ruf! "Wenn
sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach einer
Pause fuhr sie fort: "Das ist -- die Kälte!" Sie weinte nicht, wie sie
es sonst so leicht tat.

"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.

Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete sie: "Wo gibt es
einen Arzt, der so reich wäre, daß er alles, was Du hier hineingesteckt
hast, kaufen könnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich
glücklich macht? Nein, Edvard!" -- "Aber wenn Du unglücklich bist, kann
ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. Sie antwortete nicht. "Woran
denkst Du?" -- "Ich glaube doch, daß Du's kannst." -- "Was?" -- "Ohne
mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tränen
aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mußte ja fühlen, daß sie
ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" -- "Aber
Ragni!" -- "Ja, als Dein guter Kamerad -- der beste, den Du auf Erden
hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" --

Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des
Schweigens auf den Mund drücken.


10

Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen
hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in
dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen.
Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man
könne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr
das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war
nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten
zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte
sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben.
Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort
schuldig, und irgend etwas mußte sie ja vornehmen. Sie schrieb -- aus
ihrer Stimmung heraus -- Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat,
Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug -- sei _Todeskälte_.
Die sei es, gegen die wir kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen
seien mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der eine
empfänglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei
sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie
den Hauch der Kälte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom
stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand
entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage.

Der Brief war nicht lang; denn während sie so an ihre Kindheit dachte
und an das, was sie später durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung
mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal
in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich erzählen konnte sie
es nicht; aber es aufschreiben --ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie
eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.

Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt zu sein, als Kallem
nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in größter
Spannung -- einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine
Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte und noch
ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.

Einer der angesehensten Männer der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit
etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septichämie.
Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise
mit Wasserumschlägen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und
Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte
sich -- nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil
ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges
Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für
oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen
an Schwäche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen
durch den Glauben gestärkt hatte -- eine Tatsache, die niemand
bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn.

Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide
waren ehrlich genug, einzugestehen, daß nichts mehr zu machen sei; der
Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich.

Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie ließ
anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt
bereit erklärte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den
Einwendungen der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle
und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern
abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstärke.
Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil,
und der Zustand der Frau war derartig, daß sie wahnsinnig werden mußte,
wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes
Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. Alles das
erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.

Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah,
welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der
Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen
Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern,
ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschließlich für ihn.
Einem solchen Mann etwas sein zu können -- das war "Wärme" genug!

Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni
spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte
sich sogar in den Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben
hinüberschweifen. Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als
höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde von der
Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen,
und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer
Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da
sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr
Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut --
beileibe nicht -- aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.

Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die
Blätter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen
mit Reif bedeckt. Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr
Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über den hohlen
Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster
einsetzen und die Verandatür schließen solle. Und jeden Tag schob man es
wieder auf; wer weiß -- vielleicht kamen noch schöne Tage!

Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und
aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geöffnet, aber keinen
gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in
Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag;
und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte
daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl
hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte
deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war
gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von
Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemälde; und so
nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer
setzte. Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie legte das
Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht
interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den
letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "_Bitte
allein lesen_!"

Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der Schlechtigkeit'
erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, daß ich es
sogleich verstanden habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns
gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen
Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es -- kurz vor
unserer Trennung --erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich,
es könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen
könnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch _Sie_ haben es
erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes.

Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um
Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem
nichts davon erfahren! Ich schäme mich so entsetzlich -- ich bin so
unglücklich -- ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! -- Aber
ihm wollen wir es ersparen!

Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan
immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe,
Liebste!

Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie
unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, daß ich Sie oder überhaupt
einen Menschen noch lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser
Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide
sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, -- Gott ist mein Zeuge!
-- lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer
sind Sie um mich -- vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner
Nächte!

Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es -- unter Tränen. Ich liebe
Sie -- ich liebe Sie -- ich liebe Sie!

Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere,
das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wüßten, welch eine Wonne es
für mich ist, es bloß niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie
es lesen! Sie sind so gut -- Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich
vor Ihnen habe -- -- --"

Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Eßzimmer
gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber
beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte
den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. -- "Zu Bett?
Fehlt ihr etwas?" -- "Ich glaube, sie war nur müde."

Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er
einen Arm im weißen Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!"
sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von
meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht,
bitte! Es ist so schön so!" -- Was für ein frischer, gesunder Duft von
ihm ausströmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, während er
antwortete: "Von Deiner Schwester?" -- "Ja, sie fühlt sich unglücklich
da oben." -- "Wie wär's, wenn wir sie zu uns nähmen?" -- "Ich wollte
Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" -- Sie weinte. -- "Aber
Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich
das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten
allein sein miteinander." --"Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber
wenn nun eins von uns krank wird?" -- "Dummes Zeug! Wir werden nicht
krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bißchen warm! Laß
mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter
nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe
jetzt hinunter und esse; ich habe einen Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe.
Karl hat geschrieben?" -- "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch."
-- "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu
tun. Gutnacht, Kleines!" -- Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um
seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte ihn. "Du
herrlicher Mensch!"

Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im
Korridor, hörte, wie er die Tür öffnete und hinter sich schloß.

Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein
Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches -- nie wieder
würde sie es los werden -- und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte,
die Kälte -- jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff
sie -- zu Eis erstarrend -- weshalb der "Walfisch" gekommen war und
sich in das kleine Haus nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus
wollte. Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.

"Gott, ach Gott -- wie hat das nur kommen können? Was hab' ich denn
getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern
durch Meeresbrandung tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da
lag sie -- im Dunkeln -- damit keiner sie sah --damit sie nachdenken
konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen.
Sollte sie ihn Kallem zeigen?

Als Kallem nach zwölf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie über
all ihren traurigen Erwägungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das
Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief
--unschuldig -- mit offenem Mund.

Am nächsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite des Hauses umher,
auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verstört, gleich ratlos. Es
hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb
wieder geschmolzen. Über den Bergkämmen lag dichter Nebel, so dicht, daß
er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich -- ein Land, das an
die Berge grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. Das
seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald -- wie das
äußerste Züngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht
gehen, ohne daß der Schutz des Hauses aufhörte und man sie vom Weg aus
sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, daß man sie sah; vielleicht
nie wieder.

Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen den Baumarten da
draußen, rings um die Gehöfte! Am fernsten von den Häusern Nadelwald;
bei trübem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nähe mischte Laubholz
sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus
dem Dunkel leuchteten; noch näher Eberesche und Faulbaum, blutrot;
dazwischen Ahorn und anderes; von flachsweißen bis rotgoldnen. Hohe
Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt noch Laub zu treiben,
ragten mit nackten Zweigen über der Farbenpracht der andern empor gleich
blaugrauem Rauch.

Sie stampfte mit den Füßen, die gar nicht warm werden wollten, die nicht
wußten, ob vorwärts oder rückwärts, weil sie selber nicht wußte, wohin.
Wenn Kallem es erführe -- was dann? Und wenn er es nicht erführe?

Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem Ackerland
durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit Wintersaat bestellte
Roggenfelder und stoppelige Kleeäcker. Aber dort -- weit hinter den
Häusern -- mißvergnügte, graue Erdflecken, die man überhaupt nicht
beachtete, außer, wenn es sich darum handelte, sie zu plündern; nur zu
viele solcher gab es hier zu Lande.

Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese
frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frühling? Ach, hier
draußen wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wußte sie, daß
er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen
und die Kinder sehen!

Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden,
was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein
kurzer Brief an Karl Meek, daß er vorläufig nicht mehr schreiben solle;
sie werde ihm später vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die
paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle
abreisen und von unterwegs telegraphieren.

Ein Vorsatz, ein inneres Geheiß, so stark, als habe sie überhaupt weiter
nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr
auf. Als Kallem etwas später nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf
und ab, um sich warme Füße zu machen, und sagte ihm selber, sie _müsse_
die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, daß die
Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern
umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur gleich!" sagte er;
"später wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, daß es gerade
heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte
er sie zur Bahn.

Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das
Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht
wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. Äußerst wohlerzogene
Kinder, gewiß! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr
selber. Nur mit ihm! -- Sein Blut war stärker als ihres. Große, dicke
Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und
dazu diese vielen fremden Menschen, die sie beständig beobachteten! Am
liebsten wäre sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erkältet
gewesen wäre. --Ein späterer Brief lautete ein bißchen lebensfroher.
Nicht daß sie zufriedener gewesen wäre mit den Kindern; die waren noch
gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr
Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte
sie, daß sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den prächtigen
Menschen in und außerhalb der Schule machte ihr Freude; "hätten wir doch
etwas Ähnliches!" seufzte sie.

Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen
Worten ausdrückte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer
Mitte zu haben. Er übermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch
noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise und nicht
ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.

So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem
kalten Wintertag kam sie zurück, blaß, noch immer erkältet, ängstlich,
unfähig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu
kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr
Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein
frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und
ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte ins Bett.

Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm
gekommen. -- Nein, sie habe auch keinen erhalten. -- Ob sie denn nicht
geschrieben habe? -- Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die
ihr nicht gefiele. -- Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den
beiden vorgekommen, von denen er erst später gehört hatte; und da sie
ihn nicht ansah, fühlte er, daß er nicht fragen dürfe.

Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte
nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien
vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor;
das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter den Augen lagen
dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus --in die frische Luft. Aber sie
weigerte sich auf das bestimmteste, außerhalb des Gartens spazieren zu
gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser
Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: sie fing
zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges Zeichen; sie war am Ende
gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie
machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte es ihm voll Stolz; aber
daß sie fast immer nur in der Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach
und nach fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch.

So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehört hätte,
glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ängstigte
es ihn, daß sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht
zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie
gewöhnlich draußen in der Dämmerung spazieren gegangen und hatte nachher
Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie;
aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, daß sie die Hand
gegen die Brust preßte. "Tut das weh?" -- "Ja." -- "Wo?" -- "Hier!"
--Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. -- "Hast Du Stiche da,
wenn Du hustest?" -- "Ja." -- Im selben Augenblick hatte sie einen
heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach,
klingelte und schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen
untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte von dem
Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergänge am liebsten
in der Dämmerung mache. "In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht
nötig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. -- Das möge sie doch in
Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig müsse sie das Bett
hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr
unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine
Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; und wirklich -- nach
ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt
hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie
sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen
Anfälle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl;
nur ungeheuer matt und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust
hatte zu spielen.

Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie --
mit Kallem -- wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus
zurück. Erst ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer
Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen
matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit
Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte
ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen,
wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren
sogar ein paar Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger
gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß sie das Klavier
öffnete. -- --

Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich --allein -- beides äußerst
ungewöhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach
in schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: Kristen Larssen
ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie
mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt
spiele er Geige in seinem alten Haus. -- Ob denn niemand drin wohne? --
Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten
es gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. -- Ach
was -- da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den
Schlüssel habe? --Der Neffe seiner Frau. -- "Wer ist das?" -- "Aune!"
--"Na, siehst Du wohl!" -- "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit
durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" -- Ein
Mädchen, die ein krankes Kind hatte -- Kallem kannte sie, er war ihr
Arzt --hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang
schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat
keiner daran!" schloß Sören. Wie wollte der Herr Doktor denn das
erklären, daß Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in
ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt habe, sie habe
geträumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen
großen, gelehrten Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte
sich gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen ja doch
verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor,
gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, geträumt, die
Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"

"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, Pedersen. Am ersten
Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir
Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer
Frau -- alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine
Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes?
-- "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir
gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht acht geben auf
die Hunderte, von denen Sie und Aase träumen, -- wenn Sie sie nicht
gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"

Sören Pedersen war aber nicht überzeugt.

Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an;
bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich
auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er
allein gehaust mit seiner Mutter -- Frau und Sohn waren erst kürzlich
wiedergekommen -- und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen
an Strenge, -- in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft,
das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gläubige
wisse ganz wohl, daß Geister unter uns lebten und wirkten, und daß viele
nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene
Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht
wiederholten.

Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon
längst gehabt hatte -- nämlich: sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte
gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu
entschlüpfen; er besaß eine große Überredungsgabe, mit der er auch
Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mußte er heran! Die Frau
war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn
eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor -- zunächst wegen des
Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu
bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene
gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit:
wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau
sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ sich nichts anderes tun in
der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.

Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor
Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erzählen, man
wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene
gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein
abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wußte,
daß nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder,
wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzählte der kleine
Edvard, der täglich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt hätten
auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des
Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erklärte die Mutter ihm
kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der Ärzte aus der Stadt
wisse, von wem der Betrug herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der
umgehe.

Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr
Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" -- "Nun, daß _Du_ dem
Jungen das sagst; Du hast doch gehört, daß er sich gleich dahinter
verschanzte, _ich_ glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht
überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, er hatte recht, und
antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand
sie im Studierzimmer.

"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem
Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl,
daß sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem
Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es
nicht wahr ist?" -- "Nein. Aber Du könntest es mir überlassen, es zu
berichtigen!" -- "Und wer sagt mir, daß Du es berichtigen willst?"
--"Was soll das heißen?" -- "Das soll heißen, daß Du dem Jungen
fortwährend Dinge beibringst, an die Du selber unmöglich glauben
kannst." -- "Was für Dinge?" --Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam
es zu einer Abrechnung. -- "Ich habe in der letzten Zeit oft daran
gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal
geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, daß die Welt vor etwa
sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder daß die
Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien
als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde
und Menschen können nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein.
Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." --

Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Türen,
die zum Flur und zum Wohnzimmer führten. So oft er sich ihr näherte,
schaute er sie mit einem starken, ja mächtigen Blick an; so sieht ein
schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um ihr zu zeigen, in
welchem Geist hier verhandelt werden mußte, blieb er stehen und sagte
ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" -- "Nein", erwiderte
sie. "Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!"

"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trägt in sich die ewige Wahrheit,
daß Gott alles und alle geschaffen hat, und daß die Sünde ein Abfall von
ihm ist." --"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?"
-- "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." -- "Dann sage
ihnen, daß es nur Märchen sind." -- "Darauf kommt es nicht an." --
"Gewiß kommt es darauf an, daß die Kinder ewige Wahrheiten nicht in
unwahren Bildern lernen, meine ich!" -- Er sah, wie leidenschaftlich sie
die Sache nahm, und warnte sie; sie müßten ohne Leidenschaft darüber
reden können. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mußt
wissen -- es geht um die Zukunft unseres Kindes --und um Deine und
meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm näher zu kommen,
vielleicht auch, um sich zu stützen.

Aber er ließ sich nicht beirren. "Wärst Du selber so durchdrungen von
jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde führst, Josefine, -- kämpftest Du
nur um sie, so wäre all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das,
was wir an Stelle des Alten setzen könnten, ist ja auch nichts Sicheres;
wir wissen, so, wie das ehrwürdige Buch es berichtet, kann es schwerlich
zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit
gewesen ist. Bloß das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott
sind wir glücklich -- im übrigen laß Kinder und Erwachsene die ersten
Vorgänge auffassen nach der Väter Weise -- bis auf weiteres." Die
ehrliche Kraft der Überzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten
ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach plötzlich
etwas anderes hervor. "Weißt Du, daß -- ohne die grenzenlose
Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich
anders geworden wäre, als ich jetzt bin?" -- "Ja," sagte er kalt, "wie
ich höre, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben
für das Unglück Deines Lebens zu halten!" -- "Das hab' ich nie gesagt!"
fuhr sie auf und wurde sehr blaß. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger
fügte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erlösung durch Jesus hab'
ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" --
"Wirklich? Das ist ja schön!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief.
-- "Gut! Wenn Du mich nicht anhören willst," sagte sie, "so will ich
mich kurz fassen. Entweder Du hörst auf, dem Jungen Märchen zu erzählen,
die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen
können; oder ich halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft,
Ole!"

Es war nicht das erste Mal, daß sie harte Worte brauchte; sie hatten
lange und schwere Kämpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart
gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht
verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausfällen
gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit
schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick,
hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte
schon ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, daß sich in ihr etwas
zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz -- von solchem Zorn,
solchem Willen getragen --! So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge;
und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm
kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche
Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" -- "Bei
Dir?" -- Sie wurde aschfahl. "Hast _Du_ ein größeres Anrecht an ihn als
ich? Bist _Du_ seine Mutter?" -- "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz
machen den Vater zum Eigentümer des Kindes."

Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tür,
wie zwischen den Stäben eines Käfigs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging
hörbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch
furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, daß er zu so
etwas imstande sei. -- "Schämst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen
behalten?" -- "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst
unsern Jungen nicht verderben." -- "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel!
Jetzt sollst Du die Wahrheit hören! Von Kindheit an hast Du Macht über
mich gewonnen -- _dadurch_! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand durch
Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne daß ich es merkte, weil Du gut
warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht -- ja,
das hast Du! -- denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn
und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist;
ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht
auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das darfst Du nicht --
solange noch ein Funken Leben in mir ist -- trotz Gesetz und Bibel!
Jetzt weißt Du's --und Du wirst es sehen!"

Hätte sie geahnt, daß er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie
möge ihm einmal so gegenüberstehen, sie hätte es sich erspart, mit
solch sprühender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen
Herr seiner Gefühle. "Ja, Deine göttlichen Gefühle hab' ich auf Abwege
geleitet -- das weiß ich längst. Ich hab' es getan durch den Glauben,
der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewußt, mein Kind, noch ehe Du
wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. -- "Nun, also dann weißt Du
es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So weißt Du es!
Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er paßte mir nicht! Aber
auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei
Sünde, daß ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf
mir, daß ich nicht alle meine Kräfte aufwenden konnte für etwas, das
mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war
verpfuscht!" -- "Und was hätte denn aus Dir werden sollen, wie?" -- "Oh
-- wenn Du gleich das Tollste wissen willst -- Kunstreiterin!"
antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er
traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte
höhnisch. "Wahrlich -- ein großer Verlust für die Welt und für Dich, daß
Du das nicht geworden bist, Josefine!" -- "Das wußt' ich, daß Du so
denken würdest. Aber wenn es mein Los gewesen wäre, einen Zirkus zu
leiten, so hätt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergnügen
verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du -- das ist mehr, als die
meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was für
Kleinkram hab' ich mich beschäftigt? Was hab' ich erreicht? Daß ich nahe
daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist
aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fühltest noch
Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich hätte Dich noch lieb?" -- "Nein,
Josefine -- wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"--Wenn er sie
geschlagen hätte, wie ihr Bruder, sie hätte nicht rasender sein können;
erstens weil es überhaupt ausgesprochen wurde -- sie wußte ja kaum, daß
man wagen konnte, es zu denken -- und dann, weil der Mann es aussprach,
der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem
Schuld daran trug, daß die Geschwister entzweit waren. "Allerdings -- _er_
hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu
verletzen. "Im übrigen ist es erbärmlich von Dir, so etwas zu sagen." --
"So? Glaubst Du, ich wüßte nicht, daß es seine Schuld ist, wenn ich Dich
verloren habe, Dich und meinen häuslichen Frieden und dadurch die
Freudigkeit für meinen Beruf, und daß mir nun auch noch die Gefahr
droht, mein Kind zu verlieren?"

Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der
Zorn ging über in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie
hätte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren
Gefühl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im
Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und währenddessen
gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte
klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er
vorhin gesagt hatte, war schändlich.

"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung.
Solche Märchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzählst
Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit
den Märchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzählst
sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch
ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen
noch weiterhin mit solchen Märchen, ohne ihm zu sagen, daß es Märchen
sind," -- und jetzt wandte sie sich um -- "so ist es aus mit uns beiden,
Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir
wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie
und nimmer nach, Ole!" Sie ging.

       *       *       *       *       *

Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum
Mittagessen, das bei ihm etwas später lag als bei seinem Schwager.

Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer großen Schürze, die bis
unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte
im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine
stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weiße
Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von
Sigrids Braten -- Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte
sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit
auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." --"So?" -- "Ja,
Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum
Essen." -- "Wie geht's denn Karl?" -- "Nicht gut. Da kommt ja Herr
Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf;
jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als
Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit
Brustkrankheiten befaßt, die in dieser Gegend des Landes nur allzu
verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und
seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein
Kommen. Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte er, Ragni
habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht
gut." -- "Was ist es denn?" --"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen,"
erwiderte Meek. -- "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" --
"Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der
Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann
konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf,
sie zu untersuchen.

Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer als gewöhnlich.
"Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine
Frau?" -- Meek sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man ihm
schreiben soll?" -- "Na ja, das auch. Es hat natürlich -- wie schon oft
-- eine kleine Reiberei gegeben?" -- "Ja", antwortete Meek und schwieg
dann wieder. --"Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein
Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden.
"Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön
von ihr, daß sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine
gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in
Kallems Augen. -- "Gefährlich, sagen Sie?" -- "Ja. Ich muß ihn nach
Hause kommen lassen." -- Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr
fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." --"Aber, mein Gott,
was ist denn los? Wollen Sie, daß wir es wieder mit ihm versuchen?" --
Kallem dachte, der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. Meek
sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer
Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schuß mitten in seine
heimliche Angst. "Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die
nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was?
Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur
Gewißheit geworden; sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte
untersuchen können. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde
immer größer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" --
"Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" --"In
der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ängstigen. Ihre
Phantasie bemächtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr
furchtbar gefährlich. Außerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt
werd' ich --" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren
Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben _Sie_ ...?"
-- "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." -- "_War er_ --?" fragte Kallem
atemlos, und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem griff
sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder
zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?"
-- "Wie Sie wünschen." -- Kallem führte sie behutsam herein, ohne daß
sie erst hatte die Schürze abbinden können; sanft zog er sie ans
Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die
Magerkeit, die Farbe --! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch.
Draußen in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl.
Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr
von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist
er böse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr
wurde kalt und heiß. -- "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht
mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es --! Sie erschrak aufs
heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht.
Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die große Schürze abzubinden;
und gehorsam wie sie war, fügte sie sich.

Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte,
merkte Kallem, daß da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen
war. Ihre verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und
vermehrten seinen eigenen Schmerz -- ahnte sie es selbst? Oder war es
ein Vorwurf, daß er einen andern das tun ließ?

Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite -- da ...
Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das
Schlimmste -- und sie auch; das sah er. Wußte sie vielleicht mehr, als
sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine
Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das
andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.

"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel gehustet?" Sie
schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf
Kallem. Ihre Hände zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es.
"Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder
blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um
Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht außer Atem?" fuhr der andere fort.
-- "Ja." -- "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkräftet, -- fast als ob
Sie ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt
Kallem an. -- "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" -- "Ja." --
"Ist das wahr?" rief Kallem. -- "Ja, heute", sagte sie hastig, mit
zitternder Stimme. -- "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" -- "Ja.
Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, und ..." Bei diesen
Worten brachen die Tränen hervor.

Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, --haben Sie dann Schmerzen
hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie
jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn
nie angesehen?" -- "Doch, gestern Abend." -- "Nun, und -- ?" Sie schwieg
und starrte zu Boden. -- "War Blut darin?" -- Sie nickte; die Tränen
liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.

Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni
ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das
sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und während sie
hilflos dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas
einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mußte. Er kam nicht wieder.
Sie wußte weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt
aufstehen könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig
werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer
saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek
um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu und
verschwand. Auch sie kam nicht wieder.

Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. Dann ging er auf den
Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen,
und bat, die Herrschaften zu grüßen.

Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des
Arbeitszimmers, -- keine Antwort. Sie horchte und öffnete schließlich.
Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise
meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen.
Keines antwortete; keines blickte auf.

Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach
Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und
mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als
müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts
sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. --

Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll
Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte
allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch
verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie
sich daran, schrieb, strich aus, -- nach langer Arbeit wurde das Ganze
nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich zu
erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz
erstaunt.

Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am
längsten sträubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im
voraus, daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu
dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom
Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte er
doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf
und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hände. Er versuchte nur, ob
er ohne sie denken könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der
ersten Stunde ihrer Begegnung an -- all die kleinen Züge, die
unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwächen ebenso
wie ihre schweigende, poetische Liebe -- alles durchlebte er noch einmal
mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb,
gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll Humor, Wärme, Furcht,
Schönheitssinn, Hingebung an den Augenblick -- alle sahen sie ihn an wie
Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all
seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben
auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen,
was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen
hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung dessen, was er
geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten
ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in
der Wartezeit wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und was war es
ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strömten wieder die
Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die
erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste
ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...

Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er
im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran,
seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mußte
wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm
verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte?
Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.

Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und
als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus -- wie
mager die geworden war! -- und richtete die großen Augen mit einem
matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bißchen
hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf einen Augenblick!" Sie sah nicht
einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr
Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Händen.

"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht
eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig falscher Fährte; aber
auch später ist es schneller gegangen, als ich begreife -- einfach, weil
ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter,
irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht
mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich
keine Ruhe."

"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem
Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle
für Dich. Die sollst Du lesen, wenn --" sie unterbrach sich selbst.
"Später!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. --"Also jetzt
soll ich es nicht erfahren:" -- "Doch, das, wonach Du fragst, gewiß. Ich
kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er
half ihr. --"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es
verheimlicht," -- ihre Augen füllten sich mit Tränen, -- "Du, mein ..."
Wieder ein leiser Händedruck und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen
mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der
Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen
oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun --?" fragte er;
"willst Du es mir nicht sagen?" -- "Doch! Das, was zu oberst liegt, von
Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." -- "Steht es
denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der
steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und ließ seine Hand
los.

Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir
kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen.

Sein Entsetzen! Und seine Empörung, -- und seine Ohnmacht! Und davon
hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender
auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er faßte
Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten
und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er
einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie
des feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel
ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas
gestorben wäre.

Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie
er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war
dankbar genug oder auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen
müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe!
So viel träge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für
Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft!
Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt!
Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend,
als sie auf ihn gewartet! Und aus Empörung über das, was sie so steif
und fest glaubte -- was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles
zu? -- hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die
nicht fünfe gerade sein ließen, glaubten daran, alle verurteilten,
niemand erhob Einspruch, niemand kam!

Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so
uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch später noch oft nur
mit Überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt,
hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschöpf als
sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese
Schurken, diese gewissenlosen Zionswächter, diese psalmodierenden
Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal;
Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die
Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen
anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten?
Da mußte ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe
werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher!
Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte!
Und _seinen_ Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem
furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und
schrie laut auf.

Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen
gewesen; er hätte mehr mit Menschen umgehen, hätte sie unter Menschen
bringen sollen; dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen
Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, würde gewagt haben
... obgleich -- wer weiß? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.

Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein
Hustenanfall. In neun, zehn Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der
Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie gebadet, so
matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig werden konnte.
Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das.
Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben war; ihre
Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß geworden, hatte sich
aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum
Schlafen. Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr.

Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek
mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen,
schloß er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß
jetzt alles."

Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam,
wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief;
und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen.
Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken
erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, während es um seinen Mund
zuckte und Tränen die Brillengläser benetzten.

Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre Schwester nicht
kommen könne, und daß er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie
eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu
ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie
Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen können. Und beide dachten
an das, was sie nun beide wußten -- an die Ursache, weshalb sie jetzt so
dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.

Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein
Vorwand fand sich ja immer.

Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber er wagte es nicht. Er
hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die
notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden
möglichst ein; von allem andern machte er sich völlig frei, um bei ihr
sitzen zu können.

Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine Arbeit geopfert, und nun
lohnten sie ihm damit, daß sie sein Lebensglück mordeten -- wie grausam
fand er das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen messen, wenn
nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß sie das feinste, reinste
kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese
Blindheit empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schloß er
auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich nicht uneben, aber
selbstverständlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die
Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde -- Pastor Tufts Leibgarde.
Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, vorsichtige Menschen
getroffen. Und trotzdem -- ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so
liebevoll-grausam -- lauter makellose Mörder!

Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst
mir Rede stehen!" Alle -- und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige
Mitschuldige. Eine war da -- die stand abseiten -- Josefine. Josefine
hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber
glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie
eingenommen war, --ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern
bei ihrem häßlichen Glauben beharren -- oder schürte ihn noch gar. Wie
sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher
nicht der Urheber war --das wiederholte er sich wieder und wieder; sie
hätte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie
zu vornehm, -- aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen
Mord! Er war überzeugt -- so wenig sie selbst Christin war -- die
christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch
die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, -- sich beleidigt
gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Geschöpf es wagte, _ihren_ Glauben zu
verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so
sicher und so wohlmeinend tötete.

Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt die tiefsten
Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit";
und auch er hatte keine Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei
Ragni saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn gut. Bei
ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt,
streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge,
rückte ihr die Kissen zurecht -- bis er gehen mußte; denn sonst wäre er
niedergekniet und hätte alle Selbstbeherrschung verloren.

Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit
verständiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr
hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm
gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt hätten. Aase und
Sören Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um
nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete,
desto mehr Menschen kamen -- alle still und voll Teilnahme. Sigrid
selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mußte dann immer
gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch -- z. B. wenn Frau Oberst
Bajer eine schöne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe
großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter dem Mantel
daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und
so stellen, daß Ragni sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem
von schwerer Krankheit geheilt hatte -- dieselbe, die Kristen Larssen
hatte spuken sehen -- und die ebenfalls einen Blumentopf besaß, einen
einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau
hörte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber
was tat's?

Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten.

Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes
vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider
dort hängen. Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. Am
Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um,
ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und
hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt,
sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien noch größer geworden zu
sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie
sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen nicht
los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines großen
Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine
Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem
nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er an, sich umzusehen, ging zum
Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen,
blätterte in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube.
Dort blieb er lange -- allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu
Sigrid, und blieb draußen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um;
Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle.
Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht
zügeln; sie werden bloß eingezwängt auf der einen Seite, um auf der
andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint.
Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er
erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er
sogleich ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf lassen;
umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war
immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er
überhaupt da sei.

Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit,
daß Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich
nach ihr zu erkundigen. -- "Und Karl?" fragte sie. -- Ja, Karl sei auch
mitgekommen. -- Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten
gespielt wird, muß ich es hier hören!" -- "Ja, wenn die Tür offen ist;
aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch
ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts
im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du könntest Musik vertragen?" -- "Ich
sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an;
sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht
begrüßen, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen
Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete
nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch
guten Tag sagen?" -- "Muß es sein?" --Kallem wäre es lieb gewesen, wenn
er sie gesehen hätte. Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm
alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht -- hinter den andern -- an der
Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich
wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht
abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann
kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür
aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der
Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang
ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen
Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den
zehrenden Durst zu löschen, der sie Tag und Nacht quälte, trat auch
Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie.

Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und spähte
furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war?
Nachher veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur
Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort.

Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt.
Aber er bat, man möge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben;
auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe -- er könne nicht fort von
hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es
zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ängstigte sie beide.

Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis
Tür war angelehnt; es klang gedämpft und schön. Er hatte im Spielen
Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie.
Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. Später spielte
er noch einmal, am nächsten Vormittag wieder. Schließlich erlaubte sie
ihm, heraufzukommen und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz
still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er
auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es
ihn die größte Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der
Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, daß sie bang
war vor ihm und es am liebsten gesehen hätte, wenn er gleich wieder
gegangen wäre. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte
Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm
vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je länger er so
dastand, desto größeres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten,
er war ein guter Junge; sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar
ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam
auch nicht näher; aber eine heiße Bewegung stieg in ihm auf, und wie um
sie zu dämpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.

Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er
über einen Entschluß. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar
nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein;
unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag
abseiten.

Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich am ersten
Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er
kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal
aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt
darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Größerem, eine wilde
Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft -- mein Gott, gewiß soll das er
selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine
Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig und zart; ob _ich_
das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese
friedvolle, kleine Melodie herum -- ein paar Takte Melodie, darauf Takte
voll Jammer und Geschrei -- das erste Thema schmetterte und sprudelte
über das andere hinweg -- -- äußerst natürlich gemacht -- zu natürlich,
denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen,
um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune
an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein
Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein
solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei -- ja, können denn die
Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis
alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn -- und noch
einem -- und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder -- ein
Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.

Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche klingelte und
klingelte; er hörte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf
wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor
soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und
Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so daß beide erst kamen, als
der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. Kallem
war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins
Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück.

Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da
kam Karl an die Tür und hörte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken.
Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie
nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein
großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, daß sie ihn ausgelacht
hatte; sie hatte durch Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut
und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl
hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob sogar ein wenig -- ein ganz
klein wenig -- die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich näher
heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er -- er
wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der
rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die
Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch
hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf
und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen
auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt
und beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er
wieder aufrecht, -- stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder
eine große Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung,
ohne Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen
erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende
Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus.

Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung
ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umständen hätte es komisch
wirken müssen, besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall
eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß das Taschentuch ganz
frisch war. Aber Kallem dachte bloß daran, wie törichte Menschen doch
die beste Absicht ins Schlechteste verkehren können: für sie war es ein
Schreck gewesen.

Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen
angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er
war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn
mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins
Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus.
Er sei ein unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er
überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem
nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trösten;
seine Erbärmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch gar
kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben
entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande
war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach
komisch, furchtbar komisch vorgekommen! -- Aha! dachte Kallem. Da liegt
der Hase im Pfeffer!

Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr
Urteil.

Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war, ihn hierherkommen
zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm
hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe,
ihn im Gleichgewicht zu halten.

Eines Tages -- sie hatte eben nach Karl gefragt -- sagte er zu ihr:
"Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie
schloß die Augen, öffnete sie wieder und lächelte.

Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen
konnte er in all seiner Selbstquälerei nicht; Kallem mußte ihn geradezu
zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es
nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es doch und sagte zu
Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder
froh; und so leise gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach
und nach wurde er umgänglicher.

Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen hatte, kam er
selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kämpfen hielt nicht immer stand,
und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß es noch
andere Menschen gab, die litten, und daß man sich auch um andere kümmern
konnte. Und nun schlug er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war
voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie
fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins
einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres
Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr
künstlerisch darstellen; und die Vergötterung, mit der er das tat, war
gerade, was Kallem brauchte; er _brauchte_ die leuchtende Wärme des
Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkräftung brach auch er
zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten;
bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas
Übersinnliches, das alles verklärte, was sie ansah; ihre schmalen,
stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem
weißen Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, glich sie
einem federlosen Vögelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach
Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen
Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner
Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand,
oder auch ganz allmählich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie
hinüberleitete.

Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber
aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß sie sich nicht einen
Augenblick lang über ihren Zustand täuschte, wie etwa andere
Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er möge
sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der
Ecke." Dann lächelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt
fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach
Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein --
meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige
Hand; ihr Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen
versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr
besaß. Wenn sie seine Tränen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken,
und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser
Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten
Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so
etwas solle er bleiben lassen.

Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre
Augen und Hände sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen
nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie
empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja
auch keine Worte. Die Stunde nahte.

Eines Nachmittags hörten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid
stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tür stehen. Er hörte,
daß sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff
nicht, daß sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch
zerriß ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr
Schmerzgestöhne dazwischen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; er
_konnte_ nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mußte ihr
Letztes sein. Er hörte Sigrid weinen, hörte sie rufen: "Frau Doktor!
Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da öffnete er die Tür.
Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in
Ohnmacht.

Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid saß davor und weinte.
Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er
fragte: "Ist sie tot?" -- "Der Herr Doktor glaubt, daß es bald zu Ende
ist."

Später durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe
sie, weiß wie die Bettücher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand.
Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein
Zusammenzucken der Schultern; und sie hörten ihn stöhnen. Auf der andern
Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es
gab! Obgleich auf ihrem kräftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag --
es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer
Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel
schüttelte den Kopf. Und Ragni hörte die Frage; sie blickte auf. Mit
ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes
erweisen -- sie versuchte -- man konnte nicht sagen zu lächeln -- dazu
war sie nicht mehr imstande -- aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu
geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschließlich Kallem. Bald
darauf war sie tot.

Die andern gingen; Kallem blieb.

Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen;
Sigrid saß mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben,
leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was
sie geschrieben hatte -- es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand
darauf. Aber er konnte jetzt nicht, überhaupt nicht, solang sie noch im
Hause war. Er stellte sich vor ihren Bücherständer und sah ihn an; auch
der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gelächelt,
wenn er die Büchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von
Ibsen. Bei seiner Größe konnte er das Buch gerade so weit von oben
herunter sehen, um zu bemerken, daß zwischen den letzten Blättern eine
Lücke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Blätter, auf
denen Hedvigs unglückliche Geschichte abschließt, -- wie sie sich
erschießt und was darauf folgt -- herausgeschnitten! Herausgeschnitten!
Als habe es _so_ nicht kommen dürfen!

Nichts hätte ihn tiefer ergreifen können. Er warf sich aufs Sofa und
schluchzte wie ein mißhandeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu
furchtsam. Die Welt, in der wir kämpfen, ist noch zu roh. Sie muß erst
besser werden, bis solche Wesen mitleben können. Sie hatte versucht, aus
der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, -- nun war sie selber
herausgeschnitten worden.


11

Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf um die Erziehung des
kleinen Edvard gab, hatte der Junge gehustet. Abends ging es ihm gar
nicht gut, so daß er das Zimmer hüten mußte.

Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und schien auch leidlich wohl
zu sein; doch eines Abends war er wieder fiebrig und verdrießlich und
hatte einen trockenen Husten. Die folgenden Tage mußte er wieder das
Haus hüten. Weil er an die frische Luft gewöhnt war, wurde er weinerlich
und verlor den Appetit; Josefine hatte viel Mühe mit ihm und wurde
zuletzt streng. Der Junge jammerte -- er wolle zur Großmutter! Das
durfte er nicht. Als jedoch die Großmutter zu ihm herüberkam, war er
eigensinnig und lief zum Vater. Von dort kam er weinend zurück: der
Vater hatte ihm nicht erlaubt, die Bücher aus den untersten Fächern
herauszunehmen und Häuser damit zu bauen.

Er wurde ins Bett gesteckt, heiß, aufgeregt; dabei klagte er über Stiche
auf der rechten Seite der Brust beim Husten; nachts hatte er
Fieberanfälle und phantasierte: Kristen Larssen lief mit einem großen
Sack hinter den Jungens her und wollte sie in die Hölle schleppen.

Josefine doktorte mit Terpentinumschlägen an ihm herum; aber am Morgen,
als der Pastor heraufkam, bat sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.

Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend vorsprechen, und da
konstatierte er, daß der Junge eine Brustfellentzündung auf der rechten
Seite hatte. Was Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er
selber verordnete Diät und alle zwei Stunden eine Medizin und sagte,
wenn die Temperatur 39 Grad übersteige, solle man ihn rufen lassen.

In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden des Jungen; er aß und
hustete weniger; Temperatur abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!

So gering auch die Gefahr gewesen war -- Tuft und Josefine hatten beide
das Gefühl, als lege sich eine unsichtbare Hand mit leisem Druck auf
ihre Schultern. Sie wandten sich ganz allmählich einander wieder zu und
suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen --freilich nur über den
Zustand des Kindes; aber durch Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte
um Verzeihung.

Der Husten und der Schmerz in der Seite ließen nach; das Befinden des
Jungen besserte sich scheinbar; aber der Appetit wollte nicht recht
kommen, das Fieber wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die
Kräfte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die ihm einen Tag lang
Spaß machten und ihn am nächsten schon langweilten. Die Märchen, die
Vater und Mutter ihm abwechslungsweise erzählten, hörte er an, ohne
dazwischenzufragen; den Besuch der Großmutter beachtete er gar nicht.
Einmal war er plötzlich ganz heiß, dann fror er wieder. Am meisten
beunruhigte es Kent, daß gegen Abend die Temperatur immer stieg; er fing
an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. Josefine wich
nicht vom Bett und wollte von Ablösung nichts wissen; der Junge duldete
auch nicht, daß andere ihm nahe kamen.

Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die Temperatur gemessen
hatten, sagte der Pastor: "Ich glaube, wir kommen mit dem Schreck davon,
Josefine!" Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die
ihre flüchtig hinein, schien sich aber dessen zu schämen und zog sie
gleich wieder zurück.

Doktor Kent hatte ihnen erzählt, Frau Kallem sei schwer krank und
verlasse ihr Zimmer im Oberstock nicht mehr. Von anderer Seite hörten
sie später, es sei Schwindsucht; sie fragten -- jeder für sich -- Doktor
Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.

Josefine gegenüber erwähnte der Pastor nichts; aber zu Kent äußerte er,
es sei jedenfalls ein Glück für seinen Schwager; vielleicht werde er
jetzt ein freier Mann und würde die Schwingen regen.

Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, daß sie sich
völlig in sich selbst zurückzog. Kaum, daß er dann und wann ein paar
Worte von ihr zu hören bekam.

Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und
nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen würde, sah sie ihn
plötzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde
seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war -- auf dem Sofa seines
Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die
Bücherregale, die Bücher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen
großen Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bücher, beschriebene
Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden
Buchstaben, -- und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht
kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es
möbliert war, und hatte die Möbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen,
die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, daß es genau so war,
wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit würde das einen seltsamen Eindruck
auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdrängt durch sein
Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah,
desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, daß
es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod
sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte,
sah, wie er die Hände zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt
bloß noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den
buschigen Brauen, und eine große Öde um ihn her. In kaltem Schweiß
gebadet, wachte sie auf, so matt, daß sie kein Glied rühren konnte.
Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den
Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag
der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter.
Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine
Hände -- das waren nicht mehr die derben Bubenfäustchen, nicht mehr
lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein Bettchen, bloß um ihn wieder
zu haben, und war's auch nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da
war er! Aber ... Gott im Himmel! -- Wenn sie ihn hergeben mußte? Und in
diesem Leid fühlte sie den Schmerz des Bruders mit, fühlte sich eins mit
ihm. Das Schicksal des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal
Ragnis. In wachen Nächten und bangen Tagen flössen die beiden so
unauflöslich ineinander, daß sie beide für sie eins wurden.

Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie
versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum
Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie;
sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf
der kranken Seite liegen zu können; sonst schmerzte es ihn so, daß er
laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mußte, kam
ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine
einzige Antwort bestand in herzzerreißenden Bitten, sie möge ihn doch
ruhig liegen lassen. Sie wußte nicht mehr, was richtig war und was
falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; er zog die
Knie herauf, das eine über das andere ... lauter unerklärliche Einfälle,
durch die sie sich gänzlich überflüssig oder sogar lästig vorkommen
mußte. Ob das bedeutete, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen mußte,
daß sie im Grund _ganz_ überflüssig war?

Schließlich mußte sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum
andern, wenn sie ihn anrühren mußte, wäre genug gewesen. Aber die
Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt.
Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache mit den Beinen
hauptsächlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, daß sie sich
förmlich ängstigte vor ihrem Jungen; er gehörte nicht mehr ihr. Erst
später, und ganz zufällig, entdeckte sie eine Anschwellung um die
Knöchel. Das -- so hatte sie immer gehört -- war der Anfang vom Ende.
Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins
Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke saß. Er sah sie,
bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn,
Du?" Er hörte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die
Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die Hände
gedrückt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die
glänzenden und doch gänzlich gleichgültigen Augen, mit denen er seinen
Vater ansah, -- das schrie förmlich zu ihr über des Vaters Kopf weg.
Auch sie hätte beten mögen; aber im selben Augenblick schob der Junge
den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch störte ihn. Und damit schob
er sie weg vom Gebet.

Doktor Kents ruhiges Lächeln, sein stilles, bestimmtes Urteil, daß die
Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzündung
entdeckt hatte, daß nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die
Anschwellung sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre,
erleichterte sie beide so, daß Josefine vor Freude weinte. Die
Untersuchung des Urins bestätigte seine Diagnose.

In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit;
trotzdem fühlte sie sich matter als vorher.

Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor
Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den
Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent
und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erzählte,
gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide Männer blickten Josefine an;
sie schloß die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein
Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umständen
ist es für Edvard nur gut, Josefine. Natürlich geht es ihm jetzt nahe;
aber später wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine
wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen
die Tränen hervor.

Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt hatte, war etwas
Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. Während
der Krankheit seines Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser
letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem früheren
Dasein -- eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden
Schmerz hin -- weil sie über ihrem eigenen kranken Kind fielen --
gewannen selbständiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge --
"Sendboten Gottes".

Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn
der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl,
wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so maßlos war und doch
zugleich von ihr forderte, daß sie mit ihm fromme Lieder singen solle.
Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er es sogleich. Aber gerade
darum _verlangte_ ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein
krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er
sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um
das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte
zusammen zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm zu
beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer höheren
Gemeinschaft mit Gott würdig befunden wurde, so war die Prüfung nicht zu
hart.

Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete.
Wenn das Stärkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein
anderer; aber es kam so selten dazu.

Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelmäßigen
Schlaf entbehren, Woche um Woche, -- den Appetit verlieren durch die
unaufhörliche Spannung -- das war fast genug, um selbst kerngesunde
Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darüber;
aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte.

Während er jede ihrer Bewegungen überwachte, mußte er ihr, gegen seinen
Willen, eines Tages mitteilen, daß Ragni nicht hier, sondern im Friedhof
des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des
Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar stärkste Weise. Zweifellos
war dieser Entschluß gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten
aber gegen sie beide gerichtet.

Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein
einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich
über den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard stöhnte
und schob ihn mit der Hand von sich. "So laß doch das ewige Rauchen!"
sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!"
antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er
bekümmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" --"Nein", erwiderte
sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, beschämte sie.

Der Doktor wurde geholt. Er war an diese plötzlichen Botschaften
gewöhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besaß die unschätzbare
Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern,
als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die
Großmutter. Viermal am Tag kam sie herüber, und die Art, wie er sie
empfing, galt als Barometer.

Die Großmutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem
und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war weiß und
stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher saß Sigrid;
Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das
ganze Gefolge.

Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. Und daß
Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege
keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe
vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemänteln und ihr so diesen
letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein könnte!

In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon
schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst; mit dem großen, hohläugigen
Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr über
die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder
eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen.
Sie hielt ihn mit der Hand zurück und sagte eintönig: "Ich muß mit Dir
reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines
Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."

Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. "Was sagst Du da?"
flüsterte er.

