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Title: Im Schatten der Titanen - Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
Author: Braun, Lily, 1865-1916
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Im Schatten der Titanen - Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt" ***

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IM SCHATTEN DER TITANEN

Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

von

LILY BRAUN



77.-84. Tausend
Deutsche Verlags-Anstalt/Stuttgart
1918

Mit vier Porträts und zwei
Faksimile-Reproduktionen

Alle Rechte vorbehalten
Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart



Inhalt

                                                            Seite

Einleitung                                                     7


Aus Bonapartes Stamm                                          15

Jerome Napoleon                                               17
Diana von Pappenheim                                          46
Briefe von Jerome Napoleon und Gräfin Pauline Schönfeld
  an Jenny von Pappenheim                                     57


Unter Goethes Augen                                           77

Jennys Kindheit                                               79
Goethe                                                        89
Freundschaft und Liebe                                       106


Der Leidensweg der Mutter                                    237

Im stillen Winkel                                            239
Im Strome der Welt                                           315


Ausleben                                                     343

Wieder daheim                                                345
Dem Ende entgegen                                            378


Anmerkungen                                                  421


Register                                                     427



Einleitung


Im Jahre 1890 starb Jenny von Gustedt, deren Leben diese Blätter
schildern sollen. Sie war die letzte Zeugin einer großen Zeit, ihre
Gestalt war geweiht und verklärt durch Goethes Freundschaft. Unter dem
Titel "Aus Goethes Freundeskreise" gab ich ein Jahr nach ihrem Tode ihre
Erinnerungen und hinterlassenen Papiere heraus. Sie sind auch diesmal
die Grundlage des vorliegenden Buches. Aber es ist nicht dasselbe wie
damals. Es ist äußerlich und innerlich ein anderes geworden. Das gilt
nicht nur in bezug auf die Anordnung des Stoffes, sondern auch in bezug
auf den Inhalt, der sich um vieles bereichert und manchen für die
Öffentlichkeit uninteressanten Ballast verloren hat. Auch die Gestalt,
die im Mittelpunkt des Buches steht, Jenny von Gustedt, meine geliebte
Großmutter, erscheint verändert. Ihr Bild, das die junge Enkelin noch
nicht zu erkennen vermochte, weil sie jenes Sehen noch nicht gelernt
hatte, das sich nur auf den vielverschlungenen Pfaden eigenen Lebens
lernen läßt, dessen Wiedergabe daher mißlingen mußte, weil all die
mannigfaltigen Farbentöne ihr fehlten, die nur durch persönliche
Erfahrungen zu gewinnen sind, tritt jetzt lebendiger hervor. Wie die
Menschheit stets erst nach und nach zu ihren großen Führern heranreift
und ihnen in Geist und Herzen Altäre baut, lange nachdem sie ihre
Standbilder auf ihren Gräbern in Erz und Marmor errichtet hat, so werden
die Toten jedes einzelnen Menschenlebens ihm auch erst mit der Reihe der
Jahre vertraut und wahrhaft lebendig.

Wohl war meine Großmutter mir von klein auf Schutzgeist und Leitstern
des Lebens, bei ihr fand ich Verständnis für alles, was mich bewegte;
fremd war mir die eigene Mutter im Vergleich zu ihr. "Wie mein das Kind
ist, könnt ihr nicht glauben," schrieb sie, als ich kaum fünf Jahre alt
war. Aber erst jetzt, nachdem sie lange in der Erde ruht, nachdem ich
Weib und Mutter geworden bin, nachdem die "Krallen des Lebens", von
denen sie die Narben trug, sich auch mir ins Fleisch geschlagen haben,
verstehe ich sie ganz. Ich weiß nun aber auch, was ich ihr schuldig bin:
Wahrheit. Nicht nur die Wahrheit, die ich erst im Laufe der Jahre
erkannte, sondern auch die, die ich, unter dem Einfluß konventioneller
Familienmoralbegriffe, bei der ersten Ausgabe des Buches zu verhüllen
gezwungen war.

Von Kindheit an verwob sich mir das Bild meiner Großmutter mit dem jener
Titanen, die an der Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts die Welt
beherrscht hatten: Goethes und Napoleons. Wenn andere Kinder, der Ahne
zu Füßen sitzend, den alten trauten Märchen lauschen, die sie erzählt,
so ward ich nicht müde, den Lebensmärchen ihrer Jugend zuzuhören. Von
Weimars Glanzzeit sprach sie mir, von vielen kleinen Dingen und
Erlebnissen, die groß wurden, weil das Licht des Goethenamens sie umgab,
von den Menschen der Zeit, die wie ein anderes Geschlecht von da an in
meiner Erinnerung lebten, von dem Großen, Herrlichen selbst, dessen Haus
ihr eine Heimat war und Zeit ihres Lebens ihres Geistes Heimat geblieben
ist. Als ich älter wurde, war sie es, die mir Goethes Lebenswerk
erschloß; aus dem alten blauen Band der "Iphigenie", den er ihr
geschenkt hatte, tönten zuerst seine Worte an mein Ohr. Schauer der
Ehrfurcht ließen mein Herz erzittern, wie sie dann der Fünfzehnjährigen
den schmalen Goldreif an den Finger steckte, der stets ihr liebstes
Angebinde aus des Dichters Hand gewesen war. Wenige Jahre später,
während einer langen Genesungszeit nach schwerer Krankheit, wo ein
junges Ding, wie sie sagte, so leicht auf törichte Gedanken kommt,
sandte sie mir ihre schriftlichen Aufzeichnungen, für die sie bei ihren
Kindern ein Interesse nicht voraussetzen konnte. Sie schrieb dazu:


Lablacken, 22./11. 1884.

Mein trautstes geliebtes Lilichen!

Die alten Manuskripte, die ich Dir sende, werden Dir vielleicht mehr
Last als Freude sein; sie sind nach Zeit, Stimmung, Schrift und
Abschrift so kunterbunt durcheinander, und jede Sache bedarf fast einer
Erklärung, so daß ich Dein Versprechen hinnehme, Dich und Deine Augen,
Deine Zeit und Deine Gedanken nicht damit zu quälen, sondern sie nur als
leichte Beschäftigung und Anregung zu betrachten. Ich habe, wie Du
weißt, viel verbrannt, so als Braut vier Bände Tagebücher und später
viele Kisten voll oft recht interessanter Briefe, auch die von
Scheidler, meinem Hausphilosophen, wie er sich nannte. Die Briefe an ihn
ließ ich nach seinem Tode von seiner Tochter verbrennen, ebenso bat ich
Holtei und manche andere meiner Korrespondenten darum; ich bedaure es
auch nicht: man liest kaum mehr die schönsten klassischen Werke, wie
wird man alte, vergilbte, schwierige Handschriften lesen! Was übrig
blieb, überlasse ich Dir, mein geliebtes Enkelkind, ganz und gar, Du
darfst mit alledem thun und lassen, was Du willst, ich bin damit, wie
mit Allem im Leben, außer mit meiner fast krankhaften Mutterliebe und
mit meinem immer mehr reifenden Christenthum vollständig fertig, bin
sehr unproductiv, und nur manchmal, wenn die Anregung von außen kommt,
schreibe ich Erinnerungen nieder, die Du später auch haben sollst. Mein
Bestes an Gedanken und Gefühlen legte und lege ich in Briefen nieder.
Die meisten anderen Sachen haben eine Geschichte: Entwicklung, Klärung,
unnütze oder gut ausgenutzte Leiden, von Anderen angeregte
Ueberschwänglichkeiten, von innen verarbeitete Irrthümer. Die Aufsätze
aus Wilhelmsthal hatten persönliche Beziehungen und gehören in die
Kategorie getrockneter, gepreßter Blumen mit leisem Duft und matter
Farbe. Die vier französisch geschriebenen Charakterbilder waren die
Fortsetzung früherer, ebenfalls dem Feuertode geweihter, die unter
Goethes Augen entstanden waren und ihn interessierten. Die Art Novelle
'Gräfin Thara' ist mein letztes Geschreibsel; sie hat mich, mit langen
Unterbrechungen, oft angenehm beschäftigt und sollte eigentlich nur eine
Art Einleitung, ein Faden sein, an den ich Erfahrungen und Ansichten
reihen wollte ...

Die Beschäftigung mit den alten Manuskripten bildete ein neues Band
zwischen uns. Ich bat oft um Erklärungen, die mir mündlich und
schriftlich bereitwillig gegeben wurden, so daß nach und nach zu den
alten Schriften viele neue hinzukamen, auch die Erinnerungen, die sie
auf Anregung des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar, ihres
treuen Freundes, noch in ihrer letzten Lebenszeit niedergeschrieben
hatte.

Einst, als ich wenige Jahre vor ihrem Tode wieder einmal in ihrem
stillen grünen Zimmer bei ihr saß, öffnete sie das wohlbekannte Fach
ihres Schreibtisches, das in seiner vorderen Hälfte für mich immer eine
Fundgrube wunderbarer Dinge gewesen war: Ringe aus Haaren, Broschen mit
geheimnisvoll darin verschlossenen Bildchen, Gemmen und Steine, und
andere Merkwürdigkeiten hatten zu meinem Lieblingsspielzeug gehört, um
das sich tausend Träume schlangen; an einem Miniaturbilde aber, das die
Mitte eines breiten goldenen Armreifens bildete, war mein Blick stets
gebannt hängen geblieben: einen Mann in großer Uniform, mit klassisch
regelmäßigen Zügen und dunklen, leuchtenden Augen stellte es dar. Jerome
Napoleon war es, des großen Kaisers Bruder, jenes Kaisers, den
Großmutters Erzählungen mir immer als einen Riesen der Vorzeit hatten
erscheinen lassen -- nicht als jenen bekannten Kleinkinderschreck aller
guten Preußenkinder, sondern als eine schier übermenschliche Gestalt,
deren Machtgebot eine Welt formte und beherrschte. Aus der hinteren
Hälfte des Fachs, das alle diese Wunderdinge enthielt, zog Großmutter
ein sorgfältig verschnürtes Paket hervor und gab es mir. "Bewahre es mit
dem übrigen," sagte sie, "damit es, wenn ich sterbe, nicht vernichtet
wird." Es enthielt Briefe des einstigen Königs von Westfalen an sie, die
geliebte Tochter aus seinem heimlichen Liebesbund mit einer ihm immer
unvergeßlichen Frau. Wohl hatte ich schon lange von Großmamas Herkunft
reden hören, als Kind schon hatte man mich meines Ahnherrn wegen
verhöhnt, und wenn ich an Eltern und Verwandte schüchterne Fragen nach
ihm zu richten wagte, so wurden sie rot und schalten mich; ich wußte nie
recht, ob ich stolz sein oder mich nicht vielmehr seiner schämen sollte.
Seine Briefe erst lehrten mich ihn lieben.

Als Großmama gestorben war und ich ihre Erinnerungen der Öffentlichkeit
übergeben durfte, war es selbstverständlich meine Absicht, ihrer
Herkunft der Wahrheit gemäß zu gedenken. Aber die engere und die weitere
Familie, in deren Mitte ich lebte, entrüstete sich nicht wenig über mein
Vorhaben; sie sah ihre Ehre dadurch bedroht, die Stellung ihrer
Mitglieder in Staat und Gesellschaft gefährdet. Und ich, der Bande des
Bluts noch gleichbedeutend erschienen mit Banden des Geistes und
Herzens, fürchtete, sie durch Widerspruch zu zerreißen, und gehorchte.
Daß dieser Gehorsam der Familie gegenüber durch eine Lüge vor der
Öffentlichkeit erkauft wurde, daran dachte niemand. Nur mich quälte sie,
und in der Empfindung, daß eine Zeit kommen werde, in der ich mein
Unrecht gutzumachen vermöchte, bewahrte ich sorgfältig die Briefe
Jeromes und weigerte mich wiederholt, sie zu vernichten. Indem ich sie
nunmehr der Lebensbeschreibung meiner Großmutter einfüge, glaube ich ihr
gegenüber eine Pflicht zu erfüllen. Und noch mehr vielleicht bin ich
ihrem Vater die Veröffentlichung schuldig: nicht nur, daß sie seines
Blutes war, zeigt sich darin, sondern auch, daß er es wert gewesen ist,
diese Tochter zu besitzen.

Sein Name hat in Deutschland keinen guten Klang: der widerlichste
Klatsch, dessen Geifer zur Höhe eines Napoleon, auch als er ein
gestürzter Riese war, nicht heraufreichte, hielt sich dafür an seinen
Brüdern und Schwestern schadlos. Halb Wüstling -- halb Schwachkopf -- so
lebt Jerome in der Tradition der Nachkommen jener Deutschen, die sich zu
seinem Hofe drängten, die von seiner allzu freigebigen Hand Titel und
Würden, Vermögen und Grundbesitz dankbar entgegennahmen. Seine Briefe an
meine Großmutter haben mich veranlaßt, ihn selbst in seinen Memoiren und
seinem Briefwechsel, seine Familie, seine Zeitgenossen und die
objektive Geschichtschreibung zu Rate zu ziehen, um seine wahre
Erscheinung dadurch kennen zu lernen. Nur sehr wenig sieht sie der
traditionellen gleich. Das auch vor der Öffentlichkeit festzustellen,
das Bild seiner Persönlichkeit zu reinigen von dem Schmutz, mit dem man
es beworfen hat, es in seiner Güte und Liebenswürdigkeit, wie in seiner
erschütternden Tragik auferstehen zu lassen -- wurde mir zum
Herzensbedürfnis. Und da es stets einer der schönsten Züge meiner
Großmutter gewesen ist, der Verleumdung zu steuern, wo sie ihr
begegnete, glaube ich um so mehr in ihrem Sinne zu handeln, wenn ich in
diesem Buche der Schilderung ihres Vaters Raum gewähre.

Unklar mußte leider das Bild ihrer Mutter bleiben. Wie sie auf jedem
ihrer Porträte eine andere ist, so ist auch ihr Wesen nicht
festzuhalten. Die Geliebte Jeromes wurde als ein so dunkler Fleck in der
Familiengeschichte betrachtet, daß man versuchte, ihn so sehr als
möglich zu verwischen. Ihr letzter Brief an ihre Tochter ist das einzige
persönliche Zeichen ihres Daseins, das mir erhalten blieb. Was sonst
wohl vorhanden sein mag, schläft wahrscheinlich unter dem strengen
Schutze der Prüderie in Rumpelkammern und Familienarchiven den Schlaf
des Todes. Auch die anderen Briefe, die ich dem Buch neu einverleiben
konnte, sind an Umfang geringer, als es unter anderen Umständen hätte
sein können. Sehr vieles mag der Vernichtung anheimgefallen sein, und
die verschlossenen Familienschreine und fürstlichen Hausarchive, wo sich
z. B. die Briefe an die Kaiserin Augusta, an die Herzogin von Orleans,
an den Großherzog Karl Alexander und an andere finden dürften, öffnen
sich mir nicht mehr. Wo es geschah -- was ich nicht unterlassen will,
dankbar zu erwähnen --, wie im Goethe-Schiller-Archiv und im
Familienarchiv der Bonapartes, hat sich nichts gefunden.

       *       *       *       *       *

Für eine Zeit, wie die unsere, die ihrer selbst in all ihrer
verständigen Nüchternheit überdrüssig wurde, ist es charakteristisch,
daß sie der Vergangenheit nachspürt, verborgene Schätze wieder ans Licht
befördert, Toten neues Leben einflößt und ewig lebendige, die für sie
lange verschollen waren, wieder auf sich wirken läßt. Viele sehen nichts
anderes darin als ein Zeichen der Dekadenz, des Absterbens, weil es an
alte Menschen erinnert, die mit steigenden Jahren immer mehr in der
Erinnerung leben. Mir scheint, daß es vielmehr ein Zeichen neuen,
werdenden Lebens ist, dem freilich, wie immer im Herbst, ein Absterben
des alten vorangehen muß. Denn Sehnsucht drückt sich aus darin, und
Sehnsucht ist immer etwas Junges, dem Erfüllung folgen muß. Diese
Sehnsucht aber möchte dieses Buch nähren.



Aus Bonapartes Stamm



Jerome Napoleon


Wo alte Linden ihre Kronen breit und stolz gen Himmel wölben, ihre weit
ausladenden Äste nach allen Richtungen auseinanderstrecken, da hat nicht
nur die innere Lebenskraft sie zu so vollkommener Entwicklung befähigt,
da hat die Natur ihnen auch den freien Raum gewährt, der solches Wachsen
ermöglicht. Ihre jüngeren Geschwister und ihre Nachkommen erreichen
niemals die Höhe und Stärke der Großen über ihnen: sie genießen ihres
Schutzes, sie atmen dieselbe Luft; der Blütenreichtum, den der Sturm
abweht von denen da droben, fällt duftend auf ihre jungen Häupter, aber
mit ihrem vollen Strahlenkranz krönt sie die Sonne nicht -- im Dämmer
stehen sie, im Schatten der Titanen. Und das Zeichen ihres Lebens im
Schatten verlieren die Epigonen nie ...

Am 9. November des Jahres 1784, einem rauhen Spätherbsttage, brachte
Lätitia Bonaparte das letzte ihrer zwölf Kinder zur Welt: Jerome.
Fünfzehn Jahre früher, als die Hochsommersonne über Ajaccio brannte und
Herz und Geist der blühend schönen jungen Frau erfüllt war von den
Kämpfen um Korsikas Freiheit, die sie, hoch zu Roß, ihrem Gatten zur
Seite, das schlummernde Leben in ihrem Schoß, mitgekämpft hatte, war ihr
zweiter Sohn geboren worden: Napoleon. Ihn trieb der strenge Vater und
das rauhe Schicksal früh aus dem Schutz des Elternhauses; arm und
unbekannt mußte er sich schon als Knabe aus eigener Kraft die Stellung
schaffen. Anders Jerome. Sein Vater starb, als er ein Jahr alt war;
seine Mutter, seine Geschwister, allen voran der ernste Bruder, der, als
sei es selbstverständlich, an Stelle des Oberhauptes trat, umgaben das
reizende Kind mit den zierlichen Gliedern und den großen lachenden Augen
mit zärtlicher Liebe. Bis zu seinem dreizehnten Jahre blieb es bei der
Mutter, während schon der Stern Napoleons immer leuchtender aufging über
der Welt. Als dann das Kollegium von Juilly den jungen Jerome aufnahm,
war er nicht ein neuer, fremder Schüler wie andere, sondern der Bruder
des großen Napoleon, dessen Triumphe jedes französische Herz höher
schlagen machten; Lehrer und Kameraden, stolz, einen desselben Blutes
unter sich zu haben, begegneten ihm mit liebevoller Bewunderung.[1]

Von den Ferien in Paris bei Frau Lätitia in der Rue de Rocher oder in
dem kleinen Hause in der Rue Chantereine, wo Josephine ihn mit Zeichen
der Güte und Verwöhnung überschüttete,[2] kehrte er, erfüllt von
Schlachtenbildern und Siegeshymnen, in die Schule zurück. Und welche
Gefühle des Stolzes und der Begeisterung, welche Träume von Ruhm und
Glanz mußten den Fünfzehnjährigen bewegen, als Napoleon, von seinem
ägyptischen Märchenzuge heimkehrend, das jubelnde Frankreich durchzog.
Dieser Soldat von 30 Jahren, der Österreich unterworfen, England
erschüttert, Venedig gedemütigt und Italien erobert hatte, war sein
Bruder! Europa zitterte vor ihm; vor Jerome aber wandelte sich der
ernste Heros zum zärtlichen der Väter. Unter der Wohnung des ersten
Konsuls wurden dem Knaben seine Zimmer angewiesen. Er erfreute sich hier
der vollkommensten Freiheit, und selbst alte, graue Männer, die
Napoleons Zärtlichkeit für den jungen Bruder sahen, beugten den Nacken
vor ihm.[3] Seine Wünsche blieben selten unerfüllt; zwischen einer
Familie, die immer bereit war, seine Streiche zu verzeihen, und einem
Hof, dessen ständiges Amüsement sie waren, konnte Jerome seinen
Phantasien freien Lauf lassen.[4] Er war schön und graziös, voll
sprühenden Temperaments und lachenden Leichtsinns; alles Schöne
entzückte ihn, und sein Bedürfnis, das Glück, sein Lebenselement,
überall um sich zu fühlen, machte ihn verschwenderisch, wenn es galt,
Freunde zu erfreuen, Unglücklichen beizustehen. Ein liebenswürdiges
Glückskind -- so erschien er auf den ersten Blick. Er wäre es gewesen,
wenn nicht jene allzu häufige Begleiterscheinung der Güte -- Schwäche
denen gegenüber, die er liebte -- und die Familieneigenschaften der
Bonaparte --trotziger Stolz und verzehrender Ehrgeiz -- der lichten
Helligkeit seines Bildes die tiefen Schatten hinzugefügt hätten. Zwei
seiner Jugenderlebnisse sind bezeichnend für diese Seiten seines
Charakters.

Mit fünfzehn Jahren kannte er keinen heißeren Wunsch, als Napoleon in
den italienischen Feldzug zu begleiten. Seine Freundschaft für seinen
Spielkameraden Eugen Beauharnais verwandelte sich in einen nie ganz
überwundenen Haß, als der Wunsch diesem, dem älteren, gewährt, ihm aber
abgeschlagen wurde. Er blieb teilnahmlos und finster angesichts der
Siegesnachrichten und war der einzige, der den heimkehrenden Sieger zu
begrüßen sich weigerte und, von ihm aufgesucht, all seiner Zärtlichkeit
gegenüber eisig blieb. "Was soll ich tun, um dich zu versöhnen?" fragte
lächelnd der Held den jungen Trotzkopf. "Den Säbel von Marengo schenke
mir!" rief dieser. Sein Wunsch ward erfüllt, und unzertrennlich blieb er
bis zum Tode von der Waffe des Bruders.[5]

Ein Jahr später wurde er Soldat; im gleichen Regiment diente der Bruder
Davouts. Auch dessen Brust schwellte der Stolz, und er begegnete dem
Kameraden hochmütiger als dieser ihm. Einer von uns ist zuviel in der
Welt -- dieser Gedanke beherrschte Jerome mehr und mehr. Er forderte
Davout zum Duell, einem Duell ohne Zeugen bis zur Abfuhr. Sein Gegner
schoß ihn in den Unterleib, wo die Kugel sich an einem Knochen platt
drückte und dort liegen blieb, bis sie sechzig Jahre später bei der
Autopsie der Leiche gefunden wurde.[6] Schon damals also schien jene
dunkle Prophezeiung sich zu bewahrheiten: daß kein Bonaparte von einer
Kugel fällt -- jene Prophezeiung, die ein Unterpfand des Glücks zu sein
schien, und deren Erfüllung schließlich das Unglück erst vollenden half!

Inzwischen hatte Europa sich merkwürdig verwandelt: als wäre die Alte
Welt nichts als weiche, gefügige Masse in der Hand des Bildhauers
Napoleon. Er allein war es aber auch, der die Stelle zuerst empfand, wo
sie seiner Absicht harten Widerstand leistete. Das britische Inselreich
mit seiner meerbeherrschenden Macht war das Gespenst, das er drohend vor
sich sah und nicht zu fassen vermochte. Darum setzte er alle Kräfte
daran, die französische Flotte auszubauen und kriegstüchtig zu machen,
darum suchte er für die Marine sorgfältig die besten Männer aus. Seine
Liebe zu Jerome, seine große Meinung von den Fähigkeiten des Bruders
konnte er nicht besser beweisen als dadurch, daß er ihn zum künftigen
Admiral bestimmte. Hier, so glaubte er, sollte seine tollkühne
Tapferkeit und seine Abenteuerlust das rechte Feld finden. "Nur auf dem
Meere," so schrieb er an Jerome, "ist heute noch Ruhm zu erwerben. Lerne
was Du irgend kannst, dulde nicht, daß irgend jemand es Dir zuvortut,
suche Dich bei allen Gelegenheiten auszuzeichnen. Denke daran, daß die
Marine Dein Beruf sein soll."[7] Mit erstaunlicher Leichtigkeit fand
sich der verwöhnte siebzehnjährige Jüngling in den anstrengenden
Schiffsdienst, den ihm der Konteradmiral Gauteaume auf Napoleons
ausdrücklichen Befehl auferlegte. Die Flotte, die dieser im Verein mit
Salmgunt zu befehligen hatte, war für Ägypten bestimmt; die
Ungeschicklichkeit der Führer machte die Expedition zu einer völlig
zwecklosen. Jerome entgingen die Gründe nicht; sein Blick dafür wurde
durch den Ärger über die Situation, die es ihm unmöglich machte, sich
auszuzeichnen, noch geschärft. Er kritisierte scharf die beiden
Admirale, deren gegenseitige Eifersüchteleien sie am Vorgehen hinderten.
"Gibt es etwas Jämmerlicheres," schrieb er, "als um lächerlicher
Prätentionen willen eine große Sache zu gefährden? ... Wie gefährlich,
zwei Menschen zusammenzuspannen, von denen der eine nicht zu befehlen,
der andere nicht zu gehorchen versteht."[8] Mag sein, daß diese
freimütige Kritik seiner Vorgesetzten, die eine Kritik seines Bruders in
sich schloß, diesem zu Ohren kam und, ihm selbst vielleicht unbewußt,
dazu beitrug, Jerome mit anderen Augen anzusehen. Die großen
Tatmenschen haben mit den Mondsüchtigen eins gemein: sie vertragen es
auf ihrem gefährlichen Wege nicht, angerufen, gestört oder gar gewarnt
zu werden.

Unter dem Admiral Villaret-Joyeuse hatte Jerome Gelegenheit, sich auf
St. Domingo und Haiti im Kampfe gegen Toussaint Louverture
auszuzeichnen. Das gelbe Fieber, das ihn mit äußerster Heftigkeit
packte, trieb ihn auf kurze Zeit nach Frankreich zurück, von wo aus er
dann im Jahre 1802 zur Vollendung seiner seemännischen Ausbildung nach
den Antillen ging. In Martinique war sein ehemaliger Chef,
Villaret-Joyeuse, Gouverneur, ein ehrgeiziger Schmeichler, der sich die
Gunst des ersten Konsuls am sichersten durch die Gunst seines jungen
Bruders zu gewinnen glaubte. Er ernannte Jerome, den Achtzehnjährigen,
der kaum ein Jahr des Seedienstes hinter sich hatte, zum Kapitän des
"Epervier".[9] Als selbständiger Führer des eigenen Schiffes sollte er
nach Frankreich zurückfahren. Aber war es aus Leichtsinn, den brennender
Ehrgeiz steigerte, aus Unverstand oder aus Irrtum? bei der Begegnung mit
einem englischen Kriegsschiff nötigte er es, die Segel aufzubrassen und
Zweck und Ziel der Fahrt anzugeben, was einer Herausforderung fast
gleichkam. Das Unglück, das er dadurch heraufbeschwor, war um so größer,
als es gerade nur eines Zündstoffs bedurfte, um die kriegerische
Stimmung zwischen England und Frankreich zum Ausbruch kommen zu
lassen.[10] Rasch genug sah er ein, was er getan hatte; er meldete dem
Gouverneur von St. Pierre den Vorfall, als die Engländer bereits
beschlossen hatten, ihm den Weg nach Frankreich abzuschneiden und den
Bruder Napoleons als willkommene Geisel in Gefangenschaft zu nehmen.
Jerome, der von diesem Plan Kenntnis erhielt, blieb, wenn er Frankreich
vor schweren politischen Komplikationen, seinen Bruder vor den Folgen
seiner eigenen Schuld bewahren wollte, nichts anderes übrig, als auf
neutralem Schiff unerkannt die heimischen Gestade wiederzugewinnen. Er
wählte mit einem kleinen Gefolge Getreuer den Weg über Amerika, wo er
die Gelegenheit zur Überfahrt am leichtesten zu finden hoffte. Seine
Absicht, auch dort unerkannt zu bleiben, erfüllte sich nicht. Die
Liebedienerei der französischen Konsuln, die Sucht der Amerikaner,
Europäern von Rang ihre Huldigungen zu erweisen -- vielleicht ein
Zeichen, daß das Sklavenblut in den Adern vieler noch nicht
fortgeschwemmt ist -- zerrissen sein Inkognito schon wenige Stunden nach
seiner Ankunft. Wie ein Prinz von Geblüt wurde der Bruder Bonapartes
empfangen und umringt. In Washington und in Baltimore, wo er die
äußersten Anstrengungen machte, um seine Rückkehr nach Frankreich zu
beschleunigen, wurde er in einer Weise gefeiert, daß seine Anwesenheit
den Engländern nicht unbekannt bleiben konnte und sie ihre
Vorsichtsmaßregeln verdoppelten, um ihn nicht entkommen zu lassen. Es
bedurfte jedoch einer größeren Macht als der Englands, um den jungen
Brausekopf festzuhalten: der Augen Elisabeth Pattersons, die ihm
liebeglühend entgegenleuchteten, ihrer roten Lippen, die sich
glückverheißend ihm darboten. Sie schlugen ihn in Banden, ließen ihn
Vergangenheit und Zukunft vergessen und der seligen Gegenwart junger
Leidenschaft leben. Hat der eitle Vater des reizenden Mädchens ihn mit
schlauer Absicht gefesselt? Hat sie selbst dem Bruder des großen
Napoleon Schlingen der Koketterie gelegt? Müßige Fragen! Ist's nicht
genug der Erklärung, daß zwei junge schöne Menschen in Liebe zueinander
entbrennen? Mit dem Feuer seiner 19 Jahre liebte Jerome, mit der
Sicherheit des verwöhnten Lieblings der Seinen rechnete er auf deren
Zustimmung zu seiner Ehe mit Elisabeth. Er hatte sich verrechnet. Wohl
liebte Napoleon seine Brüder und Schwestern, und diesen, den jüngsten,
vor allen; aber in ihrer Mitte hatte nur ein Wille zu gelten: der seine;
wohl wollte er sie glücklich sehen, aber nur das Glück aus seinen Händen
galt ihm als solches. Die Nachricht, daß Jerome eigenmächtig, ohne seine
Zustimmung abzuwarten, die Ehe mit Miß Patterson geschlossen habe, traf
in dem Augenblick in Paris ein, als Frankreich dem ersten Konsul die
kaiserliche Würde verlieh und seine Brüder und Schwestern zu Prinzen und
Prinzessinnen erhob. Sie war der bittere Tropfen in dem Kelch seines
Ruhms, und da das französische Gesetz die Rechtsgültigkeit der ohne
Einwilligung der Eltern geschlossenen Ehe Minorenner nicht anerkannte
und Lätitia, die stolze Mutter eines Geschlechts von Herrschern, auf der
Seite Napoleons stand, erklärte Napoleon die Ehe für null und nichtig
und schloß Jerome aus der kaiserlichen Familie aus. Jeromes Hoffnungen
waren damit noch nicht zerstört; der hinreißende Liebreiz seines Weibes
mußte, so glaubte er, auch den eisernen Willen eines Napoleon brechen.
Im März 1805, anderthalb Jahre nach seiner Heirat, schiffte er sich mit
ihr nach Portugal ein. Aber der Arm des Kaisers reichte bis Lissabon;
französische Agenten verweigerten der jungen Frau die Landung, nur
Jerome erhielt die Erlaubnis, den Weg nach Italien einzuschlagen.

Wie anders fand er Europa, als da er es verließ. Die drei Jahre seiner
Abwesenheit, die ihn eingesponnen hatten in stilles Liebesglück, hatten
den Bruder, hatten Frankreich emporgeführt zum Gipfel des Weltruhms.
Konnte sein eigenes Geschick, sein Kampf um Anerkennung seiner Liebe,
jenem Manne, der die Geschicke der Völker in seinen Händen hielt und um
die Kronen Europas kämpfte, anders erscheinen als wie das Spiel eines
Kindes? Im Augenblick, da Napoleon sich zu Mailand Italiens Krone aufs
Haupt setzte und zum Gedächtnis der Schlacht von Marengo die
Böllerschüsse krachten, die Glocken läuteten, die Fahnen wehten und
Tausende und aber Tausende dem Rausch der Festesfreude sich hingaben,
betrat Jerome -- er, der den Säbel von Marengo trug! --ein Unbekannter,
ein Ausgeschlossener, den Boden Italiens. In Alessandria empfing ihn der
Kaiser. Weit mehr als der Zorn ihn geschreckt haben würde, -- er hätte
vielleicht nur seinen Stolz und seinen Eigensinn geweckt --, mußte ihn
die Zärtlichkeit Napoleons erschüttern. Alle sah er wieder, die Brüder,
die Freunde, geschmückt mit dem immergrünen Lorbeer des Ruhms, während
in seinen Händen die welkenden Rosen der Liebe schon entblätterten. Er
stand vor der Wahl, -- denn unerbittlich blieb der Kaiser --, auf der
einen Seite der Weg empor zu den Höhen der Menschheit, zu höchsten
Siegespreisen, zur Königskrone, auf der anderen das Leben im
Dämmerschein stillen Familienglücks, ohne Zweck und Ziel. So sehr sich
ihm auch das Herz zusammenkrampfte, -- wie er Elisabeth liebte, dafür
zeugen seine Briefe aus jener Zeit --, er wählte den Ruhm, nicht die
Liebe. Welch ein Jüngling von 21 Jahren hätte anders zu wählen
vermocht?![11]

Um die Stimme des Herzens zu übertönen und nachzuholen, was er versäumt
hatte, stürzte er sich mit Feuereifer in die Aufgabe, die ihm gestellt
wurde.

Im Sommer des Jahres 1806 kommandierte er in der Flotte des Admirals
Willaumez den "Veteran" und nahm mit ihm von Brest aus neun englische
Schiffe die zwei Kriegsschiffe eskortierten. Auf der Höhe von Concarneau
erreichte ihn die englische ihn verfolgende Flotte; die Situation war
verzweifelt; auf der einen Seite der überlegene Feind, auf der andren
Sandbänke und Riffe. Entschlossen, eher zu sterben als sich zu ergeben,
ergriff Jerome der Mut der Verzweiflung, und unter den Augen der
englischen Flotte vollzog sich jene Tat unwahrscheinlicher Tollkühnheit,
von der ein englisches Journal der Zeit folgendes berichtete: "Jerome
Napoleon hat allen unseren Maßregeln zu trotzen gewußt und alle
Anstrengungen unserer braven Matrosen nutzlos gemacht; daß er den Hafen
sicher und ohne Verluste erreichte, ist ein neues Beispiel für das
unglaubliche Glück, das sich an die Schritte der Bonapartes zu heften
scheint und alle ihre Operationen begleitet."[12]

Nun erst verlieh Napoleon dem Heimkehrenden den Titel eines
französischen Prinzen, und als Anerkennung seiner Tapferkeit den Rang
eines Kontreadmirals. Als höhere Auszeichnung noch empfand es Jerome,
daß Napoleon ihm für den bevorstehenden preußischen Feldzug die
bayrische und württembergische Division anvertraute und es ihm nun
endlich vergönnt war, unter den Augen des bewunderten kaiserlichen
Bruders zu fechten. Jerome bewährte sich. Trotz seiner 24 Jahre wußte er
sich den Respekt der Truppen und ihrer Führer zu gewinnen, aber mehr
noch das Herz der Soldaten durch seine Sorge für ihr Wohl.[13] Am Tage,
als die letzte schlesische Stadt vor ihm kapitulierte, erreichte ihn die
Nachricht vom Tilsiter Waffenstillstand. Der Friede folgte. Napoleon
hatte Preußen unterworfen und seinem Bruder ein Königreich erobert. Mit
ein paar Federstrichen warf er die Länder links von der Elbe zu einem
Staat zusammen und ernannte Jerome zum König von Westfalen; mit ein paar
gewechselten Briefen gewann er ihm in Katharina, der Tochter des
Souveräns von Württemberg, die Königin. Das Herz der also durch
kaiserliche Allmacht Vereinigten wurde nicht gefragt, und als das
blonde, rosige Prinzeßlein aus altem Fürstenstamm dem dunkeln, blassen
Jüngling aus dem Geschlecht der korsischen Usurpatoren gegenübertrat, da
wußte es noch nicht, wie rasch, wie dauernd der Sieggewohnte es erobern
würde.

Mit dem ganzen Prunk des kaiserlichen Hofes, in einer Gesellschaft, in
der Vertreter alter Dynastien sich mit den neugeschaffenen Aristokraten,
Fürsten und Königen von Napoleons Gnaden vereinigten, wurde am 28.
August 1807 die Hochzeit des jungen Paares gefeiert. Aber die bunten
Lichter, die ganz Paris am Abend erleuchten sollten, verlöschten in
strömendem Wolkenbruch, und die Raketen, die bestimmt gewesen waren,
prasselnd gen Himmel zu steigen, verstummten vor dem Grollen des
Donners ...

Inzwischen war die Organisation des jungen Königreichs erfolgt, mit dem
_Code Napoléon_ die neue Administration im Lande eingeführt, zum Empfang
des Herrscherpaares alles vorbereitet. Mit einem Brief, der dem Bruder
die Prinzipien, nach denen er regieren sollte, nochmals
auseinandersetzte, entließ ihn Napoleon. "Schenke denen kein Gehör, die
Dir sagen werden, daß Deine Völker, an Sklaverei gewöhnt, unserer
Gesetze nicht würdig sind," so heißt es darin, "das ist nicht wahr. Sie
erwarten vielmehr mit Ungeduld, daß ein jeder, den das Talent dazu
befähigt, -- nicht nur der Adlige --, zu jeder Stellung Zugang finden
kann, daß jede Form der Dienstbarkeit und Abhängigkeit ein für allemal
abgeschafft werde. Ich baue, was die Sicherung Deiner Monarchie
betrifft, weit mehr auf die Folgen dieser Maßregeln, als auf die
Resultate großer Eroberungen. Dein Volk muß sich einer Freiheit, einer
Gleichheit, eines Rechtsschutzes erfreuen, die in Deutschland nicht
ihresgleichen haben. Diese Art, zu regieren, wird zwischen Dir und
Preußen eine zuverlässigere Grenzscheide bilden als die Elbe, als
Frankreichs Festungen und sein Schutz. Welches Volk, das die Segnungen
einer liberalen Herrschaft kennen gelernt hat, wird in die Bande des
Absolutismus zurückkehren wollen? Sei darum ein konstitutioneller König.
Du schaffst Dir damit ein natürliches Übergewicht über Deine
Nachbarn."[14]

In den Empfindungen der großen Masse des Volkes schien sich Napoleon
nicht zu täuschen. Mochte der Bruder des Korsen ihm fremd erscheinen,
seine Person ihm zunächst gleichgültig, vielleicht sogar antipathisch
sein, es begrüßte in ihm den endlichen, heißersehnten Frieden, geordnete
Verhältnisse, gesicherte wirtschaftliche Entwicklung.[15] Darum war sein
Empfang ein überraschend freudiger, den die persönliche Freundlichkeit
des Herrscherpaares nur noch steigern konnte. Die Proklamation des
Königs, vor der in jedem Dorf des Landes sich die Neugierigen sammelten,
verhieß die Sicherstellung der Konstitution, die Abschaffung der Adels-
und Kirchenprivilegien, der Leibeigenschaft und aller Personaldienste,
die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung aller
Religionsbekenntnisse, die Aufhebung der Sonderstellung der Juden, die
Neuordnung des Gerichtsverfahrens. "Lange genug hat Euer Land unter den
Vorrechten des Adels und den Intriguen der Fürsten gelitten. Alle Leiden
der Kriege mußtet Ihr tragen, von den Segnungen des Friedens bliebt Ihr
ausgeschlossen. Einige Eurer Städte erwarben die unfruchtbare Ehre, daß
Verträge und Traktate in ihren Mauern geschlossen wurden, in denen
nichts vergessen war, als das Schicksal des Volkes, das sie
bewohnte."[16] War dies nicht ein Widerhall der Prinzipien von 1789,
unter deren Einfluß das neue Frankreich sich entwickelt hatte, und deren
Verwirklichung in Deutschland an der Ohnmacht des Volkes und der Macht
der Fürsten gescheitert war? Sie bedeuteten diesmal mehr, als
Fürstenproklamationen und Versprechungen sonst zu bedeuten hatten.
Küster, der Geschäftsträger Preußens in Westfalen, der dem Berliner Hof
regelmäßig Bericht zu erstatten hatte und neben dem Grafen Reinhard, dem
Bevollmächtigten Napoleons und geistvollen Korrespondenten Goethes, der
zweifelfreieste Zeuge war, sah mit Erstaunen, wie rasch die neuen
Einrichtungen Wurzel zu fassen vermochten. Weite Kreise der Bevölkerung
empfanden die Regierung Jeromes als einen Fortschritt gegenüber den
alten Zuständen; die Gebildeten, von deren Unhaltbarkeit längst
überzeugt, freuten sich der neuen freiheitlichen Einrichtungen;
Kaufleute und Handwerker sahen sich besonders durch sie gefördert. "Was
mir aber das meiste Vergnügen macht," schrieb Küster am 21. November
1808 nach Berlin, "ist, in der Lage zu sein, dem Gange einer
aufgeklärten und gerechten Verwaltung folgen zu können, welche auf einer
glücklichen Konstitution sich aufbaut. Sie entwickelt sich mehr und mehr
durch die sukzessive Organisation aller ihrer Hauptzweige, und es ist
nicht zweifelhaft, daß dieser neue Staat, dessen Souverän nur das Gute
will, und zwar mit Bedacht und doch mit Entschlossenheit -- bald zu
einem hohen Grad der Vollkommenheit und des öffentlichen Glücks gelangen
wird."[17] In einem späteren Brief rühmt er die Einfachheit und
Schnelligkeit in der Verwaltung, berichtet von dem praktischen Wert des
durch den König geschaffenen Zentralbureaus für Armenunterstützung in
Kassel und sagt von ihm, daß er von den regierenden Brüdern des Königs
die meiste Energie und den meisten eigenen Willen besitze.[18]

Gerade das aber, was ihn auszeichnete, war das Unglück Jeromes. Ein
eigener Wille war jene Eigenschaft, die Napoleon bei seinen Brüdern am
wenigsten brauchen konnte, und Energie konnte nur dort am Platze sein,
wo etwas Wichtiges durchzusetzen, etwas Wertvolles zu erreichen war.
Jerome lag es am Herzen, seinem Lande ein guter König zu sein; ihn
verlangte danach, von dem ganzen Stolz seines Geschlechts beseelt, zu
beweisen, daß er es aus eigener Kraft sein konnte. Aber seine Absichten
stießen auf unüberwindliche Widerstände und wurden durch die Pläne des
Kaisers durchkreuzt.

Offiziell hatte seine Regierung mit dem Einzug in Kassel begonnen, aber
der Kampf mit den finanziellen Schwierigkeiten hatte bereits zwei Monate
früher angefangen. Auf dem Papier war ihm freilich eine Zivilliste von
fünf Millionen zugesichert worden, in Wirklichkeit aber war der
Staatsschatz durch Kriegsabgaben, durch die Lasten, die die Okkupation
durch französische Truppen dem Lande auferlegt hatte, vollkommen
erschöpft, und um allein die Kosten für die Einrichtung des Hofes, die
Reise nach Westfalen und den feierlichen Einzug bestreiten zu können,
mußte Jerome ein Darlehn aufnehmen.[19] Die traurigsten Verhältnisse
fand er vor, als er einzog. Selbst für ihn persönlich war die Lage eine
äußerst beschränkte: er, der gewöhnt war, rückhaltlos aus dem vollen zu
leben, der von einem Kaiserhofe kam, wo Luxus als etwas
Selbstverständliches erschien, der seine Freunde und Untergebenen, noch
ehe er ein König war, königlich zu belohnen pflegte, fand im Schlosse zu
Kassel nur notdürftig eingerichtete Zimmer und eine gähnende Leere im
Säckel des Hofmarschallamts. Schon 1808 schrieb der holländische
Gesandte an König Louis, den Bruder Jerome: "Die finanziellen
Schwierigkeiten Westfalens sind enorm."[20] Aber nicht genug der
vorgefundenen Not, wurden von Napoleon immer neue Opfer verlangt. Auf
der einen Seite machte er dem König heftige -- und nicht unberechtigte
-- Vorwürfe über die hohen Gehälter seiner Minister, auf der anderen
schrieb er ihm bereits einen Monat nach seinem Regierungsantritt: "Ich
brauche notwendig Geld und Truppen. Trotz der Einnahmen aus den
eroberten Ländern verschlingt die Armee mehr als sie; mein Kriegsbudget
allein beträgt 400 Millionen. Statt der 20000 Mann, die Du stellen mußt,
stelle 40000 -- Du kannst es."[21] Nach einem Vertrage vom April
desselben Jahres mußte sich Jerome verpflichten, die aus den Besitzungen
des früheren Souveräns und den säkularisierten Besitzungen derjenigen
Personen, die nicht mehr westfälische Untertanen waren, stammenden
Einkünfte dem Kaiser zu überlassen. Zwar nahm dieser zunächst nur sieben
Millionen davon in Anspruch. Jerome aber sollte den Rest von nicht
weniger als 26 Millionen im Verlauf von achtzehn Monaten aufbringen.[22]
Außerdem hatte Westfalen 12500 Mann französischer Truppen ständig zu
besolden und zu ernähren.[23]

Im Juli bereits erging eine neue Mahnung Napoleons an den Bruder: er
müsse, da Österreich rüste, seine Truppen in Kriegsbereitschaft halten;
im August wurden für den spanischen Feldzug 500 Pferde und 1000 Mann
verlangt; im September forderte er den gesicherten Unterhalt der
französischen Truppentransporte.[24] Als Jerome und Katharina der
Einladung Napoleons im Oktober 1808 zur Kaiserentrevue nach Erfurt
folgten, empfing er sie zwar aufs freundlichste, aber für die Sorgen des
Königs um sein Land hatte er kein Ohr. Die Not der Bauern, das
Daniederliegen von Handel und Gewerbe kümmerte ihn wenig; was galt ihm,
der Staaten zerstörte und schuf, Könige absetzte und krönte, das Land
Westfalen? Er, der Riese, sah weit hinweg über die Niederungen, nur die
Gipfel grüßend. Wie alle großen Tatmenschen war er, sich selbst
unbewußt, zum Zerstören vor allem geschaffen: das Alte zu stürzen, dazu
gehörte Titanenkraft; das Neue aufzubauen, ist die Aufgabe für den
emsigen Fleiß der Vielen.

Die Lage in Westfalen wurde von Jahr zu Jahr verzweifelter. Dem Aufstand
von Dörnberg, eines von Jerome mit Gnadenbeweisen überschütteten
Offiziers seiner Garde, folgten die Kämpfe von Schills Freischaren und
der verwegene Zug des tapferen Herzogs von Braunschweig-Öls, der zur
äußersten Entrüstung Napoleons sich durch Jeromes Truppen
durchzuschlagen und die ihn erwartende englische Flotte zu erreichen
imstande war. Mochte Jerome, der kaum Vierundzwanzigjährige, von allen
Seiten auf das härteste bedrängte König, sich wirklich taktischer Fehler
schuldig gemacht haben, -- er hatte sich stets als ein Draufgänger,
nicht als überlegener Feldherr bewiesen --, so war die Strafe, die ihn
traf, eine unverhältnismäßig harte. Napoleon ließ ihn seine Oberhoheit
auf das empfindlichste fühlen. Seinen Ministern wurde mitgeteilt, daß
sie "sich in erster Linie dem Kaiser gegenüber verantwortlich fühlen
müßten"; Graf Reinhard, der Vermittler dieser Nebenregierung, wurde
angehalten, "nach Paris zu melden, was in den westfälischen Küchen vor
sich geht", obwohl Jerome sich dieses System der Spionage entrüstet
verbeten und ihm erklärt hatte: "Alles, was mein Bruder wissen will,
kann er von mir selbst erfahren."[25] Und wie der Kaiser durch brutale
Zurücksetzung des Königs Stolz verletzte, so verletzten die
französischen Truppen die Sicherheit des Königreichs. "Seit meiner
Thronbesteigung fahren die französischen Offiziere, Soldaten, Reisende
und Kuriere fort, sich in meinen Staaten ebenso feindselig gegen die
Bewohner zu benehmen, als zur Zeit des Krieges gegen sie. Sie haben es
in einem Königreich, das mit Frankreich eng verbunden und ihm vollkommen
ergeben ist, an jeder Rücksicht und an allem schuldigen Respekt fehlen
lassen," schrieb Jerome an den Marschall Berthier.[26] Seine Bitte um
strengere Vorschriften für das Benehmen der Truppen hatten keinen
Erfolg, sie riefen nur neue, unbegreifliche Rücksichtslosigkeiten
hervor. Ohne irgendwelche offizielle oder inoffizielle Mitteilung, --
Jerome erfuhr gesprächsweise davon --, erschienen auf Napoleons Befehl
zur Festsetzung der einzelnen Stationen der Demarkationslinie gegen die
englische Einfuhr französische Zollbeamte in Westfalen und traten wie
die Herren auf.[27] Plünderungen und Diebstähle, die auf ihre Rechnung
geschoben wurden, kamen vor und reizten die Wut des Volkes aufs
äußerste. Jerome wollte sich zuerst mit allen Mitteln widersetzen. "Ich
ignoriere," schrieb er nach Paris, "durch welche Befehle fremde
Zollbeamte sich erlauben, sich bei mir festzusetzen. Werden solche
Vorkommnisse geduldet, so gibt es hier weder einen König noch ein
Königreich. Es kann doch unmöglich den Intentionen des Kaisers
entsprechen, daß ein Souverän in seinem eigenen Lande solchen
Übergriffen ausgesetzt ist." Zu Reinhard, dem er von seiner Absicht,
abzudanken, sprach, sagte er: "Ich bin sowieso nicht auf Rosen gebettet,
und ich kann nicht zugeben, daß durch solche, das Land ruinierende
Maßregeln das Volk mir vollends entfremdet wird."[28]

Seine Energie schien nicht ohne Eindruck zu bleiben. Die Vergrößerung
seines Reichs durch Hannover bis zur Küste der Nordsee wurde ihm in
Aussicht gestellt und damit die Beseitigung der finanziellen Nöte
gesichert. Im März 1810, als Jerome und Katharina mit großem Gefolge der
Einladung Napoleons zu seiner Hochzeit mit der Österreicherin nach Paris
gefolgt waren, leuchtete ihm wieder die volle Sonne kaiserlicher Huld.
Napoleon, auf der Höhe seines Glücks, wollte nur Glückliche um sich
sehen, und der Zauber von Paris, der Glanz der üppigen Feste ließen
Jerome alles Leid vergessen und seiner Jugend schrankenlos froh werden.
Bilder und Berichte der Zeit schildern ihn, wie er in weißem,
goldgesticktem Sammetkostüm, die weißen, wallenden, von blitzender
Brillantagraffe gehaltenen Federn auf dem Sammetbarett, das
feingeschnittene dunkle Gesicht mit den großen glänzenden Augen von
strahlendem Frohsinn erhellt, alle Herzen im Sturm zu erobern wußte. Er
und Pauline, seine Schwester, das waren im Kreise dieser napoleonischen
Olympier die Götter der Jugend und Schönheit, und die seligen Zeiten, da
er als Knabe, von allen verwöhnt, unter den Zimmern des großen Bruders
wohnte, schienen wiedergekehrt zu sein.

Voll neuer Hoffnungen und frischen Tatendrangs kehrte er nach Kassel
zurück. Der Plan eines Kanals zwischen Elbe und Weser wurde
ausgearbeitet, die Anlage eines Kriegshafens in Kuxhaven begonnen,
wichtige und kostspielige Regulierungen der Elbe- und Wesermündungen in
Angriff genommen. Da traf ihn ein neuer Schlag: Napoleon nahm den
wertvollsten Teil der dem Königreich Westfalen inzwischen neu
einverleibten hannoverschen Lande wieder in französischen Besitz und
hatte auf die Vorhaltungen des nach Paris entsandten Ministers von Bülow
nur die eine Antwort: "Ich nehme es, weil ich es brauche." Jerome berief
seine Minister und diktierte eine Note, durch die er in schärfster Form
als Entschädigung für Hannover Lippe, Anhalt, Waldeck, Schwarzburg und
die sächsischen Herzogtümer verlangte. Reinhard gegenüber sprach er
wieder von seiner Abdankung, die mehr und mehr ein Gebot der Ehre für
ihn sei. Der kaiserliche Gesandte berichtete unverzüglich über diese
Unterredung nach Paris und fügte hinzu: "Wenn jemals der König mir
Gelegenheit gegeben hat, die Geradheit und Sicherheit seines Geistes zu
bewundern und der Vornehmheit seiner Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen, so war es bei dieser Gelegenheit."[29] "Ich glaube, hätte
Jerome eine Armee von 300000 Mann, er würde mir den Krieg erklären!"
rief Napoleon beim Empfang dieser Nachrichten.[30]

Aber so groß auch Jeromes Entrüstung, so tief sein Stolz auch verletzt
war -- eine Empfindung behielt zuletzt bei ihm immer die Oberhand: die
Bewunderung und Ehrfurcht vor der Größe seines Bruders. Mitten im
härtesten Winter nach der Zurücknahme von Hannover zog er sich, um
seinen Schmerz in der Stille zu überwinden, auf das Land zurück und
schrieb von da aus an den Kaiser: "Entspricht es Ew. Majestät
politischen Absichten, Westfalen mit dem Kaiserreiche zu vereinigen, so
habe ich nur den einen Wunsch, davon sofort in Kenntnis gesetzt zu
werden, um nicht in die Lage zu kommen, deren Maßnahmen, trotz des besten
Willens, mich ihnen stets anzupassen, fortwährend zu durchkreuzen ...
Ich bin aller Opfer, aller Beweise meiner Anhänglichkeit fähig, wenn
Ew. Majestät es verlangt. Soll ich aber weiter regieren, so kann es nur
unter Bedingungen sein, die mich nicht entwürdigen."[31] Die Antwort war
-- Mahnungen zur Kriegsbereitschaft, zu neuen Aushebungen, zum Unterhalt
neuer französischer Truppendurchzüge. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die
alles Vorhergegangene übertraf, führte der Marschall Davout, Jeromes
alter Feind, seine Armee durch Westfalen; in Kassel einziehend,
ignorierte er den König, im ganzen Reiche hausten seine Soldaten wie in
Feindesland. Und Napoleon schien blind und taub zu sein für das drohende
Schicksal, das sich langsam vorbereitete, für die zähneknirschende Wut,
die die Faust noch in der Tasche ballte, aber schon heimlich nach
offenen Waffen Umschau hielt. Jerome sah das Unheil wachsen, und als
einziger vielleicht, der es damals wagte, dem Imperator mit einer
selbständigen Meinung gegenüberzutreten, schrieb er ihm am 5. Dezember
1811 folgenden denkwürdigen Brief:[32]

"In einer Lage, die mich zum äußersten Vorposten Frankreichs macht,
durch Neigung und Pflicht dazu getrieben, alles zu beobachten, was sich
auf Ew. Majestät Interessen beziehen kann, ist es, denke ich, richtig
und notwendig, Sie mit aller Offenheit über das zu informieren, was in
meiner Nähe vor sich geht. Ich beurteile die Ereignisse vollkommen
ruhig; ich sehe der Gefahr entgegen, ohne sie zu fürchten; aber ich muß
Ew. Majestät die Wahrheit sagen, und ich hoffe, Sie vertrauen mir genug,
um sich auf meine Art, die Dinge zu sehen, verlassen zu können.

Ich weiß nicht, wie Ihre Generäle und Ihre Agenten Ihnen die jetzige
Situation in Deutschland darstellen; wenn sie Ihnen von Unterwerfung,
von Ruhe und Schwäche sprechen, so werden Sie von ihnen getäuscht und
betrogen. Die Gärung ist aufs höchste gestiegen; die verwegensten
Hoffnungen werden unterhalten und mit Begeisterung großgezogen; man hält
sich an das Beispiel Spaniens, und wenn der Krieg ausbrechen sollte, so
wird das ganze Land vom Rhein bis zur Oder der Herd einer ausgedehnten
und tatkräftigen Empörung sein.

Die Hauptursache dieser gefährlichen Bewegungen ist nicht allein der Haß
gegen die Franzosen und der Unwille gegen das Joch der Fremdherrschaft,
sie liegt noch weit mehr in den unglücklichen Zeiten, in dem gänzlichen
Ruin aller Klassen, in dem übermäßigen Druck, den die Abgaben, die
Kriegskontributionen, der Unterhalt der Truppen, die Durchzüge der
Soldaten und die unausgesetzt sich wiederholenden Belästigungen aller
Art ausüben. Es sind Ausbrüche der Verzweiflung von den Völkern zu
besorgen, die nichts mehr zu verlieren haben, weil man ihnen alles
genommen hat.

Es ist nicht nur in Westfalen und in den Frankreich unterstellten
Ländern, daß die Feuersbrunst ausbrechen wird, sondern auch in den
Ländern aller Souveräne des Rheinbunds. Sie selbst werden die ersten von
ihren Untertanen Unterworfenen sein, wenn sie nicht mit ihnen gemeinsame
Sache machen ...

Ew. Majestät braucht nicht anzunehmen, daß ich übertreibe, indem ich
Ihnen das Unglück des Volkes schildere; ich kann Ihnen sagen, daß in
Hannover, in Magdeburg und anderen wichtigen Städten meines Königreiches
die Besitzer ihre Häuser im Stiche lassen und vergebens versuchen, sie
zu den niedrigsten Preisen loszuwerden. Überall droht das Elend den
Familien; der Aristokrat, der Bürger und der Bauer, überlastet mit
Schulden, scheinen keine andere Hilfe mehr zu erwarten, als von einem
Befreiungsfeldzug, den sie mit all ihren Wünschen herbeisehnen, auf den
sie alle Gedanken richten.

Dieses Bild entspricht in all seinen Einzelheiten den Tatsachen. Von
den Hunderten von Berichten, die mir täglich zukommen, widerspricht ihm
keiner. Ich wiederhole es Ew. Majestät: ich wünsche nichts so sehr, als
daß Sie angesichts dieser Tatsachen die Augen öffnen und mit all der
Überlegenheit Ihres Geistes urteilen mögen, um danach die Ihnen richtig
erscheinenden Maßnahmen zu treffen ..."

Selbst wenn der Inhalt dieses Briefes von Eindruck gewesen ist, -- er
kam zu spät, der unheilvolle Krieg gegen Rußland, wo Feuer und Frost
sich vereinigten, um, weil Menschenkraft der großen Armee nichts
anzuhaben vermochte, zum vernichtenden Feinde zu werden --, war schon
beschlossen, und als einzige Antwort brachte der Kurier des Kaisers die
mit eigener Hand in größter Eile hingeworfene Frage nach dem Stande der
verfügbaren Streitkräfte Westfalens.[33] Wenige Monate später rückte
Jerome an der Spitze seiner Truppen in Polen ein. Er war bestimmt, den
rechten Flügel der Armee zu kommandieren und sich dem Heere des Prinzen
Bagration gegenüberzustellen. Nach mühseligen Märschen im Regen und im
Sumpf gönnte Jerome in Grodno seinen Truppen drei Ruhetage. Dem Kaiser
wurde davon Meldung gemacht. Er sah eine Eigenmächtigkeit des Bruders
darin, die seine sorgfältig erwogenen Pläne durchkreuzte, und befahl dem
Marschall Davout, sobald seine Armee mit der Jeromes zusammenstieße, den
Oberbefehl über beide zu übernehmen. Davout nahm die Gelegenheit wahr,
in schroffster Form dem Befehl Folge zu leisten. Jerome reichte sein
Entlassungsgesuch ein und verließ Polen noch am gleichen Tage. Nicht das
Verlangen nach den Vergnügungen Kassels, -- wenig verlockend mögen sie
in dieser Zeit dumpfer Gewitterschwüle gewesen sein! --, trieb ihn zu
diesem raschen Entschluß: sein tief verletzter Stolz allein hieß ihn
handeln.[34] Und sein Entschluß war berechtigt; starrköpfig und falsch
wurde seine Handlungsweise erst, als Napoleon ihn zu bleiben bat und er
dennoch den Weg heimwärts fortsetzte. Im August kam er in Kassel an,
zwei Monate später kehrten die traurigen Reste der westfälischen Armee
in die Heimat zurück, durchzogen die jammervollen, von Frost und Hunger,
Krankheit und Verwundungen gezeichneten Gestalten, die letzten Glieder
der großen Armee, plündernd, stehlend und bettelnd das erschöpfte Land.
Und schon wurden von Paris neue Forderungen laut: Magdeburg sollte mit
20000 Mann besetzt und auf ein Jahr verproviantiert werden, eine neue
Armee galt es zu schaffen, ohne Aufenthalt Bataillone und Eskadronen
formieren![35] Jerome wußte es: das war das Ende, und entrüstet wandte
er sich an Reinhard, der ihn zur Eile in der Erfüllung der kaiserlichen
Befehle nötigen wollte. "Wenn Westfalen dem Elend erliegen wird," rief
er aus, "und die Einwohner sich lieber eine Kugel vor den Kopf schießen,
als daß sie ihr letztes Stück Brot opfern, dann wird man Ihnen
vorwerfen, daß Sie die wahre Lage verschwiegen haben. Ihre Pflicht wäre
es, die Wahrheit zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, in Ungnade zu
fallen. Nach drei Monaten würde man Ihnen recht geben."[36] Sein Appell
blieb ohne Erfolg. Und nun rüstete er sich mit vollem Bewußtsein zum
Ende seines Königsdramas, das viele töricht -- oder verlogen -- genug
waren, für eine fröhliche Operette zu erklären.

Zunächst brachte er die Königin in Sicherheit: er sandte sie am 10. März
1813 mit einigen Damen ihres Hofes nach Paris, sie rücksichtsvoll in dem
Glauben lassend, daß es sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln
würde. Nachdem ihm dann der Kaiser seine dringende Bitte, sich in
Magdeburg, dem wichtigsten und am meisten gefährdeten Punkt seiner
Monarchie, mit seinen Truppen einschließen zu dürfen, rundweg
abgeschlagen hatte,[37] wandte er all seine Zeit und Kraft auf die
Ausbildung der jungen Rekruten, ohne den Forderungen des Kaisers rasch
genug nachkommen zu können. Infanterie, Artillerie, Husaren, Kürassiere
-- lauter blutjunge Westfalen, die, wie Jerome einmal in der
Verzweiflung ausrief, sich oft noch vor dem eigenen Gewehr fürchteten
und auf dem Pferde nicht festsaßen, -- sollten zur Armee des Prinzen
Eugen stoßen. Kassels Garnison bestand schließlich nur noch in einem
Regiment unausgebildeter Rekruten. Dabei wurde der Geldmangel immer
empfindlicher, die von Frankreich versprochene finanzielle Unterstützung
für die Equipierung der neuen Truppen blieb aus, und die
Armeelieferanten wollten nur noch gegen sofortige Bezahlung liefern.
Jerome verkaufte die Staatswagen, den größten Teil seines Marstalls,
Silber und Kleinodien, um sie in Waffen und Uniformen zu wandeln.[38]

Noch einmal bat er den Kaiser bei einer persönlichen Begegnung in
Dresden um einen Posten in dem großen Kampf, der bevorstand. Napoleon
bot ihm, den er selbst zum König gemacht hatte, eine untergeordnete
Stellung als Untergebener eines seiner Marschälle an. Jerome, in der
bitteren Erinnerung an die noch nicht vernarbte Wunde, die ihm in Polen
geschlagen worden war, lehnte ab. Aber mochte auch der Kaiser ihn an
seiner verwundbarsten Stelle, seinem Stolze, treffen, seine persönlichen
Dienste geringschätzen, -- der Napoleonischen Sache, die auch die seine
war, blieb sein Denken und Tun geweiht. Mit ruhigem Ernst, fast mit
Heiterkeit, hinter der selbst seine Freunde die Überzeugung des Königs
von der Unabänderlichkeit des kommenden Untergangs nicht zu ahnen
vermochten, widmete er sich weiter der Reorganisation der Truppen und
sandte sie immer wieder zur Armee, sobald ihre Ausbildung es
ermöglichte. Nicht er, der wissen mußte, daß die Entblößung der
Hauptstadt von allen Verteidigungsmitteln der Preisgabe seiner Person
gleichkam, sondern Reinhard war es schließlich, der von der kaiserlichen
Armee die Deckung Kassels gegen die Scharen der immer näher anrückenden
Kosaken forderte. Umsonst! Die Angst der Bewohner wuchs zusehends, nur
Jerome blieb ruhig. Im Morgengrauen des 28. September waren die Russen
vor den Toren. Die in der Nacht und am Abend vorher unter des Königs
Augen aufgeführten Barrikaden, von den Königshusaren verteidigt, an
deren Spitze der vierundachtzigjährige General von Schlieffen focht wie
ein Rekrut, waren von der russischen Artillerie bald überwunden. Der
Ministerrat trat zusammen: er überwand schließlich den Widerstand des
Königs und vermochte ihn dazu, die Stadt zu verlassen, um sich mit den
bereits angekündigten Hilfstruppen der kaiserlichen Armee zu vereinigen.
Seine erste Empfindung hatte ihm den richtigen Weg gezeigt: die Stadt zu
verteidigen bis zum letzten Blutstropfen, zu fallen eher als
davonzugehen oder sich zu ergeben; daß er ihr nicht folgte, -- wer will
ihn darum richten? Die Hoffnung ist eine starke, lebenerhaltende Kraft,
bei einem Mann von 29 Jahren vor allem. Zu bleiben bedeutete für ihn
gewissen Tod oder Schlimmeres: russische Gefangenschaft. Und Größere als
er haben zur rechten Zeit zu sterben nicht verstanden!

Am Nachmittage desselben Tages kapitulierte Kassel vor Czernischeff.
Fünf Tage später verließen die Russen die Stadt. Und nach zwei weiteren
Tagen erschienen zum Erstaunen aller die ersten königlichen Truppen
wieder. Jerome folgte ihnen von Koblenz aus. Aber in jeder Stunde, die
ihn Kassel näher führte, schien sich der Himmel mehr zu verdüstern:
Bayern hatte sich vom Kaiser losgesagt, Württemberg schloß sich unter
der Führung von Jeromes Schwiegervater seinen Feinden an, Bremen hatte
kapituliert, in Scharen desertierten die Soldaten, um sich den Gegnern
anzuschließen, und vom Kaiser selbst keine Nachricht! Trotz alledem
trieb es Jerome nach Kassel zurück, -- niemand wußte, warum. Am Abend
des 16. Oktober traf er ein; zwei Tage darauf folgte dem Kaisertraum der
Bonapartes das furchtbare Erwachen der Leipziger Schlacht. Bis zum Abend
des 24. Oktober drangen nur dunkle Gerüchte von dem, was geschehen war,
in die Stadt, bis sich die Masse der Alliierten langsam heranwälzte. Wo
ist der Kaiser? Diese eine Frage peinigte Jerome unausgesetzt. Hilfe dem
Kaiser! Dieser Gedanke beherrschte ihn schließlich allein. Alle, die
die Treue noch hielten, -- es waren angesichts der wachsenden Desertion
wenig genug --, ihm zuführen: dieser Wunsch wurde zum Entschluß. Mit
einer kleinen, von allen Seiten zusammengezogenen Armee von 5000 bis
6000 Mann erreichte er Köln, ein anderer Truppenteil von demselben
Umfang befand sich in Wesel. Nun, da er, ein König ohne Land und Krone,
dem besiegten Kaiser gegenüberstand, hoffte er endlich als einfacher
französischer General seine unter so schweren Opfern geschaffene und
zusammengehaltene Armee in den Entscheidungskampf führen zu dürfen. Über
seinen Kopf hinweg wurde dem Herzog von Tarent der Oberbefehl übergeben.
So war er verurteilt, er, der treueste der Brüder, abseits zu stehen,
als die letzten Kämpfe geschlagen wurden.

Napoleons Abdankung und der Einzug der Bourbonen machten auch Jerome zum
Heimatlosen, Landesflüchtigen. Nachdem sein Schwiegervater, der König
von Napoleons Gnaden, ihn in Württemberg, wo Katharina im Hause der
Eltern Zuflucht glaubte finden zu können, zum Gefangenen gemacht, ihn
unausgesetzt auf das ehrenrührigste behandelt hatte und seine tapfere
treue Frau mit allen Mitteln der Überredung und der Drohung hatte
bewegen wollen,[39] sich von ihm zu trennen, wurde ihm schließlich mit
Weib und Kind, das ihm Katharina in der Zeit der tiefsten Erniedrigung
geboren hatte, von jenem politischen Rechenkünstler Metternich, der in
dem letzten Trauerspiel der Napoleoniden die Stelle des Mephisto spielen
sollte, Triest als Aufenthaltsort angewiesen. Er wurde bewacht wie ein
Gefangener; trotzdem erreichte ihn die Nachricht von Napoleons Flucht
aus Elba, seinem Triumphzug durch Frankreich, und es gelang ihm, aller
Bewachung und aller Gefahr zum Trotz, nach Frankreich zu entkommen, der
erste und der einzige der Brüder des Kaisers, der sich zu seiner Fahne
meldete. Mit dem Kommando einer Division belohnte ihn Napoleon, die bei
Belle-Alliance den äußersten linken Flügel der Armee bildete, und aus
deren Reihen die ersten Schüsse fielen, das Signal zur furchtbaren
Schlacht. Gegen den Wald und das Schloß von Hougoumont stürzte Jerome
tollkühn mit den Seinen, und überall, wo das Gewühl am dichtesten war,
wehte sein weißer Mantel.[40] Als es zu Ende ging, blieb er in nächster
Nähe Napoleons. "Zu spät, mein Bruder, hab' ich dich erkannt," soll der
Kaiser im Augenblick, da sein Stern auf immer verlöschte, zu ihm gesagt
haben.[41] Die Sage meldet, daß sie beide der erlösenden Kugel warteten.
Wer aber zu so schwindelnder Höhe stieg, muß bis zum tiefsten Abgrund
niedersteigen: zu Tausenden fielen die alten Krieger um sie her, ihnen
aber war bestimmt, Schlimmeres zu ertragen als den Tod: die
Verlassenheit.

Jeromes Leben war von da an, wie das aller Bonapartes, ein unstetes
Wanderleben, unter ständigen, quälenden Sorgen. Wo er hinkam, war er ein
Gefangener, von den Kreaturen Metternichs bewacht, der ihn in einem
Bericht an die deutschen Souveräne für "einen der gefährlichsten und
unruhigsten Köpfe der Bonaparteschen Familie" erklärte, und auf dessen
Veranlassung die Mächte den Vertrag von Fontainebleau, durch den die
Bourbonen verpflichtet worden waren, den Mitgliedern der Familie
Bonaparte bestimmte Revenuen zukommen zu lassen, umstießen, weil es zu
gefährlich sei, "den verwegensten der kaiserlichen Brüder, Jerome, mit
Geldmitteln zu versehen."[42] Erst als der einsame gefesselte Adler auf
fernem Felsen die große Seele ausgehaucht hatte, als sein junger Sohn
der langsamen österreichischen Seelenvergiftung erlegen war und die
Überreste des Welteroberers in der Erde des Landes ruhten, das sein
Geist und sein Schwert zwei Jahrzehnte lang zum ruhmreichsten der Erde
gemacht hatte -- erst dann war es dem alternden Jerome, dem letzten der
großen Napoleoniden, vergönnt, in Frankreich auszuleben. Zum Gouverneur
der Invaliden ernannt, hütete er den toten Bruder, wie er dem lebenden
gedient hatte, und starb, ein Greis, im Schatten des Titanen, unter dem
sein Leben verflossen war.

Ist das das Bild des "Königs Lustik", das uns von allen Moralpredigern
und guten Patrioten von klein auf als abschreckendes Beispiel
verderblicher Sündhaftigkeit vor Augen geführt wurde? Haben in diesem
Leben, vor allem in den sechs Jahren des westfälischen Königtums, von
denen ein Jahr immer reicher war an Kämpfen nach innen und außen als das
andere, alle jene schwülen Geschichten Platz, die die lange
Regierungszeit eines Ludwig _XV._ kaum ausfüllen könnten? Es scheint,
daß der Bruder des Mannes, den der Ruhm zu den Größten der Erde erhob,
ein Opfer der historischen Legende werden mußte, weil Haß und Neid nicht
emporreichte bis zu Napoleon selbst; die Ehre, den Namen dieses
Halbgottes zu tragen, mußte er mit Verfolgung und Verbannung bezahlen.

Jerome war ein lebensfroher Mensch, mit einem empfänglichen, leicht zu
entflammenden Herzen; der antike Schönheitskultus von Florenz, der Stadt
seiner Ahnen, schien vor allem in ihm wieder lebendig geworden zu sein.
In seiner Freigebigkeit kannte er keine Grenzen, und Freude zu bereiten,
war für ihn die größte Freude. Seine erste Jugend, seine ganze
Erziehung, in der die Frage nach dem materiellen Wert der Dinge nie eine
Rolle spielte, unterstützten die Entwicklung dieser Seiten seines
Wesens. Er war ein _grandseigneur_, -- es gibt keine deutsche
Bezeichnung dafür. Mit dem Maßstab des Kleinbürgers gemessen, war er ein
Verschwender. Daß er es in einem anderen Sinne nicht sein konnte, dafür
zeugt die finanzielle Lage seines Königreichs, der ständige Kampf mit
den durch die Forderungen der Napoleonischen Politik entstehenden großen
pekuniären Schwierigkeiten. Gewiß: sein Hof, der eines jungen
strahlenden Fürsten, war ein glänzender, die leeren Räume der Schlösser
von Kassel und Napoleonshöhe füllten sich bald nach seinem Einzug mit
den schönsten Erzeugnissen der feinen Kunst der Empire; er und die
Königin --, deren tatsächlich vorhandene Neigung zur Verschwendung zwar
von Reinhard wiederholt getadelt und noch im Exil von Jerome selbst im
Zügel gehalten werden mußte, aber von den Sittenrichtern Jeromes, die
den Franzosen, den "Erbfeind" treffen wollten und die deutsche
Prinzessin daher schonten, sorgfältig verschwiegen wurde[43] --, hatten
immer eine offene Hand für ihre Freunde. Gewiß: Jerome erwies sich oft
als allzu gutmütig, indem er Unwürdige mit Geschenken überschüttete;
noch für die Kinder seiner Freunde oder seiner im Kriege gefallenen
Offiziere sorgte er in einer Weise, die seine Kräfte überstieg, und den
Wünschen derer, die er liebte, konnte er niemals widerstehen. Aber der
finanzielle Ruin Westfalens war zum geringsten Teil seine Schuld: er war
schon vorhanden, als er die Regierung übernahm, und mußte durch die
furchtbaren Erfordernisse der Napoleonischen Kriegszüge notwendig zum
Äußersten führen. Was aber die Berichte über Jeromes wahnsinnige
Verschwendungen noch sicherer in das Bereich der Märchen verweist, ist
die Tatsache, daß Jerome, der beschuldigt worden ist, ein großes
Vermögen aus Westfalen mitgenommen zu haben, schon auf dem Wege von
Kassel nach Köln gezwungen war, seine letzten Pferde, ein herrliches
Gespann von sechs Schimmeln, für neunzehnhundert Frank zu verkaufen, und
daß er schließlich nur ein bares Vermögen von 80000 Frank besaß. Er und
die Königin waren genötigt, alles, was sie an Wertsachen ihr Eigentum
nannten, -- Brillanten, Perlen, Silber, Kunstgegenstände --, zu
verkaufen, um überhaupt existieren zu können.[44]

Aber wenn er schon kein verbrecherischer Verschwender war, so ist er
doch ein Wüstling gewesen, sagen die Tugendhaften, die zwar das
"Austoben" ihrer eigenen Jugend für selbstverständlich halten, aber an
den korsischen König von 23 Jahren den strengsten Maßstab der Moral
anlegen zu müssen glauben.

Seine Zeitgenossen erzählen von ihm, wie schön und verwegen, von welch
bestrickender Liebenswürdigkeit er gewesen ist. Noch als Greis wußte er
die Menschen zu faszinieren. Küster rühmte von Kassel aus seine große
Güte für hoch und niedrig, und sein strahlendes, alle mit sich
fortreißendes Temperament;[45] Reinhard, der ihm kritisch genug
gegenüberstand, schrieb: "Nichts ist der Leichtigkeit und Würde zu
vergleichen, mit der der König repräsentiert; nichts erscheint
angelernt, nichts studiert. Man sieht, daß ihn die Krone nicht drückt,
die er trägt, weil er sich würdig fühlt, sie zu tragen."[46] Und diese
Krone fiel ihm in den Schoß, da er kaum 23 Jahre alt war! Zu gleicher
Zeit aber fesselten ihn politische Rücksichten an ein Weib, das sein
Herz nicht begehrt hatte, das er erst nach und nach zu lieben lernte.

In Kassel strömte ein buntes Gemisch von Abenteurern und alten
Aristokraten seinem Hofe zu. Viele, die sich später als Freiheitskämpfer
ihrer Vaterlandsliebe nicht laut genug rühmen konnten, umschmeichelten
ihn und empfingen dankbar Geld und Orden und Würden aus seinen Händen.
Die Frauen vor allem, ehrgeizige und leichtsinnige, solche, die den
König beherrschen, und solche, die von dem schönen Manne geliebt sein
wollten, drängten sich in seine Nähe. Und er war kein prinzipienfester
Tugendbold, -- korsisches Blut ist wild und heiß --, er liebte die
schönen Frauen. Es bedurfte keiner Verführungskünste, um sie zu
besitzen; wie der Prinz im Märchen vom Rosengarten war er: die Rosen
schmiegten sich ihm von selbst zu Füßen, er brauchte sie nicht zu
brechen. Die Gräfin Truchseß-Waldburg, geborene Prinzessin von
Hohenzollern, kam mit der Absicht, ihn zu gewinnen, an den Hof, die
Gräfin Bocholtz war ihre Rivalin in diesem Kampf.[47] Reinhard, der in
seinen Berichten nach Paris jedes Detail eines Maskenballes sorgfältig
registrierte, allen Hofklatsch der Schilderung für wert befand, weiß
wohl von denen zu erzählen, die das Herz des Königs entflammten, aber
von den wüsten Orgien, die jene übel duftende, gleich nach dem Sturz des
Königs anonym erschienene "Geheime Geschichte des ehemaligen
westfälischen Hofes zu Kassel"[48] behaglich und weitschweifig
darstellt, weiß er nichts. Auch der kleine Page von Lehsten, dessen
Erinnerungen Otto von Boltenstern kürzlich veröffentlichte, weiß nichts
davon. Von schönen Frauen und frohen Festen erzählt er, auch davon, daß
der König die Liebe genoß, aber zu gleicher Zeit erklärt er, daß die
geringste Verletzung des Anstands, daß zweideutige Äußerungen und
öffentliche Galanterien am Hofe vom König selbst auf das strengste
bestraft wurden und "kein Beispiel bekannt war, wonach die Unschuld
eines jungen Mädchens von gutem Ruf durch Verführungskünste untergraben
worden wäre".[49] Neuerdings schien dagegen ein Buch Moritz von
Kaisenbergs über Jerome dem alten Klatsch neue Nahrung zu geben. Bei
näherer Prüfung aber zeigt es sich, daß ein großer Teil der
veröffentlichten Briefe fingiert ist und dem romanhaften Charakter des
Ganzen entspricht. Die darin erzählten Schauergeschichten sind vielfach
wörtlich jener ominösen "Geheimen Geschichte" entnommen, die auch vielen
ebenso wertlosen wie tendenziösen Romanen das Material geliefert
hat.[50] Kein Patriotismus ist ja auch wohlfeiler wie der der
Beschimpfung des Feindes, und durch nichts fühlt die eigene gemeine
kleine Seele sich wohltuender erhoben, als wenn sie Hochgestellte im
Schmutze findet. Ohne diese fatale menschliche Eigenschaft würden
Klatsch und Verleumdung es nicht so leicht haben, an Stelle der Wahrheit
zu treten. Auch nicht angesichts der Person des Westfalenkönigs, dessen
Charakter eine unumstößliche Rechtfertigung gefunden hat. Für ihn gilt,
wie für Faust: das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Katharina von Württemberg war ihm ohne Liebe vermählt worden. Bald nach
der Hochzeit schon schrieb sie an ihren Vater: "Ich bin die glücklichste
der Frauen und kann der Vorsehung nicht genug danken, daß sie mein
Schicksal mit dem der besten der Männer vereint hat."[51] Reinhard
berichtete von Kassel aus an den Kaiser: "Das Leben der Königin ist nur
von der der Anbetung gleichkommenden Liebe zum König beherrscht."[52]

Das Tagebuch der Königin bringt auf jeder Seite die rührendsten Beweise
ihrer Liebe und ihres Vertrauens.[53] Während der häufigen Trennungen
korrespondierten die Gatten täglich miteinander, und über einen langen
Zeitraum verstreut finden sich in den Briefen der Königin folgende
Stellen: "Ich habe nur Dich in der Welt" -- "Lieber nehme ich alle
Unannehmlichkeiten auf mich, als das Unglück, Dir zu mißfallen" -- "Du
weißt, daß nichts mich so zur Verzweiflung bringt und mich so
unglücklich macht, als von Dir getrennt zu sein."[54]

Nach dem Sturze des Kaiserreichs, als Katharina für sich und ihr Kind
einer vollkommen unsicheren Zukunft entgegensah, bot ihr ihr Vater ein
Schloß in Württemberg und eine gesicherte, ihrem Rang entsprechende
Existenz an für den Preis ihrer Trennung von Jerome. Aber während
Napoleons Gattin den vom Glück Verlassenen ruhig verriet und seinen und
ihren Sohn um ihres Wohllebens willen an Österreich auslieferte, schrieb
Katharina ihrem Vater: "Durch die Politik gezwungen, den König zu
heiraten, hat das Schicksal es doch gefügt, daß ich die glücklichste
Frau wurde, die es geben kann. Alle meine Gefühle gehören ihm: Liebe,
Zärtlichkeit, Bewunderung," und sie erklärte zum Schluß: "Der Tod oder
mein Gatte, das ist die Devise meines Lebens!"[55]

Einem Mann, der ein Wüstling ist, kann eine Frau sich vielleicht aus
falschem Pflichtgefühl opfern, nie aber wird sie ihm die heiße Liebe
eines Lebens weihen, -- jene Liebe, die selbst die schwerste Probe
besteht: daß das Herz des anderen nicht stets in gleicher Liebe für sie
entbrannte.

Allen Schmutz, den Neid und Haß und böswillige Verleumdung auf Jeromes
Grab gehäuft haben, spült der Strom der Liebe Katharinas fort, und
gelingt es ihm nicht ganz, bleibt noch etwas von ihm an den bunten
Blumen der Erinnerung haften, die darauf wachsen wollen, so weiß ich von
einer anderen Liebe, einer heimlichen, stillen, die auch die letzten
Blättchen reinwäscht. Von ihr will ich erzählen.



Diana von Pappenheim


Ein alter Brief liegt vor mir, rauh das Papier, die Schrift verblaßt,
auf dem gelben, mit Stockflecken besäten Umschlag ein zerdrücktes
Siegel, das mit zierlichen Blumenkränzen umwundene Wappen der Freiherren
von Pappenheim: ein schwarzer Rabe im Schild und auf dem Helm -- ein
schwarzer Unglücksrabe. Die Adresse lautet: _A Mademoiselle Diane,
Comtesse de Waldner, Dame d'honneur de S. A. I. Madame la grande
Duchesse et Princesse héréditaire de Saxe-Weimar à Pyrmont._ Datiert ist
der Brief vom 15. Juli 1806 aus Stammen, dem Familiengut der
Pappenheims; der ihn schrieb, war der Kammerherr des Herzogs Karl August
von Weimar, Wilhelm Maximilian von Pappenheim. Der Werther-Geist der
Zeit atmet in seinem eleganten Hoffranzösisch, und seltsam warnend tönt
für den, der rückwärts schaut, die Stimme des Schicksals zwischen den
Zeilen. Also lautet er:

"Meine geliebte Freundin! Der Brief, den ich gestern das Vergnügen
hatte, Ihnen zu schreiben, wird schon in Ihren Händen sein. Ich reise
morgen früh nach Kassel und Fulda. In sechs Tagen hoffe ich wieder hier
zu sein und eine Menge Briefe von Ihnen vorzufinden .... Ich habe viele
gute Bücher eingepackt, die ich nach Weimar schicke, damit sie uns
nächsten Winter recht unterhalten mögen. Ich fühle mehr denn je, daß der
Geist immer beschäftigt werden muß, wenn wir nicht in Gefahr geraten
sollen, in unserer Entwickelung zurückzugehen, wovor uns Gott behüten
möge. Ich treffe hier alle Vorbereitungen, daß, wenn ich im Oktober oder
November auf acht Tage zurückkehren muß, Sie mich begleiten können und
gut untergebracht sind ...

Schreiben Sie mir bitte recht genau, wie Ihr Befinden ist! Sehen Sie
zuweilen meinen Freund Laffert? Rät er Ihnen nicht, das Tanzen, als ein
frivoles, für ein junges Mädchen gefährliches Vergnügen, aufzugeben?
Welche Vergnügungen haben Sie nicht, während ich es bitter empfinde,
von Ihnen getrennt zu sein ...

Ein kleiner Spaziergang in den Feldern hat mich eben zu einem Platze
geführt, wo ich vor vier Jahren begonnen hatte, einen Garten, eine
Einsiedelei, kurz einen Raum zu verwirklichen, so wie er Ihnen gefallen
würde. Das Herz klopfte mir: als ich Stammen verließ, um in Weimar
Dienst zu tun, mußte ich eine Unternehmung vernachlässigen, die mir so
viel Freude gemacht und von der ich mir so süße Freuden versprochen
hatte; die Mauer war schon zur Hälfte aufgeführt, da befahl ich, die
Arbeit zu unterbrechen, weil ich nicht mehr zurückzukehren glaubte;
jetzt, da ich mich mit einer so liebenswürdigen Frau verbinden will,
schlich sich der Wunsch, sie wieder aufzunehmen, leise in mein Herz. Wie
glücklich wäre ich, Sie mir zur Seite zu sehen in dem Lande, wo ich
geboren bin! Der Gedanke, daß Sie zu jung sind, um den Zerstreuungen der
Welt zu entsagen und auf dem Lande zu leben, stimmte mich traurig, und
ich sah, daß man nicht alles zusammen wünschen und haben kann. Wenn Sie
zum mindesten diesem Lande so viel Geschmack abgewinnen könnten, um den
Sommer hier zuzubringen! Dann hätte Weimar im Winter stets neuen Reiz
für uns beide. Das Land ist schön, man würde mit braven Menschen leben,
man genösse all das, was ich besitze, ohne jetzt irgend etwas davon zu
haben: die Jagd, die Fischerei, die Gärten, die Früchte bis hinab zu den
kleinsten Bedürfnissen des Lebens. O laß uns leben und lieben, wie
unsere guten Vorfahren hier lebten und liebten! Entschließen wir uns
dazu, uns in ein paar Jahren hier zurückzuziehen! Wollen Sie? Geben Sie
mir diese Hoffnung und glauben Sie denen nicht, die Ihnen sagen werden,
daß Sie für das Landleben nicht geschaffen sind. Sie haben Geist genug,
um mit einem Gatten, der Sie zärtlich liebt, überall leben zu können.
Während meines Lebens habe ich mich immer in den süßen Illusionen einer
vagen Hoffnung gewiegt; seitdem ich Ihnen verlobt bin, beginne ich an
ihre Wirklichkeit zu glauben. Mein Schicksal ist entschieden; ich bin
glücklich; wer aber wollte dann nicht dort leben, wo er die meisten
Freunde hat, wo er geboren ist -- in der Heimat! Wir können leicht auf
alle Karriere verzichten, wenn der Ehrgeiz und die Freuden der großen
Welt uns nicht verführen, die oft nichts als Reue hinterlassen oder nur
vorübergehende Vergnügungen bringen, bei denen Geist und Herz leer
bleiben ..."

Aus einem Bilde der Zeit, zu dem meine Augen hinüberschauen, lächelt der
üppige kleine Mund der Braut, eines entzückenden, kaum achtzehnjährigen
Mädchens mit tief in die Stirn fallendem blondem Kraushaar mir entgegen.
Diesen Brief, diesen einzigen Brief bewahrte sie von dem, der ihr Gatte
wurde, ihr Leben lang.

Im Schlosse der Eltern in Ollwiller im Elsaß, zu Füßen der alten Ruine
Freundstein, der ihr Geschlecht seinen Namen verdankte, war sie im Jahre
1788 geboren worden. Wieso sie nach Weimar kam und Maria Paulownas, der
jungen Erbgroßherzogin Hofdame wurde, weiß ich nicht. Kaum zwei Jahre
scheint sie dort gewesen zu sein. Im Herbste 1806 heiratete sie den mehr
als 20 Jahre älteren Pappenheim, ein Jahr darauf, als ihr erster Sohn
geboren worden war, erreichte ihren Gatten das Dekret des Königs von
Westfalen, das an alle im Auslande lebenden Kurhessen erging, bei
Androhung der Einziehung seiner Güter nach Westfalen zurückzukehren. Was
Pappenheim von seiner Braut vergebens erfleht, von seiner Frau vergebens
verlangt hatte, Jeromes Befehl sollte es erzwingen: das Leben in der
Heimat.

Anders freilich, als er es sich geträumt hatte: statt in den stillen
Frieden des ländlichen Besitzes führte der Weg in die rauschenden Feste
des Kasseler Hoflebens. War es sein Ehrgeiz, war es ihre Lebenslust, die
solche Entscheidung traf, -- wer weiß es? Im Sommer 1808 kam er mit
seinem kleinen Sohn und seiner hochschwangeren Frau, die im September
ihrem zweiten Sohn das Leben gab, nach Kassel.[56] Bereits im Winter
danach muß das Pappenheimsche Paar am Hof erschienen sein, und die junge
Frau mit der herrlichen Gestalt, der schneeweißen Haut, den lachenden
blauen Augen und jenem unbeschreiblichen Liebreiz, der weniger in der
Regelmäßigkeit der Züge als in der Anmut des ganzen Wesens bestand, muß
schon bei ihrem ersten Auftreten die Aufmerksamkeit aller auf sich
gezogen haben. Ihre Jugend allein, die der künstlichen Mittel nicht
bedurfte, um zu bezaubern, stellte die älteren Damen des Hofes in den
Schatten und reizte ihren Neid. Bei Gelegenheit eines Maskenballes, am
5. Februar 1809, erlaubte sich eine von ihnen unter dem Schutze der
Maskenfreiheit, Herrn von Pappenheim mit seiner so viel jüngeren Frau zu
necken; Gräfin Truchseß, so berichtete der Allerweltsgeschichtenträger
Reinhard nach Paris, machte aus dem Spaß eine große Klatschgeschichte,
die dem König zu Ohren kam und wohl bösartiger Natur gewesen ist, denn
bereits am 16. Februar erhielt die ebenso ehrgeizige wie eitle Frau den
Befehl, den Hof auf immer zu verlassen,[57] Pappenheim aber wurde zum
Grafen und zum ersten Hofmarschall ernannt, während Diana als Palastdame
in den Hofstaat der Königin eintrat.[58]

Ein Nervenleiden, das Pappenheim bereits 1795 gezwungen hatte, den
Soldatendienst als Major der kurhessischen Leibgarde aufzugeben und sich
einige Jahre in der Stille von Stammen zu erholen, machte sich
inzwischen wieder geltend; und neben ihm, dem alternden kranken Mann,
sah Diana in der Blüte ihrer Schönheit und Jugend den jungen strahlenden
König. War es ein Wunder, daß ihr Herz sich ihm hingab, vielleicht
lange, bevor sie es sich selbst gestand? Daß sie sich wehrte gegen die
erwachende Leidenschaft, daß sie dem heimlichen Werben des Königs aus
dem Wege ging, dafür zeugt ein Bericht Reinhards aus dem Jahre 1809.
Nach der Rückkehr des Königs aus Sachsen, so erzählten die bösen Zungen
in Kassel, sollte es zu einer Einigung zwischen beiden gekommen sein.
"Die Abreise der Gräfin nach Weimar," so fügt Reinhard hinzu, "straft
das Gerücht Lügen." Sie kehrte erst zurück, nachdem die Königin wieder
in Kassel eingetroffen und Pappenheim aus Aix-la-Chapelle, wo er
Genesung gesucht hatte, heimgekehrt war. "Noch kann man also," schloß
der alte Zyniker seinen Bericht, "an die Tugend der Gräfin glauben."[59]

Im März 1810 begleitete sie die Königin nach Paris. Ihr Mann jedoch wird
im Gefolge des Königs nicht genannt. Der Glanz des Pariser Lebens, wo
ein Zauberfest das andere jagte, die lachenden Frühlingstage, die bis in
den Juni hinein eine Schar fröhlicher, junger Menschen auf Frankreichs
glücklicher Erde festhielt, enthielten jene süße berauschende Luft, in
der die Blume der Leidenschaft rasch emporblüht und sich wundervoll
entfaltet. Niemand freilich wußte davon, die Lästerzungen schwiegen,
auch als es wieder heimwärts ging nach Kassel, erwähnte Reinhard in
seinen Berichten den Namen der Gräfin Pappenheim nicht, nur von der
zunehmenden Krankheit ihres Mannes war hier und da die Rede.[60] Da kam
der trübe Winter 1810/11 nach der Zurücknahme Hannovers durch den
Kaiser. Vor allen Festen fliehend, zog sich das Königspaar mit wenigen
Getreuen, unter ihnen Diana von Pappenheim, nach Napoleonshöhe zurück.
Hier, wo sie des Königs zerrissene Seele sah, wo zu der großen Liebe
jene Empfindung hinzutrat, die dem Weibe die letzten Waffen nimmt, --
das Mitleid --, öffnete sich ihm ihr Herz. In dem kleinen Landhaus
Schönfeld, zwischen Kassel und Napoleonshöhe, trafen sich die Liebenden
und vergaßen im Feuer ihrer Leidenschaft den harten Winter, der draußen
mit starren Fingern an die Fenster klopfte, und das eisige Schicksal,
das alle Blumen der Hoffnung zu knicken drohte.

Am 7. September 1811 brachte Diana das Kind ihrer Liebe zur Welt: Jenny,
die Jerome über die Taufe hielt und die, da der Gatte Dianens noch nicht
von ihr getrennt lebte, als seine eheliche Tochter anerkannt wurde. Bis
dahin hatten selbst die böswilligsten Lästerer das Geheimnis von
Jeromes und Dianens Liebesbund nicht zu entdecken vermocht, das Kind mit
den leuchtenden, dunkeln Augen, der gelblichen Haut, dem fein
geschwungenen Näschen war seine Offenbarung. War es wohl auch sein
Händchen, das den unglücklichen Pappenheim, dessen Geist sich mehr und
mehr umnachtet hatte, in das Dunkel stieß, aus dem es ein Entweichen
nicht mehr gab? Diana geleitete den Schwerkranken nach Paris und blieb
bei ihm, bis die Ärzte ihr keine Hoffnung mehr gaben. Welche Qualen
mögen sie gefoltert haben in dieser Zeit, wie zerrissen mag ihr Herz
gewesen sein von der Not des Gewissens, von der unbesiegbaren Glut
sehnsüchtiger Liebe!

1812 schrieb Reinhard nach Paris: "Die Gräfin Pappenheim ist
zurückgekehrt und wohnt gegenüber dem Schloß in der Wohnung, die der
Oberhofmarschall zuletzt innegehabt hat. Ihr Mann ist noch immer in
Paris in der Behandlung des _Dr._ Pinel."[61] Kurze Zeit später zog ein
stiller Gast in Stammen ein, und zwei Jahre noch blickten die armen,
blöden Augen über die Fluren seiner Väter hinaus, die er so sehr
geliebt hatte. Diana besuchte ihn zuweilen, er kannte sie nicht mehr.

Die drohenden Gewitterwolken, die sich um das Schicksal ihres Geliebten
zusammenzogen, vor denen so manche, die ihn in Tagen des Glücks
umschmeichelt hatten, feige entflohen, fesselten sie nur noch mehr an
seine Seite, gaben ihrer Liebe die Weihe gemeinsam getragenen Leids. Und
ein Kind von ihm trug sie wieder unter dem Herzen, ein Kind, das vor der
Welt keinen Vater haben würde. Sie prunkte nicht mit ihrer Liebe, denn
nicht Glanz und Einfluß verlangte sie von ihm, und der König war weit
davon entfernt, sich wie ein prahlerischer Roué vor der Welt mit der
schönen Geliebten zeigen zu wollen. Darum legte sich schützend der
Schleier des Geheimnisses um sie, darum enthalten selbst die späteren
Skandalgeschichten kein Wort von Diana von Pappenheim.

Ihre Entbindung stand nahe bevor, als die Russen in Kassel einzogen. Die
Angst um sie, die den König folterte, trieb ihn noch einmal nach Kassel
zurück zu jenem kurzen Aufenthalt, den niemand begriff und den seine
Feinde dahin deuteten, daß er im Schloß verwahrte Reichtümer noch
heimlich habe entfernen wollen. Er hatte noch gerade Zeit, die Geliebte
in Schönfeld in Sicherheit zu bringen, dann war mit dem Königstraum der
Liebestraum vorbei, und niemals sahen sie sich wieder!

In der Zelle des stillen Pariser Klosters _Notre-Dame des Oiseaux_ saß
ein Vierteljahrhundert später eine junge Nonne am Schreibtisch und
schrieb einer fernen, unbekannten deutschen Schwester diese Zeilen:

"... Und nun, meine liebe Jenny, will ich die Zweifel zerstreuen, die
Deine Gedanken zuweilen bewegen, denn mehr als einmal habe ich, meine
geliebte Schwester, mit Madame Duperré von Deiner und meiner Geburt
gesprochen. Sie war, wie Du ganz richtig sagst, die intimste Vertraute
unseres Engels von Mutter, ihr übergab mich Mama im Augenblick meiner
Geburt. Damals, 1813, brachte der König, -- genötigt, sein Reich zu
verlassen --, noch die geliebte hochschwangere Frau nach dem Schlosse
Schönfeld, wo ich geboren wurde und dessen Namen ich trug. Da Mama
genötigt war, in Deutschland zu bleiben, und mich nicht mit sich nehmen
konnte, denn Herr von Pappenheim war schon seit langem wahnsinnig und
von ihr getrennt, vertraute sie mich ihrer besten Freundin an, nachdem
sie ihren Schmuck und alle ihre Wertsachen verkauft hatte, um meine
Existenz sicherzustellen. In der Verzweiflung dieser Stunden, wo sie
glaubte, als Buße für ihre Sünden alle Bande zwischen sich und dem König
zerreißen zu müssen, folgte sie dem Rate der Freundin und teilte ihm
mit, ich sei gestorben. Madame Duperré sagte mir, daß sie in ihrem
ganzen Leben nichts so bitter bereut habe, wie diesen Rat, den sie
erteilte, denn des Königs damals tiefverwundetes Herz litt nicht nur
sehr unter der Nachricht, es wäre für ihn eine Freude gewesen, für mich
sorgen zu können. Bei Dir lagen die Verhältnisse anders. Du wurdest
geboren, als unser Vater noch regierte und Mama und Herr von Pappenheim
formell zusammenlebten. Das ermöglichte Deine scheinbare Legitimität;
der ganze Hof jedoch wußte, daß Du des Königs Tochter seiest, und die
Natur selbst schien es beweisen zu wollen, indem sie Dich schon als
kleines Kind zu Deines Vaters genauem Ebenbild formte. Aber auch Mama
hat es wiederholt Madame Duperré versichert, und als ich mit unserem
Vater, der sich inzwischen überzeugen konnte, daß ich nicht gestorben
und nicht mit Dir identisch bin, das erstemal zusammenkam, sprach er mir
sofort von Dir und erzählte mir alles genau so, wie Madame Duperré es
mir schon tausendmal wiederholt hatte. Wir beide sind die einzigen
Kinder aus dem Liebesbund zwischen unserer Mutter und dem König.
Gottfried und Alfred sind nicht unsere rechten Brüder, denn der eine war
schon geboren, als die Pappenheims an den Hof kamen, und den anderen
trug sie gerade unter dem Herzen. Ich verstehe vollkommen, meine
geliebte Schwester, daß die Rücksicht auf das Andenken Deiner Mutter und
die Wohlfahrt Deiner Kinder Dich dazu bestimmen, Deine Beziehungen zu
Papa vor ihnen zu verschleiern. Mein und sein Wunsch beschränken sich
darauf, daß Du Deinem Herzen freien Lauf läßst, Deinem Vater all die
Liebe entgegenbringst, die er verdient und die unsere verklärte Mutter
für ihn von uns fordert.

Immer wieder hat sie in ihrem Briefwechsel mit mir von unserer Herkunft
erzählt und mir das Versprechen abgenommen, Dir nichts davon zu sagen.
'Im Augenblick aber,' so schrieb sie mir, 'wo die Verhältnisse Dir eine
Begegnung mit Deinem Vater gestatten werden, was so lange unmöglich ist,
als er im Exil lebt, und wo er Dir von Deiner Schwester spricht, soll es
Deine erste Aufgabe sein, Jenny aufzuklären und sie in meinem Namen zu
bitten, all die Liebe und Zärtlichkeit, die ein Kind seinem Vater
schuldig ist, ihm entgegenzubringen und ihn nicht des Glückes zu
berauben, der Zuneigung seiner Tochter sicher sein zu dürfen.' Dieser
Brief, liebste Schwester, aus dem ich Dir diese Zeilen abschreibe, ist
der einzige, den ich noch von unserer Mutter besitze, -- auf ihren
Wunsch mußte ich ihre Briefe vernichten --, aber dieser eine genügt
auch, um alle Deine Zweifel zu beseitigen. Nachdem er seine Aufgabe
erfüllt hat, will ich auch ihn verbrennen. In diesen stürmischen Zeiten
wissen wir niemals, was geschehen kann. Gerade uns Klosterschwestern
kann die Revolution gefährlich werden, und ich will nicht, daß irgend
etwas von unserem Engel von Mutter in Hände fallen soll, die es
entweihen. Schweren Herzens trenne ich mich von dieser letzten Reliquie,
aber dem Andenken und der Liebe zu unserer Mutter muß ich dies Opfer
bringen ...

Papa verläßt mich soeben, er trägt mir alles Zärtliche an Dich auf. Wie
sehnt er sich danach, Dich zu umarmen, aber da es in diesen Zeiten nicht
möglich ist, mußt Du ihn und mich dadurch entschädigen und unsere
Trennung erträglich machen, daß Du recht oft schreibst. Je näher ich
unseren Vater kenne, desto mehr liebe und verehre ich ihn. Ich
versichere Dich, meine liebe Jenny, man hat viel Böses von ihm erzählt,
dessen er nie fähig gewesen ist. Viel ist in seinem Namen geschehen,
wovon sein gütiges Herz nichts wußte, und Neid und Haß, die dem Glück
wie der Größe auf den Spuren folgen, haben sein Bild beschmutzt und
verzerrt. Wir haben die Aufgabe, ihn durch unsere Liebe viel
unverdientes Leid vergessen zu machen ...

Deine Schwester Pauline."


Das Leben hatte das Haar des Vaters bleichen, der Tod die schönen Augen
der Mutter schließen müssen, ehe Jenny erfuhr, von wessen Blut sie war,
und daß hinter Pariser Klostermauern ihr noch eine Schwester lebte.

In der Familie wußte jeder, daß diese Frau mit den napoleonischen Zügen
eine fremde Blume war, nicht dem friedlichen Hausgärtchen deutscher
Familiensippe entsprossen. Ihr selbst war es ein nur dunkel geahntes
Geheimnis geblieben. Auf welche Weise sie es erfuhr, weiß ich nicht,
denn die ersten Briefe der Nonne, ihrer Schwester, an sie, befanden sich
nicht in dem mir übergebenen Paket. Es enthielt nur die folgende kleine
Auswahl aus der während vieler Jahre bis zu Jeromes Tode im Jahre 1861
und bis zu dem der Nonne in den achtziger Jahren lebhaft geführten
Korrespondenz, die bloß durch wiederholten Aufenthalt meiner Großmutter
in Paris unterbrochen wurde. Die Briefe bedürfen keines Kommentars. Nur
tote Blätter sind es, und die sie schrieben, schlafen schon lange den
ewigen Schlaf, aber die Liebe, die in ihnen atmet, füllt sie mit warmem
Blut und lebendigem Leben.

Von Diana blieb nicht viel erhalten. Ein paar Bilder, von denen jedes
ein anderes Antlitz zeigt: das süße, lachende Mädchen zuerst, eine
schöne, kühle Frau zuletzt. Und ein Brief an Jenny, ihre Tochter. Wie
der des liebenden, hoffnungsvollen Bräutigams der einzige ist, der von
des unglücklichen Pappenheim Hand, trotz des Jahrhunderts, das über ihn
hinwegging, erhalten blieb, so ist der Brief der sterbenden Diana der
einzige, der von ihr zeugt. In jenem lag, dunkler Ahnungen voll, die
Zukunft verborgen, in diesem weint und schluchzt der Schmerz der
Vergangenheit. Hier ist er:


Weimar, 20. Oktober 1844.

Meine liebe Jenny!

Ich frage nicht mehr, ob ich schreiben darf -- ich schreibe! Denn ich
kann Dich versichern, daß es mir schlechter geht als im Augenblick der
Abreise. Eine tiefe Melancholie erfüllt meine Seele, eine schreckliche
Mutlosigkeit beherrscht mich. Wer nur trösten will, glaubt mir
versichern zu müssen, daß gar keine Gefahr vorhanden ist, und ich kann
nicht einmal daran zweifeln! Schon ein Monat schrecklichster Qualen, und
noch kein Schritt näher der Ewigkeit. Und all diese Leiden sollen sich
noch oft wiederholen, ehe das Ziel erreicht ist. -- O mein Gott, welchen
Prüfungen willst Du mich noch unterwerfen!

Ich möchte mich einsperren können und mich vor keines Menschen Augen
zeigen; meine Nächte sind immer schlecht, am Morgen habe ich die
Empfindung, als hätte ich eine Schlacht gewonnen. Man umgibt mit Sorge
und Liebe dieses nutzlose Leben, das zwischen Bett und Lehnstuhl hin und
her vegetiert. Wenn diese Zeilen Dir Tränen erpressen, -- ich kann's
nicht ändern, ich kann nicht anders schreiben, und Du weißt ja, daß ich
nicht sterben werde! Du darfst auch nicht daran denken, herzukommen. Du
kennst meinen Grundsatz meinen Töchtern gegenüber: daß ihre erste und
heiligste Pflicht sie neben ihre Gatten und ihre Kinder stellt. In
meinem Zustand wirken auch Schmerz und Freude gleichmäßig stark auf
mich; erlaubt man jemand bei mir einzutreten, den ich lange nicht
gesehen, so ergießt sich ein Strom von Tränen aus meinen Augen, und dann
kommt das Fieber. Vielleicht werden Monate, Jahre über meine
tiefeingewurzelte Krankheit vergehen -- wie könntest Du darüber auch nur
eine Deiner nächsten Pflichten vernachlässigen, während ich nichts
brauche als Ruhe, Stille und Einsamkeit .... Ach, könnte ich von dort
oben zu Dir hinuntersehen, dann hättest Du den schönsten Trost: meine
Mutter hat die dunkle Schranke überschritten, sie ist dort, wo mein
Wunsch und mein Gebet sie hingeleitete.

Ich schließe, meine Jenny, meine geliebte Tochter, denn kein Wort könnte
ich äußern, das nicht das Echo eines kranken Körpers und einer
tieftraurigen Seele wäre. Bete für mich, mein Kind, aber bete nicht, daß
der Gott der Güte mir dies Leben erhalten möchte, das auf mir lastet und
immer auf mir lasten wird ...



Briefe der Nonne _mère_ Marie de la Croix (Gräfin Pauline Schönfeld) und
des Königs Jerome Napoleon


Paris, den 5. Februar 1848.

Im Augenblick verlasse ich meinen teuren Vater, meine liebste Schwester,
und ich beeile mich, mit Dir zu reden; da dieser beste Vater mir sehr
ans Herz gelegt hat, Dich nicht lange ohne Antwort zu lassen -- ein
überflüssiger Rat, denn meine Liebe zu Dir würde mir nicht gestatten,
Dir nicht so rasch als möglich von demjenigen zu sprechen, der uns so
sehr liebt, und dem ich so viel an Liebe weihe, als mein Herz zu geben
imstande ist. Deinen Brief, meine Jenny, erwartete ich mit größter
Ungeduld, denn jedesmal, wenn ich unseren geliebten Vater sah, frug er
danach; er schien zu ahnen, daß dieser Brief seinem Herzen wohl tun
würde. Und das geschah, meine geliebte Schwester: ich wollte, Du hättest
seine tiefe Bewegung sehen können, als er von den warmen Gefühlen
erfuhr, die für ihn in Deinem Herzen Eingang zu finden scheinen; große
Thränen füllten seine Augen, und von Zeit zu Zeit wiederholte er: "So
werde ich denn auch die Liebe meiner Jenny besitzen! Und Dir, meine
Pauline, verdanke ich dieses Glück! O sage es Deiner Schwester, daß sie
einen Vater hat, der sie zärtlich liebt und der sehr darunter gelitten
hat, sich ihrer Nähe und ihrer Zärtlichkeit nicht erfreuen zu dürfen!"
Du wirst gut tun, meine Jenny, ihm selbst zu schreiben, sein Vaterherz
würde dafür sehr empfänglich sein. Ja, meine Jenny, wir müssen uns
bemühen, ihn mit allem erdenklichen Glück zu umgeben; das ist eine
Pflicht, deren Erfüllung unser Engel von Mutter vom Himmel herab von uns
verlangt. Unser Vater sagt von ihr, daß sie eine Frau ohne Gleichen
gewesen wäre und er ihr immer das zärtlichste Andenken bewahrte.


den 6. Februar.

Wenn Du an Papa schreibst, so adressiere den Brief an mich; ich kann Dir
seine Adresse nicht geben, weil er in wenigen Tagen seine Wohnung zu
wechseln gedenkt. Es ist keine Rede davon, daß er sich etwa in der Nähe
von Paris ankauft; er hat noch keine festen Pläne, solange seine
Geschäfte nicht ganz geregelt sind. Alle Welt scheint ihm wohl gesinnt,
aber die Welt ist zuweilen falsch, darum ist er in großer Unruhe, bis
das Gesetz von der Kammer angenommen ist. Sobald die Entscheidung fällt,
teile ich sie Dir mit. Ich hoffe sehr, daß die Pension, die er fordert,
ihm bewilligt wird, denn unser guter Vater lebt auf großem Fuß, will
immer schenken und helfen und Andere glücklich machen. Für sich selbst
braucht er fast nichts, aber Anderen gegenüber ist er von einer beinahe
zu großen Generosität. Was Napoleon betrifft, so ist er der beste Sohn,
der sich denken läßt; kein Tag vergeht, ohne daß er seinen Vater, den er
vergöttert, sieht; er arbeitet viel und sucht seinem Vater alles
Unangenehme aus dem Wege zu räumen; da es aber keine vollkommenen Wesen
giebt, so amüsiert er sich und macht leider viel von sich reden, was
unseren Vater sehr beunruhigt. "Aber," so sagt Papa, "meine Predigten
packen ihn nicht, weil das Beispiel fehlt, das ihnen Gewicht geben
könnte! Die Sünden der Jugend, die wir an unseren Kindern büßen!"
Napoleon hat ein weiches Herz, was für Papa notwendig ist, da er es sehr
gern hat, von seinen Kindern zärtlich behandelt zu werden. Mathilde ist
der Gegensatz ihres Bruders, sie ist kalt, vor allem ihrer Familie
gegenüber. Sie scheint nichts zu lieben als ihre Freiheit, besucht den
Vater nur an seinen Empfangstagen und hat keinerlei Bedürfniß, ihn
allein zu sehen; sein Kommen und sein Gehen ist ihr vollkommen
gleichgültig. Sie ist eine reizende Salondame, sehr graziös, die überall
gefällt, und bei der das Amüsement an Stelle jeder Art von
Herzensbeziehungen tritt. Papa sagt, daß ihr Charakter dem von Napoleon,
dem Deinen und dem meinen vollkommen entgegengesetzt ist, und weder ihm
selbst noch ihrer Mutter gleicht. Er hofft, daß sie sich in einigen
Jahren geändert haben wird. Während der zwei Jahre ihrer Ehe war sie so
unglücklich, daß sie jetzt nichts so genießt als ihre Freiheit.
Glücklicherweise hat sie keine Kinder ... In diesem Moment ist von Papas
Familie nur Prinz Paul von Württemberg, sein Schwager, in Paris; er
sieht ihn oft. Papa ist so gut, daß alle Menschen, die ihn kennen, ihn
lieben; er will nichts anderes, als Allen Gutes tun, die ihn umgeben.


8. Februar.

Ich sah Papa soeben, der, wie immer, viel von Dir gesprochen hat: "Wie
wären wir glücklich," sagte er, "wenn Jenny, als die dritte, unter uns
sein könnte. Es gehört zu meinen größten Entbehrungen und zu den
schmerzhaftesten Strafen für meine Sünden, daß ich nicht mit Euch
zusammen leben kann!" Mathildens Kälte läßt Dich uns doppelt vermissen!
... Ich sehe jetzt häufig Frau Duperré, die sehr an Papa hängt, und für
die Papa eine dauernde, aufrichtige Dankbarkeit empfindet. Sie läßt Dich
aufs herzlichste grüßen. Laß uns nicht lange auf einen Brief warten, der
für Papa ein Herzensbedürfniß ist ... Jedes Mal, wenn wir zusammen sind,
fühlen wir, daß Du uns fehlst; wir würden uns so gut verstehen, und Papa
würde so glücklich sein! Er kommt alle anderen Tag zu mir und wiederholt
mir stets, daß seine besten Augenblicke die sind, die er bei mir
verlebt. Gestern war Papa beim König, der ihn und Napoleon sehr
liebenswürdig empfangen hat. Napoleon, der die gegenwärtige Regierung
nicht liebt, widersetzte sich zuerst, hin zu gehen, als aber Papa
bemerkte: wer das Ziel will, muß auch den Weg wollen, erklärte er
sofort, seinem Vater zu Liebe wolle er nachgeben. Sein Verdienst hierbei
ist um so größer, als er für gewöhnlich einen eisernen, unbeugsamen
Willen hat ...


Paris, 15. März 1848.

Eben erhalte ich Dein Brief, meine geliebte Schwester, und gleich setze
ich mich zum Schreiben nieder, denn um Dir eingehend zu schreiben,
brauche ich mehrere Tage. Das Schreiben wird mir sehr schwer und bei
jedem Brief zittere ich, daß es der letzte sein könnte, den ich zu
schreiben imstande bin ... Ich war recht in der Sorge um Dich, da ich
aus unseren Zeitungen erfuhr, daß auch in Deutschland und zwar besonders
in Preußen die Revolution ausgebrochen ist; Papa ließ jeden Tag, an dem
er mich nicht selbst sehen konnte, nach Nachrichten von Dir fragen, so
groß war seine Sorge in dem Gedanken, daß Preußen wie unser armes
Frankreich in fieberhafter Unruhe lebt. In diesem Augenblick ist es
ruhig in Paris, aber die Zukunft ist recht dunkel; der Handel liegt
darnieder, die Finanzen stehen schlecht; man sieht nichts als ruinierte
oder unglückliche Menschen. Ich bedaure auch von ganzem Herzen die arme
Herzogin von Orleans, die sich in ihrem Unglück so tapfer und edel
gezeigt hat; -- freilich glaube ich, daß sie glücklicher sein wird, als
sie auf dem Throne gewesen wäre! Ich gebe Dir keine politischen Details,
ich sage Dir nur, daß alle Welt traurig ist und vor den Wahlen und vor
der Nationalversammlung zittert. Papa und Napoleon haben sich, Gott sei
Dank, in nichts eingemischt und werden es auch ferner nicht tun; Papa
hat den Posten eines General-Gouverneurs der Invaliden abgelehnt. Man
hatte ihm auch eine Stellung innerhalb der provisorischen Regierung
angeboten, aber er will zu meiner Freude nichts annehmen. Ich wäre vor
Angst gestorben, wenn ich ihn in diesem Augenblick in einflußreicher
Stellung hätte sehen müssen. Er denkt nicht daran, Paris zu verlassen,
weil, wie er sagt, sein Herz fern von mir zu sehr gelitten haben würde.
Sieben Tage lang konnten wir uns nicht sehen, weil die Barrikaden jede
Kommunikation unmöglich machten. Unsere erste Zusammenkunft nachher hat
uns fast ebenso erschüttert, wie die, die ich zu allererst mit meinem
geliebten Vater gehabt habe. Wir entschädigen uns jetzt für die
Trennung, denn es vergehen nicht zwei Tage ohne ein Zusammensein. Du
bist am häufigsten der Gegenstand unserer Unterhaltung.

