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Title: Mary, Erzählung
Author: Bjørnson, Bjørnstjerne, 1832-1910
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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MARY, ERZÄHLUNG

von

BJORNSTJERNE BJORNSON

       *       *       *       *       *

Das Gut und die Familie


Die Küstenlinie des südlichen Norwegen ist häufig unterbrochen. Daran
sind die Berge und die Flüsse schuld. Das Gebirge läuft in Hügel und
Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Ströme haben
Täler gegraben und münden in Buchten.

In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehöft. Ursprünglich hieß
der Hof Krokskog, woraus die dänischen Beamten in ihren Protokollen
"Krogskov" machten; jetzt heißt er Krogskog. Die Besitzer nannten sich
einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen.
Später nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von
Krogh. Jetzt heißen sie recht und schlecht Krog.

Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt
hier vorbeikamen und an der Landungsbrücke unterhalb der Kapelle
anlegten, wußten davon zu erzählen, wie behaglich und traulich geborgen
Krogskog doch daläge.

Die Berge am Horizont nahmen sich großartig aus; hier vorn aber waren
sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten
Hügelrücken lag der Hof. So dicht drängten sich die Häuser an die Anhöhe
zur Rechten, daß es den Dampferpassagieren vorkam, als könne man vom
Dach des Hauses auf den Hügel hinüberspringen; der Westwind fand hier
keinen Einlaß; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus
weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig
der Sturm von Süden her kam zu Gast, aber auch nur in aller
Bescheidenheit. Die Inseln, eine große und zwei kleine, hielten ihn auf
und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen ließen. Die hohen
Bäume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre höchsten Wipfel;
die Haltung verloren sie nicht.

Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend.
Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags
aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder
nach der Großen Insel hin und zurück zu schwimmen. Von Krogskog aus
gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluß mündete, wo die
Landungsbrücke war, und wo, ein wenig höher und dem Hügel näher, auch
die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengräbern. Von
da bis hinauf zu den Häusern rechts war es ein gutes Stück. Hier oben
war kaum je der Lärm der Badenden und Spielenden zu hören. Anders Krog
aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der
Sandbank oder im Walde draußen auf der Landspitze Feuer angezündet
hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon
hörte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der höflichste Mann
der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine großen,
eigentümlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruß
über alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts
als gute Wünsche. Er selbst stieg den Hügel weiter hinan auf seinem
gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornübergebeugte
Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was
hatten sie hier sonst für einen Spaß. Meist waren es Arbeiter und
Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie
scharten sich bei der Landungsbrücke und bei der Kapelle; da zogen sie
sich aus.

Die Strandstraße führte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr
selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern
oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hügel einen Posten
aufstellten, waren sie sicher, daß keiner sie überrasche.

Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schönste
Vorderfront des Hauptgebäudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus,
sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit
abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.

Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe führte
hinauf. Das ganze Gebäude war weißgestrichen, die Grundmauer aber und
die Fenster schwarz. Die Nebenhäuser lagen näher dem Hügel zu; vom
Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes
große Gärten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbäume, der
links vom Hause war ausschließlich Blumen- und Küchengarten.

Zwischen den Höhen lag ein länglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es
war vorzüglich bestellt. Die großen holländischen Kühe hatten es gut
hier.

Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt.
Der Wald war groß und üppig und war glücklicherweise frühzeitig unter
holländische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als holländische
Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre
Holzladung und versorgten die Norweger dafür mit ihrer Kultur und deren
Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glück dabei; denn vor nun
dreihundert Jahren geschah es, daß der Besitzer eines Kuffs, der in der
Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte.
Das Ende vom Liede war, daß er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein
wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hängt noch in der guten Stube,
der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Porträt zeigt einen langen,
hageren Mann mit ungewöhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und
ein wenig krummnackig. Der Stamm muß kräftig gewesen sein, denn so sehen
die Krogs noch heutigentags aus. Der erste holländische Besitzer hieß
nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof
übernahm, war nach seinem Großvater mütterlicherseits Anders Krog
getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans.
Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Söhne
da waren, hieß einer Klas und einer Jürges, woraus im Lauf der Zeit
Klaus und Jürgen wurde. Die Mischehen mit den holländischen Verwandten
setzten sich nämlich fort, so daß die Familie zu gleichen Teilen
holländisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz
holländisch geführt.

Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten.
Wahrscheinlich weil das holländische Element nicht rein holländisch
war,--in diesem Falle hätte es sich leichter mit dem norwegischen
Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das
schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Körper vererbten sich
von Glied zu Glied bei den Männern; das blonde Element aber und die
kräftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floß
norwegisches Blut, vermengt mit holländischem. Selten sah man ein andres
Zugeständnis der männlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als
daß helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder daß die
leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz übergingen.

Es war eine Eigentümlichkeit der Familie, daß in allen Ehen mehr Mädchen
als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schöne Menschen und
durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und
angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe
gut zusammen.

Ihnen allen gemeinsam war ein weises Maßhalten. In Norwegen ist es ja
allgemein, daß ein Vermögen nicht durch drei Generationen besteht. Wird
es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier
hielt es sich. Für den Hauptsitz der Familie waren die Wälder heute eine
ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.

Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des
Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und
es wurden ihrer beständig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen
Interesse, d.h. sie machten Pläne nach Büchern, Bildern und Karten. Sie
spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die
aus farbigen Papierhäusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art.
Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und
die Bohnen, Kaffee, Salz und Hölzer führten. Draußen auf der Bucht
ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrücke zu den
Inseln hinüber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie
zogen über die Hügelrücken, d.h. über die Kordilleren zu den
allerdenkwürdigsten Indianerstädten.

Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing
meistens mit einer Reise zu den holländischen Verwandten an. So kam vor
vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit
einem holländischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam
zurückkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was
damals zusammengehörte. Er zeichnete sich aus und wurde später als
Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer über
und wurde schließlich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit
hatte er sich ein Vermögen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich
in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich
Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebäude aus Stein, eine wenig
gebräuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte
Ingenieur wollte seinen Spaß haben. Obwohl er nicht verheiratet war,
baute er es geräumig "für die Kommenden." Alle Häuser des Gehöfts baute
er um; er grub und pflanzte; er ließ einen Gärtner aus Holland kommen,
den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heißem Streben nach
Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Für ihn baute der
General das Treibhaus und die Gärtnerwohnung.

Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der
Jüngere von zwei Brüdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee
ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein großes
Ereignis angesehen. Er hieß Anders Krog, und es ging ihm gut da drüben.
Nur wunderte man sich, daß er sich nicht verheiratete. Er wollte einen
seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu überlassen. So kam
es, daß der ältere Bruder des jetzigen Eigentümers von dannen zog. Er
hieß Hans.

Aber siehe da, ein jung norwegisch Mädchen, auch eine Verwandte, kam
genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel.
Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rückreise zu erstatten. Dem
jungen Mann aber erschien das unwürdig. Er blieb und fing ein eigenes
Geschäft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich.
Das Geschäft ging außerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines
Vaters nach Hause sollte und den Hof übernehmen, wollte er nicht. Der
jüngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das
größte Kolonialwarengeschäft der Stadt. Jetzt mußte er auch den Hof
übernehmen.

Ein eigentlicher Geschäftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber
seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rücksichtsvolles Wesen
bewirkten, daß bald alle bei ihm kauften. Ein andrer hätte reich dabei
werden müssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog übernahm, war
sowohl das Geschäft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich
verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er
freilich auch müssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen,
einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein größter
Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu
hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnügte sich damit, von dem neuen
Wunderlande zu lesen; Lesen war seine größte Freude; nach ihr kam das
Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gärtner.

Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schüchtern wie ein
Mädchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich
einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen
Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht
zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rücksicht gegen die andern;
ehrerbietig grüßend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen
war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo
er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heißt: wenn er nicht radelte.
Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder übernachtete in der Stadt, wo er in
seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.

Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt
vorstellen konnte. Aber seine unüberwindliche Bescheidenheit machte jede
Annäherung unmöglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon über
vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am
Michigansee, daß ein junges Mädchen aus seiner eigenen Familie erschien
und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses
Onkels.

Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsärmeln in seinem Küchen- und
Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mädchen mit
einem großen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hände auf das weiße
Staket legte und zwischen den großen Knaufen des Gitters
hindurchschaute.

Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hörte ein schelmisches
"Guten Tag" und fuhr in die Höhe. Seine Augen nahmen das Mädel wie eine
Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen
erdigen Händen da und starrte sie an.

Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurück.
"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Lächeln
hieß sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte
von seiner Schwester, die jenseits des linken Hügelrückens wohnte,
gehört, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, daß sie
schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie
in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch ähnlich seid!--Nein,
wie Ihr Euch ähnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich
nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverständlich,--aber erst--erst muß ich
doch--", er blickte auf seine Hände und auf die Hemdsärmel.--"Ich kann
ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das können
Sie,--selbstverständlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttür hinein. Ich
werde das Mädchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Küche.

Sie lief vorn vor das Gebäude und die Treppe hinauf. Sie mußte einen
ungeheuer großen Schlüssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes
Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel
Licht hatte. In ihr steckte ein Stück von einem Maler, sie hatte Augen
für so etwas. Sie sah sofort, daß all diese großen und kleinen Schränke
wunderschöne holländische Arbeit waren, und daß das Zimmer größer war,
als es den Anschein hatte; denn die Möbel nahmen viel Platz ein. Eine
schöne altertümliche Treppe mit Schnitzwerk führte zu ihrer Rechten in
das zweite Stockwerk hinauf. Geradeüber mußte der Eingang in die Küche
sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestätigte sich ihr,
als das Mädchen herauskam. Durch die offne Tür sah sie in eine Küche
hinein, deren Fußboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wände waren mit
blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei
Hälften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Größen.
Eine holländische Küche.

Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie
welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe,
die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche
gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr
kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett.
Später nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins
Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Türen und malte
sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite
des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach
der Bucht hinaus, ein großer Raum über die ganze Breite des Hauses. Und
das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Länge nach in
zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter
verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau
eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das
Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier
unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womöglich
noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus ließ kein Geräusch aufkommen.
Hier lebten stille Menschen.

Das Mädchen hatte die Tür an der Seite geöffnet, die zur See hinausging.
Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im
Zimmer an; es war allerdings überladen, aber jedes einzelne Stück war
sorgfältig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie
sofort. Hier waren unter anderem Gemälde, die einen hohen Wert haben
mußten. Was sie aber besonders beschäftigte, war der Gedanke, daß sie
erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm
zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie früh
verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein
bißchen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme
er jetzt und stelle sich neben sie und lächele sein diskretes, warmes
Lächeln, weil er sich verstanden wußte?

Da kam er ja! Durch die offne Tür sah sie ihn die Treppe
herunterkommen. Jünger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur
noch schöner und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben
Armbewegungen, genau so vornübergebeugt und behutsam sich nähernd. Und
wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hieß ...
mit den gleichen abgetönten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe
Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen
auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dünneres Haar, sein
Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zähne, die Haut war
verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung füllte ihre Augen mit Tränen.
Sie blickte empor in seine jüngeren Augen, hörte seine frischere Stimme,
fühlte den Druck seiner wärmeren Hand. Sie konnte nicht dafür, sie
schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust
und weinte.

Nun, damit war es entschieden. Er stand für nichts mehr.

Nach einer Weile saßen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie
gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner
selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein
paar schüchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit
dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich
seiner Macht begeben. Er wußte im voraus, daß er so tun mußte, wie dies
reiche rote Haar es wünschte. Er saß und sah in ihr sommersprossiges
Gesicht und auf die sommersprossigen Hände, auf ihre prächtige Gestalt
und ihren frischen Mund. Er sah über dem Halskragen die feinste weiße
Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu paßte. Er wurde nicht
fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester
wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem
Gang, noch mit ihren Füßen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zähnen
und dem Lächeln und am allerwenigsten mit dem, was sie da
holterdipolter erzählte,--es war etwas Verwirrendes in allem.

Am nächsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf
dem er hätte sein müssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weißes
Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt
wollte auch sie baden.

Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben.
Nachher gingen sie zusammen über den Hügelsattel zurück, das Boot hatten
sie nach Hause geschickt.

Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mußte auch die
Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden
Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur für sie. Sie nahm es
hin, als müsse es so sein.

Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm
vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei plötzlich gestorben;
Marit solle vorbereitet werden.

Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--über den
Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade
als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und
Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die
Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da
wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als
könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden.

Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein.

Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte.
Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen.

Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen
Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut
auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein
wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und
stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare
Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube
umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen."

Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich
dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich
aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein
Vater."--Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um
seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien.

"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er
feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr
Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie
verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die
Arme um sie.

Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde
ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über
sie beugte, wirkte es besänftigend.

Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie
konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben.

Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen
solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst
unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu
widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu
bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie
an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und
nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz
ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht
nötig.

Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des
Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen.

Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das
Angebot an, und damit wurde die Reise überflüssig. Sobald Hans einen
Überblick über den ganzen Nachlaß hatte, setzte er die Kaufsumme fest
und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens
Geschäft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien
bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war groß genug, um
nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu
gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er
wünschte, sie solle das ganze Erbe für sich behalten, aber darüber
lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war für
norwegische Verhältnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.

In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veränderung mit Marit vor.
Sie gab sich wunderlichen Einfällen hin; die Grenzen zwischen Traum und
Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was
unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draußen, wie in
dem Stadthause. Aus diesem Hause mußten die Mieter hinaus. Sie wollte es
für sich allein haben.

Seine Zeit war ausgefüllt von all ihren Einfällen, besonders aber von
ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kärgliche Worte, aber sie lag in
seinen Augen, in seiner Höflichkeit, die an Umfang noch zugenommen
hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte
Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder
daß irgend etwas Schaden nehmen könne. Seiner bescheidenen Natur schien
das Glück unverdient.

Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel
gefunden, die sie häufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!"
Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die
gehören mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich
beschäftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte
sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie
las ihm englisch-amerikanische Bücher vor, besonders Verse. Sie hatte
die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden
müssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwürdige Art. Sie
hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der
Erinnerung heraus anfaßte.

Als die Zeit fortschritt, mußten sie beide täglich zusammen ins
Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs;
sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darüber reden?"

Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, daß der Winter
hier von der Küste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen
Hang das erste Grün gepflückt hatten, da merkte sie, daß sie schwach
wurde; jetzt kam ihre große Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher,
ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich
gewünscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn
drei Tage später war sie tot.

       *       *       *       *       *

Die neue Marit


Der Arzt befürchtete lange, Krog würde auch sterben. Rein an
Überanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewöhnt
gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm
das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie
schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der
schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, daß er die
Nähe anderer Menschen ertrug. Man erzählte ihm, das Kind sei zu seiner
Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen möchte. Fast
unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er
sich kräftiger fühlte, war, sich von dem Geschäft zu befreien. Er beriet
sich darüber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen
alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine
Vermittlung wurde das Geschäft veräußert. Nicht aber das Haus, in dem es
sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie
unverändert bleiben.

Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff
ihn so an, daß er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab
er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine
Schwester kam erschrocken zu ihm herüber; das sei doch wohl nicht wahr?
"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in
meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in
Tränen aus.--Aber er müsse doch auf jeden Fall das Kind erst
sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten."

Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben.

Aber natürlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog.
Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese
Photographie ... solch einer Ähnlichkeit mit der Mutter, solchem
kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus,
wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre
gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu
durchleben. Ich kann nicht sagen, daß ich es mir schon ganz zu eigen
gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die
Stätten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das
tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, daß ich diese Stätten
nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen."

Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest für ihn. Nicht sofort;
denn zuerst hatte sie natürlich Angst vor dem fremden Mann mit den
großen Augen. Aber es erhöhte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und
nach ihm näher kam. Als sie schließlich auf seinen Knien saß mit den
beiden neuen Puppen, einem Türken und einer Türkin, und ihm diese in die
Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan
hatte, da sagte er mit Tränen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung
erlebt, die noch herrlicher war."

Sie siedelte also mit dem Kindermädchen in sein Haus über. Ihr erster
gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen
legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts
half, was sie auch versuchten. Das Mädchen pflückte ihr schließlich
andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mußten
ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte:
"Das ist nicht die Mutter."

Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit
Blumen geschmückt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei
Teile; die eine Hälfte trug er, die andere sie. Er wünschte, sie solle
ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang
nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verließen,
bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause
nehmen. Und er mußte nachgeben. Am nächsten Tage versuchte er etwas
anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr
Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab
die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber
als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte
ihn.

Dann kam er auf den Einfall, die Mutter fröre, Marit müsse sie
zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes
Bett. Er hatte ihr nämlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei
Mutters, und sie fragte beständig, ob Mutter nicht bald komme. Sie könne
nicht kommen, sagte er; sie liege da draußen und fröre. Das führte
schließlich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen über die Grabstätte
und ließ sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt
friert Mutter nicht mehr."

Er überlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wünschte, sie
solle die Bilder ihrer Mutter kennen, übte aber vorher ihren Sinn an
Bildern von Tieren und Gegenständen. Dann ging er zu Bildern von seiner
Schwester und von sich selbst und von Personen über, die sie kannte. Als
sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die
Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen
und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie
schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst
nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der
Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein.
Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Küche eine Mutter sich
um ihr krankes Kind mühen sah, überzeugte er sich, daß sie wußte, was
eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und
zieht mich an und aus?"

Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr
Freude aber machte es ihm, als sie groß genug war, daß er ihr von Mutter
erzählen konnte. Von Mutter, die übers Meer herüber zu Vater gekommen
sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen
waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie
Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide
getan hatten. Dort saß Marit auf den Stühlen, die Mutter gekauft, und
auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei
den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half,
wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schönes Kind! Mit dem roten
Haar und der schimmernd weißen Haut der Mutter, mit ihren großen Augen
und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich würde sie auch ihre
gebogene Nase bekommen. Die Hände mit den langen Fingern hatte sie nicht
von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Übergang vom Kopf zum Nacken
mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten
nicht die schöne geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern
waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es
trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde.
Die Verschmelzung des männlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die
bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter
repräsentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoß
hoch auf, ihre Augen waren groß und der Kopf fein geformt.

Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte
sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich
recht eigentümlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der
Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzählt. Indianer sprengten durch die
Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weißen Pferde. Die Hügel waren
die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht
sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt
hatte, verstanden sie nicht.

Als Siebenjährige nötigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie
fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der
Tropfen, der den Becher zum Überlaufen brachte und ihn bestimmte, sich
nach Unterstützung umzusehen.

Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau
Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges
Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als
Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie täglich bewundert. Er
war kaum je einem klügeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob
sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle.
Sie sagte ohne Zögern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat
hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen
Wirkungskreis begeben. Ein Hüftleiden, das sie schon lange plagte, hatte
sich verschlimmert, so daß ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem
Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behäbige Person
vollständig ausfüllte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst
inbegriffen. Er war ganz erschrocken über ihre Tüchtigkeit. Sie kam
selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wußte sie alles, was
geschah. Wände hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht
für sie. Größtenteils ließ sich das aus der Schärfe ihrer Sinne
erklären, aus ihrer Fähigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen
und Augen zu lesen, zu riechen und zu hören, Schlüsse zu ziehen aus dem,
was sie wußte,--und siebentens und letztens daraus, daß sie zu fragen
verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklären. Drohte einem, den sie
lieb hatte, eine Gefahr, so fühlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie
auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den
Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwürdigen Tage,
da Marit mit ihrem Rad in den Fluß gefallen war und durch Männer vom
Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbrücke, wohin
sie gewollt hatte, war das Unglück geschehen. Da stießen sie und Frau
Dawes aufeinander, die eine triefend von Nässe und heulend, die andere
triefend von Schweiß und auch heulend.