"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen wir bezahlen; und mit
weniger begnügt sie sich nicht." -- "Liebste Josefine, Du bist ja ganz
außer Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang
aus dem Bett. -- "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten können, müssen
mir jetzt beistehen! Hörst Du, Ole!"

"Aber liebste ...!"

"Oder glaubst Du nicht, daß Ihr stärker seid als diese Frau? Glaubst Du
es nicht? Neulich bist Du so freudig aus der Betstunde heimgekommen --
ach, Du kennst die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, -- hörst
Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. "Es ist doch
Christenpflicht, uns zu helfen! Sie dürfen es doch nicht ruhig mit
ansehen, daß sie ihn uns nimmt!" Die Stimme klang in einem langen
Klageton aus. Er saß auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er
angezogen, hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. "Liebe, Liebste,
so glaub' doch nur -- Gott hat die Macht, und kein anderer! Du bist
krank, Josefine!" -- Er war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig
anzukleiden. "Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut und stellte
die Lampe hin. "Ich wußte es ja! Ich danke Dir! Sei heilig versichert,
Ole -- es eilt!" Er zog sich rasch weiter an, sagte aber: "Du weißt,
Josefine, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir für nicht-geistliche
Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte die Hände nach ihm
aus. Alles an ihr war lose und offen, die Ärmel glitten zurück --
unglaublich mager war sie geworden! Eine große Angst überfiel ihn. Ihr
wildes Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt....
"Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht alles so aufs Gebet setzen!
Du könntest darüber zusammenbrechen, so, wie Du jetzt bist...." --
"_Glaubst_ Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. "Doch, doch!
Aber wenn nun Gottes Wille nicht der unsere ist, Kind?" -- Die
schmerzliche Erinnerung an Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du
betest um nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" -- "Ja.
Natürlich! Selbstverständlich! Um was beten wir denn sonst?" -- "Wir
beten, um Gemeinschaft zu finden mit Gott, Josefine. Wenigstens darum
bete _ich_. Dann ist alles gut; dann ist meine Seele gestärkt -- und ich
bedarf dessen oft so sehr!" -- "Gottes Herz erweichen, so steht es
geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes Herz erweichen! Hörst
Du, Ole! Gottes Herz erweichen? So antworte doch!" -- Er war vor dem
Ofen niedergekniet, in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern ein
Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht bekleidet. Aber
jetzt hielt er inne und sah sie voll Trauer an: "Um ein Wunder beten --
das darf ich nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht würdig!" Und während
er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er es wußte, war er so erregt,
daß er das, was er in Händen hielt, fallen lassen mußte, um sein Gesicht
zu bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die Höhe; wenn sie
in ihrem Schoß das kostbarste Porzellan gehalten und es hätte fallen
lassen, daß es in tausend Stücke zersprang -- sie hätte nicht anders
dastehen können -- starr, von Entsetzen gelähmt, die Hände ausgestreckt
über dem, was ihr entglitten, die Augen auf ihn geheftet, der Sinne
beraubt, als müsse sie auf der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht;
denn als er sie anfaßte, erwachte sie, faßte sich sofort und sagte rasch
ohne Übergang: "Dann müssen wir nach meinem Bruder schicken! Dann kann
nur er sie bewegen, von dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem
wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie eine Eingebung.
Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; der Fall mit dem Oberst hatte
schon den Wunsch in ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis
jetzt hatte er sich immer geschämt.

Ein paar Minuten später war er auf dem Weg zu Doktor Kent, der zuerst
gefragt werden mußte.

Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, in der Nacht
gefroren, so daß Tuft aufpassen mußte -- dazu die Gedanken, die ihn
hetzten -- es war schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel,
von Schöpfung, Sündenfall und all dem andern -- was war es wert, wenn
der Tod anklopfte? Was war dann Nummer eins und was Nummer zwanzig?

In Kents Haus wollte niemand wach werden; er klingelte und klingelte,
ohne selber den Klang der Glocke zu hören; sie mußte abgestellt sein. Er
fing an, gegen die Tür zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der
an den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch so! Endlich
kam, etwas verdrossen, ein Mädchen; als sie jedoch sah, daß es der
Pastor war, ging sie, um Doktor Kent zu benachrichtigen. Der geduldige
Kent erschien, hieß ihn eintreten und hörte ihn an. Mit Freuden wolle er
zu Kallem gehen; hätte er nur gewußt, ob es tunlich sei, so hätte er es
schon längst getan.

Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurückkam; sie verstand ihn
nicht richtig und glaubte, ihr Bruder werde sogleich kommen; und als er
um sieben, um acht, um neun noch nicht da war, fürchtete sie, er wolle
nicht, und geriet völlig außer sich; der Pastor mußte sich wieder auf
den Weg machen. Kent war nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid,
Kallem und er würden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; aber da war
der Pastor eben abgerufen worden, so daß niemand zu ihrem Empfange da
war. Kallem hatte seinen Fuß nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit
dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.

Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht wie jetzt
Josefinen: seit der Nacht war der Bruder ständig in ihren Gedanken
gewesen; als er nun aber mit Kent endlich über die dicken Läufer die
Treppe heraufkam, dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade über den
Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, schrak sie auf
und die Stimme versagte ihr. Die Tür wurde trotzdem geöffnet; Kent ließ
Kallem zuerst eintreten.

Ein leiser Schrei tönte ihm entgegen. Fast hätte sie zu Boden fallen
lassen, was sie in der Hand hielt. Wie sah er aus! Das war der Tod
selbst, der da eintrat, knöchern, schneidend scharf, -- nicht um zu
helfen, sondern um über ihr Kind das Urteil zu sprechen; das fühlte sie
sofort.

Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken Mitgefühl, obwohl
auch sie von Kummer mitgenommen war. Als er näher gekommen, blickte er
auf den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr für ihn. Sie trat
auch ganz von selbst beiseite. Kent kam auf sie zu und begrüßte sie
freundlich; dann ging er zu Kallem zurück. Und jetzt ging es wie
gewöhnlich -- wie es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen war:
Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, mit Kallems Augen; das
Aussehen des Jungen wurde plötzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn
aufs tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte -- jetzt
drängte es sich ihm von selbst auf: "Empyème?" flüsterte er auf
französisch Kallem zu. Der antwortete nicht, trat nur näher, fühlte des
Knaben leichten, schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte auf
die hastigen Atemzüge, besah sich die Temperaturliste und den letzten
Auswurf des Jungen. Darauf eine kurze Beratung der Ärzte; Josefine hörte
jeden Laut, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt, auf der andern Seite
des Bettes stand -- das Bett des Jungen war da, wo früher das des Vaters
gestanden hatte. -- Aber sie begriff die technischen Ausdrücke und darum
auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerhört Entsetzliches war es;
das fühlte sie; ihre Hände krampften sich unter der Brust zusammen,
während ihre Augen von einem zum andern wanderten. Endlich machte Kent
ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, ob sie erlaube, daß
man eine nadelfeine Spritzenspitze in die Brusthöhle einführe? "Eine
Operation?" flüsterte sie und mußte sich stützen.

"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso leise. Sie sank auf
einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die Antwort nicht ab, sondern zog seine
Verbandtasche hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dünnes, Langes und
beugte sich damit über den Jungen. Mehr sah sie nicht, dachte auch
nichts mehr --, sie fühlte bloß noch eins: nicht nachgeben! Sie hörte
den Jungen jammern und "Mutter" rufen -- angstvoll, immer wieder; aber
sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. Dann
hörte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, Jungchen!" Aber was
vorbei war, das sah sie nicht.

Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter solle wieder zu ihm kommen.
Sie versuchte es ein paarmal; aber es ging nicht; der Bruder drückte sie
immer wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie überhaupt nicht
ansah.

Dann ging die Tür. Er war fort; und sie atmete auf. Kent trat auf sie
zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine Operation nötig, Frau Pastor!"
flüsterte er. "Wozu denn?" Sie wußte ja, es nützte doch nichts; sie
hatte es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles versuchen
müssen", erwiderte Kent. Der Junge bat jetzt im kläglichsten Ton die
Mutter, sie möge zu ihm kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm
nieder und brach in Tränen aus. "Es hat so weh getan!" klagte er. Ach,
wenn sie hätte antworten können: "damit Du gesund wirst und wieder
aufstehen kannst!" Aber nicht einmal Kent wagte das. Sie suchte nach
Mut, um die Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder
gegenüber nicht. Kent wartete; das fühlte sie zuletzt und sah ihn
verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: "Ihr Bruder schickt
gewöhnlich jemand von seinen Leuten vorher zum Desinfizieren und
Vorbereiten", sagte er leise. "Heute schon?" flüsterte sie und
schluchzte bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslüften muß
jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden Zimmer müssen wir
auch dazu nehmen." Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen
gelegt und antwortete nicht; sie hörte ihn weggehen.

Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins Krankenzimmer hinauf
und war nicht wenig verwundert, dort die Großmutter und -- Sissel Aune
zu finden. Die letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der äußerst
empfindlich war und niemand als die Mutter um sich dulden wollte; auch
den Vater nicht; der roch noch immer nach Tabak; obgleich er das Rauchen
aufgesteckt hatte. Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem
Sofa, verzweifelt, aufgelöst; sie stammelte zusammenhangslose Worte:
"Das Todesurteil!" antwortete sie fast auf alles, was er sagte.

Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und übernahm die Aufsicht;
mit ihr rückten neue Leute ein; das ganze Haus war in der Gewalt
Fremder. Das Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die
Dienstmädchen kummervoll; die Großmutter in Tränen; und als das Bett des
Kindes in ein anderes Zimmer getragen wurde und sie die Tritte der
Träger hörten, saßen die Eltern Hand in Hand und zitterten.

Wenn jetzt jemand gesagt hätte: "Es ist gut für die Eltern, wenn der
Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie das noch nicht ein; aber sie
werden daran wachsen!" Wenn jemand die Roheit hätte, ihnen so etwas zu
sagen! Tuft _mußte_ mit Josefine darüber sprechen, mußte ihr bekennen, was
seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. Sie drückte ihm stumm die
Hand.

Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide oben beim Jungen, und
beiden war es, als habe der Tod ihn schon gezeichnet. Die Hand der
Mutter in der seinen schlief er ein; dann führte Tuft sie sanft hinweg.
Es war ihr jetzt nur willkommen, daß jemand sie führte; infolge der
vielen Umänderungen im Hause war auch ein zweites Bett im Fremdenzimmer
aufgeschlagen worden.

Am nächsten Tag saßen die Eltern von früh an bei dem Kleinen. Sobald sie
weg waren, sollte er in sein ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort
war alles zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die Ärzte. Josefine
lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die Männer kommen hörte,
hielt sie sich die Ohren zu; die Teppiche waren fortgenommen, so daß man
das leiseste Stiefelknarren hörte. Sie ließ sich nicht trösten, ließ
sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen Zustand,
in dem sie schon einmal gewesen war; sie wollte um jeden Preis hinauf zu
dem Jungen; er konnte ihnen ja unter den Händen sterben. Der Pastor
hätte gern mit den Ärzten gesprochen; aber sie hängte sich an ihn: sie
wollte mit. So blieb er unten. Wenn irgend jemand oben einen Fuß rührte,
so wußte sie gleich, wer es war; bewegten beide Ärzte sich zu gleicher
Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krümmte sie sich und saß in
sich zusammengekauert da, die Hände vor den Ohren. In ein anderes Zimmer
wollte sie sich nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und
Qualen erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt hatte,
flüchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; "hilf mir!" flüsterte
sie; es ginge um ihren Verstand, um ihr Leben; immer habe sie gewußt,
daß es einmal ein jammervolles Ende mit ihr nehmen würde.

Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen und sich kalte
Umschläge machen zu lassen; er bat sie so innig, und seine Liebe war so
stark, daß sie ihr einen Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde
sie still.