Was ich am meisten in Papas Charakter bewundere, ist seine
unbeschreibliche Güte. Nie wird man ihn irgend etwas Schlechtes von
anderen sagen hören; er findet immer noch eine Entschuldigung oder
Erklärung, selbst für eine Handlungsweise, die sich gegen ihn richtet,
und weiß bei Jedem eine gute Seite zu entdecken.


den 16. März.

Ich kehre heute zu Dir zurück, in Erwartung des Besuchs von Papa. Ich
habe ihm soeben einen Eilboten geschickt, um ihn wissen zu lassen, daß
es Dir gut geht und ich einen langen Brief von Dir habe, er hat mir
daraufhin sagen lassen, er werde in zwei Stunden hier sein, um Näheres zu
erfahren. Du siehst, liebste Schwester, wie sein Herz an Dir hängt, und
meins erfreut sich seiner Liebe zu Dir ebenso wie der zu mir selber ...


Paris, den 3. April 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Dein Brief, den ich eben durch Deine Schwester erhalte, macht mich sehr
glücklich, er ist für mich ein wahrer Trost inmitten der großen
Umwälzungen, von denen Niemand (er mag welche persönlichen
Lebenserfahrungen immer haben) sagen kann, wohin sie führen werden!!

Du hast sehr recht, mein geliebtes Kind, die Bande, die uns verbinden,
sind heilig wie die Natur; ihr Geheimniß soll, solange wir leben, unter
uns bleiben: Deine wundervolle Mutter hat es mit sich gen Himmel
genommen. Dich, liebes Kind, das ich in meinen Armen gehalten habe, noch
ehe Deine Augen sich dem Licht öffneten, Dich, von der ich lange
glaubte, Du seist Pauline, die Nonne, -- Dich habe ich nie vergessen;
Dich in meine Arme schließen, Dir meinen Segen geben zu können, wie ich
ihn Dir jetzt nur schriftlich senden kann, wird ein Tag des Glückes für
mich sein. Küsse Deine Kinder im Namen des alten, bis zu dieser Stunde
ihnen unbekannten Freundes: in Zukunft wird meine Jenny es verstehen,
ihnen Zärtlichkeit und Liebe für ihn einzuflößen! Wenn Werner jetzt um
Dein Geheimniß weiß, so drücke ihm dankbar die Hand für das Glück, das
er Dir gegeben hat. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich als Dein
Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, 24. Mai 1848.

Meine liebe Jenny!

Auf Deinen lieben Brief vom 12. vorigen Monats habe ich lange nicht
geantwortet -- nicht etwa, weil ich mich nicht mit Dir beschäftigt
hätte, mein liebes Kind, bist Du doch der Mittelpunkt aller Gespräche
zwischen mir und Deiner vortrefflichen Schwester, sind doch die Stunden,
die ich bei ihr bin, meinem Herzen die teuersten!! Wir leben hier auf
einem Vulkan, mein Kind, aber ich vertraue dem Stern dieses großen und
edlen Frankreich, für das ich noch mit Freuden die letzten Jahre, die
mir zu leben übrig bleiben, opfern möchte! Es scheint mir nebenbei, daß
es auch in Eurem Lande nicht friedlicher ist, was mich sehr beunruhigt
-- habe ich doch auch dort Wesen, die meinem Herzen teuer sind! Küsse
aufs zärtlichste Deine lieben kleinen Kinder; lehre sie, mich zu lieben,
ohne daß sie einen Augenblick aufhören, das Andenken ihrer herrlichen
Großmutter zu ehren! Ich verlasse mich auf meine Jenny, daß dieses Ziel
erreicht wird! Drücke Deinem Mann in meinem Namen herzlich die Hand; in
diesen Zeiten müssen die Männer vor allem einander entgegenkommen;
vielleicht ist die Zukunft nicht so dunkel, als Viele es glauben
annehmen zu müssen. Ich segne Dich, meine liebe Jenny, und drücke Dich
an mein Herz.

Jerome N.


24. Mai 1848.

Papa verläßt uns soeben, und ich kehre zu Dir zurück, meine Jenny. Ich
habe ihm das Bild der Mutter gezeigt, er hat es ähnlich, aber lange
nicht hübsch genug gefunden, er wird es kopieren lassen, da er sich
nicht mehr davon trennen mag. Auch eins von ihm selbst will er für Dich
malen lassen, und sobald beide fertig sind, sollst Du sie bekommen. Im
Gedanken daran, Dir eine Freude zu machen, ist er jetzt schon ganz
glücklich. Er küßt Dich so zärtlich, wie er Dich liebt, und er läßt mich
noch hinzufügen, daß die Größe dieser Liebe der Größe seiner ganzen
Liebesfähigkeit entspricht. Lebewohl, liebste Schwester, antworte bald
und glaube an die aufrichtige Liebe Deiner Schwester

Pauline.

Schicke doch ja Deine Lithographie, das würde Papa so große Freude
machen!


Paris, den 16. Juni 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Ich bin seit einigen Tagen im Besitz Deines Briefes vom 3., ohne daß ich
bisher einen Augenblick gefunden hätte, um Dir zu schreiben und Dir zu
sagen, wie Deine Zärtlichkeit mich stets aufs neue beglückt. -- Ich höre
mit Freuden, daß es bei Euch ruhiger ist; was uns betrifft, so sind wir
einer vollkommenen Organisation und der notwendigen Ruhe, um zu ihr zu
gelangen, noch sehr fern; hoffen wir, daß es nicht mehr lange dauern
wird, und daß unsere konstituierende Kammer, die die besten Absichten
hat, bald eine von dieser edeln und großmütigen Nation anzunehmende
Verfassung schaffen wird -- dieser Nation, die noch immer bereit war,
für die Sache der Gerechtigkeit und die Größe ihres Namens die größten
Opfer zu bringen! -- -- Ich habe das Bild Deiner herrlichen Mutter
kopieren lassen und Pauline für Dich übergeben, die es jedoch nicht eher
abschicken will, als bis sie das meine beilegen kann, was die Sendung um
einige Tage verzögert. Ich hoffe, meine Jenny, daß die Dinge sich so
einrichten lassen, um unser Zusammensein zu ermöglichen und mir zu
gestatten, Dir vor meinem Tode meinen väterlichen Segen zu geben. Grüße
Deinen Mann, küsse Deine Kinder zärtlich von mir und sei versichert,
liebes Kind, daß Du nicht lebhafter als ich wünschen kannst, einander zu
sehen -- es wäre ein Augenblick des Glücks nach Jahren des Kummers. Ich
küsse Dich zärtlich.

Jerome.


Paris, 16. Juni 1848.

Du wirst angenehm überrascht sein, liebste Schwester, so rasch einen
Brief von uns zu erhalten, aber Papa hat einen Augenblick der Ruhe mit
Eifer ergriffen, um mit Dir zu sprechen, um Dir zu sagen, wie er Dich
liebt. Die politischen Ereignisse verjüngen den geliebten Vater nicht;
er ist sehr müde, ohne eigentlich krank zu sein. Übrigens wünscht er
sehnlich, daß wir uns alle acht Tage schreiben möchten, da es ihm recht
lang erscheint, immer vierzehn Tage warten zu müssen. Das Bild der
Mutter habe ich; ich zögere aber mit der Absendung, bis das von Papa
fertig ist; zu gleicher Zeit werde ich Dir Haare von ihm und vom Kaiser
schicken. Der Ausdruck Deiner Liebe macht unseren Vater sehr glücklich!
Je mehr ich ihn kenne, desto mehr liebe ich ihn, aber mein armes Herz
blutet, wenn ich sehe, wie die politischen Verhältnisse sich scheinbar
zu seinen Gunsten umgestalten; sein Name hallt überall wider; eine
starke Partei steht auf Seiten seiner Familie und wünscht, sie am Ruder
zu sehen. Doch der Wankelmut des Volks, seine Unbeständigkeit in der
Neigung läßt mich den Moment fürchten, wo sie die Regierung in Händen
haben könnten. Der Gedanke macht mich zittern, daß traurige Ereignisse,
in die die Familie verwickelt wird, die alten Tage unseres Vaters zu
beunruhigen vermöchten. Ich wäre außer mir, wenn dieses gütige Herz noch
einmal durch Kummer zerrissen würde. Unser geliebter Vater sieht die
Dinge anders an; er glaubt, wenn Gott die Bonapartes wieder an die
Spitze der Regierung stellt, so wird es für die Dauer sein.
Unglücklicherweise denken andere nicht wie er, sie wissen, wie wenig man
auf die Sympathien und Antipathien der Völker bauen kann, wie wenig
besonders auf die des französischen Volks. (Unter uns gesagt! Denn Papa
kann es gar nicht genug loben, und wir sind darin immer verschiedener
Ansicht.) Louis ist nicht in Paris; er hat Kandidaturen, die man ihn in
verschiedenen Departements anbot, abgelehnt, aber seine Anhängerschaft
ist eine so große, daß er wohl bei einem neuen Anerbieten zur Annahme
gezwungen werden wird. Ich sehe mit Beunruhigung, daß Papa vielleicht
gezwungen werden wird, sich in die Dinge zu mischen, obwohl er es bisher
vermieden hat; der Wunsch, seinem Vaterland nützlich zu sein, sein
schönes Frankreich dem Sumpf zu entreißen, in den es zu versinken droht,
wird ihn vielleicht dazu bestimmen ... Lebwohl, liebste Schwester. Ich
bin zu erregt, um genau zu wissen, was ich schreibe. Die Angst, daß
Ereignisse eintreten könnten, die dem geliebten Vater Unglück bringen,
foltert mich ... Wenn Du Nachrichten von der Herzogin von Orleans hast,
teile sie mir mit, da sie mich sehr interessieren ... Hoffen wir, daß
glückliche Umstände uns bald zusammenführen. Schreibe unserem Vater
immer recht liebevoll, weil er Dich so zärtlich liebt.

Deine treue Schwester Pauline.


Paris, den 15. November 1848.

Meine liebe, gute Jenny!

Es ist grade an diesem Tage, daß ich Dich in meine Arme schließen
möchte, aber ich hoffe (wenn die Ereignisse sich nicht ändern), daß ich
im Laufe des nächsten Jahres dies Glück haben werde: es wäre das größte
Glück für Deinen Vater, mein Kind; es würde mich wieder jung machen,
meine Jenny, und indem ich Dich und Deine Kinder segnen könnte, würde
ich hoffen, ihnen Glück zu bringen. Deine kleine Zeichnung hat mir die
größte Freude gemacht; in Gedanken sehe ich Dich auf deiner hübschen
Terrasse sitzen, Deinen kleinen Werner um den Blumenkorb springend!
Küsse Deine Kinder in meinem Namen, und drücke dem Manne
freundschaftlich die Hand, der über dem Glück meiner Jenny wacht. Ich
schreibe bei Deiner Schwester, damit mein Brief sich nicht länger
verzögert. Ich drücke Dich an mein Herz und segne Dich.

Dein Dich liebender Vater Jerome.


Paris, den 11. Oktober 1849.

Meine liebe Jenny!

Trotz meines Schweigens liebe ich Dich nicht weniger zärtlich und denke
nicht weniger an Dich, mein liebes Kind, die ich noch viel mehr liebe,
seit ich das Glück habe, Dich bei mir zu sehen: ich bitte Dich, sage
Deinem Mann, wie ich ihm immer dafür dankbar sein werde, daß er Dir
erlaubte, einige Tage bei mir zuzubringen. Ich hoffe, liebe Jenny, daß
ich, sobald die Zeiten bei Euch und bei uns ruhigere sind, wieder das
Glück haben werde, Dich in meine Arme zu schließen, und daß Du dann mit
Deinem Mann und Deinen Kindern kommst. Dein Brief, so gütig wie Du
selbst, meine Jenny, hat mich sehr glücklich gemacht. Ich küsse Dich
zärtlich.

Dein Dich liebender Vater Jerome.

Sprich oft von mir mit Deinen Kindern!


Paris, den 1. Februar 1850.

Meine liebe Jenny!

Ich beantworte Deine liebevollen Briefe, die ich immer voller Freude
wieder lese; heute, mein liebes Kind, bestätige ich Dir auch den Empfang
Deines Briefes vom 24. an Deine Schwester. Ach, meine gute Jenny, diese
teure Schwester verliert ihr Augenlicht vollkommen, nachdem sie während
mehr als vierzehn Tagen die schrecklichsten Schmerzen ausgestanden und
mit einem wahren Heldenmut ertragen hat! Ich komme eben von ihr; sie
hört nicht auf zu weinen, was ihr Auge noch mehr angreift; ich will sie
nun einer homöopathischen Kur unterwerfen; nicht weil ich große
Hoffnungen daran knüpfe, aber weil ich nichts unversucht lassen will. --
Was das geliebte Kind vor allem verzweifelt macht, ist der Gedanke,
ihren Vater, ihren Bruder und ihre geliebte Jenny, an die sie bald nicht
einmal mehr schreiben darf, nicht mehr sehen zu können! Du wirst meinen
Schmerz verstehen!

Küsse zärtlich Deine Kinder, grüße Deinen vortrefflichen Mann, und
zweifle niemals an meiner väterlichen Liebe. Ich drücke Dich an mein
Herz, mein liebes Kind.

Dein treuer Vater Jerome.


Paris, 10. Juli 1850.

Mein geliebtes Kind!

Deinen lieben entzückenden Brief vom 12. April habe ich längst
beantwortet; Deine Schwester wird Dir gesagt haben, durch welches
Mißverständniß er nicht in Deine Hände gelangte; damit sich das nicht
wiederholt, übergebe ich ihr diesen Brief zur Weiterbeförderung. Du
kannst, meine liebe Jenny, nichts Gutes und Zärtliches an Deinen Vater
schreiben und für ihn empfinden, was ich nicht mindestens in gleicher
Stärke für Dich und Deine liebe Familie empfinde; ich hoffe bestimmt,
daß die Dinge sich so einrichten lassen, daß ich Euch alle während
einiger Wochen bei mir haben kann. Es ist das ein schöner Traum in
meinem Leben, den ich zu verwirklichen hoffe, ehe ich sterbe, denn ich
liebe Dich und Deine Kinder, als hätte ich Euch alle erzogen und vor mir
aufwachsen sehen; ich liebe meine Jenny so sehr, daß ich wünschte, ich
könnte für meinen lieben Napoleon eine Frau finden, die ihr ähnlich ist.
Meine liebe Pauline ist mein ganzer Trost, sie ersetzt mir M., die ich
nicht mehr sehe!!! Ich küsse Dich zärtlich, geliebtes Kind, mit Deinen
Kindern, die hoffentlich wissen, daß ich noch lebe; alles Gute Deinem
lieben Mann, und Dir, mein liebes Kind, all meine Zärtlichkeit und
väterliche Liebe.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Chateau de Gourdex, 17. September 1850.

Meine gute und innig geliebte Jenny!

Dein lieber Brief vom 10. vorigen Monats beweist mir wieder, daß mein
liebes Kind ihren Vater, der sie so zärtlich liebt, nicht vergißt, und
das macht mich um so glücklicher, als mein Herz von andrer Seite so
unnatürlich erkältet wird! Es ist ein Ersatz, den Gott mir gab, und für
den ich ihm täglich danke. Unsere liebe Pauline ist immer gut, zärtlich,
liebevoll und befindet sich trotz des schlechten Sommers nicht übel. Ich
bin seit gestern hier, beim schönsten Wetter der Welt, in einer
reizenden Gegend, in vollster Ruhe und allein, ich habe nicht einmal
einen Adjutanten bei mir; ich bedarf der Ruhe, denn die Dinge stehen
schlecht bei uns, und Niemand kann voraussehen, wohin sie führen werden.
Ich habe mich vollkommen von der Politik zurückgezogen, und indem ich
aufs Land ging, habe ich dies öffentlich konstatieren wollen. Ich
vermisse nur meine liebe Pauline, denn Napoleon wird mich nächsten
Sonnabend besuchen. Daß ich Euch, meine Jenny, nicht Alle bei mir haben
kann: Dich, Deinen Mann und Deine Kinder, von denen ich hoffe, daß sie
sich um ihre Liebe für mich nicht erst bitten lassen müssen! Lebwohl,
meine Jenny, ich drücke Dich an mein Herz; küsse Deine Kinder und ihren
Vater, der Dich glücklich macht.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Gourdex, den 14. Okt. 1850.

Meine geliebte Jenny!

Ich erhalte soeben Deinen lieben Brief vom 4., und ich antworte sofort,
um mich mit Dir, die mich so gut versteht, zu unterhalten. Ich bin
wirklich in einem reizenden, bequemen Haus sehr gut und nach jeder
Richtung hin angemessen unterbracht; die Marquise und ich sind fast
immer allein, selbst mein Adjutant darf nur kommen, wenn er gerufen
wird. Mein lieber Napoleon kommt alle acht Tage, um 24 Stunden mit uns
zuzubringen und dann nach Paris zurückzukehren, wo er eine Arbeit
vollendet, die ihm Ehre machen wird. Ich verlasse Gourdex nur, um meine
liebe Pauline, die recht leidend war, zu sehen; der Weg von Chartres
nach Paris ist eine Spazierfahrt von nur drei Stunden.

Ich bin weit davon entfernt, liebste Jenny, der Politik zuzustimmen, die
die Regierung einschlägt; ich habe mich auch vollkommen von den
Geschäften zurückgezogen; ich bleibe in meinen alten Tagen mit meinen
Erfahrungen allein.

Mit Freude sehe ich, meine Jenny, daß, wenn die politische Situation es
nicht verhindert, die Dinge sich so arrangieren, daß Du binnen kurzem
mit Deinem Mann und Deinen Kindern einige Wochen in Gourdex zubringen
kannst. Ich werde Dir demnächst Näheres darüber schreiben, ebenso über
einen schon halb reifen Plan, den ich für meinen lieben Napoleon habe.
-- Lebwohl, geliebtes Kind, grüße Deinen Mann, küsse zärtlich Deine
Kinder im Namen von Mamas altem Freunde, der ihnen seinen Segen schickt.
Ich drücke Dich an mein Herz, mein liebes Kind.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, 26. Januar 1851.

Meine geliebte Jenny!

Alle Tage seit längerer Zeit greife ich zur Feder, um Deine guten
zärtlichen Briefe, die mich so beglücken, zu beantworten, und alle Tage
lege ich sie wieder fort, weil ich hoffe, Dir endlich einmal über die
Situation, die mich so sehr bewegt, etwas Tröstliches sagen zu können.
Ich hoffe, daß der gute Genius meines Vaterlandes es dem Unheil
entreißen wird: Du weißt, liebes Kind, daß ich es mir zum Gesetz gemacht
habe, ungefragt keinen Rat zu erteilen, und mich aller Politik fern zu
halten; auch sehe ich meinen Neffen höchst selten, damit man nicht
behaupten kann, daß ich ihn nach irgend einer Richtung hin beeinflusse.
Ich sehe aber nur zu deutlich die ganze Gefahr der Lage, die, durch die
Intrigen der Herren Thiers und Konsorten, alle Tage kritischer wird.

Ich habe voller Freude die Bilder Deiner Kinder erhalten, ich habe sie
einrahmen lassen und sie stehen vor mir; küsse sie zärtlich von mir. --
Unserer lieben Pauline geht es besser, und ich hoffe, ihr Auge wird
erhalten werden. Ich freue mich, daß das gerechte Avancement Deines
Onkels Dich beglückt hat; ich habe sehr wenig Teil daran; er hat es sich
durch seine Talente und seinen eigenen Wert selbst geschaffen. Ich
bedaure nur, daß er den alten Invaliden vergessen hat und ich ihm nicht
die Hand drücken kann.

Ich presse Dich an mein Herz, geliebtes Kind, und segne Dich. Wollte
Gott, alle meine Kinder wären so gut wie Du und die liebe Pauline!

Jerome.


Gourdex, den 22. Februar 1851.

Das Bildchen unseres lieben Otto, meine geliebte Jenny, macht mir die
größte Freude; von Dir gemalt, liebes Kind, ist es eine doppelte Freude
für Deinen alten Vater. Ich danke Dir und segne Dich für die Freude, die
Du mich empfinden läßt. Umarme Deine Kinder, indem Du meiner gedenkst!
Ich hoffe, meine Jenny, daß ich nicht sterben werde, ohne Dich und Deine
Kinder wiederzusehen. Wenn Gott es will, daß die Geschicke meiner
Familie sich konsolidieren, so sollen die, die meinem Herzen nahe
stehen, nicht vergessen werden! -- Seit einem Monat erfreue ich mich
hier der vollkommensten Ruhe bei einem Wetter, einer Sonne, die ich in
gleicher Jahreszeit selbst in Italien nicht erlebt habe. Aber ich denke
doch am 1. kommenden Monats zurückzukehren, denn Deine gute Schwester
leidet unter meiner Abwesenheit, und ihr lieber Napoleon genügt ihr
nicht! ...

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, den 18. März 1851.

Meine geliebte Jenny!

In Beantwortung Deiner lieben Briefe vom 24. Februar und 10. März komme
ich, um mit Dir zu plaudern, was für Deinen Vater stets ein Augenblick
des Glücks ohne jede Bitterkeit ist. Ich kann, liebes Kind, auf das
Glück nicht verzichten, Dich wieder zu sehen, ich will nicht sterben,
ohne Deinem Mann für das Glück zu danken, das er Dir bereitet, ohne
Dich, meine geliebte Jenny, und Deine Kinder zu segnen. Ich verzeihe
gern meiner guten Pauline, die alle Freude, die das Bildchen meines
kleinen Otto mir gemacht hat, allein auf meine Liebe zu Dir zurückführt;
sie bildet sich ganz irrtümlicherweise ein, daß ich sie weniger liebe
als Dich; ich mache keinen Unterschied zwischen Euch beiden, weil Ihr
beide in gleicher Weise meine Liebe verdient und Eurem Vater die gleiche
Zärtlichkeit entgegenbringt! -- Ich freue mich der neuen Stellung, die
ihr einnehmt, indem ihr nach Rosenberg übersiedelt; Werner findet dort
einen segensreichen Wirkungskreis.

Ich habe mehr als einen Monat mit der Marquise (die für Dein
freundliches Gedenken herzlich dankt) ruhig auf dem Lande gelebt, wo wir
uns des schönsten Wetters der Welt erfreut haben; seit dem 4. d. Mts.
sind wir zurückgekehrt, und ich hatte die Ungeschicklichkeit, mir eine
Erkältung zuzuziehen, die mich zehn Tage lang an das Zimmer fesselte und
mich hinderte, unsere liebe Pauline zu umarmen. Seit einigen Tagen
entschädige ich mich dafür, indem ich sie so oft als möglich aufsuche.
Gestern mußte sie ihres Auges wegen, das sich wieder verdunkelte, zur
Ader gelassen werden, trotzdem fand ich sie leidlich wohl, und Du,
geliebte Jenny, stehst immer im Mittelpunkt unserer Unterhaltungen. --
Napoleon geht es gut, er bittet mich, Dich seiner zärtlichsten
Freundschaft zu versichern; Blanqui empfiehlt sich Dir angelegentlichst,
und alle lassen meiner Jenny volle Gerechtigkeit widerfahren, was mich
sehr beglückt.

Der politische Horizont ist finster, mehr oder weniger überall, aber da
wir nur die Werkzeuge der Vorsehung sind, wird nichts geschehen, was
nicht geschehen muß, und wenn man ein gutes Gewissen hat, so kann man in
Ruhe und Resignation die Dinge erwarten: "tue was Du kannst, es kommt,
was kommen muß."

Es gibt mehr als eine Gelegenheit, geliebtes Kind, die mir gestattet,
auf unser Wiedersehen zu hoffen, und sobald sie sich bietet, werde ich
sie nicht entweichen lassen. Lebwohl, meine Jenny, ich drücke Dich an
mein Herz und segne Dich und Deine Kinder.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, den 29. August 1851.

Meine liebe Jenny!

Mit Freuden denke ich daran, daß dieser Brief zu Deinem Geburtstage in
Deine Hände gelangen und Dir meinen väterlichen Segen bringen wird, was
meine Jenny, die in ihrem Herzen die Keime alles Guten und Edlen trägt,
sicher glücklich macht. Küsse in meinem Namen Deine lieben Kinder: ein
natürlicher Instinkt muß ihnen sagen, daß sie mich lieben müssen. -- Ich
überlas gerade Deinen letzten lieben langen Brief, als meine liebe
Pauline mir den vom 23. schickte: zur Zeit der Feuersbrunst war ich
krank und auf dem Lande; übrigens hätte ich mich des Marschall
Sebastiani wegen nicht derangiert; ich habe mehr als eine Ursache,
diesen Mann nicht zu lieben! ... Du mußt nicht glauben, mein liebes
Kind, daß der politische Horizont unseres Frankreichs so schwarz ist,
daß Jeder um unsere Existenz zittern müßte. Sei versichert: Niemand kann
uns Böses tun, als wir selbst, wenn auch zugegeben werden muß, daß die
Lage eine kritische ist. Ich bin gewiß, Gott wird Frankreich schützen!

Bei der Feuersbrunst habe ich von 250 Fahnen nur ... (unleserlich)
verloren; die 50 Fahnen von Austerlitz befanden sich in höchster
Sicherheit in meinem Kabinet, wo Du Dich entsinnen wirst, sie gesehen zu
haben. Unsere liebe Pauline fährt fort, sich wohl zu befinden; die
Heilung ihres Auges ist wirklich ein Wunder, und ein Wunder, das mich
sehr glücklich macht, denn das geliebte Kind wäre sehr zu bedauern
gewesen, wenn sie die, die sie liebt, nicht mehr hätte sehen können!
Lebwohl, liebe Jenny, ich drücke Dich an mein Herz und sende Dir zu
diesem Tage meine wärmsten väterlichen Segenswünsche.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.


Paris, den 14. November 1851.

Meine geliebte Jenny!

Dein Brief hat mich gerade am Vorabend meines Geburtstages erreicht, und
ich antworte Dir sofort, um Dir zu sagen, daß er nicht ein Wort enthält,
das nicht den Weg zu meinem Herzen gefunden hätte! Ach, mein liebes
Kind, warum müssen die Ereignisse und das Schicksal uns so weit von
einander entfernen?! Ich wäre so glücklich, Deine Kinder um mich zu
haben, Deinem vortrefflichen Mann zu danken für das Glück, mit dem er
Dich umgiebt. Aber, liebste Jenny, irgend etwas sagt mir, daß ich nicht
sterben werde, ohne Euch Alle gesegnet zu haben. Mein Leben ist recht
bewegt, trotzdem ich mich zurückgezogen habe, und ich sehe, wie die
Ruhe, deren ich so sehr bedarf, mir immer weiter entflieht. -- Mit
Freuden empfing ich das Portrait Deiner reizenden kleinen Marianne,
grüße sie aufs zärtlichste von mir, ohne dabei der Anderen zu vergessen.
Ich hoffe, meine Jenny, Du sprichst Ihnen oft von Deinem "alten Pathen"
(weil es nun einmal so sein muß!); lehre sie, mich zu lieben, damit,
wenn ich sie einmal umarmen darf, ich spüren kann, daß ihr eigener
Herzschlag es ihnen sagt: kein Fremder ist es, der uns küßt!

Ich segne Dich, liebes Kind, und grüße Deinen Mann und Deine Kinder.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.

_P. S._

Ich übergebe meinen Brief Deiner guten Schwester, die mein ganzer Trost
ist!


Le Havre, den 2. September 1857.

Meine liebe Jenny!

Ich beantworte Deinen Brief vom 26. vorigen Monats, der mich hier
erreicht hat, wo ich seit vierzehn Tagen bin, und wo die Seeluft mir
vortrefflich bekommt (Du weißt, ich nehme keine Seebäder). Ich baue
sogar an einem Luftschloß, das sich hoffentlich nächstes Jahr
verwirklicht: Dich mit Deinem Mann und Deinen Kindern hier her kommen zu
lassen. Das würde Dich freuen, meine liebe Jenny? Ich, der ich Dein
liebevolles Herz kenne, bin davon überzeugt. -- Dein Brief hat mich sehr
interessiert. Ich möchte nur, daß mein lieber Otto seine Gesundheit
schont, die nichts jemals ersetzen kann. Ich kann mich als Beispiel
anführen; ich, der ich 73 Jahre alt bin und vom Alter gar nichts spüre,
und darum noch so glücklich bin, meinem Vaterland und meiner Familie
zuweilen noch nützlich sein zu können. -- Mein guter Napoleon assistiert
im Augenblick der Grundsteinlegung der Rhone-Brücke und der ersten
Eröffnung des Mont Cenis; das liebe Kind ist mein Glück und mein Stolz,
und seine Liebe entschädigt mich für manche Lebensleiden. (Die gute
Pauline, deren zärtliche Liebe ich kenne und die ich darum doppelt
liebe, schafft sich übrigens mehr Sorgen, als vorhanden sind -- sage es
ihr recht deutlich.)

Sage Otto, daß man ein Duell vermeiden muß, wenn die Ehre nicht verletzt
ist, daß es aber beim Beginn des Lebens auch darauf ankommt, nicht für
feige gehalten zu werden -- ich bin übrigens überzeugt, daß er getan
hat, was zu tun notwendig war. Küsse ihn und Deine anderen Kinder von
mir.

Ich umarme Dich zärtlich.

Dein Dich liebender Vater

Jerome.



Unter Goethes Augen



Jennys Kindheit


Weimar, das die junge Frau von Pappenheim an der Seite des Gatten, den
ältesten Sohn im Arm, in kindlichem Frohsinn verlassen hatte, nahm sechs
Jahre später die einsame, gebrochene Frau wieder auf. Der Mann, der
schon lange ein geistig Toter war, hatte in Stammen den letzten Atemzug
getan, ihre kleinen Söhne waren ihr -- auf höheren Familienbeschluß
wahrscheinlich -- genommen und zu einem Pfarrer in Pension gegeben
worden, der am besten geeignet schien, sie vor dem Einfluß der
"sündigen" Mutter zu bewahren, nur die kleine Jenny hatte man ihr
gelassen. In der Stadt Karl Augusts und Goethes hatte man gelernt, die
Liebesbeziehungen der Menschen untereinander mit anderen Augen anzusehen
als mit denen der Sittenrichter, darum galt auch Diana hier nicht als
Verfemte, sondern als Unglückliche, der Liebe und des Mitleidens ebenso
würdig wie bedürftig. Ihre ältere Schwester Isabella, die an den General
von Egloffstein verheiratet und Mutter der auch von Goethe oft
bewunderten schönen Töchter war, bereitete ihr ein Heim; ihre einstige
Herrin, die gütige kluge Erbgroßherzogin Maria Paulowna, empfing sie mit
offenen Armen und sorgte dafür, daß auch ihr kleines Töchterchen in
Weimar heimisch wurde. Ihre eigenen beiden Töchter, Marie und Augusta,
die spätere deutsche Kaiserin, wurden die unzertrennlichen
Spielgefährten und lebenslangen treuen Freundinnen der Tochter Dianens.
"Als kleines, dreijähriges Mädchen," so erzählt Jenny selbst, "brachte
mich meine Mutter zum erstenmal nach Belvedere, dem Sommeraufenthalt
Maria Paulownas, um mit den Prinzessinnen zu spielen. Ich war mit
Augusta in gleichem Alter und sollte von nun an in fast
geschwisterlichem Verhältnis neben ihr aufwachsen. Prinzeß Augusta war
ein schönes Kind mit früh entwickeltem, energischem Charakter. Sie hat
den Gouvernanten die Erziehung nicht leicht gemacht, und mancher
Kinderspiele erinnere ich mich, die nicht ohne Sturm und Tränenregen
verliefen, weil sie ihr Trotzköpfchen durchsetzen wollte."

Mit ihr zusammen genoß sie den ersten, bereits in ihrem fünften Jahr
begonnenen Unterricht. Es muß ein fröhlicher Wetteifer zwischen den
beiden gewesen sein, denn Jenny war ein ungewöhnlich begabtes Kind, und
Augusta "zeigte eine eiserne Ausdauer, die durch klaren Kopf und leichte
Auffassung unterstützt wurde; sie war wie ein Bienchen, das aus jeder,
auch der unscheinbarsten Blüte sich das Süßeste holte.[A]"

[Fußnote A: Diese Äußerung ist ein Zitat aus den Schriften meiner
Großmutter, wie alles, was ich im folgenden ohne weitere Bemerkung unter
Anführungszeichen mitteile.]

Goethe, der Maria Paulowna, die "Lieblich-Würdige", sehr liebte -- "sie
ist eine der besten und bedeutendsten Frauen unserer Zeit und würde es
sein, auch wenn sie keine Fürstin wäre; denn darauf kommt es an, daß,
wenn der Purpur abgelegt wird, das Beste übrigbleibe," sagte er von ihr
zu Eckermann -- und "etwas Väterliches im Umgang mit ihr hatte,"
kümmerte sich ernstlich um die Erziehung ihrer Kinder, und sie, die "in
ihrem bewundernden Aufschauen zu ihm die Rolle einer Tochter übernahm",
richtete sich darin ganz nach seinem Rat. Dadurch kam auch Jenny vom
ersten Augenblick des bewußten geistigen Erwachens unter seinen Einfluß,
und es war die Atmosphäre seines Geistes, in der sie aufwuchs. Für sie
selbst galt mit, was sie in Erinnerung an diese frühe Zeit von Goethes
Verhältnis zu Karl Augusts Enkeln berichtete: "Er war leicht steif und
zugeknöpft, aber niemals ihnen gegenüber. Kamen sie zu ihm, was häufig
geschah, so hatte er immer neue, interessante Dinge zu zeigen und zu
erklären: den Kindern Bilder und geschnittene Steine, den
Heranwachsenden Bücher und Kunstwerke. Rührend war es, wie er auch für
das körperliche Wohl der Kinder besorgt war, wie er sich der Ausführung
seines Planes, den Griesebachschen Garten für sie zum Tummelplatz zu
kaufen, freute."

Auch Karl August und Luise traten in den intimeren Gesichtskreis des
Kindes. "In meiner frühsten Jugend," so schreibt sie, "hat mir niemand
mehr imponiert als die Großherzogin Luise, Karl Augusts Gemahlin. Sie
war ernst, ruhig, fürstlich, von einer Würde der Erscheinung, die sich
auch im Äußeren kundgab. Als sie es lästig und unangemessen fand, sich
noch Toilettengedanken zu machen, blieb sie bei einer bestimmten, ihr
zusagenden Mode: unter der lichten, krausen Blondenmütze einen Kranz von
weißen Löckchen um die Stirn: ein dunkles, einfarbiges, ungemustertes,
schwerseidenes Kleid, vorn bis zur Taille herunter ein anliegendes,
garniertes Blondentuch, halblange Puffärmel mit Handschuhen bis zur
untersten Puffe, das Kleid faltig, lang, hinten etwas schleppend, dazu
die edle Haltung, die klangvolle tiefe Stimme -- so trat sie in den zu
ihr geladenen Kinderkreis und freute sich an den Spielen ihrer
Enkelinnen, der Prinzessinnen Marie und Augusta. So hat sich mir ihr
Bild eingeprägt, so malte sie auch ihre Hofdame, Julie von Egloffstein.

"Wenn sie und Karl August zusammen erschienen, konnte man sich keinen
schärferen Gegensatz denken: die ernste Fürstin mit dem durchdringenden
Blick, dem trotz aller echten Weiblichkeit strengen Urteil, der ruhigen
Sprechweise, der entschiedenen Abneigung gegen alles, was nur im
entferntesten an Frivolität streifte, und der kleine, über das ganze
runde Gesicht immer freundlich lächelnde Großherzog, dessen Witze leicht
etwas derb, dessen Schmeicheleien leicht etwas grobkörnig sein konnten.
Als beide jung waren, mag dieser Gegensatz empfindlich gewesen sein, im
Alter störte er nicht mehr, auch hatte die treue, aufopferungsvolle
Liebe der Großherzogin für den Gatten jede Kluft zu überbrücken
vermocht. Er zollte ihr dagegen eine unbegrenzte Hochachtung, ein
schrankenloses Vertrauen. Was sie gegenseitig am festesten verbunden
hat, war ihre Vaterlandsliebe. Man hat Karl August als Mäcen gefeiert
und hätte ihn doch noch mehr als Landesherrn feiern sollen. Sein klarer
Blick schien selbst die Zukunft zu durchdringen, die politischen
Verhältnisse vorherzusehen; aber er ging nicht nur ins Große, er sah
auch das Kleine, das Kleinste und fand überall und immer in Luisen die
beste, verständnisvollste Unterstützung. Wie sie Napoleon begegnete,
weiß die Weltgeschichte; wie sie im stillen für die Armen im Lande
sorgte, weiß das Volk; wie sie uns Kindern eine mütterliche Fürstin war,
das wissen ihre Enkel, das weiß auch ich. Sie blieb mir aber immer, so
oft ich sie sah, die Großherzogin, denn 'eine Würde, eine Höhe entfernte
die Vertraulichkeit'. Oft erzog ein Blick von ihr uns mehr als eine
Strafe unserer Erzieherinnen, und ein kleines Geschenk aus ihrer Hand
wurde mit mehr Ehrfurcht betrachtet als die größte Bonbonniere von Karl
August, der mit uns scherzte und lachte und es gar nicht liebte, wenn
'die Frauenzimmerchen zimperlich taten', sondern gern fröhliche, auch
kecke Antworten hörte."

Von nachhaltigem Einfluß auf Jennys geistige Entwicklung sollte der Mann
werden, dem ihre Mutter im Jahre 1817 die Hand zum zweiten Ehebunde
reichte: Ernst August von Gersdorff.[62] Seit langem im weimarischen
Dienst, hatte ihn der Herzog, als Probe auf seine Befähigung, mit seiner
Vollmacht am Wiener Kongreß teilnehmen lassen, und er hat diese Probe,
zu der ihn Goethe mit den Abschiedsworten entließ: "Der Herzog und das
weimarische Volk verdienen es, daß ein Mann wie Sie Gut und Blut,
Gedanken und Tatkraft für ihre Sache einsetzt,"[63] glänzend bestanden.
Mit scharfem Blick hatte er nicht nur die Disposition zu dieser "großen
Komödie" erkannt, sondern auch die Absichten ihres Regissieurs
Metternich durchschaut. Er erreichte alles, was für Sachsen-Weimar zu
erreichen war: die Abtretung eines bedeutenden Gebiets durch Preußen und
die großherzogliche Würde für das Herrscherhaus. Sein größtes Verdienst
aber erwarb er sich nach seiner Rückkehr und seiner Ernennung zum
Minister, indem er Karl Augusts Absicht, seinem Lande -- im Gegensatz zu
allen anderen deutschen Fürsten -- eine Verfassung geben zu wollen, auf
das lebhafteste unterstützte. Gersdorffs Energie und liberaler
Gesinnung, seiner Unabhängigkeit von den reaktionären Gelüsten eines
Metternich und Genossen war es vor allem zu danken, daß der
Verfassungsentwurf in wenig Wochen durchgearbeitet, von der Regierung
geprüft und vollzogen, daß die Freiheit der Presse innerhalb der
Landesgrenzen gesichert und, zum erstenmal in Deutschland, eine
allgemeine Einkommensteuer ins Leben gerufen wurde. Wenn er sich so
durch seine politische Tätigkeit als ein für seine Zeit und seinen Stand
ungewöhnlich aufgeklärter Mann erwies, so zeigte er sich durch seine
literarischen und künstlerischen Interessen als echter Bürger Weimars.
Ein gründlicher Kenner der griechischen Dichter und Philosophen, hatte
er sich vor der ausschließlichen und kritiklosen Verherrlichung der
einheimischen Großen stets zu bewahren gewußt und über ihrem Ruhm nie
vergessen, zu beobachten und aufzunehmen, was das Ausland an poetischen
und künstlerischen Schätzen zu bieten hatte, und was die Vergangenheit
hinterließ. Wie alle Menschen von intensivem Leben und starker
Arbeitskraft, hatte er, trotz seiner amtlichen und privaten Tätigkeit,
dabei immer noch Zeit, sich seiner Familie und seinen Freunden zu
widmen. Jennys lebendiger Geist mußte ihn besonders anziehen, und früh
schon beschäftigte er sich mit ihr, nie müde, ihre Fragen zu beantworten
und ihren Interessen eine ernste Richtung zu geben. Schon das neun- und
zehnjährige Mädchen nahm er auf seine Spaziergänge mit, ihr, statt der
Kindermärchen, Homers Heldengestalten vor Augen führend.

Das Jahr 1822 entführte Jenny, der Sitte der Zeit folgend, in eine
Straßburger Pension, wo sie nicht nur ihre Sprachkenntnisse
vervollkommnen, sondern von wo aus sie vor allem mit der Familie ihrer
Mutter in nähere Beziehungen treten sollte. Aber wie sie auch hier auf
Goethes Wegen ging, so wurde auch auf andere Weise der Gedanke an ihn,
die Verbindung mit ihm aufrechterhalten: war doch ihr Onkel, Baron Karl
von Türckheim, in dessen Familie sie jeden Sonntag zubrachte, der Sohn
von Goethes Lili, derjenigen Frau, die von allen, die er liebte, die
seiner würdigste gewesen ist.[64] Als Jenny nach Straßburg kam, war die
Erinnerung an sie, die der Mittelpunkt nicht nur einer zahlreichen
Familie, sondern auch eines großen Freundeskreises gewesen und erst 1816
gestorben war, noch äußerst lebendig, und die zärtliche Liebe, die sie
überall genossen hatte, mochte wohl nicht müde werden, sie zu schildern.
In strahlender Schönheit lächelte ihr Bild der kleinen Jenny entgegen,
sobald sie die Schwelle des Hauses der Verwandten überschritten hatte --
kein Wunder, daß sie der verlassenen Geliebten Goethes in ihrem
schwärmerischen Herzen Altäre baute, die die Jahrzehnte überdauerten,
ohne der Verehrung für Goethe selbst irgendwelchen Eintrag zu tun.

Wie Jerome für seine Mitschüler im Kollegium zu Juilly der Gegenstand
allgemeiner Bewunderung gewesen war, weil er Napoleon zum Bruder hatte,
so wurde Jenny von ihren Mitschülerinnen wie ein Wesen ganz besonderer
Art betrachtet, weil Goethe sie kannte, weil die Hand des großen Mannes
auf ihrem Scheitel geruht. Bekam sie Briefe aus Weimar, so war die
Neugierde aller eine große, und sie selbst wollte immer viel mehr
wissen, als man ihr schrieb: "Ich muß meine Eltern damals wohl sehr mit
neugierigen Fragen gequält haben, denn ich entsinne mich, daß meine
Mutter mir schrieb, ich möchte mich mehr um meine Bücher als um Weimars
Feste kümmern. Trotzdem flossen Berichte mir darüber reichlich zu. Mein
sehr geliebter Stiefvater war es besonders, der mir trotz der ihn
überbürdenden Staatsgeschäfte in seiner geistvoll-humoristischen Art von
Weimar erzählte. War es doch ein Paradies für mich, Goethe, der Abgott
meines kindlichen Herzens, alles, was mit ihm zusammenhing, wertvoller
als alle Herrlichkeiten der Welt. Die heutige Jugend hat keinen Begriff
von solch einem Enthusiasmus; ihn zu haben, ist ein großes Glück, dessen
Mangel einen traurigen Schatten auf das Leben unserer jungen Leute
wirft. Die Begeisterung für Goethe war bei uns Pensionskindern so
mächtig, daß man meinen sollte, wir hätten schon jahrelang andächtig zu
seinen Füßen gesessen, und wir lasen doch nur heimlich hie und da seine
Werke! Daß ich ihn kannte, daß er mir das Haar gestreichelt, die Hand
gereicht hatte, gab meiner Person in den Augen meiner Freundinnen eine
weihevolle Bedeutung. Jede Zeile, die von Weimar kam, wurde
verschlungen, jedes Wort, das er gesagt hatte, machte die Runde durch
die ganze Mädchenschar. Wir haben einmal, als er krank war, bitterlich
weinend in einer Ecke gesessen, und ich und meine liebste Freundin
falteten schließlich die Hände zu einem Kindergebet für den großen,
bewunderten Dichter. Ein Gefühl wie dieses mag heute als sentimental
belächelt werden, ich glaube doch, wir waren dabei frommer, glücklicher,
unsere Seelen harmonischer, unser Geist erfüllt vom Guten, Schönen und
Wahren. Die Empfänglichkeit dafür war größer, die Freuden des Lebens
darum zahlreicher, nicht vergällt durch Spottsucht und wohlfeile Witze."

Da sie im Zeichnen besonders viel Talent entwickelte, veranlaßte sie
ihre Mutter, im Jahre 1825, eine Arbeit von sich zur Ausstellung in die
weimarische Zeichenschule zu schicken. "Ich schickte," so schreibt sie
selbst, "die Kopie eines charaktervollen Bildes _Le prisonnier_; es war
in Wischmanier, _à l'estombe_, und stellt den Moment dar, wo ein
bekehrter Verbrecher den letzten Trost seines Beichtvaters empfängt.

"Zu meinem Entzücken erhielt ich, damals vierzehn Jahre alt, eine
silberne Medaille, worauf neben schön ausgeprägten, symbolischen Figuren
die Worte standen: 'Der Fleiß benutzt die Zeit' und 'Die Zeit belohnt
den Fleiß'.

"Um mich dankbar zu beweisen, schrieb ich einen kindlich-hochtrabenden
Brief: 'Du größter Dichter meines lieben Vaterlandes usw.', und
zeichnete mit großer Mühe nach einem alten Folianten, in welchem Ludwig
_XIV._ von Geschichte und Wahrheit, welche Neid und Lüge zertreten,
verherrlicht wurde, deren Tempel, nur daß ich in den Nischen, statt der
des Königs, die Büsten von Schiller und Goethe anbrachte. Karl August
sagte, als er das Bild sah: 'Was haben sie das arme Kind mit
Geschmacklosigkeiten gequält!'"

Auch die Fäden, die, dem Kinde noch unbewußt, es so eng mit dem großen
Korsen verknüpften, sollten ihr bei Gelegenheit ihres Straßburger
Aufenthalts ahnungsvoll zum Bewußtsein kommen; der Bruder ihrer Mutter,
Graf Eduard Waldner, ein Kriegsgefährte Napoleons, dem vor Moskau ein
russischer Degen die Schädeldecke verletzt hatte, so daß er zeit seines
Lebens genötigt war, eine Platte von Gold zu tragen, machte mit ihr
während einiger Ferienwochen eine Reise durch die Vogesen. Eben erst
hatte sein Kaiser auf ferner Felseninsel die große Seele ausgehaucht --
wie einer jener Götter der Vorzeit, bei deren Anblick Ehrfurcht und
Entsetzen miteinander streiten, stieg, von ihm emporgezaubert, seine
Gestalt vor dem geistigen Auge des Kindes empor. Der Rausch der
Freiheitskriege hatte in ihr noch keine Erinnerung hinterlassen können,
und in Weimar war die Bewunderung, die Goethe dem Welteroberer zollte,
doch nicht ohne Einfluß auf seinen Kreis geblieben, so daß Jennys
Empfinden dem Eindruck rückhaltlos offen stand. Vielleicht wirkte auch
jener geheimnisvolle Einfluß des Bluts, der sich nicht fassen und wägen
läßt, und doch Verwandtes zu Verwandtem zieht, denn lange, ehe sie von
ihrer Herkunft wußte, beherrschte das Schicksal der Bonapartes ihre
Phantasie und fesselte sie mit besonderer Liebe an Eduard Waldner, der
ihr am meisten von ihnen zu erzählen wußte; denn bei der Mutter daheim
durfte die Vergangenheit mit keiner Silbe berührt werden, und der
Stiefvater verwies ihr stirnrunzelnd jede Frage danach.

Unter all diesen verschiedenartigen Einflüssen, zu denen ein für die
damaligen Begriffe von Mädchenerziehung ziemlich strenger Unterricht in
den Wissenschaften und Künsten hinzukam, entwickelte sich Jenny geistig
und körperlich wie jene glühenden Blumen des Südens, deren eine sie war.
Der Brief eines französischen Lehrers an das damals dreizehnjährige
Mädchen zeugt von ihrer Frühreife.

"Ihre intellektuelle Entwicklung," so schreibt er, "ist Ihrem Alter
weit voran geeilt; das ist zuweilen ein Unglück, denn was frommt es, so
früh, im Alter des ersten Lenzes, in die Abgründe des Daseins sehen zu
können:

    Wer erfreute sich des Lebens,
    Der in seine Tiefen blickt!

"Ich weiß -- ein Zufall hat mir darüber Gewißheit verschafft -- daß Ihre
Gedanken reifer sind, als man es von der doppelten Zahl Ihrer Jahre
erwarten würde ... Wie steht es übrigens um Ihre Lektüre? Wie weit sind
Sie mit Schiller? Sind die Eindrücke von dem, was Sie lesen, immer noch
so stark, daß Sie alles darüber vergessen, was Sie umgibt?" Leider fehlt
die Antwort auf diesen Brief; sie hätte aber wohl nichts anderes
enthalten können als eine Bestätigung des darin Gesagten. Das Gemüt
dieses Mädchens war nicht nur wie weiches Wachs, in dem alles innere und
äußere Erleben seine tiefen Spuren hinterließ, es war auch wie
köstlicher Marmor, der unter den Händen des Künstlers "Leben" sich zur
Schönheit formt.

Eben 15 Jahre geworden, sah sie die Heimat wieder. Ihr Stiefvater, der
stets in lebhafter Korrespondenz mit ihr gestanden hatte, suchte sie auf
die Freuden wie auf die Gefahren des neuen Lebens brieflich
vorzubereiten. Früher schon hatte er einmal von sich gesagt: "Ich stehe
in eigensinnigem Gegensatz zu allem Weimarer Götzendienst," jetzt
schrieb er an Jenny, deren Natur ihm geneigt schien, sich in anbetender
Schwärmerei aufzulösen:

"Was Goethe uns war, uns ist und nach seinem Tode, wenn man ihn voll und
ganz zu erkennen imstande sein wird, noch werden kann, weiß niemand
höher zu schätzen als ich, und gerade deshalb wünsche ich, daß Du nicht
zu denen gehörst, die ihn, wie die Heiden ihren Götzen, anbeten, ohne
ihn zu kennen, nur des berühmten Namens wegen. Das ist Heuchelei und
Eitelkeit, zeugt aber von keinem großen Geist, denn ein solcher gehört
dazu, um ihn zu verstehen und wahrhaft zu würdigen, wie ich es von Dir
erwarte."

Mehr, als er ahnte, war sie seinem Rat schon gefolgt, hatte heimlich
über Werthers Leiden bittere Tränen vergossen, und sich von Gretchens
Schicksal das Herz erschüttern lassen. Auf den Eindruck, den sie davon
empfing, bezog sie sich später, wenn sie angesichts gewisser strenger
Erziehungsmethoden in bezug auf die Lektüre zu sagen pflegte: "Laßt die
Kinder nur lesen ohne Kommentar, ohne Ge- und Verbote. Das Herrliche
großer Dichtungen, das sie vielleicht noch nicht verstehen, empfinden
sie, und an dieser starken Empfindung wächst ihr Verständnis, und ihre
Seele weitet sich." Auch Prinzeß Augusta, so erzählt sie, trug früh
schon das Verlangen, Goethes Werke zu lesen, und sprach ihm davon. "Er
wählte lange, ehe er ihr ein Buch nach dem anderen in die Hand gab." Mit
ihr gemeinsam, also auch unter seiner Leitung, setzte sie die in
Straßburg allein begonnene Lektüre fort. Alle ihre alten Beziehungen
knüpften sich wieder an, viele neue traten hinzu, und der Strudel des
Weimarer Lebens riß sie um so mehr mit sich fort, als ihr Liebreiz alle
Welt bezauberte. Den Stempel ihrer Abstammung trug sie unverkennbar auf
der Stirn, in den dunkeln Augen, auf der warmen dunkel getönten Haut, in
der Lebhaftigkeit und der Reife ihres Wesens. Goethe, der für Schönheit
und Jugend immer gleich Empfängliche, war entzückt von ihr. "Jenny von
Pappenheim," sagte er zu Felix Mendelssohn, "ist gar so schön, so
unbewußt anmutig,"[65] und seine Vorliebe für sie drückte er bei allen
Gelegenheiten aus. In ihrer großen Bescheidenheit hat sie später nur
davon erzählt, wenn ich sie darum bat oder der Großherzog Karl
Alexander, ihr treuer, lebenslanger Freund, sie im Interesse der
Goetheforschungen dazu aufforderte. Stellt man aber ihre verschiedenen
Schilderungen -- die, die sie als junges Mädchen schrieb, und die,
welche die Erinnerung der alten Frau diktierte -- zusammen, so wacht
Alt-Weimar auf vor uns, wie es nur durch den erweckt werden kann, der
selber in ihm lebte und für den es nie gestorben ist. Es sei ihr darum
selber das Wort gegeben:



Goethe


Im November 1826 kam ich nach Weimar zurück; schüchtern, mit
hochklopfendem Herzen erschien ich vor Goethe, der meine Mutter und mich
im Aldobrandinizimmer mit großer Freundlichkeit empfing. Ich sehe ihn
vor mir, nicht allzu groß und doch größer erscheinend als andere, mit
jener Jupiterstirn, die ich am vollendetsten in der von Bettina
gezeichneten Statue wiederfinde, die unser Museum schmückt, während
seine Augen durch Stieler am besten wiedergegeben sind. Auch mich sehe
ich noch im rosa Kleid und grünen Spenzer, unter einem großen, runden
Hut heiß errötend bei seinem kräftigen Händedruck. Ich brachte keinen
Ton über die Lippen, obgleich er mich, wie er es gern bei jungen Mädchen
tat, mit 'Frauenzimmerchen' und 'mein schönes Kind' ermutigte; erst als
er lächelnd sagte: 'Die Augen werden viel Unheil anrichten,' ermannte
ich mich zu der verwunderten Frage: 'Warum denn gerade Unheil?' Dann
verging ein Jahr, wo ich Goethe nur bei seinen Abendgesellschaften und
zu seiner Geburtstagsfeier sah; er hat mir jungem Ding aber immer so
imponiert, daß ich vor ihm eigentlich nie ich selbst war, sondern eine
Seele, die mit auf der Brust gekreuzten Armen zu ihm emporsah. Ich hielt
den Atem an, wenn ich ihn sprechen hörte, und glaubte vergehen zu müssen
vor Scham, als er meine Mutter einmal frug: 'Was treibt denn eigentlich
die schöne Kleine?' Meine Nichtigkeit drückte mich von da an so sehr,
daß ich manche Stunde der Nacht wachend zubrachte, alle Bücher, deren
ich habhaft werden konnte, um mich herum.

"Nach der Geburt von Alma, Goethes reizender Enkelin, die meine
lebendige, sehr geliebte Puppe war, wurden meine Beziehungen zu Goethes
Haus und Familie sehr innige. Täglich stieg ich nun zu Ottilie hinauf,
ich lernte die kleine Alma wickeln, ihr Milch im Schnabeltäßchen geben,
bekümmerte mich zu Anfang wenig um die Mutter, und wenn die Kinderfrau
beschäftigt war, hieß es: Fräulein von Pappenheim ist ja da und hat das
Kind. Einst, an einem Sonntag, kam ich aus der Kirche, Ottilie war nicht
in ihrer Stube, ich hatte mein Püppchen und spielte mit ihm. Plötzlich
trat ein junger Mann herein, sah uns betroffen an, wirbelte seltsam im
Zimmer umher, so daß ich ganz ängstlich wurde. Als Ottilie auf mein
Rufen erschien, entpuppte er sich als junger Engländer, Namens
Thistelswaite, der an Goethe empfohlen war und den er heraufgeschickt
hatte. Goethe frug nach ihm, und Ottilie erzählte von seinem auffälligen
Benehmen, worauf Goethe lächelnd sagte: 'Wer so schöne Freundinnen hat,
muß für Schleier sorgen,' eine Äußerung, die mich mehr beglückte als
alle Schmeicheleien, die ich je gehört hatte.

"Walter und Wolf Goethe liebte ich bald mit einem ebenso mütterlichen
Gefühl wie ihre Schwester, und daraus entwickelte sich nach und nach die
Freundschaft mit der Mutter. Ihr edler, poetischer Geist, ihre
liebenswürdige Gabe, aus jedem Menschen das Beste und Klügste, was in
ihm lag, heraufzubeschwören, das Neidlose, Klatschlose, geistig
Anregende im Verkehr mit ihr übten einen unwiderstehlichen Zauber auf
mich aus; der Weg nach den Dachstuben zu dem 'verrückten Engel', wie sie
meine Tante Egloffstein, zu der 'Frau aus einem anderen Stern', wie sie
ihre Freundin, die Schriftstellerin Anna Jameson, nannte, wurde nur zu
gern von mir zurückgelegt. So kam ich häufig an Goethes Tür vorüber;
kehrte ich ein, so war es in seinem Eß- und Empfangszimmer oder in
seinen Gärten, wo ich ihn traf. Er selbst führte damals schon körperlich
das regelmäßige Greisenleben, was ihn sicher so lange geistig frisch
erhalten hat. Der einfache Wagen Karl Augusts hielt etwa zweimal in der
Woche vor Goethes Haus, während die wunderbaren Freunde oben zusammen
waren. Der 28. August 1827 versammelte zum letztenmal eine Schar
Gratulanten in Goethes Zimmern. Später unterblieb auf seinen Wunsch der
große angreifende Empfang. Damals überbrachte König Ludwig von Bayern
dem Dichter seinen Orden. Es war ein bewegter Augenblick, doch die Menge
der Fürsten auf weltlichem und geistigem Gebiet beachtete ich wenig
neben dem wunderbaren Glanz der Goetheaugen. Das Jahr darauf schickte
König Ludwig einen antiken Torso als Geburtstagsgeschenk an Goethe,
wovon sein Friseur Kirchner, welcher täglich die Frisur auf dem
Jupiterhaupte herstellte, meiner Mutter erzählte: es wär' ein Mann ohn'
Kopf und Arm', die würden aber wohl nachkommen.

"Zu einem späteren 28. August -- seinem letzten Geburtstag -- schickte
ich ein Paar Pantoffeln; da ich aber nie eine Künstlerin, ja nicht
einmal eine Verehrerin von sogenannten Damenhandarbeiten war, schämte
ich mich meiner unvollkommenen Gabe und schrieb, da ich nicht wagte, sie
selbst zu bringen, folgende Verse dazu:

    Nur ganz bescheiden nah ich heute mich,
    Wo so viel schönre Gaben dich umringen;
    Doch, Herr, Bedeutung hab auch ich,
    Denn Liebe und Verehrung soll ich bringen;
    Drum, wenn auch Höhre, Meister, dich begrüßen,
    Mir gönne nur den Platz zu deinen Füßen.

    'Zwar kann ich Engeln nicht Befehle geben,
    Daß seine Schritte sie mit Liebe führen,
    Doch will ich weich mit Seide euch durchweben,
    Daß ihn kein Steinchen möge hart berühren;'
    So sprach die Herrin, und so laß mich schließen
    Und gönn auch ihr den Platz zu deinen Füßen.

"Es war etwa elf Uhr vormittags, als Friedrich, Goethes wohlbekannter
Diener, mir auf meiner Eltern Treppe begegnete, um der Freudestrahlenden
des Dichters Dank zu bringen. Auf rosa gerändertem, großem Bogen las ich
folgende Antwort:[66]

    Dem heil'gen Vater pflegt man, wie wir wissen,
    Des Fußes Hülle, fromm gebeugt, zu küssen;
    Doch! wem begegnet's, hier, im langen Leben,
    Dem eignen Fußwerk Kuß um Kuß zu geben?
    Er denkt gewiß an jene liebe Hand,
    Die Stich um Stich an diesen Schmuck verwandt.

Am 28. August 1831

Der älteste Verehrer J. W. v. Goethe.


"Zu meinem Geburtstag schenkte mir der verehrte Greis einen goldenen
Ring, dessen Stein eine lanzenartige Spitze zeigt.[67] Er nannte diese
mit freundlich-galanten Worten einen Pfeil. Die Zeit und die genauen
Worte, mit denen er allegorische Beziehungen zu freundschaftlich
überschätzten Gaben in mir bezeichnen wollte, habe ich vergessen, doch
fällt das Geschenk in Goethes letzte Lebensjahre. Auch einen
Separatabdruck seiner Iphigenie schenkte er mir mit der auf rosa Papier
geschriebenen Widmung:[68]

Freundlich treuer Gruß und Wunsch zum siebenten September 1830.

Weimar.

Goethe.


"Noch einmal wurde mir die Freude eines poetischen Grußes zuteil. Gräfin
Vaudreuil, die schöne Frau des französischen Gesandten, hatte mich für
sich in Buntstift zeichnen lassen. Sie schickte das Bild zur Ansicht an
Goethe, der, in der Meinung, ich habe es ihm gesandt, mir folgende Verse
zukommen ließ:


Der Bekannten, Unerkannten.

    Dich säh ich lieber selbst,
    Doch könnt ich nur verlieren,
    Wer dürfte dann dein Auge so fixieren.

Am 16. Januar 1832.

Goethe.


"Auf dringende Bitten meiner Schwester und liebsten Freundin Pauline,
welche Nonne im Kloster _Notre dame des oiseaux_ in Paris war, schenkte
ich das Manuskript dieser Verse, vielleicht die letzten von Goethes
Hand, der Bibliothek dieses Pariser Klosters. Der damalige Bibliothekar
war ein sehr gelehrter Abbé, der in Göttingen studiert hatte und
deutsche Literatur, Goethe besonders, kannte und liebte.

"Ein anderes Blatt, das Goethe mir einmal für die Autographensammlung
eines Freundes, der aber inzwischen plötzlich gestorben war, geschenkt
hat, enthält folgenden Vers:

    Nun der Fluß die Pfade bricht,
    Wir zum Nachen schreiten,
    Leuchte, liebes Himmelslicht,
    Uns zur andern Seiten.

Joh. Wolfgang v. Goethe.[69]


"Die Geselligkeit in Goethes Haus war ein vielfaches Kommen und Gehen;
wenn es ihm lästig wurde, gab er oft auf Wochen den Befehl, keine
Fremden mehr zu melden, und der Fall ist vorgekommen, daß Amerikaner ihn
nicht anders sehen konnten, als wenn er im langen Rock oder grauen
Mantel zur Spazierfahrt vor der Haustür in den Fensterwagen stieg. Der
beste und liebenswürdigste Blitzableiter war Ottilie, der er namentlich
die an ihn empfohlenen Engländer zuschickte, die den Weg in die
einfachen, aber geistig durchleuchteten Dachstuben häufig fanden. Hatten
sich die Visitenkarten sehr angehäuft, so vermochte sie ihn zu einer
Abendgesellschaft, wo er sich vorher sehr nach den Herzensangelegenheiten
seiner Gäste erkundigte und ihr die eigentlich überflüssige Empfehlung
machte: daß ihm (oder ihr) sein Glück begegne. Da sah man denn hoch, groß,
etwas steif den Dichterfürsten die Gäste empfangen. Das Aldobrandinizimmer
barg den Kreis der Mütter und Tanten und, da Goethe bei solchen
Zwangsgelegenheiten selbst wenig sprach, oft eine große Portion
Langerweile; das Urbinozimmer daneben wußte davon nichts, da war für 'die
Begegnungen des Glücks' gesorgt. Waren diese Gesellschaften durch besondere
Größen der Kunst und Wissenschaft, Humboldt, Rückert, Zelter, Rauch, Felix
Mendelssohn, veranlaßt, so hatten sie einen anderen Charakter und auch für
Goethe ein anregendes Interesse.

"Er lud gern zu Tisch ein, wo sein Sohn, Ottilie, Ulrike, die Enkel und
der Hauslehrer die Tischgäste waren. Man aß nach damaliger Zeit gut,
nach jetziger Zeit einfach; erst in den letzten Jahren hatte er einen
Koch, vorher Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne
Ottiliens Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen
Talente und sagte wohl scherzend: 'Ich hatte mir so eine kochverständige
Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und
Jungfrau von Orleans ins Haus.' -- Die Unterhaltung war bei diesen
kleinen Anlässen stets sehr animiert. Sie drehte sich immer um
Gegenstände der Kunst und Wissenschaft. Seine Augen schleuderten Blitze,
sobald irgendeine Klatscherei zum Vorschein kam. Bei einer solchen
Gelegenheit wurde er einmal sehr derb, er rief mit dröhnender Stimme:
'Euren Schmutz kehrt bei euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir ins
Haus.'

"Eines sehr belebten Mittagsmahles weiß ich mich zu entsinnen, das zu
Ehren der Polen Mickiewicz und Odyniec stattfand, beide äußerst
liebenswürdige, geistreiche Menschen, besonders ersterer ein echtes Kind
seiner Heimat: himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

"Zu Ehren von Tiecks -- Vater, Mutter und zwei Töchter -- waren auch
einmal oben bei Ottilie und unten bei Goethe Feste arrangiert worden.
Goethe sah die Familie zuerst bei sich zu Tisch; ich war zwar nicht
gewünscht, erlaubte mir aber, mit dem Vorrecht der Jugend, nachher in
das Allerheiligste einzudringen, um Tiecks zu Ottilie zu geleiten,
während der alte Herr andere Gäste empfing. Es kam auf Walter Scott die
Rede, welchen er sehr schätzte, was meinem englisch empfindenden Herzen
wohl tat, nur wagte ich die Einwendung, daß _'The fair maid of Perth'_
nicht immer allzu unterhaltend sei, worauf mir ein strafender
Seitenblick und ein 'Die Kinder wollen eben immer noch bunte
Bilderbücher' zuteil wurde.

"Einige Tage später war Tee bei Ottilie. Man stand umher, sprach mit
gedämpfter Stimme, sah sich bei jedem Geräusch erschrocken nach der Tür
um, als ob eine Geistererscheinung erwartet würde, aber sie kam nicht.
Ottilie sollte sie heraufbeschwören, doch die irdischen wie die
himmlischen Geister sind eigensinnig.

"Man wurde unruhig, Tieck wechselte die Farbe, biß sich auf die Lippen,
immer häufiger flogen die unsichtbaren Engel durchs Zimmer. Ich wandte
mich an Eckermännchen, der still in einer Ecke stand und eben sein
unvermeidliches Notizbuch einsteckte. 'Er will nicht,' sagte er; da nahm
ich meinen Mut zusammen und ging hinunter. Die ersten Stufen lief ich,
die letzten schlich ich nur langsam, denn ich fürchtete mich doch etwas
und wäre fast schon umgekehrt, wenn ich mich nicht vor Friedrich
geschämt hätte. Er wollte mich nicht melden; ich solle nur so
hineingehen, meinte er.

"Goethe stand am Schreibpult im langen offenen Hausrock, einen Haufen
alter Schriften vor sich; er bemerkte mich nicht, ich sagte schüchtern:

"'Guten Abend!'

"Er drehte den Kopf, sah mich groß an, räusperte sich -- das deutlichste
Zeichen unterdrückten Zorns. Ich hob bittend die Hände.

"'Was will das Frauenzimmerchen?' brummte er.

"'Wir warten auf den Herrn Geheimrat, und Tieck --'

"'Ach was,' polterte der alte Herr, 'glaubt Sie, kleines Mädchen, daß
ich zu jedem laufe, der wartet? Was würde dann aus dem da?' und damit
zeigte er auf die offenen Bogen; 'wenn ich tot bin, macht's keiner.
Sagen Sie das droben der Sippschaft. Guten Abend.'

"Ich zitterte beim Klang der immer mächtiger anschwellenden Stimme,
sagte leise 'Guten Abend', doch es mochte wohl sehr traurig geklungen
haben, denn Goethe rief mich zurück, sah mich freundlich an und sprach
mit ganz verändertem Tonfall:

"'Ein Greis, der noch arbeiten will, darf nicht jedem zu Gefallen seinen
Willen umstimmen; tut er's, so wird er der Nachwelt gar nicht gefallen.
Gehen Sie, Kind, Ihre frohe Jugend wird denen da oben besser behagen,
als heut abend mein nachdenkliches Alter.' -- --

"Unvergeßlich ist mir die liebste Erinnerung an Goethe: Ich war mit
Ottilie an einem schönen Frühlingstage zu Fuß nach Tiefurt gegangen;
lange hatten wir auf dem stillen friedlichen Platz neben dem Pavillon
gesessen; der Blick nach der mit alten schönen Bäumen bewachsenen Anhöhe
war wohltuend und regte zu vertraulichem Gespräche an. Der Vormittag war
verstrichen, und wir gingen durch den Park nach der oberen Chaussee;
dort hielt ein Wagen, Goethe stieg aus, umfaßte jede von uns mit einem
Arm und führte uns zurück nach der Ilm, lebhaft von Tiefurts Glanzzeit
und der Herzogin Amalia erzählend. An einem länglich viereckigen Platz,
von alten Bäumen umgeben, blieb er stehen, es war der Teeplatz der edlen
Fürstin; etwas weiter zeigte er uns die Stellen, für die er 'Die
Fischerin' geschrieben hatte und wo sie aufgeführt worden war. So weich
und mild sah ich ihn nie, der ganze Tag war so harmonisch -- langsam
stiegen wir den Berg hinauf, wo der Wagen hielt, und fuhren zusammen
nach Weimar zurück. Vor Goethes Haustür stand ein kleiner Knabe, der
Pfefferkuchen feilbot; Goethe nahm ein Herz, über dem zwei Täubchen
einträchtig saßen, schenkte es mir und lud mich noch zu Mittag ein, was
Friedrich rasch meinen Eltern kundtun mußte. Nach Tisch holte er seinen
Faust, an dessen zweitem Teil er noch arbeitete und aus dem er Ottilie
oft vorlas. Jetzt durfte ich ihm lauschen, ich hätte es ewig tun mögen,
nie den 'Platz zu seinen Füßen' zu verlassen brauchen. Es dämmerte, als
ich gehen mußte. Die Hand, die er mir reichte, zog ich dankbar und
ehrfurchtsvoll an die Lippen. Er sah wohl, welch einen Eindruck ich mit
mir nahm, und sagte noch, als ich mit Ottilien an der Tür stand: 'Ja,
ja, Kind, da habe ich viel hineingeheimnißt.'

"Mit Julie Egloffstein, Adele Schopenhauer und anderen kam ich oft zu
ihm, aber keine Erinnerung war mir lieber als jene. Das
Pfefferkuchenherz behielt ich, bis es in Staub zerfiel, die Erinnerung
wird niemals zerfallen.

"Anmutig war eine Stunde in Goethes Hausgarten, wo ich mit Ottilie einem
Menschenschädel, den wir am Zaun gefunden hatten, würdigere Ruhe unter
einem Baum bereitete. Goethe hatte uns von seinem Arbeitszimmer im
sonnigen Garten gesehen, kam herunter und sagte: 'Ihr Frauenzimmerchen
verklärt auch noch den Tod.' Wir hofften den Gedanken gedichtet zu
bekommen, aber es blieb bei der schönen Prosa.

"Ein andermal überfielen wir, eine Schar übermütiger Mädchen, den
Dichter zur Abendzeit in seinem Gartenhaus. Wir kamen von Tiefurt und
brachten ihm eine Menge Frühlingsblumen. Dabei hatte eine von uns das
Unglück, den Gipsabguß einer Venus umzustoßen. Wir wurden blaß vor
Schreck, einen Zornausbruch erwartend; die Sünderin selbst brach in
Tränen aus. Ein sonniges Leuchten flog jedoch über seine Züge, er drohte
mit dem Finger und meinte: 'Ei, ei, wer wird um die tote weinen, wo
Venus so viel lebende Vertreterinnen hat.'

"Oft sah ich ihn zwischen seiner Malvenallee im Parkgarten auf und
nieder gehen; er mochte wohl an seine Farbenlehre denken, da ihn die
vielfarbigen besonders erfreuten. -- Vielfache kleine, durch ihn groß
werdende Erinnerungen tauchen aus meiner Jugend bei mir auf, es fehlt
aber für andere der Rahmen des damaligen äußerlich sehr einfachen, in
Herz und Geist sehr geschmückten weimarischen Lebens. Es war nicht ganz
ohne Zopf, nicht ganz ohne Sünde, auch reich an Leiden und Kämpfen, um
so mehr, als zu den wirklichen noch viele gemachte und eingebildete
kamen, die sich dadurch verwickelten, daß man der Liebe eine
Berechtigung auch auf Kosten der Pflichten einräumte, doch dieser
Allerweltsstoff wurde in Weimar aus der Gemeinheit herausgehoben, mit
edlen Waffen bekämpft, poetisch verwendet. Unser Leben blieb reiner und
harmonischer als das Leben der jungen Generation. Man hatte Zeit
füreinander und für sich selbst, das Hasten und Jagen unserer Zeit war
uns unbekannt, das Leben nach innen hin tiefer und reicher, so arm es
nach außen erscheinen mochte. Und doch fiel auch meine Jugend schon in
den Abend dieses geistigen Lebens -- eine schöne Mondscheinnacht mit
mildem, hohem, die Landschaft verklärendem Licht!

"Schiller, Herder, Wieland waren längst tot. Frau von Schiller und ihre
Schwester, Frau von Wolzogen, kannte ich nur als alte Damen. Erstere
ging regelmäßig im Park spazieren, den Mops an der Leine, und hatte
wenig mehr von dem, womit sie als Schillers reizendes Weibchen oft
erwähnt worden war. Ihre Tochter Emilie, spätere Frau von
Gleichen-Rußwurm, wurde mit uns Kindern zu den Prinzessinnen eingeladen,
war aber viel älter als wir alle und der Gegenstand meiner stillen
Huldigung. Die Romane 'Gabriele' von Johanna Schopenhauer, 'Agnes von
Lilien' von Frau von Wolzogen, 'Römhilds Stift' von Frau von Ahlefeldt,
welche diese Damen bekannt gemacht hatten, wurden noch gelesen, die
Autorinnen selbst waren noch geistesfrisch, aber doch auf Ausleben
vorbereitet. Von Wielands Nachkommen kannte ich die kleine Enkelin Lina
Wieland, die im Hause des Großvaters, unserer Wohnung gegenüber, wohnte,
und Fräulein Stichling, deren Vater in zweiter Ehe die Tochter Herders
heiratete, eine geistig und praktisch gebildete, still und sinnig ihrer
Familie lebende Hausfrau. Auch Charlotte von Stein sah ich öfters, da
ich mit ihrer Enkelin und treuen Pflegerin befreundet war. Ich wurde zum
Tee zu ihr gebeten; dann saß sie alt, schweigsam, freundlich hinter
einem grünen Lampenschirm, irgendein Werk Goethes vor sich.

"Noch weiter zurück in den Erinnerungen und in den Kreisen, die Goethe
und Karl August mit übersprudelndem Geist und Herzen belebt hatten,
führen mir die Gedanken einige Persönlichkeiten aus der Zeit der
Herzogin Amalie vor. Da schreitet Einsiedel, alt, gebeugt, müde, sich
schwer auf den Stock mit dem goldenen Knopf stützend, an mir vorüber. Er
geht, die hohen Treppen eines Hauses am Ende des heutigen Karlsplatzes
nicht scheuend, täglich um zwei Uhr zu der ebenso alten, ebenso müden
Adelaide von Waldner. Beide waren am Hofe Anna Amalias jung gewesen; die
große, tiefe Liebe, die sie verbunden hatte, konnte nicht zur Ehe
führen, wohl aber zu lebenslänglicher, reiner Freundschaft. Das
Zusammensein der Greise störte niemand, bis ihm selbst die Kräfte
versagten. Er starb vor ihr, und als sie ihr Ende nahen fühlte, bat sie
meine Mutter, ihre Verwandte und Freundin, ein Päckchen vergilbter
Briefe, das sich in einem geheimen Schubfach fand, zu verbrennen. Es war
die Korrespondenz mit Einsiedel, während er sich in Italien befunden
hatte. Ein paar halb zerfallene Blumen nahm sie mit sich ins Grab. --
Frisch und jugendlich hatte sich ihr Zeitgenosse Knebel erhalten. Wenn
ich nach Jena kam, wo mein Onkel Ziegesar Präsident und Kurator war,
besuchte ich ihn zuweilen. Er ging nicht mehr aus, erfreute sich an
seinem Garten, an der Aussicht in die Berge und lebte immer in einem
stillen, drolligen Kampf mit seiner viel jüngeren Frau, deren
Lebhaftigkeit mit seiner Ruhe sehr kontrastierte. Sie hatte den Turban
aus der Zeit und Mode der Frau von Staël beibehalten, und es amüsierte
mich sehr, wenn er bei jeder ihrer schnellen Bewegungen hin und her
schwankte.

"Zwei eigentümliche Erscheinungen aus meiner Kinderzeit waren Herr und
Frau von Schardt, die neben uns wohnten und meinem Bruder und mir sehr
freundlich waren. Sie war innig befreundet mit Zacharias Werner, der das
'Kreuz an der Ostsee' geschrieben hatte. Dieses ganz geistige Verhältnis
bekundete sich doch auch in kleinen Liebesgaben. Sie stickte einst eine
damals sehr beliebte seidene Weste mit der ausgesprochenen Absicht:
'Wenn sie hübsch wird, bekommt sie Werner, wenn sie nicht hübsch wird,
bekommt sie der gute Schardt.'

"Selten nur sah ich Frau von Heygendorf und dann meistens auf
irgendeinem ihrer Armenwege. Sie war unendlich wohltätig, sanft und gut,
so daß ich sie niemals häßlicher Intrigen für fähig gehalten habe. Die
Liebe zu Karl August war eine sie so vollständig erfüllende, daß man bei
seinem Tode für ihren Verstand fürchtete. Das Theater, dessen Zierde sie
gewesen war, besuchte sie nicht einmal mehr. Auch Goethe ging nur selten
hinein, blieb dann gern unbemerkt im Hintergrunde, und nur bei der
ersten Aufführung des ersten Teils vom Faust sah man ihn einen
Augenblick sich vorbeugen. Ein Flüstern 'Goethe ist auch da' verkündete
seine Anwesenheit und erhöhte unsere Andacht.

"Auch die Großherzogin Luise lebte immer zurückgezogener. Sie liebte die
großen Feste nicht mehr und war bei kleinen Empfängen stiller denn je;
um so wertvoller war mir ein Kuß, ein freundliches Lächeln, da sie wenig
sprach. Unserem jugendlich übermütigen Leben und Treiben stand sie fremd
und vielfach mißbilligend gegenüber, war sie doch selbst niemals so
recht von Herzen jung gewesen. So hatte sie sich auch früher nie von dem
genialischen Treiben in der Musenstadt hinreißen lassen; aber es ist
durchaus falsch, wenn man daraus beweisen will, daß sie überhaupt kein
Verständnis dafür hatte. Sie sah es nur nicht, wie so manches unechte
Genie, als notwendigen Beweis geistiger Größe an. Sie bewunderte, sie
verstand Goethe wie wenige, aber nicht den Menschen, sondern den
Dichter, den Gelehrten; sie fühlte sich dem Geiste ihres Gemahls aufs
innigste verbunden, ihre unendliche Liebe hatte für seine Schwächen
immer wieder Vergebung, aber kein Vergessen und kein Verstehen. Sie war,
so schien es, schon auf einer höheren seelischen Stufe geboren, zu der
sich andere erst mühsam emporarbeiten müssen. Selbst ihr Schmerz hatte
etwas Heiliges an sich. Als Karl August gestorben war, verschloß sie
sich lange vor jedem Blick. Niemand sah ihr furchtbares Leid, denn als
sie vor uns erschien, war sie ruhig und gefaßt und dachte sofort daran,
andere zu trösten, Goethe vor allem, der aber schon abgereist war. Sie
soll ihm, wie Julie Egloffstein mir sagte, einen langen Brief
geschrieben haben, den aber niemand zu sehen bekam. Gleich nach
Goethes Heimkehr ging sie allein zu ihm. Kurz nachher traf ihn
Ottilie im Lehnstuhl sitzend, während er immer vor sich hin murmelte:
'Welch eine Frau, welch eine Frau.' Zu Julie Egloffstein sagte die
Großherzoginmutter: 'Goethe und ich verstehen uns nun vollkommen, nur
daß er noch den Mut hat, zu leben, und ich nicht.'

"Sie schien auch keine Lebenskraft mehr zu haben und zeigte sich nur
noch im engsten Familienkreise. Nicht lange darauf, am 14. Februar 1830,
folgte sie dem geliebten Gatten zur ewigen Ruhe. Es ist sehr
schmerzlich, daß wir immer erst nach dem Verlust voll empfinden, was wir
besessen haben. So auch hier; wir alle, das Land, das Volk fühlten uns
verwaist. Goethes Sohn war so ergriffen, wie ich ihn nie vorher gesehen
hatte, und Goethe sagte mit trübem Blick: 'Ich komme mir selber mythisch
vor, da ich so allein übrig bleibe.'

"Noch Schwereres stand dem Greise bevor, als der Heimgang der liebsten
Freunde und der Lebensgefährtin für ihn gewesen war: die ewige Trennung
von dem einzigen Sohn, der in seinen sorgenden Gedanken und in seinem
Herzen einen so großen Platz einnahm. Sein Tod wirkte furchtbar auf den
Vater, denn ob er auch bei jedem Schmerz Stille, Arbeit, Einsamkeit als
letzte Heilmittel suchte und seinen äußeren Ausbruch so sehr
unterdrückte, daß man ihn neuerdings oft deshalb herzlos schilt, er
empfand so tief wie wenige, darum litt er auch körperlich so sehr
darunter. Nur beim Tode seiner Frau, so erzählte mir Huschke, war er
weinend vor ihrem Bett in die Knie gesunken mit dem Ausruf: 'Du sollst,
du kannst mich nicht verlassen!' Als die Trauerglocken den Einzug des
toten Karl August uns allen wehmutsvoll in die Seele läuteten, war er
still verschwunden. Den Kanzler Müller, der den Auftrag hatte, ihm des
Sohnes Tod mitzuteilen, ließ er nicht zu Worte kommen, er sah ihn nur
groß an und ging hinaus. Daß er die Kunde erraten hatte, wurde klar, als
Ottilie den nächsten Morgen in Trauerkleidern bei ihm eintrat und er ihr
die Hände mit den Worten entgegenstreckte: 'Nun wollen wir recht
zusammenhalten.' Dann versuchte er zu arbeiten, verschloß sich vor jedem
Besuch, wollte schließlich verreisen; ein Blutsturz warf ihn aufs
Krankenlager und zeigte nur zu deutlich, wie entsetzlich er litt. Bei
allen geistig bedeutenden Menschen scheint Geist und Körper besonders
innig zusammengewachsen zu sein, das ist 'der Pfahl im Fleisch', die
Bürde, die große, dem Überirdischen näher als dem Irdischen stehende
Naturen zur Erde zurückzieht. Zu solchen gehörte Goethe, nicht nur als
Dichter, sondern auch als Mensch.

"Wenn er nichts geschrieben hätte, würde er doch in die erste Reihe der
größten Menschen gehören. Er war gut, neidlos, einfach, half und
förderte gern, keine Hochschätzung der Welt hat ihn eitel, keine ihrer
Huldigungen hat ihn anmaßend gemacht. Was vielen als Egoismus erschien,
das Wegräumen äußerer Hindernisse auf dem Wege zu seinen Zielen, hat
diese Ziele möglich gemacht. Er gab seinem Volke eine Sprache, den
deutschen Geistern einen Mittelpunkt, er weckte schlummernde Kräfte,
Gedanken, Gefühle und Bestrebungen in einem Maße, welches sich besonders
darin dokumentiert, daß nach einem Jahrhundert seines Wandelns und
Wirkens kaum ein deutsches Werk erscheint ohne Motto aus Goethes
Schriften und ohne Zitate zur Bekräftigung ausgesprochener Ansichten. So
reich und voll er das geistige Leben erfaßte und beherrschte, so
bedürfnislos war er im äußeren Leben. In seinen unansehnlichen
Wohnstuben leuchteten und lebten mit ihm, durch ihn und in ihm große und
gute Geister, in seiner unansehnlichen Equipage, in seinen
unansehnlichen grauen Mantel gehüllt, spendete er Gedanken,
Lebensweisheit, menschenfreundliche Gesinnungen; in seinen einfachen
Gärten war keine Blume für ihn ohne Genuß, kein Licht- und Farbeneffekt
ohne Beachtung, keine Naturerscheinung ohne Gedankenanregung.

"Wie großartig waren die letzten Stunden seines Lebens, ruhig, mild, mit
klarem Geist, noch empfänglich für anmutige Kunstleistung. Ein Maler
hatte ihm das Bild[70] der schönen Gräfin Vaudreuil geschickt, er
betrachtete es aufmerksam: 'Wie gut ist es doch, wenn der Künstler nicht
verdirbt, was Gott so schön gemacht hat.' Noch in den letzten Stunden
stand er hoch aufgerichtet in der Tür seiner Stube, so daß er
ungewöhnlich groß erschien. Das bekannte Wort 'Mehr Licht' (?) mag er
wohl gesagt haben, klar und deutlich aber sprach er seine letzten Worte:
'Nun kommt die Wandlung zu höheren Wandlungen.' Er starb kampflos,
sagten die Anwesenden, nur Ottilie warf sich mir gleich darauf
schluchzend in die Arme: 'Und das nennen die Leute leicht sterben!'
Bekannte und Verwandte wollen nach seinem Tode eine unerklärliche
Trauermusik gehört haben, als ob die Noten im Musikschrank lebendig
geworden wären. Gräfin Vaudreuil versicherte mir, daß es so gewesen sei,
auch Ulrike von Pogwisch sprach davon; ich selbst war so betäubt an dem
Tage, daß ich keine Rechenschaft zu geben vermag, was Wahrheit, was
Phantasie gewesen ist. Ebenso ging es mir bei dem Mittagsspuk im
Parkgarten, den August und Ottilie, Walter und Wolf Goethe empfunden
hatten und der nach Goethes Tod besonders auffällig gewesen sein soll.
Ich war lange dort und empfand nichts von der mir betriebenen
unheimlichen Stille, die ein entsetzliches Angstgefühl verursachen
sollte. Goethe selbst war es, der mir bei einem Besuch im Gartenhaus den
Ursprung des Spukes folgendermaßen erzählte: 'Ich habe eine unsichtbare
Bedienung, die den Vorplatz immer rein gefegt hält. Es war wohl Traum,
aber ganz wie Wirklichkeit, daß ich einst in meiner oberen Schlafstube,
deren Tür nach der Treppe zu auf war, in der ersten Tagesfrühe eine alte
Frau sah, die ein junges Mädchen unterstützte. Sie wandte sich zu mir
und sagte: 'Seit fünfundzwanzig Jahren wohnen wir hier, mit der
Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein; nun ist sie ohnmächtig, und
ich kann nicht gehen.' Als ich genauer hinsah, war sie verschwunden.'

"Etwas Unheimliches habe ich, wie gesagt, nach seinem Tode nicht
bemerkt, wenn nicht das Gefühl des Verlassenseins, das sich unser Aller
bemächtigte, unheimlich genannt werden kann. Täglich ging ich, wie
sonst, den gewohnten Weg zu Ottilien, aber leise und langsam nur schlich
ich die Stufen empor und schlüpfte wohl manchmal in die verlassenen
Räume, um mich auszuweinen.

"Meine letzte Erinnerung an Goethe war der ernste, mächtige, stille
Trauerzug, der ihn in weihevoller Stunde zu Karl Augusts Fürstengruft
geleitete.

       *       *       *       *       *

"Als ich noch ein Kind war, ging ich allsonntäglich zur Kirche, faltete
allabendlich die Hände zum Gebet, jeden Morgen galt mein erster Gruß dem
lieben Heiland. Da sah ich Goethe, er streichelte mir das Haar, er
lächelte freundlich und schenkte mir ein Körbchen Erdbeeren, das er
gerade einem armen, zerlumpten Mädchen abgekauft hatte, für mehr Geld,
als es verlangte, wie ich deutlich bemerkte. Von nun an wurde jeder Tag
mir zum Fest, an dem ich ihm begegnete; ich sah ihn überall: im Park, im
Wald, auf der Straße, zu Haus, nur in der Kirche nicht.

"'Warum geht der Herr Geheimrat nicht in die Kirche?' frug ich.

"'Er ist kein Christ!'

"Ich erschrak tödlich. Wie konnte das sein? Wie konnte er lächeln, wie
konnten die Leute ihn grüßen, wie konnte er leben und war doch kein
Christ?

"Ich wuchs heran. Da hörte ich, daß einer armen, fleißigen Familie das
Haus abgebrannt war; ich ging hin, um ihr mit meinen schwachen Kräften
beizustehen, und fand sie glücklich und zufrieden in einem neuen Heim:
"Der Herr Geheimrat hat uns schon geholfen." -- Wie konnte er barmherzig
sein, wie konnte Segen auf seiner Gabe ruhen? Er war ja kein Christ!

"Und die Jahre vergingen. Ich machte die Bekanntschaft eines frommen
Mannes und freute mich dessen. Er gab mit vollen Händen, er sprach so
schön von Gott und Christentum; keine Kirche in seiner Gegend gab es,
die nicht von ihm unterstützt worden wäre, kein Sonntag verging, ohne
daß er vor dem Altar des Herrn gekniet hätte. Eines Tages aß ich bei
ihm, ein Diener zerbrach eine Schüssel, und sein Herr schlug ihn dafür.
Dann hörte ich von seinem Bruder sprechen; man sagte, er sei sehr arm.
'Er ist ein Ketzer und Gottesleugner und trägt gerechte Strafe,' sagte
mein Wirt. Ich erschrak, denn er war ja ein Christ!

"Ich wurde ein Weib, ich sah das Elend in der Welt, die bitterste Armut
in den Hütten, und Kirchen von Gold strotzend, und Priester in Seide und
Spitzen -- da dachte ich an ein schlichtes Zimmer mit niedrigen Fenstern
und hölzernen Stühlen, an einen Mann darin im langen, grauen Rock mit
einer milden Hand, leuchtenden Augen, herrlichen Gedanken -- war er
nicht doch ein Christ?!

"Nun bin ich alt. Ich erschrecke nicht mehr, wenn ein geliebter Mensch
die Kirche meidet, aber ich bin verzweifelt, wenn er an den Hütten der
Armut vorübergeht. Ich bewundere nicht mehr den frommen Mann, dessen
Name in allen Kirchenkollekten zu finden ist, aber ich verachte den, der
es versäumt hat, ihn in die Herzen der Menschen zu schreiben."



Freundschaft und Liebe


Die Zeit, in die Jennys Jugend fiel, pflegt heute als die des
Biedermeiertums bezeichnet zu werden, und der moderne Gebildete, dessen
prätentiöser Geisteshochmut jeden Zweifel an seiner tiefgründigen
Kenntnis aller Dinge für verdammenswerte Majestätsbeleidigung erklärt,
stellt sich darunter eine Periode geruhigen, geistesarmen Philistertums
vor, eine ereignislose Pause inmitten der beiden Akte der Welttragödie:
Napoleon und 1848. Redselige Gefühlsergüsse, die Pfeife und die geblümte
Kaffeetasse sind, so meint er, ihre Symbole. Wer aber unter dem Einfluß
dieser allgemein verbreiteten Auffassung in der Geschichte der
Menschheitsentwicklung nach dieser Pause sucht -- sehnsüchtig sucht
vielleicht, wie der vom Lärm der Großstadt Umtoste nach einem stillen,
grünen Winkel -- der mag die Jahresblätter noch so oft hin und her
wenden, er findet sie nicht. Und vor dem, was er findet, löst sich das
Bild der guten alten Zeit auf wie ein Traum am Morgen.

Nationale Kämpfe erschütterten Europa. Der Freiheitskampf der Griechen
begeisterte die Jugend, der der Polen stempelte sie wieder zu
bewunderten Märtyrern; die Magyaren und die Italiener rangen um ihr
Volkstum. Unterirdisch und doch für alle schon fühlbar grollte der durch
die Metternichsche Zuchthauspolitik erregte Zorn des Bürgertums.
Politische Attentate in ungewöhnlich großer Zahl wurden zu Verkündern
der Revolution der Zukunft. Und die trotz aller Beschränkung der
Preßfreiheit sich rasch ausbreitende Tagespresse begann in das stille
Heim des Bürgers den Strom des öffentlichen Lebens zu leiten und wurde
zum Sprachrohr nicht nur der Unterdrücker, sondern auch der langsam zur
Manneskraft reifenden liberalen Ideen. Daneben aber entwickelte sich mit
der zunehmenden Zahl der zum Himmel ragenden Fabrikschlote, mit der
wachsenden Herrschaft der Maschinen etwas Neues, nie Dagewesenes: das
Selbstbewußtsein der in den Höllen der Industriemagnaten
zusammengezwängten Massen. In England und Frankreich griffen sie zum
erstenmal zur Selbsthilfe der Arbeitseinstellung, und gegenüber dem
allgemeinen Elend fingen soziale Ideale an, Hirn und Herz der Denker und
Dichter zu erobern. St. Simons Sozialismus ward vielen zur neuen
Religion, von der sie die Erlösung der Welt erwarteten.

Doch das wachsende Interesse für politische und soziale Fragen nahm den
geistig belebten und empfänglichen Teil der Bevölkerung nicht in dem
Maße in Anspruch, daß Kunst und Wissenschaft darüber zu kurz gekommen
wären. Die Tatsache, daß deutsche Gelehrte -- Vertreter jenes Typus
weltfremder Stubenweisheit -- ihre stille Studierstube verließen und auf
die große Bühne des politischen Kampfes traten, trug mit dazu bei, daß
auch die Ergebnisse ihrer Forschungen über den engen Kreis der
Fachgelehrsamkeit hinaus mehr und mehr in die Köpfe der Laien drangen.
Aber von noch größerer Bedeutung als sie war die Kunst für das geistige
Leben der Gesellschaft. Je älter der letzte der Klassiker wurde, desto
lebendiger wurden er und seine Zeitgenossen, die Schiller, Herder,
Wieland, für das gebildete Deutschland. Und die Romantiker mit dem
Zauber ihrer weltentrückenden Phantasie, dem funkelnden Glanz ihrer
Sprache machten ihnen den Rang vielfach streitig. Mit ihnen wetteiferten
um Ruhm und Gunst die glänzenden Sterne am Dichterhimmel des Auslandes
-- Scott, Dickens, Shelley, Lamartine, George Sand, Balzac, Hugo --
während die Vertreter des jungen Deutschlands schon anfingen, der
Romantik den Krieg zu erklären.

Da das Berufsleben den Bürger noch nicht in jenes Prokrustesbett
fesselte, das ihn heute nur zu oft zu geistiger Verkrüppelung zwingt,
und seine Frauen und Töchter die Befreiung aus innerer oder äußerer Not
noch nicht in der Lohnarbeit zu suchen brauchten, so gab es in ihrem
Familienkreise die schöne Ruhe, die geistiges Genießen ermöglicht. Eine
andere Voraussetzung mußte allerdings noch hinzukommen, damit dieser
kostbare Besitz nicht in gedankenlosem Zeitvertreib verschwendet werde:
der Seelenhunger nach intellektueller Speise, die Sehnsucht nach Nahrung
für das Gemüt. Hatten die Kämpfe der Zeit die Männer mehr und mehr aus
dem lethargischen Schlaf geweckt, in dem ein behaglich-einförmiges Leben
so leicht zu versinken vermag, so hatten die Ideen des St. Simonismus,
die geistige Vorkämpferschaft einer Staël und einer George Sand in
Verbindung mit dem Einfluß der das weibliche Geschlecht auf das
Piedestal geistiger Ebenbürtigkeit erhebenden Romantiker, die alte
Überzeugung von der Minderwertigkeit der Frauen in ihren Grundfesten
erschüttert und ihnen die Augen geöffnet für die Bedürfnisse ihres
eigenen Wesens. Es war nur natürlich, daß ihre plötzliche Befreiung aus
den Fesseln alter Sitten und Vorurteile sie auf der einen Seite zu einem
Mißbrauch der noch unverstandenen Freiheit, einem kecken Hinwegsetzen
über alle Hindernisse führen mußte, und auf der anderen, nach der
bisherigen gewaltsamen Unterdrückung, ein überschäumender Ausbruch der
Gefühle sich geltend machte. Nachdem die sturmbewegten Wogen sich aber
geglättet hatten, blieb als nicht zu überschätzender Gewinn die
lebendige Anteilnahme der Frauen am geistigen Leben, die freie
Entfaltung ihrer Empfindung und ihrer Fähigkeiten zurück. Der geistige
Einfluß einer Rahel, die soziale Wirksamkeit einer Bettina, der erste
deutsche Frauenrechtskampf einer Luise Otto-Peters sind demselben Boden
entsprungen wie der phantastische Selbstmord einer Charlotte Stieglitz,
die Liebesrasereien einer Hahn-Hahn.

"Still und bewegt," dieses schöne, von Rahel geprägte Wort war das Motto
der Biedermeierzeit: still das tägliche Leben des einzelnen, still das
Heim, ruhig das Zimmer mit seinen Mullvorhängen und geradlinigen Möbeln;
der Geist aber und das Herz bewegt vom eigenen Denken und Fühlen und von
dem der großen Welt.

Weimar war während der zwölf Jahre, die Jenny von Pappenheim als
erwachsenes Mädchen dort lebte, wie ein Brennpunkt der Zeit. Hier hatte
die Klassik der Romantik in ihren besten Vertretern die Hand gereicht,
hier strömte alles zusammen, was geistige Bedeutung besaß, und wer von
den Führern intellektuellen und künstlerischen Schaffens nicht
persönlich kam, um einmal eine Luft mit dem Größten zu atmen -- als
einen Segen fürs Leben --, der wurde doch durch seine Werke den meisten
vertraut. Angehörige aller Nationen kamen, brachten ihre Interessen mit
und die Kunde von ihrem Heimatland. So waren denn die engeren und
weiteren Kreise, die sich um Goethe zogen, in ihrer Mannigfaltigkeit
bunt wie ein Regenbogen und vielfach wechselnd wie ein Wellenspiel. Je
älter Goethe wurde, desto ausgedehnter wurde die Völkerwanderung. Aus
England besonders, wo es damals zum guten Ton gehörte, die Sprache
Goethes sprechen zu können, kamen zahlreiche Gäste.

Die jungen Mädchen Weimars sahen sie besonders gern, denn die Fremden
waren meist reiche, unabhängige junge Leute, nur gekommen, um Goethe zu
sehen, Deutsch zu lernen und sich zu amüsieren. Keinerlei Berufsarbeit
zog sie von ihren literarischen und anderen Interessen ab, keinerlei
Ermüdung durch des Tages Arbeit hinderte sie am Genuß der Geselligkeit.
Zu jeder Zeit konnten sie sich den Damen widmen, der einheimischen
männlichen Jugend waren sie daher stets ein Dorn im Auge. Alfred von
Pappenheim, der seine Halbschwester Jenny zärtlich liebte und vor seinem
Eintritt in russische Kriegsdienste in Weimar lebte, auch auf Urlaub oft
dorthin zurückkehrte, konnte selbst in seinen Briefen seinen Ärger über
die Engländer, die die "ersten Liebhaberrollen spielen", nicht
unterdrücken, und Karl von Holtei, ein häufiger, beliebter Gast in
Weimar, sekundierte ihm dabei, indem er schrieb: "Zum erstenmal in
meinem Leben wünsch' ich ein Engländer zu sein, wenigstens immer so
lang, als ich in Weimar bin, denn

    Weimar an der Ilm ist eine Stadt,
    Schön, weil sie so viel Schönheiten hat,
    Alle Fremden sind wohlgelitten,
    Vorzüglich die Briten."

Der Einfluß der Engländer, unter denen sich manch einer befand, der
später im künstlerischen oder politischen Leben eine Rolle spielen
sollte, war unverkennbar: das Interesse für englische Literatur, das sie
erregten, stieg bis zur Schwärmerei. In den verschiedenen geselligen
Kreisen war die gemeinsame Lektüre interessanter Literaturerscheinungen
allgemein üblich. Sie regte zu ernsten Gesprächen an und trug dazu bei,
daß zu oberflächlicher Unterhaltung und seichtem Tagesklatsch wenig
Neigung blieb. Englische Bücher -- Lord Byron vor allem und Walter
Scott, die beide Goethes höchste Anerkennung gefunden hatten -- wurden
besonders gern gelesen.

Aber auch die französische Literatur wurde nicht vernachlässigt. Graf
Alfred Vaudreuil und seine schöne Frau Luise, der französische Gesandte
am Weimarer Hof, und Graf Karl Reinhard, sein Attaché, der Sohn des uns
aus Jeromes Geschichte bekannten Reinhard, sorgten dafür, daß sie der
Weimarer Gesellschaft vertraut wurde, und Jennys französische
Beziehungen, die besonders durch ihre Korrespondenz mit den Türckheims
und mit Graf Eduard Waldner aufrechterhalten blieben, machten sie selbst
zur geeigneten Mittelsperson für Frankreichs geistiges Leben, das in den
Namen eines Chateaubriand, Lamartine, Balzac, George Sand, Victor Hugo
kulminierte. Galt das Interesse der Jugend hauptsächlich der schönen
Literatur, so wurde durch die häufigen Besuche berühmter Gelehrter in
Weimar, durch die von Maria Paulowna eingeführten literarischen Abende
am Hof, wo von ihnen oder von den stets geladenen Jenaer Professoren
Vorlesungen gehalten wurden, auch für die wissenschaftliche Bildung und
Aufklärung gesorgt.

In einem anderen geselligen Zirkel, der sich im Hause Johanna
Schopenhauers zusammenfand, waren es die politischen Fragen, die am
häufigsten erörtert wurden. "Es wehte eine eigentümliche Luft in diesen
Räumen," erzählte Jenny von Pappenheim in Erinnerung an sie, "die von
der Luft Weimars verschieden war. Man atmete, man bewegte sich freier
als bei Hofe, weniger frei als bei Ottilie. Die Interessen, die uns hier
zusammenführten, waren mehr geistige als Herzensinteressen; der Kreis,
in dem die Unterhaltung sich bewegte, umschloß nicht nur die Literatur,
sondern auch jede Art der Wissenschaft; selbst die sonst unter uns
verpönte Politik, der wir mit ziemlicher Gleichgültigkeit begegneten,
fand hier Beachtung. Johanna Schopenhauer hatte eine unvergleichliche
Art, sich selbst in den Hintergrund zu stellen und trotzdem, wie mit
unsichtbaren Fäden, die Geister in Bewegung zu erhalten. Oft schien sie
selbst kaum an der Unterhaltung teilzunehmen, und doch hatte ein
hingeworfenes Wort von ihr sie angeregt; ein ebensolches belebte sie,
sobald sie ins Stocken zu geraten schien. Ihre Tochter Adele, meine sehr
liebe, wiewohl bedeutend ältere Freundin, war in anderer Art wie die
Mutter, aber doch auch ein belebendes Element dieses Kreises. Ihre
Leidenschaftlichkeit riß sie oft über die Grenzen der geselligen
Unterhaltung hin. Ihre Empfindungen waren von verzehrender Glut und ein
Hauptgrund ihrer vielfachen körperlichen Leiden. Von Natur reich begabt,
fehlte ihr die Kraft, sich zu beschränken, so daß sie weder ihr
poetisches, noch ihr künstlerisches Talent zu Bedeutendem ausbildete.
Goethes eindringliches Wort: 'Beschränkung ist überall unser Los' wollte
sie nicht verstehen, daher das Gefühl des Unbefriedigtseins dauernd auf
ihr lastete. Vollkommen und tadellos war ihre Geschicklichkeit im
Silhouettenschneiden. Sie illustrierte einmal ein Märchen, das Tieck
vorgelesen hatte, und zwar während er las, mit einer Feinheit und
poetischen Auffassung, die deutlich zeigten, was sie hätte leisten
können, wenn sie die Ausdauer gehabt hätte, zeichnen und malen zu
lernen. Durchaus verschieden von Mutter und Schwester zeigte sich Arthur
Schopenhauer, der, so selten er auch in Weimar war, doch oft genug
erschien, um sich uns unsympathisch zu machen. Goethe verteidigte seine
Persönlichkeit einmal ziemlich lebhaft. Er, der so innigen Anteil an dem
Ergehen seiner Freunde nahm, sah ungern, wie das Zerwürfnis zwischen
Johanna Schopenhauer und ihrem Sohne ständig zunahm und sein Einfluß
machtlos dem gegenüberstand. Die Treue in der Freundschaft, die tätige
Liebe zu den Kindern seiner Freunde ist immer einer seiner schönsten
Charakterzüge gewesen, von dem die Schopenhauersche Familie das beste
Zeugnis ablegen konnte. Er war ein häufiger Gast in deren Hause gewesen;
nun, da er nicht mehr ausging, zog er Adele oft in seine Nähe, der
Mutter so am besten seine Dankbarkeit für ihre Gastfreundschaft, ihren
anregenden Umgang beweisend.

"Ein ständiger Besucher ihrer Teeabende war _Dr._ Stephan Schütze, eine
sehr beliebte, originelle Persönlichkeit. Er hielt sich bescheiden
zurück, sprach nicht viel, aber dann mit liebenswürdigem, trockenem
Humor, der auch in seinen Gedichten, die er uns häufig vorlas, Ausdruck
fand. Vorlesen, Vorsingen, Vorzeigen eigener oder gesammelter Kunstwerke
machte überhaupt unsre damalige Geselligkeit zu einer so belebten. Man
wetteiferte darin, man hatte einen aufmerksamen, geschärften Blick für
alle Vorkommnisse inneren und äußeren Lebens und teilte anderen die
eigenen Beobachtungen und Erfahrungen rückhaltlos mit. Daß sie sich
nicht auf die engen Grenzen Weimars beschränkten, daß uns auch für das
politische Leben der Blick geöffnet wurde, war mit das Verdienst Johanna
Schopenhauers."

Diese vielfachen Anregungen sollten aber auch in verschiedenster Weise
fruchtbar werden, zu eigener Fortbildung und selbständiger Tätigkeit
anregen, und es war wieder Goethe, der dies Bestreben nach jeder
Richtung eifrig unterstützte. An der Zeitschrift "Chaos", die nur für
einen abgegrenzten Teil naher Bekannter erschien, nahm er regen Anteil.
Jenny, die sich darin in Versen -- englischen, französischen und
deutschen -- und in Prosa oft vernehmen ließ, erzählt von ihr:

"Ihre Gründung war ebenso originell wie sie selbst. Wir saßen ziemlich
einsilbig bei Ottilie im Mansardenstübchen, Emma Froriep, Hofrat Soret,
Mr. Parry und ich. Eckermann, den sein Herr und Meister eben losgelassen
hatte, kam ebenfalls hinauf und sah betrübt aus dem Fenster.

"'Es regnet', sagte er.

"'_It rains!_' wiederholte Parry.

"'_Il pleut!_' lachte Soret.

"Ottilie, ärgerlich über diese animierte Unterhaltung, schlug vor,
irgend etwas zu erfinden, um die einschlafende Gesellschaft wieder
aufzurütteln. Nach langem Hin- und Herreden wurde ein 'Musenverein'
feierlich gegründet. Er sollte regelmäßig zusammenkommen und dichtend,
singend, malend den Musen dienen. Goethe aber sollte unser Oberhaupt,
unser Apollo sein; davon wollte er jedoch nichts wissen, und der
Musenverein als solcher kam nur noch einmal zusammen, um dann dem
'Chaos' Platz zu machen, das nun während fast zweier Jahre im
Mittelpunkt unseres Interesses stand.[71] Es war ein geselliger
Zeitvertreib, weckte, förderte Interessen, Talente und Talentchen und
hinderte wertlose Klatsch-Konversionen, war also in Goethes Sinn.
Ottilie, _Dr._ Froriep, Soret und Parry redigierten das 'Chaos' mit
vielem Takt und großer Verschwiegenheit. Es erschien jeden Sonnabend,
man fand Herzensergießungen in drei Sprachen, riet, hoffte verstanden zu
werden, hatte Stoff zu angenehmen Gedanken und Unterhaltungen; es war
ein anmutiges Spiel. August Goethe, Karl von Holtei, der den ersten
Prolog für sie geschrieben, und Felix Mendelssohn, Goethes David, waren
unsere eifrigsten Mitarbeiter; Mendelssohn verfaßte einige allerliebste
Verse dafür, sandte auch später einen Reisebrief aus Schaffhausen und
mystifizierte uns, indem er, sich hinter dem Namen einer Dame
versteckend, eine Warnungspredigt vor Weimars Gefahren einschickte. Sein
immer sehr harmloser Zorn richtete sich gern gegen die Engländer,
besonders gegen Mr. Robinson, den er stets nach seinem Freytag frug.
Ganz besondere Freude bereitete uns Mendelssohn mit seinen Kompositionen
einzelner Chaoslieder. Eins derselben ist fast zum Volkslied geworden
und hat mich immer gerührt, wenn ich es hörte.[72] Im zweiten Jahrgang
unserer Zeitung erschienen drei Briefe Mendelssohns,[73] die dieser an
Goethe geschrieben hatte. Die Briefe seiner Freunde, die Goethe an
Ottilien zuweilen zum Zweck der Veröffentlichung gab, wurden von ihm
erst einer genauen Revision unterworfen; er strich Unnötiges, kürzte die
Sätze und änderte oft noch den ersten Druck. Ebenso verfuhr er mit
Gedichten, die ihm in die Hände fielen. Er vernichtete oft über die
Hälfte der Strophen; waren die Verse gar zu schlecht, so schüttelte er
nur bedenklich den Kopf, brummte 'hm, hm' oder 'nu, nu' und legte sie
beiseite. Von den Erzeugnissen unserer dilettantischen Muse, die er
zurechtgestutzt hatte, pflegte Ottilie scherzend zu sagen: 'Wir haben
sie durch das Fegefeuer geschickt.'

"Nach zwei Jahren des Bestehens unserer Zeitschrift mischten sich
Neugier und Eitelkeit auch auswärtiger Kreise hinein, und da wurde sie
so seicht, daß es eine Art Erlösung war, als der sehr kluge Irländer
Goff daneben ein englisches _'Creation'_ erscheinen ließ, dem ein
französisches _'Création'_ von Soret folgte."

An Goethes Geburtstag, dem 28. August 1829, war das erste Blatt der
Zeitschrift erschienen. Sie enthielt außer einigen Beiträgen von Goethe
selbst solche von Riemer und Knebel, Fouqué und Chamisso, von Johann
Dietrich Gries, dem geistvollen Übersetzer des Tasso, des Ariost und des
Calderon, von Eckermann und August Goethe, von Adele Schopenhauer, von
den reizenden Schwesternpaaren Egloffstein und Spiegel. Von Sulpice
Boisserée wurde ein Brief an Goethe über das Oberammergauer
Passionsspiel veröffentlicht, worüber Goethe ihm selbst Mitteilung
machte: "Ihre anmutige Betreibung der traditionellen Aufführung eines
geistlichen Dramas ist sogleich in dem Abgrund der chaotischen
Verwirrung verschlungen worden." Auch Zelter schickte einen Bericht über
Berliner Theaterereignisse, und Bettina von Arnim sandte zierliche
Reime. Unter den Ausländern treten[TN1] die jungen Engländer als
Mitarbeiter besonders hervor: Lord Loveson Gower, Charles des Voeux,
Samuel Naylor brachten Übersetzungen Goethescher Verse in ihrer
Muttersprache, der Irländer Goff, der schließlich auf dem Grabe seines
geliebten Kindes starb, nachdem er zehn Jahre lang jeden Winter nach
Weimar gekommen war, um eine Nacht auf dem Kirchhof zuzubringen, sandte
phantastische Träumereien, und W. M. Thackeray, der schon als ganz
junger Mann nach Weimar kam, stellte hie und da schüchtern sein noch
unbekanntes Talent in den Dienst des "Chaos". Zur Erinnerung an ihn, der
in Jennys noch vorhandenem Album durch einige seiner hübschen
Zeichnungen vertreten ist, schrieb Jenny später:

"Thackerays _'Vanity fair'_ rief mir wieder lebhaft den liebenswürdigen
Verfasser ins Gedächtnis zurück, der ein so treuer Freund meines
väterlichen Hauses war; sein treffender Humor, sein weiches Herz
sprechen sich in jedem seiner Werke aus. Er war hauptsächlich in Weimar,
um sein eminentes Zeichentalent zu entwickeln. Während wir um den
Teetisch saßen und sprachen, zeichnete er die humoristischsten Szenen.
Sich selbst zeichnete er in einer Minute und fing immer beim Fuß an,
ohne die Feder abzusetzen, daneben pflegte er einen kleinen Gassenjungen
hinzustellen, der ihn verspottete, da er einen durch Boxen
eingeschlagenen Nasenknochen hatte. Sonst sah er gut aus, hatte schöne
Augen, volles, lockiges Haar und war ziemlich groß. Er gehörte zu den
beliebteren Engländern, die sich in Weimar länger aufhielten, und deren
gab es genug."

Einer ihrer leidenschaftlichsten Verehrer, Prinz Elim Metschersky,
Attaché der russischen Gesandtschaft, schrieb in Prosa und Poesie für
das "Chaos" und widmete der Angebeteten, nicht zu Erobernden, darin
folgendes Gedicht:

    _L'éclat de ton regard aurait trop ébloui_
    _Si la nuit ne l'avait recouvert de son voile;_
    _Il a le clair-obscur du jour évanoui,_
    _Il a le feu brillant, le feu vif de l'étoile._

    _Le génie et l'esprit unis au sentiment_
    _Voulurent tour à tour qu'il fut leur interprête,_
    _La lyre exprime ainsi par son frémissement_
    _Chaque sensation de l'âme du poète._

Er war es auch, der auf seine Bemerkung, daß man in Weimar nicht zu
tanzen verstünde, von Jenny die Antwort erhielt: "Wir vergessen zu
tanzen, aber die einzige Ursache ist: zu angeregte Unterhaltungen.
Fragen Sie die bösen Zungen nach unserem schlimmsten Fehler, und sie
werden Ihnen antworten: zu angeregte Unterhaltungen. Und um Ihnen zu
beweisen, daß es nicht die Damen allein sind, die sprechen, sei Ihnen
verraten, daß sie alle Englisch gelernt haben durch zu angeregte
Unterhaltungen." Durch seine Behauptung, "daß die deutschen Mädchen von
sechzehn Jahren mit ebensolcher Sicherheit von der Liebe sprechen wie
die Französinnen im gleichen Alter von ihren Puppen", führte Metschersky
einen anderen lebhaften Meinungsaustausch herbei. Die Antwort Ottiliens
darauf ist so bezeichnend für die damalige Gemüts- und Geistesatmosphäre
Weimars, daß sie wiedergegeben zu werden verdient. Sie schrieb:

"Über jede Empfindung sprechen wir uns mit Klarheit und Offenheit aus.
Wäre Weimar ein Ort, wo man wenig Fremde sieht, oder diese sich doch in
einem großen Zirkel verteilen könnten, wir würden, wie es Sitte und
Gewohnheit verlangt, die ganze Stufenleiter, die man mit einem Fremden
durchzumachen hat, von der ersten Frage an: Sie sind zum erstenmal in
Weimar? bis zu all den Gesprächen über Theater und Wetter, durchkämpfen;
doch da die verschiedensten Länder uns ihre Bewohner senden, so haben
wir uns alle stillschweigend entschlossen, die entsetzliche Kette der
Langenweile, die uns auf die hergebrachte Weise täglich und stündlich
drücken würde, abzuwerfen und, nachdem wir die erste Phrase als
Abfindungsquantum bezahlt, dann ruhig in unserer Weise fortzufahren, als
wäre kein Fremder zugegen. -- -- Worin besteht denn der Unterschied,
sich fremd oder einheimisch fühlen? Doch nur darin, daß man den alten
Bekannten mit Vertrauen und ohne Zeremonie entgegenkommt; also tut und
spricht, als könnte man nicht mißverstanden werden, während man den
Fremden eigentlich immer in anderen Orten mit einer Art behandelt, die
doch eigentlich nichts wie ein höflich gezeigtes Mißtrauen ist.

"Sie loben den Enthusiasmus, den wir für unsere Dichter empfinden und
die Sorgfalt, mit der wir ihre unsterblichen Werke in unserer Seele
aufnehmen. Doch ich frage Sie, was ist mehr das Eigentum des Dichters
als das gelobte Land der Liebe, als all die Wunderquellen, die ihm
entspringen, sie mögen nun Namen tragen, wie sie wollen. Die Frauen
verstehen sich überhaupt schlecht auf das Sondern, im Gegenteil, sie
suchen alle Empfindungen zu verketten, und Liebe, Poesie, Ruhm,
Vaterland, das alles bildet für sie eine elektrische Kette, von der man
nur ein Glied zu berühren braucht, und es erzittert die ganze Reihe. So
ist es auch mit ihrem Wissen und Verstehen aller Dinge, sie suchen stets
den Teil davon zu erfassen, der es an eine Empfindung anschließt. Nehmen
Sie uns die Empfindung oder vielmehr das Recht, sie zu zeigen, schneiden
Sie uns von unseren Dichtern ab, und wir werden wie die Pariserinnen
genötigt sein, zu witzeln und über Mode, Equipage und dergleichen zu
reden; erlauben Sie Ihren Frauen, Frauen zu sein, das heißt ein Herz zu
haben, und sie werden uns an Liebenswürdigkeit übertreffen, weil ihre
angeborene Heiterkeit nur gemildert werden würde, während bei uns das
Gefühl oft so despotisch das Übergewicht erhält, daß jede Eigenschaft
des Geistes dadurch unterdrückt und gänzlich untüchtig für die
Geselligkeit gemacht wird. -- Man verspottet die Chinesinnen, daß sie in
der frühesten Jugend die Füße ihrer Töchter in so enge Bande schnüren,
daß dadurch der Fuß nie seine natürliche Form erhält, zum eigentlichen
Gebrauch untauglich wird und sie durch das Leben schwanken. Doch mich
deucht, nach Ihrer Schilderung, daß die französischen Mütter dasselbe
Experiment mit ihren Töchtern vornehmen, nur mit dem Unterschied, daß
sie statt des Fußes das Herz dazu wählen -- und am Ende ist doch ein
verkrüppelter Fuß besser als ein verkrüppeltes Herz."