Frau Dawes machte täglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es nötig
war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang
sah sie alles, auch das, was erst später geschah, versicherten die
Mägde.

Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm beständig in Papier.
Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen
umfaßte, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie
ununterbrochen fort. In allen Sprachen und über alle Dinge; denn ihre
zweite Hauptbeschäftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in
die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich
nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch,
um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht,
worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren
jeder andern Lektüre vor, und davon plauderte sie nachher in ihren
Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur.
Sie hatte ein kleines Vermögen und kaufte sich alles, was ihr gefiel.

Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem großen
Tisch saßen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr
gegenüber. Immer aber, wenn es nötig war, mußte Marit an Tante Evas Pult
kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, daß die Kleine oft
vergaß, daß es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek
dicht daneben hatte, vergaß es oft, wenn er hereinkam und das Gespräch
oder die Erzählung mit anhörte.

War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und
führten zu Kämpfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie ändern,
und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natürlich geschlagen,
und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte
gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter
Zeiteinteilung, von Ordnung, von Höflichkeit, von Takt bekommen. Sie
sollte jeden Tag Klavier üben, sie sollte bei Tisch hübsch gerade
sitzen und sich die Hände unzählige Male am Tage waschen; sie sollte
immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie.
Eigentlich auch der Vater nicht.

Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen
konnte. Das war der unerschütterliche Glaube des Kindes an die
Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wußte sie davon zu überzeugen,
daß die Mutter nie später als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie
habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und
ihre Schuhe vor die Tür gestellt.

Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte,
ging sie zu dem über, was die Mutter getan hätte, wenn sie an Marits
Stelle gewesen wäre; und vor allem, was sie _nicht_ getan hätte, wenn
sie Marit wäre. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die
Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher
weißt Du das?" fragte Marit.--"Ich weiß es daher, daß Dein Vater und
Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit",
fiel der Vater ein, froh, daß er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was
Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr.

Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau
Dawes selbst, und desto größeren Einfluß gewann sie auf das Kind. Sie
machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein
Erbteil der Mutter war und in üppiger Blüte stand, solange der Vater
zuhörte und seinen Spaß daran hatte.

Einmal im Frühjahr kam Marit schnell herein und erzählte ihrem Vater, in
dem alten Baum zwischen den Gräbern der Mutter und der Großmutter sei
ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist
ein Gruß von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu
besehen. Als sie aber näher kamen, flog der Vogel auf und piepte
jämmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht näher heran?" fragte sie
ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann würden wir Mutter stören?" fragte sie
weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnügt wieder nach Hause und
sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon
erzählte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu
betrüben, Kind. Könnte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so käme
sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte
anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veränderten auch das Verhältnis
zum Vater.----

Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit
nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und dünn und großäugig mit üppigem,
rotem Haar und weißer, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes'
besonderer Stolz war.

Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach
den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal
geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die
Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"--

Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt
hatte,--daß der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht während des
Lesens beobachtete, ein Millionär war, kein Kronen-, nein, ein
Dollarmillionär. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten
vorläufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des
Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat.

"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und faßte seine rechte Hand mit
ihren beiden. Ihr standen die Tränen in den Augen. "Ich verstehe Sie,
lieber Krog; Sie wünschen, daß wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie
mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau
Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die nötige Bedienung mitnehmen; ich
bin ja einmal so schlecht zu Fuß."--"Das sollen Sie haben, und überall
halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden,
nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte
zugleich, und sie sagte selbst, so glücklich sei sie noch nie gewesen.

Vierzehn Tage später hatten die drei mit einem Diener und einem Mädchen
Krogskog verlassen.

       *       *       *       *       *

Der Thronwechsel


So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in
Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran,
einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie
alle drei in einem Konfektionsgeschäft in Wien. Frau Dawes und Marit
sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren
herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte
sich um Sommerkleider.

"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mußt jetzt lange Kleider
haben. Du bist schon so groß." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber
die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest.
Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit
ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde
unruhig; selbst das Fräulein hinter dem Ladentisch merkte, daß ein
Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah
die drei Gesichter. Schließlich hörte der Vater Marit mit einer fremden,
aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben,
weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes
sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder
Marit: "Tante Eva, Du warst doch natürlich mit Mutter zusammen, als sie
damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?"

Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde
überhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort.

Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, daß sie am nächsten
Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die
Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, daß sie sich von dort in
die Museen begaben. Sie setzten diese täglichen Ausfahrten bis zur
Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts
vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die
Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb,
ausnutzen.

In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie
ein Brief von Onkel Klaus. Jörgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant
geworden; Klaus wolle draußen in seinem Landhause einen Frühlingsball
geben, aber er warte damit, bis sie heimkämen. Wann sie kämen?

Darauf freute sich Marit sehr. Den schönen, schlanken Jörgen kannte sie.
Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs
Schwester.

Also mußte jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwägungen waren
sehr kurz, keiner sagte vorläufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob
dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloß jeder in seiner Brust. Als
der große Augenblick des Maßnehmens kam, fragte die Dame, die es tat:
"Das gnädige Fräulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu
Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst
wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Maß, das Marit
anhatte.

Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwüler Tag ohne
Sonne. Die Gäste standen im Garten vor dem großen Landhause, als das
Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten.
Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und dürr und mit
ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker
Glatze und feuchtglänzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine
Handbewegung zurück, während er zu Anders Krog im Boot hinuntersah:
"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot
stieß ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen
Brief als die größte Schönheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er
starrte sie an, verbeugte sich und kam näher; er roch nach Tabak und
schmunzelte mit seinem großen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot
ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen ärmellosen Mantel tat, als
bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und
dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkönigin." Das verletzte sie und
verletzte alle, so daß der Anfang nicht vielversprechend war. Jörgen,
der Held des Abends, drängte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und
Mantel abzunehmen. Sie aber grüßte obenhin und ging weiter. Es lag Stil
darin. Unter den Zurückbleibenden entstand sofort ein Geflüster. Die
Art, wie sie vorüberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die
blendend schöne Haut, die leuchtenden Augen, die Wölbung darüber, die
feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guß und alles vollendet.
Jörgen Thiis war hin. Er selbst war ein großer, schlanker Mensch vom
Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie
festgenagelt an der Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf
der Treppe.

Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den
andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem,
wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strümpfen von derselben
Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein
Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem
gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hörte es noch nicht auf; es
gab Gesprächsstoff für die ganze Stadt. Daß ein so klassisch
geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weißen, weißen
Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das
Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden
Schultern und einer Büste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer
Freiheit und Unabhängigkeit war, als könne sie losgelöst werden. Die
Arme, die Handgelenke, die Hüftbildung, die Füße ... es wurde beinahe
komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem größten Eifer die
Behauptung auf, die Knöchel seien das Allerschönste. Sie hätten nicht
ihresgleichen. So dünn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach
oben--? Nein, nirgends!

Jörgen Thiis vergaß das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm
sonst doch das Schönste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler
mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her.

Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in
der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem
Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schließlich gar männlichen und
weiblichen Hurrarufen; die Ballgäste hatten Marit nach Hause begleitet.

Am ändern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die
älteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklärten Marit für die
Schönste, die sie seit Menschengedenken gesehen hätten. Der alte Klaus
war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden
gepilgert, bloß weil sie kommen und sehen sollten.

Am Nachmittag präsentierte sich Jörgen in Uniform und mit neuen
Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnädigen
Fräuleins zu fragen. Das gnädige Fräulein habe noch nichts von sich
hören lassen.

Als sie schließlich kam, war sie von etwas ganz andrem erfüllt als von
dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzählte die
Ballkönigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschränkte sich
darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann aß sie. Als sie
fertig war und wieder hereinkam, erzählte ihr Vater, Jörgen sei
dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lächelte. Frau Dawes:
"Findest Du Jörgen nicht nett?"--"Doch."--"Worüber lächelst Du
denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein:
"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmäßig sucht er
sich die besten Stücke aus."--"Freilich."

Frau Dawes saß und wartete auf das, was jetzt kommen würde; denn es kam
etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und
Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit
stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir
Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten
gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr
verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hübsch
gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefällt mir nicht mehr, meine
ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn
er gar nicht mehr zu mir gehört,--meine ich."--"Marit gefällt Dir
nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name
Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fühlte die entsetzten
Augen des Vaters.--"Wie möchtest Du denn heißen, Kind?" Das war wieder
Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das paßt besser,--meine
ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrückte sie augenscheinlich.
Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man
Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schließlich
zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem
Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es
vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an.

"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit
nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter.
Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary
genannt. Das weiß ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch
gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah
sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem
Papier: "Mary Krog."

Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie
dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er.

"Es tut mir leid, Vater, daß Du es so auffaßt."--Anders Krog wiederholte
leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner
Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er paßt aber nicht für
mich."

Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster saß, blickte ihr
die Straße entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte
nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trösten. "Es ist was Wahres
dran", sagte sie. "Marit paßt nicht mehr für sie."

"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Tränen liefen
ihm über das Gesicht.

       *       *       *       *       *

Drei Jahre später


Drei Jahre später fuhr Mary nach langem Regen an einem schönen
Frühlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du
Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich
in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre
wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der
alte Clerq war früher der bedeutendste Kunsthändler von New York gewesen
und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode
seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschäft. Die Tochter war mit der
Kunst aufgewachsen und hatte eine gründliche Ausbildung darin genossen.
Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar
bis nach Japan geschleppt. Ihr Hôtel in den Champs Elysées war voll von
Kunstgegenständen. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nämlich
Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kräftige, rundliche Person,
gutmütig und lustig.

Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden
Freundinnen sprachen gerade über ein Bild Marys, das aus Spanien an
Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete,
der Künstler habe es offenbar auf eine Ähnlichkeit mit Donatellos
"Heiliger Cäcilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form
der Augen, die Linie des Halses und den halb geöffneten Mund. Aber so
interessant dieser Versuch sein möge, für die Ähnlichkeit sei er von
Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust für das Bild, daß die Augen
nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei
Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Ähnlichkeit herauszubekommen,
habe sie ihm gesessen.

Nun erzählte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen
gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen
sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Porträt
verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewöhnlicher
Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewöhnliches Verliebtsein."
--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natürlich bei mir mit Dir
zusammen."--"Ist das nötig?"--"Sehr. Denn sonst muß ich es ausbaden."
--"Ist er denn gefährlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh
einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch.
Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schön?"--Alice lachte: "Nein,
er ist geradezu häßlich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das
Gedränge wurde größer; es war einer der Haupttage.--"Wie heißt er?"
--"Franz Röy."--"Röy? So heißt unsere Ärztin auch. Fräulein Röy."
--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat
eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich
mit ihm über die Straße gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn
noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den
fettgepolsterten. Nein, sehr groß und geschmeidig." --"Also gut
trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft,
und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Röy?"
--Sie lehnte sich wieder zurück, und Mary fragte nicht weiter.

Sie kamen spät draußen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei
heimwärts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren
gedrängt voll. Je näher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege
zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese
Zurschaustellung von hellen und bunten Frühjahrstoiletten an dem ersten
sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen
den neubelaubten Bäumen wirkten die Wagen wie gefüllte Blumenkörbe im
Grün, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und
ohne Ende.

Am Tor kamen sie in die Nähe der wogenden Menge von Fußgängern. Aber
kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinüber eine
unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mußten die Leute etwas
sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten
nach den Seen hinüber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in
die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein.
Schutzleute und Parkwächter rannten hin und her, die Wagen stauten sich
so dicht, daß keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald
weit hinunter frei. Alle spähten und fragten,--da kam es! Ein paar
durchgegangene Pferde mit einem großen Wagen. Auf dem Bock sah man den
Kutscher und den Groom. Es mußte sich ein Kampf abgespielt haben, so daß
man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mußten in sehr
großer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren
alle Gefährte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe
zu äußerst am linken Fußweg. Hinter sich hörten sie Geschrei; vermutlich
wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles
sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie
zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und
zurück. Ängstliche Menschen draußen vor dem Tor riefen: "Schließt das
Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen
antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen
auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde
die Fahrt toller, je näher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen
aus Leibeskräften an den Zügeln; aber das stachelte die Tiere nur an.
Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkörper aus dem Wagen, vermutlich um
festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen
mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere
andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei
oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, daß einer sich
überstürzte und überfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund
heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne.

Da löst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten
auf den Weg. Man schrie, man schwang Stöcke und Regenschirme und drohte
ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und
winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwächter, lief aber
in Todesangst wieder zurück. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten,
nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts,
dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen.

Sowie die Menge das erfaßt hatte, wurde sie still, ja, es wurde so
still, daß man die Vögel in den Bäumen singen hören konnte, hören auch
das ferne, dumpfe Getöse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde
herübergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einförmigen
Unterton. Merkwürdig, daß die Pferde genau so gespannt dastanden wie die
Menschen; sie rührten keinen Fuß. Nur die Hunde waren wieder in
Bewegung.

Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Straße erreicht. Er
drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben
ihnen her und warf sich dann dem nächsten in die Flanke ...

"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so
krampfhaft, daß sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild
kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrüll von Männerstimmen
folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloß die Augen, Mary
wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten
konnte er nicht.

Wieder einige Sekunden lang eine fürchterliche Stille, nur die Hunde und
die Hufe der Pferde hörte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann
tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentücher,
Hüte und Sonnenschirme. Die Menge strömte zu beiden Seiten wie eine
Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Straße in einem
Augenblick gedrängt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und
zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Engländer, einen
schlanken alten Herrn mit weißem Bart und im Zylinder, und sie sah eine
junge schlanke Dame an seinem Arm hängen und hörte den Alten sagen:
"Well done, young man!"

Ein schallendes Gelächter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die
Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nüstern gepackt hatte,
ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Händen, jetzt aber das
schweißbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Engländer zuwandte.
Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer
auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zögern ließ er Pferde und Wagen mitsamt
dem Engländer stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste,
bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner
breiten ostländischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom
Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock
herabschwingen konnte, hatte er die Wagentür geöffnet und war bei ihnen
im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin.
Darauf sagte er auf französisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach
Hause, so schnell Sie loskommen können. Sie wissen die Adresse
wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem
Gruß und bewundernden Blicken. Als Franz Röy sich hinsetzen wollte,
verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuß faßte: "Au,
Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In
diesem Augenblick begegnete er Marys großen, verwunderten Augen; er
hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz
heruntergeholfen hatte. Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck war
so gewaltig und so überwältigend komisch, daß die beiden Damen in lautes
Lachen ausbrachen. Er faßte mit der blutigen Hand an seinen Hut--und
merkte, daß er keinen aufhatte. Da lachte er auch.

Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwärts
bugsiert, nun versuchte er zu wenden.

"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice.
"Nein!" sagte er und starrte Mary an, daß sie rot wurde.

"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme
war's.--"Ach, das ist nicht so gefährlich, wie es aussieht", antwortete
er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloß ein Kniff. Ich habe
es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah
ich gleich, daß bloß das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das
andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor.
Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, daß seine
Weste zerrissen, daß seine Uhr weg war, und daß seine blutende Hand ihn
beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine,
gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnädiges Fräulein, das wäre,
als wollte man Baumrinde mit Seide flicken."

Gleich draußen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es
keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand
darzubieten, stieg er aus.

Als er schlank und riesig über den Fußweg von dannen hinkte und der
Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben
könnte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, läßt sich denn das
nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurück:
"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich
dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren
Augen mit einem schelmischen Lachen.

Mary lehnte sich zurück und starrte vor sich hin.

       *       *       *       *       *

Franz Röy mußte sich wegen seines Fußes einige Tage Schonung auferlegen.
Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaßen Mary
benachrichtigt. Aber es überkam sie eine solche Unruhe, daß sie sich
nicht hinzugehen getraute. Beim nächsten Mal trieb die Neugier, oder was
es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spät, und kaum stand sie ihm
gegenüber, da wünschte sie, sie wäre nie gekommen. Er hatte etwas so
Intensives, daß die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als
Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den
Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es
muß doch mal vorübergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall.
Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhöhte das
Schwindelgefühl. War er eigentlich so häßlich? Diese breite, steile
Stirn, diese kleinen, sprühenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das
vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewöhnlich
Kraftvolles, aber es wurde spaßhaft, weil er beinahe gar keine Nase
hatte. Spaßhaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt
und lustig, daß um ihn her beständig Heiterkeit war, so unerschöpflich
voller Einfälle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im
Gegenteil die Höflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar
galant. Es lag nur an dem Überwältigenden in ihm. Seine Sprache und
seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat
das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuß, der fast nur Spann
war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit,
wirkte erdrückend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los.
Und seine Rede floß unaufhaltsam.

Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft.
Eine leichte Konversation über Wind und Wetter, über die
Tagesereignisse, über Literatur und Kunst, über Zufälligkeiten auf
Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen
Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fühlte sie,
daß sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und
immer übermütiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie
anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und
eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche
Versprechen, nie wiederzukommen.

Erst später am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein.
Sie erwähnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal
auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte
ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Jörgen Thiis? Ist denn der
hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst
erfahren, daß wir angekommen sind."--"Er bat um Grüße an Dich", warf der
Vater ein, der wie gewöhnlich saß und las.

Es war wirklich eine Erholung, an Jörgen Thiis zu denken. Im vorigen
Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen.
Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den
offiziellen Bällen im Elysée und im Hôtel de Ville. Ein Kavalier, mit
dem sie in allen Stücken Ehre einlegte. Hübsch, elegant, zuvorkommend.
Der Vater erzählte, Jörgen wolle zur Diplomatie übergehen. "Dazu gehört
doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben",
antwortete Frau Dawes. "Weißt Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist
es denn wahr, daß Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt
hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon
sein."--"Ja, unterstützt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich
nicht finden, daß Jörgens Aussichten so glänzend sind", sagte sie
abschließend.--

Franz Röy war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen
oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so daß Mary sich sicher
fühlte. Aber als sie eines Morgens früh zu Alice kam,--sie wollten
zusammen in die Stadt,--saß er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen.
Seine Augen überschütteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre
Hand in seine beiden Hände. Etwas strahlend Glücklicheres hatte sie nie
gesehen. Mary fühlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache
noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst für
seine Verhältnisse außergewöhnlich war, half ihnen darüber weg. Jetzt
stürzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt
herkam, und riß sie mit. Die halbnackten Männer mit ihren Haken an dem
Strom des siedenden, rotglühenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der
Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem
Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu
erklären. Es gelang völlig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die
beiden Freundinnen fort mußten.

Als sie im Wagen saßen, war Alice äußerst aufgeräumt. Es war nämlich
ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.--

Am Tage darauf verließ Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im
Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie
wieder zurückkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Röy war da. Er
und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und
umarmte und küßte sie: "Du Ausreißer, Du Ausreißer!" rief sie. Daß Franz
Röys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen förmlich Salut.
Von dem Augenblick an, da sie ihn begrüßte, stand sein Mund nicht mehr
still. Er benahm sich so töricht verliebt, daß es Alice ganz angst
wurde. Glücklicherweise mußte er ein Ende machen; er hatte eine
Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgerührt; die See wollte sich
nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen,
ängstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklären. Aber das verwirrte nur noch
mehr; Mary ging.

Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein
wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hörte sie Klavierspiel. Sie wußte
sofort, daß es Jörgen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft
leistete. Er war wirklich ein Künstler, und er hatte eine Vorliebe für
den Flügel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen.
Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, daß er so aufmerksam gegen
ihren Vater und Tante Eva sei; leider müßten die beiden so oft allein
bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, daß sie seine
Musik schätzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten
Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei
zusammenstimmten; sie war entbehrlich.