"Er schreit!" rief sie plötzlich und setzte sich auf; sie wollte hinauf.
Der Pastor beteuerte, er höre nichts; aber im selben Augenblick hörten
sie es beide. "Ja, ja!" rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie
mit beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde sie still. Von oben
kam kein Laut mehr jetzt.

Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung wurde der Junge
chloroformiert, und das Schreien, das die Eltern gehört hatten, galt der
Flanellmaske, die Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg;
er meinte, er müsse ersticken. "Mutter! Mutter!" Aber bald schlief er
ein. Die Großmutter saß in einem frischgewaschenen Kleid auf der andern
Seite am Kopfende und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber sie
saß da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu Ende war. Niemand
hatte sie darum gebeten; aber sie hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald
der Junge eingeschläfert war, forderte Kallem sie jedoch höflich auf, zu
gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.

Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein
acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten
bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und sägte ein
kleines Stück heraus; der Eiter strömte aus der Wunde.

In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund
aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die
weißen Operationsmäntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres
Kindes wühlen, -- und stürzte kopfüber zu Boden.

"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen
gelaufen, der Pastor von außen, und zusammen trugen sie sie hinaus.
"Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und
schließen Sie die Tür zu!" -- "Und Sissel --?" -- "Muß draußen bleiben!"

Man hörte Josefine bald darauf an der Tür; aber niemand achtete ihrer.
Eine Drainröhre wurde in die Brusthöhle eingeführt, diese wurde
ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die Röhre
mußte ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichmäßig
auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen
Instrumenten ins nächste Zimmer zurück und war verschwunden, bevor noch
irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wußte, daß er
fertig war.

Die Großmutter, die Ärmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tür zu
horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, öffnete und etwas unter
der Schürze davontrug. Im Vorbeigehen erzählte sie schnell, es sei
alles vorüber. Die Großmutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse
Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über sich selbst; sie ging schnell
wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mühe und Not.

Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch plattgedrückt, in die
Nordwand des Hauses eingemauert, war für gewöhnlich gänzlich
unzugänglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu
haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube;
alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte
es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her
aufzuräumen. Man hätte denken sollen, er müßte deswegen an ihr hängen;
aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Großmutter gar nicht
mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine
Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Großmutter, mit all
ihrer Hinterhältigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er
auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er
nicht verstand, hatte ihn gequält. Nun er matt und krank war, durfte sie
überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten!
Auch ihr Sohn vernachlässigte sie, seit Josefine wieder zugänglicher
war. Wäre nicht die Diakonissin gekommen -- die Operation wäre
vielleicht vor sich gegangen, ohne daß die Alte darum gewußt hätte.

Einige Stunden später schlich sie sich wieder hinauf, lauschte draußen,
hörte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel saß da
und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Großmutter.
"Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, daß man es hörte; größer
schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Großmutter konnte nicht mehr; sie
ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch
immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes
Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde hier sitzen bleiben, bis es zu
Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf
Josefines Bett.

Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tür herein.
Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah
seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat
näher und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las
er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, -- im selben Sinne. Vor dem
leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er
zurück und ging.

Ganz, ganz still war das Haus. In der Küche, die abseits lag, hörte man
leise reden; überall waren die Türangeln geölt, überall lagen wieder
Läufer und Teppiche. Allstündlich kam der Pastor, immer auf den
Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle
kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem
Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner Nähe gab es keine Worte
mehr, nur noch Zeichen.

Die Nacht war womöglich noch schweigsamer. Großmutter saß nicht mehr am
Bett, sondern Sissel; in der Küche brannte das Feuer, und irgend jemand
wachte da immer, für den Fall, daß etwas sich ereignen sollte. Auch der
Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und
die Küchenwache ein. Als die Großmutter gegen vier kam, schlief auch
Sissel. Großmutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut,
bis gegen sieben Uhr. Großmutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken
die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder täuschte sie sich?

Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn;
aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr großes
Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus;
die Alte, die längst für ihren Verstand gefürchtet hatte, erschrak. Aber
Josefine blieb an der Tür stehen; sie hörte Sissels feste Atemzüge, aber
nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die
Großmutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorwärts --
und die Mutter sah ihren Jungen -- zum Erschrecken blaß, ohne jedes
Lebenszeichen. Aber Großmutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter
vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht
deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder.
Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in
ihren Glauben an das Todesurteil, daß sie gar nicht hörte, was sie
hörte. In äußerster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den Atem an,
und erst, als sie die Gewißheit hatte, daß er leichter atmete, ließ sie
den eigenen Atem unwillkürlich mit voller Gewalt über das Gesicht des
Jungen hinströmen. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf
und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war
die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als
man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis
Josefines Augen von Tränen überflössen.

Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten
Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn
er es tue oder wenn sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar,
sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den
Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flügel
ausgebreitet über ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn
geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme gehört
hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten,
scheuen Atemzügen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt
konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten
miteinander, als ob es nimmer enden solle.

Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der
Sicherheit ihrer Nähe hin und schloß die Augen wieder, öffnete sie noch
ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann
schlief er ein.

Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Draußen war heller Tag;
herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag füllte den hohen Raum
mit dem Leben des Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den
verborgensten Winkel; sie stieß die Tür zum Fremdenzimmer auf und
stellte sich in die Öffnung.

Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar,
die hohe Stirn noch glänzend vom gestrigen Schweiß, um den Mund ein
Lächeln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte
sie. Er öffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im
Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich
hörte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"

       *       *       *       *       *

Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem
heraus, was er gelernt hatte.

Darüber nämlich, was für uns alle das Größte ist.

Der eine vergißt es in seinem Strebersinn, der andere in seinem
Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter über
seiner eigenen Weisheit, ein fünfter in seinem Alltagstrott, und alle
haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun
Euch, die Ihr mir zuhört, so würdet Ihr alle, just weil ich von dieser
Stätte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das Höchste ist der
Glaube'."

"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines
Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder laß Dein Weib,
aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an
diesen äußersten Rand -- da lehrt Dich die Liebe, daß _das Leben das
Höchste_ ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes
Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch
oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort;
nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst
abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der
Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist
das Leben; unsere höchste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden.
Dieser Lehre, so selbstverständlich sie ist, bedurfte vor allen andern
ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Gründen und auf mancherlei
Weise abgelehnt -- am stärksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder
soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein,
das Größte soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals
wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebenswärme soll meinen
Willen lösen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und
nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Maßstab
der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das,
weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablässige
Offenbarung im Leben!"


12

Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte
leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite
wurde die Tür bedächtig geöffnet von Sören Pedersen, und hinter ihm
tauchte nach langem Zögern und in großer Verlegenheit Aase auf.

Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor für die heutige
Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott;
wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz
einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn -- d. h. Aase
wäre da wohl die verlorene Tochter -- (komm nur näher! Na, so mach', was
Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide
beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur
er sie in ein Gebet zu legen vermochte. Sören sagte dann, sie wollten
jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewiß ist er der beste
Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen
Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott
und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."

Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem
aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es drängte ihn, zu bekennen, daß
ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die
Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen
hätten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld
auf sich nahm. In der geschäftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt
war wie ein Postpferd mit Säcken voll Papier beladen, hatte sie
mitfahren müssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht
war sie mißtrauisch und hart geworden.

Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame
Kindheit merkwürdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Missionär werden
wollen; jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions-
und Entwicklungslehre auch ins Religiöse zu übertragen, das war eine
Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine
Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester mußten überwunden
werden wie die Götzen und Wundertäter der Heiden. Und hatte er später in
theologischem Machtbegehr davon geträumt, Bischof zu werden -- nun wohl!
Hier war ein gefahrvolles Bistum -- aus leicht erklärlichen Gründen --
frei in Norwegen.

Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit
langen Schritten über den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet
und trug ein schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist
nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt
und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter
Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen Bändern.
"Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" -- "Nein, jetzt um Frau
Kallem." -- "Ist Doktor Kallem hier?" -- "Nein, er ist vor einer Weile
nach Hause gegangen."

Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstraße ein; er
konnte inzwischen eine tüchtige Promenade machen.

Es waren viele Spaziergänger unterwegs; sie grüßten ihn voll freudiger
Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte
einen Schatten über ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich
der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der stürmende Mut, den er
vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten
eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er Sören Pedersen und seiner
Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll
Frühlingsverheißung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu
Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen höchst
aufgeräumt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" -- "Es hat mir
gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen,
sagte er; die eine glaubt nur das, was sie weiß; die andere tut das
auch, aber das, was sie glaubt, läßt sich nicht beweisen -- wenigstens
für niemand, als sie selber." -- "Er hat recht." Tuft lachte und eilte
weiter. Aber sowie er allein war, überfiel ihn Markus 16, Vers 16; das
lag noch von seiner "rechtgläubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte
ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott
respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig
zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein
späterer Zusatz, von dem die ältesten Handschriften nichts wissen. Wenn
diese Stelle unecht ist, so enthält keins der drei Evangelien eine
Stelle, die auch nur annähernd so furchtbar wäre. Und das vierte, das
sie enthält, hat damit sich selbst "verdammt". Nein -- das Leben ist
alles -- und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklärung des Lebens,
d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die höchste
Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im
Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum
Führer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in
entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit stößt es ab.
Gott offenbart sich unserem Verstand auf höhere Weise. Wieder schritt er
eilig über den Hofraum.

Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause."
Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb
unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das
Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft,
etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war.

Jetzt begriff er.

Der Preis, um den er hier Einlaß fand, war doch wohl höher, als er
gedacht hatte. Demütig ging er heim; Josefine gegenüber schwieg er von
der Sache.

Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege
vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenführen konnte.
Und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich ein,
daß er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Dies rein
persönliche Gefühl hatte großen Einfluß auf die Beschränktheit seiner
Lehre gehabt.

Da kam ihm von außen her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen,
zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte;
bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anhängern. Und das trieb ihn
vorwärts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien
nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem
Dankbarkeitsverhältnis, das ihm lästig war, freizumachen; er schlug
gewaltig Lärm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei.
Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren
gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen möglichen theologischen
Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken;
denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf
Mißverständnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Kräften und
Kenntnissen, die er bis jetzt nicht geübt hatte.

Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; sie war mehr
heruntergekommen, als sie wußte. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem
Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen
hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?

Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so
zurückgebracht, daß sie nur langsam zu Kräften kam. Auch sie war nämlich
in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen
konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem
Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf
der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.

Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu jedem
Zugeständnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren
Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst
keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen
beeinflußt worden war. Sie sah ihre Schuld darin, daß sie unverträglich
gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war.
Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen saß und ihm von Ragni erzählte, wie
liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie
das Unmenschliche ihres Betragens, daß sie Ragnis Herzensgüte, daß sie
Kallems Liebe hatte übersehen können. Aber abgesehen von dieser
Unversöhnlichkeit fühlte sie sich nicht schuldig.

Die Enttäuschung war um so größer und hätte schwere Folgen gehabt, wenn
nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen hätte. Ein
unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch
eine große Begebenheit erlöst werden. Und zu einer solchen wurde ihr
der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine -- hierfür müssen wir Amt und
Vermögen einsetzen!"

Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, neubelebt vom Kampf,
stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was
sie auch verbrochen hätten -- es müsse Klarheit sein zwischen ihnen;
einer Anklage wenigstens müßten sie gewürdigt werden. Ihre Dankbarkeit
gegen ihn sei groß, ebenso groß aber ihr Bedürfnis, mit ihm
zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frühere Unverträglichkeit bereuten
und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt hätten,
jedes nur mögliche Opfer zu bringen bereit seien.

Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.

Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glück, daß
gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tuft waren. In der
Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet,
mit denen Josefines Brief schloß: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne
Unterschied des Glaubens (wie in der Erzählung vom barmherzigen
Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem
Maß gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes
Körnlein, das sich nicht daran messen ließe, vor der Offenbarungsmacht
der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen müsse als eine Gotteslehre ferner
und harter Zeiten.

Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.

Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei
stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer
theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle
war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft
hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei völlig
verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das
Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende,
daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Maß der
Gerechtigkeit und der Liebe, -- und es machte Eindruck, als er mit
seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über
die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und
Unterdrückung durch den Stärkeren würden ein Ende nehmen, solange die
Lehre von der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen
Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde!

Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", indem sie alles taten,
ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur
eine Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war Tuft den andern
allen über.

Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit
flammenden Augen dasitzen; und am nächsten Tag gegen Abend kam seine
Antwort.

Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der
Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die
Handschrift, und zitterte so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es
erschreckte sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. Sollte
sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?

Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker
Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn
vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber
möglicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.

Sie öffnete.

Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah,
war von fremder Hand geschrieben; das nächste ebenfalls, das übernächste
auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen,
einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.

Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das
kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:

"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich hab' es nicht gewußt. Denn
ich wußte nicht, daß ich einen hatte, bis er getötet war."

Auf einem andern Zettel bloß die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen;
sie wissen nicht, was sie tun."

Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natürlich Ragnis.
Josefine begann zu zittern, und wußte doch nicht warum.

Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in
roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, daß Kallem dies nicht
sehen dürfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem
nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flüchtig las sie
die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hieß -- als er von einem
Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie
betroffen hätte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen?

Überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! -- Wann war der Brief
geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im
Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger
großer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen größeren nie gelesen
hatte.

Josefines Hand zitterte; sie mußte den Brief auf den Tisch legen.

Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders
und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine
Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer,
Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, -- in den reinsten,
rührendsten Ausdrücken.

Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann
waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, während der Tod
sie Zoll für Zoll auseinanderriß (Sissel Aune hatte sie ihr
geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie,
weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek
mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: daß er es überlebt
hatte.

Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war bloß das Mädchen, das sie
zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es
klopfte wieder. "Nein, nein!" würgte sie endlich heraus, während sie
sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mußte zu ihrem Bruder! Sie mußte zu
ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen!

Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefühl, als ob ihr
Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie:

"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und
Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht
habe; aber ich fühle mich auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte
ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben,
und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kann ich Dir
bloß noch sagen, Du 'weißer Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit
mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual
war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst,
sollte irgend jemand es noch der Mühe wert finden, von mir zu sprechen,
wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das
Schönste erlebt, was ich erleben konnte; nur daß es so kurz war! Du mußt
Dir bloß vorstellen -- ich hatte mich selber aus bloßer Furcht vor noch
etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der
Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut --
bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast -- zu
Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und
alles, was Dir gehört -- ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer
empfunden; aber glücklich war ich doch."

"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende
geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du hättest Nachsicht
gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß."

"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und
Bewunderung für Dich in mir ist --Du würdest es nicht begreifen; so
selbstverständlich war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir
kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste gewesen."

"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir
sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir
wachhalten könnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein
großes unendliches

    ich danke Dir!"

Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie,
Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!

Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte
-- und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle,
zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens.
Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hände:
"Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wußte, daß niemand, niemand sie
höre, und daß niemand, niemand ihr vergeben könne.

Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein
gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke
über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, -- sie brauchte sie
nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte sie
alles zusammen -- Ole sollte es lesen. Jetzt mußte _er_ ihr helfen; es
galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer
ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie
nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß sie Ragni
vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte -- gerade dadurch war die
Ärmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der
Blitz; das hatte sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das
Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil,
-- sie hatte nicht falsch gelesen! -- nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr
selber galt es. _Sie_ verdiente den Tod!

Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie nach einem
betäubenden Schlag.... _Jetzt war es da_!

Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte,
-- etwas über alle Maßen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde.
Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und
dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste Spiel gespielt!

Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das
Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein
frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen
gewonnen hatte.... _Jetzt_ traf es sie -- und traf sie tödlich.

Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft noch aß, und legte
den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun
lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder
brechen.

An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles
letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf
solche Ziele eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das
fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die
weiße Hauswand des andern, in dem Kule wohnte -- das Mordinstrument!
Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen
Teil daran! Doch -- sie hatte gehört, wie man davon sprach, und es für
ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefaßt, andere
wieder ernst, ja, religiös. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu
dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.

Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte sie. Was wollte sie bei
dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts
mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch -- ihr Leben hing von jetzt an
diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie
hastete weiter.

Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins
Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie ein völlig, völlig
unschuldiges Menschenkind getötet -- hatte ihres Bruders Heim zerstört!
Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre
gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen.
Zuerst mußte sie ihn gesehen, ihn gehört, selber mit ihm gesprochen
haben -- ja -- -- denn sie hatte auch etwas zu sagen, -- -- er wußte ja
gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; -- er
kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.

Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebäuden stehen,
über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn --
über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren
Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein Frösteln durchrann
sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks,
und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch
dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.

In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er
vor zwei Jahren gekommen war, stand er da -- die Ärmel aufgestreift, die
Manschetten abgelegt -- und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die
vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander
daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er
war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch
schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf.

Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen
farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die
Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem
Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen brachen hervor. "Edvard!"
rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....

... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet;
eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe
ich Dir, Josefine!" "Edvard -- so laß mich doch erklären ... --" Sie
wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er
aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.

"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die Hände in die
Seiten, als wolle er Wache halten.


13

Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah aber die Briefe nicht
liegen, weil er gar nicht auf den Schreibtisch blickte. Wie so häufig
abends machte er einen kleinen Spaziergang; wäre Josefine dagewesen, so
hätte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde ging er auf
und ab; es war Sonnabend, und er überdachte seine Predigt für morgen.
Als er nach Hause kam, setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und
las, wanderte dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.

Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war nicht da; nicht in
ihrem eigenen Zimmer, nicht im ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter
ins Arbeitszimmer, um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? Bei
einem Kranken? Er wußte von keinem. Gedankenlos griff er nach dem Brief,
während er am Schreibtisch vorüberging; sein Name stand darauf -- von
Josefines Hand! Heiß stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, um besser
sehen zu können. Kein Siegel; bloß verschiedene Papiere; und obendrauf
ein Zettel mit folgenden, von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin
zu ihm gegangen -- es gilt mein Leben." Was war das?

Eine Viertelstunde später war auch Tuft auf dem Weg zur Kirche; auch er
lief mehr als er ging. Er war der allein Schuldige; er hatte seinerzeit
Josefine den Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu
gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem geschehen war!
Und wenn er nicht auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen wäre, so
hätte er kaum dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spöttern zum
Vorwand genommen, sich von den beiden zurückzuziehen. Und wenn der
Schwager antworten würde: Josefine sei ja überhaupt gar nicht Christin
genug, um aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum gleich das
Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen -- er, Tuft, würde antworten,
daß solche, die so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern
Halbchristen. Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz geworden ist,
urteilt überhaupt nicht; aber die anderen tun das um so eifriger.
Josefine hatte nach ihrem ganzen Lebensgang eine Halbchristin werden
müssen, und das war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium
unterbindet alles Wachstum des Mannes.

Wie klar er das alles jetzt überschaute! Und darum war es ihm auch so
unerträglich, sie in dieser Seelennot zu wissen. Er rannte so, daß er
ganz außer Atem in den Park, ans Tor, über den Hof und auf die Treppe
kam. Die Haustür war verschlossen, -- es war doch kaum über zehn! Er
klingelte wieder und wieder, und bald hörte er im Korridor Schritte,
Männerschritte. Kallem war es, der öffnete.

"Ist Josefine nicht hier?" -- "Nein." -- "Ist sie nicht hier gewesen?"
-- "Doch, vor anderthalb Stunden." --"Und -- --?" -- "Ich habe ihr mein
Haus verboten." -- "Du hast nicht mit ihr gesprochen?" -- "Nein." -- Da
streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch Du dogmenbesessen!"
wandte ihm den Rücken und stürzte fort. Sein breiter Hut über den
breiten Schultern war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten
Worte.

Es war schon über elf Uhr -- da klingelte es wieder. Genau auf dieselbe
Art. Kallem erschien sofort. Er war also nicht zu Bett gewesen.

Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem zu unterscheiden
vermochte, noch ehe er ihn näher sah, ein ganz anderer, ein verstörter,
verzweifelter Mann. "Wo, denkst Du, könnte sie hingegangen sein,
Edvard?" -- "Ich denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"

Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares Aufwallen von
Schmerz. Und wieder war er auf und davon. Seine schweren Schritte
klangen noch lange herauf durch die Stille der Nacht.

Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, zaghaft --
angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; er war also noch immer
auf.

Eine Frau stand vor der Tür. Der kurzsichtige Kallem ging hastig auf sie
zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. "Liebster, bester Herr Doktor,
seien Sie doch gut und barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster,
bester Herr Doktor!" -- Kallem glaubte, sie komme seiner Schwester
wegen; ihr sei etwas geschehen. Es überlief ihn kalt. Aber Sissel fuhr
fort: "Niemand kann ihn mehr bändigen; jede Nacht ist er wie verrückt."
--"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen sei hinter ihm
her, und da rennt er davon, immerzu, wer weiß, wie weit, in den Wald und
auf die Landstraße; heut ist's die dritte Nacht; und ich _kann_ nicht
mehr! Liebster, bester Herr Doktor -- ich hab' ja sonst niemand, zu dem
ich gehen könnte!" -- sie fing zu weinen an -- "und niemand kann ihn ja
bändigen, außer Ihnen!"

Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt geworden? Also hatte er
sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein,
es war einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist.
Kallem ging sofort mit.

Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind
begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rüttelte auch die Bäume am Weg;
das laubdichte Rauschen fragte und spürte so manches auf, während sie
vorübergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, daß Aune, der
unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht
hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen -- vor seiner
eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel würde, versicherte
Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hölle mit
sich nehmen! -- "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" -- Im
selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen
einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf
durch die Nacht -- man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und
faltete die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen
an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du bloß langsamer
vorwärts. Ruhig gehen, ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte
sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen
Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nähe ein
Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich.
Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan
besessen als der wütige Köter dort! Weißt Du, wie überhaupt die Leute
den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen
auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafür geben
konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen war."

Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. Sissel flüchtete zu
Kallem. "So ein wütiger Pfaff!" rief der und bückte sich nach einem
Stein. Da wich der Köter ein Stück zurück. Ein neuer Schrei -- näher als
der erste -- ein Notschrei aus der letzten Kraft eines Menschen. Ein
Schauder überlief sie; sogar der Hund stutzte. Aber dann setzte er, an
ihnen vorbei, in einem großen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns
bei -- jetzt hat er ihn!" weinte Sissel auf und stürzte vorwärts; dem
Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen die Zähne laufen! Und
dabei hörten sie den Köter bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie
vor sich habe, die er im nächsten Augenblick zerreißen wollte. Jetzt
liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel bald weit
voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in Gefahr war, aus solcher Nähe
hatte der letzte Schrei nicht geklungen. Das rasende Tier war über den
ersten besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit war
Kallem nicht so gelaufen; er hörte am Bellen des Hundes, daß der Gegner
sich wehrte, und lief mit erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor
einem Gehölz etwas Großes, Schwarzes, und davor den Hund. Noch einmal
durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, er kam von dort her! Was war das
für ein großer, schwarzer Klumpen? Doch kein Tier?