Wer heute die vergilbten Blätter des "Chaos" zur Hand nimmt, dem wird
die ganze Zeit lebendig: wieviel Geist und Wissen, wieviel mehr noch
Schwärmerei und Leidenschaft! Selbst das Lächeln glänzt nur zwischen
Tränen, und in den poetischen Liebesgrüßen, die hin und her gewechselt
wurden, herrscht weniger die Seligkeit als das Leid der Liebe.

Auch Jennys Herz, das achtzehnjährige, liebte zum erstenmal; es war
nicht jenes wild aufflackernde, strahlende und rasch wieder erlöschende
Feuerwerk, dem die erste Liebe junger Menschen gleichzusehen pflegt, es
war die verzehrende Flamme heißer Liebesglut, die sie ergriffen hatte.
Sie ist niemals ganz erloschen, und noch im späten Alter muß sie still
auf dem Altar der verborgenen Herzenskammer gebrannt haben, denn junger
Liebe, für die andere meist ein mitleidig-spöttisches Lächeln übrig
hatten, begegnete die Greisin mit tiefster, fast mit ehrfürchtiger
Teilnahme. Und nie kam der Name dessen, dem ihr Herz gehört hatte, über
ihre Lippen. So weiß ich nur, daß er ein Engländer war, daß sie sich
ihm, den ein schweres Lungenleiden nach dem Süden trieb, gegen den
Willen der Eltern heimlich verlobte und durch Ottiliens Unterstützung
mit ihm in Verbindung blieb, bis er im Jahre 1834 in Korfu einsam
gestorben ist. Die Schwermut, die alles beherrscht, was sie in diesen
fünf Jahren sehnsüchtiger und sorgenvoller Liebe geschrieben hat, ihre
Unnahbarkeit für die Bewerbungen derer, die ihr Herz an sie verloren
hatten, ihre Abneigung gegen die gewohnten Freuden der Jugend sprachen
für die Tiefe ihrer Empfindung. Was an den Geliebten erinnerte, hat sie
vernichtet; vielleicht zeugt dieses Opfer aller Liebeszeichen von
größerer Pietät, als wenn sie sie bewahrt und damit vor den Händen und
den Blicken Gleichgültiger nicht geschützt hätte. Nur diese zwei
Gedichte, die sie unter dem Eindruck ihres Schmerzes schrieb, und eine
Erinnerung an das Haus Goethes, von dem ihres Lebens Inhalt in Glück und
Leid ausging, sind erhalten geblieben:


Menschenschicksal

    Jüngst sah ich im Vorübergehn
    Vor einem goldnen Gitter
    Ein lieblich Kindchen rüttelnd stehen,
    Im Herzen Ungewitter.

    "Die goldnen Ketten fesseln mich,
    Die goldnen Stäbe bannen,
    Die goldnen Wände drücken mich,
    Ich möcht, ich möcht von dannen!"

    Und was erreicht sein wild Bemühn?
    Hat es sich losgerungen?
    Zog es ins Weite stark und kühn?
    Ist Großes ihm gelungen?

    Am goldnen Gitter steht das Kind,
    Schaut bleich ins Weltenrund,
    Nur daß die Händchen blutig sind
    Und Stirn und Füße wund.


Ein Leichenbegängnis

    Ich grabe im Herzen ein tiefes Grab
    Und senke den bleichen Freund hinab,
    Und decke es zu mit Tränen und Weh
    Damit kein Fremder es jemals säh!

    Es tritt die Erinnerung leis hinzu,
    Sie singet milde den Freund zur Ruh
    Und baut im Herzen ein Monument,
    Darauf eine ewige Lampe brennt.

    Tief in der Nacht dann schleich ich hin
    Und grabe mit treuem, liebendem Sinn
    Ein Lebewohl auf den Grabesstein
    Und ein Wiedersehen auf die Lampe ein!

"... Ich stieg jene breite klassische Treppe empor, die meine Schritte
schon so oft durchmessen hatten -- mit fünfzehn Jahren, als ich im
runden Hut, im Pensionskleid und grünen Spenzer mit kindlicher Erregung
und jugendlichem Enthusiasmus an der Seite meiner Mutter hinausging, um
zum ersten Male den Nestor, den Herkules des deutschen Parnassus zu
besuchen; mein Herz grüßte ihn mit jener heiligen Ehrfurcht, die uns die
Arme über der Brust kreuzen läßt, mit jener vertrauenden Zärtlichkeit,
die voll Hingebung einen Vater in dem erhabenen Greis mit den weißen
Haaren, mit der Jupiterstirn findet; mit sechzehn Jahren ging ich
denselben Weg, um mein Püppchen (Alma von Goethe) zu finden, ein
reizendes Kind, das ich wickeln und umhertragen durfte; später wurde
seine Mutter meine Freundin. Mit wie viel verschiedenen Gemütsbewegungen
betraten meine Füße diese Stufen! Sie fühlten den leichten Schritt des
jungen Mädchens, das, zum Fest geschmückt, nur dem Gedanken an das
Vergnügen nachhängt, jenem Gedanken, der die Füße beflügelt und die
runden Wangen abwechselnd weiß und rosig färbt; sie fühlten denselben
Tritt, unsicher und zögernd vor Hoffnung und Furcht wegen einer
möglichen Begegnung, die das Herz nicht mehr ganz gleichgültig ließ, und
wenn die Füße wieder langsam die Stufen hinuntergingen, hätten sie
fühlen müssen, ob andere sie begleiteten und oft für ein Wort, für einen
Blick still standen, oder ob das junge Mädchen enttäuscht und allein,
fast gedankenlos den gewohnten Weg betrat. Während vieler trauriger Tage
stieg ich empor, teils um zu trösten, teils um selbst getröstet zu
werden, um zu klagen, um zu lernen, um Gewißheit zu erlangen über dunkle
Gerüchte oder um manchmal an der Freude über gute Nachrichten
teilzunehmen. Als Krankenpflegerin stieg ich empor wie als harmloser
Besuch, als Geladene zu einer geistreichen Gesellschaft, die sich am
Flügel oder um den runden Tisch mit seinen zwei Kerzen versammelte. Mit
brennenden Wangen ging ich hinauf, getrieben vom wild pochenden Herzen,
zurückgehalten von zitternden Knien -- ich glaubte unter diesem Dach
mein Glück, meine Zukunft zu finden; -- dann, eines Tages, schritt ich
dieselben Stufen abwärts; an einer Stelle hörte ich ein Wort, und das
Wort hieß 'Lebewohl'; und es war so mächtig, daß es sich den Mauern, der
Treppe einprägte; und noch nach acht Jahren, wenn ich eintrat, schrien
Mauern und Treppe mir dies Wort bis in die Tiefe des Herzens zu."

Wie Jenny einmal von Goethe gesagt hatte, daß er zu denen gehöre, die
ihre Größe mit dem "Pfahl im Fleisch" bezahlen müssen, so erging es ihr:
jede seelische Erschütterung ergriff auch den Körper. Jener furchtbare
Abschied, der wohl den Abschied fürs Leben schon ahnen ließ, schien sie
aller Lebenskraft zu berauben, und da keiner der Weimarer Ärzte ihr
helfen konnte, wandte sich ihre Mutter schließlich an _Dr._ Samuel
Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, der nach langem Wanderleben
und Anfeindungen aller Art sich endlich in Köthen als Hofrat und
Leibarzt des Herzogs Ferdinand niederlassen konnte. Er nahm den wärmsten
Anteil an dem Ergehen seiner Patientin, und seine Briefe an sie --
winzige Zettelchen mit winziger Schrift -- gewähren Einblick in die
originelle Art seines Verkehrs mit ihr. So schreibt er im November 1827:


"Mein gnädiges Fräulein!

"Die pünktliche Folgsamkeit, mit welcher Sie meinen Wünschen nachkommen
und die Offenheit in Darlegung Ihres körperlichen und Gemütszustandes in
Ihrem Berichte verdienen meinen ganzen Beifall. Seyn Sie versichert, daß
ich den innigsten Theil an Ihrem Wohle nehme und daß ich Alles thun
werde, Sie herzustellen. Auch Ihre trüben Ideen sind bloß Folgen Ihres
körperlichen Unwohlseyns, was bei Ihnen schon in zartester Kindheit
begonnen haben muß. Mit der Gesundheit Ihres Körpers weichen aber jene
niederschlagenden Vorstellungen gänzlich. Bis hierher hatte diese
melancholische Gemüths-Verstimmung doch den großen Vortheil für Ihre
Sittlichkeit, Sie vor dem Leichtsinn zu bewahren, welcher so oft junge
Frauenzimmer Ihres Alters von dem edelen Ziele ihres Daseyns entfernt
und der modigen Frivolität Preis giebt ...

"So hat der Allgütige selbst durch dieses Seelenleiden Ihnen eine
Wohlthat erwiesen in Sicherstellung Ihrer Moralität, deren Reinheit mehr
als alle Güter der Erde werth ist ..."


Wenige Monate später hieß es:


"Mein liebes gnädiges Fräulein!

"Sie haben allerdings bei reiferen Jahren, wenn Ihr jetzt noch zu zartes
und daher so viel bewegtes Herz mehr Kraft und ruhigere Schläge bekommen
wird, auch Ihr inneres Siechtum noch mehr sich gebessert hat, frohere,
gleichmäßigere Tage zu verleben. Die unnennbaren, Sie jetzt noch
bestürmenden Gefühle werden sich dann am besten in einer, wie Sie
verdienen, glücklichen Ehe zu einem ruhig frohen Leben auflösen unter
schönen Mutter- und Gattenpflichten. Nur getrost; bei Ihrer edlen
Denkungsart wird es Ihnen noch recht wohl gehen, da, wie ich sehe, Sie
nicht zu große Ansprüche an diese etwas unvollkommene Welt machen und
mehr bei sich selbst an Vervollkommnung arbeiten. Ich bitte mir ferner
Ihre Körper- und Geisteszustände treu zu berichten, und versichert zu
sein, daß ich auf Alles achte, was Ihnen zum Wohlsein gereichen kann als

Ihr teilnehmender untertäniger

S. Hahnemann.

"Im Tanze bitte ich stets sehr mäßig zu sein, dann kann er Ihnen nicht
anders als wohl bekommen."


Aus den übrigen Briefen sei noch folgendes wiedergegeben:


"Mein gnädiges Fräulein!

"Billig hätten Sie mir längst den Gegenstand Ihrer so tiefen Betrübniß
eröffnen sollen, wo nicht speziell und mit Namennennung, doch im
Allgemeinen bezeichnend -- nicht etwa bloß, weil ich als Mensch
herzlichen Anteil nehme, sondern weil ich als Ihr treuer Arzt doch
wissen muß, ob auch der Gegenstand der Art war, daß auch eine gesunde
Person so stark hätte müssen davon affiziert werden, oder so beschaffen,
daß eine solche Trauer der Sache nicht angemessen war und Sie nicht so
tief und anhaltend davon hätten gebeugt werden können, ohne körperlich
krank zu sein. So aber stehe ich da, wie vor einem Rätsel, dessen
Aufklärung ich von Ihnen erwarten muß, ehe ich besondere Rücksicht mit
meiner Arznei darauf nehmen kann. Bloß beiliegende 16 Pülverchen bitte
ich noch zu gebrauchen ... Allein spazieren wünsche ich nicht, wohl aber
recht viel ins Freie in Gesellschaft, damit Sie Ihren Gedanken nicht zu
sehr nachhängen. Vor Wein sollten Sie sich gänzlich hüten ... Nach
Verbrauch der Pülverchen bitte ich sogleich zu berichten

Ihrem untertänigen Hahnemann.

Köthen, d. 1. Sept. 1828"


"Mein liebes gnädiges Fräulein!

"Wenn die gütige Vorsehung den sendet, der Ihrer würdig ist, der wird um
Ihre schöne Seele freyen, und Ihre Schönheit nur als vortreffliche
Zugabe ansehen -- der wird auch ein Mann sein, vor dem die Gecken
fliehen und die Wüstlinge beschämt zurücktreten, die keine Ahnung von
dem Werthe einer engelreinen, weiblichen Seele haben, die ich durch Ihre
Briefe in Ihnen zu verehren das Glück gehabt habe ... Diese Pülverchen
nehmen Sie getrost von Ihrem

untertänigen S. Hahnemann.

Köthen, d. 3. Nov. 1828."


In einem der letzten Briefe lesen wir:


"Fahren Sie nur so fort, nächst Ihrer diätetischen Folgsamkeit, mir in
Ihren Briefen Ihre Denkungsweise, Ihr Herz und Gemüth aufzuschließen.
Sie haben einen alten Mann vor sich, der ungemein empfänglich für so
etwas ist, ungeheuchelten Theil daran nimmt, auch wohl hierin guten Rath
zu geben weiß. Erhält, wie bei Ihnen, das geistige Gefühl und die
Empfindsamkeit die Oberhand, so wird das körperliche davon übermannt und
über die Maße gestört. Da ist es nöthig, auf den rechten Weg
einzulenken, wo der Körper neben dem Geiste seine Rechte behaupten
könne, da ist es nöthig, solche Beschäftigungen zu wählen, wobei die
Phantasie möglichst wenig aufgeregt und mehr das Denken und Beobachten
geübt wird .... Nächstdem bitte ich bloß leichte, frohe Lieder (keine
andere Poeterey), gute, wahre Reisebeschreibungen, Lebensbeschreibungen
und Geschichte zu lesen. Um Ihnen aber etwas und womöglich vielmehr
Vergnügen bei Ihren Spaziergängen zu verschaffen, haben Sie in Weimar
die beste Gelegenheit, sich einen unpedantischen Lehrer in der
Naturgeschichte zu verschaffen, der Ihnen, im Beiseyn Ihrer gnädigen
Frau Mama, Kenntnisse beibringen wird, die Ihnen dereinst weit
schätzbarer und lieber sein werden, als viele andere weibliche
Beschäftigungen. Dann sind Sie auf Ihren Spaziergängen nicht mehr einsam
und ohne Unterhaltung. -- --"

Der gute Rat des Seelenarztes mochte dem trauernden Gemüt des jungen
Mädchens eine bessere Arznei sein, als seine "Pülverchen" ihrem Körper.
Aber den Rat, der überall zwischen den Zeilen seiner Briefe zu finden
und sicherlich von den besorgten Eltern diktiert war: durch die
Verbindung mit einem "würdigen Mann" die erste Leidenschaft zu
überwinden, vermochte sie nicht zu befolgen. An Bewerbern fehlte es
nicht; ihre Schönheit und noch mehr der Liebreiz ihres Wesens bezauberte
alle.

In einem Briefe Eckermanns aus dem Jahre 1829 heißt es unter anderem:
"Der rechte Balkon wird leer gewesen sein, denn es war ziemlich alles
bey Frau v. Goethe. Man las den Egmont, welches bis gegen 11. dauerte.
Da ich, wie gewöhnlich mich unter den Zuhörenden befand, so könnte ich
über die lesenden Personen, ihre Art des Vortrags, ihre Betonung, im
Vergleich zum Theater, meine stillen Bemerkungen machen ... Was soll ich
aber zu unserm Liebling Jenny sagen, auf der meine Augen ruhten und die
sich nur auf andere Gegenstände wandten, um zu ihr erfrischter und mit
größerer Neigung zurückzukehren.

"Sie hatte die Rolle des Ferdinand, welcher wie Sie wissen erst spät
kommt. Sie saß aber gleich von Anfang an dem Tisch der Lesenden, gegen
den die Zuhörer einen langen Halbzirkel bildeten. An den übrigen
vorlesenden Personen war besonders anfänglich eine gewisse Verlegenheit
merklich, wie sie unter solchen Umständen gewöhnlich sein mag, und
welche sich besonders darin zeigte, daß die Seele der Lesenden nicht
ganz bei der Sache war, wodurch dann falsche Betonungen und dergleichen
entstanden. Jenny aber saß da in der ruhigen Unschuld eines Kindes, die
Hand unter ihr Köpfchen gestützt. 'Jetzt,' dachte ich, 'ist freilich an
Dir nicht die geringste Spur einer Verlegenheit sichtbar, aber ich will
sehen, wie Du thust, wenn es an Dich kommt.' Nun kommt Alba, er spricht
mit Silva, mit Gomez, er ruft seinen Sohn Ferdinand. Jenny fängt ihre
Rolle an, es ist dieselbige Ruhe, dieselbige Unbefangenheit, dasselbe
Kind. Die durchaus edle Rolle des Ferdinand sagte ganz ihrer schönen
Seele zu, und ich kann nicht sagen, daß je die Unschuld eines reinen
Wesens mir in solchem Grade und solcher Liebenswürdigkeit erschienen
sey. Nach beendigtem Stück sagte ich ihr manches gute. Sie sagte aber,
daß sie groß Angst gehabt und daß ihr Herz während dem Lesen laut
gepocht habe. Ich sah sie mit verwunderten Augen an und konnte nicht
begreifen, wie einer Regungen des Herzens so verbergen könne, daß man
ihm nicht das geringste ansieht.

"Es waren auch zwey englische Damen zugegen, Lady Murray in mittleren
Jahren und eine junge Lady in ihrer Begleitung, von deren Schönheit man
mir viel gerühmt hatte ... Allein neben der schönen Melany und Jenny
konnte sie sich in meinen Augen nicht halten ..."[74]

Alfred von Pappenheim schrieb einmal an seine Stiefschwester Cecile von
Gersdorff, Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe: "Es tut mir leid, daß
ich Dich nicht begleiten kann ... Mit Jenny würde ich mich nicht leicht
entschließen, zu reisen, aber Du als Backfischchen fändest vielleicht
nicht so viel Verehrer, und meine Rolle als Chapron würde dann nicht so
schwer sein."[75] Und Karl Wolfgang von Heygendorff, der Sohn von Karl
August und Caroline Jagemann, der Jenny sehr verehrte, schrieb noch in
der Erinnerung begeistert, wie "wunderschön und engelgut" sie damals
war.

Sie blieb allen gegenüber, die sich um sie bewarben, von gleichmäßig
kühler Freundlichkeit. Die Freundschaft mußte ihr ersetzen, was ihr die
Liebe schuldig geblieben war, und in einer Zeit wie die ihre, wo die
Herzen einander weit offen standen, weil der eigene innere und äußere
wüste Lebenskampf die Empfindungen noch nicht bis zu dem traurigen Rest
vollkommener Selbstsucht abgestumpft hatte, gab es noch echte,
teilnehmende Freunde. Ottilie Goethe nahm unter ihnen die erste Stelle
ein. Deren Charakteristik, die sie bald nach der Trennung von ihr
niederschrieb und auch im Alter noch für zutreffend erklärte, gibt ein
deutliches Bild dieser merkwürdigen Frau:

"Ich fand meine Freundin in ihren hübschen Mansardenstuben, umgeben von
Büchern und Papieren, vor einem kleinen offenen Bücherschrank; ihre
Augen glänzten, ihre braunen Locken schienen schon zwanzig Mal nach
hinten geschüttelt zu sein; ihre kleine weiße Hand hielt ein Buch, ihre
Wangen brannten, und schon ihre Begrüßung zog mich in die lebhafteste
Unterhaltung.

"'Herr Noël,' sagte sie, 'frug mich nach einer Charakteristik seines
Geschlechtes, und ich gab ihm Gottes Recept einer Männerseele: eine
starke Dosis Egoismus, dreimal so viel Eitelkeit, ein gut Theil
Berechnung, das sie Vernunft nennen, das Alles gewürzt durch eine
Portion Geist -- und das Ragout ist fertig.'

"In dem Ausdruck, mit dem Ottilie ihr Epigramm begleitete, lag genug
Wahrheit, um den verächtlichen Zug, der ihren Mund umspielte, anziehend
zu machen, und Coquetterie, um ihm den Stachel des Beleidigenden zu
nehmen, aber auch genug Triumph, genug von dem '_je ne sais quoi_' der
Frau, welche den Sklaven neben der Gebieterin verrathen läßt.

"Mr. N. lehnte sich an den Bücherschrank; ich hatte mich in einen
Lehnstuhl geworfen, dessen Rücken in kunstvoller Stickerei das Wappen
Englands zeigte, Ottilie stand in der Vertiefung des Fensters, das durch
die schrägen Wände gebildet wurde. Die Unterhaltung drehte sich um
Irland und die Irländer, ein Thema, das sie ganz beherrschte; sie in
dieser Festung anzugreifen, hieß alle Waffen ihres Geistes gegen sich
richten.

"'Nicht wahr, Du würdest bei einem Feuerwerk nicht versuchen, eine Ferse
in Deinen Strumpf zu stricken?' sagte ich ihr; 'und so kann ich mir an
der Seite eines Irländers kein häusliches Glück vorstellen!'

"'Ich liebe dieses Feuerwerk!' entgegnete sie; 'ich würde ohne Strümpfe
gehen und leicht diese prosaischen Kerzen entbehren, die man vernünftige
Leute nennt; sie haben kein Herz und setzen die Vernunft an dessen
Stelle -- starke Liebe, starker Haß, ernster Kampf und keine Berechnung,
das ist es, was ich liebe. Der Irländer allein hat Herz, Feuer, Muth --'

"'Auch Narrheit und Unbeständigkeit,' unterbrach sie Mr. N. Nach diesem
unerwarteten Einwurf trat sie vor, war mit einem Schritt auf der
Fußbank, mit dem nächsten auf dem Stuhl und warf, wie ein verzogenes
Kind, ein Buch nach dem andern auf die Locken ihres Gegners. Und doch
war nichts Rohes in dieser Kinderei; ich, das junge Mädchen, lächelte
wie eine Großmama zu den Schülerstreichen dieser Frau und Mutter, die
von Zeit zu Zeit zwanzig Jahre ihres Lebens vergaß; alles war an ihr
natürlich und ungeziert, aber ihre Seele, ihrem Geist, ihrem Herzen
fehlten die Zügel -- wie schwer hat sie diesen Mangel büßen müssen!

"Mr. N. suchte mit den Augen einen unauffindbaren Gegenstand. 'Sie
suchen eine Uhr!' rief sie aus; 'ich besitze keine, ich bin dafür zu
sehr Irländerin.' Erstaunt erwartete er eine Erklärung dieser weder in
Roman noch Geschichte jemals erwähnten Nationaleigentümlichkeit. 'Das
heißt, ich habe eine zu hohe Meinung von Gastfreundschaft; es gibt
nichts Gröberes als solch eine Uhr, die in jeder Viertelstunde die
Besucher an die verflossene Zeit erinnert; schlimm genug für die, welche
sich an die Zeit binden, bei mir findet sie keinen Platz, um ihre Sense
anzulehnen.'

"'Und dadurch,' antwortete er, 'werden wir unpünktlich, denn die
Langeweile vertreibt uns nie!'

"'Warten Sie nur, habe ich erst Salons, Lakaien und schöne seidene
Kleider, so werde ich schrecklich langweilig sein. Ich war es schon
weniger, als ich aus Sparsamkeit noch Talglichter brannte, denn
jedesmal, wenn ich sie putzen mußte, sah ich meine Gäste an, sagte
schnell etwas Lustiges, und während sie lachten, putzte ich sie
geschwind incognito. Jetzt bin ich liebenswürdig zwischen meinen
schiefen Wänden, weil ich sie dadurch meinen hohen Besuchern vergessen
lassen muß.' Mr. N. nahm seinen Hut, sie sagte ihm freundlich Lebewohl,
tauschte einen Händedruck von zehn Jahren Bekanntschaft mit ihm und
kehrte zu mir zurück. 'Er ist doch sehr schön,' sagte sie. 'Der Vater
hat mir eine angenehme Bekanntschaft ausgesucht. Er soll ein Herzogthum
zu erwarten haben, jedenfalls paßt er gut in mein Herzogthum.'

"'Also wieder und immer wieder,' rief ich traurig aus.

"'O Du neugierige, kleine Katze, spielst Du wieder die erfahrene Frau
und ich das kleine Pensionsmädchen?'

"Währenddessen hatte die Phantasie mit zauberhafter Schnelle andere
Bilder aufgezogen. Einem Gedanken schien sie nachzusinnen, dessen
Schatten schon ihre Züge bedeckte.

"'Keinen Brief von H. und doch bin ich jetzt frei!'

"'Er hat keinen Pfennig, Ottilie, du weißt es recht gut!'

"'Was soll mir das Geld! Er wollte Missionar werden, ich stimme dem bei,
es ist ein edler Beruf. Kannst Du Dir in der Mitte der Wilden Deine
Freundin vorstellen, sie selbst als seine ergebenste Schülerin? -- Auch
eine Schule wollte er gründen; ich würde die Wirtschaft führen --'

"'Aber, liebes Herz, Du verstehst ja nichts davon.'

"'Die Liebe wird es mich lehren! Nur eins beunruhigt mich, ich kann
Desvoeux nicht vergessen; ich schrieb davon an H. --'

"'Und erzählst es N. morgen.'

"Sie lachte, aber ich hatte Recht, denn nichts hatte Bestand in diesem
Kopfe, in dem die Phantasie Alleinherrscherin war. Da warf sie zwanzig
verschiedene Männerbilder, tausend Lebenspläne, Gedanken, momentane
Empfindungen durcheinander, bis die Bilder zerbrachen, die Gedanken
ausarteten -- dann saß sie vor den Trümmern und weinte! Aber wie bei
kindlichen Schmerzen, tröstete sie die Blume, die ein Fremder ihr
reichte, sie lächelte, sie berauschte sich an ihrem Duft und warf sie
schließlich in die allgemeine Unordnung zu Bildern und Gedanken. Und
doch waren edle unter ihnen, Gedanken von Pflicht, Barmherzigkeit und
Hingebung, aber kein einziger entsprang einem Grundsatz. Der Ursprung
war Liebe, das Ziel war Liebe, das Leben war Liebe, trotzdem diese Frau
nicht mehr jung und nicht schön war. Die Strahlen der Schönheit, mit
denen ihr Geist sie oft zu verklären schien, warfen sie nur noch tiefer
in Gram und Reue, denn oft entzündete sich die Leidenschaft an diesem
Glanz, um, wenn er erlosch, ebenso schnell zu vergehen; sah sie die
Flamme matter und matter brennen, fühlte sie, daß ihr Athem sie nicht
mehr anzufachen vermochte, so weihte sie die Stunden der Nacht ihrem
wilden Schmerz. Und dennoch entsagte sie nicht diesem Phantom der Liebe,
sie begehrte in der ganzen Welt nichts als sie, inmitten brennender
Thränen rief sie aus: 'Immer nur Leidenschaft, niemals Liebe!' Aber
schon im nächsten Augenblick klammerte sie sich an die Leidenschaft, die
ihr in der Maske der Liebe nahte -- und dann immer dasselbe Trauerspiel:
Glück, Seligkeit, Verlust und Reue. Trotzdem fehlte es ihr an
Freundinnen. Sie hatte alte und junge, fromme und kluge, Weltfrauen und
junge Mädchen mit derselben Einbildungskraft wie die ihre; Freundinnen
mit gebrochenem Herzen und Priesterinnen der Vernunft -- sie Alle waren
ihr ergeben, denn sie war von Herzen liebenswürdig -- liebenswürdig
selbst in ihrer Thorheit. Ja, sie hatte Freundinnen, doch diese hatten
sie nicht!

"'Glaubst Du, daß er kommt?' fuhr sie fort. 'Da stehe ich nun den ganzen
Tag am Fenster und warte auf den Briefboten und denke dazwischen an D.'

"'Du bist zu müßig, Ottilie!'

"'Was soll ich tun? D. gab mir zu thun: den Tasso mußte ich übersetzen
und drucken lassen, dann nahm ich drei Monate lang Zeichenstunden, weil
er sich die Copie eines Bildes wünschte, und ich hatte noch nie einen
Bleistift berührt! Übrigens -- doch, du wirst lachen -- nachdem N. mich
gestern Abend verlassen hatte, kam mir ein Gedanke, den ich diesen
Morgen aufschrieb, ich will ihn dir vorlesen. -- Du sagst, ich sei
müßig, und weißt doch, daß ich sechs Stunden des Tages dem Vater widme;
oft kann ich nicht mehr und glaube ohnmächtig zu werden vor Schwäche,
doch der Gedanke, daß ich ihm nützlich, ihm nothwendig bin, daß ich
seine alten Tage verschönen und in der Welt zu etwas gut sein kann,
dieser Gedanke giebt mir die Kräfte wieder. Neulich haben wir den
Plutarch zu lesen angefangen, und schließlich las er mir aus dem zweiten
Teil des Faust; es war schön und groß, als ich aber nach elf Uhr mein
Zimmer betrat, fiel ich, meiner ganzen Länge nach, zu Boden.'

"Ich erhob mich, um sie zu küssen; ich liebte in diesem armen Kinde der
Phantasie dieses Gefühl, diese Pflicht, die ihrer Hingebung entsprang,
dieser stillen, gewissenhaften, rührenden Hingebung mit all ihren
kleinen, stündlichen Opfern, ihren verborgenen Anstrengungen bis zur
Entkräftung, deren nur eine Frau fähig ist. Inzwischen hatte sie auf
allen Tischen nach ihrer Schrift gesucht, doch vergebens; ich kam ihr zu
Hilfe und entdeckte endlich unter Büchern, Briefen, Stickereien und
Noten ein mit einer großen engen Schrift bedecktes Papier. Ich begann zu
lesen; welch buntes Durcheinander: Kleider und Schärpen, Blumen und
Bücher, die sie sich zum Geburtstage wünschte, verschiedene Adressen,
quer darüber einige Verse ihrer Tasso-Übersetzung, den Titel einer neuen
Geschichte Irlands, und endlich in der Mitte fand ich etwas, das eine
Fortsetzung zu haben schien. 'Gib her, das ist's,' sagte sie und begann:

"'In einem dunklen Tempel verbreitete eine einsame Ampel ihr trauriges
Licht; lange schon hatte sie gebrannt und Niemand gab sich die Mühe, sie
mit Lebensspeise zu versorgen; trotzdem leuchtete sie noch, denn der
Tempel lag auf dem Wege frommer Pilger, und sobald die Flamme nahe am
Erlöschen war, warf eine barmherzige Hand ihr etwas hin, das Leben zu
fristen. Es war nicht immer geweihtes Öl, das ihr gebührte; die Pilger
gaben, was sie hatten: eine Blume, ein Lorbeerblatt, einen Dornenzweig;
der Eine gab ihr einen Tropfen Blut, der Andere seine Thränen -- und die
Lampe brennt heute noch!'

"'Du bist es,' sagte ich; 'diese Flamme ist deine Seele, doch der neue
Pilger, Ottilie, bringt dir nur einen Dornenzweig!'

"'Sei es darum, auch dieser bringt mir Leben.'

"Goethe hatte während dieses Abends den Besuch eines Freundes, Ottilie
war frei, ich blieb bei ihr; um sieben Uhr kam Herr N. und verschiedene
junge Engländer, später der Thee auf rundem Tisch, den zwei Lichter
erhellten.

"Die Unterhaltung wurde lebhaft, wie immer, sie drehte sich um Armuth
und Reichthum, und Ottiliens Verachtung dieser 'kleinen Stückchen von
schmutzigem Metall' trat deutlich zu Tage.

"'Doch wie vereint sich deine Verachtung mit den Ansprüchen einer
eleganten Frau?' fragte ich lächelnd.

"'Ach, du triffst wieder meine schwächste Seite! Stellen Sie sich vor,
meine Herren, sie moquiert sich über mich! Über mich, die ich ein neues
Mützchen, eine seidene Schürze, russische Schuhe und die schönste aller
Sammetcravatten trage!'

"'Man sagte mir, es sei nicht allzu lang her, daß du dich der Mode
fügst!' gab ich zurück; 'und deine Locken --'

"'Sind tausendmal schöner als dein Vogelnest. Sie sind --'

"'Vom Jahre dreizehn,' unterbrach ich sie.

"'Ja, vom Jahre dreizehn!' rief Ottilie bewegt; 'alles Gute, alles
Schöne ist vom Jahre dreizehn; -- damals gab es noch Begeisterung,
damals war Preußen herrlich, und unsere Herzen hatten ein Vaterland! Die
Regimenter durchzogen die Stadt und ließen uns ihre Verwundeten; wie
Engel des Friedens betraten wir die Krankenhäuser, und die Kranken
segneten uns! Des Abends gab die Stadt einen Ball. Wenn wir einem der
Officiere einen Walzer versagen wollten, hieß es: vielleicht ist es der
letzte, und wir gewährten ihn. Dann die Bivouaks und morgens die
Trommler, die Schlachtmusik -- ein Gruß, ein Lebewohl mit gesenktem
Degen -- es gab in Deutschland keine Schlafmützen mehr, sie waren alle
Männer geworden und die Männer Helden! Damals war es der Mühe wert, zu
leben und zu sterben!' ...

"Die Stunden vergingen. Kein Klatsch, keine Frivolität, keine
Taktlosigkeit störte unser Zusammensein. Ottilie hatte es mit jenem
Talent, das keine Frau in dem Grade besaß wie sie, verstanden, Jeden mit
sich zufrieden zu machen; sie hatte mit Jedem über das ihn am meisten
Interessierende gesprochen, wobei Jeder sich naturgemäß am wohlsten
fühlt; sie hatte alle Geistesgaben geweckt und welche zu säen versucht,
wo sie keine gefunden hatte.

"So war meine Freundin, als ich wußte, warum mein Herz ihr
entgegenschlug, jetzt -- -- Ich will diese dunkeln Mysterien des
Schicksals und der Schuld nicht berühren. Dank dem Himmel, der mich
nicht zum Richter dieser unglücklichen Frau berufen hat! Ihre Seele war
glänzend und liebenswürdig, doch für einen anderen Planeten geschaffen;
sie hatte sich in ihrem Fluge getäuscht, statt der blühenden Gärten
ihres Sterns fand sie die kalten Nebel des unseren, statt der Liebe fand
sie die Vernunft auf dem Thron, statt des heiteren Lebens fand sie
Arbeit und Sorgen, statt der unendlichen Räume des Sterns ihrer
geflügelten Brüder fand sie die kleinlichen Verhältnisse unserer Erde,
wo man geht -- oder kriecht. Mit jedem Schritt verstieß sie gegen ein
irdisches Gesetz, jedes Gesetz rächte sich, jeder Irrthum kostete ihr
eine Feder ihrer Flügel, einen Strahl ihres Lichts, eine Blume ihrer
Schönheit -- sie weinte, doch sie lernte nichts! Man donnerte ihr in die
Ohren: Die Vernunft ist König, du bist des Majestätsverbrechens
schuldig; zum Schaffot! zum Schaffot! Sie wollte entfliegen -- ihre
Flügel waren gebrochen, sie wollte durch einen Strahl ihres Lichts ihre
Richter gewinnen -- das Licht war erloschen; auf ihrer Harfe wollte sie
ihre Klagen singen -- zerrissen waren die Saiten!"

Wie über der Familie Bonaparte, so schien über der Familie jenes anderen
Titanen ein dunkles Schicksal zu walten, und wie der Schatten des einen
über Jennys Leben seinen Schleier warf, so auch der Schatten des
anderen, da die Freundschaft sich noch inniger als mit der Mutter das
ganze Leben hindurch mit den Enkeln verband und ihr auch den Vater nahe
geführt hatte. Die Nachwelt ist im Urteil über ihn so hart und ungerecht
gewesen, wie die Mitwelt grausam war gegen seine Söhne. Jenny
charakterisierte ihn folgendermaßen:

"August Goethe habe ich sehr gut gekannt; er war nichts
Außergewöhnliches, sondern ein kluger, gutmüthiger Mann, der, als Sohn
eines anderen Vaters, einen ernsten, ruhigen Lebensweg gefunden hätte.
Der alte Goethe liebte seinen Sohn unendlich, er sah in ihm ein Stück
seiner selbst, oder wollte es vielmehr sehen; das empfand August aber
nicht als Glück, sondern als drückende Last. Goethe hatte viele Kinder
verloren, dieser Eine sollte ihm alle anderen ersetzen. Er nahm ihn
schon als Knaben auf seinen Wanderungen mit, versuchte ihm seine
Passionen einzuimpfen. Augusts frischer Geist faßte leicht und fröhlich
auf, was der Vater ihm lehrte; er zog aber, wie es ganz natürlich war,
den Umgang mit gleichaltrigen Gefährten dem alleinigen mit seinem Vater
vor. Das schmerzte diesen, denn er vergaß, wie so viele Väter den Söhnen
gegenüber, die eigene Kinderzeit. Er wurde strenger, überwachte seinen
Unterricht, überhörte ihn zuweilen und unterdrückte die aufwallende
Zärtlichkeit, weil sie ihm nicht in sein Erziehungssystem zu passen
schien. Augusts heißes Herz wandte sich mehr und mehr der Mutter zu, die
ihn von Anfang an verhätschelte. Sie verstopfte das schreiende Mäulchen
des Babys mit Süßigkeiten und anderen Dingen; sie öffnete dem streng
bewachten Knaben jede Hinterthür; sie steckte, was sie vom
Wirthschaftsgeld erübrigte, dem Jüngling zu.

"Er muß bildschön gewesen sein; eine dunkle Erinnerung aus meiner ersten
Kinderzeit zeigt ihn mir wie einen jugendlichen Halbgott. Nun stelle man
sich Weimar, stelle man sich die Welt ringsum vor, die von Goethes Namen
erfüllt war, und man wird sich nicht wundern, daß Jeder, der zu Goethe
kam, um dem Vater seine Huldigungen zu Füßen zu legen, dem schönen Sohn
alle erdenklichen Zärtlichkeiten erwies. Ein großer Charakter oder ein
großes Talent allein hätten das Gegengewicht halten können.

"Die Nähe des Vaters floh er, weil die forschenden Blicke, die
unausgesprochenen Anklagen ihn einschüchterten. So kam es, daß er, der
sonst so Fröhliche, sich in den Räumen Goethes am liebsten stumm und
mißmuthig in die Ecken drückte. Das Gefühl, hier nur als der Sohn seines
Vaters betrachtet zu werden, der Gedanke, daß er den Mund nur aufthun
könne, wenn er etwas Geistreiches zu sagen wisse, wird Jeder begreiflich
finden, der sich in seine Lage versetzt. Schmeichler, wahre und falsche
Freunde umgaben ihn außerhalb des väterlichen Hauses; unter ihnen ließ
er sich nun vollständig gehen, sie nannten seine Streiche genial, die
nur jugendlich und unvernünftig waren, sie bewunderten seine Verse, die
heute von jedem Tertianer besser gemacht werden. Nur wenige, die Ottilie
mir nach seinem Tode mittheilte, sind tief empfunden und schön
ausgeführt, die aber kannte Niemand. Goethe schien eine Zeit lang des
Sohnes Leben nicht zu beachten, vielleicht daß er auch hoffte, ein Genie
würde sich daraus entwickeln. Er wartete vergebens; der Punkt, bis zu
dem jeder Mensch innerlich vorschreitet, war von ihm erreicht, er
gehörte nicht zu seines Vaters Genossen, die 'immer strebend sich
bemühen.' Es kam aber auch für ihn eine Zeit, wo er die innere Leere
empfand. Seine Wünsche gipfelten schließlich in dem einen Wunsch: Fort!
Nach langem Kampf wagte er endlich, Goethe diesen Wunsch auszusprechen.
Es kam zu ernsten Scenen, denn Goethe wollte oder konnte ihn nicht
begreifen, selbst als Knebel sich auf seine Seite stellte. Fern von
Weimar, womöglich unter anderem Namen, hätten Augusts gute Seiten bald
die weniger guten unterdrückt.

"Um dieselbe Zeit ungefähr lernte er Ottilie von Pogwisch kennen. Man
hat erzählt, Goethe habe die Heirath mit ihr bewerkstelligt, August habe
deshalb eine große Jugendliebe aufgeben müssen. Das ist nicht wahr; er
hatte eine ganze Anzahl mehr oder weniger leichtsinniger Verhältnisse,
aber, wenn bei ihm überhaupt von großer Liebe gesprochen werden kann, so
gehört diese Ottilien allein. Deren Großmutter, Gräfin Henckel, die
Oberhofmeisterin bei Maria Paulowna und also auch meine Vorgesetzte
war, sträubte sich von Anfang an sehr gegen diese Verbindung. Erst als
Christiane von Goethe gestorben war, willigte die stolze alte Dame in
die Heirath ihrer Enkelin. Der Jubel und die Glückseligkeit waren groß
damals, sie glaubten sich heiß zu lieben, und doch liebte Ottilie in ihm
nur den Sohn seines Vaters, den sie mit den schönsten Träumen ihrer
Phantasie ausschmückte. Es war nur Phantasie! Ihr Geist vermochte ihn
auf die Dauer nicht zu fesseln, und eine Schönheit, die seine Sinne
erregen konnte, besaß sie nicht. So ging bald ein Jeder seine eigenen
Wege. Ihre Ehe wurde, durch Beider Schuld, sehr unglücklich. Die
Enttäuschung, die sie empfand, wenn sie nach und nach aus der glänzenden
Hülle ihrer Phantasiegebilde einen gewöhnlichen Menschen sich entpuppen
sah, war immer sehr groß, am schmerzlichsten aber bei ihrem Gatten, bei
Goethes Sohn. Sie hätte ihn vielleicht nun mit christlicher, helfender,
duldender Liebe tragen und heben können, und er, als der Rausch der
Leidenschaft verflogen war, mit ernstem Pflichtgefühl als treuer Gatte
und Vater ihr zur Seite stehen -- daß nichts davon geschah, war mehr
Schicksal als Schuld. Charaktere, wie die ihren, durften sich nie
verbinden. Wie das in einer kleinen Stadt immer zu sein pflegt, wo die
Menschen dicht an einander wohnen, mischte sich der Klatsch auch noch in
die Ehe. Beide standen wie auf offener Scene, und besonders das
Galerie-Publicum verfolgte mit gehässiger Neugier den Fortgang des
Dramas. Ottilie hatte unverdienter Weise, denn sie that wissentlich
Keinem etwas Böses an, viele Feinde, besonders Feindinnen, die sie ihrer
Stellung wegen beneideten und sich zwischen sie und August zu drängen
versuchten. Es gelang ihnen nur zu gut. Die gewohnten Schmeicheleien,
die Ottilie ihm bei ihrer unbedingten Wahrheitsliebe nicht zutheil
werden ließ, fand er anderswo zur Genüge; die Träume, die sein Geist ihr
nicht verwirklicht hatte, suchte sie in ihrer Umgebung zu finden.
Erschienen sie öffentlich zusammen, so war ihr Benehmen tadellos; auch
zu Hause machten sie den Eindruck eines einigen Paares, sobald die
Kinder bei ihnen waren. In der Erfindung immer neuer Spiele für sie war
August unerschöpflich; sie zogen ihn -- wie oft! -- von seinen
Kneipereien ab, die seiner an und für sich schwankenden Gesundheit
schadeten. Aber auch die Freude an seinen Söhnen verbitterte ihm sein
Mißtrauen. Ich stand einmal mit ihm am Fenster des Eßzimmers kurz vor
Tisch. Im Garten ging Goethe auf und nieder, seine Enkel kamen
hinuntergelaufen, um ihn zu holen. Jubelnd umschlangen sie den
Großvater, erzählten, lachten, spielten; er freute sich sichtlich ihrer
lieblichen Gegenwart, und ich sah mit Vergnügen zu. Da fiel mein Blick
auf August: er starrte mit zusammengekniffenen Lippen, blaß und schwer
athmend, auf dasselbe Bild, sein Aussehen sagte mehr als Worte.

"Ein schöner, besonders hervorzuhebender Zug in Augusts Wesen war seine
Freundestreue. Wen er lieb gewann -- freilich waren's nicht immer die
Würdigsten --, für den ging er durchs Feuer. Sein Unglück war, daß
Keiner von ihnen ihn, den Sohn Goethes, günstig zu beeinflussen
versuchte, alle ordneten sich ihm unter, und doch bin ich überzeugt, daß
er sich hätte beeinflussen lassen. Dem Einzigen, der es versuchte, Ernst
von Schiller, ist es stets geglückt. August liebte ihn zärtlich, und es
wäre von dauerndem Erfolg gewesen, wenn sein Freund immer hätte um ihn
sein können. Sein ruhiger Ernst, sein fester Charakter, seine Abneigung
gegen alles Gemeine, seine Abstammung nicht zum mindesten, denn sie
stellte ihn August gleich, stempelten ihn eigentlich zu seinem Freunde.
Es sollte nicht sein -- auch hier Schicksal und keine Schuld!

"Am 'Chaos' betheiligte sich August mit großer Lebhaftigkeit; die
meisten seiner Reime -- Gedichte möchte ich sie nicht nennen -- wurden
darin gedruckt. Er schrieb hübsche Briefe, eine Tugend, die ich jetzt,
wo sie so ganz verloren geht, doppelt als solche anerkenne. Die Briefe
an seinen Vater waren weniger natürlich, sie zeigten den Zwang, den
Goethe, mit der besten Absicht, auch darauf ausübte. August sollte
Beobachtungen über Witterung, Naturerscheinungen usw. anstellen, die ihm
fernlagen und ihn gar nicht interessierten. Von Menschen und Ereignissen
erzählte er lieber, besonders von Italien aus, wo er sich endlich frei
und als Herr seiner selbst empfand.

"Der Gedanke 'Fort von Weimar!' war schließlich zu einer Macht geworden.
Fort, recht weit fort, wo er an Leib und Seele zu genesen hoffte. Daß er
krank war, fühlte er immer deutlicher. Er kam zur Erkenntnis auch seines
seelischen Zustandes, ohne die Kraft zu haben, sich zu ändern, ungefähr
wie ein Wahnsinniger, der in lichten Momenten seinen Zustand begreift
und dadurch nur noch unglücklicher wird. In besonders trüben
Augenblicken sagte er sich: 'Ich will nach Rom, um dort zu sterben.'

"Der Entschluß zu fliehen reifte in ihm. Er glich darin dem alten
Goethe, der sich von allen Qualen durch schnelles Losreißen aus den
gewohnten Zuständen befreite. Nur wenige wußten um Augusts Plan. Mir
theilte ihn Ottilie mit, und ich konnte mir nicht versagen, ihm die
herzlichsten Wünsche mit auf den Weg zu geben. Ich war überzeugt, ihn
neugeboren wiederzusehen. Der Abschied von seinem Vater soll
erschütternd gewesen sein. Mir wurde erzählt, August sei ihm plötzlich
weinend zu Füßen gefallen und dann davongestürzt, während Goethe,
überwältigt von böser Ahnung, auf seinem Lehnstuhl zusammengebrochen
sei. Die Kinder schieden fröhlich von ihm mit allen möglichen Wünschen
und Bitten: sie sollten den Vater nie wiedersehen.

    Ich will nicht mehr am Gängelbande
    Wie sonst geleitet sein,
    Will lieber an des Abgrunds Rande
    Von jeder Fessel mich befrein!

so lauteten seine letzten Verse im 'Chaos'. Und er ging, befreit von
jeder Fessel, um auch die des Lebens abzuwerfen. Er wurde im Lande
seiner Sehnsucht von allen Leiden erlöst, aber anders, als er es gedacht
hatte."

Die drei Kinder von August und Ottilie fanden in Jenny eine zweite und
sorgsamere Mutter, als die eigene war. Die Knaben, Wolf und Walter,
waren im gleichen Alter mit Jennys Stiefschwester Cecile von Gersdorff,
Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe, und innig befreundet mit ihr, so
daß doppelte Bande der Liebe die Familien aneinanderfesselten. Jenny gab
den Kindern zusammen den ersten Unterricht und setzte ihn fort, auch als
ihr geliebtes Schwesterchen nach Straßburg in Pension kam. Sie schrieb
darüber an diese:


"Weimar, 22. April 1835.

"... Meine Stunden machen mir und den lieben Kindern große Freude; sie
werden ernster betrieben als zu Deiner Zeit, wozu Ernas Vernunft und
Wolfs angeborener Ernst sehr beiträgt; Letzterer ist mir unbeschreiblich
lieb, sein Charakter entwickelt sich ausnehmend gut und tüchtig, er ist
seinem Alter in jeder Beziehung ungeheuer voraus, läßt das Schönste
hoffen; mein ganzes Herz hängt an dem lieben Knaben und der Gedanke
einer Trennung von ihnen wird mir täglich schmerzlicher, je
unabwendbarer ich ihn in die Wirklichkeit treten sehe ... Alma ist ein
gutes, gehorsames, mühsam strickendes und knippelndes Kind, später
verspricht sie jedoch mehr zu werden ..."

Daß die Stunden ernst genommen wurden, bezeugt eine Stelle aus einem
Briefe Walter Goethes an Cecile Gersdorff vom 6. Dezember 1834, worin er
sagt: "Bei Jenny habe ich mit Anna, Erna und Wolf Stunde, was mir viel
Freude macht. Leider mußte ich meine ganze Rethorik kopieren, indem als
unsere Stunden begannen, meine Cahiers verschwunden waren." Noch im
Alter unterschrieb sich Walter in seinen Briefen an Jenny: "Dein
dankbarer Schüler." Persönlich näher als er stand ihr Wolf, dessen erste
Knabenliebe seiner liebreizenden Lehrerin gegolten hatte. Sie schrieb
von ihm:

"Mit sechs Jahren war er ein heiteres, sehr gesprächiges Kind mit den
wunderschönen Goetheschen Augen, voll Lust zu jedem Spiel, der Liebling
seines Großvaters. Er wurde ein denkender, lernender Knabe, der mit
Leidenschaft auf- und erfaßte. Noch ein halbes Kind, fühlte er die Liebe
eines Jünglings. So wie seine tiefen, dunkeln, glühenden Augen alle
Mängel in seinem Äußeren überstrahlten und ihn schön machten, so war es
eigentlich die Liebe, die sein ganzes geistiges Ich durchstrahlte und
ihn zum Dichter stempelte."

Bezeichnend nicht nur für ihr Verhältnis zueinander, sondern auch für
Wolfs Charakter sind die folgenden Abschnitte aus Jennys Briefen an ihn:


6./6. 35.

"Solltest du wirklich in deinem jungen Herzen das tiefe, heilige Gefühl
der Liebe zum höchsten Geiste vermissen, solltest du wirklich stürmen
wollen, wo sich dein Knie verehrend beugen müßte, nun so laß jeden
Gedanken an Gott, an Glauben, an Religion eine Zeit lang dahingestellt,
richte alle Kräfte deiner Seele auf den einen Mittelpunkt deines Wesens
und entwickele mit deinem ganzen Streben die Fähigkeit des Rechten in
deiner Brust, und alles Große muß sich stufenweise daran entwickeln. --
Ersticke jedes kleinliche Gefühl, streife alles ab von deiner Seele, was
nicht aus edler Quelle fließt und kein edles Gepräge trägt; es ist des
wahren Menschen unwürdig, und möchtest du wohl ein Scheinmensch sein,
der dem Feuerwerk gleicht, das eine Minute in dunkler Nacht ein
Flammenrad bildet, sich in unruhigen Funken zerstreut und dann zwecklos
verpufft? Sieh nicht verachtend auf eine ganze große, hohe Welt, laß
auch sie jetzt dahingestellt, richte deine Blicke nur auf dich selbst,
daß du dich dir selbst erhältst; nicht einen Gedanken von Egoismus, von
Eitelkeit, von Dünkel darfst du wuchern lassen, sie müssen alle fort; in
den Umriß, den du dir von deiner Seele zeichnest, wie sie werden kann
und muß, paßt solch elendes Gerümpel nicht. Wolf, ich beschwöre dich,
laß nicht so winzige Rücksichten dein Ohr vor meiner Stimme schließen,
daß du keinen fremden Einfluß oder gar einen weiblichen erdulden willst.
Ich fühle mich ganz frei von der Eitelkeit, als könnte ich etwas
vollbringen, als solltest du mir etwas zu Liebe thun, um irgend einer
Prätension zu schmeicheln -- kein Mensch bekehrt, aber eine Wahrheit
thut es, aus welchem Munde der Zufall sie auch fließen lasse, und nur
der Wahrheit spüre nach; ihre einzige Offenbarung und Besiegelung
findest du im Rechthandeln und -denken. Es giebt nichts auf der Welt
außer dem Rechtthun, was von Verwirrung, Unzufriedenheit, Kampf und
Irrthum frei wäre, es giebt nirgends Befriedigung als in der Tugend. Ich
sage dir nicht, sie ist leicht, aber es ehrt dich, wenn man dir, dem
Fünfzehnjährigen, das Schwere zumuthet. Du willst nicht, daß ich dir als
Beispiel deinen Großvater nenne. Ja, er war als Dichter ein Genie, aber
als Mensch war er das, was Jeder aus sich machen kann, der die Kraft,
den festen Willen, das heilige Pflichtbewußtsein in sich fühlt. Die
Bitterkeit in deiner Seele muß weg, sie ist ein Unkraut, eine Schwäche.
Die auf sich selbst gestützte Seele muß klar das Schlechte und
Erbärmliche in der Welt ins Auge fassen können, ohne daran irre zu
werden; es geht den Menschen nur insofern an, als er Krieg dagegen
führen muß, auf ihn selbst und seine Entwickelung aus dem Mittelpunkt
des tiefsten Inneren hat es gar keinen Bezug, es ist von anderem Schrot
und Korn als er.


2./4. 37.

"Du fragst mich, was ich von meinen Grundsätzen und den Bestrebungen,
ihnen zu folgen, habe? Alles, was mir lieb und werth ist, habe ich durch
sie; ich habe treue Freunde, auf die ich bauen kann, wie auf mich
selbst, solange ich das in mir erhalte, was mich ihnen achtungswerth
macht; ich habe Ruhe der inneren Gedanken, Trost für jeden Schmerz,
natürlich solange ich nicht durch physisches Kranksein unempfänglich und
also nicht zurechnungsfähig bin; ich habe den Genuß, in hohen Geistern
vertrauend, einstimmend schwelgen zu können, und so wenig ich noch das
Ideal meines Selbst erreicht habe, so weit ich auch hinter einem
Schleiermacher, hinter einer Rahel stehe, so bin ich doch schon hoch
genug geklommen, um sie zu erkennen; ich habe ein ausgefülltes Leben,
vollauf zu thun im kleinen Kreise der eigenen Ausbildung und der
Verkündigung des Wahren, Schönen und Guten, so weit meine Stimme reicht.
Es ist schon ein namenlos hohes Gefühl, sich als freiwilliger Soldat im
Heer zu fühlen, das gegen Lüge, Unrecht und Schwäche zu Felde zieht; da
ist von Dank oder Undank, Werth oder Unwerth in den Menschen gar nicht
mehr die Rede, man trägt die Fahne der Wahrheit und steckt sie freudig
auf, wo man ein Plätzchen erobern kann, und weil der Boden, auf dem die
Wahrheit lebt, der Menschen Seele ist, muß Seele zu Seele reden und sich
nicht darum kümmern, ob der Boden hart oder viel Unkraut darauf ist.

"Nun frage ich dich, was hast du wohl von deiner Denkungsweise?
Verachtung aller Dinge, selbst der höchsten, Mißtrauen in alle Menschen,
selbst in lang erprobte Freunde deiner Kindheit, ein mächtiges Streben
und kein festes Ziel, eine leidenschaftlich aufgeregte Kraft und
Langeweile, den Trieb zum Denken und keinen festen Mittelpunkt als
Stütze. Das Alles bist nicht du, das ist dein Irrthum, denn zu deiner
Kraft gehört ein edles Streben, zu deinem Streben gehört ein hohes Ziel,
zu deinem heißen Herzen gehört ein wahrer Freund und in dein Denken,
Wolf, gehört ein Gott!

"Ich könnte jedes Wort noch einzeln fassen und ein Capitel über jedes
schreiben, doch ich bin zaghaft, weil ich nicht weiß, ob dich der eine
Bogen nicht schon schreckt.

"Ich liebe nicht den Spott in deinem Munde und muß mich immer
überwinden, um meinen Glauben an dich diesem Spott auszusetzen; ich
liebe nicht deine Zweifel an jeder treuen, wahren Neigung und möchte dir
nie Gelegenheit geben, sie durch Mißverstehen zu nähren oder durch
Bitterkeit zu äußern.

"Ich wollte dir noch von deinen Kinderjahren reden und dir die erste
Wurzel zeigen, worauf der Baum treuer Freundschaft steht, den ich dir in
deinen Lebensgarten pflanzte, doch kannst du dies den zehn verflossenen
Jahren nicht glauben, so helfen auch die wärmsten Worte nicht."

Schon damals also, zwischen Wolfs 15. und 17. Jahre, zeigte sich bei ihm
jenes unheilvolle Gefühl, das sein Leben in steigendem Maße verbittern
sollte: das Mißtrauen. Mißtrauen gegen die Freunde, weil er glaubte,
ihre Freundschaft gehöre nicht ihm, sondern dem Enkel Goethes, Mißtrauen
gegen sich selbst, weil er an seine Leistungen den Maßstab der
Leistungen seines Großvaters anlegte. Ottiliens Erziehung wirkte dabei
nur nachteilig; sie verzärtelte ihre Söhne nie, aber sie erzog sie für
"einen anderen Stern". "Du weißt ja," sagte Wolf später einmal zu Jenny,
"wie wir durch unsere Mutter auf das Edle, auf große Gesinnung dressiert
worden sind mit Liebe und, wenn es sein mußte, auch mit Sporn und
Peitsche." Eingehüllt in diese um ihn geschaffene weltfremde Atmosphäre,
tat jede Berührung mit der Welt schon den Jünglingen weh. Sie gingen ihr
aus dem Wege und lebten nur in dem Kreise, den das Goethehaus um- und
abschloß. Zu denen, die ihnen von auswärtigen Freunden am nächsten
standen, gehörten zwei der beliebteren Gäste in Weimar, Felix
Mendelssohn, der Walters musikalische Begabung weckte, und Karl von
Holtei, der August Goethes Freund gewesen war. Beide traten auch zu
Jenny in nähere Beziehungen.

Felix Mendelssohns erster Besuch in Weimar wurde ihr brieflich
mitgeteilt, als sie noch in Straßburg in Pension war. "Bei meinen
Eltern," so erzählt sie, "war er auch einmal zu Tisch eingeladen, man
zeigte ihm ein Bild von mir, und er wünschte, mich nach seinen
'Ringelreihen' tanzen zu lassen. Die Abschrift einer kleinen Composition
von ihm --ich entsinne mich nicht mehr, welche es war -- versetzte mich
in helles Entzücken, und lange Zeit hindurch beschäftigte mich der
Gedanke an den 'wunderbaren Jüngling', an Goethes 'David'.

"Bald darauf kehrte ich nach Weimar zurück, wo Felix Mendelssohns Name
in Aller Mund war. Selbst August Goethe, der sehr selten ein liebevolles
Urtheil über fremde Menschen hatte, gab zu, daß er das Zeug dazu habe,
alle Welt, selbst ihn, mit sich fortzureißen. Es vergingen einige Jahre,
bis ich die persönliche Bekanntschaft des jungen Musikers machte;
vergessen jedoch konnte ich ihn nicht, da Goethe öfters Briefe von ihm
bekam, die Ottilie sofort mitgetheilt wurden und die ich dann vorlesen
hörte. Sie athmeten alle die unendliche Verehrung für seinen Gönner,
eine Verehrung, die nicht bei den Worten blieb, sondern sich durch
Thaten am schönsten äußerte. Das war es ja auch, was Goethe bezweckte,
was ich immer mehr an ihm bewunderte: der Einfluß, den er auf Alle, die
ihm nahe traten, ausübte, dem Keiner entging. Er weckte und förderte
jedes Talent, und wie Viele, die sonst im Dunkel verkommen wären, zog er
an das Licht seines herrlichen Geistes. Es ging eine Wirkung von ihm
aus, die mir, wenn sie auch heute noch nicht vergangen ist, doch damals
eine unbeschreibliche elektrische Kraft zu haben schien und die
Mendelssohn, der selbst ein genialer Mensch war, mit doppelter Gewalt
empfunden haben muß.

"Im Sommer 1830 war es, als Ottilie mir unter dem Siegel der
Verschwiegenheit mittheilte: Mendelssohn kommt. Daß ein musikalischer
Besuch erwartet wurde, ahnte ich schon, als ich die Treppe hinauf kam,
Goethes Thür offen fand und hinein sah: Riemer packte mit Friedrich,
Goethes Bedienten, Noten aus, die abgestäubt wurden, und der damals
einzige Mann, der kranke Flügelsaiten zu heilen verstand, entlockte dem
langen, braunen Kasten kläglich wimmernde Töne. Ich vermuthete Zelters
Besuch und freute mich darauf, denn der alte Herr mit seiner derben
Komik, seiner polternden Sprechweise und seinem liebewarmen Herzen war
mir sehr werth geworden. Statt seiner kam nun sein Schüler, das
Wunderkind, das Sonntagskind. Als ich ihm zuerst begegnete -- er ging zu
Goethe, ich kam von Ottilie --, beschlich mich ein leises Gefühl der
Enttäuschung, er sah zart aus, ging etwas gebückt, und sein Gesicht
machte mir keinen bedeutenden Eindruck. Denselben Nachmittag traf ich
ihn bei Gräfin Henckel und glaubte einen anderen Menschen zu sehen: die
Lebhaftigkeit seines Mienenspiels, seine Grazie, die doch durchaus
nichts Weibisches hatte, sein strahlendes Lächeln, als ob man einen
Vorhang vor einem Fenster wegzöge und nun in den schönsten Frühling sähe
-- das Alles machte seine Erscheinung zu einer sich der Erinnerung
dauernd einprägenden. Und nun sein Spiel, das so ganz er selber war:
kein Gefühl, das ins Bizarre ging, keine Disharmonie, die sich nicht
milde auflöste, keine Virtuosenkunststückchen, bei deren Anblick uns
schwindlig wird. Hummel schien mir mit mehr Feuer, mit mehr äußerer
Leidenschaft zu spielen, aber man empfand nicht, wie bei Mendelssohn,
daß so ganz das Herz im Spiele lag.

"Von Anfang an verbrachte er den größten Theil des Tages im Goetheschen
Hause. Er war wirklich Goethes David, denn er verscheuchte jede Wolke
von der Jupiterstirn unseres verehrten Dichters. Jedem, der damals
Mendelssohn kannte, wird es begreiflich sein, trat er doch mit dem
ganzen Zauber der Jugend, der Genialität, der glücklichen Zukunftsträume
in unseren Freundeskreis. Es fiel Niemandem ein, wie das heute in
anderen Städten der Fall sein würde, ihn seiner Abstammung wegen
mißtrauisch zu betrachten. Der Gedanke wäre im damaligen Weimar
unmöglich gewesen, und wird es sein, so lange die großen Traditionen
nicht zur Fabel geworden sind. Goethe schätzte die Menschen nach ihrem
Werth, Karl August hatte es stets gethan und war von seiner einmal
gewonnenen[TN2] Überzeugung selbst durch Gegenbeweise nicht abzubringen
gewesen. Am herrlichsten befolgte unsere geliebte Großfürstin diesen
Grundsatz, und wir Alle hätten uns geschämt, nicht diesen großen
Vorbildern nachzueifern. So gehörte Rahel, so gehörte Mendelssohn zu
unserer anerkannten Aristokratie.

"Vormittags war er meist allein mit seinem Gönner, der nie müde wurde,
ihm zuzuhören. Wie Goethe es bei allen Dingen liebte, nach einem
bestimmten System zu verfahren, so auch hier: er wünschte die Geschichte
der Musik in Tönen nach geordneter Zeitfolge zu hören. Irgendwo las ich
einmal, daß man daraus die Folgerung zöge, er habe von Musik nichts
verstanden und ihre äußerliche Kenntnis nur als für seine Bildung nöthig
erachtet. Das glaube ich nicht. Felix Mendelssohn war stets aufs Höchste
überrascht von Goethes tiefem Verständniß und sprach oft mit uns davon:
'Goethe erfaßt die Musik mit dem Herzen, und wer das nicht kann, bleibt
ihr sein Lebtag fremd.' In Ottiliens Zirkel, den gerade damals das
'Chaos' vereinigte, beschäftigte und belebte, trat er als neues,
willkommenes Element. Alles, was Kunst im weitesten Sinn berührte, faßte
er mit Begeisterung auf, während das wissenschaftliche Gebiet, besonders
das naturhistorische, nicht in seinen Interessenkreis zu ziehen war,
obwohl er es gut zu verbergen wußte. Goethe, dem, seiner eigenen
wunderbaren Natur nach, jede Einseitigkeit unverständlich blieb,
versuchte oft auf Felix einzuwirken. Es blieb vergebene Mühe; einmal
soll Goethe sogar -- ganz Saul! -- seinem Liebling zornig den Rücken
gekehrt haben, weil er ihn nicht verstand. Aufs Höchste erschrocken saß
Mendelssohn wie versteinert vor dem Flügel, bis er, fast unbewußt, mit
den Fingern die Tasten berührte und, wie zu eigenem Trost, zu spielen
begann. Plötzlich stand Goethe wieder neben ihm und sagte mit seiner
weichsten Stimme: 'Du hast genug, halt's fest!' So erzählte Felix, der
lange dem Sinn der Worte nachgrübelte. Ein andermal war er die indirekte
Ursache eines heftigen Auftritts, der freilich wortlos verlief. Er
spielte Nachmittags bei Ottilie; ein Freund nach dem andern kam herein,
das neueste 'Chaos' lag vor uns, wurde besprochen, belacht, sein Spiel
verhallte ziemlich ungehört. Da ging die Thür auf, Goethe erschien, warf
einen Blick so voll Zorn und Verachtung auf uns, daß unser Gewissen uns
sofort mindestens zu Räubern und Mördern stempelte, ging ohne Gruß an
uns vorüber, auf Mendelssohn zu, und ehe wir zur Besinnung gekommen
waren, hatte er mit ihm das Zimmer verlassen. Es war dies das einzige
Mal, daß ich Goethe oben sah. Später sagte mir Ottilie, der Vater habe
sie noch tüchtig ausgezankt und ihr befohlen, auch ihren Besuchern sein
Urtheil nicht vorzuenthalten.

"Felix Mendelssohn machte Verse, wie wir alle, aber er beanspruchte
nicht den Ruhm eines Dichters. Gesellschaftsspiele, wobei in möglichster
Geschwindigkeit hübsche Reime gemacht werden mußten, waren an der
Tagesordnung. Der Ungeschickte oder der, dessen Versfüße zu sehr
humpelten, war verpflichtet, ein Pfand zu zahlen, das meist wieder durch
ein Gedicht eingelöst wurde. In Tiefurt, wenn wir genug getanzt oder
gespielt hatten, ruhten wir uns dabei aus, und vor Kurzem fand ich noch
ein Päckchen vergilbter Blätter, mit allen möglichen und unmöglichen
Reimen bekritzelt, die mich lebhaft an jene Zeit erinnerten. Darunter
befanden sich auch Mendelssohns Verse, mit denen er einmal in Tiefurt
sein Pfand eingelöst hatte:

    Ihr wollt durchaus, ich soll ein Dichter werden,
    Weil ich mit Euch in Weimar bin;
    Ich aber kam als Musikant auf Erden,
    Und meine Reime haben keinen Sinn.

    Ich will in Tönen Eure Schönheit preisen,
    Und Eure Macht, die mich zum Dichten zwingt;
    Verfaßt die Lieder nur zu meinen Weisen,
    Und dann versprecht mir auch, daß Ihr sie singt.

    Vermessen scheint mir's, wollt ich weiter dichten,
    Denn ich verscherze damit Eure Gunst;
    Ihr Schönen seid zu streng im Strafen, Richten,
    Mir hilft's doch nichts, ich lebe meiner Kunst.

"Als unser verwöhnter Musikant, der doch im Grunde ein Dichter war, wie
jeder echte Künstler, uns seine schon einige Male hinausgeschobene
Abreise verkündete, war der Kummer groß. Er mußte versprechen,
wiederzukommen, zu schreiben, uns einige Lieder zu schicken, die uns
seine Gegenwart etwas ersetzen sollten. Ulrike von Pogwisch beschäftigte
sich einen ganzen Abend damit, seine Silhouette auszuschneiden, die sie
dann unter uns vertheilte. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr er fort,
sein Wagen war angefüllt mit Rosen, die wir ihm zugeworfen hatten;
Ottilie und Ulrike gaben ihm das Geleit, und so schied er von Weimar,
recht als ein Sonnenkind. Er hinterließ nur trauernde Freunde, nicht
einen Feind.

"Als ich ihn nach vielen Jahren in Berlin wiedersah, war zwar der
lachende Frühlingsglanz von seinen Zügen verschwunden, aber Herbst- und
Winterstürme hatten sie nicht umbraust und störten auch wohl nie sein
Sonnenschicksal. Sein Spiel war gehaltvoller, ruhiger geworden, die
stürmischen Phantasien seiner Weimarer Zeit wiederholten sich nicht
mehr. In der Erinnerung an die Vergangenheit leuchteten seine Augen auf,
und er sagte mit dem Tone tiefster Überzeugung: 'Wer weiß, was ohne
Weimar, ohne Goethe aus mir geworden wäre!'"

In persönlich nähere Beziehung als zu Mendelssohn trat Jenny zu Karl
von Holtei. "Er war einer der häufigsten Gäste unserer lieben
Musenstadt," schrieb sie. "Im Winter 1828 lernte ich ihn kennen, und
zwar nach einer seiner öffentlichen Vorlesungen, die wir eines Hoffestes
wegen nicht besuchen konnten. Bei Johanna Schopenhauer, wo er stets wie
ein Glied der Familie aufgenommen wurde, traf ich ihn zum erstenmal. Wir
erwarteten von ihm, dem Vielgereisten, viel Neues, Interessantes zu
hören. Welch eine Enttäuschung, als er eintrat.

"'Gott Lob, hier bin ich der Engländerpest entflohen,' sagte er. Das war
keine Empfehlung für ihn, da die Engländer eine große Rolle spielten.
Nach der allgemeinen Vorstellung begann er über die Interesselosigkeit
der Weimaraner in ziemlich derber Weise herzuziehen, weil seine
Vorlesung nicht besucht gewesen war. Wir bewiesen ihm, daß die
Carnevalszeit keine günstige für dergleichen sei, worauf er uns
vergnügungssüchtig schalt. Schnell legte unsere liebenswürdige Wirthin
sich ins Mittel, um einer allgemeinen Verstimmung vorzubeugen, und bat
ihn, uns durch einen Vortrag zu versöhnen, das würde uns zugleich
reizen, den Saal späterhin zu füllen. Er ließ sich nicht lange bitten,
las einzelne Gedichte und eine komische kleine Erzählung, improvisierte
sodann eine Art Entschuldigung in Versen wegen seines ersten Auftretens
im Kreise der Grazien und Musen, wobei er sich mit einem Satyr verglich,
der zwar einen Bocksfuß habe, aber trotzdem die Gutmüthigkeit selber
sei; damit war der unangenehme Eindruck verwischt, wir nahmen ihn von
nun an auf wie einen der Unseren. Bei Anderen, wo sein ungezwungenes
Wesen ebenso gegen das Hergebrachte verstieß, wurde es ihm oft sehr
schwer, ja manchmal unmöglich, sich so zu rehabilitieren wie bei uns. Um
ihn ganz zu würdigen, mußte man ihn näher kennen. Er gehörte zu den
Menschen, die, sei es aus falscher Bescheidenheit oder, was hier wohl
besser zutrifft, aus einer Art Hochmuth, ihre guten Seiten sorgfältig
verstecken. Sie bauen um ihr schönes Selbst eine Dornröschenburg und
wundern sich, wie selten ein Prinz die Dornhecke zu durchbrechen
versucht. Sehen wir uns Holteis Leben an, so wird es verständlicher, daß
er sein Bestes mißtrauisch verschloß. Er mußte mit viel Gemeinheit
umgehen, mit viel Gemeinheit rechnen; edler Umgang war ihm selten
geworden, und das, was den Menschen Zeit seines Lebens am meisten
verbittert, eine freudlose Kindheit in der Nähe unwürdiger Verwandter,
hatte er wie Wenige durchkosten müssen. Der Kampf mit dem Leben, der uns
so leicht zu uns selber sprechen läßt: 'Landgraf, werde hart,' hatte ihn
längst gestählt. Bisher war mir der Kampf zwischen Pflicht und Neigung,
zwischen Glauben und Zweifel allein schmerzlich bekannt geworden, in
Holtei trat mir zum ersten Mal jener andere harte Kampf gegen die
grauen Schwestern, Sorge und Not, entgegen.

"Als Holtei einen tieferen Blick in unsere Welt gethan hatte und sah,
daß man hier frei athmen könne, fiel die rauhe Schale von selbst von ihm
ab. Sein natürlicher Frohsinn, sein weiches Gemüt, sein Humor, der zwar
immer etwas derb blieb, gewannen die Oberhand, er fühlte sich bald
heimisch und war ein gern gesehener Gesellschafter. Die junge,
einheimische Herrenwelt Weimars liebte ihn, weil er ihre Abneigung gegen
die Engländer unterstützte, die Damen freuten sich, wenn er kam, weil er
stets ein paar galante Verse bei sich hatte; Goethe empfing ihn häufig,
weil er Neues und Interessantes hübsch vorzutragen wußte.

"Sehr innig gestaltete sich die Freundschaft zu August Goethe. Holtei
sah in ihm eine höhere, nur auf falsche Wege geleitete Natur und gewann
den segensreichsten Einfluß über ihn, der sich sogar im häuslichen Leben
angenehm bemerkbar machte. August liebte Holtei innig, betheiligte sich
ihm zu Liebe an unseren geselligen Freuden, so daß eine Zeit
vollständiger Harmonie angebrochen zu sein schien, die aber nur so lange
andauerte, als Holtei anwesend war.

"Unter all den kleinen und großen Festen, die uns vereinigten, waren bei
schönem Frühlingswetter die Picknicks die beliebtesten. Zu Fuß, zu
Wagen, zu Pferde ging's hinaus nach Tiefurt, Ettersburg, Belvedere.
Tiefurt besonders, unter dessen herrlichen alten Bäumen schon unsere
Eltern jung und froh gewesen waren, galt als angenehmer
Vereinigungsplatz, wo bei Spielen, Spaziergängen, dicker Milch, auch
wohl bei einem ländlichen Ball im Pavillon große Heiterkeit herrschte.
Dorthin kam jeden Nachmittag Lord Charles Wellesley, der Sohn des
Herzogs von Wellington, und brachte uns Kirschen oder Erdbeeren mit, die
er selbst bei der Hökerin eingekauft hatte. Er war äußerlich
unansehnlich, etwas taub, sehr einfach und sehr liebenswürdig im
Gegensatz zu seinem Bruder, Lord Donero, der stolz und zurückhaltend
war, seinem Vater sehr ähnlich sah und nur unter Umständen liebenswürdig
sein konnte. Mit Ottilie Goethe und Emma Froriep waren wir zur Zeit von
Holteis Anwesenheit auch einmal hinausgefahren, eine Anzahl junger Leute
fanden sich noch dazu, und wir saßen schon fröhlich um unseren frugalen
Vespertisch, als Holtei in gehobener Stimmung vom alten Goethe aus zu
uns kam. Er war wohl deshalb liebenswürdiger als sonst zu den Engländern
und versprach sogar den Vortrag eines ganz neuen Gedichtes, wenn er
dafür noch -- dicke Milch bekäme. Die Satte wurde feierlich vor ihn
hingesetzt, er sprang auf einen Stuhl und recitierte ein Gedicht, das er
auf Weimar verfaßt hatte.

"Jubelnder Beifall belohnte den Dichter, der sich ruhig dem Genuß der
dicken Milch überließ, während Ottilie einen Zettel aus der Tasche zog
und ebenfalls höchst witzige Verse auf Weimar vortrug, zu denen sie
allerhand aus dem Stegreif dazu improvisirte.

"Nachdem ein Jeder seinen Imbiß mit poetischer Begleitung zu sich
genommen hatte, zerstreuten wir uns im sonnendurchleuchteten,
frühlingsduftigen Park an den Ufern der Ilm, die rauschend und flüsternd
von vergangenem Leid, vergangener Freude erzählte und immer wieder
denselben Lebenszauber voll Liebeslust und Jugendglück in ihren Fluthen
wiederspiegelte.

"Selbst Holtei wurde nach und nach bei uns ein Naturschwärmer, was ihm
sonst fern lag. Er sprach es wohl aus, wie schnell der Herbst des
Jahres, wie der Herbst des Lebens all die Freuden vernichtet und ihn,
den Wandervogel, wieder in die Fremde treibt. In solchen Stunden habe
ich ihn kennen und schätzen gelernt, in solcher Stimmung war es, wo er
mir folgende Zeilen in das Album schrieb:

    'Ach' ist unser erstes Wort,
    Denn des Seufzers bittre Kunde
    Dringt in stillem Friedensort
    Aus des Kindes zartem Munde.

    Und des Frühlings Zauberhauch,
    Und der ersten Liebe Beben
    Will mit bangem 'Ach' sich auch
    Kund den bunten Blüthen geben.

    Und der Trennung ernster Schmerz
    Macht sich Luft mit diesem Worte
    Seinen Boten schickt das Herz
    Aus der Lippen heil'gen Pforte.

    Aber einmal noch umwehn
    Freudig uns des Wortes Schauer.
    Unerwartet Wiedersehn
    Staunet: Ach -- nach langer Trauer.

    Liebst du dieses Wortes Klang,
    So verschmäh nicht diese Zeilen.
    Jeder Vers wird zum Gesang,
    Wird dein Aug auf ihm verweilen.

Weimar, März 1828.

Karl von Holtei.


"Im Herbst 1829 kam Holtei wieder nach Weimar. Er traf mit dem
französischen Bildhauer David zusammen, der sehr gefeiert wurde und sich
trotz seiner Jugend schon einen Namen gemacht hatte, dessen guter Klang
durch die Büste Goethes ihm weit über die Grenzen Deutschlands und
Frankreichs einen bedeutenden Ruf verschaffte. In der Gesellschaft
machte sein Talent, aus Brot die Köpfe der Anwesenden abzuformen, ihn
schnell beliebt, so daß Holtei, der etwas mißtrauisch und empfindlich
war, sich zurückgesetzt fühlte. 'Wenn nur die guten Weimaraner mal einen
Mondbewohner herbekämen, sie würden sogar Schiller und Goethe darüber
vergessen,' brummte er, und erst, als David fortreiste, kam der alte
gute Freund wieder zum Vorschein.

Meine Korrespondenz mit Holtei begann durch das 'Chaos' und setzte sich
fort, nachdem es eingegangen war."

Einige Auszüge aus Briefen Jennys an ihn mögen hier folgen:


"14./5. 32.

"Meine Politik finde ich in der Geschichte und in der Philosophie, mein
Staatsminister ist Herders Nemesis, diese allein rechnet gut und
gerecht.


14./8. 32. Berka.

"Sie sehen am Datum meines Briefes, daß ich noch in meiner lieben
Einsamkeit bin; die Natur ist so schön, die physische und moralische
Luft so rein, daß die Brust freier athmet und alles Treiben und Drehen
und Quälen der politischen Welt in dem unreinen Nebel versinkt, welcher
unter den Bergen zu meinen Füßen liegt. Nicht Fröhlichkeit, aber Ruhe
und Frieden bedarf das Herz, und dieses findet es in den majestätischen
Wäldern, in der hehren Natur, welche, den Menschen zum Spott, in Frieden
und Krieg, in Sturm und Ruhe, im Ungewitter und Sonnenschein immer groß
bleibt. Möchten die Menschen, die Nationen, die Könige und Diplomaten
sich ein Beispiel daran nehmen!


22./9. 33.

"Sollte die biblische Sage vom Baume der Erkenntniß nicht dieselbe
Grundidee ausdrücken als die Fabel des Prometheus? Das Licht des
Himmels, die Erkenntniß, raubte er, die Frucht des Paradieses, die
Erkenntniß, raubte Eva. Ihre Schuld war die Begierde des Wissens, ihre
Unschuld ein unbewußtes Rechthandeln. Sie wollten wissen, so mußten sie
die Unschuld verlieren, denn nun begann das Forschen, das Streben, das
Ergründen, das Zweifeln. Auch die Strafen des Prometheus und der ersten
Menschen enthalten den tiefen Sinn der unbefriedigten Erkenntnißbegierde.
Das Paradies, nämlich das Glück, liegt so nah und ist so unerreichbar,
der Engel mit dem Flammenschwert: die Leidenschaften der Menschen, stehen
drohend vor der Pforte. Der grausame Adler und das zurückweichende Wasser
in den Strafen des Prometheus -- wäre es nicht die Darlegung des
Goetheschen Ausspruchs: daß nicht nur das Unmögliche, sondern so vieles
Mögliche dem Menschen versagt ist?


25./6. 36. Kochberg.

"Mit der Veredelung der Seele muß der Mensch denselben Proceß vornehmen,
dem der Maler bei den Mosaikgemälden folgt, der Geist muß erst in
schönem Umriß das Ganze vor sich haben, was er darstellen will: sein
eigenes Ich in höchster Vollkommenheit. Dann müssen alle Fähigkeiten,
alle Kräfte, alle Talente die bunten Steinchen zutragen, die das Gemälde
bilden sollen. Es gehört die Geduld eines ganzen Lebens, die redliche
Arbeit jeden Tages dazu, um das Werk zu fördern; jeder Gedanke, jede
Kenntniß, jede Handlung mag ein Steinchen sein -- glücklich, wer sich am
Ende seiner Tage vor das vollendete Bild stellen und in Wahrheit sagen
darf: es ist vollbracht.


4./7. 36.

"Ich halte es immer für einen Mangel an Menschenkenntniß, wenn man sich
über schnelle Untreuen wundert. Gerade in der Aufregung der Gefühle, in
der krankhaften geistigen An- und Abspannung, welche ein großer Schlag
hervorbringt, der zerstörend in unser gewohntes Geistes- und
Gefühlsleben eindringt, gerade in solchem Zustande ist das Herz eines
neuen Gefühls, eines neuen Anschmiegens am fähigsten, es steht gleichsam
offen. Später schließt es sich, andere Gewohnheiten wurzeln fest, und
unter ihnen hat eine liebe Erinnerung wieder einen festen, bestimmten
Platz; dann wird ihr Wegrücken schon bedeutend schwerer, und ich wundere
mich viel mehr über zweijährige als über zehnjährige Treue.

"Darum ist mir die Bemerkung Larochefoucaults immer so wahr erschienen:
'_On n'est jamais plus près d'une nouvelle passion qu'en sortir d'une
ancienne._' Das ist schon ein sehr tiefes Gefühl, welches dem Reiz der
Leidenschaftlichkeit widersteht, den die Seele eben gekostet hat, das
ist schon die Kraft einer seltenen Liebe, welche mit Abscheu den Becher
des Genusses von sich stößt, den es nur einem Herzen verdanken will;
daher finden wir so sehr viel mehr Frauen, die nur eine Liebe empfunden
haben, als solche, die bei einem zweiten oder dritten Verhältniß dieser
Art stehen geblieben sind. Bildet nicht das tiefste, reinste Gefühl die
Grenze, so kettet sich Leidenschaft an Leidenschaft zu endloser Kette."

Von Holteis Briefen an Jenny sind nur die wenigen Zeilen vorhanden, von
denen sie selbst erzählt: "Holtei schrieb mir nach Goethes Tod, und
seine Worte bezeichnen am besten sein tiefes Empfinden: 'Es geht ein Riß
durch die Welt und durch die Herzen, nun Er geschieden ist. Wer weiß, ob
es uns, die wir ihn kannten, nicht besser wäre, wir sprängen hinein in
diese Kluft und gingen so dort hinüber, wo Er herkam und nicht zum
zweiten Mal kommen wird!'[TN3]"

Der intime Kreis um Ottilie und ihre Kinder schloß sich nach Goethes Tod
besonders eng zusammen. Es war, als ahnten alle, daß diese vier Menschen
es mehr als andere bedurften, von einer doppelten und dreifachen Mauer
der Freundschaft vor dem Leben, das wie ein barbarischer Eroberer
draußen stand, geschützt zu werden. Und doch war es schließlich stärker
als ihrer aller Liebe!

Neben Adele Schopenhauer und Alwine Frommann, gehörte Emma Froriep zu
den Intimen, die Tochter des Medizinalrats und späteren Leiters des
Landesindustriekontors Ludwig Froriep, dessen Haus auch eines der
Mittelpunkte des damaligen geistigen Lebens war. Jenny Pappenheim
befreundete sich innig mit Emma Froriep, in deren elterlichem Haus sie
viel verkehrte.

Wichtiger als die geistige Anregung, die sie im Froriepschen Hause fand,
war für Jenny der Einfluß der ruhigen, charaktervollen Freundin. Sie
verkehrte täglich mit ihr, und die beiden jungen Mädchen sahen es als
eine besondere Weihe ihrer Freundschaft an, daß sie im Frühling und
Sommer zuweilen in dem lieblichen, nahegelegenen Berka wochenlang
allein zusammen hausen durften. Damals war es, nach den Zeichnungen in
Jennys Album, noch ein einfaches Dörfchen und das Landleben kein
Badeleben. Aber gerade das entsprach dem Geschmack der Freundinnen. Die
Liebe Jennys zur Natur beherrschte schon das junge Mädchen. In Wald und
Heide suchte sie den Frieden wieder, den sie im unruhigen geselligen
Leben der Stadt verloren hatte. Emma Frorieps Gestalt war wie ein
Stück dieser Natur. Jenny hat sie auf den folgenden Seiten gezeichnet:

"Inmitten der Mißlaute des Irrthums, der Leidenschaft, der Schmerzen,
inmitten der Verwirrungen des Schicksals und der Seele, inmitten der
Kämpfe zwischen Kopf und Herz, zwischen der Pflicht und dem Vergnügen
gab mir Gott eine reine Harmonie. Wenn sich über meinem Haupt das
Gewitter zusammenzog, der Donner über mir rollte und die Blitze hie und
da die Nacht in mir erhellten, dann kreuzte ich die Arme, hielt mich
gewaltsam aufrecht und wartete, denn bald sprach meine Harmonie in
sanften Tönen zu mir; wenn tausend verschiedene Stimmen mir tausend
verschiedene Worte zuschrien, wenn die Welt und das Leben mir ihre
gefälschten Werthscheine zuwarfen, wenn jedermann um mich nach eigenem
Tact sein eigenes Instrument spielte, wartete ich wieder, denn bald
übertönte der reine Gesang meiner Harmonie alles. Wenn das Schicksal mit
seiner Riesenstimme mir seine Befehle zurief, so flüchtete ich zitternd
zu meiner Harmonie, die jene schrecklichen Laute sanft und zärtlich
wiederholte, so daß ich ihnen ohne Angst zu folgen vermochte.

"Emma heißt meine Harmonie, mein Gewissen, meine Vernunft, Emma ist der
Name meines einzigen Ideals, das sich zur Wirklichkeit verkörpert hat.
Eins hier unten ist für mich vollkommen gewesen: die Freundschaft mit
ihr. Ich liebe meine anderen Freunde, ich spreche und lache mit ihnen,
ich theile ihre Freude wie ihren Schmerz, doch nur vor Emma enthülle
ich ganz mein Inneres, nur zu ihr sage ich: 'Ich leide,' -- und ich
habe viel gelitten!

"Lange schon bewohnten wir dieselbe Stadt, besuchten dieselbe
Gesellschaft und kannten uns nicht. Ich war eben aus der Pension
gekommen, war ein lebhaftes, leidenschaftliches Kind, dessen Herz und
Geist für nichts Anderes als für den Namen Goethe Platz hatte. Ich
stürzte mich in den geselligen Strudel, das Amusement war mein einziges
Ziel; Emma, obwohl viele Jahre älter als ich, stand betrachtend, wo ich
handelnd war, sie folgte instinctmäßig den Gewohnheiten der Übrigen, sie
erlaubte sich nichts, das nicht mit der Sitte übereinstimmte, ihr galten
die Männer als eine andere Art Geschöpfe, die sie sich immer fern hielt,
jeder freiere Blick empörte ihren Stolz, Liebe erschien ihr
erniedrigend, auch hatte sie keine Verehrer; ich war überzeugt, daß sie
sich entsetzlich langweilen müsse. Trotzdem fühlte sie sich glücklich.
Um fünf Uhr frühstückte sie schon mit ihrem Vater, der ihre einzige
Leidenschaft war, dann verbrachte sie den Tag in weißem Kleid mit
frischem, ruhigem Gesicht und noch ruhigerer Seele; sie nähte viel, buk
vorzüglichen Kuchen, sang harmlose Lieder, dachte wenig und schlief gut
und fest. Mir erschien sie als ein steifes, kühles Mädchen, das mir
imponirte, mich aber nicht anzog.

"Wie viel Thränen mußten auf die Flammen meines Inneren fallen, wie viel
Schicksalsstürme mußten das Feuer ihrer Seele anfachen, ehe unsere
Herzen sich fanden!

"Jetzt gehört das Amusement nicht mehr unter die Ziele meiner Tage und
die ihren haben die Farbe gewechselt. Zwar ist ihr Gang noch ruhig, zwar
beherrscht Gesetz und Sitte sie noch, doch sie erblaßt, wenn sie die
Herzenskämpfe ihrer Freunde sieht; oft steht sie nach einer
schlummerlosen Nacht erst um acht Uhr auf und sitzt stundenlang stumm
ihrem Vater gegenüber. Sie singt nicht mehr, sie näht wenig, liest viel
und denkt immer. Die Männer sind für sie keine fremden Wesen mehr, doch
ihre Kühle ihnen gegenüber ist noch nicht gewichen und ihre Natur wird
niemals die zarte Schmeichelei lernen, welche die Frau dem, den sie
liebt, entgegenbringt, diesen Instinct, der uns treibt, ohne Berechnung
das zu thun, was dem König unserer Seele gefällt, kurz, jenes Etwas,
fälschlich Coquetterie genannt. Und doch, als neulich vom weiblichen
Stolz gesprochen wurde, der die Liebe besiegen müsse, unterbrach Emma
ihre Freundin und sagte: 'Was hat der Stolz mit der Liebe zu thun?!'

"Ich weiß nicht, ob mein Herz oder meine glühende Phantasie Emma ihrer
glücklichen Gleichgültigkeit entriß; ich glaube, daß ich im Augenblick
des Erwachens zu ihr kam, als plötzlich der Vorhang der Vorurtheile und
Gewohnheiten zerriß und ihr die wirkliche Welt erschien. Ich sprach ihr
ohne Zweifel von lauter neuen Dingen, Alles, was ich vom menschlichen
Geist und Herzen wußte, kam ihr zunächst wie eine Fabel vor. Doch ich
vermochte sie zu überzeugen, und später frug ich sie, wenn ich ihr
meinen Gedankengang enthüllt hatte: 'Verstehst du ihn?' und fast immer
antwortete sie: 'Ja, ich verstehe ihn!'

"'Wir haben in unserem Leben keine andere Aufgabe, als in jedem
Augenblick so zu handeln, wie unser Gewissen es uns vorschreibt; die
Folgen gehören der Gewalt des Schicksals an, das ihrer doch immer Herr
bleiben wird, welches auch unsere thörichten Pläne sein mögen,' sagte
ich einst.

"'Schon längst ist dies auch meine Überzeugung. Manchmal erschwert sie
das Leben, doch als allgemeine Regel giebt sie uns Gesetze, Sicherheit,
Ruhe und verscheucht auf immer Selbstvorwürfe und Reue. Nur nenne ich
das, was du Schicksal nennst, Gott!' erwiderte Emma.

"'Du weißt,' unterbrach ich sie, 'daß ich Gott im Goetheschen Sinn
verstehe.'

"'Verstehst du ihn? Ich nicht!'

"'Auch weiß ich, daß Goethe einst sagte: Es ist ganz einerlei, was für
einen Begriff man mit dem Namen Gott verbindet, wenn man nur göttlich,
das heißt gut handelt!'

"'Mir,' lächelte Emma, 'ist Gott der Gott der Liebe, der liebe Gott der
Christen.'

"Doch genug davon -- verwelkte Blumen sind die Worte, denen Blick und
Händedruck fehlt; ich kenne keine Sprache, die das lebendige Gespräch
ebenso lebendig wiederzugeben vermag; Herz, Gefühl und Geist haben ihre
eigene Sprache. -- Eine Erinnerung wird dauernd frisch in meinem Herzen
bleiben, es ist die an unsere in Berka gemeinsam verlebte Frühlingszeit.
Ein Tag daraus mag für das Bild unserer unschuldigen Freuden der Rahmen
sein.

"Auf einer kleinen Erhöhung in jenem Theil von Berka, der Dorf Berka
genannt wird, erhob sich inmitten eines Gartens ein kleines Haus. Wie
oft, sobald es am Horizont aufstieg, beschleunigte sich mein Schritt,
und mein Herz, alle Sorgen von sich werfend, klopfte vor Freude und
Hoffnung; es war keine andere Hoffnung als die auf Frieden und Ruhe, und
doch war ich noch nicht zwanzig Jahre alt! In den oberen Räumen
richteten Emma und ich unseren Haushalt ein. Wir hatten eine kleine
Küche, einen großen Flur, ein Zimmerchen für unsere Jungfer und konnten
im Nothfall sogar einen Gast beherbergen. Unser Schlafraum war einfach,
aber bequem, unser kleines Wohnzimmer war reizend: ein Schrank, zwei
Bücheretageren, ein rosa und weiß drapirter Toilettentisch, darauf ein
Spiegel mit goldenem Rahmen, zu jeder Seite eine Vase, mit jenen
palmenartigen Farren gefüllt, die im Tannenwald an den verstecktesten
Plätzen wachsen; dann unsere Schreibtische, nur durch die Fensterwand
getrennt, an der auf weichem Teppich zwei Lehnstühle standen. Neben den
tausend Dingen, die auf keinem Schreibtisch vermißt werden, standen drei
blumengefüllte Gläser auf einem jeden; wir liebten vor allem die wilden
Rosen, von denen ein einziger Zweig schöner ist als alle Centifolien.
Auch ein Sopha, ein runder Tisch, verschiedene Bilder fehlten nicht; auf
allem lachte die Frühlingssonne, die bis zum Abend auf unserer Diele
ihre Strahlen tanzen ließ, und aus jedem Winkel des Zimmers fiel der
Blick auf das helle Grün der Hügel, auf die dunklen Tannen, auf drei
breite, sich durch das Thal schlängelnde Wege, in nächster Nähe auf die
Häuser der Bauern und jene regelmäßige Thätigkeit, um die man sie
beneidet, sobald ein böser Gedanke drückend auf der Seele liegt. Aus dem
anderen Fenster sah man den kleinen Fluß, die Kirche, die Brücke und den
Markt, von dessen Häusern man nur die Dächer bemerkte, in der Ferne ein
weites Thal, durch ein Dorf und einen alten Thurm geschlossen, dann
Hügel auf Hügel und jedes Jahr ein neues rothes Dach, das sich darauf
erhob; schließlich ein spitzer, kahler Berg, auf dem der Fluch der alten
Frau zu ruhen schien, die im Anfang des vorigen Jahrhunderts dort
verbrannt worden ist. Dieser freundlichen Landschaft gebührt der
dankbare Blick, mit dem wir jede Gegend betrachten, die das Glück mit
uns bewohnt hat, der freundliche Gedanke für die Zukunft, eine Handlung
der Barmherzigkeit für die Gegenwart, die Hand eines mitfühlenden
Freundes in der unseren.

"Bei meinem Erwachen stand Emma neben mir, zum Ausgehen bereit; sie
ging, der Natur ihren Morgengruß zu bringen. Als sie zurückkam, war ich
angezogen, die Stube aufgeräumt, frische Rosen, die ich im Garten
gepflückt hatte, auf dem Tisch und das Frühstück daneben. Nachher mußten
die Wirtschaftssorgen erledigt werden, bis daß Jede sich an ihre
Vormittagsbeschäftigung begab, die wir bis drei Uhr ausdehnten, nur hier
und da durch gegenseitiges Vorlesen aus Büchern und Briefen
unterbrochen. Der ruhige Schritt unserer blonden, freundlichen Jungfer
mahnte uns an die Essenszeit; ihr strahlender Blick galt heute ihren
Küchenerfolgen, die unsere vollste Anerkennung fanden. Hastiges Klopfen
störte unsere sehr materiellen Freuden, und auf unser 'Herein' flogen
zwei Knaben lachend auf uns zu. 'Wolf -- Walter' riefen wir wie aus
einem Munde, und nun überstürzten beide sich im Erzählen, wie es
gekommen war, daß der Großvater sie im eigenen Wagen hierhergeschickt
habe.

"'Ich habe ihm gestern vorgespielt.'

"'Ich habe einen guten Aufsatz geschrieben.'

"Es gab viel zu fragen und zu erzählen, dazwischen wurde unserer
Erdbeerspeise tapfer zugesprochen. Wolf berichtete von den
Stadtneuigkeiten, von dem Großvater, der sich wieder einmal mit Tante
Ulrike gezankt habe. Er ging, nach Art desselben, langsam, die Hände auf
dem Rücken, den Oberkörper etwas geneigt, den Kopf gehoben, die weit
offenen Augen auf uns gerichtet, im Zimmer auf und nieder, dabei sagte
er mit grollender Stimme: 'Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ihr
treibt's mir bald zu arg.' Ich mußte lachen, ermahnte aber doch meinen
jungen Freund, des Großvaters nicht etwa zu spotten. 'Zu spotten?!' rief
er, 'Du glaubst, ich könnte das? Ist er nicht unser liebster, bester,
einzigster Großvater?' Dann erzählten sie von den Eltern; dem Vater, der
viel Kopfweh habe und selten zu Hause sei, der Mutter, die sich eifrig
mit dem Plan zu einem Sommerfest beschäftigte, und schließlich sprangen
sie hinaus und fuhren davon, uns in einer Art Betäubung zurücklassend.
In unseren Frieden war die Welt mit ihrem Zwiespalt gedrungen.

"Bald darauf rüsteten wir uns zum Spaziergang: weiße Kleider, runde
Hüte, das schottische Tuch über dem Arm, ein Buch in der Hand, das
freilich nur selten geöffnet wurde. Wir gingen stumm Arm in Arm neben
einander, meine Gedanken waren in jenem klassischen Hause, in dem ein
über alles Erdenleid erhabener Jupiter zu thronen schien und dessen
Mauern doch so viel Kummer verbargen; ist es nicht auch immer die mühsam
zu ersteigende Jakobsleiter, an deren Sprossen nicht Engel, sondern
Dämonen stehen, gegen die der Kletternde kämpfen muß, damit sie ihn
nicht hinunterwerfen; wie wenige sind stark genug, um den strahlenden
Tempel menschlicher Größe zu erreichen, wie wenige sind so stark, um die
schwächeren Genossen nach sich zu ziehen. Ich wäre längst am Boden
zerschellt ohne den vorschreitenden erhabenen Führer!

"Wir hatten den Wald erreicht, sein Duft ließ uns freudiger athmen, und
ein weicher Moossitz entschädigte uns, wenn wir zu hastig gegangen
waren. Manchmal tönten aus der Ferne Axtschläge gegen einen zum Tode
verurtheilten Baum; ein Krach, ein Fall, der wie schluchzend verklang,
entlockte uns einen Seufzer -- der Tag war schön, wer wünschte sich, zu
sterben? Nach und nach verlängerten sich die Schatten, unsere
Unterhaltung hatte zwischen Gefühl und Erzählung, zwischen Philosophiren
und Schweigen, zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen Ernstem
und Heiterem gewechselt. Wir hatten neue Pfade entdeckt, neue
hochgelegene Matten, auf denen sich schöne Luftschlösser bauen ließen,
und traten aus dem Wald, als der Mond schon hoch am Himmel stand. Sobald
wir die ersten Häuser erreichten, begrüßten wir die freundlichen
Bewohner, deren rosige Kinder schon schlafen gegangen waren, um den
nächsten Morgen noch rosiger zu erwachen; die Eltern saßen vor der
Hausthür, der Vater rauchte seine Pfeife, die Mutter legte die Hände in
den Schoß. Kennt ihr solch ein beseligendes Ausruhen, ihr Unthätigen,
die ihr euch mit euren leeren Gedanken gelangweilt in den Lehnstuhl
werft?! -- Zwei Schritte weiter sahen wir ein neues Häuschen entstehen;
es hatte, wie die anderen, nur eine Stube, eine Kammer, Küche und
Ziegenstall. Wir hatten oft in bewohnte Räume gesehen, überall fanden
wir die peinlichste Sauberkeit; vor der Thür neben der Steinbank einen
blühenden Rosenstock, ein kleines Gärtchen hinter dem Hause mit gut
gepflegten Gemüse- und Blumenbeeten, ein Höfchen daneben mit ordentlich
aufgeschichtetem Holzvorrath, einige unglückliche Vögel in Käfigen, die
sangen und die weißen Wände garnirten, und dazu zufriedene Gesichter,
einen freundlichen Gruß für Jedermann.

"Unsere Jungfer erwartete uns: 'Der Pächter hat schon wiederholt nach
Ihnen gefragt, und das Abendbrot wartet. Auch hat der Bote Briefe in
Menge gebracht.'

"Der Mond leuchtete uns zu unserem einfachen Imbiß, den wir in
Gesellschaft unseres guten alten Pächters, der zugleich unser Hauswirth
war, einnahmen. Er erzählte uns von einem armen Tagelöhner, der sich
beim Holzfällen verwundet habe und nun für sich und seine Familie nichts
verdienen könne; dabei sah er uns erwartungsvoll an. Ich wollte sofort
hinstürzen, Emma hielt mich zurück.

"'Morgen in aller Frühe packen wir unseren Korb mit Fleisch und Brot,
vergessen auch unser Verbandzeug nicht, und freuen uns, daß es Menschen
giebt, denen mit so wenig Mühe geholfen werden kann.'

"'Und denken an all das namenlose Elend, dem wir nicht steuern können!'

"Der Abend war herrlich, wir saßen noch lange vor der Thür und sahen,
wie nach und nach ein Licht nach dem anderen hinter den Fenstern
erlosch. Die Stille herrschte und schien durch die Majestät des Mondes
zu regieren; die Ilm flüsterte kaum, sie fürchtete durch ihr Gemurmel
das silberne Licht zu stören, das friedlich auf ihrem Wasser flimmerte.

    Füllest wieder Busch und Thal
    Still mit Nebelglanz --
    Lösest endlich auch einmal
    Meine Seele ganz,
    Breitest über mein Gefild
    Ruhig deinen Blick,
    Wie des Freundes Auge mild
    Über mein Geschick.

Zukunftsbilder stiegen vor mir auf, Träume von Glück wurden lebendig;
weit in der Ferne verschwand die Vergangenheit.

"Die Lampe im Zimmer machte uns wieder gesprächig, während eine Schleife
nach der anderen sich langsam löste. Wir dachten mit Schrecken an die
Stadt, an den Winter, den Schnee, den Kerzenglanz, an die falschen
Blumen und an das falsche Lächeln, an Toiletten und Gesellschaftsklatsch,
und freuten uns der Gegenwart, in die nichts von alledem gehörte. Noch
eine zärtliche 'Gute Nacht' und es wurde still in Haus und Herzen.

"In den Rahmen dieses Tages gehört das Bild meiner Freundin; dann ist
alles Harmonie, Friede, Klarheit. Ihre schöne Gestalt, ihr ruhiger Gang,
ihre glatten, über der sanften Stirn gescheitelten Haare, dieser ganze
Typus einer deutschen Schloßfrau, paßten so gut zu den schlanken,
ernsten Tannen, zu dem majestätischen Wandel des silbernen Mondes auf
dem klaren Firmament; ihr verschleiertes weibliches Herz, ihre
angeborene Reinheit des Charakters paßten so gut in diese ruhig
träumende Landschaft ohne zerrissene Felsen, ohne feuerspeiende Berge.
Und in mein Leben gehörte dieser Engel des Friedens."

In einem direkten Gegensatz zu diesem Engel des Friedens stand eine
andere Freundin Jennys, Gräfin Louise Vaudreuil. Aber auch bei ihr,
der Weltdame großen Stils, bewährte sich das Talent, das Jenny in ihren
späteren Jahren zur höchsten Kunst entwickelte: das Beste aus den
Menschen herauszuholen. Etwas von dem allumfassenden Goethegeist, dem
"nichts Menschliches fremd war", lebte in ihr und machte es ihr möglich,
schon mit einundzwanzig Jahren -- zu dieser Zeit sind die Charakterbilder
Ottiliens, Emmas, Louisens und das des Professors Scheidler entstanden --
in den Seelen ihrer Freunde, wie in einem offenen Buche zu lesen. Louise
Vaudreuil schilderte sie folgendermaßen:

"Es war zwei Uhr Nachmittags, als ich in ein elegantes Boudoir trat, das
nur durch auf allen Stühlen und Tischen umherliegende Toilettengegenstände
verunziert wurde. Eine junge Frau saß vor dem Spiegel, sie war blaß, ihre
Augen schwarz umrändert, doch jeder ihrer edlen Züge von rührender
Schönheit; sie hielt einen ihrer glänzenden schwarzen Zöpfe in der Hand
und legte ihn mit größter Vorsicht um ihre Schläfen; Alles verrieth, daß
sie eben erst das Bett verlassen hatte.

"'Guten Tag, mein Kind,' sagte sie; 'ich freue mich sehr, dich zu sehen.
Denke dir, ich habe heute keinen Brief von Alfred und bin so besorgt.'

"'Doch warum dich ängstigen, liebe Louise, erst vorgestern hattest du
Nachrichten aus Paris.'

"'Doch du weißt, ich bin unter einem Unglücksstern geboren, auch nehme
ich immer Alles von der trüben Seite. Und gerade heute bin ich
schlechter Laune; Margarethe ist wieder unartig gewesen; meine Tochter
hat kein Herz, keine einzige Neigung wurzelt darin, sie ist so
selbstsüchtig und so kalt!'

"'Aber liebe Freundin, sie ist drei Jahre alt!'

"'Der Hut und das Kleid, das ich für dich bestellte, sind auch noch
nicht angekommen.'

"'Gnädige Frau haben es vor acht Tagen bestellt,' sagte die alte
Kammerfrau, 'man kann die Postpferde von Paris hierher nicht beflügeln!'

"'Schweigen Sie, man hat Sie nicht gefragt.'

"Dann eine Pause. Die junge Frau hatte ihre Frisur beendet, doch sie war
noch immer damit beschäftigt, eine widerspenstige Locke zu bändigen; es
schlug dreiviertel auf drei Uhr, ehe diese große Arbeit gethan war.

"'Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen, das sind sicher die Vorboten
einer neuen Krankheit.'

"'Das kommt von dem scharfen Duft, den du an dir trägst und in allen
Räumen verbreitest.'

"'Ach nein, Kind; das Ausbleiben des Briefes regt mich zu sehr auf, auch
ist der Klatsch, mit dem diese Stadt mich verfolgt, zum Verrücktwerden!
Ich schrieb meinem Mann davon, der mich beruhigte und sagte, er würde
zurückkehren, um wie früher in seinem Lehnstuhl hinter der großen
Zeitung zu sitzen, während ich mich mit Prinz Friedrich Schwarzenberg
unterhalte. Man ist zu schlecht in diesem kleinen Weimar; denke nur, daß
Graf K. vorige Nacht vor meinem Hause wartete, bis der Prinz fortging,
um dies Ereigniß mit seinem Commentar jedem Menschen zu erzählen.'

"Louise weinte und ihre Stimme zitterte.

"'Ich versichere dir, liebe Freundin, daß ich glaubte, du habest dich
längst über den Stadtklatsch erhaben gefühlt. Außerdem kannst du nicht
annehmen, daß deine langen Unterhaltungen mit dem Prinzen unbemerkt
bleiben würden; wir sind hier nicht in Paris. In Weimar geht man um zehn
Uhr schlafen, wenn bei euch die Feste anfangen, und steht auf, wenn sie
enden; es ist ganz natürlich, daß gewöhnliche Leute den Maßstab ihrer
Gewohnheiten auch an Andere legen; doch da dein Mann davon weiß, hat es
nichts auf sich, und dein Kummer verfliegt, sobald er zurück ist. Gehst
du an den Hof heut Abend?'

"'Ja, man sagt, er wäre voll von kleinen deutschen Prinzchen, und diese
Stückchen Souveränität amüsiren mich. Am liebsten freilich bliebe ich zu
Haus, ich finde keinen Geschmack an der großen Welt; mein Buch, meine
Malerei, meine Kaminecke, das ist es, was meiner Natur entspricht, die
faul und indolent ist; auch schwöre ich dir, daß ich, wenn es nicht um
die kleinen Triumphe der Eitelkeit wäre, die mir Spaß machen, gar nicht
ausgehen würde; ich begreife deshalb nicht, wie eine häßliche Frau daran
Freude haben kann! Hast du heute den Alten schon gesehen?'

"'Louise!' rief ich vorwurfsvoll.

"'Soll ich sagen den Meister?! Ich theile eure kniefällige Bewunderung
nicht, dafür ist er mir zu menschlich, hat zu sehr, wie wir gewöhnliche
Sterbliche, seine kleinen und großen Aventüren gehabt.'

"'Trotz eurer kleinen und großen Aventüren seid ihr aber Alle kein
Goethe geworden!'

"Louise lachte, jede Spur von Thränen und Ärger war verwischt.

"Man meldete den Schneider, er kam von der Leipziger Messe.

"'Frau Gräfin haben noch zweiundzwanzig Kleider im Stück liegen,' meinte
die Jungfer kopfschüttelnd; doch der Schneider wurde empfangen, mußte
alle seine Waren ausbreiten, die aufs Gründlichste examinirt wurden;
Louise suchte drei der schönsten Stoffe aus, schenkte mir einen davon,
ließ die zwei anderen in den Schrank legen und den Preis dafür auf die
Rechnung setzen. Der Schneider wurde von dem Antiquar abgelöst, dem sie
ein Rokoko-Armband für vier Louisd'or abkaufte.

"'Der Kammerdiener des Prinzen fragt, ob Antwort nötig wäre,' sagte der
eintretende Bediente, indem er Louise ein Billet übergab.

"'Ich werde sehen.' Sie las, während ich in einem Pariser Modejournal
blätterte. 'Höre nur, Jenny, wie prachtvoll er schreibt' -- auf ihrem
Gesicht malte sich staunende Bewunderung, doch sie galt nur der
Schönheit des Stils; ihre Stimme klang erregt, doch nur aus
geschmeichelter Eitelkeit: 'Wenn der Verdammte, an der Himmelsthür sich
anklammernd, nach einem einzigen Ton des Gesanges der Engel verdurstet,
wenn das Kind des Verderbens, in dessen Ohr das furchtbare Wort Ewig
klang, durch das Rütteln der Verzweiflung jene ehernen Thore erschüttert
-- würden Sie, Gräfin, es in den dunkelsten Abgrund stoßen, weil es sich
mit riesiger Kraft zu dem herrlichsten Glücke emporhob? Ich sah durch
das Gitter, welches mich vom Himmel trennt, sein strahlendes Licht, ich
sah die Träume meiner Jugend, die Wünsche meines Herzens, das Ideal
meines Lebens in Wirklichkeit an mir vorüberschweben -- ich streckte
flehend die Arme danach aus -- das war mein Verbrechen; ich büße
es durch das fürchterlichste Erwachen, ich büße es durch erneute
Verdammniß. Sie werden mir verzeihen; von nun an sollen Sie in
mir nichts als den ergebenen Haushund finden, der nach dem Hieb
so treu bleibt wie nach der Zärtlichkeit, der treu bleibt, wenn ihm
Unrecht geschieht, treu bleibt, wenn er nur der Gleichgültigkeit
begegnet ----'

"Ich hörte ihr verwundert zu und verstummte. Ich verstand, daß er zu
weit gegangen war, daß sie ihres Widerstandes wegen triumphirte, daß sie
stolz auf ihre tugendhafte Handlungsweise war, die niemals hätte
nothwendig sein dürfen. Ein Besuch rechtfertigte meine Schweigsamkeit,
oder vielmehr sie zog uns aus der Verwirrung, denn Louise sah zu klar,
ihr Urtheil war zu fein, als daß sie meine Gefühle nicht, wortlos wie
sie waren, verstanden hätte. Die Besucher gehörten zu jenen Menschen,
die ihrer Güte, ihrer Familienbeziehungen, ihrer negativen Verdienste
wegen von der Gesellschaft geduldet werden; die bösen Zungen
entschädigen sich für deren Nichtigkeit durch wohlfeile Witze über sie;
die Geistreichen behandeln sie wie Tische und Stühle, sie benutzend,
wenn der Augenblick es mit sich bringt; die Liebenswürdigen sprechen im
Vorübergehen mit ihnen; im Ganzen ist Alles, was man ihnen bietet,
gerade lau genug, um sie nicht vor Frost zittern zu machen. Ich
fürchtete Louisens Ungeduld und Spottlust; es wäre nicht nöthig gewesen,
denn nie habe ich sie gesprächiger, freundlicher, zuvorkommender
gesehen, nie hat ein Gast befriedigter über sie und sich das Zimmer
verlassen.

"'Du warst äußerst liebenswürdig, zu meiner größten Uberraschung', sagte
ich, als wir allein waren.

"'Und du, Kind, beurtheilst mich falsch. Ich spotte nie über gute,
anspruchslose Leute und habe Freude daran, Unterdrückte zu
unterstützen.'

"In der Ebbe und Flut meiner Gefühle dieser eigentümlichen Frau
gegenüber gingen nach dieser wahren, gütigen Antwort die Wogen zu ihren
Gunsten hoch.

"'Habe ich dir schon erzählt,' sagte sie, 'daß ich einen Brief von Frau
von Y. erhalten habe? Die Arme leidet so sehr und ist dabei ein Engel an
Güte und Tugend; Gott weiß, was aus ihrer unglückseligen Leidenschaft
werden soll! Ist sie allein mit Georg, so könnte die Welt zu Grunde
gehen, der Tod neben ihnen stehen, sie würden es nicht bemerken. Neulich
besuchte sie Georg sie war allein -- doch eine einzige Thür nur trennte
sie von ihrem Gatten, und diese Thür war nur angelehnt, und dieser Gatte
vergöttert Charlotte. Manchmal schafft seine Phantasie ihm einen
Nebenbuhler: 'das wär kein langer Schmerz,' sagt er dann, 'eine Kugel
für ihn, eine für mich und für dich die Qual des Lebens!''[TN4]

"'Und sie ist im Stande, diese Liebe zu betrügen!' rief ich empört; 'und
du kannst von ihrer Tugend sprechen!'

"'Nun ja, meine Liebe, denn sie betrügt im Grunde ihren Gatten nicht.
Ihre Mutter hat sie, als sie fünfzehn Jahre alt war, mit ihm
verheirathet; er verlangte keine Liebe von ihr und gab ihr seinen Namen
wie sein Vermögen. Georg, ihr Vetter und Spielgefährte, hatte nichts!'

"Ich hörte zu, wie man ein Capitel der _'Vie privée'_ von Balzac liest,
Louise erzählte das Trauerspiel, dessen Heldin Charlotte war, wie dieser
Schriftsteller es beschrieben haben würde.

"'Isabella hat mir von ihrem Bett aus geschrieben,' fuhr Louise in ihren
Neuigkeiten fort; 'sie ist gestürzt und hat sich schwer verletzt.'

"'Ist sie nicht die Gattin des Mannes, den du zuerst heirathen
solltest?'

"'Ja gewiß. Das war meine erste Erfahrung! Ich hatte mit diesem Gedanken
die Kinderstube verlassen; er war schön und reich, er sprach von Liebe
und ich war glücklich. Da erfahre ich eines Tages, daß er sich mit
Isabella verlobt hat, sie konnte ihm ihre Mitgift baar auf den Tisch
zählen, ich hatte erst nach meines Vaters Tod eigenes Vermögen zu
erwarten. Kurz nachher wohnte ich seiner Heirat bei, dann hat er mir auf
die niedrigste Weise den Hof gemacht, und du verlangst, daß ich die
Männer achte, daß ich sie bemitleide und schone -- sie verdienen kaum,
daß man sich über sie lustig macht; auch ist es nicht meine Schuld, wenn
sie sich nicht an mir rächen. Ah, wie ich die Rache liebe!'