Sie war wirklich dankbar dafür, so daß es ein gemütlicher Abend wurde.
Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten
Sehnsucht hatten.

Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Jörgen doch für ein
gemütlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an
und lächelte. "Worüber lachst Du, Vater?"--"Über nichts", er lachte
noch mehr. "Du möchtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja,
wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so
gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefällt er mir
gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt lächelte sie. "Ich mag
nicht, daß seine Augen sich förmlich an mir festsaugen." Der Vater
lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann,
siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch
viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte
Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot
ihm die Stirn zum Kuß.----

Ein paar Tage später, ganz früh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem
Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes
chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber
Alices guter Rat war hierzu von größter Wichtigkeit. Mary war überzeugt,
sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell.

Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pförtner zu sprechen. Alice öffnete
ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Hände waren
schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?"
flüsterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit
einem seltsamen Lächeln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm
nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund,
warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Röy saß in diesem
Zimmer. So früh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht
einmal, daß sie hereinkamen. Es war das erstemal, daß Mary ihn ernst
sah. Das stand der männlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht
ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da
kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.----

Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrückter Stimmung.
Mary konnte unschwer erraten, daß die anderen von ihr gesprochen hatten.

Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der
Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine
geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschüttert, besonders Franz
Röy. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den
romanischen Völkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war
und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum
sei freilich später der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierüber
entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, daß
keiner der Eheleute dem ändern gehöre. Sie seien freie Individuen und
könnten über sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die
Liebe sei entscheidend. Höre die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch
beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei
Begründung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen,
der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine
andere Richtung gebe, dann müsse der Verlassene resignieren. Nicht
verdammen oder töten. Aber ihre Meinung und Franz Röys Ansicht gingen
auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen
scheiden dürfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurückhalten
müsse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor,
sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu
lassen; aber sie dürfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor,
er solle sagen: "Eheleute müssen in der Regel geschieden werden; haben
sie keinen wirklichen Grund, müssen sie sich einen pumpen."

Sie kamen in diesem Gespräch tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte
ihn wie eine neue Art von Schönheit an ihr, wie souverän sie war. Das
gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht
darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die höchste. Ihr ganzes Wesen
war darin konzentriert. Ein "Rühr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und
Haltung. Vielleicht, wenn es sein mußte, bereit zur Märtyrerglorie. Sie
wurde viel größer. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu
hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu
fallen.

Er starrte sie an und vergaß zu antworten, vergaß, wo er war. Ihm war,
als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit
gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein.

Sie sah, wie er sich dem Gespräch fernhielt; aber das hinderte sie
nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hörte
er, wie sie ihr Innerstes enthüllte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie
sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar
machen können. Es war ihr so natürlich, wie das Kleid zu heben, wenn es
schmutzig war, oder draußen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuß keinen
festen Boden mehr fand. Die Individualität muß frei werden, muß wachsen,
darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das
Letzte.

Aber gleichzeitig fühlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen,
der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange
nicht mehr getan. Sie wußte nicht, daß die Persönlichkeit, die unsere
Gedanken erlöst, selbstverständlich Macht über uns hat. Sie fühlte nur,
daß sie sprechen mußte--und sich mit sich selbst beschäftigen. Eine
wundersüße Empfindung, die sie zum erstenmal hatte.

Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und
weiter in sie selbst hineinschlüpften und schließlich sich in einer
Stille von Blicken und Atemzügen verloren. Alice war zu ihrem Modell
hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, daß sie allein
waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus.

Nach flüchtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der
vielen Kunstgegenstände, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen
Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen über dieses Stück alter
Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus
welcher Zeit er stamme? Er sei gewiß sehr teuer gewesen. Sie sprachen in
gedämpften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher.
Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Füßen. Sie fühlten sich
leichter, wie wenn sie sich in höheren Luftschichten befänden. Dabei die
Empfindung, daß alles, was sie dachten, offen daliege, und daß sie
selbst durchsichtig seien.

Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden
aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie
hatten ja über die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war.

--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz
Röy erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen
fort, durch den Hofraum, durch das Vestibül und die Tür auf den Wagen
zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen
deshalb nicht.

Den Hut in der Hand, öffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne
aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte,
harrten ihrer die heißesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll
Leidenschaft und voll Ehrerbietung.

Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Länger hatte er mit seinen
himmelstürmenden Hoffnungen nicht allein sein können.

Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguß
von Donatellos Heiliger Cäcilia zu kaufen. Er müsse vergleichen. Aber
Alice könne sich im voraus denken, daß Donatellos Cäcilia kläglich
durchgefallen sei.

Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch
alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe
mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht
hätte."--"Das glaube ich gern. Sie können arbeiten, Sie können
Hindernisse überwinden, Sie können auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber
Sie können sich nicht beherrschen, Sie können nicht abwarten, daß sie zu
Ihnen kommt."--"Was soll das heißen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll
Sie daran erinnern, lieber Freund, daß Sie Mary nicht kennen. Sie kennen
die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbär."--"Kann sein, daß
ich ein Waldbär bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude
an einem Waldbären hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht täuschen."
Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trüben lassen. Darum kam
er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit
dem Umarmen.

"Nein, seien Sie artig, Franz! Übrigens stören Sie mich schon zum
zweitenmal."--"Sie sollen auch gestört werden, Sie sollen nicht die da
drin in Ihrem Gefängnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger
Freund, Sie sollen mir mein Glück modellieren!"--"Ja, was kann ich
weiter für Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie können mir den Zutritt zu
ihrem Hause verschaffen." Alice überlegte. "Das ist nicht so
leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie müssen, Sie
müssen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie
nachgab und es ihm versprach.

Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich
meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht
vorgestellt ist, muß er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das
ohne weiteres zu. Sie war wütend auf sich selbst, daß sie daran nicht
gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu überlegen, ob sich die Sache nicht
anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch ärgerlich, als
sie Franz Röy das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefühl, sagte sie,
Mary wünsche keinen Vermittler. Sie schärfte ihm wieder ein, vorsichtig
zu sein.

Franz Röy war ganz unglücklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu
trösten.

Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich
kann auch an nichts anderes denken."

Solange saß er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen
Tonarten, und so unglücklich war er, daß er der gutmütigen Alice leid
tat. "Hören Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann
kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf.
"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht
gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir müssen warten." Er starrte sie
enttäuscht an. "Aber können Sie uns beide nicht mal wieder
zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie
möglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie möglich!"

Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit.

Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den
Champs-Elysées zu fahren.

Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespräch ohne Worte. Die
wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber
die werden nicht ausgesprochen. Der eine fühlt durch den andern, oder
glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen
wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser
kennen als sonst in Wochen. Alice führte sie von Bild zu Bild; aber sie
selbst war mit sich beschäftigt,--je länger, je vollständiger. Sie sah
alles mit Künstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern
anfingen, gingen immer mehr dazu über, durch die Bilder einander zu
erforschen. Es wurde ein Flüsterspiel mit schnellen Blicken, knappen
Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen
Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermeßliche Freude
daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei
Vögeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um
dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glück der Stunde wurde erhöht
durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten.

Unten bei den Skulpturen führte Alice sie ganz nach vorn in den
Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an
den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnädiges
Fräulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal
schief gegangen?"--"Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein." Alice erklärte
Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein
Athlet?" fragte Franz Röy, der etwas abseits stand und jetzt eilig
herzukam. Die beiden andern lächelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht
von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu
lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten
die beiden Damen erst recht. Franz Röy war höchlichst erstaunt. "Ich
kann Ihnen versichern, er ist der prächtigste Mensch, den ich kenne. Und
so erstaunlich tüchtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich
zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worüber zum Teufel
lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als
im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem
Ausgang zu. Er mußte ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife
nicht, worüber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen saßen,
lachte aber mit.

Das kleine Mißverständnis hatte die Folge, daß sie alle in der besten
Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten.

Alice und Franz Röy fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich überglücklich
zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob
er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affäre" nicht brillant
stände? Er ließ sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hören, er lachte
und schwatzte und wollte sie schließlich nach oben begleiten. Hiervon
wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er
es sein lasse, daß Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de
Boulogne mitnehmen solle, nach Schloß Bagatelle hinaus. Die Fahrt müsse
morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am stärksten, da
sei der Gesang der Vögel am schönsten und da seien sie noch allein. Sie
versprach es ihm.

Am nächsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann
fuhren sie weiter zu Franz Röy.

Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fußweg auf und ab wandern. Aus
Gang und Haltung ahnte ihr Böses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie
hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf
ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice
suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht
gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was für ein herrlicher
Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts
ist schöner als ein gedämpfter Ton über einer so farbenfrohen Landschaft
wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hörte nicht, er faßte
nichts außer Mary. Der weiße Schleier, der von ihrem roten Haar
zurückgeschlagen war, der halbgeöffnete, frische Mund brachte ihn um den
Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel stärker, seit die
japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Bäume
berauschende Wellen in den hergebrachten europäischen Waldduft
hineingössen, sei's, als flögen fremde Vögel mit fremdartigem Schrei
zwischen den Bäumen auf. Sofort behauptete Franz Röy energisch, die
heimischen Vögel des Waldes hätten davon einen anderen Gesang bekommen.
So wunderbar schön, wie sie diesen Morgen sängen, meinte er, hätten sie
noch nie gesungen.

Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem
sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht
aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich
daran. Aber Franz Röy saß rückwärts und mußte sich jedesmal erst
umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte
ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespräch
unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stück
gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was für
Gedanken konnte er da nicht kommen?!

"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die
Farben hier Chöre singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen
Sie doch bloß das verschiedene Grün in demselben Wald! Sehen Sie doch
nur! Und daneben wieder das Grün der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran,
das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und
lachte. "Wäre es nicht doch besser, auszusteigen?" bestürmte er sie
wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn
anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist
verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstraße und
besehen uns alles. Das ist viel schöner, als in dem engen Wagen zu
sitzen!" Mary stimmte ihm zu.

"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir
wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle genießen und
den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten
wir doch soweit wie möglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir
gehen."

Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens
mußte doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch
übermütig geworden. Ihre Augen, die gewöhnlich etwas Nachdenkliches
hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie über seine vielen
drolligen Einfälle; sie lachte über das Geringfügigste. Sie wollte in
einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal mußte angehalten
werden, um Blumen und Laub zu pflücken. Sie packte den Wagen voll, so
daß Alice schließlich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus
und verlangte energisch, selbst auch hinauszukönnen.

Sie hielten und stiegen aus.

Sie waren jetzt weit über Bagatelle hinaus und ließen den Wagen
umkehren. Er solle langsam ein Stück zurückfahren, sie kämen nach.

Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Röy anfing, Rad zu
schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Händen herum, um wieder
auf die Füße zu fallen, dann wieder auf die Hände und so weiter,
schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe
Weise zurück. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststücken", sagte er
strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und
kam wieder auf die Füße genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen
war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er
triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fünfmal vor.

Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der große, starke
Mann das mit einer Leichtigkeit ausführte, daß es wirklich schön aussah.
Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit
herumzuwirbeln, daß den andern beim bloßen Zusehen schlecht wurde. Schön
war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm
furchtbaren Spaß. Ärgerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein
Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte
Mary. "Über dreißig." Da lachten sie aus vollem Halse.

Das hätten sie nicht tun sollen. Dafür mußte er sie strafen. Ehe Alice
es ahnen konnte, faßte er sie um die Taille und tanzte mit ihr im
rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, daß der Staub aufwirbelte. Die
schwerfällige Alice wehrte sich aus Leibeskräften und schrie. Aber es
half nichts; es machte ihm nur Spaß. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal
flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie krümmte sich
vor Lachen. Denn diese plumpen, völlig nutzlosen Widerstandsversuche
waren nicht mitanzusehen. Schließlich machte er Kehrt, und sie kamen in
dem gleichen rasenden Trab wieder zurück und machten bei Mary Halt.
Alices Gesicht ganz verstört, schweißtriefend und rot. Ihre kurzatmige
Wut, die keine Worte fand, ließ Mary kreischen vor Lachen. Franz sang
ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tüchtig
ausschelten konnte. Da lachte er.

"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Röy, "hat es Sie gar nicht
angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich könnte gleich mit Ihnen dieselbe
Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und
stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen
hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstände
hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der
Wagen hielt.

Keinen Augenblick war es Franz Röy in den Sinn gekommen, seine Drohung
auszuführen. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und
zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch überhaupt einer
Dame zugetraut hätte, war das für sein Offiziersherz wie eine
Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!"
Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, daß er zweifelnd
stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Straße in dem weißen Kleide und
dem roten Haar darüber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der
Füße, daß allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die
Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wußte.
Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's
nicht!"

Der helle Streifen da vorn über dem Straßenstaub fiel wie Sonne in seine
Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewußtlos
weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang
mich!" Er lief, als gelte es des Lebens höchsten Preis, sie einzuholen.

Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze
Kraft bis zum äußersten an. Ein Wettlauf ums Glück mit einer, die
gefangen werden möchte. Siedend heiß brauste ihm das Blut in den Ohren,
die Begierde wallte auf. Die stürmische Sehnsucht all dieser Tage und
Nächte trieb vorwärts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder
richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er würde sie in seinen Armen
haben!

Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stieß einen Schrei aus, raffte das
Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Füße wahrhaftig noch schneller! Er
war wie toll. Er hielt ihren Schrei für einen Lockruf. Er sah sie nach
vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben
wolle und frei sein. Es hieß also sie einzuholen, bis sie dahin kam.
Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in
ihre Nähe. Er meinte, ihren Duft zu spüren, bald mußte er ihren Atem
hören. Er war so erregt, daß er gar nicht wußte, er berühre sie, bis sie
sich umsah. Sie ließ sofort das Kleid los und nach ein paar Sätzen stand
sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er glühte und zog sie
leidenschaftlich an sich,--da hörte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie
mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt,
dachte aber, er müsse sie stützen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei,
und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schärfe
der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er ließ sie los.

Man hörte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock
mußten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In
seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen.

Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors
Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und öffnete ihr den
Schlag.

Er ließ sie stehen, trostlos, wie gelähmt in seinem Denken. Da kam
Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt
auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte
sie ihm ab.

       *       *       *       *       *

Am dritten Tage nach diesem Ereignis ließ er sich bei Alice melden. Sie
sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann
mußte er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurückkam, meldete er
sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob
er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein.

Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von
Kunstgegenständen, die auf Tischen und Stühlen lagen oder standen. "Aber
Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er
gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als
habe er nichts gesagt, und trat näher.

Die Kunstgegenstände wurden beiseite gestellt; Franz Röy half dabei. Der
Vater verließ das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Röy nun
vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschließen? Und
gerade, wo ich so unglücklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch
immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie
stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm
benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als daß es uns trennen
könnte?"--"Es muß doch Grenzen geben", hörte er sie sagen.--Er bedachte
sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hören Sie mal, Alice, zwischen
uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein:
"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war
feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte
sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergänzte sie.
"Was muß Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, daß er sich
auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die
ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schämte er sich. Schämte sich ganz
entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice,
ich war so froh, daß ich nichts überlegt habe. Erst jetzt kommt mir das
zum Bewußtsein. Verzeihen Sie mir armem Sünder! Nein, sehen Sie mich
an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglücklich und
standen voll Tränen; sie begegneten den seinen, die auch unglücklich,
aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins
waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie küssen; aber
das durfte er nicht. "Alice, liebe, süße Alice, Sie wollen mir doch
wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstören alles."--"Ich will
fortan jedes bißchen tun, was Sie wünschen."--"Das haben Sie früher auch
schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es.
Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn
Sie haben eben kein Verständnis."--"Kein Verständnis?"--"Nein, Sie ahnen
ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, daß ich mich getäuscht haben muß;
denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worüber sie so böse
wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und
fortlief, glaubte ich tatsächlich, sie tue es, damit ich
hinterherlaufe."--"Hörten Sie denn nicht, daß ich zweimal rief: 'Tun
Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte
sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er
nahm ihr gegenüber Platz: "Erklären Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht
gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie
noch nicht begriffen, was für ein kolossaler Abstand zwischen ihr und
uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht
übermütig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie
verstehen mich schon wieder falsch. Während wir andern gewöhnliche
Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefaßt werden können, lebt sie in
einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter
nähergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein,
nein!"--"So ist sie eben. Wäre sie nicht so, dann wäre sie längst
gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, daß es ihr an
Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das laßt sich denken."--"Fragen Sie
Frau Dawes! Sie führt in ihren tausend Briefen Buch darüber. Sie
schreibt jetzt von nichts anderem."

"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu
verstehen. Sie ist freundlich und umgänglich und gefällig, was sie
wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf.
Darüber wacht sie mit der unverbrüchlichsten Sorgfalt und dem feinsten
Takt!"--"Also unberührbar?"--"Absolut! Daß Sie das noch nicht einmal
gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergaß es."

Franz Röy saß da, als lausche er in die Ferne. Er hörte wieder diesen
hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr näher kam; er
sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fühlte ihren zitternden
Körper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch
hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit
einemmal begriff er! Was für ein dummer, brutaler Verbrecher er doch
war!

Er blieb sitzen, stumm und tief unglücklich.

Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich
sein Gesicht. "Schließlich war es doch nur ein Spiel, liebe
Alice."--"Für sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht
mehr?"--"Ihr ist schon öfter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf
alle mögliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr
durch?"--"Natürlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hören Sie
mal, lieber Franz,--war es für Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es
nicht das Entscheidende?"

Er ließ beschämt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab
und kam zu ihr zurück. "Sie ist souverän. Sie will nicht erobert sein.
Ich hätte stehen bleiben sollen--?"--"Sie hätten ihr überhaupt nicht
folgen sollen. Und sie wäre jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie
mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin.

"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er hätte
lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei
kein Kavalier."

Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas
gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf
Sie. Tüchtig."--"Sie hat auch später nicht mehr davon gesprochen?"
--Alice schüttelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Wörterbuch
gestrichen, mein Freund."----

       *       *       *       *       *

Einige Tage später bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile
davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der
Ausstellung der Champs Elysées. Als er das Billet bekam, war die Uhr
schon elf.

Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle
ihr Urteil über eine holländische Küstenlandschaft abgeben, die ihr
Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch,
möglicherweise könne Alice günstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen
hielt unten. Alice ließ sie allein, schrieb eilig an Franz Röy und
machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit
in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und
gingen ins Bureau, wo sie warten mußten, machten dann ihr Angebot, gaben
ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten
den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen männlichen
Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--"
hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von
allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade
das, was an Franz Röy auffiel, daß seine Kraft nicht äußerlich in
Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem
wohlgeformtesten, geschmeidigen Körper lag, fand sich hier wieder. Das
war Franz Röys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schräg
ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kräftiger Fuß,--alles war
hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie
ein Wort dafür, wie Franz Röy wirkte. Dies hier riß sie mit wie der
Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn
sie Franz Röy gehen sah. War diese Ähnlichkeit ein sonderbarer Zufall,
oder hatte wirklich Franz Röy ... ihr wurde heiß, und sie mußte ein
Stück von der Statue fort--zu einer andern hin.

Mary hatte sich die Zeit über hinter Alice gehalten, die sie ganz
vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkürlich die
Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht?

Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt
lange unbeweglich vor der Statue mit dem Rücken nach Alice. Alice wurde
neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch
nach drüben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren
halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die
Statue herum, trat etwas zurück, kam wieder näher und blieb halb
seitlich davor stehen.

Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade
auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu
sehen. Man konnte sich nicht täuschen: Alices Gesicht war ein einziges
Schelmenlachen.

Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, daß eine andere sie versteht:
Marys Blut geriet in Wallung; geärgert und gekränkt, empfand sie Alices
Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde französisch gedacht. Sie drehte
schnell dem Athleten den Rücken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie
blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte
sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu
werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht
um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da
weiter.

Aber gerade, als sie draußen stand, kam Franz Röy dahergestürmt. So
eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspätet. Franz Röy riß den
Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kühle
Augen. "Aber nein, jetzt müssen Sie auch nicht mehr böse sein!" sagte er
gutmütig und knabenhaft in seinem breitesten Ostländisch. Sie taute auf,
ja, sie konnte nicht anders, sie lächelte sogar und war tatsächlich nahe
daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen
blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen
Triumph wieder zurückkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete
Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude.
Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie
von der höchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden
hinunter--und ließ sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung;
sie winkte, und er kam in großem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem
Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz
Röy hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von
ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Röy vorbei. Die
korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu
sehen, daß sie einen harten Kampf mit unterdrücktem Lachen zu bestehen
hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den
Kopf nach der andern Seite gewandt, während auf dieser Seite Franz Röy,
der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht
länger halten, sie brach in ein Gelächter aus, das ihre ganze behäbige
Person von Grund auf erschütterte. Sie lachte, daß ihr die Tränen über
die Backen liefen. Sie lachte so, daß sie nur mit Not und Mühe und nicht
ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend
neben Mary auf den Sitz, daß der Wagen wackelte. Sie hielt das
Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes
Beleidigtsein und Franz Röys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer
mehr. Sogar der Kutscher mußte mitlachen; er wußte den Teufel warum. So
fuhren sie ab.

Wieder eine mißglückte Expedition nach den kühnsten Hoffnungen! Es
dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natürlich fing sie damit
an, Franz Röy zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie
unglücklich er aussah!" Und wieder überkam sie das Lachen. Mary aber,
die die ganze Zeit über dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet
hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protégé an?" Und als sei das
nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein.
"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst
Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr müßt ja selbst am besten
wissen, in was für einem Verhältnis Ihr zueinander steht. Mich geht es
nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein
Deckmantel?"

Alices Lachen erstarb. Sie wurde blaß, so blaß, daß Mary erschrak. Mary
wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen
hielten sie während des schmerzlichen Überganges fest, bis sie
erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer
hintenüber. Wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres.

Mary saß daneben, erschrocken über den eigenen Schuß.

Aber es war geschehen.

Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und ließ den Kutscher halten.
"Ich muß in dies Hôtel." Der Wagen hielt, sie öffnete die Tür, stieg aus
und schloß sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:
"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort.

Beide fühlten, es war für immer.

Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den
Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draußen vor der Tür
hörte sie Klavierspiel und wußte, daß Jörgen Thiis da war. Aber das
hielt sie nicht zurück. In Hut und Sommermantel stand sie plötzlich
unerwartet im Zimmer. Jörgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr
entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glühte nämlich vor
Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln
bewirkte, daß er es aufgab, sich ihr zu nähern. Da bekamen seine Augen
das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruß
ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er saß wie gewöhnlich in einem
großen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du,
wollen wir jetzt nach Hause reisen?"

Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jörgen
Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary
wandte sich nicht zu Jörgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das
Schiff fährt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr
Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden
wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will
mit Vergnügen helfen", sagte Jörgen Thiis. Dafür bekam er einen
freundlichen Blick von Mary, ehe sie über den Preis Bericht erstattete,
den Alice für die holländische Küstenlandschaft, die ihr Vater haben
wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen
einzupacken.

Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand
sich, etwas abgespannt, auch ein; Jörgen Thiis ging ihr entgegen und
sagte: "Gnädiges Fräulein haben doch diesmal Franz Röy kennen
gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie
verrieten dadurch, daß Jörgen soeben mit ihnen darüber gesprochen haben
mußte. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen
nämlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fühlte es, und daher
vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn
bei Miß Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miß Clerqs Mutter und sie sind
mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Röys Familie
zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere
Aufklärungen geben?" Jörgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an.
Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes
gesagt, daß unter uns jüngeren Offizieren Franz Röy als der beste gilt,
den wir überhaupt haben. Ich habe es also nicht böse gemeint."--"Das
habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser
Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem
Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Jörgen
Thiis, daß ... daß ... daß er keine andere Absicht dabei gehabt habe
als, als, als ... "Das weiß ich", schnitt sie ihm das Wort ab.

Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen für sich
allein--nahm Jörgen Thiis das Thema natürlich wieder auf. Das könne
nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, daß Franz
Röy zum Geniekorps übergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege.
Ihre Übungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, hätten ihm
Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jörgen führte Beispiele an, die
sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten über Franz Röy
auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten
beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie
bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jörgen trat also den Rückzug an:
er habe es nur erzählen hören; Franz Röy sei ja älter als er. "Wie
finden Sie ihn denn?" fragte er plötzlich sehr unschuldig. Mary zögerte,
die ändern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Jörgen lachte. "Ja,
was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muß die sich an uns andern
auslassen?" Darüber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelöst,
in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fühlten sich
sicher vor Franz Röy. Auch Jörgen Thiis.

Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie
sei müde. Von ihrem Zimmer aus hörte sie Jörgen Thiis spielen. Sie lag
und weinte.

       *       *       *       *       *

Der nächste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dämmerte leise der
Sommernacht entgegen; zwei Rauchsäulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein
ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die
Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war
der einzige Laut.

Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach
oben gegangen. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu
diesem inhaltlosen Ausblick. Überall Wolken als Grenze.

Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen
Sonne.

Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam?
War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war
jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es
fortsetzen; das wußte sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein
Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein
Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie
war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle
herauswächst und mit allem verknüpft ist, was daran hängt. Wo sie
hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das
ihr angepaßt war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit
ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und
Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch
über Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein
einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam,
konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachübung oder ein
zweckloses, müßiges Geschwätz.

Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen
Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es für
Spiel ansah. Später war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren
eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in
Aufregung gebracht hatte, ein paar Fälle, die weh getan hatten, waren
längst vergessen; das ganze war jetzt Alltäglichkeit ohne Ernst. Sie
stand einsam und mit leeren Händen da.

Es ging ein Zucken durch ihren Körper, als ihr Franz Röys riesige
Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten,
daß ihr war, als könne sie sich nicht vom Fleck rühren.

Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?

Bei dem bloßen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne daß sie es wollte,
stand Alice neben ihm in ihrer üppigen Lüsternheit, mit frivolen Augen
... In was für einem Verhältnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel
vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.

Sie hörte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach
der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so
ungeheuer groß, daß sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus
ohne Warnungssignal. Er schoß in rasender Fahrt auf sie zu, wurde größer
und immer größer, ein Feuerberg von großen und kleinen Lichtern. Unter
schäumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und
er war ein Bild in der Ferne.

Wie das sie ergriff!

Dies vorüberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll
Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.

Während sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen
des Weltkolosses geschaukelt wurde, daß man sich festhalten mußte.

Sie stand wieder allein in der großen Wüste. Wie verraten. Es war doch
wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehört
hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an
Kunstwerken und an Musik,--gewissermaßen zurückblieb, wo sie es gesehen
und gehört hatte, während sie einsam in einer unheimlichen,
bewegungslosen Einöde stand.

       *       *       *       *       *

Daheim


Es kam erstaunlich anders.

Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die
ungeheucheltste Freude über das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten.
Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder grüßte.
Während sie keinen Gedanken für diese Leute gehabt hatte, hatten sie
ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie später am Tage mit dem
Küstendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen
sie Besuch von ihren Verwandten. Die mußten ihnen doch sagen, wie froh
sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mußten auch von der Freude
berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier,
dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit
anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man
schreibe?--Nein, sie habe überhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier
und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei.
"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir
zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzählt habe, und Frau Dawes
auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies
sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das
schönste. Die illustrierten Zeitschriften hätten es gebracht. Ein
englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie
das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum
hätten sie mit ihrem Frühlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da
soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach
Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir
treffen uns dort. Jörgen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan
entworfen."--"Jörgen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein."

Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im
Begriff war, einige Kunstgegenstände auszupacken, die er gekauft hatte,
und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von
mir ausstellen lassen?" Er lächelte und sagte unschuldig: "Ja,
allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude
daran gehabt. Man hat mich übrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal
darum gebeten." Er sagte es so nett. Daß er ihr nichts davon gesagt
hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Jörgen Thiis es
verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr
selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuß.

Also das war es, worüber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Jörgen
Thiis getuschelt und geflüstert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus
der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der
Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Jörgen Thiis
beinahe lieb.

Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der
Brücke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!"

Sie fand die Landschaft hinreißend schön. Die kleine halbe Stunde bis
Krogskog war wie ein Begrüßen guter alter Bekannter, ein fortwährendes
Begrüßen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstraße an der
Küste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die
Landzungen herumschlängelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Über
Krogskog führte der Weg wie früher durch die Ebene von einer Landspitze
zur andern, dicht an der Landungsbrücke vorbei und dicht unter der
Kapelle mit dem Kirchhof.

Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es
lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke
Bucht mit den Seevögeln! Das Gekräusel da hinten, wo der Fluß mündete,
die große Ebene hoch oben zwischen den Hügeln, und die Höhen so
grünbewachsen. Waren die Bäume vor dem Wohnhause wirklich nicht höher?
Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern
und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter
Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang
vor den andern an Land und lief hinüber. Ein Mädchen von neun, zehn
Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte
Kehrt und rannte all was sie konnte zurück. Mary aber holte sie vor der
Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie
heißt Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht
antwortete. Auf der Treppe standen die Mädchen und eine von ihnen sagte,
sie heiße Nanna und sei hier Laufmädchen. "Dann sollst Du mein Mädchen
sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder
einzelnen zu, merkte aber, wie enttäuscht sie waren, als sie eilig
weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuß
auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer
um sich zu fühlen, die großen, kostbaren Schränke und alle Malereien und
Raritäten aus der holländischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr
noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit
auf der Treppe und nachher auf dem langen, dämmerigen Gang--die hatte
nie ein solches Flüsterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches,
Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr,
als sie vor der Tür zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, daß es
eine Weile dauerte, bis sie die Tür öffnete.

Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der
Längswand, das auf die andern Häuser und auf die Anhöhe hinausging.
Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenüber, das auf den Obstgarten und
drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Bäume. Über den Bäumen
sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Hügel aber, der im
schönsten Blüten- und Laubschmuck stand, zog Frühlingsduft herein. Das
Zimmer selbst in seiner weißen Reinheit lag da wie ein Schoß, der all
dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett,
das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie für eine Prinzessin;
es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor.

       *       *       *       *       *

Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an
dem Tage kam zwischen Mary und Jörgen eine Verstimmung auf.

Das ging so zu. Jörgen Thiis kam mit einer großen, starken Dame an
Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das
vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu
verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die
Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Röy?"--"Ja", antwortete
Jörgen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen."
---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natürlich durch Ihren Bruder von
Ihnen gehört. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir überhaupt alle",
versicherte Jörgen Thiis und entfernte sich.

Fräulein Röy selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen
überströmten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie.
"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiß ich nicht. Vielleicht reisen wir
überhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fräulein Röys kluge
Augen notierten das förmlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr.
Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, daß sie nicht von ihrem Bruder
anfängt.

Die beiden gingen während des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie
standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und
Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Jörgen Thiis zu Kopf. Man
kam zu ihm und stieß mit ihm an, und er wurde sentimental und redete.
Auf das Ideal, das ewige Ideal. Glücklich der Mann, dem es schon in
seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen
wegweisenden, unauslöschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er
trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt
zu Boden.

Dieser fürchterliche Ernst kam den fröhlichen Menschen so unerwartet,
daß sie lachen mußten. Alle miteinander!

Fräulein Röy sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis
zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary
leichthin und aß ihr Eis.

Ein junges Mädchen stand daneben. "Es ist eine merkwürdige Sache mit
Jörgen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die
Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um.
"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quälen, soll so furchtbar streng sein
und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre
allergrößten Augen auf Margrete Röy. "Ja, das ist Tatsache", antwortete
die leichthin; sie aß auch ihr Eis.

Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen,
Mary an Jörgens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, daß die
Mannschaften Ihres Kommandos über Sie klagen?"--"Das kann schon sein,
gnädiges Fräulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen
jedenfalls nicht, gnädiges Fräulein", er war so recht vergnügt, er hätte
sie am liebsten in den Arm genommen und wäre mit ihr nach der
Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary
weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hören", sagte sie. Da
merkte er, daß es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnädiges
Fräulein, der Norweger weiß im großen und ganzen nicht, was Gehorsam und
Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando
haben, müssen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit
Kleinigkeiten natürlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten
quälen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht
einsieht?"--"Ja gewiß. Er soll sich das Räsonnieren abgewöhnen. Er soll
gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt."

Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach
sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbrücke erreicht
hatten.

Auf dem Schiff sah sie, daß Jörgen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord
gingen, stand er nicht an der Landungsbrücke. Ohne jede Verabredung
begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie
sangen und lärmten vor der Tür, bis sie auf den Altan heraustrat und
Blumen über sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend
fand. Sie gingen lachend und geräuschvoll auseinander. Aber als sie von
dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Jörgen; er war nicht da. Das
tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schönsten Tage ihres Lebens
schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen.

Größere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkünfte lösten jetzt
einander ab; aber Jörgen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine
Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania.
Mary hatte nie weiter an Jörgen Thiis gedacht; aber nun, da er sich
fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schönen Begegnungen
mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den
er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach,
da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Jörgen Thiis doch sein kann!
Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche
Übertreibungen gewöhnt, und sie machte sich absolut nichts aus Jörgen
Thiis. Aber wenn sie überlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem
ersten Zusammentreffen gewesen war, und daß er in all diesen Jahren
genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde
das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen
dadurch beinahe etwas Rührendes. Daß er es nicht ertrug, mit ihr
zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja
auch, wie gern er sie hatte. Daß er nichts sagte, sondern einfach
fortblieb, gefiel ihr.

Da kam eines Tages Mille Falke, die hübsche, sanfte Frau des
lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von
Jörgen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania
habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie hätten schon vor zwei
Monaten die Plätze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen.
Man habe Jörgen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets übernehmen und
zehn Personen heranholen könne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu
machen. Unten in den Kleinstädten lebe man in besserer Kameradschaft, da
sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Jörgen
Thiis habe sich bereit erklärt,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er
wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen.

Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der
nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste
Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles
abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie
wollte Jörgen Thiis nicht gern noch einmal kränken. Sie sprach mit ihrem
Vater und mit Frau Dawes: sie hörte noch einmal Frau Falke an--und
willigte ein.

In der ersten Hälfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines
Nachts an Bord eines Küstendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte.
Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier
Herren. Eine der Damen war die würdige Vorsteherin der Schule, die
Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen.
Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da,
das die ganze Reise über geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren
sehr lebhaft und gaben es reichlich zurück. Ein junger Kaufmann schnitt
zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden,
welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze
übrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger
Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Küstendampfer "der
Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen
einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte
nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er
konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er
nämlich verlegen. Die Folge war, daß alle, auch Mary, "dem Verlassenen"
den Hof machten, bloß um sich an seinem jämmerlichen Zustand zu weiden.
Der Urheber dieser Scherze war immer Jörgen Thiis; er neckte so
leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte
man nicht immer frei von Bosheit nennen.

Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der
Verlassene" an ihn heran. Über seinen Appetit, seine Herrschsucht und
besonders über seine untertänige Dienerrolle Mary gegenüber wurde
allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs für
Übertreibungen, so daß sie mitlachte, auch wenn es über die
Untertänigkeit gegen sie herging. Er ließ sich nicht im geringsten
stören. Er aß genau soviel, war genau so pedantisch als Führer der
Gesellschaft und blieb unerschütterlich Marys erfinderischer, unablässig
hilfsbereiter Diener.

Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Ausländer. Aber die
fröhliche Gesellschaft von Jörgen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur
machte so häufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, daß nicht
allzu große Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges
vorgetragen. Ein Wunder löste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die
Nächte wurden immer kürzer; schließlich gab es überhaupt keine Nacht
mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden
nicht müde. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schließlich waren sie
alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschläge gemacht, die sonst
unmöglich gewesen wären; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch
von Licht paßten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm
ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war
natürlich Jörgen Thiis. Die Gemüter waren hoch über den Alltag hinaus
gespannt. Wenn einer oder der andere müde wurde, schlief er Tage und
Nächte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es
vorwärts ging. Unter ihnen Mary.

Jörgen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht,
daß alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er
selbst. Es kam auch nicht die geringste Störung vor, was besonders ihrer
eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Rücksichtnahme zu
danken war.

Als sie von Bord gingen und wieder den Küstendampfer bestiegen, forderte
sie aus dem Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit Jörgen Thiis auf, mit ihr
nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so plötzlich Schluß machen",
sagte sie.

Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schön und behaglich. Der
Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwärmte z.B.
für ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine
Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem
Geschmack. Frau Dawes, der gegenüber er frei heraus redete, vertraute er
sich an; dies Behagliche, Gedämpfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er
phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser
Richtung.

Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in
Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges
Wort von ihm gehört, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefaßt
werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur
Einleitung hätte darstellen können. Und das gefiel ihr.

Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum
Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schlüssel zu ihrem Badehaus. Er ging
hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergängen noch einmal.

Mary selbst war umgänglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja,"
antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein
Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer.
Das hat mich angesteckt."

Eines Morgens mußte er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte
Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie
heimgekommen war, noch nicht gesehen.

Er saß in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er
sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschämt und führte sie in
die gute Stube. Jörgen hatte Mary darauf vorbereitet, daß er schwerlich
guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie saßen auch
kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, über die
schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Rücken
krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie
stützen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu können.--"Ja, Sie
haben es gut; Sie amüsieren sich bloß!" Vielleicht wollte er das wieder
gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schöneres Paar gesehen!"

Jörgen lachte, wurde aber rot bis an die Schläfen. Mary saß unbeweglich;
es berührte sie nicht.

Jörgen begleitete sie zurück nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht
daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich
flüchtig. Später kam Nachricht von ihm, er müsse bis zum Abend in der
Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das
war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim.

Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Jörgen Thiis
und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er
war ein schöner eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher
Künstler auf dem Klavier. Über seinen hellen Kopf und seinen Takt war
nur eine Meinung. Selbst das, was sie früher so abgestoßen hatte, seine
Genußsucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies
Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war
von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefühl für
das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da
etwas Unaufgeklärtes. Es war ihr gleichgültig, was es war; denn sie warf
all diese Betrachtungen über Bord. Es ging sie nichts an.

Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient
hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es
Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich
kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie
getroffen. Er ist und bleibt der Beste."

Das kam so unerwartet und so warm heraus, daß es Mary rührte. Die Frau
erzählte dann eine Geschichte nach der anderen von der Güte ihres Vaters
und von seinem rücksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzählen,
bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schöneres sei ihr lange
nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen,
wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewöhnt, ihm das zu zeigen.
Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht
von ihm, der der Liebste und Beste von allen war?

Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kränklich war,
war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen.

Als sie näher kam, sah sie Jörgens Rad an der Treppe stehen und hörte
ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem
Arbeitszimmer am Pult saß und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und
küßte ihn, blickte ihm in die guten Augen und küßte ihn noch einmal. Mit
ihrem scharfen Sinn für Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah.
"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist
trotzdem wahr, daß ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder küßte sie ihn.
"Mein liebes Kind!" sagte er und lächelte mitten in dem Überfall vor
sich hin. Er war glücklich, das merkte sie. Allmählich kam in seine
Augen das eigentümliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte.
Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag.