Nein, ein Mann war es, ein großer Mann, der mit einem kleineren rang,
und auf beide ging der Hund los. Der Große schlug nach ihm, sie drehten
sich umeinander; und zugleich hielt der Große mit der Linken einen
andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den breiten Hut über den breiten
Schultern; Tuft war es, der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund
wollte auf Aune los, und Tuft stieß ihn jedesmal mit einem Fußtritt weg.
Wer weiß -- Aune mochte glauben, der Hund sei der Teufel und Kristen
Larssens Gespenst halte ihn gepackt; denn der Unglückliche schlug um
sich mit Händen und Füßen, sperrte sich, biß um sich, zerrte und riß, um
loszukommen; jetzt warf er sich hintenüber und mit dem letzten heiseren
Rest seiner Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst vorher
schon groß gewesen, so wurde sie erst recht groß, als er Kallem aus dem
Halbdunkel herauswachsen sah: er warf sich zu Boden und brüllte. Der
Hund packte ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig
in die Höhe; so rasend war die Bestie, daß sie Kallem nicht bemerkte,
bis der ihr einen Fußtritt versetzte, der sie ein paar Meter weit
wegschleuderte. Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen -- ein Arzt
versteht zu treffen -- und sie sahen und hörten nichts mehr von ihr;
vielleicht war sie tot.

Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor ließ ihn los. Er war
wirklich übel zugerichtet, der Rock schleppte zerrissen hinter ihm her,
der Ärmel hing ihm in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes
Hemd. Das Blut quoll ihm aus Biß- und Kratzwunden; aber er war so angst-
und wutentflammt, daß er überhaupt keinen Schmerz fühlte. Kallem packte
den armen Narren mit beiden Händen am Kragen, hob ihn zu sich empor und
bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf und die Gemütserregung noch
gesteigerten Energie den Blick in die Augen des andern, bis sie ganz
groß und dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund und schlaffen
Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie ein ausgenommener Hering. Als
endlich Sissel atemlos und weinend anlangte, lag Aune unter den Bäumen
im Gras und schlief. Die beiden Männer standen vor ihm. Kallem meinte,
Aune könne da liegen bleiben; Tau würde nicht fallen, da es windig sei.
Später würde man sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser
Verrücktheit werden.

Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das Blut abgewischt und
wurde, so gut es ging, verbunden; dann gingen er und Kallem heimwärts.

Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoßen war; aber kaum
standen sie auf dem Weg, sagte Tuft klagend: "Da war sie auch nicht,
Edvard! Da war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt weiß ich nichts
mehr, nein, jetzt weiß ich nichts mehr! Daß Du sie hast von Dir stoßen
können, Edvard!" Das laubschwere Sausen der Bäume wiederholte es,
wiederholte unaufhörlich: "Daß Du sie hast von Dir stoßen können,
Edvard!"

"Weißt Du, was sie geschrieben und neben die Briefe von Dir hingelegt
hatte? Um meines Lebens willen gehe ich zu meinem Bruder!"

Kallem überrieselte es eisig. "Um meines Lebens willen!" sauste es
tausendstimmig, und das Sausen umwand ihn, enger und enger, bis er kaum
mehr Atem zu holen vermochte.

Der Morgen begann zu dämmern; Tufts heißes, verzweifeltes Antlitz war
gen Osten gekehrt, als flehe er unaufhörlich: "Gnade, Gnade für sie!" Er
schritt aus, so schnell er konnte; er wußte nicht, wo er sie suchen
sollte; aber er mußte gehen, gehen, gehen; -- und Kallem mit.

"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. "Erinnerst Du Dich noch
der Sturmnacht in unserer Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt würde
untergehen. Weißt Du noch, wie Du Dich gefürchtet hast, am Abend darnach
auf den Klippen? Diese ganze Nacht haben auch nach mir die
'Meerungeheuer' gezüngelt! Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der
Sündenstrafe! Von Kindheit an peitscht sie alles Verständnis aus uns
heraus, gerade wenn wir es am meisten nötig haben! Und wir laufen davon
und verzweifeln, oder werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma
werden wir später vielleicht los, aber das Anererbte, das Eingeübte! Und
eben wie ich darüber nachdachte, stolperte ich über den verrückten Kerl;
er sprang auf -- die Angst war in ihm -- er glaubte, ich sei ein
Gespenst und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie verzweifelt
und läuft davon! Und Du, Edvard! Auch Du, auch Du stehst unter dem
Eindruck dieser Angst, wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen,
als sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste bei
dieser Angst -- sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden
ist, lernt andere schrecken!" -- Die Worte fielen schwer, wie seine
Schritte schwer klangen; Kallem redete nicht; wenn er litt, war er
stumm.

Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf alles Erleben in
Lehren umsetzen hören. Er verblutete in seinem Innern; aber er sprach
die ganze Zeit. Kallem dürfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das
ehrlichste, wahrhaftigste Geschöpf auf Erden. In dieser Sache sei sie
von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefühl legte er die
Geschichte ihrer Seele bloß, so wie er selbst sie sah, und bewies
deutlich -- wenn ihr Bruder sie _jetzt_ von sich stieße, so könne sie
nicht weiterleben.

Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" -- "Hör' mal, Ole!"
dazwischen -- aber weiter kam er nicht. Denn selbst, als er den Schwager
mit sich nach Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, redete
Tuft unaufhörlich. Es war, als ob das Entsetzen, die Ungewißheit ihn
übermannen würden, wenn er schwiege; und dann -- Edvard _sollte_ sie so
sehen, wie _er_ sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, die
gefehlt haben, müssen wir helfen; und vor allem müssen wir denen helfen,
die gegen _uns_ gefehlt haben, sobald wir selber ihre Schuld einsehen!
Gottes Vergebung besteht darin, daß er uns dann weiter hilft!" -- Noch
als Kallem ihn zur Tür begleitete, fuhr er in seiner Auseinandersetzung
fort; seine Riesenkraft gab auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie
vielleicht doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurückgekehrt
wäre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; aber er lief doch, so
rasch er konnte.

Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht schlafen. Schließlich
hielt er es gar nicht mehr aus. In einer Angst, größer als er seinem
Schwager hatte zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder und
wieder, als müsse er das Haus durchsuchen. Denn es war ja wahr: auch er
hatte nur geurteilt und verdammt.

Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, als er an ihr. Seitdem
sie diesen Winter zusammen getanzt hatten, wußte er, daß ihre Liebe sich
nicht verringert hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte -- war
sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu erweisen? Ihr Ausfall
gegen Ragni damals ... natürlich steckte da noch mehr dahinter als
Dogmenblindheit, -- Eifersucht! Eifersucht war es, weil er alles nur
noch Ragni war und ihr nichts mehr. Er hätte die beiden Frauen
zusammenführen können; daran war kein Zweifel möglich. Aber hatte er
auch nur einen Finger deswegen gerührt?

Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte sein Recht, streng
zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! Die großen Augen der Schwester
von gestern Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der äußersten Not an,
jetzt _sah_ er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, unklar und scheu,
wenn nicht die Leidenschaft einmal die Luft reinigte, eingezwängt in
widernatürliche Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend,
ausgeschaut nach ihm, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag. Und
als er endlich kam, stieß er sie beiseite. Stieß sie beiseite um einer
Frau willen, die seiner nicht würdig war -- so wie _sie_ die Sache
auffassen mußte.

Arme, arme Josefine! Er war ihr tatsächlich nie etwas gewesen, hatte ihr
nur wehgetan, und doch hatte sie sich so treulich nach ihm gesehnt!

Es wurde ihm schwül in den Zimmern; und eine Angst überkam ihn. Es trieb
ihn hinaus, die Schwester zu suchen. Heller und heller wurde es; im
Vorgefühl des Morgens schlug er die Verandatür zurück. Aber er hatte ja
da draußen nichts zu schaffen; im Gegenteil, er mußte sie wieder
schließen, wenn er ausgehen wollte. Er trat hinaus, um sie wieder
zuzumachen, und blickte dabei zufällig zur Seite: von der Veranda gegen
den Nordwind geschützt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern seines
Studierzimmers saß Josefine, ihr Tuch über den Knien. Sie sah ihn und
kroch in sich zusammen wie ein flügellahmer Vogel, der sich nicht vom
Fleck rühren kann und doch Angst hat, man könne ihn sehen. Und doch saß
sie ja bloß dort, damit er sie sehen solle! Nirgends anders konnte sie
sein; sie hatte es versucht! Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu.
Da zitterte sie. "Ach nein, nein Edvard! Laß mich sitzen!" bat sie und
brach in Tränen aus. Und noch als er ihren Arm faßte und sie emporhob,
flehte sie, weich wie ein Kind: "Ach nein, Edvard, laß mich!" Weiter
aber kam sie nicht. Sie fühlte, daß sie an seiner Brust lag, fühlte die
Bewegung, die sein Innerstes erschütterte. Nein, er war nicht böse! Er
würde sie doch vielleicht anhören! Und sie schlang ihre Arme um ihn, und
ihre Tränen mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister,
Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles Verwandte in ihren Nerven und
ihrem Blut, das älteste und ursprünglichste in ihrem Fühlen, das
heimisch-vertraute in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch ihrer
Kleidungsstücke draußen im Flur bei Vater und Mutter, all das strömte
jetzt zusammen im Verlangen, nimmermehr voneinander zu lassen.

Und dennoch -- als er mit ihr der Veranda zuschritt, zögerte sie; sie
wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. Durch Tränen sah sie zu ihm auf; er
zwang sie vorwärts, Schritt für Schritt; noch auf der Treppe zögerte
sie. Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; hier
schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann auf einen Stuhl und barg
das Gesicht in den Händen; das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen;
und er mit.

Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr übers Haar; aber er wußte,
nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.

Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm durch eine morgenwache
Stadt, wo die Menschen noch schliefen. Der edle Gang der beiden hohen
Geschwistergestalten hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort
darüber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen, verpaßten aber den
Richtweg und kamen hinunter auf die Strandstraße. Bald bogen sie ab,
hinauf nach dem Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem
Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus, den Kopf nach
dem Strand zurückwandte. Sofort hielt sie Edvard an. "Da ist er!"
flüsterte sie. Von dort her kam Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt
aber den Kopf so tief gesenkt, als vermöge er dessen Last nicht mehr zu
tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht nach ihr; nun
wollte er weiter suchen, in südlicher Richtung -- ebenso vergeblich,
aber ebenso schnell. Beide verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des
Bruders. Fest schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken
noch hatte sie ihm gesagt: hätte der Bruder sie aus seinem Garten
verjagt, dann --! Still! Sie wandten um und gingen Ole entgegen.
Hellhörig, wie er war, vernahm er sofort die Schritte -- er blickte auf,
erkannte sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte er nicht mehr,
auch nicht sprechen. Josefine aber machte sich los vom Arm des Bruders
und eilte zu ihm.

       *       *       *       *       *

Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor, Josefine am Arm, -- auf
der andern Seite Kallem. Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf
Gottes Wegen!"

"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte Kallem einzuwenden.
"Nein, nein, nein!" rief der Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da
sind Gottes Wege!"FOOTNOTES:

Anmerkungen:

[Anmerkung 1: Halbhohe, gefütterte Schuhe aus weichem Renntierleder.]

[Anmerkung 2: Eine Erika-Art.]

[Anmerkung 3: Eine Violenart.]

[Anmerkung 4: Von der Familie der Ranunkeln.]

[Anmerkung 5: Kreuzkraut.]

[Anmerkung 6: Linsenwicke.]

[Anmerkung 7: _Felix Niemeyer_ (1820--1871), Arzt, Universitätsprofessor in
Greifswald und Tübingen. Hauptsächlich bekannt durch sein "Lehrbuch der
speziellen Pathologie und Therapie".]

[Anmerkung 8: Kleiner Stoßschlitten.]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Auf Gottes Wegen" ***

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