"Ich stand auf.

"'Hier, Kind, sind noch zwanzig Thaler für deine Armen. Werden wir ihre
Schuld bald bezahlt haben?'

"'Noch dreißig Thaler und sie sind sorgenfrei.'

"'Die bettele ich heute Abend bei Hof zusammen!'

"Der Hof war vollzählig erschienen. Louise kam als Letzte: ihre
Schönheit war die einer Sultanin, ein bunter Turban hob ihre
regelmäßigen Züge, ihre schönen schwarzen Haare glänzten auf dem
tadellosen Teint, den das Licht noch strahlender machte, prachtvolle
rothe Seide floß in schweren Falten um sie, es war ein Bild, auf das die
Natur stolz sein könnte, wenn die Coquetterie nicht die Natur betrogen
hätte. Die Männer umgaben sie, sie entwickelte all ihren Geist, all
ihren Witz, all das Feuer ihrer Blicke, und ich sah mit tiefster
Traurigkeit dieses glänzende Arsenal der schönsten Fähigkeiten zu einem
Feuerwerk verpufft. Nichts mahnte an die Blässe und Traurigkeit dieses
Morgens, sie lachte, sprach und sah mit ihrem durchdringenden Blick,
hörte mit ihrem feinen Ohr Alles, was in vier Sälen gethan und gesagt
wurde.

"Der Großherzog näherte sich in all seiner tadellosen Höflichkeit. Nach
einigen einleitenden Liebenswürdigkeiten begann Louise eine jammervolle
Armengeschichte zu erzählen von Kindern, die auf dem Ofen schliefen, um
nicht zu erfrieren, von Eltern, die ihnen Kartoffelschale als
Delikatesse vorsetzten usw., das sah der Wirklichkeit nicht ähnlich, und
doch war diese Wirklichkeit schon traurig genug! Louise brachte mir
triumphierend zwei Louisd'or. 'Ich danke dir sehr,' sagte ich; 'aber ich
erkläre dir, daß, wenn der Großherzog mich nach der Sachlage fragt, ich
deine Märchen nicht unterstützen kann und von deinen Armen nichts wissen
werde, denn ich weiß wirklich nichts von ihnen.' Sie lachte und fuhr
fort, mit mehr oder weniger Erfolg ihre Geschichte zu erzählen.

"Später traf ich sie noch einmal, und sie erwähnte wieder ihrer
Freundin, Frau von Y.: 'Im Grunde ist sie eigentlich ein kleines,
mageres, törichtes Ding, das sich gehen läßt, obwohl dein
deutsch-sentimentales Mitleid für den Gatten mir auch nicht angebracht
scheint. Auf eine Heldenthat in ihrem Leben ist sie sehr stolz, hat sie
doch eigenhändig einen Pflasterstein aufgehoben, um ihn auf die
unglücklichen Soldaten zu schleudern, die sich für diesen verrückten
Karl _X._ massacriren ließen! Das ist gerade keine edle Handlung, und
von einer Frau ausgeführt, wird sie gemein; auch habe ich ihr einmal
gründlich meine Meinung gesagt. Ich sprach bewundernd von England, und
von dem, was dort besser sei als bei uns, sie glaubte sich als Patriotin
zeigen zu müssen, und plötzlich höre ich eine spitze Stimme, die mir
zuruft: Sie haben wohl nicht das Glück, Französin zu sein? -- O doch,
gnädige Frau, ich bin sogar im Herzen von Paris geboren, ohne jemals
sein Pflaster zu beschädigen.'

"Alles lachte; ich schlich beiseite. Hatte sie doch diesen Morgen erst
in den höchsten Ausdrücken der Bewunderung von derselben Frau
gesprochen! Mich widerte es an, zu sehen, wie all ihre Geistesgaben der
Frivolität geopfert wurden; meine Liebe zu ihr tat mir weh, und doch
habe ich sie mir nie aus dem Herzen reißen können.

"Sie hatte genug Verstand, um über Alles zu plaudern, sie fand stets die
passendste Antwort, um selbst Klügere zu verwirren, sie hatte
Beobachtungstalent, um ihren Märchen den Schein der Wahrheit zu geben,
sie beherrschte die Sprache, um die Abenteuer ihrer Freunde geschickt
erzählen zu können, sie hatte die Herzen der großen Welt durchschaut, um
mit Effect Sentenzen _à la_ Rochefoucauld auszusprechen, sie kannte
Hingebung und Opferfreudigkeit, um sie von anderen zu verlangen, sie
interessirte sich für Alles, um über Alles zu schwatzen. Sie war die
Weltfrau, die Pariserin, die schöne Frau, das Kind der Eitelkeit und der
Schmeichelei und hätte der Stolz ihres Geschlechts, der Engel der
Tugend, die echte Frau sein können, die ohne zusammenzubrechen eine Welt
voll Kummer trägt, die liebt, leidet, tröstet und die Sprache der
Menschlichkeit hört und versteht."

Louise Vaudreuil war stets von Bewunderern umgeben; Prinz Friedrich
Schwarzenberg, der einst viel genannte Verfasser der Memoiren eines
Landsknechts, war einer ihrer treuesten. Während einer Badereise, als
Jenny das kleine Töchterchen Louisens in ihre Obhut genommen hatte,
schrieb ihr Graf Vaudreuil: "Louise hat viele Verehrer, Prinz
Schwarzenberg und Prinz Kotschubey vor allem. Ich liebe diese Mehrzahl,
denn nur die Einzahl fordert die böse Nachrede heraus. Übrigens hat
bisher weder die Einzahl noch die Mehrzahl mein Vertrauen in eine Frau
zu erschüttern vermocht, die Herz und Geist besitzt, und die weiß, daß
ein guter Gatte, den man liebt, einem Goldbarren gleicht, den nur der
Wahnsinn gegen die kleine Münze der Bewunderer eintauschen wird." In
demselben Briefe heißt es: "Vom Tode des Herzogs von Reichstadt haben
Sie gewiß erfahren. Was ich bei dem Erlöschen der napoleonischen Race
empfinde, werden Sie am besten verstehen, denn trotz Ihrer Betonung
Ihres Deutschtums haben wir uns in der staunenden Bewunderung für einen
der größten der Menschen immer gefunden." Jenny antwortete darauf: "Mir
erscheint Napoleon als eines jener gewaltigen Werkzeuge der Allmacht,
die zuweilen nothwendig sind, um das unterste zu oberst zu schütteln,
damit der von Jahrhunderten aufgehäufte Staub und Moder davon fliegen
und die Erde für neues Blühen bereiten kann. Auch wie ein großer Pflug
ist er, der sie aufrührt, der welke Pflanzen, die das neue Leben hindern
wollte, in Dünger verwandelt und unterirdisches Gewürm tötet. Nur
schade, daß die Arbeit diesmal so wenig vorhielt: mir scheint, als täte
uns jetzt schon ein neuer Pflug noth, und ich würde ihn herbeisehnen,
wenn nicht mein Herz von Grauen erfüllt wäre vor allem Blut -- auch vor
dem des Gewürms, das ja nichts dafür kann, daß die Natur es zu dem
machte, was es ist." Ein merkwürdiges Urteil für ein einundzwanzigjähriges
Mädchen. Vielleicht war es doch der unbewußte Einfluß des Blutes, der sie
also empfinden ließ und dadurch noch unterstützt wurde, daß ihr nicht die
deutsche, sondern die französische Sprache Gedankensprache war: Sie
dachte in ihr, wie sie hauptsächlich in ihr schrieb. Es war ja auch ihre
Muttersprache: Diana, die Elsässerin, sprach nach wie vor fast
ausschließlich französisch, und am Hofe herrschte seit dem Tode Karl
Augusts die französische Sprache um so mehr, als sie für die Großherzogin
Maria Paulowna, die geborene russische Großfürstin, die gewohnte war.

Seit 1829 war Jenny als Hofdame in deren Dienste getreten. Durch ihre
Freundschaft mit den Prinzessinnen, vor allem mit Augusta, wurde sie
jedoch stets mehr als ein Kind des Hauses, wie als Mitglied des
Hofstaates angesehen. Das zeigte sich auch in der geschwisterlichen
Beziehung, die sich zwischen ihr und dem um sieben Jahre jüngeren
Erbgroßherzog Karl Alexander entwickelte. Sie wurde seine Vertraute, der
seine Bewunderung galt, und wenn er ihr als Sechzehnjähriger, ähnlich
wie Wolf Goethe, eine schüchtern-poetische Knabenliebe widmete, so war
das nur eine weitere Grundlage für die lebenslange Freundschaft.

Zu Maria Paulowna sah Jenny, die sie in ihrem Sein und Wirken täglich
beobachten konnte, in ehrfürchtiger Liebe empor: "Sie war für sich
selbst," so schrieb sie, "demüthig und anspruchslos: ihr ganzes Leben,
Wirken und Sein gipfelte in der fürstlichen Pflicht des Beglückens. Sie
übte die größte Strenge gegen sich; jede Stunde ihrer bis zur Ermüdung
ausgefüllten Tage hatte eine Wohlthat oder eine Pflicht zum Ziel. Sie
stand sehr früh auf, und wenn dann die letzte Pflicht des Tages, die
Hofgeselligkeit, an sie herantrat, war es denen, die das Glück hatten,
ihr nahe zu stehen, rührend, wie oft die Müdigkeit des Körpers sie zu
ihrem eigenen Schrecken übermannte. Nie klagte die russische Großfürstin
über die kleinen Verhältnisse Weimars; sie sprach es aus, wie das schöne
Wort Schillers bei ihrem ersten Einzuge in Weimar sich ihr als
Lebensregel eingeprägt habe: 'Wisse, ein erhabener Sinn legt das Große
in das Leben, aber sucht es nicht darin.'

"Weimars geistiges Leben, das versicherte sie oft, ersetze ihr
vollkommen den Glanz des russischen Hofes, darum unterstützte sie es
auch und förderte es, wo sie konnte. Dabei war ihr Goethes Urtheil stets
maßgebend; wie oft ließ sie einen Wunsch fallen, weil Goethe nicht damit
einverstanden war, wie ergreifend war ihr Schmerz bei seinem Tode, wie
treu blieb sie seinem Geiste. Die Wohltaten, die sie öffentlich und noch
mehr im geheimen that, die durchdachten praktischen Pläne zu
Erziehungsanstalten und Krankenhäusern, welche alle zur Ausführung
kamen, das alles zeugt für ihr tiefes Erfassen des Berufs einer
Landesmutter. Trotzdem hatte sie stets noch Zeit und Lust zu geselliger
Unterhaltung, aber eine unüberwindliche Abneigung gegen das gewöhnliche
Hofceremoniell mit seiner öden Langenweile. Deshalb löste sie gern diese
drückenden Fesseln und wünschte ihre Umgebung, wie ihre Gäste, in freier
körperlicher und geistiger Bewegung zu sehen. Auch den Fremdesten
wandelte sie nach und nach, ihm selbst unmerklich, zum natürlichen
Menschen um, dem sie die Maske leise abnahm, ohne welche die meisten
nicht glauben, bei Hofe erscheinen zu können. Ebenso unmerklich
bestimmte sie auch die Grenzen des freiheitlichen Umgangs, und schwer
verzieh sie es, wenn sie überschritten wurden.

"Die Sommer in Wilhelmsthal sind mir in freundlichster Erinnerung
geblieben. Dort in der herrlichen Luft und reizenden Umgebung schien
alles Unnatürliche von selbst von uns abzufallen. Wir vergnügten uns mit
heiteren Spielen, besonders das Federballwerfen war sehr beliebt,
machten Spaziergänge, lasen und schrieben entweder im Schatten der
schönen alten Bäume oder in unseren einfach-ländlichen Stübchen. Dabei
kamen so mancherlei Phantasien, Gedanken und Verse zu Papier, die nicht
unser Geheimnis blieben, denn die liebe Großfürstin interessierte sich
lebhaft für jedes Glied ihres Hofstaats und hörte mit gütiger Nachsicht,
aber auch mit scharfem Urtheil der Vorlesung unserer Schreibereien zu.
Nach und nach wurden die dilettantisch-literarischen Abende zur
Gewohnheit, sie waren eine angenehme Unterhaltung für die jüngere
Hofgesellschaft und den damaligen Erbgroßherzog, der auch, wie wir,
Beiträge dazu lieferte. Es gab nur noch wenige, die sich der Zeiten des
'Tiefurter Journals' erinnerten und das 'Wilhelmsthaler Journal' für
eine recht schwache Copie desselben halten konnten; näher lag der
Gedanke an das mit Goethe zu Grabe getragene 'Chaos' oder an die
literarischen Abende, die während des Aufenthalts in Weimar eine große
Anzahl bedeutender Gelehrter bei Hof versammelten. Wir hörten Vorträge
von Humboldt, Schleiden, Apelt, Froriep, Schorn, Schöll und vielen
anderen, die uns weit mehr bildeten, als es dicke Bücher gethan
hätten.[76] Dabei gewöhnten wir uns daran, das Gelernte aufzuschreiben,
was auch in Wilhelmsthal fortgesetzt wurde, sobald Interessantes uns
auffiel. Die Anregung zu diesem geistigen Leben ging von Maria Paulowna
aus; sie wußte, daß darin Weimars Größe lag und immer liegen würde,
deshalb erzog sie auch ihre Kinder in diesem Gedanken und hob uns in
ihre Atmosphäre, die allem Kleinlichen fern war, die eine belebende
Kraft ausströmte."

Wenn kindliche Verehrung, wie hier, mit zu lichten Farben malt, so ist
das immer begreiflich gefunden worden, aber man pflegt im Urteil
ungerecht zu werden, wenn der Freund auch beim Freunde die Schatten
vergißt. Und doch ist gerade das am natürlichsten. Je näher wir einen
Menschen kennen, je mehr uns jede Stufe seiner Entwicklung vertraut ist,
desto mehr verstehen wir seine Natur, und die Fehler erscheinen uns
nicht wie dem Außenstehenden als etwas selbständig Verdammenswertes,
sondern als die Bedingungen oder Ausartungen ihrer Tugenden. Wir
gewinnen sie beinahe lieb, wie jene. So sah Jenny ihre Freunde an, und
ihre Schilderungen ihres Wesens sind dann immer besonders schwer zu
verstehen, wenn es sich um Persönlichkeiten handelt, die der Geschichte
angehören und der Kritik aller unterliegen, die je nach der Gesinnung
und dem politischen Standpunkt eine andere sein wird. Das gilt vor allem
von Augusta, der späteren deutschen Kaiserin, der sich Jenny mit jener
treuesten Freundschaft verbunden fühlte, von der es heißt:

    Laß adlermutig deine Liebe schweifen
    Bis dicht an die Unmöglichkeit heran;
    Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen,
    So fängt der Freundschaft frommer Glaube an.

Aus der Jugendzeit, die sie zusammen verlebten, erzählt sie folgendes
von ihr:

"Früh schon entwickelte sich in ihr jene weiblichste Tugend, das
Mitleid, die sich aber nie in Klagen und Thränen äußerte, sondern,
geleitet von der Mutter, zur praktischen Thatkraft wurde. Wir besuchten
oft zusammen unsere Armen und mußten daher nicht selten hören, daß wir
im Gefühlsübermaß zu viel gethan hatten oder ihnen statt Arbeit,
Kleidung und Nahrung, Geld gegeben hatten, das nur zu bald wieder
ausgegeben war und zur Trägheit führte, während Anleitung zur
Selbsthilfe die beste Armengabe ist."

Als Prinz Karl und Prinz Wilhelm von Preußen an den Weimarer Hof kamen,
wußte jeder, daß sie um die Hand der Prinzessinnen Marie und Augusta
werben wollten. "Merkwürdig schnell," so schreibt Jenny, "faßte Prinzeß
Augusta Vertrauen zu Prinz Wilhelm, dessen Güte und Liebenswürdigkeit
uns sehr gefiel, dessen militärische Straffheit uns, denen der
preußische Drill etwas ganz Fremdes war, sehr imponierte. Langsam, aber
stetig zunehmend, entwickelte sich bei der Prinzeß eine tiefe Neigung zu
ihm. Sie sprach nicht davon, ihr Stolz verbot ihr, die Unterwerfung
ihres ganzen Wesens unter einen Mann einzugestehen, von dem sie wußte,
daß er ihr jetzt nur Freundschaft entgegenbrachte. Man hatte ihr
diensteifrig seine Herzensgeschichte zugetragen, ihr auch nicht
verhehlt, welch ausgezeichnetes Mädchen deren Heldin war. So stand es um
sie, als ihre Schwester sich vermählte. Heiter und glänzend waren die
Feste dieser zu Ehren, wehmütig der Abschied. Sie schenkte mir noch
zuletzt ein Album, in das sie folgende Worte geschrieben hatte:

    _This above all, to thine own self be true,_
    _And it must follow, as the night the day,_
    _Thou canst not then be false to any man._

_Votre souvenir est toujours là!_

_Marie_


"Fast zwei Jahre vergingen, ehe Prinz Wilhelm die zur vollendeten
Schönheit erblühte Prinzeß Augusta heimholte. Sie hatte ihn treu im
Herzen getragen, wie sie jedem Treue bewahrte, den sie einmal lieb
gewann. Er war und blieb die einzige große Leidenschaft ihres Lebens,
die sie zu schöner Weiblichkeit entwickelte und alle Härten ihres Wesens
abschliff.

"In meinem Album finden sich diese Zeilen von ihr:

    _Doux lieux où l'amitié vint charmer mon enfance_
    _Il faut, hélas, vous fuir,_
    _Mais vous viendrez me consoler mon absence_
    _Par un doux souvenir!_

    _Otez l'amitié de la vie,_
    _Ce qui reste de biens est peu digne d'envie,_
    _On n'en jouit qu'autant qu'on peut les partager;_
    _Désir de tous les coeurs, plaisir de tous les âges,_
    _Trésor du malheureux, divinité des sages,_
    _L'amitié vient du ciel habiter ici bas,_
    _Elle embellit la vie et survit aus trépas!_

_Weimar, 3. 6. 29._


_Ces vers expriment ce que j'éprouve en les traçant, puissiez-vous en
être persuadée, chère Jenny._

_Your faithful_

_Augusta."_


Eine eifrige Korrespondenz entspann sich zwischen den Freundinnen, die,
da sie sich fast durch ein halbes Jahrhundert fortspann, ein
interessantes Bild der Zeit geben könnte, wenn die Briefe der Kaiserin
nicht, einem Versprechen getreu, von meiner Großmutter zum großen Teil
verbrannt worden wären. Aus der ersten Zeit der Abwesenheit Prinzeß
Augustas finden sich folgende Stellen aus Briefen Jennys an sie:


1./7. 1832.

"... Die Herzen der Leute der großen Welt sind alle nach einer Form
gegossen, die leider in allen Ländern die gleiche ist, und in die sie so
genau eingepaßt werden, daß schließlich für nichts als für
Gleichgültigkeit und Langeweile Platz übrig bleibt.


29./8. 1832

"Die Erziehung sollte die Einleitung, die Vorrede des Lebens sein; man
sollte daraus den Zweck der ganzen Arbeit, ihre Tendenz und wenn möglich
ihren Preis, ihren moralischen Wert kennen lernen. Darum ist es
nothwendig, daß die Eltern, ohne den klaren Himmel der Kindheit zu
trüben, die Rolle des Schicksals spielen, so daß die Fehler der Kinder
sich so viel als möglich durch ihre natürlichen Folgen bestrafen; sie
würden frühzeitig dazu gelangen, nicht den Himmel der Ungerechtigkeit
und die Menschen der Falschheit anzuklagen, wenn sie sehen, daß fast
immer sie selbst die Hauptursachen ihrer Schmerzen und Leiden sind, wenn
sie in der Tiefe ihres eigenen Wesens die Ursachen des Unglücks
erkennen, das sie trifft. Nur selten dürfte ihr Gewissen ihnen keine zu
zeigen vermögen. Ist die Vorrede eine vollkommene gewesen, so muß sie,
indem sie uns eine sichere Vorstellung von dem Buche giebt, das
Interesse dafür steigern, unsere Erwartungen würden nicht getäuscht
werden können, und die Eindrücke, die wir vom Styl und von den Details
erhalten, würden mehr von unserem Herzen abhängen und von der
harmonischen Verbindung unserer Seele mit dem Autor. Die allgemeine
Idee, die uns die Vorrede gegeben hat, sollte uns vor großen
Überraschungen und Enttäuschungen bewahren.


12./9. 1833.

"Wenn man das Leben mit seinem Unglück, seiner Niedrigkeit, seinen
getäuschten Hoffnungen kennen gelernt hat, so ist nichts natürlicher als
die Neigung zur Misanthropie und zur Menschenverachtung, und dieses
Gefühl, das man gewöhnlich für eine Folge reifster Erfahrungen und
tiefgründiger Gedankenarbeit ansieht, entspricht nur dem gewöhnlichen
Einfluß des Unglücks auf die Menschen. Eine starke und edle Seele ist
die, die sich aus dem Schiffbruch des Lebens den Glauben an die
Menschheit und die Liebe zum Menschen retten konnte -- eine starke und
edle Seele, weil sie den Schlüssel des Räthsels in sich selbst suchte
und fand.


1./11. 1835.

"Alle großen Leidenschaften sind göttlicher Natur; sie sind die
Emanationen Gottes im Herzen der Menschen. Man kann sie weder
willkürlich heranrufen, noch vernichten, sie sind Inspirationen des
Himmels, denen wir uns unterwerfen müssen, und die für ihren göttlichen
Ursprung dadurch Zeugniß ablegen, daß sie über den allgemeinen Gesetzen
der Natur stehen und diese sich ihnen unterordnen müssen."

Diese wenigen Proben -- alles andere schlummert in mir unzugänglichen
Archiven -- zeigen, wie weit der Briefwechsel unserer Großeltern von dem
Depeschenstil der Gegenwart entfernt war. Sie wollten nicht nur mit
ihren fernen Freunden vereinigt bleiben, es gelang ihnen auch, weil sie
die Verbindung durch Gedankenmitteilungen, nicht durch bloße
Lebensdaten, hinter denen sich die tiefgehendsten Wesenswandlungen
verbergen können, aufrechterhielten.

Außer Prinzeß Augusta war es noch eine andere Prinzessin, mit der Jenny
auf diese Weise in naher Beziehung blieb: Helene von Mecklenburg,
spätere Herzogin von Orleans. Ihr Gatte war jener französische
Thronfolger, den ein tödlicher Sturz davor bewahrte, durch die
Revolution seiner Hoffnungen beraubt zu werden. Die Schilderung ihrer
Beziehungen zu Helene leitete Jenny folgendermaßen ein:

"... Die Armuth, die Niedrigkeit darf klagen und weinen, auf den Höhen
der Menschheit regiert das Lächeln, das klaglose Verstummen. Und die
nicht geweinten Thränen wiegen centnerschwer. Mir war es vergönnt, in
das Herz, in die Seele solch einer Märtyrerin zu schauen, als sie noch
unberührt war von dem giftigen Hauch des Weltenschicksals, als sie noch
nicht selbst mitten im Wirbelwind des Lebens stand. Fast ein Kind noch,
kam Helene von Mecklenburg zum ersten Mal nach Weimar. Im Andenken an
ihre verewigte Mutter, Karl Augusts liebliche Tochter Caroline, wurde
sie ganz als Kind Weimars empfangen und blieb vom ersten Tage an des
Großvaters Liebling. Trotzdem dauerte es sehr lange, bis ihr durchaus
unkindlicher zurückhaltender Ernst einem offen-freundlichen Wesen Platz
machte. Ich gab mir viel Mühe um sie, weil ihre tiefen, forschenden
Augen mich reizten, sie zu enträthseln. Was mir zuerst seltsam auffiel,
war die hinter dem kühlen Äußeren versteckte schwärmerische Phantasie,
deren realer Mittelpunkt schon damals Frankreich war. Ihre französische
Gouvernante wie die französische Hofdame ihrer Stiefmutter mochten wohl
diese Gedankenwelt in ihr mit geschaffen haben, die nach und nach alles
andere verdrängte. Unsere Unterhaltungen drehten sich meist um
französische Geschichte, französische Literatur, und immer, wenn sie
wieder nach Weimar kam, erstaunte ich, welche Fülle neuer Kenntnisse sie
sich darin erworben hatte. Ich hatte ihr versprechen müssen, alles Neue,
das an guten französischen Büchern erschien, ihr mitzuteilen oder
zuzusenden, was dann auch gewissenhaft geschah. Mein Berater war der
liebenswürdige, geistreiche Graf Alfred Vaudreuil, der mit
französischer Gewandtheit und Leichtlebigkeit deutschen Ernst und
deutsche Gründlichkeit verband und mir immer neben seinem Freunde, dem
Prinzen Friedrich Schwarzenberg, von dem Ida von Düringsfeld so richtig
sagte: 'er war immer ohne Umstände er selber', als der Typus wahrer
Vornehmheit erschien. Wir hatten bisher, wie Vaudreuil sich ausdrückte,
nur mit den Blumen und Zephyren Lamartines gespielt; jetzt gab er uns
Werke von Dumas und Victor Hugo, auch las er aus Chateaubriands Büchern
vor und unterrichtete uns in der sonst nur in verworrenen Bildern zu uns
dringenden französischen Zeitgeschichte. Es war auch zum Theil sein
Verdienst, daß er uns, eine sonst der Politik fernstehende Gesellschaft,
auf die Geschehnisse des äußeren Lebens aufmerksam machte und uns etwas
ablenkte von der ausschließlichen Beschäftigung mit Seelen- und
Herzenskämpfen. Mein Stiefvater Gersdorff, selbst ein Staatsmann, war
mir gegenüber mehr Philosoph; er meinte, Politik sei nichts für
Frauenzimmer. Als aber die erste Kunde der Julirevolution zu uns drang,
da war auch uns auf lange Zeit ein Gesprächsthema gegeben. Der Eindruck,
den sie auf uns machte, war ein anderer als der, den sie bei der
vornehmen Gesellschaft im übrigen Deutschland hervorrief. Wir schwärmten
für die Ideen der Volksbeglückung; wir schwärmten für Griechenland,
selbst für Belgien, warum sollten wir es nicht für Frankreich thun und
in Louis Philipp den Retter des Volksglücks betrachten? Wer ahnte denn,
daß er es nicht sein konnte? Am interessantesten war mir, mit welcher
Lebhaftigkeit Goethe die Dinge verfolgte. Mein Stiefvater schrieb lange
politische Berichte für ihn, so sehr er sonst mit Geschäften überlastet
war, und unser Diener sagte uns, der alte Herr sei ihm oft aufgeregt
entgegengekommen, um die Briefe selbst in Empfang zu nehmen.

"Noch waren wir ganz erfüllt von dem Thronwechsel in Frankreich, als
Prinzeß Helene wieder nach Weimar kam. Ihre Begeisterung für Louis
Philipp und seine 'Mission' spottete jeder Beschreibung, und es dauerte
nicht mehr allzulange, so fing man an, erst leise, dann immer lauter
davon zu sprechen, daß sie seinem Sohne bestimmt sei. Sie selbst sprach
nie davon, auch brieflich nicht, so offen auch ihr Herz sonst vor mir
lag; aber ich las die Hoffnung auf Erfüllung ihres Kindertraumes in
ihren seelenvollen Blicken. Während sie sich mit ihrer Mutter in Jena
aufhielt, besuchte ich sie häufig. Man nahm die Krankheit der Herzogin
zum Vorwand des Fernbleibens von Mecklenburg, während die
unerquicklichen Verhältnisse dort es nöthig machten. In Jena versammelte
sich bald ein geistig bedeutender Kreis um die Fürstinnen; ich
vermittelte die Bekanntschaft mit meinem lieben Freunde, dem Professor
Scheidler, der seiner Taubheit wegen sehr menschenscheu war, und hatte
die Freude, zu sehen, wie Prinzeß Helene sich ihm anschloß und sich von
ihm bilden ließ. Dort und in Weimar fühlte sie sich weit mehr zu Hause
als in Mecklenburg; wäre sie ein echtes Kind jenes strengen, nordischen
Landes gewesen, niemals hätte sie dem Sohne des Bürgerkönigs die Hand
gereicht. Obwohl sie, wie gesagt, nie mit mir darüber sprach, war mir
dieser Schritt nicht unverständlich. Sie liebte den Herzog nicht, denn
sie hatte ihn nie gesehen, sie war nicht ehrgeizig, dazu war ihr
Charakter ein viel zu weiblicher. Was sie wollte, suchte, ersehnte, war
ein Beruf, eine Pflicht; was sie glaubte, war an ein unabänderliches
Schicksal, das ihr schon früh die Liebe zu Frankreich ins Herz geprägt
habe. Sie war überzeugt, Recht zu thun, auch als sie mit ihrer Familie
brach und wie eine Ausgestoßene von ihrer Heimat scheiden mußte.
Strahlend glücklich waren ihre Briefe; strahlend schön soll ihr Äußeres
gewesen sein, schrieben mir meine Verwandten aus Paris, und ich freute
mich ihres sonnigen Schicksals. Erst nach und nach gingen ihr die Augen
auf über den König, über das Treiben am Hof, über die sogenannte
'Volksbeglückung'. Es schmerzte sie tief, aber sie hatte ja ihren
Gatten, der sie in keiner ihrer Träume und Hoffnungen jemals getäuscht
hat; sie hatte ihre Kinder, denen sie sich mit der vollsten Gluth der
Mutterliebe widmete; sie hatte Frankreich und seine Zukunft!

"Da begann ihr Märtyrerthum. Langsam, mit fürchterlicher Grausamkeit riß
das Schicksal ein Glück nach dem anderen aus ihren Armen, enthüllte ihr
eine bittere Wahrheit nach der anderen, bis das Leben, all seiner
rosigen Schleier entkleidet, ein grausiges Skelett vor ihr stand. Sie
schauderte wohl davor zurück; aber nicht lange währte es, so saß sie
wieder am Webstuhl und schuf neue Hoffnungsgewänder für dies Bild des
Todes."

Jenny korrespondierte eifrig mit Helene. Von den Briefen der Herzogin
sind eine Anzahl verwahrt worden, die aus ihrer Mädchenzeit und aus der
ersten Zeit ihrer Ehe stammen, ebenso einige von Jennys Antworten.
Helene zeigt sich in ihnen als eine Schwärmerin, die uns kühlen
Modernen, die wir selbst Empfindungen, die wir haben, schwer
aussprechen, ganz fremd erscheint.

Ihre ganze Persönlichkeit wird nur dann verständlich, wenn wir sie als
Kind ihrer Zeit betrachten, das sich über die Gefühlsschwärmerei der
Romantik selbständig nicht zu erheben vermochte, und ihre Briefe sind
als Spiegelbild des Seelenlebens vieler Frauen jener Epoche so
bezeichnend, daß einige von ihnen, trotz ihrer tatsächlichen
Inhaltlosigkeit, hier folgen mögen. Wenn Jenny sich auch dem Einfluß
ihrer Zeit nicht zu entziehen vermochte, so unterwarf sie sich ihm doch
nicht. Das zeigt sich auch in ihrem Briefwechsel mit Helene.

Aus ihren Briefen an sie sei folgendes angeführt:


3./8. 33.

"Mir giebt es neben der Natur keine sicherere Kunde von Gott, als den
umfassenden Geist des Menschen, keine höhere Schwungkraft zum Guten und
Großen, als dessen Erkenntnis in allen seinen Zweigen; hätte ich nur
Kraft und Zeit und Gedächtnis, um alles zu prüfen, was der menschliche
Geist seit Jahrhunderten hervorgebracht hat, wie gänzlich würde dann
alles Kleinliche verschwinden! -- Ich möchte keine Unruhe in Ihre Seele
bringen, Ihren Glauben nicht antasten, denn darüber liegt der heilige
Schleier der Jahrhunderte; Beweise sind schwer, es wäge sie daher jeder
in seiner eigenen Seele mit Glauben und Vernunft ab, an der reinen Moral
der Christuslehre ändert es ja durchaus nichts. Mit Ihnen möchte ich
Herder, Schiller, den Faust lesen, mit Ihnen die Geschichte, die
erfahrenste Lehrerin der Menschheit, studieren, mit Ihnen die Höhen des
Geistes und Lebens erklimmen, wo die Brust frei athmet und die Seele
sich rein und entzückt zu Gott erhebt.


3./9. 33.

"Wie verschieden die Philosophien, die Religionen, die Gedanken der
Menschen auch seien, in einem Spruch stimmen alle Vernünftigen überein:
'Wer nach seiner innigsten Überzeugung Recht thut, hat vor dem Tode
nichts zu fürchten.' Dieser Spruch muß als heiligste Wahrheit
aufgestellt bleiben, und so lassen wir die Frage über Nichts und
Ewigkeit, lassen wir die Sorge für die Zukunft und das Grübeln über
Unerforschliches dahingestellt. Wir haben genug, wir haben vollauf zu
tun, um Recht zu tun allerwege.


9./10. 34.

"Man sollte eigentlich nur Unglück nennen, was tief in die Seele
eingreift, was einen Charakter und ein Lebensglück umzuändern mächtig
genug ist, was eine bleibende Kränkung in der Seele läßt und was, wenn
auch die Zeit ihren milden Einfluß übt, immer als umflortes dunkles Bild
in der Erinnerung bleibt, es sei nun zu moralischer Kräftigung oder zu
ewiger, innerer Trauer. Und doch, wie viele solcher Unglücksfälle stehen
gerade nicht auf der Liste der von den Menschen im allgemeinen
anerkannten und aufgezählten, wie oft jammern sie vor dem Schutte eines
alten Hauses und wissen nichts von dem Schutte, der allein von einem
ganzen, glänzenden Jugend- und Lebensglücke übrig blieb!"

Unter den Büchern, die Jenny der jungen Prinzessin sandte, befand sich
auch Victor Hugos "Hernani", das sie ihr nach Eisenberg, dem Landsitz
des Herzogs von Altenburg, geschickt hatte. Darauf bezieht sich
folgender Brief Helenens:


Eisenberg, den 10. April 1834.

"Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank, mein theures Fräulein, für die
Freude, die mir Ihre Güte bereitete, und täuschen Sie nicht meine
Hoffnung, die vertrauensvoll auf Ihre Nachsicht rechnete, als Ihr
Büchlein Tage und Wochen --ja -- Monate bei mir ruhte. Meine
Entschuldigung kann nur in der Vorliebe für dieses Werkchen und in dem
sicheren --vielleicht zu sicheren Glauben an Sie bestehen. Nein, sicher
genug kann nie der Glaube an die liebe Jenny sein! Ein Herz, wie das
Ihre, kann vergeben, wenn man ihm edelmüthige Gesinnungen zutraut, und
wird vergeben, wenn ich sage, daß ich der Besitzerin wegen das Büchlein
hochhielt, und des Inhalts wegen mir der Abschied schwer fällt. Sie sind
der freundliche Engel meiner Lektüre gewesen, bleiben Sie es und deuten
Sie mir, ich bitte Sie, die Schriftsteller an, die Ihnen vielleicht noch
Graf Vaudreuil als empfehlenswerth nannte, ehe er schied; denn seinem
Geschmack, glaube ich, dürfen wir getrost folgen -- und die Perlen der
neuen französischen Litteratur noch mehr kennen zu lernen, ist mein
lebhafter Wunsch.

"Recht lang scheint mir die Zeit, die seit unserer letzten Begrüßung
liegt; ich glaube, es war auf dem Kinderball, wo Sie des kleinen
Findlings Schutzgeist waren; ein unfreundlich Geschick trennte uns
seitdem; doch hoffe ich, Sie verbannen mich nicht ganz aus Ihrem
Andenken, denn hat man sich einmal gefunden, so mag Zeit und Raum
kämpfen. Ein freundlicher Stern leuchtet segnend am Horizont und führt
zusammen hier oder dort.

"So unendlich glücklich und froh ich hier im liebenden Kreis der Familie
lebe, so sehr werde ich mich dennoch freuen, mein liebes Weimar mit
seinen freundlichen Bewohnern wieder zu begrüßen, denn ihm gehört ein
großer Theil meines Herzens, --Sie, liebes Fräulein Jenny,
wiederzusehen, wird mir eine wahre Herzensfreude sein.

Ihre Helene."


Etwas später bekam Jenny ein Gipsrelief der Freundin mit diesen Zeilen:


Ludwigslust, den 27. Sept. 1834.

"Um einen freundlichen Blick meiner lieben Jenny möchte ich bitten,
indem ich ihr das unbedeutende Dingelchen in die Hand drücke, welches
meine Züge vor ihre Augen führen möchte. Ruhen sie von Zeit zu Zeit auf
dem kalten toten Gips, so werden sie auch Leben hinein hauchen und die
Seele hervorrufen, die es verbirgt, die die Ihrige liebt und versteht
und sich in froher Vergangenheit vertraut mit ihr fühlte.

"Mag auch jene Vergangenheit immer mehr zur Vergangenheit werden --
mögen gleich tausend Eindrücke das Gemüth berühren, sie wird nimmer
zurückgedrängt, sondern wie ein Glanzpunkt meines Lebens mir theuer und
unvergeßlich bleiben. Sie, liebe Jenny, waren eine der freundlichsten
Erscheinungen derselben, und Ihr Andenken wird sich nie verwischen, es
erweckt nur den Wunsch in mir, Ihnen näher treten zu können, und tiefer
noch in Ihre liebliche zarte Seele blicken zu dürfen.

"Sollte uns auch eine lange Zeit trennen, ich glaube, wir werden uns
doch immer wieder verstehen und gleich nahe stehen. Meine innigsten
Wünsche für Ihr Glück werden Sie umgeben. 'Es gehe dir nie anders als
wohl,' sage ich mit Jean Paul, 'und die kleine Frühlingsnacht des Lebens
verfließe ruhig und hell -- der überirdische Verhüllte schenke dir darin
einige Sternbilder neben dir und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen
Abendrot vonnöten ist!' Denken Sie, wenn Ihr Herz sich freut, auch
einmal an

Ihre Helene."


Bald darauf wurde Helene von einem für sie, der die Mutter schon sehr
früh gestorben war, doppelt großen Unglück betroffen, das wie eine
Vorahnung des künftigen, noch größeren, erscheint: infolge eines Sturzes
vom Pferde starb ihr zärtlich geliebter Bruder Albrecht. Jenny schrieb
ihr voll warmen Mitgefühls und bekam diese Antwort:


Ludwigslust, den 12. Nov. 1834.

"Den innigsten, den liebewärmsten Dank meiner lieben theilnehmenden
Jenny für die Worte, die Sie in meinem Schmerze zu mir reden, und die in
ihrer seelenvollen Tiefe mich so innig rühren und erheben, daß ich sie
oft wieder durchlese. Ihr Herz wird durch Gottes Gnade vor einem solchen
Verlust bewahrt werden. Er, der Sie liebt und schützt, wird Sie durch
freudigere Wege zum Ziele führen, dessen stiller Sinn schon in Ihrem
edlen Gemüthe liegt. Das ist mein Wunsch, denn je mehr ich leide, je
mehr möchte ich die, die mir teuer sind, mit Freude und Glück umringen
können. Ach, aber blicke ich im Geiste hinein in Ihr tiefes dunkles
Auge, dringe ich in die Schriftzüge, die mir Ihre Grüße und Worte der
Liebe brachten, -- ach, da ergreift mich ein schmerzvoller Klang aus
tiefem, verborgenem Quell, und ich muß weinen, um Sie weinen, um die
Klage Ihres eigenen Herzens. Sie weinen gewiß oft, meine liebe Jenny,
aber in Ihren Thränen bricht sich der Strahl des Himmels und die
Melancholie, die das Gepräge Ihres ganzen Wesens ist, die Sie umgiebt
wie ein Glanz des Mondes, sie zieht Sie ab von der tändelnden
Nichtigkeit des Tageslebens, und enthüllt Ihnen in eigner Brust das
Leben der Liebe, das ewig Nahrung gebende Princip, das vom Himmel
stammend uns Thatkraft und Muth in den Kämpfen, Ergebung eines Kindes in
den Fügungen, Glaube und Freudigkeit in jeglichem Wechsel des Lebens
verleiht. Die Leichtfertigkeit der faden Welt verletzt das verwundete
Gemüth -- ich weiß es und Sie müssen es empfunden haben, drum hinein
ins eigene Sein, in das Herz -- _'my heart my only kingdom is'_ ...

"Liebe Jenny -- mir ist das Herz so voll, daß meine Worte mir immer dürr
erscheinen -- Worte sagen wenig, die Sympathie versteht aber auch kaum
angedeutete Gefühle. Ich möchte Ihnen die Hand reichen über die weiten
Fernen hinüber -- wir sind beide betrübt -- ich weiß nicht, warum ich
Thränen in Ihren Worten lese, täusche ich mich, so danke ich Gott, wenn
er Ihnen einen froheren Weg zeigt als mir. Sagen Sie es mir, wenn Sie
glücklich sind, und Sie finden gewiß ein Lächeln der Freude in meinem
betrübten Gemüth. -- Sind Sie geprüft, nun so blicken wir vereint
hinauf, von wo uns Hülfe kommt. Gott mit Ihnen und

Ihrer Helene."

"Mein Brief war gesiegelt, da öffnete ich das Zeitungsblatt und fand die
Todesnachricht des Grafen Vaudreuil! Nichts konnte mir unerwarteter
sein, heute noch dachte ich an ihn, an seine Liebenswürdigkeit und
freute mich seiner Bekanntschaft, nun ist auch er hinübergezogen in das
'stille Land' ... Was wird jetzt aus Ihrer kleinen Marguerite, die er so
liebte! Könnte Sie doch zu Ihnen!"


Aus dem folgenden Jahre stammt ein acht Seiten langer Brief, der nichts
ist als ein einziger Gefühlserguß und durch Jennys Geständnis ihres
traurigen Herzensschicksals hervorgerufen wurde. Er beginnt:


Ludwigslust, den 4. Febr. 1835.

"Mein Herz trieb mich zu Ihnen, liebe vertrauensvolle Jenny, seit Sie
meinem Blick erschienen sind, wie viel mehr, seit Ihre holde reine Seele
der meinigen ihr Leben, ihr theuerstes Geheimniß anvertraute und damit
Gegenliebe dem liebedürstenden Gemüthe bewies ... Ja, ich irre sicher
nicht, Sie wußten es längst, welchen wehmüthigen Lebensglanz Ihr Brief
auf mein Herz geworfen hatte, Sie wußten, wie innig ich Sie liebe, seit
ich mit Ihnen geweint ..."

Die Verbindung zwischen beiden blieb über alle Freuden und Leiden des
Lebens hinaus bestehen, wenn es auch zweifellos ist, daß hier, wie im
Verkehr mit Prinzeß Augusta, Jenny die Gebende war, die anderen die
Empfangenden. Ihre Briefe, von denen leider so wenige erhalten blieben,
sind stets die stärksten Emanationen ihrer Seele gewesen. Die Form des
Briefes wählte sie auch da am liebsten, wo ein größeres Publikum der
Adressat war, wie z. B. im "Chaos" und später im "Wilhelmsthaler
Journal". Für die Hofgesellschaft war dies ein literarischer Mittelpunkt
geworden, wie das "Chaos" es für Ottiliens Kreis gewesen war. Manche
jener schwärmerischen Briefe der Herzogin Helene fanden Aufnahme darin;
da jedoch das Blatt nicht gedruckt wurde, ging der größte Teil seines
Inhalts verloren.

Von Jennys Beiträgen dagegen ist viel erhalten geblieben: Reflexionen,
Erinnerungen an Personen und Bücher, Erzählungen, Märchen, auch
Familiensagen und Anekdoten, die von den verschiedenen Gästen erzählt
und von ihr festgehalten worden waren. Gerade diese kennzeichnen die
Richtung einer Zeit, der die napoleonische Epoche noch so nahe war, daß
Lebende sich ihrer erinnern und von ihr erzählen konnten, und in der
Kriege aller Art die Gemüter erregten. Alte Offiziere Napoleons
erzählten von ihm; andere, wie Prinz Friedrich Schwarzenberg und Alfred
von Pappenheim, berichteten von ihren Erlebnissen in den italienischen,
polnischen und türkischen Feldzügen, oder im griechischen
Freiheitskrieg. Auch die romantisch-mystische Neigung der Zeit kam zu
ihrem Recht: der eine wußte von dunklen Schicksalen zu berichten, die
wie ein ehernes Fatum über bestimmten Familien schweben, oder von
geheimnisvollen Einwirkungen einer unsichtbaren Welt. Und während so die
bunten Bilder des Lebens und der Phantasie an den geistigen Augen der
Zuhörer vorüberzogen, saßen die jungen Mädchen still im Kreise und
stickten Vergißmeinnicht und Rosen mit glänzenden Perlen auf
Brieftaschen und Geldbeutel für die, die ihrem Herzen nahestanden. Nur
Jenny stützte zumeist, ihrer Gewohnheit gemäß, das Köpfchen auf die
feine, schlanke Hand, denn sie konnte sich nie mit dem, was man
weibliche Handarbeit nennt, befreunden, die ihrem künstlerischen
Geschmack widerstand. Lieber nahm sie den Bleistift und das Skizzenbuch
und porträtierte die Anwesenden. Ihr Talent dafür war ein nicht
gewöhnliches. C. A. Schwerdgeburth, der das letzte Porträt Goethes
zeichnete, war ihr Lehrer, und eine Mappe voller Bildnisse aus dem Ende
der zwanziger Jahre spricht noch heute für den Lehrer wie für die
Schülerin.

Erfindungs- und Darstellungsgabe zeigen ihre kleinen Erzählungen für das
"Wilhelmsthaler Journal", wenn auch der schwärmerisch-sentimentale
Inhalt sie uns heute schwer genießbar macht. Was sie dagegen in der Form
freundschaftlicher Briefe an Erfahrung und Lebensweisheit bot, läßt es
erstaunlich erscheinen, daß ein so junges Mädchen die Verfasserin sein
konnte. Zwei dieser Briefe mögen hier folgen. Im ersten, der Antwort auf
ein in den Schleier der Anonymität gehülltes Schreiben Karl Alexanders,
gibt sie sich als alte Frau. Er lautet:

"Wie gut steht es der Jugend, wenn sie ihre Spiele, ihr Lachen, ihre
Thorheit vergißt, um dem trüben, ernsten Alter ihr Leben und ihre Farbe
zu borgen; sie gleicht dem Epheu, der mit seinem frischen Grün den
färbenden Stamm umschlingt, dem wilden Wein, der sich zärtlich um die
Ruinen der Jahrhunderte windet. Sie kommen zu mir mit der Güte der
ersten Jugend, mit den liebenswürdig höflichen Formen der großen Welt:
Sie bitten um Verzeihung wegen Ihrer Gabe, Sie entschuldigen sich Ihrer
Liebenswürdigkeit wegen, mit dem Mantel der Demuth wollen Sie Ihre
Gefälligkeit bedecken, für die Sie mir den Dank zu ersparen suchen;
trotzdem sollen Sie ihn haben und offenherzig haben: ich danke Ihnen
für Ihren reizenden Brief, ich danke Ihnen, daß Sie einen jener
glücklichen Augenblicke erfaßt haben, die ich dem Anschein nach für
dauernd halten würde, die dem Ausdruck der Gedanken so günstig sind; ich
danke Ihnen sogar für den Krieg, den Sie gegen die Einsamkeit und das
Gefühl eröffnen -- denn, haben Sie nie von jenem magischen Trank gehört,
der plötzlich verjüngt, von jenen Streichen mit dem Zauberstab, die jene
Hexerei der Zeit, Alter genannt, verbannen? Nun denn, mein Herr, Ihre
Worte enthalten diese magische Kraft; meine Krücke werfe ich fort, ich
richte den gebeugten Rücken auf, meine grauen Haare färben sich wieder,
meine Stimme wird stark und jung und ruft Ihnen den Kriegsruf entgegen;
jawohl, den Kriegsruf, denn Sie haben den Trost und die Freude meines
ganzen Lebens angegriffen; Einsamkeit, dunkle Wälder, Gedanken, die das
Herz erforschen und unter der sichtbaren Form der Thaten in das tägliche
Leben eingreifen; das alles verdammen Sie mit dem einen Wort:
Sentimentalität. Erinnern Sie sich der Worte von Casimir de la Vigne an
Lamartine:

    _Pourquoi donc trop séduit d'une fausse apparence_
    _Nommer la liberté, quand tu peins la licence?_

Mein Herz erkennt diese Entheiligung des Gefühls, Sentimentalität
genannt, nicht an: zwar ergeht sie sich gern in der Natur, hat stolze
Worte für die Schönheit des Waldes, heiße Thränen für den Tod einer
Blume, doch das wahre Gefühl allein hat Kraft und Thaten. Die Natur in
ihrer Pracht und Schönheit hat für diese Kinder des menschlichen Geistes
zwei verschiedene Sprachen, sie sagt der Sentimentalität: 'Athme dieses
weiche, unbestimmte Glück der Lüfte, der Sonne, der Blumen ein, mache
eine Ode daraus, singe ein Lied dafür, und vor allem entsinne dich alles
dessen, was andere in ähnlicher Lage empfunden haben, um auszusprechen,
wenn du nicht so fühlst,' dann wirft sie ihr einige Reime, wie 'Herzen
-- Schmerzen, Thränen -- Sehnen' in den Schoß, macht ihr ein Recept
nach ihrem Geschmack: träumerisches Schmachten, Blicke gen Himmel, süße
Traurigkeit und, siehe da, die Sentimentalität ist fertig! Sie braucht
weder Vernunft noch Stärke, sie kümmert sich weder um die Seele noch um
den Nächsten, sie badet sich wohlgefällig in dem echten oder künstlichen
Genuß des Augenblicks -- ich überlasse sie Ihnen, mein Herr, wir wollen
sie zusammenrichten, und alle Kräfte unseres Geistes sprechen ein
furchtbares 'Schuldig' gegen sie aus.

"Aber das ist nicht die Lehre der Natur, der Einsamkeit für das echte
Gefühl; diese Sprache ist in anderen Sphären entstanden, ihre Worte
verlangen Thaten: 'Mein Donner, mein Sturm predigt Dir Gottes Macht,
meine Tannen und Eichen predigen Dir seine Größe, meine Felsen, die
Pfeiler der Schöpfung, predigen Dir seine Kraft; mit den Strahlen der
Sonne sendet er Dir seine Liebe und Güte, in jede Blume, in jede
Vogelfeder hat er die heiligen Gesetze ewiger Ordnung eingetrieben, und
Du, Widerschein seines Geistes, Du wagst es, schwach und schüchtern zu
sein; erhebe Dich aus Deinem kleinen irdischen Leid, schau um Dich, auf
dieser reichen Erde gibt es Wesen, die hungern, die frieren, geh, hilf
ihnen; Du hast Brüder, die Dich beleidigten, Dein Herz brachen, Dein
Leben zerrissen, geh, vergieb ihnen; siehst Du furchtbare Irrthümer,
schreckliche Verirrungen, geh und bekämpfe sie; Du seufzt, Du wankst
unter der Last Deiner Thränen; schnell, trockne sie, und dann vorwärts,
vorwärts ohne Furcht! Der Neid, der Leichtsinn, die Selbstsucht schlagen
Wurzel in Deinem Herzen, reiße dieses Unkraut aus, Du darfst nicht,
nein, Du darfst nicht schwach und klein sein inmitten der
Unendlichkeit!'

"Die Natur hat dem Gefühl ihre Predigt gut gelehrt -- nicht wahr, sie
verdient die Priesterweihe, wir werden ihr die erste freie Oberaufsicht
anvertrauen; ich freilich werde verlieren, da ich sie bisher allein
meines Hauses Hüter, meinen Lehrer und Beichtvater nannte, aber ich
opfere mich der Gesammtheit und werde ihren Worten folgen, die sie zu
allen spricht.

"Während meiner langen Wanderungen zog dieser unsichtbare Priester meine
Seele vor Gericht, wir sprachen miteinander über mein Leben, über meine
Schmerzen und die Schmerzen anderer, wir theilten sie in zwei Hälften
und nannten die eine Schicksal; sie enthielt alles Leid, das wir nicht
ändern können; die andere Hälfte trug verschiedene Titel, wie:
Pflichten, die zu erfüllen, Fehler, die zu vermeiden sind, und zum
Schluß den Wahlspruch: kämpfen! Und wenn ich mich in Theorien verlor,
wenn Gedanke sich auf Gedanke thürmte, so hoch, daß die Erde drohte zu
verschwinden, hielt mein Führer mich zurück und zeigte mir eine Tanne,
die sich stark und gerade zu den Wolken erhob.

"'Höre die Geschichte dieses Baumes,' sagte er, 'vergiß nicht, eine
Lehre für Dich darin zu finden, und wende sie, die von oben kam, hier
unten an. Auf seinen Flügeln trug der Westwind die Samen zweier Tannen
bis zu jenem Hügel, und bald entschlüpfte das Leben dem Kerker und
erschien grün und frisch in den Strahlen der Sonne. Die eine von ihnen
war bezaubert vom Anblick des blauen Himmels, von seinem wunderbaren
Glanz, und beschloß, sich bis zu ihm zu erheben. Sie strengte alle ihre
Kräfte an, sie wuchs, zum Neide ihrer Nachbarn, mit fabelhafter
Geschwindigkeit zu nie gesehener Höhe. So lange nur der Zephyr mit ihr
spielte, freute sie sich ihres Wachsthums, doch als der Sturm nahte,
schlug sein hochgeschwungenes Scepter mit einem einzigen Schlag den
ehrgeizigen Stamm zu Boden. Sein Genosse war viel kleiner als er; er
hatte, während er wuchs, nie seinen Ursprung vergessen und fest die
Wurzeln in die Erde gesenkt; er widerstand dem Sturm, er wuchs empor, er
sah Jahrzehnte ihn bewundern, doch nie in seinem höchsten Ruhm vergaß er
die Erde. Des Himmels heiliges Licht nährte ihn, doch was er empfing,
gab er der Erde als Kraft und Gesundheit zurück, sie brachte seinen
Wurzeln den Saft und er gab ihn als Schönheit und Größe dem Himmel
wieder.'

"Ich liebte die Lehren meines Predigers, ich dachte ihrer stets, und ich
schämte mich sehr, wenn ich bei der Rückkehr von meinen langen einsamen
Spaziergängen keinen guten Rath für den, der ihn bei mir suchte, kein
Hilfsmittel für den Leidenden, keinen Trost für meinen Kummer gefunden
hatte, kurz, wenn ich keinen Gedanken der That aus meinen dunklen
Wäldern heimbrachte. Wie gut verstand ich die Sage der Alten von der
Göttin der Wälder, deren Diener auf glühenden Kohlen schritten, ohne
sich zu verbrennen; die Kohlen sind die Proben des Lebens, die ihre
geflügelten Füße kaum berühren. Und doch bin ich ein Weib, der Kreis
meiner Thätigkeit ist eng begrenzt; es kommt vor, daß ich nur mein Herz
zu untersuchen habe, daß mein Rath, meine Hilfe nicht gefordert wird,
dann denke ich manchmal an alles das, was mein Prediger mir zu sagen
hätte, wenn ich über andere gestellt wäre, wenn ich einer jener Männer
wäre, die von Tausenden gesehen werden, an denen die Hoffnung von
Tausenden hängt, von denen sie mit Recht Glück und Trost verlangen; wie
viel würde er zu thun haben, um mich von Stadt zu Stadt führen, ihre
Einrichtungen, ihre Leiden, ihre Wünsche kennen zu lernen, um meine
Gedanken von der Hauptstadt zum Dorf, von Verbrechen des einen zur
Arbeit des anderen zu führen; zu wissen, ob der Bürger Handel treiben,
der Bauer sein Feld bestellen kann, ob die Behörden der Gerechtigkeit
dienen, die Tatkraft das Grundgesetz des Landes ist, was der Boden trägt
und tragen könnte; ferne Reiche aufsuchen, um dort zu finden, was dem
meinen nützlich und angenehm sein könnte; die Universitäten, die Schulen
im Auge behalten, um in der jungen Generation den Samen einer ernsten
Erziehung zu säen, den Keim einer einfachen, starken Moral
einzupflanzen.

"Doch genug der Predigt! Vorwärts ihr kleinen Nymphen des Waldes, ihr
kleinen Dämonen der Unterwelt, ihr kleinen Elfen der Blumen und des
Wassers, zu euren Tänzen, euren Spielen und Possen! Bringt uns die
Freuden eurer Wälder und Haine, naht euch auf den Sonnenstrahlen, die
durch die Blätter tanzen, die sich hinter Baumstämmen verstecken und die
sich, wenn man sich gut mit ihnen stellt, auf dem Papier, dem Antlitz,
den Augen niederlassen; schnell eine Wendung, und die Schatten breiter
Blätter zeichnen sich auf dem Schoß, ein leiser Westwind rührt den Zweig
und wieder tanzt der Sonnenstrahl vor Dir, entreißt Dir neckisch den
eben gewonnenen Gedanken und entflieht mit ihm. Du streichst mit der
Hand über die Stirn, Du erfaßst ihn wieder, Du bringst ihn zu Papier --
husch -- ein kleiner Dämon wirft Dir eine Hand voll geflügelter
Teufelchen zu: rote, grüne, blaue, bunte, vielfarbige, kurze und lange,
kleine und große, eine ganze Sammlung niedlicher Käfer, des Ansehens
wert. Jetzt gilt's ein wenig träumen -- da schleudert ein Dämon, ein
böser Dämon einen mächtigen Raubvogel durch die Lüfte gerade auf eine
arme Taube zu, nun fühlst Du die Erschütterung des Trauerspiels in
Deiner Seele, Dein Herz schlägt, Du nimmst die Partei der Schwachen, Du
möchtest der Unschuldigen zurufen: Komm zu mir, ich kann Dich
beschützen! -- aber der Räuber und seine Beute sind verschwunden, der
Ausgang bleibt Dir unbekannt -- man denkt noch einen Augenblick an den
Tod, an die rohe Gewalt, an das Unglück, um zu seinem Buch
zurückzukehren. Man läßt die Käfer summen, die Sonnenstrahlen auf der
Stirn tanzen, man sieht nicht einmal nach dem Eichhörnchen, das sich vor
unserem Anblick erschreckt, man will lesen -- Nymphen, Dämonen, Elfen
tanzen und spielen, man beachtet sie nicht, da sammeln sie einen Vorrath
süßer Gerüche, sie suchen in den Tannen, den Blumen, im Heu, in der Luft
und kehren beladen zurück -- lebt wohl, Fleiß, Buch, Ernst, tiefe
Gedanken -- die Träume kommen wieder und all die kleinen Geister der
Natur triumphieren! O, diese lieben kleinen Schauspieler, die Niemand
bezahlt, diese reizenden Feuerwerke, die keinen Pfennig kosten, diese
geistreichen Unterhaltungen ohne Verleumdung und Klatsch, diese
frischen, strahlenden Gewänder, die keinen zu Grunde richten, dieser
liebliche Duft in all den weiten Räumen, diese herrlichen Konzerte der
selbstlosen kleinen Sänger! -- Nun, mein Herr, was sagen Sie zu den
heimlichen Freuden dieser melancholischen Einsamkeit? Ich biete Ihnen
Oper, Drama, Ballet, Feuerwerk, ich biete Ihnen Unterhaltung, Predigt
und Farben und Diamanten, soviel Sie wollen, und lebende Blumen und
wahre Freuden, und all das stark und schön und groß, und doch habe ich
noch die Seele des Freundes vergessen, der dazu gehört, das Herz, das
ein Theil des unseren ist, die Augen, die die unseren widerspiegeln, die
sanfte Hand, die unsere Thränen trocknet; ich will nicht davon sprechen;
für den, der es erfuhr, ist es bekannt, daß Gott uns über solche Freuden
schweigen heißt, er gab uns keine Worte, um sie auszudrücken.

"Ich bin nur eine alte Prophetin an dem Altar des Lebens, der Kummer hat
mich inspiriert, im Kummer vertrieb ich mir selbst die Mittel dagegen
und ich habe sie erprobt. Sie, Sie sind jung, es ist gut, es ist
natürlich, daß Sie die Städte und die Welt und die Sonne und die
lachende Landschaft lieben, deren Freuden keine Mysterien sind; doch all
das thut den Augen weh, die viel geweint haben, sie brauchen Schatten
und Stille; nach einem erfahrungsreichen Leben zieht mein Alter die
Bäume den Thürmen und Dächern, die Dekorationen des Schöpfers denen der
Menschen vor.

"Doch ich sehe voraus, daß mein Predigen, mein Klagen und Fabeln die
Faden Ihrer Geduld fast ganz zerrissen hat; zunächst den, welchen Sie
meinem Alter gewährten, wie meinem Geschlecht und meiner Freundschaft;
so halte ich mich nur noch an dem einen starken Faden Ihrer Güte, wenn
dieser mich nicht aus dem Abgrund der Ungnade emporzieht, bleibt mir
keine andere Hilfe und ich verliere die Hoffnung, mich ferner nennen zu
dürfen

Ihre ganz ergebene

Schwätzerin vom Walde."


Der zweite Brief war auch an einen jungen Freund gerichtet:

"Denken -- --. Unter zehn Menschen können nicht zwei denken, und ein
richtiger, wahrer Denker findet sich noch unter tausend nicht -- und
ich sage tausend Deutsche -- die denkendste unter allen Nationen.
Denken -- die meisten Menschen haben noch keinen Begriff, was dieses
Wort in sich faßt -- alle Fähigkeiten des Geistes auf einen Gegenstand
heften, ihn durchdringen, ihn von allen Seiten beleuchten, ihn dem Für
und Wider des Scharfsinns wie einer Wasser- und Feuerprobe unterwerfen
-- ihn durch anderer Menschen Weisheit behutsam durchsichten und dabei
recht Acht haben, daß uns nichts Falsches imponiere, nichts nur
Liebliches irre leite, daß nichts Äußerliches uns unterjoche -- die
Vernunft als Mentor nie aus dem Auge lassen -- dann das Herz reinigen
von Nebenabsichten und in letzter Instanz an das Gefühl als Bestätiger
appellieren -- dies ist, meines Erachtens, der Prozeß des guten und
nützlichen Denkens.

"Zuerst sei unser Denken auf uns selbst gerichtet -- wir sind das
wichtigste Studium für uns selbst. Haben wir schon einen Charakter
oder nur die Fähigkeiten dazu? d. h. ist unser Inneres mit bestimmten
Strichen gezeichnet und hingestellt -- oder ist es noch ein Chaos, in
dem sich die Elemente kreuzen, stoßen, verwirren? Wissen wir schon, was
aus uns werden kann und muß? oder haben wir von der Wiege an Tag für Tag
hingespielt und genießend oder leidend hinweggelebt? Haben wir einen
Lebenszweck? Stehen wir und unsere Bestimmung als Ganzes vor uns?
Sind wir Arbeiter oder Müßiggänger im Weinberge des Herrn? -- Was haben
wir gethan, seitdem wir von der Welt etwas wissen? was haben wir in
unserem Beruf geleistet? was haben wir vor allem an uns selbst
hervorgebracht? welche Fähigkeit entwickelt, welche Fehler
zurückgeworfen, welche Tugend gekräftigt? Haben wir uns ein Bild gemacht
von uns selbst, was wir erreichen können, haben wir danach gestrebt, es
einst in höchster menschlicher Vollkommenheit darzustellen? -- und
dürfen wir ohne zu erröthen uns selbst im Innersten der Seele beschauen?
Und wenn nein auf alle diese Fragen erfolgte, und wenn wir noch nichts
gedacht, erreicht, begonnen oder erstrebt hätten -- nun denn frisch ans
Werk -- es ist immer Zeit; aber klar und stark und muthig muß man daran.
Wehe dem, der sich nicht herausraffen kann aus der schlaffen
Sinnesexistenz, wehe dem, der seine Kräfte versauern läßt im Kochtiegel
des täglichen Wasser- und Brodlebens, er wird auch an das Lebensziel
angeschlendert kommen, d. h. er wird gegessen, getrunken, geschlafen
haben und dann gestorben sein, aber er weiß nichts von neuen blühenden
Gefilden im innersten Sein, er weiß nichts von den reichen Fruchtgärten
der Wissenschaft, er weiß nichts von dem edeln Selbstgefühl, das zu Gott
aufsieht und sagt: Herr, ich war ein Kind, und vor dir und durch dich
bin ich zum Manne geworden; Herr, ich war arm, und vor dir und durch
dich bin ich reich geworden; Herr, ich klebte an der Erde und war
erdrückt von ihren Sorgen und ihrem kleinen Treiben und ihren elenden
Interessen, und vor dir und durch dich habe ich mich emporgeschwungen
und kenne eine höhere Heimath und ein höheres Ziel! Wie ruhig schaut der
irdisch vollendete Mensch auf die Ewigkeit; und wäre sie nicht, und
täuschte uns die eigene Seele über eine Zukunft ihres Lebens, doch
hätten wir auch hier schon schöneren Gewinn, denn so eng ist die Tugend
und das Recht in der Sphäre unserer irdischen Laufbahn mit der höheren
Tugend, die nur auf die Ewigkeit ihre Kreditbriefe zieht, verschwistert,
daß der Mensch, der in sich hoch steht, schon einen erhöhten Standpunkt
im Kreise der menschlichen Gesellschaft einnimmt, und er wird ihm
instinktmäßig von seinen Mitmenschen ohne Gesetz und ohne Zwang
eingeräumt. Dieselbe Weisheit, die seine eigene Seele erzieht,
dieselbe Vernunft, die seinem Herzen Gesetze giebt, thut sich auch
kund in den Handlungen, die er in die äußere Welt hinausschickt, so wird
ohne sein Zuthun, ohne weltliches Interesse sein Wirkungskreis
erweitert, weil er in stetem Verkehr mit seiner Vernunft ist, werden
auch seine bloß weltlichen Handlungen vernünftig sein. Weil er denken
gelernt hat, wird er auch die täglichen Lebensereignisse besser
durchdenken und leiten können als sein nicht denkender Bruder, und so
dient ihm zum irdischen weltlichen Wirken das erstrebte Große in seiner
Brust. Dem Nebenabsichtslosen vertrauen die Menschen, den eisern
Tugendhaften suchen sie sich zur Stütze, dem Wahren glauben sie, dem
Edlen unterwerfen sie sich; hat also der Mensch sich selbst bemeistert,
erkannt und gebildet, so fällt ihm von selbst die Herrschaft über andere
zu, und nun kann er sein Leben ausfüllen, nun kann er Gutes stiften, nun
kann er jeden Tag einen Kranz des treuen, guten Wirkens auf den Altar
seines Gottes legen -- da ist das Leben nicht mehr leer, öde und wüst
und langweilig, da braucht man des Frivolen nicht mehr, um die schöne
heilige Zeit zu tödten, sie zieht nicht mehr zürnend, rächend, strafend
vorüber, sie schüttet freundlich ihr Füllhorn aus vor unsere Füße, und
jede Stunde winkt gern ihrer Schwerer, daß sie uns neue Gaben spende.
Dann erst sehen wir mit tiefem, wahrem Jammer hin auf die armen
Menschen, die so gar nichts vom eigentlichen Leben wissen, und wir
möchten sie herbeirufen und heranziehen und ihnen die Schätze in ihrer
eigenen Seele zeigen, und ihnen begreiflich machen, daß sie die Tasche
voll Dukaten haben und sich mit Zahlpfennigen herumplagen. Wohl dem, der
dieser Stimme folgt und nicht blind ist seinem eigenen Heile, der nicht,
wie Mummius in Athen und Korinth, sein reichliches Mahl verzehrt und den
Beutel mit schlechten Drachmen füllt, während die schönsten Werke des
Alterthums unbeachtet oder verstümmelt oder mit roher Gleichgültigkeit
auf den Straßen gelassen oder auf die Schiffe als Ballast gepackt
wurden.

"Was oft den ersten Schritt hindert auf dem Wege der Selbsterkenntnis
und der Veredelung, ist ein gewisses Ungeschick im, ich möchte sagen,
Mechanischen des Werkes, man weiß die Art, die Stunde, die Gelegenheit
nicht; aber Gelegenheit ist der erste Gedanke und Entschluß, jede
Stunde ist gut, und die Art verlangt nur Beharrlichkeit, Geduld und
Klarheit. Man setzt sich hin und beschaut seine Seele wie einen fremden
Gegenstand, man macht sich eine Liste der Fehler, der guten
Eigenschaften, der Schwächen, der Fähigkeiten, die man hat. Ist man
heftig und aufbrausend, so muß dieser Fehler ganz gemildert werden --
das thut die Vernunft, wenn man ihr ununterbrochene Wache gebietet --,
und ist er gemildert, so muß von seinem Feuer so viel Kraft übrig
bleiben, daß es unsere Thätigkeit aufregt und uns frischen Enthusiasmus
für das Gute giebt; ist man neidisch, so muß dieser Fehler total weg,
davon kann kein gutes Hälmchen kommen, er muß mit der Wurzel heraus --
zu diesem braucht man nicht allein Vernunft, sondern auch Gefühl; da muß
die Nächstenliebe eingreifen und gestärkt werden und mit
ununterbrochener Sorge wachen, daß der häßliche Gast unter keiner Form
und keiner Maske sich einschleiche. Ist man faul, so muß dieser Fehler
total weg, denn nichts Gutes gedeiht dabei; dazu gehört nur
Consequenz und eine unerbittliche Disziplin über den Fehler; man muß
sich vorschreiben wie einem Kinde, was an jedem Tage gethan werden soll,
und dieses muß ohne einen Erlaß Monde und Jahre durchgeführt werden.
Ist man leichtsinnig, so muß der Ernst herausgebildet werden, dazu ist
Denken, fortgesetztes Beschäftigen mit gehaltvollen Büchern und
Männern der Weg; doch kann dieser Fehler bis zur Tugend gemildert
werden, und es darf uns der philosophische leichte Sinn bleiben, der
unnöthige Sorgen über Bord wirft, übertriebenen Schmerz nicht
aufkommen läßt und uns durch Abwenden oder heiteres Aufnehmen der
Schattenseiten des Lebens die innere Kraft zum Wirken erhält.

"Sind wir nun im Reinen mit unseren Fehlern und Mitteln dagegen, so
müssen wir eine ebenso strenge Prüfung unserer Fähigkeiten vornehmen,
damit wir unser Pfund nicht vergraben.

"Haben wir uns so nach jeder Richtung geprüft, so haben wir zunächst
einen Blick auf die uns umgebende Welt zu werfen, um zu sehen, was wir
in Bezug auf sie wirken können, was ihre Hauptmängel sind, wo wir ihnen
abhelfen können; der Frau ist ein enger Kreis gezogen, aber weit genug,
um ihr Leben, ihre Seele, ihre Bestimmung auszufüllen -- so verzweigt
mit seinen Wurzeln in die ganze Welt und die ganze Zukunft, daß ihr
stiller magischer Einfluß unberechenbar in seinen guten und schlimmen
Wirkungen ist. Dem Manne ist die ganze Welt offen, und auf einmal
tritt sie ihm entgegen, da beschaue er sie vom engsten Kreis aus in
immer sich ausdehnendem Bogen, bis daß er an die fernsten Ufer mit
seinen Gedanken reiche; er möge denselben Proceß ausführen wie der
Stein, den man ins Wasser wirft: von seinem Centrum aus bilden sich
Kreise, die vom engsten zum weitesten nach und nach das entgegengesetzte
Ufer berühren. Er betrachte mithin zuerst seine nächste Umgebung, prüfe
ihr Thun und Treiben, den Grund, den Erfolg desselben, den Geist, der
sie beseelt, frage sich, was sie leisten und ausführen, was sie sind und
werden, was sie sein sollten und könnten -- und diesem Gedanken
schließt sich unmittelbar der an: was kannst du zu ihrer Förderung thun?
Und so ist das erste Glied geschmiedet, das unsere Veredelung mit der
Veredelung des Nebenmenschen verkettet. Hier fängt schon der Einfluß
eines stillen Beispiels an. Nun blicken wir weiter um uns und machen uns
bekannt mit dem Staat, in dem wir leben, überlegen uns seine Thätigkeit
und seine Mängel, ob und was wir dabei zu wirken fähig sind oder
werden können; jetzt schon erklären wir innerlich den Krieg allem
unredlichen Treiben, allen Irrungen, allen Übelständen -- der Kreis
dehnt sich aus. Sind wir Deutsche, so liegt uns nun Deutschland als
Ganzes am nächsten, das Verhältniß unseres Staates zu den
vaterländischen Nachbarstaaten, ihr Einfluß, ihr Zustand, ihr
Fortschritt -- nun muß nothwendig die Geschichte uns zur Seite stehen,
damit wir die jetzigen Zustände aus den früheren entwickeln und
beurtheilen und die Wurzel der Übelstände kennen lernen, um sie
womöglich ausrotten zu helfen, und die Wurzel des Guten, um sie zu
schonen. Von Interesse zu Interesse steigert sich schon in uns die
Wißbegierde aufs Höchste, unsere Kreise erweitern sich, unsere Ansichten
gewinnen neue Formen, unsere Erkenntnis bildet neue Regionen, und schon
ist ein tieferes, gehaltvolleres Leben in uns eingegangen, ohne daß wir
noch die philosophischen und politischen Höhen erstiegen haben.

"Jeder Fähigkeit sind ihre besonderen Wissenschaften angewiesen. Haben
wir uns geprüft, unseren Geschmack und unsere Kräfte erwogen, so
entscheiden wir uns für einen oder zwei Zweige, und diese treiben wir
nun mit Ernst und Eifer. Wir müssen uns nach den besten Büchern in
diesen Zweigen erkundigen, nach den Autoren, die darüber geschrieben
haben; wir machen eine Liste von ihnen, um sie nach und nach
durchzunehmen, wir nehmen ein Werk und machen Auszüge, ein anderes lesen
wir nur durch, je nachdem wir es rathsam finden -- schämen uns vor uns
selbst, wenn wir uns von den Schwierigkeiten abschrecken lassen,
erlauben uns nicht, feuern uns immer von Neuem an und werden so nach und
nach ein tüchtiger, brauchbarer, befriedigter Mensch, dem seine
Stellung in der Gesellschaft und in der Welt nicht fehlen kann, -- weil
leider diese Klasse noch sehr in Minderzahl steht -- und der mit Ruhe,
Zuversicht und Hoffnung jeder Zukunft in die Augen zu sehen vermag."

Die Ratschläge, die sie hier anderen erteilte, hatte sie selbst befolgt
und erprobt. Für sie gab es jenen Widerspruch nicht, durch den wertvolle
Menschenkräfte der Wirkung auf die Allgemeinheit so oft entzogen werden,
jenen Widerspruch zwischen einem bis in seine letzten Konsequenzen
verfolgten Individualismus, der sich die Ausbildung des eigenen Ich zum
Ziele setzt, und dem sozialen Altruismus, der im Wirken für andere seine
Aufgabe sieht. Verfolgen wir Jenny in ihrer Selbsterziehung, die sie so
früh schon zu einer harmonischen Persönlichkeit machte, so dürfen wir
freilich nicht aus dem Auge lassen, unter welchen günstigen äußeren
Bedingungen sie aufwuchs: Nur an den großen Schmerzen und Kämpfen des
Herzens und des Geistes entwickelte sich ihre Kraft; jene quälenden,
zehrenden Nöte des Lebens, die Sorgen ums tägliche Brot, die schon im
Kinde, das der Angst der Eltern zusieht, die besten Keime ersticken
können, kannte sie nicht. Noch andere Ursachen aber mußten
zusammenwirken, um sie zu dem werden zu lassen, was sie war. Ein
Durchschnittsmensch wird weder durch den Reichtum geistiger Anregungen,
der ihm zuströmte, noch durch die bittere Erfahrung getäuschter
Liebeshoffnungen, die ihm zuteil wurde, solcher Entwicklung teilhaftig
werden. Lebt doch so mancher inmitten geistigen Überflusses und bleibt
selbst blutarm, und anderen begegnet ein großes Geschick, um, wie es
scheint, nur ihre Kleinheit durch den Vergleich besonders scharf
hervorzuheben. Jennys Natur dagegen war ein fruchtbarer Boden, dessen
Atem nach dem Gewittersturm doppelt erquickend ist, weil er den ganzen
Reichtum der Früchte ahnen läßt, den er hervorbringen wird. Ihre
natürliche Anlage war es, die sie befähigte, aus allem -- dem Guten und
dem Bösen, den Menschen und den Büchern -- den für das Wachstum ihres
Geistes und für die Bereicherung ihres Herzens nötigen Nährstoff zu
saugen.

So wenig sie über sich selbst geschrieben hat -- im Unterschied zu der
Mehrzahl der Memoirenschreiber, bei denen die Lebens- und Seelenanalyse
der eigenen Person stets im Vordergrund steht -- so läßt sich die
Bedeutung dieser Seite ihres Wesens für ihre Entwicklung ziemlich genau
nachweisen. "Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer
du bist", das gilt für die lebendigen wie für die toten Freunde -- die
Bücher.

In ihrem oben zitierten Brief legt Jenny ihnen im Hinblick auf die
Selbsterziehung die größte Bedeutung bei. Die Lektüre war für sie nicht
eine Ausfüllung müßiger Stunden, und danach richtete sich auch ihre
Auswahl. Mit Hilfe der schöngebundenen, mit zierlicher Goldpressung
versehenen, von anmutigen Bronzeschließen zusammengehaltenen Quartbände,
die Jenny mit Auszügen füllte, läßt sich nicht nur verfolgen, was sie
las, sondern auch wie sie gelesen hat. Da sind Seiten und Seiten mit
Auszügen aus Byrons, Scotts und Shelleys Werken gefüllt. Aber bald
darauf zeigt sich schon, daß die Beschäftigung mit den englischen
Dichtern sie zu England selbst geführt hat: Auszüge aus historischen und
kulturhistorischen Werken folgen, denn mit jenem Feuereifer, den sie bei
allem entwickelte, was sie ergriff, studierte sie englische Geschichte.
Ihr Interesse und ihre Sympathie für England, für seine demokratische
Verfassung, seine Art der Erziehung, der Armenpflege, der sozialen
Gesetzgebung wurden dadurch geweckt und blieben dauernd lebendig; die
politische Überzeugung ihrer späteren Jahre wurzelte in diesen
Jugendeindrücken.

Von den deutschen Dichtern steht Goethe, was die Häufigkeit und den
Umfang der Auszüge betrifft, an erster Stelle, Schiller findet sich
seltener, dagegen Jean Paul um so häufiger; selbst Zacharias Werner, der
wie seine Freundin Schardt katholisch geworden war und dessen "Kreuz an
der Ostsee" viel gelesen wurde, erscheint neben den Klassikern. Sehr
früh schon -- ein Zeichen für das persönliche künstlerische Empfinden
Jennys, das Schönes selbständig zu finden wußte -- wird Grillparzer und
Heinrich Heine zitiert. Einen weit größeren Raum aber als Poesien nahmen
Prosastellen ein. Goethe erscheint wieder als der Bevorzugte, auch die
Briefwechsel mit seinen Freunden, die Schriften, die über ihn
erschienen, verfolgte sie genau. Zuweilen werden auch die Eindrücke, die
die Bücher hervorriefen, kurz festgehalten. So schrieb sie über Goethes
Briefe an Lavater:

"Für das große Publikum sind vielleicht diese Briefe von keinem großen
Interesse, für das deutsche Publikum aber von dem allergrößten, denn
wenn auch die eigentlich bedeutenden und kräftigen Gedanken in zehn
Seiten zusammengefaßt werden können, so läuft doch durch jede Zeile die
jugendlich wirksame, strebende Kraft, welche unsere Litteratur und
Sprache gewaltsam aus dem Schlummer der Zeiten zu herrlichem Leben rief.
Der Riesengeist, der sich fühlt, das Jünglingsherz, das sich innig an-
und aufschließt, die reife Männerseele mit der großartigen Toleranz und
dem sicheren Adlerblick, der planende Kopf, der die Zukunft mit Schönem
bevölkert, der feine, satirische Witz, der den Mephisto schuf -- es
liegt Alles skizzirt in nicht zweihundert kleinen Seiten. Und dann
welches Leben und Regen, welches geistige Zusammenleben, welcher
Frühlingshauch von Luft und Frische! Es kam mir vor, als ob ich unter
Gräbern wandle, und auf einmal zöge sich vor mir ein Vorhang auf, und
Karl August, Herder, Wieland, Lavater, Jacobi etc. etc. ständen lebendig
vor mir.

"Es war nur Traum, denn bloß Knebel ist noch nicht hinter den großen,
dichten, räthselhaften Vorhang getreten!"

Und über Schillers Leben von Frau von Wolzogen:

"So, ganz so, wie sie ihn schildert, stand Schillers Bild seit meiner
frühesten Jugend vor meiner Seele, so rein, so groß, so erhaben über
alles Kleinliche schwebte mir sein edler Geist vor, und in jeder Zeile
fand ich eine Ahnung meines Herzens in schönste Wirklichkeit getreten!

"Mir fällt dabei ein, was Goethe zu Ottilie sagte, als sie meinte,
Schiller langweile sie oft: 'Ihr seid viel zu armselig und irdisch für
ihn!'"

Herder, Schleiermacher, Schelling, Jean Paul sind weiter viele Seiten
gewidmet, und wenn wir ihren Inhalt prüfen, ihn mit den französischen
Abschriften aus Chateaubriands und Lamartines Werken zusammenstellen, so
geht die Neigung Jennys zu religiöser Vertiefung, ihre Sehnsucht nach
einem festen Gottes- und Unsterblichkeitsglauben deutlich daraus hervor.
Von jener Zeit sprechend, heißt es in einem ihrer Briefe an mich: "Als
ich zwanzig Jahre alt war, schrieb ich mein Glaubensbekenntniß, das also
begann: Ich verehre den Gott, den Pythagoras verehrte," und in einem
anderen: "Mein Verstand befand sich mit meinem Gefühl dauernd im Streit;
Beide thaten einander weh wie bittere Feinde."

Neben den philosophischen Schriften gehörten naturwissenschaftliche zu
ihrer bevorzugten Lektüre, und auch an Auszügen aus Memoiren und
Reisebeschreibungen fehlt es nicht. In bezug auf die erstgenannten
bevorzugte sie die französischen, besonders alles, was sich auf
Napoleons Zeit bezog. Unter den Reisebeschreibungen wurden den Auszügen
aus Fürst Pücklers "Briefen eines Verstorbenen", die leider heute zu den
vielen vergessenen guten Büchern gehören, viele Seiten gewidmet. Pückler
war ein alter Weimaraner und Jenny persönlich gut bekannt, was ihr
besonderes Interesse an ihm erklären dürfte. Charakteristisch für sie
ist folgendes Urteil über ihn, das sie 1833, also mit 22 Jahren,
niederschrieb: "... Ich kann nicht leugnen, daß ich seine Briefe mit
wachsender Sympathie gelesen habe. Wie oft habe ich sein Gefühl und
seinen Geschmack für die Natur, die reine ungekünstelte Natur,
mitempfunden, und die Leere in der großen Welt, die doch durch ein
unwiderstehliches Beobachtungsbedürfniß bei heitrer Stimmung eine
philosophische Ausfüllung findet, und dann dies Gefühl von Einsamsein
unter Menschen, und vereint mit allen Lieben in der einsamen Natur. Es
liegt eine tiefe Religiosität in der Seele dieses geistesadligen
Menschen, und ich habe durchaus nicht jene Frömmigkeit vermißt, wegen
deren Mangel ihn die Pietisten verdammen. Starke Geister mögen ihre
menschenrechtlich angeborene Freiheit benutzen, um sich ihren Glauben
selbst zu bilden ... In vielen kleinen Geschmackssachen habe ich meine
Meinungen, ja oft meine Worte gefunden, in Frauen- und Gartenschönheiten,
in seiner Ansicht über Häuslichkeit und geselliges Leben. Auch in
größeren Dingen: seinem poetischen Aberglauben, seiner Geister-Ahnung
und seinen metaphysischen Träumen über Seelenwanderungen, vor allem auch
in seiner Bewunderung Napoleons und seiner Entrüstung über das seiner
Familie bereitete Ende."

Daß bei der jungen Aristokratin, die den beginnenden Kämpfen um die
Rechte der Frauen persönlich zunächst fernstehen mußte, das Verständnis
für deren geistige Bedeutung in vollstem Maße vorhanden war, zeigt ihre
Beurteilung jener drei Frauengestalten, die als letzte Repräsentantinnen
der Romantik gelten können, von denen zwei jedoch, auch von der fernen
Warte unserer Zeit aus betrachtet, als Führerinnen in die neue Welt der
Frau angesehen werden müssen: Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim und
Charlotte Stieglitz. Im Anschluß an Varnhagens Buch des Andenkens an
Rahels Freunde, an Bettinas Briefwechsel Goethes mit einem Kinde und an
Theodor Mundts Madonna, Gespräche mit Charlotte Stieglitz -- jener
unglücklichen Frau, die sich das Leben nahm, weil sie glaubte, die durch
ihren Opfertod hervorgerufene ungeheure Erschütterung würde ihren
geliebten Gatten aus geistiger Lethargie erwecken -- schrieb Jenny das
folgende über sie:

"Drei wunderbare Erscheinungen im weiten Bereiche der Litteratur und
Psychologie sind in neuerer Zeit wie glänzende Meteore in der Frauenwelt
Deutschlands erschienen; die tiefe Beschaulichkeit des Nordens mit
seiner sinnenden Philosophie, mit seiner nebelhaft ossianischen
Ideenpoesie, mit der schwärmerischen Aufopferungslust, mit allen Reizen
und Gefahren der reinen Geistigkeit, stehen feenhaft, hinreißend, in
tief empfundener Seelen- und Herzensverwandtschaft vor den deutschen
Frauen. Jedem der drei Genien in ihrer Größe und in ihren Irrthümern
tönt ein leiser, geistiger Schwesterngruß aus dem heiligsten Innern
ihrer Landsmänninnen entgegen. Unberechenbar ist daher der Eindruck, das
Fortwirken dieser Bücher auf die Frauenwelt: als geistige
Heerführerinnen treten diese Erscheinungen an die Spitze der sich längst
im stillen Sinnen, Bilden, Denken emancipirenden Frauen Deutschlands;
sie erkämpften sich mit ihrem Geist Sitz und Stimme unter den
Intelligenzen ihres Landes, sie räumten den Platz zu dem einflußreichen,
weiblichen Wirken, was zwar höher in Deutschland anerkannt ist als in
allen anderen Ländern Europas, was aber doch noch lange nicht zu seiner
Blüthe, zu seinem eigentlich angemessenen Umfang sich entfaltete. Sie
zeigen, wie die reine, nebenabsichtslose, unegoistische Seele der Frau
in jede Geistesfaser eingreifen kann, sie zeigen die Gewalt ihres
Denkens, ihres Fühlens, ihres Wollens und Vollbringens. Sie fordern
durch ihre weise Erkenntniß und klare Auffassung, ja, mehr vielleicht
durch ihre Irrthümer, die Bildung, die ihren Geist von den Schlacken des
Falschen befreien und in lichtem Wissen und Erkennen darstellen kann;
sie fordern die sorgsame Beachtung ihres intellectuellen Fortschreitens,
um ihres edlen Selbstes willen; sie fordern sie mehr noch als Mütter der
Vaterlandssöhne, als Geliebte seiner Jünglinge, als Gattinnen seiner
Männer. Sie treten hervor in aller Würde ihrer Geistesmacht, und ist
auch seit den ältesten Zeiten die Stellung der deutschen Frauen ihrer
Bestimmung und ihrer inneren Höhe angemessener gewesen als in anderen
Theilen der Welt, hat sich auch gern der deutsche Mann in Liebe und
Verehrung vor ihrer Reinheit gebeugt, so war doch im Allgemeinen ihre
Schätzung noch viel zu sehr auf das bloß dienstbare häusliche Wirken,
nicht eigentlich auf die Würde ihrer Bestimmung, auf die Macht ihres
Einflusses gerichtet.

"Jetzt, in dem Jahrhundert der Berechnung und eines oft kleinlichen
Nützlichkeitsprincips, tritt die große Seele einer Rahel an das Licht
der Welt, mit dem Princip des allgemein Großartigen, des ewig Rechten,
mit der einzigen Berücksichtigung des Wahren, mit der enthusiastischen
Liebe des Schönen und Guten. Sie geht umher in Ländern, in
Verhältnissen, in Charakteren mit der gigantischen Fackel, die sie am
Altar der Wahrheit entzündete; sie beleuchtet das Kleinliche, Lügenhafte
und Elende vor der ganzen Welt, und manches Johanniswürmchen, das uns
ein Edelstein schien, stellt sie auf seine Füße, und es wird dunkel, und
manchen Edelstein, den wir für einen Kiesel hielten, schleift sie
zurecht, und er wird leuchtend. Sie selbst greift mit ihrer Philosophie
in das Leben ein, ihr Denken wird zur That, und wie sie mit ihrem Geiste
in anderen Seelen unermüdlich Geistesfunken weckt, wie sie das
kleinliche Interesse in allen Herzen abzustreifen sucht, wie sie im
Kreise ihrer Pflichten beglückt und wirkt, wie sie ohne aus ihrem
weiblichen Beruf herauszutreten, das Große in den Männern fördert und
die kleinen Räder der Staatsmaschine, die ihrer Sorgfalt anvertraut
sind, fleißig von jedem Stäubchen reinigt, ohne die schwache Frauenhand
in die großen Räderwerke zu wagen, bei einem doch so richtigen Blick in
die großen Verhältnisse, so steht sie in dem praktisch häuslichen Kreise
mit voller Berufskenntnis da, in schweren Kriegszeiten die Trösterin und
Pflegerin der Verwundeten, die Retterin der Elenden, Arzt, Näherin,
Wartfrau, Bittende bei Reichen, Ermunternde bei Armen, ohne Ruhe und
Rast, voll Einsicht und ununterbrochener Aufopferung, unbekümmert um
ihre eigenen Körperleiden, unbekümmert um Dank oder Undank, die
Gutesthuende um des Guten willen, die echte, wahre, reine deutsche Frau!

"Nicht nur aus ihrem Buch habe ich das Alles gelesen, in ihren Augen, in
ihren Worten, in ihrem ganzen Benehmen war es ausgedrückt. 'Da werdet
ihr Bedeutendes kennen lernen,' sagte Goethe zu uns. Einfach und ohne
Prätensionen trat sie auf, schien mit ihren klugen, forschenden Blicken
in unseren Seelen zu lesen, regte uns an zu frohem Geplauder, scherzte
und lachte mit uns und wußte nach und nach das Gespräch auf die höchsten
Dinge zu lenken. In wenigen Stunden lernte ich sie kennen und sie mich,
denn in der reinen Luft ihres Seins vermochte ich mich nicht anders zu
geben als ich war, mein Herz lag auf der Zunge, sie erreichte, was sie
wollte; denn ausgebreitet, wie der Entwurf eines Gemäldes, lag meine
Seele vor ihr.

"'So jung und schon so viel gekämpft,' sagte sie, 'kämpfen Sie
nur weiter, immer weiter; hüten Sie sich vor der Ruhe, der
Seelenbequemlichkeit; das giebt's nicht für uns. Faust ist auch in
weiblicher Gestalt vorhanden, in Ihnen, in mir.'

"'Ist nicht aber Ruhe das, wonach alles in uns strebt?' wandte ich ein.

"'Nicht Ruhe, Leben ist es und immer wieder Leben. Nur der allzeit
Lebendige, Wache, Thatkräftige erreicht große Ziele, übt große Wirkungen
aus. Glauben Sie nicht den Propheten der Ruhe, glauben Sie dem
Allmächtigen, der schaffend überall in der Natur ihnen entgegentritt.'

"'Aber ich bin Christin, möchte Christin sein,' bemerkte ich schüchtern,
'und dem folgen, der sagt: Meinen Frieden lasse ich euch!'

"Rahel sah mich gütig lächelnd an und erwiderte: 'Folgen Sie ihm
getrost, aber lernen Sie ihn verstehen. Den Frieden, den Christus meint,
übersetze ich mit Befriedigung. Sie allein giebt innere Ruhe, giebt
Kraft und Lebensfreude; sie wird aber auch nur durch Thätigkeit in uns
und außer uns, durch Pflichterfüllung, Gott und den Menschen gegenüber,
erreicht.'

"Das war meine kurze und doch nachhaltig wirkende Bekanntschaft mit ihr.
Varnhagen schenkte mir nach ihrem, ach, so schmerzlich beweinten Tode
das erste Buch 'Rahel', das nicht im Buchhandel erschien. Auch meine
Freundinnen Ottilie Goethe, Alwine Frommann und Adele Schopenhauer waren
dadurch erfreut worden.

"In der Absicht, unserem tiefgefühlten Dank würdigen Ausdruck zu geben,
schenkten wir ihm eine Schreibmappe, auf der ich Rahels schönen Traum
illustrirte. Sie träumte von einem ungeheuren Sturm, und mitten in den
Wogen ihr Lebensschiffchen; aber vom Himmel herab rollte der blaue
Mantel Gottes, sie fühlte sich als kleines Kind, legte sich in eine
große Falte des Gottesmantels und schlief ein. Einige Widmungsverse
begleiteten die Gabe. Unbegreiflich blieb mir immer, wie dieser Mann
der Welt, der Reclame, des Egoismus zu dieser Frau nach dem Herzen des
Höchsten passen konnte. Die Erinnerung an ihre reine Erscheinung wollte
ich mir durch den Verkehr mit ihrem Gatten nicht trüben lassen, deshalb
gab ich möglichst schnell die Correspondenz mit ihm auf. Das Buch, das
er mir gab, läßt mich jedoch dankbar seiner gedenken, und so oft ich es
aufschlage, weht Rahels lebendiger Geist mir daraus entgegen.

"Sie trat ein in unsere Krümel liebende Zeit, die gigantische, ganze
Seele. Es hebt sich die Brust der Frau, daß sie Frau, des Menschen, daß
er Mensch ist, und mit neuem Schwunge regt sich mancher Geist, und ein
großartiger Maßstab wird von Tausenden an die Bestimmung des Lebens, an
die Forderungen unserer Welt gelegt. Rahels magische Gestalt schwebt
über der Atmosphäre der Gebildeten, und vor dem leuchtenden Kreis ihres
Wesens zieht sich das Kleinliche beschämt zurück.

"Was soll aber in dem sogenannten vernünftigen, überpraktischen
Jahrhundert eine Bettina? Was will die kleine Elfe unter den
Nützlichkeitsmenschen? Was fördern ihre gaukelnden Tänze, ihre
Wipfelspiele, ihre Blumenpaläste? Sie schwankt mit den Elfenschwestern
ihrer Phantasie in goldenen, glänzenden Rebeln, sie singt ihre
Herzensphilosophie in das Wehen der Frühlingslüfte, zuerst an niemand,
für niemand, wegen niemand. Die Menschen sind ihr nicht da, von Zweck
und Nutzen hat ihr nichts geredet, die Sünde hat sie nicht gesehen,
Gesetz und Regel hat sie nicht gekannt; sie träumt, sie spielt, sie
liebt, sie singt in die Welt hinein, und ihre auserwählten
Spielkameraden findet sie in der Natur. So tanzt und schwebt sie auf und
nieder in Gottes großen Schöpfungswerken; man überlegt sich lange, woher
sie kam. Da ist's, als hätte man auf einmal die Sage singen hören, daß
einst an einem schönen Maientage viel deutsche Kinderseelchen zurück zum
blauen Äther kehrten, und als sie an die Himmelspforte kamen, überzählte
Petrus ihre Reihen und sagte: 'Eine ist zu viel, nur neun hat der Herr
gerufen.' Die zehnte sah betrübt hinab auf die kleine dunkle Welt: 'Es
ist so kalt, so farblos auf der Erde, und ist so warm und farbenreich
bei Gott!' rief sie weinend. Das Gebot aber war unumstößlich; da gaben
alle Kinderseelen ihre Poesie dem einen Erdbestimmten und sagten: 'Damit
schaffe dir Wärme und Farben auf der irdischen Welt, wir schöpfen
schnell aus ewigem Borne, was wir dir jetzt geben,' und traurig lächelnd
flog das Kind zurück. -- Dies ist die Seele, die in Bettinens Briefen
lebt und dichtet. Sie konnte als Kind wohl unter Blumen schwelgen und
wild und ungebändigt mit der Natur verkehren, doch das Kind ward
Mädchen, und das Mädchen liebte. Nicht wie Undine wird sie dadurch
gezähmt, nein, sie bleibt die wilde, ungestüme, unfügsame Kinderseele,
und nun paßt nichts mehr auf der ganzen Welt, nicht andere Menschen,
nicht Verhältnisse, nicht die Lebensweisen und nicht ihr eigenes Ich. Da
sucht sie in Natur und Poesie die Elemente, um sich einen
Herzensliebling zu schaffen, denn tief in ihrer Seele fühlt auch sie das
einfach große Wort: 'Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.' Als
sie fertig mit dem Bilde ist und es nun schön und groß vor ihrer
Phantasie vollendet steht und ihre Herzensgluth ihm Leben giebt, da
sieht sie sich nach einem Namen um. Mit dem herrlichsten, den sie
erfahren kann, 'Goethe', benennt sie ihren selbstgeschaffenen Gott. Sie
umgaukelt in Elfentänzen und mit Elfenliedern unseren Hohenpriester, und
ihn, den ernsten mit der Götterstirne, will sie als Schäfer mit in ihre
Tänze ziehen. Er reicht ihr wohl die Hand, er läßt sich von ihren Blumen
umduften, er läßt den Elfenreigen im Mondenschein an sich vorüber
ziehen, doch der Genosse der Elfe kann der greise Denker nicht sein!

"Im reinsten Lichte, in der einzig klaren, ungetrübten Atmosphäre steht
sie der Mutter ihres Weisen gegenüber; ganz herrlich, ohne Irrthum, ohne
Verkehrtheit, ohne Mißverstehen läßt das Leben diesen Bund. Doch Goethes
Mutter stirbt, die Jugend flieht Bettinen, aber ihre wilde Poesie
bleibt; ihr Wesen tritt nun aus aller Harmonie, unheimlich werden beim
ergrauenden Haupte ihre Spiele und Tänze, und, wie Varnhagen von ihr
bemerkte, die Elfe tritt zurück, die Hexe tritt hervor.

"In diesem Stadium lernte ich sie kennen. In leidenschaftlichster
Aufregung kam sie nach Weimar. Sie hatte in Berlin eine Klatscherei über
Ottilie gemacht, die ihr Goethe sehr übel nahm; sie wollte sich
entschuldigen, er beharrte dabei, sie nicht zu sehen. Ottilie, die immer
groß und gut war, aber nichts für sie erreichen konnte, räumte ihr
schließlich ein Kämmerchen im Gartenhaus des Stadtgartens ein, wo sie
den Zürnenden wenigstens aus der Entfernung sah. Nachher sprach ich sie.
Ihre großen Augen, die etwas Nichtirdisches an sich hatten, musterten
mich mißtrauisch. Ich war jung, war täglicher Gast in Goethes Hause,
genug, um ihre flammende Eifersucht zu erregen. Sie war sehr
unfreundlich, und als ich mich in die Fensternische zurückzog, rief sie:
'Aha, ich gefalle wohl der Demoiselle nicht?' Ich wurde feuerroth, sagte
aber nichts, sondern versuchte das Fenster zu öffnen, um mich fortwenden
zu können; dabei klemmte ich mir die Hand, und während Ottilie
davoneilte, um einen Verband zu holen, wurde ich ohnmächtig. In
Bettinens Armen fand ich mich wieder. Voll Mitleid sah sie mich an und
sagte freundlich: 'Armes Kind, liebes Kind, thut es sehr weh?' Sie
kühlte und verband meine schmerzhafte Wunde, lief hinunter, um gleich
darauf mit einem Blumenstrauß und einer darin verborgenen Düte voll
Schleckereien wieder zu kommen. Ihr Groll, ihre Aufregung waren
vergessen, sie war ganz Weib: liebevoll und sorgsam. Da, wie ich
fortgehen wollte, verabschiedete ich mich unvorsichtigerweise von
Ottilie mit den Worten: 'Also morgen zu Tisch bei Goethe.' Bettina sah
mich starr an, brach in herzzerreißendes Schluchzen aus, lief wild im
Zimmer umher und stürmte dann an uns vorüber, die Treppe hinunter, zum
Hause hinaus, ohne Hut, ohne Handschuhe, gleichgültig gegen die
verwunderten Blicke der Menschen. So war sie und so erschien sie mir:
unordentlich in Geist, Haus und Wesen. Was ich am meisten bei ihr
schätzte, war ihre glühende Barmherzigkeit, durch die sie sogar
praktisch werden konnte, ihr Mitleid, das sie thatkräftig machte. Doch
was soll Bettinens Buch für unsere Zeit?

"Zwar hatte ihre Seele als bunter Schmetterling sich auf allen Blumen
geschaukelt, als emsige Biene aus allen gesogen: Weisheitssprüche,
Liebestöne, Schönheitshymnen, Philosophenworte, die tiefste Offenbarung
über das Reich der Töne; aber, wie es die Poesie des Augenblicks ihr
eingegeben, wie es der fliegende Gedanke ihr gebracht, wie es die
Phantasie ihr eben zugetragen; nicht wie bei Rahel, geht ein Princip des
ewig herrschenden Rechts, ein Streben des Erkennens, ein Lebenszweck der
höchsten Ausbildung durch ein ganzes herrliches Dasein; Bettina lehrt
nicht das Leben kennen, verstehen und im höchsten Sinn ergreifen -- was,
frag ich nochmals, soll uns dann ihr Buch?

"Vertreter soll es sein für das poetisch Schöne, das unabhängige Bereich
der Kunst und des Gefühls soll es beschützen, das nicht als dienende
Magd Moral und Recht befördern soll, sondern frei für sich selbst im
eigenen Reiche besteht. Im Schönen finden sich dann beide wieder, nur
Schönes kann vollkommene Kunst erschaffen und erwecken, nur Schönes kann
Moral und Recht im höchsten Sinn erzeugen, im Schönen reichen beide sich
schwesterlich die Hand. Im Schönen reift das echte, glänzende
Gefühlsleben, das durch Bettinens ganzes Werk die reichsten Farben
trägt. Auch dem Gefühl soll es Vertreter sein, auch ihm soll es sein
altes Recht beschützen, und weil es in früherer Zeit vom Lande der
Vernunft zu viel besessen, soll es jetzt nicht um Haus und Hof, um Sitz
und Stimme gebracht, aus seinem alten Erbteil vertrieben werden, um
ehrgeizigen Generälen der Vernunft einen bequemen Ruhesitz zu schaffen.
Zurückgeführt in seine Grenzen, soll das Gefühl dort Herr und Meister
bleiben; ist es doch die letzte Instanz für jede Wahrheit, die sich der
Überzeugung des tiefsten Innern vermählen will. Für unsere Frauenwelt
ist Bettinens Buch ein giltiges Meisterstück des weiblichen Vermögens,
für das Jahrhundert eine Bittschrift der Poesie, daß man sie nicht im
Schatten der Vernunft erstarren lasse, daß man die bunten Flügel vor dem
Verschrumpfen, die zarten Glieder vor dem Erfrieren retten möge! -- --

"Wie naht man dem Lager eines Fieberkranken, der einer schlimmen Seuche
unterliegt, weil er durch seine treue Pflege den Bruder von dem Übel
heilen wollte? Wie naht man wohl in Gedanken dem Menschen, der muthig,
stark, mit Engelsseelengröße für einen falschen Glauben starb? Mit
heiliger Scheu, mit tief ergriffenem Herzen, mit billigem Erkennen
seiner Größe, mit tiefem Schmerz um den unseligen Wahn. Nur so naht
würdig dem Todtenbette der Charlotte Stieglitz; laßt vor der Thür
ihrer stillen Kammer das Klatschgeschwätz der Basen eurer Stadt; paßt
Alltagsurtheil an die Alltagsmenschen, sprecht über Oberflächlichkeit
das schnelle, unbedachte Wort des Tadels aus, doch hier bleibt stehen,
denkt tiefer, fühlt besonders, ehe ihr redet, denn auch in große Seelen
schleicht der Irrthum ein, und dies ist der Fluch des engbegrenzten
Wissens, daß reines Wollen nicht vor dem Wahne schützt.

"Dem Gehalte dieses Denkmals nach, als Darstellung des
Lebensinhaltes[TN5] der Charlotte Stieglitz, steht es bei weitem hinter
Bettina und Rahel zurück; es enthält weder die ewig sprudelnde,
feenhafte Quelle der Poesie der einen, noch die tapfere, kugelfeste,
immer vorwärtsdringende, tiefe Philosophie der anderen. Die ersten
Briefe sind durchaus unbedeutend, ja sogar in einem Grade, der sogleich
im Leser die Vermutung aufsteigen läßt, daß der Herausgeber, der sie
wichtig finden konnte und nicht nur einen oder zwei als Probe und zum
Belege ihrer späteren Entwickelung dem Publicum gab, wohl nichts in dem
Leben seiner Heldin unbedeutend fand und einen Maßstab an ihr Wesen
legte, der nicht von der Vernunft allein gefertigt war. -- In den
letzten Jahren sind ihre Äußerungen und Tagebuchblätter größtenteils um
vieles bedeutender, das Sinnen, Denken, Erfahren, das reiche innere
Fühlen thut sich kund, und es ist nicht zu bezweifeln, daß sie in der
schönsten Blüte ihrer geistigen Entwickelungsperiode dem Leben
entschwand ...

"Zwei meiner Cousinen und ich hatten von Charlotte gehört und wünschten,
sie entweder in Weimar begrüßen zu können oder mit ihr in brieflichen
Verkehr zu treten; wir schrieben alle drei im Sommer 1833 an sie, an
Mundt und an Stieglitz und bekamen umgehend die drei Antworten, die
besser als jede Kritik die unglückliche Charlotte kennzeichnen. Sie
schrieb:


"'Meine inniggeliebte, unbekannte Freundin! Wahre Seelengröße zeigen Sie
mir, denn dieselbe setzt sich muthig im Gefühl ihrer Würde über
Hergebrachtes hinweg; darum fürchten Sie kein Mißverstehen von meiner
Seite. Ein gemeinsames Band umschließt uns Frauen, das des Leidens, und
leichter tragen wir die Bürde, wenn wir sie zusammen tragen. Sie sind
noch jung, so scheint es, denn es geht ein freudiger Zug durch Ihre
Worte, der mich wie aus anderer Welt berührt. Haben Sie noch nicht
gelitten? Haben Sie noch nicht Ihr Liebstes leiden sehen? Ihr Theuerstes
verloren? Glauben Sie noch an einen gütigen Gott? Oder lernten Sie,
wie ich, durch namenlose Schmerzen nur der eigenen Kraft vertrauen?
Kennen Sie die heiße Gewitterschwüle eines Sommertages und die Sehnsucht
nach Blitz und Donner? Lassen Sie mich tiefer in das Heilige Ihres
Inneren schauen, damit auch ich Ihnen meine Seele ganz enthüllen kann.
Aber erwarten Sie kein Frühlingsbild zu sehen, sondern einen tiefen,
dunklen See, zu dessen Spiegel nur selten ein Sonnenstrahl sich
verirrte. -- Leben Sie wohl, Sie liebes Herz; es drückt Sie, feuriger
Empfindung voll, an den Busen Ihre

Charlotte Stieglitz.'


"Theodor Mundt und Heinrich Stieglitz sprachen sich ähnlich aus.
Ersterer schrieb:


"'Theuerstes Fräulein! Wie das Mädchen aus der Fremde traten Sie in die
enge Hütte unserer Alltäglichkeit. Seien Sie mir gegrüßt im Namen
unserer Heiligen, Charlotte. Sie wollen von ihr Näheres wissen? Was soll
ich Ihnen sagen? Soll ich sie mit menschlichen Worten preisen, mit
irdischen Lauten schildern? Wollen Sie den Glanz ihres Auges beschrieben
haben, oder den Glanz ihrer reinen Seele? Erlassen Sie dies einem Mann,
der nur zu verstummen vermag, wenn er bewundert. Und auch ihren Gatten
möchten Sie kennen? Wünschen Sie es nicht. Ach, er ist ein gebrochener
Stamm, noch vor der Blüthe. Die Melancholie seines Wesens ist in seinem
Leiden begründet. Oft hat er blitzartig herrliche Gedanken, eines
Goethe, eines Schiller, noch mehr eines Jean Paul würdig; dann versinkt
er in dumpfes Brüten, aus dem selbst die göttliche Liebe seines Weibes
ihn nicht erweckt. Dunkle Schatten schweben um uns Alle, darum suchen
wir den Verkehr mit Menschen nicht. Wir müssen still in unserer Klause
bleiben und des Helden warten, der uns von den lastenden Ketten des
Unglücks befreit. Bewahren Sie ein mitleidig-wehmüthig-liebevolles
Gedenken Charlottens treuem Freunde

Theodor Mundt.'


"Als seltsamstes Schriftstück gebe ich noch den Brief des Gatten wieder:


"'Holde mitleidige Genien! Von uns wollen Sie wissen, uns wollen Sie
kennen lernen? Aus dem Licht Ihres Daseins möchten Sie in die dunklen
Wohnungen verbannter Sünder sehen? Senden Sie uns Ihr Licht, daß es mich
erhelle, und einstimmen will ich in Ihre Hymnen zum Lobe des Schönen,
des Guten und Wahren. Und nach Weimar rufen Sie uns, um am Grabe Ihres
Propheten zu weinen, Lebenskräfte zu schöpfen. Wissen Sie denn, ob er
auch mir ein Prophet ist? Und der Glaube allein kann Wunder verrichten.
Für uns giebt es keine Wunder. Lesen Sie Byron und Sie kennen mich;
lesen Sie, wenn Sie es können, die goldene Schrift der Sterne, und Sie
kennen Charlotte. Dem gütigsten Schicksal befehle ich Sie,

Heinrich Stieglitz."


"Wir schrieben noch einmal an Charlotte und bekamen im Dezember 1833
ihre merkwürdige Antwort:


"'Ich flatterte ängstlich am Lebensbaum umher, von Zweig zu Zweig; ich
brachte ihm Frucht um Frucht hinab, und er erstarkte nicht; ich sang,
und er erstarkte nicht; ich hob ihn liebend empor auf meinen Flügeln,
und er erstarkte nicht; und da ich alle Mittel meines durch Liebe und
Pflicht geschärften Denkens umsonst versucht hatte, da dachte ich des
erziehenden Unglücks.'

"Wenige Monate später ward sie Schicksal und Opfer durch eigenen Willen
und durch eigene Kraft! Irrte auch der Gedanke in dieser treuen Frau,
war auch ihre That ein grauenvoller Wahn -- die Absicht trägt das
edelste Gepräge, und im Gefühl offenbart sich in reiner Glorie das 'ewig
Weibliche'! --

"Triumphiret nicht, ihr Alltagsfrauen; rufet ihr nicht über dem
Strickstrumpf und der Kartoffelsuppe ein 'überspannte Närrin' nach;
denkt sinnend ihres keuschen, muthigen Todes. Sie starb für einen
Irrthum, doch sie starb groß, wie jede Heilige für ihren Glauben. Ihr
nennt, die Brust bekreuzend, die Namen der Märtyrerinnen, keine ging
muthiger in den Tod; ihr beugt das Knie vor Müttern, Gattinnen,
Geliebten, die freudig für die Lieben starben; ihr singet ewige Lieder
den Helden, die für das Vaterland die blutige Weihe suchten, -- aus
Herzen wie Charlottens gingen diese Thaten!

"Der Irrthum, unser ewiger Erbfeind, hat dies schöne Opfer zu sich
hingelockt.

"Laßt dies stille Grab unentweiht, lernet daran Selbstverleugnung,
Opfermuth, Liebe!"

       *       *       *       *       *

Jennys Jugendbild würde ein unvollkommenes bleiben, und vieles in ihrer
späteren Entwicklung bliebe unverständlich, wenn des Mannes vergessen
würde, der ihr unter ihren männlichen Freunden nicht nur am nächsten
stand, sondern auch den nachhaltigsten Einfluß auf sie ausübte: der
Jenaer Professor der Philosophie K. H. Scheidler. Dieser tapfere
Menschenfreund, der trotz seiner Taubheit sein Leben lang ein Optimist
geblieben ist, brachte dem schönen, klugen Mädchen freilich mehr als
Freundschaft entgegen, aber erst sehr viel später, als sie längst Frau
und Mutter war, erfuhr sie von seiner tiefen, stummen Liebe. Er blieb
auch dann, und mit noch größerem Recht als zuvor, ihr Hausphilosoph, und
als er sich nach Jahren doch noch zur Ehe entschloß, wurde seine Tochter
ihr Patenkind. Ihre philosophischen Studien betrieb sie unter seiner
Leitung und pflegte in Erinnerung daran zu sagen: "Er führte mich vom
Kinderparadies durch das Dunkel irdischer Hölle zum Himmel reiner
Menschlichkeit," und ihre in ihren Kreisen so seltene Fähigkeit, auch
den politischen Idealen der äußersten Linken ein weitgehendes
Verständnis entgegenzubringen, hatte sie ihm, dem ehemaligen
Fahnenträger der Wartburgfeier, zu verdanken. Das Bild, das sie von ihm
zeichnete, ist der beiden Menschen und ihrer Freundschaft würdig:

"Ich war einsam und betrübt. Ich hatte gebetet ohne Trost. Ich hatte ein
geschichtliches Buch zu lesen versucht, es war mir in den Schoß
gesunken. Der graue Himmel hatte einen Sonnenstrahl für meine Blumen und
keinen Strahl der Freude für mein Herz. Vergebens hatte ich zu den
Schriften gegriffen, in denen ich in Weihestunden des lebendigen
Auffassens edler Weisheitslehren angestrichen hatte, was mir als
zuverlässiger Leitstern, als Pilgerstab auf meinem Lebenswege erschienen
war. Nichts war mir übrig als die Geduld; sie flüsterte mir jenes Wort
immer wieder zu, das zugleich landläufige Redensart und tiefes Geheimnis
Gottes als ein Lebensräthsel für Jung und Alt in Jedermanns Munde ist:
Alles geht vorüber. Ich schlug die Arme ineinander, senkte das Haupt und
sagte mir leise: es geht vorüber. Ich wollte das abwarten. -- Da tönt
auf dem Corridor ein fester sporenklingender Schritt, man meldet den
Professor Scheidler. Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und heiße ihn
durch Zeichen willkommen, denn das traute Wort hätte er nicht gehört;
seit mehr als zehn Jahren unheilbar taub, lebt er von Todesstille
umgeben. Dieser Mann der Tapferkeit, der Reinheit, des tiefen Denkens
und edlen Thuns, der Mann, welcher höher steht als das Unglück, der Mann
ursprünglicher Natur, er ist mein Freund.

"Niemals hat der Schmerz weniger Gewalt über einen Sterblichen gewonnen,
obwohl er vielleicht keinen mit grausamerer Hartnäckigkeit angefallen
hat. Denn dieser Mann mit der heiteren Stirn und dem Blick eines Kindes,
mit seinem sicheren Auftreten, seinem Ausdruck von Zufriedenheit, dieser
Mann, der nie klagt, nie müde wird, nie murrt, ist inmitten alles
menschlichen Treibens allein, allein mit seinem Herzen voll Teilnahme
und Liebe. Keine Familie, kein Herd, an dem er einem Blick begegnete,
der ihm sagte: ich gehöre dir an. Kein Haus, wo er Karl genannt wird, er
ist für jeden nur der Professor Scheidler. Keine Frau, die 'wir' sagte,
kein Wesen auf Erden, dessen erste und oberste Neigung ihm gehörte.
Dieser thatkräftige Mann, der alle Mißbräuche, alle Irrthümer bekämpfen
möchte, der seine hochgegriffenen Überzeugungen auszubreiten sich
berufen fühlt, der den Drang empfindet, seine Lehren der
Uneigennützigkeit und des Fortschritts in die Seele jedes Jünglings
hineinzudonnern, als Apostel der Sittlichkeit das Böse zu zerschmettern,
das Gute bis in sein kleinstes Fünkchen hinein zu schützen, dieser Mann
ist ausgeschlossen vom vertrauten und lebendigen Verkehr mit
Seinesgleichen, oft verliert seine Stimme sich ins Leere, bei jedem
Schritt ist er gefesselt und aufgehalten, eine eherne Wand ist zwischen
ihm und der Welt, und der Gedanke der Vervollkommnung, für den er lebt,
kann sich bloß für ihn selbst und einen engen Kreis von Freunden geltend
machen. Nicht einmal von Sorgen um das tägliche Brot ist dieser Mann der
Hilfe und des Rathes für die Leidenden frei, bei aller Einfachheit und
Einsamkeit; er, der niemals an sich denkt, wenn es gilt, Einem, der
weniger hat als er, zu geben. Er hat keine Vorkehr getroffen gegen das
Kommen der Armuth im Krankheitsfalle oder in dem des frühen Alters: sein
Vermögen sind einzig sein Arbeiten und seine Bedürfnißlosigkeit. Er hat
aber Zeiten erlebt, wo die schwere Last des Leides, das er dauernd zu
tragen hat, durch äußere Entbehrungen noch schwerer wurde. Auch da hat
er sich nicht beklagt, niemals dem Schmerz gegenüber die Waffen
gestreckt; nein, diese Stirn hat sich nicht gebeugt, auch wenn ihre
Heiterkeit von dunklen Prüfungswolken überschattet wurde. Der Kampf hat
ihn niemals erschöpft, stets behielt er, um dem Nächsten zu helfen, die
Hand frei. Einst legte er mir Rechnung über das, was ich mit ihm
zusammen für einen in Not befindlichen jungen Gelehrten an Hilfe zu
schaffen gesucht hatte, und da ich mich wunderte, wie viel er
zusammengebracht hatte, obwohl, wie ich wußte, er selbst nicht bei Casse
war, fragte ich nach dem Woher. 'Das ist nicht schwer,' antwortete er in
aller Schlichtheit: 'ich habe täglich zwei Stunden mehr gearbeitet.'