Jörgen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am
nächsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein
Kompagniechef, freute sich sehr über den Besuch. Sie mußten zwei, drei
Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen
und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder für Mary etwas
Neues. "Ich kenne alle Länder, nur mein Vaterland nicht." Im nächsten
Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie
keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine
königliche Heimfahrt.

Gerade als Jörgen und sie ihre Räder an die Balustrade anlehnten, kam
die kleine Nanna aus der Tür gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie
weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern
Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte:
"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell
wieder die Treppe hinauf, um zu verkünden, daß sie jetzt kämen. Jörgen
hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf,
den Gang entlang bis zur letzten Tür rechts. Da drinnen lag Anders Krog
auf dem Fußboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte
einen Schlaganfall bekommen. Jörgen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett
und legte ihn zurecht. Mary aber stürzte wieder hinunter ans Telephon
wegen des Doktors.

Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn überall. Dazwischen schrie
in ihr die Verzweiflung, daß sie nicht bei ihm gewesen war, als dies
geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag
lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte
sie sich auf den nächsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum
reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr?

Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurück. Da war
er ausgezogen, und Jörgen war fort. Frau Dawes aber saß am Kopfende des
Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos
unglücklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne
die Blicke von dem Kranken zu wenden.

Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen
mitteilte, daß Bruder Hans ihr und sein Vermögen verloren habe. Er
selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen.

Mary war es bekannt, daß es in der männlichen Linie der Familie Krog
nichts Außergewöhnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden.
Aber sie war erschrocken, daß ihr Vater keine Kontrolle geübt hatte!
Auch das war ein bedenkliches Zeichen.

Ihr Vater mußte mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen
sein, als ihn der Schlag gerührt hatte. Die Tür war nämlich geöffnet,
und er lag dicht daneben.

Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die saß und
weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muß getragen werden."--"Getragen
werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber
Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte
unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhörlich,
während sie ihm die zärtlichsten Namen gab, die höchsten Lobesworte,
aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer
fernen Zeit über ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf.
Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die
Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten
Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte.
Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten
Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es
in ihren Kräften stand. So goldene Worte jetzt über Marys Haupt ihm zu
Ehren ausgeschüttet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm
so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war.

Jörgen Thiis erschien draußen auf dem Gange, gerade als sie aufstand.
Sie bückte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau
Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu führen; sie
müsse auch zu Bett. "Gott weiß, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit
ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei."

Jörgen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte
langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Mädchen, das sie dann zu
Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurück. Sie stand unbeweglich da
mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte.

Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie
betäubt; Mary trat ein paar Schritte näher an ihn heran; aber er merkte
es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie.

"Natürlich", flüsterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er.

Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schönes, feines Gesicht rief
nach ihr; sie warf sich wieder über ihn und schluchzte. Denn ihm, den
sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur,
weil er selbst nie an sich gedacht hatte?

Sie verließ ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da
ging sie zu Frau Dawes hinein.

Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie trösten, aber sie
unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher
gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn
das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen.

"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermögen auch!" Mary war
es nicht lieb, daß sie das Vermögen erwähnte. Frau Dawes fühlte das und
sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld,
es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch
so häßlich, wenn wir es nicht taten."

Mary blickte erschrocken auf: "Ich häßlich?"--Frau Dawes: "Ich habe es
Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so
herzensgut, er beschönigte immer alles."

Jörgen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es
vorbei sein, gnädiges Fräulein."--"Bleibt er gelähmt?" fragte Frau
Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor
allem Ruhe nötig." Es wurde still nach dieser Erklärung.

"Gnädiges Fräulein dürfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei
Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen
an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."--

Der Doktor ging, begleitet von Jörgen Thiis. Als Jörgen zurückkam,
fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie
nützen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes.
Jörgen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf.
Sie weinte leise vor sich hin.

"Sie wissen, gnädiges Fräulein," sagte Jörgen Thiis ehrerbietig, "daß
ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein möchte."--"Das wissen wir,
lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes.

Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie.

Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, öffnete Jörgen eben die Tür
seines Zimmers, das Marys gerade gegenüber lag. Er blieb in der weit
geöffneten Tür stehen, so daß sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen
konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier
wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt
beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in
seinen Wäldern jagen dürfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genügt, steht
dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Ja, da darf ich
doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand.

Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er
mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem
Vater hinüberging.

Als sie über ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die
Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte
zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen
es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem
an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, daß er verstanden hatte, wenn
auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, daß er es nicht
konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich über
ihn, küßte ihn und weinte.

Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr
stetes Mühen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es.

Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermüdlich war in ihrer Sorge um die
beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof
an. Sie übernahm die Buchführung und die Oberaufsicht. Sie fühlte sich
wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu
dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darüber.

Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter
ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, daß
die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es
sich nur wünschen könnte.

       *       *       *       *       *

An einem ungewöhnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an
sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu
stürzen, sowie sie Zeit hatte.

Zwischen fünf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie.
Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte
es solche Freude, wenn sie mit Marys schönem Haar zu tun hatte; heute
durfte sie es auflösen. Dann lief sie den Hügel hinauf bis an den großen
Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte
nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plätschern und
schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie
selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege übersehen. Alles
still, keine Gefahr. Also wieder zurück.

Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren
Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit
seinem fetten Heu; Seevögel schwebten in der Bucht, andere kreischten
über ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--"

Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den
Rücken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stöße und wieder eine
Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den
Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfließend. O, wie schön das war!
Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu.
Aber sie mußte doch wohl einmal dahin sehen, wo das Mädchen saß. Ach,
was kümmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch
dadurch bewirkt, daß das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein
Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte
sie hinter dem großen Stein--Jörgen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr
über der Schulter! Das kleine Mädchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne
sich zu rühren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt.

Eine heiße Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er
schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Äußerlich tat sie, als
habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfüber in die See und schwamm auf
die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand.

Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiß, daß sie vergaß, sich
abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer größere Hitze,
schließlich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Jörgen Thiis
wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war.

Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Überfall
herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortführten.
Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fühlte
wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie
einen Schrei des Kindes da oben hörte. In ihrer Erregung war sie nahe
daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging
kein Fenster hinaus. Aus der Tür zu sehen, wagte sie nicht, denn sie
hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber
gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Länge.
Sie mochte nicht halbangekleidet vor Jörgen Thiis hintreten.

Als sie eben soweit war, daß sie daran denken konnte, die Tür
aufzumachen, hörte sie auf der Landungsbrücke das Tripp-Trapp der
kleinen Nanna. Mary riß die Tür auf, die Kleine kam hereingestürzt und
warf sich ihr gleich in den Schoß. Da versteckte sie den Kopf und weinte
und schluchzte, daß sie kein Wort herausbringen konnte.

Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie
dürfe jetzt ihr Haar kämmen. Da erzählte sie, der Herr Leutnant habe
hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen
und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hören. Er habe ihr gedroht.
Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so böse ausgesehen!
Ach, so böse habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei
er hinuntergestürmt, direkt auf das Haus zu!

"Jörgen Thiis?"

"Dann schrie ich aus Leibeskräften! Da stand er still. Aber dann drehte
er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den
Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf
in Marys Schoß und weinte.

Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum
fassen.

Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein.
Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker
Rücksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...?

Stolz und stark, wie sie sich kannte, hätte das für ihn die Verbannung
auf immer bedeutet--nichts anderes.

Aber auf dem Heimwege ließ sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen
Grunde, weil sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte,--so
stürmten die Gedanken auf sie ein.

Wie konnte ein Mann sich tagtäglich so beherrschen--einer so gewaltigen
Begierde gegenüber? Eine lange, lange Anhäufung mußte vorauf gegangen
sein; sonst hätte er nicht einem so unerhörten Überfall auf sich
selbst--und auf sie--unterliegen können!

In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen?
Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemühungen um
sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines
schönen Tages lohende Steine und glühende Asche ausspeit!

Also Jörgen Thiis war gefährlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er
stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war
löblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kräften das
Tor öffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich böse sein?

Den ganzen übrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darüber
nach. Am ändern Tage faßte sie den Entschluß, jetzt müsse es ein Ende
haben. Es wurde etwas in ihr aufgewühlt, das sie schon einmal
zurückgedämmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem
sie sich ihr Leben einzurichten wünschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit
energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen.
Sie sah nämlich die Bücher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen
durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie
die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermögen, und er
konnte unmöglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen
hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht
damit behelligen, und Frau Dawes wußte nicht Bescheid.

Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich
sich hinein. Jörgen hatte natürlich baden wollen, nach dem Bade
heraufkommen und sie begrüßen. Nach dem, was vorgefallen war, kam er
nicht. Kam er überhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er
hatte sich ja einstweilen zur Genüge verrannt. Sie hörte an den
folgenden Tagen in der Umgegend schießen. Manche sagten auch, es werde
in größerer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht,
kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das.

Weil ihre Gedanken so oft auf den Höhen und im Walde waren, stieg sie
eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Hälfte des
August ist der Wetterumschlag im südlichen Norwegen häufig sehr kraß. Es
war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der
sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Häuser
hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewöhnt
und sehnte sich, höher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und über das
aufgerührte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhöhe aus genoß sie
den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen
ausbreiteten, über die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz
schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch über ihr
machten die Krähen einen schauderhaften Lärm; da saß man sicher zu
Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schießen und weiter
gegen Norden zwischen den Hügeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer
schlimmer, je höher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie
den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so daß es ihr kalt über
den Rücken lief. Sie meinte, wenn sie um den nächsten Vorsprung herum
sei, müsse sie sie sehen können. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf
hinübersteckte, ein gut Stück von ihr etwas weiter nördlich einen Mann
auf dem Bauch liegen, direkt über den Häusern. Das war Jörgen Thiis!
Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein fröhliches Rachegefühl in
ihr auf, und in diesem Gefühl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er
gewahrte sie und sprang verwirrt und beschämt in die Höhe, riß die Mütze
herunter, setzte sie wieder auf und wußte nicht, wo er hinsehen oder
sich hinwenden sollte. Sie kam langsam näher und weidete sich an ihm.
Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf
Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Hühner schießen?" Als sie näher kam:
"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Hühner können Sie ja
auch ohne Hund schießen. Oder haben Sie etwa überhaupt keinen Hund?"

"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug."

Diese einfachen, sanftmütigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen
wagte, warfen ihre Gefühle über den Haufen. Sie wollte ihn nicht quälen.
Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehört.

Die Krähen rasten schlimmer als bisher. "Hören Sie nur! Da wird Gericht
gehalten! Daß Sie dem armen Sünder nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben
Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, daß er loskam. Er bückte sich
nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine
Anhöhe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Bäume herum tobten die
grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen
Mann mit einer Flinte, als sie krächzend nach allen Seiten
auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet.

Und richtig: zwischen den beiden großen Bäumen lag zerzaust und blutig
eine ungewöhnlich große Krähe in den letzten Zuckungen. Jörgen wollte
sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich
ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hörte ihn nicht
nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er
kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte.
Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie lächelte: "O
danke, den Umstanden nach recht gut."

Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Höhe. Vornehm wirken die
Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die großen Gärten zu
beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als hätten die
Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als
werde es sich im nächsten Augenblick in die Lüfte heben. "Haben Sie
lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja für eine
Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es
ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin
häufiger hier gegangen als Sie."

Es wurde eine stille Mahlzeit. Jörgen aß immer sehr langsam, aber nie so
langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und saß und
sah ihn an. Sagte dies und das und bekam höflich Antwort. Seine Augen,
die sonst gleich Wogen über sie hinspülten, die sie in sich aufsaugen
wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Plötzlich hörte er
auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."--

Wenige Minuten später kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war
kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer
geöffnet. Jörgen Thiis sagte: "Ich finde, gnädiges Fräulein, Ihrem Vater
geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm
etwas bewegen."--Jörgen hörte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr
Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute
und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!"
Er ging bis an die Schwelle und überschritt sie langsam; Mary folgte
ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das
Zimmer mit Spitzen überzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden.
Das Bett, die Möbel, weiß mit blau, oder blau mit weiß, die Amoretten an
der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schönen Mutter, mit
Blumen geschmückt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein,
von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es
war das mit den kurzen Ärmeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in
diesem Farbenzauber schämte er sich. Er schämte sich so, daß er am
liebsten aus dem Zimmer gestürzt wäre. Er konnte nicht Herr seiner
Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu
schluchzen; ein Zittern überkam ihn. Ihm war, als müsse er in Tränen
ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weißen Armen, und er hörte etwas
Leises, das auch blau und weiß und weiß und blau war. Die Tür wurde
hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder
die weißen Arme und er hörte deutlich: "Aber Jörgen!--Aber Jörgen!" Er
fühlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich
"Jörgen" gesagt, zweimal "Jörgen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus
der Stirn. So weich, so blütenzart. Es löste sich etwas in ihm; alles
Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem
unsäglichen Gefühl von Wärme. Die sich da über ihn beugte, war
eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er
hatte sich so verlassen gefühlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem
Händedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm träumte,
er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Mächte. Das Weiße und Blaue
wölbe ein Zelt über ihm. Unter diesem Zelt nähmen diese großen, guten
Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise:
"Ich konnte es nicht länger aushalten." Was er nicht länger aushalten
konnte, verstand sie; sie prallte zurück.

"Mary", flüsterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte
ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurück von ihm, ihre Augen
wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte,
ehe er selbst es wußte, war er bei ihr. Er umschlang sie und preßte sie
an sich. Er wurde wild, als er ihren Körper an seinem fühlte, und küßte
sie, küßte sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer
Seite, bald nach der ändern. Da bedeckte er ihren Hals mit Küssen. Sie
fühlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stieß
sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, daß sie
fast gefallen wäre. Dadurch kam er über sie, das zündete, und er wollte
es sich zu Nutzen machen. Aber er mußte seinen rechten Arm lösen, um sie
umschlingen zu können. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei,
stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, daß sie sich nach der
Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie
waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach
ein Wort. Ihre Atemzüge gingen kurz und scharf.

"Mary!" ertönte ein Schrei draußen auf dem Gange. Das war Frau Dawes!
Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem
Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht
nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor
ihrer offnen Tür an der Wand. Sie war am Umsinken, als Jörgen Thiis
herzugestürzt kam und sie unter den Arm faßte. Die Treppe herauf kam ein
Mädchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Jörgen stand und hielt
Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kräften aufhoben und hineintrugen.
Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen
sie knapp über die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber
jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkörper ins Bett hineinheben;
denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkörper auf dem
Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder
hinunter; sie selbst half nicht ein bißchen, sie stöhnte nur. Ehe Jörgen
richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Größe abermals am
Boden. Als sie den Oberkörper wieder einmal hochgehoben hatten, aber
nicht weit genug, daß er durch seine eigene Schwere liegen geblieben
wäre, waren sie ganz verzweifelt; sie wußten nicht, was sie machen
sollten. Das kleine Mädchen lachte laut auf und lief weg; Jörgen sandte
ihr einen wütenden Blick nach. Das war selbst für Mary zuviel. Vor drei
Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekämpft,--und nun überkam
sie eine so unbegreifliche Lachlust, daß auch sie hinauslaufen mußte. Da
stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und krümmte sich vor Lachen,
als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte
wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum
auseinandersetzen, wie nämlich Frau Dawes dalag und was für
Anstrengungen Jörgen und die Mädchen machten. Ihren Vater quälte die
Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte
Marys Lachen. Ein Mädchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete,
jetzt liege die gnädige Frau im Bett. Sie möchte das gnädige Fräulein
sprechen.

Im Zimmer stand Jörgen am Fußende des Bettes; Frau Dawes lag und
stöhnte und weinte und rief nach Mary. Kaum ließ Mary sich in der Tür
blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich überkam eine
schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Jörgen
anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm
um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an
ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was
ist denn? Was macht Dich so unglücklich?" jammerte Frau Dawes und strich
ihr immer und immer wieder mit der Hand über das herrliche Haar.
Schließlich blickte Mary auf; Jörgen Thiis war fort. Aber sie schwieg.
"Nie habe ich solch ein Gefühl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn
nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit
Jörgen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir
gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum
erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst
Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenüber etwas wie eine Andeutung
gemacht,--oder doch?"--Mary schüttelte den Kopf. "Das ist viel. Das
zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er
Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter
----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zögerte eine Weile; dann sagte
sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er plötzlich
toll."--"Ach, ich könnte Dir auch etwas erzählen ... Ja, ja, ja!" Sie
versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so
herumgeht..."--"Wir wollen nicht darüber reden!" unterbrach Mary sie und
stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary.
Sie trat ans Fenster. Da hörte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit
mir gesprochen, mußt Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen dürfe.
Er könne sich nichts Schöneres denken. Einspringen, wenn wir nicht
weiterkönnen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte
unwillkürlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu
streng, Mary! Weißt Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..."
--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade
unwillig, aber doch so, daß das Gespräch nicht weitergehen konnte.

Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Jörgen
Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung
leistete, sagte diese: "Du weißt, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary
nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Jörgen glaubt, Onkel Klaus
wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr
hinein, zum andern hinaus.

Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie
durchdachte die ganze Szene noch einmal und glühte vor Aufregung, aber
sie war verwundert, daß sie eigentlich nicht erzürnt war. Es war ja doch
ganz entsetzlich.

Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die
Tür. Sie wurde sehr böse, sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte
die Tür verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tür
öffnete sich und schloß sich, ohne daß sie aufsah; sie saß in ihrem
großen Stuhl. Leise und demütig kam er heran und ließ sich aufs Knie
nieder, indem er das Gesicht in ihre Hände legte. Daran war nichts
Abstoßendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen
hübschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen
Künstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versöhnend. Aber diese
Sentimentalität! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie
zögerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er ließ die Arme
sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drückte seine Lippen darauf,
lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging.

Bei dem Kuß, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Körper ein
aufregendes Gefühl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie küßte
und küßte, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen.
Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins
kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht böse auf ihn?"

Da klopfte es wieder. Das Mädchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht
herüberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war
mehr als betrübt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stützte sich auf
den einen Arm. Ihre Mütze saß schief auf dem kurzen grauen Haar, der
fette Hals war röter als gewöhnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast
Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst
Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte für sein
Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja
immer bloß zurückgestoßen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz
verzweifelt wieder zurück. Das Wort "gefoltert" machte flüchtig einen
komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie hätte mit
ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen ließ. Denn gehen mußte er.

Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich
bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel
ihm schwerer, sich verständlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann
folgte er ihr mit den Augen, daß es ihr fast Angst machte.

Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei ließ sie
sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary
lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten.

Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du überschätzt Dich, wenn Du
meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du
das?"--"Daß Du im Frühling des gesellschaftlichen Lebens noch so müde
sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran
gewöhnt."--

Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage später--es war lange
naßkaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draußen sein können--sagte
sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese
Jahre hindurch geführt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O
ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn
tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch
nicht."--"Nein.--Aber Du könntest Dir etwas Abwechslung verschaffen."
--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du
verheiratet wärst, würde er zeitweise hier mit Dir leben und Du
zeitweise mit ihm da, wo er hin muß."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich
glaube nicht, daß Du ihm sonst näherkommen kannst."--"Wem
näherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du
gewöhnt bist."

Mary fühlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch.
Daß es ihr Schicksal sei, was ihm die größte Sorge mache. Daß ihm eine
Ehe mit Jörgen unter Onkel Klaus' Obhut eine große Beruhigung sei. Es
lag wie ein Druck auf ihr, daß sie bis auf diesen Tag wenig Rücksicht
auf die Wünsche des Vaters genommen hatte.

Diese ganze Zeit, all diese Erwägungen erschienen ihr wie das Rezitativ
einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet.