"Er führt ein durchaus geistiges Leben; seine Bücher trösten, beleben,
erquicken ihn; sie sind sein Genuß und gegen das Andringen innerer
Feinde seine Waffe. Auch war kein Arsenal jemals so wohlversorgt, kein
Vorrath von Verteidigungs- und Angriffswaffen, um allezeit bereit zu
sein, so wohlgeordnet. Scheidler ist ein Mann der strengen Wissenschaft,
ohne daß er darum aufhörte, ein Freund der schönen Literatur zu sein;
ein zierliches Gedicht, ein guter Roman findet bei ihm offenen Eingang
neben den tiefsten Gedanken über Philosophie und Geschichte. Und wie die
es tun, die Freunde und Familie haben, teilt er zwischen seinen stillen
Gefährten seine Zeit ein; er hat regelmäßige Stunden für das Studium,
für den Broterwerb, für die Erholung. Er redet mit den großen Geistern
der Vergangenheit, die in ihren Werken fortleben. Ist dann der lange
Morgen würdig verwendet, so fordert der Körper eine Rücksicht: nach dem
einfachen Mittagsmahl ein Spazierritt, hierauf eine Fechtübung, abends
zuweilen Schach oder Whist, häufiger einsames Denken. Menschenfurcht,
Eigennutz, Neid, Unwahrhaftigkeit kennt Scheidler nur, soweit er sie in
Anderen zu bekämpfen hat, seinem eigenen Herzen sind sie fremd; er hat
jene Unschuld der Seele, die das Böse kennt, wie man Geschichte weiß,
niemals aber damit durch eigene Erfahrung befleckt ist; die mit der
Sünde zu schaffen gehabt, nie aber sie in sich aufgenommen hat; eine
Unschuld, die nicht, wie bei einem Kinde, Unwissenheit ist, vielmehr
angeborene Reinheit, Unnahbarkeit, ein Tugendgranit, dem Sturm und
Tropfenfall nichts anhaben, über den die Zeit keine Macht besitzt. --
Von Luxus wird Scheidler in keinerlei Form berührt. Auf Gold und Purpur
der Kaiser würde er blicken, ohne daß seine schwarze Tuchweste mit der
einfachen Stahlkette darüber, sein noch nicht zur Cravatte gewordenes
schwarzes Halstuch, sein blauer, je nach den Umständen neuerer oder
älterer Überrock und seine derben Sporenstiefel ihm auch nur in den Sinn
kämen. Ob ein Zimmer elegant ist, sieht er nicht, und wenn man ihm das
Auge auf ein komfortables Möbel oder eine hübsche Zierlichkeit lenkt, so
lacht er, wie wir über eine ingeniöse Spielküche für Kinder lachen; er
findet sie allerliebst, aber in seiner Miene erscheint kein Gedanke, daß
er sie besitzen möchte.

"So war der Mann, der in mein Zimmer trat. Und ich, ich wagte ihm
gegenüber traurig zu sein, zu klagen, den Schmerz zu fliehen.

"'Ihr letzter Brief war betrübt; ich bin herübergekommen, um Ihnen zu
sagen: seien Sie tapfer. Machen Sie es wie ich. Kommt mir ein Leiden, so
sehe ich ihm ins Gesicht, und dann sage ich: Bagatelle! -- und nehme es
auf mich. Dergleichen Gäste sind der Seele heilsam; ich weise sie nicht
ab, ich nehme sie auf in mein Herz und lasse sie da arbeiten. Sie
bringen die Seele in Bewegung, sie sind für unsere Entwicklung, was der
Sauerteig für das Brot, sie machen, daß sie sich hebt. Und greift der
Schmerz tief, so sieht man ihm noch tiefer ins Antlitz und ermißt daran
seine eigene Kraft, die, um ihn eine Minute auszuhalten, allemal reicht.
Halten Sie ihn so eine Minute nach der anderen aus, und wenn Sie nachher
in der Erinnerung die Minuten zusammenrechnen, so werden Sie froh sein
über den guten Kampf und den guten Sieg. Daß wir im Kampfe mit dem
Schicksal unsere Kraft zu entwickeln streben, ist einmal unser
Lebenszweck. Frisch sein! Das Göttliche in uns zur Erscheinung bringen!
Für einen edlen Gedanken leben und gegen Alles furchtlos kämpfen, was
sich ihm entgegenstellt! Keine Schwachheiten. Einem vernünftigen Wesen
gestattet ist sie höchstens im Falle der Krankheit, das aber ist die
einzige Ausnahme. Niedergeschlagenheit ist Zeitverschwendung. Immer
arbeiten! Immer seine Ideen klären! Die Philosophie in die That
umsetzen! Sie darf nicht verwahrt werden, wie der Schatz eines Geizigen,
vielmehr sie muß Zinsen tragen. An andere denken lernen -- voran an die
Armen! Alles, Alles, Alles, was uns auf diesem Wege begegnet, aufnehmen!
Immer inwendig tätig, immer gegen den Irrthum bewaffnet sein! Dann hat
man so viel zu tun, daß man gar nicht einmal Zeit hat, seine Thür dem
Schmerze aufzuschließen.'

"Ich begann freier zu atmen. Ich horchte auf jedes Wort und blickte in
das Angesicht, das für so tapfere Worte den Stempel der Wahrhaftigkeit
trug. Ich schämte mich meiner Schwäche; das ist der erste Schritt,
wieder Kraft zu gewinnen. Ich mit meinen gesunden fünf Sinnen, meiner
Jugend, meinen Zukunftsaussichten, mit der gesicherten und bequemen
Fülle meiner Lebenslage, mit meiner Familie und meinen Freunden ließ
mich niederschlagen durch ein Leid, und Er, der Arme, Einsame, dem die
Welt keinerlei Aussicht bot, redete mir zu. Dafür hatte ihn der Himmel
mit seinem heiligen Geiste erfüllt und mit seinem göttlichen Feuer
entzündet. -- Dennoch wagte ich noch, das Wort 'Glück' aufzuschreiben.
Er schüttelte den Kopf, und indem er mit gütigem Lächeln meine Hand
ergriff: 'Auch da soll man sagen: Bagatelle. Glück ist ein ganz
gleichgültiges Ding. Man muß nicht daran denken, dazu ist die Welt nicht
da. Hätten Sie, was Sie Glück nennen, Ihr ganzes Leben lang, was wollten
Sie damit im Grabe? Glauben Sie, Sie würden Ihre Anlagen dann entwickelt
haben? Glauben Sie, daß in der lauen Luft eines beständigen Wohlseins
Sie das Bild des Menschen, wie Gott ihn gewollt hat, würden dargestellt
haben? Nein, dazu ist Sturm und Wirbelwind nöthig. Sie müssen dahin
kommen, den Schmerz zu segnen. -- Das Leid, das mich selbst betroffen
hat, ermißt Niemand: es kann sich Keiner vorstellen, was es heißt, dies
niemals eine Menschenstimme vernehmen, dies Gestorbensein für die Musik,
die ich leidenschaftlich liebte, die ich so gut kannte, daß ich noch
heute neue Compositionen lese wie ein Buch. Sie wissen, wie ich bei
jedem Schritt im Verfolgen meiner Lebensziele gehindert bin, und andere
Genüsse haben keinen Werth für mich. Dennoch, wenn Gott mir zur Wahl
stellte, das Gehör niemals wiederzuerhalten oder niemals verloren zu
haben, ich würde das Nichtwiedererhalten wählen, denn der Verlust hat
mich umgewandelt, mich durchgearbeitet, mich zum Philosophen gemacht,
mich mehr gelehrt als ein Leben voll Glück. Ja, wenn ich jetzt wieder
hören könnte. Aber das wäre zu glücklich, ich könnte es vielleicht nicht
ertragen. Jedenfalls,' setzte er mit Nachdruck hinzu, 'soll es nicht
sein, denn es ist nicht.' Es war das erste und einzige Mal, daß er mir
von seinem Unglück gesprochen hat. Ich blickte zu ihm auf mit der tiefen
Verehrung, die ein Mann, der sein Leben mit dem Heiligenschein eines
einzigen göttlichen Gedankens umgeben hat, einflößt. Ich allerdings war
nicht imstande, sein Leid zu ermessen; ich stand davor wie vor einem
jener großen grauen Gefangenhäuser, die man anschaut, ohne alle die
Seufzer und Thränen zu kennen, die sie umschließen. 'Ja,' schrieb ich
ihm auf, 'daß Glück nicht die Hauptsache ist, weiß ich und fühle ich,
und verspreche, mein erster und oberster Leitstern soll allezeit das
Gutsein bleiben. Aber nach dem Gutsein kommt mir das Glücklichsein.
Bietet es sich mir dar ohne Sünde, so will ich, indem ich es ergreife,
Gott auf meinen Knien danken, daß Er es mir geschenkt hat. Es
gleichgültig zu finden, werde ich niemals stark genug sein.' Er
schüttelte sein Haupt. Seine Philosophie erschien mir riesengroß; aber
er redete von außerhalb der Welt her und ich war inmitten der Welt; er
stand zu fern und zu hoch, um zu verstehen, was ich zu erwidern hatte.
Niemals war ihm der Kreis nahe getreten, in den ich vom Schicksal
gestellt war, mit seinen Irrthümern und Fesseln, seinen Kleinlichkeiten
und seiner Eleganz, seinem Glanze und seinen Pflichten, seinen Masken,
seinen Regeln, seinem Katechismus des Scheins. Seine Versuchungen waren
ihm fremd, seine lästigen Anforderungen thöricht; er nannte Schwachheit,
was ich als ein pflichtgemäßes Opfer empfand. Dennoch, vor dem Gerichte
der unbeirrten und gesunden Vernunft war alles richtig, was er sagte,
alles gut, was er rieth. Die Welt hatte allemal Unrecht, wo er und sie
Entgegengesetztes verlangten. Allein sie ist die mächtigere: Scheidler
rieth, die Welt befahl.

"Ich hatte mein Gleichgewicht wieder. Ich fühlte, dieser Mann war mein
Freund, er hatte Recht, ich mußte ihn hören und seinen edlen Grundsätzen
gehorsam sein. Als er mich neu belebt sah, gewann sein Gesicht den
Ausdruck reinster Befriedigung. 'Nicht wahr?' sagte er, 'wir sind von
einer Partei. Es gibt bloß zwei in der Welt, die eine für das Gute,
die andere für das Schlechte, für eine muß man, wie Solon von den
Athenern es verlangte, sich entscheiden. Wir beide kämpfen für das Gute,
wir sind Krieger desselben Heeres, und auf unserer Seite kämpfen alle
Menschen, die das Gute wollen. Keine Schwachheit! Man muß sie
wegweisen. Kein Schmerz um ein Ding der Welt! Man muß ihn bekämpfen und
zu ihm sagen, wie ich: Bagatelle. Sie wissen, meine Philosophie ist die
der Tapferkeit. Keine Feigheit! Keine Klage! Man soll die Erde nicht zum
moralischen Krankenhause machen, sondern zu einer lebenskräftigen Schule
und zu einem Schlachtfelde, auf welchem man Siege erficht.' -- Er stand
auf, drückte mir die Hand mehr wie es seiner männlichen Stärke, als wie
es meinen schwachgebauten Mädchenfingern entsprach, seine Sporen
verhallten auf dem Korridor und er kehrte zurück zu seiner einsamen
Arbeit.

"Scheidler ist recht eigentlich ein Kind deutscher Erde. Er ist der
echte deutsche Mann. Vor allem, er ist der Mann von deutschem Gemüt,
dessen angeborene Redlichkeit und festgewurzelte Gerechtigkeit ein so
freies und offenes, allem Menschlichen mit brüderlichem Vertrauen
entgegenkommendes Herz gibt. Er ist der Mann der Güte, der zwar durch
Erfahrung vorsichtig wird, aber ohne einen Tropfen von Galle; der Mann
der Uneigennützigkeit, der niemals sich als souveränes Ich fühlt, dem
andere nachstehen müßten. Zum Nächsten sagte er nicht: trage die Last,
denn ich habe Macht, sie dir aufzulegen, er nimmt sie auf die eigenen
Schultern und sagt: ich bin der Stärkere, ich will sie tragen. Niemals
hat die Frivolität mit ihren graziösen Oberflächlichkeiten diesen Mann
zum Diener gehabt. Seine Manieren sind brüsk, und auch das kommt vor,
daß von dem gewaltigen Schwunge des Gedankenrades, das die härtesten
Gegenstände, die inhaltreichsten Körner zermalmend, unablässig in ihm
arbeitet, kleine Blumen der Freundschaft und der Freude ohne Erbarmen
erfaßt und gestaltlos, duftlos, leblos uns vor die Füße geworfen werden.
Einerlei. Gott sei gedankt, daß Er den guten und starken Mann
geschaffen, ihm Seinen Geist der Wahrheit und der Liebe geschenkt, ihm
den Stempel edler Menschlichkeit auf Stirn und Herz gedrückt hat."


Folgende Briefe Jennys an ihn mögen als Ergänzung seiner Charakteristik
dienen und zugleich die Art ihrer Freundschaft beleuchten:


25./7. 32.

"Manche Erfahrung hat mich gelehrt, daß das Beispiel auch bei intimen
Freunden die beste Predigt ist und dieser stille, sich immer
wiederholende Vorwurf viel mehr Eindruck macht als ausgesprochener
Tadel. Strafpredigten lassen fast immer eine kleine Bitterkeit zurück,
das liebe Ich fühlt sich gekränkt, die Eitelkeit, diese mächtige Gewalt
in jedem Menschen, wird beleidigt, und oft entsteht wenig Gutes aus
diesem directen Erziehen.


3./1. 33.

"Ich halte die Freude für ein solches Mittel zur Kraft, zum Leben, zum
Fortschreiten, ich betrachte sie so sehr als den erwärmenden Strahl der
Sonne, ohne welchen nichts zur Reife kommt, bei dessen gänzlicher
Abwesenheit die Seele verkümmert und zusammenschrumpft, daß ich beim
letzten Bettler neben dem Nutzen der Gabe auch die Freude
berücksichtige.

"So kaufe ich dem jungen Mädchen einen warmen Rock im Winter und gebe
einige Groschen mehr aus, um bunte Streifen daran zu sehen, weil dies
das Theilchen Freude ist; so gebe ich zu Weihnachten jedem Kinde neben
dem Nützlichen auch Spielsachen und ein Zuckerbäumchen, und wenn ich der
Mutter Mehl gekauft habe, so bekommt jedes Kind zwei Groschen, um auf
das Schießhaus zu gehen. Dann erst glänzen die Augen, und die Armen
sagen sich: Das Leben ist nicht immer hart! Diese Momente sind etwas
wert, das nenne ich das Freudenalmosen.


17./6. 33.

"Die in unserer Zeit Neugeadelten kommen mir vor wie jene Ruinen, die
nie Schlösser oder Tempel oder Klöster gewesen sind, jene Trümmer ohne
Vergangenheit, die hingebaut werden, um einen Park zu zieren. Man sieht
sie an ohne Ehrfurcht, ohne das philosophische Gefühl der Richtigkeit
auch des Großen und Festen auf Erden, ohne den Forscherblick, der auf
den Steinen die Geschichte der Jahrhunderte lesen möchte; man betrachtet
sie lächelnd und lobt die Nachahmung, wenn sie wirklich gut, bemitleidet
sie, wenn sie geschmacklos ist. Sie gilt nur als Zierde, wie der
Neugeadelte auch nur zum Putz eines Hofes oder Höfchens gestempelt wird.
Die Macht des Adels ist an der Zeit und der Unvernunft ihrer
Geschlechter zersplittert, die geschichtliche Erinnerung ist geblieben
und wird bleiben, solange man lieber einer Reihe von Herren als von
Dienern angehört, -- das aber läßt sich nicht erkaufen.


17./8. 33.

"Der Charakter ist die Composition des Menschen, seine Tugenden sind die
Melodie, seine Fehler das Accompagnement, das Instrument ist das Leben,
wohl dem, der es zu stimmen versteht! Das Schicksal schlägt den Tact
dazu, und nur ein großer, starker Menschengeist wird es selbst thun
können und ihn fest und ohne Schwanken beibehalten.


10./9. 33.

"Es giebt einen anscheinenden Leichtsinn, den die Philosophie gerade den
tiefsten Gemütern lehrt, es ist das oft mühsame Ueberbordwerfen von
Schwerem und Trübem. Wenn die Leiden der Menschheit das innerste Herz
zerreißen und die Trauer darüber fast jede Kraft lähmt, so muß man das
zu lebhaft fühlende Herz zu einem gewissen Leichtsinn erziehen, damit
die Kraft ungebrochen und das Leben erträglich bleibe, damit man Muth
und Stärke habe, wo es Hülfe und Thaten giebt.

"Wenn Sie wüßten, wie schwer und wie nötig gerade mir dieser Leichtsinn
ist, wie sehr ich schon meinen Hang zur Schwermuth bekämpft habe, wie
tödtend die fortwährende Verletzung meines Herzens war! Jetzt habe ich
durch Selbsterziehung Kraft gewonnen zum Unvermeidlichen und Einsicht
zum Wegräumen des Vermeidlichen. Ich empfinde für Thiere ebenso wie für
Menschen, und seit den zweiundzwanzig Jahren, die ich lebe, habe ich
mich noch gar nicht an den Mord der Thiere und das Recht des Menschen
dazu gewöhnen können. Der Gedanke an einen geblendeten Vogel oder selbst
das Prügeln eines Hundes verbittert mir jede Freude.


5./12.33.

"Nur kranke Herzen mißtrauen und mißverstehen einen wahren Freund. In
dem ganzen klaren Spiegel steht hell und deutlich das Bild, welches er
reflectirt, in dem zerbrochenen steht es zerstückelt, zerschnitten,
verdoppelt, verdreht, und das Auge, das wir uns anlächeln sahen, wird
zur Carricatur, während es doch eben so heiter vor dem Spiegel steht,
als zur Zeit, da er ganz war.


21./9.34.

"Ich fühle mich oft wie eine Taube mit Adlersgedanken; meine eigentliche
Täubchengesellschaft langweilt mich, fliege ich zu den Adlern, dann
athme und lebe ich erst, aber die Luft drückt meinen Taubenkopf, die
Sonne füllt meine Taubenaugen mit Thränen und ich schaudere vor den
zermalmten Gliedern der Adlernahrung, so daß ich zu meinen Körnern
zurückfliege und Tauben wie Adlern fern bleiben möchte. Soll ich mir nun
die Flügel beschneiden, um gewiß bei den Tauben zu bleiben? oder soll
ich mich auf einen befreundeten Adlerssittig stützen und Luft und Sonne
suchen und die Wildheit der Höhe mir zur Heimath gewöhnen?


13./10.35.

"Die Natur hat nicht, wie bei Ihnen, alle Linien meines Charakters
deutlich gezeichnet, sie hat hie und da zu schwach aufgedrückt, da habe
ich nachhelfen müssen und das wird leicht krumm und verkehrt. Ich habe
viel anschaffen müssen, was am Ganzen fehlte, ich habe viel wegschaffen
müssen, was verunstaltete, und noch fühle ich zu deutlich, wie
unvollkommen mein Wesen ist. Doch gerecht und treu für meine Freunde,
das bin ich, und darum werde ich Sie nie durch meine Schuld verlieren
und nie durch irgend eine Schuld verkennen.


2./4. 37.

"Die dogmatisch historischen Fragen über Christus haben mich lange sehr
gequält, dann bin ich zu der Ueberzeugung ihrer Unerweislichkeit gelangt
und bin eigentlich ganz zufrieden mit dem Dahingestelltseinlassen. Ich
verehre Jesum auf dem Throne der Tugend und Wahrheit und dieser ist mir
mit so viel glänzenden Wolken umgeben, daß ich die anderen Throne der
Weisen daneben nicht sehe und auch nicht ausmessen wollte, in welchen
Graden sie von- oder aneinander stehen. Wie oft höre ich, was meiner
Ansicht ganz zuwider ist, daß der Glaube an Christi vollkommene
Persönlichkeit, das Hängen an ihm als Person das Haupterforderniß zum
Christsein sei. Meiner Seele ist hingegen unerschütterlich gewiß, daß
einzig und allein der ein Christ sich nennen darf, der, wie der Heiland
sagt: 'seine Gebote hält', daß Christus uns fremd, sogar unbekannt sein
könnte und daß wir doch echte Christen wären, wenn wir den Geist seiner
Worte kennten, glaubten und übten.

"Darum erscheint mir auch das Beweisen der Sündlosigkeit oder
Göttlichkeit etc. gar nicht so wichtig, und ich kann mir vorstellen, daß
Christus ganz aus den Annalen der Geschichte verschwände und daß es noch
eben so vollkommene Christen geben könnte. Wie Rahel sagt: 'Ein gutes
Buch muß gut sein und wenn es eine Maus geschrieben hätte', so müßte das
Christenthum herrlich sein und wenn es aus der Erde gewachsen wäre."

       *       *       *       *       *

Inzwischen war Jenny 26 Jahre alt geworden, ein Alter, das das übliche
Heiratsalter der jungen Mädchen ihrer Kreise bei weitem überstieg. Ihre
Stiefschwester war erwachsen, sie, wie ihre lieben Schüler Walter und
Wolf Goethe bedurften ihres Unterrichts nicht mehr, Ottilie, deren
unruhiger Geist nicht mehr durch Goethe gezügelt wurde, und die haltlos
ihren Leidenschaften folgte, rüstete sich, um Weimar zu verlassen, die
Freundinnen hatten sich alle ihren eigenen Herd gegründet, Emma Froriep
zog mit ihrem Vater nach Berlin -- es wurde merkwürdig einsam um sie
her, und jeder Abschied mahnte leise an den Abschied der ersten Jugend.
An ihr Herz klopfte, stärker und stärker Einlaß begehrend, jene
natürliche Weibessehnsucht, die sich, wenn das Herz schon entschied, im
Verlangen nach Mannesliebe äußert, die aber, solange eine leise Stimme
an den auf immer verlorenen Geliebten mahnt, im Verlangen nach dem Kinde
zum Ausdruck kommt. Um so stärker wird die Sehnsucht nach dieser
Richtung alle Empfindungen beherrschen, je reicher die weibliche
Persönlichkeit ist, je mehr sie also, bewußt oder unbewußt, danach
drängt, einen ihr entsprechenden Lebensinhalt zu finden. Auf dieser
Stufe ihrer Entwicklung, die keiner unverdorbenen Frau erspart bleibt,
die nicht sehr jung schon geheiratet hat, war Jenny angelangt. Ein paar
Worte aus dem Briefe einer Freundin an sie, die sie zur Hochzeit
beglückwünscht hatte, zeugen dafür: "Mein Lieblingsgedanke ist, Sie mir
in einem ähnlichen Verhältniß zu denken. Ich wünsche es um Ihret- und um
der Welt willen. O Jenny, wie müssen Sie beglücken können! Mir war es
sehr lieb, Sie der Ehe geneigt sprechen zu hören. Sie haben recht, man
macht Ihnen den Vorwurf, daß Sie mit der Liebe nur tändeln, alle ernsten
Bande verschmähen. Doch ich weiß es besser! ein Blick in dies Auge, in
Ihr Innerstes hat mich belehrt, daß Sie die Liebe kennen, daß Sie ihrer
bedürfen."

Noch mehr aber spricht dafür ein Gedicht von ihr, in dem folgende Verse
sich finden:

    "... Mein Auge sucht auf Erden sehnend Liebe,
    Im Himmel nur erscheint sie hehr und groß;
    Da sie verzehrend mir im Herzen bliebe,
    War, Herr, du weißt's, mein jugendtödtend Loos,
    Und weil ich Irdisches durch sie verloren,
    Hab ich sie mir als Himmelsglück erkoren ...

    Doch willst du freundlich mir das Leben schmücken,
    So gieb mir, Gott, ein Herz voll Liebe nur,
    Ich faß es feurig dann, und mit Entzücken
    Leist' ich dem Himmel meinen Liebesschwur.
    Gieb, Herr, mir Einsamkeit im Schoß der Liebe,
    Daß ich dir treu in meinen Kindern bliebe ...

Um diese Zeit kam Werner von Gustedt als Gast seiner Tante, der
Hofmarschallin von Spiegel, nach Weimar. Er war nicht viel älter als
Jenny, der Typus eines vornehmen jungen Mannes seiner Zeit mit dem
feinen, glattrasierten Gesicht, vom hohen Biedermeierkragen eingefaßt,
den vollen kurzen Locken, der schlanken, hohen, biegsamen Gestalt. Er
gehörte einem braunschweigischen Geschlechte an, das sich rühmen konnte,
älter zu sein als die Hohenzollern, und dessen Güter seit
Menschengedenken keinen anderen Herrn gehabt hatten als einen Gustedt.
Hofdienst war nie dieser echten Freiherren Sache gewesen, von keinem
Fürsten besaßen sie den Adelsbrief; sie saßen stolz und selbstzufrieden
auf ihrem Besitztum und kümmerten sich wenig um die Schicksale der
großen Welt. Wenn Werner eine höhere Bildung genossen hatte, als es
sonst bei diesen Landjunkern für gut befunden wurde, so hatte er es dem
Umstand zu verdanken, daß er als Zweitgeborener keine Anwartschaft auf
das väterliche Gut besaß und sich durch akademisches Studium zu einer
anderen Laufbahn als der des Gutsbesitzers vorbereiten sollte. Wie Jenny
aber später oft selbst erzählte, war es weder die äußere Erscheinung,
noch die Geistesbildung -- die in Weimar als etwas Selbstverständliches
bei jedem vorausgesetzt wurde --, die ihn anziehend machte, sondern
neben der großen Frische und Natürlichkeit die unberührte Reinheit
seines Wesens. Problematische Naturen, sogenannte interessante Männer
mit bewegter Vergangenheit und differenzierten Gefühlen, oder
sentimentale Schwärmer, bei denen die Empfindung Modesache war, hatte
sie bisher kennen zu lernen Gelegenheit genug gehabt. Hier trat ihr die
durchsichtige Natur eines einfach-klaren Mannes entgegen, und jenes
Gefühl, das nächst dem Mitleid bei den Frauen so oft der Übergang zur
Liebe ist -- Vertrauen -- mag wohl das erste gewesen sein, was sie ihm
gegenüber empfand, und blieb das Grundelement ihrer Beziehung zu ihm.
Eine Natur wie die ihre, die in ihren Gefühlen wie in ihren Taten ihr
ganzes ungeteiltes Selbst ausströmte, hatte die volle Glut der
Leidenschaft nur dem einen, dem Toten, geben können; als sie Werner
Gustedt ihr Jawort gab, geschah es in ruhiger, vertrauender Liebe. Daß
sie sich dabei glücklich fühlte, daß sie der Zukunft hoffnungsvoll
entgegensah, geht aus einem Glückwunschbrief der Herzogin von Orleans
hervor, der also lautet:


Petit Trianon, d. 8. Oktober 1837.

"Wie sehr hat mich die Kunde Deines Glückes erfreut, meine liebe teuere
Jenny -- wie innig teilt mein Herz die Gefühle, welche das Deinige
erfüllen und ihm in der Zukunft so schöne gesegnete Tage verheißen. Laß
mich es Dir aus voller Seele aussprechen, wie ich Dir das reiche Glück
wünsche, welches der Himmel mir bescheert hat, wie ich von dem Leiter
unserer Schicksale und unserer Herzen die Erfüllungen Deiner goldenen
Hoffnungen erbitte. Schon einige Tage vor Empfang Deines so lieben
Briefes, für den ich Dir den wärmsten Dank sage, erfuhr ich, daß Dein
Loos bestimmt sei, Du meine liebe Tante verlassen würdest -- was mir
recht leid thut -- und die glückliche Braut eines vortrefflichen jungen
Mannes wärst -- dessen Name Dein guter Onkel wohlweislich vergessen
hatte ... Rechne in allen Verhältnissen des Lebens auf meine Liebe und
auf die warme treue Theilnahme, welche Dir immer widmen wird

Deine Helene."


Eine Bleistiftzeichnung Friedrich Prellers, des Meisters der Odyssee,
der ein häufiger Gast im Gersdorffschen Hause war und manch reizende
Skizze in Jennys Album zeichnete, hat das Bild der Braut festgehalten:
das kindliche Wangenrund hat dem feinen Oval des Antlitzes Platz
gemacht, um den Mund ruht ein Zug tiefen Ernstes, die Augen erscheinen
größer und tiefer als früher, die Locken an den Schläfen sind dem
glatten Scheitel gewichen, der sich um die hohe Stirn legt, von einem
Schmuckstück umschlossen wie von einem Königsreif. Den Bräutigam
schildert Jenny selbst: "seine dunkelblauen, glänzenden Augen, sein
etwas wolliges, dunkelblondes Haar über der schönen weißen Stirn, das
lebhafte Colorit, der scharf und fein geschnittene Mund, die fest und
edel geformte Nase, der männliche Schritt -- das alles vereinte sich zu
einem Bilde selbstbewußter, deutscher Vornehmheit."

Ehe sie sich ihm auf immer verband, nahm sie in aller Stille Abschied
von der Vergangenheit: im Kaminfeuer ihres Mädchenstübchens schichtete
sie aus ihren Tagebüchern den Scheiterhaufen, legte die Briefe dessen
darauf, den sie geliebt hatte, und weihte alles dem Feuertod. Zur
Dämmerstunde ging sie dann in jenes stille Goethe-Haus mit den
geschlossenen Fensterläden, das ihrer Jugend Glück und Weihe verliehen
hatte; die breite Treppe schritt sie hinauf und wieder hinab -- es war
vorüber!

Im Mai 1838 fand die Trauung statt. Noch einmal versammelte sich Weimars
glänzende Gesellschaft um das gefeierte Hoffräulein Maria Paulownas --,
weinend, glückwünschend, segnend umgaben sie die Gefährten und die
Beschützer ihrer Jugend, noch einmal zog vom offenen Hochzeitswagen aus,
der sie entführte, das Bild ihrer Heimat an ihren Augen vorüber: die
engen, holprigen Straßen, das Schloß mit seinen sonnenglitzernden
Fenstern, das Vaterhaus an der Ackerwand mit dem murmelnden Brunnen
davor, die hohen Bäume im Park und die rauschende Ilm, und zuletzt: das
stille Goethe-Haus mit den geschlossenen Fensterläden -- schluchzte
nicht doch in der jungen Frau das alte Leid noch einmal auf --? Oder
grüßte sie nur ernsten Blicks den Geist ihrer Jugend, ihm Treue
schwörend fürs Leben, wie sie sich dem Manne neben ihr zugeschworen
hatte?



Der Leidensweg der Mutter



Im stillen Winkel


Eine Neigung, die für die Gestaltung ihrer Zukunft bestimmend werden
sollte, hatten Jenny und Werner von Gustedt gemeinsam: die für ein Leben
auf dem Lande in stiller Arbeit und Zurückgezogenheit. Jenny hatte das
Leben der großen Welt genug genossen, seine Reize waren für sie
erschöpft, und nicht nach Vergnügen und Zerstreuung, sondern nach
Tätigkeit und Sammlung trug sie Verlangen. Bei Werner wieder machte sich
die Familiengewohnheit der Jahrhunderte geltend, und beide stimmten in
der Ansicht überein, die Jenny aussprach, indem sie schrieb: "Nichts,
auch kein Königthum ist mir vergleichbar mit dem ausfüllbaren,
übersehbaren Wirken eines großen, reichen Gutsbesitzers. Der Beruf, zu
ordnen, zu beglücken, zu verschönern, zu verbessern, der Land und Leute,
Natur und Geist umfaßt, erscheint mir so gut und so groß wie kein
anderer."

Und so hatte sich Werner Gustedt entschlossen, dem Gedanken an den
Staatsdienst zu entsagen. In Westpreußen, in schöner wald- und
seenreicher Gegend, zwischen Deutsch-Eylau und Marienwerder, kaufte er
das Rittergut Garden, und hierher, in tiefe Einsamkeit, fern allem
gewohnten Verkehr mit den geistesverwandten Freunden, führte er die
junge Frau, das einstige gefeierte Weimarer Hoffräulein. Nun erst
forderte das Leben den Beweis für das, was sie geworden war. Ihr ganzes
Wesen hatte schon längst so sehr nach Betätigung verlangt, daß selbst
eine so schwere Aufgabe, wie die ihr gestellte, ihr nur willkommen sein
konnte.

Die Erfüllung der praktischen Pflichten einer Gutsfrau ist für die an
den städtischen Haushalt gewöhnten niemals leicht; um wie viel
schwieriger mußte sie vor siebzig Jahren im äußersten Osten
Deutschlands, inmitten einer halbpolnischen Bevölkerung, ohne städtische
Nachbarschaft, ohne Eisenbahn, ja selbst ohne Chausseen, sich gestalten,
noch dazu für eine junge, nur an das Hofleben gewöhnte Frau. "Wie oft
muß ich in meinem Haushalt von 30 Personen," schrieb Jenny an Frau
Wilhelmine Froriep, der Schwägerin ihrer lieben Emma, mit der sie ihre
praktischen Erfahrungen eingehend auszutauschen pflegte, "meine
hofdämische Unwissenheit büßen." Und doch beschränkte sie sich nicht
allein auf den Kreis der gegebenen häuslichen Pflichten. Leid und Armut
waren ihr auch in Weimar begegnet, und sie hatte nach besten Kräften zu
helfen gesucht, aber was sie dort suchen mußte, das trat ihr hier auf
Schritt und Tritt entgegen, was dort ihr mitleidiges Herz bewegte, dafür
fühlte sie sich hier verantwortlich, wo es sich um die Bevölkerung des
eigenen Gutes handelte.

Es war im großen ganzen ein verwahrlostes, dem Trunk ergebenes, in
Unreinlichkeit und Unordnung dahinvegetierendes Volk. Kranken- und
Armenhäuser gab es meilenweit in der Runde nicht, die Schule war
schlecht, um das körperliche und geistige Wohl der Kinder kümmerte sich
niemand. Jenny empfand diese Mängel auf das schmerzlichste. "Für die
Kollekte der hiesigen Provinz für Spitäler in Jerusalem," schrieb sie
einmal, "während wir fast in keinem Kreise eines haben, gebe ich
keinen Pfennig;" und ein andermal: "Was uns verdrießt, ist die alberne
Errichtung eines Denkmals für den verewigten König, -- eine so
kostspielige Schmeichelei in einem Lande, wo es fast gänzlich an
Kranken-, Waisen-, Armenhäusern, an Chausseen und Kanälen fehlt." So
viel in ihren Kräften stand, suchte sie die Unterlassungssünden von
Staat und Gemeinde auf dem Gebiete, das ihr unterstellt war,
gutzumachen. Was sie leistete, war weniger Wohltätigkeit im damals
üblichen Sinn, als soziale Hilfsarbeit, wie wir sie heute verstehen. Wo
sie Armut fand, suchte sie ihr durch Überweisung von Arbeit abzuhelfen;
sie setzte es bei ihrem Manne durch, daß eine Dreschmaschine, durch die
einige dreißig Familien im Winter brotlos geworden wären, erst
angeschafft wurde, als eine andere Erwerbsarbeit ihnen gesichert war; wo
ihr Trunksucht begegnete -- und das geschah in jenem fernen Winkel
Preußens noch häufiger als anderswo -- bekämpfte sie sie zunächst durch
Verabreichung von gesunder und kräftiger Nahrung; wo Alter und Krankheit
zur Arbeit unfähig machten, da suchte sie neben allzeit bereiter
persönlicher Hilfe die Gemeinde und den Kreis zur Erfüllung
selbstverständlicher Menschenpflichten heranzuziehen. Sie stieß bei
ihrer Arbeit auf viel Übelwollen, viel Mißverstehen: Von der einen Seite
sagte man ihr achselzuckend: "Armut hat es immer gegeben, und die Leute,
deren Elend Sie als etwas so entsetzliches empfinden, sind daran
gewöhnt." Was half es, wenn sie empört ausrief: "Mag sein, daß dem
Menschen der Jammer zur Gewohnheit wird, aber nie, nie gewöhnt sich eine
Mutter an die Not ihres Kindes," und von der anderen Seite ihre Hilfe
nur zu oft als unbequeme Bevormundung empfunden und dem Säugling schon
der schnapsgetränkte Lutschbeutel in den Mund geschoben wurde. Zu lange
schon, das fühlte sie bald, hatte das Elend, der schlimmste aller
Erzieher, unter dessen Peitschenhieben der Mensch sich nur zum Sklaven
entwickeln kann, auf den armen Knechten und Mägden, den fast noch
leibeigenen Instleuten gelastet, als daß sie selbst noch hätten
wandlungsfähig sein können. "Zu so großem Zweck reicht ein Menschenleben
nicht aus," schrieb sie; "wollen wir von der Zukunft irgend eine
Besserung erwarten, so müssen wir nicht bei den Erwachsenen anfangen,
die wir nur vor Noth zu bewahren vermögen, sondern bei den unschuldigen
Kindern."

Ihre Natur, die sich mit dem einen Wort "Mütterlichkeit" am besten
charakterisieren ließ, hatte sie stets, schon als ganz junges Mädchen,
zu den Kindern gezogen. Alles Leid, das ihr begegnete, empfand sie bis
zum körperlichen Schmerz, das der Unschuldigsten -- der Kinder --
verursachte ihr die größten Qualen. Nicht nur, weil es die Wehrlosen
traf, sondern auch weil es immer aufs neue ihren schwer errungenen
Glauben zu erschüttern drohte. Zu der Überzeugung vom Vorhandensein
eines allgütigen Schöpfers, eines Gottes der Liebe, eines himmlischen
Vaters nach Christi Lehre, stand das Elend in der Welt und das Unglück
des Lebens in einem furchtbaren Widerspruch, den sie nur dadurch glaubte
lösen zu können, daß sie es als Strafen für begangene Sünden auffaßte,
und zwar für Begehungs- und für Unterlassungssünden der Besitzenden wie
der Besitzlosen. Würden alle Besitzenden ihre Menschen- und
Christenpflicht erfüllen, würden alle Armen echte Christen sein, so gäbe
es bald -- davon war sie damals noch überzeugt -- weder Not noch Elend.
Um diese Auffassung zu verstehen, muß zuerst Jennys Begriff des
Christentums verstanden werden. "Religion ist That," schrieb sie,
"Christenthum ist That, lauter That, nur That." Der religiöse Glaube
hat, wie sie meinte, nur für den Menschen selbst, den er beglückt,
Bedeutung, für die Allgemeinheit kommt es allein auf das Handeln an. An
einen Freund schrieb sie einmal darüber:

"Glauben ist nicht das gewöhnliche Fürwahrhalten, wie etwa bei einer
geschichtlichen Thatsache, es ist die Hand, die sich Gott
entgegenstreckt. Es ist nicht wie ein Wissen, das der Schulmeister
einpaukt, es ist die Kraft des Schaffens und der Liebe, die durch
christliches Wollen, Wandeln, demüthiges Forschen zu unserer Seele
herangezogen wird, wie Eisen durch den Magnet. Wer glaubt, daß Christus
Gottes Sohn ist, und seinen Diener oder auch nur seinen Hund mißhandelt,
der ist kein Christ! Wenn Sie diese Äußerlichkeiten nicht für wahr
halten können, so lassen Sie doch die Geburt, die Wunder, die
Höllenfahrt, die Auferstehung des Herrn ganz bei Seite, wandeln Sie nur
mit allen Kräften Ihrer Seele nach seinen Geboten, aber so, daß das
tägliche Leben wie eingehüllt ist darin und alle Beziehungen zu Ihren
Nebenmenschen darin wurzeln. Denkt man, der Glaube sei ein Fürwahrhalten
aus genügenden Gründen? Aber die Gründe sind nie genügend. Er sei eine
Zuversicht dessen, was man nicht sieht und doch weiß? Die Prüfung kommt
und die Zuversicht weicht. Glaube ist Leben, nur Leben, lauter Leben."

Das Rechte tun und nicht den Glauben predigen -- das forderte sie als
Beweis für echtes Christentum, und sie war so überzeugt davon, daß die
'Sünde der Leute Verderben' ist, daß sie alles Unglück aus dem
Unrechttun ableiten zu können glaubte; ein langes Leben voll harter
Erfahrungen vermochte zwar ihre Ansicht auf der einen Seite zu
modifizieren, auf der anderen zu erweitern -- im Grunde aber war und
blieb sie der Grund und Boden, in dem ihr geistiges Leben wurzelte.

Ein Brief, den sie von Garden aus an ihre Freundin Emma Froriep schrieb,
ist dafür bezeichnend:

"Mit dem Verweisen auf künftige, ewige Seligkeit lockst Du keinen Hund
hinter dem Ofen des Materialismus hervor. Diese Hoffnung, so wahr und so
tröstlich für den Gläubigen, ist nur ein Reiz zu Spott und Zweifel für
den Ungläubigen. Suche das Weltkind auf seinem Feld zu schlagen, und
zwar mit der beweisbaren, augenscheinlichen Wahrheit, daß die Sünde auch
hier auf Erden der Leute Verderben ist; male in hundert Bildern die
Gegensätze, z. B. die arme Tagelöhnerfamilie, bei der der Vater nach
schwerer Arbeit in seiner reinlichen Hütte sitzt, den Löffel freundlich
mit Frau und Kind in die Mehlsuppe taucht, noch eine Stunde vor der Thür
sein Pfeifchen raucht, mit den Kleinen spielt, betet und sich zur Ruhe
legt; dagegen den Trunkenbold, der flucht, dem Wucherer für Schnaps mehr
als den Tagelohn hingiebt, die Frau schlägt, die Kinder verwünscht, in
Schmutz und Lumpen verkommt. Male den Gutsbesitzer, der Rath, Hülfe,
Trost für jeden seiner Leute hat, und den, der in Erpressung und
Lieblosigkeit alle Arbeitskraft ausnutzt; male den reichen Offizier, der
sein Vermögen verthut, vertrinkt, verspielt und mit einer Kugel durch
den Kopf endet, und den armen Mann, der durch geistige oder körperliche
Arbeit ein Vermögen gewinnt und Gutes für die Menschheit leistet; male
treu ihr inneres und äußeres Leben und dann laß aufrichtig die Frage
beantworten: 'Auf welcher Seite ist das Glück?' Auch dann, wenn nach
diesem Leben nichts wäre, auch dann ist der Christ der glücklichste
Mensch auf Erden."

Das Leiden der Kinder aber -- und schließlich auch das der Tiere, für
das ihr Mitleid fast ebenso rege war -- schien die Grundpfeiler des
ganzen Gebäudes ihrer Religion zu erschüttern. Ist es möglich,
angesichts eines gequälten Tieres, eines mißhandelten Kindes an den Gott
der Liebe zu glauben?! Kann ein gütiger Vater im Himmel ruhig mit
ansehen, was für einen guten Menschen schon unerträglich ist?! Selbst
die weitere Erklärung des Unglücks als einer Prüfung, an der die
moralischen und geistigen Kräfte reifer Menschen wachsen sollen,
versagte angesichts derer, die noch keine Kräfte haben. Und die
alttestamentarische Ansicht von den Sünden der Väter, die sich rächen
bis ins dritte und vierte Glied, erschien ihr unvereinbar mit dem Gott
der Christen. Sollte sie sich mit Goethes Weisheit, 'das Erforschliche
erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren' zufrieden
geben, wo sie nur Verabscheuungswürdiges sah? Nach vielen schweren
Gewissenskämpfen --'wie Jakob mit dem Engel, so habe ich mit mir selbst
gerungen' -- glaubte sie darin einen, wenn auch keineswegs
befriedigenden, so doch als weiteren Ansporn zur Tat dienenden Ausweg
gefunden zu haben: "Kinderleiden sind gewiß zum Theil eine Folge der
ungeheuren Schuld der Gesellschaft gegenüber den Armen, und sie rächen
sich an derselben Gesellschaft, indem sie Verbrecher, moralische und
physische Krüppel, Lebens- und Arbeitsunfähige entstehen lassen." Hier
also schloß sich der zerrissene Ring ihres Gedankengangs wieder. Ist das
Leid Folge der Schuld, so wird es im selben Umfang verschwinden, als die
Schuld abgetragen wird. Ihr tiefes Mitgefühl und ihre Überzeugung wurden
zusammen zur Triebkraft ihres Tuns.

Zu einer Zeit, wo Fröbels Erziehungsgedanken noch nicht bis zu dem
einsamen Gut in Westpreußen gedrungen sein konnten -- seinen ersten
Kindergarten eröffnete er ungefähr im selben Jahr -- sammelte Jenny von
Gustedt die Kinder der Landarbeiter und der Instleute um sich, "um ihnen
neben warmen Kleidern, guter Milch, reinen Händen und Gesichtern, durch
Spiel, Erzählung und Gespräch die primitivsten Ideen des Guten, Wahren
und Schönen beizubringen." Zur weiteren Unterstützung ihrer Bestrebungen
veranlaßte sie ihren Mann, die bisher in einem fernen Dorf gelegene
Schule nach Garden zu verpflanzen, und einen jungen, guten Lehrer
anzustellen, der Hand in Hand mit ihr zu arbeiten fähig war.

"Unsere Träume und Hoffnungen für Garden," so schrieb sie an Wilhelmine
Froriep im Hinblick auf das bisher Erreichte, "treten allmählich als
Wirklichkeiten hervor: ein junger, eifriger Lehrer, unterstützt von
unserer häufigen Anwesenheit beim Unterricht, von Preisen und kleinen
Kinderfesten, bringt schnell die liebe Schuljugend zu Ordnung, Fleiß und
Reinlichkeit, und da beim Verderb der Erwachsenen nur durch die Kinder
ein Heil für die Zukunft zu erwarten ist, hat Werner das etwas große
Opfer nicht gescheut, ganz allein die Kosten dieser Stelle zu tragen."

Aber den unglücklichsten der Kinder war durch all das doch nur zum Teil
geholfen: da gab es Verlassene und Waisen, denen selbst das ärmlichste
Zuhause fehlte. Jenny entschloß sich, zunächst vier von ihnen in ihr
Haus zu nehmen und mit Hilfe einer dafür angestellten Pflegerin unter
ihren Augen erziehen zu lassen. Das erste Kind, das sie aufnahm und von
dem sie noch als alte Frau besonders gern zu erzählen pflegte, war ein
wunderschönes kleines Mädchen, das sie im Straßengraben neben der
schwerbetrunkenen Mutter liegend fand. Erstaunt über den sorgfältig
gepflegten Körper des Kindes, erfuhr sie, daß die Mutter es mit dem
Schnaps zu waschen pflege, ehe sie ihn trinke. Fünf Jahre blieb das
Mädchen in Jennys Obhut, dann entführte es die Mutter, nach weiteren
fünf Jahren fand man es eines Morgens sterbend vor der Türe, einen
elenden Säugling im Arme.

Die Beschäftigung mit den Zöglingen, deren Zahl schließlich auf sieben
anwuchs, führte im allgemeinen zu erfreulichen Resultaten. Über die
Anfänge des Stiftes schrieb sie: "Das kleine Mädchenstift ist auch ins
Leben getreten, und vier sehr nette Mädchen im Alter von 3-11 Jahren
werden unter meiner Aufsicht erzogen; da es die ärmsten und
verwaistesten waren, fühlen sie sich sehr wohl ... Zu Weihnachten wurde
durch diesen Zuwachs der Familie die Freude sehr erhöht, und ich kann
nicht sagen, wie rührend mir die kleinen Wesen waren, die zum
erstenmal in ihrem Leben eine Weihnachtsfreude, diesen Glanzpunkt der
Kindheit, kennen lernten."

Was wäre aber Jennys Leben, so reich und vielseitig sie auch seinen
Inhalt gestaltete, für sie selbst gewesen, wenn ihrer Mütterlichkeit nur
fremde Kinder anvertraut worden wären. "Man sagt oft," schrieb sie
einmal, "daß ein Weib, das fremde Kinder erzieht, aller Muttergefühle
theilhaftig würde. Nur ein Mann oder eine Kinderlose kann das behaupten,
die von den Wundern des Mutterseins, den geheimnißvollen Einflüssen des
Blutes keine Ahnung haben. Alle Qualen der unglücklichen Ehe wiegen
federleicht gegenüber der Seligkeit der Mutterschaft, alle körperlichen
Nöthe und Schmerzen sind nichts als ein nothwendiger winziger Erdenrest,
der daran mahnt, daß sie nicht reine Himmelswonne ist. Dabei ist das
Mutterherz ein besonders merkwürdiges Ding: neben der Gattenliebe findet
eine andere ähnliche keinen Platz, ohne sie zu beeinträchtigen oder zu
verdrängen, das Mutterherz aber ist wie ein Diamant: bei jedem Kinde
wird eine neue Seite geschliffen und eine neue Flamme erzeugt, die der
früheren nicht schadet, sondern sie noch mehr verklärt." Als sie diesen
Brief -- ein Gratulationsschreiben an eine jung Vermählte -- absandte,
war ihr zweites Kind, ein Töchterchen, das dem ältesten, einem Sohn,
nach kaum einem Jahre gefolgt war, gerade geboren worden, und die Kinder
bildeten ihr wachsendes Entzücken, den Mittelpunkt ihres Denkens und
Tuns. Welche mütterlichen Träume und Zukunftsgedanken umspielten jetzt
schon Ottos schwarzes Köpfchen und das goldig schimmernde der kleinen
Marianne!

Die Kinder sind unsere Unsterblichkeit -- wer vermag diesen Gedanken in
seiner ganzen Tiefe, in der ganzen Schwere der Verantwortung, den er
auferlegt, stärker zu empfinden als eine Mutter, als eine solche Mutter,
bei der "Gefühle und Erfahrungen so unverlöschbare Eindrücke
hinterließen und eine südliche Phantasie ins Ungemessene trug".

Nach ihren Briefen aus jener Zeit zu schließen, überließ sie die Kinder
so wenig als möglich anderen. Gerade die unbewußten Eindrücke der ersten
Kindheit erschienen ihr als ausschlaggebend für das ganze Leben. Das
sprach sie schon aus, als sie bei der Geburt des Grafen von Paris an die
Herzogin von Orleans schrieb: "O, gieb wohl Acht, aus welchen Zweigen du
die Wiege des Kindes flichtst, denn die Zweige wachsen zu Bäumen empor
und beschatten das Menschenleben; umsonst umwindest du dann die Stämme
mit Kränzen, umsonst schmückst du die Wipfel mit Blumen, ein Windstoß
des Schicksals verweht sie, und es zeigt sich wieder, ob eine
Traueresche oder eine immergrüne Tanne darunter wuchs."

Keinerlei gesellige Ansprüche entzogen sie ihren Mutterpflichten; bei
den weiten Entfernungen und schlechten Verbindungen war an nachbarlichen
Verkehr nicht zu denken, und das Leben war so ausgefüllt, daß er nicht
vermißt wurde: "Ich lebe nach all meinen Einsamkeitsträumen und finde
sie in Wirklichkeit noch lieber," schrieb sie nach dreijährigem
Aufenthalt in Garden und fügte hinzu, daß sie sich nicht vorzustellen
vermöchte, jemals in das städtische Leben zurückkehren zu können. Nur
leise klang hie und da die Sehnsucht nach fernen Lieben durch. "Von
mir," heißt es in einem Brief an Frau Froriep, "kann ich nur
Erfreuliches berichten: meine lieben Herzenskinder gedeihen an Geist und
Körper, und übermorgen ist Weihnachten!! -- Ottchen ist groß und
kräftig, und seine Liebe und Zärtlichkeit beglückt mich unendlich ...
Wir sehen niemanden, und jeder Tag ist sich gleich -- gleich lieb und
angenehm, ich zeichne, stricke, schreibe, lese zuweilen, spiele abends
mit Werner Schach, oder wir lesen einander vor. Die Grundfarbe des
Lebens sind immer die zwei lieben Engelchen, und hätte ich meine Mama
und meine Emma, dann möchte ich niemals sterben."

Das liebe Bild Weimars mochte aber doch immer lockender vor ihrer Seele
stehen, und das Verlangen, ihr Frauenglück, ihren Mutterstolz dort
strahlen zu lassen, wo alle Freuden und Leiden ihres Mädchenlebens sich
abgespielt hatten, war bald stark genug, um sie die beschwerliche Reise
im Wagen mit zwei kleinen Kindern nicht fürchten zu lassen. Im Februar
1841 schrieb sie an eine ihrer Weimarer Freundinnen:

"Wie ich mich freue, Dich wieder zu sehen, Dir meine lieben, lieben
Kinderchen zu zeigen! Wie ich die Unerschöpflichkeit über dieses Thema
nun selbst übe, kann Dir Emma sagen; jetzt, wo ich die süße Hoffnung
habe, sie nach Hause zu bringen, sie dort lieben und hoffentlich
gefallen zu sehen, kann ich eher schweigen, obwohl mir Ottos Geschichten
bei weitem interessanter erscheinen als die Berechnungen über den
Durchbruch der Weichsel und die Angelegenheiten vom Gleichgewichte
Europas! ... Jetzt habe auch ich die stille Ruhe eines befriedigten
Herzens und eines ausgebildeten und ausgefüllten Lebens; mein Werner,
meine Kinder, mein Haus, meine Lebensweise, meine Gegenwart, meine
Aussicht für die Zukunft, alles erfüllt mich mit der gleichen
unausgesetzten Dankbarkeit gegen Gott, und die Opfer vieler
Lieblingsbeschäftigungen erscheinen mir um so unbedeutender, da ich mit
regem Interesse Werners Thätigkeit, seinem so reichen und viel
umfassenden Berufe folge."

Alte und neue Freunde, unter diesen der Gatte ihrer Stiefschwester
Cecile, Graf Fritz Beust, machten ihren Weimarer Aufenthalt zu einem
sehr wohltuenden, und doch kehrte sie gern zurück in den Kreis ihrer
Wirksamkeit, zu ihrem Gatten, den sie mehr und mehr lieben lernte.
Manche Aussprüche in ihren Briefen legen von dem ungetrübten Glück
ihrer ersten Ehejahre Zeugnis ab. So schrieb sie einmal, als Werner in
Geschäften längere Zeit abwesend gewesen war:

"Während meiner sechswöchentlichen Strohwittwenschaft war ich sehr
einsam, und gegen das Ende dieser Zeit ergriff mich eine große
Sehnsucht, dennoch habe ich mich durch stille Beschäftigung und
namentlich durch die ununterbrochene Gegenwart meiner Kinderchen
erheitert -- als aber einmal mitten in der Nacht mein Werner neben
meinem Bette stand und leise meinen Namen rief, da wußte ich mich doch
kaum eines schöneren Moments in meinem Leben zu erinnern; seitdem kann
ich der Freude seiner Gegenwart gar nicht satt werden, und so einförmig
und still unsere Tage aussehen, so sind sie doch lebendig durch unser
Glück und unsere Liebe."

Und in einem anderen Briefe heißt es: "... ich bin schon einigemale mit
den Kindern und deren Kameraden zu dem unschuldigen Fest der
Schlüsselblumenlese auf einer runden allerliebsten Wiese mitten in einem
herrlichen Buchenwald gewesen -- wenn ich da mit einem Buche sitze und
die kleine jubelnde Gesellschaft um mich herum spielt, scheint es mir,
als gäbe es gar keine anderen Feste in der Welt, und komme ich dann nach
Hause und gehe mit meinem Werner herum, so scheint mir dies wieder wie
ein beneidenswertes Fest -- kurz, ich bin eine glückliche Frau ..."

Wie wenig die Außenwelt sie lockte, mit der sie nur durch den
Briefwechsel mit ihren Freunden verbunden war, wie sicher sie sich
glaubte in ihrem stillen Frieden vor allen Zweifeln, aller Zerrissenheit
des Innern, unter der sie einstmals litt, geht aus folgenden Zeilen
hervor: "Die liebe Prinzeß Augusta hat meiner Ignoranz in der neuesten
schönen Litteratur etwas nachgeholfen und mir die Reisebilder der Hahn
und einige andere Bücher geschickt; ich habe sie mit großem Interesse
gelesen, mich dabei mit einigem Grausen an die Atmosphäre von Ottiliens
Salon und leider recht viel an ihr armes zerrissenes Gemüt erinnert, --
ich bin mit einigen Kopfwunden und einigen radikal verwachsenen Narben
durch den Strom geschwommen, der die arme Ottilie umbrauste und dem sie
sich hingab und hingiebt wie die verrückte Hahn, -- jetzt wo ich am
friedlichen Ufer stehe, wo der Strom nicht einmal mit seinem Schaum
hinkommt, erscheinen mir die Seelen doppelt unselig, die sich hin- und
herschleudern lassen, anstatt einen kühnen Sprung zu tun und ans Land zu
kommen."

Demselben Gedankengang folgte sie, als ihr junger Freund, der
Erbgroßherzog Karl Alexander, sich verlobt hatte und sie ihm schrieb:
"Am ruhigen Ufer angelangt zu sein, wie ich, sich selbst freudig in dem
geliebten Anderen und dann in den Anderen aufgehen zu sehen, wie ich,
von dieser sicheren Stätte aus nach außen im Großen zu wirken, wie ich
es nur im Kleinen vermag -- darin vereinigen sich meine höchsten und
besten Wünsche." Auf ihren Brief erhielt sie folgende Antwort, die der
erste Anfang zu dauernder brieflicher Verbindung sein sollte:


Weimar, den 1. März 1842.

"Meine liebe gute Frau von Gustedt!

"Sie werden vielleicht erstaunt sein, einen Brief von dieser Hand zu
erhalten, die es wagt, in einem Tone zu schreiben, der auf alte
freundschaftliche Beziehungen schließen läßt, aber wenn ich Ihnen sage,
daß die Person, die Ihnen schreibt, von allen Ihren Freunden der Treuste
und Ihnen am aufrichtigsten zugetan ist, und dessen dauernde
Freundschaft für Sie aus seiner Kindheit stammt, werden Sie leicht
erraten, welche Hand sich heute zum ersten Mal die Freiheit nimmt, Ihnen
zu schreiben. Es ist ein alter Wunsch von mir, Ihnen einmal brieflich zu
wiederholen, daß weder Zeit noch Entfernung jemals aus meinem Herzen die
Erinnerung und meine tiefe Anhänglichkeit an Sie auslöschen können, aber
die Furcht, indiskret zu erscheinen, hat mich zurückgehalten, heute
aber, wo ich an einem der wichtigsten Abschnitte meines Lebens
angekommen bin, habe ich das Bedürfnis, meine Gefühle dem Herzen einer
Freundin anzuvertrauen und hätte ich da, sagen Sie es selbst, gnädige
Frau, schweigen und mich nicht an Sie wenden sollen? Arbeiten aller Art,
zwingende Briefe haben mich verhindert, den Wunsch, den ich hatte, Sie
zu sprechen, zu verwirklichen, denn es giebt Dinge, die zu wichtig und
zu zart sind, um besprochen zu werden, wenn nicht Körper und Geist in
Ruhe sind. Ich weiß bereits, welche Teilnahme Sie für meinen letzten
wichtigen Entschluß empfunden haben, es war auch kaum nötig, es noch zu
versichern, denn ich wußte im Voraus, daß Sie mir bei dieser Gelegenheit
Ihre Glückwünsche nicht verweigern würden, die mir so notwendig sind und
denen ich einen so hohen Wert beimesse. Dafür möchte ich Ihnen jetzt
meinen aufrichtigen Dank aussprechen, nehmen Sie ihn an mit der
Versicherung, daß er aus dem Grunde eines Herzens kommt, das Ihnen ganz
ergeben ist. Ich wage die Bitte hinzuzufügen: geben Sie mir Ihren Segen
als Freundin, er wird mir Glück bringen, er wird mir die Kraft geben,
Sie nachzuahmen in der Erfüllung Ihrer Pflichten und in der geistigen
Entwicklung, die Sie zu so schönen Erfolgen geführt hat und die alle
Menschen ergreift, die das Glück haben, sich Ihnen zu nähern. Sie müssen
von nun an auch meiner Braut ein wenig Freundschaft entgegen bringen,
denn ich liebe sie aufrichtig, und sie verdient Ihre Achtung. Ich darf
wohl sagen, daß sie alle Eigenschaften hat, die hoffen lassen, daß wir
gut miteinander leben werden, ihr sanfter Charakter, ihre immer frohe
und gleiche Laune, ihr gebildeter Verstand und die Zuneigung, die sie
mir entgegenbringt, berechtigen mich, wie ich glaube, zu dieser
Hoffnung. Ich wage sogar zu hoffen, daß sie dereinst den beschwerlichen,
aber segensreichen Weg wandeln wird, den auch meine Urgroßmutter, meine
Großmutter und meine Mutter gegangen sind und noch mit solchen Erfolgen
gehen; und das ist nicht der geringste Vorteil, den sowohl das Land wie
auch meine Familie aus dieser geplanten Vereinigung ziehen werden ...

"Meine 23 Jahre und ihre 17 sind allerdings kein hohes Alter, aber das
Sprichwort sagt: 'wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch die Kraft',
das läßt mich hoffen, daß unsere Jugend kein Unglück ist, um so mehr als
sich dieser Fehler ja mit jedem Tage verringert. Ich wünsche herzlich,
Sie bald mit meiner Braut bekannt machen zu können, und hoffe, daß wenn
ich erst verheiratet bin, Sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen
werden, wie es in meinem kleinen Haushalt zugeht. Der Gedanke, daß ich
von meinem Haushalt spreche, kommt mir so seltsam vor, daß ich zu
träumen glaube. -- Aber dieser Brief wird ein Buch, und ich muß
gestehen, daß ich vergaß, daß ich Ihre Güte und Ihre Geduld mißbrauche,
wenn ich in einem fort von mir spreche. Gestatten Sie mir noch, Sie zu
bitten, Ihrem Gatten meine Empfehlung zu vermitteln, und bewahren Sie
Ihre Güte und Freundschaft dem, der für das Leben bleibt

Ihr ergebener Freund

Carl Alexander."


Es gehört zu jenen freundlichen Märchen, an die die Menschen so gerne
glauben, solange ihr Herz noch jung ist, daß Freundschaft und Liebe dem
Dache gleicht, das vor den Unbilden des Wetters Schutz bietet, oder dem
Öl, das die heranbrausenden Wogen des Schicksals besänftigt. Wäre es
Wahrheit, wie gesichert vor allem Bösen hätte Jennys Leben verfließen
müssen! Aber das Unglück kennt keine Hindernisse, wenn es sein Opfer
erreichen will, und um so größer und vernichtender ist es, je reicher
und tiefer die Seele ist, die es trifft. Ein Pfeil, der an der Haut des
Elefanten abprallt, durchbohrt die Taube; ein Schrotkorn, das im Fell
des Bären stecken bleibt, tötet die Nachtigall.

Vielerlei Erlebnisse, die für robuste Naturen ohne tieferen Eindruck
vorübergegangen wären -- Undankbarkeit und Untreue bei denen, die mit
Wohltaten überschüttet wurden, Fehlschlagen der liebevollsten
Erziehungsmethoden -- wirkten beinahe verdüsternd auf Jennys Gemüt.
Schlechte Ernten, getäuschte Hoffnungen auf Verbesserungen im Kreis und
in der Provinz überwand sie nicht, wie glücklichere Naturen, durch neue
Hoffnungen, sie steigerten vielmehr ihre Sorgen. Kamen trübe Nachrichten
von Freunden und Verwandten, so überwand sie sie schwer. Als Wilhelmine
Froriep ihr vom Tode ihres Kindchens Mitteilung machte, schrieb sie ihr:
"Wie mein höchstes Glück in meinen beiden Kindern liegt, so ist dies
auch gleich die wunde Stelle, an der mein Mitgefühl für andere Mütter
fast physisch schmerzhaft ist -- in jeder Fingerspitze fühle ich
körperlich, was im Herzen vorgeht ..." Waren die eigenen Kinder krank,
so pflegte sie sie bis zur Erschöpfung, aber sie litt weit mehr unter
der Angst, als unter dem Versagen der Körperkräfte. Die lang andauernde,
schmerzhafte Krankheit ihrer zärtlich geliebten Mutter, der sie fern
bleiben mußte, weil sie sich zwischen ihr und den Kindern nicht zu
teilen vermochte, erfüllte sie mit dauernder Angst. Die Geburt ihres
dritten Kindes, eines Mädchens, das auf ihren Namen getauft wurde,
vermochte sie darum nicht mit derselben Wonne zu begrüßen, die sie sonst
empfunden hatte -- ein Umstand, der sie Zeit ihres Lebens diesem Kinde,
meiner Mutter, gegenüber etwas wie Schuldbewußtsein empfinden ließ. Ein
halbes Jahr nachher, im Dezember 1844, rief der besorgniserregende
Zustand der Mutter sie nach Weimar. "Wenn man nicht mehr für die Seinen
leben kann, warum dann überhaupt noch leben?" hatte sie in einem ihrer
letzten Briefe geschrieben, "ich kann ihnen nichts mehr sein, kann ihre
Zärtlichkeit nur mit einem Blick der Verzweiflung beantworten. O gütiger
Gott, erhöre mich, laß mich heimkehren zu Dir! Von dort aus werde ich
meine Kinder segnen, werde ihnen danken für alles Glück, das mir
geworden ist durch sie! Alle Seligkeit des Lebens verdanke ich ihnen,
und die Worte, die ich so gern wiederhole: Ich bin eine glückliche
Mutter, sollen auch meine letzten sein und mir den Abschied verschönen!"
Jenny traf sie nicht mehr am Leben. Sie gab ihr noch das letzte Geleit,
dann kehrte sie heim, um vieles gealtert, wie jeder, an dessen Lebensweg
der erste Grabstein sich aufrichtet. Lange vermochte sie sich nicht zu
erholen. "Meine Nächte," so schrieb sie, "sind durch schreckliche Träume
des vergangenen Jammers, der durch die Lebhaftigkeit derselben immer
wieder zur Wirklichkeit wird, sehr peinlich; dann erwache ich in
Angstschweiß gebadet mit Herzklopfen und mit einer demnach wieder neuen
Täuschung, weil ich zwar die trostlose Überzeugung des nahen Todes
meiner geliebten Mutter träume, in der Regel aber nicht, daß er wirklich
erfolgt sei -- daher mir die Gewißheit beim Erwachen einen neuen Schreck
giebt. Am Tage erhole ich mich durch die Stille, den freundlichen
Sonnenschein, der zu jeder Stunde meine behaglichen Zimmer erhellt,
durch die geistige Ruhe, die unschuldige Fröhlichkeit meiner drei lieben
Kinder und die Liebe meines Mannes. Es ist mir sehr wohlthuend, daß mir
niemand von meinem Schmerze spricht, und mich wieder niemand stört, wenn
ich davon sprechen oder daran denken will. So vergehen leise und sanft
meine Tage in einer stillen Trauer, die mir so mit meiner Seele verwebt
zu sein scheint, daß ich nicht weiß, wie sie je aufhören kann, oder wie
sich neben sie die Fähigkeit, eine frohe Botschaft, eine recht volle
Lebensfreudigkeit zu empfinden, stellen wird. Ich beschäftige mich auch
so leise hin und fühle mich nicht allein nicht geistig gelähmt, sondern
sogar durch den Gedanken an meiner Mutter Liebe und Segen zur Tätigkeit,
die sie billigte, angeregt."

Die ländliche Ruhe empfand sie jetzt doppelt wohltätig. Den Schmerz
durch Zerstreuung zu betäuben, jenes Rezept schlechter Seelenärzte, die
nicht wissen, daß er die Heilkraft in sich selbst trägt, wies sie weit
von sich: "Der Schmerz soll sein, wie der Schnitt an der wilden Rose,
der ihrer Veredelung durch ein neues Reis vorangeht," schrieb sie, und
auf einen teilnehmenden Freundesbrief antwortete sie: "Meine Pläne
konzentriren sich alle auf Garden; meine letzte Reise hat einen tiefen
Eindruck nicht allein auf mein Herz, aber auch auf meine Phantasie
gemacht, erst jetzt kommen Nächte vor, wo ich sie nicht im Traume wieder
durchlebe, und das Wort 'reisen' hat einen schmerzlichen Klang für mich
... Ich lebe ganz klösterlich, still, ernst, beschäftigt und ergeben,
obgleich wehmüthig bis im Innersten der Seele, meine Kinder sind mein
Glück, sie gedeihen in dem gesegneten Landleben, wo ich alles auf sie
einrichten kann, auch der strenge Winter ist ihnen nicht entgegen, da
sie täglich, und Otto oft den ganzen Tag, draußen sind; jetzt fahren sie
im Schlitten spazieren, und mein Jennchen hält mit ihren zwei
dunkelroten dicken Bäckchen auf dem weißen Kopfkissen ihren
Mittagsschlaf."

Während sie mit ihrem Besitztum sich immer mehr verwachsen fühlte, je
mehr Liebe und Arbeit darauf verwandt worden waren, und jede
Ausgestaltung des Hauses, jede Gartenanlage es ihr mehr und mehr zur
Heimat machte, in der sie und ihre Kinder Wurzel faßten, erschien dem
Gatten das Feld seiner Tätigkeit immer enger. Der Wunsch, ins Weite zu
wirken, beherrschte ihn immer lebhafter. Jenny beobachtete diese
Entwicklung mit stillem Kummer. Sie hoffte, er würde als Landrat
Befriedigung finden, und unterstützte daher seine Bestrebungen nach
dieser Richtung. "Ich wünschte sehr für Werner," schrieb sie, "daß er
Landrath wird, da mein viel sehnlicherer Wunsch, daß er sein Leben mit
dem in jeder Hinsicht angestrengten Eifer ausfüllen möchte, sein Gut
materiell und moralisch zur höchst möglichen Vollkommenheit zu bringen,
nicht erfüllt wird, und sein Interesse gemeinnütziger ist und in
weiterem Kreis sich bewegt, so würde er als Landrath auf andere Weise
meine Lebensidee erfüllen, denn seine Pläne für Chausseen, gute Wege,
Sparkassen, Krankenhäuser, Turnanstalten, ökonomische Landverbesserungen,
sind nicht allein dem Plan, aber auch den Vorarbeiten nach, reif, und
ich zweifle nicht an seiner Energie zu ihrer Ausführung."

Für sie selbst gewann der Plan an Reiz, da seine Ausführung sie nicht
von Garden fortzuführen schien und sich ihr dabei die Möglichkeit bot,
für ihre sozialen Bestrebungen einen breiteren Boden zu finden. Ihre
Briefe aus dem Anfang des Jahres 1845 lassen überhaupt einen zuweilen
bis zum krampfhaften gesteigerten Tätigkeitsdrang erkennen. Die
verschiedensten Pläne durchkreuzten ihr Hirn, und für die, die der
öffentlichen Wohlfahrt dienten, suchte sie ihre fürstlichen Freunde vor
allem zu interessieren. Schaffung von Rettungshäusern für uneheliche
Kinder, Suppenanstalten für Arme, Heime für die schulpflichtige
Arbeiterjugend schlug sie ihnen im Detail vor. Sie bekam damals
dieselben Antworten, die heute die Regierungen zu geben pflegen, wenn
sie zur Abhilfe dringender Notstände aufgefordert werden: man wolle die
Frage untersuchen lassen. "Als ob es der Untersuchung noch bedürfte,"
schrieb sie, "wo im 19. Jahrhundert in Preußen Menschen verhungern und
erfrieren und Kinder aus Mangel an Nahrung und Pflege elendiglich zu
Grunde gehen!" In einem längeren Brief des Erbgroßherzogs von
Sachsen-Weimar -- einem der sehr wenigen, die erhalten blieben -- findet
sich eine Bemerkung, die auch auf eine solche Anregung ihrerseits
schließen läßt, aber auch die weiche Liebenswürdigkeit des jungen
Fürsten, die damals schon für energische Tatkraft nicht viel Raum ließ,
so daß jenes "Weh dem, daß du ein Enkel bist!" auch auf ihn Anwendung
finden mochte, tritt gerade in diesem Schreiben besonders deutlich
hervor:


Weimar, den 12. März 1845.

"Was Sie von mir denken, kann ich, verehrte und geliebte Freundin, weder
rathen noch wissen; was mich angeht, so weiß ich nur, daß ich diesen
Brief mit einem Gefühl wirklicher Beschämung beginne. Auf Ihre
liebenswürdigen und freundschaftlichen Worte durch ein Schweigen von
mehreren Wochen zu antworten, -- nicht danken, wo soviel Güte es zur
heiligen Pflicht macht, das ist ein Verhalten, das den schärfsten Tadel
verdiente, wenn das Gewissen des Angeklagten ihn nicht berechtigte,
seinen Richter um Milde zu bitten. Es giebt Briefe und Briefe, wie es
Freunde und Freunde giebt.

"Sie selbst bezeichneten eines Tages die verschiedenen Arten und teilten
sie ein in Freunde, die wir lieben, solche, die wir nicht lieben, und
solche, die wir nicht leiden können. Es besteht eine große Ähnlichkeit
zwischen den verschiedenen Arten von Freunden und den verschiedenen
Arten von Briefen; es giebt welche, die man aus Pflichtgefühl schreibt,
solche, die man aus Rücksicht schreibt, und es giebt endlich Briefe, die
man aus innerem Drang, aus Freundschaft, aus Begeisterung schreibt. Ich
brauche Ihnen, glaube ich, nicht zu sagen, daß die Briefe, die Sie mir
an Sie zu richten gestatten, zu dieser letzten Klasse gehören, und
gerade weil sie dazu gehören, können sie nicht zu jeder beliebigen Zeit
geschrieben werden, wie man auch nicht jeden Augenblick eine gute
Unterhaltung führen kann. Deshalb schien es mir, als ob die im Tumult
des Karnevals verbrachten und durch eine Familienversammlung
unterbrochenen Wochen kaum die geeignete Ruhe boten, um mit Ihnen zu
sprechen.

"Lassen Sie mich nun von einer Verpflichtung zu einer anderen übergehen
und Ihnen im Geiste die Hand küssen für den lieben, freundlichen und
zarten Brief, durch den Sie mich geehrt haben und der mich so erfreut
hat. Ich will ihn im einzelnen beantworten und ich kann nicht besser
beginnen, als indem ich von Ihrer Gesundheit spreche, die, wie ich
hoffe, zur Stunde wieder vollkommen hergestellt ist. Die Eindrücke, die
Sie im letzten Winter gehabt haben, waren zu tief, zu schmerzlich, um
nicht Ihre Gesundheit zu erschüttern, aber ich habe eine zu hohe Meinung
von Ihrem Willen, von Ihrem Eifer für das Gute, von Ihrer Thätigkeit und
endlich von Ihrer Religion, um nicht überzeugt zu sein, daß Sie schon
seit langem Ihre Ruhe und Ihre Gesundheit wiedererlangt haben. Gott
behüte mich davor, Ihren Schmerz nicht achten zu wollen, er ist viel zu
heilig, um nicht Gegenstand allgemeiner und aufrichtiger Theilnahme zu
sein; aber es bleibt ewig wahr, daß eine regelmäßige Beschäftigung
heilenden Balsam in solche Wunden gießt. Darum sehe ich Sie muthig den
Weg weiter verfolgen, der Ihnen, seit Sie uns verlassen haben, den Segen
Ihrer Untergebenen eingetragen hat, ebenso wie die, für die Sie hier
sorgten, Sie segneten und noch segnen. Der Plan, den Sie mir vorlegen,
oder vielmehr der Vorschlag, den Sie mir machen, mich für eine Anstalt
zu interessieren, deren Zweck sein soll, für die Kinder von Ammen und
unverheiratheten Müttern zu sorgen, ist ein neuer Beweis dafür. Ich
beeile mich, alle erforderlichen Informationen einzuziehen und in Kurzem
werde ich die Ehre haben, Ihnen davon zu berichten. Auf jeden Fall bin
ich von dem wahrhaft christlichen Gefühl überzeugt, das Ihnen diesen
edlen Plan eingegeben hat, auch von dem Schmerz, den Sie empfinden, wenn
Sie an das Unrecht denken, mit dem so viele Menschen in dieser Beziehung
ihr Gewissen belasten. Es geht ja mit diesem Unrecht wie mit so vielem
anderen, das man begeht, ohne daran zu denken, ich kann sagen:
glücklicherweise, ohne es zu vermuthen. Wenn man sich immer beobachten
würde, wenn man immer Acht gäbe, würde man in seinen eigenen Augen ganz
anders erscheinen, als man sich zu sehen gewohnt ist.

"Ich weiß nicht, ob Ihr Gemahl, dem ich mich zu empfehlen bitte,
Landrath geworden ist oder nicht; es wäre mir lieb, wenn Sie mir das
mittheilen würden. Ich wünschte es ihm aufrichtig, und wenn die
Verwirklichung von mir abhinge, hätte ich mich nicht auf bloße Wünsche
beschränkt. Wie gern sähe ich Sie in der richtigen Sphäre für Ihre
Thatkraft und Leistungsfähigkeit. Doppelt gern, weil Sie, auf einen
sozusagen unkultivierten Boden gestellt, alles selbst erst schaffen
mußten; eine ganz von Ihnen geschaffene Welt, meine liebe Jenny, muß
sehr schön sein, beinahe ein Paradies, denn über dem Schönen, das Sie
immer schaffen, werden Sie stets das Gute herrschen lassen! -- Damit
wäre Ihr Brief annähernd beantwortet, ich sage annähernd, weil im Grunde
nur das Leben allein die rechte Antwort geben kann auf die Worte, die
sich an alle fühlenden, empfindenden und handelnden Fasern meines Wesens
zu richten scheinen. Ich bitte Sie demnach, von meinem Leben die Antwort
auf Ihr Interesse, Ihre Freundschaft und Ihre Theilnahme zu erwarten. --
Ich kann die Feder nicht fortlegen, ohne Ihnen noch ein wenig von hier
zu erzählen. Ihr Vater und Ihre Schwester befinden sich wohl; Cecile
geht seit einigen Tagen wieder aus und scheint sich gut von ihrer
Entbindung erholt zu haben. Der Kleine wurde in Gegenwart von Mama und
uns allen getauft, was mich tief gerührt hat, denn Beust gehört so sehr
zu meiner eigenen Familie, er bildet so sehr einen Theil meiner selbst,
daß es mir vorkommt, als ob alles, was ihm begegnet, Gutes und Böses,
mir selbst geschähe. Ich sehe häufig Fräulein von Froriep, deren
liebenswürdigen Charakter ich mehr und mehr bewundere, ohne von den
anderen Eigenschaften zu sprechen, die sie auszeichnen. Sie erinnert
mich oft an Sie, und ich glaube deshalb um so mehr, daß das, was sie so
liebenswürdig, so gleichmäßig gut und interessant macht, eine Gabe ist,
die sie von Ihnen hat. Denn das ist eine wirkliche Wohlthat der
Freundschaft, eine ihrer Segnungen, daß sie die guten Eigenschaften
eines Freundes auf den andern überträgt. Es scheint mir eine der
schönsten Erinnerungen zu sein, die man an jemanden haben kann, sich zu
sagen, daß diese oder jene gute Eigenschaft, die ich besonders liebe,
von diesem oder jenem Freunde stammt. -- Vor einigen Tagen kam Frau von
Goethe an, die sich wegen Familienangelegenheiten herbegeben hatte. Es
schmerzte mich, sie zu sehen; ich kann sie nur einem entwurzelten Stamm
vergleichen, der auf dem Wasser schwimmt, so ohne Ziel, ohne feste
Absichten, ohne Plan, ohne Zukunft ist sie. Durch ihre manchmal etwas
barocke Eigenart brach zuweilen ihr mütterliches Gefühl durch, und dann
sagte sie mit Thränen in den Augen von Alma: 'unser aller Frühling ist
hin.'

"Ich sah auch Walther, der bald nach seiner Mutter kam; er sieht so
schwächlich und gedrückt und lebensuntauglich aus, -- verzeihen Sie den
Ausdruck, -- daß es einen schmerzt, wenn man ihn sieht. Man kann sagen,
daß ein großer Name, wenn er nicht Ruhm und Auszeichnung bedeutet, zur
Last wird. Unter den Freunden, die wir im Laufe des Winters hier sahen,
befand sich auch ein gewisser Herr von Schober, ein Mann von Geist und
Talent, dessen schöne Gedichte ihm in Deutschland einen Namen gemacht
haben. Ich erfreute mich des Verkehrs mit ihm ... Eine Reise nach
Holland, die ich jetzt während dieses Januarwetters unternehmen muß,
kommt mir recht ungelegen. Es ist die Zeit, in der ich mich am liebsten
vollkommen in meine Studien vergraben und von nichts stören lassen
möchte. Vermuthlich theilen Sie meinen Geschmack, darum verzeihen Sie,
daß ich Ihre Zeit so ungebührlich lange in Anspruch genommen habe. Mit
vielen Empfehlungen von meiner Frau und den herzlichsten Grüßen von mir

Ihr treuster Freund

Carl Alexander."

       *       *       *       *       *

Als im Herbst 1845 dem Gardener Ehepaar ein Töchterchen geboren wurde,
das den Namen der toten Großmutter erhielt, sah Jenny ihre Tätigkeit
nach außen für eine Zeitlang unterbrochen und auf die Kinderstube
beschränkt. Ihrer vergessenen Künste erinnerte sie sich nun wieder und
zauberte in zarten Aquarellfarben die reizenden Köpfe ihrer vier Kinder
aufs Papier. Otto, einen schlanken, feinen Jungen mit dem klassischen
Profil der Bonapartes, "der," wie sie schrieb, "für mein Mutterauge das
vollkommenste Idealchen ist," malte sie am liebsten keck auf seinem Pony
sitzend; Mariannen, mit den großen Märchenaugen, gab sie blasse Rosen in
die Hand; während Jenny, "der kleine blondgelockte Engel, bei dessen
Anblick mir Thränen der Liebe und Dankbarkeit in die Augen steigen,"
mit ernstem Gesichtchen auf der Gartenfußbank Sandkuchen backt oder das
kleine Dianchen, den Liebling aller, auf dem Schoße hält. Die zwei
älteren Kinder gingen schon in die Dorfschule -- eine Maßnahme, die
Freunde und Verwandte entsetzte -- während daheim eine junge
Schweizerin, die Jenny aus der einfachen Bonne ihrer Kinder allmählich
zur lieben Freundin wurde, sie im Französischen unterrichtete. In
Religion und Geschichte unterrichtete Jenny selbst und nach einer
Methode, die damals noch eine ganz neue war: mit der Geschichte der
engsten Heimat begann sie. Beim eigenen Vorstudium hatte sie sich dabei
für die Geschichte der preußischen Ordensritter so begeistert, daß sie
einzelne Gestalten daraus, wie z. B. die Winrichs von Kniprode, zum
Vorbild aller Rittertugenden erwählte. Als noch größerer Held jedoch
erschien ihr der große Friedrich, dessen Lebensgeschichte sie in
schlichten Reimen zusammenfaßte, um sie den Kindern recht genau
einzuprägen. Auch die Enkel lernten sie, als sie noch nicht lesen
konnten, und keine historische Persönlichkeit ist mir infolgedessen so
lebendig geblieben wie der "alte Fritz".

Noch mehr als ihr historischer wich ihr religiöser Unterricht vom
Gewohnten ab. Die Kinder lernten weder Bibelsprüche noch
Gesangbuchverse, von der biblischen Geschichte erfuhren sie wie von
schönen Märchen, an die zu glauben, im Sinne des Fürwahrhaltens, sie nie
gezwungen wurden. Nur ein Gesetz gab es für sie als das unbedingte, dem
zu folgen Tugend sei und selig mache, das zu verletzen, den Weg zu
moralischem Zusammenbruch, zu Unglück und Elend betreten heiße: Du
sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Wie Jenny ihren Kindern
dies Gesetz verständlich zu machen suchte, wie sie ihnen an Beispielen
aus dem täglichen Leben die Folgen des Gehorsams und des Ungehorsams ihm
gegenüber auseinandersetzte, das hat sie in einem kleinen Büchlein
zusammengefaßt, dessen vergilbte Seiten mich wehmütig anschauen, und
hinter denen die Köpfe all der Kinder, die daraus lernten, aufzutauchen
scheinen. Auf dem weißen Marmorkreuz aber, das auf ihrem Schreibtisch
stand, leuchten noch immer in goldenen Lettern die Worte: Die Liebe
höret nimmer auf.

Im Herbst 1846 traf Jenny der schwerste Schlag: die kleine Diana starb
-- die große Diana zog sie nach ins Grab! Was Jenny empfand, kann ihr
niemand nachempfinden als eine Mutter, und zum ersten Male fühlte sie
sich, trotz der liebevollen Nähe des Gatten, allein mit ihrem Schmerz.
Niemand begriff, daß der Tod eines so kleinen Kindes einen
unausfüllbaren Lebensabgrund aufreißen kann; niemand konnte verstehen,
daß für eine Mutter das Kind ein Teil ihrer Selbst ist, und sie immer
verstümmelt bleibt, wenn es ihr entrissen wird -- wie sie denn
eigentlich nur vollkommen wird durch ihre Kinder.

Wilhelmine Froriep gegenüber, die eine Mutter war wie sie, sprach sie
sich aus: "Seitdem ich den tiefen unauslöschlichen Schmerz empfunden
habe, den Dein Mutterherz doppelt gekannt hat, habe ich unzählige Male
mit dem Gedanken in Deiner milden wohltuenden Nähe verweilt, mein
liebes, liebes Minele, und sehnte mich, in Deinen Augen das volle
Mitgefühl zu lesen, das nur Mütter empfinden können, namentlich bei dem
Tode eines so jungen Kindes; -- aber Du weißt, ich war fast den ganzen
Winter so krank, daß ich, statt meine Einsamkeit zu nutzen, sie als eine
große Bürde fühlte; -- meine drei mir gebliebenen Kinderchen hatte ich
sehr viel um mich, aber ich war zu schwach, um dies so recht freudig und
dankbar zu empfinden, und hätte mein Körper das Wort führen dürfen, so
hätte er sich sogar sehr darüber beklagt. Im Seebad fühlte ich mich
wohl, die Luft war so herrlich, und das Meer scheint so ganz ohne
Abschnitt mit der Ewigkeit zusammenzuhängen, daß die Seele ruhiger wird;
doch meiner Rückkehr nach Garden folgte eine unbeschreiblich trübe Zeit.
Wenn die Leiden der Phantasie sich zu denen des Herzens gesellen, werden
beide unendlich vermehrt, und ist dann der Körper nicht stark genug, um
den Willen zu unterstützen, kann die Thätigkeit nicht den Damm der
Gedanken bilden, so wird das Leben recht schwer, ich kämpfe noch
fortwährend mit dem traurigen Einfluß, den die alte Umgebung ohne das
heißgeliebte Kind auf mich übt, und noch sehne ich mich stündlich von
hier weg; da dies Gefühl sich aber mildert, meine Gesundheit sich
stärkt, und meine Thatkraft zunimmt, so fasse ich Geduld mit mir, und wo
Vernunft und Ergebung nicht ausreichen, hoffe ich auf die Zeit."

Der alte Freund -- Arbeit -- der ihr noch immer geholfen hatte, sollte
auch jetzt wieder helfen. "Ich lebe nur meinen Kindern, die mir viel
Freude machen, ohne daß freilich die Schatten fehlen," schrieb sie. "Oft
sitze ich auch auf alte deutsche Art mit meinem Mädchen in der
Jungfernstube, weil meine Lampe und mein Buch ihnen vortheilhaft sind,
und mich der fleißige Kreis erfreut ... Wäre meine Seele ohne Sehnsucht
nach Mutter und Kind, und hätte ich eine Freundin, der ich mich so recht
innig mittheilen könnte, so wäre diese Existenz ganz nach meinem
Geschmacke."

Bald jedoch sollte sich zeigen, daß das tiefe Leid eine große seelische
Umwälzung in ihr hervorgerufen hatte: Garden, die traute Heimat ihrer
Kinder, wo ihr die Wälder so freundlich gerauscht, die Seen ihr
lachendes blaues Auge vor ihr aufgeschlagen hatten, erschien ihr nur
noch wie das Grab des einen Kindes, und ihr Geist und ihr Herz, die
verlernt hatten, ein eigenes Leben zu leben und darum so qualvoll
litten, wenn ein Teil ihres Lebens, das Kind, ihnen genommen wurde,
sehnten sich hinaus, zurück nach der Heimat ihrer Jugend. In einem ihrer
Briefe aus jener Zeit heißt es:

"Daß meine Wünsche sich nach Weimar richten, kann ich nicht leugnen und
zeigt sich auch jetzt keine, auch gar keine Aussicht, uns dorthin zu
verpflanzen, so mag man sich doch gern bereit halten, glückliche
Zufälligkeiten und Schickungen zu ergreifen. -- Den Winter dort
zuzubringen, hat immer große Schwierigkeiten: den Kindern ist der
hiesige gleichmäßige Winter zuträglicher, Otto hat Schlitten, Pferd und
alles Zubehör eigen, und fährt nach Belieben, bis es 10 Grad Kälte
übersteigt, dann ist die Freude kurz und er bleibt auch gern zu Hause.
Das Kleinste, wenn es Gott giebt und erhält, macht schon nächsten Winter
die Reise, wenn nicht unmöglich, doch ganz unwahrscheinlich. Der
günstige Einfluß unseres Schullehrers auf Mariannchen wird schwerlich
ersetzt werden, eine französische Bonne steht mir seit Ostern in diesem
Zweige der Erziehung bei, und für Jennchen sind die großen ganz
durchwärmten und zugfreien Räume und die Spiele mit den kleinsten meiner
Stiftskinder auch schwer zu ersetzen. Werner hat sein Gut und seine
Provinzialinteressen, auch angenehme Männer zum Umgang und meistens eine
Reise, die den Winter durchschneidet, und seine Laune ist so
gleichmäßig, und sein Ausdruck so zufrieden, daß er keinen hinreichenden
Grund zu einem andern Winteraufenthalte bietet. Nun bleibe ich, die sich
wohl oft die Abende in Weimar vormalt, wo alles Lebenslustige bei Ball
und Theater und ich mit Emma, Dir, Luise, meiner lieben Cecile zusammen
wäre, oder der Familienkreis, der jetzt so gemüthlich geworden ist, mit
Karls und Beusts und Papa -- aber ich bin eins gegen 5, und da außerdem
das Beste meines Selbstes in den 5 steckt, ist das, was davon übrig
bleibt, nicht lebensfrisch genug, um egoistisch zu sein."

Viele ihrer Freunde teilten ihren Wunsch und suchten ihn dadurch zu
verwirklichen, daß sie an berufener Stelle Schritte taten, um Werner
Gustedt den Weg in den weimarischen Staatsdienst zu eröffnen, der auch
ihm als angenehme Aussicht erschien. Jenny zweifelte von vornherein an
dieser Möglichkeit, ihr Mann war zu sehr Preuße, zu wenig Hofmann, um
willkommen zu sein. Sie wußte außerdem, daß auch von seiten des
Stiefvaters, der mit ihrem Mann nicht gut stand, nur Opposition zu
erwarten war, daß auch der Erbgroßherzog, so sehr er ihr nahestand, für
ihn keine Sympathie besaß, und zwar um so weniger, je mehr seine
Schwester, die Prinzessin von Preußen, für ihn eintrat. Aber trotz
dieser Erwägungen der Vernunft, überließ Jenny sich eine Zeitlang nur zu
gern ihrer Phantasie, die ihr ein Leben in Weimar in den schönsten
Farben malte. Selbst wenn der Aufenthalt dort kein dauernder würde sein
können, so hätte sie ihn doch der drückenden Einsamkeit Gardens
vorgezogen; "nach ein paar Jahren," so schrieb sie, "könnten wir im
schlimmsten Fall wieder werden, was wir jetzt sind, nur in der Nähe
einer großen Stadt, unserer Verwandten und im Mittelpunkt des
Fortschritts und eines regen geistigen Lebens."

Wie anders klingen diese Worte der Sehnsucht, als ihre
Einsamkeitsschwärmerei der dreißiger Jahre! So fern ab sie den
Weltereignissen lebte, sie spiegelten sich doch in ihrer eigenen Seele
wider: der Traum der Romantik war ausgeträumt, die Wirklichkeit forderte
ihre Rechte; dem Schauspiel wich die Idylle. Wenn sie sich, in innerster
Seele unbefriedigt von einem Leben, das trotz aller selbstgewählten und
geschaffenen Arbeit doch nur ein Leben des Genießens, wenn auch des
reichsten geistigen Genießens gewesen war, in die ländliche Einsamkeit
zurückgezogen hatte, um dort in ihrem Mann, in ihren Kindern, in ihren
Armen und Pflegebefohlenen aufzugehen, so hatte sie dabei vergessen, was
den Mädchen ihrer Zeit zu vergessen freilich zur Pflicht gemacht wurde,
daß sie selbst eine Persönlichkeit war, die ihre Rechte früher oder
später zur Geltung bringen mußte. Unter dem Druck der Erziehung und der
Vorurteile war die Wandlung von einem geistig lebendigen Mädchen in eine
gute Hausfrau, deren höchster Ruhm es war, die eigene Individualität
mehr und mehr abzustreifen und das Ideal weiblicher Pflichterfüllung
dadurch zu erreichen, daß sie dem Willen und den Wünschen der Familie
blindlings nachkam, niemals aber die eigenen laut werden ließ, bei dem
größten Teil des weiblichen Geschlechts damals eine selbstverständliche.
Eine ungewöhnlich starke Natur mußte es sein, die nicht zwischen den
Mühlsteinen der Weibespflichten zerrieben wurde, und es mußten ihr
Kräfte von außen zu Hilfe kommen.

Hatte der Tod ihres Kindes sie aufgeschreckt aus
gefühlvoll-träumerischem Versunkensein in das friedliche Glück des
Hauses, so rissen die politischen Zeitereignisse sie aus einem
Gedankengang, der sich nun um das Wohl und Wehe der sie zunächst
Umgebenden drehte. Es war nicht nur die Not daheim, die um Abhilfe
schrie und der mit persönlichen Maßnahmen beizukommen sein mochte, es
war der furchtbare Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der sich wie
ein dunkler klaffender Abgrund deutlicher und deutlicher vor jedem, der
sehen wollte, auftat. Wer war geneigter als die Kinder der Romantik,
sich von der Not der schlesischen Weber, der hungernden preußischen
Bauern, bis zu dem Elend der englischen Fabrikarbeiter aufs tiefste
bewegen zu lassen und sich mit der ganzen Überschwenglichkeit ihrer
Liebes- und Mitleidsempfindungen ihnen zuzuwenden? Bettinens Buch an den
König, George Sands Begeisterung für die Sache des Volkes liefern den
Beweis dafür. Kam eine religiöse Überzeugung dazu, wie die Jennys, die
vom christlichen Glauben ausging und in der Forderung der Nächstenliebe
der Tat gipfelte, so mußten die Ereignisse der Zeit auf sie wirken wie
Frühlingswetter auf wohl vorbereiteten Ackerboden. Mit noch weit
größerem Eifer als in ihrer Mädchenzeit vertiefte sie sich wieder in
ernste Studien, deren Zweck für sie jetzt nicht mehr allein die
persönliche Aufklärung war, deren praktische Ergebnisse sie vielmehr
hoffte, dem Allgemeinwohl einmal nutzbar machen zu können.

Für ihre Betrachtungsweise ist ein Brief an Gersdorff aus dem Jahre 1846
charakteristisch, der an die Lektüre philosophischer Schriften anknüpft,
und in dem es heißt:

"Die Wahrheit, an die ich glaube, liegt zwischen Seneca und Bacon;
Bacons Ziel: der Nutzen und materielle Fortschritt durch die
Wissenschaften, als Mittel zu Senecas Ziel: die größte moralische und
geistige Entwicklung des Menschen. Diese Entwicklung ist das Endziel
alles Strebens; wäre es im rohen Naturzustande erreichbarer als durch
Civilisation, so würde ich für den rohen Naturzustand stimmen, so aber
glaube ich: es liegt der Wissenschaft ob, Raum, Kraft, Zeit, Mittel zu
schaffen, um den Geist möglichst unabhängig von der Materie zu machen,
zugleich die Intelligenz zu üben und zu schärfen, und dem flügellosen
Menschen Flügel zu schaffen. -- Die Mittel, welche mit dem wenigsten
Zeitaufwande und dem geringsten Verbrauch an Kräften die Bedürfnisse der
physischen menschlichen Natur befriedigen, mithin das Vergessen des
Körperlichen erleichtern, entfesseln den Geist und geben ihm Zeit, Raum,
Kraft und Mittel zum Wachsen und Gedeihen. -- Deshalb thut die
Wissenschaft göttlichen Dienst, wenn sie Dampfmaschinen,
Luftheizungen, Gasbeleuchtungen, Hebel, Wölbungen, Heilmethoden,
Ackerwerkzeuge, Produktionsmittel aller Art erfindet, und so lange muß
sie rastlos diesem göttlichen Dienste vorstehen, bis die Massen der
Menschen Muße gewinnen, um geistige Entwickelung pflegen zu können."

Als dann das Jahr 1847 erschien, mit hohlen Augen und eingefallenen
Wangen, eingehüllt in das fadenscheinige Gewand des Hungers, und die Not
auf Schritt und Tritt Jenny mehr als je entgegenstarrte, sah sie noch
deutlicher als je die Unzulänglichkeit bloßer privater Hilfe ein. Zwar
schuf sie einen großen leeren Raum ihres Hauses zur Volksküche um und
stellte Frauen an, die in großen Kesseln die Mahlzeiten für die Scharen
von Hungernden kochten, die Tag für Tag herbeiströmten; zwar gelang es
ihr, Nachbarn und Gemeinden zu ähnlichen Einrichtungen anzuregen, aber
sie gehörte nicht zu denen, die voll eitler Freude über die eigene
Leistung die große allgemeine, nicht zu erreichende Not vergessen, weil
ein paar Menschen während ein paar Tagen satt werden. Unbekannt mit all
jenen politisch-ökonomischen Systemen, die die Sozialisten Englands,
Frankreichs und Deutschlands aufgestellt hatten, um für alle
menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen -- in ihren Bücherlisten und
Auszügen ist kein einziges Buch der Art aufgeführt -- und immer noch
durchdrungen von der Macht des guten Willens der einzelnen mußten ihre
Ideen, sobald sie sich auf Bekämpfung der allgemeinen Mißstände bezogen,
notwendigerweise unzureichende bleiben. Aber daß sie sich überhaupt mit
ihnen beschäftigte, daß sie, die gläubige Christin, niemals in den
verbreiteten Fehler ihrer Glaubensgenossen verfiel, der so bequem ist
für die, denen es gut geht, und so einschläfernd für beunruhigte
Gewissen: die Armut für eine göttliche Einrichtung anzusehen, und Not
und Jammer für göttliche Prüfungen -- das allein beweist, daß eine
Faustnatur in ihr lebendig war. Die Eindrücke der Zeit diktierten ihr
folgenden Brief an Gersdorff:

"... Alle Welt stimmt darin überein, daß der Augenblick gekommen ist, wo
für das Wohlergehn der breiten Masse des Volks etwas gethan werden muß,
-- der edelste wie der egoistischste Mensch begegnen sich heute in
dieser Erkenntniß. Es ist interessant zu beobachten, was ein Jeder
heranschleppt, um den Damm gegen jene Sturmfluth bauen zu helfen, die
näher und näher kommt, um uns zu ertränken. Die einen sehen in schönen
Parlamentsreden die Rettung, die anderen in der Organisation der Arbeit.
Und zu diesen gehöre ich: vom König bis zum letzten Straßenkehrer müßte
jeder sich der Vollendung dieser Aufgabe widmen, alles Andere als
nebensächlich bei Seite schiebend, kein Opfer zur Erreichung dieses
Zieles für zu gering haltend. Die Schwierigkeiten sind enorme, aber sie
sind nicht unüberwindlich, und die Arbeit lohnt der Mühe, weil ihr Ziel
die erste Stufe zu vollkommener Radicalcur der kranken Menschheit ist.
Preußen ist von allen europäischen Staaten derjenige, der zu ihrer
Ausführung am geeignetsten erscheint; seine militairische Organisation,
die Gewohnheit jedes Preußen, zu gehorchen und den Gesetzen persönliche
Opfer zu bringen, das Princip der Bevormundung, das die Regierung immer
befolgt hat, kurz ihre ganze Machinerie haben das Terrain vorbereitet.
Ueberall herrscht Ordnung, nur in der Arbeit herrscht blinde Anarchie.
Die Philosophen machen Preußen gerade aus der Bevormundung einen großen
Vorwurf, wer aber tiefer sieht, kann nicht so sehr in ihr das größte
Uebel erblicken, als in ihrer Einseitigkeit. Ein Kind muß getragen
werden, ehe es selbst gehen kann: aus der Organisation der Arbeit, die
Willkür ebenso ausschlösse wie Ausbeutung und Unbotmäßigkeit, würde nach
und nach erst die Kraft, die Freiheit, die Selbständigkeit sich
entwickeln .... An einer uns Landbewohnern naheliegenden Aufgabe könnte
die Organisation der Arbeit durch den Staat einsetzen: Der Errichtung
von Fabriken auf dem Lande, die auch im Winter der Landbevölkerung
Arbeit böte, damit die Einführung der Dreschmaschine sie nicht mehr und
mehr zum Hungern verdammt."

Zu dem starken Einfluß, den die Zeitereignisse auf Jenny ausübten, und
dessen Grad sich an ihren ebenso vertieften wie gesteigerten und
erweiterten Interessen ermessen läßt, der auch den Wunsch in ihr weckte,
der Entwicklung näher sein, an ihr mitwirken zu können, trat noch ein
anderer, rein persönlicher hinzu: die Aufklärung über ihre Herkunft.

Am 1. Oktober 1847 hatte Jerome Napoleon nach zweiunddreißigjährigem
Exil den Boden Frankreichs wieder betreten. Ob er über den Aufenthalt
von seiner und Dianens Tochter Pauline im Kloster immer unterrichtet
gewesen war, ob sie sich ihm als "Mutter Maria vom Kreuz" auf Grund der
Briefe Dianens erst zu erkennen gab, als er Paris wieder zur Heimat
wählen durfte -- darüber fehlten mir Nachrichten. Ob Briefe der Nonne an
Diana von Jenny gefunden wurden und zur Verbindung der Schwestern
führten, läßt sich auch nicht mehr feststellen, ebensowenig wie der
erste Brief der Nonne an Jenny mit der Mitteilung, wessen Töchter sie
beide waren, erhalten wurde, eines nur steht fest: daß Diana selbst es
war, die es Pauline zur Pflicht gemacht hatte, Jenny aufzuklären und sie
zu bitten, den zu lieben, dem sie das Leben dankte. Wie groß mußte
Dianens Liebe gewesen sein, wenn sie über den Tod hinaus dem Mann, der
Schmach und Leid und Verlassenheit über sie heraufbeschworen hatte, die
Liebe ihrer Tochter zu sichern suchte. Wie erschütternd aber mußte die
Nachricht von der Mutter heimlichem Liebesbund, die ihr Ende des Jahres
1847 zugegangen war, auf Jenny wirken. Zwar hatte sie in Weimar nie
gelernt, die Beziehungen der Menschen zueinander mit dem Maßstab der
Prüderie zu messen, aber von der Heiligkeit der Ehe war sie doch tief
durchdrungen, und in ihrer Mutter hatte sie das Muster aller
christlichen Tugend verehrt, und nun: welch ein Aufruhr all dieser
Gefühle. Ihre gute, edle Mutter war die Geliebte eines der verrufensten
Könige gewesen, sie war sein Kind, Bastardblut floß in den Adern ihrer
Kinder! Wie mochten die bösen Zungen der Welt ihre Mutter beurteilt
haben und noch beurteilen, was für ein Schicksal stand ihren Kindern
bevor, wenn man erfahren würde, daß sie eine außerehelich Geborene zur
Mutter haben. Sie kannte ja diese Welt nur zu gut: hatte sie sich nicht
mit einem merkwürdigen Ahnungsvermögen am meisten zu den unehelichen
Kindern hingezogen gefühlt, die von allen Enterbten die unschuldigsten
und die verachtetsten sind? Und während sie so empfand, klang zu
gleicher Zeit die flehende Stimme der toten Mutter an ihr Ohr, die um
Liebe bat, um Liebe für sich und den Vater. Sie sah sie vor sich in
ihrer ganzen Lieblichkeit, die doch stets von leiser Melancholie
beschattet blieb; sie sah sie, wie sie selbst in ihren Todesqualen ihrer
Kinder in heißer Liebe gedachte. Wie mochte sie gelitten haben ein
ganzes Leben lang, von dem Augenblick an, da ihr der Säugling vom Herzen
gerissen und fern von ihr im Kloster aufgezogen wurde. Hatte sie nicht
dies furchtbare Opfer -- entsetzlicher noch, als wenn der Tod ein Kind
entführt -- ihren anderen Kindern zu Liebe gebracht? Jennys Herz, das
noch blutete von der Wunde, die des Töchterchens Tod ihm geschlagen
hatte, erbebte vor Mitleid und Liebe, und alles, was die hergebrachte
Moral ihr an erkältender Weisheit noch eben gepredigt hatte, verschwand
vor dem einen großen Gefühl. Nun aber begann auch ihre Phantasie, sich
ihrer Gedanken zu bemächtigen. Stets, selbst als der Haß gegen ihn in
Deutschland noch alles beherrschte, hatte ihr Geist dem großen Korsen
Altäre gebaut. Und nun war sie seines Blutes, und die Stimme dieses
Blutes war es gewesen, die sie gezwungen hatte, dem Schicksal der
Bonapartes voll tiefer Anteilnahme zuzusehen, es in seiner tragischen
Größe zu erkennen, als alles um sie her voll Genugtuung in ihm nur die
gerechte Strafe Gottes erblickte. Und hatte sie sich nicht doch des
Vaters zu schämen?! Ihre Mutter hatte ihn bis zur Selbstvergessenheit
geliebt, ihre Schwester schilderte ihn als einen der besten Menschen,
und zweiunddreißig Jahre des Exils waren auch für schwere Sünden eine
harte Buße. Gehörte er aber zu den vielen von der Welt über Gebühr
Verlästerten und Verfolgten, dann war er der Liebe doppelt bedürftig.

So stieg endlich aus dem Chaos der Empfindungen und Gedanken all jene
Zärtlichkeit hervor, die sie, nach der Innigkeit seines Dankes zu
schließen, dem Vater entgegengebracht haben muß. Aber die neue
Verbindung des Herzens gab auch ihren Interessen eine neue Richtung.
Hatte sie bisher die politischen Ereignisse Frankreichs lebhaft verfolgt
-- die Freundschaft mit der unglücklichen Helene von Orleans hatte dazu
beigetragen --, so fühlte sie sich von nun an innerlich mit ihnen
verknüpft, und die rege Korrespondenz ließ sie ihr vollkommen
gegenwärtig erscheinen. Der Wunsch Jeromes, die Tochter in seine Arme zu
schließen, fand in ihrem Herzen ein lebhaftes Echo. Wie ihre Empfindung
sie zu dem Vater zog, so ihr geistiges Ich zu jener Stadt, die wie eine
Feuerkugel wieder einmal nach allen Richtungen Europas die erleuchtenden
und erwärmenden ebenso wie die zündenden Strahlen ihres Wesens zu werfen
schien.

Die Märzstürme der Revolution machten zunächst die Reise nach Paris für
Jenny unmöglich. Aber auch aus anderen Gründen war sie ans Haus
gefesselt: im Juli 1848 wurde ihr ein Sohn -- ihr letztes Kind --
geboren, und die nächsten Monate gehörten seiner Pflege. Ihr Mutterherz
klopfte so stark und heiß für dieses Kind wie für die anderen, aber ihre
Gedanken, die sich sonst bei jedem neuen kleinen Erdenbürger um so mehr
auf die Kinderstube konzentriert hatten, konnte sie diesmal nicht
hindern, weit über die Mauern des Hauses hinauszuschweifen. Was sie
fühlte und dachte, als der Widerhall der Berliner Barrikadenkämpfe bis
an ihr Ohr drang, als Preußens König sich dem Willen des Volkes beugen
und die Gefallenen mit entblößtem Haupte ehren mußte, und als der Gatte
ihrer lieben Freundin, Prinzeß Augusta, heimlich das Land verließ --
darüber befindet sich nichts mehr unter ihren Papieren. Daß sie die
Ereignisse aber mit anderen Augen betrachtete, als es in der Sphäre
streng konservativen preußischen Junkertums, in der sie lebte, üblich
war, dafür legt ein merkwürdiger Artikel von ihr: "Meine Ideen zur
Reorganisation des Staates nach 1848" Zeugnis ab, den sie ihrem
Stiefvater sowohl wie dem Erbgroßherzog von Weimar und der Prinzessin
Augusta von Preußen zusandte. Ihre Antworten sind leider nicht mehr
vorhanden -- wenn sie überhaupt jemals geschrieben wurden. Der Artikel
lautet:

"Ein großer mächtiger Geist zieht durch die Welt -- ein Geist des
Schreckens, der Leidenschaft und -- der Gerechtigkeit; Schrecken und
Leidenschaften müssen weichen vor einem reinen, guten Willen, der Geist
der Gerechtigkeit muß bleiben, denn er ist der Geist Gottes, der heilige
Geist des Evangeliums; -- laßt uns tun nach seinem Gebote, denn ein
höheres gibt es nicht; laßt uns hell sehen bei seinem Lichte, denn es
ist dasselbe Licht, das jenseit des Grabes leuchtet, das Licht, das
nimmer vergeht -- die Wahrheit und die Liebe!!

"Wir, die Reichen, die irdisch Begünstigten, haben seit einer Reihe von
Jahren die Lawine beobachtet, welche die ganze bürgerliche Verfassung zu
zertrümmern droht; wir haben die Notwendigkeit kommen sehen, daß der
Arme, auch der fleißige und genügsame Arme, im Schweiße seines
Angesichts, mit Aufopferung aller Lebensfreuden, nicht mehr das
tägliche Brot für sich und die Seinen verdienen kann; wir haben eine
Einsicht in die mercantilischen, statistischen, politischen Verhältnisse
haben können. -- Mancher hat einzeln gern etwas, auch viel, aber lange
nicht genug gethan, um dem Übel zu steuern, und eben weil es einzeln
geschah und ein Jeder begriff, daß er doch nicht helfen könne, ist es
dürftig geschehen, und je greller die Schauer und der Jammer des Elends,
welches Jeder allein nicht bewältigen konnte, in die Seele schnitt,
desto mehr beschränkte man sich, und mit Recht, auf einen kleinen
Kreis, auf Hilfe an Einzelnen, desto mehr sorgte, sparte, erwarb,
vermehrte man, um für die eigenen Kinder allen irdischen Unglücksfällen
vorbeugend zu begegnen, weil man an den verhungerten, mißhandelten,
verkümmerten, elenden, an der Seele gekränkten Kindern, an den
vernachlässigten Greisen und Kranken, an der nicht zu bewältigenden
Fluth moralischer und physischer Versunkenheit und Verzweiflung ein
schreckliches Bild von dem hatte, was möglicher Weise den Liebsten und
Nächsten geschehen konnte. Ich brauche nur an das Hungerjahr 1847, an
die Webernoth in Schlesien, an die Nothjahre durch Dürre und
Überschwemmungen in der Provinz Preußen, an die Thatsachen z. B. in
Bettinens Buch an den König über die Berliner Zustände zu erinnern, ich
brauche nur Jeden zu bitten, in der Residenz, auf dem Lande, namentlich
in den kleinen Provinzstädten, auf der Straße sich umzusehen; wer Arzt,
Bürgermeister, Schullehrer, Fabrikherr oder Landwirth ist, der braucht,
dem Elende zu Gefallen, noch keinen Schritt außer seiner Berufssphäre zu
machen, um zu wissen, zu sehen, zu fühlen, daß unter Menschen, unter
Christen die Zustände nicht so bleiben können. -- Es ist grauenhaft,
daß eine Mutter vom Staate gezwungen werden kann, ihr Kind verhungern
zu sehen -- und dem ist so: sie läuft zehnmal zum Bürgermeister, der sie
nicht einmal anhört -- er ist nicht härter, nicht gewissenloser als ein
Anderer, aber er hat täglich zwanzig Fälle, wo Hülfe Noth thut, und er
hat nicht die Mittel, er kann nicht helfen; so die Gemeinde namentlich
in Jahren von Mißwachs, und so endlich der Staat -- Willen, Einsicht,
Mitleid, Wünsche sind da, aber keine Mittel -- diese sind es, die
geschafft werden müssen, und wehe, wenn der Spruch des Heilandes auch
jetzt in Erfüllung gehen müßte: 'Wahrlich ich sage euch, es ist
leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in
das Himmelreich komme!'

"Ich frage, was der Reiche verliert, wenn er den Überfluß abgiebt, um
die Armuth möglichst aus der Welt zu schaffen? Der Bessere unter den
Reichen genießt im Angesicht so vielen Elends seinen Luxus mit
schlechtem Gewissen; Seide, Silber, Diener, Paläste sind Dinge der
Eitelkeit, der Convenienz, der Sitte, sind aber weder Glück noch Genuß,
wenigstens keine höheren, als ein komfortables bürgerliches Leben auch
gewährt; Vielen sind sie Gewohnheit, deshalb ihre Entbehrung ein
anzuerkennendes Opfer, bei weitem den Meisten sind es nur
Nothwendigkeiten des Standes: man möchte ebenso gern ein wollenes als
ein seidenes Kleid tragen, ebenso gern eine behagliche Stube als zehn
besitzen, ebenso gern zwei Gerichte als zehn essen, ebenso gern ein
tüchtiges Dienstmädchen als zwei anspruchsvolle Kammerjungfern haben,
aber man meint, es ginge nicht, man wird als Sonderling zum Gespräch und
Spott der Leute, man muß demüthigenden Momenten Trotz bieten, sich
vertheidigen, seine Einfachheit erkämpfen, und das thut man nicht -- man
braucht es ja nicht. -- Der Reiche wird nicht mehr große Feste geben,
aber fragt, wieviel wahrhaft Fröhliche auf diesem Feste sind? Wo hundert
Hausstände auf ein jährliches Fest in Wohnung, Dienerschaft und
Hausgeräth versehen sein mußten, wird ein einziges Etablissement, wie
jede Stadt es jetzt hat, mit wenig Kosten für den Einzelnen dieselben
Freuden und größere gewähren, weil sie sich nicht bis zum Überdruß
häufen können. -- Der Reiche wird nicht mehr reisen können? O ja,
dieselbe Reise, die er noch vor zehn Jahren mit vier Postpferden in
acht Tagen für sechs- bis achthundert Thaler machte, macht er mit der
Eisenbahn für sechzig oder achtzig, und so wird nicht einmal sein Genuß
geschmälert werden.

"Der Luxus befördert die Industrie -- dieser Satz entbehrt alles
wahren Gehaltes. Gewinnt die Industrie nicht mehr, wenn eine
geschäftige Hausfrau zwei Cattunkleider zerreißt, als wenn eine Dame ein
seidenes Kleid auf dem Sopha aufträgt? Gewinnt nicht die Industrie mehr,
wenn sechs Porzellan-Milchtöpfe zerbrochen, als wenn alle hundert Jahre
eine silberne Milchkanne umgeschmolzen wird? Die Kostbarkeit des Stoffes
macht nicht den Verdienst des Arbeiters, sondern die Masse der Arbeit.
Wenn statt einer Brüsseler Spitze, die die Augen der Stickerin verdirbt,
zehn sächsische geklöppelte Spitzen gebraucht werden, welche von den
ärmsten Leuten im Erzgebirge gemacht werden, wo ist da für das
Allgemeine der Nachtheil? -- Der Luxus befördert nicht die Industrie,
aber ein reges Leben, eine allgemeine Wohlhabenheit thun es im wahren
Sinne des Wortes -- der obige Satz war ein Trost, den sich der Reiche
machte, eine Rechtfertigung, die man für ihn erfand, aber keine
Wahrheit.

"Dem Armen muß ein menschliches Leben geschaffen werden, Kinder, an
denen sich sein Herz freuen kann, deren Geburt nicht ein Unglück, deren
Dasein nicht eine Last, deren Tod nicht eine Erleichterung ist; Frauen,
die im Hause walten und wachen können, die seinen Herd erfreulich, seine
Feierstunde sanft, seine Mahlzeit reichlich bereiten können; ein ruhiges
Krankenbett, wo er nicht mit Angst und Kummer über das versäumte
Nothwendigste liegt, wo er sich nicht zur Arbeit quält, ehe er halb
genesen ist, wo er nicht den Vorwurf der Seinigen über ihre Last und
Mühe zu ertragen hat, einen warmen Rock gegen die Kälte, eine gesegnete
Einsicht gegen Aberglauben und Irrthum, ein unvergälltes Herz beim
Anblick der Wohlhabenden -- endlich einen ungebettelten Sarg und ein
gepflegtes Grab. -- An diesem Gewinne ermeßt seine Entbehrungen, an
diesen Entbehrungen seine namenlose Geduld. Wer dürfte sich einen
Christen nennen, der zu diesen nächsten, selbstverständlichsten Zielen
einer Reorganisation der Gesellschaft nicht gelangen und seine ganze
Kraft dafür einsetzen wollte?"

Professor Scheidler, dessen brieflich geäußerte Ansichten sie wohl am
meisten in ihrer Gegnerschaft zu der landläufigen Auffassung ihrer
Standesgenossen unterstützten, schrieb ihr darauf: "Wären Sie ein Mann,
so würde ich von Ihrer öffentlichen Tätigkeit Großes von Ihnen erwarten,
so aber fürchte ich fast, daß Ihre Ideen nicht zu Ihrem Glück
gereichen."

Seine Befürchtungen sollten sich nur zu bald bewahrheiten. Zum erstenmal
kam es zu tieferen Differenzen zwischen dem Ehepaar. Werner Gustedt
rechnete sich zwar zu keiner bestimmten Partei; er war seiner Gesinnung
und seinen Bestrebungen nach eher liberal als konservativ, aber er war
ein Gegner jeden Philosophierens und Spintisierens über
Zukunftsprobleme, war ein Mann praktisch-nüchterner Gegenwartsarbeit.
Den Phantasien seiner Frau war er niemals gefolgt, ihre Vorliebe,
umfassende Pläne zu schmieden, hatte ihn stets geärgert, und er war
immer nur froh gewesen, wenn sie sich bei der Ausführung einer
praktischen Aufgabe eine Zeitlang beruhigte. Vielleicht hätten ihn ihre
radikalen politischen Gesinnungen auch nur verstimmt oder ihm ein
Lächeln abgelockt, wenn sie nicht den Versuch gemacht hätte, in weiteren
Kreisen für sie Propaganda zu machen. Das wünschte er nicht, und diesem
Wunsch gab er deutlichen Ausdruck. Für Jenny war es, wenn nicht eine
Folge verstandesmäßiger Erwägungen, so doch eine Folge instinktiven
Gefühls, daß die geistige Selbständigkeit der Frau ein die Ehe
auflösendes Moment in sich trägt, und zwar um so mehr, je mehr sie
öffentlich zum Ausdruck kommt; daß sie sich in ihrem Tun und Lassen
ihrem Gatten unterzuordnen hatte, war für sie selbstverständlich. Aber
das Recht auf ihre persönliche Überzeugung wollte und konnte sie darum
nicht preisgeben. Weder der Wunsch ihres Mannes, noch seine abweichenden
Meinungen konnten ihr daher so wehe tun, wie die geringschätzige Art,
mit der er ihren eigenen Ansichten begegnete -- eine Art, die ihr
deutlich genug zeigte, daß er ihnen die Existenzberechtigung absprach.
Das war für sie das schmerzlichste, weil es ihr Rechtlichkeitsgefühl
verletzte, und um des häuslichen Friedens willen lernte sie, was so
viele Frauen glauben lernen zu müssen: Schweigen -- jenes Schweigen, das
den Frieden nur vortäuscht, in der Tat aber zwischen den Menschen eine
höhere Scheidewand aufrichtet, als der bitterste Streit es vermag. Denn
dem Streit kann Einigung oder Versöhnung folgen, das Schweigen ist der
Anfang eines leisen, langsamen Voneinandergehens.

Jenny beschränkte sich von nun an wieder auf den Austausch ihrer Ideen
im Briefwechsel mit ihren Freunden. Zu ihren alten Korrespondenten:
ihrem Stiefvater Gersdorff, Prof. Scheidler und einem alten englischen
Freund, Mr. Hamilton, der sie über die innere und äußere Politik
Englands auf dem laufenden erhielt, sollten bald neue hinzutreten, und
auch an neuen, großen Anregungen sollte es nicht fehlen.

Im Jahre 1849, als die politische Situation es gestattete, folgte Jenny
der Einladung Jeromes nach Paris. Mit welchen Empfindungen mögen Vater
und Tochter sich zum erstenmal umarmt haben, und wie merkwürdig muß das
erste Begegnen zwischen den beiden Schwestern gewesen sein: der
preußischen Protestantin und der französischen Nonne! -- Eine neue,
reiche, wunderbare Welt tat sich auf vor ihren Augen: die Welt bewegten
politischen Lebens, in deren Mittelpunkt die Familie Bonaparte stand;
die glanzdurchglühte, schönheiterfüllte Welt der katholischen Kirche und
der unvergleichliche Reichtum alter, künstlerischer Kultur. Welcher
Mensch, der von den Wäldern und Seen, der halbbarbarischen Bevölkerung
Westpreußens und dem engen Interessenkreis seines Junkertums an die
Gestade der Seine versetzt wird, könnte sich des gewaltigen Eindrucks
entschlagen? Um wie viel mehr mußte eine Frau, wie Jenny, von ihr
überwältigt werden, in deren Innern, ihr selbst fast unbewußt, die
Sehnsucht nach geistigem Leben, nach reifer Kultur gebrannt hatte. Paris
wird immer, trotz Revolution und Republik, die aristokratischste Stadt
der Welt bleiben -- wie Berlin ihren bourgeoisen Charakter nie zu
verleugnen vermag. Jenny, eine Aristokratin im besten Sinne, mußte sich
dort wie zu Hause fühlen. "Es giebt Augenblicke im Leben," schrieb sie
in Erinnerung an ihren ersten Pariser Aufenthalt, "die uns, wenn sie
eintreten, ganz vertraut erscheinen, weil eine dunkle Erinnerung uns
sagt, daß wir sie irgendwann und wo schon im Traume erlebten; in Paris
konnte ich mich tagelang auf Schritt und Tritt des gleichen Eindrucks
nicht erwehren; ich fühlte mich ebenso sehr hingehörig, wie ich mich in
Berlin immer fremd gefühlt habe." Warme Sympathie verband sie sehr rasch
mit Jerome und Pauline, ebenso mit ihrem Stiefbruder Napoleon, dessen
politisch-radikale Gesinnung sie auch in Zukunft mit ihm
freundschaftlich vereint bleiben ließ. Im Kreise der Ihren lernte sie
eine Reihe der führenden Geister der Zeit kennen, die der wieder
aufgehende Stern der Bonapartes an sich zog, und knüpfte die fast
zerrissenen Familienbeziehungen mit den Verwandten ihrer Mutter wieder
an. Nach ihrer Heimkehr entwickelte sich eine vielseitige, rege
Korrespondenz daraus, von der mir leider nur kärgliche Bruchstücke
zugänglich geworden sind.

Einer derjenigen, von dem sie, wie sie sagte, außerordentlich gefördert
wurde, war der bekannte Nationalökonom J. A. Blanqui, der sich durch
seine Geschichte der politischen Ökonomie in Europa, der ersten ihrer
Art, weit über die Grenzen seines Vaterlandes einen Namen gemacht hatte.
Als Jenny nach Paris kam, war sein infolge eines Auftrags der Pariser
Akademie der Wissenschaften entstandenes Werk über die Lage der
arbeitenden Klassen in Frankreich gerade erschienen und hatte durch die
rücksichtslose Enthüllung grenzenlosen Elends berechtigtes Aufsehen
gemacht. Seine Vorschläge zur Abhilfe der Not, die er auf Grund der
sieben Fragen der Akademie zum Schluß zusammenstellte, gipfelten in der
Forderung der Beseitigung aller Zollschranken und Monopole. In
Wirklichkeit aber ging er viel weiter, als er es hier im Rahmen eines
offiziellen Auftrags aussprechen konnte. Wenn er auch nicht, wie sein
Bruder, der Kommunist L. A. Blanqui, zum äußersten linken Flügel der
damaligen Sozialisten gehörte, so war er doch als alter Saint-Simonist
ein überzeugter Gegner der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung -- der
erste der Art, der Jenny Gustedt begegnete und bei ihr von vornherein,
ihrer ganzen eigenen Entwicklung nach, ein geneigtes Ohr finden mußte.
Den Briefwechsel mit ihm leitete sie durch eine Neujahrsgratulation ein,
auf die er folgendes zur Antwort gab:


Paris, 18. Januar 1850.

"Gnädigste Frau!

"Im Augenblick, wo ich mir gestatten wollte, meinen Dank für Ihr
freundliches Gedenken, das Prinz Jerome die Freundlichkeit hatte, mir
mitzuteilen, persönlich auszusprechen, erhalte ich Ihren überaus
liebenswürdigen Brief. Keine Unterstützung könnte mich mehr beglücken,
als die Ihre, und ich werde sie als die wertvollste Ermutigung treu im
Gedächtniß bewahren. Gewiß, gnädige Frau: es ist das parlamentarische
und politische Geschwätz, das uns heute tötet und ganz Europa gefährdet.
Alle unsere Revolutionen haben Millionen sogenannter Staatsmänner
hervorgerufen, die sich schmeicheln, Alles zu wissen, ohne jemals etwas
gelernt zu haben. In der Unkenntniß der elementaren Dinge besteht eine
große Gefahr. Unsere griechischen und lateinischen Studien -- und noch
dazu welches Griechisch und Lateinisch! -- haben aus uns kein
gebildetes, sondern ein halbbarbarisches Volk gemacht, ähnlich den
Griechen, die zur Beute der Türken wurden. Die Türken, die uns bedrohen,
sind aber gefährlicher als die Mahomets _II._ Denn die Barbaren, in
deren Mitte wir leben, haben es vor allen Dingen auf das Wohl des
Nächsten abgesehen. In dieser groben und vulgären Form taucht die
gleiche Frage überall auf: in Frankreich, in Preußen, in Deutschland.
Gegenüber den wenigen gewissenhaften Männern, die aus Überzeugung für
die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen eintreten, giebt es so
und so viele, die diese Frage nur im Interesse ihrer egoistischen
politischen Passionen auszubeuten suchen. Wer aber heute den ersten
Schritt auf dem Wege zum wahren Volksglück tun will, der muß jede
persönliche Eitelkeit abstreifen, und zwar um so mehr, je mehr er von
Geburt der Bourgeoisie angehört, sich also eigentlich zum Besten der
Notleidenden in das eigene Fleisch schneiden muß. Sie werden jetzt
begreifen, warum gerade Ihre Sympathie mir doppelt rührend und wertvoll
ist. Sie haben mir die Ehre erwiesen, diese Korrespondenz durch Ihren
liebenswürdigen Neujahrsgruß zu eröffnen, gestatten Sie mir, gnädigste
Frau, das vergangene Jahr als das für mich glücklichste zu bezeichnen,
weil ich in seinem Verlauf das Glück gehabt habe, Sie kennen zu lernen.
Ich habe mich heute kurz gefaßt, um Sie nicht zu entmutigen, und auch
infolge einer respektvollen Zurückhaltung, die mehr als Sie glauben,
meine tiefe Sympathie zum Ausdruck bringt, die Ihr vornehmer Charakter
mir von Anfang an einflößte. Was Sie sonst sind, konnte ich erraten,
indem ich Sie sah, und ich bin stolz darauf. Es bedurfte auch nur kurzer
Zeit, um in der verschleierten Tiefe Ihres Frauenherzens das zu
entdecken, was Sie bescheiden vergebens zu verstecken suchen: einen
gereiften Geist, stolze und großmütige Empfindungen.

"Es würde mir zu höchstem Glück gereichen, Ihnen dienen zu können und
dafür das zu empfangen, was in allen Lebenskämpfen so unschätzbar ist:
das Verständniß der Freundschaft, die Ermuthigung durch Sie

"In größter Verehrung bleibe ich, gnädigste Frau, Ihr ergebener

J. A. Blanqui."


Von dem Verlaufe des Briefwechsels, der bis 1854, Blanquis Todesjahr,
sich ausdehnte, sind nur noch einige Stücke von Jennys Hand vorhanden.
So schrieb sie ihm einmal folgendes: "Mit Ihrer schroffen Ablehnung
aller kommunistischen Ideen bin ich nicht ganz einverstanden. Warum
sollte, eine lange vorbereitende Entwicklung, vor allem eine gute,
gleichmäßige Erziehung vorausgesetzt, nicht ein Zustand möglich sein,
der eine Gemeinsamkeit des Lebens und des Besitzes zur Grundlage hat?
Selbstverständlich stehe ich, was die Utopistereien der heutigen
Kommunisten anbelangt, auf Ihrer Seite: mit Blut und Schrecken wird
solch ein Zustand ebenso wenig erreicht werden, wie man durch
Verbrennung der Ketzer das Christentum förderte. Er muß das Ergebniß des
allgemeinen Fortschritts der Menschheit sein, und ich kann nicht
leugnen, daß an ihn zu glauben etwas sehr wohltuendes für mich hat."

Unter den ihr durch alte und neue Freunde und durch die politischen
Ereignisse zuströmenden Anregungen wuchs ihr Interesse an ökonomischen
und politischen Fragen, aber soweit sie sich dabei auch, getrieben von
ihrem tiefen Mitgefühl mit den Enterbten des Glücks und von ihrer
religiösen Überzeugung, sozialistischen Anschauungen näherte, so blieb
sie doch, soweit die Gegenwart in Betracht kam und in bezug auf
politisch-rechtliche Fragen, auf dem Boden patriarchalisch-konservativer
Anschauungen stehen. Wenn sie z. B. die Möglichkeit des Kommunismus
anerkannte, so doch nur für eine ferne Zukunft und auf Grund
allmählicher Erziehung und Entwicklung der Menschheit zu einer gewissen
Höhe moralischer und geistiger Kultur. Im Unterschied aber zu der
überwiegenden Mehrzahl gläubiger Christen, die wie sie die Tugend als
Voraussetzung des Glücks erklärten, erkannte sie die ökonomische Lage
der Menschen als Bedingung auch ihrer sittlichen Entwicklungsfähigkeit.
Darum legte sie den Ärmsten gegenüber so gut wie keinen Wert auf das
Predigen der Moral, den allergrößten aber auf die Beseitigung der Not in
jeder Form. Erst auf dem Grunde einer gesicherten Existenz, die durch
eine möglichst beschränkte Arbeitsleistung gewonnen werden soll, also
auch genügend Zeit gewährt, um sich geistige Bildung anzueignen, hielt
sie ein Fortschreiten der Menschheit zu ihren höchsten Zielen für
möglich. Den auf tiefer Kulturstufe Stehenden gleiche politische Rechte
zu geben, hielt sie jedoch für ebenso widersinnig, als wenn reife
Menschen unmündige Kinder als ihresgleichen behandeln würden. Es
erschien ihr angesichts des ihr so wohlbekannten armen, verrohten,
scheinbar zur Freiheit unfähigen westpreußischen Volks ungeheuerlich,
ihm politische Macht und damit politischen Einfluß zu gewähren. Sie
übersah dabei zweierlei: daß auch in den Reihen derer, die physisch und
geistig nicht Not leiden, die Herzens- und Geistesroheit überwiegt, wenn
sie sich auch hinter reiner Wäsche und gewählten Formen verbirgt, und
daß das Moralpredigen bei ihnen ebensowenig nützt wie bei den Armen,
weil es von einer herrschenden Klasse in ihrer Gesamtheit
Übermenschliches verlangen hieße, daß sie sich in der Erkenntnis der
vollendeten Reife der ihnen bisher Untergebenen ihres Einflusses und
ihrer Macht freiwillig entäußern sollte, indem sie die volle
Gleichberechtigung gewährt. Wenn Jenny zu dieser Überlegung nicht
gelangte, so ist der Grund dafür in der Tatsache zu suchen, die ihres
Lebens Glück und zugleich die Bedingung seiner Beschränkung war: in der
Epoche, unter deren Einfluß sie sich entwickelte. Das Kennzeichen ihrer
Erziehungsmethode war besonders im Hinblick auf die Frauen die
Treibhauskultur des Gefühls. Der Intellekt mußte sich in seiner
Weichheit und Schwäche vor der bis zum äußeren verfeinerten Empfindung
nur zu oft für besiegt erklären. So war es zuerst die Empfindung, die
Jenny für die Not der Massen so hellsichtig machte -- dieselbe
Empfindung, die sie für die Unzulänglichkeit der eigenen Klasse nur zu
oft mit Blindheit schlug. Sie empfand die Roheit des Volkes als etwas
Schmerzhaftes, Peinliches, sie empfand das gesittete Benehmen ihrer
Standesgenossen als etwas Wohltuendes, Gutes, und da die schöne Form
für sie persönlich nichts anderes war als ein schönes Gewand auf einem
vollendeten Körper, so mußte die Häßlichkeit eines Körpers schon sehr
groß sein, um von ihr auch durch die Hülle bemerkt zu werden.

Nach diesen Gesichtspunkten muß man eine Anzahl Briefe Jennys über
politische Fragen betrachten, wenn man ihnen gerecht werden will. Für
den Oberflächlichen müßte vieles widerspruchsvoll erscheinen, was
tatsächlich von ihr vollkommen konsequent gedacht war. Lesen wir z. B.,
was sie im ersten Jahre der preußischen Reaktion an Gersdorff schrieb:

"Ich glaube nicht, daß, so lange diese Generation mit ihren Erinnerungen
an 48 und 49 lebt, irgend eine Aussicht auf Revolution ist -- denn der
Demokratie fehlen erstlich die Massen und zweitens die Hälfte ihrer
aufrichtigen Bekenner von 48, welche sich in der politischen Reife des
Volkes geirrt haben, und nun einsehen, daß man zu Johanni zwar
Johannisbeeren, aber keine Weintrauben keltern kann. -- Ich würde auch
mit einem großen Teil des jetzigen Verfahrens einverstanden sein, wenn
ihm die Idee zu Grunde läge, in der Bevormundungszeit, die wieder
begonnen hat, die Entwicklung zu fördern, die zur Reife und mithin zur
Beseitigung der Vormundschaft führt; die Innigkeit und Einigkeit mit
Österreich und Rußland deutet aber leider auf den Willen zu einer in
alle Ewigkeit fortgeführten Vormundschaft.

"Ich kann auch die Kriegsantipathie von Regierenden und Volk nicht
schelten -- ich sehe darin keine Feigheit und Schlechtheit, sondern ein
Überwiegen der wahren Ehre im christlichen und göttlichen Sinn über die
falsche Ehre des Mittelalters, die uns noch in den Junkerknochen liegt.
Diese Begriffe von Ehre waren von A bis Z falsch, unvernünftig und
unphilosophisch -- die einzige Ehre ist die Ehre, die das Christentum
anerkennt: 'ohne Sünden bleiben'; nichts und niemand hat die Macht uns
zu schänden, als wir selbst durch unsere eigene Sünde, nichts und
niemand kann uns wieder zu Ehren bringen als unsere eigene Buße und
Tugend."

Hier steht der schärfste Radikalismus im einzelnen -- mit ihrer
Verurteilung des Ehrenkodex der Offiziere und Aristokraten stand sie
sicherlich in ihren Kreisen allein -- neben einem gewissen Verständnis
der Maßnahmen der Reaktion, von denen sie hoffte, daß sie im Interesse
des Volksfortschritts und der Erziehung zur künftigen Freiheit
gehandhabt würden. In einem Brief an Scheidler aus derselben Zeit tritt
diese Auffassung der Bevormundung als eines notwendigen
Erziehungsmittels noch deutlicher hervor. Sie schrieb:

"Was Ihre politische Meinung über Preßfreiheit betrifft so kann ich ihr
noch nicht unbedingt beistimmen, die Sache hat zu viel für und wider
sich, als daß ich mich nach so wenig reiflicher Überlegung für eine
Partei erklären könnte, nur scheint mir, daß Sie die Gründe wider die
Preßfreiheit nicht für gewichtig genug halten. Wäre darin nur der
Verkehr zwischen Gebildeten und mehr oder weniger Gelehrten zu
verstehen, so müßten Sie unbedingt Recht behalten, allein die Frage ist:
kann es zum Besten des Volkes, der größeren Massen sein, oberflächliche
Begriffe von Dingen zu erhalten, welche sie nur halb verstehen und nie,
ihrer Lage und Beschäftigungen wegen, ganz ergründen können? Und ist es
räthlich für die Oberhäupter eines Staates, einen Einfluß zu gestatten,
welchem oft keine reine Absicht zu Grunde liegt und wo persönliches
Interesse sich meist hinter dem Universal-Interesse verbirgt? Jedes
Warum und Aber in Staatsregierungen zu begreifen, dazu gehört mehr
Kenntniß und Einsicht, als der gewöhnliche Mann je erwerben kann. Sie
werden mir sagen, daß gefährliche oder falsche Artikel widerlegt werden
können, allein wo haben Geschäftsleute wohl die Zeit, jeden Tag zwanzig
Artikel zu widerlegen? Ist bei diesem Fall die Bemerkung der Madame de
Staël nicht allgemein zu brauchen: _'Que sert la justification là où le
plus souvent on n'écoute pas la réponse?'_

"Die Gründe für Preßfreiheit sind freilich sehr gewichtig, und es geht
mir mit meiner Meinung darüber wie mit der über Republiken: ich fände
beide Staatseinrichtungen unbedingt jedem anderen Gegensatze
vorzuziehen, wenn die Menschen, besonders die Massenführer und
Massenaufreger, besser und redlicher wären."

In einem späteren längeren Brief an Professor Scheidler zeigte sich
dagegen mit um so größerer Klarheit der Standpunkt, den sie dauernd als
festen Boden unter den Füßen behielt: daß der Staat für das
menschenwürdige Dasein seiner Bürger verantwortlich sei. "Mir blieb eine
Lücke in den von Ihnen angeführten Gleichheitsansprüchen," schrieb sie,
"ich möchte nämlich, Sie führten dabei noch die Gleichheit der
menschlichen Naturbedürfnisse, Nahrung, Wärme etc. an, woraus die
Gleichheit ihrer Ansprüche zu deren Befriedigung auf die einfachste
Weise, als Verpflichtung der Staaten, deducirt werden müßte. Dahin
gehört auch die Verpflichtung, frühzeitige Ehen, ohne Unvernunft,
möglich zu machen. Diese Hauptfragen treten immer wieder viel zu sehr in
den Hintergrund, anstatt gerade vorn und obenan zu stehen, und in einer
Weise obenan, daß gar nichts Anderes vorgenommen werden müßte, ehe diese
große Aufgabe gelöst wäre, die ohne allen Zweifel nach der materiellen
Beschaffenheit der Erde gelöst werden kann. Wenn alle Regierungen, auch
nur die von Europa, unablässig dahin strebten, Einrichtungen zu treffen,
daß ohne übermäßige Arbeit jeder Mensch seine Lebensbedürfnisse auf die
einfachste Weise befriedigen könnte, daß bei selbstverschuldetem Elend
der Eltern die Kinder gerettet würden, so würden sie es erreichen.
Deshalb habe ich mich im Jahre 1848 zu dem ersten Erscheinen der
Socialisten und Communisten so hingezogen gefühlt, weil sie sich dem
näherten, was ich für das Wichtigste hielt.

"Keine Nation sein, keinen Kaiser haben, als Volk gedemütigt und
gekränkt sein, das sind zwar gerechte Schmerzen und verbittern das Leben
Vieler; aber kein Brot und keine Wärme haben, vor Sorgen und Arbeit
nicht zum menschlichen Dasein gelangen, als Eltern entweder täglich
bittere Kummerthränen weinen oder einer thierischen Gleichgültigkeit
anheimfallen, das sind ganz andere Schmerzen, ganz andere
Ungerechtigkeiten, das verbittert in unendlich höherem Maße das Leben
von unendlich mehr Mitbürgern, die dieselben Ansprüche an Beseitigung
ihres Elends haben als die, welche mit ihren Klagen die Sturmglocke
läuten, weil sie den Strang in der Hand halten, während die Elendesten
stumm bleiben. Die oben genannten politischen Leiden sind _des douleurs
de luxe_ neben den Leiden des wahrhaft armen Mannes."

       *       *       *       *       *

Inzwischen hatte Jennys persönliches Leben eine tiefgreifende Wandlung
erfahren: im Jahre 1850 war ihr Mann Landrat des Riesenburger Kreises
geworden, hatte zu gleicher Zeit Garden verpachtet und sich in
Rosenberg, einem Gute in der Nähe der Kreisstadt, neu angekauft. Der
Abschied war Jenny nicht leicht geworden: das mit so viel Liebe
eingerichtete und alljährlich vervollkommnete Haus, der schöne Garten,
in dem jeder Baum und jeder Strauch ihr etwas Lebendiges war, der
stundenlang sich hinstreckende Wald, der kaum zwanzig Schritt vor der
Haustür anfing, der blaue spiegelnde See, im Sommer und Winter der
Kinder beliebtester Tummelplatz -- das alles wurde ihr zu verlassen
doppelt schwer, als der Weg sie wieder in eine fremde Umgebung und nicht
nach Weimar führte, was sie so sehr gewünscht hatte.

"Für meine Kinder," so schrieb sie damals, "wäre ich gern wurzelfest
geblieben, denn ich glaube, es liegt ein großer Segen darin, eine Heimat
im engsten Sinn des Wortes zu haben, aber ich sehe ein, daß das immer
seltener wird, und hoffe, daß andere Werte an Stelle des verloren
gegangenen treten werden ... Doch bin ich sehr froh, daß Werner bei
seiner gemeinnützigen Tätigkeit, die seinen Geschäften sehr hinderlich
ist, endlich zum Entschluß kommt, zu Johanni zu verpachten; lieber wär
mir der Verkauf, er schien sich aber dazu nicht entschließen zu können.
-- Die Sparkassen des Kreises sind im Gang, die Chaussee naht ihrer
Vollendung, und nach einer 4 monatlichen mühsamen Verwaltung der
freiwilligen Unterstützungen der zurückgebliebenen Landwehrfamilien
des Kreises hat er einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der die Gemeinden
zu deren Unterhalt verpflichten will und den er dem Oberpräsidenten
eingesandt hat. Es sind drei Werke, auf die er mit Befriedigung
hinblicken wird, wenn sie vollendet sind; sie waren notwendig und werden
Segen bringen, und in unserer Zeit ist es doppelt wichtig, daß es auch
Männer gebe, die im Schatten Fundamente bauen."

In Rosenberg stand der Gustedtschen Familie zunächst nur ein primitives
Heim zur Verfügung, das gegen das wohnliche Gardener Herrenhaus sehr
abstach. Auf einem hoch über dem See gelegenen, von Linden und Buchen
gekrönten Hügel bauten sie sich ein neues Haus. Jenny, die oft von sich
sagte, daß ein Baumeister und ein Tapezier an ihr verloren gegangen
wären, entwarf die Pläne für den Bau wie für die Einrichtung selbst,
eine Arbeit, die ihr große Freude bereitete und ihre Gedanken lange Zeit
von allem anderen abzog. Nach einem Jahre war das Werk vollendet und
zeugte von dem mit praktischem Verständnis verbundenen Schönheitssinn
seiner Schöpferin.

Nachdem Jenny sich und den Ihren die wohltuende Umgebung geschaffen
hatte, wandte sie sich mit frischen Kräften den öffentlichen Aufgaben
zu, die sie mehr als je zum gegebenen Tätigkeitskreis der Frau hatte
betrachten lernen. Auf die Unterstützung Armer und Kranker, auf die
Aufnahme von verlassenen Kindern hatte sie ihr Haus von Anfang an
eingerichtet: "Den Raum für Alles, sehr groß, hell, leer, weiß
gestrichen, mit gut heizendem Ofen, sollte auf dem Lande jedes Guts- und
Pfarrhaus haben," schrieb sie; "stelle Betten hinein, so ist es ein
Lazareth, zieh Leinen durch, so ist es Wäschetrocken-und Bügelraum,
mach Streu, Kopfkissen, Decken, so ist es für die Einquartirung
geeignet, bei schlechtem Wetter Kinderspielplatz, bei großen Festen
Speisesaal; stell ein Harmonium hinein, so wird es eine Capelle."

Aber sie verfolgte noch größere Pläne, als die bloßer privater
Hilfsarbeit, und fand in dem Pfarrer des Kreisstädtchens -- Pfeil --
einen verständnisvollen Förderer ihrer Ideen. Ein Rettungshaus für
uneheliche Kinder wollte sie gründen, das eine bleibende Zufluchtsstätte
für diese allerärmsten sein sollte. Da sie, seit sie Kinder besaß, sich
nicht mehr als unumschränkte Herrin ihres Vermögens, sondern sich ihnen
gegenüber in bezug auf seine Verwendung verantwortlich fühlte, so
glaubte sie das, was deren Zukunft sicherstellen sollte, nicht für ihre
Interessen angreifen zu dürfen. Auch ihren Gatten wollte sie nicht in
Anspruch nehmen; sie hatte sich ihre wirtschaftliche Selbständigkeit
neben ihm gesichert und respektierte die seine -- ein Verhältnis, das
sie einmal brieflich folgendermaßen verteidigte: "Für mich selbst halte
ich fest an der Überzeugung: '_qu'il ne faut pas faire les affaires avec
le sentiment;_' und ich trenne so scharf Gefühl und Geschäft, daß ich
sogar mit meinem Manne, wenn wir einander Geld leihen oder dergl.,
Schuldschein und Interessen gebe und empfange, genau berechne und
pünktlich zahle oder einziehe ... Ich habe zu viel Erfahrungen gemacht,
daß dadurch ein üppiges Unkraut aus der Aussaat zum Familienglück
herausgesammelt wird, und es entsteht wirklich weder Kälte noch irgend
ein Nachteil daraus, denn das Schenken steht ja doch jedem frei und
gehört zum Bereiche des Gefühls; so bin ich auch für Heiratscontrakte,
genaue immer vorrätige Testamente, genaues Feststellen jedes Eigentums
von Mobiliar u. dergl."

Wollte sie also ihren Lieblingsplan zur Wirklichkeit werden lassen, so
galt es auf andere Weise die Mittel dafür zu beschaffen, denn wenn auch
Stadt und Kreis Unterstützungen bewilligten, so mußte sie den Grundstock
des Ganzen liefern. Sie entschloß sich, einen großen Teil ihres
Schmuckes, der durch Geschenke Jeromes sehr bereichert worden war, zu
verkaufen, und fuhr deswegen selbst nach Berlin. Ein breites schweres
Kettenarmband der Herzogin von Orleans, Perlengehänge der Großfürstin
Maria Paulowna, Ringe der Prinzessin Augusta von Preußen, vor allem aber
die Rubinen und Brillanten, die als Rahmen ein in ein Armband
eingelassenes Miniaturbild Jeromes umgaben, verwandelten sich auf diese
Weise in schützende Mauern für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen.
Nur ihre Kinder erfuhren später, was sie getan hatte, da sie sich
verpflichtet fühlte, ihnen auch darüber Rechenschaft abzulegen. Das
Rettungshaus aber steht heute noch. Ob es in dem halben Jahrhundert im
Sinne seiner Schöpferin wirkte, oder ob es vor lauter Mühe, Seelen zu
retten, die Menschen zu retten vergaß?

All dem eifrigen Wirken und fröhlichen Gedeihen sollte plötzlich ein
Ende gemacht werden. Marianne und Jenny erkrankten an jenem seltsamen
Landesübel, dem Weichselzopf. Die Ärzte nehmen noch heute an, daß diese
Verwirrung der Haare zu einem dicken unauflöslichen Ballen und die damit
zusammenhängende körperliche Schwäche auf Schmutz und Vernachlässigung
zurückzuführen ist. Nun gab es ringsum keine schöneren, gepflegteren
Kinder als die der Gustedts; die Mägde des Hauses sprachen angesichts
ihrer Erkrankung von Hexerei; man wollte, wie im Märchen von
Schneewittchen, von einer Landstreicherin wissen, die den Kindern eine
vergiftete Frucht gereicht habe, aus Rache dafür, weil man ihr Kind im
Rettungshaus untergebracht und ihr zwangsweise genommen hatte. Der Arzt
ordnete bei Mariannen, bei der das Übel am stärksten auftrat, das
Abschneiden der Haare an. Trotz der Warnungen einiger Bauernfrauen, die
bei der einheimischen Bevölkerung in weit höherem Ansehen standen als
der Doktor und behaupteten, daß gerade die Haare die Krankheitsstoffe
aus dem Körper zögen, griff Jenny kurz entschlossen selbst zur Schere.
Nach drei Tagen lag ihr holdseliges Töchterlein zum ewigen Schlaf auf
der Bahre.

Es scheint, als ob die Türe nur einmal vom Unglück geöffnet zu werden
braucht, um auch sein ganzes großes Gefolge hereinzulassen. Der
schwergeprüften Mutter, die ihr blühend schönes, fast erwachsenes Kind,
das begabteste von allen, sich von der Seite gerissen sah, blieb keine
Zeit, ihrem Schmerz sich hinzugeben.

"Du hast von meinen schweren und harten Prüfungen gehört," schrieb sie
im Herbst 1854 an Wilhelmine Froriep, "Du weißt, wie eine Mutter fühlt,
obgleich Du nicht die trübe Nachhaltigkeit kennst, die der Verlust eines
geliebten, fast erwachsenen Kindes für das Mutterherz hat; andere auch
recht schmerzliche Schicksalsschläge folgten diesem Unglück, -- der
verflossene Winter war eine Reihenfolge der sorgenvollsten Tage durch
die langwierige Krankheit meines Jennchen, und diesem Kummer folgte die
schwere Krankheit Werners -- aber Gottlob, er ist vorgestern ganz gesund
von Karlsbad zurückgekehrt, und so bereue ich nicht die zweimonatliche
Trennung, so schwer sie mir auch geworden ist. Jenny, ein sehr
niedliches, frisches Mädchen, hat ihren Weichselzopf glücklich
überstanden, und ihre lockigen Goldhaare sind in alter Fülle
zurückgekehrt. Mein Wernerchen hat auch Masern, Ziegenpeter u. dergl.
Kinderkrankheiten durchgemacht, und ich natürlich doppelt mit ihm, aber
es sind doch mäßige Sorgen, die man auf der armen, so folgenreichen Erde
noch nicht schwer ins Gewicht fallen läßt; dazu bin ich viel, sehr viel
allein, zu alt, um Freundschaften zu schließen, zu austauschbedürftig,
um mir selbst zu genügen -- was denn die Zeiten der Strohwittwerschaft
recht grau macht." Von Otto, dem ältesten, ihrem Sorgenkind, schrieb sie
im selben Brief: "Er ist ein großer, schlanker Junge, eigentlich schon
Jüngling, der als Freund neben mir steht, und so wie er unter
fortwährendem Kränkeln doch groß, muskelstark und blühend wird, ein
Reiter, Schwimmer, Turner, ein Dominierender bei Kriegen und Prügeln
der Gymnasiasten, so entwickelt sich auch sein Charakter unter allen
Anfechtungen der Sünde recht erfreulich; im Lernen bleibt er allerdings
durch die vielen Krankheitsversäumnisse, trotz seines tadellosen Fleißes
zurück, in der Charakterbildung ist er jedoch seinem Alter sehr voraus."
Die Eltern waren, des Gymnasiums wegen, genötigt gewesen, ihn in dem
nahen Marienwerder in Pension zu geben. Der Vater hatte von der Trennung
des Sohnes von der Mutter sehr viel gehofft, weil ihre liebevolle,
nachsichtige Erziehung dem zu allen Jugendtorheiten geneigten Knaben
nicht förderlich zu sein schien. Vor allem hatte er den Eindruck
gewonnen, daß seine Kränklichkeit ihm vielfach nur ein willkommener
Vorwand war, um sich dem Lernen zu entziehen, während Jenny von der
Echtheit seiner Leiden überzeugt und immer geneigt war, ihn zu schützen
und zu entschuldigen. So entwickelte sich in immer stärkerem Maße jener
stille Kampf um die Erziehung des Kindes, der, mit so zarten Waffen er
auch geführt wird, dem Eheleben so schwere Wunden schlägt: der Vater
denkt an das Leben, für das der Sohn sich entwickeln soll, die
Mutterliebe will ihn so lange wie möglich vor diesem Leben schützen.

Zunächst schien die Mutter recht behalten zu sollen; der an Freiheit und
Selbständigkeit, an Liebe und Nachsicht gewöhnte Knabe empörte sich
gegen die strenge Zucht der Pension und des Gymnasiums, die damals noch
weit mehr als heute in der Individualität des Schülers nichts als eine
verdammenswürdige Verletzung der vorgeschriebenen Ordnung sahen, und
deren Ziel daher nicht ihre Entwicklung, sondern ihre Unterdrückung war.
Otto Gustedt wurde relegiert. Daheim kam es zu bösen Auftritten, unter
denen die Mutter weit nachhaltiger litt als das Kind. Hochmut und
Faulheit warf der Vater ihm vor, wo Jenny die Berechtigung beleidigten
Selbstgefühls und körperliche Schwäche zu sehen glaubte. Ihre
Zärtlichkeit und Sorgfalt ihm gegenüber wuchs um so mehr, je härter ihn
der Vater behandelte. "Das Spannen auf das Bett des Prokrustes, das man
Erziehung nennt, war mir immer widerwärtig," schrieb sie; "man soll der
jungen Menschenpflanze eine Stütze geben, wie dem jungen Bäumchen, aber
man soll sie nicht je nach Laune und Wunsch, wie die Gartenkünstler des
18. Jahrhunderts, zu allerlei künstlichen Gestalten beschneiden und
zurecht stutzen." Bei dieser an sich zweifellos richtigen Auffassung
vergaß sie nur, was heute, wo sie zu allgemeinerer Geltung gelangte,
fast stets vergessen wird: daß, wie der unbeschnittene Buchsbaum doch
nicht zur hochragenden Buche wird, es auch Menschenpflänzchen gibt, die
durch alle Freiheit und Entwicklung doch keine starken Individualitäten
zu werden vermögen, die wie Lehm und Wachs erst durch die Hand des
künstlerischen Erziehers Wesen und Form erhalten. Jennys Hand aber war
weich: sie streichelte die Falten von der Stirn, sie zeigte ihren
Kindern die großen und schönen Ziele und die Wege, die zu ihnen führen,
wenn sie jedoch abseits gingen, so fehlte ihr zum Zurückziehen die
Kraft. "Ich weiß, wie oft meine Augen und der Ton meiner Stimme um
Verzeihung gebeten haben, wenn ich schalt, und dadurch wurde das
Schelten fast wirkungslos," schrieb sie später einmal. "Sie erzog ihre
Kinder, wie man Genies erziehen müßte," sagte eine alte Freundin von
ihr, und wer damals den schönen, schlanken, fünfzehnjährigen Otto sah,
aus dessen klassisch geschnittenen Zügen zwei Augen hervorstrahlten, die
jeden gefangen nahmen, der mochte die Nachsicht der Mutter verstehen.
War er ihr doch von allen ihren Kindern noch am meisten wesensverwandt:
seine Güte, seine himmelstürmende Phantasie, die ihn auf immer neuen
Wegen immer neuen Zukunftsträumen nachjagen ließ, verband sie nicht nur
zu genau, sie wußte auch aus eigener bitterer Lebenserfahrung, zu welch
inneren Konflikten und harten Enttäuschungen sie ihn im Leben führen
würden. Und Zukunfts- und Gegenwartsleiden vereint steigerten nur noch
ihre sorgende Mutterliebe.

So glücklich ihre Ehe war, es fehlte nun nicht mehr an Bitternissen: wie
sie zu schweigen gelernt hatte, wenn ihre politischen Anschauungen
auseinandergingen, so schwieg sie angesichts der Angriffe des Gatten auf
ihre Erziehungsprinzipien. Als trennendes Element, nicht als
verbindendes, standen die Kinder zwischen ihnen. Gerade das glücklichste
Eheleben wird selten von dieser Liebesprüfung verschont: die Zeit, da
die Kinder sich zu Menschen entwickeln, ist immer die gefährlichste, und
die harmonischste die, die ihr vorangeht und ihr folgt.

Da Werner Gustedt infolge seines Berufs viel abwesend sein mußte, war
der Anlaß zu Differenzen zwischen den Gatten kein häufiger. Abends, wenn
über dem runden Tisch die Lampe brannte und die Familie sich um ihn
sammelte, plaudernd, lesend, mit Handarbeit beschäftigt, war immer
Feierstunde; mit der Arbeit war das Arbeitskleid und die Arbeitsstimmung
abgelegt, und der blitzende, summende Teekessel sah zufriedene Gesichter
um sich und sang seine leise Melodie nur zur Begleitung frischer, froher
Stimmen. "Wer keinen Sonntag hat und keinen Feierabend, der hat keine
Familie." Diese Worte aus Pücklers Briefen eines Verstorbenen finden
sich in Jennys Abschriften doppelt unterstrichen. Oft, wenn der graue
Alltag die Harmonie des Lebens zu zerstören drohte, stellte der Sonntag
und der Abend sie wieder her. Dann wurden Bücher gemeinsam gelesen und
besprochen, und Gedanken, die sie anregten, wohl auch schriftlich
fixiert, um Stoff zu neuer Unterhaltung zu geben. Carlyles "Helden und
Heldenverehrung" -- "diese Offenbarung von Wahrheit, Mut und Glauben der
Menschenseele" --, Feuchterslebens "Diätetik der Seele" -- "eines der
klarsten, menschenfreundlichsten und überzeugendsten Bücher, die ich
kenne" --, Moritz Arndts "Wandlungen mit dem Freiherrn von Stein",
Schleidens naturhistorische Vorträge, Moses Mendelssohns "Phädon" und
eine Reihe kleinerer historischer und naturwissenschaftlicher Werke
wurden bei der abendlichen Lektüre durchgenommen. Aus dem eben
erschienenen Leben Goethes von Lewes las Jenny manche Teile vor; "diese
höchst interessante Biographie," schrieb sie in ihre Bücherliste, "ist
leider voller falscher Thatsachen über Weimar, dabei mit wenig
poetischer Befähigung geschrieben, aber durch tiefe, neue Auffassungen,
viel philosophischen Sinn und viel Wahrheit in den geistigen
Darstellungen und Urtheilen werth, von jedem Deutschen gelesen zu
werden."

Seit der nahen Verbindung mit Frankreich fehlte es natürlich auch nicht
an französischer Lektüre. Memoiren, Briefwechsel und historische Werke
über Napoleon und seine Zeit spielten darin eine Hauptrolle. Neben den
_"Dictées de Ste. Hélène"_ findet sich die Bemerkung: "Welch ein Aufwand
von Genie, Kraft, Fleiß, Urteil und Regierungskunst, um in St. Helena zu
enden! Aber tragischer noch als das persönliche Ende ist das Ende des
Werks -- es stürzte zusammen wie ein Koloß ohne Fundament. Die alte Welt
unter sich zu begraben, muß wohl schließlich Napoleons gottgewollte
Aufgabe gewesen sein." Louis Napoleons Thronbesteigung im Jahre 1852
erregte ihr Interesse für seine Person. Sie las seine "Napoleonischen
Ideen," nicht ohne bei ihnen die sarkastische Randbemerkung zu machen:
"Ideen -- ja, Napoleon -- nein!" Wie manche der alten Bonapartisten,
vermochte sie ein gewisses Mißtrauen, ja direkte Antipathie gegen ihn
nicht zu überwinden, obwohl sie sich der neueinsetzenden napoleonischen
Ära freute und auch, im Gegensatz zur allgemein herrschenden Meinung in
Preußen, das Mittel des Staatsstreichs billigte, das sie eingeleitet
hatte.

"Über den Staatsstreich von Louis Napoleon," heißt es in einem Brief an
Scheidler, "stimmen wir nicht überein: ich billige ihn, ohne mich jedoch
für die Zukunft zu verbürgen. Durch den Stall des Augias mußte ein Strom
geführt werden, während eine holländische Milchwirthschaft durch blanke
Wassereimer gereinigt werden kann. Seit zwei Jahren steigerte sich in
Frankreich eine nach und nach in alle Parteien übergegangene Sehnsucht
nach dieser Ausmistung, mit anderen Worten nach einem Herrn ...
Frankreich kennt seine eigenen Zustände, deshalb die Riesenmajorität
von sieben Millionen bei geheimer Abstimmung; ich dächte, dies schlüge
alle Einwendungen, da der liberalste aller Grundsätze doch ist, daß ein
Volk am besten selbst wissen muß, wo es der Schuh drückt. Ich kann Louis
Napoleon auch nicht des Meineids schuldig finden, denn ein Eid hat nicht
nur Worte, sondern auch einen Sinn. Wenn er überzeugt war, daß er es
nicht mit den Vertretern des Volkes, sondern mit Parteimännern zu thun
hatte, so war die Auflösung der Nationalversammlung gerechtfertigt.
Dabei betone ich noch meine alte Ansicht, daß, streng genommen, alle
Menschen meineidig sind, weil Keiner je gehalten hat und halten kann,
was man in verkehrter Weise bei Einsegnungen, Trauungen, Taufen u. dgl.
versprechen läßt. Die wahre, letzte Instanz des Menschenwerthes liegt
doch nur in seinem Charakter, in seinem ganzen Sein. Man müßte nie
einen Eid auf die Zukunft ablegen, nur für den auf die Vergangenheit
kann ein Mensch bürgen."

Im dritten Jahr von Louis Napoleons Kaisertum -- 1855 -- als die unter
dem Protektorate ihres Stiefbruders Napoleon stehende erste
internationale Industrie-Ausstellung in Paris stattfand, unternahm
Jenny, diesmal in Begleitung ihres ältesten Sohnes, wieder die weite
Reise, um Jerome und Pauline zu besuchen. Vater und Stiefbruder waren
nun anerkannte kaiserliche Prinzen; ein glänzender Hof residierte wie
einst in den Tuilerien; viele der Verwandten Jennys, lauter treue
Bonapartisten, fand sie im Besitz von Rang und Würden; der junge Hof und
die glänzende Ausstellung lockten Scharen hervorragender Ausländer nach
Paris, die Monarchen von Portugal, England und Sardinien waren unter
ihnen. Mehr noch als vor sechs Jahren war es der Mittelpunkt der Welt,
in den Jenny sich versetzt fühlte. Aber leider findet sich kein Brief,
der ihre persönlichen Eindrücke geschildert hätte. Nur einmal erwähnte
sie ihre Reise, indem sie schrieb: "Der Pariser Aufenthalt hat mich sehr
erfrischt. Ich finde die Sage vom Jungbrunnen darin betätigt, daß wir,
um innerlich jung zu bleiben -- was für uns und noch mehr für unsere
Kinder eine Lebensnotwendigkeit ist --, in den sprudelnden Quellen
geistigen Lebens von Zeit zu Zeit untertauchen müssen, auch auf die
Gefahr hin, dabei zuweilen in Schlamm zu treten." Wie Schlamm erschien
ihr die realistische Richtung in der Literatur, die während des zweiten
Kaiserreichs die Romantik allmählich aus dem Felde schlug. "Um auf
wirtschaftlichem und sittlichem Gebiet klar zu sehen und die bösen
Schäden, die entstanden sind, mit richtigen Waffen zu bekämpfen, ist es
notwendig, daß diese Zustände mit rücksichtsloser Wahrhaftigkeit
geschildert werden," schrieb sie an ihren Stiefbruder Gersdorff, "das
ist jedoch Aufgabe der Wissenschaft. In das Bereich der Kunst, die uns
über uns selbst erheben, uns begeistern und erfreuen soll, gehört
dergleichen nicht." Es ist wieder das Kind der Romantik, das sich hier
ausspricht, dessen Geist an den märchenhaften Romanen und romanhaften
Märchen der Fouqué und Tieck und Novalis sich entzückte. Ihr mußten auch
die Neuromantiker Frankreichs verständlicher sein als die jungen Führer
des Realismus. Alfred de Vigny zitierte sie häufig in ihren
Sammelbüchern, Sainte-Beuves kulturgeschichtliche Bücher schätzte sie
sehr hoch, während Mussets "Poesie der Verzweiflung nur für diejenigen
zu ertragen ist, ja auch von ihnen genossen werden kann, die selbst noch
nicht verzweifelten oder die Verzweiflung heroisch überwunden haben. Ich
gehe, bei aller Anerkennung des großen Talents, Dichtungen wie den
seinen gern aus dem Wege, weil sie mich bis zum körperlichen Schmerz
martern." Sehr merkwürdig für ihre Auffassungsweise ist ihre Stellung zu
Stendhal und Balzac, in denen sie die Vorkämpfer des Realismus nicht zu
erkennen schien. Nach zahlreichen Auszügen aus den Werken beider, die
fast immer die Charakteristik der weiblichen Natur und ihrer Schicksale
zum Inhalt haben, schreibt sie: "Um ihrer Erkenntniß der weiblichen
Seele willen, die nur dem Auge eines gottbegnadeten Künstlers möglich
ist, verzeihe ich ihnen alle bittere Medizin, die sie zu schlucken
geben und die auch der zu nehmen gezwungen ist, der ihrer gar nicht
bedarf, also nichts davon hat als den widerwärtigen Geschmack. Wenn
Balzac sagt: 'Fühlen, lieben, sich aufopfern, leiden wird immer der Text
für das Leben der Frauen sein', und selbst seine unvergleichlichen
Illustrationen dafür liefert, so hat er damit eine so starke Wahrheit
ausgesprochen, daß alle Revolten einer George Sand und ihrer
Gesinnungsfreunde wie Strohhalme daran zerbrechen werden. Streubt Euch,
so viel Ihr wollt, fordert Rechte und erringt sie, zerstört in blindem
Fanatismus das feste Gebäude der Ehe, das Euch zwar einsperrt -- und
Eingesperrtsein ist oft ganz entsetzlich! -- aber auch schützt, laßt auf
Euren weichen Händen die harte Haut der Arbeit erstehen: fühlen, lieben,
sich aufopfern und leiden wird nicht nur immer das gleiche Schicksal
bleiben für Euch, je mehr Ihr ihm vielmehr entrinnen wollt, desto fester
wird es seine Krallen in Eure blutenden Herzen schlagen."

       *       *       *       *       *

"Meinen Koffer mit Geistesnahrung für Jahre, mein Herz mit
Abschiedsqualen und Dankbarkeitsfreuden gefüllt" -- so kehrte Jenny von
Paris und vom Elsaß, wo sie noch ihre Verwandten besucht hatte, nach
Hause zurück. Doch nicht auf lange sollte sie sich der ländlichen Ruhe
erfreuen. Werner Gustedt hatte sich in den preußischen Landtag wählen
lassen, und wenn auch seine Frau nicht daran denken konnte, alljährlich
auf Monate Haus und Kinder zu verlassen und mit ihm nach Berlin zu
gehen, und es noch weniger für rätlich hielt, Tochter und Söhne
wiederholt der ländlichen Ruhe und der Stetigkeit des Lernens zu
entreißen, so wollte sie doch wenigstens einmal versuchen, den Winter
mit der Familie in Berlin zuzubringen.

Welch ein Unterschied: das Paris, das sie eben verlassen hatte, wo das
Leben kraftvoll pulsierte und das Kaisertum der Bonapartes, wie einst,
aus den Flammen der Revolution siegreich emporzusteigen schien -- jenes
Kaisertum, von dem Gerlach in seinen Briefen an Bismarck schrieb, es sei
die inkarnierte Revolution --, und das Berlin, in das sie eintrat, wo
jede Lebensregung niedergeknüttelt wurde, und Hinkeldey, der allmächtige
Polizeipräsident, seine Rute über eine Gesellschaft von Duckmäusern
schwang -- jenes Berlin, die inkarnierte Reaktion!

Die politische Stellung Werner Gustedts bestimmte seiner und seiner
Gattin gesellschaftliche Position: Offiziell schloß er sich keiner
Partei an, ganz in Übereinstimmung mit den Ansichten Jennys, die an
Scheidler schrieb: "Meiner Meinung nach kann ein Staatsmann, wenn er
praktisch, rechtlich, vernünftig, für das Wohl des Volkes recht eifrig
ist, keiner Partei angehören, weil er unter Umständen mit allen Parteien
abwechselnd stimmen muß. Bei Gelehrten, die nur über Theorien
wissenschaftlich streiten, ist es natürlich anders, die können sich
freilich für eine Partei als die beste entscheiden, wo aber der Riegel
des Möglichen vorgeschoben ist, den Sie so vollkommen anerkennen, kann
man eben doch nur das Mögliche fordern, nur für das Mögliche Partei
nehmen, mithin in jetziger Zeit alle drei Monate für etwas Anderes.
Gerade das Unterordnen der individuellen Meinung unter die Autorität
eines Parteiführers ist es, was ich nicht für recht halte und weßhalb
ich gewiß nie, wenn ich Staatsmann wäre, mit einer Partei gehen würde,
außer natürlich in konkreten Fragen." Als ausgesprochener Gegner des
Manteuffelschen Regimes ging Werner Gustedt in den entscheidenden Fragen
mit den Liberalen. Die persönliche Freundschaft Jennys mit der
Prinzessin von Preußen kam hinzu, um das Gustedtsche Ehepaar vollends in
die Kreise der Opposition zu führen, die durch einzelne ihrer Glieder,
wie Bethmann-Hollweg -- den Führer der sogenannten Gothaer --, Usedom
und Pourtalès, stets in Verbindung mit der damals in Koblenz regierenden
Prinzessin standen. Mehr als je gehörte ihr in dieser Zeit der
Herrschaft der Dunkelmänner die wärmste Sympathie Jennys. Sie waren
beide echte Kinder Weimars, und was Bismarck nicht aufhörte, der
Prinzessin von Preußen zum Vorwurf zu machen: ihr Wurzeln in den großen
Traditionen ihrer Jugend -- das gereicht ihr wie ihrer Freundin zum
Ruhm. Ihr Briefwechsel würde psychologisch und zeitgeschichtlich von
größtem Werte sein, und nicht nur die Einheitlichkeit ihrer
Anschauungen, auch der Einfluß, den sie aufeinander ausübten, würde
dabei zutage treten. Gerade in der Reaktionszeit Preußens hatten die
beiden Frauen viel Gemeinsames: ihre Bewunderung für England, ihre
Abneigung gegen Rußland, ihr Wunsch nach Schaffung gründlicher, vor
allem sozialer Reformen, ihre Versuche, mit den eigenen schwachen
Kräften nach dieser Richtung tätig zu sein. "Das Jahr 1848," berichtete
Jenny, "war ihr, wie sie mir schrieb, verständlich und hätte ihrer
Ansicht nach zu einem guten Ende führen müssen", aber ihre Gegner --
Bismarck an erster Stelle -- hielten ihr weitherziges Verständnis auch
für die Ansichten der Gegner nur zu oft für ein Einverständnis mit
ihnen, so z. B. in bezug auf ihre Stellung zum Katholizismus und zum
Judentum. "Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt," schrieb Jenny, "die
Wunden, die die Politik schlug und schlagen mußte, mit der weichen Hand
der Frau zu heilen, und auch das ist ihr vielfach zum Vorwurf gemacht
worden. Immer wieder wollte sie zeigen, daß die Politik eines Menschen
uns falsch, ja sogar verderblich erscheinen kann, ohne daß der Mensch
selbst deshalb verdammenswerth ist. So war ihr die Politik der
katholischen Kirche widerwärtig, ohne daß sie sich deshalb von dem
einzelnen Katholiken, dessen großen Charakter sie erkannt hatte,
abgewandt hätte. Ebenso verachtete sie den jüdischen Geist, zog aber den
einzelnen edlen Juden in ihre Nähe. Ähnlich war ihre Stellung England
gegenüber; sie bewunderte rückhaltlos den freiheitlichen, großzügigen
Geist seiner Politik, der seit Jahrhunderten so erzieherisch gewirkt
hat, daß auch der einzelne Engländer ein Stück von ihm in sich trägt,
aber sie verabscheute seine Unersättlichkeit, wenn es galt, sich fremde
Länder anzueignen, und seine Grausamkeit in der Unterdrückung armer,
wilder Volksstämme." Ist das nicht, als ob Jenny sich selber schildert,
und liegt der Wunsch nicht nahe, zu erfahren, von welcher der
Freundinnen der bestimmende Einfluß ausging? Aber die Briefe Augustas
sind verabredetermaßen zum größten Teil verbrannt worden, und die Briefe
Jennys, die ein lebendiges Zeitbild gewesen sein müssen, ruhen, falls
sie nicht auch dem Feuertode geweiht wurden, in den unerreichbaren
Schränken des kaiserlichen Hausarchivs.

Zur Zeit des Berliner Aufenthalts der Gustedts gaben sie der Prinzessin
zweifellos auch den Eindruck wieder, den das dortige politische und
gesellige Leben auf Jenny machte. Ein einziges Brieffragment, das sich
unter ihren Papieren befindet, enthält folgende charakteristische Sätze:
"Die Berliner Luft wirkt geradezu lähmend. Es ist, als ob der Geist
Hinkeldeys sie so durchdringt, daß gar kein anderer daneben Platz hat.
Was groß und gut und zukunftsfroh erschien, ist fort und hält sich im
Hintergrund oder ist über das Alter lebendigen Wirkens hinaus, wie
Bettina, wie Varnhagen, wie Alexander von Humboldt. Es kommt mir hier
vor, wie in einem Kinderzimmer, wo die strenge Gouvernante Ordnung
gemacht hat: alles Spielzeug ist verschlossen -- die Kinder können beim
besten Willen nichts mehr entzwei machen. Aber ich fürchte, das Bild
behält auch in seiner weiteren Entwicklung seine Gültigkeit: sie werden
nun erst recht unzufrieden und unartig werden. Ich würde es auch, wenn
ich hier zu leben verurteilt wäre."

Alte Freunde, wie Fürst Pückler und Karl von Holtei, liebe Verwandte,
wie der Schwager ihres Mannes, Graf Kleist-Nollendorf, und seine Frau,
verscheuchten ihr die trüben Stunden, und ein schönes Bild, das Peter
Cornelius' begabter, leider jung verstorbener Schüler Strauch von ihren
Kindern malte, wurde der schönste Gewinn ihres Aufenthalts. Das Motiv
dazu gab sie ihm: Christi Wort "Lasset die Kindlein zu mir kommen":
unter einem Palmenbaum sitzt er selbst, Diana, das Erstverstorbene, in
weißem Hemdchen, weiße Rosen auf dem Kopf, ihm auf den Knien; die tote,
schöne Marianne, gleich gekleidet, neben sich, während die drei anderen
weiter entfernt, in den bunten Gewändern des Lebens sich ihm nähern. Zu
den Köpfen der Verstorbenen hatte Jenny die Skizzen entworfen.

Kurz vor ihrer Abreise von Berlin schrieb sie einem Freunde: "Können Sie
sich vorstellen, daß ich mich nach den, von Ihnen oft verhöhnten
barbarischen Gefilden Westpreußens wie nach dem gelobten Lande der
Freiheit sehne?! Machte der unhaltbare Zustand Preußens, der bei der
merkwürdigen Geistesart des Königs, seinem Sprunghaften, Phantastischen,
Unberechenbaren, nur immer unhaltbarer werden wird, mich nicht
aufrichtig traurig, ich würde mich der nahen Abreise rückhaltlos
freuen." Das "natürliche, gesunde, heitertätige Leben" trat wieder in
seine Rechte, es stellte aber auch immer höhere Anforderungen an die
Mutter wie an die Gutsherrin. "Viele Mütter atmen erleichtert auf,"
schrieb Jenny, "wenn die Kinder der Schule entwachsen, dann, meinen sie,
sind die Sorgen vorbei. In Wirklichkeit aber wachsen sie nur mit den
Kindern. Oder ist es nicht viel leichter, ein Kind zu pflegen, das die
Masern hat, als eines Kindes Seele gesund zu machen, die die bösen
Miasmen der Welt zu vergiften begannen? Und ist es nicht viel einfacher,
ihm das Einmaleins beizubringen als die einzige Wahrheit, daß Freiheit
von der Sünde die Freiheit an sich ist?"

Otto, ihr Sorgenkind, der es mit nahezu sechzehn Jahren mühsam bis
Untersekunda gebracht hatte, weil nach der Mutter Wort: "seine
schwankende Gesundheit und sein schlechtes Gedächtnis ihm das Lernen
erschweren," sollte auf die landwirtschaftliche Schule nach Jena kommen,
um alle Zeit und alle Kräfte seinem künftigen Beruf als Landwirt zu
widmen. "Aber" -- so fährt Jenny in ihrem Bericht an eine Freundin fort
-- "die stille Schmach, die in Preußen auf denen ruht, die nicht das
Abiturientenexamen gemacht haben, hat das Gewicht nach Werners Wunsch
hinsinken lassen. Seit seinem Abgang von Marienwerder, den ich nicht
weiter berühre, da ich denke, Sie haben durch Emma und meine Schwester
die fatale Geschichte, die uns nun seit 8 Monaten peinigt, hinreichend
erfahren, ist er hier von unserem lieben herrlichen Prediger
unterrichtet und eingesegnet worden. Diese Feier war, durch die, ich
kann sagen, heilige Persönlichkeit des Predigers, so schön, wie ich sie
nie erlebt habe."

Eine Feier in Haus und Herzen, wie sie wenige so gut zu gestalten
verstanden als Ottos gütige Mutter, war der Einsegnungstag gewesen. Alle
Arbeit hatte geruht, dunkle Tannenzweige und leuchtendes Herbstlaub
hatten das Haus mit Duft und Glanz erfüllt, und stolz und voll Hoffnung
sahen die Augen der Mutter auf den nunmehr erwachsenen Sohn. In das
Tagebuch, das sie ihm zur Eintragung seiner Gedanken und Erfahrungen
schenkte, hatte sie als Richtschnur für sein Leben folgendes
geschrieben:

"Am Tage, der Dich aus der Kindheit entläßt, sei das erste Wort der
Mutter an Dein Herz das Wort der höchsten, reinsten Liebe, sei die Lehre
Christi von der Menschenliebe; der Geist des Herrn gebe meiner Rede
Licht und Kraft, daß sie in Deine innerste Seele dringe, daß sie Dich
erfülle, Dein ganzes Sein durchglühe, Dich gegen Undank, Irrthum und
Bosheit stähle, daß Du befähigt werdest, zu lieben und zu helfen, nur um
der Liebe willen, ohne Wunsch oder Hoffnung auf Dank und Lohn, daß Du
erkennen mögest, wie Alles eitel ist, was nicht aus dem reinen Quell der
Liebe entspringt, daß Du es klar in Deinem Herzen lesen mögest, das
einzige höchste Gesetz, das Gott mit glänzenden Buchstaben aufgezeichnet
hat, das alle guten Geister in tausend Chören an seinem Throne singen:
Liebe deinen Nächsten als dich selbst.

"Ich gebe Dir, mein Sohn, als einziges Studium Deines Lebens, als
einzige Aufgabe vom ersten Erwachen Deiner Seele bis zu dem letzten
Gedanken: die Erkenntniß und Ausübung der Liebe nach des Heilands Wort.
Und Du mußt fleißig und thätig sein, wenn Du die heilige Aufgabe lösen
willst, denn die Liebe verzweigt sich in allen Fähigkeiten, in alle
geistige Erkenntniß, in alles Wissen, in alle Verhältnisse, in alle
Thaten der Menschen. Du mußt vor Allem Dich erkennen und vergessen
lernen, denn aus dem Mittelpunkte Deiner Seele, aus den Triebfedern, die
Du darin entdeckst; entspringt die Erkenntniß und Nachsicht für andere
Seelen, und nur im Vergessen Deiner selbst, im Aufopfern von Vergnügen,
Bequemlichkeiten, weltlichen Vortheilen, sobald sie in Widerspruch mit
der Menschenliebe stehen, sproßt der göttliche Keim der wahren Liebe.
Ihr erstes Erforderniß ist, daß Du Dich ganz in die Lage, in die
Empfindungen, in die Denkungsweise Deines Nächsten versetzen zu können
lernst, darum mußt Du die Mühe der Beobachtung nicht scheuen, darum mußt
Du den Standpunkt kennen lernen, aus dem die fremde Seele fühlt, denkt
und handelt, darum mußt Du Dich mit dem Leben in allen seinen Formen
bekannt machen, darum mußt Du jede äußere Erscheinung genau prüfen und
die Sitten und Ansichten aller Stände kennen lernen; Du mußt klar sehen
in den tausend verschiedenen Verhältnissen, die Zeit und Umstände,
Weisheit und Irrthum so bunt gestaltet haben, um weder durch Härte noch
durch falsches Mitleid Fehlgriffe in dem Werke der Menschenliebe zu
thun ...

"Mußt Du auch ruhig den Contrasten der geselligen Verhältnisse zusehen,
so hüte Dich, daß Du die Grenze genau erkennen mögest, wo Armuth in
Mangel, und Einfachheit in Bedürftigkeit übergeht, hüte Dich vor dem
Urtheil der Bequemlichkeit so vieler Reichen, welche sagen: Die Leute
wissen es nicht besser, sie sind einmal daran gewöhnt. Man gewöhnt sich
nicht an Frost und Hunger, an Erschöpfung und Krankheit, man gewöhnt
sich nicht an die dumpfe Einförmigkeit täglicher Sorge und freudeloser
Arbeit; eine Mutter gewöhnt sich niemals daran, ihr Kind Mangel leiden
zu sehen, und immer bleibt die Stimme der Natur wach, welche dem
Leidenden zuruft: 'So sollte es nicht sein', bis daß seine Seele von der
Sorge zur Bitterkeit, von der Bitterkeit zum Unrecht, vom Unrecht zum
Verbrechen übergeht, und ist es erst so weit gekommen, so tritt die
strenge, unabwendbare Macht der Gesetze ein, die als Selbstschutz der
Gesellschaft das Verbrechen strafen muß, ohne auf dessen Quelle
zurückzugehen; aber der heilige Beruf der Liebe ist es, unermüdlich in
dem ganzen Kreise, der uns zum Wirken angewiesen ist, diese Quellen zu
erspähen und zu verstehen.

"Alles Unglück sucht die Liebe auf und tilgt es, wenn sie die Macht dazu
hat. Wo Du gebietest, muß die Liebe herrschen und die Gerechtigkeit; daß
Du aber die Mittel dazu behältst und Deine Liebe nicht in Schwäche
ausarte, darum lerne Welt und Menschen kennen. Was Dir zunächst liegt,
lerne zuerst, gehe mit Deinen Untergebenen selbst um, suche sie zu
durchschauen, begegne ihnen mild, ernst, konsequent und
menschenfreundlich. Nicht Deine Macht muß Dich als ihren Vorgesetzten
zeigen, Deine Seele muß das Übergewicht behaupten, Du mußt ihr Herr im
Geiste sein, Du mußt es sein in Christi Sinn, und Undank, Tadel und
Unvernunft müssen Dich unangefochten lassen in Deinem Werke der
Menschenliebe, in Deinem Glauben an das Gute.

"Darum, mein Sohn, läutere erst Deine eigene Seele. Um Gutes zu stiften,
mußt Du gut sein, um zu herrschen, mußt du Dich selbst beherrschen,
keine Launen dürfen Dich herabwürdigen, sie reizen die Pfiffigkeit, die
Schmeichelei deiner Untergebenen, die auf Deinen Edelmuth, nicht auf
Deine Schwächen bauen müssen. Wenn der Arme mehr zu tragen hat, so hat
der Reiche mehr zu thun. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel
gefordert werden.

"Das, mein Sohn, ist Christenthum; keine Religion der Gefühlsseligkeit,
der Schwärmerei, der Wortgefechte, sondern eine Religion der That, der
lebendigen Liebe."

An eine Freundin richtete Jenny kurz nach Ottos Einsegnung folgenden
Brief: ... "Ich bin mir bewußt, ihm das Beste gegeben zu haben, was ich
fühle, glaube und denke, und werde und will es ihm weiter geben, wenn es
sein müßte bis zur Selbstauflösung. Ich bin auch überzeugt, daß er Alles
bereitwillig aufnahm, daß die beste Absicht ihn beherrscht und daß er,
wenn keine zu schweren Anforderungen an seinen Körper und an seinen
Geist gestellt werden, ein tüchtiger Mensch werden wird. Aber mich
überfällt oft die quälende Sorge, daß er zu denen nicht gehört, die
großen Schmerzen, großen Pflichten, großen Verführungen gewachsen sind,
und das Räthsel der angeborenen Anlage mit all seinem Gefolge an
Zweifeln und Qualen steigt dann drohend vor mir auf." Eine wehmütige
Resignation klingt aus diesen Worten, jene schmerzlichste, zu der ein
enttäuschtes Mutterherz sich durchdringt: daß das geliebte Kind nicht
dem Bilde entspricht, das die Mutter von ihm entwarf. Alle
Enttäuschungen des eigenen Lebens wiegen leicht für ein Weib, das die
eigenen unerfüllten Wünsche und Hoffnungen auf ihr Kind übertragen kann.
Mit ihm ist es noch einmal jung und geht mit starkem Vertrauen die alten
Wege des Lebens wieder, überzeugt, daß sie nun zum Ziele führen müssen.
Eine geheimnisvolle Stimme aus den unergründlichen Tiefen ihres Innern
raunt ihr zu, daß die Wunden, die ihr das Leben schlug, nur darum so
zahlreich waren, so schmerzten und so bluteten, weil sie die ihrem Kinde
bestimmten Leiden mit auf sich nahm. Und als ein Glück empfindet sie
dann ihr Unglück. Über spitze Steine mußte ich gehen und glühendes
Eisen, sagt sie zu sich selbst, um mein Kind unverletzt auf meinen
Schultern hinüberzutragen; von den Dornen am Weg mußte ich die Haut mir
zerreißen lassen, aber auf starken, hocherhobenen Armen halte ich mein
Kind, damit es ohne Schaden das Ziel erreiche.

"Da Gott nicht überall sein kann, schuf er die Mütter," heißt es in
Jennys Sammelbuch. Aber wehe der Mutter, die die Machtlosigkeit ihrer
Gottesvertretung langsam begreifen lernt und sieht, daß ihr Blutopfer
umsonst war. Nur die Kraft eines Glaubens, der Berge des Leids zu
versetzen vermag, und der Quell der Hoffnung, der in stets gleicher
Stärke sprudelt, ob er auch schon tausendmal dem Verdurstenden das Leben
retten mußte, vermögen über die furchtbarste Offenbarung des Lebens
hinwegzuhelfen. Jenny besaß jenen Glauben, aber ihre Hoffnung war
wasserarm, sie schien nur zu oft im Sande der Sorge zu versiegen. Da war
es der lebenskräftige Gatte mit seinem gesunden Optimismus, der sie
immer wieder den trüben Vorstellungen entriß und sie über ihre traurige
Wahrheit hinwegtäuschte, und wo es ihm nicht gelang, da war es die
Arbeit, die sie davon befreite.

"Wir wissen im Augenblick nicht, wo wir zuerst Hand anlegen sollen; das
Elend der uns umgebenden Menschen, Cholera, Kälte, Hunger, Teuerung
lasten schwer auf uns und ihnen, und es ist doch im Ganzen nur sehr
kärgliche Hilfe möglich, am meisten noch durch Suppenanstalten, und
diese bemühen wir uns in den Städten des Kreises einzuführen. Daneben
suche ich die Kinder in unser großes, warmes Haus zu retten und freue
mich ihrer Fröhlichkeit, die besser ist als aller Dank ... Ich schreibe
im Angesichte einer Rechenstunde von sechs kleinen Knaben, die eine Art
Schule bei mir bilden und neben meiner Jenn, die eine französische
Übersetzung macht, -- wenn ich also einen uneleganten Brief in Styl und
Ausstattung schreibe, so halte es mir zu Gute," schrieb sie im Jahre
1856 an Emma Froriep, und äußerte ungefähr zu gleicher Zeit ihrer
Schwester Cecile Beust gegenüber: "Es ist mir jetzt erschreckend
deutlich geworden, welch großen Vorzugs wir uns in unserer Arbeit
erfreuen: Wir müssen alle Gedanken auf sie verwenden, und werden daher
gezwungen, sie von unseren Kümmernissen abzulenken. Sieh dagegen einen
Tagelöhner oder einen Scheerenschleifer: der eine mäht die Wiese und
der andere schleift die Messer, ohne daß ihm diese Wohltat wird, seine
Gedanken können sich nach wie vor um die kranke Frau, um die hungrigen
Kinder, um den kommenden Winter, um den leeren Beutel drehen ..." -- --

Eine lange Periode der Schweigsamkeit beginnt mit dem Jahre 1859, nicht
nur, weil die etwa geschriebenen Briefe unerreichbar blieben, sondern
wohl auch, weil unter der Folge von Ereignissen ihrer nicht viele
geschrieben wurden. Die befreiende Gabe, sich auch im tiefsten Leid
aussprechen zu können, kommt vor allem der Jugend zu, die noch an den
Trost und die Hilfe der Freunde glaubt und glauben kann. Je älter man
wird, um so einsamer wird man; die persönliche Atmosphäre der eigenen
Lebenserfahrungen entfernt den einen von dem anderen, je dichter sie uns
umschließt. Ein jeder wird eine Welt für sich mit ihren eignen Gesetzen.

Jenny Gustedts ältester Sohn war inzwischen, nachdem er zur Empörung
seines Vaters das Abiturientenexamen nicht gemacht hatte, auf die
landwirtschaftliche Schule gekommen.

Mitten im Studium erwachte in ihm die Passion für die militärische
Laufbahn mit solcher Gewalt, daß er die Eltern vermochte, ihr
nachzugeben, und als er im schmucken Schnurenrock des Danziger Husaren
zum erstenmal wieder nach Rosenberg kam, war er so strahlend vor Glück
und bot ein so bezauberndes Bild junger, schöner Ritterlichkeit, daß es
wirklich schien, er habe endgültig gefunden, was seinem Wesen entsprach.
Mit Leib und Seele war er Soldat, ein tollkühner Reiter, ein
unermüdlicher Tänzer, ein verwöhnter Liebling der Damen. Seine kecken
Streiche wurden bald zum Stadtgespräch; als er einmal auf Grund einer
Wette während der Vorstellung zu Pferde in einer Loge des Theaters
erschienen war, kam er zur Strafe in eine kleinere Garnison. Trotzdem
war er bei jedem Ball in Danzig und morgens pünktlich in der Reitbahn
bei den Rekruten: er ritt nach Danzig und setzte sich, heiß vom Tanz,
wieder aufs Pferd, um in den eisigen Winternächten, so rasch der Gaul
ihn trug, die Garnison zu erreichen. Pochend auf seine Jugendkraft,
rücksichtslos vergeudend, was für ein ganzes Leben reichen sollte,
schlürfte er in vollen Zügen den süßen, perlenden Wein sorglosen, liebe-
und lusterfüllten Daseins. Die Mutter zitterte bei jeder Nachricht von
ihm und wagte doch dem Gatten ihre Angst nicht zu zeigen, weil sie
wußte, wie ungeduldig ihre ahnungsvollen Sorgen ihn machten, weil sie
fürchtete, ihn, der gerade anfing, mit dem Sohn zufrieden zu sein,
vielleicht unnötigerweise zu reizen. Wie gerne wollte sie unrecht haben,
und doch gab ihr die Zukunft recht. Otto brach vollkommen zusammen, so
vollkommen, daß es schien, als würde er für immer dem bunten Rock
entsagen müssen. In der aufopfernden Pflege der Mutter genas er nach und
nach. Kaum, daß sie aufzuatmen wagte, kamen beunruhigende Nachrichten
aus Paris: das Alter, das Jerome bisher nichts anzuhaben schien,
überwältigte ihn nun mit doppelter Schnelligkeit, und in der Ahnung des
nahen Endes wünschte er sehnlich Tochter und Enkel noch einmal
wiederzusehen. Jenny entschloß sich mit den drei Kindern zur Reise nach
Frankreich und verlebte ein paar stille Sommerwochen bei dem geliebten
Vater auf dem Lande, überzeugt davon, daß es das letzte Zusammenleben
sein würde. Kaum ein halbes Jahr später -- 1860 -- wurde der letzte der
Brüder Napoleons zu Grabe getragen, und die Kuppel des Invalidendoms,
die sich über die sterblichen Reste des Welteroberers wölbte, wölbte
sich nun auch über ihm. Aber während Hunderte und Tausende noch immer
zum Sarge des Kaisers wallfahrten, und trotz all der Wunden, die er
schlug, trotz all des Lebens, das er zertrat, in Ehrfurcht bewundernd,
das Haupt vor dem Toten entblößen, werfen sie kaum einen Blick auf das
Grabmal Jeromes -- der Schatten des Gewaltigen warf seinen dunklen
Schleier auch noch über den Toten. Nur seine Kinder weinten um ihn, und
unter ihnen wohl keine so heiß als Dianens Töchter.

Was Jenny so sehr gewünscht hatte: dem Vater die letze Ehre zu erweisen,
war unerfüllt geblieben, denn seine Todesnachricht traf sie mitten in
der Auflösung ihrer ländlichen Häuslichkeit: Werner Gustedt hatte die
Wahl zum Landrat des Halberstädter Kreises angenommen. Seit alten Zeiten
hatte ein Mitglied der Familie Gustedt diese Vertrauensstellung inne
gehabt, so auch sein 1860 verstorbener ältester Bruder, und die
Tradition war eine so fest gewurzelte, daß die Kreisstände ihn wählten,
obwohl die meisten ihrer Mitglieder ihn zum erstenmal gesehen hatten,
als er, eben von Preußen kommend, sich noch im Reisepelz an das offene
Grab des Bruders stellte. Die trüben Ahnungen tapfer überwindend, in
Gedanken an die guten Seiten einer Übersiedlung in die Stadt, in die
nächste Nähe der Verwandten, besonders im Interesse der Kinder,
unterwarf sich Jenny widerspruchslos der Entscheidung des Gatten. In
dreiundzwanzig Jahren hatte sie sich durch Kampf und Arbeit, durch Freud
und Leid im fernen Osten die Heimat erworben; die lebenden Kinder, die
ihr entsprossen waren, die toten, die sie ihr wieder hatte zurückgeben
müssen, fesselten sie an diesen stillen trauten Winkel. In ihm begrub
sie zum Abschied ihre Jugend. Aber wenn sie auch einst gekommen war mit
rosigen Wangen und dem leichten Schritt jugendlicher Freude und nun
ging, blaß und schmal, zögernden Fußes, als ob der Boden ihn festhalten
wollte: ihre dunklen Augen leuchteten strahlender als einst, und ihre
reine Schönheit verleugnete ihre fünfzig Jahre.

Ein großes, schönes Haus in grünem Garten nahm Gustedts in Halberstadt
auf, mit offenen Armen und Herzen kamen ihnen die vielen Verwandten
entgegen, deren Güter in der Nähe waren, und die den Winter in der Stadt
zuzubringen pflegten. Die liebliche, eben erblühte Tochter war des neuen
Heimes Schmuck und wurde die stärkste Anziehungskraft für die Jugend des
Städtchens. Ein neues, fröhliches Leben trat an Stelle des alten,
stillen; das gastliche Haus des neuen Landrats, in dem mit ihrer
Vornehmheit seine gütige, geistvolle Gattin eine Atmosphäre von Behagen
verbreitete, wurde zum Mittelpunkt der Geselligkeit, das reizende
Töchterchen das umworbenste Mädchen der Gesellschaft. Unter den 7.
Kürassieren war manch ein Offizier mit altpreußischem Namen, der sie
gern für sich erobert hätte und auch die Gunst des Vaters gewann. Jenny
selbst enthielt sich jeden Einflusses, nur das Herz der Tochter sollte
entscheiden. Und es entschied rasch genug: auf einen Infanterieleutnant,
von dessen Familie kaum jemand viel wußte, der nur ein kleines Vermögen
besaß und in der Gesellschaft keine große Rolle spielte, weil er besser
zu unterhalten als zu tanzen verstand, fiel ihre Wahl. Als er zum
erstenmal in Helm und Waffenrock vor den alten Gustedt trat, ihn um die
Hand der Tochter bittend, wurde er schroff zurückgewiesen, und Jenny
mußte auf längere Zeit Halberstadt verlassen, um sich die Liebe zu Hans
von Kretschman womöglich aus dem Sinn zu schlagen. In Begleitung ihres
ältesten Bruders trat sie eine Verwandtenreise nach dem Elsaß an, wobei
die jungen Leute es sich wohl sein ließen: die Schwester, in der
Zuversicht ihr Ziel doch zu erreichen, der Bruder, im Vollgefühl der
wiedergewonnenen Gesundheit.

Auf dem Schloß der Familie Bussières, deren weibliches Haupt, eine
geborene Türkheim, Jennys rechte Cousine und alte Pensionsfreundin war,
trafen sie eine Schar fröhlicher Vettern und Cousinen. Die eine von
ihnen eroberte im Sturm Ottos leicht zu entflammendes Herz, und die
Geschwister kehrten nach Halberstadt zurück, die Schwester ihrer Liebe
nur noch sicherer, der Bruder entschlossen, die seine zu verteidigen. Er
fand unerwarteten Widerstand bei seiner Mutter: seine Jugend, die ihm
fehlende Lebensstellung, seine Kränklichkeit, vor allem aber die nahe
Verwandtschaft des jungen Paares waren für sie Gründe genug, sich mit
allen Kräften gegen die Verbindung zu sträuben. Aber trotz der
Unterstützung, die sie bei ihrem Manne und bei ihrer Cousine, der
Mutter des jungen, von Otto geliebten Mädchens, fand, unterlagen
alle Gründe und Erwägungen der Vernunft der Liebesleidenschaft
des Sohnes. Im Jahre 1863 fand die Hochzeit des jungen Paares statt,
das zunächst nach Straßburg übersiedelte. Und kaum ein Jahr später
hatten Kretschmans Energie und Jennys Treue den Widerstand des Vaters
gebrochen, und den alten Dom von Halberstadt füllte eine glänzende,
frohe Hochzeitsgesellschaft.

Als auch die Tochter das elterliche Haus verlassen hatte und nur noch
der Jüngstgeborene noch übriggeblieben war -- wie einsam erschien es da
der Mutter! Sie wußte ihre Kinder glücklich in ihrem selbstgewählten
Los, sie wußte von sich, daß ihre Liebe durch keine Spur von Selbstsucht
vergiftet war, und doch konnte sie so recht nicht froh werden. Ihr
fehlte auch die Arbeit, alles Vertiefen in ihre Bücher bot ihr keinen
Ersatz. Nur Jeromes Memoiren, die um jene Zeit anfingen, zu erscheinen,
und aus denen ihres Vaters Bild ihr lebendig entgegentrat, vermochten
sie von der Gegenwart abzulenken. "Sie enthalten nicht nur," so schrieb
sie, "äußerst wichtige historische Tatsachen, sie geben vor allem den
richtigsten wahren Abglanz seines Wesens, Wollens, seines Charakters und
seiner Liebenswürdigkeit." Mit ihrem Mann begann sie wieder die
gemeinsame abendliche Lektüre, aber zu einem stillen Einleben in die
neue Art des Daseins schien es nicht kommen zu wollen. Eine innere
Unruhe trieb Werner Gustedt hin und her, ließ ihn sich auf der einen
Seite wieder in politische Angelegenheiten mischen, während ihn die
Reiselust andererseits in die Ferne trieb. Eines schönen Morgens packte
er denn auch seinen Koffer und fuhr trotz der Sommerhitze über Italien
nach Algier. Zu Beginn des Herbstes, als Hans von Kretschman im Manöver
sein mußte, traf Jenny in Heringsdorf mit der Tochter zusammen. Am 10.
September 1864 schrieb sie von dort aus an ihren eben heimgekehrten
Gatten:


"Mein lieber Werner!

Einen schriftlichen Gruß sollst Du wenigstens finden, wenn Du an unseren
lieben häuslichen Herd zurückkehrst, wo ich Dir so gerne entgegenkäme,
ich halte aber mich und meine Jenn gewaltsam hier fest ... Meine
Meerpassion wurzelt immer tiefer im Herzen, in den Nerven und in der
Phantasie, obwohl ich immer schlecht schlafe. Am Tage aber fühle ich
mich leicht an Körper und Geist. Wald und Umgegend erinnern an unser
geliebtes Garden ohne Meer, und ich träume mich oft um zwanzig Jahre
zurück! ... Leben, Licht, Friede, Größe, Ewigkeit, Wechsel bei der
göttlichen Ruhe des stillen Meeres und dann das majestätische Losdonnern
des Sturmes wie der Zorn Gottes, und das geduldige Tragen der kleinen
Schiffchen, wie das Tragen des kleinen Menschen durch die göttliche
Liebe -- es ist zu wunderbar schön und mit nichts auf der Welt zu
vergleichen! Hätte ich meine Lieben Alle um mich, ich möchte nie von
hier fort. So aber werde ich gerne abreisen ... Habe ich Jennchens
Wohnung in Magdeburg eingerichtet, wo sie, so Gott will, im nächsten
Sommer als glückliche Mutter hausen wird, dann setze ich, vereinsamte
Mutter, mich zu meinem lieben alten Mann. Lebe wohl, mein guter, lieber
Werner, ich hoffe, das Zuhause wird Dir doch wieder recht sein."

"Beantwortet am 12. September," steht von Gustedts Hand auf dem Briefe
vermerkt. Es war der letzte, den er erhalten hatte. Am 30. September war
er tot. Still und starr in ihrem Schmerz, mechanisch verrichtend, was
für sie zu tun war, ohne Anteilnahme für alles, was um sie her vorging
-- so sahen die Kinder ihre Mutter, wie sie sie noch nie gesehen hatten.
Nicht nur der Gatte war tot, nein auch in ihr war etwas gestorben: ihm
hatte sie sich in Liebe hingegeben, ihm hatte sie nicht nur jene banale
Treue des geschriebenen Rechts, sondern die Treue der Seele
unverbrüchlich gehalten, ihm hatte sie sich untergeordnet, wenn beider
Willen nicht zu vereinigen war, ihm hatte sie vieles geopfert, was ihr
Leben reicher und glücklicher hätte machen können, und gerade darum war
es ein Stück ihrer selbst, das mit ihm starb. Die Opfer, die sie ihm
bringt, verbinden das Weib dem Manne viel stärker als die Freuden, die
sie von ihm empfängt, und je mehr sie sich hingibt, desto furchtbarer
ist die Leere, die sein Tod hinterläßt.

Folgender Brief Jennys an Wilhelmine Froriep, die ihren Mann auch
verloren hatte, gibt den Zustand ihrer Seele am besten wieder:


"Halberstadt, den 16. Oktober 1864.

"Mein liebes teures Minele!

"Was ich damals zu verstehen glaubte, verstehe ich erst jetzt -- deinen
Schmerz. Daß du nach Jahren noch Tränen hast, ist die Erleichterung, um
die ich dich jetzt beneide; seitdem der geliebte Sarg meinen Augen
entschwunden ist, kann ich selten weinen, und es ist mir, als
versteinere etwas in mir. Nur dafür kann ich Gott nicht genug danken,
daß er mir Frieden gibt, Frieden in mir, Frieden in der Erinnerung --
Frieden im Gedanken an meinen Werner, dessen heiliges teures Totenbett
von lauter lieblichen Bildern und Gefühlen umgeben war. -- Gottlob, daß
ich ihn pflegen, lieben, bedienen konnte bis zuletzt! Seine Krankheit
lag eigentlich zwischen zwei Reisen für mich -- ich kam eben von
Heringsdorf und wollte im November zu Otto und meiner lieben
Schwiegertochter nach Straßburg, wo sie ihre erste Entbindung erwartet.
Mein armer Otto mußte den bittern Kelch des 'zu spät' ohne sein
Verschulden leeren; am Sonnabend früh um halb ein Uhr war sein lieber
Vater entschlafen, und am Abend um 7 Uhr kam er an. -- Die andern Kinder
standen um sein Bett; mich traf sein letzter Blick, ich hatte 13 Stunden
um, mit, durch ihn gelebt, ohne von mir selbst etwas zu wissen -- vorher
glaubte ich an keine Gefahr. Wie du, mein Minele, gehört der Rest meines
Lebens meinen Kindern, wenn ich aber übersehe, daß ich nur noch wenige
Jahre Arbeit für sie habe, denke ich, dann wird mich der Herr im Frieden
abrufen -- wie gern beschlöß ich mein Leben in Weimar, aber meiner
Kinder Schicksal will sich da nicht einschichten lassen, und so weiß ich
jetzt noch nicht wohin. Mein liebes Jennchen und ihr vortrefflicher
Mann nehmen meinen Sohn Werner in Leitung und Obhut -- ihr Beruf ist,
oft umherzuziehen, Otto hat noch keine feste Häuslichkeit, so daß ich
wirklich nicht sagen kann, wo ich wieder eine finden werde ..."

"Ich muß mich selbst erst wieder finden," heißt es in einem anderen
Brief aus Straßburg, wo sie zwei Monate später der Niederkunft ihrer
Schwiegertochter entgegensah, "muß Vergangenes und Gegenwärtiges mit dem
Zukünftigen zu verknüpfen suchen, muß lernen, allein zu sein. Wer sich
so lang und so fest wie ich auf den Arm des Lebensgefährten stützte, den
überfällt ein Gefühl des Schwindels, wenn er plötzlich selbständig
vorschreiten soll. Ich brauche Stille und weiß, daß ich sie nirgends
sicherer finde als bei meiner lieben Nonne, zu der ich von hier aus
reise, und bei der ich bleibe, bis meine Tochter mich braucht ..."

Als die schwere Türe der Deersheimer Familiengruft sich hinter Werner
Gustedts Sarg geschlossen hatte, schien auch das Leben hinter ihr leise
die Türe zuzuziehen. An ein neues, das Wert und Inhalt für sie haben
konnte, glaubte sie nicht mehr. Zu intensiv hatte sie für Mann und
Kinder gelebt -- er war tot, sie gingen ihre eigenen Wege -- sie
vermochte nicht zu begreifen, daß sie für sich selbst noch zu leben
vermöchte.

An einem grauen Januartag klopfte eine schwarz verschleierte Frau an die
Pforte des stillen Klosters in der brausenden Weltstadt Paris. Keine der
Jungfrauen, die hier um Einlaß gebeten hatten, um eine Zuflucht wider
die Verführungen und Schmerzen der Welt zu finden, war so voller
Sehnsucht nach Ruhe hierhergekommen wie diese Frau, in deren Seele und
in deren Herzen Ehe und Mutterschaft ihre unvergänglichen Zeichen
hinterlassen hatten. Weit öffnete sich ihr die Pforte, unhörbar schloß
sie sich hinter ihr.



Wieder im Strom der Welt


Im Frühling 1865 kehrte die Witwe nach Halberstadt zurück. Niemand von
der Familie kannte den Tag ihrer Ankunft. Wie sie es gewünscht hatte,
empfing sie die tiefe Stille des vereinsamten Hauses, in dem seit dem
Tode Werners noch nichts verändert worden war. Doch nicht, um "dem
größten und abstoßendsten Egoismus, den es gibt, dem des Schmerzes", zu
leben, war sie heimgekommen. "Eine Lebensberechtigung hat nur, wer
nützen kann," schrieb sie, "solange ich irgend Jemanden weiß, dem ich
durch mein Dasein eine Last abnehmen, eine gute Stunde bereiten, einen
Schritt zum Ziele der inneren Vollendung weiter helfen kann, solange bin
ich nicht im Wege, nicht überflüssig und habe noch immer Grund zur
Dankbarkeit gegen Gott." Und sie empfand es mit Freuden, daß ihre drei
Kinder ihrer bedurften.

Da der Aufenthalt in Halberstadt fern von ihnen für sie keinerlei
Anziehungskraft mehr hatte, so beschloß sie, nach Berlin überzusiedeln.
"So wenig sympathisch Berlin mir ist, so sehr ich darauf gefaßt bin,
durch die natürlichen Ansprüche der Freunde und der Verwandten, durch
die Unbequemlichkeiten des Hoflebens viel von der Ruhe, die meinem Alter
not tut, opfern zu müssen, Otto ist derjenige unter meinen Kindern, der
im Augenblick meiner am meisten bedarf." Vorher aber hatte sie noch eine
andere, willkommene Mutterpflicht zu erfüllen: ihre Tochter sah ihrer
Niederkunft entgegen, und da ihr Schwiegersohn kurz vorher von Magdeburg
nach Neiße versetzt worden war und seiner Frau die Mühen des Umzugs
ersparen wollte, so sollte das stille Halberstädter Haus, in dessen
weiten Räumen der Frohsinn der Kinder so hellen Widerhall gefunden
hatte, nicht eher verlassen werden, als bis es die ersten
Lebensäußerungen des Enkels erfüllten.

An einem glühendheißen Julisonntag -- Jenny war gerade aus der Kirche
gekommen -- gab ihre Tochter einem Mädchen das Leben. "Daß dieses
Enkelchen in meinem Hause geboren ist," schrieb sie nach Weimar, "ist
mir wie ein Fingerzeig Gottes, daß es mir doppelt ans Herz gelegt wurde.
Mutter und Kind sind gesund und munter. Mein Jennchen hat meiner alten,
viel erprobten Überzeugung Recht geben müssen, daß Kinderkriegen
angenehmer ist als Zähneziehen: das Kleine hat seine Mutter gar nicht
gequält und hatte es sehr eilig, in die Welt zu kommen, als ob es das
Leben gar nicht erwarten könnte. Möchten seine Hoffnungen es niemals
täuschen." Vierzehn Tage später hielt sie das Enkelkind über die Taufe
und gab ihr den Namen, der an die ihr liebste Gestalt des Goethe-Lebens
erinnern sollte, an die Mutter ihres Onkels Türkheim: Lily.

Nachdem meine Mutter mit mir nach Neiße abreisen konnte, und eine kurze
Kur in dem von ihr schon oft besuchten, stets mehr geliebten und dankbar
gepriesenen Karlsbad die Großmutter gekräftigt hatte, schuf sie sich in
Berlin in Ottos nächster Nähe ihr neues Zuhause. "Mein guter Mann,"
schrieb sie von dort aus an eine Freundin, "hat so für mich gesorgt und
Alles so genau vorbedacht, daß mir nach aller menschlichen Berechnung
ein bequemes, sorgenfreies Alter -- soweit es materielle Sorgen betrifft
-- in Aussicht steht. Ich kann dabei, hoffentlich immer mit meinem
Jennchen und ihrer Kleinen, die Sommer in Harzburg oder Heringsdorf
verbringen, die etwa notwendige Frühlings- oder Herbstkur in Karlsbad
durchmachen, und behalte genug, um meinen Kindern auszuhelfen, ihnen
Extrafreuden zu bereiten und ohne Skrupel wohltätig sein zu können. Wenn
ich das Alles so niederschreibe, klingt es fast selbstsüchtig, aber wenn
ich auch ganz genau weiß, daß ich für meine Kinder jede Entbehrung auf
mich nehmen könnte, so weiß ich doch ebenso gewiß, daß sie in meinem
Alter für mich empfindlich sein würde."

Von einem ruhigen Leben, wie sie es erhoffte, war freilich trotz aller
Sicherung der Existenz für sich und die Ihren keine Rede. Der politische
Himmel umwölkte sich immer mehr, und der Winter 1865 bis 1866 erschien
schon wie eine Kriegsvorbereitung. Wenn Jenny Gustedt am Teetisch bei
der Königin von Preußen saß, mochten die Gedanken der Freundinnen sich
wohl stets sorgenvoll um dieselbe Frage drehen, die beide im Interesse
ihrer Kinder, im Interne des Vaterlandes und im Interesse des
Völkerglücks so sehr bewegte. "Noch kein Argument", heißt es in einem
der Briefe Jennys aus jener Zeit, "habe ich gehört, das mir den Krieg
begreiflich gemacht hätte. Tausende stürzt er in lebenslanges Unglück,
vernichtet den Wohlstand, bringt fleißige Handwerker an den Bettelstab,
fördert Roheit und Rauflust. Auch daß er eine Erziehung zum Mut wäre,
ist nicht wahr. Das mag für den Kampf mit dem Säbel in der Faust Geltung
haben, aber nicht da, wo Kanonen und Gewehre ihre Geschosse aus weiter
Entfernung Armen, fast Wehrlosen in den Körper jagen. Auch ist der Mut
allein der sittliche, der christliche, der sich im Kampf gegen
Verführungen und Entbehrungen, für Wahrheit und Recht erwerben läßt. Ein
Märtyrer seiner Überzeugung steht tausendmal höher, als einer jener
Tapferen, der in der Leidenschaft des Kampfes seinen Nächsten
niedermacht." Als dann der deutsch-österreichische Bruderkrieg ausbrach
und Jenny von Sohn und Schwiegersohn Abschied nehmen mußte, legte sie
für ihre Auffassung des Mutes Zeugnis ab: sie blieb die Ruhige und
Tapfere zwischen Schwiegertochter und Tochter, die zu ihr gezogen waren,
und half ihnen, die böse Zeit ertragen. Es war keine leichte Aufgabe,
denn als die Nachricht von der Schlacht bei Königgrätz in Berlin
eintraf, bekam sie zu gleicher Zeit die Mitteilung, daß Hans von
Kretschman an der Spitze seiner Kompagnie den Tod fürs Vaterland
gestorben sei. Da sie nicht amtlich beglaubigt war, besaß Jenny den
Heroismus, vor ihrer Tochter ruhig und heiter zu erscheinen, während sie
heimlich immer wieder zur Kommandantur fuhr, um Gewißheit zu erlangen.
Endlich kam Nachricht: ihr Schwiegersohn war zwar schwer verwundet,
konnte aber doch nach Berlin gebracht werden. Bald darauf erhielt auch
ihre geängstigte Tochter einen beruhigenden Brief von ihm. Wenige Tage
nach meinem ersten Geburtstag trug man meinen Vater in Großmamas Haus --
man hat mir so oft erzählt, wie ich mich vor dem Mann mit dem
verwilderten Bart gefürchtet habe, daß ich heute noch zuweilen meine,
das Bild der verdunkelten Stube, wo er lag und wo Mama und Großmama sich
um ihn bemühten, vor mir zu sehen.

Nach dem Friedensschluß wurde mein Vater nach Potsdam versetzt; meiner
Großmutter ältester Sohn kam zu den dort garnisonierenden Gardehusaren,
und ihr jüngster trat bei den Gardeulanen ein. Was war natürlicher, als
daß auch sie dorthin ging, wo nun alle ihre Kinder vereinigt waren. Sie
bezog ein Haus recht nach ihrem Geschmack, von einem Gärtchen umgeben,
mit dem Blick auf grüne Bäume, und richtete es ein, so schön und
traulich, wie es in jener Zeit der unumschränkt herrschenden
Geschmacklosigkeit nur sie einzurichten verstand. Diese Umgebung, die
sie sich selber schuf, erschien stets so sehr als der notwendige Rahmen
ihrer Persönlichkeit, daß ihrer wohl gedacht werden muß; gehörte es doch
zu ihrem Erbe an Goethischen Lebensmaximen, auch das Äußere des Daseins
mit sich selbst in Harmonie zu setzen -- in jene Harmonie, die eine so
wohltuende Atmosphäre um sich verbreitete, die die Menschen magnetisch
in Großmamas Nähe, in den Frieden ihrer Räume zog.

Sie entsprachen in keiner Weise der damaligen Mode, die begann von den
geschnitzten Säulen, Löwenköpfen und Akanthusblättern der Renaissance
beherrscht zu werden. Nur ihr Speisezimmer enthielt die notwendige
Ausstattung an Möbeln aus glattem, dunklem Holz, ohne Schnörkel
und staubfangendes Beiwerk. "Es ist die Hauptsache," schrieb sie
in einer ihrer vielen Auseinandersetzungen über Hausbauten und
Wohnungseinrichtungen, "daß man bei Zimmern und Bauten gleich ihre
Bestimmung, so zu sagen ihre Seele erkenne. Darum passen Holzmöbel in
Eßräume, Flure usw., nur dorthin nicht, wo es einem warm, wohnlich, auf
Bleiben anmutet, da sei Stoff und Polster, Ruhe für den Körper und für
das Auge." Die modernen Salons erschienen ihr "wie ein Museum ohne
Mittelgang, wie sechs Cabinets ohne Zwischenmauern, halb Atelier, halb
Gewächshaus, halb Porzellanladen, halb Theaterdecoration; Drapirungen
von türkischen Tüchern um Bilder und Möbel, zahllose Nippes, wie in den
Glasschränkchen der Kinder, deren Hauptverdienst es ist, die Geduld des
Stubenmädchens bis zur höchsten Vollkommenheit zu üben,
Miniaturbilderchen ohne Zahl, auch verblichene, viele ohne die Namen der
Dargestellten, den man auch kaum zu wissen wünschte -- nirgends Raum zum
ruhigen, gefahrlosen Schritt, nirgends wohlthuende einfache Linien, die
Ansicht eines Möbels meistens durch ein davorstehendes unterbrochen. Da
ist kein Raum zu häuslicher Arbeit, zum Spielen der Kinder, da ist kein
eigentlicher großer Familienplatz mit großem Tisch zum großen Sopha,
großer Lampe, vielen Lehnstühlen, auf welchen jeder Eintretende wie auf
das berechtigte Centrum des Familienlebens zugeht." Wie anders wirkte
der stille grüne Salon meiner Großmutter, der überall, wo sie auch
hinzog, seinen Charakter beibehielt, gewissermaßen die Heimat war, die
sie überall mitnahm. Wie Moos bedeckte der Teppich den ganzen Fußboden,
dunkelgrün, ruhig, klein gemustert. Grüne hellere Vorhänge mit weißen
darunter hingen glatt an den Fenstern und bildeten die Portieren. Bei
ihrer Antipathie gegen alle spitzen Winkel -- die in den Zimmern und an
den Möbeln -- waren zwei Ecken des Salons durch hohe bis zur Erde
reichende Spiegel in schmalen Goldrahmen verdeckt, zu deren Füßen meist
blühende Pflanzen in schmalen vergoldeten Körben standen. In einer
anderen Ecke befand sich ein kleines halbrundes Sofa, hinter ihm auf
einem Postament eine Goethe-Statuette. Ein grauer Marmorkamin mit
Bronzetüren und dem Bilde der Kinder um Christus geschart darüber, vor
ihm zwei der weich und tief gepolsterten Lehnstühle und ein Tischchen
mit der täglichen Lektüre, füllte den vierten Zimmerwinkel. Zwischen
zwei Fenstern an einer breiten Wand stand ein großes bequemes Sofa, wie
die Stühle mit grün in grün gemustertem Stoff bezogen, davor ein großer
runder Tisch mit runder, fast bis zur Erde reichender grüner Tuchdecke.
An den Wänden, die meist mit einer goldbraunen oder hellgrünen Tapete
bedeckt waren, hingen nur wenige schöne Ölbilder, meist
Familienporträte. Von der Mitte der Decke hing mondartig eine Lampe mit
mattem Glas herab, auf dem Tische vor dem Sitzplatz stand eine kleinere
von antiker Form, über der ein ganz leichter, lichter Schleier von rosa
Seide hing, ganz unähnlich den Staatslampen, die man so oft, den Gästen
zur Qual, nackt, grell in direkter Augenlinie auf den Tisch stellt zur
Anerkennung des Verbrauchs an Lichtmaterial.

Was aber dem harmonischen Raum erst das rechte Leben gab, waren die
Blumen. Keine Treibhausgewächse, keine steifen Topfpflanzen, sondern
blühende Blumen aus Wald und Wiese, zierliche Gräser, buntes Laub,
dunkle Tannenzweige -- was immer die Jahreszeit bot und von der
Bewohnerin selbst auf ihren langen Morgenspaziergängen gepflückt oder
eingekauft und zuhause mit täglich neuer Freude in schlanke Kelchgläser
geordnet wurde. An den Salon stieß ein intimerer Raum, nur durch
Portieren von ihm getrennt, das Boudoir. Es entstand fast in allen
Wohnungen durch eine Teilung des Schlafzimmers; alle Wände waren mit
leicht gezogener grauer Kretonne bedeckt, auf der Schilfblätter mit
Schlingrosen sich rankten. Unter dem großen einscheibigen Fenster stand
eine Couchette und auf dem Fensterbrett ein langer Korb aus Golddraht,
mit blühenden Pflanzen gefüllt; die eine Wand nahm der Schreibtisch ein,
aus glattem Holz, ohne jede Schnitzerei; seine breite Tischplatte hatte
ihrer ganzen Länge nach ein Postament zur Aufnahme lieber Freundes- und
Familienbilder, in der Mitte eine höhere Konsole mit dem weißen
Marmorkreuz darauf. An der Wand darüber hing das schöne Bild ihrer
Mutter. Kleine Büchergestelle, ein paar niedrige Lehnstühle nahmen den
übrigen Raum ein, dessen Fußboden mit demselben Teppich wie der Salon
bedeckt war.

Die Erscheinung der Bewohnerin entsprach vollkommen den Räumen, denen
sie die Seele gegeben hatte. Ihr schmales, bleiches Gesicht -- eine
griechische Kamee in vollkommenster Vollendung -- das bis zu ihrem hohen
Alter kaum eine Falte aufwies und das die Augen erleuchteten wie von
einem inneren Feuer, war von schwarzen Spitzen umgeben, die zu beiden
Seiten schleierartig herabfielen, ein dunkles einfarbiges seidenes
Kleid, dessen Falten weich zu Boden fielen, ein großer runder Kragen vom
gleichen Stoff mit breiten Spitzen besetzt, umgaben und umhüllten die
Gestalt, entsprechend ihrer Ansicht: "Es ist der Würde des Alters
angemessen, daß Matronen und Greisinnen sich verhüllen. Eine junge,
hübsche Frau verschönert eine hübsche Toilette und wird von ihr
verschönert, später ist eine hübsche Toilette noch ein Schmuck, welcher
von der nicht mehr ganz jungen und noch hübschen Frau nicht verunziert
wird, dann kommt aber die Periode, wo die nicht mehr junge, nicht mehr
hübsche Frau die Toilette verunstaltet, wo es sich nicht mehr um
Toilette, sondern um Anzug für sie handeln sollte, und diese Periode
wird bei Weltfrauen meistens übersehen, dann wird die Toilette
Aushängeschild ihres Kummers und ihrer Illusionen, und sie selbst
verlieren die köstlichen Gaben des Alters: Bequemlichkeit, Einfachheit,
Würde." Sie machte der Mode nie eine Konzession, und doch wirkte ihre
Erscheinung als etwas so Natürliches und Selbstverständliches, daß man
nicht nur keinen Anstoß daran nahm, sondern die Blicke auch des
Fremdesten ihr wohlgefällig folgten. Als nach dem Deutsch-Französischen
Krieg der Versuch auftauchte, unter Anlehnung an die Gretchentracht eine
"deutsche" Mode zu schaffen, schrieb sie: "Um in diesem Kostüm, das für
die Menschen unserer Zeit so paßt wie die schrecklichen Renaissancemöbel
für unsere Zimmer, anmutig zu erscheinen, muß man sehr hübsch sein, und
eine Mode, die Schönheit voraussetzt, ist schon verfehlt. Mode ist der
Begriff eines allgemeinen Anzugs, und ihr höchstes Ziel sollte nicht
sein, die paar schönen Menschen, die in der Welt herumlaufen, schöner
zu machen, sondern die Millionen unschönen dem Auge nicht verletzend
erscheinen zu lassen. Bedenkt man, daß kaum der zehnte Mensch hübsch,
daß auch dieser zehnte nur höchstens dreißig Jahre lang hübsch ist, daß
ihn auch während dieser Zeit Ausschläge, Bleichsucht, Schnupfen und
Zahnschmerzen so und so oft entstellen, so schreit die Majorität zum
Himmel und bittet um Moden für die Unschönen und für die Alten. Heut
setzt sich eine Vogelscheuche denselben verwegenen Hut auf, der eine
junge Schönheit entzückend kleidet, fordert die Blicke mit denselben
Falbeln, Spitzen, Blumen und Schleifen heraus, die eine reizende
Koketterie der hübschen, jungen Frau sein können ... Wo bis jetzt der
Versuch gemacht wurde, die Mode zu reformieren, blieb der Erfolg aus,
weil die, welche das Scepter in Händen haben, nicht reformieren, und
die, welche reformieren wollen, das Scepter nicht in Händen haben ..."

Das Prinzip, aus dem heraus meine Großmutter ihr Äußeres gestaltete,
ihre Umgebung schuf, beruhte aber weniger auf verstandesmäßigen
Reflexionen als auf ihrem Wesen selbst, das der Inbegriff einer
Vornehmheit war, die sie definierte, wenn sie sagte: "Vornehmheit ist
vor allem unbewußt; Absicht und Berechnung schließt sie aus, weil sie
dann eine Gesellschaft bekommt, die Anmaßung heißt und die sie nicht
verträgt ... Vornehmheit ist Ruhe, Ruhe in Bewegungen, Ruhe im Gemüth,
Ruhe in der Umgebung, Ruhe in Worten, Ansichten und Urtheil. Freundliche
Ruhe gegen Untergebene, sichere Ruhe gegen Höhergestellte. Phantasie und
Lebhaftigkeit schließt diese Ruhe nicht aus, so wie die
leidenschaftlichste Musik den Text nicht entbehren kann. Bei Fürsten und
echten Aristokraten ist sie angeboren, und das einzige untrügliche
Kennzeichen alter Kultur. Sie ist eine Folge unangefochtenen Ansehens,
einer comparativen Sicherheit, von Anderen nichts zu brauchen, des
leichteren Kampfes mit dem Leben; woraus weiter folgt, daß Hochmut und
Dünkel nichts mit ihr zu tun haben, denn sie ist nichts von uns
persönlich Erworbenes, worauf stolz zu sein allenfalls begründet wäre,
sondern etwas Gegebenes, ein Glück, eine Gnade, der wir uns durch edle
Gesinnung würdig erzeigen müssen. Sie ist aber auch eine Schranke, und
als solche entbehrt sie nicht der inneren Tragik. Eine wahrhaft vornehme
Natur leidet schmerzhaft unter der Unvornehmheit, wird aber von ihr
niemals verstanden, ja ihrer Empfindlichkeit wegen bespöttelt, wenn
nicht gar gehaßt werden. Sie wird infolgedessen immer eine gewisse
Zurückhaltung bewahren, sich in ihr fremden Kreisen niemals heimisch
fühlen, was ihr denn oft als Hochmut ausgelegt wird."

In Potsdam sammelte sich rasch ein großer Kreis von Verwandten, von
alten und neuen Freunden um Jenny Gustedt. Es waren durch die
Beziehungen ihrer Kinder viele junge Leute darunter, die sich bei ihr
ebenso wohl fühlten wie die alten, weil sie das Verständnis für die
Jugend nie verlor. Besonders in der Zeit nach dem Karneval, wo -- wie
sie sagte -- "Leidenschaft, Langeweile, Eitelkeit, Hochmut,
Toilettenunsinn dem Teufel einen Kranz geflochten hatten, über den viele
gute Engel weinten", war ihr abendlicher Teetisch der Mittelpunkt einer
Geselligkeit, die um so anregender war, je weiter sie sich von jener
"philisterhaften und egoistischen Art" entfernte, die sich "in späten,
vielschüsseligen Abendessen, prahlend, Verpflichtungen abmachend,
dokumentiert." Jenny Gustedt besaß noch das Talent der Frauen des
_ancien régime_, die Konversation unmerklich zu beherrschen, jeden
einzelnen Gast zur Geltung kommen zu lassen. "Weniger was Du giebst, als
was Du aus Anderen hervorlockst, macht Dich liebenswürdig," sagte sie,
und dies Hervorlocken verstand sie meisterlich. Der jüngste
bescheidenste Leutnant ging in gehobener Stimmung von ihr fort und
fühlte, daß er "nicht nur eine Uniform war mit obligaten Tanzbeinen,"
sondern ein Mensch, der auch etwas zu sagen gehabt hatte. Nur wenn die
Königin sich anmeldete, was gewöhnlich einmal in der Woche geschah,
blieb die Tür zum grünen Salon für alle anderen Gäste verschlossen, und
niemand konnte belauschen, was die Freundinnen miteinander besprachen.
In einem einzigen Brief aus dem Jahre 1867 findet sich eine Andeutung
darüber: "Gestern war meine liebe Königin bei mir," heißt es darin. "Wir
vergaßen über der Not und der Angst der Zeit unsere traute gemeinsame
Vergangenheit. Sie war schön, im besten Sinne königlich wie immer, aber
ernst und angegriffen. Der drohende Krieg, nachdem wir kaum ein
entsetzliches Blutvergießen hinter uns haben, lastet schwer auf ihr, und
es bedarf aller ihrer Festigkeit und Pflichttreue, um gegenüber dem
Einfluß Bismarcks auf den König an ihrem Grundsatz festzuhalten, sich
nicht in politische Angelegenheiten zu mischen." In demselben Jahre
hatte meine Großmutter auch die Freude, den Prinzen Napoleon bei sich zu
sehen. Bei ihrer Liebe für ihn und ihrem natürlicherweise zwischen
Preußen und Frankreich geteilten Herzen -- hatte sie doch überall
Verwandte, deren Schicksale ihr nicht gleichgültig sein konnten -- war
die Aussicht auf einen Krieg für sie doppelt furchtbar. An Wilhelmine
Froriep schrieb sie damals:

"Mein Alter hat viel Segen, und ich danke Gott dafür, bin aber doch oft
müde, und da ist es ein so beruhigender Gedanke, daß jetzt meine
irdische Aufgabe beendet erscheint, meine Kinder versorgt, meine
Geschäfte geordnet und daß ich in Frieden scheiden könnte; da ich aber
auch in innigster Liebe mit meinen Kindern lebe, so kann ich alles
erwarten und weiß, daß ich ihre Lebensfreude erhöhe und ihnen keine Last
bin. Wovor mir graut, daß ich es gar nicht erleben möchte, das ist der
Krieg, der mir wie ein Hohngelächter Satans immer in den Ohren klingt --
warum die Völker das Verbrechen begehen wollen, ist dies Mal unfaßlicher
wie je, und doch zweifeln gerade die nicht daran, die es am besten
wissen können."

Aber es war nicht nur die Kriegsfurcht, die das Gleichgewicht ihrer
Seele störte. "Meine wichtigen Gedanken und Gefühle werden nur dann zu
Sorgen, wenn meiner Kinder Sünden damit verwickelt sind," schrieb sie,
und die Sünden ihrer Kinder waren es, die ihr am Herzen zehrten.
Schweigsam, Hypochonder, im stillen und lauten Kampf mit seinen
Vorgesetzten, die oft, infolge Ottos langer Unterbrechung der
Dienstzeit, jünger waren als er, lebte ihr geliebter Ältester neben ihr.
"Mit stillem Entsetzen sehe ich, wie er zuhause wahllos Bücher um Bücher
verschlingt," schrieb sie, "ohne den geringsten Nutzen, denn bei seinem
schlechten Gedächtniß kann er unmöglich etwas davon behalten, auch
findet er niemals Anregung zu irgend einer Unterhaltung darin. Obwohl er
wissen muß, daß Niemand soviel Theilnahme und Verständniß für ihn haben
kann als ich, bleibt er auch mir gegenüber stumm und ich weiß von seinem
Innenleben so wenig, als wäre er ein Fremder." Ganz anderer Art waren
ihre Sorgen um ihren jüngsten Sohn, der sich in fröhlichem Lebensgenuß
keinerlei Zwang auferlegte und es für selbstverständlich zu halten
schien, daß die Mutter, wenn er mit seinem eigenen Einkommen nicht
reichte, immer wieder für ihn einsprang. Eine Empfindung, die ihr sonst
fremd war -- Bitterkeit -- drückt sich oft in ihren Briefen aus, wenn
sie dieser Erfahrungen gedenkt. Sie gehörte nicht zu jenen Müttern, die
ihre eigene Jugend vergessen haben und darum die Fehler ihrer Kinder mit
dem strengen Maßstab des Alters messen; wo sie konnte und wo es ihrer
Auffassung von Ehre und Anstand entsprach, verschaffte sie ihnen sogar
gern alle erreichbaren Lebensfreuden. Was sie nicht verstand, war jenes
lustige Indentaghineinleben, jenes Sichgenügenlassen nur an den
materiellen Freuden des Daseins. Dabei vergaß sie wohl auch zuweilen,
daß ihr Sohn ein blutjunger, hübscher Gardeleutnant war, nicht besser,
aber auch nicht schlechter als seine Kameraden, und hinzu kam, daß sie
ihn bei sich wohnen ließ, also aus nächster Nähe zu ihrer täglichen Qual
beobachten konnte, wovon sie sonst vielleicht gar nichts erfahren hätte.
Seine Offenherzigkeit blieb dabei ihr Trost und versöhnte sie immer
wieder. Aber auch die Herzensgeheimnisse, die er ihr rückhaltlos
anvertraute, riefen ernste Sorgen in ihr hervor. Sie, die frühe
Heiraten noch vor zehn Jahren eifrig propagiert hatte, schrak jetzt,
nachdem sie bei Nahen und Fernen so viel Tragödien der Ehe miterlebte,
davor zurück. "Ich glaube, daß seine Liebe ein Strohfeuer ist, aber auch
ein Strohfeuer steckt ein Gehöft an, wenn der Moment günstig ergriffen
wird. Und wenn ich wieder erleben müßte, ein von der zu frühen Fessel
wundes und blutiges Herz zu sehen und zu wissen, daß, wie sehr sie auch
drückt, ihr Entfernen noch schwerer sein würde -- es wäre zu traurig,"
schrieb sie an die Vertraute ihrer Mutterschmerzen, ihre Tochter.