Wenn sie jetzt, wo es herbstete, über die Bucht hinschaute, fühlte sie
sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Höhe und sah mit den
schaumsprühenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das
Gefühl, er wolle sie für den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr
auf; sie war an anderes gewöhnt.

Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der
Erinnerung erschien ihr Jörgen nicht abstoßend. Die Atmosphäre, die ihn
umgab, schien ihr sogar sympathisch.

Daß ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und
daß Jörgen gerade anwesend war, und daß er dem Vater willkommen
war,--knüpfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal?

An Jörgens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und später weiter in die
Welt gesandt zu werden,--einen naturgemäßeren Abschluß ihres
Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei
gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen.

Onkel Klaus mußte helfen. Gründlich helfen. Sie war sich ihrer Macht
über Onkel Klaus bewußt.--

"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben
ihr am Bett saß und mit ihr plauderte: "Du kannst an Jörgen schreiben."

[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames
Ministerium des Auswärtigen.]

       *       *       *       *       *

Mary stand selbst auf der Brücke, als das Boot anlegte. Es war am
Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die
letzten Herbsttage im Freien zu genießen. Es war ein schöner Tag. Im
südlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September
hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem
sie Jörgen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle
Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herüber, um zuzusehen.

Sowie Jörgen neben ihr stand, fühlte er, daß er vorsichtig sein müsse.
Er erriet, daß sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr
Zusammentreffen nicht intim ausfallen könne.

Auf dem Wege nach oben sprachen sie über die Schwalben, die sich jetzt
zum Aufbruch rüsteten, über den Verwalter, der kürzlich einen mächtigen
Adler geschossen hatte, über das Schreibbrett, das für Frau Dawes
konstruiert worden war, über die gute Grummeternte, über die Obst-und
die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen
"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Jörgens
Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tür; Jörgen und er standen da
und wußten nicht wohin. Da hörten sie Marys Stimme von oben: "Bitte
hierher!" Sie gingen hinauf. Sie öffnete das Fremdenzimmer, das neben
ihrem eigenen lag, und ließ den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu
Jörgen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie
ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die
fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen.

In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der
offenen Tür Jörgen bemerkte. Kaum war die Tür geschlossen, als Mary auf
ihren Vater zuging, sich über ihn beugte und sagte: "Jörgen und ich
haben uns verlobt, Vater."

Alle Güte und alles Glück, das sich in einem Angesicht vereinen kann,
strahlte aus den Mienen des Vaters. Lächelnd wandte sie sich zu Jörgen,
der blaß und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustürzen
und sie zu umarmen. Aber er fühlte, sie wollte wohl seine Überraschung,
seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat
seinem Glück keinen Abbruch. Er begegnete ihren lächelnden Augen mit der
vollsten, innigsten Freude. Er drückte die Hand, die Anders Krog ihm
geben konnte, er blickte ihm in die tränennassen Augen und seine eigenen
füllten sich mit Tränen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary
sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!"

In einem Gefühl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr.
Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung über den
Großmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draußen auf dem
Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau
Dawes' Tür zu und klopfte an.

Als Frau Dawes Jörgen gewahrte, schlug sie die fetten Hände zusammen,
zerrte an ihrer Mütze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr
vor lauter Rührung nicht. Sie sank wieder zurück, weinte glückselig vor
sich hin und streckte die Arme aus; Jörgen warf sich hinein, aber zum
Kusse kam es nicht.

Sobald ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary:
"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen müssen wir beide zu Onkel
Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht
Ihr zu warten?"--Jörgen strahlte. Mary zog sich zurück, damit die beiden
in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen könnten.

Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, daß die Parole hieß: "Ansehen,
aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, daß einer,
der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden mußte. Sie wollte
selbst über sich verfügen.

In ihrem Triumphgefühl war sie schöner als je. Es erschien ihm wie eine
Gnade, daß sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich
herabließ. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen
Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz
fürchterlich darauf: Mary machte die Türen auf, damit Frau Dawes etwas
hören könne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes.

Am ändern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach
unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la
grande dame",--Jörgen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer
elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus
wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag'
mal," sie wurde plötzlich ernst, "weiß Onkel Klaus von Vaters
Unglück?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der
Krankheit?"--"Das weiß ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts
gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der
Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemütlich und fröhlich.
Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub für den ersten Monat
nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem
Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania
jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken.

Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhöhle, wo sie ihn mehr ahnten, als
daß sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer
ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den großen steifen
Salon voran. Noch ehe sie saßen, sagte Jörgen: "Ja, Onkel, heute kommen
wir, um Dir zu erzählen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an
ihren Gesichtern, was für eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich
gratuliere, ich gratuliere!" Der große Mann streckte jedem eine Hand
hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das
schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fügte er hinzu, "wir
andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als
sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater,
armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie
ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl
nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht über sich
gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie saßen also eine Weile
schweigend da.

Als das Gespräch wieder in Fluß kam, redeten sie über die ungewöhnlich
schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende
nehmen. Die Aktien hätten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder,
keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Während sie hierüber
sprachen, blickte Onkel Klaus Jörgen mehrmals an, als wolle er nach
etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Jörgen
einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit
einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm
ausgemacht, daß sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte
Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt.

Jörgen war kaum aus der Tür, da sagte Onkel Klaus mit bekümmerter
Miene: "Armes Kind, ist es wahr, daß Dein Vater in Amerika große
Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blaß und
entsetzt fuhr der große Mann in die Höhe: "Er hat alles verloren?"--Er
starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja,
Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, daß man den Schlag
bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei außer ihm
niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den
langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so
ein leichtgläubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich
vorstellt, einer hat ein so großes Vermögen im Geschäft eines ändern
stecken, und er kümmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine
verdammte--" er hielt jäh inne und fragte in höchstem Erstaunen: "Auf
was wollt Ihr denn heiraten--?"

Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart
sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen!
Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln und voll
Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!"

Seine Verblüffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu
dämpfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar
auf englisch--was für ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie
Vogelgezwitscher an einem Bären. "Das sieht dem Jörgen, diesem Satan,
ähnlich," brach er schließlich hervor, "gleich auf mich zu
spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher:
"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muß
ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche
Unverschämtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!"
Er sah sie nicht, er sah überhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte
seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschämtheit immer freien Lauf
gelassen. "Schockschwerenot, Jörgen verdiente, daß ich ihm auch das
entzöge, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte
ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"--

Mary saß totenblaß da. Sie war nie bisher gedemütigt worden; nie bisher
hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt.

Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich führe jetzt Vaters Bücher," sagte
sie kühl; "daraus habe ich ersehen, daß auch Ihr Geschäfte zusammen
gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie
anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Bücher
führst, weißt Du wohl auch, daß sie in diesen Zeiten fast nichts
einbringen."--"Das ist nun wohl übertrieben", antwortete sie. "Ja, was
willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer
plötzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Jörgen Dich beauftragt, sie
zu verkaufen?"--"Jörgen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und
stand auf.

Wie sie blaß und groß und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah,
war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure,
daß ich nicht eher gewußt habe; was für ein Mensch Du bist." Alle
Überlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfällig da. Er
war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu rühren. Er ließ
sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten.

Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen.
Wie schön und stolz sie war, wie ein Bild.

Als Jörgen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr
zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war überzeugt, sie würden zum
Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie
bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt
außerordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafür mußte Jörgen
büßen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du
warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen,
Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht
leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte
unrecht; aber Jörgen kannte ihn, er wußte, daß man ihm jetzt nicht
widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu
Mary, erbarmungswürdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Hügel
getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie
selbst hatte geweint vor Ärger und Enttäuschung; aber sie hatte
Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer
Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte,
war so jäh, daß die ganze Geschichte, wenn man Jörgens jämmerlichen
Zustand dazunahm, lächerlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so
köstlich befreit, daß sogar Jörgen geheilt wurde. Nach Verlauf einer
Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen über die Straße, um sich
ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Während das
hergerichtet würde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum
standen sie draußen in der köstlich frischen Luft, da mußte Jörgen
wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie würden heimkommen und
dort zu Mittag essen. Es würde ungefähr zwei Stunden dauern auf der
neuen Landstraße; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden!

Sie schritten tüchtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise
war kühl,--so rechtes Wetter zum Wandern.

Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich
über den steten Wechsel von Strand und Bergeshöhe, von Bergeshöhe und
Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsäulen.
Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draußen; sie
krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus.

Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen
Stadt heraus. Da lag ein hübsches kleines Haus in einem Garten. "Wem
gehört das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fräulein Röy, der
Ärztin", antwortete Jörgen eifrig. "Ich habe über all dem Ärger und der
Enttäuschung doch vergessen, Dir zu erzählen, daß ich Franz Röy in der
Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu
wollen, wurde sie rot. "Franz Röy?" fragte sie und blickte starr vor
sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen
hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weißt, Irgens ist
tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heißt es, Hauptmann Röy
wird das übernehmen."--"Ist das eine Arbeit für einen Mann wie
ihn?"--"So fragt gewiß mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte
Jörgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er näher an sie heran:
"Aber jetzt kommt er zu spät." Er hatte als Antwort einen
verständnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bißchen Glück
lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.

Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte
erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen.
"Weißt Du, Jörgen, daß Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen
stehen hat?"--"Zweihundertfünfzigtausend", antwortete Jörgen. Sie war
sehr erstaunt,--einmal darüber, daß Jörgen Bescheid wußte, dann über die
fünfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend."
--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das
Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde,
hat er Onkel fünfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden
waren."--"Woher weißt Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe
nichts darüber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen
wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Außerdem--," hier stockte
Jörgen, "kennst Du alle Geschäfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf
nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte
Jörgen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie
war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die
Röcke hoch, löste ihr eine Haarsträhne und riß ihr den Schal ab.
"Herrgott, wie entzückend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja
nichts im Wege, Jörgen?"--"Wir können heiraten, meinst Du?"--"Ja", und
damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu
nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir müssen drauflosgehen, Jörgen!" Sie
strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er
verzagt.--Sie stand wieder still: "Würde er Dich enterben?"--Ohne direkt
zu antworten, sagte er schwermütig: "Wenn Du wüßtest, Mary, was ich mit
Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie
er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepaßt hat. Bis auf diesen Tag bin
ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine
schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht
zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglück, daß Mary
unwillkürlich rief: "Armer Jörgen,--jetzt fange ich an zu verstehen!"
Sie gingen weiter. Sie dachte daran, daß seine Fähigkeit, sich zu
beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch
gelernt, sich zu verstellen. Seine Zähigkeit mußte sie bewundern; was
hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl
sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewöhnliche Höflichkeit.
Jetzt verstand sie seine Sentimentalität. Sie verstand, wodurch er so
streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.

Sie sah ein, daß auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm
schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm
nur eine Last mehr aufgebürdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes
Wort gegönnt; im Gegenteil! Was Wunder, daß er schließlich wie verhext
war? "Armer Jörgen", sagte sie noch einmal und faßte seine Hand. Das
erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewährt hatte. Sie mußte es gleich
wieder zurücknehmen, weil sie die Röcke festhalten mußte, denn um die
Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade
unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie
winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der
Fjord mit den roten Wimpeln überall.

Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er
würde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts,
woraufhin wir heiraten können, Du Liebe!"--"Wir können doch diese
Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns
heiraten zu können, daß wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig
stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung
nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muß erst jahrelang stehen."--

Wie gut Jörgen Bescheid wußte! Wie genau er alles überlegt hatte!

Sie kamen auf die Strandstraße, die auf die letzte Landzunge bei
Krogskog zuführte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war
gut Freund mit ihm. Er kläffte ja immer ein bißchen, wenn jemand in
seine Nähe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte
gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er
wie toll.

"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wütend?" Jörgen
antwortete nicht, sondern bückte sich nach einem kleinen Stein. Als der
Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter
einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort.
"Laß ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, daß Jörgen die Schußlinie
berechnete. "Es wäre doch spaßig, wenn er sich genau auf die Stelle
zurückzöge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein
nämlich gerade auf den Rücken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund
setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf
den Rücken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jörgen triumphierend. "Es
gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst
Du ebenso gut schießen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit
ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gründlich." Das
mußte sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestätigte
es auch.

Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau
Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es würde sie
nur betrüben. Können wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis
zum Frühjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht für so etwas.
Aber Jörgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird
es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit
einem anderen Vorschlag kommen, ungefähr mit so etwas, wie ich jetzt
meine:--er möchte, wir warteten bis zum Frühjahr."

Mary war sich längst darüber klar, wie gut Jörgen unterrichtet sei; sie
mußte deshalb auch zugeben, daß er so etwas besser verstand als sie.
Aber an Schleichwege war sie nicht gewöhnt. "Laß mich nur machen," sagte
er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttäuschung."

"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, daß Onkel
sich sehr über unsere Verlobung gefreut hat, und daß die Zeiten jetzt so
schlecht seien, daß wir warten müßten. Das verhält sich doch tatsächlich
so."

Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, daß Jörgen
auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafür einen
aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an
die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand für
einen Kuß im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn!

Er machte die Tür auf und ließ Mary vorangehen. "Schönen Dank für den
Spaziergang, Jörgen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm
fröhlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hörte sie in ihr
Zimmer gehen.--

Wie schonend Jörgen auch seine Worte wählte, als er von dem Resultat
berichtete,--es war eine schwere Enttäuschung für die alten Leute.
Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklärlich; die
letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter über hier
allein bleiben und Jörgen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu
Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise übte
die Enttäuschung der beiden Alten einen Rückschlag auf Jörgen aus. Er
saß wie ein flügellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau
Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise für
den nächsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war
um.

Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte
nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es.
Das Triumphgefühl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die
Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwächt,
es war stärker als je. Sie ging über die Flure und durch die Stuben und
summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die
eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel
Unsinn, daß Jörgen das unsichere Gefühl hatte, sie mache sich über ihn
lustig. Er sagte ihr schließlich gerade heraus, er verstehe sie nicht.
Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens
hier in ihrem entzückenden Heim und in ihrer schönen Sorge für ihre
beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Haß auf das, was vor ihm
liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, daß er sich vom
Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie
zurückgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur höheren "société"
gehöre und obendrein Norweger sei. Er war unglücklich und machte seinem
Kummer Luft.

"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewußt, Jörgen,
hast Du vergessen, daß Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen
mußte?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil
Du gar so früh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist
eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu früh anzufangen!"--"War es denn
möglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du
hattest doch andere Ziele, Jörgen, als mich zu erringen?"--"Die hatte
Jakob auch, der Geldjäger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, daß
er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der
Jahre lang gewartet hat, Jörgen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr
Iänger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat.
Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Daß Du mich obendrein noch
necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost
gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Jörgen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast
allzu früh angefangen, mußt Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen,
sagte aber nach einer Weile: "Du weißt eben nicht, was warten
heißt!"--"Ich weiß jedenfalls, daß einer, der auf schmale Kost gesetzt
ist, sich leichter daran gewöhnen kann." Sie lachte wieder. Er war
gekränkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, hätte
sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und
bei so kläglichen Aussichten für die Ehe, wie sie sie hatten.

Sie saßen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes.
Jörgen war still und sagte überhaupt nichts. Mary aber war vergnügt.
Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Jörgen:
"Armer Junge, Du mußt zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt
seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am
lustigsten."

Plötzlich stand Mary auf und wünschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst
Jörgen, dann Frau Dawes. "Ich bin müde von unserer Tour und ich will
morgen früh aufstehen, um Jörgen zu begleiten."

Jörgen fühlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlüberlegter
Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draußen auf dem Flur gute Nacht zu
sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf.

Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das
bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er mußte allen Ernstes wiederholen,
er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er
nicht. Er brachte es nicht einmal über sich, dazubleiben, und ließ sie
allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit völlig dunkel. Er
tastete sich nach seiner Tür. Erst als er drinnen Licht angezündet hatte
und unwillkürlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel
ihm ein, daß sein Schloß geölt worden war. Heute morgen hatte es
geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem
Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung
war, sofort repariert worden wäre. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich
kein größeres Glück vorstellen, als später, wenn erst alles in Ordnung
war, hierher zurückzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und
solcherart zu leben, wie sein tiefstes Bedürfnis nach Lebensgenuß es ihm
vor Augen stellte.

Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie früher
in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!--

--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tür geöffnet wurde und Mary in
ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schön. Sie schloß die Tür hinter
sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht länger warten, Jörgen!" Sie
löschte die Lampe aus.--

       *       *       *       *       *

Allein


Am nächsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und
Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hörte
sie durch einen Strom herandrängender Erinnerungen Jörgens Stimme. Er
sang am Klavier bei offenem Fenster in den frühen Morgen hinein. Sein
heller, jubelnder Tenor trug Festesklänge zu ihr hinauf.

Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst
kam sie zu spät, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen
Hantieren wurde sie ganz wach, und mächtiger stürmten ihre Gedanken ihm
und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und
Sinne durchströmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nähe
genießen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die
Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveränität hatte sie ihm des
Lebens höchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt für seine lange
Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch;
sie wußte bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen würde,
wenn er sie hineinführte in sein Glück. Deshalb schwoll ihre Brust dem
Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!

Durch das kleine holländische Kabinett kam sie in ihrem blauen
Morgenkleide und legte die Hand auf den Türgriff des großen Musikzimmers
nach der See hinaus, mußte aber stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, so
gespannt war sie. Dabei genoß sie seinen Triumph da drinnen. So
hingerissen war er von seiner eigenen Musik, daß sie ihm ganz nahe kam,
ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und
still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstören; er
breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, küßte sie ehrbar aufs
Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er
wollte zudecken und verbergen, ihr mit männlicher Güte über die Scham
weghelfen, die sie naturgemäß empfinden mußte. Er war ganz zart und
beruhigend.--

"Wir müssen jetzt wohl schnell essen", flüsterte er freundlich zu ihr
hinunter, küßte noch einmal ihr schönes Haar und atmete seinen Duft.
Dann faßte er sie sanft, aber gleichsam führend, um die Taille. An der
Tür fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, daß Du so spät
kommst?" Er öffnete mit der freien Hand väterlich die Tür und blickte
sie mitfühlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blaß und
ganz verwirrt. "Mein süßes Mädchen", flüsterte er tröstend.

Bei Tisch war des Rücksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts
essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mußte für sich selbst sorgen,
so daß nicht viel darüber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges
Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz
neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er
sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflößen. Nach dem, was gestern
geschehen war. Sie hätte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen
und ihm ins Gesicht schleudern mögen!

Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem
eigenen Verdienst!

Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank
langsam ein ganzes, großes Glas, wischte sich den Mund und stand mit
einem würdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tür: "Ich muß
nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."

Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er
schloß die Tür hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am
Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie
Küssen...

"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveränität
und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine
Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mädchen half, wählte einen Hut,
sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mädchen
öffnete ihr die Haustür, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem
tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewußt.

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in
ihr, daß sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen hätte, als sie ihn
schließlich aufspannen wollte. Er sah es.

"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme
bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine
Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte
auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn
auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja,
dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."

Als sei es damit noch nicht genug, fügte sie hinzu: "Du bist wohl
übrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei
verloren."

Er hätte sie schlagen mögen.

Zum Überfluß mußte nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an
der Brücke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jörgen
gewahr, da fing das Konzert an. Es nützte alles nichts, soviel seine
Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.

Alle wandten sich nach den Ankömmlingen um. Jörgen hatte sich sofort
nach einem kleinen Stein gebückt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es
nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine
Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf
diesen Augenblick hatte Jörgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den
Leib zu werfen, daß er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich
zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lächeln und mit
tausend Dank für die genossene Gastfreundschaft.