Nur zwei Jahre hatte sie die Freude gehabt, auch diese in ihrer Nähe zu
haben; eine Freude, die ihr um so schattenloser war, als ihre Ehe
ungetrübt und ihre Zukunft in jeder Beziehung gesichert erschien. Eine
größere Erbschaft, die ihrem Schwiegersohn zugefallen war, verscheuchte
die einzige Sorge, die sie hatte: "Wenn ich auch weiß, daß Hans nie arm
zu sein verstünde, so weiß ich doch auch, daß er vom Reichtum nur den
edelsten Gebrauch machen wird." Und das Enkelkind, mit dem Sohn Ottos in
fast gleichem Alter, war ihr vollends ans Herz gewachsen, so daß sie die
abermalige Versetzung ihrer Kinder im Jahre 1869 sehr schmerzlich
empfand. Ihr Briefwechsel mit der Tochter, der einzige, der aus jenem
Jahr vollständig erhalten blieb, war ein sehr reger. Familienerlebnisse
und Erfahrungen, Bücherempfehlungen und Erziehungsratschläge spielten
eine große Rolle darin, aber die größte: die Sehnsucht nach den
Abwesenden. "Heute habe ich meinen Stuben die letzte Nuance von Seele:
Blumen, gegeben, habe sie allein, ohne mein Lilychen, die so gern
nebenher trippelte, gepflückt, und mir wäre sehr wohl, wenn ich meine
ruhigen, grünen Mauern um mich habe, nur müßten alle Kinder und Enkel
darin sein ..." heißt es in einem Brief. In einem anderen: "Ich gehe
nicht gern in das Haus, wo mir mein Lilychen nicht mehr entgegenjauchzt,
meine Tochter nicht mehr entgegenlächelt ... mich übergießt dabei eine
so schmerzliche Wehmut, daß ich sogar die Straße vermeide." In einem
ihrer Erziehungsbriefe schrieb sie: "Regt mein Lilychen nicht durch
viele Erzählungen und sogenannte freudige Überraschungen auf, das
Kindchen muß _terre à terre_ gehalten werden, kochen, Sandkuchen backen,
laufen, mehr vegetieren, als mit Bewußtsein leben ... Wie mein das Kind
ist, könnt Ihr nicht glauben, darum weiß ich auch, was ihm schadet und
nützt ... So müßt Ihr Euch Beide die kleinen strengen Beschäftigungen
mit den Nebenmenschen abgewöhnen, ehe sie das Kind versteht und ihr
Herzchen erkältet. Du, mein Jennchen, mußt in Ton und Ausdruck weniger
streng und hart sein, das tut so zarten Seelchen weh ..." Es war der
Seherblick der Liebe, der sie von dem vierjährigen Kind so sprechen
ließ, jener Liebe, durch die ich vom ersten erwachenden Bewußtsein an in
dieser Frau alles fand, was ein Kind bedarf: Verständnis, Anregung,
Leitung, Freundschaft und Mütterlichkeit.

Im Sommer 1869 besuchte sie uns. Sie war voller Sorgen um ihre Söhne, um
Otto, dessen Kränklichkeit den Dienst fast unmöglich machte, um Werner,
der weniger denn je das Seinige zusammenhielt. Wie immer, so wirkte der
Kummer auch auf ihren körperlichen Zustand, das alte Leberleiden machte
sich mehr als früher geltend, und eine Müdigkeit beherrschte sie, die
ihr wie eine Vorahnung des Todes erschien. "Ich möchte den ganzen Tag
schlafen," hatte sie kurz vorher ihrer Tochter geschrieben, "auch das
Hinüberschlafen denke ich mir süß -- mir wird all das Harte, Grausame,
Gewalttätige, die Verirrungen, Sünden, Leidenschaften, Wehen in der Welt
so entsetzlich schwer mit anzusehen und anzuhören -- -- mir ist, als
hätte ich hier nicht mehr viel zu lernen, ich weiß immer alles, was ich
höre und lese, und kann doch nicht verhindern, daß Ihr, meine geliebten
Kinder, vom Leben noch gelehrt werdet, was Euch Eure treue Mutter lieber
lehrte und ersparte ..."

Meine Mutter, in ernster Sorge um sie, befürwortete, daß Mutter und
Söhne sich trennen möchten, um die Last täglicher Leiden von ihr zu
nehmen, und hätte der drohende Krieg sie nicht noch fester an ihre
Kinder gefesselt, so wäre sie dem guten Rat vielleicht gefolgt. So
entschloß sie sich nur zu einer Karlsbader Kur im Frühling 1870.
"Unbeschreiblich schön ist es in diesem gesegneten Ort," schrieb sie von
dort aus, "ich fühle mich jetzt schon wie neugeboren, genieße auf
stundenlangen einsamen Morgenspaziergängen Wald und Berge und begreife
nicht, wie es Menschen geben kann, die sich freiwillig in die
Steinwüsten der Städte begeben. Auf stillen Bänken lese ich alte und
neue Bücher: Humboldts Kosmos zum zweiten oder gar dritten Mal, und mit
wahrer Leidenschaft: Ut mine Stromtid von Fritz Reuter; es ist ein
eminentes Meisterstück und die Atmosphäre einfachen Lebens und redlicher
Menschen tut so wohl ... Verkehr habe ich so gut wie keinen, bin aber
neulich gegen meinen Willen in eine ganz interessante Unterhaltung
gezogen worden. Nicht Hände, nein Kiepen voll Schmutz wurden auf
Lassalle geworfen. Sein Auftreten, besonders seine eitle, großspurige
Manier, sein wüstes Hetzen, das so viel persönliche Eitelkeit und
Ehrgeiz durchblicken ließ, waren mir auch stets antipathisch. Aber sein
starkes Gerechtigkeitsgefühl erhebt ihn doch so sehr, daß man, nach
seinem Tode besonders, das Andere leichter vergessen sollte. In seinem
Eintreten für die Sicherung des Lebens der Armen bin ich unbedingt auf
seiner Seite. Ich gehe sogar noch weiter: denn da ohne die friedliche
Gewaltthat des Strikes auch die gerechteren Ansprüche der Handwerker
nicht erfüllt werden, kann man sie ihnen nicht verargen, und sie sind
doch besser als Barrikaden. So bin ich aus einem politischen Gespräch zu
einem politischen Brief an mein sehr konservatives liebstes Töchterchen
gelangt, das sicher dabei krebsrot wird ..."

Kurz vor dem Ausbruch des Krieges kehrte Jenny von Gustedt nach Potsdam
zurück, und als das lange Gefürchtete Wahrheit wurde und alles um sie
her im Paroxysmus der Begeisterung schwelgte, schrieb sie ihrer Tochter:
"Es ist selbstverständlich, daß wir Frauen uns mit den lieben Kindern
und Enkeln hier vereinen. Alles steht in Gottes Hand, aber mir erscheint
es doch wie Gotteslästerung, wenn mitten im Hurrahschreien und Toben der
Vater aller Menschen wie ein alter Kriegsgötze für uns allein in
Anspruch genommen wird ... Er verhüllt sein Haupt bei diesen größten
Sünden der Völker ..." Während des ganzen Feldzugs wohnten wir bei
Großmama in Potsdam. Noch sehe ich sie deutlich vor mir, wie sie
frühmorgens im Sommer mit mir nach Sanssouci ging, wo die Bäume so hoch
waren, daß ich glaubte, sie wüchsen in den Himmel, und die Stille so
zauberhaft, daß ich, wenn die Blätter zu rauschen begannen und die
Wellen auf den Teichen sich kräuselten, Elfen und Nixlein zu spüren
meinte. Gingen wir aber oben auf den Terrassen, wo im heißen
Sommersonnenschein die Rosen glühten, dann hätte ich mich kaum
gewundert, wenn hinter den Laubengängen der alte Fritz mit dem
Krückstock und den Windspielen gemächlich hervorspaziert wäre. Durch
Großmamas schöne Geschichten war er mir ganz vertraut geworden. Oft
saßen wir auf den weißen Marmorbänken und sahen dem Steigen und Fallen
des Springbrunnens zu -- auf jedem Tröpfchen tanzte ein lustiger
Sonnenelf, darum blitzte es so vergnüglich, und ganz, ganz oben, da
badete sich die Rosenkönigin, die täglich von den Terrassen herüberflog,
damit kein Stäubchen an ihrem duftenden Hemdchen hängen blieb. Ich habe
sie sogar gesehen, wie sie zu uns herunterlachte: zu dem kleinen Mädchen
und zu der alten Frau. Großmama war ja auch ihre gute Freundin, sonst
wüßte sie nicht so viele Geschichten von ihr und allen ihren Schwestern!
Hinter der Marmorbank war ein dichtes Gebüsch, und da gab es im feuchten
Schatten viele, viele Schnecken, große und kleine, schwarze, weiße und
rote mit buntem, komischem Häuschen auf dem Rücken. Die brauchten sich
vor keinem Franzosen zu ängstigen, sagte Großmama; wurde es ihnen
irgendwo ungemütlich, dann trugen sie eben ihr Häuschen, das ihnen kein
Feind wegnehmen konnte, anderswo hin. Ach, es war herrlich, mit Großmama
spazieren zu gehen, viel tausendmal schöner als mit Mademoiselle, bei
der man immer artig sein und beileibe nicht hinter die Bänke kriechen
durfte! Freilich: oft hatte sie keine Zeit für mich, und wenn sie mit
Mama und Tante Cecile im grünen Zimmer saß und alle ernste Gesichter
machten, dann liefen wir, mein Vetter Wawa, Onkel Ottos Sohn, und ich,
am liebsten in den Garten und bauten Wälle aus dem großen Sandhaufen,
der für uns in der Ecke lag. Kam eine Siegesnachricht, dann kriegten wir
immer was Schönes geschenkt und schrien darum aus Leibeskräften
"Hurrah!" Als die Kapitulation von Sedan bekannt wurde, tanzte meine
Mutter ganz allein im Zimmer umher und Großmama liefen zwei große Tränen
aus den Augen, so daß ich durchaus nicht entscheiden konnte, ob es zum
Lachen war oder zum Weinen. Auf dem Balkon aber wurde eine große Fahne
herausgesteckt, und viele, viele Lichtchen brannten abends hinter den
Fenstern. Wir durften aufbleiben, um die Herrlichkeit mit anzusehen. Und
dann warteten wir alle Tage, daß unsere Papas mit Sternen und
Lorbeerkränzen geschmückt nach Hause kommen sollten. Aber sie kamen
nicht; nicht einmal zu Weihnachten, und unsere Mamas weinten, und
Großmama sah sehr, sehr ernst aus. Trotz der großen Puppe war es darum
gar nicht schön.

Wie im Sommer unsere Morgenspaziergänge, so waren im Winter unsere
Abende das Schönste vom ganzen Tag: Großmama erzählte Märchen am
Kaminfeuer, und wenn die Lampe kam, dann schnitt sie Puppen und
Schlitten und Wagen und Pferde aus, zeichnete Häuser und Bäume dazu --
kein Spielzeug war uns so lieb wie dieses!

Nur ein einziges Brieffragment aus der Zeit des Krieges gibt einen
Begriff von den widerstreitenden Empfindungen, die Großmama bewegt haben
müssen. "Ich bin wohl zu alt für den Siegestaumel," schrieb sie, "oder
mein Herz ist wie immer zu sehr auf der Seite derer, die leiden. Wie
vielen armen Müttern bin ich schon begegnet, die ihr Liebstes haben
hergeben müssen und kein 'Tod fürs Vaterland' macht sie wieder lebendig.
Und ich habe täglich, stündlich um drei Söhne zu zittern! Und nicht nur
das: vor Metz lag Hans, während in Metz Berckheim und Henri (nahe
Verwandte) sich befanden; vor Paris ist Otto, in Paris meine geliebte
blinde Pauline, deren Kloster jeden Augenblick in Flammen aufgehen kann,
wenn mir auch meine gute Königin immer wieder versichert, daß Alles
geschehen sei, um es vor dem Bombardement zu schützen ... Das schöne
Frankreich, das friedliebende gute tüchtige Landvolk, wie müssen sie
leiden! Nachher wird dann aber noch die Saat des Bösen aufgehen: zum
grollenden Feinde wird der Bauer werden, der seine zertrampelten Felder,
seine vernichtete Ernte sieht ..." Wenn sie auch selbst vor dem
Furchtbarsten bewahrt blieb und der mörderische Krieg ihre Söhne
verschonte wie ihre Schwester, so traf sie das Unglück, das ihre
nächsten Verwandten traf, als hätte es sie selbst getroffen: die beiden
einzigen Söhne ihrer Schwester Cecile Beust fielen am gleichen Tage in
derselben Schlacht. Es war zugleich der Todesstoß für die unglückselige
Mutter, die auf die Schreckensnachricht hin zusammenbrach, um nicht
wieder aufzustehen. Wenn schon vorher die innigste Freundschaft meine
Großmutter mit ihrem Schwager Fritz Beust verband, so wurde sie jetzt
zum wärmsten geschwisterlichen Verhältnis. Wie hätte sie rückhaltlos mit
den Siegern jubeln können, da er so namenlos litt? Nur wo ihr Mutterherz
sich freuen durfte, da freute sie sich wirklich.

Die Erfolge ihres Schwiegersohnes, die Auszeichnung, die er mit Recht
erfuhr, bestärkten sie in der hohen Meinung, die sie von seinem Geist
wie von seinem Charakter hatte, und vertrieben die Sorgenwölkchen, die
sie hie und da auch am Lebenshimmel ihrer Tochter glaubte aufsteigen zu
sehen. Ganz besonders glücklich aber machten sie die Nachrichten von
Otto, ihrem Sorgenkind. Der Krieg hatte ihn zum begeisterten Soldaten
gemacht, hatte seine Schwermut vertrieben, und da er sah, daß sein Mut
nicht unbeachtet blieb, daß seine Leistungen als Ordonnanzoffizier des
Kronprinzen anerkannt wurden, schwand auch sein Mißtrauen und machte
frohen Zukunftshoffnungen Platz. Einen Teil eines Briefes, den er im
August 1870 an seine Frau geschrieben hatte, teilte seine Mutter einer
Freundin mit folgenden Worten mit: "Es scheint, daß eine Kur auf Leben
und Tod wie dieser Krieg notwendig war, um meines armen Otto Seele
gesund zu machen. Er schrieb seiner Frau: 'Denke Dir meine maßlose
Freude, als mir der Kronprinz, mein lieber gnädiger Herr, im Namen des
Königs das eiserne Kreuz überreichte, als Auszeichnung für mein tapferes
und umsichtiges Benehmen in der Schlacht bei Wörth. -- Das sind seine
eigenen Worte. Ich weiß mich nicht zu lassen vor Freude, denn es ist
eine sehr große Auszeichnung, die ich gar nicht erwartet habe. Ich
glaubte mich schon übermäßig belohnt, als mich der Kronprinz heute dem
König mit den Worten präsentierte: hier ist Otto Gustedt, er hat sich in
der Schlacht bei Wörth und Weißenburg besonders ausgezeichnet, seiner
muthigen Recognoszirung am Tage von Wörth verdanke ich die wichtigsten
Nachrichten. Die Thränen standen mir dabei in den Augen.' Vielleicht,
daß nicht nur für meinen Otto, sondern auch für Preußen die dunklen Wege
Gottes doch schließlich wieder die hellsten waren!"

Als die Friedensglocken feierlich ihre frohe Botschaft verkündeten und
ein Wald von Fahnen aus den kleinen Häusern Potsdams fast bis zum
holprigen Pflaster niederwehte und die engen Straßen noch enger machten,
da vermochte Jenny Gustedt zum erstenmal all des Jammers, den der Krieg
hervorgerufen hatte, zu vergessen: "So war es doch ein Seherblick, der
vor dreißig Jahren meinen Stiefvater jene Worte aussprechen ließ:
Preußen wird an der Spitze Deutschlands stehen, das ist die allein
mögliche Lösung des gordischen Knotens der deutschen Politik, und es war
mehr als ein Traum jugendlicher Begeisterung, wenn ich vor
dreiundzwanzig Jahren, als diese Auffassung noch in den Verdacht
revolutionärer Gesinnungen bringen konnte, für die Kaiserkrone
Deutschlands auf dem Haupte eines Hohenzollern schwärmte. Möchte der
Ruhm uns nicht übermütig machen und die Macht nur dazu führen, dem Wohle
des Volks zu dienen."

Nach dem Feldzug mußte sich Großmama wieder von ihrer Tochter trennen.
Die Hoffnung, daß mein Vater als Generalstabsoffizier im _IV._
Armeekorps bleiben würde, erfüllte sich nicht, er wurde vielmehr nach
Karlsruhe versetzt, so daß die Trennung, der weiten Entfernung wegen,
eine recht schmerzliche war. Daß ihr Sohn Otto so fröhlich zurückkam und
beim Kronprinzen in Potsdam blieb, daß ihr Sohn Werner so viel ernster
und reifer geworden zu sein schien, erleichterte ihr den Abschied. Im
Sommer des folgenden Jahres verband sie eine Reise nach Karlsruhe mit
einem Besuch bei ihrer Schwester in Paris und beschloß sie mit der
gewohnten Karlsbader Kur. In einem Briefe aus dieser Zeit -- 1872 --
heißt es: "Es scheint, als ob ein sehr friedliches, sorgenloses Ausleben
mir beschieden wäre." Aber schon bald nach ihrer Rückkehr nach Potsdam
verdunkelte sich das helle Zukunftsbild wieder. Es wiederholte sich, was
gerade die besten Eltern am schmerzlichsten erfahren müssen: daß ein
Zusammenleben von jung und alt nicht gut tut. Bei allem Verständnis für
jugendliche Neigungen und Torheiten wird es jeder Mutter, jedes Vaters
berechtigtes Bestreben sein, dem Kinde die Erfahrungen des eigenen
Lebens zunutze zu machen. Nietzsches herrliches Wort: Nicht fort sollst
du dich pflanzen, sondern hinauf! entspricht dem Wunsch, der, seit es
Mütter gibt, ihr Denken und Fühlen beherrscht. Für ihr Kind wollen sie
Erfahrungen gesammelt, wollen sie gelitten haben; ihr Kind soll nicht
denselben Weg gehen, auf dem sie strauchelten, sondern ihn dort
fortsetzen, wo sie angelangt sind. Darum wachen sie über seine Schritte,
lassen es an Warnungen und Zukunftsprophezeihungen nicht fehlen, darum
kann nichts so schmerzhaft verwunden, als wenn sie sehen müssen, daß
der erwachsene Sohn oder die Tochter allem zum Trotz doch ihre eigenen
Wege gehen, und für die Angst der Mutter gar nur ein mitleidiges Lächeln
übrig haben. Was Güte und Liebe ist, empfindet Sohn oder Tochter nur als
Beeinträchtigung der Freiheit, und so spitzt sich ein ursprünglich
zärtliches Verhältnis oft so zu, daß es nur durch Trennung vor dem
Zerreißen bewahrt werden kann. "Er glaubt mich ganz zu übersehen,"
schrieb Jenny Gustedt von ihrem jüngsten Sohn, "ahndet nichts von meiner
Seele, weiß von der Würde einer Mutter nichts, und doch sprechen seine
zärtlichen Augen meist die innigste Liebe aus ..." Sie fühlte selbst,
daß sie ihren Sohn verlassen müsse, um ihn zu erhalten. Als daher mein
Vater in den Großen Generalstab nach Berlin versetzt wurde und die
begründete Aussicht bestand, daß er eine Reihe von Jahren in derselben
Stellung bleiben würde, entschloß sie sich, mit uns zusammen zu ziehen.
In der Hohenzollernstraße, ganz nahe dem Tiergarten, wo die Stadt sich
in ihrer aufdringlichen Häßlichkeit ihr weniger empfindlich bemerkbar
machte, wurde eine geräumige Wohnung gemietet, in der sie ihre
ungestörten Zimmer für sich haben konnte; mich allein hatte sie in
nächster Nähe: mein Schlafzimmerchen war nur durch eine dünne
Tapetenwand von ihrem Salon getrennt, und eine Portiere ersetzte die
Türe zwischen beiden. Entzückt war ich darüber und genoß das
Zusammenleben wie nie zuvor: wieder, wie in Potsdam, gingen wir zusammen
spazieren oder saßen während der Vormittage spielend und lesend im
Zoologischen Garten; wieder erzählte sie mir vor dem grauen Marmorkamin
Geschichten, viel schönere als früher, weil es nur selten noch Märchen
waren, sondern Erzählungen aus der eigenen Jugend, aus dem Leben großer
Geistes- und Kriegshelden. Auch sonst glich das äußere Leben sehr dem in
Potsdam: Freunde und Verwandte kamen zur Teestunde zu ihr, und jeden
Donnerstag abend rollte der Wagen der Kaiserin in den Torweg, und ich
durfte den Kuchen zum Tee in den grünen Salon tragen, wo die beiden
Freundinnen in lebhaftem Gespräch beieinander saßen. Einmal kam auch der
Kronprinz zu ihr hinauf, als ich gerade alle meine Papierpuppen auf
ihrem Tisch tanzen ließ. Das schadete aber gar nichts; er war nur um so
freundlicher und machte, wie immer, seine Scherze mit mir.

Bald jedoch sollte mir der Unterschied von dem damals in Potsdam und dem
heute in Berlin zum Bewußtsein kommen. Ob die Lombarden gestiegen oder
gefallen waren, das war angesichts der Morgenzeitungen das
Gesprächsthema, und abends, wenn man mich schlafend glaubte, dann saß
ich aufrecht im Bett und hörte Großmamas und ihrer Kinder erregte,
klagende und anklagende Stimmen. Ich verstand nicht alles, aber doch
genug, um zu wissen, daß Geld, viel Geld verloren worden war, viel mehr,
als Großmama es vorher gefürchtet hatte; als dann gar unsere schönen
Goldfüchse verkauft, der Kutscher entlassen wurde, und ich -- ein
unerhörtes Ereignis für mein Leben! -- in einer Droschke zu Kronprinzens
fahren mußte, wenn ich dort eingeladen war, da begriff ich Großmamas
sorgenvolles Gesicht, und mein Herz krampfte sich zusammen vor heißem
Mitgefühl.

Ihr Sorgenkind war es gewesen, das sich, dem Zuge der Zeit folgend, in
wagehalsige Spekulationen eingelassen und Schwager und Bruder mit
hineingezogen hatte. Sie verloren alle den größten Teil ihres Vermögens.
Welch ein Schlag für die Mutter! Sie selbst traute sich wohl zu, "unter
dem kategorischen Imperativ der Lebensmaxime: Auskommen! von der Stufe
der Zehntausend zu den Hunderttausend, ja zu den Millionen ruhig
hinabzusteigen und jedesmal liebgewordenen Ballast, der keinen Platz auf
der unteren Stufe hat, blutenden Herzens über Bord zu werfen -- wenn nur
derselbe Weg für die Seele ein Steigen ist," aber für ihre Kinder sah
sie Kämpfe und Sorgen ohne Ende voraus. "Nicht weil ich sie so verwöhnt
habe," schrieb sie einer Freundin, "sondern weil sie trotz all meiner
Anstrengung durch Wort und Beispiel das glänzende Blech bloß
materiellsten Lebensgenusses dem Golde geistiger und seelischer Freuden
vorziehen. Mein Jennchen macht noch am ersten eine Ausnahme, aber dafür
ist ihr Mann um so mehr der Sparsamkeit abgeneigt, und ist es mit so
viel Güte und Liebe, fast immer nur, um Andere zu erfreuen, daß man sich
fast schämt, ihm darum zu zürnen." Was sie fürchtete, sollte rasch zur
Gewißheit werden: die Söhne, auf ihre Güte vertrauend, lernten es nicht,
sich einzuschränken, und sie versagte sich eine liebe Gewohnheit nach
der anderen, um ihnen die Zulagen, die sie brauchten, gewähren zu
können. Mit der Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter war es ein für
allemal vorbei. "Ich bin noch immer vergebens neugierig," heißt es in
bitterer Ironie in einem ihrer Briefe, "wann die Reihe des Gewinnens an
mich kommen wird, da ich bei allem Unerwarteten immer die schwarzen
Kugeln aus der Urne ziehe."

Hinter der Tapetenwand hörte ich bald so viel, daß es für ein
empfindliches neunjähriges Kindergemüt drückend wurde wie Zentnerlast.
Aber ich sprach nicht darüber, am wenigsten mit Großmama, vor der ich
doch sonst nie ein Geheimnis gehabt hatte! Ich mochte wohl fühlen, welch
unerträglicher Schmerz es für sie gewesen wäre, wenn sie mich in alles
Leid der Familie eingeweiht wüßte. Auseinandersetzungen zwischen Mutter
und Söhnen gab es besonders oft, und wenn sie sporenklingend das Zimmer
verließen, hörte ich noch lange Großmamas leisen Schritt auf und nieder
gehen und die qualvollen Seufzer, die von ihren Leiden zeugten.

Viele Jahre später kleidete sie mancherlei Ansichten, Gedanken und
Erinnerungen in eine novellistische Form, deren Mittelpunkt, "Gräfin
Thara", sie selber war. Die Gespräche darin, die sich um Offiziersehre,
um Schuldenmachen, Spielen und Trinken drehten, riefen mir jene Berliner
Abende lebhaft ins Gedächtnis zurück. Wie oft hatte ich dieselben Worte
gehört:

"Wieder ein Liebesmahl? Und wieder Sect?"

"Thust du nicht, als wäre das eine Sünde? Schadet das Jemandem, wenn ich
Sect trinke?"

"Direct nur dir!"

"Das ist doch meine Sache!"

"Außerdem ist es Sünde, sobald das Bedürfniß nach Trank und Speise zur
Lust, Erweckung desselben zum Ziel wird! Nimmst du dir nicht etwa oft
die ruhige Selbstbeherrschung, bringst dich in einen unwürdigen Zustand,
machst auf viele Stunden deinen Körper krank, giebst den Leuten, denen
du befehlen sollst, ein gefährliches Beispiel und übertrittst dabei sehr
oft das einfache Ehrengebot: was ich nicht bezahlen kann, muß ich mir
versagen."

"Das war falsch, versagen darf ich mir das unter meinen Kameraden nicht,
und bezahlen kann ich eine Flasche Sect."

"Eine, ja, fünfzig, nein, wenigstens nicht ohne Opfer der Deinigen, oder
ohne Rechnungen armer Handwerker stehen zu lassen. Und das Alles um das
Bischen Nasenkitzel, um das jämmerliche Lustigsein mit dem Ende, das du
Katzenjammer nennst!"

"Darin liegt gerade der Schneid, dem Katzenjammer zu trotzen, und so
lange ich den Körper habe, will ich mich mit ihm vertragen und ihm seine
Freude gönnen, ist er einmal weg, so hat er auch keinen Durst mehr ..."

Und wie oft, wenn der Sohn sich mit dem Hinweis auf die notwendigen
Verpflichtungen verteidigte, hörte ich sie die Vorgesetzten anklagen,
die "mehr verlangen, als die reichlichsten Zuschüsse leisten können,
glänzende Regimentsfeste, übermäßig kostbare Geschenke, Pferde und
Uniformen, Jagden, Rennen und dergleichen, und die jüngeren Offiziere
auf ein Eitelkeitspiedestal heben, von welchem aus sie glänzen sollen.
Ich habe selbst gehört, wie ein Regimentscommandeur Kartoffeln in den
Bann erklärte, weil es für Gardecavallerie-Officiere ein zu gemeines
Essen sei -- die Kartoffeln des großen Fritz! Und wie ein Anderer in dem
preußischen Schnarr- und Nasenton einen jungen Officier, der, seinen
Paletot auf dem Arm, zum Bahnhof ging, frug, ob sein Bursche den
Wadenkrampf habe, daß er sich selbst so bepacke."

Gingen die Wogen der Erregung hoch, wurde der Mutter weiche Stimme
schärfer und härter, dann waren es die "falschen Ehrbegriffe inbezug auf
Geld und Geldverwertung", die sie immer wieder bekämpfte. "Der, welcher
am versprochenen Termin sein Geld fordert," heißt es in der "Gräfin
Thara", "gilt für gemein und unzart, nicht der, welcher empfangen und
versprochen hat und sein Wort nicht hält; der, welcher eine Rechnung
schickt, wird mit jedem Schimpfnamen bezeichnet und als unverschämt
abgewiesen, nicht der, welcher auf Rechnung genommen hat. Der, welcher
mahnt, wird als Tretender bezeichnet, nicht der, welcher die Mahnung
verdient. Der Vater, der seinen Sohn versetzen läßt, weil er Schulden
macht, wird verdammt, der Sohn wird bedauert, und es geschieht, meinen
die Kameraden, dem Vater ganz Recht, wenn der Sohn nun noch mehr
Schulden macht; der Vater hat ja nur das Vermögen der Kinder zu
verwalten, lebt auch zu lang, steht blos dem berechtigten Lebensgenuß
des Sohnes im Wege! Mit ritterlichem Muth tritt er auf das Herz der
Mutter, die für zwanzig- bis dreißigjährige Liebe und Treue Spott und
Undank erntet. Das ist das Porträt eines 'charmanten Kerls', der
unsinnige Wetten macht, eine Maitresse hat, die schöner wohnt, besser
lebt, kostbarere Kleider hat als Schwester und Mutter! Wie könnte er
drei Monate lang z. B. nicht nach Berlin fahren, wie kann er nicht Sect
trinken, nicht spielen! Nein, da muß man den Muth haben, durch seine
noblen Gewohnheiten dem Regiment Ehre zu machen, und ginge es über den
Sarg von Vater und Mutter, über alle göttlichen Gesetze, über alle
Pflichten der Liebe und der Ehre, und opferte man die Altersruhe der
Eltern, die Unabhängigkeit der eigenen Zukunft, die Gesundheit des
Leibes und der Seele! Und zuletzt giebt es ja, Gott sei Dank, Pistolen
zum Selbstmord."

Aber auch die erregteste Auseinandersetzung schloß mit allen Zeichen der
Liebe, einer sorgenden, schmerzlichen, aber doch immer wieder hoffenden
Liebe. "Laß die Sonne nie über deinem Zorn untergehen", war einer der
Grundsätze Jenny Gustedts, und oft schloß sie ein ernstes Gespräch mit
den Worten: "Das Alles giebt Stoff zu guten Monologen bei der Zigarre im
Lehnstuhl oder vor dem Einschlafen. Bei Dialogen tritt Eitelkeit,
Rechthaberei, Kränkung so leicht in den Weg, aber die Selbstgespräche,
die folgen, die können Frucht bringen."

Aus jener schweren Berliner Zeit datiert ein Brief von ihr, der ihre
Stimmung am besten wiedergibt. "Die Gewohnheit meiner abendlichen
Selbstprüfung", so heißt es darin, "hat mir niemals so viele schlaflose
Nächte gemacht, als jetzt. Was habe ich versäumt an meinen Kindern?
Welche Schuld habe ich ihnen gegenüber begangen? Das sind die Fragen,
die mich quälen und auf die ich keine Antwort weiß ... Mein Mann und ich
haben nie über unsere Verhältnisse gelebt, unseren Kindern gaben wir
immer das Beispiel unbedingter Rechtschaffenheit. Aber freilich, diese
Verhältnisse waren eben sehr gute; was hätte geschehen müssen, um die
Kinder vor der Verwöhnung durch sie zu schützen? Wir hatten nach
menschlichem Ermessen die Sicherheit, daß ihre Lebensführung dieselbe
bleiben könnte wie unsere ... Ich habe ihnen immer durch mein Leben und
Denken meine Geringschätzung rein materieller Genüsse gelehrt, habe
Geist und Natur ihnen als Höchstes gepriesen und zugänglich gemacht,
habe ihnen das Christentum niemals durch Kasteiungsideen und
Weltverachtung verekelt, sondern im Gegenteil gezeigt, daß der beste
Christ auch stets der fröhlichste, genußfähigste Mensch sein wird. Und
dennoch diese Resultate. Bin ich vielleicht doch im Urteil zu hart? Sind
sie zu jung und vergebe ich ihre Jugend? Als ich so alt war, bin ich
doch auch lebensfroh gewesen, aber die geistigen Genüsse gingen mir über
Alles ... Ich bin zwar unter ungewöhnlich günstigen Verhältnissen
aufgewachsen, und das ist vielleicht die Ursache dafür, daß ich mich so
ganz anders entwickelte. So wäre also die Schuld in der Zeit zu suchen,
in dieser oberflächlichen, genußsüchtigen, nur nach Geld und Vergnügen
jagenden Zeit, wo ein junger Lieutnant die Nase rümpfen würde, wenn er
ein Schlafzimmer wie das Goethes bewohnen müßte, und ein Student empört
wäre, wenn man ihm Goethes Arbeitszimmer anwiese ... Wenn das die Folgen
unserer Siege sind, dann wäre es wahrlich besser, wir wären das arme,
unscheinbare Preußen geblieben ... Ich fühle mich recht müde, recht alt
und recht fremd in dieser Welt. Neulich besuchte mich R., seiner
Gesundheit hat das Studentenleben, das das Lieutnantsleben fast zu
übertrumpfen scheint, einen Knacks gegeben, den er vielleicht noch als
Greis spüren wird -- wie jammerschade, Lust, Tatkraft, Tüchtigkeit so zu
vergeuden. Und wie unbegreiflich bei einem Menschen wie er, der
ehrgeizig ist und dieses Leben für das einzige hält, also logischerweise
alle Kraft darauf konzentrieren müßte, es durch Leistungen zu erfüllen.
Statt dessen wird Gesundheit, Nerven- und Geisteskraft im Genußleben
ertränkt. Ich suche sein Verantwortlichkeitsgefühl zu wecken, und da er
immer wieder kommt, muß doch irgend etwas ihn herziehen, was eine alte
ernste Frau kaum sein kann ... Wie arm an Liebe muß die Welt sein, daß
mein wirkliches aufrichtiges Wohlwollen mir immer so unerwartet Herzen
gewinnt und ohne mein Wissen und Zutun es jedermann für Liebe nimmt,
während ich eigentlich wirkliche Liebe für sehr wenige Menschen
empfinde, deshalb nur mit sehr Wenigen lieber zusammen, als mit mir
selbst allein bin ... Laute, lärmende Heiterkeit in meiner Nähe schmerzt
mich jetzt ganz besonders. Meine Seele, die unter den Fröhlichen den
Druck wie von heißer Sonnenhitze fühlt, empfindet den Umgang mit
Trauernden, als träte sie in einen milden Schatten."

Die Schmerzen, die ihr diesen Brief diktiert hatten, bezeichneten noch
nicht den Gipfel des Leids, zu dem diese Jahre sie emporführen sollten.
Selbst die Bäume am rauhen Lebensweg, in deren Schatten sich zuweilen
von der mühseligen Wanderung ruhen ließ, hörten auf, und die Steine
wurden spitzer und der Pfad immer steiler. Ihr Sorgenkind, ihr ältester
Sohn, wurde ohne seine Schuld in einen tragischen Familienkonflikt
verwickelt, aus dem es nur einen Ausweg für ihn gab: das Duell. Die
Kugel seines Gegners traf ihn in den Unterleib. Leben und Tod standen in
langem, schwerem Kampf an seinem Lager, und als er sich endlich von ihm
erhob, war er ein an Leib und Seele gebrochener Mann. Nun war der Platz
der Mutter wieder an der Seite des Sohnes. Sie, die ihm das Leben
gegeben hatte, sah es als ihre Aufgabe an, es aus Schutt und Trümmern
ihm wieder aufbauen zu helfen.

Da ihr Schwiegersohn gegen alle Erwartung nach einem kaum
anderthalbjährigen Aufenthalt in Berlin nach Posen versetzt wurde und
sie nun abermals heimatlos war, erschien es ihr wie eine Fügung Gottes.
"Ich bin wohl noch zu egoistisch gewesen," schrieb sie, "als ich mich
vor ein paar Jahren auf ein friedliches Ausleben in der Mitte meiner
Kinder vorbereitete. Bei der Art eurer Generation, alle Lasten, die seit
Beginn der Welt Jeder getragen hat, unerträglich zu finden, sind die
großen Familien sehr zu fürchten; wer ein egoistisch ruhiges süßes Alter
träumt, muß kein zehnfaches Leben mit hineinnehmen, wie es bei Kindern
und Enkeln geschieht und um so mehr geschieht, je mehr man sie liebt.
Ich fühle die Schmerzen meiner Kinder doppelt und dreifach und würde sie
freudig tausendfach fühlen wollen, wenn ich auch nur ein Sandkörnchen
ihrer Last dadurch von ihren Schultern nehmen würde. Aber ich kann
nichts, als im Stillen für sie beten, und da sein, wenn sie ein allzeit
offnes Ohr und Herz brauchen, um ihren Jammer hinein zu schütten ... Es
müssen glückliche Menschen gewesen sein, die sich Hölle und Fegefeuer
erträumten, sonst hätten sie wissen müssen, daß die Erde Beides zugleich
ist ... Glaube nicht, daß ich klage: mit dem Leid wächst die Kraft. Das
wird auch Dein Mutterherz noch erfahren. Der Glaube, der Berge versetzt,
ist nicht stärker, als die Mutterliebe, die den Kampf mit Hölle und
Fegefeuer aufnimmt, um ihres Kindes willen."



Ausleben



Wieder daheim


Jenny Gustedt war 64 Jahre geworden, ein Alter, von dem sie zu sagen
pflegte, daß es ihm angemessen sei, "sich in den Schatten, sich aus dem
Wege der Welt zu stellen, um seiner selbst willen, weil die Grenze des
Diesseits schon das Jenseits streift, um Anderer willen, weil in den
Lebensverhältnissen das Greisenalter, ich möchte sagen, über dem Etat
ist und oft beengend auf die nächste Generation wirkt". Und wenn sie
auch äußerlich fast unverändert blieb und die Pforten ihres geistigen
Lebens sich nicht, wie bei den meisten alten Leuten, vor der Außenwelt
und ihren Eindrücken zuschlossen, nur das Besitztum der Vergangenheit
hütend, so zeigte sich doch ein untrügliches Merkmal hoher Jahre:
Heimweh. Es befällt nicht nur den einen, der lange in fremden Ländern
war, als eine Sehnsucht nach den Wäldern und Wiesen, wo seine Jugend
reifte; noch stärker und schmerzhafter macht es sich vielmehr dem
anderen fühlbar, der in geistiger Fremde lebte, und nun heim verlangt
nach dem vertrauten Boden, in dem sein inneres Leben wurzelt, der seiner
Seele die erste Nahrung gab. Nicht die Zahl der Jahre bestimmt den
Zeitpunkt, wann dieses Heimweh unüberwindlich wird, sondern das Maß der
Entfernung und die Menge der begrabenen Hoffnungen. Am längsten vermag
die Mutterliebe, die das Weib an das innere und äußere Leben des Kindes
fesselt, die Stimmen der Sehnsucht zu übertönen. Aber schließlich, wenn
der müde Fuß den raschen Schritten der Jugend nicht mehr folgen kann und
das Auge nichts als eine fremde Welt vor sich sieht, dann siegt das lang
unterdrückte Verlangen, dorthin zurückzukehren, von dannen wir gekommen
sind.

Nach dem Tode ihres Gatten war der erste Gedanke der Witwe gewesen, sich
von nun an dauernd in Weimar niederzulassen. Liebe und Pflichtgefühl
hatten sie daran gehindert. Jetzt, zehn Jahre später, sah sie, daß ihre
Kinder ihrer nicht bedurften, daß sie ihnen, selbst wenn sie litten,
kaum zu helfen vermochte, weil ihr Trost ihnen kein Trost war, und es
regte sich nun wohl auch in ihr der Wunsch, zum Schlusse des Lebens noch
einmal sich selbst zu leben. Im Hause ihres Schwagers, des Grafen Beust,
am Ende der Ackerwand, wo die alten Bäume des Parks in die Fenster
hineingrüßten und der Brunnen dasselbe Lied rauschte und murmelte, wie
vor einem halben Jahrhundert, fand sie eine kleine, freundliche Wohnung.
"Meine Stuben würden Dir sehr gefallen," schrieb sie mir, "sie sind
kleiner als die in Berlin, aber sehr harmonisch, und enthalten Alles,
was mir notwendig, nützlich, angenehm und lieb ist; meine Freunde sind
sehr gern darin, meistens zwischen 6 und 8 Uhr, dann brennen meine
Lampen, alles ist still und friedlich, voll Blumen sind die Tische ...
Morgens nach dem Frühstück gehe ich fast ohne Rücksicht auf das Wetter
im Park, der immer schön ist, spazieren und vergesse vor lauter Erinnern
zuweilen das halbe Jahrhundert, das zwischen meiner Jugend und meinem
Alter liegt. Um 1 Uhr esse ich und habe neben der Güte der einfachen
Mahlzeit die Freude stets unbestellter Gerichte, die Du, mein
Herzensenkelkind, auch empfinden wirst, wenn Du einmal jahrzehntelang
Hausfrau warst und -- leider muß ich das vermuthen -- wie ich, gar kein
Talent dafür hattest. Oft esse ich auch bei meinem lieben Schwager
Fritz, der dann schon am Abend vorher sagt: Auf morgen freue ich mich,
dann bist Du bei mir! Selten vergeht ein Tag, ohne daß ich liebe
Verwandte oder Freunde besuche oder empfange, und wie ein weicher,
warmer Mantel legt sich die vertraute geistige Luft Weimars um mich ...
Abends lese ich viel und mache mir darüber kurze Notizen, die Dir
vielleicht einmal nützlich sein werden. Man vergeudet so viel Zeit mit
schlechter Lektüre, daß es ein großer Gewinn wäre, wenn Kinder und Enkel
sich darin wenigstens von den Alten raten und leiten ließen. Um 11 Uhr
bin ich zu Bett und schlafe mit Gedanken und Gebet für meine Kinder und
Enkel ein ... Ich denke, wir Beide, mein geliebtes Kind, könnten jetzt
schon besser plaudern, als auf unseren Wegen in Berlin, und im Lieben
und Denken wirst Du mich immer besser verstehen ..."

Wenn es auch nicht das alte Weimar war, das meine Großmutter wieder
aufnahm, so war es doch in der Hauptsache das alte geblieben. Es schien,
als ob jeder im Umfang seiner Kräfte sich bemühte, die Tradition
aufrechtzuerhalten, die vorschrieb, geistige Interessen in den
Mittelpunkt des Lebens zu stellen. Und der Großherzog Karl Alexander
war es, der darin mit dem guten Beispiel voranging. Er besaß jene
Fürstentugend, die wir heute vergebens suchen: Talente heranzuziehen und
zu beschützen, ihnen freie Bahn zu schaffen, ohne sie beeinflussen zu
wollen. Seine Ehrfurcht vor geistiger Bedeutung war so groß, daß er vor
ihr bescheiden zurückzutreten verstand. Niemals hätte er einem Künstler
seinen Willen aufgezwungen und ihn dadurch auf das Niveau eines bloßen
Handwerkers herabgedrückt. Die geistige Atmosphäre, die er dadurch schuf
oder vielmehr erhielt, denn sie war Karl Augusts kostbares Vermächtnis,
ermöglichte es, daß aus dem Weimar Goethes und Schillers noch ein Weimar
Liszts und Wagners wurde. Obwohl die Welt Franz Liszt zu Füßen lag,
wählte er sich die kleine Stadt, um alljährlich sein Haus an der
Hofgärtnerei zum Mittelpunkt der Musikbewegung zu machen. Von Weimars
unscheinbarem Theater aus trat Wagners "Lohengrin" den Siegeszug durch
die Welt an. Ohne den Großherzog hätte Liszt seine Aufführung nicht
durchzusetzen vermocht. Daß der Hof der modernen Musik so viel
Verständnis und Förderung zuteil werden ließ, zog eine Reihe anderer
Musiker, die später zu großer Bedeutung gelangten -- es sei hier nur an
Männer wie Eugen d'Albert und Richard Strauß erinnert -- nach Weimar.
Und wie die moderne Musik, so fand die moderne bildende Kunst hier zwar
nicht einen Mittelpunkt des Lebens, wohl aber eine stille Wiege, wo sie
die jungen Glieder strecken, von wo aus auch sie den Weg in die Welt
antreten konnte. Graf Kalkreuth und Schillers liebenswürdig-geistvoller
Enkel, Herr von Gleichen-Rußwurm, waren Ende der siebziger Jahre ihre
Hauptvertreter in Weimar. Wie viele Dichter, Maler und Musiker haben
außerdem, wenn nicht den Beginn oder den Höhepunkt ihres geistigen
Schaffens, so doch Stunden der Anregung und Befriedigung -- jener
seltenen Feiertage des Lebens, die ihnen notwendig sind, wie dem
Arbeiter die Sonntagsruhe -- der lieblichen Stadt an der Ilm zu
verdanken. Dem Fürsten aber, dem es gelang, im brandenden Meer des
modernen Weltlebens diese Insel der Ruhe, des stillen Schaffens und
Werdens, zu erhalten, blieb das Schicksal nicht erspart, das auf die
eine oder andere Weise alle traf, die im Schatten der Titanen geboren
wurden. Derselbe Mann, der vor seinen Freunden ein lebendiger,
geistvoller Plauderer und immer ein vornehmer Mensch im besten Sinne des
Wortes war, schien der verantwortungsvollen Last der großen
Vergangenheit seines Hauses und Landes oft fast zu erliegen, wenn er
sich unter Freunden im großen Kreise bewegte: er fühlte sich bedrückt,
wenn alle Augen auf ihn sahen, wenn jeder darauf wartete, was er sagen
würde, und seine Zerstreutheit, seine Schüchternheit und Verlegenheit
machten ihn in der breiten Öffentlichkeit zu einer lächerlichen Figur.
Meine Großmutter schrieb einmal von ihm: "Daß mein guter Großherzog so
oft mißverstanden, ja, was noch schlimmer ist, verhöhnt wird, schmerzt
mich um so mehr, als er im Grunde seines Wesens und seiner Anschauungen
der Typus dessen ist, was ein Fürst in unseren konstitutionellen Staaten
überhaupt noch sein kann: ein Grandseigneur, der die alte schöne
Tradition pflegt und die Entwicklung einer neuen Kultur fördert, indem
er wie ein guter Gärtner dort der wildwuchernden Rosenranke eines
Talents eine Stütze giebt, dort einer andern, die im Verdorren ist,
Wasser, Luft und Licht zuführt und allmählich einen Park anlegt, in dem
Natur und Kunst den Gärtner gleichmäßig preisen, weil er die Natur nicht
knebelte und die Kunst nicht degradierte."

Neben ihrem Schwager Beust, der ein ungemein liebenswürdiger Mensch war,
und trotz seiner lebenslangen Hofstellung -- was ebenso für den Fürsten
wie für seinen Hofmarschall spricht -- nie ein Höfling wurde, gehörte
der Großherzog zu meiner Großmutter vertrautestem Umgang. Er besuchte
sie oft, und sie war ein häufiger Gast im Schloß, wenn sie allein kommen
konnte oder nur ein kleiner Kreis versammelt war. Bei solchen
Gelegenheiten war es, wo sie Liszts herrliches Spiel genoß, sich des
genialen, geistvollen Gesellschafters freute, und durch ihn Wagners
Musik kennen lernte. Es war eine neue Welt für sie und eine, die sich
der altgewohnten harmonisch anschloß.

"Ich habe zu viel Sinn für Musik," schrieb sie einmal, "um es nicht
unerträglich zu finden, bei einem Kaffeekonzert, wo zwischen: 'wie freue
ich mich, Sie zu sehen' -- 'Kellner, eine Portion Kaffee' -- 'nein, sieh
nur diese Toilette' -- wo zwischen diesen und ähnlichen Gedanken und
Gesprächen einige Töne von Mendelssohn oder Beethoven und dann zum
lauten Entzücken des Publikums das 'Pariser Leben' ertönt. Das Ideal von
Musik, das ich in der Seele trage, ist Verklärung, Seligkeit reinster
Liebe, Auflösung des Innern in Ton und Klang. Wenn ich still in
dämmeriger Ecke saß und Liszt spielte, wenn mir in Karlsbad, hoch über
dem Konzert, auf einsamer Waldbank Wagners wunderbarer Pilgerchor
entgegenklang, wenn ich in Freiburg in der stillen dunklen Kirche saß
und die Orgel über mir brauste -- das Alles war Musik. Es beeinträchtigt
schon meinen Genuß, wenn ich, um eine Wagnersche Oper zu hören, in ein
volles Theater mit im Zwischenakt schwatzenden und kokettierenden
Menschen gehen muß. -- Wie ich den Faust nicht auf der Bühne sehen kann
-- den zweiten Teil aufzuführen, ist überhaupt eine Blasphemie -- so ist
für mich jede Art Kunst, Musik insbesondere, entwertet, oder besser
entweiht, wenn sie auf das Niveau des Massenamüsements heruntergezogen
wird. Wertvoller für den Menschen ist ein schönes Bild im eigenen
Zimmer, als Hunderte weltberühmter Bilder im Museum, an denen er mit
einer Karawane Fremder vorüberziehen muß. Eine Welt höchster
künstlerischer Kultur müßte alle Museen auflösen und die Kunstwerke in
den Wohnungen verteilen, müßte in gothischen Domen mit gemalten Fenstern
täglich musizieren und singen lassen, wobei einem Jeden der Eintritt zu
Genuß und Andacht frei stünde ..."

Das Interesse für den Musiker Wagner führte sie zu dem Dichter und
Denker, und nichts zeugt mehr für ihre geistige Regsamkeit und
Auffassungsfähigkeit, als die Tatsache, daß er bei aller
Grundverschiedenheit der geistigen Tendenz so stark auf sie wirkte. "Ich
lese mit wachsender Anteilnahme, wobei Staunen, Entzücken, Empörung,
Bewunderung in lebhaftem Streit mit einander liegen, Richard Wagners
Prosaschriften und Dichtungen," schrieb sie 1877 aus Weimar; "Alles
darin ist bedeutend und sehr klar; in schöner bündiger Weise
unterrichtend sind alle Artikel über Musik. Wie Wagner selbst die Musik
versteht, ist mir sonnenklar vor die Seele gesprungen in den wenigen
Worten: 'Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an'. Nicht allein ihre
wortlose Herrlichkeit hienieden wird damit bezeichnet; aber man fühlt
sie als Sphärensprache der Ewigkeit. Die Aufsätze: 'Eine Pilgerfahrt zu
Beethoven', 'Ein Ende in Paris', 'Ein glücklicher Abend' erinnern
ausnehmend in Tendenz, Empfindungen, spöttischer, tiefer
Menschenverachtung, von der man sich selbst fast allein ausschließt, an
Byron, der einmal mein Lieblingsdichter war, bis ich Goethe und sein
Urteil über die von ihm so richtig bezeichnete 'Lazarethphilosophie'
begreifen lernte. Es muß wohl Jeder, der von innen heraus wächst, dieses
Seelenstadium durchmachen -- auch Goethe mußte es und hat es im Werther
geschildert und überwunden -- aber wehe dem, der darin stecken bleibt:
nicht nur, daß er selbst ein dauernd unglücklicher Mensch wird, auch
seine Schaffenskraft zerbricht. In welcher herrlichen Verklärung tritt
im klarsten Gegensatz zu der ganzen Lazarethphilosophie und
Menschenverachtung das Christentum vor meine Seele. Die
Menschenverachtung, die dort zu Spott, Haß und Verzweiflung führt, die
Lebensbeziehungen der Menschen untereinander vergiftet und zerstört,
führt hier zu tiefem Mitleid mit dem Sünder, der noch blind für die
Wahrheit ist: 'die Sünde ist der Leute Verderben', führt zu sorgfältiger
Prüfung der Ursachen, die Gemeinheit und Schlechtigkeit nähren und
entstehen lassen, und zum rücksichtslosen Kampf gegen sie. Auf der Seite
der Menschenverächter ein Schrei der Verzweiflung neben dem anderen, auf
der anderen Seite das himmlische: Freuet euch in dem Herrn, und abermals
sage ich euch, freuet euch. Auf der einen Seite Krieg mit oder
Abgeschlossenheit von den Menschen, auf der anderen Seite hülfreiches,
thätiges Zusammenleben und Lieben ... Ich kann Richard Wagner gegenüber
den Eindruck nicht überwinden, der mich z. B. auch bei Heinrich Heine
immer wieder überwältigte, daß sein Menschliches noch mit seinem
Göttlichen -- und jeder Künstler und Dichter ist gottbegnadet -- im
Kampfe liegt. Seine Musik, seine Dichtung, z. B. im Tannhäuser --
widerspricht seiner, nicht vom Genie, sondern vom irdischen Verstand
diktierten Lazarethphilosophie. In Beethovens neunter Symphonie ist das
rein Göttliche zu unvergleichlichem Ausdruck gekommen; ich warte nun auf
Richard Wagners Neunte! ..."

Einige Jahre später las meine Großmutter, noch ehe sie die Musik kannte,
den "Parsival" und schrieb mir darüber: "Ich begann ihn gleichgültig,
werde aber immer mehr davon hingerissen und begreife nicht, wie
Eitelkeit, Weltlichkeit und Genußsucht einen Geist beschatten konnten,
der solcher Gedanken, Anschauungen und Gefühle fähig ist. Die
Verherrlichung und Weihe des Mitleids, das er als die höchste Liebe
hinstellt, die Heiligung durch Buße und Gnade aller seiner Helden, die
Auffassung des Abendmahls werfen Lichter in meine Seele, wie noch kein
theologisches Buch es gethan hat.

"Wie oft habe ich mich geprüft, ob es denn nicht Falschheit und
Schmeichelei sei, was mich so liebevoll hinzog zu Menschen, deren mein
Herz für mich gar nicht bedurfte. Wagners Auffassung des Mitleids
erklärt mir meinen eigenen inneren Widerspruch. Das Mitleid, welches ich
in seiner höchsten, mir oft krankhaft erscheinenden Potenz von je her
für Menschen und Thiere empfand, ist eben die höhere und bessere Liebe,
weil das Mitleid nichts für sich will, auch nicht Gegenseitigkeit, die
meiste Liebe aber etwas sucht und braucht für sich."

In einem anderen Briefe heißt es: "Ich habe nun auch einen großen Teil
der Musik zum Parsival kennen gelernt. Sie gehört zu den
erschütterndsten Eindrücken meines Lebens. Wunderschön war mir schon
seine Sprache, um wie viel herrlicher ist seine Musik. Wenn ich sagen
müßte, welches die höchsten Emanationen des Göttlichen im Menschen sind,
die ich kenne, so würde ich heute antworten: Goethes Faust und Wagners
Parsival. Sie stehen mir auch in anderer Weise gleich: wie ich den Faust
nicht auf der Bühne sehen mag, möchte ich den Parsival nicht sehen. Zwar
ist der Bayreuther Gedanke, der den Ort zu einer Art Wallfahrtsort macht
und die Menschen dadurch schon aus der Alltagsstimmung herausreißt, mir
sympathisch, aber da es leider auch dort weniger die stillen, auf
seelischen Genuß gestimmten Seelen sein werden, die sich zusammen
finden, sondern die jeder neuen Sensation auf dem Fuße folgenden großen
Geldbeutel, so möchte ich um Alles in der Welt nicht unter ihnen
sitzen."

Mit vollen Zügen, mit einer fast ungebrochenen jugendlichen Kraft genoß
Jenny Gustedt das geistige Leben, das wieder in breiten Fluten zu ihr
hereinströmte. "Ich empfinde mit täglichem Dankgefühl," schrieb sie
ihrer Tochter, "wie wertvoll der Mensch dem Menschen ist, sofern wir uns
entschließen, die Präliminarien des Konventionellen rasch zu erledigen,
und uns dann geben, wie wir sind, d. h. mit dem Besten, was in uns ist.
Eure Art, das Innerste zu verschweigen, also im Konventionellen stecken
zu bleiben, so daß der Verkehr mit Menschen schließlich zum
überflüssigsten Zeitvertreib wird, ist nur eine Folge Eures Mangels an
echter menschlich-christlicher Gesinnung: Ihr fürchtet jede
Meinungsverschiedenheit, weil Ihr andere Ansichten in Eurer egoistischen
Rechthaberei gar nicht mehr vertragen könnt. Das ist nicht nur ein Nagel
zum Sarg der Geselligkeit, sondern auch zum Sarg der Freundschaft, der
Ehe, ja selbst der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Bereichert
wird unser Leben, erweitert unser Gesichtskreis nur durch andere
Ansichten als die unseren, und nur durch ihren Austausch können wir
fördernd und anregend aufeinander wirken. Übrigens gilt dasselbe auch
vom Lesen: Nichts törichter, als nur lesen zu wollen, was in unseren
engen geistigen Horizont, in unsere Seelenstimmung, in unsere
Glaubensauffassung hineinpaßt, und zu sagen: Das und das kann man
nicht lesen. Man kann es nicht nur, man soll es sogar. Wie ein gesunder
Körper sich Wind und Wetter aussetzt und davon nur gekräftigt wird, so
muß ein gesunder, reifer Geist sich allen geistigen Luftströmungen
aussetzen, um immer gesunder zu werden ..."

Die Bücherliste der Weimarer Zeit ist erstaunlich reichhaltig und
umfangreich, und Auszüge aus dem Gelesenen füllen einige Bände.
Memoiren, Korrespondenzen und Biographien aus der Zeit Goethes und
Napoleons, Friedrichs des Großen philosophische und historische Werke
und seine Korrespondenz mit Voltaire, Chateaubriands zwölfbändiges
Memoirenwerk nehmen auch in bezug auf die Auszüge einen breiten Raum
ein. Kants Metaphysik der Sitten, Schopenhauers Ethik, Nietzsches
Geburt der Tragödie, Strauß' Leben Jesu und sein Voltaire wurden
studiert; kleinere historische und kulturhistorische Schriften,
Reisebeschreibungen und hier und da auch ein Roman finden sich daneben
verzeichnet. In ihren Briefen erwähnte sie meist, was sie gerade
beschäftigte; da ich damals noch ein Kind war, blieben ihre Äußerungen
mir gegenüber meinem Alter angepaßt. An die elfjährige Enkelin schrieb
sie: "... Ich wünschte Dir, mein Kind, die Weimarer Luft, die Deiner
Entwicklung notwendiger wäre, als die Offiziersinteressen-Atmosphäre,
in der Du lebst ... Wie oft finde ich im Laufe meiner Lektüre Vieles,
was ich Dir jetzt vorlesen und über das ich mit Dir sprechen könnte.
Ganze Abschnitte aus Goethes Faust, aus Wahrheit und Dichtung, viele
seiner herrlichen Briefe an seine Freunde würden Dich besser vorwärts
bringen als Deine stupende Geschichtstabellenweisheit, die mir als
Gedächtnisleistung zwar sehr imponiert, aber sonst doch gar keinen Zweck
hat, als etwa den Eitelkeitszweck, damit zu prunken. Aber Bildung
bedeutet nicht eine möglichst große Ansammlung von Wissensstoff, sondern
ein persönliches Gewordensein ... Über all das wollen wir miteinander
reden, wenn ich Dich bei mir habe, mein Herzenskind."

Bald darauf, im Frühling 1877, kam ich zum ersten Male zu Großmama nach
Weimar. Während einer langen, schweren Krankheit, die ich im Jahre
vorher durchgemacht hatte, war ich aus den Kinderschuhen
herausgewachsen, und noch sehe ich mich im Spiegel von Großmamas grünem
Salon vor ihr stehen: einen hoch aufgeschlossenen Backfisch, blaß und
schmal, die blonden Haare straff aus der so schrecklich hohen Stirn
gekämmt, und daneben die schöne alte Frau mit dem feinen Gesicht und den
graziösen Bewegungen, die mich gerührt in die Arme schloß. Ich weiß
nicht, warum ich herzbrechend weinen mußte, vielleicht wußte sie es
besser als ich; ihre ersten Worte waren: "Mein armes Kind", und sanft
und vorsichtig behandelte sie mich wie eine Kranke.

Wer keine Großmutter hat, der weiß nichts vom schönsten Märchenwinkel
des Kindheitsparadieses, der ist um das kostbarste Erbe der
Vergangenheit betrogen worden. Und wer von den armen Kindern der
Gegenwart besitzt sie noch, auch wenn sie nicht gestorben ist? Jene
gütige, verstehende, auf der Höhe der Lebenserfahrung milde gewordene
Frau, die nicht nur unsere Schmerzen besser mitempfindet als die Mutter,
die auch die Ruhe des Alters besitzt, die notwendig ist, um sie zu
heilen? Die für sich selbst nichts mehr will und darum Zeit hat für uns;
der wir alles sagen dürfen, weil sie alles versteht.

Die Stadt der Epigonen, von der Dingelstedt sagte: "Sie mahnt mich
selber wie ein Sarkophag", wurde mir zu einer Stadt geistiger
Auferstehung. Meiner Großmutter Erzählungen, das Zusammensein mit ihren
Freunden, die mir durch die Gloriole der Vergangenheit, die sie umgab,
wie Wesen aus einer anderen Welt erschienen, belebten die Straßen, die
Häuser, die Alleen und die stillen Waldwege mit den Gestalten Goethes
und Schillers. Hier durfte ich, ohne daß das Lachen der anderen meinen
Mund versiegelte, von all meinen phantastisch-törichten Kinderträumen
reden, hier konnte ich meiner Begeisterung für Menschen und Werke den
überschwenglichsten Ausdruck geben, ohne daß ich zu fürchten brauchte,
für "dumm" oder "albern" gehalten zu werden. Großmama verstand mich,
denn nur altkluge Kühle hätte sie nicht begriffen. Täglich wanderte ich
mit ihr, die bis in ihr spätestes Alter eine rüstige Fußgängerin war,
morgens durch den Park und nachmittags nach Tiefurt oder nach Belvedere.
Nie versiegte unser Gespräch, nie ermüdete sie, meine Fragen zu
beantworten. Abends und bei schlechtem Wetter lasen wir zusammen die
"Iphigenie" aus dem alten blauen Buch, den Osterspaziergang aus dem
Faust und manches, was Großmama selber in ihrer Jugend geschrieben
hatte. Ihre Verwandten und ihre Freunde besuchte ich mit ihr, und
seltsam muteten die Räume, die ich betrat, das heimatlose, von Ort zu
Ort verschlagene Soldatenkind an: Großeltern, Eltern, Kinder hatten
nacheinander darinnen gehaust, an den Bildern, den Möbeln, den tausend
Kleinigkeiten der Umgebung haftete der Duft der Tradition; sie waren wie
ein Kleid, das sich, je älter es wird, desto genauer und
selbstverständlicher um den schmiegt, der es trägt, und das die
Ausstrahlung seines Wesens aufnimmt. Jene Harmonie, die denen verloren
gehen muß, die auch die Wohnung und ihre Einrichtung dem Wechsel der
Mode unterwerfen, umfing mich ebenso wohltätig wie der große Kreis der
Familie, für die ich, als Großmamas Enkelin, von Anfang an keine Fremde
war. Meiner Großmutter starker Familiensinn, der durch ein erstaunliches
Gedächtnis für die verwickeltsten verwandtschaftlichen Beziehungen
unterstützt wurde, war sehr oft ein Gegenstand des Amüsements für ihre
Kinder; ich habe ihn immer nur als die Grundlage einer großen
Lebenswohltat empfunden: der Gedanke, nirgends verlassen und vereinsamt
zu sein, gibt eine gewisse innere Sicherheit, die freilich meist der
erst schätzen lernte, der sie verlor. Doch was sind alle diese Eindrücke
und Empfindungen gegenüber der Erinnerung an jenes eine Ereignis meiner
Kindheit, dessen tief erschütterndes Erleben bestimmend für mich werden
sollte: mein erster Besuch in Goethes Haus.

Zwischen jener Zeit, wo Jenny Pappenheims zierliche Mädchenfüße täglich
die breite, klassische Treppe emporgestiegen waren, und der Gegenwart
lag ein Menschenleben. Als sie heimkehrte nach Weimar, eine alte Frau,
hatte Ottilie Goethe die Augen geschlossen, Ulrike, ihre Schwester, war
ihr gefolgt, und einsam und menschenscheu, um ihr Lebensanrecht an Glück
betrogen, niedergebeugt unter der Last der weithin leuchtenden Krone,
die Goethes Name bedeutete, lebten Walter und Wolf in den stillen
Dachstuben des großen Hauses am Frauenplan. Die alte Freundin ihrer
Jugend war immer mit ihnen in Verbindung geblieben und hatte von Jahr zu
Jahr gehofft und gewartet, daß sie sich doch noch einen selbständigen
Platz in der Welt erobern würden. Vergebens! Walters musikalisches
Talent, das vielleicht ausgereicht hätte, einem Menschen mit unbekanntem
Namen eine Durchschnittsstellung ohne Prätensionen von Berühmtheit zu
schaffen, war wie eine Pflanze, die, wenn man sie künstlich treiben
will, vor der Entfaltung verdorrt. "Er versuchte den Kampf mit dem Leben
nicht mehr, er ergab sich darein," schrieb meine Großmutter von ihm. "Er
nahm es mit tiefem, aber verborgenem Schmerze auf, als seine
Compositionen nicht beachtet wurden. Er dachte unendlich gering von sich
selbst. Mit rührender Treue hing er an seiner Mutter, opferte ihr Geld,
Zeit, Gesundheit, Lebensfreude. Pietät war der Cultus seines Lebens,
doch auch hier in schroffen Gegensätzen zur Welt. Nicht mittheilend,
unter vielem Kleinlichen auch die großartigen Kundgebungen der deutschen
Nation abweisend, waren er und sein Bruder mißverstehend und
mißverstanden. Mit allen Opfern persönlichen Behagens erstrebten sie das
pietätvollste Erhalten des Überkommenen, aber ihre größte und verborgene
Pietät bestand darin, Weimar, welches durch Goethe groß geworden und aus
dem seine Größe herausgewachsen war, durch keine selbstische
Vertheidigung, durch keine Anklage, Enthüllung, Preisgeben von
Controversen, literarischen Klatsch in Wort und That zu schädigen."

Weit schwerer ertrug Wolf die Tragik seines Lebens, die ihn -- den Enkel
-- zum Schattendasein verdammte, denn die Kraft, die in ihm zerstört
wurde, war eine bedeutend größere als die des Bruders, ihr Kampf gegen
die Unerbittlichkeit des Schicksals daher länger und schmerzhafter. Mit
neunzehn Jahren schrieb er eine romantisch-philosophische Tragödie, die
den Kampf des Menschen gegen die Natur und den Zwiespalt zwischen
heidnisch-naturreligiöser und kirchlich-christlicher Anschauung zum
Gegenstand hatte und eine nicht gewöhnliche Begabung verriet. Meine
Großmutter, die Wolf von klein an in ihr Herz geschlossen hatte und ihn
auch als den geistigen Erben Goethes ansah, schrieb von ihm:

"Niemand staunte, Niemand begriff, was in einem Menschen liegen mußte,
der mit neunzehn Jahren 'Erlinde' schrieb. Humboldt und Varnhagen
schienen es zu begreifen, ihr Lob war aber nicht mächtig und nicht
nachhaltig genug, und so kam es, daß sein Werk, wie sein ganzes Leben,
durch Enttäuschung, Überreizung und Stolz vereinzelt verloren ging." Er
vergrub sich später in archivalische Studien, wurde zeitweise
Legationssekretär bei einer Gesandtschaft, aber seine zunehmenden
schweren neuralgischen Leiden hinderten ihn an allem und verbitterten
ihm immer dann das Leben, wenn es eine glücklichere Wendung zu nehmen
schien. "Er litt unter seinem Zustand wie unter einem Fluch, er litt
ebenso unter dem Fluch eines Namens, den er nicht überbieten konnte ...
Seine Vernunft paßte nicht zur Welt und die Vernunft der Welt nicht zu
ihm. Das empfand er und hüllte sich stolz und stumm in sein einsames
geistiges Leben, durchschritt ernst, forschend, lernend und denkend ein
langes Lebensdasein.

"Er hat sich einmal um ein Amt in Weimar beworben, es hätte ihn zu einer
ersehnten glücklichen Häuslichkeit geführt. Der Minister von Watzdorf
stemmte sich dagegen; später allerdings wurden ihm sehr wohlwollende
Anerbietungen gemacht, aber sein Leben war abgelaufen.

"Im Jahrhundert der Geldgier und des Ehrgeizes verachtete Wolf Geld und
äußere Ehre; für nichts und niemand war ihm seine Würde feil. Seine
großen, tiefen Gedanken blieben verschlossen in seiner Seele, sein
leidenschaftliches Herz wurde stumm.

"Es fand ein Mann am Meer eine Muschel, und weil sie keine Auster war,
schleuderte er sie zurück in die wogende See, nicht ahnend, daß sie die
köstlichste Perle enthielt. Der Mann war Deutschland, die geschlossene
Muschel Wolfs liebe, edle, große Seele ..."

Mit jener unglückseligen Eigenschaft der Nachgeborenen begabt, die jeden
Luftzug des Mißverstehens wie ein Ungewitter, jeden leisen Nadelstich
der Lieblosigkeit wie ein Ans-Kreuz-Schlagen empfinden läßt, zogen sich
die beiden Brüder immer mehr von der Außenwelt zurück -- "zwei in
Nachtvögel verzauberte Prinzen, die einen vergrabenen Schatz bewachen".
In dem fatalistischen Glauben an den notwendigen Untergang ihres
Geschlechts, hatten die Brüder auch die Liebe zum Weibe in sich
unterdrückt -- niemand sollte von neuem geboren werden, um den Namen
Goethe fortzusetzen. Schon in den vierziger Jahren, nach dem Tode der
reizenden Alma, des letzten Sonnenstrahls der Familie, hatte Walter
Goethe an den Sekretär Schuchardt geschrieben: "Wenn Sie so in den
Sammlungsräumen oder dem Arbeitszimmer des Großvaters Staub und böse
Geister bannen, so gereut es Sie vielleicht doch nicht, daß Sie treu an
uns festhalten, den Überbliebenen aus Tantalus' Haus. Aber glauben Sie
mir: das Reich der Eumeniden geht zu Ende ...!" Und seitdem war eine
neue Welt neben ihnen emporgeblüht, aber sie sahen sie nicht, wollten
sie nicht sehen, und empfanden es doch peinigend, daß sie selbst von ihr
auch übersehen wurden.

Zu den wenigen Freunden, denen ihr Heim und ihr Herz immer offen
geblieben war, gehörte Jenny Gustedt. "Du bist ein Vermächtniß, eine
Erinnerung und ein Gegenwartstrost," schrieb ihr Walter, "Du, die Du
verstanden hast, in dieser Welt weiter zu leben." Und von Wolf erhielt
sie kurz vor ihrer Ankunft in Weimar diese Zeilen: "Seit der Mutter Tod
lebe ich nicht mehr. Ich passe auch zu nichts anderem, als allein zu
sein. Dich aber will ich wie ein Stück meiner selbst und wie das
Allerbeste begrüßen." Von nun an war sie wieder einer der häufigsten
Gäste in den Dachstuben. "Ich möchte Lebenswärme hineintragen, da es
keine Gottesliebe sein kann," sagte sie. Daß ich sie begleiten durfte,
war eine große Vergünstigung, die ich wie ein Geschenk aus einer höheren
Welt empfing. Mit angehaltenem Atem und pochenden Schläfen stieg ich mit
ihr die Treppe empor. Es schien mir wie Frevel, diese Stufen, die Goethe
gegangen war, mit denselben Schuhen zu betreten, an denen der Staub der
Straße haftete. Eine uralte Frau öffnete uns. Ich zitterte wie vor einer
Erscheinung: auch sie, die alte Dienerin, hatte Goethe noch gekannt! An
der Schwelle blieb ich wie verzaubert stehen: Goethe selbst mit lebendig
leuchtendem Blick sah mir entgegen. Es war das Stielersche Bild, das an
der Wand gegenüber hing. Und ich übersah angesichts dieser Gestalt den
unscheinbaren kleinen Mann, der uns entgegengekommen war: Walter
Goethe. Als dann aber die Türe aufging und sein Bruder eintrat und
plötzlich ein paar große, ernste, forschende Augen auf mich richtete,
kam ich zu mir. Während Großmama und Walter plauderten, stand Wolf auf
und ging mit mir herunter. Kein gläubiger Katholik kann die Kapelle der
wundertätigen Madonna mit inbrünstigeren Gefühlen betreten, als ich die
Zimmer Goethes. Wie ein Sturm brauste es mir dabei in den Ohren, so daß
ich nicht hörte, was mein Begleiter sprach. Im Arbeitszimmer des
Dichters ließ er mich allein. Wie lange ich dort in Andacht versunken
blieb, weiß ich nicht. Der kleine Garten lag im Sonnenlicht unter mir,
nichts regte sich; nur durch meinen Kopf und mein Herz spukten Träume
und Phantasien. Großmamas Stimme riß mich aus meiner Versunkenheit. Wir
gingen still nach Hause, während über die dunklen Bäume des Parks
rosenrote Abendwölkchen zogen. Zurück in die große Vergangenheit
schweiften die Gedanken der alten Frau, vorwärts in die unbekannte,
geheimnisvolle Zukunft wanderten die des Kindes neben ihr.

Fast drei Monate war ich bei Großmama geblieben, schweren Herzens
trennte ich mich von ihr, denn selbst der Briefwechsel, der von nun an
ein immer regerer wurde, war nur ein schwacher Ersatz für den täglichen
Umgang, für den ständigen Einfluß dieser in ihrer Güte, ihrer
Anteilnahme, ihrer freundlichen Stimmung sich stets gleichbleibenden
Frau. Nie hörte ich ein ungeduldiges Wort von ihr, nie kam das ein
weiches Kindergemüt so oft verbitternde "das verstehst du nicht" über
ihre Lippen, niemals verfiel sie in den Ton des Moralpredigers oder
suchte mir ihre religiösen Ansichten aufzudrängen; aber gerade weil sie
keine Autorität über mich zu gewinnen suchte, wurde sie mir zur höchsten
Autorität. --

Dasselbe Jahr führte uns noch einmal zusammen. Ihren jüngsten Sohn, den
schließlich die Verhältnisse genötigt hatten, sich von der Garde fort
nach dem fernen Osten versetzen zu lassen, hatte das Leben in die
Schule genommen und ihn gelehrt, was er von der Mutter nicht hatte
lernen wollen; sein Leben war, zu ihrer Beruhigung, in ein anderes
Fahrwasser geraten, und als er ihr seine Verlobung mitteilte, die die
Umwandlung des Offiziers in einen seßhaften Gutsbesitzer in Aussicht
stellte, freute sie sich dessen um so mehr, als all ihre Hoffnungen und
Träume, die sie einst an die Tätigkeit ihres Gatten als Gutsherrn
geknüpft hatte, nun mit alter Lebendigkeit wieder erwachten. Im Herbst
des Jahres 1877 vereinigte sich die ganze Familie in Ostpreußen zur
Hochzeit, und meine Großmutter benutzte die Gelegenheit, um Verwandte,
die sie seit ihrem Abschied von Rosenberg nicht gesehen hatte, wieder
aufzusuchen. Von der Besitzung ihrer Schwägerin, der Gräfin Kleist, aus
schrieb sie nach Weimar: "Wir bleiben noch diesen Monat hier, dann kehre
ich heim, und es wird mir sehr gut tun, wenn ich wieder in meiner grünen
Stube und bei meinen alten Freunden bin, obwohl es mir in meinem lieben
Preußen recht gut gefällt ... Körperlich ist mir nicht ganz wohl, und
das mahnt an die Weisheit bei alten Leuten, nicht zu reisen. Zwar sind
es nur kleine Unbehagen, die nicht stören, wenn man nicht immer die
Sorge wie eine beharrliche Herbstfliege verscheuchen müßte, außerhalb
seines zu Hause krank zu werden ... Ich habe 14 Tage in Lablacken
zugebracht und ein schönes Gut, eine liebe Schwiegertochter und einen
Sohn, der zufrieden ist, gefunden. Wenn ich Dir Alles erzählen wollte,
würde ich viele Seiten des dünnsten Papiers beschreiben müssen, so muß
ich für unsere Winterabende Alles aufbewahren, um so mehr, als Alles so
ganz anders ist, als was Du kennst, daß wirklich nur mündlich und mit
den Ausdrücken von Auge, Stimme und zeichnendem Finger eine Schilderung
möglich ist ..." In einem anderen Briefe heißt es: "Nun muß ich Dir noch
sagen, daß sich meine untergegangene Freudefähigkeit aus ihrem
Scheintode rührt durch das Glück meines geliebten Sohnes ... Aber noch
mehr durch seine zunehmende Ähnlichkeit mit seinem Vater, durch seinen
Ernst und seine Männlichkeit. Hier darf ich auf einen Ruhepunkt für
meine Gedanken und meine Muttergefühle hoffen, der um so notwendiger
ist, als es sonst der Sorgen gar zu viele giebt."

Ihr armes Sorgenkind Otto hatte, körperlich zum Militärdienst nicht mehr
fähig, den Abschied nehmen müssen, und sein Leben spielte sich zwischen
Plänen zu neuer Tätigkeit und steten Enttäuschungen, wenn es an ihre
Ausführung gehen sollte, ab. Dazu kam die zunehmende Schwierigkeit
seiner ökonomischen Lage, aus der die Mutter ihn immer wieder zu
befreien suchte. Aber auch dort, wo ihre Sorgen bisher die wenigste
Nahrung fanden, bei ihrer Tochter, war vieles anders geworden. Zwar war
die militärische Karriere meines Vaters eine ungewöhnlich gute, und die
Zukunft schien in der Richtung gesichert, aber mit jeder höheren
Stellung wuchsen die Ansprüche an sie und die Verpflichtungen, die sie
auferlegte, ohne daß ihr Einkommen in gleichem Verhältnis zunahm. Es
entstand jenes Mißverhältnis, dessen ganze nervenaufreibende Qual nur
der ermessen kann, der es selbst erlebte, zwischen einem glänzenden
Leben nach außen mit ausgedehnter Geselligkeit, schönen Toiletten und
einem großen Haushalt und der ängstlichen Sparsamkeit nach innen, die
meiner Mutter früh jeden Frohsinn nahm und das Familienleben mit jener
Gewitterschwüle erfüllte, die sich schwer auf die Brust eines jeden
legte und den freien Atem beengte. Wer anders war es, als wieder die
Großmutter, die helfend einsprang, sei es durch materielle Opfer, sei es
dadurch, daß sie Tochter und Enkelin monatelang zur Kräftigung ihrer
zarten Gesundheit und zur Erleichterung des Lebens mit sich nahm, wenn
sie nach Karlsbad, nach der Schweiz oder nach Tirol reiste. "Alle
irdischen Hoffnungen, die noch so sicher erschienen, erwiesen sich in
meinem Leben als auf Sand gebaut," schrieb Jenny Gustedt im Hinblick auf
das Schicksal ihrer Kinder; "es ist das der Weg, den Gott mit uns geht,
um uns zu der Erkenntniß zu führen, daß Alles eitel ist und nur Eins not
thut. Ich würde auch für mich selbst nicht klagen, denn ich verstehe
den Lehrmeister und habe immer mehr irdischen Ballast über Bord
geworfen. Aber meine Kinder verstehen ihn ganz und gar nicht. Ihnen wird
irdisches Unglück nicht zur Stufenleiter geistigen Wachstums; sie
vermögen ihm nicht ruhig ins Gesicht zu sehen, es willkommen zu heißen
mit der Frage: wohin führst Du mich? Ich bin bereit! Und was mich für
sie doppelt sorgenvoll in die Zukunft sehen läßt, das ist die Tatsache,
daß sie ja vom eigentlichen Unglück, von wirklichen Nahrungssorgen, von
leiblicher oder seelischer Gefährdung der Kinder noch gar nichts wissen;
wie würden sie das ertragen, da sie schon jetzt sich als zu schwach
erweisen ... Ich frage mich oft, was ihnen besser ist, wenn ich in ihrer
Nähe oder wenn ich fern von ihnen bin, aber da ich, so schmerzlich auch
diese Erkenntniß ist, mit meinem Rat und Beispiel gar nichts und nur mit
materieller Unterstützung helfen kann, so ist es besser, ich bleibe in
Weimar und erhalte mich in der dortigen, mir so wohltuenden Atmosphäre
ihnen so lange wie möglich."

Die Entfernung allein war auch imstande, ihre Gedanken und Empfindungen
abzulenken und ihr noch ein persönlich reiches Leben zu sichern, wie
Weimar es ihr bieten konnte. Bald nach ihrer Rückkehr aus Ostpreußen
schrieb sie mir von dort: "Warm und freundlich haben meine stillen
Stuben mich wieder aufgenommen. Mein guter Schwager, der liebe
Großherzog, Walter Goethe und alle anderen Freunde und Freundinnen kamen
mir entgegen, als hätten sie mich alle sehr vermißt, und es gab ein
Fragen, ein Erzählen ohne Ende. Viele schöne Blumen haben mein Zimmer in
einen Garten verwandelt, eine Reihe schöner Bücher lassen mich schon die
Abendfeierstunden ahnen, bei denen Du, mein Lilychen, mir recht fehlen
wirst. Ich wünschte, Du wärst wieder unter meinem Dach, wo es Dir so gut
gefällt und Dein leider sonst so verschlossenes Herzchen Dir wieder
aufgehen würde. Jedenfalls sollst Du wissen, daß Du mir immer alles
sagen kannst, ohne ein Mißverstehen zu fürchten. Deine alte Großmama
war auch einmal jung und war wie Du ..." Nachdem ich es mit Großmamas
Hilfe erreicht hatte, daß meine Briefe nicht mehr als Stil- und
Schönschreibübungen betrachtet wurden, die vor der Absendung die Kritik
beider Eltern zu bestehen hatten, schrieb ich ihr oft, und jede Antwort
von ihr war ein Fest, das mich nach dem lieben Weimar zurückzauberte.
"Du würdest Dich wie ein Fischlein im Bache wohl fühlen," schrieb sie
mir im Sommer 1878, "wenn Du all die Herrlichkeit mit erleben könntest,
von der jetzt ganz Weimar voll ist. Im Juni war hier die Erstaufführung
von Wagners 'Rheingold'. Es wimmelte von Musikbeflissenen -- echten und
unechten -- aus aller Herren Länder, und jeder dritte Mensch, dem man
begegnete, war eine Berühmtheit oder eine, die es werden wollte. Da
hätte doch mein Lilychen hineingepaßt?! Ich habe den Strom an mir
vorüberfluten lassen, habe ganz im Stillen manches Schöne gehört, habe
unter anderem auch die Wagnersche Nibelungendichtung gelesen, die aber
dem Original nicht gerecht wird. Die germanischen Göttersagen haben mir
sowohl vom aesthetischen wie vom sittlichen Gesichtspunkt immer viel
höher gestanden als die griechischen; sie sind ein unerschöpflicher
Quell für die epische und die dramatische Dichtung, der aber in seiner
lebendigen Urkraft nur in den Dramen Hebbels zu spüren ist. Hebbel als
Dichter -- Wagner als Komponist -- das wäre vielleicht die richtige
Mischung gewesen, da einen Goethe und einen Wagner zusammen zu wünschen,
eine Vermessenheit wäre ... Was mir einen sehr fatalen Eindruck machte,
ist das genialische Geberden, das sich die Kunstjünger beiderlei
Geschlechts jetzt angewöhnt zu haben scheinen: wehende Locken und
vernachlässigte Toilette. Es erinnert mich an ein Wort Goethes, das er
einmal angesichts ähnlicher Erscheinungen sagte: Je mehr einer was
scheinen will, desto weniger ist er was ... Eben haben wir das
Jubiläumsfest des lieben Großherzogs überstanden. Es war ein gräßlicher
Trubel, mein armer Fritz aufs äußerste angestrengt. Den ganzen Tag
waren Husaren, Lakaien, Hofequipagen unterwegs. Wie Cyrus seinem
Großvater vor dessen üppiger Tafel sagte: Wie viel Umstände, um satt zu
werden, so sage ich: Wie viel Umstände, um zu leben. Eine Episode der
Feste war wunderschön: das Morgenkonzert im Park unter dem goldenen
flutenden Glanz der Sommersonne mit der schönen Greisengestalt Franz
Liszts am Dirigentenpult ..."

Ein altes Bild von Goethes Lili hatte Großmama dem Großherzog als
Jubiläumsgeschenk gegeben und mit folgenden Versen begleitet:

    Anmutig im Vergangenen sich ergehen,
    Das Schöne schöner noch zu sehen,
    Die Schatten doppelt zu verdecken,
    Viele Liebe geben und viele Liebe wecken:
    Das ist des Tages festliches Beginnen,
    Das Ziel von unserm Wünschen, unserm Sinnen.
    Ein Frauenbild, das lieblichste von Allen,
    Das irdisch längst der Zeit verfallen,
    Bring ich Dir heut; es mahne Dich der Zeiten,
    Die, ob auch tot, uns noch lebendig leiten.
    So möge nie im Herzen uns veralten,
    Was liebt und lebt in ewigen Gestalten.
    Und wenn wir heut uns in Gedanken einen,
    Wird über uns ein ander Bild erscheinen,
    Im Glorienglanze steigt es vor uns auf.
    Ich nenn' es nicht -- ich zeige nur hinauf!
    Was groß und gut Dir heute kommt entgegen --
    Das Beste dankst Du Deiner Mutter Segen.

Der Großherzog antwortete darauf:

    "Zierlich denken und süß erinnern,
    Ist das Leben im tiefsten Innern!"

"Nie hab ich die Wahrheit dieses Wortes von Lilis unsterblichem Freunde
tiefer empfunden als heute, als in diesem Augenblick, wo die innigst
verehrte Freundin mir jenes Bildniß durch meine Tochter übermitteln
läßt und die Gabe durch ein Gedicht begleitet, das mich unentschieden
läßt, was sinniger zu bezeichnen ist, Bild oder Gedicht. Indessen stammt
beides noch von einem Sinn und von demselben Herzen, das so glücklich zu
geben weiß, weil es so richtig empfindet und in der "Mutter Segen" den
Schlußstein für so bedeutungsreiche Erinnerungen, so viel bedeutende
Wünsche findet. Glauben Sie meinem Dank, weil er nicht die Worte zu
finden weiß, und Sie vor allem dem Herzen glauben,

Ihres wahrhaft ergebenen Freundes

Weimar, am 8. Juli 1878.

Carl Alexander."


Die nächsten Jahre verflossen, nur von Reisen zu ihren Kindern und nach
Karlsbad unterbrochen, still und friedlich. Meine Korrespondenz mit
meiner Großmutter drehte sich mehr und mehr um religiöse Fragen und
Zweifel, die mich um so stärker beschäftigten und quälten, als ich durch
einen ultraorthodoxen Geistlichen für meine Einsegnung vorbereitet
wurde, dessen Ansichten mit denen meiner Großmutter in schroffem
Widerspruch standen. Ihre aus diesem Anlaß an mich geschriebenen Briefe
bilden in ihrem Zusammenhang ihr religiöses Glaubensbekenntnis, das sie
in den letzten Jahren ihres Lebens nur noch wenig modifizierte. In einem
ihrer ersten Briefe schrieb sie: "Alle meine Gedanken sind bei Dir, mein
liebes, liebes Kind, nicht blos weil die Bestrebungen unserer Seelen
sich gleichen, sondern weil ich Dich vor allen Klippen, Rückfällen und
Kämpfen bewahren möchte, die auf meinem Wege lagen und einen langen Teil
meines Lebens recht rauh gemacht haben ... Das Erforschliche erforscht
zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren, giebt Goethe als des
Menschen würdigste Seeleneinrichtung an, und bei der Umarbeitung seiner
morphologischen Studien ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: 'Man muß
ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher
selbst keine Grenzlinien ziehen. Muß ich mich denn nicht selbst zugeben
und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es wirklich mit mir
beschaffen sei, studiere ich mich nicht immerfort, ohne mich jemals zu
begreifen? Und doch kommt man frisch und fröhlich weiter!' Du siehst
daraus, daß der größte Geist, den seit Jahrhunderten die Welt gesehen
hat, nicht wie jetzt die naseweisen Schulbuben, ein letztes
Unerforschliches zugab. Die ganze Welt ist ja voller Materien, von der
Eichel an, die zur Eiche, bis zum Kinde, das zum Propheten, zum Dichter,
zum Helden wird. Für den klügsten Menschen bleibt also stets unendlich
viel, was sein Verstand nicht erreicht, was entweder zur Glaubenssache
wird, oder was dahingestellt bleiben muß. Unerkennbares zu glauben wird
gegeben, aber nicht ergrübelt. Es kommt aber auch gar nicht auf dies
'Glauben' im Sinne eines Fürwahrhaltens an. Laß Alles dahingestellt.
Folge Christus nur auf dem Wege, den er vorgeschrieben hat: 'Tut nach
meinen Worten und ihr werdet sehen, ob es Gottes Worte sind oder ich aus
mir selber rede.' Beten und arbeiten, mit den Menschen Frieden halten,
Alles fröhlich genießen, was sich ohne Sünde genießen läßt, barmherzig,
wahr, liebevoll sein -- das ist des Weges Anfang ... Das erste aller
Geheimnisse -- das Leben -- hat noch niemand ergründet, obwohl wir es
sehen, fühlen, haben; es ist auch ganz gleichgültig, wie wir uns seine
erste Entstehung denken -- einen allerallerersten Anfang uns denken zu
wollen, bleibt so wie so unmöglich -- aber darauf kommt es an, was wir
daraus machen. Christus ist mit seinen Jüngern auch nicht den Weg des
Grübelns gegangen, sondern den der Tat, die unter der ganz schlichten,
ganz begreiflichen Weisung stand: Liebe deinen Nächsten als dich selbst.
Er brauchte gar nicht existiert zu haben, wir brauchten gar nichts von
ihm zu wissen und dieses einzige Gebot -- 'darinnen hänget das ganze
Gesetz und die Propheten' -- würde die höchste Richtschnur sein ...
Niemals dürfte die Idee von der Erlösung von der Sünde so verstanden
werden, als ob etwa ihr bloßes Fürwahrhalten uns los und ledig spräche
von allem Unrecht, das wir begehen. Wir müssen sie uns vielmehr täglich
und stündlich im Kampf gegen das Böse, Selbstsüchtige in uns erringen.
Ist unser Wille darauf gerichtet, ist nicht das Glücklichsein im Sinne
einer Anhäufung materieller Genüsse, sondern das Gutsein, im Sinne des
Freiwilligendienstes der Menschheit, unser Ziel, so werden wir auch
glücklich sein, weil Schmerz und Unglück uns nicht mehr bitter, trotzig,
menschenverachtend machen, sondern milde, ergeben, liebevoll, stark." In
einem anderen Briefe heißt es: "Mit all meinen Gedanken bin ich bei Dir,
mein Kind, und es bekümmert mich tief, daß Du, wie es scheint, mehr von
einem Theologen als von einem Christen unterrichtet wirst. Es ist der
Fluch der Theologie, daß sie Glaubenssätze aufstellt und daran festhält,
wenn der wirkende Geist Gottes längst darüber hinausging, wenn sie
erklären will, was nur erfahren werden kann, und wenn sie oft so alberne
Erklärungen giebt, die sie Glauben nennt. Nicht nach dieser
vorgeschriebenen Weise glauben zu können, ist kein Unglauben, aber in
Hochmuth und Übereilung die Glaubenslehren wegwerfen, das führt zum
Unglauben, weil es verhindert, daß Geist und Herz nach dieser Seite hin
thätig sei, innere Erfahrungen machen und auf diesen weiter bauen kann.
Ich glaube jetzt an Christus als an den geistigen Sohn Gottes, an sein
liebevolles Werk, an sein Einssein mit dem Vater, an das großartige
Erziehungswerk, wodurch nach Aeonen alle Menschen selig werden; ich
glaube jetzt an den heiligen Geist als an die schaffende Kraft Gottes,
die das Universum erfüllt, in Menschen, Kunstwerken, Erkenntnissen der
Wissenschaft zu Form und Gestalt sich bildet ... Du fragst, wie es
möglich sei, eine Entscheidung zu treffen, wenn Glaube und Wissenschaft
einander widersprechen. Handelt es sich um echte Wissenschaft, um das
Ergebniß sorgfältiger Untersuchung, so ist sie Wahrheit, und der Glaube,
das Fürwahrhalten, wird ihr selbstverständlich weichen, wie er vor der
Erkenntniß der Kugelgestalt der Erde weichen mußte. Sagt dir aber jemand
im Namen der Wissenschaft, daß es z. B. eine Seele nicht geben könne,
weil er sie nicht unter dem Mikroskop gefunden habe, so fordere ihm den
Beweis für das Leben ab, denn alles Sichtbare ist todt, eigentliches
Leben ist unsichtbar. Das entflohene Leben des Körpers hast Du nie
gesehen, der todte Körper ist ja als Leiche derselbe, der Dir sichtbar
war. Liebe, Dankbarkeit, ja, sogar die unedlen Empfindungen sind
unsichtbar, und wo sie sichtbar sind, werden sie es nicht durch Form,
sondern durch Ausdruck und Gefühl. Der eben abgehauene Baum ist das, was
Du vom Baume siehst, sein Leben siehst Du nicht, den Duft der Rose
siehst Du nicht, die gewaltigsten Naturkräfte, Magnetismus,
Electricität, siehst du nicht ... Das Christenthum verlangt von seinen
Anhängern gar keinen Wunderglauben, es bekämpft nur den geistigen
Hochmut -- der übrigens auch menschlich ein Zeichen der Unbildung ist
--, der alles zu wissen und erklären zu können behauptet. Nicht Wunder
als Ausschreitungen der Natur brauchst Du anzunehmen, bekenne Dich nur
in Demuth, daß Deine Intelligenz noch nicht bis zur Erkenntniß aller
göttlichen Gesetze reicht, durch die diese Wunder erklärt werden. Hätte
Christus vor fast 2000 Jahren gesagt: 'Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr
ein Mikroskop hättet, ihr würdet Tausende von lebenden Geschöpfen in
einem Wassertropfen sehen, oder wenn ihr ein Fernrohr hättet, ihr
könntet Millionen Welten entdecken, wenn ihr ein Telephon hättet, ihr
würdet die Sprache eurer fernen Freunde hören,' sie hätten den Herrn
ebenso verspottet, als da er sprach: 'Wahrlich, ich sage euch, so ihr
Glauben hättet, ihr könntet Berge versetzen!'"

Auf meine Frage, ob ich nach ihrer Auffassung gezwungen wäre, an Gott zu
glauben -- mein Lehrer hatte mir mit allen Strafen der Hölle gedroht,
wenn ich die drei Artikel des Glaubensbekenntnis nicht eidlich zu
bekräftigen vermöchte -- antwortete sie: "Zum Glauben zwingen wollen ist
ein Verbrechen an der Menschenseele und kann nur zum Bösen führen, wie
es nur zum Bösen führt, wenn man einen Menschen dadurch zum treuen
Arbeiter machen will, daß man ihn in Sklavenketten legt. Gott wird die
Seelen nicht fragen: glaubst Du an dies und das? sondern: wie war Dein
Herz, was hast Du gethan? Dann wird Mancher, der sonntäglich in die
Kirche ging und den Morgen- und Abendsegen nicht vergaß, wohl aber die
thätige Menschenliebe, vor dem zurücktreten müssen, der sagte: wer darf
ihn nennen, wer ihn bekennen? und der betete: gieb mir große Gedanken
und ein reines Herz ...

"Beängstigend, einengend ist mir immer so Vieles gewesen, was aus dem
Christenthum herausgequält und als Glaubensartikel hingestellt wird, wie
z. B.: 'Gottes Gerechtigkeit fordert ein Opfer, deshalb stirbt der
Sündlose für den Sünder,' was aber die größte Ungerechtigkeit wäre.
Oder: 'Meine Sünden haben den Herrn ans Kreuz geschlagen,' was auch
unverständlich ist, fast 2000 Jahre nach Christus. Oder das
Allerschwerste: 'Das ist mein Leib, das ist mein Blut,' während das neue
Testament so einfach und erklärend hinzufügt: 'Solches thut, so oft ihr
es thut, zu meinem Gedächtniß' ... Da ich demnächst bei Euch zu sein
hoffe, so wollen wir vor Deiner Einsegnung uns noch gründlich
aussprechen. Es soll Dir in keiner Weise Gewalt angetan werden. Das Eine
aber laß Dir jetzt noch sagen und halte daran fest: Es kommt nicht auf
das Glauben an Gott, sondern auf das Handeln im Sinne Gottes an. Der
Glaube, jenes unerschütterliche Vertrauen in Gott, das uns seine Wege
nicht nur tapfer gehen läßt, sondern auch die härtesten zu denen macht,
die uns am meisten vorwärts führen, ist ein Geschenk höherer
Seelenentwickelung, eine Gnade, ein Glück, aber kein Sittengesetz ..."

Ich weiß nicht mehr, warum, aber Großmama kam nicht. Ich blieb allein,
auch innerlich, denn in der tiefen Zerrissenheit meines Gemüts -- einer
Folge des Religionsunterrichts, den ich genoß -- blieben ihre Worte ohne
tieferen Eindruck, und ich wagte ihr nicht zu schreiben. Erst am Tage
meiner Einsegnung, als die Kirchenglocken mir wie die Stimmen des ewigen
Gerichts in die Ohren gellten und ich das Glaubensbekenntnis sprach in
der Überzeugung, einen Meineid zu leisten, sah ich sie wieder. Mit den
Sorgen um ihren ältesten Sohn und das Ergehen ihrer Tochter mehr denn je
beschäftigt, hatte sie für die blasse, stille, vierzehnjährige Enkelin
wohl Worte zärtlicher Liebe, aber sie pochten nur an die Türe meines
Herzens, die eine fremde Gewalt in das Schloß geworfen hatte und darin
festhielt. Wir reisten zusammen nach Ostpreußen, aber ich ging dem
Alleinsein mit ihr aus dem Wege. Dann kam ich aus dem Hause, und die
Korrespondenz schlief ein, weil die gestrenge Tante, bei der ich mich
zur Erwerbung des letzten Erziehungsschliffs aufhielt, die Briefe las,
die ich schrieb oder zu bekommen pflegte. Aber die Erinnerung an Weimar,
an Großmama war um so lebendiger in mir und steigerte sich um so mehr
zur Sehnsucht, je schroffer der Gegensatz zwischen dort und hier mir
fühlbar wurde, und ich ergriff schließlich die erste Gelegenheit, die
sich mir bot, um wieder in die alte Verbindung mit ihr zu treten. "Du
wirst vor all dem Neuen an Menschen und Dingen, die Dir begegnen, Deine
alte Großmutter wohl fast vergessen haben," schrieb sie mir, "aber sie
denkt um so mehr an Dich, mein Herzenskind. Deine Mutter teilte mir nur
Gutes von Dir mit und schickte mir einige Deiner neuesten Gedichtchen,
die in der Form sehr hübsch, im Inhalt aber gar zu einförmig sind. Liebe
und Frühling sind sehr schöne Dinge und können ein junges
sechzehnjähriges Herz wohl ausfüllen, aber mein Enkelkind kenne ich zu
gut, als daß ich nicht wüßte, daß sie mehr zu sagen hat. Die
hauswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Talente, die Deine Tante bei
Dir pflegt, sind sehr nützliche, aber die wertvolleren sind die des
Geistes. Weder darfst Du das Große und Gute von Dir werfen, noch über
die Gaben stolpern, die Gott Dir vor die Füße legte, Du mußt sie
aufheben und pflegen.

"Ich sehe jetzt gerade die preußische Geschichte von Voigt; selten ist
ein Werk so treu, so vollständig und so langweilig geschrieben worden.
Ich möchte Dir nur raten -- als Anregung zu poetischer Gestaltung -- die
ungeheuer poetische und und brillante Episode aus der Ritterzeit in
Marienburg nachzulesen, wo Johann von Bendorf wegen Bruchs der
Ordensgesetze vom Kriegszug der Ritter nach Livland ausgeschlossen wird
und aus Rache und Verzweiflung den Hochmeister Winrich von Kniprode
ermordet im Augenblick, da dieser die Kapelle verläßt. Johann wird im
Hof der Burg enthauptet, während die Ritter an ihm vorüber in den Krieg
ziehen. Was meinst Du dazu? Wage Dich an große Stoffe, spanne Deinen
Bogen so stark Du kannst, damit die Pfeile Deines Geistes weitgesteckte
Ziele erreichen! ... Und dann habe ich ein anderes Büchlein wieder
gelesen, das mir mein armer, lieber Wolf Goethe wortlos übergab, ehe er
auf immer von hier Abschied nahm: seine Erlinde. Sie hat mich sehr
ergriffen, und ich schrieb ihm darüber nach Leipzig, wo er jetzt lebt.
Da sein rechter Arm durch furchtbare neuralgische Schmerzen beinahe
gelähmt ist, antwortete er mir nur diese wenigen Zeilen: 'Rühre die
Wunde nicht an, denn nur dünn ist die Haut, die darüber wuchs; daß meine
Erlinde einen lebenskräftigen Keim hatte, glaube auch ich, aber es war
niemand da, der sie pflegte.' -- Hier hast Du das Buch, mein
Herzenskind. Wenn es Dir etwas sagt, wird doch vielleicht, auch ohne es
in Worte zu kleiden, ein warmes Gefühl das Herz des einsamen
Unglücklichen berühren, dessen letztes, tragisches Bekenntniß er in
diesen Versen niederlegte:

    Alle Blumen sind gepflückt,
    Alle Lieder sind verstummt,
    Und ich geh einher gebückt
    In mein dumpfes Leid vermummt.

    Ich stehe stets daneben,
    Ich trete niemals ein;
    Nur einmal möcht ich leben!
    Und Mensch nur einmal sein! ..."

Dieser Brief griff mir ans Herz. Mit der überschwenglichen Schwärmerei
eines sechzehnjährigen Mädchenherzens träumte ich mich in den Gedanken
hinein, dem Enkel Goethes ein Glück bereiten zu können. Und der Zufall
wollte es, daß ich einen Theaterdirektor kennen lernte, der die
Aufführung Erlindens wagen wollte. Meine Großmutter übermittelte dem
Verfasser seine Absicht. Wolf Goethe sandte ihr folgende Antwort.


"Leipzig, den 1. Januar 1881.

"Theuerste Jenny!

"Wie wunderbar und doch wie natürlich ist es, daß Dir jetzt die Erlinde
nahe getreten. Welche Reihe von Gedanken und Empfindungen sich hieran
für mich knüpfen muß, wirst Du Dir vorstellen können.

"Es giebt Dinge, die wir ablehnen müssen, ja die es unsere Pflicht ist,
abzulehnen, es giebt Dinge, bei denen wir zweifelhaft sein mögen, ob wir
nicht den Willen der Vorsehung stören, wenn wir hemmend eingreifen. Zu
solchen gehört wohl: später Erfolg, spätes Glück. Das Glück liebt es,
uns verhüllt, in fremder Gestalt zu nahen. Erst wenn es im Weggehen das
Haupt wendet und das unverhüllte Antlitz zeigt, erkennen wir es oft. Es
wäre unnatürlich gewesen, wenn ich nicht an die Erlinde Hoffnungen
geknüpft hätte. Daß sie nicht von den Menschen, von den Vielen,
aufgenommen wurde, hat auf mein Leben großen Einfluß ausgeübt; aber ich
empfinde keine Bitterkeit mehr deshalb! Es hat nicht sein sollen! Ob die
Zeit der Erlinde gekommen ist, weiß ich nicht. Ob gar meine Zeit
gekommen?! Ich glaube es nicht und wünsche es auch nicht. Der Mensch
steht in der Welt erst im Augenblick nach seinem Tode vollendet da, bis
dahin ist er für sie eine Gestalt ohne Haupt, sind die Glieder formlos.

"Wie Du, theuerste Jenny, halte ich die Erlinde für aufführbar, mit
einigen Abänderungen und Auslassungen ... Erlinde bedarf bei der
Aufführung einer mäßigen Ausstattung und einer mit Maß angewandten
Musik. Die Frage des Theaterdirektors, welche Du mir freundlichst
mitteilst, hat mir große Freude bereitet, die Antwort wird mir aber
nicht leicht. Die Gründe für sie, ja sie selbst, liegen schon in dem,
was ich früher ausgesprochen habe. Soll ich die Gestaltung für die
Aufführung der Erlinde ganz in die Hände von Anderen legen, Anderen ganz
überlassen? Denn ich selbst vermöchte nicht, mich an ihr zu beteiligen.
Wer weiß denn, ob sie nicht auch jetzt zurückgewiesen wird!? Soll ich
selbst mir noch etwas Neues, Schweres, Schmerzliches heraufbeschwören?
Ich weiß wohl, daß ein Erfolg viel unerwartetes Gutes für mich mit sich
führen könnte. Ich weiß wohl, daß es zu den großen Seltenheiten gehört,
wenn einer Dichtung die Stelle, die sie bei ihrem Erscheinen nicht
erlangte, später eingeräumt wird, und daß etwas Entscheidendes darin
liegt, auf einen bedeutenden Versuch in dieser Richtung nicht
einzugehen. Nun aber bleibt mir nach meiner ganzen Lage nichts anderes
übrig, als Dich zu bitten, in möglichst unscheinbarer Form, vielleicht
durch die Güte Deiner verehrten Enkelin, zu antworten, daß der Verfasser
der Erlinde, weil er nicht in der Lage ist, sich an ihrer Gestaltung für
die Bühne zu beteiligen, gegenwärtig auf eine solche verzichten müsse.

"Nun, theuerste Jenny, nimm, was ich schrieb, freundlich auf und lege
alles an die rechte Stelle."

Bis hierher ist der Brief ein Diktat. Darunter aber steht mit großer
zitternder Schrift:

"Treulichst

Dein Wolf.

Und wenn ich doch noch an dem Leben hinge?!"


Meine Großmutter antwortete ihm mit folgenden Zeilen:


"Mein lieber Wolf!

"Du mußt Dir eine Antwort auf Deinen herrlichen -- mir herrlichen --
Brief gefallen lassen; es giebt auch mit 70 Jahren Lichtstrahlen, wie
sie das 17te beleuchten, aber es sind nur Blitze, und unter einem
solchen stand die Landschaft meines Jugendlebens vor mir, Deine Mutter,
die ich nie aufgehört habe zu lieben, Du als Knabe, dunkle Wolken und
nun milder Regen. Das mußte erst wieder still bei mir werden. Ich hoffte
auch auf einen Brief meiner Enkelin, um zu erfahren, weß Geistes Kind
der Theaterdirektor ist, ob verstehend oder nur berechnend, -- sie hat
aber noch nicht geschrieben, und ich glaube in Deinem Sinn gehandelt zu
haben, als ich ihm gleich bei Lilys Anfrage, ehe ich Dir schrieb, sagen
ließ, Du seist verreist, ich rate zu keiner direkten Anfrage, gab ihm
auch nicht Deine Adresse. So bist Du, ohne ihn zu kränken, aus dem Spiel
und frei, eventuell hervorzutreten. Ich verstehe Deine Auffassung -- ich
fühle ganz die letzten Zeilen Deines Briefes -- dann siegt aber doch die
ungeheure Scheu vor den Krallen des Lebens, und wir behalten unsere
Narben und unsere Ruhe!

"Ich kann es nicht lassen, die Erlinde nur noch eifriger, eingehender
und mit Berücksichtigung der Bühne zu lesen; da könnte allerdings nur
Deine Hand die Bühnenfähigkeit geben. Gestrichen dürfte wenig werden,
aber verbunden viel, sowohl in den einzelnen Scenen, die in lebendigere
Beziehungen zueinander treten müßten, als in den Personen. Ich kann
nicht leugnen, daß ich glaube, nur in Weimar würde man Erlinde ganz
verstehen und mit Sorgfalt und Liebe zur Aufführung bringen, so daß das
nahe und ferne Publikum ein Verständniß dafür bekäme. Ich hätte gern
noch einen Stern in Euer Wappen gebracht und das Licht dazu war da -- es
lagen nur Nebel dazwischen, aber sie haben es verhindert,
durchzudringen.

"Mein lieber Wolf, das soll kein Zureden sein; mir würde so bang werden
wie Dir, daß Du Dir neue Schmerzen für Seele und Körper bereiten
könntest; es liegt die Atmosphäre einer ganz anderen Welt zwischen Dir
und den Menschen; was sie Dir bieten, achtest Du zu gering, und das
'Sesam, thu dich auf', das zu Deinen Schätzen führt, vertraust Du
wenigen an ..."

Er antwortete nicht auf diesen Brief. Monate später sandte er diese
Zeilen, deren Buchstaben noch größer, noch zitteriger sind.

"Ich schreibe Dir Briefe in Gedanken; ich kann sie Dir aber nicht
senden, weil wir auf der Erde sind, und später kannst Du sie nicht mehr
erhalten, weil wir drüben nicht lesen können.

Dein

Wolf Goethe."


Der Umschlag trägt das Wappensiegel: ein Stern -- für einen anderen
war daneben kein Platz mehr! Ein Jahr später folgte ein kleiner Zug von
Trauernden einem einfachen Sarge, dessen Blumenschmuck schon auf dem Weg
der rauhen Winterkälte erlag.

"Heute haben Sie meinen lieben Wolf neben seiner Mutter begraben,"
schrieb Jenny Gustedt an diesem Tage. "Napoleons Sohn ging jammervoll zu
Grunde wie er: an der Kraft, die nach innen zehrte, weil sie sich nach
außen nicht entfalten durfte. Viele Generationen müssen sang- und
klanglos versinken, ehe der Eine aus ihnen hervorgeht, dessen Name in
die ewigen Sterne geschrieben wird -- das ist eine gerechte Entwicklung
--, aber daß die Nachkommen an der Größe dieses Einen zu Grunde gehen,
gehört zu den grausamen Räthseln, die wir nicht lösen können! -- Bald
wird Walter dem Bruder folgen -- ich wollte, es wäre auch Zeit für mich
zu gehen."

Der Kummer, der aus diesen Zeilen spricht, hatte seinen Ursprung nicht
in der Erlösung des Freundes von einem Leben der Schmerzen, auch um sie
hatten sich die Nebel wieder zusammengeballt. "Daß ich meinen Kindern so
fern bin," schrieb sie, "daß mein Alter mir das Reisen zu ihnen fast
unmöglich macht, daß ich sie in meinen eigenen Räumen nicht beherbergen
kann und nicht die Mittel habe, mir zu dem Zweck eine geeignete Wohnung
zu nehmen -- ich muß ängstlich zusammen halten, denn immer wieder
kommen Überraschungen, die mich nötigen, einzuspringen, -- das macht
meine letzten Lebensjahre zu recht traurigen." Nach langen Kämpfen, die
ihr durch ihre Weimarer Freunde und deren inständiges Bitten, sie nicht
zu verlassen, noch schwerer gemacht wurden, als sie durch den Zwiespalt
ihres eigenen Herzens sowieso schon waren, entschloß sie sich, nach
Lablacken, dem Gute ihres jüngsten Sohnes, überzusiedeln. "Ich bedarf
eines Heims, wo ich ohne Skrupel meine Kinder bei mir haben kann, und
eines Lebens, dessen völlige Einfachheit mir ermöglicht, ihnen, was ich
erübrige von meinem Einkommen, zuzuwenden," heißt es in einem ihrer
letzten Briefe aus Weimar.

Im Frühling 1883, als der Park seine erste duftende Lenzespracht
entfaltete, kam ich zu ihr. Vierzehn Tage blieben wir zusammen dort. Nur
wenige Freunde wußten, daß sie von der Karlsbader Reise, die sie
vorhatte, nicht mehr nach Weimar zurückkehren wollte. Leise, ohne
Abschiedsschmerzen, sollte die Trennung sich vollziehen. Wir gingen noch
einmal all die schönen Wege nach Tiefurt, nach Belvedere, in die
geheimnisvolle Stille von Goethes Gartenhaus, und auf den Kirchhof an
das Grab ihrer Mutter und an das von Ottilie -- von Wolf; wir schritten
hinab in die Dämmerkühle der Fürstengruft und standen schweigend vor den
irdischen Resten ihres väterlichen Freundes. Dann aber stiegen wir
hinauf zu dem letzten Lebendigen, den er hinterlassen hatte: über die
klassische Treppe in die kleinen, stillen Dachstuben. Ich ließ die
beiden Freunde allein und betrat die Zimmer wieder, wo Goethe wirkte,
bis der Tod ihn von der Arbeitsstätte mit sich nahm. Es war eine Stunde
heiliger Andacht, aus der Großmamas leise Stimme mich weckte. "Komm,"
sagte sie leise, und ihre Augen schwammen in Tränen. Ich gab ihr den
Arm. Zum erstenmal sah ich, daß sie alt, sehr alt war, denn sie ging
gebückt, und ihre Füße zitterten auf den breiten Stufen der Treppe, die
sie nie wieder betreten sollte.



Dem Ende entgegen


Nordwärts von Königsberg führt die Chaussee durch ein Land, das sich
glatt wie ein Tischtuch bis zum Kurischen Haff erstreckt. Wogende
Kornfelder, grüne Wiesen, soweit das Auge reicht, nur hie und da von
schmalen Waldstreifen unterbrochen, deren Eichen ihre knorrigen,
zackigen Äste in tausend abenteuerlichen Formen nach allen Richtungen
der Windrose recken -- ein Zeichen all der Stürme, mit denen sie um ihr
Leben kämpfen mußten. Nach ein paar Stunden glatter Fahrt, vorüber an
strohgedeckten Häuschen und großen schmutzigen, lärmenden Kneipen,
wendet sich der Weg nach links. Dicke, kurzgeschnittene Weidenstämme,
deren lichte junge Kronen so drollig wirken wie blondes Lockengewirr
über einem runzligen Greisengesicht, fassen ihn zu beiden Seiten ein.
Über die tiefgefahrenen harten Geleise holpert der Wagen, während das
junge, unruhige Viergespann, die Nähe des Stalles witternd, weiter
ausgreift. In eine breite Allee, über die sich uralte Linden zu
lebendigem Dome wölben, schwere Duftwellen ringsum verbreitend, mündet
der Weg. Und durch ein Tor, von dicken Steinmauern flankiert, die, aus
unbehauenen Blöcken, wie von Zyklopenhänden aufgerichtet erscheinen und
das Ganze einer Festung ähnlich machen, geht es hinein auf den breiten,
vom Reichtum seiner Besitzer Zeugnis ablegenden Gutshof von Lablacken.
Ringsum langgestreckte, massive Ställe, auf die, von der Weide kommend,
die vierbeinigen Bewohner gemächlich zuschreiten; die schwarz weiß
gefleckten Rinder von der einen Seite, die sich ängstlich
zusammendrängende Herde der Schafe von der anderen, und schließlich in
hellem Galopp unter fröhlichem Wiehern der Trupp der jungen Pferde,
deren schmale Fesseln und schlanken Hälse von ihrer edlen Abstammung
Zeugnis ablegen. Am Herrenhaus, das nur eine niedrige Mauer und ein paar
himmelhohe Pappeln vom Gutshof trennen, müssen sie alle vorüber. Ein
seltsames Haus ist es: Jahrhunderte haben an ihm gebaut, ohne Rücksicht
auf Stil und Schönheit, nur bestrebt, Platz zu schaffen für die mit dem
Wohlstand steigenden Bedürfnisse der Bewohner. Im Grunde sind es drei im
Halbkreis aneinandergereihte zweistöckige Gebäude; über jedem der Tore
prangt ein in Stein gehauenes Wappenschild, das derer von Ostau und von
Wnuk und zuletzt das der Gustedts: die drei eisernen Kesselhaken im
goldenen Felde. Der Mittelbau enthält die Eingangshalle: Elchfelle auf
dem Boden, Elchgeweihe an den Wänden, schwere alte Eichensessel, Tische
und Schränke als Einrichtung, dazwischen als einzige helle Flecke in dem
dämmigeren Raum ein paar Ritterrüstungen, auf denen das Licht in weißen
Reflexen spielt. Zu beiden Seiten steigt im Hintergrund die dunkle,
braune Treppe empor, nur geradeaus, wo die große gedeckte Veranda nach
dem Park mündet, schimmert das Grün der hohen Linden herein. Fast
endlos, so scheint es, ist die Flucht der Zimmer, die sich oben und
unten, von Fluren, Treppen und Winkeln vielfach unterbrochen, rechts und
links durch die langgestreckten Häuser ziehen. Alle Zeiten, alle Stile
spiegeln sich ab in ihnen: verblaßte Rokokostühlchen, von deren alter
Pracht nur noch flüchtige Reste von Vergoldung zeugen, mächtige Truhen
und Schränke, die einst den selbstgesponnenen und gewebten Leinenschatz
der Hausfrau bargen, steife, feierliche Empiremöbel mit Bronzebeschlägen
und gelbem Seidenbezug, und die ehrbar-gemütlichen Biedermeierkommoden,
Servanten und breiten, schwerfälligen Sofas aus der Großväterzeit
erinnern an die Generationen, die hier geboren wurden, arbeiteten,
lebten und starben. Auch am lichtesten Sommertage ist alles wie von
graugrünen Schleiern umhüllt, und ein Geruch, wie von feuchtem, welkem
Herbstlaub durchströmt die Räume, denn dicht um das Haus stehen alte
Pappeln und Linden, so daß ihre rissigen Stämme die Mauern berühren,
ihre Äste an die Fenster klopfen, ihre Kronen sich über das Dach hinweg
grüßen. Zu ebener Erde, im Eßsaal, vor dessen breiter Glastür die
älteste der Linden Wache hält, hängen ringsum dunkelgerahmte Bilder an
den Wänden: Männer mit dem Lockenhaupt des großen Kurfürsten, mit
Allongeperücken und Galanteriedegen, mit dem steifen Zopf des großen
Friedrich, im braunen Wertherfrack oder mit hohen Vatermördern -- alte
und junge, harte, finstere, und fröhliche, weiche Gesichter, ohne einen
gemeinsamen Zug darin, der darauf deuten ließe, daß sie eines
Geschlechtes wären -- und zwischen ihnen die Frauen, solche mit dichter
Haube und glatt gescheiteltem Haar, die Arme verschränkt unter der
züchtig bedeckten Brust, oder die Hände, das weiße Tüchlein haltend,
gekreuzt über dem Leib, und solche mit gepudertem Köpfchen,
hochgeschnürtem Busen und enger Taille, oder im klassisch frisierten
Lockengewirr und tief ausgeschnittenem Empiregewand -- alte und junge
auch unter ihnen, und doch alle einander ähnlich, wie Schwestern.