Sie mußte anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mußte
ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lächelnd und triumphierend
grüßte Jörgen mit mächtigem Hutschwenken vom Dampfer herüber.

Wütend war sie! Aber er kaum weniger.

       *       *       *       *       *

"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten
Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung.

Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr
aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List
anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine
krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit
geworden war.

Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in
dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das
von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war
hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum.

Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich.
Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und
verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl,
sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt
angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern
Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde
mich nicht heraus.

Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das
nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.

Ihm wollte sie nicht gehören.

Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet
lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren.
Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor
ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie
ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte.

Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,--und wer
er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie
hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte
sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin
aus?----

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal
darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte;
das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war
sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch
vorbereitete, hingehalten werden mußte--vor allem um der beiden Alten
willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder
aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins
Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit
aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen
Mut zu schöpfen.

Arbeit und Pflichttreue! Sie stützte sich auf die Ellbogen, als wolle
sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im
nächsten Augenblick auf den Füßen, um sich fertig zu machen.--

Die fünfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus
gegeben, und die sie in den Büchern nicht gefunden hatte,--deuteten die
nicht darauf hin, daß ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--außer
dem brüderlichen Geschäft? Daß die Zinsen, die er nicht aufgebraucht
hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kürzlich 50 000 Kronen frei und
hierhergeschickt waren?

Seit Jörgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzählt hatte, hatten
die ihr in all den ändern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie
mußte die amerikanische Korrespondenz des Vaters prüfen; darin würde es
stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe
öffnete, die unten in dem Bücherregal stand, zu dem der Schlüssel in
seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber
sie hatte nie gewußt, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze
amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte
den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermögen
und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mußte aber
ein recht beträchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der
Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber.
Ihr Vater mußte den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer
Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefaßt, und die
andern gleichfalls.

Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm
alles umständlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika,
um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit
ein und fügte sich.

Frau Dawes war nicht so leichtgläubig. Sie vermutete, es müsse etwas
geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und
in ihrem Bericht über ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das
keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschränkte sich daher auf einige
schüchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so
viele Stürme.

Drei Tage später war Mary mit einem englisch sprechenden Mädchen auf dem
Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr
wertvolle Hilfe leisten würde. Sie kenne so viele.

Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder
daheim. Es war hohe Zeit gewesen, daß sie hinüberkam. Denn es sollte
gerade darüber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen
Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, während er es doch nur
mit der Summe war, die im Geschäft steckte.

Das konnte sie beweisen.

Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie
Kapital zur Verfügung, und sie hatte große Lust, etwas zu beginnen. Auch
einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere?
Die doppelte Buchführung? War die so schwer? Sie fing gleich an.

Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die
Gewißheit, daß das Vermögen, das außerhalb der Konkursmasse des Bruders
stand, gerettet war, war für ihn eine große Freude. Marys Zukunft lag
ihm so sehr am Herzen.

Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses tätige,
rastlose Menschenkind seine Kräfte aufgebraucht. Selbst nach Jörgen
fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben.

Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete
das Vermögen gemeinsam mit einem Geschäftsmanne. Nebenbei nahm sie
Unterricht und lernte. Zweimal wöchentlich war sie in der Stadt.

So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus
Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen
einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit möge doch zu
den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden großen Familien
deren mehrere stattfinden.

Mary war selbst erstaunt, wie große Lust sie plötzlich bekam. Der alte
Adam war nicht tot. Sie trällerte auf den Fluren und in den Stuben vor
sich hin, während sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich
nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte
Genugtuung darin! Das mußte sie sich selbst zugeben.

Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem
Marys Lob in den höchsten Tönen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie
sei der Mittelpunkt aller Bälle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde
bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre
einzigartige Schönheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr
Taktgefühl würden sie ihnen allen unvergeßlich machen. Sie möchten sie
so gern noch eine Zeitlang dabehalten.

Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn
bald zurückzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,--

Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei
ihrem Vater in die Tür, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank
geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht
nur blaß, sie war grau, mit übernächtigen Augen und matter Stimme. Sie
gab ihrem Vater einen langen, zärtlichen Kuß, wollte aber den Brief, den
er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in
Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu
Bett und ausruhen.

Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in großer
Besorgnis zurückließ.

Mary schlief den ganzen Tag, aß zu Abend eine Kleinigkeit und schlief
wieder die ganze Nacht.

Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der
Prokurist, der Gärtner und die Haushälterin kamen zu ihr und legten
Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam
sie lächelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glücklich war, als er
sie wieder so vor sich sah.

Sie kam, um ihm zu sagen, daß jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im
Wege stehe. Jetzt hätten sie ja Vermögen. Der Vater brachte unter großen
Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und
die eine Hand sagten das übrige; daß er nämlich nichts lieber sehe.

Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufügte, sie habe
eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu
machen (Jörgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte
Geistesschärfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu
weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich über das Bett und
flüsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Tränen
ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer größer wurde,
hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hören!"--Sie dämpften
ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Tränen, dies
sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt
habe, sei ihr klar geworden, was für ein erbärmlicher Kerl er war; "aber
da mußten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen
sind; wir werden nie klug."--

"Oh daß Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mußtet!" jammerte
Mary. "Ich fühlte es instinktmäßig, daß ich ihn mir fernhalten müsse;
aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so
mußt Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwürfe.
Was nützt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit
geschlossenen Augen hineinstürzen."

Darin stimmte ihr Frau Dawes völlig bei. "Dann machst Du es wie ich:
wenn die Ehre gerettet ist, läßt Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das
tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott,
o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und
erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes saß
hilflos da und stützte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob
Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden,
hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und
verzweifelt über das Bett. Zwischen den Ausbrüchen oder vielmehr als
einen Teil dieser Ausbrüche hörte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg!
Es gibt keinen Ausweg!"

Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach
Worten zu suchen.

Es mußte sich austoben. Bis die Empörung sich abkühlte. Frau Dawes
merkte, wie allmählich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den
Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Haß: "Ich dachte, ich hätte mich
einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit
stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem
Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir müssen
heiraten."

       *       *       *       *       *

Drei Tage darauf wurde Jörgen Thiis im Ministerium des Auswärtigen ein
Brief überbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hôtel und erwarte
Dich Punkt zwei Uhr draußen auf dem Trottoir."

Er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die
Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, daß er sie
"draußen auf dem Trottoir" treffen solle.

Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein.

Das änderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erlöste einen
kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier,
das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch.

Auf der Straße war richtiges Tauwetter, so daß der Hund gleich Weisung
bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar
lustigen Seitensprüngen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor
Jörgens dünnem Stock.

Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Rücken
nach ihm, gegen das Schloß gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch
sonst vor dem Hôtel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er
nicht.

Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten
alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte
sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so
hübsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, daß sie sich
unwillkürlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie
Jörgen. Sie richtete sich sofort in die Höhe: "Ist das Dein Hund?"
fragte sie, als hätten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der
Straße getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog.
Da bückte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn.
"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!"
--"Nicht anspringen!" klang es verstärkt von Jörgen her. Sie
richtete sich wieder in die Höhe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin
noch nie hier gewesen."--"Wir können ja geradeaus gehen und dann um die
Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das möchte ich
gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung.

"Wirst Du herkommen?" rief Jörgen dem Hunde zu und hob den Stock. Jörgen
fühlte sich verletzt, daß sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte.
Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnügt, denn Mary
sprach mit ihm und streichelte ihn.

"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte
sie.--"Ja, das hab' ich gehört."--

"Die fünfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den
Büchern, und ich dachte mir, es müsse noch eine Abrechnung da sein, die
das Vermögen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es
nötig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme
war verloren."

"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen
in all den Jahren nicht aufgebraucht war."

--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa
möglich gewesen wäre."--

Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir
heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empörte Mary. "Herrgott,
der Hund weiß das doch nicht."--"Oh, er weiß es recht gut. Aber er hat
nicht gehorchen gelernt."

Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzählst Du mir das?" fragte
Jörgen. "Weil wir jetzt heiraten können."--"Ja, wieviel ist es
denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch
die Fünfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was
wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu
nichts ein. Das weißt Du doch."

Mary begann sich elend zu fühlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie
sagte:

"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der frühestens in drei Jahren
abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fünf? Es kommt auf das
Wachstum an."--Mary sah ein, daß, er recht hatte; warum hatte sie dies
erwähnt?

"Aber zehn, zwölftausend Kronen jährlich ...?"--"In unserer Stellung
will das nicht viel sagen."

Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein großer,
freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen.
Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub
mit ein paar Matrosen, die die Straße entlangschlenderten. Diesem
willkommenen Kameraden hatte Jörgens Hund sich angeschlossen. Er wurde
mit Not und Mühe zurückgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary
auch rief, kam er freudig und glückselig an, bekam aber einen Schlag mit
der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwürdig," sagte Mary, "daß
Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an
den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch
so häßlich gewesen war. Jörgen antwortete nicht. Der Hund aber lief
demütig hinterher, und als Jörgen sich davon überzeugt hatte, sagte er:
"Weiß Onkel Klaus etwas von dem Vermögen?"--"Ich glaube, außer uns weiß
kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit
Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?"
Jörgen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter
damit", sagte Jörgen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie
verstand ihn nicht. "Für die Ehre der Familie tut er viel", sagte Jörgen
mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich
geworden, folgte ihm aber. "Müssen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?"
flüsterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demütigung nicht gehen. "Wir
tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe fröhlich; "jetzt sagt er
nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen?

Er kam näher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem
Vermögen weiß, bekommen wir mehr!"

Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr
doch. Jörgen war gewiß bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst
all seine Fähigkeiten entfaltet hatte, würde er noch andere als sie
überraschen.

Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei übermäßiger Hitze. "Willst Du
die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise
natürlich sofort mit Dir nach Hause. Du hättest nicht zu kommen
brauchen; eine Mitteilung hätte genügt."

Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe.
Seine Überlegenheit ängstigte und lahmte sie; seine Erwägungen
verursachten ihr Übelkeit. Es war, wie schon einmal, daß sie einen Fuß
nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter.

Da hörte sie Jörgen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund.
Dieser schmutzige Lümmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der
Pflicht fortgelockt. Jörgens Stimme hatte so etwas Eigentümliches, wenn
sie befahl: sie war gedämpft und scharf zugleich.

Der Hund kannte sie und ließ es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken.
Da er aber mit einem glücklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich
plötzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf,
als sei nichts geschehen.

Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John
Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie
schaute in John Ericsons große, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre
eigenen sich mit Tränen füllten. Sie war so unglücklich.

Währenddessen plagte sich Jörgen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip
war, daß der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam.
"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war
ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch,
Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Sätzen auf ihn zu, er
dachte an gute, gemütliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber
woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und
wälzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Straße.

Die Vorübergehenden standen still; sie hatten ihren Spaß an dem
Ungehorsam des Hundes. Das reizte Jörgen. Mary fühlte es, und sie wollte
dem Hunde helfen; sie stand hinter Jörgen und sagte leise auf
französisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu
schlagen." Aber da wurde Jörgen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du
nichts", antwortete er auch auf französisch und lockte den Hund wieder.

Mit der unüberlegten Leichtgläubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden
eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock
hinter sich, kam Jörgen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wütend über
das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten.
"Komm doch, Freundchen!"

"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spät.
Jörgen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte
auf, Jörgen mußte ihn gekniffen haben. Mary rief auf französisch:
"Schlag ihn nicht!" Aber Jörgen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart,
aber der Hund heulte fürchterlich; er hatte solche Angst. Jörgen schlug
ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu
ärgern. Der Hund schrie so gottsjämmerlich, daß Mary nicht hinsehen
konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, große Augen und sagte:
"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Jörgen!"

Im Nu ließ er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden
Augen, das weiße Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt.
Über ihr John Ericsons Haupt.

Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in
leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher.

Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem
Spott,--Jörgen ging hinterher.

Aber als sie merkte, daß der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als
seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da
schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Fröhlichkeit um. Das war so ihre
Art. Sie klatschte in die Hände und lief, und der Hund sprang kläffend
um sie herum.

Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Jörgen und alles,
was drum und dran ist!

"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte.

Sie sah sich nach Jörgen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so
schnell zu gehen.

"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die
Hände und lief, und der Hund lief bellend mit.

Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und
plauderte mit ihm; Jörgen war ja so weit zurück. "Eigentlich müßtest Du
'Liberator' heißen, aber der Name ist zu lang für so einen kleinen,
schwarzen Hanswurst. Du sollst John heißen,--ja, das sollst Du! Du
sollst nach dem heißen, der mich angeblickt hat, daß ich Mut bekam!"
Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm!
Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heißt.
Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit
brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Jörgen war nicht zu sehen.

--Als er nachher ins Hotel kam, ließ sie sich verleugnen; und doch hatte
er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon
wisse man nichts.

Er mußte gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren.

Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehören?
Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in
die Hände, damit er sein fröhliches Ja bellen solle. Damit war die
Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Jörgen, vermutlich
über diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen.

Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach
Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig
angefahren, ihren frischgewaschenen, gekämmten und parfümierten Hund
neben sich. Jörgen war nicht da.

       *       *       *       *       *

Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke.

Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein
die Verantwortung.

Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen
engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Jörgen zu verheiraten, auf
einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins
Unendliche auszuhalten.

Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur
um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverständlich ihr das jetzt
geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so
dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen
Fleck auf dem Festgewande.

Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort
aufblickte, fügte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir
sagen! Der Abschluß meiner 'Hundegeschichte'!"

Aber was nun?

Sie wußte, was man noch tun konnte. Aber dann mußte man zwei Mitwisser
haben, Jörgen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht
stolz und frei dahinschreiten,--und das mußte sie können.

Ja, was nun?

Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl
erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgänglich Notwendiges,
hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstätte nicht im
Ernst gedacht.

Jetzt war es ernst.

Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch
hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfälschtesten Lebenslust und
Anhänglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie
war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben.

Zum erstenmal weinte sie über sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte
nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich
nicht klar werden, wie es gekommen war.

Der Hund merkte, daß sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Hände und
guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie
trösten.

Da nahm sie ihn auf und beugte sich über ihn, was er als Spiel auffaßte.
Er schnappte nach ihren Händen. Darauf ging sie ein. Die fröhlichste
Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen,
weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhörte, fing er
wieder an.

Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst
mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, daß Dein Name die Neger
befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in
die Sklaverei zu kommen.

"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weißt Du, wenn ich nicht mit Dir
weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie
wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von
einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah
keinen Bekannten. Aber wenn die wüßten--?

Oh, diese gerichtete und getötete Krähe, die Jörgen aufheben wollte, und
vor der sie weglief,--sie wußte gar nicht, daß sie die so genau gesehen
hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren
Augenhöhlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam während dieser
ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los.

Hier draußen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter
mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber
nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Verödung mit dem
allerweißesten Weiß zudeckt und in Wald und Feld willkürlich
Veränderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte
schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein
Ungeheuer, das nach Kampf dürstet.

Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgerührt, die jetzt in
die Gewalt der Naturkräfte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer
fühlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen,
bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie mußte sich vorher ins Wasser
stürzen.

Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor
sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie
konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, daß es mit
Jörgen aus sei. Er würde das nicht ertragen können.

Wenn sie statt zu reden--verschwände?! Du ewiger Himmel; das würde ihn
auf der Stelle töten.

Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein
bißchen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.--

--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, daß sie zu weinen
anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl
nicht viele gegangen. Selbst die Freudensprünge des Hundes, als er
festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach
oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man möge ihren Vater
und Frau Dawes benachrichtigen, daß sie wieder da sei. Das kleine
Mädchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht
angenehm, daß Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte;
aber sie sagte nichts.

Sie sah sehr angegriffen aus. Daß sie geweint hatte, war deutlich zu
sehen.

Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, daß es
nicht gut stehe. Wenn er es nur überstände! Sie mußte ihm dann schnell
auseinandersetzen, daß die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und
daß Jörgen das Vermögen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um
sich daraufhin zu verheiraten. Sie müßten auf Onkel Klaus warten.

Wenn sie weinen mußte, und das mußte sie sicher, so müde und verzagt,
wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung für das nächste Mal.
Wenn er es nur überstände.

Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er
Unheil und ängstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen.

Sie zitterte, als sie vor der Tür stand. Nicht bloß aus Angst vor ihm,
nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und
sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.--

Aber das Leben ist manchmal barmherzig.

Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief.
Die Pflegerin stand draußen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen,
wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tür
zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam,
stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das
Mädchen brachte nämlich das Mittagessen für den Kranken; das holte die
Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, daß sie es heute nicht hatte
tun können, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf
der Treppe abnehmen.

Gerade in diesem Augenblick öffnete Mary die Tür zu ihres Vaters Zimmer.
Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie
zukam und flüsterte: "Er schläft, gnädiges Fräulein!"

Der Hund aber kümmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die
Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz
des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze
ihm in die Augen starrte. Sie öffneten sich weit und schweiften voll
Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand
bleich und wie gelähmt vor Schreck in der Tür. Er wandte den Kopf nach
ihr hin, seine Augen blieben an ihr hängen, es kam ein Seherblick in
sie. Dann sank der Kopf zurück.

"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett
hin und eilte zu ihm.

Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie
sich mit einem herzzerreißenden Schrei über ihn. Der fand im Zimmer
nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie
ohne Bewußtsein. Sie kam nachher so weit zu sich, daß sie die Zunge
bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das
keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiß auch bald
aus. Der Vater war tot.

Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren
Händen. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht
schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getötet! Es hieß:
fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag
beistimmen, daß ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt,
ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der
Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "daß ich
nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht
getötet,--oder doch?"

Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschläge und verließ sie
nicht. Auch er versicherte, es gelte!

Erst als die kleine Nanna am andern Morgen früh mit dem Hunde zu ihr kam
und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen.

Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon strömte eine
so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so
herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrückt, daß ihre
Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefühl, diese Bewunderung für ihren
Vater und der innige Wunsch, sie zu trösten und zu stärken, halfen ihr.
Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen
erfuhr sie, daß auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut,
es ihr zu sagen. Aber die große allgemeine Teilnahme half ihr auch
darüber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle außer
ihr hatten gewußt, daß sie die beiden verloren hatte, und daß sie nun
ganz allein stand.

Am meisten erschütterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden
Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem großen Schmerz
das Bewußtsein trösten kann, daß Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme
über mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du
wünschst! Treulich Deine Alice."

Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte.

Auch Jörgen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nützlich sein
oder Dich trösten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und
verzweifelt."

Die gleiche rührende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim
Begräbnis, das drei Tage später stattfand. Man hatte es um Marys willen
möglichst früh angesetzt.

Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice.
Frische norwegische Blumen.

Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus
war von Blumenduft erfüllt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe
breitete sich über die Schlummernden.

Sie war nicht unten; sie mochte die Särge und die Blumen und die
Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die
weither kamen, Erfrischungen gereicht.

Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und
unten an der Kapelle war ein noch größerer Andrang.

Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnädigen Fräulein hinaufkommen dürfe.
Sie ließ ihm danken, sagte aber nein.

Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begrüßen
dürfe. Er hatte ein rührendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er
ihr irgendwie behilflich sein könne. Außerdem war der Kranz von ihm so
großartig,--wie die Dienstboten versicherten--daß man auch den nach oben
gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle.

Sie sagte ja. Und herein kam der große Mann im schwarzen Anzug,
schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und
sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem
Bett stehen, da setzte er sich auf den nächsten Stuhl und brach in
Tränen aus. Es klang, als wenn in einer großen Uhr die Feder springt und
das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner
Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich über sich selbst
entsetzte. Er sah nicht auf.

Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er
ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch
schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt
ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tür machte er
nicht hinter sich zu. Sie hörte ihn schluchzen den Flur entlang und die
Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf.