Es ist des Hauses seltsam geheimnisvolles Schicksal, das aus diesen
Bildern spricht: Schon lange, lange ist es her, daß hier nur Mädchen
geboren wurden, daß der alte Besitz sich vererbte von Tochter zu
Tochter, mit den Namen ihrer Gatten den Namen des Besitzers wechselnd.
Und eine dieser Frauen, aus deren todblassem Gesicht ein paar dunkle
Augen feindselig funkeln, hat, so erzählt man, von irgendeinem finsteren
Geheimnis belastet, keine Ruhe gefunden im Grabe; mit hohen
Stöckelschuhen geht sie allnächtlich durchs Haus, und das Klappern ihrer
Tritte, das Rauschen ihrer seidenen Röcke, die tiefen, schweren Seufzer,
die sie ausstößt, will schon manch einer gehört haben, wenn der Sturm,
vom Kurischen Haff herüberbrausend, draußen heulte und pfiff und die
alten Baumäste knarrten und die Blätter an die Fenster schlugen. Auch
die Buchenallee im Park, die vor hundert Jahren ein zierlich
beschnittener Laubengang war, soll sie zuweilen auf und nieder gehen.
Vielleicht war sie es, die diese Bäume, die die geraden Wege mit den
Blumenrabatten zu beiden Seiten anlegen ließ und die undurchdringlich
dichten Lauben von Flieder und Jasmin! Einer der Wege durchschneidet
den großen Garten von Osten nach Westen. Wo er beginnt und wo er
aufhört, ist die Mauer von einem hohen hölzernen Bogenfenster
unterbrochen. Wer abends durch das eine gen Westen hinausschaut, der
sieht, wie jenseits der Felder und Wiesen am äußersten Horizont der rote
Sonnenball in den grauen Fluten des Kurischen Haffs versinkt, und wer
durch das andere am frühen Morgen die Blicke schweifen läßt, den soll
auch der dämmernde junge Tag an das Scheiden gemahnen, denn hinter dem
fernen Kirchturm von Legitten, unter dem die Toten von Lablacken
begraben werden, steigt er auf. -- -- --

Hier war es, wo Jenny Gustedt ihres Lebens letzte Station gefunden
hatte. In der geräumigen Wohnung des Erdgeschosses von einem der drei
Häuser richtete sie sich in alter, vertrauter Weise ein. Ihr zuliebe --
denn Luft und Licht war ihr ein Lebensbedürfnis -- ließ ihr Sohn zwei
der großen beschattenden Bäume vor ihren Fenstern fällen, so daß die
Sonne von allen Seiten freien Zutritt hatte. Monatelang versammelten
sich jeden Sommer ihre Kinder und Enkel um sie, und da die
Gastfreundlichkeit ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter keine Grenzen
kannte, so war in der schönen Jahreszeit für sie fast zu viel der
Unruhe, der sie freilich durch ein mit dem zunehmenden Alter immer
häufigeres Zurückziehen in ihre stillen Stuben entgehen konnte. Die
fremden Gäste brachten ihr auch allzu wenig, denn so sehr sie sich
fröhlicher Jugend freute und für harmlosen Witz ein heiteres Verständnis
besaß, so vertrug sie doch schwer den herrschenden Ton der dortigen
Gesellschaft. Die Signatur ihrer Unterhaltung war die Oberflächlichkeit;
man hätte fast ein stillschweigendes Übereinkommen aller vermuten
sollen, durch die jede Vertiefung eines Gesprächs verhindert wurde.
Meiner Großmutter Auffassung, wonach Vornehmheit Ruhe ist, erschien hier
in ihrer Karikatur: man war ruhig, weil man sorgfältig alles zu berühren
vermied, was Uneinigkeit und damit Unruhe hätte hervorrufen können.
Seine tiefsten Gedanken, seine eigensten Sorgen behielt ein jeder für
sich. Durch Reiten und Kutschieren, durch Jagd und Segelfahrt und durch
den ostpreußischen Nationalfehler langer und häufiger Mahlzeiten war der
Tag für die Gäste ausgefüllt; um gesellschaftlichen und nachbarlichen
Klatsch drehte sich die allgemeine Unterhaltung; kam das Gespräch auf
politische Fragen, so wurde es ausschließlich eins der in der Hauptsache
-- in ihrer parteipolitischen Stellung dazu -- von vornherein einigen
Männer. Auch der beste, naheliegendste Anknüpfungspunkt zur Entwicklung
tieferer Interessen, die praktischen Fragen der Landwirtschaft, bildeten
das Sondergebiet des Gutsherrn, für das er ein ernsteres Verständnis bei
anderen weder voraussetzte noch zu wünschen schien. Selbst seiner
Mutter, die seine Pläne und seine Tätigkeit, zwischen Freude und Sorge
schwankend, verfolgte, gewährte seine Zurückhaltung nicht den Einblick,
den sie sich so dringend gewünscht hätte.

Das schöne große Gut, ein kleines Fürstentum nach mitteldeutschen
Begriffen, bot dem tätigen Landwirt die größten, abwechslungsreichsten
Aufgaben. So hatte es seit Menschengedenken durch die Überschwemmungen
der Wasser des Kurischen Haffs zu leiden gehabt; Felder, Wiesen und
Weiden waren so und so oft auf Jahre hinaus dadurch ihres Wertes beraubt
worden. Jetzt erhoben sich unter der Leitung des neuen Besitzers
allmählich Dämme und Deiche gegen die anstürmenden Wogen, und Kanäle
durchzogen nach allen Richtungen hin die Felder, so daß ganze Strecken
sumpfigen Landes in üppige Wiesen verwandelt wurden. Der Wald, dessen
uralter Baumbestand und dessen Bewohner, die riesigen Elche, an jene
dunkle Vorzeit erinnerten, wo noch kein menschlicher Fuß die öde Wildnis
des Samlandes betrat, wurde allmählich licht und schön. Das Haff, das
bisher nur wenigen armen Fischern kärgliche Nahrung geboten hatte und
allen wie ein finsterer Feind erschien, in dessen unergründlicher Tiefe
die letzte der heidnischen Göttinnen, Neringa, die Riesin, hauste, Jahr
um Jahr Steinblöcke emporschleudernd, um die Menschen zu verderben,
wurde nicht nur zu einem fröhlichen Tummelplatz für die elegante Jacht
des Gebieters, auch ein fester Hafen wurde gebaut, wo die Fischer
Zuflucht fanden und wo allmählich mehr und mehr große Kähne landeten, um
den Reichtum an Steinen zu verfrachten. Alljährlich hatte der Landmann
die seltsamen, immer wieder neu auftauchenden erratischen Blöcke beim
Bestellen der Felder sprengen und sammeln müssen, hatte überall, nur um
sie beiseitezuschaffen, breite Mauern aufgeschichtet; jetzt fuhr eine
Feldeisenbahn sie zum Hafen, und sie wurden zur Quelle reicher
Einnahmen. Die Vermehrung der Wiesen und ihres Ertrags führte zu einer
Vergrößerung und Modernisierung der Milchwirtschaft. Für alle Gebiete
der Landwirtschaft wurden neue Maschinen aller Art angeschafft und, als
einer der ersten, der den Versuch wagte, wurden in Haus und Gut
telephonische Verbindungen angelegt. Aber neben diesen großen
praktischen Reformen steigerten sich die Luxusbedürfnisse: der
altmodische Garten, mit seinen Georginen und Malvengängen, seinen
verwachsenen Lauben und versumpften Teichen wurde in einen englischen
Park verwandelt, das Haus wurde vielfach erweitert, die alten Möbel
wanderten in die Fremdenzimmer und machten neuen Platz; die Zahl der
Reit- und Wagenpferde vermehrte sich, eine kostbare Pferdezucht, eine
Fasanerie wurde eingerichtet -- kurz, wenn sich die Mutter auf der einen
Seite der rastlosen landwirtschaftlichen Tätigkeit ihres Sohnes freute,
so wuchsen auf der anderen ihre Sorgen.

Nach einem langen Aufenthalt bei ihr schrieb sie mir: "Als der Wagen,
der mein bestes, geliebtes Kind und ihre zwei trautsten Töchter auf
lange entführte, verschwunden war, ging ich wie im Traum in meine Stube
und sammelte meine Gedanken und Gefühle. Mein großmütterliches Herz war
überfließend weich, als ich mit Rührung die 5 Monate an mir vorübergehen
ließ, in der mein liebes Enkelkind mir nur noch mehr ans Herz wuchs ...
Ruhe und Friede ist um mich, auch treue, gute kindliche Liebe. Wer aber
kürzlich doppelt so viel besaß, muß sich erst an Herzensgenügsamkeit
gewöhnen, um so mehr, als ich mir auch wieder das Schweigen angewöhnen
muß über all die vielen Dinge, die wir, mein Lilychen, miteinander
beredeten ... Ich bekomme von allen Freunden Kondolenzbriefe über meine
bevorstehende Einsamkeit, wenn Werners ihren Winteraufenthalt in
Königsberg nehmen, aber ich empfinde sie doch nur an solchen Tagen
ernst, wo meine Augen zur Schonung mahnen und Freundschaftsstündchen wie
in Weimar wohltätig wären. Ich habe aber Gott Lob eine Virtuosität, in
Gedanken und Briefen mit meinen Lieben in der Ferne weiter zu leben, und
mein Körper bedarf immer mehr der Ruhe und Einförmigkeit, so daß ich den
Winter nicht allzusehr fürchte."

In einem anderen Briefe heißt es: "Werners fahren diese Woche zum
Rennen, da ihre Pferde beteiligt sind. Auch diese Sache hat nicht meine
Billigung, doch mache ich meinen Tadel nicht breit, wenn ich weiß, daß
er nichts nützt. Hier sind in diesem Jahr ungeheure Arbeiten gemacht
worden, Gott segne sie und lasse aus dem Überstürzen keine Sorgen
entstehen und aus der zu vielen Arbeit keine Abspannung für meinen
lieben Sohn. Er ist jetzt oft recht hypochonder, was bei dem vielen
Regen, der Erschwerung der Kanalarbeiten, den sich mehrenden Lasten
durch Verwöhnungen und der vollkommenen Unfähigkeit, sich
einzuschränken, mich nicht Wunder nimmt. Seine Frau hat es dann um so
leichter, um ihre Abneigung gegen das Landleben -- das herrliche,
segensreiche, natürliche Landleben! -- einzuimpfen und ihm den
Aufenthalt in Königsberg oder Berlin als viel angenehmer erscheinen zu
lassen. Und dann wundern sich die Gutsbesitzer, wenn ihre Arbeiter
demselben Zug nach der Stadt folgen! ..."

Einem Brief des folgenden Jahres entnehme ich diese Zeilen: "Mein Werner
war drei Tage hier. Sie könnten so schön sein, wenn die Flut
unangenehmer Geschäfte ihn nicht immer unter Wasser brächte und die
Sorgen ihn mir gegenüber nicht so verschlossen machten, daß ihn selbst
mein stilles ängstliches Lesen in seinen müden Zügen nervös macht. Dabei
immer neue Pläne und Wünsche, die er befriedigen soll, unaufhörliche
Ansprüche an Amüsements, wo doch hier aus der täglichen Erfüllung der
Pflichten ein so tiefes, reiches Glück blühen könnte, vor dem jedes
Vergnügen nichts ist als ein Rausch, aus dem man krank erwacht ... Glück
suchen die lieben Beiden, d. h. stete Erfüllung ihrer Wünsche, und es
ist doch so leicht zu sehen, daß auf Erden nichts darauf eingerichtet
ist. Im alltäglichen Leben kommt ähnliches Erkennen so ganz von selbst,
z. B. eine Schulstube nicht für ein Theater, eine Scheune nicht für
einen Ballsaal zu halten, sie sind eben nicht darauf eingerichtet. Man
sollte das Leben gleich klar und tapfer und freudig nehmen als das, was
es ist: als Schule, Schule mit Freistunden, Sonntagen, Ferien, aber
immer Schule. Es giebt selten Schüler, die die Schule lieben, aber alle
lieben das Gelernte ... Nimm dir kein Beispiel, mein Lilychen, an dem
Styl dieses Briefes, der meinen alten französischen Professor noch im
Grabe ängstigen könnte: ein Brief, sagte er, muß wie ein Bächlein
fließen, das tausend kleine Wellen hat, aber nur einen Lauf. Ein Thema
muß unweigerlich aus dem andern sich entwickeln, ohne daß der Faden
verloren geht! ..."

Zu den Sorgen um die Kinder und ihr Ergehen kamen die um die Enkel
hinzu: da war der Sohn ihres armen Ältesten, der nicht recht
fortzukommen vermochte in der Welt, da war das Töchterchen ihres
Jüngsten -- wieder ein Mädchen, ein einziges, das unter Lablackens Dach
geboren worden war --, dessen Leiden eine langwierige Kur notwendig
machte, an deren Erfolg die Großmutter nicht glauben konnte, da war
meine schwere Erkrankung, die mich ein paar Jugendjahre kostete.

"Ich wache jetzt regelmäßig im Morgengrauen mit starkem Herzklopfen
auf," schrieb sie damals, "wobei alle meine Angst um Kinder und Enkel
mir recht lebendig wird. Dann wird es recht schwer, den kategorischen
Imperativ, den ich am Tage zu meinen Pflichten stelle: Sorget nicht! zu
erfüllen. Menschliche und Herzensgründe habe ich wohl nach allen Seiten
hin: hier die durch überwältigende Lasten eines Luxuslebens gesteigerten
landwirtschaftlichen Nöte, die auch meines lieben Sohnes Gesundheit
erschüttern, dazu der Stoizismus des Schweigens über die Dinge, die man
glaubt, nicht ändern zu können oder die man nicht ändern will, und der
allmählig bei meinen Kindern zur Verkehrstradition geworden ist. Und bei
Ottos die Existenz auf einem Ast, der sie widerwillig trägt, bei ihm wie
bei Werner Gedankenwechsel auf eine große Zukunft, bei denen die
Millionen in der Luft hängen -- das ist, mein Lilychen, nicht die Art
Deiner alten soliden Großmutter, aber leider die Art unserer
Gesellschaft, die sich selbst ihr Grab gräbt ... Die Vertrauensfähigkeit
ist bei mir zu sehr ausgegangen, als daß ich mit hoffen könnte ..."

Ich befand mich damals, als die Krankheit mir Zeit zum Grübeln ließ, in
jenem inneren Konflikt, den viele Mädchen unserer Kreise, die nicht im
oberflächlichen Genußleben aufzugehen vermögen und weder einen ernsten
Beruf haben noch heiraten wollen ohne Liebe, durchkämpfen müssen. Als
ich einmal wieder in Lablacken war, erriet meine Großmutter mehr, was
mich quälte, als daß ich es verraten hätte -- zum "Stoizismus des
Schweigens" war auch ich dressiert worden. Es kam zu ernsten Aussprachen
zwischen uns, und was sie sagte, gipfelte immer in dem Rat: schaffe dir
durch dein Talent so viel innere und äußere Selbständigkeit, um nicht
heiraten zu müssen! Sie regte mich mündlich und brieflich immer wieder
zu schriftstellerischer Arbeit an, bat mich, ihr alles zu schicken, was
ich geschrieben hatte, "Du brauchst Dich dabei vor mir nicht zu
fürchten, mein geliebtes Herzenskind," schrieb sie, "höchstens binde
ich einige zu üppige Schlingpflanzen Deiner Phantasie an, damit der
Sturm sie nicht zerzaust." "Entschließe dich," heißt es in einem anderen
Brief, "nicht zu einer Heirat, weil irgend jemand Dir zuredet, oder etwa
gar aus Mitleid mit einem Kurmacher -- das ist schon das allerdümmste!
-- oder weil Du fürchtest, zu alt zu werden. Glaube fest, daß die späten
Heiraten die besten sind. Junge Eheleute entwickeln sich fast immer
auseinander, und da Scheidungen, so notwendig sie oft sein mögen, immer
ein Gefolge schwerer Schmerzen und Bitterkeiten nach sich ziehen, so ist
es besser, zu warten, bis der reife Verstand, das reife Herz ihre Wahl
treffen." Ein paar Jahrzehnte früher hatte Jenny Gustedt im Hinblick auf
Lewes' und George Sands Apostelschaft für freie Ehen noch geschrieben:

"Ich betrachte die Ehe in ihrer Heiligkeit und Unauflösbarkeit als einen
Hebel des Göttlichen, als die Stütze wahrer Reinheit und Liebe, als
Schutz und Schirm von Frauenehre und Frauentugend, als das festeste Band
bürgerlicher Ordnung und geselliger Anmuth. Diese außerehelichen
Verhältnisse, auch bei edleren Naturen, lassen immer in Kampf und
Irrgängen mit der Welt und mit sich selbst, sie tragen das Gepräge des
selbstgemachten Geschickes, sie werden nicht wie ein Gegebenes fest und
demüthig hingenommen, weil sie eben lösbar sind und dem Menschen den
Versuch gestatten, einen Mißgriff durch einen zweiten und dritten
Mißgriff zu verbessern. Es ist deshalb nicht genug zu betonen, wie groß
Goethes Charakter sich zeigte, als er sich gerade mit der alternden
Geliebten ehelich verband und sich selbst damit befahl: Sie ist Dir
gegeben, bleibe ihr treu! Wir kommen schnell dahin, weltliche Stellungen
und Verhältnisse als etwas Gegebenes anzunehmen, uns ihnen in Treue und
Demuth anzupassen, und wir sollten vor allen Dingen Menschen als
Gegebene betrachten und uns dahin erziehen, wie Goethe es that, uns,
unser Glück und unser ganzes Wesen so zu bilden, daß wir damit an keinem
der uns gegebenen Menschen Schiffbruch leiden. Von den Verhältnissen
zwischen Eltern und Geschwistern wird dies noch eher eingesehen, bei der
Ehe wird es so selten und so spät verstanden, weil man sich einbildet,
den Mann oder die Frau gewählt und nicht empfangen zu haben. Wer hat
aber je die und vollends den Gewählten im engsten Zusammenleben
wiedergefunden? Besser -- schlimmer -- jedenfalls anders, und dem echten
Menschen -- ich erinnere wieder an Goethe -- muß es dann so recht sein,
er muß dem Gegebenen halten, was er dem Gewählten versprach."

Und sie hatte, als man sie auf die vielen unglücklichen Ehen verwies,
gesagt: "Ich bin trotz alledem ein Advokat der Ehe, die doch, trotz Wenn
und Aber und Ach und Leider, das beste ist, was man wählen kann." Jetzt,
auf der Höhe ihrer Lebenserfahrung, schrieb sie mir: "Ich habe meine
alten Ansichten vielfach modifiziert, nachdem ich Menschen kennen
lernte, die nichts zusammenhielt als ihre treue Liebe, und Ehen sah, die
auch vom strengsten christlichen Standpunkt aus nicht aufrecht erhalten
werden durften, ohne die sittliche Verderbniß von Eltern und Kindern
nach sich zu ziehen. Auch die unbedingte Empfehlung der Ehe vermag ich
nicht mehr aufrecht zu erhalten. Jedenfalls sollte sie nicht wie bisher
als einziger Beruf des Weibes aufgefaßt werden; das Resultat davon ist
auf der einen Seite die Tragik der beschäftigungslosen alten Jungfer,
die vergebens auf die Ehe gewartet hat, auf der anderen die oft noch
größere der Frau, die den Gatten verlor, die Kinder fortgeben mußte und
nun verzweifelnd vor einem leeren Leben steht. Darum mag Dir bescheert
sein, was da will, sichere Dir auf alle Fälle den inneren Schatz, den
der Rost und die Motten nicht fressen und der unter allen Umständen die
reichsten Zinsen trägt ... Ich möchte Dir gerne dabei behülflich sein
und kann es nicht in dem Maß, wie ich möchte. Mir fehlt leider gute
Lektüre, wie sie mir in Weimar von allen Seiten zufloß. Ich scheue die
Anschaffungskosten wertvoller Werke, und was Werners aus der
Leihbibliothek kommen lassen, ist zwar ein Zweig der Litteratur, den ich
bisher zu gering schätzte -- Tendenzromane und Sittennovellen -- und der
manches Gute und Belehrende bringt, aber doch nur für ein Publikum, das
es in anderer Form nicht annehmen mag. In meinen stillen Stunden würde
ich mich noch gern mit Übersetzen beschäftigen, da das Selbstproduzieren,
wozu ich früher Kräfte hatte und keine Zeit, und jetzt Zeit habe und
keine Kräfte, doch nicht mehr mit 73 Jahren in Angriff genommen werden
kann; aber auch dazu fehlt Gelegenheit und Material ..."

Es war die geistige Einsamkeit, die ihr dann am drückendsten fühlbar
wurde, wenn sie unter Menschen war. Sie empfand, was Goethe aussprach,
der bis in seine letzten Lebensjahre ein freudig Empfangender blieb und
darum als Geber so überschwenglich reich sein konnte: "Wir sind Alle
kollektive Wesen ... Wir müssen empfangen und lernen, sowohl von denen,
die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das größte
Genie würde nicht weit kommen, wenn es Alles seinem eigenen Innern
verdanken wollte." Und wenn sie auch niemals darüber sprach, so mochte
die Sehnsucht nach Weimar, das ihre Heimat war und blieb, doch oft ihr
Herz mit stiller Wehmut füllen. Die Liebe zu ihren Kindern hatte sie
fortgetrieben, aber was sie ihnen von den Schätzen ihres Innern geben
konnte, das galt ihnen nichts, und was sie empfing, war nicht viel mehr
als ein wenig pflichtmäßige Zärtlichkeit, die einer Mutter galt, deren
tiefstes Wesen allen ihren Kindern fremd und unverständlich war. Wie oft
krampfte sich mir das Herz zusammen, wenn ich sah, wie ihre Gedanken und
Empfindungen mit einer Art nachsichtigen Mitleids belächelt wurden, wie
ein spöttisches Wort über ihren "liederlichen" Freund Goethe sie
verstummen machte, welch beziehungsreiche Stille eintrat, wenn "die gute
Mama" von Seelenerfahrungen zu sprechen versuchen wollte. Nein, hier
fand sie die Saiten nicht, aus denen ihr Spiel Töne hätte hervorlocken
können, hier war niemand, der für ihren nie verlöschenden geistigen
Durst einen frischen Trunk bereithielt.

Auch mit ihrer Anteilnahme für das Wohl und Wehe der Gutsinsassen, der
Knechte und Mägde, der Instleute und Dorfbewohner stand sie allein. Hier
geschah nichts, das an jene umfassende Tätigkeit erinnerte, die sie in
Garden und Rosenberg ausgeübt hatte. "Am Notwendigsten fehlt es zwar
nicht," schrieb sie, "aber dafür am Freiwilligen vollständig, und es
wird, fürchte ich, so lange daran fehlen, bis dies unterwürfige demütige
Volk aufhören wird, den Rocksaum der Herrin und die Hand des Gebieters
zu küssen, und fordern wird, was man ihm von selbst nicht gab.
Unendliches wäre hier zu leisten: den armen elenden Weibern die
notwendigsten Begriffe von Reinlichkeit und Haushaltung beizubringen,
die Männer in ihren Feierstunden mit unterhaltender und belehrender
Lektüre zu versorgen, statt daß sie im Krug alles Verdiente durch die
Gurgel jagen. Und was wäre Alles für die Kinder zu tun, bei denen
überhaupt jede Arbeit anzufangen hat! Sie wachsen buchstäblich zwischen
den Schweinen und im Straßenkot auf, von klein an gewöhnt an die
widerlichsten Eindrücke der Unzucht und der Trunkenheit, und von der
Schule, die für sie der lichte Punkt des Lebens, der Ausgang von
geistiger Erweckung, Sittlichkeit und Frohsinn sein sollte, erwarten sie
nichts als Prügel." Um den Wünschen und Ratschlägen der Mutter in etwas
nachzugeben, richtete ihr Sohn einen Kindergarten ein, für den eine
ehemalige Krankenschwester als Leiterin gewonnen wurde. Meine Großmutter
hatte die größte Freude an den vielen strohgelben Kinderköpfchen, die
sich nun zu fröhlichem Spiel alltäglich versammelten, und den ärmsten
unter ihnen, den armen vaterlosen, wandte sie wie immer ihr größtes
Mitleid, ihre weitestgehende Sorgfalt zu. Es waren ihrer nicht wenige,
denn uneheliche Geburten waren an der Tagesordnung, Trunksucht und
Roheit förderten ihre Vermehrung. Da gab es z. B. ein armseliges Weib --
Großmamas Hauptschützling --, das als ganz junges Ding von ein paar
Burschen betrunken gemacht und im Straßengraben vergewaltigt worden war;
nachher hatten sie ihr ein paar Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf
gegossen, und als sie zu sich kam, war sie halb gelähmt und blödsinnig.
Sie erholte sich so weit, um die Puten hüten und -- fast alljährlich ein
neues elendes Würmchen in die Welt setzen zu können. Der Kindergarten
nahm sie alle auf und brachte ein bißchen Sonnenschein in das dunkle
Leben der Kleinen, etwas Freude in das graue Leben der Mutter. Wo sie
meine Großmutter sah, den einzigen Menschen, der ihr anders begegnete
als mit Fluchen, Schelten und Spotten, humpelte sie von weitem schon
eilig auf sie zu, um ihr die Hand zu küssen; dabei huschte über ihr
blödes Gesicht ein seliges Lächeln, und ein Blick grenzenlosen Erbarmens
antwortete ihr aus den Augen ihrer Wohltäterin. Als aber nach einiger
Zeit die fromme Schwester, die Leiterin des Kindergartens, ihn selbst um
ein kleines, schreiendes Baby vermehrte, wurde trotz aller
Gegenvorstellungen meiner Großmutter der Anlaß benützt, ihn aufzulösen.
"Du siehst, wohin solche Sentimentalitäten führen, dadurch wird die
Unsittlichkeit nur unterstützt -- die Leute verdienen es eben nicht
besser!" hieß es, und die armen Kinder kamen wieder zurück in den
Schmutz und das Elend des Elternhauses. Nicht einmal die Schule, in der
nur neue und andere Qualen ihrer warteten, befreite sie daraus. Der
Anblick dessen, was sie dort erlitten, war ein neuer Anlaß für meine
Großmutter, um einzuschreiten und hier wenigstens ihren Willen so weit
durchzusetzen, daß der alte rohe Lehrer durch einen neuen ersetzt wurde.
In einem ihrer Briefe darüber heißt es:

"Es sind Vereine gegen Tierquälerei entstanden -- und ich begrüße sie
freudig -- aber ruhig sehen wir zu, wie die Kinder gequält werden, wie
vor allem die ländlichen Schullehrer ihr Züchtigungsrecht in
unbarmherziger Weise gebrauchen. Zu Folterkammern der Kinder werden die
Schulen; der Lehrer versucht einzuprügeln, was ein armes, schlecht
genährtes, schlecht begabtes Kind nicht begreifen kann, und nun, aus
Angst vor der Mißhandlung, erst recht nicht begreift. Man spricht viel
über die Fürsorge des Staates für den armen Mann, läßt aber inzwischen
ruhig des armen Kindes ohnehin recht graue Kindheit durch qualvolle
Schuljahre vollends verbittern. Es kommt bei jedem Wetter, schlecht
bekleidet, schlecht genährt, erfroren, durchnäßt in die schlecht
erwärmte enge Schule, wo beim geringsten Vergehen strenge Strafen seiner
warten. Dabei muß es den Lehrern noch Garten-, Feld- und andere Arbeit
leisten, zu Hause Aufgaben lernen und den armen Eltern nach Kräften
helfen ... Ich habe einen Jungen infolge der Ohrfeige eines Lehrers
sterben sehen, einen anderen desgleichen, der bis Mitternacht in Schweiß
gebadet zitternd sein Pensum lernte, bis ein Gehirnschlag ihn erlöste.
Ich habe die Bitte gehört: Vaterchen, schneid mir die Haare nicht zu
kurz, sonst tut der Stock des Lehrers so weh! Oder: Mutterchen, nur
heute noch laß mich zu Hause, ich habe so große Angst -- und das von
Kindern, deren arme Kathe nichts verlockendes für sie hatte, für die
eine freundliche Schule, ein froher Unterricht, ein gütiger Lehrer ein
wahrer Lebenssonnenschein sein müßte; ich habe es gesehen und gehört ein
halbes Jahrhundert nach Goethe, den man als unseren größten Dichter
preist, dem man Denkmäler errichtet, auf dessen Namen man Vereine
gründet und der gesagt hat: Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden."

Wenn sie sich schon, soweit die Prügelstrafe der Kinder in Betracht kam,
in schroffem Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung konservativer
Kreise befand, so noch entschiedener in bezug auf die Art in der
Behandlung der Erwachsenen. Ich habe sie oft bebend und totenblaß sich
zurückziehen sehen, wenn ein Knecht oder ein Diener mit einer Ohrfeige
traktiert wurde und sie doch nicht die Macht besaß, es zu verhindern.
"Ihr erzieht Sklaven, und aus den Sklaven werden notwendig Aufrührer,"
sagte sie, "während ihr Menschen erziehen solltet, die nur in Liebe
folgen." Sie selbst empfand allen Untergebenen gegenüber "ein
instinktives Schuldbewußtsein, ein Gefühl der Scham, wenn ich in
bequemem Wagen an ihren schmutzigen Hütten vorüberfuhr. Ich habe immer
versucht, durch besondere Güte, Rücksicht und Liebe diese Schuld
abzutragen, aber mit dem Alter ist das peinigende Gefühl nur immer
drückender geworden. Warum bist Du nicht die alte Frau, die auf dem Feld
Rüben zieht oder mit der Holzkiepe auf dem Rücken nach Hause wankt, um
dort noch von der Ungeduld, der Armut und Lieblosigkeit ihrer Kinder
empfangen zu werden -- frage ich mich immer wieder, und die rätselvollen
Beziehungen zwischen Schuld und Unglück werden nur immer dunkler.
Erfahre ich, wie Millionen und Abermillionen Jahr aus, Jahr ein im
Schweiße ihres Angesichts die widerwärtigste Arbeit verrichten und kaum
das nackte Leben dafür haben, während Andere, nicht weil sie besser,
sondern nur weil sie glücklicher sind, im bequemen Lehnstuhl Kupons
schneiden, so verdunkelt sich das Auge meiner Seele nur zu oft und
vermag den allgütigen Vater im Himmel nicht mehr zu erkennen."

Mitleid, auch in dieser höchsten Steigerung, mit dem Unglück zu haben,
ist eine Empfindung, die sie mit anderen weichen Herzen teilte, aber bei
ihr erschöpfte sie sich weder in bloßen sentimentalen Gefühlen, sie
löste vielmehr auf der einen Seite stets eine eingehende Überlegung über
die Maßnahmen zur Abhilfe des Unglücks aus und steigerte sich auf der
anderen nicht zur Verdammung, sondern zu tiefstem Mitleid mit der
Schuld. Englands sozialpolitische Gesetzgebung, ebenso wie die
Selbsthilfe der englischen Arbeiter durch Gewerkschaften und
Genossenschaften, über die sie durch ihre Korrespondenz mit ihrem
Freunde Hamilton genau orientiert war, erschienen ihr vorbildlich. "Das
Bedürfniß," so schrieb sie mir einmal, "das große Kreise der Besitzlosen
jetzt nach besseren Lebensbedingungen empfinden, ist der klarste Beweis
für ihren geistigen Fortschritt. Verurteilt, in ihrem Elend zu
verharren, sind eigentlich nur die ganz Stumpfsinnigen, die sich, wie
die Verblödeten im Schmutz, darin wohl fühlen." Sie stand mit ihrer
Auffassung im Kreise Lablackens ziemlich allein, und jede Roheit, jede
Gemeinheit, die unter den Arbeitern oder den Instleuten zutage trat,
wurde als Gegenbeweis benutzt. Ich erinnere mich, wie sie z. B. einmal
ihrer Entrüstung über die sich wiederholenden schamlosen
Vergewaltigungen ihres Schützlings, der armen Lahmen, lebhaften Ausdruck
gab und man ihr sagte: "Und diesen Leuten, die Du so verdammst, glaubst
Du eine höhere Kultur zuführen zu können? Verlangst für diese gemeine
Bande alle möglichen Arbeits- und Lebenserleichterungen? Verteidigst es
sogar, daß ein so elender, besoffener Kerl dasselbe Wahlrecht hat wie
ein gebildeter Mann?" Sie aber erwiderte darauf: "Seid ihr vielleicht
stets dieselben gewesen, die ihr heute seid? Seid ihr und euresgleichen
nicht auch vor Jahrhunderten aus solch physischer und moralischer
Vertiertheit aufgestiegen? Daß es bei euch um so viel früher geschah,
ist nicht euer Verdienst, sondern Gottes Gnade, die euch nun die
Verpflichtung auferlegt, den Anderen, Zurückgebliebenen herauszuhelfen.
Und was das Wahlrecht betrifft, so ist, wenn sein Besitz von sittlicher
Wertung abhängen soll, der arme rohe Trunkenbold dessen noch immer
würdiger als der reiche und vornehme Mann, dessen Körper, Geist und
Seele die Jahrhunderte bildeten, und der doch sein größtes Vergnügen im
Saufen, Spielen, Pferde- und Leuteschinden und Mädchenverführen findet."
Ihre Entrüstung über Gemeinheit und Ungerechtigkeit ihrer
Standesgenossen löste aus der sonst so milden, sanften Frau zuweilen
eine so große Erregung aus, daß die ursprüngliche, durch Erziehung und
Leben gebändigte Leidenschaft ihrer Natur dabei wieder zum Vorschein
kam. "Wenn der Adel, nachdem die alte Welt zertrümmert ist, nicht die
Bausteine trägt zur neuen, so ist er selbst Schuld daran, wenn er Ruine
bleibt und allmählich ganz verschwindet," schrieb sie. "Adlig sein heißt
eine adlige Gesinnung haben," heißt es an anderer Stelle, "und sie ist
zugleich die christliche; sie verbietet üppiges Leben, Schulden machen,
über die Verhältnisse hinauswollen, die Armen und Abhängigen verletzen
und ausnutzen ... Wenn ein Leutnant für dreißig Mark diniert und
fünfzehnhundert Mark verspielt, dessen Vater sich sein gewohntes Glas
Bier versagt, dessen Mutter stirbt, weil sie keine Badereise an sich
wenden kann, dessen Schwester eine widerliche Geldheirat macht, um die
Familie zu retten, so ist das ein größeres Verbrechen, als wenn ein
armer Kerl einem reichen Mann das Portemonnaie aus der Tasche zieht ..."
"Ihr entrüstet Euch," schrieb sie ein anderes Mal, "über die zunehmende
Unzufriedenheit, über die wachsenden Lebensansprüche der Armen, statt
über den Grad ihrer bisherigen Zufriedenheit zu staunen und Euch über
Euch selbst zu entsetzen, die Ihr im Besitz aller höchsten Güter der
Welt doch noch immer unglücklich seid. Was ist unglücklich in Euch?
Neid, Genußsucht, Geldgier, gekränkte Eitelkeit -- ach, wenn sie doch
vor lauter Unglück sterben wollten! ... Ihr seid mit Allem unzufrieden,
außer mit Euch selbst, kehrt die Sache um und seid mit Allem zufrieden,
außer mit Euch selbst! Lernt das Beichtgebet der katholischen Kirche,
aber nicht nur mit den Worten, sondern mit dem Herzen: mein ist die
Schuld, mein ist die große Schuld --, statt daß Ihr die Schuld nur immer
auf Andere schiebt. Ihr habt Euch entwickelt, habt Euch genährt, habt
die Kultur der Welt für Euch allein in Anspruch genommen, während die
Anderen, die stillen, dunkeln, demütigen Massen im Schweiße ihres
Angesichts für Euch arbeiteten, und Euch noch die Hände küßten, wenn ein
gnädiges Lächeln sie dafür belohnte. Jetzt ist ihre Zeit gekommen, und
wenn sie mit Gewalt und Verbrechen protestieren gegen die lange
Leidensnacht, so ist Euer die Schuld."

Eine andere Variation desselben Standpunktes war es, wenn sie gegenüber
dem zunehmenden Antisemitismus ihrer Kreise die Juden verteidigte. "Ich
teile den Haß gegen die jüdischen Gesinnungen," schrieb sie, "nur daß
ich das 'jüdisch' als Eigenschaftswort für unsere Zeit und nicht blos
für die Juden ansehe. Wenn heute alle Juden verschwänden, blieben
unzählige Christen aller Nationen, um den jüdischen Geist fortzusetzen.
Wenn der Ursprung dieser Gesinnung den Juden nicht ganz, aber vielfach
zur Last fällt, so müssen wir nicht vergessen, daß die Folgen von Druck,
Qual, Mißhandlungen während vieler hundert Jahre nicht durch
Emancipation von einem halben Jahrhundert ausgeglichen werden können und
ein mehr als tausendjähriger Haß sich nicht in fünfzig Jahren verwischt.
Daß sie ohne Vaterland eine compacte Nation geblieben sind, gereicht
ihnen zum Ruhm, uns Namenchristen aber zum Vorwurf. Im Eifer für ihre
Idee leugnen die Antisemiten fast die Geschichte, ignoriren Foltern,
Judengäßchen, Judensteuern, Qualen jeder Art, Ausschließen von fast
jedem Amt und Erwerb. Nennen sie Krämer, nicht Handelsherren, angesichts
eines Rothschild! Läuten die Sturmglocke gegen hunderttausend Juden und
ihre Siege über Millionen Christen, doch gehören zu jedem Betrüger
Leute, die sich betrügen lassen, und die Armeen sind auch nicht zu
finden, mit denen uns die Juden vertilgen. Sind es denn geistige,
diabolische Waffen, so laßt uns nur Christen sein, anstatt zu Millionen
überzulaufen in das Lager des Schwindels, des Betrugs und der Gründerei,
die nirgends so schamlos sind wie in Frankreich, wo es sehr wenig Juden
giebt. Laßt uns in unseren christlichen Bestrebungen so zäh, so klug, so
ausdauernd sein wie die Juden, laßt uns, wie sie, erst erwerben und dann
ausgeben, anstatt uns beim Ausgeben so lange aufzuhalten, bis wir den
Halsabschneidern selbst in die Arme laufen, weil es für faule
Verschwender keine rechtlichen Leiher giebt."

Daß sie mit diesen Ansichten ziemlich allein stand, kann weder
wundernehmen noch ihrer Umgebung zu persönlichem Vorwurf gemacht werden.
Im Geiste Goethes lebte und dachte sie; für sie war des irdischen Lebens
höchster Inhalt, wie für Faust vor seiner Vollendung: die Arbeit im
Dienste der Menschheit, das Schaffen eines neuen Bodens für ein neues
Geschlecht. "Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit
freiem Volke stehn," darin gipfelten auch ihre Wünsche angesichts des
grenzenlosen Elends in der Welt. Und auch ihr Christentum war das
Goethes. Wenn er sagte: "Ich bin ein dezidierter Nichtchrist," so
drückte er damit dieselbe Absage an das kirchliche Christentum aus, das
sie kennzeichnete, wenn sie von ihrer "Gräfin Thara" sagte: "Sie
bezeichnete ihre Herzensstellung mit dem 'Ich bete allein'." Und wenn
sie erklärte: "Religion ist Tat," so geschah es auch in der treuen
Gefolgschaft ihres großen Meisters.

Aber zwischen diesen Auffassungen, die einer inneren Befreiung von
Vorurteilen und Selbstsucht und einer geistigen Höhe entstammen, von der
aus alles Materielle auf gleicher Ebene liegt, und denen der Generation,
die ihre Kinder angehörten, lag eine Welt, lag vor allem der große
Kampfplatz der sozialen Gegensätze, auf dem ein ungeheures Ringen ums
Dasein begonnen hatte, bei dem auf allen Seiten die persönlichen
Interessen die Führer waren. Den Wünschen der zum Bewußsein ihres Elends
gelangten Massen nach Freiheit, nach Gleichheit der Lebenshaltung
nachgeben, bedeutete für die privilegierten Klassen ein allmähliches
Aufgeben ihrer selbst, das dem einzelnen zwar möglich erscheinen konnte,
der, wie Jenny Gustedt, das Menschheitsinteresse allein im Auge hatte,
für die Gesamtheit aber unmöglich war. Diese historisch notwendige und
in seiner Entwicklung psychologisch folgerichtige Kampf entzündete
unausbleiblich jenen Haß, der sich bei zwei Gegnern immer entwickelt,
die um ihr Leben miteinander ringen, und dieser Haß wird wieder
notwendig das Urteil über den Feind irreführen und die besten Absichten
verdunkeln. Meiner Großmutter ging dafür jedes Verständnis ab, und das
erschwerte noch ihre Stellung.

Ihres Sohnes Wahl in den Reichstag, durch die zwar die Sphäre seiner
Interessen erweitert wurde, brachte sie noch mehr als früher in innere
und oft auch in äußere Konflikte, da sein schroffer, konservativer
Standpunkt ihren Widerspruch herausforderte. "Meines Sohnes neue
Tätigkeit hat dem geistig oft recht öden Leben einen neuen Inhalt
verliehen," schrieb sie an eine Freundin, "es kommen Bücher, Broschüren,
Zeitungen ins Haus, und vor allem die außerordentlich unterrichtenden
stenographischen Reichstagsberichte, die meine fast eingeschlafenen
politischen Interessen wieder rege machen und meinen alten Kopf oft mit
einer Flut von Ideen erfüllen, die wie gepanzerte Ritter im Turnier auch
wohl gegeneinander streiten. Wie viel Kraft, Klugheit, Erfahrung in den
Köpfen und Worten der Volksvertreter! Statt der Zeitungen, die Alles
parteipolitisch färben und mehr und mehr auf den sittlich tiefsten
Standpunkt gelangt sind, in jedem Gegner ohne weiteres einen Schurken zu
sehen -- wodurch die demoralisierendste Wirkung, die sich denken läßt,
von ihnen ausgeht -- sollten die Reichstagsberichte allgemein gelesen
werden. Bei mir befestigt sich dabei die theoretische Neigung nach
links, während ich doch wohl einsehen muß, daß praktisch die jetzige
konservative Regierung die beste ist. Das Ideal der Linken, das sich in
den viel verpönten und doch, christlich aufgefaßt, herrlichen Worten:
'Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit' ausdrückt, ist auch das meine
und entspricht der Reinheit der Theorie, steht aber im Widerspruch mit
der Unreinheit im praktischen Leben: es baut auf dem Fundament und der
Voraussetzung tugendhafter Menschen, während das praktische Leben auf
der Voraussetzung sündhafter Menschen bauen muß. Das große
Erziehungswerk aber der Geschichte und der Menschheitsentwicklung nähert
uns beständig dem Ideal, denn trotz aller Qualen und Greuel der
Gegenwart läßt sich der allgemeine, für unsere Wünsche freilich sehr
langsame Fortschritt doch nachweisen: von der unaufhörlichen
Kriegsplage, den Hexenverfolgungen und Ketzergerichten des Mittelalters,
über die Schauer der Negersklaverei bis heute -- ein stufenweises
Aufsteigen, zu dessen gottgewolltem Tempo wohl der Hemmschuh
konservativer Politik ebenso notwendig ist wir die Peitsche der
Sozialisten ... Nur wo die Konservativen schärfster Observanz sich nicht
mit dem Aufhalten begnügen, sondern erhalten wollen, was dem Tode
verfallen ist, da befinde ich mich in Gegensatz zu ihnen. Wie gute
Eltern sollten sie ihre Arbeit als ein Erziehungswerk betrachten, das ja
auch oft darin besteht, der zu großen Heftigkeit der Kinder Zügel
anzulegen, und sollten sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie,
wie alle Alten, der Jugend weichen müssen, wenn ihre Rolle ausgespielt
ist." In einem anderen, aus dem Jahre 1886 datierten Briefe schreibt
sie: "Ich möchte wohl mit den Plänen unseres eisernen Kanzlers
einverstanden sein, aber ich kann es nicht immer und bin froh, daß ich
mit meinem Gewissen nicht an der Stelle meines Sohnes im Reichstag
sitze. Allein die Kolonialpolitik ist mir nicht sympathisch, so sehr ich
den Schutz zum Auswandern billige -- Goethe sagt: wo wir nützen, ist
unser Vaterland! -- aber doch nur in Gegenden, die ein schönes Vaterland
werden können, nicht in die Glutöfen der Welt, wo man noch dazu mehr
Eisenbahnen brauchen wird, um zu besseren Ländern zu gelangen, als wir
in Deutschland noch brauchen, um das nötigste Verkehrsnetz zu vollenden,
und wo es, wie ich fürchte, nicht ohne jene Kolonialgreuel der
Unterdrückung und Ausrottung der Eingeborenen abgehen wird, die Englands
großartige Politik so beflecken. Auch mit der Polenausweisung bin ich
nicht einverstanden, ich halte sie für hart, grausam, ungerecht,
unpolitisch, erbitternd. Unter den Tausenden sind eine Masse harmlose,
gehorsame, genügsame Leute, die jetzt erst ein Polenbewußtsein bekommen,
und wenn Bismarck an eine Vorbereitung zu einem Polenaufstand glaubt, so
ist er es, der ihnen die Soldaten zutreibt. Einen ähnlichen Standpunkt
habe ich immer gegenüber der Sozialisten-Ausweisung eingenommen: es ist
selbstverständlich, daß der Staat Verbrecher verfolgt und ihnen die
Möglichkeit zum verbrecherischen Handeln nimmt, aber wie Wenige der
Ausgewiesenen mögen von Natur Königsmörder sein. Und wie viel
Idealismus wie viel ehrliche, aufopfernde Menschenliebe spricht aus den
Worten ihrer eigentlichen Vertreter im Reichstag! Sie sind nicht nur ein
notwendiger Sauerteig in unserer inneren Politik, sie wirken auch als
Strafgericht Gottes an all denen, die, befriedigt vom eigenen Wohlleben,
an der grenzenlosen Not der Millionen achtlos vorübergingen. Wollte
Gott, daß die Herrschenden sich dieses Strafgericht zu Herzen nehmen und
sich ihrer ungeheueren Unterlassungssünden ebenso bewußt werden wie der
großen Verantwortlichkeit, die eine Folge ihrer bevorzugten Stellung
ist. Du siehst, mein Lilychen, worauf alte Leute verfallen, die nichts
Tatsächliches aus ihrem Leben zu berichten haben: sie treiben sogar ihre
stille Privatpolitik, und im Hintergrund will der Wunsch nicht zur Ruhe
kommen, daß sie sogar damit noch nützen können. Meine Kinder habe ich
nach der Richtung aufgegeben, mein Enkelkind aber ist noch ein
unbeschriebenes Blatt und läßt sich vielleicht die großmütterlichen
Zeichen gefallen, die sich darauf einprägen möchten."

Nichts kann den Wesensunterschied zwischen meiner Großmutter und der
Welt, die sie umgab, deutlicher bezeichnen, als diese Briefe. Sie war
zwar weit entfernt davon, sich zu irgendeiner der sozialistischen
Theorien zu bekennen, sie beschäftigte sich gar nicht mit ihnen und wäre
z. B., hätte sie sich damit beschäftigt, zu einer Anerkennung der Idee
des Klassenkampfes nie gelangt, aber daß sie in ihr Beurteilung einen
Sozialisten menschlich auf gleiche Stufe stellte mit anderen Menschen,
daß sie praktische Forderungen, die von jener Seite kamen, als
berechtigt anerkannte -- das machte sie in diesem Kreise zu einer ganz
ungewöhnlichen Erscheinung und begegnete nur darum meist einem gewissen
nachsichtigen Schweigen und fand eine verzeihende Beurteilung, weil ihr
weltfremder Idealismus und ihr hohes Alter als die eigentlichen Ursachen
dafür angesehen wurden.

Ihre Lektüre der stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen
-- "die ich mit einem Eifer lese, wie Backfische einen spannenden Roman"
-- bestärkten sie indessen in ihren Auffassungen. "Ich gewinne," schrieb
sie, "besonders durch die Reden der Mitglieder der Linken, Einblicke in
Zustände, deren Grauen ich zwar ahnte, die mich aber doch angesichts
ihrer Wirklichkeit ganz außer Fassung bringen. Das Elend der Schuldlosen
-- das gräßlichste Rätsel der Welt! In den Dorfkathen hockt es und sieht
mich aus blöden Augen an, und in den Fischerhütten am Strand, wo ein
hartes Geschlecht in ständigem Kampf mit Wasser und Wind um das Bißchen
armseliges Leben ringt, und aus Zolas Romanen schreit es mir entgegen,
daß aller Rest von Lebensfreude davor die Flucht ergreift."

Ihr Mitleiden, das kein gefühlsmäßiges Mitleid mehr war, steigerte sich
fast bis zum Krankhaften. Kein Mensch, ja kein Tier war ihr zu gering,
als daß ihr Herz sich vor ihm verschlossen hätte; es wurde ihr zum
körperlichen Schmerz, wenn sie Unrecht sah, das sie nicht verhindern,
Kummer sah, dem sie nicht abhelfen konnte. Wenn sie sich früher
angesichts des unverschuldeten Unglücks dadurch beruhigt hatte, daß die
Schuld der Gesellschaft an Stelle der Schuld des einzelnen trat, so
vermochte sie jetzt nicht mehr dabei stehenzubleiben. Es gab für die
Greisin, die sich am Ende ihrer Tage demselben Sphinxrätsel des Lebens
gegenüber sah wie in ihrer Jugend, nur einen Ausweg, der sie davor zu
bewahren vermochte, den Glauben an den allgütigen Gott -- die Stütze
ihrer inneren Welt -- nicht selbst zu zertrümmern, ihn mit dem
namenlosen Unglück, das sie sah und empfand, in Einklang zu bringen: der
Glaube an Vor- und Nachexistenzen der Seele. Die christliche Idee von
einer künftigen ewigen Seligkeit hatte sie sich nie zu eigen gemacht,
"in ihr liegt weder ein Trost für die Unglücklichen," sagte sie, "noch
eine Erklärung dafür, warum der Eine ins Elend, der Andere in den Glanz
geboren wurde," aber der Gedanke einer unendlichen Entwicklung, in der
das Erdendasein nur eine der Episoden ist, hatte für sie etwas
außerordentlich Beruhigendes und Befriedigendes. Scheinbar
unverschuldetes Unglück war danach die Folge der Schuld früherer
Existenzen, und selbst für die Qualen der Tiere fand sie eine Erklärung
in der Seelenwanderung, wie sie der Buddhismus auch im Hinblick auf sie
lehrt. Ihr Glaube war so unerschütterlich, daß keine Einwendung dagegen
sie aus der Ruhe brachte. "Du glaubst nicht an Vorexistenzen, weil Du
Dich ihrer nicht erinnern kannst, und hältst sie, selbst ihr
Vorhandensein vorausgesetzt, für wertlos, wenn wir von unserem
persönlichen Vorleben nichts mehr wissen?" schrieb sie mir. "Kennst Du
nicht jenes merkwürdige Erinnern, das uns in Gegenden und in Situationen
befällt, die wir zweifellos auf Erden noch nicht sahen oder erlebten,
oder das Geheimniß der Sympathie, das Menschen gegenüber nicht anders
wirkt wie ein Wiedererkennen längst Vertrauter? Oder die Bilder des
Traums, die uns mit aller Lebendigkeit in Länder und unter Menschen
führen, die wir auch in diesem Leben noch nicht gesehen haben? Und was
den Wert der Erinnerung betrifft, so vergessen wir doch schon von
unserem irdischen Leben neun Zehntel aller Thatsachen und noch unendlich
mehr aller Worte; schon hier liegen die Lebensresultate nur in dem, was
wir geworden sind, schon hier lösen sich Hunderte von scheinbar nahen
Verhältnissen bis zur Vergessenheit. Ist es nicht sogar in tausend
Fällen eine Erlösung, wenn die Erinnerung verblaßt und verlischt? Es
kommt gewiß in früheren und späteren Existenzen des Geistes nicht auf
Erinnerung, sondern auf Gewordensein an."

Und in einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: "Am Schlusse meines
Lebens ist das innere Drängen, Stürmen, Fragen, das Hin- und
Hergeworfensein zwischen Glauben und Zweifeln beseitigt; mit den Dogmen
habe ich abgeschlossen ... Das Unglück der Schuldlosen, Kinderqualen,
Leiden, die vor unseren Augen nicht zur Besserung, sondern zum Verderben
zu führen scheinen, die geringe Zahl der Namenchristen und die noch
geringere der Christen im Geiste und in der Wahrheit, die Millionen in
Irrthum und Grausamkeit hereingeborener Menschen -- Rätsel, die mich
mein Leben lang quälten und meine Freuden vergällten, sind mir zu
Mysterien geworden, Folgen oder Beziehungen von Vor- und Nachexistenzen.
Darüber hinaus dringt siegreich mein Hoffen, und ich glaube, daß
schließlich allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntniß der
Wahrheit kommen. Es scheint mir begreiflich, daß, wie ein Maulwurf das
Licht nicht sehen, wie ein unmündiges Kind den Faust nicht verstehen
kann, wir auf unserer Erdenstufe die höheren Stufen noch nicht zu
erkennen vermögen. Auch der ungeheure Fortschritt der Wissenschaft und
der trotzdem noch so geringe Umfang unseres Wissens dient mir zum
Beweise dafür, wie viele Erkenntniß-Entwicklungen wir sowohl in der
irdischen wie in anderen Existenzen noch vor uns haben. Wo aber der
Verstand sich entwickelt, sollte die Seele es nicht vermögen, sollte
nicht reifen und wachsen und Höhen erreichen, die auf Erden nur wenige
-- ein Christus, ein Goethe -- erreicht haben!?"

Aber wie ihr ganzes Lebensgebäude zusammengestürzt wäre, wenn dieser
Glaube nicht die Brücke gebaut hätte zwischen ihrem Gottesglauben und
ihrer Menschenliebe, so wäre sie auch an dem Schmerz und an der Größe
ihrer Mutterliebe zugrunde gegangen, wenn sie die Hoffnung auf ihrer
Kinder endliche höchste Entwicklung hätte aufgeben müssen.

Die letzte Eintragung in ihr Sammelbuch besteht in jener düsteren
spanischen Ballade, die von dem Jüngling erzählt, der der Mutter das
Herz aus der Brust reißt, um es der grausamen Geliebten zu bringen. Er
stürzt auf dem Wege zu Boden --

    "Da sieh, dem Mutterherzen
    Ein Tropfen Bluts entrinnt,
    Und fragt mit weicher Stimme:
    Tat'st Du Dir weh, mein Kind? ..."

So groß, so stark war auch ihre Liebe, die durch alle Wunden, die ihr
geschlagen wurden, nicht sterben, sondern nur immer noch wachsen konnte.
Aus dieser Empfindung heraus schrieb sie mir: "Mir ist oft, als müßte
ich denen Glück wünschen, die nicht heiraten und keine Kinder haben. Wie
gering ist die Zahl der Mütter, bei denen das Glück das Unglück
überwiegt! Für Muttermühe, Muttersorge, Mutterarbeit entschädigt die
Liebe zu den Kindern und die Freude an ihnen -- aber der Schmerz und
Stachel über ihre Leiden und ihre Sünden und ihre schweren Schicksale,
die sind _par-dessus le marché_, und je mehr man liebt, desto schwerer
ist dies Mitleiden, und je älter man wird, desto kraftloser ist man
dagegen, sogar Gebet, Glaube und Frömmigkeit lassen darin schmerzliche
Lücken. Eine Mutter trägt nicht nur ihre eigene Last, sondern noch die
Lasten ihrer Kinder und Kindeskinder bis zum Grabe, und das schlimmste
ist, daß sie sie ihnen dadurch nicht einmal abnimmt ... Und wenn ihr
Nest leer geworden ist, sie keine oder oft keine erfüllbaren Pflichten
mehr hat, ihre Kinder ihr fremd und fremder werden, ihr Rat nicht gehört
wird und ihre Erfahrungen nichts nützen -- wie furchtbar, wie
unerträglich würde diese entsetzlichste Lebensenttäuschung sein, die
Enttäuschung an dem, was wir aus unserem Blut entstehen sahen, mit
unserem Herzblut nährten, wenn es den einen Trost nicht gäbe: den
Glauben an immer neue Verwandlungen, bis für Alle die höchste Stufe der
Seelenentwicklung erreicht ist. Der Schmerz freilich bleibt: hat das
Erdenfegefeuer sie nicht genug gereinigt, so sinken sie in eine noch
tiefere Hölle der Prüfungen -- vielleicht, daß die Thränen der Mutter,
auch die ungeweinten, die am schwersten wiegen, sie davor bewahren! Wenn
ich rückwärtsschauend mein Leben betrachte und mich frage, welches
Gefühl das mächtigste, welche Erkenntniß die folgenreichste, welche
Hoffnung die sicherste ist, so lautet die Antwort: Das tiefste Gefühl
ist die Mutterliebe; die wichtigste Erkenntniß: Die Sünde ist der Welt
Verderben; die sicherste Hoffnung: Die Entwicklung der Menschheit bis
zum höchsten Sein. Ohne diese würden Gefühl und Erkenntniß nur die
Qualen der Erdenkinder erhöhen, und es gäbe nur einen Ausweg aus dieser
Hölle: Die Selbstvernichtung der Menschheit."

So war sie am Ende des Lebens da angelangt, wo Goethe gestanden hatte,
als er schrieb:

    "... Und solang Du dies nicht hast,
    Dieses: Stirb und Werde,
    Bist Du nur ein müder Gast
    Auf der armen Erde."

Und sie sah dem Tode entgegen im Sinne seiner letzten Worte, die sie oft
wiederholte: "Nun kommt die Wandelung zu höheren Wandelungen."

Innerlich fester verbunden wie je und nur äußerlich fern der alten
Heimat, schien sich der Kreislauf ihres Lebens leise zu schließen. Und
als ob die Harmonie ihres Wesens auch in ihrem Dasein zum Ausdruck
kommen sollte, so berührte das Ende den Anfang. Hatten sich beschattend,
aber auch schützend die Äste des Waldriesen über sie gebreitet, so
schmiegten sie sich jetzt wie Freundesarme um sie.

Mit denen, die sie in Weimar lieb hatte, war sie immer in Verbindung
geblieben und hatte an allem, was sie erzählten, den lebhaftesten Anteil
genommen. Nur einer, der zu den Nächsten gehörte -- der Großherzog --
war seit ihrer Abreise verstummt. Er hatte ihre Trennung von Weimar
nicht begriffen und sie als eine persönliche Kränkung empfunden, die er
nicht verwinden konnte; daß es vor allem pekuniäre Sorgen waren, die sie
dazu gezwungen hatten, daß sie geblieben wäre, wenn sie sich eine
größere, zur Aufnahme ihrer Kinder mögliche Wohnung hätte gönnen dürfen
-- das hatte ihr Stolz ihm verschwiegen, das verschwieg sie ihm auch
dann, als sein Mißverstehen, der scheinbare Verlust seiner Freundschaft
ihr tiefe Schmerzen bereitete. "Eure Generation, die so reich an
Verstandeserkenntniß und so bettelarm an Herzensreichtum ist, weiß
nichts von dem Wert treuer, lebenslanger Freundschaft," schrieb sie,
"sie ist die Wahlverwandschaft der Seelen, die uns die Fremdheit der
Beziehungen des Bluts vergessen läßt, sie ist der Hebel geistigen
Fortschritts, der größte menschliche Trost im Leid. Einen lebendig
verlorenen Freund beweinen müssen, ist darum viel schmerzlicher, als um
das unabweisbare Geschick seines Todes zu trauern. Daß der Großherzog
mich so mißverstehen konnte, wo die gute Kaiserin mich so ganz verstand,
war darum eine harte Prüfung für mich. Nun ist meines lieben Walter
Goethes Tod die Brücke geworden, die ihn wieder zu mir hinüberführte --
wie denn das Beste in meinem Leben immer in tiefer Beziehung zu dem
Namen Goethe gestanden hat." Walter Goethes Vermächtnis seines
großväterlichen Nachlasses an die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar
war nicht nur ein Zeichen seiner großen Gesinnung, sondern auch ein
Beweis für seine Menschenkenntnis. Er wußte, daß es durch sie in der
rechten Weise zu einem Besitztum des deutschen Volkes werden würde. "Es
ist so viel über Goethes Nachlaß gestritten worden," heißt es in einem
Brief meiner Großmutter, "man hat oft mit mehr Neugierde als
Begeisterung darnach verlangt, mir selbst sind von allen Nachlässen die
geistigen Goetheflammen in seinen Enkeln als die wichtigsten und
liebsten erschienen, und daß ich recht hatte in meiner großen Meinung
über diese so viel Gescholtenen beweist Walters Testament. Die
großartige und würdige Weise, wie es zur Verherrlichung seines großen
Ahnen gewandelt wird, entspricht ihren Charakteren, die zwar nicht in
dieses Jahrhundert, aber in das Große und Edle aller Jahrhunderte
passen." Als nun auch das Goethe-Haus der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht und die Empfangszimmer wie zu Goethes Lebzeiten gestaltet werden
sollten, wandte man sich von Weimar aus an sie, die einzige, die von der
ehemaligen Beschaffenheit der Räume noch etwas Genaues wissen konnte.
Nach ihrer Beschreibung und einer Zeichnung, die sie sandte, wurden sie
in ihrer alten schlichten Vornehmheit wieder hergestellt. "Ich
beschäftige mich viel mit Weimar," schrieb sie mir, als sie davon
erzählte, "und es versinkt ein halbes Jahrhundert meines Lebens, während
in jugendlicher Frische die alte schöne Zeit vor mir aufsteigt. Ob die
Goethe-Gesellschaft ein Mittel sein wird, sie auch für die Menschheit
lebendig zu machen, wage ich nicht zu entscheiden. Es ist leider eine
Eigentümlichkeit des Deutschen, daß er gute und große Gedanken hat, sie
aber verknöchern und versumpfen, sobald er sie in die Paragraphen eines
Vereinchens zwängt. Auch der deutsche Gelehrte, so hoch ich ihn stelle
als gründlichen Wahrheitssucher, gerät mit seinem Forschungstrieb leicht
in Kleinigkeiten, und dann geht ihm der große Blick für das Ganze
verloren. Hoffentlich wird der Goethe-Verein nie vergessen, daß Goethe,
neben seinem Interesse für das Kleinste, das Große stets obenan stellte,
hoffentlich wird er seinen Geist zu erforschen und lebendig auszubreiten
suchen, was uns recht not tut ..." Der Großherzog, erfüllt mit
jugendlicher Begeisterung für die neue große Aufgabe Weimars, wandte
sich nun auch an die alte Freundin mit Fragen und Bitten, die die Zeit
Goethes und ihre Erinnerungen daran betrafen. Und die ferne Einsamkeit
Ostpreußens wurde ihr belebt und erfüllt mit den unsterblichen Gestalten
der Vergangenheit. Unermüdlich im Fragen war der Großherzog, unermüdlich
im Antworten war sie. Im Traum verloren machte sie ihre regelmäßigen
Spaziergänge durch Park und Wald oder saß still mit gefalteten Händen in
ihrem tiefen grünen Stuhl; ihr Mund zuckte nicht mehr so oft wie sonst
in schmerzlicher Sorge, ein weiches Lächeln umspielte ihn -- mit sanftem
Kuß grüßte sie der Genius ihrer Jugend.

Immer schattenhafter erschien ihr die Gegenwart, immer mehr lebte sie in
der Vergangenheit und in einer Zukunft, die sie jenseits des Grabes sah:
"Ich sehe von Stufe zu Stufe, von Licht zu Licht bis in den fernen,
gottdurchglänzten Raum des Allerheiligsten. Ein Reich des Lichts, voll
Musik, voll Liebe, hört und fühlt mein Geist mit einer Zuversicht, die
täglich wächst. Und lächelnd, fast ohne Schmerz winke ich denen, die
mir vorangingen, grüßend zu ..."

Es waren ihrer viele vorangegangen: Pauline, die blinde Schwester, war
in demselben Kloster gestorben, das des verlassenen Säuglings erster
Zufluchtsort gewesen war, und Beust, auf den sich alle schwesterliche
Liebe meiner Großmutter nun konzentriert hatte, war ihr gefolgt. "Er
war," schrieb sie von ihm, "ein reiner Mensch und darum eine vornehme
Natur, wie ich eine zweite nicht kenne." Sein Tod wurde, wie der Walter
Goethes, zu einem neuen Bindeglied zwischen ihr und dem Großherzog. Auf
ihren Brief, der den Freund über den Verlust des Freundes zu trösten
versuchte, antwortete er:


"Schloß Wartburg, am 9. September 1889.

"Ihr Brief, gnädige Frau, hat mich tief gerührt, ich wollte, ich könnte
Ihnen danken, wie ich es fühle. Jede Zeile erweckt Erinnerungen und
Bedauern, die sich darin gleichen, daß sie, die einen wie die andern,
sich in mir nur durch Schweigen ausdrücken. So tief ist die Furche, die
der Schmerz um den Verlust meiner Mutter in mein Herz grub, und so tief
ist auch die, die mir der Verlust meines Freundes gräbt. Er gehört zu
denen, deren Eindruck erst erkennen läßt, was man besessen hat. Und man
lernt die ganze Größe dessen, was man besaß, erst kennen, wenn der
Besitz verloren ging. So feste Bande zwischen den Menschen, wie die
zwischen mir und ihm, ziehen gleichsam, wenn sie auseinander gerissen
werden, ein Stück von unserem eigenen Ich mit sich ... So haben Sie mich
doch wider meinen Willen zu einer erlösenden Aussprache veranlaßt. Sie
allein können beurteilen, was ich leide! Der Glaube, daß mein treuer
Freund nun mit denen vereint ist, die ihm vorangegangen sind und die er
so zärtlich liebte, ist wohl ein Trost, aber den Verlust läßt er mich
nicht überwinden.

"Ihr Brief hat mich in Wilhelmsthal gesucht und in Weimar gefunden. Der
nahende Herbst hat mich und meine Tochter Elisabeth veranlaßt, die
Gegend zu verlassen, an die sich all die schönen Erinnerungen knüpfen,
die Ihr Brief heraufbeschwor. Ich gestehe Ihnen, daß ich an jenem lieben
alten Hause auch um anderer teurer Jugenderinnerungen hänge, die mit
unsichtbarer Schrift auf seinen Mauern geschrieben stehen. Wie bedaure
ich, gnädige Frau, mit Ihnen nur noch schriftlich verkehren zu können,
und wie sehr bedauerte es der Verstorbene, der in derselben Lage war wie
ich. Aber die Erinnerung kennt weder Zeit noch Entfernungen, und auch
das Herz weiß von beiden nichts. Das empfindet aufs tiefste und mit
aufrichtiger Dankbarkeit

Ihr alter Freund

Carl Alexander."


Auch aus der Ferne schloß sich der Kreis der alten Freunde um so enger
zusammen, je kleiner er wurde. Drei Greise waren es nur noch -- Jenny
Gustedt, der Großherzog und die Kaiserin -- die das Band einer
gemeinsamen Vergangenheit umschloß. Und unter ihnen war Jenny die
Trösterin, die, die sie aufzurichten versuchte aus dem niederdrückenden
Leid. "Aus jeder Zeile, die meine geliebte Kaiserin mir schreibt," heißt
es in einem Brief meiner Großmutter aus dem Jahre 1888, "lese ich, wie
schwer sie unter den Schlägen des Schicksals leidet: den Gatten, den
Sohn verloren, den Enkel, der die erziehende Schule des Kronprinzentums
nicht durchmachte -- wie sie sich ausdrückt -- unter der Last einer
schwer zu tragenden Krone, mit dem Ausblick in eine ungewisse Zukunft."
Nicht allzu lange sollte die Kaiserin die neue Zeit miterleben, die ihr
immer fremder wurde. In den ersten Tagen des Jahres 1890 schloß sie die
müden Augen für immer. Kurz darauf schrieb Carl Alexander an ihre
Freundin:


"Berlin, Schloß, 15. Januar 1890.

"Sie werden es mir, wie sich selbst, gern glauben, daß Ihre Teilnahme
mir eine wahre Wohltat gewesen ist. Sich selbst, weil es Ihr Herz war,
das Ihre Feder führte, und weil es der Schmerz ist, der die Sprache der
Freundschaft am liebsten hört. Ich kann von meinem eigenen Verlust nicht
sprechen. Das ist auch nicht nötig. Ein Jeder macht mir den Eindruck,
als hätte er einen persönlichen Verlust erlitten. Das ist, wie ich
glaube, das charakteristische Zeichen dieses Unglücks.

"Gestatten Sie mir, hier zu schließen. Es giebt Ereignisse, deren
einzige Sprache das Schweigen ist, denn dieses allein ist der richtige
Ausdruck für den größten Schmerz.

"Mein treuer Beust fehlt mir sehr und fehlt mir stets aufs neue und
immer mehr ...

"Leben Sie wohl, gnädige Frau. Das Gedächtniß meiner Schwester und
meiner Mutter werden Sie immer treu bewahren, erinnern Sie sich aber
auch freundlich

Ihres sehr traurigen Freundes

Carl Alexander."


Seiner Bitte um ein Erinnern folgte von Weimar aus eine neue: Goethes
letzte Lebensjahre möchte sie schildern, sie, die von allen Überlebenden
dem großen Toten jetzt noch am nächsten stand. Und während der
Wintersturm vom Haff herüberbrauste und Wintereinsamkeit das Haus mit
tiefer Stille füllte, saß die alte Frau am Schreibtisch und suchte ihren
Erinnerungen eine Form zu geben. "Ich werde selbst wieder jung dabei,"
schrieb sie mir, als sie von ihrer Tätigkeit erzählte. Auf ihre ersten
Sendungen antwortete der Großherzog:


"Weimar, 28. Januar 1890.

"... Ich erhielt die Blätter, die Sie, meine liebenswürdige und getreue
Freundin, die geduldige Güte hatten mit Details über Goethe und die
englische Gesellschaft während seiner letzten Lebensjahre zu füllen, und
um die ich mir erlaubt hatte, Sie zu bitten. Ich komme heute, um Ihnen
die Hand dafür zu küssen. Vor allem aber komme ich, um Sie um
Entschuldigung dafür zu bitten, daß ich abermals an dieselbe Güte
appelliere, die mich so zu Dank verpflichtet, und an dieselbe
Erinnerung, die mich entzückt. Meine Unbescheidenheit verlangt vor Allem
eine Erklärung; hier ist sie: Das Testament Walter Goethes hat mit dem
Augenblick, da es bekannt wurde, in Weimar ein neues Leben erweckt. Ich
kann es nicht besser charakterisieren, als indem ich versichere, daß man
den Eindruck hat, als ob die Seele des größten deutschen Dichters, die
Seele Goethes, wieder eingezogen sei in diese Stadt, in sein altes Haus,
in das Schloß, um aufs neue zu wirken und zu schaffen. Hervorragende
Männer sind herberufen worden, um Walter Goethes Vermächtniß zu ordnen
und zu verwalten, andere haben sich bemüht, Zulassung zu der
wundervollen neu entdeckten Quelle zu finden; sie kamen und kommen, um
im Archiv zu arbeiten, und wir verdanken dem Umstand eine Fülle
interessanter Bekanntschaften. Einen jungen Amerikaner, Mr. G..., rechne
ich dazu, der eine Arbeit "Goethe in England" unter der Feder hat, und
für den es sehr wichtig ist, alle Beziehungen zwischen Goethe und
England kennen zu lernen. Diese Notwendigkeit führte mich zu Ihnen, und
das Interesse, das ich an der Sache nehme, läßt mich meine Bitte
wiederholen. Und um meine Zudringlichkeit vollends auf die Spitze zu
treiben, gestatten Sie mir, Sie zu bitten, für mich Notizen über Alles
zu machen, was an Tatsachen, Unterhaltungen und Namen aus jener Zeit
noch in Ihrer Erinnerung lebt. Diese Zudringlichkeit ist so natürlich,
daß Sie sie verzeihen, und so notwendig, daß Sie sie verstehen werden.
Es lohnt sich der Mühe, die Arbeit, die ich Ihnen zumute, in zwei Teile
zu teilen: die eine, die Erinnerungen an die Engländer enthaltend, so
daß sie Mr. G... von Nutzen sein kann, die andre, für mich persönlich,
die die übrigen Erinnerungen an die große Epoche Weimars zum Gegenstand
hat.

"Goethe hatte die Gewohnheit, jeden großen Schmerz dadurch zu bekämpfen,
daß er eine neue Arbeit unternahm. Dieser Brief ist freilich keine,
aber er gehört zu jener Tätigkeit, die ich mich bemühe, im Gang zu
erhalten, weil ich in dieser fremden Welt der Seelen so schwer zu
kämpfen habe. Dieser Kampf wird mir um so leichter werden, je eher ich
dort Verständniß finde, wo ich verstanden sein möchte. Sie werden aus
diesem Bekenntniß, teuerste Freundin, nichts Neues folgern, denn Sie
kennen, wie ich hoffe,

Ihren alten, treu ergebenen Freund

Carl Alexander."


"Weimar, den 11. Februar 1890.

"... Ich habe niemals aufgehört, Ihr Fernsein von Weimar, meine liebe
verehrte Freundin, auf das lebhafteste zu bedauern, ich tue es jetzt
lebhafter denn je: wie würden Sie sich inmitten all der Tätigkeit wohl
fühlen, die ich nicht anders charakterisieren kann als mit dem
symbolischen Bilde des Januskopfes, denn sie umfaßt die Vergangenheit
und wirkt für die Zukunft ...

"Vier Wochen sind heute seit unserem großen Verlust vergangen. Ich fühle
mich in dem seelischen Kampf, der von ihm hervorgerufen wurde, noch
nicht als Sieger. Und er beginnt immer wieder, wenn ich am wenigsten
daran denke. Wie seltsam ist doch dieses doppelte Leben, das wir führen:
eines nach außen und eines nach innen, und Liszt hatte Recht, als er
während einer für ihn sehr schweren Zeit der Prüfungen einmal sagte: es
schiene ihm, als ob ein zweites Ich es auf sich genommen habe, sie zu
ertragen. Da wäre ich bei den intimen Bekenntnissen angelangt -- die
rechte Sprache einer fest gegründeten Freudschaft! Und sie ist keine
bloße Vermutung, sondern die einfache Wahrheit von Seiten

Ihres treuesten Freundes

Carl Alexander."


"Weimar, den 20. März 1890.

"Die Verlegenheit, meine teuerste Freundin, scheint mir den schlimmsten
aller Momente zu schaffen, um einen Brief zu schreiben. Dieser Gedanke
ist für mich zur Überzeugung geworden, als ich die Feder ergriff, um
Ihnen -- endlich! -- für Ihren liebenswürdigen Brief zu danken und für
die interessanten und wertvollen Notizen, die ihn begleiteten. Ich
bedarf von Seiten Ihrer alten und treuen Freundschaft aller Nachsicht
und all der Güte, die sich mir gegenüber stets bewährt hat, um Ihrer
Vergebung angesichts meiner Nachlässigkeit und Undankbarkeit sicher zu
sein. Ich habe aber trotzdem ein Recht, zu versichern, daß meine Sünden
nur scheinbare sind: Sie werden die erste sein, mir zu vergeben, wenn
Sie sich erinnern wollen, welch traurige Pflichten mich Anfang des
Monats nach Berlin geführt haben. Nun aber bin ich wieder zu Ihren Füßen
mit meinem aufrichtigsten Dankgefühl. Nehmen Sie es als solches an.

"Ihre Notizen haben den doppelten Reiz eines wichtigen und interessanten
Inhalts und einer entzückenden, faszinierenden Form. Wir sollten Ihr
Gedächtnis und Ihre Feder in Anspruch nehmen, um ein Bild der
Gesellschaft Weimars zu zeichnen. Ich habe mir immer gewünscht, daß ihre
Geschichte geschrieben würde. Das könnte nicht besser geschehen, als
wenn Zeitgenossen einzelne Personen darstellen, und Niemand in der Welt
wäre dazu besser imstande als Sie. Und so sehen Sie mich abermals als
Bittenden nahen, um Sie zu beschwören, es zu tun! Die Biographie
Ottiliens wäre das erste, was Sie unternehmen sollten. Ein Lebensbild
Walter Goethes zu zeichnen, würde ich sehr gern unternehmen. Wolf hat
einen ebenso treuen wie geschmackvollen Biographen in seinem Freunde
Mejer gefunden. Der Salon von Johanna Schopenhauer ist von Stephan
Schütze geschildert, aber noch nicht veröffentlicht worden. Eine
Sammlung würde auf diese Weise entstehen, die an Interesse zunehmen
würde, je mehr die Epoche sich entfernt, die sie schildert, und je mehr
die litterarischen Publikationen des Goethe-Schiller-Archivs
fortschreiten. Diese würden für unsere Sammlung erst die Atmosphäre
schaffen. Lassen Sie mich Ihrem Nachdenken meine Überlegungen
anvertrauen, während die Vögel von Liebe singen und die Blumen den
Frühling predigen. Zahllose Kindererinnerungen sind durch Ihre Notizen
erweckt worden wie Blumen aus dem Lenz meines Lebens, und es ist nicht
ohne tiefe Bewegung -- Sie können nicht anders empfunden haben! -- daß
ich diese Zeugen der Vergangenheit vor mir lebendig werden sah! ...

"... Wie fehlt mir dauernd mein treuer Beust, und wie anders wäre es,
wenn Sie mir nicht auch fehlen würden!

"Die Reichstagswahlen haben uns hier sehr beschäftigt, wir sind von den
Resultaten degoutiert. Ich finde übrigens, daß der Moment für den
Abschied des Reichskanzlers sehr schlecht gewählt ist. Daß er es so
wollte, vermindert beinahe den Eindruck des Unglücks, das im ersten
Moment empfunden wurde.

"In der Verlegenheit habe ich angefangen, ich schließe mit der Politik
-- Beide begegnen einander öfters -- Der Himmel wolle, daß wir von der
einen entfernt bleiben und daß Sie aus der anderen befreien

"Ihren treuesten, anhänglichsten und ganz ergebenen Freund

Carl Alexander."


"Weimar, den 9. April 1890.

"Goethe sagt irgendwo:

    Du im Leben nichts verschiebe,
    Sei Dein Leben Tat um Tat,
    Und Dein Streben sei's in Liebe,
    Und Dein Leben sei die Tat.

"Es steht gewiß nicht im Widerspruch dazu, wenn ich mit der Beantwortung
Ihres liebenswürdigen Briefs die Zusendung des Buchs von M. Mejer über
Wolf Goethe verbinde, das Sie sicherlich interessieren wird. Der Autor
hat es mit Liebe geschrieben -- es gelingt nichts, wie Sie wissen, wenn
man nicht auch mit dem Herzen bei der Sache ist! ... Nur Sie allein,
meine sehr liebe und verehrte Freundin, könnten, wenn Sie die Biographie
Ottiliens schreiben wollten, etwas noch weit Besseres leisten, denn ich
glaube, daß im allgemeinen die Feder einer Frau mehr dafür geeignet ist,
eine so merkwürdige, ungewöhnlich begabte, aber niemals im Gleichgewicht
sich befindende Persönlichkeit zu charakterisieren, wie Frau von Goethe
es war. Ich komme abermals, um Sie darum zu bitten, obwohl ich verstehe,
daß Ihre Freundschaft für Ottilie Ihnen dabei einige Skrupeln macht.
Gestatten Sie mir dazu zu bemerken, daß es nur menschlich ist, Fehler zu
haben, daß aber alles Menschliche notwendig die Kritik herausfordert,
noch mehr jedoch auf Verständniß und Vergebung rechnen kann. Die
Geschichte Ottiliens ist im übrigen so bekannt, daß es sich um
Indiskretionen dabei kaum mehr handeln kann. Die Biographie ihrer
Freundin, Mrs. Jameson, ist ein Beweis dafür. Nur um die Auferstehung
der großen Epoche Weimars, die durch Walter Goethes großherziges
Vermächtniß hervorgerufen wurde, zur vollständigen zu machen, bitte
ich Sie, Ihre Erinnerungen und Ihre Feder in den Dienst der Sache zu
stellen ... Meine Frau dankt Ihnen herzlich für Ihre Glückwünsche, meine
Kinder vereinigen sich mit mir im Gefühl der Liebe und der Dankbarkeit
für Sie, und ich danke Ihnen noch besonders und voll tiefer Bewegung für
die Worte, die Sie meiner geliebten, unvergeßlichen Mutter gewidmet
haben. Ich habe das Recht, so zu sprechen, denn auf der einen Seite
führen mich meine Pflichten in die Vergangenheit zurück, auf der anderen
lebt mein Herz in ihrem Kultus. Er wird mit Gottes Hilfe der Compaß
sein, der mich in die Zukunft leitet, die ich mich bemühe, im Vorhinein
zu verstehen, indem ich die Geschichte studiere, und für die ich mich
vorbereite, indem ich mich selbst immer weiter zu einer selbständigen
Individualität zu entwickeln trachte ... Offene Aussprachen wie diese
sind nur Fortsetzungen unserer unvergeßlichen Weimarer Unterhaltungen.
Die Freundschaft ist doch die süßeste aller Gewohnheiten. Meinen Sie
nicht auch? -- Jedenfalls ist es die Ansicht

Ihres getreusten Freundes

Carl Alexander."


Kurze Zeit nach Empfang dieses Briefes schrieb mir meine Großmutter:
"Mein von Dir übersetzter alter Aufsatz über Ottilie ist freilich keine
Biographie und mein Auszug noch weniger, doch bin ich dem alten guten
treuen Freund gern gefällig, der ihn haben will. Er schreibt mir gute
und schöne Briefe und hat mir endlich mein Wegziehen von Weimar
vergeben; unserer Kaiserin Tod hat uns zu einander isoliert, und was den
Jetztmenschen Phrase ist, bleibt uns Bedürfnis und Wahrheit. Das stumme
Nebeneinanderhergehen in Freud und Leid schnürt mir jetzt wieder, da die
Söhne hier sind, das Herz zusammen und nimmt dem Zusammenleben Trost und
Wärme; wenn auch etwas Tränen und Sorge dabei gespart werden, so wird
viel Höheres an Rat, Mitgefühl, Seeleneinfluß und Liebe Preis gegeben
oder wenigstens beschattet und verscharrt ... Ich bin immer sehr müde
und schlafe viel; dabei lächelt eine heitere Frühlingssonne in mein
Zimmer und tanzt freundlich um die Bilder meiner Lieben. Wenn ich im
Halbschlummer liege, ist es mir, als ob sie Alle lebendig würden, oft
füllt sich der Raum ganz an mit trauten Gestalten -- fernen, halb
vergessenen und ewig geliebten. Dann meine ich oft, ich wäre in Weimar
... Mein guter Großherzog ist es, der mir die Vergangenheit so lebendig
vor die Seele zaubert. Ich danke es ihm, denn sie war schön -- viel
schöner als die Gegenwart, und meine Sehnsucht wächst, je weiter ich
mich von ihr entferne ... Oder nähere ich mich ihr wieder? ..."

Oft schien es, als spräche sie mit teuren, anwesenden Freunden -- und
doch war das Zimmer leer. Auf einen fragenden, erstaunten Blick ihrer
Kinder sagte sie dann lächelnd: "Wundert Euch nicht -- sie waren
wirklich da, sie reden mit mir, während Ihr schweigt --" Sie hatte
keinerlei Schmerzen, aber ihr Bedürfnis, allein zu sein, nahm zu, ihre
Spaziergänge wurden immer kürzer, und ein äußeres Interesse nach dem
anderen fiel von ihr ab. Ihr Herz aber lebte ein um so stärkeres Leben,
und aus ihren Augen leuchtete es wie Verklärung. Mitte April schrieb sie
dem Großherzog u. a.: "Mutterliebe und Erinnerung sind meine
Lebenselixire. Wie in einen schützenden Mantel und undurchdringlichen
Harnisch möchte ich Kinder und Enkel hüllen, und dankbar vor dem
Abschied von dieser Lebensstufe ein paar immergrüne Blättchen dem zu
Füßen legen, der meiner Jugend Abgott, meines reifen Lebens Erzieher,
meines Alters Freund und Vorbild ist. Ihnen brauch ich ihn nicht zu
nennen ... Nehmen Sie, was ich schrieb, nur wieder als Zeichen der guten
Absicht an, denn die Kräfte versagen. Die Vorangegangenen werden mir
immer gegenwärtiger. Sie rufen mich." Der Großherzog schrieb darauf:


"Weimar, den 26. April 1890.

"In Ihrem gütigen und interessanten Brief vom 16. sagen Sie mir, daß
Ihnen, gnädige Frau, die Biographie von Mrs. Jameson unbekannt ist. Ich
erlaube mir, sie Ihnen zuzuschicken ... Da Sie Ottiliens
Lebensgeheimnisse kennen, werden Sie zwischen den Zeilen lesen, was die
Freundschaft verbergen wollte. Man sagt, daß der Kaschnack -- der
Schleier, mit dem die Frauen des Orients ihr Antlitz bedecken und der
nur die Augen frei läßt -- ihnen einen ganz besonderen Reiz verleiht.
Die Seiten der Biographie, in denen von Ottilie die Rede ist, betätigen
diese Auffassung. -- Und Walter Goethe, mein Freund Walter, wo bleibt
sein Portrait, seine Biographie, die ihn darstellt, so wie er war! Das
schmerzt mich, denn ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit und
Undankbarkeit, daß die großen Eigenschaften dieser edlen Seele nicht in
der Oeffentlichkeit bekannt werden ... Dürfte ich selbst zur Feder
greifen? Um Walter richtig zu beurteilen, muß man mit ihm vertraut
gewesen sein, es genügte nicht, ihn zu sehen oder auch nur mit ihm zu
verkehren. Er zeigte sich nur in der Intimität, und ich darf wohl sagen,
daß ich zu denen gehörte, die ihm am nächsten standen ... Seine
Schöpfung, das Goethe-Schiller-Archiv, vervollständigt sich inzwischen
mehr und mehr, und ich hoffe, daß es sich nach und nach zum Archiv der
deutschen Litteratur erweitern wird. Sie sehen: meine Träume suchen
immer den Frühling! Sie sprechen vom Herbst, von den schweren Verlusten
der Freundschaft -- lassen Sie mich Ihnen mit einer Hoffnung antworten.
Hoffnung aber läßt nie zu Schanden werden!

In treuster freundschaftlicher Gesinnung küßt Ihnen die Hände

Ihr alter Freund

Carl Alexander."


Auf diesen Brief kam keine Antwort mehr. Die Hand der
Achtundsiebzigjährigen war müde geworden, und ein Schleier nach dem
anderen umhüllte ihren Geist. Wohl suchten auch ihre Träume den
Frühling, aber nicht den, der draußen die Bäume mit Blüten bedeckte, der
vor ihren Fenstern Veilchen und Reseden duften ließ, der mit holden
kleinen Lenzesgrüßen ihre Zimmer schmückte. Sie schlief -- sie träumte
-- und wenn sie die Augen öffnete und des Sohnes oder der Tochter Hand
leise drückte oder zärtlich über das Köpfchen ihres jüngsten Enkelkindes
strich -- dann war das ihres Gegenwartlebens einziges Zeichen. Kam der
Abend, und deckte der dunkle Schleier der Nacht Haus und Garten, dann
erst, so schien es, ward es lebendig um sie: wie leise Schritte war's,
wenn die Lindenblätter weich über die Scheiben strichen, wie Rauschen
von Gewändern, wenn durch den wilden Wein an der Mauer der Westwind
strich, wie Flüstern von Stimmen, wenn über das Dach hin die alten Äste
sich berührten. Alle sah sie, grüßte sie, lächelte ihnen zu und rief sie
mit Namen: die Mutter mit dem schimmernden Lockenhaar, die Kinder im
weißen Rosenkränzchen, den fernen Geliebten mit den durchgeistigten
Zügen des frühe vom Tode Gezeichneten, den Dichter mit den leuchtenden
Augen des Unsterblichen und den Vater, über dem leise und feierlich der
Adler Napoleons seine Kreise zog. Und es kam eine linde Juninacht, da
zogen sie die Tochter, die Mutter, die Geliebte, die Freundin mit in
ihren Reigen. Niemand sah, wie sie ihr nahte -- die Wandelung zu höheren
Wandelungen! Sie starb allein. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hände
gefaltet, jede Falte hatte der Tod, ein sanfter Freund, aus ihrem
Antlitz weggewischt, ein hoheitsvoll-feierlicher Ernst lag auf ihren
Zügen. -- -- --

Der Haffwind pfiff über die wogenden Felder, rüttelte die toten Äste von
den Bäumen und streute weiße und rote und gelbe Blüten über die Wege,
als sie zu Grabe getragen wurde. Niemand dachte daran, die Tote dorthin
zu führen, wo ihres Geistes Geburtsstätte, ihres Herzens Heimat war;
niemand schenkte ihr den letzten Ruheplatz an der Seite der Mutter, in
der Mitte der Freunde, wo ein treues Gedächtnis ihn geschmückt, Liebe
ihn gepflegt hätte. In Legitten, mitten im öden Land, dicht an der
staubigen Straße, wo ein einsames Kirchlein zwischen spärlichen Bäumen
sich erhebt, umgeben von eines kleinen Dorfes armseligem Friedhof, dort,
dicht an der Mauer, liegt ihr Grab. "Die Liebe höret nimmer auf" steht
in goldenen Lettern auf dem eisernen Kreuz. Aber die, denen sie ihres
ganzen Lebens Liebe schenkte -- ihre Kinder -- sind weit, weit fort. Nur
die Blumen, die der Zufall zwischen dem Efeu wachsen läßt, und die
Blüten, die der Wind von den Linden herüberweht, schmücken die Stätte,
wo sie ruht, und statt daß Worte der Liebe und des Erinnerns sie grüßen,
zwitschern die Schwalben unter dem Kirchendach und das Glöcklein singt
sein Sterbelied, wenn neue Schläfer unter ihm einziehen.

Fühlt sie die Einsamkeit, die liebelose? Oder weiß sie, daß Blumen ihrem
Grab entsprießen, die nie verwelken, daß ein Ton aus ihm klingt, der
sich dem Siegeslied der Menschheit vermählt? Mir war's, als hätte ich
ihn gehört und müßte ihn weiter verkünden.



Anmerkungen


[Anmerkung 1: Vgl. _André Martinet, Jérôme Napoléon, roi de Westphalie.
Paris_ 1902. Seite VIII f.]

[Anmerkung 2: Vgl. _Mémoires et Correspondance du roi Jérôme et de la
reine Catherine. Paris_ 1861-1866. 7 Bände. Bd. 1, S. 18. -- Dieses
Quellenwerk umfaßt die ganze Korrespondenz des Königs mit Napoleon, mit
seiner Gattin und mit hervorragenden Persönlichkeiten seiner Zeit,
zugleich das regelmäßig geführte Tagebuch der Königin, ferner die
amtlichen Berichte aus den Archiven der Ministerien des Krieges, der
Marine und des Auswärtigen sowie einen großen Teil der Berichte des
Grafen Reinhard, Gesandten Napoleons in Kassel, an diesen.]

[Anmerkung 3: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 20f.]

[Anmerkung 4: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. _IX._]

[Anmerkung 5: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. S. 22, und _Martinet_,
a. a. O. S. _X_.]

[Anmerkung 6: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 23.]

[Anmerkung 7: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 51.]

[Anmerkung 8: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 52ff.]

[Anmerkung 9: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 107 u. 118f.]

[Anmerkung 10: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 123f.]

[Anmerkung 11: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 128 bis 324. --
Dieser Abschnitt enthält die ausführliche Darstellung der Ehe Jeromes
mit Elisabeth Patterson und all ihrer Folgen bis zu seinem Tode, sowie
zahlreiche Briefe Jeromes an Elisabeth, auch aus der Zeit nach der
Trennung der Ehe.]

[Anmerkung 12: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 1, S. 374ff., und
_Martinet_, a. a. O. S. _XVIII_.]

[Anmerkung 13: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. _XVIII._]

[Anmerkung 14: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 19ff., und _Mémoires_,
a. a. O. Bd. 3, S. 71f]

[Anmerkung 15: Vgl. _Dr._ Rudolf Goecke und _Dr._ Theodor Ilgen. Das
Königreich Westfalen. Nach den Quellen dargestellt. Düsseldorf 1888. S.
163. --Die Verfasser, unter den deutschen Historikern des westfälischen
Königtums diejenigen, die sich möglichster Objektivität befleißigten,
verurteilen die nach Jeromes Abdankung erschienenen gemeinen
Klatschgeschichten über seine Regierungszeit, die "nach den Urteilen
Ununterrichteter die Epoche der Fremdherrschaft allein ausgefüllt
haben". S. 116.]

[Anmerkung 16: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 50f., und _Mémoires_,
Bd. 3, S. 82ff.]

[Anmerkung 17: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 122.]

[Anmerkung 18: A. a. O. S. 117.]

[Anmerkung 19: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 3, S. 78f und S. 90f.]

[Anmerkung 20: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 37.]

[Anmerkung 21: A. a. O. S. 45f.]

[Anmerkung 22: Vgl. _Mémoires_, Bd. 3, S. 129ff.]

[Anmerkung 23: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 76.]

[Anmerkung 24: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 46ff.]

[Anmerkung 25: A. a. O. S. 50.]

[Anmerkung 26: _Mémoires_, a. a. O. Bd. 4, S. 33.]

[Anmerkung 27: _Martinet_, a. a. O. Bd. 4, S. 33.]

[Anmerkung 28: A. a. O. S. 86.]

[Anmerkung 29: A. a. O. S. 119.]

[Anmerkung 30: _Mémoires_, Bd. 4, S. 336ff.]

[Anmerkung 31: Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 206.]

[Anmerkung 32: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 148ff.]

[Anmerkung 33: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 5, S. 140.]

[Anmerkung 34: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 170ff.]

[Anmerkung 35: A. a. O. S. 185ff.]

[Anmerkung 36: A. a. O. S. 191.]

[Anmerkung 37: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 258.]

[Anmerkung 38: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 200.]

[Anmerkung 39: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 6 und 7.]

[Anmerkung 40: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 7, S. 46ff., _Martinet_,
a. a. O. S. 274ff.]

[Anmerkung 41: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 7, S. 46ff., _Martinet_,
a. a. O. S. 274ff.]

[Anmerkung 42: Vgl. Ed. Wertheimer: Die Verbannten des ersten
Kaiserreichs, Leipzig 1897, und _Correspondance inédite de la reine
Catherine de Westphalie. Publiée par le baron A. du Casse. Paris_ 1891.]

[Anmerkung 43: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 5, S. 27, wo von 64000 Fr.
berichtet wird, die der König seiner Frau zur Begleichung ihrer Schulden
schenkte. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 3, S. 118ff., wo Reinhard von ihrem
Toilettenluxus spricht. Vgl. auch Ernestine v. B.: König Jerome und
seine Familie im Exil. Leipzig 1870. S. 128f., wo erzählt wird, wie
Katharina sich hundert Paar Schuhe aus Paris bestellen wollte und Jerome
unter Hinweis auf ihre finanzielle Lage sie vor Verschwendung warnte.]

[Anmerkung 44: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 223, 232, 239, 245, und
_Mémoires_, a. a. O. Bd. 7, S. 233, wo im Detail über den zum Teil vom
König von Württemberg erzwungenen Verkauf des Schmucks der Königin
Katharina, des Silbers, der Kunstgegenstände berichtet wird.]

[Anmerkung 45: Vgl. Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 117, und _Martinet_,
a. a. O. S. 52.]

[Anmerkung 46: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 3, S. 198ff., Briefe
Reinhards vom 15. Januar 1809.]

[Anmerkung 47: _Un roi qui s'amusait. Par un indiscret. Paris_ 1888.
S. 40 u. 44. Dies Buch ist nur insofern eine zuverlässige Quelle, als der
Autor Berichte und persönliche Briefe des Grafen Reinhard zitiert, und
es wurde auch nur insoweit von mir benutzt.]

[Anmerkung 48: Geheime Geschichte des ehemaligen Hofes in Kassel,
Petersburg (Braunschweig) 1814. Zwei Bände, fast ausschließlich voll
mehr oder weniger schmutziger, durch nichts beglaubigter Anekdoten.]

[Anmerkung 49: Otto von Boltenstern. Am Hofe König Jeromes. Erinnerungen
des westfälischen Pagen von Lehsten. Berlin 1905. S 29f. Lehsten erzählt
unter anderem, um zu beweisen, wie groß Jerome gegenüber die
Verleumdungssucht war, daß man bei seinem Aufenthalt in Dresden seine
Pagen -- also auch ihn, Lehsten -- für verkleidete, zum "Harem" Jeromes
gehörige Mädchen gehalten und sie dadurch aufs bitterste gekränkt habe.]

[Anmerkung 50: Moritz von Kaisenberg. König Jerome Napoleon. Leipzig
1899. -- Der Verfasser vermischt authentische Briefe eines seiner
Vorfahren mit Briefen einer Frau von Sothen und anderer, in denen
zahlreiche Abschnitte mit Stellen aus der eben zitierten "Geheimen
Geschichte des ehemaligen Hofes in Kassel" zum Teil wörtlich identisch
sind. Es sei nur auf die folgenden hingewiesen: Geheime Geschichte I S.
91 und Kaisenberg S. 143, Geh. Gesch. S. 92 und Kaisenberg S. 101, Geh.
Gesch. S. 93 und Kaisenberg S. 73, Geh. Gesch. S. 96 und Kaisenberg S.
73, Geh. Gesch. S. 89 und Kaisenberg S. 74, Geh. Gesch. S. 113 und
Kaisenberg S. 96ff., Geh. Gesch. S. 133 und Kaisenberg S. 143, Geh.
Gesch. S. 174ff. und Kaisenberg S. 75ff., Geh. Gesch. S. 192 und
Kaisenberg S. 78, Geh. Gesch. S. 235ff. und Kaisenberg S. 160 usw.]

[Anmerkung 51: Vgl. _Martinet_, a. a. O. S. 15.]

[Anmerkung 52: _Un roi qui s'amusait_, a. a. O. S. 253.]

[Anmerkung 53: Das Tagebuch ist in den sieben Bänden der Memoiren
vollständig veröffentlicht.]

[Anmerkung 54: _Correspondance inédite_, a. a. O. S. 66f., S. 150f.,
außerdem die zahlreichen, in den Memoiren veröffentlichten Briefe
Katharinens an Jerome, und S. Schloßberger: Briefwechsel der Königin
Katharina. Stuttgart 1886.]

[Anmerkung 55: Vgl. _Mémoires_, a. a. O. Bd. 6, S. 382f. In ihrer
Verzweiflung über die Gewaltmaßregeln, die ihr Vater ergriffen hatte,
um sie zur Trennung von Jerome zu zwingen, wandte sich Katharina
schutzflehend sowohl an den Kaiser von Rußland wie an den von
Österreich, und erniedrigte sich so sehr, den Falschesten unter den
Falschen, Metternich, um seine Unterstützung zu bitten. Ihre Empörung
über ihre Familie, die alles tat, um ihren Mann in ihren Augen
herabzusetzen, und die Liebe zu ihm, der "das ganze Glück meines Lebens
ist", drückt sich darin rührend aus. Vgl. _Correspondance inédite_,
a. a. O. S. 165.]

[Anmerkung 56: Vgl. Erlebnisse in kurhessischen und russischen Diensten
und Erinnerungen an die Gesellschaft in Weimar des Freiherrn Alfred Rabe
von Pappenheim. Marburg 1892.]

[Anmerkung 57: _Un roi qui s'amusait_, a. a. O. S. 225 u. 229. Berichte
Reinhards.]

[Anmerkung 58: Vgl. _Almanach royal de Westphalie pour l'an_ 1810. S. 62
u. 65.]

[Anmerkung 59: _Un roi qui s'amusait_, a. a. O. S. 236. Berichte
Reinhards.]

[Anmerkung 60: A. a. O. S. 210f.]

[Anmerkung 61: A. a. O. S. 199.]

[Anmerkung 62: Vgl. G. Th. Stichling, Ernst Christian August von
Gersdorff. Weimar 1853.]

[Anmerkung 63: Vgl. Briefwechsel zwischen Goethe und Minister von
Gersdoff. Mitgeteilt von Lily von Kretschman. Goethe-Jahrbuch. 1892. Bd.
13, S. 98ff.]

[Anmerkung 64: Vgl. Graf Ferdinand Eckbrecht von Dürckheim: Lilis Bild.
München 1894.]

[Anmerkung 65: Vgl. _Dr._ Karl Mendelssohn-Bartholdy: Goethe und Felix
Mendelssohn. Leipzig 1871. S. 27.]

[Anmerkung 66: Dieses Gedicht befindet sich in meinem Besitz. Der Bogen,
schönes englisches Papier, war mit blauem Umschlag versehen und gerollt;
die Adresse, auch von Goethes Hand geschrieben, enthält nur den Namen
der Empfängerin, "Fräulein Jenny von Pappenheim", das Siegel ist fast
ganz abgebrochen.]

[Anmerkung 67: Die Bescheidenheit verbietet hier, wie es scheint, meiner
Großmutter, zu wiederholen, was sie mir in bezug auf diesen Ring, den
sie mir geschenkt hat, und den ich besitze, erzählte. Von dem kleinen
schwarzen Pfeil, einem Stückchen Kohle vielleicht, in einem Bergkristall
eingeschlossen, sagte Goethe: "Das ist der Pfeil, mit dem Sie mich
getroffen haben."]

[Anmerkung 68: Die "Iphigenie" mit Goethes Widmung, die ich gleichfalls
besitze, ist die Jubiläumsausgabe von 1825, mit dem Prolog vom Kanzler
von Müller, in Quart, hellblau gebunden.]

[Anmerkung 69: Dieses Blatt habe ich einem Frankfurter Goethe-Verehrer
zum Geschenk gemacht.]

[Anmerkung 70: Maler Müllers Porträt der Gräfin Vaudreuil, ein
Pastellbild, befindet sich im Goethe-Museum.]

[Anmerkung 71: Vgl. meinen Artikel "Weimars Gesellschaft und das Chaos"
in Westermanns Monatsheften 1893.]

[Anmerkung 72: Unter dem "Volkslied" ist das bekannte
"Lieblingsplätzchen" gemeint, das nicht, wie Mendelssohn in der
Komposition angibt, dem "Wunderhorn" entnommen ist, sondern dem "Chaos"
Nr. 41. Als Verfasserin wird "Friederike" angegeben, das Pseudonym für
Bettina.]

[Anmerkung 73: Es handelt sich nur um einen Brief vom 28. August 1831
(siehe Goethe-Jahrbuch _XII._ 1891), den Goethe unter dem Titel "Berner
Oberland" im "Chaos" veröffentlichte.]

[Anmerkung 74: Vgl. Erlebnisse in kurhessischen und russischen Diensten
und Erinnerungen an die Gesellschaft in Weimar aus der Goethezeit des
Freiherrn Alfred Rabe von Pappenheim. Marburg 1892. S. 40f.]

[Anmerkung 75: Vgl. "Die litterarischen Abende der Großherzogin Maria
Paulowna", von Lily von Kretschman, in der "Deutschen Rundschau". Berlin
1893.]



Register


Ahlefeldt, Frau von, 98.
d'Albert, Eugen, 347.
Albrecht, Herzog von Mecklenburg, 187.
Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar, 99.
Apelt, Professor Ernst, 175.
Arndt, Ernst Moritz, 293.
Augusta, Kaiserin von Deutschland, 12, 79, 88, 176ff., 189, 249,
  272, 289, 298ff., 317, 334, 409.

Bacon, Roger, 266.
Bagration, Prinz, 35.
Balzac, Honoréde, 107, 110, 296, 297.
Beauharnais, Eugen, 19, 37.
Bendorf, Johann von, 372.
Berckheim, General von, 331.
Berthier, Marschall, 30.
Bethmann Hollweg, 298.
Bettina von Arnim, 89, 114, 211ff., 266, 300.
Beust, Graf Fritz, 248, 264, 346, 349, 408.
Bismarck, Fürst, 299, 399.
Blanqui, J. A., 71, 278ff.
Bocholtz, Gräfin, 43.
Boisserée, Sulpice, 114.
Boltenstern, Otto von, 43.
Bonaparte, Jerome Napoleon, 10ff., 17, 57, 269ff., 271, 277, 279,
  289, 295, 308, 311.
" Jerome Napoleon (der Sohn), 58ff., 68f., 70f., 74.
" Lätitia, 17f., 23.
" Louis Napoleon, König von Holland, 28.
" Louis Napoleon (Napoleon _III._), 64, 294f.
" Mathilde, 58f.
" Napoleon _I._, 11, 17ff., 23, 84, 86, 106, 172, 294f., 353, 376.
" Napoleon _II._, Herzog von Reichstadt, 172.
Bülow, Minister von, 32.
Bussières, Familie von, 310.
Byron, Lord, 110, 204.

Carlyle, Thomas, 293.
Chamisso, Adalbert von, 114.
Caroline, Herzogin von Mecklenburg (Prinzessin von Sachsen-Weimar), 180.
Chateaubriand, F. R., 110, 181, 205, 353.
Cornelius, Peter, 300.

David, Bildhauer, 152.
Davout, Marschall, 19, 33, 35.
Dickens, Charles, 107.
Dingelstedt, Franz, 355.
Donero, Lord, 151.
Dörnberg, Major von, 30.
Dumas, Alexander, 181.
Duperré, Madame, 52f., 59.

Eckermann, 95, 113f., 125f.
Egloffstein, Isabella von, 79, 90.
" Julie von, 97, 101.
" Die Schwestern v., 114,
Einsiedel, Kammerherr von, 99.

Feuchtersleben, Ernst von, 293.
Fouqué, Baron de la Motte, 114, 296.
Friedrich _II._, König von Preußen, 261, 353.
Friedrich, Goethes Diener, 91, 95, 144.
Frommann, Alwine, 155, 210.
Froriep, Emma, 113, 151, 155ff., 231, 243, 264, 302.
" Ludwig, 175.
" Wilhelmine, 240, 245, 247, 253, 262, 313, 324.

Gauteaume, Konteradmiral, 20.
Gerlach, Ernst Ludwig von, 298.
Gersdorff, Cecile von (Gräfin Beust), 126, 139, 259, 264, 331.
" Ernst August von, 82, 87, 266ff., 277, 283.
Gleichen-Rußwurm, Emilie von (Schillers Tochter), 98.
" H. L. von, 348.
Goethe, Johann, Wolfgang, 79f., 84f., 87f., 89ff., 109f., 119ff.,
  131, 134, 137f., 144f., 158, 161, 166, 204f., 213, 234f., 353,
  355, 359, 364, 377, 389, 392, 396, 414.
" Alma von, 89, 120.
" August von, 101, 103, 113, 134ff. 150.
" Ottilie von, 89, 93ff., 102ff., 113f., 116, 126ff., 136, 138f.,
  144ff., 151, 189, 205, 210, 213, 231, 250, 259, 377, 415f.,
" Walter von, 90, 103, 139, 160, 231, 260, 359f., 360, 406, 411.
" Wolf von, 90, 103, 139ff., 160, 231, 356ff., 372ff., 377.
Goff, 115.
Gower, Lord Loveson, 115.
Gries, Johann Dietrich, 114.
Grillparzer, Franz, 204.
Gustedt, Diana von, 261f.
" Jenny von (die Tochter), 253, 255, 260, 264, 289, 310ff., 312,
  316, 327f., 336.
" Marianne von, 73, 247, 260, 264, 289.
" Otto von, 71, 75, 247f., 255, 260, 264, 290ff., 301ff., 307,
  310, 313f., 315f., 318, 325, 327, 331ff., 362f.
" Werner von, 61, 232f., 239, 248f., 255, 264, 276f., 286, 293,
  297f., 302, 309, 311f., 314.
" Werner von (der Sohn), 325ff., 333, 360f., 384, 397, 399.

Hahn-Hahn, Ida Gräfin, 108, 249f.
Hahnemann, _Dr._ Samuel, 121ff.
Hamilton, Mr., 277, 393.
Hebbel, Friedrich, 364.
Heine, Heinrich, 204, 351.
Helene, Herzogin von Orleans, 12, 180ff., 233f., 271, 289.
Henckel, Gräfin, 135, 145.
Herder, Johann Gottfried, 98, 107, 205.
Heygendorf, Frau von (Caroline Jagemann), 100, 126.
" Wolfgang von, 126.
Hinkeldey, Polizeipräsident von, 298, 300.
Holtei, Karl von, 9, 109, 113, 148ff.
Hugo, Victor, 107, 110, 181, 185.
Humboldt, Alexander von, 94, 175, 300, 328.
Huschke, _Dr._, Goethes Arzt, 101.

Jagemann, Caroline (siehe Frau von Heygendorf).
Jameson, Anna, 90, 415.

Kaisenberg, Moritz von, 44.
Kalkreuth, Graf Leopold, 348.
Kant, Immanuel, 353.
Karl Alexander, Großherzog von Sachsen-Weimar, 10, 88, 190, 250ff.,
  256ff., 347f., 363ff., 405ff., 417f.
Karl August, Großherzog von Sachsen-Weimar, 46, 81f., 85, 90, 99ff.,
  126, 173, 180, 205.
Karl, Prinz von Preußen, 176.
Katharina, Königin von Westfalen, 25, 31, 39, 41, 44f., 50.
Kirchner, Goethes Friseur, 91.
Kleist-Nollendorf, Graf von, 300.
" Gräfin von, 361.
Knebel, Karl Ludwig von, 99, 114, 205.
Kniprode, Winrich von, 261.
Kretschman, Hans von, 310, 317, 330f., 341.
Küster, Geschäftsträger von Preußen in Kassel, 27, 42.

Lamartine, A. M. L., 110, 191, 205.
Lassalle, Ferdinand, 328.
Lavater, Joh. Kaspar, 204.
Lehsten, Page von, 43.
Lewes, George Henry, 293.
Liszt, Franz, 347, 349, 365.
Louis Philipp, König von Frankreich, 181.
Luise, Großherzogin von Sachsen-Weimar, 81f., 100f.
Ludwig _I._, König von Bayern, 91.

Maria Paulowna, Großherzogin von Sachsen-Weimar, 48, 79f., 110, 173f., 289.
_Marie de la Croix, mére_ (siehe Pauline, Gräfin Schönfeld).
Marie, Prinzessin von Sachsen-Weimar (Prinzessin Karl von Preußen), 79, 176.
Mendelssohn, Felix, 88, 94, 113f., 143ff.
" Moses, 293.
Metschersky, Prinz Elim, 115f.
Metternich, Fürst, 39f., 106.
Müller, Kanzler, 102.
Mundt, Theodor, 216f.
Musset, Alfred de, 296.

Napoleon (siehe Bonaparte).
Naylor, Samuel, 115.
Nietzsche, Friedrich, 353.
Noël, Mr., 127f.
Novalis, Friedrich, 296.

Otto-Peters, Luise, 108.

Pappenheim, Alfred von, 55, 109, 126.
" Diana von, 46ff., 79, 85, 89, 173, 253f., 269.
" Gottfried von, 53.
" Wilhelm Maximilian, 46ff., 53.
Parry, Mr., 113.
Patterson, Elisabeth, 22, 24.
Paul, Jean, 204f.
Paul, Prinz von Württemberg, 59.
Pauline, Gräfin Schönfeld (_mère Marie de la Croix_), 52ff.,
  57ff., 92, 269, 277, 295, 331.
Pfeil, Pfarrer, 288.
Pogwisch, Ulrike von, 103.
Pourtalès, Graf, 298.
Preller, Friedrich, 234.
Pückler, Fürst (Semilasso), 206, 293, 300.

Rahel Varnhagen, 108, 146, 207ff.
Rauch, Christian, 94.
Reichstadt, Herzog von (siehe Bonaparte).
Reinhard, Graf, 27, 30f., 37, 43f., 49ff.
" Graf Karl (der Sohn), 110.
Reuter, Fritz, 328.
Riemer, Fried. Wilh., 114.
Rückert, Friedrich, 94.

Sainte-Beuve, Charles Aug., 296.
Saint-Simon, 107.
Salmgunt, Admiral, 20.
Sand, George, 107f., 110, 266, 387.
Schardt, Sophie von, 99.
Scheidler, Prof. Karl H., 9, 164, 182, 219ff., 276f., 284f., 294.
Schelling, F. W. J., 205.
Schiller, Ernst von, 137.
" Friedrich, 85, 98, 107, 205, 355.
Schleiden, M. J., 175, 293.
Schleiermacher, Friedr., 205.
Schlieffen, General von, 38.
Schöll, Adolf, 175.
Schopenhauer, Adele, 97, 111, 114, 155, 210.
" Arthur, 111, 353.
" Johanna, 98, 110f.
Schorn, Ludwig von, 175.
Schütze, _Dr._ Stephan, 112.
Schwarzenberg, Prinz Friedrich, 165, 167, 172, 181.
Schwerdgeburth, C. A., 190.
Scott, Walter, 94, 107, 110, 204.
Sebastiani, Marschall, 72.
Seneca, 266.
Shelley, Percy Bysshe, 107, 204.
Sophie, Großherzogin von Sachsen-Weimar, 406.
Soret, Hofrat, 113.
Spiegel, Die Schwestern von, 114.
" Hofmarschallin von, 232.
Staël, Frau von, 108.
Stein, Charlotte von, 98.
Stendhal, 296.
Stieglitz, Charlotte, 108, 215f.
" Heinrich, 216f.
Stieler, Maler, 89.
Strauch, Maler, 300.
Strauß, Richard, 347.

Thackeray, W. M., 115.
Thiers, L. A. 69.
Thistleswaite, Mr., 90.
Tieck, Ludwig, 94f., 296.
Toussaint-Louverture, 21.
Truchseß-Waldburg, Gräfin, 43, 49.
Türckheim, Elisabeth von (Goethes Lili), 83, 365.
" Karl von, 83.

Usedom, Herr von, 298.

Varnhagen von Ense, 210, 213, 300.
" Rahel (s. unter Rahel).
Vaudreuil, Graf Alfred, 172, 181, 188.
" Gräfin Louise, 103, 164ff.
Vigny, Alfred de, 296.
Villaret-Joyeuse, Admiral, 21.
Voeux, Charles des, 115.
Voltaire, 353.

Wagner, Richard, 347, 349ff., 364.
Waldner, Aldelaide von, 99.
" Eduard Graf, 86, 110.
Wellesley, Lord Charles, 150.
Werner, Zacharias, 99, 204.
Wieland, 98, 107, 205.
" Lina, 98.
Wilhelm, Prinz von Preußen (Kaiser Wilhelm _I._), 176f.
Willaumez, Admiral, 24.
Wolzogen, Frau von, 98.

Zelter, Karl Friedr. 94, 114, 144.
Ziegesar, Präsident von, 99.



ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION

 umschließt im Original gesperrten Text

_ umschließt im Original in Antigua gesetzten Text

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[Anmerkung TN2: Im Original steht hier "gewonnennen" anstatt
"gewonnenen".]

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ergänzt.]

[Anmerkung TN4: Ein im Original fehlendes Anführungszeichen wurde hier
ergänzt.]

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