Mary war ergriffen. Sie wußte, ihr Vater war sein bester, vielleicht
sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, daß das Weinen nicht nur
ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue.
Sonst wäre er unten am Sarge geblieben.

Die schöne Glocke der Kapelle begann zu läuten. Der Hund, der den ganzen
Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben müssen und sehr unruhig gewesen war,
stürzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die
Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm.

Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber
wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Särge
wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank
Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah
sie nichts.

Sie lag auf dem Bett, das Glockengeläute schnitt ihr ins Herz; sie hatte
das Gefühl, es müsse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne
verwirrten sich immer mehr; sie war überzeugt, ihr Vater habe, als sie
in der Tür stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau
Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, große Liebe ihres
Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem
weißen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die
Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darüber
schlief sie ein.

Aber als sie aufwachte und draußen und drinnen keinen Laut hörte,--das
Haus war leer ... da faltete sie die Hände und sagte halblaut: "Es war
das beste für uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns."

Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner
mußte ihn hinausgelassen haben, während sie schlief.

Das genügte, um wieder in Tränen auszubrechen. Perle auf Perle aus der
unerschöpflichen Schmerzensquelle rann ihr über Wangen und Hände, wie
sie so dalag und den schweren Kopf stützte.

"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich
allein."

       *       *       *       *       *

Entscheidung


Am nächsten Tage ging sie zu den Gräbern hinunter. Ihr Schmerz wurde
durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.

Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres,
da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl
die Gräber geschmückt zu werden. Da das rechte Nachbargehöft früher zu
Krogskog gehört hatte, hatten die Leute hier ihren Begräbnisplatz. Die
Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmücken, und der alte
Wolfshund hatte sie begleitet. Natürlich flog Marys kleiner Pudel
treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte
Hund nach einer umständlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen
Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde
leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, daß er ihn an den Ohren
zerrte und ihn in die Beine biß, ja, er legte sich vor ihm nieder und
spielte den Überwundenen. Mary machte das solche Freude, daß sie die
Frau ein Stück begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafür
belohnt; denn sie hörte warme Lobesworte über ihren Vater und einen
Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen
worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.

Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause
ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter ähnlich? Ist irgend etwas in
mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?

Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.

Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes,
liebes Patenkind, Fräulein Mary Krog."

Daß er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie
gesagt; wahrscheinlich wußte er es gar nicht.

Onkel Klaus schrieb:

"Es gibt Gefühle, die zu stark für Worte sind, zumal für geschriebene.
Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir
schriftlich mitzuteilen,--weil ich es mündlich nicht konnte,--daß ich an
demselben Tage, da mein unvergeßlicher Freund, Dein Vater, starb, und
Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein
zurückbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt
habe.

Mein Vermögen ist bei weitem nicht so groß, wie allgemein angenommen
wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist
schließlich doch genug für uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und
nicht Jörgen. Ich gehe nämlich davon aus, daß Ihr jetzt heiratet.

Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie
ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das
Testament geöffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind
wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso
bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trägt zurzeit so gut wie
keine Zinsen.

Dein Pate Klaus Krog."

Mary antwortete sofort:

"Mein lieber Pate!

Dein Brief hat mich tief gerührt. Ich danke Dir von ganzem Herzen.

Aber Dein großes Geschenk darf ich nicht annehmen.

Jörgen ist doch Dein Pflegesohn, und ich möchte ihm in keiner Weise im
Wege stehen.

Du darfst mir das nicht übelnehmen. Ich kann unmöglich anders handeln.

Über Frau Dawes' Testament werde ich später meine Bestimmungen treffen
und sie Dir dann mitteilen.

Deine dankbare

Mary Krog."

Als sie den Brief fertig hatte, hörte sie einen Wagen vorfahren. Gleich
darauf wurde ihr eine Visitenkarte überbracht; darauf stand: Margrete
Röy, cand. med.

Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel
abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhöhte Marys Spannung
beträchtlich, so daß sie, als die hohe, kräftige Frauengestalt mit den
guten Augen in der Tür stand, blaß wurde und zitterte. Sie merkte, was
das auf die guten Augen für einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes
Mitgefühl über sie hinströmten. Als kennten sie beide sich seit vielen
Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und
weinte. Margrete Röy zog das unglückliche Mädchen warm an ihre Brust.

Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland
gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darüber mit jemandem
gesprochen?"--Margrete Röy erklärte ihr, sie habe es von der Pflegerin
erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe,
weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran
gedacht."

"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann
es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir
selbst gekommen." Margrete Röy wurde verlegen. Das sah Mary, oder
richtiger, sie fühlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte
sie. "Ja. Ich wollte hören, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann,
dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie
denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an.
Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fügte sie hinzu. Sie
war ganz schüchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich
nun aufdringlich vor. "Ich weiß, Sie meinen es gut", antwortete Mary.
"Es kann ja sein, daß ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich
nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann
müssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Mißverständnis."
Fräulein Röy stand auf.

Mary hatte das Gefühl, sie müsse sie zurückhalten; aber sie hatte nicht
die Kraft. Erst an der Tür vertrat sie Fräulein Röy den Weg. "Ich möchte
in den nächsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fräulein Röy." Sie
sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fühle ich mich nicht
kräftig genug", fügte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch
angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie
vielleicht Gebrauch machen können. Es ist das beste Kräftigungsmittel,
das ich kenne."

Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berührte. Sie dankte ihr
herzlich.

"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir
willkommen sein."--"Ja," sagte Mary errötend, "es ist Ihnen doch nicht
unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete
Röy; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann
wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Tränen. "Wenn
Sie mich nur verständigen, komme ich hin."

Acht Tage später kam sie.

In einem wütenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend
nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so daß Dampfer
verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mühe. Und bei der Stadt mußten
sie Halt machen.

Margrete Röy war höchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die
Nachricht erhielt, sie möge in das Krogsche Haus am Markt kommen.

Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es
ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine
breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der
alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter
unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen
Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich
und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy
wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich
vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach
so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete.

"Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch
überzeugt, daß Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine
Weile, bis Mary sagte: "Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?"--"Was für
ein Mensch er ist?"

"Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen
können."--"Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis
verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie
denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete
rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary
nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer
nicht würdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen
etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er
erzählen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte
Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt",
antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und
sie fügte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania
habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war!
Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten,
gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht
gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen
konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein
warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie
konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab
sie sich ihm hin."

Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen,
hielt aber inne.

"Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei
dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse
herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiß in solchen
Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog."--Mary schüttelte den
Kopf.--"Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis
losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen
an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und
Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich
als unmöglich heraus."

Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort
steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine
Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder.
"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja,"
sagte sie, "ich bin ja älter als Sie,--auch älter als er. Aber--zu
meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in
ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte.

Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen
peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie
mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in
das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und
unruhig vor Margrete hin.

"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber
wir heute geredet haben?--Unter keinen Umständen?"--Margrete sah sie
verwundert an: "Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen
Thiis gefragt haben?"--"Ich wünsche absolut, daß keiner es
erfährt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie
verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam
eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht
würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren,
daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen
Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem können Sie es
sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fügte sie langsam hinzu. "Es ist
mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war
nämlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen
zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir."--"Das
will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem
Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit
sich. "Ich bin eine von den Unglücklichen," sagte sie, "die ihr eigenes
Leben nicht ins Lot bringen können,--nicht das, was geschehen ist. Ich
kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil
daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht.
Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das
Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie
förmlich nach ihr. "Herrgott, was für ein Wetter", sagte Margrete mit
lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte
Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in
diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!"
antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte
sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie
hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre
Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft
reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter
niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein
müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend
und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank
auf die Schulter der Freundin.

Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn
Margrete hatte ihr zugeflüstert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!"

Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand
auf; sie fühlte, hier war nichts mehr für sie zu tun.

Mary tat auch nichts, um sie zurückzuhalten. Sie war auch aufgestanden,
und so sagten die beiden sich Lebewohl.

Aber als Margrete an der Tür stand, konnte sie doch nicht umhin, noch
einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle
sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache."

Da ging Margrete.

        *        *       *       *       *

Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte
sich bei den Windstößen nur mühsam aufrechthalten, die sich von
Südwesten her zwischen den Häusern durchpreßten. Sie hatte einen
wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schließende,
wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige
Vorstellung war von dem Gespräch mit Margrete Röy in ihr
zurückgeblieben. Aber die jagte sie vorwärts, die peitschte ihr mit dem
Regen zusammen in den Rücken:--Margretes entsetzte Augen und ihr
bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's
mir!" Himmlischer Vater, sie wußte es! So würden alle sie ansehen, wenn
sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttäuscht und gekränkt in
ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als
fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krähenschwarm! Sie stürmte dahin und war
außerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draußen, wo keine
Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mußte eine Weile
stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht
vorwärts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite.

Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie
noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit
wurde über ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt
bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze
Zeit über geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst
gestern aufgemacht. In dem Paket war ein großer schwarzer Schleier, in
den sie sich und ihre Schande einhüllen konnte, der Schleier des Todes.
Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter
einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die
Geschichte einer Großtante erzählt worden, die es hatte verheimlichen
wollen, daß sie während der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden
und deshalb heimlich Abend für Abend mit bloßen Füßen auf dem eiskalten
Fußboden umhergelaufen war. Sie hatte den natürlichen Tod sterben
wollen, der die Folge davon sein mußte. Dann wüßte keiner, daß sie sich
das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus.

Aber irgendeiner hatte sie Nacht für Nacht so auf und ab gehen hören;
daher kam es doch heraus.

Das wollte sie jetzt besser machen!

Die Schwäche, die vor Margrete so unerwartet über sie gekommen, war
völlig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben.

Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben
ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und
so beängstigend nahe, daß sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie
durch das Toben der Elemente zu hören meinte, es komme hinter ihr
hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb
das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte
auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser
Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem
ändern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu,
das sie verfolgte: es wieherte gutmütig,--es war ein junges Pferd. Es
war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie
streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruß des Lebens, ein
Verlassener, der eine Verzweifelte tröstete. Aber als es weiter mitging,
lieferte sie es auf dem nächsten Bauernhof ab. Sie mußte allein sein.
Die Leute waren höchlichst erstaunt. Daß jemand in dem Wetter draußen
war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins
Dunkel hinaus.

Das kleine Ereignis hatte sie gestärkt; sie wußte jetzt, daß sie Mut
hatte. Und rasch schritt sie vorwärts.

Sie mußte jetzt über den ersten Hügel, den der Weg durchquerte. Ob es
wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm beständig
zu. Er mußte doch bald seinen Höhepunkt erreicht haben. Aber für sie lag
all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft.
Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben.

Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr
Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind töten
ließ. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben
ohne Selbstachtung.

Wenn ein Bewerber käme--und sicher kämen jetzt genau so viele wie
früher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es
gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen
untergehen. Zu nichts anderem fühlte sie sich fähig. Aber das mußte so
geschehen, daß keiner etwas merke. Sie mußte an einer Krankheit sterben;
also hieß es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen.

Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so
sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jörgen hineinging, daß sie nicht
deswegen unglücklich zu werden verdiene.

Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war
gewiß auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine
Handlung, deren sie sich nicht schämte. Sie war es sich selber schuldig,
mit dem unverkürzten Mitgefühl aller zu sterben, die sie je gekannt
hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen
hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs
Spiel gesetzt.

Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fürchterliche Kampf, der
hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als
wollten alle Mächte der Welt ihr die Selbstachtung entreißen und sie
verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in
wachsender Empörung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprühten
sie meterhoch auf. Die allerhöchsten kamen mit den letzten, schneidenden
Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der
Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch
die Macht des Luftdrucks herunterreißen. Obschon der Regenmantel die
Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom
Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!"

Aber das rasende Schäumen der Wogen schüchterte sie nicht ein, sich
schuldig zu fühlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die
Eisenstange treiben und vielleicht gar hinüber. Sie bückte sich, ja sie
mußte bei den schlimmsten Stößen stillstehen; aber dann ging's wieder
weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht
her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!"

Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und
von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war
einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das
Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll
stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die
Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm
mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben
stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden
Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder
in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten,
so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge
Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und
selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener
Kraft; an ihr prallte alles ab.

Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene
einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins
Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach
nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu
trotzen, der meiner harrt.

Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten
Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde.

Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde
allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen;
die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus
Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das
hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter
Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten,
hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit
den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen
zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest;
aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind
also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus.
Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung
nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um
das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um
die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz
verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann
auch nach dem Grunde forschen.

Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen.
Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war
ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter.

Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte
sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so
untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel
nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer
Menschen sieht.

Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam
kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu
holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte
weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel
heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf
dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht
gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater
gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie
konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben
mehr ohne ihn.

Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.

Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu
überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es
das letztemal war; aber auch ohne Bangen.

Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren
Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark
von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen,
die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern
der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken
schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen
sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern
setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein
Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu
freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog
betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern
Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den
Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke
abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein
paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen;
mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst
als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und
erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die
Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.

Sie mußte sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um
eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause
gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Hätte
das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was
nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann träfe
das Fieber die Schuld.

Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe
sich alles in ihr zusammen, und eine Gänsehaut überlief sie. Vor dem
Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmußte, hatte sie
Angst. Huh, hier dicht bei war gewiß schon Eis. Sie mußte mit den
nackten Füßen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die
Strümpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner
Verdacht schöpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen
Herzkrampf bekäme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber
wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mußte
auch die Unterkleider anbehalten. Aber würden die bis zum nächsten
Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mußte
zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mädchen hereinkam. Wenn
sie dann nur noch bei Bewußtsein war! Sie war nie krank gewesen; sie
wußte nicht Bescheid damit.

Als sie in diese langen Überlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel
aufgeknöpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mußte, geschah das
Unerwartete, daß sie ganz unwillkürlich statt dessen mit dem Kleide
anfing und es oben am Halse aufknöpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter
hing. Da zitterten ihr die Hände, und auch ihren Körper überlief ein
Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre
nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rührte das Zittern
nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie
mußte es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergäße! Nein, sie
wollte es gleich in die Tasche stecken.

--So!--

Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hörte sie feste Schritte auf der
Landungsbrücke, die näher und näher kamen. Das Zittern hörte auf;
instinktiv knöpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz,
ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause
keinesfalls.

Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tür flog auf, eine
mächtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der
Kapuze ragte über die Türöffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne
leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stieß einen heftigen Schrei
aus,--es war Franz Röy.

Da überkam sie eine Ohnmacht, daß sie dem Umsinken nahe war; aber sie
wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hörte die
Tür ins Schloß schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und
fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts.

Aber am Ende der Landungsbrücke kam sie wieder zu sich; das merkte er.
Bald hörte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf
ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter
und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den
andern Arm zärtlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, daß Sie
hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!"

Die Stimme, diese Stimme legte sich zärtlich um sie. Aber sie wehrte
sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch,
dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag'
ich! Das ist unwürdig!" Sie riß sich so heftig von ihm los, daß er sie
anders fassen mußte, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit tränenerstickter
Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, daß er
über mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie mögen sich losreißen, soviel
Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen,
so lasse ich Sie überwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner
Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das
tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mächtig."

Etwas Törichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Aber sie
wollte mit ihm nicht darüber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie
meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir
wollen alles für Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie
nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann
sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht
die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an.

Da blieb Franz Röy stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner
Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie,
dann trüge ich Sie? Für mich sind Sie das Feinste, das Schönste, was ich
kenne. Darum trage ich Sie. Sie mögen getan haben, was Sie wollen--ich
weiß, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefühl heraus getan; anders
können Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar
geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind
Sie doch ja auch unglücklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht
doch irgendetwas sein. Das wäre das schönste, was mir geschehen kann.
Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wünschen. Ich will mit Ihnen
zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den
Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun,
was Sie wollen, wenn Sie nur glücklich dadurch werden. Denn das ist für
mich das schönste."

Er hielt inne, fing aber wieder an:

"Ich habe nicht geglaubt, daß ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie
ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier
stürzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muß ich mich auch
hinunterstürzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher für uns beide
den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte.
Nein, nur daß Sie so unglücklich, so verzweifelt waren. Daß Sie sich für
unwürdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je
etwas Unwürdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen
begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch
konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich
kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Nähe.

"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie können nicht sterben
wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehört haben. Oder doch?" Er hatte sie
schluchzen hören; er hatte gefühlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals
schlang, daß sie seine Worte fast erstickte. Jetzt ließ er sie langsam
zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte,
löste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern
Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner
Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der
Freude.--

--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das
gnädige Fräulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je
dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder
angefragt, ob sie noch nicht da sei.

Das kleine Mädchen war schon mehrmals mit dem Hunde draußen auf der
Treppe gewesen, ohne daß der Hund gebellt hätte. Diesmal aber bellte
er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon.

Im Hause war man in der denkbar größten Aufregung. Keiner fand etwas
Sonderbares darin, daß Unglück und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm
hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr
Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt
das kleine Mädchen hereingestürmt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten
sie alle vor Freude. Sie hatten schon längst warme Zimmer und warmes
Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder
hereingestürmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte
einen Mann reden hören. Da sei gewiß Jörgen Thiis endlich gekommen!
meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige
Männerstimme!"

Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er
winselte, er kläffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar
nicht aufhören. Als Franz Röy mit ihm sprach, begrüßte er ihn wie einen
alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine
zottige Wesen sprühte förmlich Feuer. Es verkörperte die Freude der
Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Grüßen der Toten und der Lebenden.
Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein
Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das
ausgestandene Grauen ganz los werden konnte.

Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen
die sämtlichen drei Mädchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten
in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr
heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Röy etwas
Übernatürliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, daß
gnädiges Fräulein bei solchem Wetter draußen sind! Wie haben wir uns
geängstigt. Die Verwalterin im Stadthause verständigte uns! Im Dorf ist
Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir hätten sonst Hilfe geschickt. Gott
sei Dank, daß Sie wieder da sind!"

Mary verbarg ihre Rührung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in
ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezündet war.

"Ist all diese Liebe und Fürsorge neu? Oder habe ich sie früher nur
nicht beachtet?"

Der Hund winselte solange vor der Tür, bis sie ihn einließ. Seine
Dankbarkeit war so aufdringlich, daß sie sich nur mit Mühe umziehen
konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strümpfe wechselte.

Schließlich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon
ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals.
Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drückte und
küßte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit über den Flur
in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich über sein
Bett und drückte einen Kuß auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber
vor der Tür des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen,
damit es morgen wieder geöffnet werden kann. Dann ist alles Häßliche
weg!" Zu dem Mädchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das
Fremdenzimmer müsse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete
das Mädchen. "Darf ich Fräuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie.
Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen?

Das Mädchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging
auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten
gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder
verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaßen
eine kleine Abzahlung auf das große Dankgefühl, das sie jetzt ganz
erfüllte. "Morgen--heute bin ich zu müde--morgen sage ich Franz Röy
alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich
vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die
Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war.
"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als könnte ich es der ganzen Welt
sagen."

Der Hund stand vor der Tür zu dem holländischen Zimmer; da witterte er
Franz Röy.

Sie ging und machte die Tür auf. Aber kaum stand sie selbst auf der
Schwelle, da rief Franz Röy, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu
schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schön!" Als er den Hund neben
ihr sah, fügte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muß!" Sein
Gesicht leuchtete.

"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin nämlich direkt von einer großen
Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte.

Das brachte sie auf einen Gedanken. Während der Hund an ihrem Kleide riß
und zerrte, blickte sie fröhlich zu Franz Röy auf: "Hier auf Krogskog
hat früher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."--





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Mary, Erzählung" ***

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